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derderderderder HeimsuchungHeimsuchungHeimsuchungHeimsuchungHeimsuchung MariäMariäMariäMariäMariä zuzuzuzuzu AnnecyAnnecyAnnecyAnnecyAnnecy (1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)(1892-1931)

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Auswahl, Übersetzung und Erklärungen

von P. Anton Nobis OSFS

ISBN 3-7721-0064-3 Alle Rechte vorbehalten. © Franz Sales Verlag, Eichstätt 2. Auflage 2004 Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt

VORWORT

Mit diesem Band wird die deutsche Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales abgeschlossen, die P. Dr. Franz Reisinger OSFS geplant, be- gründet und bis zu seinem Tod (am 23. Januar 1973) geleitet hat. Sie ist die bisher umfangreichste deutsche Ausgabe von Werken des Heili- gen; als erste beruht sie auf der vollständigen Ausgabe der ‚Oeuvres‘ von Annecy, die 26 Foliobände umfaßt und als quellenkritisch aner- kannt ist. Von Anfang an auf 12 Bände geplant, kann diese deutsche Ausgabe naturgemäß nur eine Auswahl bieten, die aber „nichts We- sentliches von der Lehre des Heiligen übergehen“ soll. (Vorwort Band 1, Seite 12). Vollständig wiedergegeben werden die beiden vom Autor veröffent- lichten Hauptwerke, die ‚Anleitung zum frommen Leben‘ (Band 1) und die ‚Abhandlung über die Gottesliebe‘ (Band 3 und 4) sowie die nach seinem Tod durch Johanna Franziska von Chantal herausgege- benen ‚Geistlichen Gespräche‘ (Band 2). Eine Auswahl mußte getrof- fen werden aus 11 Bänden mit über 2000 Briefen (Band 5-8), aus 4 Bänden mit Predigten (Band 9) und aus 5 Bänden ‚Opuscules‘ mit kleineren Schriften verschiedener Sachgebiete. Eine Änderung der ursprünglichen Planung ergab sich im Verlauf der Herausgabe in zwei Fällen: statt der geplanten zwei Bände mit Predig- ten gab es nur einen (Band 9, aber je eine Gruppe von Predigten in Band 10 und 12), die auf einen Band berechnete Auswahl von Kontro- versschriften mußte auf zwei Bände (Band 10 und 11) erweitert wer- den, um sowohl die ‚Kontroversen‘ als auch die ‚Verteidigung der Kreu- zesfahne‘ und den Titel I des ‚Codex Fabrianus‘ ungekürzt zu veröffent- lichen und eine Reihe von Texten aus den ‚Opuscules‘ zugänglich zu machen, die bisher in deutschen Ausgaben kaum bekannt sind. Der Leitgedanke bei der Auswahl war, das Wesentliche der geistli- chen Lehre des hl. Franz von Sales dem deutschen Leser zugänglich zu machen; daher sind z. B. nicht enthalten die humanistischen Freund- schaftsbriefe an Antoine Favre, zahlreiche administrative Dokumente, die Konstitutionen des Ordens der Heimsuchung, die Statuten der Bru- derschaft vom heiligen Kreuz, des ‚Heiligen Hauses‘ von Thonon, der

Académie florimontane, etc. Außerdem konnte auf vieles verzichtet werden, was vor allem dem wissenschaftlichen Studium dient, wie Va- rianten, die éditio princeps der ‚Philothea‘, die erste Redaktion eines Teils der ‚Abhandlung über die Gottesliebe‘, eine Fülle von biographi- schen und textgeschichtlichen Angaben, die den gediegenen Charakter der Annecy-Ausgabe belegen, die deutsche Ausgabe jedoch zu sehr belastet hätten. All dies wurde aber bei der Redaktion benützt für die Einführungen zum Verständnis und für die notwendigen Anmerkun- gen. Nach der Absicht des Initiators soll diese Ausgabe „als Ganzes ein klares Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bischofs“ geben (Band 1, S. 12). Nach den bisher erschienenen Bänden kann man sagen, daß sie noch mehr bietet; so auch ein Bild des geistlichen Schriftstellers und Theologen, das Pater Reisinger im Anhang zum ‚Theotimus‘ (Band 4) skizziert hat; des Ordensgründers aus den ‚Geistlichen Gesprächen‘ und vielen Briefen, besonders an Johanna Franziska von Chantal (Band 5) und an Schwestern der Heimsuchung (Band 7). In der Korrespon- denz im Überblick (Band 8) hat Pater Reisinger versucht, auch ein Bild des Menschen und Heiligen Franz von Sales anzudeuten durch die Hin- weise auf seine innere Verfassung und Entwicklung in den verschiede- nen Lebensabschnitten. Dieser abschließende Band soll nun dem Ge- samtbild, vor allem dem Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bi- schofs, noch deutlichere Konturen geben durch eine Auswahl von Pa- storalschriften und von kleineren Schriften spirituellen Inhalts, vor al- lem aus den ‚Opuscules‘. Von Anfang an als ‚Handlanger‘ an der Arbeit für diese Ausgabe beteiligt und mit den Absichten ihres Herausgebers vertraut, habe ich nach seinem unerwarteten Tod die Aufgabe übernommen und versucht, das Werk nach seinem Plan und in seinem Sinn zu Ende zu führen. Um es für eilige Leser, besonders für Seelsorger brauchbarer zu machen, ist eine ‚Enzyklopädie‘ geplant, in der die Grundgedanken und Charakte- ristika der salesianischen Spiritualität in dieser Ausgabe aufgeschlos- sen werden sollen. Möge dieses Werk vielen von Nutzen sein, um mit Franz von Sales zu sprechen: „zur größeren Ehre Gottes und zum Heil der Seelen.“

Eichstätt, 28. Dezember 1982

P. Anton Nobis OSFS

InhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersichtInhaltsübersicht

Vorwort

5

A. Pastoralschriften

Einführung

11

I. Das Bischofsamt

12

1. Die bischöfliche Lebensregel

12

2. Ratschläge für Antoine de Revol

18

3. Eine Lebensregel für André Frémyot

22

4. Zeugnis für Pierre Fenouillet

23

5. Zwei Briefe an Jean-Pierre Camus

24

6. Über den Titel Monseigneur

26

II. Der Brief über die Predigt

29

III. Die Leitung der Diözese

50

1. Der Stand der Diözese Genf

50

2. Die Diözesansynode

57

Konstitutionen der Synode vom 2. Oktober 1603

58

Konstitutionen der Synode vom 20. April 1605

62

Konstitutionen der Synode vom 12. April 1617

66

3. Bestimmungen für die Katechese

71

Für die Stadt Annecy

71

Für die Pfarreien der Diözese

72

4. Weisungen für die Beichtväter

74

Fragment von Ratschlägen für die Beichtväter

87

Weisungen für die Unterscheidung der Geister

88

5. Aus dem Rituale der Diözese Genf

91

Vorwort

91

Vorlage für die Verkündigung

95

Rechtfertigung von Riten

102

IV. Die Führung und Förderung der Seelsorger

104

1. Ermahnung zum Studium

104

2. Über ein Lehrbuch der Theologie

106

3. Vorsorge für gute Seelsorger

108

4. Mitarbeiter im geistlichen Amt

113

V. Die Reform der Klöster

118

1. Die Abtei Notre Dame von Sixt

125

2. Die Abtei Notre Dame von Abondance

137

3. Das Priorat von Talloires

140

4. Das Priorat von Contamine

146

B. Schriften des geistlichen Lebens

Einführung

149

I. Selbstzeugnisse

151

Regeln für den Empfang der heiligen Kommunion – Die geistliche Kommunion

151

Die Lebensregel von Padua

152

1. Die Übung der Vorbereitung

152

2. Persönliche Führung, um den Tag gut zu verbringen

154

3. Übungen des geistlichen Schlafes oder der Ruhe

157

4. Regeln für Beziehungen und Begegnungen

160

5. Die öftere Kommunion: Vorbereitung und Danksagung

162

Außergewöhnliche Gnaden

164

Fragmente über die seligste Jungfrau

165

Zwei Gebete zur seligsten Jungfrau

168

II. Christliches Leben in der Welt

170

Über die christliche Vollkommenheit

170

Worin die Vollkommenheit besteht – Stufen des Gehorsams

172

Ratschläge für die Baronin von Chantal

174

Geistliche Ratschläge

175

Gebet der werdenden Mutter

181

Das Geheimnis des Friedens

182

Über die Liebe im Urteilen

183

Ratschläge gegen Traurigkeit und innere Unruhe Von der Unruhe (186) – Von der Traurigkeit (187) – Kennzei- chen der schlechten Traurigkeit (188) – Einige Heilmittel (190)

185

III. Gebet und religiöse Übungen

193

Avis, den Tag gut zu verbringen

193

Avis für die Morgenübung

194

Morgenübung und Übung der Wiedervereinigung

196

Weisung, um der Messe recht beizuwohnen

197

Stoßgebete und Gedanke an den Tod

198

Gegenstände der geistlichen Einkehr

199

Weisung für die Abendübung

201

Ratschläge zu den vorhergehenden Übungen

201

Fragment der Betrachtungsmethode

202

Betrachtung über die Kreuzigung

203

Ratschläge für die Betrachtung

212

Meditation über die Geburt Jesu Christi

215

Kleine Abhandlung über die heilige Kommunion

216

Meditation vor der Monatskommunion

226

Memorandum über die gute Beichte

228

Über das Kreuzzeichen

246

Methode des Rosenkranzgebetes

246

IV. Leichenrede für den Herzog de Mercoeur

249

V. Zur Spiritualität des Ordenslebens

279

Pflichten durch Profeß und Amt

279

Meditation zur Standeswahl

283

Das Geheimnis der Berufung

284

Die Perle der Vollkommenheit

288

Absicht und Erwartungen beim Eintritt

294

Absage an Welt, Fleisch und Eigenwillen

302

Das Vorbild des Erlösers: die evangelischen Räte

309

Fragment über Amt und Gehorsam

314

Der Preis der reinen Liebe

316

Die hochheilige Demut

320

Auf die Versuchung gefaßt sein

326

Ratschläge für die Gewissenserforschung

340

Ratschläge für Obere

340

VI. Vom Geist der Heimsuchung

342

Zweck und Absicht der Gründung 342

Regel und Konstitutionen

343

Die hauptsächlichen Tugenden

346

Übung der Demut (346) – Übung der Sanftmut (347) – Übung der Einfachheit (348) – Übung der Bescheidenheit (349) – Übung der brüderlichen Liebe (349) – Übung der Abtötung (350) – Übung der Geduld (350) – Übung des Gehorsams (351) – Übung der Keuschheit (352) – Übung der Hochherzigkeit (352) – Übung der starken inneren Frömmigkeit (353) – Übung der Gleichför- migkeit mit dem Willen Gottes (353) Ratschläge für das geistliche Leben 354 Über den Gehorsam (354) – Über die Demut (356) – Über die Sanftmut (357) – Über die Einfachheit (358) – Über die Hoch- herzigkeit (359) – Über das Reden (360) – Wie man sich erhe- ben muß, wenn man gefallen ist (362) – Wie man nach dem hö- heren Seelenteil leben soll (364) – Wie man jeden Tag seine gu- ten Vorsätze erneuern soll (365) – Über die Gottes- und Nächs- tenliebe (368) – Über Trockenheit und Unfruchtbarkeit (370) –

Über Versuchungen, besonders gegen die Berufung (370) – Über Abneigungen (371) – Über die Melancholie (372) – Über das Chorgebet (374) – Über das Gebet (375). Persönliche Ratschläge für meine Besserung 378 Ratschläge für einzelne Schwestern 383

Die Oberin in der Heimsuchung

388

VII. Das Geistliche Direktorium Vom Aufstehen der Schwestern und von der Ausrichtung der Intention (402) – Vom göttlichen Offizium (404) – Die Feier der heiligen Messe (405) – Von der Gewissenserforschung (406) – Vom Essen und von der Rekreation (407) – Vom Stillschweigen (409) – Vom Schlafengehen (411) – Von den Beichten (411) – Wie man zur heiligen Kommunion gehen soll (413) – Auffas- sung unseres hochverehrten Vaters über das Geistliche Direkto- rium (415).

402

Anmerkungen

417

Namen- und Sachregister

425

A.A.A.A.A. PPPPPastoralschrifastoralschrifastoralschrifastoralschrifastoralschriftententententen

Die Biographien des hl. Franz von Sales schildern sein Wirken als Priester und Bischof vor dem geschichtlichen Hintergrund eines politisch durch Kriege erschütterten Landes und einer religiös gespaltenen und teilweise desorganisier- ten Diözese, deren Bischof im Exil lebte, seinen persönlichen Einsatz um die zum Calvinismus abgefallenen Gläubigen zurückzuführen; die langwierigen Ver- handlungen, um die materiellen Grundlagen für die Reorganisation des katho- lischen Gottesdienstes und der Seelsorge zu schaffen.

Seine Schriften vermitteln einen unmittelbaren Eindruck vom Geist und von den Methoden dieses Wirkens. Sie zeigen seine hohe Auffassung vom Bischofs- amt, wie er sie für sich selbst und für befreundete Bischöfe dargestellt hat. Die Dokumente über die Leitung der Diözese geben Einblick in die damalige kirch- liche und pastorale Situation sowie in die Wege, die Franz von Sales für die Verbesserung der Seelsorge einschlug. Eine wichtige Voraussetzung dafür war die Förderung und Führung der Seelsorger, eine Hebung ihres Bildungsstandes und die Reform ihrer Lebensführung.

Wirksame Hilfe in der Seelsorge fand der Bischof in Ordensleuten, besonders in den Kapuzinern und Jesuiten, die schon im Chablais seine Mitarbeiter waren, später in den Barnabiten, die er in der Jugenderziehung einsetzte, und in den Feuillanten. So sehr er sie schätzte und förderte, so sehr bedrückte ihn der Verfall der monastischen Klöster in seiner Diözese, ihre Reform blieb eine dornenvolle Aufgabe bis an sein Lebensende. Seine Reformversuche in Frauen- klöstern sind bereits in Band 7 enthalten, deshalb werden hier nur Männerklö- ster behandelt.

Bei all diesen Texten ist aus dem geschichtlichen Zusammenhang zu erklären, was zeitbedingt ist; es trägt dazu bei, das Bild des Heiligen als Seelsorger und Bischof zu vervollständigen. Sie erhalten aber auch zeitlos gültige Elemente einer Spiritualität der Seelsorge und der Seelsorger.

I. Das Bischofsamt

1. Die bischöfliche Lebensregel 1

1.

Erstens, was das Äußere betrifft, wird Franz von Sales, Bischof von Genf, keine seidenen Kleider tragen, noch solche, die kostbarer sind als jene, die er bisher getragen hat; sie sollen jedoch sauber und sei- nem Körper gut angepaßt sein. Er wird an seinen Füßen keine Schuhe mit Pantoffeln oder Galo- schen tragen, sowohl weil das nach der Eitelkeit der Welt aussieht, als auch, weil es durch die Statuten seiner Kirche verboten ist. Er wird nie ohne Rochet und Mozetta in die Kirche gehen, noch in die Stadt; und er wird das bezüglich der Mozetta sogar im Haus beob- achten, soweit es möglich ist. Im Haus, in der Kirche und in der Stadt wird er stets, soweit es die Umstände erlauben, sein Birett tragen. Er wird am Finger nur den Ring tragen, den man den Hirtenring nennt, den die Bischöfe tragen müssen als Zeichen der Verbindung, die sie eingegangen sind und die sie ihrer Kirche verpflichtet hält, nicht weniger streng als die Gatten ihren Ehefrauen. Er wird keine parfümierten oder sehr teuren Handschuhe tragen, noch einen seidenen und gefütterten Muff; er wird aber wählen, was dem Anstand, der Höflichkeit und der Notwendigkeit entspricht. Sein Gürtel kann aus Seide sein, doch nicht kostbar, und an ihm befestigt wird er seinen Rosenkranz tragen. Seine Schuhbänder sollen nicht aus Seide sein, ebenso nicht seine Kniestrümpfe. Seine Tonsur wird stets so sein, daß man sie sehr gut erkennen kann‚ sein Bart rund, nicht spitz, und ohne Schnurrbart, der die Oberlippe bedeckt. Er wird sich bemühen, keine unnötigen und überflüssigen Diener zu haben. Davon wird er zwei Geistliche haben, von denen einer alle seine Geschäfte führt und der andere ihm bei den Gottesdiensten assistiert. Er wird auch mit einem auskommen; aber gegenwärtig nimmt er deren zwei mit Rücksicht auf André de Sauzéa, Doktor des kanonischen Rechtes und Baccalaureus der Theologie; da er ein gu- ter Prediger ist, kann er in dieser Diözese von großem Nutzen sein. Sie werden nach der römischen Art gekleidet sein, wenn es sich ma-

chen läßt, in aller Bescheidenheit, oder auch wie die Priester des Se- minars von Mailand, weil diese Art der Kleidung weniger kostet und bequemer ist. Einen Sekretär, zwei Kammerdiener, den einen für sich, den anderen für die Dienerschaft, einen Koch mit seinem Gehilfen und einen Lakaien, der lohfarben mit violetten Rändern gekleidet ist. Keiner seiner Diener wird einen Federbusch tragen, keinen Degen, keine Kleider von schreiender Farbe, keine langen Haare noch zu aufgezwirbelte Bärte. Sie werden jeden zweiten Sonntag des Monats beichten und kom- munizieren, entsprechend den Statuten der Bruderschaft der Büßer vom heiligen Kreuz, der sie beitreten werden, und werden in der Mes- se des Bischofs kommunizieren. Sie werden jeden Tag der Messe bei- wohnen und an den Sonn- und Festtagen dem ganzen Gottesdienst in der Kathedrale. Alle werden um 5 Uhr aufstehen; an den Festtagen aber, wenn man zur Matutin gehen muß, um 4 Uhr. Sie werden um 10 Uhr abends schlafen gehen; vorher aber werden sie sich im Saal ver- sammeln, um die Litanei zu beten: am Sonntag vom Namen Jesu, am Montag von allen Heiligen, am Dienstag von den Engeln, am Mitt- woch vom heiligen Apostel Petrus, dem Patron der Kirche von Genf, am Donnerstag vom allerheiligsten Sakrament, am Freitag vom Lei- den Unseres Herrn, am Samstag von der glorreichen Jungfrau Maria, unserer Herrin, außer wenn diese Litaneien aus Anlaß irgendeines Festes verschoben werden müssen. Der Bischof wird das Gebet spre- chen, man wird die Gewissenserforschung machen und dann werden sich alle zurückziehen. In jedem Zimmer soll eine Gebetsecke sein und in ihr das Weih- wasser mit irgendeinem frommen Bild und Agnus Dei. Zwei Zimmer sollen tapeziert sein, das eine für die Fremden, das andere, um für Geschäfte zu dienen, d. h. der Saal. Stets wird jemand da sein, der sich damit befaßt, Besucher zu empfangen und hereinzuführen; er wird höflich und freundlich sein und sich bemühen, niemand zu kränken, wer immer es sei. Es ist eine zu große Unverschämtheit bei den Die- nern eines Prälaten, die niederen Geistlichen zu verachten. Alle, die im Dienst des Bischofs von Genf stehen, werden ermahnt und gewöh- nen sich daran, alle höflich zu behandeln, vor allem aber die Priester. Was die Tafel betrifft, sei sie maßvoll und, wie das Konzil sagt, ‚frugal‘ aber doch passend und sauber. Die Priester sitzen an ihr, und soweit es sich machen läßt, nehmen sie die ersten Plätze ein. Jeder

wird für sich die Tafel segnen und ebenso die Danksagung sprechen, ausgenommen an Festtagen; denn da wird der Bischof den Segen und die Danksagung machen, wie er auch an allen Tagen das Gebet spre- chen wird: ‚Herr, segne uns‘, weil das Geringere den Segen des Grö- ßeren empfangen muß (Hebr 7,7). Bis zur Mitte des Mittag- oder Abendessens wird man irgendein frommes Buch lesen; der Rest die- ne ehrenhaften Gesprächen. Das Mittagessen wird um 10 Uhr, das Abendessen um 6 Uhr sein. An den Festtagen wird man sich zum Imbiß nicht setzen; dann ist das Mittagessen um 11 Uhr und der Im- biß (Kollation) um 7 Uhr. Was das Almosen betrifft, muß man die Tage einhalten, die der Hoch- würdigste Herr gewählt hat, damit es öffentlich geschehe. Man muß sich bemühen, daß es im Winter größer ist als im Sommer, besonders von Dreikönig an, denn da bedürfen die Armen dessen mehr; und dazu wird man Gemüse verteilen. Ich weiß nicht, ob es günstig wäre, daß der Bischof das Almosen eigenhändig verteilt, wenn er sieht, daß sich das gut machen läßt: so am Mittwoch der Karwoche oder am Donnerstag und Karfreitag. Beim Mandatum am Gründonnerstag wird man den Armen zu essen geben, bevor man ihnen die Füße wäscht, oder auch nachher, wenn das Mandatum am Morgen gehalten wird, wie es der Hochwürdigste Herr machte. Man muß sich bemühen, daß die Almosen beachtlich sind, die man den Minderbrüdern gibt, den Dominikanern, den Kapuzinern, den Klarissen und dem Hospital, sowohl des Beispiels wegen als auch wegen der größeren Wirksam- keit dem Volk gegenüber. Was andere und außergewöhnliche Almo- sen betrifft, wird die Salbung (1 Joh 2,27) lehren, was zu tun ist. Was die Gottesdienste betrifft, wird der Bischof an allen gebotenen Festtagen der ersten und zweiten Vesper beiwohnen, dem Hochamt und dem Chorgebet, das vor oder nach ihm verrichtet wird; an den Hochfesten aber außerdem der Matutin. Er wird die Messe und das Chorgebet feiern in der Heiligen Nacht und am Tag der Geburt des Herrn, am Dreikönigsfest, am Ostersonntag und Pfingstsonntag, am Fronleichnamsfest, am Fest Peter und Paul und am Fest Petrus in Ketten, dem Patrozinium der Kathedrale von Genf, am Fest der Auf- nahme Unserer lieben Frau, am Allerheiligenfest und am Jahrestag seiner Weihe. – Während der ganzen Oktav von Fronleichnam wird er dem Chorgebet beiwohnen, er wird am vorhergehenden Sonntag predigen, um das Volk auf seine Pflicht hinzuweisen, damit es die

Ablässe gewinnt. Am Festtag, am Sonntag in der Oktav und am Ok- tavtag wird er den Segen in der Kirche der Klarissen halten, sowohl zu ihrem Trost als auch, weil diese Kirche gewöhnlich voller Leute ist und dies der letzte Segen ist, der in der Stadt gehalten wird. Soweit es geschehen kann, wird er sehr oft an den Gottesdiensten und Übungen der Bruderschaft vom heiligen Kreuz, vom heiligsten Sakrament, vom Rosenkranz und vom Kordon teilnehmen, vor allem aber an der vom heiligen Kreuz wegen der Kommunion, die dabei gehalten wird, und er wird sich bemühen, das möglichst oft zu tun. So viel zum Äußeren. Nun, was das Innere betrifft, und an erster Stelle das Studium. Er wird es in der Weise machen, daß er jeden Tag etwas lernen kann, was indessen nützlich und seinem Beruf dienlich ist. Gewöhnlich wird er für das Studium die zwei Stunden zwischen 7 und 9 Uhr morgens zur Verfügung haben; nach dem Abendessen wird er eine Stunde lang irgendein frommes Buch lesen lassen; das wird zum Teil für das in- nerliche Gebet sein. Am Morgen nach der gewohnten Danksagung, der Anrufung des göttlichen Beistands und der Aufopferung seiner selbst wird er eine Stunde lang darüber meditieren, was er sich vorher zurechtgelegt hat. Er wird sich immer in der Gegenwart Gottes halten und ihn bei jeder Gelegenheit anrufen. Was die Stoßgebete betrifft, wird er sie entwe- der aus der Betrachtung am Morgen gewinnen oder aus verschiede- nen Gegenständen, die sich bieten; sie werden mündlich oder geistig sein, je nachdem er vom Heiligen Geist angeregt wird, und er wird sich davon eine kurze Sammlung anlegen, um Gott anzurufen, die seligste Jungfrau, die Engel und die Heiligen, zu denen er eine beson- dere Verehrung hat. Das Offizium wird er gewöhnlich stehend oder kniend rezitieren:

Matutin und Laudes am Abend nach der frommen Lesung; Prim, Terz, Sext und Non zwischen 6 und 7 Uhr morgens, d. h. nach der Betrach- tung; Vesper und Komplet vor dem Abendessen und den Rosenkranz nach der Vesper, mit den Meditationen, zumal er durch ein Gelübde verpflichtet ist, ihn zu beten. Wenn er eine dringende Aufgabe vor- aussieht, kann er die Zeit der Vesper und Komplet vorverlegen. An Festtagen wird er die Horen und die Vesper mit dem Chor rezitieren und den Rosenkranz während des Hochamts beten. Um 9 Uhr mor- gens wird er weggehen, um das hochheilige Meßopfer darzubringen,

das er jeden Tag feiern wird, außer wenn er durch dringendste Not- wendigkeit verhindert ist. Und um es mit größerer Frömmigkeit zu feiern, wird er sich eine Sammlung und Zusammenstellung verschie- dener Erwägungen und Affekte anlegen, durch die die Verehrung für dieses große Geheimnis angespornt werden kann; damit wird er sich befassen und sie erwägen, wenn er das Zimmer verläßt und während er zum Altar geht. Wenn er in der Sakristei angekommen ist, wird er die Vorbereitung nicht zu kurz und nicht zu lang machen, um die Wartenden nicht zu langweilen und zu ermüden; ebenso wird die Danksagung sein. Nach der Messe, bei der er eine Haltung sanfter Würde wahrt, wird er mit niemand sprechen; wenigstens während er zur Messe geht, und vor allem nicht über weltliche Dinge, damit der Geist ganz in sich selbst gesammelt sei. Es wird nicht unangebracht sein, wenn er an sogenannten Tagen der Frömmigkeit die Messe in Kirchen feiert, wo sie gehalten wird, damit das Volk, das dazu kommt, seinen Bischof stets an der Spitze findet; so an den großen Festen dieser Kirchen, und wenn dort Ablässe gewonnen werden. Die Abendübung wird er mit der Hausgemeinschaft halten. Er wird jeden zweiten oder dritten Tag beichten, außer wenn es die Notwen- digkeit anders verlangt, beim fähigsten Beichtvater, den er bequem haben kann, den er nicht ohne Notwendigkeit wechseln wird. Er wird manchmal in der Kirche vor den Augen aller beichten, um allen als Beispiel zu dienen. Außer an den Fasttagen, die die Kirche geboten hat, wird er am Vortag aller Feste Unserer lieben Frau, an allen Freitagen und Samsta- gen fasten. Jedes Jahr wird er während acht, und wenn er kann, mehr Tagen Rekollektion und Reinigung seiner Seele halten und während dieser Zeit wird er sich über seine Erfolge und Fortschritte seit dem letzten Jahr erforschen. Und nachdem er die hauptsächlichen Sünden festge- stellt hat, wird er sich darüber vor seinem Beichtvater anklagen, mit dem er seine schlechten Neigungen und Schwierigkeiten im Guten besprechen wird. Wenn das geschehen ist, wird er viel beten, vor al- lem innerlich, mit der Aufopferung der Messen, die er in dieser Zeit feiert und feiern läßt, um von Gott die notwendige Gnade zu erlangen für seine eigene Führung und die seiner Kirche. Und er wird alle guten Vorsätze und Absichten erneuern, die Gott ihm geschenkt hat. Zu diesem Zweck wird er, bevor er sich zur Beichte einfindet, die Aufzeichnung aller seiner Entschlüsse wieder lesen und von neuem

vermerken, damit er hinzufügen kann, was ihn die Erfahrung gelehrt hat. Die Zeit dieser Rekollektion kann nicht gut festgelegt werden, au- ßer daß die Wochen des Karneval dafür geeignet scheinen, sowohl um nicht Zeuge des Übermuts und der Ausgelassenheit des Volkes zu sein, als auch, um aus der Einsamkeit zur Predigt und zu großen Wer- ken zu schreiten nach dem Beispiel unseres Heilands und Erlösers Jesus Christus und seines Vorläufers, des hl. Johannes des Täufers (Mt 4,1.17; Lk 3,2f; 4,1 ff). Wenn er indessen die Hoffnung hat, das Volk von dieser Ausgelassenheit durch irgendeine größere Übung abzuhalten (wovon in den Artikeln über die Öffentlichkeit zu spre- chen sein wird) 2 , dann wird er für diese Rekollektion eine der Wo- chen zwischen Ostern und Pfingsten wählen müssen, damit der Geist Gottes, den man dabei erwirbt, das Gute dieser Hochfeste und der Fronleichnamsoktav bewirken; auch noch deswegen, weil man zu der Zeit weniger von Geschäften gedrängt wird und weil diese Zeit sehr geeignet ist für die Reinigung der Seele wie des Leibes, zumal die Purgation des Körpers als Vorwand dienen kann für die Läuterung der Seele. – – –

2.

– – – Deshalb beschließe ich mein Tun mit dem großen Verlangen, in dieser kostbaren Liebe Fortschritte zu machen. Und um mich da- für bereit zu machen:

Am Morgen, nachdem ich Gott angerufen und mich ihm übergeben habe, werde ich eine Stunde Betrachtung halten nach dem, was ich vorgesehen habe. Während des Tages werde ich viele Stoßgebete ver- richten, je nachdem mich der Heilige Geist dazu anregen wird. Um die heilige Messe mit größerer Frömmigkeit zu feiern, werde ich mich ebenfalls, bis ich am Altar bin, mit allen Erwägungen und Affekten befassen, durch die die Verehrung für dieses große Geheimnis ange- facht werden kann. Jedes Jahr werde ich acht oder zehn Tage Retraite halten, um den Fortschritt meiner Seele zu prüfen, ihre Neigungen, ihre Schwierig- keiten, ihre Fehler. In dieser Retraite sieht man den Himmel sehr nahe und findet die Erde seinen Augen und seinem Geschmack sehr fern. Weil die heiligen Seelen, die für die Öffentlichkeit verpflichtet sind, dieses Glück nicht genießen können, errichten sie eine Kammer

in ihrem Herzen, wo sie das Gesetz ihres Meisters kennenlernen und es aus seiner eigenen Hand empfangen. Auf diesem Berg, der so hoch ist, daß man dort den Lärm der Geschöpfe nicht hört, erfährt man außerdem, daß Gott gütig und mild ist, wie der Prophet (Ps 34,9) sagt. Durch diese Übung erfahren wir, ob wir in der Tugend Fortschritte machen. Mit einem Wort, in dieser Zeit und an diesem Ort faßt man heilige und gediegene Entschlüsse, nach den Gesetzen der wahren und ewigen Weisheit zu leben.

2. Ratschläge für Antoine de Revol 3

Mein Herr, ich habe zwei Briefe von Ihnen empfangen, auf die ich noch nicht geantwortet habe, denn als sie hier ankamen, war ich nicht hier, sondern in Piemont, wohin ich wegen der zeitlichen Güter die- ses Bistums zu reisen gezwungen war. Nun sende ich Ihnen die Er- mächtigung von Rom, mein Herr, die Sie gewünscht haben; ich hatte sie geöffnet, um zu sehen, ob sie alles enthält, was Sie brauchen; und ich sehe, daß sie alles enthält und noch etwas, was Sie nur zu tun brauchen, ohne irgendwie der Ermächtigung für den Rest vorzugrei- fen, die erforderlich ist. Damit ist also mein Versprechen in diesem Punkt erfüllt. Wenn Sie noch irgendeine Schwierigkeit haben, verfü- gen Sie mit gleichem Vertrauen über mich; ich versichere Ihnen, mein Herr, ich werde nie unterlassen, Ihnen einen Dienst zu erweisen zu Ihrem Trost und für Ihren Geist, von dem ich hoffe, daß Gott ihn zum Dienst vieler anderer verwenden wird. Der zweite Teil meines Versprechens ist für mich viel schwerer zu erfüllen wegen der endlosen Geschäfte, die auf mir lasten; ich glaube ja, daß meine Aufgabe beschwerlicher ist als die jedes anderen im gleichen Amt. Hier ist dennoch eine Zusammenfassung dessen, was ich Ihnen vorzuschlagen habe. Sie treten in den geistlichen Stand ein und gleichzeitig an die Spitze dieses Standes. Ich will Ihnen sagen, was einem Hirten gesagt wurde, der erwählt war, König von Israel zu sein: Du wirst dich zu einem anderen Menschen wandeln (1 Sam 10,6). Sie müssen ein ganz ande- rer werden in Ihrem Leben und in Ihrem Äußeren. Und um diesen großen, feierlichen Wandel zu vollziehen, müssen Sie Ihren Geist umkehren und ihn ganz durchschütteln. Möge es Gott gefallen, daß unser Amt, stürmischer als das Meer, auch die Eigenschaft des Mee-

res habe, daß jene, die sich auf ihm einschiffen, alle schlechten Eigen- schaften ablegen und ausspeien. Dem ist aber nicht so; denn sehr oft schiffen wir uns ein und ganz altersschwach setzen wir das Segel nach dem Wind, und je weiter wir segeln und auf hoher See vorankommen, um so mehr schlechte Eigenschaften nehmen wir an. Doch Gott sei gepriesen, der Ihnen das Verlangen geschenkt hat, es nicht ebenso zu machen; ich hoffe, daß er Ihnen dazu auch das Können schenken wird, damit sein Werk in Ihnen vollendet werde (Phil 1,6; 2,13). Um Hilfe bei dieser Umwandlung zu finden, müssen Sie sich der Lebenden und der Toten bedienen: der Lebenden, denn Sie müssen einen oder zwei recht geistliche Menschen finden, um aus dem Um- gang mit ihnen Nutzen zu ziehen. Es ist eine ganz große Erleichte- rung, Vertraute für den Geist zu haben. Ich übergehe Herrn Duval, der zu allem gut und allgemein für solche Aufgaben geeignet ist. Ich nenne Ihnen dafür einen anderen, Herrn Gallemand, Pfarrer von Aumale; wenn er zufällig in Paris wäre, weiß ich, daß er Ihnen viel helfen wird. Ich nenne Ihnen dafür einen dritten, einen Mann, dem Gott viel gegeben hat, dem man sich unmöglich ohne großen Nutzen nähern kann; das ist Herr de Bérulle. Er ist ganz so, wie ich selbst zu sein wünschen könnte. Ich habe kaum einen Geist gesehen, der mir so gefällt wie dieser; vielmehr, ich habe keinen gesehen und bin keinem begegnet. Er hat aber den Nachteil, daß er sehr beschäftigt ist. Man muß von ihm mit so großem Vertrauen Nutzen ziehen wie von kei- nem anderen, aber mit einiger Rücksichtnahme auf seine Aufgaben. Ich habe einen sehr engen Freund, den Herr Raubon kennt, das ist Herr von Soulfour; er vermag in diesen Dingen sehr viel. Ich wünsch- te, daß Sie ihn kennenlernen, weil ich glaube, daß Sie davon großen Nutzen haben werden. Was die Toten betrifft, müssen Sie eine kleine Bibliothek an geistli- chen Büchern von zweierlei Art haben: die einen für Sie, insofern Sie Geistlicher sein werden, die anderen für Sie, insofern Sie Bischof sein werden. Die von der ersten Art müssen Sie haben, ehe Sie das Amt antreten, sie lesen und von ihnen Gebrauch machen; denn man muß mit dem monastischen Leben beginnen, ehe man zur Verwaltung und zum öffentlichen Leben kommt. Ich bitte Sie, daß Sie den ganzen Granada haben; er soll ihr zweites Brevier sein. Kardinal Borromäus hatte keine andere Theologie für die Predigt als das, und trotzdem predigte er sehr gut. Aber das ist nicht die hauptsächliche Verwen-

dung; die ist vielmehr, Ihren Geist zur Liebe der wahren Frömmig- keit zu bilden und zu den geistlichen Übungen, die für Sie notwendig sind. Meiner Meinung nach sollten Sie ihn zu lesen beginnen mit dem großen ‚Führer der Sünder‘, dann übergehen zum ‚Memorial‘ und ihn schließlich ganz lesen. Um ihn aber fruchtbringend zu lesen, darf man nicht an ihm naschen, sondern muß ihn durchdenken und abwä- gen, Kapitel für Kapitel durchkauen und auf die Seele anwenden mit vielen Erwägungen und Gebeten zu Gott. Man muß ihn lesen mit Ehrfurcht und Frömmigkeit als ein Buch, das die nützlichsten Anre- gungen enthält, die die Seele von oben empfangen kann, um dadurch alle Fähigkeiten der Seele umzugestalten, sie zu läutern durch den Abscheu vor allen schlechten Neigungen und sie auf ihr wahres Ziel auszurichten durch feste und große Entschlüsse. Nach Granada empfehle ich ihnen die Werke Estellas sehr, vor al- lem ‚Über die Eitelkeit der Welt‘, und alle Werke des Jesuiten Arias. Die ‚Bekenntnisse‘ des hl. Augustinus werden äußerst nützlich für Sie sein, und wenn Sie mir glauben, werden Sie diese in Französisch nach der Übersetzung des Bischofs Hennequin von Rennes benützen. Auch der Kapuziner Bellintani ist geeignet, um darin ausdrücklich mehre- re schöne Erwägungen über alle Geheimnisse unseres Glaubens zu finden, ebenso die Werke des Jesuiten Coster. Doch nach allem fällt mir ein, Ihnen die ‚Geistlichen Briefe‘ des Johannes Avila zu emp- fehlen; ich bin überzeugt, Sie werden in ihnen viele schöne Erwägun- gen und Lektionen für sich und andere finden. Und im gleichen Zug empfehle ich ihnen die Briefe des hl. Hieronymus in seinem ausge- zeichneten Latein. Um Ihnen in der Führung Ihrer Geschäfte als Bischof zu helfen, sollen Sie das Buch der ‚Casus conscientiae‘ des Kardinals Toletus haben und es oft gebrauchen. Es ist kurz, leicht und sicher; es wird Ihnen für den Anfang genügen. Lesen Sie die ‚Morales‘ des hl. Gregor und seine ‚Pastoral‘, den hl. Bernhard in seinen Briefen und in den Büchern von der ‚Consideration‘. Wenn Sie aber eine Zusammenfas- sung des einen und des anderen haben wollen, sollen Sie das Buch des Erzbischofs von Braga mit dem Titel ‚Stimulus Pastorum‘ haben, in Latein gedruckt bei Kerner. Die ‚Decreta Ecclesiae Mediolanensis‘ sind notwendig für Sie, ich weiß aber nicht, ob sie in Paris gedruckt wurden. Ebenso wünsche ich, daß Sie die Lebensbeschreibung des seligen Karl Borromäus besitzen, ausführlich beschrieben in Latein von Karl von der Basilica Petri, denn darin werden Sie das Modell

des wahren Hirten finden. Vor allem aber sollen Sie stets das Konzil von Trient zur Hand haben und seinen ‚Katechismus‘. Ich glaube nicht, daß Ihnen das für das erste Jahr nicht genügen wird, denn nur von dem spreche ich. Denn für den Rest werden Sie eine bessere Führung als das haben und selbst durch das, was Sie im ersten Jahr gewonnen haben, wenn Sie sich festigen in der Einfach- heit, die ich ihnen vorschlage. Aber entschuldigen Sie mich bitte, wenn ich mit diesem Vertrauen vorgehe, denn ich vermöchte nicht anders zu handeln wegen der hohen Meinung, die ich von Ihrer Güte und Freundschaft habe. Ich will noch diese zwei Worte hinzufügen. Das eine, daß es unend- lich wichtig für Sie ist, die Weihe zu empfangen mit großer Ehrfurcht und Bereitschaft und mit der vollen Überzeugung von der Größe des Mysteriums. Es wird Ihnen sehr helfen, wenn es Ihnen möglich ist, den Kommentar zu bekommen, den Stanislaus Socolovius dazu ge- schrieben hat unter dem Titel ‚De sacra Episcoporum consecratione et inauguratione‘, wenigstens nach meinem Exemplar; 4 denn es ist wirklich ein schönes Werk. Sie wissen, daß in allen Dingen der An- fang sehr beachtenswert ist, und man kann wohl sagen: primum in unoquoque genere est mensura caeterorum. 5 Der zweite Punkt ist, daß ich Ihnen großes Vertrauen wünsche und eine besondere Verehrung zum heiligen Schutzengel und Fürspre- cher Ihrer Diözese, denn es ist ein großer Trost, bei allen Schwierig- keiten des Amtes zu ihm seine Zuflucht zu nehmen. Alle Väter und Theologen stimmen darin überein, daß die Bischöfe außer dem be- sonderen Engel, der ihnen für ihre Person gegeben ist, den Beistand eines anderen haben, der ihnen für ihre Aufgabe und ihr Amt verlie- hen ist. Sie müssen großes Vertrauen zum einen und zum anderen haben und durch ihre oftmalige Anrufung eine gewisse Vertrautheit mit ihnen schaffen, vor allem für die Amtsführung mit dem für die Diözese, wie auch mit dem heiligen Patron Ihrer Kathedrale. Über- dies, mein Herr, werden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie mich besonders lieben und mir den Trost verschaffen, mir vertrauensvoll zu schreiben; und glauben Sie, daß Sie in mir einen Diener haben und einen Bruder in der Berufung, so treu wie kein anderer. Ich habe zu sagen vergessen, daß Sie unbedingt den Entschluß fas- sen müssen, Ihrem Volk zu predigen. Nach dem Vorbild aller Alten hat das heilige Konzil von Trient (sessio V, cap. 2) bestimmt, daß es „die erste und vornehmste Pflicht des Bischofs ist zu predigen“. Las-

sen Sie sich zu keiner Überlegung verleiten, die Sie von diesem Ent- schluß abbringen könnte. Tun Sie es nicht, um ein großer Prediger zu werden, sondern einfach, weil Sie dazu verpflichtet sind und weil Gott es will. Die väterliche Ansprache eines Bischofs wiegt mehr als die Kunst ausgefeilter Predigten von Rednern anderer Art. Für einen Bi- schof braucht es wenig, um gut zu predigen, denn seine Ansprachen müssen von notwendigen und nützlichen Dingen handeln, nicht von ausgefallenen und gesuchten. Seine Worte seien einfach, nicht gekün- stelt; seine Aktion väterlich und natürlich, ohne Kunst und Berech- nung; und wie kurz sie auch sein mag und wie wenig er sagt, es ist immer viel. Das alles sei für den Anfang gesagt, denn der Anfang wird Sie dann das übrige lehren. Ich sehe, daß Sie Ihre Briefe so gut und flüssig schreiben, daß Sie nach meiner Meinung gut predigen werden, wenn Sie nur ein wenig den Entschluß dazu fassen. Trotzdem sage ich Ihnen, mein Herr, daß man nicht nur ein wenig den Entschluß fassen muß, sondern sehr, und einen guten und unüberwindlichen. Ich bitte Sie, mich Gott zu empfehlen. Ich werde Ihnen die Gegen- leistung erbringen und werde mein ganzes Leben lang sein, mein Herr, Ihr sehr demütiger und ergebener Diener

Franz, Bischof von Genf.

Zu Neci, am 3. Juni 1603.

