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Identität durch Kommunikation - mein Statement zu:

Stephan Humer
Digitale Identitäten: der Kern digitalen Handelns im Spannungsfeld von Imagination und Realität /
Winnenden: CSW-Verlag, 2008, ISBN 978-3-9811417-3-3

Beitrag zum eVideo-Kurs „Identität 2.0“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Rüdiger Flesch Juli 2010

1--------------------Einleitung: wo bleibt web 2.0?

Jetzt habe ich also Stephan Humers "Digitale Identitäten" gelesen. Meine Anerkennung gilt Stephan
Humer für dieses anregende Buch.
Er gibt eine Fülle von Anhaltspunkten, an denen weitergearbeitet werden soll, und diejenigen, die er
nennt, sind lohnend und wegweisend.
Da der Untertitel lautet "Der Kern digitalen Handelns im Spannungsfeld von Imagination und Realität"
gehe ich auf die Begriffe Imagination und Realität ein, die er in seinem Buch benutzt, aber angesichts des
Untertitels meiner Erwartung nach dann ein wenig zu kurz kommen lässt, vielleicht weil dieser Aspekt
andernorts schon in aller Ausführlichkeit behandelt wird. Dazu habe ich dann ein paar Anmerkungen von
anderen Autoren gemacht und nur bearbeitet, was mich interessiert oder zum Widerspruch angeregt hat;
denn er selbst will eine digitale Theorie entwerfen und beschreibt daher alles was dazu gehört. Da ist
einiges in unserem Kreis schon Erlerntes dabei und wird hier nicht mehr erwähnt. Wenn die Zitate nicht
von ihm sind, ist es benannt.
Kombinationen mit dem Begriff Identität habe ich kursiv blau dargestellt.

Doch zunächst zum Erlebnis der Lektüre:


Fangen wir am Ende an, bei meinen Anmerkungen, die ich mit Kuli im Buch gemacht habe und nun nach
der Lektüre anderen Menschen im web mitteilen möchte: nix mit diigo - ich muss alles tippen! Er hat die
herkömmliche Buchform gewählt. Warum kein e-book, keinen Webvortrag etc...? Ein Buch lässt sich nicht
so schrecklich leicht kopieren und nur von denen kommentieren, die sich einige interessegestützte Mühe
machen – es ergibt eine solide Identität! Und die Wertschöpfung ist nachvollziehbar, Buch für Buch.
Außerdem kann man es mit an den See nehmen, weswegen dieser Kommentar überhaupt fertig
geworden ist, trotz Hitzewelle!

2---------------------zur Identität:

Es sei die übergeordnete Frage „wie digital unsere Identität inzwischen geworden ist“ S.14

… wenn man, wie gerade beschrieben, ein Buch schreibt? Später benutzt er den Begriff der Teilidentität
für die einzelnen Präsenzen auf verschiedenen Plattformen - nach der gesamten Lektüre des Buches
würde ich hier von einer digitalen Erweiterung der persönlichen Identität sprechen – eben mit einer
digitalen Teilidentität. Die gesamte Identität wird eben jetzt etwas digital.

Mit dem Begriff der Identitätseinflüsse sollen die Wirkungen der Kommunikation im social web abgebildet
werden. Hier nennt Humer alle mir bekannten sozialen Angebote (e-mail, Foren etc.), andererseits auch
keine mir unbekannten. Der Gebrauch der meisten Angebote im web erfordert eine Identifizierung mit
Passwort und Nutzernamen und somit Identitätsarbeit, die den Überblick über die vielen Teilidentitäten
und auch der damit verbundenen Inhalte ermöglicht.
Es gibt auch kollektive Identitäten (z,B. von Gruppen) – egal ob Teilidentität, Identität oder kollektive
Identität, alle stehen im gesellschaftlichen Zusammenhang, der mit beschrieben werden muss.

Die kleinste und abstrakteste Identität wären Daten, die einer ID zuzuordnen sind. Nicht unbedingt der ID
einer Person; denn es gibt nicht nur authentische Identitäten sondern auch Scheinidentitäten,
Mischidentitäten (z.B. wenn mehrere Leute eine Kundenkarte benutzen).
„Identität ist gleich Individuum: es ist kein Problem, einem User ein anderes Ich oder gar eine real nicht
existierende Person vorzugaukeln, denn niemand kann dies überprüfen.“ S.127

Wir haben einen ständig changierenden Gebrauch des Begriffs der Identität als der pragmatischen
Identität bei Codes und Passwörtern über die staatsbürgerliche Identität bis hin zur autokreativen Identität
des geäußerten Selbsterlebnisses. Im obigen Zitat „ersetzt“ der Begriff sogar ein Individuum. Das ist
verwirrend, auch wenn dadurch sozialwissenschaftlich gesehen ein all diesen Aspekten gemeinsames
Abstraktum herausgearbeitet werden kann, was dann in allen seinen Facetten in Bezug zum Digitalen
gesetzt werden soll. Zwischen Digitalität und Identität wird der kleinste gemeinsame Nenner ermittelt, um
hinterher (in der soziologischen Forschung der Zukunft) den größten gemeinsamen Teiler möglichst
ausschöpfend zu synthetisieren.

