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Steckbrief zum „Menschensohn“

1. Der Menschensohn in der Jesusüberlieferung


• Die Bezeichnung „Menschensohn“ haftet an der Jesusüberlieferung (ausserhalb der Evangelien nur
ganz selten), nicht an der christologischen Tradition (Bekenntnisse). Die Menschensohnbezeichnung
wurde später nicht mehr verstanden (Gegensatz zum Gottessohn).
• Die Bezeichnung begegnet fast nur im Munde Jesu, und auch hier nie als explizite Selbstidentifizierung.
 Beides spricht dafür, dass manche Menschensohnworte auf Jesus zurückgehen können.
In der synoptischen Überlieferung begegnen drei Spruchgruppen:
1. Worte vom zukünftigen Menschensohn (Parusie) als endzeitlich Kommender bzw. Richter: Q, Mk,
MtSg, LkSg, Joh; z.B. Lk 12,8; 17,24.
2. Worte vom gegenwärtig wirkenden Menschensohn: Q, Mk.
• Vollmacht: z.B. Mk 2,10.28
• Niedrigkeit: z.B. Mt 8,20 (par Lk 9,58)
3. Worte vom Geschick des Menschensohns: Mk (nicht Q!).
• blosses Leiden/(Sterben): z.B. Mk 9,12; 14,21.41.
• Leiden und Auferstehung: Mk 8,31; 9,31; 10,33f.

2. Zum Ausdruck „Menschensohn“

• Griechisch: ὁ υἱὸς τοῦ θεοῦ  semitisches Wort:

• Hebräisch:  bzw. . Das  individualisiert dabei den kollektiven Begriff .
• Aramäisch: indet.  bzw.  ; det.  bzw. . Das  individualisiert
dabei den kollektiven Begriff ().

„Menschensohn“ heisst also eigentlich „Mensch“, „der Mensch“, „jemand“ (aber kaum auch „ich“).

3. Zur Traditionsgeschichte des „Menschensohns“ im Frühjudentum

Im Judentum zur Zeit Jesu gab es verstreute, eher esoterische Menschensohn-Traditionen. Ihr Ausgangspunkt
ist Dan 7,13f, aber sie sind selbständige Weiterbildungen. Der Menschensohn ist hier ein himmlisches, von
Gott ausgezeichnetes Wesen, das in der Endzeit eine entscheidende Rolle spielen wird. Vor allem die Bilder-
reden des 1Hen (wohl 1. Jh. n.Chr., nur äthiopisch erhalten) weisen auf esoterische apokalyptische Gruppen,
für welche der Menschensohn eine besondere Bedeutung besitzt, und dort wird Henoch, der als himmlischer
Schreiber fungiert, sogar zum Menschensohn eingesetzt. Jesus und vielleicht schon vor ihm Johannes d. Täu-
fer könnten die Vorstellung einer Menschensohngestalt aufgegriffen und mit teilweise neuem Sinngehalt
gefüllt haben.

1. Daniel 7.13f:
„Ich schaute in den Nachtgesichten, und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer, der einem
Menschensohn (  ) glich, und gelangte bis zu dem Hochbetagten, und er wurde vor ihn ge-
führt. Ihm wurde Macht verliehen und Ehre und Reich, dass die Völker aller Nationen und Zungen ihm
dienten. Seine Macht ist eine ewige Macht, die niemals vergeht, und niemals wird sein Reich zerstört.“
also: Menschensohn als Symbolgestalt (Gottesherrschaft,  Israel),  Tiere (Weltreiche).
Skizze zum Menschensohn 2 von 2

2. Bilderreden des 1Hen (37–71) (ca. 1. Jh. n.Chr.):


• als „Erwählter“.
• als Richter (aber nicht: Herrschaft)
• als präexistent, verborgen
• als Offenbarer
• Nachtrag 71,14: Henoch als Menschensohn eingesetzt

3. 4Esr 13 (spätes 1. Jh. n.Chr.):


• als Kämpfer, also messianisch
• als präexistent und verborgen
•  Weltherrschaft

4. Forschungshypothesen
Es gibt drei Grundypothesen, die im Einzelnen natürlich sehr verschieden akzentuiert werden können:
1. Jesus erwartete den Menschensohn als eschatologische Gestalt (nach Dan 7,13f), die Gemeinde identifi-
zierte ihn damit.
2. Jesus sprach vom „Menschensohn“ im Sinn von „Ich“ (vgl. Ez 2,1 u.ö.), die Gemeinde identifiziert ihn
mit dem „Menschensohn“ von Dan 7,13f.
3. Jesus sprach von sich verhüllt als dem Menschensohn (nach Dan 7,13f).
Legt man die dritte Hypothese zugrunde (‚dynamische Identität’ von Jesus und Menschensohn), so identifi-
ziert sich Jesus mit dem künftigen Menschensohn-Weltenrichter.
Mit zu bedenken sind aber auch die die Aussagen vom gegenwärtigen Wirken des Menschensohns. Möglich-
erweise bezieht Jesus die hoheitliche Menschensohnwürde (Richter oder Anwalt, Lk 12,8f!) auch auf die
irdische Niedrigkeit (Lk 9,58!), ähnlich wie er die Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes zuspitzt auf
die göttliche Liebe auch zu den Ausgestossenen und Verachteten. Die irdische, schutzlose Erscheinung des
Menschensohns stellt dann nicht nur eine Verhüllung des himmlischen Richters/Anwalts dar, sondern defi-
niert diesen in einer neuen Weise, etwa im Hinblick darauf, dass die Liebe das letzte Kriterium des göttlichen
Gerichts bildet.

Das alte Menschensohn-Logion Lk 12,8f parr


(Doppelüberlieferung! Q Mt 10,32f // Lk 12,8f; Mk 8,38 // Lk 9,26!)
Q (hypothetischer Text):
        
             
       
     
„Jeder, der sich zu mir vor den Menschen bekennt,
zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen.
Wer mich aber vor den Menschen verleugnet,
den wird auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes verleugnen.“

SV / 23.05.2001+28.04.2010 / T_Menschensohn_PDF.docx