3. Eine Lebensregel für André Frémyot 6

Monseigneur, um Ihnen zu gehorchen, sende ich Ihnen diese arm- selige Schrift, die für Sie in den meisten Punkten unnütz sein wird. Es ist nicht sicher, ob es nicht wünschenswert wäre, daß unsere bischöf- lichen Häuser diesem Reglement unterworfen sind. Wir wissen, was der hl. Paulus (1 Tim 3,1-5; Tit 1,6-8) sagt; ich weiß aber aus eigener Erfahrung, daß man sich der Notwendigkeit der Zeit, des Ortes, des Anlasses und unserer Aufgaben anpassen muß. Ich gestehe Ihnen, daß ich keine Bedenken habe, von meiner Lebensordnung abzuweichen, wenn mich der Dienst meiner Herde festhält; denn dann muß die Liebe stärker sein als unsere eigenen Neigungen, so gut sie unsere Eigenliebe uns auch erscheinen läßt. Als ich diese Schrift verfaßte, die ich Ihnen sende, war meine Absicht nicht, mich einzuengen, son- dern vielmehr, mir eine Ordnung zu geben, 7 ohne mich zu irgendwel-

chen Gewissensskrupeln zu verpflichten, denn Gott hat mir die Gna- de verliehen, die hochheilige Freiheit des Geistes ebenso zu lieben wie die Zügellosigkeit und Leichtfertigkeit zu hassen. Monseigneur, mit dem großen Bischof von Hippo müssen wir sagen: Amor meus pondus meum (meine Liebe ist meine Last). – – –

4. Zeugnis für Pierre Fenouillet 8

Heiliger Vater! Über die Sitten und die Herkunft des Pierre Fe- nouillet, der vom allerchristlichsten König für den Bischofssitz von Montpellier nominiert wurde, habe ich umfangreiche Zeugnisse ge- sammelt, die nach der Gepflogenheit dem Apostolischen Stuhl über- geben werden. Dabei konnte ich mich nicht enthalten, zu Füßen Eu- rer Heiligkeit als des liebenswertesten und geliebtesten Vaters aller Kirchen den Ausdruck des Glückwunsches darzubringen. Die Diener und Hausgenossen pflegen ja den Familienvater mit Recht zu beglückwünschen, wenn er eine Tochter für eine glückliche und ehrenvolle Heirat bestimmt hat. Die Kirche von Montpellier brauchte um so mehr einen guten Bräutigam, als sie bisher von den Häretikern schlimmste Unbill erleidet. Man kann deshalb nicht zu Unrecht von ihr sagen: Groß wie das Meer ist deine Bedrängnis; wer wird dir Abhilfe schaffen ? (Klgl 2,13). Daher ist es angebracht, daß die Hausgenossen Gottes zunächst jene Diözese, um deren rechte Verleihung es sich handelt, aber auch die römische Kirche als die beste Mutter beglückwünschen. Das mache ich um so lieber und berechtigter, als ich den Mann, um dessen Ernennung es sich handelt, am besten von allen kenne. Er ist nämlich mein Mitbürger, Heiliger Vater, und von seinem ausgezeich- neten Vater in dieser unserer Stadt von Jugend an in der Wissenschaft ausgebildet. Später widmete er sich an anderen Orten mit solchem Eifer und so glücklicher Geistesgabe dem Studium, daß er zum Dok- tor der Theologie erklärt, in kurzer Zeit ein sehr berühmter Prediger wurde. Als er deshalb von mir die Sorge für eine Pfarrkirche empfing und zum Kanonikus unserer Kathedrale berufen wurde, konnte die- ses Talent nicht länger in so engen Grenzen festgehalten werden. So wurde er zu Fastenpredigten nach Paris eingeladen, wo die Kraft sei- ner Rede und Lehre zunächst dem christlichen König zu Ohren kam; darauf stand es ihm nicht mehr frei, daß ihm die Ehre und Bürde des

Hofpredigers zuteil wurde. Dabei zeigte er immer mehr eine Stärke des Geistes und eine Kraft der Lehre; was viele berühmte Männer sonst kaum in vielen Jahren und durch einflußreichste Fürsprecher zu erreichen vermochten, das hat er in drei Jahren erreicht, nämlich, daß er vom König dem Apostolischen Stuhl für die Ernennung zum Bischof von Montpellier vorgeschlagen wurde. Als die Katholiken von Montpellier davon erfuhren, erfüllte sie große Freude und sie sandten einige der Vornehmsten zum König, um im Namen aller für einen so guten Hirten zu danken, der für sie bestimmt ist. Unter diesen Umständen, Heiliger Vater, ist leicht einzusehen, wie glücklich die Entscheidung ist, dieses Bistum diesem Mann anzuver- trauen, der in allen Stufen des geistlichen Amtes geübt, gleichsam als treuer Wächter auf seine Mauern steigt, der Tag und Nacht nicht ab- lassen wird, den Namen des Herrn anzurufen (Jes 62,6). Das wird er um so freudiger tun, wenn Eure Heiligkeit ihn mit väterlichem Wohl- wollen ermutigt, begünstigt und bestärkt. Als sein bisheriger Bischof bitte ich daher ob seiner Verdienste um die Diözese Genf Eure Heiligkeit als den besten Vater beider durch die Verdienste Christi inständig, indem ich Ihre Füße demü- tig küsse

5. Zwei Briefe an Jean-Pierre Camus 9

1.

Monseigneur, ich teile die Freude Ihres Volkes, das den Vorteil hat, aus Ihrem Mund die heilsamen Wasser des Evangeliums zu empfan- gen, und ich freue mich darüber um so mehr, wenn es diese mit der Liebe und Dankbarkeit annimmt, die der Mühe gebührt, die Sie sich machen, um sie so überreich zu verbreiten. Aber man muß von den Kindern viel erdulden, Monseigneur, solange sie klein sind, wohl auch, daß sie die Brust beißen, die sie nährt, und man darf sie ihnen den- noch nicht vorenthalten. Die vier Worte des großen Apostels (2 Tim 4,2) müssen uns als Leitsatz dienen: gelegen oder ungelegen, in aller Geduld und Lehrweisheit. Er stellt die Geduld an den ersten Platz als die notwendigere, ohne die alle Lehrweisheit nichts nützt. Er will wohl, daß wir es erdulden, daß man uns unbequem findet, weil er uns lästig zu fallen lehrt durch sein ‚ungelegen‘. Fahren wir nur fort, den

Acker gut zu bestellen, denn es liegt nicht an dem so unfruchtbaren Boden, daß die Liebe des Arbeiters keine Frucht bringt

2.

Monseigneur, Ihren Brief, den Sie mir freundlicher Weise am 2. Juli schrieben, habe ich erst vor etwa einem Monat erhalten. Seither war ich immer auf Reisen oder krank und konnte Ihnen nicht die Antwort geben, die Sie wünschten, oder besser gesagt, die Antwort, die Sie nicht wünschten, wenn ich die Neigung recht zu verstehen vermochte, die Sie hatten, als Sie mir die Gunst erwiesen, mir zu schreiben. Nun können Sie beurteilen, ob ich Ihrem Wunsch recht zu entspre- chen vermag, da zur gewöhnlichen Schwachheit meines Geistes die außergewöhnliche des Leibes, vermehrt durch die Müdigkeit, die mir vom Fieber geblieben ist, eine neue Vermehrung der Schwäche des Geistes hinzufügt. Aber ein so guter Zuhörer wie Sie wird meine Ab- sicht hinreichend erkennen, obwohl sie schlecht ausgedrückt ist. Erste Feststellung: Die bischöfliche Bürde aus vernunftgemäßen Gründen ablegen wollen, das ist nicht nur keine Sünde, sondern auch ein Akt der Tugend, sei es der Bescheidenheit oder der Demut, der Gerechtigkeit oder der Liebe. Zweite Feststellung: Es wird angenommen, daß jener von echten Gründen dazu bewogen wird, das Bischofsamt niederzulegen, der aufrichtig bereit ist, sein eigenes Urteil über das Niederlegen des Bi- schofsamtes, seinen Wunsch und schließlich die Gründe, auf die er sich stützt, entweder dem Rat kluger Männer oder wenigstens dem Urteil der Vorgesetzten zu unterwerfen und diesem, ob es dafür oder dagegen ausfällt, mit gleicher Bereitschaft Folge zu leisten. Dritte Feststellung: Obwohl der Gedanke und der Wunsch, das Bi- schofsamt aufzugeben, insofern er nur erlaubt ist, keine Sünde ist, enthält ein solches Verlangen dennoch meistens eine große Versu- chung und kommt sehr oft vom bösen Geist. Der Grund dafür ist:

während man die Zeit darauf verwendet, die Bürde abzulegen, gibt man sich gerade noch, ja kaum noch genügend Mühe, sie zu tragen. So wie einer, der sich von seiner Gattin zu trennen wünscht, kaum gleich- zeitig trachtet, sie richtig zu lieben. Es wäre daher besser, sich selbst zu größerem Bemühen anzuspornen, besser zu segeln, als alles Bemü-

hen aufgeben zu wollen, weil du bisher nicht recht gesegelt zu haben glaubst. Es ist also besser, die Augen zum Berg zu erheben, woher uns Hilfe kommt (Ps 121, 1), auf den Herrn seine Hoffnung zu setzen und uns bereitwillig unserer Schwachheit zu rühmen, damit die Kraft Chris- ti in uns wohne (2 Kor 12,9), als nach der Art der Söhne Efraims zur Zeit des Kampfes zurückzuweichen (Ps 78, 9). Denn die auf den Herrn vertrauen, erhalten Flügel wie die Adler, fliegen und gehen nicht zu- grunde (Jes 40,31); die aber untergehen, vergehen wie Rauch (Ps 37,20); und wer furchtsam zum Troß zurückkehrt, hat zwar Ruhe, aber keine größere Sicherheit als jener, der kämpft. Vierte Feststellung: Ich glaube Christus zu hören, der zu mir sagt:

Simon, Sohn des Johannes, oder Petrus Johannes, liebst du mich? Und Petrus Johannes, der antwortet: Du weißt, daß ich dich liebe. Dann schließlich den Herrn, der feierlich befiehlt: Weide meine Schafe (Joh 21,15-17). Es gibt keinen größeren Beweis der Liebe, als diesen Dienst zu erfüllen. – – –

6. Über den Titel Monseigneur 10

Monseigneur, ich bitte Sie sehr demütig, gestatten Sie mir diesen kleinen Starrsinn; denn als Sie wollten, daß ich aus den Briefen, die ich Ihnen sende, die Anrede ‚Monseigneur‘ verbanne, hat sich mein Urteil sogleich von meinem Willen entfernt, der dem Ihren unwider- ruflich ergeben ist; aber es hat sich in meinen Verstand geflüchtet und sich dort verschanzt, so daß ich große Not habe, es daraus entfernen zu wollen. Es ist jedoch nicht so, daß mein Verstand Ihrem Urteil nicht nachgeben wollte, dessen Autorität er überaus achtet und als unumschränkt gegen sich anerkennt; er ist aber überzeugt, daß Sie die Güte und Aufrichtigkeit seiner Absichten in dieser Hinsicht nicht gut verstanden haben. Soll ich es wohl wagen, mit Ihnen zu streiten, Monseigneur? Ich glaube, Ihre Güte wird mich entschuldigen; es ge- schieht einfach, um mich zu erklären. Mit Ihrer Erlaubnis sage ich also: Erstens, ich kann Sie Monseig- neur nennen und dieser Titel ist nicht zu groß für Sie, weder von mir noch von irgendeinem anderen Bischof. Das ergibt sich klar durch die Autorität all der würdigsten Bischöfe der Kirche Gottes, die nicht

nur die Patriarchen und Erzbischöfe mit den erhabensten Titeln an- reden, sondern auch die anderen Bischöfe. Diesem Argument wird der Einwand nicht gerecht, daß alle Priester für Heilige, Selige und Väter gehalten wurden und daß man folglich die Bischöfe zu ihnen rechnen müßte. Nein, Monseigneur, denn alle diese Titel galten ih- rem Stand, ihrer Würde, ihrer Weihe. Zweitens sage ich, daß ich Sie nicht nur Monseigneur nennen kann, sondern daß es angebracht ist, daß ich es tue, und es wäre gut, wenn das durch alle Bischöfe geschähe. Welchen Sinn hat es denn, daß ich die weltlichen Fürsten mit ‚Monseigneur‘ anrede, nicht aber jene, die der Herr zu Fürsten seines Volkes (Ps 45, 17; 113,8) bestellt hat? Und es hilft auch nichts zu sagen: Spielt nicht den Herrn in den Gemeinden (1 Petr 5,3); denn wie ihr nicht herrschen sollt, ist es unsere Pflicht, uns unterzuordnen. Ich bitte Sie, Monseigneur, würdigen Sie diesen Grund des Standes gut. Da wir den weltlichen Fürsten diesen Ehren- titel nicht vorenthalten können, tun wir nicht gut daran, soweit es an uns liegt, in dieser Hinsicht uns denen anzugleichen, von denen man sagen kann, daß uns heute die Jungen verachten, deren Väter nicht wagten, sich mit den niedrigsten Priestern zu vergleichen. Drittens sage ich, daß es sich sehr schickt; denn obwohl Italien und Frankreich voneinander getrennt sind und man die Sprache nicht von Italien nach Frankreich übertragen soll, so ist doch die Kirche nicht getrennt; und die Sprache nicht des Hofes, sondern der Kirche von Rom ist überall gut im Mund der Geistlichen. Deswegen, weil Sie der Papst selbst Monseigneur nannte, ist es geziemend, daß ich dasselbe tue. Es bleibt nur noch das grundlegende Argument Ihres Willens auf- zuheben; aber das kann man nicht aufheben, denn es ist nichts ande- res als Ihre Demut: „damit der Größere an Würde es lieber an De- mut“ sei (Gregor). Ich antworte trotzdem und sage, daß ich alle Bi- schöfe so anrede, denen ich im Geist der Freiheit schreibe, und ich behandle sie bezüglich dieser äußeren Ehrung gleich und überlasse es meinem Inneren, unter einem gleichen Wort verschiedene Grade der Ehrfurcht zu verleihen, je nach meinen verschiedenen Verpflichtun- gen; so geschieht es bei Ihnen, Monseigneur, das versichere ich Ih- nen, mit einer ganz herzlichen, ganz besonderen Ehrerbietung. Das ist es, was ich Ihnen im Vorbeigehen sagen kann, da ich in einer Stunde die Kanzel besteigen werde. Ich erwarte Ihre Befehle, um ih- nen zu gehorchen, denn letzten Endes bin ich bereit, jede Meinung

aufzugeben, die Sie nicht billigen, und in allem und überall Ihrem Willen zu folgen. Aber ich bitte Sie um Vergebung für diesen Streich. Ihre Liebe, die nicht nur alles erträgt und die nicht nur geduldig ist, sondern sanftmütig (1 Kor 13,4.7), wird mich für entschuldbar halten und Sie versichern, daß ich Ihr demütiger und sehr gehorsamer Die- ner bin, Franz, Bischof von Genf.

II. Der Brief über die Predigt 11

Monseigneur, Der Liebe ist nichts unmöglich; ich bin zwar nur ein schwacher und armseliger Prediger, aber die Liebe läßt es mich unternehmen, Ihnen meine Ansicht zu sagen über die rechte Art zu predigen. Ich weiß nicht, ob es Ihre Liebe zu mir ist, die dieses Wasser aus dem Felsen (Num 20,8; Ps 78,16) schlägt, oder ob es meine Liebe zu Ihnen ist, die Rosen aus Dornen erblühen läßt. Erlauben Sie mir dieses Wort ‚Liebe‘, denn ich sage es als Christ, und finden Sie es nicht befrem- dend, daß ich Ihnen Wasser und Rosen verspreche; denn das sind Beinamen jeder katholischen Lehre, so mangelhaft sie auch dargebo- ten wird. Ich will beginnen: Gott möge seine Hand dazu leihen. Um mich an eine Ordnung zu halten, betrachte ich die Predigt nach ihren vier Ursachen: die causa efficiens, finalis, materialis und for- malis, d. h. wer soll predigen, zu welchem Zweck soll man predigen, was muß man predigen und in welcher Weise muß man predigen?

Wer soll predigen ?

Keiner darf predigen, der nicht drei Bedingungen erfüllt: einen gu- ten Lebenswandel, eine gediegene Gelehrsamkeit, eine rechtmäßige Sendung. Ich sage nichts über die Sendung oder Berufung; ich weise nur darauf hin, daß die Bischöfe nicht nur die Sendung haben; sie besitzen deren amtliche Quellen, während die anderen Prediger nur deren Bäche ha- ben. Die Predigt ist ihre erste und große Aufgabe; das sagt man ihnen bei der Weihe. In der Tat empfangen sie zu diesem Zweck bei der Bi- schofsweihe eine besondere Gnade, die sie fruchtbar machen müssen. In dieser Eigenschaft ruft der hl. Paulus (1 Kor 9, 16) aus: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde. Das Konzil von Trient sagt:

„Die erste Pflicht des Bischofs ist es zu predigen.“ Diese Überlegung muß uns Mut machen, denn Gott steht uns in dieser Aufgabe besonders bei; und es ist erstaunlich, welch große Macht die Predigt des Bischofs hat im Vergleich zu der anderer Prediger. So wasserreich die Bäche auch sind, man trinkt doch gern aus der Quelle. Was die Gelehrsamkeit betrifft, so muß sie ausreichend sein, und es ist nicht notwendig, daß sie hervorragend ist. Der hl. Franziskus war

nicht gelehrt und doch ein großer und guter Prediger. Und in unserer Zeit besaß der selige Kardinal Borromäus nur ein recht mittelmäßi- ges Wissen, gleichwohl wirkte er wunderbar. Davon kenne ich hun- dert Beispiele. Ein großer Gelehrter (das ist Erasmus) hat gesagt:

Das beste Mittel, zu lernen und gelehrt zu werden, besteht darin zu lehren; man wird ein Prediger, indem man predigt. Ich will nur das eine Wort sagen: Der Prediger weiß immer genug, wenn er nicht den Eindruck machen will, mehr zu wissen, als er weiß. Verstehen wir nicht gut über das Geheimnis der Trinität zu sprechen? Dann sagen wir darüber nichts. Sind wir nicht erfahren genug, um das Im Anfang war das Wort des hl. Johannes zu erklären? Dann unterlassen wir das. Es fehlt nicht an anderen sehr nützlichen Gegenständen. Es geht nicht darum, alles zu tun. Was den guten Lebenswandel betrifft, so ist er in dem Maß erforder- lich, wie es der hl. Paulus vom Bischof sagt, mehr nicht. Um Prediger zu werden, müssen wir daher nicht besser sein, als um Bischöfe zu werden. Es ist also in der Tat schon gleichviel: Der Bischof muß unta- delig sein, sagt der hl. Paulus (1 Tim 3,2). Ich weise aber darauf hin, daß der Bischof und Prediger nicht nur frei von Todsünde sein muß; er muß vielmehr außerdem auch be- stimmte läßliche Sünden meiden, ja sogar bestimmte Handlungen, die keine Sünde sind. Von unserem Lehrer, dem hl. Bernhard, stammt das Wort: „Possen der Weltleute sind bei Geistlichen Gotteslästerun- gen.“ Ein Weltmensch kann spielen, auf die Jagd gehen, nachts zu Unterhaltungen ausgehen; das alles ist nicht tadelnswert, und wenn es zur Erholung geschieht, keineswegs Sünde. Aber bei einem Bi- schof, einem Prediger werden diese Handlungen zum Ärgernis, und zum großen Ärgernis, wenn sie nicht durch hunderttausend Umstän- de entschuldbar werden, die schwerlich alle zusammentreffen kön- nen. Man sagt: Die haben viel Zeit, das genießen sie nach Herzens- lust. Dann gehen sie hin und predigen die Abtötung; man wird sich über den Prediger lustig machen. Ich sage nicht, daß man nicht zur Erholung ein- oder zweimal im Monat irgendein sehr ehrenhaftes Spiel machen könnte, sondern daß das mit sehr großer Besonnenheit geschehen soll. Die Jagd ist ganz untersagt. Dasselbe sage ich von überflüssigen Ausgaben für Gelage, für Kleider und Bücher. Bei Weltleuten sind das überflüssige Dinge, bei Bischöfen sind sie große Sünden. Der hl. Bernhard belehrt uns und sagt: Die Armen rufen uns nach: „Was ihr

ausgebt, gehört uns; was ihr sinnlos verschwendet, wird uns grausam geraubt.“ Wie sollen wir die Verschwendung der Welt tadeln, wenn wir die unsere zeigen? Der hl. Paulus sagt (1 Tim 3,2; Tit 1,7f): Der Bischof soll gast- freundlich sein. Die Gastfreundschaft besteht nicht darin, Gelage zu veranstalten, sondern darin, gern zu einer Tafel zu laden, wie die der Bischöfe nach der Bestimmung des Konzils von Trient sein muß: Die Tafel der Bischöfe soll frugal sein. Ich nehme bestimmte Gelegenhei- ten aus, die Klugheit und Liebe wohl zu unterscheiden wissen. Indessen soll man nie predigen, ohne die Messe gefeiert zu haben oder sie feiern zu wollen. Es ist nicht zu glauben, sagt der hl. Chryso- stomus, wie schrecklich für die Dämonen der Mund ist, der das heili- ge Sakrament empfangen hat. Und das ist wahr; man kann anschei- nend mit dem hl. Paulus (2 Kor 13,3) sagen: Verlangt ihr etwa einen Beweis, daß Christus in mir spricht? Man hat dann viel mehr Zuver- sicht, Feuer und Erleuchtung. Solange ich in der Welt bin, sagt der Erlöser (Joh 9,5), bin ich das Licht der Welt. Es ist sicher, wenn Unser Herr wirklich in uns gegenwärtig ist, schenkt er uns Erleuchtung, denn er ist das Licht. So wurden auch den Jüngern von Emmaus (Lk 24,31) die Augen geöffnet, als sie kommuniziert hatten. Schließlich muß man aber wenigstens gebeichtet haben, entspre- chend dem Wort Gottes nach der Aussage Davids (Ps 50,16): Zum Sünder aber sagte Gott: Wieso erzählst du von meinen Gerichten und nimmst mein Vermächtnis in den Mund? Und der hl. Paulus (1 Kor 9,27) sagt: Ich züchtige meinen Leib und mache ihn gefügig, damit ich nicht, während ich anderen predige, selbst verworfen werde.

Vom Ziel des Predigers.

Das Ziel ist das Bestimmende bei allen Dingen; es bewegt den Han- delnden zum Tun, denn jeder Handelnde handelt des Zieles wegen und dem Ziel entsprechend. Dieses ist maßgebend für den Stoff und für die Form. Je nach der Absicht, ein großes oder kleines Haus zu bauen, wird man das Baumaterial wählen und das Werk planen. Was ist also das Ziel des Predigers, wenn er predigt? Sein Ziel und seine Absicht muß sein, das zu tun, was zu tun Unser Herr in diese Welt gekommen ist; darüber hat er selbst (Joh 10,10) gesagt: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in überreichem Maß

haben. Das Ziel des Predigers ist also, daß die Sünder, die in der Bosheit tot sind, in der Gerechtigkeit leben und daß die Gerechten, die das geistliche Leben haben, es in noch reicherem Maß besitzen, indem sie sich mehr und mehr vervollkommnen, und wie zu Jeremia (1,10) gesagt wurde: um die Laster und Sünden auszureißen und zu zerstören und die Tugenden und Vollkommenheiten aufzubauen und zu pflanzen. Wenn der Prediger auf der Kanzel steht, muß er daher in seinem Herzen sagen: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in überreichem Maß haben. Um nun das Ziel dieser Forderung und Absicht zu erreichen, muß der Prediger zwei Dinge tun, nämlich belehren und bewegen. Beleh- ren über die Tugenden und die Laster; über die Tugenden, um zu erreichen, daß man sie liebt, schätzt und übt; über die Laster, damit man sie verabscheut, bekämpft und flieht. Das bedeutet, alles in al- lem, dem Verstand Licht und dem Willen Wärme zu geben. Deshalb sandte Gott den Aposteln am Pfingstfest – das war der Tag ihrer Bi- schofsweihe, denn die Priesterweihe hatten sie schon am Tag des letz- ten Abendmahls (Lk 22, 19) empfangen – feurige Zungen (Apg 2,3), damit sie wüßten, daß die Zunge des Bischofs den Verstand der Zuhö- rer erhellen und ihren Willen erwärmen muß. Ich weiß, manche sagen als Drittes, daß der Prediger ergötzen soll. Doch was mich betrifft, unterscheide ich und sage, daß es ein Ergöt- zen gibt, das aus dem Belehren und Bewegen folgt. Denn wo wäre denn eine derart gefühllose Seele, die nicht größte Freude empfände, gut und heilig den Weg zum Himmel kennen zu lernen, die nicht äußersten Trost über die Liebe Gottes fühlte? Und für dieses Ergöt- zen muß gesorgt werden; aber das ist nicht vom Belehren und Bewe- gen getrennt, es hängt damit zusammen. Es gibt eine andere Art von Ergötzen, das nicht mit dem Belehren und Bewegen zusammenhängt, sondern für sich steht und sehr oft ein Hindernis für das Belehren und Bewegen ist. Das ist ein bestimmter Ohrenkitzel, der von einer be- stimmten weltlichen, gewandten und profanen Eleganz kommt, von gewissen Kuriositäten, von der Anordnung der Gedanken, Worte und Ausdrücke, mit einem Wort, das ganz von der Kunstfertigkeit ab- hängt. Was nun das betrifft, bestreite ich fest und sicher, daß ein Pre- diger daran überhaupt denken darf. Man muß es den weltlichen Red- nern, den Scharlatanen und Höflingen überlassen, die sich darin ge- fallen. Sie predigen nicht Jesus Christus den Gekreuzigten (1 Kor 1,23),

sondern sie predigen sich selbst. Folgen wir nicht den Schmeichelei- en der Redner, sondern der Wahrheit der Fischer (Ambrosius). Der hl. Paulus (2 Tim 4,3) verabscheut die Zuhörer, die nach Oh- renkitzel verlangen, folglich auch die Prediger, die ihnen gefallen wol- len. Das ist Gelehrtendünkel. Ich möchte nicht, daß man nach der Predigt sagt: Was für ein großer Redner! Was hat der ein gutes Ge- dächtnis! Wie gelehrt der ist! Wie gut der spricht! Ich wollte dagegen, daß man sagt: Wie schön ist die Buße; wie notwendig ist sie! Mein Gott, wie gut bist du, wie gerecht; und Ähnliches. Oder daß der Zu- hörer seine Zufriedenheit mit dem Prediger nicht besser beweisen kann als durch die Besserung seines Lebens. Damit sie das Leben haben und es in überreichem Maß haben.

Was der Prediger verkünden soll.

Der hl. Paulus sagt (2 Tim 4,2) mit einem Wort seinem Timotheus:

Verkünde das Wort. Man muß das Wort Gottes predigen. Verkündet das Evangelium, sagt der Herr (Mt 16,15). Der hl. Franziskus, dessen Fest wir heute feiern, erklärt das, indem er seinen Brüdern aufträgt, über die Tugend und die Laster, über die Hölle und den Himmel zu predigen. In der Heiligen Schrift steht für all das genug darüber, mehr braucht es nicht. Braucht man sich also der christlichen Theologen und der Bücher der Heiligen nicht zu bedienen? Doch, das muß man wirklich tun. Was ist aber die Lehre der Kirchenväter anderes als das erklärte Evan- gelium, als die Auslegung der Heiligen Schrift? Man kann sagen, mit der Heiligen Schrift und der Lehre der Väter ist es so wie mit einer ganzen Nuß und einer aufgebrochenen Nuß, deren Kern jeder essen kann, oder mit einem ganzen Brot und einem Brot, das in Stücke geschnitten und verteilt ist. Man muß sich ihrer im Gegenteil bedie- nen, denn sie waren die Werkzeuge, durch die Gott uns den wahren Sinn seines Wortes mitgeteilt hat. Aber darf man sich der Geschichten der Heiligen nicht bedienen? Doch, mein Gott, gibt es denn etwas so Nützliches, etwas so Schönes? Aber gewiß, was ist denn das Leben der Heiligen anderes als das in die Tat umgesetzte Evangelium? Zwischen dem geschriebenen Evan- gelium und dem Leben der Heiligen ist kein anderer Unterschied als zwischen einer Musik in Notenschrift und einer gesungenen Musik.

Und wie ist es mit profanen Geschichten? Sie sind gut, aber man muß sie gebrauchen, wie man es mit Pilzen macht: sehr wenig, nur um den Appetit anzuregen; und dann müssen sie gut zubereitet sein; und wie der hl. Hieronymus sagt, muß man mit ihnen verfahren, wie es die Israeliten mit gefangenen Frauen machten, wenn sie diese hei- raten wollten: man muß ihnen die Fingernägel stutzen und die Haare schneiden (Dtn 21,11-13); das heißt, man muß sie ganz in den Dienst des Evangeliums und der wahren christlichen Tugend stellen, alles von ihnen entfernen, was sich an ihnen Tadelnswertes an heidnischen und profanen Handlungen findet, und wie die Heilige Schrift (Jer 15,19) sagt, muß man das Kostbare vom Wertlosen scheiden. Bei der Würdigung Cäsars muß man den Ehrgeiz ausscheiden und darauf hin- weisen, bei der Alexanders die Eitelkeit, den Stolz und den Hochmut, bei der Keuschheit Lukrecias ihren Tod aus Verzweiflung.

Und Fabeln der Dichter? O, von denen überhaupt nichts, außer so wenig, so zur rechten Zeit und mit so viel Vorkehrungen wie einem Gegengift, damit jeder sieht, daß man sich nicht näher damit befassen will; und das alles so kurz, daß es eben genügt. Ihre Verse sind nütz- lich. Die Alten haben sie manchmal verwendet, so fromm sie waren, sogar bis zum hl. Bernhard, von dem ich nicht weiß, wo er sie gelernt hat. Der hl. Paulus hat als erster Aratus (Apg 17,28) und Menander (Tit 1,12) zitiert. Was aber ihre Fabeln betrifft, bin ich keiner in einer Predigt der Alten begegnet, außer einer einzigen von Odysseus und den Sirenen, die der hl. Ambrosius in einer seiner Predigten verwen- det hat. Deshalb sage ich: entweder überhaupt nicht oder so gut wie nicht. Man darf nicht das Götzenbild des Dagon neben die Bundesla- de stellen.

Und die Geschichten aus der Natur? Sehr gut, denn die Welt, die durch das Wort Gottes erschaffen ist, weckt in all ihren Teilen den Gedanken an dieses Wort; alle ihre Teile singen das Lob des Schöp- fers. Sie ist ein Buch, das das Wort Gottes enthält, aber in einer Spra- che, die nicht jeder versteht. Die sie durch die Betrachtung verstehen, tun sehr gut daran, sie zu verwenden, wie es der hl. Antonius machte, der keine andere Bibliothek hatte. Und der hl. Paulus (Röm 1,19f) sagt: Das Unsichtbare an Gott wird durch die Erkenntnis dessen, was geschaffen ist, erkannt; und David: Die Himmel erzählen von der Herr- lichkeit Gottes (Ps 19,1). Dieses Buch ist geeignet für Bilder, für Ver- gleiche vom Geringeren zum Größeren und für tausend andere Din-

ge. Die Schriften der alten Väter sind voll davon, ebenso die Heilige Schrift an unzähligen Stellen: Geh zur Ameise (Spr 6,6); wie die Hen- ne ihre Küken sammelt (Mt 23,37); wie der Hirsch lechzt (Ps 42,1); wie der Strauß in der Wüste (Klgl 4,3); seht die Lilien des Feldes (Mt 6,28), und tausend andere. Vor allem aber hüte sich der Prediger sehr, von falschen Wundern zu erzählen, lächerliche Geschichten wie bestimmte Visionen, die gewissen Autoren der unteren Ebene entnommen sind, unanständige Dinge, die unser Amt tadelnswert und verächtlich machen könnten. So viel, was mir den Inhalt im Großen zu betreffen scheint; es bleibt jedoch noch über die einzelnen Bestandteile des Stoffs der Predigt zu sprechen. Der erste Bestandteil dieses Stoffs sind die Stellen der Heiligen Schrift, die wirklich den ersten Rang haben und das Fundament des Bauwerks bilden; denn schließlich verkünden wir das Wort und unse- re Lehre beruht auf seiner Autorität. Er selbst hat gesprochen; das hat der Herr gesagt, sagten alle Propheten; und Unser Herr selbst: Meine Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat (Joh 7,16). Es ist aber notwendig, daß die Stellen, soweit es möglich ist, wahrheitsgetreu, klar und gut erklärt werden. Nun kann man wohl die Stellen der Heiligen Schrift verwenden, indem man sie auf eine der vier Arten auslegt, welche die Alten angegeben haben:

Der Buchstabe lehrt die Tatsachen; was du glauben sollst, die Allegorie; was du erhoffst, die Anagogie; was du tun sollst, die Tropologie. Hier ist das Versmaß nicht besonders gut, aber es gibt den Reim und mehr noch den Sinn. Was den buchstäblichen Sinn betrifft, so muß er aus den Kommen- taren der Theologen geschöpft werden; das ist alles, was man darüber sagen kann. Es ist aber Sache des Predigers, ihn zur Geltung zu brin- gen, die Worte, ihre Eigenart, ihren Ausdruckswert abzuwägen. So habe ich z. B. gestern in unserem Dorf das Gebot (Dtn 6,5; Mt 22,37) erklärt: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit dem ganzen Geist. Mit unserem hl. Bernhard überlegte ich: Von ganzem Herzen, das heißt mutig, tapfer, glühend, weil dem Herzen der Mut zugehört; von ganzer Seele, das heißt lei- denschaftlich, weil die Seele, insofern sie Seele ist, die Quelle von Leidenschaften und Affekten ist; mit dem ganzen Geist, das heißt gei-

stig, einsichtsvoll, weil der Geist, der höhere Teil der Seele, es ist, dem die Einsicht und das Urteil zugehört, um den Eifer entsprechend der Weisheit (Röm 10,2) und Einsicht zu haben. So muß das Wort ‚lieben‘ abgewogen werden, weil es von ‚auswählen‘ kommt und den buchstäblichen Sinn wahrheitsgetreu wiedergibt, der besagt, daß un- ser Herz, unsere Seele und unser Geist Gott erwählen und allen Din- gen vorziehen müssen; das ist die wahre wertschätzende Liebe, mit der die Theologen diese Worte erklären. Was die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vätern und Theo- logen betrifft, muß man davon Abstand nehmen, die Meinungen vor- zutragen, die zurückzuweisen sind, denn man besteigt die Kanzel nicht, um gegen die Väter und katholischen Theologen zu streiten. Man darf die Schwächen unserer Lehrer nicht aufdecken, und was ihnen als Menschen entschlüpft ist, damit die Heiden wissen, daß sie nur Menschen sind (Ps 9,21). Wohl aber kann man mehrere Ausle- gungen anführen, sie loben und eine nach der anderen auswerten, wie ich es bei den letzten Fastenpredigten mit sechs Auffassungen und Auslegungen der Väter gemacht habe zu den Worten: Sagt, wir sind unnütze Knechte (Lk 17,10); und über die Worte: Es ist nicht meine Sache, euch das zu geben (Mt 20,23). Denn wenn Sie sich erinnern können, habe ich aus jeder recht gute Folgerungen abgeleitet; mir scheint aber, daß ich die Auffassung des hl. Hilarius verschwiegen habe, oder wenn ich es nicht getan habe, war das falsch und ich hätte es tun müssen, weil sie nicht probabel war. Bezüglich des allegorischen Sinns muß der Prediger vier oder fünf Punkte beachten. Der erste ist, einen allegorischen Sinn abzuleiten, der nicht zu gekünstelt ist, wie es jene machen, die alles allegorisie- ren. Er muß vielmehr zwanglos gewonnen werden und sich aus dem Buchstaben ergeben, wie es der hl. Paulus machte; er sah in Esau und Jakob ein Sinnbild des jüdischen Volkes und der Heiden (Röm 9,11- 13), in Zion oder Jerusalem für die Kirche. Zweitens, wo eine Sache nicht ganz augenscheinlich das Sinnbild der anderen ist, soll man die Stellen nicht als Sinnbild der einen für die andere behandeln, sondern einfach in der Art des Vergleichs. So wird z. B. der Ginsterstrauch, unter dem Elija aus Herzeleid ein- schlief (1 Kön 19,4f), von manchen allegorisch als Sinnbild des Kreu- zes erklärt. Ich würde es aber vorziehen, besser so zu sagen: Wie Elija unter dem Ginsterstrauch einschlief, so müssen wir ausruhen unter dem Kreuz Unseres Herrn durch den Schlaf der heiligen Betrach-

tung; ich würde aber nicht sagen: So wie Elija den Christen versinn- bildet, so ist der Ginsterstrauch ein Sinnbild des Kreuzes. Ich möchte nicht behaupten, das eine sei das Sinnbild des anderen, sondern woll- te lieber das eine mit dem anderen vergleichen, denn so ist die Dar- stellung sicherer und weniger zu tadeln. Drittens muß die Allegorie schicklich sein. Darin sind manche zu tadeln, die das Verbot der Heiligen Schrift im 25. Kapitel Deuteron- omium allegorisieren, daß eine Frau den Mann nicht an den unehrba- ren Teilen anfassen dürfe: Wenn zwei Männer miteinander Streit ha- ben und einer den anderen zu mißhandeln beginnt und die Frau des anderen ihren Mann den Händen des Stärkeren entreißen will und da- bei Hand anlegt und seine Schamteile anfaßt, dann sollst du ihr die Hand abhauen und kein Mitleid mit ihr haben. Sie sagen, das sei ein Sinnbild des Unrechts, das die Synagoge begeht, wenn sie den Heiden ihre Herkunft vorwirft und sagt, daß sie nicht Abrahams Söhne sind. Das mag einige Wahrscheinlichkeit für sich haben, aber es ist nicht schicklich, weil dieses Verbot im Geist des Zuhörers eine gefährliche Vorstellung hervorruft. Viertens darf man keine zu weitschweifigen Allegorien anstellen, denn sie verlieren ihren Reiz durch die Länge und scheinen an Kün- stelei zu grenzen. Fünftens muß die Anwendung klar und mit großer Klugheit ge- macht werden, um die Teile geschickt aufeinander zu beziehen. Fast die gleichen Regeln sind zu beachten für den anagogischen und tropologischen Sinn. Davon bezieht die Anagogie die Berichte der Heiligen Schrift auf das, was im anderen Leben geschehen wird, die Tropologie wendet sie darauf an, was in der Seele und im Gewissen vor sich geht. Dafür will ich ein Beispiel bringen, das für alle vier Auslegungen dienen kann. Es sind die Worte über Esau und Jakob (Gen 25,23): Zwei Völker sind in deinem Schoß, und zwei Stämme werden aus deinem Schoß hervorgehen; ein Volk wird über das andere herrschen und das größere wird dem geringeren dienen. Buchstäblich beziehen sich diese Worte auf die zwei Völker, die dem Fleisch nach von Esau und Jakob ab- stammten, nämlich die Idumäer und die Israeliten, von denen das kleinere, das war das der Israeliten zur Zeit Davids, über das größere und ältere der Idumäer herrschte. Allegorisch versinnbildet Esau das jüdische Volk, das in der Kennt- nis des Heils das ältere war, denn den Juden wurde es zuerst gepre-

digt. Jakob versinnbildet die Heiden; sie waren die nachgeborenen, und trotzdem haben die Heiden schließlich die Juden übertroffen. Anagogisch versinnbildet Esau den Leib; er ist der Ältere, denn ehe die Seele erschaffen wurde, war in Adam und in uns der Leib geschaf- fen (Gen 2,7; 1 Kor 15,45f). Jakob versinnbildet den Geist, der jün- ger ist. Im anderen Leben wird der Geist den Leib übertreffen und beherrschen, der ohne Widerspruch der Seele völlig gehorchen wird. Tropologisch ist Esau die Eigenliebe zu uns selbst, Jakob die Got- tesliebe in unserer Seele. Die Eigenliebe ist die Ältere, denn sie ist mit uns geboren; die Gottesliebe ist jünger, denn sie wird durch die Sakramente und die Buße erworben. Trotzdem muß die Gottesliebe die Herrin sein, und wenn sie in einer Seele ist, dient die Eigenliebe und ist ihr untergeben. Dieser vierfache Sinn bietet nun ergiebigen, edlen und guten Stoff für die Predigt und hilft, die Lehre vorzüglich verständlich zu ma- chen. Deshalb muß man sich dessen bedienen, aber unter den glei- chen Bedingungen, von denen ich gesagt habe, daß sie für die Verwen- dung des allegorischen Sinnes erforderlich sind. Nach den Stellen der Heiligen Schrift nehmen die Aussprüche der Väter und Konzile den zweiten Rang ein. Über sie sage ich nur: wenn es nicht recht selten geschieht, muß man kurze, treffende und kraft- volle wählen. Prediger, die daraus lange Zitate anführen, schwächen ihren Eifer und die Aufmerksamkeit der meisten Zuhörer; sie setzen sich außerdem der Gefahr aus, daß ihr Gedächtnis versagt. Kurze und kräftige Aussprüche sind solche wie der des hl. Augustinus: „Der dich erschaffen hat ohne dich, wird dich nicht retten ohne dich“; oder der andere: „Der den Bußfertigen Verzeihung verheißen hat, hat nicht die Zeit zur Buße versprochen“, und ähnliche. Auch Ihr hl. Bernhard hat deren unzählige. Aber nachdem man sie lateinisch zitiert hat, muß man sie wirkungsvoll französisch sagen und sie zur Geltung brin- gen, indem man sie umschreibt und lebendig auslegt. Darauf folgen die Beweise, die eine natürliche Begabung und ein guter Geist sehr gut verwenden kann. Was sie betrifft, finden sie sich bei den Theologen, besonders beim hl. Thomas ausführlicher als an- derswo. Wenn sie gut entwickelt werden, bilden sie einen sehr guten Stoff. Wenn Sie über eine bestimmte Tugend sprechen wollen, neh- men Sie das Inhaltsverzeichnis des hl. Thomas, sehen Sie, ob er darü- ber spricht, und beachten, was er sagt. Sie werden mehrere Begrün-

dungen finden, die Ihnen als Stoff dienen können. Aber schließlich darf man diesen Stoff nur verwenden, wenn man sich wenigstens durch- schnittlichen Zuhörern sehr klar verständlich machen kann. Die Beispiele haben eine erstaunliche Kraft und geben der Predigt eine besondere Würze; sie müssen nur passend sein, gut vorgetragen und noch besser angewendet werden. Man muß schöne und glanzvol- le Geschichten wählen, sie klar und deutlich vortragen und sie le- bensnah anwenden, wie es die Väter machen, wenn sie das Beispiel Abrahams anführen, der seinen Sohn opfert (Gen 22), um zu zeigen, daß wir nichts schonen dürfen, um den Willen Gottes zu erfüllen. Sie weisen ja auf alles hin, was den Gehorsam Abrahams nachahmens- wert machen kann. Abraham, sagen sie, war alt; Abraham hatte nur diesen so schönen, so weisen, so tugendhaften und so liebenswürdi- gen Sohn; und trotzdem führt er ihn ohne Murren und Zögern auf den Berg und will ihn gar selbst mit seinen eigenen Händen hinopfern. Und gewiß machen sie eine noch lebendigere Anwendung: Und du, Christ, bist so engherzig, so kalt, so wenig entschlossen, ich sage nicht, du sollst deinen Sohn oder deine Tochter opfern, nicht deinen ganzen Besitz, noch einen großen Teil davon, sondern einen einzigen Taler aus Liebe zu Gott, um die Armen zu unterstützen, eine einzige Stun- de deines Zeitvertreibs, um Gott zu dienen, eine einzige kleine Nei- gung usw. Man muß sich aber hüten, unnütze und unergiebige Beschreibun- gen zu machen, wie es manche Anfänger tun. Statt die Geschichte ungekünstelt und für die Lebensführung geeignet vorzutragen, ma- chen sie sich daran, die Schönheit Isaaks zu beschreiben, das scharfe Messer Abrahams, den Umkreis der Opferstätte und ähnliche unge- bührliche Dinge. Man darf aber auch nicht so kurz sein, daß das Bei- spiel nicht zur Geltung kommt, und nicht so lang, daß es langweilt. Man muß sich auch davor hüten, Gespräche zwischen den Personen der Geschichte einzufügen, außer wenn sie den Worten der Heiligen Schrift entnommen oder sehr wahrscheinlich sind. Wer in dieser Ge- schichte Isaak vorstellt, der auf dem Altar jammert und den Vater um Mitleid anfleht, um dem Tod zu entgehen, oder etwa Abraham, der mit sich selbst hadert und sich beklagt, der handelt schlecht und tut der Entschlossenheit des einen und des anderen unrecht. So müssen auch jene, die in der Meditation Zwiegespräche gefunden haben, bei der Predigt zwei Regeln beachten: die eine, daß sie prüfen, ob sie gut begründet sind auf einer offenkundigen Wahrscheinlichkeit, und die

andere, sie nicht zu lang vorzutragen, denn das kühlt den Prediger und den Zuhörer ab. Die Beispiele der Heiligen sind bewunderswert, besonders jene aus der Provinz, in der man predigt, wie die vom hl. Bernhard in Dijon. Es bleibt ein Wort zu sagen über die Vergleiche. Sie haben eine unglaubliche Wirksamkeit, den Verstand zu erleuchten und den Wil- len zu bewegen. Man entnimmt sie menschlichen Handlungen und geht vom einen zum anderen über; so davon, was die Hirten tun, zu dem, was die Bischöfe und Seelsorger tun müssen, wie es Unser Herr gemacht hat in der Parabel vom verlorenen Schaf (Lk 15,4-7). Man gewinnt sie aus der Naturgeschichte, von Gräsern, Pflanzen und Tie- ren, aus der Philosophie und schließlich aus allem. Die Vergleiche mit alltäglichen Dingen, geschickt angewendet, sind ausgezeichnet, so wie es Unser Herr in der Parabel vom Samen (Mt 13,3-27) ge- macht hat. Vergleiche aus der Naturgeschichte haben zweifachen Glanz, wenn die Geschichte und die Anwendung schön ist, wie jener der Heiligen Schrift (Ps 103,5) von der Erneuerung oder Verjüngung des Adlers mit unserer Buße. Dabei gibt es nun ein Geheimnis, das für den Prediger sehr vorteil- haft ist, nämlich der Heiligen Schrift Vergleiche zu entnehmen von bestimmten Stellen, wo sie wenige bemerken können. Das geschieht durch die Meditation der Texte. Ein Beispiel: David spricht (Ps 9,7) vom Weltmenschen und sagt:

Ihr Andenken vergeht mit Schall. Ich ziehe zwei Vergleiche aus zwei Dingen, die mit dem Schall vergehen. Wenn man ein Glas zerbricht, geht es klirrend zugrunde, wenn es zerbricht; so gehen die Bösen mit einigem Lärm zugrunde; man spricht von ihnen bei ihrem Tod. Wie aber das zerbrochene Glas ganz unnütz ist, so sind diese Elenden ohne Hoffnung auf das Heil für immer verloren. Der zweite Vergleich:

Wenn ein großer Redner stirbt, läutet man alle Glocken, man veran- staltet für ihn eine große Leichenfeier; doch wer segnet ihn, wenn der Schall der Glocken verklungen ist? Wer spricht von ihm? Niemand. Wo der hl. Paulus von jenem spricht, der keine Liebe hat und irgend- welche Werke tut, sagt er (1 Kor 13,1): er ist wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Man gewinnt einen Vergleich aus der Glocke, die andere in die Kirche ruft und nicht hineingeht; denn so ist ein Mensch, der Werke ohne Liebe verrichtet: er erbaut die anderen und lädt sie in das Paradies ein, aber er selbst kommt nicht hinein.