Hier nur ein Beispiel:


Die Vorgaben und Zwänge der digitalen Technologie beziehen sich wohl mehr auf die pragmatische
Identifizierung und die Notwendigkeit von Codes etc. wohingegen als ein Beispiel für die soziale
Mystifizierung die Hoffnungen vieler Blogger auf eine große Leserschaft der Blogs genannt werden
könnte, welche Plattformen sind für Identitäten der Selbstdarstellung und für die Kommunikation von
Werten und Interessen etc. bei denen die Technologie die Inhalte ja nicht autoritär beeinflusst sondern
(zu)viel versprechende neue Möglichkeiten bietet. Aber auch Blogs brauchen die pragmatische
Identifizierung.

3--------------------zur Verfallszeit digitaler Daten:

„Durch die Auflösung in digitale Einheiten ist erstmals eine „Ewigkeit „ greifbar nah gekommen, …“ S. 28

Weil man digitale Daten von einem Datenträger auf den anderen kopieren kann, kann die Lebensdauer
der Daten selbst größer sein als diejenige der Datenträger. Im Unterschied zum Steinrelief der Ägypter mit
Hieroglyphen bedarf das aber der ständigen Pflege. Wenn die Kultur vergeht, die sie kühlt, verderben
auch die digitalen Daten. Selbst bei der Verfallszeit ist der Kulturaspekt wichtig. Die Lebensdauer einer
digitalen Identität ist also nicht nur von ihrem digitalen Charakter abhängig, sondern auch von dem
sozialen Zusammenhang. Was in den verschiedenen Kulturen als sinnvoll erachtet wird, kann sehr
differieren. Werden digitale Daten aber nur ein einziges mal als sinnlos erachtet, ist es damit vorbei.
Auch die Datensicherheit ist ohne den sozialen Zusammenhang nicht denkbar und so wenig
ausschließlich in der digitalen Technik begründet wie jener der Ewigkeit.

4----------------------Arbeitsteilung

„Wir sind also von einem System abhängig geworden, von dem wir nicht mehr sagen können, wir sind die
Herren. Eingriffe sind nicht mehr möglich, es sei denn, man wird selbst Spezialist und bedient sich der
Hilfe anderer Spezialisten – was freilich für den Durchschnittsanwender keine Option ist.“ S.

Warum soll hier die Arbeitsteilung nicht nötig sein? Hier kann man doch direkt sagen, welche Spezialisten
notwendig sind, um welche Abhängigkeiten zu reduzieren. Wozu jetzt noch ein Spezialist notwendig ist,
dafür kann bald schon eine Lösung für alle kostenfrei im web angeboten sein.
Das System ändert sich, die Abhängigkeiten ändern sich. An dieser Stelle wieder fällt mir auf, dass es
durchaus weise sein kann, im digitalen Bereich nicht immer mit den neusten Entwicklungen Schritt halten
zu wollen, da bei erprobten Produkten Spezialisten nicht mehr so notwendig sind.

5--------------------Imagination

„Digitalität und Imagination sind die unerschütterliche Basis der digitalen Identitätskonstruktion.“ S. 20

Peter Kruse sagt, dass die Intelligenz 3 Dinge zur Voraussetzung hat: die Erregung, die Vernetzung und
die Bewertung. Das könnte man hier in aller Einfachheit, der Pragmatik zur Liebe, an die Stelle der
Imagination setzen, schlicht um sich überhaupt dem Begriff zu nähern. Das ist ein Phänomen im Innern
des Schädels, innerhalb dieser sympathischen Kalkschale.
Oder eine andere Konkretisierung:
Die Imagination ist ein Prozess, der das Imaginierte produziert. Nur Letzteres ist überhaupt von uns
erlebbar ! Besser wir unterscheiden zwischen Produktion und Produkt, dann ist die Imagination der
dynamischere Teil ist, der ständig läuft - aber er ist eben nur der Motor.

