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Liberale Perspektiven

Detmar Doering

Wieder die Gelegenheit nutzen lernen


Die Lage der FDP grenzt schon an eine hältnisses von Bürger, Staat und Gesell-
Tragödie. Während es selten eine politische schaft erfordert – und zwar im Sinne von
Gesamtsituation gab, die so sehr nach libe- mehr Freiheit und Eigenverantwortung.
ralen Lösungen schreit, hat sich die FDP in Das sind nur wenige willkürlich heraus-
eine Lage manövriert, die es ihr anscheinend gegriffene Großthemen, die zeigen, dass ein
unmöglich macht, aus dieser günstigen Gele- vermutlich für jedermann erkennbarer Bedarf
genheit Nutzen zu ziehen. an liberaler Politik besteht. Wer sonst sollte auf
Wir sehen schließlich zurzeit, dass ... diese Fragen eine Antwort geben, wenn nicht
• staatliche Wirtschaftsankurbelung kaum die Liberalen?
Arbeitsplätze mehrt, aber zukünftige Ar- Es werden wohl eine Menge handwerk-
beitsmarkt- und Schuldenprobleme schafft licher Fehler in der praktischen Politik dabei eine
• eine Arbeitsmarktpolitik, die auf Anreize zur Rolle gespielt haben, dass die FDP aus solchen
Aufnahme von Arbeit setzt (statt Verbleib Vorlagen keinen Gewinn zieht Das grundsätz-
im Sozialsystem als Lebensperspektive), liche Problem ist wohl, dass die Botschaft der
Jobwunder vollbringen kann, Liberalen und ihre Relevanz zurzeit vom Bürger
• eine expansive Geldpolitik, die vorgibt nicht mehr wirklich wahrgenommen wird. Das
die Wirtschaft zu stimulieren, Blasen und neue Grundsatzprogramm, das Generalsekre-
Finanzkrisen auslöst, während stabilitäts- tär Christian Lindner plant, kann ein wesent-
orientierte Politik sich gerade in der Krise licher Beitrag dazu sein, diese Botschaft wieder
auszahlt, zu vermitteln. Dazu muss es allerdings schon
• etatistische Rezepte bei der Krisenbe- einige Voraussetzungen erfüllen.
kämpfung politische Tendenzen freisetzen,
den Kontroll- und Überwachungsstaat Freiheit im Mittelpunkt
auszubauen,
• eine Integrationspolitik, die Ausgrenzung Der zentrale identitätsstiftende Wert für
durch Gleichgültigkeit betreibt, nicht funk- die Liberalen ist die Freiheit. An sich ist diese
tioniert, und dass die Betonung des libe- Aussage trivial, aber gerade deswegen besteht
ralen Rechtsgedankens, das eigentliche auch die Gefahr, dass der Freiheitsbegriff selbst
Fundament gelungener Integration ist, trivialisiert und beliebig wird. Eine Tendenz, am
• in den sozialen Sicherungssystemen eine Freiheitsbegriff herumzulaborieren ist jedenfalls
demografische Zeitbombe tickt, die künf- eindeutig auch in der FDP auszumachen. Als
tige Generationen ins Elend reißen könnte, »positive« Freiheit soll sie Anspruchsrechte mit
was wiederum eine Neudefinition des Ver- klassischen Freiheitsrechten versöhnen. Als