Um nun die Vergleiche zu finden, muß man die Worte erwägen, ob sie nicht bildlich zu verstehen sind. Denn wenn das zutrifft, ergibt sich sogleich ein Vergleich für den, der sie recht auszulegen versteht. Zum Beispiel: Ich bin den Weg deiner Gebote gelaufen, da du mein Herz weit gemacht hast (Ps 119,32). Man muß das Wort ‚weit ma- chen‘ und ‚laufen‘ erwägen, denn es ist bildlich zu verstehen. Und nun muß man die Dinge sehen, die schneller werden durch die Erweite- rung. Sie werden einige finden, wie die Schiffe, wenn der Wind ihre Segel bläht. Schiffe, die im Hafen liegen, segeln also sogleich los, wenn der Wind günstig ist, die Segel erfaßt, sie füllt und aufbläht. Das gilt gewiß auch für den Menschen. Wenn das gnädige Wehen des Hei- ligen Geistes unser Herz berührt, läuft unsere Seele und segelt im Meer der Gebote. Wer sich daran hält, wird gewiß viele schöne Ver- gleiche mit großem Nutzen anstellen. Bei den Vergleichen muß man aber die Schicklichkeit wahren, um nichts Gemeines, Verächtliches oder Anstößiges zu sagen. Nach all dem mache ich Sie aufmerksam, daß man die Heilige Schrift durch die Anwendung mit großem Nutzen gebrauchen kann, auch wenn das, was man davon ableitet, sehr oft nicht der eigentliche Sinn ist. So sagte der hl. Franziskus, das Almosen sei ‚das Brot der Engel‘, weil die Engel es durch ihre Einsprechung beschaffen, und wendet so die Stelle (Ps 78,25) an: Brot der Engel aß der Mensch. Doch muß man dabei klug und sparsam vorgehen.

Über den Aufbau der Predigt.

Man muß sich bei allem an eine Methode halten. Nichts ist für den Prediger hilfreicher, macht seine Predigt nützlicher und für den Zu- hörer so angenehm. Ich finde es gut, daß der Aufbau klar und erkenn- bar ist, keineswegs versteckt, wie es manche machen, die meinen, es sei ein großes Meisterstück, es so zu machen, daß niemand ihre Me- thode erkennt. Ich bitte Sie, wozu dient denn die Methode, wenn man sie nicht sieht und der Zuhörer sie nicht erkennt? Um Ihnen dabei behilflich zu sein, will ich Ihnen sagen: Sie wollen entweder über eine bestimmte Begebenheit predigen, wie die Geburt, die Auferstehung oder Himmelfahrt (Christi), oder über eine be- stimmte Sentenz der Heiligen Schrift, wie: Jeder, der sich erhöht, wird erniedrigt werden (Lk 14,11), oder über ein ganzes Evangelium, in

dem mehrere Sentenzen enthalten sind, oder über das Leben irgend- eines Heiligen mit einem bestimmten Ausspruch.

Wenn man über ein Ereignis predigt, kann man sich einer der fol- genden Methoden bedienen: 1. Wie viele Personen in der Geschichte vorkommen, über die Sie predigen wollen; dann über jede von ihnen irgendeine Erwägung anstellen. Zum Beispiel: Bei der Auferstehung sehe ich die Marien, die Engel, die Bewacher des Grabes und unseren lieben Herrn. Bei den Marien sehe ich den Eifer und die Beflissen- heit; bei den Engeln die Freude und den Jubel in ihren weißen Ge- wändern und ihrer Lichtgestalt; in den Grabeswächtern sehe ich die Ohnmacht der Menschen, die sich gegen Gott stellen, in Jesus sehe ich die Herrlichkeit, den Sieg über den Tod, die Hoffnung auf unsere Auferstehung.

2. Man kann bei einem Geheimnis den wichtigsten Punkt heraus-

greifen, wie im vorhergehenden Beispiel die Auferstehung; dann er- wägen, was diesem Ereignis vorausging und was darauf folgte. Der Auferstehung ging der Tod voraus, das Hinabsteigen in das Reich der Toten, die Befreiung der Väter, die sich in Abrahams Schoß befan- den, die Furcht der Juden, man könnte den Leichnam stehlen; die Auferstehung im verklärten und verherrlichten Leib. Was darauf folgte, ist das Erdbeben, das Kommen und Erscheinen der Engel, das Su- chen der Frauen, die Antwort der Engel. Zu all diesen Einzelheiten gibt es Wundervolles und in schöner Ordnung zu sagen.

3. Man kann bei allen Geheimnissen folgende Punkte erwägen: wer?

warum? wie? Wer steht von den Toten auf? Unser Herr. Warum? Zu seiner Verherrlichung, zu unserem Heil. Wie? Glorreich, unsterb- lich, usw. Wer ist geboren? Der Erlöser. Warum? Um uns zu erlösen.

Wie? Arm, nackt, frierend, in einem Stall, als kleines Kind.

4. Nachdem man die Geschichte mit einer kleinen Umschreibung

vorgetragen hat, kann man davon manchmal drei oder vier Erwägun- gen ableiten. Die erste, was man daraus lernen muß, um unseren Glau- ben zu stärken; die zweite, um unsere Hoffnung zu vermehren; die dritte, um unsere Liebe zu entflammen; die vierte, um es nachzuah- men und auszuführen. Im Beispiel der Auferstehung sehen wir für den Glauben die Allmacht Gottes, einen Leib, der durch den Stein hervorgeht, unsterblich, leidensunfähig und ganz vergeistigt. Wie fest müssen wir glauben, daß im heiligen Sakrament der gleiche Leib kei- nen Raum einnimmt, durch die Brechung der Gestalten nicht verletzt

werden kann und daß er darin auf geistige Weise, wenn auch wirklich enthalten ist. Für die Hoffnung: Wenn Jesus Christus auferstanden ist, werden auch wir auferstehen, sagt der hl. Paulus (1 Kor 6,14; 2 Kor 4,14); er hat uns den Weg gebahnt. Für die Liebe: So sehr er auferstanden ist, verweilt er doch noch auf Erden, um die Kirche zu unterweisen, und zögert zu unserem Wohl, vom Himmel Besitz zu ergreifen, dem Ort, der auferstandenen Leibern eigen ist. Welche Lie- be! Zur Nachahmung: Er ist am dritten Tag auferstanden; o Gott, sollen wir nicht auferstehen durch Reue, Beichte und Genugtuung? Er sprengt den Stein; überwinden wir alle Schwierigkeiten. Wenn Sie über einen Ausspruch predigen wollen, müssen Sie über- legen, auf welche Tugend er sich bezieht, wie z. B.: Wer sich erhöht, der wird erniedrigt werden (Lk 14,11); hier steht die Demut als Gegen- stand fest. Es gibt aber andere Schriftworte, wo der Gegenstand nicht so offenkundig ist, wie: Wie bist du hereingekommen, obwohl du kein hochzeitliches Gewand hast? (Mt 22,12). Das betrifft die Liebe; aber die sehen Sie von einem Gewand bedeckt, denn das hochzeitliche Gewand ist die Liebe. Wenn Sie also in dem Schriftwort, das Sie be- handeln wollen, die Tugend festgestellt haben, auf die es abzielt, kön- nen Sie den Aufbau Ihrer Predigt machen und erwägen, worin die Tugend besteht, ihre wahren Kennzeichen, ihre Wirkungen und das Mittel, sie zu erwerben und zu üben. Das war immer meine Methode und es war mir eine Beruhigung, das Buch des Jesuiten Pater Rossi- gnol zu entdecken, das mit dieser Methode übereinstimmt. Das Buch hat den Titel ‚De Actionibus Virtutum‘, ist in Venedig gedruckt und wird für Sie sehr nützlich sein. Es gibt noch eine andere Methode, die zeigt, wie sehr die Tugend, um die es sich handelt, zu schätzen ist, wie nützlich und köstlich oder angenehm sie ist. Das sind drei Güter, die man wünschen kann. Man kann noch anders vorgehen, d. h. die Vorteile behandeln, die diese Tugend gewährt, und die Nachteile, die das entgegengesetzte Laster mit sich bringt; aber die erste Methode ist nützlicher. Wenn man ein Evangelium behandelt, in dem es mehrere Senten- zen gibt, muß man jene genauer ansehen, bei denen man sich länger aufhalten will, und sehen, von welchen Tugenden sie handeln, dann darüber kurz sprechen in der Weise, wie ich von einem Ausspruch gesagt habe, die anderen aber streifen und umschreiben. Doch diese Art, ein ganzes Evangelium mit Aussprüchen zu behandeln, ist weni- ger fruchtbar, weil sich der Prediger bei den einzelnen Aussprüchen

nicht lange aufhalten und sie nicht gut auslegen kann, noch dem Zu- hörer einprägen, was er will. Wenn man das Leben eines Heiligen behandelt, gibt es verschiede- ne Methoden. Jene, die ich bei der Leichenrede für den Herrn de Mercoeur anwandte, ist gut, weil es die Methode des hl. Paulus (Tit 2, 12) ist: daß er fromm vor Gott, mäßig gegen sich selbst und gerecht gegen den Nächsten lebte; und die Lebensabschnitte des Heiligen, jeden nach seiner Bedeutung darlegen. Oder, man kann erwägen, was er getan hat ‚agendo‘, das sind seine Tugenden, ‚patiendo‘ seine Lei- den, sei es des Martyriums oder der Abtötung, ‚orando‘, seine Wun- der. Oder man kann erwägen, wie er den Teufel, die Welt und das Fleisch bekämpft hat: die Hoffart, die Habsucht und die Begierlich- keit. Das ist die Einteilung, die der hl. Johannes getroffen hat: Alles, was in der Welt ist, sagt er (1 Joh 2, 16), ist Fleischeslust etc. Oder man kann vorgehen, wie ich es in Fonteine über den hl. Bernhard gemacht habe: wie man Gott in seinem Heiligen und den Heiligen in Gott ehren soll; wie man Gott dienen soll in der Nachahmung seines Hei- ligen; wie man Gott bitten soll durch die Fürsprache seines Heiligen. Auf diese Weise kann man das Leben des Heiligen durchgehen und alles an seiner Stelle behandeln. Das sind für den Anfang der Methoden genug. Denn nach einiger Übung werden Sie andere anwenden, die für Sie geeignet und besser sind. Für den Aufbau bleibt mir noch zu sagen, daß ich die Stellen der Heiligen Schrift gern an die erste Stelle setze, die Beweise an die zweite, die Vergleiche an die dritte und die Beispiele an die vierte, wenn es heilige sind; wenn es profane sind, dann sind sie nicht geeig- net, eine Predigt zu beschließen: eine heilige Rede muß mit etwas Heiligem beendet werden. Außerdem verlangt die Methode, daß der Anfang der Predigt bis zur Mitte den Zuhörer belehrt und von der Mitte bis zum Schluß bewegt. Deshalb müssen die affektiven Ausfüh- rungen an den Schluß gesetzt werden. Nach all dem muß ich Ihnen noch sagen, wie Sie die Punkte Ihrer Predigt ausfüllen müssen, und sehen, auf welche Weise. Sie wollen z.B. die Tugend der Demut behandeln und haben sich die Punkte fol- gendermaßen zurechtgelegt: 1. worin die Tugend besteht, 2. ihre Kenn- zeichen, 3. ihre Wirkungen, 4. die Mittel, sie zu erwerben. Das ist Ihre Disposition. Um sie mit Inhalt zu erfüllen, werden Sie im Sach- register der Autoren die Worte ‚Demut, demütig, Stolz, hochmütig‘ nachschlagen und sehen, was sie darüber sagen. Die Beschreibungen

und Definitionen, die Sie finden, werden Sie unter die Überschrift setzen: „Worin die Tugend besteht“, und werden versuchen, diesen Punkt gut zu beleuchten, indem Sie zeigen, worin die Demut besteht, ebenso das entgegengesetzte Laster. Um den zweiten Punkt auszufüllen, werden Sie im Register ‚heuch- lerische Demut‘ finden, ‚aufdringliche Demut‘ und ähnliches; damit werden Sie den Unterschied zwischen der falschen und der echten Demut zeigen. Wenn dort Beispiele für die eine und die andere ste- hen, werden Sie diese anführen; und so bei den beiden anderen Punk- ten. Dem Verständigen genügt wenig. Die Autoren, bei denen sich dieser Stoff findet, sind der hl. Tho- mas, der hl. Antonin, Bischof Wilhelm von Lyon in der ‚Summa über die Tugenden und Laster‘, die ‚Summa der Prediger‘ von Philipp Diez und alle seine Predigten, Osorius, Ludwig von Granada in seinen geist- lichen Werken, Hylaret in seinen Predigten, Estella im Kommentar zu Lukas, die Jesuiten Salmeron und Barradas über die Evangelien. Der hl. Gregor ist unter den Alten hervorragend, ebenso der hl. Chry- sostomus mit dem hl. Bernhard. Doch ich muß meine Ansicht sagen. Von allen, die Predigten ge- schrieben haben, sagt mir Diez überaus zu; er ist zuverlässig, er hat den Geist der Predigt, er schärft gut ein, er erklärt die Texte gut, bringt anschauliche Schilderungen, versteht ausgezeichnet zu sprechen, ist sehr fromm und klar. Ihm fehlt, was Osorius hat, das ist die Ordnung und die Methode, denn daran hält er sich nicht; mir scheint aber, daß man sich am Anfang daran gewöhnen muß. Das sage ich nicht, weil ich ihn sehr viel benützt hätte, denn ich habe ihn erst nach langer Zeit entdeckt, sondern weil ich ihn so kenne, und mir scheint, daß ich mich nicht täusche. Es gibt einen Spanier, der ein umfangreiches Werk mit dem Titel ‚Sylva Allegoriarum‘ verfaßt hat; das ist sehr nützlich für einen, der es recht zu handhaben weiß, ebenso wie die ‚Konkor- danzen‘ von Benedicti. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste, was mir jetzt über den Stoff in den Sinn kommt.

Über die Form, d. h. wie man predigen soll.

Mein Herr, hier erwarte ich mehr Glauben als sonst, weil ich nicht die allgemeine Auffassung teile. Was ich sage, ist dennoch die Wahr- heit selbst.

Die Form, sagt der Philosoph, gibt den Dingen das Leben und die Seele. Sagen Sie Wunderdinge, sagen sie aber nicht gut, so ist es nichts; sagen Sie wenig und sagen es gut, dann ist es viel. Wie muß man also bei der Predigt sprechen? Man muß sich vor dem ‚quamquam‘ (wenn auch) und den langen Perioden der Schulfuchser hüten, vor ihren Gesten, ihrem Mienenspiel und vor ihren Bewegungen: das alles ist eine Pest für die Predigt. Der Vortrag muß ungezwungen, vornehm, freimütig, natürlich, kraftvoll, heilig, würdevoll und etwas getragen sein. Doch was muß man tun, um den zu haben? Mit einem Wort, man muß mit frommem Eifer sprechen, einfach und unbefangen und mit Zuversicht; man muß von der Lehre überzeugt sein, die man vorträgt, und davon, wovon man überzeugen will. Die höchste Kunst besteht darin, keine Kunstgriffe zu haben. Unsere Worte müssen entflammt sein, nicht durch Schreie und maßlose Aktionen, sondern von inne- rem Feuer; sie müssen mehr von Herzen kommen als aus dem Mund. Man hat gut reden, aber das Herz spricht zum Herzen, die Zunge spricht nur zu den Ohren. Ich habe gesagt, der Vortrag muß ungezwungen sein, im Gegensatz zu einem bestimmten gekünstelten und gesuchten Vortrag von Pe- danten. Ich habe gesagt: vornehm, im Gegensatz zum derben Vortrag mancher, die sich darauf verlegen, mit den Fäusten, den Füßen, mit dem Bauch gegen die Kanzel zu schlagen, die schreien und ein abson- derliches Gebrüll veranstalten, und sehr oft an unpassender Stelle. Ich habe gesagt: freimütig, im Gegensatz zu jenen, die einen furchtsa- men Vortrag haben, so als sprächen sie zu ihrem Vater, nicht zu ihren Schülern und Kindern. Ich habe gesagt: natürlich, im Gegensatz zu jeder Künstelei und Affektiertheit. Ich habe gesagt: kraftvoll, im Ge- gensatz zu einem bestimmten leblosen, matten und wirkungslosen Vortrag. Ich habe gesagt: heilig, um die höfische und weltliche Ge- fallsucht auszuschließen. Ich habe gesagt: würdevoll, im Gegensatz zu bestimmten Leuten, die den Zuhörern so viele Bücklinge machen, so viele Verbeugungen, und dann so viele kleine Mätzchen, indem sie ihre Hände vorzeigen, ihr Chorhemd, und ähnliche unschickliche Aktionen. Ich habe gesagt: etwas getragen, um einen bestimmten ha- stigen, kurz abgehackten Vortrag auszuschließen, der mehr das Auge ergötzt als an das Herz rührt. Ebenso sage ich von der Sprache, daß sie klar, deutlich und natür- lich sein soll, ohne Zurschaustellung griechischer, hebräischer, mo- discher und höfischer Worte. Der Aufbau soll natürlich sein, ohne

Vorrede, ohne Ausschmückung. Ich billige, daß man beim ersten Punkt ‚erstens‘ sagt, beim zweiten ‚zweitens‘, damit das Volk den Auf- bau sieht. Ich meine, daß niemand, vor allem aber kein Bischof, Schmeiche- leien den Anwesenden gegenüber gebrauchen darf, selbst wenn es Könige, Fürsten oder Päpste wären. Es gibt wohl bestimmte Rede- wendungen, um das Wohlwollen zu gewinnen, die man gebrauchen kann, wenn man das erstemal zu seinem Volk spricht. Ich bin sehr dafür, daß man sein Verlangen nach dessen Wohl bezeugt, daß man mit Grüßen und Segenswünschen beginnt, mit dem Wunsch, ihm recht zu seinem Heil verhelfen zu können; ebenso dem Vaterland: doch das alles kurz, herzlich und ohne hochtrabende Worte. Unsere alten Vä- ter und alle, die fruchtbringend gepredigt haben, enthielten sich des Wortschwalls und weltlichen Beiwerks. Sie sprechen von Herz zu Herz, von Geist zu Geist, wie gute Väter zu Kindern. Die gewöhnli- chen Anreden sollen sein: meine Brüder, mein Volk (wenn es das Ihre ist), mein liebes Volk, christliche Zuhörer. Der Bischof soll am Schluß den Segen spenden, das Birett auf dem Kopf, und dann das Volk grüßen. Man muß mit kurzen, lebendigen und kraftvollen Worten schließen. Ich billige sehr oft die Zusammen- fassung oder Rekapitulation, nach der man vier oder fünf glutvolle Worte sagt, oder in der Form des Gebetes oder der Anrufung. Es ist gut, bestimmte vertraute Ausrufe zu haben, die klug ausgesprochen und verwendet werden, wie: O Gott, Güte Gottes, guter Gott, wahrer Gott, ei, ach, o mein Gott! Für die Vorbereitung der Predigt billige ich, daß man sie am Vor- abend macht und am Morgen für sich meditiert, was man den anderen sagen will. Die Vorbereitung, die man vor dem heiligsten Sakrament macht, hat große Kraft, sagt Ludwig von Granada, und ich glaube es. Ich liebe die Predigt, die mehr Liebe zum Nächsten verrät als Ent- rüstung, ja sogar zu den Hugenotten, die man mit großem Mitleid behandeln muß, ohne ihnen zu schmeicheln, sondern indem man sie bedauert. Es ist immer besser, daß die Predigt kurz ist als lang. Darin habe ich bisher gefehlt; möge ich mich bessern. Vorausgesetzt, daß sie eine halbe Stunde dauert, kann sie nicht zu kurz sein. Wenn es möglich ist, soll man keine Unzufriedenheit zeigen, we- nigstens nicht im Zorn, wie ich es am Fest Unserer lieben Frau ge-

macht habe, als man läutete, ehe ich geendet hatte. Das war ohne Zweifel ein Fehler neben vielen anderen. Ich liebe keine Scherze und Spitznamen; dafür ist die Predigt nicht der Ort. Ich schließe, indem ich sage: die Predigt ist die Verkündigung und Auslegung des Willens Gottes für die Menschen durch den, der da ist, rechtmäßig gesandt, damit er sie belehre und dazu bewege, der göttli- chen Majestät in dieser Welt zu dienen, damit sie in der anderen ge- rettet sind. Was sagen Sie dazu, mein Herr? Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie. Ich habe geschrieben, wie es in die Feder floß, ohne auf Worte oder Kunst zu achten, einzig von dem Wunsch beseelt, Ihnen zu bezeugen, wie gehorsam ich Ihnen bin. Ich habe die Autoren nicht angegeben, die ich an manchen Stellen zitiert habe; das geschah deswegen, weil ich auf dem Land bin, wo ich sie nicht zur Hand habe. Ich habe mich selbst zitiert, mein Herr, weil Sie meine Meinung erfahren wollen, nicht die von anderen. Und wenn ich sie selbst erprobt habe, warum soll ich sie nicht sagen? Bevor ich diesen Brief beschließe, muß ich Sie beschwören, mein Herr, ihn niemand zu zeigen, dessen Augen mir weniger gewogen wären als die Ihren, und ich füge die sehr demütige Bitte hinzu, daß Sie sich zu keinerlei Überlegungen verleiten lassen, die Sie am Predi- gen hindern oder dazu veranlassen könnten, das Predigen aufzuschie- ben. Je eher Sie beginnen, um so eher werden Sie Erfolg haben. Und oft predigen, nur dadurch wird man Meister. Sie können es, mein Herr, und Sie müssen es. Ihre Stimme ist dazu geeignet, Ihr theologi- sches Wissen ausreichend, Ihr Auftreten angemessen, Ihr Rang in der Kirche sehr erhaben. Gott will es, die Menschen erwarten es; es ist zur Verherrlichung Gottes, es ist zu Ihrem Heil. Beherzt, mein Herr, und Mut aus Liebe zu Gott. Der Kardinal Borromäus predigt, erbaut und heiligt sich, ohne den zehnten Teil der Talente zu haben, die Sie besitzen. Wir dürfen nicht unsere Ehre suchen, sondern die Ehre Gottes; und wenn wir ihn ge- währen lassen, wird Gott unsere Ehre suchen. Beginnen Sie einmal bei Weihen, mein Herr, ein andermal in irgendeiner Kommunität; sagen Sie vier Sätze, dann acht, dann zwölf, bis zu einer halben Stun- de; dann besteigen Sie die Kanzel. Für die Liebe ist nichts unmöglich. Unser Herr fragte den hl. Petrus nicht: „Bist du gelehrt oder redege- wandt?“, um ihm zu sagen: Weide meine Schafe, sondern: Liebst du mich? (Joh 21,15-17). Um gut zu sprechen, genügt es, recht zu lieben.

Der hl. Johannes wußte vor seinem Tod nichts anderes zu sagen, als in einer Viertelstunde hundertmal zu wiederholen: „Meine Kinder, liebt einander“, und mit dieser Vorbereitung bestieg er die Kanzel. Und wir haben Bedenken, sie zu besteigen, wenn wir nicht wunder was für eine Beredsamkeit besitzen! Lassen Sie diejenigen reden, die die Fä- higkeit Ihres Herrn Vorgängers rühmen: er hat auch einmal angefan- gen wie Sie. Doch mein Gott, was werden Sie von mir sagen, mein Herr, daß ich so unbekümmert mit Ihnen umgehe? Die Liebe kann nicht schwei- gen, wo es um das Wohl dessen geht, den man liebt. Mein Herr, ich habe Ihnen Treue geschworen, und man erträgt viel von einem treuen und ergebenen Diener. Mein Herr, Sie gehen zu Ihrer Herde; schade, daß es mir nicht vergönnt ist, hinzueilen, um Ihnen zu assistieren, wie ich bei Ihrer ersten Messe die Ehre hatte! Ich werde dabei an Ihrer Seite sein durch meine Wünsche und Gebete. Ihr Volk erwartet Sie, um Sie zu sehen und von Ihnen gesehen zu werden; von Ihrem Begin- nen wird es Schlüsse auf das Weitere ziehen: Beginnen Sie frühzeitig, was Sie immer tun müssen. Wie werden sie erbaut sein, wenn sie sehen, daß Sie oft am Altar das Opfer für ihr Heil darbringen, mit Ihren Pfarrern über ihre Erbauung beraten, auf der Kanzel vom Wort der Versöhnung (2 Kor 5,19) sprechen und predigen! Mein Herr, ich stand nie am Altar, ohne Sie Unserem Herrn zu empfehlen; ich wäre überglücklich, wenn ich würdig bin, daß Sie dort manchmal an mich denken. Ich bin und werde mein Leben lang sein, von Herzen, von ganzer Seele, im Geist, mein Herr, Ihr sehr demüti- ger Diener und ganz kleiner und gehorsamer Bruder, Franz, Bischof von Genf. Am 5. Oktober 1604. Ich schäme mich, während ich diesen Brief noch einmal lese. Wenn er kürzer wäre, würde ich ihn neu schreiben. Ich habe aber so viel Vertrauen auf die Unerschütterlichkeit Ihres Wohlwollens, mein Herr, daß ich ihn schicke, wie er ist. Um der Liebe Gottes willen, lieben Sie mich immer und halten Sie mich so sehr für Ihren Diener wie je einen lebenden Menschen, denn ich bin es.

III. Die Leitung der Diözese

Franz von Sales übernahm die Leitung der Diözese Genf nicht unvorbereitet. Als Propst des Domkapitels hatte er seit seiner Priesterweihe einen gewissen Anteil an ihr. Als er 1598 in Vertretung des kränklichen Bischofs Claude de Granier ad limina nach Rom reiste (vgl. Band 8, S. 45f), war er schon zu dessen Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge ausersehen. Nach seiner Rückkehr bemühte er sich vor allem um die Reorganisation der Seelsorge in den Gebieten, die politisch wieder an Savoyen gefallen waren, die er von seiner Missionstätigkeit im Chablais am besten kannte. Anfangs 1602 reiste er nach Paris zu langwierigen Verhandlungen über die kirchlichen Interessen in Gex, das im Frieden von Lyon (1601) an Frankreich gefallen war, aber zur Diözese Genf gehörte. Auf der Rückreise erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Bischofs (s. Bd. 8,77). Nach seiner Bischofsweihe am 8. Dezember 1602 setzte er die schwierigen Verhandlungen fort, doch sobald es ihm möglich war, nahm er in aufreibenden Visitationsreisen die persönliche Verbindung mit dem katholisch gebliebenen Teil der Diözese bis in das letzte Bergdorf auf. So konnte er Ende 1606, als sein Besuch ad limina fällig war (s. Band 8,121), aus gründlicher Kenntnis über den Stand und die Probleme seiner Diözese berichten (OEA XXIII, 311-334).

1. Der Stand der Diözese Genf

Schon vor 61 Jahren wurde der Bischof von Genf mit seinem Kle- rus von den Häretikern aus seiner Stadt vertrieben und höchst unge- recht aller beweglichen und des größten Teils der unbeweglichen Güter beraubt. Daher hat er nun seinen Sitz in der Stadt Annecy im Herzogtum Savoyen, [in der Erwartung, daß seine Rückführung kommt]. Die Einkünfte des Bischofs sind so gering, daß sie kaum die Summe von 1000 Gulden erreichen, [so daß nach Abzug der Gehälter für die Beamten der Diözese sehr wenig bleibt für seinen und seiner Ange- stellten Unterhalt. Wahrhaftig, wer nicht gelernt hat, Überfluß zu ha- ben (Phil 4,12), muß lernen, Mangel zu leiden]. Der gegenwärtige Bischof von Genf, Franz von Sales, ist der sech- ste, der außerhalb von Genf lebt. Er stammt aus dieser Diözese und ist aus dem Domkapitel hervorgegangen (dessen Propst er zehn Jahre war). Er ist vor vier Jahren ernannt und geweiht worden. [Da er in den ersten zwei Jahren durch Kriegswirren und -stürme daran gehindert war, hat er in den beiden folgenden Jahren an 260 Pfarreien persön- lich visitiert, und soweit es ihm bei seiner Dürftigkeit möglich war,

überall selbst das Brot des Wortes Gottes dem Volk gereicht und gebrochen und unzähligen Gläubigen das Sakrament der Firmung gespendet;] den Rest der Diözese wird er im nächsten Jahr visitieren. Sein Vorgänger war Claude de Granier, ein würdiger Bischof un- vergänglichen Andenkens, der nach den kirchlichen Dekreten jedes Jahr die Synode hielt. Zum Amt des Pfarrers berief er nach den Vor- schriften des heiligen Konzils von Trient diejenigen, die in der Prü- fung am würdigsten befunden wurden. Fast zu allen Quatemberzeiten erteilte er die heiligen Weihen und ließ das Offizium überall nach römischem Brauch verrichten. Seinen Spuren folgte sein Nachfolger, obwohl unwürdig, mit großem Nachdruck.

Der Stand der Kathedrale.

An der Kathedrale von Genf, die dem hl. Petrus unter dem Titel seiner wunderbaren Befreiung aus den Ketten geweiht ist, gibt es 30 Kanoniker, den Propst, der die höhere Dignität besitzt, den Kantor und Sakristan eingeschlossen, deren Amt für immer besteht. Jeder von ihnen empfängt die gleiche Pfründe, so daß der Propst nicht mehr als die anderen erhält. Es gibt an ihr sechs Chorknaben mit dem Ma- gister, acht Benefiziaten, die dem Gesang und der Musik obliegen, und vier weitere, die für das Kreuztragen, Glockenläuten, die Leitung der Zeremonien und die Erhaltung der Paramente sorgen. Nach Abzug aller Lasten und notwendigen Ausgaben erreicht nun der Anteil, der jedem Kanoniker zukommt, nicht den Wert von 40 Goldtalern jährlich, eine Pfründe, die unangemessen und völlig un- zureichend ist, einen Menschen zu ernähren. Es ist aber bewunderns- wert, wie würdig und fromm bei solcher Armut das Chorgebet von diesem Kapitel gefeiert wird, [damit nicht wegen der Verbannung die Harfen in den Weidenbüschen aufgehängt werden und der Gesang verstummt; es singt vielmehr ein Lied von Zion und das Lied des Herrn in fremdem Land (Ps 137,2-4). Dieses Chorgebet verrichtet es] in der Kirche der Minoriten von der Observanz in der Stadt Annecy. Alle Kanoniker sind adelig von beiden Eltern oder Doktoren, gemäß ihrem alten Statut, das vom Apostolischen Stuhl bestätigt wurde. Unter ihnen sind derzeit auch zehn hervorragende Prediger des Wortes Gottes.

Der Stand des Klerus.

In der Diözese Genf gibt es vier Kollegiatkirchen: in Annecy mit

12 Kanonikern und ebensovielen Benefiziaten; in Sallanches mit 13

Kanonikern und 4 Benefiziaten; in La Roche mit 15 Kanonikern, in Samoens mit 10 Kanonikern. In allen wird täglich das Chorgebet ge- sungen; aber alle haben bisher in gleicher Weise dürftige Jahresein- kommen. Es gibt außerdem sechs Abteien von Männern; in Aulps, Haute- combe und Chézery vom Zisterzienserorden, in Abondance und Sixt von Regularkanonikern des hl. Augustinus, in Entremont von Kano- nikern des hl. Rufus. Alle sind im Besitz von Kommendatar-Äbten. Außerdem gibt es fünf Konventual-Priorate: vom heiligen Grab in Annecy, von Unserer lieben Frau in Peillonex, beide von Regular- Kanonikern; in Talloires des Ordens von Savigny, in Contamine und Bellevaux des Ordens von Cluny [von all diesen ist nur das letzte vom Träger des Titels besetzt]. Es gibt vier Klöster von Kartäusern. Ebenso 35 Landpriorate ver-

schiedener Orden. Von ihnen sind 12 mit verschiedenen Kirchen so-

wohl dieser Diözese als auch anderen vereinigt; von den übrigen sind

11 nach dem Titel, 12 in Kommende besetzt.

Es gibt 450 Pfarrkirchen, in denen überall die Sakramente gespen- det und das Volk seiner Fassungskraft entsprechend in den Hauptleh- ren der katholischen Religion unterwiesen wird. Es gibt vier Konvente von Mendikanten: einen in Seyssel von Augu- stinern, den zweiten in Annecy von Dominikanern, den dritten eben- falls in Annecy und den vierten in Cluses von den Minoriten der Ob- servanz. Dazu kam vor zehn Jahren als fünfter einer der Kapuziner in Annecy. Es gibt zwei Klöster der Klarissen: eines in Annecy, das andere in Evian. Ebenso zwei Klöster oder Abteien von Frauen: Sainte Cathe- rine in der Nähe der Stadt Annecy und Bonlieu vom Zisterzienseror- den; auch eine der Kartäuserinnen in Mélan.

Der Stand des Volkes.

Das gesamte Volk der genannten Pfarreien ist wahrhaft katholisch und pflegt die alte Frömmigkeit, obwohl in 70 der genannten Pfarrei-

en während zwanzig Jahren die calvinistische Häresie herrschte; denn dank der Autorität des erlauchten Fürsten und durch die Predigt vie- ler Prediger, teils des Weltklerus, teils verschiedener Orden, beson- ders der Kapuziner und der Gesellschaft Jesu, haben sie sich zum Hirten ihrer Seelen (1 Petr 2,25) bekehrt, so daß sie, während sie vor- her Finsternis waren, nun Licht im Herrn (Eph 5,8) sind. Es gibt 15 Schulen für Knaben, in denen sie in Grammatik und Humaniora unterrichtet werden, besonders aber durch die Katechese in der christlichen Lehre. In zehn Orten wird während der Fastenzeit jeden Tag das Wort Gottes gepredigt.

Schäden und Mißstände der Diözese Genf, die vom heiligen Apostolischen Stuhl durch geeignete Maßnahmen geheilt und behoben werden können.

Über die Errichtung eines Seminars.

Keine Diözese des christlichen Erdkreises bedarf dringender eines Seminars als die von Genf; aber bisher hat man sich vergeblich um seine Errichtung bemüht. 12 Das Einkommen des Bischofs ist zu dürf- tig, als daß von ihm etwas weggenommen oder abgezweigt werden könnte; das Einkommen des Domkapitels ist sehr gering und genügt nicht, um die Kanoniker zu ernähren, ebenso die anderen Kollegiat- kirchen der Diözese. Obwohl die Abteien und Priorate reich sind, kann man ihnen überhaupt nichts entwinden. Die sie innehaben, hal- ten daran fest, und meistens sind sie durch verschiedene Pensionen, die auf ihnen lasten, ziemlich ausgeblutet. Wenn aber der Apostolische Stuhl einige Landpriorate, die zuerst frei werden, durch seine höchste Autorität für die Errichtung des Se- minars bestimmen wollte, hätte die Sache ohne Zweifel besten Er- folg. Jedenfalls aber muß das Werk auf diese Weise oder durch eine allgemeine Abgabe des Klerus verwirklicht werden.

Über den Theologen und Pönitentiar.

Nur der Magister der Theologie an der Kathedrale hat eine Pfründe als Theologal, eine zweite der Pönitentiar, um den Beichtdienst zu versehen. Sie können aber ihr Amt nicht richtig ausüben, weil sie von

ihren Pfründen kaum leben können, zumal sie den Wert von 40 Ta- lern jährlich nicht erreichen. Diesem Übel könnte abgeholfen werden, wenn der Apostolische Stuhl zwei Laien-Präbenden von benachbarten Klöstern mit den ge- nannten Pfründen des Theologalen und des Pönitentiars vereinigt.

Über die notwendige Reform der Regularen.

Es ist erstaunlich, wie sehr die Disziplin aller Regularen in den Abteien und Prioraten dieser Diözese zerstört ist (die Kartäuser und Mendikanten nehme ich aus). Bei allen anderen ist das Gold in Schlak- ke verwandelt und der Wein mit Wasser gemischt (Jes 1,22), ja sogar zu Gift geworden. Dadurch lassen sie die Feinde des Herrn Gott lästern (2 Sam 12,14), wenn sie jeden Tag sagen: wo ist denn ihr Gott? (Ps

42,11).

Diesem Mißstand kann abgeholfen werden, indem man entweder Bessere von anderen Orden einsetzt oder sie jedes Jahr visitiert und züchtigt oder sie schließlich durch Säkularkleriker ersetzt. Die erste Maßnahme ist bei weitem die leichteste, die dritte die nützlichste, gereicht zur größeren Ehre Gottes und ist angesichts der Notlage die- ser Provinz die vorzüglichste; die zweite ist die schwierigste und un- sicherste, denn was mit Gewalt geschieht, wird kaum gut.

Über die Reform bestimmter Nonnen und die Hilfe für andere.

Bei den Zisterzienserinnen steht die Tür jederzeit für alle offen, sowohl für die Nonnen zum Ausgang als auch für Männer zum Ein- treten. Alle aber, sowohl die Zisterzienserinnen wie die Klarissen, entbeh- ren den Trost, den ihnen das Konzil von Trient nicht ohne Anregung des Heiligen Geistes gewähren will, daß ihnen nämlich wenigstens dreimal im Jahr ein außerordentlicher Beichtvater gegeben wird. Sie sind ja gezwungen, immer bei ein- und demselben zu beichten, und es steht ihnen nie frei, den Dienst eines anderen zu erbitten. Zu welcher Gefahr das für die Seele führt, ich weiß es nicht, Gott weiß es (2 Kor

12,2f).

Ebenso stellen sie die Mädchen nie dem Bischof oder seinem Vikar vor, damit er ihren freien Willen prüfen könne, die Ordensgelübde abzulegen.

Über die Vermehrung der Pfarrkirchen.

Die Diözese Genf ist zwischen sehr hohen Bergen gelegen; zwi- schen ihren Gipfeln und Höhen sind aber häufig Dörfer mit zahlrei- chen Familien zerstreut. Damit sie geistlich betreut werden, haben die Vorfahren Kirchen gebaut, zu denen an den Feiertagen Pfarrer kommen, die in den tiefer gelegenen Tälern wohnen, um dem Volk die Wohltat des Meßopfers zu verschaffen. Da nun anfangs die Zahl der Familien gering war, die an diesen rauhen Orten wohnten, mußte dieser zeitweise Besuch der Seelsorger vollauf genügen, zumal vor allem wegen der Armut der Äcker und der Bauern aus ihren Abgaben kein Geistlicher ernährt und unterhalten werden konnte, der bei ih- nen gewohnt hätte. Da aber Gott nun sowohl die Bevölkerung ver- mehrt hat als auch durch die Arbeit und den Fleiß des Volkes das unfruchtbare Land in Felder und Wiesen verwandelt wurde, wäre es wünschenswert, ihnen Seelsorger zu geben, zu deren Unterhalt die Abgaben ausreichten, die sie jährlich entrichten. Das Hindernis, dies zu machen, ist folgendes: Fast immer stehen die Abgaben dieser Orte den Äbten und Klöstern zu, denen sie auch jetzt geleistet werden, während die Vorratskammern der Klöster voll sind und nach allen Seiten überfließen und die Mönche wie fette Schafe auf ihren Fluren (Ps 144,13) sehr zahlreich sind. Da man aber jetzt, wie oben gesagt wurde, allgemein nur das Kleid von Mönchen fest- stellen kann, rufen diese armen Bergbewohner wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mk 6,34): Warum nähren sich jene von unserer Milch und kleiden sich von unserer Wolle, weiden aber unsere Herde weder selbst noch durch andere (Ez 34,3)? Ihre Frage scheint berechtigt. Ich habe eine Pfarrkirche besucht und visitiert, die zuhöchst in den Bergen liegt, zu der man nur auf Händen und Füßen kriechend gelan- gen kann, sechs italienische Meilen von der nächsten Kirche entfernt. Ihr einziger Pfarrer, der allein beide leitet, feiert in jeder von ihnen jeden Sonntag die Messe, ich kann nicht sagen, mit welcher Mühe, unter welchen Gefahren, welchem Ungemach, besonders im Winter, wenn in jener Gegend alles von Eis und Schnee bedeckt ist. Als ich hinkam, riefen mir Männer und Frauen, Große und Kleine von allen Seiten zu: Wie kommt es, daß wir alle Kirchengesetze beobachten, den Zehnten und die Erstlingsgaben abliefern und uns kein Seelsor- ger gewährt wird? Wir sind vielmehr wie eine Herde, die keine Weide

findet (Klgl 1,6). Alles bekommt doch der Abt des benachbarten Klos- ters. Es ist zwar Aufgabe der Bischöfe, zu entscheiden, was in solchen Fällen zu tun ist; das ist aber kaum möglich. Denn vor allem werden Prozesse über Besitzrechte vor weltlichen Gerichten angestrengt. Wenn sie keinen Erfolg haben, belasten sie den, der die Entscheidung getroffen hat, mit verschiedenen Berufungen, die sie nicht gebrau- chen, sondern mißbrauchen; nicht weil sie belastet werden, sagt der hl. Bernhard, sondern um zu belasten. Möge doch ein Visitator mit apostolischer Autorität kommen, treu und klug, der den einzelnen Kirchen gleich Familien das für jede notwendige Maß des Unterhalts zuteilt (Lk 12,42)!