Das gemeinsam Imaginierte der Menschen einer Gesellschaft ist das Imaginäre.
Gerade im Zusammenhang mit der Identität ist das Imaginäre hier ein hilfreicher Begriff, etwa in
folgender Hinsicht:

„Es existiert für jeden von uns eine imaginäre Welt, welche Elemente aus unserer Lebenswelt entlehnt
und aus den imaginären Welten jener Gruppen, denen wir angehören, wie auch unserer Gesellschaft und
unserer Zivilisation. Diese imaginäre Welt, dieses „Imaginäre“, … ist das, woraus wir beständig schöpfen,
ohne uns darüber Rechenschaft zu geben - in unseren nächtlichen Träumen, in unseren Tagträumen, in
der Art und Weise unsere Gefühle auszudrücken, in unseren ästhetisch kreativen Versuchen, aber auch
in der Entwicklung von Arbeitshypothesen im wissenschaftlichen Bereich. Über dieses Imaginäre sind wir
mit anderen auf eine ebenso enge wie meistens unbewusste Weise verbunden. Trotzdem, dieses
Imaginäre ist auch der intimste Teil von uns, und wir schöpfen daraus unsere Originalität. Wir erschaffen
es beständig neu, gleichzeitig nehmen wir es von anderen auf. Darin und dadurch drücken wir unser
Verlangen, unser Streben, unsere Bedürfnisse aus.“
Paul Henry Chombart de Lauwe, la Culture et le Pouvoir,
Editions Stock , Paris 1975, Seite 250, Ü. d.V.

Wir sollten in der populären Diskussion unterscheiden zwischen Identität, Ego, Originalität (im obigen
Sinne), Identifizierung, Selbst, Image, Kommunikation, Profil und nicht auf diese Begriffe verzichten.

Immer wieder gehört in den Diskurs über die Medien die mentale Übung, sich ihres Symbolcharakters
eingedenk zu bleiben. Im Zusammenhang mit der Digitalität ist es in zweifacher Hinsicht hilfreich, vom
Symbolcharakter des Denkens zu sprechen:
‚Das meint nicht, dass es inexistent sei oder virtuell, natürlich laufen in unserem Schädel energetische
Prozesse ab und wenn ein Mensch denkt, die Ampel sei grün, und er über die Strasse geht, obwohl sie es
nicht ist, dann war sein Gedanke lebendig, und die Folgen traurig. Der Gedanke ist eine Vorstellung, die
etwas meint. Und das Gemeinte kann falsch sein.
Das Prekäre am symbolischen Prozess ist, dass die Imagination im Schädel sich einbilden kann, ihr
inneres Bild vom Außerhalbdesschädels sei damit hinreichend identisch, eben selbst wenn dem nicht so
ist. Das ist der symbolische Prozess: nicht die Abbildung des Außerhalbdesschädels sondern das
Meinen.
Oft kommt der Einwand, nur Worte, Bilder Texte seien symbolisch, weil sie in uns eben die Vorstellungen
evozieren, die etwas meinen. Die Vorstellungen seien selbst nicht mehr symbolisch. Viele Menschen
kennen den Gebrauch des Wortes Symbol auch nur in Verbindungen wie z.B. Statussymbol,
Machtsymbol etc. Aber unsere Vorstellungen in uns erscheinen oft in Form von Sprache (z.B. …ich
mache mir Gedanken..) in Form von Selbstgesprächen oder mehr in Bildern (Traumsymbole).
Darum lasst uns an den Symbolcharakter des Denkens denken und daran dass es immer nur meinend ist
– und das Digitale ist sein Symbolträger. Aber, wie gesagt, auch das fälschliche oder phantasierende,
spinnende Meinen ist ein lebendiger Prozess mit Ergebnissen.’
Vergl.: Langer, Susanne K.
Philosophie auf neuem Wege: das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst / Frankfurt am Main,
1965: Fischer Wissenschaft ~S.79-80 u.f.

Aus welcher biotischen Essenz diese Vorstellungen und inneren Bilder bestehen (jawohl nicht aus Pixeln),
oder ob sie überhaupt aus einer Essenz bestehen, also was Imagination (Ein-Bild-ung) etwa biochemisch
gesehen ist, ist noch nicht geklärt.

Im Umgang mit dem Digitalen braucht man also Bewertungsmuster. Das Imaginäre ist das
kulturspezifisch Imaginierte, die empirisch ermittelbaren Muster wie z.B. Mythen und Leitbilder. Auch
diese Begriffe vertragen noch gut eine Konkretisierung, also z.B. Leitbilder des Alltags, der Karriere etc.
und eben hier sind die Leitbilder für die digitale Kommunikation wichtig: Die Identitäten sollen ja alle im
Web kommuniziert werden: alles Präsentierte i s t eine Kommunikation und der Inhalt der persönlichen
Kommunikation ist originell, die Identifizierbarkeit bleibt fraglich. Gibt es ‚Leitbilder für die digitale
Identitätskonstruktion’?

