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29.07.2021 - Aktualisiert: 04.08.2021, 09:46 Uhr https://www.faz.

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Rhetorik für Juristen

Es muss nicht immer „käuflich erwerben“ heißen


Von der Alltagssprache weit entfernt: Juristische Rhetorik ist kompliziert, Studierende eignen sie sich im Laufe
ihres Studiums mühselig an. Doch auch das freie Reden, im Zweifelsfall vor Nicht-Juristen, muss geübt werden.

Von UTA JUNGMANN

Die Fähigkeit zur freien Rede ist im Jura-Studium von besonderer Bedeutung.

„Ich plätsch…tziere, ähm.“ Mitten im Vortrag will Paul das Wort „plädiere“ nicht über die Lippen kommen. Der
Jurastudent setzt neu an: „Ich plädiere auf nicht schuldig für meinen Mandanten – und entschuldigen Sie den
Versprecher.“ Damit macht er seinen Silbenschlucker größer, als er ist. „Dafür muss man sich nicht entschuldigen,
sondern korrigiert sich und macht weiter“, sagt Thilo Tröger, Rhetorik-Dozent an der Universität Greifswald. Er
empfiehlt Paul, der wie alle Seminarteilnehmer eigentlich anders heißt, mehr Pausen zu machen und langsamer
zu reden. Nicht nur, weil das Versprechern vorbeugt, sondern sich davon auch keiner an die Wand geredet fühlt.
Solche Tipps für den Rechtsvortrag bekommen Jura-Studierende im fortgeschrittenen Semester in Greifswald
vermittelt – als Pflichtveranstaltung und coronabedingt im Onlineseminar. „Im Studium müssen sie sich fast nur
schriftlich äußern“, sagt Dozent Tröger. „Doch das gesprochene Wort hat andere Voraussetzungen.“ Ein gestelz-
tes „Zu betonen ist auch“ sollte man in seinem Vortrag zum Beispiel besser meiden. Zudem haben manche
Begriffe im Recht eine andere Bedeutung als in der Allgemeinsprache.
„Ein Ei beim Nachbarn zu leihen, geht juristisch nicht, weil Leihe heißt, genau denselben Gegenstand zurückzu-
geben“, sagt Tröger. Die Fachbegriffe dienen der Rechtssicherheit und der schnellen Verständigung von Juristen
untereinander. Aber bereits im Referendariat müssen sie auch vor Nichtjuristen vortragen und erst recht später
als Manager, Behördenleiter oder Richter vor gemischtem Publikum überzeugen.
Gestelzte Formulierungen sind zu viel des Guten
„Wer Dinge locker, aber rechtssicher darstellt und auf den Punkt kommt, wird ernst genommen – von Mandanten
und Kollegen“, sagt Karl Karbe. Vor zehn Jahren hat er Rechtswissenschaften in Greifswald studiert. Danach arbei-
tete er als Anwalt; bis er als Fachmann für Vergaberecht in die Immobilienbranche wechselte. Karbe hätte sich
noch mehr Rhetorikkurse im Studium gewünscht – so wie es in der Antike üblich war. Doch die Redekunst ist
derzeit nur an wenigen Rechtsfakultäten verankert. Immerhin bieten viele Hochschulen an, in anderen
Fachbereichen freiwillig Rhetorikkurse zu belegen oder in einem Moot-Court-Wettbewerb mit nachgestellten
Gerichtsverfahren das Wort zu ergreifen.
In Trögers Seminar üben die Kursteilnehmer erst mal, wie sie die Rechts- in Redesprache übertragen, ohne dass
etwas verloren geht oder unscharf wird. „Schärft ein Ausdruck einen Vorgang juristisch, oder klingt er nur so?“,
fragt Tröger. „Käuflich erwerben“ ist so ein Fall. Hört sich präzise an – man könnte aber auch einfach „kaufen“
sagen. „Auch Laien merken, wenn ein Jurist ein schwaches Argument mit einer sprachlichen Nebelbombe
überdecken will“, warnt der Dozent.
Keine Ablenkung vom Schlusssatz
Wie sie ihre Zuhörer überzeugen können, üben die Studierenden in einem Rollenspiel wie vor Gericht: „Aus dem
Seminarraum wurde ein Geldbeutel entwendet“, schildert Anwältin Leonie den Sachverhalt. „Meine Mandantin
soll ihn gestohlen haben; dem widersprechen wir.“ Zum einen, weil sie zur Tatzeit nachweislich nicht im Raum
gewesen sei, zum anderen, weil sie als Vermögende Geldnot nicht kenne und ihr damit das Motiv fehle.
„Ich muss daher sagen, dass meine Mandantin unschuldig ist“, schließt Leonie ihr Plädoyer. Auf ein „Danke für
Ihre Aufmerksamkeit“ verzichtet sie – vom Schlusssatz soll nichts ablenken. Auch keine Floskeln. Sonst droht die