Über die Häretiker in der Diözese.

Außer jenen 450 Pfarreien, von denen wir gesagt haben, daß sie von wahren Katholiken bewohnt werden, bleiben noch 130 andere, die zum Teil unter der despotischen Gewalt der Berner stehen, zum Teil unter der Herrschaft des allerchristlichsten Königs. Was die von den Bernern besetzten betrifft, ist nichts zu erhoffen, bis die Stadt Bern selbst zur Ordnung zurückgeführt wird. Was aber die übrigen betrifft, die unter der Hoheit des allerchrist- lichsten Königs stehen, [heißt uns der König selbst zu Recht immer zu hoffen, und auf sein Geheiß habe ich bisher vier Jahre gehofft; jetzt aber beginnen meine Augen zu versagen in Erwartung seines Ver- sprechens und sagen: Wann wird er mich trösten (Ps 119,82)? Darü- ber weiß der Hochwürdigste Kardinal del Bufalo bestens Bescheid. Als Nuntius des Heiligen Stuhls in Frankreich hat er in seinem Eifer für die Ehre Gottes den König zu bewegen versucht, daß er uns das Recht verschaffe, in diesen Pfarreien die kirchlichen Güter zu erhal- ten, und was die Hauptsache ist, die katholische Religion auszuüben, was den anderen Bischöfen und Geistlichen im ganzen übrigen Kö- nigreich gewährt wurde.] Über Genf will ich weiter nichts hinzufügen; denn was Rom für die Engel und Katholiken ist, das ist Genf für die Teufel und Häretiker. Allen, die den römischen, d. h. den wahren Glauben bekennen, vor allem dem Papst und den Fürsten obliegt es, daß dieses Babylon ent-

weder zerstört oder bekehrt wird, mehr aber, daß es sich bekehre und lebe (Ez 18,23) und den preise, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Franz, Bischof von Genf.

Wie sehr äußere Verwaltungsaufgaben, die allerdings im Dienst der Seel- sorge standen, auch später die geistliche Leitung der Diözese erschwerten, zeigt ein Brief vom 12. 9. 1613 an Bischof Antoine de Revol (OEA XVI,69-

71):

– – – Ich habe dauernd Scherereien, die mir die Leitung dieser Diözese ständig bereitet. Ich finde nicht einen Tag, um meine armen Bücher anzusehen, die ich manchmal so geliebt habe und jetzt nicht mehr zu lieben wage aus Furcht, daß die Trennung von ihnen, zu der ich gekommen bin, mir noch härter und verdrießlicher werde. Wir haben wohl ein kleines Gebiet, wo seit kurzem durch die Auto- rität des Königs und gemäß dem Edikt von Nantes die kirchliche Verwaltung wiederhergestellt ist. Aber diese Verwaltung stellt mich mehr vor die Aufgabe, mit den Prädikanten um die zeitlichen Güter der Kirche zu streiten, die sie uns vorenthalten, als sie und das Volk von der Wahrheit der geistlichen Güter zu überzeugen, nach denen sie streben müßten. Es ist erstaunlich, wie diese Schlangen ihre Oh- ren verstopfen, um die Stimme des Schlangenbeschwörers nicht zu hören, wie weise und heilig er sie auch beschwören mag. Es gibt hier eine ausreichende Zahl von guten Seelsorgern und tüchtigen Kapuzi- nerpatres. Wenn auch die Menschen nicht auf sie hören, Gott schaut auf sie und wird ohne Zwefel ihre gegenwärtige Nutzlosigkeit für das Heilige annehmen, die er später durch eine fruchtbare Ernte ausglei- chen wird, und wenn sie unter Tränen säen, werden sie mit Freuden ernten

2. Die Diözesan-Synode

Ein wichtiges Instrument der Leitung der Seelsorge war für Franz von Sales die jährliche Diözesan-Synode, eine Einrichtung, die er von seinem Vorgänger übernahm, die er zu einem geistlich ausgerichteten Treffen der Pfarrer ausgestaltete, die mit ihm die Liturgie feierten und Fragen der Seelsorge berieten. Hier wird die Einberufung der ersten Synode, wenige Wochen nach der Übernahme des Amtes (OEA XXIII,261f) wiedergegeben, sowie deren grundlegende Konstitutionen (XXIII,262-267), die auch einen Einblick in

den Stand der Seelsorge zu Beginn seines Wirkens als Bischof geben; an- schließend die Konstitutionen der Synode von 1605 (XXIII,305-310) und von 1617 (XXIII,389-398) – Die Funktion der in den Konstitutionen ge- nannten ‚Aufseher‘ entsprach in etwa jener der Dekane im heutigen Sinn.

Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh- les Gnade Fürstbischof von Genf, entbietet seinen Gruß allen, die das Folgende sehen. Entsprechend den apostolischen Anordnungen und Bestimmungen und der allgemeinen Übereinstimmung der Kirche Gottes ordnen Wir hiermit Fasten und Abstinenz in der ganzen Diözese für die hei- lige Fastenzeit an. Wir verbieten ausdrücklich allen Personen jegli- chen Standes, Speisen, die nach den Gesetzen und dem Brauch der Kirche in dieser Zeit verboten sind, zu essen, zu verkaufen und zu verabreichen, ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis von Uns, von Unserem Generalvikar oder anderen dazu Bevollmächtigten, die am Schluß dieses Schreibens genannt sind. Hiermit berufen Wir auch die Synode ein, dem löblichen Brauch gemäß für den Mittwoch der zweiten Woche nach Ostern. 13 Wir ge- bieten allen Pfarrern und den übrigen, die dazugehören, sich persön- lich dazu einzufinden, um die Konstitutionen zu hören und die für ihr Amt und das Wohl ihrer Gemeinde notwendigen Anordnungen. Wir ordnen auch die Residenz an für alle, die ein Benefizium inneha- ben, das sie durch Gesetz oder Gewohnheit erfordert. Sie haben genau innerhalb von zwei Monaten nach Erlaß dieses Schreibens ihrer Ver- pflichtung nachzukommen, um persönlich ihr Amt und ihren Dienst zu versehen, oder den Grund anzugeben, warum sie in Anspruch neh- men könnten, dazu nicht verpflichtet zu sein. Andernfalls wird gegen sie nach der Strenge der kanonischen Gesetze vorgegangen. Gegeben zu Annecy am 15. Januar 1603.

Konstitutionen der Synode vom 2. Oktober 1603.

Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh- les Gnade Fürstbischof von Genf: allen Geistlichen Unserer Diözese Gruß. Vom Wunsch beseelt, daß die Anordnungen, die auf der jüngsten Synode (der ersten die unter Unserer Amtsführung gehalten wurde) erlassen wurden, sorgsam befolgt werden, haben Wir sie drucken las-

sen, damit die Bekanntmachung leichter ist und ihr keinen Vorwand der Unkenntnis habt, sondern ihr sie vor Augen habt und sie befolgt nach ihrem Wortlaut, der folgt.

1. Wir haben hingewiesen auf die Canones der früheren Konzile

und sie von neuem veröffentlicht, die den Geistlichen verbieten, in ihren Häusern und Wohnungen irgendwelche Frauen zu halten, deren Aufenthalt und Verbleib mit ihnen gerechterweise Verdacht erwek- ken könnte; und soweit eine Notwendigkeit bestand, haben Wir die- ses Verbot unter Androhung strenger Bestrafung von neuem ausge- sprochen.

2. Wir haben den hochwürdigen Aufsehern dieser Diözese die Voll-

macht gegeben und geben sie ihnen, in den Pfarreien, die ihnen anver- traut sind, von der Beobachtung der gebotenen Feiertage je nach Not- wendigkeit zu dispensieren, und allen Pfarrern und allen anderen, vor allem Beamten des Laienstandes verboten, solche Erlaubnisse zu

geben.

3. Bezüglich der Differenzen, die zwischen den Pfarrern entstehen

könnten wegen der Almosen bei Begräbnissen von Gläubigen, die in einer Pfarrei sterben und in der anderen beerdigt werden, wurde an- geordnet, daß die Beleuchtung gleichmäßig zwischen den Pfarrern geteilt werde, die auch beide Gebete und Messen für den Verstorbe- nen darbringen werden. Das Jahresgedächtnis wird jedoch von dem Pfarrer gehalten, der den Toten beerdigt hat, wofür das Leichentuch und die anderen Almosen der Leichenfeier ihm verbleiben. Alle an- deren Differenzen werden dem Urteil der Aufseher überwiesen.

4. Alle Pfarrer werden am Sonntag und an gebotenen Feiertagen

den Katechismus des Hochwürdigsten Kardinals Bellarmin lehren, zur Stunde, die nach den örtlichen Verhältnissen am geeignetsten scheint. Zu diesem Zweck werden sie sich bemühen, an den Wochen-

tagen diesen Katechismus die kleinen Kinder zu lehren, damit sie darauf antworten können.

5. Die Pfarrer werden aus ihren Kirchen und vor allem aus ihrem

Chor profane Möbel entfernen, die während des Krieges dort in Si- cherheit gebracht wurden, und sie werden von jetzt an nicht erlauben, daß solche Dinge ohne offenkundige Notwendigkeit dort eingestellt

werden.

6. Alle Geistlichen werden in allem genau die Dekrete des heiligen

Konzils von Trient befolgen, besonders in dem, was das göttliche Of-

fizium und die Feier der Messe betrifft. Und künftig wird keiner zum Examen für die Priesterweihe zugelassen, der nicht ein Zeugnis des Aufsehers seines Ortes mitbringt, daß er die heiligen Zeremonien nach dem Ritus von Trient genau beherrscht.

7. Alle Pfarrer werden für ihre Kirchen Tabernakel mit passenden

Ziborien aufstellen und besorgen, um das allerheiligste Sakrament auf dem Altar aufzubewahren. Jeden ersten Sonntag des Monats wer- den sie die heiligen Hostien erneuern, die für die Kranken bestimmt sind. Die heilige Hostie, die am Fronleichnamsfest ausgesetzt wird, werden sie nur bis zum Tag unmittelbar nach der Oktav aufbewahren und sie an diesem Tag konsumieren.

8. Die Residenz wird allen Pfarrern aufgetragen sowie allen, die ein

Seelsorgeamt haben (wenn sie nicht rechtmäßig entschuldigt sind), unter Androhung des Entzugs ihrer Benefizien. Das gilt als letzte Aufforderung.

9. Allen Geistlichen wird auferlegt, sich angemessen zu kleiden,

stets die Tonsur und den klerikalen Kranz auf dem Kopf zu tragen

und den Bart über der Oberlippe zu stutzen.

10. Der Besuch von Schenken und Wirtshäusern ist für alle Geistli-

chen am Ort ihrer Residenz verboten, ohne Ausnahme und jeglichen Vorwand, selbst der Bezahlung und jedes anderen, außer in Fällen offenbarer Notwendigkeit, wobei sie sich dort mit aller Bescheiden- heit und Mäßigkeit benehmen.

11. Ihnen sind unerlaubte Spiele an allen Orten verboten; die er-

laubten und anderer Zeitvertreib auf Plätzen, an Straßenecken, auf Straßen, an Wegen und anderen öffentlichen Orten. Ebenso auch die Jagd mit Parforcehunden und Büchse, die zu tragen ihnen völlig ver- wehrt ist; darüber hinaus jede andere Jagd, die je nach verschiedenen Orten selbst Laien verboten ist.

12. Alle Pfarrer werden die heiligen Öle jedes Jahr aus der Hand

jener empfangen, die dazu aufgestellt sind, sie zu verteilen, und sie werden diese in geziemenden und unzerbrechlichen Gefäßen aufbe- wahren. Die sie verteilen, werden eine Liste der Empfänger führen.

13. Kein Geistlicher wird unter irgendeinem Vorwand, so heilig

und fromm er scheinen mag, Geld für die Austeilung der heiligen Kommunion verlangen, weder direkt noch indirekt, in welcher Weise es geschehe, unter Androhung exemplarischer Bestrafung.

14.

Keiner mache bei der Predigt irgendeine Ankündigung von welt-

lichen und profanen Dingen und Geschäften, sondern nur darüber, was den Dienst (Gottes und) der Seelen betrifft.

15. Die Pfarrer werden künftig adeligen Damen und anderen Frau-

en nicht gestatten, ihren Kirchenstuhl im Chor der Kirche aufzustel- len, und werden dafür sorgen, jene entfernen zu lassen, die mißbräuch- lich dort aufgestellt sind; ebenso dafür, daß die Fenster und Fenster- scheiben ihrer Kirchen ganz und geschlossen sind, besonders jene, die dem Altar entsprechen, während man die heilige Messe feiert.

16. Keiner nehme von jetzt an den Exorzismus vor, wenn er nicht

besonders und von neuem dazu ermächtigt ist. Und es ist allen Exor- zisten allgemein verboten, dem Teufel zu befehlen, daß er die Namen von Zauberern und Hexen zu offenbaren habe, noch irgendeine ande- re Art von Sünde.

17. Jahrmärkte und Kaufläden sind für Geistliche verboten, außer

im Notfall, was selten vorkommt. In diesem Fall werden sie sich ih- rem Stand entsprechend verhalten, nicht als Kaufleute und Händler.

18. Allen, die ein Seelsorgeamt haben, wird auferlegt, die Register

der Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen auf gutem Stand zu halten und eine unterzeichnete Abschrift davon bei jeder Synode in Unserer Registratur abzuliefern.

19. Die Pfarrer werden an drei verschiedenen Sonntagen bei der

Predigt bekanntgeben lassen, daß die Rektoren oder Gründer von Kapellen, die sich in ihrer Pfarrei befinden, innerhalb eines Monats nach der letzten Verkündigung vor Unserem Generalvikar zu erschei- nen haben, um ihn über den Dienst und die Mittel des Unterhalts dieser Kapellen zu unterrichten. Im Fall der Unterlassung werden sie abgerissen und das Einkommen, das sich finden wird, dem Hauptal- tar der Pfarrei oder irgendeinem anderen zugeteilt, je nachdem was zweckmäßig ist.

20. Die Pfarrer werden dafür sorgen, daß die Benefiziaten von Ka-

pellen ihre Pflicht erfüllen, werden sie auch freundlich aufnehmen und ihnen die notwendigen Dinge zur Feier der Messe besorgen, zu der sie ihnen zur Stunde und auf gebührende Weise zu läuten erlau- ben werden.

21. Die Pfarrer werden ehestens die Hebammen ihrer Pfarrei kom-

men lassen, um sie über die Form und Materie der Taufe zu befragen.

Wenn sie diese nicht kennen, werden sie sie darüber belehren, damit sie im äußersten Notfall mit der erforderlichen Form, Materie und Intention taufen können.

22. Es ist verboten, bei Gebeten und Beschwörungen gegen Unwet-

ter unbekannte Worte, abergläubische Ausdrücke und Zeichen zu ge- brauchen.

23. Jede andere Form der Verkündigung als jene, die durch Unse-

ren hochwürdigsten Vorgänger (Gott hab’ ihn selig) veröffentlicht wurde, ist ganz und gar verboten.

24. Ebenso auch jede andere Art der Absolutionsformel als die fol-

gende Schließlich wird allen Pfarrern und Vikaren aufgetragen, diese Kon- stitutionen zu besitzen und sie in ihrer Sakristei anzuschlagen oder an einem anderen Platz ihrer Kirche, wo sie diese oft sehen und erwä-

gen können, zur Ehre Gottes und zum Heil des Volkes. Franz, Bischof von Genf.

Decomba.

Konstitutionen der Synode vom 20. April 1605.

Die Nachlässigkeit, die der Großteil der Unserem Amt unterste- henden Geistlichen in der Befolgung unserer ersten Anordnungen gezeigt hat, und die Erkenntnis der Notwendigkeit am Beginn Unse- rer allgemeinen Visitation, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen vorzubeugen, die zwischen den Pfarrern und Pfarrangehörigen ent- stehen könnten, haben Uns bewogen, diese Konstitutionen zu erlas- sen. Erstens haben Wir angeordnet, daß die Konstitutionen, die Wir auf der Synode vom 2. Oktober 1603 erlassen haben, von neuem veröf- fentlicht werden, selbst mit dem, was von den Schenken und Wirts- häusern, unter welchem Vorwand immer, handelt, damit sie mit den gegenwärtigen befolgt werden. Alle Inhaber von Benefizien, die ein Seelsorgeamt haben, sind ver- pflichtet, innerhalb von sechs Wochen persönlich anwesend zu sein, unter Androhung der Exkommunikation, wenn sie nicht gültig dis- pensiert sind. Dazu sind sie verpflichtet, innerhalb der gleichen Zeit vor Uns oder unserem Generalvikar zu erscheinen. Damit die Inha- ber dieser Benefizien nicht den Grund der Unkenntnis in Anspruch

nehmen, wird ihren Vikaren aufgetragen, sie davon zu unterrichten und ihnen mündlich oder schriftlich diese Anordnung mitzuteilen und unserem Generalvikar innerhalb eines Monats einen Akt zu über- geben, aus dem er ihre Sorgfalt ersehen kann; unter der Strafe von 50 Pfund für jeden Säumigen. Allen Geistlichen ist es verboten, künftig den Exorzismus vorzu- nehmen, wenn sie nicht von neuem von Uns oder unserem Generalvi- kar zugelassen und diese Zulassung denen schriftlich gegeben wird, die für geeignet befunden werden, dieses Amt auszuüben. Ihnen ver- bieten Wir unter Androhung der Exkommunikation, den Exorzismus außerhalb der Kirche vorzunehmen, die Besessenen in ihrem Haus zu behalten, vor allem Frauen und Mädchen, und mit ihnen Reisen und Wallfahrten zu machen; unter der Strafe von 25 Pfund und ande- ren Maßnahmen. Keinem Ordensmann, gleich von welchem Orden, soll es erlaubt sein, in unserer Diözese zu predigen, wenn er nicht die schriftliche Erlaubnis von Uns oder unserem Generalvikar hat. Er ist gehalten, diese dem Pfarrer des Ortes zu zeigen, wo er predigen will, und ihn davon zu verständigen, bevor dieser das Hochamt beginnt, damit er die Möglichkeit hat, die Pfarrkinder aufzufordern, daß sie der Pre- digt beiwohnen. Alle Pfarrangehörigen sind gehalten, zu Ostern bei ihrem Pfarrer zu beichten oder bei anderen, die Vollmacht haben, Beichte zu hören. Und bezüglich der heiligen Kommunion sind sie gehalten, sie in ih- rer Pfarrei zu empfangen aus der Hand ihres Pfarrers oder anderer, die von ihm beauftragt sind. Wenn es einzelne gibt, die die Kommuni- on nicht aus der Hand ihres Pfarrers empfangen wollen, werden sie gehalten sein, ihm das mitzuteilen und ihn um Erlaubnis zu bitten, anderswohin zu gehen; der Pfarrer wird sie geben, ohne weiter nach der Veranlassung zu fragen. Diese Pfarrkinder werden innerhalb von acht Tagen nach Ostern eine Bestätigung von dem Priester bringen, der ihnen die Kommunion gespendet hat, auf die Gefahr hin, sonst für Häretiker gehalten zu werden. Für jene, die mit dem Unserer Diözese benachbarten Gebiet der Häretiker verkehren oder auch dort zu wohnen gezwungen sind, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, haben Wir allen Pfarrern und den übrigen, die Beichterlaubnis haben, die Vollmacht gegeben, ihre Beichte zu hören und sie loszusprechen, daß sie von unserer Mutter Kirche gebotene Feiertage nicht gehalten, an den Vigiltagen und an

Quatember der Fastenzeit nicht gefastet haben; ebenso, daß sie an diesen Tagen Fleisch gegessen haben, ausgenommen die Freitage und Samstage; ebenso daß sie bei den Predigten der Prädikanten waren, sofern sie nicht das Abendmahl genommen haben. Um vielen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen vorzubeugen, die zwischen den Pfarrern und den Pfarrangehörigen entstehen wegen des Leichentuchs, das man über die Toten breitet, während man sie zu Grabe trägt, haben Wir angeordnet, daß die Erben des Verstorbenen oder andere, die für die Leichenfeier aufzukommen haben, wählen können, ob sie das Leichentuch dem Herrn Pfarrer überlassen oder es zurückerwerben, indem sie 6 Gulden zahlen; und für das Häubchen oder Kleidchen, das man auf die kleinen Kinder legt, 2 Gulden. Wegen der Klagen, die Uns erreichten, daß manche Pfarrer die Be- leuchtung zurückbehalten, die man bei der Leichenfeier und beim Leichengottesdienst am Tag des Begräbnisses trägt, und sie nicht für die Messe verwenden wollen, die sie am nächsten Tag feiern, sondern eine andere verlangen, haben Wir angeordnet, daß die Pfarrer gehal- ten sind, die Beleuchtung aufzustellen am nächsten Tag und während der drei Tage, an denen man für die Toten zu beten pflegt, solange sie reicht. Nach drei Tagen soll dem Pfarrer gehören, was übrig ist. Wenn der Fall eintritt, daß am nächsten Tag keine Messe gefeiert wird, sol- len sie keineswegs verpflichtet sein, die Beleuchtung aufzustellen. In manchen Kirchen Unserer Diözese werden die Pfarrer gebeten, die Beleuchtung für Begräbnisse zu besorgen, und wenn es zum Be- zahlen kommt, sind sie sehr oft gezwungen, deswegen mit ihren Pfarr- kindern einen Prozeß zu führen. Da Wir dem vorbeugen wollen, ha- ben Wir angeordnet: Wenn die Pfarrer die Beleuchtung besorgen, werden sie diese in Gegenwart der Auftraggeber wiegen, bevor sie diese herausgeben, wie auch, wenn sie sie zurücknehmen. Man wird ihnen für das verbrauchte Wachs 5 Gulden für das Pfund von Annecy bezahlen. Zum gleichen Preis soll man die Beleuchtung bezahlen, die man das Jahr über aufstellen läßt. Aus der Erkenntnis, daß es manche Kapellen mit geringem Ein- kommen gibt, die von der Stiftung mit großen Diensten belastet sind, denen die Rektoren nicht entsprechen können, haben Wir angeord- net, daß der Rektor einer Kapelle, die z. B. nur 10 Gulden Einkom- men hat, nur 20 Messen zu lesen verpflichtet ist, entsprechend 6 Sous für die Messe, und in gleicher Weise die anderen. Wir wollen jedoch

jene, die Kapellen mit einem guten Einkommen innehaben, nicht zu mehr Dienst verpflichten, als ihnen durch deren Stiftung aufgetragen ist. Wir verpflichten alle Geistlichen, die in Unserer Diözese wohnen, künftig das Fest ‚Petrus in vinculis‘ mit seiner Oktav zu feiern, da es das Patrozinium Unserer Kathedrale ist; ebenso auch den Jahrestag ihrer Weihe, das ist der 8. Oktober. Wir haben Kenntnis davon bekommen, daß viele Pfarrer und ande- re Inhaber von Benefizien in Unserer Diözese Prozesse gegen ihre Pfarrangehörigen anstrengen, manchmal mehr aus Animosität als aus Eifer, die Güter ihrer Kirchen und Benefizien zu erhalten, wobei es leicht wäre, den Streit am Anfang beizulegen. Daher haben Wir allen Pfarrern und anderen Benefiziaten verboten, künftig Prozesse gegen ihre Pfarrangehörigen anzustrengen, außer sie haben sich vorher mit ihrem Aufseher beraten. Dieser wird die Parteien anhören und sie zu einigen versuchen. Wenn er sieht, daß das Unrecht auf der Seite der Pfarrangehörigen liegt und sie sich nicht zur Vernunft bringen lassen, soll es den Pfarrern erlaubt sein, ihr Recht durch die Justiz zu su- chen. Obwohl alle Veräußerungen von Kirchengütern durch das Recht verboten sind, außer wenn sie offenkundig zu ihrem Vorteil und Nut- zen sind (in diesem Fall muß man noch die Erlaubnis der Vorgesetz- ten haben), hat Unser Vermögensverwalter Uns aufmerksam gemacht, daß manche Inhaber von Benefizien, sowohl Pfarrer und Rektoren von Kapellen als auch andere, ohne Unser Wissen und Unsere Zu- stimmung oder die unseres Generalvikars die Grundlagen ihrer Be- nefizien vertauschen oder verkaufen, was Anlaß zu vielen Prozessen gibt. Um dem vorzubeugen, haben Wir alle Verträge der Veräuße- rung oder des Tausches von Geistlichen für nichtig erklärt, die ge- schlossen wurden oder künftig geschlossen werden ohne Unser Siegel oder das unseres Generalvikars, und verpflichten die Inhaber von Benefizien, innerhalb von sechs Monaten wieder beizubringen, was auf diese Weise veräußert wurde, unter Strafe von 50 Pfund. Damit verbinden Wir das Verbot an alle Inhaber von Benefizien, ohne Un- sere Erlaubnis Güter zu veräußern, die von ihrem Benefizium abhän- gen, unter Strafe von 100 Pfund. Wir tragen den Aufsehern auf, ihre Hand darüber zu halten, jeder innerhalb seiner Aufsicht, und den Vermögensverwaltern, jene zu melden, die dem zuwiderhandeln, da- mit dann nach dem Recht in dieser Sache verfahren werde.

Bestimmungen der Synode vom 12. April 1617.

1. Alle, die von Rechts wegen verpflichtet sind, an der Synode teil-

zunehmen, werden künftig im Chorhemd und mit dem viereckigen

Birett erscheinen. Die Aufseher sollen so früh zu kommen trachten, daß sie an der Versammlung am Tag vor der feierlichen Synode teil- nehmen können, um vorzubereiten, was man bezüglich der Schwie- rigkeiten und Erfordernisse der Diözese vorlegen und erklären muß.

2. Alle Pfarrer werden nach ihrer Rückkehr von der Synode drei

Messen lesen: eine vom Heiligen Geist für den ganzen Klerus dieser Diözese, eine für den Frieden, das Wohlergehen unserer Fürsten und

die gute Amtsführung der von ihnen eingesetzten Beamten, die dritte für die verstorbenen Bischöfe, Pfarrer und Geistlichen der Diözese.

3. Alle Pfarrer werden ihre Pfarrkinder zu besonderen Gebeten auf-

fordern für den Frieden und die Erhaltung der Staaten Seiner Hoheit; in Städten werden sie diese jeden Tag verrichten, in den Dörfern an Sonn- und Feiertagen, uzw. am Abend oder bei der Vesper, wenn sie gesungen wird und das Volk daran teilnimmt.

4. Wenn die Aufseher an den Orten ihrer Aufsicht sind, werden sie

alle außerordentlichen Beichtväter rufen, d. h. jene, die nicht Pfarrer sind, um ihre Zulassung zu sehen oder sie zurückzuweisen, wenn sie

keine haben. Und weil manche, nachdem sie diese erhalten haben, überaus unwissend geworden sind, werden die Aufseher sie prüfen, um zu sehen, ob es ratsam ist, ihre Zulassung zu verlängern für die ganze Zeit, die ihre Urkunde angibt, oder sie zu widerrufen, wenn das nicht gut wäre. In diesem Fall werden sie ihnen deren Widerruf in Unserem Namen erklären.

5. Die Priester, die zur Spendung der Sakramente zugelassen wer-

den wollen, werden sich den auf der Synode bestimmten Examinato-

ren am ersten Donnerstag jeden Monats vorstellen, wenn nicht ein Feiertag auf ihn trifft. In diesem Fall sollen sie sich am nächstfolgen- den vorstellen, um geprüft und dann vom hochwürdigsten Herrn Ge- neralvikar oder seinen Substituten approbiert zu werden. Die Pfarrer sollen die anderen Priester ihrer Pfarrei darauf hinweisen, damit sie sich nicht an anderen Tagen vorstellen, an denen sie nicht angenom- men werden.

6. Jene, die künftig zu den heiligen Weihen zugelassen werden wol-

len, werden sich gemäß der Anordnung des heiligen Konzils von Tri- ent mit einem guten und ausreichenden Titel versehen vorstellen. Als

solcher wird er nicht betrachtet werden, wenn er nicht wenigstens 120 Gulden beträgt und nicht in Gegenwart des Aufsehers ausgestellt und bestimmt wurde. Sie werden auch eine Bestätigung ihres Pfarrers vorlegen, daß drei Aufgebote in der Verkündigung ihrer Kirche ge- macht wurden, ohne daß irgendein Hindernis für den Empfang der heiligen Weihen bei ihnen gefunden worden ist. Sie werden außerdem gehalten sein, die Weihen auszuüben, die sie haben, und darüber eine schriftliche Bestätigung ihres Pfarrers vorzulegen, wie auch über ihr Alter und ihre guten Sitten. Die Herren Pfarrer werden ermahnt und beim ewigen Richter beschworen, darin sehr gewissenhaft zu sein.

7. Kein Geistlicher, ob Welt- oder Ordenspriester, soll zugelassen

werden, das Wort Gottes zu predigen, bevor er von den Examinatoren geprüft und von Uns oder unserem Generalvikar approbiert ist. Wir nehmen davon allerdings die Doktoren und Graduierten der Theolo- gie aus, die ohne Prüfung zugelassen werden können, und diejenigen, denen Wir früher eine solche Erlaubnis gegeben haben. Unter diesem Verbot wollen Wir auch nicht die Herren Pfarrer verstanden wissen, die durch ihre Anstellung das ihnen anvertraute Volk nicht nur be- lehren können, sondern ihrer Bedeutung entsprechend müssen.

8. Alle Beichtväter dieser Stadt und die von deren Aufsicht, Welt-

priester wie Ordensleute, werden zweimal im Jahr zusammenkom- men, nämlich vor der Fastenzeit und vor Allerheiligen, um eine Kon- ferenz über das Bußsakrament zu halten. Zu dieser Konferenz wer- den auch alle Beichtväter jeder Aufsicht einmal im Jahr zusammen- kommen, nämlich vor der Fastenzeit, am Ort, wo die heiligen Öle verteilt werden, und das in Anwesenheit des Aufsehers oder eines anderen Beauftragten als Vorsitzender.

9. Die Verteilung der heiligen Öle wird zunächst geschehen durch

den kleinen Pförtner oder Untersakristan der Kathedrale an die Ab- gesandten der Städte und Ortschaften, die ihm für jeden Pfarrer, der in ihrer Liste aufgeführt ist, zwei Sous bezahlen. Die Abgesandten werden sie an die in ihrer Liste verzeichneten Pfarrer verteilen, von denen sie je vier Sous erhalten; davon sind zwei die Erstattung für die zwei, die sie dem erwähnten Untersakristan bezahlt haben, die ande- ren zwei für die Auslagen, die sie hatten, um das Öl zu holen und zu erneuern. Das soll pünktlich in der Zeit zwischen Ostern und Pfing- sten geschehen, und anschließend sollen die genannten Verteiler in- nerhalb von vierzehn Tagen unserem Generalvikar die Liste derjeni-

gen schicken, die sie nicht geholt haben. Sie werden beim Abfüllen der heiligen Öle darauf achten, allmählich nichtgeweihtes Öl zum geweihten zu gießen, nicht umgekehrt, und werden sie keinem zum Überbringen geben, der nicht heilige Weihen empfangen hat.

10. Wir werden den weltlichen Arm anrufen, damit die Buchhänd-

ler, im Land ansässige wie fremde, ihre Bücher nicht zum Verkauf

ausstellen, bevor sie ein Verzeichnis davon vorgelegt haben: in dieser Stadt unserem Generalvikar, sonst dem Pfarrer des Ortes, an dem sie diese ausstellen wollen; dies um zu verhindern, daß verbotene Bü- cher zum Schaden der Gewissen verbreitet werden.

11. Alle Geistlichen, die Frauen, gleich welchen Alters, zu ihrem

Dienst oder sonstwie halten, werden sie entlassen und innerhalb ei- nes Monats ausziehen lassen; unter der Strafe der Exkommunikation, die nach Ablauf der Frist eintritt und Uns vorbehalten ist, und ande- rer angemessener Bestrafung. Ausgenommen sind jene, die das Ge- setz erlaubt, wie Mutter, Schwester, Stiefmutter, Stiefschwester, leib- liche Cousine und Nichte vom Bruder oder der Schwester. Wenn sich nach Ablauf des Monats noch jemand findet, der dieser Bestimmung

nicht entsprochen hat, sollen die Aufseher unserem Generalvikar Nachricht geben.

12. Um dem großen Ärgernis abzuhelfen, soweit Wir können, das

mehrere Geistliche dem christlichen Volk geben durch den Besuch von Schenken, indem sie die früher erlassenen Verbote mißachten, erneuern Wir sie unter größerer Strafandrohung, nämlich der von selbst eintretenden und Uns reservierten Exkommunikation. Diese ziehen sich alle Geistlichen zu, die im Bereich ihrer Pfarrei und ihres Wohnortes in einer Schenke essen und trinken, außer einzig im Fall von Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und Bruderschaftsfesten. Da- von nehmen Wir jedoch nicht aus Verlobungen, Jahresgedächtnisse, Zahltage von Steuern und Besoldung, noch irgendeinen anderen Vor- wand.

13. Alle Benefiziaten, sowohl von Pfarreien wie Kapellen, werden

sobald als möglich alle Titel und Dokumente ihrer Kirchen und Ka- pellen dem Archiv der Diözese bringen oder schicken, um dort auf- bewahrt und gehütet zu werden. Sie werden den Inhabern und Rekto- ren der genannten Kirchen und Kapellen je nach Anlaß und Bedarf ausgefolgt werden. Darauf sollen die Aufseher die Pfarrer und die übrigen Benefiziaten ihres Bezirks aufmerksam machen, damit sie ein Verzeichnis ihrer genannten Titel aufstellen, die ihnen für die

Anforderung ihrer Einkünfte genügen werden. Die Kapitel werden an das genannte Archiv wenigstens das allgemeine Verzeichnis ihrer Ti- tel senden.

14. Alle Pfarrer werden innerhalb von drei Monaten ihre Tauf-,

Ehe- und Beerdigungsbücher an die bischöfliche Kanzlei schicken; unter der Strafe der Suspendierung vom Amt, sobald die drei Monate verstrichen sind.

15. Die Beichtväter sollen die Frauen darauf hinweisen, daß sie

entsprechend den Anordnungen der heiligen Väter und der Oberhir- ten der Kirche Männerklöster nicht betreten dürfen.

16. Die Beichtväter sollen darauf achten, daß sie die Beichte von

Frauen nicht hören in der Sakristei, in Zimmern und anderen ge- schlossenen Räumen, sondern im Beichtstuhl und an Orten, die der allgemeinen Sicht ausgesetzt sind.

17. Wir erneuern das Verbot der durch die heiligen Canones verbo-

tenen Spiele, ja auch von erlaubten an öffentlichen und heiligen Or-

ten oder von anderen, bei denen man Ärgernis geben kann.

18. Die Bescheidenheit und der äußere Anstand sei den Geistlichen

in der Weise empfohlen, daß man sie nicht mehr lange, gezwirbelte und gedrehte Schnurrbärte tragen sieht, daß sie vielmehr in ihrem

ganzen Äußeren großes Maßhalten zeigen.

19. Wir erneuern das Gebot der Residenz für Benefizien, mit denen

Seelsorge verbunden ist, entsprechend dem heiligen Konzil, mit der Anordnung, jene zu zitieren, die nicht residieren, wenn sie nicht durch ein apostolisches Indult dispensiert sind.

20. Die Geistlichen werden künftig bei öffentlichen Versammlun-

gen mit dem viereckigen Birett erscheinen, in den Städten werden sie in Soutane und Mantel gehen, in den Dörfern wenigstens in der Souta- nelle.

21. Die Geistlichen werden keinen Straf- oder Zivilprozeß anstren-

gen, wenn sie sich nicht mit den Moderatoren in Verbindung gesetzt haben, die in dieser Stadt wohnen, um zu sehen, ob der Prozeß ver-

mieden oder beigelegt werden kann, und wenn es notwendig ist, zu plädieren, um ihn nicht ohne gute Grundlage zu führen.

22. Sollte es vorkommen, daß irgendein Geistlicher seinen Wein

im einzelnen verkaufen muß, dann darf er unter keinerlei Vorwand

etwas anderes verkaufen und darf nicht erlauben, daß der Wein in Räumen seines Hauses getrunken wird.

23.

Alle Weltpriester wissen, daß sie zur Befolgung der Synodal-

Konstitutionen verpflichtet sind und daß die Ordensleute sie in dem befolgen, was sie betrifft, wie: nicht ohne Approbation Beichte zu hören und zu predigen, Personen dieser Diözese nicht von reservier-

ten Fällen zu absolvieren, und allgemein, daß sie die übrigen Anord- nungen befolgen, die sie betreffen, wenn sie mit Weltlichen zu tun haben.

24. Alle Pfarrer werden an der Synode teilnehmen, unter der Aufla-

ge einer angemessenen Buße. Wenn sie ankommen, werden sie sich dem bischöflichen Aktuar vorstellen, um ihren Namen anzugeben und die Gebühr zu zahlen, die die heiligen Canones die ‚Kathedralta-

xe‘ nennen, die auf zwei Sous festgesetzt ist. Die nicht an der Synode teilnehmen, werden die gleiche Verpflichtung durch einen Vertreter erfüllen.

25. Die Pfarrer der Städte und Ortschaften werden nicht versäu-

men, jeden Sonntag in ihrer Kirche die Christenlehre zu halten, unter Androhung einer angemessenen Strafe. Die Pfarrer der Dörfer wer- den ermahnt, sie nach ihren Möglichkeiten zu halten.

26. Wir erneuern die Anordnung, das für den Gebrauch dieser Di-

özese verfaßte Rituale zu besitzen und zu gebrauchen und die darin enthaltene Verkündigung zu machen, indem sie diese dem Volk vor-

lesen.

27. Die Pfarrer werden darauf achten, den Gebeten für die Verstor-

benen beim Begräbnis und beim Jahresgedächtnis keine neuen Re- sponsorien hinzuzufügen, ebenso nicht-approbierte Gebete, die nicht im Rituale dieser Diözese enthalten sind.

28. Die Pfarrer werden ihren Pfarrkindern erlauben, ihre Beichte

bei approbierten Beichtvätern zu machen, die sie wünschen. Sie sol- len ihnen aber eine Bestätigung darüber bringen, sonst gelten sie, als

hätten sie nicht gebeichtet. Sie werden dagegen, wenn sie es nicht für gut halten, diese Erlaubnis nicht für die heilige Kommunion geben.

29. Die Pfarrer werden die Aufgebote der Hochzeiten machen und

die veröffentlichten und unterzeichneten Monitorien verkünden, ohne irgendeine Gebühr zu verlangen.

30. Man wird die Bestimmung der Kirche einschärfen und befol-

gen, die Hochzeiten nur am Morgen bei der Messe zu feiern, in der die Mädchen den Brautsegen empfangen. Und sie sollen aufgefordert

werden, daß sie mit ihrem Bräutigam, entsprechend der Rubrik des Missale, die Kommunion empfangen.

31. Die Pfarrer werden sorgsam darauf achten, daß man in der Kir- che nicht bestimmte Weihnachtslieder singt, die voll von würdelosen, profanen Worten sind, die der Predigt und der den heiligen Orten und Dingen gebührenden Ehrfurcht widersprechen; ebenso, daß man nicht den Psalmen, die man am Fest der Geburt des Herrn singt, gewisse lächerliche Worte voller Gotteslästerungen hinzufügt. Vielmehr sol- len beim Gottesdienst geflissentlich einzig die heiligen Zeremonien eingehalten werden, die die katholische Kirche gottesfürchtig einge- führt hat.

3. Bestimmungen für die Katechese

In den Synodal-Konstitutionen 1603 wurden die Pfarrer zum Katechismus- Unterricht verpflichtet, der vom Konzil von Trient zwar vorgeschrieben, aber noch nicht durchgeführt war. Darüber hinaus gründete Franz von Sales eine eigene Bruderschaft von Laien, mit einem Prior und verschiedenen Ämtern, bestellte einen Priester als Diözesanbeauftragten für die Katechese und führte ein ‚Fest des Katechismus‘ ein, das er am 11. Januar 1604 zum erstenmal feierte. In Annecy hat er selbst zwei Jahre die Katechese mit großem Erfolg gehalten. Von seinen Bestimmungen für die Stadt Annecy vom Oktober 1603 (OEA XXIII,273-275) ist nur ein Fragment überliefert; die Bestimmungen für die Pfarreien der Diözese (XXIII,276-278) regelten die Katechese durch die Bru- derschaft.

Für die Stadt Annecy.

– – – Man bestimme zwei Jungen, um die Kinder zu versammeln, von denen einer sie diesseits der Brücken sammelt, der andere jen- seits. Beide sollen eine kurze blaue Dalmatik tragen, auf der vorne und hinten der Name Jesus gemalt ist; jeder soll ein Glöcklein tragen, mit dem er die Kinder zusammenruft. Es soll nur zwei Klassen geben, eine für die kleinen Kinder, die andere für die Größeren. Am Beginn des Katechismus wird man irgendein Lied singen, wäh- rend man die Mittagsstunde erwartet; ebenso wird man am Schluß wieder ein anderes singen. Man wird am Sonntag nach dem Fest des Katechismus beginnen. Die Herren des Rates werden gebeten, den Erlaß Seiner Hoheit über die christliche Lehre bekanntmachen zu lassen. – – –

Für die Pfarreien der Diözese.

Man wird das Volk durch ein Glockenzeichen so früh vor der Ves- per zusammenrufen, daß der Katechismus den ganzen Sommer über zwei Stunden dauern kann. Wenn das Glockenzeichen gegeben ist, wird der Pförtner die Schu- le oder Kirche öffnen, die Bänke aufstellen und die Ankommenden an der Tür erwarten. Er wird die Kinder hineinführen und sie die rechte Art des Grußes lehren, damit sie sagen können: „Gott gebe uns seinen Frieden.“ Er wird sie das Kreuzzeichen mit dem Weihwasser machen lehren, wie auch das Gebet des Herrn und den Englischen Gruß zu sprechen. Wo sie dazu nicht fähig sind, wird er sich wenigs- tens bemühen, daß sie die Kniebeugung vor dem allerheiligsten Sa- krament auf dem Hochaltar machen. Dann wird er sie in ihre Bänke einweisen. Der Prior wird einige weitere Brüder zur Unterstützung des Pfört- ners bestimmen, die ebenso vorgehen. Der Prior und die übrigen Of- fizianten werden sich bemühen, pünktlich in der Schule zu sein, und dafür sorgen, daß die Kinder unterwiesen werden und das Schweigen beobachten. Man wird sie so lange unterweisen, wie es der Prior für gut befindet. Er wird darauf achten, daß jeder seine Aufgabe gut erfüllt. Wenn er nicht durch sein Amt verhindert ist, wird er jene bestimmen, die fra- gen und antworten können, wobei er stets die am besten Unterrichte- ten und Fähigen wählen wird. Der Subprior und Ermahner werden gleicherweise darauf achten, daß kein Lärm gemacht wird, andernfalls werden sie stillschweigend dem Ruhegebieter ein Zeichen geben; deshalb werden sie auf ver- schiedene Plätze der Schule verteilt sein, wenn sich nicht der Prior mit ihnen bespricht, während die anderen unterrichten. Nachdem darauf einige Zeit verwendet wurde, wobei die Lehrer volle Freiheit im Unterricht haben (sie werden für gewöhnlich vier bis sechs Kinder haben), wird der Prior ein Glockenzeichen geben, niederknien und die anderen dasselbe tun heißen. Darauf wird er das vor dem Wechselgespräch übliche Gebet sprechen und mit seinen Kindern den Segen des Priesters empfangen (wenn einer anwesend ist). Dann läßt er sie auf einem erhöhten Platz Aufstellung nehmen, wo sie gesehen werden können, die einen auf dieser, die anderen auf der anderen Seite.