Mit obigen Zitat würde ich folgendes vergleichen:


„Digitalität und Intelligenz sind die unerschütterliche Basis moderner Kommunikation“ (für den Einzelnen)
oder „Digitalität und Leitbilder sind die unerschütterliche Basis moderner Kommunikation“ (für die
Gesellschaft).
Die digitale Technik ermöglicht es uns, diesen Prozess mit Leichtigkeit zu intensivieren und zu
beschleunigen. Wir erleben die soziale Bedingtheit unserer Originalität im intimsten Imaginären deutlicher
denn je und die Problematik des Bezugs und der Relevanz unserer Kommunikation, bei deren Lösung
Leitbilder helfen können.
Erst wenn Bewertung im Netz stattfindet, wird es intelligent.
Die Bewertung braucht einen Bezug: in Bezug worauf ist die Kommunikation sinnvoll, zweckmäßig.
Nur einmal habe ich von Peter Kruse ein Hauch von Andeutung vernommen, was als Bezugspunkt für
Bewertungsmuster (als Leitbild) gelten könnte: die Nachhaltigkeit (der Gestaltung der Zivilisation, im
eigenen Beruf, Umfeld etc.)

6----------------------- Virtualität, Realität

“Ein entscheidender Fehler ist es, die digitale Welt als ”virtuelle Welt” zu umschreiben. Eine virtuelle Welt
ist in ihrer Wirkung genauso real wie die vermeintlich reale Welt. Denn was ist Virtualität in diesem
Zusammenhang? Virtualität ist die Imagination von Realität. Wir sehen in einer virtuellen Realität Pixel, die
für uns, die wir in der gegenwärtigen Welt sozialisiert wurden, ein Haus darstellen.“ S.67

Das Wort Realität/real ist vollkommen allgemein.

Virtuell meint ursprünglich kunstvoll, künstlich. In digitalen Zusammenhängen kam der Begriff auf, als es
erstmalig um künstliche Intelligenz ging, und somit der Unterschied zur natürlichen, menschlichen
abgebildet werden musste.
Ich weiß daher nicht, worin der Fehler besteht, die digitale Welt als virtuelle Welt zu umschreiben.
Welt und Raum – diese Metaphern dichten dem Digitalen Qualitäten an, die es ja nun gerade, wie diffus
auch immer, überhaupt nicht hat. Die im Zitat angeführte, viele Menschen beunruhigende Problematik
scheint mir aber die des prekären Symbolcharakters des Denkens zu sein, der jetzt tunlichst auch im
Zusammenhang mit den digitalen Medien diskutiert werden sollte. Das nun interessiert Humer
anscheinend nicht so sehr, wahrscheinlich weil er als Soziologe erstmal von den vorgefundenen
gesellschaftlichen Diskussionen ausgeht, die allerhöchstens medienkritisch sind, fast nie symbolkritisch –
dazu passt das Zitat sehr gut.
Wie ließt sich das:
‚Ein entscheidender Fehler ist es, den Symbolcharakter digitalen Codes zu leugnen. Symbole entfalten
natürlich sehr wohl Wirkung, im Imaginierten, durch das Imaginierte. Was die Farbpigmente der
Höhlenmaler von Lascaux waren, sind heute die Pixel der Computerarbeiter. Symbolträger sind
physikalisch manifest (Silicium-Fels, Pigmente – Silicon-Hardware, Software), die Symbolik (das
Gemeinte) kann falsch, richtig, Ritus begleitend, Problemlösungsorientiert, etc. sein. Bildliche Symbole
(z.B. Tierdarstellungen in Lascaux) und sind über 40 000 Jahre hinweg quer durch die Kulturen als
solche erkennbar geblieben.’

(Der Kontext ist natürlich ein anderer, der dazu führen kann, dass sich Eingeborene nicht auf Fotos
erkannten – die Menschen-Figuren in Lascaux lassen keine Individualität erkennen. Es bedarf in der Tat
schon einiger Einübung in symbolischer Reduktion, um winzige Farbschattierungen in Schwarz/Weiss auf
Celluloid persönliche Individualität meinen zu lassen.)