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»qualitative« Freiheit soll sie Rahmenbedin- der Freiheit als Schutzrecht des Individuums
gungen der Freiheit und kollektive Werte mit werden wird. Fast alle wesentlichen großen
Freiheit versöhnen. Die Gefahr besteht, dass Umwälzungen, die vor uns stehen, lassen
Freiheit so ihre Funktion als klarer Standard, an sich wesentlich als Wegscheiden zwischen
dem Liberale eine Rechtsordnung bemessen, Bevormundung (mal sanfter, mal drastischer
verliert. Dem Grund, warum man die Selbstbe- Natur) und Freiheit definieren. Freiheit ist die
stimmung als Freiheitsrecht schützen soll, wird Kernfrage. Globalisierung, vernetzte Informa-
dann im Freiheitsbegriff gleich der Grund mitge- tionstechnologien, Supranationalität des Re-
liefert, warum man es auf einmal nicht tun soll. gierens – das alles sind die Kontexte, in denen
Weder positive Ansprüche, noch kol- sich die zuvor genannten Herausforderungen,
lektive Werte, noch rechtliche Rahmenbedin- die uns bevorstehen, entfalten werden, und es
gungen mögen an sich etwas sein, das in einer ist an uns, ihre enormen Freiheitspotentiale zu
liberalen Gesellschaft keinen Platz hat. Aber ihre nutzen oder sie dem Gegner zu überlassen.
Implementierung muss sich daran messen las- Dazu bedarf es Klarheit darüber, für
sen, ob sie die Selbstbestimmung und Selbst- welche Freiheit wir stehen.
verantwortung freier Menschen mehrt. Das
kann man nicht, wenn man den Freiheitsbegriff Kohärenz herstellen
bereits mit allem möglichen Wünschenswerten
überfrachtet. Ja, die FDP regiert, und was sich in
Freiheit, nunmehr als Abwesenheit der Opposition gefahrlos verkünden lässt,
von Zwang (außer zur Abwehr von Gewalt) kann in der Regierungsverantwortung nicht
definiert, ist letztlich das klassische Marken- immer realisiert werden. Die Notwendigkeit,
zeichen des Liberalismus. Das ist mehr als in Koalitionen Kompromisse einzugehen,
eine abstrakt-theoretische Aussage. Ein Pro- wird deswegen gerne als Entschuldigung
gramm, das eine identitätsentfaltende und für allerlei Dinge verwendet. Aber das dürf-
-sichernde Kraft erhalten soll, kann nicht nur te wohl kaum der Grund für das Absinken
Werte aufzählen, sondern es muss aus einer im öffentlichen Ansehen sein, denn diese
erkennbaren Werteposition heraus Fragen Notwendigkeit wird ja jedermann irgendwie
adressieren, die mittel- oder langfristig für die einsehen. Das Problem stellt sich erst, wenn
Gesellschaft bedeutsam sind und die von der der Bürger das berechtigte Gefühl hat, dass
Partei und den Bürgern zugleich als besonde- die Position, von der heraus Kompromisse
re Herausforderungen begriffen und aufgegrif- gemacht werden, nicht ernst genommen
fen werden. oder ohne echten Überzeugungshintergrund
Wenn man sich die großen politischen eingenommen wurde. Wenn etwa eine Eu-
Herausforderungen für die Liberalen für die ropapolitik der Zentralisierung (der immer
Zukunft – von der Schuldenproblematik über und notwendig Umverteilung folgt) eindeutig
Arbeitsmarktpolitik und über den Schutz vor die Grundlagen für eine marktwirtschaftliche
dem Überwachungsstaat hin zur Zukunft Entwicklung zu unterminieren beginnt, wirkt
der sozialen Sicherung – vor Augen führt, ein gleichzeitiges Bekenntnis zur Marktwirt-
dann sieht man, wie zentral die Frage nach schaft wenig glaubwürdig. In dieser Lage

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Immer mehr Bereiche – vom »Krieg gegen den
erst wird notwendiger Kompromiss zum Terror« bis zur Aufweichung von Bankgeheim-
Glaubwürdigkeitsproblem. nissen – werden Gegenstand supranationaler
Dabei handelt es sich keineswegs nur Absprachen zwischen Administrationen, die
um ein Perzeptionsproblem. Kohärenz in der sich so effektiver Kontrolle entziehen. Nicht nur
Politik (bei aller Notwendigkeit von Kompro- ein Nachdenken über mehr Transparenz und
missen) ist eine ganz und gar realpolitische Kompetenzbeschneidung internationaler Insti-
Frage. Beispiel: Die völlig richtige Forderung tutionen wäre hier zur Sicherung von Bürger-
nach Steuersenkung und -reform wurde als rechten notwendig. Die marktfeindlichen und
liberales Grundthema verspielt (ein Mega- die bürgerrechtsfeindlichen Tendenzen des
Gau, der ungefähr so schlimm war, wie es für Überwachungsstaates überlappen sich in der
die Grünen die Zustimmung zum offensiven heutigen Zeit immer mehr und verschmelzen
Ausbau der Kernenergie wäre), weil der Ko- zu einem Gesamtschreckensszenario. Aufga-
alitionspartner ständig auf das Problem der be eines Grundsatzprogramms: Den vermeint-
Verschuldung aufmerksam machte. Neue lichen Widerspruch zwischen Wirtschafts- und
Antworten in der Finanzpolitik und bei der Bürgerrechtsliberalismus auflösen und pro-
Reform der Sozialsysteme (die demografische grammatische Kohärenz schaffen!
Zeitbombe, die unter der Marktwirtschaft Beispiel Europapolitik. Hier wurde das
tickt) wären das Gebot der Stunde gewesen. Primat der Politik über die Ordnungspolitik
Stattdessen erging man sich in sozialem Po- anscheinend immer unkritisch hingenommen.
pulismus bei der Erhöhung des Kindergeldes. Die Eurokrise zeigt aber, dass diese Strate-
In solchen Fällen entsteht eben nicht nur ein gie Europa langfristig Schaden zufügt – aber
Wahrnehmungsproblem, sondern eine reale auch der FDP, die (zumindest subjektiv) aus
Politikunfähigkeit. Man hat sich selbst das »europapolitischen Zwängen« meint, sie dürfe
Bein gestellt, über das man stolperte. etwa illiberale Versündigungen am Währungs-
Zumindest bei den großen Themen, bei system fast unbegrenzt tolerieren. Die Europa-
denen die Interdependenz zwischen Politik- politik bedarf des Umdenkens. Integration darf
feldern offenkundig ist, dürfen sich Liberale kein Selbstzweck sein, sondern muss dem
nicht durch allzu viel Inkohärenz auszeichnen. Vorbehalt konsequenten Wettbewerbsden-
An einigen Themenfeldern, die für die Pro- kens unterworfen werden. Die Eurokrise hat
grammdebatte besonders wichtig sein dürf- eines gezeigt: Die Idee eines Europas der ver-
ten, lässt sich das aufzeigen. schiedenen Geschwindigkeiten ist der einzige
Beispiel Bürgerrechte: Deren Gefähr- Weg, den umverteilenden Megastaat, in den
dung hat Dimensionen erreicht, die sie zuneh- wir nun einzusteigen drohen, zu verhindern.
mend auch für wirtschaftsliberale Kernwähler Aufgabe eines Grundsatzprogramms: Den
bedrohlich erscheinen lässt, die dieses Thema echten Widerspruch zwischen Zentralismus
früher als belanglos abtaten. Die Aushebelung und Marktwirtschaft aufzeigen und program-
parlamentarisch-demokratischer Mitbestim- matische Kohärenz schaffen!
mungsrechte verbunden mit der Internationali- Beispiel Klimapolitik: Dieses Thema
sierung von Sicherheitspolitik, ist beunruhigend. lädt zu permanenten Notstands- und Weltret-

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tungsszenarien ein. Politisierte Wissenschaft marktwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung


(auf allen Seiten) und ein Hang zur »Anma- auflösen und programmatische Kohärenz
ßung von Wissen« dominieren die Debatte. schaffen!
Notstandsmentalitäten sind selten gut für
die Freiheit, weil sie die Tendenz schaffen, Echte Ordnungspolitik
rechtsstaatliche Verfahrensweisen und of-
fene Reformprozesse zu unterminieren. Die Ein Grundsatzprogramm ist natürlich
Ökodiktatur hat zwar noch wenige Anhänger, kein Patentrezept zur Lösung aller tagespo-
aber im Kleinen beginnt die Bevormundung litischen Probleme der FDP. Aber es kann
und die bedenkenlose Verschwendung von fi- strukturelle Fehlentwicklungen bei der Aus-
nanziellen Ressourcen (Stichwort: EEG-Sub- richtung korrigieren und Leitlinien schaffen,
ventionen) zu Gunsten von Interessenlobbys die die Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Was
schon bedenkliche Ausmaße anzunehmen. dabei gebraucht wird, ist Ordnungspolitik in
Gleichzeitig setzt eine Fortschrittsfeindlichkeit ihrem umfassenden (und nicht wirtschaftpoli-
ein, die wiederum sinnvolle Problemlösungs- tisch verengten) Sinne, die zur Lösung der an-
optionen beeinträchtigt. Hier ist nicht nur ein stehenden großen Fragen der Politik genutzt
Rückschrauben inter ventionistischer und werden kann. Das ist eine wagemutige und
sub­ventionsorientierter Umweltpolitik gefragt. radikale Botschaft, wenngleich sie nicht völlig
Es geht eben nicht nur um die technische neu ist, weil sie ja zum eigentlichen Kernbe-
Anwendung marktwirtschaftlicher Methoden. stand liberaler Philosophie gehört (eine völlige
Vielmehr geht es um den Glauben an eine of- »Neuerfindung« des Liberalismus wird auch
fene fortschrittliche Gesellschaftsordnung. Zu nicht gebraucht). Aber sie ist eben auch eine
denken, dass es einige Maßnahmen gäbe, mit Botschaft, die immer wieder allmählich (oder
deren Hilfe man das Weltklima wie mit einem manchmal auch schnell) in der Tagespolitik,
Thermostat »richtig« einstellen könne, wenn der dazu oft der lange Atem fehlt, in die Ver-
man nur weltweit genug Staatsmacht ein- gessenheit zu versinken droht.
setzte, ist eine gefährliche Hybris. Eine offene Ein Grundsatzprogramm – so muss
Gesellschaft wird schrittweise abwägen, ob man es wünschen – soll so etwas wie eine Ge-
forcierte Präventionsplanung oder das Abwä- brauchsanweisung sein, wie man mit einem
gen von Prävention und Folgenabmilderung überzeugenden Hintergrund wieder lernen
richtig sind. Sie gründet sich auf das Ver- kann, die sich für die Liberalen in Fülle bie-
trauen, dass die Problemlösungskompetenz tenden Gelegenheiten zum Erfolg nutzen zu
immer schrittweise zunimmt, und darauf, dass können.
Irrwege korrigierbar bleiben müssen. Anson-
sten sind wir bald dabei, uns die zukünftigen
wirtschaftlichen (wachstumsbedingten) Lö-
Dr. Detmar Doering,
sungsmöglichkeiten materiell zu verbauen.
Mitglied der Redaktion.
Aufgabe eines Grundsatzprogramms: Den
vermeintlichen Widerspruch zwischen er-
folgreicher Klimapolitik und einer offenen und

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