Nachdem diese Kinder das Kreuzzeichen gemacht und die Worte laut gesprochen haben, werden sie den Abschnitt des Katechismus aufsagen, der ihnen angegeben wurde; die einen werden die Fragen stellen, die anderen darauf antworten. Manchmal wird er sie einhal- ten lassen und sie fragen, was er will, um sie auf diese Weise verstän- diger und aufmerksamer zu machen. Er wird indessen darauf achten, daß das Gespräch von Dingen handelt, die bereits gesagt wurden. Deshalb werden alle Kinder derselben Ordnung und Klasse am glei- chen Platz sitzen, damit er ohne Zeitverlust jedes fragen kann, wie es sich trifft. Und ausgehend von dem, was gesagt wurde, wird er einen kleinen Vortrag halten und eine Zusammenfassung geben, damit alle diese Lehre ihrem Geist besser einprägen können. Wenn er das nicht machen könnte, wird er irgendeinen Lehrer oder Offizianten darum bitten. Wenn das geschehen ist, wird man das kleine Gesetz der guten Sit- ten vorlegen, das alle anhören; hernach wird man das Gebet verrich- ten, wie es angeordnet ist. Schließlich (wenn man nicht die Abwesenden feststellen oder ein- zelne zurechtweisen muß) wird man die Kinder entlassen, indem man sie ermahnt, bescheiden zu sein, sich zu merken, was gesagt wurde, und am nächsten Feiertag pünktlich wiederzukommen. Der Prior wird Belohnungen verteilen an jene, die eifrig und be- scheiden waren, wie fromme Bildchen, Rosenkränze, Medaillen und ähnliche Dinge; denn auf diese Weise wird er erreichen, daß sie sich immer besser betragen. Der Kanzler wird die Fehlenden in der Liste vermerken, ob sie krank sind, und wird darüber dem Prior und den anderen Offizianten berichten. Darauf wird man die Predigt oder Ermahnung hören, die der Priester hält. Wenigstens einmal im Monat wird der Prior einen von den Offizi- anten oder Lehrern zur General- oder Diözesanversammlung schi- cken, der über den ganzen Stand und die Bedürfnisse seiner Schule berichten wird. Ebenso werden alle anderen einander durch irgendei- nen der Ihren besuchen, damit ein aufrichtiger Austausch aller Früch- te und des geistlichen Nutzens zur größeren Ehre Gottes geschieht.

4. Weisungen für die Beichtväter 14

Den Herren Pfarrern und Beichtvätern der Diözese Genf. Frieden und Gruß im Herrn.

Meine lieben Brüder! Ihr übt ein erhabenes Amt aus, da ihr von Gott bestellt seid, um die Seelen mit solcher Autorität zu richten, daß das Urteil, das ihr recht- mäßig auf Erden fällt, im Himmel bestätigt wird. Euer Mund ist der Kanal, durch den der Friede vom Himmel zur Erde fließt auf die Menschen guten Willens (Lk 2,14); eure Stimme ist die Posaune des erhabenen Jesus, die die Mauern der Bosheit, das ist des mystischen Jerichos (Jos 6,1ff) zerstört. Es ist eine überaus große Ehre für einen Menschen, zu dieser Wür- de erhoben zu werden, zu der selbst Engel nicht berufen sind; denn zu welchem Engelchor wurde je gesagt: Empfanget den Heiligen Geist; wem ihr die Sünden nachlaßt, dem sind sie nachgelassen (Joh 20,22f)? Das wurde jedoch zu den Aposteln gesagt und in ihrer Person zu al- len, die durch rechtmäßige Nachfolge die gleiche Vollmacht empfin- gen. Da ihr also zu diesem bewundernswerten Dienst bestellt seid, müßt ihr Tag und Nacht eure Sorgfalt auf ihn verwenden und ich ei- nen großen Teil meiner Aufmerksamkeit. Deshalb habe ich, nachdem ich vor einiger Zeit eine Sammlung von einigen Bemerkungen gemacht habe, die ich für geeignet halte, euch in diesem Dienst eine Hilfe zu sein, daraus diese kleine Denkschrift zusammengestellt, die ich euch überreiche, weil ich glaube, daß sie für euch recht nützlich sein wird.

I. Die Disposition des Beichtvaters.

Habt eine große Zartheit und Reinheit des Gewissens, weil ihr die Gewissen der anderen reinigen und läutern sollt, damit man euch nicht das alte Sprichwort vorhält: Arzt, heile dich selbst (Lk 4,23); und das Wort des Apostels: Worin du die anderen richtest, verurteilst du dich selbst (Röm 2,1). Wenn ihr daher zum Beichtdienst gerufen werdet und euch im Zustand der Todsünde befindet (was Gott verhüte), müßt ihr zuerst selbst zur Beichte gehen und die Lossprechung empfangen; oder wenn ihr wegen Mangels eines Beichtvaters diese Wohltat nicht haben könnt, müßt ihr in euch die heilige Reue erwecken.

Habt ein glühendes Verlangen nach dem Heil der Seelen, beson- ders derjenigen, die sich zur Beichte einfinden, und bittet Gott, er möge gnädig zu ihrer Belehrung und zu ihrem geistlichen Fortschritt mitwirken. Denkt daran, daß euch die armen Pönitenten zu Beginn ihres Be- kenntnisses ‚Vater‘ nennen und daß ihr tatsächlich ein väterliches Herz für sie haben müßt, indem ihr sie mit äußerster Liebe empfangt und ihre Ungeschliffenheit und Unwissenheit, ihre Geistesschwäche, Un- beholfenheit und andere Unvollkommenheiten geduldig ertragt; ihr sollt nie müde werden, ihnen zu helfen und beizustehen, solange ir- gendeine Hoffnung auf ihre Besserung besteht, nach dem Ausspruch des hl. Bernhard: Die Sorge der Hirten gilt nicht den starken Seelen, sondern den Schwachen und Gebrechlichen; denn die Starken tun von sich aus genug, aber die Schwachen muß man tragen. Obwohl der verschwenderische Sohn ganz nackt, schmutzig und übelriechend zu- rückkam, umarmte ihn sein gütiger Vater trotzdem, küßte ihn liebe- voll und weinte über ihn (Lk 15,15.20), weil er sein Vater war und weil das Herz der Väter voll Zärtlichkeit für das der Kinder ist. Habt die Klugheit eines Arztes, weil auch die Sünden geistliche Krankheiten und Leiden sind, und beobachtet aufmerksam die Ver- fassung eures Pönitenten, um ihn entsprechend zu behandeln. Wenn ihr ihn daher z. B. von Scham und Scheu gequält seht, dann gebt ihm die Gewißheit des Vertrauens, indem ihr ihm versichert, daß ihr kein Engel seid, so wenig wie er; daß ihr es nicht befremdend findet, daß die Menschen sündigen; daß die Beichte und Buße den Menschen unendlich ehrenwerter macht, als ihn die Sünde erniedrigen konnte; daß vor allem Gott, aber auch die Beichtväter die Menschen nicht danach einschätzen, was sie in der Vergangenheit gewesen sind, son- dern danach, was sie gegenwärtig sind; daß die Sünden in der Beichte vor Gott und dem Beichtvater begraben werden, so daß ihrer nie mehr gedacht wird. Wenn ihr ihn unverschämt und ohne Reue seht, dann gebt ihm recht zu verstehen, daß er sich vor Gott niederzuwerfen kommt; daß es bei der Beichte um sein ewiges Heil geht; daß er in der Stunde des Todes über nichts so streng Rechenschaft geben wird wie über die Beichten, die er schlecht gemacht hat; daß in der Lossprechung der Preis und das Verdienst des Todes und der Passion Unseres Herrn zugewendet werden.

Wenn ihr ihn furchtsam seht, niedergeschlagen und ohne Vertrau- en, die Vergebung seiner Sünden zu erlangen, dann richtet ihn auf, zeigt ihm das große Wohlgefallen, das Gott an der Buße der großen Sünder hat; daß die Barmherzigkeit Gottes um so mehr verherrlicht wird, je größer unser Elend ist; daß Unser Herr Gott, seinen Vater, für die gebeten hat, die ihn kreuzigten (Lk 33,34), um uns erkennen zu lassen, daß er uns sehr gern verzeihen würde, wenn wir ihn mit unseren eigenen Händen gekreuzigt hätten; daß Gott die Buße so hoch schätzt, daß die geringste Buße der Welt, wenn sie nur echt ist, ihn jede Art der Sünde vergessen läßt, so daß selbst den Teufeln alle ihre Sünden vergeben würden, wenn sie Reue haben könnten; daß die größten Heiligen große Sünder waren: der hl. Petrus, der hl. Matthä- us, die hl. Magdalena, David etc.; schließlich, daß es das größte Un- recht ist, das man der Güte Gottes, dem Leiden und Sterben Jesu Christi zufügen kann, wenn man kein Vertrauen hat, Vergebung für unsere Missetaten zu erlangen; daß wir durch einen Glaubensartikel verpflichtet sind, an die Vergebung der Sünden zu glauben, damit wir nicht daran zweifeln, sie zu erlangen, wenn wir unsere Zuflucht zu dem Sakrament nehmen, das Unser Herr zu diesem Zweck eingesetzt hat. Wenn ihr ihn verwirrt seht, so daß er seine Sünden nicht gut ange- ben kann oder sein Gewissen nicht zu erforschen verstand, dann ver- sprecht ihm euren Beistand und versichert ihm, daß ihr mit Gottes Hilfe nichts unterlassen wollt, um ihn eine gute und heilige Beichte machen zu lassen. Vor allem seid liebenswürdig und taktvoll gegen alle, besonders aber gegenüber Frauen, um ihnen das Bekenntnis beschämender Sün- den zu erleichtern.

1. Wenn sie sich von selbst irgendwelcher Worte anklagen, die sie

wiedergeben, dann zeigt euch keineswegs zimperlich oder erweckt den Eindruck, sie befremdend zu finden, bis das ganze Bekenntnis

abgeschlossen ist; dann könnt ihr sie gütig und liebenswürdig über eine sittsamere Form belehren, sich in diesen Dingen auszudrücken.

2. Wenn sie bei diesen beschämenden Sünden ihre Anklage mit

Entschuldigungen, Ausreden und Geschichten verbinden, dann habt Geduld und verwirrt sie in keiner Weise, bis sie alles gesagt haben; dann könnt ihr sie über diese Sünde zu fragen beginnen, um sie zu veranlassen, die Erklärung ihrer Sünden vollkommener und genauer zu machen, indem ihr ihnen liebenswürdig das Überflüssige, das

Ungehörige und Unvollkommene zeigt, das sie begangen haben, in-

dem sie sich entschuldigten, ihre Anklage beschönigten und verschlei- erten, ohne sie jedoch irgendwie zu tadeln.

3. Wenn ihr seht, daß es ihnen schwer fällt, sich selbst dieser be-

schämenden Sünden anzuklagen, dann beginnt damit, sie über die leichteren auszufragen, etwa ob sie Gefallen gefunden haben, Uneh- renhaftes reden zu hören, daran gedacht haben; wenn ihr so allmäh- lich von einem zum anderen weitergeht, d. h. vom Hören zu Gedan- ken, von Gedanken zu Begierden, vom Wollen zu Handlungen, in dem Maß, wie sie sich erklären, dann werdet ihr sie ermutigen, immer weiter zu gehen, indem ihr ihnen manchmal Worte sagt wie diese:

Wie glücklich sind Sie, gut zu beichten! Glauben Sie, daß Gott Ihnen eine große Gnade erweist. Ich erkenne, daß der Heilige Geist Ihr Herz bewegt, um Sie eine gute Beichte machen zu lassen. Haben Sie guten Mut, mein Kind, sagen Sie kühn Ihre Sünden und seien Sie unbesorgt; Sie werden dann eine große Befriedigung empfinden, gut gebeichtet zu haben, und möchten es um nichts in der Welt missen, Ihr Gewissen vollkommen entlastet zu haben. In der Todesstunde

wird es Ihnen ein großer Trost sein, diese demütige Beichte gemacht zu haben. Gott segne Ihr Herz, das so willig bereit ist, sich richtig anzuklagen. – Auf diese Weise werdet ihr ihre Seele sanft dazu drän- gen, ein vollständiges Bekenntnis abzulegen.

4. Wenn ihr Menschen begegnet, die wegen außergewöhnlicher Sün-

den wie Hexerei, Einlassen mit dem Teufel, Bestialität, Mord und ähnlicher Ungeheuerlichkeiten äußerst verschreckt und in ihrem Ge- wissen beunruhigt sind, dann müßt ihr sie mit allen Mitteln aufrich- ten und trösten. Versichert sie der großen Barmherzigkeit Gottes, die unendlich größer ist, um ihnen zu vergeben, als alle Sünden der Welt, um sie zu verdammen; versprecht ihnen, daß ihr ihnen in allem bei- stehen werdet, wessen sie von euch zum Heil ihrer Seele bedürfen.

II. Die äußere Disposition.

Wenn es ein Sakrament gibt, bei dessen Spendung man mit Ernst und Würde auftreten muß, dann ist es das Bußsakrament, weil wir in ihm von Gott bestellte Richter sind. Ihr werdet dabei also in Soutane und Chorrock, die Stola umgelegt und das Birett auf dem Kopf, an einem sichtbaren Platz der Kirche sitzen, mit freundlicher und wür- devoller Miene, die ihr nie ändern dürft durch irgendwelche äußere

Gesten oder Zeichen, die Unmut oder Verdruß verraten könnten, aus Furcht, denen, die euch sehen, irgendwie Anlaß zur Vermutung zu geben, daß euch der Pönitent etwas Unerfreuliches oder Ungeheuer- liches sage. Ihr werdet veranlassen, daß euer Pönitent sein Gesicht dem euren in der Weise zuwendet, daß er euch nicht ansieht und nicht direkt in euer Ohr spricht, sondern daran vorbei.

III. Fragen, bevor sich der Pönitent anklagt.

Ist der Pönitent erschienen, so muß man ihn vor allem nach seinem Stand und Rang befragen, d. h. ob er verheiratet ist oder nicht, Geist- licher oder nicht, Ordensmann oder weltlich, Advokat oder Prokura- tor, Handwerker oder Arbeiter; denn je nach seinem Stand muß man unterschiedlich mit ihm vorgehen. Danach muß man wissen, ob er die Absicht hat, sich all seiner Sün- den anzuklagen, ohne wissentlich etwas zu verschweigen; ebenso die Sünde aufzugeben und völlig zu verabscheuen und zu tun, was ihm zu seinem Heil auferlegt wird. Wenn er diesen Willen nicht hat, muß man sich damit befassen, ihn dafür zu disponieren, wenn es möglich ist. Wenn das nicht zu erreichen ist, muß man ihn wegschicken, nach- dem man ihm zu verstehen gegeben hat, wie gefährlich und bedau- ernswert sein Zustand ist.

IV. Worüber sich der Pönitent anklagen muß.

Es ist ein unerträglicher Mißbrauch, wenn sich die Sünder von sich aus keiner Sünde anklagen, sondern nur, soweit man sie fragt. Man muß sie daher lehren, sich zuerst von sich aus anzuklagen, soweit sie es vermögen, und ihnen dann helfen und beistehen durch Aufforde- rungen und Fragen. Es genügt nicht, daß sich der Pönitent nur der Gattung seiner Sün- den anklagt, etwa daß er ein Mörder, Unzüchtiger oder Räuber war; es ist vielmehr erforderlich, daß er die Art nennt, ob er z. B. der Mörder seines Vaters oder seiner Mutter war, denn das ist eine Art des Mordes, die sich von anderen unterscheidet und Elternmord heißt; ob er in der Kirche getötet hat, denn darin liegt ein Sakrileg; oder ob er einen Geistlichen ermordet hat, denn das ist ein geistlicher Vater-

mord und ist mit der Exkommunikation belegt. Ebenso bei der Sünde der Unzucht: ob er eine Jungfrau verführt hat, denn das ist eine Schän- dung; ob er mit einer verheirateten Frau verkehrt hat, das ist Ehe- bruch; und so bei den anderen Sünden. Man muß nicht nur nach der Art der Sünde fragen, sondern auch nach ihrer Zahl, damit sich der Pönitent darüber anklagt und sagt, wie oft er eine solche Sünde begangen hat, oder ungefähr, so genau er es nach seiner Erinnerung kann, oder wenigstens sagt, wie lange er sich in seiner Sünde aufgehalten und ob er sich ihr sehr hingegeben hat; es ist ja ein Unterschied, ob einer einmal geflucht hat oder hun- dertmal oder ob er es gewohnheitsmäßig tut. Man muß den Pönitenten auch nach den verschiedenen Graden der Sünde fragen. Es ist z. B. ein großer Unterschied, ob man innerlich zürnt, schimpft, mit der Faust zuschlägt oder mit einem Stock oder mit dem Degen; das sind verschiedene Grade der Sünde des Zorns. Dasselbe ist zu sagen von unzüchtigen Blicken, unehrbaren Berüh- rungen und der fleischlichen Vereinigung; das sind verschiedene Grade ein- und derselben Sünde. Es ist richtig, daß einer, der eine schlechte Handlung beichtet, nicht nötig hat, die anderen zu beichten, die not- wendigerweise erforderlich sind, um diese zu begehen; wer sich z. B. anklagt, ein Mädchen einmal verführt zu haben, ist nicht verpflichtet, die Küsse und Berührungen anzugeben, die er dabei und bei dieser Gelegenheit gemacht hat, denn das versteht sich hinreichend, ohne daß man es sagt, und die Anklage über solche Dinge ist enthalten im Bekenntnis der vollendeten Handlung der Sünde. Dasselbe sage ich von Sünden, deren Schwere sich in ein- und der- selben Handlung verdoppeln und vervielfachen kann. Wer z. B. einen Taler stiehlt, begeht eine Sünde; wer deren zwei stiehlt, begeht auch nur eine Sünde und von der gleichen Art, aber trotzdem ist die Sünde im zweiten Fall im Vergleich zum ersten doppelt so groß. Ebenso kann es vorkommen, daß man durch schlechtes Beispiel einer Person Ärgernis gibt, und mit einem anderen schlechten Beispiel der glei- chen Art gibt man dreißig oder vierzig Personen Ärgernis, und es ist kein Vergleich zwischen der einen und der anderen Sünde. Deshalb muß man, soweit es sich gut machen läßt, die Menge dessen näher bestimmen, was man gestohlen hat, die Zahl der Leute, denen man durch eine einzige Handlung Ärgernis gegeben hat, und so nachein- ander bei anderen Sünden, deren Schwere ja nach der Zahl der Perso- nen und der Menge der Gegenstände zunimmt.

Man muß noch weiter gehen und den Pönitenten befragen bezüg- lich der rein inneren Begierden und Wünsche, sei es, ob er irgendwie Rache nehmen wollte, etwas Unehrbares tun oder ähnliches; denn diese schlechten Wünsche sind Sünde. Man muß noch weiter gehen und die schlechten Gedanken erfor- schen, auch wenn ihnen keine Begierden und Wünsche folgen. Wer z.B. Freude daran hat, an den Tod, den Ruin oder das Unglück seines Feindes zu denken, obwohl er solche Wirkungen nicht wünscht, hat dennoch gegen die Nächstenliebe gefehlt und muß sich dessen genau anklagen, wenn er freiwillig und bewußt Wohlgefallen und Freude an solchen Vorstellungen und Gedanken hatte. Genau so ist es bei ei- nem, der freiwillig, um Freude daran zu haben, sich in Gedanken und Vorstellungen der Fleischeslust aufhält und daran Wohlgefallen hat; denn er sündigt innerlich gegen die Keuschheit und muß sich dessen anklagen, zumal er zwar nicht seinen Leib der Sünde hingeben wollte, ihr aber doch sein Herz und seine Seele hingegeben hat. Nun besteht die Sünde mehr in der Zuwendung des Herzens als des Leibes, und es ist in keiner Weise erlaubt, bewußt Wohlgefallen und Befriedigung an der Sünde zu haben, weder durch Handlungen des Leibes noch durch Akte des Herzens. Ich habe ‚bewußt‘ gesagt, denn die schlechten Ge- danken, die uns gegen unseren Willen kommen, und ohne daß wir ganz darauf achten, sind überhaupt keine Sünde oder sind keine Tod- sünde. Außerdem muß sich der Pönitent noch der Sünden anderer ankla- gen nach dem Beispiel Davids (Ps 19,14); denn wer durch schlechtes Beispiel oder auf andere Weise jemand zur Sünde verleitet hat, ist dessen schuldig; man nennt das Ärgernis im engeren Sinn. Dagegen muß man, soweit das geschehen kann, den Pönitenten daran hindern, die Mitschuldigen an seiner Sünde zu nennen oder zu erkennen zu geben.

V. Von der Sorgfalt des Beichtvaters, keinen loszusprechen, der für die Gna- de Gottes nicht empfänglich ist.

Danach muß der Beichtvater feststellen, ob der Pönitent in der Ver- fassung ist, die Lossprechung zu empfangen, die bestimmten Grup- pen von Menschen nicht gegeben werden darf. Dafür will ich euch einige Beispiele nennen, die euch Aufschluß über alles übrige geben werden.

1.

Jene, die sich in der größeren Exkommunikation befinden, kann

der Beichtvater davon nicht lossprechen ohne Ermächtigung des Vor- gesetzten, außer wenn sie ihm nicht vorbehalten ist.

2. Ebenso können jene, die eine dem Papst oder dem Bischof vorbe-

haltene Sünde haben, nicht ohne deren Vollmacht losgesprochen wer- den. Man muß sie also an jene verweisen, die die Vollmacht haben, oder sie warten lassen, bis man sie eingeholt hat, wenn das leicht geschehen kann.

3. Fälscher, falsche Zeugen, Diebe, Wucherer, solche, die sich Gü-

ter, Titel, Rechte, Ehrenstellen eines anderen unrechtmäßig aneig- nen und sie zurückbehalten, ebenso solche, die fromme Legate, Al- mosen, Erstlingsgaben und Abgaben zurückbehalten, böswillige Pro-

zessierer, Ehrabschneider und allgemein alle, die dem Nächsten Scha- den zufügen, können ebenfalls nicht losgesprochen werden, wenn sie nicht auf die bestmögliche Weise das Unrecht und den Schaden gut- machen oder wenigstens versprechen, es tatsächlich wieder gutzuma- chen.

4. Ebenso Eheleute, die in Zwietracht getrennt voneinander leben

oder die ehelichen Pflichten nicht erfüllen wollen; sie können nicht losgesprochen werden, solange sie auf diesem verkehrten Willen be- harren.

5. Geistliche, die ihr Benefizium unrechtmäßig erlangt haben oder

etwas damit Unvereinbares haben ohne rechtmäßige Dispens oder die das Offizium grundsätzlich nicht verrichten und das geistliche Kleid nicht tragen; sie alle dürfen nicht losgesprochen werden, wenn sie nicht versprechen, es in Ordnung zu bringen und alle diese Fehler

zu bessern.

6. Ebenso dürfen Konkubinarier, Ehebrecher, Säufer nicht losge-

sprochen werden, wenn sie nicht den festen Vorsatz erkennen lassen,

nicht nur von ihren Sünden zu lassen, sondern auch die Gelegenhei- ten dazu aufzugeben. Solche sind für Konkubinarier und Ehebrecher

ihre Frauenzimmer, die sie fortschicken müssen; für die Säufer die Wirtshäuser, für die Flucher das Spielen.

7. Schließlich können Streitsüchtige, die Rachegefühle und Feind-

schaften haben, die Lossprechung nicht empfangen, wenn sie nicht ihrerseits vergeben und sich mit ihren Feinden versöhnen wollen.

VI. Wie man die Wiedergutmachung und Wiederherstellung der Güter und der Ehre des Nächsten auferlegen muß.

Nachdem nun der Beichtvater die Gewissensverfassung des Pöni- tenten richtig erkannt hat, muß er bestimmen und anordnen, wovon er sieht, daß es notwendig ist, um ihn für die Gnade Gottes empfäng- lich zu machen, sowohl was die Rückerstattung der Güter des Nächs- ten, die Wiedergutmachung des Unrechts und der Beleidigung be- trifft, die er ihm zugefügt hat, als auch was die Besserung seines Le- bens und die Flucht oder Entfernung der Gelegenheiten zur Sünde betrifft. Und bezüglich der Wiedergutmachung und Rückerstattung, die man dem Nächsten leisten muß, muß man nach Möglichkeit ein Mittel suchen, es heimlich zu tun, ohne daß der Pönitent bloßgestellt wird. Wenn es sich um einen Diebstahl handelt, muß er das gestohlene Gut oder den Gegenstand zurückgeben durch eine verschwiegene Person, die den Rückerstatter nicht nennt und in keiner Weise verrät. Wenn es eine falsche Beschuldigung oder eine Lüge war, muß man geschickt dafür sorgen, daß der Pönitent, ohne diesen Anschein zu erwecken, den gegenteiligen Eindruck erweckt bei jenen, vor denen er das Un- recht begangen hat, indem er das Gegenteil dessen sagt, was er be- hauptet hatte, ohne den Anschein von etwas anderem zu erwecken. Was aber Wucher, falsche Prozesse und ähnliche Verwicklungen des Gewissens betrifft, ist es notwendig, mit besonderer Klugheit deren Wiedergutmachung anzuordnen. Wenn sich der Beichtvater dazu nicht genügend in der Lage sieht, muß er den Pönitenten freundlich um etwas Zeit bitten, um darüber nachzudenken; dann soll er sich an besser Unterrichtete wenden, wie es die Deputierten des Gebietes sind. Diese werden, wenn es der Fall verdient, Unsere Weisung einholen oder die unseres Generalvikars. Bei allen Dingen aber muß man darauf achten, daß diejenigen, deren Rat man einholt, auf keinen Fall den Pönitenten erkennen oder erra- ten können, wenn es nicht mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis ge- schieht. Das darf man auch mit seiner Erlaubnis nicht tun, wenn es nicht aus einer zwingenden Notwendigkeit geschieht und wenn er nicht den Beichtvater außerhalb und nach der Beichte darum bittet.

VII. Die reservierten Fälle und die Beichte in periculo et articulo mortis.

Nun, die Seiner Heiligkeit vorbehaltenen Fälle sind recht zahlreich, aber der Großteil sind doch solche, daß sie diesseits der Alpen fast nicht vorkommen; und was diejenigen betrifft, die vorkommen kön- nen, ist ihre Zahl gering. Abgesehen von der Bulle ‚In Coena Domi- ni‘ 15 sind es fünf:

1. Eine kirchliche Person töten oder schwer schlagen, aus Bosheit

und mit Absicht. Ich habe ‚schwer schlagen‘ gesagt, denn wenn der Schlag leicht und das Übel unbedeutend ist, kann der Fall vom Bi-

schof absolviert werden, außer der Schlag war, obwohl an sich leicht, ein großes Ärgernis, so wenn er z. B. einem Priester beim Gottes- dienst gegeben wurde oder an einem Ort oder in einer Umgebung, die sehr ehrwürdig und bedeutend sind.

2. Die Simonie und die tatsächliche Übereinkunft.

3. Die Sünde des Duells bei denen, die dazu fordern und den Zwei-

kampf durchführen.

4. Die Verletzung der Klausur von Klöstern klausurierter Nonnen,

wenn diese Verletzung zu einem bösen Zweck geschieht.

5. Die Verletzung der Immunitäten der Kirche. Dieser fünfte Fall

ist schwer zu erkennen und kommt kaum vor und stets durch öffentli- che Handlungen, daher wird er fast nie in der Beichte entschieden, wenn er nicht außerhalb von ihr durch die Bischöfe oder ihre Vikare entschieden wurde. Die Fälle der Bulle ‚In Coena Domini‘, die vorkommen können, sind ebenfalls gering an Zahl:

1. Die Häresie, das Schisma, häretische Bücher besitzen und lesen,

die Fälschung von Bullen und Apostolischen Schreiben.

2. Die Verletzung von Freiheiten und Privilegien der Kirche, von

kirchlichen Gütern und Personen, die absichtlich geschieht; die wi- derrechtliche Aneignung von kirchlichen Gütern, insofern sie kirch- lich sind.

Die Fälle, die Wir uns vorbehalten haben, sind gering an Zahl:

1. Das erste Gebot betreffend haben wir reserviert die Hexerei und

die Zaubermittel, die gegen den Zweck der Ehe angewendet werden.

2. Das vierte betreffend haben Wir den Verwandtenmord reserviert,

der geschieht durch Töten oder Schlagen von Vater, Mutter, Schwie- gervater, Schwiegermutter.

3.

Das fünfte Gebot betreffend haben Wir den absichtlich vollbrach-

ten Mord reserviert.

4. Das sechste betreffend haben Wir reserviert die Bestialität und

Sodomie, den Inzest im ersten und zweiten Grad und das Sakrileg, das mit Nonnen und Ordensfrauen verübt wird, Vergewaltigung und Nötigung von Mädchen und Frauen.

5. das siebente Gebot betreffend haben Wir reserviert die absichtli-

che Brandstiftung an Häusern des Nächsten, Plünderung und Dieb- stahl von geweihten Gegenständen.

Für alle diese reservierten Fälle müßt ihr nun zwei Regeln beach- ten:

1. Die Pönitenten, die sie begangen haben, trösten und nicht entmu-

tigen, sondern sie freundlich an diejenigen verweisen, denen Wir die Vollmacht gegeben haben, die Wir in großer Zahl in allen Gebieten

der Diözese aufgestellt haben; denn wenn sie auch nicht von den Fäl- len lossprechen können, die dem Papst reserviert sind, so können sie ihnen doch den Weg weisen, um die Absolution zu erlangen.

2. Im äußersten Notfall und in Todesgefahr können und müssen alle

Priester, auch wenn sie keine Beichtvollmacht haben, welcher Art und welchen Ranges sie auch sein mögen, allgemein von allen Sünden lossprechen. Selbst jener, der krank geworden den Beichtvater ver- langt, wenn er hernach die Sprache verloren hat und keinerlei Zei- chen geben kann, muß auf den einfachen Wunsch nach der Beichte hin losgesprochen werden. Außerdem muß man jenen absolvieren, der zwar den Priester nicht verlangt hat, aber wenn er ihn sieht und hört, dennoch ein Zeichen gibt, daß er die Lossprechung wünscht.

VIII.Wie man die Buße auferlegen und welche Ratschläge man den Pönitenten geben soll.

Der Beichtvater muß die Buße mit gütigen und tröstenden Worten auferlegen, vor allem dann, wenn er den Sünder recht bußfertig sieht, und er soll ihn stets fragen, ob er sie gern verrichten will; denn wenn er ihn verlegen sieht, wird er besser daran tun, ihm eine leichtere zu geben, denn es ist in der Regel immer besser, die Pönitenten mit Liebe und Güte zu behandeln (ohne ihnen jedoch in ihren Sünden zu schmeicheln), als sie hart zu behandeln. Und trotzdem darf man nicht vergessen, dem Pönitenten zu verstehen zu geben, daß er entspre-

chend der Schwere seiner Sünden eine härtere Buße verdiente, damit er demütiger und frommer verrichte, was man ihm auferlegt. Die Bußen dürfen nicht verworren und nicht aus verschiedenen Ar- ten von Gebeten zusammengesetzt sein, wie z. B. drei Vaterunser zu beten, einen Hymnus, die Gebete der Kollekte, aus Antiphonen und Psalmen. Es darf auch keine gegeben werden, die aus verschiedenarti- gen Handlungen zusammengesetzt ist, wie z. B. drei Tage Almosen zu geben, an drei Freitagen zu fasten, eine Messe lesen zu lassen, sich fünfmal zu geißeln. Denn aus dieser Häufung von Handlungen oder Gebeten ergeben sich zwei Unzuträglichkeiten: die eine, daß der Pö- nitent darauf vergißt und dann Gewissensbisse hat; die andere, daß er mehr daran denkt, was er zu beten oder zu tun hat, als an das, was er betet oder tut, und während er in seinem Gedächtnis sucht, was er tun muß, oder während der Gebetszeit, was er zu beten hat, die Frömmig- keit sich abkühlt. Es ist daher besser, Gebete der gleichen Art aufzu- geben, wie alles an Vaterunser oder alles aus Psalmen, die aufeinan- der folgen, damit er nicht da und dort einen nach dem anderen suchen muß. Und es wird sogar gut sein, das eine oder andere der folgenden Dinge aufzugeben: etwa dieses oder jenes Buch zu lesen, das man für geeignet hält, um dem Pönitenten zu helfen, oder ein Jahr lang jeden Monat zu beichten, einer Bruderschaft beizutreten und ähnliche Hand- lungen, die nicht nur als Buße für die begangenen Sünden dienen, sondern auch als Vorbeugung gegen künftige Sünden. Und was die Ratschläge betrifft, die der Beichtvater dem Pöniten- ten im allgemeinen geben soll, so sind die nützlichsten für Personen jeder Art folgende: sehr oft beichten und kommunizieren, einen gu- ten ständigen Beichtvater wählen, häufig Predigten besuchen, gute Bücher über die Frömmigkeit besitzen und lesen, so unter anderen die des Ludwig von Granada, schlechte Gesellschaften zu fliehen und gute aufzusuchen, sehr häufig zu Gott beten, am Abend das Gewissen erforschen, an den Tod denken, an Gericht, Himmel und Hölle, heili- ge Bilder haben und oft küssen, wie vom Gekreuzigten und andere.

IX. Wie man die Absolution geben muß.

Wenn das geschehen ist, werdet ihr, bevor ihr die Lossprechung gebt, den Pönitenten fragen, ob er nicht demütig danach verlangt, daß ihm seine Sünden nachgelassen werden, ob er nicht diese Gnade vom

Verdienst des Todes und der Passion Unseres Herrn verlangt, ob er nicht den Willen hat, künftig in der Furcht Gottes und im Gehorsam gegen ihn zu leben. Darauf könnt ihr ihm zu verstehen geben, daß das Urteil seiner Lossprechung, das ihr auf Erden verkündet, im Himmel anerkannt und bestätigt wird; daß die Engel und Heiligen im Himmel sich freu- en, ihn in die Gnade Gottes zurückkehren zu sehen; er möge künftig so leben, daß er in der Todesstunde die Frucht dieser Beichte genie- ßen kann; und da er sein Gewissen im Blut des unschuldigen Lammes Jesus Christus gewaschen hat (Offb 7,14), möge er darauf achten, es nicht mehr zu beflecken. Nachdem ihr diese oder ähnliche Worte des Trostes gesagt habt, werdet ihr das Birett abnehmen, um die Gebete zu sprechen, die der Absolution vorausgehen. Und wenn ihr das „Und Unser Herr Jesus Christus“ gesagt habt, werdet ihr das Birett aufsetzen und die rechte Hand gegen das Haupt des Pönitenten ausstrecken und mit der Abso- lution fortfahren, wie es im Rituale angegeben ist. Es ist richtig, wie der gelehrte Doktor Emmanuel Sa sagt „bei der Beichte derjenigen, die oft beichten“, kann man alle Gebete weglas- sen, die man vor und nach der Absolution spricht, und einfach sagen:

„Ich spreche dich los von all deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dasselbe ist zu sagen, wenn es eine Menge von Pönitenten gibt und die Zeit kurz ist, denn man kann kluger Weise die Absolution kurz fassen und nur sagen:

„Unser Herr Jesus Christus spreche dich los und in seiner Vollmacht spreche ich dich los von all deinen Sünden. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Ebenso kann man auch beim Andrang von Pönitenten, die häufig beichten, diese auffordern, das Confiteor für sich zu sprechen, ehe sie vor den Beichtvater treten, damit sie unmittelbar nach ihrer Ankunft vor ihm und nach dem Kreuzzeichen mit der Anklage beginnen; denn auf diese Weise wird nichts ausgelassen und man gewinnt viel Zeit. Der Pater Valerian Reginald von der Gesellschaft Jesu, Lektor der Theologie in Dole, hat kürzlich ein Buch veröffentlicht über die ‚Klug- heit der Beichtväter‘, das sehr nützlich für die Leser sein wird. Meine lieben Brüder, das sind 25 Artikel, die ich für wert gehalten habe, sie euch vorzulegen; indessen habe ich sie, durch viele andere Aufgaben abgelenkt, nicht besser darzustellen, noch den Rest zu Pa-

pier zu bringen vermocht. Empfehlt meine Seele stets der Barmher- zigkeit Gottes, wie ich meinerseits euch seinen Segen wünsche.

Fragment von Ratschlägen für die Beichtväter

– – – Hütet euch vor allem, zu harte Worte den Pönitenten gegen- über zu gebrauchen; denn manchmal sind wir in unseren Ermahnun- gen so streng, daß wir uns tatsächlich als tadelnswerter erweisen, als jene schuldig sind, die wir zurechtweisen. Gott will das nicht; er be- klagt sich, daß durch unsere zu große Strenge seine Altäre verlassen und seine Opfer ohne Opfergaben sind: Weil ihr mit so absoluter Macht herrscht, sagt Unser Herr (Ez 34,4f) zu uns Priestern, sind meine armen Schafe aus Angst geflohen. Unser Meister Jesus Christus hätte nie Menschen zu Beichtvätern bestimmt, wenn sie nicht Sünder gewesen wären. Da nun die Beicht- väter selbst Sünder sind, sind sie verpflichtet, demütig und mild zu sein und sich mit den armen Pönitenten durch eine gütige Herablas- sung zu demütigen. Das versteht indessen der Großteil der geistli- chen Väter nicht, und ich wundere mich darüber, denn die Probe für einen vollkommenen Beichtvater besteht darin, barmherzig gegen- über dem Vergehen des anderen zu sein und unnachsichtig gegenüber seinem eigenen. Die wahre Frömmigkeit, sagt der hl. Hieronymus, hat immer Mitleid, die falsche nur Unmenschlichkeit. Im Gesetz der Gnade gibt es nur Güte. Der Zorn Unseres Herrn gleicht dem Sommerregen, der das Land nur berührt. Der Sohn Got- tes ist eine Seele voll Erbarmen und er ist ausdrücklich Mensch ge- worden, um sich mit einem Herzen voll Mitleid zu verbinden; des- halb hat sich seine göttliche Seele mit seiner Menschheit vereinigt, um zu dulden, und hat sich mit einem Leib verbunden, um in Güte mit seinen Geschöpfen zu leiden und sich seinen Brüdern gleichförmig zu machen (Hebr 4,15; 11,17). Ich verstehe dieses Mitleid nicht als ein Kissen für das Laster und ein Polster, um die Sünde nach seinem Belieben darauf zu betten (vgl. Ez 13,18); nein, ich verstehe es nur so, daß wir uns der Verfassung jedes einzelnen anpassen und etwas nicht der Bosheit zuschreiben, sondern der Schwachheit. Die Geister wol- len nicht hart angefaßt, sondern sanft zurückgeführt werden; so ist der Mensch veranlagt. Für diese Führung braucht man eine heilige Geschicklichkeit; bei diesen Begegnungen muß das Gewissen unser Führer sein. – – –

Weisungen für die Unterscheidung der Geister

Meine Brüder, wenn Gott euch zur Führung von Seelen bestimmt

hat, müßt ihr ihn ständig um seine Erleuchtung bitten, um die echten Wirkungen seines Geistes recht zu erkennen. Wenn ihr daher die Lei- tung bestimmter Menschen habt, die mit seinen außergewöhnlichen und erhabenen Gaben begnadet sind, dann achtet darauf:

1. ob sie sich in dem Sinn verhalten, der wenigstens der Heiligen

Schrift entnommen ist; der ist als der allgemeinste am wenigsten ge- fährlich, weil die Heilige Schrift die Regel der Führungen Gottes in den Seelen ist.

2. Es ist auch eine Wirkung des Geistes Gottes, daß er in denen, die

er liebt, zugleich mit höchstem Vertrauen eine große Furcht erweckt. Diese kommt von der Erkenntnis unserer Schwachheit, jenes folgt aus der heiligen Liebe. Der Teufel dagegen verleitet zu erhabenen Gedanken und zu Vorstellungen einer sehr hohen Tugend und eines guten Lebens, indem er dazu überredet, sich auf seine eigenen Fähig- keiten und seine guten Werke zu verlassen.

3. Aber der Prüfstein, um den guten wie den bösen Geist auf die

Probe zu stellen und den Anfänger vom bereits Fortgeschrittenen zu unterscheiden, besteht in der Bereitschaft zu leiden. Denn der Schlech-

te wird durch Trübsale schlechter und murrt gegen die Vorsehung Gottes; der Anfänger leidet unwillig und dann bedauert er, daß er sich zur Ungeduld hinreißen ließ. Der Fortgeschrittene schleppt zu- erst sein Kreuz ein wenig; wenn er aber seinen Erlöser und Meister das seine auf den Kalvarienberg tragen sieht, nimmt er es doch auf sich, faßt Mut und entschließt sich zur Geduld und dazu, Gott zu preisen. Der Vollkommene, in diesem Jahrhundert ein seltener Vogel als der Phönix in Arabien, erwartet nicht nur Schmach, Verfolgung und Verleumdung, sondern geht ihnen selbst ohne Verwegenheit ent- gegen und eilt wie zum Hochzeitsmahl (vgl. Mt 22,2; Offb 19,9), da

er sich noch für unwürdig hält, die Livree zu tragen, nach der man ihn für einen Diener des Hauses Gottes halten muß.

4. Es ist auch ein Kennzeichen des Geistes Gottes, gütig und voll

Mitleid mit seinem Nächsten zu sein, selbst wenn er näher daran ist, der Strenge seiner Gerechtigkeit zu verfallen, aus Furcht ihn unter seinen Ruinen zu begraben. Es ist auch ein Zeichen eines Geistes, der in seinen frommen Übungen oder in seinem Verhalten vom Teufel getäuscht wird, wenn er unter dem Namen eines bestimmten Eifers

über alles streng urteilt und alles bestrafen will, ohne Erbarmen und die geringste Milde walten zu lassen.

5. Die Übung der Tugenden nicht aufzugeben wegen der Schwierig-

keiten, die dabei begegnen, das ist ebenfalls das Zeichen einer Seele, deren Opfer Gott wohlgefällig ist. Denn diese grenzenlose Güte zückt keine flammenden Schwerter, um jenen den Eintritt in sein Paradies zu verwehren (Gen 3,24), die es aufrichtig suchen, und obwohl er zuläßt, daß seine Erwählten sich in Unbilden, in Leiden und Kreuzen befinden, erfüllt er sie so sehr mit Gnade, mit Kraft und Milde, daß sie sich für sehr glücklich und bevorzugt halten, aus Liebe zu ihm zu leiden. Der Teufel dagegen läßt sie in Gott eine furchtbare Rachsucht sehen, um ihre geringsten Fehler zu bestrafen. Er gaukelt ihnen einen Zorn und äußerste Strenge vor in Dem, der nicht das geringste seiner Geschöpfe schreien hören kann, ohne ihm Beistand zu gewähren (vgl. Jes 30,19), und der sich von der ersten Träne rühren läßt, die aus einem wahrhaft zerknirschten Herzen entspringt (vgl. Ps 1,19; 56,9; Jes 38,5). Aber seid auf der Hut vor der List unseres Feindes: Bevor er sie zur Sünde verführt hat, stellt er ihnen Gott ohne Hände und ohne Blitze vor, und wenn er sie zu Boden gestreckt hat, läßt er ihn in

ihrer Vorstellung erscheinen, umgeben von flammenden Blitzen und ganz von Feuer erfüllt, um sie in Asche zu verwandeln.

6. Prüft auch, ob diese Menschen sich in ihrer eigenen Hochschät-

zung verlieren, indem sie ihre Gnaden und ihre eigenen Gaben her- vorheben, die dagegen die Gunsterweise, die Gott anderen zuteil wer- den läßt, mit Verachtung behandeln oder für verdächtig halten. Es ist nämlich das sicherste Kennzeichen der Heiligkeit, wenn sie auf einer echten und tiefen Demut und auf einer glühenden Liebe gegründet ist. Die übernatürlichen Wirkungen, sagt der hl. Bernhard, können eben- sogut von Scheinheiligen geschehen wie von Heiligen; die von Her- zen Demütigen lassen deren Gediegenheit und Echtheit erkennen.

