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FRANZ VON SALES · ABHANDLUNG ÜBER DIE GOTTESLIEBE/II


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Deutsche Ausgabe der

WERKE DES HL. FRANZ VON SALES

Band 4

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DE SSAINT
AINT FRANÇOIS DE SSALES
ALES
der Heimsuchung Mariä in Annecy (1892-1931)

herausgegeben von den Oblaten des hl. Franz von Sales


unter Leitung von P. Dr
Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.
3

Franz von Sales

ABHANDLUNG ÜBER DIE GOTTESLIEBE


Theotimus

Zweiter TTeil
eil (VII. – XII. Buch)
Mit einem Anhang:
Hinweise zum Verständnis der „Abhandlung“
vom Herausgeber

Franz-Sales-Verlag
4

Das Original hat den Titel:


TRAITTÉ DE LL’AMOUR
’AMOUR DE DIEU.
A us dem FFranzösischen
ranzösischen über tragen und erläuter
übertragen erläutertt hat es
P. Dr
Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.

Mit Erlaubnis des Ordensoberen.


Die kirchliche Dr uck
Druck erlaubnis er
uckerlaubnis teilte das
erteilte
Bischöfliche Generalvikariat Eichstätt
am 21. April 1960.

ISBN 3-7721-0116-X
© Franz-Sales-Verlag Eichstätt
3. Auflage 2003
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt
5

INHALTSÜBERSICHT
INHALTSÜBERSICHT
VII. Buch: Die Vereinigung der Seele mit Gott, die sich
Vereinigung
im Gebet vollzieht.
1. Kapitel: Wie die Liebe die Vereinigung der Seele mit Gott im
Gebet bewirkt. 32
1. Hier ist die Rede von der Vereinigung durch bestimmte Akte und
Regungen. – 2. Nebeneinander sein ist nicht dasselbe wie auf etwas ge-
drückt und gepreßt sein. – 3. Vergleich mit Mutter und Kind: die Mutter
drückt das Kind an sich, das Kleine tut, was es kann, mit der Mutter eins
zu werden, könnte aber nichts ohne die Mutter. – 4. So zieht Gott die
Seele an sich, diese wirkt mit, hängt aber dabei ganz vom göttlichen
Wirken ab. – 5. Wie Musik, Rede usw. fesseln, so drängt sich auch die
Seele an den Gegenstand ihrer Liebe heran und dies ist dann die Vertie-
fung der Vereinigung; – 6. das geschieht durch einzelne Akte, Gebete,
durch die die Seele Gott näher kommt, oder – 7. durch ein ständiges,
unmerkliches Drängen des Herzens in die göttliche Liebe hinein, wie
schwere Steinmassen von selber durch ihr Gewicht in die Erde hinein-
sinken, – 8. wie die Wurzeln der Bäume sich immer tiefer ins Erdreich
senken, – 9. wie geistige Getränke ihr Wirken im ganzen Leib fühlbar
machen, – 10. wie Honig bei langsamem Verkosten in den Geschmacks-
sinn tiefer eindringt, oder wie Parfüm sich mit Baumwolle verbindet. –
So vertieft sich auch das Liebesempfinden immer mehr in der Seele.
2. Kapitel: Die verschiedenen Stufen der heiligen Vereinigung, die
sich im Gebet vollzieht. 36
1. Manchmal wirkt Gott allein und wir folgen nur, manchmal „zieht“
Gott und wir „eilen.“ – 2. Manchmal scheinen wir zu beginnen, er aber
kommt uns immer zuvor, – 3. zuweilen fährt er fort, uns unspürbar zu
helfen. Wie Schiffe mit Eisenfracht durch Magnetgebirge angezogen
werden, so kommen auch wir rasch voran durch unmerkliche Hilfen Gottes,
andere Male fühlen wir das Wirken Gottes. – 4. Die Vereinigung ge-
schieht manchmal durch den Willen allein, manchmal durch Willen
und Verstand, manchmal durch alle Fähigkeiten der Seele. – 5. Manchmal
hat Gott allein die Initiative (Beispiel: Martial, Bonaventura), andere
Male scheinen Heilige die Vereinigung mit Gott begonnen zu haben
(Beispiele: Simeon, Katharina). – 6. Bei der Liebenden im Hohelied
geschieht beides: „Ziehe mich, wir eilen.“ – 7. Die Liebe Christi
drängt uns.
3. Kapitel: Der höchste Grad von Vereinigung durch den Schwebe-
zustand und die Entrückung. 40
1. Gott ist immer der Urheber der Vereinigung mit ihm, die rein und
stark sein muß, um vollkommen zu sein. – 2. Sie ist rein, wenn sie
6 Inhaltsübersicht VII. Buch

keinen anderen Zweck hat als bei ihm zu sein (Jakob einerseits, die
Schulammit und Maria andererseits). – 3. Sie ist stark, wenn die Seele
ganz fest an Gott haftet, sodaß sie sich nur schwer von ihm lösen
kann. – 4. So Paulus an Christus, Jonatan an David, das Kind an der
Brust der Mutter. – 5. So auch die von der göttlichen Güte erfaßte und
gefesselte Seele. – 6. Dann ist sie nicht verschieden von der Entrük-
kung (wenn sie lange währt), vom Schwebezustand (wenn von kurzer
Dauer). – 7. Heilige sind im Schlaf mehr mit Gott vereint, als Leute,
die weniger heilig sind, wenn sie beten. – 8. Die Vereinigung kann auch
durch kurze Herzenserhebungen zu Gott geschehen.
4. Kapitel: Die Entrückung und ihre erste Art. 44
1. Ekstase heißt Entrückung, weil Gott uns durch sie emporreißt;
s i e h e i ß t E k s t a s e , w e i l w i r u n s d u r c h s i e a u s u n s h e r a u s z u r Ver -
einigung mit Gott begeben, ja uns in die Gottheit hineinstürzen.
– 2. Ähnliches trifft in der gemeinen sinnlichen, tierischen Ekstase
zu. – 3. Es gibt drei Arten von Ekstasen: des Verstandes, des Gemütes,
der Tat. – 4. Die erste durch Bewunderung, deren Ursache Begegnung
mit einer beglückenden unerwarteten Wahrheit ist. Bewunderung ist Ursa-
che der Beschauung und der mystischen Theologie.
5. Kapitel: Die zweite Art der Entrückung. 46
1. Gott zieht die Seelen an sich durch seine erhabene Schönheit und
unfaßbare Güte. – 2. Durch seine Schönheit zieht er den Verstand an, ihn
zu schauen, durch seine Güte den Willen, ihn zu lieben. Das Entschei-
dende aber ist die Liebe, Ekstase hängt ganz von der Liebe ab. „Nicht
mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Paulus). – 3. Liebesent-
rückung vollzieht sich im Willen, indem Gott ihn mit seinen beglük-
kenden Lockungen berührt, und der Wille sich ihm dann zuwendet und
sich ganz in Gott hineinbewegt. So Entrückung nicht der Erkenntnis, son-
dern des seligen Besitzes der Liebe. – Verstand und Wille teilen sich
ihre Entrückungen gegenseitig mit. – 4. Es kann auch die eine ohne
die andere sein. – 5. Ist Bewunderungsekstase allein da, so macht sie
uns nicht besser, könnte sogar vom bösen Feind herrühren. Die Ek-
stase des Willens kann aber nur Gott sein.
6. Kapitel: Die Kennzeichen echter Entrückung. Die dritte Art der
Entrückung. 49
1. Bei den Ekstasen kann es Illusionen und teuflische Gaukeleien
geben – 2. Es gibt Kennzeichen, diese von echten Ekstasen zu unter-
scheiden. – 3. Das eine, daß die echte Ekstase nicht so sehr den Ver-
stand wie den Willen erfaßt und mit kraftvoller Gottesliebe erfüllt.
Wo dies nicht geschieht, ist die Ekstase zweifelhaft. – 4. Das zweite
Kennzeichen ist die Ekstase der Tat und des Lebens, das nicht nur die
Gebote Gottes beobachtet, sondern durch Gottes Eingebung wirklich
ein übermenschliches Leben ist. – 5. „Ihr seid tot und euer Leben
ist mit Jesus Christus in Gott verborgen.“ Dies geschieht, wenn wir
geistliche Menschen werden, unser menschliches Leben aufgeben, um
ein höheres Leben zu führen, das Leben der Liebe.
Inhaltsübersicht VII. Buch 7

7. Kapitel: Wie die Liebe das Leben der Seele ist. Fortsetzung der
Erwägung über das ekstatische Leben. 52
1. Wie die Seele erste Wirklichkeit des Lebens, so die Liebe erste
Wirklichkeit und Urgrund des frommen Lebens. Der natürlichen Liebe
bin ich mit ihr gestorben, um zum übernatürlichen Leben der Liebe zu
erstehen. – 2. Wo also kein ekstatisches Leben herrscht, sind Entrük-
kungen zweifelhafter Natur und leicht Irreführungen des bösen Feindes. –
3. Selig, die ein ekstatisches Leben führen, obgleich sie im Gebet nicht
entrückt sind. – 4. Die Ekstase des Lebens setzt den Tod des „alten
Menschen“ voraus, damit der neue Mensch, der nach Christus geschaffen
ist, in uns lebe.
8. Kapitel: Wunderbarer Aufruf des hl. Paulus zum ekstatischen
und übermenschlichen Leben. 54
1. „Die Liebe Christi drängt uns“. Das gilt von jeder Liebe, aber um
so mehr von der Liebe Christi, des allmächtigen Gottes, der uns so sehr
geliebt, daß er für uns den Tod am Kreuz erleiden wollte. – 2. Wie
drängt er uns? „Wenn wir erwägen“: wenn Christus für alle gestorben
ist, sind alle gestorben, – 5. leben nicht mehr für sich, sondern für den,
der für uns gestorben ist. Unser Leben gehört nicht uns, sondern
dem, der es durch seinen Tod erworben hat. – 4. Der Adler von Sestos,
von einem Mädchen aufgezogen, stirbt aus Liebe zu ihm. – 5. Der
Heiland hat für uns alles getan, ist für uns gestorben, daß wir nicht
mehr uns leben, sondern dem, der für uns in den Tod ging. So voll-
zog sich die Ekstase wahrer Liebe, wenn wir nicht mehr den mensch-
lichen Beweggründen leben, sondern den Antrieben des göttlichen Hei-
lands.
9. Kapitel: Die höchste Wirkung der Affektliebe: das Sterben der
Liebenden. Erstens: das Sterben in der Liebe. 57
1. Die Liebe ist zuweilen so heftig, daß sie Leib und Seele trennt.
Das in verschiedener Weise. – 2. In der Liebe sterben alle Gerechten,
auch wenn sie eines plötzlichen Todes sterben, wie manche Heilige, –
3. wenn sie auch im Sterben nicht an Gott denken, da ja die Tugenden
stets im Gerechten bleiben, auch wenn sie nicht in Tätigkeit sind. –
4. Manche Heilige starben außerdem in der Ausübung der Liebe (Augu-
stinus, Hieronymus, Ambrosius ...).
10. Kapitel: Das Sterben aus Liebe und um der göttlichen Liebe
willen. 60
1. Um der göttlichen Liebe willen starben alle Märtyrer, sie sind ja
für den lebendigen Glauben gestorben. – 2. Manche sind aber
ausdrücklich allein um der Liebe willen gestorben (z. B. Johannes der
Täufer, die Märtyrer der Keuschheit). – 3. Manche hat geradezu dieses
heilige Feuer der Liebe verzehrt, durch die häufigen Ekstasen, ihre Sehn-
sucht, ihre Leiden (Franz von Assisi).
11. Kapitel: Einige Gottliebende, die an der Liebe starben. 62
1. Manche starben an der Liebe, da die Liebe sie durch einen Stich
8 Inhaltsübersicht VII. /VIII. Buch

mitten ins Herz durchbohrt und so die Seele aus dem Körper heraus-
stößt. – 2. Vorbedingung ist, daß das Herz sich von allen Anhäng-
lichkeiten entblößt. – 3. So Franz von Assisi, – 4. die hl. Magdalena,
der hl. Basilius, die hl. Theresia von Jesus.
12. Kapitel: Wunderbare Geschichte vom Tod eines Edelmannes,
der auf dem Ölberg an der Liebe starb. 64
Ein Edelmann pilgert durch alle Stätten, die durch Jesus geheiligt wor-
den waren, und stirbt schließlich, während er die Himmelfahrt Jesu
betrachtet.
13. Kapitel: Die allerseligste Jungfrau und Mutter Gottes starb an
der Liebe zu ihrem Sohn. 68
1. Der Tod des hl. Josef. – 2. Auch Maria kann keines anderen Todes als
des Liebestodes gestorben sein, da sie ein Herz und eine Seele mit Jesus
war, – 3. einzige Mutter des einzigen Sohnes, die kein anderes Leben als
das ihres Sohnes hatte, – 4. also auch am Tod ihres Sohnes sterben
mußte.
14. Kapitel: Die glorreiche Jungfrau starb eines sanften und fried-
lichen Todes. 71
1. Manche meinen, Maria sei durch einen heftigen Ansturm der Liebe
gestorben, andere wieder glauben, ihr Tod sei ganz friedlich gewesen.
Beides ist wahr. – 2. Die Sterne glitzern, weil sie ihr Licht ihrer Schwä-
chen wegen nicht gleichmäßig ausstrahlen können. So erfuhren auch die
Heiligen, die den Liebestod starben, viele Liebesanfälle und Liebesbe-
schwerden, bevor ein Liebesansturm ihr Leben beendete. – 3. Anders
Maria: Ihre Liebe wuchs beständig, friedlich, weil sie keinen Wider-
stand in ihr fand. – 4. Alles förderte in Maria das Strömen der Liebe.
Ihre Affekte waren so wohlgeordnet, daß die himmlische Liebe ihre Herr-
schaft ganz friedlich ausüben konnte. – 5. Die menschlichen Armselig-
keiten bildeten bei ihr kein Hindernis für die heilige Liebe, sondern
waren Gelegenheiten, sie zu üben und zu verstärken. – 6. Die Hinder-
nisse der Liebe bei den Menschen (Sünde, Liebe zum Reichtum, sinnliche
Gelüste, Stolz und Eitelkeit, Eigenliebe) gab es nicht im Herzen Mariä.
– 7. Kein Hindernis also für ihre Liebesvereinigung mit Jesus, daher
auch ein sanfter Liebestod.
VIII. Buch: Über die Liebe der Gleichförmigkeit, durch die wir
VIII.Buch:
unseren W illen mit dem geoffenbar
Willen ten göttlichen W
geoffenbarten il-
Wil-
len vereinigen, der uns durch Gebote, Räte und Einspre-
chungen gezeigt wird.
1. Kapitel: Die Liebe der Gleichförmigkeit, die dem heiligen Wohl-
gefallen entspringt. 78
1. Wer an Gott Wohlgefallen gefunden, will Gott Wohlgefallen be-
reiten; es gestaltet uns zu dem um, was wir lieben. – 2. So wird man
durch das Gefallen an Gott ihm gleichförmig. Liebe findet Ähnlichkeit
vor oder schafft sie. – 3. Mit der Freude an dem, was man liebt, zieht
Inhaltsübersicht VIII. Buch 9

das Herz dessen Eigenschaften an sich und zwar solche, die einem ge-
fallen, aber auch solche, die mißfallen. – 4. Deshalb bildet uns das
heilige Wohlgefallen in Gott um; je größer es ist, desto größer ist die
Umwandlung. – 5. Liebe braucht nicht die Strenge des Gesetzes. Liebe
ist eine Obrigkeit, die ihre Macht ohne Lärm, ohne Aufseher und Po-
lizisten ausübt. – 6. Liebe ist der Inbegriff der gesamten Theologie.
Wer an Gott Gefallen findet, will in aller Treue Gott gefallen und
sich ihm gleichformen, um ihm zu gefallen.
2. Kapitel: Gleichförmigkeit in der Unterwerfung, die aus der Liebe
des Wohlwollens hervorgeht. 80
1. Die Liebe des Wohlwollens verleiht diese heilige Gleichförmigkeit
noch auf einem anderen Weg; sie wirft unsere Herzen in Gott hinein
und damit auch alle Handlungen und Empfindungen. – 2. Weil wir
an Gottes Güte, Vollkommenheit, Herrschaft und heiligem Willen
Gefallen haben, wollen wir, daß Gott innig geliebt, angebetet und ihm
gehorcht werde. – 3. Liebe treibt uns dazu an, den Gehorsam frei und
gern zu leisten. – 4. Wie Mädchen sich dem Gatten, Edelleute dem
Fürsten, Ordensleute ihren Ober en frei unterwerfen, gehorchen wir
aus Liebe, Gottes vollkommener Güte willen.
3. Kapitel: Unsere Pflicht, dem göttlichen Willen, den man den ge-
offenbarten nennt, gleichförmig zu werden. 82
1. Wir betrachten den Willen Gottes in sich selbst und in seinen
Wirkungen und bezeichnen ihn, obwohl er ein und derselbe ist, mit
verschiedenen Namen nach der Verschiedenheit der Mittel, durch die wir
ihn erkennen. – 2. Gott hat uns zu erkennen gegeben, was wir glauben,
fürchten, tun sollen; das ist der „ausgesprochene“, der geoffenbarte
Wille Gottes. – 3. Er ist kein absoluter Wille, dem wir nicht widerste-
hen könnten, sondern ein Verlangen, das wir erfüllen sollen, aber nicht
gezwungen werden, zu erfüllen. – 4. Gott treibt uns dazu an, läßt aber
zu, daß wir Widerstand leisten, zwingt uns nicht. – 5. Die Gleichför-
migkeit unseres Herzens mit dem geoffenbarten Willen Gottes besteht
darin, daß wir das wollen, was Gott als seine Absicht offenbart. –
6 . Darauf zielen die feierlichen Versicherungen bei den kirchlichen
Zeremonien hin (Aufstehen beim Evangelium usw.).
4. Kapitel: Die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem Willen
Gottes, uns zu retten. 85
1. Gott hat uns vielfach seinen Willen, uns zu retten offenbart; – 2. er
will uns aber unserer Natur gemäß retten, d. h. indem er uns die Freiheit
läßt. – 3. Es ist die Wonne der höchsten Güte, sich zu ergießen, und
unser Heil ist Gottes Wohlgefallen. Diesen liebevollen Willen Gottes
müssen wir immer wieder betrachten und anbeten. – 4. Wir müssen
unser Heil wollen, wie Gott es will, d. h. danach verlangen, die Mittel
dazu aber müssen wir entschlossen ergreifen, – 5. auch jene, die uns
im einzelnen erschrecken.
10 Inhaltsübersicht VIII. Buch

5. Kapitel: Die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem in den


Geboten ausgesprochenen Willen Gottes. 87
1. Gott verlangt sehr danach, daß wir seine Gebote halten; wir werden
durch die Liebe des Wohlgefallens und des Wohlwollens dazu angetrie-
ben, die Gebote zu lieben und zu halten. – 2. Dazu müssen wir be-
trachten, wie schön sie sind und wer sie uns gegeben. – 3. Sie nicht aus
Furcht beobachten, sondern aus Liebe. – 4. Der vertierte Mensch ver-
liert bei Schwierigkeiten den Mut, wer aber liebt, liebt auch das
Leiden, das ihre Beobachtung zuweilen bereitet. – 5. Die Notwendigkeit
zu gehorchen wird zur Liebeskraft und Schwierigkeit zur Lust.
6. Kapitel: Die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem in seinen
Räten ausgesprochenen Willen Gottes. 90
1. Der Rat stellt uns einen Willen in Form eines Wunders vor Au-
gen. – 2. Daher führt die Liebe des Wohlgefallens und des Wohlwollens
zur Befolgung der Räte, – 3. aber so, wie sie Gott befolgt haben will,
nicht von jedem alle, sondern von jedem die, die zu ihm den Um-
ständen nach passen. – 4. Die Befolgung bestimmter Räte könnte sogar
zuweilen schädlich sein. – 5. Die Liebe kann befehlen, daß Mönche aus
dem Kloster gezogen werden, um Pfarrer zu werden, ja, um zu heiraten.
– 6. Von der Liebe muß man sich befehlen lassen, wie die Räte aus-
zuführen sind.
7. Kapitel: Die Liebe zu dem in den Geboten ausgedrückten Willen
führt uns dazu, die Räte zu lieben. 93
1. Wie liebenswert ist Gottes Wille! – 2. Die Seele, daß Gott liebt, wird
so sehr in den göttlichen Willen umgewandelt, daß sie „Wille Gottes“
genannt werden kann. – 3. So war es bei den ersten Christen: ein
Herz und eine Seele, weil ein Wille Gottes sie beherrschte. – 4. Der
böse Feind sagt: Ich will nicht dienen, – 5. während der Erlöser vom
ersten Augenblick seines irdischen Lebens den göttlichen Willen mit
Liebe umfangen hat. – 6. Wir begnügen uns nicht damit, die Gebote
zu erfüllen, sondern wollen auch den Räten gehorchen, um die Gebote
besser zu erfüllen (Beispiel: die Krieger Davids). – 7. Jesus erklärte
bei einigen Dingen seinen Willen in Form von Geboten, bei anderen als
Wünsche, worauf viele Christen ihren Lauf begannen, der sie zur
Herrlichkeit führte.
8. Kapitel: Verachtung der evangelischen Räte ist eine große Sünde. 96
1. Der Herr mahnt uns, nach Vollkommenheit zu streben. – 2. Bei
den geistlichen Gütern darf man sich nicht mit dem begnügen, was
genügt. – 3. Der Mensch kann nie im gleichen Zustand bleiben. – 4. Es
ist also Sünde, das Streben nach Vollkommenheit und die Einladung
dazu zu verachten und besonders die Räte, die uns der Herr gibt, um
dorthin zu gelangen. – 5. Man kann, ohne zu sündigen, Räte Gottes
nicht befolgen, aber man kann, ohne zu sündigen, nicht bekennen, daß
man sie nicht befolgen will. – 6. Bei Menschen ist es möglich, Ratschlä-
ge zurückzuweisen, weil sie irren können. Gottes Rat verwerfen aber
kann ohne Geringschätzung Gottes nicht geschehen.
Inhaltsübersicht VIII. Buch 11

9. Kapitel: Jeder muß alle evangelischen Räte lieben, wenn auch


nicht üben. Jeder muß aber trotzdem befolgen, was er kann. 99
1. Wenn auch nicht jeder Christ verpflichtet ist, alle Räte zu befolgen,
so muß er sie doch alle lieben. – 2. Wir bezeugen diese Liebe, wenn wir
jene beobachten, die für unsere Verhältnisse passen, – 3. und die an-
deren, soweit sie es können, ohne die Liebe zu verletzen. – 4. In den
einzelnen Räten gibt es verschiedene Stufen der Vollkommenheit (Al-
mosen, Gastfreundschaft, Krankendienst). – 5. Heroische Tugendakte
sind nicht geboten, sondern sind nur geraten; dazu verpflichtet sind
wir nur bei seltenen Vorkommnissen (freiwillige Märtyrer). – 6. Chris-
tus, das große Vorbild heroischen Tugendlebens.
10. Kapitel: Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes, der sich uns
in den Eingebungen offenbart. 103
1. Die Eingebung ist ein himmlischer Strahl, der ein warmes Licht
im Herzen leuchten läßt, durch das wir das Gute sehen und zu eif-
rigem Streben danach erwärmt werden. Ohne Eingebungen würde die
Seele warm und lau. Gottes Atem erwärmt und erleuchtet uns. – 2.
Zahllos sind die Weisen Gottes, uns Eingebungen zu spenden (Predigt,
Bilder, Chorgebet). – 3. Selig, wessen Herz für Gottes Eingebungen
aufgeschlossen ist. – 4. Selig die Seelen, die bereit sind, den heiligen
Eingebungen zu folgen, die der Vater bereitet hat, Bräute seines vielge-
liebten Sohnes zu sein.
11. Kapitel: Die Vereinigung unseres Willens mit dem Willen Got-
tes in den Eingebungen, die uns zu außergewöhnlichen Tugend-
übungen verliehen werden. – Die Beharrlichkeit im Beruf: das
erste Kennzeichen der Eingebung. 106
1. Es gibt Eingebungen, die nur auf eine außergewöhnliche Vollkom-
menheit gewöhnlicher Übungen des christlichen Lebens hinzielen.
(Beispiele: Franziskus, Katharina von Siena usw.). – 2. Nicht mehrere
Übungen gleichzeitig betreiben wollen. Der böse Feind will, daß wir
viel beginnen, aber nichts zu Ende führen. – 3. Bei Berufsfragen sich
nicht endlos beraten. – 4. Der böse Feind schlägt oft angeblich Besse-
res vor, damit wir das Gute nicht durchführen. Vollkommenheit be-
steht nicht im Anfangen, sondern im Vollenden. – 5. Entschlüsse nicht
ändern, sondern vorwärts gehen (Beispiele: Franz Bassus und der hl.
Philipp). – 6. Taktik des Rebhuhns und Taktik Satans: Ablenkung
zu anderen Wegen, die anscheinend vollkommener sind.
12. Kapitel: Die Vereinigung des menschlichen Willens mit dem
Willen Gottes in den Eingebungen, die den gewöhnlichen Ge-
setzen entgegen sind. Friede und Sanftmut des Herzens: das
zweite Kennzeichen der Einsprechung. 110
1. Es gibt auch Eingebungen, die den gewöhnlichen Regeln und Ge-
bräuchen der Kirche entgegen sind (Beispiele: Eusebia, der junge Mann,
der sich den Fuß abhackte, die Einsiedler usw.) – 2. Kennzeichen: Friede
und Ruhe des Herzens. – 3. Der böse Geist ist im Gegenteil unge-
stüm, hart und unruhig.
12 Inhaltsübersicht VIII. /IX. Buch

13. Kapitel: Das dritte Kennzeichen der Eingebung: der heilige Ge-
horsam gegen die Kirche und die Vorgesetzten. 112
1. Mit dem Frieden und der Sanftmut des Herzens ist die heilige Demut
untrennbar verbunden, freilich echte Demut. – 2. Beispiel: Simeon der
Säulensteher. – 3. Kein besseres Kennzeichen echter Eingebung, als ein-
facher, sanfter Gehorsam. Wenn Gott Eingebungen in das Herz wirft, so
ist die erste die des Gehorsams (Beispiel: hl. Paulus und Hananias). Da-
her sind außergewöhnliche Sendungen teuflische Illusionen, wenn sie von
der Kirche nicht anerkannt sind. – 4. Die drei sichersten Kennzeichen
echter Eingebungen: Ausdauer, Ruhe des Herzens, demütiger Gehorsam.
Wie Pflanzen sich der Sonne zuwenden, so die Auserwählten dem göttli-
chen Willen, den sie ohne Vorbehalt befolgen wollen.
14. Kapitel: Kurze Methode, den Willen Gottes zu erkennen. 116
1. Wo der Wille Gottes kundgetan ist, da gibt es nichts zu überlegen.
Für alles übrige Freiheit. – 2. Lästige Versuchung, ob das oder jenes
Wille Gottes ist. – 3. Wie man nicht das Kleingeld abwiegt, so auch
keine langen Überlegungen, außer bei wichtigen Dingen, wie – 4. Be-
rufswahl, Planung einer ernsten Angelegenheit usw., aber nicht bei
kleinen Alltagshandlungen. Bei solchen Sachen in aller Freiheit tun,
was uns gut dünkt. – 5. Aber auch bei folgenschweren Dingen nicht
langes Herumgrübeln, sondern beten, überlegen, Rat vom Seelenführer
und von zwei oder drei klugen Personen einholen und sich dann ent-
scheiden. Bei Schwierigkeiten nicht grübeln, ob der Entschluß gut war,
sondern ruhig dabei bleiben. Anders handeln wäre Zeichen großer Eigen-
liebe oder eines schwachen Geistes.
IX. Buch: Die Liebe der Unter wer
Unterwer fung, durch die unser W
werfung, ille
Wille
sich mit dem W ohlgefallen Gottes vereinigt.
Wohlgefallen
1. Kapitel: Die Vereinigung unseres Willens mit dem göttlichen
Willen, den man den Willen des Wohlgefallens nennt. 120
Nichts, die Sünde ausgenommen, geschieht ohne den Willen Gottes,
den man den Willen des Wohlgefallens nennt. – 1. Betrachtet man
alles, was durch ihn geschieht, wird man von Staunen hingerissen, vom
Staunen zu heiligem Wohlgefallen übergehen und sich freuen, daß
Gott so weise, allmächtig und gütig ist. – 2. Wir freuen uns, Gottes
Barmherzigkeit in so vielen Gunsterweisen und seine Gerechtigkeit
in der Vielfalt von Strafen zu sehen, – 3. diese aber immer gemildert
durch die Auswirkungen seiner Barmherzigkeit, – 4. sogar die Peinen
der Verdammten, die viel geringer sind als die Verbrechen, für die sie
verhängt werden. – 5. Daher müssen auch wir bei allen Gütern, wie bei
allen Leiden, die Gott schickt, sagen: „Dein Wille geschehe, wie im
Himmel so auf Erden.“
2. Kapitel: Die Vereinigung unseres Willens mit dem Wohlgefallen
Gottes geschieht vor allem im Leiden. 122
1. Betrachtet man die Leiden an sich, so kann man sie nicht lieben;
schaut man sie aber in ihrem Ursprung, im göttlichen Willen, so sind
Inhaltsübersicht IX. Buch 13

sie unendlich liebenswert (Beispiel: Stab Mose, goldfarbener Fluß,


Abraham, Märtyrer). – 2. Das christliche Leben hat drei Grundsätze:
Selbstverleugnung, Kreuztragen, Nachfolge des Herrn. Die Liebe be-
weist man besonders im Leiden. – 3. Man liebt den Willen Gottes in
seinen Tröstungen, seinen Geboten, in Leiden; – und das ist der Höhe-
punkt der Liebe. – 4. Das war die große Prüfung Ijobs; – 6. Übel
entgegenzunehmen vermag nur die vollkommene Liebe, die aber dann
in Sicherheit wandelt, da das Leid an sich nicht liebenswürdig ist.
3. Kapitel: Die Vereinigung unseres Willens mit dem göttlichen
Wohlgefallen durch Ergebung in seelischen Leiden 125
1. Freiwillige Leiden auf sich nehmen ist Gott wohlgefällig, noch wohl-
gefälliger ist ihm, wenn wir Leiden geduldig entgegennehmen, noch mehr,
wenn sie uns willkommen sind. – 2. Das Erhabenste aber ist die Einwil-
ligung in Leiden des geistlichen Lebens. – Die Seele ist zuweilen derart
von inneren Peinen bedrängt, daß alle ihre Kräfte davon niedergedrückt
sind und sie von allem beraubt sind, was ihr Erleichterung geben könnte.
– 3. Nur in der Spitze des Geistes sagt sie „Dein Wille geschehe“, ist
sich aber dessen fast nicht bewußt, sie fühlt nichts dabei, bleibt aber
wie auf einem Festungsturm mutig, wenn auch alles andere in Traurig-
keit gehüllt ist. – 4. Diese Vereinigung mit dem göttlichen Wohlgefal-
len kann durch Ergebung und Gleichmut geschehen. In der Erge-
bung unterwirft man sich.
4. Kapitel: Die Vereinigung unseres Willens mit dem Wohlgefallen
Gottes durch den Gleichmut. 128
1. Der Gleichmut steht über der Ergebung, denn er liebt nichts, außer
aus Liebe zum Willen Gottes. – 2. So war nicht die Liebe Jakobs zu den
Töchtern Labans. – 3. Das gleichmütige Herz liebt das Widerwärtige
wie die Tröstung, weil beide Töchter des Wohlgefallens Gottes sind, ja
die Widerwärtigkeit noch mehr, weil in ihr nichts Liebenswertes ist als
der göttliche Wille. – 4. Heroisch der Gleichmut des hl. Paulus und
des hl. Martin, beide bereit zu sterben oder weiterzuleben, wie Gott
wollte. – 5. Das gleichmütige Herz ist in allem nur dem Willen Gottes
zugewandt, liebt nicht die Dinge, die Gott will, sondern den Willen
Gottes, der sie will und das, was er mehr will (Jungfräulichkeit – Dienst
an den Armen).
5. Kapitel: Der heilige Gleichmut erstreckt sich auf alle Dinge. 130
1. Der Gleichmut muß in allen Dingen des natürlichen, bürgerlichen
und geistlichen Lebens geübt werden. – 2. Beispiele Ijob, – 3. die Apo-
stel nach Paulus, – 4. vor allem der göttliche Heiland, der sowohl
i n s e i n e m gesellschaftlichen Leben, wie auch in seinem natürlichen
und geistlichen Leben schwerste Qualen erlitt, – 5. in so vielen Peinen
wie b e g r a b e n w a r , a u ß e r i n d e r S p i t z e d e s G e i s t e s , d i e h e l l u n d
leuch tend war vor Herrlichkeit und Seligkeit. Selig die Liebe, die
in der höchsten Spitze des Geistes der Gläubigen herrscht, während sie
in den Wogen und Fluten der inneren Drangsale sind!
14 Inhaltsübersicht IX. Buch

6. Kapitel: Die Übung des liebevollen Gleichmutes in allem, was


den Dienst Gottes betrifft 133
1. Solange das göttliche Wohlgefallen unbekannt ist, müssen wir den
geoffenbarten Willen Gottes erfüllen (z. B. bei Krankheiten), uns
aber liebevoll fügen, sobald Gottes Wohlgefallen offenbar wird. – 2. Ist
mir Gottes Wohlgefallen vor dem Eintritt des Ereignisses kundgetan
(z. B. das Ende Jerusalems dem Jeremia), so muß ich mich im glei-
chen Augenblick mit dem Willen Gottes vereinigen. Beispiel Abra-
ham. – 3. Wenn Gott uns erhabene Pläne einflößt, aber nicht gelingen
läßt, müssen wir mutig anfangen, aber ruhig in den Ausgang des Er-
e i g n i s s e s einwilligen ( h l . L u d w i g , F r a n z i s k u s , I g n a t i u s , A v i l a ) . –
4. Glücklich solche Seelen (Gegenbeispiel Jona). – 5. Ist es aber dann
nicht besser, sich nicht mit Eifer einzusetzen, sondern alles gehen zu
lassen? Nein. W i r m ü s s e n a l l e s t u n , d a ß d a s U n t e r n e h m e n g e l i n g t ,
a b e r i n d a s M i ß l i n gen friedlich einwilligen (Apostel und Bekehrung
der Juden). – 6. Wenn aber das Unternehmen durch menschliche Schuld
scheitert? Dann ist es Gottes Wille, daß das Mißlingen Strafe für
deinen Fehler sei.
7. Kapitel: Gleichmut in dem, was unseren Fortschritt in den Tu-
genden betrifft. 137
1. Wir müssen alles tun, um die heiligen Tugenden zu erwerben, –
2. dürfen uns aber über mangelhaften Fortschritt nicht beunruhigen,
sondern sollen die Sorge um den Erfolg dem Herrn überlassen. –
3. Seine Fehler soll man ernst und ruhig bereuen, sich aber nicht der
Traurigkeit hingeben, – 4. sondern wie die Seelen im Fegfeuer die Sün-
den verabscheuen, die Demütigung aber annehmen. Solange wir auf Erden
sind, müssen wir mit Eifer dafür sorgen, daß wir größere Fortschritte
erzielen. – 5. Die ersten Regungen der Leidenschaften werden trotz
aller Vorsätze bleiben, – 6. sie sind nicht Sünde, dürfen uns also
n i c h t i n Unruhe versetzen; diese ist Frucht der Eigenliebe. – 7. Die
Revolten des sinnlichen Begehrungsvermögens werden uns gelassen,
damit wir im Widerstand Tapferkeit üben. Es ist uns nicht verboten,
sie zu fühlen, sondern nur in sie einzuwilligen, – 8. so wie der Arzt
dem Fiebernden nicht verbietet, den Durst zu fühlen, sondern nur
zu trinken. – 9. Wir dürfen uns sogar unserer Schwachheiten rühmen. –
10. Die Kirche verurteilt die Ansicht, man könne von Leidenschaften ganz
frei sein.
8. Kapitel: Vereinigung unseres Willens mit dem Willen Gottes
bei der Zulassung der Sünden 141
1 . We i l G o t t d i e S ü n d e h a ß t , s i e a b e r z u l ä ß t , m ü s s e n w i r d i e s e
Zulas sung preisen, die Sünde aber verabscheuen und alles tun, sie zu
verhindern, – 2. ist sie aber begangen, alles tun, sie zu tilgen, bei
uns und bei anderen. – 3. Ist der Sünder hartnäckig, darf man nicht
den Mut verlieren, ihn nicht aufgeben, sondern ihm helfen, soweit
es möglich ist, – 4. zu guter letzt aber, wenn er sich nicht helfen
l äßt, uns anderen zuwenden (Beispiel: Die Apostel und die Juden) –
5. und die richtende Gerechtigkeit Gottes ebenso anbeten wie seine gütige
Barmherzigkeit.
Inhaltsübersicht IX. Buch 15

9. Kapitel: Die Übung reinen Gleichmutes in Werken der heiligen


Liebe. 143
1. Der taube Sänger und der Fürst. – 2. Das Herz ist Sänger des Hohe-
liedes der Liebe; für gewöhnlich hört der Sänger die Melodie des Liedes
und es gewährt ihm Freude, sie zu vernehmen. – 3. Wie die Nachtigallen
singen um der Freude willen, die sie daran finden, so geschieht es
unmerklich, daß man Gott liebt, nicht um ihm zu gefallen, sondern
um der Freude willen, die man in der Liebe empfindet, – 4. also nicht
weil die Liebe auf Gott hinzielt, sondern weil sie von uns ausgeht; wir
suchen nicht Gott damit, sondern uns selbst.
10. Kapitel: Mittel, diese Veränderung in der heiligen Liebe zu er-
kennen. 145
1. Singt die Seele, um Gott zu befriedigen, so singt sie das Lied, das
Gott am meisten gefällt, singt sie aber, weil sie Freude daran hat,
dann singt sie das Lied, das ihr am meisten zusagt. – 2. Beispiele:
E i n Bischof bei seiner Herde oder in Paris, Ordensleute, Eheleute,
Krankheit. – 3. Es ist schwer, Gott zu lieben, ohne zugleich die Freude
zu lieben, die man an seiner Liebe findet; – 4. man muß aber trachten,
in Gott nur die Liebe zu seiner Schönheit zu suchen und nicht die
Freude, die in der Liebe zu seiner Schönheit liegt. Also keine Rückblicke
auf sich beim Gebet, sondern den Sinn nur auf Gott richten. – 5. Amnon
liebte nicht Tamar, sondern die Lust, die einmal erreicht, ihn Tamar
brutal behandeln ließ. – 6. Wer im Gebet andächtig ist, aber alles auf-
gibt, sobald die Trockenheit einsetzt, zeigt, daß er nicht Gott suchte,
sondern seinen Trost, was sehr gefährlich ist.
11. Kapitel: Ratlosigkeit des Herzens, das liebt, ohne zu wissen,
daß der Geliebte Gefallen an ihm hat. 148
1. Glückselig das Herz, das Gott liebt ohne eine andere Freude zu
haben, als Gott zu gefallen. – 2. Diese ist aber nicht die Gottesliebe,
sondern nur eine ihrer Früchte und kann daher von ihr getrennt wer-
den. – 3. Wie leidet die Seele, wenn sie nicht mehr wahrnimmt, daß
Gott an ihrer Liebe Gefallen hat! Aber sie hört doch nicht auf, zu
lieben (Beispiel: Kind und Mutter). – 4. So empfinden wir zuweilen bei
den Übungen der heiligen Liebe keine Freuden, sondern sogar Ängste,
Versuchungen. – 5. Der Geist, auch die höchste Spitze der Vernunft,
bringt keine Erleichterung, weil er selbst von Versuchungen belagert
ist, geängstigt, aufgeregt, auch ohne Hoffnung auf ein Ende der Prü-
fung. Der Glaube versichert uns dies zwar, aber im Getöse des bösen
Feindes hören wir es kaum. – 6. Da ist es recht an der Zeit, dem Hei-
land Treue zu erweisen dadurch, daß wir ihm rein nur aus Liebe zu
seinem Willen dienen, nicht nur ohne Freude, sondern in einer Flut von
Traurigkeit und Versuchungen.
12. Kapitel: Wie die Seele inmitten der inneren Leiden in Unkennt-
nis ihrer Gottesliebe ist. – Das ganz liebenswerte Sterben des
Willens. 150
1. Als der Engel den Petrus befreite, schien es diesem, als sei dies nicht
Wirklichkeit. – 2. So hat oft auch die Seele nicht die Kraft, zu unter-
16 Inhaltsübersicht IX. Buch

scheiden, ob sie wirklich glaubt, hofft und liebt, so sehr nimmt sie
die Trostlosigkeit in Beschlag. – 3. Unser Geist ist immer in einem
ähnlichen Zustand, wenn er von einer heftigen Leidenschaft ergriffen
ist. – 4. Durch solche Qualen wird aber die Liebe ganz rein. – 5. Die
Seele scheint ganz verlassen, findet die Liebe nicht in den Sinnen, nicht
in der Einbildungskraft, nicht in der Vernunft, nicht im höchsten
Bereich des Geistes, weil die Finsternis sie daran hindert, die Liebe
zu erkennen, – 6. sie hat aber dann nur mehr die Kraft, ihren Willen in den
Armen des göttlichen Willens sterben zu lassen nach dem Vorbild des
göttlichen Heilands. Wenn wir uns unter den Qualen geistlicher Leiden
winden, empfehlen wir unseren Geist in die Hände des ewigen Sohnes
und übergeben wir ihm unseren ganzen Willen.
13. Kapitel: Ist der Wille sich selbst abgestorben, dann lebt er nur
mehr im Willen Gottes. 153
1. Unser Wille kann nie sterben, aber manchmal überschreitet er die
Schranken seines gewöhnlichen Lebens, um ganz im göttlichen Willen
zu leben. – 2. Er stirbt dann nicht völlig, aber er ist so versunken im
Willen Gottes, daß er kein vom Wollen Gottes getrenntes Wollen mehr
hat. – 3. Beispiel: die Gemahlin des hl. Ludwig beim Kreuzzug; der
Diener im Gefolge des Herrn. – 4. So soll auch ein dem Willen Gottes
ergebener Willen nichts wollen als dem Willen Gottes zu folgen, sich von
ihm tragen zu lassen, ihm zur Verfügung zu stehen. – 5. Der Wille
ist dann im Willen Gottes untergegangen, in den Willen Gottes um-
gewandelt, sicher die höchste Vollkommenheit unseres Willens.
14. Kapitel: Erläuterung über das Sterben unseres Willens. 156
1. Maria trug Jesus, ließ ihn auch auf eigenen Füßchen gehen. – 2. Wir
können auch auf zweierlei Weise mit Gott gehen, wir können mit den
Schritten des eigenen Wollens gehen, das wir dem seinen anpassen, das
geschieht dem geoffenbarten Willen Gottes gegenüber. – 3. Wir können
auch mit dem Herrn gehen, ohne ein eigenes Wollen zu haben; so sollen
wir uns dem Willen des göttlichen Wohlgefallens gegenüber verhalten;
wir können wollen, daß die Ereignisse dem göttlichen Wohlgefallen ge-
mäß geschehen, oder durch eine einfache Stille unseres Willens alles
entgegennehmen. – 4. Beispiel: das Jesuskind in den Armen Mariens. – 5.
So sollen auch wir für das göttliche Wohlgefallen ganz geschmeidig und
lenksam sein, Gott für uns wollen und tun lassen, – 6. aber unsere Sorge
darauf zu verwenden, Gott für alles, was er tut, zu preisen.
15. Kapitel: Die erhabenste Übung bei inneren und äußeren Leiden
dieses Lebens, die dem Gleichmut und dem Absterben unseres
Willens entspringt. 159
1. Gott für alles zu preisen, ist eine heilige Haltung, aber noch erhabener
wäre sie, Gottes Willen nicht in seinen Wirkungen, sondern in seiner
eigenen Vollkommenheit zu preisen. – 2. Beispiel: Protogenes, ferner
die kranke Tochter des Arztes, die sich ihm ganz überläßt, nur darauf
bedacht, ihn zu lieben. – 3. Blicke auch du auf Gott, laß ihn machen
und erwarte in Ruhe die Wirkungen des göttlichen Wohlgefallens. –
Inhaltsübersicht IX. /X. Buch 17

4. Es ist nicht leicht, diesen Gleichmut zu schildern, am ehesten


kann man sagen, daß der Wille dann in einer einfachen und allgemeinen
Erwartung ist, in einem einfachen Bereitsein. – 5. So war der Wille
des Erlösers (nach Jesaja 50). Sein Wille war in Erwartung und bereit
für alles, was der Wille Gottes verfügen würde.
16. Kapitel: Die vollkommene Entäußerung der mit dem Willen
Gottes geeinten Seele. 162
1. Die Schergen rissen Jesus alle Kleider vom Leibe, zerrissen die Haut
mit Geißeln, trennten Seele und Körper. Nach drei Tagen glorreiche
Auferstehung. – 2. Die Seele wird wohl entblößt von sich selbst und
aller Anhänglichkeit auch an Geistliches, aber damit sie nichts an-
deres liebe als das göttliche Wohlgefallen und sich wie Judit nur
so weit bekleide, als es dem göttlichen Wohlgefallen entspricht – 3.
Denn die Seele kann nicht lange in dieser Blöße bleiben, sie muß sich
mit den Gewändern des neuen Menschen bekleiden, das ist mit Jesus
Christus, aber nicht zur eigenen Ehre, zum eigenen Nutzen, sondern
weil es Gott angenehm ist und seiner Verherrlichung dient, – 4. weil
der himmlische Bräutigam es will und weil er diese Ordnung in die
Liebe gelegt hat. Gelöst von den alten Anhänglichkeiten, müssen wir
uns mit einer neuen Liebe bekleiden, nicht weil sie uns vervollkomm-
net, sondern weil der Name des Herrn dadurch geheiligt wird. – 5. So
Petrus im Gefängnis, Paulus bei der Erscheinung des Herrn. – 6. Wer
alles für Gott verlassen hat, darf nichts zurücknehmen, außer wie
Gott es w i l l . – 7 . D i e L i e b e i s t s t a r k w i e d e r To d , g i b t u n s d i e
K r a f t , a l l e s z u verlassen, ist strahlend wie die Auferstehung und
schmückt uns mit Herrlichkeit und Ehre.
X . Buch: Das Gebot, Gott über alles zu lieben.
1. Kapitel: Schönheit des göttlichen Gebotes, Ihn über alles zu lie-
ben. 168
1. Die göttliche Liebe ist Ziel, Vollendung und Krönung des Weltalls.
Alles ist dieser himmlischen Liebe wegen gemacht. – 2. Gott erlaubt
uns nicht nur, ihn zu lieben, sondern er befiehlt es uns, damit nichts
uns davon abhalte. – 3. Das wird die furchtbare Qual der Verdamm-
ten sein, Gott nicht lieben zu können. – 4. Welches Leid wäre es für
hochherzige Seelen, wenn Gott den Menschen verboten hätte, ihn zu
lieben. Aber so befiehlt uns Gott, ihn zu lieben, obwohl die Liebe zu
Gott notwendig für unser Glück ist.
2. Kapitel: Das göttliche Liebesgebot zielt auf den Himmel, ist aber
doch den Gläubigen dieser Welt gegeben. 170
1. Die Seligen im Himmel stehen nicht unter dem Gebot der Liebe,
sondern die Gottesliebe quillt aus dem beseligenden Besitz des Vielge-
liebten als eine ganz milde, aber bezwingende Notwendigkeit, Gott zu
lieben. – 2. Hier werden wir durch das Gebot der Liebe auf die Beseli-
gung hingeordnet, darum müssen wir es sehr genau nehmen. – 3. Im
Himmel werden wir frei von allen Hemmnissen Gott ewig und voll-
k o m m e n lieben. – 4. Hier können wir Gott nur aus allen Kräften
18 Inhaltsübersicht X. Buch

lieben. Hier lieben wir noch kindlich, dürfen aber nichts von dem un-
terlassen, was uns geboten ist.
3. Kapitel: Wenn auch das ganze Herz von der heiligen Liebe in
Anspruch genommen ist, kann man doch Gott auf verschie-
denerlei Weise und auch noch andere Dinge mit Gott lieben. 172
1. Jedermann kann Gott, seinen Vater, sein Vaterland usw. ganz lieben.
Keine Liebe trennt uns von Gott, außer eine ihm entgegengesetzte
Liebe. – 2. Im Himmel wird sich uns Gott ganz schenken, aber doch in
verschiedenerlei Weise, und wir werden uns ihm schenken, in dem Maße,
als er sich uns schenkt. – 3. In der Treue zum Herrscher schließe ich die
Treue zum untergeordneten Vorgesetzten nicht aus und umgekehrt.
Wenn es im Himmel so große Unterschiede in der Liebe gibt, so
wun dern wir uns nicht, daß es solche auch im sterblichen Leben gibt, –
4. ja ein und derselbe Mensch überbietet sich oft in der Liebe.
– 5. In der Heiligen Schrift heißt es von verschiedenen Königen,
daß keiner seinesgleichen in der Liebe zu Gott hatte. Sie liebten Gott
aus ganzem Herzen, aber jeder auf seine Weise. – 6. So ist es auch bei
allen, die Gott wahrhaftig lieben. – 7. Der Wert der Liebe hängt von
der Erhabenheit der Beweggründe ab.
4. Kapitel: Zwei mögliche Stufen der Vollkommenheit in der Er-
füllung dieses Gebotes hier auf Erden. 175
1. So wie Salomo eine Anzahl Frauen hatte, die sich ihm in verschiedener
Eigenschaft hingaben, so geben sich auch Jesus Seelen in verschiedener
Vollkommenheit hin. – 2. Die Neulinge lieben wohl Gott, daneben aber
auch viele eitle und gefährliche Dinge. – 3. Ihre Liebe ist echt, aber
zart und schwach. – 4. Andere haben gefährlichen Anhänglichkeiten
entsagt, aber ihre Liebe zu Dingen, die Gott geliebt wissen will, ist
übertrieben, zu leidenschaftlich (Eva, unser Beruf, sogar Tugendübun-
gen). – 5. Sie lieben Gott über alles, aber nicht in allem, sondern man-
ches ohne ihn und außerhalb seiner.
5. Kapitel: Zwei weitere Stufen höherer Vollkommenheit, auf
denen wir Gott über alles lieben können. 179
1. Es gibt auch Seelen, die nur lieben, was Gott will und so wie Gott
es will. Sie lieben Gott in allem und alles lieben sie in Gott, – 2. über
ihnen steht die Seele, einzig in ihrer Art, die nur Gott in allem liebt,
also nur eines liebt: Gott, – 3. daher ebenso auf dem Kalvarienberg,
wie auf dem Tabor, in allem auf gleiche Weise; sie liebt nicht das Para-
dies des Bräutigams, sondern den Bräutigam des Paradieses wie des
Kalvarienberges. – 4. Von diesen gibt es wenige, vor allem die aller-
seligste Jungfrau und einige Heilige. – 5. Sie sind selten; lieben nur den
Schöpfer in den Geschöpfen – 6. Im allgemeinen gehen die meisten
Seelen von einer Art der Liebe zur anderen über.
6. Kapitel: Alle Gottliebenden haben das gemeinsam, daß sie
Gott über alles lieben. 183
1. Es gibt verschiedene Grade der Liebe, aber nur ein Liebesgebot, das
alle verpflichtet, – 2. und zwar die Liebe Gottes über alles, es sollte die
herzlichste, innigste, allgemeinste, erhabenste und standhafteste Liebe
Inhaltsübersicht X. Buch 19

sein, eine Liebe höchster Wahl. – 3. Es gibt verschiedene Arten der


Liebe, eine väterliche, eine kindliche usw., die höchste Liebe aber gebührt
der höchsten Güte, – 4. diese Liebe muß man jeder anderen vorziehen,
seine ganze Seele und alle Kräfte muß man Gott weihen.
7. Kapitel: Erklärung des vorausgegangenen Kapitels. 185
1. Ein sicheres Kennzeichen echter Gottesliebe ist, wenn irgendeine gro-
ße Liebe zu den Geschöpfen sich der göttlichen Liebe widersetzt und
durch sie überwunden wird; – 2. wie St. Michael durch den Ruf „Wer ist
wie Gott?“ Luzifer und seine Gefolgschaft besiegt hat. – 3. Beispiele
sind Josef gegen Potifars Ansinnen, Abraham gegenüber Hagar. – 4. Die
Liebe zum Geschöpflichen kann sich häufiger durch Akte äußern als die
Gottesliebe, ob aber die Gottesliebe stärker ist, zeigt sich, wenn das
Geschöpf im Gegensatz zum Schöpfer steht. – 5. Bei geschaffenen Din-
gen muß man zwischen Größe und Wert unterscheiden, eine Mutter wird ihr
Kind mehr umsorgen als ihren Mann, den sie doch mehr liebt. – 6. So
wird auch das Herz bei echter Gottesliebe, mag diese es auch nicht so mit
Zärtlichkeiten erfüllen, den Willen Gottes allem anderen vorziehen und
sich durch nichts davon trennen lassen.
8. Kapitel: Eine denkwürdige Begebenheit, die gut erkennen läßt,
worin die Stärke und Erhabenheit der heiligen Liebe liegt. 188
1. Echte Gottesliebe muß jede Schwierigkeit überwinden, ohne ir-
gendwelche Ausnahme – 2. Beispiele: Sapricius, der zum Marter-
tod bereit w ar, aber seinem früheren Freund nicht verzeihen wollte
und dann ab fiel. – 3. Den Martertod annehmen wollen, aber andere
Gebote verwerfen, ist nicht Liebe, sondern Eitelkeit. – 4. Manche Men-
schen sterben lieber, als daß sie geringere Leiden ertragen.
9. Kapitel: Bestätigung des Gesagten durch einen denkwürdigen
Vergleich. 192
1. Die schändliche Wahl der Rahel. – 2. Wir treffen oft eine noch
schändlichere, wenn wir dem Gebot Gottes Genüsse vorziehen, die doch
nicht befriedigen. – 3. Beispiele: David, Petrus, Adam und Eva. – 4. Es
ist eine Häresie, eine Auswahl unter den Geboten Gottes zu treffen. Lassen
wir es in einem einzigen Gebot an Liebe fehlen, so haben wir keine
ganze Liebe zu Gott.
10. Kapitel: Wir müssen die göttliche Liebe über alles, mehr als uns
selbst lieben. 195
1. Nach Aristoteles zieht jeder das ihm eigene Gut vor, und doch geht
die Gottesliebe aller Liebe zu uns selbst voraus. Der Wille ist so sehr
auf das Gute hingeordnet, daß er sie lieben muß, wenn ihm die unend-
liche Liebe gezeigt wird; so sind die Seligen im Himmel genötigt, Gott
zu lieben, – 2. wir hier auf Erden aber nicht, weil wir Gott nicht so klar
erkennen, sondern nur ahnen; aber auch diese Ahnung bewirkt in
uns, Gott zu lieben. – 3. Wir sind ja mehr in Gott, als in uns
selbst. – 4. Ja, wir würden angespornt sein, ein über alles erhabenes
Gut zu lieben, auch wenn wir davon nicht abhängig wären. Gäbe es ein
solches, zu dem wir keine Verbindung hätten, so könnten wir uns
20 Inhaltsübersicht X. Buch

dennoch sehnen, es zu lieben, aber lieben könnten wir es nicht, weil


Liebe auf Vereinigung zielt. – 5. Wir aber können keine rechten Men-
schen sein ohne die Neigung, Gott mehr als uns selbst zu lieben.
11. Kapitel: Die heilige Gottesliebe als Ursprung der Nächstenliebe. 198
1. Weil die Menschen nach dem Bild Gottes erschaffen sind, muß aus
der Gottesliebe auch die Nächstenliebe hervorgehen, d. h. wir lieben
dann Gott im Menschen und den Menschen in Gott. – 2. Beispiel: Der
junge Tobias wurde von Raguel umarmt, weil er in ihm das Bild seines
Bruders sah. – 3. So müssen auch wir den Nächsten lieben, weil wir in
ihm das Bild Gottes sehen.
12. Kapitel: Die Liebe als Quelle des Eifers. 200
1. Ist die Liebe so glühend, daß sie das beseitigen will, was dem
Gegenstand der Liebe entgegengesetzt ist, so nennt man sie Eifer.
Der Eifer ist also so wie die Liebe, deren Glut er ist, gut oder schlecht,
wie die Liebe gut oder schlecht ist. – 2. Eifersucht und Neid sind auch
eine Art Eifer, sie sind einander ähnlich, – 3. unterscheiden sich aber
auch in verschiedener Weise.
13. Kapitel: Wie Gott mit uns eifert. 202
1. Gott ist ein eifernder Gott, er will, daß wir ihm ganz angehören;
– 2. seine Eifersucht ist aber nicht eine des Begehrens, sondern der
höchsten Freundschaft. Aus Liebe zu uns will er, daß wir ihn lieben. –
3. Wie ein Siegel will er auf unserem Herzen ruhen, damit nichts
eindringe, was sich mit seiner Liebe nicht verträgt, und auf unserem
Arm, daß er sich zu Werken der Liebe ausstrecke. – 4. Sie ist stark wie
der Tod und eifernd wie die Hölle. – 5. Beispiel: die hl. Katharina
von Genua. – 6. Heilige Furcht der Bräute, nicht Angst der Ehebreche-
rin ergreift jene, die brennende Lampen in Händen tragen; es ist eine
Eifersucht, die edler Freundschaft entspringt und sich auf den Nächs-
ten erstreckt und der Liebe zu diesem entspringt, – 7. muß aber weise
und klug in die Tat umgesetzt werden.
14. Kapitel: Eifer für unseren Herrn oder Eifersucht. 206
1. Das umgekehrte Gemälde des Pferdes. So kann auch der Eifer verkehrt
sein. – 2. Wie die Sonne alles bescheint, so erstreckt sich Gottes un-
endliche Güte auf alle, so daß man niemanden ihretwillen beneiden
kann. – 3. Der Eifer bekämpft alles, was Gott entgegengesetzt ist. –
4. Er macht uns brennend für die Reinheit der Seelen (Beispiele: Chris-
tus, Paulus, Eifersucht der Henne für ihre Küchlein, der Väter und
Mütter, Ijobs, der Apostel), – 5. und läßt uns fürchten, nicht ganz
von Gott in Besitz genommen zu sein.
15. Kapitel: Ratschläge für die Lenkung des heiligen Eifers. 209
1. Da der Eifer eine brennende heftige Liebe ist, bedarf er der weisen
Lenkung durch den Verstand, der falsch raten kann; Kühnheit kann
leicht in taktlosen Zorn ausarten. – 2. Der Zorn gleicht einem hitzigen
Pferd, das seinem Reiter durchgeht, – 3. er kann viel Übles anrichten.
Inhaltsübersicht X./XI. Buch 21

– 4. Beispiel: Demophilus, Carpus. – 5. Der wahre Eifer bedient sich


fast nie des Zornes.
16. Kapitel: Das Beispiel einiger Heiligen, die scheinbar in ihrem
Eifer sich vom Zorn hinreißen ließen, widerspricht nicht dem
Gesagten. 214
1. Sicher ist, daß große Diener Gottes sich des Zornes in Ausübung des
Eifers bedienten. Die Heiligen aber hatten ihren Zorn in der Hand. –
2. Jesus verwies es dagegen seinen Jüngern, als sie sich darauf beriefen. –
3. Diese Heiligen standen unter der Einsprechung Gottes. – 4. Man
darf sich also nicht auf sie berufen und den Eifer vorschützen, um
seine Leidenschaften zu tarnen. – 5. Man kann den Eifer betätigen
durch große Aktionen, Tugendwerke und L eiden. – 6. So zeigte sich
der Eifer des Herrn vor allem durch seinen Tod am Kreuz; auch sein
Apo stel Paulus wollte aus Eifer leiden. – 7. Stark wie der Tod ist die
Liebe, der Eifer noch stärker, gleich der Hölle. – 8. Der wahre Eifer ist
ein Kind der Liebe, daher geduldig, ruhig, nicht streitsüchtig usw., der
falsche Eifer ist anmaßend, stolz, usw.
17. Kapitel: Wie der Herr alle erhabensten Liebesakte geübt. 219
Die Liebe Christi drängt uns. – 1. Er liebt uns mit der Liebe des Wohl-
gefallens, – 2. des Wohlwollens, – 3. der Vereinigung mit uns, – 4. der
Erniedrigung, – 5. der Entrückung. – 6. Er bewunderte Menschen,
– 7. schaute den Jüngling liebevoll an, – 8. genoß die Ruhe der Liebe in
uns, – 9. war zärtlich mit den Kindern, – 10. von unvergleichlichem
Eifer beseelt, – 11. von Liebessehnsucht erfüllt, – 12. starb in der
Liebe, durch die Liebe, für die Liebe, aus Liebe. Sein Tod war ein
Ganzopfer, für unsere Erlösung dem Vater dargebracht.
XI. Buch: Die oberste Herrschaf
Herrschaftt der heiligen Liebe über alle TTugenden
ugenden
ugenden,,
Handlungen und V ollk
Vollk ommenheiten der Seele.
ollkommenheiten
1. Kapitel: Alle Tugenden sind Gott wohlgefällig. 224
1. Auch die Heiden üben verschiedene Tugenden, – 2. für die sie
Gott mit natürlichen Gütern belohnt, z. B. die ägyptischen Hebammen
und Nebukadnezzar. – 3. Die Vernunft leitet zum Guten an. – 4. Durch
die Sünde erkrankt zwar der Mensch, aber es ist doch nicht alles an
i h m k r a n k . – 5 . Wo h l k a n n e r f ü r s i c h a l l e i n n i c h t a l l e G e b o t e
halten und auch nicht die schweren Versuchungen überwinden. Nur
Gott kann helfen, daher „Wachet und betet“.
2. Kapitel: Die heilige Liebe macht die Tugenden Gott weit wohl-
gefälliger, als sie es ihrer Natur nach sind. 227
1. Die menschlichen Tugenden werden auch in einem schlechten Herzen
nicht von dessen Bosheit angesteckt, – 2. können aber keinen übernatür-
lichen Lohn erhalten, der nur denen zuteil wird, die mit dem Sohn
Gottes verbunden sind. – 3. Die Tugenden der Freunde Gottes werden
aber, auch wenn sie nur natürliche Tugenden sind, zur Würde heiliger
Werke erhoben. – 4. Wie gut ist Gott, daß er denen, die mit seinem
22 Inhaltsübersicht XI. Buch

göttlichen Sohn vereint sind, auch die kleinsten Werke adelt. – 5. Sein
sind auch die Tugenden der Heiden, aber fruchtbar werden sie nur,
wenn sie in einem mit heiliger Liebe ausgestatteten Herzen sind.
3. Kapitel: Die Gegenwart der göttlichen Liebe verleiht einigen Tu-
genden einen höheren Wert. 230
1. Manche Tugenden, die sich mehr auf Gott beziehen, sind fähiger,
den Einfluß der Liebe aufzunehmen und an deren Würde und Wert
teilzunehmen, – 2. ihr bei allen Gelegenheiten zu folgen und zu die-
nen, – 3. und von ihr geheiligt zu werden. – 4. Daher sind diese
Tugenden (Glaube, Hoffnung, Religion usw.) in besonderer Weise
zu pflegen.
4. Kapitel: Die heilige Liebe heiligt die Tugenden noch erheblicher,
wenn sie auf ihr Geheiß und ihren Befehl geübt werden. 232
1. Rahel hatte von Jakob Kinder von zweierlei Art, solche durch Bilha,
ihre Magd, und ihre eigenen Kinder, Josef und Benjamin. – 2. So sind
Kinder der Liebe auch Werke anderer Tugenden, die auf Geheiß der
Liebe hervorgebracht werden, – 3. aber auch die Kinder, die ganz ihre
Kinder sind, die effektive (Tat-)Liebe und die affektive (Herzensliebe). –
4. Beide Arten von Kindern gehören aber der Liebe an, sie ist der Feld-
herr, der entweder durch eigene Taten oder durch seine Anordnungen
zum Sieg führt. – 5. Dabei sind auch die einzelnen Tugenden zu loben, in
denen sich die Seligen besonders ausgezeichnet haben, die ganze Ehre ist
aber der heiligen Liebe zuzuschreiben, welche allen Tugenden die Heilig-
keit gibt und Seele und Leben aller Tugenden ist.
5. Kapitel: Die heilige Liebe verleiht ihre Würde den anderen Tu-
genden und erhöht zugleich deren eigene Würde. 235
1. Wie auf dem sagenhaften Baum von Tivoli die verschiedenen Reiser
aufgepfropft waren, so auf der Liebe alle Tugenden, deren jede in ihrer
Art bleibt, aber doch das Aroma der Heiligkeit von der Liebe hat, auf
die sie gepfropft ist. – 2. Bei gleicher Liebe behalten die Tugenden
ihren Rang, – 3. bei größerer Liebe werden die kleinsten Tugenden
und Tugendakte wertvoller als selbst das Martyrium bei Menschen,
deren Liebe schwach ist. – 4. So waren die kleinen Tugendakte großer
Heiliger Gott wohlgefälliger als große Taten anderer.
6. Kapitel: Welch hohen Wert die Liebe den aus ihr und aus den
anderen Tugenden hervorgehenden Handlungen verleiht. 238
1. Die augenblickliche „leichte Bedrängnis verschafft uns ein über-
schwengliches, ewiges Gewicht an Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17), – 2. weil
sie gefärbt ist mit dem Blut des Sohnes Gottes, mit dem wir verbunden
sind, wie Glieder mit dem Haupt. – 3. An sich schwach und unfruchtbar
(Beispiel: Stab Aarons, Melonen, armseliges Schilfrohr) werden unsere
Werke fruchtbar, weil die Liebe des Heiligen Geistes sie durchtränkt, –
4. und empfangen einen herrlichen Lohn kraft göttlichen Versprechens,
in Anbetracht seines Sohnes, unseres Erlösers, – 5. Lohn, in dem wohl
seine Güte wie seine Weisheit sich offenbart, Güte, weil er uns nichts
schuldet, Weisheit, weil es ja mehr Werke des Heiligen Geistes als
Inhaltsübersicht XI. Buch 23

unsere Werke sind, – 6. die ganz von seiner Barmherzigkeit abhängen,


wofür ihm alle Ehre und alles Lob gebührt.
7. Kapitel: Die vollkommenen Tugenden sind nie voneinander ge-
trennt. 241
1. Im menschlichen Leib beleben sich nach und nach alle Teile und alle
sind aufeinander eingestellt. – 2. Ähnlich auch im Tugendleben. Man
kann nicht alle Tugenden auf einmal erringen, sondern nur eine nach
der anderen, beginnend gewöhnlich bei der Liebe, die auch als letzte
aus der Seele weicht. – 3. Wenn man nur vereinzelte Tugenden besitzt,
s o w e r d e n d i e s e s c h w a c h u n d m a t t s e i n . Tu g e n d i s t , w a s m i t d e r
Vernunft übereinstimmt. Deswegen ist es auch nicht echte Tugend, wenn
eine angestrebt, die andere abgelehnt wird. Es sind dann andere Beweg-
gründe als die Vernunft entscheidend. – 4. Nur bei keimenden oder
sterbenden Tugenden ist Abwesenheit der anderen möglich. Klugheit,
Gerechtigkeit, Mäßigkeit etc. setzen immer auch die anderen Tugen-
den voraus. – 5. Wohl haben manche nicht die Gelegenheit zu be-
stimmten Tugenden, aber die Liebe zu allen muß da sein. – 6. Tugend ist
nicht eine glückliche Anlage, auch nicht Freiheit von entgegengesetz-
ten Lastern. – 7. Man kann keine vollkommene Tugend haben, ohne sie
alle zu besitzen. Bei den Lastern ist es aber so, daß es unmöglich ist,
sie alle zu haben, weil sie sich widersprechen.
8. Kapitel: Die Liebe begreift alle Tugenden in sich. 246
1. Der Strom der Vernunft teilt sich in vier Arme: Klugheit, Gerech-
tigkeit, Mäßigkeit, Starkmut. Diese vier Arme unterteilen sich noch,
damit alle menschlichen Handlungen richtig gelenkt werden. – 2. Auf
der höchsten Spitze des Geistes läßt Gott den übernatürlichen Quell
der Gnade entspringen, der in der Liebe besteht, die die Seele reinigt
und schmückt und sich über alle Fähigkeiten und Handlungen ergießt,
um ihnen Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Starkmut zu verlei-
hen, damit das Herz nach der übernatürlichen Rechtschaffenheit aus-
gerichtet ist. – 3. Treffen diese vier Ströme der Liebe auf natürliche
Tugenden, so vervollkommnen sie diese; finden sie aber keine vor, so
übernimmt die Liebe ihre Aufgabe und verrichtet ihre Werke (Beispiel:
Josua und Simson). – 4. Sie verleiht nicht nur Geduld, Güte usw.,
sondern sie ist g e d u l d i g , g ü t i g ; d i e M ä ß i g k e i t i s t d i e L i e b e , d e r
Starkmut ist die Liebe usw. – 5. Wer die Liebe hat, hat eine Vollkom-
menheit, die alle Tugenden enthält (s. 1 Kor 13).
9. Kapitel: Die Tugenden gewinnen ihre Vollkommenheit aus der
heiligen Liebe. 249
1. Die Tugenden und Gebote hängen aufs engste mit der Liebe zusam-
men. – 2. Sie können zeitweise ohne Liebe sein, aber nicht lange
und nicht in ihrer Vollendung. – 3. Die Liebe verleiht allen Tugenden
Licht und Schönheit, beseelt, ziert und belebt sie. Alle Tugenden
ohne Liebe wären einem leblosen Körper gleich; denn ohne Liebe nützt
nichts. – 4. Die Liebe vervollkommnet alles, selbst aber kann sie durch
nichts vervollkommnet werden. Wie sie der Ursprung jeden guten Affek-
tes ist, so ist sie auch deren letztes Ziel und Vollkommenheit.
24 Inhaltsübersicht XI. Buch

10. Kapitel: Die Unvollkommenheit der von den alten Heiden ge-
übten Tugenden. 252
1. Manche Heiden redeten wohl über Tugend und Religion, stürzten aber
alle Gesetze der Religion um, z. B. Seneca über den Aberglauben. – 2.
Die Selbstmorde der Heiden waren in Wirklichkeit Feigheit und Flucht, ob
sie von Heerführern und Frauen begangen wurden. – 3. Im Verhalten
gegen den Nächsten fehlte die Ehrfurcht, daher schändliche Kinderaus-
setzung und Abtreibung. – 4. Ihren Tugenden fehlte die richtige Absicht.
Beweggrund war meistens weltlicher Ruhm (Beispiel: Diogenes, Seneca).
– 5. Es waren Scheintugenden, weil die Liebe fehlte und sie dafür unemp-
fänglich waren, – 6. vergleichbar wurmstichigen Äpfeln. Wahrer Mut und
echte Tugend dagegen war bei den christlichen Märtyrern.
11. Kapitel: Wertlosigkeit der ohne göttliche Liebe vollbrachten
menschlichen Handlungsweisen. 257
1. Nur die Kinder der Liebe oder die auf ihr Geheiß und in ihrer
Gegenwart erzeugten Kinder anderer Tugenden sind Erben Gottes. –
2. Sind die Tugenden vergiftet durch schlechte Beweggründe, so sind
sie wertlos. – 3. Ist die Liebe in einer Seele erstorben, dann sind die
früheren Tugendwerke „ertötet“, haben weder Leben noch Verdienst.
– 4. Tugendwerke, die die Seele im Zustand der Todsünde vollbringt,
kommen tot zur Welt, – 5. wie am Toten Meer kein Leben gedeihen
kann. – 6. „Ohne die Liebe nützt uns nichts.“
12. Kapitel: Aufleben der durch die Sünde zugrundegegangenen
Werke durch die Wiederkehr der heiligen Liebe in der Seele. 260
1. Tote, lebende und ertötete Werke. – 2. Der Winter tötet alles Leben,
im Frühjahr treiben auch die durch den Winter verdorrten Pflanzen. –
3. Bekehrt sich der Sünder, so wird die Sünde nicht mehr zum Verderben
gereichen. – 4. Gott erinnert sich der guten Werke wieder, wenn der
Sünder sich bekehrt. Die Sünde aber erinnert sich Gott nicht mehr, da
sie ausgelöscht ist. – 5. So leben zwar die guten Werke auf, wenn
d i e Liebe in die Seele zurückkehrt; die frühere Sünde aber, die aus-
gelöscht ist, lebt nie wieder auf, auch wenn die Liebe wieder weichen
muß. Die früheren guten Werke sind uns nutzlos, solange die Sünde
in der Seele bleibt. – 6. Es wäre nicht vernunftgemäß, wenn die Sünde
ebensoviel Macht gegen die Liebe hätte wie die Liebe gegen die
S ü n d e (Beispiel: die wieder zum Leben erwachten Bienen; das Feuer zu
Schlamm und dieser wieder zu Feuer geworden).
13. Kapitel: Wie wir die ganze Übung der Tugenden und unserer
Handlungen auf die heilige Liebe zurückführen sollen. 265
1. Der Mensch verrichtet jede Handlung eines Zieles wegen, er kann auch
dem natürlichen Zweck einen anderen hinzufügen oder ihn sogar ändern.
– 2. Der Zweck, den man hinzufügt, kann weniger gut sein als der natür-
liche Zweck der Handlung, er kann gleich gut oder besser sein (z. B. beim
Almosen, Amtswalten, heilige Kommunion, Fasten). – 3. Bei mehreren
Beweggründen muß Ordnung herrschen, d. h. der wichtigste Grund muß
den ersten Rang haben. – 4. Das höchste Motiv ist das der Gottesliebe, es
macht die Handlung ganz rein. Die Heiligen im Himmel!
Inhaltsübersicht XI. Buch 25

14. Kapitel: Praktische Durchführung des im vorigen Kapitel Ge-


sagte 267
1. Reinigen wir daher unsere Absichten, indem wir ihnen als Beweg-
grund die heilige Liebe geben (Beispiel: Tapferkeit). – 2. Würzen wir
a l l e a n d e r e n B e w e g g r ü n d e m i t d e m Wo h l g e r u c h d e r L i e b e . – 3 .
Durcht r ä n k e n w i r g u t e B e w e g g r ü n d e m i t d e r h e i l i g e n L i e b e . E s
w ä r e falsch, andere Tugenden zu lieben, nicht aber die göttliche
Liebe. – 5. Reihen wir alle Tugenden unter den Gehorsam der Liebe.
„Sein Banner über uns ist seine Liebe!“
15. Kapitel: Die Liebe schließt die Gaben des Heiligen Geistes in
sich. 270
1. Die sieben Eigenschaften, durch welche unser Gemüt gegenüber dem
Gesetz der Vernunft sanft, gehorsam und willig wird. – 2. Die sieben
Gaben des Heiligen Geistes, die unsere Seele geschmeidig, lenksam und
gehorsam gegen göttliche Eingebungen machen. – 3. Die Liebe als
Jakobsleiter, deren Stufen die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind,
auf denen die engelhaften Menschen zu Gott emporsteigen – 4. und zur
Erde herunter, um den Nächsten zum gleichen Glück hinzuführen. –
5. Die Liebe schließt die sieben Gaben in sich.
16. Kapitel: Die liebevolle Furcht bräutlicher Seelen. Fortsetzung
der begonnenen Abhandlung. 273
1. Die bräutliche Furcht setzt die größte Liebe voraus. Sie fürchtet,
nicht so zu gefallen, wie die Liebe es verlangt; sie fürchtet, daß ihre
Vereinigung mit Gott nicht so rein ist, wie sie es wünscht. – 2. Das war
eine heilige Frucht der Heiligen Paulus, Franziskus, Katharina von Genua,
die trachteten, ihre Liebe so rein zu gestalten, daß weder die Tröstungen
noch die Tugenden sich zwischen ihr Herz und Gott eindrängen konn-
ten. – 3. Unterscheidung der Furcht der Anfänger, der kindlichen, der
bräutlichen und der knechtischen Furcht. – 4. Dies muß das Werk der
Nadel bei Stickereien tun, sie führt die Tugenden in die Seele ein,
scheidet dann aber aus, in dem Maße, als die Tugenden einziehen.
17. Kapitel: Das dauernde Verbleiben knechtischer Furcht mit der
Gottesliebe. 275
1. Die göttliche Vorsehung läßt die knechtische Furcht solange in der
Seele, bis die Liebe vollkommen ist. Da aber unsere Liebe nie außer
Gefahr ist, bedürfen wir immer der Furcht, – 2. besonders bei schweren
Versuchungen. Die Furcht kann gute Dienste leisten (wie Elieser, wie
Jonatans Waffenträger, wie Anker und Taue des Schiffes in Not). –
3. Deswegen bleibt auch die knechtische Furcht, wie die Schale beim
Apfel und Granatapfel. – 4. Sie ist aber doch nicht würdig, einen
Platz im ewigen Leben zu haben, dort bleiben nur die kindliche und
bräutliche Furcht.
18. Kapitel: Wie die Liebe die knechtische und die Mietlingsfurcht
in ihren Dienst stellt. 278
1. Alle fürchten Gott in Blitz und Unwettern. – 2. Die natürliche
26 Inhaltsübersicht XI. Buch

Furcht, an sich weder lobenswert noch tadelnswert, entspringt dem


Glauben an die Vorsehung und regt zum Beten an. – 3. Die Furcht vor
Gottes Strafgerichten, die uns der Glaube lehrt, kann sehr heilsam
sein. – 4. Hält sie aber nicht vom Sündigen ab, dann ist sie böse und
gleicht der Furcht des Teufels. – 5. Edler als die Furcht vor der Hölle
ist die Furcht, die Belohnung des Himmels zu verlieren. – 6. Wenn
wir fürchten, Gott zu beleidigen, weil wir ihm als unserem Vater
Ehre, Ehrfurcht und Gehorsam schulden, so ist das kindliche Furcht. –
7. Ist diese kindliche Furcht mit der knechtischen verbunden, so bleibt
sie doch Gott wohlgefällig. Es ist dann die anfängliche Furcht, die
Furcht der Lehrlinge und auch nützlich.
19. Kapitel: Die heilige Liebe schließt die zwölf Früchte des Hei-
ligen Geistes und die acht Seligkeiten des Evangeliums in sich. 282
1. Der hl. Paulus sagt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude,
Friede ...“, zwölf Früchte, aber „die Frucht“ – deshalb, weil die Liebe
die einzige Frucht des Heiligen Geistes ist, aber eine Unzahl herrlicher
Eigenschaften besitzt, die sie alle bewirkt. – 2. Die Liebe wird eine
Frucht genannt, weil sie erquickt, sie ist eine Seligkeit, nicht nur weil
sie die Gewißheit des ewigen Lebens gibt, sondern auch irdischen
Frohsinn in hohem Maße. – 3. Die heilige Liebe als Tugend, als Gabe,
als Frucht.
20. Kapitel: Die Liebe gebraucht alle Leidenschaften und Affekte
der Seele und unterwirft sie ihrem Gehorsam. 285
1. Die Liebe ist das Leben unseres Herzens. Alle Regungen der Seele
gehen von der Liebe aus und folgen der Art der Liebe. Beispiel: Sinnliche
Liebe zu Frauen, Liebe zu Reichtümern etc. – 2. Herrscht die Gottesliebe
im Herzen, so unterwirft sie sich königlich jede andere Liebe, die sinnliche
Liebe und besonders die Eigenliebe, die immer im Kampf mit der Got-
tesliebe steht. – 3. Wie soll die göttliche Liebe das sinnenhafte Begehren
unterwerfen? Sie soll, wenn sie eine Leidenschaft in uns erwachen sieht,
sie sich sogleich dienstbar machen, – 4. und zwar, indem sie aus der
göttlichen Liebe heraus entgegengesetzte Leidenschaften entfacht oder
eine stärkere Leidenschaft gleicher Art. – 5. So verfuhr auch der Herr,
wenn er die Seelen heilen wollte. – 6. Die göttliche Liebe lenkt so die
Leidenschaften von dem Ziel ab, das die Eigenliebe verfolgt, und führt
sie ihrem Vorhaben zu. Beispiel: Appetit, Freund, Furcht, große Angst.
Heilige Alchemie, die alles in Gold verwandelt.
21. Kapitel: Traurigkeit ist fast immer nutzlos, ja, sogar dem Dien-
ste der heiligen Liebe entgegengesetzt. 289
1. Zorn und Verzweiflung können kaum auf die Liebe gepfropft wer-
den. – 2. Was die Traurigkeit betrifft, so gibt es eine Gott wohlge-
fällige, – 3. und eine Traurigkeit dieser Welt, deren erste Ursache der
Teufel ist, der gern im Trüben fischt. – 4. Die zweite Ursache: ein
melancholisches Naturell, die an sich nicht schlecht ist, aber dem bösen
Feind Möglichkeiten gibt, die Seele zu umgarnen. – 5. Die dritte Ursache:
die Vielfalt irdischer Ereignisse; diese Traurigkeit ist das Los aller, wird
Inhaltsübersicht XI. /XII. Buch 27

aber bei den Guten gemäßigt durch die Ergebung in Gottes Willen,
während sie bei den Weltleuten ausartet. – 6. Die Traurigkeit einer
echten Buße sollte nicht Traurigkeit heißen, sondern Mißfallen am
Bösen; sie sollte nicht niedergeschlagen, sondern tätig und rege machen
und durch Gebet und Hoffnung die Seele zu Gott erheben. Traurigkeit
echter Buße ist freundlich und bei aller Zerknirschung doch froh. –
7. Verstörte Reue kommt nicht von Gott, sondern von der Eigenliebe.
– 8. „Betrübnis der Welt bewirkt den Tod“, deshalb muß man sich davor
hüten und die Heilmittel dagegen anwenden.

XII. Buch: Einige RRatschläge


atschläge für den For tschritt der Seele
Fortschritt
in der heiligen Liebe.
1. Kapitel: Der Fortschritt in der heiligen Liebe hängt nicht von
der natürlichen Veranlagung ab. 296
1. Die heilige Liebe wird den Menschen nicht mit ihrer natürlichen
Veranlagung gegeben. – 2. Die eine solche haben, tun sich wohl leichter,
stehen aber auch in der Gefahr, sich an liebenswürdige Geschöpfe zu hän-
gen. – 3. Sie können in der Liebe Großes vollbringen, ihr Wesen
ist auch voll Anmut, was bei herben Menschen nicht der Fall ist. –
4. Gleichwohl werden zwei Personen, von denen die eine liebevoll, die
andere herb veranlagt ist, Gott auf gleiche Weise, wenn auch nicht in
ähnlicher Art lieben. Beide sollen es tun.
2. Kapitel: Daß man ein beständiges Verlangen zu lieben haben
soll. 297
1. Unser Verlangen nach Gottesliebe soll unersättlich sein. – 2. Fühlen
wir dieses Verlangen, so wissen wir, daß wir zu lieben beginnen. – 3. So
sehnten sich die großen Heiligen nach Liebe. – 4. Dieser geistliche
Geiz, der unaufhörlich nach mehr Liebe verlangt, ist die Wurzel alles
Guten.
3. Kapitel: Um das Verlangen nach der himmlischen Liebe zu ha-
ben, muß man jedes andere Verlangen abstellen. 299
1. Wer sich ständig in Wünschen, Entwürfen und Plänen ergeht, ver-
langt nie nach der heiligen Liebe, wie er soll. – 2. Wer sich sehr in
irdische Geschäfte vertieft, wird schwer und spät zur Blüte der Liebe
kommen. – 3. Darum zogen Heilige sich in die Einsamkeit zurück;
Seelen, die allen Ernstes Gott zu lieben verlangen, verschließen ihr
Erkenntnisvermögen vor Überlegungen über weltliche Dinge. „Die Eine
dem Einen.“
4. Kapitel: Rechtmäßige Beschäftigungen sind kein Hindernis, die
göttliche Liebe zu üben. 300
1. Nicht Beruf und Pflicht, sondern sinnlose Trödeleien ziehen von
Gott ab. – 2. Die Heiligen David, Ludwig und Bernhard taten ihre
Pflicht, ihr Herz blieb aber frei für Gott. – 3. Hof und Paläste können
28 Inhaltsübersicht XII. Buch

versklaven, aber nur jene, die sich versklaven lassen. Karl Borromäus
besuchte die Pestkranken, war aber dabei vorsichtig. So wird auch der
Hof nur den verpesten, der vermessen ist.
5. Kapitel: Ein anziehendes Beispiel hiefür. 302
1. Beispiel: die hl. Franziska Romana, die ihr Psalmengebet viermal für
häusliche Geschäfte unterbrechen mußte und schließlich den un-
terbrochenen Vers vergoldet vorfand. – 2. Erfüllung äußerer Pflichten
zerstört nicht die Liebe.
6. Kapitel: Alle sich bietenden Gelegenheiten soll man zur Übung
der göttlichen Liebe benützen. 303
1. Manche schmieden große Pläne, gehen aber den kleinen Kreuzen
aus dem Weg. – 2. Eingebildeter Eifer, der nur die Selbstgefälligkeit
nährt. Geringe Werke, aber mit heiliger Absicht getan, sind sehr wert-
voll, – 3. so sind die vielen kleinen Überwindungen, Kämpfe usw.
fruchtbar, wenn sie aus heiliger Liebe geschehen.
7. Kapitel: Welche Sorgfalt wir anwenden müssen, um unsere
Handlungen sehr vollkommen zu verrichten. 304
1. Wie jede Münze von echtem Metall, richtigem Gewicht
u n d richtiger Prägung sein muß, so müssen auch unsere Werke von
guter Art, geschmückt mit Liebe und mit der richtigen Absicht getan
sein (Beispiel: Fasten). – 2. Auch kleine Werke haben dann großen
Wert, wie auch wenig Essen bei gutem Magen wohl bekommt.
8. Kapitel: Allgemeines Mittel, um unsere Werke zu einem Dienst
Gottes zu gestalten. 305
1. Wir tun alles zur Ehre Gottes, wenn wir im Zustand der Liebe sind,
– 2. sollen aber dafür sorgen, daß die Tugenden aus Liebe geübt werden.
– 3. Das geschieht bei denen, die Gott geweiht oder entschlossen sind,
ihr Leben zu erneuern. – 4. Manche meinen, das genüge nicht, sondern
eine besondere Aufopferung sei notwendig, was Franz von Sales mit
St. Bonaventura leugnet; er mahnt aber, in sich einzukehren, um feste
Vorsätze zu fassen, ganz für Gott zu leben.
9. Kapitel: Einige andere Mittel, um unsere Werke in besonderer
Weise der Gottesliebe zu weihen. 307
1. So erhalten alle unsere Handlungen durch das erste Planen oder
d e n e r g r i f f e n e n B e r u f i h r e n We r t u n d Ad e l v o n d e r L i e b e , i h r e m
Ursprung. Dazu soll aber die tägliche Erneuerung unserer Hingabe
in der Morgenübung erfolgen, – 2. außerdem häufige Stoßgebete, Er-
hebungen des Herzens zu Gott und Worte der Liebe. – 3. Bei den
bedeutenden Handlungen sind tiefere Erwägungen am Platz. – 4. So
machte es St. Karl Borromäus, als die Pest wütete. – 5. So müssen
auch wir uns bei großen Aufgaben verhalten und von Zeit zu Zeit
diese Übungen erneuern.
Inhaltsübersicht XII. Buch 29

10. Kapitel: Aufforderung, Gott unsere Willensfreiheit zum Opfer


zu bringen. 310
1. Das Beispiel Abrahams im Verlassen der Heimat, – 2. in der Be-
reitwilligkeit, Isaak zu opfern. – 3. Die Größe des Vaters und des Soh-
nes. – 4. Wann werden wir unseren freien Willen Gott opfern? –
5. Dieser ist nie so frei, als wenn er Sklave des göttlichen Willens ist,
und nie so Sklave, als wenn er dem eigenen Willen dient, was ja
nicht Freiheit, sondern Mißbrauch der Freiheit ist. – 6. Wer die Frei-
heit für die Eigenliebe in dieser Welt bewahren will, wird sie für die
ewige Liebe in der anderen Welt verlieren und umgekehrt.
11. Kapitel: Beweggründe der heiligen Liebe. 313
Beweggründe der heiligen Liebe: Die Güte Gottes, die natürliche Vorse-
hung Gottes, die übernatürliche Vorsehung, die Gnaden, die Gott
dem Einzelnen schenkt, die ewige Glorie.
12. Kapitel: Sehr nützliche Weise, diese Beweggründe in
Anwendung zu bringen. 314
Um von diesen Beweggründen zu einer tiefen, mächtigen Liebe ent-
flammt zu werden, muß man sie 1. auf sich selbst anwenden, – 2. sie zu
ihrem ewigen Ursprung betrachten – 3. und in ihrer zweiten Quelle,
im Erlöser, der sie uns verdient und alle Gnaden in seinem Herzen
für jeden Einzelnen bereitet hat.
13. Kapitel: Der Kalvarienberg ist die wahre Hochschule der Liebe. 315
1. Der gewaltigste Beweggrund der Liebe ist das L eiden und der Tod
des Erlösers, – 2. und wird es auch für die Heiligen im Himmel sein. –
3. Der Kalvarienberg ist der Berg der Liebenden. Er drängt uns zur
Wahl zwischen ewiger Liebe und ewigem Tod. – 4. Es lebe Jesus! Ich
liebe Jesus! Es lebe Jesus, den ich liebe!

Anhang: Hinweise zum Verständnis der „Abhandlung“


A. Entstehen, Bestimmung, Sinn und Architektur der „Abhandlung“ 319
B. Analyse der „Abhandlung“ 324
C. Quellen der Abhandlung“ 338
D. Nachwirkungen der „Abhandlung“ 342
E. Die Theologie der „Abhandlung“ 344
F. Der Quietismus und Franz von Sales 355
Anmerkungen zum Anhang 361
Namen- und Sachregister 373
30
31

SIEBENTES BUCH:

Die Vereinigung der Seele mit Gott,


die sich im Gebet vollzieht.
32 VII, 1

1 . Kapitel
W ie die Liebe die Vereinigung der Seele mit Gott
Vereinigung
im Gebet bewirkt.

1. Hier sprechen wir nicht von der allgemeinen Vereinigung des Her-
zens mit seinem Gott, sondern von bestimmten Akten und besonderen
Regungen, die eine in Gott gesammelte Seele betend erweckt, um sich
mehr und mehr mit seiner göttlichen Güte zu vereinigen und zu verbinden.
2. Es ist gewiß ein Unterschied, ob man ein Ding mit einem anderen
vereint und verbindet, oder ob man es gegen oder auf ein anderes drückt
und preßt: Will man sie nur miteinander verbinden, so braucht man beide
Dinge nur so aneinander zu legen, daß sie beisammen sind und sich berüh-
ren. So legen wir Reben um Äste von Ulmen und Jasminzweige um Stäbe
von Gartenlauben. Sollen aber zwei Dinge zusammengedrückt und -ge-
preßt werden, braucht es einen kräftigen Kontakt, der die Verbindung
verstärkt und festigt. Dinge aufeinanderpressen heißt also, sie ganz eng
und stark zusammenschließen, etwa so wie Efeu sich um den Baum rankt.
Er verbindet sich nicht nur mit ihm, sondern drückt und preßt sich so
stark in ihn hinein, daß er sich sogar in die Rinde einbohrt und eingräbt.
3. Wir dürfen den wegen seiner Unschuld und Reinheit so anziehenden
Vergleich mit der Liebe der kleinen Kinder zu ihren Müttern nicht fallen
lassen.
Schau dir diesen lieben Kleinen an, dem die Mutter sitzend die Brust
reicht. Mit ganzer Kraft wirft er sich in ihre Arme, zieht förmlich sein
Körperchen zusammen und schmiegt es fest in den Schoß und an die ge-
liebte Brust seiner Mutter. Die Mutter nimmt ihn in ihre Arme, drückt ihn
an sich, heftet ihn förmlich an ihre Brust und preßt im Kuß ihren Mund an
sein Mündchen.
Sieh wieder auf das Kind, wie es, noch angespornt von den mütterlichen
Zärtlichkeiten, nun selber alles tut, was es kann, um ganz eins mit seiner
Mutter zu werden. Es drückt und preßt sich an die Brust und an das Ge-
sicht der Mutter, wie wenn es sich im geliebten Schoß, aus dem es hervor-
gegangen, vollends vergraben und verbergen wollte.
So ist dann diese Vereinigung vollkommen, Theotimus; obwohl nur ein
Einswerden, stammt es doch von Mutter und Kind. Letztlich hängt es zwar
ganz von der Mutter ab; – denn sie hat das Kind an sich gezogen, sie hat es
VII, 1 33

zuerst in ihre Arme genommen und an ihre Brust gedrückt; die Kräfte des
Kindes sind nicht so groß, daß es sich an seine Mutter hätte pressen und
festhalten können; – und doch tut das arme Kleine, was es kann, schmiegt
sich mit aller Kraft an die mütterliche Brust, ist nicht nur einverstanden
damit, daß die Mutter es so lieb an sich drückt, sondern trägt auch von
ganzem Herzen sein schwaches Mühen dazu bei. Ich sage sein schwaches
Mühen, denn es ist so kraftlos, daß es eher dem Versuch einer Vereinigung
gleicht als einer wirklichen Vereinigung.
4. So zieht auch der Herr die gottliebende Seele ganz an sich, wenn er
ihr seine göttliche Liebe offenbart. Er rafft all ihre Fähigkeiten zusammen
und birgt sie förmlich im Schoß seiner mehr als mütterlichen Zärtlich-
keit. Brennend vor Liebe ergreift er die Seele, vereinigt sich mit ihr, drückt
sie an seine Lippen und an seine liebevolle Brust, küßt sie mit dem heili-
gen Kuß seines Mundes und läßt sie an seinen Brüsten trinken, die köstli-
cher sind als Wein (Hld 1,1).
Die Seele nun, von den Wonnen solcher Liebeserweise angelockt, willigt
nicht nur in die Vereinigung ein, die Gott bewirkt, und gibt sich ihr nicht
nur hin, sondern wirkt mit aller Kraft mit, eine immer innigere Verbunden-
heit mit Gott zu gewinnen, ein immer engeres Anschmiegen an die göttli-
che Güte zu erzielen. Sie ist sich aber dessen voll bewußt, daß ihr Eins-
und Verbundensein mit dieser über alles erhabenen Güte ganz vom göttli-
chen Wirken abhängt, ohne das sie nicht den geringsten Versuch wagen
könnte, sich mit ihr zu vereinigen.
5. Wenn man sieht, daß etwas auserlesen Schönes mit großer Hingabe
betrachtet, daß einer herrlichen Musik mit großer Aufmerksamkeit ge-
lauscht oder eine formvollendete Rede mit großer Spannung angehört
wird, so sagt man, diese Schönheit halte die Augen der Zuschauer gebannt,
diese Musik feßle die Ohren, diese Rede reiße die Herzen der Hörer mit.
Was heißt dieses Bannen, Fesseln, Mitreißen anderes, als daß diese Sinne
und Fähigkeiten sich kraftvoll an ihre Gegenstände binden und mit ihnen
ganz eins werden?
So drängt und schmiegt sich die Seele an den Gegenstand, dem sie sich
mit liebevoller Aufmerksamkeit hingibt. Dieses Drängen ist nichts ande-
res als das Fortschreiten und Vertiefen der Vereinigung und Verbindung.
Wir gebrauchen dieses Wort in unserer Sprache auch für Geistiges: Er
drängt mich, das oder jenes zu tun, er drängt mich zu bleiben. Das heißt: er
sucht mich nicht nur zu überreden, er bittet nicht nur darum, sondern er
tut dies mit allem Eifer und Nachdruck. – So handelten die Jünger von
34 VII, 2

Emmaus, die den Herrn nicht nur baten, bei ihnen einzukehren, sondern
ihn dazu drängten und förmlich mit liebevoller Gewalt dazu zwangen (Lk
24,29).
6. Im Gebet vollzieht sich nun die Vereinigung oft durch kleine aber häu-
fige Bemühungen der Seele, sich zu Gott aufzuschwingen und ihm näher
zu kommen.
Betrachte die kleinen Kinder, die an der Brust der Mutter liegen. Du
wirst sehen, daß sie sich von Zeit zu Zeit durch ein leises Näherrücken
fester an sie drücken und anschmiegen, weil das Trinken an der Mutter-
brust ihnen so viel Freude macht.
So erneuert und verstärkt das mit Gott vereinte Herz immer wieder im
Gebet seine Verbundenheit mit Gott durch Bewegungen zu Gott hin, durch
die es sich sozusagen in die göttliche Güte hineindrängt und sich ihr ganz
anschmiegt.
Hat zum Beispiel die Seele sich lange bei Empfindungen der Gottver-
bundenheit aufgehalten, verkostet sie freudig, wie glücklich sie ist, Gott
anzugehören, so wird sie schließlich diese Gottverbundenheit dadurch
verstärken, daß sie sich noch inniger, herzlicher und stürmischer an ihn
herandrängt. „Herr,“ wird sie dann sagen, „ich bin Dein, ganz, ganz, ganz
Dein, ohne Vorbehalt Dein.“ Oder auch: „Ach Herr, ich bin gewiß Dein
und will es immer mehr sein.“ Oder sie bittet: „Gütiger Jesus, zieh mich
immer tiefer in Dein Herz hinein, damit Deine Liebe mich ganz aufzehre
und ich mich in ihren Wonnen ganz verliere.“
7. Andere Male vollzieht sich diese Vereinigung nicht durch ein häufiges
Sichaufschwingen der Seele, sondern durch ein ständiges, unmerkliches
Drängen und Vorstoßen des Herzens hinein in die göttliche Liebe.
Große, schwere Blei-, Eisen- oder Steinmassen drücken von selber, ohne
daß man sie hinunterstößt, auf die Erde, auf der sie liegen, und dringen in
sie ein, sodaß sie schließlich infolge des Schwergewichtes, das sie zum
Mittelpunkt der Erde streben läßt, ganz verschüttet sind.
So ergeht es auch unserem Herzen. Es senkt sich immer tiefer in Gott
hinein, wenn es einmal mit Gott vereint ist, wenn es in dieser Gottverbun-
denheit bleibt und wenn nichts es davon abwendet. Es vertieft sich ständig,
wenn auch unmerklich in dieser Gottverbundenheit, bis es ganz in Gott
ruht. Es ist die heilige, von der Liebe bewirkte Neigung, die es antreibt,
sich immer mehr mit der allerhöchsten Liebe zu vereinigen. Sagt doch der
große Apostel Frankreichs (De div. nom. 4,15): „Die Liebe ist eine eini-
VII, 2 35

gende Kraft“, die uns zur vollkommenen Vereinigung mit der allerhöch-
sten Güte vorwärtsträgt.
Es ist eine über jeden Zweifel erhabene Wahrheit, daß die göttliche Lie-
be, solange wir in dieser Welt sind, eine Bewegung oder zumindest eine
tätige, auf Bewegung hinzielende Haltung ist. Auch wenn sie zur einfa-
chen Vereinigung gelangt ist, hört sie deshalb nicht auf, tätig zu sein, wenn-
gleich unmerklich, um diese mehr und mehr zu verstärken und zu vervoll-
kommnen.
8. Bäume, die sich leicht verpflanzen lassen, strecken, wenn dies gesche-
hen ist, ihre Wurzeln aus und wühlen sich tief in den Schoß der Erde
hinein, die ihr Element und ihre Nahrung ist. Niemand nimmt es wahr,
während es geschieht, sondern erst nachdem es geschehen ist. – Ist das
menschliche Herz durch die himmlische Liebe von der Welt in Gott hinein
verpflanzt und pflegt es eifrig das Gebet, so wird es sich ständig in der
Gottheit weiten und sich durch eine immer tiefer gehende Vereinigung mit
ihrer Güte in sie versenken. Das wird aber durch ein unmerkliches Wachs-
tum geschehen, dessen Fortschreiten man nicht leicht feststellen kann,
während es vor sich geht, sondern erst, nachdem es geschehen ist.
9. Wenn du ein feines geistiges Getränk zu dir nimmst, etwa das „Kaiser-
wasser“, so verbindet es sich mit dir in dem Maße, als du es trinkst. Auf-
nahme und Vereinigung mit dir ist dann ein und dasselbe. Später aber
verstärkt sich diese nach und nach, ohne daß du recht den Fortschritt
merkst. Die Kraft des Getränkes dringt überall vor, kräftigt Hirn und Herz
und schärft alle deine geistigen Fähigkeiten.
So ist es auch, wenn ein Liebesempfinden, z. B. „Wie gut ist Gott!“, das
Herz erfaßt. Zuerst vereinigt sich das Herz mit dieser göttlichen Güte.
Wird aber das Liebesempfinden einige Zeit festgehalten, so dringt es wie
ein kostbares Parfüm von überall her in die Seele, verströmt und verbreitet
sich in unserem Willen und wird sozusagen unserem Geist einverleibt,
weil es sich von überall her und immer mehr an uns herandrängt, in uns
eindringt und mit uns ganz eins wird.
10. Das will uns auch der große König David sagen, wenn er die Heilige
Schrift mit dem Honig vergleicht (Ps 119,103). Jedermann weiß doch,
daß die Süßigkeit des Honigs in unseren Geschmackssinn stärker eingeht
und wir ihn besser genießen, wenn wir ihn länger im Mund behalten oder
wenn wir ihn langsam zu uns nehmen, so daß seine Köstlichkeit tiefer in
unseren Geschmack eindringt.
36 VII, 2

So kann man auch das tiefe Empfinden der göttlichen Güte durch Worte
ausdrücken, wie das des hl. Bruno: „O Güte!“ oder des hl. Thomas: „Mein
Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28), oder der hl. Magdalena: „Mein Mei-
ster!“ (Joh 20, 16), oder des hl. Franziskus: „Mein Gott und mein Alles!“
Wenn dieses Empfinden länger in einem liebenden Herzen verweilt, so ver-
strömt und verbreitet es sich im Herzen, bohrt sich tief in den Geist ein und
durchtränkt ihn immer mehr mit seiner Köstlichkeit, – und das ist nichts
anderes als ein Wachsen der Vereinigung mit Gott.
Ähnliches geschieht, wenn man eine kostbare Salbe oder feinen Balsam
auf Baumwolle träufelt. Sie vermischen und verbinden sich nach und nach
so stark, daß man schließlich kaum mehr sagen kann, ob die Wolle parfü-
miert oder Parfüm ist, ob das Parfüm Wolle oder die Wolle Parfüm ist.
Wie glücklich ist doch eine Seele, die in der Stille ihres Herzens das
heilige Empfinden der göttlichen Gegenwart liebend bewahrt! Denn ihre
Verbundenheit mit der göttlichen Güte wird stärker, wenn auch unmerk-
lich wachsen und ihren ganzen Geist mit ihren unendlichen Wonnen durch-
tränken.
Wenn ich aber hier vom heiligen Empfinden der göttlichen Gegenwart
spreche, so meine ich nicht fühlbares Empfinden, sondern ein solches, das
auf dem Gipfel, auf der höchsten Spitze des Geistes seinen Sitz hat, wo die
göttliche Liebe thront und ihre wichtigsten Tätigkeiten entfaltet.

2. Kapitel
Die verschiedenen Stufen der heiligen V ereinigung,
Vereinigung,
die sich im Gebet vollzieht.

1. Die Vereinigung geschieht manchmal ohne unser Mitwirken, nur durch


ein einfaches Folgen, indem wir uns widerstandslos mit der göttlichen Güte
vereinigen lassen: so wie ein kleines Kind, das sich nach der Mutterbrust
sehnt, aber zu schwach ist, sich zu ihr hinzubewegen, oder auch, wenn es
schon dort ist, sich an sie zu schmiegen, aber doch sich recht freut, wenn
die Mutter es in ihre Arme nimmt und an ihre Brust drückt.
Manchmal wirken wir mit, wenn Gott uns „zieht“, und wir „eilen“ (Hld
1,1), der sanften Gewalt der Güte zu folgen, die uns durch ihre Liebe an
sich zieht und drückt.
VII, 2 37

2. Manchmal scheint es uns, als ob wir begännen, uns mit Gott zu verei-
nen und uns an ihn zu schmiegen, bevor er sich mit uns vereint, denn wir
spüren das verbindende Tun, das von uns ausgeht, ohne das zu fühlen, das
von Gott ausgeht. Trotzdem aber kommt er uns zweifellos immer zuvor,
obwohl wir dieses Zuvorkommen nicht immer empfinden. Denn vereinte
er sich nicht mit uns, so würden wir niemals mit ihm eins werden; er
erwählt und ergreift uns immer, bevor wir ihn erwählen und ergreifen.
Wenn wir aber seinen unmerklichen Lockungen folgen und uns mit ihm
zu vereinigen beginnen, dann verursacht er zuweilen das Vorwärtsschrei-
ten in dieser Vereinigung, indem er unserer Ohnmacht beisteht und in
fühlbarer Weise sich mit uns ganz innig verbindet. Wir verspüren ihn dann
förmlich, wie er in unser Herz einkehrt und es mit einer unvergleichlichen
Süße durchdringt.

3. Zuweilen fährt er auch unspürbar fort, uns zu helfen und zu unter-


stützen, wie er uns unspürbar zur Vereinigung angezogen hat. Wir wissen
dann nicht, wie eine so tiefe Vereinigung zustande kommt, aber wir wissen
wohl, daß unsere Kräfte nicht ausreichen, um sie herbeizuführen. Wir
folgern daraus, daß eine geheime Macht ihre unspürbare Tätigkeit in uns
entfaltet.
Wenn Schiffer, die Eisen als Fracht mithaben, bei schwachen Winden
ihre Schiffe mächtig ausholen sehen, so wissen sie, daß Magnetgebirge in
der Nähe sind, die sie unmerklich anziehen. Ihre wohl erkenntliche und
spürbare rasche Fahrt hat also eine unbekannte und unverspürbare Ursa-
che. Ähnlich müssen auch wir urteilen, wenn wir sehen, daß unser Geist
sich unter den kleinen Bemühungen unseres Willens mehr und mehr mit
Gott vereinigt. Wir stellen fest, daß die Kraft unseres Windes nicht stark
genug ist, diese rasche Fahrt zu ermöglichen, und schließen daraus, daß
wohl der göttliche Liebhaber unserer Seelen uns durch geheime Einflüsse
seiner Gnade zieht. Er will, daß wir sie nicht verspüren, damit wir sie
umso mehr bewundern, uns nicht damit abgeben, diese Antriebe zu füh-
len, sondern mit größerer Lauterkeit und Einfachheit bemüht seien, uns
mit seiner Güte zu vereinigen.
Zuweilen geht diese Vereinigung so unmerklich vor sich, daß unser Herz
weder das göttliche Wirken in uns, noch unser Mitwirken fühlt; es findet
dagegen die unmerklich vollzogene Vereinigung ganz fertig vor, so wie
Jakob sich unvermutet mit Lea verheiratet sah. Oder vielmehr sieht sich
unser Herz wie ein anderer Simson, aber glücklicher als er, mit den Ban-
38 VII, 2

den der heiligen Vereinigung gebunden und gefesselt, ohne daß wir es
gemerkt hätten.
Andere Male fühlen wir die starken Bindungen, da die Vereinigung durch
fühlbares Wirken Gottes und unser selbst vor sich geht.
4. Manchmal geschieht die Vereinigung durch den Willen allein und im
Willen allein. Andere Male hat auch der Verstand daran Anteil. Der Wille
zieht ihn nach sich und wendet ihn seinem Gegenstand zu, indem er ihn
eine besondere Lust fühlen läßt, ihn aufmerksam zu betrachten. So lenkt ja
auch die Liebe unsere leiblichen Augen auf das, was wir lieben, um es mit
tiefer und besonderer Aufmerksamkeit anzusehen.
Zuweilen geschieht diese Vereinigung durch alle Fähigkeiten der Seele.
Sie sammeln sich alle um den Willen, nicht um sich selbst mit Gott zu
vereinigen, wozu nicht alle fähig sind, sondern um es dem Willen leichter
zu machen, seine Verbindung mit Gott zu vollziehen. Denn wären alle
anderen Fähigkeiten auf ihre Gegenstände hingewendet, so könnte die
Seele, die durch sie wirkt, sich nicht so vollkommen der Tat hingeben,
durch die die Vereinigung mit Gott geschieht.
Auf so verschiedene Weisen wird die Vereinigung mit Gott vollzogen.
5. Betrachte den hl. Martial. Er soll ja das glückliche Kind gewesen sein,
von dem der hl. Markus berichtet (9,35). Der Herr ergriff ihn, hob ihn in
die Höhe und hielt ihn längere Zeit in seinen Armen. – O lieber kleiner
Martial, wie bist du selig, vom Heiland ergriffen, aufgenommen, getragen,
mit ihm vereinigt, verbunden, an seine göttliche Brust gedrückt und von
seinem heiligen Mund geküßt worden zu sein, ohne daß du etwas dafür
tust, als den göttlichen Zärtlichkeiten keinen Widerstand zu leisten.
Der hl. Simeon wieder umarmte das Jesuskind und drückte es an seine
Brust (Lk 2,28), ohne daß Jesus auch nur im geringsten dazu mitgewirkt
hätte, obwohl, wie die heilige Kirche singt, der Greis das Kind trug, das
Kind aber über den Greis herrschte (1. Vesper Darstellung des Herrn).
Der hl. Bonaventura, von heiliger Demut angetrieben, vereinigte sich
nicht nur nicht mit dem Herrn, sondern zog sich eines Tages, als er der
heiligen Messe beiwohnte, von seiner wirklichen Gegenwart, d. h. vom
heiligsten Sakrament zurück. Da kam der Herr selber, um sich mit ihm zu
vereinigen, indem er ihm das heilige Sakrament brachte. O Gott, mit wel-
cher Liebe mag wohl diese heilige Seele, nachdem Gott sich mit ihr verei-
nigt hatte, ihren Heiland an ihr Herz gedrückt haben!
Dagegen sehnte sich die hl. Katharina von Siena mit glühender Sehn-
VII, 2 39

sucht nach dem Herrn in der heiligen Kommunion. Als sie nun ihre Seele
und ihre Liebe zu ihm hindrängte und förmlich hintrieb, da kam er selber,
um mit ihr ganz eins zu werden, legte sich auf ihre Zunge und überhäufte
sie mit tausend Segnungen.
So setzte der Herr den Beginn der Vereinigung bei St. Bonaventura,
dagegen scheint die hl. Katharina selber die Vereinigung mit ihrem Hei-
land begonnen zu haben.
6. Die heilige Liebende des Hoheliedes spricht, wie wenn sie die eine
und die andere Art der Vereinigung geübt hätte: „Ich gehöre ganz meinem
Vielgeliebten,“ sagt sie (7,10), „und er wendet sich mir zu.“ Es ist, als
wollte sie sagen: Ich habe mich mit meinem Freund vereinigt, – und er
wendet sich wieder mir zu, um sich mehr und mehr mit mir zu vereinigen
und sich mir ganz hinzugeben. – „Mein geliebter Freund ist mir ein Myrr-
henbüschel, er wird auf meiner Brust verweilen“ (Hld 1,12) und ich werde
ihn an mein Herz drücken wie einen duftenden Blumenstrauß. – „Meine
Seele,“ betete David (Ps 63,9), „hat sich zu Dir hingedrängt, o mein Gott,
und Deine Rechte hat mich gepackt und ergriffen.“ – Anderswo beteuert
die Braut, daß ihr der Bräutigam zuvorgekommen sei. „Mein geliebter
Freund,“ sagt sie, „ist ganz mein und ich, ich bin ganz sein“ (Hld 2,16).
Wir bilden einen heiligen Bund, in dem er sich mir ganz anschließt und
ich mich ganz ihm anschließe.
Um zu zeigen, daß diese Vereinigung durch die Gnade Gottes geschieht,
der uns an sich zieht, durch seine Lockungen unsere Seele rührt und unse-
re Bewegung zu ihm hin, zu unserer Vereinigung mit ihm antreibt, ruft sie
aus, weil sie ganz kraftlos ist: „Ziehe mich!“ (Hld 1,3). – Um aber zu
bezeugen, daß sie sich nicht wie ein Stein oder wie ein Sklave ziehen lassen
will, sondern daß sie ihrerseits mitwirken und ihre schwachen Bemühun-
gen mit den mächtigen Antrieben ihres Vielgeliebten verbinden wird, sagt
sie: „Wir werden den Wohlgerüchen deiner Düfte nacheilen.“
Und damit man wohl wisse, daß alle Fähigkeiten der Seele zur Ver-
einigung mit beitragen, wenn sie nur ein wenig durch den Willen gezogen
wird, sagt sie: „Ziehe mich, und wir werden eilen.“ Der Bräutigam zieht
nur eine, und mehrere eilen, sich zu vereinigen. Der Wille ist die einzige
Fähigkeit, die Gott verlangt, aber alle anderen Fähigkeiten eilen ihr nach,
um zusammen mit ihr mit Gott vereint zu werden.
Zu dieser Vereinigung lud der göttliche Seelenhirt seine geliebte Schu-
lammit ein: „Leg mich,“ sagt er, „wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein
40 VII, 3

Siegel auf deinen Arm!“ (Hld 8,6). Um ein Siegel gut in Wachs einzuprä-
gen, legt man es nicht nur darauf, sondern drückt es fest hinein. – Gott will
also eine so kraftvolle und enge Verbundenheit mit ihm, daß wir dauernd
von seinen Zügen geprägt bleiben.
7. „Die heilige Liebe des Heilands drängt uns“ (2 Kor 5,14). O Gott,
welches Vorbild herrlicher Vereinigung! Er hatte sich mit unserer mensch-
lichen Natur durch Gnade verbunden, wie eine Rebe mit ihrer Ulme, um
sie in etwa seiner Frucht teilhaftig zu machen. Da er aber sah, daß diese
Verbindung durch die Sünde Adams gelöst war, vollzog er eine noch kraft-
vollere und engere Verbindung in der Menschwerdung, durch die die
menschliche Natur für immer in personenhafter Einheit an die Gottheit
angeschlossen bleibt.
Damit aber nicht nur die menschliche Natur, sondern alle Menschen
sich ganz innig mit seiner Güte vereinigen könnten, setzte er das Sakrament
der hochheiligen Eucharistie ein, an dem jeder teilhaben kann, um seinen
Heiland mit sich selbst zu vereinigen und zwar wirklich und in Form von
Speise. Theotimus, diese sakramentale Vereinigung treibt uns an und hilft
uns, zur soeben besprochenen geistlichen Vereinigung zu gelangen.

3. Kapitel
Der höchste Grad von Vereinigung durch den Schwebezustand
Vereinigung
und die Entrückung.

1. Ob die Vereinigung unserer Seele mit Gott in wahrnehmbarer oder


nicht wahrnehmbarer Weise geschieht, Gott ist doch immer ihr Urheber.
Niemand kann sich mit ihm vereinigen, wenn er nicht zu ihm geht, und
niemand kann zu ihm gehen, wenn er nicht von ihm hingezogen wird. So
bezeugt es der göttliche Bräutigam, da er sagt: „Niemand kann zu mir
kommen, wenn ihn der Vater nicht zieht“ (Joh 6,44). Seine himmlische
Braut bezeugt es auch, wenn sie sagt: „Ziehe mich, wir eilen dem Wohlge-
ruch deiner Düfte nach“ (Hld 1,3).
Die Vollkommenheit dieser Vereinigung besteht nun in zwei Dingen: sie
muß rein und sie muß stark sein.
2. Ich kann zu jemand gehen, um mit ihm zu sprechen, um ihn besser zu
sehen, um etwas von ihm zu erreichen, um den Duft einzuatmen, der ihn
umgibt, um mich auf ihn zu stützen. Ich gehe dann wohl zu ihm und bin
bei ihm, aber das Hingehen und Bei-ihm-sein ist nicht Hauptziel meines
VII, 3 41

Tuns, sondern nur Mittel und Bedingung, um etwas anderes zu erreichen.


– Wenn ich aber zu ihm gehe und mich zu ihm geselle keines anderen
Zweckes wegen, als bei ihm zu sein und mich seiner Nähe und des Vereint-
seins mit ihm zu erfreuen, dann ist es ein Streben nach reiner und einfacher
Vereinigung.
So nahen sich viele dem Herrn, einige um ihn zu hören, wie Magdalena,
andere um geheilt zu werden, wie die an Blutfluß leidende Frau, andere
um ihn anzubeten, wie die Magier, andere um ihn zu bedienen, wie Marta,
andere um ihren Unglauben zu überwinden, wie Thomas, andere endlich
um ihn zu salben, wie Magdalena, Josef und Nikodemus. – Aber seine
göttliche Schulammit sucht ihn, um ihn zu finden. Und hat sie ihn gefun-
den, will sie nichts anderes, als ihn festhalten, und hält sie ihn einmal fest,
so will sie nur das eine: nie mehr von ihm lassen. „Ich halte ihn,“ sagt sie,
„und werde von ihm nicht lassen“ (Hld 3,4).
Der hl. Bernhard schreibt (79. Hom. zum Hld §4): „Jakob hält Gott
zwar fest, ist aber bereit, von ihm zu lassen, wenn er seinen Segen empfängt
(Gen 32,26), die Schulammit aber wird trotz aller Segnungen nicht von
ihm lassen, denn sie will ja nicht die Segnungen Gottes, sondern den Gott
der Segnungen. Mit David sagt sie: ‚Was gibt es im Himmel für mich und
was will ich auf Erden außer Dir? Du bist der Gott meines Herzens und
mein Anteil für alle Ewigkeit‘ (Ps 73,25 f).“
So stand die glorreiche Mutter unter dem Kreuz ihres Sohnes (Joh 19,25).
Was suchst du, Mutter des Lebens, auf dem Kalvarienberg, auf dieser To-
desstätte? – Ich suche, hätte sie gesagt, mein Kind, das das Leben meiner
Seele ist. – Aber warum suchst du es? – Um bei ihm zu sein. – Aber jetzt ist
er doch inmitten der Ängste des Todes (Ps 18,5; 116,3). – Ach, Freuden
suche ich nicht, sondern ihn selbst. Und immer treibt mich mein liebe-
brennendes Herz, die Vereinigung mit ihm zu suchen, mit ihm, meinem
geliebten Kind, meinem Vielgeliebten.
Mit einem Wort, wenn die Seele diese Vereinigung anstrebt, so will sie
nichts, als mit ihrem Vielgeliebten sein.
3. Ist aber diese Vereinigung der Seele mit Gott eine ganz enge und feste,
so nennen sie die Theologen „inhaesio“ oder „adhaesio“ (d. h. „in-
nehangen“ oder „anhangen“). Denn durch sie bleibt die Seele von der
göttlichen Majestät festgehalten, mit ihr innig verbunden, förmlich an sie
gekittet und ihr angeheftet, so daß sie sich nur schwer von ihr loslösen oder
zurückziehen kann.
Betrachte diesen Menschen, ich bitte dich, der auf süße Klänge einer
42 VII, 3

harmoniereichen Musik hinhorcht und davon gefesselt und förmlich ge-


fangen ist, – oder sogar (was schon wirklich närrisch ist) von einem alber-
nen Kartenspiel. Willst du ihn davon wegziehen, so wirst du es nicht ver-
mögen, was auch immer zuhause auf ihn wartet; er vergißt sogar das Essen
und Trinken darüber.
O Gott, Theotimus, wieviel mehr muß die gottliebende Seele Gott an-
hangen und an ihn gefesselt sein, wenn sie mit der unendlichen Güte ver-
eint ist, wenn dieses unendlich vollkommene Wesen sie ergreift und be-
zaubert!
4. So war die Seele des Apostels, dieses auserwählten Werkzeuges Got-
tes (Apg 9,15) , der ausrief: „Um für Gott zu leben, bin ich mit Christus ans
Kreuz geheftet (Gal 2,19). Daher beteuert er auch, daß nichts, nicht einmal
der Tod ihn von seinem Meister trennen kann (Röm 8,38). Sogar zwischen
David und Jonatan zeigte sich eine solche Wirkung der Liebe. Es heißt ja:
„Die Seele Jonatans war innig an die Seele Davids gekittet“ (1 Sam 18,1).
Deshalb auch das von allen Völkern gefeierte Axiom: Freundschaft, die
ein Ende haben kann, ist nie eine echte Freundschaft gewesen (wie ich es
auch anderswo gesagt habe).
Sieh doch, ich bitte dich, Theotimus, dieses Kindlein, das an der Brust
und am Hals seiner Mutter hängt. Wenn man es wegnehmen will, weil es
Zeit ist, es in seine Wiege zu legen, so sträubt und wehrt es sich, soviel es
nur kann, um ja nicht diese ihm so liebe Brust verlassen zu müssen. Wenn
man eine Hand loslöst, so klammert es sich mit der anderen an; nimmt
man es ganz weg, so fängt es zu weinen an, hat Augen und Herz nur da, wo
es nicht mit seinem Körperchen sein kann, und schreit nach seiner lieben
Mutter, bis man es in den Schlaf gewiegt hat.
5. So kann die Seele, die durch die Übung der Vereinigung so weit ge-
kommen ist, daß sie von der göttlichen Güte erfaßt und von ihr gefesselt
bleibt, fast nur mit Gewalt und unter großen Schmerzen sich von ihr loslö-
sen. Man kann sie nicht davon wegbringen. Lenkt man ihre Einbildungs-
kraft ab, so bleibt sie Gott mit dem Verstand verhaftet; lenkt man den
Verstand ab, so hält sie sich mit dem Willen an ihm fest; reißt man den
Willen mit Gewalt davon los, so wendet sie sich doch jeden Augenblick
wieder dem Gegenstand ihrer Liebe zu, von dem sie sich nicht trennen
kann. Soweit es ihr möglich ist, knüpft sie immer wieder die liebenden
Bande der Vereinigung mit ihm, indem sie wiederholt gleichsam heimlich
zu ihm zurückkehrt. – Sie empfindet dann durch eigene Erfahrung das
VII, 3 43

Leid des hl. Paulus (Phil 1,23), denn sie wird von zwei Wünschen be-
drängt: einerseits von aller äußeren Beschäftigung frei zu werden, um in
ihrem Innern ganz mit Jesus zu verbleiben, und andererseits trotzdem an
das Werk des Gehorsams zu gehen, dessen Notwendigkeit gerade die Ver-
einigung mit Jesus Christus sie lehrt.
6. Die selige Mutter Theresia sagt nun sehr zutreffend: Wenn die Vereini-
gung bis zu dieser Vollkommenheit gelangt ist, daß sie uns ergriffen und mit
dem Herrn verbunden hält, so ist sie nicht verschieden von der Entrückung,
vom Schwebe- oder Bindungszustand des Geistes (Leben Kap. 18 und 20).
Man nennt sie nur Vereinigung, Schwebe- oder Bindungszustand, wenn sie
von kurzer Dauer ist, dagegen Ekstase oder Entrückung, wenn sie lange
währt.
Ist in der Tat die Seele so fest und eng an ihren Gott gebunden, daß sie
von ihm nicht leicht losgelöst werden kann, so ist sie nicht mehr in sich
selbst, sondern in Gott, so wie ein gekreuzigter Leib nicht mehr an sich ist,
sondern am Kreuz, und wie der an der Mauer rankende Efeu nicht mehr in
sich ist, sondern in der Mauer.
Um aber jede Zweideutigkeit zu meiden, wisse Theotimus, daß die Lie-
be ein Band ist und zwar ein Band der Vollkommenheit (Kol 3,14); und
wer mehr Liebe besitzt, ist mit Gott inniger vereint und an ihn enger ge-
bunden. Wir sprechen aber nicht von dieser Vereinigung, die in uns dau-
ernd als Zustand ist, ob wir schlafen oder wachen. Wir sprechen von der
Vereinigung, die durch die Tätigkeit zustandekommt und eine der Übun-
gen der heiligen Liebe ist.
7. Stelle dir vor, der hl. Paulus, Dionysius, Augustinus, Bernhard, Fran-
ziskus, die hl. Katharina von Genua oder von Siena seien noch in dieser
Welt und schliefen nun aus Müdigkeit nach vielen aus Liebe zu Gott unter-
nommenen Arbeiten. Stelle dir andererseits irgendeine gute Seele vor, die
nicht so heilig wie diese ist und die sich zur gleichen Zeit dem Gebet der
Vereinigung hingibt. Ich frage dich nun, mein Theotimus: Wer ist denn
mehr mit Gott vereint, wer mit Gott enger verbunden, jene großen Heiligen,
die schlafen, oder diese Seele, die betet? Gewiß wären es jene wunderbaren
Liebenden. Sie besitzen ja mehr Liebe; ihre Affekte, obwohl gewisserma-
ßen schlafend, sind so ihrem Meister verhaftet und so von ihm ergriffen,
daß sie von ihm untrennbar sind.
Aber, so wirst du mir sagen, wie ist es denn möglich, daß eine Seele im
Gebet der Vereinigung und sogar in der Ekstase mit Gott weniger verbun-
den ist als Menschen, die schlafen, mögen sie auch noch so heilig sein? Ich
44 VII, 4

antworte dir darauf, Theotimus, daß jene Seele in der Übung der Vereini-
gung voran ist, diese Heiligen aber in der Vereinigung selbst, da sie schon
mit Gott vereinigt sind und sich daher jetzt nicht vereinigen können, weil
sie ja schlafen. Jene andere Seele aber vereinigt sich jetzt mit Gott, sie übt
und betätigt jetzt die Vereinigung.
8. Übrigens kann man die Vereinigung mit Gott auch durch kurze und
flüchtige, aber häufige Herzenserhebungen zu Gott vollziehen, indem man
Stoßgebete in dieser Meinung verrichtet: O Jesus, wer wird mir die Gnade
schenken, eines Geistes mit Dir zu sein? – Herr, ich will nichts von all den
Geschöpfen, ich will nur mit Dir eins sein. – O Gott, Du bist der einzig
Eine, Du bist der einzig Notwendige (Lk 10,42) für meine Seele. – O
treuer Freund meines Herzens, vereinige meine arme einzige Seele mit
Deiner ganz einzigen Güte. – Du bist ganz mein, wann werde ich ganz
Dein sein? – Der Magnet zieht das Eisen an und hält es fest. Herr Jesus,
Liebhaber meiner Seele, ziehe mein Herz an Dich! Drücke, presse und
füge auf immer meine Seele an Dein väterliches Herz! – Ich bin doch für
Dich geschaffen. Warum bin ich nicht in Dir? – Versenke diesen Tropfen
Geistes, den Du mir gegeben, in das Meer Deiner Güte, aus dem er hervor-
geht! – Herr, da doch Dein Herz mich liebt, warum reißt es mich nicht an
sich, da ich doch sehr danach verlange? – Ziehe mich und ich werde Dei-
nen Lockungen folgen (Hld 1,3). Ich werde laufen, um mich in Deine
väterlichen Arme zu werfen, und mich von dort nicht mehr wegrühren in
alle Ewigkeit. Amen.