7-----------------------dumme Destruktivität

„Zudem sorgte die Offenheit einer Usenet-Newsgroup stets für Ärger durch marodierende Trolle, die ihren
Spaß am Zerstören der Diskussion hatten.“ S.86

Es wird gestört, nicht bewertet – als intelligenter Mensch denkt man, Leute, die stören, täten dies, weil sie
die Diskussion als schlecht bewerten, und daher (zer)stören. Das muss nicht sein, wahrscheinlich ist eher,
dass sie zum Bewerten zu dumm sind und etwas nicht aushalten, das von ihnen eine Bewertungsfähigkeit
fordert, die sie sich nicht zutrauen.

Darüber hinaus werden Gewaltdarstellungen z.B. in Games konsumiert, bei denen ebenfalls die
Bewertung fehlt. Das geht natürlich auch nicht anders: Gewaltdarstellung konsumieren, Gewalt
symbolisieren, und gleichzeitig eben dies schlecht bewerten! Man darf sich noch nicht mal den
Symbolcharakter der Darstellung bewusst machen, sonst wird der Krimmi vollkommen uninteressant: sind
ja alles nur Schauspieler, das Blut ist Tomatenketchup, das Opfer ist ein Avatar etc. So geht das Ritual
nicht, sondern man soll sich in das Geschehen hineinimaginieren, so dass man so etwas wie einen
Nervenkitzel empfinden kann. Alles das haben wir schon vor 30 Jahren diskutiert, nur: die digitalen
Medien sind noch effektiver; der Konsument drückt auf die Entertaste, damit der Schuss losgeht.
Das erzeugt mit Sicherheit eine mentale Dissonanz zu jenen Symbolen, die Moral meinen, und die nur
wirken und gelten, wenn sie positiv bewertet werden.

In Netzwerken muss bewertet werden, wenn sie intelligent sein sollen.


Die Trolle bewerten nicht, sie zerstören. Wir erleben das in Kommentaren und Foren, wenn wir uns nicht
schon aus ihnen zurückgezogen haben. Die Teilnehmer eines Netzwerks müssen nicht nur negativ
(ablehnend) bewerten können, sie müssen so positiv geladen sein, dass sie das Gute (das für das
Anliegen des Netzwerks Förderliche) wollen und das dafür Notwendige bewertend auswählen und
anbieten können.

8--------------------- Massenmedien

„In der Massenkommunikation geht es also darum, eine Wirklichkeit bereitzustellen. Was daraus gemacht
wird, ist diesbezüglich nicht mehr entscheidend. Was man heute als Gesellschaft versteht, ist eine Frage
der Massenmedien – sie agieren nahezu konkurrenzlos bei der gesellschaftlichen Gestaltung. Mit dem
Internet hat sich dieser Aspekt enorm verstärkt.“ S.106

„Diese Kritik würde dafür sorgen, dass es pauschal keine Objektivität mehr gibt, so wie sie von vielen
Medien(vertretern) propagiert wird. Richtig hingegen scheint eher, dass vor allem die audiovisuellen
Angebote vergessen lassen, dass auch sie nur symbolische Gebilde sind: eine Tiersendung entspricht
nur sich selbst, nicht aber dem wirklichen Leben der Löwen in der Savanne. Dies muss man verschärfen:
mit der Digitalisierung steigert sich dieser Aspekt ganz besonders. Leistungsfähige PCs mit schnellen
Internetanbindungen lassen beispielsweise Filme ins Haus kommen, die im Verborgenen digital
kontrolliert werden können – und wir halten die dort gezeigten Bilder im schlimmsten Falle für „real“.
So kam es in den USA beispielsweise zur Einführung einer Verzögerung einer Sendung. so dass
(vermeintliche, weil so gekennzeichnete) Live-Sendungen nur noch near- to-Live sind, um verbale
Entgleisungen, Anrüchiges. Frivoles oder Sexuelles rechtzeitig zensieren zu können.“ S109/110

„Örtlich und zeitlich ist die Digitalität ungebunden, denn sie existiert vollständig in der Imagination und das
sowohl beim Identitätsgeber als auch beim Identitätsnutzer wie zum Beispiel Firmen, Behörden oder
anderen Personen. Denn niemand würde behaupten, dass die Nullen und Einsen eine wahrhaftige
Abbildung einer Identität darstellen. Schließlich sind wir unsere Identität, nicht Wissensfragmente in
digitaler Form.“ S.128

„… gibt es beispielsweise in einer beschleunigten individualisierten und globalisierten Welt nicht mehr
viele Identitätsschablonen auf die rekurriert werden kann.“S.168

Sind nicht die Leitbilder der Massenmedien prägender denn je ? Und dass Bloggen z.B. eine fest
vorgegeben Kommunikationsform, also eine Identitätsschablone?