7. Und was die getäuschten Menschen betrifft, so dient ihnen Gott

selbst als Gewähr und Sicherheit, wenn ihr ihnen darin Glauben schenkt. Doch beobachtet ihre geistlichen Reden und seid bezüglich dieser außergewöhnlichen Ausdrücke sehr auf der Hut. Wenn sie z.B. sagen: Ich bin dessen sicher, was Gott von mir will; er tut Ihnen durch meinen Mund kund, was zu Ihrem Heil und zu Ihrer Führung notwen- dig ist; tun Sie das auf mein Geheiß, ich verantworte es vor Gott, und ähnliche Reden, die eine große Erleuchtung über innere Dinge an-

deuten und eine Vertrautheit mit dem Himmel (Phil 3,20). Prüft mit

Klugheit, ob ihre Taten mit diesen hohen Erleuchtungen übereinstim- men.

8. Seht auch, ob der Bericht, den man diesen Menschen über die

Schwachheit des Nächsten gibt, in ihnen mehr eine Regung der Ent- rüstung und des Entsetzens weckt als des Mitleids und Erbarmens

mit seinem Elend. Es ist nämlich ein falscher Eifer, gegen die Untu- gend seines Bruders zu wettern, ohne Notwendigkeit und gegen die Liebe dessen Fehler aufzudecken. Solche Menschen glauben zu errei- chen, daß man ihre Tugend bewundert, wenn sie die Fehler des Nächs- ten bekanntmachen.

9. Wenn man von Gott spricht, dann prüft außerdem, ob diese Men-

schen sich in affektierten Ausdrücken verlieren, weil sie zeigen wol- len, daß ihr Feuer nicht unter der Asche verborgen bleiben kann und daß man durch diesen Funken die Gluten entdecken könne, die in ihrem Innern sind.

10. Wenn ihr zuverlässig beurteilen wollt, ob diese Seelen die rech-

te Auffassung von Gott haben und ob die Gnaden echt sind, die sie von seiner Güte zu empfangen behaupten, dann seht, ob sie nicht an ihrem eigenen Urteil und an ihrem eigenen Willen hängen sowie an diesen Gnaden selbst. Oder ob sie ihnen im Gegenteil mißtrauen und sie unentschieden lassen, bis sie durch das Urteil ihres Seelenführers und mehrerer frommer, gelehrter und erfahrener Personen in ihrem Glauben darüber bestärkt werden, was sie von all dem halten müssen. Denn der Heilige Geist liebt über alles die demütigen und gehorsa- men Seelen. Er gefällt sich wunderbar in der Herablassung und Un-

terordnung als Fürst des Friedens (Jes 9,6; 1 Kor 14,33) und der Ein- tracht. Der Geist des Hochmuts dagegen gibt Sicherheit und macht jene, die er täuschen will, stolz, eigensinnig und sehr kühn; er läßt sie ihr Übel derart lieben, daß sie nichts so sehr fürchten wie ihre Hei- lung; er redet ihnen ein, daß jene, die mit ihnen sprechen, sie mehr um ihr Glück beneiden, als auf ihr Heil bedacht zu sein. So ist der Geist der Neuerer beschaffen.

11. Um diese ganze Darstellung abzuschließen, seht schließlich, ob

diese Menschen in ihren Worten und Taten einfach und aufrichtig sind; ob sie ihre Gnaden nicht herausstellen wollen, ohne daß es not- wendig ist; ob sie suchen, was nach außen auffällt.

12. Es ist ganz im Gegenteil eine Wirkung der beglückenden Füh-

rung des Vaters der Lichter (Jak 1,17), durch innere Einsprechungen

anzuregen, sanft in die Seele zu fließen und dort einzudringen wie der Regen in die Wolle (Ps 72,6). Der hl. Chrysostomus sagt, Gott hat den Hebräern seine Gebote unter großen Schrecken und vielen Donner- schlägen bekanntgemacht (Ex 19,16.18); aber das war notwendig, um die Menschen zu erschrecken, die sich nur aus Furcht der Anordnung fügten. Unser Herr dagegen kam freundlich zu seinen Aposteln, die gelehriger und der göttlichen Geheimnisse weniger unkundig waren. Es ist wahr, daß es einen gewissen Lärm und ein wenig Brausen gab (Apg 2,2); aber Gott ließ das der Juden wegen geschehen und aus den Gründen, die in der Heiligen Schrift (Apg 2,13-21) angegeben sind.

5. Aus dem Rituale der Diözese Genf

Vorwort 16

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna- de Fürstbischof von Genf, den in Christus geliebten hochwürdigen Vorstehern der Pfarrkirchen der Diözese Genf ewiges Heil. Geliebte Brüder! Als Holofernes Betulia belagerte, kam er auf den Gedanken, ihre Wasserleitung und alle Quellen ringsum zu unterbre- chen und zu besetzen, damit kein Tropfen Wasser bleibe, um den Durst der Belagerten zu löschen (Jdt 7,6-11). Das war auch die Ab- sicht aller, die die Kirche bekämpfen, besonders der Häretiker dieser Zeit, nämlich die Sakramente, durch die wie Kanäle und gewisserma- ßen geeignete Gänge der allergütigste Erlöser das Wasser der heilsa- men Gnade in unsere Herzen leitet und ergießt, entweder ganz abzu- schneiden oder durch falsche Anschauungen zu verderben und zu besetzen, damit künftig der sanfte Strom des ins ewige Leben fließen- den Flusses die Stadt Gottes nicht mehr erreichen könne (Joh 4,14; Ps 46,5). Vor allem suchen sie durch einmütigen Ansturm der Leug- nung die Buße, die Priesterweihe, die Firmung, die Ehe und die Letz- te Ölung fast ganz zu zerstören; dann berauben sie entweder in höch- ster Gottlosigkeit oder Anmaßung die Taufe der wirksamen Verge- bung der Sünden und die Eucharistie der wahren belebenden Gegen- wart des Herrenleibes. Jene altehrwürdigen Riten schließlich, mit denen die Mutter Kir- che wie mit goldenen Fransen angetan (Ps 45,14) bei der Spendung ihrer Sakramente in lieblicher Vielfalt erstrahlt und glänzt, trachten sie nicht nur zu leugnen, sondern auch nach Kräften durch Spott und

Gelächter auszupfeifen. Weil aber die Kirche nicht außerhalb der Mauern, sondern in ihrer Mitte den Heiligen Geist besitzt, jene ergie- bige Quelle belebenden Wassers, die sich von hier durch die Sakra- mente in die Seelen ergießt, haben die Häretiker vergeblich und läp- pisch erwogen, beschlossen und versucht, unser Betulia der Christen durch Durst zu bedrängen oder zur Übergabe zu zwingen. Denn of- fenkundig hat das Unterbrechen der Bäche, die von der Stadt ihren Ausgang nehmen, nicht die eingeschlossenen Bürger, sondern die ausgeschlossenen Feinde, nicht die Belagerten, sondern die Belage- rer von der Fülle des Wassers getrennt und entfernt. Ja, je heftiger die Versuche und je maßloser das Ungestüm ist, mit dem die Feinde der Kirche gegen die Zahl, die Würde und die Zere- monien der Sakramente ankämpfen, um so stärker und fester haben für ihre Siebenzahl, für die Feierlichkeit ihrer religiösen Riten und die Heiligkeit der sakramentalen Dinge zuerst alle auf dem heiligen Konzil von Trient versammelten Bischöfe, dann die meisten für sich in fast allen ihren Provinzen mit immer größerem Eifer gekämpft. Unter ihnen erinnern wir von unseren Vorgängern an den großen Angelo Giustiniani, einen Mann unvergleichlicher Gelehrsamkeit und Fähigkeit, der am Konzil teilnahm und nach seiner Rückkehr auf diese Fragen die größte Mühe verwandte. Da er aber durch den kurz zuvor erfolgten beklagenswerten Abfall der Stadt Genf diese ganze Diözese allenthalben aufgewühlt vorfand, hielt er es für seine Pflicht, den Hauptteil seiner Bemühungen auf die Festigkeit des katholischen Glaubens zu verwenden. Obwohl nämlich von unserer Bevölkerung sich niemand offen zum Irrglauben bekannte, hielten doch manche das Verbrechen der Häresie nicht für so verabscheuungswürdig, wie es erforderlich ist: Menschen, die zwar nicht kalt im Glauben sind, gewiß aber auch nicht warm (vgl. Offb 3,15f). Einige Halbgebildete und Bewunderer der humanistischen Schriften trachteten, die katho- lischen Riten zwar nicht ganz zu verwerfen, sie aber der Prüfung und anmaßend der Entscheidung ihres Urteils zu unterwerfen. Gegen alle diese Gefahren für die Seelen schuf der hervorragende Bischof wirksame Abhilfe durch die hervorragende Fähigkeit, die er besaß, über göttliche Dinge zu sprechen und zu lehren, in häufigen Predigten und persönlichen Gesprächen; und er erreichte schließlich, daß künftig in der Diözese, vor allem aber in dieser Stadt die Irrlehren und der Name der Häretiker allen als schimpflich, schrecklich und abscheulich galten. Über diesen Bemühungen, abgehalten und verwik-

kelt in verschiedene Aufgaben, schwierigste Knoten zu lösen, durch die die Ungunst der Zeit und menschliche Bosheit die Versuche der besten Väter zu vereiteln pflegen, vermochte der Bischof, obwohl äu- ßerst wachsam und tapfer, in der kurzen Zeit von zwölf Jahren, in de- nen er das Bischofsamt innehatte, den äußeren Glanz der kirchlichen Ordnung und der Sakramente kaum wiederherzustellen. Auf ihn folgte dann Claude de Granier, ein Mann, von Gott und den Menschen geliebt, dessen Andenken gesegnet ist (Sir 45,1). Ihn hat die Hand des Höchsten wegen der Wahrheit, der Rechtschaffenheit und Frömmigkeit wunderbar geführt (Ps 45,5), ihm gleiche Ehre mit den Heiligen gegeben (Sir 45,2), um ihn zu verherrlichen in seinen Mühen und sein Werk zu vollenden (Weish 10,10). Diesem hervorragenden Bischof ist gerechterweise fast alles zuzuschreiben, was es in dieser Diözese Untadeliges gibt. Er hat die kirchlichen Gebete und Offizien nach der Vorschrift des Konzils verbessert, äußerst gütig und zugleich wirksam in allen Kirchen der Diözese eingeführt. Er übernahm als erster von allen Provinzen Frankreichs nach der Bestimmung des glei- chen Konzils die überaus heilsame Übung, die nützlichste und heilig- ste, die man sich denken kann, Pfarrkirchen durch den Konkurs zu übertragen; dadurch hat er anderen Bischöfen ein Beispiel gegeben, damit auch sie so handeln, wie er getan hat (Joh 13,15). Soweit es nach den örtlichen Umständen möglich war, hat er die Kleidung der Priester zur klerikalen Einfachheit zurückgeführt. Er hat fast überall fromme Bruderschaften zu Ehren des heiligsten Sakramentes und der seligsten Jungfrau errichtet. Er hat den Brauch der jährlichen Synode wiederhergestellt. Auf verschiedene Orte verteilt hat er Wächter ein- gesetzt, die man ‚Aufseher‘ nennt; ihnen hat er die Vollmacht und Aufgabe übertragen, die anderen Priester aufzurichten, zurechtzu- weisen, zu ermahnen und über ihren Lebenswandel zu wachen. So- weit es die Unbilden der Zeit zuließen, hat er schließlich nichts un- versucht gelassen, um das kirchliche Leben auf den alten Stand besse- rer Zeiten zurückzuführen. Von allem, was er sich zu diesem Zweck vorgenommen hat, glaube ich aber, darf man nicht an letzter Stelle eine neue Ausgabe des Ri- tuale nach der Norm der heiligen römischen Kirche nennen. Es gibt zwar viele Ausgaben eines Rituale, deren Titel dem Leser die Ord- nung und Abfolge der Riten der römischen Kirche verspricht; aber man findet kaum eine, die dem Titel einigermaßen entspricht und das bietet, was er ankündigt. Daher hielt es der vorzügliche Bischof der

Mühe wert, wenn er für die Herausgabe eines Buches der Zeremonien sorgte, das dem Vorbild des römischen Rituale selbst angeglichen, alle in dieser Diözese einheitlich und als einziges besitzen und dann in der großen Vielfalt der Zeremonien eine einheitliche Regel für die Riten haben. Doch im letzten Jahrzehnt seines Lebens war er teils durch Kriegs- folgen, teils durch verschiedene Aufgaben, Kirchen wiederherzustel- len und Tausende von Häretikern selbst und durch seine Mitarbeiter zur Buße zurückzuführen (die er dann der flehenden Mutter Kirche als wiedergeborene Kinder zurückgab), ermattet, beschäftigt und be- hindert. Während indessen die Herausgabe des Rituale verzögert wurde, hinterließ er seinen größten Wunsch zum Wohl aller, wurde selbst hinweggenommen und in den Himmel aufgenommen, wie man hoffen darf. Daher glauben Wir am glücklichsten gehandelt zu haben, daß Wir einem solchen Vater nicht nur im Amt nachfolgen, das er innehatte, sondern ihm auch darin ein gehorsamer Nachfolger und Nachahmer sind, daß Wir dieses Rituale, das er selbst sehr wünschte, jetzt endlich euch vorlegen, die ihr es erwartet. Wir sind dabei folgendermaßen vorgegangen: Zunächst haben Wir einige gelehrte und fromme Männer Unserer Kathedrale beigezogen und das Rituale verschiedener Provinzen beschafft. Dann haben Wir einzig dem römischen alles getreu entnommen, was die Spendung der Sakramente betrifft. Aus den anderen, am meisten aus dem alten Ri- tuale von Genf, haben Wir viele Segensformeln übernommen, von denen wir glaubten, daß ihr Gebrauch bei unserem Volk nach lobens- wertem Brauch beibehalten werden soll. Aus allen, die Wir erreichen konnten, haben Wir aber hier und da verschiedene Regeln und zahl- reiche Beispiele entnommen, die den Pfarrern und ihren Vikaren am meisten Licht für die rechte Ausübung ihres Amtes bieten. Auf diese Weise haben Wir nach dem Beispiel der Bienen aus verschiedenen Blüten den Honig in unseren Bienenstock zusammengetragen. Wir haben auch ein Kalendarium hinzugefügt, in dem wir die Feste und Offizien aufgezählt haben, die in dieser Diözese sowohl nach altem Brauch als auch durch die jüngsten Synodalkonstitutionen fest- gesetzt und zugelassen wurden. Schließlich haben wir diesem Buch das Formular hinzugefügt, nach dem die Hauptpunkte der christli- chen Religion jeden Sonntag dem Volk vorzutragen sind. Ihr hattet es schon vorher, im Auftrag Unseres hochwürdigsten Vorgängers her- ausgegeben; jetzt wurde es durchgesehen und von Fehlern gereinigt,

die ihm anhafteten. So habt ihr alles, was euer Amt am meisten be- trifft, in diesem einen Band enthalten bequemer vor Augen. In dieser Hinsicht schien ja beinahe nichts weiter wünschenswert, außer um was viele von euch mich oft gebeten haben, nämlich kate- chetische und familiäre Ansprachen über die Sakramente und die übrigen Hauptpunkte der Religion. Ich verspreche jedoch, sie euch mit Gottes Hilfe zu geben, sobald mir die Fülle der verschiedenen Sorgen und Aufgaben, die von allen Seiten auf mich zukommen, eini- ge Muße und etwas Atem lassen. Ich meine, ihr seht jetzt, daß diese Arbeit dem Rituale gar nicht hinzugefügt werden durfte, weil sie ei- nen ganzen Band für sich beanspruchen dürfte. Da Wir nun also dieses so viele Jahre geforderte Werk mit Gottes Hilfe zu diesem glücklichen Abschluß gebracht haben, bleibt nur, daß wir alle es nun gern und einmütig gebrauchen. Damit es niemand aus Trägheit oder Nachlässigkeit unterlasse, befehlen Wir jedem ein- zelnen von euch und euch allen gemeinsam und ordnen an, daß künf- tig niemand andere Riten als die in diesem Rituale enthaltenen bei der Spendung der Sakramente und bei der Feier heiliger Segnungen und Handlungen sich anzueignen oder unter irgendeinem Vorwand anzuwenden anmaße. Denn auf diese Weise werden wir nicht nur im gleichen Glauben, sondern auch aus ein- und demselben Mund und auf gleiche Weise Gott den Herrn lobpreisen und wird bei uns nach apostolischer Vorschrift (1 Kor 14,40) alles mit Andacht und in Ord- nung geschehen. Gegeben zu Annecy in Savoyen am 8. Februar 1608.

Vorlage für die Verkündigung 17

In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen. Christliches Volk! Obwohl unser gütiger Gott alle Gebete erhört, die ihm andächtig im Namen seines Sohnes Jesus Christus darge- bracht werden, hat er sich dennoch Orte und Tage vorbehalten, an denen er will, daß ihm in besonderer Weise gedient und er angerufen wird; an diesen nimmt er auch unsere Bitten gnädiger an. Deshalb hat die heilige Kirche, gestützt auf die göttlichen Verheißungen und die apostolische Übung, sehr richtig angeordnet, daß wir uns an den hei- ligen Sonn- und Feiertagen in der Kirche versammeln, die von Unse- rem Herrn Haus Gottes und des Gebetes (Mt 21,13; Lk 19,46) ge- nannt wurde. Das geschieht, um in ihr das hochheilige Meßopfer zu

feiern, in dem sich unser Erlöser durch die Hände der Priester unter den Gestalten von Brot und Wein opfert und sich wirklich Gott, sei- nem ewigen Vater als Hostie und lebendige Opfergabe darbringt zur Erinnerung und zum Gedächtnis seines Todes und seiner Passion; damit wir durch dieses göttliche Opfer Gott, unserem Schöpfer, Hul- digung, Anerkennung und Danksagung darbringen für unsere Güter und Personen und daß kraft dieses Opfers unsere Gebete vor dem Thron seiner göttlichen Güte noch wohlgefälliger werden. Um nun heute diese Feier möglichst gut zu begehen, und da wir wissen, daß Gott gern auf das Gebet der Demütigen schaut (Ps 102,18) und das zerknirschte und demütige Herz nicht verschmäht (Ps 51,19), knien wir nieder, demütigen uns von ganzem Herzen vor seinem An- gesicht, danken ihm für alles Gute, das wir haben und das uns ge- schenkt wurde, vor allem für den Tod und die Passion unseres Herrn Jesus Christus, durch die wir von der ewigen Verdammnis befreit wurden. Wir erkennen und bekennen uns als seine armen und elen- den Geschöpfe, als unwürdige und unnütze Knechte (Lk 17,10), die in allem gänzlich von seiner heiligen Barmherzigkeit und Gnade ab- hängig sind, zu der wir unsere Zuflucht nehmen, um Nachlaß und Vergebung unserer Sünden und Missetaten zu finden. In dieser Absicht klagen wir uns aller unserer Sünden im allgemei-

nen an, mit dem echten Vorsatz, sie im einzelnen zu beichten zur Zeit und am Ort gemäß der Anordnung Gottes und seiner Kirche. So wol-

len wir sprechen: „Ich bekenne Gott dem Allmächtigen

Miseratur

vestri

In dem gleichen Bewußtsein und in Demut wollen wir Gott um seine Hilfe und seinen Beistand in all unseren Nöten bitten:

Vor allem, daß er unsere Seele zu seinem heiligen Dienst anleiten möge, damit wir auf der Grundlage des wahren Glaubens eine heilige Hoffnung auf unser Heil haben können durch die Liebe in der Beob- achtung seiner Gebote. Dann wollen wir beten für alle unsere Vorgesetzten, sowohl geistli- che wie weltliche; für unseren Heiligen Vater, den Papst, für alle Bi- schöfe, Hirten und Geistlichen, die rechtmäßig zur Leitung der See- len aufgestellt sind, im besonderen für unseren hochwürdigsten Herrn Bischof und Oberhirten, damit es Gott gefalle, ihnen die Gnade zu schenken, die ihnen anvertraute Herde so gut zu weiden und zu füh- ren, daß sie vor allen falschen Anschauungen und Verführungen be- wahrt, hier auf Erden in der Einheit der katholischen, apostolischen

Indulgentiam

römischen Kirche leben und ausharren in der Erwartung, daß sie im Himmel droben in die triumphierende Kirche aufgenommen wer- den. Wie der hl. Paulus (1 Tim 2,1f) rät, wollen wir auch beten für alle christlichen Fürsten und Obrigkeiten, im besonderen für Seine Maje- stät und die regierende Königin und für die Prinzen von Geblüt; und nicht nur für sie, sondern für alle, die berufen sind, ihrerseits zu re- gieren, daß es Gott gefalle, ihnen die Gabe der Stärke und des Rates zu verleihen, um uns in heiligem Frieden und Sicherheit zu erhalten, und die Gerichtsbarkeit gerecht zu verwalten, damit wir im Gehor- sam gegen sie „so durch die zeitlichen Güter hindurchgehen, daß wir die ewigen nicht verlieren“ (Missale). Da unser Erlöser (Lk 19,41) den Untergang Jerusalems vorhersah und beweinte, müssen wir außerdem von ganzem Herzen beweinen und bedauern die Verderbnis der bedauernswerten Seelen der Un- gläubigen, Schismatiker, der verirrten und falschen Christen, die sich Gottes Zorn für den Tag des Gerichtes anhäufen (Röm 2, 5), damit es ihm gefalle, sie mit seiner heiligen Gnade und Wahrheit zu erleuch- ten. Da Unser Herr als ihm erwiesen betrachtet, was dem Geringsten der Seinen erwiesen wird (Mt 25,40), wollen wir überdies beten für alle armen Betrübten und Notleidenden, für die Witwen und Waisen, für Kranke, Gefangene, Reisende und allgemein für alle, die Trübsal und Widerwärtigkeiten haben, auf daß es dem Vater der Erbarmung und allen Trostes (2 Kor 1,3) gefalle, ihnen mit seinem Heiligen Geist beizustehen, damit sie ihre Bedrängnis in Demut annehmen und ihre Seele in Geduld besitzen (Lk 21,19) können. Im besonderen wollen wir bitten, es möge Gott gefallen, die wer- denden Mütter in seine Obhut zu nehmen, auch diejenigen dieser Pfarrei, und die Frucht ihres Leibes zum heiligen Sakrament der Tau- fe zu führen, damit sie Anteil erhalten am Erbteil des Himmels.

Wenn man einen Bestimmten empfehlen muß:

Wir wollen auch beten für N.N. aus dieser Pfarrei, der/die von schwe- rer Krankheit betroffen, sich eurer Liebe empfiehlt, damit es Gott gefalle, ihm/ihr zu schicken, wovon er weiß, daß es ihm/ihr am meis- ten zum Heil gereicht. Wir wollen den himmlischen Vater auch um unser tägliches Brot

bitten, wie er es uns (Mt 6,11; Lk 11,3) gelehrt hat, und ihn bitten, er möge die Früchte der Erde erhalten und vermehren und die Arbeit unserer Hände segnen, damit wir sie in Frieden und guter Gesundheit ernten könnten, sie nach seinem Willen mäßig genießen und davon den armen Notleidenden mitteilen. Da die Heilige Schrift (2 Makk 12,45) bezeugt und die Kirche im- mer geglaubt hat, daß es ein heiliger und heilsamer Gedanke ist, für die verstorbenen Gläubigen zu beten, wollen wir schließlich beten für unsere Väter und Mütter, Brüder und Verwandten, Freunde und alle übrigen Verstorbenen, besonders für jene, deren Leib in dieser Kir- che oder auf diesem Friedhof ruht, und für die Wohltäter der Kirche (und besonders für N.N.); da sie im Schoß der Kirche gestorben sind, sind sie und werden sie immer ihre Kinder sein, ein- und demselben Reich Jesu Christi angehören als Glieder desselben Leibes mit ihm. Möge es Gott gefallen, wenn sie noch in irgendeiner Pein sind, sie daraus zu befreien und in die ewige Ruhe aufzunehmen. Damit nun unsere Bitten dem ewigen Vater wohlgefälliger seien, wollen wir sie ihm in der Weise vortragen, die uns sein Sohn, Unser Herr, im Gebet des Herrn (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) gelehrt hat. Wir wollen es nun sprechen, sowohl um uns seiner zu erinnern, als auch um unsere Gebete mit ihm zu beginnen. Ihr sollt also demütig mit mir sprechen:

Pater noster

Das heißt: Vater unser

Wir wollen auch den Englischen Gruß sprechen, sowohl zum Ge- dächtnis unserer Erlösung, die in diesem Gruß durch den Engel ange- kündigt wurde, als auch um uns mit der Gemeinschaft der Heiligen zu vereinigen in der Person der glorreichen Jungfrau Maria, die wir bitten, für uns Fürsprache einzulegen bei Gott Vater im Namen ihres Sohnes, unseres einzigen Erlösers. Ihr sollt mir also nachsprechen:

Ave Maria

Das heißt: Gegrüßet seist du Maria

Weil aber nicht nur unsere Gebete, sondern auch alle unsere Hand- lungen im wahren Glauben gegründet sein müssen, ohne den es un- möglich ist, Gott zu gefallen, wie die Heilige Schrift (Hebr 11,6) sagt, wollen wir außerdem das allgemeine Bekenntnis ablegen, daß wir im Glauben der katholischen, apostolischen römischen Kirche leben und sterben wollen, indem wir das Apostolische Glaubensbekenntnis spre- chen:

Credo in Deum Patrem omnipotentem

Ich glaube an Gott, den Vater den allmächtigen Benedicite Dominus, nos et ea quae sumus sumpturi, benedicat dextera

Christi. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Das heißt: Segne, Herr, oder vielmehr: der Herr segne uns; sowohl wir als auch alles, was zu unse- rem Gebrauch ist, werde gesegnet durch die Rechte Jesu Christi. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Da es für den wahren Christen vor allen Dingen erforderlich ist, den Willen Gottes zu erfüllen, um zum ewigen Leben zu gelangen, da aber der Glaube ohne Werke tot ist, wie der hl. Jakobus (2,20) sagt, so hört nun in Ehrfurcht die Gebote Gottes, um sie mit seiner Gnade Punkt für Punkt halten zu lernen:

Das heißt:

1. Ich bin der Herr, dein Gott

(Ex 20,2-17).

Manchmal können die Gebote, wie sie dort geschrieben sind, vorgetragen werden; andere Male auf folgende Weise:

Das sind die Gebote Gottes, wie sie Mose gegeben wurden; um sie

besser im Gedächtnis zu behalten, kann man sie folgendermaßen zu- sammenfassen:

1. Du sollst einen Gott allein anbeten

Nun will Gott nicht nur, daß man auf ihn hört und ihm gehorcht, sondern er will auch, daß man auf die Kirche hört und ihr gehorcht, unter der Androhung, daß jene, die dawiderhandeln, vor ihm als Un- gläubige, Heiden und Zöllner gelten (Mt 18,17), weil „Gott nicht zum Vater haben kann, wer die Kirche nicht zur Mutter hat“. Ihr sollt also ihre Gebote vernehmen und sie bereitwillig halten, nämlich:

1. Du sollst an Sonn- und Feiertagen die Messe hören

Wenn ein Fest oder eine Vigil ist, kann man sagen:

Wenn ihr also diese Gebote beobachtet, dann werdet ihr an dem oder dem Tag fasten und werdet das Fest des N. an dem und dem Tag feiern, indem ihr euch jeder knechtlichen Arbeit enthaltet, um dem Dienst Gottes genau so wie am Sonntag oder (je nach dem Fest) an Weihnachten zu obliegen.

Wenn irgendein Fest des Gelöbnisses ist, wird man sagen:

Ihr habt (an dem Tag) das Fest des N., das eure Vorfahren aus die- sem Anlaß gelobt haben, das ihr nach eurem Gelöbnis wie den Sonn- tag zu halten verpflichtet seid.

Wenn irgendein Fest der Frömmigkeit ist, wird man sagen:

Ihr habt (an dem Tag) das Fest des N., das nicht geboten ist, sondern nur aus Frömmigkeit für jene, die es halten wollen.

Dann kann man hinzufügen:

Und für jetzt habt ihr keinen anderen gebotenen Feiertag.

Wenn man eine Eheschließung ankündigen muß, wird man sagen:

Vor unserer Mutter, der heiligen Kirche, wurde die Ehe verspro- chen zwischen N. und N. Wenn daher jemand ein Hindernis weiß, deswegen diese Ehe nicht zur letzten und vollen Wirkung gelangen darf, hat er das bekanntzugeben; andernfalls wird ihm später nicht geglaubt.

Wenn man auf einen Diebstahl oder eine verlorene Sache hinweisen muß, wird man sagen:

) gestohlen oder gefunden haben, fordere ich auf, es zu-

rückzugeben; sonst verfallen sie dem Fluch, der über diejenigen aus- gesprochen ist, die das Gesetz Gottes brechen.

Die (das

Wenn ein ‚Monitorium‘ vorliegt, wird es hier bekanntgegeben. Wenn kein Fest anzuordnen ist, wird man sagen:

In dieser Woche habt ihr keinen gebotenen Feiertag und kein Fest der Frömmigkeit.

Und man wird schließen mit den Worten:

Ich empfehle euch aber nur, Gott über alles zu lieben und euren Nächsten wie euch selbst (Mt 22,37.39; Lk 10,27). Möge daher aller Streit, Rachsucht, Uneinigkeit und Mißgunst weichen und nie unter euch herrschen (2 Kor 12,20). Und der Segen und die Gnade und der Friede Gottes (Phil 4,7) werde euch für immer gewährt. + Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Oder auch:

Und der Segen, der dem hl. Petrus, dem hl. Paulus, der heiligen Büßerin Maria Magdalena und dem guten Schächer am Kreuzesholz

gewährt wurde, werde euch allen zuteil: + im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

An Hochfesten und anderen gebotenen Feiertagen kann man die Verkündigung beginnen:

Christliches Volk! Obwohl unser gütiger Gott

und was folgt, bis ‚Indulgentiam‘ einschließlich; dann kann man schließen mit den Worten:

Ich empfehle euch, Gott über alles zu lieben und euren Nächsten wie euch selbst. Deshalb soll aller Streit, Rachsucht, Uneinigkeit und Mißgunst weichen und nie unter euch herrschen. Und der Segen, die Gnade und der Friede Gottes werde euch für immer gewährt: + im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Am zweiten Sonntag nach Epiphanie werden alle Pfarrer das Dekret des Konzils von Trient über die Ehe folgendermaßen bekanntgeben:

Da das Sakrament der Ehe von so großer Bedeutung für die Kirche und für den christlichen Staat ist, und damit es künftig geziemender und heiliger gefeiert werde, hat unsere Mutter, die heilige katholische apostolische römische Kirche alle Ehen für nichtig und unwirksam erklärt, die nicht in Gegenwart des Bischofs oder des Pfarrers oder eines vom Bischof oder Pfarrer Bevollmächtigten und nicht in Ge- genwart von zwei Zeugen geschlossen werden. Diese Anordnung, die schon vor langer Zeit in dieser ganzen Diözese bekanntgemacht wur- de, wird euch jetzt von neuem erklärt, bekanntgemacht und angekün- digt, damit niemand deren Unkenntnis vorschützen kann.

Am Fest der heiligsten Dreifaltigkeit werden jedesmal alle Pfarrer das Volk mit folgendem Wortlaut über die Form der Spendung des Sakraments der Taufe belehren:

Die Kirche legt uns heute in der Heiligen Schrift des Evangeliums (Mt 28,18-20) den Auftrag vor, den Unser Herr seinen Aposteln über die Spendung des Sakramentes der Taufe gegeben hat. Weil übrigens jeder Gläubige im äußersten Notfall es spenden kann und muß, des- halb müßt ihr wissen: Im äußersten Notfall, d. h. wenn die Gefahr besteht, daß das Geschöpf, das getauft werden soll, sogleich stirbt, genügt es, natürliches und gewöhnliches Wasser zu nehmen und es so über das Kind zu gießen, daß es dieses berührt, und dabei die Worte

zu sprechen: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und damit ihr es besser behalten könnt, um im Fall der genannten Notwendigkeit davon Gebrauch zu machen, sage ich noch einmal:

Man muß Wasser nehmen und es über das Geschöpf gießen, so daß es dieses berührt, und sprechen:

Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili- gen Geistes.

Am Sonntag Quinquagesima wird jeder Pfarrer das Volk mit folgenden Worten ermahnen:

Am kommenden Mittwoch beginnen wir die heilige Fastenzeit und nehmen nach apostolischer und katholischer Einsetzung das Aufle- gen der geweihten Asche vor. Deshalb sei jeder aufgefordert, seine Pflicht zu erfüllen, sich von diesem Tag an bis Ostern des Genusses von Fleisch, Eiern und Käse zu enthalten, außer er ist von den kirch- lichen Oberen aus einem vernünftigen Grund davon dispensiert. Au- ßerdem muß jeder, ausgenommen am Sonntag, jeden Tag fasten, au- ßer wer wegen Alters, Krankheit oder anderer Gründe davon ausge- nommen ist. Und weil diese heilige Zeit die geistliche Erntezeit guter Werke ist, werdet ihr im Namen Gottes ermahnt, sorgsamer dem Gebet, dem Almosen und der Buße zu obliegen und euch dadurch auf die heilige Beichte und Osterkommunion vorzubereiten, zur Ehre Got- tes und zum Heil eurer Seele.

Rechtfertigung von Riten

An Unbekannte (OEA XVI,81-83)

Annecy, Oktober 1613.

Meine Herren, ich habe erfahren, daß ihr Anstoß daran nehmt, daß man euch die Ablution nach der Kommunion in einem Glas reicht 18 und daß man die Brautleute zur Eheschließung vor den Altar führt. Deshalb wollte ich euch diese zwei Worte schreiben, um euch zu er- mahnen, daß ihr euch nicht selbst das Unrecht zufügt, zu glauben, was unsere Mutter Kirche anordnet, könnte schlecht oder unnütz sein. Nun ordnet sie an, daß die Laien die Kommunion nur unter der Gestalt des Brotes empfangen, durch die sie dennoch ganz am Leib und Blut Unseres Herrn teilhaben, genau so, als empfingen sie diese

auch unter der Gestalt des Weines, da der Erlöser selbst (Joh 6,56f) gesagt hat: Wer mich ißt, wird durch mich leben; und: Wer dieses Brot ißt, wird ewig leben. Was daher das Volk nach der Kommunion trinkt, ist nicht das Blut des Erlösers, sondern lediglich Wein, den man nimmt, um den Mund zu spülen und den kostbaren Leib und das Blut, die man schon in der heiligen Kommunion empfangen hat, ganz zu schlucken. Daher muß dieser Wein nicht im Kelch gereicht werden, sondern in einem anderen Gefäß, entweder aus Glas oder aus einem anderen Material. Wenn es früher anders gemacht wurde, dann ge- schah es mißbräuchlich aus Nachlässigkeit und Bequemlichkeit der Diener der Kirche, gegen die Absicht der Kirche selbst. Und was die Eheschließung betrifft, ist es nicht angemessen, sie anderswo als vor dem Altar zu feiern, weil sie ein großes Sakrament (Eph 5,32) ist und weil jene, die es empfangen, nicht außerhalb der Kirche sind, wie die kleinen Kinder, die man zur Taufe bringt, denn sie sind bereits getauft und folglich in die Kirche und zum Altar ge- führt. Meine Freunde und Brüder, laßt euch daher als gute Schafe von denen führen, die euch unter meiner und des heiligen Apostolischen Stuhles Autorität als Hirten gegeben sind. Und Gott segne euch, wie ich ihn bitte und von ganzem Herzen bin Euer wohlgewogener und im Herrn ganz ergebener

Franz, Bischof von Genf.

IV. Führung und Förderung der Seelsorger

Die Dokumente über die Leitung der Seelsorge lassen manchen Rück- schluß auf die Zustände und den Stand des Klerus zu, wie sie zur Zeit des hl. Franz von Sales ziemlich allgemein und zum Teil auch in seiner Diözese herrschten. In der Unwissenheit vieler Priester und in ihrem Lebenswandel sah er einen der Gründe für die Erfolge der protestantischen Reformation (s. Band 10, S. 388). Schwerwiegende Mißstände ergaben sich unter ande- rem auch durch die Art, wie Benefizien und Pfarreien vielfach verliehen wurden. Daher galt die Sorge des Bischofs von Anfang an der Hebung des Prie- sterstandes und seiner Ehre. Dabei konnte er sich auf eine kleine Elite gelehrter und vorbildlicher Priester stützen, denen er wichtige Seelsorge- aufgaben übertrug und sein ganzes Vertrauen schenkte. Für sein Programm konnte er an die Initiativen seines Vorgängers anknüpfen (an denen er zum Teil maßgeblich mitgewirkt hatte). Durch seine geduldigen Bemühungen, die auch von Schwierigkeiten und Enttäuschungen begleitet waren, hat er im ganzen doch erreicht, daß man den hohen Stand seines Klerus allgemein bewunderte.

1. Ermahnung zum Studium 19

– – – Diejenigen von euch, die sich Beschäftigungen widmen, die sie am Studium hindern, machen es wie jene, die entgegen der groben Natur ihres Magens leichte Speisen essen wollen. Daher kommt es, daß er allmählich schwach wird. Ich kann euch in Wahrheit sagen, daß kein großer Unterschied ist zwischen der Unwissenheit und der Bosheit; trotzdem ist die Unwissenheit mehr zu fürchten, weil sie einem nicht nur selbst schadet, sondern bis zur Verachtung des geist- lichen Standes führt. Deshalb, meine vielgeliebten Brüder, beschwöre ich euch, euch dem Studium zu widmen, denn die Wissenschaft ist für einen Priester das achte Sakrament der Hierarchie der Kirche, und ihr größtes Übel ist daher gekommen, daß sich die Bundeslade in anderen Händen als in denen der Leviten befand (vgl. 1 Sam 4,3ff). Daher hat unser erbärm- liches Genf uns überrumpelt, als es merkte, daß wir infolge unseres Müßiggangs nicht auf der Hut waren und uns damit begnügten, ein- fach unser Brevier zu beten, ohne daran zu denken, gelehrter zu wer- den. Da täuschten sie die Einfalt unserer Väter und Vorfahren und machten sie glauben, daß bisher niemand die Heilige Schrift recht

verstanden habe. Während wir schliefen, hat auf diese Weise der Feind das Unkraut auf den Acker der Kirche gesät (Mt 13,25ff) und hat den Irrtum einschleichen lassen, der uns entzweit und in diesem ganzen Land Feuer gelegt hat. Dieses Feuer hätte euch und mich mit vielen anderen verzehrt, hät- te nicht die Güte Gottes diese starken Geister erweckt, ich will sagen die hochwürdigen Patres Jesuiten, die sich den Häretikern entgegen- stellten und uns in unserem Jahrhundert glorreich siegen lassen. Wir verdanken es der Barmherzigkeit des Herrn, daß wir nicht verschlun- gen wurden (Klgl 3,22). Diese großen Männer begannen einzig in der Kraft desjenigen, dessen Namen sie tragen, diese Partei zu teilen zu eben der Zeit, als Calvin die Wirklichkeit vom Vermächtnis zu tren- nen gedachte, das Gott uns hinterlassen hat. Deshalb wurden sie von den Häretikern bedrängt, aber noch empfindlicher unterdrückt von denen, die nur scheinbar unsere Brüder sind. Sie litten und leiden noch unter Verfolgungen, die alle von Genf ausgingen. Doch ihr un- verwüstlicher Mut, ihr furchtloser Eifer, ihre Liebe, ihre profunde Gelehrsamkeit und das Beispiel ihres heiligen Ordenslebens gaben ihnen nach einer Offenbarung ihres heiligen Gründers die Gewiß- heit, daß diese Stürme ein Jahrhundert dauern, sie aber dann sieg- reich über den Irrtum und die Häretiker sein werden. So sehen wir schon, daß man in dem Maß aufhört, ihre Unschuld zu bedrängen, als die Sekte der Calviner verfällt. So läßt der allgemeine Haß nach, den die Erzhäretiker in der Volksseele gegen sie geschürt hatten. Das sind Dummköpfe, die die Waffe der Verleumdung gegen sie richten, wäh- rend sie bei ihren ständigen Studien die Bücher verschlingen. Wäh- rend sie endlose Schmähungen und Beschimpfungen ertragen, haben sie unseren Glauben und alle heiligen Geheimnisse unseres Glau- bens begründet und gesichert. Und noch jetzt erfüllen sie durch ihre großartige Arbeit die Welt mit gelehrten Männern und zerstören al- lerorts die Häresie. Da mich die göttliche Vorsehung ungeachtet meiner Unfähigkeit zu eurem Bischof bestellt hat, fordere ich euch auf, alles Gute zu studieren, damit ihr gelehrt und durch guten Lebenswandel untadelig und fähig seid, allen Antwort zu geben, die euch über Dinge des Glau- bens fragen.

2. Über ein Lehrbuch der Theologie 20

– – – Mit größter Freude habe ich den Plan Ihrer ‚Summa Theolo- giae‘ gesehen, der nach meiner Meinung gut und sinnvoll gemacht ist. Wenn Sie mir die Gunst erweisen, mir ein Heft zu schicken, werde ich es liebevoll lesen und werde Ihnen freimütig und aufrichtig meine Meinung sagen, was es auch koste. Um Ihnen aber jetzt eine Probe davon zu geben, sage ich Ihnen, Sie sollten soviel als möglich alle methodischen Ausdrücke beschränken; man muß sie zwar verwen- den, wenn man lehrt, doch wenn man schreibt, sind sie überflüssig, und wenn ich mich nicht täusche, störend. Ist es z. B. notwendig zu schreiben: „In dieser Schwierigkeit begeg- nen uns drei Fragen. Die erste Frage ist nämlich, was die Prädestina- tion ist; die zweite, wen die Prädistination betrifft; die dritte“ etc. Da Sie nämlich sehr methodisch vorgehen, wird man wohl sehen, daß Sie diese Dinge nacheinander behandeln, ohne daß Sie es vorher ankün- digen. Ebenso: „In dieser Frage gibt es drei Meinungen: die erste Meinung ist“, etc. Genügt es denn nicht, den Bericht über die Meinungen ohne Vorrede zu beginnen, mit einer vorausgehenden Ziffer, in der Weise:

„1. Scotus, Mayronis und ihre Anhänger

3. Die Heiligen Thomas, Bonaventura dagegen

2. Occam, Aureolus und

die Nominalisten

“ und so die übrigen?