4. Kapitel
Die Entrückung und ihre erste Ar t.
Art.

1. Die Ekstase heißt Entrückung, weil Gott uns durch sie an sich zieht und
zu sich erhebt; und die Entrückung heißt Ekstase, sofern wir durch sie aus
uns heraus und über uns hinaus gehen und bleiben, um uns mit Gott zu
vereinigen.
Obwohl die Lockungen, durch die wir von Gott angezogen werden, wun-
dersam lieb, sanft und beglückend sind, so scheint es doch, als ob die
göttliche Schönheit und Güte mit solcher Wucht die Aufmerksamkeit und
Anspannung des Geistes an sich zöge, daß sie uns nicht nur zu sich erhebt,
sondern uns emporreißt und entrückt.
Andererseits ist die Zustimmung der zu Gott entrückten Seele so ab-
solut freiwillig und die Bewegung, durch die sich die entrückte Seele in Gott
VII, 4 45

verströmt, so glühend eifrig, daß sie nicht nur zu Gott emporzusteigen und
sich zu Gott erheben, sondern sich förmlich außer sich in die Gottheit
hineinzuwerfen und hineinzustürzen scheint.
2. Das gleiche trifft in der ganz gemeinen Ekstase und abscheulichen
Entrückung zu, durch die eine Seele, den Lockungen tierischer Wollust
folgend, sich ihrer göttlichen Würde begibt und unter ihren naturhaften
Stand herabsinkt. Insofern sie sich dieser unseligen Lust hingibt und sich
außer sich, d. h. außer ihren geistlichen Zustand herausstürzt, nennt man
dies sinnliche Ekstase. Insofern aber die sinnlichen Lockungen und Gelü-
ste sie mächtig anziehen und sie sozusagen zu diesem niedrigen und ekel-
haften Zustand herabreißen, sagt man, daß sie außer sich geraten, daß sie
sich selber entrückt ist. Denn diese bestialische Lust beraubt sie mit solch
wilder Gewalt des Gebrauches der Vernunft und des Verstandes, daß der
Mensch nach dem Wort eines der größten Philosophen (Hippokrates)
dann wie von Epilepsie befallen zu sein scheint, so sehr ist sein Geist
aufgezehrt und wie verloren. – O Menschen, wie lange werdet ihr so unver-
ständig sein (Ps 4,3) , euch eurer natürlichen Würde zu begeben und frei-
willig in einen tierischen Zustand hinabzusinken und hinabzustürzen?
3. Was nun, mein lieber Theotimus, die heiligen Ekstasen betrifft, so gibt
es deren drei Arten. Die erste ist die des Verstandes, die andere die des
Gemütes, die dritte die der Tat. Die erste beruht auf glanzvoller Schönheit,
die zweite auf der Inbrunst, die dritte auf dem Werk. Die eine geschieht
durch Bewunderung, die zweite durch fromme Hingabe, die dritte durch
die Tat.
4. Bewunderung entsteht in uns durch Begegnung mit einer neuen
Wahrheit,die wir nicht kannten und auch nicht vermuteten. Und wenn die
neuerkannte Wahrheit noch mit Schönheit und Güte gepaart ist, dann wird
die daraus entspringende Bewunderung überaus beglückend. So war die
Königin von Saba von Bewunderung erfüllt, da sie Salomo viel weiser sah,
als sie gedacht hatte (1 Kön 10,15). Desgleichen die Juden, als sie am
Herrn ein Wissen sahen, wie sie es bei ihm nicht vermutet hatten (Mt
13,54-56).
Wenn es also der göttlichen Güte gefällt, unserem Verstand eine beson-
dere Klarheit zu schenken, durch die es ihm gelingt, die göttlichen Ge-
heimnisse durch eine außergewöhnliche und hocherhabene Beschauung
zu erfassen, dann überkommt ihn große Bewunderung beim Anblick einer
Schönheit, wie er sie nie hätte ausdenken können.
46 VII, 5

Bewunderung anziehender Dinge hält nun den Geist am bewunderten


Gegenstand fest und heftet ihn kräftig daran, – sowohl wegen der erlesenen
Schönheit, die er an ihnen entdeckt, als auch weil diese Pracht für ihn neu
ist. Der Verstand kann sich nicht sattsehen an dem, was er noch nicht
geschaut und dessen Anblick so anziehend ist.
Außerdem gibt Gott zuweilen der Seele nicht nur ein klares, sondern
auch ein wachsendes Licht, gleich der wachsenden Helle des Morgens.
Dann gleicht der Geist Goldgräbern, die eine Goldmine gefunden und
sich nun immer tiefer ins Erdreich hineinwühlen, um immer noch mehr
von diesem ersehnten Edelmetall zu finden. So dringt auch der Geist im-
mer tiefer in die Betrachtung und Bewunderung seiner Gottheit hinein.
Wie Bewundern die Ursache der Philosophie und der Naturwissenschaft
ist, so ist es auch Ursache der Beschauung und der mystischen Theologie.
Ist dieses Bewundern nun stark, so hält es uns außer und über uns durch das
lebhafte Aufmerken und Haften des Geistes an den himmlischen Dingen
und trägt uns daher in die Ekstase hinein.

5. Kapitel
Die zweite Ar
Artt der Entrückung.

1. Gott zieht die Seelen an sich durch seine erhabene Schönheit und un-
faßbare Güte, zwei Herrlichkeiten, die trotzdem nur eine allerhöchste,
ganz einzig schöne und zugleich ganz einzig gute Gottheit sind.
Alles geschieht für das Gute und Schöne, alles zielt dorthin, alles wird
durch das Schöne und Gute und durch die Liebe zum Guten und Schönen
bewegt und festgehalten. Das Gute und Schöne ist für alle wünschenswert,
anziehend und liebenswert; es ist der Grund, warum alle Wesen alles tun
und wollen, was immer sie wirken und wollen.
Das Schöne bezeichnen die Griechen mit einem Namen, der mit dem
Wort „rufen“ zusammenhängt, weil es alles anzieht und zu sich ruft: Des-
gleichen ist das Licht das wahre Bild des Guten, besonders insofern das
Licht alles, was existiert, erfaßt, sich zukehrt und zuwendet. Deshalb be-
zeichnen die Griechen auch die Sonne mit einem Wort, das darauf hin-
weist, daß sie alles zusammenrafft, zusammendrängt und alles Zerstreute
sammelt,* so wie auch die Güte bewirkt, daß sich ihr alles zuwendet. Das
* Die hier vorgebrachten Ableitungen der griechischen Namen für das Schö-
ne und für die Sonne entsprechen den damaligen Anschauungen. Heute wer-
den beide Worte anders abgeleitet
VII, 5 47

Licht ist ja nicht nur die erhabene Einheit, sondern auch das erhabene
Einigende, weil alle Wesen es ersehnen als ihren Urgrund, ihren Erhalter
und ihr letztes Ziel.
Folglich sind letzten Endes das Gute und das Schöne nur ein und dassel-
be, da ja alle Dinge nach dem Guten und Schönen verlangen.
Was ich hier gesagt habe, stammt fast ganz von Dionysius, dem Areopa-
giten (Div. nom. 4,4. 7). Und gewiß ist es wahr, daß die Sonne, die Quelle
körperlichen Lichtes, ein echtes Bild des Guten und des Schönen ist; denn
unter allen nur körperlichen Geschöpfen gibt es keine Schönheit und Güte,
die der Sonne gleichkommt. Schönheit und Güte der Sonne liegen aber in
ihrem Licht, ohne das in dieser körperlichen Welt nichts schön und nichts
gut wäre. – Weil es schön ist, spendet es allem Klarheit, weil es gut ist,
erwärmt und belebt es alles. Weil es schön und hell ist, zieht es alle Augen
auf sich, die auf Erden sehen können; weil es gut ist und alles erwärmt,
zieht es alle Wünsche und Neigungen der körperlichen Welt auf sich. Es
zieht die Dünste und Nebel an und läßt sie aufsteigen; es zieht die Pflanzen
und Tiere aus ihren Ursprüngen; kein Leben entsteht, ohne daß die leben-
spendende Wärme dieser großen Leuchte dazu beiträgt.
2. So zieht der über alles gute und schöne Gott, der Vater allen Lichtes
(Jak 1,17), durch seine Schönheit den Verstand an, ihn zu schauen, und
durch seine Güte den Willen, ihn zu lieben. Durch seine Schönheit ent-
zückt er unseren Verstand und verströmt seine Liebe in unseren Willen;
durch seine Güte erfüllt er unseren Willen mit seiner Liebe und treibt
unseren Verstand an, ihn zu schauen. Die Liebe fordert uns zur Beschau-
ung auf und die Beschauung zur Liebe.
Daraus folgt, daß die Ekstase, die Entrückung ganz von der Liebe ab-
hängt, denn die Liebe ist es, die den Verstand zur Beschauung und den
Willen zur Vereinigung drängt. – So müssen wir schließlich mit dem gro-
ßen hl. Dionysius den Schluß ziehen: Die göttliche Liebe ist ekstatisch, da
sie nicht zuläßt, daß die Liebenden sich selbst gehören, sondern dem, was
sie lieben (Div. nom. 4,13).
Der bewunderungswürdige Apostel Paulus, der diese göttliche Liebe
besaß und ihre ekstatische Kraft erfuhr, sagt deshalb auch, von Gott er-
leuchtet: „Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir“ (Gal
2,20). Als wahrhaft Liebender war er aus sich heraus in Gott entrückt und
lebte nicht mehr sein eigenes Leben, sondern das über alles liebenswerte
Leben seines Vielgeliebten.
48 VII, 6

3. Diese Liebesentrückung vollzieht sich im Willen auf diese Weise:


Gott berührt ihn mit seinen beglückenden Lockungen. Und dann geschieht
es, daß der Wille, einem vom Magnet angezogenen Zeiger gleich, seine
natürliche Unbeweglichkeit aufgibt und sich zum Pol wendet und bewegt.
So schwingt und bewegt sich auch der von der himmlischen Liebe berührte
Wille in Gott hinein. Er läßt alle irdischen Neigungen fallen und gerät
dadurch in eine Entrückung nicht der Erkenntnis, sondern des seligen Besit-
zes, nicht der Bewunderung, sondern der Liebe, nicht des Wissens sondern
der Erfahrung, nicht der Schau, sondern des Empfindens und Verkostens.
Wohl ist es wahr, wie ich schon angedeutet habe, daß der Verstand zu-
weilen in Bewunderung gerät, wenn er das heilige Entzücken sieht, das der
Wille in seiner Ekstase empfindet, wie auch den Willen oft dieses Entzük-
ken überkommt, wenn der Verstand von Bewunderung ergriffen ist. Diese
zwei Fähigkeiten teilen sich ihre Entrückungen gegenseitig mit; der Anblick
der Schönheit läßt sie uns lieben und die Liebe treibt uns an, sie zu schau-
en. Die Sonnenstrahlen erwärmen uns nicht oft, ohne daß sie uns zugleich
Licht spenden, und sie spenden uns kaum Licht, ohne uns zugleich zu
erwärmen. Liebe erzeugt leicht Bewunderung und Bewunderung bewirkt
leicht Liebe.

4. Trotzdem gehören die beiden Ekstasen, die des Verstandes und die des
Willens, nicht so zusammen, daß nicht auch die eine ohne die andere wäre.
Die Philosophen besitzen mehr Wissen vom Schöpfer als Liebe zu ihm,
während die guten Christen oft mehr Liebe als Wissen besitzen. Folglich
hat auch ein übergroßes Wissen nicht immer eine übergroße Liebe im
Gefolge, wie auch eine übergroße Liebe nicht immer von einem übergro-
ßen Wissen begleitet ist, wie ich schon anderswo (VI/4) bemerkt habe.

5. Ist nun die Bewunderungsekstase allein vorhanden, so macht sie uns


nicht besser, wie jener sagt, der in der Ekstase in den dritten Himmel
entrückt worden war (2 Kor 12,2). „Wüßte ich,“ sagt er, „alle Geheimnis-
se und alle Wissenschaft, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1
Kor 13,2).
So kann auch der böse Feind, wenn man so sprechen darf, den Verstand
in Ekstase versetzen und entrücken; er kann ihm so wunderbare Einsich-
ten geben, daß sie ihn über die menschlichen Kräfte erheben und in Schwebe
halten. Er kann auch durch solche Klarheiten dem Willen eine Art eitler,
VII, 5 49

weichlicher, schwächlicher und unvollkommener Liebe geben, indem er


Wohlgefallen, Befriedigung und fühlbaren Trost einflößt. Aber die wahre
Ekstase des Willens, durch die dieser sich einzig und mächtig der göttlichen
Güte hingibt, kann nur der höchste Gott schenken, durch den die Liebe
Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist (Röm 5,3).

6. Kapitel
Die Kennzeichen echter Entrückung.
Die dritte Ar
Artt der Entrückung.

1. Tatsächlich hat man in unserer Zeit einige Personen gesehen, die sel-
ber glaubten (und jedermann glaubte es mit ihnen), daß sie von Gott in
Ekstasen entrückt würden. – Und doch entdeckte man schließlich, daß es
nur Illusionen und teuflische Gaukeleien waren. Zur Zeit des hl. Augusti-
nus versetzte sich ein Priester in Ekstase, sooft er es wollte, indem er
Trauer- und Jammerweisen sang oder sich vorsingen ließ; er tat dies nur,
um die Neugierde derer zu befriedigen, die dieses Schauspiel sehen woll-
ten. Das Merkwürdige daran war aber, daß die Ekstase so weit ging, ihn
nicht mehr fühlen zu lassen, wenn man ihn brannte, sondern erst nachher,
wenn er wieder zu sich gekommen war; sagte aber jemand etwas mit kräf-
tiger und klarer Stimme, so hörte er es wie aus der Ferne; auch atmete er
nicht (August. St. G. 64,24).
Die Philosophen haben verschiedene Arten natürlicher Ekstase fest-
gestellt, die durch eine intensive Hinwendung des Geistes auf die Erwä-
gung höherer Dinge hervorgerufen werden. Man darf deshalb auch nicht
erstaunt sein, wenn der böse Geist auch in einigen Seelen, die in der Fröm-
migkeit wenig solide Kenntnisse haben, Entrückungen verursacht. Er tut
das, um Gott nachzuäffen, Seelen in die Irre zu führen, Schwachen Ärger-
nis zu geben und einen Geist des Lichtes vorzutäuschen.
2. Damit man nun göttliche Ekstasen von menschlichen und teuflischen
unterscheiden könne, haben die Diener Gottes mehrere Kennzeichen auf-
gestellt. Für meinen Zweck mag es genügen, wenn ich dir zwei Kenn-
zeichen einer guten und heiligen Ekstase angebe.
3. Das eine ist, daß die heilige Ekstase niemals so sehr den Verstand erfaßt
und fesselt wie den Willen, den sie erregt, erwärmt und mit einer kraftvollen
Liebe zu Gott erfüllt. Ist die Ekstase mehr schön als gut, mehr leuchtend als
erwärmend, mehr geistreich als liebevoll, so ist sie sehr zweifelhaft und
fragwürdig.
50 VII, 6

Ich sage nicht, daß es unmöglich ist, Entrückungen, Visionen und sogar
prophetische Visionen zu haben, ohne die Liebe zu besitzen (1 Kor 13,2);
ich weiß wohl, daß man Liebe ohne die Gabe der Entrückung und der
Prophezeiung haben und ebenso entrückt sein und prophezeien kann, ohne
Liebe zu haben. Ich behaupte nur, daß jeder auf der Hut sein soll, der in
seiner Entrückung mehr Helle im Verstand hat, um Gott zu bewundern,
als Wärme in seinem Willen, um ihn zu lieben. Es liegt dann die Gefahr
vor, daß diese Vision unecht ist, den Geist mehr aufbläht als erbaut und
ihn zwar wie Saul (1 Sam 10,11 f), Bileam (Num 22) und Kajaphas (Joh
11,51) wohl unter die Propheten reiht, aber zugleich trotzdem unter den
Verworfenen beläßt.
4. Das zweite Merkmal echter Ekstase besteht in der dritten Art, von der
wir oben gesprochen haben, der ganz heiligen, ganz liebenswerten Ekstase,
die die beiden anderen krönt: der Ekstase der Tat und des Lebens.
Die restlose Beobachtung der göttlichen Gebote liegt zwar nicht im
Bereich der menschlichen Kräfte, wohl aber innerhalb der Anlagen des
menschlichen Geistes. Sie stimmt ja ganz mit der Vernunft und dem na-
türlichen Licht überein, so daß wir durch ein Leben nach den göttlichen
Geboten nicht außerhalb unserer naturhaften Neigung stehen.
Aber außer den Geboten Gottes gibt es noch göttliche Eingebungen.
Damit wir diese durchführen können, muß uns Gott nicht nur über unsere
Kräfte hinausheben, sondern auch noch über die Triebe und natürlichen
Neigungen emporziehen. Diese Eingebungen sind zwar der menschlichen
Vernunft nicht entgegengesetzt, sie gehen aber darüber hinaus, überstei-
gen sie und stehen noch über ihr. – Wir leben dann nicht nur ein gesittetes,
rechtschaffenes und christliches Leben, sondern ein übernatürliches, geist-
liches, Gott hingegebenes und ekstatisches, d. h. ein Leben, das in jeder
Hinsicht außerhalb und über unserer naturhaften Beschaffenheit steht.
Nicht stehlen, nicht lügen, keine Unkeuschheit treiben, zu Gott beten,
nicht sinnlos schwören, seinen Vater lieben und ehren, nicht töten, – das
heißt entsprechend der natürlichen Vernunft leben. Aber all sein Hab und
Gut aufgeben, die Armut lieben, sie die ganz holde Herrin nennen und
sich ihr gegenüber auch so verhalten, Schmach und Schimpf, Verachtung,
Verfolgung und Martyrium als Seligkeit und Glück ansehen, vollkomme-
ne Keuschheit bewahren, – und schließlich inmitten der Welt und in die-
sem sterblichen Dasein ein Leben ständigen Verzichtes, ständiger Entsa-
gung und Selbstverleugnung führen, gegen alle Meinungen und Behaup-
VII, 6 51

tungen der Welt und gegen den Strom schwimmen, – das heißt nicht mehr
menschlich, sondern übermenschlich leben, das ist nicht in uns leben,
sondern außer uns und über uns. Da aber niemand so über sich selbst
hinausgehen kann, wenn ihn nicht der ewige Vater zieht (Joh 6,44), so
muß diese Art zu leben eine ständige Entrückung, eine fortwährende Ek-
stase der Tat und des Wirkens sein.
5. „Ihr seid tot,“ sagt der große Apostel, „und euer Leben ist mit Jesus
Christus in Gott verborgen“ (Kol 3,3). Der Tod bewirkt, daß die Seele nicht
mehr in ihrem Leib und dessen Bereich lebt. Was will also dieses Wort des
Apostels „Ihr seid tot“ sagen? Es ist, als ob er gesagt hätte: Ihr lebt nicht
mehr in euch selbst und auch nicht innerhalb eurer natürlichen Lebensbe-
dingungen; eure Seele lebt nicht mehr nach ihrer eigenen Weise, sondern
auf eine Weise, die sie übersteigt.
Der Phönix ist darin Phönix, daß er sein eigenes Leben mit Hilfe der
Sonnenstrahlen (Plin. H. n. 10,2) vernichtet, um ein schöneres und kraft-
volleres zu empfangen. Er verbirgt sozusagen sein Leben unter der Asche.
Die Seidenraupen verändern ihr Wesen, aus Raupen werden sie Schmet-
terlinge; die Bienen sind zuerst Würmchen, werden dann zu Nymphen,
kriechen auf Füßen und schließlich werden sie fliegende Bienen. – Wir
tun ebenso, Theotimus, wenn wir geistliche Menschen sind. Wir geben unser
menschliches Leben auf, um ein höheres Leben zu führen, ein Leben über
uns selbst, indem wir dieses ganze neue Leben in Gott mit Jesus Christus
verbergen, der es allein sieht, kennt und schenkt.
Unser neues Leben ist die göttliche Liebe, die unsere Seele belebt und
beseelt, und diese Liebe ist ganz verborgen in Gott und im Göttlichen mit
Jesus Christus. Wie die heiligen Schriften berichten (Mk 16,19; Lk 24,51;
Apg 1,9), hat sich Jesus den Seinen wohl etwas gezeigt, als er in den Him-
mel fuhr, aber dann umhüllte ihn eine Wolke, ergriff ihn und verbarg ihn
vor ihren Augen. So ist denn Christus im Himmel, verborgen in Gott.
Jesus Christus ist aber unsere Liebe und unsere Liebe ist das Leben
unserer Seele. So ist unser Leben in Gott verborgen mit Jesus Christus.
Und wenn Jesus Christus, der unsere Liebe und folglich unser geistliches
Leben ist, am Tag des Gerichtes erscheinen wird, dann werden auch wir
mit ihm in Herrlichkeit erscheinen (Kol 3,4), d. h. Jesus Christus, unsere
Liebe, wird uns verherrlichen, da er uns seine Seligkeit und Herrlichkeit
mitteilen wird.
52 VII, 7

7. Kapitel
Wie die Liebe das Leben der Seele ist.
For tsetzung der Er
Fortsetzung wägung über das ekstatische Leben.
Erwägung

1. Die Seele ist die erste Wirklichkeit und der Urgrund aller Lebensre-
gungen des Menschen, und wie Aristoteles (An. 2,2) sagt, „der Urgrund,
durch den wir leben, fühlen und verstehen“. – Daraus folgt, daß wir aus
den Verschiedenheiten der Regungen auch die Verschiedenheiten des Le-
bens erkennen. Tiere, die keine natürlichen Regungen haben, sind voll-
ständig des Lebens beraubt.
So, Theotimus, ist auch die Liebe die erste Wirklichkeit und der Urgrund
unseres frommen und geistlichen Lebens. Durch sie leben, empfinden und
erregen wir uns; unser geistliches Leben ist so, wie unsere Affektregungen
sind. Ein Herz ohne Regung und ohne Affekte hat keine Liebe. Dagegen
gibt es kein liebendes Herz, das ohne Affektregungen wäre.
Haben wir also unsere Liebe Jesus Christus geschenkt, dann haben wir
damit auch unser geistliches Leben in ihn hineingetragen. Er ist aber jetzt
in Gott im Himmel verborgen, so wie Gott in ihm verborgen war, als er
auf Erden weilte. Daher ist unser Leben in ihm verborgen, und wenn er in
Herrlichkeit erscheinen wird (Kol 3,3), dann wird auch unser Leben und
unsere Liebe mit ihm in Gott erscheinen.
So sagte auch der hl. Ignatius nach dem Bericht des hl. Dionysius (De
div. nom. 1,14) , daß seine Liebe gekreuzigt sei. Es ist, als wollte er sagen:
Meine natürliche und menschliche Liebe ist mit allen Leidenschaften, die
von ihr abhängen, ans Kreuz genagelt. Ich habe sie getötet als eine sterbli-
che Liebe, die mein Herz ein sterbliches Leben führen ließ. Und wie mein
Erlöser gekreuzigt wurde und seinem sterblichen Leben nach gestorben
ist, um zum unsterblichen Leben zu erstehen, so bin auch ich mit ihm am
Kreuz gestorben, meiner natürlichen Liebe nach, die das sterbliche Leben
meiner Seele war, um zum übernatürlichen Leben einer Liebe zu erstehen,
die auch im Himmel gehegt werden kann, folglich unsterblich ist.
2. Sieht man also einen Menschen, der im Gebet entrückt ist, so daß er
über sich hinaustritt und sich zu Gott erhebt, aber kein ekstatisches, d. h.
Gott hingegebenes, höheres Leben führt, seine weltlichen Lüste nicht über-
windet, seine naturhaften Willensäußerungen und Neigungen nicht abtö-
VII, 7 53

tet durch innerliche Güte, Einfachheit, Demut und besonders dauernde


Liebe, – glaube mir, Theotimus, dann sind diese Entrückungen sehr zwei-
felhaft und gefährlich. Es sind Entrückungen, die bei den Menschen Be-
wunderung hervorrufen können, aber nicht zur Heiligung führen.
Was mag es denn einer Seele nützen, in Gott durch das Gebet entrückt
zu sein, wenn sie in ihrem Verhalten und Leben von irdischen, niedrigen
und naturhaften Affekten mitgerissen wird? Über sich im Gebet und un-
ter sich im Leben und Wirken, engelhaft in der Betrachtung und tierhaft
im Verhalten sein, – das ist hin- und hertorkeln (1 Kön 18,21), das ist auf
Gott und auf Moloch schwören (Zef 1,5). Das ist mit einem Wort ein
sicheres Zeichen, daß solche Entrückungen und Ekstasen nur Blendwerk
und Irreführung des bösen Feindes sind.
3. Selig jene, die ein übermenschliches, ekstatisches, über sich selbst erha-
benes Leben führen, obgleich sie nicht im Gebet über sich selbst entrückt
sind. Im Himmel gibt es viele Heilige, die niemals eine Beschauungseksta-
se oder Entrückung hatten. Wie viele Märtyrer und große heilige Männer
und Frauen sehen wir in der Geschichte, die in ihrem Gebet keinen ande-
ren Vorzug hatten, als den der Frömmigkeit und des Eifers! Aber niemals
hat es einen Heiligen gegeben, der nicht die Ekstase und Entrückung des
Lebens und Wirkens gehabt, der sich selbst und seine naturhaften Neigun-
gen nicht überwunden hätte.
4. Wer sieht nicht, Theotimus, ich bitte dich, daß es gerade die Ekstase
des Lebens und Wirkens ist, von der der große Apostel vor allem spricht,
wenn er sagt: „Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Jesus Christus lebt in
mir“ (Gal 2,20)? Er erklärt es noch mit anderen Worten den Römern,
wenn er schreibt, daß „unser alter Mensch zusammen mit Jesus Christus
gekreuzigt ist“ (Röm 6,4-11), daß wir mit ihm der Sünde abgestorben und
mit ihm auferstanden sind, um „in einem neuen Leben zu wandeln und
nicht mehr unter der Sünde geknechtet zu sein.“
Theotimus, in jedem von uns sind hier zwei Menschen dargestellt und
folglich auch zwei Leben, das eine des „alten Menschen“, ein altes Leben,
wie man es vom altgewordenen Adler erzählt, der seine Schwingen nach-
schleppt und sich nicht mehr zum Flug erheben kann, – und dann das
andere Leben des „neuen Menschen“ (Röm 6,6), auch ein neues Leben,
wie das des Adlers, der sich seiner alten Schwingen entledigt und sie ins
Meer hinabgeschüttelt hat, neue empfangen und sich jetzt verjüngt mit
neuer Kraft zum Höhenflug aufschwingt (Ps 103,5).
54 VII, 8

Im ersten Leben leben wir gemäß dem „alten Menschen“, d. h. gemäß


den Fehlern, Schwächen und Gebrechen, die wir uns durch die Sünde
unseres ersten Vaters Adam zugezogen haben; folglich leben wir hingege-
ben der Sünde Adams und unser Leben ist ein sterbliches, ja der Tod sel-
ber.
Im zweiten Leben leben wir dem „neuen Menschen“ gemäß, d. h. nach
den Gnaden, Gunsterweisen, Befehlen und Willensäußerungen unseres
Heilands, und folglich hingegeben dem Heil und der Erlösung, – und
dieses neue Leben ist ein lebendiges, lebenskräftiges und lebenspenden-
des Leben.
Wer aber zu diesem neuen Leben gelangen will, muß durch den Tod des
alten Lebens gehen, muß sein „Fleisch mit dessen Lüsten und Lastern
kreuzigen“ (Gal 5,24) und es unter den Wassern der Taufe und Buße be-
graben, gleich Naaman, der sein altes, beschmutztes und häßliches Leben
in den Fluten des Jordan ertränkte und begrub, um ein neues, reines und
gesundes Leben zu leben. Man konnte von ihm sagen, daß er nicht mehr
der alte, aussätzige, übelriechende, ekelerregende Naaman war, sondern
ein neuer, reiner, gesunder und angesehener Naaman, weil er dem Aussatz
gestorben war und der Gesundheit und Reinheit lebte.
Wer immer zu diesem neuen Leben des Heilands auferstanden ist, lebt
nicht mehr sich, in sich und für sich, sondern seinem Heiland, in seinem
Heiland und für seinen Heiland. „Haltet euch,“ sagt der hl. Paulus, „für
solche, die wirklich der Sünde gestorben sind und jetzt für Gott leben in
Jesus Christus, unserem Herrn“ (Röm 6.4-11).

8. Kapitel

Wunderbarer Aufruf des hl. Paulus zum ekstatischen


und übermenschlichen Leben.

1. Schließlich führt der hl. Paulus den stärksten, eindringlichsten und


schönsten Grund an, der, so scheint es mir, je vorgebracht wurde, um uns
zur Ekstase und Entrückung des Lebens und Wirkens zu bewegen.
Höre, Theotimus, ja ich bitte dich, sei aufmerksam und wäge die Kraft
und Wirksamkeit der glühenden und himmlischen Worte dieses Apostels,
der von der Liebe seines Meisters ganz ergriffen und hingerissen war: „Die
VII, 8 55

Liebe Jesu Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14). Er spricht von sich selber,
dasselbe soll man aber von jedem von uns sagen.
Ja, Theotimus, nichts drängt das Herz des Menschen mehr als die Liebe.
Wenn ein Mensch sich von irgendeinem Menschen geliebt weiß, dann
drängt es ihn, diese Liebe zu erwidern. Wird aber ein gewöhnlicher Mensch
von einem hohen Herrn geliebt, so fühlt er sich noch mehr zur Gegenliebe
gedrängt. Und wieviel stärker noch, wenn er ein großer Herrscher ist!
Nun aber, ich bitte dich, wissen wir, daß Jesus Christus der wahre ewige,
allmächtige Gott, uns so sehr geliebt hat, daß er für uns den Tod, ja den Tod
am Kreuz (Phil 2,8) erleiden wollte. Mein lieber Theotimus, setzt das
nicht unsere Herzen unter einen mächtigen Druck? Zwingt und drängt sie
dies nicht, zu lieben mit einer Gewalt, die um so heftiger ist, je liebenswer-
ter und ansprechender sie sich gibt?

2. Wie aber drängt uns der göttliche Liebende? – „Die Liebe Christi drängt
uns,“ sagt der heilige Apostel, „wenn wir das erwägen.“ – Was heißt das:
„Wenn wir das erwägen“? Es heißt, daß die Liebe des Heilands uns drängt,
dann vor allem drängt, wenn wir diesen Glaubensentschluß erwägen, be-
trachten, abwägen und aufmerksam durchdenken. – Aber welchen Glau-
bensentschluß? Schau, ich bitte dich, Theotimus, wie er mit allem Ernst
seine Gedanken in unsere Herzen hineinwirft und einprägt. „Wenn wir
dies erwägen: Ist einer für alle gestorben, dann sind alle gestorben; und
Jesus Christus ist für alle gestorben“ (2 Kor 5,14). Es ist gewiß wahr, wenn
Jesus Christus für alle gestorben ist, dann sind alle in der Person dieses
einzigen Erlösers gestorben, der für sie gestorben ist. Sein Tod muß ihnen
angerechnet werden, da er für sie und im Hinblick auf sie erlitten wurde.

3. Was folgt aber daraus? Es scheint mir, als höre ich diese apostolische
Stimme, gewaltig wie der Donner, wie sie den Ohren unserer Herzen zu-
ruft: Es folgt daraus, o Christen, das Verlangen, das Jesus hatte, da er für
uns starb. Das aber war sein Verlangen, wir sollen ihm gleichförmig wer-
den, damit, wie der Apostel sagt, „jene, die leben, nicht mehr für sich leben,
sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist“.
Wahrhaftiger Gott, Theotimus, wie machtvoll ruft diese Folgerung zur
Liebe auf!
Jesus Christus ist für uns gestorben. Er hat uns durch seinen Tod das
Leben geschenkt. Wir leben nur, weil er gestorben ist. Er ist für uns, unse-
retwegen und in uns gestorben. Unser Leben ist also nicht mehr unser,
56 VII, 8

sondern es gehört dem, der es uns durch seinen Tod erworben hat. Wir
dürfen also nicht mehr uns leben, sondern wir müssen ihm leben, nicht
mehr in uns, sondern in ihm, nicht mehr für uns, sondern für ihn.

4. Auf der Insel Sestos hatte (nach Plinius H. n. 10,5) ein Mädchen einen
jungen Adler mit liebender Sorge aufgezogen, wie es Kinder zu tun pfle-
gen. Der Adler wurde größer, begann zu fliegen und, seinem natürlichen
Instinkt nach, Vögel zu jagen. Als er größer geworden war, stürzte er sich
auf wilde Tiere und brachte immer treu seine Beute der jungen Herrin,
gleichsam zum Dank für die Nahrung, die sie ihm früher gegeben. Nun
starb das Mädchen eines Tages, während der Adler auf der Jagd war, und
sein Leichnam wurde, dem damaligen Landesbrauch gemäß, auf einen
Scheiterhaufen gelegt, um öffentlich verbrannt zu werden. Als aber die
Flammen ihn zu erfassen begannen, kam der Adler mit mächtigem Flügel-
schlag herangeflogen und ließ, da er dieses unerwartete und traurige Schau-
spiel sah, seine Beute fallen, warf sich voll Trauer auf seine geliebte Herrin
und bedeckte sie mit seinen Schwingen, um sie vor dem Feuer zu schützen
oder sie mitleidig zu umfangen. Er verharrte so standhaft und unbeweg-
lich und starb mutig in den Flammen; die Glut seiner Liebe sollte den
Flammen und Gluten des Feuers nicht nachstehen. So wurde er ein Opfer
seiner tapferen und wunderbaren Liebe, wie seine Herrin ein Opfer des
Todes und der Flammen war.
O Theotimus, welch mächtigen Antrieb soll das Beispiel dieses Adlers
unserer Liebe geben!

5. Der Heiland hat uns von unserer frühesten Jugend an genährt und
gebildet. Er hat uns, einer liebenden Amme gleich, seit dem ersten Augen-
blick unserer Empfängnis in die Arme seiner göttlichen Vorsehung ge-
nommen: „Du hast meine Nieren gebildet, mich gewoben im Mutterleib“
(Ps 119,73 nach dem Hebr). Durch die Taufe hat er uns zu den Seinen
gemacht, hat uns mit unvergleichlicher Liebe Nahrung für Herz und Leib
gegeben, ist für uns gestorben, um uns das Leben zu erwerben, und hat uns
mit seinem Fleisch und Blut genährt.
Was bleibt noch übrig? Welche Folgerungen haben wir zu ziehen, mein
lieber Theotimus, als daß die, die leben, nicht mehr sich leben, sondern
dem, der für sie gestorben ist, d. h. daß wir der göttlichen Liebe, die im Tod
des Heilands aufleuchtet, alle Augenblicke unseres Lebens schenken, daß
VII, 9 57

wir seiner Ehre all unsere Beute, alle unsere Eroberungen, Werke, Hand-
lungen, unser Denken und Fühlen widmen.
Sieh ihn, Theotimus, diesen göttlichen Erlöser, wie er auf dem Kreuz,
wie er auf seinem Ehrenlager ausgestreckt, aus Liebe zu uns stirbt, aber
aus einer Liebe, die schmerzhafter ist als selbst der Tod, oder eines Todes,
der liebevoller ist als selbst die Liebe.
Warum werfen wir uns nicht im Geiste auf ihn, um am Kreuz mit ihm zu
sterben, der aus Liebe zu uns in den Tod gehen wollte? „Ich halte ihn fest,“
müßten wir sagen, hätten wir die Hochherzigkeit des Adlers, „und ich
werde ihn niemals lassen“ (Hld 3,4). Ich werde mit ihm sterben und in den
Flammen seiner Liebe verbrennen; das gleiche Feuer soll diesen göttli-
chen Schöpfer und sein schwaches Geschöpf verzehren. Mein Jesus „ist
ganz mein und ich bin ganz sein“ (Hld 2,16), ich werde an seiner Brust
leben und sterben und „weder Tod noch Leben werden mich von ihm
trennen“ (Röm 8,38 f).
So vollzieht sich die Ekstase wahrer Liebe, wenn wir nicht mehr den
menschlichen Beweggründen und Neigungen gemäß leben, sondern, über
diesen stehend, nach den Eingebungen und Antrieben des göttlichen Hei-
lands unserer Seelen.

9. Kapitel
Die höchste Wirkung der Affektliebe: das Sterben der Liebenden.
Erstens: das Sterben in der Liebe.

1. Die Liebe ist stark wie der Tod (Hld 8,6). Der Tod trennt die Seele der
Sterbenden vom Leib und von allen Dingen der Welt. Auch die heilige
Liebe trennt die Seele der Liebenden von ihrem Leib und von allen Din-
gen der Welt. Es gibt hier nur den einen Unterschied, daß der Tod dies
immer in Wirklichkeit tut, was bei der Liebe für gewöhnlich nur im Her-
zen geschieht.
Ich sage, für gewöhnlich, denn zuweilen ist die heilige Liebe so heftig, daß
sie die Trennung von Leib und Seele auch in Wirklichkeit verursacht, indem
sie die Liebenden eines ganz seligen Todes sterben läßt, der wertvoller ist
als hundert Leben.
Wie es den Verworfenen eigen ist, in der Sünde zu sterben, so ist es auch
den Auserwählten eigen, in der Liebe und Gnade Gottes zu sterben.
Dies geschieht aber auf verschiedene Weise.
58 VII, 9

2. Der Gerechte stirbt niemals unvorhergesehen, denn in der christlichen


Gerechtigkeit bis zum Ende ausharren, heißt gewiß für seinen Tod vorsor-
gen. – Wohl stirbt er zuweilen eines plötzlichen und raschen Todes; des-
halb läßt uns die Kirche in ihrer Weisheit in den Litaneien nicht beten, daß
wir vor einem plötzlichen Tod bewahrt werden, sondern vor einem plötz-
lichen und unvorhergesehenen Tod. Wenn der Tod nur plötzlich ist, ist er
deshalb nicht schlimmer, wohl aber, wenn er auch unvorhergesehen kommt.
Hätten geistesschwache und unverständige Menschen das Himmelsfeu-
er gesehen, das auf Simeon, den Säulensteher herabfiel und ihn tötete,
welches Ärgernis hätten sie nicht daran genommen? Und doch darf man
nichts anderes denken, als daß dieser große Heilige sich im Herzen schon
ganz vollkommen Gott aufgeopfert, schon ganz von Liebe verzehrt war,
und das Feuer dann vom Himmel kam, um das Brandopfer zu vollenden
und es ganz in Flammen aufgehen zu lassen. Denn der Abt Julian, der eine
Tagesreise von ihm entfernt war, sah seine Seele zum Himmel aufsteigen
und ließ deshalb zur selben Stunde Weihrauch verbrennen, um Gott Dank
zu sagen.
Der selige Homobonus von Cremona wohnte eines Tages der heiligen
Messe kniend und mit größter Andacht bei. Als er beim Evangelium nicht
aufstand, wie es Brauch ist, schauten seine Nachbarn zu ihm hin und sa-
hen, daß er verschieden war.
Man hat in unseren Tagen Persönlichkeiten, die durch Wissen wie Tu-
gend hervorragten, im Beichtstuhl oder beim Anhören einer Predigt tot
aufgefunden; einige sind sogar plötzlich gestorben, nachdem sie mit gro-
ßem Eifer gepredigt hatten. Bei all diesen war der Tod wohl plötzlich, aber
nicht unvorhergesehen. Und wieviele gute Menschen sterben nicht plötz-
lich an Herzschlag oder an anderen Krankheiten, andere wieder im Deli-
rium, in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn? All diese, wie auch die
Kinder, die bald nach der Taufe sterben, sterben im Zustand der Gnade
und folglich in der Liebe Gottes.

3. Aber wie konnten sie in der Liebe zu Gott sterben, da sie doch bei ihrem
Sterben gar nicht an Gott dachten? Die Gelehrten, Theotimus, verlieren
ihr Wissen nicht im Schlaf, sonst wären sie beim Erwachen unwissend und
müßten wieder in die Schule gehen. So ist es auch mit allen Tugenden:
Klugheit, Maßhalten, Glaube, Hoffnung, Liebe; sie verbleiben immer im
Geist der Gerechten, wenn sie auch nicht immer in Tätigkeit sind.
VII, 9 59

Wenn ein Mensch schläft, scheint es, daß alle seine Eigenschaften mit
ihm schlafen, und daß sie dann mit ihm wieder aufwachen. Stirbt also ein
gerechter Mensch plötzlich durch den Zusammenbruch eines Hauses, er-
schlägt ihn der Blitz, erstickt er an einem Katarrh oder entschläft er in
einem durch hohes Fieber verursachten Delirium, so stirbt er wohl nicht in
der Tätigkeit, aber doch im Zustand der göttlichen Liebe. Deshalb sagt
auch der Weise (Weish 4,7): „Der Gerechte, der vom Tod überrascht wird,
wird in den Ort der Ruhe eingehen“; denn um das ewige Leben zu erlan-
gen, genügt es, im Zustand und in der Tugend der Liebe zu sterben.

4. Mehrere Heilige sind allerdings nicht nur in der Liebe und geschmückt
mit der Tugend der himmlischen Liebe, sondern auch in der Tätigkeit und
Ausübung dieser Liebe gestorben.
So starb der hl. Augustinus, als er einen Reueakt erweckte, der ja nicht
ohne Liebe ist; der hl. Hieronymus, während er seine lieben Kinder zur
Gottesliebe, Nächstenliebe und Tugendliebe aufmunterte; der hl. Ambro-
sius, als er im innigen Gespräch mit seinem Heiland entrückt war, nach-
dem er das heiligste Altarssakrament empfangen hatte; der hl. Antonius
von Padua im freudigen Gespräch mit seinem Heiland, nachdem er einen
Hymnus zur glorreichen Jungfrau und Mutter gebetet hatte. Der hl. Tho-
mas von Aquin starb, die Hände gefaltet, die Augen zum Himmel erho-
ben, wobei er aus tiefer Seele die Worte des Hoheliedes sprach, die letzten,
die er erklärt hatte: „Komm, o Vielgeliebter, gehen wir gemeinsam hinaus
auf die Felder!“ (Hld 7,11).
Alle Apostel und fast alle Märtyrer sind betend gestorben. Der selige
und ehrwürdige Beda hatte durch eine Offenbarung die Stunde seines Hin-
scheidens erfahren. Er ging zur Vesper (es war am Fest Christi Himmel-
fahrt) und beschloß sein Leben aufrecht stehend, nur auf die Armlehnen
seines Sitzes gestützt, ohne krank zu sein, im selben Augenblick, da er
aufhörte, die Vesper, die Abendpsalmen zu singen. Es war, als wollte er
seinem Meister bei dessen Himmelfahrt folgen, um sich im Himmel am
schönen Morgen der Ewigkeit zu erfreuen, die keinen Abend kennt.
Johannes Gerson, Kanzler der Pariser Universität, war ein so gelehrter
und frommer Mann, daß, wie Sixtus von Siena sagte, man bei ihm nicht
sagen kann, ob sein Wissen tiefer als seine Frömmigkeit war oder seine
Frömmigkeit tiefer als sein Wissen. Drei Tage nachdem er die Eigenschaf-
ten der göttlichen Liebe erklärt hatte, die im Hohelied genannt sind, starb
60 VII, 10

er mit frohem Antlitz und freudigem Herzen, die oft wiederholten Worte
des Hoheliedes auf den Lippen: „O Gott, Deine Liebe ist stark wie der
Tod“ (Hld 8,6).
Der hl. Martin starb, wie jedermann weiß, in so tiefer Andacht versunken,
daß sich jedes Wort erübrigt.
Der hl. Ludwig, dieser große König unter den Heiligen und große Heili-
ge unter den Königen, war von der Pest befallen. Er hörte nicht auf zu
beten und starb nach Empfang der Wegzehrung, die Arme ausgebreitet
wie am Kreuz, die Augen zum Himmel gerichtet, mit tiefer Sehnsucht
diese Worte vollkommenen, liebevollen Vertrauens betend: „O Herr, ich
werde in Dein Haus eintreten, Dich in Deinem heiligen Tempel anbeten
und Deinen Namen lobpreisen“ (Ps 5,8; 138,2).
Der hl. Petrus Coelestinus, der Unsagbares erduldet hatte, sang am Ende
seiner Tage, gleich einem heiligen Schwan, den letzten der Psalmen und
beendigte Lied und Leben mit den liebeglühenden Worten: „Alles, was
Odem hat, lobe den Herrn!“ (Ps 150,6).
So starben auch die hl. Eusebia, die Fremde benannt, auf den Knien, in
eifriges Gebet versunken, der hl. Petrus der Märtyrer, indem er mit eige-
nem Finger und Blut das Bekenntnis seines Glaubens niederschrieb, für
den er starb und betete: „Herr, in Deine Hände empfehle ich meinen
Geist“ (Ps 31,6; Lk 23,46), und der große Apostel der Japaner, Franz
Xaver, indem er das Kreuz in Händen hielt, es küßte und wiederholt sei-
nen Geist zu Gott erhob mit den Worten: „O Jesus, Gott meines Her-
zens!“ (Ps 73,26).

10. Kapitel
Das Sterben aus Liebe und um der göttlichen Liebe willen.

1. Alle Märtyrer, Theotimus, starben um der göttlichen Liebe willen. Denn


wenn man sagt, daß viele für den Glauben gestorben sind, so darf man dies
nicht so verstehen, als wären sie für den toten Glauben gestorben (Jak
2,17.26). Sie sind vielmehr für den lebendigen Glauben gestorben, der durch
die Liebe belebt ist (Gal 5,6). Daher ist auch das Bekennen des Glaubens
nicht so sehr ein Akt des Verstandes und des Glaubens, als ein Akt des
Willens und der Gottesliebe. Der große hl. Petrus hat wohl am Tag des
Leidens Christi in seiner Seele den Glauben bewahrt, aber trotzdem die
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Liebe verloren, da er sich mit dem Mund nicht zu seinem Meister bekann-
te, den er doch in seinem Herzen als solchen anerkannte.
2. Es hat aber trotzdem auch Märtyrer gegeben, die ausdrücklich allein
um der Liebe willen gestorben sind. So der große Vorläufer des Heilands,
der wegen der brüderlichen Zurechtweisung des Herodes den Märtyrer-
tod erlitt (Mt 14,4; Mk 6,18), und die glorreichen Apostelfürsten Petrus
und Paulus, die starben, weil sie die Frauen zur Heiligkeit und Reinheit
bekehrten, die der schamlose Nero verführt hatte (Baronius Ann. zum
Jahre 69). Auch die heiligen Bischöfe Stanislaus und Thomas von Canter-
bury wurden aus einem Grund getötet, der nicht den Glauben, sondern die
Liebe betraf. Schließlich erlitt eine große Anzahl von Jungfrauen und Mär-
tyrerinnen den Tod wegen ihres Eifers, die Keuschheit zu bewahren, die
sie dem göttlichen Bräutigam aus Liebe gelobt hatten.
3. Aber unter diesen Liebenden gibt es solche, die sich so unbedingt den
Tätigkeiten der heiligen Liebe hingeben, daß dieses Feuer sie verbrennt und
ihr Leben verzehrt.
Menschen, die großen Kummer tragen, können oft solange nicht mehr
essen, trinken und schlafen, bis sie schließlich an Schwäche und Entkräf-
tung sterben. Man sagt dann gewöhnlich, daß der Kummer sie getötet habe.
Das ist aber nicht wahr; sondern diese Menschen sterben, weil ihre Kräfte
nachgelassen haben und geschwunden sind. Ursache davon war allerdings
der Kummer. Wenngleich er sie nicht getötet hat, wird man sagen müssen,
daß sie doch wegen des Kummers und an dem Kummer gestorben sind.
So ist es auch, mein lieber Theotimus, mit der heiligen Liebe. Hat sie
ihre Glut gesteigert, so bestürmt sie mit solcher Wucht das Herz, verwun-
det es so häufig, erfüllt es mit solcher Sehnsucht, läßt es dauernd förmlich
zerschmelzen und in so häufige Ekstasen und Entrückungen geraten, daß
dadurch die Seele, fast nur mit Gott beschäftigt, der leiblichen Natur den
nötigen Beistand zur Erhaltung und ausreichenden Ernährung versagt.
Die körperlichen Lebenskräfte nehmen dann nach und nach ab, das Leben
wird verkürzt und der Tod tritt ein.
O Gott, Theotimus, wie selig ist ein solcher Tod! Wie beglückend dieser
liebende Pfeil, der uns die unheilbare Wunde heiliger Liebe zufügt, der
unser Herz so heftig schlagen läßt, daß wir für immer krank werden, da-
hinsiechen und schließlich sterben müssen.
Um wieviel, glaubst du wohl, sind die Tage der Heiligen abgekürzt wor-
den durch diese heilige Sehnsucht und alle Leiden, die sie um der Liebe
62 VII, 11

willen ertragen haben, – die Tage heiliger Liebender, wie der hl. Katharina
von Siena, des hl. Franz von Assisi, des kleinen hl. Stanislaus Kostka, des
hl. Karl und so vieler Heiligen, die so jung gestorben sind?
Der hl. Franz erlitt, nachdem er die Wundmale seines Meisters empfan-
gen, so heftige und qualvolle Schmerzen, Krämpfe und Krankheiten, daß
er nur mehr Haut und Knochen war, kaum mehr als ein Skelett, eher ein
Bild des Todes als ein lebender und noch atmender Mensch.

11. Kapitel
Einige Gottliebende, die an der Liebe starben.

1. Alle Auserwählten also, Theotimus, starben im Zustand der heiligen


Liebe; einige starben außerdem in der Ausübung dieser Liebe, andere um
dieser Liebe willen, andere durch die gleiche Liebe.
Zur höchsten Stufe der Liebe aber gehört es, daß einige an der Liebe
sterben. Das geschieht dann, wenn die Liebe nicht nur das Herz so sehr
verletzt, daß es dahinsiecht, sondern wenn sie es durch einen Stich in die
Herzmitte mit solcher Wucht durchbohrt, daß die Seele aus dem Körper
gestoßen wird.
Das geht so vor sich: Die Seele wird von den göttlichen Wonnen ihres
Vielgeliebten mächtig angelockt. Um nun ihrerseits diesen seligen Lok-
kungen zu entsprechen, wirft sie sich mit aller Kraft, und soviel sie nur
kann, diesem so begehrenswerten, so anziehenden Freund entgegen. Da
sie aber ihren Leib nicht nachziehen kann, so verläßt sie ihn und trennt
sich eher von ihm, als mit ihm in den Armseligkeiten dieses Lebens stek-
ken zu bleiben. Sie fliegt allein, einer schönen Taube gleich, in den beseli-
genden Schoß ihres himmlischen Bräutigams. Sie eilt zu ihrem Vielge-
liebten hin und ihr Vielgeliebter zieht und reißt sie an sich.
Und wie der Bräutigam Vater und Mutter verläßt, um mit seiner Braut
eins zu werden (Gen 2,24), so verläßt auch diese keusche Braut ihr sterb-
liches Fleisch, um sich mit ihrem Vielgeliebten zu vereinigen.
2. Das ist aber die heftigste Wirkung, die die Liebe in einer Seele hervor-
bringt. Sie fordert, daß sich zuerst das Herz von allen Anhänglichkeiten
entblößt, die es an die Welt oder an den Leib ketten können. Das Feuer
trennt nach und nach das Wesen der Dinge von seiner Masse, reinigt es und
holt schließlich das Innerste seines Wesens heraus. So wirkt auch die hei-
lige Liebe. Hat sie das menschliche Herz seinen Launen, Neigungen und
VII, 11 63

Leidenschaften entzogen, soweit es möglich ist, so holt sie schließlich die


Seele heim, damit sie durch diesen in den Augen Gottes kostbaren Tod (Ps
116,15) in die unsterbliche Herrlichkeit eingehe.
3. Der große hl. Franziskus, der mir in allem, was die heilige Liebe be-
trifft, stets vor Augen steht, konnte dem Tod durch die Liebe nicht entge-
hen; hatte doch die Liebe zu Gott ihm mit einer Unmenge von schweren
Gebrechen, Ekstasen und Schwächeanfällen zugesetzt. Außerdem wollte
Gott, der ihn als Wunder der Liebe den Blicken aller Welt preisgegeben
hatte, daß er nicht nur der Liebe wegen, sondern an der Liebe sterben
sollte.
Betrachte doch, ich bitte dich, Theotimus, sein Sterben. Da er die Stun-
de seines Hinscheidens kommen sah, ließ er sich entblößt auf den Boden
legen. Er empfing darauf einen Habit als Almosen, ließ sich damit beklei-
den und redete dann mit Eifer auf seine Brüder ein, um sie zur Gotteslie-
be, zur Gottesfurcht und zur Hingabe an die Kirche anzufeuern. Dann ließ
er sich die Leidensgeschichte des Heilands vorlesen und begann mit äu-
ßerster Glut den Psalm 142 zu beten: „Mit meiner Stimme rief ich zum
Herrn, flehend erhob ich meine Stimme zum Herrn.“ Da er die letzten
Worte des Psalms aussprach: „O Herr, hole meine Seele aus dem Kerker,
damit ich Deinen heiligen Namen preisen könne; die Gerechten harren
mein, daß Du mir vergeltest,“ starb er im 45. Jahr seines Lebens.
Wer sieht nicht, ich bitte dich Theotimus, daß dieser serafische Mann,
der sich so nach dem Martyrium, nach dem Tod um der Liebe willen
gesehnt hatte, schließlich an der Liebe starb, wie ich es anderswo erklärt
habe (V/10).
4. Die hl. Magdalena hatte 30 Jahre in einer Grotte zugebracht, die man
heute noch in der Provence sehen kann. Siebenmal des Tages wurde sie
entrückt, wie wenn sie die sieben kirchlichen Horen hätte singen wollen.
Eines Tages kam sie in die Kirche; dort fand sie ihr Bischof, der hl. Maxi-
min, in Beschauung versunken, die Augen voller Tränen, die Arme hoch-
erhoben. Er reichte ihr die heilige Kommunion und sie gab gleich darauf
ihren Geist auf, der nun auf ewig „zu Füßen“ ihres Heilands, im Genuß
des „besseren Teiles“ blieb, den sie schon in ihrem Leben „erwählt“ hatte
(Lk 10,39-42).
Der hl. Basilius war in enger Freundschaft mit einem großen Arzt ver-
bunden, der Jude war, der Nation und Religion nach. Er hoffte ihn für den
Glauben an unseren Herrn zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang, bis er,
64 VII, 12

von Fasten, Nachtwachen und Leiden gebrochen, dem Tod nahe war. Er
fragte dann den Arzt über seinen Gesundheitszustand und beschwor ihn,
ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Der Arzt fühlte seinen Puls und sagte:
„Ihnen ist nicht mehr zu helfen. Sie werden noch vor Sonnenuntergang
sterben.“ Darauf der Kranke: „Was werden Sie dazu sagen, wenn ich mor-
gen noch am Leben bin?“ Der Arzt antwortete: ,,Dann verspreche ich
Ihnen, ein Christ zu werden.“ – Der Heilige betete also zu Gott und erbat
sich die Verlängerung seines leiblichen Lebens zugunsten des geistlichen
Lebens seines Arztes. Dieser bekehrte sich tatsächlich auf das Wunder
hin. Der Heilige stand mutig auf, ging zur Kirche und taufte ihn und seine
ganze Familie. Darauf kehrte er in sein Zimmer zurück, legte sich nieder,
besprach sich noch lange mit unserem Herrn im Gebet und ermahnte alle
Anwesenden, Gott von ganzem Herzen zu dienen. Schließlich sah er die
Engel zu sich kommen und sagte mit großer Liebe die Worte: „Mein Gott,
ich befehle Dir meine Seele und lege sie in Deine Hände“ (Ps 31,6; Lk
23,46); dann starb er. Der Arzt aber, den er bekehrt hatte, umarmte ihn
weinend und sagte: „Großer Basilius, Diener Gottes, hättest du es gewollt,
so wärest du heute ebensowenig gestorben wie gestern“ (Pseudo-Amphi-
loch. Leben des hl. Bas.). – Wer sieht nicht, daß dieser Heilige an der Liebe
starb?
Auch die selige Theresia von Jesus offenbarte nach ihrem Tod, daß sie an
einem heftigen Ansturm der Liebe gestorben sei, der so gewaltig war, daß
die Natur ihm kaum Widerstand leisten konnte und die Seele zu dem
hinzog, dem sie ihre ganze Liebe geschenkt hatte.

12. Kapitel
Wunderbare Geschichte eines Edelmannes,
der auf dem Ölberg an der Liebe starb.

Zu dem bisher Berichteten möchte ich noch eine Geschichte hinzu-


fügen, die zwar wundersam ist, doch heilig liebenden Seelen nicht weniger
glaubwürdig erscheint. Der Apostel sagt ja (1 Kor 13,7): „Die Liebe glaubt
gern alles,“ d. h. sie kommt nicht leicht auf den Gedanken, daß man lüge.
Wenn nicht offenbare Anzeichen der Unrichtigkeit dessen, was erzählt
wird, vorliegen, so glaubt sie ohne Schwierigkeit, besonders wenn es Din-
ge sind, die Gottes Liebe zu den Menschen oder die Liebe der Menschen
zu Gott verherrlichen und preisen. Denn die Liebe als Königin und Herr-
VII, 12 65

scherin im Reich der Tugenden hat nach Art der Fürsten Wohlgefallen an
allem, was ihrem Reich Herrlichkeit verleiht.
Die Geschichte, die ich nun erzählen will, ist weder so bekannt, noch ist
sie so bezeugt, als es die Größe des in ihr berichteten Wunders verdiente;
sie ist aber deswegen nicht weniger wahr. Der hl. Augustinus sagt ja ganz
richtig: Man weiß von den Wundern, die sich ereigneten, kaum etwas an
den Orten, wo sie geschahen, so auffallend sie auch waren; und wenn auch
die Augenzeugen sie bestätigen, so bringt man ihnen nur schwer Glauben
entgegen. Deswegen hören sie aber nicht auf, wahr zu sein. In Dingen des
religiösen Lebens kann man sagen, daß gutgeartete Seelen immer freudi-
ger Dinge für wahr halten, je schwieriger sie zu glauben und je wunderba-
rer sie sind.
Ein ebenso berühmter wie tugendhafter Edelmann unternahm eines Ta-
ges eine Seefahrt nach Palästina, um die heiligen Orte zu besuchen, an
denen der Herr das Werk unserer Erlösung vollbracht hatte. Um diese
heilige Übung gut zu beginnen, empfing er vorher voll Andacht die heili-
gen Sakramente der Buße und des Altares.
Dann begab er sich nach Nazaret, wo der Engel der heiligsten Jungfrau
die Menschwerdung Gottes verkündet und sich die anbetungswürdige
Empfängnis des ewigen Wortes vollzogen hatte. Er vertiefte sich in den
Abgrund göttlicher Güte, die sich gewürdigt hatte, menschliche Natur
anzunehmen, um die Menschen dem Verderben zu entreißen.
Von dort zog er nach Betlehem, dem Ort der Geburt, und weinte, da er
der Tränen gedachte, die der Sohn Gottes als kleines Kind der Jungfrau
hier vergossen hatte. Er küßte immer wieder die Erde, die Zeuge der ers-
ten Augenblicke des göttlichen Kindes gewesen war.
Von Betlehem reiste er nach Bet-Araba und dann bis zum kleinen Flek-
ken Betanien. Hier legte er seine Kleider ab, da der Herr es auch getan
hatte, um getauft zu werden. Dann stieg er in den Jordan, wusch sich in
dessen Wassern und trank davon. Es schien ihm dabei, als sähe er den
Heiland aus der Hand seines Vorläufers die Taufe empfangen, den Heili-
gen Geist sichtbar über ihn herabkommen und den Himmel offen stehen.
Es war ihm, als hörte er die Stimme des ewigen Vaters: „Dieser ist mein
vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“
Von Betanien wanderte er dann in die Wüste, sah dort mit den Augen
des Geistes den Heiland im heiligen Fasten, im Kampf und Sieg über den
Feind und dann, wie die Engel ihn mit wunderbarer Speise bedienten (Mt
3,16-4,11).
66 VII, 12

Von da ging er zum Tabor, den verklärten Heiland zu sehen, dann zum
Berge Zion, wo es ihm vorkam, als kniete der Herr immer noch im Abend-
mahlssaal, um seinen Jüngern die Füße zu waschen, und als reichte er
ihnen seinen heiligen Leib zur Speise. Er überschritt dann den Bach Kid-
ron und trat in den Garten Getsemani ein. Da verging sein Herz in Tränen
aus Liebesleid, als er sich seinen Erlöser blutschwitzend und in entsetzli-
cher Todesangst vorstellte, um bald darauf gebunden und gefesselt nach
Jerusalem geführt zu werden.
Auch dorthin folgte er ihm und ging überall den Spuren des Vielgeliebten
nach. Er sah ihn vor sich, wie er da- und dorthin geschleppt wurde, zu
Hannas, Kajaphas, Pilatus, Herodes, wie er gepeitscht, geohrfeigt, ange-
spien, mit Dornen gekrönt, vor das Volk hingestellt, zum Tod verurteilt,
mit dem Kreuz beladen wurde. Er sah ihn, wie er das Kreuz trug und dabei
seiner von Schmerz gebeugten Mutter und den über ihn weinenden Frauen
begegnete.
Schließlich stieg der fromme Pilger den Kalvarienberg hinan. Er sah
dort im Geiste das auf der Erde liegende Kreuz, er sah den Herrn in seiner
Entblößung, er sah, wie man ihn auf das Kreuz hinwarf und seine Hände
und Füße grausam annagelte, wie man das Kreuz mit dem Gekreuzigten in
die Höhe hob und das Blut aus allen Wunden seines Leibes herabrieselte.
Er schaute auf die allerseligste Jungfrau, jetzt in tiefster Trauer versunken,
ganz durchbohrt vom Schwert des Leidens (Lk 2,35). Dann wandte er sich
wieder dem gekreuzigten Heiland zu, hörte mit unvergleichlicher Liebe
seine letzten sieben Worte und sah ihn schließlich sterben. Er sah dann
noch im Geist den Lanzenstich, das durch die Wunde geöffnete Herz Jesu,
seine Kreuzabnahme und Grablegung. Er folgte ihm dorthin und vergoß
viele Tränen an den Plätzen, die vom Blut des Heilands durchtränkt wa-
ren. Dann trat er in das Grab ein und begrub sein Herz neben dem Leich-
nam seines göttlichen Meisters.
Mit ihm stand er dann von den Toten auf, ging mit ihm nach Emmaus
und war Zeuge von all dem, was sich zwischen dem Herrn und den zwei
Jüngern zutrug. Endlich kam er wieder auf den Ölberg zurück, wo das
Geheimnis der Himmelfahrt stattgefunden hatte. Beim Anblick der letz-
ten Fußspuren des göttlichen Heilands warf er sich nieder und küßte sie
ungezählte Male mit unendlicher Liebe.
So wie ein Bogenschütze die Sehne seines Bogens an sich heranzieht,
wenn er einen Pfeil abschießen will, so ballte er alle Kräfte seiner Liebe in
sich zusammen, stand auf, hob Augen und Hände zum Himmel empor
VII, 12 67

und betete: „O Jesus, mein gütiger Jesus, ich weiß nicht, wo ich Dich noch
weiter auf Erden suchen soll, um Dir nachzufolgen. Ach Jesus, meine
Liebe, gewähre doch diesem Herzen, daß es Dir da hinauf folge!“ – Mit
diesen Worten schleuderte er förmlich seine Seele in den Himmel, gleich
einem Pfeil, den er als ein von Gott bestellter Bogenschütze mitten in sein
seliges Ziel abschoß.
Seine Gefährten und Diener eilten erschreckt zum Arzt, als sie ihn so
plötzlich tot hinfallen sahen. Dieser stellte tatsächlich seinen Tod fest. Er
erkundigte sich, um ein richtiges Urteil über die Ursachen dieses plötzli-
chen Todes fällen zu können, nach seiner Verfassung, seinen Gewohnhei-
ten und seiner Gemütsart. Da man ihm erklärte, er sei von Natur aus sanft,
liebenswürdig, äußerst fromm und von einer glühenden Liebe zu Gott
erfüllt gewesen, erwiderte der Arzt, daß zweifellos sein Herz am Übermaß
und an der Glut seiner Liebe gebrochen sei. Zur Bekräftigung dieses Ur-
teils ließ er den Leichnam öffnen und fand tatsächlich dieses tapfere Herz
offen und darin die Worte eingeprägt: „Jesus, meine Liebe!“ – So hat also
die Liebe hier das Werk des Todes vollbracht und ohne Mitwirken einer
anderen Ursache die Seele vom Leib getrennt. Der hl. Bernhardin von
Siena, ein hochgelehrter und heiliger Schriftsteller, erzählt diese Geschichte
in seiner ersten Predigt über die Himmelfahrt.
Ein anderer Schriftsteller, beinahe aus derselben Zeit, der seinen Na-
men aus Demut verschwiegen hat, obwohl er es verdiente, bekannt zu sein,
hat in einem Buch, das den Titel „Spiegel des geistlichen Lebens“ führt,
eine noch wunderbarere Geschichte niedergeschrieben. Er erzählte, daß
es in der Provence einen Mann gegeben habe, der der Liebe zu Gott und
der Andacht zum allerheiligsten Sakrament in besonderer Weise hingege-
ben war. Eines Tages wurde er von einer Krankheit befallen, die ständiges
Erbrechen verursachte. Man brachte ihm die heilige Kommunion, die er
aber wegen der Gefahr des Erbrechens nicht zu empfangen wagte. Er bat
nun den Pfarrer, sie ihm wenigstens auf die Brust zu legen und ihn damit
zu segnen. Das geschah auch und im selben Augenblick öffnete sich die
von der Liebe entflammte Brust und nahm die himmlische Speise, die ja
der Vielgeliebte war, in sich auf und zu gleicher Zeit verschied der Kran-
ke.
Ich weiß wohl, daß diese Geschichte ganz außerordentlich ist und ein
Zeugnis von größerem Gewicht erforderte. Aber nach der gewiß wahren
Tatsache des Spaltes im Herzen der hl. Klara von Montefalcone, den jeder-
68 VII, 13

mann jetzt noch sehen kann, und der Wundmale des hl. Franz, die auch
ganz sicher sind, finde ich es nicht schwer, an solche Wirkungen der gött-
lichen Liebe zu glauben.

13. Kapitel
Die allerseligste Jungfrau und Mutter Gottes
starb an der Liebe zu ihrem Sohn.

1. Man kann kaum daran zweifeln, daß der große hl. Josef vor dem Lei-
den und Sterben des Heilands verschieden ist, sonst hätte wohl Jesus seine
Mutter nicht dem hl. Johannes anvertraut.
Wie kann man sich vorstellen, daß Josef in seiner Todesstunde nicht den
Beistand seines Herzenskindes, seines vielgeliebten Pflegesohnes gehabt
hätte? – Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit
erlangen (Mt 5,7). Wie war dieser gute Nährvater gütig, liebevoll und barm-
herzig gegen den Heiland, da er als kleines Kind zur Welt kam! Wer möch-
te denn annehmen, daß sein geistlicher Sohn ihm, als er aus der Welt
schied, nicht das Hundertfache zurückerstattete, indem er ihn mit himm-
lischen Freuden überhäufte?
Die Störche versinnbilden gut die gegenseitige Liebe von Eltern und
Kindern. Da sie Wandervögel sind, tragen sie auf ihrem Flug die alten
Eltern, so wie sie, als sie klein waren, auf dem Flug von den Eltern getra-
gen wurden. – Als der Heiland noch ein Kindlein war, hatten der große hl.
Josef, sein Nährvater, und die glorreiche Jungfrau Maria, seine Mutter,
ihn oft getragen und besonders auf der Reise von Judäa nach Ägypten und
von Ägypten nach Judäa. Wer möchte daran zweifeln, daß dieser heilige
Vater am Ende seiner Erdentage seinerseits von seinem göttlichen Pflege-
sohn auf der Reise von dieser Welt in die andere, in den Schoß Abrahams
getragen wurde, – und schließlich in seinen eigenen Schoß, in die Herr-
lichkeit, am Tag seiner Himmelfahrt?
Ein Heiliger, der in seinem Leben so viel geliebt hatte, konnte nur an der
Liebe sterben. Seine Seele, die inmitten der Zerstreuungen dieses Lebens
ihren lieben Jesus nicht nach Wunsch lieben konnte, die jetzt ihren am
zarten Kind notwendigen Dienst vollendet hatte, was vermochte sie nun
anderes, als dem ewigen Vater zu sagen: „Vater, ich habe das Werk voll-
bracht, das Du mir aufgetragen“ (s. Joh 17,4), – und dem Sohn: „Mein
Kind, wie Dein himmlischer Vater Deinen Leib in meine Hände legte, als
VII, 13 69

Du zur Welt kamst, so lege ich jetzt meinen Geist in die Deinen (Ps 31,6;
Lk 23,46), am Tag meines Hinscheidens aus dieser Welt.“
So stelle ich mir den Tod dieses großen Patriarchen vor, dieses Mannes,
der auserkoren war, dem Sohn Gottes die zärtlichsten und liebevollsten
Dienste zu erweisen, die ihm je geleistet wurden oder noch in Zukunft
geleistet werden.

2. Ich nehme natürlich seine himmlische Braut, die wahre, wirkliche Mut-
ter dieses göttlichen Sohnes aus. Es ist ganz unmöglich zu denken, daß sie
eines anderen Todes als des Liebestodes gestorben sei. Ist es doch der edel-
ste Tod und folglich auch der Tod, der dem edelsten aller Geschöpfe ziem-
te, der Tod, den selbst die Engel zu sterben wünschten, wenn sie des Todes
fähig wären.
Von den ersten Christen wurde gesagt, daß sie nur ein Herz und eine Seele
waren (Apg 4,32), weil sie eine vollkommene Liebe zueinander hegten. –
Der hl. Paulus lebte nicht mehr selbst, sondern Jesus Christus lebte in ihm
(Gal 2,20), so sehr war sein Herz mit dem seines Meisters verbunden.
Seine Seele war in seinem Herzen, das sie belebte, wie gestorben, um im
Herzen des Heilands zu leben, den sie liebte.
Aber, o wahrhaftiger Gott, um wieviel mehr ist es wahr, daß die allerse-
ligste Jungfrau und ihr Sohn nur eine Seele, ein Herz und ein Leben hatten,
so daß diese heilige Mutter nicht mehr selber lebte, sondern ihr Sohn in ihr.
Liebendste und geliebteste Mutter, die es je geben könnte, aber liebend
und geliebt mit einer Liebe, die unvergleichlich höher ist, als die aller
Engel und Menschen, wie ja auch die Namen der einzigen Mutter und des
einzigen Sohnes im Reich der Liebe Namen sind über alle Namen.

3. Ich sage: der einzigen Mutter und des einzigen Sohnes, weil ja alle
anderen Kinder ihre Geburt Vater und Mutter verdanken, aber bei diesem
Kind die irdische Geburt von seiner Mutter allein abhing. Sie allein trug
das bei, dessen die Kraft des Heiligen Geistes für die Empfängnis dieses
göttlichen Kindes bedurfte. Darum gebührte ihr allein und wurde ihr al-
lein alle Liebe zuteil, die ihren Urgrund in dieser Geburt hatte.
Dieser Sohn und diese Mutter waren eins durch eine Verbundenheit, die
umso erhabener war, als sie im Reich der Liebe einen von den anderen so
verschiedenen Namen hat, daß er alle anderen Namen überragt. Denn
welchem aller Serafim steht es zu, dem Erlöser zu sagen: „Du bist mein
wirklicher Sohn und ich liebe Dich als meinen wirklichen Sohn“? Und
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welchem aller Geschöpfe wurde je vom Heiland gesagt: „Du bist meine
wirkliche Mutter und ich liebe dich als meine wirkliche Mutter. Du bist
meine wirkliche Mutter, ganz mein, und ich dein wirklicher Sohn ganz
dein“?
4. Wenn ein Diener, der seinen Herrn liebte, es wagte zu sagen, und auch
ganz wahrhaftig sagte, daß er kein anderes Leben habe, als das seines Mei-
sters (Gal 2,20), wie konnte dann nicht seine Mutter kühn und heiß lie-
bend ausrufen: „Ich habe kein anderes Leben als das meines Sohnes; mein
Leben ist ganz in seinem und seines ist ganz in meinem.“ Denn zwischen
dieser Mutter und diesem Sohn bestand nicht mehr nur eine Vereinigung
der Herzen, sondern eine Herzens-, Seelen- und Lebenseinheit.
5. Lebte aber diese Mutter vom Leben ihres Sohnes, so starb sie auch am
Tod ihres Sohnes, denn wie das Leben, so der Tod.
Man sagt vom Phönix (s. Plin. H. n. 10. 2) , daß er, alt geworden, auf
einer Bergeshöhe viel aromatisches Holz zusammenträgt und auf diesem
wie auf einem Ehrenbett seine Lebenstage vollendet. Wenn die Sonne am
höchsten Zenit steht und ihre brennendsten Strahlen wirft, fügt dieser ein-
zigartige Vogel zur Sonnenglut noch eine eigene Tätigkeit hinzu: er schlägt
mit den Flügeln so lang auf die Scheiter, bis sie Feuer fangen und er mit
ihnen, so daß er von diesen duftenden Flammen verzehrt wird und in
ihnen stirbt.
Theotimus, so hatte auch die Jungfrau Maria in ihrem Geist, dank ei-
nem ganz lebendigen und beharrlichen Gedächtnis, die ergreifendsten
Geheimnisse des Lebens und Sterbens ihres Sohnes zusammengetragen.
Sie nahm dabei auch immer die glühenden Eingebungen in sich auf, die
ihr Sohn, Sonne der Gerechtigkeit (Mal 4,2) , gleich senkrechten Strahlen
am Zenit seiner Liebe, auf die Menschen warf, und sie selbst hielt durch
die Beschauung ihren Geist in ständiger Bewegung. So verzehrte sie
schließlich das heilige Feuer dieser göttlichen Liebe zur Gänze, als ein
Brandopfer voll himmlischer Süße. Sie starb daran, da ihre Seele in den
Armen der Liebe ihres Sohnes entrückt und entführt wurde. – O liebevoll
lebendiger Tod, o lebensvoll tödliche Liebe!
Beim Tod des Heilands waren einige heilige Liebende gegenwärtig; un-
ter ihnen litten die am meisten, die am stärksten liebten. Ihre Liebe war
ganz durchtränkt von Leid und ihr Leid von Liebe; und alle, die den Hei-
land leidenschaftlich liebten, waren von der Liebe zu seinem Leiden und
Schmerz ergriffen. Aber die liebe Mutter, die inniger als alle liebte, war
VII, 14 71

auch mehr als alle durchbohrt vom Schwert der Schmerzen. Das Leid des
Sohnes war ein schneidendes Schwert, das mitten durch das Herz der Mutter
drang. Ihr Herz war so verbunden, vereinigt und eins mit ihrem Sohn, daß
nichts das eine verletzen konnte, ohne das andere aufs schmerzlichste zu
treffen. Dieses mütterliche Herz, so wund aus Liebe, suchte nicht nur kei-
ne Heilung ihrer Wunde, sondern liebte diese mehr als jede Heilung und
bewahrte mit Liebe die schmerzlichen Schläge, die sie empfangen wegen
der Liebe. die sie ihrem Herzen versetzt hatte. Und immer sehnte sie sich,
daran zu sterben, da ja ihr Sohn daran gestorben war, – ihr Sohn, der nach
den Worten der Heiligen Schrift und aller Kirchenlehrer in den Flammen
der Liebe starb als vollendetes Schlachtopfer für die Sünden der Welt.

14. Kapitel
Die glorreiche Jungfrau starb eines sanf ten und friedlichen TTodes.
sanften odes.

1. Man sagt einerseits, Unsere liebe Frau habe der hl. Mechtildis (Buch
von der bes. Gnade, 26) geoffenbart, daß die Krankheit, an der sie gestor-
ben, nichts anderes als ein heftiger Ansturm der göttlichen Liebe gewesen
sei. Andererseits bezeugen aber die hl. Birgitta (Off. 6,62) und der hl.
Johannes Damascenus (Hom. vom Tod der Jungfrau Maria) , daß sie eines
äußerst friedlichen Todes gestorben sei. Das eine wie das andere ist wahr,
Theotimus.
2. Die Sterne sind wunderschön anzusehen, sie strahlen eine angenehme
Helle aus; hast du sie aber genauer betrachtet, so wirst du gemerkt haben,
daß sie diese Strahlen durch Glitzern, Funkeln und Aufflammen hervor-
bringen, wie wenn sie das Licht mühevoll in wiederholten Anstrengungen
gebären. Vielleicht kommt das daher, daß ihr Licht wegen seiner Schwä-
che nicht ständig und gleichmäßig ausstrahlen kann, vielleicht auch daher,
daß unsere Augen zu schwach sind und die Entfernung der Sterne zu groß
ist, um sie ständig und gleichmäßig sehen zu können.
So erfuhren auch die Heiligen, die den Liebestod starben, eine große
Mannigfaltigkeit von Liebesanfällen und Liebesleiden, bevor es zu ihrem
Hinscheiden kam: Häufiges Aufflammen der Liebe und Liebesanstürme,
häufige Ekstasen, viel Liebessiechtum, viele Todeskämpfe, wie wenn ihre
Liebe diesen seligen Tod nur angestrengt und in wiederholten Mühen ge-
bären sollte. Ursache war die Schwäche ihrer Liebe, die noch nicht ganz
72 VII, 14

vollkommen war, ihr Werk nicht mit gleichmäßiger Festigkeit vollbrin-


gen konnte.

3. Ganz anders war es bei der seligsten Jungfrau.


Ein schöner Morgen wird nicht stoßweise heller, sondern er breitet sich
gleichsam aus durch ein kaum merkbares ständiges Wachsen der Klarheit.
Man sieht wohl, wie es allmählich heller wird, aber man merkt keine
Unterbrechung, kein Stehenbleiben, kein Aufhören dieses Wachsens.
So nahm auch die göttliche Liebe im jungfräulichen Herzen unserer
glorreichen Frau jeden Augenblick zu; aber es war ein mildes, friedliches,
ständiges Wachsen, ohne Aufregung, ohne Erschütterung, ohne irgendeine
Heftigkeit. O nein, Theotimus, man darf in die himmlische Liebe des
mütterlichen Herzens der Jungfrau keine stürmische Aufregung hinein-
legen. Die Liebe ist ja von sich aus mild, lieblich, friedlich und ruhig. Wenn
sie zuweilen Stürme verursacht, wenn sie den Geist erschüttert, so ist es,
weil sie auf Widerstand stößt. Wenn ihr aber die Durchgänge der Seele
offen stehen, wenn sie keinen Widerstand und keine Gegnerschaft findet,
dann schreitet sie friedlich voran, mit unvergleichlicher Milde. So äußerte
auch die heilige Liebe im jungfräulichen Herzen der heiligen Mutter ihre
Kraft ohne Anstrengung, ohne gewalttätige Heftigkeit, da sie ja keinen
Widerstand und keinerlei Hindernis vorfand.
Große Ströme rauschen tosend durch Strudel und Wirbel an holprigen
Stellen, wenn Felsbänke und Blöcke in die Strömung hineinragen und den
Lauf des Flusses behindern; in der Ebene fließen sie dagegen ruhig und
mühelos dahin.
So ist es auch mit der Liebe. Stößt sie in den menschlichen Seelen auf
Hemmungen und Widerstände, wie es in Wirklichkeit bei allen, wenn
auch verschiedenartig der Fall ist, so greift sie zur Gewalt, bekämpft die
bösen Neigungen, pocht an das Herz und drängt den Willen, indem sie ihn
in verschiedener Weise aufrüttelt und anspornt. So sucht sie sich Raum zu
schaffen oder wenigstens über die Hindernisse hinwegzukommen.

4. Aber in der heiligen Jungfrau begünstigte und förderte alles das Strö-
men der heiligen Liebe. Ihr Fortschreiten und Wachstum in der Liebe war
unvergleichlich größer als in jedem anderen Geschöpf, zugleich aber trotz-
dem unendlich mild, friedlich und ruhig. Nein, sie fiel weder aus Liebe
noch aus Mitleid beim Kreuz ihres Sohnes in Ohnmacht, obgleich sie den
glühendsten und leidvollsten Ansturm der Liebe durch-litt, den man sich
VII, 14 73

vorstellen kann. Obwohl er den höchsten Grad erreichte, war er doch


gleich kraftvoll und sanft, gewaltig und ruhig, tatkräftig und friedlich, von
schmerzlicher Glut und doch mild.
Ich will damit nicht sagen, Theotimus, daß es in der Seele der hochhei-
ligen Jungfrau nicht zwei verschiedene Bereiche und folglich auch ein
zweifaches Begehren gegeben hat, das eine nach dem Geist und der höhe-
ren Vernunft, das andere nach den Sinnen und der niederen Vernunft. Sie
konnte den Widerstand und Widerstreit des einen gegen den anderen emp-
finden. Das war sogar bei unserem Herrn, ihrem Sohn, der Fall.
Ich behaupte aber, daß bei dieser himmlischen Mutter alle Affekte so
wohlgeordnet waren, daß die himmlische Liebe ihre Herrschaft und Be-
fehlsgewalt ganz friedlich ausüben konnte, ohne durch die Verschieden-
heit der Willensbestrebungen und des Begehrens und ohne durch das Wi-
derstreben der Sinne gestört zu werden. Denn die Widerstände des natür-
lichen Begehrens und die Regungen der Sinne gingen nie bis zur Sünde,
nicht einmal bis zur läßlichen Sünde. Im Gegenteil, all das wurde auf
heilige und treue Weise im Dienst der heiligen Liebe zur Übung der ande-
ren Tugenden verwendet, die meistens nur inmitten von Schwierigkeiten,
Widerständen und Widersprüchen geübt werden können.

5. Die Dornen sind nach allgemeiner Ansicht nicht nur verschieden von
den Blumen, sondern ihnen entgegengesetzt. Es scheint, als stünde es bes-
ser, gäbe es deren keine in der Welt. Der hl. Ambrosius hat daher auch
gemeint (Hex. 3,11), daß sie ohne die Sünde nicht da wären. Da sie aber
nun da sind, macht sie sich der Bauer nutzbar, indem er sie zur Umzäu-
nung der Felder und junger Bäume verwendet, damit sie so zum Schutz
und zur Abwehr gegen die Tiere dienen.
So hatte die glorreiche Jungfrau wohl Anteil an allen menschlichen Arm-
seligkeiten, jene ausgenommen, die unmittelbar auf die Sünde hinzielen.
Die gebrauchte sie aber in nützlicher Weise zur Übung und zum Wachs-
tum der heiligen Tugenden der Stärke, Mäßigkeit, Gerechtigkeit, Klug-
heit, Demut, Geduld und des Mitleidens. So bildeten sie kein Hindernis für
die heilige Liebe, sondern viele Gelegenheiten, sie durch ständige Übungen
und Fortschritte zu verstärken. Bei ihr läßt sich Magdalena nicht von der
Aufmerksamkeit ablenken, mit der sie die liebevollen Eindrücke auf-
nimmt, die der Heiland in ihr hervorruft, – trotz allen Eifers und Umsor-
gens, die Marta aufweisen kann. Sie hat die Liebe ihres Sohnes gewählt (Lk
10,42), und nichts kann sie ihr rauben.
74 VII, 14

6. Ein Magnet zieht, wie jedermann weiß, das Eisen durch eine geheim-
nisvolle, wunderbare Kraft an sich. Es gibt aber doch fünf Dinge, die diese
Wirkung behindern: 1. die zu große Entfernung, die zwischen ihnen liegt,
2. die Anwesenheit eines Diamanten zwischen ihnen, 3. wenn das Eisen
eingefettet ist, 4. wenn es mit Knoblauch eingerieben ist, 5. wenn das Eisen
zu schwer ist.
Unser Herz ist für Gott geschaffen, der es ständig an sich lockt und nicht
aufhört, in das Herz die Reize seiner himmlischen Liebe zu werfen. Fünf
Dinge aber gibt es, die diese Reize hindern, sich auszuwirken: 1. die Sünde,
die uns von Gott entfernt, 2. die Liebe zum Reichtum, 3. die sinnlichen
Gelüste, 4. Stolz und Eitelkeit, 5. die Eigenliebe mit den ungezählten
Leidenschaften, die sie hervorbringt und die eine uns niederdrückende,
schwere Last sind. Keines dieser Hindernisse fand sich aber im Herzen
der glorreichen Jungfrau. 1. Sie war von jeder Sünde bewahrt, 2. jederzeit
arm von Herzen, 3. immer ganz rein, 4. immer ganz demütig, 5. immer
friedliche Herrscherin über alle Leidenschaften und ganz frei von jedem
Aufruhr der Eigenliebe gegen die Gottesliebe.
Wären alle Hindernisse und sogar die Schwere weg, so würde Eisen
zwar kräftig, aber auch ruhig und gleichmäßig vom Magnet angezogen,
und diese Anziehungskraft würde um so tatkräftiger und stärker, je näher
sie einander wären und je mehr die Bewegung des Eisens ihrem Ziel zu-
ginge.

7. So hatte auch die heiligste Mutter nichts an sich, was die Wirkung der
göttlichen Liebe ihres Sohnes behindert hätte. Sie vereinte sich daher mit
ihm in einer unvergleichlichen Einheit durch Ekstasen, die ganz sanft,
friedlich und mühelos waren. Es war ein Entrücktsein, in dem der sinnen-
hafte Teil der Seele seine Tätigkeit fortsetzte, ohne dabei die Geistesein-
heit im geringsten zu stören, wie auch die vollkommene Gottzugewandtheit
ihres Geistes keine große Ablenkung der Sinne verursachte.
Daher war auch der Tod dieser Jungfrau sanfter, als man es sich denken
kann. Ihr Sohn zog sie mild durch den Wohlgeruch seiner Düfte (Hld 1,3)
an sich und sie verströmte sich ganz liebevoll, diesen heiligen Wohlgerü-
chen folgend, in den Schoß der Güte ihres Sohnes.
Und obwohl diese heilige Seele ihren ganz heiligen, ganz reinen, ganz
liebenswerten Leib überaus liebte, so verließ sie ihn doch ohne ir-
gendwelche Mühe und ohne Widerstand, wie die keusche Judit ihre Trau-
er und Witwenschaft zwar sehr liebte, sie aber trotzdem gern ablegte, um
VII, 14 75

sich mit ihrem Hochzeitsgewand zu bekleiden, als sie fortging, Holofer-


nes zu besiegen (Jdt 10,2), oder wie Jonatan, als er aus Liebe zu David sein
Gewand ablegte (1 Sam 18,4).
Die Liebe hatte dieser göttlichen Braut beim Kreuz das schrecklichste
Todesleid verursacht; so war es gewiß vernünftig, daß endlich der Tod ihr
die höchsten Wonnen der Liebe schenkte.
76
77

ACHTES BUCH

Über die Liebe der Gleichförmigkeit, durch die wir


unseren Willen mit dem geoffenbarten göttlichen
Willen vereinigen, der uns durch Gebote, Räte und
Einsprechungen gezeigt wird.
78 VIII, 1

1. Kapitel
Die Liebe der Gleichförmigkeit, die dem
heiligen W ohlgefallen entspringt.
Wohlgefallen

1. Die „gute Erde“, die das Samenkorn aufgenommen, gibt es zu seiner


Zeit hundertfach zurück. So kann auch das Herz, das an Gott Wohlgefallen
gefunden, nicht umhin, Gott auch Wohlgefallen bereiten zu wollen. Keiner
gefällt uns, dem nicht auch wir zu gefallen wünschen. Kühler Wein er-
frischt zunächst den, der ihn trinkt. Aber sobald er vom Magen aufgenom-
men und dort erwärmt wurde, erwärmt er ihn wieder, und je mehr ihm der
Magen Wärme mitteilt, desto mehr Wärme gibt er ihm zurück. Echte
Liebe ist nie undankbar; sie trachtet denen zu gefallen, an denen sie Gefal-
len findet.
Das ist die Quelle der Gleichförmigkeit Liebender. Sie gestaltet uns zu
dem um, was wir lieben. Der fromme und weise Salomo wurde ein Götzen-
diener und Narr, als er heidnische und närrische Frauen liebte; so viele
Götzen seine Frauen hatten, so viele hatte auch er (1 Kön 11,4-8). Die
Heilige Schrift nennt daher weibisch die Männer (Jes 3,4), die das Weib
seines Geschlechtes wegen zügellos lieben, weil die Liebe diese Männer
im Handeln und Empfinden zu Weibern macht.
Diese Umwandlung geschieht unmerklich durch das Wohlgefallen. So-
bald dieses in unser Herz eingezogen ist, gebiert es ein anderes, um es
jenem zu geben, von dem wir es empfangen haben. – Man sagt, daß es in
Indien ein kleines Landtier gibt, dem Fische und Meer so gefallen, daß es
durch häufiges Schwimmen mit den Fischen schließlich selber ein Fisch
wird und sich so aus einem Landtier in ein Seetier umwandelt (Almeyda,
Brief aus Japan im Jahre 1566).
2. So wird man auch durch das Gefallen an Gott ihm gleichförmig. Unser
Wille wandelt sich in den der göttlichen Majestät um durch das Wohlge-
fallen, das wir an ihm finden.
Die Liebe, sagt der hl. Chrysostomus (eigentlich Hieronymus zu Micha
7,5), findet Ähnlichkeit vor oder schafft sie. Das Beispiel derer, die wir
lieben, übt über uns eine sanfte und unwahrnehmbare Herrschaft, eine
unmerkliche Autorität aus. Wir sind genötigt, sie entweder zu verlassen
oder sie nachzuahmen.
Wer durch den Duft angelockt in einen Parfümladen geht, zieht selbst
den Wohlgeruch an, während er sich dessen erfreut. Wenn er dann den
VIII, 1 79

Laden verläßt, strömt er selbst wieder den Duft aus, dessen er sich erfreute,
und erfreut damit auch die anderen.
3. Mit der Freude, die unser Herz an dem hat, was es liebt, nimmt es auch
dessen Eigenschaften an, denn die Freude öffnet weit das Herz, während
die Traurigkeit es verschließt; – weswegen die Heilige Schrift oft das Wort
„weit werden“ für „sich freuen“ gebraucht. Ist aber das Herz durch die
Freude weit offen, so dringen Eindrücke von Eigenschaften, an denen man
Freude empfindet, leicht in das Herz ein. Mit ihnen aber auch andere
Eigenschaften des geliebten Wesens, wenn sie uns auch mißfallen. Im Ge-
dränge der Freudeempfindungen kommen auch sie herein, gleich dem,
der ohne hochzeitliches Gewand unter den festlich Gekleideten zum Gast-
mahl kam.
So gefielen sich die Schüler des Aristoteles darin zu stottern, wie er es
tat, und die Schüler Platons, in Nachahmung ihres Meisters mit gebeug-
tem Rücken zu gehen. Plutarch erzählt von einem Weib, dessen Phantasie
und Gedankenwelt so für alle Wollust empfänglich gewesen sei, daß es
durch den bloßen Anblick des Bildes eines Mohren ein schwarzes Kind
von einem weißen Vater zur Welt brachte (Plt. de aud. poem); die Ge-
schichte der Schafe Jakobs bestätigt ja auch diese Tatsache (Gen 30,37-
41).
Kurzum, die Freude, die man an einem Gegenstand hat, ist wie ein Quar-
tiermeister, der das liebende Herz zum Quartier aller Eigenschaften des-
sen macht, was ihm gefällt.
4. Deshalb bildet uns auch das heilige Wohlgefallen in Gott um, den wir
lieben; und je größer es ist, desto vollkommener ist die Umwandlung. Die
Heiligen, die so innig geliebt haben, wurden deshalb auch so rasch und
vollkommen umgebildet, da die Liebe die Sitten und Gesinnungen eines
Herzens in das andere überträgt und verpflanzt.
Es ist eigenartig aber doch wahr: Wenn zwei gleichgestimmte Lauten
nebeneinander sind und man auf der einen spielt, ohne die andere zu be-
rühren, so wird die andere mit dieser mitklingen, auf der man spielt. Da sie
einander angepaßt sind, bringt dies eine solche Übereinstimmung hervor,
wie wenn sie eine natürliche Liebe zueinander hegten.
Es widerstrebt uns, solche nachzuahmen, die wir hassen, – auch in Din-
gen, die an sich gut sind. Die Lakedemonier wollten den guten Rat eines
schlechten Menschen erst dann befolgen, wenn ein guter Mensch ihn wie-
derholt hatte (Plut. Apopht.). Dagegen kann man nicht umhin, sich dem
anzugleichen, was man liebt.
80 VIII, 2

5. Der große Apostel sagt wohl in diesem Sinn, daß das Gesetz nicht für
die Gerechten aufgestellt ist (1 Tim 1,9), denn der Gerechte ist nur ge-
recht, weil er die heilige Liebe besitzt. Hat er aber die Liebe, so braucht er
nicht von der Strenge des Gesetzes gedrängt zu werden, denn die Liebe
belehrt und mahnt wohl am wirksamsten das Herz, um es zu überzeugen,
daß es dem Willen und Wunsch des Geliebten gehorsam entgegenkomme.
Die Liebe ist eine Obrigkeit, die ihre Macht ohne Lärm, ohne Aufseher und
Polizisten ausübt. Sie übt sie aus durch gegenseitiges Wohlgefallen. Wir
haben Gefallen an Gott, deshalb wünschen wir auch, Gott zu gefallen.
6. Die Liebe ist der Inbegriff der gesamten Theologie. Sie spendete heilige
Gelehrsamkeit der Unwissenheit eines Paulus, Antonius, Simeon, Fran-
ziskus, ohne Bücher, ohne Lehrer, ohne Kunst. Kraft dieser Liebe kann
die Vielgeliebte mit aller Gewißheit sagen: „Mein Vielgeliebter ist ganz
mein durch das Wohlgefallen, wodurch er mir gefällt und mich erquickt.
Und ich bin ganz sein durch die Liebe des Wohlwollens, wodurch ich ihm
gefalle und ihn erquicke. Mein Herz findet seine Weide daran, an ihm sein
Gefallen zu haben, und das seine weidet sich daran, daß ich ihm seinetwe-
gen gefalle. Gleich einem heiligen Hirten führt er mich auf die Weide als
sein liebes Schäflein, inmitten der Lilien seiner Vollkommenheiten, an
denen ich mein Gefallen habe. Und ich wiederum, als sein liebes Schäf-
lein, erquicke ihn mit der Milch meiner Liebesaffekte, durch die ich ihm
zu gefallen suche“ (Hld 2,16; 6,2 nach dem Griech. und Hebr.).
Wer immer wahrhaft an Gott sein Gefallen findet, sehnt sich danach, in
aller Treue Gott zu gefallen und sich ihm ganz gleichzuformen, um ihm zu
gefallen.

2. Kapitel
Gleichförmigkeit in der Unter
Gleichförmigkeit Unterwerwer fung, die aus der
werfung,
Liebe des W ohlwollens her
Wohlwollens vorgeht.
hervorgeht.

1. Das Wohlgefallen zieht also die einzelnen Züge der göttlichen Voll-
kommenheiten in unsere Seelen hinein, soweit wir fähig sind, sie aufzu-
nehmen. Es ist so wie mit dem Spiegel, der das Bild der Sonne nicht ent-
sprechend der Herrlichkeit und Größe dieser gewaltigen und wunderba-
ren Leuchte auffängt, sondern entsprechend der Aufnahmefähigkeit und
VIII, 2 81

dem Ausmaß seiner Fläche. Auf diese Weise werden auch wir Gott gleich-
förmig.
Außerdem aber verleiht uns die Liebe des Wohlwollens diese heilige
Gleichförmigkeit noch auf einem anderen Weg. Die Liebe des Wohl-
gefallens zieht Gott in unsere Herzen hinein, die Liebe des Wohlwollens
aber wirft unsere Herzen in Gott hinein, und damit auch all unser Tun und
Empfinden. Sie gibt es ihm hin und weiht es ihm mit inniger Liebe. Die
Liebe des Wohlwollens wünscht ja Gott alle Ehre, alle Herrlichkeit, alle
nur mögliche Anerkennung, als ein gewisses äußerliches Gut, das seiner
Güte gebührt.
2. Entsprechend dem Wohlgefallen, das wir an Gott haben, wirkt sich
nun dieser Wunsch auf folgende Weise aus:
Wir haben ein ganz großes Wohlgefallen daran zu sehen, daß Gott über-
aus gut ist. Deshalb wünschen wir mit der Liebe des Wohlwollens, daß alle
Liebe, die wir uns vorstellen können, dafür eingesetzt werde, diese Güte
innig zu lieben.
Wir haben an der erhabenen Herrlichkeit göttlicher Vollkommenheit
großes Gefallen gefunden, weshalb wir auch wünschen, daß er über alles
gepriesen, geehrt und angebetet werde.
Wir empfinden eine hohe Freude zu erwägen, wie Gott nicht nur der
erste Ursprung, sondern auch das letzte Ziel aller Dinge ist, ihr Urheber,
Erhalter und Herr. Aus diesem Grund wünschen wir auch, daß ihm alles
durch einen unbedingten Gehorsam unterworfen sei.
Wir sehen Gottes Willen, wie er überaus vollkommen, gerade, gerecht
und unbefangen ist. Aus dieser Erwägung heraus sehnen wir uns danach,
daß er die höchste Regel, das höchste Gesetz aller Dinge sei und daß jeder
andere Wille ihm folge, diene und gehorche.
3. Beachte aber, Theotimus, daß ich hier nicht vom Gehorsam spreche,
den man Gott schuldet, weil er unser Herr und Meister, unser Vater und
Wohltäter ist. Dieser Gehorsam gehört ja zur Tugend der Gerechtigkeit
und nicht zur Liebe. Nein, davon sprechen wir jetzt nicht. Denn wenn es
auch keine Hölle zur Bestrafung der Rebellen gäbe und auch kein Para-
dies zur Belohnung der Guten und wenn wir auch keine Art von Schuldig-
keit und Pflicht Gott gegenüber hätten (was unmöglich und fast undenk-
bar ist), so würde uns doch die Liebe des Wohlwollens antreiben, in jeder
Hinsicht Gott unseren Gehorsam und unsere Unterwerfung ganz frei und
gern zu leisten. Ja, sie würde uns in Anbetracht der erhabenen Güte, Ge-
82 VIII, 3

rechtigkeit und Geradheit seines göttlichen Willens förmlich mit milder,


liebevoller Gewalt dazu drängen.
4. Sehen wir nicht, Theotimus, wie junge Mädchen in freier Wahl, aus
der Liebe des Wohlwollens heraus, sich Gatten unterwerfen, gegen die sie
keine Verpflichtung haben, oder Edelleute sich in den Dienst fremder
Fürsten stellen, oder ihren Willen in die Hand irgend eines Ordensoberen
legen und sich ihm unterwerfen?
Die Gleichförmigkeit unseres Herzens mit dem Herzen Gottes wird
also in der Weise erlangt, daß das heilige Wohlwollen alle unsere Emp-
findungen in die Hände des göttlichen Willens legt, damit sie durch ihn nach
seinem Belieben zurechtgebogen und umgebildet, nach seinem Wohlge-
fallen gestaltet und geformt werden.
Und darin besteht der ganz tiefe Liebesgehorsam, der es nicht nötig hat,
durch Drohungen oder Belohnungen, durch Gesetze oder Vorschriften
angefeuert zu werden. Er kommt all dem zuvor, er unterwirft sich ja Gott
nur um der ganz vollkommenen Güte willen, die in ihm ist. Ihretwegen
verdient es Gott, daß jeder Wille ihm gehorche, ihm untertan und ergeben
sei, daß jeder Wille mit seinen göttlichen Absichten immer und überall
und in allem gleichförmig und eins werde.

3. Kapitel
Unsere Pflicht, dem göttlichen Willen, den man den
geoffenbar ten nennt, gleichförmig zu werden.
geoffenbarten

1. Wir betrachten zuweilen den Willen Gottes in sich selbst. Wir sehen,
daß er ganz heilig und ganz gut ist; es ist uns also leicht, ihn zu loben, zu
preisen, anzubeten und unseren Willen mit dem der anderen Geschöpfe
seinem Gehorsam durch den göttlichen Ausruf zu weihen: Dein Wille
geschehe wie im Himmel so auch auf Erden (Mt 6,10).
Andere Male betrachten wir den Willen Gottes in seinen besonderen Wir-
kungen, wie in den Ereignissen, die uns berühren, in den Vorfällen, die uns
begegnen, und endlich in der Kundmachung und Offenbarung seiner Ab-
sichten.
Und obwohl seine göttliche Majestät nur einen einzigen und ganz einfa-
chen Willen hat, so bezeichnen wir ihn doch mit verschiedenen Namen
nach der Verschiedenheit der Mittel, durch die wir ihn erkennen, – der
zufolge wir auch in verschiedener Weise verpflichtet sind, ihm gleichför-
mig zu werden.
VIII, 3 83

2. Die christliche Lehre stellt uns die Wahrheiten klar vor Augen, von
denen Gott will, daß wir sie glauben, die Güter, von denen er will, daß wir
sie erhoffen, die Strafen, von denen er will, daß wir sie fürchten sollen. Sie
offenbart uns Gottes Willen über das, was wir lieben, über die Gebote, die
wir halten sollen, über die Räte, deren Befolgung er wünscht. Alles das
heißt der „ausgesprochene Wille Gottes“, weil er seinen Willen ausge-
sprochen und weil er geoffenbart hat, daß das alles geglaubt, gehofft, ge-
fürchtet, geliebt und getan werden soll.
3. Dieser ausgesprochene Wille Gottes ist ein Verlangen, nicht ein abso-
luter Wille, daher können wir ihn aus Gehorsam erfüllen oder ihm aus Unge-
horsam widerstehen. Gott bringt sozusagen drei Akte seines Willens in
dieser Hinsicht hervor: er will, daß wir widerstehen können, er verlangt,
daß wir nicht widerstehen, läßt es aber zu, daß wir widerstehen, wenn wir
es wollen.
Daß wir widerstehen können, ist eine Folge unserer natürlichen Be-
schaffenheit und Freiheit; wenn wir widerstehen, so ist dies eine Folge
unserer Schlechtigkeit; widerstehen wir aber nicht, dann handeln wir nach
dem Verlangen der göttlichen Güte.
Wenn wir also seinem göttlichen Willen Widerstand leisten, so trägt
Gott nichts zu unserem Ungehorsam bei, er überläßt es nur unserem Wil-
len, daß er sich frei entscheide (Sir 15,14), und läßt es zu, daß er das
Schlechte wähle. Gehorchen wir aber, so trägt Gott durch seine Hilfe,
seine Eingebung und Gnade dazu bei. Die Zulassung ist ein Willensakt,
der seiner Natur nach unfruchtbar, steril, ergebnislos ist, sozusagen eine
passive Handlung, die nichts tut, sondern nur tun läßt; das Verlangen ist
dagegen eine aktive, wirksame und fruchtbare Handlung, die aufmuntert,
anspornt und drängt.
4. Da aber Gott verlangt, daß wir seinem geoffenbarten Willen folgen, so
treibt er uns dazu an, mahnt uns, muntert uns auf, regt uns dazu an, hilft
und unterstützt uns. Läßt er aber zu, daß wir ihm Widerstand leisten, so
macht er nichts anderes, als uns einfach tun zu lassen, was wir nach unserer
freien Wahl wollen, entgegen seinem Verlangen und seiner Absicht.
Und doch ist dieses Verlangen ein echtes Verlangen. Denn wie kann
jemand seinen Willen, einen Freund gut zu bewirten, deutlicher aus-
drücken, als wenn er wie der König in der Parabel ein gutes und aus-
gezeichnetes Festmahl bereitet (Mt 22,2-10; Lk 14,16-23), ihn dazu ein-
lädt und durch Bitten, Mahnen und Auffordern drängt und fast zwingt zu
84 VIII, 3

kommen, sich an den Tisch zu setzen und zu essen? Gewiß würde einer,
der seinem Freund mit Gewalt den Mund öffnen, die Speisen hineinstop-
fen und ihn zwingen würde, sie hinunterzuschlingen, ihm nicht eine festli-
che Freude bereiten, sondern ihn wie ein Tier, wie einen Kapaun behan-
deln, den man mästen will. Solche Wohltat muß man durch Zureden, Auf-
munterung und Bitten anbieten, sie darf nicht gewaltsam aufgezwungen
werden. Darum wird sie auch in Form eines Verlangens, nicht eines abso-
luten Willens mitgeteilt.
5. So ist es auch mit dem geoffenbarten Willen Gottes. Durch diesen
verlangt Gott, und zwar mit einem echten Verlangen, daß wir das tun, was
er uns sagt; er gibt uns alles dazu, was wir brauchen, mahnt und drängt uns,
dies auch zu verwenden. Bei solchem Liebeserweis kann man doch nicht
mehr wünschen. Die Sonnenstrahlen bleiben echte Strahlen, auch wenn
sie durch ein Hindernis aufgehalten und zurückgeworfen werden. So bleibt
auch der geoffenbarte Wille Gottes ein echter Gotteswille, auch wenn
man ihm Widerstand leistet, obwohl er nicht so viele Wirkungen hervor-
bringt, als wenn man ihm folgte.
Die Gleichförmigkeit unseres Herzens mit Gottes geoffenbartem Willen
besteht also darin, daß wir das alles wollen, was die göttliche Güte als ihre
Absicht offenbart, daß wir glauben, was sie lehrt, erhoffen, was sie ver-
spricht, fürchten, was sie androht, lieben und tun, was sie befiehlt und
verlangt.
6. Darauf zielen die feierlichen Beteuerungen hin, die wir so oft bei den
kirchlichen Zeremonien abgeben. Das ist der Grund, warum wir bei der
Lesung des Evangeliums stehen; wir erklären damit unsere Bereitschaft,
der im heiligen Evangelium enthaltenen heiligen Offenbarung göttlichen
Willens zu gehorchen. Das ist auch der Grund, warum wir das Meßbuch
an der Stelle des Evangeliums küssen, wir wollen das heilige Wort anbe-
ten, das uns den himmlischen Willen offenbart. Das war auch der Grund,
warum mehrere heilige Männer und Frauen in früheren Zeiten das ge-
schriebene Evangelium als Zeugnis ihrer Liebe auf der Brust trugen, wie
wir es von der hl. Cäcilia lesen. So fand man nach dem Tod des hl. Barna-
bas das mit eigener Hand geschriebene Evangelium nach Matthäus auf
seinem Herzen.
Daher stellte man auch bei den ersten Konzilien inmitten der Versamm-
lung der Bischöfe einen großen Thron auf und legte darauf das heilige
Buch der Evangelien, das die Person des Erlösers darstellen sollte, des
Königs, Lehrers, Leiters, des Geistes und einzigen Herzens der Konzilien
VIII, 4 85

und der ganzen Kirche. So sehr ehrte man die Offenbarung des göttlichen
Willens, die in diesem Buch Ausdruck findet.
Der große Spiegel des geistlichen Hirtenamtes, der heilige Erzbischof
Karl von Mailand, studierte die Heilige Schrift nie anders als auf den
Knien und mit entblößtem Haupt, um so die Ehrfurcht zu bezeugen, mit
der Gottes geoffenbartes Wort angehört und gelesen werden soll.

4. Kapitel
Die Gleichförmigkeit unseres Willens
mit dem Willen Gottes, uns zu retten.

1. Gott hat uns auf so vielerlei Weise und mit so vielen Mitteln seinen
Willen geoffenbart, alle zu retten, daß darüber niemand im unklaren sein
kann.
In dieser Absicht hat er uns durch die Schöpfung nach seinem Bild und
Gleichnis (Gen 1,26f) und sich selbst durch die Menschwerdung nach
unserem Bild und Gleichnis gemacht. Er hat dann für uns den Tod erlit-
ten, um die ganze Menschheit zu erlösen und zu retten. Mit soviel Liebe tat
er dies, daß er nach Dionysius (8. Br. an Dem.) eines Tages dem Carpus
sagte, er sei „bereit, noch einmal zu leiden, um die Menschen zu retten“,
und er würde dies gerne tun, falls es möglich wäre, ohne daß Menschen
sündigten.
2. Obwohl nun nicht alle Menschen gerettet werden, so ist dieser Wille
doch ein echter Wille Gottes, der in uns entsprechend seiner und unserer
Natur tätig ist. Seine Güte drängt ihn, uns freigebig die Hilfen seiner Gna-
de mitzuteilen, damit wir zur Seligkeit seiner Glorie gelangen. Aber unse-
re Natur verlangt, daß seine Freigebigkeit uns die Freiheit lasse, uns ihrer
zu bedienen, um uns zu retten, oder sie zu mißachten und dadurch zugrun-
de zu gehen.
3. „Ich habe eines ersehnt,“ sagt der Prophet (Ps 27,4), „und immer
wieder werde ich mich danach sehnen, daß ich die Freude des Herrn sehe
und heimsuche seinen Tempel.“
Aber was ist die Freude der höchsten Güte, als sich zu ergießen und ihre
Vollkommenheiten mitzuteilen? Gewiß ist Gottes Freude, mit den Men-
schenkindern zu sein (Spr 8,31), um seine Gnaden über sie auszuschütten.
Nichts ist freien Wesen angenehmer und erfreulicher, als ihren Willen
zu tun. – Unsere Heiligung aber ist der Wille Gottes (1 Thess 4,3) und unser
86 VIII, 4

Heil sein Wohlgefallen. Nun gibt es zwischen Wohlgefallen und Freude


keinen Unterschied, daher auch keinen zwischen Freude und Gottes gu-
tem Wollen. Gottes Wille für das Wohl der Menschen wird „gut“ genannt
(Ps 5,13; 51,20), weil er liebenswürdig, hilfreich, wohlwollend, gefällig,
freundlich ist, und wie es die Griechen dem hl. Paulus nachsagen (Tit 3,4;
s. Apg 28,1), eine wahre „Menschenfreundlichkeit“, d. h. ein Wohlwollen
oder ein ganz liebendes Wollen den Menschen gegenüber.
Der ganze himmlische Tempel der triumphierenden und der streitenden
Kirche widerhallt überall von Gesängen auf diese gütige Liebe Gottes zu
uns. Und der heiligste Leib des Erlösers ist wie ein überaus heiliger Tem-
pel seiner Gottheit, geschmückt mit Zeichen und Merkmalen dieser Lie-
be. Jedesmal, wenn wir ein Heiligtum betreten, schauen wir die beglük-
kende Freude, die sein Herz darin findet, uns Beweise seiner Liebe zu
geben.
Betrachten wir doch hundertmal des Tages diesen liebenden Willen Got-
tes. Verschmelzen wir unseren Willen mit dem seinen und rufen wir voll
Innigkeit aus: O unendlich beglückende Güte! Wie liebenswert ist doch
Dein Wille! Wie ersehnenswert Deine Hulderweise! Du hast uns für das
ewige Leben geschaffen und Dein von unvergleichlicher Liebe glühendes
Herz strömt über von Erbarmen, um den reuigen Sündern zu verzeihen
und die Gerechten zu heiligen. Ach, wann heften wir unseren Willen an
den Deinen, wie kleine Kinder sich an die Mutterbrust schmiegen, um
Deine ewigen Segnungen in uns aufzunehmen?

4. Theotimus, wir müssen unser Heil wollen, wie Gott es will. Er will aber
unser Heil, indem er danach Verlangen trägt. So müssen also auch wir,
seinem Verlangen folgend, immerfort danach verlangen.
Er will es aber nicht nur, sondern er gibt uns auch alle Mittel, um das Heil
erlangen zu können. Wir müssen also infolge unseres Verlangens, gerettet
zu werden, alle Gnaden, die er uns bereitet hat und anbietet, nicht nur
wollen, sondern auch tatsächlich annehmen.
Es genügt wohl zu sagen: Ich verlange danach, gerettet zu werden, – aber
nicht: Ich verlange danach, die geeigneten Mittel dafür zu verwenden. Man
muß vielmehr ganz entschlossen sein, die Gnaden, die Gott uns schenkt, zu
wollen und zu ergreifen. Unser Wille muß doch mit dem Willen Gottes
übereinstimmen. Da er uns die Mittel zu unserem Heil gibt, so müssen wir
VIII, 5 87

sie annehmen, wie wir ja auch nach dem Heil verlangen müssen, so wie ihn
danach verlangt und weil ihn danach verlangt.
5. Nun kommt es aber zuweilen vor, daß die Mittel, zum Heil zu gelan-
gen, im großen und ganzen gesehen, unserem Herzen angenehm sind, im
einzelnen und besonderen uns aber abschrecken. Haben wir nicht den ar-
men hl. Petrus bereit gesehen, im allgemeinen alle Art von Leiden und
sogar den Tod auf sich zu nehmen, um seinem Meister zu folgen? – Als es
aber darauf ankam, wurde er blaß, zitterte und verleugnete seinen Meister
auf die Stimme einer einfachen Magd hin (Lk 22,33-57).
Jeder glaubt, den Kelch unseres Herrn mit ihm trinken zu können (Mt
20, 22); wird er aber in der Tat kredenzt, dann läßt man alles liegen und
läuft davon.
Die Dinge machen, im einzelnen gesehen, einen tieferen Eindruck und
verletzen die Phantasie viel fühlbarer. Daher haben wir auch in der „An-
leitung“ geraten, bei der Betrachtung nach den allgemeinen Affekten be-
sondere Entschlüsse zu fassen.
David nahm die einzelnen Leiden als Weg zur Vollkommenheit an, als
er betete: „O wie gut ist es, Herr, daß Du mich gedemütigt hast, damit ich
Deine Satzungen lerne“ (Ps 119,71). So waren auch die Apostel freudig in
ihren Leiden, daß sie gewürdigt wurden, um des Namens ihres Heilands
willen Schmach zu erdulden (Apg 5,41).

5. Kapitel
Die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem
in den Geboten ausgesprochenen Willen Gottes.

1. Wie die ganze Heilige Schrift bezeugt, ist das Verlangen Gottes, daß
wir seine Gebote halten, überaus groß. Wie konnte er dies besser ausdrük-
ken als durch die großen Belohnungen, die er denen verheißt, die sein
Gesetz beobachten, und durch die furchtbaren Strafen, mit denen er die
bedroht, die es verletzen? Daher ruft auch David aus: „O Herr, Du hast
angeordnet, daß Deine Gebote aufs beste beobachtet werden“ (Ps 119,4).
Die Liebe des Wohlgefallens will nun beim Anblick dieses göttlichen
Verlangens Gott durch dessen Erfüllung wohlgefallen. Die Liebe des Wohl-
wollens, die Gott alles unterwerfen will, unterwirft folglich unser Verlan-
gen und Wollen dem geoffenbarten Willen Gottes. Daraus fließt nicht nur
88 VIII, 5

die Beobachtung, sondern auch die Liebe der Gebote, die David voll Be-
geisterung im Psalm 119 besingt, den er anscheinend nur dafür gedichtet
hat:
Wie liebeglühend lieb ich Dein Gesetz, o Herr,
darüber sinn und rede ich den ganzen Tag (97).
Deine Gebote liebe ich, o Herr,
mehr als man Gold und Feingold liebt (127).
Wie sind Deine Reden meinem Gaumen süß,
süßer als Honig meinem Mund (103).