Identitätsmanagement, die Koordination der verschiedenen digitalen Tools mit den durch sie verbreiteten
Inhalten ist m.E. doch auch ein Kommunikationsmanagement; Jeder Prominente braucht so ein
Management für die analogen Medien (PR und Image), und beauftragt Profis damit.
Jetzt können viele in den Bereich der Notwendigkeit kommen. So gesehen fördert das Digitale eine
Emanzipation. Durch den Identitätsbegriff ist aber die kulturelle Leistung des „Identitäts“-managements
vom vorherigen Kommunikationsmanagement abgekappt und man sieht die Kontinuität nicht, keine
Entwicklung, der Identitätsbegriff verführt dazu, ahistorisch zu deuten – und das bloß wegen der paar IPs
sind IDs. Selbstdarstellung und Originalität ershließt sich jetzt für viele neu.

9---------------------- zum Selbst

„Im sozialpsychologischen Sinne ist das Selbst die Gesamtheit der auf die eigene Person rekurrierenden
Inhalte …. auf 3 Funktionsebenen: der kognitiv beschreibenden, der emotional bewertenden, der koativ
handlungsleitenden.“ Vergl. S 133

„Die Summe der kognitiven Selbstinhalte bildet das Selbstkonzept, welches hauptsächlich das Ergebnis
von Selbstbeobachtung und –exploration ist. Das Selbstwertgefühl ergibt sich aus der emotionalen
Bewertung des Selbst. Selbstwirksamkeit bezeichnet das Maß der Überzeugung von der dem Subjekt
innewohnenden Handlungsfähigkeit.“ S.133

Einige Beisiele:
Ein MUDder (Multi user dungeon (text-basierte Computerspiele)) sieht sich als Mudder, vielleicht als
schlechten, im so einem Fall mit weniger Selbstwertgefühl. Ein Blogger kommt zu einer zielgerichteten
Selbstwahrnehmung, wenn er das Gefühl hat, mit seinem Blog das erreicht zu haben, was in etwa seinen
Fähigkeiten entspricht.
Das ist von der individuellen Bedeutung der Selbstaspekte abhängig, ein Selbst als Mudder wird
wahrscheinlich intensiver erlebt, als ein dröges Selbst als Telekom-DSL-Kunde.

„…denn Identität bedeutet in diesem Zusammenhang die strukturierte Bündelung von individuell hoch
bedeutenden Selbstinhalten.“S.135

Dieser Prozess erfordert, insbesondere auch dadurch, dass die Bündelung in mehreren Teilidentitäten
erfolgen kann, Identitätskompetenz:
„Grundsätzlich notwendig sind für die Identitätsaktivierung im digitalen Raum, vor allem technische
Kenntnisse (html-Programmierung, Webblogaktivierung, ..) aber auch digital-soziale Kenntnisse
(Netiquetten, Passworthandling, etc)“ S.139

Zur Identitätsausdifferenzierung:
Die zum Teil hoch elaborierte Selbstdarstellung in Blogs oder Websites schätzt Humer selten, er sagt über
die meisten Blogs, sie seien von
„buribunkenhafter Irrelevanz“, sie gingen „…eher in die Richtung eines durchaus übertriebenen und
überschätzten Hypes …“ S.140
(Buribunken sind Figuren Karl Schmitts, die nur um des Schreibens willen schreiben.)

„Auch negative Folgen sind freilich möglich und treten auch auf: Narzissmus, das pathologische Bedürfnis
nach Selbstwertschätzung, sowie Voyeurismus sind real-digitale Probleme.“ S.141

Nicht nur Psychologen würden wahrscheinlich darauf bestehen, dass es psychische Probleme sind, die
durch die große Verbreitung digitaler Möglichkeiten schon sehr zu Tage treten - real hin, real her.
Und selbst wenn der Blog nur im Freundeskreis gelesen wird, stellt er doch eine Bereicherung der
Kommunikation im Freundeskreis dar. Ein Indiz dafür, dass der Begriff der Kommunikation anders wertet
als der Begriff der Identität. Vom Begriff der Identität aus gesehen sind sie eher Selbstdarstellung und
eher egozentrisch.

10----------------------------Datenschutz, Datensicherheit

Der Kern der digitalen Identität ist Datenschutz und Datensicherheit. Sie ist mit der IP-Adresse
verbunden, weil ein User immer nur bis zur IP-Adresse zurückverfolgbar sein kann.
Nach der Lektüre des Buches komme ich zu dem Schluss, dass Humer einen sehr abstrakten
Identitätsbegriff zu Grunde legt, was er aber nicht konkret benennt. So wären unter digitaler Identität die
einer IP zuzuordnenden digitalen Daten zu verstehen, oder noch abstrakter die einer simplen ID
zuzuordnenden Daten.

„..können alle anderen Beteiligten eine Spur stets nur bis zur IP-Nummer zurückverfolgen…“ S.146

Hier kurz eine unvollständige Wiedergabe der behandelten Identitätsbedrohungen durch mangelnde
Datensicherheit, mangelnden Datenschutz:

Vorratsdatenspeicherung, RFID radio-frequency-identification, TC trusted computing, Biometriediskussion


von 2008, NSA-cooperation, Raubkopierer, filesharing, Mitarbeiterüberwachung, Denunziation, phishing,
data-mining, Steganographie … unsichtbare Daten in einem Bild z.B. zur Identifizierung des
Urheberrechts, für getarnte Nachrichten etc. (Metadaten können in Dateien aller Art vorkommen, egal ob
Ton, Bild. Video, Text etc. )

M.E relativiert copy and paste den Identitätsbegriff überhaupt; denn alles, was unter einer ID veröffentlicht
wurde, kann unter einer anderen ID wieder veröffentlicht werden. Die IP-Adresse kann von mehreren
genutzt werden und unterliegt nicht staatlicher Administration wie die Akten im Einwohnermeldeamt.

11-----------------------------schon mal gehört?

„Ich habe doch nichts zu verbergen!“


Soll man nicht drüber spotten finde ich, wer A sagt muss nur auch B sagen: die Gesetze müssen so
permissiv sein, dass man nichts zu verbergen hat. Wenn es keinen Zwangsumtausch gibt, muss man
auch nicht verbergen, dass man nichts umtauscht. Der Datenschutz sollte kein Ersatz für fehlendes
freiheitliches Denken sein und politisches Engagement. hüstel hüstel
Etwas anderes ist es mit dem Datenhunger nicht staatlicher Institutionen. Werbefreie Tools kosten etwas.
Vor der Kommunikation kommt die Notwendigkeit des Menschen zu existieren, dazu kann er als soziales
Wesen 3 verschieden Grundstrategien zur Anwendung bringen: Schenken, tauschen, rauben. Schenken
setzt Freiwilligkeit voraus, Oft, aber eben nicht immer, kriegt man im Netzt etwas geschenkt. Tauschen
enthält die Option des Verhandelns, welches fair sein muss, sonst gerät es in die Nähe des Raubens.
Die Option bei den Kommunikationstools ist wohl, entweder einen kleinen Beitrag zu zahlen oder seine
Daten zur Verfügung zu stellen. In Mitteleuropa herrscht der Romantikertyp vor, der seine Babyphantasien
nach der Mutterbrust auf alles und jedes projiziert. In den USA sagt man, selbst wenn jemand etwas
geschenkt bekommen möchte, oh that´s a good deal. Zur Fairness gehört jedoch wohl, dass man
hinreichend wissen kann, welche Informationen wozu benutzt werden und wie groß der Reibach/klein
mein Beitrag ungefähr ist, den meine Handelspartner da erzielen.
Datenraub Datenschutz sind seltsamerweise nur teilweise Probleme der digitalen Technik, denn die
Möglichkeiten. z,B. Chiffrierung gibt es. Der User befindet sich in einer doppelten motivationalen
Dissonanz, einmal zwischen Veröffentlichung und Privatheit, und zum anderen zwischen der
gewünschten Bequemlichkeit des Digitalen und der politisch mühevollen Stärkung des Datenschutzes.

12--------------------------Authentizität

Wenn ich will, dass Aussagen authentisch mit meinem Namen verbunden bleiben sollen, muss ich alles
auf einem 2.Kanal hinterlegen, also z.B. in Form eines Buches. Die Webvariante wäre eine
Kommunikationsform meiner Aussagen. Im Buch wäre der Inhalt mit meinem Namen zweifelsfrei
verknüpft, da die Identität als Autor vom Verleger bezeugt ist und der Inhalt zwar falsch zitiert, nicht aber
straffrei und kostenfrei plagiatiert werden kann. Die Kopien können mit dem Original verglichen werden.

Viele Menschen kommunizieren im Web unter einer Scheinidentität (Humer nutzt diesen Begriff gar nicht,
wohl weil sein Identitätsbegriff von selbst schon so abstrakt ist, dass eine dahinter stehenden Person gar
nicht mehr identifizierbar sein muss). Dabei aber könnten diese Personen dennoch sehr daran interessiert
sein, dass „ihre“ Kommunikation unverfälscht bleibt. Darum kann man die Frage der Authentizität nicht
unter den Tisch fallen lassen.
In der Literatur gab es schon bei den alten Griechen die Form, das zwei Gesprächsfiguren erfunden
wurden, die miteinander diskutierten und jeweils eine eigene originelle Identität (im Sinne de Lauwes)
zugedichtet bekamen. Ein Avatar mit einer eigenen Identität, eigenem Wertesystem, einer konstruierten
Geschichte wäre nichts neues, nur die akustische und optische Darstellbarkeit in einem 3D- Programm
lässt es uns meinen. Er könnte sogar eine staatsbürgerliche Identität bekommen, dann könnte man ihm
etwas vererben. So mancher Reiche wäre froh, wenn das Geld nicht in fremde Hände käme. Aber: er
müsste dazu nicht nur irgendeine abstrakte Identität haben, diverse IPs und IDs wie heutzutage viele
blutdurchpulste Menschen, sondern diese seine Identität müsste authentisch sein, authentifizierbar, im
oben beschriebenen Sinne.

13---------------------------Charakteristika

Chatten und Computerspiel (intrinsische Motivation) und Hacken und Cracken (extrinsische Motivation),
sind soziale Phänomene, die im digitalen Medium entstanden sind – charakteristische Phänomene des
Digitalen.

Die Kommunikation in Chats ist textsortenspezifisch, es entstehen neotribale Vergemeinschaftungen.


Identity workskhops wären auf Deutsch Identitätswerkstätten. (Chats, Foren, Websites, Blogs….)
„in denen das Spiel mit den Rollen so leicht wie nie zu vor gelingt.“ S. 177

Ich bin bei der Lektüre öfter darauf gestoßen, dass Eigenschaften des Digitalen doch direkt benannt
werden könnten, sozusagen als Attribute des Digitalen.
Hier haben wir so ein Attribut: leicht, bzw. leichtes Rollenspiel. Exakter ausformuliert auf etwas Konkretes
bezogen: das digitale Medium ermöglicht leicht das Rollenspiel.
Attribut-Kategorien des Digitalen wären also z.B.:
Leichtigkeit, Schnelligkeit, Intelligenz, Reichweite, Verbreitung, Zielrichtung, Speicherfähigkeit,
Vervielfältigung, Verknüpfung, Mediacompatibilität, Globalität, Vernetzung, Kosten, Lebensdauer,
Identifizierbarkeit, Datenschutz, Sicherheit. In allen Kategorien glänzt die digitale Technik bis auf die
letzten 3. Nur Unter gewissen Bedingungen bei den Kosten. (z.B. Handys für Kinder).

Dazu Beispiele:
Die Kommunikation mit Diigo,Twitter, etc. ist einfach wesentlich intelligenter als diejenige mit einem alten
analogen Telefon, wegen der der Digitalität innewohnenden Intelligenz. Die ermöglicht es dann, dass ich
wiederum Diigo intelligent benutzen kann, mit meiner Intelligenz. Humer würde es vielleicht so
formulieren: die diigo-Teilidentität erfordert Imagination.
Auch hier scheint mir der Identitätsbegriff zu selektieren: man redet von der zielgerichteten
Kommunikation aber nicht der zielgerichteten Identität. Jeder gehe obige Kategorien durch und frage sich,
welche Kombinationen mit dem Identitätsbegriff sinnvoll zu bilden sind.

Sodass gilt: “Das Individuum landet zweifellos in einem dauerhaften , temporeichen und hochkomplexen
Prozess der Selbstvergewisserung und –verwandlung.“ S.177

Dies ist wohl eine der wichtigsten Aussagen zu psychosozialen Identitätsprozessen im Zusammenhang
mit dem Digitalen.

Noch ein Identitätsbegriff:


„…., dass die Integration der verschiednen Identitätsmosaiksteinchen ein(nicht immer ohne weiteres zu
erreichendes, aber stets erstrebenswertes) Ziel ist.“ S.181
© de.fotolia.com/id/10601148

14--------------------------Schlussworte

„Identität ergibt sich aus relevanten Handlungen und – in besonderer Weise – Kommunikationen des
Individuums.“S.168
Das darf ja keine Tautologie sein und die Kommunikation (der Blog z.B.) selbst schon die Identität?

Und als Schlussakkord noch eine Identitätsbegriffskombination:


„Kern ist die aktive Gestaltung des Ich: die soziologische Entwicklung der Identität geschieht ein Leben
lang und erreicht nie einen festen Punkt, der dem Individuum fortan als Identitätssolitär dient.“ S.161

,

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