Hauptaussage in den Nebensatz abzurutschen, wie Rhetoriker Tröger erklärt. Er empfiehlt aber, vor dem letzten
Satz noch mal eine kurze Pause zu machen wie nach einem Doppelpunkt. „Ich komme damit zum Ende: Meine
Mandantin ist unschuldig“ – zum Beispiel. Dann horchen die Zuhörer noch mal auf.
Übung macht den Meister
Die Beschuldigte fühlt sich von ihrer Anwältin gut verteidigt. „Du hast die objektiven wie subjektiven Gründe zu
meiner Entlastung klar gegliedert mit erstens, zweitens und drittens“, sagt sie. Dozent Tröger rät außerdem:
„Gebrauchen Sie beim Reden ruhig die Hände: Es wirkt dynamisch, wenn Sie Ihr Einerseits – Andererseits
verdeutlichen.“ Außerdem blieben die Gedanken so in Gang, „und die Worte kommen schneller“.
Wie gut sich einer Rede folgen lässt, hängt auch von der Stimmlage ab. Das zeigt Nicos Plädoyer: Seine Stimme
wandert am Satzende oft nach oben. „So warten die Zuhörer darauf, was noch kommt“, warnt Tröger. „Ohne
einen stimmlichen Tiefschluss speichern sie die Information im Kurzzeitgedächtnis nicht ab.“ Sich vors Fenster zu
stellen, einfache Sätze zu formulieren wie „Ich sehe einen Baum. Der Baum trägt Blätter.“ und am Satzende jedes
Mal bewusst die Stimme zu senken helfe, das zu trainieren. „Reden lernt jeder nur mittels Reden“, sagt Rhetoriker
Tröger.
Fragen halten das Gespräch aufrecht
Justus hat im vergangenen Semester das Seminar von Tröger belegt. Der 22-Jährige konnte sich auch Videos von
seinen Vorträgen anschauen. „Zuerst war ich nervös und habe meine Stichwort-Zettel wild gerollt“, sagt er. Aber
nach und nach hat er die Furcht abgebaut, im freien Vortrag den Faden zu verlieren. Jetzt schreibt sich Justus die
wichtigsten Stichpunkte aus seiner Gliederung auf ein paar Karteikarten. An ihnen hangelt er sich beim Reden
entlang.
Sprechdenken heißt die Methode, die Tröger auch in seinem jüngst erschienenen Lehrbuch „Rhetorik für Juristen“
erklärt: „Beim Reden komme ich auf die Überleitung von einem Punkt zum nächsten – wie beim natürlichen
Sprechen im Alltag.“ Justus hatte bei seinem letzten Plädoyer in Trögers Seminar nur noch ein Problem: Die
vorgegebene Redezeit reichte ihm nicht. Der Jurastudent löste es, indem er sagte, es sei nicht mehr möglich,
weitere Aspekte anzusprechen, aber er würde nach seinem Vortrag gerne Fragen beantworten. „Zu Fragen
einzuladen leitet zum Gespräch über“, lobt Rhetoriklehrer Tröger.
Juristische Rhetorik bedarf exakter Formulierungen
Sich als Jurist kurz zu fassen und so zu sprechen, dass alle folgen können, ist auch deshalb so schwierig, weil die
Schachtelsätze, wie sie in so manchen Gesetzen stehen, weit entfernt sind von der Alltagssprache. Gleichzeitig
nehmen sie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Rechtssprache. Die Absicht hinter den komplizierten
Formulierungen ist oft, mühsam abgestimmte Inhalte so genau und knapp wie möglich abzubilden.
Die Sprachexperten in der Gesetzesredaktion des Bundesjustizministeriums prüfen die Entwürfe dann auf
Verständlichkeit und machen leserfreundliche Vorschläge. Sie gestehen einem Gesetz als Fachtext für
Rechtsanwender zwar mehr Eigenheiten zu, zum Beispiel an Substantivierungen. Aber ihnen gelingt es auch, aus
Formulierungen wie „Eintritt der Rechtshängigkeit des Scheidungsantrages“ ein einfacheres „Zustellung des
Scheidungsantrages“ zu machen, sofern die beteiligten Fachministerien einverstanden sind.
Schwierig zu lesen sind hingegen manch ältere, längst gebräuchliche Gesetzestexte aus früheren Zeiten, als die
Redaktion noch nicht verankert war: Umständliche Formulierungen führen dazu, dass etwa in einzelnen Sätzen
das Subjekt und das dazugehörige Verb oder seine Teile weit voneinander entfernt sind. Dabei sagt auch
Rhetoriker Tröger: „Jeder kann einen Satz erst verstehen und verarbeiten, wenn er mit dem ganzen Verb zu
erfassen ist.“ Das gilt besonders, wenn die juristischen Sachverhalte nicht gelesen, sondern gehört werden.