2. Um aber diese heilige und heilsame Liebe zu den Geboten in uns zu


wecken, müssen wir ihre wirklich wunderbare Schönheit betrachten. Denn
wie es Werke gibt, die schlecht sind, weil sie verboten wurden, und andere,
die verboten wurden, weil sie schlecht sind, so gibt es auch gute Werke, die
gut sind, weil sie angeordnet wurden, und andere, die angeordnet werden,
weil sie gut und sehr nützlich sind. Alle sind sie daher sehr gut und sehr
liebenswert, weil das Gebot den einen die Güte gibt, die sie sonst nicht
hätten, und den anderen ein Mehr an Güte, da sie, wenn auch nicht gebo-
ten, schon an sich gut wären.
Wir nehmen Gutes nicht gerne an, wenn es uns von feindlicher Hand
gereicht wird. Die Lakedemonier wollten einen noch so guten und heilsa-
men Rat nicht annehmen, solange ihn nicht ein ehrenwerter Mann wieder-
holt hatte (Plut. Apopht.). Im Gegenteil ist uns ein Geschenk nie will-
kommener, als wenn es ein Freund gibt. Die mildesten Gebote werden
hart, wenn sie ein grausames, tyrannisches Herz auferlegt; sie werden aber
überaus liebenswert, wenn die Liebe befiehlt. Jakob empfand den Dienst,
den er leistete, wie ein Königtum, weil er der Liebe entsprang (Gen 29,20).
Wie sanft und ersehnenswert ist doch das Joch des göttlichen Gesetzes, das
uns ein so liebenswerter König auferlegt hat!
3. Viele beobachten die Gebote so, wie man eine Medizin einnimmt,
mehr aus Furcht, in der Verdammnis zu sterben, als aus Freude darüber,
nach dem Willen des Heilands zu leben. Es gibt Leute, die jede Medizin,
mag sie noch so angenehm schmecken, widerwillig nehmen, nur weil sie
Medizin heißt. So gibt es auch Seelen, die Abscheu vor allem Gebotenen
haben, nur weil es geboten ist. Man sagt, es habe einen Mann gegeben, der
80 Jahre hindurch in Paris gelebt hatte, ohne je aus dieser Stadt herausge-
kommen zu sein. Doch sobald ihm der König befohlen hatte, den Rest
VIII, 5 89

seines Lebens in der Stadt zu bleiben, ging er hinaus, sich die Felder anzu-
sehen, wonach er sein Leben lang kein Verlangen gehabt hatte.
Das liebreiche Herz aber liebt die Gebote, und je schwierigere Dinge
befohlen werden, umso beglückender und angenehmer findet es sie, weil es
dadurch dem Vielgeliebten auf vollkommenere Weise wohlgefällt und ihm
mehr Ehre bereitet. Es singt Jubelhymnen, wenn Gott es seine Gebote
und Rechtfertigungen lehrt (Ps 119,171).
Der Wanderer, der fröhlich singend seines Weges zieht, fügt scheinbar
zur Mühe des Wanderns noch die des Singens hinzu, überwindet aber in
Wirklichkeit durch diese vermehrte Mühe die Langeweile und erleichtert
die Beschwerden des Weges. So findet auch der Liebende an den Geboten
so viel Beglückendes, daß nichts in diesem sterblichen Leben ihn so sehr
aufatmen läßt und tröstet wie die liebreiche Bürde der Gebote seines Gottes.
Darum rief der Psalmist aus: O Herr, Deine Rechtfertigungen oder Gebo-
te sind mir liebliche Lieder an diesem Ort meiner Pilgerschaft (Ps 119,54).
4. Man sagt, daß die mit Feigen beladenen Maultiere und Pferde sofort
unter dieser Last zusammenbrechen und ihre ganze Kraft verlieren. Süßer
als Feigen ist das Gesetz des Herrn; aber der vertierte Mensch, der gleich-
sam zum Pferd und Maultier geworden ist, die keinen Verstand haben (Ps
32,9), verliert den Mut und findet nicht die Kraft, diese liebenswürdige Last
zu tragen.
Wie dagegen ein Zweiglein, Agnus castus genannt, den Wanderer, der es
trägt, vor Erschöpfung bewahrt (Plin. H. n. 24,9), so ist auch das Kreuz,
die Abtötung, das Joch, das Gesetz des Herrn, der das wahre Agnus castus,
das wahre keusche Lamm ist, eine erquickende Last, welche die Herzen
derer, die die göttliche Majestät lieben, Erholung, Trost und Freude berei-
tet. „Wenn man liebt, leidet man nicht, und wenn man leidet, liebt man das
Leiden“ (Aug. de bono viduit. 21). Die mit heiliger Liebe vermengten
Leiden haben eine gewisse herbe Süßigkeit, die besser mundet als nur süße
Süßigkeit.
Die göttliche Liebe macht uns also dem Willen Gottes gleichförmig und
treibt uns an, seine Gebote als ausdrückliches Verlangen seiner göttlichen
Majestät sorgfältig zu beobachten, denn wir wollen Gott ja wohlgefallen.
Dieses Wohlgefallen kommt mit seiner sanften, liebreichen Gewalt der
Notwendigkeit zu gehorchen zuvor, die das Gesetz auferlegt, und verwan-
delt diese Notwendigkeit in eine Liebeskraft und die ganze Schwierigkeit
in Freude.
90 VIII, 6

6. Kapitel
Die Gleichförmigkeit unseres Willens mit dem in seinen
Räten ausgesprochenen Willen Gottes.

1. Das Gebot offenbart einen ganz festen und drängenden Willen dessen,
der anordnet. Der Rat aber stellt uns nur einen Willen in Form eines Wun-
sches vor Augen. Das Gebot verpflichtet uns, der Rat muntert uns nur auf.
Der Übertreter eines Gebotes macht sich eines Vergehens schuldig; wer
aber einen Rat nicht befolgt, macht sich nur des Lobes weniger würdig.
Übertreter der Gebote verdienen, verdammt zu werden, jene, die Räte
vernachlässigen, verdienen nur weniger verherrlicht zu werden.
Es ist ein Unterschied zwischen Befehlen und Anempfehlen. Befiehlt
man, so macht man von der Autorität Gebrauch, um zu verpflichten; wenn
man anempfiehlt, macht man von der Freundschaft Gebrauch, um anzu-
locken und anzureizen. Das Gebot auferlegt eine Notwendigkeit, der Rat
und die Anempfehlung muntern uns zu etwas auf, was von großem Nutzen
ist. Dem Gebot entspricht der Gehorsam, dem Rat das Vertrauen. Den
Rat befolgt man, um zu gefallen, und das Gebot, um nicht zu mißfallen.

2. Deshalb führt uns die Liebe des Wohlgefallens, die uns verpflichtet,
dem Geliebten zu gefallen, zur Befolgung seiner Räte. Und die Liebe des
Wohlwollens, die will, daß ihm jeder Wille und alle Liebe untertan seien,
bewirkt, daß wir nicht nur das wollen, was er befiehlt, sondern auch das,
wozu er rät und ermahnt. Es ist so, wie mit der Liebe und Ehrfurcht, die ein
gutes Kind seinem Vater entgegenbringt, durch die es entschlossen ist,
nicht nur nach den Befehlen, die er gibt, zu leben, sondern auch nach den
Wünschen und Neigungen, die er äußert.
Der Rat wird gewiß zum Nutzen dessen gegeben, dem geraten wird,
damit er vollkommen werde: „Willst du vollkommen sein,“ sagt der Erlö-
ser, „so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen; dann komm
und folge mir nach“ (Mt 19,21; Lk 18,22). Das liebende Herz aber nimmt
den Rat nicht seines Nutzens wegen entgegen, sondern um sich dem Wunsch
dessen gleichförmig zu machen, der den Rat gibt, und um seinem Willen zu
huldigen, wie es sich gebührt.

3. Darum nimmt es die Räte nur so entgegen, wie Gott es will. Und Gott
will nicht, daß jeder alle Räte befolge, sondern nur jene, die der Eigenheit
der Personen, Zeiten, Umstände und den Kräften des einzelnen entspre-
VIII, 6 91

chen, so wie die Liebe es verlangt. Denn sie ist die Königin aller Tugenden,
aller Gebote, aller Räte, mit einem Wort aller Gesetze und christlichen
Handlungen und gibt daher ihnen allen Rang, Ordnung, Zeit und Wert.
Wenn dein Vater oder deine Mutter wirklich deines Beistandes bedürfen,
um leben zu können, dann befolge nicht den Rat, dich in ein Kloster zu-
rückzuziehen; denn die Liebe verlangt, daß du tatsächlich ihr Gebot er-
füllst, deinen Vater und deine Mutter zu ehren, ihnen zu dienen, zu helfen
und beizustehen (Ex 20,12).
Bist du ein Fürst, durch dessen Nachkommenschaft die Untertanen dei-
ner Krone im Frieden bewahrt und vor Tyrannei, Aufruhr und Bürger-
krieg geschützt werden sollen, dann verpflichtet dich die Rücksicht auf
ein so wichtiges Gut, durch eine heilige Ehe für legitime Nachkommen zu
sorgen. Das heißt dann nicht die Keuschheit verlieren, oder höchstens sie
auf keusche Weise verlieren, wenn man sie dem öffentlichen Wohl, zugun-
sten der Liebe opfert.
Hast du eine schwache, unbeständige Gesundheit, die vieler Pflege be-
darf, dann belaste dich nicht freiwillig mit tatsächlicher Armut, denn die
Liebe verbietet es dir.
Die Liebe verbietet nicht nur den Familienvätern, alles zu verkaufen
und den Armen zu geben, sondern sie befiehlt ihnen, auf ehrenhafte Weise
das zusammenzulegen, was für die Erziehung und den Unterhalt der Frau,
der Kinder und Dienerschaft erforderlich ist. So sollen auch den Königen
und Fürsten die durch redliche Sparsamkeit, nicht durch tyrannische Schli-
che gehäuften Schätze als heilsame Vorbeugungsmittel gegen ihre sichtba-
ren Feinde dienen.
Gibt denn nicht auch der hl. Paulus den Eheleuten den Rat, nach der
Zeit des Gebetes den geregelten ehelichen Verkehr wieder aufzunehmen
(1 Kor 7,5)?

4. Die Räte sind alle zur Vervollkommnung des christlichen Volkes gege-
ben, nicht aber zu der eines jeden einzelnen Christen im besonderen. Es gibt
Umstände, durch die sie manchmal unmöglich, manchmal unnütz, manch-
mal gefährlich, andere Male verschiedenen Menschen schädlich sind. Das
ist einer der Gründe, warum der Herr von einem seiner Räte sagte, was für
alle gilt: „Wer es fassen kann, der fasse es“ (Mt 19,21). Es ist, als wollte er
damit das sagen, was der hl. Hieronymus zu dieser Stelle ausführt: Wer die
Krone der Keuschheit als Ehrenpreis erringen und davontragen kann, der
ergreife ihn, denn dieser Preis ist für solche ausgesetzt, die tapfer um die
92 VIII, 6

Wette laufen. Alle können also nicht alle Räte immer befolgen, das heißt,
es ist auch nicht allen ratsam, sie alle immer zu befolgen, denn die Räte
sind zugunsten der Liebe gegeben, die also als Richtschnur und Maß für
ihre Ausführung gilt.

5. Wenn die Liebe es befiehlt, holt man daher Mönche und Ordensmänner
aus Klöstern heraus, um sie zu Kardinälen, Prälaten oder Pfarrern zu ma-
chen, ja es kann sogar vorkommen, daß man sie um des Friedens eines
Königreiches willen zur Ehe auffordert, wie wir oben gesagt haben. Wenn
nun die Liebe sogar Ursache sein kann, daß Ordensleute, die durch feier-
liche Gelübde an ihre Klöster gebunden waren, sie verlassen, um wieviel
mehr kann man aus geringeren Gründen mit der Autorität der gleichen
Liebe vielen anderen raten, zu Hause zu bleiben, ihren Besitz zu behalten,
zu heiraten, ja selbst die Waffen zu ergreifen und in den Krieg zu ziehen,
wiewohl dieser Beruf so gefahrvoll ist.

6. Wenn die Liebe die einen zur Armut treibt und die anderen aus ihr
zurückholt, wenn sie die einen zur Ehe drängt und andere zur Enthaltsam-
keit, wenn sie die einen im Kloster einschließt und die anderen dasselbe
verlassen heißt, so braucht sie darüber keinem Menschen Rechenschaft zu
geben. Ihr steht im christlichen Gesetz die Fülle der Macht zu, so wie
geschrieben steht: Die Liebe vermag alles (1 Kor 13,7). Ihr ist die höchste
Klugheit zu eigen, wie geschrieben steht: Die Liebe tut nichts Unnützes (1
Kor 13,4). Will jemand mit ihr rechten und sie fragen, warum sie so tut, so
wird sie kühn antworten: Weil der Herr dessen bedarf (Mt 21,3).
Alles ist für die Liebe bestimmt und die Liebe für Gott. Alles muß der
Liebe dienen, sie aber muß niemand dienen, nicht einmal ihrem Vielge-
liebten, denn sie ist nicht seine Magd, sondern seine Braut; folglich ist
nicht Dienen ihre Aufgabe, sondern Lieben.
Darum muß man sich von ihr befehlen lassen, wie die Räte auszuführen
sind. Denn den einen wird sie die Keuschheit und nicht die Armut befehlen,
anderen den Gehorsam und nicht die Keuschheit, den einen das Fasten und
nicht das Almosen, den anderen das Almosen und nicht das Fasten, den
einen die Einsamkeit und nicht die Seelsorge, den anderen den Umgang mit
Menschen und nicht die Einsamkeit.
Kurzum, sie ist ein heiliges Wasser, durch welches der Garten der Kirche
befruchtet wird. Obwohl dieses Wasser selbst farblos ist, hat doch jede Blu-
me, der es zum Wachstum verhilft, ihre eigene Farbe: aus ihr gehen die
VIII, 7 93

Märtyrer hervor, purpurfarbener als Rosen, Jungfrauen, weißer als Lilien;


einigen verleiht sie das zarte Violett der Abtötung, den anderen das Gelb der
ehelichen Sorgen. Auf verschiedenerlei Weise verwendet die Liebe die Räte
zur Vollkommenheit der Seelen, die so glücklich sind, unter ihrer Leitung zu
leben.

7. Kapitel
Die Liebe zu dem in den Geboten ausgedrückten Willen
Gottes führ
führtt uns dazu, die Räte zu lieben.

1. Theotimus, wie liebenswürdig ist doch dieser göttliche Wille! Wie lie-
benswert und wünschenswert ist er! O Gesetz ganz aus der Liebe und ganz
für die Liebe!“
Die Hebräer verstanden unter dem Wort Friede die Gesamtheit und
Fülle aller Güter, also die Glückseligkeit. Und der Psalmist ruft aus: „Frie-
den in Fülle komme über die, die das Gesetz Gottes lieben, und kein
Fehltritt geschehe ihnen!“ (Ps 119,165), als wollte er sagen: O Herr, wel-
che Seligkeit liegt in der Liebe zu Deinen heiligen Geboten! Eine Fülle
köstlicher Freuden erfaßt das Herz, das von der Liebe zu Deinem heiligen
Gesetz ergriffen ist.
Dieser große königliche Sänger, dessen Herz nach dem Herzen Gottes
war (1 Sam 13,14), verkostete so sehr die vollendete Erhabenheit der gött-
lichen Gebote, daß er ein von der Schönheit dieses Gesetzes bezauberter
Liebender zu sein scheint, der das Gesetz zur keuschen Braut und Königin
seines Herzens erkoren.
2. Wenn die Braut im Hohelied den unendlich lieblichen Wohlgeruch
ihres Bräutigams zum Ausdruck bringen will, so sagt sie zu ihm: „Dein
Name ist wie ausgegossenes Salböl“ (Hld 1,2), als wollte sie sagen: So
herrlich wohlduftend bist Du, als wärest Du ganz Wohlgeruch, so daß es
passender wäre, Dich selbst als Salbe und Wohlgeruch zu bezeichnen, als
nur zu sagen, Du seiest gesalbt und wohlduftend.
So wird auch die Seele, die Gott liebt, so sehr in den göttlichen Willen
umgewandelt, daß man eher von ihr sagen kann, sie sei „Wille Gottes“ zu
nennen, als nur, sie sei Gottes Willen gehorsam und untertan. Darum
erklärt Gott durch den Propheten Jesaja (Jes 62,2.4), daß er die christli-
che Kirche mit einem neuen Namen nennen werde, den der Mund des
Herrn aussprechen, festlegen und in die Herzen seiner Gläubigen einprä-
gen wird. Er erläutert dann diesen neuen Namen und sagt, er werde sein
94 VIII, 7

„Mein Wille in ihr“. Es ist, als wollte er sagen: außerhalb der Christenheit
hat jeder seinen eigenen Willen im Herzen. Die wahren Kinder des Erlö-
sers aber werden alle ihren eigenen Willen aufgeben und es wird nur ein
alles beherrschender allgemeiner Wille sein, der alle Seelen, alle Herzen
und jeden Willen belebt, leitet und lenkt. Der Ehrenname der Christen
wird kein anderer sein als „der Wille Gottes in ihnen“, der Wille, der über
jeden Willen herrschen und ihn in sich umwandeln wird, so daß der Wille
der Christen und der Wille unseres Herrn nur mehr ein Wille sein soll.
Das war auf vollkommene Weise in der Urkirche verwirklicht, als nach
den Worten des glorreichen hl. Lukas „die Menge der Gläubigen nur ein
Herz und eine Seele“ war (Apg 4,32). Er redet da nicht von dem Herzen,
das unseren Leib belebt, noch von der Seele, welche die Herzen mit mensch-
lichem Leben beseelt, sondern er spricht von dem Herzen, das unserer
Seele himmlisches Leben gibt, und von der Seele, die unser Herz mit
übernatürlichem Leben beseelt: das eine Herz und die eine Seele des wah-
ren Christen, die nichts anderes sind als der Wille Gottes. Das Leben, sagt
der Psalmist, ist im Willen Gottes (Ps 30,6). Das ist so, nicht nur weil
unser zeitliches Leben vom göttlichen Willen abhängt, sondern auch, weil
unser geistliches Leben in der Ausführung dieses Willens besteht, wo-
durch Gott in uns lebt und herrscht und bewirkt, daß wir in Ihm leben und
sind.

4. Im Gegensatz dazu hat der Böse seit Anbeginn der Welt, d. h. von
jeher das Joch des göttlichen Gebotes zerbrochen und gesagt: Ich will nicht
dienen (Jer 2,20). Darum sagt der Herr (Jes 48,8), daß er ihn schon vom
Mutterschoß an Übertreter und Rebell genannt hat. Dem König von Tyrus
wirft Gott vor, daß er sein Herz auf die gleiche Stufe gestellt habe mit dem
Herzen Gottes (Ez 28,2). Denn der Geist, der sich auflehnt, will, daß sein
Herz Herr seiner selbst sei und daß sein eigener Wille souverän sei wie der
Wille Gottes. Er will nicht, daß der göttliche Wille über seinen Willen
herrsche, sondern er will unbeschränkt und ganz unabhängig sein.

5. O Herr der Ewigkeit, laß es nicht zu! Mache vielmehr, daß niemals
mein Wille geschehe, sondern der Deine (Lk 22,42). Ach, wir sind nicht auf
der Welt, um unseren Willen zu tun, sondern den Willen Deiner Güte, die
uns in diese Welt gesetzt hat (Joh 6,38).
Von Dir, o Erlöser meiner Seele, steht geschrieben, daß Du den Willen
Deines ewigen Vaters getan hast und mit dem ersten menschlichen Wollen
VIII, 7 95

Deiner Seele im Augenblick Deiner Empfängnis dieses Gesetz des göttli-


chen Willens voll Liebe umfangen und mitten in Dein Herz gelegt hast (Ps
40,8), damit es dort ewig herrsche und regiere. Ach, wer wird meiner Seele
die Gnade erweisen, daß sie keinen anderen Willen mehr habe als den
Willen Gottes?
6. Wenn aber unsere Liebe zum Willen Gottes ganz groß ist, so be-
gnügen wir uns nicht damit, den göttlichen Willen zu tun, der uns in den
Geboten kundgetan ist, sondern wir wollen auch seinen Räten gehorchen,
die uns ja nur gegeben sind, daß wir die Gebote vollkommener erfüllen,
auf die sie sich beziehen.
Darüber sagt ganz ausgezeichnet der hl. Thomas (St. th. IIa, IIae, qu.
189, art. 1 ad 5): Wie vollkommen beobachtet man doch das Gebot, das
die unrechtmäßige Lust verbietet, wenn man selbst auf die gerechtesten
und rechtmäßigsten Freuden verzichtet hat! Wie weit entfernt von der
Begierde nach dem Gut der anderen ist der, der allen Reichtum preis-
gegeben hat, selbst den, den er auf heilige Weise hätte behalten können!
Wie weit entfernt, seinen Willen dem Willen Gottes vorzuziehen, ist der-
jenige, der sich dem Willen eines Menschen unterwirft, um den Willen
Gottes zu tun!
David war eines Tages in einer Felsenhöhle und das Heer der Philister
lagerte in Betlehem. Da sprach er den Wunsch aus: „Ach, wenn mir doch
jemand von dem Wasser aus der Zisterne beim Tor Betlehems zu trinken
gäbe!“ Kaum hatte er dies gesagt, als sich auch schon drei tapfere Krieger
auf den Weg machten, unerschrocken durch die feindlichen Reihen zur
Zisterne von Betlehem gingen, dort das Wasser schöpften und es David
brachten. Als dieser sah, welcher Gefahr sich diese Männer ausgesetzt
hatten, um seinen Durst zu löschen, wollte er von dem Wasser, das sie
unter solcher Lebensgefahr geholt hatten, nicht trinken. Er vergoß es als
Opfer, das er dem ewigen Gott darbrachte (2 Sam 23,14-17). – Schau, ich
bitte dich, mein Theotimus, welchen Eifer diese Krieger zeigten, um ih-
rem Herrn zu dienen und ihn zufriedenzustellen. Sie eilen und drängen
sich durch die Menge der Feinde unter tausend Gefahren, nur um einen
einzigen einfachen Wunsch ihres Königs zu befriedigen, den er ihnen ge-
äußert hatte.
7. Als der Erlöser auf Erden weilte, erklärte er seinen Willen bei einigen
Dingen in der Form von Geboten, bei anderen nur in Form eines Wun-
sches. Er lobte sehr die Keuschheit, die Armut, den Gehorsam und die
vollkommene Ergebung, die Verleugnung des eigenen Willens, den Wit-
96 VIII, 8

wenstand, das Fasten, das gewöhnliche Gebet. Das, was er über die Keusch-
heit sagt: es solle deren Preis erringen, wer es könne (Mt 19,12), – das hat
er auch genügsam über die anderen Räte gesagt. Auf diesen Wunsch hin
begannen die tapfersten Christen ihren Lauf; sie überwanden allen Wider-
willen, alle bösen Lüste und Schwierigkeiten und gelangten so zur heiligen
Vollkommenheit. Sie stellten sich auf die genaue Beobachtung der Wün-
sche ihres Königs ein und erreichten dadurch die Krone der Herrlichkeit.
Es ist gewiß wahr, was der Psalmist sagt (Ps 10,17): Gott erhört nicht
bloß das Gebet seiner Getreuen, sondern auch ihren bloßen Wunsch, ja
sogar die einfache Vorbereitung ihrer Herzen auf das Gebet; so sehr ist er
geneigt und bereit, den Willen derer zu tun, die ihn lieben (Ps 145,19).
Wie könnten wir da unsererseits nicht eifersüchtig darauf bedacht sein,
dem heiligen Willen unseres Herrn zu folgen und nicht nur das zu tun, was
er gebietet, sondern auch das, was er als ihm angenehm und erwünscht
bezeichnet? Edle Seelen bedürfen keines stärkeren Beweggrundes, um
etwas zu unternehmen, als zu wissen, daß der Vielgeliebte es wünscht:
Meine Seele, sagt eine derselben, ist verströmt, als mein Vielgeliebter zu
mir redete (Hld 5,6).

8. Kapitel
Verachtung der evangelischen Räte ist eine große Sünde.

1. Der Herr mahnt uns mit so kraftvollen und eindringlichen Worten, nach
der Vollkommenheit zu streben, daß wir uns über die Verpflichtung, uns für
dieses Ziel einzusetzen, keiner Täuschung hingeben können: „Seid hei-
lig,“ sagt er, „weil ich heilig bin“ (Lev 11,44; 1 Petr 1,16). „Wer heilig ist,
heilige sich noch mehr; wer gerecht ist, werde noch mehr gerecht“ (Offb
22,11). „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“
(Mt 5,48). Darum schreibt der große hl. Bernhard (254. Brief) an den
glorreichen hl. Guarinus, Abt von Aux, dessen Leben und Wunder diese
Diözese mit solchem Wohlgeruch erfüllt haben: „Nie sagt der gerechte
Mensch, es ist genug, sondern er hat immer Hunger und Durst nach der
Gerechtigkeit“ (s. Mt 5,6).
2. Bei den zeitlichen Gütern verhält es sich so, mein Theotimus, daß
nichts dem genügt, dem das Genügende nicht genügt. Denn was kann ei-
nem Herzen genügen, dem das Genügende nicht genügt?
VIII, 8 97

Bei den geistlichen Gütern aber ist es so, daß davon nicht genug hat, wer
sich mit dem begnügt, was genügt, und das Ausreichende ist hier nicht
ausreichend, denn das wahre Genügen besteht bei den göttlichen Dingen
zum Teil im Verlangen nach der Überfülle.
Gott befahl am Beginn der Welt, die Erde lasse „Grünes hervorsprießen,
Pflanzen, die Samen hervorbringen, und alle Arten Fruchtbäume, die
Früchte tragen, jeder nach seiner Art, in denen auch Same sei ...“ (Gen
1,11). – Zeigt uns nicht die Erfahrung, daß Pflanzen und Früchte erst dann
zum vollen Wachstum und zur Reife gelangt sind, wenn sie ihre Samen-
körner und Kerne tragen, die dazu dienen, Pflanzen und Bäume ihrer Art
hervorzubringen?
Unsere Tugendakte haben nie ihre richtige Größe und ihr Genügen,
wenn sie nicht in uns Wünsche nach weiterem Fortschritt hervorrufen, die
wie ein geistlicher Same zum Hervorbringen höherer Tugend dienen.
Es will mir scheinen, daß das Erdreich unseres Herzens Befehl erhalten
habe, Tugendpflanzen hervorsprießen zu lassen, die Früchte heiliger Wer-
ke tragen, jede Tugendpflanze nach ihrer Art, und daß jede wieder Samen-
körner von Wünschen und Entschlüssen in sich trage, sich zu vervielfälti-
gen und in der Vollkommenheit vorwärts zu kommen.
3. Die Tugend, die das Samenkorn oder den Kern solcher Wünsche nicht
in sich trägt, hat nicht ihr Genügen und ihre Reife. Dem Faulenzer sagt der
hl. Bernhard (254. Brief): Du willst also in der Vollkommenheit nicht
vorwärtsstreben? – Nein. – Und du willst auch nicht schlechter werden? –
Nein, wahrhaftig. – Und was dann? Du willst weder schlechter noch besser
werden? Ach, armer Mensch, du willst etwas Unmögliches sein. Nichts ist
wirklich beständig und fest in dieser Welt (Koh 2,11; 3,1). Vom Menschen
ist es aber besonders gesagt, daß er niemals im gleichen Zustand bleibt (Joh
14,2). Er muß entweder vorwärtsschreiten oder zurückweichen.
4. Weder ich, noch St. Bernhard wollen damit sagen, daß es Sünde sei, die
Räte nicht zu befolgen. Gewiß nicht, Theotimus. Denn das ist ja gerade der
Unterschied zwischen Gebot und Rat, daß das Gebot unter Sünde ver-
pflichtet und der Rat uns nur einlädt, ohne mit Sünde zu drohen. Trotz-
dem behaupte ich, daß es eine große Sünde ist, das Streben nach christli-
cher Vollkommenheit zu verachten, und eine noch größere, die Einladung,
durch die unser Herr uns dazu aufruft, zu verachten. – Unerträgliche Gott-
losigkeit aber ist es, die Räte und die Mittel zu verachten, die unser Herr uns
bezeichnet, um dorthin zu gelangen.
98 VIII, 8

Es ist eine Irrlehre zu behaupten, der Herr habe uns nicht gut beraten,
und eine Gotteslästerung, wenn jemand zu Gott sagt: „Ziehe Dich zurück
von uns, wir wollen Deine Wege nicht kennen“ (Ijob 21,14). Es ist aber
eine grauenhafte Ehrfurchtslosigkeit, demjenigen, der uns mit solcher Liebe
und Güte zur Vollkommenheit einlädt, zu sagen: Ich will nicht heilig und
nicht vollkommen sein, ich will nicht ein größeres Maß Deines Wohlwol-
lens haben, ich will nicht die Räte befolgen, die Du mir erteilst, um in der
Vollkommenheit Fortschritte zu machen.
5. Man kann wohl, ohne zu sündigen, Räte nicht befolgen, wenn man zu
etwas anderem hinneigt. Man kann es zum Beispiel unterlassen, sein Hab
und Gut zu verkaufen, um es den Armen zu geben, weil man keinen Mut
zu einem solchen Verzicht hat. Man kann auch heiraten, weil man eine
Frau liebt oder weil man nicht genug seelische Kraft besitzt, um den erfor-
derlichen Kampf wider das Fleisch zu unternehmen.
Aber sich dazu bekennen, daß man die Räte nicht befolgen will, ja auch
nicht einen der Räte, das kann man nicht ohne Verachtung dessen, der sie
gibt. Den Rat der Jungfräulichkeit nicht befolgen, um zu heiraten, darin
liegt nichts Böses. Aber heiraten, weil man der Ehe vor der Keuschheit
den Vorzug gibt, so wie es die Irrlehrer tun, das ist eine große Verachtung
entweder des Ratgebers oder des Rates. Gegen den Rat des Arztes Wein
trinken, wenn der Durst oder der Wunsch zu trinken zu stark ist, das heißt
gewiß nicht den Arzt oder seinen Rat verachten. Aber wenn man sagt: Ich
will den Rat des Arztes nicht befolgen, so kann das nur von Mißachtung
herrühren, die man gegen ihn hegt.
6. Bei Menschen ist es sehr gut möglich, daß man ihren Rat geringschätzt,
ohne jene geringzuschätzen, die ihn erteilen, denn es heißt nicht einen
Menschen geringschätzen, wenn man der Ansicht ist, daß er sich geirrt hat.
Gottes Rat aber kann man nicht verwerfen oder geringschätzen, ohne der
Ansicht zu sein, er habe uns schlecht beraten. Das kann aber nicht ohne
Gotteslästerung geschehen, als ob Gott nicht weise genug wäre, einen gu-
ten Rat zu wissen, oder nicht gütig genug, ihn geben zu wollen. – Das
gleiche gilt von den Räten der Kirche; die Kirche besitzt ja immer den
Beistand des Heiligen Geistes, der sie „in aller Wahrheit lehrt und lenkt“
(Joh 16,13); deshalb kann sie nie einen schlechten Rat geben.
VIII, 9 99

9. Kapitel
For tsetzung der begonnenen Erör
Fortsetzung ter
Erörter ung:
terung:
Jeder muß alle evangelischen Räte lieben, wenn auch nicht üben.
Jeder muß aber trotzdem befolgen, was er kann.

1. Wenn auch nicht alle Räte von jedem Christen im besonderen befolgt
werden können und müssen, so ist doch jeder verpflichtet, sie alle zu lieben,
weil sie alle sehr gut sind.
Wenn du Migräne hast und daher den Geruch des Moschus nicht vertra-
gen kannst, wirst du deshalb leugnen, daß dieser Geruch gut und ange-
nehm ist? Wenn ein Kleid aus Goldbrokat dir nicht gut steht, wirst du
deshalb sagen, daß es nichts wert ist? Wenn ein Ring nicht an deinen Fin-
ger paßt, wirst du ihn deshalb in den Kot werfen?
Preise also, Theotimus, und liebe innig alle Räte, die Gott den Men-
schen gegeben hat. Gepriesen sei auf immer der „Engel des großen Rat-
schlusses“ (Jes 9,6 nach der Sept.) mit allen Ratschlägen, die er gibt, und
allen Ermahnungen, die er den Menschen erteilt!
„Das Herz erfreut sich an Salben und Wohlgerüchen,“ sagt Salomo (Spr
27,9), „und durch die guten Ratschläge des Freundes wird die Seele beru-
higt.“ Aber von welchem Freund und von welchen Ratschlägen sprechen
wir denn? O Gott, von dem Freund der Freunde, und seine Ratschläge
sind köstlicher als Honig. Der Freund ist der Heiland und seine Ratschlä-
ge sind zum Heil.
Freuen wir uns, Theotimus, wenn wir Menschen sehen, die den Räten
folgen, an die wir uns nicht halten können oder dürfen. Beten wir für sie,
loben und fördern wir sie, helfen wir ihnen, denn die Liebe verpflichtet
uns nicht nur, das zu lieben, was für uns gut ist, sondern auch, das zu
lieben, was für den Nächsten gut ist.
2. Wir bezeugen genügend unsere Liebe zu allen Räten, wenn wir treu
jene beobachten, die für unsere Verhältnisse passen. Jemand, der einen
Glaubensartikel annimmt, weil Gott ihn durch sein von der Kirche ver-
kündetes und bekräftigtes Wort geoffenbart hat, kann auch den anderen
Glaubensartikeln den Glauben nicht verweigern. Wer aus wahrer Liebe zu
Gott ein Gebot hält, ist ganz bereit, alle anderen zu beobachten, sobald
sich die Gelegenheit dazu bietet. So kann auch der, der einen evangeli-
schen Rat liebt und schätzt, weil Gott ihn gegeben hat, nicht anders, als
folgerichtig auch alle anderen schätzen, weil sie ebenso von Gott kom-
100 VIII, 9

men. Wir können, auch leicht mehreren Räten nachkommen, wenn auch
nicht allen zusammen. Gott hat viele Räte gegeben, damit jeder einige
beobachten könne, und es gibt keinen Tag, an dem wir nicht Gelegenheit
dazu hätten.
3. Verlangt die Liebe, daß du bei deinem Vater oder deiner Mutter bleibst,
um sie zu unterstützen, so bewahre dennoch Liebe und Zuneigung zur
Zurückgezogenheit; laß dein Herz nur so viel im väterlichen Haus weilen,
als notwendig ist, um das zu tun, was die Liebe befiehlt.
Ist es deiner Lage wegen nicht ratsam, daß du vollkommene Keuschheit
bewahrst, so bewahre sie wenigstens so weit, als du sie bewahren kannst,
ohne die Liebe zu verletzen.
Wer nicht das Ganze tun kann, soll wenigstens einen Teil tun. Du bist
nicht verpflichtet, den aufzusuchen, der dich beleidigt hat, denn es ist an
ihm, in sich zu gehen und dich aufzusuchen, um dir Genugtuung zu lei-
sten, weil er dir ja auch mit seiner Beleidigung und Beschimpfung zuvor-
gekommen ist. Trotzdem, Theotimus, geh und handle nach dem Rat des
Heilands (Mt 5,23-25), komme ihm im Guten zuvor, vergilt das Böse mit
Gutem, lege auf sein Haupt und sein Herz glühende Kohlen (Röm 12,20)
durch Beweise deiner Liebe, die ihn völlig brennend machen und ihn zwin-
gen, dich zu lieben.
Du bist durch die Strenge des Gesetzes nicht gezwungen, allen Armen,
denen du begegnest, etwas zu geben, sondern nur denen, die große Not
leiden. Unterlasse es aber deswegen nicht, nach dem Rat des Heilands (Mt
5,42; Lk 6,30) allen Bedürftigen, die du siehst, gerne zu geben, soweit
deine Verhältnisse es dir erlauben.
Du bist zu keinem Gelübde verpflichtet, lege aber doch das eine oder
andere ab, das dein geistlicher Vater für deinen Fortschritt in der gött-
lichen Liebe als geeignet erachtet.
Du kannst in aller Freiheit Wein trinken; soweit es schicklich ist, befol-
ge aber den Rat des hl. Paulus an Timotheus und nimm davon nur so viel,
als es deines Magens wegen notwendig ist (1 Tim 5,23).
4. Es gibt bei den einzelnen Räten verschiedene Stufen der Vollkom-
menheit. Den Armen etwas leihen, wenn sie nicht in sehr großer Not sind,
ist die erste Stufe des Rates, der das Almosen betrifft. Eine höhere Stufe
ist, ihnen etwas schenken, eine noch höhere, alles hergeben, und schließ-
lich eine noch höhere, seine Person selbst hingeben, indem man sie dem
Dienste der Armen weiht.
Die Gastfreundschaft üben ist, wenn sie nicht dringendste Not erfordert,
VIII, 9 101

ein Rat. Fremde aufnehmen ist die erste Stufe davon. Aber auf die Straße
gehen, um sie einzuladen, wie es Abraham getan hat (Gen 18,2), ist schon
eine höhere Stufe. Und eine noch höhere ist es, wenn man in gefahrvollen
Gegenden seinen Wohnsitz aufschlägt, um die Wanderer aus Gefahren zu
retten, ihnen zu helfen und ihnen zu dienen.
Der große hl. Bernhard von Menthon, der aus dieser Diözese stammt,
war darin allen voran. Einem angesehenen Hause entsprossen, wohnte er
mehrere Jahre zwischen den Pässen und Bergen unserer Alpen, sammelte
dort einige Gefährten um sich, um auf die Reisenden und Wanderer zu
warten, sie zu beherbergen, ihnen beizustehen, sie aus den Gefahren der
Unwetter zu befreien. Denn es wären viele in den Gewittern, Schneemas-
sen und durch die furchtbare Kälte zugrunde gegangen, hätte nicht der
große Freund Gottes seine Hospize gegründet und auf den beiden Bergen
errichtet, die deswegen nach ihm benannt sind: der große St. Bernhard in
der Diözese Sitten und der kleine St. Bernhard in der Diözese Tarentaise.
Kranke besuchen, die sich nicht in äußerster Not befinden, ist ein lo-
benswerter Liebesdienst; sie bedienen, ist noch besser. Doch sich ihrem
Dienst weihen, das ist die höchste Stufe in der Befolgung dieses Rates, den
die Kleriker von der Heimsuchung der Kranken ihrer Regel gemäß und
auch mehrere Damen an verschiedenen Orten ausüben. Sie tun es in Nach-
ahmung des hl. Sampson, eines Edelmannes und römischen Arztes, der in
der Stadt Konstantinopel, wo er zum Priester geweiht worden war, sich
mit wunderbarer Liebe ganz dem Dienst der Kranken hingab. Er tat es in
einem Krankenhaus, das er selbst zu erbauen begonnen hatte und das Kai-
ser Justinian vollendete. Sie tun es auch in Nachahmung der hl. Katharina
von Siena und der von Genua, der hl. Elisabeth von Thüringen und der
glorreichen Freunde Gottes, des hl. Franziskus und des seligen Ignatius
von Loyola, die sich zu Beginn ihrer Ordensgründungen dieser Übung mit
unbeschreiblichem Eifer und geistlichem Nutzen hingaben.

5. Die Tugenden haben also einen gewissen Spielraum in ihrer Vollkom-


menheit. Für gewöhnlich sind wir nicht verpflichtet, bis zu ihrer äußersten
Vollendung vorzustoßen. Es genügt, wenn wir in ihrer Ausübung so weit
gehen, daß wir sie wirklich besitzen. Aber darüber hinaus in der Vollkom-
menheit voranzuschreiten, ist ein Rat. Die heroischen Tugendakte sind für
gewöhnlich nicht geboten, sondern nur geraten. Wenn wir uns bei einigen
Gelegenheiten verpflichtet fühlen, sie zu üben, so sind das seltene, außer-
102 VIII, 9

gewöhnliche Vorkommnisse, die solche heroische Akte zur Bewahrung


der Gnade Gottes erfordern.
Als der Gefängniswärter von Sebaste sah, daß einer der Vierzig, die
eben gemartert wurden, den Mut verlor und der Märtyrerkrone verlustig
ging, nahm er seine Stelle ein, ohne daß ihn irgendjemand angeklagt hätte,
und wurde so der Vierzigste jener glorreichen und sieghaften Kämpfer
unseres Herrn.
Als der hl. Adauctus sah, daß man den hl. Felix zum Martertod führte,
sagte er, ohne daß ihn jemand dazu drängte: „Ich bin ebenso ein Christ wie
er und bete den gleichen Erlöser an!“ Dann küßte er den hl. Felix, ging mit
ihm zum Martyrium und wurde enthauptet (Martyrol. Adonis 30. Au-
gust).
Tausende von Märtyrer der ersten christlichen Jahrhunderte taten das
gleiche. Sie hätten, ohne zu sündigen, das Martyrium ebensogut vermei-
den als erleiden können. Sie trafen die Wahl, es lieber großmütig zu erlei-
den, als es erlaubterweise zu vermeiden. Bei ihnen war das Martyrium ein
heroischer Akt der Stärke und Standhaftigkeit, die ihnen ein heiliges Über-
maß an Liebe verliehen hatte.
Wird man aber vor die Wahl gestellt, entweder das Martyrium zu erlei-
den oder dem Glauben zu entsagen, so hört das Martyrium nicht auf, ein
Martyrium und ein hervorragender Akt der Liebe und des Starkmutes zu
sein; aber ich weiß nicht, ob man es einen heroischen Akt nennen soll. Die
Wahl wird ja nicht infolge eines Übermaßes an Liebe getroffen, sondern
wegen der Verpflichtung des Gebotes, das sie in diesem Fall befiehlt.
6. In der Übung heroischer Tugendakte besteht die vollkommene Nach-
folge Christi, der, wie der hl. Thomas sagt (III qu. 7 art 2), schon im Augen-
blick seiner Empfängnis alle Tugenden in heroischem Maße besaß. Ich
möchte lieber sagen, in einem mehr als heroischen Maß, denn er war nicht
einfach nur mehr ein Mensch, sondern unendlich mehr als ein Mensch, d.
h. er war wahrer Gott.
VIII, 10 103

10. Kapitel
Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes, der sich uns
in den Eingebungen offenbar t.
offenbart.

1. Die Sonnenstrahlen spenden Licht, indem sie erwärmen, und sie er-
wärmen, indem sie Licht spenden. Die Eingebung ist ein himmlischer Strahl.
der ein warmes Licht in unserem Herzen leuchten läßt, durch das wir das
Gute sehen und zu einem eifrigen Streben danach erwärmt werden.
Alles, was auf Erden Leben hat, erstarrt in der Winterkälte. Zieht aber
der Frühling mit seiner lebenspendenden Wärme ein, so erwacht alles
wieder zu neuer Bewegung. Die Landtiere tummeln sich rascher, die Vö-
gel fliegen höher hinauf und singen fröhlichere Weisen und die Pflanzen
treiben ihre Blätter und schmücken sich anmutig mit Blüten.
Ohne Eingebungen würden unsere Seelen träge und lahm und nutzlos
hinvegetieren. Trifft sie aber der göttliche Strahl der Eingebungen, so spü-
ren wir ein mit lebenspendender Wärme verbundenes Licht, das unseren
Verstand erleuchtet, unseren Willen weckt und belebt. Dadurch erhält
dieser die Kraft, das zum ewigen Heil erforderliche Gute zu wollen und zu
tun.
Nachdem Gott den menschlichen Leib aus Erdenstaub gebildet hatte,
hauchte er ihm, wie Mose sagt (Gen 2,7), den Odem des Lebens ein, und
so wurde er eine lebendige Seele, d. h. eine Seele, die dem Leib Leben,
Bewegung und Wirksamkeit gab. Der gleiche ewige Gott haucht und flößt
unserer Seele die Eingebungen des übernatürlichen Lebens ein, damit sie,
wie der große Apostel sagt (1 Kor 15,45), zu einem lebenspendenden
Geist werde, d. h. zu einem Geist, der uns der Gnade gemäß leben, uns
bewegen, empfinden und Werke der Gnade vollbringen läßt, so daß der,
der uns das Sein gegeben hat, auch die Wirksamkeit gibt.
Der Atem des Menschen erwärmt alle Dinge, die er anhaucht. Als der
Prophet Elischa seinen Mund auf den Mund des Sohnes der Schunemitin
legte und ihm seinen Atem einhauchte, erwärmte sich dessen Fleisch (2
Kön 4,34). Die Erfahrung bestätigt dies in klarer Weise. Der Atem Gottes
erwärmt aber nicht bloß, sondern er erleuchtet auch in vollkommener
Weise, ist doch der göttliche Geist unendliches Licht. Sein lebenspenden-
der Hauch wird Inspiration (Einhauchung, Eingebung) genannt, denn
104 VIII, 10

durch ihn haucht und gibt die höchste Güte ihre Herzenswünsche und
Absichten in uns hinein.

2. Zahllos sind die Weisen Gottes, uns Eingebungen zu spenden. Der hl.
Antonius, der hl. Franziskus, der hl. Anselm und tausend andere empfin-
gen häufig ihre Eingebungen durch den Anblick der Geschöpfe.
Das gewöhnliche Mittel ist die Predigt. Manchmal aber werden diejenigen,
die aus dem Wort keinen Nutzen ziehen, durch Trübsale belehrt, wie schon
der Prophet sagt: „Die Trübsal wird dem Gehör Verständnis geben“ (Jes
28,19), d. h. jene, welche sich nicht bessern, wenn sie die an die Bösen
gerichteten göttlichen Drohworte hören, werden die Wahrheit durch die
Ereignisse und deren Wirkungen erfahren und weise werden, wenn sie die
Trübsale fühlen.
Die hl. Maria von Ägypten erhielt eine Eingebung durch den Anblick
eines Mutter-Gottes-Bildes der hl. Antonius, als er das bei der heiligen
Messe verkündete Evangelium vernahm, der hl. Augustinus, als er die
Lebensgeschichte des hl. Antonius hörte, der Herzog von Gandia, als er
die tote Kaiserin sah, der hl. Pachomius durch ein Beispiel christlicher
Liebe, der hl. Ignatius von Loyola, als er das Leben der Heiligen las. Der hl.
Cyprian (nicht der große Bischof von Karthago, sondern ein Laie und
glorreicher Märtyrer) wurde ergriffen, als er den Teufel seine Ohnmacht
jenen gegenüber bekennen hörte, die auf Gott vertrauen.
Als ich in jungen Jahren in Paris weilte, brachten zwei Studenten, von
denen der eine ein Häretiker war, die Nacht in der Vorstadt St. Jakob bei
schändlichen Vergnügungen zu. Da hörten sie die Glocke der Kartäuser
zur Mette läuten. Da der Häretiker den anderen frug, warum man denn
läute, erzählte ihm dieser, mit welcher Andacht man in jenem Kloster das
heilige Chorgebet feiere. „O Gott,“ sagte er, „wie sehr unterscheidet sich
doch das Tun dieser Ordensleute vom unseren. Sie geben sich der Tätig-
keit der Engel hin und wir der vernunftloser Tiere.“ Am Tag darauf wollte
er aus eigener Erfahrung das kennen lernen, was er durch die Erzählung
seines Kameraden gehört hatte. Er sah die Väter im Chor wie Marmorsta-
tuen in ihre Nischen gereiht, für jede andere Tätigkeit unbeweglich als für
die der Psalmodie, der sie sich mit wahrhaft engelgleicher Aufmerksam-
keit und Andacht hingaben, wie es in ihrem heiligen Orden Brauch ist.
Der junge Mann war außer sich vor Bewunderung. Eine innige Freude
erfaßte ihn, als er sah, daß Gott bei den Katholiken so angebetet wurde.
Und er entschloß sich – was er dann auch wirklich tat –, sich der Kirche,
VIII, 10 105

der einzig wahren Braut desjenigen anzuschließen, der ihn mit seiner Ein-
gebung im tiefsten Sumpf des Lasters, in dem er steckte, heimgesucht hat-
te.
3. O wie selig sind jene, die ihr Herz für die heiligen Eingebungen aufge-
schlossen halten! Nie wird es ihnen an solchen fehlen, die ihnen notwendig
sind, um ihren Verhältnissen gemäß gut und fromm zu leben und ihre
beruflichen Aufgaben in heiliger Weise erfüllen zu können. Denn so wie
Gott mittels der Natur jedem Tier die Instinkte gibt, die es zu seiner Er-
haltung und Betätigung seiner natürlichen Anlagen braucht, so gibt er
auch jedem von uns, wenn wir der Gnade Gottes nicht widerstehen, die
Eingebungen, die notwendig sind, um ein geistliches Leben zu führen,
darin wirken und ausharren zu können.
4. „Ach Herr,“ sagte der treue Elieser (Gen 24,12-14), „ich bin hier bei
diesem Wasserbrunnen und die Töchter der Stadt werden hierherkom-
men, um Wasser zu schöpfen. Wenn ich nun zu einem jungen Mädchen
sage: Reiche mir deinen Krug, damit ich trinken kann, – und sie antwortet
mir: Trinke, und ich werde auch deinen Kamelen zu trinken geben – so
werde ich daraus erkennen, daß sie diejenige ist, die Du für Deinen Knecht
Isaak bereitet hast.“
Merke wohl, Theotimus, Elieser gibt nur zu verstehen, daß er selbst zu
trinken wünsche. Aber die schöne Rebekka folgt der Eingebung Gottes
und ihrer Gutherzigkeit und bietet sich an, auch die Kamele zu tränken.
Dafür wurde sie zur Gemahlin des Isaak, zur Schwiegertochter des großen
Abraham und zur Urahnin des Erlösers erkoren.
Die Seelen, die sich nicht damit begnügen, das zu tun, was ihr göttlicher
Bräutigam durch seine Gebote und Räte von ihnen verlangt, sondern die
bereit sind, den heiligen Eingebungen zu folgen, sind es, die der ewige Vater
bereitet hat, Bräute seines vielgeliebten Sohnes zu sein. Da der gute Elieser
nicht wissen konnte, welche unter den Töchtern Harans in der Stadt des
Nahor für den Sohn seines Herrn bestimmt sei, ließ Gott es ihn durch eine
Eingebung erkennen. Wenn wir nicht wissen, was zu tun ist, und wenn
menschlicher Beistand uns in unserer Ratlosigkeit fehlt, kommt Gott uns
mit seiner Eingebung zu Hilfe. Und wenn wir demütig gehorchen, läßt er
nicht zu, daß wir irregehen.
Ich werde jetzt nichts mehr über diese notwendigen Eingebungen brin-
gen, da ich in diesem Werk und in der Anleitung zum frommen Leben
(II,18) schon oft darüber gesprochen habe.
106 VIII, 11

11. Kapitel
Die V ereinigung unseres W
Vereinigung illens mit dem W
Willens illen Gottes
Willen
in den Eingebungen, die uns zu außergewöhnlichen
Tugendübungen verliehen werden.
Die Beharrlichkeit i n der Berufung, das eersrste Kennzeichen d eerr
rste
Eingebung.

1. Es gibt Eingebungen, die nur auf eine außergewöhnliche Vollkom-


menheit gewöhnlicher Übungen des christlichen Lebens hinzielen. Liebe-
volle Hilfsbereitschaft armen Kranken gegenüber ist ein gewöhnlicher
Tugendakt echter Christen, der aber vom hl. Franziskus und von der hl.
Katharina von Siena mit außergewöhnlicher Vollkommenheit geübt wur-
de, als sie an den Geschwüren von Aussätzigen und Krebskranken leckten
und saugten. Das gleiche war auch beim glorreichen König, dem hl. Lud-
wig der Fall, als er auf den Knien und entblößten Hauptes die Kranken
bediente. (Darüber geriet ein Abt von Citeaux außer sich vor Bewunde-
rung, als er ihn in dieser Haltung einen armen, mit schrecklichen krebsar-
tigen Wunden bedeckten Kranken pflegen und reinigen sah). Auch war es
gewiß eine recht außergewöhnliche Übung dieses heiligen Monarchen,
die ärmsten und verachtetsten der Armen bei Tisch zu bedienen und die
Reste ihrer Speisen zu essen.
Der hl. Hieronymus, der in seinem Hospital in Betlehem die europäi-
schen Pilger aufnahm, die vor der Verfolgung der Goten auf der Flucht
waren, wusch ihnen nicht nur die Füße, sondern ließ sich sogar herab, die
Beine ihrer Kamele zu waschen und abzureiben, nach dem Beispiel der
Rebekka, von dem wir oben gesprochen haben, die nicht nur für Elieser
Wasser schöpfte, sondern auch für seine Kamele.
Der hl. Franziskus ging nicht nur in der Übung der Armut bis zum äu-
ßersten, wie jedermann weiß, sondern auch in der heiligen Einfalt (Thom.
von Celano, Legende antiqua S. Franc. I, 9-10). Er kaufte ein Lämmchen
los aus Furcht, daß man es töte, und weil er in ihm ein Symbol unseres
Herrn sah. Fast allen Geschöpfen brachte er in Anbetracht ihres Schöp-
fers in ungewohnter, aber sehr kluger Einfalt Ehrfurcht entgegen. Zuwei-
len trug er Würmer sorgfältig von der Straße weg, damit sie niemand zer-
trete, und erinnerte sich dabei, daß der Herr sich selbst mit einem Wurm
verglichen hatte (Ps 22,7). Er nannte die Geschöpfe seine Brüder und
Schwestern, auf schöne Erwägungen hin, die die heilige Liebe ihm eingab.
VIII, 11 107

Der hl. Alexius, ein Mann adeliger Abkunft, erniedrigte sich so weit, daß
er 17 Jahre lang als armer Pilger unerkannt im Haus seines eigenen Vaters
in Rom weilte.
2. Alle diese Eingebungen gelten gewöhnlichen Übungen, die aber mit
außergewöhnlicher Vollkommenheit durchgeführt wurden. Für diese Art
von Eingebungen muß man die Regeln befolgen, die wir in unserer „An-
leitung“ (III,37) für die Wünsche angeführt haben. Man soll nicht mehrere
Übungen gleichzeitig und auf einmal betreiben wollen, denn oft versucht
der Feind, uns mehrere Vorhaben unternehmen und beginnen zu lassen,
damit wir durch zuviel Arbeit erdrückt, nichts fertig bringen und alles
unvollendet lassen.
Manchmal flößt er uns sogar den Willen ein, etwas Ausgezeichnetes zu
unternehmen und zu beginnen, von dem er voraussieht, daß wir es nicht zu
Ende führen werden. Er tut es nur, um uns davon abzuhalten, etwas weni-
ger Hervorragendes zu tun, das wir leicht zustandegebracht hätten. Denn
darüber macht er sich keine Sorgen, daß man viele Pläne faßt und viel
anfängt, wenn nur nichts vollendet wird.
Er will es ebensowenig verhindern wie Pharao (Ex 1,16), daß die mysti-
schen Frauen Israels, d. h. die christlichen Seelen, Söhne zur Welt bringen,
wenn sie nur getötet werden, ehe sie heranwachsen. Im Gegenteil dazu,
sagt der hl. Hieronymus, legt man bei den Christen nicht so viel Gewicht
auf den Anfang, als vielmehr auf das Ende (44. Brief an Furia 6). Man soll
nicht mehr Speise zu sich nehmen, als man verdauen kann. Der Verführer-
geist hält uns bei den Anfängen zurück und macht, daß wir uns mit dem
blütenreichen Frühling zufrieden geben. Der göttliche Geist lenkt aber
unseren Blick auf die Anfänge nur, damit wir zum Ende gelangen, und läßt
uns Freude an den Frühlingsblüten finden, nur weil wir hoffen, dann auch
die Früchte des Sommers und des Herbstes zu genießen.
3. Der große hl. Thomas ist der Ansicht, daß es nicht vorteilhaft sei, sich
viel zu beraten und lange hin und her zu erwägen, wenn man geneigt ist, in
einen guten, eifrigen Orden einzutreten. Und er hat recht. Denn da der
Ordensstand einem Rat unseres Herrn im Evangelium entspricht, wozu
dann noch viele Ratschläge einholen? Es genügt, wenn man sich mit eini-
gen wenigen Menschen bespricht, die klug und in solchen Dingen erfahren
sind und uns behilflich sein können, uns rasch und richtig zu entscheiden.
Haben wir es uns aber gut überlegt und eine Entscheidung getroffen, dann
müssen wir in dieser und in jeder anderen Sache, die den Dienst Gottes
108 VIII, 11

betrifft, fest und unverrückbar dabei bleiben, ohne uns durch irgendeinen
Anschein, als sei etwas anderes noch besser, davon abbringen zu lassen.
4. Denn sehr oft, sagt der große hl. Bernhard (Sermo 33 in cant. § 9),
führt uns der böse Feind hinters Licht. Um uns davon abzubringen, etwas
Gutes zu vollenden, schlägt er uns etwas anderes vor, das besser zu sein
scheint. Kaum aber haben wir damit begonnen, stellt er uns, um von der
Ausführung abzulenken, etwas Drittes vor Augen. Es ist ihm recht, wenn
wir allerlei beginnen, wenn wir nur nirgends an ein Ende gelangen. Man
soll darum auch nicht ohne sehr schwerwiegende Beweggründe von einem
Orden in einen anderen übertreten, sagt der hl. Thomas (wie oben, Art. 8)
und vor ihm schon der Abt Nestorius, wie Cassian berichtet (Collat. Pa-
trum 14,5).
Ich entnehme einem Brief des großen hl. Anselm an Lanzon (Br. 28 an
L.) ein sehr schönes Gleichnis: Ein Bäumchen, das immer wieder ver-
pflanzt wird, kann nicht Wurzel fassen, folglich auch nicht zu seiner vollen
Entfaltung gelangen und die erhoffte Frucht bringen. So kann auch die
Seele, die ihr Herz von Vorsatz zu Vorsatz verpflanzt, nicht gedeihen,
noch das richtige Wachstum in der Vollkommenheit erreichen. Denn die
Vollkommenheit besteht nicht im Anfangen, sondern im Vollenden.
5. Die heiligen Wesen, die Ezechiel schaute, gingen dorthin, wo die Macht
des Geistes sie hintrieb, und sie wandten sich beim Gehen nicht um, son-
dern jedes einzelne schritt seines Weges vor sich hin (Ez 1,12). Man muß
dorthin gehen, wohin uns die Eingebung treibt; den Entschluß darf man
nicht ändern und auf dem Weg nicht umkehren, sondern muß nach der
Richtung hin gehen, wohin Gott unser Angesicht gekehrt hat, ohne die
Richtung zu ändern. Wer auf gutem Weg ist, möge sich retten.
Es geschieht manchmal, daß man das Gute aufgibt, um etwas Besseres
zu suchen; man läßt dann das eine, ohne das andere zu finden. Besser ist
der Besitz eines gefundenen kleinen Schatzes als das Streben nach einem
größeren, den man erst suchen muß. Die Einsprechung ist verdächtig, die
uns dazu drängt, ein erstes gegenwärtiges Gut zu verlassen, um einem zu-
künftigen besseren nachzujagen.
Ein junger Portugiese namens Franz Bassus zeigte sich ganz hervorra-
gend nicht nur in der geistlichen Beredsamkeit, sondern auch in der Übung
der Tugend, als er in der Kongregation des Oratoriums in Rom unter der
Leitung des hl. Philipp Neri stand. Er glaubte sich nun von Gott angetrie-
ben, diese heilige Gemeinschaft zu verlassen, um sich einem formellen
VIII, 11 109

Orden anzuschließen, und schließlich führte er dies auch durch. Der seli-
ge Philipp Neri, der seiner Aufnahme in den Dominikanerorden beiwohn-
te, weinte dabei bitterlich. Franz Maria Tauruse, der spätere Erzbischof
von Siena und Kardinal frug ihn, warum er denn Tränen vergieße. Da sagte
er: „Ich beweine den Verlust so vieler Tugenden.“ Und tatsächlich wurde
dieser junge Mann, der in der Kongregation so durch Weisheit und Fröm-
migkeit hervorstach, sobald er im Orden war, so unbeständig und wankel-
mütig, daß er von verschiedensten Wünschen, Neuerungen und Änderun-
gen immer in Unruhe gehalten, sehr bedauerliches Ärgernis gab (Galloni-
us, Vita B. Phil. Nerii, C. VI).
6. Wenn der Vogelsteller geradeaus auf das Nest des Rebhuhns zugeht,
wird die Henne sich vor ihm lahm und hinkend stellen, sie wird sich schein-
bar zu hohem Flug aufschwingen, um sich dann plötzlich fallen zu lassen,
als ob sie nicht mehr weiter könne, damit der Jäger sich mit ihr befasse
und in der Meinung, daß er sie leicht fangen könne, davon abgelenkt wer-
de, auf ihre Jungen außerhalb des Nestes zu stoßen. Hat er sie einige Zeit
verfolgt und ist er eben daran, sie zu fangen, so wird sie auf- und davonflie-
gen.
So handelt auch der böse Feind. Sieht er, daß ein Mensch auf Eingebung
Gottes einen Beruf und eine Lebensweise ergreift, die geeignet ist, ihn in
der himmlischen Liebe voranschreiten zu lassen, so überredet er ihn, einen
anderen Weg einzuschlagen, der den Anschein größerer Vollkommenheit
hat. Hat er ihn von seinem ersten Weg abgebracht, so macht er es ihm dann
nach und nach unmöglich, den zweiten Weg weiterzugehen, und schlägt
ihm einen dritten vor. Damit hält er ihn ständig auf der Suche nach ver-
schiedenen neuen Mitteln, hindert ihn, irgendeines davon zu gebrauchen
und so das Ziel zu erreichen, um dessentwillen er auf der Suche ist, näm-
lich die Vollkommenheit.
Die jungen Hunde verlassen bei allem, was ihnen begegnet, die Meute
und wechseln ständig die Fährte, während die alten, erfahrenen Hunde nie
die Fährte wechseln und immer die Spur verfolgen, auf der sie sind.
Darum bleibe jeder, der den heiligsten Willen Gottes in seinem Beruf
gefunden hat, in heiliger, liebevoller Weise diesem treu und widme sich
den dazu gehörigen Übungen mit der Einsicht und mit dem Eifer, den die
Vollkommenheit erfordert.
110 VIII, 12

12. Kapitel
Die V ereinigung des menschlichen W
Vereinigung illens mit dem W
Willens illen Gottes
Willen
in den Eingebungen, die den gewöhnlichen Gesetzen entgegen
sind. Fried
Friedeeund Sanftmut des Herzens: zweites Kennzeichen der
und
Einsprechung.

1. So also, mein Theotimus, muß man sich den Einsprechungen gegen-


über verhalten, die nur insoweit außergewöhnlich sind, als sie uns antrei-
ben, die gewöhnlichen Übungen eines Christen mit außergewöhnlicher
Hingabe und Vollkommenheit zu verrichten.
Es gibt aber noch andere Einsprechungen, die man außergewöhnlich
nennt, nicht nur weil sie die Seele zu einem Fortschritt antreiben, der über
das gewöhnliche Maß hinausgeht, sondern auch weil sie zu Taten führen,
die den allgemeinen Gesetzen, Regeln und Gebräuchen der heiligen Kirche
entgegen und folglich mehr bewunderswert als nachzuahmen sind.
Die heilige Jungfrau, welche die Geschichtsschreiber Eusebia die Frem-
de nennen, verließ mit zwei anderen Mädchen, alle drei als Knaben ver-
kleidet, ihre Heimat Rom, schiffte sich ein, um über das Meer zu fahren,
kam nach Alexandrien und von dort auf die Insel Cos. Als sie sich dort in
Sicherheit fühlte, zog sie wieder Kleider ihres Geschlechtes an, begab sich
neuerdings zur See und kam nach Karien, in die Stadt Milassa, wo der
große Paulus, der sie in Cos gefunden und unter seine geistliche Führung
genommen hatte, weiterhin ihre Seele leitete. Später, als er dort Bischof
geworden war, führte er sie auf so heilige Weise, daß sie ein Kloster errich-
tete und sich dem Dienst der Kirche weihte. Sie bekleidete das Amt, das
man zu jener Zeit das einer Diakonissin nannte, mit solcher Liebe, daß sie
als Heilige starb und durch eine große Zahl von Wundern, die Gott durch
ihre Reliquien und auf ihre Fürsprache wirkte, auch als solche anerkannt
wurde. – Kleider des anderen Geschlechtes tragen und sich verkleidet auf
der Reise dem Verkehr mit Männern aussetzen, das ist nicht nur außer-
halb der Normen christlicher Bescheidenheit, sondern ihnen geradezu
entgegengesetzt.
Ein junger Mann gab seiner Mutter einen Fußtritt. Von heftiger Reue
gepackt, kam er, um seine Schuld dem hl. Antonius von Padua zu beichten.
Dieser wollte in ihm einen noch größeren Abscheu vor der Sünde erwek-
ken und sagte ihm daher unter anderem: „Mein Kind, dieser Fuß, der
deiner Bosheit als Werkzeug zu einer solchen Tat gedient hat, verdiente
VIII, 12 111

abgehauen zu werden.“ Der junge Mann nahm das so ernst, daß er, zu
seiner Mutter zurückgekehrt, von Reue hingerissen, sich selbst den Fuß
abhackte (Liber miraculorum S. Ant. 4). Die Worte des Heiligen hätten
nach ihrer gewöhnlichen Tragweite nicht diese Kraft gehabt, wenn Gott
ihnen nicht seine Eingebung hinzugefügt hätte. Doch war diese so außer-
gewöhnlich, daß man eher meinen könnte, es sei eine Versuchung gewe-
sen, wenn nicht durch das Wunder, daß der Fuß durch den Segen des
Heiligen wieder angeheilt wurde, die Eingebung als solche bestätigt wor-
den wäre.
Der hl. Paulus, der erste Einsiedler, der hl. Antonius, die hl. Maria von
Ägypten haben sich nicht ohne eine kraftvolle Eingebung in eine so ausge-
dehnte Einsamkeit zurückgezogen, wo sie weder der heiligen Messe bei-
wohnen, noch die heilige Kommunion empfangen, noch beichten und in
ihrem doch jugendlichen Alter keinerlei Führung und Beistand haben
konnten. – Der große Simeon der Säulensteher hat ein Leben geführt, das
kein Mensch ohne himmlische Eingebung und Hilfe ausdenken und un-
ternehmen könnte.
Der heilige Bischof Johannes mit dem Beinamen der Schweiger verließ
heimlich, ohne daß sein Klerus davon wußte, sein Bistum und verbrachte
den Rest seiner Lebenstage im Kloster zu Laura, ohne daß man je etwas
von ihm erfahren konnte. War das nicht gegen die Vorschrift, die den
Oberhirten zur Residenz in seinem Bistum verpflichtet?
Und wie konnte der große hl. Paulinus sich verkaufen, um das Kind
einer armen Witwe loszukaufen, da er doch dem gewöhnlichen Gesetz
gemäß nicht sich selbst, sondern kraft seiner Bischofsweihe der Kirche
und der Öffentlichkeit angehörte?
Die Mädchen und Frauen, die wegen ihrer Schönheit verfolgt, sich Ver-
wundungen zufügten und so ihr Gesicht entstellten, um unter dem Schutz
der Häßlichkeit ihre Keuschheit zu bewahren, taten sie nicht etwas, das
verboten zu sein scheint?
2. Eines der besten Kennzeichen für die Güte der Eingebungen, zumal der
außergewöhnlichen, ist Friede und Ruhe des Herzens, das sie empfängt.
Denn der göttliche Geist ist wohl gewaltig, aber von einer sanften, milden,
friedlichen Gewalt. Er kommt wie ein Sturmwind daher und wie ein himm-
lischer Blitzstrahl, aber er schmettert die Apostel nicht zu Boden, er bringt
sie nicht in Verwirrung. Die Furcht, die sie bei seinem Brausen überfällt,
währt nicht lange; an ihre Stelle tritt unmittelbar eine ruhige Sicherheit.
112 VIII, 12

Deshalb läßt sich das göttliche Feuer auf jeden einzelnen von ihnen nieder
(Apg 2,2 f), wie um dort heilige Ruhe zu finden und zu schenken.
So wie der Erlöser der friedliche und friedensliebende Salomo genannt
wird (Hld), so heißt auch seine Braut Schulammit die Ruhige, die Tochter
des Friedens. Die Stimme, d. h. die Eingebung des Bräutigams, regt sie
nicht auf und verwirrt sie keineswegs, sondern zieht sie in so milder Weise
an, daß ihre Seele dadurch ganz sanft mit ihm verschmilzt und in die seine
einströmt: „Meine Seele zerschmolz,“ sagt sie, „als mein Geliebter mit
mir sprach“ (Hld 5,6). Obwohl sie kriegerisch und eine Kämpferin ist, ist
sie doch gleichzeitig so friedlich, daß sie sich inmitten der Heerlager und
Schlachten in Akkorden unvergleichlicher Melodien ergeht. „Was wirst
du anderes in Schulammit sehen als die Chöre der Kriegsheere?“ sagt sie
(Hld 7,1). Ihre Kriegsheere sind Chöre, d. h. auf einander abgestimmte
Sänger, und ihre Chöre sind Kriegsheere, denn die Waffen der Kirche und
der gottliebenden Seele sind nichts anderes als ihre Gebete, ihre Hymnen,
Gesänge und Psalmen. Darum sind die Diener Gottes, die die höchsten
und erhabensten Eingebungen hatten, die sanftesten und friedliebendsten
der Welt gewesen: so Abraham, Isaak, Jakob. Mose wird als der gutmütig-
ste aller Menschen bezeichnet (Num 12,3); David wird wegen seiner Sanft-
mut gerühmt (Ps 132,1).
3. Der böse Geist ist im Gegenteil ungestüm, hart und unruhig. Wer sei-
nen teuflischen Einflüsterungen folgt und sie für himmlische Einspre-
chungen hält, ist für gewöhnlich dadurch erkennbar, daß er unruhig, ei-
gensinnig, hochmütig ist und voller Geschäftigkeit allerhand unternehmen
will. Unter dem Vorwand des Eifers stürzen solche Menschen alles Beste-
hende um, benörgeln alle Welt, beschimpfen jedermann und tadeln alles,
wissen sich nicht zu benehmen, sind unnachgiebig, unverträglich, folgen
den Eigenschaften ihrer Eigenliebe und nennen dies Eifer für die Ehre
Gottes.

13. Kapitel
Das dritte Kennzeichen der Eingebung: der heilige Gehorsam
gegen die Kirche und die V orgesetzten.
Vorgesetzten.

1. Dem Frieden und der Sanftmut des Herzens ist die hochheilige De-
mut untrennbar verbunden.
Demut nenne ich aber nicht einen zeremoniellen Wortschwall, äußere
Gesten, das Küssen des Erdbodens, Ehrfurchtsbezeugungen, Verneigun-
VIII, 10 113

gen, wenn man diese Dinge, wie es häufig vorkommt, ohne inneres Emp-
finden der eigenen Niedrigkeit und ohne gerechte Wertschätzung des Nächs-
ten tut. Denn all das ist nur ein eitles Getue schwacher Geister und muß
eher eine Verzerrung der Demut als Demut genannt werden. Ich rede viel-
mehr von einer edlen, echten, markigen, handfesten Demut, die uns emp-
fänglich für Zurechtweisungen, lenksam und bereit zum Gehorsam macht.

2. Während der unvergleichliche Simeon der Säulensteher noch als No-


vize in Teleda weilte, war er dem Rat seiner Vorgesetzten gegenüber wi-
derspenstig, als sie ihn davon abhalten wollten, so viele fremdartige Streng-
heiten zu üben, durch die er sinnlos gegen sich wütete. Deswegen wurde er
schließlich aus dem Kloster verwiesen, weil er kein Verständnis für die
Abtötung des Herzens hatte, aber die des Leibes übertrieb (Theodoretus,
Hist. relig. 26).
Als er aber später wieder zurückgerufen wurde und im geistlichen Le-
ben frömmer und vernünftiger geworden war, verhielt er sich ganz anders,
wie es folgendes Ereignis bezeugt (Niceph. Callist. Hist. Eccl. 14,51): Als
die in der Wüste bei Antiochia lebenden Einsiedler von dem außerge-
wöhnlichen Leben erfuhren, das er auf der Säule führte, wo er ein irdischer
Engel oder ein himmlischer Mensch zu sein schien, sandten sie einen von
ihnen als Boten zu ihm und hießen ihn in ihrem Namen also zu ihm spre-
chen: „Warum, Simeon, hast du den großen Weg des geistlichen Lebens,
der von so vielen großen und heiligen Vorgängern gebahnt worden ist,
verlassen und gehst einen anderen, der den Menschen unbekannt und so
weit von allem entfernt ist, was man bisher gesehen und gehört hat? Ver-
lasse diese Säule, Simeon, und reihe dich unter die anderen, in eine Le-
bensweise und eine Methode, Gott zu dienen, ein, wie sie unter den heili-
gen uns vorausgegangenen Vätern üblich war.“ Sollte Simeon geneigt sein,
ihrem Rat zu folgen und aus Nachgiebigkeit gegen ihren Willen sich bereit
zeigen, von der Säule herabzusteigen, dann sollte der Bote ihm die Frei-
heit lassen, bei der begonnenen Lebensweise zu verharren. Denn, sagten
diese guten Väter, dann könnte man aus seinem Gehorsam erkennen, daß
er diese Lebensart auf göttliche Eingebung hin unternommen habe. Sollte
er aber im Gegenteil sich widersetzen und voll Geringschätzung für ihre
Ermahnung auf seinem Willen beharren, dann müsse man ihn mit Gewalt
herunterholen und ihn zwingen, seine Säule zu verlassen.
Als der Bote zu der Säule kam und noch kaum seine Botschaft aus-
gesprochen hatte, machte sich der große Simeon ohne Verzug, ohne Vor-
114 VIII, 13

behalt, ohne Widerrede daran, herunterzusteigen mit einem Gehorsam


und einer Demut, die seiner seltenen Heiligkeit würdig waren. Da der
Abgesandte das sah, sagte er ihm: „Halte ein, Simeon, bleibe, wo du bist,
harre treu aus und habe guten Mut, bleibe tapfer bei deinem Unternehmen,
dein Aufenthalt auf der Säule kommt von Gott.“

3. Beachte, Theotimus, wie diese alten, heiligmäßigen Einsiedler bei


ihrer Generalversammlung in einer so außergewöhnlichen Sache, wie es
das Leben dieses heiligen Säulenstehers war, kein zuverlässigeres Kenn-
zeichen göttlichen Ursprungs wußten, als ihn so einfach, sanft und lenk-
sam unter den Gesetzen des heiligen Gehorsams zu sehen. Darum segnete
Gott auch die Unterwürfigkeit dieses großen Mannes und verlieh ihm die
Gnade, 30 Jahre lang auf einer 36 Ellen hohen Säule auszuharren, nach-
dem er vorher sieben Jahre auf anderen Säulen, die sechs, zwölf und zwan-
zig Fuß hoch waren, und zuerst schon zehn Jahre auf einer kleinen Felsen-
spitze bei Mandra gestanden hatte. So war dieser Paradiesvogel, der in der
Luft lebte, ohne die Erde zu berühren, ein Schauspiel der Liebe für die
Engel und der Bewunderung für die Menschen.
Alles ist gesichert im Gehorsam, alles ist verdächtig, was außerhalb des
Gehorsams geschieht.
Wenn Gott Eingebungen in ein Herz wirft, so ist die erste, mit der er sie
erfüllt, die des Gehorsams. Gab es je eine leuchtendere und fühlbarere
Eingebung als die, die dem glorreichen hl. Paulus zuteil wurde? Deren
Hauptinhalt aber war, er solle in die Stadt gehen; dort werde er aus dem
Mund des Hananias erfahren, was er zu tun habe (Apg 9,7). Dieser Hana-
nias, ein sehr berühmter Mann, war, wie der hl. Dorotheus sagt (Synopsis
§ 5, Patrol. Graeca 92. Bd., 1602. col) Bischof von Damaskus.
Wer sagt, er habe Eingebungen, und sich weigert, den Vorgesetzten zu
gehorchen und ihre Ratschläge zu befolgen, der ist ein Betrüger. Alle Pro-
pheten und Prediger, die von Gott erleuchtet waren, haben immer die
Kirche geliebt, immer ihrer Lehre angehangen, wurden auch immer von
ihr anerkannt und haben nichts so stark betont wie die Wahrheit, „daß die
Lippen des Priesters die Wissenschaft bewahren und man aus seinem Mund
das Gesetz erfragen soll“ (Mal 2,7). Daher sind die außergewöhnlichen
Sendungen teuflische Illusionen und nicht himmlische Einsprechungen,
wenn sie nicht von den Hirten, die die kirchliche Sendung haben, aner-
kannt und gutgeheißen sind, denn damit stimmen Mose und die Propheten
überein. Der hl. Franziskus, der hl. Dominikus und die anderen Ordens-
VIII, 13 115

gründer weihten sich auf eine außergewöhnliche Eingebung hin dem Dienst
der Seelen. Aber um so demütiger und aus innerstem Herzen unterwarfen
sie sich der heiligen Hierarchie der Kirche.

4. Kurz gesagt, die drei besten und sichersten Kennzeichen der echten
Eingebungen sind: Ausdauer, im Gegensatz zu Unbeständigkeit und Leicht-
fertigkeit; Friede und Sanftmut des Herzens im Gegensatz zu Unruhe und
Hast; demütiger Gehorsam im Gegensatz zu Hartnäckigkeit und Launen-
haftigkeit.
Was wir über die Vereinigung unseres Willens mit dem sogenannten
ausgesprochenen Willen gesagt haben, wollen wir mit diesem Gleichnis
beschließen: Fast alle Pflanzen, die gelbe Blüten haben, und selbst die
wilde Zichorie, die blaue Blüten trägt, wenden diese immer gegen die
Sonne und folgen so ihrem Lauf. Aber die Sonnenblume dreht nicht nur
ihre Blüten, sondern auch alle ihre Blätter dieser großen Leuchte zu.
So wenden auch alle Auserwählten die Blume ihres Herzens, die der
Gehorsam gegen die Gebote ist, dem göttlichen Willen zu. Doch die von
der heiligen Liebe mächtig erfaßten Seelen schauen auf die göttliche Güte
nicht nur durch den Gehorsam gegen die Gebote, sondern auch durch die
Gesamtheit ihrer Empfindungen. Sie folgen so dem Lauf dieser göttlichen
Sonne in allem, was sie ihnen befiehlt, anrät und eingibt, ohne Vorbehalt
und Ausnahme. Sie können mit dem Psalmisten sagen: „Herr, Du hast
meine rechte Hand ergriffen, hast mich nach Deinem Willen geleitet und
in Herrlichkeit entrückt“ (Ps 73,24). „Ich bin wie ein Pferd vor Dir gewor-
den und ich bin immer bei Dir“ (Ps 73,23). Denn wie ein gut dressiertes
Pferd sich in jeder Hinsicht durch den Reiter leicht, sanft und richtig
lenken läßt, so fügt auch die liebende Seele sich geschmeidig dem Willen
Gottes, daß er alles mit ihr machen kann, was er will.
116 VIII, 14

14. Kapitel
Kurze Methode, den Willen Gottes zu erkennen.

1. Der hl. Basilius (Mor. 9,12. 23; Regl 227) sagt, daß uns der Wille
Gottes durch Gottes Anordnung oder Gebote kundgetan wird und daß es
da nichts zu überlegen gibt, weil man einfach das tun muß, was geboten ist.
Für alles übrige aber ist uns die Freiheit gelassen, nach eigenem Belieben
das zu wählen, was uns gut scheint, obwohl man nicht alles tun soll, was
erlaubt ist, sondern nur das, was sinnvoll ist. Schließlich soll man, um gut
unterscheiden zu können, was passend ist, den Rat eines weisen geistli-
chen Vaters einholen.
2. Hier aber, mein Theotimus, muß ich dich auf eine lästige Versuchung
aufmerksam machen. Sie überkommt häufig die Seelen, die ein großes
Verlangen haben, in allen Dingen das zu wählen, was am meisten dem
Willen Gottes entspricht. Denn bei jeder Gelegenheit läßt sie der Feind im
Zweifel, ob das, was sie tun, der Wille Gottes ist, oder ob sie etwas anderes
tun sollten. Zum Beispiel: ob es der Wille Gottes ist, daß sie mit dem
Freund zusammen speisen, oder ob sie es nicht tun sollen; ob sie graue
oder schwarze Kleider tragen sollen; ob sie am Freitag oder am Samstag
fasten sollen; ob sie zur Erholung gehen sollen oder sich davon enthalten.
Damit verlieren sie sehr viel Zeit. Während sie damit beschäftigt und be-
müht sind, zu erkennen, was das Bessere sei, versäumen sie unnütz die
Zeit, in der sie manch Gutes tun könnten, dessen Ausführung mehr zur
Ehre Gottes gereichte als die Untersuchung darüber, was gut und was
besser ist, wobei sie sich aufgehalten haben.
3. Es ist nicht gebräuchlich, das Kleingeld abzuwiegen, sondern nur die
großen Münzen. Im Handel wäre das sehr umständlich und zeitraubend,
wenn man die Pfennige, Heller und Rappen abwiegen würde. Ebenso darf
man auch nicht jede einzelne geringe Handlung abwiegen, um zu erken-
nen, ob sie besser ist als eine andere.
Ja es liegt sogar oft Aberglauben darin, eine solche Prüfung vornehmen
zu wollen. Denn was soll es für einen Zweck haben zu erforschen, ob es
besser sei, die heilige Messe in dieser oder in einer anderen Kirche zu
hören, zu spinnen oder zu nähen, einem Mann oder einer Frau ein Almo-
sen zu geben? Das hieße nicht einem Herrn gut dienen, würde man gleich-
viel Zeit darauf verwenden, darüber nachzudenken, was man tun solle, als
VIII, 14 117

das zu tun, was getan werden muß. Das Maß unserer Aufmerksamkeit muß
der Wichtigkeit dessen entsprechen, was wir unternehmen. Es wäre eine
ungeordnete Sorge, ebensoviel Mühe für die Überlegungen zu einer Tag-
reise zu verwenden als zu einer Reise, die Wochen oder Monate dauert.
4. Berufswahl, Planung einer Sache von großer Tragweite oder ein Werk
von langer Dauer oder eines, das große Ausgaben erfordert, Veränderung
des Wohnortes, Wahl des Umgangs und ähnliches sind Dinge, die es ver-
dienen, daß man ernstlich erwägt, was mehr dem Willen Gottes entspricht.
Aber bei den kleinen Alltagsdingen, wo ein Fehler weder Folgen nach sich
zieht noch unverbesserlich ist, warum sollte man da mit so viel Aufwand
und Geschäftigkeit mühsame Beratungen pflegen?
Warum sollte mir so viel daran gelegen sein zu erforschen, ob es Gott
lieber ist, daß ich den Rosenkranz bete oder die Tagzeiten Unserer lieben
Frau? Es ist doch nicht so viel Unterschied zwischen beiden, daß ich eine
so große Sache daraus machen muß. Oder ob ich lieber im Krankenhaus
die Kranken besuchen oder zur Vesper gehen soll; lieber zur Predigt oder
in eine Kirche, wo ein Ablaß zu gewinnen ist. Weder das eine noch das
andere ist so wichtig, daß man so große Überlegungen anstellen müßte.
Man muß bei solchen Gelegenheiten in aller Einfachheit und ohne Klein-
lichkeit handeln und, wie der hl. Basilius sagt, in aller Freiheit tun, was uns
gut dünkt, um unseren Geist nicht zu ermüden, keine Zeit zu verlieren
und uns nicht der Gefahr der Beunruhigung, der Skrupeln und des Aber-
glaubens auszusetzen. Das gilt freilich immer nur dann, wenn kein großes
Mißverhältnis zwischen dem einen Werk und dem anderen ist und kein
wesentlicher Umstand bei dem einen oder anderen vorliegt.
5. Aber auch bei folgenschweren Dingen muß man recht demütig ans
Werk gehen und nicht glauben, daß man den Willen Gottes durch Sinnieren
und spitzfindiges Grübeln erkennen werde. Nachdem man um das Licht des
Heiligen Geistes gebeten und sich bemüht hat zu erkennen, was Gott wohl-
gefällig ist, nachdem man den Rat seines Seelenführers und, wenn notwen-
dig, auch noch von zwei oder drei anderen geistlichen Personen angehört
hat, soll man zu einem Entschluß kommen und sich im Namen Gottes für
etwas entscheiden. Nachher darf man aber dann diese Entscheidung nicht
wieder anzweifeln, sondern soll sie in aller Hingabe, Ruhe und Beharr-
lichkeit durchführen und aufrechthalten. Wenn uns auch Schwierigkeiten,
Versuchungen und verschiedene Ereignisse bei der Ausübung unserer
Absicht begegnen und einiges Mißtrauen einflößen, ob wir auch wirklich
118 VIII, 14

die richtige Wahl getroffen haben, müssen wir dennoch fest dabei bleiben
und auf all das nicht achthaben, sondern bedenken, daß wir es bei einer
anderen Wahl vielleicht noch hundertmal schlechter getroffen hätten.
Überdies wissen wir ja nicht, ob Gott will, daß Trost oder Trübsal, Friede
oder Krieg unser Los sein soll.
Haben wir einmal auf heilige Weise einen Entschluß gefaßt, so dürfen
wir nie an der Heiligkeit der Ausführung zweifeln, denn wenn es nicht an
uns liegt, kann sie nicht fehlgehen. Anders handeln wäre ein Zeichen gro-
ßer Eigenliebe oder eines kindischen, schwachen, albernen Geistes.
119

NEUNTES BUCH

Die Liebe der Unterwerfung, durch die unser


Wille sich mit dem Wohlgefallen Gottes vereinigt.
120 IX, 1

1. Kapitel
Die Vereinigung unseres W
Vereinigung illens mit dem göttlichen W
Willens illen,
Willen,
den man den W illen des W
Willen ohlgefallens nennt.
Wohlgefallens

Nichts, die Sünde ausgenommen, geschieht ohne den Willen Gottes,


den man den absoluten Willen oder den Willen des Wohlgefallens nennt.
Diesen kann niemand verhindern; erkennen kann man ihn nur an seinen
Wirkungen. Sind diese eingetreten, so zeigen sie, daß Gott sie gewollt und
beabsichtigt hat.
1. Erwägen wir in seiner Gesamtheit alles, was gewesen ist, was ist und
was sein wird, so werden wir, Theotimus, von Staunen hingerissen und uns
gedrängt fühlen, mit dem Psalmisten auszurufen: „O Herr, ich werde Dich
preisen, denn Du bist über alle Maßen verherrlicht, Deine Werke sind
wunderbar und meine Seele erkennt es überaus klar. Dein Wissen ist be-
wunderswert, es geht weit über mich hinaus und ich kann es nicht errei-
chen“ (Ps 139,14.6).
Von diesem Staunen werden wir dann zu heiligem Wohlgefallen überge-
hen und uns freuen, daß Gott so unendlich an Weisheit, Macht und Güte
ist. Von diesen drei göttlichen Eigenschaften ist das ganze Weltall ja nur
wie eine kleine Probe, sozusagen nur ein Schaustück.
2. Sehen wir dann die Menschen und die Engel an, diese ganze Vielfalt
von Natur, Eigenschaften, Beschaffenheiten, Fähigkeiten, Affekten, Lei-
denschaften, Gnaden und Vorzügen, welche die allerhöchste Vorsehung
in dieser ungezählten Menge von himmlischen Geistern und menschli-
chen Personen niedergelegt hat und worin die göttliche Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit sich so wunderbar auswirken, so werden wir uns nicht
enthalten können, mit einer von Ehrfurcht und liebevoller Furcht erfüllten
Freude zu singen:
„Gerechtigkeit und Gericht will ich besingen.
Dir, Gott, dem ganz gerechten, dem ganz milden
sei geweiht mein Gesang“ (Ps 101,1).
Theotimus, es soll uns überaus freuen zu sehen, wie Gott seine Barmher-
zigkeit durch so viele verschiedenartige, Engeln und Menschen, im Him-
mel und auf Erden erteilte Gunsterweise ausübt und wie er seine Gerechtig-
keit in einer unendlichen Vielfalt von Leiden und Strafen walten läßt. Denn
seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit sind in sich gleich liebens-
wert und wunderbar. Die eine und die andere sind ja nichts anderes als
eine und dieselbe ganz einzige Güte und Gottheit.
IX, 1 121

3. Aber weil die Auswirkungen seiner Gerechtigkeit für uns herb und
voll Bitternis sind, mildert er sie uns immer durch eine Beigabe von Auswir-
kungen seiner Barmherzigkeit. Er macht, daß mitten in den Sintflutwogen
seiner gerechten Entrüstung der grüne Ölzweig erhalten bleibt und daß
die gottliebende Seele einer keuschen Taube gleich (Gen 8,11) ihn schließ-
lich finden kann, vorausgesetzt, daß sie nach Taubenart (Jes 38,14; 59,11)
zum liebevollen Nachsinnen bereit ist.
So sind Tod, Leiden, Schweiß und Mühsale, deren unser Leben voll ist,
nach der gerechten Anordnung Gottes zwar Sündenstrafen, zugleich aber
durch seine milde Barmherzigkeit Himmelsstufen, Mittel zum Fortschritt
in der Gnade und Verdienste, um die Glorie zu erringen.
Selig Armut, Hunger, Durst, Trauer, Krankheit, Tod und Verfolgung
(Mt 5,3-10), denn sie sind zwar wirklich Strafen, die unseren Fehltritten
gebühren, aber Strafen, die so sehr von göttlicher Milde, Güte und Huld
durchtränkt oder gewürzt sind, wie die Ärzte sagen, daß ihre Bitternis
ganz liebenswert ist.
4. Es ist zwar erstaunlich, aber doch wahr, Theotimus, daß die Verdamm-
ten, wären sie nicht durch ihre Halsstarrigkeit und ihren Haß gegen Gott
geblendet, in ihren Peinen Trost finden und sehen würden, daß die Flam-
men, die sie ewig verbrennen, wunderbar mit göttlicher Barmherzigkeit ver-
mengt sind.
Darum preisen wohl die Heiligen, wenn sie die furchtbaren, entsetz-
lichen Qualen der Verdammten erwägen, die göttliche Gerechtigkeit und
rufen aus:
„Gerecht bist Du, o Gott, und richtest nach Billigkeit;
immer herrscht Gerechtigkeit in Deinen Gerichten“ (Ps 119,137).
Wenn sie aber andererseits sehen, daß diese Peinen, wenn auch ewig und
unbegreiflich, doch viel geringer sind als die Schuld und die Verbrechen,
für die sie verhängt wurden, beten sie, hingerissen von der unendlichen
Barmherzigkeit Gottes: O Herr, wie gut bist Du, denn mitten in Deinem
ärgsten Zorn kannst Du die Ströme Deiner Erbarmungen nicht zurückhal-
ten, sich in die unerbittlichen Flammen der Hölle zu ergießen!
Herr, Du vergißt Deiner Güte nicht,
selbst wenn Dein heiliger Zorn
Verdammte ewig in die Hölle schließt!
Ja, Deine Huld und Sanftmut ergießen sich
selbst in gerechte Strafen, die Dein Urteil spricht! (s. Ps 77,8 ff).
122 IX, 2

5. Wenden wir nach alledem den Blick uns selbst zu. Sehen wir die Menge
innerer und äußerer Güter, wie auch die so große Zahl innerer und äuße-
rer Leiden, die die göttliche Vorsehung in ihrer überaus heiligen Gerechtig-
keit und Barmherzigkeit uns bereitet hat. Öffnen wir gleichsam die Arme
unserer Einwilligung und umfangen wir all das ganz liebevoll, fügen wir
uns dem heiligsten Willen Gottes und singen wir Gott in einem Hymnus
ewiger Einwilligung: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf
Erden“ (Mt 6,10).
Ja, Herr, Dein Wille geschehe auf Erden, wo es keine Freuden ohne Bei-
mischung irgendeines Schmerzes gibt, keine Rosen ohne Dornen, keinen
Tag ohne darauffolgende Nacht, keinen Frühling ohne vorhergegangenen
Winter; auf Erden, Herr, wo die Tröstungen selten, die Mühsale aber un-
zählbar sind. O Gott, trotzdem geschehe Dein Wille, nicht nur durch Aus-
führung Deiner Gebote, Räte und Eingebungen, die von uns befolgt wer-
den müssen, sondern auch im Erleiden der Trübsale und Beschwernisse,
die wir auf uns nehmen sollen, damit Dein Wille durch uns, für uns, in uns
und an uns alles vollbringe, was ihm wohlgefällig ist.

2. Kapitel
Die Vereinigung unseres W
Vereinigung illens mit dem W
Willens ohlgefallen Gottes
Wohlgefallen
geschieht vor allem im Leiden.

1. Betrachtet man die Leiden an sich, so kann man sie gewiß nicht lieben.
Schaut man sie aber in ihrem Ursprung, d. h. in der göttlichen Vorsehung,
im göttlichen Willen, der sie anordnet, so sind sie unendlich liebenswert.
Sieh den Stab des Mose auf der Erde, er ist da eine furchterregende
Schlange; sieh ihn in der Hand des Mose, und er ist ein Wunder wirkender
Stab (Ex 7). Betrachtest du das Leid an sich, so ist es grauenhaft; betrach-
test du es aber im Willen Gottes, dann wird es Liebe und Wonne. Wie oft
geschah es, daß wir gegen Arzneien und Heilmittel Widerwillen empfan-
den, wenn der Arzt oder der Apotheker sie uns reichte. Gab sie uns aber
eine liebe Hand, so überwand die Liebe den Abscheu und wir nahmen sie
mit Freude. Die Liebe nimmt dem Leid entweder die Herbheit oder sie
läßt es uns als liebenswert empfinden (s. Aug. De bono viduit. c. 21).
IX, 2 123

Man sagt, es gebe in Böotien einen Fluß, in dem alle Fische ganz goldfar-
ben sind. Sobald man sie aber aus diesem Wasser und damit aus ihrem
Ursprungsort herausnehme, hätten sie die gewöhnliche Farbe der Fische
(s. Plin. H. n. 2,103). So ähnlich ist es mit den Leiden. Betrachten wir sie
außerhalb des göttlichen Willens, so haben sie ihre natürliche Bitterkeit.
Wer sie aber in diesem ewigen Wohlgefallen betrachtet, sieht sie ganz wie
von Gold, liebenswert und kostbar, mehr als man sagen kann.
Hätte Abraham die Notwendigkeit, seinen Sohn zu opfern, außerhalb
Gottes Willen gesehen, was glaubst du, Theotimus, was er an Schmerzen
und Herzensnot gelitten hätte. Doch da er sie im Wohlgefallen Gottes sah,
erglänzte sie ihm wie Gold und er umfing sie mit zärtlicher Liebe.
Hätten die Märtyrer ihre Qualen außerhalb dieses göttlichen Wohl-
gefallens gesehen, wie hätten sie inmitten der Fesseln und Flammen sin-
gen können?
Ein wahrhaft liebendes Herz liebt das göttliche Wohlgefallen nicht nur in
den Freuden, sondern auch in den Leiden. Ja, es liebt es sogar mehr im
Kreuz, in Mühen und Plagen, denn es ist die vorzüglichste Kraft der Liebe,
daß sie den Liebenden für das, was er liebt, leiden läßt.
2. Für die Stoiker und insbesondere den guten Epiktet bestand die ganze
Philosophie darin, „sich zu enthalten und auszuhalten, zu verzichten und
zu ertragen“ (Aulus Gell. Noct. Att. 17,19), irdischen Freuden, Genüssen
und Ehren zu entsagen und darauf zu verzichten, Beleidigungen, Mühen
und Beschwerden auszuhalten und zu ertragen.
Die christliche Lehre aber, die allein die wahre Philosophie ist, hat drei
Grundsätze, auf denen sie all ihr Wirken aufbaut (Mt 10,38; 16,24): die
Selbstverleugnung, – die weit mehr ist als Verzicht auf Vergnügen; das
Kreuztragen, – das viel mehr ist als ein bloßes Ertragen; die Nachfolge des
Herrn, – nicht nur in der Selbstverleugnung und im Kreuztragen, sondern
in der Ausübung aller Arten guter Werke.
Allerdings beweist man die Liebe nicht so sehr in der Selbstverleugnung
und in der Tätigkeit als im Leiden. Der Heilige Geist bezeichnet auch in
der Heiligen Schrift als Höhepunkt der Liebe unseres Herrn gegen uns das
Leiden und Sterben, das er für uns auf sich genommen (Joh 15,13; Röm
5,8.9; 1 Joh 3,16).
3. Den Willen Gottes 1) in den Tröstungen lieben ist eine gute Liebe,
wenn man wirklich den Willen Gottes und nicht die Tröstungen liebt, in
die er eingebettet ist. Es ist aber trotzdem eine Liebe ohne Widerspruch,
124 IX, 2

ohne Widerwillen und ohne Anstrengung; denn wer sollte einen so hohen
Willen in einer so angenehmen Sache nicht lieben? – 2) Den Willen Gottes
in seinen Geboten, Räten und Einsprechungen lieben, ist eine zweite, viel
vollkommenere Stufe der Liebe. Denn sie führt uns dazu, auf unseren
eigenen Willen zu verzichten, ihn aufzugeben, uns verschiedener Genüsse
zu enthalten und auf sie zu verzichten, wenn auch nicht auf alle. – 3) Die
Leiden und Trübsale aus Liebe zu Gott lieben, ist der Höhepunkt der hoch-
heiligen Liebe. Denn in diesen Dingen liegt nichts Liebenswürdiges als
einzig nur der Wille Gottes; unsere Natur widerstrebt dem völlig. Nicht
nur verzichtet man auf alle Lust, sondern umfängt liebevoll die Leiden
und Mühen.
4. Der böse Geist wußte genau, daß dies die höchste Feinheit der Liebe
ist. Als er aus dem Mund Gottes gehört hatte (Ijob 1,8), daß Ijob gerecht,
aufrichtig, gottesfürchtig war, Sünden vermied und in seiner Unschuld
beharrte, achtete er das alles gering im Vergleich zur letzten großen Prü-
fung, die er der Liebe dieses großen Dieners Gottes durch Leiden und
Trübsale auferlegen wollte. Damit diese Leiden den äußersten Grad er-
reichten, häufte er zusammen den Verlust aller seiner Güter, aller seiner
Kinder, das Verlassenwerden von allen seinen Freunden, frechen Wider-
spruch von Seiten jener, die ihm am nächsten standen, und von seiner
eigenen Frau, Widerspruch voll Verachtung, Spott und Vorwürfen. Dem
fügte er noch fast alle Krankheiten hinzu, von denen die Menschen befal-
len werden können, vor allem, daß sein ganzer Leib eine grausame, übel-
riechende, schreckliche Wunde wurde.
So saß also der große Ijob als König aller Elenden dieser Erde auf einem
Düngerhaufen wie auf dem Thron des Elends, mit Wunden, Geschwüren
und Eiter bedeckt wie mit königlichen Gewändern, die der Art seines
Königtums angepaßt waren. In solcher Entäußerung und Erniedrigung
saß er da; hätte er nicht gesprochen, so hätte man nicht unterscheiden
können, ob Ijob ein zu Dünger gewordener Mensch, oder ob der Dünger
Fäulnis in Gestalt eines Menschen war. – Und dieser große Ijob ruft nun
aus: „Haben wir Gutes aus der Hand Gottes empfangen, warum sollten wir
nicht auch Übles annehmen?“ (Ijob 2,10).
O Gott, welche Liebe liegt in diesem Wort! Er erwägt, mein Theotimus,
daß er alles Gute aus der Hand Gottes empfangen hat, und bezeugt damit,
daß er die Güter nicht so sehr als Güter geschätzt hat, sondern weil sie aus
der Hand Gottes kamen. Und weil es so ist, darum schließt er daraus, daß
man auch die Widerwärtigkeiten mit Liebe ertragen muß, weil sie aus der
IX, 3 125

gleichen Hand Gottes hervorgehen, die ebenso liebenswürdig ist, wenn sie
Leiden schickt, wie wenn sie Tröstungen schenkt.
5. Gutes wird von allen bereitwillig angenommen, aber Übel ent-
gegenzunehmen vermag nur die vollkommene Liebe, die sie um so mehr
liebt, als sie nur in Anbetracht der Hand, die sie gibt, liebenswert sind.
Der Wanderer, der Angst hat, den rechten Weg zu verfehlen, der unsi-
cher seines Weges geht, schaut da und dorthin in die Landschaft hinein,
um zu sehen, wo er ist, und bleibt jeden Augenblick stehen, um zu erwä-
gen, ob er nicht irregeht. Wer aber seines Weges sicher ist, geht fröhlich,
kühn und hurtig einher.
So ähnlich ist es mit einer Liebe, die in Tröstungen dem Willen Gottes
folgen will: immer ist sie in Furcht, irrezugehen und statt des göttlichen
Wohlgefallens die in der Tröstung liegende eigene Freude zu lieben.
Die Liebe aber, die ihren Weg auf den Willen Gottes hin im Leiden geht,
wandelt in Sicherheit. Da das Leid in sich selbst nicht liebenswürdig ist, ist
es leicht, es nur aus Ehrfurcht vor der Hand zu lieben, die es sendet. Im
Frühling, wenn die Kräuter und Blumen so stark ihren Duft ausströmen,
daß dieser die Spur des Hirsches oder des Hasen ganz überdeckt, verlau-
fen sich die Hunde jeden Augenblick und haben kaum mehr eine Witte-
rung. Im Frühling der Tröstungen achtet die Liebe fast nicht mehr auf das
Wohlgefallen Gottes, weil die fühlbare Freude an der Tröstung so anzie-
hend für das Herz ist, daß sie von der Aufmerksamkeit, die es dem Willen
Gottes schenken sollte, abgelenkt wird.
Als unser Herr der hl. Katharina von Siena die Wahl zwischen einer
goldenen Krone und einer Dornenkrone ließ, wählte sie diese, weil sie
mehr der Liebe entspräche. „Es ist ein sicheres Zeichen der Liebe,“ sagt die
selige Angela von Foligno, „wenn man leiden will“ (Arnaldus, Leben der
sel. Ang. v. Fol., 66. Kap.). Und der große Apostel ruft aus, daß er sich in
nichts anderem rühme als im Kreuz, in der Schwachheit und in der Verfol-
gung (Gal 6,14; 2 Kor 12,5.10).

3. Kapitel
Die Vereinigung unseres W
Vereinigung illens mit dem göttlichen W
Willens ohlgefallen
Wohlgefallen
durch Ergebung in seelischen Leiden.

1. Die Liebe zum Kreuz läßt uns freiwillige Leiden auf uns nehmen, wie
zum Beispiel Fasten, Nachtwachen, Bußgürtel und andere Kasteiungen
des Fleisches, und sie läßt uns auf Vergnügen, Ehren und Reichtümer
126 IX, 3

verzichten. Die Liebe, die in diesen Übungen zum Ausdruck kommt, ist
dem Vielgeliebten ganz wohlgefällig.
Und doch ist es ihm noch weit wohlgefälliger, wenn wir die Leiden, Wi-
derwärtigkeiten und Ärgerlichkeiten in Anbetracht des göttlichen Wil-
lens, der sie uns schickt, mit Geduld, sanftmütig und willig entgegennehmen.
Die Liebe aber erreicht ihren höchsten Grad, wenn wir die Leiden nicht
nur mit Sanftmut und Geduld entgegennehmen, sondern wenn sie uns
willkommen sind, wenn wir sie gern annehmen und wegen des göttlichen
Wohlgefallens, aus dem sie hervorgehen, liebevoll umfangen.

2. Das Feinste und Erhabenste von allem, was die vollkommene Liebe
unternimmt, ist die Einwilligung der Seele in Leiden des geistlichen Lebens.
Die selige Angela von Foligno beschreibt wunderbar die inneren Pei-
nen, denen sie zeitweise unterworfen war (Arnaldus 19). Sie sagt, ihre
Seele sei so gequält worden, „wie ein Mensch, der an Händen und Füßen
gefesselt, am Hals aufgehängt, aber nicht erwürgt wäre, sondern in diesem
Zustand zwischen Leben und Tod ohne Hoffnung auf Hilfe verbliebe“, so
daß er weder auf seinen Füßen stehen, noch sich mit seinen Händen hel-
fen, noch mit dem Mund rufen, ja nicht einmal seufzen oder klagen könne.
So ist es, Theotimus. Manchmal ist die Seele derart von inneren Peinen
bedrängt, daß alle ihre Kräfte und Fähigkeiten davon niedergedrückt sind,
weil sie von allem beraubt ist, was ihr zur Erleichterung dienen könnte, und
in der Bangigkeit und unter dem Eindruck alles dessen steht, was sie trau-
rig machen kann. Gleich ihrem Heiland beginnt sie sich dann verlassen zu
fühlen, sich zu fürchten und zu entsetzen. Sie fällt in eine Traurigkeit
gleich der von Sterbenden, so daß sie sagen kann: „Meine Seele ist betrübt
bis in den Tod“ (Mk 14,33.34; Mt 26, 37-39). Und mit ganzer Seele sehnt
sie sich, bittet und fleht, daß „dieser Kelch, wenn es möglich ist, an ihr
vorübergehe.“

3. Es verbleibt ihr nur die höchste Spitze des Geistes, die innigst verbun-
den mit dem Herzen und Wohlgefallen Gottes in ganz einfacher Einwilli-
gung sagt: „O ewiger Vater, aber nicht mein, sondern Dein Wille gesche-
he“ (Lk 22,42).
Es ist wichtig zu wissen, daß die Seele diesen Akt der Ergebung inmitten
solcher Verwirrung, solcher Widersprüche und Widerstände erweckt, daß
sie sich fast nicht bewußt ist, ihn zu erwecken. Zum mindesten scheint es
ihr, er sei so kraftlos, als käme er nicht von Herzen und sei nicht so, wie es
IX, 3 127

sich gehöre. Diese Einwilligung in das göttliche Wohlgefallen geschieht


nicht nur ohne Freude und Befriedigung, sondern entgegen jeder Freude
und Befriedigung alles übrigen in ihrem Herzen.
Die Liebe gestattet ihr wohl zu klagen, wenigstens darüber, daß sie nicht
klagen kann, sie gestattet ihr, alle Lamentationen des Ijob und des Jeremia
nachzusprechen, aber unter der Bedingung, daß im Grund der Seele, in
der höchsten und zartesten Spitze des Geistes die heilige Einwilligung
gegeben werde.
Diese Einwilligung ist aber nicht zärtlich und selig, ja sie ist kaum fühlbar,
obwohl wahrhaftig, kraftvoll, unüberwindbar und ganz liebevoll. Es scheint,
als habe sie sich auf die höchste Spitze des Geistes, wie auf einen Festungs-
turm zurückgezogen; dort bleibt sie mutig, wenn auch alles übrige von
Traurigkeit ergriffen und bedrückt ist. Je mehr die Liebe in diesem Zu-
stand aller Hilfe bar, von allem Beistand der Kräfte und Fähigkeiten der
Seele verlassen ist, desto wertvoller ist es, wenn sie ihre Treue beharrlich
bewahrt.

4. Diese Vereinigung und Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Wohlge-


fallen geschieht entweder durch heilige Ergebung oder durch den hochhei-
ligen Gleichmut.
Die Ergebung besteht darin, daß man sich mühevoll unterwirft: Man möch-
te lieber leben als sterben; da es aber dem Wohlgefallen Gottes entspricht,
daß man stirbt, so willigt man ein. Man würde gern leben, wenn es Gott
gefallen würde, ja mehr noch, man hätte gern, daß es Gott gefiele, daß man
lebe. Man stirbt bereitwillig, aber lieber noch würde man leben. Man schei-
det guten Willens, aber es würde einen mehr freuen, könnte man bleiben.
Mitten in seinen Drangsalen erweckt Ijob den Akt der Ergebung: „Wenn
wir Gutes aus der Hand Gottes empfangen haben,“ sagt er, „warum sollten
wir nicht auch die Leiden und Drangsale erdulden, die er uns sendet?“
(Ijob 2,10 nach der Septuag.). Siehst du, Theotimus, er redet von Ertragen,
Aushalten, Dulden. „Wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen;
der Name des Herrn sei gebenedeit“ (Ijob 1,21). Das sind Worte der Erge-
bung und Hinnahme, als Erleiden und Erdulden gesprochen.
128 IX, 4

4. Kapitel
Die Vereinigung unseres W
Vereinigung illens mit dem W
Willens ohlgefallen Gottes
Wohlgefallen
durch den Gleichmut.

1. Die Ergebung zieht den Willen Gottes allen Dingen vor. Sie hört aber
nicht auf, außer dem Willen Gottes noch viele andere Dinge zu lieben. Der
Gleichmut steht aber über der Ergebung, denn er liebt nichts, außer aus
Liebe zum Willen Gottes. Daher kann in Gegenwart des göttlichen Wir-
kens nichts das gleichmütige Herz berühren. Allerdings, solange es noch
nicht weiß, wo der Wille Gottes gelegen ist, kann auch das gleichmütigste
Herz von irgendeiner Hinneigung berührt werden.
Als Elieser zum Brunnen von Haran kam und die Jungfrau Rebekka
sah, fand er sie zweifellos überaus schön und anmutig. Dennoch verharrte
er in Gleichmut, bis er durch das Zeichen, das Gott ihm eingegeben hatte,
erkannte, daß der göttliche Wille sie für den Sohn seines Herrn bereitet
hatte. Dann erst gab er ihr die Ohrgehänge und die goldenen Armbänder
(Gen 24,16-22).
2. Hätte im Gegenteil Jakob in Rahel nur den Bund mit Laban gesucht,
zu dem ihn sein Vater Isaak verpflichtet hatte, so hätte er Lea ebenso wie
Rahel geliebt, denn beide waren Töchter des Laban, und folglich wäre der
Wille des Vaters ebenso mit der einen wie mit der anderen erfüllt worden.
Da er aber außer dem Willen seines Vaters auch seine eigene Neigung befrie-
digen wollte und von der Schönheit und Lieblichkeit der Rahel hingeris-
sen war, widerstrebte es ihm, Lea zu heiraten, und er nahm sie nur wider-
willig, aus Ergebung.
3. Das gleichmütige Herz ist anders geartet. Es weiß, daß die Widerwär-
tigkeit, auch wenn sie häßlich ist wie eine andere Lea, doch eine Tochter
des göttlichen Wohlgefallens und zwar seine vielgeliebte Tochter ist, und
darum liebt er sie ebenso wie die Tröstung, wenn diese in sich selbst auch
angenehmer ist. Ja, es liebt sogar die Widerwärtigkeit noch mehr, weil es in
ihr nichts Liebenswertes sieht, als daß es vom göttlichen Willen geprägt ist.
Wenn ich nur reines Wasser will, was liegt mir daran, ob es mir in einem
goldenen Gefäß oder in einem Glas gereicht wird, wo ich doch nichts als
Wasser haben will. Ich werde es sogar lieber aus dem Glas trinken, weil
dieses keine andere Farbe hat als das Wasser selbst, so daß ich es dort viel
besser sehen kann. – Was liegt daran, ob sich mir der Wille Gottes in der
Widerwärtigkeit oder in der Tröstung zeigt? Ich will und suche doch in der
einen wie in der anderen nichts als den göttlichen Willen, der um so klarer
IX, 4 129

in Erscheinung tritt, je weniger andere Schönheit in ihr enthalten ist als die
dieses hochheiligen ewigen Wohlgefallens.
4. Heroisch, ja mehr als heroisch ist der Gleichmut des unvergleichlichen
hl. Paulus. Er schreibt an die Philipper (1,23): „Von zwei Seiten fühle ich
mich gedrängt; ich habe den Wunsch, von diesem Körper befreit und bei
Jesus Christus zu sein – und das ist bei weitem das Bessere, – aber euretwe-
gen bin ich bereit, auch in diesem Leben zu bleiben.“
Darin wurde er auch von dem großen Bischof, dem hl. Martin, nachge-
ahmt. Am Ende seines Lebens angelangt und von dem heißen Wunsch
erfüllt, zu Gott zu gehen, unterließ er es doch nicht zu bezeugen, daß er
gerne noch weiterhin um des Wohles seiner Herde willen inmitten der
Mühen seines Amtes bleiben würde. Nachdem er den Psalm gesungen
hatte:
„Wie lieblich sind Deine Gezelte,
o Herr der Heere!
Meine Seele hat sich gesehnt,
ja verzehrt nach den Höfen des Herrn.
Mein Herz und mein Leib
jubeln zum lebendigen Gott“ (Ps 84,1-3),
rief er aus: „Und dennoch Herr, wenn ich noch zur Arbeit an dem Heil
Deines Volkes gebraucht werde, verweigere ich die Arbeit nicht; Dein
Wille geschehe“ (Mt 6,10).
Wunderbar der Gleichmut des Apostels, wunderbar der Gleichmut die-
ses apostolischen Mannes! Sie sehen das Paradies für sich geöffnet und
sehen tausenderlei Mühen auf Erden. Dem einen und dem anderen aber
stehen sie hinsichtlich der Wahl gleichmütig gegenüber. Einzig und allein
der Wille Gottes kann für ihre Herzen den Ausschlag geben. Das Paradies ist
für sie nicht liebenswerter als das Elend dieser Welt, wenn das göttliche
Wohlgefallen ebenso hier wie dort ist. Die Mühen werden für sie zum
Paradies, wenn sich der göttliche Wille in ihnen befindet, und das Para-
dies wird ihnen zur Mühsal, wenn der Wille Gottes nicht dort ist. Denn,
wie David sagt (Ps 73,25): sie verlangen sich nichts im Himmel und nichts
auf Erden, als das göttliche Wohlgefallen erfüllt zu sehen. „O Herr, was
habe ich im Himmel und was suche ich auf Erden außer Dir?“
5. Das gleichmütige Herz ist wie eine Wachskugel in den Händen seines
Gottes, bereit, alle Eindrücke in gleicher Weise von seinem ewigen Wohl-
gefallen zu empfangen; ein Herz ohne Wahl, auf gleiche Weise zu allem
130 IX, 5

bereit, mit seinem Willen nichts anderem zugewandt als dem Willen sei-
nes Gottes. Es verlegt seine Liebe nicht in die Dinge, die Gott will, sondern
in den Willen Gottes, der sie will. Wenn daher der Wille Gottes in verschie-
denen Dingen ist, wählt es, was immer es auch koste, das, was Gott mehr
will.
Das Wohlgefallen Gottes liegt in der Ehe und in der Jungfräulichkeit;
weil es aber mehr in der Jungfräulichkeit liegt, wählt das gleichmütige
Herz die Jungfräulichkeit, und wenn sie ihm auch das Leben kosten wür-
de, wie es bei der lieben geistlichen Tochter des hl. Paulus, der hl. Thekla,
bei der hl. Cäcilia, der hl. Agatha und tausend anderen der Fall war. Gottes
Wille ist es, daß man dem Armen und dem Reichen diene, ein wenig mehr
aber will er den Dienst an dem Armen. Das gleichmütige Herz wählt da-
her diesen. Gottes Wille ist Bescheidenheit in Tröstungen und Geduld in
Widerwärtigkeiten; der Gleichmütige zieht diese vor, da der Wille Gottes
noch mehr in ihnen ist.
Mit einem Wort, das Wohlgefallen Gottes ist der alles beherrschende
Gegenstand der gleichmütigen Seele. Überall, wo sie es sieht, läuft sie
dem „Wohlgeruch seiner Salben“ nach (Hld 1,3) und sucht immer den
Ort auf, wo es sich am meisten findet, ohne etwas anderes in Betracht zu
ziehen.
Sie wird vom göttlichen Willen (Ps 73,24) wie an einem sehr liebens-
werten Band geführt und sie folgt ihm, wohin immer er geht. Sie würde die
Hölle mit dem Willen Gottes mehr lieben als das Paradies ohne Gottes
Willen; ja sie würde selbst die Hölle dem Paradies vorziehen, wenn sie
wüßte, daß es in jener ein klein wenig mehr göttliches Wohlgefallen gäbe
als in diesem. Ja, wenn wir uns das Unmögliche vorstellen, daß sie wüßte,
ihre Verdammung sei Gott ein klein wenig lieber als ihr Heil, so würde sie
ihr Heil lassen und zu ihrer Verdammung eilen.

5. Kapitel
Der heilige Gleichmut erstreckt sich auf alle Dinge.

1. Der Gleichmut muß in allen Dingen des natürlichen Lebens geübt


werden, in Gesundheit, Krankheit, Schönheit, Häßlichkeit, Schwäche,
Kraft; in Dingen des bürgerlichen Lebens: in Ehre, Rang, Reichtum; im
Wandel des geistlichen Lebens: in Trockenheit, Trost, Freude und Dürre;
in Handlungen und Leiden, kurzum in jeder Art von Ereignissen.
IX, 5 131

2. Ijob wurde in seinem natürlichen Leben von den denkbar schrecklich-


sten Wunden befallen; in seinem bürgerlichen Leben wurde er verspottet,
verhöhnt, verunglimpft, und das von den Menschen, die ihm am nächsten
standen; in seinem geistlichen Leben litt er an Kraftlosigkeit, innerem
Druck, Beklemmungen, Ängsten, Finsternissen und allen Arten unerträg-
licher innerer Leiden, wie es uns seine Klagen und Lamentationen kund-
tun.
3. Der große Apostel ruft uns zu einem allumfassenden Gleichmut auf,
um uns
„als wahre Diener Gottes zu erweisen durch viel Geduld
in Drangsalen, in Nöten und in Ängsten,
bei Schlägen, in Kerkern und in Aufständen,
in Mühen, Nachtwachen und Fasten;
durch Keuschheit und Klugheit, durch Langmut und Güte;
durch den Heiligen Geist, durch aufrichtige Liebe;
durch Verkündigung der Wahrheit durch Gottes Kraft,
bei Ehre und Schmach, bei Schmähung und Lob;
mit Waffen der Gerechtigkeit zum Schutz und Trutz;
für Betrüger gehalten und doch wahrhaftig,
unbekannt und doch wohlbekannt,
dem Tod nahe und doch lebend,
gezüchtigt und doch nicht getötet,
betrübt und doch immer fröhlich,
in Dürftigkeit und doch viele bereichernd,
ohne Besitz und doch im Besitz von allem“ (2 Kor 6,4-10).
Siehe, ich bitte dich, Theotimus, wie sehr das Leben der Apostel schwer
belastet war, dem Leib nach durch Wunden, dem Herzen nach durch Ängste,
in der Welt durch Schmach und Gefängnis. Und mitten in alledem, wel-
cher Gleichmut! Ihre Trauer ist fröhlich, ihre Armut ist reich, ihr Tod ist
voll Leben und ihre Schmach ehrenvoll. Das heißt, sie sind froh, traurig zu
sein, zufrieden, arm zu sein, lebensmutig mitten in Todesgefahren, hoch-
gemut, wenn sie verachtet werden, weil es so der Wille Gottes ist. Und weil
dieser im Leiden mehr erkannt wird als in der Ausübung anderer Tugenden,
erwähnt der Apostel zuerst die Übung der Geduld, indem er sagt: „Zeigen
wir uns in allem als Diener Gottes: durch große Geduld in Drangsalen, in
Nöten und in Ängsten,“ und dann erst sagt er: „durch Keuschheit, Klug-
heit und Langmut.“
4. So wurde unser göttlicher Heiland in seinem gesellschaftlichen Leben
132 IX, 5

unvergleichlich gemartert, indem er als Verächter der göttlichen und


menschlichen Majestät verurteilt, verhöhnt und gequält und aufs tiefste
erniedrigt wurde; in seinem natürlichen Leben, indem er unter den grau-
samsten und denkbar schmerzlichsten Qualen starb; in seinem geistli-
chen Leben, indem er Traurigkeit, Furcht, Entsetzen, Bangigkeit, Verlas-
senheit und innere Bedrängnis erlitt, wie sie nie ihresgleichen hatten noch
je haben werden. Denn wenn auch der oberste Teil seiner Seele sich in
überaus erhabener Weise der ewigen Herrlichkeit erfreute, so hinderte
doch die Liebe diese Herrlichkeit, ihre Wonnen dem Gefühl der Einbil-
dungskraft und der niederen Vernunft mitzuteilen, so daß das Herz ganz
der Traurigkeit und Angst ausgeliefert war.
5. Ezechiel sah etwas wie eine Hand, die ihn bei einer einzigen Locke
seines Hauptes ergriff und ihn zwischen Erde und Himmel emporhob (Ez
8,3). So war auch der Herr auf dem Kreuz zwischen Erde und Himmel
erhöht, scheinbar von der Hand seines Vaters nur an der äußersten Spitze
seines Geistes gehalten, sozusagen an einem einzigen Haar seines Hauptes,
das, von der gütigen Hand des ewigen Vaters berührt, einen über alles
erhabenen Einstrom von Seligkeit empfing, während alles übrige in Trau-
rigkeit und Verlassenheit versunken blieb, weshalb er auch ausrief: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27,46).
Man sagt, der sogenannte Laternenfisch hebe bei den ärgsten Unwettern
seine Zunge aus den Fluten und diese sei so leuchtend, strahlend und hell,
daß sie den Schiffern als Leuchte und Fackel diene (Plin. H. n. 9,27). So
waren auch in dem Meer der Leiden, in das unser Herr versenkt war, alle
Fähigkeiten seiner Seele wie verschlungen von der Qual so vieler Peinen
und wie begraben in ihr, außer der Spitze seines Geistes, die, frei von aller
Drangsal, ganz hell und leuchtend war vor Herrlichkeit und Seligkeit.
Wie selig ist die Liebe, die in der höchsten Spitze des Geistes der Gläubi-
gen herrscht, während sie in den Wogen und Fluten der inneren Drangsale
sind!
IX, 6 133

6. Kapitel
Die Übung des liebevollen Gleichmuts in allem,
was den Willen Gottes betrifft.

1. Das göttliche Wohlgefallen erkennt man fast nur aus den Ereignissen.
Solange es uns unbekannt ist, müssen wir, so sehr wir nur können, dem
Willen Gottes anhangen, der uns geoffenbart oder ausdrücklich gezeigt wor-
den ist. Sobald aber das Wohlgefallen der göttlichen Majestät in Erschei-
nung tritt, müssen wir uns ihm sofort in liebevollem Gehorsam fügen.
Meine Mutter oder ich selbst (das bleibt sich ganz gleich) liegen krank
zu Bett. Ich kann nicht wissen, ob Gott will, daß diese Krankheit zum Tod
führt. Das kann ich bestimmt nicht wissen; aber ich weiß, daß er ganz
ausdrücklich will, ich solle in Erwartung dessen, was sein Wohlgefallen
bestimmt hat, die für die Genesung geeigneten Heilmittel anwenden. Ich
werde es darum gewissenhaft tun, ohne etwas zu unterlassen, was ich dazu
beitragen kann. Liegt es aber im göttlichen Wohlgefallen, daß das Übel
über die Heilmittel siegt und schließlich den Tod herbeiführt, werde ich,
sobald ich durch den Verlauf der Dinge darüber Gewißheit habe, liebevoll
mit der Spitze meines Geistes einwilligen, ungeachtet alles Widerstrebens
der niederen Kräfte meiner Seele: „Ja, Herr, ich will es,“ werde ich sagen,
„weil es Dir so wohlgefällt“ (Mt 11,26). So hat es Dir gefallen, und so
gefällt es auch mir, der ich der demütige Diener Deines Willens bin.
2. Würde mir aber das göttliche Wohlgefallen vor dem Eintritt des Gesche-
hens kundgetan, wie zum Beispiel dem hl. Petrus die Art seines Todes
(Joh 21,18 f), oder dem hl. Paulus seine Bande und Gefangennahme (Apg
20,23; 21,11), oder Jeremia die Zerstörung Jerusalems oder David der
Tod seines Sohnes (2 Sam 12,14), dann müßte ich im gleichen Augenblick
meinen Willen mit dem Willen Gottes vereinigen.
Nach dem Vorbild Abrahams und so wie er müßten wir, wenn es uns
befohlen würde, an die Ausführung des ewigen Ratschlusses gehen, selbst
wenn es sich um den Tod unserer Kinder handelte. Wie bewundernswert
ist die Hingabe dieses Patriarchen an den Willen Gottes! Im Glauben, daß
es dem göttlichen Wohlgefallen entspreche, sein Kind zu opfern, wollte er
es auch und machte sich so starkmütig daran. Bewundernswert aber auch
die Hingabe des Kindes. Es unterwirft sich so schlicht dem väterlichen
134 IX, 6

Schwert, damit das Wohlgefallen seines Gottes lebe selbst um den Preis
seines eigenen Todes!
Beachte aber, Theotimus, diesen Zug vollkommener Vereinigung eines
gleichmütigen Herzens mit dem göttlichen Wohlgefallen! Abraham steht
da, das Schwert in der Faust, mit erhobenem Arm, bereit, seinem einzigen
Kind den Todesstoß zu versetzen. Er tut es, dem göttlichen Willen zu
gefallen. Aber siehe da, sogleich erscheint ein Engel, vom gleichen göttli-
chen Willen gesandt, und hält ihn kurzerhand zurück. Abraham hält so-
fort inne; er ist ebenso bereit, seinen Sohn zu opfern als ihn nicht zu
opfern; in Gegenwart des Willens Gottes steht er dem Leben und dem Tod
desselben gleichmütig gegenüber. Wenn Gott ihm befiehlt, sein Kind zu
opfern, wird er nicht betrübt; wenn er ihm das Opfer erläßt, freut er sich
nicht darüber. Alles ist diesem großmütigen Herzen gleich, vorausgesetzt,
daß dem Willen seines Gottes gedient werde.