Dann, statt zu sagen: „Es muß auf drei Schlußfolgerungen geant-

wortet werden, deren erste heißt

sage ich: 1

Dasselbe gilt von Vorreden, um den Gegenstand weiterzuführen:

„Nachdem wir Gott den Einen behandelt haben, ist es angemessen, nun von Gott dem Dreifaltigen oder von der Trinität zu sprechen“, etc. Das ist gut für Leute, die ohne Methode vorgehen oder die es notwendig haben, ihre Methode kenntlich zu machen, weil sie unge- wöhnlich oder verzwickt ist. Nun, das würde sehr dazu beitragen, daß Ihre ‚Summa‘ nicht zu umfangreich wird. Dadurch wird sie Mark und Bein und meiner Meinung nach schmackhafter und angenehmer sein. Ich füge hinzu, daß es eine Menge ganz unnützer Fragen gibt, ohne daß sie der Abhandlung Profil gäben. Es besteht sicher kein großes Bedürfnis zu wissen, „ob die Engel an einem Ort sind durch ihr We- sen oder ihr Wirken; ob sie sich von einem Ort zum anderen ohne Zwischenraum bewegen“, und ähnliches. Obwohl ich wünschte, daß

,“

genügt es doch zu sagen: „Daher “

:

2. sage ich

, 3. sage ich

man nichts auslasse, so scheint es mir bei solchen Fragen zu genügen, wenn Sie Ihre Auffassung gut ausdrücken und sie richtig begründen; dann können Sie am Schluß oder am Anfang einfach sagen, daß „der und der anders gedacht haben“. Dadurch können Sie mehr Raum ge- winnen, um sich ausführlicher mit wichtigen Dingen zu befassen, über die Sie Ihren Leser gut zu belehren trachten müssen. Item: ich weiß, wenn Sie wollen, haben Sie einen affektiven Stil, denn ich erinnere mich sehr gut Ihres ‚Benjamin der Sorbonne‘. Ich würde es befürworten, daß Sie da, wo es gut geschehen kann, die Be- gründung für Ihre Auffassung in diesem Stil ausführen; etwa in der Frage „ob Christus Fleisch angenommen hätte, wenn Adam nicht ge- sündigt hätte“. Für die eine und die andere Auffassung kann man die Meinungen in affektivem Stil anführen. In der Frage, „ob die Vorher- bestimmung nach den vorhergesehenen Verdiensten geschieht“, kann man die Argumente in affektivem Stil darstellen, ob man nun der Auffassung der Väter vor Ambrosius folgt oder sich an die des hl. Augustinus hält, an die des hl. Thomas oder anderer; ohne sie breit auszuführen, sondern indem man sie zusammenfaßt. Und statt zu sa- gen: „Die zweite Begründung wird sein“, kann man einfach die Zahl zwei davorsetzen. Übrigens ist es eine große Bereicherung, mehrere gute Autoritäten anzuführen, wenn sie prägnant und kurz sind; wenigstens mit einem Hinweis. Nun denn, mein lieber Pater, was halten Sie von meinem Herzen? Ist es nicht aufrichtig gegen das Ihre? Aber glauben Sie mir, daß ich noch nicht so einfältig bin, daß ich mit einem anderen so umginge. Ich erinnere mich Ihrer natürlichen, geistigen und übernatürlichen Freundlichkeit; meine Vorstellung ist erfüllt von Ihrer Liebe, die al- les erträgt (1 Kor 13,7), daß Sie gern die Törichten ertragen, da Sie selbst weise sind (2 Kor 11,19). Ich habe daher in meiner Torheit geschrieben. Gott lasse Sie in seiner Liebe wachsen. In ihm bin ich bis zum äußersten, mein lieber Pater, Ihr sehr demütiger und ergebener Bru- der und Diener

Franz, Bischof von Genf.

Von Annecy, am 15. November.

3. Vorsorge für gute Seelsorger

Es ist vernünftig, die Sorge für ein Amt dem zu übertragen, der es am wenigsten mißbrauchen kann. Und wenn ich Einfluß bei den Gro- ßen hätte, würde ich das Gewissen dem Wissen und dem Rang der Familie vorziehen; und keiner bekäme ein Amt in der Kirche, der nicht von Lastern befreit ist, die ihn zerrüttet haben. Ich würde die Würden denen verleihen, die sie fliehen, nicht denen, die ihnen nach- laufen; ich würde aber keinen Priester befördern, wie es ein König von Frankreich gemacht hat, der in der Kirche schläft. Alle Anwär- ter, die ihr Glück im Reich Jesu Christi suchen, bekunden offensicht- lich, daß sie dafür ungeeignet sind und des Ehrgeizes schuldig. Sie suchen nicht die Gerechtigkeit Gottes, sagt der hl. Paulus im Römer- brief (10,3), sondern ihren eigenen Vorteil (Phil 2,21). Jene, die sagen, man müsse vakante Stellen besetzen und sie Ge- lehrten geben, sagen damit nicht genug, wenn sie nicht hinzufügen:

„und Demütigen“. Denn das Wissen bläht auf (1 Kor 8,1) und darf nur in dem Maße gewertet werden, als es fruchtbringend für das Heil ist. Es gibt viele Stufen, bevor man zum Gemach der wahren Gelehr- samkeit gelangt. Man muß vorbeigehen an jenen, die wissen wollen um des Wissens willen; man nennt sie Wißbegierige. Von da kommt man zu jenen, die wissen wollen, um als Weise zu gelten; die nennt man eitel; dann zu jenen, die wissen wollen, um das Wissen zu ihrem Gebrauch und zu ihrer Annehmlichkeit heranzuziehen; die kann man habsüchtig nennen; hierauf zu jenen, die wissen wollen, um zu erbau- en; hier ist die Liebe. Aber es ist der Gipfel, wissen zu wollen, um erbaut zu werden, denn hier ist das Gemach der wahren Gelehrsam- keit. – – – Es ist eine Tatsache, daß die guten Pfarrer nicht weniger notwendig sind als die guten Bischöfe. Die Bischöfe arbeiten vergebens, wenn sie nicht sorgsam darauf bedacht sind, ihre Pfarrkirchen mit from- men Pfarrern von vorbildlichem Lebenswandel und ausreichender Gelehrsamkeit zu besetzen. Sie sind ja die unmittelbaren Hirten, die den Schafen vorangehen (Joh 10,4), sie den Weg zum Himmel lehren und ihnen das Beispiel geben sollen, dem sie folgen müssen. Die Er- fahrung hat mich gelehrt, daß sich das Volk leicht zu Übungen der Frömmigkeit bereitfand, wenn es Geistliche hatte, die es durch das Wort Gottes und ihr gutes Beispiel anspornen, das Laster zu fliehen

und die Tugend zu ergreifen. Umgekehrt wandte sich das gewöhnli- che Volk sehr leicht von der Übung der christlichen Tugend ab, wenn seine Priester unwissend waren, von geringer Sorge für das Heil der Seelen und von schlechtem Lebenswandel.

Angesichts der weit verbreiteten Mißstände waren diese grundsätzlichen Ge- danken (OEA XXIII,398-401) für Franz von Sales verbindlich bei der Zulas- sung zu den Weihen, bei der Verleihung von Benefizien und der Ernennung von Pfarrern. Da es noch kein Priesterseminar gab, waren eigene Examinatoren aufgestellt und Franz von Sales prüfte die Weihekandidaten auch selbst über das erforder- liche theologische Wissen. Er zögerte nicht, sie zurückzuweisen, wenn er es ungenügend fand (vgl. Band 8,250). Für die übrigen Voraussetzungen, wie Un- terhaltstitel, Weihehindernisse, Lebenswandel, war man weitgehend auf das Zeugnis des Heimatpfarrers angewiesen (vgl. Nr. 6 der Bestimmungen der Syno- de von 1617). Um die Nachteile auszuschalten, die durch fremde Einflüsse auf die Verlei- hung von Benefizien und die Besetzung von Pfarreien entstanden, stützte sich Franz von Sales auf den vorgeschriebenen Konkurs, d. h. die Eignungsprüfung vor den dazu bestellten Examinatoren, die vor der Synode vereidigt wurden. Darauf berief er sich auch adeligen Protektoren und Beamten seines Landes- herrn gegenüber (s. Band 8,121.177.249). In einem Brief an Claude de Quoeux (OEA XIX,118-120) verteidigte er die Rechte des Bischofs und die Interessen der Seelsorge gegen einen jungen Priester, der sich die Pfarrei seines verstorbe- nen Onkels aneignen wollte:

Mein Herr, meine geringste Sorge ist, was aus dem Nachlaß des verstorbenen Herrn Gras wird; und wenn Sie das Recht des Bischofs ein wenig berücksichtigen, werden Sie Herr über alles sein, was davon abhängt, wie über alles andere, was meiner Person zusteht. Aber daß ein Pries- ter ohne echte oder fingierte Verleihungsurkunde sich mit Gewalt einer Pfarrei bemächtigt und die Autorität des Bischofs nicht aner- kennen will, daß er den Vermögensverwalter abweist, der rechtmäßig geschickt ist, und verhindert, daß der Bischof ein Inventar dessen machen läßt, was sich in einem Priesterhaus befindet, es als Miß- brauch einer ganz rechtmäßigen Autorität bezeichnet, als ob mir nicht wenigstens die Sorge für die Benefizien meines Amtsbereichs zustün- de, solange sie vakant sind, bis sie besetzt werden: das alles kann ich nicht gutfinden, nicht anständig und erträglich. Wenn Herr Gras mir seine rechtmäßige Anstellung vorweist, werde ich sie nicht mißachten und ihr getreu den Wert beimessen, den sie verdient, denn ich kenne den Respekt, der den Rechten und Handlun-

gen des Generaloberen von Geistlichen gebührt. Bis dahin aber will ich der Herr sein, weil ich einen guten Rechtstitel habe, er dagegen keinen für sich noch gegen mich. Denn wenn es erlaubt ist, das recht- mäßige und ordentliche Vorgehen der Bischöfe auf dem Weg der Tat- sachen auszuschalten, welche Mißstände werden wir nicht daraus ent- stehen sehen? Ich werde mich zurückziehen, wenn es Zeit dazu ist, aber für jetzt kann und darf ich es nicht, und will folglich mein Recht nicht abtreten, die Anordnung zu treffen, die ich bei diesem vakanten Benefizium für gut halte, in der Erwartung, daß es besetzt wird. Und ich will auf keinen Fall, daß jene, die sich dem widersetzen, dort die Sakramente spenden. Ich habe einen Priester bestimmt, der morgen hingeht, um zu verhindern, daß diese Leute nicht mit dem versorgt werden, was in dieser Hinsicht für sie notwendig ist. Ich schätze die Herren Gras, um so mehr, als einer von ihnen in Ihren Diensten steht; aber ich bin verpflichtet, den Respekt aufrecht- zuhalten, der der Autorität gebührt, die mir übertragen ist, und ihr Geltung zu verschaffen, wo es notwendig ist. In dieser Absicht habe ich mich an den Senat gewandt, um in den Besitz des Inventars zu kommen und um die Berufung wegen Mißbrauchs abzuwenden, da- mit ich eines Besseren belehrt werde, falls ich meine Autorität miß- brauche, oder erreiche, daß diejenigen eines Besseren belehrt wer- den, die meinen, daß ich sie mißbrauche. Mein größter Kummer wäre, wenn ich Ihnen dabei irgendwie Ver- druß bereite; aber ich will und kann das nicht glauben, denn meine Absicht ist gut und ohne Gehässigkeit, und Sie lieben mich ständig, der ich unwandelbar bin, mein Herr, Ihr sehr demütiger Diener und Gevatter,

Franz, Bischof von Genf.

31. Januar (1620)

Der Bischof hielt sich an die Entscheidung der Examinatoren. Seine Einfluß- nahme beschränkte sich auf Informationen und Vorschläge im Interesse der Seel- sorge, wie in den folgenden Briefen an seinen Bruder Jean-François und an die Examinatoren.

OEA XVII,48-52.

6. September 1615.

Mein teuerster Bruder und Freund, Dom Juste ist gestern abgereist und bringt Ihnen Briefe von mir; aber nachher habe ich den erhalten, den Sie mir geschrieben haben wegen der Schwierigkeit, die sich beim Konkurs ergeben muß. Ich

weiß nicht, ob jener, der ihn machen muß, seine Dispens von zwei Irregularitäten besitzt, von denen eine naturgegeben ist, weil er un- ehelich geboren ist, die andere erworben, um als ‚in criminibus‘ be- trachtet zu werden, wie man annehmen muß. Die geringste Notiz, die man darüber auf den Tisch legte, würde ihn vom Konkurs ausschlie- ßen; und wenn man sie nicht vorlegte und er als der Geeignetste beur- teilt würde, die Pfarrei zu bekommen, darf man ihn auf keinen Fall zur Einsetzung annehmen. Das ganze Übel wird in diesem Fall im Gekeife bestehen; dabei muß man würdevoll und ruhig bleiben und nichts darauf erwidern als: Die Stimmenmehrheit hat entschieden. Wenn er aber die Dispens besäße, hätte er Unrecht zu glauben, daß in diesem Wettbewerb das Wissen allein den Ausschlag gibt. Und man muß sich stets an die Stimmenmehrheit halten, die unanfechtbar ist für den, dem sie gilt, besonders dann, wenn sie ihm nicht gegeben wird. Ich habe trotzdem an Herrn Grandis geschrieben, damit er womög- lich zu Hilfe komme; ich habe aber wenig Hoffnung, daß er es derzeit kann. Deshalb sage ich schließlich: Wenn diese Pfarrei bis zum Tag der Ausschreibung besetzt werden könnte, wäre ich sehr erleichtert und ich wünsche es sehr. Wenn aber die Schwierigkeiten unüberwind- lich scheinen, könnte man die Entscheidung bis zu meiner Rückkehr verschieben, die sobald wie möglich sein wird. Aber diese Verzöge- rung darf nur im äußersten Fall eintreten, und wegen der schon in der Versammlung aufgetretenen Schwierigkeit, nicht aus Angst vor der Schwierigkeit. Ich glaube, daß sie wegen des Herrn Chevrier entste- hen wird. Das Gehalt für den Pönitentiar müßte wohl diese Aufregung ver- hindern. Und was dieses Gehalt betrifft, muß man es in der Weise bestimmen, daß derjenige, dem die Pfarrei zugesprochen wird, sie nicht in Besitz nehmen kann, wenn er nicht durch aktenkundige Zu- stimmung erklärt, daß er dieses Benefizium übernimmt mit dieser gerechten Auflage, die durch meine Autorität und den Rat der Ex- aminatoren gemacht wurde. Es wird auch günstig sein, wenn man gleichzeitig mit der Einsetzung einen bestimmten Betrag des Abzugs für das genannte Gehalt des Pönitentiars festsetzt, ohne daß er etwas mit dem Pfarrer zu tun hat. Der menschliche Geist ist ja so widerwär- tig in allem, was im geringsten seinen Vorteil betrifft, daß man auf andere Weise schwerlich dieses kleine Einkommen für den Pöniten- tiar sichern könnte.

Wenn der Pfarrer von Mieussy gestorben ist, könnte man wohl den Herrn von Monfalcon begünstigen mit der Auflage, daß er tüchtige Vikare einsetzt, solange er zur Fortsetzung seiner Studien von der Residenzpflicht dispensiert sein wird. Es bedarf ja besserer Vikare, wo der Pfarrer nicht residiert. Und weil das Kapitel selbst daran in- teressiert ist, könnte es dafür sorgen, daß sie deswegen schnell geprüft werden. Doch das sage ich nur als Vorschlag, da ich überzeugt bin, daß die Liebe diese Herren verpflichtet, die Ärmeren unter ihnen bei Gelegenheit zu berücksichtigen und solche, die schon genügend Jah- re haben. Ich schreibe auf jeden Fall an die Herren des Konkurses wegen des Gehalts für den Pönitentiar

6. September 1615.

Meine Herren, Ihr erinnert euch, dessen bin ich sicher, an den Beschluß, den wir gefaßt haben, als wir fast alle beisammen waren, ein Einkommen für den Pönitentiar unserer Kathedrale einzubehalten bei der ersten Va- kanz einer Pfarrei, die das tragen kann. Dieser Beschluß ist gerecht, angemessen und im Einklang mit dem Konzil. Aus Anlaß der Vakanz von Gruffy bitte ich euch, dieses Reservat bis zur Höhe von 200 Gul- den zu machen. Und um Streitigkeiten zu vermeiden, die der Eigen- nutz bei solchen Gelegenheiten zu erregen pflegt, wünsche ich, daß man bei der Einsetzung des künftigen Pfarrers einen Betrag des Ab- zugs festsetzt, der dem erwähnten Pönitentiar angewiesen wird, der ihn unmittelbar erhält. Ich weiß, daß auch eine gewisse Schwierigkeit entstehen wird bei der Zulassung des Herrn Jay zum Konkurs, zumal die Begründung, warum wir ihn ohne Konsequenzen von der Regel der auf ihre Pfarrei Resignierenden ausnehmen zu können glaubten, der Grundlage zu entbehren scheint, weil sich der öffentliche Nutzen nicht ergab, den wir davon wünschten. Da ihn aber daran keine Schuld trifft und er großen Nachteil hätte und allen Grund, sich zu beklagen, er sei durch unsere Zusage getäuscht worden, glaube und wünsche ich, er soll mit den übrigen zugelassen werden. Ich glaubte euch diesen Rat geben zu müssen und bin sicher, daß ihr ihm folgen werdet. – – –

OEA XVII,53f.

4. Mitarbeiter im geistlichen Amt

In der zum guten Teil sehr schwierigen Seelsorge stützte sich Franz von Sales auf seine ‚Brüder‘ im geistlichen Amt, vor allem auf sein Domkapitel, das ‚ein Herz und eine Seele‘ mit ihm war (s. Band 8,258). Zu zahlreichen Priestern hatte er ein vertrauensvolles Verhältnis; ihnen übertrug er oft schwierige Po- sten. Etienne Dunant, der schon im Chablais sein Mitarbeiter war, setzte er in Gex ein und ermunterte ihn zum Durchhalten:

OEA XIV,65-67

Mein Herr und teuerster Mitbruder! Verzeihen Sie mir bitte, daß ich so spät auf Ihren ersten Brief ant- worte, den Sie mir schon früher geschrieben haben; das gleiche gilt für die anderen, deren Empfang mir ein Trost ist. Aber ich hatte bei meiner Abreise so viel zu tun, daß ich keine Muße fand, um dieser Verpflichtung gegen Sie nachzukommen; außerdem war ich mir Ih- rer Liebe sicher, die diese Verzögerung im guten Sinn auslegen wird. Ich bleibe stets dabei, Ihnen zu sagen, daß Sie Gott dienen müssen, wo Sie sind, und facere quod facis (tun, was Sie tun). Nein, mein lieber Bruder, nicht daß ich ein Wachstum Ihrer guten Übungen und eine ständige Läuterung Ihres Herzens ausschließen wollte; aber tun Sie, was Sie tun, und besser, als Sie es tun. Ich weiß ja sehr wohl, was Gott allen seinen Getreuen in der Person Abrahams (Gen 17,1) ge- bietet: Wandle vor mir und sei vollkommen; und: Selig sind, die auf den Wegen des Herrn wandeln (Ps 128,1); daß unsere Väter aufbra- chen und gingen (Ps 126,6) und in ihrem Herzen den Aufstieg erwo- gen, um von Tugend zu Tugend (Ps 84,6.8) fortzuschreiten. Haben Sie also guten Mut, diesen kleinen Weinberg zu bearbeiten und durch Ihre geringe Arbeit zum geistlichen Wohl der Seelen bei- zutragen, die sich Gott vorbehalten hat, damit sie das Knie nicht vor Baal beugten (1 Kön 19,18; Röm 11,4) inmitten eines Volkes, das seine Lippen befleckte (Jes 6,5). Wundern Sie sich nicht, wenn sich noch keine Früchte zeigen, denn wenn Sie geduldig das Werk Gottes verrichten, wird Ihre Arbeit vor dem Herrn nicht vergeblich sein (1 Kor 15,58). Wohlan, mein Herr, Gott hat uns mit der süßen Milch vieler Trö- stungen genährt, damit wir, groß geworden, uns bemühen, beim Wie- deraufbau der Mauern Jerusalems (Ps 51,20) zu helfen, indem wir entweder Steine schleppen oder den Mörtel rühren oder mauern (vgl. 1 Sam 5,15ff). Glauben Sie mir, halten Sie dort aus; tun Sie getreu

25. September 1608

und redlich alles, was Sie moralisch leisten können, und Sie werden erfahren: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes schauen (Joh 11,40). Und wenn Sie es gut machen wollen, dann halten Sie alles für eine Versuchung, was Ihnen in den Sinn kommen mag, um Ihre Stelle zu wechseln; denn während Ihr Geist nach einer anderen Ausschau hält, wird er sich nie damit befassen, da nützlich zu sein, wo Sie jetzt sind. Wohlan, das alles sei gesagt in dem Vertrauen, das Sie mir in Ihrem Brief schenken, und in der aufrichtigen Freundschaft, die ich Ihnen entgegenbringe im Herzen dessen (Phil 1,8), dessen Seite aus Liebe zu uns durchbohrt wurde. Ich bitte ihn, daß er den Eifer für seine Ehre immer mehr in Ihnen festige, und bin von Herzen Ihr demütiger und sehr ergebener Mitbruder und Diener

Franz, Bischof von Genf.

Von Sales, am 25. September 1608.

Im Vertrauen auf seine Mitarbeiter übertrug der Bischof auch gern Vollmach- ten, allgemein den ‚Aufsehern‘, wie die Ernennungsurkunde für den Domherrn de L’Espine (OEA XXIV,153-156) zeigt, wie die Synodalkonstitutionen und die Weisungen für die Beichtväter bestätigen, und in konkreten Fällen, wie im Brief an den Abt Vespasian Ajazza von Abondance.

OEA XXIV,153-156.

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna- de Fürstbischof von Genf, Unserem in Christus geliebten François de L’Espine, Domherr der Kathedrale von Genf, Heil und Liebe im Her- zen Christi. Die Ausdehnung dieser Diözese und die Vielfalt der Aufgaben ist so groß, daß ich von der Last der Seelsorge bedrückt, nach dem hl. Gregor mit Recht das Psalmwort (38,7; 119,107) in Anspruch neh- men kann: Ich bin gebeugt und von allen Seiten niedergedrückt; aus ähnlichem Grund sagte ja Mose (Ex 11,14): Ich kann nicht allein dieses ganze Volk tragen, denn es ist schwer. Deshalb müssen aus der Zahl meiner Brüder im Priesteramt einige ausgewählt werden, die ich, wie Mose (Num 11,16f) gesagt wurde, als der Gesinnung und dem Geist nach als Älteste des Volkes kenne, damit sie mit mir die Last des Volkes tragen und nicht ich allein damit beschwert sei, der ich sehr schwach bin (1 Kor 11,30). Ich glaubte und wollte, daß Sie, mein Bruder, einer von ihnen sein sollen, da ich zu Ihrer Rechtschaffenheit, Ihrem Eifer und Ihrer Klug-

12. April 1617.

heit großes Vertrauen habe. So übertrage und empfehle ich Ihnen, soviel ich vor dem Herrn vermag, deswegen die besondere Sorge und Sorgfalt für die Kirchen, die Sie unten namentlich aufgezählt finden. Kraft dieses Dekretes werden Sie diese wenigstens zweimal im Jahr visitieren. Wenn in ihnen etwas fehlt oder in schlechtem Zustand ist, werden Sie anordnen, daß es ersetzt und wiederhergestellt wird; wenn bei Geistlichen etwas der Besserung bedarf, werden Sie es verbes- sern; ist aber eine stärkere Zurechtweisung notwendig, werden Sie es mir vortragen Außerdem können Sie in den Uns reservierten Fällen absolvieren, von Feiertagen und von der Einhaltung des vierzigtägigen Fastens dispensieren, wo eine Notwendigkeit oder ein rechtmäßiger Grund vorliegt, Gelübde umwandeln, aber nicht von ihnen dispensieren. Sie können auch Gewänder, Gefäße, Korporalien und andere Dinge, die Gott geweiht werden, segnen und weihen, wenn dafür nicht Chrisam erforderlich ist. Schließlich sollen Sie sorgfältig über das allgemeine Wohl der Ih- nen anvertrauten Kirchen wachen, so daß Sie einer von denen sind, die in ihrem Gebiet wachen und Tag und Nacht Wache halten über die Herde. Und der Engel des Herrn wird über Ihnen stehen und die Herr- lichkeit Gottes wird Sie umstrahlen (Lk 2,8f). Auf diese Weise werden Sie mich aufrichten und stützen, der unter der Last gebeugt ist, und in gegenseitigem Bemühen verbunden werden wir gleichsam einander an der Hand haltend den schlüpfrigen Weg gehen. So werden die Füße beider um so kräftiger ausschreiten, je stärker sich einer auf die Liebe und das Vertrauen des anderen stützt. Damit aber alle, die es betrifft, wissen, daß Sie die genannten Auf- gaben erfüllen können, haben Wir es eigenhändig unterzeichnet und Unser Siegel aufprägen lassen. Annecy, am 12. April 1617.

Franz, Bischof von Genf.

OEA XIII,48-50.

Mein Herr, Die Glockenweihe ist ohne Zweifel nach dem allgemeinen Recht Sache des Bischofs, wie alle anderen Dinge, die mit Öl gesalbt wer- den, nur von ihm geweiht werden können, sei es, daß eine solche Seg- nung von der Bischofsweihe abgeleitet wird oder ihm wegen der Wür- de vorbehalten ist. Doch überall diesseits der Alpen, wo die Diözesen

Annecy, 1. Juni 1605.

sehr groß und verwickelt sind, hat die Gewohnheit dazu geführt, daß die Bischöfe „einen würdigen Priester“ dazu bestimmen können, wie von unserem Metropoliten Pierre de Villars in der ‚Institution der Pfarrer‘ ausdrücklich bestimmt wurde. Auf seine Autorität berufe ich mich nicht nur, weil er unser Vorgesetzter ist, sondern weil er auch sehr gelehrt und eine große Persönlichkeit ist. Und um die Wahrheit zu sagen, mir scheint, daß man in diesen Fragen der Zeremonien ohne große Gefahr der Auffassung folgen kann, die unser Amt erleichtert; erst recht in Gebieten, wo wegen der großen Zahl der Pfarreien die Ungelegenheit groß wäre, sich mit allen Handlungen solcher Art zu befassen. Machen Sie sich also die Mühe, mein Herr, im Namen des Herrn die erforderliche Weihe in Ihrer Kirche vorzunehmen, und nicht nur in diesem Fall und in dieser Sache, sondern in allen ähnlichen Fällen, in denen der Bischof von Rechts wegen oder durch Gewohnheit dele- gieren kann. Und darüber hinaus, wenn es Ihnen zu beschwerlich ist, sich selbst damit zu befassen, dann beauftragen Sie damit, wen Sie für gut finden, denn ich betrachte ihn als beauftragt und gebe meine Zu- stimmung. – – –

Es gab verschiedene Mißstände im Klerus der Diözese, die sich zum Teil hartnäckig hielten, wie die wiederholten und dann meist verschärften Be- stimmungen der Synodal-Konstitutionen beweisen. Manchmal war der Bi- schof machtlos, wie im Fall eines Geistlichen, der zugleich Gesandter des Herzogs war (s. Band 8,195), oder im Fall des skandalösen Dekans von Sallan- ches (Band 8,254f). Größten Schmerz bereitete Franz von Sales der Abfall eines Neffen seines Vorgängers, Denis de Granier (vgl. Band 8,321.323; Band 5,350). Kamen dem Bischof Klagen zu Ohren, dann ließ er Erkundigungen anstel- len (vgl. Band 8,245) oder lud den Priester selbst vor (vgl. Band 8,175) oder sorgte für Abhilfe, so gut es ging, wie in dem Brief an den Baron von Cusy:

OEA XVI,202f. Annecy, 8. August 1614. Mein Herr, ich werde sehr erleichtert sein, wenn euer Pfarrer abwe- send ist, denn er ist einer von denen, deren Anwesenheit für die Her- de schädlicher ist als die Abwesenheit; und ich würde seine Beurlau- bung gern ausdehnen, bis er besser und älter ist, aber das würde ihn erzürnen. Was die Ernennung eines Vikars betrifft, habe ich einen ernannt; wenn er sich entschließen will, bin ich sicher, daß er euch zufriedenstellen wird. Wenn er nicht will, werde ich bis Dienstag se- hen, was ich tun kann, um euch mit einem guten zu versehen

Grundsätzlich nahm Franz von Sales seine Priester gegen Beschuldigungen in Schutz, solange ihre Schuld nicht feststand. Einem Geistlichen gab er in einem Brief Ratschläge für das Verhalten gegen Verleumdungen:

Annecy, 1621 oder 1622.

Mein Herr, schon drei Tage vor der Ankunft des guten Eremitenbruders in die- ser Stadt, den ich recht nach meinem Geschmack finde, hatte ich von der ärgerlichen Geschichte gehört, über die er mir in Ihrem Auftrag berichtete. Und wie es mir sehr schwer fällt, wenn ich von einer be- deutenden Persönlichkeit einen guten Eindruck gewonnen habe, mich davon loszumachen, so erlaube ich diesem üblen Bericht nicht, in meinen Geist einzudringen, sondern halte ihn an der Pforte auf, ent- sprechend dem alten Rat:

Wen man zu leicht durch Verleumdung erfreut, der hat entweder kein Urteil oder eine boshafte Seele. Trotzdem versetzt mich der Fall Salomos, an den ich oft denke, in große Sorge, das versichere ich Ihnen. Und ich war sehr erleichtert,

als mir der gute Bruder berichtete und als ich das über jeden Einwand erhabene Zeugnis des Herrn Erzdiakons sah, dessen Aussage größten Respekt verdient. Nun denn, Gott sei gepriesen. Und hier ist mein Rat. Erstens: Wie mir der Bote berichtet und Ihr Brief anzeigt, ist die Verleumdung noch nicht in die breite Öffent- lichkeit gedrungen und die angesehensten und würdigsten Richter der menschlichen Handlungen dieser Gegend sind im Gegenteil ganz entschieden in der Auffassung über Ihre Rechtschaffenheit; daher ziehe ich das Übergehen dem Widerspruch vor, denn wir befinden uns in der Lage des Weisen der Antike:

Spreta exolescunt; si irascare, agnita videntur. 21 Wie ich zu sagen pflege, ist der Bart nicht ausgerissen oder ver- brannt, sondern nur abgeschnitten oder rasiert; er wird leicht nach- wachsen.

2. Ich möchte, daß das Übergehen freimütig geschieht, wie es heroi-

sche Akte sein müssen, die man aus Liebe zu Gott macht: ohne sich zu beklagen, ohne großes Widerstreben gegen das Verzeihen zu zei-

gen, denn die Einfalt des Herzens, das verzeiht, läßt das Unrecht des Verleumders um so deutlicher werden.

3. Trotzdem muß man vor den Augen der Böswilligen alles vermei-

den, was sie herausfordern könnte und nicht zum Dienst Gottes ge- hört

OEA XX, 229f.

V. Die Reform der Klöster

Fast alle Klöster und Priorate von Konventualen, der Männer wie der Frauen, in Savoyen, in der Grafschaft Genf oder in anderen Besit- zungen und Gebieten, die dem erlauchten Herzog diesseits der Alpen gehören, sind in einem Maß von der Regeltreue und alten Disziplin abgefallen, daß man die Regularen kaum von Weltleuten unterschei- den kann. Die einen schweifen nämlich unstet überall umher, andere, die in Klöstern leben, geben dem Volk schwerstes Ärgernis. Deshalb bittet (der Bischof) Eure Heiligkeit, sie möge gnädig ei- nem von den Bischöfen diesseits der Alpen, der über alles gut Be- scheid weiß, die Vollmacht geben, daß er gemeinsam mit zwei Patres der Gesellschaft Jesu oder des Kapuzinerordens, und wenn es not- wendig ist, selbst mit Hilfe des weltlichen Armes, solche Klöster frei und unbeschränkt visitieren kann und muß, um sie zur alten Ordnung zurückzuführen und die Unbotmäßigkeit zu maßregeln, je nachdem er es zu ihrem Heil und zum Trost des Volkes als zweckmäßig erken- nen wird, unter Ausschluß der Appellation und jeden Widerstands, mit Rücksicht darauf, daß die Vorgesetzten dieser Klöster solchen Verfall herbeiführen und dulden, weil sie keine Maßregeln dagegen treffen.

Das schrieb Franz von Sales im Oktober 1598 (OEA XXII,187f) im Entwurf des Rechenschaftsberichtes des Bischofs Granier für Papst Clemens VIII., den er selbst in Rom vorlegen sollte. Die nachteiligen Folgen des Verfalls der mona- stischen Klöster hatte er vor allem bei seiner Chablais-Mission feststellen müs- sen. Schon seit Ende 1596 hat er in seinen Briefen an den Nuntius Riccardi wiederholt auf die Notwendigkeit ihrer Reform hingewiesen (s. Band 8,26f.33.43). In Rom erreichte er, daß der Papst die Visitation in Aussicht stellte, „wenn die Zeit gekommen ist“ (Bd. 8,50), und er drängte weiter. Nachdem er (Ende 1602) die Leitung der Diözese übernommen hatte, erhielt er im August 1603 die Vollmacht zur Visitation, er hielt aber für eine wirksame Reform weitergehende Maßnahmen für erforderlich, die er Ende 1603 (OEA XII,239-243) dem neuen Nuntius Tolosa darlegte:

Ich beantworte den Brief, den Ew. Gnaden mir vor einiger Zeit über die Reform der Klöster dieser Diözese geschrieben haben. Ich will Ihnen meine Auffassung in aller Aufrichtigkeit freimütig sagen; dazu verpflichtet mich der Gehorsam, den ich Ihnen schulde.

Sicher ist, daß der Sittenverfall in allen Klöstern Savoyens, ausge- nommen jedoch die Kartäuser, so eingewurzelt ist, daß ein gewöhnli- ches Heilmittel nicht genügen wird, um Abhilfe zu schaffen. Um Er- folg zu haben, bedarf es eines Reformators von großer Autorität und Klugheit, ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten, von denen er je nach den Umständen Gebrauch machen kann; ja ich sage, nicht nur weitreichende, sondern absolute Vollmacht ohne die Möglichkeit der Appellation, denn die Mönche sind im Prozessieren sehr erfahren und gewandt. Um ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, sich der Re- form zu entziehen, wäre es notwendig, daß Seine Hoheit in dieser Sache den Senat von Savoyen einschaltet, denn ohne dessen Interven- tion wird man nichts erreichen. Das könnte ohne Beeinträchtigung der kirchlichen Jurisdiktion geschehen, weil sich der weltliche Arm nur einschalten würde, um die Maßnahmen durchzuführen, die man für notwendig erachtet. Es wäre sehr zweckmäßig, scheint mir, in bestimmte Klöster ande- re Mönche einzusetzen, wie die Feuillanten oder Kartäuser, in ande- ren die Mönche zu ersetzen durch Weltpriester oder Kanoniker. Der Grund, der mich diese Maßnahme wünschen läßt, ist der: Weil ein Teil der Klöster nicht-reformierten Oberen untersteht, könnte die Reform nicht von Dauer sein, selbst wenn ihre Untergebenen sie an- nehmen. Wir haben z. B. hier in der Nähe das Priorat Talloires, von seiner Gründung her ein sehr bedeutendes Haus, und in der Nähe von Genf das Priorat von Contamine und die Abtei von Entremont; das erste ist abhängig von der Abtei Savigny in Frankreich, das zweite von der Abtei Cluny, das dritte von der Abtei Saint-Ruph in Valence. Wie könnten nun diese Oberen die Disziplin und Reform bei ihren Unter- gebenen aufrechterhalten, wenn sie selbst keine haben, ja nicht ein- mal wissen, was die Reform ist? Um das Ärgernis zu beseitigen, wird nach meiner Auffassung eine der beiden Maßnahmen erforderlich sein: entweder dort andere, re- formierte Mönche einzusetzen oder aus ihnen Säkular-Kollegiate zu machen. Eine dritte Möglichkeit ist, sie einer reformierten Kongre- gation ihres Ordens zu unterstellen; oder als viertes Mittel, sie dem Ordinarius zu unterstellen, wie es einst viele ausgezeichnete Klöster waren, ehe die Exemptionen eingeführt wurden. Für andere Klöster wird es notwendig sein, sie zu säkularisieren, so das Kloster von Sixt, das von Peillonex, von Sépulcre in dieser Stadt und ähnliche, zumal die Ordensleute Regularkleriker des hl. Augustinus sind, aber von

einer bestimmten Kongregation, die weder General, Provinzial noch Kapitel hat, keine Visitation, keine bestimmte Form der Gelübde kennt, weder Regel noch Konstitutionen. Es ist wahr, daß Sixt und Peillonex vom Bischof visitiert wurden, auch von mir, aber ich konn- te sie nicht zur Beobachtung der Regel verpflichten, weil sie keine haben. Ich habe sie lediglich die gewöhnlichen Konstitutionen befol- gen lassen, als wären sie Säkularkanoniker, in der Erwartung, daß ihre Verfassung verbessert werden kann

In dem umfassenden Bericht über den Stand der Diözese vom November 1606 (s. III) sind die Klöster aufgezählt und sowohl die Notwendigkeit als auch die Möglichkeiten der Reform dargelegt. Dann ist in der Korrespondenz mit den höheren kirchlichen Stellen längere Zeit keine Rede von der Klosterreform. In diesen Jahren machte aber Franz von Sales konkrete Anstrengungen (die an markanten Beispielen anschließend behandelt werden). Daß der Erfolg seiner Bemühungen ausblieb und seine Vorschläge durchgrei- fender Maßnahmen in Rom offenbar keine Wirkung hatten, geht aus dem Ent- wurf für den Rechenschaftsbericht, vom Januar oder Februar 1614 (OEA XXIII,383-388) hervor, der die früheren Mißstände und Vorschläge zum Teil wörtlich wiederholt:

– – – Es ist erstaunlich, wie sehr die Disziplin aller Regularen (ich

nehme die Kartäuser und die Mendikanten aus) zerstört ist, so daß ihr Silber in Schlacke verwandelt wurde (Jes 1,22). Deshalb wird der Name des Herrn ihretwegen von den Häretikern gelästert (2 Sam 12,14), die jeden Tag sagen: Wo ist denn ihr Gott (Ps 42,11). Ich denke, daß gegen dieses Übel auf dreifache Weise Abhilfe ge- schaffen werden kann:

1. indem man bessere Mönche anderer Orden einsetzt, z. B. anstelle

der Zisterzienser die Feuillanten, anstelle der Regularkanoniker die- ser Stadt Barnabiten und so bei anderen. Damit wurde schon im Klos- ter Abondance begonnen, in dem die Regularkanoniker durch die Feuillanten ersetzt wurden.

2. indem man die Regularkanoniker durch Säkularkanoniker er-

setzt. Wenn es auch etwas hart scheinen mag, das bei allen durchzu- führen, so wäre es dennoch bei den meisten vorteilhaft. Die Regular- kleriker unterscheiden sich ja in dieser Diözese durch nichts von den weltlichen, außer daß sie den sogenannten Frocus (wie anderswo das Skapulier) tragen; was die Säkularkanoniker durch die tägliche Zu- teilung erhalten, pflegen sie durch die Präbenden zu empfangen. Wenn sie diese erhalten haben, nehmen sie am Chorgebet teil, wenn sie wol-

len; wenn nicht, werden sie dadurch um nichts ärmer. Außerdem gibt es bei ihnen keine Observanz einer geregelten Disziplin, keine ge- schriebenen Konstitutionen, keine ausdrückliche Gelübdeablegung. Warum soll man sie also nicht in Säkularkanoniker umwandeln, die für das christliche Gemeinwesen viel nützlicher sind? Dies um so mehr, als es in Savoyen viele Adelige ohne ausreichende Einkünfte gibt; für ihre Söhne, die den geistlichen Stand wählen, könnte man auf diese Weise gut sorgen. Und wenn man das gleiche mit bestimm- ten anderen Mönchen täte, wäre das nach meiner Meinung eine gute Sache. 3. indem man die verbleibenden Mönche jedes Jahr visitiert und zurechtweist. Es wäre aber nicht angebracht, daß diese Visitationen von den Oberen ihres Ordens gehalten werden, denn die Mönche und Äbte von Cluny, von Savigny und Saint-Ruph wissen nicht einmal, was Reform ist. Da sie schal gewordenes Salz sind, wie könnten sie dazu dienen, die Untergebenen zu bessern? Die Klöster der Regularkleriker dieser Gegend gehören aber zu keiner Kongregation, halten kein Kapitel, keine Visitation, folgen keiner Regel. Und obwohl das Kloster von Sixt und von Peillonex vom Bischof visitiert wird, dem es nach altem Recht untersteht (ob- wohl sie ihm bisher kaum gehorchen wollten), wurde bei ihnen von Uns doch nichts erreicht, weil sie weder Regel noch Konstitutionen haben und sich sehr bescheiden geben, was die kirchliche Profeß be- trifft. Daher müßten sie von einem anderen Visitator visitiert werden. Um aber die Wahrheit zu gestehen, werden das erste und zweite Heilmittel die nützlichsten sein, denn das dritte ist sehr schwierig und sehr unsicher, denn was mit Gewalt geschieht, gelingt kaum. Was jedoch die Nonnen betrifft, halten sich die zwei Klöster der hl. Klara vorzüglich und ich sehe nichts, was zu wünschen wäre, außer daß den Nonnen der Trost gewährt wird, den ihnen das Konzil von Trient nicht ohne Eingebung des Heiligen Geistes zugestand und ge- ben wollte, daß ihnen nämlich wenigstens dreimal im Jahr ein außer- ordentlicher Beichtvater zugeteilt wird. Sie sind ja gezwungen, im- mer bei ein- und demselben zu beichten, so daß sie keinesfalls und aus keinem Grund bei einem anderen beichten können. Welche Ge- fahr das für die Seelen bedeutet, weiß ich nicht, Gott weiß es. Dasselbe ist von den Kartäuserinnen in Mélan zu sagen, die bisher ganz lobenswert lebten, obwohl die Klausur nicht streng aber hinrei- chend eingehalten wird. Sie gehen nämlich in der Umgebung des Klos-

ters aus, um sich auf benachbarten Wiesen zu erholen, aber nur in Gruppen, manchmal auch in die Kirche. Umgekehrt gewähren sie allen weltlichen Frauen Zutritt, nur Männer sind ausgeschlossen. Die Klöster der Zisterzienserinnen dagegen stehen allen offen, den Nonnen zum Besuch der Freunde und Verwandten und den Männern zum Eintritt. Ich glaube aber, daß sie nur reformiert werden können, wenn man sie in die Städte überführt und anderen Oberen unterstellt, die größere Sorge für ihre geistliche Betreuung tragen. – – –

Ein großes Hindernis der Reform war der Mißbrauch der Exemption, über den sich Franz von Sales in einem Brief an Bischof Camus beklagt:

OEA XVI,215-219 Annecy, 22. August 1614 Monseigneur, ich freue mich gewiß über Ihre Siege, denn was man auch sagen mag, es gereicht zur größeren Ehre Gottes, wenn unser bischöflicher Stand als das anerkannt wird, was er ist, und wenn dieses Moos der Exemptionen vom Baum der Kirche entfernt wird. Man sieht ja, wel- ches Unheil es da angerichtet hat, wie das heilige Konzil von Trient

sehr richtig feststellte. Ich bedauere aber trotzdem, daß Ihr Geist in diesem Krieg so sehr leidet, in dem fast nur die Engel die Unschuld bewahren können. Und wer in den Prozessen die Mäßigung bewahrt, für den ist meiner Meinung nach der Heiligsprechungsprozeß schon gewonnen. „Weise sein und lieben, das wird höchstens den Göttern zuteil.“ 22 Aber ich möchte lieber sagen: Streiten und nicht unsinnig handeln, das gelingt höchstens Heiligen. Trotzdem, wenn es die Not- wendigkeit erfordert und wenn die Absicht gut ist, muß man sich einschiffen in der Hoffnung, daß die Vorsehung selbst, die uns zur

Seefahrt verpflichtet, sich selbst verpflichtet, uns zu führen

Wel-

che Erniedrigung, daß wir das geistliche Schwert in Händen haben (Eph 6,17) und als einfache Vollstrecker des Willens des weltlichen Richters zuschlagen müssen, wenn er es anordnet, und aufhören, wenn er es befiehlt, und daß wir des wichtigsten Schlüssels beraubt sind über jene, die Unser Herr uns anvertraut hat (Mt 16,19), d. h.

des Urteils, der Entscheidung und der Weisheit im Gebrauch unse- res Schwertes

Das ist eine Anspielung auf weltliche Einflüsse durch Patronatsrechte. Auf diesem Gebiet erwartete Franz von Sales Hilfe vom Erbprinzen Victor-Amédée,

der sich für die Reform der Klöster, für deren rechtliche und finanzielle Grund- lagen einsetzte (vgl. Band 8,252). Im Herbst 1616 verfaßte der Bischof im Auftrag des Prinzen zwei Memoranden über die Reform der Männer- und Frau- enklöster (OEA XXIV,510-515); sie zeigen einerseits, wie wenig er bisher er- reicht hatte, andererseits, wie beharrlich er sein Ziel verfolgte.

1.