3. Ja, Theotimus, Gott flößt uns oft, um uns im heiligen Gleichmut zu


üben, erhabene Pläne ein, deren Gelingen er jedoch nicht will. Da müssen
wir, wie wir kühn, mutig und beharrlich anfangen und das Werk weiterfüh-
ren müssen, solange es möglich ist, ebenso sanft und ruhig in den Ausgang
des Unternehmens einwilligen, so wie es Gott gefällt, ihn uns zu geben.
So fährt der hl. Ludwig auf göttliche Eingebung über das Meer, das Hei-
lige Land zu erobern. Es wurde ein großer Mißerfolg, der Heilige willigte
aber ruhig in ihn ein. Ich schätze diese ruhige Einwilligung höher als die
Hochherzigkeit, die ihn das Werk beginnen ließ.
Der hl. Franziskus reist nach Ägypten, um die Ungläubigen zu bekehren
oder unter den Ungläubigen als Märtyrer zu sterben. So war es der Wille
Gottes. Er kam jedoch zurück, ohne das eine oder andere getan zu haben,
und auch das war der Wille Gottes.
Ebenso war es der Wille Gottes, daß der hl. Antonius von Padua nach
dem Martyrium verlangte und es nicht erreichte.
Der selige Ignatius von Loyola hatte unter vielen Mühen die Gesell-
schaft Jesu ins Leben gerufen. Er sah die vielen schönen Früchte, die sie
zeitigte, und sah voraus, daß sie in Zukunft noch viel schönere hervorbrin-
gen werde. Dennoch hatte er den Mut, sich vorzunehmen, daß er im Falle
ihres Untergangs (was der herbste Schmerz gewesen wäre, der ihn hätte
treffen können) nach einer halben Stunde gefaßt sein und sich in den Wil-
len Gottes fügen würde.
IX, 6 135

Der gelehrte und heilige Prediger Andalusiens, Johannes Avila, trug sich
mit der Absicht, zur Verherrlichung Gottes eine Genossenschaft refor-
mierter Priester zu gründen, und hatte darin schon große Fortschritte er-
zielt. Da sah er aber, daß die Genossenschaft der Jesuiten bereits gegrün-
det und in voller Tätigkeit war. Das schien ihm für die Bedürfnisse der
Zeit zu genügen; so ließ er seine Absicht kurzerhand mit einer Sanftmut
und Demut ohnegleichen fallen.

4. O wie glücklich sind solche Seelen, die kühn und starkmütig an die
Unternehmungen gehen, die Gott ihnen eingibt, aber auch geschmeidig
und sanft diese aufzugeben wissen, wenn Gott es so haben will! Das sind
Zeichen eines ganz vollkommenen Gleichmutes, wenn man aufhört, et-
was Gutes zu tun, sobald Gott es so haben will, und auf halbem Weg
umkehrt, sobald der Wille Gottes, der unser Führer ist, es befiehlt.
Jona war gewiß sehr im Unrecht, als er darüber trauerte, daß Gott seine
Weissagungen über Ninive nicht in Erfüllung gehen ließ (Jona 4,1). Jona
tat nach dem Willen Gottes, als er den Untergang Ninives verkündete.
Aber er vermengte sein Interesse und seinen eigenen Willen mit dem Wil-
len Gottes. Als er deshalb sah, daß Gott seine Voraussage nicht dem Wort-
laut seiner Prophezeiung gemäß in Ausführung brachte, ärgerte er sich
und murrte darüber in unwürdiger Weise. Wäre der einzige Beweggrund
seiner Handlungen das Wohlgefallen des göttlichen Willens gewesen, so
wäre er ebenso zufrieden gewesen, dieses in der Nachlassung der Strafe,
die Ninive verdient hatte, erfüllt zu sehen als in der Bestrafung der Schuld,
die Ninive auf sich geladen hatte.
Wir wollen, daß das, was wir unternehmen und was wir tun, gelinge. Es
wäre aber nicht der Vernunft gemäß, wenn Gott alles nach unserem Belie-
ben machen würde. Wenn er will, daß Ninive gewarnt, aber nicht dem
Untergang preisgegeben werde, weil die Warnung genügt, es zu bessern,
warum beklagt sich Jona darüber?

5. Wenn sich aber die Dinge so verhalten, wäre es da nicht gut, sich für
gar nichts mehr mit Eifer einzusetzen, sondern alles gehen zu lassen, wie es
eben geschieht? Verzeih mir, Theotimus, man darf nichts außer acht las-
sen, was den Unternehmungen, die Gott in unsere Hände gelegt hat, zum
Erfolg verhelfen könnte, doch unter der Bedingung, daß wir Mißerfolge
sanft und ruhig hinnehmen. Denn wir haben den Auftrag, mit großer Sorg-
falt alles zu betreiben, was die Verherrlichung Gottes betrifft und uns
136 IX, 6

anvertraut ist. Ihr Ausgang aber liegt außerhalb unseres Auftrages und
unserer Verpflichtung, denn er übersteigt unsere Macht.
„Trage Sorge für ihn!“, wurde dem Besitzer der Herberge im Gleichnis
von dem Menschen gesagt, der halbtot auf der Straße zwischen Jerusalem
und Jericho liegengeblieben war (Lk 10,30-35). Es wird nicht gesagt: „hei-
le ihn“, sondern „trage Sorge für ihn“, bemerkt der hl. Bernhard (De
Consid. 4,2).
So predigten die Apostel mit unvergleichlicher Liebe zuerst den Juden,
obwohl sie wußten, daß sie diese schließlich als unfruchtbares Erdreich
verlassen und sich den Heiden zuwenden müßten (Apg 13,46 f). An uns ist
es, gut zu pflanzen und zu begießen; das Wachstum zu geben aber ist allein
Sache Gottes (1 Kor 3,6). Das Gebet, das der Psalmist an den Erlöser
richtet, ist wie ein Freudenruf und eine Siegesvorhersage: „O Herr, durch
Deine Schönheit und Anmut spanne Deinen Bogen, ziehe glücklich hin-
aus“ (Ps 45,6), besteige dein Pferd. Es ist, als wollte er sagen, daß sich der
Herr durch die in die Herzen der Menschen abgeschossenen Pfeile seiner
Liebe zu ihrem Gebieter macht, um sie nach seinem Belieben zu lenken,
so wie ein gut dressiertes Pferd. O Herr, Du bist der königliche Reiter, der
den Geist Deiner treuen Liebenden ganz in Händen hat und nach seinem
Gutdünken wendet. Manchmal treibst Du sie mit verhängten Zügeln vor-
an, und sie eilen, so schnell sie nur können, zu den Unternehmungen, die
Du Ihnen eingibst. Und dann, wenn es Dir gut dünkt, läßt Du sie halten,
wenn sie im schönsten Lauf sind.
6. Wenn aber ein Unternehmen, das auf göttliche Eingebung begonnen
wurde, durch die Schuld derjenigen scheitert, denen es anvertraut war, wie
kann man da sagen, daß man dem Willen Gottes zustimmen soll? Man
wird entgegenhalten: es ist ja nicht der Wille Gottes, der das Gelingen
verhindert hat, sondern mein Fehler, dessen Ursache nicht der göttliche
Wille war. – Es ist wahr, mein Kind, daß dein Fehler nicht durch den
Willen Gottes geschehen ist, denn Gott ist nicht Urheber der Sünde. Wohl
aber ist es der Wille Gottes, daß dein Fehler das Mißlingen und den Zusam-
menbruch deines Unternehmens als Strafe für deinen Fehler nach sich zieht.
Denn wenn auch seine Güte es ihm nicht gestatten kann, deinen Fehler zu
wollen, so bewirkt doch seine Gerechtigkeit, daß er die Strafe wolle, die
du deswegen erleidest. So war Gott nicht die Ursache, daß David sündigte,
wohl aber verhängte er über ihn die Strafe, die seiner Sünde gebührte. Er
war nicht die Ursache der Sünde Sauls, wohl aber war er es, der zur Strafe
den Sieg seiner Waffen scheitern ließ.
IX, 7 137

Geschieht es also, daß die göttlichen Absichten zur Strafe für unsere
Fehler nicht erfüllt werden, so muß man durch eine ernstliche Reue ebenso
den Fehler verabscheuen, wie die Strafe annehmen, die er mit sich bringt.
Denn so wie die Sünde gegen den Willen Gottes ist, ist die Strafe dem
Willen Gottes gemäß.

7. Kapitel
Gleichmut in dem, was unseren For tschritt
Fortschritt
in den TTugenden
ugenden betriff t.
betrifft.

1. Gott hat uns befohlen, alles zu tun, was wir können, um die heiligen
Tugenden zu erwerben. Lassen wir deshalb nichts außer acht, um bei die-
sem heiligen Unternehmen Erfolg zu haben. Doch nachdem wir gepflanzt
und begossen haben, müssen wir wissen, daß es an Gott ist, den Bäumen
unserer guten Neigungen und Haltungen das Wachstum zu geben (1 Kor
3,6). Deshalb müssen wir die Frucht unserer Wünsche und Mühen von sei-
ner göttlichen Vorsehung erwarten.
2. Wenn wir keinen solchen Fortschritt und keine solche Zunahme in
unserem geistlichen Leben merken, wie wir es gerne wünschten, so beun-
ruhigen wir uns nicht; bleiben wir in Frieden, damit immer Ruhe in unse-
rem Herzen herrsche. An uns ist es, unsere Seelen gut zu bestellen; folg-
lich müssen wir auch darauf treu bedacht sein. Die Sorge um die Größe von
Gewinn und Ernte müssen wir aber unserem Herrn überlassen. Den Bauer
wird man nie schelten, wenn die Ernte nicht gut ist, wohl aber, wenn er das
Erdreich nicht ordentlich bearbeitet und besät hat.
Beunruhigen wir uns nicht, wenn wir uns immer wie Novizen in der
Tugendübung vorkommen, denn im Kloster des frommen Lebens hält sich
jeder immer für einen Novizen, und das ganze Leben ist dort Probezeit. Es
gibt kein deutlicheres Zeichen dafür, daß man erst Novize ist, ja nicht
einmal das, sondern daß man es verdient, getadelt und verstoßen zu wer-
den, als wenn man sich schon für einen Professen hält. Denn nach der
Regel dieses Ordens macht nicht die Feierlichkeit der Gelübdeablegung,
sondern die Erfüllung der Gelübde die Novizen zu Professen. Nun sind
aber die Gelübde nie erfüllt, solange es noch etwas zu ihrer Beobachtung
zu tun gibt. Die Verpflichtung, Gott zu dienen und Fortschritte in seiner
Liebe zu machen, dauert immer bis zum Tod.
3. Aber, wird vielleicht jemand sagen, wenn ich erkenne, daß durch eige-
ne Schuld mein Fortschritt in den Tugenden verzögert wird, wie kann ich es
138 IX, 7

dann verhindern, traurig und beunruhigt zu sein? – Darüber habe ich in


meiner „Anleitung zum frommen Leben“ gesprochen (III,9), aber ich wie-
derhole es gerne, denn es kann nicht oft genug gesagt werden. – Seiner
begangenen Fehler wegen soll man sich betrüben mit einer starken, beson-
nenen, beharrlichen, ruhigen, aber nicht mit einer aufgeregten, unruhigen,
verzagten Reue. Erkennst du, daß dein Zurückbleiben auf dem Tugendweg
von deiner eigenen Schuld herrührt? – Nun denn, verdemütige dich vor
Gott, rufe seine Barmherzigkeit an, wirf dich vor dem Angesicht seiner
Güte nieder und bitte ihn deswegen um Vergebung. Bekenne deinen Feh-
ler und bitte ihn um Verzeihung, auch vor deinem Beichtvater, um die
Lossprechung zu erhalten. Ist das geschehen, so bleib in Frieden; nach-
dem du die Beleidigung verabscheut hast, umfange liebevoll die Verde-
mütigung, die du wegen der Verzögerung deines Fortschrittes im Guten
empfindest.

4. Ach Gott, mein Theotimus, die Seelen, die im Fegfeuer sind, sind
zweifellos dort ihrer Sünden wegen, die sie verabscheut haben und über
alles verabscheuen. Demütigung und Leid, das ihnen verbleibt, an einem
Ort zurückgehalten zu sein, wo sie für eine Zeit der Freuden und der
seligen Liebe des Paradieses beraubt sind, ertragen sie aber voll Liebe und
singen voll Andacht das Lied der göttlichen Gerechtigkeit: „Gerecht bist
Du, o Herr, und ohne Fehl ist Dein Gericht“ (Ps 119,137).
Warten wir daher mit Geduld unseren Fortschritt ab, und anstatt uns zu
beunruhigen, daß wir in der Vergangenheit so geringe Fortschritte gemacht
haben, sorgen wir mit Eifer dafür, daß wir in Zukunft größere erzielen.

5. Betrachte zum Beispiel, ich bitte dich, diese gute Seele: sie hat sehr
danach verlangt und gestrebt, sich vom Zorn frei zu machen, und Gott hat
sie darin mit seiner Gnade unterstützt und sie aller Sünden ledig gemacht,
die vom Zorn herrühren. Sie würde eher sterben, als ein beleidigendes
Wort auszusprechen oder auch nur im geringsten dem Haß nachzugeben.
Immerhin ist sie noch den Anstürmen und ersten Regungen dieser Leiden-
schaft unterworfen, die in gewissen Aufwallungen, Erregungen und Aus-
brüchen des gereizten Herzens bestehen. Die kaldäische Paraphrase nennt
sie „Erregungen“, weshalb es dort heißt: „Erregt euch und sündigt nicht,“
während in unserer lateinischen Übersetzung steht: „Zürnet, doch sündigt
nicht!“ (Ps 4,5). In Wirklichkeit ist es ein und dasselbe. Der Prophet will
ja nichts anderes sagen, als daß wir auf der Hut sein sollen, wenn uns der
IX, 7 139

Zorn überrascht. Wenn er die ersten Erregungen des Ärgers in unserem


Herzen hervorruft, sollen wir uns hüten, uns von dieser Leidenschaft wei-
ter fortreißen zu lassen, weil wir sonst sündigen.

6. Obwohl diese ersten Aufwallungen und Erregungen keineswegs Sünde


sind, so wird doch die davon oft befallene Seele unruhig, traurig und ver-
wirrt. Und sie meint, sie müsse darüber traurig sein; die Traurigkeit käme
doch von ihrer Gottesliebe. Das ist aber nicht wahr, Theotimus. Diese
Unruhe bewirkt nicht die himmlische Liebe, der nur die Sünde Leid berei-
tet, – sondern die Eigenliebe. Diese möchte uns von der Mühe und Anstren-
gung frei haben, die uns die Zornanfälle bereiten. Nicht die Schuld be-
drängt uns bei diesen Zornanwandlungen, denn es liegt ja gar keine Sünde
vor, sondern die Mühe, ihnen Widerstand zu leisten, beunruhigt uns.

7. Diese Revolten des sinnlichen Begehrungsvermögens, sowohl im Zorn


als in der Begierlichkeit, werden uns gelassen, damit wir im Widerstand
gegen sie geistliche Tapferkeit pflegen. Das ist der Philister, den die wah-
ren Israeliten immer bekämpfen müssen, ohne ihn je niederwerfen zu kön-
nen (Jos 23,13). Sie können ihn schwächen, aber nicht vernichten. Er
stirbt erst, wenn wir selbst sterben, und lebt mit uns, solange wir selbst
leben. Er ist sicher abscheulich und verabscheuungswürdig, da er aus der
Sünde hervorgegangen ist und ständig zur Sünde hinstrebt.
Wir werden Erde genannt, weil wir aus Erde gebildet sind und zur Erde
zurückkehren (Gen 3,19). So wird auch diese Auflehnung vom großen
Apostel (Röm 6-8; Kol 3,9) Sünde genannt, weil sie von der Sünde her-
rührt und zur Sünde hinzielt, wenngleich sie uns nur schuldig macht, wenn
wir ihr nachgeben und ihr folgen.
Der Apostel mahnt uns, „das Böse in unserem sterblichen Leib nicht
dadurch herrschen zu lassen, daß wir dessen Gelüsten nachgeben“ (Röm
6,12). Er verbietet uns nicht, die Sünde zu fühlen, sondern nur in sie einzu-
willigen. Er befiehlt nicht, daß wir die Sünde hindern, in uns einzudringen
und in uns zu sein, sondern er befiehlt, daß sie nicht in uns herrsche. Sie ist
in uns, wenn wir die Auflehnung des sinnlichen Begehrungsvermögens
fühlen, aber sie herrscht nicht in uns, außer wenn wir ihr zustimmen.

8. Der Arzt wird dem Fieberkranken nie befehlen, keinen Durst zu haben,
– das wäre unsinnig –; wohl aber wird er ihm sagen, er solle sich des
140 IX, 7

Trinkens enthalten, wenn er auch Durst habe. Nie wird man einer schwan-
geren Frau sagen, sie dürfe kein Verlangen nach außergewöhnlichen Spei-
sen haben, weil das nicht in ihrer Macht steht. Wohl aber wird man ihr
nahelegen, zu sagen, worauf sie Lust hat, damit man ihre Einbildungskraft
davon ablenken könne, wenn es schädliche Dinge sind, und diese Einbil-
dungen nicht in ihrem Kopf überhand nehmen.

9. „Der Stachel des Fleisches, der Bote Satans,“ setzte dem großen hl.
Paulus sehr zu, um ihn in die Sünde stürzen zu lassen. Der Apostel litt
darunter, wie unter einer schmachvollen und schändlichen Beschimpfung.
Darum sagte er auch, er werde geohrfeigt und verhöhnt, und er bat Gott,
ihn davon zu befreien. Gott aber antwortete ihm: „Paulus, meine Gnade
genügt dir, denn in der Schwachheit kommt die Kraft zur Vollendung.“
Worauf der große Heilige einwilligte und sagte: „Mit Freuden will ich
mich darum lieber meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Jesu
Christi in mir wohne“ (2 Kor 12,7-9).
Beachte, daß die sinnliche Auflehnung wohl in diesem wunderbaren
„Gefäß der Auserwählung“ (Apg 9,15) vorhanden ist, daß der Heilige
aber seine Zuflucht zu dem Heilmittel des Gebetes nimmt. Er zeigt uns so
das Mittel, durch das wir die Versuchungen bekämpfen sollen, die wir
erleiden.
Beachte auch, daß der Herr, wenn er diese quälenden Revolten im Men-
schen zuläßt, es nicht immer tut, um ihn einer Sünde wegen zu bestrafen,
sondern um die Kraft und Stärke der göttlichen Hilfe und Gnade zu offen-
baren.
Und beachte schließlich noch, daß wir uns unserer Versuchungen und
Schwächen wegen nicht nur keiner Unruhe hingeben, sondern uns unserer
Schwachheiten rühmen sollen, damit die göttliche Kraft in uns aufleuchte,
da sie unsere Schwachheit gegen den Ansturm der Verleitung und Versu-
chung stützt. Schwachheiten nennt ja der glorreiche Apostel die Aufwal-
lungen und Regungen der Unlauterkeit, die er fühlte. Er sagt, daß er sich
ihrer rühme, weil er sie wohl seiner Armseligkeit wegen fühlte, aber durch
Gottes Barmherzigkeit nicht in sie einwilligte.

10. Wie ich schon oben sagte (I,3), hat die Kirche den Irrtum einiger
Einsiedler verurteilt, die sagten, wir könnten in dieser Welt ganz frei von
Zorn, Lüsternheit, Furcht und anderen ähnlichen Leidenschaften sein. Gott
will, daß wir Feinde haben, Gott will aber auch, daß wir sie zurückdrän-
IX, 8 141

gen. Leben wir also mutig zwischen dem einen und dem anderen göttli-
chen Wollen; erleiden wir in Geduld, angegriffen zu werden, aber trachten
wir den Angreifern tapfer die Stirne zu bieten und Widerstand zu leisten.

8. Kapitel
Vereinigung unseres W illens mit dem W
Willens illen Gottes
Willen
bei der Zulassung der Sünden.

1. Gott haßt die Sünde über alles und dennoch läßt er sie in seiner höch-
sten Weisheit zu. Er tut es, um das vernunftbegabte Geschöpf seiner Natur
gemäß handeln und um die Guten umso lobwürdiger erscheinen zu lassen,
wenn sie das Gesetz nicht übertreten, obwohl sie es könnten. Beten wir
also diese heilige Zulassung an und preisen wir sie.
Weil aber die Vorsehung, welche die Sünde zuläßt, diese doch unendlich
haßt, verabscheuen wir sie mit ihr, hassen wir sie, indem wir aus allen
unseren Kräften danach verlangen, daß die Sünde, die Gott zuläßt, doch
nicht begangen werde. Und weil wir dieses Verlangen hegen, gebrauchen
wir alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um in Nachahmung unseres
Herrn zu verhindern, daß die Sünde entstehe, fortschreite und zur Herr-
schaft gelange. Denn der Herr hört nicht auf, uns zu mahnen, zu verspre-
chen, zu drohen, zu verbieten, zu befehlen und Einsprechungen zu geben,
um unseren Willen von der Sünde so weit abzuwenden, als es ihm nur
möglich ist, ohne ihm seine Freiheit zu nehmen.

2. Ist die Sünde aber begangen, dann tun wir alles, was wir nur können,
um sie zu tilgen; so wie der Herr, wie wir schon oben (VIII,4) sagten,
Carpus die Versicherung gab, er würde, wenn es nötig wäre, noch einmal
den Tod erleiden, um eine einzige Seele von der Sünde zu befreien. Ist aber
der Sünder hartnäckig, so weinen wir, Theotimus, seufzen wir, beten wir
für ihn mit dem Erlöser unserer Seelen, der während seines Lebens viele
Tränen über die Sünder vergoß und schließlich tränen- und blutüberströmt
voll Herzeleid über den Untergang der Sünder starb. Dieses Empfinden
rührte David so sehr, daß er ohnmächtig dahinsank: „Ohnmacht ergriff
mich,“ sagt er, „der Frevler wegen, die Dein Gesetz verlassen“ (Ps 119,53).
Und der große Apostel beteuert, daß er im Herzen einen unaufhörlichen
Kummer trage wegen der Hartnäckigkeit der Juden (Röm 9,2).
142 IX, 8

3. So hartnäckig jedoch die Sünder auch sein mögen, verlieren wir nicht
den Mut, ihnen zu helfen und zu dienen. Denn was wissen wir, ob sie nicht
vielleicht doch Buße tun und gerettet werden? Selig derjenige, der zu sei-
nen Nächsten wie der hl. Paulus sagen kann: „Ich habe nicht aufgehört, bei
Tag und Nacht unter Tränen einen jeden von euch zu ermahnen (Apg 20,31).
Darum bin ich rein vom Blute aller. Denn ich habe es nicht unterlassen,
euch den ganzen Ratschluß Gottes zu verkünden“ (Apg 20,26 f). Solange
wir uns innerhalb der Schranken der Hoffnung befinden, daß der Sünder
sich bessern könne (und diese Schranken erstrecken sich immer so weit,
wie die seines Lebens), darf man ihn nie aufgeben, sondern soll für ihn
beten und ihm soweit helfen, als sein unseliger Zustand es zuläßt.
4. Zu guterletzt aber, nachdem wir über die hartnäckigen Sünder geweint
und an ihnen die Pflicht der Liebe erfüllt und versucht haben, sie ihrem
Untergang zu entreißen, müssen wir nach dem Beispiel unseres Herrn und
der Apostel unseren Geist davon ablenken und ihn anderen Dingen und
der Verherrlichung Gottes nützlicheren Aufgaben zuwenden. „Euch muß-
te,“ sagten die Apostel, „das Wort Gottes zuerst gepredigt werden. Weil
ihr es aber abweist und euch selbst“ des Reiches Jesu Christi „nicht wert
erachtet, wenden wir uns zu den Heiden“ (Apg 13,46). „Das Reich Gottes
wird euch genommen werden,“ sagt der Heiland, „und einem Volk gege-
ben werden, das rechte Früchte hervorbringt“ (Mt 21,43). Denn man kann
sich nicht zu lange damit abgeben, über die einen zu weinen, ohne die Zeit
zu verlieren, die geeignet und erforderlich ist, den anderen das Heil zu
verschaffen. Wohl sagt der Apostel, daß er ständig Schmerz über den Un-
tergang der Juden empfindet (Röm 9,2). Das ist aber so, wie wenn wir
sagen, wir „preisen Gott allezeit“ (Ps 34,1), was nichts anderes heißen
will, als daß wir ihn sehr oft und bei allen Anlässen preisen. Desgleichen
hatte der glorreiche hl. Paulus einen unaufhörlichen Kummer in seinem
Herzen wegen der Verwerfung der Juden, weil ihn bei allen Anlässen ihr
Unglück schmerzte.
5. Im übrigen muß man die rächende, strafende Gerechtigkeit unseres
Gottes anbeten, sie lieben und ewig preisen, genau so wie wir seine Barm-
herzigkeit lieben, denn die eine wie die andere ist Tochter seiner Güte.
Denn durch seine Gnade will er, der ganz Gute, ja der überaus Gute, uns
gut machen. Durch seine Gerechtigkeit will er die Sünde strafen, weil er
sie haßt. Er haßt sie aber, weil er der überaus Gute ist und daher das
überaus Schlechte, das Böse, verabscheut.
IX, 9 143

Zum Schluß sei noch bemerkt, daß Gott seine Barmherzigkeit nie von
uns zurückzieht, außer aus gerechter Rache seiner strafenden Gerechtig-
keit, und daß wir der Strenge seiner Gerechtigkeit nie entgehen, außer
durch seine rechtfertigende Barmherzigkeit. Immer aber, ob er nun straft
oder begnadigt, ist sein Wohlgefallen der Anbetung, der Liebe und des
ewigen Lobpreises würdig.
Deshalb wird der Gerechte, der die Barmherzigkeit lobpreist, bei de-
nen, die gerettet werden, sich gleicherweise freuen, „wenn er die Rache
sieht“ (Ps 58,11). Die Seligen werden mit Freuden der Verdammung der
Verstoßenen zustimmen, ebenso wie dem Heil der Erwählten. Und die
Engel werden, nachdem sie den Menschen, die ihrem Schutz anvertraut
waren, Liebe erwiesen haben, in Frieden bleiben, wenn sie sehen, daß
diese hartnäckig sind, und sogar, wenn sie verdammt werden. Man muß
also dem göttlichen Willen zustimmen und mit gleicher Liebe und Ehrfurcht
die rechte Hand seiner Barmherzigkeit wie die linke seiner Gerechtigkeit
küssen.

9. Kapitel
Die Übung reinen Gleichmuts in den W erk
Werken der heiligen Liebe.
erken

1. Einer der besten Sänger und Lautenspieler der Welt wurde binnen
kurzer Zeit so taub, daß er überhaupt nichts mehr hörte. Deswegen ließ er
aber nicht ab, zu singen und seine Laute in wunderbar zarter Weise zu
spielen, dank der großen Übung, die er besaß und die ihm die Taubheit
nicht geraubt hatte. Da er aber selbst gar keine Freude an seinem Gesang
und an seinem Lautenspiel empfand, weil er infolge seiner Taubheit des-
sen Lieblichkeit und Schönheit nicht wahrnehmen konnte, sang und spiel-
te er nur mehr zur Freude eines Fürsten, dessen Untertan er war. Eine
außerordentlich starke Neigung, diesem Fürsten zu gefallen, sowie das
Bewußtsein, ihm unendlich verpflichtet zu sein, da dieser von Jugend auf
für ihn gesorgt hatte, machten es ihm zu einer Freude ohnegleichen, ihm
zu gefallen. Zeigte ihm der Fürst, daß ihm sein Gesang gefalle, so war er
außer sich vor Freude. Manchmal aber geschah es, daß der Fürst, um die
Liebe dieses liebenswürdigen Sängers auf die Probe zu stellen, ihm zu
singen gebot, ihn dann im Zimmer allein ließ und auf die Jagd ging. Der
Wunsch des Sängers, den Wünschen seines Herrn zu entsprechen, ließ ihn
dessen ungeachtet seinen Gesang mit ebensolcher Aufmerksamkeit fort-
144 IX, 9

setzen, als ob der Fürst anwesend geblieben wäre, obwohl er in Wahrheit


gar keine Freude am Singen hatte. Er hatte keine Freude an der Melodie,
da ihn die Taubheit des Genusses beraubte, noch hatte er die Freude, dem
Fürsten zu gefallen, da dieser nicht anwesend war und die Lieblichkeit der
schönen Weisen, die er sang, nicht genießen konnte.
„Getrost ist mein Herz, o Gott,
getrost ist mein Herz ...
Singen will ich und spielen.
Wach auf, meine Seele!
Wach auf, du Harfe und Zither!“ (Ps 57,8 f).
2. Fürwahr, das menschliche Herz ist der wahre Sänger des Hoheliedes
der heiligen Liebe, und es ist selbst Harfe und Zither. Für gewöhnlich hört
sich dieser Sänger selbst und es gewährt ihm große Freude, die Melodie
seines Liedes zu vernehmen. Das heißt: unser Herz verkostet, während es
Gott liebt, die Freuden dieser Liebe und findet eine unvergleichliche Be-
friedigung darin, jemand zu lieben, der so überaus liebenswürdig ist.
3. Beachte, ich bitte dich, Theotimus, was ich sagen will: Anfangs versu-
chen die kleinen Nachtigallen zu singen, um die alten Nachtigallen nach-
zuahmen. Haben sie es einmal gelernt und sind sie selbst Meisterinnen
geworden, dann singen sie aus Freude an ihrem eigenen Gesang. Ja, sie
lieben so leidenschaftlich diese Freude, wie ich schon anderswo gesagt
habe (V,8), daß die gewaltige Anstrengung ihres Gesanges die Kehle zum
Bersten bringt und sie dann zugrundegehen.
So lieben unsere Herzen, wenn sie Anfänger in der Frömmigkeit sind,
Gott, um sich mit ihm zu vereinigen, um ihm wohlgefällig zu sein und um
ihm nachzustreben, der uns von Ewigkeit her geliebt hat. Nach und nach
aber werden sie in der heiligen Liebe mehr bewandert und geübt und dann
schlagen sie unmerklich einen anderen Weg ein; anstatt Gott zu lieben, um
ihm zu gefallen, fangen sie an, ihn um der Freude willen zu lieben, die sie
selbst an den Übungen der heiligen Liebe finden. Waren sie bisher Gott-
liebende, so werden sie jetzt Liebende der Liebe, die sie Gott entgegen-
bringen; sie lieben ihre eigenen Liebesempfindungen und finden nicht
mehr Gefallen an Gott, sondern am Gefallen, das sie an seiner Liebe fin-
den.
Sie haben ihre Befriedigung in dieser Liebe, insoweit sie die ihre ist,
insoweit sie in ihrem Geist ist und aus ihm hervorgeht. Denn wenn diese
heilige Liebe auch Gottesliebe genannt wird, weil Gott durch sie geliebt
IX, 10 145

wird, hört sie doch nicht auf, unsere Liebe zu sein, da wir die Liebenden
sind, die durch sie lieben.
4. Darin besteht nun die Veränderung: Statt daß wir diese heilige Liebe
lieben, weil sie auf Gott hinzielt, der der Vielgeliebte ist, lieben wir sie, weil
sie von uns ausgeht, die wir die Liebenden sind. Wer sieht aber nicht, daß
wir durch solches Tun nicht mehr Gott suchen, sondern zu uns selbst
zurückkehren, daß wir die Liebe lieben, anstatt des Vielgeliebten? Daß wir
diese Liebe nicht wegen des Wohlgefallens und der Befriedigung Gottes
lieben, sondern wegen des Gefallens und der Befriedigung, die wir selbst
daraus ziehen?
Der Sänger, der im Anfang zu Gott und für Gott sang, singt jetzt mehr zu
sich selbst und für sich selbst als für Gott; und wenn er am Singen Freude
findet, dann ist es nicht so sehr, weil er das Ohr Gottes erfreuen will, als
weil er sein eigenes befriedigen will. Und weil das Lied der göttlichen
Liebe, das herrlichste von allen ist, liebt er es mehr als alle anderen, aber
nicht wegen der göttlichen Herrlichkeit, die darin gepriesen wird, sondern
weil die Melodie des Gesanges dadurch lieblicher und angenehmer ist.

10. Kapitel
Mittel, diese Veränder
Veränder ung in der heiligen Liebe zu erk
eränderung ennen.
erkennen.

1. Du wirst das leicht erkennen, Theotimus, denn singt die mystische


Nachtigall, um Gott zu befriedigen, so wird sie das Lied singen, von dem sie
weiß, daß es der göttlichen Vorsehung am meisten gefällt. Singt sie aber um
der Freude willen, die sie selbst an der Melodie ihres Gesanges findet, so
wird sie nicht das Lied singen, das der göttlichen Güte am angenehmsten
ist, sondern das, welches ihr selbst am meisten zusagt und von dem sie
meint, daß es ihr am meisten Freude bereiten wird. Es kann leicht sein,
daß von zwei Liedern, die an sich beide göttlich sind, eines gesungen wird,
weil es göttlich ist, und das andere, weil es lieblich ist. Rahel und Lea
waren beide Frauen Jakobs. Die eine liebte er aber nur, weil sie seine Frau
war, die andere dagegen ihrer Schönheit wegen. Das Lied ist göttlich, aber
der Beweggrund, aus dem wir singen, ist die geistige Freude, die es uns
bereiten soll.
2. Siehst du nicht, könnte man zum Beispiel jenem Bischof sagen, daß
Gott will, du sollst das Hirtenlied seiner Liebe inmitten deiner Herde singen,
die er dir dreimal kraft seiner heiligen Liebe in der Person des hl. Petrus,
146 IX, 10

des ersten der Hirten, zu weiden gebietet (Joh 21,15-17)? Was antwortest
du mir? Daß es in Rom, in Paris mehr geistliche Freuden gibt und man
dort die heilige Liebe mit lieblicheren Empfindungen üben könne? – O
Gott, also nicht um Dir zu gefallen, will dieser Mann singen, sondern um
des Vergnügens willen, das er am Singen findet. Nicht Dich sucht er in der
Liebe, sondern die Befriedigung in den Übungen der heiligen Liebe.
Die Ordensleute würden gern das Lied der Hirten singen, die Ver-
heirateten das der Ordensleute, um, wie sie sagen, Gott besser lieben und
dienen zu können. Ach, ihr täuscht euch, meine lieben Freunde! Sagt nicht,
daß es euch darum geht, Gott besser lieben und dienen zu können. O
gewiß nicht! Um eurer eigenen Befriedigung besser zu dienen, darum wollt
ihr es, denn ihr liebt diese mehr als die Befriedigung Gottes.
Der Wille Gottes liegt in der Krankheit ebenso und für gewöhnlich noch
mehr als in der Gesundheit. Wenn wir nun die Gesundheit mehr lieben,
dann sagen wir nicht, daß es deswegen sei, um Gott besser zu dienen.
Denn wer sieht nicht, daß es die Gesundheit ist, die wir im Willen Gottes
suchen, und nicht der Wille Gottes in der Gesundheit.

3. Ich gebe zu, daß es nicht leicht ist, lange und mit Vergnügen die Schön-
heit eines Spiegels anzuschauen, ohne sich selbst darin zu betrachten, ja
ohne Freude daran zu haben, sich selbst anzuschauen. Aber es ist doch ein
Unterschied zwischen der Freude, die man hat, einen Spiegel anzuschau-
en, weil er schön ist, und der Befriedigung, die man daran hat, in einen
Spiegel zu schauen, weil man sich selbst darin sieht. Es ist zweifellos auch
schwierig, Gott zu lieben, ohne zugleich die Freude zu lieben, die man an
seiner Liebe findet. Aber es ist doch ein Unterschied zwischen der Befrie-
digung, die man darin findet, Gott zu lieben, weil er schön ist, und derjeni-
gen, die man daran hat, ihn zu lieben, weil seine Liebe uns angenehm ist.

4. Nun muß man aber trachten, in Gott nur die Liebe zu seiner Schönheit
zu suchen und nicht die Freude, die in der Schönheit seiner Liebe liegt. Wer
während des Betens zu Gott merkt, daß er betet, hat seine Aufmerksam-
keit nicht ganz auf sein Gebet gerichtet; denn er lenkt sie von Gott ab, zu
dem er betet, um an das Gebet zu denken, durch das er zu ihm betet.
Unsere Bemühungen, keine Zerstreuungen zu haben, werden uns oft zu
ganz großen Zerstreuungen.
Bei allen Werken des geistlichen Lebens ist die Einfachheit am meisten zu
empfehlen. Willst du auf Gott schauen? Dann schau auf ihn, wende deine
IX, 10 147

Aufmerksamkeit darauf. Denn wenn du über dich selbst nachdenkst und


deine Augen dir selbst zukehrst, um die Haltung zu sehen, die du ein-
nimmst, während du zu Gott aufschaust, dann schaust du nicht mehr auf
Gott, sondern auf dein Verhalten, also auf dich selbst. Wer eifrig betet, weiß
gar nicht, ob er betet oder nicht, er denkt nicht an das Gebet, das er verrich-
tet, sondern an Gott, an den er es richtet. Wer vom Feuer der heiligen Liebe
entflammt ist, wendet sein Herz nicht sich selbst zu, um zu sehen, was er
macht, sondern hält es fest an Gott gebunden und mit Gott beschäftigt,
dem seine Liebe gehört. Der himmlische Sänger findet eine solche Freude
daran, Gott zu gefallen, daß ihm der melodische Klang seiner Stimme
keine Freude bereitet, außer die, daß sie seinem Gott gefällt.

5. Warum glaubst du, Theotimus, daß Amnon, der Sohn Davids, Tamar
so leidenschaftlich liebte, daß er vor Liebe zu sterben meinte (2 Sam 13)?
Glaubst du, daß er sie selbst so liebte? Du wirst sogleich sehen, daß das
nicht der Fall war. Denn sobald er sein verbrecherisches Verlangen gestillt
hatte, stieß er sie grausam hinaus und trieb sie schändlich fort. Hätte er
Tamar geliebt, so hätte er das nicht getan, denn Tamar blieb immer Tamar.
Da es aber nicht Tamar war, die er liebte, sondern die schändliche Lust, die
er an ihr suchte, verhöhnte er sie in gemeiner Weise und ging brutal mit ihr
um, sobald er erreicht hatte, was er wollte. Er suchte seine Lust an Tamar;
seine Liebe galt der Lust, nicht Tamar. Als daher seine Lust geschwunden
war, hätte er am liebsten gesehen, wenn Tamar auch verschwunden wäre.

6. Theotimus, sieh dir einmal diesen Menschen an, der zu Gott betet,
und wie dir scheint, mit so großer Andacht betet und mit so großem Eifer
sich den Übungen der himmlischen Liebe hingibt. Aber warte ein wenig
zu, und du wirst sehen, ob es wirklich Gott ist, den er liebt. Ach, leider,
sobald die süße Freude und die Befriedigung, die er an der Liebe fand,
aufhört und die Trockenheit einsetzt, wird er alles aufgeben und nur mehr
hie und da beten. Wäre es Gott gewesen, den er geliebt, warum hätte er
dann aufgehört, ihn zu lieben, wo doch Gott immer Gott bleibt? Es war
also der Trost Gottes, den er liebte, und nicht der Gott des Trostes (2 Kor
1,3).
Viele gibt es, die kein Gefallen an der göttlichen Liebe finden, wenn sie
nicht irgendwie in den Zucker einer fühlbaren Süßigkeit getaucht ist, und
gerne würden sie es wie die kleinen Kinder machen. Wenn man ihnen ein
mit Honig bestrichenes Brot reicht, lecken sie den Honig ab und werfen
148 IX, 11

das Brot weg. Wäre der süße Trost trennbar von der Liebe, so würden sie
die Liebe lassen und sich an den süßen Trost halten. Sie folgen der Liebe
also um des süßen Trostes willen; begegnen sie diesem nicht in ihr, so küm-
mern sie sich nicht um die Liebe.
Solche Menschen sind aber großen Gefahren ausgesetzt. Sie lassen ent-
weder alles fallen, wenn ihnen Wohlgefühl und Tröstung fehlen, oder sie
geben sich mit eitlen Süßigkeiten ab, die weit entfernt sind von wahrer
Liebe, und sehen Herakleahonig für Narbonnehonig an.

11. Kapitel
Ratlosigkeit des Herzens, das liebt, ohne zu wissen,
daß der Geliebte Gefallen an ihm hat.

1. Der Sänger, von dem ich gesprochen habe, hatte, da er taub geworden
war, keine andere Befriedigung an seinem Gesang als die, ab und zu zu
sehen, daß ihm sein Fürst aufmerksam lauschte und Freude daran fand.
Wie glückselig ist das Herz, das Gott liebt, ohne eine andere Freude zu
haben als die, Gott zu gefallen! Denn, welche Freude könnte reiner und
vollkommener sein als die Freude, die man am Wohlgefallen Gottes fin-
det?
2. Dennoch ist die Freude, Gott zu gefallen, nicht im eigentlichen Sinn
des Wortes die Gottesliebe, sondern nur eine ihrer Früchte. Sie kann daher
ebenso von ihr getrennt sein, wie eine Zitrone vom Zitronenbaum. Denn
unser Sänger sang, wie ich schon sagte, immer weiter, ohne Freude aus
seinem Gesang zu schöpfen, weil ihn ja die Taubheit daran hinderte. So
und so oft sang er auch, ohne die Freude zu haben, seinem Fürsten zu
gefallen, weil der Fürst, nachdem er ihm zu singen geboten hatte, sich
zurückzog oder auf die Jagd ging, ohne sich weder die Muße, noch die
Freude zu gönnen, ihn zu hören.
3. O mein Gott, während ich Dein freundliches Antlitz sehe, das mir
bezeugt, daß Dir der Gesang meiner Liebe gefällt, ach, wie bin ich da
getröstet! Denn gibt es eine Freude, die der Freude gleicht, seinem Gott zu
gefallen? Aber wenn Du Deine Augen von mir abwendest und wenn ich
nicht mehr das gütig-wohlwollende Gefallen wahrnehme, das Du an mei-
nem Lied fandest, wahrhaftiger Gott, wie leidet da meine Seele! Aber sie
hört deswegen nicht auf, Dich treu zu lieben und Dir ohne Unterlaß den
Hymnus ihrer Liebe zu singen. Nicht wegen irgendeiner Freude, die sie
IX, 11 149

daran findet, denn sie hat keine Freude daran, sondern sie singt aus reiner
Liebe zu Deinem Willen.
Da hat ein krankes Kind trotz heftigsten Ekels tapfer gegessen, was ihm
die Mutter reichte, einzig und allein nur aus dem Wunsch, die Mutter
zufriedenzustellen. Es hat gegessen, ohne irgendeine Freude an der Speise
zu finden, aber nicht ohne eine wertvollere, höhere Freude, nämlich die,
seiner Mutter zu gefallen und sie zufrieden zu sehen.
Ein anderes Kind aber, das, ohne seine Mutter zu sehen, alles nahm, was
man ihm von ihr brachte, nur weil es wußte, daß seine Mutter es wollte, hat
ohne jegliche Freude gegessen. Denn es hatte weder Freude am Essen,
noch die Befriedigung, die Freude seiner Mutter zu sehen, sondern es hat
einzig und allein gegessen, um ihren Willen zu erfüllen.
Die bloße Zufriedenheit eines anwesenden Fürsten oder irgendeiner
sehr geliebten Person macht Nachtwachen, Schweiß und Mühen ange-
nehm und Wagnisse wünschenswert. Es gibt aber nichts Traurigeres, als
einem Herrn zu dienen, der von unserem Dienst nichts weiß, oder wenn er
davon weiß, in keiner Weise zeigt, daß es ihm so recht ist. Die Liebe muß
dann ganz stark sein, denn sie muß sich auf sich selbst stützen, ohne von
einer Freude oder einer Aussicht auf etwas getragen zu werden.
4. So geschieht es manchmal, daß wir bei den Übungen der heiligen Liebe
keinerlei Freude empfinden. Wir sind wie taube Sänger, wir hören nicht
unsere eigene Stimme und können uns an der Schönheit unseres Gesanges
nicht erfreuen. Im Gegenteil, wir sind überdies von tausend Ängsten be-
drängt, von vielem Getöse beunruhigt, mit dem der Feind um unser Herz
herum lärmt. Er macht uns vor, daß wir vielleicht unserem Herrn und
Meister nicht genehm seien und daß unsere Liebe keinen Wert habe, ja daß
sie falsch und eitel sei, da sie keine Freude hervorbringt. Dann, Theoti-
mus, arbeiten wir nicht nur freudlos, sondern ganz verdrossen, da wir we-
der das Gute an unserer Arbeit, noch die Zufriedenheit desjenigen sehen,
für den wir arbeiten.
5. Was aber in dieser Lage das Übel noch vermehrt, ist, daß die höchste
Spitze der Vernunft uns keinerlei Erleichterung verschaffen kann. Denn die-
ser arme höhere Bereich der Vernunft ist selbst derart von den Einflüste-
rungen des Feindes umgarnt und dadurch sosehr geängstigt und aufgeregt
besorgt, sich ja nicht von einer Zustimmung zum Bösen überrumpeln zu
lassen, daß er keinen Ausfall wagen kann, um den niederen Teil des Geis-
tes zu entlasten.
Hat auch die höchste Spitze des Geistes nicht den Mut verloren, so wird
150 IX, 12

sie doch so furchtbar angegriffen, daß sie wohl ohne Schuld bleibt, aber
doch nicht ohne Leid. Um das Maß ihrer Drangsal voll zu machen, ist sie
auch noch des Trostes beraubt, den man sonst bei fast allen anderen Übeln
dieser Welt hat, nämlich der Hoffnung, daß sie nicht ewig dauern, sondern
daß man ihr Ende erleben wird. Bei diesen geistlichen Prüfungen verfällt
das Herz in eine gewisse Unfähigkeit, an ein Ende der Leiden zu denken.
Es kann folglich nicht in der Hoffnung Erleichterung finden.
Wohl versichert uns der Glaube, der in der höchsten Spitze des Geistes
herrscht, daß diese Unruhe ein Ende nehmen wird und wir uns eines Tages
der Ruhe erfreuen werden. Aber das gewaltige Lärmen und Schreien des
Feindes im übrigen Bereich der Seele, in der niederen Vernunft, bewirkt,
daß die Ratschläge und Vorstellungen des Glaubens kaum gehört werden,
so daß in der Einbildung nur der traurige Gedanke bleibt: „Ach, ich werde
nie mehr froh werden“ (Aus: Leben des hl. Bernhard, s. Anleitung z. fr.
Leben IV,15).
6. Ach Gott, mein lieber Theotimus, dann ist es erst recht an der Zeit,
dem Heiland dadurch unüberwindliche Treue zu erweisen. daß man ihm
rein nur aus Liebe zu seinem Willen dient, nicht nur ohne Freude, sondern
mitten in dieser Flut von Traurigkeit, Entsetzen, Angst und Versuchungen,
so wie es seine glorreiche Mutter und der hl. Johannes am Tag seines
bitteren Leidens taten. Mitten unter den Gotteslästerungen, den Schmer-
zen und Todesnöten blieben sie stark in der Liebe, selbst dann, als der
Herr, der seine ganze heilige Freude in die höchste Spitze seines Geistes
zurückgezogen hatte, weder Freude noch Trost an seinem göttlichen Ant-
litz ausstrahlte und seine matt gewordenen und von Todesschatten be-
deckten Augen nur mehr schmerzerfüllte Blicke werfen konnten, wie auch
die Sonne nur mehr schaurige Strahlen in eine schreckliche Finsternis
hinein.

12. Kapitel
Wie die Seele inmitten der inneren Leiden in Unkenntnis
ihrer Gottesliebe ist.
Das ganz liebenswer
liebenswerte te Sterben des W illens.
Willens.

1. Am Vorabend des Tages, an dem der große hl. Petrus den Martertod
erleiden sollte, erschien der Engel bei ihm im Gefängnis (Apg 12, 6-11),
erfüllte es mit einem strahlenden Licht, weckte Petrus, hieß ihn sogleich
IX, 12 151

aufstehen, sich gürten, seine Schuhe anziehen, den Mantel umwerfen, nahm
ihm Ketten und Handfesseln ab, zog ihn aus dem Gefängnis hinaus und
geleitete ihn an der ersten und zweiten Wache vorbei bis zum eisernen Tor,
das in die Stadt führte. Dieses öffnete sich von selbst. Sie traten hinaus, und
als sie eine Straße weiter gegangen waren, schied der Engel und ließ den
glorreichen hl. Petrus dort in voller Freiheit zurück.
Hier hören wir von einer stattlichen Anzahl sehr sinnfälliger Handlun-
gen, und dennoch schien es dem hl. Petrus, der doch zuerst geweckt worden
war, daß das, was durch den Engel geschah, nicht Wirklichkeit wäre; er
meinte vielmehr ein Gesicht geschaut zu haben. Er war geweckt worden
und glaubte es nicht zu sein, er hatte Schuhe und Kleider angezogen und
wußte nicht, daß er es getan hatte, er ging und glaubte nicht zu gehen, er
war in Freiheit gesetzt worden und glaubte es nicht zu sein. Und das, weil
das Wunder seiner Befreiung so groß war und seinen Geist derart in Be-
schlag nahm, daß er wohl genug Empfindung und Bewußtsein hatte, das zu
tun, was er tat, aber doch nicht ausreichend zu erkennen, daß er es wirklich
und in Wahrheit tat. Er sah den Engel, aber er merkte nicht, daß es eine
wahre und wirkliche Erscheinung war. Deshalb freute ihn seine Befreiung
auch erst, als er zu sich kam und sagte: „Jetzt weiß ich es wahrhaftig: der
Herr hat seinen Engel gesandt und mich der Hand des Herodes und aller
Erwartung des Volkes der Juden entrissen.“

2. Das gleiche, Theotimus, trifft bei einer Seele zu, die schwer unter
inneren Peinen zu leiden hat. Denn obwohl sie zu glauben, zu hoffen und
Gott zu lieben vermag und es in Wahrheit auch tut, so hat sie doch nicht die
Kraft, klar zu unterscheiden, ob sie wirklich glaubt, hofft und ihren Gott
liebt. Die Trostlosigkeit, in der sie sich befindet, nimmt sie derart in Be-
schlag und drückt sie so sehr nieder, daß sie gar nicht auf sich selbst zu-
rückkommen kann, um zu schauen, was sie tut. Darum scheint es ihr, als
ob sie keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Liebe habe, sondern nur
Trugbilder und fruchtlose Eindrücke dieser Tugenden; sie nimmt sie wahr,
fast ohne sie wahrzunehmen, und empfindet sie wie Fremdlinge, aber nicht
als Hausgenossen ihrer Seele.

3. Wenn du darauf achtest, wirst du sehen, daß unser Geist immer in


einem ähnlichen Zustand ist, wenn er von einer heftigen Leidenschaft macht-
voll ergriffen ist. Dann verrichtet er verschiedene Handlungen wie im Traum
und ist sich derselben so wenig bewußt, daß er fast nicht glauben kann, daß
152 IX, 12

diese Dinge in Wirklichkeit vor sich gehen. Darum drückt der Psalmist
die große Freude, die die Israeliten bei ihrer Heimkehr aus der babyloni-
schen Gefangenschaft empfanden, mit den Worten aus:
„Als der Herr einst wandte Zions Geschick,
da war’s uns, als ob wir träumten“ (Ps 126,1 nach d. Hebr.).
In der lateinischen Übersetzung entsprechend der Septuaginta aber heißt
es: „Da waren wir wie getröstet“, d. h. die Bewunderung der Größe des
Guten, das uns zuteil wurde, war so außerordentlich, daß sie uns hinderte,
den Trost, den wir empfingen, richtig zu fühlen. So standen wir unter dem
Eindruck, nicht wahrhaft getröstet zu sein und nicht in Wirklichkeit eine
Tröstung empfangen zu haben, sondern nur im Bild und im Traum.
4. Das sind die Empfindungen einer Seele, die unter geistlichen Qualen
leidet. Durch sie wird die Liebe außerordentlich rein und lauter. Da sie jeder
Freude beraubt ist, durch die sie an Gott gefesselt sein könnte, vereinigt
sie uns unmittelbar mit Gott, Willen an Willen, Herz an Herz, ohne ir-
gendein Dazwischentreten von Befriedigung oder Verlangen.
5. Ach, Theotimus, wie traurig ist das arme Herz, wenn es, scheinbar von
der Liebe verlassen, überall hinblickt und sie nicht finden kann. Es findet
sie nicht in den äußeren Sinnen, denn dafür sind diese nicht aufnahmefä-
hig; nicht in der Einbildungskraft, die von den verschiedensten Eindrük-
ken in grausamer Weise geplagt ist; noch in der Vernunft, die durch unzäh-
lige Finsternisse im Denken und durch seltsame Ängste verstört ist. Schließ-
lich findet die Seele sie im höchsten Bereich des Geistes, wo diese göttliche
Liebe ihren Sitz hat; dort erkennt die Seele sie nicht und meint, es sei nicht
die Liebe, weil die Größe der Nöte und Finsternisse sie hindern, ihre Süße
zu fühlen. Die Seele sieht sie, ohne sie zu sehen, sie begegnet ihr, ohne sie
zu erkennen, „so wie im Traum“ und in einem Bild. So empfand Magdale-
na, als sie ihrem geliebten Meister begegnete, keinerlei Trost, denn sie
glaubte nicht, daß er es sei, sondern nur der Gärtner (Joh 20,15).
6. Was kann die Seele aber tun, wenn sie sich in diesem Zustand befin-
det? Theotimus, sie weiß nicht, wie sie sich in all diesen Nöten aufrechter-
halten soll, und hat nur mehr die Kraft, ihren Willen in den Armen des
göttlichen Willens nach dem Vorbild des göttlichen Heilands sterben zu las-
sen. Am Höhepunkt der ihm vom Vater bestimmten Leiden am Kreuz, als
er dem Übermaß an Schmerzen nicht mehr widerstehen konnte, war er
ähnlich dem Hirsch, der, atemlos, von der Meute gehetzt, sich dem Men-
schen ergibt und tränenden Auges die letzten Laute von sich gibt. So stieß
IX, 13 153

auch unser göttlicher Erlöser, dem Tod nahe, unter Tränen einen lauten
Schrei aus und rief: „Ach Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen
Geist“ (Lk 23,46). Das war das letzte aller seiner Worte, Theotimus, ein
Wort, durch welches der geliebte Sohn das erhabenste Zeugnis seiner Lie-
be zum Vater ablegte.
Wenn uns also alles mangelt, wenn unsere Nöte ihr höchstes Maß er-
reicht haben, so kann uns doch dieses Wort, diese Gesinnung, die Überga-
be unserer Seele in die Hände unseres Erlösers nicht fehlen.
Der Sohn übergab seinen Geist dem Vater in diesem äußersten, unver-
gleichlichen Elend. Und wenn wir uns unter den Qualen geistlicher Lei-
den winden und uns diese jede andere Erleichterung und jedes Mittel,
Widerstand zu leisten, nehmen, so empfehlen wir unseren Geist in die
Hände des ewigen Sohnes, der unser wahrer Vater ist. Neigen wir unser
Haupt (Joh 19,30) in Zustimmung zu seinem Wohlgefallen und überge-
ben wir ihm unseren ganzen Willen.

13. Kapitel
Ist der Wille sich selbst abgestorben, so lebt er
nur mehr im Willen Gottes.

1. Wir haben in der französischen Sprache einen überaus zutreffenden


Ausdruck für den Tod des Menschen: wir sprechen von einem Hinüberge-
hen (trespas) und die Verstorbenen nennen wir Hinübergegangene (tres-
passes). Damit wollen wir sagen, daß der Tod beim Menschen nichts ande-
res ist als der Übergang von einem Leben in das andere, und daß das
Sterben nichts anderes ist als das Überschreiten der Grenzen dieses sterb-
lichen Lebens, um in das unsterbliche Leben einzugehen.
Sicher kann unser Wille nie sterben, ebensowenig wie unser Geist, aber
manchmal überschreitet er die Schranken seines gewöhnlichen Lebens, um
ganz im göttlichen Willen zu leben. Das geschieht, wenn er nichts mehr zu
wollen weiß und nichts mehr wollen will, sondern sich ganz und ohne
Vorbehalt dem Wohlgefallen der göttlichen Vorsehung überläßt, wenn er
sich derart mit dem göttlichen Wohlgefallen vermengt und durchtränkt,
daß er selbst gar nicht mehr in Erscheinung tritt, „sondern mit Jesus Chris-
tus ganz in Gott verborgen ist“ (Kol 3,3), wo nicht mehr er selbst lebt,
sondern der Wille Gottes in ihm lebt (Gal 2,20).
2. Was geschieht mit dem Licht der Sterne, wenn die Sonne auf unserem
Horizont erscheint? Es verlischt sicher nicht, sondern es wird durch das
154 IX, 13

stärkere Licht der Sonne, mit dem es sich vermengt und verbindet, wegge-
wischt und aufgesogen. Und was geschieht mit dem menschlichen Willen,
wenn er dem göttlichen Wohlgefallen ganz und gar hingegeben ist? Er
stirbt nicht völlig, aber er ist so versunken im Willen Gottes und so mit ihm
vermengt, daß er gar nicht mehr in Erscheinung tritt, kein vom Willen
Gottes getrenntes Wollen mehr hat.
3. Theotimus, stelle dir den glorreichen hl. Ludwig, dessen Lob man nie
genug singen kann, in dem Augenblick vor, wie er sich einschifft, um über
See zu fahren, und die Königin, seine Gemahlin, sich mit ihm einschifft.
Hätte jemand diese tapfere Fürstin gefragt, wohin sie fahre, so hätte sie
sicherlich geantwortet: „Ich fahre dorthin, wohin der König fährt.“ Und
hätte man sie weiter gefragt: „Aber wissen Sie auch genau, wohin der Kö-
nig fährt?“, so hätte sie geantwortet: „Er hat es mir wohl im allgemeinen
gesagt, doch bin ich gar nicht besorgt, zu wissen, wohin er fährt, sondern
nur, daß ich mit ihm fahre.“ Hätte man darauf erwidert: „Haben Sie also
keinerlei Plan bei dieser Reise?“, so hätte sie gesagt: „Nein, ich habe kei-
nen anderen als den, bei meinem lieben Herrn und Gemahl zu sein.“
„Aber sehen Sie,“ hätte man ihr sagen können, „er schifft sich nach Ägyp-
ten ein, um von dort nach Palästina zu fahren; er wird sich in Damiette, in
Acron und an mehreren Orten aufhalten. Haben Sie nicht auch die Ab-
sicht, dorthin zu gehen?“ – Darauf hätte sie geantwortet: „Nein, wahrhaf-
tig, ich habe keine andere Absicht, als die, bei meinem König zu sein. Die
Orte, wohin er kommt, sind mir gleichgültig und keiner Erwägung wert,
außer der, daß er sich dort aufhalten wird. Ich fahre hin, ohne daß ich mir
wünsche, dorthin zu fahren, denn nichts ist mir lieb außer der Gegenwart
des Königs. Der König ist es also, der fährt und die Reise will. Ich hinge-
gen reise nicht, sondern ich folge ihm; ich will nicht die Reise, sondern
einzig die Gegenwart des Königs. Aufenthalt, Reise und alles, was es sonst
noch gibt, sind mir ganz gleichgültig.“
Wenn man einen Diener, der in der Gefolgschaft seines Herrn ist, fragt,
wohin er geht, kann er nicht antworten, daß er da- und dorthin geht, son-
dern nur, daß er seinem Herrn folgt, denn er geht nirgendwo hin, weil er es
will, sondern überallhin nur, weil sein Herr es will.
4. Ebenso soll auch ein ganz in den Willen Gottes ergebener Wille nichts
anderes wollen, als dem Willen Gottes einfach zu folgen. Und so wie ein
Mensch, der sich auf einem Schiff befindet, sich nicht selbst vorwärts be-
wegt, sondern sich nur durch die Bewegung des Schiffes fortbewegen läßt,
IX, 13 155

in dem er sich befindet, ebenso darf ein Herz, das sich im göttlichen Wohl-
gefallen eingeschifft hat, keinen anderen Willen haben als den, sich vom
Willen Gottes tragen zu lassen.
Dann spricht das Herz nicht mehr: „Dein Wille geschehe und nicht der
meine“ (Lk 22,42), denn es braucht keinem eigenen Willen mehr zu ent-
sagen; es sagt vielmehr die Worte: „Herr, in Deine Hände übergebe ich
meinen Willen“ (Ps 31,6; Lk 23,46), so als ob sein Wille nicht mehr zu
seiner Verfügung stände, sondern zur Verfügung der göttlichen Vorsehung.
Ein solches Herz verhält sich darum auch eigentlich nicht so wie Die-
ner, die ihrem Herrn folgen. Denn wenn dort auch die Reise auf den Wil-
len des Herrn hin erfolgt, so folgen sie ihm doch kraft ihres eigenen Wil-
lens, wenn dieser Wille auch ein ihrem Herrn folgsamer, dienender, fügsa-
mer und unterwürfiger Wille ist. Denn so wie der Herr und Diener zwei
verschiedene Wesen sind, so sind auch der Wille des Herrn und der des
Dieners zwei Willen.
5. Hingegen hat der Wille, der sich selbst abgestorben ist, um nur mehr
im Willen Gottes zu leben, kein besonderes Wollen mehr. Er bleibt dem
Willen Gottes nicht nur ganz gleichförmig und unterworfen, sondern er ist
für sich selbst ganz untergegangen und in den Willen Gottes umgewandelt.
Es ist wie bei einem kleinen Kind, das noch nicht den Gebrauch seines
Willens hat, um irgendetwas anderes als die Brust und das Angesicht sei-
ner lieben Mutter zu wollen und zu lieben. Es denkt gar nicht daran, ob es
auf der einen Seite sein will oder auf der anderen, oder ob es sonst irgend-
etwas will, außer in den Armen seiner Mutter zu sein, mit der es ein Wesen
zu sein glaubt. Es macht sich keine Sorge darum, seinen Willen dem der
Mutter anzupassen, denn es fühlt gar keinen eigenen Willen und glaubt
auch gar nicht, einen zu haben. Es überläßt seiner Mutter die Sorge, dort-
hin zu gehen, das zu wollen und zu tun, was sie für gut findet.
So mit dem Willen unseres höchsten Gutes ganz eins sein, ist sicher die
höchste Vollkommenheit unseres Willens. Derart war der Wille des Heili-
gen, der sprach: „Herr, nach Deinem Willen hast Du mich geführt und
geleitet“ (Ps 73,24). Denn, was wollte er anders sagen, als daß er seinen
Willen gar nicht gebraucht hat, um sich selbst zu leiten, sondern daß er
sich einfach von seinem Gott hat führen und leiten lassen?
156 IX, 14

14. Kapitel
Erläuterung über das Sterben unseres Willens.

1. Die heiligste Jungfrau fand wohl eine solche Freude daran, ihren lieben
kleinen Jesus in ihren Armen zu tragen, daß diese Freude ihr jede Müdigkeit
nahm oder wenigstens ihr die Müdigkeit liebenswert machte. Denn wenn
schon das Tragen eines Zweigleins des Agnus castus den Wanderer er-
quickt und ihm die Müdigkeit nimmt (s. VIII,5), welche Linderung berei-
tete es erst der glorreichen Mutter, das unbefleckte Lamm Gottes (Joh
1,36; 1 Petr 1,19) zu tragen! Ließ sie ihr Kind auch manchmal auf den
eigenen Füßen gehen, indem sie es bei der Hand hielt, so geschah dies
nicht deshalb, weil sie es nicht gerne trug, denn sicher hätte sie es lieber an
ihrer Brust getragen und seinen Arm um ihren Hals geschlungen gehabt.
Sie tat es vielmehr, damit es sich darin übe, allein seine Schritte zu machen
und selbst zu gehen.
2. Und wir, Theotimus, können als kleine Kinder des himmlischen Vaters
auf zweierlei Weise mit ihm gehen. Erstens können wir mit den Schritten
unseres eigenen Wollens gehen, das wir dem seinen anpassen, indem wir
immer mit der Hand unseres Gehorsams die der göttlichen Absicht halten
und ihr überallhin folgen, wohin sie uns führt. Das ist das, was Gott von
uns durch die Offenbarung seines Willens fordert.
Denn will er, daß ich das tue, was er befiehlt, so will er auch, daß ich den
Willen habe, es zu tun. Gott hat mir seinen Willen kundgetan, daß ich den
Tag der Ruhe heilige. Da er will, daß ich das tue, will er auch, daß ich es tun
will, daß ich folglich mein eigenes Wollen habe, mit dem ich seinem Wol-
len folge und diesem gleichforme und anpasse.
3. Aber wir können auch mit dem Herrn gehen, ohne ein eigenes Wollen zu
haben; wir können uns, wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter,
ganz einfach von seinem göttlichen Wohlgefallen tragen lassen durch eine
bestimmte Art wundersamer Einwilligung, die man Vereinigung oder bes-
ser noch Einheit unseres Willens mit dem Willen Gottes nennen kann.
Und das ist die Weise, wie wir trachten sollen, uns im Willen des göttlichen
Wohlgefallens zu verhalten. Denn die Wirkungen dieses Willens entsprin-
gen einzig der Vorsehung Gottes; sie kommen, ohne daß wir etwas dazu
tun. Freilich können wir wollen, daß sie dem Willen Gottes gemäß ge-
schehen, und dieses Wollen ist sehr gut. Wir können aber auch diese Fü-
IX, 14 157

gungen des göttlichen Wohlgefallens durch eine ganz einfache Stille unse-
res Willens entgegennehmen, der gar nichts will, sondern einfach allem
zustimmt, was Gott in uns, an uns und aus uns machen will.

4. Hätte man das liebe Jesuskind, als es von den Armen seiner Mutter
getragen wurde, gefragt, wohin es gehe, hätte es da nicht recht gehabt zu
antworten: „Ich gehe nicht, sondern meine Mutter geht für mich.“ Und
wenn man es gefragt hätte: „Aber gehst du nicht wenigstens mit deiner
Mutter?“ Hätte es da nicht mit Recht sagen müssen: „Nein, ich gehe kei-
neswegs, und wenn ich dorthin gehe, wohin mich meine Mutter trägt, so
gehe ich nicht mit ihr und durch meine eigenen Schritte, sondern durch
die Schritte meiner Mutter, durch sie und auf ihr.“ Und hätte man ihm
erwidert: „Aber o liebstes göttliches Kind, du willst dich doch wenigstens
von deiner lieben Mutter tragen lassen?“ „Nein, sicher nicht,“ hätte es da
sagen können, „das will ich gar nicht, sondern ebenso wie meine beste
Mutter für mich geht, so will sie auch für mich. Ich überlasse ihr ebenso
die Sorge, für mich zu gehen, als für mich gehen zu wollen, wohin immer
es ihr gut scheint. Und wie ich nur durch ihre Schritte gehe, so will ich nur
durch ihr Wollen. Sobald ich mich in ihren Armen befinde, achte ich
überhaupt nicht darauf, zu wollen oder nicht zu wollen. Ich lasse alle
andere Sorge meiner Mutter außer der, an ihr Herz geschmiegt zu sein, von
ihrer gebenedeiten Brust zu trinken und fest ihren lieben Hals zu um-
schlingen, um sie zärtlich zu küssen mit den Küssen meines Mundes“
(Hld 1,1 nach d. Hebr. und der Sept.).
„Und damit ihr es wißt: solange ich diese Zärtlichkeiten genieße, die
alle Wonnen übersteigen, kommt es mir vor, als sei meine Mutter ein
Lebensbaum und ich ihre Frucht, als sei ich wie ihr eigenes Herz inmitten
ihrer Brust, oder wie ihre Seele inmitten ihres Herzens. Daher kommt es,
daß ebenso wie ihr Gehen für sie und für mich hinreicht, ohne daß ich einen
Schritt zu tun brauche, auch ihr Wille für sie und für mich hinreicht und ich
nicht ein eigenes Wollen brauche, zu gehen oder zu kommen. Ich achte
auch nicht darauf, ob sie schnell oder ganz langsam geht, noch ob sie nach
der einen oder anderen Seite hin geht, ich kümmere mich überhaupt nicht
darum, wohin sie gehen will. Ich begnüge mich damit, wie es auch immer
sei, stets in ihren Armen zu sein und mich an ihre Brust zu schmiegen, wo
ich unter Lilien weide“ (Hld 2,16; 6,2).
O göttliches Kind Mariens, erlaube meiner schwachen Seele diesen Ausruf
der Liebe: „So geh denn, du liebenswürdigstes Kindlein, oder besser ge-
158 IX, 14

sagt, geh nicht, sondern bleib, wie du bist, heilig an die Brust deiner lieben
Mutter geschmiegt. Solange du Kind bist, geh immer in ihr und durch sie
oder mit ihr und geh nie ohne sie. O wie selig ist der Schoß, der dich
getragen, und die Brust, die dich genährt hat!“ (Lk 11,27).
Der Erlöser besaß den Gebrauch seiner Vernunft von dem Augenblick
an, als er im Schoß seiner Mutter empfangen wurde, und konnte sich daher
alle diese Gedanken machen. Das war sogar der Fall bei seinem Vorläufer,
dem glorreichen hl. Johannes, vom Tag der Heimsuchung an. Der eine wie
der andere hatte während dieser Zeit und während ihrer ganzen Kindheit
die volle Freiheit, dies und jenes zu wollen und nicht zu wollen, doch
überließen sie die Sorge für alles, was ihr äußeres Verhalten betraf, ihren
Müttern und ließen sie alles Erforderliche für sie tun und wollen.
5. Auch wir, Theotimus, müssen so sein, müssen uns für das göttliche
Wohlgefallen ganz geschmeidig und lenksam machen, als wären wir aus
Wachs. Wir dürfen uns nicht dabei aufhalten, dies oder jenes zu wünschen
oder zu wollen, sondern müssen es Gott für uns wollen und tun lassen, wie
es ihm gefällt. Wir müssen „unsere ganze Sorge auf ihn werfen, weil er für
uns sorgt,“ wie der Apostel sagt (1 Petr 5,7). Beachte, daß er sagt „alle
unsere Sorge“, das heißt, sowohl die Sorge, die wir haben, das, was sich
ereignet, entgegenzunehmen, als die Sorge, zu wollen oder nicht zu wol-
len. Denn er wird für den Erfolg unserer Unternehmungen Sorge tragen
und das für uns wollen, was das Beste ist.
6. Einstweilen sei aber unsere liebevolle Sorge, Gott für alles, was er tut, zu
preisen, so wie Ijob es tat, als er sagte: „Der Herr hat mir viel gegeben, der
Herr hat es mir genommen, der Name des Herrn sei gebenedeit“ (Ijob
1,21). Nein Herr, ich will nicht, daß das oder jenes geschieht, ich überlasse
es Dir, alles für mich ganz nach Deinem Belieben zu wollen. Anstatt es zu
wollen, will ich Dich preisen dafür, daß Du es gewollt hast.
O Theotimus, wie herrlich ist diese Haltung unseres Willens, wenn er
von der Sorge abläßt, die Wirkungen des göttlichen Wohlgefallens zu wäh-
len und zu wollen, ihn aber dafür zu preisen und ihm dafür Dank zu sagen.
IX, 15 159

15. Kapitel
Die erhabenste Übung bei inneren und äußeren Leiden dieses
Lebens, die dem Gleichmut und dem Absterben unseres Willens
entspringt.

1. Es ist wahrhaftig eine ganz heilige Haltung, Gott für alle Ereignisse,
die seine Vorsehung anordnet, zu preisen, ihm zu danken und ihm ganz
anheimzustellen, in uns, über uns und mit uns zu schalten und zu walten,
wie es ihm beliebt, ohne trotz unserer Empfindungen darauf zu achten,
was geschieht. Aber noch größer wäre unsere innere Haltung, könnten wir
unser Herz auf die göttliche Güte und Liebe hinrichten, unsere Auf-
merksamkeit auf sie hinlenken und sie nicht nur in ihren Wirkungen und
den Ereignissen, die sie anordnet, loben und preisen, sondern in sich selbst
und in ihrer eigenen Vollkommenheit.
2. Als Demetrius Rhodos belagerte, hörte Protogenes, der sich in einem
Vorstadthäuschen aufhielt, nicht auf zu arbeiten, und er tat es mit einer
solch unglaublichen Sicherheit und Ruhe des Geistes, daß er, obwohl stän-
dig das Schwert an der Kehle, doch das hervorragende Meisterwerk eines
flötenspielenden Satyrs zustandebrachte (Plin. H. n. 1,25).
O Gott, was sind das für Seelen, die mitten in den verschiedenartigsten
Ereignissen ihre Aufmerksamkeit und Liebe auf die ewige Güte gerichtet
halten, um sie auf immer zu ehren und zu lieben!
Die Tochter eines ausgezeichneten Arztes und Chirurgen litt an ständi-
gem Fieber. Da sie wußte, daß ihr Vater sie mit einer einzigartigen Liebe
liebte, sagte sie zu einer ihrer Freundinnen: „Ich leide sehr viele Schmer-
zen, aber ich denke an kein Heilmittel, denn ich weiß nicht, was meiner
Genesung dienen könnte. Es könnte sein, daß ich mir etwas wünsche und
dabei etwas anderes bräuchte. Tue ich da nicht viel besser, alle diese Sorge
meinem Vater zu überlassen, der alles weiß, kann und will, was für meine
Gesundheit erforderlich ist? Es wäre nicht recht, wenn ich daran dächte,
denn er wird für mich genügend daran denken. Ich täte unrecht, etwas zu
wollen, denn er wird alles das wollen, was für mich gut ist. Ich werde also
nur darauf warten, daß er das wolle, was er für geeignet hält, und werde
nichts anderes tun, als ihn anschauen, wenn er bei mir ist, ihm meine
kindliche Liebe bezeigen und ihm mein volles Vertrauen zu erkennen
geben.“
Bei diesen Worten schlief sie ein. Ihr Vater aber, der es für angezeigt
hielt, sie zur Ader zu lassen, bereitete alles Nötige dazu vor. Als sie bei
160 IX, 15

ihrem Erwachen wieder zu sich kam, fragte sie der Vater zuerst, wie sie
sich nach dem Schlaf fühle, und dann, ob sie sich zur Ader lassen wolle,
um gesund zu werden. Da antwortete sie: „Vater, ich bin ganz dein, ich
weiß nicht, was ich wollen soll, um gesund zu werden. An dir ist es, alles
für mich zu wollen und zu tun, was dir gut dünkt. Mir genügt es, dich von
ganzem Herzen zu lieben und zu ehren, so wie ich es tue.“

Auf diese Antwort hin wurde ihr Arm unterbunden und der Vater öffne-
te mit einer Lanzette die Ader. Während er den Schnitt ausführte und das
Blut hervorquoll, warf das liebe Mädchen nicht einmal einen Blick auf
den verwundeten Arm, noch auf das aus der Ader fließende Blut, sondern
richtete immer nur seine Augen auf das Antlitz seines Vaters. Es sagte
nichts anderes, als hie und da ganz leise: „Mein Vater liebt mich sehr und
ich bin ganz sein.“ Und als alles vorüber war, dankte es ihm nicht, sondern
wiederholte bloß noch einmal die gleichen Worte der Liebe und des kind-
lichen Vertrauens.

Und nun sage mir, mein Freund Theotimus, hat dieses Mädchen seinem
Vater nicht eine aufmerksamere und echtere Liebe bewiesen, als es der
Fall gewesen wäre, wenn es ihn sehr besorgt um Heilmittel gegen ihr Übel
gebeten hätte, wenn es geschaut hätte, wie man ihm die Ader eröffnete und
wie das Blut herausfloß, und wenn es ihm viele Dankesworte gesagt hätte?
Darüber kann es gar keinen Zweifel geben. Denn wenn es an sich gedacht
hätte, was hätte es anderes davon gehabt als unnütze Sorgen, da doch der
Vater genügend Sorge für seine Tochter trug? Hätte sie ihren Arm ange-
schaut, so hätte sie sich nur geängstigt; und hätte sie ihrem Vater gedankt,
so hätte sie bloß die Tugend der Dankbarkeit geübt. Hat sie nicht viel
besser getan, sich ganz und gar den Erweisen ihrer kindlichen Liebe hin-
zugeben, die dem Vater unendlich lieber waren als jede andere Tugend?

3. „Stets sind auf den Herrn meine Augen gerichtet; denn er befreit
meinen Fuß aus dem Netz“ (Ps 25,15) und aus den Schlingen. Bist du in
die Netze der Widerwärtigkeiten geraten, so schau nicht auf das, was dir
geschehen ist, noch auf die Schlingen, die dich gefangen halten. Blicke auf
Gott und lasse ihn machen, er wird Sorge für dich tragen. „Wirf auf den
Herrn deine Sorge! Er wird dich erhalten“ (Ps 55,23; 1 Petr 5,7).

Warum kümmerst du dich darum, die Ereignisse und Begebenheiten


der Welt zu wollen oder nicht zu wollen, da du doch gar nicht weißt, was
IX, 15 161

du wollen sollst? Gott will doch ohnehin immer für dich alles, was du
wollen kannst, ohne daß du dich darum bemühen mußt. Erwarte darum in
der Ruhe des Geistes die Wirkungen des göttlichen Wohlgefallens. Sein
Wollen mag dir genügen, denn es ist immer ganz gut. Denn so befahl der
Herr seiner geliebten hl. Katharina von Siena: „Denke an mich,“ sagte er
zu ihr, „und ich werde für dich denken“ (Raym. von Cap. Leben der hl.
Kath. 1,10).
4. Es ist gar nicht leicht, diesen vollkommenen Gleichmut des mensch-
lichen Willens, der ganz im Willen Gottes untergegangen und gestorben ist,
gut in Worten zu schildern. Denn mir kommt vor, man dürfe nicht sagen,
der Wille stimme dem Willen Gottes zu, denn die Zustimmung ist ein Akt
der Seele, die ihre Einwilligung ausdrückt. Man darf auch nicht sagen, er
nimmt an oder empfängt. Denn Annehmen und Empfangen sind Tätigkei-
ten, die man irgendwie passive Tätigkeiten nennen könnte, durch die wir
das, was auf uns zukommt, umfangen und annehmen. Man darf auch nicht
sagen, der Wille erlaube, denn das Erlauben ist eine Tat des Willens und
zwar ein gewisses müßiges Wollen, das in Wirklichkeit nichts tun, son-
dern nur etwas tun lassen will.
Es kommt mir daher vor, daß von einer Seele, die in diesem Gleichmut
ist und nichts will, sondern Gott wollen läßt, was ihm gefällt, eher gesagt
werden soll, daß ihr Wille in einer einfachen und allgemeinen Erwartung ist.
Denn erwarten heißt nicht, etwas tun oder irgendwie handeln, sondern
heißt, einem Geschehen ausgesetzt bleiben.
Siehst du aber genauer zu, so merkst du, daß das Warten der Seele ein
wahrhaft freiwilliges ist. Und doch ist es keine Tätigkeit, sondern ein ein-
faches Bereitsein, das zu empfangen, was geschehen wird. Und wenn die
Ereignisse eingetreten und angenommen worden sind, verwandelt sich die
Erwartung in eine Einwilligung oder Zustimmung. Aber vor ihrem Ein-
treten ist die Seele in Wahrheit in einer einfachen Erwartung, gleichmütig
gegen alles, was dem göttlichen Willen anzuordnen belieben wird.
5. Unser Erlöser drückt die restlose Unterwerfung seines menschlichen
Willens unter den des Ewigen Vaters aus mit den Worten: „Gott der Herr
hat mir das Ohr geöffnet“ (Jes 50,5 f), das heißt, er hat mir seinen Willen
geoffenbart, daß ich viele Leiden auf mich nehmen soll; „ich aber,“ sagt er
dann, „sträube mich nicht, ich weiche nicht zurück.“
Was heißt das: „Ich sträube mich nicht, ich weiche nicht zurück“? Wohl
das: mein Wille ist in einer einfachen Erwartung und bleibt bereit für
162 IX, 16

alles, was der Wille Gottes verfügen wird. Infolgedessen „biete ich meinen
Rücken den Schlägen dar und überlasse ihn ihnen und meine Wangen den
Mißhandlern“, bereit zu allem, was sie mir antun wollen.
Und siehe, ich bitte dich, Theotimus, wie der Herr nach seinem Gebet
der Ergebung im Ölgarten und nach seiner Gefangennahme sich nicht nur
mit einer wunderbaren Hingabe seines Leibes und seines Lebens denen
auslieferte, die ihn kreuzigen wollten, sich von ihnen nach ihrem Belieben
behandeln und wegführen ließ, sondern auch mit einem vollkommenen
Gleichmut seine Seele und seinen Willen in die Hände des Ewigen Vaters
übergab. Denn obwohl er sagte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du
mich verlassen?“ (Mt 27,46), so geschah dies nicht, um dem heiligen Gleich-
mut zuwiderzuhandeln, von dem er beseelt war, sondern um uns die tat-
sächliche Bitternis und die Peinen seiner Seele erkennen zu lassen. Das
zeigte er bald darauf, indem er sein ganzes Leben und sein bitteres Leiden
mit den unvergleichlichen Worten abschloß: „Vater, in Deine Hände emp-
fehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46).

16. Kapitel
Die vollkommene Entäußerung der mit dem Willen Gottes
geeinten Seele.

1. Stellen wir uns, Theotimus, den gütigen Jesus bei Pilatus vor. Wegen
seiner Liebe zu uns rissen ihm die Waffenknechte und Schergen alle seine
Kleider, eines nach dem anderen, vom Leib; nicht zufrieden damit, zerris-
sen sie ihm auch noch durch Rutenschläge und Peitschenhiebe die Haut.
Nachher wurde durch den Tod, den er am Kreuz litt, seine Seele ihres
Leibes und sein Leib seines Lebens beraubt. Nachdem jedoch drei Tage
vergangen waren, bekleidete sich seine Seele durch die Auferstehung mit
ihrem verklärten Leib, der Leib mit einer unsterblichen Haut und hüllte
sich in die verschiedensten Gewänder, in die eines Pilgers, eines Gärtners
oder anderer, je nachdem es das Heil der Menschen und die Verherrli-
chung seines Vaters erforderte. Die Liebe vollbrachte das alles, Theoti-
mus.
2. So ist es auch, wenn die Liebe in eine Seele einzieht. Damit diese sich
selbst sterbe und in Gott zu neuem Leben erstehe, entblößt die Liebe sie
von allen menschlichen Wünschen und von der Wertschätzung ihrer selbst,
die ja dem Geist nicht weniger anhaftet, als die Haut dem Fleisch. Sie
IX, 16 163

beraubt sie schließlich auch der edelsten Anhänglichkeiten, wie zum Bei-
spiel der, die sie an geistliche Tröstungen, an Andachtsübungen, an Tu-
gendvollkommenheiten hatte, lauter Dinge, die das eigentliche Leben der
gottliebenden Seele auszumachen schienen.
Dann, Theotimus, ruft die Seele mit Recht aus: „Ich habe mein Gewand
schon abgestreift, wie sollte ich es nochmals anziehen? Auch die Füße
wusch ich mir schon – ach, beschmutzen müßte ich sie wieder“ (Hld 5,3).
„Nackt bin ich gekommen“ aus der Hand Gottes, „nackt kehre ich wieder
dorthin zurück. Der Herr hatte mir“ viele Wünsche „gegeben, der Herr
hat“ sie mir „genommen, sein heiliger Name sei gebenedeit“ (Ijob 1,21).
Ja, Theotimus, der gleiche Herr, der uns anfänglich den Wunsch nach
den Tugenden eingibt und sie uns jederzeit üben heißt, derselbe Herr nimmt
uns die Anhänglichkeit an die Tugenden und an alle geistlichen Übungen,
damit wir mit umso mehr Ruhe, Reinheit und Einfalt nichts anderes lieben
als das Wohlgefallen seiner göttlichen Majestät.
Die schöne, keusche Judit bewahrte in ihrer Kammer ihre schönen Fest-
tagskleider, trotzdem hing sie nicht an ihnen und zog sie als Witwe nicht
mehr an, außer als Gott ihr eingab, es zu tun, um Holofernes zu vernichten
(Jdt 10,3). Ebenso sollen auch wir, nachdem wir die Übung der Tugenden
und der Frömmigkeit erlernt haben, unser Herz nicht daran hängen und es
nur soweit damit bekleiden, als wir wissen, daß es dem göttlichen Wohlge-
fallen entspricht. Judit ging immer in ihren Trauerkleidern umher, außer
damals, als Gott wollte, daß sie sich in ihre Prunkgewänder werfe. So
sollen auch wir friedlich in unser Elend und unsere Niedrigkeit gehüllt
bleiben, mitten in unseren Unvollkommenheiten und Schwächen, bis Gott
uns zur Übung hervorragender Taten aufruft.

3. Doch kann man nicht lang in dieser Blöße, von jeder Art Zuneigung
entkleidet, bleiben. Deshalb gibt uns der Apostel den Rat, nachdem wir
die Gewänder des alten Adam ausgezogen haben, uns mit den Gewändern
des neuen Menschen, das ist mit Jesus Christus, zu bekleiden (Kol 3,9 f).
Denn nachdem wir allem entsagt haben, selbst der Liebe zu den Tugenden,
und sowohl diese wie auch andere nur mehr insoweit wollen, als es das
göttliche Wohlgefallen mit sich bringt, müssen wir uns doch wieder mit
verschiedenen Neigungen bekleiden, vielleicht sogar mit denselben, auf
die wir verzichtet und denen wir entsagt haben. Doch müssen wir uns mit
ihnen bekleiden, nicht weil sie uns angenehm, nützlich, ehrenvoll und geeig-
net sind, die Liebe zu befriedigen, die wir zu uns selbst haben, sondern weil
164 IX, 16

sie Gott angenehm, seiner Ehre nützlich und zu seiner Verherrlichung be-
stimmt sind.
4. Elieser brachte Ohrgehänge, Armbänder und neue Kleider für das
Mädchen, das Gott dem Sohn seines Herrn bestimmt hatte. Und deshalb
schenkte er sie der Jungfrau Rebekka, sobald er erkannte, daß sie die
Erwählte sei (Gen 24,22.53). Die Braut des Erlösers bedarf neuer Klei-
der; wenn sie sich aus Liebe zu ihm von ihrer alten Liebe zu ihren Eltern,
ihrem Heimatland, ihrem Vaterhaus, ihren Freunden losgemacht hat, muß
sie jetzt eine ganz neue Liebe fassen und all das seinem Rang nach, nicht
nach menschlichen Erwägungen lieben, sondern weil der himmlische Bräu-
tigam es will, es befiehlt und beabsichtigt und weil er diese Ordnung in die
Liebe gelegt hat (Hld 2,4).
Haben wir uns losgeschält von unserer alten Liebe zu geistlichen Trö-
stungen, zu Übungen der Frömmigkeit, zur Übung der Tugenden, ja selbst
zum eigenen Fortschritt in der Vollkommenheit, dann müssen wir uns mit
einer ganz neuen Liebe bekleiden und alle diese Gnaden und himmli-
schen Gunsterweise nicht mehr deshalb lieben, weil sie unseren Geist
vervollkommnen und zieren, sondern weil „der Name“ des Herrn dadurch
„geheiligt“ wird, sein „Reich“ Gewinn daraus zieht und sein Wohlgefallen
verherrlicht wird (Mt 6,9 f).
5. Darum bekleidet sich der hl. Petrus im Gefängnis nicht so, wie es ihm
beliebt, sondern nach und nach, so wie es der Engel anordnet: er umgürtet
sich, zieht seine Sandalen und dann seine anderen Kleidungsstücke an
(Apg 12,8). Und der glorreiche hl. Paulus, der von einem Augenblick zum
anderen all seiner Zuneigungen beraubt wurde, spricht: „Herr, was willst
Du, daß ich tun soll?“ (Apg 9,6). Das heißt hier: Worauf willst Du, daß ich
meine Liebe richte, nachdem Du mich zu Boden geworfen und meinen
eigenen Willen zum Sterben gebracht hast? Ach Herr, setze Dein Wohlge-
fallen an seine Stelle und lehre mich Deinen Willen tun, denn Du bist
mein Gott (Ps 143,10).
6. Theotimus, wer alles für Gott verlassen hat, darf nichts zurücknehmen,
außer wie Gott es will: er ernährt seinen Leib nur so, wie es Gott befiehlt,
damit er dem Geist diene. Er studiert nur, um dem Nächsten und seiner
eigenen Seele den göttlichen Absichten gemäß zu dienen. Er übt die Tu-
genden nicht so, wie es ihm selbst am meisten zusagen würde, sondern so
wie Gott es wünscht.
Gott befahl dem Propheten Jesaja (Jes 20,2.3), sich ganz zu entkleiden;
er tat es, ging und predigte auf diese Weise, wie manche sagen, drei Tage
IX, 16 165

lang, oder wie manche meinen, drei Jahre lang; dann zog er wieder seine
Kleider an, als die Zeit vorüber war, die Gott ihm angegeben hatte. So
muß man sich von allen kleinen und großen Anhänglichkeiten entblößen.
Wir müssen oft unser Herz prüfen, um zu sehen, ob es auch bereit ist, so
wie Jesaja sich all seiner Gewänder zu entledigen, um dann auch, wenn es
an der Zeit ist, die dem Dienst der Liebe zuträglichen Neigungen wieder
zu ergreifen, damit wir ganz nackt mit unserem göttlichen Erlöser am
Kreuz sterben und dann als neuer Mensch mit ihm auferstehen (Röm
6,4-6).
7. „Die Liebe ist stark wie der Tod“ (Hld 8,6). Sie gibt uns die Kraft, alles
zu verlassen; sie ist strahlend wie die Auferstehung und schmückt uns mit
Herrlichkeit und Ehre.
166
167

ZEHNTES BUCH

Das Gebot, Gott über alles zu lieben.


168 X, 1

1. Kapitel
Schönheit des göttlichen Gebotes, Ihn über alles zu lieben.

1. Der Mensch ist Vollendung des Weltalls, der Geist Vollendung des
Menschen, die Liebe Vollendung des Geistes und die göttliche Liebe Voll-
endung der Liebe. Daher ist die göttliche Liebe Ziel, Vollendung und Krö-
nung des Weltalls. Darin, Theotimus, besteht die Größe und der Vorrang
des Gebotes der göttlichen Liebe, das der Herr „das erste und größte Ge-
bot“ nennt (Mt 22,38).
Dieses Gebot gibt, einer Sonne gleich, allen anderen heiligen Gesetzen,
allen göttlichen Anordnungen und allen heiligen Schriften Glanz und
Würde. Alles ist dieser himmlischen Liebe wegen gemacht und alles bezieht
sich auf sie. Alle Ratschläge, Ermahnungen, Eingebungen und die übrigen
Gebote sind wie Blüten an dem heiligen Baum dieses Gebotes und das
ewige Leben ist dessen Frucht. Alles, was nicht auf die ewige Liebe hin-
zielt, zielt auf den ewigen Tod. – Großes Gebot, dessen vollkommene
Erfüllung im ewigen Leben fortdauert, ja nichts anderes ist als das ewige
Leben!
2. Betrachte, Theotimus, wie liebenswert dieses Gebot der Liebe ist!
Ach Herr, mein Gott! Hätte es nicht genügt, daß Du uns erlaubtest, Dich zu
lieben, so wie Laban es Rahel erlaubte, Jakob zu lieben (Gen 29,19). Muß-
test Du uns noch dazu aufmuntern durch Ermahnungen und uns dazu
drängen durch Deine Gebote? Doch nein, o göttliche Güte, Du befiehlst es
uns, damit weder Deine Größe, noch unsere Niedrigkeit, noch sonst irgend-
ein Vorwand uns abhalte, Dich zu lieben.
Der arme Apelles konnte sich nicht enthalten, die schöne Campaspe zu
lieben, und wagte es doch nicht, da sie dem großen Alexander gehörte. Als
es ihm aber gestattet wurde, sie zu lieben, wie sehr fühlte er sich dem
verpflichtet, der ihm die Erlaubnis gegeben! Er wußte nicht, ob er mehr
die schöne Campaspe lieben sollte, die ein so großer Herrscher ihm abge-
treten hatte, oder den großen Herrscher, der ihm eine so schöne Campas-
pe überlassen hatte.
O Gott, wenn wir das verstehen könnten, mein lieber Theotimus, wie
sehr wären wir dem höchsten Gut verpflichtet, das uns nicht nur erlaubt,
sondern uns befiehlt, es zu lieben! Ach Herr, ich weiß nicht, ob ich mehr
Deine unendliche Schönheit lieben soll, die mir eine so göttliche Güte,
oder Deine göttliche Güte, die mir eine so unendliche Schönheit zu lieben
X, 1 169

befiehlt! O Schönheit, wie liebenswert bist du, da du mir von einer so


unermeßlichen Güte geschenkt wirst! O Güte, wie liebenswert bist du, da
du mir eine so überaus erhabene Schönheit mitteilst!

3. Am Tag des Gerichtes wird Gott auf wunderbare Weise den Seelen der
Verdammten einprägen, was Großes sie verloren haben. Die göttliche Ma-
jestät wird sie die alles überragende Schönheit ihres Antlitzes und die
Schätze ihrer Güte klar schauen lassen. Beim Anblick dieses unendlichen
Abgrunds von Herrlichkeit wird sich der Wille der Verdammten mit un-
geheurer Wucht auf Gott werfen wollen, um sich mit ihm zu vereinigen
und in den seligen Besitz seiner Liebe zu gelangen. Aber es wird umsonst
sein. Sie werden Frauen in Geburtswehen gleichen, die heftigste Schmer-
zen, grausamste Krämpfe und unerträgliche Ängste erdulden und doch
sterben, ohne gebären zu können.
Denn in dem Maße, als die klare Erkenntnis der göttlichen Schönheit in
den Verstand dieser unglückseligen Menschen dringt, wird die göttliche
Gerechtigkeit ihrem Willen so sehr die Kraft entziehen, daß sie das gar
nicht lieben können, was der Verstand ihnen als so überaus liebenswert
vorstellt und darstellt. Der Anblick, der eine so große Liebe in ihrem
Willen wecken sollte, wird dagegen eine unendliche Trostlosigkeit in ih-
nen hervorrufen, die ewig währt, weil den Verdammten immer die Erinne-
rung an die allerhabenste Schönheit bleiben wird, die sie gesehen haben.
Und diese Erinnerung wird unfruchtbar an allem Guten sein, aber frucht-
bar an Leiden, Mühen, Qualen und unsterblicher Verzweiflung. Ihrem
Willen wird es nicht nur unmöglich sein zu lieben, sondern er wird sogar
von schrecklichem, ewig dauerndem Abscheu und Widerwillen erfüllt
sein, diese so überaus ersehnenswerte Herrlichkeit zu lieben.
So wird auch das Los dieser unseligen Verdammten auf ewig verzweifel-
te Wut sein, zu wissen, daß es eine so überaus liebenswerte Vollkommenheit
gibt, zu deren Liebe und seligen Besitz sie niemals zu gelangen vermögen,
weil sie sich geweigert haben, sie zu lieben, als sie es konnten. Um so
heftiger und brennender wird der Durst sein, der sie verzehrt, als die Erin-
nerung an „die Quelle der Wasser des ewigen Lebens“ (Jer 2,13; Joh 4,14)
ihre Gluten immer noch steigern wird. Eines unsterblichen Hungertodes
werden sie sterben. Sie werden hungrigen Hunden gleichen und ihr Hun-
ger wird um so qualvoller sein, als ihr Gedächtnis mit unersättlicher Grau-
samkeit in ihnen die Erinnerung an das Gastmahl wach halten wird, des-
sen sie beraubt sind:
170 X, 2

„Der Frevler sieht dies voll Wut,


knirscht mit den Zähnen und vergeht.
Der Gottlosen Sehnsucht wird zunichte“ (Ps 112,10).
Ich will gewiß nicht behaupten, daß die Schau der Schönheit Gottes, die
diesen Unseligen in blitzartigem Aufleuchten zuteil wird, von derselben
Klarheit ist, wie die der Seligen. Doch wird sie so klar sein, daß sie den
Menschensohn in seiner Majestät sehen werden (Mt 24,30). Sie werden
den schauen, den sie durchbohrt haben (Joh 19,37; Apg 1,7). Beim An-
blick dieser Herrlichkeit werden sie sich der Schwere ihrer Verdammnis
bewußt werden.
4. Ach, wenn Gott dem Menschen verboten hätte, ihn zu lieben, welches
Leid wäre das für hochherzige Seelen! Was täten sie nicht alles, um diese
Erlaubnis zu erlangen! David stürzte sich in die Gefahr eines äußerst schwe-
ren Kampfes, damit die Tochter des Königs sein werde (1 Sam 18,25).
Und was tat Jakob nicht alles, um Rahel zu gewinnen (Gen 29,18), und
der Fürst von Sichem, um Dina heiraten zu können (Gen 34,11)! Die
Verdammten würden sich glücklich preisen, dächten sie, daß sie Gott we-
nigstens ab und zu lieben könnten. Die Seligen aber würden meinen, ver-
dammt zu sein, wenn sie fürchten müßten, einmal der heiligen Liebe be-
raubt werden zu können.
O mein Gott, wie ersehnenswert ist doch die Schönheit dieses Gebotes!
Bedenke, Theotimus, wenn der göttliche Wille es den Verdammten aufer-
legte, wären sie in einem Augenblick von ihrem größten Unglück befreit;
bedenke, daß die Seligen nur durch die Erfüllung dieses Gebotes selig
sind.
O himmlische Liebe, wie liebenswert bist du unseren Seelen! Gepriesen
sei auf ewig die Güte, die uns mit solcher Liebe befiehlt, daß wir sie lieben,
obwohl ihre Liebe so wünschenswert und notwendig für unser Glück ist,
daß wir ohne sie nur unglücklich sein können!

2. Kapitel
Das göttliche Liebesgebot zielt auf den Himmel, ist aber doch
den Gläubigen dieser W elt gegeben.
Welt

1. „Dem Gerechten,“ heißt es „wird kein Gesetz auferlegt“ (1 Tim 1,9),


er kommt ja dem Gesetz zuvor und bedarf keiner Aufforderung durch
dieses, sondern erfüllt den Willen Gottes durch den Antrieb der Liebe, die
in seiner Seele herrscht. Wenn dem so ist, wie frei müssen dann die Seligen
X,2 171

des Himmels von jeder Art von Geboten sein! Sie sind ja im beseligenden
Besitz der über alles erhabenen Schönheit und Güte des Vielgeliebten, und
daraus quillt und entsteht eine ganz milde aber unvermeidliche Notwendig-
keit, die allerheiligste Gottheit mit ewiger Liebe zu lieben.
Im Himmel, Theotimus, werden wir Gott lieben, nicht weil wir durch
das Gesetz gebunden und verpflichtet sind, sondern weil uns die Freude
dazu drängt und hinreißt, mit der diese so überaus liebenswerte Gottheit
unsere Herzen beschenken wird. Die Macht des Gebotes wird dann abge-
löst durch die Macht der Beseligung, Frucht und Erfüllung der Beobach-
tung des Gebotes.
2. Durch dieses Gebot, das uns für dieses vergängliche Leben gegeben ist,
sind wir folglich hingeordnet auf die Beseligung, die uns für das unver-
gängliche Leben verheißen ist. Wir sind aber verpflichtet, dieses Gebot hier
auf Erden sehr genau zu nehmen, weil es das Grundgesetz ist, das Jesus,
unser König, den Bürgern des streitenden Jerusalem gegeben hat, damit
sie sich dadurch das Bürgerrecht und die Freude des triumphierenden
Jerusalem verdienen.
3. Zweifellos wird unser Herz im Himmel oben frei von allen Leiden-
schaften, unsere Seele von allen Zerstreuungen geläutert, unser Geist von
allen Widersprüchen befreit und unsere Kräfte allen Widerstandes ledig
sein. Dadurch werden wir Gott mit einer andauernden, ununterbrochenen
Liebe lieben, so wie es in der Heiligen Schrift von jenen vier heiligen
Tieren, den Sinnbildern der vier Evangelisten, heißt, die Gott „Tag und
Nacht“ ohne Unterlaß preisen (Offb 4,8). O Gott, was wird das für eine
Freude sein, wenn unsere Seelen in diesen ewigen Zelten wohnend, in
ewiger Bewegtheit die so heiß ersehnte Ruhe der ewigen Liebe genießen
werden! „Heil denen, die wohnen in Deinem Haus, die Dich allezeit prei-
sen!“ (Ps 84,5).
4. In diesem sterblichen Leben können wir auf diese so außerordentlich
vollkommene Liebe keinen Anspruch erheben, denn wir haben weder das
Herz, noch die Seele, noch den Geist, noch die Kräfte der Seligen. Es
genügt, wenn wir aus unserem ganzen Herzen lieben und aus allen Kräften,
die wir besitzen.
Solange wir kleine Kinder sind, sind wir kindlich brav, reden kindlich
und lieben kindlich. Wenn wir im Himmel oben zur Vollkommenheit
gelangt sein werden, werden wir unsere Kindheit abgelegt haben (1 Kor
13,11) und werden Gott auf vollkommene Weise lieben.
172 X, 3

Solange wir aber Kinder in diesem sterblichen Leben sind, Theotimus,


dürfen wir, soweit es an uns liegt, nichts unterlassen von dem, was uns
geboten ist. Wir können das nicht nur, sondern es ist uns auch sehr leicht,
da dieses Gebot nur in der Liebe und zwar in der Liebe zu Gott besteht,
der über alles gut und daher über alles liebenswert ist.

3. Kapitel
W enn auch das ganze Her
Herzz von der heiligen Liebe in Anspr uch
Anspruch
genommen ist, kann man doch Gott auf verschiedenerlei W eise
Weise
und auch noch andere Dinge mit Gott lieben.

1. Wer „ganz“ sagt, schließt nichts aus. Und dennoch kann ein Mensch
ganz Gott und zugleich ganz seinem Vater, seiner Mutter, ganz seinem Für-
sten, seinem Vaterland, seinen Kindern, ganz seinen Freunden angehören.
Während er so einem jeden einzelnen ganz angehört, gehört er zugleich
allen ganz an. Das ist so, weil die Pflicht, dem einen ganz anzugehören,
nicht in Widerspruch steht mit der Pflicht, die einer hat, den anderen ganz
anzugehören.
Durch die Liebe gibt sich der Mensch ganz hin, und er gibt sich in dem
Maße ganz hin, als er liebt. Deshalb ist er im höchsten Maße Gott hingege-
ben, wenn er seine göttliche Güte in höchstem Maße liebt. Hat er sich so
Gott hingegeben, dann darf er nichts lieben, was das Herz seinem Gott
wieder entziehen könnte. Keine Liebe entzieht aber Gott unser Herz, außer
eine ihm entgegengesetzte Liebe.
Sara ärgert sich nicht darüber, Ismael bei ihrem kleinen geliebten Isaak
zu sehen, solange dieser nicht sein Spiel damit treibt, ihn zu schlagen und
zu stoßen (Gen 21,9.10). So stößt sich auch die göttliche Güte nicht daran,
daß wir neben der Liebe zu ihm auch noch andere lieben, vorausgesetzt
daß jede Liebe ihm die schuldige Ehrfurcht und Unterwerfung bewahrt.
2. Ohne Zweifel, Theotimus, wird Gott im Himmel sich uns ganz und
nicht nur teilweise schenken, weil er ein Ganzes ist, das keine Teile hat.
Und doch wird er sich uns in verschiedenerlei Weise schenken und zwar in
ebenso vielfältiger Art, als es Selige geben wird. Das wird so geschehen,
weil er sich wohl ganz allen und ganz jedem Einzelnen schenkt, aber doch
nicht gänzlich, weder dem Einzelnen, noch der Gesamtheit.
Wir aber werden uns ihm schenken in dem Maße, als er sich uns schenkt,
denn wir werden ihn alle wahrhaftig von Angesicht zu Angesicht (1 Kor
X, 3 173

13,12) schauen, so wie er in seiner Schönheit ist, und werden ihn von Herz
zu Herz lieben, so wie er in seiner Güte ist. Doch werden ihn nicht alle mit
der gleichen Klarheit schauen, noch werden ihn alle mit der gleichen In-
nigkeit lieben, sondern jeder Einzelne wird ihn nach dem besonderen Maß
der Glorie schauen und lieben, das ihm die göttliche Vorsehung bereitet
hat. Uns allen wird die Fülle der göttlichen Liebe in gleicher Weise zuteil
werden, doch wird diese Fülle verschieden an Vollkommenheit sein.
Der Honig von Narbonne ist ganz süß, ebenso der von Paris; beide sind
voll der Süße, der eine ist jedoch von einer besseren, feineren, stärkeren
Süße. Obwohl beide Honigarten ganz süß sind, ist doch weder die eine
noch die andere gänzlich süß.

3. Ich huldige dem obersten Landesherrn und ich huldige auch dem un-
tergebenen Vorgesetzten; dem einen wie dem anderen bringe ich meine
ganze Treue entgegen und dennoch verausgabe ich sie gänzlich weder dem
einen noch dem anderen gegenüber. Denn in der Treue, die ich dem Herr-
scher entgegenbringe, schließe ich nicht die aus, die ich dem untergebenen
Vorgesetzten entgegenbringe, und in der, die ich diesem erweise, schließe
ich nicht die ein, die ich dem Landesherrn entgegenbringe.
Wenn es so große Unterschiede in der Liebe im Himmel geben wird, wo
die Worte „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deinem ganzen
Herzen“ (Dtn 6,5; Mt 22,37) in so ausgezeichneter Weise geübt werden,
dürfen wir uns nicht wundern, daß es deren viele in diesem sterblichen Le-
ben gibt.

4. Nicht nur unter denen, Theotimus, die Gott aus ihrem ganzen Herzen
lieben, gibt es solche, die ihn mehr, und andere, die ihn weniger lieben,
sondern ein und derselbe Mensch überbietet sich sehr oft in dieser erhabe-
nen Übung, Gott über alles zu lieben.
Apelles arbeitete manchmal besser als andere Male; zuweilen übertraf
er sich aber selbst. Wenn er auch für gewöhnlich seine ganze Kunst und
seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwendete, Alexander den Großen
zu malen, so wandte er sie doch nicht immer so gänzlich und so restlos an,
daß er sich nicht doch noch hätte mehr anstrengen können. Sicher brachte
er nicht eine höhere Kunstfertigkeit und eine größere Liebe auf, aber er
wandte sie auf eine lebendigere und vollkommenere Weise an. Immer
wenn er Alexander malte, war sein ganzer Geist vorbehaltlos damit be-
174 X, 3

schäftigt, ein gutes Bild von ihm herzustellen, aber zuweilen war er dies in
einer stärkeren und glücklicheren Art.
Wer wüßte nicht, daß man in dieser heiligen Liebe zunimmt und daß das
Lebensende der Heiligen von einer vollkommeneren Liebe erfüllt ist als
ihr Lebensbeginn?
5. Nach der Ausdrucksweise der Heiligen Schrift heißt „etwas von gan-
zem Herzen tun“ nichts anderes, als es willigen Herzens vorbehaltlos tun.
„O Herr,“ ruft David aus, „mit meinem ganzen Herzen suche ich Dich“
(Ps 119,10). „Von ganzem Herzen rufe ich: Herr, erhöre mich!“ (Ps
119,145) Und die Heilige Schrift bezeugt, daß er Gott wirklich aus gan-
zem Herzen gefolgt war (1 Sam 13 f; Apg 13,22). Trotzdem sagt die Heili-
ge Schrift von Hiskija: „Von allen Königen Judas kam ihm keiner gleich,
weder unter seinen Nachfolgern noch unter seinen Vorgängern, er hielt
unentwegt am Herrn fest“ (2 Kön 18,5.6). Und späterhin sagt sie von
Josias: „Es gab vor ihm keinen König seinesgleichen, der so von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft zum Herrn zurückgekehrt
wäre, entsprechend dem ganzen mosaischen Gesetz. Auch nach ihm er-
stand keiner seinesgleichen“ (2 Kön 23,25).
Siehst du, Theotimus, wie David, Hiskija und Joschija Gott aus ganzem
Herzen liebten, da keiner der drei seinesgleichen hatte in dieser Liebe, wie
die Heilige Schrift bezeugt. Alle drei Könige liebten ihn aus ganzem Her-
zen, aber keiner von ihnen und auch nicht alle drei zusammen liebten ihn
gänzlich, sondern jeder auf seine eigene Weise. Sie waren sich gleich darin,
daß jeder von ihnen sein ganzes Herz hingab, ungleich aber waren sie in
der Art, wie sie es hingaben. So besteht auch kein Zweifel, daß David für
sich allein betrachtet, sich selbst in dieser Liebe sehr unähnlich war. Mit
jenem zweiten Herzen, das Gott „rein“ und lauter in ihm „geschaffen hat-
te“ und mit dem „rechten Geist“, den Gott durch die heilige Buße „in ihm
erneuert hatte“, sang er das Lied seiner Liebe unvergleichlich melodi-
scher, als er es je mit seinem ursprünglichen Herzen und seinem ersten
Geist getan hatte (Ps 51,12).
6. Alle wahren Liebenden sind sich darin gleich, daß alle ihr ganzes Herz
Gott schenken und dies aus ganzer Kraft tun; ungleich aber sind sie da-
durch, daß sie alle es anders und auf verschiedene Weise tun. Die einen
geben ihr ganzes Herz mit ganzer Kraft weniger vollkommen hin als ande-
re. Die einen geben es ganz durch das Martyrium, andere ganz durch die
Jungfräulichkeit, andere ganz durch die Armut, andere ganz durch ihre
X, 4 175

Tätigkeit, andere ganz durch die Beschauung, andere ganz durch die Seel-
sorge; alle aber geben es durch die Beobachtung der Gebote hin, die einen
jedoch mit weniger Vollkommenheit als die anderen.
Ja selbst Jakob, den David den „Heiligen Gottes“ (Dan 3,35) nennt, und
von dem Gott selbst beteuert, daß er ihn geliebt habe (Mal 1,2; Röm 9,13),
bekennt, daß er Laban „mit seiner ganzen Kraft gedient“ habe (Gen 31,6).
Und warum diente er Laban? Doch nur darum, weil er Rahel aus allen
seinen Kräften liebte. Er diente Laban mit seiner ganzen Kraft, er dient
Gott mit seiner ganzen Kraft; er liebt Rahel mit seiner ganzen Kraft, er
liebt Gott mit seiner ganzen Kraft und dennoch liebt er Rahel nicht so wie
Gott und Gott nicht so wie Rahel. Er liebt Gott als seinen Gott, über alles
und mehr als sich selbst. Rahel liebt er als seine Frau, mehr als alle ande-
ren Frauen und so wie sich selbst. Er liebt Gott mit der absolut alles
übersteigenden höchsten Liebe, und Rahel mit der höchsten ehelichen
Liebe. Die eine Liebe widerspricht der anderen nicht, weil die Liebe zu
Rahel die Privilegien und höchsten Vorrechte der Liebe zu Gott nicht
verletzt.
7. Der Wert der Liebe, die wir Gott entgegenbringen, mein Theotimus,
hängt also von der Erhabenheit und Vortrefflichkeit des Beweggrundes ab,
aus dem und dem zufolge wir ihn lieben. Er liegt darin, daß wir ihn seiner
alles übertreffenden, unendlichen Güte wegen lieben als Gott und inso-
fern, als er Gott ist. Ein Tropfen dieser Liebe ist aber mehr wert, hat mehr
Kraft und verdient mehr Hochschätzung als alle anderen Arten von Liebe,
die jemals in dem Herzen eines Menschen oder unter den Chören der
Engel sein kann. Denn solange diese Liebe lebt, herrscht sie, führt das
Zepter über jede Liebe und bewirkt, daß man Gottes Willen allen anderen
Dingen vorzieht ohne Unterschied, Ausnahme und Vorbehalt.

4. Kapitel
Zwei mögliche Stufen der V ollk
Vollk ommenheit in der Er
ollkommenheit füllung
Erfüllung
dieses Gebotes hier auf Erden.

1. Als der große König Salomo sich noch vom Heiligen Geist leiten ließ
und das Hohelied verfaßte, hatte er nach der Sitte dieser Zeit eine große
Anzahl von Frauen und Mädchen, die sich seiner Liebe unter verschiede-
nen Bedingungen und in verschiedener Eigenschaft hingaben (Hld 6,7 f).
Da war 1) eine, die in einziger Weise seine einzige ganz vollkommene
176 X, 4

Freundin war, seine ganz auserlesene, einzig dastehende Taube, mit der
die anderen in keiner Weise verglichen werden konnten und der er des-
halb den Namen Schulammit gab. 2) Da waren ferner sechzig Frauen, die
nach dieser einen den ersten Ehrenrang einnahmen und Königinnen ge-
nannt wurden. 3) Außer diesen gab es noch achtzig Frauen, die nicht Kö-
niginnen, aber doch ehrenwerte und legitime Gemahlinnen des Königs
waren. Und endlich gab es 4) noch eine ungezählte Schar junger Mädchen,
vergleichbar einer Baumschule, die in Bereitschaft standen, an die Stelle
der Vorhergenannten zu treten in dem Maße, als diese ausscheiden wür-
den.
Nach dem Bild dessen, was in seinem Palast war, beschrieb nun Salomo
die verschiedenartige Vollkommenheit der Seelen, die in Zukunft den gro-
ßen Friedensfürsten, Jesus Christus, unseren Herrn, anbeten, lieben und ihm
dienen sollten.
2. Unter diesen gibt es solche, die erst seit kurzem von ihren Sünden
befreit, zwar fest entschlossen sind, Gott zu lieben, aber doch noch Neu-
linge, Lehrlinge, zart und schwach sind. Sie lieben wohl die göttliche Güte,
ihre heilige Liebe ist aber vermengt mit so vielen anderen Zuneigungen, daß
sie sozusagen noch im Kindesalter steht. Sie lieben außer dem Herrn noch
eine Unzahl überflüssiger, eitler und gefährlicher Dinge.
Wenn der Phönix gerade erst aus seiner Asche wiedererstanden ist, hat
er nur kleine Flaumfedern und kann sich daher kaum in die Lüfte erheben,
so daß man eher von Hüpfen als von Fliegen reden kann. – Ebenso können
sich auch diese jungen, zarten Seelen, die aus der Asche ihrer Buße neu
geboren wurden, nicht hinaufschwingen und in das weite, unbegrenzte
Äthermeer der heiligen Liebe fliegen. Eine Menge böser Neigungen und
schlechter Gewohnheiten hält sie zurück, welche die Sünden ihres vergan-
genen Lebens in ihnen zurückgelassen haben. Dennoch sind sie lebend,
von der Liebe und zwar von der wahren Liebe beseelt und beschwingt;
sonst hätten sie die Sünde nicht verlassen. Aber ihre Liebe ist noch schwach
und jung, und da sie von einer Menge anderer Anhänglichkeiten umgeben
ist, kann sie nicht so viele Früchte hervorbringen, als wenn sie das ganze
Herz besäße.
So war es bei dem verlorenen Sohn, als er die ruchlose Gesellschaft und
die Schweineherde verließ, in deren Mitte er gelebt hatte. Halb nackt,
schmutzig, besudelt und stinkend vom Unrat, von dem er durch das Leben
inmitten dieser schmutzigen Tiere bedeckt war, kehrte er in die Arme
seines Vaters zurück. Denn was heißt „die Schweine verlassen“ anderes,
X, 4 177

als sich von der Sünde zurückziehen? Und was heißt zerrissen, zerlumpt
und stinkend sein anderes, als noch die Liebe gehemmt haben durch Ge-
wohnheiten und Neigungen, die auf die Sünde abzielen? Dennoch besaß er
das Leben der Seele, das ja die Liebe ist, und wie ein aus seiner Asche
neugeborener Phönix war auch er neu erstanden: „Er war tot,“ sagte sein
Vater, „und ist wieder zum Leben gekommen“ (Lk 15,24.32).

3. Solche Seelen werden im Hohelied (6,7.8; 1,2.3) „junge Mädchen“


genannt. Sie haben den „Duft“, der vom Namen des Bräutigams ausgeht,
wahrgenommen; dieser atmet nur Heil und Verzeihung, so lieben sie ihn
mit einer echten Liebe, die aber, wie sie selbst, noch zart und jugendlich ist.
Wenn junge Mädchen einen Bräutigam haben, so lieben sie ihn wohl sehr,
aber sie hören deswegen nicht auf, Ringe und andere Kleinigkeiten und
ihre Gefährtinnen zu lieben, mit denen sie überaus gern spielen, tanzen
und Unsinn treiben und sich mit kleinen Vögeln, Hündchen, Eichkätz-
chen und ähnlichem Spielzeug unterhalten. So lieben auch diese jungen,
neubekehrten Seelen ihren himmlischen Bräutigam gewiß sehr, daneben
aber auch freiwillig eine Menge von Dingen, die sie zerstreuen und ablenken.
Sie lieben ihn wohl mehr als alles andere, hören aber deswegen nicht auf,
sich bei so und so vielen Dingen aufzuhalten, die sie nicht nach seinem
Sinn, sondern neben ihm, außerhalb seiner und ohne ihn lieben. Gewiß
sind die kleinen Ungehörigkeiten in Wort, Gebärde, Kleidung, Unterhal-
tung und all die kleinen Verrücktheiten streng genommen nicht gegen den
Willen Gottes; aber auch nicht dem Willen Gottes gemäß, sondern liegen
außerhalb des göttlichen Willens, Gottes Wille liegt nicht in ihnen.

4. Es gibt aber auch Seelen, die schon einige Fortschritte in der Gotteslie-
be gemacht und aller Liebe, die sie zu gefährlichen Dingen hegten, entsagt
haben, aber doch noch in gefährlichen und überflüssigen Anhänglichkeiten
verstrickt sind, weil ihre Liebe zu Dingen, die Gott geliebt wissen will, über-
trieben, zu zärtlich und leidenschaftlich ist.
Gott wollte, daß Adam Eva zärtlich liebe, aber doch nicht so zärtlich,
daß er den von seiner göttlichen Majestät erteilten Befehl ihr zuliebe über-
trete. Was er liebte, war weder überflüssig, noch an sich gefährlich, aber er
liebte es in übermäßiger und gefährlicher Weise. Die Liebe zu unseren
Eltern, Freunden, Wohltätern ist an und für sich Gott gemäß, aber wir
können sie übermäßig lieben.
178 X, 4

Auch unser Beruf, so geistlich er auch sein mag, und unsere Übungen
der Frömmigkeit, die wir ja sehr lieben sollen, können in ungeordneter
Weise geliebt werden. Das geschieht, wenn wir sie dem Gehorsam oder
dem allgemeinen Wohl vorziehen, wenn wir sie als letztes Ziel lieben, ob-
wohl sie doch nur Mittel und Wege zu unserer letzten und eigentlichen
Aufgabe sind, die ja in der göttlichen Liebe liegt.
5. Diese Seelen, die nichts anderes lieben als das, was Gott geliebt wis-
sen will, die aber in der Art zu lieben das Maß überschreiten, lieben in
Wahrheit das höchste Gut über alles, aber nicht in allem. Denn die Dinge,
die ihnen in gottgemäßer Weise zu lieben nicht nur erlaubt, sondern gebo-
ten ist, lieben sie nicht nur in gottgemäßer Weise, sondern aus Ursachen
und Gründen, die sicher nicht gegen Gott gerichtet sind, wohl aber außer
ihm liegen. So gleichen sie dem Phönix, wenn dieser kaum die ersten
Federn und einige Kraft gewonnen hat und sich schon in die Lüfte schwingt,
aber doch nicht genügend Kraft hat, um einen längeren Flug auszuhalten,
sondern oft auf die Erde herunter muß, um zu rasten.
So erging es dem armen jungen Mann, der von früher Jugend an die
Gebote Gottes beobachtet hatte, kein Verlangen nach den Gütern der
anderen hatte, aber zu sehr die liebte, die er besaß. Als ihm der Herr den
Rat gab, sie den Armen zu geben, „wurde er daher ganz traurig“ und nie-
dergeschlagen (Mt 19,20-22; Lk 18,21-23). Er liebte nichts, was ihm nicht
erlaubt gewesen wäre zu lieben, aber er liebte es mit einer übermäßigen
und zu engherzigen Liebe.
Diese Seelen, mein Theotimus, lieben also zu heiß und übermäßig; sie
lieben aber nichts Überflüssiges, sondern nur das, was sie lieben sollen.
Darum erfreuen sie sich der Gemeinschaft mit dem himmlischen Salomo,
d. h. der Vereinigung mit ihm, des Geborgenseins und Ruhens in seiner
Liebe, wovon schon im 5. und 6. Buch die Rede war. Doch genießen sie
diese nicht als ihm Vermählte, da das Übermaß, mit dem sie die guten
Dinge lieben, sie daran hindert, sehr oft die Vereinigung mit dem göttli-
chen Bräutigam einzugehen. Sie sind beschäftigt und von ihm abgelenkt
dadurch, daß sie außer ihm und ohne ihn das lieben, was sie nur in ihm und
für ihn lieben sollten.
X, 5 179

5. Kapitel
Zwei weitere Stufen höherer V ollk
Vollk ommenheit, auf denen
ollkommenheit,
wir Gott über alles lieben können.

1. Nun gibt es aber auch Seelen, die weder Überflüssiges lieben, noch mit
Übermaß lieben, sondern nur das lieben, was Gott will und so wie Gott es
will. Es sind glückliche Seelen, denn sie lieben Gott und lieben ihre Freun-
de in Gott und ihre Feinde um Gottes willen. Sie lieben manches mit
Gott, aber nichts, was nicht Gott gemäß ist, und nichts, was sie nicht um
Gottes willen lieben. Gott ist es, den sie nicht nur über alles, sondern auch
in allem lieben, und alles lieben sie in Gott. Sie gleichen dem vollkommen
verjüngten und zu neuer Lebenskraft zurückgekehrten Phönix, den man
nur in den Lüften und auf den Berggipfeln hoch in der Luft sieht. So lieben
auch diese Seelen alles nur in Gott, obwohl sie mehrere Dinge mit Gott
und Gott mit mehreren Dingen lieben.
Der hl. Lukas berichtet (9,59 f), daß der Herr einen Jüngling, der ihn
wirklich sehr liebte, einlud, ihm zu folgen. Doch dieser hatte auch eine
große Liebe zu seinem Vater und wollte deshalb zu ihm zurückkehren.
Der Herr tadelte aber dieses Übermaß an Liebe und forderte ihn zu einer
reineren Liebe auf, damit er den Herrn nicht nur mehr als seinen Vater,
sondern den Vater auch nur im Herrn liebe: „Lass die Toten ihre Toten
begraben, du aber, der du das Leben gefunden hast, geh und verkünde das
Reich Gottes.“
Diese Seelen, Theotimus, die dem Bräutigam so innig vereinigt sind,
verdienen es, wie du siehst, an seiner Würde Anteil zu haben und Königin-
nen zu sein, so wie er König ist. Sie gehören ihm ja ganz an, ohne Teilung
und Trennung, und lieben nichts mehr außer ihm und ohne ihn, sondern
nur in ihm und für ihn.
2. Über allen diesen Seelen aber gibt es eine, die einzig in ihrer Art ist, die
Königin aller Königinnen, die über alles liebende, die liebenswerteste und
die geliebteste unter allen Freundinnen des göttlichen Bräutigams. Sie
liebt nicht allein Gott über alles und in allem, sondern sie liebt nur Gott in
allem. Sie liebt also nicht mehreres, sondern nur eines, nämlich Gott. Und
da es Gott ist, den sie in allem liebt, was sie liebt, so liebt sie ihn überall in
ganz gleicher Weise, so wie sein Wohlgefallen es fordert, außerhalb allem
und ohne alles.
180 X, 5

3. Wenn Artaxerxes wirklich nur Ester liebt, warum sollte er sie dann
reich geschmückt und parfümiert mehr lieben als in ihren gewöhnlichen
Kleidern? Wenn ich wirklich nur meinen Erlöser liebe, warum liebe ich
dann nicht ebenso den Kalvarienberg wie den Tabor, da er auf dem einen
ebenso ist, wie auf dem anderen? Und warum sage ich dann nicht auf dem
einen wie auf dem anderen aus tiefstem Herzen: „Hier ist gut sein“ (Mt
17,4)?
Ich liebe den Heiland in Ägypten, ohne Ägypten zu lieben. Warum liebe
ich ihn nicht beim Gastmahl Simeons des Aussätzigen, ohne das Gast-
mahl zu lieben? Und wenn ich ihn unter den Lästerungen liebe, warum
sollte ich ihn dann nicht duftend vom kostbaren Salböl der Magdalena
lieben, ohne das Salböl, noch dessen Wohlgeruch zu lieben (Mt 26,7)?
Das ist das wahre Kennzeichen dafür, ob wir nur Gott in allen Dingen
lieben, wenn wir ihn in allen Dingen auf gleiche Weise lieben. Er ist ja sich
selbst immer gleich; die Ungleichheit unserer Liebe kann also nur daher
kommen, daß wir etwas im Auge haben, was nicht er ist.
Diese heilige Liebende liebt ihren König mitsamt dem ganzen Weltall
nicht mehr, als wäre er ganz allein, ohne das Weltall, denn alles, was außer-
halb Gottes und nicht Gott ist, ist für sie wie nichts. Eine Seele, ganz rein,
die selbst das Paradies nur deshalb liebt, weil der Bräutigam dort geliebt
wird. Aber auch ein Bräutigam, so über alles geliebt in seinem Paradies,
daß, hätte er kein Paradies zu vergeben, er doch nicht weniger liebenswert
wäre und von dieser mutigen Liebenden nicht weniger geliebt wäre. Sie
liebt eben nicht das Paradies ihres Bräutigams, sondern den Bräutigam des
Paradieses und sie schätzt den Kalvarienberg, auf dem ihr Bräutigam ge-
kreuzigt wird, nicht weniger als den Himmel, in dem er verherrlicht wird.
Wiegt man eines der drei Kügelchen ab, die man im Herzen der hl.
Klara von Montefalco gefunden hat, so kommt man darauf, daß es schwe-
rer ist als alle drei Kügelchen zusammengenommen. So findet auch die
wahre, starke Liebe Gott allein ebenso liebenswert, wie alle Geschöpfe
mit ihm zusammen, denn sie liebt alle Geschöpfe nur in Gott und Gottes
wegen.
4. Von diesen vollkommenen Seelen gibt es so wenige, daß jede von ihnen
„einzige Tochter ihrer Mutter“, der göttlichen Vorsehung genannt wird.
Von ihr heißt es auch, daß sie „einzige Taube“ heißt (Hld 6,9), die einzig
X, 5 181

und allein nur ihren Tauber liebt. Man nennt sie „vollkommen“, weil sie
durch die Liebe mit der höchsten Vollkommenheit ganz eins wurde. Da-
her kann sie in demütiger Wahrheit sagen: Nur meinem Liebsten bin ich
zu eigen! Und seine Sehnsucht geht nach mir (Hld 7,11).
Nur die seligste Jungfrau, Unsere liebe Frau, hat diesen höchsten Grad
der Liebe zu ihrem Vielgeliebten vollkommen erreicht. Sie ist eine Taube, so
einzigartig einzig in ihrer Liebe, daß alle anderen, wenn sie mit ihr in
Vergleich gezogen werden, eher Krähen als Tauben genannt zu werden
verdienen.
Doch abgesehen von dieser in ihrer einzigartigen Erhabenheit un-
vergleichlichen Königin, hat es Seelen gegeben, die sich so sehr im Zu-
stand dieser reinen Liebe befanden, daß sie im Vergleich zu den anderen
den Rang von Königinnen, einzigartigen Tauben und vollkommenen Freun-
dinnen des Bräutigams einnehmen konnten. Denn ich frage dich, mein
Theotimus: Was war wohl der, der zu Gott aus seinem ganzen Herzen
sang: „Was habe ich im Himmel, wenn nicht Dich? Und bin ich bei Dir,
dann freut mich die Erde nicht“ (Ps 73,25). Oder jener, der ausrief: „Alles
habe ich für Kehricht und Unrat erachtet, um Christus zu gewinnen“ (Phil
3,8). Bezeugte er nicht, daß er nichts anderes liebte als seinen Herrn und
daß er ihn außerhalb aller Dinge liebte? Und was war wohl das Empfinden
jenes großen Liebenden, der die ganze Nacht hindurch seufzte: „Mein
Gott und mein Alles“ (s. VII,5)?
Das war die Gesinnung der Heiligen Augustinus, Bernhard, Katharina
von Siena, Katharina von Genua und vieler anderer. In ihrer Nachahmung
kann ein jeder nach diesem göttlichen Grad der Liebe streben.
5. Selten und einzig in ihrer Art sind diese Seelen und haben keine Ähn-
lichkeit mehr mit den Vögeln dieser Welt, nicht einmal mehr mit dem so
eigenartigen Phönix. Ihr einziges Sinnbild ist jener Vogel, der wegen sei-
ner überaus großen Schönheit und wegen seines Adels nicht von dieser
Welt, sondern vom Paradies zu sein scheint, dessen Namen er auch trägt.
Denn dieser schöne Vogel schätzt die Erde so gering, daß er sie gar nicht
berührt, sondern immer nur in den Lüften lebt. Selbst wenn er sich ausru-
hen will, hängt er sich mit kleinen Fäden an einen Baum und bleibt so in
der Luft hängen, außer der und ohne die er weder fliegen noch ruhen kann
(Lopez, Hist. Indic. Occid., C. IX).
Gleicherweise lieben auch diese großen Seelen die Geschöpfe an sich
eigentlich nicht, sondern in ihrem Schöpfer und den Schöpfer in ihnen. Wenn
182 X, 5

sie sich in Erfüllung des Gebotes der Liebe an irgendein Geschöpf an-
schließen, so tun sie es nur, um in Gott zu ruhen, der das einzige und letzte
Begehren ihrer Liebe ist. Da sie Gott in den Geschöpfen finden und die
Geschöpfe in Gott, so lieben sie Gott und nicht die Geschöpfe. Es ist wie
bei den Perlenfischern, die Perlen in den Austern finden, aber doch bei
ihrem Fang nur auf die Perlen Wert legen.
Übrigens denke ich, daß es nie ein sterbliches Wesen gab, das den himm-
lischen Bräutigam mit dieser einzigartigen, vollkommenen, reinen Liebe
liebte, außer der Jungfrau, die seine Braut und Mutter zugleich war.
6. Hingegen kann man in der Ausübung dieser vier verschiedenen Arten
der Liebe kaum leben, ohne von der einen zur anderen überzugehen.
Die Seelen, die wie junge Mädchen noch von verschiedenen eitlen und
gefährlichen Zuneigungen behindert sind, haben doch zuweilen auch Emp-
findungen der reineren und höchsten Liebe. Doch da diese nur blitzartig
aufscheinen und bald wieder vorübergehen, kann man nicht sagen, daß
diese Seelen den Zustand junger Anfänger und Lehrlinge überwunden ha-
ben.
Ebenso kommt es zuweilen vor, daß Seelen, die bereits im Rang der
einzigen und vollkommenen Liebenden stehen, herabsinken und stark nach-
lassen, so daß sie sogar große Unvollkommenheiten und bedauerliche
läßliche Sünden begehen. Man kann dies an einigen ziemlich heftigen
Auseinandersetzungen zwischen großen Dienern Gottes, ja sogar zwischen
einigen Aposteln sehen. Es ist nicht zu leugnen, daß diese sich einige Un-
vollkommenheiten zuschulden kommen ließen, in denen allerdings nicht
die Liebe selbst, aber doch deren Eifer verletzt wurde. Da diese großen
Seelen Gott aber dennoch für gewöhnlich mit vollkommen reiner Liebe
liebten, muß man trotzdem sagen, daß sie sich im Zustand der vollkom-
menen Liebe befunden haben.
Gute Bäume bringen nie giftige Früchte hervor, wohl aber unreife, wur-
mige, mißgebildete Früchte, sowie Flechten und Moos. So werden große
Heilige nie eine Todsünde begehen, aber es wird vorkommen, daß sie
Unnützes tun und in einer herben, rauhen, unpassenden Art handeln. Von
solchen Bäumen muß man sagen, daß sie Früchte bringen, sonst wären sie
ja nicht gut, doch darf man nicht leugnen, daß einige ihrer Früchte unge-
nießbar sind. Denn wer wird leugnen, daß Misteln ungenießbar sind? So
wird man auch nicht in Abrede stellen, daß die kleinen Aufwallungen des
Zornes, zu heftige Ausbrüche der Freude, des Übermutes, der Eitelkeit
X, 6 183

und anderer solcher Leidenschaften unnütze und unrechtmäßige Regun-


gen sind. Und dennoch läßt sich der Gerechte siebenmal, das heißt oft
solche zu schulden kommen (Spr 24,16).

6. Kapitel
Alle Gottliebenden haben gemeinsam,
daß sie Gott über alles lieben.

1. Es gibt zwar bei denen, die Gott wahrhaftig lieben, verschiedene Gra-
de der Liebe, aber doch nur ein einziges Liebesgebot, das allgemein und
gleichmäßig jeden an ein und dieselbe ganz gleiche Verpflichtung bindet.
Sie wird aber auf verschiedenerlei Weise mit einer unendlichen Vielfalt von
Vollkommenheitsgraden erfüllt. Es gibt wohl nicht zwei Seelen auf Erden,
noch Engel im Himmel, welche die ganz gleiche Liebe haben. So wie jeder
Stern vom anderen im Glanz verschieden ist (1 Kor 15,41), so wird jeder
Heilige nach der Auferstehung sich vom anderen unterscheiden. Jeder
wird ein eigenes Lied der Glorie singen und „einen Namen erhalten, den
niemand kennt außer jenem, der ihn empfangen hat“ (Offb 2,17).
2. Welches ist aber der Grad der Liebe, zu dem das göttliche Gebot uns
alle in gleicher Weise immer und überall verpflichtet?
Nicht ohne besondere Einwirkung des Heiligen Geistes wählte die all-
gemein gebräuchliche und durch das Konzil von Trient kanonisierte und
geheiligte Übersetzung für die Wiedergabe des Liebesgebotes das Wort
„dilectio“ und nicht das Wort „amor“. Denn dadurch ist klar ausgespro-
chen, daß diese Liebe nicht eine gewöhnliche ist, sondern eine mit Wahl
und Erwählung verbundene, wie schon der glorreiche hl. Thomas sagt (S.
th. Ia, IIae, qu. 26, art. 3). Denn dieses Gebot verpflichtet uns zu einer Liebe,
die unter Tausenden auserwählt ist, so wie der Vielgeliebte dieser Liebe
„unter Tausenden hervorragt“, wie Schulammit im Hohelied beteuert (Hld
5,10).
Es ist die Liebe, die über jede andere Liebe vorherrschen und alle unsere
Leidenschaften beherrschen muß. Das ist es, was Gott von uns fordert. Die
Liebe, die wir ihm entgegenbringen, muß die herzlichste sein, die unser
ganzes Herz beherrscht; sie muß die innigste sein, die unsere ganze Seele
in Beschlag nimmt; die allgemeinste, die all unsere Fähigkeiten in ihren
Dienst stellt; die erhabenste, die unseren ganzen Geist erfüllt; und die
standhafteste, die unsere ganze Stärke und Kraft in Tätigkeit setzt. Und da
184 X, 6

wir durch sie Gott zum höchsten Gegenstand unseres Geistes wählen, ist
es eine Liebe höchster Wahl und eine Wahl höchster Liebe.
3. Du weißt, Theotimus, daß es verschiedene Arten von Liebe gibt, zum
Beispiel eine väterliche, eine kindliche, brüderliche, bräutliche Liebe, eine
gesellige, eine pflichtmäßige, eine abhängige Liebe und hundert andere.
Alle diese Arten der Liebe sind verschieden an Wert und ihrem Gegen-
stand so angepaßt, daß man sie leicht auf einen anderen Gegenstand über-
tragen oder ihm anpassen kann. Wer seinen Vater nur mit einer brüderli-
chen Liebe liebte, würde ihn sicher nicht genügend lieben. Wer seine Gat-
tin nur so liebte, wie seinen Vater, würde sie nicht in der rechten Weise
lieben; wer seinem Lakai eine kindliche Liebe entgegenbrächte, würde
etwas Unpassendes tun.
Mit der Liebe verhält es sich so, wie mit der Ehre; wie sich die Ehrenbe-
zeugungen nach den verschiedenen Vorzügen richten, die man ehren will,
so ist auch die Liebe verschieden nach der Verschiedenheit der guten Ei-
genschaften, um deretwillen man liebt. Die höchste Ehre gebührt der höch-
sten Erhabenheit und die höchste Liebe der höchsten Güte. Die Gotteslie-
be ist eine Liebe ohnegleichen, weil die Güte Gottes eine Güte ohneglei-
chen ist. „Höre Israel! Der Herr, dein Gott, ist allein Herr. So liebe denn
den Herrn, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit ganzer Seele und
all deiner Kraft“ (Dtn 6,4.5). Weil Gott allein der Herr ist und weil seine
Güte alle Güte unendlich überragt. muß man ihn mit einer über allen Ver-
gleich hohen, erhabenen und mächtigen Liebe lieben.
4. Diese über alles erhabene Liebe ist es, die Gott zu solcher Geltung in
unserer Seele kommen läßt. Deswegen legen wir solchen Wert darauf, ihm
wohlgefällig zu sein, daß wir dies allem anderen vorziehen und es über
alles lieben.
Siehst du nun nicht, Theotimus, daß alle, die Gott so lieben, ihm ihre
ganze Seele und alle Kräfte geweiht haben? Denn immer und ewig und bei
allen Gelegenheiten werden sie das Wohlwollen Gottes allen Dingen vor-
ziehen und immer bereit sein, auf die ganze Welt zu verzichten, um die
Liebe zu bewahren, die sie der göttlichen Güte schulden.
Kurzum, es ist die erhabenste Liebe oder die Erhabenheit der Liebe, die
allen Sterblichen im allgemeinen und jedem einzelnen im besonderen
geboten ist, sobald sie den freien Gebrauch ihrer Vernunft haben. Diese
Liebe genügt für jeden und ist notwendig für alle, um gerettet zu werden.
X, 7 185

7. Kapitel
Erklärung des vorausgehenden Kapitels.

1. Man erkennt nicht immer klar und nie ganz sicher, jedenfalls nicht „mit
der Sicherheit des Glaubens“, ob man die wahre Liebe zu Gott hat, die
erforderlich ist, um gerettet zu werden (Konzil von Trient, 6. Sitz., 9. Kap.).
Das hindert aber nicht, daß man mehrere Kennzeichen dafür hat. Das si-
cherste und beinahe unfehlbare kommt dann zum Vorschein, wenn irgend-
eine große Liebe zu den Geschöpfen sich den Absichten der göttlichen Lie-
be widersetzt. Ist die göttliche Liebe in der Seele, so offenbart sie dann, wie
groß der Einfluß und die Macht ist, die sie über den Willen hat. Sie zeigt
dann in der Tat, daß sie nicht nur keinen Herrn über sich hat, sondern
nicht einmal einen Gefährten neben sich duldet, daß sie alles zurück-
drängt und umstößt, was sich ihr widersetzt, und daß sie allen ihren Ab-
sichten Gehorsam verschafft.
2. Als die unglückselige Schar der bösen Geister sich gegen ihren Schöp-
fer auflehnte und das heilige Heer der seligen Geister mit sich reißen
wollte, spornte sie der glorreiche hl. Michael zur Gott geschuldeten Treue
an, indem er mit lauter Stimme nach Art der Engel im himmlischen Jeru-
salem ausrief: „Wer ist wie Gott?“ Und durch diese Worte stürzte er den
treulosen Luzifer und seine Gefolgschaft, die der göttlichen Majestät gleich
sein wollten. Von da ab, sagt man, empfing der hl. Michael seinen Namen,
denn Michael bedeutet: Wer ist wie Gott! (Hugo zur Offb 12,7; vgl. Gre-
gor d. Gr. Hom. 34 zum Evg. § 9).
Wenn Liebe zu geschaffenen Dingen unseren Geist auf ihre Seite ziehen
und zum Ungehorsam gegen die göttliche Majestät verleiten will, dann
stellt sich ihr in der Seele, die eine starke Gottesliebe besitzt, diese wie ein
anderer St. Michael entgegen und sichert die Fähigkeiten und Kräfte der
Seele für den Dienst Gottes mit diesem entschlossenen Wort: „Wer ist wie
Gott?“ Was haben die Geschöpfe Gutes an sich, das das menschliche Herz
so anziehen könnte, daß es sich gegen die unübertreffliche Güte Gottes
empörte?
3. Als der heilige, tapfere und edle Josef erkannte, daß die Liebe seiner
Gebieterin darauf ausging, die Liebe zu zerstören, die er seinem Herrn
schuldete, rief er aus: „Gott bewahre mich davor, die Ehrfurcht zu verlet-
zen, die ich meinem Herrn schulde, der mir solches Vertrauen entgegen-
bringt! Wie sollte ich ein so schweres Unrecht tun und mich so wider
186 X, 7

meinen Gott versündigen?“ (Gen 39,8 f). Beachte, Theotimus, diese drei
Arten der Liebe im Herzen des liebenswürdigen Josef: er liebt seine Ge-
bieterin, seinen Herrn und seinen Gott. Aber in dem Augenblick, wo die
Liebe zu seiner Gebieterin der Liebe zu seinem Herrn widerstreitet, ver-
läßt er sie auf der Stelle und flieht. So hätte er auch die Liebe zu seinem
Herrn preisgegeben, wenn sie im Gegensatz zur Gottesliebe gestanden
hätte. Unter allen Arten der Liebe muß die Liebe zu Gott derart vorgezo-
gen werden, daß man bereit ist, um ihretwillen alle anderen zu opfern.
Nach der rechtmäßigen Sitte der damaligen Zeit überließ Sara ihre Magd
ihrem Gatten Abraham, damit sie ihm Kinder schenke. Doch sobald Ha-
gar merkte, daß sie Mutter geworden war, sah sie auf ihre Herrin Sara mit
Verachtung herab. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte man nicht gut unter-
scheiden können, für wen Abraham eine größere Liebe hegte, für Sara
oder für Hagar. Denn Hagar genoß die Rechte einer Gattin ebenso wie
Sara und hatte dazu den Vorteil der Fruchtbarkeit. Doch als es dazu kam,
daß er die Liebe, die er beiden entgegenbrachte, gegeneinander abwägen
mußte, ließ Abraham deutlich erkennen, welche die stärkere war. Denn
kaum hatte Sara ihm mitgeteilt, daß Hagar sie geringschätzig behandle,
antwortete er ihr: „Hagar, deine Magd, steht ja in deiner Gewalt; tu mit
ihr, was dir gut dünkt“ (Gen 16,6). Von da ab behandelte Sara sie so hart,
daß Hagar sich gezwungen sah zu fliehen.
4. Die Gottesliebe läßt es wohl zu, daß wir andere lieben, und oft wird es
schwer fallen, zu unterscheiden, welche Liebe in unserem Herzen vor-
herrscht; denn das menschliche Herz gefällt sich oft voll Leidenschaft in
der Liebe zu den Geschöpfen. Ja, es geschieht oft, daß es seine Zuneigung
zu den Geschöpfen viel häufiger durch Akte äußert, als seine Liebe zum
Schöpfer. Und dennoch hört die heilige Gottesliebe deswegen nicht auf, alle
anderen Arten der Liebe zu übertreffen. Das wird bei Gelegenheiten augen-
scheinlich, wenn das Geschöpf im Gegensatz zum Schöpfer steht. Denn da
entscheiden wir uns für die heilige Gottesliebe und unterwerfen ihr alle
unsere anderen Zuneigungen.
5. Bei geschaffenen Dingen ist oft ein Unterschied zwischen ihrer Größe
und ihrem Wert. Eine einzige Perle Kleopatras war mehr wert als der höchs-
te unserer Felsen, obwohl dieser doch weit größer ist. Das eine ist größer,
das andere wertvoller. Man fragt sich, was wohl der höchste Ruhm eines
Fürsten ist: Der, den er sich im Kriege durch Waffen erwirbt, oder der, den
er im Frieden durch die Gerechtigkeit gewinnt. Mir scheint, daß der mili-
X, 7 187

tärische Ruhm größer, der andere aber wertvoller ist. Unter den Instru-
menten sind Trommeln und Trompeten lärmender, während Lauten und
Spinette melodischer klingen. Der Klang der einen ist stärker, der der
anderen lieblicher und geistiger. Eine Unze Balsam wird nicht so viel
Geruch verbreiten wie ein Pfund Lavendelöl, doch wird der Duft des Bal-
sams immer besser und angenehmer sein.
Oft wirst du gewahr werden, Theotimus, daß eine Mutter ihr Kind so sehr
umsorgt, daß es den Anschein hat, als habe sie gar keine andere Liebe als
diese. Sie hat Augen nur, um auf ihr Kind zu schauen, einen Mund nur, um
es zu küssen, eine Brust nur, um es zu stillen, keine andere Sorge, als es
großzuziehen. Man könnte meinen, daß ihr der Gatte im Vergleich zu
diesem Kind gar nichts mehr ist. Doch wäre sie gezwungen, die Wahl zu
treffen, entweder den einen oder das andere zu verlieren, würde man se-
hen, daß sie den Gatten mehr schätzt. Ist auch die Liebe zu ihrem Kind
zärtlicher, drängender, leidenschaftlicher, so ist doch die Liebe zu ihrem
Gatten höher, stärker und tiefer.
6. Wenn daher ein Herz Gott in Anbetracht seiner unendlichen Güte liebt,
so wird es, so wenig es auch von dieser vorzüglichen Liebe besitzen mag,
den Willen Gottes allen Dingen vorziehen. Bei allen Gelegenheiten, die
sich bieten, wird es alles darangeben, um sich die Gnade der allerhöchsten
Güte zu bewahren, und wird sich durch nichts von ihr trennen lassen. Wenn
also die göttliche Liebe das Herz auch nicht immer so umdrängt und mit
Zärtlichkeit erfüllt, wie andere Arten der Liebe, so setzt diese Liebe gele-
gentlich doch weit erhabenere und vorzüglichere Taten, von denen eine
einzige mehr wert ist als zehn Millionen andere.
Die Kaninchen haben eine unglaubliche Fruchtbarkeit; die Elefanten
hingegen bekommen nie mehr als ein Junges auf einmal. Aber dieses eine
Elefantenjunge ist mehr wert als alle Kaninchen der Welt. So ist auch die
Liebe zu den Geschöpfen oft sehr produktiv; vollbringt aber die heilige
Gottesliebe ihr Werk, dann ist dieses so erhaben, daß sie damit alles ande-
re übertrifft, denn sie bewirkt, daß man Gott allen Dingen ohne Vorbehalt
vorzieht.
188 X, 8

8. Kapitel
Eine denkwürdige Begebenheit, die gut erkennen läßt, worin
die Stärke und Erhabenheit der heiligen Liebe besteht.

1. O mein lieber Theotimus, welches Ausmaß an Kraft muß doch diese


Liebe besitzen, mit der man Gott über alles liebt! Sie muß jede Liebe über-
treffen, jede Schwierigkeit überwinden und die Ehre des göttlichen Wohl-
wollens allen Dingen vorziehen; ich sage aber, absolut allen Dingen, ohne
irgendwelche Ausnahmen und Vorbehalte. Ich sage das mit solchem Nach-
druck, weil es Menschen gibt, die mutig ihre Güter, ihre Ehre und ihr
eigenes Leben für den Herrn hingäben, aber auf irgendetwas anderes von
viel geringerem Wert nicht ihm zuliebe verzichten würden.
2. Zur Zeit der Kaiser Valerianus und Gallus gab es in Antiochia einen
Priester namens Sapricius und einen Laien namens Nicephorus, die der
innigen und langjährigen Freundschaft wegen, die sie miteinander ver-
band, für Brüder gehalten wurden. Und doch ging diese Freundschaft aus
einer mir nicht bekannten Ursache in Brüche und schlug, wie es gewöhn-
lich geschieht, in einen noch viel glühenderen Haß um. Dieser herrschte
eine Zeit lang zwischen ihnen, bis Nicephorus seine Schuld erkannte und
dreimal den Versuch machte, sich mit Sapricius zu versöhnen. Er ließ ihm
bald durch die einen, bald durch die anderen ihrer gemeinsamen Freunde
alles sagen, was man zur Genugtuung und Verdemütigung nur wünschen
konnte. Sapricius blieb aber all diesen Aufforderungen gegenüber unbeug-
sam und lehnte die Versöhnung jedesmal mit ebensolchem Stolz ab, als
Nicephorus sie mit Demut von ihm erbat. Nicephorus kam schließlich auf
den Gedanken, es würde Sapricius vielleicht eher rühren, wenn er vor ihm
niederfallen und ihn um Verzeihung bitten würde; er suchte ihn deshalb in
seiner Wohnung auf, warf sich mutig ihm zu Füßen und sagte zu ihm:
„Mein Vater, verzeihe mir, ich bitte dich, um der Liebe unseres Herrn
willen.“ Aber auch diese Verdemütigung wurde ebenso wie die vorherge-
hende mißachtet und zurückgestoßen.
Da brach eine heftige Verfolgung gegen die Christen los. Auch Sapricius
wurde mit anderen festgenommen und litt mit wunderbarer Standhaftig-
keit zahllose Qualen für das Bekenntnis seines Glaubens. Selbst dann
hielt er aus, als er in einem eigens verfertigten Folterwerkzeug grausam
X, 8 189

hin- und hergewälzt und geschüttelt wurde. Der Statthalter von Antiochi-
en wurde dadurch auf das äußerste gereizt und verurteilte ihn zum Tod. So
wurde er aus dem Kerker gezogen, um vor den Augen aller an den Ort
geführt zu werden, wo er die glorreiche Märtyrerkrone empfangen sollte.

Kaum hatte Nicephorus das vernommen, eilte er herbei, und als er mit
Sapricius zusammentraf, warf er sich vor ihm zu Boden und rief mit lauter
Stimme aus: „Märtyrer Jesu Christi, verzeihe mir, denn ich habe dich
beleidigt!“ Da aber Sapricius gar nicht darauf achtete, trachtete der arme
Nicephorus, indem er durch eine andere Gasse lief, ihm zuvorzukommen,
und beschwor ihn mit der gleichen Demut wie zuvor, ihm zu verzeihen,
mit den Worten: „Märtyrer Jesu Christi, verzeihe mir die Beleidigung, die
ich dir zugefügt habe; ich bin eben ein Mensch und als solcher fehlerhaft.
Denn siehe, dir wird jetzt vom Herrn, den du nicht verleugnet, sondern
dessen heiligen Namen du vor vielen Zeugen bekannt hast (1 Tim 6,12),
eine Krone gereicht.“ Sapricius aber verharrte in seinem Stolz und erwi-
derte ihm nicht ein einziges Wort. Die Henker wunderten sich über die
Ausdauer des Nicephorus und sagten zu ihm: „Nie noch haben wir einen
solchen Narren gesehen; dieser Mensch da wird doch sogleich sterben,
was bedarfst du seiner Verzeihung?“ Darauf entgegnete Nicephorus: „Ihr
wißt nicht, um was ich den Bekenner Jesu Christi bitte, aber Gott weiß es.“

Indessen war Sapricius auf dem Richtplatz angekommen. Noch einmal


warf sich Nicephorus vor ihm nieder und bat: „Ich flehe dich an, Märtyrer
Jesu Christi, mir zu verzeihen, denn es steht geschrieben: ‚Bittet und ihr
werdet empfangen‘ (Mt 7,4).“ Aber auch diese Worte vermochten nicht,
das treulose, widerspenstige Herz des elenden Sapricius zu erweichen.

Weil er aber eigensinnig dabei verharrte, seinem Nächsten Barmherzigkeit


zu verweigern, wurde er vom gerechten Gericht Gottes der glorreichen
Palme des Martyriums beraubt. Als die Henker ihm befahlen, niederzu-
knien, um den Todesstreich zu empfangen, verließ ihn der Mut, er begann
mit ihnen zu verhandeln und sagte zum Schluß mit kläglicher und schänd-
licher Unterwürfigkeit: „Ich bitte euch, enthauptet mich nicht, ich will
dem Befehl des Kaisers gehorchen und den Götzen opfern.“ Als der gute
arme Nicephorus das hörte, rief er mit Tränen in den Augen aus: „Ach
mein lieber Bruder, ich bitte dich, übertritt nicht das Gesetz und verleug-
ne nicht Jesus Christus; trenne dich nicht von ihm, ich flehe dich an, laß
190 X, 8

nicht die himmlische Krone fahren, die du dir mit sovielen Mühen und
Qualen errungen hast.“
Leider war aber dieser beklagenswerte Priester zum Altar der Marter
geschritten, sein Leben dem ewigen Gott darzubringen, ohne sich dabei
des Wortes zu erinnern, das der König der Märtyrer gesprochen hatte:
„Bringst du deine Opfergabe zum Altar und erinnerst dich dort, daß dein
Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar, geh
zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder; dann komm und opfere
deine Gabe“ (Mt 5,23). Deshalb stieß Gott sein Geschenk zurück und
indem er ihm sein Erbarmen entzog, ließ er nicht nur zu, daß er des erha-
benen Glückes eines Märtyrers verlustig ging, sondern auch, daß er sich in
das Unglück der Abgötterei stürzte.
Als nun der demütige, sanfte Nicephorus sah, daß durch den Abfall des
hartherzigen Sapricius die Märtyrerkrone frei geworden, drängte er sich,
ergriffen von einer starken, außerordentlichen Einsprechung, kühn vor,
um sie für sich zu erlangen, indem er zu den Henkern und Schergen sprach:
„Meine Freunde, ich bin wahrhaftig ein Christ und ich glaube an Jesus
Christus, den jener verleugnet hat. Laßt mich daher an seine Stelle treten
und enthauptet mich!“ Die Schergen, aufs höchste verwundert, brachten
diese Nachricht zum Statthalter. Dieser ließ Sapricius in Freiheit setzen,
Nicephorus aber martern. Dies ereignete sich am 9. Februar um das Jahr
260 unseres Heiles, wie Metaphrastes und Surius berichten (zum 9. Fe-
bruar).
Eine schauerliche Geschichte und würdig, um des Gegenstandes willen,
von dem wir hier handeln, ernst erwogen zu werden. Denn, mein lieber
Theotimus, hast du gesehen, wie kühn und mit welchem Eifer dieser mu-
tige Sapricius an seinem Glauben festhält, welche zahllose Qualen er lei-
det, wie er unbewegt und fest im Bekenntnis des Namens seines Erlösers
verharrt, während man ihn im Folterwerkzeug herumwälzt und schier zer-
malmt, und wie er ganz bereit ist, den Todesstoß zu empfangen, um das
Höchste des göttlichen Gesetzes zu erfüllen und die Ehre Gottes dem
eigenen Leben vorzuziehen? Und dennoch hält er plötzlich in seinem
Lauf inne, weil er die Befriedigung, die seine Grausamkeit am Haß gegen
Nicephorus empfindet, dem göttlichen Willen vorzieht; und in dem Au-
genblick, wo er daran ist, den Preis der Glorie durch das Martyrium zu
gewinnen, stürzt er so unglücklich, daß er sich den Hals bricht, indem er
dem Götzendienst verfällt.
Es ist also wahr, mein Theotimus, daß es nicht genügt, Gott mehr als
X, 8 191

unser eigenes Leben zu lieben, wenn wir ihn nicht ganz in allem, unum-
schränkt und ausnahmslos mehr lieben als alles, was wir lieben oder lie-
ben könnten.
3. Aber, wirst du mir sagen, hat der Herr nicht die höchste Stufe der
Liebe, die wir ihm entgegenbringen können, beschrieben, als er sagte: „Eine
größere Liebe hat niemand als jener, der sein Leben hingibt für seine Freun-
de“ (Joh 15,13)? Es ist wahr, Theotimus, daß unter den einzelnen Akten
und Beweisen der Gottesliebe keiner an Größe dem gleichkommt, um der
Ehre Gottes willen den Tod zu erleiden. Aber es ist auch wahr, daß dies nur
ein einziger Akt und nur ein einziger Beweis, allerdings das Meisterwerk
der Liebe ist; außer diesem aber gibt es viele andere, welche die Liebe von
uns verlangt, und zwar umso eindringlicher und kraftvoller von uns ver-
langt, als es Akte sind, die für alle Liebenden leichter auszuführen, alltäg-
licher, gewöhnlicher und im allgemeinen zur Bewahrung der heiligen Lie-
be notwendiger sind.
O elender Sapricius, wagst du zu behaupten, daß du Gott so liebst, wie
du ihn lieben sollst, wenn du seinen Willen nicht der Leidenschaft des
Hasses und der Rachsucht vorziehst, die du gegen den armen Nicephorus
hegst? Für Gott sterben wollen, ist wohl der größte, aber nicht der einzige
Akt der Liebe, die wir Gott schulden. Diesen Akt allein wollen und dabei
die anderen verwerfen, ist nicht Liebe, sondern Eitelkeit. Die Liebe ist nicht
wunderlich; sie wäre es aber in unerhörtem Maße, wenn sie dem Vielge-
liebten nur bei äußerst schwierigen Dingen gefallen wollte und es ruhig
zuließe, daß man ihm in leichteren Dingen mißfalle. Wie kann jemand,
der nicht dem Willen Gottes gemäß leben will, für ihn sterben wollen?
4. Ein gut geordneter Geist, der willens ist, für einen Freund den Tod zu
erleiden, würde gewiß auch alles andere erleiden, denn wer zuerst den Tod
geringgeschätzt hat, muß alles andere geringschätzen. Doch der menschli-
che Geist ist schwach, unbeständig und wunderlich. Daher kommt es, daß
Menschen manchmal lieber sterben wollen, als andere viel geringere Leiden
ertragen, ja bereitwillig ihr Leben für nichtssagende, kindische und eitle
Dinge hingeben.
Als Agrippina vernommen hatte, daß das Kind, das sie unter ihrem Her-
zen trug, Kaiser werden, sie aber dann töten lassen würde, sagte sie: „Mei-
netwegen soll er mich töten, wenn er nur Herrscher wird“ (Tacitus, Annal.
14,9). Welche Unordnung in diesem vernarrten mütterlichen Herzen: sie
zieht die Würde ihres Sohnes ihrem Leben vor.
192 X, 9

Cato und Kleopatra wollten lieber den Tod erleiden, als sehen, daß sich
ihre Feinde an ihrer Gefangenschaft freuten und sich deren rühmten. Und
Lukretia nahm sich lieber erbarmungslos das Leben, als daß sie die Schan-
de ertragen hätte, die ungerechterweise einer Tat wegen auf ihr lastete, an
der sie anscheinend keine Schuld trug.
Wie viele Menschen gibt es, die bereit wären, für ihre Freunde zu sterben,
die aber nicht in ihrem Dienst leben, noch ihren Willensäußerungen gehor-
chen wollten! Mancher setzt sein Leben aufs Spiel, der seine Geldbörse
nicht gefährden würde. Und obwohl es nicht wenige gibt, die zur Verteidi-
gung ihres Freundes ihr Leben einsetzen, gibt es in einem Jahrhundert
höchstens einen, der seine Freiheit preisgeben oder auch nur eine Unze
des eitelsten und wertlosesten weltlichen Rufes für wen immer opfern
würde.

9. Kapitel
Bestätigung des Gesagten durch einen denkwürdigen Vergleich.
Vergleich.

1. Du weißt, mein Theotimus, welche Liebe Jakob seiner Rahel entge-


genbrachte (Gen 29). Was tat er nicht alles, um ihr deren Größe, Kraft und
Treue zu beweisen, nachdem er sie am Brunnen beim Tränken der Herde
begrüßt hatte! Ohne Unterlaß verzehrte ihn die Liebe zu ihr, und um sie
zur Gattin zu erhalten, diente er sieben volle Jahre mit unvergleichlichem
Eifer. Dabei kam ihm vor, als ob das nichts sei, so sehr verschönte ihm die
Liebe alle Mühen, die er für seine Geliebte ertrug. Ja sogar als er in seiner
Erwartung enttäuscht wurde, diente er weitere sieben Jahre, um sie zu
gewinnen, so beharrlich, ehrlich und tapfer war er in seiner Liebe. Als er
sie dann endlich erlangt hatte, vernachlässigte er alles andere, was er lieb
hatte; er beachtete kaum mehr seine Pflichten gegenüber der ersten Gattin
Lea, die eine sehr verdienstvolle Frau war und würdig, geliebt zu werden.
Er ging in seiner Mißachtung so weit, daß Gott selbst Mitleid mit Lea
hatte.
Nach all dem, das wohl ausreichend war, um auch die stolzeste Erden-
tochter zur Liebe eines so treuen Liebhabers zu bewegen, ist es gewiß eine
Schande zu sehen, wie schwach die Liebe war, die Rahel Jakob entgegen-
brachte (Gen 30,14-16). Die arme Lea war durch kein Band der Liebe
mehr, außer dem ihrer Fruchtbarkeit mit Jakob verbunden, durch die sie
ihm drei Söhne geschenkt hatte. Der älteste dieser Söhne, Ruben, ging
X, 9 193

einst zur Zeit der Ernte auf die Felder, wo er Alraunen fand. Er pflückte
sie und machte sie, zu Hause angekommen, seiner Mutter zum Geschenk.
Als Rahel dies sah, sagte sie zu Lea: „Gib mir doch einige von den Alraun-
äpfeln deines Sohnes!“ Lea aber antwortete ihr: „Ist es dir nicht genug, mir
die kostbare Liebe meines Mannes geraubt zu haben? Willst du mir nun
auch die Alraunäpfel meines Sohnes nehmen?“ Rahel entgegnete ihr: „Gib
mir die Alraunäpfel, meinetwegen kann mein Mann dafür diese Nacht bei
dir verbringen.“ Diese Bedingung wurde angenommen. Als nun Jakob am
Abend vom Feld heimkam, ging ihm Lea voll Ungeduld, sich ihres Tau-
sches zu erfreuen, entgegen und sagte ihm voll Freude: „Du mußt heute
Abend zu mir kommen, mein Herr und Freund, denn ich habe dieses
Glück mit den Alraunäpfeln meines Sohnes erworben.“ Und sie berichte-
te ihm, wie sie mit ihrer Schwester übereingekommen war. Jakob erwider-
te, soviel man weiß, nicht ein Wort. Sicher war er erstaunt und es ging ihm
die Schwäche und Unbeständigkeit Rahels zu Herzen, die um eines so
nichtssagenden Dinges willen für eine ganze Nacht auf die Ehre und Freu-
de seiner Gegenwart verzichtet hatte. Denn sage, Theotimus, war es denn
nicht ein sehr eigenartiger und großer Leichtsinn von Rahel, eine Hand-
voll kleiner Äpfelchen den keuschen Liebesfreuden ihres liebenswürdi-
gen Gatten vorzuziehen? Wenn es sich noch um Königreiche gehandelt
hätte! Aber einer armseligen Handvoll Alraunen wegen! Wie kommt dir
das vor, Theotimus?

2. Und dennoch, wenn wir jetzt zu uns zurückkehren, wie oft, o mein
Gott, treffen wir eine noch viel schändlichere und armseligere Wahl! Der
große hl. Augustinus (Gegen Faustus, 22,56) unterhielt sich eines Tages
damit, Alraunen genauer zu betrachten, um herauszubekommen, warum
Rahel ein solches Verlangen nach ihnen hatte. Er fand, daß sie wirklich
sehr schön anzuschauen sind, einen angenehmen Geruch haben, aber sehr
schal und geschmacklos sind. Plinius sagt (H. n. 25,13): Wenn der Saft der
Alraunen von Chirurgen den Patienten, an denen sie einen Einschnitt vor-
nehmen wollen, zu trinken dargeboten werde, um ihnen den Schnitt weni-
ger fühlbar zu machen, komme es vor, daß der Geruch allein manchmal
diese Wirkung hervorrufe und die Patienten einschläfere. Daher ist die
Alraune eine Pflanze, die betäubt, die Augen beschwert, Schmerzen, Är-
ger und alle Leidenschaften einschläfert. Wer sich aber zu lange diesem
Geruch aussetzt, wird stumm, und wer reichlich davon trinkt, ist dem Tod
rettungslos preisgegeben.
194 X, 9

Sage mir, Theotimus, kann weltlicher Prunk, können weltliche Reichtü-


mer und Genüsse besser versinnbildet werden? Sie haben etwas Verlok-
kendes in der Art, in der sie in Erscheinung treten, wer aber in diese Äpfel
beißt, d. h. wer ihrem Wesen auf den Grund geht, findet keinen Geschmack
und keine Befriedigung daran. Doch durch ihren eitlen Geruch betäuben
sie und schläfern sie ein. Der Ruf, mit dem die Kinder der Welt sie umgibt,
betäubt und tötet jene, die ihnen zu große Aufmerksamkeit schenken oder
die sie in zu reichlichem Maße genießen. Um solcher Alraunen, Trugbil-
der und Phantome von Genüssen willen verlassen wir die Liebe des himm-
lischen Bräutigams! Wie können wir aber dann sagen, daß wir ihn über
alles lieben, wenn wir seiner Gnade solch geringfügige Eitelkeiten vorzie-
hen?

3. Ist dies nicht eine erstaunliche und überaus traurige Angelegenheit zu


sehen, wie David, der in der Überwindung seines Hasses so großmütig
war, der die Beleidigung so tapfer verzieh, dann in der Liebe ein so uner-
hörtes Unrecht beging? Es genügt ihm nicht, eine ganze Anzahl von Frau-
en auf rechtmäßige Weise zu besitzen, er nimmt noch dazu widerrechtlich
und raubt freventlich die Frau des armen Urija; überdies überliefert er aus
widerlicher Feigheit den rechtmäßigen Gatten einem grausamen Tod, um
sich ungestört der Liebe dieser Frau hingeben zu können (2 Sam 11).
Wer bewundert nicht den Mut des hl. Petrus, der als einziger aus der
Schar seines Meisters mitten unter den bewaffneten Soldaten die Hand
ans Schwert legt und losschlägt (Mt 26,51)? Aber gleich darauf sehen wir
ihn Frauen gegenüber so feig, daß das bloße Wort einer Magd ihn dazu
bringt, seinen Meister zu verleugnen und zu verwünschen (Mt 26,69-74).
Warum finden wir es so merkwürdig, daß Rahel wegen Alraunäpfeln auf
die Liebkosungen Jakobs verzichtete, wo doch Adam und Eva um eines
Apfels willen, den eine Schlange ihnen darbot, die Gnade preisgaben?

4. Kurzum, Theotimus, ich sage dir dieses bemerkenswerte Wort: Die


Häretiker sind Häretiker und tragen diesen Namen, weil sie unter den
Glaubensartikeln nach Lust und Laune die auswählen, die zu glauben ih-
nen gut scheint, während sie die anderen verwerfen und sich von ihnen
lossagen. Die Katholiken aber sind Katholiken, weil sie, ohne irgendeine
Auswahl zu treffen, mit gleicher Festigkeit und ohne Ausnahme den gan-
zen Glauben der Kirche umfangen.
X, 10 195

Das gleiche gilt für die Vorschriften der heiligen Liebe: es ist Häresie,
eine Auswahl unter den Geboten Gottes zu treffen, um die einen befolgen,
die anderen aber übertreten zu wollen. Jener, der gesagt hat: „Du sollst
nicht töten,“ hat auch gesagt: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Wenn du nun
nicht tötest, aber die Ehe brichst (Jak 2,11), so ist es also nicht aus Liebe
zu Gott, daß du nicht tötest, sondern du wählst die Beobachtung dieses
Gebotes eher als eines anderen aus irgendeinem anderen Beweggrund.
Sich ein Gebot auf diese Weise auswählen, ist aber Häresie in Dingen der
Liebe.
Wenn jemand mir sagte, er wolle mir aus Liebe zu mir nicht den Arm
abschneiden, würde mir aber ein Auge ausreißen, den Kopf zerschlagen
oder den Leib durchbohren, dem würde ich sagen: Wie kannst du sagen,
daß du mir aus Liebe zu mir den Arm nicht abschneidest, nachdem du mir
ein Auge ausreißt, das mir nicht weniger kostbar ist, oder mir deinen De-
gen in den Leib stichst, was noch viel gefährlicher für mich ist?
Es ist ein Grundsatz (Dion. Areop. De div. nom. 4,30), daß das Gute aus
einer wirklich ganzen Ursache herrührt, während das Böse jedem Mangel
entspringt. Um einen Akt wahrer Liebe zu setzen, ist es notwendig, daß er
aus einer alles umfassenden, alles einschließenden, ganzen Liebe hervor-
gehe, die sich über alle göttlichen Gebote erstreckt. Lassen wir es in einem
einzigen Gebot an Liebe fehlen, so haben wir keine ganze, alles umfassende
Liebe; das Herz, in dem sich eine solche Liebe befindet, kann nicht ein
wahrhaft liebendes Herz, noch ein wahrhaft gutes Herz genannt werden.

10. Kapitel
Wir müssen die göttliche Güte über alles,
mehr als uns selbst lieben.

1. Aristoteles hatte recht zu sagen, daß das Gute wirklich liebenswert ist,
jedem einzelnen aber vor allem das ihm eigene Gute, so daß die Liebe, die
wir anderen entgegenbringen, von der Liebe zu uns selbst herrührt (Eth.
Nic. 8,2; 9,4). Wie konnte auch ein Philosoph, der nicht nur Gott nicht
liebte, sondern auch fast nie von der Gottesliebe sprach, anderes sagen?
Und dabei geht doch die Gottesliebe, da sie eine natürliche Neigung unse-
res Willens ist, aller Liebe zu uns selbst voraus, wie ich es im ersten Buch
(I,16) dargelegt habe.
196 X, 10

Der Wille ist ganz gewiß so sehr auf das Gute hingeordnet, ja man muß
sagen, so der Güte geweiht, daß es ihm ohne ein Wunder unmöglich ist, die
unendliche Güte nicht über alles zu lieben, sobald sie ihm klar gezeigt wird.
Deshalb sind die Seligen hingerissen und genötigt, wenn auch nicht gezwun-
gen, Gott zu lieben, dessen alles überragende Schönheit sie klar schauen.
Die Heilige Schrift führt uns das vor Augen, wenn sie die Freude, von der
die Herzen der glorreichen Bewohner des himmlischen Jerusalems erfüllt
sind, mit einem reißenden Strom vergleicht, dessen Fluten sich unaufhalt-
sam in die Ebenen ergießen, die auf ihrem Weg liegen (Ps 36,9; 46,4).
2. Aber in diesem sterblichen Leben, Theotimus, stehen wir nicht in der
Notwendigkeit, Gott derart über alles zu lieben, weil wir ihn nicht so klar
erkennen. Im Himmel werden wir ihn von Angesicht zu Angesicht schau-
en, und ihn daher auch von Herz zu Herz lieben. Das heißt, wie wir alle,
jeder nach dem ihm entsprechenden Maße, die Unendlichkeit seiner Schön-
heit auf höchst klare Weise schauen werden, so werden wir auch von der
Liebe zu seiner unendlichen Größe in einer über alles starken Weise er-
faßt und hingerissen werden, weshalb wir ihr einen Widerstand weder
leisten wollen noch können werden.
Aber hienieden auf Erden schauen wir diese alles übertreffende Güte
nicht in ihrer Schönheit, sondern ahnen sie nur mitten in unseren Dunkel-
heiten. Daher sind wir wohl geneigt und angetrieben, aber nicht genötigt, sie
mehr als uns selbst zu lieben. Im Gegenteil haben wir trotz der in uns
vorhandenen natürlichen heiligen Neigung, Gott über alles zu lieben, doch
nicht die Kraft, diese Liebe ins Werk zu setzen, wenn Gott selbst nicht auf
übernatürliche Weise seine höchst heilige Liebe in unsere Herzen ein-
gießt.
Und doch ist es wahr: wie die klare Anschauung Gottes unfehlbar die
Notwendigkeit mit sich bringt, ihn mehr als uns selbst zu lieben, so ruft
schon die bloße Ahnung von Gott, d. h. die natürliche Kenntnis der Gott-
heit, unfehlbar die Neigung und das Streben in uns hervor, ihn mehr als uns
selbst zu lieben. Ach, ich bitte dich, Theotimus: Der Wille, der ganz auf die
Liebe zum Guten ausgerichtet ist, wie könnte er bei einer auch nur gerin-
gen Kenntnis eines höchsten Gutes nicht doch eine, wenn auch nur gerin-
ge Neigung haben, es über alles zu lieben?
3. Unter allen Gütern, die nicht unendlich sind, wird unser Wille immer
dasjenige in seiner Liebe vorziehen, das ihm am nächsten liegt, vor allem
sein eigenes. Doch da ein so gewaltiger Abstand zwischen dem Unendli-
X, 10 197

chen und dem Endlichen besteht, wird unser Wille, der von einem unendli-
chen Gut weiß, ganz sicher davon in Bewegung versetzt, geneigt und ange-
trieben sein, die Freundschaft mit diesem Abgrund unendlicher Güte jeg-
licher anderen Liebe und auch der Liebe zu uns selbst vorzuziehen.
Vor allem aber ist diese Neigung so stark, weil wir mehr in Gott als in uns
selbst sind, weil wir mehr in Ihm, als in uns selbst leben (Apg 17,28) und so
sehr von Ihm, durch Ihn, für Ihn da sind und Ihm angehören, daß wir
ruhigen Sinnes nicht erwägen können, was wir dem unendlichen Gott sind
und was er uns ist, ohne uns gedrängt zu fühlen, auszurufen: „Herr, ich bin
Dein (Ps 118,94) und soll nur Dir gehören. Meine Seele ist Dein und soll
nur durch Dich leben. Mein Wille ist Dein und soll nur für Dich lieben.
Meine Liebe ist Dein und soll nur nach Dir streben. Ich muß Dich lieben
als meinen ersten Ursprung, denn von Dir komme ich; ich muß Dich lie-
ben als mein Ziel und meine Ruhe, denn für Dich bin ich da. Ich muß Dich
lieben mehr als mein eigenes Sein, denn dieses besteht nur durch Dich. Ich
muß Dich lieben mehr als mich selbst, weil ich ganz Dir gehöre und in Dir
bin.“

4. Gäbe es eine über alles erhabene Güte oder könnte es eine solche
geben, von der wir unabhängig wären, so würden wir auch angespornt wer-
den, sie mehr als uns selbst zu lieben, vorausgesetzt, wir könnten uns mit ihr
durch Liebe vereinigen. Ihre unendlichen Reize würden dann über alles
stark sein, um unseren Willen zu ihrer Liebe anzulocken, stärker als jede
andere Güte, stärker sogar als unsere eigene.
Gäbe es aber (was ja unmöglich ist) eine unendliche Güte, der wir in
keiner Weise angehörten und mit der wir keine Einheit und keine Verbin-
dung haben könnten, so würden wir sie sicher höher als uns selbst einschät-
zen. Denn wir würden erkennen, daß ihr durch ihre Unendlichkeit eine
höhere Achtung und Liebe zusteht als uns selbst. Wir könnten folglich
einfach wünschen, sie zu lieben, aber lieben im eigentlichen Sinn würden wir
sie nicht; denn Liebe zielt auf Vereinigung. Und noch weniger könnten wir
göttliche Liebe zu ihr hegen, weil göttliche Liebe doch Freundschaft ist,
Freundschaft aber nur gegenseitig sein kann, ist doch ihre Grundlage die
Verbindung und ihr Ziel das Einswerden.
Das sage ich für gewisse grillenhafte und eitle Menschen, die sich in
schwermütigen, auf sinnlosen Phantasien aufgebauten Gedanken ergehen,
die sie dann sehr niederdrücken.
198 X, 11

5. Wir hingegen, mein lieber Freund Theotimus, sehen wohl, daß wir
keine rechten Menschen sein können, haben wir nicht die Neigung, Gott
mehr als uns selbst zu lieben, und wir sind auch keine echten Christen,
setzen wir diese Neigung nicht in die Tat um. Lieben wir also mehr als uns
selbst den, der uns mehr als alles ist, und mehr, als wir selbst uns sind.
Amen. So ist es.

11. Kapitel
Die heilige Gottesliebe als Ursprung der Nächstenliebe.

1. So wie Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaf-
fen hat, hat er auch eine Liebe zu den Menschen geboten, nach dem Bild
und Gleichnis jener Liebe, die seiner Gottheit gebührt. „Du sollst,“ sprach
er, „den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen. Das ist das
erste und wichtigste Gebot. Ein zweites ist diesem gleich: Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37-39). Warum lieben wir Gott,
Theotimus? „Der Grund, warum wir Gott lieben,“ sagt der hl. Bernhard
(De dilig. Dei), „ist Gott selbst.“ Es ist, als wollte er sagen, wir lieben Gott,
weil er die höchste und unendliche Güte ist.
Warum lieben wir uns selbst in christlicher Liebe? Sicher, weil wir ein
Bild und Gleichnis Gottes sind. Nachdem aber alle Menschen diese gleiche
Würde besitzen, lieben wir sie auch wie uns selbst, nämlich als heilige, leben-
dige Abbilder Gottes. Denn als solche, Theotimus, gehören wir Gott an
und zwar durch eine so enge Verbundenheit mit ihm und in einer so lie-
benswerten Abhängigkeit von ihm, daß es uns keinerlei Schwierigkeiten
macht, ihn unseren Vater und uns seine Kinder zu nennen (1 Joh 3,1 f). Als
solche sind wir fähig, mit der Wesenheit Gottes durch den beseligenden
Besitz ihrer über alles erhabenen Güte und Seligkeit vereinigt zu werden.
Als solche empfangen wir seine Gnade und wird unser Geist seinem über-
aus heiligen Geist beigesellt und erhalten wir sozusagen Anteil an der
göttlichen Natur (2 Petr 1,4), wie der hl. Leo sagt (Sermo 12,1).
So bringt also dieselbe heilige Liebe, aus der die Akte der Gottesliebe
hervorgehen, in gleichem Maße Akte der Nächstenliebe hervor. Die Lei-
ter, die der Patriarch Jakob sah, berührte gleichzeitig Himmel und Erde
und diente den Engeln sowohl zum Herabsteigen wie zum Hinaufsteigen
X, 11 199

(Gen 28,12). So wissen wir auch, daß ein und dieselbe heilige Liebe die
Gottesliebe wie die Nächstenliebe in sich schließt. Sie hebt unseren Geist
hinauf zur Vereinigung mit Gott, um uns dann wieder zum liebreichen
Verkehr mit dem Nächsten zurückzuführen, jedoch so, daß wir den Nächs-
ten als Abbild und Gleichnis Gottes lieben, der dazu geschaffen ist, mit
der göttlichen Güte in Verbindung zu stehen, um teilzuhaben an Gottes
Gnade und um sich des Besitzes seiner Glorie zu erfreuen.
Theotimus, den Nächsten mit heiliger Liebe lieben, heißt Gott im Men-
schen oder den Menschen in Gott lieben; es heißt, Gott aus Liebe zu ihm
selbst und das Geschöpf aus Liebe zu Gott lieben.

2. Als der junge Tobias in Begleitung des Engels Rafael zu seinem Ver-
wandten Raguel kam, dem er jedoch unbekannt war, wandte sich Raguel,
wie die Heilige Schrift sagt, kaum daß er ihn erblickte, Hanna, seiner Frau
zu und sagte: „Sieh doch, wie sehr dieser junge Mann meinem Vetter
gleicht!“ Und kaum hatte er das gesagt, fragte er: „Woher kommt ihr,
junge Männer, meine lieben Brüder?“ Sie antworteten: „Wir sind vom
Stamme Naftali und gehören zu den Gefangenen in Ninive.“ Raguel sprach
zu ihnen: „Kennt ihr meinen Bruder Tobit?“ Sie erwiderten: „Wir kennen
ihn.“ Nachdem Raguel viel Gutes von ihm erzählt hatte, sagte der Engel
zu ihm: „Tobit, nach dem du dich erkundigt hast, ist der Vater von diesem
hier.“ Da fiel ihm Raguel um den Hals, küßte ihn unter Tränen, hielt ihn
weinend umschlungen und sagte: „Gesegnet seist du, mein Sohn, denn du
bist der Sohn eines guten, rechtschaffenen Mannes.“ Und die gute Frau
Hanna, die Frau des Raguel, und ihre Tochter Sara, weinten auch vor
zärtlicher Liebe (Tobit 7,1-8).
Fällt dir nicht auf, daß Raguel den jungen Tobias umarmt, ohne ihn zu
kennen, ihn liebkost, ihn küßt, aus Liebe ihn weinend umschlungen hält?
Woher kommt diese Liebe, wenn nicht aus seiner Liebe zum alten Tobit,
dem Vater, dem sein Kind so sehr glich? „Gesegnet seist du,“ sagt er.
Warum denn? Sicher nicht deswegen, weil du ein guter junger Mann bist,
denn das weiß ich noch gar nicht, sondern weil du der Sohn deines Vaters
bist und ihm ähnlich siehst, der ein ganz rechtschaffener Mann ist.

3. Wahrer Gott, Theotimus, wenn wir einen Mitmenschen sehen, der


nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist, sollten wir da nicht
einander sagen: Sieh doch dieses Geschöpf, wie sehr es dem Schöpfer gleicht?
200 X, 12

Sollten wir ihm nicht um den Hals fallen, ihn liebkosen und aus Liebe zu
ihm weinen? Sollten wir nicht tausend und abertausend Segnungen auf ihn
herabrufen? Und warum denn? Aus Liebe zu ihm? Nein, sicher nicht, da
wir nicht wissen, ob er in sich selbst der Liebe oder des Hasses würdig ist
(Koh 9,1). Ja warum denn sonst? O Theotimus, aus Liebe zu Gott, der ihn
nach seinem Bild und Gleichnis geformt und folglich fähig gemacht hat,
an seiner Güte in der Gnade und Glorie teilzunehmen. Ich sage: aus Liebe
zu Gott, von dem er stammt, dem er angehört, durch den, in dem und für
den er ist und dem er auf eine ganz besondere Weise ähnlich ist.
Und darum befiehlt die göttliche Liebe nicht nur oftmals die Liebe zum
Nächsten, sondern sie bringt sie hervor und verbreitet sie selbst im mensch-
lichen Herzen als ihrem Bild und Gleichnis. Denn so wie der Mensch das
Abbild Gottes ist, ebenso ist die heilige Liebe des Menschen zum Men-
schen ein wahres Abbild der himmlischen Liebe des Menschen zu Gott.
Doch die Liebe zum Nächsten würde eine eigene Abhandlung erfordern
und ich bitte den höchsten Liebhaber der Menschen, dies einem seiner
besten Diener einzugeben, denn der Gipfel der Liebe zur göttlichen Güte
des himmlischen Vaters besteht in der Vollkommenheit der Liebe zu un-
seren Brüdern und Gefährten.

12. Kapitel
Die Liebe als Quelle des Eifers.

1. Die Liebe strebt das Wohl dessen an, was sie liebt, indem sie entweder
ihr Wohlgefallen daran findet, wenn diese es bereits besitzt, oder es ihm
wünscht und zu verschaffen trachtet, wenn es dieses Wohl nicht besitzt.
Die Liebe bringt auch den Haß hervor, der sie das der geliebten Sache
entgegengesetzte Übel fliehen läßt. Sie tut das, indem sie das Übel von
ihm zu entfernen sucht oder es bekämpft, wenn es schon da ist, oder ab-
lenkt und sein Kommen verhindert, wenn es noch nicht da ist. Kann das
Übel nicht verhindert noch entfernt werden, so wird die Liebe zum min-
desten verursachen, daß dieses Übel gehaßt und verabscheut wird.
Ist also die Liebe so glühend, daß sie das beseitigen, entfernen und ab-
wenden will, was dem Gegenstand der Liebe entgegengesetzt ist, so nennt
X, 12 201

man sie Eifer. Demnach ist der Eifer eigentlich nichts anderes als die Liebe
in Glut, oder besser gesagt, die Glut der Liebe.
So wie die Liebe ist daher der Eifer, der deren Glut ist. Ist die Liebe gut,
so ist der Eifer gut, ist die Liebe schlecht, ist auch der Eifer schlecht.
2. Wenn ich vom Eifer spreche, will ich auch von der Eifersucht spre-
chen, denn die Eifersucht ist eine Art Eifer. Wenn ich mich nicht irre, so
ist der einzige Unterschied zwischen dem einen und der anderen, daß der
Eifer auf das gesamte Wohl des geliebten Gegenstandes sieht und darauf
aus ist, das ihm entgegengesetzte Übel zu entfernen, während die Eifer-
sucht auf das besondere Gut der Freundschaft gerichtet ist, um alles das
abzuweisen, was sich ihr entgegenstellt.
Wenn wir also weltliche, zeitliche Dinge, wie Schönheit, Ehren, Reich-
tümer, Würden brennend lieben, so endet die Glut dieser Liebe, der Eifer,
gewöhnlich im Neid. Diese niederen Dinge sind ja so geringfügig, privat,
beschränkt, begrenzt und unvollkommen, daß man sie nicht mehr voll
besitzen kann, sobald ein anderer sie bereits besitzt. Werden sie also an
viele ausgeteilt, so ist der Anteil eines jeden weniger vollkommen.
Wünschen wir uns aber insbesondere brennend, geliebt zu werden, so
wird der Eifer oder die Glut dieser Liebe zur Eifersucht. Die menschliche
Freundschaft ist nämlich zwar eine Tugend, es ist ihr aber trotzdem wegen
unserer Schwachheit diese Unvollkommenheit eigen, daß sie, auf mehrere
verteilt, den Anteil jedes einzelnen verringert. – Daher kann das brennen-
de Verlangen oder der Eifer, den wir haben, geliebt zu werden, es nicht
ertragen, daß wir Nebenbuhler oder Gefährten darin haben. Sobald wir
uns einbilden, solche zu haben, erwacht in uns sofort die Leidenschaft der
Eifersucht.
3. Die Eifersucht ist gewiß dem Neid in einigem ähnlich, unterscheidet
sich aber doch wieder sehr von ihm.
Erstens ist der Neid immer ungerecht, während die Eifersucht zuweilen,
solange sie mäßig bleibt, ihre Berechtigung hat. Haben denn zum Beispiel
verheiratete Leute nicht recht, zu verhindern, daß ihre Freundschaft eine
Verminderung oder Teilung erfahre?
Zweitens: Infolge des Neides betrüben wir uns darüber, daß der Nächste
mehr oder ebenso viel wie wir besitzt, obwohl er uns nichts von dem nimmt,
was wir haben. Darin liegt die Unvernunft des Neides, daß er uns glauben
macht, daß das Wohl des Nächsten für uns ein Übel sei. Die Eifersucht
hingegen ist keineswegs darüber betrübt, daß der Nächste etwas Gutes
202 X, 13

besitzt, wenn es nur nicht das unsere ist. Den Eifersüchtigen würde es
nicht ärgern, wenn sein Gefährte von anderen Frauen geliebt würde, wenn
es nur nicht von seiner eigenen Frau wäre. Eigentlich eifert man erst mit
einem Nebenbuhler, wenn man meint, die Freundschaft einer Person ge-
wonnen zu haben. Wenn sich vorher eine Leidenschaft bemerkbar macht,
ist das nicht Eifersucht, sondern Neid.
Drittens setzen wir keine Unvollkommenheit in dem voraus, den wir
beneiden, sondern im Gegenteil, wir glauben, daß er das Gut hat, um das
wir ihn beneiden. Hingegen setzen wir voraus, daß die Person, auf die wir
eifersüchtig sind, unvollkommen, unbeständig, verführbar und wankel-
mütig ist.
Viertens entspringt die Eifersucht aus der Liebe; der Neid aber rührt
von einem Mangel an Liebe her.
Fünftens kommt Eifersucht nur in Dingen der Liebe vor. Der Neid aber
erstreckt sich über alles, über Güter, Ehren, Gunstbezeugung, Schönheit.
Beneidet man manchmal jemand um die Liebe, die ihm entgegengebracht
wird, so geschieht dies nicht der Liebe wegen, sondern um der Früchte
willen, die von ihr abhängen. Einem Neidigen liegt wenig daran, daß der
Fürst seinen Gefährten liebt, wenn er nur nicht bei jeder Gelegenheit Gunst
und Gunsterweise empfängt.

13. Kapitel
W ie Gott mit uns eifer t.
eifert.

1. So spricht Gott: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott“ (Dtn
5,9). „Eiferer ist der Name des Herrn“ (Ex 20,5; 34,14). Gott ist also
eifersüchtig, Theotimus; aber worin besteht seine Eifersucht? Im ersten
Augenblick scheint sie eine Eifersucht des Begehrens zu sein, ähnlich der
Eifersucht der Männer auf ihre Frauen. Denn er will, wir sollen so sehr ihm
gehören, daß wir in keinerlei Weise irgendjemand anderem angehören. „Nie-
mand,“ sagt er, „kann zwei Herren dienen“ (Mt 6,24). Er verlangt „unser
ganzes Herz, unsere ganze Seele, unseren ganzen Geist, alle unsere Kräf-
te“ (Dtn 6,5; Mt 22,37).
Deswegen nennt er sich auch unseren Bräutigam und unsere Seelen sei-
ne Bräute, und jede Art der Abwendung von ihm nennt er Unzucht und
Ehebruch. Und sicher hat dieser große, einzig gute Gott recht, unser gan-
zes Herz in ganz vollkommener Weise für sich zu wollen. Unser Herz ist
X, 13 203

ja klein und kann nicht genug an Liebe hervorbringen, um die göttliche


Güte auf würdige Weise zu lieben. Ist es da nicht geziemend, daß es ihm
wenigstens die Liebe gibt, die es geben kann, wenn es schon unmöglich ist,
ihm alle Liebe zu schenken, wie es erforderlich wäre? Soll das Gut, das
über alles liebenswert ist, nicht über alles geliebt werden? Über alles lie-
ben heißt aber total lieben.

2. Dennoch ist die Eifersucht, die Gott auf uns hat, in Wirklichkeit keine
Eifersucht des Begehrens, sondern der höchsten Freundschaft; denn es
liegt nicht in seinem Interesse, daß wir ihn lieben, sondern in unserem.
Unsere Liebe bringt ihm keinen Nutzen, uns aber ist sie von großem Vor-
teil, und wenn sie ihm wohlgefällig ist, so ist es, weil sie für uns vorteilhaft
ist. Denn da er das höchste Gut ist, freut es ihn, sich durch seine Liebe
mitzuteilen, ohne daß ihm daraus irgendein Vorteil erwächst. Darum be-
klagt er sich über die Sünder und ruft gleichsam eifersüchtig aus: „Mich
ließen sie, den Quell lebendigen Wassers, Zisternen haben sie sich gegra-
ben, brüchige Zisternen, die kein Wasser zu halten vermögen“ (Jer 2,13).
Betrachte ein wenig, Theotimus, ich bitte dich, wie zart dieser göttliche
Liebhaber den Adel und die Hochherzigkeit seiner Eifersucht ausdrückt:
„Mich haben sie verlassen,“ sagt er, mich „die Quelle lebendigen Was-
sers“. Es ist, als wollte er sagen: Ich beklage mich nicht wegen eines Scha-
dens, der mir daraus erwachsen wäre, weil sie mich verlassen haben. Was
könnte es auch einer lebendigen Quelle schaden, wenn man kein Wasser
aus ihr schöpft? Wird sie deshalb aufhören, zu fließen und sich über die
Erde zu ergießen? Aber ich bedaure ihr Unglück, weil sie mich verließen,
um sich mit wasserlosen Brunnen zu begnügen. Wenn ich mir vorstellen
könnte, was ja unmöglich ist, daß sie einen anderen Brunnen lebendigen
Wassers gefunden hätten, würde ich es leicht ertragen, daß sie von mir
fortgegangen sind, denn ich will ja nichts anderes in ihrer Liebe als ihr
Glück. Aber daß sie mich verließen, um zugrundezugehen, daß sie von
mir fort sind, um sich in ihr Verderben zu stürzen, diese Narrheit setzt
mich in Erstaunen und schmerzt mich.
Aus Liebe zu uns will er also, daß wir ihn lieben. Wir können ja nicht
aufhören, ihn zu lieben, ohne anzufangen, verlorenzugehen. Alles, was wir
ihm an Liebe entziehen, ist für uns verloren.

3. „Wie ein Siegel lege mich auf dein Herz, auf deinen Arm wie ein Siegel,“
sagte der göttliche Hirte zu Schulammit (Hld 8,6). Schulammits Herz war
204 X, 13

voll der himmlischen Liebe zu ihrem Vielgeliebten. Dieser aber ist nicht
zufrieden damit, obwohl er alles hat, sondern aus einem heiligen Mißtrau-
en der Eifersucht will er auch noch auf dem Herzen thronen, das er besitzt,
und will selbst dessen Siegel sein, damit nichts von der Liebe, die für ihn
darin ist, daraus entweiche und damit nichts eindringe, was sich mit dieser
Liebe vermengen könnte. Denn die Liebe, von der Schulammits Seele
erfüllt ist, befriedigt ihn nicht restlos, wenn sie nicht unveränderlich, ganz
lauter ist und ganz einzig ihm gehört.
Und um sich nicht nur an der Liebe unseres Herzens zu erfreuen, son-
dern auch an dem Wirken und an den Handlungen unserer Hände, will er
auch noch wie ein Siegel auf unserem rechten Arm sein, auf daß er sich nur
nach Werken, die seinem Dienst gewidmet sind, ausstrecke und nur dazu
verwendet werde. Und der Grund für dieses Verlangen des göttlichen Lieb-
habers ist der (Hld 8,6): Wie der Tod so stark ist, daß er die Seele von
allem, ja selbst von ihrem Leib trennt, so macht auch die heilige Liebe,
wenn sie diesen Grad des Eifers erreicht hat, die Seele von allen anderen
Zuneigungen los, trennt sie und läutert sie von jeder Vermengung.
4. Sie ist nämlich nicht nur so „stark wie der Tod“, sondern sie ist auch
herb, unerbittlich, hart und ungestüm, das Unrecht zu bestrafen, das man
ihr antut, wenn man mit ihr Nebenbuhler einläßt, wie die Hölle gewalttätig
ist, die Verdammten zu züchtigen. Und so wie die Hölle, voll des Grauens,
der Wut und der Bosheit keine Spur von Liebe in sich duldet, so duldet
auch die eifersüchtige Liebe keine Beimischung anderer Liebesneigungen,
sondern will, daß alles dem Vielgeliebten gehöre.
Nichts ist so sanft wie der Tauber, aber auch nichts so ungestüm wie er
gegen seine Taube, wenn er durch irgendeine Eifersucht gereizt ist. Wenn
du jemals darauf geachtet hast, Theotimus, wirst du gesehen haben, daß
dieses gutmütige Tier, wenn es von seinem Flug zurückkehrt und seine
Taube unter anderen Taubern sieht, sich nicht zurückhalten kann, Miß-
trauen zu empfinden und dadurch verärgert und wunderlich zu werden.
Zuerst kreist er um sie herum, vor sich hinbrummelnd, trotzig dahertrip-
pelnd, dann schlägt er sie mit seinen Flügeln, obwohl er weiß, daß sie treu
ist, und sie ganz rein in ihrer Unschuld sieht.
Eines Tages befand sich die hl. Katharina von Siena in einer Entrückung,
ohne dabei den Gebrauch der Sinne zu verlieren. Während Gott sie nun
seine Wunder sehen ließ, ging einer ihrer Brüder an ihr vorüber. Das Ge-
X, 13 205

räusch, das er dabei machte, zerstreute sie, so daß sie sich umwandte, um
ihn einen kleinen Augenblick anzusehen. Diese kleine unversehens zuge-
stoßene Zerstreuung war weder Sünde noch Unvollkommenheit, sondern
bloß ein Schatten von Sünde, bloß ein Bild von Unvollkommenheit. Trotz-
dem tadelte sie die heiligste Mutter ihres himmlischen Bräutigams so stark
und der glorreiche hl. Paulus beschämte sie deswegen so sehr, daß sie
glaubte, in Tränen zu vergehen.
Und wie wurde David, nachdem er durch die vollkommene Liebe die
Gnade wiedergewonnen hatte, einer einzigen läßlichen Sünde wegen be-
handelt, die er dadurch beging, daß er sein Volk zählen ließ (2 Sam 24)?

5. Wer aber, Theotimus, diese Eifersucht in zarter und ausgezeichneter


Weise beschrieben sehen will, der lese die Belehrungen der serafischen hl.
Katharina von Genua über die Eigenschaften der reinen Liebe, unter wel-
chen sie folgende besonders nachdrücklich hervorhebt (Anon., Vita S.
Cath. 18 u. 37): Die vollkommene Liebe, d. h. die zum Eifer gewordene
Liebe kann die Einmischung, das Dazwischentreten oder die Beimengung
irgendwelcher anderer Dinge nicht dulden, nicht einmal der Gaben Got-
tes. Sie gestattet nicht einmal, daß man das Paradies liebe, außer um die
Güte dessen vollkommener zu lieben, dessen Geschenk es ist. Die Lam-
pen dieser reinen Liebe haben kein Öl, keinen Docht, keinen Rauch, sie
sind ganz Feuer und Flamme, das nichts auf der Welt auszulöschen ver-
mag (Hld 8,6 f).

6. Jene, die diese brennenden Lampen in Händen tragen (Lk 12, 35),
sind von der heiligen Furcht keuscher Bräute ergriffen, nicht aber von der
Angst ehebrecherischer Frauen. Diese fürchten und jene fürchten, aber auf
verschiedene Weise, sagt der hl. Augustinus (zu Ps 127 §3). Die keusche
Braut fürchtet die Abwesenheit ihres Bräutigams, die Ehebrecherin des-
sen Anwesenheit. Jene fürchtet, daß er fortgehe, und diese fürchtet, daß er
bleibe; jene ist so voll der Liebe, daß sie ganz eifersüchtig auf ihn ist, diese
ist keineswegs eifersüchtig, weil sie nicht liebt. Diese fürchtet, bestraft zu
werden, und jene fürchtet, nicht genug geliebt zu werden. Doch in Wahr-
heit fürchtet sie nicht wirklich, nicht genug geliebt zu werden, wie die
anderen Eifersüchtigen, die sich selbst lieben und geliebt sein wollen. Sie
fürchtet vielmehr, jenen nicht genug zu lieben, den sie als so überaus lie-
benswürdig erkennt, daß ihn niemand mit dem Maß an Liebe zu lieben
imstande ist, das er verdient (wie ich schon oben gesagt habe). Es ist darum
206 X, 14

keine selbstsüchtige, sondern eine reine Eifersucht, die aus keiner Begier-
lichkeit entspringt, sondern aus einer edlen und einfachen Freundschaft.
Es ist eine Eifersucht, die sich dann auch über den Nächsten erstreckt
und der Liebe zu diesem entspringt. Da wir den Nächsten um Gottes wil-
len so wie uns selbst lieben, sind wir auch um Gottes willen (2 Kor 11,2)
eifersüchtig auf ihn, so wie wir es für uns selbst sind, so daß wir sogar
sterben würden, um ihn vor dem Verderben zu retten.
7. Da der Eifer eine entflammte Glut oder eine brennende Flamme der
Liebe ist, ist es nötig, daß er weise und klug in die Tat gesetzt werde. Sonst
könnte es geschehen, daß man unter dem Vorwand des Eifers die Grenzen
der Bescheidenheit oder des Taktes verletzt. Es könnte leicht geschehen,
daß man vom Eifer zum Zorn übergeht und von einer rechtmäßigen Zu-
neigung zu einer bösen Leidenschaft. Nachdem hier nicht der Platz ist,
mein Theotimus, die Bedingungen eines heiligen Eifers darzulegen, ma-
che ich dich darauf aufmerksam, daß du bei dessen Ausübung dich immer
von demjenigen beraten lassen sollst, den Gott dir zum Führer für dein
religiöses Leben gegeben hat.

14. Kapitel
Eifer für unseren Herrn oder Eifersucht.

1. Ein Ritter bestellte bei einem berühmten Maler ein Gemälde, das ein
Pferd im Lauf darstellen sollte. Der Maler verfertigte es, reichte es ihm
dann aber verkehrt hin, so daß es aussah, als würde sich das Pferd am
Boden wälzen. Darüber geriet der Ritter in Zorn. Da kehrte der Maler es
um und sagte: „Ärgern Sie sich nicht. Um die Stellung eines laufenden
Pferdes in die eines sich wälzenden umzuwandeln, genügt es, das Gemäl-
de umzudrehen.“
Wer genau sehen will, Theotimus, welchen Eifer oder welche Eifersucht
wir Gott gegenüber an den Tag legen sollen, dem muß man wohl die Eifer-
sucht genau schildern, die wir bei menschlichen Dingen haben, dann aber
das Gesagte umkehren, denn das ist dann die Eifersucht, die Gott von uns
für sich verlangt.
2. Vergleiche einmal solche, die sich des Lichtes der Sonne erfreuen, mit
solchen, die sich mit dem matten Licht einer Lampe begnügen müssen.
Die einen sind nicht neidig und nicht eifersüchtig aufeinander, weil sie
wissen, daß das Licht der Sonne sehr gut für alle ausreicht, daß der Genuß,
den der eine daran hat, den Genuß des anderen nicht verhindert und daß
X, 14 207

der einzelne, obwohl alle sie gemeinsam besitzen, nicht weniger besitzt,
als wenn er sie allein nur für sich hätte. Das Lampenlicht aber will jeder in
seinem Zimmer haben, weil es eben schwach, begrenzt und ungenügend
für mehrere ist. Und wer es hat, wird von den anderen beneidet. Die Güte
der irdischen Dinge ist so armselig und gering, daß der eine sie nicht genie-
ßen kann, ohne daß der andere dadurch beraubt wird. Menschliche Freund-
schaft ist von so kurzer Dauer und so schwach, daß sie sich in dem Maße,
als sie sich den einen mitteilt, anderen gegenüber entkräftet. Deshalb sind
wir eifersüchtig und ärgern uns, wenn wir Nebenbuhler und Gefährten
darin haben.
Das Herz Gottes ist so überfließend reich an Liebe, das Gute in ihm ist
derart unendlich, daß alle es besitzen können, ohne daß der einzelne da-
durch weniger besitzt. Diese Unendlichkeit an Güte kann nicht ausge-
schöpft werden, wenn sie auch alle Geister des Weltalls erfüllt. Nachdem
alles in überreichem Maße damit beschenkt ist, verbleibt Gott doch ihre
ganze Unendlichkeit, ohne irgendeine Verminderung. Die Sonne ergießt
ihr Licht auf eine Rose und tausend Millionen anderer Blumen nicht an-
ders, als würde sie nur allein auf diese Rose scheinen. Und Gott ergießt
seine Liebe auf eine Seele nicht weniger – wenn er auch eine Unzahl ande-
rer liebt –, als liebte er nur sie allein. Die Kraft seiner Liebe nimmt nicht
ab durch die Menge der Strahlen, die sie aussendet, sondern sie bleibt
immer voll von ihrer Unermeßlichkeit.
3. Worin besteht aber dann der Eifer oder die Eifersucht, die uns für die
göttliche Güte erfüllen soll? Theotimus, das erste, wozu diese Eifersucht
anfacht, ist, soweit man kann, alles zu hassen, zu fliehen, zu verhindern, zu
verabscheuen, zu verwerfen, zu bekämpfen und zu überwinden, was Gott,
d. h. seinem Willen, seiner Ehre und der Heiligung seines Namens entgegen-
gesetzt ist.
„Ich hasse die Ungerechtigkeit und verabscheue sie,“ sagt David (Ps
119,163). „Soll ich nicht hassen, die Dich hassen, o Herr, soll ich nicht vor
Leid verschmachten wegen Deiner Feinde?“ (Ps 139,21). „Mein Eifer zehrt
mich auf, weil meine Bedränger auf Dein Wort vergessen“ (Ps 119,139).
„Jeden Morgen bringe ich zum Schweigen alle Frevler im Land, um so aus
der Stadt des Herrn alle Bösen zu verbannen“ (Ps 101,8). Sieh doch, Theo-
timus, von welchem Eifer dieser große König beseelt ist und wie er die
Leidenschaften seiner Seele in den Dienst der heiligen Eifersucht stellt. Er
haßt nicht nur die Ungerechtigkeit, sondern er verabscheut sie auch, er
verschmachtet vor Leid bei ihrem Anblick, Schwäche und Ohnmacht des
208 X, 14

Herzens überfällt ihn, er verfolgt sie, er schmettert sie zu Boden und rottet
sie aus. So wurde Pinhas (Num 25,8) von heiligem Eifer erfaßt und durch-
bohrte mit einer Lanze den schamlosen Israeliten und die schändliche
Midianiterin, die er bei ihrer Zuchtlosigkeit ertappt hatte. Der nämliche
Eifer verzehrte das Herz unseres Erlösers und veranlaßte ihn, die unehrer-
bietigen Käufer und Verkäufer aus dem Tempel zu entfernen und die Ent-
heiligung zu bestrafen, die sie ihm zugefügt hatten (Joh 2,14-17).

4. Der Eifer macht uns zweitens brennend vor Eifersucht für die Reinheit
der Seelen, der Bräute Jesu Christi, gemäß dem Wort des Apostels an die
Korinther: „Ich bin für euch mit göttlicher Eifersucht beseelt, denn ich
habe euch einem Mann verlobt, um euch als reine Jungfrauen Christus
zuzuführen“ (2 Kor 11,2).
Elieser wäre sicher sehr zur Eifersucht aufgestachelt worden, hätte er
die keusche, schöne Rebekka, die er dem Sohn seines Herrn als Braut
zuführte, in irgendeiner Gefahr gesehen, ihre Keuschheit zu verlieren. Er
hätte zu diesem heiligen Mädchen sagen können: Ich bin eifersüchtig auf
dich mit der Eifersucht meines Herrn, denn ich habe dich einem Mann
verlobt, um dich als keusche Jungfrau dem Sohn meines Herrn Abraham
zuzuführen.
So will auch der glorreiche hl. Paulus den Korinthern sagen: Ich bin von
Gott zu euren Seelen gesandt, um den ewigen Bund der Vermählung zwi-
schen seinem Sohn, unserem Erlöser, und euch zu schließen; ich habe
euch ihm verlobt, um euch als keusche Jungfrau diesem göttlichen Bräuti-
gam zuzuführen. Deshalb bin ich eifersüchtig auf euch, nicht mit meiner
Eifersucht, sondern mit der Eifersucht Gottes, in dessen Namen ich um
euch geworben habe.
Diese Eifersucht war es, Theotimus, deretwegen sich der heilige Apostel
Tag für Tag verzehrte und erschöpfte: „Tag für Tag schwebe ich in Todesge-
fahr, um eures Ruhmes willen“ (1 Kor 15,31). „Wer wird schwach, ohne
daß ich schwach werde? Wer nimmt Anstoß, ohne daß ich in Glut gerate?“
(2 Kor 11,29).
Schaut, sagten die Alten, welche Liebe, welche Sorge, welche Eifersucht
eine Henne für ihre Küchlein hat (denn der Herr hielt diesen Vergleich
nicht für unwürdig, in seine Frohbotschaft aufgenommen zu werden). So-
lange die Henne nicht Mutter ist, ist sie ein recht furchtsames Tier ohne
allen Edelmut. Sobald sie aber Mutter geworden ist, hat sie ein Löwen-
herz; immer trägt sie den Kopf hoch, immer späht sie nach allen Seiten, ob
X, 15 209

nicht von irgendwo die geringste Gefahr für ihre Kleinen droht. Es gibt
keinen Feind, dem sie sich nicht entgegenstürzt, um ihre liebe Brut zu
verteidigen. Ständig ist sie in Sorge um sie und läuft gluckend und klagend
um sie herum. Kommt eines ihrer Küchlein ums Leben, – welch ein
Schmerz, welch ein Zorn!
Das ist die Eifersucht der Väter und Mütter für ihre Kinder, der Hirten für
ihre Schäflein, der Brüder für ihre Brüder. Wie ereiferten sich die Söhne
Jakobs, als sie erfuhren, daß Dina geschändet worden war (Gen 34)! Wel-
cher Eifer beseelte Ijob, als er fürchtete, daß seine Kinder Gott beleidigen
könnten (Ijob 1,5)! Welchen Eifer hatte der hl. Paulus für seine „Brüder
dem Fleische nach“ und für die, die in Gott seine Kinder waren, für wel-
che er „sogar mit dem Fluch beladen fern von Christus zu sein wünschte“
(Röm 9,3)! Welchen Eifer hatte Mose für sein Volk, für das er bereit war,
lieber selbst aus dem Buch des Lebens gestrichen zu werden (Ex 32,32)!

5. Drittens: Bei menschlicher Eifersucht fürchten wir, daß der geliebte


Gegenstand von jemand anderem in Besitz genommen werden könnte.
Der Eifer, den wir für Gott haben, bewirkt aber im Gegenteil, daß wir mehr
als alles fürchten, nicht ganz und gar von Gott in Besitz genommen zu sein.
Die menschliche Eifersucht läßt uns fürchten, nicht genug geliebt zu wer-
den; das Leid der christlichen Eifersucht aber ist, selbst nicht genug zu
lieben. Darum rief die heilige Schulammit aus: „Vielgeliebter meiner See-
le, künde mir: Wo läßt du lagern am Mittag? Ich möchte nicht herumirren
bei den Herden deiner Genossen“ (Hld 1,7). Sie fürchtet, ihrem Hirten
nicht ganz und gar anzugehören und sich auch nur in etwa mit denen
abzugeben, die seine Nebenbuhler sein wollen. Denn sie will um nichts in
der Welt, daß Vergnügen, Ehren und äußere Güter auch nur eine Faser
ihrer Liebe für sich in Anspruch nehmen, da sie diese ganz ihrem gelieb-
ten Erlöser geweiht hat.

15. Kapitel
Ratschläge für die Lenkung des heiligen Eifers.

1. Da der Eifer eine brennende, heftige Liebe ist, bedarf er der weisen
Lenkung; sonst würde er leicht die Grenzen der Bescheidenheit und des
Taktes überschreiten. Nicht als ob die Liebe zu Gott je übertrieben werden
könnte, sei es in sich selbst, sei es in ihren Regungen, sei es in den Neigun-
gen, die sie im Geist auslöst. Sie bedient sich aber zur Ausführung ihrer
210 X, 15

Pläne des Verstandes, den sie beauftragt, die Mittel ausfindig zu machen,
die zum Erfolg führen, ferner der Kühnheit oder des Zornes, um die Schwie-
rigkeiten zu überwinden, die sich in den Weg stellen. So geschieht es denn
oft, daß der Verstand zu schwere und gewaltsame Wege vorschlägt und
ergreifen läßt und daß der Zorn oder die Kühnheit, wenn sie einmal in
Bewegung gesetzt sind, sich nicht mehr in den Grenzen der Vernunft halten
können und das Herz in Unordnung versetzen. Der Eifer wird dann in
taktloser und ungeordneter Weise ausgeübt, wodurch er schlecht und ta-
delnswert wird.
2. David entsandte Joab mit seiner Armee gegen seinen treulosen und
abtrünnigen Sohn Abschalom; doch verbot er ihm streng, irgendwie Hand
an ihn zu legen, ja er befahl ihm, unter allen Umständen dafür zu sorgen,
daß er gerettet werde. Joab aber tötete, vom Sieg berauscht, mit eigener
Hand den armen Abschalom, ohne das alles zu beachten, was der König
ihm gesagt hatte (2 Sam 18,5.14).
So bedient sich der Eifer des Zornes, um das Böse zu bekämpfen, und
trägt ihm immer ganz ausdrücklich auf, zwar die Missetat und die Sünde
zu vernichten, den Sünder und Missetäter aber womöglich zu retten. Ist
aber der Zorn einmal in Harnisch geraten, so gleicht er einem hartmauligen
und hitzigen Roß, das seinem Reiter durchgeht, über die Schranken hin-
ausstürmt und erst innehält, wenn ihm der Atem ausgeht. Der gute Haus-
vater, den der Herr im Evangelium beschreibt, wußte wohl, daß eifrige
und heftige Diener für gewöhnlich die Absicht ihres Herrn überschreiten.
Als sich darum die Seinen anboten, sein Feld zu jäten, um das Unkraut
auszureißen, sagte er ihnen: „Nein, ich will es nicht, ihr möchtet sonst
beim Sammeln des Unkrautes zugleich auch den Weizen ausreißen“ (Mt
13,29).
3. Der Zorn, Theotimus, ist sicher ein tüchtiger, tapferer und sehr unter-
nehmender Diener, der vieles zu bewerkstelligen vermag. Aber er ist so
hitzig, so unruhig, so unüberlegt und wild, daß er für gewöhnlich nichts
Gutes tut, ohne gleichzeitig viel Übles anzurichten.
Die Landwirte sagen, es sei nicht günstig, sich Pfaue im Hause zu halten,
denn wenn sie auch Jagd auf Spinnen machen und die Wohnräume davon
freihalten, so ruinieren sie doch dermaßen die Dächer, daß der Nutzen,
den man von ihnen hat, weit übertroffen wird von dem Schaden, den sie
anrichten.
Die Natur hat den Zorn der Vernunft zur Hilfe gegeben und die Gnade
verwendet ihn im Dienst des Eifers zur Ausführung ihrer Pläne, doch ist er
X, 15 211

eine gefährliche und wenig wünschenswerte Hilfe. Denn wenn er stark wird,
spielt er sich zum Herrn auf, stürzt die Autorität der Vernunft und die von
Liebe getragenen Gesetze des Eifers. Ist er aber schwach, so tut er nichts,
was der Eifer allein, ohne ihn, nicht auch tun würde. Dabei muß man aber
immer die berechtigte Furcht haben, daß er, erstarkt, sich des Herzens
und des Eifers bemächtigt, sie seiner Tyrannei unterwirft, so wie ein Feu-
erwerk in einem Augenblick ein Gebäude in Flammen setzt, und niemand
weiß, wie man es löschen kann. Es ist ein Verzweiflungsakt, wenn man in
einen Platz fremde Hilfstruppen hineinlegt, die die Oberhand gewinnen
können.
Die Eigenliebe betrügt uns oft und führt uns auf Irrwege, indem sie ihre
eigenen Leidenschaften unter dem Deckmantel des Eifers ins Werk setzt.
Wohl hat sich zuweilen der Eifer des Zornes bedient, dafür bedient sich
jetzt der Zorn des Namens „Eifer“, um damit seine schändlichen Aus-
schreitungen zu decken. Ich sage, er bedient sich des Namens Eifer, denn
des Eifers selbst kann er sich nicht bedienen, ist es doch Eigenart aller
Tugenden und insbesondere der Liebe, aus der der Eifer entspringt, „so gut
zu sein, daß niemand sie mißbrauchen kann“ (Aristot. Magna Moralia,
2,7).

4. Einst kam ein berüchtigter Sünder und warf sich einem guten, würdi-
gen Priester zu Füßen, indem er mit großer Unterwürfigkeit bekannte, er
komme, das Heilmittel für seine Übel zu suchen, d. h. die heilige Losspre-
chung von seinen Fehlern zu empfangen. Ein Mönch namens Demophilus
aber war der Ansicht, dieser arme bußfertige Sünder wage sich allzu nahe
an den Altar heran, und geriet darüber in einen so heftigen Zorn, daß er
sich blindlings auf ihn stürzte, ihn mit Fußtritten behandelte, ihn stieß,
davonjagte und in verletzender Weise auch den Priester beschimpfte, der
den Reuigen gütig aufgenommen hatte, wie es seine Pflicht war. Dann eilte
er zum Altar und entfernte von diesem alle heiligen Geräte, die sich dar-
auf befanden, und trug sie fort, angeblich, weil die Stätte durch die Anwe-
senheit des Sünders entheiligt worden sei. Er ließ es nicht bei diesem
Unternehmen seines Eifers bewenden, sondern teilte das ganze voll Be-
geisterung dem großen hl. Dionysius dem Areopagiten in einem Brief mit.
Der große Schüler des hl. Paulus gab ihm eine ausgezeichnete Antwort,
die ein würdiger Ausdruck seines apostolischen Geistes ist. Er ließ ihn
klar erkennen, daß sein Eifer taktlos, unklug und frech war. Wenn auch
der Eifer für die den heiligen Dingen schuldige Ehre gut und lobenswert
212 X, 15

sei, so habe er ihn doch ganz gegen alle Vernunft, ohne alle Überlegung
und urteilslos angewendet, denn er habe sich an einem Ort und gegen
Personen, die er ehren, lieben und achten sollte, Fußtritte, Beleidigungen,
Schmähungen und Vorwürfe erlaubt. Dieser Eifer könne nicht gut sein,
nachdem er in so unordentlicher Weise ausgeübt worden sei.
In der gleichen Antwort (Epist. VIII. ad Demophilum) bringt der Heili-
ge ein denkwürdiges Beispiel heftigen Eifers einer zuvor guten aber durch
ihre Zornesausbrüche verunstalteten und geschädigten Seele.
Ein Heide hatte einen neubekehrten Christen aus Kandia dazu verleitet,
wieder zum Götzendienst zurückzukehren. Darüber geriet Carpus, ein
durch Reinheit und Heiligkeit des Lebens hervorragender Mann, der aller
Wahrscheinlichkeit nach Bischof von Kandia gewesen ist, in einen hefti-
gen Zorn, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Er ließ sich von dieser
Leidenschaft so hinreißen, daß er, als er um Mitternacht aufstand, um
nach seiner Gewohnheit zu beten, bei sich überlegte, es sei doch nicht
vernünftig, daß derart gottlose Menschen weiterlebten. In seiner großen
Empörung bat er die göttliche Gerechtigkeit, durch einen Blitzstrahl bei-
de Sünder auf einmal zu töten, den heidnischen Verführer und den ver-
führten Christen.
Aber höre, Theotimus, was Gott tat, um die Härte der Leidenschaft zu
mildern, von welcher der arme Carpus so heftig erfaßt war. Erstens ließ er
ihn, wie einen zweiten hl. Stephanus (s. Apg 7,55) den Himmel offen und
Jesus Christus auf einem hohen Thron sitzen sehen, von einer Schar Engel
umgeben, die ihn in menschlicher Gestalt umstanden. Dann sah er unten
die Erde offen und einen schaurigen weiten Abgrund, an dessen Rand die
zwei in die Irre Gegangenen, denen er soviel Übles gewünscht hatte, zit-
ternd und vor Schrecken fast vergehend standen, weil sie daran waren,
hinabzustürzen. Auf der einen Seite waren eine Menge Schlangen, die aus
dem Abgrund hervorkrochen, sich um ihre Beine ringelten und mit ihren
Schwänzen kitzelten, um sie zu Fall zu bringen; auf der anderen Seite
waren Menschen, die sie stießen und schlugen, damit sie fallen sollten. So
schienen sie daran zu sein, in den Abgrund hinabzustürzen.
Stelle dir nun vor, mein Theotimus, wie heftig die Leidenschaft des Car-
pus war. Wie er selbst dem hl. Dionysius erzählte, achtete er nicht darauf,
den Herrn und die Engel im Himmel zu betrachten; er fand zu viel Ver-
gnügen daran, sich die furchtbare Lage anzusehen, in der sich die beiden
armseligen Schuldbeladenen befanden, und ärgerte sich nur darüber, daß
es so lange dauerte, bis sie zugrundegingen, und deshalb versuchte er selbst,
X, 15 213

sie hinabzuschleudern. Da er es aber doch nicht so schnell zu tun ver-


mochte, wie er wollte, geriet er in Zorn und verfluchte die beiden, bis er
endlich seine Augen zum Himmel erhob. Da sah er den sanften und erbar-
mungsreichen Herrn, der von tiefstem Mitleid ergriffen über das, was sich
da zutrug, sich von seinem Thron erhob und bis zu jenem Ort hinabstieg,
wo sich die beiden Armen befanden, ihnen seine hilfreiche Hand reichte,
während Engel kamen und sie an beiden Seiten hielten, um sie zu hindern,
in den furchtbaren Abgrund zu stürzen. Zum Schluß wandte sich der lie-
bevolle, gütige Jesus an den zornigen Carpus und sagte: „Schlage jetzt los
auf mich, denn ich bin bereit, noch einmal zu leiden, um die Menschen zu
retten. Ich würde es gern tun, wenn es ohne Sünde anderer Menschen
geschehen könnte. Aber überlege dir, was besser für dich wäre, in diesem
Abgrund mit den Schlangen zu sein, oder bei den Engeln zu wohnen, die
so große Freunde der Menschen sind.“
Sieh, Theotimus, es war recht von dem gottesfürchtigen Carpus, sich
wegen der beiden Menschen zu ereifern, und mit Recht hatte ihn sein
Eifer in Zorn über die beiden geraten lassen. Doch der in Wallung ge-
ratene Zorn hatte Vernunft und Eifer drangegeben, alle Schranken und
Grenzen der heiligen Liebe und folglich auch des Eifers, der ja die Glut
der Liebe ist, durchbrochen und den Haß gegen die Sünde in einen Haß
gegen den Sünder und gütige Liebe in wütende Grausamkeit verwandelt.
5. Es gibt Menschen, die glauben, man könne nicht viel Eifer haben, wenn
man nicht in großen Zorn gerät. Sie meinen, nichts in Ordnung bringen zu
können, ohne daß sie alles zerschlagen. In Wahrheit aber ist es so, daß sich
der wahre Eifer fast nie des Zornes bedient. Wie man bei Kranken nur im
äußersten Notfall, wenn nichts anderes mehr hilft, Eisen und Feuer an-
wendet, so bedient sich der heilige Eifer nur im äußersten Notfall des
Zornes.
214 X, 16

16. Kapitel
Das Beispiel einiger Heiliger
Heiliger,, die sich scheinbar in ihrem Eifer vom
Zorn hinreißen ließen, widerspricht nicht dem Gesagten.

1. Es ist sicher wahr, mein Freund Theotimus, daß mehrere große Diener
Gottes wie Mose (Ex 32,19-29), Pinhas (Num 25,7-11), Elija (1 Kön 18,40;
2 Kön 1,10-12), Mattatias (1 Mak 2,24-26), sich des Zornes bei vielen
wichtigen Gelegenheiten bedienten, um ihren Eifer zu betätigen. Aber be-
denke bitte auch, daß das große Persönlichkeiten waren, die es verstanden,
ihre Leidenschaften zu zügeln und ihren Zorn zu lenken, gleich jenem
tapferen Hauptmann des Evangeliums (Mt 8,9), der zu seinen Soldaten
sagte: „Geht!“ und sie gingen; „Kommt!“ und sie kamen. Wir aber, die wir
fast alle kleine Leute sind, wir haben nicht so viel Macht über unsere
Regungen. Unser Roß ist nicht so gut dressiert, daß wir es antreiben und
dann auch wieder nach unserem Belieben zurückhalten können.
Die klugen und gut abgerichteten Hunde laufen querfeldein und kehren
wieder auf ihrer eigenen Spur zurück, je nach dem Zuruf des Jägers, die
jungen Hunde aber, die erst abgerichtet werden müssen, verirren sich leicht
und sind unfolgsam. Die großen Heiligen, die ihre Leidenschaften dadurch
zu brauchbaren Kräften machten, daß sie sie durch Tugendübungen abtö-
teten, haben auch ihren Zorn in der Hand, können ihn loslassen und auch
wieder zurückziehen, wie es ihnen gutdünkt. Aber wir anderen, die wir
ungezügelte Leidenschaften haben, ganz junge oder wenigstens schlecht
dressierte, wir können unseren Zorn nur loslassen auf die Gefahr hin, große
Unordnung anzurichten, denn ist er einmal ins Feld gezogen, so kann man
ihn weder zurückhalten, noch ihn so lenken, wie es erforderlich wäre.

2. Als der hl. Dionysius mit jenem Demophilus sprach, der seine Wut
und seinen Zorn mit dem Namen Eifer bezeichnen wollte (s. vorhergehen-
des Kap.), sagte er zu ihm: „Wer andere bessern will, muß zuerst verhüten,
daß der Zorn die Vernunft von dem ihr von Gott verliehenen Thron und
von der Herrschaft in der Seele vertreibe und im eigenen Innern Empö-
rung, Aufruhr und Verwirrung hervorrufe. Daher können wir deine Hef-
tigkeiten, zu denen taktloser Eifer dich getrieben hat, nicht gutheißen,
wenn du auch tausendmal Pinhas und Elija im Mund führst. Denn Worte
X, 16 215

dieser Art mißfielen Jesus, als sie von seinen Jüngern ausgesprochen wur-
den, bevor sie den sanften, gütigen Geist empfangen hatten.“
Als Pinhas sah, daß ein unglücklicher Israelit Gott mit einer Midianiterin
beleidigte, tötete er sie beide (Num 25,7-11). Elija hatte den Tod des Ahas-
ja vorhergesagt, der, erzürnt über diese Vorhersage, zwei Hauptleute, ei-
nen nach dem anderen, mit je fünfzig Soldaten absandte, um ihn gefangen-
zunehmen; Elija ließ Feuer vom Himmel fallen, um sie zu verzehren (2
Kön 1,10-12). Als unser Herr eines Tages durch Samaria zog, sandte er
Jünger in eine Stadt, um eine Unterkunft zu besorgen; allein die Bewoh-
ner, die wußten, daß der Herr Jude und auf dem Weg nach Jerusalem war,
wollten ihn nicht beherbergen. Als dies die Jünger Jakobus und Johannes
wahrnahmen, sagten sie zum Herrn: „Herr, sollen wir nicht Feuer vom
Himmel herabrufen, daß es sie verzehre?“ Der Herr aber wandte sich um
und verwies es ihnen mit den Worten: „Ihr wißt nicht, wes Geistes Kinder
ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Seelen zu verderben,
sondern zu retten“ (Lk 9,52-56).
Das ist es, Theotimus, was der hl. Dionysius dem Demophilus sagen
will, der sich auf das Beispiel des Phinees und des Elija berief. Denn der hl.
Johannes und der hl. Jakobus, die Elija nachahmen und Feuer vom Him-
mel über die Menschen herabrufen wollten, erhielten vom Herrn einen
Verweis, der ihnen begreiflich machen sollte, daß sein Geist und sein Ei-
fer sanft, gütig und liebenswürdig ist, daß er Unwillen und Zorn nur ganz
selten anwendet, und zwar nur, wenn es ganz aussichtslos ist, durch andere
Mittel zum Ziel zu kommen.
3. Als der hl. Thomas von Aquin, diese große Leuchte der Gottesge-
lehrtheit, an seiner Todeskrankheit im Zisterzienserkloster von Fossanuova
darniederlag, baten ihn die Mönche, ihnen eine kurze Erklärung des Ho-
heliedes zu geben, wie es einst der hl. Bernhard getan hatte. Da antwortete
er ihnen: „Meine lieben Väter, gebt mir den Geist des hl. Bernhard, dann
werde ich euch diesen göttlichen Gesang so erklären, wie es der hl. Bernhard
getan“ (Sixt. Senens., Biblioth. Sancta IV). Ebenso ist es, wenn man uns
kleinen, armseligen, unvollkommenen, schwachen Christen sagt: Bedient
euch in eurem Eifer des Zornes und der Empörung, wie es Pinhas, Elija,
Mattatias, der hl. Petrus und der hl. Paulus taten; da müssen wir antwor-
ten: Gebt uns den Geist der Vollkommenheit und des lauteren Eifers mit der
inneren Einsicht dieser großen Heiligen, dann werden wir uns wie sie vom
Zorn erfassen lassen.
216 X, 16

Es ist nicht jedermanns Sache, zürnen zu können, wann und wie man es
soll.
Diese großen Heiligen standen unmittelbar unter der Einsprechung Got-
tes; folglich konnten sie sich ohne Gefahr des Zornes bedienen. Denn der
gleiche Geist, der sie zu diesem Vorgehen antrieb, hatte auch die Zügel
ihres gerechten Zornes in der Hand, um sie die Grenzen nicht überschrei-
ten zu lassen, die er ihnen gesetzt hatte. Ein Zorn, der vom Heiligen Geist
inspiriert oder angeregt ist, ist kein Zorn des Menschen mehr. Es ist aber
nur der Zorn des Menschen, vor dem man sich hüten muß, da er, wie der
hl. Jakobus sagt, „nicht tut, was recht ist vor Gott“ (Jak 1,20). Und in der
Tat, als sich diese großen Diener Gottes des Zornes bedienten, geschah es
bei so wichtigen Anlässen und solch schauderbaren Verbrechen, daß kei-
ne Gefahr bestand, die Strafe könnte ärger werden als die Schuld.

4. Darf man deshalb, weil der hl. Paulus die Galater einmal „unverstän-
dig“ nennt (Gal 3,1), den Kretern ihre bösen Neigungen vor Augen stellt
(Tit 1,12) und dem glorreichen hl. Petrus, seinem Vorgesetzten Aug’ in
Auge entgegentrat (Gal 2,11), sich die Freiheit nehmen, die Sünder zu
beschimpfen, bestimmten Nationen Vorwürfe zu machen, unsere geistli-
chen Führer und Bischöfe zu tadeln und zu verurteilen? Es ist doch nicht
jeder ein hl. Paulus, um solches in rechter Weise tun zu können. Aber die
erbitterten, verärgerten, dünkelhaften und schmähsüchtigen Leute, die ih-
ren Neigungen, Launen, Abneigungen und Narrheiten folgen, möchten ihr
Unrecht gern mit dem Mantel des Eifers bedecken.
Jeder brennt angeblich von heiligem Feuer, in Wahrheit aber vom Feuer
seiner eigenen Leidenschaften. Den Seeleneifer schiebt der Ehrgeizige vor,
um nach der Bischofswürde zu streben; aus Seeleneifer angeblich läuft der
Mönch, der in den Chor gehört, überall herum, wie es ihm sein unruhiger
Geist eingibt; aus angeblichem Seeleneifer erlaubt sich ein arroganter
Mensch harte Vorwürfe und Angriffe gegen kirchliche und weltliche Ob-
rigkeiten. – Man spricht nur von Eifer, es ist aber kein Eifer zu sehen, son-
dern nur üble Nachrede, Zorn, Haß, Neid, unruhige Gemüter und unge-
ordnete Zungen.

5. Man kann den Eifer auf dreierlei Weise üben. Erstens, indem man die
Gerechtigkeit durch große Aktionen walten läßt, um das Böse zurückzu-
drängen. Das steht jedoch nur denen zu, die in öffentlichen Ämtern die
Aufgabe haben, als Vorgesetzte ihre Untergebenen zu bessern, zu tadeln
X, 16 217

und zurechtzuweisen, wie Fürsten, Behörden, Prälaten und Prediger. Da


ein solches Amt aber ehrenvoll ist, will jeder es ausüben und jeder sich
hineinmengen.
Zweitens handelt man aus Eifer, wenn man große Tugendwerke verrichtet,
um ein gutes Beispiel zu geben, wenn man Gegenmittel gegen das Böse
empfiehlt und zu deren Gebrauch ermahnt und wenn man das Gute tut,
das dem auszurottenden Bösen entgegengesetzt ist. Das ist Aufgabe eines
jeden und doch wollen es nur wenige tun.
Und endlich betätigt man den Eifer in ausgezeichneter Weise, indem man
viel leidet und erduldet, um das Böse zu verhindern und abzuwenden. Doch
findet sich fast niemand für diese Art des Eifers.
Man verlegt sich auf den weithin sichtbaren Eifer; an diesem will jeder
sein Können versuchen. Man merkt gar nicht, daß es nicht der Eifer ist,
den man anstrebt, sondern der Ruhm und die Befriedigung der Überheb-
lichkeit, des Zornes, des Ärgers und anderer Leidenschaften.

6. Der Eifer unseres Herrn zeigte sich hauptsächlich darin, daß er am


Kreuz starb, um den Tod und die Sünde des Menschen zu vernichten. Da-
rin wurde er in unvergleichlicher Weise nachgeahmt von dem wunderba-
ren „Gefäß der Auserwählung“ (Apg 9,15) und der Liebe, wie es der große
hl. Gregor von Nazianz in goldenen Worten darlegt, da er von dem heili-
gen Apostel sagt (Orat. II, §55): „Er kämpft für alle, er betet für alle, er ist
voll Eifersucht für alle, er glüht für alle, ja er hat sogar noch mehr gewagt
für jene, die seine Brüder sind dem Fleisch nach; kühn will ich es ausspre-
chen: aus Liebe wünschte er, daß sie seine Stelle einnähmen bei Jesus
Christus (Röm 9,3). O welch herrlicher Mut und welch unglaublicher
Eifer des Geistes! Er ahmte Jesus Christus nach, der „für uns zum Fluch
wurde“ (Gal 3,13), der „unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen
auf sich geladen hat“ (Jes 53,4); noch deutlicher will ich es sagen: Er war
der erste, der nach unserem Erlöser sich nicht weigerte, ihretwegen zu
leiden und ihretwegen für gottlos gehalten zu werden.“
Unser Heiland wurde gegeißelt, verurteilt, gekreuzigt als ein Mensch,
der dazu geweiht, ausersehen und bestimmt war, die Schmach und Schan-
de und die Strafen zu erdulden, die allen Sündern der Welt gebührten, und
das für alle Sünde geltende Opfer zu sein – war er doch von seinem himm-
lischen Vater gleichsam verflucht, von ihm getrennt und verlassen (Mt
27,46; Gal 3,13).
218 X, 16

So wünschte auch, nach der Lehre des großen Heiligen von Nazianz, der
glorreiche Apostel Paulus mit Schmach überhäuft, gekreuzigt, ausgesto-
ßen, verlassen und geopfert zu werden für die Sünden der Juden. Für sie
wünschte er den Fluch und die Strafe zu tragen, die sie verdient hatten.
Doch ebenso, wie unser Heiland die Sünden der Welt zwar trug und zum
Fluch wurde, für die Sünde geopfert und von seinem Vater verlassen, aber
doch nicht aufhörte, ständig sein vielgeliebter Sohn zu sein, an dem der
Vater sein Wohlgefallen hatte (Mt 3,17; 17,5), so wünschte auch der Apo-
stel, verflucht und von seinem Meister getrennt, von ihm verlassen und der
von den Juden verdienten Schmach und Strafe überantwortet zu sein, aber
doch nie die Liebe und Gnade seines Herrn zu verlieren, von der ihn
nichts trennen konnte (Röm 8,35-39). Das heißt: er wünschte, wie ein von
Gott getrennter Mensch behandelt zu werden, aber nicht wirklich von
Gott getrennt, noch seiner Gnade beraubt zu sein; denn so etwas läßt sich
auf heilige Weise nicht wünschen.
7. So erkennt auch die Braut im Hohelied (Hld 8,6), daß „die Liebe
stark ist wie der Tod“, der die Seele vom Körper scheidet, daß aber der
Eifer, der eine brennende Liebe ist, noch weit stärker ist. Er gleicht der
Hölle, welche die Seele von der Anschauung des Herrn trennt. Nie aber
wurde gesagt und kann gesagt werden, daß Liebe oder Eifer der Sünde
gleichen, die allein von der Gnade Gottes trennt. Wie könnte es daher
sein, daß der Eifer der Liebe zu dem Wunsch führen könnte, von der Gna-
de getrennt zu sein, wo doch Liebe die Gnade selbst ist oder wenigstens
nicht ohne Gnade sein kann?
Der Eifer des großen hl. Paulus wurde, wie mir scheint, in gewisser
Beziehung von dem kleinen hl. Paulus, ich will sagen, vom hl. Paulinus in
die Tat umgesetzt, da er, um einen Sklaven aus der Gefangenschaft zu
befreien, selbst zum Sklaven wurde, seine Freiheit opferte, um sie seinem
Nächsten zu verschaffen.
8. „O wie glücklich ist jener,“ sagt der hl. Ambrosius, „der seinen Eifer zu
zügeln weiß!“ (18. Pred. zu Ps 118, §17). Und der hl. Bernhard sagt: „Sehr
leicht kann es sein, daß der Teufel mit deinem Eifer sein Spiel treiben
wird, wenn du das Wissen vernachlässigst; laß daher deinen Eifer von
Liebe entflammt, vom Wissen verschönert, von der Beharrlichkeit gefe-
stigt sein.“ Der wahre Eifer ist ein Kind der Liebe, denn er ist deren Glut.
Daher ist er auch wie sie geduldig, gütig, ohne Unruhe, Streit, Haß und Neid,
hat Freude an der Wahrheit (1 Kor 13,4-6). Die Glut des echten Eifers ist
X, 17 219

der eines Jägers vergleichbar, der sorgfältig, sorgsam, wachen Sinnes, ohne
Mühe zu scheuen, und mit Freude dem Wild nachsetzt, aber ganz ohne
Zorn, Unwillen und Unruhe ist. Denn wäre das Waidmannswerk von Zorn,
Unwillen und Ärger begleitet, dann wäre es nicht so beliebt. So ist auch
die Glut des wahren Eifers außerordentlich stark, dabei aber beharrlich,
ohne Wankelmut, sanft, bereit, Mühen auf sich zu nehmen, liebenswürdig
und gleichzeitig unermüdlich. Der falsche Eifer ist hingegen aufbrausend,
verwirrend, anmaßend, stolz, zornig, flüchtig, ebenso ungestüm wie unbe-
ständig.

17. Kapitel
Wie der Herr die erhabensten Liebesakte alle übte.

Nachdem ich nun so lange über die heiligen Akte der göttlichen Liebe
gesprochen habe, will ich dir, um alles leicht und tief ins Gedächtnis ein-
zuprägen, davon eine kurze Zusammenfassung vor Augen stellen.
„Die Liebe Jesu Christi drängt uns,“ sagt der große Apostel (2 Kor 5,14).
Ja wahrlich, Theotimus, sie zwingt und nötigt uns durch ihre unendliche
Güte, die im ganzen Werk unserer Erlösung zum Ausdruck kommt, in
welchem „die Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes“ erschienen ist
(Tit 2,11; 3,4). Denn was hat dieser göttliche Liebende nicht alles an Liebe
getan!
1. Er hat uns mit der Liebe des Wohlgefallens geliebt, denn „seine Wonne
war es, bei den Menschenkindern zu sein“ (Spr 8,31) und den Menschen
an sich zu ziehen dadurch, daß er selbst Mensch wurde.
2. Er liebte uns mit der Liebe des Wohlwollens, indem er seine Gottheit in
den Menschen versenkte, so daß der Mensch Gott wurde.
3. Er vereinigte sich mit uns, indem er eine unbegreifliche Verbindung
mit uns einging, durch welche er sich unserer Natur so kraftvoll, so unauf-
löslich und auf immer in so unendlicher Weise anschloß und sich mit ihr
so eng verband, daß mit der Menschheit nie etwas so innig und fest verei-
nigt war, als es jetzt die göttliche Wesenheit in der Person des Sohnes
Gottes ist.
4. Er ergoß sich ganz in uns und ließ sozusagen seine Größe vergehen,
um sich der Gestalt und Form unserer Kleinheit anzupassen. Deswegen
wird er Quelle lebendigen Wassers (Jer 2,13), Tau und Regen des Him-
mels (Jes 45,8) genannt.
220 X, 17

5. Er ist sich selbst entrückt gewesen, nicht nur dadurch, daß er wie der hl.
Dionysius sagt (De divin. nomin. IV § 13), in einem Übermaß seiner
liebevollen Güte sozusagen außer sich geriet, um seine Vorsehung über
alle Dinge zu erstrecken und in allem gegenwärtig zu sein; sondern auch
darin, daß er, wie der hl. Paulus sagt (Phil 2,7), sich selbst gewissermaßen
verlassen hat, von sich selbst leer geworden ist, sich seiner Größe und Glorie
entledigte, vom Thron seiner unbegreiflichen Majestät herabstieg, und,
wenn man so sagen kann, „sich selbst vernichtete“, um zu unserer Mensch-
heit zu gelangen und sie mit seiner Gottheit zu erfüllen, uns mit seiner
Güte zu überhäufen, uns zu seiner Würde zu erheben und uns das göttli-
che Sein der „Kinder Gottes“ zu verleihen (Joh 1,12; 3,1).
Jener, von dem so oft geschrieben steht: „Ich selbst lebe, spricht der
Herr“, konnte sich danach der Worte seines Apostels bedienen und sagen:
Ich lebe, doch nicht mehr ich selbst lebe, sondern der Mensch lebt in mir
(s. Gal 2,20). Mein Leben ist der Mensch und Sterben mein Gewinn (s.
Phil 1,21). Mein Leben ist mit dem Menschen verborgen in Gott (s. Kol
3,3). Jener, der in sich selbst wohnte, wohnt jetzt in uns, und der, der von
Ewigkeit im Schoß seines ewigen Vaters lebte (Joh 1,18), lag dann als
Sterbender im Schoß seiner zeitlichen Mutter.
Jener, der von Ewigkeit sein göttliches Leben lebte, lebte in der Zeit ein
menschliches Leben, und der, der von Ewigkeit her Gott und sonst nichts
anderes war, wird in alle Ewigkeit auf immer auch Mensch sein. So sehr
hat die Liebe zum Menschen Gott entrückt und zur Ekstase hinabgezo-
gen!
6. Aus Liebe bewunderte er öfters Menschen, so zum Beispiel den Haupt-
mann (Mt 8,10) und die Kanaanäerin (Mt 15,28).
7. Er schaute den Jüngling liebevoll an, der bis zur Stunde die Gebote
gehalten hatte und sich auf den Weg der Vollkommenheit machen wollte
(Mk 10,21).
8. Er nahm heilige Liebesruhe in uns, die sogar zeitweise den Gebrauch
der Sinne aufhob, als er als Kind im Schoße seiner Mutter ruhte.
9. Den kleinen Kindern erwies er eine entzückende Zärtlichkeit, indem
er sie in seine Arme nahm und liebkoste (Mk 10,16). Auch für Marta und
Magdalena hegte er eine zärtliche Liebe und für Lazarus (Joh 11,5), über
den er weinte (Joh 11,35 f), ebenso wie über die Stadt Jerusalem.
10. Ein unvergleichlicher Eifer beseelte ihn, der sich, wie der hl. Dionysi-
us sagt, in Eifersucht verwandelte, so daß er alles tat, was er konnte, um mit
X, 17 221

Gefahr und selbst auf Kosten seines eigenen Lebens alles Böse von seiner
geliebten menschlichen Natur abzuwenden, daß er den Teufel vertrieb,
den Fürsten dieser Welt (Joh 14,30), der sich gleichsam als sein Neben-
buhler und Gefährte aufspielte.

11. Tausend- und abertausendmal war er von Liebessehnsucht erfüllt;


denn woher sonst kamen seine Worte: „Ich muß mit einer Taufe getauft
werden, und wie treibt es mich, wie drängt es mich, bis ich es erfülle“ (Lk
12,50 nach dem Griech.)? Er sah ständig aus nach der Stunde, in der er in
seinem Blut getauft werden sollte, und sehnte sich danach, bis es voll-
bracht war; denn die Liebe zu uns drängte ihn, uns durch seinen Tod vom
ewigen Tod befreit zu sehen. So wurde er „traurig“ und vergoß blutigen
Angstschweiß im Ölgarten (Mt 26,37 f; Lk 22,43 f) nicht nur des ungeheu-
ren Schmerzes wegen, den er im niederen Teil seiner Seele empfand, son-
dern auch der ungeheuren Liebe wegen, die er in deren höherem Teil zu
uns trug. Der Schmerz flößte ihm Scheu vor dem Tod ein, während die
Liebe ihn mit ungeheurer Sehnsucht danach erfüllte. So entstand ein sehr
harter Streit und ein grausamer Todeskampf zwischen der Sehnsucht nach
dem Tod und der Scheu vor ihm, so daß er Ströme von Blut vergoß, die wie
eine lebendige Quelle auf die Erde rannen.

12. Und schließlich, Theotimus, starb dieser göttliche Liebhaber in den


Flammen und Gluten der Liebe wegen der unendlichen Liebe, die er zu
uns trug und durch die Kraft und Gewalt dieser Liebe. Das heißt also, daß
er in der Liebe, durch die Liebe, für die Liebe und aus Liebe starb. Waren
auch die grausamen Qualen und Foltern hinreichend, um wen immer zu
töten, so hätte der Tod doch nie in das Leben desjenigen eintreten können,
der die Schlüssel des Lebens und des Todes (Offb 1,18) in Händen hatte,
wenn nicht die göttliche Liebe, die diese Schlüssel gebraucht, dem Tod die
Tore geöffnet hätte, damit er über den göttlichen Leib herfallen und ihm
das Leben rauben könne. Denn die Liebe gab sich nicht damit zufrieden,
ihn um unseretwillen sterblich gemacht zu haben, sie wollte ihn wirklich
dem Tod überliefern. Aus eigener freier Wahl starb er und nicht durch die
Macht des Bösen. „Niemand entreißt mir das Leben,“ sagt er (Joh 10,17 f),
„ich gebe es selbst freiwillig hin und verlasse es. Ich habe die Macht, es
hinzugeben und es selbst wieder zu gewinnen.“ „Er wurde geopfert,“ sagt
Jesaja, „weil er es selbst wollte“ (53,7). Darum wird auch nicht gesagt, daß
sein Geist von ihm wich, sich von ihm trennte; sondern im Gegenteil, daß
222 X, 17

er seinen Geist aufgab, ihn aushauchte, ihn seinem ewigen Vater übergab
(Mt 27,50; Mk 15,37; Lk 23,46; Joh 19,30). Der hl. Athanasius (Zu den
Gleichn. 41) bemerkt, daß er zum Sterben sein Haupt neigte, um so seine
Zustimmung, seine Freiwilligkeit für das Kommen des Todes zu offenba-
ren, der sonst nicht gewagt hätte, sich ihm zu nähern. Er rief mit lauter
Stimme (Lk 23,46) und übergab seinen Geist seinem Vater. Damit zeigte
er, daß er genug Kraft und Atem hatte, um nicht zu sterben, aber auch
soviel Liebe, um nicht länger leben zu können, ohne durch seinen Tod jene
zu beleben, die sonst unmöglich dem Tod ausweichen, noch zum wahren
Leben gelangen konnten.
Daher war der Tod unseres Erlösers ein wahres Opfer, und zwar ein Ganz-
opfer, das er selbst seinem Vater für unsere Erlösung dargebracht hat. Denn
wenn auch die Peinen und Leiden seiner Passion so groß und stark waren,
daß jeder andere Mensch daran gestorben wäre, so wäre Jesus doch nicht
daran gestorben, wenn er nicht gewollt hätte und wenn das Feuer seiner
unendlichen Liebe nicht sein Leben verzehrt hätte. Er war also selbst der
Opferpriester, der sich seinem Vater dargebracht und sich in Liebe, der
Liebe, durch Liebe, für die Liebe und aus Liebe geopfert hat.
Doch hüte dich ja davor, Theotimus, zu sagen, daß dieser Liebestod des
Erlösers sich in der Weise einer Entrückung vollzogen hat. Denn der Ge-
genstand, um dessentwillen ihn die Liebe dem Tod überantwortet hat, war
keineswegs so liebenswürdig, daß er seine göttliche Seele hätte an sich
reißen können. Sie verließ also in ekstatischer Weise seinen Körper, von
der Überfülle und Kraft der Liebe getrieben und hinausgeschleudert, so
wie die Myrrhe einzig nur durch ihren Überfluß ihre ersten Säfte ausstößt,
ohne daß man sie preßt oder den Saft irgendwie herauszieht. Darum sagte
er ja selbst, wie wir schon oben bemerkt haben: „Niemand entreißt mir
meine Seele, ich gebe sie freiwillig hin.“ O Gott! Theotimus, was ist das
für ein Glutherd, uns zu entflammen, daß wir uns doch den Übungen der
heiligen Liebe für unseren so guten Heiland hingeben, der sich ihnen für
uns, die wir so böse sind, so liebreich hingegeben hat! Diese Liebe Jesu
Christi drängt uns (2 Kor 5,14).
223

ELFTES BUCH

Die oberste Herrschaft der heiligen Liebe über


alle Tugenden, Handlungen und
Vollkommenheiten der Seele.
224 XI, 1

1. Kapitel
Alle TTugenden
ugenden sind Gott wohlgefällig.

1. Die Tugend ist ihrer Natur nach so liebenswert, daß Gott ihr überall
seine Gunst erweist, wo er ihrer gewahr wird.
Die Heiden, obwohl Feinde seiner göttlichen Majestät, übten zuweilen
verschiedene menschliche und bürgerliche Tugenden, die die Kräfte des
vernunftbegabten Geistes nicht übersteigen. Du kannst dir denken, Theo-
timus, wie geringfügig das war. Schienen diese Tugenden auch nach außen-
hin etwas Großes zu sein, so war doch ihr Wert in Wirklichkeit gering
wegen der niederen Absicht derjenigen, die sie übten. Sie mühten sich fast
immer nur der Ehre wegen ab, wie der hl. Augustinus sagt (St. G. 5,12),
oder wegen eines anderen seichten Beweggrundes, z. B. um den Bestand
der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Oder sie hatten eine gute Veran-
lagung, die kleine Tugendakte ermöglichte, wo kein starker Widerstand zu
überwinden war, z. B. einander zu grüßen, den Freunden beizustehen,
mäßig zu leben, nicht zu stehlen, den Herren treu zu dienen, den Arbei-
tern ihren Lohn auszuzahlen.
2. Obwohl dies alles geringfügig und von vielen Unvollkommenheiten
begleitet war, rechnete es Gott diesen Menschen doch gut an und belohnte
sie reichlich dafür.
Die Hebammen, denen Pharao den Auftrag gab, alle männliche Nach-
kommenschaft bei den Israeliten zu töten, waren sicher alle Ägypterinnen
und folglich Heidinnen; denn als sie sich entschuldigten, den Willen des
Königs nicht ausgeführt zu haben, sagten sie: „Die Hebräerinnen sind
nicht wie die ägyptischen Frauen, sondern wissen sich selbst zu helfen.
Ehe wir zu ihnen kommen, haben sie schon geboren“ (Ex 1,19). Diese
Entschuldigung wäre nicht passend gewesen, wenn die Hebammen selbst
Hebräerinnen gewesen wären, und es ist auch nicht anzunehmen, daß der
Pharao einen so erbarmungslosen Auftrag Frauen gleicher Nation und
Religion gegeben habe. Auch Josephus sagt (Antiq. Jud 2,5), daß es ägyp-
tische Frauen waren. Wiewohl sie also Ägypterinnen und folglich Heidin-
nen waren, fürchteten sie, Gott durch eine so barbarische und widernatür-
liche Grausamkeit zu beleidigen, wie es das Hinmorden so vieler kleiner
Kinder gewesen wäre. Das gefiel der göttlichen Güte so sehr, daß er „ihnen
Häuser baute“ (Ex 1,21), d. h. eine große Nachkommenschaft schenkte
und es ihnen gut ergehen ließ.
XI, 1 225

Nebukadnezzar, König von Babylon, führte einen gerechten Krieg ge-


gen die Stadt Tyrus, welche die göttliche Gerechtigkeit strafen wollte. Und
Gott sprach zu Ezechiel, er wolle als Lohn dafür Nebukadnezzar und
seiner Armee Ägypten zur Beute geben; denn, sprach Gott, „für mich
haben sie gearbeitet“ (Ez 29,18-20). Daraus, erklärt Hieronymus in sei-
nem Kommentar, lernen wir, daß selbst die Heiden, wenn sie etwas Gutes
tun, vom Gericht Gottes nicht unbelohnt gelassen werden.
Darum ermahnt auch Daniel (4,24) den heidnischen Nebukadnezzar,
seine Sünden durch Almosen wieder gutzumachen, d. h. sich von den zeit-
lichen Strafen, die seinen Sünden gebührten und von denen er bedroht
war, loszukaufen.
Siehst du also, Theotimus, wieviel Gott von den Tugenden hält, auch
wenn sie von Personen geübt werden, die sonst schlecht sind. Wäre ihm
die Barmherzigkeit der Hebammen und die Gerechtigkeit des Krieges der
Babylonier nicht wohlgefällig gewesen, hätte er sie dafür belohnt? Und
hätte Daniel nicht gewußt, daß der Unglaube Nebukadnezzars Gott nicht
hindern würde, seine Almosen zu billigen, warum hätte er ihm dann dazu
geraten?
3. Gewiß versichert uns der Apostel (Röm 2,14), daß die Heiden, „die
keinen Glauben haben, aus natürlichem Antrieb das tun, was das Gesetz
vorschreibt.“ Wenn sie es aber tun, wer kann dann daran zweifeln, daß sie
etwas Gutes tun und daß Gott dem Rechnung trägt?
Die Heiden erkannten, daß die Ehe gut und notwendig ist. Sie sahen ein,
daß es ratsam ist, die Kinder in den Künsten auszubilden, sie zur Vater-
landsliebe und zum bürgerlichen Leben zu erziehen, und sie taten es. Ich
überlasse es dir, darüber zu urteilen, ob das in den Augen Gottes nicht gut
war, da er doch dem Menschen das Licht der Vernunft und den natürlichen
Trieb dafür verliehen hat.
Die natürliche Vernunft ist ein guter Baum, den Gott in uns gepflanzt
hat; seine Früchte können daher nur gut sein. Verglichen mit den Früch-
ten, welche die Gnade hervorbringt, sind sie allerdings wenig wertvoll,
aber doch nicht ganz ohne Wert, denn Gott hat sie gelobt und zeitliche
Belohnungen dafür gegeben. So lohnte er, wie der große hl. Augustinus
(St. G. 5,15) sagt, die sittlichen Tugenden der Römer mit der weiten Aus-
dehnung und dem glanzvollen Ruhm ihres Reiches.
4. Durch die Sünde erkrankt der Geist und kann daher keine großen,
starken Werke vollbringen; kleine aber kann er tun, denn nicht alle Hand-
226 XI, 1

lungen eines Kranken sind selbst auch krankhaft. Der Kranke kann noch
sprechen, sehen, hören, trinken.
Die Seele, die in der Sünde ist, kann Gutes tun, das, weil es etwas natür-
lich Gutes ist, mit natürlichem Sold belohnt wird, weil es in bürgerlichem
Sinne gut ist, mit bürgerlicher, menschlicher Münze, d. h. mit zeitlichen
Annehmlichkeiten bezahlt wird.
Der Sünder befindet sich nicht im gleichen Zustand wie die Teufel, de-
ren Wille derart vom Bösen durchtränkt und diesem so einverleibt ist, daß
er gar nichts Gutes mehr wollen kann. Nein, Theotimus, so steht es mit
dem Sünder hier auf Erden nicht: hier ist er auf dem Weg zwischen Jeru-
salem und Jericho (Lk 10,30), tödlich verwundet, aber noch nicht tot,
denn, sagt das Evangelium, „sie ließen ihn halbtot liegen“. Er ist also noch
halblebendig und kann daher halblebendige Werke verrichten. Vermag er
auch nicht zu gehen, noch aufzustehen, noch um Hilfe zu rufen, ja kaum
seines schwachen Herzens wegen zu sprechen, so kann er doch die Augen
öffnen, seine Finger bewegen, stöhnen und irgendein Wort der Klage von
sich geben. Das sind allerdings kraftlose Handlungen, die nicht verhindert
hätten, daß er jammervoll verblutet wäre, hätte nicht der barmherzige Sa-
mariter ihm Öl und Wein in die Wunden geträufelt, ihn in die Herberge
gebracht und auf seine eigenen Kosten pflegen und versorgen lassen (Lk
10,33f).

5. Die natürliche Vernunft ist durch die Sünde stark verwundet und
gleichsam halbtot. Sie vermag daher in diesem kläglichen Zustand nicht
alle Gebote zu beobachten, wenn sie auch sieht, daß dies ratsam wäre. Sie
kennt ihre Pflicht, kann sie aber nicht erfüllen; ihre Augen haben mehr
Klarheit, ihr den Weg zu weisen, als die Beine Kraft besitzen, ihn zu gehen.
Freilich vermag der Sünder ab und zu einige Gebote zu beobachten, ja
er kann sie sogar eine Zeit lang alle beobachten, solange nicht eine wichti-
ge Angelegenheit hohe Forderungen an die Übung der befohlenen Tugen-
den stellt oder eine schwere Versuchung dazu drängt, Handlungen zu be-
gehen, die verboten, also Sünden sind.
Daß aber der Sünder lange in seiner Sünde leben könne, ohne neue
Sünden hinzuzufügen, ist nur durch einen ganz besonderen Schutz Gottes
möglich. Denn die Feinde des Menschen sind voll Eifer, ständig tätig und
in Bewegung, ihn ins Elend zu stürzen. Sehen sie, daß sich keine Gelegen-
heit ergibt, die befohlenen Tugenden zu üben, so schaffen sie unzählige
Versuchungen, um uns in verbotene Dinge stürzen zu lassen. Ohne die
XI, 2 227

Gnade aber vermag die Natur nicht, sich vor dem Abgrund zu bewahren,
denn wenn wir siegen, so ist es „Gott, der uns den Sieg durch Jesus Chris-
tus verleiht“, wie der hl. Paulus sagt (1 Kor 15,57).
„Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet.“ Würde der
Herr nur sagen: „Wachet“, so würden wir meinen, allein auskommen zu
können. Da er aber hinzufügt: „Betet“, zeigt er uns, daß das Wachen derje-
nigen, die unsere Seele behüten, umsonst ist, wenn er sie in der Zeit der
Versuchung nicht behütet (Ps 127,2).

2. Kapitel
Die heilige Liebe macht die TTugenden
ugenden weit wohlgefälliger
wohlgefälliger,,
als sie es ihrer Natur nach sind.

1. Die in ländlichen Dingen Bewanderten bewundern die frische Unbe-


rührtheit und Reinheit der Erdbeeren; denn obwohl sie auf der Erde lie-
gen und beständig von Schlangen, Eidechsen und anderen giftigen Tieren
niedergedrückt werden, nehmen sie nicht die geringste Wirkung des Gif-
tes, noch irgendeine schädliche Eigenschaft an; ein Zeichen, daß sie gar
keine Anfälligkeit dafür haben.
Von dieser Art sind auch die menschlichen Tugenden, Theotimus. Hal-
ten sie sich auch in einem niederen, irdisch gesinnten und von der Sünde
sehr eingenommenen Herzen auf, so werden sie doch in keiner Weise von
dessen Bosheit angesteckt. Sie sind von so echter und lauterer Natur, daß
diese durch das Beisammensein mit dem Laster nicht verdorben werden
kann. Hat doch Aristoteles selbst gesagt, die Tugend sei eine Fertigkeit,
mit der niemand Mißbrauch treiben könne (s. X,15).

2. Es darf uns nicht wundernehmen, daß die Tugenden, die in sich selbst
gut sind, nicht mit ewigem Lohn belohnt werden, wenn sie von ungläubigen
oder in der Sünde lebenden Menschen geübt werden. Das Herz des Sün-
ders, aus dem sie hervorgehen, ist des ewigen Gutes nicht fähig, da es sich
von Gott abgewendet hat. Die himmlische Erbschaft steht dem Sohn Got-
tes zu, und keiner, der nicht in ihm und sein Adoptivbruder ist, kann
derselben teilhaft werden. Außerdem hat Gott sein Paradies nur denen
verheißen, die in der Gnade sind. Die Tugenden der Sünder aber haben
nur den Wert, der ihnen von Natur aus zukommt, und können daher den
Menschen nicht zum Verdienst übernatürlicher Belohnung erheben. Die-
228 XI, 2

se werden ja deswegen übernatürlich genannt, weil die Natur, und was von
ihr abhängt, sie weder geben noch verdienen kann.
3. Die Tugenden der Freunde Gottes hingegen werden auch dann, wenn
sie ihrer eigenen Beschaffenheit nach nur sittlich und natürlich sind, wegen
der Erhabenheit des Herzens, aus dem sie hervorgehen, geadelt und zur
Würde heiliger Werke erhoben. Es gehört zu den Eigenheiten der Freund-
schaft, daß sie den Freund und alles, was an ihm Gutes und Ehrbares ist,
angenehm macht. Die Freundschaft breitet ihre Anmut und Liebe über
alle Handlungen dessen aus, der geliebt wird, wenn sie dazu nur irgendwie
fähig sind. Rücksichtslosigkeiten der Freunde werden als Liebenswürdig-
keiten empfunden, Liebenswürdigkeiten der Feinde dagegen als Rück-
sichtslosigkeiten.
Alle tugendhaften Werke eines in der Freundschaft mit Gott lebenden
Herzens sind Gott geweiht; denn wenn ein Herz sich selbst hingegeben
hat, hat es damit nicht auch alles hingegeben, was von ihm abhängt? Wer
den Baum ohne Vorbehalt gibt, gibt er nicht auch die Blätter, die Blüten
und die Früchte? „Der Gerechte aber sproßt wie die Palme, gleich der
Zeder vom Libanon wächst er empor. Eingepflanzt im Haus des Herrn
werden sie aufsprießen in unseres Gottes Höfen“ (Ps 92,13 f). Da der
Gerechte eingepflanzt ist im Haus des Herrn, wachsen seine Blätter, seine
Blüten und Früchte dort und sind dem Dienst seiner Majestät geweiht. Er
ist „wie ein Baum an Wasserbächen gepflanzt, der zur rechten Zeit seine
Frucht bringt; selbst sein Laub welkt nicht, und was auch immer er tut, es
gedeiht“ (Ps 1,3 f). Nicht nur Früchte der Liebe und die Blüten der Werke,
die sie anordnet, sondern selbst das Laub der sittlichen und natürlichen
Tugenden erhalten eine ganz eigene Güte von der Liebe des Herzens, die
sie hervorbringt.
Veredelst du einen Rosenstock und legst du in die Spalte des Stiels ein
Körnchen Moschus, so werden alle Rosen, die er hervorbringt, nach Mo-
schus duften. Spalte also dein Herz durch die heilige Buße und lege in
diese Spalte die Liebe zu Gott. Welche Tugend auch immer du auf diese
aufpfropfen magst, es werden die Werke, die daraus hervorgehen, von Hei-
ligkeit duften, ohne daß man dafür etwas anderes tun braucht.
Die Spartaner hielten einen schönen Sinnspruch, den sie aus dem Mund
eines schlechten Menschen vernommen hatten, nicht für annehmbar, so-
lange er nicht von einem tugendhaften Menschen wiederholt worden war.
Um ihn also der Annahme würdig zu machen, taten sie nichts anderes, als
XI, 2 229

ihn von einem tugendhaften Mann aussprechen zu lassen (Plutarch; siehe


VIII,1). Willst du die menschliche und sittliche Tugend eines Epiktet,
eines Sokrates oder Demades heiligen, so laß sie nur von einer wahrhaft
christlichen Seele, d. h. von einer Seele üben, welche die Gottesliebe hat.
Gott sah auch zuerst auf den guten Abel und dann auf seine Gaben (Gen
4,4). Demnach erhielten die Opfergaben in den Augen Gottes ihre Schön-
heit und Würde von der Güte und Frömmigkeit dessen, der sie darbrach-
te.

4. O höchste Güte Gottes, die so voll Huld ist für jene, die sie lieben, daß
sie ihre geringsten Handlungen, wenn sie nur gut sind, liebt und in herrli-
cher Weise adelt, ihnen Titel und Eigenschaften heiliger Handlungen ver-
leiht, Gott tut dies im Hinblick auf seinen vielgeliebten Sohn, dessen Ad-
optivkinder Gott ehren will, indem er alles heiligt, was an ihnen gut ist:
ihre Gebeine, Haare, Gewänder, Grabstätten, ja selbst den Schatten ihrer
Leiber; ihren Glauben, ihre Hoffnung, Liebe und Gottesverehrung, ja selbst
ihre Mäßigkeit, Höflichkeit und ihre herzliche Freundlichkeit.
„Darum, meine geliebten Brüder,“ sagt der Apostel, „seid fest, seid un-
erschütterlich, seid allzeit voll Eifer im Werk des Herrn, überzeugt, daß
eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist“ (1 Kor 15,58).

5. Beachte, Theotimus, daß jedes tugendhafte Werk als ein Werk des Herrn
angesehen werden muß, selbst dann, wenn ein Ungläubiger es vollbracht
hätte. Gott selbst sagt ja zu Ezechiel (29,18-20), daß Nebukadnezzar und
sein Heer für ihn gearbeitet haben dadurch, daß sie einen gerechten Krieg
gegen die Tyrier geführt. Damit zeigt Gott, daß die Gerechtigkeit der Un-
gerechten sein ist, daß sie auf ihn hinstrebt und ihm angehört, obwohl die
Ungerechten, die das Gerechte tun, nicht sein sind, nicht auf ihn hinstre-
ben und ihm nicht angehören.
Der große Seher und Fürst Ijob gehörte immer Gott an, obwohl er heid-
nischer Abkunft war und im Lande Uz wohnte. So gehören auch die sittli-
chen Tugenden selbst dann Gott an, wenn sie aus dem Herzen eines Sün-
ders kommen.
Finden sich dieselben Tugenden aber in einem wahrhaft christlichen, das
heißt in einem mit heiliger Liebe ausgestatteten Herzen, dann gehören sie
nicht nur Gott an, sondern sie sind auch nicht fruchtlos in unserem Her-
zen, vielmehr werden sie reich an Frucht und wertvoll vor den Augen
seiner Güte. „Gib einem Menschen die Liebe,“ sagt darum der hl. Augu-
230 XI, 3

stinus, „und alles wird nützen; nimm ihm die Liebe, so ist alles übrige zu
nichts nütze“ (138. Pred. De Script. § 2). Und der Apostel sagt: „Denen,
die Gott lieben, wirkt alles zum Guten mit“ (Röm 8,28).

3. Kapitel
Die Gegenwar
Gegenwartt der göttlichen Liebe verleiht einigen TTugenden
ugenden
einen höheren W e rrt.
We t.

1. Es gibt Tugenden, die auf Grund ihrer natürlichen Beziehung zur heili-
gen Liebe viel fähiger sind, ihren kostbaren Einfluß aufzunehmen und folg-
lich auch an deren Würde und Wert teilzuhaben. So der Glaube und die
Hoffnung, die gemeinsam mit der Liebe sich unmittelbar auf Gott bezie-
hen, dann die Tugenden der Religion, der Buße und der Frömmigkeit, die
sich für die Ehre seiner göttlichen Majestät verwenden. Diese Tugenden
sind ihrer eigenen Beschaffenheit nach so stark auf Gott bezogen und so
empfänglich für die Eindrücke der himmlischen Liebe, daß sie nur bei
ihm, d. h. in einem gottliebenden Herzen sein müssen, um an ihrer Heilig-
keit teilzunehmen. Will man den Trauben Olivengeschmack geben, so
braucht man nur den Weinstock zwischen die Ölbäume zu pflanzen. Ohne
daß sie sich gegenseitig berühren, durch die bloße Nachbarschaft, werden
diese Pflanzen ihre Säfte und Eigenarten untereinander austauschen, so
stark sind ihre Beziehungen und ihre Neigungen zueinander.
2. Alle Blumen, mit Ausnahme des Trauerbaumes und einiger anderer
widernatürlicher Pflanzen, freuen sich, entfalten sich und verschönern sich
beim Anblick der Sonne durch die Lebenswärme, die sie von ihren Strah-
len empfangen. Aber alle gelben Blumen, besonders jene, welche die Grie-
chen Heliotropium und wir Sonnenblume nennen, haben nicht nur Freu-
de und Wohlgefallen am Dasein der Sonne, sondern folgen den Lockungen
ihrer Strahlen, indem sie durch eine freundliche Kreisbewegung immer-
fort von ihrem Aufgang bis zu ihrem Untergang auf sie schauen und sich
ihr zuwenden.
So empfangen alle Tugenden einen neuen Glanz und eine höhere Würde
durch die Gegenwart der heiligen Liebe. Aber die Tugenden des Glau-
bens, der Hoffnung, Gottesfurcht, Frömmigkeit, Buße und alle anderen
Tugenden, die an sich in besonderer Weise auf Gott und seine Ehre hinzie-
len, empfangen nicht nur den Einfluß der Gottesliebe, durch den sie zu
XI, 3 231

einem hohen Wert erhoben werden, sondern sie neigen sich ganz und gar
der Liebe zu, gesellen sich ihr bei, folgen ihr und dienen ihr bei allen Gele-
genheiten. Schließlich schreibt ja, mein lieber Theotimus, die Heilige
Schrift dem Glauben, der Hoffnung, der Frömmigkeit, der Gottesfurcht,
der Buße eine besondere Eignung und Kraft zu, zu erlösen, zu heiligen
und zu verherrlichen. Damit bezeugt sie, daß dies Tugenden von hohem
Wert sind und daß sie, von einem gottliebenden Herzen geübt, weit frucht-
barer und heiliger werden als die anderen Tugenden, die nicht so starke
innere Beziehungen zur heiligen Liebe haben.
Jener, der ausruft: „Und hätte ich einen Glauben, der Berge versetzt,
hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1 Kor 13,2), weist doch
sicherlich darauf hin, daß dieser Glaube in Verbindung mit der Liebe ihm
großen Nutzen bringen würde.
3. Die Liebe ist also eine Tugend, die ihresgleichen nicht hat. Sie ver-
schönt nicht nur das Herz, in dem sie sich befindet, sondern sie segnet und
heiligt durch ihre bloße Gegenwart auch alle Tugenden, die sie im Herzen
antrifft. Sie durchduftet sie mit ihrem himmlischen Wohlgeruch, wodurch
sie vor Gott einen hohen Wert erlangen. Das tut sie aber in einem weit
höheren Maße am Glauben, an der Hoffnung und an den anderen Tugen-
den, die aus sich heraus ein auf die Frömmigkeit hinzielendes Wesen ha-
ben.
4. Deshalb, Theotimus, müssen wir unter allen Tugenden vor allem die
der Religion, der Ehrfurcht vor den göttlichen Dingen, des Glaubens, der
Hoffnung und der hochheiligen Gottesfurcht mit besonderer Sorgsamkeit
pflegen, indem wir oft von göttlichen Dingen reden, oft an die Ewigkeit
denken und uns nach ihr sehnen, indem wir eifrig sind im Besuch der
Kirchen und der gottesdienstlichen Handlungen, geistliche Lektüre pfle-
gen und die Zeremonien der christlichen Religion beobachten. Von sol-
chen Übungen nährt sich die heilige Liebe und breitet über sie ihre Schön-
heit und ihre duftigen Gaben reichlicher aus, als über die Werke der einfa-
chen menschlichen Tugenden, so wie der Regenbogen alle Pflanzen, die er
berührt, wohlriechender macht, in unvergleichlicher Weise aber jene, die
Aspalatus heißt (Plin. H. n. 12,24).
232 XI, 4

4. Kapitel
Die heilige Liebe heiligt die TTugenden
ugenden noch erheblicher
erheblicher,,
wenn sie auf ihr Geheiß und ihren Befehl geübt werden.

1. Nachdem die schöne Rahel sehnsüchtig danach verlangt hatte, ihrem


geliebten Jakob Nachkommenschaft zu erwecken, wurde sie auf zweierlei
Art fruchtbar und hatte folglich auch Kinder von zweierlei Art. Denn da
sie in den ersten Jahren ihrer Ehe selbst keine Kinder haben konnte, be-
diente sie sich gleichsam leihweise des Leibes ihrer Magd Bilha, indem sie
zu ihrem Mann sprach: „Ich habe Bilha, meine Magd, nimm sie zur Ehe,
wohne ihr bei, damit sie auf meinen Knien gebäre und ich durch sie zu
Kindern komme“ (Gen 30,3). Und es geschah nach ihrem Wunsch, denn
Bilha empfing und gebar mehrere Kinder auf den Knien Rahels. Rahel
nahm sie als die ihren an, als Leibesfrucht zweier Personen, von denen die
eine, Jakob, ihr nach dem Ehegesetz angehörte und die andere, Bilha,
durch ihre Dienstpflicht und weil deren Zeugung auf ihre Anordnung hin
und nach ihrem Willen erfolgt war. Späterhin aber bekam sie zwei Kinder,
die nicht auf ihr Gebot und ihren Befehl zur Welt gebracht wurden, son-
dern die sie selbst empfangen und die aus ihrem eigenen Schoß hervorge-
gangen waren, nämlich Josef und ihren geliebten Benjamin.
2. Nun sage ich dir, mein lieber Theotimus, daß die heilige Liebe, hun-
dertmal schöner als Rahel, und dem menschlichen Geist vermählt, fort-
während danach verlangt, heilige Werke hervorzubringen. Kann sie an-
fangs solche nicht aus sich selbst, kraft der nur ihr eigenen heiligen Verei-
nigung hervorbringen, so ruft sie die anderen Tugenden als ihre treuen Mäg-
de zu Hilfe, gesellt sie ihrem Ehebund bei und befiehlt dem Herzen, sich
ihrer zu bedienen, um aus ihnen heilige Werke hervorzubringen. Sie adop-
tiert diese aber und sieht sie als ihre Kinder an, weil sie durch ihre Anord-
nung und auf ihren Befehl hin und von einem Herzen hervorgebracht
wurden, das ihr gehört. Denn wie wir schon anderswo ausgeführt haben, ist
die Liebe die Herrin des Herzens und folglich auch aller mit ihrer Zustim-
mung vollbrachten Werke der anderen Tugenden (I,8.6; VIII,1; X,1).
3. Überdies sind der göttlichen Liebe aber zwei Akte eigen, die direkt aus
ihr hervorgehen. Einer davon ist die effektive Liebe, die Tatliebe, die wie
ein zweiter Josef sich der Fülle der königlichen Autorität bedient, um das
XI, 4 233

ganze Volk unserer Fähigkeiten, Kräfte, Leidenschaften und Affekte dem


Willen Gottes zu unterwerfen und einzuordnen, auf daß er über alles ge-
liebt, daß ihm gehorcht und gedient und so das größte Gebot Gottes erfüllt
werde: „Den Herrn, deinen Gott sollst du lieben mit deinem ganzen Her-
zen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Gemüte und mit all
deinen Kräften“ (Mk 12,30). Der andere ist die affektive oder Herzenslie-
be, die wie ein zweiter Benjamin ganz fein, zart, freundlich und lieb ist,
sich darin aber glücklicherweise von Benjamin unterscheidet, daß seine
Mutter, die heilige Liebe, bei seiner Geburt nicht stirbt, sondern, wie es
den Anschein hat, durch die Freude, die sie dabei empfindet, neues Leben
gewinnt.

4. Auf gleiche Weise, Theotimus, gehören die tugendhaften Handlungen


der Kinder Gottes alle der heiligen Liebe an. Die einen bringt sie aus ihrer
Natur heraus selbst hervor, die anderen werden durch ihre lebenspenden-
de Gegenwart geheiligt, wieder andere bringt sie zur Welt kraft der Auto-
rität und Befehlsgewalt, die sie auf die anderen Tugenden ausübt. Sind
diese letzten in Wahrheit auch nicht so erhaben an Würde wie die Hand-
lungen, die unmittelbar aus der Liebe hervorgehen, so übertreffen sie doch
in unvergleichlicher Weise die Handlungen, deren Heiligkeit von der blo-
ßen Anwesenheit und dem Beisammensein mit der heiligen Liebe her-
rührt.

Hat ein Feldherr eine große Schlacht gewonnen, so wird ihm zweifellos
und nicht grundlos die Ehre des Sieges zuteil; denn sicherlich hat er in
eigener Person an der Spitze der Armee gekämpft, dabei manch glänzende
Waffentat vollbracht und überdies hat er die Aufstellung der Armee und
alles, was diese ausgeführt hat, angeordnet und befohlen. Somit wird er als
der angesehen, der alles selbst gemacht: sowohl durch sein eigenes Ein-
greifen in den Kampf, als auch durch seine Führung, die alles angeordnet
hat. Selbst wenn Hilfstruppen überraschend kommen und sich der Armee
anschließen, so wird man trotzdem den Ruhm ihrer Taten dem Feldherrn
zuschreiben. Haben diese auch nicht seinen Befehl erhalten, so haben sie
ihm doch gedient und sind auf seine Absichten eingegangen. Hat man
jedoch dem Feldherrn den ganzen Ruhm des Sieges zugesprochen, so wird
man es hernach nicht unterlassen, die einzelnen Teile der Armee zu rüh-
men, und genau angeben, was die Vorhut, die Haupttruppe und die Nach-
hut geleistet haben, wie sich die Franzosen, die Italiener, die Deutschen,
234 XI, 4

die Spanier geschlagen, ja man wird sogar Einzelne nennen, die sich im
Kampf besonders ausgezeichnet haben.
Ebenso, mein lieber Theotimus, wird unter allen Tugenden der Got-
tesliebe der Ruhm unseres Heiles und unseres Sieges über die Hölle zuge-
schrieben; denn sie ist es, die als Fürstin und Befehlshaberin des ganzen
Tugendheeres alle Heldentaten vollbringt, durch welche uns der Sieg zuteil
wird. Denn die heilige Liebe hat die ihr eigenen Aktionen, die aus ihr
selbst hervorgehen, durch die sie Wunder an Waffentaten gegen unsere
Feinde vollbringt. Außerdem verfügt sie über die Handlungen der ande-
ren Tugenden, befiehlt sie und ordnet sie an. Deshalb werden sie als Akte
bezeichnet, die von der Liebe befohlen und angeordnet sind. Und wenn
schließlich einige Tugenden ohne deren Befehl ihre Werke vollbringen,
aber doch ihrer Absicht, nämlich der Verherrlichung Gottes dienen, so
erkennt sie diese trotzdem als ihre Werke an.

5. Nachdem wir aber im allgemeinen mit dem Apostel gesagt haben:


„Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles“ (1
Kor 13,7), kurzum, sie macht alles, unterlassen wir es doch nicht, die
einzelnen Tugenden zu loben und das Heil der Seligen im besonderen den
Tugenden zuzuschreiben, in welchen sie sich ausgezeichnet haben. Wir sa-
gen zum Beispiel, daß der Glaube die einen gerettet, andere das Almosen-
geben, wieder andere die Mäßigkeit, das innerliche Gebet, die Demut, die
Hoffnung, die Keuschheit, weil in diesen Heiligen Akte dieser Tugenden
mit besonderem Glanz hervorgeleuchtet haben. Hat man aber diese Tu-
genden im einzelnen gerühmt, so muß man doch wieder die ganze Ehre der
heiligen Liebe zuschreiben, die allen Tugenden die Heiligkeit mitteilt, die
sie besitzen. Denn was anderes will der Apostel sagen, wenn er beteuert:
„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie glaubt alles, sie hofft alles,
sie duldet alles“ (13,4), als daß die Liebe der Geduld befiehlt, langmütig
zu sein, der Hoffnung zu hoffen, dem Glauben zu glauben?
Freilich, Theotimus, deutet er damit auch an, daß die Liebe die Seele
und das Leben aller Tugenden ist. Es ist, als wollte er sagen, die Geduld sei
nicht geduldig genug, der Glaube nicht treu genug, die Hoffnung zu wenig
vertrauensvoll, die Güte zu wenig gütig, wenn die Liebe sie nicht beseelt
und belebt. Das gleiche will uns derselbe Apostel, dieses „Gefäß der Aus-
erwählung“ mit den Worten sagen, wenn er die Liebe nicht habe, nütze
ihm nichts und sei er nichts (1 Kor 13,2 f). Es ist, als wollte er sagen, daß
XI, 5 235

er ohne die Liebe weder geduldig, noch gütig, noch beharrlich, noch treu,
noch hoffnungsvoll sei, so wie es sich für einen Diener Gottes gehöre.
Darin aber besteht das wahre und wünschenswerte Sein des Menschen.

5. Kapitel
Die heilige Liebe verleiht ihre Würde den anderen TTugenden
ugenden
und erhöht zugleich deren eigene Würde.

1. „Ich sah in Tivoli einen Baum,“ erzählt Plinius (H. n. 17,16), „der auf
alle mögliche Art aufgepfropft war und alle Arten von Früchten trug; auf
einem Zweig befanden sich Kirschen, auf einem anderen Nüsse, auf ande-
ren Trauben, Feigen, Granatäpfel, Äpfel, überhaupt alle Gattungen von
Früchten.“ Das war wohl etwas Wunderbares, Theotimus, aber viel wun-
derbarer ist es, in einem Christen die göttliche Liebe zu sehen, auf die alle
Tugenden gepfropft sind. Denn ebenso, wie man von diesem Baum sagen
könnte, er sei ein Kirschbaum, ein Apfelbaum, ein Nußbaum, ein Granat-
apfelbaum, so kann man auch von der Liebe sagen, sie sei geduldig, sanft,
tapfer, gerecht oder vielmehr, sie sei die Geduld, die Sanftmut und die
Gerechtigkeit selbst.
Aber der Baum von Tivoli hatte keine lange Lebensdauer, wie der glei-
che Plinius bezeugt, denn die große Mannigfaltigkeit an Früchten erschöpf-
te rasch seine Wurzelsäfte, sodaß er verdorrte und starb. Die Liebe hinge-
gen gewinnt an Kraft und Stärke, wenn sie durch die Übung aller Tugen-
den viele Früchte hervorbringt. Ja, sie ist, wie die heiligen Väter sagen,
unersättlich in ihrer Neigung, Früchte hervorzubringen, und sie hört nicht
auf, das Herz zu drängen, in dem sie sich befindet, so wie Rahel ihren
Mann drängte und zu ihm sprach: „Gib mir Kinder, sonst sterbe ich“
(Gen 30,1).
Die Früchte der veredelten Bäume entsprechen dem Pfropfreis, mit dem
sie veredelt worden sind. Ist das Pfropfreis von einem Apfelbaum, so wird
es Äpfel ansetzen, ist es von einem Kirschbaum, so wird es Kirschen tra-
gen; immer aber werden die Früchte etwas vom Aroma des Baumstammes
haben, an dem sie sich befinden. Ebenso haben unsere Handlungen zwar
Namen und Gattung von der besonderen Tugend, aus der sie hervorgegan-
gen sind, aber das Aroma der Heiligkeit gewinnen sie aus der heiligen Liebe;
denn die Liebe ist Quelle und Wurzel aller Heiligkeit im Menschen. Der
236 XI, 5

Stamm teilt sein Aroma allen Früchten mit, welche die aufgepfropften
Reise hervorbringen; diese bewahren aber dabei die natürliche Art des
Reises, aus dem sie hervorkommen. So teilt auch die Liebe ihren hohen
Wert und ihre Würde den anderen Tugenden mit, sie läßt aber trotzdem
jeder Tugend ihren besonderen Wert und ihre besondere Güte, die sie
ihrer natürlichen Beschaffenheit nach haben.

2. In der Dunkelheit der Nacht verlieren alle Blumen Glanz und Anmut.
Wenn dann die Sonne am Morgen sie wieder sichtbar macht und lieblich
erscheinen läßt, so gibt sie doch nicht allen die gleiche Schönheit und
Anmut. Gießt sie auch ihre Helligkeit über alle gleichmäßig aus, so wer-
den sie doch nicht alle gleich hell und leuchtend, sondern in dem Maße,
als sie für die Wirkungen des Sonnenglanzes empfänglich sind. So gleich-
mäßig das Sonnenlicht auch ein Veilchen und eine Rose bescheinen mag,
wird es doch nie die Schönheit des einen der Schönheit der anderen gleich-
machen, noch auch die Anmut eines Maßliebchens der einer Lilie. Würde
aber ein Veilchen durch das Sonnenlicht hell erleuchtet, eine Rose aber
durch dichte Nebel verhüllt, dann würde das Sonnenlicht sicher das Veil-
chen den Augen angenehmer erscheinen lassen als die Rose.
Ebenso ist es auch mit der Liebe, mein Theotimus. Würde einer mit der
gleichen Liebe den Martertod dulden, wie ein anderer durch sein Fasten
Hunger leidet, so wird doch jeder erkennen, daß der Wert des Fastens
nicht dem des Martyriums gleich sein kann. Nein, Theotimus! Wer würde
zu behaupten wagen, daß das Martyrium an und für sich nicht etwas Erha-
beneres ist als das Fasten? Ist es aber etwas Erhabeneres, so nimmt ihm die
dazukommende Liebe nicht seine Größe, sondern vervollkommnet diese
und läßt ihm daher die Überlegenheit, die es natürlicherweise dem Fasten
gegenüber hat. Kein vernünftiger Mensch wird die eheliche Keuschheit
der Jungfräulichkeit gleichstellen, noch den rechten Gebrauch der Reich-
tümer einer gänzlichen Entäußerung von ihnen. Wer würde zu behaupten
wagen, daß die hinzukommende Liebe diesen Tugenden ihre Eigenart und
ihre Vorzüge nimmt? Die Liebe ist ja nicht eine Tugend, die zerstört und
arm macht, sondern die alles gut macht, alles belebt und bereichert, was
sie an Gutem in den Seelen findet, über die sie herrscht. Die himmlische
Liebe nimmt den Tugenden daher keineswegs ihre natürlichen Vorzüge und
ihre Würde, sondern es ist ihr im Gegenteil eigen, die Vollkommenheiten,
die sie antrifft, noch zu vervollkommnen und in dem Maße, als sie höhere
Vollkommheiten vorfindet, diese noch in höherem Maße zu vervollkomm-
XI, 5 237

nen. Der Zucker versüßt alle eingekochten Früchte, macht sie aber nicht
alle gleichen Geschmackes und gleicher Süße, sondern beläßt sie in der
Ungleichheit ihres natürlichen Geschmackes; Pfirsiche und Nüsse wer-
den nie so süß wie Aprikosen und Mirabellen.
3. Dennoch wird die Liebe, wenn sie glühend, machtvoll und erhaben in
einem Herzen herrscht, auch alle tugendhaften Handlungen, die aus ihr
hervorgehen, in höherem Maße bereichern und vervollkommnen. Man
kann, ohne die Liebe zu haben, für Gott den Tod und das Feuer erleiden,
wie der hl. Paulus es voraussetzt und wie ich es anderswo erklärt habe. (1
Kor 13,3; s. X,8). Um so eher kann man ihn mit geringer Liebe erdulden.
Nun sage ich, Theotimus, es kann wohl vorkommen, daß eine ganz kleine
Tugend in einer von glühender Liebe beherrschten Seele mehr Wert hat als
selbst das Martyrium in einer Seele, in der die Liebe matt, schwach und
schwunglos ist. So waren die kleinen Tugenden Unserer lieben Frau, des
hl. Johannes und anderer großer Heiliger vor Gott wertvoller als die erha-
bensten Tugenden manch kleiner Heiliger und so sind die kleinsten Lie-
besakte der Serafim feuriger als die stärksten des niedersten Engelchores;
ist ja doch auch der Gesang der noch ungeübten Nachtigallen viel harmo-
nischer als der der geübtesten Stieglitze.
4. Pireicus malte in den letzten Jahren seines Lebens nur Bilder kleinen
Formats und unbedeutender Gegenstände: so malte er Barbierstuben, Schu-
sterwerkstätten, kleine mit Gemüse beladene Esel und ähnliche Kleinig-
keiten. Das tat er, wie Plinius meint (H. n. 35,10), um seinen Ruhm etwas
abzuschwächen. Schließlich sprach man von ihm als von einem Maler
minderer Art. Und dennoch kam die Größe seiner Kunst gerade in diesen
Werken geringen Inhalts so sehr zur Geltung, daß sie viel mehr gekauft
wurden, als die großen Werke anderer Künstler. Ebenso, mein Theotimus,
waren die kleinen Einfältigkeiten, Abtötungen und Verdemütigungen, in
denen sich die großen Heiligen so sehr gefielen, um sich zu verbergen und
ihr Herz vor eitler Ehrsucht zu schützen, Gott wegen der großen Kunstfer-
tigkeit und Glut himmlischer Liebe, die sie dabei beseelte, viel wohlgefälli-
ger als große und berühmte Werke anderer, die mit wenig Liebe und Fröm-
migkeit getan waren.
Die heilige Braut verwundet ihren Bräutigam mit einem einzigen der
Haare ihres Hauptes (Hld 4,9), von denen er so viel Aufhebens macht, daß
er sie mit den „Ziegenherden von Gilead“ vergleicht (Hld 6,5). Gleich
nachdem er die Augen seiner treuen Geliebten, den edelsten Teil ihres
238 XI, 6

Antlitzes gelobt hat, lobt er auch ihre Haare, das Vergänglichste, Wertlo-
seste und Geringste an ihr. Und er tut das, damit man wisse, daß bei einer
Seele, die von der göttlichen Liebe erfaßt ist, selbst die Übungen, die nur
ganz armselig zu sein scheinen, seiner göttlichen Majestät überaus wohl-
gefällig sind.

6. Kapitel
W elch hohen We rrtt die Liebe den aus ihr und aus den anderen
We
Tugenden her vorgehenden Handlungen verleiht.
hervorgehenden

1. Was ist dieser Wert, wirst du mich nun fragen, welchen die heilige
Liebe unseren Handlungen verleiht? O mein Gott, Theotimus, ich würde
nicht wagen, es zu sagen, hätte es nicht der Heilige Geist in ganz ausdrück-
lichen Worten durch den großen hl. Paulus erklärt, der sagt: „Die augen-
blickliche, leichte Bedrängnis bewirkt in uns ein überschwengliches, ewiges
Gewicht an Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).
Um Gottes willen, wollen wir doch diese Worte abwägen! Unsere Be-
drängnisse, die so leicht sind, daß sie in einem Augenblick vorübergehen,
bewirken in uns das dauerhafte und beständige Schwergewicht der Herr-
lichkeit. Betrachte doch, ich bitte dich, diese Wunder: die Bedrängnis
verschafft die Herrlichkeit, die Leichtigkeit der Last löst das Schwerge-
wicht aus und die Augenblicke bewirken die Ewigkeit!
2. Aber wer kann denn diesen flüchtigen Augenblicken und diesen leich-
ten Bedrängnissen solche Kraft geben? Scharlach, Purpur, ferner violetter
Karmesin sind kostbare, königliche Stoffe, aber nicht der Wolle, sondern
der Farbe wegen. Die Werke guter Christen haben so großen Wert, daß uns
ihretwegen der Himmel geschenkt wird. Das geschieht aber nicht deswe-
gen, Theotimus, weil sie von uns herrühren und Wolle unseres Herzens
sind, sondern weil sie gefärbt sind mit dem Blut des Sohnes Gottes.
Ich will damit sagen, daß der Heiland unsere Werke durch das Verdienst
seines Blutes heiligt. Die mit dem Weinstock verbundene Rebe bringt
nicht aus eigener Kraft Frucht, sondern durch die Kraft des Weinstockes.
Wir aber sind durch die Liebe mit unserem Erlöser verbunden, wie die
Glieder mit dem Haupt (Eph 4,15 f). Darum verdienen unsere Früchte und
guten Werke das ewige Leben, weil sie aus Ihm ihren Wert schöpfen.
3. Der Stab Aarons war dürr und außerstande, aus sich selbst Frucht
anzusetzen. Doch als der Name des Hohepriesters ihm eingeschrieben
XI, 6 239

wurde, brachte er in einer Nacht Blätter, Blüten und Früchte hervor (Num
17,8). Wir sind, auf uns selbst angewiesen, dürre, unnütze, unfruchtbare
Zweige, die nicht fähig sind, aus eigener Kraft auch nur einen Gedanken
zu fassen; unsere Fähigkeit dazu stammt vielmehr von Gott. Er hat uns zu
geeigneten Dienern des Neuen Bundes und für seinen Willen fähig ge-
macht (2 Kor 3,5 f). Und weil jetzt durch die heilige Liebe der Name unse-
res Erlösers, „des großen Bischofs unserer Seelen“ (1 Petr 2,25) in unsere
Herzen eingegraben ist, beginnen wir köstliche Früchte für das ewige Leben
zu tragen.
Die Melonenkerne bringen aus sich selbst nur Melonen von ganz fadem
Geschmack hervor, aber sobald man sie in Zucker- oder Muskatwasser
taucht, dann erzeugen sie sehr süße und schmackhafte Melonen. So ist es
auch mit unseren Herzen. Sie, die aus sich selbst keinen einzigen guten
Gedanken für den Dienst Gottes fassen können, bringen, wenn sie durch-
tränkt sind von der Liebe des Heiligen Geistes, der in uns wohnt (Röm
5,5; 8,11), heilige Taten hervor, die auf die ewige Herrlichkeit hinzielen
und uns ihr zuführen.
Unsere Werke sind, insofern sie von uns ausgehen, nur armseliges Schilf-
rohr; die Liebe aber verwandelt sie zu Gold und so werden sie zu jenen
goldenen Meßrohren, mit denen das himmlische Jerusalem gemessen wird
(Offb 21,15).
Denn sowohl den Engeln wie den Menschen wird die Herrlichkeit ver-
liehen nach der Liebe und deren Taten, so daß das Maß des Engels gleich
ist jenem des Menschen (Offb 21,17). Und Gott hat jedem vergolten und
wird jedem vergelten „nach seinen Werken“, wie uns die ganze Heilige
Schrift lehrt. Bezeichnet sie doch das Glück und die ewige Freude des
Himmels als Lohn für die Mühen, die wir hier auf Erden ertragen und für
die guten Werke, die wir hier vollbracht haben.

4. Es ist ein herrlicher Lohn, der der Größe des Herrn entspricht, dem wir
dienen. Wäre es ihm so genehm gewesen, so hätte er unseren Gehorsam
und unseren Dienst gerechterweise von uns fordern können, ohne uns ir-
gendeinen Sold oder eine Belohnung zu verheißen, sind wir doch aus tau-
send rechtmäßigen Gründen sein Eigentum und können ohne ihn nichts
Wertvolles tun, sondern nur in ihm, durch ihn, für ihn und aus ihm.
Seine Güte aber hat es anders angeordnet; in Anbetracht seines Sohnes,
unseres Erlösers, wollte er mit uns einen bestimmten Preis vereinbaren. Er
240 XI, 6

nahm uns in seinen Sold und verpflichtete sich uns gegenüber, durch sein
Versprechen, uns nach unseren Werken zu belohnen und zwar mit ewigem
Lohn. Unser Dienst ist ihm gewiß weder notwendig noch nützlich; denn
nachdem wir alles getan haben, was er uns aufgetragen hat, müssen wir
doch in sehr demütiger Wahrheit und in wahrer Demut bekennen, daß wir
in Wirklichkeit sehr unnütze Knechte sind (Lk 17,10), daß unser Herr
nichts von uns hat. Er besitzt ja seinem Wesen nach einen solchen Über-
fluß an Gutem, daß er von uns keinen Nutzen ziehen kann. Er wendet
vielmehr alle unsere Werke uns zu, zu unserem eigenen Vorteil und Wohl.
Er macht, daß wir ihm ohne Nutzen für ihn, aber mit großem Nutzen für
uns dienen und damit durch ganz geringe Mühen so große Belohnungen
gewinnen.

5. Er war nicht verpflichtet, unseren Dienst uns zu vergelten, wenn er es


nicht versprochen hätte. Glaube aber nicht, Theotimus, daß er bei diesem
Versprechen so sehr seine Güte offenbar machen wollte, daß er darauf
vergessen hätte, seine Weisheit zu verherrlichen. Er hat im Gegenteil sehr
genau die Regeln der Gerechtigkeit beobachtet und wunderbar die Schick-
lichkeit mit seiner Freigebigkeit verbunden. Denn sind auch unsere Wer-
ke ihrem Gewicht nach äußerst gering und keineswegs in Vergleich zu
ziehen mit seiner Herrlichkeit, so sind sie ihm ihrer Güte nach doch ange-
messen durch den Heiligen Geist, der durch die Liebe in unseren Herzen
wohnt (Röm 8,11) und der sie in uns, durch uns und für uns wirkt.
Er tut dies in so überaus kunstvoller Weise, daß die gleichen Werke ganz
unsere Werke, aber noch mehr seine Werke sind; denn er bringt sie in uns
hervor, und wir wiederum bringen sie in ihm hervor; so wie er sie für uns
verrichtet, verrichten wir sie für ihn, und wie er sie mit uns vollbringt,
vollbringen wir sie mit ihm.
Der Heilige Geist wohnt aber in uns, wenn wir lebendige Glieder Jesu
Christi sind, der deshalb zu seinen Jüngern gesagt hat: „Wer in mir bleibt
und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht“ (Joh 15,5). Und das ist so,
Theotimus, weil derjenige, der in ihm bleibt, teilhat an seinem göttlichen
Geist, der inmitten des menschlichen Herzens wie eine Quelle ist, die
emporspringt und ihre Wasser bis ins ewige Leben treibt (Joh 4,14).
So teilt sich das Öl der Segnung, das über den Erlöser als Haupt der
streitenden und triumphierenden Kirche ausgegossen ist, der Schar der
Seligen mit, die wie der Bart des göttlichen Meisters immer an sein glor-
XI, 7 241

reiches Antlitz geheftet sind, und es träufelt auch über die Menge der
Gläubigen, die wie Gewänder durch die Liebe seiner göttlichen Majestät
verbunden und geeint sind. Diese und jene könnten daher wie rechte Ge-
schwister ausrufen: „Sieh, wie das schön, wie das lieblich ist, wenn Brüder
friedlich beisammen wohnen! Es ist wie köstliches Öl auf dem Haupt, das
herab in den Bart rinnt, den Aaronsbart, das zum Saum des Gewandes
herabtrieft“ (Ps 133,1 f).
So sind also unsere Werke wie ein kleines Senfkorn (Mt 13,31), gar
nicht vergleichbar dem Baum der Herrlichkeit, der aus ihnen entsprießt.
Dennoch haben sie die Kraft und Fähigkeit, ihn hervorzubringen, weil sie
vom Heiligen Geist ausgehen, der durch das wunderbare Ausgießen sei-
ner Gnade in unsere Herzen unsere Werke zu den seinen macht und sie
dabei doch unsere Werke sein läßt. Und dies, weil wir Glieder eines Haup-
tes sind, dessen Geist er ist, und weil wir einem Baum eingepfropft sind,
dessen göttlicher Lebenssaft er ist. Und weil er so in unseren Werken
wirksam ist und wir in gewisser Hinsicht in seiner Tätigkeit wirken oder
mitwirken, läßt er uns das ganze Verdienst und den Nutzen unserer Dien-
ste und guten Werke.
6. Wir aber lassen ihm alle Ehren und alles Lob und anerkennen, daß
Anfang, Fortschritt und Ende alles Guten, das wir tun, von seiner Barm-
herzigkeit abhängt, durch die er zu uns gekommen und uns zuvorgekom-
men ist, durch die er in uns gekommen und uns beigestanden ist, durch die
er mit uns gekommen ist und uns geführt und vollendet hat, was er begon-
nen (Phil 1,6). Aber o Gott, Theotimus, wie barmherzig ist diese Güte mit
uns bei dieser Teilung! Wir geben ihm die Ehre unserer Lobpreisungen
und er gibt uns die Glorie seines beseligenden Besitzes! Kurzum, durch
diese leichten vorübergehenden Bedrängnisse erlangen wir unvergängli-
che Güter für die ganze Ewigkeit. – So sei es!

7. Kapitel
Die vollkommenen TTugenden
vollkommenen ugenden sind nie voneinander getrennt.

1. Man sagt, beim Menschen sei das Herz das erste, das durch die Verei-
nigung mit der Seele Leben empfängt, das Auge aber das letzte (Arist. De
gener. Animal. 2,4). Umgekehrt aber, wenn man eines natürlichen Todes
stirbt, beginnt das Auge zuerst zu erlöschen, das Herz aber zuletzt. Wenn
das Herz zu leben beginnt, noch bevor die anderen Teile des Körpers
belebt sind, ist sein Leben allerdings nur schwach, zart und unvollkom-
242 XI, 7

men. In dem Maße aber, als es sich über den Körper ausbreitet, wird es in
jedem Teil, besonders aber im Herzen kräftiger. Auch sieht man, daß das
Leben, wenn es in einem Glied Schaden leidet, in allen anderen Gliedern
seine Kraft verliert. Wird ein Mensch an seinem Fuß oder an seinem Arm
verletzt, so fühlt er sich im ganzen unbehaglich, sein ganzer Körper ist
davon betroffen, in Anspruch genommen und in Mitleidenschaft gezogen.
Haben wir Magenschmerzen, so leiden Augen, Stimme und das ganze
Gesicht darunter, so sehr sind die einzelnen Teile des menschlichen Kör-
pers in der Teilnahme am natürlichen Leben aufeinander eingestellt.

2. Man kann nicht alle Tugenden auf einmal in einem Augenblick errin-
gen, sondern nur eine nach der anderen, und zwar in dem Maße, als die
Vernunft, die gleichsam die Seele unseres Herzens ist, sich einmal der
einen Leidenschaft und dann wieder einer anderen bemächtigt, um sie zu
mäßigen und zu beherrschen. Für gewöhnlich nimmt dieses Leben unserer
Seele seinen Anfang im Herzen unserer Leidenschaften, nämlich in der Lie-
be. Es breitet sich dann auf alle anderen Leidenschaften aus und belebt
schließlich auch das Erkenntnisvermögen durch die Beschauung.
Dagegen geht der moralische oder geistliche Tod zuerst durch die Unbe-
sonnenheit in die Seele ein. (Durch die Fenster stieg uns der Tod, sagt die
Heilige Schrift; Jer 9,20). Und seine letzte Wirkung besteht darin, daß er
die rechte Liebe zerstört; sobald diese aber zugrunde geht, ist das ganze
sittliche Leben in uns erstorben.

3. Wenngleich man also auch einzelne von anderen abgesonderte Tugen-


den besitzen kann, so können das doch nur sehr matte, unvollkommene
und schwache Tugenden sein. Die Vernunft, die das Leben unserer Seele
ist, kann nie zufrieden sein und sich in einer Seele wohlfühlen, wenn sie
nicht alle Fähigkeiten und Leidenschaften derselben besetzt und besitzt.
Wird sie durch eine unserer Leidenschaften oder Zuneigungen beleidigt
oder verletzt, so verlieren alle anderen ihre Kraft und Stärke und erschlaf-
fen in auffälliger Weise.
Alle Tugenden, Theotimus, sind nur Tugenden durch ihre Überein-
stimmung und Gleichförmigkeit mit der Vernunft. Eine Handlung kann
nicht tugendhaft genannt werden, wenn sie nicht aus der Liebe hervorgeht,
die das Herz der Ehrbarkeit und Schönheit der Vernunft entgegenbringt.
Wenn die Liebe zur Vernunft einen Geist beherrscht und beseelt, wird er
XI, 7 243

bei allen Gelegenheiten alles tun, was die Vernunft will, und folglich wird
er alle Tugenden üben.
Wenn Jakob Rahel deshalb geliebt hätte, weil sie die Tochter Labans
war, warum mißachtete er dann Lea, die doch nicht nur Tochter, sondern
die älteste Tochter Labans war? – Weil er aber Rahel ihrer Schönheit
wegen liebte, brachte er es nicht über sich, die arme Lea ebenso zu lieben,
obgleich sie fruchtbar und klug, wenn auch für sein Gefühl nicht so schön
war (Gen 29,16-30). Wenn jemand eine Tugend aus Liebe zur Vernunft
und zur Ehrbarkeit liebt, die aus ihr hervorleuchtet, so wird er alle Tugen-
den lieben, weil er das in allen findet, und er wird die eine oder andere
mehr oder weniger lieben, je nachdem die Vernunft mehr oder weniger
hell leuchtend in ihr aufscheint.
Wer die Freigebigkeit liebt, aber die Keuschheit nicht liebt, zeigt, daß er die
Freigebigkeit nicht wegen der Schönheit der Vernunft liebt, denn die Keusch-
heit besitzt noch mehr von dieser Schönheit, und wo die Ursache stärker
ist, sollten auch die Wirkungen stärker sein. Es ist also ein augenscheinli-
ches Zeichen, daß dieses Herz nicht aus Erwägungen und Beweggründen
der Vernunft zur Freigebigkeit hinneigt. Daraus folgt, daß die Freigebig-
keit in diesem Fall wohl eine Tugend zu sein scheint, aber doch nur eine
Scheintugend ist, denn sie entspringt nicht der Vernunft, dem wahren Be-
weggrund der Tugenden, sondern irgendeinem anderen ihr fremden Be-
weggrund.
Um vor der Welt Namen, Wappen und Titel des Ehegatten seiner Mut-
ter zu tragen, genügt es, daß ein Kind in der Ehe geboren ist. Aber um des
Blutes und der Natur teilhaft zu sein, muß es nicht nur in der Ehe geboren,
sondern auch aus dieser hervorgegangen sein. Handlungen tragen Namen,
Wappen und Kennzeichen der Tugenden, weil sie aus einem vernunftbe-
gabten Herzen stammend vernunftgemäß erscheinen. Doch fehlt ihnen
Wesen und Kraft der Tugenden, wenn sie aus einem fremden, ehebrecheri-
schen Beweggrund und nicht aus der Vernunft hervorgehen.

4. Es kann darum möglich sein, daß ein Mensch einige Tugenden besitzt,
während ihm andere fehlen; dann sind sie aber entweder erst keimende,
ganz zarte Tugenden, gleichsam Blütenknospen, oder zugrundegehende,
sterbende Tugenden, gleich verwelkenden Blumen. Denn wie uns die ge-
samte Philosophie und Theologie lehrt, besitzen die Tugenden nur dann
ihre Unversehrtheit und Vollkraft, wenn sie alle beisammen sind.
244 XI, 7

Ich bitte dich, mein Theotimus, wie kann ein unmäßiger, ungerechter
und feiger Mensch klug sein, wenn er das Laster wählt und die Tugend
fallen läßt?
Und wie kann man gerecht sein, ohne klug, stark und mäßig zu sein?
Gerechtigkeit ist nichts anderes als ein andauernder, starker und beharr-
licher Wille, jedem das zu geben, was ihm gebührt, und die Wissenschaft,
durch die das Recht ausgeübt wird, heißt Jurisprudenz (Klugheit im
Recht).
Um jedem das zu geben, was ihm gebührt, muß man ferner weise und
mäßig leben und die Unordnung der Unmäßigkeit bei uns verhüten, um
uns selbst zu geben, was uns gebührt.
Bezeichnet man mit dem Wort Tugend nicht eine Kraft und Stärke, die
die Seele als Eigenheit besitzt, so wie man von Kräutern und Edelsteinen
sagt, daß sie diese oder jene Tugend oder Kraft besitzen? Ist Klugheit aber
nicht unklug in einem unmäßigen Menschen?
Stärke ohne Klugheit, Gerechtigkeit und Mäßigkeit ist nicht Stärke, son-
dern wildes Rasen. Gerechtigkeit wird bei einem feigen Menschen zur
Ungerechtigkeit, wenn er es nicht wagt, dafür einzustehen, desgleichen bei
einem Unmäßigen, der sich von seinen Leidenschaften hinreißen läßt, bei
einem Unklugen, der nicht zu unterscheiden vermag zwischen Recht und
Unrecht.
Gerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit, wenn sie nicht klug, stark und
maßvoll ist. Auch Klugheit ist keine Klugheit, wenn sie nicht mäßig, ge-
recht und stark ist; Stärke ist keine Stärke, wenn sie nicht gerecht, klug und
maßvoll ist; Mäßigkeit ist keine Mäßigkeit, wenn sie nicht klug, stark und
gerecht ist. Kurzum, eine Tugend ist keine vollkommene Tugend, wenn sie
nicht von allen anderen begleitet ist.
5. Es ist wohl wahr, Theotimus, daß man nicht alle Tugenden auf einmal
üben kann, weil die Gelegenheiten dazu sich nicht auf einmal ergeben. So
gibt es Tugenden, welche zu üben manche Heilige gar keine Gelegenheit
hatten. Welche Möglichkeit hatte zum Beispiel der hl. Paulus, der erste
Einsiedler, Beleidigungen zu verzeihen, Freundlichkeit, Freigebigkeit,
Milde zu üben? Trotzdem sind solche Seelen allem, was die Vernunft als
ehrbar erklärt, so sehr zugeneigt, daß sie zwar nicht im Besitz aller Tugen-
den ihren Wirkungen nach sind, aber doch nach ihrer Liebe zu ihnen. Sie
sind ja bereit und geneigt, der Vernunft bei allen Vorkommnissen ohne
Ausnahme und Vorbehalt zu folgen und zu dienen.
XI, 7 245

6. Es gibt gewisse Neigungen, die man für Tugenden hält, die aber keine
Tugenden sind, sondern glückliche Anlagen und Vorzüge der Natur. Wie
viele Menschen gibt es, die aus natürlicher Veranlagung mäßig, einfach,
sanft, schweigsam, ja selbst keusch und rechtschaffen sind! Das alles scheint
Tugend zu sein, hat aber doch nicht deren Verdienst, ebenso wie schlechte
Neigungen erst dann tadelnswert werden, wenn wir auf diese natürliche
Gemütsart die freie Zustimmung unseres Willens pfropfen. Es ist keine
Tugend, aus natürlicher Veranlagung wenig zu essen, wohl aber, sich aus
freier Wahl von Speisen zu enthalten. Es ist keine Tugend, aus bloßer
Neigung schweigsam zu sein, wohl aber, aus Vernunft zu schweigen. Viele
glauben Tugenden zu besitzen, wenn sie nicht in die entgegengesetzten La-
ster fallen. Wer nie angegriffen wurde, kann sich wohl rühmen, vor dem
Gegner nicht geflohen zu sein, aber nicht, tapfer gewesen zu sein. Wer
nicht Trübsal zu leiden hat, kann sich darüber freuen, daß er nicht unge-
duldig ist, aber er kann nicht sagen, er sei geduldig. Auch glauben viele,
Tugenden zu besitzen, die bloß gute Anlagen haben; und weil bei diesen
Anlagen wohl die einen ohne die anderen sein können, meinen sie, daß das
bei den Tugenden auch so sei.

7. Gewiß, der große hl. Augustinus zeigt in einem Brief, den er an den hl.
Hieronymus geschrieben hat, daß wir wohl irgendeine Art von Tugend
haben können, ohne die anderen Tugenden zu besitzen, daß wir aber keine
vollkommenen Tugenden haben können, ohne sie alle zu besitzen. Bei den
Lastern ist es hingegen so, daß man die einen ohne die anderen haben
kann, daß es aber unmöglich ist, sie alle zu besitzen. Wenn daher jemand
alle Tugenden verloren hätte, so folgt daraus nicht, daß er jetzt alle Laster
habe. Fast alle Tugenden haben ja zwei ihnen entgegengesetzte Laster; die-
se stehen nicht nur zur Tugend im Gegensatz, sondern sie sind auch einan-
der entgegengesetzt. Wer durch Verwegenheit der Tapferkeit verlustig ge-
worden ist, kann nicht gleichzeitig das Laster der Feigheit haben. Und wer
durch Verschwendung die Freigebigkeit eingebüßt hat, kann nicht gleich-
zeitig der Knauserei beschuldigt werden. „Catilina,“ sagt der hl. Augusti-
nus, „war mäßig, wachsam, geduldig im Ertragen der Kälte, der Hitze und
des Hungers. Es kam daher ihm und seinen Mitverschworenen vor, als sei
er sehr standhaft gewesen. Aber diese Stärke war nicht klug, wählte er
doch das Böse statt des Guten; sie war nicht mäßig, denn er suchte seine
Entspannung in häßlichen Vergnügungen; sie war nicht gerecht, da er sich
gegen sein Vaterland verschwor. Sie war daher nicht Standhaftigkeit, son-
246 XI, 8

dern Eigensinn, der den Namen Standhaftigkeit führte, „um die Dummen
zu täuschen“ (Ep 167, § 2).

8. Kapitel
Die Liebe begreif
begreiftt alle TTugenden
ugenden in sich.

1. „Vom Ort der Wonne her kam zur Bewässerung des Gartens ein Strom,
der sich beim Heraustreten aus ihm in vier Arme verzweigte“ (Gen 2,10).
Der Mensch befindet sich an einem Ort der Wonne, wo Gott den Strom
der Vernunft und der natürlichen Erkenntnis entspringen läßt, um das gan-
ze Paradies unserer Herzen zu bewässern. Dieser Strom teilt sich in vier
Arme, d. h. er fließt nach vier verschiedenen Richtungen, in die vier ver-
schiedenen Seelenbezirke. 1) Das natürliche Licht ergießt Klugheit über
das sogenannte praktische Erkennungsvermögen, durch welches wir un-
terscheiden, welche Handlungen wir tun und welche wir lassen sollen.
Durch die Klugheit wird unser Geist geneigt, weise über das Böse zu urtei-
len, das wir meiden und verjagen, und über das Gute, das wir tun und eifrig
verfolgen sollen. 2) Über unseren Willen läßt es die Gerechtigkeit strö-
men, die nichts anderes ist als der andauernde und feste Entschluß, jedem
das zu geben, was ihm gebührt. 3) Über die Begierlichkeit ergießt es die
Mäßigkeit, die alle Leidenschaften mäßigt, die sich darin befinden, und 4)
die Fluten des Starkmutes über die Reizbarkeit oder den Zorn, der alle
Regungen des Zornes zügelt und lenkt.
Diese vier voneinander getrennten Ströme teilen sich nachher in mehre-
re andere, damit alle menschlichen Handlungen in geeigneter Weise auf
die natürliche Rechtschaffenheit und Glückseligkeit hingelenkt werden
können.

2. Da Gott aber den Christen mit einer besonderen Gunst bereichern


wollte, ließ er auf der höchsten Spitze seines Geistes einen übernatürlichen
Quell entspringen, den wir Gnade nennen. Diese schließt wohl den Glau-
ben und die Hoffnung ein, besteht aber letztlich in der Liebe. Diese reinigt
die Seele von allen Sünden, schmückt und ziert sie sodann mit sehr anzie-
hender Schönheit und ergießt schließlich ihre Wasser über alle ihre Fähig-
keiten und Handlungen, um dem Erkenntnisvermögen himmlische Klug-
heit zu verleihen, dem Willen heilige Gerechtigkeit, der Begierlichkeit
geheiligte Mäßigkeit und der Neigung zum Zorn heiligen Starkmut, damit
XI, 8 247

das ganze menschliche Herz nach der übernatürlichen Rechtschaffenheit


und Glückseligkeit ausgerichtet sei, die in der Vereinigung mit Gott be-
steht.

3. Treffen diese vier Ströme und Flüsse der Liebe in einer Seele die eine
oder andere der vier natürlichen Tugenden an, so bringen sie diese unter
ihren Gehorsam, indem sie sich mit ihr vermengen, um sie zu vervoll-
kommnen, so wie duftendes Wasser natürliches Wasser vervollkommnet,
indem es sich mit ihm vermischt. Findet aber die heilige Liebe keine der
natürlichen Tugenden in der Seele vor, so übernimmt sie selbst deren Aufga-
ben, je nachdem es die Gelegenheiten erfordern. So fand die himmlische
Liebe in den Heiligen Paulus, Ambrosius, Dionysius und Pachomius ver-
schiedene Tugenden vor und verlieh ihnen eine wohltuende Klarheit, in-
dem sie alle in ihren Dienst zog. Bei der hl. Magdalena jedoch, bei der hl.
Maria von Ägypten, beim guten Schächer und bei hundert anderen Bü-
ßern, die früher große Sünder waren, fand die göttliche Liebe keine Tu-
gend vor, übernahm daher selbst Aufgaben und Werke aller Tugenden,
indem sie in ihnen geduldig, sanft, demütig und freigebig war.
Wir säen in unsere Gärten eine große Vielfalt von Samen, bedecken sie
alle mit Erde, als würden wir sie begraben, bis die Sonne mit ihrer Kraft
bewirkt, daß sie aufgehen und gleichsam auferstehen, denn sie treiben
dann Blätter und Blüten mit neuen Samenkörnern, jedes nach seiner Art
(Gen 1,12). Ein und dieselbe himmlische Wärme bewirkt also die ganze
Mannigfaltigkeit dieser Gewächse durch die Samen, die sie im Schoß der
Erde verborgen findet. So, mein Theotimus, hat Gott in unsere Seelen die
Samen aller Tugenden ausgestreut; sie sind jedoch so sehr mit unseren
Unvollkommenheiten und Schwächen überdeckt, daß sie nicht oder nur
sehr wenig in Erscheinung treten, bis die lebenspendende Wärme der hei-
ligen Liebe sie belebt und auferweckt und durch sie die Werke aller Tugen-
den verrichtet. So wie das Manna den mannigfaltigen Geschmack aller
Speisen in sich enthielt und die Lust danach im Mund der Israeliten erreg-
te (Weish 16,20), so enthält die himmlische Liebe die verschiedenen Voll-
kommenheiten aller Tugenden in einer so hervorragenden und erhabenen
Weise in sich, daß sie alle ihre Werke den Gelegenheiten entsprechend zu
ihrer Zeit und an ihrem Ort verrichtet.
Josua schlug gewiß tapfer die Feinde Gottes durch eine gute Führung
der unter ihm stehenden Truppen; aber Simson schlug sie noch glorrei-
cher, als er mit einem Eselskinnbacken Tausende tötete (Ri 15,15). Josua
248 XI, 9

wirkte Gewaltiges, indem er es verstand, durch kluge Führung und Diszi-


plin die Tapferkeit seiner Truppen richtig einzusetzen. Simson aber wirkte
aus eigener Kraft Wunderbares, ohne daß er andere dazu brauchte. Josua
hatte die Kräfte vieler Soldaten unter sich; Simson aber hatte diese Kräfte
in sich und konnte allein das, was Josua und die vielen Soldaten, die mit
ihm waren, vollbrachten.
Die himmlische Liebe ragt auf die eine wie auf die andere Art hervor.
Findet sie Tugenden in einer Seele (und für gewöhnlich findet sie wenigs-
tens den Glauben, die Hoffnung und die Buße), so belebt sie diese, erteilt
ihnen Befehle und setzt sie auf glückliche Weise zum Dienst Gottes ein;
für die übrigen Tugenden, die sie nicht antrifft, vollbringt sie selbst die
Werke, denn sie allein hat ebensoviel und noch mehr Kraft, als sie alle
zusammen hätten.

4. Der große Apostel sagt nicht nur, daß die Liebe uns Geduld, Güte,
Beharrlichkeit, Einfachheit verleiht, sondern er sagt, daß sie selbst geduldig,
gütig, beharrlich ist (1 Kor 13,4). Es ist den höchsten Tugenden, sowohl
bei den Menschen wie bei den Engeln eigen, daß sie nicht bloß den niede-
ren befehlen können, zu wirken, sondern daß sie auch selbst das vermö-
gen, was sie den anderen befehlen. Der Bischof teilt die Ämter für alle
kirchlichen Aufgaben aus: die Kirche zu öffnen, darin vorzulesen, die
bösen Geister zu beschwören, zu unterrichten, zu predigen, zu taufen, das
Opfer darzubringen, die Kommunion zu spenden, loszusprechen. Er selbst
kann all dies und tut es auch, weil er in sich eine höhere Gewalt hat, die
alle anderen niederen in sich schließt.
In Erwägung der Worte des hl. Paulus: „Die Liebe ist geduldig, gütig,
stark“, erklärt der hl. Thomas: „Die Liebe tut und vollbringt die Werke
aller Tugenden“ (St. th. IIa, IIae qu 23, art 4, ad 2). Und der hl. Ambrosius
nennt die Geduld und die anderen Tugenden in seinem Schreiben an De-
metrius „Glieder der Liebe“ (Epist ad Demetr., früher unter den Werken
des hl. Ambr.). Und der große hl. Augustinus sagt (De Morib. Eccl. c. 15),
daß die Gottesliebe alle Tugenden in sich begreift und alle ihre Werke in
uns verrichtet. Das sind seine Worte: „Wenn man euch sagt, daß die Tu-
gend sich in vier verschiedene Tugenden einteilen läßt (er spricht von den
vier Kardinaltugenden), so sagt man dies, kommt mir vor, der verschiede-
nen Affekte wegen, die von der Liebe herrühren. Ich hätte gar keine Be-
denken, diese vier Tugenden so zu definieren, daß die Mäßigkeit die Liebe
ist, die sich Gott ganz und gar schenkt, der Starkmut eine Liebe, die gern
XI, 9 249

alles für Gott erträgt; die Gerechtigkeit eine Liebe, die Gott allein dient und
deswegen alles richtig anordnet, was dienlich ist, um sich mit Gott zu verei-
nigen, und das verwirft, was ihr schädlich wäre.“
5. Derjenige also, der die Liebe hat, hat seinen Geist mit einem schönen
hochzeitlichen Gewand bekleidet, welches wie das des Josef (Gen 37,3)
besät ist mit der ganzen Buntheit der Tugenden; oder besser gesagt, er hat
eine Vollkommenheit, welche die Tugend aller Vollkommenheiten oder die
Vollkommenheit aller Tugenden enthält. Und daher „ist die Liebe gedul-
dig, gütig; sie ist nicht eifersüchtig“ sondern voll Güte, sie „ist nicht unbe-
sonnen“ sondern klug; sie „ist nicht aufgeblasen“ vom Stolz, sondern de-
mütig; sie „ist nicht ehrsüchtig“ und nicht geringschätzig, sondern lie-
benswürdig und leutselig; sie „sucht nicht spitzfindig das Ihre“, sondern
sie ist freimütig und herablassend; „sie denkt nichts Böses“, sondern ist
gutmütig; „sie hat nicht Freude am Unrecht“, sie hat vielmehr Freude an
der Wahrheit und in der Wahrheit, „sie erträgt alles, sie glaubt“ gern alles,
was man ihr Gutes sagt, ohne allen Eigensinn, ohne je den Mut zu verlie-
ren, ihm sein Heil sichern zu können. Sie „trägt alles“ (1 Kor 13,4-7) und
erwartet ohne Sorge das, was ihr versprochen ist. Die Liebe ist endlich
jenes „feine, im Feuer geglühte Gold“, das der Herr dem Bischof von
Laodicäa zu kaufen rät (Offb 3,18), das den Wert aller Dinge in sich ent-
hält, sie kann alles, sie tut alles (1 Kor 13,4-7).

9. Kapitel
Die TTugenden
ugenden gewinnen ihre V ollk
Vollkommenheit
ollkommenheit
aus der heiligen Liebe.

1. Die Liebe ist also das Band der Vollkommenheit (Kol 3,14), da in ihr
alle Vollkommenheiten der Seele enthalten und vereinigt sind. Ohne sie
könnte man weder die Gesamtheit der Tugenden, noch eine einzige Tugend
in ihrer Vollkommenheit haben. Ohne Zement und Mörtel, die Steine und
Mauer verbinden, bricht jedes Gebäude zusammen; ohne Nerven, Mus-
keln und Sehnen zerfiele der ganze Körper und ohne die Liebe können die
Tugenden sich nicht untereinander halten und stützen.
Unser Herr verbindet immer die Erfüllung der Gebote mit der Liebe: „Wer
meine Gebote hat und sie hält,“ sagt er, „der ist es, der mich liebt“ (Joh
14,21). „Wer mich nicht liebt, der hält meine Gebote nicht“ (Joh 14,24).
„Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten“ (Joh 14,23). Das
wiederholt der Liebesjünger, indem er sagt: „Wer sein Wort hält, in dem
250 XI, 9

ist die Liebe zu Gott wahrhaft vollkommen“ (1 Joh 2,5). „Darin besteht
die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten“ (1 Joh 5,3).
Wer alle Tugenden besäße, würde auch alle Gebote halten; denn wer die
Tugend der Religion hätte, hielte die drei ersten Gebote; wer die Ehr-
furcht hätte, hielte das vierte; wer die Sanftmut und Güte hätte, das fünfte;
durch die Keuschheit hielte man das sechste; durch die Freigebigkeit wür-
de man es vermeiden, das siebente zu verletzen; durch die Wahrhaftigkeit
würde man das achte erfüllen; und durch die Sparsamkeit und Schamhaf-
tigkeit das neunte und zehnte beobachten.
2. Kann man die Gebote nicht ohne die Liebe beobachten, so kann man
um so weniger ohne sie alle Tugenden besitzen.
Man kann gewiß, auch wenn man keine Gottesliebe besitzt, die eine
oder andere Tugend haben und eine Zeit hindurch Gott nicht beleidigen.
Entwurzelte Bäume können wohl noch einiges hervorbringen, aber nur
auf kurze Zeit und nichts Vollendetes. Ebenso kann ein Herz, das von der
Liebe getrennt ist, wohl noch einige Akte der Tugend setzen, aber sicher
nicht lange.
Alle Tugenden, die von der Liebe getrennt sind, sind sehr unvollkommen,
denn ohne sie können sie ihr Ziel nicht erreichen, nämlich den Menschen
glücklich zu machen.
Die Bienen kommen als kleine unförmige Würmchen, ohne Füße, ohne
Flügel, auf die Welt; mit der Zeit aber wandeln sie sich und werden kleine
Insekten; endlich aber, wenn sie stark geworden und ihr volles Wachstum
erreicht haben, nennt man sie fertig ausgebildete, vollendete Bienen, denn
sie haben alles, was sie brauchen, um fliegen und um Honig bereiten zu
können.
Die Tugenden haben ihre Anfänge, ihren Fortschritt und ihre Vollendung.
Ich leugne nicht, daß sie ohne die Liebe ihren Anfang nehmen, ja selbst
Fortschritte machen können. Aber daß sie zur Vollendung gelangen und
fertige, ausgebildete und vollendete Tugenden genannt werden können,
das kann nur die Liebe bewirken, die ihnen die Kraft verleiht, sich zu Gott
aufzuschwingen und aus seiner Barmherzigkeit den Honig echten Ver-
dienstes und der Heiligkeit zu empfangen für die Herzen, in denen die
Tugenden sich vorfinden.
3. Die Liebe ist unter den Tugenden das, was die Sonne unter den Sternen
ist; sie ist es, die allen ihr Licht und ihre Schönheit verleiht. Glaube, Hoff-
nung, Furcht und Buße sind für gewöhnlich vor ihr in der Seele, um ihr die
Wohnung zu bereiten; sobald sie aber da ist, gehorchen und dienen sie ihr
XI, 9 251

wie alle übrigen Tugenden und sie beseelt, ziert und belebt sie durch ihre
Gegenwart.
Die anderen Tugenden können sich gegenseitig in ihren Werken und
Übungen unterstützen und anspornen. Wer weiß nicht, daß die Keusch-
heit der Mäßigkeit bedarf und sie anregt und daß der Gehorsam uns zur
Freigebigkeit, zum innerlichen Gebet, zur Demut führt? Durch diese Ver-
bindung, die sie untereinander haben, nehmen die einen an den Vollkom-
menheiten der anderen teil.
Die Keuschheit, die aus Gehorsam beobachtet wird, hat eine doppelte
Würde, ihre eigene und die des Gehorsams und zwar mehr die des Gehor-
sams als die ihre. Denn wie Aristoteles sagt (Eth. ad Nic. 5,2), daß einer,
der stiehlt, um Unzucht zu begehen, mehr ein Unzüchtiger als ein Dieb
ist, weil sein Affekt ganz auf die Unzucht gerichtet ist und er sich des
Diebstahls nur als eines Weges bedient, um dorthin zu gelangen – so ist
einer, der aus Gehorsam die Keuschheit beobachtet, mehr gehorsam als
keusch, da er die Keuschheit im Dienst des Gehorsams verwendet. Trotz-
dem kann aus der Vermengung von Gehorsam und Keuschheit keine voll-
endete und vollkommene Tugend hervorgehen, weil die letzte Vollkom-
menheit, die die Liebe ist, beiden mangelt.
Angenommen, in einem Menschen befänden sich alle Tugenden, nur die
Liebe allein mangelte, so würde diese Gesamtheit der Tugenden wohl ei-
nen in all seinen Teilen sehr vollendeten Körper darstellen – wie der Adams
war, als Gott ihn mit seiner Meisterhand aus dem Lehm der Erde bildete,
– aber einen Körper bar aller Bewegung, allen Lebens und aller Anmut, bis
Gott ihm den Odem des Lebens einhaucht (Gen 2,7), das will heißen, die
heilige Liebe, ohne die uns alles übrige nichts nützt (1 Kor 13,3).

4. Übrigens ist die Vollkommenheit der göttlichen Liebe so über alles


erhaben, daß sie alle Tugenden vervollkommnet, selbst aber nicht durch die
anderen vervollkommnet werden kann, nicht einmal durch den Gehor-
sam, die Tugend, die am meisten Vollkommenheit auf die anderen auszu-
strahlen vermag. Denn wenn auch die Liebe befohlen ist und wir dadurch,
daß wir lieben, den Gehorsam üben, so zieht doch die Liebe ihre Voll-
kommenheit nicht aus dem Gehorsam, sondern aus der Güte desjenigen,
den sie liebt. Denn die Liebe ist nicht so erhaben, weil sie gehorsam ist,
sondern weil sie ein über alles erhabenes Gut liebt. Es ist wohl wahr, daß
wir gehorchen, indem wir lieben, ebenso wie wir lieben, indem wir gehor-
chen. Wenn aber dieser Gehorsam in so außerordentlicher Weise liebens-
252 XI, 10

wert ist, so ist es, weil er auf die Herrlichkeit der Liebe zielt, und seine
Vollkommenheit hängt nicht davon ab, daß wir durch unsere Liebe gehor-
chen, sondern daß wir durch unser Gehorchen lieben. So wie Gott das
letzte Ziel alles Guten und gleichzeitig dessen Ursprung ist, ebenso ist die
Liebe, die der Ursprung jedes guten Affektes ist, gleichzeitig auch dessen
letztes Ziel und dessen Vollkommenheit.

10. Kapitel
Die Unvollkommenheit der von den alten Heiden
geübten TTugenden.
ugenden.

1. Die Philosophen des Altertums hielten einst wunderbare Reden zu


Ehren der sittlichen Tugenden, ja selbst zum Lob der Religion. Was jedoch
Plutarch über die Stoiker gesagt hat, gilt noch mehr von den übrigen Hei-
den. Er sagt (Opusc. cujus argumentum est Stoicos quam poetas absurdio-
ra dicere): Wir sehen Schiffe, die großartige Inschriften tragen, die einen
heißen Victoria (Sieg), die anderen Tapferkeit, andere bezeichnen sich als
Sonne; deswegen hören sie aber nicht auf, Wind und Wellen ausgeliefert
zu sein. So rühmen sich die Stoiker, sie seien Menschen, frei von Leiden-
schaften, von Furcht, Traurigkeit, Zorn, sie seien unveränderlich, dem Wan-
kelmut nicht unterworfen. In Wirklichkeit sind sie aber doch der Sorge,
der Unruhe, dem Ungestüm und anderen Ungehörigkeiten preisgegeben.
Mein Gott, ich bitte dich, Theotimus, welche Tugenden sollten diese
Menschen auch haben, die absichtlich und als ob sie dafür gedungen wä-
ren, alle Gesetze der Religion umstürzten? Seneca hatte ein Buch gegen
den Aberglauben geschrieben, in dem er den heidnischen Götzendienst
mit großer Freiheit tadelte: Diese Freiheit, sagt der große hl. Augustinus
(St. G. 6,10 und 11), fand sich jedoch bloß in seinen Schriften, aber nicht
in seinem Leben; riet er doch sogar, man sollte den Aberglauben aus sei-
nem Herzen verbannen, es aber nicht unterlassen, ihn in Handlungen zu
üben. Denn das sind seine Worte: „Der Weise wird sich an diese abergläu-
bischen Lehren halten, weil die Gesetze sie vorschreiben, aber nicht, weil
sie den Göttern wohlgefällig sind!“ – Wie konnten jene tugendhaft sein,
die nach dem Bericht des hl. Augustinus (St. G. 19,4) der Ansicht waren,
der Weise solle sich das Leben nehmen, wenn er die Leiden des Lebens
nicht länger ertragen könne oder dürfe, die dabei aber gleichzeitig nicht
zugeben wollten, daß die Leiden ein Elend und das Elend Leiden sei,
XI, 10 253

sondern behaupteten, der Weise sei immer glücklich und sein Leben sei
immer ein glückliches. „Was ist das doch für ein glückliches Leben,“ ruft
der hl. Augustinus aus, „dem zu entgehen man in den Tod flüchtet? Wenn
es ein so glückliches Leben ist, warum verbleiben sie nicht in ihm?“ (Ebd.).

2. Jener stoische Heerführer, der in der Stadt Uttica Selbstmord beging,


um einem Unglück zu entgehen, das er seines Lebens unwürdig erachtete,
und darob von kleinen Geistern gerühmt wurde, hat, wie der hl. Augusti-
nus (St. G. ebd. und 1,22 f) ausführt, in dieser Tat sehr wenig echte Tugend
geoffenbart. Sein Selbstmord war kein Zeugnis für einen Mut, der Schan-
de meiden will, sondern für eine schwache Seele, die es nicht vermag, mit
Ruhe den Schicksalsschlag abzuwarten. Hätte er es wirklich für ehrlos
gehalten, den Sieg Cäsars zu überleben, warum befahl er dann, auf die
Milde Cäsars zu hoffen? Warum hat er seinem Sohn nicht geraten, mit ihm
zu sterben, wenn der Tod besser und ehrenhafter war als das Leben? Er
nahm sich also entweder deshalb das Leben, weil er Cäsar den Ruhm nicht
gönnte, ihm das Leben zu schenken, oder weil er sich vor der Schande
fürchtete, unter einem Sieger, den er haßte, zu leben. So mag man ihm
wohl einen massiven oder auch vielleicht einen großen Mut nachrühmen,
aber nicht ein weises, tugendhaftes und standhaftes Gemüt. Die Grausam-
keit, die ohne Gemütserregung kaltblütig vollzogen wird, ist die allergrau-
samste. Das gleiche gilt von der Verzweiflung; wer dabei am langsamsten,
überlegtesten, entschlossensten vorgeht, ist am wenigsten zu entschuldi-
gen und seine Verzweiflung ist die schlimmste.
Was nun Lukretia betrifft (s. Aug. St. G. 1,19) – denn, wir wollen die
tapferen Taten des weniger mutigen Geschlechtes nicht übergehen: be-
wahrte sie bei der Vergewaltigung und dem Zwang, den ihr der Sohn des
Tarquinius antat, ihre Keuschheit oder nicht? Hat Lukretia ihre Keusch-
heit nicht bewahrt, warum lobt man sie dann ihrer Keuschheit wegen?
War Lukretia aber bei dieser Untat keusch und unschuldig geblieben, war
es dann nicht schlecht von ihr, die unschuldige Lukretia zu ermorden?
„Hat sie Ehebruch begangen, warum wird sie dann so gelobt? War sie
keusch, warum wurde sie dann ermordet?“ Aber sie fürchtete Schmach
und Schande, falls sie am Leben bliebe. Sie meinte, man könnte glauben,
daß sie die Schande, die ihr mit Gewalt angetan worden war, freiwillig
erduldet hätte. Man könnte sie dann für mitschuldig an der Sünde anse-
hen, wenn sie das, was ihr in so niedriger Weise angetan worden war, ge-
duldig ertragen hätte. Soll man also, um der Schmach und Schande zu
254 XI, 10

entgehen, die von der Meinung der Menschen abhängt, über Unschuldige
herfallen und Gerechte morden? Soll man auf Kosten der Tugend die Ehre
zu erhalten suchen und den guten Namen auf die Gefahr hin, die Gerech-
tigkeit zu verletzen?
So sahen die Tugenden der tugendhaftesten Heiden Gott und sich selbst
gegenüber aus.
3. Von den Tugenden, die den Nächsten betreffen, traten sie deren erste,
nämlich die Ehrfurcht, durch ihre Gesetze in ganz schamloser Weise mit
Füßen. Denn Aristoteles, der größte Denker unter ihnen, spricht diesen
furchtbaren, erbarmungslosen Satz aus (Pol 7,15): „Was die Aussetzung
der Kinder,“ d. h. deren Ausstoßung, „oder ihre Erziehung betrifft, laute
das Gesetz also: Keines soll aufgezogen werden, dem ein Glied mangelt.
Außerdem soll man, wenn einer schon doppelt soviel Kinder hat, als er zu
versorgen imstande ist, und die Gesetze und Gebräuche der Stadt das
Aussetzen der Kinder verbieten, dem zuvorkommen und eine Abtreibung
herbeiführen.“ Und Seneca, dieser so sehr gerühmte Weise, sagt: „Wir
töten die Mißgeburten, und wenn unsere Kinder häßlich, schwach, unvoll-
kommen oder mißgestaltet sind, so verstoßen wir sie und setzen sie aus“
(De ira. 1,15). Es ist daher nicht ohne Grund, daß Tertullian den Römern
vorwarf, daß sie ihre Kinder den Wellen, der Kälte, dem Hunger und den
Hunden auslieferten (Apol. cap. 9). Und zwar geschah dies nicht aus Ar-
mut, denn wie er sagt, verübten selbst die Präsidenten und hohen Beamten
diese widernatürliche Grausamkeit.
O wahrer Gott, Theotimus, was sind das für tugendhafte Leute! Wie
kann man solche Menschen weise nennen, die eine so grausame und bru-
tale Weisheit lehrten? Ach, sagt der große Apostel (Röm 1,22.28), „sie
wollten Weise sein und sind Toren geworden. Ihr unverständiges Herz
verfinsterte sich. Gott überließ sie ihrer verworfenen Gesinnung.“ Wie
entsetzlich, daß ein so großer Philosoph zur Abtreibung rät! „Das heißt
doch den Totschlag vorwegnehmen,“ sagt Tertullian, „wenn man verhin-
dert, daß ein Mensch geboren werde, der bereits im Mutterschoß empfan-
gen ist.“ Und der hl. Ambrosius tadelt die Heiden wegen der gleichen
Barbarei und sagt: „Man nimmt auf diese Weise den Kindern das Leben,
bevor es ihnen noch geschenkt wurde“ (Lib. 5 Exhameron. 18).
4. Haben die Heiden auch einige Tugenden geübt, so geschah es mei-
stens weltlichen Ruhmes wegen, folglich hatten sie von der Tugend nur die
Handlung, nicht aber die richtigen Beweggründe und Absichten. Tugend
XI, 10 255

ist aber keine echte Tugend, wenn ihr die richtige Absicht fehlt. „Mensch-
liche Begierlichkeit bildet die Stärke der Heiden,“ sagt das Konzil von
Oranien (Conc. Araus. c. 17), „während die göttliche Liebe die Stärke des
Christen ausmacht.“ „Die Tugenden der Heiden,“ sagt der hl. Augustinus
(Gegen Jul. Pel. c. 3), „waren nicht echte Tugenden, sondern Scheintugen-
den, weil sie nicht des rechten Zieles, sondern verderblicher Ziele wegen
geübt wurden.“ Fabricius wird weniger bestraft werden als Catilina, nicht
weil er gut war, sondern weil jener schlechter war, nicht weil Fabricius
echte Tugenden besaß, sondern weil er von den wahren Tugenden nicht so
weit entfernt war. Am Tag des Gerichtes werden daher die Tugenden der
Heiden für sie sprechen, zwar nicht so, daß sie gerettet werden, sondern
daß sie nicht so schwer verurteilt werden.
Mit einem Laster trieb man bei den Heiden ein anderes aus, ein Laster
trat an die Stelle des anderen, aber für die Tugend war kein Raum. Um des
einen Lasters der Ruhmsucht willen unterdrückten sie den Geiz und man-
che andere Laster, ja manchmal verachteten sie sogar die Eitelkeit aus
Eitelkeit. Einer aus ihnen, der von Eitelkeit am weitesten entfernt schien,
trat das reiche Prunkbett des Platon mit Füßen. Da frug ihn Platon: „Was
machst du, Diogenes?“ – „Ich trete Platons Hochmut mit Füßen.“ – „Das
ist wahr,“ antwortete Platon, „aber du tust es aus einem anderen Hochmut
heraus“ (Diog. Laert., de Vitis et Dom. Philosoph., Diogenes).
Ob Seneca eitel war, kann man aus seinen letzten Äußerungen entneh-
men; denn das Ende krönt das Werk und die letzte Stunde spricht das
Urteil über alle anderen Stunden (Tacitus, Annal., 15,62). Welche Eitel-
keiten, ich bitte dich! Als sein Ende herannahte, sagte er zu seinen Freun-
den, bisher habe er ihnen noch nie in würdiger Weise danken können.
Deshalb wolle er ihnen jetzt ein Vermächtnis hinterlassen von dem Besten
und Schönsten, das er besäße. Wenn sie dieses treulich bewahrten, würden
sie großes Lob ernten. Dann fügte er hinzu, daß dieses wunderbare Ver-
mächtnis nichts anderes sei als „das Bild seines Lebens.“ Merkst du, mein
Theotimus, wie übel die Reden dieses Menschen nach Eitelkeit riechen?
Nicht die Liebe zur Ehrenhaftigkeit, sondern die Liebe zur Ehre war es,
die diese Weltweisen zur Übung der Tugenden antrieb; und ebenso ver-
schieden wie die Ehre von der Ehrenhaftigkeit ist und die Liebe zum Ver-
dienst von der Liebe zur Belohnung, ebenso verschieden waren ihre Tu-
genden von wahren Tugenden. Menschen, die den Fürsten aus eigenem
Interesse dienen, sind meist viel geschäftiger, eifriger und auffälliger in
256 XI, 10

ihren Diensten. Jene aber, die ihnen aus Liebe dienen, tun es in einer
edleren, großmütigeren und daher achtbareren Weise.
5. Die Griechen haben für Karfunkel und Rubinen zwei gegensätzliche
Namen, denn sie nennen sie Piropen, feurig, flammend und Apiropen, d.
h. ohne Feuer, ohne Flamme (Plin. H. n. 1,37 c. 7; Theophr. De Lapid.,
§3). Sie nennen sie „feurig“, weil sie durch ihren Glanz und ihr Leuchten
dem Feuer gleichen, doch nennen sie sie „ohne Feuer“ und sozusagen
unentflammbar, weil ihr Leuchten nicht bloß keine Wärme ausstrahlt,
sondern weil sie für Wärme ganz unempfindlich sind und es kein Feuer
gibt, das sie erhitzen kann.
So nannten auch die heiligen Väter die Tugenden der Heiden „Tugen-
den“ und auch „Untugenden“, beides zugleich: Tugenden, weil sie deren
Glanz und Schein hatten; Untugenden, weil ihnen nicht bloß die lebendige
Wärme der Gottesliebe fehlte, die ihnen allein Vollkommenheit verlei-
hen konnte, sondern weil sie, von Ungläubigen geübt, dafür ganz unemp-
fänglich waren. „Es gab zu jener Zeit zwei Römer,“ sagt der hl. Augusti-
nus, „die groß an Tugend waren, Cäsar und Cato; die Tugend des Cato kam
aber der echten Tugend viel näher als die des Cäsar“ (St. G. 5,12). Und
nachdem er irgendwo gesagt hatte, daß „die Philosophen, denen die wahre
Frömmigkeit mangelte, im Glanz der Tugend geleuchtet hätten“ (De Or-
dine 1,11), nahm er dies im Buch seiner Retractationen zurück (Retr. 1,3)
und meint, daß dies ein zu hohes Lob für Tugenden sei, die so unvollkom-
men waren wie die der Heiden. Diese glichen eigentlich Glühwürmchen,
die nur in der Nacht leuchten, bei Tag aber ihren Glanz verlieren. So sagt
er, seien diese heidnischen Tugenden nur Tugenden im Vergleich zu La-
stern, aber verglichen mit Tugenden echter Christen verdienten sie keines-
wegs diesen Namen.
6. Da sie aber trotzdem etwas Gutes an sich haben, kann man sie mit
wurmstichigen Äpfeln vergleichen, denn die Farbe und die geringe Sub-
stanz, die ihnen noch verbleiben, sind so gut wie die ganzer Tugenden.
Aber der Wurm der Eitelkeit steckt in ihrem Innern und verdirbt sie. Wer
also davon Gebrauch machen will, muß zuvor das Gute von dem Schlech-
ten trennen.
Ich gebe gern zu, daß Cato einen kraftvollen Mut besaß und daß dieser
Mut an sich lobenswert ist; diejenigen, die sich auf dieses Beispiel stützen
wollen, müssen diesen Mut für eine gerechte und gute Sache einsetzen,
nicht um sich selbst das Leben zu nehmen, sondern indem sie den Tod
XI, 11 257

erleiden, wenn es die Tugend verlangt, nicht für eitlen Ruhm, sondern zum
Ruhm der Wahrheit, wie es die Märtyrer taten. Diese vollbrachten mit
unbesiegbarem Mut Wunder der Standhaftigkeit und Tapferkeit, neben de-
nen Menschen wie Cato, Horaz, Lukretia, Arria keiner Erwähnung wert
sind. Wenn ich an die Blutzeugen Laurentius, Vinzentius, Vitalis, Eras-
mus, Eugenius, Sebastian, an die Heiligen Agatha, Agnes, Katharina, Per-
petua, Felicitas, Symphorosa, Natalia und tausend andere denke, bewun-
dere ich immer wieder die Bewunderer der heidnischen Tugenden, und
zwar nicht deswegen, weil sie die unvollkommenen Tugenden der Heiden
in übertriebener Weise bewundern, sondern weil sie die überaus vollkom-
menen Tugenden der Christen nicht bewundern, Tugenden, die hundert-
mal würdiger der Bewunderung und allein würdig der Nachahmung sind.

11. Kapitel
W e rrtlosigk
tlosigkeit der ohne göttliche Liebe vollbrachten
tlosigkeit
menschlichen Handlungen.

1. Der große Freund Gottes Abraham hatte von Sara, seiner Hauptgat-
tin, nur einen einzigen Sohn, seinen innig geliebten Isaak, der auch allein
sein Universalerbe war. Obwohl er von seinen Mägden und Nebenfrauen
auch noch Kinder hatte, von Hagar den Ismael, von Ketura einige Kinder,
gab er diesen nur einige Geschenke und Vermächtnisse, um sie abzuferti-
gen und zu enterben, denn da sie von seiner ersten Frau nicht anerkannt
wurden, konnten sie auch keinen Anspruch darauf erheben, in seine Erb-
folge einzutreten. Sie waren aber nicht anerkannt, weil die Kinder der
Ketura erst nach dem Tod Saras zur Welt kamen (Gen 25,1f), Ismael zwar
auf Geheiß Saras, ihrer Herrin, von Hagar empfangen wurde (Gen 14,4),
Hagar aber ihr Kind nicht auf den Knien ihrer Herrin gebären durfte, wie
Bilha die ihren auf den Knien Rahels, weil sie Sara verachtet hatte, als sie
guter Hoffnung war (Gen 16,4).
Theotimus, nur die Kinder, d. h. die Akte der heiligen Liebe sind Erben
Gottes und Miterben Jesu Christi (Röm 8,17) und die Kinder oder Akte,
welche die anderen Tugenden auf ihrem Schoß, auf ihr Geheiß oder wenigs-
tens unter den Fittichen und der Gunst ihrer Gegenwart empfangen und
gebären. Doch wenn die sittlichen Tugenden und selbst die übernatürlichen
Tugenden ihre Handlungen in Abwesenheit der Liebe hervorbringen, wie
es nach Augustinus bei den Schismatikern (De Bapt., 1,8. 9) oder manch-
258 XI, 11

mal auch bei schlechten Katholiken geschieht, haben sie gar keinen Wert
für den Himmel; auch nicht das Almosen, selbst dann nicht, wenn wir uns
angetrieben fühlten, unser ganzes Vermögen unter die Armen zu vertei-
len, noch das Martyrium, wenn wir unseren Leib den Flammen zum Ver-
brennen auslieferten (1 Kor 13,3). Nein, Theotimus, ohne die Liebe, sagt
der Apostel, nützt uns das alles nichts, wie wir anderswo ausführlich ge-
zeigt haben (X,8).
2. Wenn ferner Werke sittlicher Tugenden im Ungehorsam gegen die
Liebe, die Herrin des Willens, hervorgebracht werden, wenn Stolz, Eitel-
keit, zeitliche Interessen oder sonst ein schlechter Beweggrund die Tugen-
den von ihrer eigenen Natur abwenden, dann werden diese Handlungen
aus dem Haus Abrahams und Saras verjagt und verbannt, d. h. sie gehen
der Früchte und Vorrechte der Liebe verlustig und bleiben folglich ohne
Wert und Verdienst. Diese Handlungen, die durch eine schlechte Absicht
vergiftet werden, sind eigentlich eher lasterhaft als tugendhaft. Sie haben
nach außenhin die Gestalt von Tugenden, innerlich aber gehören sie dem
Laster an, das ihnen als Beweggrund dient. Ein Beispiel dafür sind Fasten,
Opfer und andere Werke der Pharisäer (Lk 18,12.14).
3. Die Israeliten wohnten zu Lebzeiten Josefs und Levis friedlich in
Ägypten. Nach dem Tod Levis wurden sie sofort auf tyrannische Weise
versklavt. Daher stammt das jüdische Sprichwort: „Ist einer der Brüder
tot, so leiden die anderen Not“ (So zu lesen im 3. Kap. der Großen Chro-
nologie der Hebräer, die der gelehrte Erzbischof von Aix, Gilbert Gene-
brard, veröffentlicht hat. Ich nenne diesen Namen, weil es mir eine Ehre
und Freude ist, sein Schüler, wenn auch ein unnützer, gewesen zu sein, als
er als königlicher Lektor in Paris das Hohelied erklärte). So erfreuen sich
auch die Verdienste und Früchte der sittlichen und christlichen Tugenden
eines stillen, ruhigen Daseins in der Seele, solange die heilige Liebe in ihr
lebt und herrscht. Sobald aber die göttliche Liebe in ihr stirbt, ersterben mit
ihr alle Verdienste und Früchte der anderen Tugenden. Die Theologen spre-
chen dann von „ertöteten“ Werken, denn sie sind wohl lebend unter der
Gunst der Liebe geboren, verlieren aber dann gleich Ismael in der Familie
Abrahams durch den darauffolgenden Ungehorsam und die Auflehnung
des menschlichen Willens, der ihre Mutter ist, ihr Leben und Erbrecht.
4. O Gott, Theotimus, welches Unglück! „Wenn sich aber der Gerechte
von seiner Gerechtigkeit abwendet und Frevel verübt, wird ihm all sein
XI, 11 259

gerechtes Tun nicht angerechnet werden und er wird in der Sünde ster-
ben,“ sagte der Herr zu Ezechiel (Ez 18,24; 33,13). Die Todsünde zerstört
alles Verdienst der Tugenden.
Was die Tugendwerke betrifft, die die Seele hervorbringt, während die
Todsünde in ihr herrscht, so kommen sie schon tot zur Welt, sodaß sie für
immer ohne Nutzen für das ewige Leben sind.
Die Tugendwerke aber, die getan wurden, ehe die Todsünde begangen
wurde, also zu einer Zeit, da die heilige Liebe in der Seele lebte, verlieren
im Augenblick, da die Sünde in die Seele einzieht, Wert und Verdienst;
beides stirbt und kann das Leben nicht länger bewahren, nachdem die
Liebe gestorben ist, die es ihnen gegeben hat.
5. Der See, den die profanen Schriftsteller für gewöhnlich den Asphalt-
see, die Bücher der Heiligen Schrift aber das Tote Meer nennen, ist mit
einem so schweren Fluch belastet, daß nichts, was in sein Wasser geworfen
wird, am Leben bleibt. Wenn sich die Fische des Jordan ihm nähern, ster-
ben sie, wenn sie nicht sofort stromaufwärts schwimmen. Die Bäume an
seinen Ufern bringen nichts hervor, das Leben in sich hätte; wenn ihre
Früchte auch den Anschein und die äußere Gestalt der Früchte anderer
Gegenden haben, so sieht man, wenn man sie pflücken will, daß sie nichts
anderes sind als mit Asche gefüllte Rinden und Schalen, deren Inhalt im
Wind verflüchtigt, Spuren der furchtbaren Sünden, für die jene Gegend, in
der ehemals vier blühende Städte standen, gestraft und in diesen Abgrund
von Gestank und Verderbnis verwandelt wurde.
Nichts kann, so kommt mir vor, besser das Unglück der Sünde dar-
stellen, als dieser abscheuliche See, der durch den verdammungswürdig-
sten Mißbrauch des menschlichen Fleisches entstanden ist. Die Sünde ist
wie ein totes und tötendes Meer, das alles mordet, was mit ihm in Be-
rührung kommt. Nichts von all dem, was die von der Sünde beherrschte
Seele hervorbringt, hat Leben in sich und auch nichts, was um sie herum
wächst. O Gott, mein Theotimus, wahrhaftig nichts! Alles ist leblos; denn
die Sünde ist nicht nur ein totes Werk, sondern sie ist auch sosehr Pest-
hauch und Gift, daß die herrlichsten Tugenden der sündhaften Seele keine
einzige lebendige Tat hervorbringen. Obwohl die Werke der Sünder oft
große Ähnlichkeit mit den Werken der Gerechten haben, so sind sie doch
nichts anderes als mit Wind und Staub gefüllte Rinden. Die göttliche Güte
sieht wohl auf sie und belohnt sie mit einigen zeitlichen Geschenken, die
ihnen wie den Kindern der Mägde zuteil werden; dennoch sind sie nur
260 XI, 12

äußere Hülsen, an denen die göttliche Gerechtigkeit keinen Geschmack


und keine Freude haben kann, um sie mit ewigem Lohn zu vergelten. Sie
gehen auf den Bäumen selbst zugrunde und können in Gottes Hand nicht
bewahrt werden, weil sie leer sind an echtem Wert. Das wurde, wie es in
der Geheimen Offenbarung heißt, dem Bischof von Sardes gesagt, der auf
Grund einiger Tugenden, die er übte, als lebendiger Baum angesehen wur-
de, aber dennoch tot war, weil er sich in der Sünde befand und seine Tugen-
den daher nicht lebendige Früchte, sondern tote Hülsen waren, für die
Augen zwar eine Lust, aber keine saftigen, schmackhaften, genießbaren
Äpfel.
6. Daher können wir alle mit dem heiligen Apostel in voller Wahrheit
ausrufen: „Ohne die Liebe bin ich nichts und nützt mir nichts“ (1 Kor
13,2 f). Und mit dem hl. Augustinus: „Gib einem Herzen die Liebe, und
alles wird ihm zum Vorteil; nimm dem Herzen die Liebe, und nichts ist
ihm von Nutzen“ (s. XI,2).
Ich will damit sagen: Nichts nützt ihm für das ewige Leben; denn wie ich
anderswo schon sagte, sind die tugendhaften Werke der Sünder nicht ohne
Nutzen für das zeitliche Leben. Aber, mein Freund Theotimus, was nützt
es dem Menschen, wenn er für eine Zeit „die ganze Welt gewinnt, aber
seine Seele für ewig verliert“ (Mt 16,26)?

12. Kapitel
A ufleben der durch die Sünde zugr undegegangenen W
zugrundegegangenen erk
Werk e
erke
durch die Wiederkehr der heiligen Liebe in die Seele.

1. Werke, die der Sünder vollbringt, während er der heiligen Liebe be-
raubt ist, nützen ihm also nie etwas für das ewige Leben, deswegen werden
sie tote Werke genannt. Die guten Werke des Gerechten nennt man im
Gegensatz dazu lebendige Werke, weil die göttliche Liebe sie beseelt und
sie mit ihrer Würde belebt. Wenn sie durch den Einbruch der Sünde in die
Seele das Leben und ihren Wert verlieren, bezeichnet man sie als abgestor-
bene, erloschene oder wohl auch als ertötete, aber nicht als tote Werke,
besonders wenn man die Werke der Auserwählten im Auge hat.
2. Als der Herr von der kleinen Tabita, der Tochter des Jairus, sprach,
sagte er, sie sei nicht tot, sondern sie schlafe bloß (Mt 9,24), denn da sie
sogleich auferweckt werden sollte, war ihr Tod von so kurzer Dauer, daß er
mehr einem Schlaf als einem wirklichen Tod glich. Ebenso werden die
XI, 12 261

Werke der Gerechten, besonders der Auserwählten, welche die hinzuge-


kommene Sünde tötete, nicht tote Werke, sondern bloß erloschene, abgetö-
tete, betäubte oder ohnmächtige Werke genannt, weil sie bei der nächsten
Rückkehr der heiligen Liebe sehr bald wieder aufleben und auferstehen
sollen oder wenigstens können.
Die Rückkehr der Sünde raubt dem Herzen und allen seinen Werken
das Leben; die Rückkehr der Gnade gibt dem Herzen und allen seinen
Werken das Leben wieder. Ein strenger Winter ertötet alle Pflanzen der
Fluren; würde er immer andauern, so würden auch sie immer in diesem
Zustand des Todes bleiben. Die Sünde, dieser traurige und ganz furchtbare
Winter der Seele, ertötet alle heiligen Werke, die er in ihr vorfindet; würde
sie immer andauern, so könnte nichts mehr Leben und Kraft wiedererhal-
ten.
Beim Einzug des lieblichen Frühlings keimen und treiben dank dieser
schönen fruchtbaren Jahreszeit nicht bloß die neuen Samen, die in die
Erde gestreut wurden, je nach ihrer Art, – nein, auch die alten Pflanzen,
die die Strenge des Winters verwelkte, ausdörrte und ertötete, ergrünen neu,
erstarken und gewinnen Kraft und Leben zurück. So werden auch, wenn
die Sünde getilgt ist und die Gnade der göttlichen Liebe in die Seele zu-
rückkehrt, nicht nur die neuen Regungen, welche die Rückkehr dieses
heiligen Frühlings mit sich bringt, viele Verdienste und Segnungen her-
vorbringen, sondern die Werke, die durch die Strenge des Winters der
früheren Sünde ihre Schönheit und ihr Leben eingebüßt haben, werden
auch, wie von ihrem Todfeind befreit, neue Kraft gewinnen, erstarken und
gleichsam auferstehen, aufs neue erblühen und für das ewige Leben an
Verdiensten fruchtbar werden.

3. So groß ist die Allmacht der himmlischen Liebe oder die Liebe der
himmlischen Allmacht! „Wendet sich der Gottlose von seiner Gottlosig-
keit ab, die er verübt hat, und übt er Recht und Gerechtigkeit, so wird er
seine Seele beleben. Bekehrt euch und wendet euch ab von all euren Sün-
den und die Sünde wird euch nicht weiter zum Verderben gereichen, spricht
der allmächtige Herr“ (Ez 18,27.30). Die Sünde wird euch nicht weiter
zum Verderben gereichen, was heißt das anderes, als daß das Verderben, das
sie angerichtet hat, wieder gutgemacht wird? So empfing der verlorene
Sohn nicht nur viele Liebkosungen von seinem Vater, sondern wurde noch
mit schönen Gewändern versehen und mit allen Ehren in Gnaden, Begün-
stigungen und Würden wieder eingesetzt, die er verloren hatte (Lk 15,22).
262 XI, 12

Und Ijob, der, obwohl unschuldig, ein Bild des reumütigen Sünders ist,
erhält schließlich alles wieder zweifach, was er besessen hatte (Ijob 42,10).

4. Gewiß will das Konzil von Trient (6. Sitz. 16), daß man den reuigen
Sünder zur heiligen Liebe des ewigen Gottes ermuntere mit den Worten
des Apostels: „Seid allzeit voll Eifer im Werk des Herrn, überzeugt, daß
eure Mühe im Herrn nicht vergeblich ist“ (1 Kor 15,58). „Gott ist ja nicht
ungerecht, daß er eurer werktätigen Liebe vergäße, die ihr um seines Na-
mens willen bekundet habt“ (Hebr 6,10). Gott vergißt also die Werke
jener nicht, die die Liebe durch die Sünde verloren haben, sie aber durch
die Buße wieder gewinnen. Er vergißt die Werke, wenn sie ihren Wert und
ihre Heiligkeit durch die Sünde verlieren, und er erinnert sich ihrer wieder,
wenn sie durch die Gegenwart der heiligen Liebe zum Leben und zu ihrem
Wert zurückkehren. Damit also die Gläubigen sowohl mit der Vermehrung
der Gnade und der zukünftigen Herrlichkeit, als auch mit dem tatsächli-
chen Genuß des ewigen Lebens für ihre guten Werke belohnt werden, ist
es nach dem Ausspruch des heiligen Konzils nicht notwendig, daß sie
nicht in die Sünde zurückfallen, sondern es genügt, daß sie „in der Gnade“
und in der Liebe Gottes aus diesem Leben scheiden (6. Sitz. can 32).
Gott hat den Werken des gerechten Menschen ewige Belohnung ver-
sprochen. „Wenn sich aber der Gerechte von seiner Gerechtigkeit durch
die Sünde abwendet, wird Gott all seines gerechten Tuns, das er vollbracht,
nicht eingedenk sein“ (Ez 18,24). Wenn jedoch dieser arme, in Sünde ge-
fallene Mensch sich nachher wieder erhebt und durch Buße wieder zur
göttlichen Liebe zurückkehrt, wird Gott sich seiner Sünde nicht mehr
erinnern (Ez 28,21f). Erinnert er sich aber der Sünde nicht mehr, so erin-
nert er sich der vorhergegangenen guten Werke und der Belohnung, die er
ihnen versprochen hat, weil die Sünde, die allein sie aus dem Gedächtnis
Gottes getilgt hatte, gänzlich ausgelöscht, weggeräumt und vernichtet ist.
Daher verpflichtet die Gerechtigkeit Gottes seine Barmherzigkeit oder
vielmehr, seine Barmherzigkeit verpflichtet seine Gerechtigkeit, die frü-
heren guten Werke von jetzt an so anzunehmen, als ob er sie nie vergessen
hätte. Wäre es nicht so, dann hätte der heilige Büßer nie gewagt, zu seinem
Herrn zu sagen: „Deines Heiles Freude laß mich neu erfahren und bestär-
ke mich in Deinem ursprünglichen Geist“ (Ps 51,14). Denn, wie du siehst,
bittet er nicht nur um die Erneuerung des Geistes und des Herzens (Ps
51,12), sondern er wünscht auch, daß ihm die Freude zurückgegeben wer-
de, die ihm die Sünde geraubt hat. Diese Freude aber ist nichts anderes als
XI, 12 263

der „Wein“ der himmlischen Liebe, die „das Herz des Menschen erfreut“
(Ri 9,13; Ps 104,15).
5. Was hier von den Werken der Liebe gesagt ist, gilt nicht für die Sünde,
denn die Werke des Gerechten sind nicht ausgelöscht, vertilgt und zunichte
gemacht durch die hinzugekommene Sünde, sondern sie sind bloß verges-
sen. Die Sünde des Bösen ist aber nicht bloß vergessen, sondern sie wird
durch die heilige Buße ausgelöscht, weggefegt, getilgt und vernichtet. Des-
halb läßt auch die einem gerechten Menschen zugestoßene Sünde nicht
dessen schon verziehene Sünden neu aufleben, da sie ja schon ganz ver-
nichtet waren. Die in die Seele des Büßers einziehende Liebe aber erweckt
dessen frühere heilige Werke zu neuem Leben, denn sie waren ja nicht
getilgt, sondern bloß vergessen. Dieses Vergessen der guten Werke des Ge-
rechten, die ihrer Gerechtigkeit und Liebe verlustig gegangen sind, besteht
darin, daß sie uns nutzlos gemacht wurden, solange die Sünde uns unfähig
des ewigen Lebens, der Frucht guter Werke, macht. Sobald wir durch die
Rückkehr der Liebe aber wieder in den Stand der Kinder Gottes zurück-
versetzt und folglich der ewigen Glorie fähig sind, erinnert sich Gott wie-
der unserer einstigen guten Werke und sie werden aufs neue für uns frucht-
bringend.
6. Es wäre nicht vernünftig, hätte die Sünde ebensolche Kraft gegen die
Liebe, wie die Liebe gegen die Sünde, denn die Sünde rührt von unserer
Schwäche her, die Liebe aber von der göttlichen Macht. Wenn die Sünde
überreich an Bosheit ist, um zu zerstören, so ist die Gnade noch reichli-
cher, um gutzumachen (Röm 5,20). Und die Barmherzigkeit Gottes, durch
die er die Sünde auslöscht, erhebt sich immer und triumphiert herrlich
über die Strenge des Gerichtes (Jak 2,13), kraft dessen Gott die guten
Werke, die der Sünde vorausgegangen waren, vergessen hatte. So gab der
Herr auch bei den körperlichen Heilungen, die er durch seine Wunder
bewirkte, nicht nur die Gesundheit zurück, sondern er fügte neue Segnun-
gen hinzu und ließ die Heilung die Krankheit weit übertreffen. So gütig ist
er gegen die Menschen.
Ich habe weder je gesehen, noch gelesen, noch gehört, daß Wespen, Brem-
sen, Stechmücken und andere kleine schädliche Tiere, nachdem sie ge-
storben sind, zu neuem Leben auferstehen können. Daß aber die lieben
und so überaus nützlichen Bienen zu neuem Leben erwachen können, sagt
man allgemein und ich habe es auch schon oft gelesen. Man sagt aber von
den Bienen (so Plinius H. n. 11,20), wenn man ihre toten, ertränkten Lei-
264 XI, 12

ber den ganzen Winter im Haus aufbewahre und sie im darauffolgenden


Frühling mit Asche vom Feigenbaum bedeckt in die Sonne lege, dann
kehren sie zum Leben zurück und seien so kräftig wie zuvor.
Daß die Missetaten und bösen Werke, die durch die Buße ertränkt und
getilgt worden sind, wieder aufleben können, ist, soviel ich weiß, weder in
der Heiligen Schrift noch von irgendeinem Theologen gesagt worden; viel-
mehr lehrt das Wort Gottes das Gegenteil und es ist auch die allgemeine
Ansicht aller Kirchenlehrer. Daß aber die heiligen Werke, die gleich fei-
nen Bienen den Honig der Verdienste bereiten, nachdem sie in der Sünde
untergegangen waren, nachher wieder aufleben können, wenn man sie,
bedeckt mit der Asche der Buße, der Sonne der Gnade und der Liebe
aussetzt, das sagen alle Theologen und lehren es klar und eindeutig. Des-
halb darf man keinen Zweifel hegen, daß sie wieder so nützlich und frucht-
bringend sind, wie sie es vor der Sünde waren.
Als Nebusaradan Jerusalem zerstörte und Israel in die Gefangenschaft
führte, wurde das heilige Feuer des Altares in einen Brunnen versteckt, wo
es sich in Schlamm verwandelte; doch als dieser Schlamm bei der Rück-
kehr aus der Gefangenschaft wieder aus dem Brunnen gezogen und der
Sonne ausgesetzt wurde, erstand das tote Feuer zu neuem Leben und der
Schlamm verwandelte sich in Flammen (2 Makk 1,19-22). Wenn der Ge-
rechte zu einem Sklaven der Sünde wird, geraten alle guten Werke, die er
verrichtet hat, in elende Vergessenheit und werden zu Schlamm. Doch
beim Austritt aus der Gefangenschaft, sobald er durch die Buße in die
Gnade der göttlichen Liebe zurückkehrt, werden seine früheren guten
Werke aus dem Brunnen der Vergessenheit gezogen. Von den Strahlen der
himmlischen Barmherzigkeit berührt, erhalten sie neues Leben und ver-
wandeln sich in so helle Flammen wie zuvor. Als solche werden sie auf
den heiligen Altar der göttlichen Anerkennung gelegt, um ihre frühere
Würde, ihren ursprünglichen Wert zurückzuerhalten.
XI, 13 265

13. Kapitel
W ie wir die ganze Übung der TTugenden
ugenden und unserer Handlungen
auf die heilige Liebe zurückführen sollen.

1. Da die Tiere den Zweck ihrer Handlungen nicht erkennen können,


richten sie diese wohl auf ihr Ziel, aber sie streben nicht nach diesem;
denn streben heißt planmäßig auf etwas hinzielen, bevor man es in der Tat
durchführt. Die Tiere handeln auf ihr Ziel hin, entwerfen aber keinen
Plan, sondern folgen wahl- und absichtslos ihrem Instinkt. Der Mensch
aber ist so sehr Herr seiner menschlichen, vernunftgemäßen Handlungen,
daß er sie alle irgendeines Zieles wegen verrichtet. Er kann sie auf ein Ziel
oder auf mehrere besondere Ziele hinrichten, wie es ihm gut dünkt. Er
kann den natürlichen Zweck einer Handlung ändern; er kann z. B. schwö-
ren, um zu täuschen, obwohl der Zweck des Schwörens ist, die Täuschung
zu vermeiden. Er kann auch dem natürlichen Zweck einer Handlung ir-
gendeinen anderen Zweck hinzufügen, wenn er zum Beispiel der Absicht,
dem Armen beizustehen, worauf das Almosengeben an sich hinzielt, noch
die Absicht hinzufügt, den Notleidenden in gleicher Weise zu verpflich-
ten.
2. Manchmal fügen wir dem Zweck unserer Handlungen ein Ziel hinzu,
das weniger vollkommen als diese ist, manchmal fügen wir eines von glei-
cher oder ähnlicher Vollkommenheit hinzu und zuweilen auch ein Ziel, das
höher und erhabener ist. Denn kann man beim Almosen außer der Unter-
stützung des Dürftigen, das ja der besondere Zweck des Almosens ist,
nicht auch anstreben: 1) seine Freundschaft zu erringen, 2) den Nächsten
zu erbauen und 3) Gott zu gefallen? Das sind drei verschiedene Ziele, von
denen das erste weniger vollkommen ist als das gewöhnliche Ziel des Al-
mosens, das zweite kaum um vieles besser und das dritte viel erhabener.
Folglich können wir unseren Handlungen je nach den Beweggründen, Zie-
len und Absichten, die wir bei deren Verrichtung haben, verschiedene
Vollkommenheiten verleihen.
„Seid gute Wechsler,“ sagt der Heiland (Nach Origen. Ambr., Hieron.
und anderen). Seien wir darum sehr bedacht, Theotimus, die Beweggrün-
de und das Ziel unserer Handlungen nur mit Nutzen und vorteilhaft zu
wechseln und bei diesem Handel nichts zu tun, was nicht vernunft- und
ordnungsgemäß ist.
266 XI, 13

Da ist ein Mann, der sein Amt antritt, um dem öffentlichen Wohl zu
dienen und Ehre zu erringen. Ist es ihm mehr darum zu tun, Ehren zu
erlangen, als den öffentlichen Angelegenheiten zu dienen, oder ist ihm um
das eine ebenso wie um das andere zu tun, dann handelt er unrecht und ist
ehrgeizig. Er stürzt ja die Ordnung der Vernunft um, indem er sein Inter-
esse dem öffentlichen Wohl gleichsetzt oder vorzieht. Strebt er aber als
sein Hauptziel an, dem öffentlichen Wohl zu dienen, und freut er sich
nebenbei, die Ehre seiner Familie zu vermehren, so darf man ihn gewiß
deswegen nicht tadeln, denn beides sind nicht nur ehrbare Absichten, son-
dern sie stehen auch in der richtigen Reihenfolge.
Ein anderer empfängt die heilige Kommunion zu Ostern, um von seiner
Nachbarschaft nicht Vorwürfe zu hören und um Gott zu gehorchen. Ohne
Zweifel handelt er gut. Doch wenn es ihm ebensoviel oder noch mehr
darum zu tun ist, den Vorwürfen seiner Nachbarschaft auszuweichen, als
Gott zu gehorchen, so besteht kein Zweifel, daß er in ungehöriger Weise
kommuniziert, da er die Furcht vor den Menschen dem Gehorsam, den er
Gott schuldig ist, gleichsetzt oder vorzieht.
Ich kann während der Fastenzeit entweder aus Liebe fasten, um Gott zu
gefallen, oder aus Gehorsam, weil es die Kirche anordnet, oder aus Mäßig-
keit, oder aus Fleiß, um besser studieren zu können, oder aus Klugheit, um
notwendige Ersparnisse zu machen, oder aus Keuschheit, um meinen Leib
zu bändigen, oder aus Ehrfurcht vor Gott, um besser beten zu können.
Wenn ich will, kann ich alle diese Absichten auf einmal haben und aus all
diesen Gründen fasten, doch muß ich da sehr auf der Hut sein, die Beweg-
gründe in die richtige Reihenfolge zu bringen. Denn faste ich hauptsäch-
lich, um zu sparen, mehr als um der Kirche zu gehorchen, – oder um gut zu
studieren, mehr als um Gott zu gefallen, wer sieht dann nicht ein, daß ich
damit das Recht und die Ordnung umstürze? Ich ziehe ja dann meine
Interessen dem Gehorsam gegen die Kirche oder dem Wohlgefallen Got-
tes vor. Fasten, um zu sparen, ist gut; fasten, um der Kirche zu gehorchen,
ist besser; fasten, um Gott zu gefallen, ist sehr gut. Doch obwohl es scheint,
daß man aus drei guten Dingen nichts Böses machen könne, so würde doch
zweifellos derjenige eine tadelnswerte Unregelmäßigkeit begehen, der diese
drei Beweggründe in falscher Ordnung reihen wollte, indem er das weni-
ger Gute dem Besseren vorzieht.
3. Wenn jemand nur einen seiner Freunde einlädt, beleidigt er keineswegs
die anderen; lädt er sie aber alle ein und weist er den weniger Angesehenen
XI, 14 267

die ersten Plätze zu und läßt die Vornehmeren unten am Ende des Tisches
sitzen, beleidigt er da nicht die einen und die anderen? Die einen, weil er
sie ohne Grund herabsetzt, die anderen, weil er sie lächerlich macht.
Ebenso handelt man nicht gegen die Vernunft, wenn man eine Handlung
aus einem einzigen vernünftigen, wenn auch noch so unbedeutenden Grund
tut. Wer aber mehrere Beweggründe haben will, muß ihnen den ihrer Eigen-
art zukommenden Rang geben, sonst versündigt er sich; denn Unordnung
ist Sünde, so wie Sünde Unordnung ist.
Wer Gott und Unserer lieben Frau gefallen will, tut etwas sehr Gutes;
wer aber Unserer lieben Frau ebenso wie Gott, ja noch mehr gefallen
wollte, würde sich einer unerträglichen Verfehlung schuldig machen. Man
könnte auf ihn die Worte anwenden, die an Kain gerichtet worden sind:
„Du hast gut getan, zu opfern, aber du hast schlecht geteilt, höre auf, du
hast gesündigt“ (Gen 4,7 nach der Septuag.). Man muß jedem Ziel den
Rang einräumen, der ihm zukommt, und folglich es als höchstes Ziel an-
sehen, Gott zu gefallen.
4. Das höchste Motiv unserer Handlungen, das der Gottesliebe, besitzt die
erhabene Eigenschaft, als reinstes Motiv die Handlung, die aus ihm hervor-
geht, ganz rein zu machen. Daher lieben die Engel und Heiligen des Him-
mels nichts aus einem anderen Grund als aus Liebe zur göttlichen Güte
und mit dem Beweggrund, ihr gefallen zu wollen. Sie lieben einander wohl
innig und glühend, sie lieben auch uns und lieben die Tugenden, aber all
dies einzig und allein, um Gott zu gefallen. Sie üben die Tugenden nicht,
weil sie schön und lobenswert sind, sondern weil sie Gott wohlgefällig
sind. Sie lieben ihre Glückseligkeit nicht, weil es die ihre ist, sondern
insofern sie Gott gefällt. Ja selbst die Liebe, mit der sie Gott lieben, lieben
sie nicht, weil sie in ihnen ist, sondern weil sie Gott gefällt; nicht weil sie
sie haben und besitzen, sondern weil Gott sie ihnen schenkt und daran
sein Wohlgefallen hat.

14. Kapitel
Praktische Durchführung des im vorigen Kapitel Gesagten.

1. Reinigen wir daher, sosehr wir nur können, alle unsere Absichten; und
da wir allen unseren tugendhaften Handlungen den heiligen Beweggrund
der göttlichen Liebe geben können, warum es dann nicht tun? Weisen wir
bei allen Gelegenheiten schlechte Absichten wie Ehrsucht, Eigennutz zu-
268 XI, 14

rück und erwägen wir alle guten Beweggründe, die wir haben können, die
Handlung, vor der wir stehen, zu vollbringen, um dann den der heiligen
Liebe zu wählen, der als der ausgezeichnetste sie alle benetzen und durch-
tränken soll.
Will ich mich z. B. tapfer den Kriegsgefahren aussetzen, so kann ich es
aus verschiedenen Beweggründen tun; der natürliche Beweggrund dieser
Handlung ist Tatkraft und Tapferkeit, der es eigen ist, mit Überlegung
gefährliche Dinge zu unternehmen. Doch außer diesem Motiv kann ich
noch verschiedene andere haben, etwa Gehorsam dem Fürsten, dem ich
diene, oder Liebe zum allgemeinen Wohl, oder Großmut, der mich an der
Größe dieser Handlung Gefallen finden läßt. Kommt es dann zur Ausfüh-
rung, so stürze ich mich in die Gefahr, vorbereitet durch alle diese Beweg-
gründe. Doch um sie alle zur Höhe der göttlichen Liebe emporzuheben
und sie vollkommen zu reinigen, werde ich aus ganzem Herzen in meiner
Seele sprechen: O ewiger Gott, Du liebste Liebe meines Herzens, wenn
Dir Tapferkeit, Gehorsam gegen den Fürsten, Liebe zum Vaterland und
Großmut nicht wohlgefällig wären, würde ich ihren Regungen, die ich
jetzt in mir fühle, niemals Folge leisten. Doch weil Du an diesen Tugenden
Wohlgefallen hast, ergreife ich diese Gelegenheit, um sie zu üben, und
gebe ihrem Antrieb und ihrer Neigung nur nach, weil Du es liebst und
willst.

2. Daraus siehst du, mein lieber Theotimus, daß wir durch diese Überle-
gung alle anderen Beweggründe mit dem Wohlgeruch und der Lieblichkeit
der Liebe würzen, denn wir folgen ihnen nicht als einfachen tugendhaften
Beweggründen, sondern als Beweggründen, die von Gott gewollt, die von
ihm gutgeheißen und geliebt werden.
Wer stiehlt, um sich zu betrinken, der ist nach Aristoteles mehr ein
Trunkenbold als ein Dieb (s. XI,9). Und wer demnach Tapferkeit, Gehor-
sam, Vaterlandsliebe, Großmut übt, um Gott zu gefallen, ist mehr ein
Gottliebender als ein tapferer, gehorsamer, guter Bürger und großmütiger
Mensch. Sein ganzer Wille zielt ja bei dieser Übung auf die Liebe Gottes
hin und geht in ihr auf und alle anderen Beweggründe werden nur dazu
verwendet, zu diesem Ziel zu gelangen. Wir sagen nicht, daß wir nach
Lyon fahren, sondern nach Paris, wenn wir nach Lyon nur fahren, um nach
Paris zu kommen; und wir sagen nicht, daß wir singen gehen, sondern daß
wir Gott dienen gehen, wenn wir nur singen gehen, um Gott zu dienen.
XI, 14 269

3. Werden wir manchmal von einem besonderen Beweggrund ergriffen,


geschieht es uns z. B., daß wir die Keuschheit wegen ihrer schönen, so
anziehenden Reinheit lieben, so müssen wir diesen Beweggrund sogleich
mit dem der göttlichen Liebe durchtränken, etwa in der Weise: „O höchst
sittsame und liebliche Reinheit der heiligen Keuschheit, wie liebenswert
bist du, da dich doch die göttliche Liebe so sehr liebt!“ Wenden wir uns
dann an den Schöpfer mit den Worten: „Ach Herr, nur eines erflehe ich
von Dir, nämlich, daß ich in dem Streben nach Keuschheit Dein Wohlge-
fallen und die Freude, die Du daran findest, sehe und danach handle“ (Ps
27,4). Wenn wir uns an die Übung der Tugenden machen, sollen wir oft
aus ganzem Herzen sprechen: „Ja, ewiger Vater, ich werde es tun, denn so
war es Dir von aller Ewigkeit her wohlgefällig“ (Mt 11,26).
Auf diese Weise müssen wir alle Handlungen mit diesem göttlichen
Wohlgefallen beseelen, indem wir die Ehrbarkeit und Schönheit der Tu-
genden hauptsächlich deshalb lieben, weil sie Gott wohlgefällig sind.
4. Es gibt nämlich Menschen, mein lieber Theotimus, die die Schönheit
einiger Tugenden über alles lieben, nicht nur ohne die heilige Liebe zu lieben,
sondern sogar, indem sie diese verachten. Origenes und Tertullian liebten
die fleckenlose Reinheit der Keuschheit so sehr, daß sie dadurch die gro-
ßen Gesetze der Liebe arg verletzten; der eine, indem er lieber Götzen-
dienst übte, als daß er eine Schandtat duldete, mit der die Tyrannen seinen
Leib beflecken wollten; der andere, indem er sich von seiner Mutter, der
ganz keuschen katholischen Kirche trennte, um nach seinem Sinn die
Keuschheit seiner Frau zu festigen.
Wer weiß nicht von den „Armen von Lyon“, die, um in übertriebener
Weise die Armut zu verherrlichen, zu Häretikern und aus Bettlern Tauge-
nichtse wurden? Wer kennt nicht die Eitelkeit der Enthusiasten, der Mes-
salier und Euchiten, die die Liebe aufgaben, um das Beten herauszustrei-
chen? Wer weiß nicht, daß es Häretiker gegeben hat, die, um die Liebe zu
den Armen hochzuheben, die Liebe zu Gott herabsetzten und von der
Tugend des Almosengebens das ganze Heil der Menschen abhängig mach-
ten, wie es der hl. Augustinus bezeugt (St. G. 21,27)? Obwohl doch der
Apostel ausruft: „Wer alle seine Habe den Armen austeilt, aber die Liebe
nicht hat, dem nützt es nichts“ (1 Kor 13,3).
5. „Sein Banner über mir ist seine Liebe,“ sagt Schulammit (Hld 2,4
nach dem Hebr.). Die Liebe, Theotimus, ist das Banner in der Armee der
Tugenden, nach ihr müssen sich alle richten. Sie ist die einzige Fahne,
270 XI, 15

unter welcher der Herr, der wahre Feldherr dieser Armee, sie kämpfen
läßt. So reihen wir denn alle Tugenden unter den Gehorsam der Liebe;
lieben wir die einzelnen Tugenden, aber hauptsächlich, weil sie Gott wohlge-
fällig sind. Lieben wir die besonders vorzüglichen Tugenden auf vorzügli-
che Weise, nicht deswegen, weil sie vorzüglich sind, sondern weil Gott sie
auf vorzügliche Weise liebt. So wird die heilige Liebe alle Tugenden bele-
ben, sie alle mit Liebe erfüllen, sie liebenswert, ja überaus liebenswert
machen.

15. Kapitel
Die Liebe schließt die Gaben des Heiligen Geistes in sich.

1. Damit der menschliche Geist leicht den Regungen und Antrieben der
Vernunft folgen könne, um zu dem natürlichen Glück zu gelangen, das
ihm erreichbar ist, wenn er nach den Gesetzen der Rechtschaffenheit lebt,
bedarf er erstens der Mäßigkeit, um die anmaßenden Neigungen der Sinn-
lichkeit zurückzudrängen; zweitens der Gerechtigkeit, um Gott, dem
Nächsten und sich selbst das zu geben, was er zu geben schuldig ist; drit-
tens des Starkmutes, um die Schwierigkeiten zu besiegen, die man beim
Gutsein und bei der Bekämpfung des Bösen empfindet; viertens der Klug-
heit, um zu unterscheiden, welches die geeignetsten Mittel sind, zum Gu-
ten und zur Tugend zu gelangen; fünftens der Wissenschaft, um das wahr-
haft Gute, nach dem man streben soll, und das wahrhaft Böse, das man
verwerfen soll, zu erkennen; sechstens der Einsicht, um in die ersten und
wichtigsten Grundlagen oder Grundsätze der Schönheit und des Wertes
der Rechtschaffenheit gut einzudringen; siebtens und letzten Endes der
Weisheit zur Betrachtung der Gottheit, des Ursprungs alles Guten.
Das sind die Eigenschaften, durch die unser Gemüt gegenüber den Ge-
setzen der uns innewohnenden Vernunft sanft, gehorsam und willig wird.
2. Der Heilige Geist, der in uns wohnt, will unsere Seele geschmeidig,
lenksam und gehorsam für seine göttlichen Anregungen und himmlischen
Eingebungen machen. Es sind dies die Gesetze seiner Liebe, in deren
Beobachtung die übernatürliche Glückseligkeit dieses gegenwärtigen Le-
bens liegt. Dazu verleiht er ihr sieben Eigenschaften und Vollkom-
menheiten, die den sieben, die wir eben aufgezählt haben, fast gleich sind,
und die in der Heiligen Schrift (Jes 11,2 f; Apg 2,38) und von den Theolo-
XI, 15 271

gen Gaben des Heiligen Geistes genannt werden. Diese sind nicht nur
untrennbar von der Liebe, sondern, wenn wir alles gut erwägen und richtig
sagen, sind sie die Haupttugenden, Eigenheiten und Eigenschaften der
Liebe.
Denn erstens ist die Weisheit in der Tat nichts anderes als die Liebe, die
empfindet, verkostet und erfährt, wie gütig und liebreich Gott ist. Zwei-
tens: Der Verstand ist nichts anderes als die Liebe, die ihr Augenmerk
darauf lenkt, die Schönheit der Glaubenswahrheiten zu erwägen und zu
durchdringen, um darin Gott, wie er in sich selbst ist, zu erkennen und um
dann von da herabzusteigen und ihn in den Geschöpfen zu betrachten.
Drittens: Die Wissenschaft dagegen ist nichts anderes als dieselbe Liebe,
die unsere Aufmerksamkeit darauf richtet, uns selbst und die Geschöpfe
zu erkennen, um uns dadurch zu einer vollkommeneren Kenntnis des
Dienstes gelangen zu lassen, den wir Gott schuldig sind. Viertens: Der Rat
ist auch die Liebe, insofern sie dahin wirkt, uns in der Wahl der geeigneten
Mittel, Gott heilig zu dienen, sorgfältig, aufmerksam und befähigt zu ma-
chen. Fünftens: Die Stärke ist die Liebe, die das Herz ermutigt und an-
spornt, das auszuführen, was der Rat als das festgesetzt hat, was getan
werden muß. Sechstens: Die Frömmigkeit ist die Liebe, die die Arbeit
erleichtert und uns dazu drängt, uns für die Werke, die Gott, unserem
Vater, gefallen, herzlich, freundlich und mit kindlicher Liebe zu verwen-
den. Siebtens und letztlich ist die Furcht nichts anderes als die Liebe,
insofern sie uns alles, was der göttlichen Majestät mißfällt, fliehen und
vermeiden läßt.
3. Auf diese Weise, Theotimus, wird die Liebe uns zu einer Jakobsleiter
(Gen 28,12), deren Stufen die sieben Gaben des Heiligen Geistes sind, auf
denen die engelhaften Menschen von der Erde zum Himmel emporsteigen,
um dort am Herzen des allmächtigen Gottes zu ruhen, und auf denen sie
vom Himmel auf die Erde herabsteigen, um den Nächsten bei der Hand zu
nehmen und ihn in den Himmel zu führen.
Denn sobald wir die erste Stufe betreten, bewirkt die Furcht, daß wir das
Böse meiden. Auf der zweiten regt uns die Frömmigkeit dazu an, das Gute
zu wollen. Auf der dritten läßt uns die Wissenschaft das Gute, das wir tun,
und das Böse, das wir fliehen sollen, erkennen. Auf der vierten gewinnen
wir durch die Stärke Mut, allen Schwierigkeiten zu begegnen, die sich
unserem Unternehmen in den Weg stellen. Auf der fünften läßt uns der
Rat die geeignetsten Mittel dazu wählen. Auf der sechsten vereinigen wir
unser Erkenntnisvermögen mit Gott, um die Züge seiner unendlichen
272 XI, 15

Schönheit zu sehen und sie uns einzuprägen. Und auf der siebten vereini-
gen wir unseren Willen mit Gott, um die Wonnen seiner unbegreiflichen
Güte zu verkosten und zu erfahren. Denn auf der höchsten Spitze dieser
Leiter neigt sich Gott zu uns herab, gibt uns den Liebeskuß und stillt uns
an seiner heiligen Brust mit seinen Wonnen, die köstlicher sind als der
Wein (Hld 1,1).
4. Haben wir nun diese Liebesbezeugungen Gottes selig verkostet und
wollen wieder auf die Erde herabsteigen, um den Nächsten zur gleichen
Seligkeit zu führen, so müssen wir von der ersten und höchsten Stufe, auf
der wir unseren Willen mit einem ganz glühenden Eifer und unsere Seele
mit den Wohlgerüchen der alles beherrschenden Liebe zu Gott erfüllt
haben, auf die zweite Stufe herabsteigen. Auf dieser gewinnt unser Er-
kenntnisvermögen eine unvergleichliche Klarheit und sammelt sich einen
Vorrat wertvollster Gedanken und Grundsätze zum Ruhm der Schönheit
und Güte Gottes. Von da kommen wir zur dritten, wo wir durch die Gabe
des Rates überlegen, durch welche Mittel wir dem Geist unserer Mitmen-
schen Geschmack an den göttlichen Freuden und deren Wertschätzung
einflößen können. Auf der vierten schöpfen wir Mut und empfangen heili-
ge Stärke, um die Schwierigkeiten zu überwinden, die uns an diesem Vor-
haben hindern könnten. Auf der fünften fangen wir mit der Gabe der Wis-
senschaft zu predigen an und reden den Seelen zu, die Tugenden zu üben
und die Laster zu fliehen. Auf der sechsten versuchen wir ihnen die heilige
Frömmigkeit einzuprägen, damit sie Gott als ihren überaus liebenswürdi-
gen Vater erkennen und ihm mit kindlicher Furcht gehorchen. Und auf
der letzten Stufe drängen wir sie dazu, die Gerichte Gottes zu fürchten,
damit sie mit kindlicher Ehrfurcht auch Furcht vor der Verdammung ver-
binden und so eifriger darauf aus sind, die Erde zu verlassen und sich mit
uns zum Himmel zu erheben.
5. Die Liebe schließt die sieben Gaben in sich; sie gleicht einer schönen
Lilie, die sechs Blätter hat, alle weißer als Schnee, in deren Mitte goldene
Hämmerchen, die Staubgefäße der Weisheit sich befinden, die unserem
Herzen liebevolles Verkosten der Güte des Vaters, unseres Schöpfers, der
Barmherzigkeit des Sohnes, unseres Erlösers, und der Lieblichkeit des
Heiligen Geistes, unseres Heiligmachers, einhämmern.
Ich setze hier die zweifache Furcht auf die zwei letzten Stufen, um alle
Überzeugungen in Übereinstimmung zu bringen mit der Norm der Aus-
gabe des Heiligen Textes (Jes 11,2). Denn, wenn im hebräischen Text das
XI, 16 273

Wort Furcht zweimal vorkommt, so geschieht das nicht ohne eine geheim-
nisvolle Absicht. Es soll damit gesagt sein, daß es eine Gabe kindlicher
Furcht gibt, die nichts anderes ist als die Gabe der Frömmigkeit, und eine
Gabe knechtischer Furcht, die der Anfang unseres Weges zur höchsten
Weisheit ist (Ps 111,10).

16. Kapitel
Die liebevolle Furcht bräutlicher Seelen.
For tsetzung der begonnenen Abhandlung.
Fortsetzung

1. „Jonatan, wie warst du mir lieb! Höher als Minne um Frauen galt
deine Liebe mir!“ rief David aus (2 Sam 1,26), und es ist, als wollte er
sagen: du verdienst eine größere Liebe als die der Frauen zu ihren Män-
nern.
Alle vortrefflichen Dinge sind selten. Stelle dir, Theotimus, eine Braut
vor mit einem wahren Taubenherzen, das die Vollkommenheit bräutlicher
Liebe besitzt. Ihre Liebe ist unvergleichlich sowohl an Größe und Schön-
heit, wie an einer Vielzahl schöner Liebesaffekte und Eigenschaften, die
sie begleiten. Sie ist nicht nur keusch, sondern schamhaft; sie ist kräftig,
aber zugleich anmutig; sie ist gewaltig, aber zugleich zart; sie ist glühend,
aber zugleich ehrfurchtsvoll; großmütig aber furchtsam; kühn aber gehor-
sam und ihre Furcht ist ganz vermengt mit holdem Vertrauen.
So ist gewiß die Furcht der Seele, welche die erhabene Liebe besitzt. Sie
ist der überaus großen Güte ihres Bräutigams so sicher, daß sie nicht fürch-
tet, ihn zu verlieren. Wohl aber fürchtet sie, sich seiner göttlichen Gegen-
wart nicht genug zu erfreuen, und daß ihn irgendetwas, sei es auch nur für
einen Augenblick, von ihr entfernen könne. Wohl hat sie das Vertrauen,
ihm nie zu mißfallen, doch fürchtet sie, ihm nicht so zu gefallen, wie die
Liebe es verlangt. Ihre Liebe ist zu beherzt, um auch nur den bloßen Ver-
dacht aufkommen zu lassen, je in Ungnade zu fallen, doch ist sie zugleich
auch so aufmerksam, daß sie fürchtet, nicht genug mit ihm vereint zu sein.
Ja, die Seele gelangt zuweilen sogar zu so großer Vollkommenheit, daß
sie nicht mehr fürchtet, nicht genug mit ihm vereint zu sein, – gibt ihre
Liebe ihr doch die Gewißheit, daß sie es immer sein wird –, doch fürchtet
sie, daß diese Vereinigung nicht so rein, so einfach und aufmerksam ist, wie
ihre Liebe es wünschte.
274 XI, 16

Diese bewundernswerte Liebende ist es, die nicht die Empfindungen und
Freuden, die Tugenden und geistlichen Tröstungen lieben will, aus Furcht,
sie könnte auch nur ein wenig von der einen einzigen Liebe abgelenkt
werden, die sie ihrem Vielgeliebten entgegenbringt. Darum bekennt sie
auch, daß sie ihn selbst sucht und nicht seine Gaben, indem sie ausruft:
Nun künde mir du, dem mein Herz gehört: wo steht deine Herde, wo läßt
du lagern am Mittag? Damit ich nicht abirre zu Freuden, die außer dir
gelegen sind (Hld 1,7).
2. Von dieser heiligen Furcht der Bräute Gottes waren die großen Seelen
eines hl. Paulus, eines hl. Franziskus, einer hl. Katharina von Genua und
andere ergriffen, die keine Beimengung in ihrer Liebe duldeten, sondern
trachteten, sie so rein, so einfach, so vollkommen zu gestalten, daß weder
die Tröstungen, noch selbst die Tugenden sich zwischen ihr Herz und Gott
eindrängen könnten. Deshalb konnten sie sagen: „Ich lebe, doch nicht
mehr ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). „Mein Gott
ist mir alles“ (s. X,4). „Was nicht Gott ist, ist mir nichts.“ „Jesus Christus
ist mein Leben“ (Kol 3,4; Phil 1,21). „Meine Liebe ist gekreuzigt“ und
andere ähnliche Worte ekstatischen Empfindens.
3. Die anfängliche Furcht oder die Furcht der Anfänger geht aus der
wahren Liebe hervor, doch aus einer noch zarten, schwachen, erst be-
ginnenden Liebe. Die kindliche Furcht geht aus einer festen, wider-
standsfähigen, bereits nach Vollkommenheit strebenden Liebe hervor. Die
bräutliche Furcht jedoch ist die Furcht einer bereits erlangten Höhe und
Vollendung der Liebe. Die knechtische und Mietlingsfurcht entspringt aber
gewiß nicht der Liebe, dient jedoch der Liebe gewöhnlich als Vorläufer,
wie wir schon anderswo gesagt haben (II,18), und kann in ihrem Dienst oft
sehr nützlich sein.
4. Du wirst vielleicht schon einmal Frauen zugesehen haben, die ihr
Brot ebensowenig müßig essen wollen, wie jene starke Frau, die Salomo so
sehr gepriesen hat (Spr 31,27). Sie tragen Seide in bunter Farbenpracht auf
weißen Satin auf, um viele schöne Blumen darauf zu sticken, und fassen
diese dann je nach dem Muster mit Silber und Gold reich ein, um sie gut
hervortreten zu lassen. Diese Arbeit wird mit Nadeln ausgeführt, die die
Stickerin überall hindurchführt, wo sie Seide, Silber oder Gold auflegen
will. Die Nadel wird jedoch nicht in den Satin hineingestochen, um in ihm
zu bleiben, sondern nur um Seide, Silber oder Gold aufzutragen und ih-
nen den Weg zu bahnen. Sobald diese an dem Stoff haften, wird die Nadel
herausgezogen.
XI, 17 275

So bedient sich die göttliche Güte der knechtischen und Mietlingsfurcht,


wenn sie die mannigfaltigsten Tugenden in die menschliche Seele legt, um
diese dann mit ihrer heiligen Liebe zu zieren. Die knechtische Furcht sta-
chelt für gewöhnlich zuerst unser Herz an; doch wird sie nicht im Herzen
gelassen, sondern in dem Maße, als die Tugenden sich in der Seele niederlas-
sen, scheidet die knechtische und Mietlingsfurcht aus. Der Lieblingsjünger
sagt ja: „Vollkommene Liebe verdrängt die Furcht“ (1 Joh 4,18). Ja wahr-
haftig, Theotimus, denn die Furcht, verdammt zu werden, des Himmels
verlustig zu gehen, ist etwas Schreckliches und Beängstigendes. Wie sollte
sie zusammenwohnen mit der heiligen Liebe, die ganz sanft und lieblich
ist?

17. Kapitel
Das dauernde Verbleiben knechtischer FFurcht
Verbleiben urcht mit der Gottesliebe.

1. Die Frau, von der wir oben sprachen, hat nicht die Absicht, die Nadel
dauernd in der Arbeit stecken zu lassen, sobald diese vollendet ist; muß
sie aber irgendeiner anderen Beschäftigung nachgehen, solange sie an der
Stickerei zu arbeiten hat, dann läßt sie die Nadel in der Nelke, Rose oder
dem Stiefmütterchen stecken, daran sie eben stickt, um sie leichter zu
finden, wenn sie zu dieser Arbeit zurückkehrt.
Desgleichen, Theotimus, läßt die göttliche Vorsehung, welche die Zier-
arbeit der Tugenden und das Werk ihrer heiligen Liebe in unseren Seelen
vollbringt, die knechtische oder Mietlingsfurcht solange in ihnen, bis die
Liebe vollkommen ist. Dann erst entfernt sie diese spitze Nadel und steckt
sie sozusagen in das Nadelkissen. In diesem Leben also, in dem unsere
Liebe nie so vollkommen sein wird, daß sie außer jeglicher Gefahr ist,
bedürfen wir immer der Furcht. Während wir aus Liebe vor Freude erbe-
ben, müssen wir aus Furcht vor Bangigkeit zittern.
„Nun ihr Könige, seid denn klug!
Laßt euch warnen, ihr Richter auf Erden!
Beugt euch dem Herrn in Furcht!
Ehrt ihn mit Zittern!“ (Ps 2,10 f).
2. Der große Patriarch Abraham sandte seinen Diener Elieser aus, sei-
nem einzigen Sohn Isaak eine Frau zu suchen. Elieser machte sich auf den
Weg und auf göttliche Eingebung wählte er die schöne, keusche Rebekka,
die er mit sich nahm. Dieses kluge Mädchen trennte sich sogleich von
276 XI, 17

Elieser, sobald sie Isaak begegnete. Und nachdem sie in das Zelt Saras
eingeführt worden war, blieb sie seine Gemahlin für immer (Gen 24).
Gott sendet einer Seele oft die knechtische Furcht gleich einem anderen
Elieser (Elieser heißt auch Gehilfe Gottes), um wegen des Ehebündnisses
zwischen ihr und der heiligen Liebe zu unterhandeln. Ist es auch die Furcht,
welche die Seele geleitet, so ist sie doch nicht gewillt, sich mit ihr zu
vermählen, sondern sobald die Seele der Liebe begegnet, vereint sie sich
mit ihr und entläßt die Furcht.
Wie jedoch Elieser nach der Heimkehr im Haus zu Diensten des Isaak
und der Rebekka verblieb, so bleibt auch die Furcht, die uns zur heiligen
Liebe geführt hat, bei uns, um bei Gelegenheit sowohl der Liebe als der
liebenden Seele zu dienen. Denn oft wird die Seele, obgleich sie gerecht ist,
von außerordentlich heftigen Versuchungen heimgesucht und die Liebe, so
mutig sie auch ist, hat vollauf zu tun, um sich zu behaupten. Sie befindet
sich ja im menschlichen Herzen, das so wankelmütig und dem Aufruhr
der Leidenschaften so sehr ausgesetzt ist. In diesem Kampf verwendet sie
die Furcht und bedient sich ihrer, um den Feind zu vertreiben.
Als der tapfere Jonatan sich daranmachte, in der Finsternis der Nacht
die Philister anzugreifen, wollte er seinen Waffenträger bei sich haben; die
er selbst nicht tötete, tötete sein Waffenträger (1 Sam 14,12). Ebenso be-
dient sich die Liebe, wenn sie Kühnes unternimmt, nicht nur ihrer eigenen
Beweggründe, sondern auch derjenigen der knechtischen und Mietlings-
furcht. Die Versuchungen, deren die Liebe nicht Herr wird, werden durch
die Furcht, verdammt zu werden, zunichte gemacht.
Fällt mich die Versuchung zum Stolz, zum Geiz oder zu irgendeiner
sinnlichen Lust an, so sage ich mir: Wie sollte mein Herz um so nichtiger
Dinge willen die Gnade des Vielgeliebten drangeben? – Genügt das aber
nicht, so wird die Liebe die Furcht aufrütteln und sagen: Ach, siehst du
denn nicht, du armseliges Herz, daß dich die furchtbaren Flammen der
Hölle erwarten, wenn du dieser Versuchung nachgibst, und daß du das
ewige Erbe des Himmels verlierst? – In höchster Not wendet man alles an.
Auch Jonatan bediente sich nicht nur seiner Füße, um die zackigen Felsen
zu ersteigen, die ihn von den Philistern trennten, sondern er kletterte auf
Händen und Füßen hinauf, so gut er nur konnte.
Wenn Schiffer auch bei günstigem Wind und in einer guten Jahreszeit
absegeln, vergessen sie doch nie die Taue, Anker und die anderen, bei
ungünstigen Zeiten und beim Sturm notwendigen Dinge mitzunehmen.
So soll auch der Diener Gottes, wenn er sich der Ruhe und der Seligkeit
XI, 17 277

heiliger Liebe erfreut, nie der Furcht vor den göttlichen Urteilssprüchen
ermangeln, um sich ihrer bei den Unwettern und Stürmen der Versuchun-
gen zu bedienen.
3. So wie die Schale eines Apfels an sich wenig Wert hat, aber doch sehr
dazu dient, den Apfel, den sie bedeckt, zu erhalten, so hat auch die knech-
tische Furcht, für sich genommen, wenig Wert im Vergleich zur Liebe.
Doch dient sie sehr zur Bewahrung der Liebe während der Gefahren die-
ses sterblichen Lebens.
Wer einen Granatapfel schenkt, tut es sicherlich der Kerne und des
Saftes wegen, die er enthält; doch unterläßt er es nicht, auch die Schale als
etwas Dazugehöriges zu geben. Und der Heilige Geist, der den Seinen
unter seinen Gaben auch die liebevolle Furcht verleiht, damit sie Gott
ehrfürchtig als ihren Vater und Bräutigam fürchten, unterläßt es auch nicht,
ihnen dazu die knechtische und Mietlingsfurcht als eine Beigabe zu der
anderen, vortrefflicheren zu geben. Als Josef seinem Vater mehrere La-
dungen mit allen Reichtümern Ägyptens sandte, gab er ihm nicht bloß die
Schätze als hauptsächlichste Geschenke, sondern auch die Esel, die mit
ihnen beladen waren.
4. Wenn aber auch die knechtische und Mietlingsfurcht für dieses sterb-
liche Leben von großem Nutzen ist, so ist sie doch nicht würdig, einen Platz
im ewigen Leben zu haben. Denn in diesem ist Sicherheit ohne Furcht,
Friede ohne Mißtrauen, Ruhe ohne Sorge. Dennoch werden die Dienste,
welche die knechtische und Mietlingsfurcht der Liebe erwiesen haben,
dort vergolten werden. Geht auch die knechtische Furcht ebensowenig
wie Mose und Aaron in das Land der Verheißung ein, so werden doch ihre
Nachkommen und ihre Werke dort einziehen.
Die kindliche und bräutliche Furcht aber wird auch dort ihren Rang und
den ihr zukommenden Platz haben, nicht um der Seele irgendwie Mißtrau-
en oder Verwirrung einzuflößen, sondern damit sie in Unterwürfigkeit die
unbegreifliche Majestät ihres allmächtigen Vaters und glorreichen Bräuti-
gams bewundere und verehre. „Die dem Herrn erwiesene Ehrfurcht ist
heilig, von Lauterkeit erfüllt; die Furcht des Herrn hat Bestand zu allen
Zeiten, so wie Gottes Majestät höchst anbetungswürdig ist auf ewig“ (Ps
19,10 f nach der Septuag.).
278 XI, 18

18. Kapitel
Wie die Liebe die knechtische und die Mietlingsfurcht
in ihren Dienst stellt.

1. Blitze, Donner, Unwetter, Überschwemmungen, Erdbeben und ande-


re ähnliche unvorhergesehene Unglücksfälle treiben auch die am wenig-
sten Frommen an, Gott zu fürchten. Die Natur, die bei solchen Gelegen-
heiten dem Überlegen zuvorkommt, veranlaßt Herz und Augen, ja selbst
die Hände, sich zum Himmel zu erheben, um die Hilfe des über alles
heiligen Gottes anzuflehen. Denn es entspricht, wie Titus Livius sagt, der
allgemeinen Meinung des Menschengeschlechtes, daß es denjenigen wohl-
ergeht, die der Gottheit dienen, während jene, die sie verachten, Trübsal zu
leiden haben (Hist. 3,56).
Bei dem Sturm, der Jona in Gefahr brachte, fürchteten sich die Schiffer
sehr und jeder rief zu seinem Gott (Jona 1,3). „Sie kannten die Wahrheit
nicht,“ sagt der hl. Hieronymus, aber sie erkannten die göttliche Vorse-
hung an und hielten es für ein göttliches Strafurteil, daß sie sich in Gefahr
befanden. Ebenso hielten es die Bewohner von Malta für eine göttliche
Rache, daß eine giftige Schlange dem hl. Paulus nachstellte in dem Augen-
blick, als sie ihn aus dem Schiffbruch errettet sahen.
Donner, Sturm und Blitze werden darum vom Psalmisten Stimmen des
Herrn genannt (Ps 29,3-8; 77,18.19) und er sagt auch, daß sie Vollstrecker
seines Wortes sind (Ps 149,8), weil sie seine Furcht verkünden und Diener
seiner Gerechtigkeit sind. Und da er wünscht, daß die göttliche Majestät
von ihren Feinden gefürchtet werde, ruft er aus: „Schleudere den Blitz und
zersprenge sie! Schnelle ab deine Pfeile und treibe sie in Wirrnis!“ (Ps
144,6), wobei er die Blitze Pfeile des Herrn nennt. Und schon vor dem
Psalmisten hatte die Mutter Samuels gesungen, daß selbst die Feinde Got-
tes ihn fürchten werden, „denn er wird am Himmel rollen lassen den Don-
ner“ (1 Sam 2,10). In seinem Werk Georgias und auch an anderen Stellen
bezeugt Platon ganz offenbar, daß die Heiden ein gewisses Gefühl der
Furcht kannten nicht bloß vor den Strafen, welche die erhabene Gerech-
tigkeit Gottes in dieser Welt verhängt, sondern auch vor den Strafen, wel-
che sie die Seelen, die in unheilbaren Sünden verschieden sind, im jensei-
tigen Leben leiden läßt. So tief ist der Trieb, die Gottheit zu fürchten, in
die menschliche Natur eingegraben.
XI, 18 279

2. Doch diese Furcht, die in uns plötzlich aufsteigt oder die wir na-
türlicherweise fühlen, ist weder lobens- noch tadelnswert, da sie nicht von
unserer eigenen Wahl herrührt. Sie ist aber Wirkung einer sehr guten Ur-
sache und Ursache einer sehr guten Wirkung. Sie entspringt ja der natürli-
chen Erkenntnis, die Gott uns von seiner Vorsehung gegeben hat, und sie
läßt uns erfassen, wie sehr wir von seiner alles beherrschenden Allmacht
abhängig sind, was uns anregt, zu ihr zu beten.
Befindet sie sich in einer christlichen Seele, so ist sie ihr von großem
Nutzen. Die Christen rufen bei den Schrecknissen der Gewitter, Stürme
und anderer Naturgefahren die heiligen Namen Jesus und Maria an, be-
zeichnen sich mit dem Zeichen des Kreuzes, werfen sich vor Gott nieder
und erwecken Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Gottesvereh-
rung. Der glorreiche hl. Thomas von Aquin (Razzi, Leben der Heiligen
des Dominikanerordens, – s. auch Surius, zum 7. März) fürchtete sich von
Natur aus, wenn es donnerte; er pflegte deshalb als Stoßgebet die heiligen
Worte auszusprechen, die die Kirche mit soviel Ehrfurcht umgibt: „Das
Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Ausgehend von dieser Furcht er-
weckt die göttliche Liebe oft Akte des Wohlgefallens und des Wohlwol-
lens: „Preisen will ich Dich, o Herr, denn auf schreckliche Weise bist Du
verherrlicht worden“ (Ps 139,14). „Fürchten muß sich die ganze Erde vor
dem Herrn!“ (Ps 33,8). „Ihr Könige der Erde, seid denn klug! Dient dem
Herrn in Furcht! Ehrt ihn mit Zittern!“ (Ps 2,10f).

3. Es gibt aber noch eine andere Furcht, die aus dem Glauben entspringt.
Der Glaube lehrt uns ja, daß es nach diesem sterblichen Leben Qualen
gibt, die furchtbar in ihrer Ewigkeit und ewig in ihrer Furchtbarkeit sind
und über jene kommen, die in dieser Welt die göttliche Majestät beleidigt
haben und aus diesem Leben geschieden sind, ohne sich mit ihr versöhnt
zu haben. Der Glaube lehrt, daß die Seelen in der Stunde des Todes in
einem besonderen Gericht gerichtet werden und daß beim Weltende alle
auferstehen, um zum allgemeinen Gericht zu erscheinen und noch einmal
gerichtet zu werden. Diese Wahrheiten des christlichen Glaubens jagen
dem Herzen, das sie erwägt, ein furchtbares Entsetzen ein. Wie könnte
man sich auch diese ewigen Schrecknisse vorstellen, ohne vor Bangen zu
beben und zu zittern?
Wenn nun solche Empfindungen der Furcht dermaßen Raum in unse-
rem Herzen gewinnen, daß sie „die Neigung und den Willen zur Sünde
daraus verbannen und verjagen“, wie das Konzil von Trient sagt (14. Sitz.
280 XI, 18

can. 4), so sind sie ungemein heilsam. „Wir gingen schwanger von Deiner
Furcht, o Gott, und gebaren den Geist des Heiles,“ heißt es bei Jesaja
(26,18, nach der Septuag.). Das will heißen: Dein erzürntes Antlitz hat uns
in Schrecken versetzt, dadurch empfingen und gebaren wir den Geist der
Buße, der der Geist des Heiles ist. Ähnlich hat auch der Psalmist gesagt:
„Kein Friede ist in meinem Gebein, sondern es erzittert vor dem Ange-
sicht Deines Zornes“ (Ps 38,4).
Unser Heiland, der gekommen ist, uns das Gesetz der Liebe zu bringen,
schärft uns doch diese Furcht ein: „Fürchtet,“ sagt er, „denjenigen, der
Seele und Leib in die Hölle schleudern kann“ (Mt 10,28). Auf die Andro-
hung ihrer Verwerfung und ihres Untergangs hin taten die Niniviten Buße
und ihre Buße war Gott wohlgefällig (Jona 3,10). Mit einem Wort, diese
Furcht ist in den Gaben des Heiligen Geistes eingeschlossen, wie es ver-
schiedene Kirchenväter bemerkt haben (s. Hier., zu Jes 11,2; s. Aug.,
Christl. Lehre 2,7; Gregor der Große zu Ezechiel, 2. Buch, 7. Hom).

4. Wenn die Furcht nicht den Willen zum Sündigen und die Anhänglichkeit
an die Sünde ausschließt, dann ist sie wahrhaftig böse und der Furcht der
Teufel gleich, die oft aus Furcht, durch einen Exorzismus gequält zu wer-
den, aufhören, Schaden zu verursachen, ohne daß sie aber aufhören, das
Böse zu wünschen und zu wollen, auf das sie unaufhörlich sinnen. Sie
gleicht der Furcht des armseligen Galeerensklaven, der am liebsten das
Herz seines Aufsehers verschlingen möchte, es aber nicht wagt, das Ruder
zu verlassen, aus Furcht, geschlagen zu werden. Sie gleicht der Furcht
jenes Erzketzers des vergangenen Jahrhunderts, der bekennt, Gott gehaßt
zu haben, weil er die Bösen bestraft (Luther, in der Vorrede seiner Werke).
Gewiß, wer die Sünde liebt und bereit wäre, sie gegen den Willen Gottes
zu begehen, hat, auch wenn er die Sünde nicht begehen will aus Furcht,
verdammt zu werden, eine grauenhafte verabscheuungswürdige Furcht.
Hat er auch nicht den Willen, die Sünde auszuführen, so führt er sie doch
im Begehren aus, denn er würde sie ja gerne begehen, hielte ihn die Furcht
nicht zurück. Es ist also eigentlich nur Zwang, der das Vollbringen verhin-
dert.
Dieser Furcht kann man noch eine andere hinzufügen, die wohl weniger
böswillig, aber ebenso unfruchtbar ist. Solcher Art war die Furcht des
Richters Felix, der ganz entsetzt war, als er vom göttlichen Gericht reden
hörte, aber trotzdem seinen Geiz nicht aufgab (Apg 24,25-27). Ebenso
erschrak Belschazzar sosehr, als er die geheimnisvolle Hand sah, die seine
XI, 18 281

Verurteilung an die Wand schrieb, daß er erblaßte und daß seine Hüftge-
lenke sich lösten und seine Knie schlotterten (Dan 5,5 f). Dennoch tat er
nicht Buße. Was nützt es aber, das Böse zu fürchten, wenn man sich durch
die Furcht nicht entschließt, es zu vermeiden?

5. Die Furcht derjenigen, die wie Sklaven das Gesetz beobachten, um


der Hölle zu entgehen, ist also sehr gut. Weit edler und wünschenswerter
aber ist die Furcht der Christen, die wie Mietlinge und besoldete Diener
treu ihre Arbeit verrichten, gewiß nicht in erster Linie aus Liebe zu ihren
Herren, sondern damit ihnen die verheißene Belohnung zuteil werde. O,
wenn ein Auge es sehen, ein Ohr es hören könnte, wenn es in ein Men-
schenherz dringen würde, was Gott den bereitet hat, die ihm dienen (1
Kor 2,9)! Wie sorgsam würde man darauf achten, die göttlichen Gebote ja
nicht zu verletzen, aus Furcht, der ewigen Belohnungen verlustig zu ge-
hen! Welche Tränen würde man vergießen, welche Seufzer würden sich
einem entringen, wenn man sie durch die Sünde verloren hätte!
Doch diese Furcht wäre tadelnswert, wenn sie die heilige Liebe aus-
schließt. Wer da sagte: ich will Gott nicht aus irgendeiner Liebe dienen,
die ich für ihn hege, sondern nur um der Belohnungen teilhaftig zu wer-
den, die er verheißt, würde sich einer Gotteslästerung schuldig machen
dadurch, daß er den Lohn dem Herrn, die Wohltat dem Wohltäter, das
Erbe dem Vater und seinen eigenen Vorteil dem allmächtigen Gott vorzö-
ge. Wir haben das schon ausführlich im zweiten Buch (II,17) aufgezeigt.

6. Wenn wir aber fürchten, Gott zu beleidigen, nicht um der Hölle zu


entgehen oder den Himmel zu verdienen, sondern weil wir Gott, unserem
Vater Ehre, Ehrfurcht und Gehorsam schuldig sind, dann ist unsere Furcht
eine kindliche Furcht. Ein gutgeartetes Kind gehorcht ja seinem Vater nicht
deshalb, weil dieser die Macht hat, seinen Ungehorsam zu bestrafen, auch
nicht deshalb, weil er es enterben kann, sondern einfach deshalb, weil er
sein Vater ist. Auch wenn der Vater alt, schwach und arm ist, würde es ihm
mit dem gleichen Eifer dienen, ja gleich einem gutmütigen Storch würde
es ihm sogar mit mehr Sorgfalt und Eifer beistehen. Auch Josef unterließ
es nicht, als er sah, daß sein Vater Jakob alt und notleidend geworden und
überdies ihm untergeben war, ihn zu ehren, ihm zu dienen und mit einer
mehr als kindlichen Zärtlichkeit Ehrfurcht zu erweisen. Ja so weit ging er
darin, daß seine Brüder, die das sahen, meinten, diese zärtliche Liebe wür-
de nach dem Tod des Vaters weiterbestehen, und es benützten, um von ihm
282 XI, 19

Verzeihung für sich zu erlangen, indem sie sagten: „Dein Vater hat uns
befohlen, dir von ihm aus zu sagen: Ach, vergib doch deinen Brüdern ihr
Vergehen und ihre Sünde, daß sie dir Böses zugefügt haben!“ Als Josef
dies hörte, weinte er (Gen 50,15-17), so ergriffen war sein kindliches Herz,
als ihm Wunsch und Wille seines verstorbenen Vaters mitgeteilt wurden. –
Jene also fürchten Gott aus kindlicher Liebe, die ihm einfach und allein
nur deshalb zu mißfallen fürchten, weil er ihr höchst milder, gütiger und
liebenswürdiger Vater ist.

7. Geschieht es aber, daß diese kindliche Furcht verbunden, vermengt und


durchtränkt ist mit der knechtischen Furcht vor der ewigen Verdammnis
oder der Furcht des Mietlings, des Himmels verlustig zu gehen, so hört sie
deswegen nicht auf, Gott sehr wohlgefällig zu sein. Man nennt sie dann die
anfängliche Furcht oder Furcht der Lehrlinge, die erst zu den Übungen
der Gottesliebe antreten. Denn ebenso wie die jungen Burschen, wenn sie
reiten lernen und spüren, wie das Pferd sich bäumt, nicht nur ihre Knie
fest schließen, sondern sich auch mit den Händen am Sattel anklammern,
später aber, wenn sie geübt sind, sich nur durch den Schenkeldruck halten,
so ist es auch mit den Neulingen und Anfängern im Dienst Gottes. Wenn
sie durch die Anstürme der Feinde anfangs vor Schrecken außer sich gera-
ten, bedienen sie sich nicht nur der kindlichen Furcht, sondern auch der
knechtischen und Mietlingsfurcht und halten sich auf alle nur mögliche
Weise fest, um nicht von ihrem Bestreben abzusinken.

19. Kapitel
Die heilige Liebe schließt die zwölf Früchte des Heiligen Geistes
und die acht Seligkeiten des Evangeliums in sich.

1. Der glorreiche hl. Paulus sagt: „Die Frucht des Geistes ist: Liebe, Freu-
de, Friede, Geduld, Milde, Güte, Langmut, Sanftmut, Glaube, Be-
scheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit“ (Gal 5,22 f). Sieh, Theotimus,
wie der Apostel, während er zwölf Früchte des Heiligen Geistes aufzählt,
von ihnen doch nur wie von einer Frucht spricht; denn er sagt nicht: die
Früchte des Geistes sind Liebe, Freude usw., sondern er sagt nur: die Frucht
des Geistes ist Liebe, Freude ... Das ist nun der geheime Sinn dieser Aus-
drucksweise: „Die Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Hei-
XI, 19 283

ligen Geist, der uns verliehen wurde“ (Röm 5,5). Gewiß ist die Liebe die
einzige Frucht des Heiligen Geistes. Aber weil diese Frucht eine Unzahl
herrlicher Eigenschaften besitzt, spricht der Apostel, der uns deren einige
vor Augen stellen will, von dieser einen Frucht so, als ob es mehrere wä-
ren, wegen der Menge der Eigenschaften, die sie in ihrer Einheit enthält.
Er spricht aber andererseits von allen diesen Früchten wie von einer einzi-
gen wegen der Einheit, in der all diese Verschiedenheit inbegriffen ist.
Wenn jemand sagen würde: die Frucht des Weinstocks ist die Traube, der
Most, der Wein, der Branntwein, der Trank, „der des Menschen Herz er-
freut“ (Ri 9,13; Ps 104,15), das Getränk, das den Magen stärkt, so will er
damit nicht sagen, daß dies Früchte verschiedener Art sind, sondern daß
eine Frucht eine Reihe verschiedener Eigenschaften besitzt, je nachdem
sie verwendet wird.
Der Apostel will folglich nichts anderes sagen, als daß die Frucht des
Heiligen Geistes die Liebe ist und daß diese Liebe freudig, friedfertig, gedul-
dig, freundlich, gütig, langmütig, sanft, treu, bescheiden, enthaltsam und
keusch ist. Das will heißen, daß uns die Gottesliebe Freude und inneren
Trost mit einem großen Frieden des Herzens gibt, der durch die Geduld
standhält inmitten der Widerwärtigkeiten; daß sie uns mit einer herzli-
chen Güte gegen unseren Nächsten erfüllt und uns bereit macht, ihm willig
und freundlich beizustehen, mit einer Güte, die nicht wankelmütig ist,
sondern beharrlich und ausdauernd. Sie verleiht uns nämlich einen Mut
von großer Weite, der uns mild, freundlich und gefällig macht gegen jeder-
mann und uns die Launen und Unvollkommenheiten der anderen ertra-
gen läßt. In vollkommener Aufrichtigkeit ihnen gegenüber kommen wir
ihnen in Wort und Tat in einer mit Vertrauen gepaarten Einfachheit entge-
gen. Uns selbst aber läßt sie ein bescheidenes, demütiges Leben führen,
allen Überfluß und alles Ungeordnete in Speise, Trank, Kleidung, Schlaf,
Spiel, Zeitvertreib und ähnlichen sinnlichen Vergnügungen durch eine
heilige Enthaltsamkeit vermeiden, indem sie vor allem die Neigungen
und Regungen des Fleisches durch eine sorgsame Keuschheit unterdrückt.
Und das alles, damit unsere ganze Person von der göttlichen Liebe einge-
nommen sei, – innerlich durch die Freude, den Frieden, die Geduld, die
Langmut, Güte und Aufrichtigkeit –, äußerlich durch die Freundlichkeit,
Milde, Bescheidenheit und Keuschheit.
2. Die Liebe wird eine Frucht genannt, weil sie uns erquickt und wir uns an
ihrer erquickenden Süße erfreuen. Sie ist ein wahrer Paradiesapfel, vom
284 XI, 19

„Baum des Lebens“ (Offb 22,2), vom Heiligen Geist gepflückt, der sozu-
sagen auf unseren menschlichen Geist gepfropft, in uns durch seine un-
endliche Barmherzigkeit wohnt. Wenn wir uns aber nicht nur an der gött-
lichen Güte erfreuen und ihre erquickende Süße genießen, sondern unse-
ren ganzen Ruhm in sie setzen und sie als unsere Ehrenkrone (Ps 8,6)
betrachten, dann ist sie nicht nur eine unserem Gaumen süße Frucht (Hld
2,3), sondern eine ganz ersehnenswerte Seligkeit und Freude. Und dies
nicht nur deshalb, weil sie uns die Gewißheit ewiger Freude im jenseitigen
Leben gibt, sondern weil sie uns auch in diesem Leben einen Frohsinn von
unschätzbarem Wert verleiht; Frohsinn, der so stark ist, daß die Wasser der
Trübsal und die Ströme der Verfolgungen ihn nicht auszulöschen vermö-
gen (Hld 8,6); Frohsinn, der inmitten der Armut nicht nur nicht zugrun-
degeht, sondern sich bereichert, bei Mißachtung und Verdemütigung noch
größer wird, frohlockt inmitten von Tränen, erstarkt, wenn er von der Ge-
rechtigkeit im Stich gelassen, ihrer Hilfe beraubt bleibt und niemand sie
ihm zuteil werden läßt, wenn er sich darauf beruft. Er erneuert sich im
Mitleid und Erbarmen, wenn er von Armen und Leidtragenden umgeben
ist; er findet seine Wonne darin, auf alle sinnlichen und weltlichen Genüs-
se zu verzichten, um die Herzensreinheit zu erlangen. Er kämpft tapfer,
um Kriege, Zank und Zwistigkeiten beizulegen und irdische Größe und
Berühmtheit zu verachten. Er gewinnt neue Lebenskraft durch Ertragen
aller möglichen Arten von Leiden und glaubt, daß sein wahres Leben da-
rin besteht, für den Vielgeliebten zu sterben (Mt 5,3-12; Lk 6,20-23).

3. Folglich, Theotimus, ist die heilige Liebe eine Tugend, eine Gabe,
eine Frucht und eine Seligkeit. Als Tugend macht sie uns gehorsam gegen-
über den äußeren Anweisungen, die Gott uns in seinen Geboten und Rä-
ten gibt, in deren Ausübung die Übung aller Tugenden liegt.
Die Liebe ist also die Tugend aller Tugenden.
Als Gabe macht uns die Liebe geschmeidig und gefügig für die inneren
Einsprechungen, die gleichsam heimliche Gebote und Ratschläge Gottes
sind und zu deren Ausübung die sieben Gaben des Heiligen Geistes ge-
braucht werden.
Die Liebe ist folglich die Gabe aller Gaben.
Als Frucht läßt sie uns Geschmack und größtes Wohlgefallen finden an
der Übung des Gott hingegebenen Lebens, das in den zwölf Früchten des
Heiligen Geistes verkostet wird.
Folglich ist die Liebe die Frucht der Früchte.
XI, 20 285

Als Seligkeit läßt sie uns die Beleidigungen, Verleumdungen, den Tadel
und die Schmach, die die Welt uns zufügt, als größte Gunst und einzigar-
tige Ehre ansehen und läßt uns allen Ruhm, der nicht von dem geliebten
Gekreuzigten herrührt (Gal 6,14), von uns tun, auf ihn verzichten und ihn
zurückweisen. Um des Gekreuzigten willen aber rühmen wir uns in der
Geringschätzung, Verleugnung und Entäußerung unser selbst.
Wir verlangen nach keinem anderen Zeichen der Hoheit als nach der
Dornenkrone des Gekreuzigten, nach seinem Schilfrohrszepter, nach dem
Spottmantel, der ihm umgehängt wurde, und nach seinem Kreuzesthron.
Darin finden die von der heiligen Liebe Berauschten mehr Befriedigung,
Freude, Ruhm und Seligkeit, als Salomo je auf seinem elfenbeinernen
Thron fand.
Deshalb wird die Liebe oft unter dem Sinnbild des Granatapfels darge-
stellt (s. VI,13). Da dieser alle seine Eigenschaften vom Granatapfelbaum
erhält, kann man ihn gleichsam dessen Tugend nennen. Auch scheint er
die Gabe zu sein, die dieser aus Liebe dem Menschen darbietet. Seine
Frucht aber wird er genannt, weil er genossen wird, um den Geschmack
des Menschen zu erquicken. Er ist auch sozusagen sein Ruhm und seine
Seligkeit, da er eine Krone und ein Diadem trägt.

20. Kapitel
Die Liebe gebraucht alle Leidenschaften und Affekte der Seele
und unter
unterww i rrff t sie ihrem Gehorsam.

1. Die Liebe ist das Leben unseres Herzens. Wie das Gewicht der Uhr
alle ihre beweglichen Teile in Bewegung setzt, so gehen auch alle Regun-
gen in der Seele von der Liebe aus.
Alle unsere Affekte folgen unserer Liebe und ihr entsprechend sehnen
wir uns, hoffen wir, verzweifeln wir, fürchten wir, ermutigen wir uns, has-
sen wir, fliehen wir, sind wir traurig, geraten wir in Zorn, triumphieren
wir.
Sehen wir nicht an den Männern, deren Herz Beute einer niedrigen,
verwerflichen Liebe zu Frauen geworden ist, wie all ihr Wünschen nur
dieser Liebe gilt? Sie finden nur Vergnügen an dieser Liebe, ihr Hoffen
und Verzweifeln bezieht sich nur auf diesen Gegenstand, sie fürchten und
unternehmen nur, was sich darauf bezieht, sie verabscheuen und fliehen
286 XI, 20

nur alles, was sie davon entfernt, sie kränken sich nur über das, was sie
dieser Liebe beraubt, in Zorn geraten sie nur aus Eifersucht, ihr Triumph
ist nur diese Schande.
Das gleiche gilt von den Geldgierigen und Ehrsüchtigen. Sie werden zu
Sklaven dessen, was sie lieben. Sie haben kein Herz in der Brust, keine
Seele in ihrem Herzen, keine Liebe in ihrer Seele als nur dafür.

2. Wenn daher die Gottesliebe in unseren Herzen herrscht, unterwirft sie


sich königlich jede andere Liebe unseres Willens und folglich alle seine
Affekte, die natürlicherweise der Liebe folgen. Dann bezwingt sie die sinn-
liche Liebe und indem sie diese unter ihren Gehorsam stellt, unterwirft sie
sich alle sinnlichen Leidenschaften. Denn schließlich ist die heilige Liebe
jenes heilsame Wasser, von dem der Herr sagt: „Wer von diesem Wasser
trinkt, wird nicht dürsten in Ewigkeit“ (Joh 4,13). Nein, wahrhaftig, Theoti-
mus, wer einmal die Liebe zu Gott in etwas reichlicherem Maße besitzt,
hat kein anderes Verlangen als nach Gott, keine Furcht außer vor Gott,
keine Hoffnung außer auf Gott, keinen Mut außer durch Gott, keine Freu-
de außer in Gott. Alle seine Regungen werden in dieser einzigen himmli-
schen Liebe ihre Ruhe finden.
Die göttliche Liebe und die Eigenliebe sind in unserem Herzen wie Ja-
kob und Esau im Schoß der Rebekka (Gen 25,22-25). Sie haben eine
starke Abneigung, einen heftigen Widerwillen gegeneinander und stoßen
einander fortwährend in unserem Herzen. Deshalb ruft die bedrängte See-
le aus: „Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem
todbringenden Leib“ (Röm 7,24), damit nur die einzige Liebe zu meinem
Gott friedlich in mir herrsche?
Trotzdem müssen wir mutig bleiben und auf das Wort des Herrn hoffen,
der seiner Liebe zusammen mit seinem Befehl den Sieg verheißt und sei-
nen Befehl mit der Siegesverheißung verbindet.
Es ist, als sagte er der Seele das gleiche, was Rebekka gesagt wurde:
„Zwei Naturen sind in deinem Leib und zwei Völker sind in deinem Schoß
entzweit. Ein Volk wird immer stärker sein als das andere und das ältere
wird dem jüngeren dienen“ (s. oben). Rebekka trug nur zwei Kinder in
ihrem Schoß; weil aber aus ihnen zwei Völker entstehen sollten, wurde ihr
gesagt, daß sie zwei Völker in ihrem Schoß trage. So trägt auch die Seele
zwei Arten der Liebe in sich und daher zwei große Völkerschaften an
Regungen, Affekten und Leidenschaften. Wie die zwei Kinder der Rebek-
ka durch die Gegensätzlichkeit ihrer Bewegungen ihr große Schmerzen
XI, 20 287

und Krämpfe verursachten, so erweckt auch die zweifache Liebe große


Drangsale in unserem Herzen. Rebekka wurde gesagt, das größere ihrer
Kinder werde dem jüngeren dienen; desgleichen ist auch angeordnet, daß
von den beiden Arten der Liebe in unserem Herzen die sinnliche der
geistigen, das heißt, die Eigenliebe der Gottesliebe zu dienen habe.
Wann aber geschah es, daß das ältere der Völker, die im Schoß Rebek-
kas waren, dem jüngeren diente? Erst dann, als David im Krieg die Edomi-
ter unterwarf und Salomo sie im Frieden beherrschte. Wann wird doch die
Zeit kommen, da die sinnliche Liebe der göttlichen Liebe dienen wird?
Das wird dann geschehen, Theotimus, wenn die Liebe, bewaffnet, vom
Eifer erfaßt, alle unsere Leidenschaften durch die Abtötung unterjochen
wird. Und vor allem, wenn dort oben im Himmel die glückselige Liebe
unsere ganze Seele im Frieden besitzen wird (Lk 11,21; 21,19).
3. Die Weise aber, wie die göttliche Liebe sich das sinnenhafte Begehren
unterwerfen soll, gleicht derjenigen, die Jakob anwandte. Als Vorzeichen
und Anfang dessen, was später geschehen sollte, hielt er Esau bei der Ferse
fest, als dieser den Schoß seiner Mutter verließ. Es war, als wollte er ihn
damit überholen, ihn verdrängen, ihn sich untertänig machen oder ihn
gleichsam wie einen Raubvogel am Fuß festbinden, da Esau als Jäger und
wilder Mann einem Raubvogel gleichen würde. Genau so soll die göttliche
Liebe, wenn sie eine Leidenschaft oder natürliche Zuneigung in uns entste-
hen sieht, sie sogleich beim Fuß fassen und sich dienstbar machen. Was
heißt das aber, sie beim Fuß fassen? Das heißt, sie binden und sie dem
Dienst Gottes unterwerfen. Siehst du nicht, wie Mose die Schlange da-
durch in einen Stab verwandelte, daß er sie beim Schwanz packte? (Ex
4,4). So werden unsere Leidenschaften zu Tugenden, wenn wir ihnen ein
gutes Ziel setzen.
4. Wie muß man aber zu Werke gehen, um unsere Affekte und Lei-
denschaften der göttlichen Liebe dienstbar zu machen? Die „methodischen“
Ärzte führen immer den Grundsatz im Mund: „Gegensätzliches werde
durch Gegensätzliches geheilt.“ Die „Spagyriker“ hingegen behaupten ge-
rade das Gegenteil und sagen: „Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt.“
Wie dem auch immer sei, wir wissen, daß das Licht der Sterne durch
zweierlei Ursachen verschwindet: durch die Dunkelheit der Nachtnebel
und durch das stärkere Licht der Sonne. Desgleichen können wir unsere
Leidenschaften dadurch bekämpfen, daß wir ihnen die entgegengesetzte
Leidenschaft oder gleichartige stärkere Affekte entgegenstellen.
288 XI, 21

Überkommt mich z. B. eine eitle Hoffnung, so kann ich sie entkräften,


indem ich zeige, wie die Sache vernünftig gesehen hoffnungslos ist, und
mir sagen: O törichter Mensch, auf welche Grundlagen baust du diese
Hoffnung? Siehst du nicht ein, daß dieser Mächtige, auf den du hoffst, dem
Tod gerade so nahe ist wie du selbst? Kennst du denn nicht die Unbestän-
digkeit, Schwäche und Armseligkeit des menschlichen Geistes? Heute ist
das Herz, von dem du etwas hoffst, dein; morgen wird es ein anderer dir
rauben. Worauf also setzt du deine Hoffnung?
Ich kann dieser Hoffnung auch dadurch Widerstand leisten, daß ich ihr
eine stärkere Hoffnung entgegenstelle: „Hoffe auf Gott, meine Seele, denn
er befreit aus dem Netz deinen Fuß“ (Ps 25,15; 42,6). „Wer rief ihn an und
wäre von ihm übersehen worden?“ (Sir 2,11). Richte dein Streben auf
ewige und unwandelbare Dinge.
Ebenso kann ich den Wunsch nach Reichtümern und irdischen Ge-
lüsten entweder durch die Verachtung, die sie verdienen, bekämpfen oder
durch den Wunsch nach unsterblichen Freuden. So wird die sinnliche,
irdische Liebe durch die himmlische Liebe entweder so zerstört, wie Feu-
er durch Wasser infolge seiner entgegengesetzten Eigenschaften gelöscht
wird, oder wie es durch ein Feuer vom Himmel wegen dessen stärkerer
und überwältigender Kraft überwunden wird.
5. Der Herr bedient sich der einen und der anderen Methode, um Seelen
zu heilen. Seine Jünger heilt er von der Menschenfurcht, indem er ihnen
eine höhere Furcht einflößt: „Fürchtet nicht diejenigen, die den Leib tö-
ten, sondern fürchtet den, der Leib und Seele ins Verderben der Hölle
stürzen kann“ (Mt 10,28).
Ein andermal, da er sie von einer niedrigen Freude heilen wollte, wies er
sie auf eine erhabenere hin: „Freut euch nicht darüber, daß euch die bösen
Geister untertan sind, sondern daß eure Namen im Himmel eingeschrie-
ben sind“ (Lk 10,20). Aber er wies auch einmal die Freude zurück, indem
er ihr die Traurigkeit entgegenhielt: „Wehe euch, die ihr lacht, denn ihr
werdet weinen“ (Lk 6,25).
6. So überholt und unterwirft sich die göttliche Liebe die Gemütsregungen
und Leidenschaften. Sie biegt sie vom Ziel ab, zu dem die Eigenliebe sie
hintragen will, und lenkt sie ihrem geistlichen Vorhaben zu. So wie der Re-
genbogen einer Pflanze, die Aspalatus genannt wird, ihren Geruch nimmt
und ihr einen ausgezeichneten Duft verleiht (s. XI,3), so nimmt die heilige
Liebe, wenn sie unsere Leidenschaften berührt, ihnen ihr irdisches Ziel
und verleiht ihnen ein himmlisches.
XI, 21 289

Die Lust zu essen wird dadurch zu etwas ganz Geistlichem, wenn man
vor dem Essen ihr die Liebe zum Beweggrund gibt und etwa so spricht:
„Herr, nicht um meinen Magen zu befriedigen, noch um meine Eßlust zu
stillen, geh ich jetzt zu Tisch, sondern, wie Deine Vorsehung es angeordnet
hat, um den Leib zu erhalten, der in seiner Schwäche der Nahrung bedarf;
ja, Herr, weil es Dir so gefallen hat“ (Mt 11,26).
Wenn ich mir die Hilfe eines Freundes erhoffe, kann ich doch sagen:
„Du hast unser Leben so eingerichtet, o Herr, daß wir einer des anderen
Hilfe, Unterstützung und Trostes bedürfen; weil es Dir gefällt, will ich
mich dieses Menschen, dessen Freundschaft Du mir geschenkt hast, in
dieser Absicht bedienen.“
Ist ein gerechter Grund zur Furcht vorhanden, so werde ich sprechen:
„Herr, Du willst, daß ich mich fürchte, damit ich die entsprechenden Mit-
tel gebrauche, um diese Schwierigkeit abzuwenden. Ich werde es tun, Herr,
weil es Dir so wohlgefällig ist.“
Werde ich von einer außerordentlichen Angst bedrängt, so werde ich
beten: „O Gott, ewiger Vater, was haben Deine Kinder zu befürchten und
die Küchlein, die Du unter Deinen Flügeln hütest?“ (Ps 91,4; Mt 23,37).
Gewiß, ich will alles Erforderliche tun, um das Übel, das ich befürchte, zu
vermeiden. Dann aber sage ich: „Herr, ich bin Dein, rette mich, ich bitte
Dich, wenn es Dir gefällt“ (Ps 119,94). Ich will annehmen, was immer mir
widerfährt, denn es wird so geschehen, wie es Deinem göttlichen Willen
entspricht.
O heilige, göttliche Alchemie, durch die alle Metalle unserer Leiden-
schaften, Gemütsregungen und Taten in das lautere Gold der himmlischen
Liebe verwandelt werden!

21. Kapitel
Traurigkeit ist fast immer nutzlos, ja sogar dem Dienst
raurigkeit
der heiligen Liebe entgegengesetzt.

1. Ein Eichenreis kann man nicht auf einen Birnbaum pfropfen, dazu
sind die Säfte dieser beiden Bäume einander zu entgegengesetzt. Ebenso-
wenig läßt sich Zorn oder Verzweiflung auf Liebe pfropfen; jedenfalls
wäre es eine sehr schwierige Aufgabe. Vom Zorn haben wir schon bei den
Überlegungen über den Eifer gesprochen. Welchen Dienst die Verzweif-
lung der Liebe leisten könnte, sehe ich nicht ein, es sei denn, sie würde
290 XI, 21

herabgemindert auf ein gerechtes Mißtrauen gegen uns selbst oder auf das
Bewußtsein der Eitelkeit, Schwäche und Unbeständigkeit weltlicher Gunst-
erweise, Unterstützungen und Versprechungen.

2. Und wie kann die Traurigkeit der Liebe von Nutzen sein, wenn die
Freude zu den Früchten des Heiligen Geistes gehört und darin gleich den
ersten Platz einnimmt (Gal 5,22)?
Nun sagt der glorreiche Apostel auch: „Die gottgefällige Betrübnis wirkt
heilsame Reue, die man nicht zu bereuen braucht; die weltliche Betrübnis
dagegen wirkt den Tod“ (2 Kor 7,10). Es gibt also eine gottgefällige Traurig-
keit und zwar die der Sünder, wenn sie Buße tun, die der guten Menschen,
wenn sie Mitleid haben mit dem zeitlichen Elend des Nächsten, und die
der Vollkommenen, welche die geistlichen Nöte und Drangsale der Seelen
beklagen, mitempfinden und mittragen. So weinten David, Petrus und Mag-
dalena über ihre Sünden; Hagar weinte, als sie ihren Sohn vor Durst fast
verschmachten sah; Jeremia über die Zerstörung Jerusalems, unser Herr
und Heiland über die Juden, und sein großer Apostel sprach traurig die
Worte: „Viele wandeln, wie ich euch schon oft gesagt habe und jetzt unter
Tränen wiederhole, als Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18).

3. Es gibt andererseits auch eine Traurigkeit dieser Welt, die ebenfalls drei
Ursachen hat: Die erste: Manchmal flößt der böse Feind sie ein, indem er
durch tausenderlei traurige, schwermütige und ärgerliche Einflüsterungen
das Erkenntnisvermögen verdunkelt, den Willen lähmt und die ganze See-
le in Unruhe versetzt. Ein dichter Nebel erzeugt in Kopf und Brust einen
Katarrh, erschwert das Atmen und macht den Wanderer unsicher. So nimmt
auch der böse Geist dem menschlichen Gemüt durch die traurigen Ge-
danken, mit denen er es erfüllt, die Leichtigkeit, zu Gott aufzuatmen, er-
regt in ihm Überdruß und äußerste Mutlosigkeit, um ihn dadurch in Ver-
zweiflung und ins Verderben zu stürzen.
Man sagt (Plin. H. n. 9,42), es gäbe einen Fisch, den man Seeteufel
nennt, der durch Aufwühlen des Schlammes das Wasser rings um sich
herum trübt, um sich darin wie in einem Hinterhalt zu verbergen. Von da
aus lauert er auf die kleinen Fische; sobald er welche sieht, stürzt er sich
auf sie, packt und verschlingt sie. Von da her mag der vielgebrauchte Aus-
druck kommen: „im Trüben fischen.“ Der Höllenteufel macht es nicht
anders als der Seeteufel. Sein Versteck und Hinterhalt ist die Traurigkeit.
Hat er durch eine Menge verdrießlicher Gedanken, die er in das Erkennt-
XI, 21 291

nisvermögen gestreut hat, die Seele verwirrt, so stürzt er sich auf ihre
Gemütsregungen, überfällt sie mit Mißtrauen, Eifersucht, Abneigung,
Neid, überflüssiger Angst wegen früherer Sünden und legt ihr eine Menge
eitler, bitterer und trübseliger Spitzfindigkeiten vor, damit sie keinerlei
Vernunftgründen und tröstlichen Gedanken Gehör schenke.
4. Die zweite Ursache: Zuweilen geht die Traurigkeit auch aus unserem
Naturell hervor, wenn die melancholische Stimmung in uns vorherrscht.
Diese ist an und für sich nichts Schlechtes. Jedoch bedient sich ihrer unser
Feind sehr gerne, um allerhand Versuchungen in unseren Seelen anzu-
spinnen und sie damit zu umgarnen. Auch die Spinnen bereiten ihre Netze
fast immer zu Zeiten trüber Witterung, wenn der Himmel mit Wolken
verhangen ist. Ebenso ist es auch für den bösen Feind nie so leicht, die
Netze seiner Einflüsterungen in sanfte, gutmütige, heitere Gemüter zu
legen, wie in verdrossene, traurige, melancholische. Diese kann er leicht
durch Kummer, Argwohn, Haß, durch Murren, Kritisieren, Beneiden,
durch Trägheit und geistige Erschlaffung in Verwirrung bringen.
5. Die dritte Ursache: Endlich gibt es eine Traurigkeit, welche durch die
Vielfalt der irdischen Ereignisse hervorgerufen wird. „Welche Freude kann
ich noch haben,“ sagte Tobit, „da ich im Finstern sitze und das Himmels-
licht nicht sehe?“ (Tob 10,5). So trauerte auch Jakob bei der Nachricht
vom Tod seines Sohnes Josef (Gen 37,34 f) und David über den seines
Abschalom (2 Sam 18,32). Diese Traurigkeit ist Guten und Bösen ge-
meinsam. Bei den Guten ist sie jedoch gemäßigt durch das Eingehen und
die Ergebung in den Willen Gottes, wie man es an Tobit sah, der bei allen
Widerwärtigkeiten, die ihm widerfuhren, der göttlichen Majestät Dank
sagte; an Ijob, der in seinen Drangsalen den Namen des Herrn pries (1,21),
und an Daniel, der seine Leiden in Loblieder verwandelte (Kap. 9). Den
weltlich Gesinnten hingegen ist die Traurigkeit etwas Gewöhnliches und
verwandelt sich in Klagen, Verzweiflung und Verwirrung. Sie gleichen
den Affen und Murmeltieren, die bei Neumond immer trübsinnig, traurig
und schlechter Laune sind, sobald der Mond aber zunimmt, wieder hüp-
fen, tanzen und allerlei Possen treiben. Der Weltmensch ist verärgert, übel
gelaunt, verbittert und verdrossen, wenn es ihm an irdischem Wohlstand
mangelt. Hat er aber daran Überfluß, so ist er fast immer prahlerisch,
ausgelassen und anmaßend.
6. Die Traurigkeit einer echten Buße sollte eigentlich nicht Traurigkeit
genannt werden, sondern Mißfallen am Bösen oder dessen Verabscheuung.
292 XI, 21

Es sollte eine Traurigkeit sein, die nicht niedergeschlagen und verdrießlich


macht, die den Geist nicht lähmt, sondern ihn tätig, rege und bereitwillig
macht; eine Traurigkeit, die das Herz nicht niederdrückt, sondern es veran-
laßt, sich immer wieder in eifervoller Andacht zu Gott aufzuschwingen;
eine Traurigkeit, die selbst mitten in den Bitternissen immer die Süßigkeit
eines unvergleichlichen Trostes hervorbringt, nach dem Ausspruch des hl.
Augustinus: „Der Büßer trauere immerzu, aber er erfreue sich immer
seiner Traurigkeit“ (Zu Ps 50, § 5).
„Die Traurigkeit,“ sagt Cassian (Instit. 9,11), welche die echte Buße und
jene liebenswürdige Reue bewirkt, die man nie bereut, „ist gehorsam, freund-
lich, demütig, gütig, milde, geduldig, da sie der Liebe entspringt und von
ihr ausgeht. Und wenn sie sich auch auf alle körperlichen Schmerzen und
alle Zerknirschung des Geistes ausdehnt, ist sie in gewisser Beziehung
doch immer fröhlich und von der Hoffnung auf ihren Nutzen belebt und
gekräftigt; sie bewahrt alle Milde der Freundlichkeit und Langmut, da sie
die Früchte des Heiligen Geistes in sich birgt, die der Apostel aufzählt:
„Die Frucht des Heiligen Geistes ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Mil-
de, Güte, Vertrauen, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22).
Das ist die wahre Buße und die gute Traurigkeit, die gewiß nicht im
eigentlichen Sinne traurig oder trübsinnig, sondern nur aufmerksam dar-
auf bedacht ist, das Übel der Sünde zu verabscheuen, zu verwerfen und zu
verhindern für die Vergangenheit wie für die Zukunft.
7. Manchmal sehen wir auch Äußerungen von Reue, die überstürzt, ver-
stört, ungeduldig, verweint, verbittert, stöhnend, unruhig, abstoßend, hart
und schwermütig sind, schließlich unfruchtbar bleiben und keine wahre
Besserung nach sich ziehen, weil sie nicht aus den wahren Beweggründen
der Buße, sondern aus naturhafter Eigenliebe hervorgehen.
8. „Die Betrübnis der Welt bewirkt den Tod,“ sagt der Apostel (2 Kor
7,10). Daher, Theotimus, muß man sich sehr vor ihr hüten und sie nach
Kräften zurückweisen. Hat sie natürliche Ursachen, so müssen wir sie da-
durch zurückdrängen, daß wir ihren Regungen mit Übungen begegnen,
die geeignet sind, sie zu verscheuchen. Wir müssen Heilmittel anwenden
und uns eine Lebensweise aneignen, die die Ärzte für günstig erachten.
Entspringt die Traurigkeit einer Versuchung, dann müssen wir unser Herz
unserem geistlichen Vater enthüllen, der uns die Mittel vorschreiben wird,
sie zu besiegen. Darüber haben wir in unserer „Anleitung zum frommen
Leben“ gesprochen (IV,14). Befällt sie uns nur zufällig, so müssen wir uns
XI, 21 293

an das halten, was im 8. Buch dieser Abhandlung (4. und 5. Kap.) gesagt
ist. Es wird uns daran erinnern, wie liebenswert die Trübsale für die Kin-
der Gottes sind, und uns erkennen lassen, daß alle vorübergehenden Er-
eignisse dieses zeitlichen Lebens beinahe keine Bedeutung haben im Ver-
gleich zur Größe unserer Hoffnung auf das ewige Leben.
Im übrigen müssen wir inmitten aller trüben Stimmungen, die uns über-
kommen können, von der Autorität des höheren Willens Gebrauch ma-
chen, um alles, was wir nur können, zur Förderung der göttlichen Liebe zu
tun. Gewiß, es gibt Handlungen, die so sehr von unserer körperlichen
Beschaffenheit und Verfassung abhängen, daß es nicht in unserer Macht
steht, sie nach unserem Belieben auszuführen. Wer deprimiert ist, kann
weder seinen Augen, noch seinen Worten, noch seinen Mienen jene lie-
benswürdige Anmut verleihen, die er zur Schau tragen würde, wäre er frei
von dieser üblen Stimmung. Wohl aber kann er, wenn auch ohne Anmut,
aus Vernunft liebenswürdige, gütige, höfliche Worte sagen und gegen sei-
ne Neigung in Worten und Werken der Liebe, der Milde und Gefälligkeit
das Passende tun. Es ist zu entschuldigen, wenn man nicht immer heiter
ist, denn man ist nicht so weit Herr seiner Heiterkeit, daß man jederzeit
darüber verfügen könnte. Nicht zu entschuldigen ist es aber, wenn man
nicht immer gütig, gefügig und gefällig ist, denn das liegt immer im Be-
reich unseres Willens; man muß sich nur entschließen, die gegenteilige
Laune und Neigung zu überwinden.
294
295

ZWÖLFTES BUCH

Einige Ratschläge für den Fortschritt der Seele

in der heiligen Liebe.


296 XII, 1

1. Kapitel
Der For tschritt in der heiligen Liebe hängt nicht von
Fortschritt
der natürlichen V eranlagung ab.
Veranlagung

1. Ein großer Ordensmann unserer Tage schrieb, die natürliche Veranla-


gung sei ein großes Hilfsmittel für die beschauliche Liebe; Personen mit
gemütvollem, liebreichem Naturell seien dazu geeigneter. Nun, ich glaube
nicht, daß er damit sagen will, daß die heilige Liebe Menschen und Engeln
infolge oder noch weniger nach Maßgabe ihrer natürlichen Veranlagung
zugeteilt wird, noch daß die Zuteilung der göttlichen Liebe nach den na-
türlichen Eigenschaften und Anlagen der Menschen erfolgt. Eine solche
Behauptung stünde im Widerspruch zur Heiligen Schrift und verletzte die
kirchliche Glaubensregel, nach welcher die Pelagianer als Irrlehrer be-
zeichnet wurden.
2. Ich spreche hier in dieser Abhandlung von der übernatürlichen Liebe,
die Gott aus Güte in unsere Herzen ausgießt und deren Sitz die höchste
Spitze des Geistes ist, die über allen anderen Fähigkeiten unserer Seele
steht und unabhängig von jeglicher natürlichen Gemütsart ist.
Obwohl die zur Liebe geneigten Seelen einerseits eine gewisse Veran-
lagung haben, die sie geeigneter macht, Gott lieben zu wollen, sind sie ande-
rerseits doch auch sehr in Gefahr, sich an liebenswürdige Geschöpfe zu
hängen. Daher bringt ihre Neigung sie ebensosehr in Gefahr, durch Bei-
mischung anderer Liebe die Lauterkeit der heiligen Liebe zu verlieren,
wie sie eine gewisse Leichtigkeit haben, Gott lieben zu wollen. Denn die
Gefahr, auf unrechte Weise zu lieben, ist mit der Leichtigkeit zu lieben
verbunden.
3. Es ist dennoch wahr, daß die so veranlagten Seelen Großes in der
heiligen Liebe vollbringen, wenn sie einmal von der Liebe zu den Geschöpfen
gut geläutert sind; denn die Liebe findet eine große Leichtigkeit vor, sich in
allen Fähigkeiten ihres Herzens auszubreiten. Daraus entspringt eine wohl-
tuende Anmut die bei jenen nicht zutage tritt, die eine herbe, rauhe, schwer-
mütige, störrische Gemütsart haben.
4. Gleichwohl werden zwei Personen, von denen die eine von Natur aus
liebevoll und sanft, die andere trübsinnig und zu Bitterkeit geneigt ist,
wenn sie die gleiche Liebe haben, Gott gleichviel lieben, wenn auch nicht
auf ähnliche Art. Das von Natur aus sanfte Herz wird leichter, liebenswür-
diger, sanfter, aber nicht wahrer und vollkommener lieben. Hingegen wird
XII, 2 297

die Liebe, die inmitten der Dornen und des Widerstrebens eines herben,
trockenen Naturells geboren wird, tapferer und ruhmvoller sein, so wie
die erste liebenswürdiger und anmutiger ist.
Es hat daher nicht viel zu sagen, ob man eine natürliche Veranlagung zur
Liebe hat oder nicht, wenn es sich um die übernatürliche Liebe handelt,
kraft welcher man nur auf übernatürliche Weise tätig ist. Das eine, Theo-
timus, möchte ich allen Menschen zurufen: O ihr Sterblichen! Wenn euer
Herz zur Liebe geneigt ist, warum strebt ihr dann nicht nach der himmli-
schen, göttlichen Liebe? Seid ihr aber rauhen und bitteren Herzens, ach ihr
armen Menschen, warum verlangt ihr, die ihr der natürlichen Liebe be-
raubt seid, nicht nach der übernatürlichen, die euch in liebevoller Weise
von jenem gegeben wird, der euch in so heiliger Weise aufruft, ihn zu
lieben?

2. Kapitel
Daß man ein beständiges Verlangen zu lieben haben soll.
Verlangen

1. „Sammelt euch Schätze im Himmel“ (Mt 6,20). Ein einziger Schatz


genügt nach dem Willen dieses göttlichen Liebhabers nicht. Er will, daß
wir viele Schätze besitzen, daß unser Schatz aus vielen Schätzen bestehe.
Das will heißen, Theotimus, daß wir ein unersättliches Verlangen haben
sollen, Gott zu lieben, um immerfort Liebe auf Liebe zu häufen.
Was treibt die Bienen mehr an, ihren Honig zu vermehren, als die Liebe,
die sie zu ihm haben? Herz meiner Seele, das du geschaffen bist, um das
unendliche Gut zu lieben, welche Liebe könntest du dir wünschen, wenn
nicht diese, welche die wünschenswerteste von allen ist? Seele meines
Herzens, welchen Wunsch könntest du lieben, wenn nicht den liebenswer-
testen von allen Wünschen? O Liebe zu den heiligen Wünschen, o Wün-
sche nach der heiligen Liebe! Wie sehr hat mich danach verlangt, eure
Vollkommenheit zu ersehnen (Ps 119,20).
2. Der von Widerwillen erfüllte Kranke hat keinen Appetit, aber er
wünscht es, ihn zu haben; er hat kein Verlangen nach Fleisch, aber er
möchte dieses Verlangen haben. Theotimus, es liegt nicht in unserer Macht
zu wissen, ob wir Gott über alles lieben, wenn Gott es uns nicht selbst
offenbart. Wir können aber wohl wissen, ob wir danach verlangen, ihn zu
lieben. Fühlen wir in uns das Verlangen nach der heiligen Liebe, so wissen
wir, daß wir zu lieben beginnen.
298 XII, 2

Unserer sinnenhaften und animalischen Natur entstammt der Appetit


zum Essen, aber der Wunsch, Appetit zu haben, kommt von unserer ver-
nünftigen Natur. Da jedoch die sinnenhafte Natur nicht immer der ver-
nünftigen gehorcht, geschieht es häufig, daß wir uns den Appetit wün-
schen, ihn aber nicht haben können.
Die Sehnsucht aber zu lieben und die Liebe selbst hängen vom gleichen
Willen ab. Sobald wir also den edlen Wunsch gefaßt haben zu lieben,
beginnen wir die Liebe zu besitzen. Und in dem Maße, als dieser Wunsch
wächst, nimmt auch die Liebe zu. Wer glühend nach der Liebe verlangt,
wird bald glühend lieben.
O Gott, Theotimus, wer wird uns die Gnade erweisen, daß wir von die-
sem Verlangen brennen? Es ist ja das Verlangen der Armen und die Be-
reitschaft ihres Herzens, die Gott so gern erhört (Ps 9,38)! Wer nicht
sicher ist, daß er Gott liebt, ist arm; und wer danach verlangt, zu lieben, ist
ein Bettler, aber ein Bettler jenes seligen Bettlertums, von dem unser Erlö-
ser gesagt hat: „Selig sind die Bettler im Geiste, denn ihrer ist das Him-
melreich“ (Mt 5,3 nach dem Griechischen).
3. Ein solcher war der hl. Augustinus, als er ausrief: „O lieben! O voran-
schreiten! O sich selbst sterben! O zu Gott gelangen!“ (159. Pred. c. 7).
Und ebenso der hl. Franziskus, als er sagte: „Laß mich sterben an Deiner
Liebe“, o Freund meines Herzens, „der Du aus Liebe zu mir sterben woll-
test!“ (Gebet um die Liebe Gottes). So waren die hl. Katharina von Genua
und die selige Mutter Theresia, die gleich lechzenden und vor Durst nach
der göttlichen Liebe verschmachtenden Hindinnen (Ps 42,1) in die Worte
ausbrachen: „Ach Herr, gib mir von diesem Wasser!“ (Joh 4,15).
4. Der irdische Geiz, der gierig nach irdischen Schätzen verlangt, ist
Wurzel allen Übels (1 Tim 6,10). Aber der geistliche Geiz, der unaufhör-
lich nach dem feinen Gold der heiligen Liebe verlangt, ist die Wurzel alles
Guten. Wer wahrhaft nach der Liebe verlangt, der sucht sie auch wahrhaft;
wer sie wahrhaft sucht, der findet sie auch (Mt 7,8). Und wer sie gefunden
hat, hat die Quelle des Lebens gefunden, aus der er das Heil schöpfen wird
vom Herrn (Spr 8,35). Rufen wir Tag und Nacht, Theotimus: „Komm,
Heiliger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ih-
nen das Feuer Deiner Liebe“ (Pfingstmesse). O himmlische Liebe, wann
wirst du meine Seele randvoll erfüllen?
XII, 3 299

3. Kapitel
Um das Verlangen nach der himmlischen Liebe zu haben, muß
Verlangen
man jedes andere V erlangen abstellen.
Verlangen

1. Warum glaubst du, Theotimus, verlieren die Hunde im Frühling öfter


als zu anderen Zeiten die Spur und Fährte des Wildes? Die Jäger und
Philosophen sagen, es komme daher, weil zu dieser Zeit die Kräuter und
Blumen in ihrer vollen Frische sind. Die mannigfaltigen Gerüche, die sie
verbreiten, betäuben dermaßen den Geruchssinn der Hunde, daß sie aus
den verschiedenen Gerüchen, die der Erde entströmen, den Geruch ihrer
Beute weder zu unterscheiden, noch ihm zu folgen vermögen. Seelen, die
sich ständig in Wünschen, Entwürfen und Plänen ergehen, verlangen gewiß
nie so, wie sie sollten, nach der heiligen, göttlichen Liebe. Sie haben kein
richtiges Empfinden für die liebreiche Spur und Fährte ihres göttlichen
Vielgeliebten, der mit einer Gazelle und einem jungen Hirsch verglichen
wird (Hld 2,9).
2. Für die Lilie gibt es keine bestimmte Jahreszeit; sie blüht früher oder
später, je nachdem man sie tiefer oder weniger tief in die Erde einsetzt.
Setzt man sie nur etwa drei Finger tief in die Erde, so wird sie unverzüglich
blühen; setzt man sie aber sechs oder neun Finger tief, so wird sie demge-
mäß immer später blühen. Ist das Herz, das nach der göttlichen Liebe
strebt, sehr in irdische und zeitliche Geschäfte vertieft, so wird es spät und
schwer zur Blüte kommen. Ist es aber nur eben soweit in der Welt, als sein
Stand und Beruf es fordern, wirst du es bald in Liebe erblühen und den
angenehmsten Geruch verbreiten sehen (Hld 2,13).
3. Deshalb zogen die Heiligen sich in die Einsamkeit zurück, damit sie
aller weltlichen Sorgen ledig, eifriger die himmlische Liebe pflegen konn-
ten. Darum schließt die heilige Braut das eine ihrer Augen (Hld 4,9), um
desto stärker ihre ganze Sehkraft in dem einen Auge zu sammeln und
dadurch umso sicherer mitten in das Herz ihres Vielgeliebten zu zielen,
den sie mit ihrer Liebe verwunden will. Deshalb hat sie alle Haare ihres
Hauptes so sehr in ein Geflecht zusammengewunden, daß sie nur ein Haar
zu haben scheint, dessen sie sich wie einer Kette bedient, um das Herz
ihres Bräutigams zu binden, es an sich zu reißen und dadurch zum Sklaven
ihrer Liebe zu machen.
300 XII, 4

Seelen, die allen Ernstes Gott zu lieben verlangen, verschließen ihr Er-
kenntnisvermögen vor den Überlegungen über weltliche Dinge, um sich de-
sto eifriger der Betrachtung der göttlichen Dinge hinzugeben. All ihr Stre-
ben verfolgt nur die eine Absicht, einzig und allein Gott zu lieben. Wer
nach etwas verlangt, nach dem er nicht Gottes wegen verlangt, verlangt
dadurch weniger nach Gott.
Ein Ordensmann fragte einst den seligen Ägydius, was er tun solle, um
Gott am wohlgefälligsten zu sein (s. V,7). Er antwortete ihm, indem er
sang: „Die Eine dem Einen, die Eine dem Einen!“ Das will heißen: die
eine Seele dem einen Gott. Wenn viele Wünsche und Zuneigungen in
einem Herzen sind, gleichen sie mehreren Kindern an einer Mutterbrust.
Da sie nicht alle zugleich ihre Befriedigung finden können, wird sie ein-
mal von dem einen, einmal von dem anderen begierig in Anspruch genom-
men und so zum Versiegen und Vertrocknen gebracht. Wer nach der gött-
lichen Liebe verlangt, muß sorgfältig seine Muße, seinen Geist und seine
Zuneigung für sie bewahren.

4. Kapitel
Rechtmäßige Beschäftigungen sind kein Hindernis,
die göttliche Liebe zu üben.

1. Neugierde, Ehrgeiz, Unruhe, Unachtsamkeit und Geringschätzung


unseres Lebenszieles sind Ursache, daß wir tausendmal mehr Hindernisse
als ernste Arbeiten, mehr Wirrwarr als Werke, mehr Beschäftigungen als
Aufgaben haben. Und diese Trödeleien, Theotimus, das heißt, diese nichts-
sagenden, eitlen, überflüssigen Beschäftigungen, mit denen wir uns bela-
sten, sind es, die uns von der Liebe zu Gott abziehen, nicht aber die eigent-
lichen, rechtmäßigen Arbeiten unseres Berufes.
2. David, und nach ihm der hl. Ludwig, unterließen es nicht, mitten in
den unvorhergesehenen Ereignissen, Arbeiten und Geschäften, die sie so-
wohl in Friedenszeiten wie im Krieg hatten, aufrichtigen Herzens zu sin-
gen:
Wen hab ich im Himmel, außer Dich?
Bist Du mit mir,
so freut mich die Erde nicht mehr (Ps 73,25).
Der hl. Bernhard verlor nichts von dem Fortschritt, den er in dieser
heiligen Liebe zu machen wünschte, obwohl er an den Höfen und in den
Heeren großer Fürsten war, wo er alles tat, um die staatlichen Geschäfte in
XII, 4 301

den Dienst der Verherrlichung Gottes zu stellen. Er änderte oft seinen


Aufenthaltsort, nicht aber sein Herz, und sein Herz änderte sich nicht in
seiner Liebe, noch seine Liebe in ihrem Gegenstand. Um mit seinen eige-
nen Worten zu reden: diese Änderungen gingen in ihm vor, ohne ihn zu
verändern. Denn obwohl seine Beschäftigungen sehr verschiedenartig wa-
ren, blieb er ihnen gegenüber gleichmäßig und von ihnen losgeschält. Er
nahm nicht wie ein Chamäleon, das die Farbe seines Aufenthaltsortes an-
nimmt, die Farbe seiner Geschäfte und Gespräche an, sondern blieb im-
mer ganz mit Gott verbunden, immer weiß an Reinheit, rot an Liebe und
immer voll von Demut.
3. Ich kenne wohl den Rat der Weisen, Theotimus, die sagen: „Wer
fromm leben will, fliehe den Hof und die Paläste; in den Armeen findet
man selten fromme Menschen. Glaube und Heiligkeit sind Töchter des
Friedens.“
Und die Israeliten hatten recht, es bei den Babyloniern abzulehnen, die
sie drängten, ihnen die heiligen Gesänge Zions vorzusingen:
Die uns geschlagen, wollen ein fröhliches Lied.
Wie könnten wir singen ein Lied des Herrn
hier in der Fremde? (Ps 137,4).
Aber siehst du nicht, daß diese armen Menschen nicht nur mitten unter
den Babyloniern lebten, sondern daß sie auch Gefangene der Babylonier
waren? Wer immer Sklave der Hofgunst, des Beifalls der Paläste, des Kriegs-
ruhmes ist, o Gott, bei dem ist es sicher, daß er das Lied der göttlichen
Liebe nicht zu singen vermag. – Wer aber am Hof, im Krieg, im Palast nur
ist, um seine Pflicht zu erfüllen, dem steht Gott hilfreich bei und die
himmlische Güte wird ihm zum Heilmittel für sein Herz, das ihn vor der
dort herrschenden Pest bewahrt.
Als die Mailänder von der Pest heimgesucht waren, scheute sich der hl.
Karl Borromäus nie, die Häuser der Pestkranken aufzusuchen und die
Pestkranken selbst zu berühren. Doch, Theotimus, suchte er sie nur inso-
weit auf und berührte sie nur soviel, wie es der Dienst Gottes erforderte.
Niemals hätte er sich ohne wahre Notwendigkeit in die Gefahr begeben,
aus Furcht vor der Sünde, Gott zu versuchen. So wurde er vor allem Übel
bewahrt; die göttliche Vorsehung nahm ihn unter ihren Schutz, da er ein
so reines, von aller Ängstlichkeit und Verwegenheit bares Vertrauen in sie
setzte.
Gott sorgt in gleicher Weise für diejenigen, die nur aus pflichtgemäßer
Notwendigkeit an den Hof, in die Paläste, in den Krieg gehen. Man darf
302 XII, 5

darin weder so ängstlich sein, daß man durch Fernbleiben gute und ge-
rechte Geschäfte versäumt, noch so vermessen und dünkelhaft, daß man
dorthin geht und dort bleibt, ohne durch Pflichten oder Geschäfte dazu
gezwungen zu sein.

5. Kapitel
Ein anziehendes Beispiel hiefür
hiefür..

1. Gott ist „rein dem Reinen“ (Ps 18,26), gut dem Guten, herzlich dem
Herzlichen, zart mit dem Zarten; begegnet seine Liebe Seelen, die in lieb-
reicher Unschuld und Einfalt sich gleich kleinen Kindern ihm gegenüber
verhalten, so veranlaßt sie ihn zu Erweisen einer heiligen Zärtlichkeit.
Eines Tages betete die hl. Franziska die Tagzeiten Unserer lieben Frau
und wie es ja oft geschieht, daß, selbst wenn es nur eine wichtige Sache am
ganzen Tag zu erledigen gibt, die dringende Notwendigkeit dazu gerade
während der Zeit des Gebetes eintritt, so wurde auch diese heilige Frau,
als sie betete, von ihrem Mann zu einer häuslichen Verrichtung gerufen,
und das geschah viermal. Immer wieder nahm sie den Faden des Offizi-
ums auf, um gleich wieder weggerufen und genötigt zu werden, beim glei-
chen Vers abzubrechen. Endlich war diese Angelegenheit beendigt, deret-
wegen man es so eilig gehabt hatte, ihr Gebet zu unterbrechen. Als sie nun
wieder zu ihrem Offizium zurückkehrte, siehe, da fand sie den Vers, den
sie so oft aus Gehorsam stehengelassen und ebensooft aus frommem Sinn
wieder aufgenommen hatte, in goldenen Buchstaben geschrieben. Eine
Dame namens Vannocia, die Gefährtin der hl. Franziska, schwor, sie habe
gesehen, wie der Schutzengel der Heiligen den Vers geschrieben habe, und
später offenbarte es ihr auch der hl. Paulus (Valladierus: Lobrede auf die
hl. Franc. Rom.).

2. Wie liebevoll, Theotimus, erweist sich dieser himmlische Bräutigam


gegen seine sanfte, treue Liebende! Du siehst aber auch, daß die notwendi-
gen Dinge, die jeder seinem Beruf gemäß zu tun hat, keineswegs die göttli-
che Liebe vermindern, sondern im Gegenteil sie vermehren und sozusa-
gen das Werk der Frömmigkeit vergolden. Die Nachtigall liebt ihre Melo-
die nicht weniger, wenn sie in ihrem Gesang Pausen macht, als wenn sie
singt; so lieben auch fromme Menschen die Liebe nicht minder, wenn sie
sich den äußeren Notwendigkeiten zuwenden, als wenn sie beten; ihr
XII, 6 303

Schweigen und ihre Stimme, ihre Taten und ihre Beschauung, ihre Be-
schäftigungen und ihre Ruhe singen in gleicher Weise in ihnen das Lied
ihrer Liebe.

6. Kapitel
Alle sich bietenden Gelegenheiten soll man zur Übung
der göttlichen Liebe benützen.

1. Es gibt Seelen, die große Pläne schmieden, wie sie dem Herrn auf
ausgezeichnete Weise durch hervorragende Werke und außerordentliche
Leiden dienen können; es sind aber Werke und Leiden, für die sie gegen-
wärtig keine Gelegenheit haben, zu denen sich vielleicht auch nie die
Gelegenheit bieten wird. Damit glauben sie, einen großen Liebesakt er-
weckt zu haben, täuschen sich aber für gewöhnlich sehr. Das sieht man
daran, daß sie, so scheint es ihnen, dem Wunsch nach wohl große zukünf-
tige Kreuze umfangen, aber sorgfältig bedacht sind, der Last gegenwärtiger,
geringerer Kreuze aus dem Weg zu gehen. Ist das nicht eine sehr große
Versuchung, in der Einbildung so tapfer und in der Ausführung so weich-
lich zu sein?
2. Gott bewahre uns vor solch eingebildetem Eifer, der sehr oft im Grun-
de unseres Herzens eine eitle, heimliche Selbstgefälligkeit nährt. Große
Werke liegen nicht immer auf unserem Weg; zu jeder Zeit aber können
wir kleine in ausgezeichneter Weise, d. h. mit großer Liebe tun. Betrachte
diesen Heiligen, der einem armen, durstigen Wanderer um Gottes Willen
ein Glas Wasser reicht. Scheinbar tut er etwas sehr Geringes, aber die
Absicht, die Freundlichkeit, die Liebe, mit der er seine Tat beseelt, ist so
groß, daß sie dieses gewöhnliche Wasser in ein lebendiges Wasser, ein
Wasser ewigen Lebens verwandelt (Mt 10,42).
3. Die Bienen suchen Nahrung in den Lilien, Schwertlilien und Rosen,
aber sie erbeuten nicht weniger in den kleinen Blüten des Rosmarin und
des Thymian. Ja, sie sammeln daraus nicht nur mehr Honig, sondern bes-
seren Honig, denn da der Honig in diesen kleinen Kelchen mehr zusam-
mengedrängt ist, hält er sich auch besser. So übt man die Liebe bei den
kleinen, unscheinbaren Übungen der Frömmigkeit nicht nur öfter, sondern
gewöhnlich auch demütiger und folglich mit mehr Nutzen und Heiligkeit.
Dieses Nachgeben den Launen anderer gegenüber, dieses Ertragen rück-
sichtsloser und lästiger Handlungen und Haltungen des Nächsten, diese
304 XII, 7

Siege über unsere eigenen Launen und Leidenschaften, dieser Verzicht auf
unsere kleinen Neigungen, dieses Kämpfen gegen unseren Widerwillen
und unsere Abneigungen, dieses herzliche und schlichte Geständnis unse-
rer Unvollkommenheiten, diese ständige Mühe, die wir uns geben, unsere
Seele im Gleichgewicht zu erhalten, diese Liebe zu unserer Erniedrigung,
diese gutmütige und freundliche Annahme der Mißachtung und der Kritik
unseres Wesens, Lebens, Umgangs und unserer Handlungen: Theotimus,
all das ist für unsere Seelen viel fruchtbarer, als wir meinen, vorausgesetzt,
daß es aus heiliger Liebe geschieht. Doch das haben wir schon der Phi-
lothea gesagt (III,3 und 35).

7. Kapitel
W elche Sorgfalt wir anwenden müssen, um unsere Handlungen
sehr vollkommen zu verrichten.

1. Nach Überlieferung der Alten sagte der Herr oft den Seinen: „Seid
gute Wechsler“ (s. XI,13). Wenn die Münze nicht von echtem Gold ist,
wenn sie ihr Gewicht nicht hat und nicht in der richtigen Weise geprägt ist,
so weist man sie als nicht gangbare Münze zurück. Wenn ein Werk nicht
von guter Art ist, wenn die Liebe es nicht schmückt, wenn die Absicht
nicht fromm ist, so wird es nicht unter die guten Werke aufgenommen.
Wenn ich faste, um zu sparen, ist mein Fasten nicht von guter Art. Wenn
ich aus Mäßigkeit faste, aber eine Todsünde meine Seele belastet, so fehlt
meinem Werk das Gewicht, denn die Liebe gibt dieses allem, was wir tun.
Faste ich bloß aus gesellschaftlichen Gründen, um mich meiner Umge-
bung anzupassen, so trägt dieses Werk nicht das Gepräge einer gültigen
Absicht. Faste ich aber aus Mäßigkeit, bin im Zustand der Gnade Gottes
und habe die Absicht, durch diese Mäßigkeit der göttlichen Majestät zu
gefallen, so wird dieses Werk eine gute Münze sein, geeignet, in mir den
Schatz der Liebe zu vermehren.
2. Man verrichtet kleine Dinge dann in ausgezeichneter Weise, wenn man
sie in sehr reiner Absicht und mit dem festen Willen tut, Gott zu gefallen.
Dann heiligen sie uns in sehr wirksamer Weise. Es gibt Menschen, die viel
essen und immer mager, schlaff und kraftlos sind, weil sie nicht gut ver-
dauen können. Es gibt andere, die wenig essen und immer in guter Verfas-
sung und kräftig sind, weil sie einen guten Magen haben. So gibt es auch
XII, 8 305

Seelen, die viele gute Werke verrichten und dabei sehr wenig in der Liebe
zunehmen, weil sie diese entweder kalt oder lässig oder mehr aus natürli-
chem Antrieb oder aus natürlicher Neigung als auf Eingebung Gottes oder
aus übernatürlichem Eifer tun. Im Gegensatz dazu gibt es andere, die
wenig tun, aber mit so heiligem Willen und so heiliger Absicht, daß sie
außerordentlich große Fortschritte in der Liebe machen. Sie haben wenig
Talente empfangen, aber sie verwenden diese so treu, daß der Herr sie in
reichem Maße dafür belohnen wird (Mt 25,21-23).

8. Kapitel
Allgemeines Mittel, um unsere W erk
Werk e zu einem
erke
Dienst Gottes zu gestalten.

1. „Alles, was ihr tut, sei es in Worten oder Werken, tut alles im Namen
Jesu Christi. Ob ihr eßt oder trinkt oder was immer ihr tut, tut alles zur
Ehre Gottes“ (Kol 3,17; 1 Kor 10,31). Das sind die Worte des großen
Apostels. In seiner Erklärung dazu sagt der hl. Thomas (Ia, Iae qu 86, art
1, ad 2), daß wir sie dann in genügender Weise zur Ausführung bringen,
wenn wir im Zustand der heiligen Liebe sind. Haben wir dann auch nicht
bei jedem Werk die ausdrückliche und bewußte Absicht, es für Gott zu
tun, so ist diese Absicht doch schon in unserer Einigung und Vereinigung
mit Gott eingeschlossen. Dadurch ist alles Gute, das wir zu tun imstande
sind, mit uns selbst der Güte Gottes geweiht. Es ist nicht notwendig, daß
ein Kind, das im Haus seines Vaters wohnt und unter dessen Obhut steht,
eigens erklärt, daß alles, was es erwirbt, für seinen Vater erworben ist. Da
das Kind persönlich seinem Vater gehört, gehört ihm auch alles, was von
ihm abhängt. So genügt es auch, daß wir durch die Liebe Kinder Gottes
sind, damit alles, was wir tun, gänzlich zu seiner Verherrlichung bestimmt
ist.
2. Es ist also wahr, Theotimus, wie wir schon anderswo gesagt haben
(XI,3), daß der Ölbaum, der neben einen Weinstock gepflanzt ist, diesem
seinen Geschmack verleiht. So teilt auch die Liebe den Tugenden, die sie
antrifft, ihre Vollkommenheit mit. Pfropft man die Weinrebe aber auf
einen Ölbaum, so spendet dieser ihr nicht bloß vollkommener seinen Ge-
schmack, sondern er läßt sie auch an seinem Saft Anteil haben. Daher
begnüge auch du dich nicht damit, die Liebe und mit ihr die Übung der
Tugend zu haben, sondern sorge dafür, daß du die Tugenden aus Liebe und
306 XII, 8

um der Liebe selbst willen übst, damit sie ihr gerechterweise zugeschrieben
werden können.
Hält und führt ein Maler die Hand seines Schülers, so wird der Pin-
selstrich, der ausgeführt wird, hauptsächlich dem Maler zugeschrieben.
Hat auch der Schüler zur Handbewegung und Führung des Pinsels beige-
tragen, so hat doch der Meister seine Bewegung derart in die des Schülers
hineingelegt, daß ihm die Ehre für das, was an diesem Pinselstrich gut ist,
in besonderer Weise zukommt, wenngleich man den Schüler der Ge-
schmeidigkeit wegen loben wird, mit der er sich der Bewegung und Füh-
rung des Meisters angepaßt hat. O wie groß sind die Werke der Tugenden,
wenn die göttliche Liebe ihnen ihre heilige Bewegung mitteilt und ein-
prägt, d. h. wenn die Liebe ihr Beweggrund ist!
Das geschieht aber auf verschiedene Weise.
3. Der Beweggrund der Liebe übt auf die Tugendwerke derjenigen, die
sich ausschließlich Gott und seinem Dienst geweiht haben, einen beson-
ders vervollkommnenden Einfluß aus. Das sind die Bischöfe und Priester,
die durch eine sakramentale Weihe und durch ein unauslöschliches geisti-
ges Merkmal dem immerwährenden Dienst Gottes gleich gezeichneten
Leibeigenen geweiht sind. Das sind ferner die Ordensleute, die durch ihre
feierlichen oder einfachen Gelübde als „lebendige und vernunftbegabte
Opfer“ (Röm 12,1) Gott dargebracht werden. Das sind auch alle diejeni-
gen, die sich religiösen Genossenschaften angeschlossen haben und so auf
immer der Verherrlichung Gottes geweiht sind. Ferner alle jene, die beab-
sichtigen, tiefe und kraftvolle Vorsätze zu fassen, den Willen Gottes zu
befolgen, und sich zu diesem Zweck auf einige Tage zurückziehen, um ihre
Seele durch verschiedene geistliche Übungen zu einer vollständigen Erneue-
rung ihres Lebens anzuspornen: eine heilige Methode, die bei den ersten
Christen gebräuchlich war, seither jedoch fast gänzlich in Vergessenheit
geraten ist, bis sie der große Diener Gottes Ignatius von Loyola zur Zeit
unserer Väter wieder aufgegriffen hat.
4. Ich weiß, daß einige der Ansicht sind, eine so allgemeine Aufopferung
seiner selbst erstrecke ihren Einfluß nicht auf die Handlungen, die wir
nachher üben, außer in dem Maße, als wir bei ihrer Verrichtung im beson-
deren den Beweggrund der Liebe haben und sie ausdrücklich der Verherr-
lichung Gottes weihen. Alle bekennen jedoch mit dem hl. Bonaventura
(der in dieser Hinsicht von jedermann gelobt wird, s. II Sent. dist. 41 art. 1,
concl.): wenn ich in meinem Herzen beschlossen habe, um Gottes willen
hundert Taler herzuschenken, und dann die Verteilung der Summe nach
XII, 9 307

und nach zerstreut und unaufmerksam vornehme, dann geschieht die Ver-
teilung doch aus Liebe, da sie dem ersten Entschluß entspringt, den die
Gottesliebe mich fassen ließ, all das herzuschenken.
Nun frage ich dich aber, Theotimus, was ist denn für ein Unterschied
zwischen dem Menschen, der Gott hundert Goldstücke opfert, und einem,
der ihm alle seine Werke opfert? Sicherlich kein anderer, als daß der eine
eine Summe Geldes und der andere eine Summe von Werken opfert. Wa-
rum aber kann man dann nicht annehmen, daß der eine wie der andere die
Verteilung der einzelnen Beträge dieser Summen kraft ihres ersten Vorha-
bens und grundlegenden Entschlusses vornimmt? Wenn der eine, der sei-
ne Münzen unaufmerksam austeilt, nicht aufhört, unter dem Einfluß sei-
nes ersten Vorhabens zu stehen, warum sollte dann auch der andere, der
seine Taten verteilt, sich nicht der Frucht seiner ersten Absicht erfreuen
dürfen? Wer sich vorbehaltlos zum liebenden Sklaven der Güte Gottes
gemacht hat, hat ihr folglich alle seine Handlungen geweiht.
Wegen dieser Wahrheit sollte jeder einmal in seinem Leben gute Exerzi-
tien machen, dabei seine Seele von jeder Sünde reinigen und dann in sei-
nem Innern den festen Vorsatz fassen, ganz für Gott zu leben, wie ich es im
ersten Teil meiner „Anleitung zum frommen Leben“ angeregt habe. Dann
sollte man wenigstens einmal im Jahr sein Gewissen überprüfen und eine
Erneuerung des ersten Vorsatzes vornehmen, wie wir im fünften Teil des-
selben Buches gesagt haben, worauf ich dafür verweise.
Der hl. Bonaventura behauptet (ebd.), ein Mensch, der sich eine so star-
ke Neigung und Gewohnheit, das Gute zu tun, erworben hat, daß er es oft
ohne besondere Aufmerksamkeit tut, erringt deswegen trotzdem durch
solche Handlungen viele Verdienste. Diese sind ja geadelt durch die Lie-
be, aus der sie wie aus der Wurzel und Quelle dieser glücklichen Gewohn-
heit, Leichtigkeit und Bereitschaft hervorgegangen sind.

9. Kapitel
Einige andere Mittel, um unsere W erk
Werke in besonderer
erke
W eise der Gottesliebe zu weihen.

1. Wenn die Pfauenweibchen an einem sehr hellen Platz ihre Eier aus-
brüten, sind ihre Jungen auch ganz weiß. Und wenn unsere Absichten zur
Zeit, da wir ein gutes Werk planen, oder einen Beruf ergreifen, in der Liebe
308 XII, 9

Gottes begründet sind, so erhalten alle Handlungen, die daraus folgen, ih-
ren Wert und ihren Adel von der Liebe, in der sie ihren Ursprung haben.
Denn es ist doch klar, daß die Handlungen, die für meinen Beruf geeignet
oder für meinen Plan erforderlich sind, von der ersten Wahl und dem
ersten Entschluß abhängen, die ich getroffen habe.
Doch darf man dabei nicht stehen bleiben, Theotimus, sondern um gro-
ße Fortschritte in der Frömmigkeit zu machen, müssen wir nicht nur am
Anfang unserer Bekehrung und dann jedes Jahr unser Leben und alle un-
sere Handlungen Gott weihen, wir müssen sie vielmehr alle Tage ihm
opfern, wie ich es Philothea in der Morgenübung gelehrt habe. Denn durch
diese tägliche Erneuerung unserer Hingabe durchdringen wir unsere Hand-
lungen mit der Kraft und der Tugend der Liebe, indem wir unser Herz von
neuem der Verherrlichung Gottes weihen, wodurch es immer mehr gehei-
ligt wird.

2. Außerdem weihen wir doch unser Leben hundert- und aberhundert-


mal am Tag der göttlichen Liebe durch häufige Stoßgebete, Erhebungen
unseres Herzens und geistliche Einkehr. Denn diese heiligen Übungen
reißen unseren Geist fortwährend zu Gott empor, werfen ihn in die Gott-
heit hinein und führen ihm damit auch alle unsere Handlungen zu. Wie
wäre es auch möglich, daß eine Seele, die sich jeden Augenblick zur gött-
lichen Güte aufschwingt und ständig Worte der Liebe stammelt, um ihr
Herz immer im Schoß dieses himmlischen Vaters zu bewahren, nicht alle
ihre guten Werke in Gott und für Gott verrichtete?
Sie, die spricht: „Ach Herr, ich bin Dein“ (Ps 119,94); „Mein Geliebter
ist mein und ich bin ganz sein’’ (Hld 2,16); „Mein Gott, Du bist mein
alles“; „O Jesus, Du bist mein Leben“; „Wer gibt mir die Gnade, daß ich
mir selbst sterbe, damit ich nur Dir lebe!“ „O lieben! O vorwärtsschreiten!
O sich selbst sterben! O für Gott leben!“ „O in Gott sein! O Gott, was
nicht Du selbst bist, ist mir nichts!“ – Eine Seele, die so spricht, weiht sie
nicht fortwährend ihre Handlungen dem himmlischen Bräutigam?
Glücklich die Seele, die einmal allen Ernstes sich ihrer selbst entblößt
und sich vollkommen den Händen Gottes überlassen hat, wie wir oben
gesagt haben (IX,16). Für sie genügt in der Folge ein kleiner Seufzer, ein
Blick auf Gott, um ihre Entblößung, ihre Hingabe, ihre Aufopferung mit
dem Bekenntnis zu erneuern, daß sie nichts will als Gott und um Gottes
XII, 9 309

willen und daß sie sich selbst und die Dinge dieser Welt nur in Gott und
aus Liebe zu Gott liebt.
Diese Übung der fortwährenden Erhebungen zu Gott ist daher sehr ge-
eignet, der Liebe alle unsere Werke zuzueignen. Sie genügt aber haupt-
sächlich und in sehr reichlicher Weise für die unscheinbaren gewöhn-
lichen Handlungen unseres Lebens.
3. Für die bedeutenderen, die schwere Folgen nach sich ziehen, ist es,
wie ich schon früher angedeutet habe, ratsam, folgende Methode anzu-
wenden, um großen Gewinn zu erzielen (VIII,14): Erheben wir bei sol-
chen Gelegenheiten unser Herz und unseren Geist zu Gott, vertiefen wir
uns in die Erwägung der hochheiligen, glorreichen Ewigkeit und lassen
wir unsere Gedanken dort weilen. Betrachten wir, wie Gottes Güte uns
von Ewigkeit her zärtlich liebte, wie sie zu unserem Heil alle für unseren
Fortschritt geeigneten Mittel bestimmte, besonders aber diese Gelegen-
heit, Gutes zu tun oder das Übel zu leiden, das uns gegenwärtig widerfährt.
Wenn das geschehen ist, dann breiten wir sozusagen die Arme unserer
Zustimmung aus, erheben wir sie und umfangen wir zärtlich, eifrig und
voll Liebe sowohl das Gute, das zu tun sich darbietet, als auch das Übel,
das wir zu erleiden haben, in Anbetracht dessen, daß Gott es so von Ewig-
keit her gewollt hat, und um ihm wohlzugefallen und seiner Vorsehung zu
gehorchen.
4. Betrachte den großen hl. Karl (Carolus a Basilica Petri Bascape, Le-
ben des hl. Karl, 4. Buch) in der Zeit, da die Pest in seiner Diözese wütete.
Er richtete seinen Mut in Gott auf und erwog aufmerksam, daß diese Plage
von Ewigkeit her in der göttlichen Vorsehung vorbereitet und für sein
Volk bestimmt worden war; daß ferner dieselbe Vorsehung verfügt habe,
er solle sich inmitten dieser Plage sehr liebevoll um die Leidenden anneh-
men, ihnen in herzlicher Liebe dienen, Erleichterung verschaffen und ih-
nen beistehen, da er zu ebendieser Zeit der geistliche Vater, Hirte und
Bischof dieser Gegend war. Als er sich dann die Größe der Leiden, Mühen
und Gefahren vorstellte, denen er sich deshalb unterziehen mußte, brach-
te er sich im Geist dem Wohlgefallen Gottes zum Opfer, küßte zärtlich
sein Kreuz und rief aus dem Grund seines Herzens aus, ähnlich wie der hl.
Andreas: „Ich grüße dich, o kostbares Kreuz, ich grüße dich, o selige Trüb-
sal! Wie liebenswürdig bist du, o heiliges Leid, denn du bist hervorgegan-
gen aus dem Schoß dieses Vaters der ewigen Erbarmung. Er hat dich von
Ewigkeit her gewollt und hat dich diesem mir teuren Volk und mir be-
stimmt! O Kreuz, mein Herz will dich, weil das Herz meines Gottes dich
310 XII, 10

gewollt hat! O Kreuz, meine Seele liebt und umarmt dich mit seiner gan-
zen Liebe!“
5. Auf diese Weise sollen wir an die größten Aufgaben herangehen, die
wir zu erfüllen haben, und uns bei den bittersten Leiden verhalten, die uns
begegnen. Sind sie aber von langer Dauer, so müssen wir von Zeit zu Zeit,
und zwar sehr häufig, diese Übung wiederholen, um die Vereinigung unse-
res Willens mit dem Wohlgefallen Gottes noch besser festzuhalten, indem
wir diese kurze aber ganz göttliche Beteuerung seines Sohnes ausspre-
chen: „Ja, o ewiger Vater, ich will es aus meinem ganzen Herzen, denn so
hat es Dir wohlgefallen“ (Mt 11,26). O Gott, mein Theotimus, welche
Schätze liegen in dieser Übung!

10. Kapitel
Aufforderung, Gott unsere Willensfreiheit zum Opfer zu bringen.

1. Dem Beispiel des hl. Karl füge ich noch das des großen Patriarchen
Abraham hinzu als ein lebendiges Bild der stärksten und aufrichtigsten
Liebe, die man sich in einem Geschöpf nur vorstellen kann.
Er opferte die stärksten natürlichen Zuneigungen, die er im Herzen tra-
gen konnte, als er die Stimme Gottes hörte, die zu ihm sprach: „Zieh fort
aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und vom Haus deines Vaters
in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Denn er zog alsogleich
fort und machte sich auf den Weg, „ohne zu wissen, wohin er gehe“ (Hebr
11,8). Die süße Liebe zum Vaterland, der traute Umgang mit seinen Ver-
wandten, die Annehmlichkeiten des väterlichen Hauses konnten ihn nicht
aufhalten. Beherzt und voll Eifer zieht er fort und geht dorthin, wohin es
Gott belieben wird, ihn zu führen. Welche Selbstverleugnung, Theotimus!
Welche Entsagung! Man kann Gott nicht vollkommen lieben, wenn man
die Zuneigungen zu den vergänglichen Dingen nicht aufgibt.

2. Doch dies ist nichts im Vergleich zu dem, was er später tat (Gen 22),
als Gott ihn zweimal rief, und, da er seine Bereitschaft zu antworten sah,
zu ihm sagte: „Nimm Isaak, deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebhast,
und zieh in die Gegend von Moria und bring ihn dort zum Brandopfer dar
auf einem Berg, den ich dir nennen werde.“ Da sehen wir diesen wahrhaft
großen Mann, der sich sofort mit dem so sehr geliebten und liebenswerten
Sohn auf den Weg macht, drei Tage unterwegs ist und dann am Fuß des
XII, 10 311

Berges ankommt, dort seine Knechte und den Esel zurückläßt und das
zum Brandopfer nötige Holz seinem Sohn Isaak auflädt, während er selbst
Feuer und Schlachtmesser mitnimmt. – Da sie nun miteinander empor-
steigen, fragt ihn sein liebes Kind: „Mein Vater!“ Und er antwortet: „Was
willst du, mein Sohn?“ Der Sohn fragt weiter: „Feuer und Holz sind wohl
da, aber wo ist das Schaf zum Brandopfer?“ Der Vater antwortet: „Gott
wird für das Schaf zum Brandopfer schon sorgen, mein Sohn.“ Wie sie nun
auf dem dazu bestimmten Berg angekommen sind, errichtet Abraham
dort einen Altar und schichtet das Holz darauf, bindet seinen Sohn Isaak
und legt ihn auf das Holz. Darauf streckt er seine rechte Hand aus, umfaßt
das Messer, erhebt seinen Arm, und da er im Begriff steht, den Stoß auszu-
führen, um sein Kind zu opfern, ruft ihm der Engel von oben her zu:
„Abraham, Abraham!“ Der antwortet: „Hier bin ich.“ Und der Engel
spricht: „Lege nicht Hand an deinen Knaben! Genug! Jetzt weiß ich, daß
du gottesfürchtig bist und aus Liebe zu mir deinen Sohn mir nicht vorent-
halten hast.“ Daraufhin wird Isaak von seinen Fesseln befreit, Abraham
nimmt einen Widder, der mit seinen Hörnern im Dickicht sich verfangen
hat, und bringt ihn zum Brandopfer dar.

3. Theotimus, „jeder, der die Frau seines Nächsten lüstern ansieht, hat in
seinem Herzen schon Ehebruch begangen“ (Mt 5,28). Und wer seinen
Sohn bindet, um ihn zu opfern, hat ihn in seinem Herzen schon geopfert.
Ach bedenke doch, welches Opfer dieser heilige Mann in seinem Herzen
dargebracht hat! Ein unvergleichliches Opfer, ein Opfer, das man gar nicht
genug hochschätzen kann, ein Opfer, das man nicht genug loben kann! O
Gott, wer kann ermessen, welche Liebe größer war: die des Abraham, der
sein überaus geliebtes Kind opfert, um Gott zu gefallen, – oder die des
Kindes, das, auch um Gott zu gefallen, bereit ist, sich opfern zu lassen, sich
dafür binden, auf das Holz legen läßt und wie ein sanftes Lämmlein fried-
lich den Todesstoß von der geliebten Hand seines guten Vaters erwartet?
Ich halte dafür, daß der Vater den Sohn an Langmut übertrifft, doch will
ich gern dem Sohn hinsichtlich der Großmut den Preis zuerkennen. Denn
einerseits ist es gewiß wunderbar, daß Abraham, der schon alt und in der
Wissenschaft der Gottesliebe schon vollendet war und überdies durch die
göttliche Erscheinung, die er kurz vorher gehabt und durch das göttliche
Wort gestärkt war, sich jetzt zu diesem letzten großen Erweis seiner Hin-
gabe und Liebe zu Gott aufrafft, dessen Güte er schon so oft verkostet und
dessen Vorsehung er schon oft erfahren hatte. Daß aber Isaak im Lenz
312 XII, 10

seines Lebens, noch ein Neuling und unerfahrener Schüler in der Kunst,
Gott zu lieben, sich auf das bloße Wort seines Vaters dem Messer und dem
Feuer darbot, um ein Opfer des Gehorsams gegen den göttlichen Willen
zu sein, das ist etwas, was jede Bewunderung übersteigt.
Aber siehst du andererseits, Theotimus, wie Abraham während mehr als
drei Tagen den bitteren Gedanken und Entschluß dieses schweren Opfers
in seiner Seele herumwälzt und überdenkt? Hast du nicht Mitleid mit
diesem Vaterherzen in dem Augenblick, wo er allein mit seinem Sohn den
Berg besteigt und dieser mit der Einfalt einer Taube sich mit der Frage an
ihn wendet: „Mein Vater, wo ist das Opfer?“ Und wie er ihm dann antwor-
tet: „Gott wird dafür sorgen, mein Sohn.“ Glaubst du nicht, daß die Sanft-
mut dieses Kindes, das das Holz auf seinen Schultern trägt und es dann auf
den Altar ausbreitet, dieses Herz vor zärtlicher Liebe vergehen ließ? O
Herz, das die Engel bewundern und Gott selbst lobpreist!

4. Ach, Herr Jesus, wann werden wir, nachdem wir Dir alles geopfert, was
wir haben, auch alles opfern, was wir sind? Wann werden wir Dir unseren
freien Willen zum Brandopfer darbringen, dieses einzige Kind unseres Geis-
tes? Wann werden wir diesen freien Willen binden und auf den Scheiter-
haufen Deines Kreuzes, Deiner Dornen, Deiner Lanze legen, damit er wie
ein Schäflein ein Deinem Wohlgefallen angenehmes Opfer sei, um durch
das Feuer und das Schwert Deiner heiligen Liebe zu sterben und zu ver-
brennen? O Freiheit meines Herzens, wie gut wird es für dich sein, an das
Kreuz des göttlichen Erlösers gebunden und ausgespannt zu sein! Wie
wünschenswert ist es für dich, dir selbst zu sterben, um auf immer als
Brandopfer des Herrn zu brennen!

5. Theotimus, unser freier Wille ist nie so frei, als wenn er ein Sklave des
Willens Gottes ist, und er ist nie so sehr Sklave, als wenn er unserem Wollen
dient: Nie hat er soviel Leben als im Augenblick, wo er sich selbst stirbt,
und nie ist er so tot, als wenn er für sich selbst lebt.
Wir haben die Freiheit, Gutes und Böses zu tun; das Böse wählen, ist
aber nicht seine Freiheit gebrauchen, sondern mißbrauchen. Verzichten
wir auf diese unglückselige Freiheit und unterwerfen wir unseren freien
Willen auf ewig der himmlischen Liebe! Machen wir uns zu Sklaven der
Liebe, deren Leibeigene glücklicher sind als Könige. Wenn unsere Seele je
ihre Freiheit in Widerspruch zu unserem Entschluß, Gott ewig und vorbe-
haltlos zu dienen, gebrauchen wollte, o dann, um Gottes willen, opfern wir
XII, 11 313

diese Freiheit und lassen wir sie sich selbst absterben, damit sie für Gott
lebe.
6. Wer sie für die Eigenliebe in dieser Welt bewahren wollte, wird sie für
die ewige Liebe in der anderen Welt verlieren. Wer sie aber für die Gottes-
liebe in dieser Welt verliert, wird sie für dieselbe Liebe in der anderen
Welt bewahren (Mt 10,39; Joh 12,25). Wer dem Willen in dieser Welt die
Freiheit läßt, macht ihn zum Leibeigenen und Sklaven in der anderen
Welt, und wer ihn in dieser Welt dem Kreuz unterwirft, bewahrt ihn frei
für die andere Welt, wo er, verabgründet im beseligenden Besitz der gött-
lichen Güte, seine Freiheit in Liebe verwandelt sehen wird und die Liebe
in Freiheit, aber eine Freiheit von unendlicher Seligkeit. Ohne Anstren-
gung, ohne Mühe, ohne irgendeinen Widerwillen werden wir auf immer
unwandelbar den Schöpfer und Erlöser unserer Seelen lieben.

11. Kapitel
Beweggründe der heiligen Liebe.

Der hl. Bonaventura (Amatorium), P. Ludwig von Granada, P. Ludwig


de Ponte, Fr. Diego de Stella haben hinreichend über diesen Gegenstand
geschrieben. Ich begnüge mich damit, nur die Punkte anzugeben, die ich
in dieser Abhandlung berührt habe.
Die göttliche Güte in sich selbst betrachtet, ist nicht nur der erste, son-
dern der erhabenste, edelste und mächtigste aller Beweggründe. Er bildet
das Entzücken der Seligen des Himmels und ist der Gipfel ihrer Seligkeit.
Wie kann man ein Herz haben und diese unendliche Güte nicht lieben?
Das ist der Gegenstand des ersten und zweiten Kapitels im II. Buch, sowie
des III. Buches vom achten Kapitel bis zum Schluß, sowie des neunten
Kapitels im X. Buch.
Der zweite Beweggrund ist die natürliche Vorsehung Gottes uns gegen-
über, die Erschaffung und Erhaltung, wie wir im dritten Kapitel des II.
Buches gesagt haben.
Der dritte Beweggrund ist die übernatürliche Vorsehung Gottes uns ge-
genüber und die Erlösung, die Gott uns bereitet hat, so wie wir es in den
Kapiteln vier, fünf, sechs und sieben des II. Buches erklärt haben.
Der vierte Beweggrund liegt in der Erwägung, wie Gott diese Vorsehung
und Erlösung ausübt, wie er jedem Einzelnen die zu seinem Heil erforder-
314 XII, 12

lichen Gnaden und Hilfen zukommen läßt. Davon handelt das II. Buch
vom achten Kapitel an und das III. Buch vom Anfang an bis zum sechsten
Kapitel.
Der fünfte Beweggrund ist die ewige Glorie, für die uns die göttliche
Güte bestimmt hat, die der Höhepunkt der uns von Gott erwiesenen Wohl-
taten ist. Das ist behandelt im III. Buch vom neunten Kapitel bis zum
Schluß.

12. Kapitel
Sehr nützliche Weise, diese Beweggründe
Weise,
in Anwendung zu bringen.

Um von diesen Beweggründen zu einer tiefen, mächtigen Liebe ent-


flammt zu werden, muß man
1. nach einer allgemeinen Erwägung eines Motivs dieses im besonderen
auf sich selbst anwenden. Zum Beispiel: O wie liebenswürdig ist dieser
große Gott, der in seiner unendlichen Güte seinen Sohn zur Erlösung für
die ganze Welt hingegeben hat! Ach ja, für alle im allgemeinen, aber für
mich ganz besonders, den größten aller Sünder! (1 Tim 1,15). Ach, „er hat
mich geliebt“; ich sage, mich hat er geliebt, mich selbst, so wie ich bin, und
„hat sich für mich“ seinem bitteren Leiden „hingegeben“ (Gal 2,20)!
2. Man muß die göttlichen Wohltaten in ihrem ersten, ewigen Ursprung
betrachten. O Gott, mein Theotimus, wie könnten wir je eine der unendli-
chen Güte unseres Schöpfers würdige Liebe haben, der von Ewigkeit her
den Gedanken gefaßt hat, uns zu erschaffen, zu erhalten, zu leiten, zu
erlösen, zu erretten, zu verherrlichen, uns alle zusammen und jeden im
besonderen? Ach, wer war ich damals, als ich noch nicht war? Ich, sage
ich, der ich jetzt, wo ich etwas bin, nichts anderes bin als ein armseliger
Erdenwurm. Und dennoch hat Gott im Abgrund seiner Ewigkeit Gedan-
ken des Segens für mich gedacht (Jer 29,11). Er überdachte, bezeichnete,
bestimmte die Stunde meiner Geburt, meiner Taufe, aller Einsprechun-
gen, die er mir geben wollte, überhaupt aller Wohltaten, die er mir erwei-
sen und anbieten wollte. Gibt es eine Güte, die dieser Güte gleichkommt?
3. Man muß die göttlichen Wohltaten in ihrer zweiten Quelle betrachten,
durch die sie verdient worden sind. Denn, mein Theotimus, ist es dir nicht
bekannt, daß der Hohepriester des Alten Bundes die Namen der Kinder
Israels auf seinen Schultern und auf seiner Brust trug? D. h. er trug kostba-
XII, 13 315

re Edelsteine, in welche die Namen der Stämme Israels eingegraben wa-


ren (Ex 39,14). Und schau auf Jesus, unseren „großen Bischof“ (Hebr
4,14). Betrachte ihn vom Augenblick seiner Empfängnis an; sieh, wie er
uns auf seinen Schultern dadurch trug, daß er den Auftrag annahm, uns
durch seinen Tod, seinen Tod am Kreuz (Phil 2,8) zu erlösen. O Theoti-
mus, Theotimus, die Seele unseres Erlösers kannte uns alle bei Namen
und Zunamen. Aber besonders am Tag seines Leidens, als er seine Tränen,
seine Gebete, sein Blut und sein Leben für alle darbrachte, trug er dem
Vater besonders für dich dieses Liebesgedenken vor: Ewiger Vater, sieh
ich nehme alle Sünden des armen Theotimus auf mich und will alle Qua-
len und den Tod erdulden, damit er derselben ledig bleibe und nicht zu-
grunde gehe, sondern lebe. Möge ich sterben, wenn nur er lebt (s. X,8).
Möge ich gekreuzigt werden, wenn nur er verherrlicht wird! O Liebe über
alle Liebe des Herzens Jesu, welches Herz wird Dich jemals hingebungs-
voll genug preisen!
In seiner mütterlichen Fürsorge sah dieses göttliche Herz nicht nur alle
Wohltaten voraus, die wir erhalten, ordnete sie an, verdiente sie und erlang-
te sie uns allen im allgemeinen, sondern auch für jeden Einzelnen im beson-
deren. An seinem mütterlichen Herzen bereitete es uns die Gaben seiner
Anregungen, Lockungen und Eingebungen, sowie der Reize, durch die es
unsere Herzen zum ewigen Leben zieht, lenkt und dafür nährt. Die Wohl-
taten erwärmen unsere Herzen nicht, wenn wir nicht auf den ewigen Wil-
len hinblicken, der sie uns zuweist, und auf das Herz unseres Erlösers, das
sie mit so viel Mühen und besonders durch seinen Tod und sein Leiden
verdient hat.

13. Kapitel
Der Kalvarienberg ist die wahre Hochschule der Liebe.

1. Und nun zum Schluß: Der Tod und das bittere Leiden unseres Erlösers
ist der anziehendste und zugleich gewaltigste Beweggrund, der unsere Her-
zen in diesem sterblichen Leben beseelen kann. Und es ist in Wahrheit so,
daß die mystischen Seelen gleich Bienen ihren besten Honig aus den Wun-
den dieses „Löwen aus dem Stamme Juda“ (Offb 5,5) bereiten, der auf
dem Kalvarienberg gemordet, zerschlagen und zerrissen wurde. Die Kin-
der des Kreuzes rühmen sich ihres wunderbaren Rätsels, das die Welt
nicht versteht: „Aus dem Tod, der alles verschlingt, ist die Speise unseres
Trostes hervorgegangen.“ Und dem Tod, der stärker ist als alles, ist die
316 XII, 13

Süße des Honigs unserer Liebe entflossen (Ri 14,8.14). O Jesus, mein
Erlöser, wie liebenswert ist Dein Tod, weil er die erhabene Wirkung Dei-
ner Liebe ist!
2. Darum wird auch dort oben in der himmlischen Glorie nach der in
ihrem Wesen erkannten und erwogenen göttlichen Güte der Tod des Erlö-
sers der mächtigste Beweggrund sein, um die seligen Geister in die Gotteslie-
be zu entrücken. Deshalb „sprachen Mose und Elija“ bei der Verklärung,
die ein Strahl der Glorie war, mit dem Herrn „von dem Äußersten,“ das er
in Jerusalem erfüllen sollte (Lk 9,31). Aber von welchem Äußersten, wenn
nicht von diesem Äußersten der Liebe, durch welches dem Liebenden das
Leben genommen wurde, um seiner Vielgeliebten gegeben zu werden.
Darum stelle ich mir vor, daß man beim ewigen Lobgesang jeden Augen-
blick den freudigen Ausruf wiederholen wird: „Es lebe Jesus, dessen Tod
geoffenbart, wie stark die Liebe ist!“
3. Theotimus, der Kalvarienberg ist der Berg der Liebenden. Alle Liebe,
die ihren Ursprung nicht in dem bitteren Leiden des Erlösers hat, ist leicht-
fertig und gefährlich. Unglückselig ist der Tod ohne die Liebe des Erlö-
sers; unglückselig die Liebe ohne den Tod des Erlösers. Liebe und Tod
sind im Leiden unseres Herrn dermaßen vermengt, daß man nicht eines
ohne das andere im Herzen tragen kann. Auf dem Kalvarienberg kann
man das Leben nicht ohne die Liebe und nicht die Liebe ohne den Tod des
Erlösers haben. Im übrigen ist alles entweder ewiger Tod oder ewige Liebe
und die ganze christliche Weisheit besteht darin, gut zwischen diesen bei-
den zu wählen. Um es dir, mein Theotimus, zu erleichtern, habe ich diese
Zeilen geschrieben.
In diesem Leben, o Sterblicher,
mußt du wählen zwischen der ewigen Liebe
und dem ewigen Tod.
Gottes ewiger Ratschluß
läßt dir keinen Mittelweg.
4. O ewige Liebe, meine Seele verlangt nach dir und erwählt dich auf
ewig! Ach, „komm Heiliger Geist und entzünde unsere Herzen mit Dei-
ner Liebe!“ (Pfingstmesse). Entweder lieben oder sterben! Sterben und
lieben! Jeder anderen Liebe sterben, um nur der Liebe Jesu zu leben, auf
daß wir nicht ewig sterben, sondern in Deiner ewigen Liebe lebend, o
Erlöser unserer Seelen, ewig singen mögen: Es lebe Jesus! Ich liebe Jesus!
Es lebe Jesus, den ich liebe! Ich liebe Jesus, der lebt und herrscht von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
XII, 13 317

Mögen diese Dinge, die durch die Gnade und Gunst der Liebe für deine
Liebe, Theotimus, geschrieben wurden, sich dermaßen deinem Herzen
einprägen, daß diese Liebe in dir die Frucht guter Werke und nicht Blätter
eitlen Lobes vorfinde. Amen. Gott sei gebenedeit!
Ich beschließe somit diese ganze Abhandlung mit den Worten, mit de-
nen der hl. Augustinus eine wunderbare Predigt über die Liebe schloß
(Sermo 350), die er vor einer ansehnlichen Versammlung hielt.
318
Anhang A 319

Anhang:
HINWEISE ZUM VERSTÄNDNIS
der „„Abhandlung
Abhandlung über die Gottesliebe“

vom Herausgeber
Herausgeber..

A.
ENTSTEHEN, BESTIMMUNG, SINN UND ARCHITEKTUR
DER „ABHANDLUNG“.

1. Was mag Franz von Sales dazu bewogen haben, ein umfangreiches Werk
über die „heilige Liebe“ zu schreiben?
Das Jahr 1602 bildet wohl den bedeutendsten Wendepunkt im Leben des
hl. Franz von Sales, nicht nur durch seine Ernennung zum Koadjutor und
durch die Bischofsweihe, sondern vor allem durch seine Hinwendung zu dem, was
seine säkulare Bedeutung ausmachen sollte: zur Seelenführung.
Seine eigene seelische Entwicklung war von seiner frühesten Kindheit bis zu
seiner Bischofsweihe geradlinig verlaufen. Eine innige Liebe zu Gott beseelte
bereits seine Kindheit im Schoß seiner Familie. 1 Seine Studienjahre in Annecy
und Paris brachten diese Gottesliebe zu immer höherer Entfaltung, die auch
seine schwere Versuchung in Paris nicht aufhalten konnte, sondern im Gegenteil
zu einem heroischen Liebesakt entfachte. 2 Sie bewährte sich im Kampf um seinen
Beruf sowohl in Padua wie auch im schweren Ringen mit der Häresie im Chab-
lais. Betätigte sie sich für gewöhnlich in der treuen Erfüllung göttlichen Wil-
lens und in der Hingabe an diesen göttlichen Willen in allen Lebenslagen, so
gab es doch auch Zeiten, wo diese Liebe zu Gott ihn überwältigte und –wenn
auch nur vorübergehend – in ihm Zustände auslöste, die heute als „mystische“
bezeichnet werden. 3
Die ersten Kontakte mit der „mystischen“ Literatur mag Franz von Sales
wohl in Padua eingegangen sein. Die großen Gestalten eines hl. Franz von Assisi
und heiliger Jungfrauen, Angela von Foligno, Katharina von Siena und Ka-
tharina von Genua, mögen ihn schon damals sehr beeindruckt haben. Noch größeren
Einfluß übte auf ihn das Büchlein „Vom geistlichen Kampf“ des Theatiners
Scupoli aus.
Die entscheidende Wende in seinem Leben, das Bewußtwerden seiner eigent-
lichen Berufung, mag ihm aber wohl erst sein zweiter Aufenthalt in Paris
gebracht haben. Nicht etwa, daß er dorthin nur als Lernender kam. Dem zum
Bischof-Koadjutor ernannten berühmten Bekehrer des Chablais ging schon
320 Anhang A

ein so großer Ruf voraus, daß sich sofort um seine Kanzel, die er täglich
betrat, große Scharen sammelten, daß viele Menschen guten Willens ihn um
seinen Rat fragten und daß er im Salon der von Gott hochbegnadeten Barbe
Acarie, in dem sich alles versammelte, was Paris an religiös hochstehenden
Männern besaß, bald ein sehr geachteter Gast und Mitsprecher war.
Franz von Sales war gewiß nicht als weltfremder Mann nach Paris gekommen.
Sein früherer Aufenthalt in Paris, seine Studienzeit in Padua, dann seine vier
Missionsjahre hatten ihm für vieles die Augen geöffnet. Aber erst Paris gab
ihm vollen Einblick in die religiöse Lage Frankreichs (der die Lage in Deutsch-
land, Savoyen und England ähnlich war): Er sah hier einerseits ein allgemein
im Formalismus erstarrtes, im Glauben verarmtes, im Religiösen nur aus einigen
Übungen und Traditionen notdürftig gespeistes, sehr stark politisch ausge-
richtetes Christentum ohne Seele, Feuer und Leben, 4 andererseits aber doch
bei vielen Hunger und Sehnsucht nach Gott, nach einem tieferen Leben, nach
echtem Christentum, zu dem sie aber keinen Weg wußten. Die religiösen Bücher
waren meist von Mönchen geschrieben, die Weltflucht predigten oder Forde-
rungen stellten, die nur im Kloster verwirklicht werden konnten, 5 – oder oft
unverständliche Höhenwege lehrten, wie manche der zu einer wahren Flut
angeschwollenen Übersetzungen niederländischer, rheinischer und spanischer
Mystiker. 6
Franz von Sales mag wohl damals schon die großen Linien seines künftigen
Wirkens gesteckt haben, denn seinen ersten geistlichen Briefen, 7 die bereits
1602 anheben, sind sie schon eingeprägt. Es ging darum, den Menschen guten
Willens wieder Herz und Seele des Christentums zu zeigen: die Liebe zu Gott
(und damit auch zu den Mitmenschen) und die Äußerung dieser Gottesliebe
im Gebet wie in der Erfüllung und Annahme des göttlichen Willens, und dies
bis zu ihren letzten Konsequenzen.
Aus den geistlichen Briefen ist die „Anleitung zum frommen Leben“ (d. h.
eigentlich zur Hingabe an Gott, denn das ist der Sinn von „devot“) hervorge-
gangen und bereits vor deren Erscheinen (1608) der Plan zur „Abhandlung
über die Gottesliebe“ entstanden (Anfang 1607). – Beide Werke gehören zusam-
men. Weist die „Anleitung“ Wege der Verwirklichung der Liebe zu Gott in
allen Lebenslagen und ist sie daher zunächst für Anfänger in der Hingabe an
Gott bestimmt (aber doch auch für alle Christen, da wir nach Äußerungen der
„Abhandlung“ immer Anfänger bleiben), 8 so vertieft die „Abhandlung über
die Gottesliebe“ den Begriff der Liebe psychologisch und theologisch und
hilft auch den „Fortgeschrittenen“ in der Gottesliebe die höchsten Gipfel erklim-
men, ohne sich im Gestrüpp unverständlicher Theorien zu verlieren.
2. Das Werden der „Abhandlung über die Gottesliebe“.
An Hand der Briefe des hl. Franz von Sales können wir die verschiedenen
Phasen des Werdens dieses Werkes verfolgen. – Die erste Erwähnung finden
wir in einem Brief des Heiligen an die Baronin von Chantal vom 11. Februar
1607: „Sie sollen wissen, was ich tue, wenn ich ein Viertelstündchen Ruhe
habe. Ich schreibe dann ein wunderbares Leben einer Heiligen, von der Sie
noch nicht sprechen hörten, – und ich bitte Sie, davon auch nichts weiterzusagen.
Aber es ist eine langwierige Aufgabe, und ich hätte nicht gewagt, sie in Angriff
Anhang A 321

zu nehmen, hätten mich nicht einige meiner Vertrautesten dazu gedrängt. Sie
werden davon einige gute Stücke sehen, wenn Sie herkommen ... Das Werk wird
mindestens doppelt so groß sein als das Leben der Mutter Theresia. Aber,
wie ich schon gesagt habe, ich wünsche, daß man davon nichts erfahre, bevor
es ganz fertig ist, – und ich bin doch erst daran, damit anzufangen. Ich
tue das, um mich zu erholen und, so wie Sie es tun, auf meinem Spinnrocken
zu spinnen.“ 9
Zwei Jahre später, im Februar 1609, schreibt er an den Erzbischof de Vil-
lars: „Ich sinne über ein Büchlein nach, das die Gottesliebe behandeln soll.
Es soll keine Theorie bringen, sondern die Übung der Gottesliebe in der Be-
obachtung der Gebote der ersten Tafel zeigen. Eine andere Schrift soll dann
nachfolgen, die die Übung der gleichen Liebe in der Beobachtung der Gebote der
zweiten Tafel zeigen wird. Beide Bücher sollen in einem handlichen Werk
zusammengefaßt sein.“ 10
Es scheint also, daß sich das Blickfeld des heiligen Bischofs verändert und
verengt hat. Ob ihn nicht die Vielfalt seiner Aufgaben als Bischof, gesuchter
Prediger und Seelenführer dazu drängte, seine ersten hochfliegenden Pläne
einzuschränken? Das scheint der Brief an die Baronin von Chantal vom 16.
Januar 1610 anzudeuten, in dem er schreibt: „Ich habe noch nicht Hand an
das Buch von der Gottesliebe legen können, da ich seit meiner Rückkehr in stän-
digem Gedränge war.“ 11 Bald darauf schreibt er ihr aber: „Ich lege jetzt Hand
an das Buch der Gottesliebe und werde mich bemühen, sie ebensoviel in mein
Herz zu schreiben, als ich es auf dem Papier machen werde“ (Brief vom 5.
Februar 1610). 12
Einem Brief an die Baronin von Chantal entnehmen wir, daß er sich sogar
seinem Verleger gegenüber verpflichtet hat (Brief vom 25. März 1610), 13 der
neun Monate darauf an Franz von Sales einen Boten um das Manuskript schickt.
Der Bischof ist darüber bestürzt und antwortet: „Es ist mir jetzt unmöglich,
in der nächsten Zeit die Abhandlung über die Gottesliebe fertigzustellen, bei
der geringen Muße, die mir meine ständigen Beschäftigungen lassen, obwohl
ich mich bemühe, keinen Augenblick zu verlieren“ (Brief vom 14. Dezember 1610
an Pierre Rigaud, Verleger zu Lyon). 14
Die Briefe des Heiligen schweigen in der Zeit von 1610 bis 1612 über das
Buch. Es war aber auch in diesen Jahren und in den folgenden im Mittelpunkt
des Denkens und Überlegens des Heiligen, zugleich mit der großen Aufgabe der
Gründung des Ordens der Heimsuchung und der religiösen Vertiefung der ersten
Schwestern. Schwester Fichet, eine der ersten Heimsuchungs-Schwestern, berichtet,
daß die Schwestern ihn öfter fragten, was er seit dem letzten Besuch in seiner
Abhandlung geschrieben habe. Er sagte es ihnen dann und teilte ihnen bei dieser
Gelegenheit wohl auch den Inhalt einiger Kapitel mit. 15
Im Jahre 1612 schreibt er an P. Polliens S.J. : „Ich arbeite an dem Buch,
das Sie wünschen, und werde Ihnen ein Exemplar widmen, wenn es, so Gott
will, einmal erscheinen wird“ (Brief vom 17 Juli 1612). 16 – Voll Freude schreibt
Mutter von Chantal dem Heiligen um diese Zeit: „Ich empfinde äußerste
Freude, wenn ich weiß, daß Sie an diesem göttlichen Werk der Gottesliebe
arbeiten“ (Brief aus dem Jahre 1612). 17
322 Anhang A

Im Jahr darauf verhandelt Franz von Sales schon mit seinem Verleger Ri-
gaud (Brief vom 20. Mai 1613 an Antoine des Heyes) 18 und schreibt an Mutter
von Chantal, daß er zwei Stunden an der „Gottesliebe“ arbeiten konnte (10.
Januar 1613). 19 Die Arbeit geht rasch voran. So schreibt er einem Freund
(P. Nicolas de Soulfour, Oratorianer): „Ich bin noch ein wenig an eine Arbeit
von der ‚Gottesliebe‘ gebunden; ich würde es als Schande empfinden, es jetzt
unvollendet zu lassen, da es, so scheint mir, nicht mehr viele Monate braucht,
um sie in die Welt hinauszuschicken“ (Brief vom 10. Januar 1614). 20 Am Tag
darauf schreibt er an die Mutter von Chantal: „Rechnen Sie damit, daß ich mit
dem heutigen Tag anfange, alle Augenblicke dafür zu verwenden, die ich aus
dem Gedränge meiner anderen Pflichten dafür herausholen kann ...“ 21 – und
um dieselbe Zeit einer Heimsuchungs-Schwester: „Möchte es doch Gott gefallen,
daß es die Abhandlung über die Gottesliebe wäre, die mich alle Vormittage be-
schäftigen könnte! Sie wäre bald fertig und ich wäre so glücklich, könnte ich
meinen Geist so anziehenden Erwägungen zuwenden. Aber so sind es tausen-
derlei kleine Nichtigkeiten, mit denen man mich jeden Tag überhäuft, die mir
Mühe und Ärger bereiten und so viel Zeit wegnehmen. Trotzdem suche ich
immer wieder davon wegzuschlüpfen und schreibe dann wieder einige Zeilen
zugunsten der göttlichen Liebe, die das Band unserer gegenseitigen Liebe
ist.“ 22 Er muß aber doch Möglichkeiten gefunden haben, in diesem Jahr 1614
intensiv an seinem Werk zu arbeiten, denn er kann im November der hl. Jo-
hanna Franziska von Chantal schreiben, daß er daran ist, das Buch zu been-
den, 23 am 6. November allerdings, daß Michel Favre mit dem Abschreiben nicht
nachkommt,24 und am 7. November an Frau von Fléchère, daß das Buch fertig
ist, aber noch einigemale abgeschrieben werden muß, bevor man es absenden
kann. 25

Aber es ist doch noch nicht fertig. – Er sieht es durch, verbessert es und hofft
es in der Fastenzeit dem Verleger zu schicken (Brief vom November 1614). 26
Am 15. Februar 1615 schreibt er seinem Freund Antoine des Heyes: „Ich will
nach Ostern keine Zeit verlieren, an das kleine Werk der Gottesliebe heranzu-
gehen, das Sie lieben und wünschen.“ 27 Es gibt noch viel daran zu polieren,
denn er schreibt am 5. März 1615 der Mutter von Chantal: „Ich tue, was ich
kann, für das Buch. Glauben Sie mir, es ist mir eine wahre Marter, dafür nicht
die nötige Zeit zu finden. Aber ich glaube doch, daß ich meiner ganz lieben
Mutter Wort halten werde.“ 28 Und wieder, Ende März oder Anfang April: „Ich
bin so sehr mit dem Buch beschäftigt, daß ich alle Zeit, die ich herausschlagen
kann, dafür verwende.“ 29 Die heilige Chantal wieder bittet die Schwestern,
Franz von Sales nicht bei dieser Arbeit zu stören. 30

Das Jahr 1616 bricht an und Franz von Sales arbeitet noch immer an der Kor-
rektur und größeren Änderungen. So schreibt er das 6. Kapitel des 10. Buches
auf der leeren Seite eines ihm am 6. Januar zugesandten Briefes. 31 Aber schon
am 20. Januar 1616 kann die heilige Chantal der Mutter Favre schreiben, daß
das langersehnte Buch bald erscheinen wird, 32 und im Mai 1616 meldet sie die
Abreise des Herrn Michel Favre mit diesem „gesegneten Buch“. 33 Ende Juni
schreibt Franz von Sales die Vorrede und das Weihegebet 34 und endlich am
31. Juli 1616 erscheint das Werk.
Anhang A 323

3. Bestimmung der „Abhandlung“.


Der seelsorgliche Zweck des Buches ist im Vorwort klar ausgesprochen:
„Diese Abhandlung soll Seelen, die bereits fromm sind, helfen, noch weiter
voranzukommen“ (I,41); und noch einmal: „In dieser Schrift spreche ich zu
Seelen, die auf dem Weg der Frömmigkeit fortgeschritten sind“ (I,46). Sie
soll die Kinder des Lichtes erleuchten und entflammen (Widmung des Buches,
S. 33).
Wandte sich Franz von Sales in der „Anleitung zum frommen (d. h. Gott
hingegebenen) Leben“ an die „Anfänger“, zeigt er ihnen den Weg aus der
Gottferne und Lauheit heraus zu einem Leben frischer, lebendiger, sich in der
Tat bewährender Gottesliebe, so spricht er in der „Abhandlung“ zu solchen,
die bereits „Gefährten“ sind (Vorwort S. 45) auf dem Weg ehrlichen Stre-
bens nach einer immer größeren Verbundenheit mit Gott.
Er wiederholt kaum etwas von dem, was er in der „Anleitung“ sagt. Das
alles behält weiterhin seine Geltung auch für die „Gefährten“, auch für Or-
densleute. 35 Sie haben ihre größten Hindernisse beseitigt, sie haben gelernt,
sich mit Gott durch das Gebet und die heiligen Sakramente zu vereinigen, die
christlichen Tugenden in der richtigen Ordnung zu üben und die auftauchen-
den Schwierigkeiten zu überwinden; sie erneuern ihren guten Willen in jährli-
chen Exerzitien. Sie sind also auf dem Weg; sie müssen das alles weiter tun.
Aber jetzt eröffnen sich ihnen neue Horizonte. Neue Fragen tauchen auf.
Franz von Sales weiß es, sein eigenes Innerstes stellt sie ihm, vorwärtsstürmen-
de gottliebende Seelen wenden sich an ihn um Aufklärung, Hilfe, Ermunte-
rung. Die Flut mystischer Bücher, die Frankreich und Savoyen überschwemmt,
verwirrt manche gutmeinende Menschen und läßt sie nach Zuständen streben, die
für sie nicht bestimmt oder überhaupt nur Phantasiegebilde sind.
Diesen seinen „Gefährten“ widmet Franz von Sales dieses Werk; erleuchten
und entflammen will er sie. Sie sollen klar sehen und sich immer entschlossener der
Liebe Gottes hingeben. Er gibt ihnen dafür weite Ausblicke und weise Rat-
schläge.

4. Sinn und Architektur der „Abhandlung“.

Das will also die „Abhandlung“. Sie ist kein dogmatisches Werk, obwohl
sie auf den Dogmen der Kirche aufbaut; sie ist kein Handbuch der Mystik,
obwohl sie Fragen der sogenannten Mystik eingehend behandelt; – sie will
viel mehr eine Handreichung sein für alle, die von der Liebe Gottes erfaßt,
nach Klarheit im Denken und nach einer immer innigeren Vereinigung mit
Gott hinstreben. Also ist sie, wie Bischof Veuillot in seinem noch nicht ge-
druckten Werk über die „salesianische Spiritualität des hochheiligen Gleich-
muts“ 36 hervorhebt, ein pastoral-theologisches Werk.
Franz von Sales schickt seinem Werk im I. Buch eine psychologisch-theolo-
gische Untersuchung über die Stellung der Liebe im Seelenleben des Men-
schen und über die natürlichen Grundlagen der Gottesliebe voraus.
Die Bücher II bis IV behandeln die Geschichte der göttlichen Liebe im mensch-
lichen Herzen, ihren Ursprung, ihr Wachsen, ihren Verfall und Untergang.
Das V. Buch schildert die Liebe in ihren wichtigsten Tätigkeiten, dem „Wohl-
324 Anhang B

gefallen“, d. h. der Freude an Gott, der Sehnsucht nach Gott; und dem „Wohl-
wollen“, dem Wunsch, für Gott etwas zu tun, Gott zu lobpreisen und alle zum
Lob Gottes aufzurufen. Wohlgefallen an Gott und Wohlwollen für Gott äu-
ßern sich in der Affektliebe und in der Tatliebe.
Der Affektliebe, dem Gebet, sind das VI. und VII. Buch, der Erfüllung und
der Annahme des göttlichen Willens das VIII. und IX. Buch gewidmet. Diese
vier Bücher bilden den Kern des Werkes.
Das X. und XI. Buch sind ein Lobgesang auf das königliche Gebot der
Gottesliebe über alles, Erläuterung des echten Eifers, der Frucht der Liebe
(X) und Schilderung der obersten Herrschaft der Liebe über alle Tugenden, Hand-
lungen und Vollkommenheiten (XI).
Das XII. Buch beschließt das ganze Werk mit praktischen Ratschlägen für
den Fortschritt der Seele in der heiligen Liebe.

B.
ANALYSE DER,,ABHANDLUNG“.

Steht so vor unseren Augen die gewaltige Architektur der „Abhandlung“, so


zeigt eine eingehende Analyse die vielen Schönheiten und Kostbarkeiten, die
das Werk aufweist. Hier sollen wieder nur die großen Linien aufgezeigt werden,
da ja eine ausführliche Analyse in der Inhaltsangabe der einzelnen Kapitel
enthalten ist.
I. DAS I. BUCH hat bei Franz von Sales den Titel: „Vorbereitung auf die
ganze Abhandlung.“ Es ist tatsächlich eine großangelegte Untersuchung vieler
für das Verständnis der Abhandlung wichtiger Fragen.
1. Die Rolle der Liebe im Gefüge der seelischen Kräfte. 1 Der für alles Schö-
ne und Gute im menschlichen Leben begeisterte Humanist beginnt mit einer
Darlegung des Begriffs der Schönheit. Sie umfaßt: Ordnung in der Mannigfal-
tigkeit, Glanz, Klarheit und Anmut. Gott ist das Urbild der Schönheit; diese
findet sich in der großen Welt, aber auch in der Kleinwelt des Menschen. In ihr
herrscht die Harmonie der Ordnung, denn Gott hat dem Willen die Herrschaft
über alle Fähigkeiten der Seele gegeben (1. Kap.). Der Wille regiert über sie
auf verschiedene Weise (2. Kap.); er kann auch das sinnliche Begehren, die
Leidenschaften beherrschen (3. Kap.), ist aber seinerseits der Liebe untertan,
die Herrin aller Affekte und Leidenschaften ist und sogar den Willen lenkt,
obwohl dieser auch wieder Gewalt über sie hat, da er in der Wahl der Liebe frei
ist. Die Entscheidung liegt im Kampf zwischen der Eigenliebe und der Gotteslie-
be (4. Kap.). In diesen Kampf werden auch die Affekte, d. h. die Regungen des
Willens hineingezogen, die mehr oder minder edel sind. Franz von Sales un-
terscheidet natürliche, verstandesmäßige, christliche und übernatürliche Af-
fekte (5. Kap.). Über jede andere Liebe, ja sogar über Verstand und Willen
führt aber die Liebe zu Gott das Zepter; sie kann nur Königin sein oder sie ist
nicht. Sie hat ihren Herrschersitz in der höchsten Zone des Geistes (6. Kap.). 2
2. Was ist Liebe? 3 Gefallen an etwas ist Beginn der Liebe, eigentliche Liebe
aber ist Bewegung zu dem hin, was man liebt, Drang zur Vereinigung mit ihm
(7. Kap.). Die Wurzel der Liebe liegt in einer inneren Beziehung zu dem, was
Anhang B 325

man liebt; diese muß nicht Ähnlichkeit, sondern kann auch gegenseitige Ergän-
zung sein; tritt Ähnlichkeit hinzu, dann ist der Liebesdrang noch mächtiger
(8. Kap.). Liebe strebt nach Vereinigung (9. Kap.), die bei Menschen geistige
Vereinigung sein muß. Die himmlische Liebe wächst um so mehr, je mehr man
sich der sinnlichen Liebe enthält (10. Kap.).
3. Die verschiedenen seelischen Bereiche (11. u. 12. Kap.). Diese zwei Kapi-
tel sind von größter Wichtigkeit für das Verständnis menschlicher Vorgän-
ge: 4 Die Seele ist lebend, empfindend, verstehend, hat also drei Bereiche. Im
ersten, den wir Unterbewußtsein nennen würden, gibt es triebhafte, unmoti-
vierte Zuneigungen und Abneigungen; im zweiten liegt das sinnenhafte Be-
gehren, dessen Quelle die sinnenhafte Kenntnis, dessen Frucht die sinnliche
Liebe ist; im dritten der Wille, dessen Quelle die Vernunft ist.
In diesem geistigen Bereich gibt es wieder eine Unterteilung: a) den nie-
deren Seelenteil, dessen Gedankengänge sich auf die Erfahrungen der Sinne
stützen, und b) den höheren Seelenteil, der auf geistiger Erkenntnis beruht,
usw. auf natürlicher Erkenntnis (Philosophie) oder auf übernatürlicher Of-
fenbarung bzw. auf besonderen Erleuchtungen (11. Kap.).
Franz von Sales vergleicht die vier Stufen der Vernunft mit dem Tempel
Salomos, in dem es drei Vorhöfe und das Allerheiligste gab. Die drei Vorhöfe
entsprechen den drei Stufen der Vernunft, die ihre Überlegungen entweder
auf die Erfahrung der Sinne oder auf die Grundsätze menschlicher Wissenschaf-
ten oder auf den Glauben stützt. Das Allerheiligste ist Sinnbild der höch-
sten Spitze der Seele, auf der sich diese einfach dem Glauben, der Hoffnung und
der Liebe hingibt, die der Sitz des von Gott uns eingegossenen übernatürli-
chen Lebens ist (12. Kap.).
4. Liebe und Liebe zu Gott. Franz von Sales unterscheidet verschiedene Arten
von Liebe, von denen die Liebe zu Gott über alles den Namen „caritas“ führt
(13. Kap.), aber auch mit dem Worte „Liebe“ (amor) bezeichnet werden kann
(14. Kap.). Sie fußt auf der inneren Beziehung zwischen Gott und Mensch,
der Gottes Ebenbild und zugleich Gottes bedürftig ist (15. Kap.), weshalb er
auch die natürliche Neigung hat, Gott über alles zu lieben. Diese Neigung
bleibt in uns, wenn sie auch zuweilen wie mit Asche bedeckt ist (16. Kap.). Sie
macht uns zwar nicht fähig, natürlicherweise Gott über alles zu lieben (17.
Kap.), ist aber auch nicht zwecklos in uns, da Gott unsere Herzen gleichsam
am zarten Band dieser Neigung hält, durch die er uns anziehen kann. Uns aber ist
diese Neigung Zeichen und Erinnerung an unseren Schöpfer und macht uns
aufmerksam, daß wir seiner göttlichen Güte angehören. 5

II. DAS II. BUCH schildert die Geschichte des Ursprungs und der himmli-
schen Geburt der göttlichen Liebe.
1. Franz von Sales holt weit aus. Von den Erwägungen über die unendliche
Vollkommenheit Gottes (1. u. 2. Kap.) geht er zu allgemeinen Überlegungen
über die göttliche Vorsehung über, die keines vielfachen Wirkens bedarf, wäh-
rend wir unserer Fassungskraft entsprechend von verschiedenen Werken Got-
tes sprechen (3. Kap.), und dann
2. zur Menschwerdung der zweiten göttlichen Person und zur Erlösung durch
Christus mit all ihren Wirkungen. 6 Von Ewigkeit her beschließt Gott, die innigste
326 Anhang B

Vereinigung mit einem Menschen einzugehen. Diese Mitteilung seiner Güte


wollte er um seines vielgeliebten Sohnes willen auf viele Geschöpfe ausströmen
lassen, weswegen er die Menschen und Engel erschuf. Gott sah voraus, daß ein
Teil der Engel und der erste Mensch ihre Freiheit mißbrauchen würden, beschloß
aber die Rettung der Menschen durch eine Erlösung (4. Kap.), die ein überreiches
Werk der Barmherzigkeit Gottes sein sollte. O felix culpa! (5. Kap.). In der
Erlösung läßt Gott die Schätze seiner Güte erscheinen an Maria, 7 die der
Strom der Sünde nicht berühren sollte, und an manchen besonders begnadeten
Heiligen (6. Kap.); außerdem ergoß aber die göttliche Güte eine Fülle von
Segnungen über Menschen und Engel, uzw. in größter Mannigfaltigkeit, so daß
jeder Mensch seine eigenen Gnaden empfängt, verschieden von denen der an-
deren (7. Kap.).
3. Gottes Gnade bewirkt in uns das Entstehen der Liebe. 8 Gott verlangt danach,
daß wir ihn lieben; er verkündet seine leidenschaftliche Liebe zu uns, klopft
an die Tür unseres Herzens, ruft dauernd zur Bekehrung auf (8. Kap.), kommt
uns mit seiner Eingebung zuvor, ergreift unsere Seelen mit dem Wehen seiner
Gnade ohne unser Zutun (9. Kap.); wir können uns zu Gott erheben, wir können
aber auch Gottes Eingebungen zurückweisen und ihm unsere Liebe verweigern
(10. Kap.). Die Gnaden Gottes ergießen sich überreich auf uns, Gott will
aber, daß sie nur mit der freiwilligen Zustimmung unseres Willens einströmen.
Es liegt nicht an Gottes Güte, sondern an uns, wenn wir nicht einen hohen
Grad der Liebe besitzen (11. Kap.), denn die göttlichen Lockungen lassen uns
volle Freiheit, ihnen zu folgen oder sie abzulehnen (12. Kap.).
4. Der Weg zum Empfang der Liebe. 9 Die ersten Empfindungen der Liebe
kommen durch Gottes zuvorkommende Gnade „in uns, aber ohne uns“. Willigen
wir ein, so wird uns die Gnade von Stufe zu Stufe der Liebe hinaufhelfen.
Mächtig sind Gottes Lockungen, sie zwingen aber nicht (13. Kap.). Die erste Stufe
ist der beginnende Glaube, ein Gnadengeschenk Gottes, das auch schon einen
Beginn der Liebe einschließt (14. Kap.). Der Glaube weckt in der Seele die
Sehnsucht, das Verlangen nach Vereinigung mit Gott und löscht so den Durst
nach Glück, da die Seele das höchste Gut gefunden hat (15. Kap.). Die Sehn-
sucht nach Gott wird durch die Sicherheit gestärkt, die Gott uns gegeben,
daß wir sie in ihm stillen können. Das ist die Wurzel der Hoffnung, die
vom Streben nach dem höchsten Gut begleitet wird. Das alles ist aber bereits
Liebe (16. Kap.), wertvolle Liebe, aber doch unvollkommene Liebe, da wir in
der Hoffnung Gott nicht lieben, weil er in sich selbst gut ist, sondern weil er
gut gegen uns ist (17. Kap.). Sind wir uns der Sündhaftigkeit bewußt, so tritt
nun zum Glauben und zur Hoffnung die Reue hinzu, daß wir Gott beleidigt
haben. Der Glaube zeigt uns die Häßlichkeit der Sünde und die Schönheit der
Tugend, die furchtbaren Folgen der Sünde, die uns den Himmel verschließt (18.
Kap.), alles wertvolle Beweggründe zur Reue, wenngleich noch unvollkommen,
weil der Reue noch das Motiv der Gottesliebe fehlt (19. Kap.). Tritt diese zur
Reue hinzu, dann ist die Reue vollkommen (20. Kap.).
Gottes liebevolle Lockungen begleiten uns so vom ersten Erwachen des
Glaubens bis zur Liebe. Wenn wir die Gnade der göttlichen Liebe nicht zurück-
weisen, so breitet sie sich immer mehr in der Seele aus, bis diese ganz umge-
wandelt ist (21. Kap.). Die Gottesliebe, die dann in der Seele herrscht, ist echte,
Anhang B 327

auserlesene Freundschaft mit Gott, die allein der Heilige Geist verleiht, indem
er sich in unsere Herzen ergießt. Sie thront im Verein mit Glaube und Hoff-
nung auf der höchsten Spitze unseres Geistes, von wo sie Zartheit und Wärme
ihrer Innigkeit über die ganze Seele verbreitet (22. Kap.). 10

III. DAS III. BUCH handelt vom Fortschritt und von der Vollendung der
L i e be.
1. Hier auf Erden kann und soll die heilige Liebe in jedem stets wachsen, sonst
verfällt sie (1. Kap.). Gott hat das Wachsen der Liebe leicht gemacht. Auch
die geringsten Werke haben Wert vor ihm. 11 Freilich soll der Eifer der Liebe
uns zu großen Werken anspornen. – Gott ist es, der das Wachsen der Liebe
bewirkt nach dem Gebrauch, den wir von seiner Gnade machen (2. Kap.). Die
Gnade Gottes wirkt andauernd in uns, er schenkt uns die Liebe, spornt uns an,
hilft uns gegen schlechte Neigungen und Versuchungen, stützt uns in schwie-
rigen Lagen und bei großen Werken. Daher die Notwendigkeit des Gebetes (3.
Kap.). 12 In diesem steten Wirken der Gnade Gottes besteht die Gabe der Beharr-
lichkeit. Daher müssen wir unsere ganze Hoffnung auf Gott setzen (4. Kap.).
Er wird uns dann die Gnade schenken, in seiner Liebe zu sterben, die letzten
Endes von der Erlösung abhängt. Auf Christus gepfropft, sollen wir also ihm
angehören und er wird „unser sein“ (5. Kap.). Hier auf Erden können wir
nicht zur vollkommenen Liebesvereinigung gelangen, sie wird erst im Himmel
stattfinden (6. Kap.). Allerdings kann die Liebe eines Heiligen hier auf Er-
den ebenso groß, ja größer sein als jene der Seligen im Himmel (7. Kap.); unver-
gleichlich groß war besonders die Liebe der Mutter Gottes, sie bewahrte stets
die göttliche Liebe, ja steigerte sie unaufhörlich in unerhörtem Ausmaß (8.
Kap.).
2. Im Himmel. Unsere Freude ist, die Wahrheit zu erkennen, und umso größer
die Freude, je erhabener die Wahrheit ist. Daher haben wir auch schon hier
große Freude am Glauben. Wie beglückend wird es erst sein, wenn wir die
göttliche Wahrheit im Licht der Glorie schauen (9. Kap.). Je größer die Sehnsucht
nach Gott auf Erden, desto größer die Freude des Besitzes Gottes im Himmel
(10. Kap.), in dem wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen (11. Kap.),
die Freude haben, die ewige Geburt des Sohnes zu schauen (12. Kap.), die
unendliche gegenseitige Liebe des Vaters und des Sohnes, den gemeinsamen
Hauch des Vaters und des Sohnes, der der Heilige Geist ist (13. Kap.), durch
das Licht der Glorie (14. Kap.), das Gottes ganze Wesenheit schauen läßt,
aber nicht in ihrer ganzen Unermeßlichkeit, so daß es die höchste Freude der
Seligen ist, zu sehen, daß die von ihnen geliebte Schönheit so groß ist, daß sie
nur durch sich selbst ganz erkannt werden kann (15. Kap.).

IV. DAS IV. BUCH hält uns, nachdem wir den beglückenden Aufstieg zur
Liebe geschaut, das erschreckende Bild ihres möglichen Verfalls und Untergangs
vor Augen.
Wir können die Gottesliebe verlieren dadurch, daß uns Scheingüter täu-
schen (1. Kap.). Die Liebe erkaltet, erschlafft, wenn sie untätig und unfrucht-
bar ist, wenn Anhänglichkeit an läßliche Sünden sie gefangen hält (2. Kap.). Man
gibt die Liebe zu Gott aus Liebe zu Geschöpfen auf, wenn man von ihr keinen
Gebrauch macht und sie so verkümmert. Die Reize des Schlechten wirken auf das
328 Anhang B

Herz ein, wenn der Glaube nicht Schildwache steht (3. Kap.). 13 Die heilige
Liebe geht in einem Augenblick verloren, wenn die Eigenliebe zur Verachtung
Gottes führt, worin das Wesen der Todsünde liegt (4. Kap.). Einzige Ursache des
Versagens und Erkaltens der Liebe ist der freie geschöpfliche Wille, weil man
der Gnade nicht folgen will (5. Kap.). Gott hat uns alle Liebe gegeben. Wir
können Gottes Wirken verhindern, aber nicht verursachen (6. Kap.). Daher dür-
fen wir uns nicht müßiger Neugierde hingeben, wenn diese oder jene versagt
haben. Es genügt zu wissen, daß Gott niemand rettet, es sei denn aus Barm-
herzigkeit (7. Kap.); deshalb müssen wir uns liebend der göttlichen Vorsehung
unterwerfen (8. Kap.).
Franz von Sales macht noch darauf aufmerksam, daß zuweilen in einer der
Todsünde verfallenen Seele eine gewisse Scheinliebe zurückbleibt (9. Kap.),
die wohl aus der Liebe stammt, aber doch gefährlich ist, weil man sie für wahre
Liebe hält (10. Kap.). Sie ist aber erkennbar. Wenn die Absicht besteht, schwere
Sünden zu begehen, ist die heilige Liebe nicht im Herzen (11. Kap.).
V. MIT DEM V. BUCH beginnt die Beschreibung der Wirkungen der Liebe,
uzw. zunächst ihrer beiden Haupttätigkeiten: Wohlgefallen und Wohlwollen,
die allen einzelnen Übungen der Liebe zugrundeliegen. 14
1. Wohlgefallen an Gott. Es hat seinen Ursprung in der Betrachtung der
Herrlichkeiten Gottes; im Himmel wird es vollkommen sein, bewirkt aber
jetzt schon, daß wir Gott wohlgefällig werden (1. Kap.) und gleich Kindern an
der Brust des Herrn sind (2. Kap.). Durch das Wohlgefallen ist Gott unser und
wir sind sein, haben aber Sehnsucht, Gott noch mehr zu lieben (3. Kap.). Es
gibt auch ein schmerzliches Wohlgefallen, ein Mitleiden aus Liebe, besonders
in der Betrachtung des Leidens Christi (4. u. 5. Kap.).
2. Wohlwollen gegen Gott. Wir können Gott gar kein Gut wünschen, da er
unendlich vollkommener ist, als wir es zu denken vermögen. Wir können nur
b e d i n g t e W ü n s c h e h e g e n , d a n a c h v e r l a n g e n , i h m i n u n s Wa c h s t u m z u
geben (6. Kap.) und unser Wohlgefallen an ihm zu vermehren. Die Seele beraubt
sich dann aller anderen Vergnügungen, um desto kraftvoller an Gott Gefallen
zu finden (7. Kap.). Gott hat sicher durch Lobpreisungen keinen Vorteil, aber es
entspricht unserer Natur, ihn zu preisen. Daher nimmt Gott unsere Lobsprü-
che nicht nur an, sondern er beansprucht sie. Die Seele, die ihr Unvermögen
sieht, Gott würdig zu preisen, wünscht wenigstens, daß sein Name mehr und
mehr gepriesen werde. Sie beginnt bei sich selbst (8. Kap.) und ruft alle Geschöpfe
zum Lobpreis Gottes auf (9. Kap.). Weil die Seele weiß, daß sie auf Erden
Gott nicht nach ihrem Verlangen loben kann, deswegen schaut sie nach dem
Himmel, wo die Lobgesänge viel lieblicher klingen (10. Kap.), und vor allem die
der heiligsten Jungfrau, die auf unvergleichliche Weise die Gottheit lobt und
benedeit. – Lauscht man aber dann der Stimme des Erlösers, so findet man in ihr
eine Unendlichkeit an Wert und Wohlklang, die alles Erwarten übersteigt (11.
Kap.). Da jedoch die Gottheit noch unendlich lobenswerter ist, als selbst die
Menschheit des Erlösers sie zu loben vermag, so erkennen wir schließlich, daß
Gott nur durch sich selbst so gelobt werden kann, wie er es verdient, und
rufen aus: „Ehre sei dem Vater ... wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
und in Ewigkeit!“ (12. Kap.).
Das VI. und VII. Buch sind den Tätigkeiten der Affektliebe, der Herzensliebe,
Anhang B 329

d. h. dem Gebet, das VIII. und IX. Buch den Tätigkeiten der Werkliebe, der
Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen gewidmet.
VI. DAS VI. BUCH beginnt mit der „Beschreibung der mystischen Theologie,
die nichts anderes ist als das Gebet.“ Nachdem Franz von Sales als die zwei
Hauptübungen der Liebe die Affektliebe und die Werkliebe und das Wesen
beider erklärt hat, beschreibt er das Gebet, worin hauptsächlich die Affektliebe
besteht, als ein Gespräch mit Gott über Gott, weshalb Gebet und mystische Theologie
e i n u n d d a s s e l b e s i n d . 15 M y s t i s c h e T h e o l o g i e , w e i l d a s G e s p r ä c h g a n z
i m g e heimen vor sich geht (1. Kap.).
Die erste Stufe des innerlichen Gebetes ist die Betrachtung, die ein auf-
merksames, wiederholtes Nachdenken über Gott und Göttliches ist, um in uns
gute Affekte zu wecken und Gott mehr zu lieben (2. Kap.). Die zweite Stufe
ist die Beschauung, 19 d. h. ein liebevolles, einfaches, ständiges Aufmerken des
Geistes auf göttliche Dinge. Sie unterscheidet sich von der Betrachtung da-
durch,
1. daß wir die Betrachtung pflegen, um die Gottesliebe zu gewinnen, die
aber uns beschauen läßt. Liebe drängt dazu, die geliebte Schönheit immer
noch aufmerksamer zu beschauen, und das Schauen zwingt das Herz, sie bren-
nender zu lieben (3. Kap.). Die Liebe entspringt wohl dem Wissen von Gott,
dieses bestimmt aber nicht den Grad ihrer Vollkommenheit, wenn sie auch
durch das Erkennen dessen, was man liebt, noch stärker dazu angetrieben wird
(4. Kap.).
2. daß wir in der Betrachtung gleichsam Stück für Stück alles erwägen, was
geeignet ist, uns zur Liebe zu bewegen, in der Beschauung aber in einem einfachen
zusammengerafften Blick all das umfassen, was wir lieben (5. Kap.), und
3. daß die Betrachtung immer Mühe, Anstrengung und Überlegen erfordert,
während die Beschauung ohne Mühe vor sich geht, mit Freuden geschieht und
daher ein heiliges Trunkensein genannt werden kann (6. Kap.).
In der Beschauung kann sich verschiedenes ereignen: Neben der Sammlung,
die wir selbst verursachen, gibt es eine, die nur Gott bewirkt. 17 Sie ist nicht in
unserer Macht, sondern kommt über die Seele, wenn es Gott gefällt. Er ver-
breitet Seligkeit im Grund des Herzens, worauf sich Fähigkeiten und Sinne dem
Sitz Gottes zuwenden und bei ihm, dem Ziel ihrer Sehnsucht, verbleiben (7.
Kap.).
Das Gebet der Ruhe 18 wird zuweilen durch diese „Sammlung“ verursacht.
Die Seele merkt dann still und ruhig auf die Güte ihres Vielgeliebten; alle
ihre Kräfte sind gleichsam in Schlaf versunken. Sie denkt nicht an sich, sondern
nur an den, dessen Gegenwart ihr diese Freude schenkt. Wenn man ihr dieses
Glück nehmen will, bricht die Seele in Klagen aus (8. Kap.) und gleicht dann
einem Kind, das an der Brust der Mutter schläft und jammert, wenn man es
davon entfernen will. Sie ist in Ruhe und in Schweigen vor Gott, ohne etwas
zu denken oder zu tun, außer mit der Spitze des Willens, die sie sanft und fast
unwahrnehmbar bewegt. Sie bedarf in dieser Ruhe weder des Gedächtnisses noch
der Einbildungskraft. Der Wille allein zieht die beglückende Gegenwart Gottes
an sich, während alles übrige in der Seele durch das holde Glück, das sie genießt,
in Ruhe verbleibt (9. Kap.). Diese Ruhe wird gestört, wenn man über sie nach-
330 Anhang B

grübelt, aber nicht durch Tätigkeiten des Körpers oder des Geistes, es sei
denn, sie geschehen aus Leichtsinn oder Zerfahrenheit, auch nicht durch unfrei-
willige Zerstreuungen (10. Kap.).
Es gibt verschiedene Grade der heiligen Ruhe: 1. über alle Kräfte der Seele,
oder nur über den Willen; 2. im Willen zuweilen fühlbar, zuweilen unwahrnehm-
bar; 3. gefühlte Freude oder unbewußte; 4. zuweilen hört die Seele Gott reden
oder spricht mit ihm, oder vermag nicht mit ihm zu sprechen; 5. zuweilen hört
die Seele weder Gott, noch spricht sie, sondern weiß nur, daß sie in Gottes Ge-
genwart ist; 6. zuweilen wartet die Seele nur, ob es Gott gefällt, sie anzuschau-
en, oder bleibt einfach dort, wo es Gott gefällt, daß sie sei, – wie eine
Statue – bereit, so zu sein wie Gott es will und zuläßt. Das Höchste an Lie-
besentrückungen ist nicht, die eigene Freude zu wollen, sondern daß Gott sich
erfreue (11. Kap.).
Eine weitere Stufe: Das Zerfließen der Seele in Gott. 19 Das geschieht in der
Weise, daß ein starkes Wohlgefallen die Seele in geistige Ohnmacht fallen
läßt, so daß sie nicht mehr in sich zu verbleiben vermag, sondern sachte in das
einströmt, was sie liebt, also hier in die Gottheit. Diese in Gott eingeströmte
Seele stirbt nicht, sie lebt, ohne in sich zu leben, sondern Gott lebt in ihr.
Die Liebeswunde. 20 Die Liebe dringt ins Tiefste der Seele ein, verwundet
also das Herz und bereitet damit Schmerz. 1. Wer liebt, gibt sich hin, trennt
sich also von sich selbst; 2. Sehnsucht, wenn der Geliebte abwesend ist;
3. Zwiespalt von Sehnsucht und Unvermögen, Mißerfolg (13. Kap.); 4. Schmerz
am Leiden des Heilands; 5. Liebe, ohne Gegenliebe Gottes zu fühlen; 6. das
Bewußtsein mangelnden Eifers und vieler Fehler, obwohl man Gott lieben
will; 7. die Erinnerung, einst Gott nicht geliebt zu haben, und der Gedanke an
die vielen, die Gottes Liebe verachten (14. Kap.). Wenn nun die Liebe tiefe
Wunden schlägt, versetzen diese die Seele in einen Zustand des Siechtums, der
seligen Krankheit der Liebe, wie wir es an Heiligen sehen (15. Kap.).

VII. DAS VII. BUCH bespricht die Vereinigung der Seele mit Gott durch
bestimmte Gebetsakte und Gebetsregungen, 21 die eine tiefere Verbindung mit
Gott verursachen, gleich der zwischen Mutter und Kind. Wie dort die Mutter,
so hat bei der Verbindung mit Gott dieser den Hauptanteil. Die Seele wirkt
mit, sei es durch einzelne Gebete, sei es durch ein ständiges Drängen des
Herzens in die göttliche Liebe hinein (1. Kap.). Diese Vereinigung geschieht in
verschiedener Weise: 1. Gott weckt und wir folgen; 2. wir scheinen zu begin-
nen, er aber kommt uns doch immer zuvor; 3. er hilft uns unspürbar oder
wir spüren seine Hilfe; 4. durch den Willen allein oder durch alle Fähigkeiten;
5. manchmal hat Gott offenbar die Initiative, manchmal scheinen Heilige sie zu
haben (2. Kap.).
Nun beschreibt Franz von Sales den höchsten Grad der Vereinigung, die
Entrückung. 22 Sie ist dann gegeben, wenn die Seele ganz fest an Gott haftet,
von ihm gefesselt ist (3. Kap.). Es gibt drei verschiedene Arten der Entrük-
kung: die des Verstandes, die des Gemütes und die der Tat.
Die Entrückung des Verstandes hat ihre Ursache in der Bewunderung, hervor-
gerufen durch die Begegnung mit einer beglückenden, unerwarteten Wahrheit
(4. Kap.).
Anhang B 331

Die Liebesentrückung geschieht dadurch, daß Gott den Willen mit seinen
beglückenden Lockungen berührt und der Wille sich dadurch ihm zuwendet und
sich ganz in Gott hineinbewegt. – Verstand und Wille teilen sich ihre Ent-
rückungen gegenseitig mit, die des Verstandes ohne die des Willens ist ver-
dächtig. Die Ekstase des Willens kann aber nur von Gott sein (5. Kap.).
Die Ekstase des Lebens ist mit der des Willens ein sicheres Kennzeichen
der echten Ekstase. Diese Ekstase der Tat drückt sich in einem übermenschlichen
Leben, in einem Leben der Liebe aus (6. Kap.). Wo kein wirklich christliches
Leben ist, sind Entrückungen immer zweifelhafter Natur, dagegen ist ein ek-
statisches Leben ohne Gebetsentrückungen möglich und häufig. Die Ekstasen des
Lebens setzen den Tod des „alten Menschen“ voraus, damit der neue Mensch,
der nach Christus geschaffen ist, in uns lebe (7. Kap.). Dazu „drängt uns die Liebe
Christi“ (8. Kap.).
Die höchste Wirkung der Affektliebe ist das Sterben der Liebenden. 23 Die
Liebe ist zuweilen so heftig, daß sie Leib und Seele trennt. 1. In der Liebe
sterben alle Gerechten, auch wenn sie eines plötzlichen Todes sterben; manche
Heilige starben auch in der Ausübung der Liebe (9. Kap.). – 2. Um der Liebe
willen starben alle Märtyrer, manche Heilige aber außerdem ausdrücklich um der
Liebe willen oder durch die Liebe verzehrt, durch Ekstasen, Sehnsucht und Lei-
den (10. Kap.). – 3. An der Liebe starben manche Heilige; die Liebe hat
ihr Herz durchbohrt und so die Seele aus dem Leib gestoßen, nachdem sie sich
aller Anhänglichkeit entblößt hatten (1. u. 12. Kap.). Vor allem starb die Mutter
Gottes an der Liebe zu ihrem Sohn (13. Kap.) eines sanften friedlichen Todes
(14. Kap.).

VIII. Über die Werkliebe oder Tatliebe handeln das VIII. und IX. Buch;
DAS VIII. BUCH über die Liebe der Gleichförmigkeit, durch die wir unseren
Willen mit dem geoffenbarten Willen Gottes vereinigen. 24
Zu dieser Liebe der Gleichförmigkeit drängt uns das heilige Wohlgefal-
len an Gott, denn Wohlgefallen gestaltet uns zu dem um, was wir lieben, im
Guten wie im Schlechten. Je größer die Liebe des Wohlgefallens, desto größer
die Umwandlung. Die Liebe braucht keine Polizisten (1. Kap.). Aber auch die
Liebe des Wohlwollens verursacht Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes,
sie wirft unsere Herzen in Gott hinein und damit auch alle Handlungen und
Empfindungen. Liebe treibt uns an, den Gehorsam frei und gerne zu leisten
(2. Kap.). Wir bezeichnen den göttlichen Willen mit verschiedenen Namen
nach der Verschiedenheit der Mittel, durch die wir ihn erkennen: Gott hat uns
mitgeteilt, was wir glauben, fürchten, tun sollen; das ist der „ausgesproche-
ne“, der „geoffenbarte Wille Gottes“. Gott verlangt es von uns, zwingt uns aber
nicht. Die Liebe führt uns dazu, das zu wollen, was Gott verlangt (3. Kap.).
Die Gleichförmigkeit unseres Willens soll bestehen:
1. mit dem Willen Gottes, uns zu retten, den er uns oft geoffenbart hat.
Er will uns aber unserer Natur gemäß retten, d. h. in aller Freiheit. Daher
müssen wir unser Heil wollen und entschlossen sein, die geeigneten Mittel zu
ergreifen, auch wenn sie uns im einzelnen erschrecken (4. Kap.).
2. mit dem in den Geboten ausgesprochenen Willen Gottes. Die Liebe des
Wohlgefallens und des Wohlwollens treibt uns dazu an, sie zu lieben und zu
332 Anhang B

halten, zu sehen, wie schön sie sind, sie nicht aus Furcht zu beobachten, sondern
aus Liebe, aus Liebe auch die Leiden anzunehmen, die damit verbunden sind
(5. Kap.).
3. mit dem in den Räten ausgesprochenen Willen Gottes. Die Räte sind ein
Wunsch Gottes, daher führt die Liebe zu ihrer Befolgung, so wie sie Gott
befolgt haben will, d. h. wie sie zu Beruf und Leben passen. Die Liebe be-
fiehlt, wie die Räte zu befolgen sind (6. Kap.); sie führt dazu, die Räte zu
lieben, um die Gebote treu erfüllen zu können (7. Kap.). Verachtung der
Räte ist Sünde (8. Kap.). Jeder muß alle evangelischen Räte lieben, wenn auch
nicht alle üben. Jeder muß aber befolgen, was er kann (9. Kap.).
4. mit dem Willen Gottes, der sich in den Eingebungen offenbart. Gott
erleuchtet und erwärmt uns durch seine Eingebungen, ohne die wir lau und
träge werden. Gott spendet seine Eingebungen auf zahllose Weisen (10. Kap.).
Es ist aber Vorsicht geboten bei Eingebungen zu außergewöhnlichen Tugend-
übungen:
a) Es ist wichtig, nicht mehreres zugleich betreiben zu wollen; nicht vieles
anzufangen, ohne etwas zu Ende zu führen; nicht angeblich Besseres zu wollen
und damit das Gute nicht durchzuführen. Beharrlichkeit ist das erste Kennzeichen
der Eingebung (11. Kap.).
b) Eingebungen, die den gewöhnlichen Gesetzen entgegen sind, kann es wohl
auch geben; ein Zeichen ihrer Echtheit ist Friede und Ruhe des Herzens,
während der böse Geist ungestüm, hart und unruhig ist (12. Kap.).
c) Das dritte Kennzeichen echter Eingebung ist Demut und Gehorsam. Daher
sind Eingebungen Illusionen, wenn sie von der Kirche nicht anerkannt sind
(13. Kap.).
Zum Schluß eine kurze Methode, den Willen Gottes zu erkennen. Wo Gottes
Wille klar ist, gibt es nichts zu überlegen. Für alles übrige herrscht Frei-
heit. Bei Kleinigkeiten hat es keinen Sinn, viel zu überlegen, was der Wille
Gottes ist, wohl aber bei wichtigen Dingen. Auch da ist Herumgrübeln nicht am
Platz, sondern Gebet, Überlegung und Rat des Seelenführers und einiger
kluger Personen (14. Kap.).
IX. DAS IX. BUCH behandelt die Liebe der Unterwerfung, durch die sich unser
Wille mit dem Wohlgefallen Gottes vereinigt.
1. Im allgemeinen. Nichts, die Sünde ausgenommen, geschieht ohne den Willen
Gottes,25 in dem sich immer seine Macht, Weisheit, Gerechtigkeit und Güte offen-
bart, die Gerechtigkeit gemildert durch seine Barmherzigkeit. Daher müssen
wir immer aus Liebe unseren Willen vereinigen mit dem göttlichen Wohlgefallen
(1. Kap.), besonders aber im Leiden, das man für sich betrachtet nicht lieben
kann, wohl aber in seinem Ursprung, dem göttlichen Willen (2. Kap.).
2. Durch Ergebung in seelischen Leiden. Leiden geduldig annehmen, ist
wertvoll. Noch wertvoller ist Einwilligung in geistliche Leiden, die oft alle
Kräfte so niederdrücken, daß nur die Spitze des Geistes „Dein Wille gesche-
he“ sagen kann, sich aber dessen fast nicht bewußt ist.
Diese Vereinigung mit dem göttlichen Willen kann durch Ergebung oder
Gleichmut geschehen. In der Ergebung unterwirft man sich mühevoll (3. Kap.).
3. Durch Gleichmut. 26 Während die Ergebung außer dem Willen Gottes
noch vieles liebt, liebt der Gleichmut nichts außer der Liebe zum Willen
Anhang B 333

Gottes, uzw. liebt er Leiden wie Trost, jenes sogar mehr, weil in ihm nichts
Liebenswertes ist als der Wille Gottes. Das gleichmütige Herz liebt nicht die
Dinge, die Gott will, sondern den Willen Gottes, der sie will, und das, was er
mehr will (4. Kap.).
Dieser heilige Gleichmut erstreckt sich auf alle Dinge des natürlichen, bürger-
lichen und geistlichen Lebens, wie besonders der göttliche Heiland es uns gezeigt
hat, der in vielerlei Peinen wie begraben war, während nur die Spitze des
Geistes hell leuchtend war vor Herrlichkeit (5. Kap.). Im einzelnen wird der
Gleichmut geübt:
a) in allem, was den Dienst Gottes betrifft. Solange das göttliche Wohl-
gefallen unbekannt ist, müssen wir den geoffenbarten Willen Gottes erfüllen,
uns aber liebevoll fügen, sobald Gottes Wohlgefallen offenbar wird. Ist die-
ser schon vor den Ereignissen kundgetan, so muß man sich dann schon mit dem
Willen Gottes vereinigen. – Flößt uns Gott Pläne ein, läßt sie aber nicht
gelingen, so müssen wir mutig anfangen, aber ruhig in den Ausgang der Ereig-
nisse einwilligen, auch wenn das Unternehmen durch eigene Schuld scheitert;
denn es ist dann Gottes Wille, daß das Mißlingen Strafe für den Fehler sei.
b) in allem, was unseren Fortschritt in den Tugenden betrifft. Gleichmut
fordert, daß wir alles tun, um die Tugenden zu erwerben, die Sorge um den
Erfolg aber dem Herrn überlassen. Wir sollen uns über mangelhafte Erfolge
nicht beunruhigen, wohl die Fehler bereuen, uns aber nicht der Traurigkeit
hingeben. Wir dürfen uns auch nicht über die ersten Regungen der Leiden-
schaften beunruhigen; es ist nicht Sünde, sie zu fühlen, wohl aber, in sie
einzuwilligen (7. Kap.).
c) bei der Zulassung der Sünden. Da Gott die Sünde haßt, sie aber zuläßt,
müssen wir die Zulassung preisen, die Sünde aber verabscheuen und alles tun,
um sie zu tilgen, bei uns und bei anderen. Lassen sich die Sünder aber nicht
helfen, dann sollen wir uns anderen zuwenden und die richtende Gerechtigkeit
Gottes ebenso anbeten wie seine gütige Barmherzigkeit (8. Kap.).
d) in Werken der heiligen Liebe. Es kann unmerklich so kommen, daß man
Gott liebt, nicht um ihm zu gefallen, sondern um der Freude willen, die man
in der Liebe empfindet, d. h. man sucht nicht Gott, sondern sich selbst (9.
Kap.). Diese Veränderung können wir erkennen, wenn die Seele nicht das Lied
singt, das Gott mehr gefällt, sondern das ihr am meisten zusagt (ein Bischof
ist nicht bei seiner Herde, sondern am Hof etc.), oder wenn man das Gebet bei
seelischer Trockenheit aufgibt. – Es ist zwar schwer, Gott zu lieben, ohne
zugleich die Freude zu lieben, die man an seiner Liebe findet, man muß aber
trachten, nur Gott zu suchen und nicht die Freude, die in der Liebe liegt (10.
Kap.). Die Freude, Gott zu gefallen, ist eine Frucht der Gottesliebe, kann
aber von ihr getrennt werden, so daß die Seele nicht wahrnimmt, daß Gott an
ihrer Liebe Gefallen hat. Sie empfindet dann nicht nur keine Freude, sondern
Ängste und Versuchungen. Sogar die höchste Spitze des Geistes kann dann
geängstigt sein, von Versuchungen belagert, ohne Hoffnung auf Erleichterung.
Die Seele leidet dann wohl schwer, hat aber nun eine große Möglichkeit, dem
Heiland Treue zu erweisen (11. Kap.). In einem solchen Zustand kann die
Seele nicht unterscheiden, ob sie glaubt, hofft und liebt. Sie findet die Liebe
334 Anhang B

nicht in den Sinnen, nicht im höchsten Bereich des Geistes, überhaupt nir-
gends, weil die Finsternis sie hindert, die Liebe zu erkennen. Sie kann dann
nur mehr ihren Willen in den Armen des göttlichen Willens sterben lassen
(12. Kap.).
e) im Sterben unseres Willens. Der Wille kann eigentlich nie sterben, aber
manchmal überschreitet er die Schranken seines gewöhnlichen Lebens, um
ganz im göttlichen Willen zu leben. Er ist dann versunken im Willen Gottes,
so daß er kein von ihm getrenntes Wollen mehr hat (13. Kap.). Man kann mit
Gott gehen mit Schritten eigenen Wollens, wenn man seinen geoffenbarten Willen
erfüllt. Man kann mit Gott gehen, auch ohne ein eigenes Wollen zu haben,
wenn man will, daß die Ereignisse dem göttlichen Wohlgefallen gemäß geschehen.
Man kann auch durch eine einfache Stille unseres Willens alles entgegenneh-
men, was Gott fügt. Wie das Jesuskind Maria gegenüber, so sollen auch wir
für das göttliche Wohlgefallen ganz geschmeidig und lenksam sein, Gott für uns
wollen und tun lassen und ihn für alles, was er tut, preisen (14. Kap.). Aber
noch erhabener wäre es, Gottes Willen nicht in seinen Wirkungen, sondern in
seiner eigenen Vollkommenheit zu preisen, auf Gott zu blicken, ihn machen
zu lassen und in Ruhe die Wirkung des göttlichen Wohlgefallens abzuwarten.
Der Wille ist dann in einer einfachen Erwartung, im einfachen Bereitsein. So
beschaffen war der Wille des Erlösers (15. Kap.).
f) in der vollkommenen Entäußerung. Die Liebe entblößt die Seele von
allen menschlichen Wünschen und von den edelsten Anhänglichkeiten, da-
mit sie mit umso mehr Ruhe, Reinheit und Einfalt nichts anderes liebe als das
Wohlgefallen an seiner göttlichen Majestät. – Wir können aber nicht lange in
dieser Blöße bleiben; wir müssen uns wieder mit verschiedenen Neigungen be-
kleiden, vielleicht sogar mit denselben, denen wir entsagt haben, – aber nicht,
weil sie uns, sondern weil sie Gott angenehm sind, und wie er es wünscht (16.
Kap.).
Wenn die Bücher VI bis IX wohl Kern und Höhepunkt des Werkes sind, so
bieten die Bücher X bis XI doch noch wertvolle Ergänzungen. 27
X. DAS X. BUCH erörtert das Gebot, Gott über alles zu lieben, 28 uzw.:
1. die Schönheit des Gebotes der Gottesliebe. Alles im Weltall ist darauf
hingeordnet. Gott erlaubt nicht nur, ihn zu lieben, sondern er befiehlt es.
Das vor allem wird die Qual der Verdammten sein, Gott nicht lieben zu können (1.
Kap.). Im Himmel ist Gottesliebe nicht Gebot, sondern fließt aus dem
Besitz Gottes und wird frei von allen Hemmnissen sein (2. Kap.). Wir können
und sollen hier auch anderes als Gott lieben; wir lieben Gott auf verschiedene
Weise; der Wert der Liebe hängt von der Erhabenheit der Beweggründe ab (3.
Kap.).
2. Die Stufen der Gottesliebe sind: a) Die Neulinge lieben Gott, daneben
aber viele eitle und gefährliche Dinge; ihre Liebe ist echt, aber gebrechlich. –
b) Eine höhere Stufe ist die jener, die gefährliche Anhänglichkeiten entsagt
haben, aber Dinge, die Gott geliebt wissen will, übertreiben und zu leiden-
schaftlich lieben. Sie lieben Gott wohl über alles, aber nicht in allem, sondern
sie lieben Menschen ohne ihn und außerhalb seiner (4. Kap.). – c) Die dritte
Stufe umfaßt die Seelen, die nur lieben, was Gott will und so wie Gott es will.
– d) Über ihnen stehen die Seelen, die nur Gott in allem lieben, d. h. nur
Anhang B 335

Gott lieben, auf dem Kalvarienberg wie auf dem Tabor. Von diesen gibt es nur
wenige, Maria und einige Heilige. – Im allgemeinen gehen die meisten von
einer Stufe zur anderen über (5. Kap.).
3. Die Liebe Gottes über alles. Diese Eigenschaft ist allen Gottliebenden
gemeinsam und soll die herzlichste, innigste, allgemeinste, erhabenste und
standhafteste Liebe sein. Allen Arten der Liebe (väterliche, kindliche usw.) muß
die Liebe Gottes über alles vorgezogen werden; seine ganze Seele und alle Kräfte
muß man Gott weihen (6. Kap.). Ein sicheres Kennzeichen echter Gottesliebe ist,
wenn irgendeine große Liebe zu Geschöpfen sich der göttlichen Liebe wider-
setzt und durch sie überwunden wird, – mag auch die Liebe zu Geschöpfen
sich öfter, heftiger und zärtlicher äußern (7. Kap.). Echte Gottesliebe muß
jede Schwierigkeit überwinden (8. Kap.). Es ist eine Häresie, eine Auswahl unter
den Geboten Gottes zu treffen. Dann ist eben die Liebe zu Gott nicht eine
Liebe über alles (9. Kap.). Diese Liebe über alles verlangt, daß wir Gott
mehr als uns selbst lieben. Im Himmel sind die Seligen durch die Schau Gottes
genötigt, Gott zu lieben; hier auf Erden aber nicht, weil wir Gott nur ah-
nen; aber auch dieses Ahnen Gottes weist auf unsere angeborene Neigung
hin, Gott zu lieben. Ohne sie können wir keine rechten Menschen sein (10.
Kap.).
4. Die heilige Gottesliebe ist Ursprung der Nächstenliebe und Quelle
des Eifers. Ursprung der Nächstenliebe, weil der Mensch nach dem Bild Gottes
geschaffen ist, so daß wir Gott im Menschen lieben und den Menschen in Gott
(1. Kap.). – Quelle des Eifers, der Glut der Liebe. Er ist gut oder schlecht,
wie die Liebe gut oder schlecht ist. Daher der Unterschied von Eifer, Eifersucht
und Neid (12. Kap.). Gott eifert mit uns ; seine Eifersucht ist aber nicht
eine des Begehrens, sondern der höchsten Freundschaft. Er will, daß in unser
Herz nichts eindringe, was sich mit seiner Liebe nicht verträgt. Die Furcht
keuscher Bräute muß die gottliebende Seele erfüllen. Ihr Eifer muß klug und
weise sein (13. Kap.). Eifersucht ist verkehrter Eifer. Der echte Eifer be-
kämpft alles, was Gott entgegen ist; er macht uns brennend für die Reinheit
der Seele und läßt uns fürchten, nicht ganz von Gott in Besitz genommen zu sein
(14. Kap.). Der Eifer bedarf weiser Lenkung und darf nicht in Zorn ausarten
(15. Kap.). Dem widersprechen nicht Beispiele einiger Heiliger, da diese unter
Einsprechung Gottes standen. Man kann den Eifer betätigen durch Aktionen,
Tugendwerke und Leiden (dies besonders). Kennzeichen des wahren und fal-
schen Eifers (16. Kap.).
Im Schlußkapitel dieses Buches (17. Kap.) zeigt Franz von Sales, wie der
Herr alle erhabensten Liebesakte geübt hat.
XI. DAS XI. BUCH 29 zeichnet die oberste Herrschaft der heiligen Liebe
über alle Tugenden, Handlungen und Vollkommenheiten der Seele.
1. Über alle Tugenden: a) Durch ihre Gegenwart. Wenn auch alle Tugenden
Gott wohlgefällig sind, auch die der Heiden, und der Mensch mit seinen na-
türlichen Kräften doch manches vollbringen, freilich nicht alle Gebote halten
und die schweren Versuchungen überwinden kann (1. Kap.), so macht doch die
heilige Liebe die Tugenden Gott weit wohlgefälliger, als sie es ihrer Natur nach
sind; sie werden durch die Verbundenheit mit Christus zur Würde heiliger
Werke erhoben, so werden auch die kleinsten Werke geadelt und fruchtbar (2.
336 Anhang B

Kap.). Durch die Gegenwart der heiligen Liebe empfangen alle Tugenden ei-
nen neuen Glanz und eine höhere Würde; aber die Tugenden des Glaubens,
der Hoffnung, Gottesfurcht, Frömmigkeit, Buße und andere, die sich besonders
auf Gott beziehen, empfangen nicht nur durch die Liebe einen höheren Wert,
sondern folgen ihr und dienen ihr auch bei allen Gelegenheiten, weshalb wir
sie besonders pflegen müssen (3. Kap.).
b) Durch ihre Wirksamkeit. Wenn aber Tugenden auf Befehl der Liebe geübt
werden, dann heiligt die heilige Liebe diese Tugenden noch erheblicher, ob sie
nun Werke der affektiven oder effektiven Liebe oder andere Tugenden sind (4.
Kap.). Die einzelnen Tugenden haben dann das Aroma der Heiligkeit von der
Liebe, der sie aufgepfropft sind. Bei gleicher Liebe behalten die Tugenden
ihren Rang, bei größerer Liebe werden die kleinsten Tugenden wertvoller (5.
Kap.). So verleiht die Liebe hohen Wert den aus ihr und anderen Tugenden
hervorgegangenen Handlungen, weil sie gefärbt sind mit dem Blut des Gottes-
sohnes. Wenn auch aus sich schwach, werden sie fruchtbar, weil die Liebe des
Heiligen Geistes sie durchtränkt (6. Kap.). Liebe ist das Leben der Seele. Deshalb
beginnt Tugendleben mit der Liebe und stirbt ab, wenn die Liebe stirbt. Die
vollkommenen Tugenden sind nie von einander getrennt. Deswegen ist es auch
nicht echte Tugend, wenn eine Tugend angestrebt, eine andere aber abgelehnt
wird. Gelegenheiten zu Tugenden können fehlen, aber die Liebe zu allen muß
da sein (7. Kap.). Die Liebe aber begreift alle Tugenden in sich. Gott läßt uns
auf der höchsten Spitze des Geistes den übernatürlichen Quell der Liebe entsprin-
gen, der sich über alle Fähigkeiten und Handlungen ergießt, um ihnen die vier
Kardinaltugenden, Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Starkmut zu verlei-
hen. Treffen diese vier Ströme auf natürliche Tugenden, so vervollkommnen sie
diese; finden sie aber keine, so übernimmt die Liebe deren Aufgabe (8. Kap.).
Diese Tugenden gewinnen ihre Vollkommenheit aus der heiligen Liebe. Sie
belebt alle, vervollkommnet alle, kann aber selbst durch nichts vervollkommnet
werden (9. Kap.). Deshalb waren auch die von den alten Heiden geübten Tugenden
unvollkommen (10. Kap.).
2. Über die Handlungen. Die ohne göttliche Liebe vollbrachten Handlun-
gen sind wertlos, wenn sie durch schlechte Beweggründe verdorben sind. Ist
die Liebe in der Seele erstorben, dann sind die früheren Tugenden „ertötet“, und
solche, die im Zustand der Sünde vollbracht werden, kommen tot zur Welt (11.
Kap.). Durch die Wiederkehr der heiligen Liebe leben die „ertöteten“ Werke aber
wieder auf (12. Kap.). Der Mensch verrichtet jede Handlung eines Zieles wegen; er
kann dem natürlichen Zweck einen anderen hinzufügen oder ihn ändern; die-
ser kann gleich gut oder besser sein. Das höchste Motiv ist das der Gottesliebe
(13. Kap.). Reinigen wir daher unsere Absichten, indem wir ihnen als Beweg-
grund die heilige Liebe geben und gute Motive mit der heiligen Liebe würzen
und durchtränken und so alle Tugenden unter den Gehorsam der Liebe stellen
(14. Kap.).
3. Über alle Vollkommenheiten der Seele, uzw.
a) Die Liebe schließt die Gaben des Heiligen Geistes in sich, die unsere Seele
geschmeidig und gehorsam gegen göttliche Eingebungen machen (15. Kap.). Un-
ter ihnen setzt die bräutliche Furcht die größte Liebe voraus; die knechtische
Furcht führt die Tugenden in die Seele ein, schwindet aber in dem Maße, als die
Anhang B 337

Tugenden einziehen (16. Kap.). Da aber die Liebe immer in Gefahr ist, besonders
bei schweren Versuchungen, so scheidet die knechtische Furcht erst dann ganz
aus, wenn wir ins ewige Leben eingehen (17. Kap.). Die knechtische Furcht
vor Gottes Strafgerichten kann heilsam sein. Edler ist die Furcht, den Him-
mel zu verlieren. Kindliche Furcht nennt man die, Gott zu beleidigen. Ist sie
mit der knechtischen Furcht verbunden, so bleibt sie doch Gott wohlgefällig
und nützlich (18. Kap.).
b) Die heilige Liebe schließt die zwölf Früchte des Heiligen Geistes und die
acht Seligkeiten des Evangeliums in sich. Der hl. Paulus sagt: „Die Frucht
des Geistes ist Liebe, Freude ...“, weil die Liebe die einzige Frucht des Geistes
ist, aber eine Unzahl herrlicher Eigenschaften besitzt, die sie alle beseelt. Sie ist
auch eine Seligkeit, nicht nur, weil sie die Gewißheit des ewigen Lebens gibt,
sondern auch irdischen Frohsinn in hohem Maße verleiht (19. Kap.).
c) Die Liebe gebraucht alle Leidenschaften und Affekte und unterwirft
sie ihrem Gehorsam. Alle Regungen der Seele gehen von der Liebe aus. Herrscht
die Gottesliebe, dann unterwirft sie sich königlich jede andere Liebe, die
sinnliche, wie die Eigenliebe, die immer im Kampf mit der Gottesliebe
steht; sie unterwirft sie entweder durch Entfachung einer entgegengesetzten
Leidenschaft oder einer stärkeren Leidenschaft gleicher Art (20. Kap.). Trau-
rigkeit al lerdings ist fast immer nutzlos, ja sogar dem Dienst der heiligen
Liebe entgegengesetzt. Traurigkeit dieser Welt hat als Ursache den Teufel, der
gerne im Trüben fischt. – Die Traurigkeit echter Buße soll nicht niedergeschlagen,
sondern tätig für Gott machen, sie ist gemäßigt durch die Hoffnung. Verstörte
Reue kommt nicht von Gott, sondern von der Eigenliebe (21. Kap.).
XII. DAS XII. BUCH 30 schließt das Werk ab durch einige Ratschläge für
den Fortschritt der Seele in der heiligen Liebe.
1. Der Fortschritt in der heiligen Liebe hängt nicht von der natürlichen
Veranlagung ab. Sowohl die liebevoll, wie die herb Veranlagten können Gott
lieben, wenn auch nicht in gleicher Weise (1. Kap.).
2. Das Verlangen nach Gottesliebe soll beständig sein. Fühlen wir die-
ses Verlangen, so wissen wir, daß wir zu lieben beginnen. Es soll aber unersätt-
lich sein (2. Kap.). Um darin zu wachsen, muß man jedes andere Verlangen
abstellen. Wer sich ständig in Entwürfen und Wünschen ergeht, verlangt nicht
nach der heiligen Liebe, wie er soll. Wer sich in irdische Geschäfte vertieft,
wird schwer und spät zur Blüte der Liebe kommen (3. Kap.). Freilich ziehen Beruf
und Pflicht nicht von Gott ab, sondern nur sinnlose Trödeleien und Verskla-
vung an das Irdische (4. Kap.). Erfüllung äußerer Pflichten stört nicht die
Liebe (5. Kap.).
3. Übung der Liebe. Es bedarf nicht großer Pläne, um sich in der Liebe
zu üben; diese dienen oft nur der Selbstgefälligkeit. All die kleinen Über-
windungen, Kämpfe usw. sind fruchtbar, wenn sie aus Liebe geschehen (6.
Kap.). Deshalb muß man große Sorgfalt darauf verwenden, alles so gut als
möglich und aus Liebe zu verrichten (7. Kap.). Gewiß geschieht alles zur Ehre
Gottes, wenn wir im Zustand der Liebe sind; wir sollen aber doch dafür
sorgen, daß sie aus Liebe geübt werden. Das geschieht bei denen, die sich
Gott geweiht haben oder sich zu einem Gott hingegebenen Leben entschlos-
sen haben. Eine besondere Aufopferung bei jedem Werk ist dann nicht not-
338 Anhang C

wendig (8. Kap.). Allerdings ist es wertvoll, diese Hingabe täglich im Morgen-
gebet zu erneuern. Bei wichtigen Handlungen sind tiefere Erwägungen am Platz
(9. Kap.). Wenn wir unsere Willensfreiheit durch die heilige Liebe Gott zum
Opfer bringen, werden wir wirklich frei, während die Eigenliebe uns versklavt
und wir durch sie die Freiheit für das ewige Leben erst recht verlieren (10.
Kap.).
4. Beweggründe der Liebe. Es sind: Gottes Güte, seine Vorsehung, die Gna-
den und die Glorie (11. Kap.). Um sich von diesen Beweggründen zu einer
mächtigen Liebe entflammen zu lassen, muß man sie auf sich anwenden, in
ihrem ewigen Ursprung und im Erlöser betrachten, der sie uns verdient und
zuwendet (12. Kap.). Der gewaltigste Beweggrund der Liebe ist das Leiden und
Sterben Jesu. Der Kalvarienberg ist die wahre Hochschule der Liebe (13. Kap.).

C.
QUELLEN DER,,ABHANDLUNG ÜBER DIE GOTTESLIEBE“.

Franz von Sales hat in jüngeren Jahren und zum Teil auch noch später
viel gelesen. Er beherrscht nicht nur die katholische und protestantische Kontro-
vers-Literatur, wie es die vielen Zitate in seinen Streitschriften zeigen, son-
dern auch die dogmatische, aszetische und mystische Literatur seiner Zeit.
Die vielen Hinweise in der „Anleitung zum frommen Leben“, in der „Abhand-
lung über die Gottesliebe“ und in seinen Briefen bezeugen dies. Natürlich hat er
von seinen gründlichen theologischen Studien her eine große Kenntnis der Heili-
gen Schrift, der Väter und der Theologen des Mittelalters und seiner Zeit, die
ja eine Blütezeit theologischen Schrifttums war. 1
I. ES IST NUN NICHT LEICHT FESTZUSTELLEN, welche geistliche Schrift-
steller, welche Theologen, welche Richtungen Franz von Sales entscheidend beein-
flußt haben. In den letzten Jahren sind wichtige Arbeiten über diese Frage
erschienen, die aber noch lange nicht alles geklärt haben.
Die theresianischen (und im allgemeinen die spanischen) Einflüsse auf Franz
von Sales hat in mustergültiger, streng wissenschaftlicher Weise Pierre Serou-
et untersucht. 2 Den ignatianischen Einflüssen auf Franz von Sales ist Antonas
Liuima nachgegangen. 3 Die franziskanischen Einflüsse auf Franz von Sales
hat Claude Quinard 4 untersucht, aber auch Serouet (S. 51-58). Antoine-J. Dani-
els, 5 Huyben 6 und Quinard haben Einflüsse der flämischen Mystiker auf Franz
von Sales festgestellt.
Mgr. Pierre Veuillot7 hat im besonderen die Quellen der salesianischen Lehre
vom heiligen Gleichmut untersucht, – und im allgemeinen die Quellen der
salesianischen Mystik P. Hubert Pauels OSFS in seiner Doktordissertation. 8
Mit Recht sagt Serouet, 9 daß hier noch viele Einzeluntersuchungen nötig wären,
um klar zu sehen, welche Beiträge die einzelnen Schriftsteller geleistet haben.
Nun ist das nicht so leicht festzustellen. Bei manchen Einzelfragen, wo Schriftsteller
theresianische Einflüsse behauptet haben, zeigt Serouet, daß Theresia und
Franz von Sales aus der traditionellen christlichen Lehre der Frömmigkeit
geschöpft haben oder einfach aus den Worten Jesu und der Apostel. Das
Anhang C 339

gleiche gilt von anderen Theologen, denen Einflüsse auf Franz von Sales zuge-
sprochen werden.
Außerdem darf man sich nicht vorstellen, daß Franz von Sales von dem
einen Schriftsteller diesen Gedanken, von einem anderen wieder einen anderen
Gedanken genommen, also eine Art Mosaikbild aus verschiedenen Steinchen
zusammengesetzt habe. Dazu hatte er wohl als vielbeschäftigter Bischof keine
Zeit. Sicher hat die Lektüre ihm viel gegeben, sie hat in Verbindung mit seinen
Erfahrungen in ihm die große Synthese aufgebaut; aber er war sich, außer in
einzelnen bestimmten Fragen, wohl kaum mehr bewußt, wem er diesen oder
jenen Gedanken verdanke, und in vielen Fragen mag er auch selbständig zu ähnli-
chen Resultaten gekommen sein wie andere Schriftsteller.

II. DENNOCH GIBT ES MÖGLICHKEITEN, zu erkennen, woher Franz


von Sales sowohl die große Struktur seines Werkes, wie auch manche Einzel-
heiten desselben empfangen hat. Wir ersehen dies aus der Zahl der Zitate, aus
ausdrücklichen Äußerungen des Heiligen, aus der Gleichheit der Bilder und
Beispiele (dies ist aber mit Vorsicht zu beurteilen). Allerdings hat Franz von
Sales alles in seiner Weise verarbeitet. Er ist ein tiefer, selbständiger Theolo-
ge, er ist ein hervorragender Psychologe, ein geistlicher Lehrer, ein erfahrener
Seelsorger und vor allem ein Heiliger.
1. Als Theologe hat Franz von Sales sorgfältig aus den klassischen Quellen
einer jeden echten Theologie geschöpft.
a) Die Lehre Jesu und der Urkirche ist das sichere Fundament, auf dem
Franz von Sales sein Lehrgebäude errichtet. Auf 200 Stellen aus den Evange-
lien, auf etwa ebensovielen Stellen aus den Briefen des hl. Paulus und ca. 50
Stellen aus den anderen Schriften des Neuen Testamentes baut Franz von
Sales in der „Abhandlung“ seine Ausführungen über Wesen, Bedeutung, Ur-
sprung und Abstieg der Gottesliebe, über ihre Übungen, Verwirklichungen
und Tätigkeiten auf. – Er zieht auch das Alte Testament reichlich heran. Die
geschichtlichen Bücher (etwa 160 Zitate) geben ihm vor allem Vergleiche und
Beispiele, Weisheitsbücher und Propheten (ca. 130 Stellen) Mahnungen und
Aufrufe, die Psalmen (fast 200 Zitate) glühende Gebetsrufe, das Hohelied
(ca. 150 Zitate) glückliche Ausdrucksformen für das Erleben der Gottesliebe.
b) Von den griechischen Vätern haben wir in der „Abhandlung“ 22 Zitate
(besonders von Gregor von Nazianz und Chrysostomus), von den lateinischen Vätern
etwa 90 Zitate, davon ca. 70 aus den Werken des hl. Augustinus. Der im
Mittelalter und in der Renaissancezeit so hochgeschätzte Pseudo-Dionysius
scheint nur mit 17 Zitaten auf. – Wir ersehen daraus, daß von allen Vätern der
hl. Augustinus aufs tiefste die „Abhandlung“ beeinflußt hat.
c) Das Konzil von Trient zitiert Franz von Sales zwölfmal als maßgebende
Autorität in Fragen des Gnadenlebens. Auch andere Konzilien werden von
ihm, allerdings seltener, angeführt.
d) Von den großen Theologen des Mittelalters und der Neuzeit ist Thomas
von Aquin der am meisten (dreizehnmal) zitierte und verehrte. Neben ihm
kommt eigentlich nur Bonaventura zur Geltung (9 Zitate). Andere Theologen
werden nur vereinzelt angeführt.
2. Der Psychologe kommt vor allem im I. Buch zu Wort. Augustinus, Tho-
340 Anhang C

mas von Aquin und Pseudo-Dionysius sind hier seine Gewährsmänner. Franz
von Sales spricht aber selbst ein gewichtiges Wort mit und scheut sich nicht,
diesen großen Autoritäten zu widersprechen, wenn ihre Angaben mit seinen Er-
fahrungen und Denkergebnissen nicht im Einklang stehen.
3. Der erfahrene Seelsorger und Zeuge mystischen Erlebens ist
a) sorgfältig den mystischen Erfahrungen der Vergangenheit und seiner Zeit
nachgegangen und hat sie mit seinen eigenen Erfahrungen und mit den Ergeb-
nissen seiner theologischen Forschung verglichen.
Wohl schon in Padua mag der Heilige sich in die Berichte mystischer Erleb-
nisse vertieft haben. Seine oftmaligen Hinweise auf italienische Mystiker wie
Franz von Assisi (15 mal angeführt), Katharina von Genua (6 mal), Katha-
rina von Siena (9 mal), Angela von Foligno (4 mal), weisen auf intensive
Beschäftigung mit dem Leben dieser Heiligen hin. Auch hat sich Franz von
Sales mit einer Reihe von italienischen geistlichen Schriftstellern und spani-
schen, ins Italienische übersetzten Autoren vertraut gemacht, vor allem mit dem
Theatiner Scupoli, mit dem Dominikaner Ludwig von Granada, Diego Stella
und anderen, von denen wir noch hören werden. Übersetzungen deutscher und
flämischer Schriftsteller scheint er damals noch nicht gelesen zu haben.
Der große Reichtum flämischer und deutscher Mystik dürfte ihm in Paris
bekannt geworden sein. Frankreich war ja damals von einer Menge von Über-
setzungen dieser Meister überschwemmt. Franz von Sales scheint ihnen und
dem Kapuziner Benoit de Canfeld, der ähnlichen Geistes war, zunächst abwartend
gegenüberzustehen. 10
Die spanische Mystik trat mit der Übersetzung des Lebens und der Werke
der großen hl. Theresia in sein Blickfeld. Er naht sich ihr zunächst nur zö-
gernd und wird immer prüfend und sichtend auch ihr gegenüberstehen, mit
der Zeit aber ihre Erfahrung als echte Mystik bejahen und sie in seine große
Synthese einbauen. 11
b) Er selbst hat schon in früheren Zeiten echte mystische Erlebnisse ge-
habt, sein Gebetsleben vereinfacht sich immer mehr und nach Jahren wird die
diskursive Betrachtung zur ganz sich in Gott versenkenden Beschauung, 12
wie auch sein Wille der Fesseln der Eigenliebe und irdischen Anhänglichkeiten
entledigt, durch den „hochheiligen Gleichmut“ mit dem göttlichen Willen immer
mehr eins wird. 13
So kann er Zeuge und kundiger Berater tief mystischer Seelen werden, einer
hl. Johanna Franziska von Chantal,14 einer Schwester Rosset und manch anderer
Schwester im Klösterchen von der „Galerie“, der Wiege des Ordens der Heim-
suchung Mariä, und auch deren mystische Erlebnisse in sein großes Werk
hineinarbeiten. 15

III. SUCHEN WIR NUN KURZ ZU SKIZZIEREN, welche geistlichen Strömun-


gen Franz von Sales in sich aufgenommen, die seine großen Schriften ent-
scheidend beeinflußt haben, so konstatieren wir:
1. In seiner Jugend vor allem franziskanische Einflüsse. 16 In Paris verkehrte
er als Student viel bei den Kapuzinern. Der Laienbruder Ange de Joyeuse, aus
herzoglichem Geschlecht, hatte es ihm besonders angetan. 17 Als Jura-Student
in Padua dürfte er sich in die Lebensgeschichte der großen italienischen Heiligen
Anhang C 341

vertieft haben. Der liebeglühende hl. Franziskus wird immer wieder mit gro-
ßer Liebe und ausführlich als der große Liebende in der „Abhandlung“ gezeichnet.
Weitgehend hat auch franziskanische Theologie seine theologischen Schriften
beeinflußt. Duns Scotus ist, wenn auch nicht ausdrücklich zitiert, Pate gestanden
bei den Auffassungen des Heiligen vom Zweck der Menschwerdung, vom Wesen
der Gnade, von den moralischen Tugenden und den sieben Gaben des Heiligen
Geistes. 18 Der hl. Bonaventura ist nach St. Thomas der in der „Abhandlung“
am häufigsten zitierte Theologe (9 mal), allerdings mehr als Heiliger denn als
Theologe. Der „Geistliche Kampf“ Scupolis ist nach neueren Forschungen
sehr stark franziskanisch orientiert. 19 Wir wissen, welche Bedeutung dieses
Buch für Franz von Sales hatte. – Calvet bemerkt (S. 62), daß nach neueren
Arbeiten bei Franz von Sales der Akzent nicht auf der Askese, sondern auf der
Liebe liege und Franz von Sales mehr mit der franziskanischen Überlieferung
verbunden sei.
2. Seine Studien im Kolleg der Jesuiten zu Paris, seine Beziehungen zum
berühmten P. Possevino S.J. in Padua, sowie seine warme Freundschaft mit
einer Anzahl von Jesuiten (besonders P. Fourrier, P. Polliens) ergeben wichti-
ge ignatianische Einflüsse, wohl mehr erkennbar in der „Anleitung“ als in der
„Abhandlung“ und im Konkreten noch nicht genügend ergründet. – Großen Ein-
fluß hat auf Franz von Sales der gelehrte Kardinal, der hl. Bellarmin SJ. aus-
geübt, durch den er sehr wahrscheinlich Zugang zu den Theorien Duns Scotus’
gefunden hat. 20
3. Trotz mancher Abweichungen von den Auffassungen des hl. Thomas von
Aquin ist doch der Doctor angelicus der große Lehrer des hl. Franz von Sa-
les. 21 Nach P. Chenu und P. Lavaud ist die Struktur der „Abhandlung“ durch-
aus thomistisch. 22 Vom Dominikaner Ludwig von Granada, einem der Schrift-
steller, die Franz von Sales am meisten empfiehlt, strahlen auch starke thomi-
stische Einflüsse auf ihn aus; vielleicht durch Ludwig von Granada auch Gei-
stesgut der deutschen Mystiker aus dem Predigerorden.
4. Daß die hl. Theresia von 1604 ab einen steigenden Einfluß auf die Auf-
fassungen des hl. Franz von Sales nahm, ist aus seinen Briefen an die hl.
Johanna Franziska von Chantal und an Frau Brulard ersichtlich. 23
5. Obwohl der große Mystiker Johannes vom Kreuz seine klassischen Gedichte
und Erklärungen bereits in den Jahren 1578-1584 niedergeschrieben hatte
und es an sich theoretisch möglich war, daß Franz von Sales Abschriften da-
von zu Gesicht bekam (gedruckt wurden sie erst 1618 und ins Französische
übersetzt im Jahre 1622), so deutet doch nichts darauf hin, daß Franz von
Sales von ihnen Kenntnis genommen hätte.
6. Es sind auch keine Einflüsse der sogenannten „französischen Schule“
Berulles auf Franz von Sales oder umgekehrt erkenntlich, obwohl beide großen
Männer miteinander befreundet waren. Vielleicht ist dies damit zu erklären,
daß ihre Stoßrichtung verschieden war. Berulle war ganz auf die Reform des
Klerus ausgerichtet, während Franz von Sales das wesentliche christliche Leben
in Welt, Kloster und Klerus im Auge hatte.
7. Was Serouet von den Beziehungen des hl. Franz von Sales zu den Werken
der hl. Theresia sagt 24 , darf wohl ausgedehnt werden auf die Einflüsse, die auf
342 Anhang D

Franz von Sales von den verschiedensten Seiten eingewirkt haben: „Hätten wir
diese Arbeit zum Ruhm der hl. Theresia unternommen, um Franz von Sales als
Schüler der hl. Theresia zu charakterisieren, so wären wir jetzt verlegen, da wir
daran sind, diese Arbeit zu beschließen. Die dauernde Beschäftigung mit den
Werken des hl. Franz von Sales hat uns vor allem von seiner tiefen Originalität
überzeugt ... Der Einfluß der hl. Theresia auf Franz von Sales ist wohl unbe-
zweifelt, aber nicht notwendig, wohl begrenzt, aber doch sehr fruchtbar“ (D.
th.). 25 Franz von Sales ist ganz Franz von Sales, seine Schriften geistlichen
Lebens sind ganz sein Werk. Vielen Einflüssen gegenüber war er wohl aufge-
schlossen, hat aber alles gesichtet und nur das aufgenommen, was seiner Ge-
samtauffassung geistlichen Lebens (die wesentlich auf den Evangelien und
dem hl. Paulus gegründet war) entsprochen hat, in der die heilige Gottesliebe
Ziel, Mittelpunkt und Weg ist.

D.
NACHWIRKUNGEN DER „ABHANDLUNG“.

I. BIS ZUM JAHRE 1660, also 40 Jahre lang, steht das katholische Frank-
reich im Bann des hl. Franz von Sales (Calvet 66 u. 91). Er hat zusammen mit
der hl. Theresia und den Oratorianern in Frankreich, in dem es bis dahin
(wenn man den hl. Bernhard ausnimmt) keine Mystiker gegeben hat, die ver-
schiedenen mystischen Strömungen, die um diese Zeit (durch die vielen Über-
setzungen spanischer, italienischer und besonders niederländischer und deutscher
Mystiker) Frankreich überschwemmten, geklärt, Überschäumendes ausgeschie-
den, ihre mächtigen Kräfte aber gefaßt und in einen das christliche Leben
weithin befruchtenden und wertvolle Frucht tragenden Strom vereint. Darü-
ber sind sich wohl alle Historiker des religiösen Lebens jener Zeit wie Bre-
mond, 1 Calvet, 2 Cognet, 3 Daniel Rops 4 usw. einig.
Wenn auch die „Abhandlung“ nicht so viele Auflagen erlebte wie die „An-
leitung“, so doch einige noch zu Lebzeiten des Heiligen. 5 Franz von Sales erwähnt
selbst eine italienische Übersetzung. 6 Dom Mackey zählt noch englische, spanische,
deutsche, polnische und lateinische Übersetzungen auf. 7
Es ist auch selbstverständlich, daß dieses Werk nicht so volkstümlich wer-
den konnte wie die „Anleitung“. Während diese im 17. Jahrhundert in Hän-
den aller religiös Gesinnten war, setzt die „Abhandlung“ doch ein tieferes inner-
liches Leben und tieferes Wissen voraus, wie schon der berühmte Vaugelas
bemerkt hat. 8 Umso tiefer aber wirkte die „Abhandlung“ in den Kreisen der
„Stillen im Lande“.
Die schnelle Verbreitung der Klöster von der Heimsuchung Mariä im 17.
Jahrhundert und der Eifer, der in ihnen herrschte, ist sicher auch dem Ein-
fluß dieses Werkes zuzuschreiben. Wie viele Schriftsteller und Prediger in
die Schule des „Theotimus“ gegangen sind, ist nicht leicht festzustellen. Bremond
nennt den Jesuiten Binet, den Bischof Camus, den Pater Hercule, den Dominikaner
Piny, den Oratorianer J. B. Noullon usw. Nach Daniel Rops hat der hl. Vin-
zenz von Paul die definitive Linie seines Lebens durch Franz von Sales gefun-
den. 9 Daniel Rops nennt noch den Franziskaner Bona, den Kapuziner Yves von
Anhang D 343

Paris, den Dominikaner Charon und die große Ursuline Maria von der Mensch-
werdung. 10 Schließlich muß auch Fénelon als großer Anhänger des hl. Franz von
Sales genannt werden, wenn er auch in einigen Punkten seinen Meister mißver-
standen hat.

II. VOM „ZUSAMMENBRUCH DER MYSTIK“ spricht Bremond anläßlich


der Ve r u r t e i l u n g F é n e l o n s , 11 u n d C o g n e t b e n e n n t s e i n We r k ü b e r d e n
Quietistenstreit „Abenddämmerung der Mystiker“. 12 Tatsächlich ist mit der
Verurteilung des Quietismus die Mystik anscheinend zum Stillstand gekommen.
Verschiedene Ursachen haben dazu beigetragen:
1. der Quietistenstreit im innerkirchlichen Raum; 13
2. die Irrlehre des Jansenismus 14 und der Gallikanismus, in Österreich der
stark jansenistisch infizierte Josephinismus;
3. der steigende Einfluß der Freigeister in Frankreich, 15 die „Aufklärung“
im deutschen Raum, meistens begünstigt durch das Staatskirchentum.
So nimmt es auch nicht wunder, wenn der Einfluß eines diesen Zeiterscheinun-
gen total entgegengesetzten Werkes zeitweise zurückgeht. Er lebt gewiß weiter
in dem Orden, den der hl. Franz von Sales gegründet hat; er beeinflußt ein-
zelne große Persönlichkeiten wie Joh. Bapt. de la Salle,16 den Gründer der Schul-
brüder, den hl. Paul vom Kreuz, 17 den Gründer der Passionisten, die Jesuiten
Crasset, die Chinamissionäre SJ. Louis de Gad und Roy, 18 und andere.
Aber es sind Einflüsse auf einzelne; die Ströme mystischen Lebens, die von
Franz von Sales ausgingen, scheinen versiegt zu sein.

III. SIE SCHEINEN VERSIEGT ZU SEIN, in Wirklichkeit fließen sie weiter und
seit dem Ende des 19. Jahrhunderts brechen sie wieder kraftvoll aus ihrer
Verborgenheit hervor. Seit einigen Jahrzehnten können wir mit Freude ein
stetes Wachsen des salesianischen Einflusses auf das Geistesleben der Christen-
heit feststellen.
Gewiß hat dazu wesentlich die Erhebung des Heiligen zum Kirchenlehrer durch
Pius IX. beigetragen, die wohl die letzten Zweifel an der Rechtgläubigkeit
des hl. Franz von Sales verscheucht hat.
Einen großen Beitrag leistete auch die trotz der Aufnahme einiger Fäl-
schungen 19 mustergültige Ausgabe der Werke des Heiligen durch die Heimsu-
chung von Annecy, die jetzt erst ein gründliches Studium der Werke und
besonders der Briefe des Heiligen ermöglichte.
Dazu kam das Entstehen von Ordensgemeinschaften, die sich unter den
Schutz des Heiligen stellten, wie die Missionare des hl. Franz von Sales von
Annecy, die Salesianer Don Boscos, die Oblaten und Oblatinnen des hl. Franz
von Sales und verschiedene weibliche Kongregationen, wie z. B. die Schwestern
vom Guten Hirten, außerdem ein Säkularinstitut des hl. Franz von Sales.
Seit der Jahrhundertwende ist eine Anzahl von Studien über Franz von Sales
und im besonderen über die „Abhandlung“ erschienen. Gute Übersetzungen
ins Englische, 20 Deutsche,21 Italienische 22 und Spanische23 machen Franz von Sales
auch außerhalb des französischen Sprachraumes bekannt.
So stehen wir inmitten eines neuen salesianischen Frühlings. Es ist zu wün-
344 Anhang E

schen und zu hoffen, daß er noch viele schöne Blüten und reiche Früchte
vertieften innerlichen Lebens zeitigen wird.

E.
DIE THEOLOGIE DER „ABHANDLUNG“.

Im Rahmen dieser Hinweise kann nur eine kurze Skizze der Theologie der
„Abhandlung“ gegeben werden. Hoffentlich wird daraus ersichtlich sein, daß
Franz von Sales nicht nur ein genialer Psychologe, sondern auch ein vollen-
deter Theologe war; daß er nicht nur eine volkstümliche Erklärung der theo-
logischen Lehren gegeben hat, wie Leclerq behauptet, 1 sondern eine große
selbständige Zusammenschau der wichtigen theologischen Fragen.
I. GRUNDLAGE EINES JEDEN THEOLOGISCHEN SYSTEMS muß ein richtiger
Gottesbegriff sein. Franz von Sales hat nun die Unendlichkeit Gottes mit kräf-
tigen Strichen gezeichnet (Abh. 2,1 u. 2), hat die Gerechtigkeit Gottes unterstri-
chen, die durch seine Barmherzigkeit gemildert ist (9,1; 10,1; 2,4). Das Hauptan-
liegen des Heiligen, sein Zentralgedanke aber ist die Liebe Gottes. Die Liebe
drängt Gott, sich uns zu schenken (1,15). Aus Liebe hat Gott in uns die
Neigung gelegt, ihn zu lieben (1,18), aus Liebe hat Gott die Menschwerdung
seines Sohnes und die Mitteilung seiner Güte auf Engel und Menschen be-
schlossen. Liebe verursachte die Erlösung (2,5). Eine Fülle von Gnaden ergoß
Gott aus Liebe über die Menschen (2,7). Gott verkündet seine leidenschaftli-
che Liebe zu uns. Dauernd ruft er zur Bekehrung auf, so unendlich ist seine
Liebe (2,8). Seine Liebe kommt uns zuvor, daß wir ihn lieben (2,9). Es liegt
nicht an Gottes Güte, wenn wir nicht einen hohen Grad der Liebe besitzen,
denn seine Gnaden ergießen sich überreich auf uns (2,11). Gott zieht uns mit
den Banden der Liebe an (2,12) ... Ich halte inne. Man könnte das ganze
Werk zitieren, so oft und so eindringlich spricht Franz von Sales immer
wieder vom Gott der Liebe.
II. VON EWIGKEIT HER waltet geheimnisvolles Leben in Gott: Zeugung des
göttlichen Wortes vom Vater, die L