Die Abhängigkeit der Ordensleute von ihren Kommendatar-Äbten und -Prioren führt ständig zu Prozessen, Händeln und Streitigkeiten zwischen ihnen. Deshalb dürfte es vielleicht zweckmäßig sein, den Anteil des Ein- kommens, der für den Unterhalt der Ordensleute, des Klosters und der Kirche erforderlich ist, von dem zu trennen, der dem Kommenda- tar-Abt oder -Prior verbleiben kann. Auf diese Weise hätten die Or- densleute nichts mit dem Abt zu tun und der Abt nichts mit ihnen, weil jeder von ihnen seine Sache für sich hätte. So hat man es mit großem Nutzen in Paris gemacht in den Abteien von St. Viktor und Saint Germain. Auf diese Weise hätten auch die klösterlichen Obe- ren alle gebührende Autorität, die Klöster gut zu reformieren, indem sie den Anteil der Ordensleute in gemeinsamen Besitz überführen. So könnte man auch die Oberen durch die Wahl von drei zu drei Jahren wechseln. Damit die Reform leichter gelingt, wäre es notwendig, diese Ord- nung zuerst in Talloires einzuführen, wo schon ein guter Anfang der Reform gemacht ist; und dann müßte man Talloires alle Klöster des Ordens vom hl. Benedikt unterstellen, um dort die gleiche Reform einzuführen. Was die Klöster des Ordens von Citeaux betrifft, sehe ich keine Möglichkeit der Reform, außer wenn man dort Feuillanten einsetzt, wie man es in ‚Consolata‘ von Turin, in Pignerolo und in Abondance gemacht hat. Es gibt außerdem Klöster der Regularkanoniker vom hl. Augustinus, die nicht weniger der Reform bedürfen; die kann schwer- lich durchgeführt werden ohne Änderung des Ordens. Es scheint auch, daß es hilfreich wäre, einige von ihnen in die Städte zu verlegen, so z.B. das Kloster von Entremont nach La Roche, um die Zahl der Ka- noniker zu vermehren und dort einen ansehnlichen Dienst einzufüh- ren mit einem Theologalen und einem Pönitentiar, mit Rücksicht auf die Nachbarschaft von Genf und den ständigen Verkehr der Bewoh- ner von Genf mit denen von La Roche. Andere könnte man in Kon-

gregationen von Priestern des Oratoriums umwandeln, so z. B. das Kloster Saint Sepulcre in dieser Stadt, und die anderen dem Kolleg dieser Stadt angliedern wie das Priorat von Peillonex. Was ich nun gesagt habe, daß man manche Klöster in die Städte verlegen soll, so berücksichtigt dies das Wohl des Adels dieser Ge- gend. Er ist zahlreich, aber zum großen Teil arm und hat keine Mög- lichkeit, seine Kinder ehrenvoll unterzubringen, die eine Stellung in der Kirche wollen, außer in Benefizien, die über das Land verstreut sind wie die Pfarreien und Kanonikate. Die könnte man auf heilsame Weise einführen, nicht ehe sie durch den Konkurs Adelige oder Dok- toren verliehen wurden. In dieser Hinsicht könnte daher Seine Hoheit ihrem Gesandten eine Anweisung geben, um von Seiner Heiligkeit einen Auftrag an den Erzbischof von Tarantaise, den Bischof von Maurienne und an den von Genf zu erwirken, um die genannten Niederlassungen zu er- richten, jedoch in der Weise, daß die beiden anderen vorgehen kön- nen, wenn einer der genannten Bischöfe abwesend ist. Und der General- und Erbprokurator sollen beauftragt werden, bei jeder Gelegenheit die Ausführung zu überwachen, mit der ausdrück- lichen Empfehlung an den Senat, seine Hilfe zu gewähren in allen Fällen, die es erfordern.

2.

Es wäre notwendig, daß man die drei Klöster der Zisterzienserin- nen in die Städte verlegt, damit ihr Verhalten ständig gesehen wird, damit sie geistlich besser betreut werden und damit sie nicht dem Einfluß der Feinde des Glaubens oder des Staates ausgesetzt sind, der Frechheit von Dieben und dem Unwesen so vieler unnützer und ge- fährlicher Besuche von Verwandten und Freunden. Dazu kommt, wenn man sie auf dem Land einsperrt, fern von geistlichem Beistand, dann macht man sie zu bedauernswerten Gefangenen, nicht aber zu guten Ordensfrauen, wozu man sie durch die guten Ermahnungen machen will, die sie in den Städten erhalten. Und das Konzil von Trient ord- net aus den gleichen Gründen ebenfalls an, daß man sie in die Städte verlegt. Man könnte also die Nonnen von Sainte Catherine in diese Stadt verlegen, jene von Bonlieu nach Rumilly und die von Betton nach Saint Jean in Maurienne oder in Montmelian. Und was die Klarissen

außerhalb von Chambéry betrifft, könnte man sie ebenfalls in die Stadt Chambéry überführen. Damit aber gleichzeitig mit der Verlegung in die Städte bei allen die Reform durchgeführt wird, wäre es notwendig, daß Seine Heilig- keit einen Bischof beauftragt, in den Klöstern alle Anordnungen zu treffen, die das Konzil von Trient vorgeschrieben hat, und um ihnen Obere zu geben, an die man sich leicht wenden kann. Seine Hoheit könnte daher zu diesem Zweck ihrem Gesandten An- weisung geben, daß er von Seiner Heiligkeit zwei Erlässe erwirke:

einen an den Abt von Citeaux, den General des Zisterzienserordens, daß er dafür sorgt, daß sich die Ordensfrauen der Klöster Savoyens unverzüglich in benachbarte Städte zurückziehen, an einen Ort, der für ihre Wohnung geeignet ist, bis sie ein neues Kloster errichtet ha- ben; den anderen an den Bischof von Maurienne und an den Bischof von Genf, damit sie darüber wachen, daß alle Anordnungen des Kon- zils von Trient durchgeführt werden, nicht nur in den Klöstern der Zisterzienserinnen, sondern auch in allen anderen Frauenklöstern in Savoyen. Und an den Generalprokurator, daß er die Durchführung nach der Absicht Seiner Hoheit überwache.

Drei Jahre danach entwarf Franz von Sales im Auftrag des Prinzen eine Denk- schrift, die offenbar für Rom bestimmt war (vgl. Band 8,304). In einem Brief vom 31. 8. 1621 (vgl. Band 8,332) erinnert der Bischof den Prinzen erneut an dessen Pläne zur Reform der Klöster, die er 1616 bei der Konferenz in Annecy gefaßt hatte, ohne deren Durchführung die Reform nicht gelingen kann, und an seine Denkschriften. In den bisher angeführten Dokumenten fällt das harte Urteil auf, das Franz von Sales über die Zustände in den Klöstern und über die Erfolgsaussichten ihrer Reform fällt. Beides beruht auf seiner Kenntnis der Situation und auf seinen beharrlichen Bemühungen, die im folgenden an konkreten Beispielen gezeigt werden, soweit die Annecy-Ausgabe dafür Unterlagen bietet.

1. Die Abtei Notre Dame von Sixt

Das größte Hindernis für die Reform der Augustiner Chorherren von Sixt war der Kommendatar-Abt Jacques de Mouxy, der nur Subdiakon war, sich aber unter Berufung auf die Exemption der Reform widersetzte. Der Prior Jean Moccand und die jüngeren Kanoniker dagegen waren zur Reform bereit. Franz von Sales visitierte die Abtei im September 1603 und verfaßte darüber das folgende Protokoll (OEA XXIV,441-452):

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna- de Fürstbischof von Genf, kam am 20. September 1603 in die Abtei und Kirche von Sixt. Nach der Feier der Messe am folgenden Tag versammelte er zunächst den Ehrwürdigen Herrn Jacques de Mouxy zusammen mit allen Ordensleuten, die dort leben und eine Pfründe haben. Als sie vor ihm erschienen, erklärte er ihnen, er sei in ihre Abtei gekommen, um als Vorgesetzter der genannten Abtei alles zu visitieren, was ihre Sitten, ihr Leben und ihren Umgang betrifft, aber auch die Gebäude, Güter und Rechte. Er mache das, müsse und kön- ne es gemäß dem alten Recht und Brauch des Bistums Genf tun. Wenn sie daher etwas hätten, aufgrund dessen sie glaubten, das dürfte nicht geschehen, sollten sie es freimütig kundtun. Darauf antworteten alle mit gebührender Ehrfurcht, der Hochwürdigste Bischof von Genf habe das Recht, ihre Abtei und sie zu visitieren, und sie wollten das in keiner Weise bestreiten oder verhindern. So wandte er sich an den Ehrwürdigen Abt, den er seit vielen Jahren im unbestrittenen Besitz seines Amtes wußte, und fragte ihn, ob er Kommendatar oder wirklicher Abt sei. Der antwortete, das wisse er nicht, weil er schon seit langem seine Ernennungsbulle nicht mehr gesehen habe, die in Chambéry bei einem Prozeß vorgelegt wurde. Der oberste Senat von Savoyen habe ihm aber die Zurechtweisung der Ordensleute untersagt, da er nicht Titular sei; daher trage er nicht den Habit der Ordensleute. Die Verwaltung der zeitlichen Güter ste- he ihm aber zu. Darauf fragte er die Ordensleute, ob sie Profeß gemacht haben. Sie antworteten ihm, sie hätten die Profeß nicht ausdrücklich, sondern nur implicite und stillschweigend nach der Regel des hl. Augustinus gemacht. Er fragte nach Titeln und Rechten. Wenn jemand solche bei sich oder bei jemand wisse, solle er es offenbaren, damit über deren Auf- rechterhaltung entschieden werde. Der Herr Abt versicherte unter Eid, er besitze nur fünf Anerkennungsbriefe, und gab an, er habe die Schriftstücke. Ebenso habe er eine bestimmte Schenkung des Aymon von einer gewissen Stadt Faucigny, die aus einem Prozeß in Annecy hervorgegangen sei; außerdem eine bestimmte Mitteilung, die in Chambéry ausgestellt wurde, über eine bestimmte Mühle; schließlich einige andere, an die er sich nicht recht erinnere, die er durch seine Arbeit und seinen Fleiß erworben habe, von denen er ein Verzeichnis machen werde.

Der hochwürdige Prior erklärte, er habe die Rechte der Kommuni- tät, von denen er eine Liste aufstellen werde. Frater Petrus Pugin sag- te, er habe bestimmte Rechte an der Kapelle des hl. Nikolaus in Sa- moens. Die übrigen aber erklärten, sie hätten keinerlei Rechte für sich und wüßten nichts, daß bei einem anderen Rechte lägen, die das Kloster betreffen. Darauf bestimmte der Hochwürdigste Herr Bischof als Visitator, bis zum nächsten Aschermittwoch sollte ein Verzeichnis aller Rech- te und Titel in der vorgeschriebenen und bewährten Ordnung aufge- stellt werden und zwei gleichlautende Abschriften, von denen eine im bischöflichen Archiv aufbewahrt werde, die andere von dem, den das Kapitel bestimmt, um zur Klärung von Streitigkeiten zu dienen. Die Ordensleute beschwerten sich, daß von der erforderlichen Zahl der Kanoniker drei fehlten; es müßten zwölf sein, aber der zehnte, elfte und zwölfte fehlten. Der Abt erwiderte, die Einkünfte seien teils durch die Nachlässigkeit der Vorgänger, teils durch Überschwem- mungen, die ganze Ortschaften und Meierhöfe zerstörten, so stark zurückgegangen, daß er nicht mehr Ordensleute ernähren und klei- den könne. Die Ordensleute dagegen brachten dem Herrn Abt jähr- lich 1000 Gulden, frei von allen Lasten, und zwölf Präbenden nach Abzug der Lasten. Der Hochwürdigste Herr Visitator erkannte, daß er diese Frage nicht leicht entscheiden konnte, und verschob die Entscheidung auf später, bis er klarer über das hinreichende Einkommen sehe Für das Chorgebet ordnete der Hochwürdigste Herr Bischof an, daß es nach der vom heiligen Konzil von Trient herausgegebenen Ordnung verrichtet werde, sowohl privat wie im Chor; ihre Rubriken seien zu befolgen. Was das kleine Offizium der seligsten Jungfrau, das Totenoffizium und die Bußpsalmen betrifft, können sie nach dem Brauch der Abtei vor dem Tagesoffizium verrichtet werden; jedoch in der Weise, daß niemand verpflichtet ist, sie außerhalb des Chorgebets zu verrichten, außer nach Vorschrift des tridentinischen Breviers. Die Gradualpsalmen aber sollen nach demselben Brauch vor der Matutin rezitiert werden, wenn die Ordensleute zusammenkommen. Die Prim wird nach den Laudes verrichtet. Jeden Tag werden wenigstens vier Messen gefeiert, an bestimmten Tagen fünf, wenn sie nämlich anderweitig dazu verpflichtet sind. Am Sonntag muß nach altem Brauch eine stille Messe für die Verstorbe- nen gefeiert werden und die Konventmesse.

Für die Kirche ordnete er an, daß der Tabernakel des allerheiligsten Sakraments, der in der Mitte des Altars steht, von allen Seiten ver- schlossen und wenigstens ein Gehäuse aus Zinn sein muß. Auf der rechten Seite hinter dem Hochaltar ist ein Altar aus Holz; er ließ ihn entfernen, und weil er zu nahe am Hochaltar war, übertrug er auf diesen die Stiftung des Holzaltars. Auf dem Altar in der Nähe des Chorgestühls der Ordensleute fand er Bilder, die durch Alter und Feuchtigkeit entstellt waren. Er ließ sie entfernen und an einem geziemenden Ort heimlich verbrennen. Das Chorgestühl fand er verfallen und befahl dem Ehrwürdigen Herrn Abt, daß er es wiederherstellen und restaurieren lasse. Das Gewölbe des Chores ist durch Risse und Spalten vom Einsturz bedroht. Er befahl dem Abt, es innerhalb von zwei Monaten instand- setzen und wiederherstellen zu lassen. Die Sakristei soll er erneuern. Die Zäune und Mauern des Klosters, die für die Erhaltung der Ordensdisziplin besonders notwendig sind, soll er wiederherstellen; sie sind durch zwei Tore zu verschließen. Über die Wiederherstellung der Ordensdisziplin bestimmte er: So- bald die Zäune wiederhergestellt sind, ist ein Pförtner vorzusehen. Inzwischen sind innerhalb der Umfriedung und der Reste der verfal- lenen Mauern Frauen nicht zuzulassen. Die Wiederherstellung der gemeinsamen Tafel anzuordnen, blieb der Zeit vorbehalten, wenn die dafür notwendigen Mittel reichen, die dem Kloster derzeit fehlen, wie für diesen Ort passende Geräte und ähnliches. Ebenso blieb die Frage der ausdrücklichen Gelübdeablegung of- fen, weil bezüglich der Regel und Konstitutionen keine hinreichende Klarheit besteht. Er wird aber sehen, daß es später möglich sein wird, und dafür sorgen, daß es geschieht. Sowohl der Ehrwürdige Herr Abt als die Ordensleute versprachen, allen diesen Anordnungen zu gehorchen.

Am 14. November 1603 (OEA XII,226f) schrieb der Bischof an den Prior und die Ordensleute von Sixt:

Meine Brüder in Jesus Christus! Ich möchte sehr gerne wissen, welche Wirkungen die Anordnungen hatten, die bei unserer Visitation getroffen wurden, sowohl auf eurer

Seite als auch beim Herrn Abt. Deshalb bitte ich euch, mir das zwi- schen jetzt und Weihnachten Punkt für Punkt mitzuteilen, damit ich, wenn ich zu ihrer vollen Durchführung einen bestimmten Beitrag leisten muß, nichts aus Unkenntnis seiner Notwendigkeit unterlasse. Herr de Saint Paul sagt mir, daß der Herr Abt versäumt hat, die Abtei zu verpachten, was er mir versprochen hatte, angeblich wegen einiger leichtfertiger Worte von eurer Seite, die die Pächter befrem- deten, die sich vorstellten. Wenn dem so ist, werdet ihr Gelegenheit haben, den Herrn Abt dessen zu entheben, denn was mich betrifft, lege ich keinen Wert darauf, vorausgesetzt, daß ihr entsprechend be- zahlt werdet; darauf kommt es mir in diesem besonderen Punkt al- lein an. Wenn ihr mir Nachricht gebt, falls es euch daran mangelt, werde ich nichts versäumen, um mich um Abhilfe zu bemühen. Ich würde mich keine Anordnungen bei der Visitation anderer Klöster zu treffen getrauen, wie es unser Heiliger Vater und Seine Hoheit wollen, wenn ich bei der ersten gar keinen Erfolg gehabt hätte. Ich empfehle mich euren Gebeten, die ich wahrhaftig brauche, und bin, meine Herren, euer sehr demütiger Mitbruder und Diener in Jesus Christus,

Franz, Bischof von Genf.

Wie das Protokoll der Visitation festhält, hatte der Abt das Recht des Bischofs zur Visitation anerkannt und die Anordnungen zu befolgen verspro- chen. Später strengte er jedoch beim Erzbischof von Vienne einen Prozeß gegen Franz von Sales an (den er verlor), um sich jeder Kontrolle zu entzie- hen. In diesem Zusammenhang schrieb der Bischof an den Prior und die Or- densleute von Sixt:

OEA XIII,169f Annecy, 14. April 1606 Meine Herren, ihr wißt von dem Prozeß, den der Herr Abt von Sixt gegen mich in Vienne angestrengt hat, um von der Zurechtweisung durch die Bi- schöfe exempt zu werden, wenn er kann. Ich bin überzeugt, daß er sich am Ende beschämt finden wird, wenn die Ungerechtigkeit seiner Absicht ins Licht der Gerechtigkeit gerückt wird. Inzwischen aber entzieht er sich dem von einem Mal zum anderen durch jedes Mittel des Hinhaltens, das er erreichen kann, und flieht vor dem Urteil. Um ihn möglichst bald zur Ordnung zu rufen, wäre es daher vorteilhaft, wenn ihr eine Erklärung eures Kapitels und der Ordensleute be- schließt, mich als Vorgesetzten anerkennt und meinen Anordnungen

völlig zustimmt. Da es doch die Wahrheit ist, daß ich das Ende dieses Prozesses nur zur Ehre Gottes und zum Wohl eures Klosters zu sehen wünsche, glaube ich, daß ihr keine Schwierigkeiten machen werdet, mir die erwähnte Erklärung zu schicken. Ich bitte euch darum, emp- fehle mich euren Gebeten und verbleibe, meine Herren, euer sehr demütiger Mitbruder.

Annecy, 24. April 1606

Meine Herren, ich danke euch für das Schreiben, das ihr mir geschickt habt, das ich nur zu eurer Beruhigung und zu eurem Trost zu verwenden wünsche. Ich hoffe, daß ich in kurzer Zeit das Urteil zugunsten meines guten Rechtes haben werde. Mit dessen Hilfe werden wir die Sache so vieler Winkelzüge in Angriff nehmen, die der Herr Abt schließlich der Ver- nunft anzupassen gezwungen sein wird. Ich werde mich wenigstens dem nicht entziehen, mit Gottes Hilfe, den ich bitte, euch mit seinen Gnaden zu überhäufen, und dessen Barmherzigkeit ich in euren Op- fern empfohlen zu werden wünsche. Ich bin, meine Herren, euer sehr

demütiger und ergebener Mitbruder,

Franz, Bischof von Genf.

OEA XIII,172

Der Widerstand des Abtes und die Spannung zwischen ihm und den Kononi- kern dauerten jedoch an und verzögerten die Durchführung der Reform, bis im Zusammenhang mit der Initiative des Prinzen Victor-Amedée 1617 ein neuer Anstoß dazu vom Prior ausging. Darauf reagierte Franz von Sales mit einem Brief an die Ordensleute:

OEA XVIII,81f Annecy, 12. September 1617 Meine hochwürdigen Brüder! Durch den Herrn Prior Jan Moccand habe ich von eurer guten Ein- stellung erfahren, um euer Kloster und eure Gemeinschaft auf den Weg der alten Frömmigkeit eures Ordens zurückzuführen. Dafür habe ich Gott von ganzem Herzen gedankt und ich bin darüber sehr er- freut, denn es ist eine Sache von größter Wichtigkeit für den Dienst Gottes, für euer Heil und euren Trost sowie zur Erbauung der Gläu- bigen. Deshalb ermahne ich euch mit allem Nachdruck, faßt ehestens un- ter euch den Beschluß, damit zu beginnen. Um euch dabei zu dienen und beizustehen, werde ich euch einen sehr gebildeten und tüchtigen Mann schicken, sobald ihr mir mitteilt, daß es Zeit dazu ist. Wenn es

notwendig ist, werde ich gern selbst kommen und werde mich glück- lich schätzen, wenn ich nützlich sein kann, einen so ehrenvollen und frommen Plan zu fördern. Faßt Mut, Gott wird mit euch sein. Er wird das Werk vollbringen, wenn ihr ihn darum bittet. Er hätte euch diese gute Einstellung nicht gegeben, wenn er euch nicht zur Vollendung des Werkes führen wollte. Indessen erwarte ich eure Nachricht und wünsche euch allen heili- gen Trost und verbleibe, meine hochwürdigen Brüder, euer ganz de- mütiger und sehr ergebener Bruder im Herrn, Franz, Bischof von Genf.

Die Kanoniker faßten am 30. Dezember 1617 den förmlichen Beschluß zur Reform, den der Bischof amtlich beglaubigte. Im September 1618 reiste er selbst nach Sixt und unterzeichnete nach drei Tagen das Reformdekret, dem er seine persönlichen Wünsche hinzufügte.

Annecy, 23. Januar 1618

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gnade Fürst- bischof von Genf. Seit langem haben Wir gewünscht, daß alle Ordensleute Unserer Diözese zur ursprünglichen Regel und Ordnung ihres Instituts zu- rückkehren, vor allem aber haben Wir gewünscht und Uns durch Er- mahnungen bemüht, daß dies geschehe in den Klöstern, die Unserer Sorge, Unserem Eifer und Unserer ordentlichen Jurisdiktion anver- traut sind. Deshalb heißen Wir diesen Beschluß der frommen Regu- larkanoniker des hl. Augustinus vom Kloster Sixt nicht nur gut und beglaubigen ihn, sondern loben und lieben ihn, soviel Wir können, im Herzen Christi. Damit er aber künftig in diesem Kloster getreu gehalten wird, gebieten Wir die Reform kraft Unserer Vollmacht und ordentlichen Autorität über das genannte Kloster und die Kanoniker

OEA XXIV,452f

dieses Klosters und ordnen sie im Herrn an. Allen, die jene besonde- re Armut pflegen, die von denen beobachtet wird, die in Gemein- schaft leben, spenden Wir väterlichen Segen. Gegeben zu Annecy, am 23. Januar 1618.

Reformdekret (OEA XXIV,454-465)

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gnade Fürst- bischof von Genf, allen, die diese Schrift lesen, überreiches Heil in Chris- tus.

Da das Kloster des ehrwürdigen Ordens der Regularkanoniker des hl. Augustinus in Sixt der Sorge und Autorität Unserer Vorgänger und der Unseren nach den heiligen Regeln des ursprünglichen kirch- lichen Rechts anvertraut ist, müssen und wollen Wir Uns seinem Nutzen und dem der ehrwürdigen Kanoniker, die in ihm Gott dienen, mit allem möglichen Eifer widmen und darauf bedacht sein. Da Wir nun erkannt haben, daß die ehrwürdigen Kanoniker selbst auf Einge- bung Gottes die Observanz der ursprünglichen Regel, die durch die Ungunst der Zeit bei ihnen fast ganz verfallen und ausgelöscht war, aufrichten und wiederherstellen wollten, daß außerdem die erlauch- ten und ehrwürdigen Herren Jacques de Mouxy, obwohl Kommenda- tar-Abt, und Humbert de Mouxy, dessen Koadjutor und Erwählter dieses Klosters, diese frommen Beschlüsse und Wünsche nicht nur zu billigen, sondern auch gern zu unterstützen beschlossen haben:

Deshalb sind Wir hierher gekommen, damit Wir unsere ordentli- che Autorität und unserem Beistand diesem lobenswerten und über- aus wünschenswerten Werk leichter zugutekommen lassen können. Nachdem Wir alles geprüft und erwogen und alle über das Vorausge- hende befragt haben, beschlossen Wir schließlich so zu entscheiden und anzuordnen, wie Wir nun entscheiden und anordnen. Vor allem gebieten Wir und ordnen von neuem eindringlicher an, was Wir bei Unserer letzten Visitation als dem Recht und der Ver- nunft entsprechend zu tun befohlen und angeordnet haben. Über die Profeß: Da sich unter den ehrwürdigen Kanonikern, die jetzt leben, keiner befindet, der ausdrücklich die Profeß abgelegt hät- te, besonders und vor allem, um dem Geist und Buchstaben des heili- gen Konzils von Trient zu gehorchen, erklären und bestimmen Wir, daß die genannten ehrwürdigen Herren Kanoniker alle zu der erwähn- ten ausdrücklichen Profeß verpflichtet sind. Wir schreiben für alle und jeden einzelnen, der jetzt den Habit des Klosters trägt, ein Jahr vor, das als Noviziatsjahr gelten soll. Nach dessen Ablauf sollen sie die erwähnte Profeß ablegen oder Uns, falls sie Gründe haben, wa- rum sie diese Profeß nicht machen wollen, diese darlegen. Nach Ablauf des Probejahres ist der Novize, wie das gleiche Konzil bestimmt hat, entweder sogleich zur Profeß zuzulassen, wenn er da- für geeignet befunden wird, oder aus dem Kloster zu entlassen. Wenn dagegen der Novize nach dem erwähnten Probejahr als noch nicht fähig zur Profeß beurteilt wird, jedoch begründete Hoffnung besteht, daß er etwas später geeignet werden kann, darf man ihn auch bis zu

einem ganzen Jahr im Kloster behalten. Daß das erlaubt ist, antwor- tete die Kardinalskongregation des Konzils, als das Konzil über die Geeigneten und Fähigen, nicht über die anderen entschied.

Über die Wahl des Priors und Subpriors: Da die Abtei eine Kommen- de ist, bestimmen Wir, daß in ihr künftig daran festzuhalten ist, wie es früher gehalten wurde, daß nämlich allen Chorherren einer des glei- chen Ordens mit ausdrücklicher Profeß, der Prior genannt werde und der Herde vorangehen und vorstehen kann, entsprechend der Bestim- mung des Konzils von Trient, Kapitel 25, Sessio 6, vorgesetzt und bestellt wird. Wie an gleicher Stelle, Kapitel 6, vorgesehen ist, wird er vom Kapitel in geheimer Wahl gewählt, so daß die Namen der Wähler nie bekanntgegeben werden. Wem die Mehrheit der geheimen Stim- men des Kapitels zufällt, der gilt absolut als gewählt und bleibt, wenn er sich recht führt, bis zum Tod als Prior im Amt. Ebenso werde es im übrigen mit dem Subprior gehalten.

Über den regulären Gehorsam: Alle sollen dem Prior „wie einem Vater“ gehorchen, wie die Regel des hl. Augustinus vorschreibt, und in seiner Abwesenheit dem Subprior.

Wenn etwas von größerer Wichtigkeit zu tun oder zu befehlen und keine Gefahr im Verzug ist, wird der Prior nichts veranlassen oder bestimmen, ohne sich vorher mit seinem Kapitel darüber beraten zu haben. Bei allen schwerwiegenden Schwierigkeiten aber, die vom Prior und dem Kapitel nicht gelöst werden können, sollen sie sich an den Bischof dieser Diözese oder in dessen Abwesenheit an den bischöfli- chen Generalvikar wenden, der kraft ordentlicher Vollmacht entschei- den wird, was zu geschehen hat, wie es schon bisher gehalten wurde.

Über die Gottesdienste und Riten: Der hochwürdige Herr Prior oder Subprior wird jeden Samstag in der Kirche eine Liste auflegen, in der die Namen derjenigen verzeichnet sind, die während der ganzen Wo- che den Dienst am Altar und im Chor zu versehen haben. Alles soll soviel als möglich nach dem Ritus und den Zeremonien der Kathe- drale gehalten werden.

Über das Studium und die Bücher: Im Kloster soll kein Buch ohne Erlaubnis des Priors oder in seiner Abwesenheit des Subpriors behal- ten werden; er soll darüber wachen, daß keine von der Kirche verbo- tenen Bücher oder solche von vorwitzigen und unnützen Lehren her- einkommen. Er wird auch dafür sorgen, daß eine ausreichende Zahl

frommer Bücher, solcher mit Gewissensfällen und der Theologie vor- handen sind, die für alle Kanoniker reichen, damit sie täglich in der von der Regel vorgesehenen Zeit der Lesung obliegen können. Die Stunde für die Lesung könnte vor der Vesper sein, zwischen Vesper und Komplet oder zwischen Komplet und Abendessen. Über die Tafel und die Tischlesung: Sobald als möglich soll die Tafel so angeordnet werden, daß die Kanoniker nur auf einer Seite sitzen und ihnen die Portion einzeln gereicht wird. Den Tischsegen und die Danksagung nach dem Essen soll der Hebdomadar sprechen, außer an Festtagen, an denen der Prior oder in seiner Abwesenheit der Sub- prior dieses Amt übernimmt. Während der Mahlzeit wird immer mit klarer, verständlicher Stimme und mit entsprechenden Pausen zwi- schen den einzelnen Punkten gelesen. Vom Ausschluß der Frauen: Alle Gesetze verlangen, was Wir bei der letzten Visitation dieses Klosters bestimmt haben, daß nämlich Frauen auch kurze Zeit nicht innerhalb der äußeren Umfriedung und Mauern des Klosters wohnen oder sich aufhalten dürfen. Deshalb ge- bieten Wir allen und jedem einzelnen, den es betrifft, kraft des heili- gen Gehorsams und unter der Strafe der höheren Exkommunikation, daß sie ausnahmslos alle Frauen aus dem Kloster fernhalten, entfer- nen und ausschließen, soweit es jetzt welche in ihm gibt, und andere niemals zulassen oder innerhalb der Umfriedung des Klosters dul- den. Über Titel und Ansprüche des Klosters: Im Anschluß an Unsere letzte Visitation befehlen Wir unter der Strafe der höheren Exkommunika- tion, daß innerhalb eines Monats, vom heutigen 15. September 1618 an gerechnet, alle und jeder, der Dokumente oder Titel dieses Klos- ters hat, diese im Archiv hinterlegt, entsprechend der Anordnung darüber, die Wir bei der erwähnten Visitation getroffen haben. Über die Präbenden: Der Herr Abt wird verpflichtet sein, der Kom- munität der Kanoniker jährlich zwölf Präbenden zu zahlen, wie bei der erwähnten Visitation bestimmt wurde. Die Kommunität der ge- nannten Kanoniker wird aber verpflichtet sein, zwölf geeignete Ka- noniker, die hier residieren oder von Rechts wegen als residierend gelten, zu nähren und zu unterhalten, d. h. für Nahrung, Kleidung und alles Lebensnotwendige aufzukommen. Über die Gebäude: Ausgenommen davon sind die Gebäude des gan- zen Klosters, die auf Kosten und Rechnung des genannten Herrn Abtes in einen Zustand zu versetzen und zu erhalten sind, der den Erforder-

nissen der regulären Observanz entspricht. Was die Wiederherstel- lung des Chores, des Refektoriums und der Uhr betrifft, hat der hoch- würdigste Herr Koadjutor und erwählte Abt versprochen, dafür zu sorgen, daß es möglichst bald geschieht, so daß es am nächsten Weih- nachtsfest abgeschlossen ist. Das übrige aber, vor allem das Dormito- rium und die Klausurmauern des Klosters werde er wie ein sorgsamer Familienvater nacheinander restaurieren. Im Vertrauen auf seine Frömmigkeit überlassen Wir ihm die Durchführung. Über die übrigen Petitionen der genannten Herren Kanoniker, die die Zahlung der Präbenden des vergangenen Jahres betreffen und das Notwendige für die künftige Haltung eines Pferdes und ähnliches, glaubten Wir, weil darüber zwischen ihnen und dem genannten Herrn Koadjutor und Erwählten freundliches Einvernehmen besteht, nichts weiter anordnen zu müssen, als was Wir nach gemeinsamer Überein- kunft der Parteien als geschrieben unterzeichnet haben. Gegeben in der Abtei von Sixt, am 15. September 1618. Franz, Bischof von Genf.

OEA XXIV,464f. – – – Schließlich versichern Wir alle des Segens und des Schutzes Gottes, die mit Liebe diese Anordnungen annehmen und durchfüh- ren, die mich einzig der Wunsch treffen ließ, daß Gott in euch herr- sche und sein Ruhm vermehrt werde. Ich hoffe, daß durch ihre Erfül- lung diese Ordensfamilie ihren alten Glanz wieder gewinnt und über- all den angenehmen Duft verbreite, mit dem sie früher die ganze Ge- gend erfüllte. Das erwarte ich von deiner barmherzigen Güte, mein Gott, und darum bitte ich dich von ganzem Herzen für diese Menschen und für jene, die ihnen nachfolgen werden.

Über die Durchführung gab es dann offenbar in Sixt neue Meinungsverschie- denheiten, denn nach der Rückkehr von seiner Reise nach Paris mahnte er die Ordensgemeinde am 22. November 1619 zur Einheit und im Frühjahr 1620 legte er beim Präsidenten der Rechnungskammer, Francois de Tardy, Fürspra- che für sie ein, als der Abt gegen sie prozessierte.

OEA XIX,57

Meine Herren Mitbrüder! Ich grüße euch und umarme euch im Geist sehr herzlich bei meiner Ankunft nach so langer Abwesenheit. Ich habe erfahren, daß der Feind

Annecy, 22. November 1619

des Friedens und der Einigkeit allmählich Gedanken der Zwietracht unter euch zu säen versucht. Ich bitte und ermahne euch von ganzem Herzen, laßt nicht zu, daß er die Übermacht über die heiligen und ehrenvollen Beschlüsse gewinne, die ihr mit mir gefaßt habt, gemein- sam und miteinander verbunden im Gehorsam gegen eure Regeln zu leben. Unter ihnen ist die wichtigste die Gemeinsamkeit und die Ein- heit der Herzen und der Güter. Ihr werdet stark sein, wenn ihr einig seid, schwach und vom Untergang bedroht, wenn ihr uneinig seid. Und wie ich euch immer gern zu Diensten sein werde, solange ihr treu nach den gefaßten Beschlüssen lebt, könnte ich leicht den Eifer dafür verlieren, wenn ihr mich durch eure Uneinigkeit der Möglich- keit beraubt, euch beizustehen. Ich bitte Gott, euch zu segnen, und bin euer ganz demütiger und sehr ergebener Mitbruder

Franz, Bischof von Genf.

OEA XIX, 165f

Mein Herr! Abgesehen davon, daß die ehrwürdigen Ordensleute von Sixt durch ihr vorbildliches Leben und ihren Eifer für die Reform gefördert zu werden verdienen, fühle ich mich durch den Rechtsstreit, den sie ge- genwärtig haben, dazu verpflichtet, mit ihnen die gleiche Bitte an Sie zu richten, damit Sie die Ordensleute in der Wahrung ihres guten Rechtes unterstützen möchten. Der Streit hat ja seinen Anfang zum Teil in der Visitation genommen, die ich gehalten habe. Ich kann wohl Gott selbst zum Zeugen anrufen, daß ich dabei nur seinen Dienst im Auge hatte und außerdem fast nichts anordnete, als wozu ich durch Gründe das gütliche Einverständnis der Parteien erreicht hatte. Da- mit werden Sie ein Gott sehr wohlgefälliges Werk tun, das auch mich sehr verpflichtet, der ich für immer Ihr sehr demütiger Diener bin, Franz, Bischof von Genf.

Annecy, 18. März 1620

Erst im November 1620 konnte der Bischof durch sein persönliches Erschei- nen in Sixt den Streit zwischen dem Abt und dem Konvent beilegen. Kaum war er nach Annecy zurückgekehrt, da verlangte der Abt Jacques de Mouxy drin- gend nach ihm, legte seine Lebensbeichte ab und starb unter dem Beistand des Bischofs am 4. Dezember 1620. Nun wollten die Kanoniker seinen Neffen Hum- bert de Mouxy nicht als Abt anerkennen, weil sie die Gültigkeit seiner Ernen- nung zum Koadjutor bezweifelten. So verzögerte sich ihre Profeß weiter, wie der folgende Brief zeigt.

OEA XX, 156 Annecy, 23. September 1621 Meine Herren Mitbrüder! Da Herr Lachat, der Pfarrer von Vailly, hier ist, wollte ich seinen guten Willen benützen, um euch diese paar Zeilen zukommen zu las- sen. Durch sie will ich euch an den Eifer erinnern, den ihr so offen- kundig gezeigt habt, daß ihr die Ordensprofeß ablegen wollt, die für die gute Verfassung eures Klosters so notwendig ist. Ich bitte euch also, einen endgültigen Entschluß über den geeigneten Zeitpunkt zu fassen und über die Personen, von denen ihr wünscht, daß sie daran teilnehmen. Wenn ich darüber Nachricht habe, werde ich meinerseits Weisung geben, damit euch mit Gottes Hilfe nichts fehle. Ich bitte ihn indessen, euch mit seiner Gnade zu überhäufen, und bin, meine Herren, euer ganz demütiger und sehr ergebener Mitbruder, Franz, Bischof von Genf.

Franz von Sales erlebte den Abschluß der Reform nicht mehr. Im Januar 1622 übergab er den Kanonikern die Konstitutionen der Heimsuchung (s. Band 8,338). Diesen entnahmen sie Anregungen für ihre Konstitutionen, die der Nachfolger des Bischofs 1635 approbierte. So führten die geduldigen Bemü- hungen des Heiligen in Sixt, wenn auch erst nach seinem Tod, doch noch zum Erfolg.

2. Die Abtei Notre Dame von Abondance

Einfacher und radikaler war die Lösung im Mutterkloster von Sixt, in der Abtei von Abondance. Hier sah Franz von Sales von Anfang an keine Möglich- keit, die wenigen Augustiner Chorherren für die Reform zu gewinnen; deshalb wollte er sie durch Feuillanten ersetzen, eine reformierte Kongregation, die aus dem Zisterzienserorden hervorgegangen war und 1589 von Rom approbiert wurde. Der Bischof legte seinen Plan sowohl Papst Clemens VIII. als auch dem Herzog vor.

OEA XII,371-374 Annecy, 27. Oktober 1604 Heiliger Vater, es gibt nichts Besseres als gute Ordensleute und nichts Schlimme- res als schlechte, sagten die Alten; und die Erfahrung unserer Zeit bestätigt das so klar, daß man mit Jeremia (24, 1-3) von ihnen sagen kann: Wenn die Feigen gut sind, dann sind sie sehr gut; wenn sie verdor- ben sind, dann ganz schlecht. Doch keine Diözese des katholischen Erdkreises ist mehr als die von Genf der Plage dieser schlechten Fei-

gen ausgesetzt, während keine mehr als sie der Erfrischung durch die Ernte guter Feigen bedürfte. Heiliger Vater, wir stehen hier in vor- derster Linie und sind den Angriffen der Feinde als erste ausgesetzt. Ihre Taktik besteht darin, wegen des Sittenverfalls der Unseren die ganze Lehre der Kirche anzugreifen und die schwachen Geister des Volkes zu verwirren. Deshalb ist es um so beklagenswerter daß unter den zahlreichen Klöstern verschiedener Orden, die in dieser Diözese errichtet wurden, kaum eines zu finden ist, in dem die Ordensdiszi- plin nicht erschüttert, ja fast ganz zerstört wäre, so daß nicht einmal eine Spur jenes früheren himmlischen Eifers zu finden ist, so sehr ist das Gold geschwärzt und der schöne Glanz geschwunden (Klgl 4,1). Erfahrene Kenner sind nun der Auffassung, daß diesem Übel nicht besser abgeholfen werden kann als dadurch, daß Ordensleute aus re- formierten Kongregationen berufen und an die Stelle jener eingesetzt werden, die (um mich sehr gemäßigt auszudrücken) das Land bisher zu Unrecht besaßen. Von diesem Gedanken geleitet, schlägt Vespasi- an Ajazza vor, das Kloster Unserer lieben Frau von Abondance, des- sen Kommendatar-Abt er ist, womöglich Ordensleuten der Feuillan- ten vom hl. Bernhard zu übergeben und zu übertragen, deren guter Ruf schon weit verbreitet ist. Von dort sollen sechs Mönche entfernt werden, die fast alle zwar nichts tun, aber durch Alter und krasseste Unkenntnis der Ordensdisziplin fast vollendet sind. Der Vorschlag ist wirklich gut und der Annahme durchaus würdig (1 Tim 1,15), da- mit in den Garten der Kirche Blumen statt Dornen gepflanzt werden. Mit dem General der Kongregation der Feuillanten ist alles bespro- chen und vereinbart, was notwendig schien, damit das geschehen kann. Auf diese Weise schien nur noch eines, dies aber am meisten und vor allem wünschenswert, nämlich die Genehmigung des Heiligen Stuh- les, damit das alles durchgeführt werden kann und nach der Durch- führung festen Bestand hat

OEA XII,374f Annecy, 27. Oktober 1604 Eure Hoheit! Seit langem weiß ich, wie sehr Eure Hoheit die Reform der Klöster diesseits der Alpen wünscht, auch daß Sie es immer für das beste Mittel dazu gehalten haben, auf einem vernünftigen Weg Ordensleute und Mönche zu entfernen, die sich bisher schlecht geführt haben, und an ihre Stelle andere Ordensleute von reformierten Kongregationen

zu setzen. Deshalb zweifle ich in keiner Weise daran, daß Eurer Ho- heit der Plan des Herrn Abtes von Abondance sehr willkommen sein wird, in sein Kloster die guten Patres von St. Bernhard einzuführen, die durch ihr vorbildliches Leben und ihre Lehre den Schaden gutma- chen werden, den die anderen durch ihr schlechtes Beispiel angerich- tet haben. Ich muß dennoch meine untertänigste Bitte darum an Eure Hoheit richten als an den, der dadurch ebenso getröstet sein wird, wie das Volk dieser Diözese dadurch erbaut wird

Durch den Tod Clemens VIII. verzögerte sich die Genehmigung durch den Apostolischen Stuhl, die Paul V. am 28. 9. 1606 durch ein Breve erteilte. Zu dessen Ausführung delegierte Franz von Sales seinen Generalvikar:

OEA XXIV,466f

Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh- les Gnade Fürstbischof von Genf, gibt allen, die dies lesen, kund und zu wissen:

Wir haben von unserem Heiligen Vater Papst Paul V. ein Breve empfangen, gegeben in Rom bei St. Markus am 28. September des vergangenen Jahres 1606 und gezeichnet von Cobelluzi, durch das Uns aufgetragen wird, die Ordensleute vom hl. Augustinus aufzuhe- ben, die sich in der Abtei Unserer lieben Frau von Abondance in Unserer Diözese befinden, und an ihrer Stelle zwölf Mönche des Or- dens des hl. Benedikt von der Kongregation Notre Dame der Feuil- lanten einzusetzen. Wir sind von Seiner Heiligkeit zur Durchführung des Breves ermächtigt. Da Wir infolge verschiedener, unerwartet auf- getretener Amtsgeschäfte dem Auftrag nicht selbst entsprechen kön-

nen, haben Wir zu dessen Durchführung delegiert und delegieren durch dieses Schreiben den hochwürdigen Herrn Jean Favre, Doktor der Rechte und Domherr von St. Peter in Genf, von Uns als Unser Offizi- al und Generalvikar in Unserer Diözese bestellt. Wir delegieren und beauftragen ihn mit der Durchführung des genannten Breves nach seinem Wortlaut und Inhalt. Zur Beglaubigung dessen haben Wir dieses Schreiben erlassen und erlassen es, mit eigener Hand gezeichnet und gesiegelt und gegenge- zeichnet von Unserem Aktuar. Thonon, am 2. Mai 1607

Franz, Bischof von Genf.

Thonon, 2. Mai 1607

Decomba.

Der Kommendatar-Abt von Abondance, Vespasian Ajazza, mit dem Franz von Sales eine enge Freundschaft verband, wollte dieses geglückte Modell auch auf andere Klöster übertragen (vgl. Band 8,167). Diesen Gedanken sprach der Bischof selbst in einem Brief an den Feuillanten Asseline aus: