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FRANZ VON SALES – GEISTLICHE SCHRIFTEN

1
Deutsche Ausgabe der

WERKE DES HL. FRANZ VON SSALES


VON ALES

Band 12

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DE SAINT FRANÇOIS DE SALES

der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

herausgegeben von den Oblaten den hl. Franz von Sales

Begründet von PP.. Dr


Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.

2
Franz von Sales

GEISTLICHE SCHRIFTEN

F ranz-Sales-Verlag
ranz-Sales-V

3
Auswahl, Übersetzung und Erklärungen

von P. Anton Nobis OSFS

ISBN 3-7721-0064-3
Alle Rechte vorbehalten.
© Franz Sales Verlag, Eichstätt
2. Auflage 2004
Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt

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VORWORT

Mit diesem Band wird die deutsche Ausgabe der Werke des hl. Franz
von Sales abgeschlossen, die P. Dr. Franz Reisinger OSFS geplant, be-
gründet und bis zu seinem Tod (am 23. Januar 1973) geleitet hat. Sie
ist die bisher umfangreichste deutsche Ausgabe von Werken des Heili-
gen; als erste beruht sie auf der vollständigen Ausgabe der ‚Oeuvres‘
von Annecy, die 26 Foliobände umfaßt und als quellenkritisch aner-
kannt ist. Von Anfang an auf 12 Bände geplant, kann diese deutsche
Ausgabe naturgemäß nur eine Auswahl bieten, die aber „nichts We-
sentliches von der Lehre des Heiligen übergehen“ soll. (Vorwort Band
1, Seite 12).
Vollständig wiedergegeben werden die beiden vom Autor veröffent-
lichten Hauptwerke, die ‚Anleitung zum frommen Leben‘ (Band 1)
und die ‚Abhandlung über die Gottesliebe‘ (Band 3 und 4) sowie die
nach seinem Tod durch Johanna Franziska von Chantal herausgege-
benen ‚Geistlichen Gespräche‘ (Band 2). Eine Auswahl mußte getrof-
fen werden aus 11 Bänden mit über 2000 Briefen (Band 5-8), aus 4
Bänden mit Predigten (Band 9) und aus 5 Bänden ‚Opuscules‘ mit
kleineren Schriften verschiedener Sachgebiete.
Eine Änderung der ursprünglichen Planung ergab sich im Verlauf der
Herausgabe in zwei Fällen: statt der geplanten zwei Bände mit Predig-
ten gab es nur einen (Band 9, aber je eine Gruppe von Predigten in
Band 10 und 12), die auf einen Band berechnete Auswahl von Kontro-
versschriften mußte auf zwei Bände (Band 10 und 11) erweitert wer-
den, um sowohl die ‚Kontroversen‘ als auch die ‚Verteidigung der Kreu-
zesfahne‘ und den Titel I des ‚Codex Fabrianus‘ ungekürzt zu veröffent-
lichen und eine Reihe von Texten aus den ‚Opuscules‘ zugänglich zu
machen, die bisher in deutschen Ausgaben kaum bekannt sind.
Der Leitgedanke bei der Auswahl war, das Wesentliche der geistli-
chen Lehre des hl. Franz von Sales dem deutschen Leser zugänglich zu
machen; daher sind z. B. nicht enthalten die humanistischen Freund-
schaftsbriefe an Antoine Favre, zahlreiche administrative Dokumente,
die Konstitutionen des Ordens der Heimsuchung, die Statuten der Bru-
derschaft vom heiligen Kreuz, des ‚Heiligen Hauses‘ von Thonon, der

5
Académie florimontane, etc. Außerdem konnte auf vieles verzichtet
werden, was vor allem dem wissenschaftlichen Studium dient, wie Va-
rianten, die éditio princeps der ‚Philothea‘, die erste Redaktion eines
Teils der ‚Abhandlung über die Gottesliebe‘, eine Fülle von biographi-
schen und textgeschichtlichen Angaben, die den gediegenen Charakter
der Annecy-Ausgabe belegen, die deutsche Ausgabe jedoch zu sehr
belastet hätten. All dies wurde aber bei der Redaktion benützt für die
Einführungen zum Verständnis und für die notwendigen Anmerkun-
gen.
Nach der Absicht des Initiators soll diese Ausgabe „als Ganzes ein
klares Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bischofs“ geben (Band
1, S. 12). Nach den bisher erschienenen Bänden kann man sagen, daß
sie noch mehr bietet; so auch ein Bild des geistlichen Schriftstellers und
Theologen, das Pater Reisinger im Anhang zum ‚Theotimus‘ (Band 4)
skizziert hat; des Ordensgründers aus den ‚Geistlichen Gesprächen‘
und vielen Briefen, besonders an Johanna Franziska von Chantal (Band
5) und an Schwestern der Heimsuchung (Band 7). In der Korrespon-
denz im Überblick (Band 8) hat Pater Reisinger versucht, auch ein Bild
des Menschen und Heiligen Franz von Sales anzudeuten durch die Hin-
weise auf seine innere Verfassung und Entwicklung in den verschiede-
nen Lebensabschnitten. Dieser abschließende Band soll nun dem Ge-
samtbild, vor allem dem Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bi-
schofs, noch deutlichere Konturen geben durch eine Auswahl von Pa-
storalschriften und von kleineren Schriften spirituellen Inhalts, vor al-
lem aus den ‚Opuscules‘.
Von Anfang an als ‚Handlanger‘ an der Arbeit für diese Ausgabe
beteiligt und mit den Absichten ihres Herausgebers vertraut, habe ich
nach seinem unerwarteten Tod die Aufgabe übernommen und versucht,
das Werk nach seinem Plan und in seinem Sinn zu Ende zu führen. Um
es für eilige Leser, besonders für Seelsorger brauchbarer zu machen, ist
eine ‚Enzyklopädie‘ geplant, in der die Grundgedanken und Charakte-
ristika der salesianischen Spiritualität in dieser Ausgabe aufgeschlos-
sen werden sollen. Möge dieses Werk vielen von Nutzen sein, um mit
Franz von Sales zu sprechen: „zur größeren Ehre Gottes und zum Heil
der Seelen.“

Eichstätt, 28. Dezember 1982


P. Anton Nobis OSFS

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Inhaltsübersicht

Vorwort 5

A. Pastoralschriften

Einführung 11
I. Das Bischofsamt 12
1. Die bischöfliche Lebensregel 12
2. Ratschläge für Antoine de Revol 18
3. Eine Lebensregel für André Frémyot 22
4. Zeugnis für Pierre Fenouillet 23
5. Zwei Briefe an Jean-Pierre Camus 24
6. Über den Titel Monseigneur 26

II. Der Brief über die Predigt 29

III. Die Leitung der Diözese 50


1. Der Stand der Diözese Genf 50
2. Die Diözesansynode 57
Konstitutionen der Synode vom 2. Oktober 1603 58
Konstitutionen der Synode vom 20. April 1605 62
Konstitutionen der Synode vom 12. April 1617 66
3. Bestimmungen für die Katechese 71
Für die Stadt Annecy 71
Für die Pfarreien der Diözese 72
4. Weisungen für die Beichtväter 74
Fragment von Ratschlägen für die Beichtväter 87
Weisungen für die Unterscheidung der Geister 88
5. Aus dem Rituale der Diözese Genf 91
Vorwort 91
Vorlage für die Verkündigung 95
Rechtfertigung von Riten 102

7
IV. Die Führung und Förderung der Seelsorger 104
1. Ermahnung zum Studium 104
2. Über ein Lehrbuch der Theologie 106
3. Vorsorge für gute Seelsorger 108
4. Mitarbeiter im geistlichen Amt 113

V. Die Reform der Klöster 118


1. Die Abtei Notre Dame von Sixt 125
2. Die Abtei Notre Dame von Abondance 137
3. Das Priorat von Talloires 140
4. Das Priorat von Contamine 146

B. Schriften des geistlichen Lebens

Einführung 149
I. Selbstzeugnisse 151
Regeln für den Empfang der heiligen Kommunion –
Die geistliche Kommunion 151
Die Lebensregel von Padua 152
1. Die Übung der Vorbereitung 152
2. Persönliche Führung, um den Tag gut zu verbringen 154
3. Übungen des geistlichen Schlafes oder der Ruhe 157
4. Regeln für Beziehungen und Begegnungen 160
5. Die öftere Kommunion: Vorbereitung und Danksagung 162
Außergewöhnliche Gnaden 164
Fragmente über die seligste Jungfrau 165
Zwei Gebete zur seligsten Jungfrau 168

II. Christliches Leben in der Welt 170


Über die christliche Vollkommenheit 170
Worin die Vollkommenheit besteht – Stufen des Gehorsams 172
Ratschläge für die Baronin von Chantal 174
Geistliche Ratschläge 175
Gebet der werdenden Mutter 181
Das Geheimnis des Friedens 182
Über die Liebe im Urteilen 183

8
Ratschläge gegen Traurigkeit und innere Unruhe 185
Von der Unruhe (186) – Von der Traurigkeit (187) – Kennzei-
chen der schlechten Traurigkeit (188) – Einige Heilmittel (190)

III. Gebet und religiöse Übungen 193


Avis, den Tag gut zu verbringen 193
Avis für die Morgenübung 194
Morgenübung und Übung der Wiedervereinigung 196
Weisung, um der Messe recht beizuwohnen 197
Stoßgebete und Gedanke an den Tod 198
Gegenstände der geistlichen Einkehr 199
Weisung für die Abendübung 201
Ratschläge zu den vorhergehenden Übungen 201
Fragment der Betrachtungsmethode 202
Betrachtung über die Kreuzigung 203
Ratschläge für die Betrachtung 212
Meditation über die Geburt Jesu Christi 215
Kleine Abhandlung über die heilige Kommunion 216
Meditation vor der Monatskommunion 226
Memorandum über die gute Beichte 228
Über das Kreuzzeichen 246
Methode des Rosenkranzgebetes 246
IV. Leichenrede für den Herzog de Mercoeur 249
V. Zur Spiritualität des Ordenslebens 279
Pflichten durch Profeß und Amt 279
Meditation zur Standeswahl 283
Das Geheimnis der Berufung 284
Die Perle der Vollkommenheit 288
Absicht und Erwartungen beim Eintritt 294
Absage an Welt, Fleisch und Eigenwillen 302
Das Vorbild des Erlösers: die evangelischen Räte 309
Fragment über Amt und Gehorsam 314
Der Preis der reinen Liebe 316
Die hochheilige Demut 320
Auf die Versuchung gefaßt sein 326
Ratschläge für die Gewissenserforschung 340
Ratschläge für Obere 340

9
VI. Vom Geist der Heimsuchung 342
Zweck und Absicht der Gründung 342
Regel und Konstitutionen 343
Die hauptsächlichen Tugenden 346
Übung der Demut (346) – Übung der Sanftmut (347) – Übung
der Einfachheit (348) – Übung der Bescheidenheit (349) – Übung
der brüderlichen Liebe (349) – Übung der Abtötung (350) –
Übung der Geduld (350) – Übung des Gehorsams (351) – Übung
der Keuschheit (352) – Übung der Hochherzigkeit (352) – Übung
der starken inneren Frömmigkeit (353) – Übung der Gleichför-
migkeit mit dem Willen Gottes (353)
Ratschläge für das geistliche Leben 354
Über den Gehorsam (354) – Über die Demut (356) – Über die
Sanftmut (357) – Über die Einfachheit (358) – Über die Hoch-
herzigkeit (359) – Über das Reden (360) – Wie man sich erhe-
ben muß, wenn man gefallen ist (362) – Wie man nach dem hö-
heren Seelenteil leben soll (364) – Wie man jeden Tag seine gu-
ten Vorsätze erneuern soll (365) – Über die Gottes- und Nächs-
tenliebe (368) – Über Trockenheit und Unfruchtbarkeit (370) –
Über Versuchungen, besonders gegen die Berufung (370) – Über
Abneigungen (371) – Über die Melancholie (372) – Über das
Chorgebet (374) – Über das Gebet (375).
Persönliche Ratschläge für meine Besserung 378
Ratschläge für einzelne Schwestern 383
Die Oberin in der Heimsuchung 388

VII. Das Geistliche Direktorium 402


Vom Aufstehen der Schwestern und von der Ausrichtung der
Intention (402) – Vom göttlichen Offizium (404) – Die Feier der
heiligen Messe (405) – Von der Gewissenserforschung (406) –
Vom Essen und von der Rekreation (407) – Vom Stillschweigen
(409) – Vom Schlafengehen (411) – Von den Beichten (411) –
Wie man zur heiligen Kommunion gehen soll (413) – Auffas-
sung unseres hochverehrten Vaters über das Geistliche Direkto-
rium (415).

Anmerkungen 417
Namen- und Sachregister 425

10
A. PPastoralschrif
astoralschrif ten
astoralschriften

Die Biographien des hl. Franz von Sales schildern sein Wirken als Priester
und Bischof vor dem geschichtlichen Hintergrund eines politisch durch Kriege
erschütterten Landes und einer religiös gespaltenen und teilweise desorganisier-
ten Diözese, deren Bischof im Exil lebte, seinen persönlichen Einsatz um die
zum Calvinismus abgefallenen Gläubigen zurückzuführen; die langwierigen Ver-
handlungen, um die materiellen Grundlagen für die Reorganisation des katho-
lischen Gottesdienstes und der Seelsorge zu schaffen.
Seine Schriften vermitteln einen unmittelbaren Eindruck vom Geist und von
den Methoden dieses Wirkens. Sie zeigen seine hohe Auffassung vom Bischofs-
amt, wie er sie für sich selbst und für befreundete Bischöfe dargestellt hat. Die
Dokumente über die Leitung der Diözese geben Einblick in die damalige kirch-
liche und pastorale Situation sowie in die Wege, die Franz von Sales für die
Verbesserung der Seelsorge einschlug. Eine wichtige Voraussetzung dafür war
die Förderung und Führung der Seelsorger, eine Hebung ihres Bildungsstandes
und die Reform ihrer Lebensführung.
Wirksame Hilfe in der Seelsorge fand der Bischof in Ordensleuten, besonders
in den Kapuzinern und Jesuiten, die schon im Chablais seine Mitarbeiter waren,
später in den Barnabiten, die er in der Jugenderziehung einsetzte, und in den
Feuillanten. So sehr er sie schätzte und förderte, so sehr bedrückte ihn der
Verfall der monastischen Klöster in seiner Diözese, ihre Reform blieb eine
dornenvolle Aufgabe bis an sein Lebensende. Seine Reformversuche in Frauen-
klöstern sind bereits in Band 7 enthalten, deshalb werden hier nur Männerklö-
ster behandelt.
Bei all diesen Texten ist aus dem geschichtlichen Zusammenhang zu erklären,
was zeitbedingt ist; es trägt dazu bei, das Bild des Heiligen als Seelsorger und
Bischof zu vervollständigen. Sie erhalten aber auch zeitlos gültige Elemente
einer Spiritualität der Seelsorge und der Seelsorger.

11
I. Das Bischofsamt

1. Die bischöfliche Lebensregel1

1.

Erstens, was das Äußere betrifft, wird Franz von Sales, Bischof von
Genf, keine seidenen Kleider tragen, noch solche, die kostbarer sind
als jene, die er bisher getragen hat; sie sollen jedoch sauber und sei-
nem Körper gut angepaßt sein.
Er wird an seinen Füßen keine Schuhe mit Pantoffeln oder Galo-
schen tragen, sowohl weil das nach der Eitelkeit der Welt aussieht, als
auch, weil es durch die Statuten seiner Kirche verboten ist.
Er wird nie ohne Rochet und Mozetta in die Kirche gehen, noch in
die Stadt; und er wird das bezüglich der Mozetta sogar im Haus beob-
achten, soweit es möglich ist. Im Haus, in der Kirche und in der Stadt
wird er stets, soweit es die Umstände erlauben, sein Birett tragen.
Er wird am Finger nur den Ring tragen, den man den Hirtenring
nennt, den die Bischöfe tragen müssen als Zeichen der Verbindung,
die sie eingegangen sind und die sie ihrer Kirche verpflichtet hält,
nicht weniger streng als die Gatten ihren Ehefrauen.
Er wird keine parfümierten oder sehr teuren Handschuhe tragen,
noch einen seidenen und gefütterten Muff; er wird aber wählen, was
dem Anstand, der Höflichkeit und der Notwendigkeit entspricht. Sein
Gürtel kann aus Seide sein, doch nicht kostbar, und an ihm befestigt
wird er seinen Rosenkranz tragen. Seine Schuhbänder sollen nicht
aus Seide sein, ebenso nicht seine Kniestrümpfe.
Seine Tonsur wird stets so sein, daß man sie sehr gut erkennen kann‚
sein Bart rund, nicht spitz, und ohne Schnurrbart, der die Oberlippe
bedeckt.
Er wird sich bemühen, keine unnötigen und überflüssigen Diener
zu haben. Davon wird er zwei Geistliche haben, von denen einer alle
seine Geschäfte führt und der andere ihm bei den Gottesdiensten
assistiert. Er wird auch mit einem auskommen; aber gegenwärtig
nimmt er deren zwei mit Rücksicht auf André de Sauzéa, Doktor des
kanonischen Rechtes und Baccalaureus der Theologie; da er ein gu-
ter Prediger ist, kann er in dieser Diözese von großem Nutzen sein.
Sie werden nach der römischen Art gekleidet sein, wenn es sich ma-

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chen läßt, in aller Bescheidenheit, oder auch wie die Priester des Se-
minars von Mailand, weil diese Art der Kleidung weniger kostet und
bequemer ist. Einen Sekretär, zwei Kammerdiener, den einen für sich,
den anderen für die Dienerschaft, einen Koch mit seinem Gehilfen
und einen Lakaien, der lohfarben mit violetten Rändern gekleidet ist.
Keiner seiner Diener wird einen Federbusch tragen, keinen Degen,
keine Kleider von schreiender Farbe, keine langen Haare noch zu
aufgezwirbelte Bärte.
Sie werden jeden zweiten Sonntag des Monats beichten und kom-
munizieren, entsprechend den Statuten der Bruderschaft der Büßer
vom heiligen Kreuz, der sie beitreten werden, und werden in der Mes-
se des Bischofs kommunizieren. Sie werden jeden Tag der Messe bei-
wohnen und an den Sonn- und Festtagen dem ganzen Gottesdienst in
der Kathedrale. Alle werden um 5 Uhr aufstehen; an den Festtagen
aber, wenn man zur Matutin gehen muß, um 4 Uhr. Sie werden um 10
Uhr abends schlafen gehen; vorher aber werden sie sich im Saal ver-
sammeln, um die Litanei zu beten: am Sonntag vom Namen Jesu, am
Montag von allen Heiligen, am Dienstag von den Engeln, am Mitt-
woch vom heiligen Apostel Petrus, dem Patron der Kirche von Genf,
am Donnerstag vom allerheiligsten Sakrament, am Freitag vom Lei-
den Unseres Herrn, am Samstag von der glorreichen Jungfrau Maria,
unserer Herrin, außer wenn diese Litaneien aus Anlaß irgendeines
Festes verschoben werden müssen. Der Bischof wird das Gebet spre-
chen, man wird die Gewissenserforschung machen und dann werden
sich alle zurückziehen.
In jedem Zimmer soll eine Gebetsecke sein und in ihr das Weih-
wasser mit irgendeinem frommen Bild und Agnus Dei. Zwei Zimmer
sollen tapeziert sein, das eine für die Fremden, das andere, um für
Geschäfte zu dienen, d. h. der Saal. Stets wird jemand da sein, der sich
damit befaßt, Besucher zu empfangen und hereinzuführen; er wird
höflich und freundlich sein und sich bemühen, niemand zu kränken,
wer immer es sei. Es ist eine zu große Unverschämtheit bei den Die-
nern eines Prälaten, die niederen Geistlichen zu verachten. Alle, die
im Dienst des Bischofs von Genf stehen, werden ermahnt und gewöh-
nen sich daran, alle höflich zu behandeln, vor allem aber die Priester.
Was die Tafel betrifft, sei sie maßvoll und, wie das Konzil sagt,
‚frugal‘ aber doch passend und sauber. Die Priester sitzen an ihr, und
soweit es sich machen läßt, nehmen sie die ersten Plätze ein. Jeder

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wird für sich die Tafel segnen und ebenso die Danksagung sprechen,
ausgenommen an Festtagen; denn da wird der Bischof den Segen und
die Danksagung machen, wie er auch an allen Tagen das Gebet spre-
chen wird: ‚Herr, segne uns‘, weil das Geringere den Segen des Grö-
ßeren empfangen muß (Hebr 7,7). Bis zur Mitte des Mittag- oder
Abendessens wird man irgendein frommes Buch lesen; der Rest die-
ne ehrenhaften Gesprächen. Das Mittagessen wird um 10 Uhr, das
Abendessen um 6 Uhr sein. An den Festtagen wird man sich zum
Imbiß nicht setzen; dann ist das Mittagessen um 11 Uhr und der Im-
biß (Kollation) um 7 Uhr.
Was das Almosen betrifft, muß man die Tage einhalten, die der Hoch-
würdigste Herr gewählt hat, damit es öffentlich geschehe. Man muß
sich bemühen, daß es im Winter größer ist als im Sommer, besonders
von Dreikönig an, denn da bedürfen die Armen dessen mehr; und
dazu wird man Gemüse verteilen. Ich weiß nicht, ob es günstig wäre,
daß der Bischof das Almosen eigenhändig verteilt, wenn er sieht, daß
sich das gut machen läßt: so am Mittwoch der Karwoche oder am
Donnerstag und Karfreitag. Beim Mandatum am Gründonnerstag wird
man den Armen zu essen geben, bevor man ihnen die Füße wäscht,
oder auch nachher, wenn das Mandatum am Morgen gehalten wird,
wie es der Hochwürdigste Herr machte. Man muß sich bemühen, daß
die Almosen beachtlich sind, die man den Minderbrüdern gibt, den
Dominikanern, den Kapuzinern, den Klarissen und dem Hospital,
sowohl des Beispiels wegen als auch wegen der größeren Wirksam-
keit dem Volk gegenüber. Was andere und außergewöhnliche Almo-
sen betrifft, wird die Salbung (1 Joh 2,27) lehren, was zu tun ist.
Was die Gottesdienste betrifft, wird der Bischof an allen gebotenen
Festtagen der ersten und zweiten Vesper beiwohnen, dem Hochamt
und dem Chorgebet, das vor oder nach ihm verrichtet wird; an den
Hochfesten aber außerdem der Matutin. Er wird die Messe und das
Chorgebet feiern in der Heiligen Nacht und am Tag der Geburt des
Herrn, am Dreikönigsfest, am Ostersonntag und Pfingstsonntag, am
Fronleichnamsfest, am Fest Peter und Paul und am Fest Petrus in
Ketten, dem Patrozinium der Kathedrale von Genf, am Fest der Auf-
nahme Unserer lieben Frau, am Allerheiligenfest und am Jahrestag
seiner Weihe. – Während der ganzen Oktav von Fronleichnam wird
er dem Chorgebet beiwohnen, er wird am vorhergehenden Sonntag
predigen, um das Volk auf seine Pflicht hinzuweisen, damit es die

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Ablässe gewinnt. Am Festtag, am Sonntag in der Oktav und am Ok-
tavtag wird er den Segen in der Kirche der Klarissen halten, sowohl
zu ihrem Trost als auch, weil diese Kirche gewöhnlich voller Leute ist
und dies der letzte Segen ist, der in der Stadt gehalten wird.
Soweit es geschehen kann, wird er sehr oft an den Gottesdiensten
und Übungen der Bruderschaft vom heiligen Kreuz, vom heiligsten
Sakrament, vom Rosenkranz und vom Kordon teilnehmen, vor allem
aber an der vom heiligen Kreuz wegen der Kommunion, die dabei
gehalten wird, und er wird sich bemühen, das möglichst oft zu tun. So
viel zum Äußeren.
Nun, was das Innere betrifft, und an erster Stelle das Studium. Er
wird es in der Weise machen, daß er jeden Tag etwas lernen kann, was
indessen nützlich und seinem Beruf dienlich ist. Gewöhnlich wird er
für das Studium die zwei Stunden zwischen 7 und 9 Uhr morgens zur
Verfügung haben; nach dem Abendessen wird er eine Stunde lang
irgendein frommes Buch lesen lassen; das wird zum Teil für das in-
nerliche Gebet sein.
Am Morgen nach der gewohnten Danksagung, der Anrufung des
göttlichen Beistands und der Aufopferung seiner selbst wird er eine
Stunde lang darüber meditieren, was er sich vorher zurechtgelegt hat.
Er wird sich immer in der Gegenwart Gottes halten und ihn bei jeder
Gelegenheit anrufen. Was die Stoßgebete betrifft, wird er sie entwe-
der aus der Betrachtung am Morgen gewinnen oder aus verschiede-
nen Gegenständen, die sich bieten; sie werden mündlich oder geistig
sein, je nachdem er vom Heiligen Geist angeregt wird, und er wird
sich davon eine kurze Sammlung anlegen, um Gott anzurufen, die
seligste Jungfrau, die Engel und die Heiligen, zu denen er eine beson-
dere Verehrung hat.
Das Offizium wird er gewöhnlich stehend oder kniend rezitieren:
Matutin und Laudes am Abend nach der frommen Lesung; Prim, Terz,
Sext und Non zwischen 6 und 7 Uhr morgens, d. h. nach der Betrach-
tung; Vesper und Komplet vor dem Abendessen und den Rosenkranz
nach der Vesper, mit den Meditationen, zumal er durch ein Gelübde
verpflichtet ist, ihn zu beten. Wenn er eine dringende Aufgabe vor-
aussieht, kann er die Zeit der Vesper und Komplet vorverlegen. An
Festtagen wird er die Horen und die Vesper mit dem Chor rezitieren
und den Rosenkranz während des Hochamts beten. Um 9 Uhr mor-
gens wird er weggehen, um das hochheilige Meßopfer darzubringen,

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das er jeden Tag feiern wird, außer wenn er durch dringendste Not-
wendigkeit verhindert ist. Und um es mit größerer Frömmigkeit zu
feiern, wird er sich eine Sammlung und Zusammenstellung verschie-
dener Erwägungen und Affekte anlegen, durch die die Verehrung für
dieses große Geheimnis angespornt werden kann; damit wird er sich
befassen und sie erwägen, wenn er das Zimmer verläßt und während
er zum Altar geht. Wenn er in der Sakristei angekommen ist, wird er
die Vorbereitung nicht zu kurz und nicht zu lang machen, um die
Wartenden nicht zu langweilen und zu ermüden; ebenso wird die
Danksagung sein. Nach der Messe, bei der er eine Haltung sanfter
Würde wahrt, wird er mit niemand sprechen; wenigstens während er
zur Messe geht, und vor allem nicht über weltliche Dinge, damit der
Geist ganz in sich selbst gesammelt sei. Es wird nicht unangebracht
sein, wenn er an sogenannten Tagen der Frömmigkeit die Messe in
Kirchen feiert, wo sie gehalten wird, damit das Volk, das dazu kommt,
seinen Bischof stets an der Spitze findet; so an den großen Festen
dieser Kirchen, und wenn dort Ablässe gewonnen werden.
Die Abendübung wird er mit der Hausgemeinschaft halten. Er wird
jeden zweiten oder dritten Tag beichten, außer wenn es die Notwen-
digkeit anders verlangt, beim fähigsten Beichtvater, den er bequem
haben kann, den er nicht ohne Notwendigkeit wechseln wird. Er wird
manchmal in der Kirche vor den Augen aller beichten, um allen als
Beispiel zu dienen.
Außer an den Fasttagen, die die Kirche geboten hat, wird er am
Vortag aller Feste Unserer lieben Frau, an allen Freitagen und Samsta-
gen fasten.
Jedes Jahr wird er während acht, und wenn er kann, mehr Tagen
Rekollektion und Reinigung seiner Seele halten und während dieser
Zeit wird er sich über seine Erfolge und Fortschritte seit dem letzten
Jahr erforschen. Und nachdem er die hauptsächlichen Sünden festge-
stellt hat, wird er sich darüber vor seinem Beichtvater anklagen, mit
dem er seine schlechten Neigungen und Schwierigkeiten im Guten
besprechen wird. Wenn das geschehen ist, wird er viel beten, vor al-
lem innerlich, mit der Aufopferung der Messen, die er in dieser Zeit
feiert und feiern läßt, um von Gott die notwendige Gnade zu erlangen
für seine eigene Führung und die seiner Kirche. Und er wird alle
guten Vorsätze und Absichten erneuern, die Gott ihm geschenkt hat.
Zu diesem Zweck wird er, bevor er sich zur Beichte einfindet, die
Aufzeichnung aller seiner Entschlüsse wieder lesen und von neuem

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vermerken, damit er hinzufügen kann, was ihn die Erfahrung gelehrt
hat.
Die Zeit dieser Rekollektion kann nicht gut festgelegt werden, au-
ßer daß die Wochen des Karneval dafür geeignet scheinen, sowohl um
nicht Zeuge des Übermuts und der Ausgelassenheit des Volkes zu
sein, als auch, um aus der Einsamkeit zur Predigt und zu großen Wer-
ken zu schreiten nach dem Beispiel unseres Heilands und Erlösers
Jesus Christus und seines Vorläufers, des hl. Johannes des Täufers
(Mt 4,1.17; Lk 3,2f; 4,1 ff). Wenn er indessen die Hoffnung hat, das
Volk von dieser Ausgelassenheit durch irgendeine größere Übung
abzuhalten (wovon in den Artikeln über die Öffentlichkeit zu spre-
chen sein wird) 2, dann wird er für diese Rekollektion eine der Wo-
chen zwischen Ostern und Pfingsten wählen müssen, damit der Geist
Gottes, den man dabei erwirbt, das Gute dieser Hochfeste und der
Fronleichnamsoktav bewirken; auch noch deswegen, weil man zu der
Zeit weniger von Geschäften gedrängt wird und weil diese Zeit sehr
geeignet ist für die Reinigung der Seele wie des Leibes, zumal die
Purgation des Körpers als Vorwand dienen kann für die Läuterung
der Seele. – – –

2.

– – – Deshalb beschließe ich mein Tun mit dem großen Verlangen,


in dieser kostbaren Liebe Fortschritte zu machen. Und um mich da-
für bereit zu machen:
Am Morgen, nachdem ich Gott angerufen und mich ihm übergeben
habe, werde ich eine Stunde Betrachtung halten nach dem, was ich
vorgesehen habe. Während des Tages werde ich viele Stoßgebete ver-
richten, je nachdem mich der Heilige Geist dazu anregen wird. Um
die heilige Messe mit größerer Frömmigkeit zu feiern, werde ich mich
ebenfalls, bis ich am Altar bin, mit allen Erwägungen und Affekten
befassen, durch die die Verehrung für dieses große Geheimnis ange-
facht werden kann.
Jedes Jahr werde ich acht oder zehn Tage Retraite halten, um den
Fortschritt meiner Seele zu prüfen, ihre Neigungen, ihre Schwierig-
keiten, ihre Fehler. In dieser Retraite sieht man den Himmel sehr
nahe und findet die Erde seinen Augen und seinem Geschmack sehr
fern. Weil die heiligen Seelen, die für die Öffentlichkeit verpflichtet
sind, dieses Glück nicht genießen können, errichten sie eine Kammer

17
in ihrem Herzen, wo sie das Gesetz ihres Meisters kennenlernen und
es aus seiner eigenen Hand empfangen. Auf diesem Berg, der so hoch
ist, daß man dort den Lärm der Geschöpfe nicht hört, erfährt man
außerdem, daß Gott gütig und mild ist, wie der Prophet (Ps 34,9) sagt.
Durch diese Übung erfahren wir, ob wir in der Tugend Fortschritte
machen. Mit einem Wort, in dieser Zeit und an diesem Ort faßt man
heilige und gediegene Entschlüsse, nach den Gesetzen der wahren
und ewigen Weisheit zu leben.

2. Ratschläge für Antoine de Revol3

Mein Herr, ich habe zwei Briefe von Ihnen empfangen, auf die ich
noch nicht geantwortet habe, denn als sie hier ankamen, war ich nicht
hier, sondern in Piemont, wohin ich wegen der zeitlichen Güter die-
ses Bistums zu reisen gezwungen war. Nun sende ich Ihnen die Er-
mächtigung von Rom, mein Herr, die Sie gewünscht haben; ich hatte
sie geöffnet, um zu sehen, ob sie alles enthält, was Sie brauchen; und
ich sehe, daß sie alles enthält und noch etwas, was Sie nur zu tun
brauchen, ohne irgendwie der Ermächtigung für den Rest vorzugrei-
fen, die erforderlich ist. Damit ist also mein Versprechen in diesem
Punkt erfüllt. Wenn Sie noch irgendeine Schwierigkeit haben, verfü-
gen Sie mit gleichem Vertrauen über mich; ich versichere Ihnen, mein
Herr, ich werde nie unterlassen, Ihnen einen Dienst zu erweisen zu
Ihrem Trost und für Ihren Geist, von dem ich hoffe, daß Gott ihn zum
Dienst vieler anderer verwenden wird.
Der zweite Teil meines Versprechens ist für mich viel schwerer zu
erfüllen wegen der endlosen Geschäfte, die auf mir lasten; ich glaube
ja, daß meine Aufgabe beschwerlicher ist als die jedes anderen im
gleichen Amt. Hier ist dennoch eine Zusammenfassung dessen, was
ich Ihnen vorzuschlagen habe.
Sie treten in den geistlichen Stand ein und gleichzeitig an die Spitze
dieses Standes. Ich will Ihnen sagen, was einem Hirten gesagt wurde,
der erwählt war, König von Israel zu sein: Du wirst dich zu einem
anderen Menschen wandeln (1 Sam 10,6). Sie müssen ein ganz ande-
rer werden in Ihrem Leben und in Ihrem Äußeren. Und um diesen
großen, feierlichen Wandel zu vollziehen, müssen Sie Ihren Geist
umkehren und ihn ganz durchschütteln. Möge es Gott gefallen, daß
unser Amt, stürmischer als das Meer, auch die Eigenschaft des Mee-

18
res habe, daß jene, die sich auf ihm einschiffen, alle schlechten Eigen-
schaften ablegen und ausspeien. Dem ist aber nicht so; denn sehr oft
schiffen wir uns ein und ganz altersschwach setzen wir das Segel nach
dem Wind, und je weiter wir segeln und auf hoher See vorankommen,
um so mehr schlechte Eigenschaften nehmen wir an. Doch Gott sei
gepriesen, der Ihnen das Verlangen geschenkt hat, es nicht ebenso zu
machen; ich hoffe, daß er Ihnen dazu auch das Können schenken wird,
damit sein Werk in Ihnen vollendet werde (Phil 1,6; 2,13).
Um Hilfe bei dieser Umwandlung zu finden, müssen Sie sich der
Lebenden und der Toten bedienen: der Lebenden, denn Sie müssen
einen oder zwei recht geistliche Menschen finden, um aus dem Um-
gang mit ihnen Nutzen zu ziehen. Es ist eine ganz große Erleichte-
rung, Vertraute für den Geist zu haben. Ich übergehe Herrn Duval,
der zu allem gut und allgemein für solche Aufgaben geeignet ist. Ich
nenne Ihnen dafür einen anderen, Herrn Gallemand, Pfarrer von
Aumale; wenn er zufällig in Paris wäre, weiß ich, daß er Ihnen viel
helfen wird. Ich nenne Ihnen dafür einen dritten, einen Mann, dem
Gott viel gegeben hat, dem man sich unmöglich ohne großen Nutzen
nähern kann; das ist Herr de Bérulle. Er ist ganz so, wie ich selbst zu
sein wünschen könnte. Ich habe kaum einen Geist gesehen, der mir so
gefällt wie dieser; vielmehr, ich habe keinen gesehen und bin keinem
begegnet. Er hat aber den Nachteil, daß er sehr beschäftigt ist. Man
muß von ihm mit so großem Vertrauen Nutzen ziehen wie von kei-
nem anderen, aber mit einiger Rücksichtnahme auf seine Aufgaben.
Ich habe einen sehr engen Freund, den Herr Raubon kennt, das ist
Herr von Soulfour; er vermag in diesen Dingen sehr viel. Ich wünsch-
te, daß Sie ihn kennenlernen, weil ich glaube, daß Sie davon großen
Nutzen haben werden.
Was die Toten betrifft, müssen Sie eine kleine Bibliothek an geistli-
chen Büchern von zweierlei Art haben: die einen für Sie, insofern Sie
Geistlicher sein werden, die anderen für Sie, insofern Sie Bischof
sein werden. Die von der ersten Art müssen Sie haben, ehe Sie das
Amt antreten, sie lesen und von ihnen Gebrauch machen; denn man
muß mit dem monastischen Leben beginnen, ehe man zur Verwaltung
und zum öffentlichen Leben kommt. Ich bitte Sie, daß Sie den ganzen
Granada haben; er soll ihr zweites Brevier sein. Kardinal Borromäus
hatte keine andere Theologie für die Predigt als das, und trotzdem
predigte er sehr gut. Aber das ist nicht die hauptsächliche Verwen-

19
dung; die ist vielmehr, Ihren Geist zur Liebe der wahren Frömmig-
keit zu bilden und zu den geistlichen Übungen, die für Sie notwendig
sind. Meiner Meinung nach sollten Sie ihn zu lesen beginnen mit dem
großen ‚Führer der Sünder‘, dann übergehen zum ‚Memorial‘ und ihn
schließlich ganz lesen. Um ihn aber fruchtbringend zu lesen, darf
man nicht an ihm naschen, sondern muß ihn durchdenken und abwä-
gen, Kapitel für Kapitel durchkauen und auf die Seele anwenden mit
vielen Erwägungen und Gebeten zu Gott. Man muß ihn lesen mit
Ehrfurcht und Frömmigkeit als ein Buch, das die nützlichsten Anre-
gungen enthält, die die Seele von oben empfangen kann, um dadurch
alle Fähigkeiten der Seele umzugestalten, sie zu läutern durch den
Abscheu vor allen schlechten Neigungen und sie auf ihr wahres Ziel
auszurichten durch feste und große Entschlüsse.
Nach Granada empfehle ich ihnen die Werke Estellas sehr, vor al-
lem ‚Über die Eitelkeit der Welt‘, und alle Werke des Jesuiten Arias.
Die ‚Bekenntnisse‘ des hl. Augustinus werden äußerst nützlich für Sie
sein, und wenn Sie mir glauben, werden Sie diese in Französisch nach
der Übersetzung des Bischofs Hennequin von Rennes benützen. Auch
der Kapuziner Bellintani ist geeignet, um darin ausdrücklich mehre-
re schöne Erwägungen über alle Geheimnisse unseres Glaubens zu
finden, ebenso die Werke des Jesuiten Coster. Doch nach allem fällt
mir ein, Ihnen die ‚Geistlichen Briefe‘ des Johannes Avila zu emp-
fehlen; ich bin überzeugt, Sie werden in ihnen viele schöne Erwägun-
gen und Lektionen für sich und andere finden. Und im gleichen Zug
empfehle ich ihnen die Briefe des hl. Hieronymus in seinem ausge-
zeichneten Latein.
Um Ihnen in der Führung Ihrer Geschäfte als Bischof zu helfen,
sollen Sie das Buch der ‚Casus conscientiae‘ des Kardinals Toletus
haben und es oft gebrauchen. Es ist kurz, leicht und sicher; es wird
Ihnen für den Anfang genügen. Lesen Sie die ‚Morales‘ des hl. Gregor
und seine ‚Pastoral‘, den hl. Bernhard in seinen Briefen und in den
Büchern von der ‚Consideration‘. Wenn Sie aber eine Zusammenfas-
sung des einen und des anderen haben wollen, sollen Sie das Buch des
Erzbischofs von Braga mit dem Titel ‚Stimulus Pastorum‘ haben, in
Latein gedruckt bei Kerner. Die ‚Decreta Ecclesiae Mediolanensis‘
sind notwendig für Sie, ich weiß aber nicht, ob sie in Paris gedruckt
wurden. Ebenso wünsche ich, daß Sie die Lebensbeschreibung des
seligen Karl Borromäus besitzen, ausführlich beschrieben in Latein
von Karl von der Basilica Petri, denn darin werden Sie das Modell

20
des wahren Hirten finden. Vor allem aber sollen Sie stets das Konzil
von Trient zur Hand haben und seinen ‚Katechismus‘.
Ich glaube nicht, daß Ihnen das für das erste Jahr nicht genügen
wird, denn nur von dem spreche ich. Denn für den Rest werden Sie
eine bessere Führung als das haben und selbst durch das, was Sie im
ersten Jahr gewonnen haben, wenn Sie sich festigen in der Einfach-
heit, die ich ihnen vorschlage. Aber entschuldigen Sie mich bitte,
wenn ich mit diesem Vertrauen vorgehe, denn ich vermöchte nicht
anders zu handeln wegen der hohen Meinung, die ich von Ihrer Güte
und Freundschaft habe.
Ich will noch diese zwei Worte hinzufügen. Das eine, daß es unend-
lich wichtig für Sie ist, die Weihe zu empfangen mit großer Ehrfurcht
und Bereitschaft und mit der vollen Überzeugung von der Größe des
Mysteriums. Es wird Ihnen sehr helfen, wenn es Ihnen möglich ist,
den Kommentar zu bekommen, den Stanislaus Socolovius dazu ge-
schrieben hat unter dem Titel ‚De sacra Episcoporum consecratione
et inauguratione‘, wenigstens nach meinem Exemplar; 4 denn es ist
wirklich ein schönes Werk. Sie wissen, daß in allen Dingen der An-
fang sehr beachtenswert ist, und man kann wohl sagen: primum in
unoquoque genere est mensura caeterorum.5
Der zweite Punkt ist, daß ich Ihnen großes Vertrauen wünsche und
eine besondere Verehrung zum heiligen Schutzengel und Fürspre-
cher Ihrer Diözese, denn es ist ein großer Trost, bei allen Schwierig-
keiten des Amtes zu ihm seine Zuflucht zu nehmen. Alle Väter und
Theologen stimmen darin überein, daß die Bischöfe außer dem be-
sonderen Engel, der ihnen für ihre Person gegeben ist, den Beistand
eines anderen haben, der ihnen für ihre Aufgabe und ihr Amt verlie-
hen ist. Sie müssen großes Vertrauen zum einen und zum anderen
haben und durch ihre oftmalige Anrufung eine gewisse Vertrautheit
mit ihnen schaffen, vor allem für die Amtsführung mit dem für die
Diözese, wie auch mit dem heiligen Patron Ihrer Kathedrale. Über-
dies, mein Herr, werden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie mich
besonders lieben und mir den Trost verschaffen, mir vertrauensvoll
zu schreiben; und glauben Sie, daß Sie in mir einen Diener haben und
einen Bruder in der Berufung, so treu wie kein anderer.
Ich habe zu sagen vergessen, daß Sie unbedingt den Entschluß fas-
sen müssen, Ihrem Volk zu predigen. Nach dem Vorbild aller Alten
hat das heilige Konzil von Trient (sessio V, cap. 2) bestimmt, daß es
„die erste und vornehmste Pflicht des Bischofs ist zu predigen“. Las-

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sen Sie sich zu keiner Überlegung verleiten, die Sie von diesem Ent-
schluß abbringen könnte. Tun Sie es nicht, um ein großer Prediger zu
werden, sondern einfach, weil Sie dazu verpflichtet sind und weil Gott
es will. Die väterliche Ansprache eines Bischofs wiegt mehr als die
Kunst ausgefeilter Predigten von Rednern anderer Art. Für einen Bi-
schof braucht es wenig, um gut zu predigen, denn seine Ansprachen
müssen von notwendigen und nützlichen Dingen handeln, nicht von
ausgefallenen und gesuchten. Seine Worte seien einfach, nicht gekün-
stelt; seine Aktion väterlich und natürlich, ohne Kunst und Berech-
nung; und wie kurz sie auch sein mag und wie wenig er sagt, es ist
immer viel. Das alles sei für den Anfang gesagt, denn der Anfang wird
Sie dann das übrige lehren. Ich sehe, daß Sie Ihre Briefe so gut und
flüssig schreiben, daß Sie nach meiner Meinung gut predigen werden,
wenn Sie nur ein wenig den Entschluß dazu fassen. Trotzdem sage ich
Ihnen, mein Herr, daß man nicht nur ein wenig den Entschluß fassen
muß, sondern sehr, und einen guten und unüberwindlichen.
Ich bitte Sie, mich Gott zu empfehlen. Ich werde Ihnen die Gegen-
leistung erbringen und werde mein ganzes Leben lang sein, mein Herr,
Ihr sehr demütiger und ergebener Diener
Franz, Bischof von Genf.
Zu Neci, am 3. Juni 1603.

3. Eine Lebensregel für André Frémyot 6

Monseigneur, um Ihnen zu gehorchen, sende ich Ihnen diese arm-


selige Schrift, die für Sie in den meisten Punkten unnütz sein wird. Es
ist nicht sicher, ob es nicht wünschenswert wäre, daß unsere bischöf-
lichen Häuser diesem Reglement unterworfen sind. Wir wissen, was
der hl. Paulus (1 Tim 3,1-5; Tit 1,6-8) sagt; ich weiß aber aus eigener
Erfahrung, daß man sich der Notwendigkeit der Zeit, des Ortes, des
Anlasses und unserer Aufgaben anpassen muß. Ich gestehe Ihnen, daß
ich keine Bedenken habe, von meiner Lebensordnung abzuweichen,
wenn mich der Dienst meiner Herde festhält; denn dann muß die
Liebe stärker sein als unsere eigenen Neigungen, so gut sie unsere
Eigenliebe uns auch erscheinen läßt. Als ich diese Schrift verfaßte,
die ich Ihnen sende, war meine Absicht nicht, mich einzuengen, son-
dern vielmehr, mir eine Ordnung zu geben,7 ohne mich zu irgendwel-

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chen Gewissensskrupeln zu verpflichten, denn Gott hat mir die Gna-
de verliehen, die hochheilige Freiheit des Geistes ebenso zu lieben
wie die Zügellosigkeit und Leichtfertigkeit zu hassen. Monseigneur,
mit dem großen Bischof von Hippo müssen wir sagen: Amor meus
pondus meum (meine Liebe ist meine Last). – – –

4. Zeugnis für Pierre Fenouillet8

Heiliger Vater! Über die Sitten und die Herkunft des Pierre Fe-
nouillet, der vom allerchristlichsten König für den Bischofssitz von
Montpellier nominiert wurde, habe ich umfangreiche Zeugnisse ge-
sammelt, die nach der Gepflogenheit dem Apostolischen Stuhl über-
geben werden. Dabei konnte ich mich nicht enthalten, zu Füßen Eu-
rer Heiligkeit als des liebenswertesten und geliebtesten Vaters aller
Kirchen den Ausdruck des Glückwunsches darzubringen.
Die Diener und Hausgenossen pflegen ja den Familienvater mit
Recht zu beglückwünschen, wenn er eine Tochter für eine glückliche
und ehrenvolle Heirat bestimmt hat. Die Kirche von Montpellier
brauchte um so mehr einen guten Bräutigam, als sie bisher von den
Häretikern schlimmste Unbill erleidet. Man kann deshalb nicht zu
Unrecht von ihr sagen: Groß wie das Meer ist deine Bedrängnis; wer
wird dir Abhilfe schaffen ? (Klgl 2,13). Daher ist es angebracht, daß
die Hausgenossen Gottes zunächst jene Diözese, um deren rechte
Verleihung es sich handelt, aber auch die römische Kirche als die
beste Mutter beglückwünschen.
Das mache ich um so lieber und berechtigter, als ich den Mann, um
dessen Ernennung es sich handelt, am besten von allen kenne. Er ist
nämlich mein Mitbürger, Heiliger Vater, und von seinem ausgezeich-
neten Vater in dieser unserer Stadt von Jugend an in der Wissenschaft
ausgebildet. Später widmete er sich an anderen Orten mit solchem
Eifer und so glücklicher Geistesgabe dem Studium, daß er zum Dok-
tor der Theologie erklärt, in kurzer Zeit ein sehr berühmter Prediger
wurde. Als er deshalb von mir die Sorge für eine Pfarrkirche empfing
und zum Kanonikus unserer Kathedrale berufen wurde, konnte die-
ses Talent nicht länger in so engen Grenzen festgehalten werden. So
wurde er zu Fastenpredigten nach Paris eingeladen, wo die Kraft sei-
ner Rede und Lehre zunächst dem christlichen König zu Ohren kam;
darauf stand es ihm nicht mehr frei, daß ihm die Ehre und Bürde des

23
Hofpredigers zuteil wurde. Dabei zeigte er immer mehr eine Stärke
des Geistes und eine Kraft der Lehre; was viele berühmte Männer
sonst kaum in vielen Jahren und durch einflußreichste Fürsprecher
zu erreichen vermochten, das hat er in drei Jahren erreicht, nämlich,
daß er vom König dem Apostolischen Stuhl für die Ernennung zum
Bischof von Montpellier vorgeschlagen wurde. Als die Katholiken
von Montpellier davon erfuhren, erfüllte sie große Freude und sie
sandten einige der Vornehmsten zum König, um im Namen aller für
einen so guten Hirten zu danken, der für sie bestimmt ist.
Unter diesen Umständen, Heiliger Vater, ist leicht einzusehen, wie
glücklich die Entscheidung ist, dieses Bistum diesem Mann anzuver-
trauen, der in allen Stufen des geistlichen Amtes geübt, gleichsam als
treuer Wächter auf seine Mauern steigt, der Tag und Nacht nicht ab-
lassen wird, den Namen des Herrn anzurufen (Jes 62,6). Das wird er
um so freudiger tun, wenn Eure Heiligkeit ihn mit väterlichem Wohl-
wollen ermutigt, begünstigt und bestärkt.
Als sein bisheriger Bischof bitte ich daher ob seiner Verdienste
um die Diözese Genf Eure Heiligkeit als den besten Vater beider
durch die Verdienste Christi inständig, indem ich Ihre Füße demü-
tig küsse ...

5. Zwei Briefe an Jean-Pierre Camus9

1.

Monseigneur, ich teile die Freude Ihres Volkes, das den Vorteil hat,
aus Ihrem Mund die heilsamen Wasser des Evangeliums zu empfan-
gen, und ich freue mich darüber um so mehr, wenn es diese mit der
Liebe und Dankbarkeit annimmt, die der Mühe gebührt, die Sie sich
machen, um sie so überreich zu verbreiten. Aber man muß von den
Kindern viel erdulden, Monseigneur, solange sie klein sind, wohl auch,
daß sie die Brust beißen, die sie nährt, und man darf sie ihnen den-
noch nicht vorenthalten. Die vier Worte des großen Apostels (2 Tim
4,2) müssen uns als Leitsatz dienen: gelegen oder ungelegen, in aller
Geduld und Lehrweisheit. Er stellt die Geduld an den ersten Platz als
die notwendigere, ohne die alle Lehrweisheit nichts nützt. Er will
wohl, daß wir es erdulden, daß man uns unbequem findet, weil er uns
lästig zu fallen lehrt durch sein ‚ungelegen‘. Fahren wir nur fort, den

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Acker gut zu bestellen, denn es liegt nicht an dem so unfruchtbaren
Boden, daß die Liebe des Arbeiters keine Frucht bringt ...

2.

Monseigneur, Ihren Brief, den Sie mir freundlicher Weise am 2.


Juli schrieben, habe ich erst vor etwa einem Monat erhalten. Seither
war ich immer auf Reisen oder krank und konnte Ihnen nicht die
Antwort geben, die Sie wünschten, oder besser gesagt, die Antwort,
die Sie nicht wünschten, wenn ich die Neigung recht zu verstehen
vermochte, die Sie hatten, als Sie mir die Gunst erwiesen, mir zu
schreiben.
Nun können Sie beurteilen, ob ich Ihrem Wunsch recht zu entspre-
chen vermag, da zur gewöhnlichen Schwachheit meines Geistes die
außergewöhnliche des Leibes, vermehrt durch die Müdigkeit, die mir
vom Fieber geblieben ist, eine neue Vermehrung der Schwäche des
Geistes hinzufügt. Aber ein so guter Zuhörer wie Sie wird meine Ab-
sicht hinreichend erkennen, obwohl sie schlecht ausgedrückt ist.
Erste Feststellung: Die bischöfliche Bürde aus vernunftgemäßen
Gründen ablegen wollen, das ist nicht nur keine Sünde, sondern auch
ein Akt der Tugend, sei es der Bescheidenheit oder der Demut, der
Gerechtigkeit oder der Liebe.
Zweite Feststellung: Es wird angenommen, daß jener von echten
Gründen dazu bewogen wird, das Bischofsamt niederzulegen, der
aufrichtig bereit ist, sein eigenes Urteil über das Niederlegen des Bi-
schofsamtes, seinen Wunsch und schließlich die Gründe, auf die er
sich stützt, entweder dem Rat kluger Männer oder wenigstens dem
Urteil der Vorgesetzten zu unterwerfen und diesem, ob es dafür oder
dagegen ausfällt, mit gleicher Bereitschaft Folge zu leisten.
Dritte Feststellung: Obwohl der Gedanke und der Wunsch, das Bi-
schofsamt aufzugeben, insofern er nur erlaubt ist, keine Sünde ist,
enthält ein solches Verlangen dennoch meistens eine große Versu-
chung und kommt sehr oft vom bösen Geist. Der Grund dafür ist:
während man die Zeit darauf verwendet, die Bürde abzulegen, gibt
man sich gerade noch, ja kaum noch genügend Mühe, sie zu tragen. So
wie einer, der sich von seiner Gattin zu trennen wünscht, kaum gleich-
zeitig trachtet, sie richtig zu lieben. Es wäre daher besser, sich selbst
zu größerem Bemühen anzuspornen, besser zu segeln, als alles Bemü-

25
hen aufgeben zu wollen, weil du bisher nicht recht gesegelt zu haben
glaubst. Es ist also besser, die Augen zum Berg zu erheben, woher uns
Hilfe kommt (Ps 121, 1), auf den Herrn seine Hoffnung zu setzen und
uns bereitwillig unserer Schwachheit zu rühmen, damit die Kraft Chris-
ti in uns wohne (2 Kor 12,9), als nach der Art der Söhne Efraims zur
Zeit des Kampfes zurückzuweichen (Ps 78, 9). Denn die auf den Herrn
vertrauen, erhalten Flügel wie die Adler, fliegen und gehen nicht zu-
grunde (Jes 40,31); die aber untergehen, vergehen wie Rauch (Ps
37,20); und wer furchtsam zum Troß zurückkehrt, hat zwar Ruhe,
aber keine größere Sicherheit als jener, der kämpft.
Vierte Feststellung: Ich glaube Christus zu hören, der zu mir sagt:
Simon, Sohn des Johannes, oder Petrus Johannes, liebst du mich? Und
Petrus Johannes, der antwortet: Du weißt, daß ich dich liebe. Dann
schließlich den Herrn, der feierlich befiehlt: Weide meine Schafe (Joh
21,15-17). Es gibt keinen größeren Beweis der Liebe, als diesen Dienst
zu erfüllen. – – –

6. Über den Titel Monseigneur 10

Monseigneur, ich bitte Sie sehr demütig, gestatten Sie mir diesen
kleinen Starrsinn; denn als Sie wollten, daß ich aus den Briefen, die
ich Ihnen sende, die Anrede ‚Monseigneur‘ verbanne, hat sich mein
Urteil sogleich von meinem Willen entfernt, der dem Ihren unwider-
ruflich ergeben ist; aber es hat sich in meinen Verstand geflüchtet und
sich dort verschanzt, so daß ich große Not habe, es daraus entfernen
zu wollen. Es ist jedoch nicht so, daß mein Verstand Ihrem Urteil
nicht nachgeben wollte, dessen Autorität er überaus achtet und als
unumschränkt gegen sich anerkennt; er ist aber überzeugt, daß Sie
die Güte und Aufrichtigkeit seiner Absichten in dieser Hinsicht nicht
gut verstanden haben. Soll ich es wohl wagen, mit Ihnen zu streiten,
Monseigneur? Ich glaube, Ihre Güte wird mich entschuldigen; es ge-
schieht einfach, um mich zu erklären.
Mit Ihrer Erlaubnis sage ich also: Erstens, ich kann Sie Monseig-
neur nennen und dieser Titel ist nicht zu groß für Sie, weder von mir
noch von irgendeinem anderen Bischof. Das ergibt sich klar durch
die Autorität all der würdigsten Bischöfe der Kirche Gottes, die nicht

26
nur die Patriarchen und Erzbischöfe mit den erhabensten Titeln an-
reden, sondern auch die anderen Bischöfe. Diesem Argument wird
der Einwand nicht gerecht, daß alle Priester für Heilige, Selige und
Väter gehalten wurden und daß man folglich die Bischöfe zu ihnen
rechnen müßte. Nein, Monseigneur, denn alle diese Titel galten ih-
rem Stand, ihrer Würde, ihrer Weihe.
Zweitens sage ich, daß ich Sie nicht nur Monseigneur nennen kann,
sondern daß es angebracht ist, daß ich es tue, und es wäre gut, wenn
das durch alle Bischöfe geschähe. Welchen Sinn hat es denn, daß ich
die weltlichen Fürsten mit ‚Monseigneur‘ anrede, nicht aber jene, die
der Herr zu Fürsten seines Volkes (Ps 45, 17; 113,8) bestellt hat? Und
es hilft auch nichts zu sagen: Spielt nicht den Herrn in den Gemeinden
(1 Petr 5,3); denn wie ihr nicht herrschen sollt, ist es unsere Pflicht,
uns unterzuordnen. Ich bitte Sie, Monseigneur, würdigen Sie diesen
Grund des Standes gut. Da wir den weltlichen Fürsten diesen Ehren-
titel nicht vorenthalten können, tun wir nicht gut daran, soweit es an
uns liegt, in dieser Hinsicht uns denen anzugleichen, von denen man
sagen kann, daß uns heute die Jungen verachten, deren Väter nicht
wagten, sich mit den niedrigsten Priestern zu vergleichen.
Drittens sage ich, daß es sich sehr schickt; denn obwohl Italien und
Frankreich voneinander getrennt sind und man die Sprache nicht von
Italien nach Frankreich übertragen soll, so ist doch die Kirche nicht
getrennt; und die Sprache nicht des Hofes, sondern der Kirche von
Rom ist überall gut im Mund der Geistlichen. Deswegen, weil Sie der
Papst selbst Monseigneur nannte, ist es geziemend, daß ich dasselbe
tue.
Es bleibt nur noch das grundlegende Argument Ihres Willens auf-
zuheben; aber das kann man nicht aufheben, denn es ist nichts ande-
res als Ihre Demut: „damit der Größere an Würde es lieber an De-
mut“ sei (Gregor). Ich antworte trotzdem und sage, daß ich alle Bi-
schöfe so anrede, denen ich im Geist der Freiheit schreibe, und ich
behandle sie bezüglich dieser äußeren Ehrung gleich und überlasse es
meinem Inneren, unter einem gleichen Wort verschiedene Grade der
Ehrfurcht zu verleihen, je nach meinen verschiedenen Verpflichtun-
gen; so geschieht es bei Ihnen, Monseigneur, das versichere ich Ih-
nen, mit einer ganz herzlichen, ganz besonderen Ehrerbietung.
Das ist es, was ich Ihnen im Vorbeigehen sagen kann, da ich in einer
Stunde die Kanzel besteigen werde. Ich erwarte Ihre Befehle, um ih-
nen zu gehorchen, denn letzten Endes bin ich bereit, jede Meinung

27
aufzugeben, die Sie nicht billigen, und in allem und überall Ihrem
Willen zu folgen. Aber ich bitte Sie um Vergebung für diesen Streich.
Ihre Liebe, die nicht nur alles erträgt und die nicht nur geduldig ist,
sondern sanftmütig (1 Kor 13,4.7), wird mich für entschuldbar halten
und Sie versichern, daß ich Ihr demütiger und sehr gehorsamer Die-
ner bin,
Franz, Bischof von Genf.

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II. Der Brief über die Predigt11

Monseigneur,
Der Liebe ist nichts unmöglich; ich bin zwar nur ein schwacher und
armseliger Prediger, aber die Liebe läßt es mich unternehmen, Ihnen
meine Ansicht zu sagen über die rechte Art zu predigen. Ich weiß
nicht, ob es Ihre Liebe zu mir ist, die dieses Wasser aus dem Felsen
(Num 20,8; Ps 78,16) schlägt, oder ob es meine Liebe zu Ihnen ist,
die Rosen aus Dornen erblühen läßt. Erlauben Sie mir dieses Wort
‚Liebe‘, denn ich sage es als Christ, und finden Sie es nicht befrem-
dend, daß ich Ihnen Wasser und Rosen verspreche; denn das sind
Beinamen jeder katholischen Lehre, so mangelhaft sie auch dargebo-
ten wird. Ich will beginnen: Gott möge seine Hand dazu leihen.
Um mich an eine Ordnung zu halten, betrachte ich die Predigt nach
ihren vier Ursachen: die causa efficiens, finalis, materialis und for-
malis, d. h. wer soll predigen, zu welchem Zweck soll man predigen,
was muß man predigen und in welcher Weise muß man predigen?

Wer soll predigen ?

Keiner darf predigen, der nicht drei Bedingungen erfüllt: einen gu-
ten Lebenswandel, eine gediegene Gelehrsamkeit, eine rechtmäßige
Sendung.
Ich sage nichts über die Sendung oder Berufung; ich weise nur darauf
hin, daß die Bischöfe nicht nur die Sendung haben; sie besitzen deren
amtliche Quellen, während die anderen Prediger nur deren Bäche ha-
ben. Die Predigt ist ihre erste und große Aufgabe; das sagt man ihnen
bei der Weihe. In der Tat empfangen sie zu diesem Zweck bei der Bi-
schofsweihe eine besondere Gnade, die sie fruchtbar machen müssen.
In dieser Eigenschaft ruft der hl. Paulus (1 Kor 9, 16) aus: Wehe mir,
wenn ich das Evangelium nicht verkünde. Das Konzil von Trient sagt:
„Die erste Pflicht des Bischofs ist es zu predigen.“ Diese Überlegung
muß uns Mut machen, denn Gott steht uns in dieser Aufgabe besonders
bei; und es ist erstaunlich, welch große Macht die Predigt des Bischofs
hat im Vergleich zu der anderer Prediger. So wasserreich die Bäche
auch sind, man trinkt doch gern aus der Quelle.
Was die Gelehrsamkeit betrifft, so muß sie ausreichend sein, und es
ist nicht notwendig, daß sie hervorragend ist. Der hl. Franziskus war

29
nicht gelehrt und doch ein großer und guter Prediger. Und in unserer
Zeit besaß der selige Kardinal Borromäus nur ein recht mittelmäßi-
ges Wissen, gleichwohl wirkte er wunderbar. Davon kenne ich hun-
dert Beispiele. Ein großer Gelehrter (das ist Erasmus) hat gesagt:
Das beste Mittel, zu lernen und gelehrt zu werden, besteht darin zu
lehren; man wird ein Prediger, indem man predigt. Ich will nur das
eine Wort sagen: Der Prediger weiß immer genug, wenn er nicht den
Eindruck machen will, mehr zu wissen, als er weiß. Verstehen wir
nicht gut über das Geheimnis der Trinität zu sprechen? Dann sagen
wir darüber nichts. Sind wir nicht erfahren genug, um das Im Anfang
war das Wort des hl. Johannes zu erklären? Dann unterlassen wir das.
Es fehlt nicht an anderen sehr nützlichen Gegenständen. Es geht nicht
darum, alles zu tun.
Was den guten Lebenswandel betrifft, so ist er in dem Maß erforder-
lich, wie es der hl. Paulus vom Bischof sagt, mehr nicht. Um Prediger
zu werden, müssen wir daher nicht besser sein, als um Bischöfe zu
werden. Es ist also in der Tat schon gleichviel: Der Bischof muß unta-
delig sein, sagt der hl. Paulus (1 Tim 3,2).
Ich weise aber darauf hin, daß der Bischof und Prediger nicht nur
frei von Todsünde sein muß; er muß vielmehr außerdem auch be-
stimmte läßliche Sünden meiden, ja sogar bestimmte Handlungen,
die keine Sünde sind. Von unserem Lehrer, dem hl. Bernhard, stammt
das Wort: „Possen der Weltleute sind bei Geistlichen Gotteslästerun-
gen.“ Ein Weltmensch kann spielen, auf die Jagd gehen, nachts zu
Unterhaltungen ausgehen; das alles ist nicht tadelnswert, und wenn
es zur Erholung geschieht, keineswegs Sünde. Aber bei einem Bi-
schof, einem Prediger werden diese Handlungen zum Ärgernis, und
zum großen Ärgernis, wenn sie nicht durch hunderttausend Umstän-
de entschuldbar werden, die schwerlich alle zusammentreffen kön-
nen. Man sagt: Die haben viel Zeit, das genießen sie nach Herzens-
lust. Dann gehen sie hin und predigen die Abtötung; man wird sich
über den Prediger lustig machen. Ich sage nicht, daß man nicht zur
Erholung ein- oder zweimal im Monat irgendein sehr ehrenhaftes
Spiel machen könnte, sondern daß das mit sehr großer Besonnenheit
geschehen soll.
Die Jagd ist ganz untersagt. Dasselbe sage ich von überflüssigen
Ausgaben für Gelage, für Kleider und Bücher. Bei Weltleuten sind
das überflüssige Dinge, bei Bischöfen sind sie große Sünden. Der hl.
Bernhard belehrt uns und sagt: Die Armen rufen uns nach: „Was ihr

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ausgebt, gehört uns; was ihr sinnlos verschwendet, wird uns grausam
geraubt.“ Wie sollen wir die Verschwendung der Welt tadeln, wenn
wir die unsere zeigen?
Der hl. Paulus sagt (1 Tim 3,2; Tit 1,7f): Der Bischof soll gast-
freundlich sein. Die Gastfreundschaft besteht nicht darin, Gelage zu
veranstalten, sondern darin, gern zu einer Tafel zu laden, wie die der
Bischöfe nach der Bestimmung des Konzils von Trient sein muß: Die
Tafel der Bischöfe soll frugal sein. Ich nehme bestimmte Gelegenhei-
ten aus, die Klugheit und Liebe wohl zu unterscheiden wissen.
Indessen soll man nie predigen, ohne die Messe gefeiert zu haben
oder sie feiern zu wollen. Es ist nicht zu glauben, sagt der hl. Chryso-
stomus, wie schrecklich für die Dämonen der Mund ist, der das heili-
ge Sakrament empfangen hat. Und das ist wahr; man kann anschei-
nend mit dem hl. Paulus (2 Kor 13,3) sagen: Verlangt ihr etwa einen
Beweis, daß Christus in mir spricht? Man hat dann viel mehr Zuver-
sicht, Feuer und Erleuchtung. Solange ich in der Welt bin, sagt der
Erlöser (Joh 9,5), bin ich das Licht der Welt. Es ist sicher, wenn Unser
Herr wirklich in uns gegenwärtig ist, schenkt er uns Erleuchtung,
denn er ist das Licht. So wurden auch den Jüngern von Emmaus (Lk
24,31) die Augen geöffnet, als sie kommuniziert hatten.
Schließlich muß man aber wenigstens gebeichtet haben, entspre-
chend dem Wort Gottes nach der Aussage Davids (Ps 50,16): Zum
Sünder aber sagte Gott: Wieso erzählst du von meinen Gerichten und
nimmst mein Vermächtnis in den Mund? Und der hl. Paulus (1 Kor
9,27) sagt: Ich züchtige meinen Leib und mache ihn gefügig, damit ich
nicht, während ich anderen predige, selbst verworfen werde.

Vom Ziel des Predigers.

Das Ziel ist das Bestimmende bei allen Dingen; es bewegt den Han-
delnden zum Tun, denn jeder Handelnde handelt des Zieles wegen
und dem Ziel entsprechend. Dieses ist maßgebend für den Stoff und
für die Form. Je nach der Absicht, ein großes oder kleines Haus zu
bauen, wird man das Baumaterial wählen und das Werk planen.
Was ist also das Ziel des Predigers, wenn er predigt? Sein Ziel und
seine Absicht muß sein, das zu tun, was zu tun Unser Herr in diese
Welt gekommen ist; darüber hat er selbst (Joh 10,10) gesagt: Ich bin
gekommen, damit sie das Leben haben und es in überreichem Maß

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haben. Das Ziel des Predigers ist also, daß die Sünder, die in der
Bosheit tot sind, in der Gerechtigkeit leben und daß die Gerechten,
die das geistliche Leben haben, es in noch reicherem Maß besitzen,
indem sie sich mehr und mehr vervollkommnen, und wie zu Jeremia
(1,10) gesagt wurde: um die Laster und Sünden auszureißen und zu
zerstören und die Tugenden und Vollkommenheiten aufzubauen und
zu pflanzen. Wenn der Prediger auf der Kanzel steht, muß er daher in
seinem Herzen sagen: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in überreichem Maß haben.
Um nun das Ziel dieser Forderung und Absicht zu erreichen, muß
der Prediger zwei Dinge tun, nämlich belehren und bewegen. Beleh-
ren über die Tugenden und die Laster; über die Tugenden, um zu
erreichen, daß man sie liebt, schätzt und übt; über die Laster, damit
man sie verabscheut, bekämpft und flieht. Das bedeutet, alles in al-
lem, dem Verstand Licht und dem Willen Wärme zu geben. Deshalb
sandte Gott den Aposteln am Pfingstfest – das war der Tag ihrer Bi-
schofsweihe, denn die Priesterweihe hatten sie schon am Tag des letz-
ten Abendmahls (Lk 22, 19) empfangen – feurige Zungen (Apg 2,3),
damit sie wüßten, daß die Zunge des Bischofs den Verstand der Zuhö-
rer erhellen und ihren Willen erwärmen muß.
Ich weiß, manche sagen als Drittes, daß der Prediger ergötzen soll.
Doch was mich betrifft, unterscheide ich und sage, daß es ein Ergöt-
zen gibt, das aus dem Belehren und Bewegen folgt. Denn wo wäre
denn eine derart gefühllose Seele, die nicht größte Freude empfände,
gut und heilig den Weg zum Himmel kennen zu lernen, die nicht
äußersten Trost über die Liebe Gottes fühlte? Und für dieses Ergöt-
zen muß gesorgt werden; aber das ist nicht vom Belehren und Bewe-
gen getrennt, es hängt damit zusammen. Es gibt eine andere Art von
Ergötzen, das nicht mit dem Belehren und Bewegen zusammenhängt,
sondern für sich steht und sehr oft ein Hindernis für das Belehren und
Bewegen ist. Das ist ein bestimmter Ohrenkitzel, der von einer be-
stimmten weltlichen, gewandten und profanen Eleganz kommt, von
gewissen Kuriositäten, von der Anordnung der Gedanken, Worte und
Ausdrücke, mit einem Wort, das ganz von der Kunstfertigkeit ab-
hängt. Was nun das betrifft, bestreite ich fest und sicher, daß ein Pre-
diger daran überhaupt denken darf. Man muß es den weltlichen Red-
nern, den Scharlatanen und Höflingen überlassen, die sich darin ge-
fallen. Sie predigen nicht Jesus Christus den Gekreuzigten (1 Kor 1,23),

32
sondern sie predigen sich selbst. Folgen wir nicht den Schmeichelei-
en der Redner, sondern der Wahrheit der Fischer (Ambrosius).
Der hl. Paulus (2 Tim 4,3) verabscheut die Zuhörer, die nach Oh-
renkitzel verlangen, folglich auch die Prediger, die ihnen gefallen wol-
len. Das ist Gelehrtendünkel. Ich möchte nicht, daß man nach der
Predigt sagt: Was für ein großer Redner! Was hat der ein gutes Ge-
dächtnis! Wie gelehrt der ist! Wie gut der spricht! Ich wollte dagegen,
daß man sagt: Wie schön ist die Buße; wie notwendig ist sie! Mein
Gott, wie gut bist du, wie gerecht; und Ähnliches. Oder daß der Zu-
hörer seine Zufriedenheit mit dem Prediger nicht besser beweisen
kann als durch die Besserung seines Lebens. Damit sie das Leben
haben und es in überreichem Maß haben.

Was der Prediger verkünden soll.

Der hl. Paulus sagt (2 Tim 4,2) mit einem Wort seinem Timotheus:
Verkünde das Wort. Man muß das Wort Gottes predigen. Verkündet
das Evangelium, sagt der Herr (Mt 16,15). Der hl. Franziskus, dessen
Fest wir heute feiern, erklärt das, indem er seinen Brüdern aufträgt,
über die Tugend und die Laster, über die Hölle und den Himmel zu
predigen. In der Heiligen Schrift steht für all das genug darüber, mehr
braucht es nicht.
Braucht man sich also der christlichen Theologen und der Bücher
der Heiligen nicht zu bedienen? Doch, das muß man wirklich tun.
Was ist aber die Lehre der Kirchenväter anderes als das erklärte Evan-
gelium, als die Auslegung der Heiligen Schrift? Man kann sagen, mit
der Heiligen Schrift und der Lehre der Väter ist es so wie mit einer
ganzen Nuß und einer aufgebrochenen Nuß, deren Kern jeder essen
kann, oder mit einem ganzen Brot und einem Brot, das in Stücke
geschnitten und verteilt ist. Man muß sich ihrer im Gegenteil bedie-
nen, denn sie waren die Werkzeuge, durch die Gott uns den wahren
Sinn seines Wortes mitgeteilt hat.
Aber darf man sich der Geschichten der Heiligen nicht bedienen?
Doch, mein Gott, gibt es denn etwas so Nützliches, etwas so Schönes?
Aber gewiß, was ist denn das Leben der Heiligen anderes als das in
die Tat umgesetzte Evangelium? Zwischen dem geschriebenen Evan-
gelium und dem Leben der Heiligen ist kein anderer Unterschied als
zwischen einer Musik in Notenschrift und einer gesungenen Musik.

33
Und wie ist es mit profanen Geschichten? Sie sind gut, aber man
muß sie gebrauchen, wie man es mit Pilzen macht: sehr wenig, nur
um den Appetit anzuregen; und dann müssen sie gut zubereitet sein;
und wie der hl. Hieronymus sagt, muß man mit ihnen verfahren, wie
es die Israeliten mit gefangenen Frauen machten, wenn sie diese hei-
raten wollten: man muß ihnen die Fingernägel stutzen und die Haare
schneiden (Dtn 21,11-13); das heißt, man muß sie ganz in den Dienst
des Evangeliums und der wahren christlichen Tugend stellen, alles
von ihnen entfernen, was sich an ihnen Tadelnswertes an heidnischen
und profanen Handlungen findet, und wie die Heilige Schrift (Jer
15,19) sagt, muß man das Kostbare vom Wertlosen scheiden. Bei der
Würdigung Cäsars muß man den Ehrgeiz ausscheiden und darauf hin-
weisen, bei der Alexanders die Eitelkeit, den Stolz und den Hochmut,
bei der Keuschheit Lukrecias ihren Tod aus Verzweiflung.
Und Fabeln der Dichter? O, von denen überhaupt nichts, außer so
wenig, so zur rechten Zeit und mit so viel Vorkehrungen wie einem
Gegengift, damit jeder sieht, daß man sich nicht näher damit befassen
will; und das alles so kurz, daß es eben genügt. Ihre Verse sind nütz-
lich. Die Alten haben sie manchmal verwendet, so fromm sie waren,
sogar bis zum hl. Bernhard, von dem ich nicht weiß, wo er sie gelernt
hat. Der hl. Paulus hat als erster Aratus (Apg 17,28) und Menander
(Tit 1,12) zitiert. Was aber ihre Fabeln betrifft, bin ich keiner in einer
Predigt der Alten begegnet, außer einer einzigen von Odysseus und
den Sirenen, die der hl. Ambrosius in einer seiner Predigten verwen-
det hat. Deshalb sage ich: entweder überhaupt nicht oder so gut wie
nicht. Man darf nicht das Götzenbild des Dagon neben die Bundesla-
de stellen.
Und die Geschichten aus der Natur? Sehr gut, denn die Welt, die
durch das Wort Gottes erschaffen ist, weckt in all ihren Teilen den
Gedanken an dieses Wort; alle ihre Teile singen das Lob des Schöp-
fers. Sie ist ein Buch, das das Wort Gottes enthält, aber in einer Spra-
che, die nicht jeder versteht. Die sie durch die Betrachtung verstehen,
tun sehr gut daran, sie zu verwenden, wie es der hl. Antonius machte,
der keine andere Bibliothek hatte. Und der hl. Paulus (Röm 1,19f)
sagt: Das Unsichtbare an Gott wird durch die Erkenntnis dessen, was
geschaffen ist, erkannt; und David: Die Himmel erzählen von der Herr-
lichkeit Gottes (Ps 19,1). Dieses Buch ist geeignet für Bilder, für Ver-
gleiche vom Geringeren zum Größeren und für tausend andere Din-

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ge. Die Schriften der alten Väter sind voll davon, ebenso die Heilige
Schrift an unzähligen Stellen: Geh zur Ameise (Spr 6,6); wie die Hen-
ne ihre Küken sammelt (Mt 23,37); wie der Hirsch lechzt (Ps 42,1);
wie der Strauß in der Wüste (Klgl 4,3); seht die Lilien des Feldes (Mt
6,28), und tausend andere.
Vor allem aber hüte sich der Prediger sehr, von falschen Wundern
zu erzählen, lächerliche Geschichten wie bestimmte Visionen, die
gewissen Autoren der unteren Ebene entnommen sind, unanständige
Dinge, die unser Amt tadelnswert und verächtlich machen könnten.
So viel, was mir den Inhalt im Großen zu betreffen scheint; es bleibt
jedoch noch über die einzelnen Bestandteile des Stoffs der Predigt zu
sprechen.
Der erste Bestandteil dieses Stoffs sind die Stellen der Heiligen
Schrift, die wirklich den ersten Rang haben und das Fundament des
Bauwerks bilden; denn schließlich verkünden wir das Wort und unse-
re Lehre beruht auf seiner Autorität. Er selbst hat gesprochen; das hat
der Herr gesagt, sagten alle Propheten; und Unser Herr selbst: Meine
Lehre stammt nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat
(Joh 7,16). Es ist aber notwendig, daß die Stellen, soweit es möglich
ist, wahrheitsgetreu, klar und gut erklärt werden. Nun kann man wohl
die Stellen der Heiligen Schrift verwenden, indem man sie auf eine
der vier Arten auslegt, welche die Alten angegeben haben:
Der Buchstabe lehrt die Tatsachen;
was du glauben sollst, die Allegorie;
was du erhoffst, die Anagogie;
was du tun sollst, die Tropologie.
Hier ist das Versmaß nicht besonders gut, aber es gibt den Reim
und mehr noch den Sinn.
Was den buchstäblichen Sinn betrifft, so muß er aus den Kommen-
taren der Theologen geschöpft werden; das ist alles, was man darüber
sagen kann. Es ist aber Sache des Predigers, ihn zur Geltung zu brin-
gen, die Worte, ihre Eigenart, ihren Ausdruckswert abzuwägen. So
habe ich z. B. gestern in unserem Dorf das Gebot (Dtn 6,5; Mt 22,37)
erklärt: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus ganzem Herzen,
von ganzer Seele, mit dem ganzen Geist. Mit unserem hl. Bernhard
überlegte ich: Von ganzem Herzen, das heißt mutig, tapfer, glühend,
weil dem Herzen der Mut zugehört; von ganzer Seele, das heißt lei-
denschaftlich, weil die Seele, insofern sie Seele ist, die Quelle von
Leidenschaften und Affekten ist; mit dem ganzen Geist, das heißt gei-

35
stig, einsichtsvoll, weil der Geist, der höhere Teil der Seele, es ist,
dem die Einsicht und das Urteil zugehört, um den Eifer entsprechend
der Weisheit (Röm 10,2) und Einsicht zu haben. So muß das Wort
‚lieben‘ abgewogen werden, weil es von ‚auswählen‘ kommt und den
buchstäblichen Sinn wahrheitsgetreu wiedergibt, der besagt, daß un-
ser Herz, unsere Seele und unser Geist Gott erwählen und allen Din-
gen vorziehen müssen; das ist die wahre wertschätzende Liebe, mit
der die Theologen diese Worte erklären.
Was die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vätern und Theo-
logen betrifft, muß man davon Abstand nehmen, die Meinungen vor-
zutragen, die zurückzuweisen sind, denn man besteigt die Kanzel
nicht, um gegen die Väter und katholischen Theologen zu streiten.
Man darf die Schwächen unserer Lehrer nicht aufdecken, und was
ihnen als Menschen entschlüpft ist, damit die Heiden wissen, daß sie
nur Menschen sind (Ps 9,21). Wohl aber kann man mehrere Ausle-
gungen anführen, sie loben und eine nach der anderen auswerten, wie
ich es bei den letzten Fastenpredigten mit sechs Auffassungen und
Auslegungen der Väter gemacht habe zu den Worten: Sagt, wir sind
unnütze Knechte (Lk 17,10); und über die Worte: Es ist nicht meine
Sache, euch das zu geben (Mt 20,23). Denn wenn Sie sich erinnern
können, habe ich aus jeder recht gute Folgerungen abgeleitet; mir
scheint aber, daß ich die Auffassung des hl. Hilarius verschwiegen
habe, oder wenn ich es nicht getan habe, war das falsch und ich hätte
es tun müssen, weil sie nicht probabel war.
Bezüglich des allegorischen Sinns muß der Prediger vier oder fünf
Punkte beachten. Der erste ist, einen allegorischen Sinn abzuleiten,
der nicht zu gekünstelt ist, wie es jene machen, die alles allegorisie-
ren. Er muß vielmehr zwanglos gewonnen werden und sich aus dem
Buchstaben ergeben, wie es der hl. Paulus machte; er sah in Esau und
Jakob ein Sinnbild des jüdischen Volkes und der Heiden (Röm 9,11-
13), in Zion oder Jerusalem für die Kirche.
Zweitens, wo eine Sache nicht ganz augenscheinlich das Sinnbild
der anderen ist, soll man die Stellen nicht als Sinnbild der einen für
die andere behandeln, sondern einfach in der Art des Vergleichs. So
wird z. B. der Ginsterstrauch, unter dem Elija aus Herzeleid ein-
schlief (1 Kön 19,4f), von manchen allegorisch als Sinnbild des Kreu-
zes erklärt. Ich würde es aber vorziehen, besser so zu sagen: Wie Elija
unter dem Ginsterstrauch einschlief, so müssen wir ausruhen unter
dem Kreuz Unseres Herrn durch den Schlaf der heiligen Betrach-

36
tung; ich würde aber nicht sagen: So wie Elija den Christen versinn-
bildet, so ist der Ginsterstrauch ein Sinnbild des Kreuzes. Ich möchte
nicht behaupten, das eine sei das Sinnbild des anderen, sondern woll-
te lieber das eine mit dem anderen vergleichen, denn so ist die Dar-
stellung sicherer und weniger zu tadeln.
Drittens muß die Allegorie schicklich sein. Darin sind manche zu
tadeln, die das Verbot der Heiligen Schrift im 25. Kapitel Deuteron-
omium allegorisieren, daß eine Frau den Mann nicht an den unehrba-
ren Teilen anfassen dürfe: Wenn zwei Männer miteinander Streit ha-
ben und einer den anderen zu mißhandeln beginnt und die Frau des
anderen ihren Mann den Händen des Stärkeren entreißen will und da-
bei Hand anlegt und seine Schamteile anfaßt, dann sollst du ihr die
Hand abhauen und kein Mitleid mit ihr haben. Sie sagen, das sei ein
Sinnbild des Unrechts, das die Synagoge begeht, wenn sie den Heiden
ihre Herkunft vorwirft und sagt, daß sie nicht Abrahams Söhne sind.
Das mag einige Wahrscheinlichkeit für sich haben, aber es ist nicht
schicklich, weil dieses Verbot im Geist des Zuhörers eine gefährliche
Vorstellung hervorruft.
Viertens darf man keine zu weitschweifigen Allegorien anstellen,
denn sie verlieren ihren Reiz durch die Länge und scheinen an Kün-
stelei zu grenzen.
Fünftens muß die Anwendung klar und mit großer Klugheit ge-
macht werden, um die Teile geschickt aufeinander zu beziehen.
Fast die gleichen Regeln sind zu beachten für den anagogischen und
tropologischen Sinn. Davon bezieht die Anagogie die Berichte der
Heiligen Schrift auf das, was im anderen Leben geschehen wird, die
Tropologie wendet sie darauf an, was in der Seele und im Gewissen
vor sich geht. Dafür will ich ein Beispiel bringen, das für alle vier
Auslegungen dienen kann.
Es sind die Worte über Esau und Jakob (Gen 25,23): Zwei Völker
sind in deinem Schoß, und zwei Stämme werden aus deinem Schoß
hervorgehen; ein Volk wird über das andere herrschen und das größere
wird dem geringeren dienen. Buchstäblich beziehen sich diese Worte
auf die zwei Völker, die dem Fleisch nach von Esau und Jakob ab-
stammten, nämlich die Idumäer und die Israeliten, von denen das
kleinere, das war das der Israeliten zur Zeit Davids, über das größere
und ältere der Idumäer herrschte.
Allegorisch versinnbildet Esau das jüdische Volk, das in der Kennt-
nis des Heils das ältere war, denn den Juden wurde es zuerst gepre-

37
digt. Jakob versinnbildet die Heiden; sie waren die nachgeborenen,
und trotzdem haben die Heiden schließlich die Juden übertroffen.
Anagogisch versinnbildet Esau den Leib; er ist der Ältere, denn ehe
die Seele erschaffen wurde, war in Adam und in uns der Leib geschaf-
fen (Gen 2,7; 1 Kor 15,45f). Jakob versinnbildet den Geist, der jün-
ger ist. Im anderen Leben wird der Geist den Leib übertreffen und
beherrschen, der ohne Widerspruch der Seele völlig gehorchen wird.
Tropologisch ist Esau die Eigenliebe zu uns selbst, Jakob die Got-
tesliebe in unserer Seele. Die Eigenliebe ist die Ältere, denn sie ist
mit uns geboren; die Gottesliebe ist jünger, denn sie wird durch die
Sakramente und die Buße erworben. Trotzdem muß die Gottesliebe
die Herrin sein, und wenn sie in einer Seele ist, dient die Eigenliebe
und ist ihr untergeben.
Dieser vierfache Sinn bietet nun ergiebigen, edlen und guten Stoff
für die Predigt und hilft, die Lehre vorzüglich verständlich zu ma-
chen. Deshalb muß man sich dessen bedienen, aber unter den glei-
chen Bedingungen, von denen ich gesagt habe, daß sie für die Verwen-
dung des allegorischen Sinnes erforderlich sind.
Nach den Stellen der Heiligen Schrift nehmen die Aussprüche der
Väter und Konzile den zweiten Rang ein. Über sie sage ich nur: wenn
es nicht recht selten geschieht, muß man kurze, treffende und kraft-
volle wählen. Prediger, die daraus lange Zitate anführen, schwächen
ihren Eifer und die Aufmerksamkeit der meisten Zuhörer; sie setzen
sich außerdem der Gefahr aus, daß ihr Gedächtnis versagt. Kurze und
kräftige Aussprüche sind solche wie der des hl. Augustinus: „Der
dich erschaffen hat ohne dich, wird dich nicht retten ohne dich“; oder
der andere: „Der den Bußfertigen Verzeihung verheißen hat, hat nicht
die Zeit zur Buße versprochen“, und ähnliche. Auch Ihr hl. Bernhard
hat deren unzählige. Aber nachdem man sie lateinisch zitiert hat,
muß man sie wirkungsvoll französisch sagen und sie zur Geltung brin-
gen, indem man sie umschreibt und lebendig auslegt.
Darauf folgen die Beweise, die eine natürliche Begabung und ein
guter Geist sehr gut verwenden kann. Was sie betrifft, finden sie sich
bei den Theologen, besonders beim hl. Thomas ausführlicher als an-
derswo. Wenn sie gut entwickelt werden, bilden sie einen sehr guten
Stoff. Wenn Sie über eine bestimmte Tugend sprechen wollen, neh-
men Sie das Inhaltsverzeichnis des hl. Thomas, sehen Sie, ob er darü-
ber spricht, und beachten, was er sagt. Sie werden mehrere Begrün-

38
dungen finden, die Ihnen als Stoff dienen können. Aber schließlich
darf man diesen Stoff nur verwenden, wenn man sich wenigstens durch-
schnittlichen Zuhörern sehr klar verständlich machen kann.
Die Beispiele haben eine erstaunliche Kraft und geben der Predigt
eine besondere Würze; sie müssen nur passend sein, gut vorgetragen
und noch besser angewendet werden. Man muß schöne und glanzvol-
le Geschichten wählen, sie klar und deutlich vortragen und sie le-
bensnah anwenden, wie es die Väter machen, wenn sie das Beispiel
Abrahams anführen, der seinen Sohn opfert (Gen 22), um zu zeigen,
daß wir nichts schonen dürfen, um den Willen Gottes zu erfüllen. Sie
weisen ja auf alles hin, was den Gehorsam Abrahams nachahmens-
wert machen kann. Abraham, sagen sie, war alt; Abraham hatte nur
diesen so schönen, so weisen, so tugendhaften und so liebenswürdi-
gen Sohn; und trotzdem führt er ihn ohne Murren und Zögern auf den
Berg und will ihn gar selbst mit seinen eigenen Händen hinopfern.
Und gewiß machen sie eine noch lebendigere Anwendung: Und du,
Christ, bist so engherzig, so kalt, so wenig entschlossen, ich sage nicht,
du sollst deinen Sohn oder deine Tochter opfern, nicht deinen ganzen
Besitz, noch einen großen Teil davon, sondern einen einzigen Taler
aus Liebe zu Gott, um die Armen zu unterstützen, eine einzige Stun-
de deines Zeitvertreibs, um Gott zu dienen, eine einzige kleine Nei-
gung usw.
Man muß sich aber hüten, unnütze und unergiebige Beschreibun-
gen zu machen, wie es manche Anfänger tun. Statt die Geschichte
ungekünstelt und für die Lebensführung geeignet vorzutragen, ma-
chen sie sich daran, die Schönheit Isaaks zu beschreiben, das scharfe
Messer Abrahams, den Umkreis der Opferstätte und ähnliche unge-
bührliche Dinge. Man darf aber auch nicht so kurz sein, daß das Bei-
spiel nicht zur Geltung kommt, und nicht so lang, daß es langweilt.
Man muß sich auch davor hüten, Gespräche zwischen den Personen
der Geschichte einzufügen, außer wenn sie den Worten der Heiligen
Schrift entnommen oder sehr wahrscheinlich sind. Wer in dieser Ge-
schichte Isaak vorstellt, der auf dem Altar jammert und den Vater um
Mitleid anfleht, um dem Tod zu entgehen, oder etwa Abraham, der
mit sich selbst hadert und sich beklagt, der handelt schlecht und tut
der Entschlossenheit des einen und des anderen unrecht. So müssen
auch jene, die in der Meditation Zwiegespräche gefunden haben, bei
der Predigt zwei Regeln beachten: die eine, daß sie prüfen, ob sie gut
begründet sind auf einer offenkundigen Wahrscheinlichkeit, und die

39
andere, sie nicht zu lang vorzutragen, denn das kühlt den Prediger
und den Zuhörer ab.
Die Beispiele der Heiligen sind bewunderswert, besonders jene aus
der Provinz, in der man predigt, wie die vom hl. Bernhard in Dijon.
Es bleibt ein Wort zu sagen über die Vergleiche. Sie haben eine
unglaubliche Wirksamkeit, den Verstand zu erleuchten und den Wil-
len zu bewegen. Man entnimmt sie menschlichen Handlungen und
geht vom einen zum anderen über; so davon, was die Hirten tun, zu
dem, was die Bischöfe und Seelsorger tun müssen, wie es Unser Herr
gemacht hat in der Parabel vom verlorenen Schaf (Lk 15,4-7). Man
gewinnt sie aus der Naturgeschichte, von Gräsern, Pflanzen und Tie-
ren, aus der Philosophie und schließlich aus allem. Die Vergleiche
mit alltäglichen Dingen, geschickt angewendet, sind ausgezeichnet,
so wie es Unser Herr in der Parabel vom Samen (Mt 13,3-27) ge-
macht hat. Vergleiche aus der Naturgeschichte haben zweifachen
Glanz, wenn die Geschichte und die Anwendung schön ist, wie jener
der Heiligen Schrift (Ps 103,5) von der Erneuerung oder Verjüngung
des Adlers mit unserer Buße.
Dabei gibt es nun ein Geheimnis, das für den Prediger sehr vorteil-
haft ist, nämlich der Heiligen Schrift Vergleiche zu entnehmen von
bestimmten Stellen, wo sie wenige bemerken können. Das geschieht
durch die Meditation der Texte.
Ein Beispiel: David spricht (Ps 9,7) vom Weltmenschen und sagt:
Ihr Andenken vergeht mit Schall. Ich ziehe zwei Vergleiche aus zwei
Dingen, die mit dem Schall vergehen. Wenn man ein Glas zerbricht,
geht es klirrend zugrunde, wenn es zerbricht; so gehen die Bösen mit
einigem Lärm zugrunde; man spricht von ihnen bei ihrem Tod. Wie
aber das zerbrochene Glas ganz unnütz ist, so sind diese Elenden
ohne Hoffnung auf das Heil für immer verloren. Der zweite Vergleich:
Wenn ein großer Redner stirbt, läutet man alle Glocken, man veran-
staltet für ihn eine große Leichenfeier; doch wer segnet ihn, wenn der
Schall der Glocken verklungen ist? Wer spricht von ihm? Niemand.
Wo der hl. Paulus von jenem spricht, der keine Liebe hat und irgend-
welche Werke tut, sagt er (1 Kor 13,1): er ist wie ein tönendes Erz oder
eine klingende Schelle. Man gewinnt einen Vergleich aus der Glocke,
die andere in die Kirche ruft und nicht hineingeht; denn so ist ein
Mensch, der Werke ohne Liebe verrichtet: er erbaut die anderen und
lädt sie in das Paradies ein, aber er selbst kommt nicht hinein.

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Um nun die Vergleiche zu finden, muß man die Worte erwägen, ob
sie nicht bildlich zu verstehen sind. Denn wenn das zutrifft, ergibt
sich sogleich ein Vergleich für den, der sie recht auszulegen versteht.
Zum Beispiel: Ich bin den Weg deiner Gebote gelaufen, da du mein
Herz weit gemacht hast (Ps 119,32). Man muß das Wort ‚weit ma-
chen‘ und ‚laufen‘ erwägen, denn es ist bildlich zu verstehen. Und nun
muß man die Dinge sehen, die schneller werden durch die Erweite-
rung. Sie werden einige finden, wie die Schiffe, wenn der Wind ihre
Segel bläht. Schiffe, die im Hafen liegen, segeln also sogleich los,
wenn der Wind günstig ist, die Segel erfaßt, sie füllt und aufbläht. Das
gilt gewiß auch für den Menschen. Wenn das gnädige Wehen des Hei-
ligen Geistes unser Herz berührt, läuft unsere Seele und segelt im
Meer der Gebote. Wer sich daran hält, wird gewiß viele schöne Ver-
gleiche mit großem Nutzen anstellen. Bei den Vergleichen muß man
aber die Schicklichkeit wahren, um nichts Gemeines, Verächtliches
oder Anstößiges zu sagen.
Nach all dem mache ich Sie aufmerksam, daß man die Heilige Schrift
durch die Anwendung mit großem Nutzen gebrauchen kann, auch
wenn das, was man davon ableitet, sehr oft nicht der eigentliche Sinn
ist. So sagte der hl. Franziskus, das Almosen sei ‚das Brot der Engel‘,
weil die Engel es durch ihre Einsprechung beschaffen, und wendet so
die Stelle (Ps 78,25) an: Brot der Engel aß der Mensch. Doch muß
man dabei klug und sparsam vorgehen.

Über den Aufbau der Predigt.

Man muß sich bei allem an eine Methode halten. Nichts ist für den
Prediger hilfreicher, macht seine Predigt nützlicher und für den Zu-
hörer so angenehm. Ich finde es gut, daß der Aufbau klar und erkenn-
bar ist, keineswegs versteckt, wie es manche machen, die meinen, es
sei ein großes Meisterstück, es so zu machen, daß niemand ihre Me-
thode erkennt. Ich bitte Sie, wozu dient denn die Methode, wenn man
sie nicht sieht und der Zuhörer sie nicht erkennt?
Um Ihnen dabei behilflich zu sein, will ich Ihnen sagen: Sie wollen
entweder über eine bestimmte Begebenheit predigen, wie die Geburt,
die Auferstehung oder Himmelfahrt (Christi), oder über eine be-
stimmte Sentenz der Heiligen Schrift, wie: Jeder, der sich erhöht, wird
erniedrigt werden (Lk 14,11), oder über ein ganzes Evangelium, in

41
dem mehrere Sentenzen enthalten sind, oder über das Leben irgend-
eines Heiligen mit einem bestimmten Ausspruch.
Wenn man über ein Ereignis predigt, kann man sich einer der fol-
genden Methoden bedienen: 1. Wie viele Personen in der Geschichte
vorkommen, über die Sie predigen wollen; dann über jede von ihnen
irgendeine Erwägung anstellen. Zum Beispiel: Bei der Auferstehung
sehe ich die Marien, die Engel, die Bewacher des Grabes und unseren
lieben Herrn. Bei den Marien sehe ich den Eifer und die Beflissen-
heit; bei den Engeln die Freude und den Jubel in ihren weißen Ge-
wändern und ihrer Lichtgestalt; in den Grabeswächtern sehe ich die
Ohnmacht der Menschen, die sich gegen Gott stellen, in Jesus sehe
ich die Herrlichkeit, den Sieg über den Tod, die Hoffnung auf unsere
Auferstehung.
2. Man kann bei einem Geheimnis den wichtigsten Punkt heraus-
greifen, wie im vorhergehenden Beispiel die Auferstehung; dann er-
wägen, was diesem Ereignis vorausging und was darauf folgte. Der
Auferstehung ging der Tod voraus, das Hinabsteigen in das Reich der
Toten, die Befreiung der Väter, die sich in Abrahams Schoß befan-
den, die Furcht der Juden, man könnte den Leichnam stehlen; die
Auferstehung im verklärten und verherrlichten Leib. Was darauf folgte,
ist das Erdbeben, das Kommen und Erscheinen der Engel, das Su-
chen der Frauen, die Antwort der Engel. Zu all diesen Einzelheiten
gibt es Wundervolles und in schöner Ordnung zu sagen.
3. Man kann bei allen Geheimnissen folgende Punkte erwägen: wer?
warum? wie? Wer steht von den Toten auf? Unser Herr. Warum? Zu
seiner Verherrlichung, zu unserem Heil. Wie? Glorreich, unsterb-
lich, usw. Wer ist geboren? Der Erlöser. Warum? Um uns zu erlösen.
Wie? Arm, nackt, frierend, in einem Stall, als kleines Kind.
4. Nachdem man die Geschichte mit einer kleinen Umschreibung
vorgetragen hat, kann man davon manchmal drei oder vier Erwägun-
gen ableiten. Die erste, was man daraus lernen muß, um unseren Glau-
ben zu stärken; die zweite, um unsere Hoffnung zu vermehren; die
dritte, um unsere Liebe zu entflammen; die vierte, um es nachzuah-
men und auszuführen. Im Beispiel der Auferstehung sehen wir für
den Glauben die Allmacht Gottes, einen Leib, der durch den Stein
hervorgeht, unsterblich, leidensunfähig und ganz vergeistigt. Wie fest
müssen wir glauben, daß im heiligen Sakrament der gleiche Leib kei-
nen Raum einnimmt, durch die Brechung der Gestalten nicht verletzt

42
werden kann und daß er darin auf geistige Weise, wenn auch wirklich
enthalten ist. Für die Hoffnung: Wenn Jesus Christus auferstanden
ist, werden auch wir auferstehen, sagt der hl. Paulus (1 Kor 6,14; 2
Kor 4,14); er hat uns den Weg gebahnt. Für die Liebe: So sehr er
auferstanden ist, verweilt er doch noch auf Erden, um die Kirche zu
unterweisen, und zögert zu unserem Wohl, vom Himmel Besitz zu
ergreifen, dem Ort, der auferstandenen Leibern eigen ist. Welche Lie-
be! Zur Nachahmung: Er ist am dritten Tag auferstanden; o Gott,
sollen wir nicht auferstehen durch Reue, Beichte und Genugtuung?
Er sprengt den Stein; überwinden wir alle Schwierigkeiten.
Wenn Sie über einen Ausspruch predigen wollen, müssen Sie über-
legen, auf welche Tugend er sich bezieht, wie z. B.: Wer sich erhöht,
der wird erniedrigt werden (Lk 14,11); hier steht die Demut als Gegen-
stand fest. Es gibt aber andere Schriftworte, wo der Gegenstand nicht
so offenkundig ist, wie: Wie bist du hereingekommen, obwohl du kein
hochzeitliches Gewand hast? (Mt 22,12). Das betrifft die Liebe; aber
die sehen Sie von einem Gewand bedeckt, denn das hochzeitliche
Gewand ist die Liebe. Wenn Sie also in dem Schriftwort, das Sie be-
handeln wollen, die Tugend festgestellt haben, auf die es abzielt, kön-
nen Sie den Aufbau Ihrer Predigt machen und erwägen, worin die
Tugend besteht, ihre wahren Kennzeichen, ihre Wirkungen und das
Mittel, sie zu erwerben und zu üben. Das war immer meine Methode
und es war mir eine Beruhigung, das Buch des Jesuiten Pater Rossi-
gnol zu entdecken, das mit dieser Methode übereinstimmt. Das Buch
hat den Titel ‚De Actionibus Virtutum‘, ist in Venedig gedruckt und
wird für Sie sehr nützlich sein.
Es gibt noch eine andere Methode, die zeigt, wie sehr die Tugend,
um die es sich handelt, zu schätzen ist, wie nützlich und köstlich oder
angenehm sie ist. Das sind drei Güter, die man wünschen kann. Man
kann noch anders vorgehen, d. h. die Vorteile behandeln, die diese
Tugend gewährt, und die Nachteile, die das entgegengesetzte Laster
mit sich bringt; aber die erste Methode ist nützlicher.
Wenn man ein Evangelium behandelt, in dem es mehrere Senten-
zen gibt, muß man jene genauer ansehen, bei denen man sich länger
aufhalten will, und sehen, von welchen Tugenden sie handeln, dann
darüber kurz sprechen in der Weise, wie ich von einem Ausspruch
gesagt habe, die anderen aber streifen und umschreiben. Doch diese
Art, ein ganzes Evangelium mit Aussprüchen zu behandeln, ist weni-
ger fruchtbar, weil sich der Prediger bei den einzelnen Aussprüchen

43
nicht lange aufhalten und sie nicht gut auslegen kann, noch dem Zu-
hörer einprägen, was er will.
Wenn man das Leben eines Heiligen behandelt, gibt es verschiede-
ne Methoden. Jene, die ich bei der Leichenrede für den Herrn de
Mercoeur anwandte, ist gut, weil es die Methode des hl. Paulus (Tit 2,
12) ist: daß er fromm vor Gott, mäßig gegen sich selbst und gerecht
gegen den Nächsten lebte; und die Lebensabschnitte des Heiligen,
jeden nach seiner Bedeutung darlegen. Oder, man kann erwägen, was
er getan hat ‚agendo‘, das sind seine Tugenden, ‚patiendo‘ seine Lei-
den, sei es des Martyriums oder der Abtötung, ‚orando‘, seine Wun-
der. Oder man kann erwägen, wie er den Teufel, die Welt und das
Fleisch bekämpft hat: die Hoffart, die Habsucht und die Begierlich-
keit. Das ist die Einteilung, die der hl. Johannes getroffen hat: Alles,
was in der Welt ist, sagt er (1 Joh 2, 16), ist Fleischeslust etc. Oder man
kann vorgehen, wie ich es in Fonteine über den hl. Bernhard gemacht
habe: wie man Gott in seinem Heiligen und den Heiligen in Gott
ehren soll; wie man Gott dienen soll in der Nachahmung seines Hei-
ligen; wie man Gott bitten soll durch die Fürsprache seines Heiligen.
Auf diese Weise kann man das Leben des Heiligen durchgehen und
alles an seiner Stelle behandeln.
Das sind für den Anfang der Methoden genug. Denn nach einiger
Übung werden Sie andere anwenden, die für Sie geeignet und besser
sind. Für den Aufbau bleibt mir noch zu sagen, daß ich die Stellen der
Heiligen Schrift gern an die erste Stelle setze, die Beweise an die
zweite, die Vergleiche an die dritte und die Beispiele an die vierte,
wenn es heilige sind; wenn es profane sind, dann sind sie nicht geeig-
net, eine Predigt zu beschließen: eine heilige Rede muß mit etwas
Heiligem beendet werden. Außerdem verlangt die Methode, daß der
Anfang der Predigt bis zur Mitte den Zuhörer belehrt und von der
Mitte bis zum Schluß bewegt. Deshalb müssen die affektiven Ausfüh-
rungen an den Schluß gesetzt werden.
Nach all dem muß ich Ihnen noch sagen, wie Sie die Punkte Ihrer
Predigt ausfüllen müssen, und sehen, auf welche Weise. Sie wollen
z.B. die Tugend der Demut behandeln und haben sich die Punkte fol-
gendermaßen zurechtgelegt: 1. worin die Tugend besteht, 2. ihre Kenn-
zeichen, 3. ihre Wirkungen, 4. die Mittel, sie zu erwerben. Das ist
Ihre Disposition. Um sie mit Inhalt zu erfüllen, werden Sie im Sach-
register der Autoren die Worte ‚Demut, demütig, Stolz, hochmütig‘
nachschlagen und sehen, was sie darüber sagen. Die Beschreibungen

44
und Definitionen, die Sie finden, werden Sie unter die Überschrift
setzen: „Worin die Tugend besteht“, und werden versuchen, diesen
Punkt gut zu beleuchten, indem Sie zeigen, worin die Demut besteht,
ebenso das entgegengesetzte Laster.
Um den zweiten Punkt auszufüllen, werden Sie im Register ‚heuch-
lerische Demut‘ finden, ‚aufdringliche Demut‘ und ähnliches; damit
werden Sie den Unterschied zwischen der falschen und der echten
Demut zeigen. Wenn dort Beispiele für die eine und die andere ste-
hen, werden Sie diese anführen; und so bei den beiden anderen Punk-
ten. Dem Verständigen genügt wenig.
Die Autoren, bei denen sich dieser Stoff findet, sind der hl. Tho-
mas, der hl. Antonin, Bischof Wilhelm von Lyon in der ‚Summa über
die Tugenden und Laster‘, die ‚Summa der Prediger‘ von Philipp Diez
und alle seine Predigten, Osorius, Ludwig von Granada in seinen geist-
lichen Werken, Hylaret in seinen Predigten, Estella im Kommentar
zu Lukas, die Jesuiten Salmeron und Barradas über die Evangelien.
Der hl. Gregor ist unter den Alten hervorragend, ebenso der hl. Chry-
sostomus mit dem hl. Bernhard.
Doch ich muß meine Ansicht sagen. Von allen, die Predigten ge-
schrieben haben, sagt mir Diez überaus zu; er ist zuverlässig, er hat
den Geist der Predigt, er schärft gut ein, er erklärt die Texte gut, bringt
anschauliche Schilderungen, versteht ausgezeichnet zu sprechen, ist
sehr fromm und klar. Ihm fehlt, was Osorius hat, das ist die Ordnung
und die Methode, denn daran hält er sich nicht; mir scheint aber, daß
man sich am Anfang daran gewöhnen muß. Das sage ich nicht, weil
ich ihn sehr viel benützt hätte, denn ich habe ihn erst nach langer Zeit
entdeckt, sondern weil ich ihn so kenne, und mir scheint, daß ich
mich nicht täusche. Es gibt einen Spanier, der ein umfangreiches Werk
mit dem Titel ‚Sylva Allegoriarum‘ verfaßt hat; das ist sehr nützlich
für einen, der es recht zu handhaben weiß, ebenso wie die ‚Konkor-
danzen‘ von Benedicti. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste,
was mir jetzt über den Stoff in den Sinn kommt.

Über die Form, d. h. wie man predigen soll.

Mein Herr, hier erwarte ich mehr Glauben als sonst, weil ich nicht
die allgemeine Auffassung teile. Was ich sage, ist dennoch die Wahr-
heit selbst.

45
Die Form, sagt der Philosoph, gibt den Dingen das Leben und die
Seele. Sagen Sie Wunderdinge, sagen sie aber nicht gut, so ist es nichts;
sagen Sie wenig und sagen es gut, dann ist es viel. Wie muß man also
bei der Predigt sprechen? Man muß sich vor dem ‚quamquam‘ (wenn
auch) und den langen Perioden der Schulfuchser hüten, vor ihren
Gesten, ihrem Mienenspiel und vor ihren Bewegungen: das alles ist
eine Pest für die Predigt. Der Vortrag muß ungezwungen, vornehm,
freimütig, natürlich, kraftvoll, heilig, würdevoll und etwas getragen
sein. Doch was muß man tun, um den zu haben? Mit einem Wort, man
muß mit frommem Eifer sprechen, einfach und unbefangen und mit
Zuversicht; man muß von der Lehre überzeugt sein, die man vorträgt,
und davon, wovon man überzeugen will. Die höchste Kunst besteht
darin, keine Kunstgriffe zu haben. Unsere Worte müssen entflammt
sein, nicht durch Schreie und maßlose Aktionen, sondern von inne-
rem Feuer; sie müssen mehr von Herzen kommen als aus dem Mund.
Man hat gut reden, aber das Herz spricht zum Herzen, die Zunge
spricht nur zu den Ohren.
Ich habe gesagt, der Vortrag muß ungezwungen sein, im Gegensatz
zu einem bestimmten gekünstelten und gesuchten Vortrag von Pe-
danten. Ich habe gesagt: vornehm, im Gegensatz zum derben Vortrag
mancher, die sich darauf verlegen, mit den Fäusten, den Füßen, mit
dem Bauch gegen die Kanzel zu schlagen, die schreien und ein abson-
derliches Gebrüll veranstalten, und sehr oft an unpassender Stelle.
Ich habe gesagt: freimütig, im Gegensatz zu jenen, die einen furchtsa-
men Vortrag haben, so als sprächen sie zu ihrem Vater, nicht zu ihren
Schülern und Kindern. Ich habe gesagt: natürlich, im Gegensatz zu
jeder Künstelei und Affektiertheit. Ich habe gesagt: kraftvoll, im Ge-
gensatz zu einem bestimmten leblosen, matten und wirkungslosen
Vortrag. Ich habe gesagt: heilig, um die höfische und weltliche Ge-
fallsucht auszuschließen. Ich habe gesagt: würdevoll, im Gegensatz
zu bestimmten Leuten, die den Zuhörern so viele Bücklinge machen,
so viele Verbeugungen, und dann so viele kleine Mätzchen, indem sie
ihre Hände vorzeigen, ihr Chorhemd, und ähnliche unschickliche
Aktionen. Ich habe gesagt: etwas getragen, um einen bestimmten ha-
stigen, kurz abgehackten Vortrag auszuschließen, der mehr das Auge
ergötzt als an das Herz rührt.
Ebenso sage ich von der Sprache, daß sie klar, deutlich und natür-
lich sein soll, ohne Zurschaustellung griechischer, hebräischer, mo-
discher und höfischer Worte. Der Aufbau soll natürlich sein, ohne

46
Vorrede, ohne Ausschmückung. Ich billige, daß man beim ersten
Punkt ‚erstens‘ sagt, beim zweiten ‚zweitens‘, damit das Volk den Auf-
bau sieht.
Ich meine, daß niemand, vor allem aber kein Bischof, Schmeiche-
leien den Anwesenden gegenüber gebrauchen darf, selbst wenn es
Könige, Fürsten oder Päpste wären. Es gibt wohl bestimmte Rede-
wendungen, um das Wohlwollen zu gewinnen, die man gebrauchen
kann, wenn man das erstemal zu seinem Volk spricht. Ich bin sehr
dafür, daß man sein Verlangen nach dessen Wohl bezeugt, daß man
mit Grüßen und Segenswünschen beginnt, mit dem Wunsch, ihm recht
zu seinem Heil verhelfen zu können; ebenso dem Vaterland: doch das
alles kurz, herzlich und ohne hochtrabende Worte. Unsere alten Vä-
ter und alle, die fruchtbringend gepredigt haben, enthielten sich des
Wortschwalls und weltlichen Beiwerks. Sie sprechen von Herz zu
Herz, von Geist zu Geist, wie gute Väter zu Kindern. Die gewöhnli-
chen Anreden sollen sein: meine Brüder, mein Volk (wenn es das
Ihre ist), mein liebes Volk, christliche Zuhörer.
Der Bischof soll am Schluß den Segen spenden, das Birett auf dem
Kopf, und dann das Volk grüßen. Man muß mit kurzen, lebendigen
und kraftvollen Worten schließen. Ich billige sehr oft die Zusammen-
fassung oder Rekapitulation, nach der man vier oder fünf glutvolle
Worte sagt, oder in der Form des Gebetes oder der Anrufung. Es ist
gut, bestimmte vertraute Ausrufe zu haben, die klug ausgesprochen
und verwendet werden, wie: O Gott, Güte Gottes, guter Gott, wahrer
Gott, ei, ach, o mein Gott!
Für die Vorbereitung der Predigt billige ich, daß man sie am Vor-
abend macht und am Morgen für sich meditiert, was man den anderen
sagen will. Die Vorbereitung, die man vor dem heiligsten Sakrament
macht, hat große Kraft, sagt Ludwig von Granada, und ich glaube es.
Ich liebe die Predigt, die mehr Liebe zum Nächsten verrät als Ent-
rüstung, ja sogar zu den Hugenotten, die man mit großem Mitleid
behandeln muß, ohne ihnen zu schmeicheln, sondern indem man sie
bedauert.
Es ist immer besser, daß die Predigt kurz ist als lang. Darin habe ich
bisher gefehlt; möge ich mich bessern. Vorausgesetzt, daß sie eine
halbe Stunde dauert, kann sie nicht zu kurz sein.
Wenn es möglich ist, soll man keine Unzufriedenheit zeigen, we-
nigstens nicht im Zorn, wie ich es am Fest Unserer lieben Frau ge-

47
macht habe, als man läutete, ehe ich geendet hatte. Das war ohne
Zweifel ein Fehler neben vielen anderen. Ich liebe keine Scherze und
Spitznamen; dafür ist die Predigt nicht der Ort.
Ich schließe, indem ich sage: die Predigt ist die Verkündigung und
Auslegung des Willens Gottes für die Menschen durch den, der da ist,
rechtmäßig gesandt, damit er sie belehre und dazu bewege, der göttli-
chen Majestät in dieser Welt zu dienen, damit sie in der anderen ge-
rettet sind.
Was sagen Sie dazu, mein Herr? Verzeihen Sie mir, ich bitte Sie.
Ich habe geschrieben, wie es in die Feder floß, ohne auf Worte oder
Kunst zu achten, einzig von dem Wunsch beseelt, Ihnen zu bezeugen,
wie gehorsam ich Ihnen bin. Ich habe die Autoren nicht angegeben,
die ich an manchen Stellen zitiert habe; das geschah deswegen, weil
ich auf dem Land bin, wo ich sie nicht zur Hand habe. Ich habe mich
selbst zitiert, mein Herr, weil Sie meine Meinung erfahren wollen,
nicht die von anderen. Und wenn ich sie selbst erprobt habe, warum
soll ich sie nicht sagen?
Bevor ich diesen Brief beschließe, muß ich Sie beschwören, mein
Herr, ihn niemand zu zeigen, dessen Augen mir weniger gewogen
wären als die Ihren, und ich füge die sehr demütige Bitte hinzu, daß
Sie sich zu keinerlei Überlegungen verleiten lassen, die Sie am Predi-
gen hindern oder dazu veranlassen könnten, das Predigen aufzuschie-
ben. Je eher Sie beginnen, um so eher werden Sie Erfolg haben. Und
oft predigen, nur dadurch wird man Meister. Sie können es, mein
Herr, und Sie müssen es. Ihre Stimme ist dazu geeignet, Ihr theologi-
sches Wissen ausreichend, Ihr Auftreten angemessen, Ihr Rang in der
Kirche sehr erhaben. Gott will es, die Menschen erwarten es; es ist
zur Verherrlichung Gottes, es ist zu Ihrem Heil. Beherzt, mein Herr,
und Mut aus Liebe zu Gott.
Der Kardinal Borromäus predigt, erbaut und heiligt sich, ohne den
zehnten Teil der Talente zu haben, die Sie besitzen. Wir dürfen nicht
unsere Ehre suchen, sondern die Ehre Gottes; und wenn wir ihn ge-
währen lassen, wird Gott unsere Ehre suchen. Beginnen Sie einmal
bei Weihen, mein Herr, ein andermal in irgendeiner Kommunität;
sagen Sie vier Sätze, dann acht, dann zwölf, bis zu einer halben Stun-
de; dann besteigen Sie die Kanzel. Für die Liebe ist nichts unmöglich.
Unser Herr fragte den hl. Petrus nicht: „Bist du gelehrt oder redege-
wandt?“, um ihm zu sagen: Weide meine Schafe, sondern: Liebst du
mich? (Joh 21,15-17). Um gut zu sprechen, genügt es, recht zu lieben.

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Der hl. Johannes wußte vor seinem Tod nichts anderes zu sagen, als in
einer Viertelstunde hundertmal zu wiederholen: „Meine Kinder, liebt
einander“, und mit dieser Vorbereitung bestieg er die Kanzel. Und
wir haben Bedenken, sie zu besteigen, wenn wir nicht wunder was für
eine Beredsamkeit besitzen! Lassen Sie diejenigen reden, die die Fä-
higkeit Ihres Herrn Vorgängers rühmen: er hat auch einmal angefan-
gen wie Sie.
Doch mein Gott, was werden Sie von mir sagen, mein Herr, daß ich
so unbekümmert mit Ihnen umgehe? Die Liebe kann nicht schwei-
gen, wo es um das Wohl dessen geht, den man liebt. Mein Herr, ich
habe Ihnen Treue geschworen, und man erträgt viel von einem treuen
und ergebenen Diener. Mein Herr, Sie gehen zu Ihrer Herde; schade,
daß es mir nicht vergönnt ist, hinzueilen, um Ihnen zu assistieren, wie
ich bei Ihrer ersten Messe die Ehre hatte! Ich werde dabei an Ihrer
Seite sein durch meine Wünsche und Gebete. Ihr Volk erwartet Sie,
um Sie zu sehen und von Ihnen gesehen zu werden; von Ihrem Begin-
nen wird es Schlüsse auf das Weitere ziehen: Beginnen Sie frühzeitig,
was Sie immer tun müssen. Wie werden sie erbaut sein, wenn sie
sehen, daß Sie oft am Altar das Opfer für ihr Heil darbringen, mit
Ihren Pfarrern über ihre Erbauung beraten, auf der Kanzel vom Wort
der Versöhnung (2 Kor 5,19) sprechen und predigen!
Mein Herr, ich stand nie am Altar, ohne Sie Unserem Herrn zu
empfehlen; ich wäre überglücklich, wenn ich würdig bin, daß Sie dort
manchmal an mich denken. Ich bin und werde mein Leben lang sein,
von Herzen, von ganzer Seele, im Geist, mein Herr, Ihr sehr demüti-
ger Diener und ganz kleiner und gehorsamer Bruder,
Franz, Bischof von Genf.
Am 5. Oktober 1604.
Ich schäme mich, während ich diesen Brief noch einmal lese. Wenn
er kürzer wäre, würde ich ihn neu schreiben. Ich habe aber so viel
Vertrauen auf die Unerschütterlichkeit Ihres Wohlwollens, mein Herr,
daß ich ihn schicke, wie er ist. Um der Liebe Gottes willen, lieben Sie
mich immer und halten Sie mich so sehr für Ihren Diener wie je einen
lebenden Menschen, denn ich bin es.

49
III. Die Leitung der Diözese

Franz von Sales übernahm die Leitung der Diözese Genf nicht unvorbereitet. Als
Propst des Domkapitels hatte er seit seiner Priesterweihe einen gewissen Anteil an
ihr. Als er 1598 in Vertretung des kränklichen Bischofs Claude de Granier ad
limina nach Rom reiste (vgl. Band 8, S. 45f), war er schon zu dessen Koadjutor mit
dem Recht der Nachfolge ausersehen. Nach seiner Rückkehr bemühte er sich vor
allem um die Reorganisation der Seelsorge in den Gebieten, die politisch wieder an
Savoyen gefallen waren, die er von seiner Missionstätigkeit im Chablais am besten
kannte. Anfangs 1602 reiste er nach Paris zu langwierigen Verhandlungen über die
kirchlichen Interessen in Gex, das im Frieden von Lyon (1601) an Frankreich
gefallen war, aber zur Diözese Genf gehörte. Auf der Rückreise erreichte ihn die
Nachricht vom Tod seines Bischofs (s. Bd. 8,77). Nach seiner Bischofsweihe am 8.
Dezember 1602 setzte er die schwierigen Verhandlungen fort, doch sobald es ihm
möglich war, nahm er in aufreibenden Visitationsreisen die persönliche Verbindung
mit dem katholisch gebliebenen Teil der Diözese bis in das letzte Bergdorf auf. So
konnte er Ende 1606, als sein Besuch ad limina fällig war (s. Band 8,121), aus
gründlicher Kenntnis über den Stand und die Probleme seiner Diözese berichten
(OEA XXIII, 311-334).

1. Der Stand der Diözese Genf

Schon vor 61 Jahren wurde der Bischof von Genf mit seinem Kle-
rus von den Häretikern aus seiner Stadt vertrieben und höchst unge-
recht aller beweglichen und des größten Teils der unbeweglichen
Güter beraubt. Daher hat er nun seinen Sitz in der Stadt Annecy im
Herzogtum Savoyen, [in der Erwartung, daß seine Rückführung
kommt].
Die Einkünfte des Bischofs sind so gering, daß sie kaum die Summe
von 1000 Gulden erreichen, [so daß nach Abzug der Gehälter für die
Beamten der Diözese sehr wenig bleibt für seinen und seiner Ange-
stellten Unterhalt. Wahrhaftig, wer nicht gelernt hat, Überfluß zu ha-
ben (Phil 4,12), muß lernen, Mangel zu leiden].
Der gegenwärtige Bischof von Genf, Franz von Sales, ist der sech-
ste, der außerhalb von Genf lebt. Er stammt aus dieser Diözese und
ist aus dem Domkapitel hervorgegangen (dessen Propst er zehn Jahre
war). Er ist vor vier Jahren ernannt und geweiht worden. [Da er in den
ersten zwei Jahren durch Kriegswirren und -stürme daran gehindert
war, hat er in den beiden folgenden Jahren an 260 Pfarreien persön-
lich visitiert, und soweit es ihm bei seiner Dürftigkeit möglich war,

50
überall selbst das Brot des Wortes Gottes dem Volk gereicht und
gebrochen und unzähligen Gläubigen das Sakrament der Firmung
gespendet;] den Rest der Diözese wird er im nächsten Jahr visitieren.
Sein Vorgänger war Claude de Granier, ein würdiger Bischof un-
vergänglichen Andenkens, der nach den kirchlichen Dekreten jedes
Jahr die Synode hielt. Zum Amt des Pfarrers berief er nach den Vor-
schriften des heiligen Konzils von Trient diejenigen, die in der Prü-
fung am würdigsten befunden wurden. Fast zu allen Quatemberzeiten
erteilte er die heiligen Weihen und ließ das Offizium überall nach
römischem Brauch verrichten. Seinen Spuren folgte sein Nachfolger,
obwohl unwürdig, mit großem Nachdruck.

Der Stand der Kathedrale.

An der Kathedrale von Genf, die dem hl. Petrus unter dem Titel
seiner wunderbaren Befreiung aus den Ketten geweiht ist, gibt es 30
Kanoniker, den Propst, der die höhere Dignität besitzt, den Kantor
und Sakristan eingeschlossen, deren Amt für immer besteht. Jeder
von ihnen empfängt die gleiche Pfründe, so daß der Propst nicht mehr
als die anderen erhält. Es gibt an ihr sechs Chorknaben mit dem Ma-
gister, acht Benefiziaten, die dem Gesang und der Musik obliegen,
und vier weitere, die für das Kreuztragen, Glockenläuten, die Leitung
der Zeremonien und die Erhaltung der Paramente sorgen.
Nach Abzug aller Lasten und notwendigen Ausgaben erreicht nun
der Anteil, der jedem Kanoniker zukommt, nicht den Wert von 40
Goldtalern jährlich, eine Pfründe, die unangemessen und völlig un-
zureichend ist, einen Menschen zu ernähren. Es ist aber bewunderns-
wert, wie würdig und fromm bei solcher Armut das Chorgebet von
diesem Kapitel gefeiert wird, [damit nicht wegen der Verbannung die
Harfen in den Weidenbüschen aufgehängt werden und der Gesang
verstummt; es singt vielmehr ein Lied von Zion und das Lied des
Herrn in fremdem Land (Ps 137,2-4). Dieses Chorgebet verrichtet es]
in der Kirche der Minoriten von der Observanz in der Stadt Annecy.
Alle Kanoniker sind adelig von beiden Eltern oder Doktoren, gemäß
ihrem alten Statut, das vom Apostolischen Stuhl bestätigt wurde. Unter
ihnen sind derzeit auch zehn hervorragende Prediger des Wortes
Gottes.

51
Der Stand des Klerus.

In der Diözese Genf gibt es vier Kollegiatkirchen: in Annecy mit


12 Kanonikern und ebensovielen Benefiziaten; in Sallanches mit 13
Kanonikern und 4 Benefiziaten; in La Roche mit 15 Kanonikern, in
Samoens mit 10 Kanonikern. In allen wird täglich das Chorgebet ge-
sungen; aber alle haben bisher in gleicher Weise dürftige Jahresein-
kommen.
Es gibt außerdem sechs Abteien von Männern; in Aulps, Haute-
combe und Chézery vom Zisterzienserorden, in Abondance und Sixt
von Regularkanonikern des hl. Augustinus, in Entremont von Kano-
nikern des hl. Rufus. Alle sind im Besitz von Kommendatar-Äbten.
Außerdem gibt es fünf Konventual-Priorate: vom heiligen Grab in
Annecy, von Unserer lieben Frau in Peillonex, beide von Regular-
Kanonikern; in Talloires des Ordens von Savigny, in Contamine und
Bellevaux des Ordens von Cluny [von all diesen ist nur das letzte vom
Träger des Titels besetzt].
Es gibt vier Klöster von Kartäusern. Ebenso 35 Landpriorate ver-
schiedener Orden. Von ihnen sind 12 mit verschiedenen Kirchen so-
wohl dieser Diözese als auch anderen vereinigt; von den übrigen sind
11 nach dem Titel, 12 in Kommende besetzt.
Es gibt 450 Pfarrkirchen, in denen überall die Sakramente gespen-
det und das Volk seiner Fassungskraft entsprechend in den Hauptleh-
ren der katholischen Religion unterwiesen wird.
Es gibt vier Konvente von Mendikanten: einen in Seyssel von Augu-
stinern, den zweiten in Annecy von Dominikanern, den dritten eben-
falls in Annecy und den vierten in Cluses von den Minoriten der Ob-
servanz. Dazu kam vor zehn Jahren als fünfter einer der Kapuziner in
Annecy.
Es gibt zwei Klöster der Klarissen: eines in Annecy, das andere in
Evian. Ebenso zwei Klöster oder Abteien von Frauen: Sainte Cathe-
rine in der Nähe der Stadt Annecy und Bonlieu vom Zisterzienseror-
den; auch eine der Kartäuserinnen in Mélan.

Der Stand des Volkes.

Das gesamte Volk der genannten Pfarreien ist wahrhaft katholisch


und pflegt die alte Frömmigkeit, obwohl in 70 der genannten Pfarrei-

52
en während zwanzig Jahren die calvinistische Häresie herrschte; denn
dank der Autorität des erlauchten Fürsten und durch die Predigt vie-
ler Prediger, teils des Weltklerus, teils verschiedener Orden, beson-
ders der Kapuziner und der Gesellschaft Jesu, haben sie sich zum
Hirten ihrer Seelen (1 Petr 2,25) bekehrt, so daß sie, während sie vor-
her Finsternis waren, nun Licht im Herrn (Eph 5,8) sind.
Es gibt 15 Schulen für Knaben, in denen sie in Grammatik und
Humaniora unterrichtet werden, besonders aber durch die Katechese
in der christlichen Lehre. In zehn Orten wird während der Fastenzeit
jeden Tag das Wort Gottes gepredigt.

Schäden und Mißstände der Diözese Genf,


die vom heiligen Apostolischen Stuhl durch geeignete Maßnahmen
geheilt und behoben werden können.

Über die Errichtung eines Seminars.

Keine Diözese des christlichen Erdkreises bedarf dringender eines


Seminars als die von Genf; aber bisher hat man sich vergeblich um
seine Errichtung bemüht.12 Das Einkommen des Bischofs ist zu dürf-
tig, als daß von ihm etwas weggenommen oder abgezweigt werden
könnte; das Einkommen des Domkapitels ist sehr gering und genügt
nicht, um die Kanoniker zu ernähren, ebenso die anderen Kollegiat-
kirchen der Diözese. Obwohl die Abteien und Priorate reich sind,
kann man ihnen überhaupt nichts entwinden. Die sie innehaben, hal-
ten daran fest, und meistens sind sie durch verschiedene Pensionen,
die auf ihnen lasten, ziemlich ausgeblutet.
Wenn aber der Apostolische Stuhl einige Landpriorate, die zuerst
frei werden, durch seine höchste Autorität für die Errichtung des Se-
minars bestimmen wollte, hätte die Sache ohne Zweifel besten Er-
folg. Jedenfalls aber muß das Werk auf diese Weise oder durch eine
allgemeine Abgabe des Klerus verwirklicht werden.

Über den Theologen und Pönitentiar.

Nur der Magister der Theologie an der Kathedrale hat eine Pfründe
als Theologal, eine zweite der Pönitentiar, um den Beichtdienst zu
versehen. Sie können aber ihr Amt nicht richtig ausüben, weil sie von

53
ihren Pfründen kaum leben können, zumal sie den Wert von 40 Ta-
lern jährlich nicht erreichen.
Diesem Übel könnte abgeholfen werden, wenn der Apostolische
Stuhl zwei Laien-Präbenden von benachbarten Klöstern mit den ge-
nannten Pfründen des Theologalen und des Pönitentiars vereinigt.

Über die notwendige Reform der Regularen.

Es ist erstaunlich, wie sehr die Disziplin aller Regularen in den


Abteien und Prioraten dieser Diözese zerstört ist (die Kartäuser und
Mendikanten nehme ich aus). Bei allen anderen ist das Gold in Schlak-
ke verwandelt und der Wein mit Wasser gemischt (Jes 1,22), ja sogar zu
Gift geworden. Dadurch lassen sie die Feinde des Herrn Gott lästern
(2 Sam 12,14), wenn sie jeden Tag sagen: wo ist denn ihr Gott? (Ps
42,11).
Diesem Mißstand kann abgeholfen werden, indem man entweder
Bessere von anderen Orden einsetzt oder sie jedes Jahr visitiert und
züchtigt oder sie schließlich durch Säkularkleriker ersetzt. Die erste
Maßnahme ist bei weitem die leichteste, die dritte die nützlichste,
gereicht zur größeren Ehre Gottes und ist angesichts der Notlage die-
ser Provinz die vorzüglichste; die zweite ist die schwierigste und un-
sicherste, denn was mit Gewalt geschieht, wird kaum gut.

Über die Reform bestimmter Nonnen und die Hilfe für andere.

Bei den Zisterzienserinnen steht die Tür jederzeit für alle offen,
sowohl für die Nonnen zum Ausgang als auch für Männer zum Ein-
treten.
Alle aber, sowohl die Zisterzienserinnen wie die Klarissen, entbeh-
ren den Trost, den ihnen das Konzil von Trient nicht ohne Anregung
des Heiligen Geistes gewähren will, daß ihnen nämlich wenigstens
dreimal im Jahr ein außerordentlicher Beichtvater gegeben wird. Sie
sind ja gezwungen, immer bei ein- und demselben zu beichten, und es
steht ihnen nie frei, den Dienst eines anderen zu erbitten. Zu welcher
Gefahr das für die Seele führt, ich weiß es nicht, Gott weiß es (2 Kor
12,2f).
Ebenso stellen sie die Mädchen nie dem Bischof oder seinem Vikar
vor, damit er ihren freien Willen prüfen könne, die Ordensgelübde
abzulegen.

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Über die Vermehrung der Pfarrkirchen.

Die Diözese Genf ist zwischen sehr hohen Bergen gelegen; zwi-
schen ihren Gipfeln und Höhen sind aber häufig Dörfer mit zahlrei-
chen Familien zerstreut. Damit sie geistlich betreut werden, haben
die Vorfahren Kirchen gebaut, zu denen an den Feiertagen Pfarrer
kommen, die in den tiefer gelegenen Tälern wohnen, um dem Volk
die Wohltat des Meßopfers zu verschaffen. Da nun anfangs die Zahl
der Familien gering war, die an diesen rauhen Orten wohnten, mußte
dieser zeitweise Besuch der Seelsorger vollauf genügen, zumal vor
allem wegen der Armut der Äcker und der Bauern aus ihren Abgaben
kein Geistlicher ernährt und unterhalten werden konnte, der bei ih-
nen gewohnt hätte. Da aber Gott nun sowohl die Bevölkerung ver-
mehrt hat als auch durch die Arbeit und den Fleiß des Volkes das
unfruchtbare Land in Felder und Wiesen verwandelt wurde, wäre es
wünschenswert, ihnen Seelsorger zu geben, zu deren Unterhalt die
Abgaben ausreichten, die sie jährlich entrichten.
Das Hindernis, dies zu machen, ist folgendes: Fast immer stehen
die Abgaben dieser Orte den Äbten und Klöstern zu, denen sie auch
jetzt geleistet werden, während die Vorratskammern der Klöster voll
sind und nach allen Seiten überfließen und die Mönche wie fette Schafe
auf ihren Fluren (Ps 144,13) sehr zahlreich sind. Da man aber jetzt,
wie oben gesagt wurde, allgemein nur das Kleid von Mönchen fest-
stellen kann, rufen diese armen Bergbewohner wie Schafe, die keinen
Hirten haben (Mk 6,34): Warum nähren sich jene von unserer Milch
und kleiden sich von unserer Wolle, weiden aber unsere Herde weder
selbst noch durch andere (Ez 34,3)? Ihre Frage scheint berechtigt.
Ich habe eine Pfarrkirche besucht und visitiert, die zuhöchst in den
Bergen liegt, zu der man nur auf Händen und Füßen kriechend gelan-
gen kann, sechs italienische Meilen von der nächsten Kirche entfernt.
Ihr einziger Pfarrer, der allein beide leitet, feiert in jeder von ihnen
jeden Sonntag die Messe, ich kann nicht sagen, mit welcher Mühe,
unter welchen Gefahren, welchem Ungemach, besonders im Winter,
wenn in jener Gegend alles von Eis und Schnee bedeckt ist. Als ich
hinkam, riefen mir Männer und Frauen, Große und Kleine von allen
Seiten zu: Wie kommt es, daß wir alle Kirchengesetze beobachten,
den Zehnten und die Erstlingsgaben abliefern und uns kein Seelsor-
ger gewährt wird? Wir sind vielmehr wie eine Herde, die keine Weide

55
findet (Klgl 1,6). Alles bekommt doch der Abt des benachbarten Klos-
ters.
Es ist zwar Aufgabe der Bischöfe, zu entscheiden, was in solchen
Fällen zu tun ist; das ist aber kaum möglich. Denn vor allem werden
Prozesse über Besitzrechte vor weltlichen Gerichten angestrengt.
Wenn sie keinen Erfolg haben, belasten sie den, der die Entscheidung
getroffen hat, mit verschiedenen Berufungen, die sie nicht gebrau-
chen, sondern mißbrauchen; nicht weil sie belastet werden, sagt der
hl. Bernhard, sondern um zu belasten. Möge doch ein Visitator mit
apostolischer Autorität kommen, treu und klug, der den einzelnen
Kirchen gleich Familien das für jede notwendige Maß des Unterhalts
zuteilt (Lk 12,42)!

Über die Häretiker in der Diözese.

Außer jenen 450 Pfarreien, von denen wir gesagt haben, daß sie von
wahren Katholiken bewohnt werden, bleiben noch 130 andere, die
zum Teil unter der despotischen Gewalt der Berner stehen, zum Teil
unter der Herrschaft des allerchristlichsten Königs. Was die von den
Bernern besetzten betrifft, ist nichts zu erhoffen, bis die Stadt Bern
selbst zur Ordnung zurückgeführt wird.
Was aber die übrigen betrifft, die unter der Hoheit des allerchrist-
lichsten Königs stehen, [heißt uns der König selbst zu Recht immer
zu hoffen, und auf sein Geheiß habe ich bisher vier Jahre gehofft;
jetzt aber beginnen meine Augen zu versagen in Erwartung seines Ver-
sprechens und sagen: Wann wird er mich trösten (Ps 119,82)? Darü-
ber weiß der Hochwürdigste Kardinal del Bufalo bestens Bescheid.
Als Nuntius des Heiligen Stuhls in Frankreich hat er in seinem Eifer
für die Ehre Gottes den König zu bewegen versucht, daß er uns das
Recht verschaffe, in diesen Pfarreien die kirchlichen Güter zu erhal-
ten, und was die Hauptsache ist, die katholische Religion auszuüben,
was den anderen Bischöfen und Geistlichen im ganzen übrigen Kö-
nigreich gewährt wurde.]
Über Genf will ich weiter nichts hinzufügen; denn was Rom für die
Engel und Katholiken ist, das ist Genf für die Teufel und Häretiker.
Allen, die den römischen, d. h. den wahren Glauben bekennen, vor
allem dem Papst und den Fürsten obliegt es, daß dieses Babylon ent-

56
weder zerstört oder bekehrt wird, mehr aber, daß es sich bekehre und
lebe (Ez 18,23) und den preise, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Franz, Bischof von Genf.

Wie sehr äußere Verwaltungsaufgaben, die allerdings im Dienst der Seel-


sorge standen, auch später die geistliche Leitung der Diözese erschwerten,
zeigt ein Brief vom 12. 9. 1613 an Bischof Antoine de Revol (OEA XVI,69-
71):

– – – Ich habe dauernd Scherereien, die mir die Leitung dieser


Diözese ständig bereitet. Ich finde nicht einen Tag, um meine armen
Bücher anzusehen, die ich manchmal so geliebt habe und jetzt nicht
mehr zu lieben wage aus Furcht, daß die Trennung von ihnen, zu der
ich gekommen bin, mir noch härter und verdrießlicher werde.
Wir haben wohl ein kleines Gebiet, wo seit kurzem durch die Auto-
rität des Königs und gemäß dem Edikt von Nantes die kirchliche
Verwaltung wiederhergestellt ist. Aber diese Verwaltung stellt mich
mehr vor die Aufgabe, mit den Prädikanten um die zeitlichen Güter
der Kirche zu streiten, die sie uns vorenthalten, als sie und das Volk
von der Wahrheit der geistlichen Güter zu überzeugen, nach denen
sie streben müßten. Es ist erstaunlich, wie diese Schlangen ihre Oh-
ren verstopfen, um die Stimme des Schlangenbeschwörers nicht zu
hören, wie weise und heilig er sie auch beschwören mag. Es gibt hier
eine ausreichende Zahl von guten Seelsorgern und tüchtigen Kapuzi-
nerpatres. Wenn auch die Menschen nicht auf sie hören, Gott schaut
auf sie und wird ohne Zwefel ihre gegenwärtige Nutzlosigkeit für das
Heilige annehmen, die er später durch eine fruchtbare Ernte ausglei-
chen wird, und wenn sie unter Tränen säen, werden sie mit Freuden
ernten ...

2. Die Diözesan-Synode

Ein wichtiges Instrument der Leitung der Seelsorge war für Franz von
Sales die jährliche Diözesan-Synode, eine Einrichtung, die er von seinem
Vorgänger übernahm, die er zu einem geistlich ausgerichteten Treffen der
Pfarrer ausgestaltete, die mit ihm die Liturgie feierten und Fragen der
Seelsorge berieten.
Hier wird die Einberufung der ersten Synode, wenige Wochen nach der
Übernahme des Amtes (OEA XXIII,261f) wiedergegeben, sowie deren
grundlegende Konstitutionen (XXIII,262-267), die auch einen Einblick in

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den Stand der Seelsorge zu Beginn seines Wirkens als Bischof geben; an-
schließend die Konstitutionen der Synode von 1605 (XXIII,305-310) und
von 1617 (XXIII,389-398) – Die Funktion der in den Konstitutionen ge-
nannten ‚Aufseher‘ entsprach in etwa jener der Dekane im heutigen Sinn.

Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh-
les Gnade Fürstbischof von Genf, entbietet seinen Gruß allen, die
das Folgende sehen.
Entsprechend den apostolischen Anordnungen und Bestimmungen
und der allgemeinen Übereinstimmung der Kirche Gottes ordnen
Wir hiermit Fasten und Abstinenz in der ganzen Diözese für die hei-
lige Fastenzeit an. Wir verbieten ausdrücklich allen Personen jegli-
chen Standes, Speisen, die nach den Gesetzen und dem Brauch der
Kirche in dieser Zeit verboten sind, zu essen, zu verkaufen und zu
verabreichen, ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis von Uns, von
Unserem Generalvikar oder anderen dazu Bevollmächtigten, die am
Schluß dieses Schreibens genannt sind.
Hiermit berufen Wir auch die Synode ein, dem löblichen Brauch
gemäß für den Mittwoch der zweiten Woche nach Ostern. 13 Wir ge-
bieten allen Pfarrern und den übrigen, die dazugehören, sich persön-
lich dazu einzufinden, um die Konstitutionen zu hören und die für
ihr Amt und das Wohl ihrer Gemeinde notwendigen Anordnungen.
Wir ordnen auch die Residenz an für alle, die ein Benefizium inneha-
ben, das sie durch Gesetz oder Gewohnheit erfordert. Sie haben genau
innerhalb von zwei Monaten nach Erlaß dieses Schreibens ihrer Ver-
pflichtung nachzukommen, um persönlich ihr Amt und ihren Dienst
zu versehen, oder den Grund anzugeben, warum sie in Anspruch neh-
men könnten, dazu nicht verpflichtet zu sein. Andernfalls wird gegen
sie nach der Strenge der kanonischen Gesetze vorgegangen.
Gegeben zu Annecy am 15. Januar 1603.

Konstitutionen der Synode vom 2. Oktober 1603.

Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh-
les Gnade Fürstbischof von Genf: allen Geistlichen Unserer Diözese
Gruß.
Vom Wunsch beseelt, daß die Anordnungen, die auf der jüngsten
Synode (der ersten die unter Unserer Amtsführung gehalten wurde)
erlassen wurden, sorgsam befolgt werden, haben Wir sie drucken las-

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sen, damit die Bekanntmachung leichter ist und ihr keinen Vorwand
der Unkenntnis habt, sondern ihr sie vor Augen habt und sie befolgt
nach ihrem Wortlaut, der folgt.
1. Wir haben hingewiesen auf die Canones der früheren Konzile
und sie von neuem veröffentlicht, die den Geistlichen verbieten, in
ihren Häusern und Wohnungen irgendwelche Frauen zu halten, deren
Aufenthalt und Verbleib mit ihnen gerechterweise Verdacht erwek-
ken könnte; und soweit eine Notwendigkeit bestand, haben Wir die-
ses Verbot unter Androhung strenger Bestrafung von neuem ausge-
sprochen.
2. Wir haben den hochwürdigen Aufsehern dieser Diözese die Voll-
macht gegeben und geben sie ihnen, in den Pfarreien, die ihnen anver-
traut sind, von der Beobachtung der gebotenen Feiertage je nach Not-
wendigkeit zu dispensieren, und allen Pfarrern und allen anderen,
vor allem Beamten des Laienstandes verboten, solche Erlaubnisse zu
geben.
3. Bezüglich der Differenzen, die zwischen den Pfarrern entstehen
könnten wegen der Almosen bei Begräbnissen von Gläubigen, die in
einer Pfarrei sterben und in der anderen beerdigt werden, wurde an-
geordnet, daß die Beleuchtung gleichmäßig zwischen den Pfarrern
geteilt werde, die auch beide Gebete und Messen für den Verstorbe-
nen darbringen werden. Das Jahresgedächtnis wird jedoch von dem
Pfarrer gehalten, der den Toten beerdigt hat, wofür das Leichentuch
und die anderen Almosen der Leichenfeier ihm verbleiben. Alle an-
deren Differenzen werden dem Urteil der Aufseher überwiesen.
4. Alle Pfarrer werden am Sonntag und an gebotenen Feiertagen
den Katechismus des Hochwürdigsten Kardinals Bellarmin lehren,
zur Stunde, die nach den örtlichen Verhältnissen am geeignetsten
scheint. Zu diesem Zweck werden sie sich bemühen, an den Wochen-
tagen diesen Katechismus die kleinen Kinder zu lehren, damit sie
darauf antworten können.
5. Die Pfarrer werden aus ihren Kirchen und vor allem aus ihrem
Chor profane Möbel entfernen, die während des Krieges dort in Si-
cherheit gebracht wurden, und sie werden von jetzt an nicht erlauben,
daß solche Dinge ohne offenkundige Notwendigkeit dort eingestellt
werden.
6. Alle Geistlichen werden in allem genau die Dekrete des heiligen
Konzils von Trient befolgen, besonders in dem, was das göttliche Of-

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fizium und die Feier der Messe betrifft. Und künftig wird keiner zum
Examen für die Priesterweihe zugelassen, der nicht ein Zeugnis des
Aufsehers seines Ortes mitbringt, daß er die heiligen Zeremonien
nach dem Ritus von Trient genau beherrscht.
7. Alle Pfarrer werden für ihre Kirchen Tabernakel mit passenden
Ziborien aufstellen und besorgen, um das allerheiligste Sakrament
auf dem Altar aufzubewahren. Jeden ersten Sonntag des Monats wer-
den sie die heiligen Hostien erneuern, die für die Kranken bestimmt
sind. Die heilige Hostie, die am Fronleichnamsfest ausgesetzt wird,
werden sie nur bis zum Tag unmittelbar nach der Oktav aufbewahren
und sie an diesem Tag konsumieren.
8. Die Residenz wird allen Pfarrern aufgetragen sowie allen, die ein
Seelsorgeamt haben (wenn sie nicht rechtmäßig entschuldigt sind),
unter Androhung des Entzugs ihrer Benefizien. Das gilt als letzte
Aufforderung.
9. Allen Geistlichen wird auferlegt, sich angemessen zu kleiden,
stets die Tonsur und den klerikalen Kranz auf dem Kopf zu tragen
und den Bart über der Oberlippe zu stutzen.
10. Der Besuch von Schenken und Wirtshäusern ist für alle Geistli-
chen am Ort ihrer Residenz verboten, ohne Ausnahme und jeglichen
Vorwand, selbst der Bezahlung und jedes anderen, außer in Fällen
offenbarer Notwendigkeit, wobei sie sich dort mit aller Bescheiden-
heit und Mäßigkeit benehmen.
11. Ihnen sind unerlaubte Spiele an allen Orten verboten; die er-
laubten und anderer Zeitvertreib auf Plätzen, an Straßenecken, auf
Straßen, an Wegen und anderen öffentlichen Orten. Ebenso auch die
Jagd mit Parforcehunden und Büchse, die zu tragen ihnen völlig ver-
wehrt ist; darüber hinaus jede andere Jagd, die je nach verschiedenen
Orten selbst Laien verboten ist.
12. Alle Pfarrer werden die heiligen Öle jedes Jahr aus der Hand
jener empfangen, die dazu aufgestellt sind, sie zu verteilen, und sie
werden diese in geziemenden und unzerbrechlichen Gefäßen aufbe-
wahren. Die sie verteilen, werden eine Liste der Empfänger führen.
13. Kein Geistlicher wird unter irgendeinem Vorwand, so heilig
und fromm er scheinen mag, Geld für die Austeilung der heiligen
Kommunion verlangen, weder direkt noch indirekt, in welcher Weise
es geschehe, unter Androhung exemplarischer Bestrafung.

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14. Keiner mache bei der Predigt irgendeine Ankündigung von welt-
lichen und profanen Dingen und Geschäften, sondern nur darüber,
was den Dienst (Gottes und) der Seelen betrifft.
15. Die Pfarrer werden künftig adeligen Damen und anderen Frau-
en nicht gestatten, ihren Kirchenstuhl im Chor der Kirche aufzustel-
len, und werden dafür sorgen, jene entfernen zu lassen, die mißbräuch-
lich dort aufgestellt sind; ebenso dafür, daß die Fenster und Fenster-
scheiben ihrer Kirchen ganz und geschlossen sind, besonders jene,
die dem Altar entsprechen, während man die heilige Messe feiert.
16. Keiner nehme von jetzt an den Exorzismus vor, wenn er nicht
besonders und von neuem dazu ermächtigt ist. Und es ist allen Exor-
zisten allgemein verboten, dem Teufel zu befehlen, daß er die Namen
von Zauberern und Hexen zu offenbaren habe, noch irgendeine ande-
re Art von Sünde.
17. Jahrmärkte und Kaufläden sind für Geistliche verboten, außer
im Notfall, was selten vorkommt. In diesem Fall werden sie sich ih-
rem Stand entsprechend verhalten, nicht als Kaufleute und Händler.
18. Allen, die ein Seelsorgeamt haben, wird auferlegt, die Register
der Taufen, Eheschließungen und Beerdigungen auf gutem Stand zu
halten und eine unterzeichnete Abschrift davon bei jeder Synode in
Unserer Registratur abzuliefern.
19. Die Pfarrer werden an drei verschiedenen Sonntagen bei der
Predigt bekanntgeben lassen, daß die Rektoren oder Gründer von
Kapellen, die sich in ihrer Pfarrei befinden, innerhalb eines Monats
nach der letzten Verkündigung vor Unserem Generalvikar zu erschei-
nen haben, um ihn über den Dienst und die Mittel des Unterhalts
dieser Kapellen zu unterrichten. Im Fall der Unterlassung werden sie
abgerissen und das Einkommen, das sich finden wird, dem Hauptal-
tar der Pfarrei oder irgendeinem anderen zugeteilt, je nachdem was
zweckmäßig ist.
20. Die Pfarrer werden dafür sorgen, daß die Benefiziaten von Ka-
pellen ihre Pflicht erfüllen, werden sie auch freundlich aufnehmen
und ihnen die notwendigen Dinge zur Feier der Messe besorgen, zu
der sie ihnen zur Stunde und auf gebührende Weise zu läuten erlau-
ben werden.
21. Die Pfarrer werden ehestens die Hebammen ihrer Pfarrei kom-
men lassen, um sie über die Form und Materie der Taufe zu befragen.

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Wenn sie diese nicht kennen, werden sie sie darüber belehren, damit
sie im äußersten Notfall mit der erforderlichen Form, Materie und
Intention taufen können.
22. Es ist verboten, bei Gebeten und Beschwörungen gegen Unwet-
ter unbekannte Worte, abergläubische Ausdrücke und Zeichen zu ge-
brauchen.
23. Jede andere Form der Verkündigung als jene, die durch Unse-
ren hochwürdigsten Vorgänger (Gott hab’ ihn selig) veröffentlicht
wurde, ist ganz und gar verboten.
24. Ebenso auch jede andere Art der Absolutionsformel als die fol-
gende ...
Schließlich wird allen Pfarrern und Vikaren aufgetragen, diese Kon-
stitutionen zu besitzen und sie in ihrer Sakristei anzuschlagen oder
an einem anderen Platz ihrer Kirche, wo sie diese oft sehen und erwä-
gen können, zur Ehre Gottes und zum Heil des Volkes.
Franz, Bischof von Genf.
Decomba.

Konstitutionen der Synode vom 20. April 1605.

Die Nachlässigkeit, die der Großteil der Unserem Amt unterste-


henden Geistlichen in der Befolgung unserer ersten Anordnungen
gezeigt hat, und die Erkenntnis der Notwendigkeit am Beginn Unse-
rer allgemeinen Visitation, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen
vorzubeugen, die zwischen den Pfarrern und Pfarrangehörigen ent-
stehen könnten, haben Uns bewogen, diese Konstitutionen zu erlas-
sen.
Erstens haben Wir angeordnet, daß die Konstitutionen, die Wir auf
der Synode vom 2. Oktober 1603 erlassen haben, von neuem veröf-
fentlicht werden, selbst mit dem, was von den Schenken und Wirts-
häusern, unter welchem Vorwand immer, handelt, damit sie mit den
gegenwärtigen befolgt werden.
Alle Inhaber von Benefizien, die ein Seelsorgeamt haben, sind ver-
pflichtet, innerhalb von sechs Wochen persönlich anwesend zu sein,
unter Androhung der Exkommunikation, wenn sie nicht gültig dis-
pensiert sind. Dazu sind sie verpflichtet, innerhalb der gleichen Zeit
vor Uns oder unserem Generalvikar zu erscheinen. Damit die Inha-
ber dieser Benefizien nicht den Grund der Unkenntnis in Anspruch

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nehmen, wird ihren Vikaren aufgetragen, sie davon zu unterrichten
und ihnen mündlich oder schriftlich diese Anordnung mitzuteilen
und unserem Generalvikar innerhalb eines Monats einen Akt zu über-
geben, aus dem er ihre Sorgfalt ersehen kann; unter der Strafe von 50
Pfund für jeden Säumigen.
Allen Geistlichen ist es verboten, künftig den Exorzismus vorzu-
nehmen, wenn sie nicht von neuem von Uns oder unserem Generalvi-
kar zugelassen und diese Zulassung denen schriftlich gegeben wird,
die für geeignet befunden werden, dieses Amt auszuüben. Ihnen ver-
bieten Wir unter Androhung der Exkommunikation, den Exorzismus
außerhalb der Kirche vorzunehmen, die Besessenen in ihrem Haus
zu behalten, vor allem Frauen und Mädchen, und mit ihnen Reisen
und Wallfahrten zu machen; unter der Strafe von 25 Pfund und ande-
ren Maßnahmen.
Keinem Ordensmann, gleich von welchem Orden, soll es erlaubt
sein, in unserer Diözese zu predigen, wenn er nicht die schriftliche
Erlaubnis von Uns oder unserem Generalvikar hat. Er ist gehalten,
diese dem Pfarrer des Ortes zu zeigen, wo er predigen will, und ihn
davon zu verständigen, bevor dieser das Hochamt beginnt, damit er
die Möglichkeit hat, die Pfarrkinder aufzufordern, daß sie der Pre-
digt beiwohnen.
Alle Pfarrangehörigen sind gehalten, zu Ostern bei ihrem Pfarrer
zu beichten oder bei anderen, die Vollmacht haben, Beichte zu hören.
Und bezüglich der heiligen Kommunion sind sie gehalten, sie in ih-
rer Pfarrei zu empfangen aus der Hand ihres Pfarrers oder anderer,
die von ihm beauftragt sind. Wenn es einzelne gibt, die die Kommuni-
on nicht aus der Hand ihres Pfarrers empfangen wollen, werden sie
gehalten sein, ihm das mitzuteilen und ihn um Erlaubnis zu bitten,
anderswohin zu gehen; der Pfarrer wird sie geben, ohne weiter nach
der Veranlassung zu fragen. Diese Pfarrkinder werden innerhalb von
acht Tagen nach Ostern eine Bestätigung von dem Priester bringen,
der ihnen die Kommunion gespendet hat, auf die Gefahr hin, sonst
für Häretiker gehalten zu werden.
Für jene, die mit dem Unserer Diözese benachbarten Gebiet der
Häretiker verkehren oder auch dort zu wohnen gezwungen sind, um
ihren Lebensunterhalt zu verdienen, haben Wir allen Pfarrern und
den übrigen, die Beichterlaubnis haben, die Vollmacht gegeben, ihre
Beichte zu hören und sie loszusprechen, daß sie von unserer Mutter
Kirche gebotene Feiertage nicht gehalten, an den Vigiltagen und an

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Quatember der Fastenzeit nicht gefastet haben; ebenso, daß sie an
diesen Tagen Fleisch gegessen haben, ausgenommen die Freitage und
Samstage; ebenso daß sie bei den Predigten der Prädikanten waren,
sofern sie nicht das Abendmahl genommen haben.
Um vielen Streitigkeiten und Auseinandersetzungen vorzubeugen,
die zwischen den Pfarrern und den Pfarrangehörigen entstehen wegen
des Leichentuchs, das man über die Toten breitet, während man sie zu
Grabe trägt, haben Wir angeordnet, daß die Erben des Verstorbenen
oder andere, die für die Leichenfeier aufzukommen haben, wählen
können, ob sie das Leichentuch dem Herrn Pfarrer überlassen oder es
zurückerwerben, indem sie 6 Gulden zahlen; und für das Häubchen
oder Kleidchen, das man auf die kleinen Kinder legt, 2 Gulden.
Wegen der Klagen, die Uns erreichten, daß manche Pfarrer die Be-
leuchtung zurückbehalten, die man bei der Leichenfeier und beim
Leichengottesdienst am Tag des Begräbnisses trägt, und sie nicht für
die Messe verwenden wollen, die sie am nächsten Tag feiern, sondern
eine andere verlangen, haben Wir angeordnet, daß die Pfarrer gehal-
ten sind, die Beleuchtung aufzustellen am nächsten Tag und während
der drei Tage, an denen man für die Toten zu beten pflegt, solange sie
reicht. Nach drei Tagen soll dem Pfarrer gehören, was übrig ist. Wenn
der Fall eintritt, daß am nächsten Tag keine Messe gefeiert wird, sol-
len sie keineswegs verpflichtet sein, die Beleuchtung aufzustellen.
In manchen Kirchen Unserer Diözese werden die Pfarrer gebeten,
die Beleuchtung für Begräbnisse zu besorgen, und wenn es zum Be-
zahlen kommt, sind sie sehr oft gezwungen, deswegen mit ihren Pfarr-
kindern einen Prozeß zu führen. Da Wir dem vorbeugen wollen, ha-
ben Wir angeordnet: Wenn die Pfarrer die Beleuchtung besorgen,
werden sie diese in Gegenwart der Auftraggeber wiegen, bevor sie
diese herausgeben, wie auch, wenn sie sie zurücknehmen. Man wird
ihnen für das verbrauchte Wachs 5 Gulden für das Pfund von Annecy
bezahlen. Zum gleichen Preis soll man die Beleuchtung bezahlen, die
man das Jahr über aufstellen läßt.
Aus der Erkenntnis, daß es manche Kapellen mit geringem Ein-
kommen gibt, die von der Stiftung mit großen Diensten belastet sind,
denen die Rektoren nicht entsprechen können, haben Wir angeord-
net, daß der Rektor einer Kapelle, die z. B. nur 10 Gulden Einkom-
men hat, nur 20 Messen zu lesen verpflichtet ist, entsprechend 6 Sous
für die Messe, und in gleicher Weise die anderen. Wir wollen jedoch

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jene, die Kapellen mit einem guten Einkommen innehaben, nicht zu
mehr Dienst verpflichten, als ihnen durch deren Stiftung aufgetragen
ist.
Wir verpflichten alle Geistlichen, die in Unserer Diözese wohnen,
künftig das Fest ‚Petrus in vinculis‘ mit seiner Oktav zu feiern, da es
das Patrozinium Unserer Kathedrale ist; ebenso auch den Jahrestag
ihrer Weihe, das ist der 8. Oktober.
Wir haben Kenntnis davon bekommen, daß viele Pfarrer und ande-
re Inhaber von Benefizien in Unserer Diözese Prozesse gegen ihre
Pfarrangehörigen anstrengen, manchmal mehr aus Animosität als aus
Eifer, die Güter ihrer Kirchen und Benefizien zu erhalten, wobei es
leicht wäre, den Streit am Anfang beizulegen. Daher haben Wir allen
Pfarrern und anderen Benefiziaten verboten, künftig Prozesse gegen
ihre Pfarrangehörigen anzustrengen, außer sie haben sich vorher mit
ihrem Aufseher beraten. Dieser wird die Parteien anhören und sie zu
einigen versuchen. Wenn er sieht, daß das Unrecht auf der Seite der
Pfarrangehörigen liegt und sie sich nicht zur Vernunft bringen lassen,
soll es den Pfarrern erlaubt sein, ihr Recht durch die Justiz zu su-
chen.
Obwohl alle Veräußerungen von Kirchengütern durch das Recht
verboten sind, außer wenn sie offenkundig zu ihrem Vorteil und Nut-
zen sind (in diesem Fall muß man noch die Erlaubnis der Vorgesetz-
ten haben), hat Unser Vermögensverwalter Uns aufmerksam gemacht,
daß manche Inhaber von Benefizien, sowohl Pfarrer und Rektoren
von Kapellen als auch andere, ohne Unser Wissen und Unsere Zu-
stimmung oder die unseres Generalvikars die Grundlagen ihrer Be-
nefizien vertauschen oder verkaufen, was Anlaß zu vielen Prozessen
gibt. Um dem vorzubeugen, haben Wir alle Verträge der Veräuße-
rung oder des Tausches von Geistlichen für nichtig erklärt, die ge-
schlossen wurden oder künftig geschlossen werden ohne Unser Siegel
oder das unseres Generalvikars, und verpflichten die Inhaber von
Benefizien, innerhalb von sechs Monaten wieder beizubringen, was
auf diese Weise veräußert wurde, unter Strafe von 50 Pfund. Damit
verbinden Wir das Verbot an alle Inhaber von Benefizien, ohne Un-
sere Erlaubnis Güter zu veräußern, die von ihrem Benefizium abhän-
gen, unter Strafe von 100 Pfund. Wir tragen den Aufsehern auf, ihre
Hand darüber zu halten, jeder innerhalb seiner Aufsicht, und den
Vermögensverwaltern, jene zu melden, die dem zuwiderhandeln, da-
mit dann nach dem Recht in dieser Sache verfahren werde.

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Bestimmungen der Synode vom 12. April 1617.

1. Alle, die von Rechts wegen verpflichtet sind, an der Synode teil-
zunehmen, werden künftig im Chorhemd und mit dem viereckigen
Birett erscheinen. Die Aufseher sollen so früh zu kommen trachten,
daß sie an der Versammlung am Tag vor der feierlichen Synode teil-
nehmen können, um vorzubereiten, was man bezüglich der Schwie-
rigkeiten und Erfordernisse der Diözese vorlegen und erklären muß.
2. Alle Pfarrer werden nach ihrer Rückkehr von der Synode drei
Messen lesen: eine vom Heiligen Geist für den ganzen Klerus dieser
Diözese, eine für den Frieden, das Wohlergehen unserer Fürsten und
die gute Amtsführung der von ihnen eingesetzten Beamten, die dritte
für die verstorbenen Bischöfe, Pfarrer und Geistlichen der Diözese.
3. Alle Pfarrer werden ihre Pfarrkinder zu besonderen Gebeten auf-
fordern für den Frieden und die Erhaltung der Staaten Seiner Hoheit;
in Städten werden sie diese jeden Tag verrichten, in den Dörfern an
Sonn- und Feiertagen, uzw. am Abend oder bei der Vesper, wenn sie
gesungen wird und das Volk daran teilnimmt.
4. Wenn die Aufseher an den Orten ihrer Aufsicht sind, werden sie
alle außerordentlichen Beichtväter rufen, d. h. jene, die nicht Pfarrer
sind, um ihre Zulassung zu sehen oder sie zurückzuweisen, wenn sie
keine haben. Und weil manche, nachdem sie diese erhalten haben,
überaus unwissend geworden sind, werden die Aufseher sie prüfen,
um zu sehen, ob es ratsam ist, ihre Zulassung zu verlängern für die
ganze Zeit, die ihre Urkunde angibt, oder sie zu widerrufen, wenn das
nicht gut wäre. In diesem Fall werden sie ihnen deren Widerruf in
Unserem Namen erklären.
5. Die Priester, die zur Spendung der Sakramente zugelassen wer-
den wollen, werden sich den auf der Synode bestimmten Examinato-
ren am ersten Donnerstag jeden Monats vorstellen, wenn nicht ein
Feiertag auf ihn trifft. In diesem Fall sollen sie sich am nächstfolgen-
den vorstellen, um geprüft und dann vom hochwürdigsten Herrn Ge-
neralvikar oder seinen Substituten approbiert zu werden. Die Pfarrer
sollen die anderen Priester ihrer Pfarrei darauf hinweisen, damit sie
sich nicht an anderen Tagen vorstellen, an denen sie nicht angenom-
men werden.
6. Jene, die künftig zu den heiligen Weihen zugelassen werden wol-
len, werden sich gemäß der Anordnung des heiligen Konzils von Tri-
ent mit einem guten und ausreichenden Titel versehen vorstellen. Als

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solcher wird er nicht betrachtet werden, wenn er nicht wenigstens
120 Gulden beträgt und nicht in Gegenwart des Aufsehers ausgestellt
und bestimmt wurde. Sie werden auch eine Bestätigung ihres Pfarrers
vorlegen, daß drei Aufgebote in der Verkündigung ihrer Kirche ge-
macht wurden, ohne daß irgendein Hindernis für den Empfang der
heiligen Weihen bei ihnen gefunden worden ist. Sie werden außerdem
gehalten sein, die Weihen auszuüben, die sie haben, und darüber eine
schriftliche Bestätigung ihres Pfarrers vorzulegen, wie auch über ihr
Alter und ihre guten Sitten. Die Herren Pfarrer werden ermahnt und
beim ewigen Richter beschworen, darin sehr gewissenhaft zu sein.
7. Kein Geistlicher, ob Welt- oder Ordenspriester, soll zugelassen
werden, das Wort Gottes zu predigen, bevor er von den Examinatoren
geprüft und von Uns oder unserem Generalvikar approbiert ist. Wir
nehmen davon allerdings die Doktoren und Graduierten der Theolo-
gie aus, die ohne Prüfung zugelassen werden können, und diejenigen,
denen Wir früher eine solche Erlaubnis gegeben haben. Unter diesem
Verbot wollen Wir auch nicht die Herren Pfarrer verstanden wissen,
die durch ihre Anstellung das ihnen anvertraute Volk nicht nur be-
lehren können, sondern ihrer Bedeutung entsprechend müssen.
8. Alle Beichtväter dieser Stadt und die von deren Aufsicht, Welt-
priester wie Ordensleute, werden zweimal im Jahr zusammenkom-
men, nämlich vor der Fastenzeit und vor Allerheiligen, um eine Kon-
ferenz über das Bußsakrament zu halten. Zu dieser Konferenz wer-
den auch alle Beichtväter jeder Aufsicht einmal im Jahr zusammen-
kommen, nämlich vor der Fastenzeit, am Ort, wo die heiligen Öle
verteilt werden, und das in Anwesenheit des Aufsehers oder eines
anderen Beauftragten als Vorsitzender.
9. Die Verteilung der heiligen Öle wird zunächst geschehen durch
den kleinen Pförtner oder Untersakristan der Kathedrale an die Ab-
gesandten der Städte und Ortschaften, die ihm für jeden Pfarrer, der
in ihrer Liste aufgeführt ist, zwei Sous bezahlen. Die Abgesandten
werden sie an die in ihrer Liste verzeichneten Pfarrer verteilen, von
denen sie je vier Sous erhalten; davon sind zwei die Erstattung für die
zwei, die sie dem erwähnten Untersakristan bezahlt haben, die ande-
ren zwei für die Auslagen, die sie hatten, um das Öl zu holen und zu
erneuern. Das soll pünktlich in der Zeit zwischen Ostern und Pfing-
sten geschehen, und anschließend sollen die genannten Verteiler in-
nerhalb von vierzehn Tagen unserem Generalvikar die Liste derjeni-

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gen schicken, die sie nicht geholt haben. Sie werden beim Abfüllen
der heiligen Öle darauf achten, allmählich nichtgeweihtes Öl zum
geweihten zu gießen, nicht umgekehrt, und werden sie keinem zum
Überbringen geben, der nicht heilige Weihen empfangen hat.
10. Wir werden den weltlichen Arm anrufen, damit die Buchhänd-
ler, im Land ansässige wie fremde, ihre Bücher nicht zum Verkauf
ausstellen, bevor sie ein Verzeichnis davon vorgelegt haben: in dieser
Stadt unserem Generalvikar, sonst dem Pfarrer des Ortes, an dem sie
diese ausstellen wollen; dies um zu verhindern, daß verbotene Bü-
cher zum Schaden der Gewissen verbreitet werden.
11. Alle Geistlichen, die Frauen, gleich welchen Alters, zu ihrem
Dienst oder sonstwie halten, werden sie entlassen und innerhalb ei-
nes Monats ausziehen lassen; unter der Strafe der Exkommunikation,
die nach Ablauf der Frist eintritt und Uns vorbehalten ist, und ande-
rer angemessener Bestrafung. Ausgenommen sind jene, die das Ge-
setz erlaubt, wie Mutter, Schwester, Stiefmutter, Stiefschwester, leib-
liche Cousine und Nichte vom Bruder oder der Schwester. Wenn sich
nach Ablauf des Monats noch jemand findet, der dieser Bestimmung
nicht entsprochen hat, sollen die Aufseher unserem Generalvikar
Nachricht geben.
12. Um dem großen Ärgernis abzuhelfen, soweit Wir können, das
mehrere Geistliche dem christlichen Volk geben durch den Besuch
von Schenken, indem sie die früher erlassenen Verbote mißachten,
erneuern Wir sie unter größerer Strafandrohung, nämlich der von
selbst eintretenden und Uns reservierten Exkommunikation. Diese
ziehen sich alle Geistlichen zu, die im Bereich ihrer Pfarrei und ihres
Wohnortes in einer Schenke essen und trinken, außer einzig im Fall
von Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und Bruderschaftsfesten. Da-
von nehmen Wir jedoch nicht aus Verlobungen, Jahresgedächtnisse,
Zahltage von Steuern und Besoldung, noch irgendeinen anderen Vor-
wand.
13. Alle Benefiziaten, sowohl von Pfarreien wie Kapellen, werden
sobald als möglich alle Titel und Dokumente ihrer Kirchen und Ka-
pellen dem Archiv der Diözese bringen oder schicken, um dort auf-
bewahrt und gehütet zu werden. Sie werden den Inhabern und Rekto-
ren der genannten Kirchen und Kapellen je nach Anlaß und Bedarf
ausgefolgt werden. Darauf sollen die Aufseher die Pfarrer und die
übrigen Benefiziaten ihres Bezirks aufmerksam machen, damit sie
ein Verzeichnis ihrer genannten Titel aufstellen, die ihnen für die

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Anforderung ihrer Einkünfte genügen werden. Die Kapitel werden an
das genannte Archiv wenigstens das allgemeine Verzeichnis ihrer Ti-
tel senden.
14. Alle Pfarrer werden innerhalb von drei Monaten ihre Tauf-,
Ehe- und Beerdigungsbücher an die bischöfliche Kanzlei schicken;
unter der Strafe der Suspendierung vom Amt, sobald die drei Monate
verstrichen sind.
15. Die Beichtväter sollen die Frauen darauf hinweisen, daß sie
entsprechend den Anordnungen der heiligen Väter und der Oberhir-
ten der Kirche Männerklöster nicht betreten dürfen.
16. Die Beichtväter sollen darauf achten, daß sie die Beichte von
Frauen nicht hören in der Sakristei, in Zimmern und anderen ge-
schlossenen Räumen, sondern im Beichtstuhl und an Orten, die der
allgemeinen Sicht ausgesetzt sind.
17. Wir erneuern das Verbot der durch die heiligen Canones verbo-
tenen Spiele, ja auch von erlaubten an öffentlichen und heiligen Or-
ten oder von anderen, bei denen man Ärgernis geben kann.
18. Die Bescheidenheit und der äußere Anstand sei den Geistlichen
in der Weise empfohlen, daß man sie nicht mehr lange, gezwirbelte
und gedrehte Schnurrbärte tragen sieht, daß sie vielmehr in ihrem
ganzen Äußeren großes Maßhalten zeigen.
19. Wir erneuern das Gebot der Residenz für Benefizien, mit denen
Seelsorge verbunden ist, entsprechend dem heiligen Konzil, mit der
Anordnung, jene zu zitieren, die nicht residieren, wenn sie nicht durch
ein apostolisches Indult dispensiert sind.
20. Die Geistlichen werden künftig bei öffentlichen Versammlun-
gen mit dem viereckigen Birett erscheinen, in den Städten werden sie
in Soutane und Mantel gehen, in den Dörfern wenigstens in der Souta-
nelle.
21. Die Geistlichen werden keinen Straf- oder Zivilprozeß anstren-
gen, wenn sie sich nicht mit den Moderatoren in Verbindung gesetzt
haben, die in dieser Stadt wohnen, um zu sehen, ob der Prozeß ver-
mieden oder beigelegt werden kann, und wenn es notwendig ist, zu
plädieren, um ihn nicht ohne gute Grundlage zu führen.
22. Sollte es vorkommen, daß irgendein Geistlicher seinen Wein
im einzelnen verkaufen muß, dann darf er unter keinerlei Vorwand
etwas anderes verkaufen und darf nicht erlauben, daß der Wein in
Räumen seines Hauses getrunken wird.

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23. Alle Weltpriester wissen, daß sie zur Befolgung der Synodal-
Konstitutionen verpflichtet sind und daß die Ordensleute sie in dem
befolgen, was sie betrifft, wie: nicht ohne Approbation Beichte zu
hören und zu predigen, Personen dieser Diözese nicht von reservier-
ten Fällen zu absolvieren, und allgemein, daß sie die übrigen Anord-
nungen befolgen, die sie betreffen, wenn sie mit Weltlichen zu tun
haben.
24. Alle Pfarrer werden an der Synode teilnehmen, unter der Aufla-
ge einer angemessenen Buße. Wenn sie ankommen, werden sie sich
dem bischöflichen Aktuar vorstellen, um ihren Namen anzugeben
und die Gebühr zu zahlen, die die heiligen Canones die ‚Kathedralta-
xe‘ nennen, die auf zwei Sous festgesetzt ist. Die nicht an der Synode
teilnehmen, werden die gleiche Verpflichtung durch einen Vertreter
erfüllen.
25. Die Pfarrer der Städte und Ortschaften werden nicht versäu-
men, jeden Sonntag in ihrer Kirche die Christenlehre zu halten, unter
Androhung einer angemessenen Strafe. Die Pfarrer der Dörfer wer-
den ermahnt, sie nach ihren Möglichkeiten zu halten.
26. Wir erneuern die Anordnung, das für den Gebrauch dieser Di-
özese verfaßte Rituale zu besitzen und zu gebrauchen und die darin
enthaltene Verkündigung zu machen, indem sie diese dem Volk vor-
lesen.
27. Die Pfarrer werden darauf achten, den Gebeten für die Verstor-
benen beim Begräbnis und beim Jahresgedächtnis keine neuen Re-
sponsorien hinzuzufügen, ebenso nicht-approbierte Gebete, die nicht
im Rituale dieser Diözese enthalten sind.
28. Die Pfarrer werden ihren Pfarrkindern erlauben, ihre Beichte
bei approbierten Beichtvätern zu machen, die sie wünschen. Sie sol-
len ihnen aber eine Bestätigung darüber bringen, sonst gelten sie, als
hätten sie nicht gebeichtet. Sie werden dagegen, wenn sie es nicht für
gut halten, diese Erlaubnis nicht für die heilige Kommunion geben.
29. Die Pfarrer werden die Aufgebote der Hochzeiten machen und
die veröffentlichten und unterzeichneten Monitorien verkünden, ohne
irgendeine Gebühr zu verlangen.
30. Man wird die Bestimmung der Kirche einschärfen und befol-
gen, die Hochzeiten nur am Morgen bei der Messe zu feiern, in der
die Mädchen den Brautsegen empfangen. Und sie sollen aufgefordert
werden, daß sie mit ihrem Bräutigam, entsprechend der Rubrik des
Missale, die Kommunion empfangen.

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31. Die Pfarrer werden sorgsam darauf achten, daß man in der Kir-
che nicht bestimmte Weihnachtslieder singt, die voll von würdelosen,
profanen Worten sind, die der Predigt und der den heiligen Orten und
Dingen gebührenden Ehrfurcht widersprechen; ebenso, daß man nicht
den Psalmen, die man am Fest der Geburt des Herrn singt, gewisse
lächerliche Worte voller Gotteslästerungen hinzufügt. Vielmehr sol-
len beim Gottesdienst geflissentlich einzig die heiligen Zeremonien
eingehalten werden, die die katholische Kirche gottesfürchtig einge-
führt hat.

3. Bestimmungen für die Katechese

In den Synodal-Konstitutionen 1603 wurden die Pfarrer zum Katechismus-


Unterricht verpflichtet, der vom Konzil von Trient zwar vorgeschrieben, aber
noch nicht durchgeführt war. Darüber hinaus gründete Franz von Sales eine
eigene Bruderschaft von Laien, mit einem Prior und verschiedenen Ämtern,
bestellte einen Priester als Diözesanbeauftragten für die Katechese und führte
ein ‚Fest des Katechismus‘ ein, das er am 11. Januar 1604 zum erstenmal
feierte. In Annecy hat er selbst zwei Jahre die Katechese mit großem Erfolg
gehalten.
Von seinen Bestimmungen für die Stadt Annecy vom Oktober 1603 (OEA
XXIII,273-275) ist nur ein Fragment überliefert; die Bestimmungen für die
Pfarreien der Diözese (XXIII,276-278) regelten die Katechese durch die Bru-
derschaft.

Für die Stadt Annecy.

– – – Man bestimme zwei Jungen, um die Kinder zu versammeln,


von denen einer sie diesseits der Brücken sammelt, der andere jen-
seits. Beide sollen eine kurze blaue Dalmatik tragen, auf der vorne
und hinten der Name Jesus gemalt ist; jeder soll ein Glöcklein tragen,
mit dem er die Kinder zusammenruft.
Es soll nur zwei Klassen geben, eine für die kleinen Kinder, die
andere für die Größeren.
Am Beginn des Katechismus wird man irgendein Lied singen, wäh-
rend man die Mittagsstunde erwartet; ebenso wird man am Schluß
wieder ein anderes singen.
Man wird am Sonntag nach dem Fest des Katechismus beginnen.
Die Herren des Rates werden gebeten, den Erlaß Seiner Hoheit
über die christliche Lehre bekanntmachen zu lassen. – – –

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Für die Pfarreien der Diözese.

Man wird das Volk durch ein Glockenzeichen so früh vor der Ves-
per zusammenrufen, daß der Katechismus den ganzen Sommer über
zwei Stunden dauern kann.
Wenn das Glockenzeichen gegeben ist, wird der Pförtner die Schu-
le oder Kirche öffnen, die Bänke aufstellen und die Ankommenden
an der Tür erwarten. Er wird die Kinder hineinführen und sie die
rechte Art des Grußes lehren, damit sie sagen können: „Gott gebe uns
seinen Frieden.“ Er wird sie das Kreuzzeichen mit dem Weihwasser
machen lehren, wie auch das Gebet des Herrn und den Englischen
Gruß zu sprechen. Wo sie dazu nicht fähig sind, wird er sich wenigs-
tens bemühen, daß sie die Kniebeugung vor dem allerheiligsten Sa-
krament auf dem Hochaltar machen. Dann wird er sie in ihre Bänke
einweisen.
Der Prior wird einige weitere Brüder zur Unterstützung des Pfört-
ners bestimmen, die ebenso vorgehen. Der Prior und die übrigen Of-
fizianten werden sich bemühen, pünktlich in der Schule zu sein, und
dafür sorgen, daß die Kinder unterwiesen werden und das Schweigen
beobachten.
Man wird sie so lange unterweisen, wie es der Prior für gut befindet.
Er wird darauf achten, daß jeder seine Aufgabe gut erfüllt. Wenn er
nicht durch sein Amt verhindert ist, wird er jene bestimmen, die fra-
gen und antworten können, wobei er stets die am besten Unterrichte-
ten und Fähigen wählen wird.
Der Subprior und Ermahner werden gleicherweise darauf achten,
daß kein Lärm gemacht wird, andernfalls werden sie stillschweigend
dem Ruhegebieter ein Zeichen geben; deshalb werden sie auf ver-
schiedene Plätze der Schule verteilt sein, wenn sich nicht der Prior
mit ihnen bespricht, während die anderen unterrichten.
Nachdem darauf einige Zeit verwendet wurde, wobei die Lehrer
volle Freiheit im Unterricht haben (sie werden für gewöhnlich vier
bis sechs Kinder haben), wird der Prior ein Glockenzeichen geben,
niederknien und die anderen dasselbe tun heißen. Darauf wird er das
vor dem Wechselgespräch übliche Gebet sprechen und mit seinen
Kindern den Segen des Priesters empfangen (wenn einer anwesend
ist). Dann läßt er sie auf einem erhöhten Platz Aufstellung nehmen,
wo sie gesehen werden können, die einen auf dieser, die anderen auf
der anderen Seite.

72
Nachdem diese Kinder das Kreuzzeichen gemacht und die Worte
laut gesprochen haben, werden sie den Abschnitt des Katechismus
aufsagen, der ihnen angegeben wurde; die einen werden die Fragen
stellen, die anderen darauf antworten. Manchmal wird er sie einhal-
ten lassen und sie fragen, was er will, um sie auf diese Weise verstän-
diger und aufmerksamer zu machen. Er wird indessen darauf achten,
daß das Gespräch von Dingen handelt, die bereits gesagt wurden.
Deshalb werden alle Kinder derselben Ordnung und Klasse am glei-
chen Platz sitzen, damit er ohne Zeitverlust jedes fragen kann, wie es
sich trifft. Und ausgehend von dem, was gesagt wurde, wird er einen
kleinen Vortrag halten und eine Zusammenfassung geben, damit alle
diese Lehre ihrem Geist besser einprägen können. Wenn er das nicht
machen könnte, wird er irgendeinen Lehrer oder Offizianten darum
bitten.
Wenn das geschehen ist, wird man das kleine Gesetz der guten Sit-
ten vorlegen, das alle anhören; hernach wird man das Gebet verrich-
ten, wie es angeordnet ist.
Schließlich (wenn man nicht die Abwesenden feststellen oder ein-
zelne zurechtweisen muß) wird man die Kinder entlassen, indem man
sie ermahnt, bescheiden zu sein, sich zu merken, was gesagt wurde,
und am nächsten Feiertag pünktlich wiederzukommen.
Der Prior wird Belohnungen verteilen an jene, die eifrig und be-
scheiden waren, wie fromme Bildchen, Rosenkränze, Medaillen und
ähnliche Dinge; denn auf diese Weise wird er erreichen, daß sie sich
immer besser betragen. Der Kanzler wird die Fehlenden in der Liste
vermerken, ob sie krank sind, und wird darüber dem Prior und den
anderen Offizianten berichten. Darauf wird man die Predigt oder
Ermahnung hören, die der Priester hält.
Wenigstens einmal im Monat wird der Prior einen von den Offizi-
anten oder Lehrern zur General- oder Diözesanversammlung schi-
cken, der über den ganzen Stand und die Bedürfnisse seiner Schule
berichten wird. Ebenso werden alle anderen einander durch irgendei-
nen der Ihren besuchen, damit ein aufrichtiger Austausch aller Früch-
te und des geistlichen Nutzens zur größeren Ehre Gottes geschieht.

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4. Weisungen für die Beichtväter 14

Den Herren Pfarrern und Beichtvätern der Diözese Genf.


Frieden und Gruß im Herrn.

Meine lieben Brüder!


Ihr übt ein erhabenes Amt aus, da ihr von Gott bestellt seid, um die
Seelen mit solcher Autorität zu richten, daß das Urteil, das ihr recht-
mäßig auf Erden fällt, im Himmel bestätigt wird. Euer Mund ist der
Kanal, durch den der Friede vom Himmel zur Erde fließt auf die
Menschen guten Willens (Lk 2,14); eure Stimme ist die Posaune des
erhabenen Jesus, die die Mauern der Bosheit, das ist des mystischen
Jerichos (Jos 6,1ff) zerstört.
Es ist eine überaus große Ehre für einen Menschen, zu dieser Wür-
de erhoben zu werden, zu der selbst Engel nicht berufen sind; denn zu
welchem Engelchor wurde je gesagt: Empfanget den Heiligen Geist;
wem ihr die Sünden nachlaßt, dem sind sie nachgelassen (Joh 20,22f)?
Das wurde jedoch zu den Aposteln gesagt und in ihrer Person zu al-
len, die durch rechtmäßige Nachfolge die gleiche Vollmacht empfin-
gen. Da ihr also zu diesem bewundernswerten Dienst bestellt seid,
müßt ihr Tag und Nacht eure Sorgfalt auf ihn verwenden und ich ei-
nen großen Teil meiner Aufmerksamkeit.
Deshalb habe ich, nachdem ich vor einiger Zeit eine Sammlung von
einigen Bemerkungen gemacht habe, die ich für geeignet halte, euch
in diesem Dienst eine Hilfe zu sein, daraus diese kleine Denkschrift
zusammengestellt, die ich euch überreiche, weil ich glaube, daß sie
für euch recht nützlich sein wird.

I. Die Disposition des Beichtvaters.

Habt eine große Zartheit und Reinheit des Gewissens, weil ihr die
Gewissen der anderen reinigen und läutern sollt, damit man euch nicht
das alte Sprichwort vorhält: Arzt, heile dich selbst (Lk 4,23); und das
Wort des Apostels: Worin du die anderen richtest, verurteilst du dich
selbst (Röm 2,1). Wenn ihr daher zum Beichtdienst gerufen werdet
und euch im Zustand der Todsünde befindet (was Gott verhüte), müßt
ihr zuerst selbst zur Beichte gehen und die Lossprechung empfangen;
oder wenn ihr wegen Mangels eines Beichtvaters diese Wohltat nicht
haben könnt, müßt ihr in euch die heilige Reue erwecken.

74
Habt ein glühendes Verlangen nach dem Heil der Seelen, beson-
ders derjenigen, die sich zur Beichte einfinden, und bittet Gott, er
möge gnädig zu ihrer Belehrung und zu ihrem geistlichen Fortschritt
mitwirken.
Denkt daran, daß euch die armen Pönitenten zu Beginn ihres Be-
kenntnisses ‚Vater‘ nennen und daß ihr tatsächlich ein väterliches Herz
für sie haben müßt, indem ihr sie mit äußerster Liebe empfangt und
ihre Ungeschliffenheit und Unwissenheit, ihre Geistesschwäche, Un-
beholfenheit und andere Unvollkommenheiten geduldig ertragt; ihr
sollt nie müde werden, ihnen zu helfen und beizustehen, solange ir-
gendeine Hoffnung auf ihre Besserung besteht, nach dem Ausspruch
des hl. Bernhard: Die Sorge der Hirten gilt nicht den starken Seelen,
sondern den Schwachen und Gebrechlichen; denn die Starken tun
von sich aus genug, aber die Schwachen muß man tragen. Obwohl der
verschwenderische Sohn ganz nackt, schmutzig und übelriechend zu-
rückkam, umarmte ihn sein gütiger Vater trotzdem, küßte ihn liebe-
voll und weinte über ihn (Lk 15,15.20), weil er sein Vater war und
weil das Herz der Väter voll Zärtlichkeit für das der Kinder ist.
Habt die Klugheit eines Arztes, weil auch die Sünden geistliche
Krankheiten und Leiden sind, und beobachtet aufmerksam die Ver-
fassung eures Pönitenten, um ihn entsprechend zu behandeln. Wenn
ihr ihn daher z. B. von Scham und Scheu gequält seht, dann gebt ihm
die Gewißheit des Vertrauens, indem ihr ihm versichert, daß ihr kein
Engel seid, so wenig wie er; daß ihr es nicht befremdend findet, daß
die Menschen sündigen; daß die Beichte und Buße den Menschen
unendlich ehrenwerter macht, als ihn die Sünde erniedrigen konnte;
daß vor allem Gott, aber auch die Beichtväter die Menschen nicht
danach einschätzen, was sie in der Vergangenheit gewesen sind, son-
dern danach, was sie gegenwärtig sind; daß die Sünden in der Beichte
vor Gott und dem Beichtvater begraben werden, so daß ihrer nie mehr
gedacht wird.
Wenn ihr ihn unverschämt und ohne Reue seht, dann gebt ihm recht
zu verstehen, daß er sich vor Gott niederzuwerfen kommt; daß es bei
der Beichte um sein ewiges Heil geht; daß er in der Stunde des Todes
über nichts so streng Rechenschaft geben wird wie über die Beichten,
die er schlecht gemacht hat; daß in der Lossprechung der Preis und
das Verdienst des Todes und der Passion Unseres Herrn zugewendet
werden.

75
Wenn ihr ihn furchtsam seht, niedergeschlagen und ohne Vertrau-
en, die Vergebung seiner Sünden zu erlangen, dann richtet ihn auf,
zeigt ihm das große Wohlgefallen, das Gott an der Buße der großen
Sünder hat; daß die Barmherzigkeit Gottes um so mehr verherrlicht
wird, je größer unser Elend ist; daß Unser Herr Gott, seinen Vater,
für die gebeten hat, die ihn kreuzigten (Lk 33,34), um uns erkennen
zu lassen, daß er uns sehr gern verzeihen würde, wenn wir ihn mit
unseren eigenen Händen gekreuzigt hätten; daß Gott die Buße so
hoch schätzt, daß die geringste Buße der Welt, wenn sie nur echt ist,
ihn jede Art der Sünde vergessen läßt, so daß selbst den Teufeln alle
ihre Sünden vergeben würden, wenn sie Reue haben könnten; daß die
größten Heiligen große Sünder waren: der hl. Petrus, der hl. Matthä-
us, die hl. Magdalena, David etc.; schließlich, daß es das größte Un-
recht ist, das man der Güte Gottes, dem Leiden und Sterben Jesu
Christi zufügen kann, wenn man kein Vertrauen hat, Vergebung für
unsere Missetaten zu erlangen; daß wir durch einen Glaubensartikel
verpflichtet sind, an die Vergebung der Sünden zu glauben, damit wir
nicht daran zweifeln, sie zu erlangen, wenn wir unsere Zuflucht zu
dem Sakrament nehmen, das Unser Herr zu diesem Zweck eingesetzt
hat.
Wenn ihr ihn verwirrt seht, so daß er seine Sünden nicht gut ange-
ben kann oder sein Gewissen nicht zu erforschen verstand, dann ver-
sprecht ihm euren Beistand und versichert ihm, daß ihr mit Gottes
Hilfe nichts unterlassen wollt, um ihn eine gute und heilige Beichte
machen zu lassen.
Vor allem seid liebenswürdig und taktvoll gegen alle, besonders
aber gegenüber Frauen, um ihnen das Bekenntnis beschämender Sün-
den zu erleichtern.
1. Wenn sie sich von selbst irgendwelcher Worte anklagen, die sie
wiedergeben, dann zeigt euch keineswegs zimperlich oder erweckt
den Eindruck, sie befremdend zu finden, bis das ganze Bekenntnis
abgeschlossen ist; dann könnt ihr sie gütig und liebenswürdig über
eine sittsamere Form belehren, sich in diesen Dingen auszudrücken.
2. Wenn sie bei diesen beschämenden Sünden ihre Anklage mit
Entschuldigungen, Ausreden und Geschichten verbinden, dann habt
Geduld und verwirrt sie in keiner Weise, bis sie alles gesagt haben;
dann könnt ihr sie über diese Sünde zu fragen beginnen, um sie zu
veranlassen, die Erklärung ihrer Sünden vollkommener und genauer
zu machen, indem ihr ihnen liebenswürdig das Überflüssige, das

76
Ungehörige und Unvollkommene zeigt, das sie begangen haben, in-
dem sie sich entschuldigten, ihre Anklage beschönigten und verschlei-
erten, ohne sie jedoch irgendwie zu tadeln.
3. Wenn ihr seht, daß es ihnen schwer fällt, sich selbst dieser be-
schämenden Sünden anzuklagen, dann beginnt damit, sie über die
leichteren auszufragen, etwa ob sie Gefallen gefunden haben, Uneh-
renhaftes reden zu hören, daran gedacht haben; wenn ihr so allmäh-
lich von einem zum anderen weitergeht, d. h. vom Hören zu Gedan-
ken, von Gedanken zu Begierden, vom Wollen zu Handlungen, in
dem Maß, wie sie sich erklären, dann werdet ihr sie ermutigen, immer
weiter zu gehen, indem ihr ihnen manchmal Worte sagt wie diese:
Wie glücklich sind Sie, gut zu beichten! Glauben Sie, daß Gott Ihnen
eine große Gnade erweist. Ich erkenne, daß der Heilige Geist Ihr
Herz bewegt, um Sie eine gute Beichte machen zu lassen. Haben Sie
guten Mut, mein Kind, sagen Sie kühn Ihre Sünden und seien Sie
unbesorgt; Sie werden dann eine große Befriedigung empfinden, gut
gebeichtet zu haben, und möchten es um nichts in der Welt missen,
Ihr Gewissen vollkommen entlastet zu haben. In der Todesstunde
wird es Ihnen ein großer Trost sein, diese demütige Beichte gemacht
zu haben. Gott segne Ihr Herz, das so willig bereit ist, sich richtig
anzuklagen. – Auf diese Weise werdet ihr ihre Seele sanft dazu drän-
gen, ein vollständiges Bekenntnis abzulegen.
4. Wenn ihr Menschen begegnet, die wegen außergewöhnlicher Sün-
den wie Hexerei, Einlassen mit dem Teufel, Bestialität, Mord und
ähnlicher Ungeheuerlichkeiten äußerst verschreckt und in ihrem Ge-
wissen beunruhigt sind, dann müßt ihr sie mit allen Mitteln aufrich-
ten und trösten. Versichert sie der großen Barmherzigkeit Gottes, die
unendlich größer ist, um ihnen zu vergeben, als alle Sünden der Welt,
um sie zu verdammen; versprecht ihnen, daß ihr ihnen in allem bei-
stehen werdet, wessen sie von euch zum Heil ihrer Seele bedürfen.

II. Die äußere Disposition.

Wenn es ein Sakrament gibt, bei dessen Spendung man mit Ernst
und Würde auftreten muß, dann ist es das Bußsakrament, weil wir in
ihm von Gott bestellte Richter sind. Ihr werdet dabei also in Soutane
und Chorrock, die Stola umgelegt und das Birett auf dem Kopf, an
einem sichtbaren Platz der Kirche sitzen, mit freundlicher und wür-
devoller Miene, die ihr nie ändern dürft durch irgendwelche äußere

77
Gesten oder Zeichen, die Unmut oder Verdruß verraten könnten, aus
Furcht, denen, die euch sehen, irgendwie Anlaß zur Vermutung zu
geben, daß euch der Pönitent etwas Unerfreuliches oder Ungeheuer-
liches sage.
Ihr werdet veranlassen, daß euer Pönitent sein Gesicht dem euren
in der Weise zuwendet, daß er euch nicht ansieht und nicht direkt in
euer Ohr spricht, sondern daran vorbei.

III. Fragen, bevor sich der Pönitent anklagt.

Ist der Pönitent erschienen, so muß man ihn vor allem nach seinem
Stand und Rang befragen, d. h. ob er verheiratet ist oder nicht, Geist-
licher oder nicht, Ordensmann oder weltlich, Advokat oder Prokura-
tor, Handwerker oder Arbeiter; denn je nach seinem Stand muß man
unterschiedlich mit ihm vorgehen.
Danach muß man wissen, ob er die Absicht hat, sich all seiner Sün-
den anzuklagen, ohne wissentlich etwas zu verschweigen; ebenso die
Sünde aufzugeben und völlig zu verabscheuen und zu tun, was ihm zu
seinem Heil auferlegt wird. Wenn er diesen Willen nicht hat, muß
man sich damit befassen, ihn dafür zu disponieren, wenn es möglich
ist. Wenn das nicht zu erreichen ist, muß man ihn wegschicken, nach-
dem man ihm zu verstehen gegeben hat, wie gefährlich und bedau-
ernswert sein Zustand ist.

IV. Worüber sich der Pönitent anklagen muß.

Es ist ein unerträglicher Mißbrauch, wenn sich die Sünder von sich
aus keiner Sünde anklagen, sondern nur, soweit man sie fragt. Man
muß sie daher lehren, sich zuerst von sich aus anzuklagen, soweit sie
es vermögen, und ihnen dann helfen und beistehen durch Aufforde-
rungen und Fragen.
Es genügt nicht, daß sich der Pönitent nur der Gattung seiner Sün-
den anklagt, etwa daß er ein Mörder, Unzüchtiger oder Räuber war;
es ist vielmehr erforderlich, daß er die Art nennt, ob er z. B. der
Mörder seines Vaters oder seiner Mutter war, denn das ist eine Art
des Mordes, die sich von anderen unterscheidet und Elternmord heißt;
ob er in der Kirche getötet hat, denn darin liegt ein Sakrileg; oder ob
er einen Geistlichen ermordet hat, denn das ist ein geistlicher Vater-

78
mord und ist mit der Exkommunikation belegt. Ebenso bei der Sünde
der Unzucht: ob er eine Jungfrau verführt hat, denn das ist eine Schän-
dung; ob er mit einer verheirateten Frau verkehrt hat, das ist Ehe-
bruch; und so bei den anderen Sünden.
Man muß nicht nur nach der Art der Sünde fragen, sondern auch
nach ihrer Zahl, damit sich der Pönitent darüber anklagt und sagt,
wie oft er eine solche Sünde begangen hat, oder ungefähr, so genau er
es nach seiner Erinnerung kann, oder wenigstens sagt, wie lange er
sich in seiner Sünde aufgehalten und ob er sich ihr sehr hingegeben
hat; es ist ja ein Unterschied, ob einer einmal geflucht hat oder hun-
dertmal oder ob er es gewohnheitsmäßig tut.
Man muß den Pönitenten auch nach den verschiedenen Graden der
Sünde fragen. Es ist z. B. ein großer Unterschied, ob man innerlich
zürnt, schimpft, mit der Faust zuschlägt oder mit einem Stock oder
mit dem Degen; das sind verschiedene Grade der Sünde des Zorns.
Dasselbe ist zu sagen von unzüchtigen Blicken, unehrbaren Berüh-
rungen und der fleischlichen Vereinigung; das sind verschiedene Grade
ein- und derselben Sünde. Es ist richtig, daß einer, der eine schlechte
Handlung beichtet, nicht nötig hat, die anderen zu beichten, die not-
wendigerweise erforderlich sind, um diese zu begehen; wer sich z. B.
anklagt, ein Mädchen einmal verführt zu haben, ist nicht verpflichtet,
die Küsse und Berührungen anzugeben, die er dabei und bei dieser
Gelegenheit gemacht hat, denn das versteht sich hinreichend, ohne
daß man es sagt, und die Anklage über solche Dinge ist enthalten im
Bekenntnis der vollendeten Handlung der Sünde.
Dasselbe sage ich von Sünden, deren Schwere sich in ein- und der-
selben Handlung verdoppeln und vervielfachen kann. Wer z. B. einen
Taler stiehlt, begeht eine Sünde; wer deren zwei stiehlt, begeht auch
nur eine Sünde und von der gleichen Art, aber trotzdem ist die Sünde
im zweiten Fall im Vergleich zum ersten doppelt so groß. Ebenso
kann es vorkommen, daß man durch schlechtes Beispiel einer Person
Ärgernis gibt, und mit einem anderen schlechten Beispiel der glei-
chen Art gibt man dreißig oder vierzig Personen Ärgernis, und es ist
kein Vergleich zwischen der einen und der anderen Sünde. Deshalb
muß man, soweit es sich gut machen läßt, die Menge dessen näher
bestimmen, was man gestohlen hat, die Zahl der Leute, denen man
durch eine einzige Handlung Ärgernis gegeben hat, und so nachein-
ander bei anderen Sünden, deren Schwere ja nach der Zahl der Perso-
nen und der Menge der Gegenstände zunimmt.

79
Man muß noch weiter gehen und den Pönitenten befragen bezüg-
lich der rein inneren Begierden und Wünsche, sei es, ob er irgendwie
Rache nehmen wollte, etwas Unehrbares tun oder ähnliches; denn
diese schlechten Wünsche sind Sünde.
Man muß noch weiter gehen und die schlechten Gedanken erfor-
schen, auch wenn ihnen keine Begierden und Wünsche folgen. Wer
z.B. Freude daran hat, an den Tod, den Ruin oder das Unglück seines
Feindes zu denken, obwohl er solche Wirkungen nicht wünscht, hat
dennoch gegen die Nächstenliebe gefehlt und muß sich dessen genau
anklagen, wenn er freiwillig und bewußt Wohlgefallen und Freude an
solchen Vorstellungen und Gedanken hatte. Genau so ist es bei ei-
nem, der freiwillig, um Freude daran zu haben, sich in Gedanken und
Vorstellungen der Fleischeslust aufhält und daran Wohlgefallen hat;
denn er sündigt innerlich gegen die Keuschheit und muß sich dessen
anklagen, zumal er zwar nicht seinen Leib der Sünde hingeben wollte,
ihr aber doch sein Herz und seine Seele hingegeben hat. Nun besteht
die Sünde mehr in der Zuwendung des Herzens als des Leibes, und es
ist in keiner Weise erlaubt, bewußt Wohlgefallen und Befriedigung an
der Sünde zu haben, weder durch Handlungen des Leibes noch durch
Akte des Herzens. Ich habe ‚bewußt‘ gesagt, denn die schlechten Ge-
danken, die uns gegen unseren Willen kommen, und ohne daß wir
ganz darauf achten, sind überhaupt keine Sünde oder sind keine Tod-
sünde.
Außerdem muß sich der Pönitent noch der Sünden anderer ankla-
gen nach dem Beispiel Davids (Ps 19,14); denn wer durch schlechtes
Beispiel oder auf andere Weise jemand zur Sünde verleitet hat, ist
dessen schuldig; man nennt das Ärgernis im engeren Sinn. Dagegen
muß man, soweit das geschehen kann, den Pönitenten daran hindern,
die Mitschuldigen an seiner Sünde zu nennen oder zu erkennen zu
geben.

V. Von der Sorgfalt des Beichtvaters, keinen loszusprechen, der für die Gna-
de Gottes nicht empfänglich ist.

Danach muß der Beichtvater feststellen, ob der Pönitent in der Ver-


fassung ist, die Lossprechung zu empfangen, die bestimmten Grup-
pen von Menschen nicht gegeben werden darf. Dafür will ich euch
einige Beispiele nennen, die euch Aufschluß über alles übrige geben
werden.

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1. Jene, die sich in der größeren Exkommunikation befinden, kann
der Beichtvater davon nicht lossprechen ohne Ermächtigung des Vor-
gesetzten, außer wenn sie ihm nicht vorbehalten ist.
2. Ebenso können jene, die eine dem Papst oder dem Bischof vorbe-
haltene Sünde haben, nicht ohne deren Vollmacht losgesprochen wer-
den. Man muß sie also an jene verweisen, die die Vollmacht haben,
oder sie warten lassen, bis man sie eingeholt hat, wenn das leicht
geschehen kann.
3. Fälscher, falsche Zeugen, Diebe, Wucherer, solche, die sich Gü-
ter, Titel, Rechte, Ehrenstellen eines anderen unrechtmäßig aneig-
nen und sie zurückbehalten, ebenso solche, die fromme Legate, Al-
mosen, Erstlingsgaben und Abgaben zurückbehalten, böswillige Pro-
zessierer, Ehrabschneider und allgemein alle, die dem Nächsten Scha-
den zufügen, können ebenfalls nicht losgesprochen werden, wenn sie
nicht auf die bestmögliche Weise das Unrecht und den Schaden gut-
machen oder wenigstens versprechen, es tatsächlich wieder gutzuma-
chen.
4. Ebenso Eheleute, die in Zwietracht getrennt voneinander leben
oder die ehelichen Pflichten nicht erfüllen wollen; sie können nicht
losgesprochen werden, solange sie auf diesem verkehrten Willen be-
harren.
5. Geistliche, die ihr Benefizium unrechtmäßig erlangt haben oder
etwas damit Unvereinbares haben ohne rechtmäßige Dispens oder
die das Offizium grundsätzlich nicht verrichten und das geistliche
Kleid nicht tragen; sie alle dürfen nicht losgesprochen werden, wenn
sie nicht versprechen, es in Ordnung zu bringen und alle diese Fehler
zu bessern.
6. Ebenso dürfen Konkubinarier, Ehebrecher, Säufer nicht losge-
sprochen werden, wenn sie nicht den festen Vorsatz erkennen lassen,
nicht nur von ihren Sünden zu lassen, sondern auch die Gelegenhei-
ten dazu aufzugeben. Solche sind für Konkubinarier und Ehebrecher
ihre Frauenzimmer, die sie fortschicken müssen; für die Säufer die
Wirtshäuser, für die Flucher das Spielen.
7. Schließlich können Streitsüchtige, die Rachegefühle und Feind-
schaften haben, die Lossprechung nicht empfangen, wenn sie nicht
ihrerseits vergeben und sich mit ihren Feinden versöhnen wollen.

81
VI. Wie man die Wiedergutmachung und Wiederherstellung der Güter und
der Ehre des Nächsten auferlegen muß.

Nachdem nun der Beichtvater die Gewissensverfassung des Pöni-


tenten richtig erkannt hat, muß er bestimmen und anordnen, wovon
er sieht, daß es notwendig ist, um ihn für die Gnade Gottes empfäng-
lich zu machen, sowohl was die Rückerstattung der Güter des Nächs-
ten, die Wiedergutmachung des Unrechts und der Beleidigung be-
trifft, die er ihm zugefügt hat, als auch was die Besserung seines Le-
bens und die Flucht oder Entfernung der Gelegenheiten zur Sünde
betrifft.
Und bezüglich der Wiedergutmachung und Rückerstattung, die man
dem Nächsten leisten muß, muß man nach Möglichkeit ein Mittel
suchen, es heimlich zu tun, ohne daß der Pönitent bloßgestellt wird.
Wenn es sich um einen Diebstahl handelt, muß er das gestohlene Gut
oder den Gegenstand zurückgeben durch eine verschwiegene Person,
die den Rückerstatter nicht nennt und in keiner Weise verrät. Wenn
es eine falsche Beschuldigung oder eine Lüge war, muß man geschickt
dafür sorgen, daß der Pönitent, ohne diesen Anschein zu erwecken,
den gegenteiligen Eindruck erweckt bei jenen, vor denen er das Un-
recht begangen hat, indem er das Gegenteil dessen sagt, was er be-
hauptet hatte, ohne den Anschein von etwas anderem zu erwecken.
Was aber Wucher, falsche Prozesse und ähnliche Verwicklungen des
Gewissens betrifft, ist es notwendig, mit besonderer Klugheit deren
Wiedergutmachung anzuordnen.
Wenn sich der Beichtvater dazu nicht genügend in der Lage sieht,
muß er den Pönitenten freundlich um etwas Zeit bitten, um darüber
nachzudenken; dann soll er sich an besser Unterrichtete wenden, wie
es die Deputierten des Gebietes sind. Diese werden, wenn es der Fall
verdient, Unsere Weisung einholen oder die unseres Generalvikars.
Bei allen Dingen aber muß man darauf achten, daß diejenigen, deren
Rat man einholt, auf keinen Fall den Pönitenten erkennen oder erra-
ten können, wenn es nicht mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis ge-
schieht. Das darf man auch mit seiner Erlaubnis nicht tun, wenn es
nicht aus einer zwingenden Notwendigkeit geschieht und wenn er nicht
den Beichtvater außerhalb und nach der Beichte darum bittet.

82
VII. Die reservierten Fälle und die Beichte in periculo et articulo
mortis.

Nun, die Seiner Heiligkeit vorbehaltenen Fälle sind recht zahlreich,


aber der Großteil sind doch solche, daß sie diesseits der Alpen fast
nicht vorkommen; und was diejenigen betrifft, die vorkommen kön-
nen, ist ihre Zahl gering. Abgesehen von der Bulle ‚In Coena Domi-
ni‘ 15 sind es fünf:
1. Eine kirchliche Person töten oder schwer schlagen, aus Bosheit
und mit Absicht. Ich habe ‚schwer schlagen‘ gesagt, denn wenn der
Schlag leicht und das Übel unbedeutend ist, kann der Fall vom Bi-
schof absolviert werden, außer der Schlag war, obwohl an sich leicht,
ein großes Ärgernis, so wenn er z. B. einem Priester beim Gottes-
dienst gegeben wurde oder an einem Ort oder in einer Umgebung, die
sehr ehrwürdig und bedeutend sind.
2. Die Simonie und die tatsächliche Übereinkunft.
3. Die Sünde des Duells bei denen, die dazu fordern und den Zwei-
kampf durchführen.
4. Die Verletzung der Klausur von Klöstern klausurierter Nonnen,
wenn diese Verletzung zu einem bösen Zweck geschieht.
5. Die Verletzung der Immunitäten der Kirche. Dieser fünfte Fall
ist schwer zu erkennen und kommt kaum vor und stets durch öffentli-
che Handlungen, daher wird er fast nie in der Beichte entschieden,
wenn er nicht außerhalb von ihr durch die Bischöfe oder ihre Vikare
entschieden wurde.
Die Fälle der Bulle ‚In Coena Domini‘, die vorkommen können,
sind ebenfalls gering an Zahl:
1. Die Häresie, das Schisma, häretische Bücher besitzen und lesen,
die Fälschung von Bullen und Apostolischen Schreiben.
2. Die Verletzung von Freiheiten und Privilegien der Kirche, von
kirchlichen Gütern und Personen, die absichtlich geschieht; die wi-
derrechtliche Aneignung von kirchlichen Gütern, insofern sie kirch-
lich sind.
Die Fälle, die Wir uns vorbehalten haben, sind gering an Zahl:
1. Das erste Gebot betreffend haben wir reserviert die Hexerei und
die Zaubermittel, die gegen den Zweck der Ehe angewendet werden.
2. Das vierte betreffend haben Wir den Verwandtenmord reserviert,
der geschieht durch Töten oder Schlagen von Vater, Mutter, Schwie-
gervater, Schwiegermutter.

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3. Das fünfte Gebot betreffend haben Wir den absichtlich vollbrach-
ten Mord reserviert.
4. Das sechste betreffend haben Wir reserviert die Bestialität und
Sodomie, den Inzest im ersten und zweiten Grad und das Sakrileg,
das mit Nonnen und Ordensfrauen verübt wird, Vergewaltigung und
Nötigung von Mädchen und Frauen.
5. das siebente Gebot betreffend haben Wir reserviert die absichtli-
che Brandstiftung an Häusern des Nächsten, Plünderung und Dieb-
stahl von geweihten Gegenständen.
Für alle diese reservierten Fälle müßt ihr nun zwei Regeln beach-
ten:
1. Die Pönitenten, die sie begangen haben, trösten und nicht entmu-
tigen, sondern sie freundlich an diejenigen verweisen, denen Wir die
Vollmacht gegeben haben, die Wir in großer Zahl in allen Gebieten
der Diözese aufgestellt haben; denn wenn sie auch nicht von den Fäl-
len lossprechen können, die dem Papst reserviert sind, so können sie
ihnen doch den Weg weisen, um die Absolution zu erlangen.
2. Im äußersten Notfall und in Todesgefahr können und müssen alle
Priester, auch wenn sie keine Beichtvollmacht haben, welcher Art
und welchen Ranges sie auch sein mögen, allgemein von allen Sünden
lossprechen. Selbst jener, der krank geworden den Beichtvater ver-
langt, wenn er hernach die Sprache verloren hat und keinerlei Zei-
chen geben kann, muß auf den einfachen Wunsch nach der Beichte
hin losgesprochen werden. Außerdem muß man jenen absolvieren,
der zwar den Priester nicht verlangt hat, aber wenn er ihn sieht und
hört, dennoch ein Zeichen gibt, daß er die Lossprechung wünscht.

VIII.Wie man die Buße auferlegen und welche Ratschläge man den
Pönitenten geben soll.

Der Beichtvater muß die Buße mit gütigen und tröstenden Worten
auferlegen, vor allem dann, wenn er den Sünder recht bußfertig sieht,
und er soll ihn stets fragen, ob er sie gern verrichten will; denn wenn
er ihn verlegen sieht, wird er besser daran tun, ihm eine leichtere zu
geben, denn es ist in der Regel immer besser, die Pönitenten mit
Liebe und Güte zu behandeln (ohne ihnen jedoch in ihren Sünden zu
schmeicheln), als sie hart zu behandeln. Und trotzdem darf man nicht
vergessen, dem Pönitenten zu verstehen zu geben, daß er entspre-

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chend der Schwere seiner Sünden eine härtere Buße verdiente, damit
er demütiger und frommer verrichte, was man ihm auferlegt.
Die Bußen dürfen nicht verworren und nicht aus verschiedenen Ar-
ten von Gebeten zusammengesetzt sein, wie z. B. drei Vaterunser zu
beten, einen Hymnus, die Gebete der Kollekte, aus Antiphonen und
Psalmen. Es darf auch keine gegeben werden, die aus verschiedenarti-
gen Handlungen zusammengesetzt ist, wie z. B. drei Tage Almosen zu
geben, an drei Freitagen zu fasten, eine Messe lesen zu lassen, sich
fünfmal zu geißeln. Denn aus dieser Häufung von Handlungen oder
Gebeten ergeben sich zwei Unzuträglichkeiten: die eine, daß der Pö-
nitent darauf vergißt und dann Gewissensbisse hat; die andere, daß er
mehr daran denkt, was er zu beten oder zu tun hat, als an das, was er
betet oder tut, und während er in seinem Gedächtnis sucht, was er tun
muß, oder während der Gebetszeit, was er zu beten hat, die Frömmig-
keit sich abkühlt. Es ist daher besser, Gebete der gleichen Art aufzu-
geben, wie alles an Vaterunser oder alles aus Psalmen, die aufeinan-
der folgen, damit er nicht da und dort einen nach dem anderen suchen
muß. Und es wird sogar gut sein, das eine oder andere der folgenden
Dinge aufzugeben: etwa dieses oder jenes Buch zu lesen, das man für
geeignet hält, um dem Pönitenten zu helfen, oder ein Jahr lang jeden
Monat zu beichten, einer Bruderschaft beizutreten und ähnliche Hand-
lungen, die nicht nur als Buße für die begangenen Sünden dienen,
sondern auch als Vorbeugung gegen künftige Sünden.
Und was die Ratschläge betrifft, die der Beichtvater dem Pöniten-
ten im allgemeinen geben soll, so sind die nützlichsten für Personen
jeder Art folgende: sehr oft beichten und kommunizieren, einen gu-
ten ständigen Beichtvater wählen, häufig Predigten besuchen, gute
Bücher über die Frömmigkeit besitzen und lesen, so unter anderen
die des Ludwig von Granada, schlechte Gesellschaften zu fliehen und
gute aufzusuchen, sehr häufig zu Gott beten, am Abend das Gewissen
erforschen, an den Tod denken, an Gericht, Himmel und Hölle, heili-
ge Bilder haben und oft küssen, wie vom Gekreuzigten und andere.

IX. Wie man die Absolution geben muß.

Wenn das geschehen ist, werdet ihr, bevor ihr die Lossprechung
gebt, den Pönitenten fragen, ob er nicht demütig danach verlangt, daß
ihm seine Sünden nachgelassen werden, ob er nicht diese Gnade vom

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Verdienst des Todes und der Passion Unseres Herrn verlangt, ob er
nicht den Willen hat, künftig in der Furcht Gottes und im Gehorsam
gegen ihn zu leben.
Darauf könnt ihr ihm zu verstehen geben, daß das Urteil seiner
Lossprechung, das ihr auf Erden verkündet, im Himmel anerkannt
und bestätigt wird; daß die Engel und Heiligen im Himmel sich freu-
en, ihn in die Gnade Gottes zurückkehren zu sehen; er möge künftig
so leben, daß er in der Todesstunde die Frucht dieser Beichte genie-
ßen kann; und da er sein Gewissen im Blut des unschuldigen Lammes
Jesus Christus gewaschen hat (Offb 7,14), möge er darauf achten, es
nicht mehr zu beflecken.
Nachdem ihr diese oder ähnliche Worte des Trostes gesagt habt,
werdet ihr das Birett abnehmen, um die Gebete zu sprechen, die der
Absolution vorausgehen. Und wenn ihr das „Und Unser Herr Jesus
Christus“ gesagt habt, werdet ihr das Birett aufsetzen und die rechte
Hand gegen das Haupt des Pönitenten ausstrecken und mit der Abso-
lution fortfahren, wie es im Rituale angegeben ist.
Es ist richtig, wie der gelehrte Doktor Emmanuel Sa sagt „bei der
Beichte derjenigen, die oft beichten“, kann man alle Gebete weglas-
sen, die man vor und nach der Absolution spricht, und einfach sagen:
„Ich spreche dich los von all deinen Sünden. Im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dasselbe ist zu sagen,
wenn es eine Menge von Pönitenten gibt und die Zeit kurz ist, denn
man kann kluger Weise die Absolution kurz fassen und nur sagen:
„Unser Herr Jesus Christus spreche dich los und in seiner Vollmacht
spreche ich dich los von all deinen Sünden. Im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Ebenso kann man auch beim Andrang von Pönitenten, die häufig
beichten, diese auffordern, das Confiteor für sich zu sprechen, ehe sie
vor den Beichtvater treten, damit sie unmittelbar nach ihrer Ankunft
vor ihm und nach dem Kreuzzeichen mit der Anklage beginnen; denn
auf diese Weise wird nichts ausgelassen und man gewinnt viel Zeit.
Der Pater Valerian Reginald von der Gesellschaft Jesu, Lektor der
Theologie in Dole, hat kürzlich ein Buch veröffentlicht über die ‚Klug-
heit der Beichtväter‘, das sehr nützlich für die Leser sein wird.
Meine lieben Brüder, das sind 25 Artikel, die ich für wert gehalten
habe, sie euch vorzulegen; indessen habe ich sie, durch viele andere
Aufgaben abgelenkt, nicht besser darzustellen, noch den Rest zu Pa-

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pier zu bringen vermocht. Empfehlt meine Seele stets der Barmher-
zigkeit Gottes, wie ich meinerseits euch seinen Segen wünsche.

Fragment von Ratschlägen für die Beichtväter

– – – Hütet euch vor allem, zu harte Worte den Pönitenten gegen-


über zu gebrauchen; denn manchmal sind wir in unseren Ermahnun-
gen so streng, daß wir uns tatsächlich als tadelnswerter erweisen, als
jene schuldig sind, die wir zurechtweisen. Gott will das nicht; er be-
klagt sich, daß durch unsere zu große Strenge seine Altäre verlassen
und seine Opfer ohne Opfergaben sind: Weil ihr mit so absoluter Macht
herrscht, sagt Unser Herr (Ez 34,4f) zu uns Priestern, sind meine
armen Schafe aus Angst geflohen.
Unser Meister Jesus Christus hätte nie Menschen zu Beichtvätern
bestimmt, wenn sie nicht Sünder gewesen wären. Da nun die Beicht-
väter selbst Sünder sind, sind sie verpflichtet, demütig und mild zu
sein und sich mit den armen Pönitenten durch eine gütige Herablas-
sung zu demütigen. Das versteht indessen der Großteil der geistli-
chen Väter nicht, und ich wundere mich darüber, denn die Probe für
einen vollkommenen Beichtvater besteht darin, barmherzig gegen-
über dem Vergehen des anderen zu sein und unnachsichtig gegenüber
seinem eigenen. Die wahre Frömmigkeit, sagt der hl. Hieronymus,
hat immer Mitleid, die falsche nur Unmenschlichkeit.
Im Gesetz der Gnade gibt es nur Güte. Der Zorn Unseres Herrn
gleicht dem Sommerregen, der das Land nur berührt. Der Sohn Got-
tes ist eine Seele voll Erbarmen und er ist ausdrücklich Mensch ge-
worden, um sich mit einem Herzen voll Mitleid zu verbinden; des-
halb hat sich seine göttliche Seele mit seiner Menschheit vereinigt,
um zu dulden, und hat sich mit einem Leib verbunden, um in Güte
mit seinen Geschöpfen zu leiden und sich seinen Brüdern gleichförmig
zu machen (Hebr 4,15; 11,17). Ich verstehe dieses Mitleid nicht als
ein Kissen für das Laster und ein Polster, um die Sünde nach seinem
Belieben darauf zu betten (vgl. Ez 13,18); nein, ich verstehe es nur so,
daß wir uns der Verfassung jedes einzelnen anpassen und etwas nicht
der Bosheit zuschreiben, sondern der Schwachheit. Die Geister wol-
len nicht hart angefaßt, sondern sanft zurückgeführt werden; so ist
der Mensch veranlagt. Für diese Führung braucht man eine heilige
Geschicklichkeit; bei diesen Begegnungen muß das Gewissen unser
Führer sein. – – –

87
Weisungen für die Unterscheidung der Geister

Meine Brüder, wenn Gott euch zur Führung von Seelen bestimmt
hat, müßt ihr ihn ständig um seine Erleuchtung bitten, um die echten
Wirkungen seines Geistes recht zu erkennen. Wenn ihr daher die Lei-
tung bestimmter Menschen habt, die mit seinen außergewöhnlichen
und erhabenen Gaben begnadet sind, dann achtet darauf:
1. ob sie sich in dem Sinn verhalten, der wenigstens der Heiligen
Schrift entnommen ist; der ist als der allgemeinste am wenigsten ge-
fährlich, weil die Heilige Schrift die Regel der Führungen Gottes in
den Seelen ist.
2. Es ist auch eine Wirkung des Geistes Gottes, daß er in denen, die
er liebt, zugleich mit höchstem Vertrauen eine große Furcht erweckt.
Diese kommt von der Erkenntnis unserer Schwachheit, jenes folgt
aus der heiligen Liebe. Der Teufel dagegen verleitet zu erhabenen
Gedanken und zu Vorstellungen einer sehr hohen Tugend und eines
guten Lebens, indem er dazu überredet, sich auf seine eigenen Fähig-
keiten und seine guten Werke zu verlassen.
3. Aber der Prüfstein, um den guten wie den bösen Geist auf die
Probe zu stellen und den Anfänger vom bereits Fortgeschrittenen zu
unterscheiden, besteht in der Bereitschaft zu leiden. Denn der Schlech-
te wird durch Trübsale schlechter und murrt gegen die Vorsehung
Gottes; der Anfänger leidet unwillig und dann bedauert er, daß er
sich zur Ungeduld hinreißen ließ. Der Fortgeschrittene schleppt zu-
erst sein Kreuz ein wenig; wenn er aber seinen Erlöser und Meister
das seine auf den Kalvarienberg tragen sieht, nimmt er es doch auf
sich, faßt Mut und entschließt sich zur Geduld und dazu, Gott zu
preisen. Der Vollkommene, in diesem Jahrhundert ein seltener Vogel
als der Phönix in Arabien, erwartet nicht nur Schmach, Verfolgung
und Verleumdung, sondern geht ihnen selbst ohne Verwegenheit ent-
gegen und eilt wie zum Hochzeitsmahl (vgl. Mt 22,2; Offb 19,9), da
er sich noch für unwürdig hält, die Livree zu tragen, nach der man ihn
für einen Diener des Hauses Gottes halten muß.
4. Es ist auch ein Kennzeichen des Geistes Gottes, gütig und voll
Mitleid mit seinem Nächsten zu sein, selbst wenn er näher daran ist,
der Strenge seiner Gerechtigkeit zu verfallen, aus Furcht ihn unter
seinen Ruinen zu begraben. Es ist auch ein Zeichen eines Geistes, der
in seinen frommen Übungen oder in seinem Verhalten vom Teufel
getäuscht wird, wenn er unter dem Namen eines bestimmten Eifers

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über alles streng urteilt und alles bestrafen will, ohne Erbarmen und
die geringste Milde walten zu lassen.
5. Die Übung der Tugenden nicht aufzugeben wegen der Schwierig-
keiten, die dabei begegnen, das ist ebenfalls das Zeichen einer Seele,
deren Opfer Gott wohlgefällig ist. Denn diese grenzenlose Güte zückt
keine flammenden Schwerter, um jenen den Eintritt in sein Paradies
zu verwehren (Gen 3,24), die es aufrichtig suchen, und obwohl er
zuläßt, daß seine Erwählten sich in Unbilden, in Leiden und Kreuzen
befinden, erfüllt er sie so sehr mit Gnade, mit Kraft und Milde, daß
sie sich für sehr glücklich und bevorzugt halten, aus Liebe zu ihm zu
leiden. Der Teufel dagegen läßt sie in Gott eine furchtbare Rachsucht
sehen, um ihre geringsten Fehler zu bestrafen. Er gaukelt ihnen einen
Zorn und äußerste Strenge vor in Dem, der nicht das geringste seiner
Geschöpfe schreien hören kann, ohne ihm Beistand zu gewähren (vgl.
Jes 30,19), und der sich von der ersten Träne rühren läßt, die aus
einem wahrhaft zerknirschten Herzen entspringt (vgl. Ps 1,19; 56,9;
Jes 38,5). Aber seid auf der Hut vor der List unseres Feindes: Bevor
er sie zur Sünde verführt hat, stellt er ihnen Gott ohne Hände und
ohne Blitze vor, und wenn er sie zu Boden gestreckt hat, läßt er ihn in
ihrer Vorstellung erscheinen, umgeben von flammenden Blitzen und
ganz von Feuer erfüllt, um sie in Asche zu verwandeln.
6. Prüft auch, ob diese Menschen sich in ihrer eigenen Hochschät-
zung verlieren, indem sie ihre Gnaden und ihre eigenen Gaben her-
vorheben, die dagegen die Gunsterweise, die Gott anderen zuteil wer-
den läßt, mit Verachtung behandeln oder für verdächtig halten. Es ist
nämlich das sicherste Kennzeichen der Heiligkeit, wenn sie auf einer
echten und tiefen Demut und auf einer glühenden Liebe gegründet ist.
Die übernatürlichen Wirkungen, sagt der hl. Bernhard, können eben-
sogut von Scheinheiligen geschehen wie von Heiligen; die von Her-
zen Demütigen lassen deren Gediegenheit und Echtheit erkennen.
7. Und was die getäuschten Menschen betrifft, so dient ihnen Gott
selbst als Gewähr und Sicherheit, wenn ihr ihnen darin Glauben
schenkt. Doch beobachtet ihre geistlichen Reden und seid bezüglich
dieser außergewöhnlichen Ausdrücke sehr auf der Hut. Wenn sie z.B.
sagen: Ich bin dessen sicher, was Gott von mir will; er tut Ihnen durch
meinen Mund kund, was zu Ihrem Heil und zu Ihrer Führung notwen-
dig ist; tun Sie das auf mein Geheiß, ich verantworte es vor Gott, und
ähnliche Reden, die eine große Erleuchtung über innere Dinge an-

89
deuten und eine Vertrautheit mit dem Himmel (Phil 3,20). Prüft mit
Klugheit, ob ihre Taten mit diesen hohen Erleuchtungen übereinstim-
men.
8. Seht auch, ob der Bericht, den man diesen Menschen über die
Schwachheit des Nächsten gibt, in ihnen mehr eine Regung der Ent-
rüstung und des Entsetzens weckt als des Mitleids und Erbarmens
mit seinem Elend. Es ist nämlich ein falscher Eifer, gegen die Untu-
gend seines Bruders zu wettern, ohne Notwendigkeit und gegen die
Liebe dessen Fehler aufzudecken. Solche Menschen glauben zu errei-
chen, daß man ihre Tugend bewundert, wenn sie die Fehler des Nächs-
ten bekanntmachen.
9. Wenn man von Gott spricht, dann prüft außerdem, ob diese Men-
schen sich in affektierten Ausdrücken verlieren, weil sie zeigen wol-
len, daß ihr Feuer nicht unter der Asche verborgen bleiben kann und
daß man durch diesen Funken die Gluten entdecken könne, die in
ihrem Innern sind.
10. Wenn ihr zuverlässig beurteilen wollt, ob diese Seelen die rech-
te Auffassung von Gott haben und ob die Gnaden echt sind, die sie
von seiner Güte zu empfangen behaupten, dann seht, ob sie nicht an
ihrem eigenen Urteil und an ihrem eigenen Willen hängen sowie an
diesen Gnaden selbst. Oder ob sie ihnen im Gegenteil mißtrauen und
sie unentschieden lassen, bis sie durch das Urteil ihres Seelenführers
und mehrerer frommer, gelehrter und erfahrener Personen in ihrem
Glauben darüber bestärkt werden, was sie von all dem halten müssen.
Denn der Heilige Geist liebt über alles die demütigen und gehorsa-
men Seelen. Er gefällt sich wunderbar in der Herablassung und Un-
terordnung als Fürst des Friedens (Jes 9,6; 1 Kor 14,33) und der Ein-
tracht. Der Geist des Hochmuts dagegen gibt Sicherheit und macht
jene, die er täuschen will, stolz, eigensinnig und sehr kühn; er läßt sie
ihr Übel derart lieben, daß sie nichts so sehr fürchten wie ihre Hei-
lung; er redet ihnen ein, daß jene, die mit ihnen sprechen, sie mehr
um ihr Glück beneiden, als auf ihr Heil bedacht zu sein. So ist der
Geist der Neuerer beschaffen.
11. Um diese ganze Darstellung abzuschließen, seht schließlich, ob
diese Menschen in ihren Worten und Taten einfach und aufrichtig
sind; ob sie ihre Gnaden nicht herausstellen wollen, ohne daß es not-
wendig ist; ob sie suchen, was nach außen auffällt.
12. Es ist ganz im Gegenteil eine Wirkung der beglückenden Füh-
rung des Vaters der Lichter (Jak 1,17), durch innere Einsprechungen

90
anzuregen, sanft in die Seele zu fließen und dort einzudringen wie der
Regen in die Wolle (Ps 72,6). Der hl. Chrysostomus sagt, Gott hat den
Hebräern seine Gebote unter großen Schrecken und vielen Donner-
schlägen bekanntgemacht (Ex 19,16.18); aber das war notwendig, um
die Menschen zu erschrecken, die sich nur aus Furcht der Anordnung
fügten. Unser Herr dagegen kam freundlich zu seinen Aposteln, die
gelehriger und der göttlichen Geheimnisse weniger unkundig waren.
Es ist wahr, daß es einen gewissen Lärm und ein wenig Brausen gab
(Apg 2,2); aber Gott ließ das der Juden wegen geschehen und aus den
Gründen, die in der Heiligen Schrift (Apg 2,13-21) angegeben sind.

5. Aus dem Rituale der Diözese Genf

Vorwort 16

Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna-
de Fürstbischof von Genf, den in Christus geliebten hochwürdigen
Vorstehern der Pfarrkirchen der Diözese Genf ewiges Heil.
Geliebte Brüder! Als Holofernes Betulia belagerte, kam er auf den
Gedanken, ihre Wasserleitung und alle Quellen ringsum zu unterbre-
chen und zu besetzen, damit kein Tropfen Wasser bleibe, um den
Durst der Belagerten zu löschen (Jdt 7,6-11). Das war auch die Ab-
sicht aller, die die Kirche bekämpfen, besonders der Häretiker dieser
Zeit, nämlich die Sakramente, durch die wie Kanäle und gewisserma-
ßen geeignete Gänge der allergütigste Erlöser das Wasser der heilsa-
men Gnade in unsere Herzen leitet und ergießt, entweder ganz abzu-
schneiden oder durch falsche Anschauungen zu verderben und zu
besetzen, damit künftig der sanfte Strom des ins ewige Leben fließen-
den Flusses die Stadt Gottes nicht mehr erreichen könne (Joh 4,14;
Ps 46,5). Vor allem suchen sie durch einmütigen Ansturm der Leug-
nung die Buße, die Priesterweihe, die Firmung, die Ehe und die Letz-
te Ölung fast ganz zu zerstören; dann berauben sie entweder in höch-
ster Gottlosigkeit oder Anmaßung die Taufe der wirksamen Verge-
bung der Sünden und die Eucharistie der wahren belebenden Gegen-
wart des Herrenleibes.
Jene altehrwürdigen Riten schließlich, mit denen die Mutter Kir-
che wie mit goldenen Fransen angetan (Ps 45,14) bei der Spendung
ihrer Sakramente in lieblicher Vielfalt erstrahlt und glänzt, trachten
sie nicht nur zu leugnen, sondern auch nach Kräften durch Spott und

91
Gelächter auszupfeifen. Weil aber die Kirche nicht außerhalb der
Mauern, sondern in ihrer Mitte den Heiligen Geist besitzt, jene ergie-
bige Quelle belebenden Wassers, die sich von hier durch die Sakra-
mente in die Seelen ergießt, haben die Häretiker vergeblich und läp-
pisch erwogen, beschlossen und versucht, unser Betulia der Christen
durch Durst zu bedrängen oder zur Übergabe zu zwingen. Denn of-
fenkundig hat das Unterbrechen der Bäche, die von der Stadt ihren
Ausgang nehmen, nicht die eingeschlossenen Bürger, sondern die
ausgeschlossenen Feinde, nicht die Belagerten, sondern die Belage-
rer von der Fülle des Wassers getrennt und entfernt.
Ja, je heftiger die Versuche und je maßloser das Ungestüm ist, mit
dem die Feinde der Kirche gegen die Zahl, die Würde und die Zere-
monien der Sakramente ankämpfen, um so stärker und fester haben
für ihre Siebenzahl, für die Feierlichkeit ihrer religiösen Riten und
die Heiligkeit der sakramentalen Dinge zuerst alle auf dem heiligen
Konzil von Trient versammelten Bischöfe, dann die meisten für sich
in fast allen ihren Provinzen mit immer größerem Eifer gekämpft.
Unter ihnen erinnern wir von unseren Vorgängern an den großen
Angelo Giustiniani, einen Mann unvergleichlicher Gelehrsamkeit und
Fähigkeit, der am Konzil teilnahm und nach seiner Rückkehr auf
diese Fragen die größte Mühe verwandte. Da er aber durch den kurz
zuvor erfolgten beklagenswerten Abfall der Stadt Genf diese ganze
Diözese allenthalben aufgewühlt vorfand, hielt er es für seine Pflicht,
den Hauptteil seiner Bemühungen auf die Festigkeit des katholischen
Glaubens zu verwenden. Obwohl nämlich von unserer Bevölkerung
sich niemand offen zum Irrglauben bekannte, hielten doch manche
das Verbrechen der Häresie nicht für so verabscheuungswürdig, wie
es erforderlich ist: Menschen, die zwar nicht kalt im Glauben sind,
gewiß aber auch nicht warm (vgl. Offb 3,15f). Einige Halbgebildete
und Bewunderer der humanistischen Schriften trachteten, die katho-
lischen Riten zwar nicht ganz zu verwerfen, sie aber der Prüfung und
anmaßend der Entscheidung ihres Urteils zu unterwerfen.
Gegen alle diese Gefahren für die Seelen schuf der hervorragende
Bischof wirksame Abhilfe durch die hervorragende Fähigkeit, die er
besaß, über göttliche Dinge zu sprechen und zu lehren, in häufigen
Predigten und persönlichen Gesprächen; und er erreichte schließlich,
daß künftig in der Diözese, vor allem aber in dieser Stadt die Irrlehren
und der Name der Häretiker allen als schimpflich, schrecklich und
abscheulich galten. Über diesen Bemühungen, abgehalten und verwik-

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kelt in verschiedene Aufgaben, schwierigste Knoten zu lösen, durch
die die Ungunst der Zeit und menschliche Bosheit die Versuche der
besten Väter zu vereiteln pflegen, vermochte der Bischof, obwohl äu-
ßerst wachsam und tapfer, in der kurzen Zeit von zwölf Jahren, in de-
nen er das Bischofsamt innehatte, den äußeren Glanz der kirchlichen
Ordnung und der Sakramente kaum wiederherzustellen.
Auf ihn folgte dann Claude de Granier, ein Mann, von Gott und den
Menschen geliebt, dessen Andenken gesegnet ist (Sir 45,1). Ihn hat die
Hand des Höchsten wegen der Wahrheit, der Rechtschaffenheit und
Frömmigkeit wunderbar geführt (Ps 45,5), ihm gleiche Ehre mit den
Heiligen gegeben (Sir 45,2), um ihn zu verherrlichen in seinen Mühen
und sein Werk zu vollenden (Weish 10,10). Diesem hervorragenden
Bischof ist gerechterweise fast alles zuzuschreiben, was es in dieser
Diözese Untadeliges gibt. Er hat die kirchlichen Gebete und Offizien
nach der Vorschrift des Konzils verbessert, äußerst gütig und zugleich
wirksam in allen Kirchen der Diözese eingeführt. Er übernahm als
erster von allen Provinzen Frankreichs nach der Bestimmung des glei-
chen Konzils die überaus heilsame Übung, die nützlichste und heilig-
ste, die man sich denken kann, Pfarrkirchen durch den Konkurs zu
übertragen; dadurch hat er anderen Bischöfen ein Beispiel gegeben,
damit auch sie so handeln, wie er getan hat (Joh 13,15). Soweit es
nach den örtlichen Umständen möglich war, hat er die Kleidung der
Priester zur klerikalen Einfachheit zurückgeführt. Er hat fast überall
fromme Bruderschaften zu Ehren des heiligsten Sakramentes und der
seligsten Jungfrau errichtet. Er hat den Brauch der jährlichen Synode
wiederhergestellt. Auf verschiedene Orte verteilt hat er Wächter ein-
gesetzt, die man ‚Aufseher‘ nennt; ihnen hat er die Vollmacht und
Aufgabe übertragen, die anderen Priester aufzurichten, zurechtzu-
weisen, zu ermahnen und über ihren Lebenswandel zu wachen. So-
weit es die Unbilden der Zeit zuließen, hat er schließlich nichts un-
versucht gelassen, um das kirchliche Leben auf den alten Stand besse-
rer Zeiten zurückzuführen.
Von allem, was er sich zu diesem Zweck vorgenommen hat, glaube
ich aber, darf man nicht an letzter Stelle eine neue Ausgabe des Ri-
tuale nach der Norm der heiligen römischen Kirche nennen. Es gibt
zwar viele Ausgaben eines Rituale, deren Titel dem Leser die Ord-
nung und Abfolge der Riten der römischen Kirche verspricht; aber
man findet kaum eine, die dem Titel einigermaßen entspricht und das
bietet, was er ankündigt. Daher hielt es der vorzügliche Bischof der

93
Mühe wert, wenn er für die Herausgabe eines Buches der Zeremonien
sorgte, das dem Vorbild des römischen Rituale selbst angeglichen,
alle in dieser Diözese einheitlich und als einziges besitzen und dann
in der großen Vielfalt der Zeremonien eine einheitliche Regel für die
Riten haben.
Doch im letzten Jahrzehnt seines Lebens war er teils durch Kriegs-
folgen, teils durch verschiedene Aufgaben, Kirchen wiederherzustel-
len und Tausende von Häretikern selbst und durch seine Mitarbeiter
zur Buße zurückzuführen (die er dann der flehenden Mutter Kirche
als wiedergeborene Kinder zurückgab), ermattet, beschäftigt und be-
hindert. Während indessen die Herausgabe des Rituale verzögert
wurde, hinterließ er seinen größten Wunsch zum Wohl aller, wurde
selbst hinweggenommen und in den Himmel aufgenommen, wie man
hoffen darf. Daher glauben Wir am glücklichsten gehandelt zu haben,
daß Wir einem solchen Vater nicht nur im Amt nachfolgen, das er
innehatte, sondern ihm auch darin ein gehorsamer Nachfolger und
Nachahmer sind, daß Wir dieses Rituale, das er selbst sehr wünschte,
jetzt endlich euch vorlegen, die ihr es erwartet.
Wir sind dabei folgendermaßen vorgegangen: Zunächst haben Wir
einige gelehrte und fromme Männer Unserer Kathedrale beigezogen
und das Rituale verschiedener Provinzen beschafft. Dann haben Wir
einzig dem römischen alles getreu entnommen, was die Spendung der
Sakramente betrifft. Aus den anderen, am meisten aus dem alten Ri-
tuale von Genf, haben Wir viele Segensformeln übernommen, von
denen wir glaubten, daß ihr Gebrauch bei unserem Volk nach lobens-
wertem Brauch beibehalten werden soll. Aus allen, die Wir erreichen
konnten, haben Wir aber hier und da verschiedene Regeln und zahl-
reiche Beispiele entnommen, die den Pfarrern und ihren Vikaren am
meisten Licht für die rechte Ausübung ihres Amtes bieten. Auf diese
Weise haben Wir nach dem Beispiel der Bienen aus verschiedenen
Blüten den Honig in unseren Bienenstock zusammengetragen.
Wir haben auch ein Kalendarium hinzugefügt, in dem wir die Feste
und Offizien aufgezählt haben, die in dieser Diözese sowohl nach
altem Brauch als auch durch die jüngsten Synodalkonstitutionen fest-
gesetzt und zugelassen wurden. Schließlich haben wir diesem Buch
das Formular hinzugefügt, nach dem die Hauptpunkte der christli-
chen Religion jeden Sonntag dem Volk vorzutragen sind. Ihr hattet es
schon vorher, im Auftrag Unseres hochwürdigsten Vorgängers her-
ausgegeben; jetzt wurde es durchgesehen und von Fehlern gereinigt,

94
die ihm anhafteten. So habt ihr alles, was euer Amt am meisten be-
trifft, in diesem einen Band enthalten bequemer vor Augen.
In dieser Hinsicht schien ja beinahe nichts weiter wünschenswert,
außer um was viele von euch mich oft gebeten haben, nämlich kate-
chetische und familiäre Ansprachen über die Sakramente und die
übrigen Hauptpunkte der Religion. Ich verspreche jedoch, sie euch
mit Gottes Hilfe zu geben, sobald mir die Fülle der verschiedenen
Sorgen und Aufgaben, die von allen Seiten auf mich zukommen, eini-
ge Muße und etwas Atem lassen. Ich meine, ihr seht jetzt, daß diese
Arbeit dem Rituale gar nicht hinzugefügt werden durfte, weil sie ei-
nen ganzen Band für sich beanspruchen dürfte.
Da Wir nun also dieses so viele Jahre geforderte Werk mit Gottes
Hilfe zu diesem glücklichen Abschluß gebracht haben, bleibt nur,
daß wir alle es nun gern und einmütig gebrauchen. Damit es niemand
aus Trägheit oder Nachlässigkeit unterlasse, befehlen Wir jedem ein-
zelnen von euch und euch allen gemeinsam und ordnen an, daß künf-
tig niemand andere Riten als die in diesem Rituale enthaltenen bei
der Spendung der Sakramente und bei der Feier heiliger Segnungen
und Handlungen sich anzueignen oder unter irgendeinem Vorwand
anzuwenden anmaße. Denn auf diese Weise werden wir nicht nur im
gleichen Glauben, sondern auch aus ein- und demselben Mund und
auf gleiche Weise Gott den Herrn lobpreisen und wird bei uns nach
apostolischer Vorschrift (1 Kor 14,40) alles mit Andacht und in Ord-
nung geschehen.
Gegeben zu Annecy in Savoyen am 8. Februar 1608.

Vorlage für die Verkündigung 17

In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Amen.


Christliches Volk! Obwohl unser gütiger Gott alle Gebete erhört,
die ihm andächtig im Namen seines Sohnes Jesus Christus darge-
bracht werden, hat er sich dennoch Orte und Tage vorbehalten, an
denen er will, daß ihm in besonderer Weise gedient und er angerufen
wird; an diesen nimmt er auch unsere Bitten gnädiger an. Deshalb hat
die heilige Kirche, gestützt auf die göttlichen Verheißungen und die
apostolische Übung, sehr richtig angeordnet, daß wir uns an den hei-
ligen Sonn- und Feiertagen in der Kirche versammeln, die von Unse-
rem Herrn Haus Gottes und des Gebetes (Mt 21,13; Lk 19,46) ge-
nannt wurde. Das geschieht, um in ihr das hochheilige Meßopfer zu

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feiern, in dem sich unser Erlöser durch die Hände der Priester unter
den Gestalten von Brot und Wein opfert und sich wirklich Gott, sei-
nem ewigen Vater als Hostie und lebendige Opfergabe darbringt zur
Erinnerung und zum Gedächtnis seines Todes und seiner Passion;
damit wir durch dieses göttliche Opfer Gott, unserem Schöpfer, Hul-
digung, Anerkennung und Danksagung darbringen für unsere Güter
und Personen und daß kraft dieses Opfers unsere Gebete vor dem
Thron seiner göttlichen Güte noch wohlgefälliger werden.
Um nun heute diese Feier möglichst gut zu begehen, und da wir
wissen, daß Gott gern auf das Gebet der Demütigen schaut (Ps 102,18)
und das zerknirschte und demütige Herz nicht verschmäht (Ps 51,19),
knien wir nieder, demütigen uns von ganzem Herzen vor seinem An-
gesicht, danken ihm für alles Gute, das wir haben und das uns ge-
schenkt wurde, vor allem für den Tod und die Passion unseres Herrn
Jesus Christus, durch die wir von der ewigen Verdammnis befreit
wurden. Wir erkennen und bekennen uns als seine armen und elen-
den Geschöpfe, als unwürdige und unnütze Knechte (Lk 17,10), die
in allem gänzlich von seiner heiligen Barmherzigkeit und Gnade ab-
hängig sind, zu der wir unsere Zuflucht nehmen, um Nachlaß und
Vergebung unserer Sünden und Missetaten zu finden.
In dieser Absicht klagen wir uns aller unserer Sünden im allgemei-
nen an, mit dem echten Vorsatz, sie im einzelnen zu beichten zur Zeit
und am Ort gemäß der Anordnung Gottes und seiner Kirche. So wol-
len wir sprechen: „Ich bekenne Gott dem Allmächtigen ...“ Miseratur
vestri ... Indulgentiam ...
In dem gleichen Bewußtsein und in Demut wollen wir Gott um
seine Hilfe und seinen Beistand in all unseren Nöten bitten:
Vor allem, daß er unsere Seele zu seinem heiligen Dienst anleiten
möge, damit wir auf der Grundlage des wahren Glaubens eine heilige
Hoffnung auf unser Heil haben können durch die Liebe in der Beob-
achtung seiner Gebote.
Dann wollen wir beten für alle unsere Vorgesetzten, sowohl geistli-
che wie weltliche; für unseren Heiligen Vater, den Papst, für alle Bi-
schöfe, Hirten und Geistlichen, die rechtmäßig zur Leitung der See-
len aufgestellt sind, im besonderen für unseren hochwürdigsten Herrn
Bischof und Oberhirten, damit es Gott gefalle, ihnen die Gnade zu
schenken, die ihnen anvertraute Herde so gut zu weiden und zu füh-
ren, daß sie vor allen falschen Anschauungen und Verführungen be-
wahrt, hier auf Erden in der Einheit der katholischen, apostolischen

96
römischen Kirche leben und ausharren in der Erwartung, daß sie im
Himmel droben in die triumphierende Kirche aufgenommen wer-
den.
Wie der hl. Paulus (1 Tim 2,1f) rät, wollen wir auch beten für alle
christlichen Fürsten und Obrigkeiten, im besonderen für Seine Maje-
stät und die regierende Königin und für die Prinzen von Geblüt; und
nicht nur für sie, sondern für alle, die berufen sind, ihrerseits zu re-
gieren, daß es Gott gefalle, ihnen die Gabe der Stärke und des Rates
zu verleihen, um uns in heiligem Frieden und Sicherheit zu erhalten,
und die Gerichtsbarkeit gerecht zu verwalten, damit wir im Gehor-
sam gegen sie „so durch die zeitlichen Güter hindurchgehen, daß wir
die ewigen nicht verlieren“ (Missale).
Da unser Erlöser (Lk 19,41) den Untergang Jerusalems vorhersah
und beweinte, müssen wir außerdem von ganzem Herzen beweinen
und bedauern die Verderbnis der bedauernswerten Seelen der Un-
gläubigen, Schismatiker, der verirrten und falschen Christen, die sich
Gottes Zorn für den Tag des Gerichtes anhäufen (Röm 2, 5), damit es
ihm gefalle, sie mit seiner heiligen Gnade und Wahrheit zu erleuch-
ten.
Da Unser Herr als ihm erwiesen betrachtet, was dem Geringsten
der Seinen erwiesen wird (Mt 25,40), wollen wir überdies beten für
alle armen Betrübten und Notleidenden, für die Witwen und Waisen,
für Kranke, Gefangene, Reisende und allgemein für alle, die Trübsal
und Widerwärtigkeiten haben, auf daß es dem Vater der Erbarmung
und allen Trostes (2 Kor 1,3) gefalle, ihnen mit seinem Heiligen Geist
beizustehen, damit sie ihre Bedrängnis in Demut annehmen und ihre
Seele in Geduld besitzen (Lk 21,19) können.
Im besonderen wollen wir bitten, es möge Gott gefallen, die wer-
denden Mütter in seine Obhut zu nehmen, auch diejenigen dieser
Pfarrei, und die Frucht ihres Leibes zum heiligen Sakrament der Tau-
fe zu führen, damit sie Anteil erhalten am Erbteil des Himmels.

Wenn man einen Bestimmten empfehlen muß:

Wir wollen auch beten für N.N. aus dieser Pfarrei, der/die von schwe-
rer Krankheit betroffen, sich eurer Liebe empfiehlt, damit es Gott
gefalle, ihm/ihr zu schicken, wovon er weiß, daß es ihm/ihr am meis-
ten zum Heil gereicht.
Wir wollen den himmlischen Vater auch um unser tägliches Brot

97
bitten, wie er es uns (Mt 6,11; Lk 11,3) gelehrt hat, und ihn bitten, er
möge die Früchte der Erde erhalten und vermehren und die Arbeit
unserer Hände segnen, damit wir sie in Frieden und guter Gesundheit
ernten könnten, sie nach seinem Willen mäßig genießen und davon
den armen Notleidenden mitteilen.
Da die Heilige Schrift (2 Makk 12,45) bezeugt und die Kirche im-
mer geglaubt hat, daß es ein heiliger und heilsamer Gedanke ist, für die
verstorbenen Gläubigen zu beten, wollen wir schließlich beten für
unsere Väter und Mütter, Brüder und Verwandten, Freunde und alle
übrigen Verstorbenen, besonders für jene, deren Leib in dieser Kir-
che oder auf diesem Friedhof ruht, und für die Wohltäter der Kirche
(und besonders für N.N.); da sie im Schoß der Kirche gestorben sind,
sind sie und werden sie immer ihre Kinder sein, ein- und demselben
Reich Jesu Christi angehören als Glieder desselben Leibes mit ihm.
Möge es Gott gefallen, wenn sie noch in irgendeiner Pein sind, sie
daraus zu befreien und in die ewige Ruhe aufzunehmen.
Damit nun unsere Bitten dem ewigen Vater wohlgefälliger seien,
wollen wir sie ihm in der Weise vortragen, die uns sein Sohn, Unser
Herr, im Gebet des Herrn (Mt 6,9-13; Lk 11,2-4) gelehrt hat. Wir
wollen es nun sprechen, sowohl um uns seiner zu erinnern, als auch
um unsere Gebete mit ihm zu beginnen. Ihr sollt also demütig mit
mir sprechen:
Pater noster ... Das heißt: Vater unser ...
Wir wollen auch den Englischen Gruß sprechen, sowohl zum Ge-
dächtnis unserer Erlösung, die in diesem Gruß durch den Engel ange-
kündigt wurde, als auch um uns mit der Gemeinschaft der Heiligen
zu vereinigen in der Person der glorreichen Jungfrau Maria, die wir
bitten, für uns Fürsprache einzulegen bei Gott Vater im Namen ihres
Sohnes, unseres einzigen Erlösers. Ihr sollt mir also nachsprechen:
Ave Maria ... Das heißt: Gegrüßet seist du Maria ...
Weil aber nicht nur unsere Gebete, sondern auch alle unsere Hand-
lungen im wahren Glauben gegründet sein müssen, ohne den es un-
möglich ist, Gott zu gefallen, wie die Heilige Schrift (Hebr 11,6) sagt,
wollen wir außerdem das allgemeine Bekenntnis ablegen, daß wir im
Glauben der katholischen, apostolischen römischen Kirche leben und
sterben wollen, indem wir das Apostolische Glaubensbekenntnis spre-
chen:

98
Credo in Deum Patrem omnipotentem ... Das heißt:
Ich glaube an Gott, den Vater den allmächtigen ...
Benedicite Dominus, nos et ea quae sumus sumpturi, benedicat dextera
Christi. In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti. Das heißt: Segne, Herr,
oder vielmehr: der Herr segne uns; sowohl wir als auch alles, was zu unse-
rem Gebrauch ist, werde gesegnet durch die Rechte Jesu Christi. Im Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Da es für den wahren Christen vor allen Dingen erforderlich ist, den
Willen Gottes zu erfüllen, um zum ewigen Leben zu gelangen, da
aber der Glaube ohne Werke tot ist, wie der hl. Jakobus (2,20) sagt, so
hört nun in Ehrfurcht die Gebote Gottes, um sie mit seiner Gnade
Punkt für Punkt halten zu lernen:
1. Ich bin der Herr, dein Gott ... (Ex 20,2-17).
Manchmal können die Gebote, wie sie dort geschrieben sind, vorgetragen werden;
andere Male auf folgende Weise:

Das sind die Gebote Gottes, wie sie Mose gegeben wurden; um sie
besser im Gedächtnis zu behalten, kann man sie folgendermaßen zu-
sammenfassen:
1. Du sollst einen Gott allein anbeten ...
Nun will Gott nicht nur, daß man auf ihn hört und ihm gehorcht,
sondern er will auch, daß man auf die Kirche hört und ihr gehorcht,
unter der Androhung, daß jene, die dawiderhandeln, vor ihm als Un-
gläubige, Heiden und Zöllner gelten (Mt 18,17), weil „Gott nicht
zum Vater haben kann, wer die Kirche nicht zur Mutter hat“. Ihr sollt
also ihre Gebote vernehmen und sie bereitwillig halten, nämlich:
1. Du sollst an Sonn- und Feiertagen die Messe hören ...
Wenn ein Fest oder eine Vigil ist, kann man sagen:

Wenn ihr also diese Gebote beobachtet, dann werdet ihr an dem
oder dem Tag fasten und werdet das Fest des N. an dem und dem Tag
feiern, indem ihr euch jeder knechtlichen Arbeit enthaltet, um dem
Dienst Gottes genau so wie am Sonntag oder (je nach dem Fest) an
Weihnachten zu obliegen.
Wenn irgendein Fest des Gelöbnisses ist, wird man sagen:

Ihr habt (an dem Tag) das Fest des N., das eure Vorfahren aus die-
sem Anlaß gelobt haben, das ihr nach eurem Gelöbnis wie den Sonn-
tag zu halten verpflichtet seid.

99
Wenn irgendein Fest der Frömmigkeit ist, wird man sagen:
Ihr habt (an dem Tag) das Fest des N., das nicht geboten ist, sondern
nur aus Frömmigkeit für jene, die es halten wollen.

Dann kann man hinzufügen:

Und für jetzt habt ihr keinen anderen gebotenen Feiertag.

Wenn man eine Eheschließung ankündigen muß, wird man sagen:

Vor unserer Mutter, der heiligen Kirche, wurde die Ehe verspro-
chen zwischen N. und N. Wenn daher jemand ein Hindernis weiß,
deswegen diese Ehe nicht zur letzten und vollen Wirkung gelangen
darf, hat er das bekanntzugeben; andernfalls wird ihm später nicht
geglaubt.

Wenn man auf einen Diebstahl oder eine verlorene Sache hinweisen muß, wird man
sagen:

Die (das ...) gestohlen oder gefunden haben, fordere ich auf, es zu-
rückzugeben; sonst verfallen sie dem Fluch, der über diejenigen aus-
gesprochen ist, die das Gesetz Gottes brechen.

Wenn ein ‚Monitorium‘ vorliegt, wird es hier bekanntgegeben.


Wenn kein Fest anzuordnen ist, wird man sagen:

In dieser Woche habt ihr keinen gebotenen Feiertag und kein Fest
der Frömmigkeit.

Und man wird schließen mit den Worten:

Ich empfehle euch aber nur, Gott über alles zu lieben und euren
Nächsten wie euch selbst (Mt 22,37.39; Lk 10,27). Möge daher aller
Streit, Rachsucht, Uneinigkeit und Mißgunst weichen und nie unter
euch herrschen (2 Kor 12,20). Und der Segen und die Gnade und der
Friede Gottes (Phil 4,7) werde euch für immer gewährt. + Im Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Oder auch:

Und der Segen, der dem hl. Petrus, dem hl. Paulus, der heiligen
Büßerin Maria Magdalena und dem guten Schächer am Kreuzesholz

100
gewährt wurde, werde euch allen zuteil: + im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

An Hochfesten und anderen gebotenen Feiertagen kann man die Verkündigung


beginnen:

Christliches Volk! Obwohl unser gütiger Gott ...

und was folgt, bis ‚Indulgentiam‘ einschließlich; dann kann man schließen mit den
Worten:

Ich empfehle euch, Gott über alles zu lieben und euren Nächsten
wie euch selbst. Deshalb soll aller Streit, Rachsucht, Uneinigkeit und
Mißgunst weichen und nie unter euch herrschen. Und der Segen, die
Gnade und der Friede Gottes werde euch für immer gewährt: + im
Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Am zweiten Sonntag nach Epiphanie werden alle Pfarrer das Dekret des Konzils
von Trient über die Ehe folgendermaßen bekanntgeben:

Da das Sakrament der Ehe von so großer Bedeutung für die Kirche
und für den christlichen Staat ist, und damit es künftig geziemender
und heiliger gefeiert werde, hat unsere Mutter, die heilige katholische
apostolische römische Kirche alle Ehen für nichtig und unwirksam
erklärt, die nicht in Gegenwart des Bischofs oder des Pfarrers oder
eines vom Bischof oder Pfarrer Bevollmächtigten und nicht in Ge-
genwart von zwei Zeugen geschlossen werden. Diese Anordnung, die
schon vor langer Zeit in dieser ganzen Diözese bekanntgemacht wur-
de, wird euch jetzt von neuem erklärt, bekanntgemacht und angekün-
digt, damit niemand deren Unkenntnis vorschützen kann.

Am Fest der heiligsten Dreifaltigkeit werden jedesmal alle Pfarrer das Volk mit
folgendem Wortlaut über die Form der Spendung des Sakraments der Taufe belehren:

Die Kirche legt uns heute in der Heiligen Schrift des Evangeliums
(Mt 28,18-20) den Auftrag vor, den Unser Herr seinen Aposteln über
die Spendung des Sakramentes der Taufe gegeben hat. Weil übrigens
jeder Gläubige im äußersten Notfall es spenden kann und muß, des-
halb müßt ihr wissen: Im äußersten Notfall, d. h. wenn die Gefahr
besteht, daß das Geschöpf, das getauft werden soll, sogleich stirbt,
genügt es, natürliches und gewöhnliches Wasser zu nehmen und es so
über das Kind zu gießen, daß es dieses berührt, und dabei die Worte

101
zu sprechen: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und
des Heiligen Geistes.
Und damit ihr es besser behalten könnt, um im Fall der genannten
Notwendigkeit davon Gebrauch zu machen, sage ich noch einmal:
Man muß Wasser nehmen und es über das Geschöpf gießen, so daß es
dieses berührt, und sprechen:
Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili-
gen Geistes.

Am Sonntag Quinquagesima wird jeder Pfarrer das Volk mit folgenden Worten
ermahnen:

Am kommenden Mittwoch beginnen wir die heilige Fastenzeit und


nehmen nach apostolischer und katholischer Einsetzung das Aufle-
gen der geweihten Asche vor. Deshalb sei jeder aufgefordert, seine
Pflicht zu erfüllen, sich von diesem Tag an bis Ostern des Genusses
von Fleisch, Eiern und Käse zu enthalten, außer er ist von den kirch-
lichen Oberen aus einem vernünftigen Grund davon dispensiert. Au-
ßerdem muß jeder, ausgenommen am Sonntag, jeden Tag fasten, au-
ßer wer wegen Alters, Krankheit oder anderer Gründe davon ausge-
nommen ist. Und weil diese heilige Zeit die geistliche Erntezeit guter
Werke ist, werdet ihr im Namen Gottes ermahnt, sorgsamer dem Gebet,
dem Almosen und der Buße zu obliegen und euch dadurch auf die
heilige Beichte und Osterkommunion vorzubereiten, zur Ehre Got-
tes und zum Heil eurer Seele.

Rechtfertigung von Riten

An Unbekannte (OEA XVI,81-83) Annecy, Oktober 1613.

Meine Herren, ich habe erfahren, daß ihr Anstoß daran nehmt, daß
man euch die Ablution nach der Kommunion in einem Glas reicht18
und daß man die Brautleute zur Eheschließung vor den Altar führt.
Deshalb wollte ich euch diese zwei Worte schreiben, um euch zu er-
mahnen, daß ihr euch nicht selbst das Unrecht zufügt, zu glauben,
was unsere Mutter Kirche anordnet, könnte schlecht oder unnütz sein.
Nun ordnet sie an, daß die Laien die Kommunion nur unter der
Gestalt des Brotes empfangen, durch die sie dennoch ganz am Leib
und Blut Unseres Herrn teilhaben, genau so, als empfingen sie diese

102
auch unter der Gestalt des Weines, da der Erlöser selbst (Joh 6,56f)
gesagt hat: Wer mich ißt, wird durch mich leben; und: Wer dieses Brot
ißt, wird ewig leben. Was daher das Volk nach der Kommunion trinkt,
ist nicht das Blut des Erlösers, sondern lediglich Wein, den man
nimmt, um den Mund zu spülen und den kostbaren Leib und das Blut,
die man schon in der heiligen Kommunion empfangen hat, ganz zu
schlucken. Daher muß dieser Wein nicht im Kelch gereicht werden,
sondern in einem anderen Gefäß, entweder aus Glas oder aus einem
anderen Material. Wenn es früher anders gemacht wurde, dann ge-
schah es mißbräuchlich aus Nachlässigkeit und Bequemlichkeit der
Diener der Kirche, gegen die Absicht der Kirche selbst.
Und was die Eheschließung betrifft, ist es nicht angemessen, sie
anderswo als vor dem Altar zu feiern, weil sie ein großes Sakrament
(Eph 5,32) ist und weil jene, die es empfangen, nicht außerhalb der
Kirche sind, wie die kleinen Kinder, die man zur Taufe bringt, denn
sie sind bereits getauft und folglich in die Kirche und zum Altar ge-
führt.
Meine Freunde und Brüder, laßt euch daher als gute Schafe von
denen führen, die euch unter meiner und des heiligen Apostolischen
Stuhles Autorität als Hirten gegeben sind. Und Gott segne euch, wie
ich ihn bitte und von ganzem Herzen bin Euer wohlgewogener und
im Herrn ganz ergebener
Franz, Bischof von Genf.

103
IV. Führung und Förderung der Seelsorger

Die Dokumente über die Leitung der Seelsorge lassen manchen Rück-
schluß auf die Zustände und den Stand des Klerus zu, wie sie zur Zeit des
hl. Franz von Sales ziemlich allgemein und zum Teil auch in seiner Diözese
herrschten. In der Unwissenheit vieler Priester und in ihrem Lebenswandel
sah er einen der Gründe für die Erfolge der protestantischen Reformation
(s. Band 10, S. 388). Schwerwiegende Mißstände ergaben sich unter ande-
rem auch durch die Art, wie Benefizien und Pfarreien vielfach verliehen
wurden.
Daher galt die Sorge des Bischofs von Anfang an der Hebung des Prie-
sterstandes und seiner Ehre. Dabei konnte er sich auf eine kleine Elite
gelehrter und vorbildlicher Priester stützen, denen er wichtige Seelsorge-
aufgaben übertrug und sein ganzes Vertrauen schenkte. Für sein Programm
konnte er an die Initiativen seines Vorgängers anknüpfen (an denen er zum
Teil maßgeblich mitgewirkt hatte). Durch seine geduldigen Bemühungen,
die auch von Schwierigkeiten und Enttäuschungen begleitet waren, hat er
im ganzen doch erreicht, daß man den hohen Stand seines Klerus allgemein
bewunderte.

1. Ermahnung zum Studium19

– – – Diejenigen von euch, die sich Beschäftigungen widmen, die sie


am Studium hindern, machen es wie jene, die entgegen der groben
Natur ihres Magens leichte Speisen essen wollen. Daher kommt es,
daß er allmählich schwach wird. Ich kann euch in Wahrheit sagen,
daß kein großer Unterschied ist zwischen der Unwissenheit und der
Bosheit; trotzdem ist die Unwissenheit mehr zu fürchten, weil sie
einem nicht nur selbst schadet, sondern bis zur Verachtung des geist-
lichen Standes führt.
Deshalb, meine vielgeliebten Brüder, beschwöre ich euch, euch dem
Studium zu widmen, denn die Wissenschaft ist für einen Priester das
achte Sakrament der Hierarchie der Kirche, und ihr größtes Übel ist
daher gekommen, daß sich die Bundeslade in anderen Händen als in
denen der Leviten befand (vgl. 1 Sam 4,3ff). Daher hat unser erbärm-
liches Genf uns überrumpelt, als es merkte, daß wir infolge unseres
Müßiggangs nicht auf der Hut waren und uns damit begnügten, ein-
fach unser Brevier zu beten, ohne daran zu denken, gelehrter zu wer-
den. Da täuschten sie die Einfalt unserer Väter und Vorfahren und
machten sie glauben, daß bisher niemand die Heilige Schrift recht

104
verstanden habe. Während wir schliefen, hat auf diese Weise der Feind
das Unkraut auf den Acker der Kirche gesät (Mt 13,25ff) und hat den
Irrtum einschleichen lassen, der uns entzweit und in diesem ganzen
Land Feuer gelegt hat.
Dieses Feuer hätte euch und mich mit vielen anderen verzehrt, hät-
te nicht die Güte Gottes diese starken Geister erweckt, ich will sagen
die hochwürdigen Patres Jesuiten, die sich den Häretikern entgegen-
stellten und uns in unserem Jahrhundert glorreich siegen lassen. Wir
verdanken es der Barmherzigkeit des Herrn, daß wir nicht verschlun-
gen wurden (Klgl 3,22). Diese großen Männer begannen einzig in der
Kraft desjenigen, dessen Namen sie tragen, diese Partei zu teilen zu
eben der Zeit, als Calvin die Wirklichkeit vom Vermächtnis zu tren-
nen gedachte, das Gott uns hinterlassen hat. Deshalb wurden sie von
den Häretikern bedrängt, aber noch empfindlicher unterdrückt von
denen, die nur scheinbar unsere Brüder sind. Sie litten und leiden
noch unter Verfolgungen, die alle von Genf ausgingen. Doch ihr un-
verwüstlicher Mut, ihr furchtloser Eifer, ihre Liebe, ihre profunde
Gelehrsamkeit und das Beispiel ihres heiligen Ordenslebens gaben
ihnen nach einer Offenbarung ihres heiligen Gründers die Gewiß-
heit, daß diese Stürme ein Jahrhundert dauern, sie aber dann sieg-
reich über den Irrtum und die Häretiker sein werden. So sehen wir
schon, daß man in dem Maß aufhört, ihre Unschuld zu bedrängen, als
die Sekte der Calviner verfällt. So läßt der allgemeine Haß nach, den
die Erzhäretiker in der Volksseele gegen sie geschürt hatten. Das sind
Dummköpfe, die die Waffe der Verleumdung gegen sie richten, wäh-
rend sie bei ihren ständigen Studien die Bücher verschlingen. Wäh-
rend sie endlose Schmähungen und Beschimpfungen ertragen, haben
sie unseren Glauben und alle heiligen Geheimnisse unseres Glau-
bens begründet und gesichert. Und noch jetzt erfüllen sie durch ihre
großartige Arbeit die Welt mit gelehrten Männern und zerstören al-
lerorts die Häresie.
Da mich die göttliche Vorsehung ungeachtet meiner Unfähigkeit
zu eurem Bischof bestellt hat, fordere ich euch auf, alles Gute zu
studieren, damit ihr gelehrt und durch guten Lebenswandel untadelig
und fähig seid, allen Antwort zu geben, die euch über Dinge des Glau-
bens fragen.

105
2. Über ein Lehrbuch der Theologie 20

– – – Mit größter Freude habe ich den Plan Ihrer ‚Summa Theolo-
giae‘ gesehen, der nach meiner Meinung gut und sinnvoll gemacht ist.
Wenn Sie mir die Gunst erweisen, mir ein Heft zu schicken, werde
ich es liebevoll lesen und werde Ihnen freimütig und aufrichtig meine
Meinung sagen, was es auch koste. Um Ihnen aber jetzt eine Probe
davon zu geben, sage ich Ihnen, Sie sollten soviel als möglich alle
methodischen Ausdrücke beschränken; man muß sie zwar verwen-
den, wenn man lehrt, doch wenn man schreibt, sind sie überflüssig,
und wenn ich mich nicht täusche, störend.
Ist es z. B. notwendig zu schreiben: „In dieser Schwierigkeit begeg-
nen uns drei Fragen. Die erste Frage ist nämlich, was die Prädestina-
tion ist; die zweite, wen die Prädistination betrifft; die dritte“ etc. Da
Sie nämlich sehr methodisch vorgehen, wird man wohl sehen, daß Sie
diese Dinge nacheinander behandeln, ohne daß Sie es vorher ankün-
digen.
Ebenso: „In dieser Frage gibt es drei Meinungen: die erste Meinung
ist“, etc. Genügt es denn nicht, den Bericht über die Meinungen ohne
Vorrede zu beginnen, mit einer vorausgehenden Ziffer, in der Weise:
„1. Scotus, Mayronis und ihre Anhänger ... 2. Occam, Aureolus und
die Nominalisten ... 3. Die Heiligen Thomas, Bonaventura dagegen
...“ und so die übrigen?
Dann, statt zu sagen: „Es muß auf drei Schlußfolgerungen geant-
wortet werden, deren erste heißt ...,“ genügt es doch zu sagen: „Daher
sage ich: 1 ...: 2. sage ich ..., 3. sage ich ...“
Dasselbe gilt von Vorreden, um den Gegenstand weiterzuführen:
„Nachdem wir Gott den Einen behandelt haben, ist es angemessen,
nun von Gott dem Dreifaltigen oder von der Trinität zu sprechen“,
etc. Das ist gut für Leute, die ohne Methode vorgehen oder die es
notwendig haben, ihre Methode kenntlich zu machen, weil sie unge-
wöhnlich oder verzwickt ist. Nun, das würde sehr dazu beitragen, daß
Ihre ‚Summa‘ nicht zu umfangreich wird. Dadurch wird sie Mark und
Bein und meiner Meinung nach schmackhafter und angenehmer sein.
Ich füge hinzu, daß es eine Menge ganz unnützer Fragen gibt, ohne
daß sie der Abhandlung Profil gäben. Es besteht sicher kein großes
Bedürfnis zu wissen, „ob die Engel an einem Ort sind durch ihr We-
sen oder ihr Wirken; ob sie sich von einem Ort zum anderen ohne
Zwischenraum bewegen“, und ähnliches. Obwohl ich wünschte, daß

106
man nichts auslasse, so scheint es mir bei solchen Fragen zu genügen,
wenn Sie Ihre Auffassung gut ausdrücken und sie richtig begründen;
dann können Sie am Schluß oder am Anfang einfach sagen, daß „der
und der anders gedacht haben“. Dadurch können Sie mehr Raum ge-
winnen, um sich ausführlicher mit wichtigen Dingen zu befassen, über
die Sie Ihren Leser gut zu belehren trachten müssen.
Item: ich weiß, wenn Sie wollen, haben Sie einen affektiven Stil,
denn ich erinnere mich sehr gut Ihres ‚Benjamin der Sorbonne‘. Ich
würde es befürworten, daß Sie da, wo es gut geschehen kann, die Be-
gründung für Ihre Auffassung in diesem Stil ausführen; etwa in der
Frage „ob Christus Fleisch angenommen hätte, wenn Adam nicht ge-
sündigt hätte“. Für die eine und die andere Auffassung kann man die
Meinungen in affektivem Stil anführen. In der Frage, „ob die Vorher-
bestimmung nach den vorhergesehenen Verdiensten geschieht“, kann
man die Argumente in affektivem Stil darstellen, ob man nun der
Auffassung der Väter vor Ambrosius folgt oder sich an die des hl.
Augustinus hält, an die des hl. Thomas oder anderer; ohne sie breit
auszuführen, sondern indem man sie zusammenfaßt. Und statt zu sa-
gen: „Die zweite Begründung wird sein“, kann man einfach die Zahl
zwei davorsetzen.
Übrigens ist es eine große Bereicherung, mehrere gute Autoritäten
anzuführen, wenn sie prägnant und kurz sind; wenigstens mit einem
Hinweis.
Nun denn, mein lieber Pater, was halten Sie von meinem Herzen?
Ist es nicht aufrichtig gegen das Ihre? Aber glauben Sie mir, daß ich
noch nicht so einfältig bin, daß ich mit einem anderen so umginge.
Ich erinnere mich Ihrer natürlichen, geistigen und übernatürlichen
Freundlichkeit; meine Vorstellung ist erfüllt von Ihrer Liebe, die al-
les erträgt (1 Kor 13,7), daß Sie gern die Törichten ertragen, da Sie
selbst weise sind (2 Kor 11,19). Ich habe daher in meiner Torheit
geschrieben.
Gott lasse Sie in seiner Liebe wachsen. In ihm bin ich bis zum
äußersten, mein lieber Pater, Ihr sehr demütiger und ergebener Bru-
der und Diener
Franz, Bischof von Genf.
Von Annecy, am 15. November.

107
3. Vorsorge für gute Seelsorger

Es ist vernünftig, die Sorge für ein Amt dem zu übertragen, der es
am wenigsten mißbrauchen kann. Und wenn ich Einfluß bei den Gro-
ßen hätte, würde ich das Gewissen dem Wissen und dem Rang der
Familie vorziehen; und keiner bekäme ein Amt in der Kirche, der
nicht von Lastern befreit ist, die ihn zerrüttet haben. Ich würde die
Würden denen verleihen, die sie fliehen, nicht denen, die ihnen nach-
laufen; ich würde aber keinen Priester befördern, wie es ein König
von Frankreich gemacht hat, der in der Kirche schläft. Alle Anwär-
ter, die ihr Glück im Reich Jesu Christi suchen, bekunden offensicht-
lich, daß sie dafür ungeeignet sind und des Ehrgeizes schuldig. Sie
suchen nicht die Gerechtigkeit Gottes, sagt der hl. Paulus im Römer-
brief (10,3), sondern ihren eigenen Vorteil (Phil 2,21).
Jene, die sagen, man müsse vakante Stellen besetzen und sie Ge-
lehrten geben, sagen damit nicht genug, wenn sie nicht hinzufügen:
„und Demütigen“. Denn das Wissen bläht auf (1 Kor 8,1) und darf
nur in dem Maße gewertet werden, als es fruchtbringend für das Heil
ist.
Es gibt viele Stufen, bevor man zum Gemach der wahren Gelehr-
samkeit gelangt. Man muß vorbeigehen an jenen, die wissen wollen
um des Wissens willen; man nennt sie Wißbegierige. Von da kommt
man zu jenen, die wissen wollen, um als Weise zu gelten; die nennt
man eitel; dann zu jenen, die wissen wollen, um das Wissen zu ihrem
Gebrauch und zu ihrer Annehmlichkeit heranzuziehen; die kann man
habsüchtig nennen; hierauf zu jenen, die wissen wollen, um zu erbau-
en; hier ist die Liebe. Aber es ist der Gipfel, wissen zu wollen, um
erbaut zu werden, denn hier ist das Gemach der wahren Gelehrsam-
keit. – – –
Es ist eine Tatsache, daß die guten Pfarrer nicht weniger notwendig
sind als die guten Bischöfe. Die Bischöfe arbeiten vergebens, wenn
sie nicht sorgsam darauf bedacht sind, ihre Pfarrkirchen mit from-
men Pfarrern von vorbildlichem Lebenswandel und ausreichender
Gelehrsamkeit zu besetzen. Sie sind ja die unmittelbaren Hirten, die
den Schafen vorangehen (Joh 10,4), sie den Weg zum Himmel lehren
und ihnen das Beispiel geben sollen, dem sie folgen müssen. Die Er-
fahrung hat mich gelehrt, daß sich das Volk leicht zu Übungen der
Frömmigkeit bereitfand, wenn es Geistliche hatte, die es durch das
Wort Gottes und ihr gutes Beispiel anspornen, das Laster zu fliehen

108
und die Tugend zu ergreifen. Umgekehrt wandte sich das gewöhnli-
che Volk sehr leicht von der Übung der christlichen Tugend ab, wenn
seine Priester unwissend waren, von geringer Sorge für das Heil der
Seelen und von schlechtem Lebenswandel.

Angesichts der weit verbreiteten Mißstände waren diese grundsätzlichen Ge-


danken (OEA XXIII,398-401) für Franz von Sales verbindlich bei der Zulas-
sung zu den Weihen, bei der Verleihung von Benefizien und der Ernennung von
Pfarrern.
Da es noch kein Priesterseminar gab, waren eigene Examinatoren aufgestellt
und Franz von Sales prüfte die Weihekandidaten auch selbst über das erforder-
liche theologische Wissen. Er zögerte nicht, sie zurückzuweisen, wenn er es
ungenügend fand (vgl. Band 8,250). Für die übrigen Voraussetzungen, wie Un-
terhaltstitel, Weihehindernisse, Lebenswandel, war man weitgehend auf das
Zeugnis des Heimatpfarrers angewiesen (vgl. Nr. 6 der Bestimmungen der Syno-
de von 1617).
Um die Nachteile auszuschalten, die durch fremde Einflüsse auf die Verlei-
hung von Benefizien und die Besetzung von Pfarreien entstanden, stützte sich
Franz von Sales auf den vorgeschriebenen Konkurs, d. h. die Eignungsprüfung
vor den dazu bestellten Examinatoren, die vor der Synode vereidigt wurden.
Darauf berief er sich auch adeligen Protektoren und Beamten seines Landes-
herrn gegenüber (s. Band 8,121.177.249). In einem Brief an Claude de Quoeux
(OEA XIX,118-120) verteidigte er die Rechte des Bischofs und die Interessen
der Seelsorge gegen einen jungen Priester, der sich die Pfarrei seines verstorbe-
nen Onkels aneignen wollte:

Mein Herr,
meine geringste Sorge ist, was aus dem Nachlaß des verstorbenen
Herrn Gras wird; und wenn Sie das Recht des Bischofs ein wenig
berücksichtigen, werden Sie Herr über alles sein, was davon abhängt,
wie über alles andere, was meiner Person zusteht. Aber daß ein Pries-
ter ohne echte oder fingierte Verleihungsurkunde sich mit Gewalt
einer Pfarrei bemächtigt und die Autorität des Bischofs nicht aner-
kennen will, daß er den Vermögensverwalter abweist, der rechtmäßig
geschickt ist, und verhindert, daß der Bischof ein Inventar dessen
machen läßt, was sich in einem Priesterhaus befindet, es als Miß-
brauch einer ganz rechtmäßigen Autorität bezeichnet, als ob mir nicht
wenigstens die Sorge für die Benefizien meines Amtsbereichs zustün-
de, solange sie vakant sind, bis sie besetzt werden: das alles kann ich
nicht gutfinden, nicht anständig und erträglich.
Wenn Herr Gras mir seine rechtmäßige Anstellung vorweist, werde
ich sie nicht mißachten und ihr getreu den Wert beimessen, den sie
verdient, denn ich kenne den Respekt, der den Rechten und Handlun-

109
gen des Generaloberen von Geistlichen gebührt. Bis dahin aber will
ich der Herr sein, weil ich einen guten Rechtstitel habe, er dagegen
keinen für sich noch gegen mich. Denn wenn es erlaubt ist, das recht-
mäßige und ordentliche Vorgehen der Bischöfe auf dem Weg der Tat-
sachen auszuschalten, welche Mißstände werden wir nicht daraus ent-
stehen sehen? Ich werde mich zurückziehen, wenn es Zeit dazu ist,
aber für jetzt kann und darf ich es nicht, und will folglich mein Recht
nicht abtreten, die Anordnung zu treffen, die ich bei diesem vakanten
Benefizium für gut halte, in der Erwartung, daß es besetzt wird. Und
ich will auf keinen Fall, daß jene, die sich dem widersetzen, dort die
Sakramente spenden. Ich habe einen Priester bestimmt, der morgen
hingeht, um zu verhindern, daß diese Leute nicht mit dem versorgt
werden, was in dieser Hinsicht für sie notwendig ist.
Ich schätze die Herren Gras, um so mehr, als einer von ihnen in
Ihren Diensten steht; aber ich bin verpflichtet, den Respekt aufrecht-
zuhalten, der der Autorität gebührt, die mir übertragen ist, und ihr
Geltung zu verschaffen, wo es notwendig ist. In dieser Absicht habe
ich mich an den Senat gewandt, um in den Besitz des Inventars zu
kommen und um die Berufung wegen Mißbrauchs abzuwenden, da-
mit ich eines Besseren belehrt werde, falls ich meine Autorität miß-
brauche, oder erreiche, daß diejenigen eines Besseren belehrt wer-
den, die meinen, daß ich sie mißbrauche.
Mein größter Kummer wäre, wenn ich Ihnen dabei irgendwie Ver-
druß bereite; aber ich will und kann das nicht glauben, denn meine
Absicht ist gut und ohne Gehässigkeit, und Sie lieben mich ständig,
der ich unwandelbar bin, mein Herr, Ihr sehr demütiger Diener und
Gevatter,
Franz, Bischof von Genf.
31. Januar (1620)

Der Bischof hielt sich an die Entscheidung der Examinatoren. Seine Einfluß-
nahme beschränkte sich auf Informationen und Vorschläge im Interesse der Seel-
sorge, wie in den folgenden Briefen an seinen Bruder Jean-François und an die
Examinatoren.

OEA XVII,48-52. 6. September 1615.


Mein teuerster Bruder und Freund,
Dom Juste ist gestern abgereist und bringt Ihnen Briefe von mir;
aber nachher habe ich den erhalten, den Sie mir geschrieben haben
wegen der Schwierigkeit, die sich beim Konkurs ergeben muß. Ich

110
weiß nicht, ob jener, der ihn machen muß, seine Dispens von zwei
Irregularitäten besitzt, von denen eine naturgegeben ist, weil er un-
ehelich geboren ist, die andere erworben, um als ‚in criminibus‘ be-
trachtet zu werden, wie man annehmen muß. Die geringste Notiz, die
man darüber auf den Tisch legte, würde ihn vom Konkurs ausschlie-
ßen; und wenn man sie nicht vorlegte und er als der Geeignetste beur-
teilt würde, die Pfarrei zu bekommen, darf man ihn auf keinen Fall
zur Einsetzung annehmen. Das ganze Übel wird in diesem Fall im
Gekeife bestehen; dabei muß man würdevoll und ruhig bleiben und
nichts darauf erwidern als: Die Stimmenmehrheit hat entschieden.
Wenn er aber die Dispens besäße, hätte er Unrecht zu glauben, daß in
diesem Wettbewerb das Wissen allein den Ausschlag gibt. Und man
muß sich stets an die Stimmenmehrheit halten, die unanfechtbar ist
für den, dem sie gilt, besonders dann, wenn sie ihm nicht gegeben
wird.
Ich habe trotzdem an Herrn Grandis geschrieben, damit er womög-
lich zu Hilfe komme; ich habe aber wenig Hoffnung, daß er es derzeit
kann. Deshalb sage ich schließlich: Wenn diese Pfarrei bis zum Tag
der Ausschreibung besetzt werden könnte, wäre ich sehr erleichtert
und ich wünsche es sehr. Wenn aber die Schwierigkeiten unüberwind-
lich scheinen, könnte man die Entscheidung bis zu meiner Rückkehr
verschieben, die sobald wie möglich sein wird. Aber diese Verzöge-
rung darf nur im äußersten Fall eintreten, und wegen der schon in der
Versammlung aufgetretenen Schwierigkeit, nicht aus Angst vor der
Schwierigkeit. Ich glaube, daß sie wegen des Herrn Chevrier entste-
hen wird.
Das Gehalt für den Pönitentiar müßte wohl diese Aufregung ver-
hindern. Und was dieses Gehalt betrifft, muß man es in der Weise
bestimmen, daß derjenige, dem die Pfarrei zugesprochen wird, sie
nicht in Besitz nehmen kann, wenn er nicht durch aktenkundige Zu-
stimmung erklärt, daß er dieses Benefizium übernimmt mit dieser
gerechten Auflage, die durch meine Autorität und den Rat der Ex-
aminatoren gemacht wurde. Es wird auch günstig sein, wenn man
gleichzeitig mit der Einsetzung einen bestimmten Betrag des Abzugs
für das genannte Gehalt des Pönitentiars festsetzt, ohne daß er etwas
mit dem Pfarrer zu tun hat. Der menschliche Geist ist ja so widerwär-
tig in allem, was im geringsten seinen Vorteil betrifft, daß man auf
andere Weise schwerlich dieses kleine Einkommen für den Pöniten-
tiar sichern könnte.

111
Wenn der Pfarrer von Mieussy gestorben ist, könnte man wohl den
Herrn von Monfalcon begünstigen mit der Auflage, daß er tüchtige
Vikare einsetzt, solange er zur Fortsetzung seiner Studien von der
Residenzpflicht dispensiert sein wird. Es bedarf ja besserer Vikare,
wo der Pfarrer nicht residiert. Und weil das Kapitel selbst daran in-
teressiert ist, könnte es dafür sorgen, daß sie deswegen schnell geprüft
werden. Doch das sage ich nur als Vorschlag, da ich überzeugt bin,
daß die Liebe diese Herren verpflichtet, die Ärmeren unter ihnen bei
Gelegenheit zu berücksichtigen und solche, die schon genügend Jah-
re haben. Ich schreibe auf jeden Fall an die Herren des Konkurses
wegen des Gehalts für den Pönitentiar ...

OEA XVII,53f. 6. September 1615.


Meine Herren,
Ihr erinnert euch, dessen bin ich sicher, an den Beschluß, den wir
gefaßt haben, als wir fast alle beisammen waren, ein Einkommen für
den Pönitentiar unserer Kathedrale einzubehalten bei der ersten Va-
kanz einer Pfarrei, die das tragen kann. Dieser Beschluß ist gerecht,
angemessen und im Einklang mit dem Konzil. Aus Anlaß der Vakanz
von Gruffy bitte ich euch, dieses Reservat bis zur Höhe von 200 Gul-
den zu machen. Und um Streitigkeiten zu vermeiden, die der Eigen-
nutz bei solchen Gelegenheiten zu erregen pflegt, wünsche ich, daß
man bei der Einsetzung des künftigen Pfarrers einen Betrag des Ab-
zugs festsetzt, der dem erwähnten Pönitentiar angewiesen wird, der
ihn unmittelbar erhält.
Ich weiß, daß auch eine gewisse Schwierigkeit entstehen wird bei
der Zulassung des Herrn Jay zum Konkurs, zumal die Begründung,
warum wir ihn ohne Konsequenzen von der Regel der auf ihre Pfarrei
Resignierenden ausnehmen zu können glaubten, der Grundlage zu
entbehren scheint, weil sich der öffentliche Nutzen nicht ergab, den
wir davon wünschten. Da ihn aber daran keine Schuld trifft und er
großen Nachteil hätte und allen Grund, sich zu beklagen, er sei durch
unsere Zusage getäuscht worden, glaube und wünsche ich, er soll mit
den übrigen zugelassen werden. Ich glaubte euch diesen Rat geben zu
müssen und bin sicher, daß ihr ihm folgen werdet. – – –

112
4. Mitarbeiter im geistlichen Amt

In der zum guten Teil sehr schwierigen Seelsorge stützte sich Franz von Sales
auf seine ‚Brüder‘ im geistlichen Amt, vor allem auf sein Domkapitel, das ‚ein
Herz und eine Seele‘ mit ihm war (s. Band 8,258). Zu zahlreichen Priestern
hatte er ein vertrauensvolles Verhältnis; ihnen übertrug er oft schwierige Po-
sten. Etienne Dunant, der schon im Chablais sein Mitarbeiter war, setzte er in
Gex ein und ermunterte ihn zum Durchhalten:

OEA XIV,65-67 25. September 1608


Mein Herr und teuerster Mitbruder!
Verzeihen Sie mir bitte, daß ich so spät auf Ihren ersten Brief ant-
worte, den Sie mir schon früher geschrieben haben; das gleiche gilt
für die anderen, deren Empfang mir ein Trost ist. Aber ich hatte bei
meiner Abreise so viel zu tun, daß ich keine Muße fand, um dieser
Verpflichtung gegen Sie nachzukommen; außerdem war ich mir Ih-
rer Liebe sicher, die diese Verzögerung im guten Sinn auslegen wird.
Ich bleibe stets dabei, Ihnen zu sagen, daß Sie Gott dienen müssen,
wo Sie sind, und facere quod facis (tun, was Sie tun). Nein, mein
lieber Bruder, nicht daß ich ein Wachstum Ihrer guten Übungen und
eine ständige Läuterung Ihres Herzens ausschließen wollte; aber tun
Sie, was Sie tun, und besser, als Sie es tun. Ich weiß ja sehr wohl, was
Gott allen seinen Getreuen in der Person Abrahams (Gen 17,1) ge-
bietet: Wandle vor mir und sei vollkommen; und: Selig sind, die auf
den Wegen des Herrn wandeln (Ps 128,1); daß unsere Väter aufbra-
chen und gingen (Ps 126,6) und in ihrem Herzen den Aufstieg erwo-
gen, um von Tugend zu Tugend (Ps 84,6.8) fortzuschreiten.
Haben Sie also guten Mut, diesen kleinen Weinberg zu bearbeiten
und durch Ihre geringe Arbeit zum geistlichen Wohl der Seelen bei-
zutragen, die sich Gott vorbehalten hat, damit sie das Knie nicht vor
Baal beugten (1 Kön 19,18; Röm 11,4) inmitten eines Volkes, das
seine Lippen befleckte (Jes 6,5). Wundern Sie sich nicht, wenn sich
noch keine Früchte zeigen, denn wenn Sie geduldig das Werk Gottes
verrichten, wird Ihre Arbeit vor dem Herrn nicht vergeblich sein (1
Kor 15,58).
Wohlan, mein Herr, Gott hat uns mit der süßen Milch vieler Trö-
stungen genährt, damit wir, groß geworden, uns bemühen, beim Wie-
deraufbau der Mauern Jerusalems (Ps 51,20) zu helfen, indem wir
entweder Steine schleppen oder den Mörtel rühren oder mauern (vgl.
1 Sam 5,15ff). Glauben Sie mir, halten Sie dort aus; tun Sie getreu

113
und redlich alles, was Sie moralisch leisten können, und Sie werden
erfahren: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes schauen
(Joh 11,40). Und wenn Sie es gut machen wollen, dann halten Sie
alles für eine Versuchung, was Ihnen in den Sinn kommen mag, um
Ihre Stelle zu wechseln; denn während Ihr Geist nach einer anderen
Ausschau hält, wird er sich nie damit befassen, da nützlich zu sein, wo
Sie jetzt sind.
Wohlan, das alles sei gesagt in dem Vertrauen, das Sie mir in Ihrem
Brief schenken, und in der aufrichtigen Freundschaft, die ich Ihnen
entgegenbringe im Herzen dessen (Phil 1,8), dessen Seite aus Liebe
zu uns durchbohrt wurde. Ich bitte ihn, daß er den Eifer für seine
Ehre immer mehr in Ihnen festige, und bin von Herzen Ihr demütiger
und sehr ergebener Mitbruder und Diener
Franz, Bischof von Genf.
Von Sales, am 25. September 1608.

Im Vertrauen auf seine Mitarbeiter übertrug der Bischof auch gern Vollmach-
ten, allgemein den ‚Aufsehern‘, wie die Ernennungsurkunde für den Domherrn
de L’Espine (OEA XXIV,153-156) zeigt, wie die Synodalkonstitutionen und die
Weisungen für die Beichtväter bestätigen, und in konkreten Fällen, wie im Brief
an den Abt Vespasian Ajazza von Abondance.

OEA XXIV,153-156. 12. April 1617.


Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna-
de Fürstbischof von Genf, Unserem in Christus geliebten François de
L’Espine, Domherr der Kathedrale von Genf, Heil und Liebe im Her-
zen Christi.
Die Ausdehnung dieser Diözese und die Vielfalt der Aufgaben ist
so groß, daß ich von der Last der Seelsorge bedrückt, nach dem hl.
Gregor mit Recht das Psalmwort (38,7; 119,107) in Anspruch neh-
men kann: Ich bin gebeugt und von allen Seiten niedergedrückt; aus
ähnlichem Grund sagte ja Mose (Ex 11,14): Ich kann nicht allein
dieses ganze Volk tragen, denn es ist schwer.
Deshalb müssen aus der Zahl meiner Brüder im Priesteramt einige
ausgewählt werden, die ich, wie Mose (Num 11,16f) gesagt wurde, als
der Gesinnung und dem Geist nach als Älteste des Volkes kenne,
damit sie mit mir die Last des Volkes tragen und nicht ich allein damit
beschwert sei, der ich sehr schwach bin (1 Kor 11,30).
Ich glaubte und wollte, daß Sie, mein Bruder, einer von ihnen sein
sollen, da ich zu Ihrer Rechtschaffenheit, Ihrem Eifer und Ihrer Klug-

114
heit großes Vertrauen habe. So übertrage und empfehle ich Ihnen,
soviel ich vor dem Herrn vermag, deswegen die besondere Sorge und
Sorgfalt für die Kirchen, die Sie unten namentlich aufgezählt finden.
Kraft dieses Dekretes werden Sie diese wenigstens zweimal im Jahr
visitieren. Wenn in ihnen etwas fehlt oder in schlechtem Zustand ist,
werden Sie anordnen, daß es ersetzt und wiederhergestellt wird; wenn
bei Geistlichen etwas der Besserung bedarf, werden Sie es verbes-
sern; ist aber eine stärkere Zurechtweisung notwendig, werden Sie es
mir vortragen ...
Außerdem können Sie in den Uns reservierten Fällen absolvieren,
von Feiertagen und von der Einhaltung des vierzigtägigen Fastens
dispensieren, wo eine Notwendigkeit oder ein rechtmäßiger Grund
vorliegt, Gelübde umwandeln, aber nicht von ihnen dispensieren. Sie
können auch Gewänder, Gefäße, Korporalien und andere Dinge, die
Gott geweiht werden, segnen und weihen, wenn dafür nicht Chrisam
erforderlich ist.
Schließlich sollen Sie sorgfältig über das allgemeine Wohl der Ih-
nen anvertrauten Kirchen wachen, so daß Sie einer von denen sind,
die in ihrem Gebiet wachen und Tag und Nacht Wache halten über die
Herde. Und der Engel des Herrn wird über Ihnen stehen und die Herr-
lichkeit Gottes wird Sie umstrahlen (Lk 2,8f). Auf diese Weise werden
Sie mich aufrichten und stützen, der unter der Last gebeugt ist, und in
gegenseitigem Bemühen verbunden werden wir gleichsam einander
an der Hand haltend den schlüpfrigen Weg gehen. So werden die Füße
beider um so kräftiger ausschreiten, je stärker sich einer auf die Liebe
und das Vertrauen des anderen stützt.
Damit aber alle, die es betrifft, wissen, daß Sie die genannten Auf-
gaben erfüllen können, haben Wir es eigenhändig unterzeichnet und
Unser Siegel aufprägen lassen.
Annecy, am 12. April 1617.
Franz, Bischof von Genf.

OEA XIII,48-50. Annecy, 1. Juni 1605.


Mein Herr,
Die Glockenweihe ist ohne Zweifel nach dem allgemeinen Recht
Sache des Bischofs, wie alle anderen Dinge, die mit Öl gesalbt wer-
den, nur von ihm geweiht werden können, sei es, daß eine solche Seg-
nung von der Bischofsweihe abgeleitet wird oder ihm wegen der Wür-
de vorbehalten ist. Doch überall diesseits der Alpen, wo die Diözesen

115
sehr groß und verwickelt sind, hat die Gewohnheit dazu geführt, daß
die Bischöfe „einen würdigen Priester“ dazu bestimmen können, wie
von unserem Metropoliten Pierre de Villars in der ‚Institution der
Pfarrer‘ ausdrücklich bestimmt wurde. Auf seine Autorität berufe ich
mich nicht nur, weil er unser Vorgesetzter ist, sondern weil er auch
sehr gelehrt und eine große Persönlichkeit ist. Und um die Wahrheit
zu sagen, mir scheint, daß man in diesen Fragen der Zeremonien ohne
große Gefahr der Auffassung folgen kann, die unser Amt erleichtert;
erst recht in Gebieten, wo wegen der großen Zahl der Pfarreien die
Ungelegenheit groß wäre, sich mit allen Handlungen solcher Art zu
befassen.
Machen Sie sich also die Mühe, mein Herr, im Namen des Herrn
die erforderliche Weihe in Ihrer Kirche vorzunehmen, und nicht nur
in diesem Fall und in dieser Sache, sondern in allen ähnlichen Fällen,
in denen der Bischof von Rechts wegen oder durch Gewohnheit dele-
gieren kann. Und darüber hinaus, wenn es Ihnen zu beschwerlich ist,
sich selbst damit zu befassen, dann beauftragen Sie damit, wen Sie für
gut finden, denn ich betrachte ihn als beauftragt und gebe meine Zu-
stimmung. – – –

Es gab verschiedene Mißstände im Klerus der Diözese, die sich zum Teil
hartnäckig hielten, wie die wiederholten und dann meist verschärften Be-
stimmungen der Synodal-Konstitutionen beweisen. Manchmal war der Bi-
schof machtlos, wie im Fall eines Geistlichen, der zugleich Gesandter des
Herzogs war (s. Band 8,195), oder im Fall des skandalösen Dekans von Sallan-
ches (Band 8,254f). Größten Schmerz bereitete Franz von Sales der Abfall
eines Neffen seines Vorgängers, Denis de Granier (vgl. Band 8,321.323;
Band 5,350).
Kamen dem Bischof Klagen zu Ohren, dann ließ er Erkundigungen anstel-
len (vgl. Band 8,245) oder lud den Priester selbst vor (vgl. Band 8,175) oder
sorgte für Abhilfe, so gut es ging, wie in dem Brief an den Baron von Cusy:

OEA XVI,202f. Annecy, 8. August 1614.


Mein Herr, ich werde sehr erleichtert sein, wenn euer Pfarrer abwe-
send ist, denn er ist einer von denen, deren Anwesenheit für die Her-
de schädlicher ist als die Abwesenheit; und ich würde seine Beurlau-
bung gern ausdehnen, bis er besser und älter ist, aber das würde ihn
erzürnen. Was die Ernennung eines Vikars betrifft, habe ich einen
ernannt; wenn er sich entschließen will, bin ich sicher, daß er euch
zufriedenstellen wird. Wenn er nicht will, werde ich bis Dienstag se-
hen, was ich tun kann, um euch mit einem guten zu versehen ...

116
Grundsätzlich nahm Franz von Sales seine Priester gegen Beschuldigungen in
Schutz, solange ihre Schuld nicht feststand. Einem Geistlichen gab er in einem
Brief Ratschläge für das Verhalten gegen Verleumdungen:

OEA XX, 229f. Annecy, 1621 oder 1622.


Mein Herr,
schon drei Tage vor der Ankunft des guten Eremitenbruders in die-
ser Stadt, den ich recht nach meinem Geschmack finde, hatte ich von
der ärgerlichen Geschichte gehört, über die er mir in Ihrem Auftrag
berichtete. Und wie es mir sehr schwer fällt, wenn ich von einer be-
deutenden Persönlichkeit einen guten Eindruck gewonnen habe, mich
davon loszumachen, so erlaube ich diesem üblen Bericht nicht, in
meinen Geist einzudringen, sondern halte ihn an der Pforte auf, ent-
sprechend dem alten Rat:
Wen man zu leicht durch Verleumdung erfreut,
der hat entweder kein Urteil oder eine boshafte Seele.
Trotzdem versetzt mich der Fall Salomos, an den ich oft denke, in
große Sorge, das versichere ich Ihnen. Und ich war sehr erleichtert,
als mir der gute Bruder berichtete und als ich das über jeden Einwand
erhabene Zeugnis des Herrn Erzdiakons sah, dessen Aussage größten
Respekt verdient. Nun denn, Gott sei gepriesen.
Und hier ist mein Rat. Erstens: Wie mir der Bote berichtet und Ihr
Brief anzeigt, ist die Verleumdung noch nicht in die breite Öffent-
lichkeit gedrungen und die angesehensten und würdigsten Richter
der menschlichen Handlungen dieser Gegend sind im Gegenteil ganz
entschieden in der Auffassung über Ihre Rechtschaffenheit; daher
ziehe ich das Übergehen dem Widerspruch vor, denn wir befinden
uns in der Lage des Weisen der Antike:
Spreta exolescunt; si irascare, agnita videntur.21
Wie ich zu sagen pflege, ist der Bart nicht ausgerissen oder ver-
brannt, sondern nur abgeschnitten oder rasiert; er wird leicht nach-
wachsen.
2. Ich möchte, daß das Übergehen freimütig geschieht, wie es heroi-
sche Akte sein müssen, die man aus Liebe zu Gott macht: ohne sich
zu beklagen, ohne großes Widerstreben gegen das Verzeihen zu zei-
gen, denn die Einfalt des Herzens, das verzeiht, läßt das Unrecht des
Verleumders um so deutlicher werden.
3. Trotzdem muß man vor den Augen der Böswilligen alles vermei-
den, was sie herausfordern könnte und nicht zum Dienst Gottes ge-
hört ...

117
V. Die Reform der Klöster

Fast alle Klöster und Priorate von Konventualen, der Männer wie
der Frauen, in Savoyen, in der Grafschaft Genf oder in anderen Besit-
zungen und Gebieten, die dem erlauchten Herzog diesseits der Alpen
gehören, sind in einem Maß von der Regeltreue und alten Disziplin
abgefallen, daß man die Regularen kaum von Weltleuten unterschei-
den kann. Die einen schweifen nämlich unstet überall umher, andere,
die in Klöstern leben, geben dem Volk schwerstes Ärgernis.
Deshalb bittet (der Bischof) Eure Heiligkeit, sie möge gnädig ei-
nem von den Bischöfen diesseits der Alpen, der über alles gut Be-
scheid weiß, die Vollmacht geben, daß er gemeinsam mit zwei Patres
der Gesellschaft Jesu oder des Kapuzinerordens, und wenn es not-
wendig ist, selbst mit Hilfe des weltlichen Armes, solche Klöster frei
und unbeschränkt visitieren kann und muß, um sie zur alten Ordnung
zurückzuführen und die Unbotmäßigkeit zu maßregeln, je nachdem
er es zu ihrem Heil und zum Trost des Volkes als zweckmäßig erken-
nen wird, unter Ausschluß der Appellation und jeden Widerstands,
mit Rücksicht darauf, daß die Vorgesetzten dieser Klöster solchen
Verfall herbeiführen und dulden, weil sie keine Maßregeln dagegen
treffen.

Das schrieb Franz von Sales im Oktober 1598 (OEA XXII,187f) im Entwurf
des Rechenschaftsberichtes des Bischofs Granier für Papst Clemens VIII., den
er selbst in Rom vorlegen sollte. Die nachteiligen Folgen des Verfalls der mona-
stischen Klöster hatte er vor allem bei seiner Chablais-Mission feststellen müs-
sen. Schon seit Ende 1596 hat er in seinen Briefen an den Nuntius Riccardi
wiederholt auf die Notwendigkeit ihrer Reform hingewiesen (s. Band 8,26f.33.43).
In Rom erreichte er, daß der Papst die Visitation in Aussicht stellte, „wenn die
Zeit gekommen ist“ (Bd. 8,50), und er drängte weiter.
Nachdem er (Ende 1602) die Leitung der Diözese übernommen hatte, erhielt
er im August 1603 die Vollmacht zur Visitation, er hielt aber für eine wirksame
Reform weitergehende Maßnahmen für erforderlich, die er Ende 1603 (OEA
XII,239-243) dem neuen Nuntius Tolosa darlegte:

Ich beantworte den Brief, den Ew. Gnaden mir vor einiger Zeit
über die Reform der Klöster dieser Diözese geschrieben haben. Ich
will Ihnen meine Auffassung in aller Aufrichtigkeit freimütig sagen;
dazu verpflichtet mich der Gehorsam, den ich Ihnen schulde.

118
Sicher ist, daß der Sittenverfall in allen Klöstern Savoyens, ausge-
nommen jedoch die Kartäuser, so eingewurzelt ist, daß ein gewöhnli-
ches Heilmittel nicht genügen wird, um Abhilfe zu schaffen. Um Er-
folg zu haben, bedarf es eines Reformators von großer Autorität und
Klugheit, ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten, von denen er
je nach den Umständen Gebrauch machen kann; ja ich sage, nicht nur
weitreichende, sondern absolute Vollmacht ohne die Möglichkeit der
Appellation, denn die Mönche sind im Prozessieren sehr erfahren
und gewandt. Um ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, sich der Re-
form zu entziehen, wäre es notwendig, daß Seine Hoheit in dieser
Sache den Senat von Savoyen einschaltet, denn ohne dessen Interven-
tion wird man nichts erreichen. Das könnte ohne Beeinträchtigung
der kirchlichen Jurisdiktion geschehen, weil sich der weltliche Arm
nur einschalten würde, um die Maßnahmen durchzuführen, die man
für notwendig erachtet.
Es wäre sehr zweckmäßig, scheint mir, in bestimmte Klöster ande-
re Mönche einzusetzen, wie die Feuillanten oder Kartäuser, in ande-
ren die Mönche zu ersetzen durch Weltpriester oder Kanoniker. Der
Grund, der mich diese Maßnahme wünschen läßt, ist der: Weil ein
Teil der Klöster nicht-reformierten Oberen untersteht, könnte die
Reform nicht von Dauer sein, selbst wenn ihre Untergebenen sie an-
nehmen. Wir haben z. B. hier in der Nähe das Priorat Talloires, von
seiner Gründung her ein sehr bedeutendes Haus, und in der Nähe von
Genf das Priorat von Contamine und die Abtei von Entremont; das
erste ist abhängig von der Abtei Savigny in Frankreich, das zweite von
der Abtei Cluny, das dritte von der Abtei Saint-Ruph in Valence. Wie
könnten nun diese Oberen die Disziplin und Reform bei ihren Unter-
gebenen aufrechterhalten, wenn sie selbst keine haben, ja nicht ein-
mal wissen, was die Reform ist?
Um das Ärgernis zu beseitigen, wird nach meiner Auffassung eine
der beiden Maßnahmen erforderlich sein: entweder dort andere, re-
formierte Mönche einzusetzen oder aus ihnen Säkular-Kollegiate zu
machen. Eine dritte Möglichkeit ist, sie einer reformierten Kongre-
gation ihres Ordens zu unterstellen; oder als viertes Mittel, sie dem
Ordinarius zu unterstellen, wie es einst viele ausgezeichnete Klöster
waren, ehe die Exemptionen eingeführt wurden. Für andere Klöster
wird es notwendig sein, sie zu säkularisieren, so das Kloster von Sixt,
das von Peillonex, von Sépulcre in dieser Stadt und ähnliche, zumal
die Ordensleute Regularkleriker des hl. Augustinus sind, aber von

119
einer bestimmten Kongregation, die weder General, Provinzial noch
Kapitel hat, keine Visitation, keine bestimmte Form der Gelübde
kennt, weder Regel noch Konstitutionen. Es ist wahr, daß Sixt und
Peillonex vom Bischof visitiert wurden, auch von mir, aber ich konn-
te sie nicht zur Beobachtung der Regel verpflichten, weil sie keine
haben. Ich habe sie lediglich die gewöhnlichen Konstitutionen befol-
gen lassen, als wären sie Säkularkanoniker, in der Erwartung, daß
ihre Verfassung verbessert werden kann ...

In dem umfassenden Bericht über den Stand der Diözese vom November
1606 (s. III) sind die Klöster aufgezählt und sowohl die Notwendigkeit als auch
die Möglichkeiten der Reform dargelegt. Dann ist in der Korrespondenz mit
den höheren kirchlichen Stellen längere Zeit keine Rede von der Klosterreform.
In diesen Jahren machte aber Franz von Sales konkrete Anstrengungen (die an
markanten Beispielen anschließend behandelt werden).
Daß der Erfolg seiner Bemühungen ausblieb und seine Vorschläge durchgrei-
fender Maßnahmen in Rom offenbar keine Wirkung hatten, geht aus dem Ent-
wurf für den Rechenschaftsbericht, vom Januar oder Februar 1614 (OEA
XXIII,383-388) hervor, der die früheren Mißstände und Vorschläge zum Teil
wörtlich wiederholt:

– – – Es ist erstaunlich, wie sehr die Disziplin aller Regularen (ich


nehme die Kartäuser und die Mendikanten aus) zerstört ist, so daß ihr
Silber in Schlacke verwandelt wurde (Jes 1,22). Deshalb wird der Name
des Herrn ihretwegen von den Häretikern gelästert (2 Sam 12,14),
die jeden Tag sagen: Wo ist denn ihr Gott (Ps 42,11).
Ich denke, daß gegen dieses Übel auf dreifache Weise Abhilfe ge-
schaffen werden kann:
1. indem man bessere Mönche anderer Orden einsetzt, z. B. anstelle
der Zisterzienser die Feuillanten, anstelle der Regularkanoniker die-
ser Stadt Barnabiten und so bei anderen. Damit wurde schon im Klos-
ter Abondance begonnen, in dem die Regularkanoniker durch die
Feuillanten ersetzt wurden.
2. indem man die Regularkanoniker durch Säkularkanoniker er-
setzt. Wenn es auch etwas hart scheinen mag, das bei allen durchzu-
führen, so wäre es dennoch bei den meisten vorteilhaft. Die Regular-
kleriker unterscheiden sich ja in dieser Diözese durch nichts von den
weltlichen, außer daß sie den sogenannten Frocus (wie anderswo das
Skapulier) tragen; was die Säkularkanoniker durch die tägliche Zu-
teilung erhalten, pflegen sie durch die Präbenden zu empfangen. Wenn
sie diese erhalten haben, nehmen sie am Chorgebet teil, wenn sie wol-

120
len; wenn nicht, werden sie dadurch um nichts ärmer. Außerdem gibt
es bei ihnen keine Observanz einer geregelten Disziplin, keine ge-
schriebenen Konstitutionen, keine ausdrückliche Gelübdeablegung.
Warum soll man sie also nicht in Säkularkanoniker umwandeln, die
für das christliche Gemeinwesen viel nützlicher sind? Dies um so
mehr, als es in Savoyen viele Adelige ohne ausreichende Einkünfte
gibt; für ihre Söhne, die den geistlichen Stand wählen, könnte man
auf diese Weise gut sorgen. Und wenn man das gleiche mit bestimm-
ten anderen Mönchen täte, wäre das nach meiner Meinung eine gute
Sache.
3. indem man die verbleibenden Mönche jedes Jahr visitiert und
zurechtweist. Es wäre aber nicht angebracht, daß diese Visitationen
von den Oberen ihres Ordens gehalten werden, denn die Mönche und
Äbte von Cluny, von Savigny und Saint-Ruph wissen nicht einmal,
was Reform ist. Da sie schal gewordenes Salz sind, wie könnten sie
dazu dienen, die Untergebenen zu bessern?
Die Klöster der Regularkleriker dieser Gegend gehören aber zu
keiner Kongregation, halten kein Kapitel, keine Visitation, folgen
keiner Regel. Und obwohl das Kloster von Sixt und von Peillonex
vom Bischof visitiert wird, dem es nach altem Recht untersteht (ob-
wohl sie ihm bisher kaum gehorchen wollten), wurde bei ihnen von
Uns doch nichts erreicht, weil sie weder Regel noch Konstitutionen
haben und sich sehr bescheiden geben, was die kirchliche Profeß be-
trifft. Daher müßten sie von einem anderen Visitator visitiert werden.
Um aber die Wahrheit zu gestehen, werden das erste und zweite
Heilmittel die nützlichsten sein, denn das dritte ist sehr schwierig
und sehr unsicher, denn was mit Gewalt geschieht, gelingt kaum.
Was jedoch die Nonnen betrifft, halten sich die zwei Klöster der hl.
Klara vorzüglich und ich sehe nichts, was zu wünschen wäre, außer
daß den Nonnen der Trost gewährt wird, den ihnen das Konzil von
Trient nicht ohne Eingebung des Heiligen Geistes zugestand und ge-
ben wollte, daß ihnen nämlich wenigstens dreimal im Jahr ein außer-
ordentlicher Beichtvater zugeteilt wird. Sie sind ja gezwungen, im-
mer bei ein- und demselben zu beichten, so daß sie keinesfalls und
aus keinem Grund bei einem anderen beichten können. Welche Ge-
fahr das für die Seelen bedeutet, weiß ich nicht, Gott weiß es.
Dasselbe ist von den Kartäuserinnen in Mélan zu sagen, die bisher
ganz lobenswert lebten, obwohl die Klausur nicht streng aber hinrei-
chend eingehalten wird. Sie gehen nämlich in der Umgebung des Klos-

121
ters aus, um sich auf benachbarten Wiesen zu erholen, aber nur in
Gruppen, manchmal auch in die Kirche. Umgekehrt gewähren sie
allen weltlichen Frauen Zutritt, nur Männer sind ausgeschlossen.
Die Klöster der Zisterzienserinnen dagegen stehen allen offen, den
Nonnen zum Besuch der Freunde und Verwandten und den Männern
zum Eintritt. Ich glaube aber, daß sie nur reformiert werden können,
wenn man sie in die Städte überführt und anderen Oberen unterstellt,
die größere Sorge für ihre geistliche Betreuung tragen. – – –

Ein großes Hindernis der Reform war der Mißbrauch der Exemption, über
den sich Franz von Sales in einem Brief an Bischof Camus beklagt:

OEA XVI,215-219 Annecy, 22. August 1614


Monseigneur,
ich freue mich gewiß über Ihre Siege, denn was man auch sagen
mag, es gereicht zur größeren Ehre Gottes, wenn unser bischöflicher
Stand als das anerkannt wird, was er ist, und wenn dieses Moos der
Exemptionen vom Baum der Kirche entfernt wird. Man sieht ja, wel-
ches Unheil es da angerichtet hat, wie das heilige Konzil von Trient
sehr richtig feststellte. Ich bedauere aber trotzdem, daß Ihr Geist in
diesem Krieg so sehr leidet, in dem fast nur die Engel die Unschuld
bewahren können. Und wer in den Prozessen die Mäßigung bewahrt,
für den ist meiner Meinung nach der Heiligsprechungsprozeß schon
gewonnen. „Weise sein und lieben, das wird höchstens den Göttern
zuteil.“ 22 Aber ich möchte lieber sagen: Streiten und nicht unsinnig
handeln, das gelingt höchstens Heiligen. Trotzdem, wenn es die Not-
wendigkeit erfordert und wenn die Absicht gut ist, muß man sich
einschiffen in der Hoffnung, daß die Vorsehung selbst, die uns zur
Seefahrt verpflichtet, sich selbst verpflichtet, uns zu führen ... Wel-
che Erniedrigung, daß wir das geistliche Schwert in Händen haben
(Eph 6,17) und als einfache Vollstrecker des Willens des weltlichen
Richters zuschlagen müssen, wenn er es anordnet, und aufhören,
wenn er es befiehlt, und daß wir des wichtigsten Schlüssels beraubt
sind über jene, die Unser Herr uns anvertraut hat (Mt 16,19), d. h.
des Urteils, der Entscheidung und der Weisheit im Gebrauch unse-
res Schwertes ...

Das ist eine Anspielung auf weltliche Einflüsse durch Patronatsrechte. Auf
diesem Gebiet erwartete Franz von Sales Hilfe vom Erbprinzen Victor-Amédée,

122
der sich für die Reform der Klöster, für deren rechtliche und finanzielle Grund-
lagen einsetzte (vgl. Band 8,252). Im Herbst 1616 verfaßte der Bischof im
Auftrag des Prinzen zwei Memoranden über die Reform der Männer- und Frau-
enklöster (OEA XXIV,510-515); sie zeigen einerseits, wie wenig er bisher er-
reicht hatte, andererseits, wie beharrlich er sein Ziel verfolgte.

1.

Die Abhängigkeit der Ordensleute von ihren Kommendatar-Äbten


und -Prioren führt ständig zu Prozessen, Händeln und Streitigkeiten
zwischen ihnen.
Deshalb dürfte es vielleicht zweckmäßig sein, den Anteil des Ein-
kommens, der für den Unterhalt der Ordensleute, des Klosters und
der Kirche erforderlich ist, von dem zu trennen, der dem Kommenda-
tar-Abt oder -Prior verbleiben kann. Auf diese Weise hätten die Or-
densleute nichts mit dem Abt zu tun und der Abt nichts mit ihnen,
weil jeder von ihnen seine Sache für sich hätte. So hat man es mit
großem Nutzen in Paris gemacht in den Abteien von St. Viktor und
Saint Germain. Auf diese Weise hätten auch die klösterlichen Obe-
ren alle gebührende Autorität, die Klöster gut zu reformieren, indem
sie den Anteil der Ordensleute in gemeinsamen Besitz überführen.
So könnte man auch die Oberen durch die Wahl von drei zu drei
Jahren wechseln.
Damit die Reform leichter gelingt, wäre es notwendig, diese Ord-
nung zuerst in Talloires einzuführen, wo schon ein guter Anfang der
Reform gemacht ist; und dann müßte man Talloires alle Klöster des
Ordens vom hl. Benedikt unterstellen, um dort die gleiche Reform
einzuführen.
Was die Klöster des Ordens von Citeaux betrifft, sehe ich keine
Möglichkeit der Reform, außer wenn man dort Feuillanten einsetzt,
wie man es in ‚Consolata‘ von Turin, in Pignerolo und in Abondance
gemacht hat. Es gibt außerdem Klöster der Regularkanoniker vom hl.
Augustinus, die nicht weniger der Reform bedürfen; die kann schwer-
lich durchgeführt werden ohne Änderung des Ordens. Es scheint auch,
daß es hilfreich wäre, einige von ihnen in die Städte zu verlegen, so
z.B. das Kloster von Entremont nach La Roche, um die Zahl der Ka-
noniker zu vermehren und dort einen ansehnlichen Dienst einzufüh-
ren mit einem Theologalen und einem Pönitentiar, mit Rücksicht auf
die Nachbarschaft von Genf und den ständigen Verkehr der Bewoh-
ner von Genf mit denen von La Roche. Andere könnte man in Kon-

123
gregationen von Priestern des Oratoriums umwandeln, so z. B. das
Kloster Saint Sepulcre in dieser Stadt, und die anderen dem Kolleg
dieser Stadt angliedern wie das Priorat von Peillonex.
Was ich nun gesagt habe, daß man manche Klöster in die Städte
verlegen soll, so berücksichtigt dies das Wohl des Adels dieser Ge-
gend. Er ist zahlreich, aber zum großen Teil arm und hat keine Mög-
lichkeit, seine Kinder ehrenvoll unterzubringen, die eine Stellung in
der Kirche wollen, außer in Benefizien, die über das Land verstreut
sind wie die Pfarreien und Kanonikate. Die könnte man auf heilsame
Weise einführen, nicht ehe sie durch den Konkurs Adelige oder Dok-
toren verliehen wurden.
In dieser Hinsicht könnte daher Seine Hoheit ihrem Gesandten
eine Anweisung geben, um von Seiner Heiligkeit einen Auftrag an
den Erzbischof von Tarantaise, den Bischof von Maurienne und an
den von Genf zu erwirken, um die genannten Niederlassungen zu er-
richten, jedoch in der Weise, daß die beiden anderen vorgehen kön-
nen, wenn einer der genannten Bischöfe abwesend ist.
Und der General- und Erbprokurator sollen beauftragt werden, bei
jeder Gelegenheit die Ausführung zu überwachen, mit der ausdrück-
lichen Empfehlung an den Senat, seine Hilfe zu gewähren in allen
Fällen, die es erfordern.

2.

Es wäre notwendig, daß man die drei Klöster der Zisterzienserin-


nen in die Städte verlegt, damit ihr Verhalten ständig gesehen wird,
damit sie geistlich besser betreut werden und damit sie nicht dem
Einfluß der Feinde des Glaubens oder des Staates ausgesetzt sind, der
Frechheit von Dieben und dem Unwesen so vieler unnützer und ge-
fährlicher Besuche von Verwandten und Freunden. Dazu kommt, wenn
man sie auf dem Land einsperrt, fern von geistlichem Beistand, dann
macht man sie zu bedauernswerten Gefangenen, nicht aber zu guten
Ordensfrauen, wozu man sie durch die guten Ermahnungen machen
will, die sie in den Städten erhalten. Und das Konzil von Trient ord-
net aus den gleichen Gründen ebenfalls an, daß man sie in die Städte
verlegt.
Man könnte also die Nonnen von Sainte Catherine in diese Stadt
verlegen, jene von Bonlieu nach Rumilly und die von Betton nach
Saint Jean in Maurienne oder in Montmelian. Und was die Klarissen

124
außerhalb von Chambéry betrifft, könnte man sie ebenfalls in die
Stadt Chambéry überführen.
Damit aber gleichzeitig mit der Verlegung in die Städte bei allen
die Reform durchgeführt wird, wäre es notwendig, daß Seine Heilig-
keit einen Bischof beauftragt, in den Klöstern alle Anordnungen zu
treffen, die das Konzil von Trient vorgeschrieben hat, und um ihnen
Obere zu geben, an die man sich leicht wenden kann.
Seine Hoheit könnte daher zu diesem Zweck ihrem Gesandten An-
weisung geben, daß er von Seiner Heiligkeit zwei Erlässe erwirke:
einen an den Abt von Citeaux, den General des Zisterzienserordens,
daß er dafür sorgt, daß sich die Ordensfrauen der Klöster Savoyens
unverzüglich in benachbarte Städte zurückziehen, an einen Ort, der
für ihre Wohnung geeignet ist, bis sie ein neues Kloster errichtet ha-
ben; den anderen an den Bischof von Maurienne und an den Bischof
von Genf, damit sie darüber wachen, daß alle Anordnungen des Kon-
zils von Trient durchgeführt werden, nicht nur in den Klöstern der
Zisterzienserinnen, sondern auch in allen anderen Frauenklöstern in
Savoyen.
Und an den Generalprokurator, daß er die Durchführung nach der
Absicht Seiner Hoheit überwache.

Drei Jahre danach entwarf Franz von Sales im Auftrag des Prinzen eine Denk-
schrift, die offenbar für Rom bestimmt war (vgl. Band 8,304). In einem Brief
vom 31. 8. 1621 (vgl. Band 8,332) erinnert der Bischof den Prinzen erneut an
dessen Pläne zur Reform der Klöster, die er 1616 bei der Konferenz in Annecy
gefaßt hatte, ohne deren Durchführung die Reform nicht gelingen kann, und an
seine Denkschriften.
In den bisher angeführten Dokumenten fällt das harte Urteil auf, das Franz
von Sales über die Zustände in den Klöstern und über die Erfolgsaussichten
ihrer Reform fällt. Beides beruht auf seiner Kenntnis der Situation und auf
seinen beharrlichen Bemühungen, die im folgenden an konkreten Beispielen
gezeigt werden, soweit die Annecy-Ausgabe dafür Unterlagen bietet.

1. Die Abtei Notre Dame von Sixt

Das größte Hindernis für die Reform der Augustiner Chorherren von Sixt war
der Kommendatar-Abt Jacques de Mouxy, der nur Subdiakon war, sich aber
unter Berufung auf die Exemption der Reform widersetzte. Der Prior Jean
Moccand und die jüngeren Kanoniker dagegen waren zur Reform bereit. Franz
von Sales visitierte die Abtei im September 1603 und verfaßte darüber das
folgende Protokoll (OEA XXIV,441-452):

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Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gna-
de Fürstbischof von Genf, kam am 20. September 1603 in die Abtei
und Kirche von Sixt. Nach der Feier der Messe am folgenden Tag
versammelte er zunächst den Ehrwürdigen Herrn Jacques de Mouxy
zusammen mit allen Ordensleuten, die dort leben und eine Pfründe
haben. Als sie vor ihm erschienen, erklärte er ihnen, er sei in ihre
Abtei gekommen, um als Vorgesetzter der genannten Abtei alles zu
visitieren, was ihre Sitten, ihr Leben und ihren Umgang betrifft, aber
auch die Gebäude, Güter und Rechte. Er mache das, müsse und kön-
ne es gemäß dem alten Recht und Brauch des Bistums Genf tun. Wenn
sie daher etwas hätten, aufgrund dessen sie glaubten, das dürfte nicht
geschehen, sollten sie es freimütig kundtun. Darauf antworteten alle
mit gebührender Ehrfurcht, der Hochwürdigste Bischof von Genf habe
das Recht, ihre Abtei und sie zu visitieren, und sie wollten das in
keiner Weise bestreiten oder verhindern.
So wandte er sich an den Ehrwürdigen Abt, den er seit vielen Jahren
im unbestrittenen Besitz seines Amtes wußte, und fragte ihn, ob er
Kommendatar oder wirklicher Abt sei. Der antwortete, das wisse er
nicht, weil er schon seit langem seine Ernennungsbulle nicht mehr
gesehen habe, die in Chambéry bei einem Prozeß vorgelegt wurde.
Der oberste Senat von Savoyen habe ihm aber die Zurechtweisung der
Ordensleute untersagt, da er nicht Titular sei; daher trage er nicht
den Habit der Ordensleute. Die Verwaltung der zeitlichen Güter ste-
he ihm aber zu.
Darauf fragte er die Ordensleute, ob sie Profeß gemacht haben. Sie
antworteten ihm, sie hätten die Profeß nicht ausdrücklich, sondern
nur implicite und stillschweigend nach der Regel des hl. Augustinus
gemacht.
Er fragte nach Titeln und Rechten. Wenn jemand solche bei sich
oder bei jemand wisse, solle er es offenbaren, damit über deren Auf-
rechterhaltung entschieden werde. Der Herr Abt versicherte unter
Eid, er besitze nur fünf Anerkennungsbriefe, und gab an, er habe die
Schriftstücke. Ebenso habe er eine bestimmte Schenkung des Aymon
von einer gewissen Stadt Faucigny, die aus einem Prozeß in Annecy
hervorgegangen sei; außerdem eine bestimmte Mitteilung, die in
Chambéry ausgestellt wurde, über eine bestimmte Mühle; schließlich
einige andere, an die er sich nicht recht erinnere, die er durch seine
Arbeit und seinen Fleiß erworben habe, von denen er ein Verzeichnis
machen werde.

126
Der hochwürdige Prior erklärte, er habe die Rechte der Kommuni-
tät, von denen er eine Liste aufstellen werde. Frater Petrus Pugin sag-
te, er habe bestimmte Rechte an der Kapelle des hl. Nikolaus in Sa-
moens. Die übrigen aber erklärten, sie hätten keinerlei Rechte für
sich und wüßten nichts, daß bei einem anderen Rechte lägen, die das
Kloster betreffen.
Darauf bestimmte der Hochwürdigste Herr Bischof als Visitator,
bis zum nächsten Aschermittwoch sollte ein Verzeichnis aller Rech-
te und Titel in der vorgeschriebenen und bewährten Ordnung aufge-
stellt werden und zwei gleichlautende Abschriften, von denen eine im
bischöflichen Archiv aufbewahrt werde, die andere von dem, den das
Kapitel bestimmt, um zur Klärung von Streitigkeiten zu dienen.
Die Ordensleute beschwerten sich, daß von der erforderlichen Zahl
der Kanoniker drei fehlten; es müßten zwölf sein, aber der zehnte,
elfte und zwölfte fehlten. Der Abt erwiderte, die Einkünfte seien teils
durch die Nachlässigkeit der Vorgänger, teils durch Überschwem-
mungen, die ganze Ortschaften und Meierhöfe zerstörten, so stark
zurückgegangen, daß er nicht mehr Ordensleute ernähren und klei-
den könne. Die Ordensleute dagegen brachten dem Herrn Abt jähr-
lich 1000 Gulden, frei von allen Lasten, und zwölf Präbenden nach
Abzug der Lasten.
Der Hochwürdigste Herr Visitator erkannte, daß er diese Frage nicht
leicht entscheiden konnte, und verschob die Entscheidung auf später,
bis er klarer über das hinreichende Einkommen sehe ...
Für das Chorgebet ordnete der Hochwürdigste Herr Bischof an,
daß es nach der vom heiligen Konzil von Trient herausgegebenen
Ordnung verrichtet werde, sowohl privat wie im Chor; ihre Rubriken
seien zu befolgen. Was das kleine Offizium der seligsten Jungfrau,
das Totenoffizium und die Bußpsalmen betrifft, können sie nach dem
Brauch der Abtei vor dem Tagesoffizium verrichtet werden; jedoch in
der Weise, daß niemand verpflichtet ist, sie außerhalb des Chorgebets
zu verrichten, außer nach Vorschrift des tridentinischen Breviers. Die
Gradualpsalmen aber sollen nach demselben Brauch vor der Matutin
rezitiert werden, wenn die Ordensleute zusammenkommen. Die Prim
wird nach den Laudes verrichtet.
Jeden Tag werden wenigstens vier Messen gefeiert, an bestimmten
Tagen fünf, wenn sie nämlich anderweitig dazu verpflichtet sind. Am
Sonntag muß nach altem Brauch eine stille Messe für die Verstorbe-
nen gefeiert werden und die Konventmesse.

127
Für die Kirche ordnete er an, daß der Tabernakel des allerheiligsten
Sakraments, der in der Mitte des Altars steht, von allen Seiten ver-
schlossen und wenigstens ein Gehäuse aus Zinn sein muß.
Auf der rechten Seite hinter dem Hochaltar ist ein Altar aus Holz;
er ließ ihn entfernen, und weil er zu nahe am Hochaltar war, übertrug
er auf diesen die Stiftung des Holzaltars.
Auf dem Altar in der Nähe des Chorgestühls der Ordensleute fand
er Bilder, die durch Alter und Feuchtigkeit entstellt waren. Er ließ
sie entfernen und an einem geziemenden Ort heimlich verbrennen.
Das Chorgestühl fand er verfallen und befahl dem Ehrwürdigen
Herrn Abt, daß er es wiederherstellen und restaurieren lasse.
Das Gewölbe des Chores ist durch Risse und Spalten vom Einsturz
bedroht. Er befahl dem Abt, es innerhalb von zwei Monaten instand-
setzen und wiederherstellen zu lassen.
Die Sakristei soll er erneuern. Die Zäune und Mauern des Klosters,
die für die Erhaltung der Ordensdisziplin besonders notwendig sind,
soll er wiederherstellen; sie sind durch zwei Tore zu verschließen.
Über die Wiederherstellung der Ordensdisziplin bestimmte er: So-
bald die Zäune wiederhergestellt sind, ist ein Pförtner vorzusehen.
Inzwischen sind innerhalb der Umfriedung und der Reste der verfal-
lenen Mauern Frauen nicht zuzulassen.
Die Wiederherstellung der gemeinsamen Tafel anzuordnen, blieb
der Zeit vorbehalten, wenn die dafür notwendigen Mittel reichen, die
dem Kloster derzeit fehlen, wie für diesen Ort passende Geräte und
ähnliches.
Ebenso blieb die Frage der ausdrücklichen Gelübdeablegung of-
fen, weil bezüglich der Regel und Konstitutionen keine hinreichende
Klarheit besteht. Er wird aber sehen, daß es später möglich sein wird,
und dafür sorgen, daß es geschieht.
Sowohl der Ehrwürdige Herr Abt als die Ordensleute versprachen,
allen diesen Anordnungen zu gehorchen.

Am 14. November 1603 (OEA XII,226f) schrieb der Bischof an den Prior
und die Ordensleute von Sixt:

Meine Brüder in Jesus Christus!


Ich möchte sehr gerne wissen, welche Wirkungen die Anordnungen
hatten, die bei unserer Visitation getroffen wurden, sowohl auf eurer

128
Seite als auch beim Herrn Abt. Deshalb bitte ich euch, mir das zwi-
schen jetzt und Weihnachten Punkt für Punkt mitzuteilen, damit ich,
wenn ich zu ihrer vollen Durchführung einen bestimmten Beitrag
leisten muß, nichts aus Unkenntnis seiner Notwendigkeit unterlasse.
Herr de Saint Paul sagt mir, daß der Herr Abt versäumt hat, die
Abtei zu verpachten, was er mir versprochen hatte, angeblich wegen
einiger leichtfertiger Worte von eurer Seite, die die Pächter befrem-
deten, die sich vorstellten. Wenn dem so ist, werdet ihr Gelegenheit
haben, den Herrn Abt dessen zu entheben, denn was mich betrifft,
lege ich keinen Wert darauf, vorausgesetzt, daß ihr entsprechend be-
zahlt werdet; darauf kommt es mir in diesem besonderen Punkt al-
lein an. Wenn ihr mir Nachricht gebt, falls es euch daran mangelt,
werde ich nichts versäumen, um mich um Abhilfe zu bemühen. Ich
würde mich keine Anordnungen bei der Visitation anderer Klöster
zu treffen getrauen, wie es unser Heiliger Vater und Seine Hoheit
wollen, wenn ich bei der ersten gar keinen Erfolg gehabt hätte.
Ich empfehle mich euren Gebeten, die ich wahrhaftig brauche, und
bin, meine Herren, euer sehr demütiger Mitbruder und Diener in
Jesus Christus,
Franz, Bischof von Genf.

Wie das Protokoll der Visitation festhält, hatte der Abt das Recht des
Bischofs zur Visitation anerkannt und die Anordnungen zu befolgen verspro-
chen. Später strengte er jedoch beim Erzbischof von Vienne einen Prozeß
gegen Franz von Sales an (den er verlor), um sich jeder Kontrolle zu entzie-
hen. In diesem Zusammenhang schrieb der Bischof an den Prior und die Or-
densleute von Sixt:

OEA XIII,169f Annecy, 14. April 1606


Meine Herren,
ihr wißt von dem Prozeß, den der Herr Abt von Sixt gegen mich in
Vienne angestrengt hat, um von der Zurechtweisung durch die Bi-
schöfe exempt zu werden, wenn er kann. Ich bin überzeugt, daß er
sich am Ende beschämt finden wird, wenn die Ungerechtigkeit seiner
Absicht ins Licht der Gerechtigkeit gerückt wird. Inzwischen aber
entzieht er sich dem von einem Mal zum anderen durch jedes Mittel
des Hinhaltens, das er erreichen kann, und flieht vor dem Urteil. Um
ihn möglichst bald zur Ordnung zu rufen, wäre es daher vorteilhaft,
wenn ihr eine Erklärung eures Kapitels und der Ordensleute be-
schließt, mich als Vorgesetzten anerkennt und meinen Anordnungen

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völlig zustimmt. Da es doch die Wahrheit ist, daß ich das Ende dieses
Prozesses nur zur Ehre Gottes und zum Wohl eures Klosters zu sehen
wünsche, glaube ich, daß ihr keine Schwierigkeiten machen werdet,
mir die erwähnte Erklärung zu schicken. Ich bitte euch darum, emp-
fehle mich euren Gebeten und verbleibe, meine Herren, euer sehr
demütiger Mitbruder.

OEA XIII,172 Annecy, 24. April 1606


Meine Herren,
ich danke euch für das Schreiben, das ihr mir geschickt habt, das ich
nur zu eurer Beruhigung und zu eurem Trost zu verwenden wünsche.
Ich hoffe, daß ich in kurzer Zeit das Urteil zugunsten meines guten
Rechtes haben werde. Mit dessen Hilfe werden wir die Sache so vieler
Winkelzüge in Angriff nehmen, die der Herr Abt schließlich der Ver-
nunft anzupassen gezwungen sein wird. Ich werde mich wenigstens
dem nicht entziehen, mit Gottes Hilfe, den ich bitte, euch mit seinen
Gnaden zu überhäufen, und dessen Barmherzigkeit ich in euren Op-
fern empfohlen zu werden wünsche. Ich bin, meine Herren, euer sehr
demütiger und ergebener Mitbruder,
Franz, Bischof von Genf.

Der Widerstand des Abtes und die Spannung zwischen ihm und den Kononi-
kern dauerten jedoch an und verzögerten die Durchführung der Reform, bis im
Zusammenhang mit der Initiative des Prinzen Victor-Amedée 1617 ein neuer
Anstoß dazu vom Prior ausging. Darauf reagierte Franz von Sales mit einem
Brief an die Ordensleute:

OEA XVIII,81f Annecy, 12. September 1617


Meine hochwürdigen Brüder!
Durch den Herrn Prior Jan Moccand habe ich von eurer guten Ein-
stellung erfahren, um euer Kloster und eure Gemeinschaft auf den
Weg der alten Frömmigkeit eures Ordens zurückzuführen. Dafür habe
ich Gott von ganzem Herzen gedankt und ich bin darüber sehr er-
freut, denn es ist eine Sache von größter Wichtigkeit für den Dienst
Gottes, für euer Heil und euren Trost sowie zur Erbauung der Gläu-
bigen.
Deshalb ermahne ich euch mit allem Nachdruck, faßt ehestens un-
ter euch den Beschluß, damit zu beginnen. Um euch dabei zu dienen
und beizustehen, werde ich euch einen sehr gebildeten und tüchtigen
Mann schicken, sobald ihr mir mitteilt, daß es Zeit dazu ist. Wenn es

130
notwendig ist, werde ich gern selbst kommen und werde mich glück-
lich schätzen, wenn ich nützlich sein kann, einen so ehrenvollen und
frommen Plan zu fördern. Faßt Mut, Gott wird mit euch sein. Er wird
das Werk vollbringen, wenn ihr ihn darum bittet. Er hätte euch diese
gute Einstellung nicht gegeben, wenn er euch nicht zur Vollendung
des Werkes führen wollte.
Indessen erwarte ich eure Nachricht und wünsche euch allen heili-
gen Trost und verbleibe, meine hochwürdigen Brüder, euer ganz de-
mütiger und sehr ergebener Bruder im Herrn,
Franz, Bischof von Genf.

Die Kanoniker faßten am 30. Dezember 1617 den förmlichen Beschluß zur
Reform, den der Bischof amtlich beglaubigte. Im September 1618 reiste er
selbst nach Sixt und unterzeichnete nach drei Tagen das Reformdekret, dem er
seine persönlichen Wünsche hinzufügte.

OEA XXIV,452f Annecy, 23. Januar 1618


Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gnade Fürst-
bischof von Genf.
Seit langem haben Wir gewünscht, daß alle Ordensleute Unserer
Diözese zur ursprünglichen Regel und Ordnung ihres Instituts zu-
rückkehren, vor allem aber haben Wir gewünscht und Uns durch Er-
mahnungen bemüht, daß dies geschehe in den Klöstern, die Unserer
Sorge, Unserem Eifer und Unserer ordentlichen Jurisdiktion anver-
traut sind. Deshalb heißen Wir diesen Beschluß der frommen Regu-
larkanoniker des hl. Augustinus vom Kloster Sixt nicht nur gut und
beglaubigen ihn, sondern loben und lieben ihn, soviel Wir können,
im Herzen Christi. Damit er aber künftig in diesem Kloster getreu
gehalten wird, gebieten Wir die Reform kraft Unserer Vollmacht und
ordentlichen Autorität über das genannte Kloster und die Kanoniker
dieses Klosters und ordnen sie im Herrn an. Allen, die jene besonde-
re Armut pflegen, die von denen beobachtet wird, die in Gemein-
schaft leben, spenden Wir väterlichen Segen.
Gegeben zu Annecy, am 23. Januar 1618.

Reformdekret (OEA XXIV,454-465)


Franz von Sales, durch Gottes und des Apostolischen Stuhles Gnade Fürst-
bischof von Genf, allen, die diese Schrift lesen, überreiches Heil in Chris-
tus.

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Da das Kloster des ehrwürdigen Ordens der Regularkanoniker des
hl. Augustinus in Sixt der Sorge und Autorität Unserer Vorgänger
und der Unseren nach den heiligen Regeln des ursprünglichen kirch-
lichen Rechts anvertraut ist, müssen und wollen Wir Uns seinem
Nutzen und dem der ehrwürdigen Kanoniker, die in ihm Gott dienen,
mit allem möglichen Eifer widmen und darauf bedacht sein. Da Wir
nun erkannt haben, daß die ehrwürdigen Kanoniker selbst auf Einge-
bung Gottes die Observanz der ursprünglichen Regel, die durch die
Ungunst der Zeit bei ihnen fast ganz verfallen und ausgelöscht war,
aufrichten und wiederherstellen wollten, daß außerdem die erlauch-
ten und ehrwürdigen Herren Jacques de Mouxy, obwohl Kommenda-
tar-Abt, und Humbert de Mouxy, dessen Koadjutor und Erwählter
dieses Klosters, diese frommen Beschlüsse und Wünsche nicht nur zu
billigen, sondern auch gern zu unterstützen beschlossen haben:
Deshalb sind Wir hierher gekommen, damit Wir unsere ordentli-
che Autorität und unserem Beistand diesem lobenswerten und über-
aus wünschenswerten Werk leichter zugutekommen lassen können.
Nachdem Wir alles geprüft und erwogen und alle über das Vorausge-
hende befragt haben, beschlossen Wir schließlich so zu entscheiden
und anzuordnen, wie Wir nun entscheiden und anordnen.
Vor allem gebieten Wir und ordnen von neuem eindringlicher an,
was Wir bei Unserer letzten Visitation als dem Recht und der Ver-
nunft entsprechend zu tun befohlen und angeordnet haben.
Über die Profeß: Da sich unter den ehrwürdigen Kanonikern, die
jetzt leben, keiner befindet, der ausdrücklich die Profeß abgelegt hät-
te, besonders und vor allem, um dem Geist und Buchstaben des heili-
gen Konzils von Trient zu gehorchen, erklären und bestimmen Wir,
daß die genannten ehrwürdigen Herren Kanoniker alle zu der erwähn-
ten ausdrücklichen Profeß verpflichtet sind. Wir schreiben für alle
und jeden einzelnen, der jetzt den Habit des Klosters trägt, ein Jahr
vor, das als Noviziatsjahr gelten soll. Nach dessen Ablauf sollen sie
die erwähnte Profeß ablegen oder Uns, falls sie Gründe haben, wa-
rum sie diese Profeß nicht machen wollen, diese darlegen.
Nach Ablauf des Probejahres ist der Novize, wie das gleiche Konzil
bestimmt hat, entweder sogleich zur Profeß zuzulassen, wenn er da-
für geeignet befunden wird, oder aus dem Kloster zu entlassen. Wenn
dagegen der Novize nach dem erwähnten Probejahr als noch nicht
fähig zur Profeß beurteilt wird, jedoch begründete Hoffnung besteht,
daß er etwas später geeignet werden kann, darf man ihn auch bis zu

132
einem ganzen Jahr im Kloster behalten. Daß das erlaubt ist, antwor-
tete die Kardinalskongregation des Konzils, als das Konzil über die
Geeigneten und Fähigen, nicht über die anderen entschied.
Über die Wahl des Priors und Subpriors: Da die Abtei eine Kommen-
de ist, bestimmen Wir, daß in ihr künftig daran festzuhalten ist, wie es
früher gehalten wurde, daß nämlich allen Chorherren einer des glei-
chen Ordens mit ausdrücklicher Profeß, der Prior genannt werde und
der Herde vorangehen und vorstehen kann, entsprechend der Bestim-
mung des Konzils von Trient, Kapitel 25, Sessio 6, vorgesetzt und
bestellt wird. Wie an gleicher Stelle, Kapitel 6, vorgesehen ist, wird er
vom Kapitel in geheimer Wahl gewählt, so daß die Namen der Wähler
nie bekanntgegeben werden. Wem die Mehrheit der geheimen Stim-
men des Kapitels zufällt, der gilt absolut als gewählt und bleibt, wenn
er sich recht führt, bis zum Tod als Prior im Amt. Ebenso werde es im
übrigen mit dem Subprior gehalten.
Über den regulären Gehorsam: Alle sollen dem Prior „wie einem
Vater“ gehorchen, wie die Regel des hl. Augustinus vorschreibt, und
in seiner Abwesenheit dem Subprior.
Wenn etwas von größerer Wichtigkeit zu tun oder zu befehlen und
keine Gefahr im Verzug ist, wird der Prior nichts veranlassen oder
bestimmen, ohne sich vorher mit seinem Kapitel darüber beraten zu
haben. Bei allen schwerwiegenden Schwierigkeiten aber, die vom Prior
und dem Kapitel nicht gelöst werden können, sollen sie sich an den
Bischof dieser Diözese oder in dessen Abwesenheit an den bischöfli-
chen Generalvikar wenden, der kraft ordentlicher Vollmacht entschei-
den wird, was zu geschehen hat, wie es schon bisher gehalten wurde.
Über die Gottesdienste und Riten: Der hochwürdige Herr Prior oder
Subprior wird jeden Samstag in der Kirche eine Liste auflegen, in der
die Namen derjenigen verzeichnet sind, die während der ganzen Wo-
che den Dienst am Altar und im Chor zu versehen haben. Alles soll
soviel als möglich nach dem Ritus und den Zeremonien der Kathe-
drale gehalten werden.
Über das Studium und die Bücher: Im Kloster soll kein Buch ohne
Erlaubnis des Priors oder in seiner Abwesenheit des Subpriors behal-
ten werden; er soll darüber wachen, daß keine von der Kirche verbo-
tenen Bücher oder solche von vorwitzigen und unnützen Lehren her-
einkommen. Er wird auch dafür sorgen, daß eine ausreichende Zahl

133
frommer Bücher, solcher mit Gewissensfällen und der Theologie vor-
handen sind, die für alle Kanoniker reichen, damit sie täglich in der
von der Regel vorgesehenen Zeit der Lesung obliegen können. Die
Stunde für die Lesung könnte vor der Vesper sein, zwischen Vesper
und Komplet oder zwischen Komplet und Abendessen.
Über die Tafel und die Tischlesung: Sobald als möglich soll die Tafel
so angeordnet werden, daß die Kanoniker nur auf einer Seite sitzen
und ihnen die Portion einzeln gereicht wird. Den Tischsegen und die
Danksagung nach dem Essen soll der Hebdomadar sprechen, außer
an Festtagen, an denen der Prior oder in seiner Abwesenheit der Sub-
prior dieses Amt übernimmt. Während der Mahlzeit wird immer mit
klarer, verständlicher Stimme und mit entsprechenden Pausen zwi-
schen den einzelnen Punkten gelesen.
Vom Ausschluß der Frauen: Alle Gesetze verlangen, was Wir bei
der letzten Visitation dieses Klosters bestimmt haben, daß nämlich
Frauen auch kurze Zeit nicht innerhalb der äußeren Umfriedung und
Mauern des Klosters wohnen oder sich aufhalten dürfen. Deshalb ge-
bieten Wir allen und jedem einzelnen, den es betrifft, kraft des heili-
gen Gehorsams und unter der Strafe der höheren Exkommunikation,
daß sie ausnahmslos alle Frauen aus dem Kloster fernhalten, entfer-
nen und ausschließen, soweit es jetzt welche in ihm gibt, und andere
niemals zulassen oder innerhalb der Umfriedung des Klosters dul-
den.
Über Titel und Ansprüche des Klosters: Im Anschluß an Unsere letzte
Visitation befehlen Wir unter der Strafe der höheren Exkommunika-
tion, daß innerhalb eines Monats, vom heutigen 15. September 1618
an gerechnet, alle und jeder, der Dokumente oder Titel dieses Klos-
ters hat, diese im Archiv hinterlegt, entsprechend der Anordnung
darüber, die Wir bei der erwähnten Visitation getroffen haben.
Über die Präbenden: Der Herr Abt wird verpflichtet sein, der Kom-
munität der Kanoniker jährlich zwölf Präbenden zu zahlen, wie bei
der erwähnten Visitation bestimmt wurde. Die Kommunität der ge-
nannten Kanoniker wird aber verpflichtet sein, zwölf geeignete Ka-
noniker, die hier residieren oder von Rechts wegen als residierend
gelten, zu nähren und zu unterhalten, d. h. für Nahrung, Kleidung und
alles Lebensnotwendige aufzukommen.
Über die Gebäude: Ausgenommen davon sind die Gebäude des gan-
zen Klosters, die auf Kosten und Rechnung des genannten Herrn Abtes
in einen Zustand zu versetzen und zu erhalten sind, der den Erforder-

134
nissen der regulären Observanz entspricht. Was die Wiederherstel-
lung des Chores, des Refektoriums und der Uhr betrifft, hat der hoch-
würdigste Herr Koadjutor und erwählte Abt versprochen, dafür zu
sorgen, daß es möglichst bald geschieht, so daß es am nächsten Weih-
nachtsfest abgeschlossen ist. Das übrige aber, vor allem das Dormito-
rium und die Klausurmauern des Klosters werde er wie ein sorgsamer
Familienvater nacheinander restaurieren. Im Vertrauen auf seine
Frömmigkeit überlassen Wir ihm die Durchführung.
Über die übrigen Petitionen der genannten Herren Kanoniker, die
die Zahlung der Präbenden des vergangenen Jahres betreffen und das
Notwendige für die künftige Haltung eines Pferdes und ähnliches,
glaubten Wir, weil darüber zwischen ihnen und dem genannten Herrn
Koadjutor und Erwählten freundliches Einvernehmen besteht, nichts
weiter anordnen zu müssen, als was Wir nach gemeinsamer Überein-
kunft der Parteien als geschrieben unterzeichnet haben.
Gegeben in der Abtei von Sixt, am 15. September 1618.
Franz, Bischof von Genf.

OEA XXIV,464f.
– – – Schließlich versichern Wir alle des Segens und des Schutzes
Gottes, die mit Liebe diese Anordnungen annehmen und durchfüh-
ren, die mich einzig der Wunsch treffen ließ, daß Gott in euch herr-
sche und sein Ruhm vermehrt werde. Ich hoffe, daß durch ihre Erfül-
lung diese Ordensfamilie ihren alten Glanz wieder gewinnt und über-
all den angenehmen Duft verbreite, mit dem sie früher die ganze Ge-
gend erfüllte.
Das erwarte ich von deiner barmherzigen Güte, mein Gott, und
darum bitte ich dich von ganzem Herzen für diese Menschen und für
jene, die ihnen nachfolgen werden.
Über die Durchführung gab es dann offenbar in Sixt neue Meinungsverschie-
denheiten, denn nach der Rückkehr von seiner Reise nach Paris mahnte er die
Ordensgemeinde am 22. November 1619 zur Einheit und im Frühjahr 1620
legte er beim Präsidenten der Rechnungskammer, Francois de Tardy, Fürspra-
che für sie ein, als der Abt gegen sie prozessierte.

OEA XIX,57 Annecy, 22. November 1619


Meine Herren Mitbrüder!
Ich grüße euch und umarme euch im Geist sehr herzlich bei meiner
Ankunft nach so langer Abwesenheit. Ich habe erfahren, daß der Feind

135
des Friedens und der Einigkeit allmählich Gedanken der Zwietracht
unter euch zu säen versucht. Ich bitte und ermahne euch von ganzem
Herzen, laßt nicht zu, daß er die Übermacht über die heiligen und
ehrenvollen Beschlüsse gewinne, die ihr mit mir gefaßt habt, gemein-
sam und miteinander verbunden im Gehorsam gegen eure Regeln zu
leben. Unter ihnen ist die wichtigste die Gemeinsamkeit und die Ein-
heit der Herzen und der Güter. Ihr werdet stark sein, wenn ihr einig
seid, schwach und vom Untergang bedroht, wenn ihr uneinig seid.
Und wie ich euch immer gern zu Diensten sein werde, solange ihr
treu nach den gefaßten Beschlüssen lebt, könnte ich leicht den Eifer
dafür verlieren, wenn ihr mich durch eure Uneinigkeit der Möglich-
keit beraubt, euch beizustehen.
Ich bitte Gott, euch zu segnen, und bin euer ganz demütiger und
sehr ergebener Mitbruder
Franz, Bischof von Genf.

OEA XIX, 165f Annecy, 18. März 1620


Mein Herr!
Abgesehen davon, daß die ehrwürdigen Ordensleute von Sixt durch
ihr vorbildliches Leben und ihren Eifer für die Reform gefördert zu
werden verdienen, fühle ich mich durch den Rechtsstreit, den sie ge-
genwärtig haben, dazu verpflichtet, mit ihnen die gleiche Bitte an Sie
zu richten, damit Sie die Ordensleute in der Wahrung ihres guten
Rechtes unterstützen möchten. Der Streit hat ja seinen Anfang zum
Teil in der Visitation genommen, die ich gehalten habe. Ich kann
wohl Gott selbst zum Zeugen anrufen, daß ich dabei nur seinen Dienst
im Auge hatte und außerdem fast nichts anordnete, als wozu ich durch
Gründe das gütliche Einverständnis der Parteien erreicht hatte. Da-
mit werden Sie ein Gott sehr wohlgefälliges Werk tun, das auch mich
sehr verpflichtet, der ich für immer Ihr sehr demütiger Diener bin,
Franz, Bischof von Genf.

Erst im November 1620 konnte der Bischof durch sein persönliches Erschei-
nen in Sixt den Streit zwischen dem Abt und dem Konvent beilegen. Kaum war
er nach Annecy zurückgekehrt, da verlangte der Abt Jacques de Mouxy drin-
gend nach ihm, legte seine Lebensbeichte ab und starb unter dem Beistand des
Bischofs am 4. Dezember 1620. Nun wollten die Kanoniker seinen Neffen Hum-
bert de Mouxy nicht als Abt anerkennen, weil sie die Gültigkeit seiner Ernen-
nung zum Koadjutor bezweifelten. So verzögerte sich ihre Profeß weiter, wie
der folgende Brief zeigt.

136
OEA XX, 156 Annecy, 23. September 1621
Meine Herren Mitbrüder!
Da Herr Lachat, der Pfarrer von Vailly, hier ist, wollte ich seinen
guten Willen benützen, um euch diese paar Zeilen zukommen zu las-
sen. Durch sie will ich euch an den Eifer erinnern, den ihr so offen-
kundig gezeigt habt, daß ihr die Ordensprofeß ablegen wollt, die für
die gute Verfassung eures Klosters so notwendig ist. Ich bitte euch
also, einen endgültigen Entschluß über den geeigneten Zeitpunkt zu
fassen und über die Personen, von denen ihr wünscht, daß sie daran
teilnehmen. Wenn ich darüber Nachricht habe, werde ich meinerseits
Weisung geben, damit euch mit Gottes Hilfe nichts fehle. Ich bitte
ihn indessen, euch mit seiner Gnade zu überhäufen, und bin, meine
Herren, euer ganz demütiger und sehr ergebener Mitbruder,
Franz, Bischof von Genf.

Franz von Sales erlebte den Abschluß der Reform nicht mehr. Im Januar
1622 übergab er den Kanonikern die Konstitutionen der Heimsuchung (s. Band
8,338). Diesen entnahmen sie Anregungen für ihre Konstitutionen, die der
Nachfolger des Bischofs 1635 approbierte. So führten die geduldigen Bemü-
hungen des Heiligen in Sixt, wenn auch erst nach seinem Tod, doch noch zum
Erfolg.

2. Die Abtei Notre Dame von Abondance

Einfacher und radikaler war die Lösung im Mutterkloster von Sixt, in der
Abtei von Abondance. Hier sah Franz von Sales von Anfang an keine Möglich-
keit, die wenigen Augustiner Chorherren für die Reform zu gewinnen; deshalb
wollte er sie durch Feuillanten ersetzen, eine reformierte Kongregation, die aus
dem Zisterzienserorden hervorgegangen war und 1589 von Rom approbiert
wurde. Der Bischof legte seinen Plan sowohl Papst Clemens VIII. als auch dem
Herzog vor.

OEA XII,371-374 Annecy, 27. Oktober 1604


Heiliger Vater,
es gibt nichts Besseres als gute Ordensleute und nichts Schlimme-
res als schlechte, sagten die Alten; und die Erfahrung unserer Zeit
bestätigt das so klar, daß man mit Jeremia (24, 1-3) von ihnen sagen
kann: Wenn die Feigen gut sind, dann sind sie sehr gut; wenn sie verdor-
ben sind, dann ganz schlecht. Doch keine Diözese des katholischen
Erdkreises ist mehr als die von Genf der Plage dieser schlechten Fei-

137
gen ausgesetzt, während keine mehr als sie der Erfrischung durch die
Ernte guter Feigen bedürfte. Heiliger Vater, wir stehen hier in vor-
derster Linie und sind den Angriffen der Feinde als erste ausgesetzt.
Ihre Taktik besteht darin, wegen des Sittenverfalls der Unseren die
ganze Lehre der Kirche anzugreifen und die schwachen Geister des
Volkes zu verwirren. Deshalb ist es um so beklagenswerter daß unter
den zahlreichen Klöstern verschiedener Orden, die in dieser Diözese
errichtet wurden, kaum eines zu finden ist, in dem die Ordensdiszi-
plin nicht erschüttert, ja fast ganz zerstört wäre, so daß nicht einmal
eine Spur jenes früheren himmlischen Eifers zu finden ist, so sehr ist
das Gold geschwärzt und der schöne Glanz geschwunden (Klgl 4,1).
Erfahrene Kenner sind nun der Auffassung, daß diesem Übel nicht
besser abgeholfen werden kann als dadurch, daß Ordensleute aus re-
formierten Kongregationen berufen und an die Stelle jener eingesetzt
werden, die (um mich sehr gemäßigt auszudrücken) das Land bisher
zu Unrecht besaßen. Von diesem Gedanken geleitet, schlägt Vespasi-
an Ajazza vor, das Kloster Unserer lieben Frau von Abondance, des-
sen Kommendatar-Abt er ist, womöglich Ordensleuten der Feuillan-
ten vom hl. Bernhard zu übergeben und zu übertragen, deren guter
Ruf schon weit verbreitet ist. Von dort sollen sechs Mönche entfernt
werden, die fast alle zwar nichts tun, aber durch Alter und krasseste
Unkenntnis der Ordensdisziplin fast vollendet sind. Der Vorschlag
ist wirklich gut und der Annahme durchaus würdig (1 Tim 1,15), da-
mit in den Garten der Kirche Blumen statt Dornen gepflanzt werden.
Mit dem General der Kongregation der Feuillanten ist alles bespro-
chen und vereinbart, was notwendig schien, damit das geschehen kann.
Auf diese Weise schien nur noch eines, dies aber am meisten und vor
allem wünschenswert, nämlich die Genehmigung des Heiligen Stuh-
les, damit das alles durchgeführt werden kann und nach der Durch-
führung festen Bestand hat ...

OEA XII,374f Annecy, 27. Oktober 1604


Eure Hoheit!
Seit langem weiß ich, wie sehr Eure Hoheit die Reform der Klöster
diesseits der Alpen wünscht, auch daß Sie es immer für das beste
Mittel dazu gehalten haben, auf einem vernünftigen Weg Ordensleute
und Mönche zu entfernen, die sich bisher schlecht geführt haben, und
an ihre Stelle andere Ordensleute von reformierten Kongregationen

138
zu setzen. Deshalb zweifle ich in keiner Weise daran, daß Eurer Ho-
heit der Plan des Herrn Abtes von Abondance sehr willkommen sein
wird, in sein Kloster die guten Patres von St. Bernhard einzuführen,
die durch ihr vorbildliches Leben und ihre Lehre den Schaden gutma-
chen werden, den die anderen durch ihr schlechtes Beispiel angerich-
tet haben. Ich muß dennoch meine untertänigste Bitte darum an Eure
Hoheit richten als an den, der dadurch ebenso getröstet sein wird, wie
das Volk dieser Diözese dadurch erbaut wird ...

Durch den Tod Clemens VIII. verzögerte sich die Genehmigung durch den
Apostolischen Stuhl, die Paul V. am 28. 9. 1606 durch ein Breve erteilte. Zu
dessen Ausführung delegierte Franz von Sales seinen Generalvikar:

OEA XXIV,466f Thonon, 2. Mai 1607


Franz von Sales, durch Gottes und des heiligen Apostolischen Stuh-
les Gnade Fürstbischof von Genf, gibt allen, die dies lesen, kund und
zu wissen:
Wir haben von unserem Heiligen Vater Papst Paul V. ein Breve
empfangen, gegeben in Rom bei St. Markus am 28. September des
vergangenen Jahres 1606 und gezeichnet von Cobelluzi, durch das
Uns aufgetragen wird, die Ordensleute vom hl. Augustinus aufzuhe-
ben, die sich in der Abtei Unserer lieben Frau von Abondance in
Unserer Diözese befinden, und an ihrer Stelle zwölf Mönche des Or-
dens des hl. Benedikt von der Kongregation Notre Dame der Feuil-
lanten einzusetzen. Wir sind von Seiner Heiligkeit zur Durchführung
des Breves ermächtigt. Da Wir infolge verschiedener, unerwartet auf-
getretener Amtsgeschäfte dem Auftrag nicht selbst entsprechen kön-
nen, haben Wir zu dessen Durchführung delegiert und delegieren durch
dieses Schreiben den hochwürdigen Herrn Jean Favre, Doktor der
Rechte und Domherr von St. Peter in Genf, von Uns als Unser Offizi-
al und Generalvikar in Unserer Diözese bestellt. Wir delegieren und
beauftragen ihn mit der Durchführung des genannten Breves nach
seinem Wortlaut und Inhalt.
Zur Beglaubigung dessen haben Wir dieses Schreiben erlassen und
erlassen es, mit eigener Hand gezeichnet und gesiegelt und gegenge-
zeichnet von Unserem Aktuar.
Thonon, am 2. Mai 1607
Franz, Bischof von Genf.
Decomba.

139
Der Kommendatar-Abt von Abondance, Vespasian Ajazza, mit dem Franz
von Sales eine enge Freundschaft verband, wollte dieses geglückte Modell auch
auf andere Klöster übertragen (vgl. Band 8,167). Diesen Gedanken sprach der
Bischof selbst in einem Brief an den Feuillanten Asseline aus:

OEA XV, 116f Annecy, 15. November 1611


Es ist wahr, daß ich Ihre Kongregation von Herzen liebe, bisher aber
mit einer unfruchtbaren Liebe. Gott mache sie ebenso wirksam, wie sie
herzlich ist; und wir werden nicht nur in Abondance, sondern in zwei
oder drei bedeutenden Klöstern dieser Diözese die heilige Frömmig-
keit wieder aufblühen sehen, die der glorreiche Freund Gottes und
Unserer lieben Frau, der hl. Bernhard, begründet hat. – – –

3. Das Priorat von Talloires

Das Priorat der Zisterzienser in Talloires war abhängig von der Abtei Savigny.
Der Verfall der Observanz war hier so skandalös, daß Franz von Sales auch die
Zisterzienser durch Feuillanten ersetzen wollte (vgl. den Brief von Ende 1603
an den Nuntius). Dem widersetzten sich jedoch der Abt von Savigny und der
Prior von Talloires, Claude-Louis-Nicolas de Quoeux, ein Freund des Bischofs,
den er aus Savigny nach Talloires geholt und 1606 zum Priester geweiht hatte.
Nach seiner Wahl zum Prior (im Juni 1609) mußten einige gewalttätige Oppo-
nenten das Kloster verlassen, und nun versuchte der Bischof mit dem Prior die
Reform zu erreichen; darüber schrieb er ihm:

OEA XIV, 172-175 Annecy, 10. Juli 1609


Mein Herr,
da Gott eine sehr kleine Zahl, noch dazu aus den Geringeren des
Klosters an Alter und Ansehen, gewählt hat, muß alles unternommen
werden mit sehr großer Demut und Einfachheit, ohne daß es den An-
schein hat, diese kleine Zahl wollte die anderen rügen oder tadeln,
weder durch Worte noch durch äußere Gebärden. Man muß sie viel-
mehr erbauen durch gutes Beispiel und im Gespräch.
Da der Beginn so klein ist, muß man eine große Langmut im Stre-
ben haben und sich erinnern, daß Unser Herr nach 33 Jahren nur 120
richtig geeinte Jünger hinterließ, und unter ihnen gab es noch viele
mit schwierigem Charakter. Die Palme, die Königin der Bäume, bringt
ihre Frucht erst hundert Jahre, nachdem sie gepflanzt wurde. Es ziemt
sich daher, bei einem Werk von so großer Wichtigkeit mit einem

140
großmütigen Herzen und mit langem Atem ausgestattet zu sein. Gott
hat die Reformen durch kleine Anfänge bewirkt, und man darf nichts
Geringeres anstreben als die Vollkommenheit.
Und um zu Einzelheiten zu kommen, meine Auffassung ist, daß
Ihre ganze heilige Gemeinschaft darauf achten soll, wenigstens ein-
mal in der Woche fromm zu kommunizieren. Man lehre sie, jeden
Abend ihr Gewissen gut und geziemend zu erforschen; man unter-
weise sie, das Geistesgebet recht zu verrichten, je nach der Dispositi-
on des einzelnen; vor allem lehre man sie, dem Seelenführer sehr
willig, sehr fest und sehr beständig zu gehorchen.
Was den Habit betrifft, glaube ich nicht, daß es günstig wäre, ihn
vor Ablauf eines Jahres zu ändern. Wohl wünsche ich, daß er in allem
so einheitlich sei, wie es sich machen läßt, sowohl in der Form wie im
Stoff, und daß der Froc weit sei nach der Form der reformierten Be-
nediktiner. Mir scheint, daß man das Hemd des Anstands wegen bei-
behalten muß, jedenfalls wenn der Kragen nicht übermäßig breit ist,
sondern sehr schmal und von der gleichen Art. Alle sollen außerdem
das Zingulum und das Birett von der gleichen Form tragen und alles
sehr passend.
Was die Betten betrifft, je einfacher sie sind, um so passender wer-
den sie auch sein. Jeder soll sein eigenes haben und sie sollen so
angeordnet sein, daß man beim Niederlegen und Aufstehen nicht ei-
ner den anderen sieht, damit selbst die Augen rein und lauter seien.
Ich würde es sehr begrüßen, wenn diejenigen, die einen Bart tragen,
nach alter Gewohnheit der Benediktiner am Kopf und am Kinn gut
rasiert sind; und daß man soviel als möglich nicht mehr allein ausge-
he, sondern stets mit einem Gefährten.
Es wäre zweckmäßig, daß die kleine Schar zu den Gottesdiensten
gemeinsam einzieht, verbleibt und auszieht, in der gleichen Haltung
und Zeremonie, denn die äußere Haltung, ob beim Chorgebet, bei
Tisch oder in der Öffentlichkeit, ist ein mächtiges Motiv zu viel Gu-
tem.
An diesem Beginn ist es nicht notwendig, zur Abstinenz am Freitag
und Samstag eine weitere hinzuzufügen, außer die am Mittwoch ge-
mäß der alten Übung und Mäßigung, die im Kloster beobachtet wird.
Das ist meine kleine Anweisung für den Beginn. Das angestrebte
Ziel wird mit Gottes Hilfe etwas ganz anderes sein; denn wie Sie
wissen „ist das Erste in der Absicht das Letzte in der Ausführung“.

141
Um aber in diesem Werk gut zu dienen, muß man einen unüberwind-
lichen Mut haben und die Frucht in Geduld erwarten (Lk 8,15). Ich
kenne und sehe eure Regel, die Wunderbares sagt; es ist aber dennoch
nicht zweckmäßig, ohne Mittelweg von einem Extrem zum anderen
zu gehen.
Hegen Sie weiterhin die gute Absicht in Ihrem Herzen, mein Herr,
die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen (Gen 12,36). Gott stehe
Ihnen mit seiner Hand bei. Seien Sie vor allem darauf bedacht, Milch
und Honig (Hld 4,11) zu geben, weil die schwachen Zähne der Gela-
denen feste Speisen noch nicht kauen können (vgl. 1 Kor 3,2).
Mit Gott, und haben Sie guten Mut, einer von denen zu sein, durch
die Israel Heil widerfährt (1Makk 5,62). Ihr ergebener Mitbruder und
Diener im Herrn,
Franz, Bischof von Genf.

Neue Unruhen in Talloires zwangen Franz von Sales im Oktober 1610 zum
Einschreiten. Er überzeugte sich, daß nur die Einführung der Feuillanten Ab-
hilfe schaffen konnte, und erhielt die Ermächtigung dazu vom Heiligen Stuhl
und vom Herzog (am 11. 9. und 15. 12. 1612). Darauf strengte der Abt von
Savigny in Rom einen Prozeß gegen die Feuillanten an. In dieser Situation
schrieb Franz von Sales an seinen Vertrauten Philippe de Quoeux, einen Bruder
des Priors von Talloires:

OEA XVI, 113-117 Annecy, Mitte Dezember 1613


Mein Herr,
ich weiß nicht, wie Sie auf den Gedanken kommen können, daß ich
an Ihrer Freundschaft Zweifel hegen könnte wegen des ganzen Bei-
stands, den Sie Ihrem Bruder, dem Herrn Prior, und seiner refor-
mierten Gruppe leisten. Ich habe ja kein anderes Interesse am Aus-
gang Ihres Unternehmens als dasselbe, das Sie in Ihrem Brief als das
Ihre bezeichnen: die größere Ehre Gottes und den größeren Dienst
seiner Kirche; und es ist gleichgültig, ob Gott durch schwarz oder
weiß gekleidete Ordensleute gedient wird.
Aber ich sage noch mehr, und ich sage es vor Unserem Herrn: Auch
wenn ich mehr Interesse für die eine als für die andere Seite hätte, so
würde ich doch von der göttlichen Majestät die Gnade erhoffen, nicht
so leidenschaftlich und ungeordnet in der Eigenliebe zu stecken, daß
ich jemand böse wäre, der nicht meiner Ansicht ist. Nein, ich denke
bestimmt nicht, daß mein Empfinden, meine Meinung und meine

142
Interessen für irgendeinen Menschen in der Welt maßgebend sein
müßten, besonders nicht für meine Freunde. Ich wäre ihnen umge-
kehrt überaus verbunden, wenn sie mich nicht weniger als Ihren lie-
bevollen und wahren Freund betrachteten, weil ich anderer Ansicht
bin als sie. Die Engel haben Meinungsverschiedenheiten in der Tätig-
keit, der hl. Petrus und der hl. Paulus hatten solche (Gal 2,11-14),
wie auch der hl. Paulus und der hl. Barnabas (Apg 15,36-39), ohne
daß dadurch ihre untrennbare Liebe vermindert wurde.
Ich habe Ihnen in aller Einfalt meine Meinung über die Reform
gesagt, die Sie wünschen: es ist aus Respekt für die eine, die ich für
gut halte, und für die andere, die ich für besser halte; und ich wäre
betrübt, wenn ich den milden und friedlichen Eifer verlöre, den ich
beiden schulde. Aber habe ich Ihnen das nicht bei Ihrer Abreise klar
gesagt? Ich habe damals aufrichtig gesagt (ich wiederhole es jetzt und
werde künftig sagen): Jeder soll in seinem Inneren überzeugt sein (Röm
14,5), wenn nur Christus verherrlicht wird.
Das ganze Mißfallen, das ich dabei empfinde, besteht darin, daß ich
Ihnen nicht ganz zu Gefallen sein und mich nicht Ihrem Wunsch an-
schließen kann, selbst darin, an den Hochwürdigsten Kardinal Bel-
larmin zu schreiben. Ich bin schon früher von einer Partei abgelehnt
worden, die sich über mich beschwert; es ist nicht vernünftig, mir
auch die Klagen der anderen Partei aufzuhalsen.
Ich weiß überhaupt nichts über die Reformierten von N., außer vom
Herrn Prior und von M.; ich kenne die anderen nur dem Namen nach
und einige vom Sehen. Ich bin als Kommissar delegiert und darf kein
Vorurteil haben, damit ich noch entscheiden kann, wenn die Parteien
irgendetwas gegen die Reform vorbringen. Mir scheint, es gibt tau-
send Gründe, warum ich die eine und die andere Seite hören muß,
ohne mich durch Hilfeleistung für die einen oder die anderen einzu-
mischen, bis ich vom Richteramt entbunden bin, das mir übertragen
wurde.
Unsere Freundschaft beruht nicht auf der Reform der einen oder
der anderen; deshalb bitte ich Sie, mir die Ihre zu bewahren bei all
diesen Verhandlungen, wie auch ich meinerseits bei ihr bleibe aus so
vielen Rücksichten, die ich Ihnen schulde. Ich weiß, ein anderer, der
weniger rücksichtsvoll und liebenswürdig wäre als Sie, könnte bei
diesen Verhandlungen viel über mich sagen, wie es in Chambéry ge-
schehen ist. Dafür preise ich Gott, daß lieber Sie es sind als ein ande-
rer, obwohl ich fest überzeugt bin, um es freimütig unter uns zu sagen,

143
daß ich von keinem getadelt werde, der ohne Leidenschaft Zeit und
Umstände berücksichtigt bei dem, was durch meine Hände gesche-
hen ist und was durch jene geschehen ist, die sich beschweren. Wenn
es aber Gott gefallen sollte, daß er jemand wie mich abtöten läßt, wird
mein zweites Heilmittel die Geduld sein.
Ich schließe daher, wie ich begonnen habe, von neuem mit dem
Dank für die Mühe, die Sie sich mit den guten Seelen machen, die
Gott für Sie bitten werden, die Ihnen äußerst verbunden sind, so wie
ich, der ich von ganzem Herzen ohne Ende bin, mein Herr, Ihr ganz
demütiger, ganz ergebener und treuer Mitbruder,
Franz, Bischof von Genf.

Ich habe gewußt, wie wenig man im Rat von N. vom Ortsbischof
hält; aber ich kann mich doch nicht dazu bereitfinden, etwas zu tun
ohne reifliche Überlegung, denn man darf keinen Fehler machen,
wenn man sich dem Schlechten widersetzt. Man kann unmöglich ver-
hindern, daß jeder in guter Absicht seinen Vorteil zu gewinnen trach-
tet.

Der Prozeß verhinderte naturgemäß die Reform. Als zwei Mönche öf-
fentliches Ärgernis gaben, schrieb Franz von Sales an den Prior von Tal-
loires:

OEA XVI,127f Annecy, 1611-1613


Ich wünsche so sehr das Wohl und den guten Ruf Ihres Klosters,
daß mich jede Kenntnis von gegenteiligen Dingen bewegt und mich
zum Eifer anregt. Ich habe erfahren, daß die Herren N. und N. einen
so üblen Geruch ihrer Jugend verbreiten, daß der Gestank davon bis
zum Senat gedrungen ist, der eingreifen will, wenn nicht ihre Besse-
rung das verhindert. Es ist wahrhaftig eine große Schande für Sie,
wenn die Laien Kenntnis von dem Tadel über Mitglieder der Gemein-
schaft erhalten, über die man Sie als Oberhaupt eingesetzt hat. Aber
das wäre irgendwie auch ein Vorwurf gegen mich, der Sie dazu aufge-
stellt hat, wenn ich nicht darauf bedacht wäre, Sie zu unterstützen,
und ich schiene mitschuldig an allem, was dort geschieht, obwohl in
Wirklichkeit weder Sie noch ich es verhindern können.
All das zusammengenommen veranlaßt mich, Sie zu bitten und auf-
zufordern, alle Sorgfalt darauf zu verwenden, um diese jungen Leute
auf den Weg ihrer Pflicht zurückzuführen und mir Nachricht zu ge-

144
ben über ihre Haltung, damit ich Ihre Sorgfalt bezeugen kann wie
meine eigene und damit ich mein Gewissen beruhigen kann, das mich
später zwingen wird, andere Maßnahmen zu ergreifen, wenn Ihre Klug-
heit, Wachsamkeit und Gerechtigkeit nicht ausreichen, diese Rebel-
len zu zähmen. Ich wundere mich über ihre Liederlichkeit um so
mehr, als ihre Herkunft sie zum Streben nach Tugenden und nach der
Frömmigkeit anhalten müßte, die ihrer Berufung entsprechen. Ihr
jugendliches Alter mag sie bis jetzt schützen, aber die Fortdauer macht
sie künftig unentschuldbar.
Sie wissen, wie sehr und wie herzlich ich Sie liebe und wie ganz
besonders. Das läßt mich glauben, daß Sie diese Mahnung ebenso
sanftmütig annehmen, wie ich Ihnen diesen Verweis mit großer Liebe
erteile zum Wohl des Hauses, in dem Unser Herr Sie erhalten möge,
das er so mit Heiligkeit erfüllen wolle, wie ich weiß, daß Sie es mit
mir wünschen, der ich Ihr sehr ergebener Diener bin,
Franz, Bischof von Genf.

Das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Franz von Sales und Philippe de Quoeux
blieb durch den Prozeß ungetrübt, wie der Anfang eines Briefes zeigt, der im
übrigen verschiedene Fragen behandelt, die Quoeux im Auftrag des Bischofs in
Rom vertrat:

OEA XVI, 147-154 Annecy, 27. Januar 1614


Mein Herr,
ich bin Ihnen unendlich dankbar für die Freundlichkeit, mit der Sie
meine Ansichten aufnehmen. Sie sind in Wahrheit ganz aufrichtig
und stehen im Dienst unseres gemeinsamen Herrn. Aber das ist mei-
ner Meinung nach zwischen uns schon zu viel gesagt, denn wir kennen
einer den anderen zu gut, um Entschuldigungen oder Erklärungen bei
solchen Anlässen nötig zu haben.
Ich habe einen Brief vom Hochwürdigsten Kardinal Borghese er-
halten; er berührt in keiner Weise den Prozeß seit Ihrer Abreise.
Der hochwürdigste Nuntius hat mich aufgefordert, ihm wahrheits-
gemäß über den gegenwärtigen Zustand des Klosters von Talloires
zu berichten; das habe ich getan, so gut es mir möglich war. Nun ist
es Sache der Vorsehung Gottes, zu entscheiden, und unsere Sache,
in Frieden und Ehrfurcht mit Ergebung unseres Willens in seinen
hochheiligen Willen abzuwarten, welchen Ausgang zu geben ihm
gefallen wird. – – –

145
Franz von Sales verfolgte die Entwicklung in Talloires weiter mit wachem
Interesse (vgl. Band 8,253), beklagte die Uneinigkeit der Gutgesinnten (Band
8,277) und hielt auch nach dem Tod seines Freundes Philippe de Quoeux die
Verbindung mit dem Prior (s. Band 8,281) und dessen Bruder Claude (s. Band
8,257) aufrecht.
Im Oktober 1621 (OEA XX,403-405) ernannte der Herzog den Bischof von
Genf unter Berufung auf die Reform von Talloires zum ‚Oberhaupt aller refor-
mierten Benediktiner‘ in Savoyen, – aber die Einsetzung der Feuillanten in
Talloires, und damit die volle Reform, war gescheitert.

4. Das Priorat von Contamine

Eine Reform der Benediktiner von Contamine, die von Cluny abhängig wa-
ren, schien von Anfang an aussichtslos. Die Einkünfte des Priorates wurden
1599 für das ‚Heilige Haus‘ in Thonon bestimmt (vgl. Band 8,178.248.250).
Als 1616 die Barnabiten die Leitung des Kollegs in Thonon übernahmen, schlug
Franz von Sales vor, ihnen Contamine zuzuteilen (vgl. Band 8,251f.280). So-
wohl Cluny als auch einzelne Mönche, die untereinander uneins waren (vgl.
Band 8,317), suchten das zu verhindern oder zu umgehen; so mußte der Bischof
wiederholt die Autorität des Prinzen Victor-Amédee einschalten, der sich der
Reform der Klöster angenommen hatte.

OEA XIX,55f Annecy, 19. November 1619


Monseigneur!
Als Eure Hoheit den glücklichen Gedanken hatten, Ihre Sorge und
Ihre Autorität der Reform der hiesigen Klöster zuzuwenden, gaben
Sie die Weisung, daß die erledigten Präbenden des Klosters von Con-
tamine zurückbehalten werden, um dann für diesen Zweck verwendet
zu werden. Nun hat aber jetzt ein alter Mönch von Contamine den
sehnlichen Wunsch, daß einer seiner Neffen die Stelle und die Prä-
bende erhalte, und hat ein Schreiben Seiner Hoheit erwirkt, in dem er
anordnet, daß ihm diese Präbende verliehen wird. Man kann aber
nicht glauben, daß dieses Schreiben den Absichten des Herzogs ent-
spricht, denn es steht im Widerspruch zu dem Beschluß, der mit so
viel Bedacht gefaßt wurde. Es kann ja sein, daß Seine Hoheit die Erin-
nerung an ihn nicht immer gegenwärtig hat. In der Erwartung, daß
man von Rom die Vollmacht erreicht, diese Präbenden nützlicher zu
verwenden, wird man sie verwenden, um die notwendigen Wohnun-
gen auszubauen und die Sakristei dieser Kirche instandzusetzen.
Eure Hoheit wird daher untertänigst gebeten, den Willen Seiner
Hoheit in diesem Fall klären zu lassen, damit man mit Sicherheit sich

146
ihm entweder fügen kann oder, was wünschenswert ist, diese Präben-
de verweigern. Indessen bitte ich Gott, Eure Hoheit immer mehr mit
seinen Segnungen zu überhäufen, und bin, Monseigneur, Ihr sehr de-
mütiger, sehr gehorsamer und sehr treuer Fürbitter und Diener,
Franz, Bischof von Genf.

OEA XX,368f Annecy, 24. September 1622


Monseigneur!
Bei meiner Ankunft hier traf ich den Herrn Subprior und den Sa-
kristan von Contamine an, die im Begriff sind, die vier Präbenden zu
vergeben, von denen Eure Hoheit angeordnet haben, daß sie unbe-
setzt bleiben, um für die Kollege der Barnabiten verwendet zu wer-
den. Tatsächlich haben sie diese mit vier jungen Verwandten besetzt,
denen sie mit der Vollmacht des Herrn Abtes von Cluny, ihres Gene-
raloberen, den Habit ihres Ordens gegeben haben.
Eure Hoheit war sehr richtig der Auffassung, daß es zweckmäßiger
war, die Einkünfte dieses Klosters zum Unterhalt der Kollege und
Lektoren der Barnabiten umzuwandeln, in der Voraussicht, daß es
sich um ein völlig verfallenes Kloster handelt, das nicht gut wieder-
hergestellt werden kann und in dem die klösterliche Disziplin in kei-
ner Weise gewahrt wird, ebenso wie an anderen Orten dieses Ordens
auch. Es bleibt noch zu wünschen, daß der gerechte Plan verwirklicht
wird, den Eure Hoheit so oft gefaßt hat, nicht nur zu verhindern, daß
die Präbenden vergeben werden, sondern auch von Seiner Heiligkeit
die erforderlichen Maßnahmen zu erwirken für die Übertragung der
Einkünfte vom Orden von Cluny auf den der Barnabitenpatres, der
für den Dienst Gottes und das allgemeine Wohl unendlich nützlicher
ist. Eure Hoheit bestand auf diesem Entschluß, als ich Turin verließ.
Es bleibt also nur, daß das entsprechende Gesuch gemacht wird. Da-
rum bitte ich jetzt Eure Hoheit untertänigst ...

OEA XX, 383f Annecy, 17. Dezember 1622


Monseigneur!
Die alten Mönche von Contamine versuchen auf verschiedene Wei-
se ständig, ihrem Orden von Cluny den Besitz der Präbenden dieses
Ordens zu erhalten, obwohl sie sehr gut wissen, daß Eure Hoheit
beschlossen hat, diese für den Unterhalt der Kollege und des Novi-
ziates der Barnabitenpatres zu bestimmen, die in diesem Land errich-
tet wurden. Deshalb, Monseigneur, wendet sich der Propst des Kol-

147
legs von Thonon, der daran das meiste Interesse hat, an Eure Hoheit,
damit Sie Anweisung geben, daß Ihrer Absicht entsprechend die Mön-
che und Präbenden dieses Klosters aufgehoben werden. Eure Hoheit
hat mir den Auftrag gegeben, Sie auf Dinge hinzuweisen, die sich auf
die Förderung der Ehre Gottes in dieser Diözese beziehen, deshalb
füge ich dem Gesuch des Herrn Propstes der Barnabiten diesen Hin-
weis hinzu.
Außerdem, Monseigneur, bitte ich Eure Hoheit untertänigst, an den
erlauchten Prinzen Thomas zu schreiben, daß er den Rat des Heili-
gen Hauses einberufe, damit durch seine Autorität Ordnung in den
Angelegenheiten dieses Hauses geschaffen wird, das sonst ganz zu-
grunde geht. Es wäre äußerst schade, wenn ein Werk von so hoher und
großer Bedeutung, das Seine Hoheit mit solcher Frömmigkeit ge-
gründet hat, aus Mangel an Hilfe und Ordnung unterginge.
Gott in seiner Güte erhalte Eure Hoheit lange, deren sehr demüti-
ger, sehr treuer und sehr gehorsamer Fürsprecher und Diener ich un-
veränderlich hin, Monseigneur.
Franz, Bischof von Genf.

Franz von Sales hat den Ausgang nicht mehr erlebt. Vor seiner Abreise nach
Lyon, wo er am 28. Dezember 1622 gestorben ist, übergab er alles dem Rat des
‚Heiligen Hauses‘ (vgl. Band 8,349). Erst 1624 verfügte Rom die Aufhebung
des Priorates von Contamine zugunsten der Barnabiten.

148
B. Schrif ten des geistlichen Lebens
Schriften

Der zweite Teil dieses abschließenden Bandes bietet eine Zusammenstellung


geistlicher Schriften meist geringeren Umfangs, die hauptsächlich in den letz-
ten Bänden der Annecy-Ausgabe, den sogenannten ‚Opuscules‘ enthalten sind
und, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher noch nicht ins Deutsche
übersetzt wurden. Darunter sind zahlreiche Texte mit Gedankengängen, die in
den Werken des hl. Franz von Sales oder in seinen Seelenführungs-Briefen
manchmal wörtlich wiederkehren; sie stellen vielfach die erste Fassung von Leit-
gedanken seiner geistlichen Lehre dar und gewinnen an Interesse, wenn ihre
Adressaten bekannt sind.

Um den Stoff übersichtlicher zu machen, werden diese Schriftstücke nicht,


wie in der Annecy-Ausgabe, in chronologischer Abfolge wiedergegeben, sondern
nach ihrem Inhalt bestimmten Gruppen zugeordnet.

Selbstzeugnisse (I) über das geistliche Leben des hl. Franz von Sales sind,
abgesehen von der im ersten Teil enthaltenen bischöflichen Lebensordnung, aus
seiner Studienzeit überliefert, ebenso die spärlichen Angaben über außerge-
wöhnliche Gnaden. Seine Marienverehrung kennzeichnen die angeführten ma-
rianischen Texte.

Vor allem in den ersten Jahren seines Wirkens als Seelenführer, beginnend
mit den Fastenpredigten 1604 in Dijon, hat Franz von Sales einer Gruppe von
Frauen kleine Abhandlungen (‚Avis‘) geschickt. Zu ihnen gehörten außer der
Baronin von Chantal als die bekanntesten Mme Brulart und ihre Schwester
Rose Bourgeois, die Äbtissin von Puits-d’Orbe. Zusammen mit einzelnen Schrift-
stücken für andere, meist unbekannte Personen und aus späteren Jahren bilden
diese ‚Avis‘ den Inhalt der beiden folgenden Gruppen über das christliche Leben
in der Welt (II) und über Gebet und religiöse Übungen (III).

149
Die Leichenrede für den Herzog de Mercoeur (IV) findet hier ihren Platz,
weil Franz von Sales nach seinen eigenen Worten im ,Brief über die Predigt’ (s.
A/II) in ihr ein Bild des christlichen Lebens in der Welt zeichnen wollte.

Das Interesse und das Wirken des hl. Franz von Sales für das Ordensleben
beschränkte sich nicht auf seine Bemühungen um die Reform verkommener
Klöster, wie sie in Band 7 dieser Ausgabe für einige Frauenklöster und im ersten
Teil dieses Bandes für Männerklöster aufscheinen. Hier ist auch seine Hochach-
tung und Förderung der ,gut reformierten Orden’ und die Zusammenarbeit mit
ihnen zu sehen, die in zahlreichen Dokumenten und Briefen bezeugt sind, und
schließlich die Gründung des Ordens von der Heimsuchung Mariä, mit der er
seine Zielvorstellung vom Ordensleben verwirklichen wollte.

Zur Spiritualität des Ordenslebens (V) liegen einige ,Avis’ für bestimmte
Adressaten vor. Ausführlich hat Franz von Sales seine Auffassung von der Voll-
kommenheit des Ordenslebens in Ansprachen zu Einkleidungs- und Profeßfei-
ern dargelegt, von denen hier Ausschnitte wiedergegeben werden; sie wurden
zwar in der Heimsuchung gehalten, haben aber grundsätzliche und allgemeine
Bedeutung.

Vom Geist der Heimsuchung (VI) hat ihr Gründer vor allem in den ,Geistli-
chen Gesprächen’ sehr konkret gesprochen; auch die Briefe an Frau von Chan-
tal (Band 5), an Schwestern der Heimsuchung (Band 7) und an verschiedene
Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Gründung der Heimsuchung und
mit ihrer Umwandlung in einen Klausurorden (Band 8, bes. 162ff.230ff) geben
Aufschluß über seine Vorstellungen und Absichten. Hier folgen noch einige
Schriftstücke, die das Bild abrunden, darunter mehrere ,Avis’ für einzelne
Schwestern und für Oberinnen.

Das Geistliche Direktorium (VII), das den Geist der Heimsuchung im Ablauf
des klösterlichen Lebens bestimmt, geht auf Franz von Sales zurück, wurde aber
nach seinem Tod schriftlich festgelegt.

150
I. Selbstzeugnisse

Regeln für den Empfang der heiligen Kommunion


Die geistliche Kommunion 23

Ich werde mich mit allen Mitteln bemühen, sooft es geschehen kann,
ehrfürchtig das überaus erhabene und allerheiligste Sakrament des
Altares zu empfangen. Ich werde mich erinnern, daß es eingesetzt
wurde zur Wiederherstellung des ursprünglichen geistlichen Charak-
ters unserer Seele und daß es ihr gegeben ist zur Bewahrung und Er-
haltung des streitenden geistlichen Lebens, bis man im triumphieren-
den geistlichen Leben ist. Und ich werde meine Schwachheit und
Nichtigkeit eingehend erwägen, die ich so oft erfahren habe, daß ich
keines anderen Beweises bedarf. Folglich werde ich mein Herz oft
mit dieser heiligen Speise kräftigen, entsprechend dem Schriftwort
(Ps 104,15): Brot, das das Herz des Menschen kräftigt.
2. Wenn ich nicht öfter kann, werde ich nicht versäumen, sie we-
nigstens jeden Monat zu empfangen im Gedanken, daß die zwölf Zei-
chen des Tierkreises nichts anderes bedeuten und mich auffordern,
mich vorzubereiten, damit ich einmal die Höhe dieses himmlischen
Brückenkopfes erreichen kann, unter dem der Strom der Verände-
rungen dieser Welt fließt, der Eitelkeit heißt. Ich werde auch jeden
Monat kommunizieren, um Gott bei jedem Umlauf des Mondes zu
preisen und um durch diese Zahl der Universalität mein ganzes Le-
ben Gott zu weihen. Und jede Kommunion wird mich erinnern an
das Leben und Sterben eines der zwölf heiligen Apostel und an einen
der zwölf Glaubensartikel.
3. Ich werde nicht jede Art von Unbequemlichkeit als rechtmäßiges
Hindernis für diese Übung betrachten, sondern einzig diejenige, die
so groß ist, daß man ihretwegen nicht kommunizieren kann. Ich weiß,
daß es kein großer Dienst ist, was man aus Unachtsamkeit und nur bei
Gelegenheit tut, wenn man dafür eine große Bequemlichkeit hat.
4. Falls ich infolge eines rechtmäßigen Hindernisses nicht zum Tisch
des Herrn gehen und mich mit dieser heiligen Speise stärken kann,
sobald die gewohnte Zeit dafür da ist, werde ich als Ersatz irgendein
außergewöhnliches gutes Werk tun, wie: irgendeine Beflissenheit im
Gebet, in leiblicher oder geistiger Barmherzigkeit und ähnliches. Ich

151
werde dabei jene nachahmen, die im Winter kein Feuer haben, um
sich vor der Kälte zu schützen, und sich darauf verlegen, um so mehr
Übungen und Bewegung zu machen. So werde ich, wenn ich mich
dem heiligen Sakrament nicht nähern kann, dem Feuer, das Unser
Herr auf die Erde zu bringen gekommen ist (Lk 12,49), um so mehr
Übungen und Bewegung in der Tugend machen, damit mich der kalte
Nordwind (Jer 1,14) nicht innerlich erstarren läßt, von dem alles
Übel kommt, nämlich die Sünde. Vor allem werde ich es wie die
Franzosen machen, die den Hunger durch Singen vertreiben, denn
ich werde das Fehlen dieses himmlischen Brotes ersetzen, indem ich
um so mehr Gebete verrichte.
Ebenso werde ich mich durch die geistliche Kommunion stärken,
d. h. durch die Sehnsucht nach dem Sakrament, wie jene, die man
einige Zeit durch den Duft aromatischer und wohlriechender Dinge
nährt, und ich werde mich am bloßen Duft eines so starken und kräf-
tigen Weines berauschen, wie es dieses Sakrament ist. Und wenn ich
die Salbung nicht empfange, werde ich doch nicht unterlassen, dem
Duft der Salben (Hld 1,3) des Herrn nachzulaufen.

Die Lebensregel von Padua 24

1. Die Übung der Vorbereitung

Stets werde ich die Übung der Vorbereitung allem anderen vorzie-
hen und ich werde sie wenigstens einmal am Tag machen, d. h. am
Morgen; und wenn sich ein außergewöhnlicher Anlaß bietet, werde
ich mich ihrer bedienen und ihn zum Gegenstand dieser Übung ma-
chen. Und damit die Vorbereitung gleichsam der Quartiermacher für
alle unsere Handlungen sei, werde ich mich je nach den verschiede-
nen Umständen mit ihnen befassen und mich bemühen, mich mit
Hilfe der Vorbereitung in die Verfassung zu versetzen, meine Aufga-
ben gut und lobenswert zu lösen und zu erfüllen.
Der erste Teil dieser Übung ist die Anrufung. In der Erkenntnis,
daß ich unzähligen Gefahren ausgesetzt bin, werde ich daher Gott um
seinen Beistand anrufen und sagen: 25 Herr, wenn du nicht auf meine
Seele achtest, ist es vergeblich, daß ein anderer sich um sie sorgt (Ps
127,1). In der Erkenntnis, daß mich der Umgang mit anderen früher

152
oft in Unvollkommenheiten und Fehler fallen ließ, werde ich dann
ausrufen: Meine Seele, sag kühn: Von meiner Jugend an haben sie
mich hart und sehr oft verfolgt (Ps 129,1); und weiter: Mein Gott, sei
mein Beschützer, sei mir ein Zufluchtsort; rette mich vor den Nachstel-
lungen meiner Feinde (Ps 31,3). Herr, wenn du willst, kannst du mich
rein machen (Mt 8,2). Mit einem Wort, ich werde ihn bitten, daß er
mich würdig mache, den Tag zu verbringen, ohne ihn zu beleidigen.
Dazu werde ich mich der Worte aus Psalm 144 bedienen: Ich habe
mein Herz zu dir erhoben; dafür befreie mich von meinen Feinden,
mein Gott; lehre mich, deinen Willen zu tun; dein guter Geist führe
mich an der Hand auf dem rechten Weg und deine göttliche Majestät
schenke mir das wahre Leben durch ihre unüberwindliche Liebe und
durch ihre unermeßliche Güte.
Der zweite Teil ist die Vorstellung, die nichts anderes ist als ein
Vorausschauen und Vermuten, was sich während des Tages ereignen
kann. Daher werde ich an die Ereignisse denken, die eintreten kön-
nen, an die Begegnungen, die ich möglicherweise haben muß, an die
Aufgaben, die sich vielleicht stellen, an die Orte, an die ich mich
begeben muß. Auf diese Weise werde ich weise und klug mit der Gna-
de Unseres Herrn den Schwierigkeiten und gefährlichen Gelegenhei-
ten zuvorkommen, die mich überraschen und überrumpeln könnten.
Der dritte Teil ist die Zurechtlegung. Wenn ich mir umsichtig die
verschiedenen Labyrinthe vorgestellt habe, in denen ich mich leicht
verirren und in Gefahr bringen könnte, mich zu verlieren, werde ich
sorgfältig überlegen und die besten Mittel suchen, um Fehltritte zu
vermeiden. Ich werde mir auch zurechtlegen, was zu tun ratsam ist,
die Ordnung und die Art, wie bei der oder jener Sache vorzugehen ist,
was ich in Gesellschaft sagen und welches Verhalten ich einnehmen,
was ich fliehen oder suchen werde.
Der vierte Teil ist der Entschluß. Darauf werde ich einen festen
Vorsatz fassen, Gott nie mehr zu beleidigen, besonders nicht an die-
sem Tag. Daher werde ich mich der Worte des königlichen Propheten
David bedienen: Wohlan meine Seele, willst du nicht gern dem heiligen
Willen Gottes gehorchen, zumal von ihm dein Heil abhängt (Ps 62,2)?
Ach, wie groß ist die Feigheit, sich gegen die Liebe und das Verlangen
des Schöpfers zum bösen Tun überreden und verführen zu lassen, aus
Furcht, aus Liebe, aus Verlangen und Haß gegen Geschöpfe, wer im-
mer sie seien! Gewiß, der Herr von unendlicher Majestät, den wir

153
aller Ehre und jeden Dienstes würdig erkennen, kann nur aus Mangel
an Mut verachtet werden. Wozu also seinen gerechten Gesetzen zuwi-
derhandeln, um Schaden an Leib, Gütern und Ehre zu vermeiden?
Was können uns die Geschöpfe anhaben? Wohlan, trösten und ermu-
tigen wir uns alle miteinander mit dem schönen Vers des Psalmisten
(Ps 99,1): Mögen mir die Bösewichte das Schlimmste antun, das sie
können, der Herr ist mächtig, um sie alle königlich zu unterjochen.
Mag nur die Welt gegen mich grollen, soviel sie will, ich mache mir
nichts daraus, weil er mein Beschützer ist, der über alle himmlischen
Geister herrscht.
Der fünfte Teil ist die Empfehlung. Deshalb werde ich mich und
alles, was von mir abhängt, den Händen der ewigen Güte übergeben
und sie bitten, mich stets ihr empfohlen zu halten. Ich werde ihr die
Sorge völlig überlassen für das, was ich bin und nach ihrem Willen
sein soll. Ich werde von ganzem Herzen sagen: Herr Jesus, um eines
habe ich dich gebeten, und werde dich immer darum bitten, daß ich
deinen liebevollen Willen erfülle alle Tage meines armseligen und hin-
fälligen Lebens. In deine Hände, gütiger Herr, empfehle ich meinen
Geist (Ps 27,4; 40,9), mein Herz, mein Gedächtnis, meinen Verstand
und meinen Willen. Gib doch, daß ich dir mit all dem diene, dich
liebe, dir gefalle und dich immer preise.

2. Persönliche Führung, um den Tag gut zu verbringen

1. Artikel. – Wenn ich am Morgen erwache, werde ich meinem Gott


sogleich Dank sagen mit den Worten des königlichen Propheten Da-
vid: Beim Morgengrauen sollst du der Gegenstand meiner Betrachtung
sein, denn du bist mein Schutz gewesen (Ps 63,7f). Dann werde ich an
ein heiliges Geheimnis denken, besonders an den frommen Eifer der
Hirten, die beim Morgengrauen kamen, um das göttliche Kind anzu-
beten (Lk 2,15f); wie er am Tag seiner glorreichen Auferstehung sei-
ner lieben Mutter, Unserer lieben Frau erschien, und an die Emsig-
keit der Marien, die sich aus Pietät am frühen Morgen erhoben (Mk
16,2), um das Grab des verstorbenen wahren Gottes des Lebens zu
verehren. Darauf werde ich erwägen, daß unser liebevoller Erlöser
das Licht der Heiden (Lk 2,32; vgl. 8,12) ist und das Licht, das die
Finsternis der Sünde zerstreut. Hierauf werde ich einen heiligen Ent-
schluß für den ganzen Tag fassen und mit David (Ps 5,5) singen: Ich
will mich früh erheben und mich in deine Gegenwart versetzen und

154
erwägen, daß du Gott bist, dem die Sünde mißfällt. Daher werde ich
sie fliehen, soviel ich kann, als etwas deiner unendlichen Majestät
überaus Mißfälliges.
2. Artikel. – Ich werde nicht versäumen, jeden Tag die heilige Messe
zu hören; und um diesem unaussprechlichen Geheimnis geziemend
beizuwohnen, werde ich die Fähigkeiten meiner Seele auffordern,
dabei ihre Pflicht zu tun, mit dem ausgezeichneten Vers (Ps 46,9):
Kommt und seht die Werke des Herrn; kommt und bewundert die Wun-
der, die er auf unserer Erde gewirkt hat. Lk 2,15: Laßt uns nach Betle-
hem gehen ... Gehen wir zur Kirche, denn dort wird das übererhabene
Brot bereitet durch die heiligen Worte, die Gott zu unserem Trost den
Priestern in den Mund gelegt hat.
3. Artikel. – Wie der Körper den Schlaf braucht, um seinen ermüde-
ten Gliedern Erholung und Erleichterung zu verschaffen, so hat auch
die Seele eine bestimmte Zeit nötig, um zu schlummern und in den
keuschen Armen ihres himmlischen Bräutigams zu ruhen, um auf
diese Weise die Kraft und die Frische ihrer geistlichen Fähigkeiten
zu erneuern, die irgendwie erschlafft und ermüdet sind. Deshalb wer-
de ich jeden Tag eine bestimmte Zeit diesem heiligen Schlaf widmen,
damit meine Seele nach dem Beispiel des Lieblingsjüngers in voller
Sicherheit an der liebevollen Brust (Joh 13,23), ja am liebenden Her-
zen des liebevollen Erlösers schlafe.
Wie sich durch den körperlichen Schlaf alle körperlichen Vorgän-
ge derart auf den Körper beschränken, daß sie sich überhaupt nicht
nach außerhalb von ihm erstrecken, genau so werde ich dafür sorgen,
daß sich meine Seele in dieser Zeit ganz in sich selbst zurückzieht
und daß sie keine andere Tätigkeit ausübt als jene, die sie treffen und
ihr eigen sein wird, wenn sie demütig dem Wort des Propheten (Ps
127,2) gehorcht: Surgite postquam sederitis, qui manducatis panem
doloris; die ihr bereitwillig das Brot der Schmerzen eßt, sei es im
Schmerz über eure Sünden, sei es im Mitleid über die des Nächsten,
erhebt euch nicht, geht nicht zu äußeren Tätigkeiten dieses geschäfti-
gen Jahrhunderts, wenn ihr nicht vorher hinreichend geruht habt in
der Betrachtung ewiger Dinge.
4. Artikel. – Wenn ich aber, wie es oft vorkommt, für diese geistliche
Ruhe keine andere Stunde finde, werde ich wenigstens einen Teil der
körperlichen Ruhe stehlen, um sie getreu für einen so wachsamen
Schlaf zu verwenden. Das werde ich so machen: entweder werde ich
etwas länger als die anderen wachbleiben, selbst im Bett, wenn ich es

155
nicht anders machen kann, oder ich werde nach dem ersten Schlaf
aufwachen, oder auch ich werde vor den anderen aufwachen und mich
daran erinnern, was Unser Herr darüber gesagt hat: Wachet und betet
(Mt 26,41; 22,40), aus Furcht, daß ihr von der Versuchung überwäl-
tigt werdet.
5. Artikel. – Wenn Gott mir die Gnade erweist, nachts aufzuwachen,
werde ich sogleich mein Herz ermuntern mit den Worten: Um Mitter-
nacht erscholl der Ruf: Der Bräutigam kommt; geht ihm entgegen (Mt
25,6). Dann werde ich von der Erwägung der äußeren Finsternis über-
gehen zur Erwägung jener meiner Seele und der aller Sünder und
werde das Gebet sprechen: Illuminare qui in tenebris et in umbra mor-
tis sedent, ad dirigendos pedes nostros in viam pacis (Lk 1,79). Ach
Herr, dein herzliches Erbarmen ließ dich vom Himmel auf die Erde
herabsteigen, um uns zu besuchen; erleuchte doch, die in der Finster-
nis der Unwissenheit befangen sind und im Schatten des ewigen To-
des, das ist der Todsünde. Führe auch sie, wenn es dir gefällt, auf den
Pfad des inneren Friedens. Ich werde mich auch bemühen, mich an-
zuspornen, indem ich die Worte des heiligen königlichen Propheten
(Ps 134,2) ausspreche: Erhebt in der Nacht eure Hände, streckt sie
gegen den Himmel aus und preist den Herrn. Ich werde mir Mühe
geben, sein Gebot (Ps 4,5) zu erfüllen: Bereut selbst auf dem Lager
die Sünden, die ihr allein in Gedanken begeht, um nach dem Beispiel
des wohlgefällig büßenden Schwans gebührend das Wort zu erfüllen:
Mit meinen Tränen will ich mein Lager benetzen (Ps 6,7).
6. Artikel. – Manchmal werde ich mich an Gott, meinen Erlöser
wenden und zu ihm sagen: Nein, du schläfst und schlummerst nicht,
der du das Israel unserer Seelen bewachst (Ps 121,4). „Dum medium
silentium tenerent omnia, et nox in suo cursu medium iter haberet,
omnipotens Sermo tuus, Domine, a regalibus sedibus venit“ (Miss-
ale): Die dichteste Finsternis der Mitternacht kann deinem göttli-
chen Wirken kein Hindernis sein; um diese Stunde wurdest du von
der heiligen Jungfrau, deiner Mutter geboren; um diese Stunde kannst
du auch deine himmlischen Gnaden entstehen lassen und uns mit
deinen teuersten Gunsterweisen erfüllen. Barmherziger Erlöser, er-
leuchte mein armes, blindes Herz so mit den schönen Strahlen deiner
Gnade (vgl. Ps 13,4), daß es nie auf irgendeine Weise im Tod der
Sünde verbleibt. Ach, ich bitte dich, laß nicht zu, daß meine unsicht-
baren Feinde sagen können: wir haben über ihn gesiegt. Und nach-
dem ich die Finsternis und die Unvollkommenheiten meiner Seele

156
erwogen habe, kann ich wohl die Worte bei Jesaja (21,11f) sagen:
Custos, quid de nocte? Custos, quid de nocte? Das heißt: O Wächter,
Wächter, bleibt noch viel von der Nacht unserer Unvollkommenhei-
ten? Und ich werde hören, wie er mir antwortet: Der Morgen guter
Einsprechungen ist gekommen; warum liebst du die Finsternis mehr
als das Licht (Joh 3,19)?
7. Artikel. – Die nächtlichen Schrecken verhindern gewöhnlich sol-
che Anmutungen. Wenn ich mich zufällig von ihnen ergriffen fühle,
werde ich mich deshalb von ihnen befreien durch den Gedanken an
meinen guten Schutzengel und sagen: Mein Herr ist an meiner rech-
ten Seite (Ps 16,8), damit ich nichts fürchte. Das haben manche Theo-
logen auf den Schutzengel bezogen. Ich werde mich auch an den Vers
(Ps 91,5) erinnern: Scuto circumdabit te veritas ejus, non timebis a
timore nocturno: Der Schild des Glaubens (Eph 6,16) und des festen
Vertrauens auf Gott wird mich decken; deshalb brauche ich vor nichts
Angst zu haben. Dann werde ich mich der heiligen Worte Davids (Ps
27,1) bedienen: Der Herr ist mein Licht und mein Heil, wen sollte ich
fürchten? Das ist, als wenn man sagte: Nicht die Sonne und ihre Strah-
len sind mein hauptsächliches Licht, und nicht die Gesellschaft rettet
mich, sondern Gott allein, der mir in der Nacht ebenso gnädig ist wie
am Tag.

3. Übung des geistlichen Schlafes oder der Ruhe

1. Nachdem ich die geeignete Zeit für diese heilige Ruhe gewählt
habe, werde ich mich vor allem bemühen, die Erinnerung aufzufri-
schen an alle guten Regungen, Wünsche, Affekte, Entschlüsse, Vor-
sätze, Empfindungen und Gefühle, die mir die göttliche Majestät ein-
geflößt hat und mich erfahren ließ bei der Erwägung ihrer heiligen
Geheimnisse, der Schönheit der Tugend, der Erhabenheit seines Dien-
stes und der unzähligen Wohltaten, die sie mir sehr freigebig erwie-
sen hat. Ich werde mich auch erinnern an die Verpflichtung, die ich
gegen Gott habe dafür, daß er manchmal durch seine heilige Gnade
meine Sinne geschwächt hat, indem er bestimmte Krankheiten und
Gebrechlichkeiten schickte, die sehr nützlich für mich waren. Darauf
werde ich, so sehr ich kann, meinen Willen bestärken und festigen im
Guten und im Vorsatz, meinen Schöpfer nie zu beleidigen.
2. Wenn das geschehen ist, werde ich mich ruhig der Erwägung der
Eitelkeit der Herrlichkeiten, Reichtümer, Ehren, Bequemlichkeiten

157
und Vergnügungen dieser unreinen Welt hingeben; ich werde dabei
verweilen, die kurze Dauer dieser Dinge zu erwägen, ihre Unsicher-
heit, ihr Ende und ihre Unvereinbarkeit mit der echten und gediege-
nen Befriedigung. Folglich wird mein Herz sie geringschätzen, ver-
achten, verabscheuen und sagen: Fort, fort, ihr teuflischen Reize,
weicht weit von mir, versucht euer Glück anderswo; ich will euch
nicht, denn die Freuden, die ihr versprecht, werden Narren und Ab-
scheulichen ebensogut zuteil wie weisen und tugendhaften Menschen.
3. Ich werde ganz sanft bei der Erwägung der Häßlichkeit und Ge-
meinheit des erbärmlichen Elends verweilen, das mit dem Laster und
der Sünde verbunden ist, und der bedauernswerten Seelen, die davon
besessen und eingenommen sind. Ohne mich im geringsten zu beun-
ruhigen, werde ich dann sagen: Das Laster, die Sünde ist etwas, das
eines Menschen von guter Herkunft, der nach Verdienst strebt, un-
würdig ist. Sie bringt nie eine Befriedigung, die wirklich gediegen
wäre, sondern nur in der Einbildung; aber welche Dornen, welche
Gewissensbisse und Reue, welche Bitterkeit und Unruhe, welche Stra-
fen zieht sie nach sich! Und selbst wenn das alles nicht wäre, muß es
uns nicht genügen, daß sie Gott mißfällt? O, das muß mehr als hinrei-
chend sein, um sie uns über alle Maßen verabscheuen zu lassen.
4. Ich werde sanft schlummern in der Erkenntnis der Köstlichkeit
der Tugend; der Tugend, die so schön, so anmutig, so edel, so hoch-
herzig, so anziehend und mächtig ist. Sie macht den Menschen inner-
lich und auch äußerlich schön; sie macht ihn dem Schöpfer unver-
gleichlich wohlgefällig; sie steht ihm überaus gut an und so ist sie für
ihn angemessen. Doch welchen Trost, welche Wonnen, welche ehren-
haften Freuden gibt sie ihm nicht allzeit! Ach, es ist die christliche
Tugend, die ihn heiligt, die ihn in einen Engel verwandelt, die einen
kleinen Gott aus ihm macht, die ihm hier auf Erden das Paradies
schenkt.
5. Ich werde bei der Bewunderung der Schönheit des Verstandes
verweilen, den Gott dem Menschen gegeben hat, damit er durch sei-
nen wunderbaren Glanz erleuchtet und belebt das Laster hasse und
die Tugend liebe. Ach, warum folgen wir dem strahlenden Glanz die-
ses Lichtes nicht, da dessen Gebrauch uns gegeben ist, um zu sehen,
wohin wir den Fuß setzen müssen! Ach, wenn wir uns von seiner Vor-
schrift leiten ließen, würden wir selten straucheln und würden schwer-
lich Böses tun.

158
6. Ich werde aufmerksam die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit
erwägen. Sie wird ohne Zweifel denen nicht vergeben, die die Gaben
der Natur und der Gnade mißbraucht haben. Solche Leute müssen
große Furcht vor den göttlichen Urteilen haben, vor dem Tod, dem
Fegfeuer und der Hölle. Ich werde mich auf diese Weise anspornen
und meine Trägheit aufrütteln, indem ich oft die Worte (Gen 25,32)
wiederhole: Ich sterbe daran, was nützt mir das Erstgeburtsrecht oder
dies alles? Jeden Tag bin ich am Sterben; wozu nützen mir die gegen-
wärtigen Dinge und alles, was es an Glänzendem und Auffallendem
auf dieser Welt gibt? Es ist viel besser, daß ich sie mutig verachte, in
kindlicher Furcht in der Beobachtung der Gebote lebe und in der
Ruhe des Geistes die Güter des künftigen Lebens erwarte.
7. In dieser Ruhe werde ich die unendliche Weisheit erwägen, die
Allmacht und unbegreifliche Güte Gottes. Besonders werde ich mich
damit befassen, wie seine schönen Eigenschaften erstrahlen in den
heiligen Geheimnissen des Lebens, des Todes und der Passion unse-
res Herren Jesus Christus, in der überragenden Heiligkeit Unserer
lieben Frau, der seligsten Jungfrau Maria, und in den nachahmens-
werten Vollkommenheiten der treuen Diener Gottes. Von da werde
ich zum strahlenden Himmel weitergehen und die Herrlichkeiten des
Paradieses bewundern, die dauernde Glückseligkeit der englischen
Geister und der verherrlichten Seelen; wie die allerheiligste Dreifal-
tigkeit sich mächtig, weise und gütig erweist im ewigen Lohn, mit
dem sie diese gebenedeite Schar belohnt.
8. Schließlich werde ich entschlummern in der Liebe der einzigen
und einmaligen Güte Gottes. Wenn ich kann, werde ich diese gren-
zenlose Güte genießen, nicht in ihren Wirkungen, sondern in sich
selbst. Ich werde dieses lebendige Wasser (vgl. Joh 4,10.14) trinken,
nicht aus Gefäßen oder Bechern von Geschöpfen, sondern aus seiner
reinen Quelle. Ich werde verkosten, wie gut diese anbetungswürdige
Majestät in sich selbst ist, gut in sich selbst, gut aus sich selbst; ja, wie
sie die Güte selbst ist und wie sie die Allgüte ist; Güte, die ewig ist,
unerschöpflich und unbegreiflich. Herr, werde ich sagen, es gibt au-
ßer dir nichts Gutes dem Wesen und der Natur nach, du allein bist
notwendigerweise gut. Alle Geschöpfe, die gut sind, sei es durch na-
türliche oder übernatürliche Güte, sind es nur durch Teilhaben an
deiner liebenswürdigen Güte.

159
4. Regeln für Beziehungen und Begegnungen

1. Punkt. – Es besteht ein Unterschied zwischen Begegnung und


Beziehung; denn die Begegnung geschieht zufällig und gelegentlich,
während die Beziehung gesucht und gewählt wird. Bei der Begegnung
ist die Beziehung nicht von Dauer, man wird kaum vertraut miteinan-
der, man ist nicht sehr mit dem Herzen dabei. Bei der Beziehung
dagegen sieht man sich oft, man pflegt vertrauten Umgang, man ist
ausgewählten Menschen gewogen, man trifft sie häufig, um liebens-
wert zu leben und sich miteinander zu unterhalten.
2. Punkt. – Ich werde nie jemand mißachten noch den Anschein
erwecken, daß ich die Begegnung ganz fliehe, mit wem es auch sei,
denn das bringt einen in den Ruf, stolz, hochmütig, verschlossen, an-
maßend, tadelsüchtig, ehrgeizig und überkritisch zu sein. Bei Begeg-
nungen werde ich mich sorgfältig hüten, mich mit jemand abzuson-
dern, nicht einmal mit Vertrauten, wenn ich einen in der übrigen
Gesellschaft treffe, denn die das beobachten, könnten es als Leicht-
fertigkeit auslegen. Ich werde mir nicht erlauben, etwas zu sagen oder
zu tun, was nicht ganz schicklich ist, weil man sagen könnte, ich sei
ungehobelt und lasse mich zu schnell zu Vertraulichkeiten verleiten.
Vor allem werde ich sorgfältig darauf achten, nie jemand zu kritisie-
ren, zu reizen oder zu verspotten, denn es ist eine große Torheit, sich
ohne Abneigung über jemand lustig machen zu wollen, der keine Ver-
anlassung hat, uns zu ertragen. Ich werde jeden entsprechend ehren,
werde die Bescheidenheit wahren, wenig und nur Gutes sagen, damit
die Gesellschaft sich mehr mit dem Verlangen nach unserer Begeg-
nung auflöst, als gelangweilt zu sein. Wenn die Begegnung kurz ist
und schon jemand das Wort führt, dann wird es das Beste sein, wenn
ich nichts sage als die Begrüßung, mit einer Miene, die weder streng
noch trübsinnig ist, sondern maßvoll und ehrenhaft ungezwungen.
3. Punkt. – Was meine Beziehung betrifft, wird sie nur zu Wenigen,
Guten und Ehrenhaften bestehen, denn schwerlich wird man etwas
von vielen gewinnen und nicht die Erfahrung machen, daß man im
Umgang mit Schlechten verdorben und nur im Umgang mit ehren-
haften Menschen geschätzt wird. Bezüglich der Begegnung und Be-
ziehung werde ich besonders die Regel beachten: Freundlich mit al-
len, vertraut mit wenigen. Ich muß auch bei allem Verstand und Klug-
heit walten lassen, denn es gibt keine allgemeine Regel, von der es

160
nicht manchmal eine Ausnahme gäbe, außer der, die Grundlage jeder
anderen ist: nichts gegen Gott. Daher werde ich im Umgang beschei-
den ohne Anmaßung sein, ungezwungen ohne Härte, freundlich ohne
Ziererei, nachgiebig ohne Widerspruch, außer wenn es die Vernunft
verlangt; herzlich ohne Verstellung, denn die Menschen schätzen es,
jene zu kennen, mit denen sie es zu tun haben. Jedenfalls muß man
sich mehr oder weniger eröffnen, je nach der Gesellschaft.
4. Punkt. – Da man oft gewissermaßen gezwungen ist, mit Personen
von verschiedenem Charakter zu verkehren, muß ich wissen, daß man
bestimmten nur Erlesenes bieten darf, anderen nur Gutes und ande-
ren nur Gleichgültiges, keinem aber Schlechtes. Höherstehenden an
Alter, Stand oder Autorität darf man nur Erlesenes zeigen; Gleichge-
stellten Gutes, Untergebenen Gleichgültiges. Was das Schlechte be-
trifft, das darf man nie jemandem enthüllen, wer es auch sei, weil es in
den Augen dessen, der es sieht, Anstoß erregen kann und den absto-
ßend machen, an dem es ist. In der Tat bewundern die Großen und
Weisen nur das Erlesene; Gleichgestellte werden es geschraubt nen-
nen und die Untergebenen überspannt.
Wohl gibt es bestimmte schwermütige Menschen, die es gern ha-
ben, wenn man ihnen die Fehler aufdeckt, die man hat; vor ihnen muß
man sie jedenfalls noch mehr verbergen, denn da es sie sehr stark
beeindruckt, werden sie zehn Jahre über die geringste Unvollkom-
menheit nachgrübeln und philosophieren. Und dann, wozu die Un-
vollkommenheiten aufdecken? Sieht man sie nicht schon genug? Ver-
raten sie sich nicht von selbst? Daher ist es keineswegs zweckmäßig,
sie zu offenbaren, aber es ist gut, sie zuzugeben und zu gestehen. Trotz
des Gesagten kann man nun im Umgang mit Höheren, Gleichgestell-
ten und Untergebenen das Gespräch über das Erlesene, Gute und
Gleichgültige manchmal mäßigen, vorausgesetzt, daß es taktvoll ge-
schieht. Schließlich muß man sich den verschiedenen Gesellschaften
anpassen, ohne jedoch der Tugend irgendwie zu schaden.
5. Punkt. – Wenn es sich trifft, daß ich mit anmaßenden, freimüti-
gen oder melancholischen Menschen verkehre, werde ich mich fol-
gendermaßen vorsehen: Den Anmaßenden werde ich mich ganz und
gar verschließen; wenn die Freimütigen gottesfürchtig sind, werde
ich mich ihnen ganz eröffnen und offenherzig mit ihnen sprechen.
Den Düsteren und Schwermütigen werde ich mich, wie das Sprich-
wort sagt, nur am Fenster zeigen; das heißt, ich werde mich ihnen
teilweise erschließen, weil sie darauf aus sind, das Innere der Men-

161
schen zu sehen, und wenn man sich zu spröde gibt, werden sie so-
gleich mißtrauisch; zum Teil werde ich mich ihnen verschließen, denn
wie wir schon gesagt haben, neigen sie dazu, zu viel über die Eigen-
schaften derjenigen, mit denen sie verkehren, zu philosophieren und
sie zu beobachten.
6. Punkt. – Wenn mich die Notwendigkeit zwingt, mit Großen zu
verkehren, werde ich sorgfältig auf der Hut sein, denn zu ihnen muß
man sich verhalten wie zum Feuer; das heißt, manchmal ist es gut,
sich ihnen zu nähern, aber es darf nicht zu nahe sein. Daher werde ich
mich in ihrer Gegenwart mit großer Bescheidenheit verhalten, die
trotzdem mit höflicher Ungezwungenheit verbunden ist. Die großen
Herren gefallen sich gewöhnlich darin, geliebt und geachtet zu wer-
den. Die Liebe bringt gewiß die Ungezwungenheit hervor, die Ach-
tung die Bescheidenheit. Es ist also nicht schlecht, in ihrer Gesell-
schaft ein wenig ungezwungen zu sein, vorausgesetzt, daß man die
Achtung nicht vergißt und daß die Achtung größer ist als die Unge-
zwungenheit. Unter Gleichgestellten muß man gleichermaßen unge-
zwungen und respektvoll sein; Untergebenen gegenüber soll man
ungezwungener als respektvoll sein; aber mit den Großen und Vorge-
setzten muß man respektvoller sein als ungezwungen.

5. Die öftere Kommunion: Vorbereitung und Danksagung

1. Punkt. – Wenn ich eine Kirche nur von ferne sehe, werde ich sie
mit dem Vers (Ps 87,2) Davids grüßen: Ich grüße dich, heilige Kir-
che; Gott hat deine Tore mehr geliebt als alle Zelte Jakobs. Davon
werde ich zur Betrachtung des alttestamentlichen Tempels übergehen
und erwägen, wieviel erhabener die kleinste aller unserer Kirchen ist,
als der Tempel Salamons war, weil auf unseren Altären das wahre
Lamm Gottes (Joh 1,29.36) als Versöhnungsopfer für unsere Sünden
dargebracht wird. Wenn ich nicht in die Kirche eintreten kann, werde
ich das allerheiligste Sakrament von ferne grüßen, selbst durch ir-
gendeine äußere Handlung, wenn die Kirche in der Nähe ist, indem
ich meinen Hut abnehme und das Knie beuge, ohne mich darum zu
kümmern, was meine Begleiter dazu sagen werden.
2. Punkt. – Ich werde kommunizieren, sooft ich nach der Weisung
meines Beichtvaters kann. Zum mindesten werde ich den Sonntag
nicht vorübergehen lassen, ohne dieses ungesäuerte Brot (Ex 12,8),
das wahre Brot vom Himmel (Joh 6,33) zu essen. Wie könnte denn

162
der Sonntag für mich ein Tag des Sabbats und der Ruhe sein, wenn es
mir verwehrt ist, den Urheber meiner ewigen Ruhe zu empfangen?
3. Punkt. – Am Vorabend meiner Kommunion werde ich aus mei-
nem Haus allen Unrat meiner Sünden entfernen durch eine gewissen-
hafte Beichte, auf die ich alle erforderliche Sorgfalt verwenden will,
damit ich nicht durch Skrupel verwirrt werde; andererseits werde ich
aber die Nutzlosigkeit neugieriger und übertriebener Nachforschun-
gen vermeiden.
4. Punkt. – Wenn ich in der Nacht aufwache, werde ich meine Seele
froh machen, und um sie in den nächtlichen Schrecken zu trösten, die
mich bedrängen, werde ich sagen: Meine Seele, warum bist du traurig?
Warum verwirrst du mich (Ps 43,12)? Sieh, dein Bräutigam, deine Freu-
de und dein Heil kommt; gehen wir ihm entgegen (Mt 25,6) in heili-
ger Freude und in liebevollem Vertrauen.
5. Punkt. – Wenn der Morgen gekommen ist, werde ich die Größe
Gottes und meine Niedrigkeit betrachten und mit einem demütigfro-
hen Herzen werde ich mit der heiligen Kirche singen: „O wunderbare
Sache, der arme und geringe Knecht beherbergt seinen Herrn, emp-
fängt und ißt ihn.“ Darauf werde ich verschiedene Akte des Glaubens
und des Vertrauens auf die Worte des Evangeliums (Joh 6, 59) erwek-
ken: Wenn jemand dieses Brot ißt, wird er ewig leben.
6. Punkt. – Wenn ich das allerheiligste Sakrament empfangen habe,
werde ich mich ganz Dem hingeben, der sich mir ganz geschenkt hat.
Aus Liebe werde ich allem im Himmel und auf Erden entsagen mit
den Worten: Was will ich im Himmel? Was bleibt mir auf Erden zu
wünschen, da ich meinen Gott besitze, der mein Alles ist (Ps 73,25f)?
Ich werde ihm einfach, ehrfürchtig und vertrauenvoll alles sagen, was
meine Liebe mir eingeben wird, und ich werde mich entschließen,
nach dem heiligen Willen des Herrn zu leben, der mich mit sich selbst
nährt.
7. Punkt. – Schließlich, wenn ich mich bei der heiligen Kommuni-
on trocken und unfruchtbar fühle, werde ich mich des Beispiels der
Armen bedienen, wenn sie frieren; denn wenn sie nichts haben, um
Feuer zu machen, gehen sie und machen Übungen, um sich zu erwär-
men: ich werde meine Gebete verdoppeln und eine Abhandlung über
das allerheiligste Sakrament lesen, das ich demütig und mit einem
festen Glauben anbete.

163
Außergewöhnliche Gnaden

1. Vor den Niederen Weihen26.

Franz, du mußt dich erinnern, daß Gott dir große Barmherzigkeit


erwiesen hat am 19. Mai 1593 auf die Fürsprache des glorreichen hl.
Cölestin, des Schutzpatrons deiner Retraite zur Vorbereitung auf die
Weihen.

2. Während der Chablais-Mission27.

Amor meus furor meus! Meine Liebe ist meine ganze Leidenschaft.
Mir scheint in der Tat, daß sich mein Eifer zu einer Leidenschaftlich-
keit für meinen Vielgeliebten gewandelt hat; und ich muß oft die
kleinen Verse wiederholen:
Ist es die Liebe oder die Leidenschaft,
die mich drängt, göttlicher Erlöser?
Ja, mein Gott, es sind alle zwei,
denn ich brenne, wenn ich nach dir verlange.

3. Am Fronleichnamsfest28.

Herr, halte die Ströme deiner Gnade zurück! Herr, geh weg von
mir, denn ich kann die Größe deiner Wonnen nicht ertragen und bin
gezwungen, mich zu Boden zu werfen.

4. Notiz über eine außergewöhnliche Gnade29.

Als ich am Tag der Verkündigung die heilige Eucharistie aus der
Hand des Papstes empfangen hatte, wurde meine Seele innerlich sehr
getröstet und Gott schenkte mir die Gnade großer Erleuchtungen
über das Geheimnis der Menschwerdung. Er ließ mich auf unaus-
sprechliche Weise erkennen, wie das Wort im keuschen Schoß Marias
einen Leib annahm durch die Macht des Vaters und die Mitwirkung
des Heiligen Geistes, indem Es selbst das sehr wollte, um unter uns
zu wohnen (Joh 1,14), seit er Mensch geworden ist gleich wie wir
(vgl. Eph 2,7).
Dieser Gottmensch hat mir auch eine sehr erhabene und köstliche
Erkenntnis über die Transsubstantiation geschenkt, über sein Eintre-
ten in meine Seele und über den Dienst der Hirten der Kirche.

164
5. Vertrauliche Mitteilungen an Mutter Chantal30.

Der Heilige Geist gibt uns die Gabe des Verstandes zu dreifachem
Zweck: 1. um uns die Geheimnisse des Glaubens glauben und be-
wundern zu lassen, 2. um sie uns ehren und verehren zu lassen, 3. um
sie uns lieben und hochschätzen zu lassen.
Ich gestehe, daß mich die göttliche Güte mit einer besonderen Er-
leuchtung zum Verständnis seiner heiligen Geheimnisse begnadet hat,
und so scheint mir, daß ich die Absicht der Kirche sehr gut verstehe
bei allem, was sie ihren Kindern vorlegt. Ich habe auch von Gott eine
zärtliche Liebe zu den Grundsätzen des Evangeliums empfangen und
bin überzeugt, daß das eine Folge der Erkenntnis ihrer erhabenen
Schönheit ist, die er mir geschenkt hat.

Fragmente über die seligste Jungfrau

I.31

– – – Sehen Sie, wie diese gemeinsame Mutter aller Kinder Gottes


allen alles geworden ist (1 Kor 9,22), um alle Seelen an ihren Sohn zu
ziehen und zu ihm zu führen. Betrachten Sie aber vor allem, wie ruhig
diese junge Prinzessin vom Konvent der Jungfrauen in die Gemein-
schaft der Verheirateten überging durch ihre keusche und ganz reine
Ehe mit dem hl. Josef, dem sie nach dem Brauch der Zeit und nach
göttlichem Ratschluß durch ihre Eltern vermählt wurde. Von da ging
sie nach dem Tod des hl. Josef sehr demütig über in die Gemeinschaft
der Witwen; und nach der Auffassung der Väter hat die Mutter nach
der Himmelfahrt ihres anbetungswürdigen Sohnes noch mehrere Jahre
auf Erden gelebt, wie die anderen Witwen und wie viele Gläubige der
Urkirche von den Almosen und von der Gütergemeinschaft der ers-
ten Christen. – – –

II.32

Es ist eine Wahrheit, daß verloren ist, wer nicht durch Maria geret-
tet wird, so wie alles zugrunde ging, was sich außerhalb der Arche
befand; nicht als ob Maria die absolute Ursache der Erlösung wäre,

165
denn die ist ihr anbetungswürdiger Sohn Jesus, aber sie ist die Mittle-
rin, deren sich der Erlöser bedienen wollte, indem er aus ihr seine
Menschennatur annahm. Sie war von aller Ewigkeit ausersehen, er-
wählt und vorherbestimmt, die Mutter Jesu zu sein. Und als solche
wurde sie allein mehr geliebt als alle Menschen und alle Engel zu-
sammen.
Maria bedeutet ‚einigende Mutter‘, zumal durch diese Mutter und
in ihrem Schoß das Wort sich um unseres Heiles willen hypostatisch
mit der menschlichen Natur vereinigt hat. Durch Maria ist das Wort
Fleisch geworden (Joh 1,14) und wir können sagen: Jesus, sei mir
Jesus, d. h. sei mein Erlöser; und wir können auch sagen: Maria, sei
mir Maria, d. h. sei uns Mutter und vereinige uns mit deinem Sohn
Jesus, damit er unser Bräutigam sei und wir seine Braut seien.
Im Himmel werden alle Jungfrauen dem Lamm folgen (Offb 14,4);
doch wie bewundernswert jungfräulich sind auf Erden Maria und Jo-
sef, denen das Lamm selbst folgt.
Die Frau im Evangelium (Lk 11,27) rief auf den öffentlichen Plät-
zen, wo Jesus vorbeiging: Gepriesen sei der Schoß, der dich getragen,
und die Brust, die dich genährt hat. Müssen wir da nicht ewig das
heilige Herz Marias preisen, das Jesus so sehr geliebt hat? Glorreiche
Jungfrau, du hast das Wort in deinem Herzen empfangen, ehe du ihn
in deinem Schoß empfangen hast, und du bist glückseliger, daß du ihn
überaus und ununterbrochen geliebt, als daß du ihn körperlich in
deinem Schoß und auf deinen Armen getragen hast. Das wollte Unser
Herr uns deutlich machen, als er (Lk 11,28; Mt 12,50) sagte: Seliger
sind jene, die den Willen meines Vaters tun, der im Himmel ist, d. h. die
nur ein Herz und eine Seele mit Gott sind. Maria hatte nur ein Herz
und einen Geist mit dem ewigen Vater und seinem einzigen Sohn
Jesus, dem einzigen Gegenstand seines ewigen Wohlgefallens (vgl.
Mt 3,17; 2 Petr 1,17).
Ach, die makellose und unvergleichliche Jungfrau und Mutter Got-
tes war nie zimperlich und zu spröde, um mit der hl. Magdalena zu
verkehren, und das, weil Maria nicht nur vollkommen jungfräulich
war, sondern auch vollkommen demütig. In diesem Geist empfing sie
den hl. Paulus und den hl. Dionysius Areopagita, der bekennt, als er
Maria sah, hätte er, wäre er nicht im Glauben recht gefestigt gewesen,
Maria für eine Gottheit gehalten.
Du Mutter des Lebens, was hast du auf dem traurigen Kalvarienberg
getan, der ein Ort der Agonie und des Todes war? Die strenge Liebe

166
des ewigen Vaters teilte sich deiner Seele mit, damit du durch den
Todesschmerz, den dein Herz gelitten hat, die erste Märtyrerin der
jungen Kirche und die erhabene Königin aller Märtyrer werdest.
Der ewige Vater hat die Welt so sehr geliebt, daß er ihr seinen eigenen
Sohn hingab (Joh 3, 16), diesen Sohn, der sich selbst hingegeben hat
(Gal 2,20) in den Tod; und wir können sagen, Maria, die Mutter Got-
tes, der gestorben ist, hat das Heil der Welt so sehr geliebt, daß sie
ihren Sohn willig dem Tod überliefert hat und sich selbst in ihrem
Sohn. Der Sohn ist gestorben durch die Gewalt seines liebevollen
Leidens für die Seelen, und Maria durch die mitleidende Liebe.
Ach, heilige Jungfrau, die Tränen deines göttlichen Kindes in der
Krippe waren nur sanfte Tautropfen, aber die seines heiligen Leidens
sind Ströme und Meere der Bitterkeit. Dein schmerzerfülltes und lie-
bevolles Herz brachte die einen und die anderen dem ewigen Vater
dar, denn er wußte wohl, daß sie Tränen eines Gottes waren, die den
Kindern des Heils ewige Freuden bringen mußten.
... Sie rang nach Luft, ohne in Ohnmacht zu fallen, denn das Höchst-
maß des Schmerzes schwächte sie, die Kraft der Liebe hielt sie auf-
recht. Die Schrecken des Todes ihres Sohnes sah sie nur in den Selig-
keiten seiner Liebe; ihre heilige Seele empfand gleiche Regungen der
Liebe und des Schmerzes. Die einen wie die anderen waren für die
Natur unerträglich, und Maria wäre am Fuß des Kreuzes ihres toten
Sohnes ebenfalls vor Liebe und vor Schmerz gestorben, wenn sie nicht
die Gnade desselben Sohnes aufrecht erhalten hätte.
Die heilige Jungfrau, erhöht zur Rechten ihres Sohnes, ist die Ge-
neralin der Heerscharen Gottes, die Statthalterin des Königreichs
der Kirche, die Mutter aller heiligen Familien, die Zuflucht aller
Herzen. Sagen wir nächst ihrem Sohn zu ihr: Heilige Jungfrau, die
Augen aller Gläubigen sind auf deine Majestät gerichtet; wir erwar-
ten den Beistand deiner Gnaden; und wenn du deine freigebigen Hän-
de öffnest, werden wir alle mit Segnungen erfüllt (vgl. Ps 95,15f). O
heilige und hochherzige Statthalterin, befiehl im Stand deiner Glo-
rie, was du in deinem Stand der Gnade befohlen hast: Tut alles, was
mein Sohn euch sagen wird (Joh 2,5).
Dem göttlichen Bräutigam hat es gefallen, dieser Braut Ohrringe
anzuhängen (vgl. Gen 24,30.47), d. h. das Schreien der Armen und
Notleidenden (Ps 9,13).
Weiht eure Andacht am Samstag der Mutter Gottes; betrachtet ein-
zelne Punkte ihres Lebens und ihrer Tugenden.

167
Zwei Gebete zur seligsten Jungfrau33

1.

Ich grüße dich, liebreiche Jungfrau Maria, Mutter Gottes. Du bist


meine Mutter und meine Herrin; deshalb bitte ich dich, mich als dein
Kind und deinen Diener anzunehmen, weil ich keine Mutter und Her-
rin mehr haben will außer dir. Daher bitte ich dich, meine gute, huld-
reiche und gütige Mutter, tröste mich gnädig in allen meinen geistli-
chen und leiblichen Nöten und Trübsalen.
Liebreiche Jungfrau, gedenke, daß du meine Mutter bist und daß
ich dein Kind bin, daß du sehr mächtig bist und ich ein armes, gerin-
ges und schwaches Geschöpf. Daher bitte ich, meine liebreiche Mut-
ter, daß du mich auf allen meinen Wegen und in meinen Handlungen
leitest und beschützest, denn ach, ich bin ein armer Hungriger und
Bettler, der deiner heiligen Fürsprache sehr bedarf. Wohlan denn,
seligste Jungfrau, meine gütige Mutter, bewahre und rette meinen
Leib und meine Seele aus allen Übeln und Gefahren und laß mich
gnädig teilhaben an deinen Gütern und Tugenden, vor allem an dei-
ner heiligen Demut, an deiner hervorragenden Reinheit und glühen-
den Liebe.
Gnadenreiche Jungfrau, sag mir nicht, daß du es nicht kannst, denn
dein vielgeliebter Sohn hat dir alle Macht gegeben im Himmel wie
auf Erden. Sag mir nicht, daß du es nicht mußt, denn du bist die
gemeinsame Mutter aller armen Menschen und besonders die meine.
Wenn du es nicht könntest, würde ich dich entschuldigen und sagen:
Es ist wahr, daß sie meine Mutter ist und mich als ihr Kind liebt, aber
der Armut fehlt es an Besitz und an Macht. Wenn du nicht meine
Mutter wärst, würde ich mich mit Recht gedulden und sagen: Sie ist
zwar reich genug, um mir beizustehen, aber ach, weil sie nicht meine
Mutter ist, liebt sie mich nicht.
Liebreichste Jungfrau, weil du also meine Mutter bist und mächtig,
wie sollte ich dich entschuldigen, wenn du mich nicht tröstest und
mir deine Hilfe und deinen Beistand nicht gewährst? Sieh, meine
Mutter, wie du gezwungen bist, mir zu gewähren, um was ich dich
bitte.
Sei also gepriesen im Himmel und auf Erden, glorreiche Jungfrau,
meine erhabene Mutter Maria; ohne auf mein Elend und meine Sün-

168
den zu achten, nimm mich um der Ehre und Herrlichkeit deines Soh-
nes willen als dein Kind an. Befreie meine Seele und meinen Leib von
allem Übel, gib mir alle Tugenden, vor allem die Demut. Schenke mir
alle Gaben, Güter und Gnaden, die der heiligsten Dreifaltigkeit wohl-
gefällig sind, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Amen.

2.

Allerseligste Jungfrau Maria, würdige Mutter Gottes und treue Aus-


spenderin aller Gnaden, die er uns in diesem Leben verleihen will,
bei der Liebe deines teuren Sohnes, unseres Erlösers Jesus Christus
bitte ich dich, mir von deinem göttlichen Bräutigam, dem Heiligen
Geist, eine himmlische Erleuchtung und einen guten Rat zu erwir-
ken, um zu erkennen, was ich tun und wie ich mich verhalten muß zur
Verherrlichung Gottes und zur Förderung meines Heils.
Heilige Jungfrau, mit deiner Hilfe hoffe ich diese Gnade vom Him-
mel zu erlangen, denn nächst Gott habe ich mein ganzes Vertrauen
auf dich gesetzt.

169
II. Christliches Leben in der Welt

Über die christliche Vollkommenheit 34

Jeder ist verpflichtet, nach der Vollkommenheit des christlichen


Lebens zu streben, denn der Herr verlangt (Mt 5,18), daß wir voll-
kommen seien, und auch der hl. Paulus (2 Kor 13,11; Kol 13,12) sagt
es wiederholt.
Die Vollkommenheit des christlichen Lebens besteht in der Gleich-
förmigkeit unseres Willens mit dem Willen unseres gütigen Gottes,
der die oberste Regel und das Gesetz aller Handlungen ist. Um die
Vollkommenheit zu erlangen, müssen wir daher stets überlegen und
anerkennen, was der Wille Gottes ist in allem, was uns betrifft, damit
wir fliehen, was wir nach seinem Willen meiden sollen, und beobach-
ten, wovon er will, daß wir es tun.
Es gibt Gelegenheiten, bei denen man nicht zweifeln kann, daß es
der Wille Gottes ist, wie in dem, was von den Geboten Gottes und
von den Pflichten unserer Berufung abhängt. Daher müssen wir stets
gut zu befolgen trachten, was Gott allen Christen gebietet, und auch
das, was unsere Berufung von uns persönlich verlangt. Wer das nicht
sorgsam tut, kann stets nur eine trügerische Frömmigkeit haben.
Es gibt auch andere Gelegenheiten, bei denen man nicht zweifeln
kann, daß Gott sie will, wie Trübsale, Krankheiten und Bedrängnisse.
Deshalb muß man sie willig annehmen und unseren Willen dem Wil-
len Gottes angleichen, der sie will. Und wer so weit kommen kann,
sie nicht nur geduldig zu ertragen, sondern sie auch zu wollen, der
kann wohl sagen, daß er einen sehr hohen Grad der Gleichförmigkeit
erreicht hat. So geben uns der Tod von Verwandten, ein Verlust, Krank-
heiten, Trockenheiten, Zerstreuungen Gelegenheit, uns zu vervoll-
kommnen.
Man muß aber weiter gehen und diesen Willen nicht nur in großen
Heimsuchungen sehen, sondern sogar in kleinen Widerwärtigkeiten
und in den geringsten Bedrängnissen, die uns in diesem armseligen
Leben zustoßen können. Darin täuschen sich sehr viele, die sich nur
auf große Heimsuchungen vorbereiten und dann wehrlos, kraftlos und
ohne Widerstandsfähigkeit gegen die kleinen sind. Dabei wäre es er-
träglicher, weniger auf die großen vorbereitet zu sein, die nur sehr
selten vorkommen, und auf die kleinen gefaßt zu sein, die alltäglich

170
sind und sich jeden Augenblick bieten. Ich nenne ein Beispiel für das,
was ich sagte: Ich bereite mich darauf vor, den Tod geduldig zu ertra-
gen, der mich nur einmal ereilen kann, und bereite mich nicht darauf
vor, die Belästigung zu ertragen, die mir die Launen derjenigen berei-
ten, mit denen ich zusammenlebe, oder die Belastung des Geistes, die
meine Stellung mit sich bringt, die sich hundertmal am Tag einstellt.
Das ist es, was mich unvollkommen macht.
Es gibt andere Handlungen, zu denen ich weder durch die allgemei-
nen Gebote Gottes noch durch die persönliche Pflicht meiner Beru-
fung verpflichtet bin. Dabei muß ich in der Freiheit des Geistes sorg-
sam überlegen, was zur größeren Ehre Gottes gereicht, denn das will
Gott. Ich habe gesagt: in der Freiheit des Geistes, denn das muß ge-
schehen ohne Übereilung und Unruhe, sondern mit einem einfachen
Blick auf das Gute, das unsere Handlung bringen soll, wie eine kleine
Reise nach St. Bernhard zu machen, an dem Tag zu beichten, diesen
Kranken zu besuchen, eine kleine Summe, etwa einen Taler aus Liebe
zu Gott zu schenken. Wenn es nicht von großer Bedeutung ist, bedarf
es auch keiner großen Sorgfalt, sondern man muß nach kurzer Über-
legung entscheiden; und wenn nach der Tat die Entscheidung nicht
gut scheint und man sich getäuscht hat, darf man darüber keineswegs
betrübt und verwirrt sein, sondern soll sich demütigen und sich über
sich selbst lustig machen.
Wenn aber die Sache von großer Bedeutung ist, wie den Beruf zu
wechseln, ewige Gelübde zu machen, große Reisen zu unternehmen,
große Summen zu geben, muß man ein wenig darüber nachdenken
und sich dann mit dem geistlichen Vater darüber besprechen, unter
dessen Leitung man sich gestellt hat, und in Einfalt nach seiner Wei-
sung vorgehen, denn Gott wird ihm beistehen, Sie gut zu beraten.
Und wenn durch seinen Fehler die Entscheidung nicht die beste an
sich ist, wird sie doch die nützlichste und verdienstlichste für Sie
sein, denn Gott wird sie fruchtbar machen.
Die großen Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, sind von
zweierlei Art. Die erste und wichtigste ist, die innere Gnade Gottes
zu haben, die man erlangen muß durch Bitten, Gebete, Opfer, Emp-
fang der Sakramente. Die zweite ist die Übung, und die besteht in drei
Entschlüssen, die den Ordensgelübden entsprechen, d. h. Gehorsam,
Keuschheit und Armut. – – –

171
Worin die Vollkommenheit besteht
Stufen des Gehorsams35

Unser Gott gebietet uns (Mt 5,8), vollkommen zu sein; doch worin
besteht die Vollkommenheit? Es ist sicher, daß sie nichts anderes ist
als die Liebe, die die Liebe Gottes und des Nächsten umfaßt. Trotz-
dem nennt man nach der allgemeinen Auffassung nicht alle vollkom-
men, die die Liebe haben, sondern nur jene, die sie in einem erhabe-
nen und hervorragenden Grad besitzen, d. h. jene, die eine sehr vor-
treffliche Liebe zu Gott und zum Nächsten haben.
Da wir nun verpflichtet sind, nach der Vollkommenheit zu streben,
ist es erforderlich, die geeigneten Mittel zu kennen, um sie zu erwer-
ben, und gleichzeitig die Tätigkeiten, die sie in uns bewirkt, denn das
ist dasselbe. Denn wie das Weizenkorn die Pflanze hervorbringt und
die Pflanze das Korn, genau so bewirken die heiligen Übungen die
Vollkommenheit, und die Vollkommenheit bringt die heiligen Übun-
gen hervor. Da die Vollkommenheit der Seele in der Liebe besteht
und die Liebe die wichtigste Gabe des Heiligen Geistes ist, besteht
das erste Mittel, um die Vollkommenheit zu erwerben, darin, sie de-
mütig, inständig und fortwährend von Gott zu erbitten durch Gebete
und Betrachtungen. Das zweite ist der Empfang der Sakramente, denn
sie sind die Kanäle, durch die Gott seine Gnaden, die Liebe und die
Vollkommenheit in uns fließen läßt. Das dritte ist die Übung der
Tugenden im allgemeinen.
Da aber das dritte Mittel so umfangreich ist, will ich es folgender-
maßen zusammenfassen: Die drei Tugenden der Ordensleute sind die
drei hervorragendsten Werkzeuge, um die Vollkommenheit zu er-
werben, und ihre drei größten Wirkungen. Wenn nun diese drei Tu-
genden oder Gelübde beobachtet, wenn auch nicht gelobt werden,
machen sie den Menschen vollkommen. Man muß sich daher bemü-
hen, sie in allen ihren Graden zu erwerben.

Beispiel des Gehorsams

Der Gehorsam hat drei Stufen, was die Personen betrifft, denen wir
gehorchen. Die erste Stufe besteht darin, den Vorgesetzten zu gehor-
chen und denen, die Macht über uns haben, wie Väter, Mütter, Gat-
ten, Bischöfe. Der Sohn muß also dem Vater mit der gleichen Füg-
samkeit gehorchen, wie es ein Novize eines wohlgeordneten Ordens

172
seinem Oberen tun wird; und es ist einfältig, sich einzubilden, man
würde dem Oberen eines Ordens, den man gewählt hat, recht gehor-
chen, wenn man den Vorgesetzten nicht gehorchen kann, die Gott
selbst und die Natur uns gegeben haben.
Die zweite Stufe besteht darin, unseren Gefährten zu gehorchen
und denen, die uns gleichgestellt sind. Diesen Grad übt man, indem
man sich recht sanft und leicht dem Willen unserer Gefährten fügt.
Gegen diesen Grad verstoßen alle eigensinnigen und streitsüchtigen
Geister, die an ihrem Willen hängen.
Die dritte Stufe besteht darin, Untergebenen zu gehorchen, indem
man sich ihren Wünschen in jeder Weise anpaßt, sofern sie nicht
schlecht sind, durch freundliche Nachgiebigkeit. Diesem Grad ist ent-
gegengesetzt die herrische und geringschätzige Autorität, die man über
Untergebene anwendet. Die Übung dieses Grades macht unser Herz
mild, demütig und freundlich gegenüber den Wünschen und Bitten
der Untergebenen. Das Vorbild dieses Gehorsams ist Jesus Christus,
der nicht nur seinem ewigen Vater und seiner heiligen Mutter ge-
horcht, sondern auch dem hl. Josef und den Gesetzen und Gebräu-
chen der Kirche (vgl. Lk 2,22-24.42). Unsere liebe Frau gehorcht
dem hl. Josef und den anderen. Und das ist angeordnet vom Apostel
(Röm 13,5), der will, daß wir jedermann aus Liebe zu Gott untertan
sind.
Derselbe Gehorsam hat drei Stufen nach den Dingen, bei denen
man den Gehorsam leisten muß. Die erste ist, den Geboten Gottes
und der Vorgesetzten zu gehorchen. Dieser Grad des Gehorsams ist
für jeden notwendig, denn wer ihn nicht befolgt, sündigt schwer, wenn
es sich um eine wichtige Sache handelt. Diesem Grad ist ausdrück-
lich der Ungehorsam entgegengesetzt.
Die zweite Stufe ist, den Ratschlägen zu gehorchen, jeder nach sei-
ner Berufung: wie, Witwe zu bleiben, wenn man es ist; jenen, der uns
beleidigt hat, durch Zärtlichkeit und Höflichkeit zu gewinnen su-
chen; jenen zu helfen, die dessen bedürfen, obwohl sie nicht in großer
Not sind. Diesem Grad ist sehr entgegengesetzt die Lässigkeit und
Teilnahmslosigkeit.
Die dritte Stufe ist, den inneren Einsprechungen und Regungen zu
gehorchen, von denen man erkennt, daß sie auf die größere Ehre Got-
tes zielen, und das, nachdem man sie geprüft hat oder prüfen ließ.
Diesem Grad ist die Unaufmerksamkeit und die Mißachtung unseres
Inneren entgegengesetzt. Die Übung dieses Grades bewirkt, daß wir

173
uns Gott und seinem heiligen Willen gleichförmig machen. Das Vor-
bild dafür ist Unser Herr, der sein ganzes Leben lang alles getan hat,
was mehr zur Ehre seines ewigen Vaters (Joh 8,50.54), der glorrei-
chen Jungfrau, seiner Mutter, und aller Heiligen gereichte.
Der Gehorsam hat noch drei andere Stufen, genommen von der
Leichtigkeit oder Schwierigkeit, die wir im Gehorsam haben. Die
erste besteht darin, daß man uns etwas Angenehmes gebietet, wie, an
Feiertagen nicht zu arbeiten, zu musizieren oder etwas ähnliches, was
an sich angenehm ist. Darin liegt keine große Tugend, wenn man ge-
horcht, aber es ist ein großer Fehler, nicht zu gehorchen.
Die zweite (Stufe) besteht darin, daß man uns etwas Gleichgültiges
befiehlt, d. h. Dinge, die an sich weder angenehm noch unangenehm
sind, z. B. spazieren zu gehen, dieses oder jenes Kleid zu tragen. Da-
bei ist die Tugend des Gehorsams groß und die Sünde des Ungehor-
sams ist ebenfalls recht groß.
Die dritte ist, daß man uns befiehlt, etwas Hartes und Schwieriges
zu tun, wie, den Feinden zu verzeihen, Leid geduldig zu ertragen,
oder etwas anderes zu tun, was unserer Neigung sehr widerspricht. Da
ist das Verdienst sehr groß, wenn man gehorcht, und die Sünde weni-
ger schwer, wenn man dem nicht gehorcht.
Die Übung dieser drei Grade bewirkt, daß wir vollständig gehor-
chen, sei es in großen Dingen, sei es in kleinen. Das Vorbild dafür ist
Unser Herr, der bei allem gewollt hat, daß der Wille seines Vaters
geschehe (vgl. Joh 4,34; 5,30; 6,38), selbst in der Passion (Mt 26,39.42;
Phil 2,8).

Ratschläge für die Baronin von Chantal 36

Bei allen Dingen, die auf Sie zukommen, geben Sie sich nicht damit
ab, die Gründe zu suchen (es genügt, daß Gott sie kennt), sondern
demütigen Sie sich einfach vor Gott und ertragen Sie den Wider-
spruch sanft, ohne Überlegungen.
In Zeiten von Trockenheiten demütigen Sie sich, in Zeiten des Emp-
findens und beim Anblick Ihrer Armseligkeit versenken Sie sich um
so tiefer in den Schoß der göttlichen Barmherzigkeit.
Töten Sie sich in den kleinen Ausbrüchen gegen die Unvollkom-
menheiten des Nächsten ab, indem Sie diese im Geist der Milde zu-
rechtweisen.

174
Haben Sie keine Sorge um sich selbst, nicht mehr als ein Reisender,
der sich in gutem Glauben auf ein Schiff begibt; er ist nur darauf
bedacht, sich recht auf ihm zu verhalten und zu leben, und überläßt
die Sorge, den Wind zu nützen, die Segel zu setzen und zu segeln, dem
Steuermann, unter dessen Führung er sich gestellt hat.

Geistliche Ratschläge37

1.

Gerade in schwierigen, mühseligen und unangenehmen Dingen müs-


sen wir die Treue gegen Gott üben, die um so vorzüglicher sein wird,
je weniger wir die Wahl haben in dem, was uns zur Übung dient. Die
Eigenliebe gibt sich in Leiden irgendwie zufrieden, wenn sie nach
ihrer Wahl sind; die Gottesliebe übt sich glücklicher in Dingen, die
die göttliche Vorsehung zuläßt oder ohne uns anordnet, aber über uns
und für uns.
Die Heilige Schrift sagt: Was weiß einer, der nicht geprüft ist (Sir
34,9.11)? Glücklich ist der Mann, der den Ansturm der Prüfung aus-
hält, denn nachdem er vom Geist geprüft wurde, wird er die Krone der
Glorie empfangen, die Gott denen verheißen hat, die ihn lieben (Jak
1,12). Wenn Ihr Herz die Versuchung mehr als notwendig fürchtet,
öffnet es seinen Feinden die Tür; wenn wir dagegen ein kindliches
Vertrauen auf Gott haben, uns ihm zuwenden und in seiner Güte Si-
cherheit finden, wird sich der Feind fürchten, uns zu versuchen, weil
er sieht, daß uns die Versuchung zum Anlaß wird, uns in die Arme
Unseres Herrn zu werfen. In der Regel besteht die beste Methode, der
Versuchung zu widerstehen, darin, sich nicht auf einen Streit mit ihr
einzulassen, ja sich nicht einmal damit abzugeben, die Gegenstände
zu betrachten. Vielmehr muß man, sobald man sie fühlt, über etwas
anderes mit Unserem Herrn sprechen, mit seiner heiligen Mutter oder
mit den Engeln und Heiligen oder mit sich selbst. Mit einem Wort,
wenn die Versuchung eine Rose ist, muß man von einem Veilchen
sprechen und sich nicht über die Vielfalt der Gedanken wundern. Es
ist ja nicht erforderlich, sie einen nach dem anderen zu bekämpfen,
sondern sie alle zu überwinden und sie zu mißachten durch eine ein-
fache Rückkehr des Herzens zu Gott, zur Majestät, an die man sich
wendet durch Gebete. So kann man sich z. B. an ihn wenden mit den

175
Worten: Ich bin dein (Ps 119,94); Mein Gott, wie bist du doch lie-
benswürdig! Jesus ist gütig; es lebe Jesus!, und ähnliche Worte. Kurz,
es ist ein gutes Mittel, den Feind zu besiegen, daß man ihn nicht be-
achtet, sondern sich stets dem vielgeliebten himmlischen Freund zu-
wendet; und wenn unser Feind auch schreit und tobt, um ihn zurück-
zuschlagen, genügt es, ihm nicht zu antworten, sich nicht mit ihm
abzugeben und kein Aufsehen um ihn zu machen. Solange man nein
sagt, ist man nie besiegt.
Nichts von sich selbst halten, außer einzig, daß wir Gott gehören
und ihm zu eigen sind, und sich selbst tief verdemütigen! Ach, solan-
ge die Seelen der Sünde dienen, gibt ihnen der Feind irgendeinen
Anschein der Tugend auf einem bestimmten Gebiet, um in ihnen eine
gewisse Einbildung und eine eitle Selbstgefälligkeit zu nähren, ohne
die man kaum in der Sünde verharren kann; denn wie man schwerlich
die Vollkommenheit fühlen kann ohne Demut, so kann man auch
nicht lange in der Sünde bleiben ohne Eitelkeit, d. h. ohne Einbil-
dung (....) vertrauen auf dieses große Heil und hoffen, dass Er es zu
seiner Zeit vervielfachen wird. Vertrauen wir unsere guten Wünsche
Gott an und seien wir nicht in Sorge, ob sie fruchtbar werden, denn
der uns die Blüte des Wunsches verliehen hat, wird uns auch die Frucht
der Erfüllung schenken zu seiner Verherrlichung, wenn wir ein festes
und liebevolles Vertrauen zu ihm haben.
Seien Sie ganz Gottes, meine teuerste Tochter, denken Sie an ihn,
und er wird an Sie denken. Er hat Sie an sich gezogen, damit Sie ihm
gehören, und er wird für Sie Sorge tragen. Fürchten Sie nichts; wenn
sich die kleinen Küken unter den Fittichen ihrer Mutter sicher füh-
len, wie müssen die Kinder Gottes sicher sein unter seinem väterli-
chen Schutz! Bleiben Sie daher in Frieden, meine Tochter, weil Sie
sein Kind sind; bergen Sie Ihr Herz, alle Müdigkeit und Entkräftung,
die über Sie kommen, an der heiligen und überaus liebenswerten Brust
des Erlösers, der sich für seine Kinder als Vater erweist durch seine
Vorsehung und als Mutter durch seine gütige, zärtliche und herzliche
Liebe.
Die Frömmigkeit wird uns eine große Hilfe sein und uns sehr zur
wahren Vollkommenheit verhelfen. Wie wir Kranken, wenn wir sie
besuchen, dabei helfen, ihr Übel zu tragen, indem wir es bedauern
und beklagen, genau so hilft uns die Frömmigkeit, wenn sie schlicht
und nach dem Sinn Gottes ist, geduldig die Heimsuchungen und Trüb-
sale zu ertragen, wenn sie uns treffen.

176
In der Lebensbeschreibung des seligen Amedée lesen wir, daß jene,
die ihn in der Andacht sahen, sagten, man müßte kein Herz haben
oder vielmehr eines aus Stein, wenn es nicht weich würde, besonders,
wenn man ihn bei der Messe und beim Gottesdienst sah, „wo er nie
mit jemand außer mit Gott sprach. Die Güte seiner Augen und die
Tränen, die so sanft über sein engelgleiches Gesicht rollten, die glü-
henden Seufzer, die seine unschuldigen Gebete unterbrachen, die
Bescheidenheit seiner ganzen Person flößten allen die Frömmigkeit
ein, die die Ehre hatten, ihn bei dieser heiligen Übung zu sehen“. Die
Welt sagte, daß er zu viel weinte. Ja gewiß, aber ich will Ihnen über
ihn sagen, was der hl. Hieronymus über die hl. Paula sagte: Für eine
große Dame weinte sie zu viel, das ist wahr, „aber die Sünden der hl.
Paula wären recht große Tugenden gewesen“ bei jedem anderen. So
weinte der selige Amedée zu viel, gab zu viele Almosen, liebte die
Einsamkeit zu sehr; dem mag so sein, wenn Sie wollen; aber dreimal
und dreimal selig zu viel! Heilige Übertreibungen! Diese schweren
Fehler wären bei anderen Prinzen große Tugenden gewesen.
„Ein Mensch, der Gott liebt und dessen Herz tief von der Gotteslie-
be getroffen ist, findet nichts zu viel“, außer die Sünde, „und er glaubt
immer zu wenig für Gott zu tun, der ein solches Übermaß an Liebe
und Schmerzen für uns hatte.“ Aber wir, so wenig wir auch getan
haben, denken noch, „wir hätten zu viel getan und Gott schulde uns
das übrige“. Armselige, die wir sind! Möge Gott nicht zulassen, daß
uns dieser Dünkel in den Kopf steigt. Man muß immer recht das Al-
lerbeste tun, denn wenn wir die ganze Zeit in Schmerz und Leiden
lebten, könnten wir nicht zu viel tun für einen so gütigen Gott, der
uns so viele Gnaden und so viel Gutes erwiesen hat. Dienen wir ihm
daher gern in Liebe; eilen wir zu ihm, damit er uns seine Herrlichkeit
schenke und den Trost seines Heiligen Geistes (Apg 9,31), der immer
mitten in unserem Herzen sei. Amen.

2.

Meine teuerste Tochter, Unser Herr wünscht von Ihnen eine große
geistige Einfalt und eine große Klugheit. Die Einfalt ist die Taube, die
Klugheit die Schlange (vgl. Mt 10,16). Nun besteht die Einfalt der
Taube darin, nur eines zu wollen, wie es jene Krähe gemacht hat, die
in eine weiße Taube verwandelt wurde, ich will sagen, die bekehrte

177
Magdalena, die überhaupt nichts suchte als ihren Meister. Alles, was
nicht Gott ist, bedeutet ihr nichts; ihr Herz ist unwandelbar, denn sie
begegnet den Engeln und verläßt sie, ohne sich bei ihnen aufzuhalten,
um ihren gekreuzigten Vielgeliebten zu suchen (Joh 20,12-16). Ach,
was machst du, meine liebe Magdalena? Du verläßt die glorreichen
Engel, um einen toten Gekreuzigten zu suchen? Mit einem Wort, sie
sucht nur ihren Meister.
Meine teuerste Tochter, der erste Punkt der Einfalt der liebenden
Seele besteht darin, nur Gott zu suchen und zu wollen. Wenn wir nur
das suchen, wie glücklich werden wir sein, denn wir werden ihn im-
mer finden, wenn wir ihn suchen, und wir werden immer nach ihm
trachten, wenn wir ihn gefunden haben. Wir werden von Stunde zu
Stunde zunehmen im Wunsch, ihn zu finden, und wir werden ihn fin-
den in der Beharrlichkeit, uns nach ihm zu sehnen.
Aber, werden Sie mir sagen, wonach habe ich mich denn gesehnt
außer nach ihm? – Hören Sie, meine Tochter, und bedenken Sie den
ersten Punkt der himmlischen Einfalt. Er besteht darin, Gott nur auf
dem Weg zu suchen, den er uns bezeichnet hat. Denn wer nicht da
gehen will, wo Gott ihn führt, wird ihn nie finden, weil er ihn nicht in
Einfalt sucht. – Und was ist der Weg, den Gott Ihnen bezeichnet hat,
meine teuerste Tochter? Der, auf dem Sie sich befinden. Und glauben
Sie mir, Gott hat die Kinder Israels auf dem Weg der steinigen, dor-
nenreichen und rauhen Wüste geführt. Wie glücklich waren diejeni-
gen, die nicht murrten, denn nie fehlte ihnen etwas. Wie unglücklich
waren diejenigen, die murrten, denn sie wurden von der Schlange ge-
bissen (Num 21,5f) und litten tausend Ängste.
Murren wir nicht in unserem Herzen und sagen wir nicht, unsere
Lage sei unerträglich. Wie viele Leute wollten gern die ihre gegen die
unsere tauschen! Es ist nicht so sehr unser Übel, was uns zu schaffen
macht, als unsere Eigenliebe, die sich über alles ärgert und beunru-
higt, wogegen sie Widerwillen empfindet. Der heilige Mann Ijob (2,7-
10) ist weniger friedlos in den unvergleichlichen Peinen auf seinem
Misthaufen als der König Ahab auf seinem Lager in seinem Palast (1
Kön 21,4) und als die schlechten Israeliten beim Genuß des Manna
(Num 11,4-6). Im Winter beklagen wir uns über die Kälte und im
Sommer über die Hitze; die Mücken beunruhigen uns auf dem Weg.
Schließlich ist es nur der einfältige Mensch, der die Fassung nicht
verliert, denn er sucht nur Gott auf dem Weg, auf dem er sich befin-

178
det. Wir haben viele Tage äußerster Verdrossenheit verbracht zur Zeit,
als wir nicht in dem Maß Gott gehörten, wie wir sollten, aber mit
seiner Hilfe werden wir dem abhelfen und werden so beginnen:
Vor allem werden Sie sich am Morgen vor seinem Angesicht nie-
derwerfen und ihn aus tiefster Seele anbeten; dann werden Sie Ihre
Gedanken auf ihn lenken und seinen ewigen Willen betrachten, daß
er von Ihnen geliebt und durch die Liebe mit Ihrem Herzen vereinigt
werden will. Daher werden Sie dieses Herz zu dieser erhabenen Güte
erheben und in die liebenswürdigen Arme dieses heiligen Willens
werfen. Sie werden Ihr Herz mit aller Kraft mit ihm vereinigen durch
diese oder ähnliche innere Beteuerungen: Ja, mein Gott, meine Seele
unterwirft sich deinem Willen und will für immer untrennbar mit
deiner Absicht vereinigt und ihr unterworfen sein. Herr, möge ich
daher gerettet sein, weil es so dein Wille ist. Möge ich immer deinen
Willen erfüllen, nicht den meinen (Lk 22,42). Du bist der Gott meines
Herzens (Ps 73,26): möge mein Herz für immer dem deinen ergeben
und gehorsam sein, mein Gott!
Zweitens: wenn man diesen Akt der Vereinigung mit dem Willen
Gottes am Morgen gemacht hat, muß man oft den Akt der Wiederver-
einigung machen. Ich sage, von Zeit zu Zeit oder vielmehr von Au-
genblick zu Augenblick, durch häufige Erhebungen des Herzens zu
Gott und auf die Art von wiederholten Bekräftigungen der Vereini-
gung, die man schon vollzogen hat; so indem man innerlich sagt: Ja,
Herr, ich will für immer mit deinem heiligen Willen verbunden und
vereinigt sein. Herr, möge doch mein Wille ewig und untrennbar dir
gehören. Man kann diesen Akt der Wiedervereinigung sogar machen,
ohne etwas zu sagen, indem man das Kreuzzeichen über dem Herzen
macht oder die Augen zum Himmel erhebt oder auch den heiligen
Namen Jesus ausruft. Und es scheint auch gut, diesen Akt der Wie-
dervereinigung zu Beginn aller Gebete zu machen, die man während
des Tages verrichtet, wie der heiligen Messe beiwohnen, beim Segen
und der Danksagung bei Tisch, beim Ave am Mittag und Abend, nach
der Gewissenserforschung und besonders vor der Beichte, weil man
sorgfältig darauf achten muß, keinen Akt der Frömmigkeit nachläs-
sig zu machen, sondern mit ernsthafter und echter Liebe.
In diesem Zusammenhang ist anzumerken, daß wir nicht unter Tod-
sünde, ja nicht einmal unter einer läßlichen Sünde verpflichtet sind,
der Messe beizuwohnen, wenn nicht ein Fest oder Sonntag ist, eben-

179
sowenig zu den außergewöhnlichen Gebeten am Abend. Wir sind nicht
unter Sünde verpflichtet, die Vesper zu hören, den Segen vor und die
Danksagung nach Tisch zu sprechen. Wir sind jedoch verpflichtet,
wenn wir die Akte der Religion und der Frömmigkeit machen, sie
ordentlich und ehrfürchtig zu machen. Es wäre mehr wert, nur einer
Messe beizuwohnen und es ehrfürchtig zu tun, als mehreren mit zer-
streutem Geist, ohne Aufmerksamkeit und Ehrfurcht beizuwohnen,
denn es ist nicht statthaft, bei religiösen Übungen die Ehrfurcht au-
ßerachtzulassen. Deshalb rate ich denen, die mit vielen Aufgaben
belastet sind, ihre geistlichen Übungen kurz zu machen, damit sie
diese aufmerksamer machen können und sich ihnen mit Gleichför-
migkeit des Geistes hingeben. Das ist eine der schönsten Zierden des
christlichen Lebens und eines der liebenswertesten Mittel, die Gnade
Gottes zu gewinnen und zu bewahren und selbst den Nächsten recht
zu erbauen. Es gibt auch nichts, was die gute Verfassung des Herzens
so beeinträchtigt und das menschliche Zusammenleben schwieriger
macht als die Gereiztheit der Seele.
Es ist eine der tadelnswertesten Verfassungen der Geschöpfe, unab-
getötet zu sein, d. h. wechselnden Launen unterworfen zu sein: bald
mißmutig, melancholisch, bald jähzornig, bald zum Lachen aufge-
legt, bald ernst, bald tadelsüchtig. Dagegen ist es eine unschätzbare
Vollkommenheit, einen sanften, ausgeglichenen Charakter zu haben,
der eine gute Begegnung bewirkt, gleich zu welcher Stunde und zu
welcher Zeit. Es ist wohl wahr, daß es fast unmöglich ist, diese Lehre
im Trubel dieses sterblichen Lebens immer genau zu befolgen, aber
man muß sich wenigstens bemühen, diesen unvergleichlichen Schatz
der Ausgeglichenheit zu erwerben, und wenn man merkt, daß man
von der Bahn der Gemütsruhe abgekommen ist, muß man sich vor
allem der Verpflichtung unterziehen, die Laune und die gegenteilige
Handlung zu verbessern, sich vor dem Heiligen Geist demütigen, ihn
um seinen Beistand bitten und während der Aufregung wenigstens
verhindern, daß sich die Leidenschaft durch die Sprache und durch
äußeres Aufbrausen Luft macht.
Der Geist des Friedens und der Gemütsruhe, der Milde und der
Ausgeglichenheit ist der Geist Gottes und der Erbauung, den ich Ih-
nen von ganzem Herzen wünsche und der für immer in Ihnen bleiben
möge.

180
Gebet der werdenden Mutter38

Ewiger Gott, unendliche Güte, du hast die Ehe eingesetzt, um die


Menschen hier auf Erden zu vermehren und die himmlische Stadt
droben zu bevölkern; du hast vor allem unser Geschlecht für diesen
Dienst bestimmt und selbst gewollt, daß unsere Fruchtbarkeit eines
der Kennzeichen deines Segens über uns sei: Ich werfe mich vor dem
Angesicht deiner Majestät nieder, die ich anbete, und sage dir Dank
für die Empfängnis des Kindes; du hast gnädig gewährt, daß es in
meinem Schoß ist. Da es dir aber so gefallen hat, Herr, breite nun die
Arme deiner Vorsehung aus bis zur Vollendung des Werkes, das du
begonnen hast: Fördere meine Schwangerschaft durch deine Voll-
kommenheit und trage durch deinen ständigen Beistand mit mir das
Geschöpf, das du in mir geschaffen hast, bis es das Licht der Welt
erblickt. Und dann, Gott meines Lebens, sei mir hilfreich, stütze mit
deiner heiligen Hand meine Schwachheit und nimm die Frucht mei-
nes Leibes an. Wie es dir gehört durch die Erschaffung, soll es auch
dir gehören durch die Erlösung; so bewahre es, bis es in der Taufe in
den Schoß der Kirche, deiner Braut aufgenommen und eingefügt ist.
Erlöser meiner Seele, während deines Erdenlebens hast du die
kleinen Kinder so sehr geliebt und sie oft in deine Arme geschlos-
sen; ach, nimm dieses an und nimm es in deine heilige Kindschaft
auf. Wenn es dich als Vater hat und anruft, werde in ihm dein Name
geheiligt, komme dein Reich (Mt 6,9f). Erlöser der Welt, so weihe,
übergebe und bestimme ich es von ganzem Herzen dem Gehorsam
gegen deine Gebote, der Liebe zu deinem Dienst und zum Dienst
deiner Liebe.
Dein gerechter Zorn hat die Stammutter der Menschen mit ihrer
ganzen sündigen Nachkommenschaft vielen Beschwerden und
Schmerzen beim Gebären unterworfen; Herr, ich nehme alle Schmer-
zen an, die du bei diesem Anlaß über mich kommen lassen willst. Ich
bitte dich nur bei der heiligen und freudevollen Niederkunft deiner
unschuldigen Mutter, mir armen und geringen Sünderin in der Stun-
de meiner schmerzensreichen Niederkunft gnädig zu sein. Segne mich
mit dem Kind, das du mir gnädig schenken willst, mit dem Segen
deiner ewigen Liebe, um den ich dich mit vollem Vertrauen auf deine
Güte sehr demütig bitte.

181
Und du, allerseligste Jungfrau und Mutter, meine liebe Frau und
einzige Herrin, die einzige Ehre der Frauen, nimm in deine Fürspra-
che und in den mütterlichen Schoß deiner unvergleichlichen Güte
meine Wünsche und Bitten auf, damit es der Barmherzigkeit deines
Sohnes gefalle, sie zu erhören. Darum bitte ich dich, du liebenswür-
digstes aller Geschöpfe, und beschwöre dich bei der jungfräulichen
Liebe, die du zu deinem lieben Bräutigam, dem hl. Josef hegtest, bei
den unendlichen Verdiensten der Geburt deines Sohnes, beim heili-
gen Schoß, der ihn getragen, und bei der heiligen Brust, die ihn ge-
nährt hat.
Heilige Engel Gottes, die ihr bestellt seid zu meinem Schutz und zu
dem des Kindes, das ich trage, beschützt uns, leitet uns, damit wir
unter eurem Beistand schließlich zur ewigen Glorie gelangen kön-
nen, deren ihr euch erfreut, um mit euch unseren gemeinsamen Herrn
und Meister zu loben und zu preisen, der herrscht von Ewigkeit zu
Ewigkeit. Amen.

Des Geheimnis des Friedens 39

Wollen Sie, daß Ihr Leben keinen Widerspruch erregt? Dann ver-
langen Sie nicht nach Ruhm und Ehre der Welt.
Hängen Sie sich nicht zu sehr an die menschlichen Tröstungen und
Freundschaften.
Lieben Sie nicht Ihr Leben und achten Sie alles gering, was an Ihren
natürlichen Neigungen empfindsam ist.
Ertragen Sie hochherzig die Schmerzen des Körpers und die schwer-
sten Krankheiten mit Zustimmung zum Willen Gottes.
Kümmern Sie sich nicht um die menschlichen Urteile. Schweigen
Sie zu allem, und Sie werden den inneren Frieden besitzen; denn
unter uns gesagt, es gibt kein anderes Geheimnis, um diesen Frieden
zu erlangen, als die Härte der Urteile der Menschen zu ertragen.
Beunruhigen Sie sich nicht darüber, was die Welt über Sie sagen
wird. Warten Sie das Urteil Gottes ab, und Ihre Geduld wird dann
über jene urteilen, die über Sie geurteilt haben. Die den Ring reiten,
achten nicht auf die Anwesenheit der Zuschauer, sondern auf den
guten Ritt, um ihn zu gewinnen. Bedenken Sie, für wen Sie sich abmü-
hen, und diejenigen, die Ihnen Kummer bereiten wollen, werden Sie
kaum beunruhigen.

182
Über die Liebe im Urteilen 40

Richtet niemand vor der Zeit (1 Kor 4,5). Es steht nur Gott allein
zu, zu richten; er sieht die Regungen des menschlichen Herzens, der
Mensch aber sieht nur das Äußere. Wenn aber die Wahrscheinlich-
keit einer bestimmten Handlung so stark und die Schlußfolgerung so
zwingend ist, daß sich der Verstand des Urteils nicht enthalten kann,
dann muß man das der Überraschung zuschreiben, der Übereilung,
der Versuchung, oder sich im äußersten Fall des Urteils enthalten,
sich die Sache aus dem Kopf schlagen und nicht darüber sprechen,
denn:
Eine Wahrheit, die nicht liebenswürdig ist,
kommt von einer Liebe, die nicht wahrhaftig ist.
Wenn die Menschen wollten, könnten sie in dieser Welt die Glück-
seligkeit der himmlischen Geister genießen und hätten es nicht nötig,
sagt ein Weiser des Altertums, ein anderes Paradies zu suchen als
jenes, das sich in der bürgerlichen Gesellschaft findet. Durch die Tu-
gend der freundlichen Einheit würde sie nur ein einziges Haus derje-
nigen bilden, die in der Welt getrennt sind. Ich versichere Ihnen, daß
es kein gewisseres Zeichen einer lasterhaften Seele gibt als die Nei-
gung, über seinen Nächsten schlecht zu denken und zu sprechen.
Sobald man das Bildnis des Antigonus sah, das Apelles von schräg
vorne gemalt hatte, so daß der Fehler seines verlorenen Auges durch
einen Pinselstrich verdeckt war, wurde er von aller Welt belästigt und
gefragt, warum er ihn nicht gemalt habe, wie er war: Wo ist das andere
Auge, sagte man zu ihm. Wo ist denn das eure, meine Freunde, ant-
wortete er. Welche Verpflichtung habe ich denn, auf meinem Bild
einen Fehler darzustellen, wenn ich ihn verbergen kann, ohne jemand
zu beleidigen? Seht ihr, die schlecht über ihren Nächsten urteilen
und reden, sind Blutegel, die nur schlechtes Blut zu saugen wissen
und das reinste im Körper lassen. Blinde Leute, die gegen die Grau-
samkeit Abrahams wettern, wenn sie das gezückte Schwert sehen, und
den Engel Gottes nicht wahrnehmen, der ihn lobt und ihm sagt, daß
sein Opfer dem Herrn der Heerscharen wohlgefällig ist (Gen 22,10-
12). Arglistige Geister, die alle Welt anklagen, das Herz erfüllt von
schlechten Eigenschaften, die sich zwischen die geistige Sicht und die
Tatsachen stellen und die meinen, mit Recht zu glauben, daß alle
Welt so verdorben sei, wie ihre Gedanken schwarz sind. Welche Un-
gerechtigkeit, zu verlangen, daß man von allen Fehlern losgespro-

183
chen wird, die man selbst begeht, und die kleinsten der anderen zu
verdammen! Ich habe noch niemand gesehen, der sich schlecht vorge-
kommen wäre, wenn er Gutes über seinen Nächsten sagt. Wie die
innere Wärme ist, so ist das Blut in unserem Körper, und die Schön-
heit unserer Seele ist wie ihre Liebe zum Nächsten. Wer seinen Nächs-
ten nicht heilig, liebevoll und voll Mitleid betrachtet oder mit der
Achtung, die ihm als Christ gebührt, der beginnt damit alle Teile sei-
ner Seele zu verderben: von da her wird er stolz, anmaßend, mißgün-
stig, ungesittet und hat keinen Zug des Ebenbildes Gottes mehr an
sich.
Schauen wir auf uns, und wir werden nicht versucht, sagt der heilige
Apostel (Gal 6,1). Wenn uns scheint, wir seien besser als jene, über
die wir reden, ist genügend Zeit, um ihnen Platz zu machen, vielleicht
werden sie im Himmel unseren Platz einnehmen. Sie werden unseren
Sturz überstehen und uns unter ihren alten Ruinen begraben, denn
Gott hat die Macht, ihnen die Hand zu reichen, wenn sie gefallen sind
(vgl. Röm 14,4). Wie viele Räuber gibt es in den Wäldern, die Gott
besser dienen würden als ich, wenn sie dazu ebensoviele Gnaden
empfangen hätten? Wie viel Spitzbuben wären religiöser als ich, wenn
ihnen Unser Herr die Möglichkeit gegeben hätte, zu studieren und
sich selbst zu erkennen? Betrachten wir den Unterschied, der sich
zwischen dem hl. Petrus und Salomo ergab: der eine war ein Sünder,
der andere der Weiseste seiner Zeit; der Sünder wurde weise und der
Weise wurde zum Toren. Judas besaß die Anfänge einer vollendete-
ren Heiligkeit, als man sich in denen vorstellen kann, die man heute
als die Vollkommensten betrachtet. Der hl. Paulus begann sehr
schlimm und wurde ein Verfolger der Kirche Jesu Christi (Apg 9,1f;
Gal 1,13), grausamer als der wütendste Tyrann unseres Jahrhunderts
gegen unsere armen Brüder, die unter den Ungläubigen leben: Jener,
der Apostel und einer der teuersten Freunde Gottes war, wurde der
Unglücklichste der Welt; und jener, der nichts taugte, wurde zum
besten und glühendsten Verteidiger des Evangeliums.
Glücklich, wer stets in der Furcht lebt (Spr 28,14), wer sich mit der
Erwägung seiner eigenen Fehler befaßt und die Augen nicht öffnet,
um die Fehler der anderen zu betrachten. Die Lebewesen bei Eze-
chiel (1,9.12) richteten ihre Augen geradeaus und bewegten sich nur
vorwärts; so betrachten auch die guten Menschen nur ihre eigenen
Unvollkommenheiten und die Bösen sind nur hinter ihnen her, um
der Spur der Handlungen des Nächsten zu folgen. Und ihr könnt be-

184
obachten, daß diejenigen, die an den geringsten Fehlern des Nächsten
etwas auszusetzen finden, gewöhnlich selbst recht große unterhalten.
In Wahrheit ist es eine anerkannte Erfahrung, daß die meisten dieser
Menschen nur Splitter in ihren eigenen Augen sehen, weil sie meinen,
das Auge ihres Bruders sei durch einen Balken erblindet (vgl. Mt 7,3-
5).

Ratschläge gegen Traurigkeit und innere Unruhe41

Die Traurigkeit gebiert die Unruhe und die Unruhe gebiert wieder-
um die Traurigkeit. Deshalb muß man beide miteinander behandeln,
und die Heilmittel gegen die eine sind nützlich für die andere.
Damit Sie verstehen, wie die Traurigkeit und die Unruhe sich ge-
genseitig hervorbringen, müssen Sie wissen, daß die Traurigkeit nichts
anderes ist als der seelische Schmerz über ein Übel, das gegen unse-
ren Willen in uns ist, ob nun dieses Übel innerlich oder äußerlich ist,
wie Armut, Krankheit, Schande, Verachtung, innerlich wie Unwis-
senheit, Trockenheit, schlechte Neigungen, Sünde, Unvollkommen-
heit oder Widerwille gegen das Gute.
Wenn also die Seele ein Übel an sich fühlt, mißfällt es ihr vor allem,
es zu haben, und das ist die Traurigkeit. 2. möchte und wünschte sie,
davon befreit zu werden, und sucht Mittel, es loszuwerden. Soweit ist
nichts Schlechtes dabei und diese beiden Akte sind lobenswert. Wenn
aber 3. die Seele nach Mitteln sucht, vom Übel befreit zu werden,
kann sie danach suchen aus Gottesliebe oder aus Eigenliebe. Wenn es
aus Gottesliebe geschieht, wird sie danach suchen in Geduld, Demut
und Sanftmut; sie wird das Gute weniger von sich selbst und von
ihrem eigenen Eifer erwarten als von der Barmherzigkeit Gottes.
Wenn sie aber aus Eigenliebe danach sucht, wird sie sich ereifern in
der Suche nach Mitteln zur Befreiung, als ob dieses Glück mehr von
ihr abhinge als von Gott. Ich sage nicht, daß sie das denkt, aber ich
sage, daß sie sich ereifert, als ob sie es dächte, und das kommt daher,
daß sie in große Unruhe und Ungeduld verfällt, wenn sie nicht auf
den ersten Blick Befreiung von ihrem Übel findet. Ist sie nun in Un-
ruhe geraten, dann kommt 4. bald darauf äußerste Traurigkeit, weil
die Unruhe das Übel nicht behebt, sondern es im Gegenteil verschlim-
mert; man verfällt in maßlose Angst, mit einem Verfall der Kraft und
so großer Verwirrung des Geistes, daß er meint, er könnte nie davon
befreit werden; und von da her gerät sie in einen Abgrund von Trau-

185
rigkeit, die sie alle Hoffnung aufgeben läßt, ebenso das Bemühen, es
besser zu machen.
Sie sehen also, daß die Traurigkeit, die an sich in ihrem Anfang
nicht schlecht ist, die Unruhe gebiert, und daß umgekehrt die Unruhe
eine neue Traurigkeit gebiert, die in sich sehr gefährlich ist.

Von der Unruhe

Über diese Unruhe will ich nur wenig sagen, weil seine Heilmittel
fast die gleichen sind wie die, die ich gegen die Traurigkeit angebe,
und weil ich Sie außerdem auf die Kapitel 14, 15 und 16 des ‚Geistli-
chen Kampfes‘ verweise. Ich will nur diese zwei oder drei Dinge sa-
gen:
Die Unruhe, die Mutter der Traurigkeit, ist das größte Übel, das
eine Seele außer der Sünde treffen kann; denn es gibt keinen Fehler,
der mehr als die Unruhe den Fortschritt in der Tugend und die Über-
windung des Lasters hemmt. Wie die Aufstände einen Staat völlig
zerstören und verhindern, daß man den Feind bekämpfen kann, so
verliert unser Herz, wenn es in sich verwirrt ist, die Kraft, die Tugend
zu erwerben und die Mittel anzuwenden, die sie gegen die Feinde
einsetzen müßte, die im getrübten Wasser fischen können, wie man
sagt.
2. Die Unruhe entspringt dem hitzigen und ungeordneten Wunsch,
von dem Übel befreit zu werden, das man im Geist oder im Körper
fühlt. Und so sehr diese Unruhe nach Befreiung strebt, führt sie im
Gegenteil dazu, diese zu verzögern. Was führt denn dazu, daß die
Vögel und andere Tiere im Netz gefangen bleiben, als daß sie, sobald
sie hineingeraten sind, kämpfen und sinnlos um sich schlagen, um
schnell daraus freizukommen, und sich dadurch um so mehr verfan-
gen und behindern. Jene, die sich in Sträuchern und Büschen befin-
den und sich beeilen wollen, um rasch zu laufen, stechen und zerkrat-
zen sich; wenn sie aber ganz sachte vorgehen und die Dornen einzeln
beiseite biegen, werden sie schneller und ohne Stiche davonkommen.
3. Wenn wir etwas zu heftig begehren, gehen wir oft daran vorbei,
ohne es zu sehen, und nie wurde etwas gut gemacht, was man hastig
tut. Wenn wir daher in die Netze irgendeiner Unvollkommenheit ge-
raten sind, werden wir uns davon nicht durch die Unruhe befreien,
sondern uns im Gegenteil immer mehr in sie verstricken. Daher müs-
sen wir unseren Geist und unser Urteil beruhigen und dann sachte

186
Ordnung in unsere Gedanken bringen. Ich möchte nicht ‚nachlässig‘
sagen, sondern ohne Übereilung, Verwirrung und Unruhe. Um das zu
erreichen, muß man die Kapitel 14, 15 und 16 des ‚Geistlichen Kamp-
fes‘ lesen und wiederholt lesen. Vor allem muß man die Wache hal-
ten, von der der ‚Geistliche Kampf‘ spricht; sie wird uns vor allem
warnen, was irgendeine Verwirrung oder Übereilung in unserem Her-
zen erregen will, unter welchem Vorwand es auch sei. Diese Wache,
die in der Seele errichtet sein muß, kann darunter verstanden werden,
daß der Berg Zion in Jerusalem eingeschlossen war, was ,Vision des
Friedens‘ bedeutet; und Zion bedeutet nach manchen ‚Schildwache‘
und ‚Wachturm‘. Nun, diese Schildwache darf nichts anderes sein als
eine besondere Sorgfalt für die Bewahrung der inneren Ruhe, die wir
besonders am Beginn unserer Übungen erneuern müssen, am Abend,
am Morgen, mittags.
4. Unser Herr hat nicht gewollt, daß sein Tempel von David gebaut
wurde, den sehr heiligen aber kriegerischen König, sondern durch den
friedliebenden König Salomo; er wollte auch nicht, daß beim Bauen
Hammer und Eisen verwendet wurden (1 Kön 5-7): das ist ein Zei-
chen, daß er nicht will, daß unsere geistige Erbauung anders als in
großem Frieden und in Ruhe vor sich geht. Darum muß man Gott stets
bitten, wie der König David (Ps 122,6) lehrt mit den Worten: Erbittet,
was Jerusalem zum Frieden braucht. Auch Unser Herr entließ die Buß-
fertigen stets im Frieden: Geh in Frieden (Lk 7,30), sagte er.

Von der Traurigkeit

Die Traurigkeit kann gut oder schlecht sein, entsprechend dem Wort
des hl. Paulus: Die Traurigkeit nach dem Sinn Gottes bewirkt die Buße,
die Traurigkeit der Welt den Tod (2 Kor 7,10).
2. Der böse Feind benützt die Traurigkeit, um seine Versuchungen
bei den Guten ins Werk zu setzen; denn wie er sich zu bewirken be-
müht, daß die Bösen am Schlechten Freude haben, so versucht er
auch zu erreichen, daß die Guten Überdruß am Guten bekommen.
Und wie er das Schlechte nur fördern kann, indem er es angenehm
erscheinen läßt, so kann er auch vom Guten nur abwendig machen,
wenn er erreicht, daß man es unangenehm findet. Außerdem freut
sich aber der böse Feind über die Traurigkeit und den Trübsinn, weil
er selbst traurig und trübsinnig ist und ewig sein wird; daher möchte
er, daß alle seien wie er.

187
3. Die Traurigkeit ist in der Regel fast immer schlecht und selten
gut; denn nach den Kirchenlehrern bringt der Baum der Traurigkeit
acht Äste hervor: Barmherzigkeit, Buße, Angst, Trägheit, Entrüstung,
Eifersucht, Neid, Ungeduld. Wie man sieht, sind davon nur die ersten
zwei ohne Vorbehalt gut. Das veranlaßt den Weisen, in Jesus Sirach
(30,23) zu sagen, daß die Traurigkeit viel Gutes tötet und daß in ihr
kein Nutzen ist; denn gegenüber zwei guten Bächen entspringen aus
ihr sechs schlechte.

Kennzeichen der schlechten Traurigkeit

Die schlechte Traurigkeit verwirrt den Geist, versetzt die Seele in


Aufregung und Unruhe. Daher beklagt sich der König David nicht
nur über die Traurigkeit mit den Worten: Warum bist du traurig, mei-
ne Seele (Ps 43,5), sondern auch über die Aufregung und Unruhe,
indem er hinzufügt: und warum verwirrst du mich? Die gute Traurig-
keit dagegen hinterläßt tiefen Frieden und große Ruhe im Geist. Nach-
dem Unser Herr (Joh 16,20.33) seinen Aposteln vorhergesagt hat,
Ihr werdet traurig sein, fügt er hinzu: Euer Herz sei nicht verwirrt, habt
keine Angst (Joh 14,1.27). Seht, meine bitterste Betrübnis ist im Frie-
den (Jes 38,17).
Die schlechte Traurigkeit kommt wie ein Hagelschlag mit einem
unerwarteten Umschwung, mit größtem Schrecken und ungestüm, und
mit einem Schlag, ohne daß man sagen könnte, woher sie kommt,
denn sie hat kein Fundament und keinen Grund; vielmehr sucht sie,
nachdem sie eingetreten ist, von allen Seiten nach Gründen, um sich
mit ihnen zu schmücken. Die gute Traurigkeit dagegen kommt sanft
über die Seele wie ein milder Regen, der das hitzige Verlangen nach
Tröstungen abkühlt; ihr geht ein bestimmter Grund voraus.
Die schlechte Traurigkeit verliert den Mut, wird schläfrig, schläft
ein und macht unnütz, indem sie Sorgfalt und Werk aufgibt, wie der
Psalmist sagt, und wie Hagar (Gen 21,15f), die ihren Sohn unter dem
Baum zurückließ, um zu weinen. Die gute Traurigkeit gibt Kraft und
Mut, sie gibt nicht auf und läßt einen guten Plan nicht fallen. So war
die Traurigkeit Unseres Herrn; obwohl sie größer als je eine war,
hinderte sie ihn nicht, zu beten und Sorge für seine Apostel zu tragen
(Mt 26,38-45; Joh 18,3f). Und als Unsere liebe Frau ihren Sohn ver-
loren hatte, wurde sie sehr traurig, aber sie hörte nicht auf, eifrig nach
ihm zu suchen (Lk 2,44ff); dasselbe tat Magdalena (Mk 16,1-4; Joh

188
20,1f), ohne sich dabei aufzuhalten, nutzlos zu jammern und zu wei-
nen.
Die schlechte Traurigkeit verdunkelt den Verstand, verekelt das Ge-
bet und zerstört das Vertrauen auf die Güte Gottes; die gute dagegen
kommt von Gott, macht den Menschen zuversichtlich, vermehrt das
Vertrauen auf Gott, bewirkt, daß er betet und sein Erbarmen anruft:
Trübsal und Angst haben mich verwirrt, aber ich habe deine Gebote
betrachtet, sagt David (Ps 119,143).
Mit einem Wort, die von der schlechten Traurigkeit befallen sind,
haben zahllose Schrecken, Irrtümer und unnütze Ängste, aus Angst
und Furcht, von Gott verlassen, in Ungnade zu sein, nicht mehr vor
ihm erscheinen zu dürfen, um ihn um Vergebung zu bitten; daß alles
gegen sie und ihr Heil ist. Sie sind wie Kain, der glaubte, alle, die ihm
begegnen, wollten ihn töten (Gen 4,14). Sie meinen, Gott sei unge-
recht gegen sie und in Ewigkeit streng, und das alles besonders gegen
sie allein, alle anderen seien im Vergleich mit ihnen recht glücklich:
Das kommt von einem heimlichen Stolz, der ihnen einredet, sie müß-
ten doch eifriger und besser als die anderen sein, vollkommener als
alle. Mit einem Wort, wenn sie es recht bedenken, werden sie finden,
daß sie ihr Übel für bedeutender halten, weil sie sich selbst für etwas
Besonderes halten.
Die gute Traurigkeit dagegen überlegt so: Ich bin ein armseliges,
niedriges und nichtswürdiges Geschöpf, aber Gott wird dennoch sei-
ne Barmherzigkeit gegen mich walten lassen, denn die Kraft kommt
in der Schwachheit zur Vollendung (2 Kor 12,9); sie ist nicht erstaunt
darüber, arm und elend zu sein.
Nun, die Ursache dieser Unterschiede zwischen der guten und der
schlechten Traurigkeit liegt darin, daß der Heilige Geist der Urheber
der guten Traurigkeit ist; und weil er der einzige Tröster ist (Joh 14,16;
16,7), kann sein Wirken nicht vom Trost getrennt sein; weil er das
wahre Licht ist, kann es nicht von der Klarheit getrennt sein. Mit
einem Wort, weil er das wahre Gut ist, kann sein Wirken nicht vom
wahren Gut getrennt sein, denn seine Früchte, sagt der hl. Paulus
(Gal 5,22) sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Güte, Langmut. Der
böse Geist dagegen, der Urheber der schlechten Traurigkeit (ich spre-
che ja nicht von der natürlichen Traurigkeit, die mehr des Arztes als
des Theologen bedarf), kann wahrhaftig nichts als traurig machen,
verdunkeln und behindern; und seine Früchte können nur Haß, Trau-
rigkeit, Unruhe, Kummer, Bosheit, Ohnmacht sein. Alle Kennzei-

189
chen der schlechten Traurigkeit gelten nun ebenso für die schlechte
Ängstlichkeit.

Einige Heilmittel

1. Man muß sie in Geduld annehmen als eine gerechte Strafe für
unsere eitlen Freuden und Vergnügungen; denn wenn der böse Feind
sieht, daß wir aus ihr Nutzen ziehen, wird er uns nicht mehr so be-
drängen. Wenn man auch diese Geduld nicht haben soll, um davon
befreit zu werden, und man sie um des Wohlgefallens Gottes willen
annimmt, wird sie uns doch als Heilmittel dienen.
2. Man muß dem Hang zur Traurigkeit lebhaft entgegenwirken und
ihre Einflüsterungen bekämpfen. Und obwohl es scheint, daß man in
dieser Zeit alles traurig verrichtet, darf man es doch nicht zu tun
unterlassen; denn wenn der böse Feind, der uns durch die Traurigkeit
von guten Werken abzubringen versucht, sieht, daß er keinen Erfolg
hat, daß unsere Werke im Gegenteil besser sind, weil sie unter Wider-
stand verrichtet werden, wird er davon ablassen, uns weiter zu be-
drängen.
3. Es ist nicht schlecht, wenn es möglich ist, geistliche Lieder zu
singen; denn auf dieses Mittel hin hat der Teufel oft sein Werk aufge-
geben, aus welchem Grund auch immer. Ein Beispiel dafür ist der
Geist, der Saul aufwiegelte, dessen Ungestüm durch den Psalmenge-
sang gemildert wurde (1 Sam 16,23).
4. Es ist gut, sich einer äußeren Tätigkeit zu widmen und sie mög-
lichst oft zu wechseln, um den Geist von der ungestümen Beschäfti-
gung mit dem traurigen Gegenstand abzulenken, den Geist zu reini-
gen und zu erwärmen. Die Traurigkeit ist ja eine Leidenschaft von
kaltem und feuchtem Charakter.
5. Es ist gut, oft äußere Akte des Eifers zu machen, wenn auch ohne
Gefühl, so das Kreuz umfassen, es an sein Herz und an seine Brust
drücken, dessen Hände und Füße küssen, die Augen zum Himmel
erheben mit Vorsätzen der Hoffnung, wie: Mein Vielgeliebter ist mein
und ich bin sein (Hld 2,16); Mein Vielgeliebter ist für mich ein Myrr-
henbüschel, das an meiner Brust ruht (Hld 1,12); Meine Augen sind
auf dich gerichtet, mein Gott, und ich sage: Wann wirst du mich trös-
ten? (Ps 119,82); Wenn Gott für mich ist, wer wird dann gegen mich

190
sein? (Röm 8,31); Jesus, sei mir Jesus. Es lebe mein Gott, und meine
Seele wird leben. Wer wird mich vom Kreuz meines Gottes trennen?
(Röm 8,35), und ähnliche.
6. Maßvolle Geißelung ist manchmal gut, denn der freiwillige äuße-
re Schmerz bewirkt den Trost für den inneren der Seele. Und wäh-
rend man dem Leib äußere Schmerzen zufügt, fühlt man die Stärke
der inneren weniger. Darüber sagte der Psalmist (Ps 35,13): Als sie
mich bedrängten, habe ich ein Bußgewand angelegt; und eine andere
Stelle (Ps 23,5) kann sehr gut passen: Deine Rute und dein Stock
haben mich getröstet.
7. Das Gebet ist dabei unübertrefflich, entsprechend dem Rat des
hl. Jakobus (5,13): Wer traurig ist, der bete. Ich will nicht sagen, man
sollte in dieser Zeit längere Betrachtungen halten, ich will vielmehr
sagen, man muß oft wiederholte Bitten an Gott richten. Man muß
sich in dieser Zeit stets mit Anrufungen voll Vertrauen an seine gött-
liche Güte wenden. Das tut man nicht in der Zeit der Freude und
außerhalb der Traurigkeit, wenn man glauben kann, man hätte es nö-
tig, in seinem Herzen mehr Gefühle der Furcht zu erwecken, z. B.
diese: Überaus gerechter und schrecklicher Herr, wie sehr muß ich
vor deiner erhabenen Majestät zittern, und ähnliche. Aber in der Zeit
der Traurigkeit muß man Worte der Milde gebrauchen, z. B.: Gott des
Erbarmens, überaus gut und gütig, du bist mein Mut, meine Freude,
meine Hoffnung, der teure Bräutigam meiner Seele, und ähnliche.
Und man muß sie machen, ob es der Traurigkeit paßt oder nicht; ihr
dürfen Sie weder Gehör noch Glauben schenken, wenn sie verhin-
dern will, daß Sie diese Worte des Vertrauens und der Liebe ausspre-
chen und ausstoßen. Und obwohl es scheint, daß es keine Früchte
bringt, darf man nicht unterlassen, sie fortzusetzen und den Erfolg zu
erwarten, der sich unfehlbar nach einiger Anstrengung zeigen wird.
8. Die häufige Kommunion in dieser Absicht ist vorzüglich, denn
sie schenkt uns den Herrn der Tröstungen.
9. Eines der sichersten Heilmittel ist es, sich auszusprechen, und
ohne dabei etwas zu verheimlichen, sein Herz einem religiösen und
klugen Menschen zu eröffnen, ihm alle Gefühle, Gedanken und Ein-
fälle darzulegen, die von unserer Traurigkeit kommen, und die Grün-
de, durch die wir sie nähren. Das muß man demütig und gewissenhaft
machen.

191
Und merken Sie sich: die erste Bedingung, die der Teufel einer
Seele auferlegt, die er bedrängen und verführen will, ist das Schwei-
gen, wie es die Aufrührer bei Verschwörungen und schlimmen Ereig-
nissen machen. Sie verlangen ja vor allem, daß ihre Unternehmungen
und Beschlüsse geheim bleiben. Gott dagegen fordert als erste Bedin-
gung die Diskretion. Er will wahrhaftig nicht, daß man seine Gnaden
und Gunsterweise schwatzhaft enthüllt, wohl aber, daß man sie mit
Klugheit und nach den Regeln einer demütigen Diskretion Menschen
mit den erforderlichen Eigenschaften mitteilt.
Diese Regeln sind grob und nur dazu gut, um die maßlose Traurig-
keit und Unruhe zu bekämpfen. Diejenigen, die mehr Urteilsfähig-
keit in geistlichen Dingen haben, können andere Wege führen, die
Unser Herr ihnen eingeben wird. Wenn Ihnen indessen diese dazu
dienen können, wenden Sie diese sorgsam an und beten Sie für den,
der sie Ihnen aufgezeigt hat.

192
III. Gebet und religiöse Übungen

Avis, den Tag gut zu verbringen42

Sobald Sie erwachen, trachten Sie, daß sich Ihre Seele sogleich ganz
in Gott versenkt durch einen heiligen Gedanken wie diesen: Wie der
Schlaf das Bild des Todes ist, so ist das Erwachen das Bild der Aufer-
stehung. Ich glaube, daß mein Erlöser lebt und daß ich am Jüngsten
Tag auferstehen werde (Ijob 19,25). Herr, möge es doch zum ewigen
Leben sein: Diese Hoffnung ruht in meinem Herzen (Ijob 19,27). Ach,
reiche doch deine Rechte dem Werk deiner Hände. Du hast meine
Schritte gezählt; aber vergib mir meine Sünden (Ijob 14,15f).
Wenn Sie sehen, daß es Tag wird, dann gehen Sie von der Erwägung
des äußeren Lichtes zum geistlichen über, oder vielmehr vom zeitli-
chen zum ewigen, und sagen mit David: Herr, in deinem Licht werden
wir das Licht schauen (Ps 36,10).
Während Sie sich ankleiden, machen Sie das Kreuzzeichen und sa-
gen still: Mein Gott, bekleide mich mit dem Mantel der Unschuld
und mit dem hochzeitlichen Kleid (Mt 22,11f) der Liebe. Dann befas-
sen Sie sich kurz mit dem Gegenstand der Betrachtung.
Wenn Sie in der Kirche eingetroffen sind, um der Messe beizuwoh-
nen, dann versetzen Sie sich in die Gegenwart Gottes, während der
Priester den Kelch und das Meßbuch vorbereitet. Vom Confiteor bis
zur Präfation machen Sie das Bekenntnis des Glaubens; nach dem
Sanctus erwägen Sie die Wohltat des Todes und der Passion Unseres
Herrn; bei der Elevation beten Sie aus tiefstem Herzen den göttli-
chen Erlöser an und bringen ihn Gott, seinem Vater dar; danken Sie
ihm nach der Elevation sehr demütig für die Einsetzung dieses heili-
gen Sakramentes; wenn der Priester das Pater noster spricht, beten
Sie es im Geist mit aller Andacht; bei der Kommunion kommunizie-
ren Sie wirklich oder geistigerweise; nach der Kommunion betrach-
ten Sie Unseren Herrn, der in Ihrem Herzen thront, und führen Sie
ihm nacheinander Ihre Sinne und Ihre Fähigkeiten vor, um seine Be-
fehle zu hören und ihm Treue zu versprechen.
Wenn Sie am Morgen aus Ihrem Zimmer gehen wollen, empfehlen
Sie sich Ihrem Schutzengel und bitten ihn um den Segen. Machen Sie
während des Tages viele Stoßgebete. Wenn die Uhr schlägt, erheben
Sie Ihr Herz und sagen: Gott sei gebenedeit, die Ewigkeit rückt nä-

193
her. Schauen Sie während der Beschäftigungen oft auf die göttliche
Güte; legen Sie sich einige feurige Worte zurecht, die Ihrer Seele von
Zeit zu Zeit als Refrain dienen. Vor dem Abendessen empfehle ich
eine kleine Sammlung sehr.
Ziehen Sie sich jeden Tag der Woche in eine der Wunden unseres
schmerzensreichen und liebevollen Erlösers zurück: am Sonntag in
die Seitenwunde, am Montag in die des linken Fußes, am Dienstag in
die des rechten Fußes, am Mittwoch in die der linken Hand, am Don-
nerstag in die der rechten Hand, am Freitag in die Wundmale seines
anbetungswürdigen Hauptes; am Samstag kehren Sie in seine heilige
Seitenwunde zurück, um damit Ihre Woche zu beginnen und zu be-
schließen.

Avis für die Morgenübung43

Trachten Sie, daß sich Ihre Seele beim Erwachen ganz in Gott ver-
senkt durch einige heilige Worte wie diese: Wie der Schlaf das Bild
des Todes ist, so ist das Erwachen das Bild der Auferstehung. Erin-
nern Sie sich daher an den Ruf, der am Jüngsten Tag erschallen wird:
Ihr Toten, steht auf und kommt zum Gericht. Das sind Worte, aus
denen der hl. Hieronymus so großen Nutzen zog. Sie können mit Ijob
(19,25.27) das Stoßgebet hinzufügen: Ich glaube, daß mein Erlöser
lebt und daß ich am Jüngsten Tag auferstehen werde. Herr, gib, daß es
zum ewigen Leben sei; diese Hoffnung ruht in meinem Herzen. Oder
Sie können sich auch manchmal vorstellen, daß Sie die gleiche Stim-
me vom Engel (1 Thess 4,15) hörten, und mit Ijob (14,15f) sagen:
Herr, an jenem Tag wirst du mich rufen und ich werde antworten: Du
wirst deine Rechte dem Werk deiner Hände reichen. Du hast alle meine
Schritte gezählt; aber vergib mir meine Sünden.
Wenn Sie sehen, daß es Tag wird, werden Sie ein andermal Ihre
Gedanken vom zeitlichen auf das ewige Licht lenken und mit David
(Ps 36,10) sagen: Herr, in deinem Licht werde ich das ewige Licht
sehen. Oder Sie können auch vom inneren Licht zum äußeren überge-
hen und sagen: Erleuchte mich, damit ich nicht im Tod entschlafe (Ps
13,4). Oder mit dem hl. Paulus (Röm 13,12): Die Nacht ist vergan-
gen, der Tag ist angebrochen; auf, laßt uns nicht mehr die Werke der
Finsternis tun, sondern die Waffen des Lichtes anlegen. So können Sie
heilige Erwägungen anstellen, wie sie Ihnen der Heilige Geist einge-
ben wird.

194
Während Sie sich ankleiden, machen Sie das Kreuzzeichen und sa-
gen: Herr, gib mir den Mantel der Unschuld und das hochzeitliche
Kleid (Mt 12,11f) der Liebe.
Es ist gut, die Betrachtung womöglich am Morgen zu machen, be-
vor der Geist in andere Dinge verstrickt ist. Wer aber das nicht könn-
te, soll wenigstens die folgende kleine Übung machen, die für den
ganzen Tag gilt und Vorbereitung heißt.
Man dankt Gott, daß er uns diese Nacht bewahrt hat, und bedenkt,
daß Gott uns den heutigen Tag schenkt, um ihn zu seiner Ehre und zu
unserem Heil zu verwenden; daß die göttliche Majestät die Sünde
überaus haßt und verabscheut, entsprechend dem Ausspruch Davids
(Ps 5,5): Mein Gott, am frühen Morgen nahe ich dir und anerkenne,
daß du ein Gott bist, der die Sünde nicht liebt.
Man überlege, welche Gelegenheiten sich während des Tages bieten
können, Gott zu dienen oder im Gegenteil ihn zu beleidigen, und das
je nach seinem Stand und nach den Geschäften, die man an diesem
Tag haben kann. Und wenn man sie erkannt hat, wird man den festen
Entschluß fassen, die Tugend zu ergreifen und die Sünde zu meiden;
dabei muß jeder noch die Unvollkommenheiten berücksichtigen, de-
nen er unterworfen ist.
Hernach opfere man Gott sich und alle seine Handlungen auf, und
um sie ihm wohlgefällig zu machen, bitte man seinen Sohn Jesus Chris-
tus, er möge sie mit seinen Verdiensten und mit seiner Passion verei-
nigen.
Schließlich bittet man Gott, uns gnädig zu sein und unsere guten
Vorsätze zu stärken; und in der gleichen Absicht ruft man die seligste
Jungfrau und die Heiligen an, zu denen man eine besondere Vereh-
rung hat, mit allen anderen und besonders unseren Schutzengel. Dann
fügt man das Vaterunser, das Ave Maria, das Glaubensbekenntnis und
den Lobpreis hinzu.

Hinweis

Wenn man die Betrachtung am Morgen macht, wird man mit ihr die
Danksagung für die Bewahrung in der Nacht mit der Danksagung für
das Geheimnis (der Betrachtung) verbinden. Bei den Erwägungen
wird man sehen, daß man die Tugend ergreifen und die Sünde fliehen
muß. Die Aufopferung seiner selbst wird mit der des Geheimnisses
geschehen, ebenso die Bitte.

195
Es bleibt nur die Erwägung der Einteilung und der Geschäfte des
Tages, die man nicht während der Betrachtung machen soll, weil sie
sich zu sehr mit den Einzelheiten unserer Aufgaben befaßt, unseres
Tagewerks, unserer Begegnung mit Personen, mit denen wir zu tun
haben, und mit ihren Eigenschaften; so ob sie cholerisch, verdrieß-
lich sind, und ähnliches. Das alles würde uns zu sehr zerstreuen. Da-
her muß man diese Überlegungen für sich nach dem Vaterunser ma-
chen.

Morgenübung und Übung der Wiedervereinigung44

Morgenübung. – Weil sie kurz, einfach und unmittelbar auf die Verei-
nigung unseres Willens mit dem Willen Gottes ausgerichtet ist, kann sie
von Leuten gemacht werden, die sich in Trockenheit, Unfruchtbarkeit,
Traurigkeit befinden, die körperlich schwach oder mit Aufgaben über-
lastet sind.
1. Auf den Knien und tief vor Gott verdemütigt werden Sie seine
erhabene und grenzenlose Güte anbeten.
2. Sie werden Ihr Denken aufmerksam auf den überaus gütigen Wil-
len Gottes richten, der Sie von Ewigkeit her bei Ihrem Namen ge-
nannt und Sie zu retten geplant hat. Er hat unter anderem den heuti-
gen Tag dazu bestimmt, damit Sie an ihm Werke des Lebens und des
Heiles tun. Glauben Sie, was der Prophet (Jer 31,3) gesagt hat: Mit
ewiger Liebe habe ich dich geliebt; deshalb habe ich mich deiner er-
barmt und dich an mich gezogen. Und bei diesen wahren Gedanken
werden Sie Ihren Willen mit dem des überaus gütigen und barmherzi-
gen himmlischen Vaters vereinigen mit folgenden oder ähnlichen herz-
lichen Worten: O überaus gütiger Wille meines Gottes, mögest du
immer geschehen! O ewiger Ratschluß des Willens meines Gottes,
ich bete dich an, weihe und übergebe dir meinen Willen, um in Ewig-
keit immer zu tun, was du von Ewigkeit gewollt hast! Möge ich daher
heute und immer in allen Dingen deinen göttlichen Willen tun, mein
gütiger Schöpfer! Ja, himmlischer Vater, denn so hat es dir gefallen
(Mt 11,26; Lk 10,21) von aller Ewigkeit; so sei es. Göttliche Güte,
wie du gewollt hast. Ewiger Wille, lebe und herrsche in all meinem
Wollen und über meinen ganzen Willen, jetzt und immer. Amen.
3. Man rufe den himmlischen Beistand an durch einige fromme,
äußere oder innere Anrufe, wie: O Gott, komm mir zu Hilfe (Ps 50, 2)!

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Ich bin dein, rette mich (Ps 119,97). Deine hilfreiche Hand sei über
meinem armen und schwachen Mut. Oder man kann bei diesem drit-
ten Punkt sich auch des kleinen Gebetes bedienen, das in der Mor-
genübung der ‚Philothea‘ (2,10) steht.
Auf diese Weise werden Sie also eine lebendige und kraftvolle, lie-
bevolle Vereinigung Ihres Willens mit dem Willen Gottes vollzie-
hen. Dann werden Sie bei allen körperlichen wie geistigen Handlun-
gen des Tages oft Akte der Wiedervereinigung machen, d. h. Sie wer-
den die Vereinigung, die Sie am Morgen vollzogen haben, erneuern
und bekräftigen, indem Sie einen einfachen inneren Blick auf die
göttliche Güte werfen und zustimmend sagen: Ja, Herr, ich will es;
mein Gott, für immer, für immer, göttlicher Wille. Oder Sie sagen
einfach nur: Ja, Herr, immer, Herr, mein Vater; ich bekräftige, mein
Gott, ewig. Oder Sie können auch, ohne etwas zu sagen, das Kreuzzei-
chen machen oder irgendein Bild küssen, das Sie bei sich tragen;
denn das alles will besagen, daß Sie die Vorsehung Gottes über alles
wollen, sie anbeten und lieben, sie von ganzem Herzen annehmen
und umfangen, daß Sie Ihren Willen untrennbar mit diesem erhabe-
nen Willen vereinigen.
Doch diese Herzenserhebungen, diese innerlichen Worte müssen
sanft und ruhig, fest aber friedlich geschehen, sie müssen sozusagen
ganz sachte von der Spitze des Geistes träufeln und fließen, wie man
einem Freund ein Wort ins Ohr sagt, das man viel mehr in sein Herz
senken will, ohne daß es jemand vernimmt. Denn auf diese Weise
werden diese heiligen Worte, geflossen und geträufelt durch die Spit-
ze unseres Geistes in der Spitze unseres Geistes selbst, diese viel
inniger und stärker durchdringen und erweichen, als wenn sie in der
Form von Erhebungen, von Stoßgebeten und Ausbrüchen des Geistes
geschehen. Die Erfahrung wird Sie das erkennen lassen, wenn Sie
demütig und einfach sind.

Weisung, um der Messe recht beizuwohnen45

Wenn man in der Messe das Evangelium liest, stehen Sie auf, um zu
bezeugen, daß Sie bereit und willens sind, auf dem Weg der Gebote
des Evangeliums zu wandeln; und um sich dazu anzuspornen, können
Sie beim Aufstehen sprechen: Jesus Christus ist gehorsam geworden
bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,8). Und während Sie das

197
Kreuzzeichen auf Ihre Stirn, Ihren Mund und Ihre Brust machen,
sollen Sie sagen: Gott sei in meinem Geist, in meinem Mund und in
meinem Herzen, damit ich sein heiliges Evangelium annehme.
Beim Credo muß man das Glaubensbekenntnis sprechen und in-
nerlich beteuern, daß man im Glauben der Kirche leben und sterben
will.
Nach dem Sanctus muß man in großer Demut und Ehrfurcht an die
große Wohltat des Todes und der Passion unseres Erlösers denken
und ihn bitten, er möge sie zum Heil der ganzen Welt gereichen las-
sen, insbesondere zu dem unseren, und dem der Kinder seiner Kir-
che, zur Ehre und Glückseligkeit aller Heiligen und zur Erleichte-
rung der Seelen im Fegefeuer.
Bei der Erhebung des allerheiligsten Sakramentes muß man es mit
großer Anstrengung des Herzens anbeten und es dann mit dem Pries-
ter Gott dem Vater aufopfern zur Vergebung unserer Sünden und je-
ner der ganzen Welt und uns selbst aufopfern mit der ganzen Kirche,
ebenso unsere Verwandten und unsere Freunde.
Nach der Elevation muß man Jesus Christus danken für seine Passi-
on und für die Einsetzung des heiligen Altarssakramentes.
Wenn der Priester das Pater noster spricht, muß man es mit ihm
mündlich oder geistigerweise beten, mit großer Demut und Andacht,
so als hörte man es Unseren Herrn sprechen, und man spreche es ihm
Wort für Wort nach.
Wenn man die Kommunion nicht wirklich empfängt, muß man sie
geistigerweise empfangen, indem man Unserem Herrn naht durch
ein heiliges Verlangen, mit ihm vereinigt zu werden und ihn in sein
Herz aufzunehmen.
Beim Segen muß man sich vorstellen, daß uns Jesus Christus gleich-
zeitig den seinen gibt.

Stoßgebete und Gedanke an den Tod46

Während der Beschäftigungen des Tages muß man so oft als mög-
lich auf Unseren Herrn Jesus Christus schauen und sich an den Punkt
der Betrachtung erinnern, den man besonders verkostet und empfun-
den hat. Wenn uns z. B. die Güte seines Blickes gefallen hat, werden
wir uns diesen vorstellen und sagen: Laß niemals zu, mein Erlöser,
daß ich etwas tue, was deine Augen beleidigt; und so bei anderen. Es

198
ist auch gut, bestimmte feurige Worte zu haben, die unserer Seele als
Refrain dienen, wie: Mein Gott sei gepriesen! Es lebe Jesus! Gott
meines Herzens!
Wenn die Uhr schlägt, ist es gut, daran zu denken, daß so viel von
diesem sterblichen Leben vergangen ist, und an die letzte Stunde zu
denken, die für uns schlagen wird. Man könnte das Kreuzzeichen über
unserem Herzen machen und sagen: Man muß sterben. Andere Male
daran denken, daß wir auf dem Weg zur Ewigkeit sind, und sagen:
Gott sei gepriesen! Gott sei gelobt. Manchmal die nutzlos vergange-
nen Stunden bereuen und beten: Gott, gib mir die Gnade, es besser zu
machen; andere Male einfach: Jesus, Maria; Gott komme mir zu Hil-
fe; Gott sei mit uns.

Gegenstände der geistlichen Einkehr47

Für Ihre geistliche Einkehr können Sie sich der hier angegebenen
Punkte bedienen. Sie betreffen die heilige Kindheit unseres Erlösers.
Am Sonntag betrachten Sie ihn im ganz reinen Schoß seiner keu-
schesten Mutter und bewundern, wie diese unermeßliche Erhaben-
heit sich aus Liebe zu Ihnen erniedrigt hat. Am Montag bewundern
Sie ihn in der Krippe in äußerster Armut. Am Dienstag sehen Sie ihn,
wie er von den Engeln und Hirten angebetet wird; bringen Sie ihm
mit ihnen tausendfach innere Ehrenerweise dar. Am Mittwoch erwä-
gen Sie, wie er bereits bei der Beschneidung sein Blut vergießt; bitten
Sie ihn, alles Überflüssige in Ihrer Seele zu beschneiden. Am Don-
nerstag beschäftigen Sie sich damit, über die geheimnisvollen Gaben
zu meditieren, die ihm die Könige darbringen; bringen Sie ihm sich
dar und beten Sie ihn mit ihnen an. Am Freitag betrachten Sie ihn im
Tempel auf den Armen seiner heiligen Mutter; schenken Sie ihm Ihr
Herz, auf daß es seine Wohnung und sein heiliger Tempel werde. Am
Samstag meditieren Sie über die Flucht nach Ägypten; bitten Sie ihn
um die Gnade, alles recht zu fliehen und zu vermeiden, was ihm miß-
fallen könnte.
Während einer anderen Woche können Sie sich mit den schmerz-
haften Geheimnissen der Passion unseres Erlösers befassen.
Am Sonntag sehen Sie, wie er seinen vielgeliebten Jüngern die Füße
wäscht; bitten Sie ihn, er möge Sie von jeder Befleckung durch die

199
Sünde reinwaschen und läutern. Am Montag betrachten Sie, wie er im
Ölgarten unter heißen Tränen (Hebr 5,7) zum Vater betet; bitten Sie
ihn demütig um die Gabe des Gebetes. Am Dienstag überlegen Sie,
mit welcher Güte und Sanftmut er den Kuß des Verräters Judas emp-
fing; bitten Sie ihn um die Liebe und Güte gegen Ihre Feinde. Am
Mittwoch betrachten Sie, wie er von den Juden gefangen und gebun-
den wird; bitten Sie ihn um Geduld in Trübsal. Am Donnerstag be-
wundern Sie ihn, wie er sich ohne Widerstand bei Herodes als Narr
kleiden läßt; bitten Sie ihn um Demut und Selbstverachtung. Am Frei-
tag betrachten Sie, wie er sich freiwillig und mit großem Mut die
schwere Last des Kreuzes auflädt und wie er es so auf seinen Schul-
tern bis auf den Kalvarienberg trägt; machen Sie viele Akte des Mit-
leids mit seinen unermeßlichen Qualen. Am Samstag erheben Sie
Ihre Augen, sehen Sie ihn der Länge nach ausgestreckt, angenagelt
und erhöht am Baum des Kreuzes; hören Sie aufmerksam auf seine
gütigen Worte; bitten Sie ihn, er möge Ihnen die Gnade verleihen,
ganz für ihn zu leben, da er für Sie gestorben ist (2 Kor 5,15).

Die Nachahmung unseres Herrn

Sie können den Beweggrund der heiligen Liebe vorzüglich aus allen
Handlungen gewinnen, die der überaus liebenswürdige Jesus im Lauf
seines ganz heiligen Lebens vollbracht hat, und zwar auf folgende
Weise:
Wenn sich irgendein Anlaß bietet, die Tugend zu üben (und er bie-
tet sich jeden Augenblick), dann sehen Sie kurz, wie Unser Herr sie
übte, als er hier auf Erden unter den Menschen lebte; dann werden
Sie Ihr Herz zu liebevoller Nachahmung anspornen und sagen: Wohl-
an, auf, folgen wir dem gütigen Jesus, ahmen wir unseren Meister
nach. Wenn Sie z. B. beten müssen, den Armen etwas geben, jemand
beraten, einsam sein, eine Gesellschaft aufsuchen, einen Schmerz er-
tragen, dann denken Sie daran, wie Unser Herr das alles bei verschie-
denen Gelegenheiten getan hat. Und dann ermuntern Sie Ihre Seele
und sagen: Wenn ich keinen anderen Grund hätte, zu beten, Almosen
zu geben, Betrübte zu trösten, in der Einsamkeit zu bleiben, dieses
Leid anzunehmen, in dieser Gesellschaft zu bleiben, genügt es mir
denn nicht, daß mir mein Meister den Weg dazu gezeigt hat? Und das
kann geschehen durch einen einfachen Blick und einen einzigen Seuf-
zer: Ja, Herr, ich bin bei dir.

200
Weisung für die Abendübung48

Man darf die Gewissenserforschung nie vergessen, wie alle ‚kleinen


Bücher‘ sie uns lehren.
Während man sich auskleidet, ist es gut, mit Ijob (1,21) zu spre-
chen: Nackt bin ich aus dem Schoß meiner Mutter hervorgegangen;
nackt werde ich dorthin zurückkehren, und daran denken, daß man
alles lassen muß.
Beim Niederlegen soll man an das Grab denken; und wie man sich
zur zeitlichen Ruhe niederlegt, muß man an die ewige Ruhe denken
und sagen, was man für uns sagen wird, wenn wir gestorben sind:
„Ewige Ruhe“ und „Heilige Maria, Mutter Gottes“.
Ich befürworte es, daß man, soweit es möglich ist, in frommer Hal-
tung einschläft, wie die Hände über der Brust gekreuzt oder gefaltet.

Ratschläge zu den vorhergehenden Übungen49

Nach all dem rate ich Ihnen, ohne Skrupel zu leben und Gott mehr
mit Liebe als mit Furcht zu dienen. Wenn es daher vorkommt, daß Sie
aus einem rechtschaffenen Grund alle diese Übungen unterlassen,
oder eine oder zwei, dann beunruhigen Sie sich nicht, sondern neh-
men Sie die Übungen am nächsten Tag wieder auf.
Ich wünsche nicht, daß Ihre Betrachtung länger als eine gute halbe
Stunde oder dreiviertel Stunden dauert. Falls Sie sie nicht am Morgen
oder vor dem Mittagessen halten können, möchte ich nicht, daß es
früher als gute vier Stunden nach dem Essen geschieht, d. h. kurz vor
dem Abendessen. Man darf sie keinesfalls nach dem Essen halten,
sondern nur einige mündliche Gebete mit der Gewissenserforschung.
Bezüglich der Messe wollte ich nicht auf alle ihre Geheimnisse im
einzelnen eingehen, um Sie zu unterweisen, wie man ihnen im einzel-
nen durch Gebete und Gedanken entsprechen muß, weil das das Ge-
dächtnis so beansprucht, daß der Wille nicht für seine Affekte frei ist.
Für die übrige Zeit der Messe, für die ich nicht angegeben habe, was
man tun soll, muß man deshalb entweder die Affekte, die ich Ihnen
angegeben habe, der Reihe nach festhalten, z. B. den der Reue bis
zum Evangelium, das Bekenntnis des Glaubens bis zur Präfation, und
so die übrigen. Oder man soll auch ein mündliches Gebet verrichten,

201
wie etwa einen Teil des Rosenkranzes oder ähnliche Gebete. Wenn es
der Rosenkranz ist, dann unterlassen Sie nicht, wenn Sie ihn beten,
fast alles zu tun, was ich angegeben habe; das eine verhindert das
andere nicht. Und wenn Sie es nicht auf einmal tun können, dann tun
Sie es auf zweimal, ebenso das Offizium Unserer lieben Frau. Darü-
ber brauchen Sie sich keine Gewissensbisse zu machen.
So ist es auch überängstlich zu glauben, bei einer berechtigten Un-
terbrechung müsse man von vorne anfangen, denn das ist unvernünf-
tig und ohne Spur von Pietät. Unser Gott sieht nur auf die Frömmig-
keit, mit der man betet, nicht ob es auf zwei- oder dreimal geschieht.
Es scheint im Gegenteil besser, oft wenn auch wenig zu beten, als nur
einmal viel zu beten; und das haben die alten Väter getan.
Im übrigen dürfen Sie nie ein Gebet beginnen, ohne sich zuerst
kurz in die Gegenwart Gottes zu versetzen.

Fragment der Betrachtungsmethode

Über die Erhöhung des Erlösers am Kreuz sind drei ausgeführte Betrachtungen
aus dem Jahr 1604 überliefert, die in vielen Passagen wörtlich übereinstimmen:
(a) XXVI,173.179, im April 1604 für die Äbtissin Rose Bourgeois von Puits-
d’Orbe
(b) XXVI,180-184, am Gründonnerstag 1604 deren Schwester, Mme Brulart
übergeben;
(c) XXVI,194-200, im Oktober 1604, wieder für die Äbtissin von Puits-d’Orbe
bestimmt.
Franz von Sales bezeichnet diese Betrachtung selbst als Beispiel für seine Metho-
de (s. Band 6,80), von der hier nur der Schlußteil erhalten, die aber aus der
‚Philothea‘ bekannt ist. In seinem Begleitbrief vom 9. 10. 1604 (s. Band 7,255)
bezeichnet er sie als „die leichteste und nützlichste ...“
Um eine Wiederholung gleichlautender Passagen zu vermeiden, wird im Folgen-
den zunächst die erste Fassung wiedergegeben; ergänzt durch Passagen aus den
beiden anderen, die durch (b) und (c) kenntlich gemacht werden.

– – – 4. Frucht der Betrachtung. – Nach all dem muß man die Bitte
verrichten und Gott bitten, er möge uns die Gnade schenken, ihm
recht zu dienen und unsere guten Entschlüsse treu auszuführen. Man
muß ihn beschwören beim Verdienst seines Sohnes und besonders
bei dem, das in dem Geheimnis herausragte, das wir betrachtet ha-

202
ben, durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau und der gebenedeiten
Heiligen. Man muß ebenfalls bitten für die ganze Kirche, besonders
für den Papst und die Bischöfe, namentlich für den unseren, für den
Fürsten, unter dem wir leben, für den Vater, die Mutter, für Verwand-
te, Freunde, Wohltäter, Feinde.
5. Frucht. – Schließlich muß man sich vollständig Gott aufopfern
und erklären, wir wollten, daß wir und unsere Handlungen in reiner
Absicht ganz ihm gehören, ihm alle oben Genannten aufopfern und
ihn bitten, ihnen gnädig zu sein um der Liebe unseres Erlösers willen,
in dessen Namen wir um seinen Segen bitten für uns und für jene, für
die wir gebetet haben. Dann werden wir das Vaterunser und Ave Ma-
ria beten.
6. und letzte Frucht. – Halten wir einen kleinen Rückblick auf unser
Gebet. Und wie jene, die einen Garten verlassen, vier oder fünf Blu-
men pflücken, um sie in der Hand zu halten, während des Tages an
ihnen zu riechen und sie anzuschauen, so sollen wir zwei oder drei
Punkte auswählen, oder wenigstens einen davon, der uns besonders
zugesagt hat, um ihn während des Tages zu verkosten und je nach
Gelegenheit immer wieder zu erwägen. Dann müssen wir in Frieden
dazu übergehen, uns ruhig den Aufgaben zu widmen, zu denen Gott
uns ruft, wie sie auch beschaffen seien.
Damit Sie mich aber besser verstehen, stelle ich Ihnen eine gestal-
tete Betrachtung vor Augen, die sehr breit ausgeführt ist, mit allem,
was dazugehört. Daraus werden Sie besser verstehen, was ich Ihnen
über diese heilige Übung zu sagen versucht habe. Ich werde jedoch
nur einige hauptsächliche Erwägungen anführen, ebenso einige wich-
tige Anmutungen, nicht alle, die man machen könnte, denn das wäre
zu viel.

Betrachtung über die Kreuzigung

Ich habe ein Geheimnis gewählt, das zu den schönsten und frucht-
barsten zählt, über das ich jedoch nur recht wenig sagen werde im
Vergleich zu dem, was man sagen könnte. Es ist das Geheimnis der
Erhöhung Jesu Christi, der auf dem Kalvarienberg gekreuzigt wurde;
ich setze voraus, daß man sie am Freitag hält.
Nachdem ich nun am Vorabend an den Bericht gedacht oder ihn
gelesen und im Großen die Punkte der Betrachtung vorbereitet habe,

203
wie sie unten festgelegt sind, werde ich am Morgen, sobald ich bereit
bin, Weihwasser nehmen, das Kreuzzeichen machen, am Ort des Ge-
betes niederknien und die Betrachtung folgendermaßen beginnen:

Vergegenwärtigung Gottes

Ich werde mir vorstellen und in meinem Geist die lebhafte Über-
zeugung bilden, daß Gott wahrhaftig überall gegenwärtig ist, beson-
ders aber in meinem Herzen und in meinem Verstand, wo er gleich-
sam das Herz meines Herzens und die Seele meiner Seele ist.
(c) Ich sehe dich mit den Augen meines Geistes, mein Gott, als ein
Meer der Vollkommenheit und einen Abgrund der Güte, die mich
nicht nur von allen Seiten umgibt, sondern ganz wesentlich und durch
eine wahre Gegenwart auf dem Grund meines armseligen Herzens
wohnt und thront; und es gibt keinen Teil in mir, der nicht vollständig
von deiner heiligen Gottheit erhalten und beseelt wäre.
Wenn das geschehen ist, werde ich beginnen, mich zu demütigen
und die Anrufung zu machen.

Demütige Anrufung

Dieses Meer der Vollkommenheit, werde ich sagen, dieser Abgrund


der Güte umgibt mich nicht nur von allen Seiten, sondern teilt sich
durch eine wahre Gegenwart und ganz wesentlich diesem treulosen
Herzen und dieser verräterischen Seele mit. Ach, mein Gott, mein
Herr, mir scheint, daß mein Herz, auf diese Weise zutiefst verbunden
und in allen Teilen mit deiner göttlichen Gegenwart vereinigt, nichts
anderes ist als eine häßliche giftige Kröte, die in einem Meer überaus
kostbaren Balsams schwimmt, sich nährt und erhält. Wie kann ein so
geringes Geschöpf leben in diesem unendlichen Wesen und in einer
so innigen Gegenwart deiner unermeßlichen Güte?
Da du mich aber in sie aufgenommen hast, Herr, und da ich im
Innersten deiner Gegenwart geboren, genährt und bewahrt wurde, o
mein gütiger Gott, verwirf mich nicht vor deinem heiligen Angesicht
(Ps 51,13); erlaube diesem armseligen Herzen, daß es seine unwürdi-
gen Gedanken und seine schwachen Affekte in den Schoß deines Er-
barmens ergieße und daß es seine Betrübnis vor dir ausbreite (vgl. Ps
142,3). Du hast mir geboten, dich anzurufen, und hast versprochen,

204
mich zu erhören (Ps 81,8 u. a.). Mein Gott, mein Erlöser, da bin ich
unwürdige Magd; mir geschehe nach deinem Wort (Lk 1,38). Laß über
mir leuchten dein heiliges Angesicht (Ps 31,17; 119,135) und laß mei-
ne Augen auf die deinen gerichtet sein, damit ich deine Wunder (Ps
119,18) betrachten und dich dafür loben, preisen und anbeten kann.

Vorstellung des Geheimnisses

Mir scheint, daß ich mich unter der großen Menge Volkes, die aus
allen Teilen der Stadt Jerusalem herbeiströmt, um die Kreuzigung
meines Erlösers zu sehen, auf dem Kalvarienberg befinde, an einem
Platz, der etwas von den anderen entfernt ist, aber auch günstiger und
erhöht, von dem aus ich leichter das traurige Schauspiel der Kreuzi-
gung sehen kann. Mein Erlöser liegt bereits mit Dornen gekrönt ganz
nackt auf dem Holz des Kreuzes und die Henker haben ihn schon an
Händen und Füßen auf ihm angenagelt. Sie beginnen mit den dazu
geeigneten und bestimmten Vorrichtungen den heiligen Gekreuzig-
ten nach und nach aufzurichten, um das Kreuz an dem Ort und in dem
dazu gegrabenen Loch einzurammen und aufzupflanzen.
Nun glaube ich in der Höhe das obere Ende des Kreuzes und die
heilige Inschrift zu sehen: Jesus von Nazaret, König der Juden (Joh
19,19). Darauf entdecke ich plötzlich das dornengekrönte Haupt, des-
sen Augen bald mit großer Ehrfurcht zum Himmel blicken, bald in
liebevollem Mitleid auf die Umstehenden. Und er scheint mit seinen
Blicken das himmlische Erbarmen im Schoß seines Vaters zu schöp-
fen, um damit sogar jene zu überschütten, die ihn kreuzigten. Sein
Mund, ganz entstellt von den Schlägen in der Nacht, wahrt tiefes Schwei-
gen und öffnet sich nur, um liebevolle Seufzer über das Volk vor dem
ewigen Vater auszustoßen. Ich sehe nach und nach seinen göttlichen
Leib und auf der linken Seite seiner Brust eine ständige Bewegung
seines Herzens, das aus Liebe zuckt und schlägt und diese Stelle so
entflammt, daß mir diese Stelle hochrot erscheint. Ich entdecke die
eine und die andere angenagelte Hand und auch die beiden Füße, die
wie vier Bäche aus ein- und derselben Quelle ständig schönstes, so
klares und rotes Blut ausströmen, das es je gab.
Und schließlich das Kreuz, das in die Grube sinkt, in der es einge-
rammt werden soll. Das gibt dem Leib, der an ihm hängt, einen Stoß,
durch den sich die Wunden vergrößern, so daß einzelne Blutstropfen
ringsum auf die Umstehenden spritzen, von denen die meisten sie mit

205
Entrüstung abwischen und anscheinend nicht schnell genug abwa-
schen können.
Das stelle ich mir in vollem Einklang mit dem Bericht vor. (b) Das
ist das Geheimnis, im Großen durch die Phantasie vorgestellt. Es hat
in meinem Herzen einen geeigneten Platz bekommen, um zu sehen
und gut zu betrachten, was geschieht. Die zwei Teile des Geheimnis-
ses sind die Aufrichtung und die Einpflanzung dieses heiligen Bau-
mes. Es bleibt, die Einzelheiten zu verfolgen und zu erwägen, durch
die mein Wille angeregt werden kann, viele gute, heilige Affekte und
Entschlüsse hervorzubringen; das ist die Betrachtung.

Betrachtung

Ich überlege vor allem, wer der ist, der so hangend erhöht ist, und
sehe durch die Inschrift, daß es Jesus von Nazaret, der König der
Juden, ist. Ist das also, sage ich, der große Jesus, der so viele Wunder
gewirkt, sein ganzes Leben gepredigt und Akte der Tugend gemacht
hat? Ist das der Sohn des ewigen Gottes, der der Herr des Himmels
und der Erde ist? Und wieso hängt er nun am Kreuz? Konnte er nicht
auf tausend ehrenhaftere Arten sterben, die sanfter und erträglicher
sind, wenn er schon sterben wollte? Man muß wohl sagen, daß dieser
Tod eine bestimmte verborgene Schönheit besitzt, da er vom Sohn
Gottes selbst gewählt wurde. Welcher Bewunderung wird oder kann
dieses Wunder würdig sein?
Ich betrachte die Haltung des Erlösers, an der ich höchste Güte und
Sanftmut sehe. Seine Augen sind durch die Schmerzen keineswegs
getrübt und durch die Kränkungen nicht erzürnt. O wie gütig ist die-
ses Lamm! Wer wird mir die Gnade geben, daß ich inmitten von Mü-
hen und Kränkungen ebenso sein kann?
Ich betrachte das tiefe Schweigen während dieser ganzen Erhöhung.
Es kommt nicht von Atemnot, denn er hat genug Atem, um zu seuf-
zen. Es fehlt nicht an Gründen, denn es gibt viel, worüber er sich
beklagen könnte. Es fehlt nicht an Zuhörern, denn er ist von ihnen
umgeben. Es fehlt nicht an Fragern, denn jeder ruft nach ihm, der eine
dies, der andere das. Warum also schweigt er, wenn nicht, um seine
Sanftmut und Güte zu zeigen? Ach, wie bin ich armselig, wegen einer
Kleinigkeit, die mich trifft, schreie ich, beklage mich, lamentiere end-
los; ich begegne keinem, dem ich nicht mein Leid klage.

206
Ich betrachte das Herz so voll Liebe selbst zu denen, die ihn kreu-
zigten. O wunderbares heiliges Feuer, das du diese Brust entflammst;
mein Gott, wie glühst du! Der Wind der Drangsale vergrößert deine
Flammen; das Eis deiner Verfolger erhitzt dich, der Strom der Ver-
folgung gibt deiner Glut Kraft. Wann wird mein Herz vom Feuer
dieser Liebe erfaßt, daß ich meine Feinde liebe? Wie weit bin ich von
dieser Flamme entfernt! Ein Wassertropfen der Verleumdung, ein
einziger Luftzug einer kleinen Kränkung löscht sogleich meine ganze
Freundlichkeit aus, verwandelt sie in Eis und Schnee.
Ich überlege, warum mein Erlöser so viele Qualen erduldet; dafür
finde ich mehrere Gründe:
1. Um seinem Vater zu gehorchen. Deshalb nennt er ihn in seinem
ersten Wort Vater (Lk 23,34). O heiliges Kind des Gehorsams,
wahrhaftig kindlicher Gehorsam! Wie bin ich doch so anmaßend und
verwegen, jenen Vater zu nennen, dem ich nie gut gehorcht habe, und
wie könnte ich gehorchen bis zum Tod (Phil 2,8), der ich nicht einmal
bis zum Ertragen eines kleinen unfreundlichen Wortes oder eines
schiefen Blickes gehorche?
2. Um meine Sünde und meine Missetat zu sühnen (Ps 51,4). Meine
Missetat ist also sehr groß, wenn es so vieler Leiden bedarf, um sie zu
tilgen. Wie schlecht bin ich doch, daß ich mich so oft in sie versenkt
und in ihr gewälzt habe! Wie erbärmlich bin ich, daß ich davon so viel
verschlungen habe, denn ich gehöre wohl zu denen, die nach der Hei-
ligen Schrift (Joh 15,16) die Sünden wie Wasser trinken. Dir hat es
aber gefallen, meine süße Hoffnung, diese Schmerzen und Peinen zu
erleiden, um mich von meinen Missetaten zu reinigen; daher will ich
in deiner Güte aufatmen. Ich erwäge meine vergangenen Sünden, Herr,
und bitte dich, sie kraft dieser Schmerzen vollständig zu tilgen. So
wie eine zerstreute Wolke die Strahlen der Sonne nicht mehr hindert,
die Erde zu erleuchten und zu wärmen, so können meine Sünden die
Güte deines barmherzigen Blickes auf meine arme, schmachtende
Seele nie mehr aufhalten. Und was die schlechten Gewohnheiten und
Neigungen betrifft, die meine Seele quälen, erlaube mir zu sagen:
Wasche, wasche von neuem mein Herz, das wie ein unreines Gefäß
noch den Geruch der verdorbenen Flüssigkeit der Sünde an sich hat;
wasche noch, Herr, und reinige stets (Ps 51,4), bis es von diesem
widerlichen Geruch frei ist.
3. Um mich vor der Hölle zu bewahren. O Gott, wie sehr sind deine
Leiden den meinen entgegengesetzt! Du leidest, um mich zu retten,

207
und warum habe ich bis jetzt gelitten, als um mich zugrunde zu
richten? Ach, wenn ich lief, wenn ich wachte, wenn ich eine bren-
nende Sorge hatte, war es nicht aus Eitelkeit, aus Ehrgeiz, aus Rach-
sucht? – – – 50
(c) 3. Er leidet, um uns seine Liebe zu uns zu bezeugen. Wie groß ist
doch seine Liebe! Ach, Herr, ich weiß nicht, ob ich überhaupt Liebe
habe. Wenn ich aber eine besitze, dann ist sie so armselig, daß sie mit
einer einzigen Träne zufrieden ist und anscheinend genug getan zu
haben glaubt, wenn sie einige Seufzer ausstößt. Gütiger Gott, wie
sehr wünsche ich und erkläre, daß ich dich künftig lieben und dir
mein ganzes Herz schenken will.

Affekte

(b) Ach, wer wird so vertiert sein, daß er nicht weint, wenn er diesen
Unschuldigen, diesen jungen König, den Sohn Gottes, solche Schmer-
zen erdulden sieht? Sie sind schon sehr groß und geeignet, alle Men-
schen der Welt vor dem Unwillen des ewigen Vaters zu bewahren. Ich
bitte euch, meine Freunde, um Gottes willen, richtet dieses Kreuz
sachte auf, befestigt es vorsichtig, damit sich seine Wunden nicht ver-
größern und der Stoß nicht so hart ist. Es gibt doch keinen, der so
unmenschlich wäre, daß er sieht, wie ein Verbrecher gerädert wird,
und kein Mitleid mit ihm hätte. Meine Seele, wirst du also kein Mit-
leid mit deinem Erlöser haben, der so viel leidet? Wenn du je von
Mitleid gerührt wurdest mit der Blöße eines Armen mitten im stren-
gen Winter, mußt du nicht mit diesem armen König leiden, der ganz
nackt an diesem Holz ausgesetzt ist? Wenn dir je ein Armer voller
Geschwüre Erbarmen eingeflößt hat, betrachte doch diesen, an dem
du von der Fußsohle bis zum Scheitel (Jes 1,6) keine Stelle findest, die
nicht zerschlagen ist. Sieh doch dieses Herz, betrübt über die Menge
der Sünden, die das Volk begeht; und wenn dein Herz nicht mit ihm
betrübt ist, dann muß es nicht aus Fleisch sein, sondern aus Stein und
härter als selbst der Diamant.
Aus dem Mitfühlen oder Mitleid entsteht in der Regel der Wunsch,
dem zu Hilfe zu kommen, mit dem wir Mitleid haben; daher füge ich
zur vorhergehenden Anmutung die folgende hinzu:
(c) Wer wird mir die Gnade geben, daß ich meinem Erlöser in die-
ser Bedrängnis irgendeine Erleichterung verschaffen kann? Ach, daß
mir nicht erlaubt ist, ihn mit einem kostbaren Kleid zu bedecken,

208
über seine Wunden einen vorzüglichen Balsam auszugießen und in
meinen Armen das Gewicht dieses Leibes zu tragen! Und ihr, die ihr
das Kreuz aufrichtet, geht recht sachte vor, ich bitte euch; und stoßt
es nicht so roh in die Grube, damit der Stoß für den armen Leidenden
nicht so groß ist. Ach, seine Wunden sind schon recht groß und geeig-
net, die Sünden der Welt vor dem Unwillen des ewigen Vaters ver-
deckt zu halten. O Gott, daß ich nicht irgendein ausgezeichneter und
erfolgreicher Prediger bin, um wenigstens zu verhindern, daß dieses
göttliche Herz durch so viele Sünden so sehr gekränkt wird! Wie wür-
de ich doch sagen: Lebt nicht mehr sündhaft und hebt nicht mehr die
Hörner (Ps 75,5) eurer Bosheit, um sie in dieses Herz zu bohren, das
schon so betrübt ist!
Doch, mein Gott, warum gebe ich mich mit diesen Wünschen ab;
ich, der ich fast nicht die Kraft habe, einen einzigen davon zu erfül-
len? Du verlangst nicht meine Kleider am Kreuz, und ich biete sie dir
an; du bittest mich um sie in deinen Armen, die deine Glieder sind,
und ich verweigere sie dir. Ich habe nie eines davon hergegeben, so
gewöhnlich und abgetragen es war; und wie könnte ich dir die kostba-
ren geben? Wie könnte ich Balsam auf deine Wunden gießen, da ich
so große Mühe habe, ein Glas Wasser (Mt 10,42; Mk 9,40) für deine
Armen einzugießen? Ach, was für ein Bußprediger wäre ich, der ich
noch keine Buße getan habe und täglich zu deinem Mißfallen, das dir
die Sünden bereiten, irgendein neues hinzufüge. O eitle, armselige
Wünsche, o unnütze Angebote, weil sie nur zum Schein gemacht wer-
den und in Wirklichkeit nur ein Hohn sind.

Entschlüsse

(c) Werde ich nicht endlich aufhören, dir untreu zu sein, mein Erlö-
ser und mein Gott? O nein, das sollen von jetzt an nicht mehr unnütze
Wünsche sein, das werden Wirkungen sein; das werden nicht nur Worte
sein, das sollen Taten werden. Ich entschließe mich, die Armen zu
unterstützen, Buße zu tun, die anderen dazu anzuhalten. Ich werde zu
mir selbst und dann zu den anderen sagen: Wollt ihr gegen euren
Erlöser grausamer sein als die Geier gegen die Tauben? Sie zerflei-
schen niemals deren Herz. Wollen wir gegen die heilige Taube, die
auf dem Baum des Kreuzes nistet, so herzlos sein, daß wir mit den
unheilvollen Zähnen unserer Gottlosigkeit ihr Herz morden und zer-

209
fleischen? Ach, Herr, ach, ich will in Zukunft unerbittlich bei dem
Entschluß bleiben, den ich gefaßt habe, die Armen zu lieben und zu
unterstützen, die deine Glieder sind, für meine Besserung und die der
anderen zu sorgen.
(c) Das ist eine recht in die Länge gezogene Betrachtung mit den
Affekten und Entschlüssen. Ich will nun bei den anderen flüchtiger
vorgehen und sie nur andeuten.
(c) Ich erwäge, wie der gütige Erlöser sowohl äußerlich wie inner-
lich leidet. Im Äußeren in dem Maß, als man ihn aufrichtet, sein Leib
sich neigt und ganz auf seinen angenagelten Füßen und Händen lastet
und sich stützt; dadurch vergrößern sich die Wunden und wird der
Schmerz unermeßlich. Wenn das Kreuz in das vorbereitete Loch sinkt,
erhält der Erlöser einen Stoß und gleichsam einen wippenden Schlag,
der seine Wunden und seinen Schmerz von neuem vermehrt; das läßt
das Blut von allen Seiten fließen und tropfen. Wenn er in die Luft
erhöht ist und der kalte Wind den ganz mit Wunden bedeckten und
durch die Schläge in der Nacht zerschundenen Leib erfaßt, läßt ihn
das fast vergehen und in Ohnmacht fallen.
(b) Seine Ohren hören nur Gotteslästerungen, seine Augen sehen
nur die Wut derjenigen, die ihn töten. In allen seinen Sinnen erleidet
er unerträgliche Schmerzen.
(c) Innerlich bricht dieses vor Liebe ganz kranke Herz vor Jammer
beim Anblick einer so großen Verworfenheit der Menschen, vor al-
lem derjenigen, die ihn kreuzigen; und mir scheint, er sagt: Ach, so
viele Menschen, für deren Leben ich auf diesem Holz sterben will,
werden sie ewig verloren sein?
(c) Ich erwäge die Art, wie Unser Herr in diesem Geheimnis leidet.
Nach außen: Seht das tiefe Schweigen dieses göttlichen Mundes, der
sich nur öffnet, um sanfte und friedliche Seufzer auszustoßen; seine
sanften und gütigen Augen blicken manchmal in großer Ehrfurcht
zum Himmel, manchmal wenden sie sich dem Volk zu, das sie mit
großem Mitleid ansehen; und mir scheint, ich sehe auf der linken
Seite seiner Brust sein Herz, das vor Liebe zuckt und bebt, mit sol-
cher Glut, daß sich die ganze Seite zu röten scheint. – Innerlich leidet
er willig, geduldig und liebevoll.
Affekte. – Ich Elender, der ich nicht ein Wort ohne Widerspruch
ertragen kann, der ich wegen der geringsten Kränkung endlose Kla-
gen erhebe und sie in die Ohren aller Welt verbreite. Und wenn ich
manchmal nach außen die Fassung bewahre, was wird aus meinem

210
Herzen im Inneren? Es bläht sich auf vor Groll, es entbrennt vor
Zorn, vor Ungeduld und Rachsucht.
Entschlüsse. – Von jetzt an umfange ich dich also, heiliges Kreuz;
ich schwöre dir Treue, gesegnete Tugend der Geduld. Nie, mein Erlö-
ser, nein, niemals soll das Wasser des Widerspruchs das Feuer der
Liebe auslöschen (Hld 8,7), die ich dem Nächsten schulde.
(c) Ich erwäge noch die besondere Art dieses Geheimnisses, die in
der Erhöhung besteht. Warum also meinen Erlöser erhöhen, wenn
nicht deswegen, weil er die Standarte meiner Seele sein will? Was für
ein trauriger und treuloser Soldat bin ich doch! Wie oft habe ich diese
Fahne verlassen, um denen der Welt zu folgen. Mein Gott, jetzt schwö-
re und verspreche ich dir von neuem Treue.

Danksagung und Anrufung

c) Mein Gott, mein Erlöser, ich danke dir für die Gnade, die du mir
erwiesen hast, mir zu erlauben, daß ich in dieser Betrachtung meine
Augen zu deiner göttlichen Majestät erhoben habe. Und ich sage dir
tausendfachen Dank für die Peinen und Leiden, die du in diesem gan-
zen heiligen Geheimnis erduldet hast. Und ich danke dir vor allem
für die Liebe, die dich bewogen hat, sie zu erdulden, und für die über-
aus barmherzige Absicht, die du hattest, meiner Seele die Verdienste
zuzuwenden, die du dabei erworben hast.
O mein Gott, ich bitte und beschwöre dich bei all diesen Peinen,
den Tugenden und den Wundern, die du geübt und gewirkt hast, stär-
ke mich in deinem Dienst, lösche in mir meine Eigenliebe aus und
gib, daß ich mich in deine Liebe versenke. Mein Gott, laß dein Blut
zum Bindemittel werden, um die Affekte und Entschlüsse, die du mir
geschenkt hast, fest mit meiner Seele zu verbinden. Herr, mögest du
ganz mein sein, wie ich künftig ganz dein sein will.
Ewiger Vater, ich opfere dir auf alle Peinen und Schmerzen deines
Sohnes, meines Erlösers, seine Tugenden, seine Verdienste und sein
Blut. Und um all dessen willen, durch die Fürbitte seiner Mutter,
deines ganzen himmlischen Hofes, seiner Braut, der Kirche, und al-
ler deiner Gläubigen, die hier auf Erden kämpfen, bitte ich dich um
deinen heiligen und väterlichen Segen für mein Herz, um deinen be-
sonderen Beistand für deine Kirche und ihre Oberhirten, für die christ-
lichen Fürsten, für meine Verwandten, Freunde und Wohltäter, für
die Verirrten, für die Erleichterung der Seelen im Fegefeuer. Herr,

211
bekehre die Sünder, stärke die Büßer und vervollkommne die Ge-
rechten.
Vater unser, Ave Maria.

Ratschläge für die Betrachtung51

Vor allem weise ich Sie darauf hin, daß es zwar für gewöhnlich gut
ist, diese Methode einzuhalten, d. h. die Affekte auf die Erwägungen
folgen zu lassen und die Entschlüsse auf die Affekte, so daß die Erwä-
gung am Anfang steht; wenn sich aber das Herz nach der Vorstellung
des Geheimnisses hinreichend bewegt fühlt, wie es manchmal vor-
kommt, dann muß man ihm trotzdem die Zügel schießen und es ge-
währen lassen, denn das ist ein Zeichen, daß uns der Heilige Geist auf
diese Weise anzieht. Und dann, die Erwägung wird ja nur angestellt,
um das Herz zu bewegen.
2. Mir scheint, daß es besser ist, die Affekte nach jeder Erwägung zu
machen, als damit bis nach allen Erwägungen zu warten, weil man so
einfacher vorgeht. Das war auch die Auffassung des seligen Petrus
von Alcantara, und die Erfahrung lehrt es ebenfalls. Das sage ich, weil
ich wünsche, daß Sie sich recht oft der Übungen von Bellintani bedie-
nen und es dann vielleicht anders machen wollten; das wäre aber viel
schwieriger und weniger nützlich für Sie. Ich gebe Ihnen daher als
allgemeine Regel den Rat, bei Ihrer Betrachtung die Affekte nie zu-
rückzuhalten, sondern sie immer sich entfalten zu lassen, wenn sie
sich einstellen, bis zum Ende der für die Betrachtung angesetzten
Zeit, zu der man zu den Entschlüssen, zur Danksagung, zur Bitte und
Aufopferung kommen muß.
3. Obwohl es gut ist, die Danksagung, die Bitte und Aufopferung für
den Schluß der Betrachtung aufzuheben, können sie doch, da es sich
um drei Affekte handelt, mit den anderen sich bei den Erwägungen
einstellen, und dann muß man ihnen ebenfalls freien Lauf lassen, ohne
sie zurückzuhalten.
4. Bei den Affekten und Entschlüssen ist es gut, nicht nur Unseren
Herrn, die Engel und die im Geheimnis vorgestellten Personen anzu-
sprechen, sondern sich selbst, sein Herz, die Sünder, ja sogar die ge-
fühllosen Geschöpfe, wie man es David tun sieht in den Psalmen und
den hl. Franziskus in seinen Gebeten. Aber das alles muß in der Ge-

212
genwart Gottes geschehen, d. h. kraft der Aufmerksamkeit, die wir
uns am Beginn der Betrachtung angeeignet haben.
5. Obwohl Sie mehrere Erwägungen vorbereitet haben, kann es den-
noch geschehen, daß eine genügt, um sich während Ihrer halben Stun-
de mit ihr zu befassen; dann gehen Sie nicht weiter. Und wenn Sie in
der einen nichts finden, um Ihre Affekte anzuregen, dann machen sie
die nächsten eine nach der anderen, bis Sie die Ader der Affekte ge-
funden haben.
6. Wenn es vorkommt, was Ihnen zweifellos oft geschehen wird, daß
Sie an den Erwägungen überhaupt keinen Geschmack finden, dann
wenden Sie eines der drei folgenden Hilfsmittel an. Das erste ist, den
Worten den Lauf zu lassen, indem Sie bei Unserem Herrn über sich
selbst klagen, Ihre Unwürdigkeit bekennen und ihn bitten, er möge
Ihnen zu Hilfe kommen. Sie können das Kreuz küssen, wenn Sie es
bei der Hand haben, und sogar mündlich zum Erlöser sagen: Ich lasse
nicht von dir, ich halte vor dir aus und werde nicht fortgehen, wenn ich
nicht deinen Segen empfangen habe (Gen 32,26). Manchmal wird es
gut sein, sich an die Kanaanäerin zu erinnern; als sie von Unserem
Herrn zurückgewiesen wurde, der sie eine Hündin nannte, nahm sie
ihn beim Wort und sagte: Ja wahrhaftig, ich will das wohl, aber die
Hunde fressen wenigstens einige Brosamen von der Tafel ihrer Herren
(Mt 15,27). Anerkennen Sie auf diese Weise, daß Sie durch die Trüb-
sale und die Schwerfälligkeit Ihres Geistes recht arm sind, bedienen
Sie sich dieses Umstandes mit großem Vertrauen und rufen Sie vor
Gott aus: Ja, Herr, ich bin armselig, aber wem gilt denn das Erbar-
men, wenn nicht den Elenden? Und auf diese Weise werden Sie von
der Betrachtung, die Sie vorbereitet haben, zur Betrachtung Ihres ei-
genen Elends übergehen. Daraus werden Sie Affekte der Demut, des
Vertrauens und ähnliche gewinnen, die sehr nützlich für Sie sind.
Das zweite Hilfsmittel wird darin bestehen, ein Buch in die Hand
zu nehmen und darin aufmerksam zu lesen, bis Ihr Geist geweckt
wird.
Das dritte ist, Ihren Geist anzustacheln durch eine fromme Hal-
tung: wie sich zu Boden werfen, die Arme kreuzweise ausbreiten, die
Hände gefaltet zum Himmel erheben.
Wenn Sie nach all dem noch in Trockenheit und ohne Trost bleiben,
sogar so, daß Sie weder innerlich noch äußerlich ein Wort hervor-
bringen können, dann hören Sie deswegen doch nicht auf, eine from-

213
me Haltung zu wahren, ohne unruhig und verwirrt zu werden, und
erinnern Sie sich, daß es hauptsächlich zwei Ziele sind, deretwegen
wir uns in die Gegenwart Gottes versetzen und in die Betrachtung:
Das eine ist, um unser Herz zur Liebe Gottes anzuregen; und wenn
unser Herz dazu nicht lebhaft entfacht wird, sagen wir, daß sich unse-
re Seele in Trockenheit befindet. Das zweite ist, Gott die Huldigung
zu erweisen und zu bekennen, daß er unser erhabener Schöpfer und
Herr ist; diese Absicht ist überaus edel, weil darin weniger von unse-
rem Eigenwillen ist. Wenn wir daher zur Betrachtung kommen und
das erste nicht tun können, müssen wir uns mit dem zweiten begnü-
gen, und das ist immer viel, selbst wenn wir kein Wort zu Gott zu
sagen vermöchten und wenn es schiene, daß er nicht zu uns spricht.
Wie viele Höflinge gibt es, die hundertmal im Jahr in den Audienz-
saal des Königs kommen und vor ihm erscheinen, nicht um ihn zu
sprechen oder ihn zu hören, sondern einfach, um von ihm gesehen zu
werden und durch diese Beharrlichkeit zu bezeugen, daß sie seine
Diener sind. So müssen wir zur Betrachtung wie in den Audienzsaal
unseres Königs kommen, um mit ihm zu sprechen und ihn zu hören
in seinen Einsprechungen und inneren Anregungen; wenn das ge-
schieht, wird es für uns eine überaus kostbare Freude sein. Wenn wir
weder mit ihm sprechen noch ihn hören können, wir aber in frommer
Haltung vor ihm ausharren, wird er unsere Geduld und unsere Be-
harrlichkeit wohlgefällig aufnehmen, und ohne Zweifel wird er uns
ein andermal bei der Hand nehmen, mit uns sprechen und uns alle
Wandelwege im Garten des Gebetes zeigen. Doch wenn er es nie täte,
dann begnügen wir uns damit, daß es eine zu große Ehre für uns ist,
vor ihm und vor seinem Angesicht zu sein.

Für die Zerstreuungen

Wenn Sie zerstreut sind, wird es eine große Erleichterung für Sie
sein, sich die Andacht und Inbrunst der Engel und Heiligen vorzu-
stellen; mit ihrem Gebet werden Sie das Ihre vereinigen, wenn es
auch unwürdig ist. Es wird sogar gut sein, sich vorzustellen, daß Sie in
der Gesellschaft mehrerer frommer Personen sind, mit denen Sie Ihre
Betrachtung halten wollen; und wenn Sie solche kennen, können Sie
sich diese sogar bei ihrem feurigen Gebet vorstellen.
Alle Hilfsmittel gegen die Trockenheit sind auch gut gegen die Zer-
streuungen.

214
Schließlich darf man sich, was auch kommen mag, niemals von Trau-
rigkeit und Unruhe übermannen lassen; vielmehr muß man sich vom
Gebet, ob es nun gefühlvoll und köstlich war oder trocken und ohne
Gefühl, immer im Frieden erheben mit der Absicht, Gott den Rest
unserer Tage stets treu zu dienen.

Meditation über die Geburt Christi52

Stellen Sie sich vor, Sie sehen den hl. Josef und die seligste Jungfrau
vor ihrer Entbindung in Betlehem ankommen und überall eine Her-
berge suchen, ohne jemand zu finden, der sie aufnehmen wollte (vgl.
Lk 2,7). O Gott, welche Verachtung und Ablehnung zeigt die Welt
himmlischen Wesen und Heiligen! Und wie willig nehmen diese bei-
den Seelen diese Erniedrigung an! Sie machen nichts aus sich, sie
zeigen nicht ihre Vorzüge, sondern nehmen diese Zurückweisung und
diese Härte ganz schlicht mit unvergleichlicher Sanftmut hin. Ach,
so elend ich bin, die kleinste Unterlassung der geringsten Ehre, die
mir gebührt oder von der ich mir einbilde, daß sie mir gebühre, stört
und beunruhigt mich, erregt meinen Dünkel und Stolz. Überall drän-
ge ich mich mit aller Kraft auf die ersten Plätze. Ach, wann werde ich
die Tugend, die Geringschätzung meiner selbst und der Eitelkeiten
besitzen!
Betrachten Sie, wie der hl. Josef und Unsere liebe Frau eintreten in
den Eingang und Vorhof, der manchmal als Herberge für Fremde
diente, damit dort die glorreiche Geburt des Erlösers geschehe. Wo
sind die prächtigen Gebäude, die der Ehrgeiz der Welt als Wohnung
für geringe und abscheuliche Sünder errichtet? Ach, welche Verach-
tung der Herrlichkeiten der Welt hat uns der göttliche Erlöser ge-
lehrt! Wie glücklich sind jene, die die heilige Einfalt und Bescheiden-
heit zu lieben verstehen. Elend, wie ich bin, brauche ich einen Palast,
und das genügt noch nicht; und mein Erlöser ist unter dem ganz lö-
cherigen Dach, arm und kläglich auf Heu gebettet.
Betrachten Sie dieses kleine göttliche Kindlein, nackt geboren und
frierend, in einer Krippe liegend und in Windeln gewickelt (Lk 2,12).
Ach, wie arm ist alles, wie gering und verächtlich ist alles bei dieser
Niederkunft, und wie verweichlicht und auf unsere Bequemlichkeit
erpicht sind wir, wie lieben wir Sinnengenuß! Wir müssen in uns die

215
Geringschätzung der Welt sehr wecken und das Verlangen, für Unse-
ren Herrn Erniedrigungen, Beschwerden, Armut und Entbehrungen
zu ertragen.

Kleine Abhandlung über die heilige Kommunion53

Alle geistlichen Lehrer stimmen darin überein, daß vor der Kom-
munion hauptsächlich zwei Dinge erforderlich sind, nämlich die gute
Verfassung der Seele und das rechte Verlangen. Da aber das rechte
Verlangen ein Teil der guten Verfassung ist, kann man sagen, daß nur
eines erforderlich ist, nämlich die gute Verfassung der Seele. Sehen
wir daher, in welche Verfassung wir unsere Seele versetzen müssen,
um würdig zu kommunizieren. Und des Gegenstandes wegen, von
dem wir sprechen, betrachten wir die hauptsächlichen Fähigkeiten
der Seele.
Was den Verstand betrifft, müssen wir ihn von etwas reinigen und
mit etwas anderem schmücken. Man muß ihn vor allem von aller
Neugierde reinigen, so daß man sich nicht danach erkundigt, wie es
geschehen kann, daß der wirkliche Leib Unseres Herrn mit seinem
Blut, mit seiner Seele und seiner Gottheit ganz in der heiligen Hostie
und in jedem Teil von ihr enthalten ist; noch wie er, der im Himmel
ist, auf Erden sein kann; auch nicht, wie es wahr sein kann, daß er, der
nur ein einziger Leib ist, trotzdem an so vielen Orten sein kann, auf
so vielen Altären und im Mund so vieler. Nein, wir müssen unseren
Verstand für solche eitle und törichte neugierige Fragen verschlossen
und verhüllt halten, denn wir brauchen nicht zu wissen, wie dieses
göttliche Sakrament gewirkt wird; es genügt zu wissen, daß es ge-
schieht, wir brauchen uns damit nicht zu befassen; unsere Sache ist es
nur, sorgsam daran zu glauben und unseren Nutzen daraus zu ziehen.
Dieser Punkt gilt für alle Geheimnisse des heiligen Glaubens und
für viele andere Dinge, wie für die Erschaffung der Welt, von der wir
nicht sagen könnten, wie Gott es gemacht hat, als er sie erschuf, noch
wie er es gemacht hat, als er unsere Seele schuf und sie in unseren
Leib gesenkt hat. Wozu ist es also notwendig zu wissen, wie er seinen
allerheiligsten Leib, sein Blut und seine Seele in diesem Sakrament
birgt. Es ist seine Sache, es zu tun, und es ist an uns, es zu glauben. Als
Sinnbild dafür fiel einst das Manna in der Wüste, nicht am Tag, son-

216
dern in der Nacht, so daß niemand gesehen hat, wie es geschah, noch
wie es herabfiel; wenn aber der Morgen gekommen war, sah man es
ganz entstanden und herabgekommen (Ex 16,14; Num 11,9). Ebenso
entsteht dieses ganz himmlische und göttliche Manna der Eucharistie
auf eine Art und Weise, die für uns ganz geheim und verborgen ist;
niemand kann sagen, wie es entsteht und zu uns kommt, aber im Licht
des Glaubens sehen wir es ganz verwirklicht.
Wenn uns der böse Geist Versuchungen gegen diese Reinheit des
Verstandes bereitet, muß man sich dem widersetzen, indem man sich
vor der Allmacht Gottes verdemütigt und im Herzen oder mit dem
Mund spricht: Heilige und unermeßliche Allmacht meines Gottes,
mein Verstand betet dich an; er ist überaus geehrt, dich anzuerken-
nen und dir durch seinen Gehorsam und seine Unterwerfung zu hul-
digen. Wie bist du unbegreiflich und wie froh bin ich darüber, daß du
es bist! Nein, ich möchte dich nicht begreifen können, denn du wärest
zu klein, wenn eine so kleine und winzige Fassungsgabe dich begrei-
fen könnte. Dann muß man sich an den eigenen Verstand wenden:
Was denn, du kleine Mücke, genährt im Moder meines Fleisches, willst
du dir die Flügel verbrennen in dem unermeßlichen Feuer der göttli-
chen Allmacht, das die Serafim verzehren und verschlingen würde,
wenn sie sich auf solche Neugierde einlassen wollten? Nein, du klei-
ner Schmetterling, dir steht es nur zu, diesen Abgrund anzubeten,
nicht ihn zu ergründen. Und manchmal kann man dem Versucher
erwidern: Du Unglückseliger, deine Vermessenheit, zu hoch fliegen
zu wollen, hat dich in die Hölle gestürzt; mit der Gnade Gottes werde
ich mich sehr hüten, einen solchen Flug zu machen. Auf diese Weise
hast du die arme Eva getäuscht, als du sie lehren wolltest, so viel wie
Gott wissen zu wollen; aber mich wirst du nicht überlisten: ich will
glauben und nichts wissen.
Manchmal ist es auch gut, diese Tüfteleien und Versuchungen zu
mißachten und ihnen keine Beachtung zu schenken, diesen Hund kläf-
fen und keifen zu lassen und seinen Weg fortzusetzen; denn obwohl er
wütend ist, beißt er nur jene, die es wollen. Wenn wir daher den Wil-
len standhaft im Glauben halten, mag er bellen, soviel er will, wir
haben nichts zu fürchten.

217
Erwägung, mit der wir den Verstand schmücken müssen.

Das ist es, wovon wir den Verstand reinigen müssen. Aber das ge-
nügt nicht; denn man muß ihn auch mit etwas schmücken und zieren:
man muß ihn mit Erwägungen behängen. Und was muß man erwä-
gen? Man darf nicht grübeln, wie dieses Sakrament entstehen kann,
denn das hieße sich verirren, aber man muß wohl erwägen, was dieses
Sakrament ist. Als Vorbild dafür fragten die Israeliten nicht, wie das
Manna entstanden ist, sondern als sie es ganz fertig sahen, fragten sie,
was es sei: Was ist das, sagten sie: was ist das? (Ex 16,15). Erwägen
wir daher, was dieses göttliche Sakrament ist, und wir werden finden,
daß es der wahre Leib Unseres Herrn ist, sein Blut, seine Seele, seine
Gottheit. Es ist das Geheimnis der innigsten Vereinigung, die unser
Erlöser mit uns haben kann. Es ist die vollkommenste Mitteilung
seiner selbst, die er wirken konnte, durch die er sich mit uns auf wun-
derbare und ganz liebevolle Weise vereinigt. Schließlich ist dieses
Sakrament Jesus Christus selbst, der auf unvergleichliche Weise zu
uns kommt und uns an sich zieht.

Wie man sein Gedächtnis reinigen muß.

Was das Gedächtnis betrifft, muß man es ebenfalls von etwas reini-
gen und mit etwas schmücken. Man muß es reinigen von der Erinne-
rung an hinfällige Dinge und weltliche Geschäfte. Als Sinnbild dafür
fiel das Manna nur in der Wüste und Einöde (Ex 16,14), fern vom
Betrieb der Welt und nicht in Städten und Dörfern; und die das Oster-
lamm aßen, schürzten ihre Kleider, damit nichts auf die Erde falle
und fliege. Man muß also einige Zeit die materiellen und zeitlichen
Dinge vergessen, obwohl sie gut und nützlich sind, um sich auf die
heilige Kommunion vorzubereiten. Man muß es machen wie der gute
Abraham: als er seinen Sohn opfern wollte, ließ er den Esel und die
Diener am Fuß des Berges zurück, bis es vollbracht war (Gen 22,5).
Ebenso muß man nämlich sein Gedächtnis von der Erinnerung an
häusliche und zeitliche Geschäfte bis nach der Kommunion zurück-
halten, denn jedes Ding hat seine Zeit (Koh 3,1).
Nach diesem bewußten Vergessen muß man das Gedächtnis schmük-
ken mit einer heiligen Erinnerung an alle Wohltaten, mit denen Gott
uns beschenkt hat: die Erschaffung, Erhaltung, Erlösung und viele
andere, vor allem aber sein heiliges Leiden, als dessen Gedächtnis er

218
uns seinen eigenen Leib in diesem Sakrament hinterlassen wollte, der
für uns gelitten hat, da er uns keine lebendigere und deutlichere Dar-
stellung hinterlassen konnte. Wenn man euch fragen sollte (sagt die
Heilige Schrift Ex 12,26f, wo sie von der Beobachtung des Brauchs
des Osterlamms handelt), was ihr tut, dann sagt den Nachkommen, es
ist das Gedenken daran, daß Gott euch aus Ägypten befreit und euch
mitten durch das Rote Meer geführt hat. So müssen wir uns bei die-
sem Sakrament an den Tag erinnern, an dem Gott uns durch sein
bitteres Leiden aus der Verdammnis befreit hat.

Wie man den Willen reinigen und womit man ihn schmücken muß.

Was den Willen betrifft, muß man auch ihn von etwas reinigen und
mit etwas schmücken. Man muß ihn reinigen von ungezügelten und
ungeordneten Neigungen, selbst zu guten Dingen. Deshalb mußten
jene, die das Osterlamm aßen, Sandalen an den Füßen tragen (Ex
12,11), damit sie die Erde nicht mit den Füßen berührten; denn „die
Neigungen sind die Füße unserer Seele“, die sie überallhin tragen,
wohin sie geht, sagt der hl. Augustinus. Und diese Neigungen dürfen
die Erde nicht berühren und nicht übermäßig sein, sondern müssen
eingeschränkt und bedeckt sein beim Genuß des wahren Osterlamms,
das das heiligste Sakrament ist. So hat Unser Herr seinen Aposteln
die Füße gewaschen, bevor er es einsetzte (Joh 13,5-9), um zu zeigen,
daß die Neigungen der Kommunizierenden sehr rein sein müssen.
Und das Manna mußte in der Morgenfrische gesammelt werden, vor
dem Sonnenaufgang, denn die natürliche Hitze, die übermäßige Lie-
be und Neigung zu Kindern, Verwandten, Freunden, Gütern und Be-
quemlichkeiten sind ein Hindernis, daß man diese himmlische Spei-
se empfangen kann. Man muß mit einer frischen Seele und einem
Willen kommen, der nicht erhitzt ist und sich für nichts anderes erei-
fert als dafür, dieses Manna zu sammeln.
Man muß aber den Willen schmücken mit einer Neigung und mit
äußerstem Verlangen nach dieser himmlischen Speise, diesem ver-
borgenen Manna. Daher wurde denen, die das Osterlamm aßen, gebo-
ten, es hastig und in Eile zu essen (Ex 12,11), und denen, die das
Manna sammelten, am frühen Morgen aufzustehen (Ex 16,21). Und
Unser Herr selbst hatte großes Verlangen, ehe er dieses Sakrament
einsetzte; er sagte (Lk 22,15): Mit großer Sehnsucht habe ich danach
verlangt, dieses Pascha mit euch zu essen.

219
Eine Seele, die auf diese Weise ihre drei hauptsächlichen Fähigkei-
ten disponiert hat, bringt in der heiligen Kommunion wunderbare
Frucht. Weil aber die Vorbereitung in allgemeinen Ausdrücken dar-
gestellt wurde, will ich hier besondere Ratschläge zu ihrer Durchfüh-
rung geben.

Besondere Ratschläge für die Vorbereitung auf die heilige Kommunion.

1. Wenn Sie nicht von Versuchungen der Neugierde geplagt sind,


sollen Sie nicht an das denken, was ich darüber gesagt habe; denn
wenn Sie daran denken, könnten Sie ihnen die Tür öffnen, um sie bei
sich einzulassen. Sie brauchen dagegen nur Gott dafür zu danken, daß
er Ihnen die Einfalt des Glaubens schenkt, die eine überaus kostbare
und wünschenswerte Gabe ist, und seine göttliche Majestät bitten, sie
Ihnen zu erhalten.
2. Wenn Sie von diesem Geist der Neugierde heimgesucht sind, tun
Sie, was ich gesagt habe, aber machen Sie es kurz in der Form einer
einfachen Ablehnung und des Absehens. Halten Sie sich nicht dabei
auf, mit dem Feind zu disputieren und zu streiten. Er muß durch
Verachtung bekämpft werden, nicht durch Vernunftgründe, nach dem
Beispiel Unseres Herrn, der ihn durch die bloßen Worte (Mt 4,10.7)
in die Flucht schlug: Weiche, Satan, du sollst den Herrn, deinen Gott
nicht versuchen.
3. Wenn die Versuchung trotzdem nicht aufhört, dann unterlassen
Sie es dennoch nicht zu kommunizieren. Denn wenn Sie es deswegen
unterließen, hätte Ihr Feind den Kampf gewonnen. Gehen Sie also
mutig, ohne der Versuchung Beachtung zu schenken, und empfangen
Sie das Brot des Lebens (Joh 6,35.48). Wenn Sie so handeln, werden
Sie siegreich über Ihren Feind sein. Wer es aufgibt, verliert es.
4. Um die Neugierde in diesem Punkt zu überwinden, überwinden
Sie sie in allen Dingen, so klein sie sein mögen. Suchen Sie keine
andere Erkenntnis als die der Heiligen, das ist Jesus Christus den
Gekreuzigten (1 Kor 2,2), und was Sie zu ihm führt.
5. Bezüglich der Erwägung wird es gut sein, wenn Sie am Tag vor
der Kommunion zur Stunde Ihres Geistesgebetes oder der Sammlung
Ihren Geist ein wenig auf Unseren Herrn in diesem Sakrament len-
ken, und sogar bei der Gewissenserforschung am Ende, und das durch
irgendeinen kurzen Gedanken an die Liebe des Erlösers zu Ihnen.

220
Und Sie können sogar bestimmte Ausrufe des mündlichen Gebetes
gebrauchen, die Sie oft wiederholen, vor allem nach der Vesper, sei es
der vom hl. Franziskus: „Wer bin ich, Herr, und wer bist du?“ Oder
der von der hl. Elisabet: Woher kommt mir das Glück, daß mein Herr
zu mir kommt (Lk 1,43)? Oder der des hl. Johannes Evangelist: Ja,
komm, Herr Jesus (Offb 22,20). Oder der von der Braut im Hohelied
(1,1): Möge mein Bräutigam mich küssen mit einem Kuß seines Mun-
des.
6. Wenn Sie Ihre Betrachtung manchmal am Vortag über die Kom-
munion halten wollen, können Sie leicht die Geheimnisse des Lebens
Unseres Herrn behandeln, die Ihnen in der Abfolge Ihres Geistesge-
betes begegnen, und sie anpassen, als geschähen Sie vor Ihnen zur
Zeit Ihrer Kommunion. Was hindert Sie denn daran, sich vorzustel-
len, daß er Ihnen dabei seine Wohltaten erweist, die er gewirkt hat,
oder innerlich die Belehrungen gibt, die er gehalten hat? Und auf
diese Weise die übrigen; und es gibt wenige Geheimnisse, die sich
dafür nicht eignen.
7. Für das Gedächtnis ist es gut, es soweit als möglich einzurichten,
daß Sie sich vor allem nach dem Abendessen weder geistig noch kör-
perlich mit etwas beschäftigen, was der Absicht der Kommunion fern-
liegt. Sie können vielmehr Ihren Geist und alle Sinne in Ihr Inneres
zurückziehen, um den Bräutigam mit der Lampe in der Hand zu er-
warten, damit das Öl nicht fehlt (Mt 25,1ff). Dazu soll die Erholung
nach dem Abendessen etwas frommer und in der Absicht der Liebe
sein, das Abendessen mäßiger, jedoch ohne Traurigkeit und ohne zu
große Strenge.
8. Um der Gemeinschaft zu helfen, sich der Wohltaten Gottes am
Tag der Kommunion zu erinnern, würde ich es gutheißen, daß jede
Schwester den Tag ihres Empfangs kennt und den der übrigen beson-
deren Gnadenerweise, die sie von Gott empfangen hat. Soweit es die
Demut und die christliche Einfachheit zulassen kann, erinnert sie die
Schwestern am Vorabend zur Stunde der Rekreation daran und bittet
sie zum Schluß, mit ihr Gott dafür zu danken. Das ist vom Jahrestag
zu verstehen; das trifft nicht immer zu, sondern manchmal.
9. Was die Läuterung des Willens betrifft, muß man ihn immer von
allen ungeordneten Neigungen freihalten, besonders aber, wenn man
zur Kommunion geht, und sehen, worauf und auf wen unsere Neigun-
gen in dieser Welt gerichtet sind, ob es nicht zu zärtlich und zu heftig
ist. Und wenn wir darin ein Zuviel sehen, müssen wir es allmählich

221
abstellen, damit wir mit David (Ps 73,25f) zu Unserem Herrn sagen
können: Was gibt es für mich im Himmel oder was will ich auf Erden,
wenn nicht dich? Du bist der Gott meines Herzens und mein ewiges
Erbteil. Denn in dieser Absicht kommt Unser Herr zu uns, damit wir
ganz in ihm und für ihn da seien. Das sind wir nicht, wenn wir unge-
ordnete Neigungen nähren, selbst zu in sich guten und erlaubten Din-
gen. Und was das Verlangen nach dem heiligen Sakrament betrifft,
muß man es erwecken aus Liebe zum Bräutigam und durch die Erwä-
gung der Ehre und des Glücks, das uns zuteil wird durch sein Kom-
men. Dazu werden die Geisteserhebungen dienen, von denen ich oben
gesprochen habe, und die Erwägungen, die ich unten angeben werde,
mit den Vorstellungen, die ich beschreiben werde.
10. Wenn man nachts aufwacht, muß man seinen Mund mit irgend-
einer guten Anmutung füllen, so mit den Namen Jesus und Maria, die
geeignet sind, den Mund mit Wohlgeruch zu erfüllen, in den Unser
Herr kommen will. Oder mit den Worten der Braut im Hohelied
(5,2): Ich schlafe, und mein vielgeliebtes Herz wacht, und ähnliche.
11. Am Morgen muß man sich mit außergewöhnlicher Freude erhe-
ben wegen des Glücks, das man an diesem Tag empfangen soll; und so
muß man sich auf die Kommunion vorbereiten.
12. Wenn man zur Kommunion geht, soll man es mit gesenkten
Augen und in sehr demütiger Haltung tun. Ich bin nicht dafür, daß
man zu diesem Zeitpunkt irgendein mündliches Gebet spricht, außer
Herr, ich bin nicht würdig (Mt 8,8) und das Confiteor. Ich billige au-
ßerdem nicht, in diesem Augenblick zu seufzen, denn das könnte
Ärgernis erregen, wenn es die Hostien bewegt, die auf der Patene
oder im Kommuniongefäß sind. Ich billige auch nicht, daß man die
Zunge über die Lippen herausstreckt, noch daß man den Mund so
wenig öffnet, daß es schwierig ist, die heilige Hostie hineinzulegen,
noch daß man sich irgendwie nach vorne bewegt, um sie zu ergreifen,
weil eine Unehrerbietigkeit entstehen könnte, wenn jener, der die
Hostie reicht, den Mund dessen nicht trifft, der sich bewegt. Daher
muß man den Mund öffnen, den Kopf heben und warten, bis der Pries-
ter die Hostie in den Mund legt, ohne eine andere Bewegung zu ma-
chen, bis sie hineingelegt ist. Ich billige es, die Hände unter das Tuch
zu halten, nicht darüber. Auf gleiche Weise soll man sich zurückzie-
hen.

222
13. Am Tag, an dem man kommuniziert hat, muß man sich um so
liebevoller mit dem heiligen Gast besprechen, den man bei sich auf-
genommen hat, und daher von anderen Beschäftigungen absehen; denn
in dieser Zeit spricht er gewöhnlich liebevoller zu unserem Herzen
und teilt ihm seine Gnaden freigebiger mit durch die wirkliche Ge-
genwart seiner Menschheit. Deshalb müssen wir mit ihm sprechen
über unsere Nöte, Schwächen und Unvollkommenheiten; in dieser
Zeit müssen wir uns mit ihm beraten über unsere Pläne, Absichten
und Ansprüche, die wir an seine Liebe haben, über die Hoffnungen,
die wir auf ihn setzen, kurz, wir müssen uns ihm schenken, wie er sich
uns geschenkt hat. Das alles muß nun geschehen durch Erhebungen
des Herzens und der Stimme, durch innere Blicke auf jenen, den wir
besitzen, und durch das Geistesgebet, je nach der Möglichkeit, die
wir haben, es nach der Kommunion zu halten.
14. Nun will ich einige Punkte vorschlagen, deren Sie sich bedienen
können, sowohl um zur Kommunion zu gehen, als auch für die Dank-
sagung nach ihr.
Bevor man zur Kommunion geht, kann man das Verlangen wecken
durch den Vergleich mit dem angeschossenen und übel zugerichteten
Hirsch, den David im Psalm 42 anstellt; er ist gut zu lesen, wenn Sie
die Psalmen in Französisch haben. Oder durch das Beispiel Magdale-
nas, die Jesus überall sucht: bei Simon dem Aussätzigen (Mt 26,6f),
im Grab (Mk 14,3; Lk 7,3-38), im Garten; die ihn weinend sucht und
zu ihm selbst sagt, er solle ihr den Ort nennen, wohin er ihn gebracht
habe: Wenn du ihn weggebracht hast, sagt sie, sag es mir, und ich will
ihn zurückholen (Joh 20,11.15). Bald wie der verlorene Sohn, indem
wir uns anspornen, uns in die Arme unseres Vaters zu werfen und ihn
zu bitten, er möge uns in seinen Dienst nehmen (Lk 15,18f); bald wie
die Kanaanäerin (Mt 15,22-27) uns anregen, ihm nachzulaufen und
ihn um die Heilung unserer Seele zu bitten; bald wie Rebekka: als sie
gefragt wurde, ob sie zu Isaak ziehen wolle, um seine Braut zu wer-
den, sagt sie ganz kurz: Ich will hingehen (Gen 24,58). Wir müssen
auch erwägen, daß wir bei diesem himmlischen Mahl unsere Seele
durch eine unauflösliche Bindung mit Unserem Herrn vereinigen;
deshalb sagen wir mit Recht: Vadam; ich will hingehen. So werden wir
in uns das Verlangen wecken, die Liebe und das Vertrauen mit großer
Ehrfurcht.
Nach der Kommunion müssen wir unsere Seele zu einigen Affekten
drängen, so z. B. zur Furcht, den heiligen Gast zu betrüben oder zu

223
verlieren, wie David getan hat mit den Worten: Herr, geh nicht fort von
mir (Ps 38,22); oder wie die beiden Pilger von Emmaus, die zu ihm
sagten: Bleib bei uns, denn es wird Abend (Lk 24,29); zu Vertrauen
und Seelenstärke mit David: Ich werde kein Unheil fürchten, weil du
bei mir bist, Herr (Ps 23,4); zur Freude des Geistes nach dem Beispiel
der guten Lea: als sie sah, daß sie ein Kind in ihrem Schoß empfangen
hatte, rief sie voll Freude aus: Nun wird mein Gatte mich lieben (Gen
29,32); denn wenn wir den Sohn Gottes in uns selbst haben, können
wir wohl sagen: Jetzt liebt mich Gott Vater; oder wie Sara: als sie
Isaak hatte, sagte sie: Gott hat mir eine Freude gemacht, und wer da-
von hört, wird sich mit mir freuen (Gen 21,5f). Und es ist auch wahr,
daß die Engel ein Freudenfest feiern über dieses heilige Sakrament
und jene, die es empfangen haben, wie der hl. Hieronymus sagt. Zur
Liebe wie die Braut im Hohelied (2,16; 1,12), die bei dieser Erwä-
gung sagte: Mein Vielgeliebter ist mein und ich bin sein; er wird zwi-
schen meinen Brüsten weilen, d. h. an meinem Herzen. Ich habe den
gefunden, den meine Seele liebt, ich will ihn sorgsam hüten.
Zur Danksagung mit den Worten, die Gott selbst zu Abraham sagte,
als er ihm das Opfer seines Sohnes brachte, denn wir können sie an
Gott Vater richten, der uns seinen eigenen Sohn als Speise gibt: Herr,
weil du mir diese große Gnade erwiesen hast, will ich dich mit un-
sterblichen Segnungen preisen und will meine Lobsprüche vervielfa-
chen wie die Sterne am Himmel (Gen 22, 16f).
Zum Entschluß, ihm zu dienen, mit den Worten Jakobs, nachdem
er die Himmelsleiter gesehen hatte: Gott soll mein Gott sein und der
Stein meines Herzens, vorher so verhärtet, soll sein Haus sein (Gen
28,21f). Und so kann man unzählige Affekte aus der Heiligen Schrift
gewinnen.
15. Wir müssen uns auch der Einbildungskraft bedienen, um unse-
ren Gast recht festlich zu empfangen. Nun können wir verschiedene
Vorstellungen erwecken; die nützlichsten sind die von Unserer lie-
ben Frau und vom hl. Josef. Welche Wonnen und Tröstungen wäh-
rend der Kindheit Unseres Herrn, wenn sie ihn auf ihren Armen tru-
gen und an die Brust drückten, wenn sie ihn küßten und er seine gött-
lichen Arme liebevoll um ihren Hals schlang! Und dann erwägen,
daß wir ihnen durch die Kommunion ähnlich geworden sind, in der
Unser Herr sich mit uns viel inniger vereinigt, als wenn er uns küßte
und umarmte.

224
Und von Unserer lieben Frau stellen wir uns vor, wie groß ihr inne-
res Feuer war, ihre Frömmigkeit, ihre Demut, ihr Vertrauen, ihr Mut,
als der Engel ihr verkündete: Der Heilige Geist wird über dich kom-
men und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten; daher wird
das Kind, das aus dir geboren wird, Sohn Gottes genannt werden; denn
bei Gott ist nichts unmöglich (Lk 1,35-37). Man darf nicht daran zwei-
feln, daß ihr gebenedeites Herz sich weit öffnete für die Strahlen sei-
ner Worte und sich in so viele Segnungen vertiefte. Im Augenblick, da
es die Botschaft vernahm, daß ihr Gott sein eigenes Herz schenkte,
d.h. seinen Sohn, gab es sich umgekehrt Gott hin; und da ergoß sich
ihre Seele in Liebe und konnte sagen: Meine Seele ist geschmolzen
oder ausgegossen, als mein Vielgeliebter mit mir sprach (Hld 5,6). Nun,
was uns betrifft, empfangen wir in der heiligen Kommunion eine eben-
solche Gnade, denn nicht ein Engel, vielmehr Jesus Christus selbst
versichert uns, daß in ihr der Heilige Geist in uns kommt und die
himmlische Kraft uns überschattet; und der Sohn Gottes kommt wirk-
lich in uns, wird sozusagen in uns geboren und wird hier empfangen.
O Gott, welche Wonnen und Freuden! Daher kann die Seele wohl
mit Unserer lieben Frau nach dieser Erwägung sagen: Siehe, ich bin
die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort (Lk 1,38). Und
welches Wort? Nach dem Wort, das sein heiliger Mund gesprochen
hat: Wer ihn ißt, bleibt in ihm und er bleibt in dem, der ihn ißt; wer
ihn ißt, wird leben: für ihn, durch ihn und in ihm, und wird in Ewig-
keit nicht sterben (Joh 6,51ff). Deshalb ist es sogar gut, nach der
Kommunion den Lobgesang Unserer lieben Frau, das Magnificat zu
sprechen, es gut zu erwägen und zu bedenken; und um das zu tun, ist
es erforderlich, seine Bedeutung in Französisch zu kennen.
Ich habe nichts gesagt von der Reinigung des Gewissens, die durch
die Beichte geschieht, weil jedermann weiß, daß man sie am Vor-
abend oder am Morgen machen muß, und mit großer Sorgfalt und
Demut.
Vielleicht werden Sie diese Anleitung auch recht lang finden; Sie
müssen aber zweierlei wissen: das eine, daß Sie das alles nicht auf
einmal machen müssen, sondern sich dessen nur bedienen in dem
Maß, als Sie erkennen, daß Sie dessen bedürfen, und davon nehmen,
was Ihnen helfen wird; und das zweite, daß ich Ihnen diese Vorberei-
tung so ausführlich unterbreitet habe, damit Sie damit anderen helfen
können, die dessen bedürfen.

225
Da indessen das größte Mittel, Fortschritte im geistlichen Leben zu
machen, die andächtige Kommunion ist, empfehle ich sie Ihnen. Und
tragen Sie Sorge, daß keine sie nachlässig oder aus Gewohnheit emp-
fange, sondern stets, um Gott in ihr zu verherrlichen und sich mit ihm
zu vereinigen, um Kraft zu gewinnen, ihm zu dienen und alle Anfech-
tungen und Versuchungen zu ertragen. So sei es.
Und sollte Ihnen irgendein Zweifel aufkommen und sollten Sie nicht
gut verstehen, was ich gesagt habe, dann wird es Ihnen Ihr außeror-
dentlicher Beichtvater erklären, oder ich, wenn Sie mir das schrei-
ben.
Ich habe vergessen, Sie daran zu erinnern, daß uns dieses Sakra-
ment nicht nur mit Unserem Herrn vereinigt, sondern auch mit unse-
ren Mitmenschen; da wir mit ihnen an der gleichen Speise teilhaben,
sind wir dasselbe mit ihnen geworden. Und eine ihrer hauptsächli-
chen Früchte ist die gegenseitige Liebe und die Herzensgüte unter-
einander. Wir halten uns ja alle an den gleichen Herrn, und in ihm
müssen wir von Herz zu Herz miteinander verkehren.

Meditation vor der Monatskommunion54

Versetzen Sie sich in die Gegenwart Gottes, bitten Sie ihn um seine
Einsprechung.
Stellen Sie sich vor, daß Sie eine arme Dienerin Unseres Herrn sind
und daß er Sie in diese Welt wie in sein Haus versetzt hat.
1. Fragen Sie ihn demütig, warum er Sie hierher versetzt hat, und
überlegen Sie, daß es nicht geschah, weil er Sie irgendwie gebraucht
hätte, sondern um an Ihnen seine Freigebigkeit und Güte auszuüben;
denn es geschah, um Ihnen den Himmel zu schenken. Und damit sie
diesen erlangen können, hat er Ihnen den Verstand gegeben, um ihn
zu erkennen, das Gedächtnis, um sich seiner zu erinnern, den Willen
und das Herz, um ihn und den Nächsten zu lieben, die Phantasie, um
sich ihn und seine Wohltaten vorzustellen; alle Ihre Sinne, um ihm zu
dienen, die Ohren, um seinen Lobpreis zu hören, die Sprache, um ihn
zu preisen, die Augen, um seine Wunder zu betrachten, und so die
übrigen.
2. Bedenken Sie: Da Sie in dieser Absicht geschaffen sind, müssen
alle Handlungen strengstens vermieden werden, die im Widerspruch

226
dazu stehen, und müssen jene geringgeachtet werden, die dazu nichts
nützen.
3. Überlegen Sie, welches Unglück es ist, auf der Welt zu sehen, daß
die Menschen zum Großteil nicht daran denken, sondern davon über-
zeugt sind, sie seien auf der Welt, um Häuser zu bauen, Gärten anzu-
legen, Weinberge zu besitzen, Gold anzuhäufen, und ähnliche ver-
gängliche Dinge.
4. Vergegenwärtigen Sie sich Ihr Elend, das einige Zeit so groß war,
daß Sie zu ihrer Zahl gehörten. Sagen Sie: Ach, was dachte ich, als ich
nicht an dich dachte? Herr, woran erinnerte ich mich denn, als ich
dich vergessen hatte? War ich nicht erbärmlich, der Eitelkeit zu die-
nen statt der Wahrheit? Ach, die Welt, die nur geschaffen ist, um mir
zu dienen, beherrschte und regierte meine Wünsche. Ich entsage euch,
ihr eitlen Gedanken, unnützen Erinnerungen, treulosen Freundschaf-
ten, verlorenen und armseligen Dienste.
Entschließen Sie sich und fassen Sie einen festen Vorsatz, künftig
treu dem zu obliegen, was Gott von Ihnen verlangt, und sagen Sie
ihm: Du sollst von jetzt an das einzige Licht für meinen Verstand
sein; du sollst der Gegenstand meines Gedächtnisses sein, das sich
nur mehr damit befassen wird, sich die Größe deiner Güte zu verge-
genwärtigen, die du so freundlich hast gegen mich walten lassen; du
sollst die einzige Wonne meines Herzens und der einzige Vielgelieb-
te meiner Seele sein.

Besondere Anwendung:

Herr, ich habe die und die Gedanken, ich will mich ihrer künftig
enthalten; ich erinnere mich zu viel an Ärger und Kränkungen, ich
will es von jetzt an aufgeben; mein Herz hängt noch an dem und dem,
was unnütz und hinderlich ist für deinen Dienst und für die Vollkom-
menheit der Liebe, die ich dir schulde; mit deiner Gnade will ich es
zurückziehen und vollständig davon frei machen, damit ich es ganz
dem deinen schenken kann.
Bitten Sie Gott inständig, er möge Ihnen die Gnade dazu geben,
und üben Sie sich an diesem Tag selbst in irgendeiner Sache, was sich
zu diesem Punkt machen läßt.
Wiederholen Sie oft das Wort des hl. Bernhard, spornen Sie nach
seinem Vorbild Ihr Herz an und sprechen Sie: Rose, wozu bist du in
diese Welt gekommen? Was machst du? Tust du, was dir dein Meister

227
als Aufgabe gegeben hat, wozu er dich in diese Welt versetzt und dich
bewahrt hat?
Niemand wird mit Rosen gekrönt werden, der nicht zuerst mit den
Dornen Unseres Herrn gekrönt wurde.
Das ist jener, der Ihre Vollendung in Gott wünscht, in dessen Her-
zen er Ihr sehr demütiger Diener ist,
Franz Bischof von Genf.

Memorandum über die gute Beichte

Die Annecy-Ausgabe (XXVI,244-266) enthält den Entwurf eines Memoran-


dums, geschrieben von zwei verschiedenen Sekretären, mit Korrekturen des hl.
Franz von Sales. Er hat es dem Herzog Roger de Bellegard im Brief vom 24. 8.
1613 angekündigt und sich entschuldigt, daß er es (aus gesundheitlichen Grün-
den) nicht selbst geschrieben hat. Der Bischof von Genf hatte auf den leichtle-
bigen Herzog im Verlauf der schwierigen Verhandlungen über die Reorganisati-
on der katholischen Seelsorge im Gebiet von Gex so tiefen Eindruck gemacht,
daß er sich gründlich bekehrte, bei Franz von Sales eine Generalbeichte ablegte
und sich unter seine geistliche Leitung stellte. Die erhaltenen geistlichen Briefe
(Band 6,246-255) geben einigen Einblick in die Art dieser äußerst klugen Füh-
rung. Auch dieses Memorandum ist auf die Situation des Herzogs abgestimmt.

Wenn Sie in der demütigsten Haltung, die Ihnen möglich ist, vor
Ihrem Beichtvater knien, dann stellen Sie sich vor, daß Sie diese Hand-
lung vor unserem gekreuzigten Herrn verrichten, der mit unver-
gleichlicher Güte und Barmherzigkeit die Vergebung und Losspre-
chung für Sie bereithält. Deshalb werden Sie sich mit heiliger Be-
schämung, die dennoch von sehr großem Vertrauen begleitet ist, ge-
mäß den folgenden Hinweisen anklagen.
Man muß sich nicht nur der Gattung der Sünde anklagen, die man
begangen hat, sondern auch ihrer Art. Daher genügt es nicht zu sagen,
daß man ein Mörder war, ein Unzüchtiger oder Räuber, sondern man
muß auch die Art des Mordes, der Unzucht und des Raubes nennen,
die man begangen hat. Wenn man z. B. den Mord an der Person des
Vaters oder der Mutter begangen hat, muß man das ausdrücklich sa-
gen, denn das heißt Elternmord. Wenn der Mord an einem heiligen
Ort geschehen ist, dann ist das ein Sakrileg; wenn man eine geweihte
Person getötet hat, ist das ein geistlicher Vatermord. Ebenso gibt es
bei der Sünde der Unzucht einen großen Unterschied zwischen ihren

228
Arten: denn eine Jungfrau verführen ist eine Schändung; mit einer
verheirateten Frau verkehren ist Ehebruch. Dasselbe gilt von anderen
Sünden.
2. Hinweis. – Man muß sich nicht nur der Art der Sünden anklagen,
sondern auch ihrer Zahl, indem man sagt, wie oft man diese oder jene
Sünde begangen hat, so genau man es nach seiner Erinnerung kann.
Und wenn man sich nicht an die Zahl der Sünden erinnern kann,
genügt es zu sagen, wie mehr oder weniger oft ungefähr; wenn man
sich auch nicht recht entscheiden kann, wie oft ungefähr, dann genügt
es zu sagen, wie lange Zeit man sich in der Sünde aufgehalten hat und
ob man sich ihr sehr hingegeben hat.
Die Notwendigkeit, so genau wie möglich die Zahl der Todsünden
anzugeben, ist wesentlich, um eine gute Beichte zu machen; denn um
den Sünder von seinen Sünden loszusprechen, muß man den Zustand
seines Gewissens kennen. Man kann aber den Zustand einer Seele
nicht erkennen, wenn man nicht annähernd die Zahl der Sünden kennt,
die sie begangen hat. Denn welche Wahrscheinlichkeit bestünde, daß
man z. B. eine Frau, die nur ein einziges Mal gegen ihren Körper
gesündigt hat wie die heilige Büßerin Aglaia, gleich einschätzt wie
eine, die vielleicht zehntausendmal gesündigt hat, wie man von der
hl. Pelagia, der hl. Maria von Ägypten und der hl. Magdalena anneh-
men kann.
3. Hinweis. – Man muß sich auch der verschiedenen Grade ankla-
gen, die es in jeder Art der Sünde gibt. Denn wie es in jeder Tugend
verschiedene Stufen gibt, auf denen man von einer zur anderen fort-
schreitend bis zur heroischen oder engelgleichen Tugend gelangt, eben-
so gibt es auch in der Sünde verschiedene Stufen, auf denen man bis
zur teuflischen Sünde hinabsteigt. Es ist z. B. ein großer Unterschied
zwischen Zürnen und Schmähen, mit der Faust schlagen oder mit
einem Stock, oder mit dem Degen und töten; das sind verschiedene
Stufen des Zorns. Dasselbe kann man sagen vom unzüchtigen Blick,
der unehrbaren Berührung und der fleischlichen Vereinigung; das
sind verschiedene Grade ein- und derselben Sünde.
Es ist richtig, daß einer, der eine schlechte Handlung gebeichtet
hat, nicht nötig hat, die anderen zu beichten, die in der Regel erfor-
derlich sind, um diese zu begehen; wer sich also angeklagt hat, einmal
Ehebruch begangen zu haben, ist nicht verpflichtet, die Küsse und
Berührungen anzugeben, die er dabei gemacht hat, denn das versteht

229
sich hinreichend, ohne daß man es sagt, und die Anklage über solche
Dinge ist enthalten im Bekenntnis der hauptsächlichen Handlung,
von der die anderen nur Zusätze sind.
4. Hinweis. – Bei den Graden der Sünde muß man auch noch den
beachten, der die Schwere der Sünde in ein- und derselben Handlung
vervielfacht oder verdoppelt. Wer z. B. einen Taler stiehlt, begeht
eine Sünde; wer deren zwei auf einmal stiehlt, begeht auch nur eine
Sünde, aber die Schwere dieser zweiten Sünde ist doppelt so groß wie
die der ersten. Ebenso kann es sein, daß man durch schlechtes Bei-
spiel einer einzigen Person Ärgernis gibt, und mit einem anderen
schlechten Beispiel der gleichen Art gibt man dreißig oder vierzig
Personen Ärgernis; und wer sieht nicht, daß die Schwere der zweiten
Sünde viel größer ist als die der ersten? So wenn einer ein Mädchen
tötet und der andere eine schwangere Frau; jeder hat nur einen Schlag
getan, aber der eine hat trotzdem mit einer einzigen Sünde zwei Mor-
de begangen, und folglich ist seine Sünde, obwohl es der Handlung
nach nur eine Sünde ist, trotzdem doppelt so schwer. Deshalb muß
man, soweit es gut möglich ist, die Art des Gegenstandes oder des
Stoffs genau angeben, durch die die Schwere der Sünde zunehmen
oder abnehmen kann. Denn wer eine Flasche Wein vergiftet hätte, für
den genügte es nicht zu sagen, er habe Wein vergiftet, um Menschen
zu töten, sondern er müßte sagen, wieviele Menschen; denn obwohl
das Vergiften durch eine Handlung geschieht, richtet sie sich auf den
Tod mehrerer Personen, und obwohl es eine einzige Handlung war,
wäre der Schaden sehr groß.
5. Hinweis. – Der Wunsch ist eine Stufe der Sünde und der Ent-
schluß zur Ausführung eine andere, und man muß sich dessen ankla-
gen, obwohl man dann nicht zur Ausführung kommt; denn wer zu
sündigen wünscht, und noch mehr, wer sich dazu entschließt, hat die
Sünde in seinem Herzen gebildet, entsprechend dem Wort Unseres
Herrn: Wer eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Her-
zen schon Ehebruch begangen (Mt 5,28); und wenn er nicht durch die
Tat gesündigt hat, sündigt er durch den Wunsch. Das versteht sich
aber von ausdrücklichen Wünschen, nicht von bestimmten inneren
Regungen, die plötzlich, unvermutet und ohne unsere Zustimmung
in unserem Herzen auftreten; wenn uns jemand – sogar während die-
ser Regungen – fragte, ob wir das wollten, wozu uns diese Regungen
zu führen scheinen, würden wir ohne Zweifel nein sagen; denn da-

230
durch sieht man wohl, daß diese Wünsche Akte unserer Natur sind,
nicht unseres freien Willens.
6. Hinweis. – Man muß sich auch schlechter Gedanken anklagen,
wenn wir uns mit einem freiwilligen Wohlgefallen an der Sünde darin
aufhalten, auch wenn ihnen weder der Wunsch noch der Entschluß
folgt. Wer z. B. Freude daran hat, bei sich zu denken, daß er seinen
Feind töte, ruiniere oder mißhandle, obwohl er nicht wünscht, zu
dessen Ausführung zu kommen, muß sich dessen trotzdem genau an-
klagen, wenn er freiwillig und bewußt an diesen Vorstellungen und
Gedanken Wohlgefallen und Freude hatte; ebenso derjenige, der sich
in Gedanken, Phantasien und Vorstellungen der Fleischeslust auf-
hält, um Freude daran zu haben, denn er sündigt innerlich gegen die
Keuschheit, zumal er zwar nicht seinen Leib der Sünde hingeben
wollte, ihr aber doch sein Herz und seine Seele hingegeben hat. Nun
besteht die Sünde mehr in der Zuwendung des Herzens als des Leibes
und es ist in keiner Weise erlaubt, bewußt Wohlgefallen und Befriedi-
gung an der Sünde zu haben, weder durch Handlungen des Leibes
noch durch Akte des Herzens.
7. Hinweis. – Um gut zu beichten, muß man noch auf bestimmte
Handlungen achten, in denen mehrere Arten von Sünden eine in der
anderen enthalten sind. Wer z. B. den Gatten töten ließe, um sich der
Frau zu erfreuen, wie David (2 Sam 11), der beginge zugleich drei
Gattungen von Sünden, denn er gäbe Ärgernis, beginge Mord und
Ehebruch. Wer einen Diener prügelt und sich dabei die Freude vor-
stellt, die er hätte, den Herrn zu verprügeln, beginge gleichzeitig zwei
Sünden, die eine innerlich, die andere äußerlich. Und wer sich beim
Verkehr mit einem Mädchen, um daran Freude zu haben, eine verhei-
ratete Frau vorstellte, die er begehrte, der beginge körperlich eine
Schändung und im Herzen einen Ehebruch.
Es gibt auch bestimmte Handlungen, die aus Todsünde und läßli-
cher Sünde gemischt zu sein scheinen, wobei man sich manchmal
sehr täuscht. Jemand wollte z. B. in heftigem Zorn einem anderen
einen schweren Schlag versetzen, der aber auswich und ihm entging;
weil sein böser Wille keinen Erfolg hatte, hält er seine Sünde für
gering, obwohl tatsächlich seine Absicht, ihn schwer zu schlagen, sie
recht groß macht. So würde derjenige nicht gut beichten, der eine
Börse gestohlen hat, in der nur ein halbes Dutzend Spielmünzen war,
die er für Taler gehalten hatte, wenn er sich nur anklagte, die Spiel-

231
münzen gestohlen zu haben; denn obwohl er nur Spielmünzen ge-
stohlen hat, hat er trotzdem in der Absicht Taler gestohlen.
8. Hinweis (über die Zeit, die man in jeder sündhaften Handlung
verbrachte) ...55

Von den Sünden gegen das 1. Gebot des Dekalogs.


In diesem ersten Gebot ist uns geboten, Gott nach den Regeln der
wahren Religion zu dienen, ihn zu ehren und zu lieben. Die Arten der
Sünde gegen dieses Gebot sind:
1. die Gotteslästerung, die nichts anderes ist als eine Schmähung
der göttlichen Majestät, die in böser Absicht geschieht, so wenn man
sagt, Gott sei nicht gut, er sei nicht gerecht, wenn man ihn verleugnet,
wenn man ihn verflucht, wenn man ihn herausfordert, und schließlich
jedesmal und sooft wir freiwillig und bewußt ungebührlich über Gott
sprechen, wie man es macht, wenn man sagt: So wahr Gott existiert;
der ist so gemein, wie Gott edel ist; Gott kümmert sich nicht darum,
was wir tun; lassen wir Gott im Paradies und bleiben wir hier, und
ähnliche Unverschämtheiten.
Es ist auch eine Art der Gotteslästerung, die Heiligen zu schmähen
oder ungebührlich von ihnen und von heiligen Dingen zu sprechen;
so z. B. die Worte der Heiligen Schrift zum Spott und Hohn unanstän-
dig zu entehren.
2. Die zweite Art der Sünden gegen dieses Gebot bildet die Gottes-
verachtung, die in Handlungen besteht, durch die wir Gott oder heili-
ge Dinge verunehren wollen; wie es jene machen, die die Sakramente,
das heilige Öl, heilige Worte zu Zaubereien gebrauchen oder sie aus
Verachtung zertreten, die Bilder zerbrechen, Altäre, Reliquien und
ähnliche Dinge zerstören.
3. Die dritte Art ist der Aberglaube, wie es der Götzendienst ist,
d.h. etwas als Gott anbeten, was nicht Gott ist; Magie anwenden, d. h.
den Teufel für irgendein Unternehmen gebrauchen, sei es, daß man
ihn offen gebraucht, wie es jene tun, die einen Pakt mit ihm geschlos-
sen haben; und Zauberei, sei es, daß man ihn heimlich gebraucht
durch unbekannte Worte und Zeichen, oder durch bekannte Worte
und Zeichen, die aber fälschlich und trügerisch angewendet werden;
ebenso zu Wahrsagern gehen und überhaupt etwas tun oder sagen, um
irgendetwas vom bösen Geist zu erlangen oder von denen, die von
ihm abhängen.

232
4. Die Gelübde brechen, die man gemacht hat, oder auch schlechte
Gelübde machen, z. B. jemand zu töten oder etwas Gutes nicht zu tun.

5. Gott versuchen, d. h. prüfen und versuchen wollen, wie es die


Juden taten, als sie ohne Notwendigkeit und ohne irgendeinen Grund
von Unserem Herrn Wunder verlangten, oder stillschweigend, wie es
diejenigen tun, die ohne Notwendigkeit und Anlaß die gewöhnlichen
Mittel mißachten, die Gott uns gegeben hat, um etwas zu machen,
und verlangen, Gott solle außergewöhnliche dafür beschaffen; auch
jene, die sich ohne Notwendigkeit in große Gefahr begeben und an-
nehmen, Gott müßte sie daraus befreien.

Auch die folgenden Sünden sind gegen dieses Gebot:

Am Glauben zweifeln. An seinem Heil oder an seiner Besserung


und an der Vergebung der Sünden zweifeln; oder aber im Gegenteil
annehmen, daß man das Heil erlange, ohne sich zu bessern, oder den-
ken, man habe die Besserung ohne Buße, ohne zu beten, sich zu bes-
sern und sich zu disponieren, um sie zu haben. Sein Herz in einer
Weise an geschaffene Dinge hängen, daß man den Schöpfer vergißt.

Schlechte Reden gegen Gott, die Heiligen und die Kirche führen;
neugierig und vorwitzig über Fragen des Glaubens disputieren; be-
streiten oder dazu überreden, daß die Gebote Gottes die Menschen
nicht verpflichten, daß man sich nicht davor fürchten müsse, sie zu
brechen, und ähnliches, was junge Leute manchmal tun, um den Geist
der Mädchen zu verführen oder sich als Kavaliere auf dem Gebiet der
Fleischessünde zu geben. Sich über Gott beklagen, Gott lästern, den
Teufel für sich oder gegen sich oder gegen die anderen anrufen, wie
jene tun, die sagen: Ich wollte, daß mich der Teufel von dieser Krank-
heit heilt, oder mir den Hals bricht, oder mir das verschafft; der Teu-
fel soll dich holen; der Teufel soll mich holen, und ähnliche Dinge.

Zaubereien anwenden und daran teilnehmen. Die Häretiker bei ih-


ren Predigten, Gebeten und Versammlungen hören; ihre Bücher be-
sitzen und alle Bücher von Wahrsagern. Unehrerbietigkeiten in der
Kirche begehen, wie jemand schmeicheln, streicheln, sich spreizen,
scherzen, eine ungehörige und anmaßende Haltung einnehmen, die
anderen am Beten hindern und ähnliche geistige Unhöflichkeiten und
Ungehörigkeiten.

233
Außerdem sündigt man gegen dieses Gebot, wenn man aus mensch-
licher Rücksicht Gott zu dienen unterläßt, wenn es der Anlaß ver-
langt. Durch die Unkenntnis der für einen guten Christen erforderli-
chen Dinge wie das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, der Engli-
sche Gruß, die Gebote Gottes und der Kirche. Am Morgen und Abend
nicht zu Gott beten, heiligen Dingen nicht die gebührende Ehre und
Achtung erweisen, den Tischsegen nicht machen oder machen lassen,
die Danksagung nach dem Essen nicht machen oder machen lassen.

Sünden gegen das 2. Gebot.

1. Ohne Zurückhaltung schwören beim Namen Gottes oder von


Heiligen und irgendwelcher anderer Geschöpfe, insofern sie von Gott
abhängen und in Beziehung zu ihm stehen, wie es jene tun, die bei
jeder Gelegenheit schwören, bei unbedeutenden Dingen ebenso wie
bei solchen von großer Bedeutung. Sie stellen den heiligen Namen
Gottes bloß und rufen seine göttliche Majestät vergeblich, leichtfer-
tig und verächtlich zum Zeugen an, ohne das geringste Urteil und
ohne Unterschied.
2. Schwören gegen die Gerechtigkeit, d. h. gegen die Vernunft. Das
tun jene, die schwören, das Schlechte zu tun oder das Gute nicht zu
tun. Das heißt doch Gott schwer mißachten, wenn man ihn zum Zeu-
gen für eine schlechte Handlung anruft, wie es Herodes tat mit dem
Schwur, den hl. Johannes den Täufer enthaupten zu lassen (Mt 14,7-
9; Mk 6,23-27). Ihm gleichen jene, die schwören, jemand zu schlagen,
ihm die Nase abzuschneiden, ihn zu ruinieren, zu töten oder anderes.
3. Die Unwahrheit beschwören, d. h. falsch schwören.
4. Andere veranlassen oder ihnen Gelegenheit geben, ohne Not-
wendigkeit, gegen die Vernunft oder falsch zu schwören.

Sünden gegen das 3. Gebot.

1. An Festtagen irgendeine knechtliche Arbeit verrichten oder die


Ursache sein, daß gearbeitet wird, ohne offensichtliche Notwendig-
keit und ohne Erlaubnis der kirchlichen Obrigkeit.
2. Es unterlassen, an Sonn- und Feiertagen der heiligen Messe bei-
zuwohnen, oder ihr wohl beiwohnen, aber ohne Aufmerksamkeit, ehr-
furchtslos und unartig. Keine Sorge tragen, daß die Diener und die
übrigen Angestellten an den genannten Feiertagen der Messe beiwoh-

234
nen. An heiligen Orten stoßen, schlagen, Unzüchtiges oder ähnliche
Zügellosigkeiten begehen.
Was die Jagd oder erlaubte Wettkämpfe und andere Übungen be-
trifft, die hauptsächlich dem Adel vorbehalten sind, so sind sie an
Feiertagen nicht als knechtliche Arbeit verboten; daher kann man
sich ihnen an den genannten Feiertagen widmen, nachdem man der
Messe beigewohnt hat.
Es wäre aber trotzdem eine zu große Pietätlosigkeit, sie an hohen
Feiertagen abzuhalten, an denen jeder, soweit es möglich ist, nicht
nur an der Messe teilnehmen soll, sondern auch an anderen christli-
chen Gottesdiensten. Es wäre auch schlecht und ein Mißbrauch der
Einrichtung der Feiertage, die heilige Zeit hauptsächlich und berufs-
mäßig für solche Beschäftigungen zu verwenden.

Sünden gegen das 4. Gebot.

Dem leiblichen Vater und der Mutter den Tod oder ein Übel wün-
schen, ebenso bürgerlichen und staatlichen Obrigkeiten, die im Staat
die Stelle des Vaters einnehmen, und kirchlichen Oberen, die die
Stelle von Vätern in der Kirche innehaben. Sich entschließen, ihnen
nicht zu gehorchen und Verachtung gegen sie zu zeigen. In seinem
Herzen nichts auf sie geben. Vorwitzig über ihr Verhalten und ihre
Absichten urteilen; oder aber im Gegenteil die einen und die anderen
so sehr lieben, daß man aus Rücksicht auf sie bereit ist, Gott zu belei-
digen. Schlecht über Vater, Mutter, weltliche und geistliche Obrig-
keiten sprechen; sie tadeln, kritisieren, sich zu Unrecht über sie be-
klagen; ihnen hochfahrende, unfreundliche und freche Antworten
geben; sie absichtlich und bewußt zum Zorn reizen. Gegen sie verär-
gert sein. Sie in ihren Nöten im Stich lassen, sie nicht trösten, ihnen
nicht nach seinem Vermögen zu Hilfe kommen.
Ebenso sündigen gegen dieses Gebot Väter, Mütter, Vorgesetzte
von Häusern, Städten und Staaten, die ihre Frauen, Kinder, Diener
und Untergebenen unwürdig und schmählich behandeln; die nicht
darauf bedacht sind, sie in der Tugend zu fördern, die ihnen in erfor-
derlichen Dingen nicht nach ihrem Vermögen beistehen; die ihnen
durch schlechtes Beispiel Ärgernis geben.
Schließlich die Kinder, Erben und Empfänger von Vermächtnis-
sen, die den Willen ihrer Wohltäter nicht erfüllen, der ihnen auferlegt
wurde.

235
Sünden gegen das 5. Gebot.

Gefallen an Gedanken der Rache haben und sich freiwillig darin


aufhalten, um Freude daran zu haben. Dem Nächsten oder sich selbst
aus Haß oder Mißgunst den Tod oder ein namhaftes Übel wünschen.
(Ich sage, aus Haß, denn es ist keine Sünde, sich oder dem Nächsten
den Tod zu wünschen zur Ehre Gottes, zu seinem Heil und aus ähnli-
chen guten Anlässen, wenn sich nicht der Haß gegen die Person ein-
mischt.) Jemand hassen; sich an ihm zu rächen wünschen; sich über
das Unglück des anderen freuen; über sein Glück betrübt sein; sich
gegen ihn empören, und in dieser Absicht nicht mit ihm sprechen
wollen. Den Nächsten beschimpfen und beleidigen; ihn verwünschen
und verachten, dazu raten oder anstiften, daß ihm Böses zugefügt wird.
Töten oder schlagen; Feindseligkeiten hervorrufen; zu Streitigkei-
ten und vor allem zum Duell herausfordern. Sich erzürnen und in
großen Zorn hineinsteigern. Das Unrecht nicht vergeben und dem die
Beleidigung nicht verzeihen wollen, der bereit ist, Genugtuung zu
leisten. Den Nächsten durch Umtriebe, Prozesse oder auf andere Weise
verfolgen. Freude daran haben, zu veranlassen, daß andere einander
prügeln, wie man es oft mit Dienern, Stallburschen und ähnlichen
Leuten macht. Armen Leuten und Toren einen Vorwand geben oder
geben lassen. Verrückte reizen und quälen, Grausamkeiten gegen sie
verüben. Sich waghalsig Gefahren und Ungemach aussetzen. Un-
fruchtbarmachung und Abtreibung bei Frauen vornehmen. Hart und
grausam gegen Arme sein; sie zugrundegehen oder große Not leiden
lassen, wenn man sie unterstützen kann. Unschuldige der Ungerech-
tigkeit überlassen, wenn man sie auf rechtmäßige und gerechte Weise
davor bewahren kann.
Es ist auch eine Sünde gegen dieses Gebot, die Seele des Nächsten
zu morden, indem man ihn zur Sünde verleitet oder ihm geistlichen
Schaden zufügt, wenn man ihn von guten Werken abbringt und ihn
böswillig daran hindert, Gutes zu tun. Es ist auch eine Sünde, ihm
nicht zum Guten zu helfen dadurch, daß man ihm dazu rät, ihn er-
mahnt und zurechtweist, wenn man es gut machen kann.

236
Sünden gegen das 6. Gebot.

Unehrbare Gedanken haben und freiwillig unterhalten, um Freude


an der sinnlichen Lust zu haben, die daraus entstehen kann. Unehrba-
re Handlungen wünschen. Unzüchtige Worte sagen oder Lieder sin-
gen, vor allem, wenn es in schlechter Absicht geschieht. Sich der Sün-
de des Fleisches rühmen, aufschneiden und sich darauf etwas zugute
tun; Worte zu ihren Gunsten sagen, sie entschuldigen und ihre Schwere
herunterspielen. Unzüchtige Bücher und Bilder haben.
Personen unzüchtig anschauen. Geschenke senden, Versprechun-
gen machen, Liebesbriefe schreiben, Botschaften schicken, ein Stell-
dichein geben oder annehmen und alle Arten von Bestrebungen, die
in unzüchtiger Absicht unternommen werden. Umwerben, liebko-
sen, den Hof machen und alle Arten der Liebelei, obwohl die Absicht
am Anfang nicht ganz fleischlich zu sein scheint.
Unehrbare Berührungen bei sich oder anderen machen mit der Ab-
sicht der sinnlichen Lust. Sich selbst oder andere zur Pollution reizen;
Unzucht treiben, d. h. Verkehr mit Frauen haben, die nicht jungfräu-
lich, nicht verheiratet, nicht geweiht und nicht verwandt sind. Ehe-
bruch begehen, der geschieht, wenn einer der Partner oder beide ver-
heiratet sind. Schändung begehen, d. h. eine Jungfrau verführen, die
einwilligt. Vergewaltigung begehen, d. h. eine Frau oder ein Mädchen
mit Gewalt nehmen. Inzucht begehen, d. h. Verkehr haben mit einer
Verwandten oder Verschwägerten, sowohl geistig als natürlich; ich sage
geistig wegen Gevatter und Gevatterin, Paten und Patin, Patensohn
und Patentochter. Ein Sakrileg begehen, d. h. Verkehr mit gottgeweih-
ten Personen haben, wie Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen,
oder eine unzüchtige Ausschweifung an heiligem Ort begehen. Das
abscheuliche Laster der Sodomie begehen, d. h. den fleischlichen Akt
mit einer Person des eigenen Geschlechts vollziehen oder auch mit
einer Person des anderen Geschlechts, aber an nicht zur Zeugung be-
stimmten Stellen. Schließlich entweder Tiere oder den Teufel gebrau-
chen; das sind die schrecklichsten Ausschweifungen.
Dieses Gebot erstreckt sich auch darauf, daß die Eheleute einander
treu die eheliche Pflicht leisten, indem sie den von Gott gesegneten
Akt zugunsten der Ehe und nach der Vernunft gebrauchen, sowohl
zur Zeugung als auch zur Erhaltung der zwischen Eheleuten erfor-
derlichen Freundschaft und Gefälligkeit. Sie sollen daran denken,
daß sie vernunftbegabte Menschen und Christen sind und daß einer

237
den anderen in Heiligkeit und Ehrbarkeit besitzen soll (1 Thess 4,4),
in Zuneigung und Liebe, und immer in den Grenzen, die die Natur
vorgeschrieben hat.

Sünden gegen das 7. Gebot.

Das Gut des Nächsten stehlen; es zu Unrecht zurückbehalten. Beim


Kaufen und Verkaufen, ja sogar beim Spielen betrügen, Wucher trei-
ben; ungerechte Verträge schließen. Benefizien kaufen oder verkau-
fen. Die Kirche um Zehnten und Erstlingsgaben betrügen oder um
die Erstlingsgaben von Tributen und gerechten Zöllen. Ungerechter-
weise Prozesse führen. Den Lohn der Diener, Taglöhner, Handwer-
ker, Arbeiter und Soldaten vorenthalten. Ungerecht und gegen die
Vernunft Zölle, Steuern, Kontributionen und Beschlagnahmungen
auferlegen. Schulden nicht zahlen, wenn man es tun kann. Übermäßi-
ge Schulden machen, für die man nicht zahlungsfähig ist oder die nur
schwer zu zahlen sind. Leute, die zu Unrecht das Gut des Nächsten
besitzen, gegen das gerechte Vorgehen der wahren Besitzer und Her-
ren begünstigen. Diebstahl, Erpressung und andere Schädigungen des
Nächsten nicht verhindern. Und allgemein dem Nächsten ohne Grund
das Gut, die Ehre und die Bequemlichkeit nehmen oder vorenthal-
ten; ebenso auch Verschwendung und übertriebene Ausgaben machen,
für die man Anleihen macht und sich der Mittel begibt, dem Armen
beizustehen, und seiner Familie Leid zufügt.

Sünden gegen das 8. Gebot.

Schlecht und leichtfertig über das Gewissen und die Handlungen


des Nächsten urteilen. Nun, leichtfertig urteilt man, wenn es ohne
rechtmäßige Grundlage geschieht. Schlechtes über den Nächsten sa-
gen oder bewirken, daß schlecht über ihn gesprochen wird; das ge-
schieht auf verschiedene Weise:
Erstens durch Lug und Trug. Das ist nichts anderes, als jemand ein
Vergehen oder ein Laster anlasten, das er nicht hat; durch Vergröße-
rung des Lasters oder der Sünde, die jemand hat; durch Enthüllung
der geheimen Schuld eines anderen; durch schlechte Auslegung der
Absicht, indem man die guten Handlungen des Nächsten in schlech-
tem Sinn auslegt, indem man leugnet, daß an einem Menschen etwas

238
Gutes ist, das er hat, oder die berechtigte Achtung herabsetzt, die
man vor einem Menschen haben muß; indem man schweigt, wenn
man gerechterweise einen Menschen gegen einen Vorwurf verteidi-
gen kann.
Item: Auf irgendeine Weise lügen, besonders wenn die Lüge dem
Nächsten Schaden bringt. Schmähschriften lesen lassen, besitzen, vor-
tragen, die nicht öffentlich bekannt sind. Die Wahrheit verheimli-
chen oder die Unwahrheit bei Gericht sagen. Streitigkeiten entfa-
chen. Beschuldigungen, Verleumdungen, Übertreibungen in Prozes-
sen und anderen wichtigen Auseinandersetzungen gebrauchen. Freu-
de daran haben, wenn man üble Nachreden und Verleumdungen hört.

Sünden gegen das 9. Gebot.

Die Frau des Nächsten begehren oder seine Tochter oder andere
Personen, die zu ihm gehören, um sie zu haben und fleischlich zu
gebrauchen; denn wie das 6. Gebot die Unzucht im Effekt verbietet,
so verbietet sie das 9. im Affekt.

Gegen das 10. Gebot.

Das Gut des Nächsten begehren, auf welche Weise es auch sei, um
es ungerechter Weise und zum Nachteil des Nächsten zu besitzen,
denn wie das 7. Gebot den Diebstahl in der Tat verbietet, so verwehrt
ihn das 10. dem Wunsch nach.

Prüfung über die Hauptsünden.

Über den Stolz. – Der Stolz ist nichts anderes als der übermäßige
Wunsch nach einer Größe, die im Mißverhältnis zu dem steht, der sie
will. Daher besteht die Sünde des Stolzes darin, das Gute, das man
von einem anderen hat, sich zuzuschreiben, als hätte man es aus sich
selbst; zu denken, man verdiene die Güter und Gaben, die man hat,
obwohl dem nicht so ist; sich Güter und Gaben zuzuschreiben, die
man nicht hat; sich über andere erhaben dünken in Dingen, in denen
man sich nicht überheben darf. Nun ist der Stolz eine Todsünde, wenn
man nicht anerkennen will, daß von Gott kommt, was man hat; wenn
man bereit ist, gegen die Gebote Gottes zu verstoßen, um sein eitles

239
Ansehen zu wahren, und wenn man den Nächsten in einer bedeuten-
den Sache herabsetzt und verachtet, um sich zu überheben.
Der Stolz ist mit dem eitlen Ruhm verbunden, der darin besteht,
sich dessen zu rühmen, was man nicht hat, oder solcher Dinge, die
dessen nicht wert sind, oder solcher, die uns nicht gehören, oder
schlechter Dinge; oder darin, den Ruhm für das Gute, das man hat,
ohne Anerkennung Gottes haben zu wollen, von dem es kommt.
Mit dem eitlen Ruhm hängt die Prahlerei zusammen; sie besteht
darin, daß man sich einer schlechten Sache rühmt oder einer guten,
aber mehr, als man darf, oder mit Verachtung des Nächsten, so wenn
man sich rühmt, mehr zu sein als die anderen; oder zum Schaden des
Nächsten, so wenn man sich rühmt, diese oder jene Krankheit heilen
zu können, und wenn die Menschen darauf eingehen und getäuscht
werden.
Die Scheinheiligkeit ist ebenfalls ein Zweig des Stolzes; sie besteht
darin, den Anschein zu erwecken, daß man heilig oder tugendhaft ist,
um den Nächsten hinzuhalten oder zu täuschen. Daraus ergibt sich
die Rechthaberei, die nichts anderes ist als ein Streit mit Worten ge-
gen die Wahrheit. Darauf folgt die Zwietracht, die nichts anderes ist
als ein übertriebener Widerspruch gegen den Willen des Nächsten,
der seinen Gipfel erreicht, wenn der Eigensinn dazukommt, durch
den man fest auf seiner Meinung beharrt, wenn auch ohne gute Grund-
lage.
Die Neugierde gehört ebenfalls zum Stolz; sie ist nichts anderes als
ein maßloses Verlangen, die Dinge zu wissen und zu kennen, die nicht
von unserem Fach sind oder die gefährlich oder verboten sind.
Darauf folgt das Trachten nach dem Ungewöhnlichen in der Klei-
dung, im Reden und in den Auffassungen und schließlich der Unge-
horsam und die Verachtung der Gesetze und der Obrigkeit.
Aus all dem geht die Vermessenheit hervor, durch die man es unter-
nimmt, mehr zu tun, zu sagen, zu scheinen und zu sein, als uns zu-
steht; so wenn man über Dinge sprechen will, die man nicht versteht,
eine Kunst auszunützen, die man nicht beherrscht, oder mehr zu schei-
nen, als man ist, oder mehr sein zu wollen, als man kann. Und dieses
Letzte führt zur Ruhmsucht, die nichts anderes ist als ein übertriebe-
nes Streben nach Ehren und Würden.
Über den Geiz. – Der Geiz ist nichts anderes als der maßlose Wunsch,
zeitliche Güter unrechtmäßig zu besitzen, und von ihm kommen alle

240
Sünden gegen das 7. Gebot; so auch die Herzenshärte, die nichts an-
deres ist als eine übergroße Sorge, den Besitz, den man hat, zu erhal-
ten, selbst so weit, daß man kein Mitleid mit Elenden hat. Ebenso die
Unruhe, die die Sorge und die übertriebene Gier nach zeitlichen
Gütern in unserem Geist hervorruft. Daraus entstehen sehr oft Täu-
schung, Betrügereien, Meineid, Gewalttaten und Verrat.
Über die Unkeuschheit. – Die Unkeuschheit ist nichts anderes als
die zügellose Begierde nach der Fleischeslust. Nun ist das Verlangen
ungeordnet, weil man die Lust mit einer Person genießen will, die uns
nicht gehört, wie es bei der Unzucht und beim Ehebruch geschieht,
oder weil man sie genießen will gegen die von der Natur aufgestellte
Ordnung; oder weil man sie genießen will gegen das Ziel und die
Absicht, für die diese Lust bestimmt ist. Nun, von der Unkeuschheit
hängen alle Sünden gegen das 6. Gebot ab, die den Geist fahrig, düs-
ter, leichtfertig, unbeständig, irdisch und roh machen.
Über den Zorn. – Der Zorn ist nichts anderes als das Verlangen nach
Rache und bringt alle Sünden hervor, die wir beim 5. Gebot ange-
führt haben; sie führen zu folgenden Sünden: 1. die Empörung, die
darin besteht, den Nächsten als nichtswürdig zurückzuweisen. 2. die
Aufgeblasenheit des Herzens, die nichts anderes ist als eine Ansamm-
lung von Gedanken und Regungen, die das Herz zur Rache drängen.
3. die Verrohung der Stimme und der Sprache. 4. Beleidigungen. 5.
Schmähungen. 6. Zänkereien und Streitigkeiten.
Über die Unmäßigkeit. – Die Unmäßigkeit ist nichts anders als eine
ungeordnete Begierde zu trinken und zu essen. Die Unordnung be-
steht nun entweder darin, Verlangen nach allzu erlesenen Speisen
und Getränken zu haben, oder sie in zu großer Menge zu genießen,
oder sie besonders seltsam zubereiten zu lassen, oder sich daran allzu
köstlich zu ergötzen, oder sie außer der Zeit zu genießen.
Die Unmäßigkeit hat zwei Äste: die Gefräßigkeit, die sich auf die
Speisen bezieht, und die Trunksucht, die Getränke betrifft. Sie ver-
blödet den Verstand, führt zur Auflösung, verwirrt die Sprache, besu-
delt den Leib und schändet das ganze Leben.
Über den Neid. – Der Neid ist nichts anderes als die Betrübnis, die
wir über den Besitz des anderen empfinden, insofern er den unseren
zu vermindern scheint, denn man kann über den Besitz eines anderen
betrübt sein, nicht nur ohne zu sündigen, sondern aus Liebe; so wenn
man betrübt ist, daß die Unwürdigen bevorzugt werden und die Fein-
de des Staates Erfolg haben.

241
Aus dem Neid entstehen Eifersucht, Konkurrenz, Haß, Murren, Her-
absetzung, Freude über das Unglück des anderen und tausenderlei
Übel.
Über die Trägheit. – Die Trägheit ist nichts anderes als eine bestimmte
Trübseligkeit, die man empfindet, das geistlich Gute zu wirken. Sie
kommt von einer großen Liebe zu zeitlichen Dingen und von zu gro-
ßem Genuß an sinnlichen Dingen; es verdrießt uns, sie aufzugeben,
um die Tugend zu üben. Sie kommt auch von der Scheu vor der An-
strengung und Mühe, die es kostet, die guten Werke zu vollbringen.
Sie führt zur Mutlosigkeit, durch die man das Gute nicht zu unter-
nehmen wagt, das uns vorgeschlagen wird; zur Betäubung des Geis-
tes, durch die man gehindert wird, sich aufzuraffen, das Gute zu tun;
zur böswilligen Verbitterung, durch die man die christliche Vollkom-
menheit haßt; zu Groll und Abneigung gegen geistliche Personen,
weil sie uns zum Guten auffordern; zur Unachtsamkeit auf gute Din-
ge, zur Hoffnungslosigkeit, als ob es unmöglich wäre, die Gebote
Gottes zu beobachten und gerettet zu werden.

Sünden gegen die Gebote der Kirche.

Gegen das 1. Gebot der Kirche sündigt man, wenn man die Fasten-
zeit nicht hält, die Freitage, Samstage, Vigilien und Quatembertage,
was den Genuß verbotener Speisen betrifft, oder aber nicht fastet.
Das versteht sich, wenn man nicht durch einen rechtmäßigen Um-
stand verhindert ist.
Gegen das 2. Gebot sündigt man, wenn man an Sonn- und Feierta-
gen nicht der ganzen Messe beiwohnt, außer man ist ebenfalls durch
einen rechtmäßigen Grund entschuldigt. Wenn man nun zwar nicht
genau der ganzen aber fast der ganzen Messe beigewohnt hat, gilt das
für das Hören der ganzen Messe: so wenn einer während der Epistel
eintrifft und dem ganzen Rest der Messe beiwohnt, der hat dem Ge-
bot entsprochen, weil die Kirche nicht die Absicht hat, strenger als so
zu verpflichten.
Gegen das 3. Gebot sündigt man, wenn man es unterläßt, an Ostern
zu beichten, oder wenn man bei einem beichtet, der keine Vollmacht
hat.
Gegen das 4. Gebot sündigt man, wenn man zu Ostern die Kommu-
nion nicht empfängt. Nun gilt als Kommunion zu Ostern, wenn man

242
sie in den acht Tagen vor oder in den acht Tagen nach dem Osterfest
empfängt.
Gegen das 5. Gebot sündigt man, wenn man den Zehnten und ande-
re Verpflichtungen nicht entrichtet, die man der Kirche schuldet.

Zur Unterscheidung von Todsünde und läßlicher Sünde.

Das ganze Gesetz Gottes besteht aus diesen zwei Geboten: Du sollst
Gott über alles lieben und deinen Nächsten wie dich selbst (Mt 22,37-
40; Mk 12,30f). Deshalb muß man alles als Todsünde betrachten, was
im Widerspruch zur Gottesliebe und zur Nächstenliebe steht, wenn
der Gegensatz vollständig ist; ist der Gegensatz nicht vollständig und
vollendet, sondern unvollständig und unvollendet, dann ist es nur eine
läßliche Sünde.
Nun wird der Gegensatz zur Gottesliebe und zur Nächstenliebe auf
dreifache Weise als unvollständig betrachtet:
1. Von der Seite unseres Willens, wenn unsere Freiheit nicht voll-
ständig ist und folglich unser Wille nicht mit voller Überlegung und
mit dem vollen Gebrauch seiner freien Entscheidung handelt. So ge-
schieht es manchmal, daß wir jemand ein Schimpfwort sagen durch
einen so plötzlichen Ausbruch des Zorns, daß wir es sagten, bevor wir
es überlegten. Denn obwohl die Beleidigung des Nächsten in der Re-
gel eine Todsünde ist, ist sie in diesem Fall, weil der Willensakt sehr
unvollkommen und unüberlegt war, dennoch nur eine läßliche Sün-
de, denn der Widerspruch zur Gottesliebe war in diesem Willensakt
kein voller und vollendeter Gegensatz, sondern ein Widerspruch, der
durch Überraschung und Unaufmerksamkeit entstanden ist und weil
der Wille nicht ganz bei sich war.
2. Der Widerspruch zur Gottes- und Nächstenliebe ist manchmal
unvollkommen, weil der Gegenstand, durch den er hervorgerufen wur-
de, geringfügig war. So ist z. B. das Stehlen eine Todsünde, weil der
Diebstahl ein Widerspruch zur Nächstenliebe ist; wenn aber das, was
man stiehlt, so geringfügig ist, daß der Schaden, der dem Nächsten
dadurch entsteht, äußerst gering und nicht nennenswert ist, dann ist
folglich der Widerspruch dieser Handlung zur Nächstenliebe kein
vollständiger Gegensatz, sondern eher ein Anfang des Gegensatzes.
Wer also einen Apfel, eine Birne, einen Pfennig stiehlt, begeht nur
eine läßliche Sünde, weil er nur sehr wenig gegen den Nächsten fehlt
und folglich nicht vollständig gegen die Liebe verstößt, die ihm ge-

243
bührt. Ebenso werden nicht als Todsünde betrachtet der leichte Zorn-
ausbruch, der kleine Verdruß und irgendeine oberflächliche und un-
vollkommene Liebkosung der Frau des Nächsten.
3. Der Widerspruch zur Gottes- und Nächstenliebe ist unvollkom-
men wegen der Natur der Handlung selbst, die wir vollbringen, die an
sich nicht vollkommen schlecht ist, sondern nur durch irgendeinen
Mangel in sich. Dieser Mangel bewirkt keinen Widerspruch zur Got-
tes- und Nächstenliebe, sondern nur zur Vollkommenheit der Liebe.
So z. B. eine Lüge im Scherz, oder um jemand zu entschuldigen: Das
ist eine Handlung, die nicht im Widerspruch zur Gottes- und Nächs-
tenliebe steht, oder wenn sie ihr widerspricht, dann durch einen sehr
unvollkommenen Gegensatz, der eher die Vollkommenheit der Lie-
be betrifft als die Liebe selbst. Denn obwohl der Nächste die kleinen
Lügen für die Wahrheit hält, fügt ihm das keinerlei Schaden zu.
Nun sage ich dennoch, daß die Vollkommenheit der Liebe beein-
trächtigt wird, weil die Vollkommenheit der Liebe nicht nur verlangt,
daß wir dem Nächsten nicht schaden, sondern auch, daß wir ihn in
seinen berechtigten Erwartungen nicht enttäuschen und daß wir uns
selbst nicht widersprechen. Nun wünscht naturgemäß jeder die Wahr-
heit über die Dinge zu erfahren, die ihm vorgestellt werden, und wir
widersprechen uns selbst, wenn wir das Gegenteil unserer Gedanken
sagen. Ebenso ist es nicht lobenswert, länger zu spielen, als es zur
Erholung erforderlich ist, aber es ist an sich kein Widerspruch zur
Gottes- und Nächstenliebe, denn offenkundig liegt darin keine Bös-
artigkeit, sondern es ist nur unnötig.

Mittel, um die Großen von der Fleischessünde abzubringen.

Die Großen begehen diese Sünde in der Regel nur durch Vermitt-
lung irgendwelcher vertrauter Boten und Werber. Wenn sie es daher
mit Vorbedacht unternehmen, sich von dieser Sünde zu bessern, müs-
sen sie aus ihrem Gefolge Leute dieser Art entfernen, denn auf diese
Weise verlieren sie die leichte Möglichkeit, wieder ins Unglück zu
geraten. Diese Entfernung kann nun unter vielen guten Vorwänden
geschehen.
Soweit es die Umstände der Aufgaben zulassen, sollen sie außer-
dem ihre Frauen bei sich haben; die Ehe ist ja nicht nur zur Zeugung

244
von Kindern eingesetzt, sondern auch als Heilmittel gegen die Be-
gierlichkeit.
Es ist immer sehr nützlich, eine bestimmte Art von Leuten, sei es
Adelige oder andere, um sich zu haben, die sehr gottesfürchtig sind.
Denn wie die Gegenwart von Bösen die Zustimmung zum Schlechten
erleichtert, so erleichtert auch die Gegenwart von Guten den Wider-
stand dagegen. Das war einer der heiligen Kunstgriffe des glorreichen
hl. Ludwig, der in seiner Nähe immer irgendeinen Mann von großer
Frömmigkeit hatte; der Umgang mit ihm stärkte und tröstete ihn sehr.
Wenn daher die Großen einen von diesen Leuten in ihrer Nähe haben,
werden sie dadurch bewundernswert vom Bösen abgelenkt und gegen
die Versuchungen gefestigt.
Wenn man sich mit Vorbedacht entschlossen hat, dieses Laster auf-
zugeben, ist es gut, sich darüber den Leuten unserer engsten Umge-
bung zu erklären, um uns durch unser eigenes Wort und die Erklä-
rung im Zaum zu halten.
Es ist auch gut, beim Morgen- und Abendgebet einen besonderen
Entschluß gegen diese Sünde zu fassen und diesen Entschluß Gott
aufzuopfern, bald zu Ehren seiner Passion, bald zu Ehren seiner Ge-
burt, bald zu Ehren seines Begräbnisses; manchmal zu Ehren der
glorreichen Jungfrau Maria, seiner Mutter, dann wieder zu Ehren
unseres Schutzengels; und so abwechselnd zu Ehren der Heiligen, die
wir besonders verehren, indem wir erklären, daß wir aus Liebe zu
ihnen an unserem Entschluß festhalten. Und wer zum Gebet zum
gleichen Zweck irgendein Almosen hinzufügt, macht es noch besser.
Es ist auch gut, für den Fall, daß man rückfällig wird, sich eine
bestimmte Buße aufzuerlegen, selbst durch ein Gelübde; eine solche
wäre, bestimmte Gebete kniend zu verrichten, zu fasten und ähnli-
che. Vor allem aber ist das vorzüglichste Heilmittel gegen dieses Übel,
oft zu beichten und zu kommunizieren. Nun, wenn es auch in diesen
Heilmitteln einige Schwierigkeiten gibt, wird sich doch derjenige
leicht dazu entschließen, sie anzuwenden, der daran denkt, daß man
entweder mit allen Mitteln diese Sünde aufgeben oder die Gnade
Gottes verlieren und ewig verloren sein muß.

Gebet vor der Beichte

Herr, gib, daß ich die Menge und die Größe meiner Sünden sehe,
damit ich sie verabscheue und mich in die Größe meines Elends vertie-

245
fe; aber laß mich auch die Grenzenlosigkeit deiner Güte sehen, damit
ich sie bekenne. Und wie ich vor dir und dem Himmel demütig be-
kenne, daß ich schlecht bin, ja die Schlechtigkeit selbst, weil ich dich
so oft beleidigt habe, will ich auch laut bekennen, wie du gütig bist, ja
die Güte selbst, weil du mir so barmherzig verzeihst. Erhabene Güte,
gewähre diesem elenden Sünder Vergebung, der in diesem sterbli-
chen Leben seine Sünden bekennt und beichtet, in der Hoffnung, im
ewigen Leben deine Barmherzigkeit zu bekennen und zu preisen durch
die Verdienste des Todes und der Passion deines Sohnes, der mit dir
und dem Heiligen Geist ein einziger Gott ist, der du lebst und re-
gierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Über das Kreuzzeichen 56

Wenn du das Kreuzzeichen machst, sollst du dir vorstellen, daß du


den gekreuzigten Jesus Christus ergreifst als einen Schild gegen alle
Feinde, als Baum des Lebens, als Säule der Sicherheit.
Stell dir manchmal vor, dein Herz sei ein Garten, und wenn du das
Kreuzzeichen machst, du pflanzest in ihm den kostbaren Baum des
Kreuzes ein; oder es sei eine Festung, auf der du diese Standarte auf-
richtest; oder es sei wie ein fürstliches Gemach, das du mit diesem
Schlüssel verschließest; oder es sei wie ein Brief, den du mit diesem
Siegel verschließest, damit er nicht den Blicken der Feinde ausge-
setzt werde, entsprechend dem Wunsch der Braut des Hoheliedes
(8,6), die sagt: Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz, oder wie eine
Standarte. Und davon wirst du den Vorsatz ableiten, die Festung nur
dem zu übergeben, dem diese Standarte gehört, und das Gemach nur
dem zu öffnen, der den Schlüssel hat.

Methode des Rosenkranzgebetes57

Nachdem Sie Ihren Rosenkranz beim Kreuz genommen und es ge-


küßt haben, werden Sie mit ihm das Kreuzzeichen über sich machen
und sich in die Gegenwart Gottes versetzen, ihm Ihre Seele aufopfern
mit allen ihren Fähigkeiten, vor allem Ihren Verstand und Willen,
mit großem Verlangen, aufmerksam die Geheimnisse unseres Glau-
bens zu betrachten und aus ihnen das heilige Verlangen zu gewinnen,

246
die Tugenden nachzuahmen, die unser Erlöser uns gelehrt hat, und
andere Akte der Gottesliebe zu machen, der Bewunderung seiner gren-
zenlosen Vollkommenheiten, der Danksagung für seine Wohltaten,
der Reue über Ihre Sünden, heiliger Vorsätze, sich zu bessern, Ihre
Leidenschaften zu überwinden, in der Tugend Fortschritte zu machen.
Danach werden Sie Gott bitten, bei den Verdiensten des Lebens, des
Todes und der Passion unseres Erlösers, auf die Fürsprache der glor-
reichen Jungfrau und Ihres Schutzengels, Ihre schwachen Gebete an-
zunehmen für jene Lebenden und Verstorbenen, für die Sie sich zu
beten vorgenommen haben.
Darauf werden Sie mit großem Glauben das Credo beten, und um
sich vorzubereiten, den Rosenkranz andächtig zu beten, werden Sie
um den göttlichen Beistand bitten mit den Worten: Deus, in adjutori-
um meum intende: Domine, ad adjuvandum me festina; und Sie wer-
den hinzufügen: Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto, 58 und dies,
um mit großem Verlangen die heiligste Dreifaltigkeit zu verherrli-
chen. Schließlich werden Sie den frommen Hymnus ‚Memento salu-
tis auctor‘ hinzufügen mit dem Versikel ‚Dignare me laudare te, Vir-
go sacrata‘.59
Nach dieser Vorbereitung werden Sie den Rosenkranz beginnen
und bei den drei kleinen Perlen um die Fürsprache der glorreichen
Jungfrau bitten, damit Sie ihn gut beten und daraus irgendeine geist-
liche Frucht gewinnen können. In dieser Absicht werden Sie bei der
ersten der drei kleinen Perlen Unsere liebe Frau grüßen als die teuer-
ste Tochter des ewigen Vaters; bei der zweiten werden Sie sie grüßen
als Mutter des vielgeliebten Sohnes Gottes, unseres Erlösers; und bei
der dritten werden Sie sie grüßen als vielgeliebte Braut des Heiligen
Geistes.
Darauf werden Sie die Geheimnisse des Rosenkranzes zu meditie-
ren beginnen, indem Sie entweder die freudenreichen oder die
schmerzhaften oder die glorreichen nehmen oder sogar irgendeinen
anderen frommen Gegenstand, den Gott Ihnen eingeben wird, indem
Sie sich mit seiner Betrachtung befassen, während Sie die erste Deka-
de beten. Und mir scheint es noch nützlicher zu sein, sich damit ein
wenig zu befassen, bevor Sie beginnen. Dann werden Sie das Vaterun-
ser beten, mit dem alle unsere Gebete beginnen müssen, da es das
vorzüglichste ist, das wir verrichten können. Dann werden Sie die
zehn Ave Maria beten und auf diese Weise fortfahren, die fünf Deka-
den eines Teiles des Rosenkranzes zu beten.

247
Am Schluß werden Sie die große Perle wieder aufnehmen, die sich
am Anfang des Rosenkranzes befindet, und Gott danken für die Gna-
de, die er Ihnen erwiesen hat, indem er Ihnen den Rosenkranz zu
beten gewährte. Sie werden ihn um den Beistand seiner Gnade bitten,
um die guten Vorsätze verwirklichen zu können, die er Ihnen geschenkt
hat. Und indem Sie zu den folgenden drei kleinen Perlen weiterge-
hen, werden Sie die seligste Jungfrau grüßen und sie bei der ersten
bitten, Ihren Verstand dem ewigen Vater aufzuopfern, damit Sie im-
mer seine Erbarmungen erwägen können; bei der zweiten werden Sie
sie bitten, Ihr Gedächtnis dem Sohn aufzuopfern, damit Sie für im-
mer die Erinnerung an seine Passion bewahren; bei der dritten wer-
den Sie sie bitten, Ihren Willen dem Heiligen Geist darzubringen,
damit Sie für immer von seiner heiligen Liebe entflammt sein kön-
nen.
Bei der großen Perle schließlich, die sich ganz am Ende befindet,
werden Sie einen geistlichen Blumenstrauß der Zusammenfassung
machen, alle guten Vorsätze und Entschlüsse erneuern, die Sie bei
der Meditation dieser fünf Geheimnisse gefaßt haben. Sie werden die
göttliche Majestät bitten, daß sie Ihre Gebete annehme und bestimme
zu seiner Ehre und Verherrlichung, zum Wohl seiner Kirche, in de-
ren Glauben und Einheit alle Verirrten zurückzuführen Sie seine Güte
bitten werden, indem Sie, wie Sie begonnen haben, schließen mit dem
Bekenntnis des Glaubens, indem Sie das Credo beten.
Machen Sie dann das Kreuzzeichen, küssen Sie das Kreuz und tra-
gen Sie Ihren Rosenkranz am Gürtel als ein heiliges Kennzeichen,
durch das Sie bekennen wollen, daß Sie ein dem Dienst des Erlösers
ganz hingegebener Diener sein wollen, indem Sie ganz andächtig die
Worte Davids (Ps 116,16) sprechen: Servus tuus sum ego, et filius
ancillae tuae.60

248
IV. Leichenrede für den Herzog de Mercour

Der Fürst Philipp Emmanuel von Lothringen, Herzog de Mercoeur, war nach
einer glanzvollen militärischen Laufbahn, zuletzt in den Türkenkriegen, am 19.
Februar 1602 im Alter von 43 Jahren in Nürnberg an Scharlach gestorben. Seine
Witwe lud Franz von Sales, der damals in diplomatischer Mission in Paris weil-
te, ein, die Leichenrede für ihn zu halten; sie fand am 27. April 1602 in der
Kathedrale Notre Dame von Paris vor dem Hof und dem Adel statt. Auf Wunsch
der einzigen Tochter des Verstorbenen, der Prinzessin Franziska von Lothringen
(vgl. Band 8,73), ließ er sie drucken und schickte ihr eine Widmung an die
Prinzessin voraus. Die Annecy-Ausgabe veröffentlicht sie unter den Predigten:
VII,400-435.
Diese Leichenrede findet, abgesehen vom historischen und biographischen
Interesse, hier ihren Platz, weil Franz von Sales nach seinen eigenen Worten im
‚Brief über die Predigt‘ (s. A/II) in ihr ein Bild des christlichen Lebens in der
Welt gezeichnet und die Lebenstüchtigkeit eines aufrechten Christen darge-
stellt hat, wie er es später in der ‚Philothea‘ anstrebte.

Widmung an die Prinzessin

Mademoiselle,
ich hatte erwartet, die Leichenrede gedruckt zu sehen, die bei der
großartigen Leichenfeier in Lothringen mit solchem Glanz vorgetra-
gen wurde, um das Begräbnis Ihres Herrn Vaters zu ehren, und hatte
erwartet, auf diese Weise leichter entschuldigt zu werden, diese hier
nicht drucken zu lassen. Diese Hoffnung ging aber nicht in Erfüllung,
und da ich es nicht länger hinausschieben konnte, jener zu gehorchen,
die die Macht hat, mir zu befehlen, hoffe ich wenigstens um so eher
auf Nachsicht, daß ich diese so schlecht geschliffene Rede mit so
vielen Fehlern veröffentliche, wenn man bedenkt, daß es aus demüti-
gem Gehorsam geschieht. Sie wurde so freundlich aufgenommen, als
ich sie vortrug vor so vielen großen Prinzen und Prinzessinnen, in
Gegenwart der ältesten Tochter der französischen Astrée, ich will
sagen, des großen Orakels von Frankreich, des Parlaments von Paris,
dem Hof der Pairs und dem ersten der Parlamente Frankreichs, der
geschlossen teilnahm, wie auch der übrigen Kammern und obersten
Gerichtshöfe, damit Paris, nein ganz Frankreich erkenne, und damit
man wisse, daß es anerkennt, was die ganz Christenheit seinem An-
denken schuldet.

249
Ich weiß wohl, daß mir dieses Glück zuteil wurde durch den Ge-
genstand, den ich behandelte, zu dem ich nur aus Anhänglichkeit bei-
tragen konnte. An ihr konnte es mir nicht mangeln, denn ich habe sie
geerbt, weil mein Vater, mein Großvater und Urgroßvater die Ehre
hatten, als Pagen und fast ihr ganzes Leben im Haus der erlauchten
Fürsten von Martigues erzogen zu werden und gelebt zu haben, beim
Vater, Großvater und Urgroßvater Ihrer Frau Mutter; in deren Dienst
begegnete ihre Treue stets großer Gunst.
Wie ich daher diese Rede gehalten habe, um Ihrer Frau Mutter zu
gehorchen, so veröffentliche ich sie jetzt, um Ihrem Wunsch zu ent-
sprechen, und bitte Sie: Bedienen Sie sich ihrer, um auf alle Gründe
zu antworten, die Ihr Verlust Ihnen gegen den Trost einflößen könn-
te; denn in dieser Absicht wurde sie verfaßt. Sie werden in ihr sehen,
daß das Leben Ihres Herrn Vaters eines der schönsten und vollendet-
sten unter den Fürsten dieses Jahrhunderts war und vergleichbar dem
der hervorragendsten des Altertums. Die Rede wird Sie daran erin-
nern, daß Sie die Tochter eines so großen Fürsten sind, seine einzige
Tochter, seine liebe Tochter; sie fügt aber hinzu, daß Sie die Tochter
seines Geistes und seines Glaubens mehr als seines Leibes sind, weil
er Sie von Gott auf die Fürbitte des großen hl. Franziskus erhalten
hat, dessen Namen Sie auch tragen. Deshalb sind Sie auch mehr ver-
pflichtet, sich über das Leben und den Ruhm seines Geistes zu freu-
en, als den Tod seines Leibes zu betrauern. Sie werden auch sehen,
selbst wenn ihn Gott uns noch länger gelassen hätte, Sie hätten sich
trotzdem kaum des Glücks seiner Gegenwart erfreut, denn er hatte
eine so große Liebe, daß er seiner Gemahlin und seiner Tochter stets
diese Befriedigung entzogen hätte, um nicht die Kirche, seine Mutter
und die Braut Gottes, seines Beistands zu berauben.
Mit einem Wort, diese Rede führt Ihnen die schönen Taten Ihres
Herrn Vaters nur vor Augen, um Sie zu trösten. Preisen Sie daher die
Güte Gottes, ich bitte Sie, daß er Sie von einem so guten Vater ab-
stammen ließ und Ihnen zu Ihrer Leitung eine so tugendhafte Groß-
mutter und eine so große Mutter gelassen hat. Und ich will seine
göttliche Majestät bitten, Ihnen die Segnungen zu schenken, die Ih-
nen Ihr Herr Vater gewünscht hat, damit Sie ihn droben im Himmel
sehen, nachdem Sie den Lauf dieses Lebens glücklich vollendet ha-
ben, in dem ich Sie untertänigst mir gewogen zu sein bitte, Mademoi-
selle, Ihr sehr demütiger und sehr gehorsamer Diener
Franz von Sales.

250
Leichenrede
Zum Heimgang des hohen und erlauchten Fürsten
Philipp Emmanuel von Lothringen
Herzog de Mercoeur und de Penthevre, Pair von Frankreich,
Prinz des heiligen Reiches und von Martigues, etc.
Generalleutnant des Kaisers in seinen Armeen in Ungarn.

Verfaßt und vorgetragen in der Kathedrale Notre Dame von Paris


am 27. April 1602 von Franz von Sales,
Koadjutor und erwählter Bischof von Genf.

Hätte Gott mir so viel Geist zum Reden gegeben und so viel Kraft,
um gut zu sprechen, wie ich jetzt wünschte für den Dienst dieses öf-
fentlichen Aktes, den wir feiern, um das Andenken des großen Phi-
lipp Emmanuel von Lothringen zu ehren, des Herzogs de Mercoeur,
Generalleutnant des Kaisers in seinen Armeen in Ungarn, ich könnte
und müßte euch trotzdem nicht schildern, erlauchte und christliche
Versammlung, wie gerechtfertigt unsere Trauer über seinen Heim-
gang ist. Ich könnte es nicht, weil der Verlust, den wir mit der ganzen
Kirche erleiden, so groß ist, daß er äußerst empfindlich und daher um
so unbeschreiblicher ist; es ist auch sehr schwierig, genügend Glut zu
finden, um eine so tiefe Trauer auszudrücken. Die kleinen Schmerzen
schreien, beklagen sich und jammern; die großen aber erstaunen, be-
täuben, verlieren und verwirren das Wort, die Stimme und die Rede.
Ich müßte es auch nicht; denn wenn ich die Größe des Verlustes aus-
drücken müßte, den die ganze Christenheit dadurch erleidet, würde
ich über euer Gesicht, meine Herren, wie ein zweiter Timanthes 61
den Schleier des Schweigens breiten, weil ich in dieser ganzen trau-
ernden Gemeinde nur seine liebsten und treuesten Freunde sehe oder
seine engsten und ergebendsten Diener. Und ich müßte mich gewiß
sehr schämen, wenn ich mich angesichts eines so beklagenswerten
Anlasses als einziger sicher fühlte, anders als unter Tränen und
Schluchzen sprechen zu können.
Daher habe ich es nicht nötig, euch zu bewegen, daß ihr diesen
Fürsten betrauert, weil ihr vor allem daran Anteil nehmt und feinfüh-
liger für die Anhänglichkeit des Volkes den Verlust zu gut kennt, den
wir erlitten haben. Es ist nicht nötig, scheint mir, euer Herz zu rüh-
ren, weil es darüber den größten Schmerz empfindet. Ist es nicht viel
besser, aufzuhören, jene zu betrüben, die betrübt sind, und sich zu

251
bemühen, eure Tränen abzuwischen, als sie hervorzurufen? Wenn ich
vor mir und rings um mich das Feuer so vieler brennender Kerzen
sehe, gewöhnlich das Sinnbild der Unsterblichkeit, und wenn ich mich
weiß gekleidet finde, der Farbe und des Kennzeichens der Glorie,
dann erkenne ich auch, daß es jetzt nicht meine Aufgabe ist (und ich
bitte euch, meine Herren, das nicht von mir zu verlangen), euch die
Gründe darzulegen, die wir hatten, zu trauern und zu klagen, sondern
vielmehr die Gründe, die wir haben, unsere Klagen zu beenden und
anzufangen, an das Glück zu denken, das der große Fürst durch sei-
nen Heimgang genießt, damit der Grund, den wir haben, froh zu wer-
den, die Heftigkeit unseres Schmerzes über diesen großen Verlust
mildere und vermindere, obwohl ich weiß, daß man der Pietät etwas
zugestehen muß, selbst gegen die Pflicht, und daß es im größten Leid
ein Teil des Schmerzes ist, Trostworte zu hören.
Erlaubt mir bitte, da ebenso die Tränen, die wir über unsere Freun-
de vergießen, viel mehr uns zu ihnen führen, als sie uns wiederbrin-
gen, und da die Tränen nach dem Tod späte Erweise der Freundschaft
sind, erlaubt mir, sage ich, meine Herren, daß ich euren Geist lieber
an den Trost erinnere, als ihn zu größerem Schmerz aufzufordern.
Dabei werde ich jedoch nichts gegen die berechtigte Befürchtung des
Mangels an Rednergabe und Beredsamkeit unternehmen, die ich in
mir fühle. Denn der Trost, den ich euch spenden kann, hängt vom
gleichen Prinzip ab, aus dem die Ursache eures Schmerzes hervor-
geht. Ist es nicht die hervorragende Güte, Größe und Tugend des ver-
storbenen Fürsten, die unseren Verlust unvergleichlich macht? Und
ist es nicht die gleiche Güte, Größe und Tugend, was uns verpflichtet,
den Trost anzunehmen?
Ob ich nun meine Augen auf sein Glück richte, um uns zu trösten,
oder auf unser Unglück, um uns zu betrüben, ich kann den Abgrund
seiner Tugenden nicht übersehen, deren Größe und Glanz für meine
schwachen Augen unerträglich ist. Wenn man im übrigen nicht lieber
die Befehle der Großen in Demut annehmen müßte, als deren Beweg-
gründe zu erforschen, könnte ich mich zu Recht darüber wundern,
daß man mich gewählt hat, aus diesem Anlaß, vor dieser Versamm-
lung und an diesem Ort zu sprechen. Aus diesem Anlaß, den ich für
ebenso würdig einer großen Beredsamkeit halte wie keinen anderen,
der sich in diesem Jahrhundert bieten mag; vor dieser Versammlung,
die fast die ganze Blüte dieses Königreichs darstellt; und an diesem
Ort, an dem sich unzählige große Geister bemüht haben, ihre ganze

252
Kunst und Erfahrung der guten Rede zu zeigen und tausend schöne
Blüten der Beredsamkeit über den Stoff eines so reichen Gegenstands
zu entfalten.
Doch was weiß ich, ob ich vielleicht dem Grund dieser Wahl ent-
sprochen habe? Die Farben der Beredsamkeit, die Blumen der Worte,
der Glanz der Sentenzen ist womöglich nicht angebracht bei der Trau-
er und Leichenfeier: „Non est conveniens luctibus iste color“ (Ovid).
Feierliche Reden, geschliffene Ausführungen, wohlgesetzte Worte sind
nach meiner Auffassung dabei nicht geeignet: Musik in der Trauer ist
eine unangebrachte Rede (Sir 22,6). Da dem so ist, bin ich voll Eifer,
Einfalt und Treue, um den Bericht über die Tugenden des verstorbe-
nen Fürsten zu unternehmen, den ich guten Mutes an seine Seele rich-
te, d. h. an diesen Geist, von dem ich hoffe, nein glaube, daß er im
Himmel ist, und an den, der – obwohl auf Erden – doch nur eine Seele
mit ihm ist, wie sie durch die Ehe hier unten nur ein Leib waren.
Wenn dieser Bericht spärlich ausgeschmückt ist, dann deswegen, um
dem Fürsten, den er feiert, mehr Ehre und Hochachtung zu erweisen,
wie manche Völker der Neuen Welt ihre Abgesandten in möglichst
geringer Equipage zu ihrem König schicken, um ihre Niedrigkeit und
Unterwürfigkeit im Vergleich zur Ehre und Majestät ihres Königs um
so mehr zu betonen.
Überdies erwarte ich von euch, meine Herren, so viel Wohlwollen
gegen mich, als ich Vertrauen auf eure Güte habe. Durch das Wenige,
das ich zu sagen weiß über ein so schönes Leben, wie das des Fürsten
war, werdet ihr bald über seinen Tod getröstet sein. Freude am Lob
der Guten haben, heißt an ihrem Ruhm teilhaben.
Wenn wir doch die Wahrheiten begreifen könnten, die wir durch
den Glauben empfangen, wie leicht wären wir getröstet über den Tod
derjenigen, gegen die wir eine bestimmte Verpflichtung der Freund-
schaft oder der Verehrung haben! Unter Vollkommenen künden wir
Weisheit (1 Kor 2,6). Wir stellen uns vor, daß sie gestorben und tot
sind, und sie sind es nicht mehr; sie waren es nur im letzten Augen-
blick dieses sterblichen Lebens. Solche Gedanken ziemen uns nicht,
wenn wir nicht zu denen gehören wollen, denen der Weise den Namen
von Törichten gibt: In den Augen der Toren sind sie gestorben (Weish
3,2). Wir gleichen denen, die auf dem See vom Ankerplatz das Ufer
entlang segeln: sie meinen, daß die Bäume sie verlassen und sich von
ihnen entfernen, daß aber das Schiff, das sie trägt, ganz unbeweglich
sei und die Stellung nicht ändere; wir meinen ja, die aus dieser Welt

253
geschieden sind, seien immer im Tod und wir seien im Leben. Aber
ach, wie täuschen wir uns! Sie sind im Frieden (Weish 3,3) und in der
Ruhe des wahren und dauerhaften Lebens, und wir sind viel eher im
Tod, in den wir immer mehr versinken, bis wir ihn durchschritten
haben.
Wir alle sterben, sagte eine weise Frau (2 Sam 14,14); sie hätte gut
sagen können: Immer sterben wir, wie später der Apostel (1 Kor
15,31) sagte: Jeden Tag sterbe ich. Wir sterben jeden Tag und unser
Leben entflieht Stück für Stück, wie jenes Tier der Inder, das von
Natur ein Landtier ist, allmählich und Stück für Stück seine natürli-
che Beschaffenheit verliert und vollständig zum Fisch wird; denn
ebenso verändern wir Stück für Stück dieses sterbliche Leben, bis wir
durch eine völlige und endgültige Verwandlung, die wir Tod nennen,
vollständig ein unsterbliches Leben erworben haben.
Und gewiß, wie die Ratten des Nil sich allmählich bilden und das
Leben nicht in allen ihren Gliedern gleichzeitig empfangen, so stim-
men auch die Philosophen darin überein, daß wir nicht auf einen
Schlag leben und nicht in einem Augenblick sterben, denn sie sagen,
das Herz ist das erste Organ in uns, das lebt, und das letzte, das stirbt.
Aber ich bitte euch, sagte nicht Gott zum ersten Menschen, daß er des
Todes sterben werde an dem Tag, an dem er von der verbotenen Frucht
ißt (Gen 2,17)? Und trotzdem, wenn wir nach der allgemeinen Auf-
fassung sprechen, ist er mehrere hundert Jahre nach der Übertretung
gestorben; die Wahrheit ist dennoch, daß er zu sterben begann an dem
Tag, als er sündigte, und es fortsetzte bis zu seinem letzten Tag.
Wie sehr täuschen wir uns doch, wenn wir jene Tote nennen, die aus
diesem sterblichen Leben geschieden sind, und Lebende jene, die noch
in ihm wandeln! Wir nennen Lebende jene, die sterben, weil sie das
Sterben noch nicht vollendet haben; und die das Sterben vollbracht
haben, nennen wir Tote. Wir machen es wie die Maler, die die Engel
nur mit einem Leib darstellen können, weil man sie sonst nie sähe.
Denn so nennen wir die Verstorbenen Tote, weil wir sie nie anders
gesehen haben als im Tod dieses Lebens oder im Leben dieses Todes.
Wenn wir sie aber jetzt sehen könnten, da sie davon befreit sind, mein
Gott, wie wären wir beschämt, daß wir sie als Tote bezeichnet haben,
und wie wären wir verlegen, passende Worte zu finden, um die Vor-
trefflichkeit des Lebens auszudrücken, in das sie gelangt sind! So nennt
sie auch unsere französische Sprache nicht Tote, sondern Heimge-

254
gangene (trépassés); damit drückt sie deutlich genug aus, daß der Tod
nur ein Übergang oder eine Überfahrt ist, jenseits dessen der Sitz der
Herrlichkeit ist.
Der große Herzog de Mercoeur ist daher nicht tot; er ist lediglich
heimgegangen. Wenn wir nicht so schwache Augen hätten, sähen wir
ihn recht weit jenseits des Todes im himmlischen Garten, wo er sich
ewiger Tröstungen erfreut. Er ist uns nicht so fern, wie wir denken; er
ist nach der gewöhnlichen Vorstellung der Menschen in einem Au-
genblick hingegangen, denn nach ihrer Meinung dauert der Tod nicht
länger; aber nach Auffassung der Weisen hat er für diese Reise 43
Jahre gebraucht.
Ach, wie kurz ist diese Zeitspanne! Die meisten von uns haben schon
mehr Jahre darauf verwendet; die einen gehen nicht so schnell dahin
wie die anderen, aber fast alle gehen stets schneller dahin, als sie
möchten. Wir haben tausend Plagen und Mühen, um dahin zu gelan-
gen, wo er ist; warum sollte es uns verdrießen, daß er dort angelangt
ist? Warum sollten wir den Heimgang dieses Fürsten so beweinen?
Wäre er noch im Tal der Tränen, er würde mit viel größerem Recht
die Verzögerung unseres Heimgangs beklagen, als wir die Beschleu-
nigung des seinen beweint haben. Ich will euch nicht im Unklaren
lassen über die Verstorbenen, damit ihr nicht trauert wie die anderen,
die keine Hoffnung haben (1 Thess 4,12).
Dieser Trost, den ich euch anbiete, beruht aber auf der sicheren
Hoffnung, die wir haben, daß unser Heimgegangener in der rechten
Hand seines Gottes aufgenommen wurde mit allen Gerechten. Die
Seelen der Gerechten sind in der Hand Gottes (Weish 3,1). Daher bitte
ich euch, sehen wir, welchen Grund wir für eine solche Gewißheit
haben. Die Astrologen und die Theologen haben das eine gemeinsam,
daß sie zukünftige Dinge vorhersagen, diese immer mit der Wahrheit,
jene sehr oft mit der Einbildung. Ihr Vorgehen und ihre Beobachtun-
gen sind jedoch sehr verschieden und gegensätzlich; denn die Astro-
logen sagen voraus, was sich auf Erden ereignen soll, auf Grund der
Beobachtung von Begegnungen und verschiedenen Bewegungen, die
am Himmel geschehen; unsere Theologen dagegen sagen voraus, was
im Himmel geschieht, auf Grund der Erwägung der Werke, die man
auf Erden tut. Wenn ihr auf Erden Barmherzigkeit übt, sagen sie,
wird man euch im Himmel Barmherzigkeit erweisen; wenn ihr hier
unten die Betrübten tröstet, werdet ihr droben getröstet sein; wenn
ihr die Unwissenden in der Nacht dieser Welt belehrt, werdet ihr die

255
Klarheit der Anschauung Gottes am hellen Mittag der anderen ha-
ben; wenn ihr auf Erden für Gott streitet, werdet ihr im Himmel
gekrönt. Mit einem Wort, nach der Höhe und Breite der Taten, die wir
hier unten vollbringen, bemessen sie den Umfang und die Ausdeh-
nung der Glorie, die wir auf jenem hohen himmlischen Berg besitzen
werden: Wie jeder in seinem leiblichen Leben gehandelt hat, ob gut
oder schlecht (2 Kor 5,10).
Wenn wir daher wissen, wie die Taten der Seele dieses großen Fürs-
ten beschaffen waren, solange sie in dieser Welt war und mit seinem
Leib verbunden uns das Glück ihres Umgangs gewährte, werden wir
durch diese Beobachtung die Gewißheit dessen erlangen, was im Him-
mel ist. Wenn uns das geringste Verlangen bleibt, nach diesem Sitz
der Glorie zu streben, werden wir ein kostbares Vorbild und einen
Gegenstand der Nachahmung haben. Ich bitte euch jedoch, denkt nicht,
ich wollte mich unterfangen, euch Blume für Blume und Stück für
Stück den Glanz eines so schönen Lebens vorzuführen: Die Vollkom-
menheit dieses Fürsten kann man eher bewundern als nachahmen,
eher ersehnen als erhoffen, eher begehren als erwerben. Deshalb fürch-
te ich, gegen sein Andenken zu verstoßen, wenn ich zu wenig darüber
sage, was man nicht genug loben kann. Wenn ich einige seiner Tugen-
den aufzähle, dann wird es nicht geschehen, um der Sonne Licht zu
geben, wie man sagt, noch weil ich voraussetze, sie würdig preisen zu
können, sondern einzig, um alle Welt erkennen zu lassen, daß man
mit vollem Recht mit so außerordentlichen Tränen um ihn trauert,
sein Andenken so ehrt und eine so feste Hoffnung hat, daß er jetzt in
der Herrlichkeit seines Gottes ist.
Daher will ich die Kosmographen nachahmen, die auf ihren Land-
karten nur Punkte für die Städte einzeichnen und Linien für die Ge-
birge, und der Einbildungskraft die Aufgabe überlassen, sich das üb-
rige vorzustellen. Ich werde von den edlen Taten und schönen Eigen-
schaften dieses großen Fürsten nur die nennen, die mir die Zeit zu
nennen erlauben wird, auf die meine Rede beschränkt sein muß. Vor
allem aber bitte ich euch zu glauben, daß ich auf dieser Kanzel und in
diesem Gewand stets mit großer Aufrichtigkeit und Gewissenhaftig-
keit sprechen werde; und da die Wahrheit nackt und einfach ist, glaubte
ich außerdem ungerecht gegen meinen wahrhaftigen Bericht zu han-
deln, wenn ich ihn durch Kunstgriffe entstellte.
O heiliger und himmlischer Geist, schöner Engel des Lichts und
des Friedens, die ihr diesem Fürsten als Beschützer seiner Seele bei-

256
gesellt wurdet, die ihr treue Zeugen der guten Taten gewesen seid, die
Gott ihm eingegeben hat und die ihr erbeten habt, ich bin euer demü-
tiger und ergebener Diener. Gebt meinem schwachen Gedächtnis ein,
was ihr der Ehre und der Nachahmung für wert erachtet.
Immer ist Gott es, der all unser Heil in uns wirkt; er ist dessen
großer Architekt. Er geht aber in seinen Gnadenerweisen auf ver-
schiedene Weise vor; denn er gibt uns verschiedene Güter ohne uns,
andere durch Vermittlung unserer Wünsche und Mühen und unseres
Wollens. Der Fürst Philipp Emmanuel, Herzog de Mercoeur, hat in
reicher Fülle Güter der ersten Art empfangen, auf denen er ein groß-
artiges Gebäude der Vollkommenheit jener der zweiten Art errichte-
te. Denn was die erste Art betrifft, ließ Gott ihn von zwei der erlauch-
testen, ältesten und katholischen Häuser abstammen, die es unter den
Fürsten Europas gibt. Es ist etwas Großes, die Frucht eines guten
Baums zu sein, Metall aus einem guten Bergwerk, der Bach aus einer
guten Quelle.
In väterlicher Linie, die in der bürgerlichen Betrachtung den ersten
Platz einnimmt, stammte er vom Königshaus von Lothringen ab, des-
sen Ursprung sehr alt ist und über dessen Anfänge sich die Geschichts-
schreiber noch nicht einigen konnten, weil sie in unvordenklicher
Zeit liegen, so wie sich die Bewohner Ägyptens über den Ursprung
des Nils nicht schlüssig werden können. Aber alle sind sich darin
einig, daß es eine üppige und fruchtbare Pflanzschule einer großen
Zahl von Kaisern und Königen und der adeligen Fürsten der ganzen
Christenheit war und daß es keinen gab, dem nicht glücklich die Öl-
bäume und Palmen seiner Größe und seiner Frömmigkeit einge-
pflanzt worden wären.
Ich will nicht davon sprechen, was dieses Haus in Frankreich und
in Deutschland gewirkt hat; das ist euch auch zu bekannt. Wenn wir
aber nach Spanien gehen, werdet ihr dort Heinrich sehen, den Bruder
des Herzogs Wilhelm von Lothringen. Nachdem er unter König Al-
phons von Kastilien treu und tapfer für die Religion gekämpft hatte
in dem Krieg, den er damals gegen die Mauren und Sarazenen führte,
heiratete er zum Lohn dessen Tochter, die ihm als Mitgift die Provinz
brachte, die später zum Königreich unter dem Namen Portugal erho-
ben wurde. Dort regierte das Geschlecht dieses ersten Heinrich sehr
christlich und edel bis zum letzten Heinrich, dem in unserer Zeit
verstorbenen Kardinal.

257
Gehen wir nach Italien, und wir werden dort das reiche und frucht-
bare Königreich Sizilien sehen. Doch wer weiß nicht, daß die zwei
Herzöge von Lothringen, Rene I. und René II., dessen Könige waren?
Und gehen wir von da weiter über das Meer, und wir sehen das geseg-
nete Palästina, wo unsere Erlösung gewirkt wurde. Hier betrachten
wir den dreifach großen Gottfried von Bouillon; er verließ sein Land
und seine Güter, verkaufte sogar sein Herzogtum Bouillon, um die
Ungläubigen aus dem Heiligen Land zu vertreiben. Er zog dorthin
mit dem Eifer für die Religion, tapfer und erobernd, und wie ein
zweiter Josua begründete er unter Einsatz seines Lebens den Glau-
ben an dem Ort, wo der Erlöser den seinen verbreitet hatte, um ihn
einzupflanzen und das Heil der Menschen wirken zu lassen. Betrach-
tet diesen bewundernswerten König von Jerusalem, der die goldene
Krone zurückweist in einem Königreich, wo sein Erlöser mit Dornen
gekrönt wurde. Das ist ein goldener König, mit Holz gekrönt, viel
besser als hölzerne Könige, die mit Gold gekrönt sind; er regiert wie
ein zweiter David auf dem Berg Zion (Ps 2,6), predigt und verkündet
den Glauben seines Gottes. – Das ist die väterliche Abstammung des
großen Herzogs de Mercoeur.
Doch welche Mutter könnte man finden für den Sohn solcher Vä-
ter? Würdiges und schönes Zusammentreffen, damit seine Abstam-
mung von allen Seiten glanzvoll sei. Das Haus von Sachsen, eines der
mächtigsten und ältesten von ganz Deutschland, das dem Reich meh-
rere große Kaiser, Kurfürsten, Verteidiger und Heerführer gestellt
hat, brachte vor mehreren Jahrhunderten den Prinzen Berard hervor,
sehr tapfer und ganz katholisch, der das erlauchteste Haus Savoyen
begründete, das von Generation zu Generation bis jetzt so hochher-
zig und standhaft in der Religion blieb. Aus ihm sind mehrere Amées,
Louis, Humberts, Pierres, Philiberts und andere große Fürsten her-
vorgegangen, darunter einer der Amés, der durch seine Kraft und Tap-
ferkeit die Insel Rhodos von der Knechtschaft der Ungläubigen be-
freite und für die Christenheit in den Händen der Ritter des hl. Jo-
hannes von Jerusalem sicherte. Sie wünschten, daß die Nachkom-
menschaft ihres Protektors künftig irgendein Zeichen ihrer Verpflich-
tung gegen ihn erhalte, und überließen dem ganzen Haus Savoyen ihr
Kriegswappen, das aus Rot in einem silbernen Kreuz besteht. Dieses
hat es liebevoll beibehalten, nicht so sehr als Andenken an die Bedeu-
tung dieses Ahnen denn als ein geheiligtes Zeichen, das als bleiben-
des Bekenntnis dienen kann, daß dieses Geschlecht ganz der Vertei-

258
digung der Ehre des Kreuzes geweiht ist, wie es das getan hat in Mo-
rea, auf Zypern und an mehreren anderen Orten, wo es nicht weniger
aus Frömmigkeit als um die Macht Krieg geführt hat.
Aus dieser klaren Quelle, die außer anderen gegenseitigen Allian-
zen, die sie mit allen Potentaten der Welt, selbst mit dieser aller-
christlichsten Krone einging, unlängst dem großen König Franz eine
Mutter gegeben hat; aus diesem erlauchten Haus, sage ich, ging eine
sehr tugendhafte Prinzessin Johanna von Savoyen hervor, die Tochter
des Herzogs Philipp und Schwester des Herzogs Jakob von Genf und
Nemours, zwei ebenso tapferen tugendhaften Fürsten, wie unser Jahr-
hundert sonst keine hatte. Mit dem berühmten Fürsten Nikolaus von
Lothringen, Genf und Vaudemont vermählt, hatte diese Prinzessin
mit ihm mehrere Kinder, deren ältestes der Herzog de Mercoeur war.
Er wurde geboren im Marquisat von Nomeny, das sein Vater damals
besaß und ihm später als Herrschaftstitel überlassen hat. Er wurde
geboren, sage ich, zum Ruhm der Waffen und zur Zierde der Kirche,
der verstorbene Fürst, der würdige Sproß aus zwei so großen Ge-
schlechtern, von denen er, wie er das Blut empfing, auch die Tugen-
den erbte. Und wie zwei Bäche, die sich vereinigen, einen großen und
ansehnlichen Fluß bilden, so haben die zwei Häuser der väterlichen
und mütterlichen Ahnen dieses Fürsten ihre schönen Eigenschaften
zusammen in seine Seele gesenkt und ihn vollendet in allen Gaben
der Natur gemacht. Daher konnte er wohl mit dem Weisen (Weish
8,19) sagen: Ich war ein begabter Knabe und habe eine gute Seele
geerbt. Das war ein gutes Zusammentreffen für seine Tugend, daß sie
in einem so fähigen Menschen war; und es war ein großer Vorteil für
seine Begabung, mit solcher Tugend zusammenzutreffen.
Und aus dem lebhaften Wunsch, diese seine natürlichen Werte sei-
ner Nachkommenschaft zu erhalten, wählte er zur Gattin Maria, die
einzige Tochter des großen und beherzten Fürsten de Martigues, der
im Dienst der Religion und des Königs zu Saint Jean d’Angeli die
Feinde der Kirche bekämpfend mit seinem Blut und seinem Tod den
Fortschritt eines sehr christlichen Lebens besiegelte, würdig des gro-
ßen Hauses von Luxemburg, dem er angehörte, aus dem so viele große
und edelmütige Kaiser hervorgegangen sind.
Ich hätte mich wahrhaftig nicht dabei aufgehalten, euch den Ruhm
seiner Vorfahren in Erinnerung zu rufen, der nach meiner Überzeu-

259
gung der geringste Teil seines eigenen ist, wenn er nicht selbst großen
Wert darauf gelegt hätte, um sich zur Tugend anzuspornen. Denn als
er den Entschluß faßte, nach Ungarn zu ziehen, führte er unter ande-
ren Gründen den an, daß ihm seine väterlichen und mütterlichen Vor-
fahren diese heilige Absicht als Erbe hinterlassen und ihn durch ihr
Beispiel gleichsam an der Hand auf dieser heiligen Reise geführt ha-
ben. Daher hielt ich es für geziemend, von seiner Abstammung zu
sprechen, obwohl manche meinen, der Adel sei etwas außerhalb von
uns, einzig unsere Taten gehörten uns. In Wahrheit dient er zu vielem
und hat große Macht über unsere Entschlüsse, sogar über unsere Hand-
lungen selbst, sei es aus Sympathie für die Neigungen, die wir oft von
unseren Vorfahren übernehmen, sei es wegen des Andenkens, das wir
ihren Heldentaten bewahren, sei es auch wegen der guten und sorgsa-
men Erziehung, die wir von ihnen erhalten haben.
Der Herzog de Mercoeur erwog daher, daß der Unterschied zwi-
schen Tugend und Adel derselbe ist wie zwischen Licht und Glanz,
wobei das eine aus sich leuchtet, der andere abgeleitet. Er lobte Gott,
daß er die Möglichkeit hatte, seine Taten vorbildlicher zu machen,
und achtete sorgsam darauf, nichts zu tun, was den großen Glanz des
Edelmutes verdunkeln oder vermindern könnte, den ihm seine Vor-
fahren erworben hatten, und soviel er konnte, hat er ihn nicht nur
bewahrt, sondern noch vermehrt.
Der hl. Paulus teilt die Pflicht eines Christen in drei Tugenden ein:
die Nüchternheit, die wir Mäßigung nennen, die Gerechtigkeit und
die Frömmigkeit: auf daß wir nüchtern, gerecht und fromm leben,
sagt er (Tit 2,12); die Mäßigkeit uns selbst gegenüber, die Gerechtig-
keit gegen den Nächsten und die Frömmigkeit in dem, was den Dienst
Gottes betrifft.
Was die Mäßigkeit betrifft, die nichts anderes ist als die Unterdrük-
kung der Freuden und Genüsse dieser Welt, besaß sie dieser Fürst in
hohem Grad. Ihm war auch nicht unbekannt, daß uns die sinnlichen
Genüsse nur umfangen, um uns zu erwürgen, und daß deshalb unsere
Seele unseren Leib nicht anders betrachten darf denn als Fesseln ih-
rer Gefangenschaft. Er war daher lebenslang einer der Mäßigsten,
indem er nur aus Notwendigkeit aß und fast nur Wasser trank. Er war
nicht weniger mäßig in den anderen leiblichen Genüssen, deren Ge-
brauch er auf die Gesetze einer keuschen Ehe beschränkte und auf
die Verpflichtung der Fürsten, auf Erden Nachkommen zu hinterlas-
sen; eine seltene Tugend in einem so verderbten Jahrhundert und in

260
einem so kraftvollen Alter, in einem so schönen und vollendeten Leib
und bei den Gelegenheiten, die ihm der Hof und dessen weibliche
Reize boten. Ich halte meinerseits dafür, daß es nicht schwieriger ist,
daß sich ein Fluß ins Meer ergießt, ohne salzig zu werden, als am Hof
zu leben, ohne dort verdorbene Sitten kennenzulernen und zu üben.
Er hat trotzdem mitten im Tumult in Ruhe gelebt, inmitten von La-
stern mit sehr großen Tugenden.
Dieser Fürst hat sich stets als genügsam erwiesen im Besitz der
unermeßlichen Würden und Gunsterweise, mit denen der Himmel
ihn überhäufte, und hat sie nie mißbraucht; denn weder sein großes
Ansehen noch die Tatsache, der Schwager des Königs zu sein, noch
die seltenen Gaben, die er besaß, oder die glücklichen Erfolge seiner
Waffen und Unternehmungen ließen ihn je die Grenzen der Beschei-
denheit übertreten, noch die Schicklichkeit einer bescheidenen Wür-
de aufgeben, durch die er Kleinen und Großen gleicherweise leicht
und freundlich Zugang gewährte. Er war genügsam in seiner Erho-
lung und im Zeitvertreib, die er mit den Pflichten seines Amtes in
Einklang brachte und ihnen anpaßte. Die übrigen nutzlosen Gesell-
schaften schätzte er sehr gering.
Mit einem Wort, er berührte die Erde nur mit den Füßen, wie sich
die Perlmutter auf dem Grund des Meeres makellos und rein erhält
und nie ihre Schale verläßt, außer um ihre Nahrung vom Tau des
Himmels zu empfangen. Auf diese Weise verwendete er die Zeit, die
ihm zu seinem Vergnügen blieb, zum Teil für das Gebet, zum Teil
zum Lesen guter Bücher. Dadurch hatte er sich die Kenntnis von drei
Wissenschaften erworben, die für die Vollkommenheit eines christli-
chen Fürsten nicht nur schicklich, sondern fast notwendig sind. Er
besaß nämlich eine gediegene Kenntnis und Übung der Mathematik,
die ihn der berühmte Bressius lehrte. Er hatte auch Übung in der
Beredsamkeit und die Gabe, seine schönen Gedanken gut auszudrü-
cken, nicht nur in unserer französischen Sprache, sondern sogar in
Deutsch, Italienisch und Spanisch, die er weit mehr als nur mittelmä-
ßig beherrschte; und trotzdem gebrauchte er seine schöne Sprache
nie zu eitlen Dingen, oder besser gesagt, er wollte dieses schöne Ta-
lent nicht mißbrauchen, das Gott ihm so freigebig zugeteilt hatte,
sondern gebrauchte es, um zu nützlichen, lobenswerten und tugend-
haften Dingen zu überreden. Und was ich am meisten schätze, er war
sehr gut unterrichtet in dem Teil der Moraltheologie, der uns die Re-
geln lehrt, das Gewissen recht zu bilden. Diese Beschäftigungen wa-

261
ren seine kleinen Freuden. Kleine Freuden, wie groß seid ihr gewor-
den, da ihr diesem Fürsten die Freude der Unsterblichkeit erworben
habt!
Nun, was könnte man von solcher Mäßigung, die ihm naturgemäß
war, anderes erwarten als „einen beständigen Willen, niemand zu krän-
ken und jedem zu geben, was ihm gebührt“? Das nennen wir Gerech-
tigkeit. Wann wollte er je jemand schlecht behandeln oder beleidi-
gen? Seine Bediensteten bezeugen, daß er die Güte und Geduld selbst
war. Wer seinen Bediensteten gegenüber gütig ist, der ist es noch viel
mehr gegen andere. In der Tat gebrauchte er seinen Zorn nie, außer
im Krieg, oder um den Respekt und die Ehre aufrechtzuerhalten, die
er nötig hatte, um die großen Dienste zu leisten, die die Christenheit
von ihm erwartete; darin ahmte er die Bienen nach, die den Honig für
die Freunde bereiten und ihre Feinde sehr empfindlich stechen.
Er fürchtete nichts so sehr, als in seine Kasse etwas durch unge-
bührliche Erpressung kommen zu sehen, unrecht erworbenes Geld
oder Gold vom Heiligtum. Er entnahm ihr im Gegenteil viele an-
sehnliche und schöne Almosen für die Armen und sehr freigebige
Geschenke für die anderen. Von seinem Reichtum nahm er nichts für
sich in Anspruch als die Macht, ihn zu verteilen, denn er wußte, daß
der Glanz des Goldes und des Schwertes uns nicht blenden dürfen,
eines so wenig wie das andere.
Was Ehre und Achtung betrifft, erwies er sie sorgsam jedem in dem
Maß, wie es ihm nach seiner Kenntnis zukam, und schadete darin
keinem im geringsten, weder durch Verleumdung noch durch Über-
treibung. Mit einem Wort, er erwies der Kirche größte Hochachtung,
dem König viel Ehre und Gehorsam, seiner Gemahlin große Treue
und Freundschaft, den Fürsten einen offenen und angenehmen Um-
gang, den Geringsten große Freundlichkeit und Güte, seiner Familie
große Liebe mit bewundernswertem Frieden und in Gemütsruhe.
Was die Ehrerbietung gegen unseren gütigen Gott betrifft, das höchs-
te Gut unserer Seele, so war er der Treffpunkt aller seiner Gedanken
und der Mittelpunkt all seiner Vorstellungen. Diesem heiligen Altar
der Religion hat er seine Seele geweiht, seinen Leib übergeben, sein
ganzes Vermögen gewidmet; er konnte wohl mit dem großen König
sagen: Gott, du hast mich von meiner Jugend an gelehrt (Ps 71,17).
Vom Mutterleib an bin ich auf dich ausgerichtet (Ps 22,11). Denn wenn

262
wir die Wünsche seiner Jugend betrachten, sind sie nichts als die
Blüten der Früchte, die er in seinem Mannesalter zeigte.
Der Ruhm, damals sehr christlich erzogen worden zu sein, gebührt
ihm nicht im besonderen, sondern ist ihm gemeinsam mit allen Prin-
zen und Prinzessinnen, seinen Brüdern und Schwestern. Ein Beweis
dafür sind die Jahre der Jungfräulichkeit, der Ehe und Witwenschaft
der Luise von Lothringen, der sehr christlichen und sehr frommen
Königin von Frankreich und Polen seligen Angedenkens. Sie war ein
Spiegel der Frömmigkeit und ein Vorbild der Prinzessinnen unserer
Zeit. Ich habe gesehen, Paris, daß du ihre Gottesfurcht, Demut und
Liebe einmütig bewundert hast. Ein Beweis ist auch der sehr tugend-
hafte Kardinal de Vaudemont, dessen Leben nichts anderes war als
eine Sammlung von Tugenden, die man in einem so großen Prälaten
erwarten kann. Ihm könnte ich den Bischof von Verdun an die Seite
stellen, wenn das Lob Lebender, so berechtigt es sein mag, nicht dem
Verdacht von Eigennutz oder Schmeichelei ausgesetzt wäre. Ein Be-
weis ist auch der Graf von Chaligny, der den Frühling seiner schön-
sten Jahre der Frömmigkeit weihte und bald darauf die Frucht eines
sehr heiligen Todes brachte nach der Rückkehr von vielen tapferen
Taten, die er im heiligen Krieg in Ungarn unter der Führung und nach
dem Beispiel dieses Bruders vollbrachte.
Doch der Ruhm, seine ersten Neigungen zur Tugend inmitten so
vieler Begegnungen und Gelegenheiten so gut gepflegt zu haben, muß
bei diesem Fürsten sehr beachtet werden. Denn wie wir gesehen ha-
ben, konnten weder der Hof noch der Krieg, geschworene Feinde der
Frömmigkeit, obwohl sie von den geheimen Lockungen der Jugend
unterstützt wurden, durch die Schönheit und das angenehme Wesen
dieses vorzüglichen Fürsten, nie Gewalt über seine Seele gewinnen,
die er inmitten so vieler Anstrengungen stets rein bewahrte. Es ist in
der Tat bewundernswert, daß er keinen Tag vergehen ließ, ohne der
heiligen Messe beizuwohnen, außer wenn ihn höchste Notwendigkeit
daran hinderte, ohne das Offizium Unserer lieben Frau und seinen
Rosenkranz zu beten, ohne am Abend und am Morgen seine Gewis-
senserforschung zu halten und als großer Feldherr, der er war, der
Schildwache seiner Seele Befehle zu geben, um sie vor der Überrum-
pelung durch ihre Feinde zu bewahren.
Ich hätte ihn aber nach dieser Übung gern sehen wollen, wenn er
sich die Unausweichlichkeit des Todes vor Augen hielt und mehr-
mals die Erde küßte, als erwiese er ihr Ehre, die er dann unter den

263
Umständen des Krieges herausforderte, mißachtete und mit Füßen
trat. Diese täglichen Übungen dienten ihm als ständige Vorbereitung
auf die Kommunion, aber er vergaß nicht, an hohen Festen eine voll-
ständige Überprüfung aller seiner Handlungen vorzunehmen, um sich
selbst zu prüfen (1 Kor 11,28), mit äußerster Strenge, mit dem Ziel,
das allerheiligste Sakrament der Eucharistie würdiger zu empfangen.
Zu ihm hatte er eine unbeschreibliche Verehrung und er glaubte des
Sieges im Krieg viel sicherer zu sein, wenn er mit den Feinden der
Kirche am Donnerstag zusammenstieß und kämpfte, dem Tag, den
unsere Väter zur Verehrung Unserer lieben Frau bestimmt haben.
Ich übergehe die Beichte und Kommunion, die er hielt, wenn er in
den Krieg zog, weil jene, die sich gemeinhin der Todesgefahr ausset-
zen, verpflichtet sind, zu beichten und sich in gute Verfassung zu ver-
setzen, wenn sie nicht wollen, daß auf den zeitlichen Tod der ewige
folgt. Außerdem wollte er, daß heilige Dinge, vor allem die Worte der
Heiligen Schrift, mit Respekt und Ehrfurcht behandelt werden, und
er kränkte sich nie so sehr, als wenn er hörte, daß man die Worte, die
der Heilige Geist zu unserer Heiligung bestimmt hat, in profaner
Weise gebrauchte. Ihm war es unerträglich, fluchen und den heiligen
Namen Gottes lästern zu hören. Mit einem Wort, er konnte wohl mit
jenem anderen Fürsten sagen: Und meine Seele wird für ihn leben (Ps
22,31). Meine Seele hängt an dir (Ps 63,9).
Doch wohin gerate ich? Weiß ich denn nicht, in welche Gefahr des
Schiffbruchs ich mich stürze, wenn ich mich solcher Lobeserhebun-
gen erkühne? Ich laufe wohl noch größere Gefahr, wenn ich in die-
sem grund- und uferlosen Meer der Tugenden und hochherzigen Tu-
genden dieses Fürsten segle. Wenn ich sozusagen nach deinen endlo-
sen Lobeserhebungen steuern wollte, großer Herzog, könnte ich wohl
das französische Segel hissen und suchte vergeblich Land. Ich bin
auch so eifersüchtig auf deinen Ruhm bedacht, daß ich sehr betrübt
wäre, wenn man im Lob deiner Verdienste ein Ende finden könnte.
Da ihr erwartet, daß ich fortfahre, meine Herren, und da es notwen-
dig ist, will ich von seinen zeitlichen Gütern sagen, daß sie ganz dem
Dienst der katholischen Religion gewidmet waren. Zeugen dafür sind
die Errichtung von Kirchen, Klöstern und Kapellen, von gegründeten
und fundierten Diensten, teils zu Ehren des heiligen Sakramentes,
teils zu Ehren der seligsten Jungfrau; sie vermehrte er so sehr, daß er
nie in seiner Nähe eine Kirche oder Kapelle wußte, die dieser Schatz-
meisterin der Gnaden geweiht war, ohne sie zu besuchen und ein

264
großzügiges Almosen zu geben. Auf seine Kosten erbaute er die Klös-
ter der Kapuziner und Minimi in Nantes als großer Verehrer des Hei-
ligen Franz, durch die er viele auffallende Gnaden erlangte, nament-
lich sein Fräulein Tochter, die ihm auf die Fürsprache des hl. Franz
von Assisi geschenkt wurde. Er hat sich die Bretagne sehr verpflichtet
dadurch, daß er diese zwei Pflanzschulen der Heiligkeit und Fröm-
migkeit errichtete. Während aber das vor aller Augen geschah, wie
auch die öffentlichen Almosen, die die Großen als gutes Beispiel ge-
ben, das sie den Geringeren schulden, hat er viele andere Almosen im
Geheimen gegeben von dem Geld, das er durch seine geringen Vergnü-
gungen ersparte. Mit der gleichen Frömmigkeit, alle seine Güter dem
Dienst Gottes zu weihen, hat er bei seiner ersten Reise nach Ungarn
eine gute Zahl von Reitern auf seine Kosten unterhalten.
Daher sage ich: so jung er war, begleitet und begabt mit den genann-
ten Tugenden, hat er stets ein großes Unterpfand seiner künftigen
Frömmigkeit und Klugheit erkennen und feststellen lassen: der Klug-
heit, die für einen Befehlshaber im Krieg so notwendig ist, wie jeder
weiß, zumal sie die Erinnerung an die Vergangenheit, die Beurteilung
der Zukunft und die Anordnung der Gegenwart ist.
Was bleibt also diesem Fürsten, um es Gott zu weihen, als sein Leib
und sein Leben? Das tat er durch den ständigen Wunsch, den er von
zarter Jugend an hatte, Krieg gegen die Ungläubigen zu führen. Gott
verlieh ihm die Gnade, diesen Wunsch ruhmreich zu erfüllen, wie
Ungarn und die ganze Christenheit weiß und bezeugt. Sobald es ihm
das Alter erlaubte, ließ er indessen keine Gelegenheit ungenützt, sich
den Waffen zu widmen, die er nicht ohne viel Ehre und Verdienst
ergriff, so beim Angriff gegen die Reiterei bei Dormans, in Brouage,
in Lafêre und überall sonst, selbst bei der Belagerung von Issoire, wo
er als Kommandant einer der Batterien ein sehr sicheres Zeichen
seiner künftigen Größe im Kriegshandwerk gab. Von da an, bis er
neuen Lorbeer sogar in einem Winkel des Nordens suchte, befand er
sich je nach den verschiedenen Gelegenheiten bei mehreren Belage-
rungen, im Angriff und in der Verteidigung in verschiedenen Armeen,
Kämpfen und Schlachten, wobei Gott ihn dermaßen begünstigte, daß
er keinen Krieg führte, ohne daß ihm ein glücklicher Sieg folgte. Da-
rüber hätte ich viel mehr von ihm zu berichten, als die mir gesetzte
Zeit, ja die Lebenszeit eines Menschen genügte, um es zu berichten.
Ich kann jedoch nur grob das Idealbild eines hochherzigen christli-
chen Fürsten entwerfen und planen, das der große Herzog de Mer-

265
coeur in sich selbst ausgeprägt hat durch so viele Tugenden und tapfe-
re Kriegstaten, die er vollbracht hat.
Und obwohl ich hier in allgemeinen Ausdrücken und in einem
Atemzug sagen könnte, daß er in allen Lebensabschnitten alle Eigen-
schaften gezeigt hat, die man sich in einem großen Fürsten wünschen
kann, um ihn vollkommen zu machen, wird es für mich doch vorteil-
hafter sein, deutlicher zu sprechen und euch nicht länger auf die Schil-
derung jenes Teils warten zu lassen, der, so wie er der letzte seines
Lebens war, auch der ruhmreichste für ihn, der schönste für sein An-
denken und der nützlichste für die christliche Gemeinschaft gewesen
ist. In ihr werdet ihr wie in einem reichen Bildteppich so viele Kriegs-
taten und Tugenden gewoben sehen, wie sie euer geistiges Auge nur
wünschen kann.
Der Halbmond Mohammeds nahm in Ungarn so stark zu, daß es
schien, als wollte er zum Vollmond werden, und unter seinem unheil-
vollen Einfluß ließ er unsere Kräfte und fast auch unseren Mut schwin-
den. Man sprach nur noch von den Fortschritten des türkischen Hee-
res und von seinem Krummsäbel, als die wahre Sonne der Gerechtig-
keit (Mal 4,2) diesen tapferen und hochherzigen Fürsten erweckte,
der gern und freiwillig, ich sage: nicht nur in der Freude, sondern
auch in der Frömmigkeit des Herzens sein Land verließ und sich
anfangs Oktober 1599 wie ein zweiter Makkabäus zum christlichen
Heer begab. Da er wußte, daß der Feind mit einem Heer von 150.000
Mann heranrückte, um Gran, eine sehr wichtige Stadt, zu belagern,
suchte er sie sofort auf und bestärkte sie durch seine Anwesenheit,
durch sein Anerbieten, sich dort einzuschließen, und durch seinen
Befehl zur Erhaltung der Festungswerke, die man aufzugeben im Be-
griff war. Als die Feinde von seiner Ankunft und Entschlossenheit
erfuhren, änderten sie ihren Plan und zogen geradewegs gegen unser
Heer, an dessen Spitze sie alsbald diesen großen Fürsten fanden. Er
hätte sie die Folgen seiner Gegenwart fühlen lassen, wenn er so viel
Macht und Befehlsgewalt im christlichen Heer besessen hätte, wie er
später hatte; das erkannte man durch die ungenützten Gelegenheiten,
die man nach seiner Auffassung hätte ergreifen müssen.
Der Kaiser, der davon gut unterrichtet war, wünschte ihn zu sehen,
so daß er ihn bat, auf der Rückreise den Weg über Prag zu nehmen, wo
er ihm einen großen Empfang bereitete. Als er aus dieser ersten Pro-
be die außerordentliche Tüchtigkeit und Klugheit dieses Fürsten er-
kannte, ernannte er ihn zu seinem Generalleutnant und sandte ihm

266
das Ernennungsdekret bis in diese Stadt Paris, wo er sich nach der
Rückkehr von seiner ersten Reise aufhielt. Bevor er es annahm, legte
er es dem König vor, gegen den er sich mit solchem Eifer zum Gehor-
sam und Dienst verpflichtet hatte, daß er nichts als ehrenvoll erachtet
hätte, was nicht durch seinen Befehl autorisiert wurde. Da Seine Ma-
jestät sehr christlich ist, erlaubte sie ihm, diese so schöne und des
französischen Namens so würdige Stellung anzunehmen.
Unser neuer General ging also zum zweitenmal nach Ungarn, nahm
den Weg direkt nach Wien und von dort nach Raab, wo das christliche
Heer stand, das nur aus ungefähr 13.000 Mann bestand. Dort wurde er
als Generalleutnant des Kaisers empfangen und anerkannt und durch
Erzherzog Matthias, den Bruder des Kaisers, in sein Amt eingeführt.
Glücklicher Tag für Ungarn und für die ganze Christenheit!
Kaum war er angekommen, da sah er, daß Kanischa durch 120.000
bis 140.000 Türken belagert wurde. Er ordnete sorgsam alles an, was
er für seinen Plan als zweckmäßig erachtete, und erhielt vor allem
von den Fürsten und Herren des Landes das Versprechen der notwen-
digen Verpflegung für den Unterhalt seiner Armee. Dann erhob er
sein Haupt im Vertrauen, das er auf Gott hatte, und senkte es gegen
den Feind und rückte gegen diese mächtige Armee vor. Beim ersten
Angriff überrannte er einen Teil von ihr, die ihn mit starkem Ge-
schützfeuer auf Straßen und Wegen empfing, in einem für den Feind
sehr günstigen Gelände, in dem er sich sehr gut verschanzt hatte. Das
Schlachtfeld, die Geschütze und die Fahnen fielen trotzdem den Un-
seren in die Hände zum Willkomm dieses großen Generals. Der Tür-
ke war erstaunt, sich von einer so geringen Zahl von Christen geschla-
gen zu sehen, und hätte ohne Zweifel sogleich die Belagerung aufge-
geben, wenn nicht die Nacht mit ihrer Dunkelheit das Vorrücken der
Armee dieses großen Feldherrn verhindert hätte.
Am folgenden Tag wollte der Türke zurückerobern, was er verloren
hatte, vergrößerte aber nur seine Schande durch den Verlust von 7000
weiteren Türken und eines Forts, in dem man weitere 13 Geschütze
fand, die dann gegen den Feind eingesetzt wurden, volle sieben Tage
lang, in denen unser General das Schlachtfeld hielt, das er erobert
hatte. Er hätte es länger gehalten, wenn nicht Mangel an Verpflegung
aufgetreten wäre durch die Schuld der Herren des Landes, die ihr
Versprechen nicht hielten. Das veranlaßte die Leute vom kaiserli-
chen Rat und die ganze Armee, ihn zu drängen, ja durch ihre Auf-
dringlichkeit zum Rückzug zu zwingen. Er wollte es dennoch nicht

267
tun, wenn sie ihm nicht den schriftlichen Befehl gegeben hätten. So
kann man wohl sagen, wenn diejenigen, die dazu verpflichtet waren,
diesem großen General mit Verpflegung zu Hilfe gekommen wären,
wie er mit seinen Waffen der Stadt zu Hilfe kam, wäre sie ohne Zwei-
fel erhalten geblieben: „Et nunc, Troja stares, Priamique arx alta ma-
neres.“ 62 Die ganze Zeit, während unser Heer auf dem Schlachtfeld
stand (das nicht weiter als die Reichweite eines Geschützes von der
Stadt und eines Gewehres vom Lager und der Verschanzung des Fein-
des entfernt war), wurde ja kein einziger Angriff gegen die Stadt un-
ternommen und kein Kanonenschuß gegen sie abgegeben.
Mein Gott, wie wohl tut es, diesen großen General beim Rest seiner
Armee zu sehen, die ihre anderen Führer fast alle verloren hatte und
auf 6000 oder 7000 Mann zusammengeschrumpft war, als der Hun-
ger die anderen zum Rückzug zwang. Er hielt den Türken durch Schar-
mützel hin, während sich die Armee sechs oder sieben Meilen zu-
rückzog und eine Reihe schwieriger Übergänge vollständig bewältig-
te. Bald zu Fuß, bald zu Pferd kämpfend war er einmal an der Spitze
der Vorhut, einmal am Schluß der Nachhut, erfüllte nicht nur die
Aufgabe des Generals, sondern auch des Feldmeisters, des Generals
der Artillerie, des Feldwebels, des Obersten, mit einem Wort, auf
seinen Schultern lag die Bürde und die Aufgabe dieses so gefahrvol-
len und so bewundernswerten Rückzugs. Dabei geriet er mehrmals in
ein Handgemenge, wenn er den Seinen zu Hilfe kam, namentlich bei
einer sehr bemerkenswerten Unterstützung seiner Nachhut, die ganz
zerschlagen durch einen schrecklichen Angriff von 50.000 türkischen
Reitern zurückwich, obwohl diese tapfer bekämpft wurden durch den
Grafen de Chaligny unter der glücklichen Führung seines Bruders
und Generals, der ihm schließlich so glücklich zu Hilfe kam, daß die
Türken bekämpft und zurückgeschlagen als erste einen so schmach-
vollen Rückzug machten, wie der unseres Heeres glorreich war, weil
er mit einer Handvoll Leute erreicht wurde, die unser General rettete
und glücklich vor dem Ansturm einer solchen Übermacht bewahrte,
mit einigen erbeuteten Geschützen.
Als er nach dieser Heldentat im November nach Wien kam, hielt
ihn der Kaiser den ganzen Winter zurück und vereitelte seinen Plan,
die Seinen in Paris zu besuchen. Er wollte mit seiner Hilfe die Ent-
schlüsse fassen für das, was im kommenden Jahr zu unternehmen sei.
Ungefähr im August führte der Fürst seine Armee ins Feld, die aus
17.000 bis 18.000 Mann bestehen mochte, und zog gegen Komor.

268
Bald darauf verbreitete er das Gerücht, er ziehe gegen Buda, um es zu
belagern, und nach einigen gelungenen Kriegslisten setzte er sich
schließlich vor der neuen Stadt fest und eine Geschützweite von Kö-
niggrätz, der Hauptstadt des unteren Ungarn. Er besetzte alle Stra-
ßen, verschanzte sich dort und stellte seine Batterien auf. Dann griff
er sie von allen Seiten heftig an, setzte sich mit 50 leichten französi-
schen Reitern selbst an die Spitze eines Infanterieregiments, so gün-
stig und so tapfer, indem er zugleich die Aufgabe des Feldherrn und
des Soldaten erfüllte, daß die Feinde, nachdem sie lange Zeit gekämpft
hatten, schließlich in dem Maß den Mut verloren, als ihn unser Gene-
ral den Seinen gab, die ihn an ihrer Spitze sahen, den Feind angriffen
und bis an das Tor der Altstadt zurückdrängten. Nachdem er selbst
deren Mauern erkundet hatte, ließ er sie so lange beschießen, bis eine
beachtliche Bresche geschlagen war, und befahl den Angriff, dem die
Belagerten tapfer standhielten, bis sich der Fürst mit seinen allseits
bewaffneten Edelleuten an die Spitze des Angriffs stellte. Er feuerte
die Belagerer so sehr an, daß der Feind gezwungen war, die Bresche
aufzugeben, und sich so bedrängt sah, daß eine große Menge Türken
sich in die Gräben stürzte. Der andere Teil zog sich in die Häuser
zurück, wo ihre Munition lagerte, an die sie aus Verzweiflung Feuer
legten, so daß viele der Unseren mit ihnen starben. Der kommandie-
rende Pascha, der sich in der gleichen Absicht in den Palast zurück-
zog, bat für sich und die Seinen um das Leben; es wurde ihm gewährt
und er blieb Gefangener. Auf gleiche Weise erhielten viele Christen,
die in der Stadt gefangen waren, die Freiheit durch diesen tapferen
Sieger. Nachdem er die Lage in dieser Stadt gesichert hatte, ließ er
den deutschen Oberst Starhemberg in ihr zurück und entfernte sich
eine oder zwei Meilen von ihr, um seine Armee aufzufrischen und die
des Feindes zu erwarten, der heranrückte, um ihn anzugreifen oder
die Stadt zurückzuerobern.
Dieser große Krieger, meine Herren, der ebenso den Beinamen Mars
wie Merkur verdient, unternahm also nicht, was leicht war, sondern
machte möglich, was er unternahm. Das sage ich wegen der Bedeu-
tung und Größe von Königgrätz, wo früher die Könige von Ungarn
gekrönt und bestattet wurden. Die Stadt war so bedeutend, daß der
große Soliman persönlich mit 200.000 Mann anrückte, um sie zu er-
obern, und sie erst nach einer Belagerung von drei Monaten und durch
einen Vergleich in seine Gewalt bekam. Das war vor etwa 60 Jahren,
und in dieser Zeit war sie derart befestigt worden, daß drei Belage-

269
rungen durch christliche Heere lange Zeit nichts einbrachten als Ver-
luste und Schaden, bis unser Verstorbener kam. Er gehörte zum Ge-
schlecht derjenigen, von denen so oft das Heil in Israel kam, wie es
von den Makkabäern (1 Makk 5,62) heißt. Sein Degen, sein Mut und
seine Klugheit führten dazu, daß er sich in weniger als zwölf Tagen
der Stadt bemächtigte. Gott hatte ihm diese Eroberung vorbehalten
und die Befreiung der Gebeine und der Gräber der früheren Könige
von Ungarn, mit denen ihm die Abstammung vom großen Haus von
Sachsen gemeinsam war.
Der Feind rückte also heran und ließ erkennen, daß er gegen König-
grätz zog, um es zurückzuerobern, wie er Befehl hatte. Er meinte das
leicht zu können, zumal die Kriegsmunition und die Verpflegung
durch das Feuer verzehrt waren und ein großer Teil der Mauern durch
die Artillerie der Unseren wie durch die Minen der Seinen zerstört
war. Doch unser General erkannte die Absicht und ließ seinerseits
seine Armee heranrücken. Mit ungefähr 120 französischen Reitern
begab er sich in die Stadt, für die zu sorgen er nicht unterlassen konn-
te, um sie zu besuchen und zu bestärken. Doch er war kaum dort, da
wurde er von 8000 Reitern angegriffen, denen das Gros von 120.000
Mann folgte. Unser General konnte zwar mehrere Ausfälle machen,
bei denen viele Türken gefangen wurden; inzwischen setzte sich aber
dieses ungeheure Heer zwischen der Stadt und unserer Armee fest,
die fast nur noch einem Körper ohne Seele glich, da sie der Gegen-
wart ihres Generals beraubt war, der sie aber kaum in diesem Zu-
stand ließ. Denn nachdem er die Dinge in der Stadt gut geordnet hat-
te, verließ er sie im Schutz der Nacht und begab sich zu seiner teuren
Truppe, von der er mit unsäglicher Freude empfangen wurde, nament-
lich vom Erzherzog Matthias, der ebenfalls mutige und ausgezeich-
nete Taten vollbrachte.
Es wäre mir wahrhaftig unmöglich, auch in Worten die Tüchtigkeit
und die Klugheit zu schildern, mit der dieser Fürst die Gefechte mit
der Armee der Feinde schlug, indem er jene entlastete, die sich manch-
mal vergeblich einsetzten, die Orte und kleinen Forts zurückzuer-
obern, die von den Türken besetzt wurden. So zeigte er in vollen 17
Tagen, während denen die beiden Heere fast ständig im Kampf lagen,
eine vollkommene Verbindung aller Eigenschaften, die für einen gro-
ßen Feldherrn erforderlich sind, vor allem an drei großen Tagen, an
denen er so glücklich kämpfte, daß er mehrere Geschütze eroberte
und eines der glänzendsten Gemetzel unserer Zeit unter den Türken

270
anrichtete. Dabei fanden unter anderen Anführern der Pascha Mech-
met Kiaia von Buda und der Pascha von Caiai den Tod. Ihre Köpfe
wurden den Türken im Austausch gegen viele Christen geschickt. Nach
dieser Großtat blieb unser Heer noch sechs Tage im Feld; und der
große Herzog de Mercoeur, der ringsum keinen Feind mehr sah, kam
nach Wien mit dem Verdienst von tausend Palmen und ebensovielen
Lorbeerkränzen. Dort wurde er mit der größten Freude empfangen,
die man sich denken kann, mit Beifall und Segenswünschen und mit
so viel Prunk, wie man im gleichen Fall für den Kaiser entfaltet hätte.
Doch nach dem Sieg über so viele Feinde wurde dieser große Fürst
doch nicht vom Stolz besiegt, der sehr oft siegreich über andere Sie-
ger ist. Er wußte, daß die Frucht schöner und heiliger Taten darin
besteht, sie vollbracht zu haben, und daß außer der Tugend kein Preis
ihrer würdig ist. Deshalb wünschte er nichts anderes als die Verherr-
lichung Gottes. Das zeigte er sehr deutlich in den Briefen, die er an
seine Frau Gemahlin schrieb; denn er war so sehr bestrebt, den gan-
zen Ruhm ob der glücklichen Erfolge seiner Waffen Gott zuzuschrei-
ben, so daß er selbst anscheinend nur als ein Werkzeug dazu betrach-
tet werden wollte: ein sicheres Zeichen echter, nicht gekünstelter
Demut, weil er sie jener gegenüber übte, die sein zweites Ich war.
Das ist also einiges darüber, was dieser große General in Ungarn
vollbracht hat; denn weder die Zeit noch meine Stimme und der Ort
erlauben mir, alles sagen zu wollen. Das wird die Aufgabe eines gro-
ßen Meisters sein, der sehr ruhmvoll durch die glückliche Begegnung
mit einem so reichen Stoff wie ein zweiter Maron am Anfang seines
Werkes wird sagen können: „Arma virumque cano.“63
Indessen bitte ich euch, stellt euch einen ausländischen Fürsten in
einem fernen Land vor, in einem Heer, das aus den verschiedensten
Nationen zusammengesetzt ist, in dem der kleinste Teil Franzosen
waren. Bedenkt auch das Ansehen, das er gewonnen hat. Seht den
Erzherzog, einen Bruder des Kaisers, unter seiner Führung; denkt an
die großen Waffentaten, die er in so kurzer Zeit vollbracht hat; erin-
nert euch an die Stärke des Feindes, den er geschlagen hat, an die
Ungleichheit seiner Streitkräfte gegenüber der ungeheuren Masse der
Türken, und ihr werdet die unermeßlichen Verdienste dieses Fürsten
bewundern, oder vielmehr das große Wunder, für das wir wohl alle
dem großen Gott der Heerscharen danken müssen, der seine Feinde

271
durch die Arme dieses Fürsten schlagen wollte, der die gerechte Sa-
che in die Hand nahm.
Überlegt, wie er mit 13.000 Mann 150.000 Türken angegriffen und
besiegt hat. So erneuerte er die Wundertaten der alten Heerführer
Josua, Gideon, David, der Makkabäer, des Gottfried, des hl. Ludwig,
Skanderbegs und des guten Grafen de Montfort. Dieser Fürst erneu-
erte auch die christliche Art, in die Schlacht zu ziehen; denn er ließ
sich stets erst in den Kampf ein, nachdem er den Beistand dessen
erbeten hatte, dessen Heere er führte, dem er stets heilige Gelöbnisse
machte, die er nach dem Erfolg sehr fromm erfüllte. Er hatte in sei-
nem Heer immer Kapuzinerpatres, die ein sehr großes Kreuz trugen
und nicht nur die Soldaten anfeuerten, sondern auch nach der allge-
meinen Beichte, die alle Katholiken als Zeichen ihrer Reue machten,
ihnen den heiligen Segen gaben. Vor allem war es aber schön zu se-
hen, wie dieser General seine Hauptleute zur Standhaftigkeit ermun-
terte und ihnen vor Augen hielt, wenn sie sterben sollten, geschehe es
mit dem Verdienst des Märtyrers; wie er mit jedem in seiner eigenen
Sprache redete: französisch, deutsch, italienisch. Was Wunder, wenn
solche Heere große Erfolge haben? In der Tat sagt Wilhelm von Ty-
rus, daß die Heldentaten Gottfrieds ganz ähnlich waren und aus einer
gleichartigen Führung hervorgingen.
Gott hat diesem Fürsten ein Herz voll Tapferkeit, einen unüber-
windlichen Mut geschenkt. Aus Furcht, dieser Mut könnte durch die
Ruhe erschlaffen, hielt er ihn seit seiner Kindheit bis ans Ende in
Übung durch ständige Anstrengungen und Gefahren, immerhin mit
dem Erfolg, daß alle die waghalsigen Erschütterungen für ihn nur
eine Schule der Tugend und eine Gelegenheit zum Ruhm wurden.
Angesichts des Fortschritts seines Lebens scheint es sicher, daß Gott
ihn ausdrücklich zu diesen Übungen angeregt und am Ende so ver-
schiedene Nationen zu Zeugen berufen hat, damit sie das Schauspiel
höchster Tapferkeit und größten Glücks erlebten.
Wie tüchtig sind doch die Franzosen, wenn sie Gott auf ihrer Seite
haben! Wie tapfer sind sie, wenn sie gottesfürchtig sind! Wie glück-
lich sind sie, gegen die Ungläubigen zu kämpfen! „Leo qui omnibus
insultat animalibus, solos pertimet gallos“, sagen die Naturkundigen.64
Es ist etwas Großartiges, daß die Gegenwart dieses französischen Heer-
führers den Zug der türkischen Heere aufzuhalten vermochte und
daß sich bei seinem Anblick ihr Halbmond verfinsterte. Ich freue
mich mit dir, großes Frankreich, und unser Gott sei gepriesen, daß

272
aus deinem Arsenal ein so tapferer Degen hervorging, daß das Reich
auf der Suche nach einem Generalleutnant an den Hof dieses großen
Königs kam, dessen großer Ruhm darin liegt, der oberste Kriegsherr
eines Königreichs zu sein, aus dem Fürsten hervorgehen, die von der
übrigen Welt als die größten geschätzt und betrachtet werden. So
meinen auch viele, daß es einer deiner Könige sein wird, Frankreich,
der dieser Sekte des großen Betrügers Mohammed den letzten Schlag
versetzen und den Garaus machen wird.
Nachdem dieser große Fürst so viele Anstrengungen für den Glau-
ben auf sich genommen und seinem Feind so großen Schaden zuge-
fügt hatte, reiste er schließlich von Wien nach Prag, wo er vom Kaiser
Urlaub nahm, weil er nach Frankreich zurückzukehren und die teu-
ren Unterpfänder zu besuchen wünschte, die er hier zurückgelassen
hatte. Als er aber in Nürnberg war, wurde er von einem giftigen Fie-
ber befallen, das rote Flecken hervorrief und ihn am dritten Tag er-
kennen ließ, daß er seine Anstrengungen und Mühen beenden mußte
und die Krankheit ihm als Barke dienen sollte, um die Überfahrt aus
dieser Sterblichkeit zu machen. Weil aber das Leben wie ein Bild sein
muß, in dem alle Teile schön sein sollen, und weil der Schluß der
wichtigste Teil des Werkes ist, laßt uns doch kurz sehen, welches Ende
ein so schönes Leben nahm.
Es ist wahrhaftig eine allzu unnatürliche Täuschung, absichtlich
diesen Übergang zu vergessen, weil die Natur keinen von seiner
Notwendigkeit ausnimmt. Deshalb richtet der kluge Mensch jeden
Tag so ein, als wäre er der letzte seines Lebens, das nur eine ständige
Bereitschaft sein soll, diesen Übergang zu erleichtern. Als ihn der
große Fürst nahe bevorstehen sah, nachdem er ihn so oft erwartet
hatte, bereitete es ihm keine große Schwierigkeit, sich dazu zu ent-
schließen und sich vollständig zu ergeben; denn da er nicht wußte, wo
ihn diese Stunde erwartete, erwartete er sie überall. Und als er sie
nahe bevorstehen sah, sagte er: Wohlan, mein Gott und mein Schöp-
fer sei ewig gepriesen auf Erden wie im Himmel. Durch seine große
Barmherzigkeit bin ich am Ende dieses sterblichen Lebens angelangt;
seine Allgüte will nicht, daß ich noch länger in so vielen Trübsalen
bleibe. Ich hatte ihm das Gelübde gemacht, sein heiliges Haus in
Loreto aufzusuchen, um dort die Größe seiner Mutter zu verehren;
weil es ihm so gefällt, ändere ich den Plan meiner Reise, um jene im
Himmel zu verehren, die ich auf Erden verehren wollte. Und er sagte
darüber viele schöne und fromme Worte. Dann dachte er daran, daß

273
er seiner Frau Gemahlin eine junge Prinzessin, seine einzige Tochter,
hinterließ, voll natürlicher Güte und mit allen Merkmalen, die eine
hervorragende Tugend erwarten lassen können. Das tröstete ihn sehr
und er war in seinem Herzen froh, daß er ihr dieses Unterpfand ihrer
heiligen Ehe hinterließ und daß er umgekehrt seiner Tochter eine
Herrin und Mutter hinterließ, unter deren milder und tugendhafter
Leitung sie nur hoffen konnte, den Hafen zu erreichen, nach dem sie
verlangte.
Nach diesen oder ähnlichen Erwägungen verlangte er, der heiligen
Messe beiwohnen zu können. Weil es aber in Nürnberg überhaupt
keinen katholischen Gottesdienst gab, verweigerte man ihm dieses
letzte Glück, nach dem er sich mehr als nach allem anderen sehnte.
Das tat man allerdings mit tausend Beteuerungen und Entschuldigun-
gen, unter anderem damit, daß man dasselbe der Königin Elisabeth
verweigerte, als sie nach Frankreich kam. Um jedoch die Hochach-
tung zu bezeugen, die ihm seine Verdienste bei allen erworben haben,
die sich Christen nennen, erlaubte man seinem Beichtvater, das aller-
heiligste Sakrament zu bringen; dies vor allem deswegen, weil er ent-
schlossen war, sich aus der Stadt bringen zu lassen, um es zu empfan-
gen, selbst wenn er dadurch seinen Tod beschleunigt hätte, so sehr
verlangte er danach, mit dieser himmlischen und göttlichen Speise
gestärkt zu werden. Der Beichtvater holte also dieses Unterpfand
unserer Erlösung im nächstgelegenen Ort und brachte es dem kran-
ken Fürsten, der es mit Andacht und unaussprechlichen Seufzern er-
wartete. Kaum erblickte er es, da warf er sich zu Boden, körperlich
ganz matt und schwach, aber geistig fest und stark, mit den Worten:
„Mehr vom Glauben als vom Leben.“ Er betete seinen Erlöser unter
Tränen an, mit andächtigen Worten und frommen Regungen; er bot
ihm seine Seele dar und weihte ihm sein Herz, dann empfing er ihn
mit aller Demut und mit der Glut, die ihm sein großer Glaube bei
dieser Gelegenheit seiner letzten Reise eingeben konnte. Und wie
man sieht, daß die natürliche Bewegung am Ende immer stärker ist
als am Anfang, so bot auch seine Andacht und Frömmigkeit bei die-
ser letzten Handlung alle Kraft seiner heiligen Regungen auf. Er leb-
te noch bis zum dreizehnten Tag, an dem er seinen Geist aufgab und
ihn im Frieden seinem Gott zurückgab, unmittelbar nachdem er die
heiligen Worte ausgesprochen hatte: In deine Hände, Herr, empfehle
ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, Gott der Wahrheit (Ps
31,6).

274
Wenn ich sage, der Herzog de Mercoeur ist gestorben, dann sage ich
auch, ein großer Herzog und ein großer Fürst; aber was mehr ist als
das alles, was die Welt nicht erreichen kann, ich sage gleichzeitig, ein
Großer vor Gott, groß an Glauben und Frömmigkeit, groß an Tugend
und Rechtschaffenheit, groß an Güte und Milde, groß an Verdiensten
und guten Werken, groß an Klugheit und Rat, groß an Ansehen und
Ehre vor Gott und vor den Menschen, groß auf jede Art und Weise.
Der Herzog de Mercoeur, sage ich, eines der Bollwerke der Christen-
heit, eine der Prachtstraßen der Kirche, einer der Beschützer des Glau-
bens, ein Bannerträger des Gekreuzigten, ein Schrecken der Musel-
manen und Mohammedaner, eine Stütze der Betrübten, ein Vorbild
der Nächstenliebe, kurz der Segen seines Jahrhunderts. Tod, wie gro-
ßer Dinge beraubst du uns! Wenn wir dem Wunsch der Seinen, ja aller
guten Menschen glauben, hat dieser Fürst viel zu kurz gelebt; wenn
wir die Größe seiner Taten ermessen, hat er lange genug gelebt; wenn
wir das Elend der Zeit ermessen, hat er zu lange gelebt; wenn wir das
Andenken seiner schönen Taten bedenken, wird er ewig leben.
Glückliches Ende ob des Zusammentreffens aller genannten Tu-
genden, die wie wahre Freunde alle zusammenkommen, um ihm die-
sen letzten Dienst zu erweisen, wenn die Kräfte der Natur, alle Größe
und alle Dinge ihn verlassen haben, die ihm bei Bedarf nicht fehlten.
Und wie es bei einem großen Fluß geschieht, dessen Mündung eng ist,
daß er sich mit um so größerem Ungestüm ins Meer ergießt, und bei
einem Baum, der absterben will, daß er zum letzten mal mehr Frucht
als gewöhnlich trägt, so sind die Tugenden, die vorher, solange er in
der Welt lebte, ihre Funktion getrennt erfüllten, hier miteinander
vereinigt, um ihn mit dem hl. Paulus sagen zu lassen: Wenn ich schwach
bin, bin ich mächtig (2 Kor 12,10), um vor ihm herzugehen, um als
Fanal im Dunkel des Todes zu dienen. Sie bewirken, daß dieser Baum,
in dessen Ästen so viele Vögel nisteten (Mt 13, 32), in dessen Schatten
sich so viele Tiere erquickten, wenn er nach Süden fällt, d. h. im
Stand der Gnade und der Ehre, da ewig bleibt (Koh 11,3). Glückli-
cher Tausch, die Ewigkeit durch den Verlust so weniger Jahre zu ge-
winnen!
Was denken Sie nun, meine Herren, über das Leben und Sterben
dieses Fürsten? Verdient sein Leben nicht, durch unsterbliche Lobes-
erhebungen gefeiert zu werden? Meint ihr, daß man über das Sterben
dessen trauern muß, der so gut gelebt hat? Er hat den Tod bereitwillig

275
angenommen, und ihr wollt über die Nachricht davon traurig sein?
Nein, nein, wer immer euch sagt, er sei tot, der betrügt euch. Die so
gut gelebt haben, sterben niemals. Laßt David über den Tod seines
Abschalom weinen, der verworfen gestorben ist; aber tröstet euch
über das Hinscheiden dieses Fürsten, der nicht tot ist, sondern vor
dem Tod gerettet. Denkt nicht mehr an sein Leben, um seinen Tod zu
betrauern, sondern denkt lieber an seinen Tod, um sein Leben nach-
zuahmen; wenn ihr ein bleibendes Bild von ihm vor Augen haben und
ein kurzes Merkwort behalten wollt, dann erinnert euch an seine De-
vise: „Plus fidei quam vitae.“
Er hat in Wahrheit „mehr vom Glauben als vom Leben“; denn sein
Glaube war stets Herr über sein Leben. Er lebte nur aus dem Glauben
(Röm 1,17). Seine Seele war das Leben seines Leibes, sein Glaube
das Leben seiner Seele. Seht, wie er nur in dem Maß lebte, wie es sein
Glaube ihm erlaubte: nüchtern, gerecht und fromm (Tit 2,12). Seht,
daß er nur Krieg führte in dem Maß, wie es der Glaube ihm eingab,
für die Religion und für die Kirche, auf Grund von Gelöbnissen und
aus Gottesfurcht. Er hat uns aber diese heilige Devise hinterlassen,
die er in dieser Welt so sehr schätzte, als er in die andere aufstieg;
denn das Wort ist gut, um den Übergang zum Himmel zu haben, denn
man kann es nicht sagen, wenn man dorthin gelangt ist. Erinnert es
euch nicht an den guten Elija? Der feurige Wagen hob ihn hinweg und
führte ihn in den Himmel, aber er ließ seinen Mantel für seinen Schü-
ler Elischa fallen (2 Kön 2,11-13). Wer in die himmlischen Wohnun-
gen der Glückseligkeit eingetreten ist, kann den Mantel des Glaubens
nicht mehr tragen, denn alles ist enthüllt (1 Kor 13,12): dort ist die
Klarheit so groß, daß man nicht glauben kann, weil man dort alles
schaut. Statt daß dieser Fürst also, während er hier war, sagte: „Mehr
vom Glauben als vom Leben“, singt er jetzt den Lobgesang: Alles
vom Leben, nichts vom Glauben.
Das ist also die Devise dieses tapferen und hochherzigen Fürsten,
die er uns hienieden hinterlassen hat. Ach, wer wird der beherzte
Elischa sein, der sie aufnimmt? Wer wird der tapfere Fürst sein, der
in den Fußstapfen dieses großen Feldherrn mit „mehr vom Glauben
als vom Leben“ die Siege gegen die Feinde des Kreuzes fortsetzt, die
er so gut begonnen hat? Erlaubt mir, daß ich euch einen Gedanken
von mir vortrage. Wenn der Geist dieses Fürsten irgendwie Sorge für
uns trägt, woran man nicht zweifeln kann, dann glaube ich, vor allem
seines Wunsches wegen, daß ihm irgendeiner nachfolge, der wie er

276
die Devise annehmen kann: „Mehr vom Glauben als vom Leben.“
Denn welche Sorge könnte er im übrigen haben für das, was in der
Welt ist? Für seine Frau Gemahlin? Wie denn? Weiß er denn nicht,
daß sie, tugendhaft und fromm, wie sie ist, wohl Trost in Gott zu
finden weiß? Für sein Fräulein Tochter? Wie denn? Weiß er nicht,
daß sie eine Herrin und Mutter hat, die den Verlust des Vaters zu
ersetzen vermag? Für die Ehre seines Hauses? Aber er hinterläßt so
viele große Prinzen, die sie recht zu erhalten, ja selbst zu vermehren
wissen, in der Gunst dieses großen Königs, der ihm so viel Anerken-
nung für seine Verdienste zu seinen Lebzeiten erwiesen hat und ein so
ehrendes Andenken nach seinem Tod. Nein, glaubt mir, ich bitte euch,
er hat keine größere Sorge als die, von der ich gesprochen habe.
Ich meine ihn zu sehen, wie er uns mit himmlischer Huld etwa mit
den Worten überreden will: Wer wird an meiner Statt aufstehen gegen
die Bösen? Wer wird sich mit mir gegen die Übeltäter stellen? (Ps 94,16)?
Ich befinde mich jetzt in dem glückseligen Leben, wohin der Glaube
nicht gelangt, wo es keine Hoffnung mehr gibt, denn die Klarheit hat
den Glauben verdrängt, der Genuß die Hoffnung verbannt. Ich schaue,
was ich geglaubt habe, ich besitze, was ich erhofft habe; aber die Lie-
be begleitet mich. Sie läßt mich stets die Erhöhung der Kirche und
die Vernichtung ihrer Feinde wünschen. Ach, wird sich keiner fin-
den, der es unternehmen will, für die Ehre meines Gottes zu kämp-
fen, und der mit mutiger Seele in meine Fußstapfen treten will zur
Fortsetzung eines so heiligen Unternehmens?
Mir scheint auch, daß er mit Ihnen, Madame, seiner teuersten Wit-
we, und mit euch, seinen Herren Verwandten spricht und die Worte
sagt: Seht, wo ich bin, ich bitte euch. Ich bin an dem Ort, nach dem
ich mich so sehr gesehnt, mit dem ich mich getröstet habe in den
vergangenen Mühsalen, die mir die gegenwärtige Herrlichkeit erwor-
ben haben; warum tröstet ihr euch nicht mit mir? Als ich bei euch
war, habt ihr euch bemüht, euch mit mir über alle meine Tröstungen
zu freuen, selbst über hinfällige und trügerische; bin ich denn nicht
immer der gleiche? Warum betrübt ihr euch also über meinen Heim-
gang, da er mir so viel Herrlichkeit gebracht hat? Nein, ich wünsche
etwas anderes als Trauer; wenn ihr Tränen habt, dann spart sie, um
eure Sünden zu beweinen und das Unglück eures Jahrhunderts.
Was mich betrifft, ich betrachte ihn als in diesem Zustand befind-
lich; denn wenn ich mir auch vorstelle, daß dieser Fürst ein Sünder
war, wenigstens wie jene sind, die siebenmal am Tag fallen (Spr 24,6),

277
und daß er nach dem strengen und gerechten Urteil Gottes vielleicht
der Läuterung bedarf, wenn ich jedoch andererseits sein vorzügliches
Leben betrachte, dann sage ich: Ist es denn möglich, daß derjenige
noch des Genusses der vollen und triumphierenden Freiheit beraubt
sein soll, dessen Gott sich bedient hat, um so viele Seelen aus der
Gefangenschaft der Ungläubigen zu befreien?
Wenn das unerforschliche Geheimnis Gottes dich trotzdem noch
für einige Zeit am Ort der Läuterung festhielte, du frommer und hoch-
herziger Geist, sieh, wir schenken dir unsere Fürbitten und Gebete,
unser Fasten und Nachtwachen und alles, was wir können, vor allem
die heiligen Opfer, damit sie dir zugewendet werden. Wir schenken
dir alle unsere Gelöbnisse und Wünsche. Möge Gott dich in seine
heiligen Wohnungen aufnehmen, du schöne Seele. Möge Gott die
Gebete der ganzen Christenheit erhören, die ihre Wünsche mit den
unseren vereinigt und in den Ruf für dich einstimmt: Gott schenke
dem seinen Frieden, der so viel gekämpft hat, um den unseren zu
verteidigen; Gott schenke sein Paradies dem, der die Häuser so vieler
Christen erhalten hat; Gott schenke seinen himmlischen Tempel dem,
der so viele Kirchen auf Erden beschützt hat; Gott nehme den in die
Stadt des triumphierenden Jerusalem auf, der so viel für die streiten-
de gekämpft hat. Und Gott schenke allen, die solche Gebete für die
Seele dieses großen Fürsten verrichten, die Gnade seines heiligen
Friedens und seinen ewigen Trost. So sei es.

278
V. Zur Spiritualität des Ordenslebens

Pflichten durch Profeß und Amt 65

1. Sie haben zwei Eigenschaften, denn Sie sind Ordensfrau und Sie
sind Äbtissin. Sie müssen Gott in der einen und in der anderen die-
nen, und darauf müssen alle Ihre Absichten, Übungen und Regungen
ausgerichtet sein.
2. Denken Sie daran, daß es nichts so Glückliches gibt wie eine
fromme Ordensfrau und nichts so Unglückliches wie eine Ordens-
frau ohne Frömmigkeit.
3. Die Frömmigkeit ist nichts anderes als die Behendigkeit, der
Eifer, die Neigung und Bewegung, die man im Dienst Gottes hat. Es
ist ein Unterschied zwischen einem guten Menschen und einem from-
men Menschen, denn ein guter Mensch ist, wer die Gebote Gottes
hält, auch wenn es nicht mit großer Behendigkeit noch mit Eifer ge-
schieht; doch fromm ist derjenige, der sie nicht nur beobachtet, son-
dern sie gern, behende und mit großem Mut befolgt.
4. Die wahre Ordensfrau muß fromm sein und bestrebt, große Be-
hendigkeit und Eifer zu haben. Um das zu erreichen, muß man vor
allem darauf achten, daß das Gewissen nicht mit irgendeiner Sünde
belastet ist, denn die Sünde ist eine so schwere Last, daß einer, der sie
trägt, nicht bergsteigen kann. Deshalb muß man oft beichten und darf
die Sünde niemals in unserer Brust schlafen lassen. Zweitens muß
man alles ablegen, was ‚die Füße‘ unserer Seele behindern kann, das
sind ‚die Neigungen‘, die man von allen Gegenständen zurückziehen
und wegnehmen muß, nicht nur von schlechten, sondern auch von
solchen, die nicht ganz gut sind; denn ein gefesseltes oder falsch be-
schlagenes Pferd kann nicht laufen.
5. Außerdem muß man Unseren Herrn um diese Behendigkeit bit-
ten, und deshalb muß man sich im Gebet und in der Betrachtung üben
und darf keinen Tag vergehen lassen, ohne es eine kleine Stunde lang
zu tun.
Und was das Gebet betrifft, weise ich Sie darauf hin, daß Sie 1.
niemals unterlassen dürfen, das tägliche Offizium zu verrichten, das
von der Kirche vorgeschrieben ist; eher müßte man alle anderen Ge-
bete auslassen. 2. Nach dem Offizium muß man die Betrachtung allen

279
anderen Gebeten vorziehen, denn sie wird für Sie nützlicher und Gott
wohlgefälliger sein. 3. Machen Sie Stoßgebete; sie sind Seufzer der
Liebe, die man zu Gott schickt, um seine Hilfe und seinen Beistand
zu erlangen. Dabei wird Ihnen sehr helfen, wenn Sie in Ihrer Vorstel-
lung den Punkt der Betrachtung festhalten, der Ihnen am meisten
zugesagt hat, um ihn während des Tages wiederzukauen, wie man es
mit Tabletten für den Körper macht. Dazu kann Ihnen auch ein Kreuz
oder ein frommes Bild dienen, das Sie am Hals tragen, oder der Ro-
senkranz, den Sie zur Hand haben und oft küssen zur Ehre dessen,
den er darstellt. Und wenn die Uhr schlägt, ein kleines Wort des Her-
zens oder mit dem Mund zu sprechen, etwa: Es lebe Jesus! Oder auch:
Das ist die Stunde, sich zum Guten zu ermuntern; meine Stunde naht,
und ähnliche. 4. Wenn es möglich ist, lassen Sie keinen Tag vergehen,
ohne ein wenig in einem geistlichen Buch zu lesen, selbst vor der
Betrachtung, um den geistlichen Appetit in sich zu wecken.
Gewöhnen Sie sich daran, sich vor der Nachtruhe in die Gegenwart
Gottes zu versetzen und ihm dafür zu danken, daß er Sie bewahrt hat,
und die Gewissenserforschung zu machen, wie es Sie die geistlichen
Bücher lehren werden. Machen Sie dasselbe am Morgen und bereiten
Sie sich darauf vor, Gott während des Tages zu dienen, opfern Sie sich
seiner Liebe auf und bringen Sie ihm die Ihre dar. Ich bin der An-
sicht, daß Ihre Betrachtung am Morgen geschieht und daß Sie am
Vorabend bei Granada, Bellintani oder einem ähnlichen Autor den
Punkt lesen, den Sie betrachten wollen.
6. Um die heilige Bereitschaft zu gutem Handeln zu erwerben, las-
sen Sie keinen Tag vergehen, ohne eine bestimmte Handlung in dieser
Absicht zu verrichten; denn die Übung dient wunderbar dazu, sich
leicht zu jeder Art von Werken auf den Weg zu machen.
7. Versäumen Sie nicht, jeden ersten Sonntag des Monats zu kom-
munizieren, abgesehen von den großen Festen. Beichten Sie am Vor-
abend und erwecken Sie in sich eine heilige Ehrfurcht und geistliche
Freude, daß Sie so glücklich sein dürfen, Ihren gütigen Erlöser zu
empfangen. Dann fassen Sie von neuem den Entschluß, ihm eifrig zu
dienen; wenn man ihn empfangen hat, muß man ihn bekräftigen, zwar
nicht durch ein Gelübde, aber durch einen guten und festen Vorsatz.
Verhalten Sie sich am Tag Ihrer Kommunion, so fromm Sie können,
indem Sie nach dem seufzen, der in Ihnen sein wird, und blicken Sie
ihn ständig mit dem inneren Auge an, der in Ihrem eigenen Herzen

280
ruht oder wie auf einem Thron sitzt. Führen Sie ihm Ihre Fähigkeiten
und Sinne nacheinander vor, um seine Befehle zu hören und ihm Treue
zu versprechen. Das soll nach der Kommunion in einer kleinen Be-
trachtung von einer halben Stunde geschehen.
8. Hüten Sie sich davor, sich gegen Ihre Umgebung melancholisch
oder verdrießlich zu verhalten, aus Furcht, man könnte das der Fröm-
migkeit zuschreiben und sie verachten. Verschaffen Sie ihnen im Ge-
genteil Trost und Befriedigung, damit sie das veranlaßt, die Fröm-
migkeit zu ehren und hochzuschätzen und nach ihr zu verlangen.
Schaffen Sie in sich den Geist der Milde, Freude und Demut, die
der Frömmigkeit am meisten eigenen Tugenden; ebenso die Gemüts-
ruhe, ohne sich über dies und jenes zu ereifern, sondern gehen Sie den
Weg Ihrer Frömmigkeit mit vollem Vertrauen auf die Barmherzig-
keit Gottes, der Sie an der Hand ins himmlische Land führen wird;
und hüten Sie sich folglich vor Verdruß und Streitigkeiten.
Was Ihre Eigenschaft als Äbtissin, d. h. als Mutter des Klosters
betrifft, diese verpflichtet Sie, allen Ihren Ordensfrauen das Gute für
die Vollkommenheit ihrer Seele zu verschaffen und folglich ihre Sit-
ten und das ganze Haus zu reformieren.
Die Methode, das zu erreichen, muß bei diesem Anfang mild, freund-
lich und erfreulich sein, ohne mit Rügen für Dinge zu beginnen, die
bis jetzt geduldet wurden. Vielmehr müssen Sie ihnen, ohne ihnen ein
Wort zu sagen, selbst das genaue Gegenteil zeigen in Ihrem Leben
und Umgang, indem Sie sich vor ihren Augen mit heiligen Übungen
befassen. Solche wären etwa, manchmal in der Kirche Gebete zu ver-
richten oder selbst die Betrachtung, den Rosenkranz zu beten, ein
geistliches Buch lesen zu lassen, während Sie Ihre Nadelarbeit ma-
chen, sie freundlicher und bescheidener als je zu behandeln. Schlie-
ßen Sie besondere Freundschaft mit jenen, die sich der Frömmigkeit
anschließen, unterlassen Sie jedoch nicht, die anderen recht freund-
lich zu behandeln, um sie für den gleichen Weg zu gewinnen und
anzuziehen.
Fassen Sie sich bei weltlichen Gesprächen kurz und lassen Sie so
wenig wie möglich zu, daß sie in Ihrem Privatzimmer stattfinden, um
allmählich zu erreichen, daß der Schlafraum der Damen davon voll-
ständig ausgenommen ist; denn das wäre sehr notwendig, und Ihr Bei-
spiel ist eine große Hilfe dazu.
Sorgen Sie dafür, daß bei Tisch ein schönes geistliches Buch gele-
sen wird, wie Granada ‚Die Eitelkeit der Welt‘, Gerson, Bellintani

281
und ähnliche; machen Sie es zur Gewohnheit, daß es jeden Tag ge-
schieht.
Beim Chorgebet soll Ihre fromme Haltung allen Ordensfrauen als
Gesetz der Bescheidenheit und Ehrfurcht dienen. Das können Sie
leicht tun, wenn Sie sich am Beginn des Chorgebets jedesmal in die
Gegenwart Gottes versetzen. Ich schätze, daß die Einführung des Bre-
viers des Konzils von Trient eine nützliche und vortreffliche Sache
sein wird.
Seien Sie am Anfang nicht zu streng; seien Sie vielmehr freundlich
zu allen, ausgenommen gegen weltliche Personen, mit denen man kurz
und zurückhaltend sein muß.
Es wird gut sein, wenn Sie eine Ihrer Ordensfrauen einsetzen, um
Ihnen bei der Führung der zeitlichen Dinge zu helfen, damit Sie um
so mehr Möglichkeit haben, sich dem Geistlichen und den Liebes-
diensten zu widmen.
Schließlich, übereilen Sie sich nicht bei diesem Beginn, sondern
machen Sie alles, was Sie tun, so freundlich und mit solcher Güte,
daß alle Ihre Töchter Anlaß haben, die Frömmigkeit zu ergreifen.
Ganz allmählich und wenn Sie sehen, daß sie sich in ihr eingeschifft
haben, wird man gründlicher an der Wiederherstellung der Vollkom-
menheit und der Regel arbeiten müssen. Das wird der größte Dienst
sein, den Sie Unserem Herrn leisten können; aber das alles muß sich
nicht so sehr aus Ihrer Autorität als aus Ihrem Beispiel und Ihrer
milden Führung ergeben.
Gott ruft Sie zu all diesen heiligen Aufgaben; hören Sie auf ihn und
gehorchen Sie ihm. Glauben Sie nie, Sie hätten zu viel Mühe und
Geduld in der Sorge für ein so großes Gut angewendet. Wie glücklich
werden Sie sein, wenn Sie am Ende Ihrer Tage wie Unser Herr (Joh
17,4) sagen können: Ich habe das Werk vollbracht und vollendet, das
du in meine Hand gelegt hast. Wünschen Sie es, sorgen Sie dafür,
denken Sie daran, beten Sie dafür; und Gott, der Ihnen den Willen
gegeben hat, es zu wünschen, wird Ihnen die Kraft geben, es gut zu
machen.

282
Meditation zur Standeswahl66

Wie gut ist Gott für sein Israel! Wie gut ist er zu denen, die geraden
Herzens sind (Ps 73,1)!
Erwägen Sie erstens, daß Unser Herr seine Geschöpfe zu allen Ar-
ten von Diensten und zum Gehorsam gegen ihn verpflichten konnte,
daß er es dennoch nicht tun wollte, sondern sich damit begnügte, uns
zur Beobachtung seiner Gebote zu verpflichten. Wenn es ihm also
gefallen hätte, anzuordnen, daß wir unser ganzes Leben fasten, daß
wir das ganze Leben als Einsiedler, als Kartäuser, als Kapuziner ver-
bringen, so wäre das noch nichts im Vergleich mit der großen Ver-
pflichtung, die wir ihm gegenüber haben; und trotzdem hat er sich
damit begnügt, daß wir einfach seine Gebote halten.
Erwägen Sie zweitens: Obwohl er uns zu keinem größeren Dienst
verpflichtet hat als zu dem, den wir ihm leisten, indem wir seine Ge-
bote halten, so hat er uns doch eingeladen und geraten, ein vollkom-
menes Leben zu führen und den vollkommenen Verzicht auf die Ei-
telkeiten und Gelüste der Welt zu leisten.
Erwägen Sie drittens: Ob wir nun die Räte Unseres Herrn ergreifen
und uns einem strengeren Leben unterziehen oder ob wir im gewöhn-
lichen Leben und in der bloßen Beobachtung der Gebote bleiben, wir
werden in beiden Fällen Schwierigkeiten haben: denn wenn wir uns
von der Welt zurückziehen, werden wir Mühe haben, unsere Begier-
den stets im Zaum und unterworfen zu halten, uns selbst zu verleug-
nen, auf unseren eigenen Willen zu verzichten und in vollständiger
Unterwerfung unter die Gesetze des Gehorsams, der Keuschheit und
der Armut zu leben. Wenn wir auf dem gewöhnlichen Weg bleiben,
werden wir ständig Mühe haben, gegen die Welt zu kämpfen, die uns
umgeben wird, um den häufigen Gelegenheiten zur Sünde zu wider-
stehen, die uns begegnen werden, und unsere Barke inmitten so vieler
Stürme zu retten.
Erwägen Sie viertens: Wenn wir in der einen oder in der anderen
Lebensweise Unserem Herrn gut dienen, werden wir tausend Trö-
stungen haben. Fern der Welt wiegt allein die Befriedigung, alles für
Gott aufgegeben zu haben, mehr als tausend Welten. Das Glück, durch
den Gehorsam geführt zu werden, durch die Gesetze behütet und vor
den größten Fallstricken gesichert zu sein, sind jene Köstlichkeiten,
ganz abgesehen vom Frieden und der Ruhe, die man dort findet, von
der Freude, Tag und Nacht mit dem Gebet und göttlichen Dingen

283
beschäftigt zu sein, und tausend ähnlichen Freuden. Und was das ge-
wöhnliche Leben betrifft, die Freiheit, die Vielfalt des Dienstes, den
man Unserem Herrn leisten kann, die Ungezwungenheit, daß man
nur die Gebote Gottes zu befolgen hat, und tausend ähnliche Überle-
gungen machen es recht köstlich.
Nach all dem werden Sie zu Gott sagen: Ach Herr, in welchem
Stand soll ich dir dienen? Meine Seele, du wirst Gott da treu sein,
wohin er dich ruft: aber was dünkt dir, auf welcher Seite du es besser
machen wirst? Prüfen Sie Ihren Geist ein wenig, ob er nicht irgend-
wie mehr Neigung nach der einen Seite fühlt als nach der anderen,
und wenn Sie es herausgefunden haben, fassen Sie noch keinen Ent-
schluß, sondern warten Sie, bis man es Ihnen sagt.

Das Geheimnis der Berufung 67

Selig sind jene, die das Wort Gottes hören und es bewahren (Lk 11,
28). – Ich werde meine Ansprache in drei Punkte gliedern: Im ersten
werden wir sehen, was es heißt, das Wort Gottes zu hören; im zwei-
ten, wie man es bewahren soll; im dritten, wie jene glücklich sind, die
es hören und es bewahren.
Was das erste betrifft, lehrt Gott uns seinen Willen und läßt sein
Wort gewöhnlich auf dreierlei Weise hören; auf die erste durch Men-
schen, die das Verständnis und die Kenntnis der Heiligen Schrift be-
sitzen, wie die Theologen und Prediger, die uns täglich predigen und
das göttliche Wort, die Häßlichkeit des Lasters und die Schönheit der
Tugend verkünden. Wir müssen gewiß mit großer Ehrfurcht und Auf-
merksamkeit auf sie hören wie auch auf die Oberen und alle Men-
schen, die vom Geist Gottes inspiriert und erleuchtet sind, durch die
er uns seinen Willen und sein Wohlgefallen bekannt gibt. Obwohl
diese Worte von Gott inspiriert sind, sind es doch Worte von Men-
schen und sie bleiben gewöhnlich nicht im Herzen oder doch nur
sehr wenig. Er ist nicht so, daß man die Mahnungen, die uns von den
Predigern wie von den Oberen gegeben werden, nicht recht hörte;
man ist von ihnen manchmal sogar gerührt, aber bei den meisten Chris-
ten gehen diese Lehren bei einem Ohr hinein und beim anderen hin-
aus ...
Gott hat noch eine andere Art, zu seinen Geschöpfen zu sprechen:
durch den Dienst der Engel. Diese ist erhabener und hinterläßt wun-

284
dervolle Wirkungen in den Seelen. Die ganze Heilige Schrift ist voll
von Beispielen dafür ...
Doch die dritte Art, wie Gott sich den Menschen zu verstehen gibt,
ist sehr bewundernswert und vertraut; ihre Wirkungen sind ganz an-
ders, denn er spricht innerlich (vgl. Hos 2,16) ... Mein Gott, wie be-
wundernswert ist doch dieses göttliche Wort! Es ergießt sich ganz
sanft in die Seele, es durchdringt sie, es entflammt sie und bleibt in
ihr. Es ist gewiß sehr wahr, daß der Grund des Herzens Gott allein
vorbehalten ist und daß nur er zu ihm vordringen kann. Es sind diese
Lehren, die Unser Herr an hundert Stellen der Heiligen Schrift ver-
kündet hat: Geh, verkauf alles, was du hast, und folge mir (Mt 19,21);
und an anderer Stelle: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst,
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir (Mt 16,24). Dann noch an
anderen Stellen: Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmel-
reich. Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen (Mt
5,3f); und viele solcher Lehren aus dem göttlichen Mund unseres teu-
ren Erlösers, die von vielen Menschen gehört wurden, brachten und
bringen noch heute wunderbare Wirkungen hervor. Sie sind auf den
Grund ihres Herzens gedrungen und haben ihn ausgelotet; sie be-
wirkten, daß sie alles aufgaben, was sie besaßen, um Unserem Herrn
zu folgen, wohin er sie rief; und das geschah gegen den Geist und die
Auffassung der Welt, die den Namen ‚Glückselige‘ den Unser Herr
den Armen im Geiste gibt, verwirft und für verrückt erklärt. Selig
sind jene, die das Wort Gottes hören und es bewahren ...
Nun zum zweiten Punkt. Viele hören dieses göttliche Wort, doch
das genügt nicht, man muß es bewahren, und um es zu bewahren, muß
man es kauen und schlucken. Was heißt aber ‚kauen‘ anderes als es
betrachten? Im Lateinischen bedeutet meditieren nichts anderes als
kauen; der Unterschied besteht nur darin, daß das Wort ‚kauen‘ für
körperliche Dinge gebraucht wird, das Wort ‚meditieren‘ für geistige.
Um körperliche Speisen zu essen, muß man sie in den Mund nehmen,
sie dann kauen und schlucken; ebenso muß man bei dieser geistigen
Nahrung die Speise, die die Seele nährt, annehmen, sie kauen, d. h. sie
meditieren, um sie dann zu schlucken und sie in sich selbst umzuwan-
deln. Und was ist diese geistige Speise anderes als das Wort Gottes?
Es ist die wahre Weide der Seele, wie Er selbst an so und so vielen
Stellen der Heiligen Schrift erklärt hat (Mt 4,4). Man muß es also
annehmen; und wie? Im Mund unserer Seele, der nichts anderes ist
als die leiblichen Ohren, durch die es uns erreicht. Denn genau so,

285
wie man körperliche Speisen nicht zu essen vermöchte, ohne sie zu-
erst in den Mund zu nehmen, so könnten wir auch das Wort Gottes
nicht kauen, d. h. meditieren, ohne es recht gehört zu haben. Deshalb
sagt Unser Herr: Selig sind jene, die das Wort Gottes hören, denn das
ist schon ein gutes Zeichen, daß sie es bewahren werden.
Dieses göttliche Wort recht zu erwägen, ist so wichtig, daß der Herr
im Alten Testament (Lev 11,1-26; Dtn 14,6-8) zu seinem Opfer keine
Tiere annehmen wollte, die nicht wiederkäuen ... O Gott, wenn man
die Bedeutung dieses Punktes doch verstünde! Es gibt viele Menschen,
die das Wort Gottes hören, aber was tun sie anderes als es zu ver-
schlingen wie Raben, Bären und Löwen, ohne es zu überlegen. Daher
kommt es, daß so viele verlorengehen (Jer 9,21); daher werden sie
Unreine genannt und sind nicht für das Opfer geeignet. Sie nehmen in
den Mund der Seele, d. h. hören mit den leiblichen Ohren, was man
ihnen vom Schrecken der Hölle, von der Schönheit des Paradieses
und von ähnlichen Dingen sagt; aber sie verschlingen es, und weil sie
es nicht kauen, können sie es nicht verdauen und keine Nahrung dar-
aus gewinnen; sie begreifen es nicht.
Es genügt nicht, das Wort Gottes recht zu hören und zu erwägen,
man muß es auch verdauen und in sich selbst umwandeln ... Wir müs-
sen also gut verdauen, was wir betrachten, daraus gute Wünsche, gute
Neigungen und Entschlüsse ziehen, die wir dann in einem Winkel
unseres Herzens aufbewahren, damit wir uns ihrer bei Gelegenheit
bedienen und sie bei jedem Anlaß verwirklichen können, so daß wir
nicht mehr wir selbst sind, sondern daß die Affekte und Entschlüsse,
die wir im betrachtenden Gebet gewonnen haben, in unserem ganzen
Leben sichtbar werden ...
O Gott, wie glücklich wären wir, wenn wir die Vortrefflichkeit ei-
ner Berufung, die wir empfangen haben, so gut erwägen und verdauen
würden, daß wir durch die Hochschätzung, die wir für sie haben, und
durch die große Liebe, mit der wir unsere Regeln und Konstitutionen
befolgen, so weit kommen, sie in unser eigenes Wesen umzuwandeln,
so daß wir zu sein aufhören, was wir sind, und unsere Berufung selbst
werden. Wie glückselig sind jene, die das Wort Gottes hören und es
befolgen!
Wie glücklich seid ihr, meine lieben Töchter, denn ihr gehört zur
Zahl derjenigen, die das göttliche Wort dessen gehört haben, der al-

286
lein die Herzen durchdringen kann. Er hat euch ein Wort im Gehei-
men gesagt, und ihr habt ihm gehorcht; denn er allein kann zum Her-
zen sprechen und euch seine Gnade schenken, das zu tun, was er vom
Menschen verlangt. Man soll nicht denken, daß die Berufungen von
anderen als von Gott kommen könnten. O nein, gewiß nicht, mögen
uns auch die Menschen dazu ermuntern. Mögen sie alles tun, was sie
können, mögen sie ihre ganze Beredsamkeit und Philosophie aufwen-
den, um eine Seele zum Eintritt in den Orden, zur Wahl einer Beru-
fung zu überreden, ihre ganze Mühe wäre vergeblich; es ist notwen-
dig, daß Gott das Herz rührt und zu ihm spricht. Ich weiß wohl, daß
manche (ich möchte sagen: einige) durch Menschen zum Eintritt in
den Orden gedrängt oder gezwungen werden; sie sind wahrhaftig nicht
vom Geist Gottes bewegt. Dabei kommt es auch oft zu großem Un-
glück, und wenn nicht die göttliche Barmherzigkeit diese armen Her-
zen berührt, gelangen sie nicht dahin, sich zu bekehren und sich in
ihre Berufung umzuwandeln, sondern sie zu verderben. Wenn sie nun
im Orden ein liederliches Leben führen, was müssen sie dann erwar-
ten als die Verdammnis? O Gott, wieviel besser wären sie in der Welt
geblieben, um sich dort zu retten, denn das kann man tun, indem man
die Gebote Gottes hält.
Doch diese Mädchen sind gekommen, weil Gott sie berufen hat,
denn er rührt jene, die ihm beliebt, um sie zu führen, wohin er will.
Was bleibt euch noch zu tun, als das göttliche Wort recht zu hören
und zu bewahren, d. h. eure Regeln und Konstitutionen, und euch in
dem Maß in sie umzuwandeln, daß ihr künftig eure Berufung selbst
seid? Ordensfrauen dürfen keine andere Sorge haben als diese, da sie
in ihren Regeln und Konstitutionen den Willen Gottes sehen, der
ihnen angibt und zeigt, was sie zu tun haben, um zur Vollkommenheit
und zur Vereinigung mit seiner göttlichen Majestät zu gelangen. Um
das zu erreichen, müssen wir unseren Willen dem seinen angleichen.
Ihr seht, wenn man zwei Stücke Holz zusammenfügen will, legt man
das Lineal an, schneidet das Überflüssige weg und dann fügt man sie
zusammen; ebenso bei Steinen, die man behaut, um sie für ein Bau-
werk zu verwenden, und dann sagt man: Seht, wie gut es zusammen-
paßt. Unser Lineal ist nichts anderes als der Wille Gottes, dem wir
den unseren anpassen müssen, indem wir ihn verleugnen und abtöten.
Das geht nicht ohne Anstrengung, aber es gibt keine Rosen ohne Dor-
nen, und wir dürfen keine Angst haben, uns zu stechen, um diese
schönen Rosen unter Schwierigkeiten zu pflücken, denn dann entfal-

287
ten und verbreiten sie einen Duft, der das ganze Herz erfreut. Wenn
wir uns während dieses Lebens treu bemühen, das Wort Gottes zu
hören und zu bewahren, wie wir gesagt haben, dann werden wir schließ-
lich nicht nur in ihm glückselig sein, sondern noch viel mehr im an-
deren Leben, zu dem uns führen mögen der Vater und der Sohn und
der Heilige Geist. Amen, so sei es.

Die Perle der Vollkommenheit68

Der Kaufmann im heutigen Evangelium (Mt 13,45f) suchte Perlen;


er stellt alle Christen dar. Was aber sind diese Perlen, wenn nicht die
Tugenden und guten Werke, die wie Perlen und kostbare Steine sind?
– Die Tugenden als diese Edelsteine haben von sich aus einen großen
Wert wegen ihres Glanzes, der sie in den Augen der Menschen anzie-
hend und begehrenswert macht. Sie sind ja sehr schön, und alles Schöne
ist kostbar. Trotzdem hängt ihr höchster Wert nicht von dieser Schön-
heit ab, sondern von der Wertschätzung, die sie vor Gott haben. Er
mißt ihnen so großen Wert bei, daß er ihnen die Glückseligkeit, d. h.
das ewige Leben verheißen hat. Und damit nicht zufrieden, ist er auf
diese Erde herabgekommen wie ein göttlicher Kaufmann, um diese
kostbaren Steine zu suchen, widmete sich der Übung der Tugenden
und verlieh ihnen dadurch einen noch schöneren Glanz in der Ab-
sicht, sie uns liebenswert zu machen, damit wir sie suchen und uns
bemühen, sie zu erwerben, um dadurch das ewige Leben zu gewinnen,
das ihnen vorbehalten ist. Es wird ja den Tugenden und guten Werken
verliehen (Röm 2,6f); deshalb suchen sie alle Christen.
Wenn manche sie nicht finden, dann deswegen, weil sie sie suchen
und zu finden glauben, wo sie nicht sind, nämlich in den Reichtü-
mern, in Ehren und Vergnügungen. So täuschen sie sich in der Regel,
denn in diesen Dingen sind die Tugenden nicht enthalten; hier begeg-
net man ihnen schwerlich. Außerdem bringen diese Reichtümer, Eh-
ren und Vergnügungen nur Bitterkeit, Verdruß und Ärger ... Die Chris-
ten sind also auf der Suche nach Perlen und kostbaren Steinen; sie
suchen deren viele; sie bemühen sich, verschiedene gute Werke zu
tun. Doch ach, armselig, wie wir sind, nach viel Mühe und Anstren-
gung, die Tugenden zu finden und gute Werke zu tun, finden wir keine
und üben sie gewöhnlich nicht, weil wir sie nicht da suchen, wo sie

288
sind, und weil wir unsere guten Werke nicht in der erforderlichen
Weise tun, um sie wertvoll und verdienstlich zu machen. Daher kommt
es, daß viele die Glückseligkeit nicht erlangen, obwohl unser Herz
für sie geschaffen ist und nach ihr strebt, weil sie nicht das tun, was sie
zu ihr führen kann.
Obwohl unser Kaufmann viele Perlen suchte, fand er jedoch nur
eine, die so schön war, daß er alles verkaufte, was er besaß, um sie zu
erwerben. Gewiß sind alle Perlen einzigartig, denn wenn man auch
viele besitzt, so sind sie doch alle voneinander verschieden und es
gibt keine zwei, die sich völlig gleichen. Was ist nun diese einzigarti-
ge Perle, wenn nicht die christliche Vollkommenheit? Denn obwohl
sie sich in vielen Formen darstellt, ist doch jede von ihnen so ver-
schieden von den anderen, daß man sie einmalig nennen kann. Alle
sind schön aber so verschieden voneinander, daß man nicht zwei
Menschen begegnet, die auf gleiche Weise zur Vollkommenheit ge-
langen. Alle streben nach ihr und viele erreichen sie, aber jeder auf
andere Weise. Gerade diese Vielfalt macht die Vollkommenheit so
schön und anziehend. Und was ist diese einzigartige Perle, welche
Vollkommenheit ist diese einmalige? Keine andere als die Vollkom-
menheit nach dem Evangelium. Man muß nach den Worten Unseres
Herrn (Mt 19,21) alles verkaufen, was man hat, um sie zu erwerben:
Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und folge mir.
Obwohl nun alle Christen diese Perle suchen und alles verkaufen
müssen, was sie haben, um sie zu erwerben, jeder seiner Berufung
entsprechend, sind die Ordensleute und die Unserem Herrn geweih-
ten Personen dazu durch eine strengere und besondere Verpflichtung
gehalten. Das geschieht beim Eintritt in den Orden durch den voll-
ständigen und bedingungslosen Verzicht auf allen Besitz, indem man
das Böse zurückweist und das Gute umfängt. Das sind die zwei Haupt-
punkte der christlichen Vollkommenheit (Ps 34,15; Am 5,14f). Ob-
wohl die christliche Vollkommenheit diese Perle ist, können wir noch
richtiger sagen, daß die Vollkommenheit des Ordenslebens die wahre
evangelische Perle ist. Um sie zu erwerben, muß man alles aufgeben,
und auf eine viel speziellere Weise als für die christliche Vollkom-
menheit. Diese kann man ja erwerben, indem man die Gebote hält;
für die Vollkommenheit des Ordenslebens aber muß man nicht nur
die Gebote halten, sondern auch die Räte, die geheimen Einspre-
chungen und inneren Anregungen. Das tut man, wenn man ins Klos-

289
ter kommt, durch einen vollständigen Verzicht auf alle Eitelkeiten
der Welt und auf alles, was man besessen hat; denn man muß alles
aufgeben, ohne sich irgendetwas vorzubehalten, so klein es auch sein
mag.
Deshalb verzichtet man in den gut reformierten Orden durch die
Profeß vollständig auf alles Eigentum. Wenn man sich den Besitz
irgendeiner Sache vorbehielte, so klein sie auch sein mag, wäre das
ein großer Frevel ... Wenn ihr irgendeinen Vorbehalt machen wolltet,
müßtet ihr in der Welt bleiben. Dasselbe müßten wir denen sagen, die
in den Orden eintreten: Wenn ihr irgendein Eigentum behalten wollt,
dann bleibt in der Welt; dort könnt ihr gut leben und gerettet werden,
indem ihr die Gebote haltet, ohne ins Kloster zu kommen, um etwas
zurückzubehalten, indem ihr noch eure Freiheit und euren Willen
gebrauchen wollt. Man hat euch nicht gebeten, ins Kloster einzutre-
ten; so braucht ihr nicht zu kommen, wenn ihr nicht auf alles verzich-
tet: alles, denn irgendeine Ausnahme machen, das hieße den Heiligen
Geist belügen. Nun, so darf man es nicht machen, zumal Gott nicht
getäuscht werden kann; es würde euch so ergehen wie Hananias und
seiner Frau (Apg 5,1-11). Wenn ihr Gott zu täuschen glaubtet, würdet
ihr euch selbst getäuscht sehen. Man muß also alles aufgeben, um die
evangelische Perle zu erwerben.
Die hl. Brigida hat das in bewundernswerter Vollkommenheit ge-
tan ... So verzichtete sie auf alle Ehren, Reichtümer und Vergnügun-
gen, die ihr die Welt anbot, und auf die Glücksgüter, d. h. auf die
zukünftigen Güter, auf die zu verzichten so schwierig ist. Es ist viel
geschehen, wenn man die Ansprüche und Erwartungen aufgegeben
hat; das ist sogar schwieriger, als sich von den Gütern zu trennen, die
man besitzt. Es gibt in der Tat viele, die wenig besitzen, aber sie haben
große Ansprüche und schöne Hoffnungen, auf die sie schwer verzich-
ten können ... Um der Anziehungskraft der Gnade zu folgen, wies
(die hl. Brigida) das Vergnügen und die Wonnen zurück, die ihr sol-
che Dinge bereiten könnten, obwohl sie gut sah, daß sie im Sinn der
Welt, wenn sie diese annahm, das glücklichste Mädchen wäre, das
man finden kann.
Das hieß wahrhaftig auf mächtige Lockungen verzichten; aber sie
begnügte sich damit nicht, sondern ging so weit, auch auf natürliche
Gaben zu verzichten, das sind u. a. die Schönheit, die Kraft und die
Gesundheit ... Aber die hl. Brigida ging noch weiter, denn sie glaubte

290
wenig getan zu haben, wenn sie nicht auch auf sich selbst verzichtete.
Deshalb entsagte sie ihrem Willen, ihrem Urteil und der Freiheit; so
wurde sie eine vollkommene Ordensfrau, glänzte durch den hervor-
ragendsten Gehorsam, den man sich denken kann, und wurde äußerst
einfach; mit einem Wort, sie war in allen Tugenden vollendet.
Was die Verleugnung des eigenen Willens betrifft, pflege ich stets
zu sagen, daß sie der wichtigste Teil unserer Selbstverleugnung ist.
Mit ihr muß man beginnen und enden, denn der Eigenwille ist nichts
anderes als ein Ameisenhaufen kleiner Wünsche, Neigungen und Lau-
nen, die man alle dem Gehorsam und der Vernunft unterwerfen muß,
sonst bewirken sie Unordnung und Auflehnung gegen das Gesetz und
den Willen Gottes wie gegen den der Oberen. Nun genügt es im Or-
den nicht, den Geboten Gottes zu gehorchen, sondern auch seinen
besonderen und allgemeinen Einsprechungen, die in den Statuten,
Regeln und Konstitutionen angegeben sind. Um sie zu befolgen, muß
man notwendigerweise seinen eigenen Willen verleugnen. Aber das
ist nicht alles, es gibt noch einen anderen Teil, auf den zu verzichten
ebenso schwierig ist wie auf den ersten: das ist das eigene Urteil.
Solche, die sich vom eigenen Willen lossagen, gibt es noch, aber die-
jenigen, die ihr eigenes Urteil vollständig verleugnen, sind sehr sel-
ten. Man will wohl dem Wohlgefallen Gottes folgen, aber nicht in
allem, sondern in dem, was mit dem unseren übereinstimmt. Ich wer-
de diese Sache wohl tun, aber ich sehe, daß es anders besser wäre.
Mein Gott, man sagt mir, ich soll es so machen, ich sehe jedoch, daß
ich viel größeren Nutzen davon hätte, wenn ich es auf diese Weise
täte. Eine solche Übung wäre für meinen Fortschritt viel nützlicher
als jene andere. Mit einem Wort, es ist sehr schwierig, dieses eigene
Urteil sterben zu lassen und seine Freiheit nicht länger zu gebrau-
chen.
Gewiß, wenn man das eigene Urteil und den eigenen Willen ver-
leugnet hat, ist alles getan; aber man muß sich recht anstrengen, um
so weit zu kommen, und darf sich nicht wundern über Schwierigkei-
ten oder die Mühe, die man damit hat, sowohl um sie abzubauen als
auch um die Tugenden zu erwerben, denn man kann sie nicht ohne
Anstrengung haben. Zu meinen, man könnte zu diesem Punkt der
Vollkommenheit gelangen ohne Mühe und die Tugenden ohne Schwie-
rigkeit erwerben, das ist eher eine Irrlehre als etwas anderes. Die
heilige Kirche hat ja erklärt, und das ist eine unfehlbare Wahrheit,
daß der Mensch sein Leben lang Leidenschaften, Veränderungen und

291
Wechselfällen unterworfen ist. Um daher gegen die Leidenschaften
vorzugehen, inmitten der Veränderungen fest und unwandelbar zu
bleiben und mit der Spitze des Geistes und der Vernunft vorzugehen,
dazu muß man notwendig Mühen und Anstrengungen auf sich neh-
men. Das wollte uns der große Apostel zu verstehen geben, als er
(Röm 7,23f) sagte: Ich fühle in mir zwei Gesetze, das Gesetz des
Fleisches und das des Geistes, die einander ganz entgegengesetzt sind;
das läßt mich oft seufzen und ausrufen: Ich Elender, wer wird mich
befreien von diesem Todesleib? Denn ich fühle in meinem Fleisch ein
Verlangen, das nach dem Bösen trachtet, das mein Geist verabscheut.
Aus diesen Worten können wir den heftigen Kampf ermessen, den der
Apostel in seinem Fleisch ertrug, das wider den Geist stritt.
So also hat die große hl. Brigida die Ehren, Güter, Reichtümer und
Vergnügungen, die Glücksgüter, die natürlichen Gaben und sich selbst
verlassen, indem sie ihre Freiheit und ihren Willen für immer dem
der anderen unterwarf, um diese einzigartige Perle zu finden und zu
besitzen, die Vereinigung ihrer Seele mit Gott in der Zeit, um im
anderen Leben zur ewigen Vereinigung zu gelangen. Wann verkaufen
denn wir alles, was wir besitzen, um diese Perle zu erwerben, wenn
nicht dann, wenn wir uns dem Dienst Gottes weihen? Wenn man das
Ordenskleid nimmt, beginnt man alles abzulegen; man gibt den Be-
sitz auf, die Ehren, die Verwandten; das sind für manche recht schwer
zu leistende Verzichte. Und trotzdem sind die Liebe und die Freund-
schaft der Nächsten recht schwach und seicht, denn wenn sie kein
anderes Fundament haben als die Natur, gehen sie wegen des gering-
sten Vorfalls zugrunde. Aber man geht noch viel weiter und beginnt
sogar sich selbst zu verlassen, sich der Leitung eines anderen zu un-
terwerfen, seinen eigenen Willen und sein Urteil zu verleugnen, d. h.
seine eigene Meinung, seinen eigenen Geist; man unterwirft sich der
Zurechtweisung und dem Tadel; das ist die letzte und wichtigste Pro-
be der Vollkommenheit des Ordenslebens.
Deshalb herrscht die Zurechtweisung in jedem gut reformierten Or-
den und wird dort ständig gehandhabt. Daher kommt die gute Ord-
nung, die man dort findet, da man durch sie alles abstellt, reinigt und
zurechtrückt, was nicht gut oder im geringsten unvollkommen ist.
Uns Menschen in der Welt weist niemand zurecht; wir ziehen auf den
großen Straßen dieser Welt dahin mit ganz schmutzigen Kleidern,
und keiner sagt uns ein Wort oder sucht uns zu reinigen. Man läßt uns
unseren Weg gehen, ohne etwas zu sagen; daher kommt es, daß wir

292
immer ganz mit Kot bespritzt sind. Im Orden daher ist es nicht so,
sondern hier erduldet man ständig Zurechtweisungen.
Nun, obwohl sich das zu verwirklichen beginnt, wenn man sich dem
Dienst Gottes weiht, so geschieht es doch viel vollständiger, wenn
man die Gelübde ablegt. Da unternimmt man es nicht nur, alles zu
verlassen, sondern man gibt tatsächlich alles auf und verpflichtet sich,
nicht mehr in seiner Freiheit und nach seinem Willen zu leben, son-
dern in Gehorsam und Unterwürfigkeit. Man verzichtet auf das, was
unnütz ist, und begnügt sich mit dem zur Erhaltung des Lebens Not-
wendigen. Man nimmt die heilige Genügsamkeit an, die den Über-
fluß beschneidet und gibt, wessen man bedarf, ohne zuzulassen, daß
man daran irgendwie großen Mangel leidet. Denn wenn man irgend-
wo findet, was zur Erhaltung dieses armseligen Lebens erforderlich
ist, dann sicher im Orden, wo man sich mehr als überall sonst aufgibt.
Selbst wenn wir übrigens einen großen Besitz aufgeben, um im Klos-
ter alle Entbehrungen und Unbequemlichkeiten zu ertragen, wie sie
die Armut mit sich bringt, wie wenig ist das im Vergleich mit dem,
was Unser Herr für uns getan hat! Denn da er im Himmel nicht arm
sein konnte, wo man an nichts Mangel hat noch haben kann, ist er in
diese Welt gekommen, um die größte Armut in den zum Gebrauch
seines Lebens notwendigen Dingen zu ertragen, und das, um uns reich
zu machen und uns Beweise seiner Liebe zu geben (2 Kor 8,9).
Wie glücklich werden Sie sein, meine liebe Tochter, wenn Sie heu-
te, da Sie sich Gott weihen wollen, sich ihm ganz und ohne jeden
Vorbehalt schenken; wenn Sie nach dem Vorbild der hl. Brigida alles
verlassen und verleugnen, um diese einzigartige Perle der Vollkom-
menheit des Ordenslebens zu erwerben! Sie werden glücklich sein,
wenn Sie guten Mutes den wahren Frieden und die Ruhe des Geistes
in diesem Haus suchen kommen. Diese besteht nicht und findet sich
nicht in den Tröstungen und Zärtlichkeiten, wie manche irrtümlich
meinen, sondern in der vollständigen und bedingungslosen Verleug-
nung Ihres eigenen Willens und Urteils, in der Unterordnung und
Unterwerfung Ihrer Freiheit, indem Sie sich von anderen führen und
leiten lassen. So werden Sie dem Beispiel der hl. Brigida folgen, die
wie eine Wachskugel in den Händen ihrer Oberen war und alle Ein-
drücke aufnahm, die man ihr geben wollte, und sich ohne Widerstand
nach deren Gutdünken formen ließ. Ich sage Ihnen noch einmal, Sie
werden glücklich sein, meine liebe Tochter, wenn Sie sich Gott in

293
dem Maß hingeben, daß Sie von jetzt an nicht mehr nach Ihren Lau-
nen und Einbildungen leben, sondern nach den Regeln und Konstitu-
tionen und nach dem Willen jener, die Sie leiten werden ...
Wie glücklich werden Sie sein, meine liebe Tochter, wenn Sie auf
alles verzichten, um alles zu besitzen, wenn Sie auf diese Weise die
wahre Abtötung Ihrer Sinne und Leidenschaften ergreifen, daß Sie
durch die Verachtung aller zeitlichen und vergänglichen Dinge die
ewigen und dauerhaften Güter suchen! Wenn Sie sich ganz Gott über-
lassen und ihm alles geben, was er von Ihnen verlangt, wird er Ihnen
alles gewähren, d. h. sich selbst, und er wird Ihnen nichts verweigern,
was Sie von ihm erbitten werden. Sie geben das Nichts auf, um ohne
Ende alles zu besitzen. Sie werden in den Himmel kommen, um sich
der Seligkeit zu erfreuen, nach der unser Herz ständig strebt. Dort
werden wir in dieser unauflöslichen und ewigen Einheit vereinigt sein
durch alle Ewigkeit. Gott schenke uns die Gnade dazu. Amen.

Absicht und Erwartungen beim Eintritt69

1.

Die heilige Kirche hat bestimmte Zeiten, um ihre Kinder zu erfreu-


en, unter anderen diesen Tag, an dem sie uns das Evangelium (Joh
6,1-15) von der Speisung der fünftausend Menschen mit fünf Ger-
stenbroten und zwei Fischen lesen läßt. Meine teuersten Töchter, ihr
habt einen günstigen Tag gewählt, um der Welt zu entsagen und euch
Unserem Herrn zu schenken, denn es ist ein Tag für die Gläubigen.
Ihr tut auch etwas sehr Erfreuliches, indem ihr das Getriebe dieser
Zeit verlaßt, um euch Unserem Herrn besser zu weihen.
Im heiligen Evangelium heißt es, der gute Meister begab sich mit
der Volksmenge, die ihm folgte, vom galiläischen See auf den Berg, an
einen abgelegenen und einsamen Ort. Das galiläische Meer versinn-
bildet die Welt mit ihrem Getriebe und ihrer Unruhe, wo man große
Mühe hat, Unseren Herrn zu verstehen, d. h. seine Einsprechungen,
wenn man nicht auf dem Berg ist und sich in das Haus Gottes zurück-
zieht. Denn warum kann man denn in den Straßen von Lyon nicht
leise sprechen, wenn nicht deswegen, weil man zu viel Lärm macht?
So kann man auch schwerlich die Worte verstehen, die Unser Herr
mitten in solchem Gedränge auf dem Grund unseres Herzens spricht.

294
Doch, meine lieben Töchter, Gott hat euch so sehr geliebt, daß er
euch seine heiligen Einsprechungen trotz des Getümmels verstehen
ließ, obwohl ihr taube Ohren für ihn hattet und möglichst nicht daran
gedacht habt.
Galiläa bedeutet auch Auswanderung. Ihr müßt wissen, daß wir alle
als Kinder des Zorns (Eph 2,3) und des Verderbens geboren werden,
aber durch die Taufe sind wir in den Stand der Gnade versetzt (Kol
1,13). Indessen bleibt der Großteil der Menschen kaum in diesem
Stand, denn alsbald fallen sie in Sünden, aus denen sie sich jedoch
durch die Beichte wieder erheben können. Gott ist gegen uns so gütig,
daß er in seiner Kirche die Sakramente für jede Art von Berufung
eingesetzt hat, und seine Vorsehung hat gewollt, daß es in allen Stän-
den Heilige gibt: Könige, Kaiser, Fürsten, Bischöfe, Eheleute, Wit-
wen, Geistliche, Ordensleute. Alle können gerettet werden, indem
sie die Gebote halten; und trotzdem gibt es in der Christenheit so
wenige, die sich der wahren Tugend hingeben! Dank Gott gibt es über-
all Christen: in Frankreich, in Europa, in Asien, in Afrika und schließ-
lich in allen Ländern der Erde; aber das Unglück ist, daß es so wenige
gibt, die sich angelegen sein lassen, wahre Christen zu sein; das ist
jammerschade. Sie glauben viel zu tun, wenn sie sich vor großen Sün-
den hüten, wie zu stehlen, zu töten und ähnliche; und man sagt: Das
ist ein guter Mensch. Trotzdem kümmern sie sich nicht um die Rat-
schläge, die Unser Herr gibt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne
sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt 16,24),
und so viele andere schöne Lehren, die uns zur Vollkommenheit ge-
langen lassen können. Meine lieben Töchter, ihr habt es besser ge-
macht als sie alle, denn obwohl jeder seiner Berufung entsprechend
gerettet werden kann, wenn auch unter großer Anstrengung, sind sie
doch so in der Erde verwurzelt, in den Reichtümern und Eitelkeiten,
daß sie schwerlich ihren Pflichten gegen Gott gerecht werden; sie
sind trotzdem selig, wenn sie unter so vielen Schwierigkeiten Unse-
rem Herrn nach ihren Fähigkeiten folgen.
Gehen wir zur zweiten Erwägung über, denn ich will nicht lange
sprechen, damit ihr besser euren Nutzen aus dieser kleinen Anspra-
che ziehen könnt. Als Unser Herr die Volksmenge sah, die ihm stets
durch die Berge und diese Einöde auf einem rauhen und unebenen
Weg gefolgt war, da hatte er Mitleid mit ihr und kam ihrer Not zu
Hilfe. Wenn wir wollen, daß Unser Herr Sorge für uns trägt, müssen
wir ihm mitten in Kreuzen und Dornen folgen. Was mich betrifft,

295
pflege ich bei diesen Gelegenheiten nicht zu schmeicheln; ich sage
ganz offen, daß man nicht in den Orden eintreten darf, um Tröstungen
zu haben. Ich sage auch nicht, daß ihr keine haben werdet, weil ich
lügen würde, denn ich weiß wohl, daß ihr welche haben werdet. Man
darf aber trotzdem nicht in dieser Absicht kommen, meine lieben
Töchter, sondern um den Willen Gottes zu erfüllen und ihm, wenn
auch noch so wenig, besser zu gefallen.
Wisset, daß ihr eure äußeren und inneren Sinne abtöten müßt. Ihr
dürft euer Gedächtnis nur noch mit dem befassen, was dem Gehor-
sam entspricht, indem ihr vergeßt, was ihr in der Welt gewußt habt,
auch wenn es gut war, um das zu lernen, was man wünschen wird.
Euren Willen müßt ihr dem eurer Vorgesetzten anpassen. Es wird
euch nicht mehr erlaubt sein, Unnützes zu hören, nicht einmal das,
was ihr in der Welt gut hören könntet; denn im Orden muß man alles
aufgeben, um sich ausschließlich der größeren Ehre Gottes zu wid-
men. So werdet ihr eure Hände nicht mehr in den Muff stecken, ihr
werdet nicht mehr so viel Mühe haben, sie zu pflegen, sondern ihr
werdet sie zu allem gebrauchen, was der Gehorsam anordnen wird.
Eure Augen, eure Ohren werden gebändigt sein, um eitle Dinge wie
Zeitvertreib weder zu sehen noch zu hören, sondern ihr werdet den
Blick gesenkt halten. Ebenso die anderen Sinne, indem ihr sie abtö-
tet, wie man euch lehren wird. Ihr werdet weiter keine Sorge haben,
um euch selbst zu erhalten, sondern werdet alle Sorge für euch selbst
fallen lassen. Schließlich, meine lieben Töchter, müßt ihr euch alle
dem Wohlgefallen Gottes anpassen, nicht euren Neigungen.
Prüft euch gut, ob ihr den Mut habt, zu unternehmen, was wir euch
eben gesagt haben. Ihr habt euren freien Willen, um zu tun, was ihr
wollt: fortgehen oder bleiben. Aber denkt daran, als Unser Herr die
Volksmenge sah, die ihm unter so viel Mühe gefolgt war, hatte er
Mitleid mit ihr und bereitete ihr ein Mahl. Wenn ihr recht treu seid,
ihm zu folgen in Anfechtungen wie in Tröstungen, meine lieben Töch-
ter, dann wird er euch ebenso im Himmel droben ein Festmahl berei-
ten, denn in diesem Leben muß man ihm folgen in Leiden und unter
Versuchungen.
Nun, diese Volksmenge folgte dem Erlöser aus verschiedenen Grün-
den; das ist die letzte Erwägung, mit der ich schließen will. Die einen
folgten ihm, um belehrt zu werden; andere um geheilt zu werden; ein
anderer Teil folgte ihm, um sich zu festigen, jeder schließlich, um
nach seinem Bedürfnis erleichtert zu werden. Ebenso gibt es in der

296
heiligen Kirche mehrere Sakramente, um jeden auf den Weg zur Voll-
kommenheit zu bringen: das Sakrament der Taufe, um uns von allen
Sünden reinzuwaschen, das der Firmung, um uns zu stärken, und so
die übrigen; jenes der Weihe, um uns zu belehren, und das der Ehe,
um die Zahl der Gläubigen zu vermehren.
Es gibt aber noch eine andere Lebensweise, die vollkommener ist
als das alles; sie ist eine Schule der Vollkommenheit, in der man
Unserem Herrn ausschließlicher und leichter gehört: das ist das klö-
sterliche und Ordensleben, das ihr gewählt habt, um euch seiner gött-
lichen Majestät wohlgefälliger zu machen, denn man darf keine ande-
re Absicht haben. Ihr werdet glücklich sein, wenn ihr darin ausharrt
und wenn ihr alle Dinge für ein wahres Nichts erachtet (vgl. Phil
3,7f). Und erinnert euch: was ihr aufgegeben habt, ist nichts im Ver-
gleich mit dem, was ihr besitzt. Macht es, wie Unser Herr zur hl.
Katharina von Siena sagte: „Meine Tochter, denk an mich, und ich
werde daran denken, Sorge für dich zu tragen.“ Denkt recht daran,
ihm zu gefallen, und seid ohne Furcht, denn er denkt an das, was ihr
nötig habt, wenn ihr euch bemüht, aus eurem Herzen alles zu entfer-
nen, was nicht Er ist. Man darf es nicht machen wie die Kohlenträger:
obwohl sie ganz geschwärzt und beschmiert sind, kümmern sie sich
nicht darum und begnügen sich damit, Augen und eine Nase zu haben
und wie Menschen auszusehen. Ebenso glauben die Weltmenschen
genug zu tun, wenn sie große Sünden meiden. Aber die Höflinge des
Königs sind im Gegenteil stets darauf aus, sich zu putzen und in den
Spiegel zu schauen, um zu sehen, ob sie nichts Unordentliches an
sich haben. So muß man, um Unserem Herrn zu gefallen, große Sorge
darauf verwenden, nichts in unserer Seele aufkommen zu lassen, was
sie beflecken und entstellen könnte, denn der Bräutigam ist so eifer-
süchtig auf unser Herz, daß er nicht duldet, daß etwas anderes es
einnimmt als Er. Er ist selbst die Tröstung, und ohne ihn gibt es nur
Bitterkeit. Wenn ihr ihm treu seid, werden die Regeln für euch zu
Honig, die Konstitutionen zu Zucker und die Abtötungen zu Rosen.
Der Gehorsam wird euch zur süßen Erholung und ihr werdet als wah-
re Bräute des gekreuzigten Jesus Christus leben. Wie man die Ge-
mahlin des Königs Königin nennt, wird man euch Gekreuzigte nen-
nen, weil euer Bräutigam in diesem Leben der gekreuzigte Jesus Chris-
tus ist, im anderen aber wird er der Verherrlichte sein. Im Namen des
Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. So sei es. Gott segne
euch. Amen.

297
2.

Die hl. Magdalena kann sich mit gutem Recht die Königin aller
Christen nennen in dem Sinn, wie wir gezeigt haben. Wie glücklich
werdet ihr sein, meine Lieben, wenn ihr sie nachahmt. Sie gibt ja allen
ein gutes Beispiel, besonders aber den Ordensfrauen, um in dieser
Stunde nur von ihnen zu sprechen. Sie lehrt diese, was sie tun müssen,
um in den Orden einzutreten, d. h. zu welchem Zweck sie eintreten
sollen, nämlich einzig, um Gott zu lieben. Alle Christen müssen ihn
lieben und alles, was sie tun, aus Liebe zu ihm tun; und wenn es schon
nicht mit solcher Reinheit geschieht, dann wenigstens mit einer ge-
wissen eigennützigen Liebe; denn notwendigerweise muß man Gott
und den Nächsten lieben, um gerettet zu werden und in den Himmel
zu kommen; andernfalls wird man in die Hölle kommen.
Da aber das Getümmel der Welt die Liebe abkühlt und gefährdet,
tritt man in einen Orden ein. Und warum? Etwa, um Gott zu lieben?
O nein, sondern um ihn besser zu lieben. Und um gerettet zu werden?
Nein, sondern um besser gerettet zu werden; nicht um Gott zu gefal-
len, sondern um ihm besser zu gefallen. Auch nicht, um Ekstasen,
Offenbarungen, Schwebezustände und ähnliches zu haben, gewiß nicht.
So viele Regungen, Erleuchtungen, fühlbare Empfindungen, die fast
allgemein von allen ersehnt werden, sind nicht zu unserem Heil not-
wendig und nicht erforderlich, um unsere Liebe zu erhalten und zu
vervollkommnen. Im Himmel gibt es große Heilige, auf sehr hohen
Stufen der Glorie, die nie Visionen und Offenbarungen hatten, wie
es umgekehrt in der Hölle manche gibt, die solche Gefühle und
außergewöhnliche Erscheinungen hatten. Nicht das ist es, meine lie-
ben Töchter, was man im Ordensleben suchen muß, sondern nach
dem Beispiel der großen Magdalena muß man kommen, um hier
gering, klein und stets zu Füßen Unseres Herrn als unserer einzigen
Zuflucht zu sein. Darin war diese Heilige bewundernswert, denn
von ihrer Bekehrung bis zum Tod ließ sie die Füße ihres guten Mei-
sters nicht los ...
O Gott, welcher Irrtum und welche Täuschung wäre es in unserer
Zeit, wenn jemand sich nach einigen Jahren im Orden für einen voll-
kommenen Professen halten wollte! Ein großer Diener Gottes fragte
eines Tages einen guten Ordensmann, was er sein ganzes Leben lang
sein möchte; der antwortete ihm, er wünschte sich immer wie ein

298
Novize zu verhalten, so klein, untergeordnet und abgetötet, ständigen
Rügen, Zurechtweisungen und Abtötungen ausgesetzt; mit einem
Wort, er wollte um nichts in der Welt die Füße Unseres Herrn loslas-
sen. Wie glücklich war er doch! Und wie glücklich werdet ihr sein,
meine lieben Töchter, wenn ihr euer ganzes Leben lang für nichts,
was es auch sei, seine heiligen Füße loslaßt, wenn ihr in Demut und
Unterordnung lebt nach dem Vorbild eurer Königin und noch mehr
der Königin aller Königinnen, der heiligen Jungfrau, unserer teuren
Herrin, der die hl. Magdalena so ergeben war, daß sie sie niemals
verließ ...
Kommt also nicht ins Kloster, um getröstet zu werden, sondern um
euch als Opfer darzubringen ... Wie glücklich werdet ihr sein, wenn
ihr der göttlichen Majestät das Ganzopfer euer selbst darbringt, wenn
ihr euch nicht den Gebrauch irgendeiner Sache vorbehaltet, so klein
sie auch sei. Gott verlangt das von euch ... Im Gesetz des Alten Bun-
des (vgl. Mt 5,38) war einer, der dem Nächsten eine Ohrfeige gab,
verpflichtet, ebenso eine hinzunehmen; wer seinem Bruder einen
Zahn ausschlug, dem wurde ebenfalls einer ausgeschlagen. Obwohl
nun dieses Gesetz bei den Menschen völlig abgeschafft ist, gilt es
doch heute noch zwischen Unserem Herrn und jenen, die sich ihm
weihen. Er stellt die gleichen Forderungen, d. h. daß man ihm soviel
als möglich Genugtuung für die begangenen Fehler leiste; das heißt,
er will, daß wir ebensoviel für ihn tun, wie wir für die Welt getan
haben. Das ist nicht zu viel verlangt, denn wenn wir so viel für die
Welt getan haben und uns von ihren eitlen Lockungen mitreißen lie-
ßen, was müssen wir dann nicht tun für die Lockungen der Gnade, die
so sanft und lieblich sind? Es ist gewiß kein Unrecht, das von uns zu
verlangen; und wie man sein Herz, seine Seele, seine Neigungen, sei-
ne Augen, seine Haare für die Welt eingesetzt hat, so muß man sie
deshalb auch einsetzen und dem Dienst der heiligen Liebe weihen.
Es gibt wohl solche, die ihre Haare hingeben, aber ihre Augen ge-
ben sie nicht her; andere geben auch ihre Augen her, aber auf keinen
Fall ihre Worte; wieder andere geben alle drei miteinander, nicht
aber ihr Parfüm. Da ihr der Welt alles gegeben habt, müßt ihr Gott
alles geben und dürft euch nichts vorbehalten.
Was sind denn die Haare? Sie sind das Gewöhnlichste und Niedrig-
ste am menschlichen Körper, Auswüchse der Natur, etwas Überflüs-
siges und Wertloses. Man mißt ihnen keine Bedeutung bei, nicht ein-
mal denen von Königen; denn man tritt sie mit Füßen, weil sie keinen

299
Wert haben; und trotzdem stützt der menschliche Geist seinen Ruhm
auf sie. Unser Herr verlangt also die Haare. Nun, was versinnbilden
sie uns denn, wenn nicht die Gedanken, uzw. nicht nur die schlech-
ten, sondern auch unnütze, die man beschneiden und stutzen muß.
Daran sollen diese Mädchen denken, wenn man ihnen die Haare ab-
schneidet; denn was meint ihr, warum man sie den Ordensfrauen ab-
schneidet? Man sagt, das sei gesund; das glaube ich, aber das ist nicht
der Hauptgrund. Sie sollen vielmehr begreifen, wie sie sich von Din-
gen zurückgezogen haben, die schlechte Gedanken in ihnen wecken
könnten, so dürfen sie sich auch nicht mehr mit eitlen und weltlichen
Dingen beschäftigen, die sie aufgegeben haben, sondern müssen alles
vergessen, um sich ganz Gott zu widmen. Für sie ist es leicht, sich
sündhafter Gedanken zu enthalten; da sie dazu keine Gelegenheit
mehr gegenwärtig haben und sich an einem Ort befinden, wo sie nur
Erbauliches sehen, wo sie nur gute Bücher lesen, wo sie nur von Gott
und geistlichen Dingen sprechen hören, können sie leichter davon
frei sein.
Aber das ist noch nichts, man muß außerdem seine Augen opfern.
Was glaubt ihr, wozu man euch einen Schleier aufs Haupt gesetzt hat,
wenn nicht dazu, um euch zu lehren, eure Augen künftig nur noch zu
gebrauchen, um zu sehen und zu weinen, wenn euch die Gnade dazu
anregt, nicht aber wegen Albernheiten und Zimperlichkeiten, deret-
wegen die Frauen Tränen vergießen? Törichte und eitle Tränen, ge-
wiß. Ich möchte das wohl tun, aber ich kann nicht. Was kann man da
tun? O, man muß weinen; und warum? Ach Gott, weil ich nicht ma-
che, was ich will. Man widerspricht mir, man weist mich zurecht, man
tötet mich ab; die Abhilfe ist, daß man weinen muß. Welch große
Erbärmlichkeit ist das ... Alle diese und ähnliche Tränen sind unnütz;
man darf sich ihrer nicht bedienen, sondern muß diese zimperliche
Selbstverzärtelung überwinden. Es ist wahr, die Natur ist ein wenig
entschuldbar. Ihr seht z. B. ein Mädchen, das sehr melancholisch ist;
wer wird es nicht entschuldigen? Eine andere ist sehr fröhlich und
wird deshalb manchmal übertrieben lachen; das ist erträglich. Eine
andere kann noch zum Weinen veranlagt sein; das ist noch verzeih-
lich, wenn man die Unvollkommenheiten nicht nährt, sondern sie
abtötet, um die Übernatur zu beleben.
An den Augen und an den Worten erkennt man, wie der Seelenzu-
stand eines Menschen ist. Die Augen sind für die Seele dasselbe wie
das Zifferblatt für die Uhr; durch die Augen und durch die Haare,

300
sagt der Bräutigam im Hohelied (4,9), hat seine Braut ihm das Herz
gerührt. Trotzdem drücken die Worte, die aus dem Mund hervorge-
hen, noch besser als die Augen die inneren Regungen und Empfin-
dungen aus. Man ist manchmal gekränkt, weil man glaubt, daß man
uns scheel ansehe; dabei täuscht man sich sehr oft ... Aber in diesen
Fällen zeigt die Sprache, wie es um die Regungen des Herzens steht;
sie sagt: Ach, du hast diesen Eindruck von meinem Blick; ich versi-
chere dir trotzdem, daß ich an nichts weniger als daran gedacht habe.
Es ist wahr, die Sprache drückt Zorn und Groll besser aus als die
Augen.
Man muß also seine Haare, seine Worte und seine Augen Gott zum
Opfer bringen und sich ihrer nicht für Albernheiten bedienen ... Zu-
gleich mit ihnen muß man auch das Parfüm opfern. Was ist das Par-
füm? Es ist etwas Besonderes; so fühlt sich auch, wer parfümiert ist,
als etwas Besonderes. In der Welt wird der Moschus von Spanien sehr
geschätzt. Nun denn, das Parfüm, das man Unserem Herrn opfern
muß, ist die hohe Meinung von uns selbst, ein so verbreitetes Parfüm,
daß es niemand gibt, der sich davon frei nennen könnte. In der Tat ist
es eines der größten Übel des menschlichen Geistes, daß jeder sich
davon aufblähen läßt, und ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwer
es ist, sich von diesem Parfüm zu trennen. Man erinnert sich an die
Häuser, an die Herkunft, man forscht nach, ob nicht der Urgroßvater
vom Geschlecht Abrahams abstammt. Welche Torheit ist das doch!
Dann überhebt man sich über die anderen und versteigt sich dazu zu
sagen: Ich bin aus solchem Hause, sie aus solchem ...
Meine lieben Töchter, ihr müßt also dieses vollkommene Brandop-
fer eurer Seele, eures Herzens, eurer Augen, eurer Haare, eurer Wor-
te und eures Parfüms darbringen. Ihr tretet heute in das Noviziat ein,
nachdem ihr die Probezeit beendet habt. Wie glücklich werdet ihr
sein, wenn ihr dieses Ganzopfer bringt und euch eurer Gedanken,
eurer Worte, eurer Augen und eures Parfüms nur mehr „für den Dienst
der Liebe“ zu eurem Bräutigam bedient (Konst. 44). Was die hohe
Meinung von euch selbst betrifft, ach, denkt nicht mehr daran, woher
ihr stammt, sondern an die Worte: Höre, meine Tochter, leih mir dein
Ohr; vergiß das Haus deines Vaters, dein Vaterland und deine Abstam-
mung, und der König wird nach deiner Schönheit begehren (Ps 45,11f).
Ihr müßt also eintreten mit dem Entschluß, „euch selbst zu sterben,
um für Gott zu leben“ (Coutumier), indem ihr das Kreuz des Erlö-
sers umfangt und euch vollkommen verleugnet. Tragt euer Kreuz und

301
folgt mir nach, sagt er. Seht ihr, das Ordensleben ist ein „Kalvarien-
berg“; man hat euch hier nicht aufgenommen, um euch hier Tröstun-
gen zu geben; o gewiß nicht, denn man verlangt von euch nichts Ge-
ringeres, als daß ihr gekreuzigt seid. Im Ordensleben läßt man die
Natur sterben, man geht gegen die Leidenschaften und Neigungen
vor, um die Gnade herrschen zu lassen. Mit einem Wort, man zieht
euch den alten Adam aus, um euch den neuen Adam anzuziehen (Eph
4,22-24; Kol 3,9f), und das geht nicht ohne Schmerzen ab.
Man verheimlicht euch nicht, daß man die Vollkommenheit nicht
ohne Schwierigkeiten erwirbt. Man muß also Mut haben bei einem so
hohen Unterfangen, das man am Fest einer so tapferen Kämpferin
beginnt. Wenn ihr auch nicht ihren Namen tragen werdet, wird sie
doch nicht verfehlen, eure Fürsprecherin zu sein ... Und sagt nicht: O
Gott, immer hier leben! Wie ist das möglich? (Vielleicht kommt euch
das nicht während eures Noviziates in den Sinn, aber später könnten
solche Hirngespinste auftauchen und euch erschrecken.) Erinnert
euch an die Worte des hl. Paulus (Gal 2,18f; 6,16): Ich habe die Welt
so sehr verachtet, die ich wie ein Gehenkter betrachte und die mich
für einen Galgenstrick hielt. Ich bin der Welt gekreuzigt und die Welt
ist mir gekreuzigt; ich habe kein Leben für mich, noch einen Kopf für
die Welt; denn obwohl ich lebe, lebe nicht ich, sondern Jesus Christus
lebt in mir. Erwägt diese Worte des großen Apostels gut und seht, wie
sie immer mehr an Bedeutung zunehmen. Er sagt, daß die Welt ihm
gekreuzigt ist, dann als Folgerung daraus: Ich lebe, aber nicht mehr
ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir. Ich lebe vom Tod; und es
ist der Tod meines Ichs, der bewirkt, daß mein Erlöser in mir lebt.
Wie glücklich werdet ihr sein, wenn ihr des Todes des hl. Paulus ster-
ben werdet, um sein Leben zu leben; wenn ihr euch selbst sterbt, auf
daß Jesus Christus in euch lebe.

Absage an Welt, Fleisch und Eigenwillen70

Daß die christliche Vollkommenheit nichts anderes ist als eine Ab-
sage an die Welt, das Fleisch und an den Eigenwillen, ist eine Wahr-
heit, die so oft von der Heiligen Schrift genannt wird, daß es nicht
mehr nötig erscheint, sie zu wiederholen. Wo der große Vater des
geistlichen Lebens, Cassian, von dieser Vollkommenheit spricht, sagt

302
er, daß ihre Grundlage und ihr Fundament nichts anderes ist als die
vollständige Verleugnung aller menschlichen Wünsche. Und wo der
hl. Augustinus von denen spricht, die sich Gott weihen, um nach die-
ser Vollkommenheit zu streben, schreibt er: Was sind diese Leute da
anderes als eine Versammlung von Menschen, die in Waffen in den
Krieg und zum Kampf gegen die Welt, das Fleisch und gegen sich
selbst ziehen? – – –
Nun hat es die göttliche Vorsehung zugelassen, daß diese Mädchen
noch innerhalb der Oktav der Geburt der seligsten Jungfrau gebeten
haben, die eine, das Ordenskleid zu empfangen, die andere, zur Pro-
feß zugelassen zu werden. Groß ist ihr Unterfangen, denn es ist ein
Kampf und ein ständiger Krieg, den sie unter der Fahne und im Schutz
unserer teuersten Herrin gegen die Welt, gegen das Fleisch und gegen
sich selbst führen. Deshalb müssen wir sehen, wie diese heilige Jung-
frau tapfer über diese drei Feinde triumphiert hat bei ihrem ersten
Eintritt in dieses Leben oder bei ihrer heiligen Geburt. Diese glorrei-
che Frau war gewiß ein Spiegel und Inbegriff der christlichen Voll-
kommenheit; aber obwohl Gott sie durch alle Stände und Stufen ge-
hen ließ, um allen Menschen als Vorbild zu dienen, ist sie doch das
besondere Vorbild des Ordenslebens.
Zunächst war sie ihrer Mutter untertan ... In ihrer Jugend wurde sie
im Tempel dargestellt ... Sie war auch ein Vorbild für die Mädchen,
die sich der göttlichen Majestät weihen. Dann wurde sie vermählt, um
ein Spiegel der Eheleute zu sein, und schließlich Witwe. Die göttli-
che Vorsehung ließ sie also durch alle Stände gehen, damit alle Ge-
schöpfe aus ihr wie aus einem Meer der Gnade schöpfen können,
wessen sie bedürfen, um sich in ihrem Stand recht zu bilden und zu
schulen.
Es ist dennoch wahr, daß sie, wie ich gesagt habe, insbesondere der
Spiegel des Ordenslebens war; denn bei ihrer Geburt hat sie ganz
ausgezeichnet diese vollständige Verleugnung der Welt, des Fleisches
und ihrer selbst verwirklicht, in der die christliche Vollkommenheit
besteht. Was die Welt betrifft, hat die seligste Jungfrau ihr die voll-
kommenste und vollständigste Absage erteilt, die man machen kann.
Was ist denn die Welt, wenn nicht die ungeordnete Liebe, die man hat
zu den Gütern, zum Leben, zu den Ehren, Würden und Vorrechten,
zur hohen Meinung von sich und ähnlichen belanglosen Dingen, de-
nen die Weltleute nachlaufen und die sie zu Götzen machen? Ich
weiß nicht, wie das gekommen ist, aber die Welt ist so sehr in das

303
Herz des Menschen eingedrungen, daß der Mensch gleichsam zur Welt
geworden ist und die Welt zum Menschen. Die alten Philosophen
wollten das anscheinend sagen, als sie den Menschen einen Mikro-
kosmos nannten, d. h. eine kleine Welt. Und der hl. Augustinus sagt
von der Welt: Was ist denn die Welt? Sie ist nichts anderes als der
Mensch; und was ist der Mensch anderes als die Welt? Als wollte er
sagen: Der Mensch hat seine Neigungen so sehr an die Welt mit ihren
Ehren, Reichtümern, Würden, Vorrechten und der Selbstüberschät-
zung gehängt und gebunden, daß er dadurch den Namen Mensch ver-
loren und den der Welt dafür erhalten hat. Und die Welt hat so sehr
die Neigungen und Wünsche des Menschen auf sich gezogen, daß sie
nicht mehr Welt, sondern Mensch heißt.
Von dieser Welt oder von diesem Menschen spricht der große Apo-
stel, wenn er (Joh 1,10) schreibt: Die Welt hat Gott nicht erkannt und
deshalb hat sie ihn nicht aufgenommen, seine Gesetze nicht hören
und noch weniger sie befolgen wollen, weil sie den ihren ganz entge-
gengesetzt sind. Und Unser Herr sagt (Joh 17,9) dazu selbst: Ich bitte
meinen Vater nicht für die Welt, denn die Welt kennt mich nicht und
ich kenne sie nicht. O Gott, wie schwer ist es, sich von der Welt ganz
frei zu machen! Unsere Neigungen sind so sehr in ihr verhaftet und
unser Herz ist von ihr so sehr befleckt, daß es großer Sorgfalt bedarf,
um es gut zu waschen und zu reinigen, wenn wir nicht wollen, daß es
immer befleckt und entstellt bleibt. Manche meinen, in der Übung
des Verzichts und der Verleugnung der Welt schon viel getan zu ha-
ben, aber ach, sie täuschen sich darin sehr. Wenn man nur etwas näher
hinschaut, sieht man, daß man noch ein blutiger Anfänger ist und daß
alles, was man getan hat, nichts ist im Vergleich mit dem, was man
getan haben müßte und was man tun muß.
Deshalb haben alle Oberen und Gründer von religiösen Orden, in
denen der Geist Gottes am Werk war, der sie leitete und führte, damit
begonnen. Als der hl. Franziskus eine Kirche betrat, hörte er die Worte
des Evangeliums: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, gib es den
Armen und folge mir nach (Mt 19,21); er gehorchte und begann seine
Regel mit diesem Verzicht. Auch der hl. Antonius hörte die gleichen
Worte, verließ alles und tat, was sie von ihm verlangten ...
Es ist wahr, daß es viel bedeutet, die Welt zu verlassen und sich aus
ihrem Trubel zurückzuziehen, um in einen Orden einzutreten, wie es
diese Mädchen hier tun. Aber gewiß muß man sich nicht nur mit dem
Körper zurückziehen, sondern auch mit dem Herzen. Viele treten in

304
Klöster ein mit ihrer Liebe zu Ehren, Würden und Vorrechten, mit
der Selbstüberschätzung und Weltfreude; und was sie nicht wirklich
besitzen können, das besitzen sie dem Herzen und der Sehnsucht nach.
Das ist ein großes Unglück ...
Die zweite Absage ist die an das Fleisch. Es besteht kein Zweifel
darüber, daß sie noch schwieriger ist als die erste; sie steht auch auf
einer höheren Stufe. Viele verlassen die Welt und ziehen auch ihre
Neigungen aus ihr zurück; sie haben aber große Mühe, sich vom
Fleisch freizumachen. Darüber sagt der große Apostel (Röm 7,23;
Gal 5,16f): Hütet euch vor diesem Todfeind, der euch stets begleitet,
und gebt acht, daß er euch nicht verführe. Wer ist dieser Feind, von
dem der hl. Paulus spricht? Es ist das Fleisch, das wir stets mit uns
tragen. Ob wir essen, trinken oder schlafen, immer begleitet uns das
Fleisch und versucht uns zu hintergehen. Denn seht, es ist der unred-
lichste, verräterischste und treuloseste Feind, den es gibt. Zudem ist
es sehr schwierig, es ständig zu verleugnen. Man muß viel Mut haben,
um diesen Kampf zu führen; doch um uns dazu zu ermutigen, werfen
wir einen Blick auf unseren höchsten Feldherrn und die heilige Jung-
frau.
Unser Herr hat diese Verleugnung des Fleisches ganz ausgezeich-
net gemacht; sein ganzes heiliges Leben war eine ständige Verleug-
nung und Abtötung des Fleisches. Und obwohl sein heiliger Leib dem
Geist ganz unterworfen war und sich nie gegen ihn empörte, hat er es
doch nicht unterlassen, ihn abzutöten, um uns ein Beispiel zu geben
und uns zu lehren, wie wir unser Fleisch behandeln müssen, das ge-
gen den Geist streitet. Die Lektion, die unser teurer Meister uns darin
gibt, heißt, wir dürfen unseren Geist nicht in Fleisch umwandeln, um
dann tierisch und nicht menschlich zu leben; vielmehr sollen wir
unseren Leib vergeistigen, um ein geistiges und göttliches Leben zu
führen. Dazu kommt man durch seine Abtötung und ständige Ver-
leugnung. O Gott, wenn Unser Herr sein heiligstes Fleisch so hart
behandelte, das keine schlechte Neigung besaß, sollen dann wir, die
wir ein so unlauteres, verräterisches und bösartiges Fleisch besitzen,
uns weigern und nachlässig darin sein, es abzutöten, um es dem Geist
zu unterwerfen (vgl. 1 Petr 3,18)? Und könnten wir feige und mutlose
Soldaten sein, wenn wir sehen, was unser höchster Feldherr tut?
Die heilige Jungfrau hat diese Verleugnung des Fleisches in ihrer
Wiege ganz vollkommen geübt. Es ist wahr, daß die kleinen Kinder
tausend Akte des Verzichtes machen, ... aber die seligste Jungfrau hat

305
diese Abtötungen und Widersprüche in ihrer Kindheit bereitwillig
ertragen und diesen zweiten Verzicht geleistet ... Das übt man im
Orden, in den man eintritt, um sein Fleisch und seine Sinne zu kreu-
zigen; und man lehrt es diese Mädchen, wenn sie eintreten. Man sagt
ihnen, daß man seine Augen kreuzigen muß, um nichts zu sehen, sei-
ne Ohren, um nichts zu hören, seine Zunge, um nicht zu reden. Und
ihr seht, daß man ihnen einen Schleier aufs Haupt setzt, nicht nur, um
sie zu lehren, daß sie für die Welt und ihre Eitelkeit tot sind, sondern
auch, damit sie sich daran erinnern, daß sie von jetzt an die Augen
gesenkt halten müssen und die Erde anschauen sollen, aus der sie
gebildet sind, und um ihnen zu zeigen, daß sie gekommen sind, um im
Geist der Demut voranzugehen.
Obwohl diese Mädchen nach dem Himmel streben als nach dem
Ort, der das einzige Ziel ihres Herzens ist, läßt man sie doch die
Augen nicht erheben, um ihn zu schauen, wohl aber sollen sie die
Erde anschauen, wo sie nicht bleiben sollen. Darin folgen sie Fähr-
leuten und Ruderern; um ihr Schiff zu steuern, schauen sie nicht nach
dem Ort, wo sie anlegen wollen, sie wenden ihm vielmehr den Rü-
cken zu, und indem sie so ihr Schiff steuern, landen sie sicher im
Hafen. Genau so ist es mit diesen Seelen; indem sie zur Erde blicken,
um sich zu demütigen, erreichen sie den sicheren Hafen des Him-
mels. Man läßt auch ihre Ohren nicht sehen, um sie zu lehren, daß sie
diese nur zu gebrauchen haben, um die Worte des heiligen Bräuti-
gams (Ps 45,11) zu vernehmen: Merke auf, meine Tochter; blicke her
und leih mir dein Ohr. Und was sagt er? Vergiß dein Volk und das Haus
deines Vaters. Und was soll das Schweigen bedeuten, das sie wahren,
wenn nicht dies, daß sie ihre Sprache nur noch haben dürfen, um mit
Mose das Lied vom Erbarmen Gottes zu singen, der sie nicht nur wie
die Israeliten aus der Tyrannei des Pharao befreit hat, nämlich des
Teufels, der sie in Sklaverei und Knechtschaft hielt, sondern der auch
nicht zuließ, daß sie wegen ihrer Sünden von den Fluten des Roten
Meeres verschlungen wurden.
Der dritte Verzicht, der wichtigste von allen, nämlich die Selbstver-
leugnung, ist viel schwieriger als die beiden anderen. Mit den zwei
anderen wird man noch fertig, aber bei diesem, wo es darum geht,
sich selbst zu verlassen, d. h. seinen eigenen Geist, seine eigene Seele,
sein eigenes Urteil, selbst in guten Dingen, die sogar besser scheinen
als das, was man uns befiehlt, um sich in allem der Führung durch
andere unterzuordnen, da dauert es schon länger. Trotzdem zielt man

306
im Ordensleben darauf ab, denn darin besteht die christliche Voll-
kommenheit, sich auf diese Weise selbst abzusterben, so daß man mit
dem Apostel sagen kann: Ich lebe, aber nicht mehr ich lebe, sondern
Jesus Christus lebt in mir (Gal 2,20).
Dieser Verzicht nun muß ständig geleistet werden, denn ihr werdet
immer etwas finden, worin ihr euch selbst verleugnen könnt. Und
dieser Verzicht wird um so besser sein, je größer der Eifer ist, mit
dem ihr ihn leistet. Mit der Verleugnung des eigenen Willens muß
man das geistliche Leben beginnen und vollenden. Täuscht euch also
nicht darüber; denn wenn ihr ins Kloster kommt mit eurem eigenen
Geist, werdet ihr sehr bald in Zwiespalt geraten, weil ihr hier einen
Geist findet, der dem euren ganz entgegengesetzt ist und der ihm stets
widerstreben wird, bis er euch vollständig von ihm losgelöst hat. Trotz-
dem muß man guten Mutes sein und mit diesem Entschluß eintreten;
wenn ihr auch einiges ertragen müßt, wundert euch nicht darüber,
denn anders kann es nicht sein.
Der hl. Paulus spricht ganz bewunderswert von diesem Verzicht,
wenn er sagt: ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Jesus Christus lebt
in mir. Das heißt: Obwohl ich ein Mensch von Fleisch und Blut bin,
lebe ich nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist (vgl. Röm
8,12f); und nicht nach dem eigenen Geist, sondern nach dem Geist
Jesu Christi, der in mir lebt und herrscht. Nun ist dieser große Apo-
stel zu dieser vollkommenen Selbstverleugnung nicht gekommen, ohne
viele Nöte und Kämpfe in seinem Geist erduldet zu haben; das bestä-
tigt uns die Heilige Schrift (2 Kor 12,7.9f). Seht, dieser Verzicht be-
steht darin, seine Seele, seinen Geist aufzugeben, um sich dem des
anderen zu unterwerfen. Die Engel wurden Teufel und stürzten in die
Hölle, weil sie sich Gott nicht unterordnen wollten. Denn wenn sie
auch keine menschliche Seele hatten, besaßen sie doch ihren eigenen
Geist, den sie nicht verleugnen wollten, um ihn ihrem Schöpfer zu
unterwerfen; so gingen sie elend verloren. Es ist wahr, daß unser gan-
zes Glück in dieser Unterwerfung unseres eigenen Geistes besteht,
genau so wie unser ganzes Unglück vom Mangel an ihr kommt.
Die Frommen in der Welt leisten irgendwie die beiden ersten Ver-
zichte, von denen wir gesprochen haben; doch dieser letzte wird nur
im Ordensleben geübt. Die Weltleute entsagen zwar der Welt und
dem Fleisch und unterwerfen sich in gewissem Maße, aber sie behal-
ten sich doch stets etwas zurück; und alle gebrauchen mindestens die
freie Wahl in den geistlichen Übungen. Im Ordensleben aber verzich-

307
tet man auf alles und man unterwirft sich in allem, denn da man seine
Freiheit aufgegeben hat, verzichtet man vollständig auf seine Wahl in
den Übungen der Frömmigkeit, um der Gangart der Gemeinschaft zu
folgen.
Die allerseligste Jungfrau hat diesen letzten Verzicht bei ihrer Ge-
burt in einer Weise geleistet, daß sie nie von ihrer Freiheit Gebrauch
machte. Betrachtet den ganzen Verlauf ihres Lebens, und ihr werdet
nichts anderes sehen als eine ständige Unterwerfung ... Unser teuer-
ster Erlöser und oberster Feldherr hat diesen vollkommenen Ver-
zicht auf sich selbst am Kreuz geleistet. An dieses Kreuz haben sich
alle Heiligen geheftet; dieses Leiden machten sie zum besonderen
Gegenstand ihrer Gebete. Und der echte Religiose muß gewiß immer
das Kreuz und den Gekreuzigten vor Augen haben, um von ihm zu
lernen, in rechter Weise auf sich selbst zu verzichten und sich selbst
zu verleugnen. Und wenn auch die Güte Unseres Herrn so groß ist,
manchmal die Wonne seiner Gottheit verkosten zu lassen, indem er
den Seelen eine bestimmte Gnade und Gunst gewährt, so darf man
darüber nicht die Bitterkeiten vergessen, die er in seiner Menschheit
für uns erduldet hat. Denn ich habe es schon gesagt und ich werde
nicht müde, es zu wiederholen: das Ordensleben ist ein Kalvarien-
berg, wo man sich mit unserem Herrn und Meister kreuzigen muß,
um mit ihm zu herrschen (Konst. 44) ...
Wie glücklich seid ihr, meine lieben Töchter, wenn ihr diesen voll-
ständigen Verzicht auf die Welt, auf das Fleisch und auf euch selbst
leistet und wenn ihr von nun an in der genauen Befolgung der Regeln
und Konstitutionen lebt, die euch von Gott gegeben sind. Wenn ihr
das tut, werdet ihr ohne Zweifel die gleiche Gnade erlangen, die der
hl. Nikolaus von Tolentino von Unserem Herrn, Unserer lieben Frau
und vom hl. Augustinus empfing, da ihr Töchter des gleichen Vaters
und der gleichen Mutter seid wie er. Wenn ihr eure Regeln getreu
beobachtet, wird der Erlöser zusammen mit der seligsten Jungfrau
gewiß kommen, euch in eurer Todesstunde zu empfangen, zwar nicht
sichtbar, denn das darf man nicht wünschen, aber wenigstens unsicht-
bar, um euch in das ewige Leben zu führen, wohin uns der Vater, der
Sohn und der Heilige Geist geleiten mögen. Amen.

308
Das Vorbild des Erlösers: die evangelischen Räte 71

Das Leben Unseres Herrn ist das vollkommenste Vorbild für alle
Menschen, besonders aber für jene, die dem Stand der Vollkommen-
heit angehören wie die Ordensleute und die Bischöfe. Dieser Stand
muß in zweifachem Sinn betrachtet werden: für die Ordensleute ist es
der geeignete Stand, um sich zu vervollkommnen; bei den Bischöfen
setzt er die bereits erworbene Vollkommenheit voraus. So müssen
auch im Leben des Erlösers zwei Abschnitte unterschieden werden.
Der erste ist das Vorbild und Modell für die Ordensleute; das ist die
Zeit seiner Kindheit bis zum Beginn seiner Predigttätigkeit, denn der
Evangelist (Lk 2,51) sagt ausdrücklich, daß er seinen Eltern untertan
war. Nachdem er zu lehren und zu predigen begonnen hatte, erfüllte
er alle Aufgaben, die den Bischöfen zukommen. Er setzte die Sakra-
mente ein; am Stamm des Kreuzes brachte er dann das blutige Opfer
seiner selbst dar; vorher setzte er beim Abendmahl, das er mit seinen
Aposteln feierte, das allerheiligste Sakrament des Altares als das un-
blutige Opfer ein.
Kommen wir auf unseren Anlaß zurück und zum Gegenstand, den
ich im Auge habe: das wahre Vorbild des Ordenslebens. Mit den Kir-
chenvätern können wir sagen, daß die ganze klösterliche Disziplin
auf das Wort Selbstverleugnung zurückgeführt werden kann. Sehen
wir daher, wie Unser Herr die Selbstverleugnung während der ganzen
Zeit seiner Kindheit in bewundernswerter Weise geübt hat. Um es
aber besser zu verstehen, stellen wir darin drei Punkte fest, die ich auf
drei Tugenden anwenden werde, die alle Ordensleute geloben, näm-
lich die Armut, die Keuschheit und den Gehorsam.
An erster Stelle: Kann man eine ärmere Armut finden oder sich
vorstellen als die des Erlösers? Seht, wie er auf das Haus seines Vaters
und seiner Mutter verzichtet, selbst vor seiner Geburt. Er kommt ja
zur Welt in einer Stadt, die ihm zwar in gewissem Sinn gehörte, da er
aus dem Geschlecht Davids (Lk 2,4) stammte; er verzichtet dennoch
so vollkommen darauf, daß er in einem Stall verborgen zur Welt
kommt. Welche Entbehrungen, meint ihr, hat er auf der Reise nach
Ägypten ertragen, denn er weiß, daß die Stiefväter nicht verpflichtet
sind, die Kinder ihrer Frau zu ernähren; und trotzdem wurde Unser
Herr ernährt durch die Arbeit seines Nährvaters und seiner Mutter,
die ihren Lebensunterhalt im Schweiß ihres Angesichts (Gen 3,19)

309
erwarben. So empfing dieses göttliche Kind, das seinen Lebensunter-
halt nicht erwerben konnte, vom hl. Josef das Almosen ... Die Liebe
zur Armut ließ unseren teuren Meister außerdem den Namen von
Nazaret annehmen (Mt 2,23; Mk 16,6) und immer beibehalten, weil
das eine kleine verachtete Stadt war und so zurückgesetzt, daß man
nicht glaubte, wie sogar Natanael (Joh 1,46) sagte, daß in Nazaret
etwas Gutes zu finden wäre. Er hätte sich gut nach Betlehem oder
auch nach Jerusalem nennen können, aber er wollte es nicht, sowohl
aus diesem Grund als auch aus anderen, die wir gleich nennen wer-
den.
Gehen wir zum zweiten Punkt über, dem vollkommenen Verzicht
auf alle sinnlichen Freuden. Unser Herr besaß eine stets unvergleich-
liche Reinheit; aber seht ein wenig, wie er von seinem Eintritt in die
Welt an seinen Sinnen jede Art von Befriedigung versagte. Vor allem
empfand er im Tastsinn äußerste Kälte. Ohne Zweifel kennt ihr die
Offenbarung, die die hl. Birgitta über die Geburt des göttlichen Hei-
lands hatte. Sie sagte, daß Unsere liebe Frau in einer großen Entrük-
kung war und ihn plötzlich auf der Erde liegen sah, ganz nackt; daß
sie ihn sogleich nahm und ihn in die Windeln legte. Was den Ge-
ruchsinn betrifft, bei Gott, welche Süßigkeit, welch angenehme Düf-
te, glaubt ihr, konnte es in einem Stall geben? Wenn die Kinder der
großen Könige geboren werden, obwohl sie auch nur armselige Men-
schen sind, verwendet man so viele Wohlgerüche, macht man solche
Zeremonien; und für unseren Erlöser, der nicht nur Mensch, sondern
zugleich Gott ist, geschieht nichts von all dem! Welche Musik, um
sein Gehör zu ergötzen? Ein Ochs und ein Esel, die singen, um die
Geburt des himmlischen Königs zu preisen. Schließlich gibt es nichts
in ihm, was Befriedigung fände, außer ein wenig der Geschmack, wenn
er die hochheilige Milch empfing, die vom Himmel gekommen ist,
die ihn seine hochgebenedeite Mutter aus ihren Brüsten trinken ließ,
denn man muß zugeben, daß sie besser als der köstlichste Wein (Hld
1,1) war; aber das dauerte nur, bis sie durch den Schlund gelaufen
war.
Was den dritten Punkt betrifft, die Selbstverleugnung, wer konnte je
zu einer so vollständigen Entäußerung kommen, um sich nach dem
Willen der Vorgesetzten leiten zu lassen? Bei Gott, in diesem Punkt
hat sich das göttliche Kind wohl als echter Religiose erwiesen! Der
hl. Josef und Unsere liebe Frau sind seine Oberen, sie führen ihn, sie
tragen ihn von einem Ort zum anderen, und er läßt es sie tun, ohne

310
jemals ein einziges Wort zu sagen. Er war selbst der Natur gehorsam,
er wollte nicht anders wachsen noch sprechen als die übrigen Kinder.
O unerhörte Selbstverleugnung; obwohl es in seiner Macht stand,
Wunder zu wirken, wirkte er keines ... Doch war es nicht ein sehr
großes Wunder, daß dieses hochheilige Kind solchen Verzicht und
solche Selbstverleugnung leistete, daß es sich nach dem Willen seiner
Vorgesetzten führen ließ und daß es nicht nur kein Wörtlein sagen
wollte, um den Aufbruch (nach Ägypten) zu beschleunigen? Eine ge-
wiß sehr bewundernswerte Lehre: Unser Herr ist erfüllt von allem
Wissen (Kol 2,3), er ist ja die Wissenschaft und Weisheit selbst; trotz-
dem bewahrt er ständiges Schweigen, obwohl man die Menschen in
der Welt, wenn sie eine Unze Wissen besitzen, nicht am Reden hin-
dern kann, so sehr sind sie darauf aus, sich für Gelehrte halten zu
lassen.
Da also Unser Herr gekommen ist, um ein vollkommenes Beispiel
des klösterlichen Lebens zu geben, ist es sehr vernünftig, daß man
sich anschickt, ihn nachzuahmen, um dieses Leben zu ergreifen, das
ihm so wohlgefällig ist. Deshalb finden sich diese Mädchen heute ein,
um Ordensfrauen zu werden. Sie haben sich nämlich folgendes über-
legt: Wenn mein Herr und mein Gott aus Liebe zur Armut auf die
Reichtümer verzichten wollte, auf seine Heimat und auf das Haus
seiner Eltern, warum sollte ich dann nicht nach seinem Vorbild das
gleiche tun? Und wenn er allen Freuden entsagte, ja sich selbst, um
sich aus Liebe zu mir zu unterwerfen und mir zu zeigen, wie wohlge-
fällig ihm das Ordensleben ist, in dem das alles geübt wird, warum
sollte ich es nicht tun, um ihm zu gefallen? Nein, sagen sie, wir verlas-
sen die Welt nicht, um den Himmel zu gewinnen; denn die in ihr
leben, können ihn gewinnen, indem sie im Gehorsam gegen die Ge-
bote Gottes leben; wir tun es, um unsere Liebe und liebende Hingabe
an die göttliche Güte zu vermehren, und sei es auch nur ein wenig.
Unser Herr nahm den Beinamen Nazarener außer dem Grund, den
wir genannt haben, auch deswegen an, weil dieses Wort ‚Blume‘ blü-
hend, bedeutet. Diese Mädchen kommen daher zum Duft dieser Blu-
me (Hld 1,3) ... Er selbst erklärt im Hohelied (2,1), welche Blume er
ist: Ich bin die Blume des Feldes und die Lilie der Täler ... Man kann
nicht daran zweifeln, daß er Lilie genannt wird, deren Weiße her-
vorragend ist, da er durch eine unvergleichliche Reinheit stets weiß
war. Die Lilie kann ebenso wie die Rose ohne Pflege wachsen, wie

311
man in bestimmten Gegenden sieht. Das zeigt uns die Liebe, die Un-
ser Herr zur Einfachheit hatte, denn er will nicht von den Gartenblu-
men seinen Namen bekommen, die mit so viel Sorgfalt und Kunst
gepflegt werden. Er wählte außerdem die Rose unter den anderen
Blumen aus seiner Liebe zur heiligen Armut, weil es nichts Ärmeres
gibt als die Rose; sie hat nichts als Dornen und verlangt nicht, wie wir
gesagt haben, daß man sich um sie bemüht, um sie zu pflegen. Trotz-
dem strömt sie unablässig einen lieblichen Duft aus. Ebenso verbrei-
tete Unser Herr, obwohl er bei seinem Tod und Leiden und während
seiner ganzen Lebenszeit von Kreuz, Dornen und Bedrängnissen je-
der Art umgeben war, unablässig einen bestimmten Duft voll Lieb-
lichkeit aus. Von daher müssen wir die Bedrängnisse, inneren Dun-
kelheiten und die Verdrossenheit des Geistes verstehen, die manch-
mal bei den geistlichen Personen, die sich der Frömmigkeit beflei-
ßen, so groß sind, daß es ihnen fast scheint, sie seien ganz von Gott
verlassen, die sie aber doch nie bis zum Äußersten kommen lassen,
daß sie nicht stets vor der göttlichen Majestät den Duft heiliger Un-
terwerfung unter seinen hochheiligen Willen und des ständigen Ver-
sprechens verbreiten, ihn nicht beleidigen zu wollen.
Man täuscht die Menschen nie, die sich einfinden, um der göttli-
chen Güte dargebracht und geopfert zu werden. Man verspricht ihnen
ja, daß sie sich der Reichtümer der ewigen Seligkeit erfreuen werden,
aber unter der Bedingung, daß sie zuvor auf die irdischen und ver-
gänglichen Reichtümer verzichten. Man sagt ihnen, daß man die Hei-
mat und sein Elternhaus tatsächlich und der Anhänglichkeit nach
verlassen muß, um nur mehr die Anhänglichkeit zu Unserem Herrn
zu haben, das ist zum Orden, in den sie eintreten. Man verspricht
ihnen die Tröstungen, die Gott gewöhnlich denen gibt, die ihm treu
dienen, Tröstungen, die sehr groß sind, selbst in diesem Leben, aber
unter der Bedingung, daß sie auf alle sinnlichen Freuden verzichten,
so erlaubt sie auch sein mögen. Man versichert ihnen, daß sie mit der
göttlichen Majestät ewig vereint sein werden, aber nachdem sie sich
selbst vollständig verleugnet haben, alle ihre Leidenschaften, Anhäng-
lichkeiten und Neigungen, wenn sie eine vollständige Auswanderung
vollzogen haben; denn wir sagen ihnen: Wenn ihr gern nach eurem
Willen gelebt und eine hohe Meinung von eurem eigenen Urteil ge-
habt habt, dürft ihr es von jetzt an nicht mehr, sondern sollt nichts
höher schätzen als Gehorsam und Unterwerfung; ihr müßt eure Lei-
denschaften soviel als möglich zunichte machen, um nicht mehr nach

312
ihnen zu leben, sondern nach der Vollkommenheit, die man euch
lehren wird.
Wir setzen ihnen einen Schleier aufs Haupt, um ihnen zu zeigen,
daß sie den Augen der Welt verborgen sein werden. Und wenn sie es
in der Vergangenheit geschätzt haben, bekannt und geachtet zu sein,
wird man von jetzt an keinerlei Erwägung mehr von ihnen machen.
Der Schleier wird nicht erkennen lassen, ob sie schön, von anmuti-
gem oder angenehmem Äußeren sind; folglich müssen sie auf die An-
hänglichkeit verzichten, die sie an all das haben könnten. Wir ändern
ihre Kleidung, um ihnen zu verstehen zu geben, daß sie ihre Gewohn-
heiten vollständig ändern müssen. Wir sagen ihnen, daß sie wahrhaf-
tig berufen sind, sich der Glückseligkeit des Erlösers auf dem Berg
Tabor zu erfreuen, aber nachdem sie mit ihm auf dem Kalvarienberg
gekreuzigt worden sind durch eine beständige Abtötung ihrer selbst
und durch bereitwillige, wahllose Annahme der Abtötungen, die ih-
nen bereitet werden. Und schließlich versprechen wir ihnen nicht,
daß sie Bräute unseres verherrlichten Herrn sein werden, außer nach-
dem sie die unseres gekreuzigten Herrn gewesen sind; ebensowenig
bieten wir ihnen die goldene Krone, außer nachdem sie die Dornen-
krone angenommen haben.
Und schließlich sagen wir ihnen, daß das Ordensleben ein Kalvari-
enberg ist, wo sich die Liebhaber des Kreuzes aufhalten und nieder-
lassen. Die Bienen weisen alle fremden Gerüche zurück und verab-
scheuen sie, d. h. solche, die nicht von Blumen stammen, aus denen
sie ihren Honig sammeln (um zu sehen, daß dem so ist, legt ihnen
Moschus oder Zibeth vor, und ihr werdet sehen, daß sie sich sogleich
zurückziehen und diesen Geruch fliehen, weil er von Fleisch stammt),
ich will sagen, irdische und weltliche Tröstungen, die ihnen der Teu-
fel, die Welt und das Fleisch anbieten, um nie mehr einen anderen
Duft einzuatmen als den, der vom Kreuz stammt, von den Dornen,
den Ruten und der Lanze Unseres Herrn. Das alles ist der Schmuck
und das Geschmeide, das der Bräutigam seiner Braut schenkt, denn
das sind die wertvollsten Stücke seiner Schatzkammer. Der irdische
Bräutigam schenkt seiner Braut Ketten, Armbänder, Ringe, Samt,
Atlas und ähnliche Nichtigkeiten; außerdem veranstaltet er zu seiner
Hochzeit ein Festmahl. Unser Herr macht es ebenso; aber wißt ihr,
was er anstelle von Fasan und Rebhuhn anbietet? Abtötungen, Demü-
tigungen, Geringschätzung, Schmerzen und innere Peinen, die uns

313
fast zweifeln lassen, ob wir nicht ganz und gar von seiner Güte verlas-
sen sind.
Ich muß noch von einer bewundernswerten Eigenschaft der Bienen
sprechen. Sie sind ihrer Königin so treu, daß sie, wenn diese stirbt,
sich um ihren Leib scharen und eher sterben, als sie zu verlassen.
Wenn nicht der Imker käme, um sie zu vertreiben, würden sie sich
ohne Zweifel nie von ihr trennen. Die Leiter der geistlichen Bienen
machen es genau umgekehrt; denn wie der Imker sich bemüht, sie zu
entfernen, weil er fürchtet, daß sie rings um ihre Königin sterben, so
sind sie sehr darauf bedacht, daß die Seelen um den Leib ihres Kö-
nigs, der gestorben ist, geschart bleiben, d. h. um Unseren Herrn, der
am Kreuz gestorben ist. Bei ihm müssen wir unser Leben lang treu
ausharren, um die Liebe zu betrachten, die er zu uns hegt, die ihn für
uns sterben ließ, damit wir durch seine Liebe und in seiner Liebe
leben (vgl. 2 Kor 5,15). So sei es.

Fragmente über Armut und Gehorsam72

1.

Die vollkommene innerliche Armut besteht darin, das Herz losge-


löst und getrennt von allen Dingen zu haben, die man gebraucht, sie
nur als geliehen zu betrachten und bereit zu sein, sie jedesmal ohne
Verstimmung abzugeben, sobald es die Oberen anordnen. So sind
jene, die die wahre Liebe haben, mit dem Notwendigen zufrieden;
und sie sind von den Dingen nicht nur im Herzen losgelöst, sondern
auch in der Ausdrucksweise, indem sie dafür nicht das Wort ‚mein‘
gebrauchen, sondern ‚unser‘. Mit der gleichen Mäßigung muß man
den Besitz der Gemeinschaft lieben, indem man ihn nicht mit der
Gesinnung des Eigentümers betrachtet, die uns den Frieden des Her-
zens raubt oder uns in den Ansprüchen, in seiner Erhaltung oder Ver-
teilung falsch handeln läßt; man muß ihn vielmehr in religiösem Geist
als etwas Gott Geweihtes betrachten, das man nur im Sinn des Herrn
lieben darf, dem er geweiht ist.
Die klösterliche Armut führt zu armer Tafel, armem Bett, armer
Kleidung und armer Zelle. Das muß notwendig erscheinen, weil wir
es nicht gut entbehren können. Alles andere muß eingeschränkt wer-
den, soviel wir können. Man muß auch manchmal selbst auf notwen-

314
dige Dinge verzichten, vor allem aber in Liebe jeden Mangel an not-
wendigen Dingen annehmen, der uns trifft, von welcher Seite er auch
kommt, und gern auch arme Dinge annehmen, die uns zukommen,
worin es auch sei.
Über alle Armut hinaus müssen wir die des Herzens haben, die uns
bescheiden und klein in unseren Augen macht. Die geistliche Armut
besteht im Aufgeben aller Dinge, in der Verachtung seiner selbst, im
Verzicht auf alle Dinge und auf den eigenen Willen in allem: diese
drei Stufen sind die Lehren des wahren Ordenslebens. Sich niemals
dessen rühmen, was man in der Welt war, dafür nicht gelobt und ge-
schätzt werden wollen; davor soviel als möglich fliehen aus Furcht,
daß deswegen unsere Armut höher geschätzt werde, d. h. die erhabene
Demut Unseres Herrn nachahmen. Man muß alles fliehen, was rüh-
menswert ist.
Die große und heilige Armut besteht darin, anzuerkennen, daß wir
nichts haben und aus uns selbst nichts vermögen als Armseliges. Ich
bin ein Bettler und arm; mein Gott, komm mir zu Hilfe (Ps 40,18;
50,6). Es ist gut, unsere Niedrigkeit im Vergleich mit der Heiligkeit
der Heiligen zu erwägen, die sich für ein Nichts hielten.
Die höchste Armut ist die vollständige Verleugnung des eigenen
Willens, indem man sich in allem dem des Nächsten anpaßt und nichts
will als Gott und die Erfüllung seines Wohlgefallens.
Glückselig der Arme, denn er wird im Schoß Gottes geborgen sein.
Habt Vertrauen auf Gott (Sir 2,8), bergt euch in seiner Hut, richtet
euer Denken auf ihn, und er wird euch ernähren (Ps 55,23; 1 Petr
5,7). Damit ihr gläubig sagen könnt: Gott trägt Sorge für mich (Ps
40,18), werft eure ganze Sorge auf ihn, denn er sorgt für euch.
Auf sich selbst vertrauen ist nicht dem Glauben eigen, sondern der
Treulosigkeit. Wahrhaft treu ist, wer nicht auf sich vertraut und keine
Zuversicht auf sich hat, der wie ein zerbrochenes Gefäß geworden ist
und seine Seele in dem Maß verliert, daß er sie für das ewige Leben
bewahren will (Mt 10,39; Lk 9,24; 17,33). Einzig die Demut bewirkt,
daß die Seele nicht auf sich selbst vertraut, sondern sie im Verzicht
hält, sich in die Wüste zurückzieht und sich ganz auf ihren Vielge-
liebten stützt (vgl. Hld 8,5).

315
2.

Der hl. Petrus sagt: Unterwerft euch allen menschlichen Geschöpfen


aus Liebe zu Gott (1 Petr 2,13). Der Ordensgehorsam ist ein Brand-
opfer, das man Gott darbringt, ohne etwas von seinem eigenen Willen
zurückzubehalten. Der Gehorsam ist die höchste und einmalige Tu-
gend. Der hl. Bernhard sagt: „Der Obere befehle nicht nach seinem
Belieben, sondern nach der Regel; ... er vermehre nicht die Gelübde
ohne den Willen der Untergebenen, er vermindere sie auch nicht ohne
Notwendigkeit.“ Aber „der Untergebene soll wissen, daß der Gehor-
sam unvollkommen ist, der sich auf die Grenzen der Gelübde be-
schränkt, denn der vollkommene Gehorsam erstreckt sich auf alles,
worin sich die Liebe findet.“ Der hl. Bernhard sagt auch: „Den wir
anstelle Gottes als Oberen haben, den müssen wir wie Gott hören in
allem, was nicht offenkundig gegen Gott ist.“
Man muß gehorchen durch die Unterwerfung des Urteils. Eigenes
Urteil nennt man jenes, das vom Sinn der Kirche, der Bischöfe und
Oberen abweicht; eines, das vom Sinn der Kirche, der Bischöfe und
Oberen abweicht, befindet sich im Irrtum.
Der Gleichmut besteht darin, nicht mehr nach einer Seite als nach
der anderen zu neigen. Obwohl der vollkommene Gehorsam ent-
schlossen ist, alles zu erfüllen, was von den Geboten, der Regel und
den Anordnungen verlangt wird, ist er allem gegenüber gleichmütig
und sagt stets im Herzen und mit dem Mund: Herr, was willst du, daß
ich tue (Apg 9,6)?

Der Preis der reinen Liebe73

Das Himmelreich, sagt der Herr (Mt 13,45f), gleicht einem Kauf-
mann, der alles verkauft, was er besitzt, um die unschätzbare Perle,
die er gefunden hat, zu erwerben. Diese kostbare Perle, die die Kauf-
leute des Himmels finden, ist die reine Gottesliebe. Um sie zu erwer-
ben, verkaufen sie alles, was sie haben. Die ersten Christen begnügten
sich nicht damit, die Gebote Gottes zu befolgen, sondern befaßten
sich auch mit der genauen Übung der Räte. So sehen wir, daß sie nur
ein Herz und eine Seele hatten, denn das Wort von Mein und Dein war
bei ihnen nie zu hören ... Die Ordensmänner und Ordensfrauen wur-

316
den wegen dieses Verzichts auf alle Dinge zu allen Zeiten sehr gelobt,
doch sehen wir von den Ordensmännern ab und sprechen wir nur von
den Ordensfrauen, denn das entspricht meinem Vorhaben besser.
Der große hl. Augustinus wirft den Manichäern vor, daß sie in ihrer
Religion nichts Vergleichbares haben und nichts, was im geringsten
der Tugend der Jungfrauen gliche, die in den Klöstern eingeschlossen
leben. Sie sind rein wie die Tauben und machen das Gelübde dauern-
der Keuschheit. Vor allem aber rühmt er ihren Verzicht auf alles und
sagt, sie haben allen Besitz so vollständig aufgegeben, daß sie nichts
für sich persönlich besitzen und daß die schädlichen Worte ‚mein‘
und ‚dein‘ bei ihnen nicht zu hören sind. Der glückselige hl. Ignatius
empfiehlt einem seiner Freunde in einem Brief ausdrücklich die Jung-
frauen und Witwen, die in den Klöstern vereinigt leben; die Jungfrau-
en als Opfergaben für Gott, die Witwen gleichsam als Altar. Er emp-
fiehlt sowohl die einen als auch die anderen wegen des großen Ver-
zichts, den sie auf alles in der Welt geleistet haben, sowohl auf das,
was sie besaßen, als auch auf die Ansprüche, die sie stellen könnten,
wie auch wegen ihrer vollständigen Selbstverleugnung.
Zu diesem vollständigen Verzicht seid ihr nun berufen, meine teu-
ersten Töchter. Es ist ein sehr hoher Anspruch, die reine Gottesliebe
zu erwerben; sie ist die kostbare Perle, die ihr sucht und die ihr gefun-
den habt. Man kann sie aber nur um den Preis aller Dinge erwerben.
Es liegt in eurer Macht, wenn ihr sie besitzen wollt, man muß aber
auch den vollständigen Verzicht auf alles leisten, und was noch mehr
ist, ihr müßt euch selbst verlassen, denn die reine Gottesliebe kann
keinen Genossen vertragen. Sie will nicht nur ohne Rivalen sein, son-
dern sie will allein in unserem Herzen sein und hier friedlich herr-
schen. Denn wenn sie aufhört zu herrschen, hört sie gleichzeitig auf
zu sein.
Wir haben zwei Ich, die wir verleugnen, denen wir vollständig und
ohne Vorbehalt entsagen müssen, um wahre Ordensleute zu sein. Wir
haben das äußere Ich, das der hl. Paulus (Röm 6,6) den alten Men-
schen nennt; wir haben noch das andere Ich, unser eigenes Urteil und
unseren Eigenwillen, und in diesem liegt die entscheidende Aufgabe.
Man muß wahrlich den Leib recht verleugnen und abtöten, aber das
genügt nicht; man muß vor allem den Geist abtöten. Hört die Braut
im Hohelied (8,7); sie sagt, wenn jemand seine ganze Habe für Gott
hingibt für seine reine Liebe, wird er das für nichts erachten und glau-

317
ben, daß er fast nichts für seine so kostbare Perle gegeben habe. Alle
Ordensleute nehmen sich nichts Geringeres vor, als sich ganz in Gott
umzugestalten, ein Anspruch, der gewiß eines großmütigen Herzens
würdig ist, ein Anspruch auch, den wir alle erheben müssen. Aber
erinnern wir uns, daß jene, die es unternehmen, Eisen in Gold umzu-
schmelzen oder umzuformen, große Mühe aufwenden und sehr große
Sorgfalt walten lassen müssen, obwohl ich nicht weiß, ob sie es kön-
nen oder nicht ...
So müssen die Seelen, die das hochherzige Unterfangen eingegan-
gen sind, sich ganz in Gott umzugestalten, nichts anderes tun, als sich
vernichten, sich demütigen und sich verlassen, bis sie so geläutert
sind, daß nichts in ihnen bleibt als einzig der himmlische Schmelz-
fluß, der in ihnen ist, d. h. das Bild und Gleichnis der göttlichen
Majestät. Seht, was der hl. Paulus tat, um in Wahrheit sagen zu kön-
nen: Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir (Gal 2,20).
Welche Verfolgungen, welche Abtötungen, welche Erniedrigungen
aller Art, der Peinen und Schmerzen hat er doch ertragen! Hört, was
er (1 Kor 4,11-13) schreibt: Bis zur Stunde werden wir geschmäht,
maßlos verfolgt, beleidigt, verachtet, so sehr, daß wir für den Kehricht
dieser Welt gehalten und erachtet werden. Jeder weiß, daß es in einem
Haus nichts Minderwertigeres gibt als den Kehricht, so daß man nur
auf den Augenblick wartet, bis er hinausgeschafft wird. Ebenso, sagt
der hl. Paulus, kann man die Stunde nicht erwarten, daß man uns der
Welt aus den Augen schafft, so sehr sind wir ihnen ein Greuel. Dann
fügt er hinzu: Wir werden eingeschätzt wie die Schale des Apfels;
denn wenn die Welt ein Apfel ist, werden wir für deren Schale gehal-
ten, die man wegwirft wie ein Nichts.
Um also die Umgestaltung zu erfahren, die wir uns vorgenommen
haben, wird es notwendig sein, daß auch wir auf ein Nichts zurückge-
führt werden, erniedrigt, verachtet und abgetötet wie der Auswurf der
Welt. Ihr habt auf die äußeren Güter verzichtet; es ist aber sehr schwie-
rig und recht mühsam, euer eigenes Urteil zu unterwerfen, euren Ver-
stand dem einer Oberin unterzuordnen, euren eigenen Willen so sehr
zu verleugnen, daß er nur noch ihren Anordnungen unterworfen und
gehorsam erscheint. Um das zu tun, braucht es großen Mut. Das ist
wahr, meine lieben Töchter, doch wenn euch die Schwierigkeit er-
schreckt, will ich euch drei Überlegungen vorschlagen, die euch zei-
gen, daß das Unterfangen leichter ist, als ihr denkt; sie sollen euch als
Beruhigung dienen.

318
Die erste ist, daß Er, der euch beruft, seine ganz reine Liebe zu ge-
winnen, stark genug ist, euch zu helfen (1 Thess 5,24; 2 Tim 1,12).
Sagt kühn zu ihm: „Herr, befiehl unseren Seelen alles, was dir gefal-
len mag, und verleih uns, daß wir es tun können“ (Augustinus). Gib
uns das Verlangen, zu dir zu gelangen, alles zu tun, was deiner Güte
wohlgefällig ist, und erfülle dieses Verlangen (vgl. Phil 2,13). Du rufst
uns; bewirke durch deine Gnade, daß wir folgen. Du hast das Werk
unserer Vollkommenheit begonnen; wir wollen nie daran zweifeln,
daß du es vollenden wirst (Phil 1,16).
Die zweite Überlegung, die euren Mut heben wird, ist die Erkennt-
nis, worin der Mut besteht. Ich habe euch gesagt, daß ihr große Hoch-
herzigkeit braucht, um an das Ziel dieses Unterfangens zu gelangen.
Aber was meint ihr, worin diese Hochherzigkeit eures Mutes besteht?
Gewiß darin, daß der Mut klein ist. Ihr werdet um so mehr Mut ha-
ben, je kleiner ihr vor euch selbst seid. Erinnert euch an das Wort, das
Unser Herr dem Herzen seiner Apostel so wunderbar eingeprägt hat:
Wenn ihr nicht werdet wie die kleinen Kinder, könnt ihr nicht in das
Himmelreich eingehen (Mt 18,3). Wir müssen den kleinen Kindern
an Mut gleichen, d. h. demütig sein wie sie. Beachtet aber, ich bitte
euch, daß der Erlöser die Größe seines Mutes erwiesen hat in dem
höchsten Akt der Liebe, die er uns erwiesen hat in seinem Tod und
Leiden. Seht, er tut nichts, als alles mit sich geschehen zu lassen, was
man will. Die Hochherzigkeit seines Mutes besteht darin, sich nach
jedermanns Gutdünken behandeln zu lassen. Ebenso muß unser Mut
sich nicht so sehr im Handeln erweisen als darin, in uns und mit uns
geschehen zu lassen, was man will. Wir müssen uns nicht nur gegen
Unseren Herrn gefügig zeigen, sondern auch unseren Oberen gegen-
über, biegsam und demütig wie kleine Kinder, denn unsere Größe
liegt in unserem Kleinsein, unsere Erhöhung in unserer Erniedri-
gung.
Die dritte Überlegung, die euch zu großem Trost gereichen kann,
betrifft die Ehre für euch, daß ihr eure Hingabe darzubringen kommt
unter dem Schutz der glorreichen Mutter, der allerseligsten Gottes-
mutter. Wie eine Perle des Meeres bleibt sie im Meer dieser Welt,
ohne einen Tropfen Salzwasser aufzunehmen, ich will sagen, ohne im
geringsten benetzt zu werden von den eitlen Freuden der Welt; viel-
mehr lebte sie stets ganz heilig in der Übung jeder Art von Tugend.
Zweifelt nicht daran, daß sie euch unter ihre Obhut nimmt, wenn ihr
eure Opfergabe in Demut und Einfalt des Herzens darbringt. Das

319
sind ja die Tugenden, die während ihres Lebens am meisten an ihr
leuchteten im Verein mit jener, treu den himmlischen Anregungen
und Einsprechungen zu entsprechen. Das sind die Tugenden, durch
die sie ohne Zweifel verdiente, nächst ihrer allerseligsten Tochter
mehr als jede andere Frau mit Gnaden überhäuft zu werden, vor al-
lem mit jener, der allerheiligsten Menschheit unseres gütigen Erlö-
sers und Meisters so nahe zu stehen. – – –

Die hochheilige Demut74

Alle alten Väter geben mehrere Methoden an, die Vollkommenheit


zu erwerben; sie sagen, es gibt den Weg der Reinigung, der Erleuch-
tung und der Vereinigung. Um es kürzer zu machen, pflege ich stets
zu sagen, wir müssen uns von unseren Unvollkommenheiten reini-
gen, denn unfehlbar wird sich die Tugend einstellen, wenn wir das
Laster in uns ausrotten. Wir müssen also großen Mut haben, um bei
dieser Arbeit nicht müde zu werden, und große Geduld mit uns selbst,
weil wir immer etwas zu tun und in uns zu beschneiden haben wer-
den. Gewiß, wir werden nie vollständig geheilt sein, bis wir im Him-
mel sind; denn wenn wir jetzt einen Fehler verbessern, gibt es gleich
einen anderen zu verbessern, und dann werden andere drankom-
men. Wir müssen unser Herz sanft zurechtweisen und es liebevoll
alle Mittel zu unserem Fortschritt ergreifen lassen; wir müssen uns
bemühen, uns mit schönen Gewohnheiten zu schmücken, um vor
unserem himmlischen Bräutigam zu erscheinen und ihm zu gefal-
len. Die Gewohnheiten sind für den Geist, was die Kleider aus Stoff
für den Leib sind ...
Sprechen wir ein wenig von der Armut des Geistes. Was meint ihr,
was das ist, die Armut des Geistes? Das ist nichts anderes als die
hochheilige Demut, denn der Reichtum des Geistes besteht in Eitel-
keit, Stolz und Anmaßung; sie bewirken, daß wir uns für reich halten
und uns aufblähen, während wir in Wirklichkeit sehr arm sind (vgl.
Offb 3,17). Die Demut brauchen wir so notwendig, daß wir ohne sie
Gott nicht gefallen noch irgendeine andere Tugend besitzen können,
nicht einmal die Liebe, die alles vollkommen macht. Sie ist ja mit der
Demut so eng verbunden, daß man diese beiden Tugenden nicht von-
einander trennen kann. Sie haben eine so große Verwandtschaft mit-

320
einander, daß es die eine nicht ohne die andere gibt. Wenn ihr mir
sagt, daß ihr Liebe habt, habt aber die Demut nicht, dann antworte
ich, daß ihr lügt. Und wenn ihr versichert, daß ihr die Demut habt,
nicht aber die Liebe, dann sagt ihr nichts, was gilt. Die Demut ist eine
kleine Tugend und scheinbar die geringste von allen; sie neigt sich
ihrer Natur nach stets zu Boden, weil sie sich auf dem Grund der
Erde und des Nichts verbirgt und erniedrigt. Die Liebe ist die erste,
die hervorragendste und erhabenste Tugend, denn sie umfängt Gott;
und doch will sie sich mit der Demut vereinigen, mit der sie vermählt
ist.
Wenn die Weltleute einen frommen Menschen sehen, sagen sie so-
gleich: Er ist heilig. Und wenn ihr sie fragt: Warum ist er heilig?,
dann werden sie antworten: weil er viel Zeit in den Kirchen verbringt,
weil er viele Rosenkränze betet und viele Messen hört. Das ist gut;
aber warum noch ist er heilig? Weil er so oft die Kommunion emp-
fängt. Ja, das ist gut; aber warum noch ist er heilig? Weil er im Gebet
so viele Tränen vergießt. Das ist gut, wenn Gott sie schenkt. Was aber
tut er noch, um so heilig zu sein, wie ihr sagt? Er gibt so oft Almosen.
Gut, das alles ist gut; aber besitzt er Liebe und Demut? Wenn er sie
nämlich nicht besitzt, gebe ich auf alles andere nicht viel; seine Tu-
genden sind Trugbilder, nicht echte und gediegene Tugenden. Seht
den Bischof in der Geheimen Offenbarung (3,17), der bei sich sagte:
Ich bin reich und gelehrt, ich bin beredt und von hoher Würde. Unser
Herr sieht seine Überheblichkeit und läßt ihm einen kurzen Brief
schreiben, durch den er ihn ermahnt: Du hältst dich für reich, aber du
bist sehr arm, du bist elend. (Es gibt Arme, die nicht elend sind, weil
sie gesund, stark und munter sind, so daß sie ihren Lebensunterhalt
verdienen können.)
Viele werden am Tag des Gerichts zu Unserem Herrn sagen: Herr,
wir haben in deinem Namen Wunder gewirkt, wir haben in deinem
Namen Kranke geheilt, wir haben in deinem Namen Tote auferweckt;
und Unser Herr wird ihnen antworten: Ich kenne euch nicht, ihr Übel-
täter (Mt 7,22; Lk 13,27); ihr habt das alles tatsächlich in meinem
Namen getan, aber nicht meinem Namen gemäß; deshalb kenne ich
euch nicht. Ihr werdet keinen Lohn empfangen und keinen Teil an mir
haben (Joh 13,8). Schließlich seht ihr, meine lieben Schwestern, daß
wir ohne die Liebe nichts sind. Jener Bischof besaß wirklich große
Talente und innere Reichtümer; weil er aber diese beiden Tugenden

321
nicht besaß und in sich aufgeblasen war in Stolz und Eitelkeit, des-
halb ist er vor Gott arm und alles Guten entblößt. Wenn ihr die Liebe
ohne die Demut zu besitzen glaubtet, würdet ihr euch täuschen; das
hieße, es machen wie einer, der das Dach auf ein Haus setzen wollte,
ohne vorher das Fundament und die Mauern gebaut zu haben; der
wäre gewiß ein großer Narr. Die Liebe ist das Dach des ganzen Ge-
bäudes der christlichen Vollkommenheit, die Demut sein Fundament;
daher zieht sie vor der Liebe in die Seele ein, um ihr die Wohnung zu
bereiten.
Die heilige und echte Demut bewirkt, daß sich die Seele für sehr
gering vor Gott erachtet; aber nicht nur vor Gott (für eine Mücke ist
es leicht, sich im Vergleich mit einem Elefanten für nichts zu halten),
sondern auch vor den Geschöpfen. Sie hält sich für das geringste und
unvollkommenste von allen, sie demütigt und erniedrigt sich, hält
sich für gering, verächtlich und bar alles Guten. Das anerkennt sie
nicht nur vor sich selbst, sondern, was noch vollkommener ist, sie
will, daß alle Welt sie als das ansieht und behandelt, ja sie verlangt
danach und freut sich darüber. Es gibt noch manche, die sich für
elend, unvollkommen, gering und verächtlich halten, aber selten sind
diejenigen, die als solche behandelt werden wollen. Diese Demut ließ
die Ordensleute der Welt entfliehen, um sich im heiligen Ordensle-
ben zu verbergen. Da sie an sich nichts sahen, was einen Wert hätte
und von der Welt beachtet zu werden verdient, zogen sie sich zurück,
um von ihr für gering und verächtlich gehalten zu werden.
Wißt ihr nicht, was der große hl. Paulus (1 Kor 4,13) sagt? Weil er
und die anderen Apostel ihrem Meister dienten und die Welt verach-
teten, wurden sie von den Weltleuten für den Auswurf der Welt, für
Kehricht und Apfelschalen gehalten; das sind so wertlose Dinge, daß
man sie wegwirft. Hört den Apostel Gottes (Phil 3,8) sagen: Ich habe
alles für Kot und Unrat erachtet, um Jesus Christus zu gewinnen und
seine Gunst. Nach dem Vorbild dieses Gefäßes der Auserwählung (Apg
9,15) haben auch die Ordensleute alles in der Welt für Kot und Unrat
erachtet, denn sie haben alles verlassen: ihre Eltern, ihren Reichtum
und die Befriedigung, die sie erwarten konnten, um sich in das Klos-
ter zurückzuziehen, damit sie Unseren Herrn gewinnen und seine
Gunst, indem sie sich der Übung der heiligen Demut widmen. Da-
durch machen sie sich würdig, die Gunsterweise ihres göttlichen Bräu-
tigams zu empfangen.

322
Sie ist gewiß die erste Tugend, die man besitzen muß, wenn man in
den Orden eintritt, sonst wird man hier keine Zufriedenheit finden.
Man muß sich für gering, arm und bar alles Guten halten und hierher
kommen in dem Glauben, daß man nichts ist, daß man nichts gilt.
Deshalb verbirgt man sich, weil man nicht verdient, von Gott und den
Geschöpfen beachtet zu werden. Wenn eine hochgestellte Persönlich-
keit in ein achtbares Haus kommt, verstecken sich die Mädchen des
Hauses, das eine da, das andere dort, weil sie nicht ihrem Wunsch
gemäß geputzt sind. So flüchten sich auch diese Ordensleute in das
Kloster aus Furcht, gesehen zu werden, weil sie nichts zu besitzen
glauben, was beachtet und geschätzt zu werden verdiente. Sie halten
den Blick fast immer gesenkt, um zu sehen, woher sie gekommen
sind, um sich zu erniedrigen und zu verdemütigen. Sie sind das ge-
naue Gegenteil der Mädchen in der Welt: um sich der Welt recht
anzupassen, sind diese aufgeblasen von Stolz und Eitelkeit, haben
den Kopf erhoben, die Augen offen und möchten von den Weltleuten
beachtet werden.
Wenn ich sehe, wie der Großteil der Menschen nach nichts weniger
als nach Demut trachtet, wie sie vor ihr fliehen, um nach Ehren, höhe-
ren Stellungen und großen Würden zu streben, wie sie voll Anma-
ßung und Stolz sind, mein Gott, das ist für mich unerträglich! Und
wißt ihr Weltmenschen nicht, daß der reiche Prasser (Lk 16,19-22),
weil er von Hochmut aufgebläht war, wie er durch die Verachtung des
armen Lazarus bewiesen hat, jetzt für die ganze Ewigkeit in der Hölle
ist? Wenn aber diese Leute von Welt ein wenig in die Kirche gehen,
um die heilige Messe zu hören, wenn sie zu Ostern die Kommunion
empfangen und irgendein Almosen geben, meinen sie, deswegen schon
Heilige zu sein, so daß man sie nur heiligzusprechen und zur Ehre
der Altäre zu erheben braucht. Arme Menschen, wißt ihr nicht, daß
das alles nichts ist (1 Kor 13,2f), wenn ihr die Liebe und die Demut
nicht habt?
Was meint ihr, woher die Laxheit und Unordnung in bestimmten
Ordenshäusern kommt? Gewiß daher, weil es dort keine Demut gibt.
Und warum, glaubt ihr, gibt es dort keine Demut? Deshalb, weil man
dort das unselige Wort von Mein und Dein nicht verbannt hat. Denn
sobald die Gemeinsamkeit und die Armut nicht mehr beachtet wer-
den, kehren sogleich Anmaßung und Hochmut ein. Nichts bläht uns
ja so auf wie Reichtum, von dem wir ‚mein‘ und ‚dein‘ sagen können.
Die heilige Armut trägt sehr dazu bei, die Demut zu nähren und zu

323
erhalten, denn es gibt nichts, was uns so sehr demütigt und erniedrigt
wie arm zu sein, so daß die Demut durch die Armut und Gemein-
schaft sehr gut gesichert wird.
Deshalb haben die alten Väter und die Ordensgründer stets getrach-
tet, in ihren Orden und Klöstern die Gemeinsamkeit der Güter ein-
zuführen. Seht den hl. Augustinus; er wollte sie sehr genau beobach-
tet wissen, denn er verbietet streng, „daß man irgendetwas, so klein es
sein mag“, selbst eine Nadel, für sich besitze (Konst. 5); vielmehr
muß alles gemeinsam sein, so daß das Wort von Mein und Dein voll-
ständig verbannt ist. Die Ration und alles übrige muß gleich sein,
soweit es die Notwendigkeit zulassen kann; denn in Orden, wo alles
nicht gemeinsam ist, gibt es besondere Rationen. Wo es keine Armut
gibt, gibt es schließlich als Konsequenz keine Demut, denn diese zwei
Tugenden sind fest miteinander verbunden, die eine trägt viel dazu
bei, die andere zu wahren und aufrechtzuhalten, wie ich schon gesagt
habe. Es findet sich fast niemand, der arm sein möchte; deshalb gibt
es auch so wenige, die demütig sind.
Der große hl. Franziskus liebte diese Tugend der Armut einzigartig
und viel mehr, als ein Liebender je seine Geliebte geliebt hat und als
der große Alexander seine Reichtümer liebte. Glücklich sind daher
die Seelen, denen Gott so viel Barmherzigkeit erwiesen hat, daß er sie
in einen Orden berief, wo die heilige Gemeinsamkeit genau beobach-
tet wird, denn sie haben gewiß mehr Möglichkeiten und größere Leich-
tigkeit, die hochheilige Demut zu erwerben. Und wenn sie die Demut
besitzen, haben sie folglich auch die echte Armut des Geistes, mit der
die ewige Glückseligkeit verbunden ist. Unser Herr hat sie ihnen ja
verheißen mit den Worten: Selig die Armen im Geiste, d. h. die Demü-
tigen, denn ihrer ist das Himmelreich (Mt 5,2).
Alle Ordensleute sind im Stand der Vollkommenheit, obwohl da-
durch nicht schon alle vollkommen sind. Der große hl. Ludwig, der
König von Frankreich, war nicht im Stand der Vollkommenheit; trotz-
dem war er vollkommen und in einem sehr hohen und erhabenen
Grad, wie man weiß. Es hat wenig zu bedeuten, ob man im Stand der
Vollkommenheit ist oder nicht, wenn man nur vollkommen ist. Seht
doch, wie sich die Weltmenschen verhalten, wenn sie eines ihrer Kin-
der ins Kloster schicken wollen: gewöhnlich sind sie darauf bedacht,
die Häßlichsten, Unnützen und Mißratenen hinzuschicken, obwohl
Unser Herr stets das Schönste und das Beste beansprucht, das man

324
ihm auch geben muß. Und warum tun sie das? Weil sie die Ordens-
leute für den Auswurf, für Kehricht und Apfelschalen halten. Weil
diese Seelen von der Welt so eingeschätzt werden, werden sie schließ-
lich von ihrem himmlischen Bräutigam zärtlich geliebt. In seinen
Augen finden sie durch ihre Demut und Liebe Gefallen; durch diese
Tugenden vereinigen sie sich mit ihm.
Um alles zusammenzufassen und auf einen einzigen Punkt zurück-
zuführen, möchte ich euch eine Methode angeben, durch die ihr leicht
alles in die Tat umsetzen könnt, was wir bisher gesagt haben. Sie be-
steht darin, daß ihr hundert- und aberhundertmal am Tag unseren
gekreuzigten Herrn berühren müßt. Etwas mit der Hand berühren,
was heißt das anderes, als daran Hand anlegen? Etwas mit dem Geist
berühren heißt ebenso, seinen Geist damit befassen. Ich will also sa-
gen, daß wir unseren Geist damit befassen müssen, unseren gekreu-
zigten Herrn anzusehen und zu betrachten. Wenn wir sein Haupt be-
rühren, werden wir es mit spitzen Dornen gekrönt finden, die in das
Haupt eingedrungen sind, so daß sie aus ihm überreich Blut hervor-
treten und über sein göttliches Antlitz herabrinnen lassen. Wenn wir
seine heiligen Hände berühren, werden wir sie von großen Nägeln
durchbohrt finden. Wenn wir seinen teuren Leib berühren, werden
wir ihn ganz zerschlagen finden, schwarz und mit Wunden bedeckt,
aus denen überall sein Blut vergossen wird, um uns von unseren Sün-
den reinzuwaschen (1 Joh 1,7; Offb 1,5). Wenn wir sein Herz berüh-
ren, werden wir es ganz entflammt und glühend finden von seiner
unvergleichlichen Liebe zu uns, seine göttliche Brust ganz verzehrt
von der Glut dieses Feuers (Lk 12,49) unseres Erlösers und Meisters.
Wenn wir schließlich diese grenzenlose Liebe berühren, wie könnte
es dann geschehen, daß wir nicht wieder lieben? Wie könnten wir
seine tiefste Demut berühren und sehen, ohne uns zu demütigen und
uns selbst zu erniedrigen? Wenn wir seine Geduld berühren, seine
Milde und Güte, werden wir geduldig, mild und gütig werden. Kurz-
um, wenn wir unseren gekreuzigten Herrn hier auf Erden berühren,
werden wir den großen Gott ewig schauen im Himmel droben. Dort-
hin mögen uns führen der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

325
Auf die Versuchung gefaßt sein75

Eine Mahnung des Weisen (Sir 2,1) lautet: Mein Sohn, wenn du die
Absicht hast, Gott zu dienen, dann bereite deine Seele auf die Versu-
chung vor. Es ist eine unfehlbare Wahrheit, daß niemand von der Ver-
suchung ausgenommen ist, wenn er recht entschlossen ist, Gott zu
dienen. Weil dem so ist, wollte ihr Unser Herr selbst unterworfen
sein, um uns zu zeigen, wie wir der Versuchung widerstehen müssen.
Wie die Evangelisten (Mt 4,1; Mk 1,12; Lk 4,1) berichten, wurde er
vom Geist in die Wüste geführt, um versucht zu werden. Aus diesem
Geheimnis will ich Lehren zu unserer eigenen Unterweisung ablei-
ten, so zwanglos ich es vermag.
Vor allem stelle ich fest: Obwohl niemand von der Versuchung aus-
genommen sein kann, darf doch niemand sie suchen, noch von sich
aus an einen Ort gehen, wo sie sich findet; denn zweifellos kommt in
ihr um, wer sie sucht (Sir 3,27). Deshalb sagen die Evangelisten, daß
Unser Herr vom Heiligen Geist in die Wüste geführt wurde, um ver-
sucht zu werden. Es geschah also nicht nach seiner Wahl (ich sage:
seiner menschlichen Natur nach), daß er an den Ort der Versuchung
ging, sondern geführt vom Gehorsam, den er seinem himmlischen
Vater schuldete.
In der Heiligen Schrift finde ich zwei junge Fürsten, die uns für
diesen Gegenstand als Beispiel dienen sollen; der eine von ihnen suchte
die Versuchung und kam in ihr um, der andere dagegen begegnete ihr,
obwohl er sie nicht suchte, und blieb siegreich im Kampf gegen sie.
Zur Zeit, da die Könige in den Krieg ziehen mußten und sein Heer
selbst dem Feind gegenüberstand, erging sich David auf einer Galerie
müßig, als hätte er nichts zu tun (2 Sam 11,1-4) ...
Als er seine Augen schweifen ließ, sah er Batseba und dann erlag er
der Versuchung, die er durch seinen Müßiggang und sein Nichtstun
gesucht hatte. Seht ihr, der Müßiggang ist eine große Macht für die
Versuchung. Und sagt nicht: Ich suche sie nicht, ich verhalte mich
nur, ohne etwas zu tun. Das genügt, um versucht zu werden, denn die
Versuchung hat eine erstaunliche Macht über uns, wenn sie uns mü-
ßig findet. Wenn David in den Krieg gezogen wäre zu der Zeit, als er
dazu verpflichtet war, oder wenn er sich mit etwas Gutem beschäftigt
hätte, dann hätte ihn die Versuchung nicht angreifen oder ihn wenigs-
tens nicht überwinden und besiegen können.

326
Der junge Fürst Josef dagegen, der später Vizekönig von Ägypten
wurde, suchte die Versuchung in keiner Weise, so daß er, als er ihr
begegnete, in ihr nicht umkam. Er wurde von seinen Brüdern ver-
kauft und die Frau seines Herrn brachte ihn in Gefahr; doch er, der
seiner Herrin nie schöngetan noch ihre süßen Blicke beachtet hatte,
widerstand mannhaft ihren Angriffen und blieb siegreich; er besiegte
die Versuchung ebenso wie jene selbst, die sie ihm bereitet hatte (Gen
37,28; 39,7-13). Wenn wir vom Geist Gottes an den Ort der Versu-
chung geführt werden, dann fürchten wir sie nicht, sondern bleiben
überzeugt, daß er uns siegreich bleiben lassen wird (1 Kor 10,13).
Aber suchen wir sie nicht, fordern wir sie nicht heraus, so heilig und
mutig wir auch sein mögen, denn wir sind nicht tapferer als David
oder als unser göttlicher Meister selbst, der sie nicht suchen wollte.
Unser Feind ist wie ein Kettenhund; wenn wir ihm nicht zu nahe
kommen, wird er uns nichts anhaben, obwohl er uns zu schrecken
versucht, indem er uns anbellt.
Aber sehen wir ein wenig, wie sicher es ist, daß keiner, der zum
Dienst Gottes kommt, die Versuchung vermeiden kann. Dafür könn-
ten wir viele Beispiele anführen, doch eines oder zwei werden mir
genügen. Hananias und Saphira gelobten, sich und ihren Besitz der
Vollkommenheit zu weihen, wie es sich die ersten Christen alle zur
Aufgabe machten, indem sie sich unter den Gehorsam der Apostel
stellten. Kaum hatten sie ihren Entschluß gefaßt, da überkam sie die
Versuchung, wie der hl. Petrus sagt: Wer hat euch dazu verführt, den
Heiligen Geist zu belügen (Apg 5, 1-3)? Seit der heilige Apostelfürst
Paulus sich dem Dienst Gottes widmete und sich dem Christentum
anschloß, wurde er sein Leben lang unablässig versucht (2 Kor 12,7),
er, der nie Angriffe irgendeiner Versuchung gefühlt hatte, solange er
ein Feind Gottes war und die Christen verfolgte; wenigstens verrät er
uns davon nichts in seinen Schriften, sondern erst, seit er von Unse-
rem Herrn bekehrt wurde.
Es ist also eine überaus notwendige Lehre, unsere Seele auf die
Versuchung vorzubereiten. Das heißt: wo wir auch sind und für wie
vollkommen wir uns halten, wir müssen überzeugt sein, daß sie über
uns kommen wird. Folglich muß man sich darauf einstellen und sich
mit den notwendigen Waffen versehen, um tapfer zu kämpfen und den
Sieg zu erringen, weil die Krone nur für die Kämpfer und Sieger be-
stimmt ist (2 Tim 2,4; Jak 1,12). Wir dürfen nie auf unsere Stärke
und Tapferkeit vertrauen und die Versuchung aufsuchen in der Mei-

327
nung, daß wir sie überwältigen werden. Wenn wir ihr aber dort begeg-
nen, wohin der Geist Gottes uns führt, müssen wir fest bleiben im
Vertrauen, daß er uns gegen die Angriffe unseres Feindes stärken wird,
so heftig sie auch sein mögen.
Gehen wir weiter und betrachten wir kurz, welcher Waffen sich
Unser Herr bediente, um den Teufel zurückzuschlagen, der ihn in der
Wüste versuchen wollte. Keiner anderen, meine Lieben, als jener, von
denen der Psalmist in dem Psalm (91) spricht, den wir jeden Tag in
der Komplet rezitieren: Wer im Schutz des Höchsten wohnt. Darin
erkennen wir eine bewundernswerte Lehre. Er sagt also, so als wende
er sich an die Christen oder an einen einzelnen: Wie glücklich seid
ihr, die ihr bewaffnet seid mit der Wahrheit Gottes, denn sie wird euch
als Schild gegen die Pfeile eurer Feinde dienen und euch siegreich
bleiben lassen. Fürchtet euch nicht, ihr Gesegneten, die ihr mit dieser
Rüstung der Wahrheit versehen seid. Nein, weder die nächtlichen
Schrecken, denn ihr werdet nicht in sie fallen, nicht die Pfeile, die am
hellichten Tag durch die Luft fliegen, denn sie können euch nicht tref-
fen, noch die Händel, die in der Nacht geschehen, noch weniger der
Geist, der am hellen Mittag umgeht und sich zeigt.
Wie himmlisch gut war unser Herr und Meister mit der Wahrheit
bewaffnet, da er die Wahrheit selbst war (Joh 14,6). Diese Wahrheit,
von der der Psalmist spricht, ist nichts anderes als der Glaube (vgl. 1
Tim 5,8). Wer mit dem Glauben bewaffnet ist, braucht nichts zu fürch-
ten; er ist die einzig notwendige Waffe, um unseren Feind zurückzu-
schlagen und zuschanden zu machen. Ich bitte euch, wer könnte denn
jenem schaden, der sagt: Credo, ich glaube an Gott, der unser Vater
ist, und unser allmächtiger Vater. Wenn wir diese Worte sprechen,
zeigen wir, daß wir nicht auf unsere Kraft vertrauen, daß wir im Ver-
trauen auf Gott, den allmächtigen Vater den Kampf aufnehmen und
auf den Sieg hoffen. Nein, suchen wir nicht aus uns selbst die Versu-
chung auf in einer gewissen Vermessenheit des Geistes; weisen wir
sie nur zurück, wenn Gott zuläßt, daß sie uns heimsucht, wo wir sind,
wie es Unser Herr in der Wüste gemacht hat. Unser teurer Meister
überwand nun seinen Feind, indem er sich gegen alle Versuchungen,
die er ihm bereitete, der Worte der Heiligen Schrift bediente ... Su-
chen wir daher nicht andere Waffen und Einfälle, um unsere Zustim-
mung zur Versuchung zu verweigern, als zu sagen: Ich glaube. Und
was glaubst du? An Gott, meinen allmächtigen Vater.

328
Zu diesen Psalmworten, die wir angeführt haben, sagt der hl. Bern-
hard: Die nächtlichen Schrecken, von denen der Psalmist spricht,
sind von dreifacher Art. Daraus entnehme ich die dritte Lehre. Die
erste ist die Furcht der Feigen und Faulen, die zweite die der Kinder
und die dritte die der Zimperlichen. Die Furcht ist die erste Versu-
chung, die der Feind denen bereitet, die entschlossen sind, Gott zu
dienen. Denn sobald man sie belehrt, was die Vollkommenheit von
uns verlangt, denken sie: Ach, das werde ich nie tun können. Es scheint
ihnen fast unmöglich, zu ihrem Gipfel zu gelangen, und sie werden
gern sagen: O Gott, die Vollkommenheit, die man hier haben soll
oder in der Lebensweise und Berufung, in der ich bin, ist viel zu erha-
ben für mich; ich werde sie nie zu erreichen vermögen. Laßt euch
doch nicht verwirren und macht euch keine Angstvorstellungen, daß
ihr nicht erfüllen könnt, wozu ihr verpflichtet seid; ihr seid doch
bewaffnet und umgeben von der Wahrheit Gottes und seines Wortes.
Ihr seid doch zu dieser Lebensform und in diesem Haus berufen;
wenn ihr einfach in eurer Observanz vorangeht, wird er euch stärken
und euch die Gnaden schenken, um auszuharren (1 Kor 1,7f; 1 Thess
5,24) und das Erforderliche zu tun zu seiner größeren Ehre und zu
eurem größeren Heil, d. h. zu eurer größeren Glückseligkeit.
Wundert euch also nicht und macht es nicht wie die Faulenzer, die
bestürzt sind, wenn sie nachts aufwachen, aus Furcht, daß bald der
Tag kommen wird, an dem man arbeiten muß. Die Faulen und Feigen
fürchten alles, sie finden alles hart und schwierig, uzw. deswegen,
weil sie sich damit befassen, mehr an die alberne und feige Vorstel-
lung zu denken, die sie sich von der zukünftigen Schwierigkeit gebil-
det haben, als an das, was sie gegenwärtig zu tun haben. Ach, sagen
sie, wenn ich mich dem Dienst Gottes weihe, werde ich mich so an-
strengen müssen, um den Versuchungen zu widerstehen, die über mich
kommen werden! Ihr habt ganz recht, denn ihr werdet davon nicht
verschont bleiben; denn es ist eine allgemeine Regel, daß alle Diener
Gottes versucht werden, wie der hl. Hieronymus in dem schönen Brief
an seine liebe Tochter Eustochium schreibt. Sagt doch, gegen wen der
Teufel seine Versuchungen richten soll, wenn nicht gegen jene, die sie
verachten. Die Sünder versuchen sich selbst; sie betrachtet der böse
Geist schon als sein Eigentum; sie sind seine Verbündeten, weil sie
seine Einflüsterungen nicht zurückweisen, sondern sie im Gegenteil
suchen. Die Versuchung wohnt in ihnen. In der Welt strengt sich der
Teufel nicht sehr an, um seine Fallen zu stellen; aber an den Orten der

329
Zurückgezogenheit glaubt er großen Gewinn zu machen, wenn er die
Seelen zum Scheitern bringt, die sich dort eingeschlossen haben, um
der göttlichen Majestät vollkommen zu dienen. Der hl. Thomas wun-
derte sich sehr, daß die größten Sünder auf der Straße herumgehen,
lachend und fröhlich, als ob ihre Sünden das Gewissen nicht beschwer-
ten. Und sollte man sich darüber nicht wundern, eine Seele außerhalb
der Gnade Gottes sich freuen zu sehen? Wie eitel sind ihre Freuden
und wie trügerisch ihre Fröhlichkeit, denn ihnen folgen ewige Schmer-
zen und Reue. Lassen wir sie doch und kehren wir zurück zu dieser
Furcht der Faulen.
Sie sind immer am Jammern; und worüber? Worüber, sagt ihr? Ach,
man muß sich anstrengen! Dabei hatte ich gedacht, es genüge, den
Weg Gottes einzuschlagen und sich zu seinem Dienst einzuschiffen,
um Ruhe zu haben. Aber wißt ihr denn nicht, daß das Nichtstun und
der Müßiggang den bedauernswerten David in der Versuchung um-
kommen ließ? Möchtet ihr vielleicht zu den Soldaten der Garnison
gehören, die in einer schönen Stadt alles nach Wunsch haben: sie sind
fröhlich, sie sind Herr im Haus des Wirts, sie schlafen in seinem Bett,
essen und trinken gut; und trotzdem nennen sie sich Soldaten, spielen
die Tapferen und Mutigen, obwohl sie nicht in die Schlacht und in
den Krieg ziehen. Aber solche Krieger will Unser Herr nicht in sei-
ner Armee, er will Kämpfer und Sieger, keine Nichtstuer und Feiglin-
ge; er wollte selbst versucht und angegriffen werden, um uns ein Bei-
spiel zu geben.
Ach, fürchtet doch nichts, ich bitte euch; ihr seid doch angetan mit
der Waffenrüstung der Wahrheit und des Glaubens (Eph 6,11-16). Er-
hebt euch von eurem Lager, ihr Faulen, denn es ist Zeit; habt keine
Angst vor der Anstrengung des Tages, es ist ja die Regel, daß die Nacht
für die Ruhe gegeben wurde und der Tag, der auf sie folgt, für die
Arbeit bestimmt ist. Legt doch eure Feigheit ab und prägt eurem Geist
die unfehlbare Wahrheit ein, daß alle versucht werden müssen, daß
alle sich zum Kampf bereithalten müssen, um schließlich den Sieg
davonzutragen. Da die Versuchung eine erstaunliche Macht über uns
hat, wenn sie uns müßig findet, müssen wir arbeiten und nicht müde
werden, wenn wir nicht die ewige Ruhe verlieren wollen, die für uns
bereitet ist, um uns für unsere Anstrengungen zu belohnen. Vertrauen
wir auf Gott, der unser „allmächtiger Vater“ ist; in seiner Kraft wird
uns alles leicht werden, auch wenn es uns zuerst ein wenig erschreckt.

330
Der zweite nächtliche Schrecken ist nach den Worten des hl. Bern-
hard jener der Kinder. Die Kinder sind, wenn ihr darauf achtet, sehr
ängstlich, wenn sie nicht auf dem Schoß ihrer Mutter sind. Wenn sie
einen bellenden Hund sehen, beginnen sie sogleich zu schreien und
hören nicht auf, bis sie bei ihrer Mama sind. In ihren Armen fühlen
sie sich sicher und meinen, daß ihnen nichts schaden könne, wenn sie
nur ihre Hand halten. Wohlan, will der Psalmist sagen, was fürchtet
ihr denn, die ihr umgeben seid von der Wahrheit und bewaffnet mit
dem starken Schild des Glaubens? Er lehrt euch, daß Gott euer „all-
mächtiger Vater“ ist. Haltet ihn bei der Hand und seid nicht ängst-
lich, denn er wird euch retten und gegen alle eure Feinde beschützen.
Seht ihr nicht, wie der hl. Petrus im See zu versinken glaubte? Er
hatte sich so entschlossen hineingestürzt und ging über die Wellen,
um schneller zum göttlichen Heiland zu kommen, der ihn rief. So-
bald er sich zu fürchten und gleichzeitig zu sinken begann, rief er:
Herr, rette mich. Und sogleich streckte sein guter Meister die Hand
nach ihm aus und bewahrte ihn dadurch vor dem Ertrinken (Mt 14,29-
31). Machen wir es ebenso, meine Lieben. Wenn wir fühlen, daß uns
der Mut mangelt und wir in den Versuchungen versinken, dann rufen
wir voll Vertrauen laut: Herr rette mich, und zweifeln wir nicht, daß
Gott uns stärken und vor dem Untergang bewahren wird.
Man muß feststellen, daß manche die Mutigen spielen ..., oft auch
solche, die neu in den Dienst Gottes treten: sie geben sich als die
Kühnen; es scheint, daß sie das Kreuz nie genug verschlingen können
und daß ihnen nichts genug sein kann. Sie denken an nichts weniger,
als stets in Ruhe und Frieden zu leben, und daran, daß irgendetwas
ihren Mut und ihre Beherztheit übersteigen könnte. So ging es dem
hl. Petrus, der noch ein rechtes Kind im geistlichen Leben war und
jene großmütige Tat vollbrachte, von der ich eben gesprochen habe;
aber er vollbrachte später noch eine zweite, die ihn sehr teuer zu
stehen kam. Das war damals, als Unser Herr seinen Aposteln ankün-
digte, wie er den Tod erleiden müsse. Der hl. Petrus, der sehr großar-
tig bereit zum Reden war, aber schwach und feige im Handeln, be-
gann sich zu brüsten: Wie, Herr, du sagst, daß du zum Sterben gehen
mußt? Und auch ich werde dich niemals verlassen (Mt 26,31-35) ... O
Gott, wie sehr hatte er sich getäuscht, als er sich so schwach und
furchtsam bei der Ausführung seiner Versprechungen zur Zeit der
Passion seines Erlösers sah! Es wäre ihm viel besser angestanden,

331
demütig zu bleiben und sich auf die Kraft Unseres Herrn zu stützen,
als prahlerisch auf den Eifer zu vertrauen, den er damals fühlte.
Dasselbe widerfährt jungen Menschen, die bei ihrer Bekehrung so
großen Eifer zeigen: solange die ersten Gefühle der Frömmigkeit an-
halten, vollbringen sie Wunderdinge. Es scheint ihnen, daß auf dem
Weg der Vollkommenheit nichts schwierig sei und daß nichts ihren
Mut erschlaffen lassen könne. Sie verlangen so sehr, abgetötet und
geprüft zu werden, um ihre Hochherzigkeit zu zeigen und das Feuer,
das in ihrer Brust brennt! Aber ach, wartet ein wenig; denn wenn sie
eine Maus laufen hören, ich will sagen, wenn die Tröstungen und das
Gefühl der Frömmigkeit, die sie bisher hatten, nachzulassen begin-
nen, wenn irgendeine kleine Versuchung über sie kommt: Ach, sagen
sie, was ist das? Sie beginnen sich zu fürchten und werden verwirrt.
Alles scheint ihnen beschwerlich, wenn sie nicht ständig an der Brust
ihres himmlischen Vaters ruhen, wenn er ihnen nicht Süßigkeiten
schenkt und ihren Mund mit Honig füllt. Sie können nicht zufrieden
und in Sicherheit leben, wenn sie nicht unablässig Tröstungen emp-
fangen und niemals Leid. Wie elend ist mein Zustand, sagen sie; ich
stehe im Dienst Unseres Herrn und glaubte hier Ruhe zu haben; in-
dessen sind Versuchungen aller Art über mich gekommen und quälen
mich; meine Leidenschaften beunruhigen mich sehr; kurz, ich habe
kein Stündlein wirklichen Friedens.
Meint ihr, meine Lieben, man könnte ihnen antworten, daß einem
in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit keine Versuchungen be-
gegnen? Wie seid ihr da im Irrtum! Unser göttlicher Meister wurde
vom Feind nicht angegriffen, solange er unter Pharisäern und Zöll-
nern lebte, sondern nur, als er sich in die Wüste zurückzog. Es gibt
keinen Ort, wohin die Versuchung nicht Zutritt fände; ja sogar in den
Himmel, wo sie im Herzen Luzifers und seiner Engel entstand, die
sie sogleich in Verdammnis und Verderben stürzte. Der Feind brach-
te die Versuchung in das irdische Paradies; durch sie erreichte er, daß
unsere Stammeltern ihre ursprüngliche Gerechtigkeit verloren, mit
der Gott sie ausgestattet hatte. Die Versuchung drang sogar in die
Schar der Apostel ein; warum seid ihr also erstaunt, wenn sie euch
überfällt? – – –
Ach, sagen diese jungen Anfängerinnen in der Vollkommenheit,
was sollen wir tun? Meine Leidenschaften, die ich abgetötet zu haben
glaubte durch den feurigen Entschluß, ihnen nicht mehr nachzuge-
ben, bedrängen mich sehr. Ach, es ist wahr: bald bedrückt mich ein

332
Kummer, und sogleich scheint mir, es gebe kein Mittel, dagegen an-
zugehen, so sehr verfolgt mich die Entmutigung. Mein Gott, das ist
der große Jammer, daß das Verlangen nach Vollkommenheit allein
nicht genügt, um sie zu besitzen, daß man sie vielmehr erwerben muß
im Schweiß des Angesichts und unter Anstrengungen. Wißt ihr denn
nicht, daß Unser Herr während der vierzig Tage, die er in der Wüste
verbrachte, versucht werden wollte, um uns zu lehren, daß wir es die
ganze Zeit sein werden, solange wir in der Wüste dieses sterblichen
Lebens sind, die der Ort unserer Buße ist. Das Leben des vollkomme-
nen Christen ist ja eine ständige Buße. Ich bitte euch, tröstet euch,
faßt Mut; jetzt ist nicht die Stunde, um auszuruhen.
Aber ich bin so unvollkommen, sagt ihr. Das glaube ich wohl. Glaubt
also nicht, leben zu können, ohne Unvollkommenheiten zu begehen,
denn das ist unmöglich, solange ihr in diesem Leben seid. Es genügt,
daß ihr sie nicht liebt und daß sie nicht in eurem Herzen wohnen, d. h.
daß ihr sie nicht freiwillig begeht und daß ihr nicht in euren Fehlern
steckenbleiben wollt. Wenn das zutrifft, dann bleibt in Frieden und
beunruhigt euch nicht wegen der Vollkommenheit, nach der ihr so
großes Verlangen habt. Es genügt, wenn ihr sie in der Stunde des
Todes erreicht. Seid nicht so ängstlich, geht mutig voran. Wenn ihr
mit der Rüstung des Glaubens versehen seid, vermag euch nichts zu
schaden.
Der dritte nächtliche Schrecken ist jener der Zimperlichen. Das sind
jene, die nicht nur das fürchten, was sie zum Bösen führen kann, son-
dern was sie irgendwie ablenken oder ihre Ruhe stören kann. Sie möch-
ten, daß nicht das geringste Geräusch – von, ich weiß nicht, was – sich
zwischen Gott und sie dränge, zumal sie sich von vornherein auf die
Vorstellung festgelegt haben, daß hier eine bestimmte Ruhe und Stil-
le herrscht, so daß jener, der ihn besitzen kann, stets im Frieden und
sehr glücklich ist. Folglich wollen sie sich seiner erfreuen und dau-
ernd wie Magdalena zu Füßen des Herrn verweilen, um ständig seine
Wonnen zu verkosten, die Lieblichkeit und alles, was honigsüß aus
dem Mund ihres Meisters tropft, ohne daß jemals Marta sie wecken
und gegen sie zu murren kommt, um Unseren Herrn zu bitten, daß er
sie zum Arbeiten auffordere (Lk 10,39f). Es scheint ihnen, diese
Wonne mache sie so tüchtig und hochherzig, daß nichts mit ihrer
Vollkommenheit vergleichbar sei. Es gibt nichts, was zu schwer für
sie ist, mit einem Wort, sie möchten vergehen, um ihrem Vielgelieb-
ten zu gefallen, den sie mit so vollkommener Liebe lieben.

333
Ja gewiß, solange er fortfährt ihnen Tröstungen zu schenken und sie
zärtlich zu behandeln. Wenn er dagegen aufhört, das zu tun, dann ist
alles verloren; dann gibt es nichts so Betrübtes wie sie. Ihr Leid ist
unerträglich, unaufhörlich beklagen sie sich. Mein Gott, was gibt es
denn? Ach, sagen sie, was ist das? Ich habe allen Grund, mich zu
beklagen. Aber ich bitte sie noch einmal: was gibt es denn? Was quält
Sie denn? Daß ich nicht heilig bin. Sie sind keine Heilige? Und wer
hat Ihnen denn gesagt, daß Sie es nicht sind? Vielleicht sind Sie auf
den Gedanken gekommen, weil man Sie wegen irgendeines Fehlers
zurechtgewiesen hat. Wenn es das ist, dann machen Sie sich nicht so
großen Kummer, denn möglicherweise geschah es, weil Sie heilig sind,
und man hat Sie zurechtgewiesen, um Sie noch vollkommener wer-
den zu lassen. Sie müssen wissen, daß diejenigen, die eine echte Liebe
haben, es nicht ertragen können, am Nächsten einen Fehler zu sehen,
ohne daß sie ihn durch die Zurechtweisung zu tilgen versuchen, und
das vor allem bei denen, die sie für heilig und in der Vollkommenheit
weit fortgeschritten halten, weil sie diese für fähig halten, sie anzu-
nehmen. Sie wollen außerdem, daß sie immer mehr an Selbsterkennt-
nis zunehmen, die für jeden so notwendig ist.
Aber das stört meine Ruhe. Das ist gewiß gut gesagt. Glauben Sie
denn, Sie können in diesem Leben eine so dauerhafte Ruhe haben,
daß Sie keinerlei Störung erfahren dürfte? Man darf nicht Gnaden
wünschen, die Gott im allgemeinen nicht schenkt. Was er für eine
Magdalena getan hat, das dürfen wir anderen nicht wünschen. Wir
werden glücklich sein, wenn wir diese Seelenruhe beim Sterben, ja
sogar erst nach dem Tod haben. Glaubt übrigens nicht, Magdalena
habe sich dieser überaus liebevollen Beschauung, die sie in so süßer
Ruhe verweilen ließ, erfreut, ohne daß sie zuvor auf dem Weg einer
harten Buße durch dornenvolle Schwierigkeiten gegangen wäre, ohne
vorher die Bitterkeit einer überaus großen Beschämung verkostet zu
haben. Denn als sie zum Pharisäer kam, um ihre Sünden zu beweinen
und deren Vergebung zu erlangen, da ertrug sie das Murren, das gegen
sie entstand, sie verachtete, sie eine Sünderin und eine Frau von
schlechtem Lebenswandel nannte (Lk 7,37-39). Glaubt außerdem
nicht, ihr könntet euch dieser göttlichen Süßigkeiten und Tröstungen
würdig machen, noch wie ihr mehrmals am Tag geschah, von den En-
geln erhoben werden, wenn ihr nicht zuvor mit ihr die Beschämung,
die Verachtung und den Tadel ertragen habt, die unsere Unvollkom-
menheiten sehr wohl verdienen, die uns von Zeit zu Zeit auf die Pro-

334
be stellen, ob wir wollen oder nicht. Es ist ja eine allgemeine Regel,
daß in diesem Leben keiner so heilig sein wird, daß er nicht dem
unterworfen wäre, stets irgendeine zu begehen.
Wir müssen uns also fest und ruhig an die Erkenntnis dieser Wahr-
heit halten, wenn wir wollen, daß unsere Unvollkommenheiten uns
nicht verwirren durch die eitle Anmaßung, die wir haben könnten,
keine zu begehen. Wie wir fest und unwandelbar entschlossen sein
müssen, nicht so leichtfertig zu sein, daß wir freiwillig welche bege-
hen, so müssen wir auch unerschütterlich sein in dem anderen Ent-
schluß, nicht erstaunt und verwirrt zu sein, wenn wir uns davon be-
troffen sehen, in sie zu fallen, besonders wenn es oft geschieht, im
Vertrauen auf die Güte Gottes, der uns deswegen doch nicht weniger
liebt. Aber ich werde nie fähig sein, die Liebeserweise Unseres Herrn
zu empfangen, solange ich unvollkommen bin, weil ich ihm nicht
nahekommen kann, der überaus vollkommen ist. Ich bitte euch, wel-
che Entsprechung kann es denn geben zwischen unserer Vollkom-
menheit und der seinen, zwischen unserer Reinheit und der seinen,
da er die Reinheit selbst ist? Kurzum, tun wir von unserer Seite, was
wir können, und bleiben wir im übrigen in Ruhe. Ob Gott uns seiner
Tröstungen teilhaft macht oder nicht, wir müssen seinem heiligsten
Willen unterworfen bleiben; er muß der Meister und Führer unseres
Lebens sein, weiter haben wir nichts zu wünschen.
Der Psalmist versichert uns also, wie der hl. Bernhard es auslegt,
daß einer, der Glauben hat und mit der Wahrheit bewaffnet ist, diese
nächtlichen Schrecken nicht fürchten wird, weder die der Trägen noch
die der Kinder und der Zimperlichen. Er fährt aber fort und sagt, daß
er auch die Pfeile, die am hellichten Tag fliegen, nicht fürchten wird.
Das ist die vierte Lehre, die ich aus dem oben angeführten Psalm
ableite. Diese Pfeile sind die eitlen Hoffnungen und Erwartungen, die
jene nähren, die sich nach der Vollkommenheit sehnen. Da gibt es
solche, die nichts so sehr wünschen, als sogleich eine Mutter Theresia
zu sein, ja sogar eine hl. Katharina von Siena und von Genua. Das ist
gut, aber sagt mir, wieviel Zeit nehmt ihr euch, um solche zu werden?
Drei Monate, antwortet ihr, womöglich noch weniger. Ihr tut gut da-
ran, womöglich noch etwas hinzuzufügen, sonst könntet ihr euch sehr
getäuscht sehen. Sind es nicht die schönen Hoffnungen, die ungeach-
tet ihrer Nichtigkeit jene trösten, die sie hegen? Je mehr aber diese
Hoffnungen und Erwartungen zur Freude des Herzens führen, solan-
ge Anlaß zur Hoffnung besteht, um so mehr führt der Schmerz über

335
die gegenteiligen Wirkungen diese so feurigen Geister zur Traurig-
keit. Denn wenn sie sehen, daß sie nicht so heilig sind, wie sie dach-
ten, sondern im Gegenteil recht unvollkommene Geschöpfe, fühlen
sie sich sehr oft entmutigt, nach echter Tugend zu streben, die sie zur
Heiligkeit führt. Das ist alles schön, kann man ihnen sagen, übereilt
euch nicht so; beginnt damit, recht entsprechend eurer Berufung zu
leben, sachte, einfach und demütig; dann setzt euer Vertrauen auf
Gott, der euch heilig machen wird, wann es ihm gefällt.
Meine Lieben, es gibt noch andere Arten eitler Hoffnungen; eine
davon besteht darin, während dieses sterblichen und vergänglichen
Lebens stets Tröstungen, Süßigkeiten und zärtliche Gefühle haben zu
wollen; eine erstaunlich oberflächliche und alberne Hoffnung, als ob
unsere Vollkommenheit und unser Glück davon abhinge! Sehen wir
nicht, daß Unser Herr diese süßen Gefühle gewöhnlich nur schenkt,
um uns anzulocken und zu liebkosen, wie man es mit kleinen Kin-
dern macht, denen man Zucker gibt? Doch gehen wir weiter, wir
müssen zum Schluß kommen.
Der hl. Bernhard sagt anschließend, was die Händel sind, die in der
Nacht geschehen, von denen der Psalmist sagt, daß sie nicht fürchten
werden, die mit der Wahrheit bewaffnet sind. Nach meiner Ansicht
(und das ist die fünfte Lehre, die ich euch vorlege) versinnbilden uns
diese Händel, die im Finstern geschehen, den Geiz und den Ehrgeiz,
Laster, die ihr Werk in der Nacht vollbringen, d. h. unter der Hand
und im Verborgenen. Seht ihr, die Ehrgeizigen hüten sich, ganz offen
Jagd nach Ehren und Vorrang, nach Ämtern oder höheren Stellen zu
machen; sie gehen im Dunkeln vor, weil sie fürchten, gesehen zu wer-
den. Die Geizigen können ebensowenig schlafen, sondern sind im-
mer am Sinnieren, welche Mittel sie anwenden könnten, um ihren
Reichtum zu vermehren und ihre Börse zu füllen. Ich will aber nicht
von den zeitlichen Geizhälsen sprechen, sondern vom geistlichen
Geiz.
Was den Ehrgeiz betrifft, wehe denen, die versuchen, durch eigenes
Bemühen zu Ämtern und Oberen befördert zu werden, oder die sie
nach ihrer Wahl ergreifen, denn sie suchen die Versuchung. Deshalb
werden sie in ihr umkommen, wenn sie sich nicht ändern und nachher
demütig gebrauchen, was sie mit und durch den Geist der Eitelkeit
erworben haben. Nun, ich spreche nicht von denen, die nicht nach
eigener Wahl erhöht werden, sondern durch ihre Unterwerfung unter

336
den Gehorsam, den sie Gott und ihren Vorgesetzten schulden: sie
haben nichts zu fürchten, ebenso wie Josef im Hause Potifars, denn
obwohl sie sich am Ort der Versuchung befinden, werden sie nicht in
ihr umkommen. Wo wir auch sind, wir haben nichts zu fürchten, wenn
wir dorthin durch den Heiligen Geist geführt wurden wie Unser Herr
in die Wüste.
Vom geistlichen Geiz erfaßt sind diejenigen, die nie genug bekom-
men, viele Übungen der Frömmigkeit zu unternehmen und zu su-
chen, um desto früher zur Vollkommenheit zu gelangen, wie sie sa-
gen. Als ob die Vollkommenheit in der Menge der Dinge bestünde,
die wir tun, und nicht in der Vollkommenheit, mit der wir sie tun. Das
habe ich schon sehr oft gesagt, aber man muß es noch wiederholen:
Gott hat die Vollkommenheit nicht in die Vielzahl der Akte gelegt,
die wir verrichten, um ihm zu gefallen, sondern einzig in die Metho-
de, an die wir uns dabei halten. Sie besteht in nichts anderem als
darin, das Wenige, das wir entsprechend unserer Berufung tun, in
Liebe, durch Liebe und aus Liebe zu tun. Auf diese geistlichen Geiz-
hälse könnte man gewiß den Vorwurf anwenden, den der Prophet (Jes
5,8) den zeitlichen Geizhälsen macht: Was willst du, armseliger
Mensch? Du willst jetzt dieses Schloß haben, weil es dem deinen ge-
genüber liegt; nach diesem wirst du ein anderes finden, das daran
angrenzt; und weil es dir gelegen kommt, wirst du es ebenfalls haben
wollen, und ebenso andere. Wie, du willst dich also zum Herrn des
Landes machen? Willst du nicht, daß niemand außer dir einen Besitz
habe?
Betrachtet doch diese geistlichen Geizhälse: sie begnügen sich nie
mit den Übungen, die ihnen geboten werden. Wenn sie an die Kartäu-
ser denken, sagen sie: O Gott, das ist wohl ein heiliges Leben, aber sie
predigen nicht; man muß also predigen. Das Leben der Jesuiten ist
sehr vollkommen, aber sie haben nicht die Wohltat der Einsamkeit,
in der man so viel Trost empfängt. Die Kapuziner und alle religiösen
Orden sind gewiß gut, aber sie haben nicht alles, was diese Leute
suchen, nämlich die Übungen jedes einzelnen miteinander vermischt
und in einem vereinigt. Sie sind unaufhörlich am Suchen nach neuen
Mitteln, um die Heiligkeit aller Heiligen in einer zusammenzuraffen,
die sie haben möchten. Folglich sind sie nie zufrieden, weil sie nicht
die Kraft haben, alles festzuhalten, was sie zusammenzuraffen versu-
chen; denn wer zu viel in die Arme schließt, hält es nicht gut fest. Sie
möchten ständig das Bußhemd tragen, sich bei jeder Gelegenheit gei-

337
ßeln, dauernd auf bloßer Erde kniend beten, in der Einsamkeit leben,
und was weiß ich noch, und es befriedigt sie noch nicht. Ihr Bedau-
ernswerten, ihr wollt nicht, daß jemand heiliger sei als ihr; ihr seid
nicht zufrieden mit eurer Heiligkeit, so wie ihr sie haben könnt, wenn
ihr nicht eine solche Menge von Übungen macht, statt jene möglichst
vollkommen zu machen, die euer Stand und Beruf euch auferlegen.
Man kann nicht genug betonen, wie sehr dieser geistliche Geiz unsere
Vollkommenheit verzögert, weil er die sanfte, ruhige Aufmerksam-
keit verhindert, die wir für das haben müssen, was wir für Gott tun,
wie ich schon gesagt habe.
Die sechste Lehre ist dem gleichen Psalm entnommen, in dem der
Prophet versichert, daß jene, die so gerüstet sind, wie wir gesehen
haben, den Geist des Mittags nicht fürchten werden, d. h. jenen Geist,
der uns am hellichten Tag versuchen will. Ich weiß wohl, wie der hl.
Bernhard diese Stelle auslegt, aber davon will ich nicht sprechen,
sondern nur darüber, was meiner Absicht besser entspricht. Dieser
Geist, der am hellichten Tag umgeht, das ist jener, der um die schöne
Mittagszeit der inneren Tröstungen über uns kommt, wenn die göttli-
che Sonne der Gerechtigkeit (Mal 4,2) ihre Strahlen ganz liebevoll auf
uns herabsendet und uns mit Wärme und mit einem überaus wohltu-
enden Licht erfüllt; mit einer Wärme, die uns mit so köstlicher und
zarter Liebe umfängt, daß wir fast allem anderen ersterben, um unse-
ren Vielgeliebten besser zu erfreuen.
Dieses göttliche Licht hat unser Herz dermaßen erleuchtet, daß es
das Herz des Erlösers ganz offen zu sehen meint, aus dem Tropfen um
Tropfen ein so süßer Saft und ein so duftender Wohlgeruch quillt, daß
es von dieser Liebenden nicht genug geschätzt werden kann, die stets
nach seiner Liebe schmachtet (Hld 5,8). Sie wünschte, daß niemand
sie in ihrer Ruhe störte, die schließlich in ein eitles Wohlgefallen
mündet, das sie daran hat. Sie wird nämlich die Güte Gottes bewun-
dern, aber in sich, nicht in Gott, die Milde Gottes, aber in sich selbst.
Die Einsamkeit ist in dieser Zeit sehr wünschenswert, scheint ihr, um
sich der göttlichen Gegenwart ohne irgendeine Ablenkung zu erfreu-
en. Aber sie wünscht diese nicht zur Ehre Gottes, sondern wegen der
Genugtuung, die sie empfindet, da sie in ihr die süßen Liebkosungen
und die heiligen Wonnen empfängt, die sie vom Herzen des vielge-
liebten Erlösers ausgehen sieht.
So täuscht der Geist des Mittags die Seelen, indem er sich als Engel
des Lichts (2 Kor 11,14) verstellt, um sie straucheln und sich mit

338
ihren Tröstungen und eitlen Freuden beschäftigen zu lassen durch das
Wohlgefallen, das sie aus diesen Zärtlichkeiten und geistlichen Ge-
nüssen gewinnen. Wer aber mit dem Schild der Wahrheit und des Glau-
bens gerüstet ist, der wird diese Feinde ebenso hochherzig überwin-
den wie alle anderen; das versichert David.
Ich zweifle keineswegs daran, daß es mehr Menschen gibt, die sich
eher nach dem Schluß dieses Evangeliums sehnen als nach dem An-
fang. Da heißt es (Mt 4,11) tatsächlich: Nachdem Unser Herr seinen
Feind überwunden und seine Versuchungen zurückgewiesen hatte,
kamen Engel und brachten ihm himmlische Speise zu essen. O Gott,
welche Freude, sich mit dem Heiland bei diesem köstlichen Mahl zu
befinden! Meine Lieben, wir werden nie würdig sein, Gemeinschaft
mit ihm zu haben in seinen Tröstungen und zu seinem himmlischen
Mahl geladen zu werden, wenn wir nicht Gefährten seiner Nöte und
Leiden (2 Kor 1,7) sind. Er fastete vierzig Tage und die Engel brach-
ten ihm erst am Ende der vierzig Tage zu essen. Wie wir oft sahen,
versinnbilden uns diese vierzig Tage das Leben der Christen und jedes
einzelnen von uns. Wünschen wir also diese Tröstungen erst am Ende
unseres Lebens, aber befassen wir uns damit, fest zu bleiben, um den
harten Angriffen unserer Feinde standzuhalten, denn wir werden ver-
sucht werden, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir nicht kämpfen,
werden wir nicht Sieger bleiben und folglich nicht die Krone der
unsterblichen Herrlichkeit verdienen, die Gott uns bereithält, wenn
wir siegreich bleiben.
Fürchten wir weder die Versuchung noch den Versucher, denn wenn
wir uns des Schildes des Glaubens und der Rüstung der Wahrheit be-
dienen, wird er keine Macht über uns haben. Fürchten wir ebenso
nicht die nächtlichen Schrecken, die von dreierlei Art sind, noch die
eitle Hoffnung, heilig zu sein noch sein zu wollen innerhalb von drei
Monaten. Wir werden auch den geistlichen Geiz meiden und den
Ehrgeiz, die so viel Verwirrung in unseren Herzen stiften und eine so
große Verzögerung unserer Vollkommenheit. Der Geist des Mittags
wird keine Macht haben, uns von dem festen und unwandelbaren Ent-
schluß abzubringen, wie es in diesem Leben möglich ist, nach dem
wir uns desjenigen erfreuen werden, der gebenedeit sei. Amen.

339
Ratschläge für die Gewissenserforschung76

Mein Sohn, wenn Sie irgendeinen Fortschritt in der Vollkommen-


heit des Ordenslebens machen wollen, dann betrachten Sie Gott stets
in allen Handlungen als gegenwärtig und versäumen Sie nicht, drei-
mal täglich Ihre Gewissenserforschung zu machen.
Am Morgen überlegen Sie, wie Sie die Nacht verbracht haben; se-
hen Sie mit Klugheit voraus, was Sie an diesem Tag zum Dienst Got-
tes verwenden werden.
Mittags halten Sie eine Besinnung auf alle Ihre Handlungen, ob Sie
die guten Vorsätze ausgeführt haben, die Sie am Morgen gefaßt ha-
ben, ob Sie Ihre Leidenschaften überwunden, alle Ihre Werke in rei-
ner Absicht verrichtet und Ihren Brüdern ein gutes Beispiel gegeben
haben.
Am Abend versäumen Sie nicht, noch einen Rückblick zu halten,
um zu sehen, ob Sie noch öfter in Unvollkommenheiten gefallen sind,
als Sie mittags bei sich festgestellt haben, oder ob Sie eifriger in der
Tugend waren. Vergleichen Sie die Handlungen eines Tages mit ei-
nem anderen, um zu sehen, ob Sie gewonnen haben oder zurückgefal-
len sind, und versuchen Sie, die hauptsächliche Unvollkommenheit
zu erkennen, damit Sie diese allmählich überwinden können.

Ratschläge für Obere 77

Er sagte, man muß im Orden dem geringsten Murren abhelfen; denn


wie die großen Gewitter sich aus unsichtbaren Dämpfen bilden, kom-
men die großen Unruhen von sehr geringen Ursachen.
Ein Oberer soll einem Ordensmann nie eine Besonderheit bewilli-
gen, wenn es nicht mit der gleichen Diskretion des hl. Ignatius ge-
schieht. Und wenn es dazu kommt, ihnen irgendeine Vergünstigung
zu gewähren, soll es nur geschehen, wenn sie einen Anfall ihrer Erre-
gung haben, wie ein wenig Wasser in der Hitze des Fiebers; nachher
muß man ihnen aber zu verstehen geben, daß es ihrer Gesundheit
schadet. In der Aufregung der Leute erlaubt man ihnen Ähnliches,
wie man (Spielzeug) aus dem Kabinett holt, um die Kinder zu beruhi-
gen, wenn sie weinen. Sobald sie zu weinen aufhören, nimmt man es
ihnen weg, und wenn sie wieder zu weinen anfangen, um es wieder zu
bekommen, nimmt man statt Süßigkeit eine kleine Rute.

340
Nichts verdirbt die Orden so sehr wie die geringe Sorgfalt, die man
darauf verwendet, die Geister derjenigen zu prüfen, die sich dem Klos-
ter vorstellen. Man sagt: Er ist gelehrt, aus gutem Haus, usw., aber
man übersieht, daß er sich nur schwer der Disziplin unterwirft. Man
müßte ihnen mehr die Strenge vor Augen halten, die hier herrscht,
und ihnen nicht so vorteilhaft so viele geistliche Tröstungen ausma-
len; denn wie ein Stein, auch wenn du ihn in die Höhe wirfst, durch
seine eigene Bewegung herabfällt, ebenso wird eine Seele, die Gott zu
seinem Dienst haben will, je mehr sie zurückgewiesen wird, um so
mehr dazu geneigt sein, was Unser Herr von ihr will.
Diejenigen, die diesen Entschluß fassen aus Verdruß darüber, daß
sie einen hohen Mut mit geringem Glück haben, bringen in den Klös-
tern mehr Unordnung als eine gute Ordnung in ihnen. Und wenn
andere kommen in einer plötzlichen Regung, die ihnen aus irgendei-
ner zärtlichen und wenig sinnvollen Vorstellung in den Sinn kommt,
machen sie es nicht mehr oder weniger wie der Stein beim Verlassen
der Schleuder; wenn die Wirkung der Maschine nachläßt, bleibt er
liegen. Denn um es beim Namen zu nennen, das sind schwere und
grobe Gedanken, die sich vergeblich anstrengen, zum Himmel aufzu-
steigen. Oder diese Geister gleichen Hütten am Ufer eines Flusses,
die der erste Regen wegschwemmt.
Es wäre besser, im ganzen Orden nur zwei Häuser zu haben, als sie
durch menschliche Klugheit auszudehnen. Denn früher oder später
werden die Fundamente, die auf den Sand und nicht auf den Felsen
Jesu Christi (1 Kor 10,4) gebaut sind, das ganze Gebäude einstürzen
lassen (vgl. Mt 7,26f).
Wollen Sie, daß ich Ihnen sage, was mir dünkt, Madame? Die De-
mut, die Einfalt des Herzens und der Liebe sowie die Unterwerfung
des Geistes sind die gediegenen Fundamente des Ordenslebens. Mir
wäre es lieber, wenn die Klöster von allen Lastern erfüllt wären als
von der Sünde des Hochmuts und des Eigendünkels. Denn die ande-
ren Beleidigungen kann man bereuen und Vergebung erlangen; aber
die hochmütige Seele hat die Ursache aller Laster in sich und tut
niemals Buße, weil sie sich in guter Verfassung wähnt und alle Rat-
schläge mißachtet, die man ihr gibt. Mit einem eingebildeten Geist
voll Selbstgefälligkeit könnte man nichts anfangen; er ist sich selbst
und anderen nicht gut.

341
VI. Vom Geist der Heimsuchung

Zweck und Absicht der Gründung78

Viele Mädchen und Frauen verlangen auf göttliche Eingebung sehr


oft nach dem Ordensleben, die entweder wegen ihrer schwachen na-
türlichen Konstitution, oder weil sie schon durch das Alter geschwächt
sind, oder schließlich, weil sie sich nicht zur Übung harter äußerer
Strengheiten angezogen fühlen, doch nicht in Orden eintreten kön-
nen, wo man zu großen körperlichen Bußübungen verpflichtet ist,
wie man in den meisten reformierten Kongregationen hierzulande
sieht. Auf diese Weise sind sie gezwungen, im gewöhnlichen Getriebe
der Welt zu bleiben, ständig den Gelegenheiten zur Sünde ausgesetzt
oder mindestens der Gefahr, den Eifer der Frömmigkeit zu verlieren.
Dafür verdienen sie gewiß großes Mitleid; denn ich bitte euch, wer
wollte eine hochherzige Seele nicht beklagen, die das größte Verlan-
gen hat, sich aus dem Treiben der Welt zurückzuziehen, um ganz für
Gott zu leben, die es dennoch nicht tun kann, weil sie nicht genügend
körperliche Kraft, nicht die erforderliche gesunde Konstitution oder
ein hinreichend kraftvolles Alter besitzt, die ihre Absicht, eine grö-
ßere Heiligkeit zu erwerben, nicht verwirklichen kann, weil es durch
den Mangel an Gesundheit verhindert oder verzögert wird?
Damit nun solche Seelen hierzulande künftig eine sichere Zuflucht
haben, wurde diese Kongregation in der Weise errichtet, daß keine
große Strenge die Schwachen und Kränklichen davon abhalten kann,
in sie einzutreten, um sich hier der Vollkommenheit der göttlichen
Liebe zu widmen. Folglich wird man in sie 1. Witwen ebenso aufneh-
men können wie Mädchen, vorausgesetzt daß die Kinder, wenn sie
welche haben, gut und rechtmäßig versorgt sind und daß sie ihre An-
gelegenheiten hinreichend geordnet haben, wie es vom geistlichen
Vater für erforderlich gehalten wird oder von anderen gediegenen
Personen, auf deren Ansicht man sich verlassen kann. Dadurch wird
man den Weltleuten soviel als möglich jeden Anlaß zur Kritik entzie-
hen und die Unruhe abwenden, die der Feind gewöhnlich bewirkt
durch die unnütze und unkluge Sorge für die Dinge, die sie in der
Welt zurückgelassen haben, die er den Witwen einflößt.
Man wird 2. solche aufnehmen können, die wegen ihres Alters oder
wegen irgendeines körperlichen Gebrechens in strengeren Klöstern

342
nicht aufgenommen werden können, vorausgesetzt daß sie einen ge-
sunden Geist haben und geeignet sind, in tiefer Demut, in Gehorsam,
Einfachheit, Sanftmut und Selbstverleugnung zu leben. Trotzdem
nimmt man solche davon aus, die mit einem ansteckenden Übel be-
haftet sind, wie Aussatz, Skrofeln und ähnliche; oder auch solche, die
so schwere Gebrechen haben, daß sie ganz und gar unfähig wären, der
Regel und den gewöhnlichen Übungen der Kongregation zu folgen.
Es sollen 3. auch solche von guter und kräftiger Konstitution aufge-
nommen werden als von Gott zur Hilfe und Erleichterung der Ge-
brechlichen Berufene. Wie die Schwachen sich des Nutzens der Ge-
sundheit der Kräftigen erfreuen werden, so werden umgekehrt die
Kräftigen Anteil am Verdienst der Geduld der Gebrechlichen haben.
Und damit die einen wie die anderen stets Aufnahme in die Kon-
gregation finden können, wird die Oberin sorgsam darauf achten, daß
in ihr weder direkt noch indirekt irgendwelche körperlichen Streng-
heiten eingeführt werden über jene hinaus, die es jetzt gibt, die ver-
pflichtend oder allgemein gebräuchlich sein könnten. Das hatte der
glorreiche Vater, der hl. Augustinus im Auge, als er in der ‚Regel‘ so
freundlich auf den Beistand für die Kranken hinwies. Dadurch hat er
hinreichend seinen Willen bekundet, daß die Gebrechlichen aufge-
nommen werden und daß mit Rücksicht auf sie die Strengheiten nicht
vermehrt werden. Und es scheint, daß er gemäß der Parabel (Lk
4,16ff) in den Ordensstand wie zu einem Hochzeitsmahl des himmli-
schen Bräutigams nicht nur die Gesunden und Munteren einladen
läßt, sondern auch die Gebrechlichen, Blinden und Lahmen, damit
sein Haus voll werde.

Regel und Konstitutionen79

Ich bitte euch, beachtet nun, daß ich in den wenigen Punkten, die
ich eben behandelt habe, zugleich mit der Verteidigung eurer ‚Regel‘
auch eure ‚Konstitutionen‘ verteidigt habe. Es war gewiß eine beson-
dere Fügung der Vorsehung Gottes, daß unter allen Regeln jene des
glorreichen hl. Augustinus gewählt wurde, um eurer Gemeinschaft
als Gesetz zu dienen, da durch eine geheime Eingebung des Heiligen
Geistes eure Konstitutionen schon am Anfang so abgefaßt wurden,
daß sie mit dieser heiligen Regel ganz übereinstimmen, die ihr auf
diese Weise schon beobachtet habt, ohne daran zu denken, bevor sie
euch vorgeschrieben wurde, ja ohne zu wissen, daß es sie gibt. Denn

343
was mich betrifft, hatte ich sie wohl schon gesehen in dem schönen
Brief 109 des hl. Augustinus, aber die Erinnerung daran war mir nicht
gegenwärtig und ich habe diese Konstitutionen nicht nach meinem
Verständnis allein verfaßt, sondern viel mehr nach der frommen Nei-
gung der Seelen, die so glücklich waren, vom Geist berufen zu sein,
diese fromme Lebensform zu beginnen. Ich weiß nicht, wie sehr sich
manche getäuscht haben, die dachten, euer Institut sei einzig das Werk
meines Kopfes und folglich weniger schätzenswert; denn ich bitte
euch, mit welcher Vollmacht hätte ich eine solche Zurückgezogen-
heit für euch anordnen und euch zu einer solchen Lebensweise ver-
pflichten können, wenn nicht im Verein mit eurer eigenen Wahl und
eurem Willen? Die evangelischen Räte können gewiß nicht von unse-
ren Oberen in Gebote umgewandelt werden, wenn wir uns nicht aus
uns selbst freiwillig durch Gelübde, Eid oder anderes Bekenntnis
verpflichten, sie zu befolgen.
Doch in Wahrheit, als ich eure Kongregation sah, anfangs klein an
Zahl aber groß im Verlangen, sich mehr und mehr in der hochheili-
gen Gottesliebe und in der Verleugnung jeder anderen Liebe zu ver-
vollkommnen, war ich verpflichtet, ihr sorgsam beizustehen. Ich dach-
te wohl daran, daß Unser Herr, wie er selbst (Joh 10,10) gesagt hat,
zum Heil seiner Schafe in die Welt gekommen ist, nicht nur, damit
sie das wahre Leben haben, sondern damit sie es in überreichem Maß
haben. Und um zu bewirken, daß sie es in überreichem Maß haben,
dachte ich, muß man sie nicht nur zur Beobachtung der Gebote, son-
dern auch der Räte anleiten; und dazu müssen Leute meines Standes
dem göttlichen Meister treu dienen. Wie der hl. Augustinus sagt, war
es immer ein besonderes Vorrecht der Bischöfe, die Saat der Unver-
sehrtheit zu säen und in den Seelen das Verlangen und die Sorgfalt für
die Jungfräulichkeit zu wecken, wie es einst die ersten und größten
Diener Gottes und Hirten der Kirche getan haben. Wenn ich außer-
dem eure Methode, Gott zu dienen, bestätigte, habe ich nur getan,
was ich nach der Erklärung des Heiligen Vaters Paul V. tun mußte, als
er eurer Kongregation schöne und reiche Ablässe bewilligte und sag-
te: „sofern sie durch die Autorität des Bischofs approbiert und er-
richtet ist.“
Mit einem Wort, meine sehr teuren Töchter, Gott sei Ehre und Ver-
herrlichung (1 Tim 1,17), der von aller Ewigkeit diese heilige Regeln
für eure Kongregation vorbereitet hat und eure Kongregation für die

344
Befolgung dieser Regeln, da er durch eine wunderbare Fügung seiner
Vorsehung angeordnet hat, daß eure Konstitutionen ganz genau wie
fließende Bäche wurden, die ihren Ursprung in den eigenen Worten
und im Geist der Regeln als ihrer wahren Quelle und ihrem ganz
reinen Brunnen hatten. Das gibt mir den Mut, euch folgende Mah-
nung zu erteilen: Kommt, ihr Töchter ewigen Segens, und wie zu
Ezechiel (3,1-3) und wie zum teuren Lieblingsjünger des Vielgelieb-
ten eurer Seelen (Offb 10,8-10) gesagt wurde: Kommt, nehmt und eßt
dieses Buch, verschlingt es, erfüllt und nährt euer Herz mit ihm. Mö-
gen seine Worte Tag und Nacht euch vor Augen stehen, um sie zu
betrachten, auf euren Armen sein, um sie zu verwirklichen (Jos 1,7),
und möge euer Inneres Gott dafür preisen (Ps 103,1). Es wird eurem
Magen bitter sein, denn es führt euch zur vollständigen Abtötung eu-
rer Eigenliebe; aber in eurem Mund wird es süßer als Honig sein, weil
es ein unvergleichlicher Trost ist, die Liebe zu uns selbst sterben zu
lassen, damit in uns die Liebe zu Dem lebe und herrsche, der aus
Liebe zu uns gestorben ist. So wird sich eure bitterste Bitterkeit ver-
wandeln in die Süßigkeit eines überreichen Friedens (Jes 38,17) und
ihr werdet von wahrem Glück erfüllt sein.
Ich bitte euch, meine Schwestern, ja ich flehe euch an und beschwö-
re euch, meine vielgeliebten Töchter, seht und erwägt: bis jetzt seid
ihr in diesen Konstitutionen unterwiesen worden, unter ihnen habt
ihr den Ordensschleier empfangen, durch sie habt ihr euch vermehrt,
habt zugenommen an Alter, Zahl und Frömmigkeit. Seid daher stark,
fest, standhaft, unwandelbar; und bleibt so, damit nichts euch vom
himmlischen Bräutigam trenne, der euch miteinander vereinigt hat,
nichts euch trenne von dieser Einheit, die euch mit ihm vereinigt
halten kann, so daß ihr alle nur ein Herz und eine Seele (Apg 4,32)
seid und Er selbst einzig eure Seele und euer Herz sei.
Glückselig die Seele, die diese Regel befolgt, denn sie ist treu und
wahrhaftig (Offb 1,3; 22,6). Und allen Seelen, die ihr folgen, werde
für immer überreich die Gnade, der Friede (Offb 1,4) und der Trost
des Heiligen Geistes zuteil. Amen.

345
Die hauptsächlichen Tugenden80

Trösten Sie sich in den Nöten des Geistes und des Körpers, die Sie
erleiden, indem sie fünf Dinge erwägen:
1. Das kommt vom Willen Gottes oder von seiner Zulassung; er hat
es zu seiner größeren Ehre und zu Ihrem größeren Wohl für gut be-
funden, daß es so sei.
2. Ihre Sünden verdienen das sehr, und noch mehr.
3. Gott ist gegenwärtig und schaut, ob Sie bei der Gelegenheit, die
er Ihnen zur Übung der Tugend gibt, den guten Entschluß verwirkli-
chen, den Sie gefaßt haben, ihn nie zu verlassen oder zu beleidigen.
4. Die heilige Menschheit des Gottessohnes hat viel mehr erduldet,
unschuldiger und auf ungerechtere Weise als Sie. Ermutigen Sie sich
also durch sein Beispiel, zu leiden, und Sie werden sich darüber freu-
en, eine Möglichkeit zu haben, ihn darin nachzuahmen.
5. Alles Böse, das man Ihnen zufügt, wird ebenso eine Krone im
Himmel sein, wenn Sie es ertragen. Auf diese Weise sind jene, die
Ihnen Böses antun, Ihre Wohltäter.

Übung der Demut.

Alles, das Äußere wie das Innere, mit dem Verlangen tun, sich zu
demütigen und erniedrigt zu werden.
Sich für die Geringste von allen halten und sich freuen, wenn man
Sie dafür hält. Ihr Herz oft vor Gott demütigen; es lieben, daß man
Ihre Fehler und Unbeholfenheiten oder Schwächen kennt, und nichts
tun, um sie zu verbergen. Ihre Erniedrigung recht lieben und sie aus
allem gewinnen.
Geraten wir nicht in Verwirrung wegen unserer Fehler, noch wegen
unseres geringen Fortschritts, noch wegen irgendetwas in uns, noch
deswegen, was wir tun könnten.
Sich nicht entschuldigen, weder innerlich noch durch Worte oder
Handlungen.
Sein Herz ‚parfümieren‘ mit Gedanken der Niedrigkeit, die kom-
men.
Sich sehr unterwürfig in allem erweisen, so gering es sein mag; sich
allen leicht anpassen; bei allem nichts tun, um gelobt und geschätzt
zu werden.

346
Es nicht wünschen und nicht lieben, daß man anerkenne oder schät-
ze, was wir sagen oder tun.
Sich freuen, wenn man die Tüchtigkeit unserer Schwestern sieht
oder von ihr sprechen hört; unseren Schwestern großen Respekt er-
weisen, sie als unsere Oberinnen betrachten und selbst in allen die
heiligen Worte Unseres Herrn hören.
Gern gewöhnliche und niedere Dinge tun. Es lieben, wenn man vor
allen getadelt und gedemütigt wird.
Ruhig und bescheiden sprechen; nicht von sich sprechen, von sei-
nen Verwandten und von Dingen, die zu unserem Vorteil sein könn-
ten.
Recht mutig sein und bereit, alles zu tun und zu unternehmen, was
uns der Gehorsam aufträgt.
Großes Vertrauen auf Gott haben und auf den Beistand der selig-
sten Jungfrau, wenn wir unsere Schwächen und Gebrechen spüren.
Nie etwas zu sagen oder zu tun unterlassen aus Furcht, deswegen
erniedrigt zu werden.

Übung der Sanftmut.

Sich angewöhnen, zu sprechen und alle seine kleinen und großen


Handlungen auf möglichst sanfte Weise zu verrichten.
Beim ersten Gefühl des Zorns, der Ungeduld und der Entrüstung
des Herzens sogleich sanft seine Kräfte vor Unserem Herrn sammeln.
Wenn man eine Erregung oder einen Groll fühlt, sich an Gott wenden
und ihn durch eine einfache Ablenkung um Hilfe bitten.
Wenn man eine Handlung im Zorn oder aus Ungeduld begangen
hat, den Fehler gutmachen durch einen Akt der Sanftmut, den man
sogleich der betreffenden Person gegenüber macht; ein freundliches
Gesicht wahren, wenn man antwortet, und bereitwillig alles tun, was
man uns aufträgt.
Sich in unserer Unterhaltung freundlich, leutselig und herzlich zei-
gen.
Jeden freundlich empfangen, ihm helfen und ihn zufriedenstellen,
sowohl durch unsere Haltung wie durch unsere Antworten.
Nie irgendwie Unwillen zeigen, was man auch tut oder über uns
sagt.
Niemals gegen uns selbst verbittert sein noch gegen unsere Unvoll-
kommenheiten.

347
Nicht verwirrt und beunruhigt sein, weil wir uns unvollkommen
und schlecht abgetötet sehen. Über unsere Fehler ein Mißfallen ha-
ben, das friedlich, ruhig und fest ist, aber nicht verbittert, heftig und
unruhig. Sein Herz gütig und durch Mitleid tadeln und zurechtwei-
sen, indem man sagt: Mein armes Herz, wir sind gefallen; nun denn,
erheben wir uns wieder und legen wir unsere Unvollkommenheiten
für immer ab.
Seinem Herzen Mut machen, wenn es gefehlt hat, und ihm Hoff-
nung geben, daß Gott ihm helfen wird und daß es mit seiner Hilfe es
besser machen wird. Einen festen Entschluß fassen, nicht mehr in
seinen Fehler zu fallen. Nicht über unseren Fall erstaunt sein, weil es
kein Wunder ist, daß die Gebrechlichkeit gebrechlich und die
Schwachheit schwach ist; und sich schließlich wegen aller unserer
Fehler im allgemeinen demütigen, seien sie groß oder klein, es durch
eine demütige Anerkennung unserer Schwachheit vor Gott bringen
und sich ganz ruhig wieder aufrichten.

Übung der Einfachheit.

Bei allen seinen Werken und Handlungen eine ganz einfache Ab-
sicht haben, nämlich Gott zu gefallen; in allem, was uns trifft, im
Guten wie im Schlechten, den Willen Gottes sehen und lieben.
Bei allem stets ruhig bleiben, selbst über die Verzögerung unserer
Vollkommenheit; dabei trotzdem treu bemühen, um sie zu erwerben.
Einfach und aufrichtig seine Fehler aufdecken, ohne sie zu verschlei-
ern.
Wahrhaftig und offen in unseren Worten sein, ohne viel zu reden,
besonders um sich zu entschuldigen oder zu verbergen.
Aufrichtig und ungekünstelt sein und ohne Nachsinnen über unsere
Handlungen, Fehler und Worte.
Lieber darauf sehen, was Gott und seine Engel dazu sagen werden,
was wir tun und sagen, und nicht, was diejenigen sagen werden, die
uns sehen und hören.
Für den Tag leben, ohne so viel Voraussicht und Sorge um uns selbst
und all das, was sich ereignen muß.
Tun, was uns nach unserer Berufung jetzt gegenwärtig ist, und uns
vollständig der göttlichen Vorsehung überlassen.
Die Dinge tun, wie sie kommen, ganz aufrichtig, ohne auf so viele
Dinge zu achten.

348
Übung der Bescheidenheit.

Nicht leichtfertig in seinen Worten und Handlungen sein.


Gesicht und Blick sollen heiter sein, ohne Falten und eine frostige
und melancholische Miene. Die Augen gesenkt halten und in beschei-
dener Haltung gehen; herzlich und aufrichtig den Schwestern gegen-
über sein.
Sich mit großem Respekt verhalten und sprechen. Nicht zu vertraut
werden, vor allem mit solchen, zu denen wir eine besondere Zunei-
gung haben.
Einander durch eine Verneigung des Kopfes grüßen, verbunden mit
der Aufmerksamkeit des Geistes und mit großem Respekt.
Nicht streiten, nicht mit heftigem Eifer sprechen, nicht zu laut la-
chen oder sprechen, noch beim Sprechen Gesten machen, weder mit
den Händen noch mit dem Kopf oder anderen Gliedern des Körpers.
Gelassen antworten oder sagen, was man zu sagen hat, ohne sich
furchtsam oder ängstlich zu zeigen.
Seine Handlungen ruhig und ohne innere oder äußere Hast verrich-
ten.
Die Neugierde bezähmen bei Dingen, wo man fühlt, daß man sich
zurückhalten muß.
Den Willen haben, in allem Gott zu gefallen. Nicht so viel nach
Mitteln suchen, um Gott recht zu lieben und zu dienen, sondern sich
zu Füßen Unseres Herrn halten, ihn um seine Gnade und seine Liebe
bitten, ohne nach anderen Mitteln zu suchen, sie zu erlangen, als jene,
die uns in den Konstitutionen angegeben sind.
Sich damit begnügen, in Einfalt in der Beobachtung unserer Regeln
vorzugehen, ohne andere Dinge kennen zu wollen.

Übung der brüderlichen Liebe.

Nicht über irgendeinen Fehler des Nächsten murren und sprechen,


auch wenn er geringfügig ist. Gutes über alle sagen und sich über
niemand beklagen.
Niemals anderen berichten, was wir über sie reden hörten, wenn es
etwas ist, was sie kränken oder verdrießen könnte; nie etwas sagen,
was die Schwestern im geringsten kränken könnte.
Nichts sagen, was herabsetzt oder mißbilligt, was die anderen sa-
gen.

349
Niemandem eine besondere Zuneigung zeigen, die bei anderen auch
nur den geringsten Verdacht erwecken könnte.
Alle mit Liebe und Zuneigung behandeln; über niemand urteilen,
sondern sie entschuldigen, sowohl bei sich als auch anderen gegen-
über. Niemand tadeln, ohne das Amt dazu zu haben.
Jede Abneigung fliehen, vor allem aber vermeiden, sie zu zeigen.
Nicht unterlassen, mit denen zu sprechen, sie zu beachten und sie
aufzusuchen, die uns irgendeinen Verdruß bereitet haben.

Übung der Abtötung.

Sich abtöten in allen Dingen und bei allen Gelegenheiten, die sich
bieten.
Gut seinen Nutzen ziehen aus allen Abtötungen, die uns von Gott,
von der Oberin und von Schwestern bereitet werden.
Sich abtöten und überwinden in allem, was uns daran hindert, die
Regel zu befolgen.
Die gewöhnlichen Dinge, innere wie äußere, die wir jeden Tag tun,
gut verrichten.
Sich darin abtöten, daß man die Zelle nicht verläßt, wenn man recht
Lust dazu hat.
Nichts anschauen, was sonderbar ist. Nichts zu wissen verlangen
und nicht nach dem fragen, was uns nichts angeht. Das nicht sagen,
was zu sagen man große Lust verspürt.
Sich in Dingen abtöten, die man zu tun verpflichtet ist, wie essen,
sich erholen und ähnliche Übungen, an denen man Gefallen hat, in-
dem man vorher sagt: Ich will das nicht zu meinem Vergnügen ma-
chen, sondern weil mein Gott es will.

Übung der Geduld.

Kein Zeichen der Ungeduld geben, wenn er (der Nächste) nicht gut
findet, was wir tun oder wozu wir den Auftrag haben.
Nicht zulassen, daß irgendwie Traurigkeit und Groll von unserem
Herzen Besitz ergreifen.
Sich nicht ärgern über Ermahnungen oder darüber, daß man uns
wegen unserer Fehler rügt. Mit Geduld den Kummer ertragen, den
wir empfinden, wenn man uns oft das gleiche vorhält oder wiederholt.

350
Nicht ungeduldig werden, wenn man Mühe hat, zu behalten und zu
begreifen, was man uns zeigt.
Alles freudig und bereitwillig annehmen, was unserem Geschmack,
unserem Willen und unserer Neigung widerstrebt, weil es das Wohl-
gefallen Gottes so will.

Übung des Gehorsams.

Sorgsam gehorchen, ohne etwas zu vergessen; schnell, ohne Verzö-


gerung und Aufschub; einfach, ohne Widerrede und Erklärungen;
genau, in Ihrem Gehorsam nichts für sich nehmen; freimütig, ohne
Zwang und Verdrossenheit; liebevoll, nicht schwermütig, mürrisch
und widerwillig.
Von Herzen und mit Willen gehorchen, dasselbe wollen und nicht
wollen wie unsere Oberen.
Mit Verstand und Urteil gehorchen, ohne irgendeine Auffassung
oder Meinung anzunehmen, die im Widerspruch zu der unserer Obe-
ren steht.
Allen Oberinnen gehorchen, wer sie auch seien, wie unser Herr
Jesus Christus.
Blind gehorchen, ohne nachzuforschen, zu prüfen und zu fragen,
warum und wie, sondern keinen anderen Grund haben, um sich zu-
friedenzugeben, als den zu wissen, das ist der Gehorsam, und bei sich
selbst zu sagen: Ich mache es, weil es der Wille Gottes ist, und in ihm
liegt meine ganze Befriedigung.

Übung der Armut.

Nichts ohne Erlaubnis ausleihen und annehmen, so geringfügig es


sei; es lieben und sich freuen, wenn uns etwas für uns Notwendiges
mangelt. Es lieben und sich freuen, wenn man uns das Minderste des
Hauses gibt.
Oft die Armut Unseres Herrn, der heiligen Jungfrau und der Apo-
stel vor Augen haben.
Verzicht leisten auf Dinge, deren man sich bedient, beweist eine
große Zufriedenheit. Was unserem Geschmack und unserer Sinnlich-
keit widerstrebt, küssen und liebkosen.
Nicht gierig essen und nicht andere Speisen zu bekommen wün-
schen als jene, die man uns gibt.

351
Wenn man sich in Trockenheit und Dürre befindet, ohne Geschmack
und Trost, diese Armut vor Gott lieben.
Recht erleichtert sein, daß man die anderen mehr liebt als uns und
mehr Gefallen am Umgang mit ihnen als mit uns hat. Sich freuen,
wenn man unseren Gründen keine Beachtung schenkt und wenn man
zeigt, daß man kaum ein Vergnügen daran findet, uns anzuhören.

Übung der Keuschheit.

Alle unsere Handlungen mit großer Ehrbarkeit und Schicklichkeit


verrichten.
Sehr darauf bedacht sein, sich recht in Gott zu beschäftigen, indem
wir uns schnell und sorgfältig von Gedanken und Erinnerungen an
Dinge ablenken, die wir früher gesehen und gehört haben.
Sich oft nach Gott als unserem einzigen Bräutigam sehnen und in
ihm ruhen. Nichts lieben, außer für ihn, in ihm und aus Liebe zu ihm.
Gewöhnlich von guten und nützlichen Dingen sprechen. Sehr sorg-
sam den Blick gesenkt halten und alle seine Sinne abtöten.

Übung der Hochherzigkeit.

Niemals erstaunt sein über Schwierigkeiten, Widerwillen und Ab-


neigungen. Allen unseren Gefühlen, so stark sie auch sein mögen,
nicht mehr Beachtung schenken, als wir es dem Gebell von Hunden
tun würden.
In Mühen und Schwierigkeiten sein Herz weiten und seinen Mut
vergrößern, denn dazu schickt Gott sie und läßt er sie zu.
Beim Anblick und Gefühl unserer Armseligkeiten, Schwächen und
Gebrechen nach dem höchsten Gipfel der Vollkommenheit streben,
gestützt auf die Barmherzigkeit Gottes; nicht erstaunt sein, auch wenn
wir uns wie angeleimt an unsere Unvollkommenheiten sehen, und
mit sanfter und ruhiger Geduld unsere Befreiung von Unserem Herrn
erwarten, und wenn wir sie erlangt haben, sie als ein kostbares Ge-
schenk seiner Güte sehr lieben.
Nie zu rufen aufhören: Zieh mich (Hld 1,3) an dich, und sich zu
erhoffen und zu versprechen, ihm ungeachtet des Gefühls unserer
Schwachheit zu folgen (s. 1. Gespräch). Unserem Herzen keinen
Gedanken der Entmutigung lassen.

352
Sich nicht ärgern, wenn wir am Anfang nicht so fest und treu voran-
gehen, wie wir möchten, sondern uns damit begnügen, am Anfang
kleine Schritte zu machen, um später auf großer Bahn zu laufen und
zu gehen.
Nicht unruhig und verwirrt werden wegen des Fortschritts der an-
deren. Die anderen nicht an unsere Gangart binden wollen, noch sie
geringachten, wenn sie nicht tun, was die anderen tun, sondern alles
schätzen, was sie tun.
Diejenigen, die es besser machen, mit freundlicher Herzlichkeit
und heiliger Ehrfurcht betrachten. Aus unseren Schwächen an Demut
gewinnen, besonders wenn wir den Fortschritt der anderen sehen.

Übung der starken inneren Frömmigkeit.

Den Willen in Übereinstimmung mit guten Handlungen haben, klei-


nen wie großen. Nichts aus Gewohnheit tun, sondern mit Beflissen-
heit des Willens.
Der äußeren Handlung soll die innere Haltung vorausgehen, oder
mindestens soll ihr die Haltung sogleich folgen. Das Äußere aus dem
Inneren hervorgehen lassen (1. Gespräch).
Man muß stark sein, um die Versuchungen zu ertragen, stark, um
die Verschiedenheit der Geister zu ertragen, stark, um seine eigenen
Neigungen und Unvollkommenheiten zu ertragen, um sich nicht zu
beunruhigen, wenn man sich ihnen unterworfen sieht; stark, um die
Unvollkommenheiten zu bekämpfen und ihre vollständige Änderung
und Besserung zu unternehmen (1. Gespräch).
Man muß sich unabhängig von Tröstungen durch Geschöpfe ma-
chen.

Übung der Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes.

Alle Gelegenheiten, die sich uns bieten, große und kleine, als aus
der Hand Gottes kommend ergreifen.
Sich in allem dem Willen Gottes überlassen; sich dem Willen Got-
tes gleichförmig machen, sei es in Krankheit, Trockenheit und Dürre,
in Zerstreuungen, Versuchungen und in oftmaligem Fallen.

353
Ratschläge für das geistliche Leben 81

Über den Gehorsam.

Seien Sie recht rasch bereit zu gehorchen und einfach zu allem, was
man Ihnen befehlen wird, ohne auf die Person zu schauen noch auf
das Befohlene, um zu sehen, ob es Ihnen gelegen kommt oder nicht.
Wenn Sie auf dem Weg der Tugend vorankommen wollen, dann
schauen Sie nicht auf das Gesicht derjenigen, die Ihnen befehlen, denn
wenn Sie darauf achten wollten, werden Sie immer Schwierigkeiten
haben, sich lieber dieser Oberin zu unterwerfen und zu gehorchen als
einer anderen, wenn sie im Amt wäre. Solange wir auf die Geschöpfe
schauen und nicht auf den Schöpfer, werden wir nie etwas tun, was
einen Wert hat, und wir werden keine Fortschritte machen. Man muß
also jener gehorchen, die uns Gott als Oberin gegeben hat, und in ihr
stets Unseren Herrn sehen, auf dessen Anordnung sie uns befiehlt
und uns rät, was zu unserem Wohl und geistlichen Fortschritt ge-
reicht.
Schauen Sie auf den Gehorsam Abrahams. Unser Herr befiehlt ihm,
seinen Sohn zu opfern (Gen 22,2); er sagt ihm, er soll aus seinem
Land, von seiner Verwandtschaft fortziehen und an den Ort gehen,
den er ihm zeigen werde (12,1). Er sagt ihm nicht, welchen Weg er
einschlagen soll, und Abraham fragt ihn nicht: Herr, in welche Rich-
tung willst du, daß ich ausziehe? Wenn du mir nicht sagst, durch wel-
ches Tor ich fortziehen soll, weiß ich nicht, wohin ich zu gehen habe.
Von all dem sagte er nichts, sondern ging einfach da hin, wohin ihn
der Wille Gottes rief, um sein Wohlgefallen zu erfüllen. So muß man
es machen: einfach der Stimme Gottes gehorchen, die uns durch un-
sere Oberinnen angezeigt wird, und darüber weder diskutieren noch
Gedanken machen, um darüber nach unserer Neigung zu urteilen.
Wenn Sie die schlechteste Oberin der Welt hätten und wenn sie
Ihnen ins Gesicht gespuckt hätte, dürften Sie niemals in Mutlosigkeit
und Mißtrauen geraten, sondern müßten ihr in Einfalt Ihr ganzes Herz
eröffnen; ich sage stets: nach dem höheren Teil. Und seien Sie sehr
froh, daß Sie keine fühlbare Befriedigung haben, denn wir lieben jene
sehr, die uns schöne Dinge sagen!
Ich bitte Sie, hängen Sie sich nicht so sehr an Oberinnen. Ich will
nicht, daß Sie an mir hängen, noch an unserer Mutter noch an irgend-

354
etwas. Sagen Sie mit der Mutter Theresia: „Alles, was nicht Gott ist,
ist nichts für mich.“ Wünschen Sie nicht, von der Oberin persönlich
geliebt zu werden. Das möchte ich Ihnen sehr ans Herz legen, denn
man wird uns immer in dem Maß lieben, wie Gott will, und Gott wird
es immer wollen und Sie werden in dem Maß geliebt werden. Und
dann, was sagt der ‚Gipfel der Demut‘? Daß man nicht geliebt zu
werden wünschen soll. Es ist ein großes Mittel, in der Tugend und in
der Gottesliebe Fortschritte zu machen, wenn wir Oberinnen haben,
die uns nicht lieben und die wir ebenfalls nicht lieben. Man darf des-
wegen nicht mutlos werden und das Vertrauen nicht verlieren. Man
darf nicht empfindlich wie die kleinen Kinder sein.
Sagen Sie mit dem Apostel: Herr, was willst du, daß ich tue (Apg
9,6)? Der hl. Bernhard sagt aber, daß es Ordensleute gibt, zu denen
man sagen muß: Was beliebt Ihnen zu tun? Meine liebe Tochter, seien
Sie nicht ein solches Kind.
Schließlich wird das gehorsame Herz von den Siegen berichten (Spr
21,28). Die Siege erringen wir, wenn wir unseren Willen und unser
Urteil dem der anderen unterwerfen nach dem Beispiel Unseres
Herrn; er ist gehorsam geworden bis zum Tod und bis zum Tod am
Kreuz (Phil 2,8) und wollte lieber sterben als den Gehorsam verlie-
ren.
Wenn die Glocke läutet und uns wohin immer ruft, muß man pünkt-
lich sein, zu gehen und alles liegen zu lassen. Man darf nie etwas
gegen den Gehorsam tun, besonders wenn uns der Gedanke kommt,
daß es nicht gut ist, wenn wir Gewissensbisse bekommen oder wenn
wir möchten, daß es unsere Oberin nicht erfährt.
Man muß da bleiben, wo es mehr Widerstand gibt: da muß man die
Tugend am meisten üben, indem man mit Respekt, Unterwerfung,
Liebe und gern gehorcht. Man muß großen Mut haben, um der Wä-
schemeisterin wie der Köchin um Gottes Willen in gleicher Weise
stets zu gehorchen, weil sie unsere Vorgesetzten sind. Man muß stets
denken, daß die Oberinnen alles gut überlegen, bevor sie es sagen;
lassen Sie sich also von ihnen führen wie ein kleines Kind.
Wenn es Ihnen von Nutzen ist, bei der Rechenschaft zu sagen, daß
ich Sie diese Übung gelehrt habe, dann sagen Sie es, damit man Sie
diese fortsetzen lasse; wenn man Ihnen aber sagt, Sie sollen es anders
machen, dann lassen Sie alles und tun einfach, was sie Ihnen sagen
werden, obwohl Sie Widerwillen empfinden, sowohl es aufzugeben
als auch, es anders zu machen, als ich Ihnen gesagt habe. Man muß

355
stets eher den Willen der anderen erfüllen, vor allem der Oberinnen,
als sie dazu zu bringen, den unseren zu erfüllen.
Der hl. Paulus sagt (2 Kor 5,26): Wir haben Unseren Herrn dem
Fleisch nach erkannt; aber jetzt lieben wir ihn dem Geist nach. So
lieben auch wir nicht durch die Gefühle, sondern dem Geist nach, um
uns zu vervollkommnen und uns enger mit der Liebe Gottes zu verei-
nigen.
Man muß alle Mittel anwenden, die uns gegeben sind, um den Him-
mel und das Heil zu erlangen, rein für Gott und um ihm zu gefallen,
weil er es so will und weil es gut ist, es zu tun. Wenn man euch schief
anschaut, darf man das nicht auch tun; der hl. Paulus (Röm 12,17.21)
sagt, man soll Böses mit Gutem vergelten.

Über die Demut.

Unser Herr, der sich als Gott sah, und obwohl er in sich nichts fand,
um sich zu demütigen, wollte sich dennoch demütigen und hat gesagt:
Lernt von mir, der ich sanft und demütig bin, und ihr werdet Frieden in
eurer Seele finden (Mt 11,29). Es ist der Gipfel der Demut, sich um
Unseres Herrn willen zu demütigen, weil er sich aus Liebe zu uns
gedemütigt hat, um uns ein Beispiel zu geben, es wie er zu machen.
Sie müssen demütig sein in allen Ihren Handlungen, Ihre Hinwen-
dung zu Gott vollziehen durch die Erniedrigung in Ihr Nichts und in
Ihre Nichtswürdigkeit und Niedrigkeit. Sie müssen recht demütig sein
und Sie werden es zu der Stunde sein, da es Ihr Vater Ihnen befiehlt;
o, ich bitte Sie darum. Aber ich sage Ihnen: in einer echten und gedie-
genen Demut, die Sie gelehrig für die Zurechtweisung macht, fügsam
und bereitwillig zum Gehorsam.
Gehen Sie im Frieden, meine teuerste Tochter, halten Sie sich de-
mütig vor Gott. Ihre Unvollkommenheiten sollen Ihnen dazu dienen
und Sie nicht in Mutlosigkeit verfallen lassen; durch die Gnade Got-
tes sind wir auf dem rechten Weg. Nichts kann uns schaden als der
eigene Wille; nun, den dürfen wir nicht haben, denn wir haben ihn
ganz Gott geweiht; ermutigen wir uns also ohne Überheblichkeit.
Wenn die Heiligen etwas Gutes getan haben, haben sie sich das
niemals persönlich zugeschrieben, wohl aber das Schlechte, und ha-
ben alles Gute, das sie taten, als gewöhnlich hingestellt: ein Kennzei-
chen der Demut.

356
Wir müssen die Würde einer Prinzessin haben, weil wir die Bräute
des Gottessohnes sind, aber schlicht, ohne Getue; und die Demut des
Zöllners (Lk 18,13) voll Vertrauen.
Um die Gnade Gottes in unserem Herzen zu haben, muß es leer
sein von unserem eigenen Ruhm und sagen: Mein Gott, schau auf
dieses armselige Geschöpf so voller Elend; erfülle es mit deinem
Erbarmen.
Wenn Sie Fehler gegen die Sanftmut begangen haben, demütigen
Sie sich; und wenn Sie Fehler gegen die Demut begangen haben, be-
sänftigen Sie sich und machen es, wie ich Ihnen gesagt habe: gehen
Sie immer von der Demut zur Sanftmut über und von der Sanftmut
zur Demut.
Um den Heiligen Geist zu empfangen, muß man sein Herz sehr tief
an Demut machen und Ihren Geist vereinfachen, in allem schlicht
vorgehen, etc.

Über die Sanftmut.

Die erste Predigt, die Unser Herr seinen Jüngern hielt, lautete: Lernt
von mir, der ich sanft und demütig bin (Mt 11,29). Ich sage Ihnen
ebenso, meine teuerste Tochter, seien Sie recht sanft und demütig,
haben Sie diese lieben Tugenden stets im Mund und im Herzen. Lie-
ben Sie sie recht, da Unser Herr sie so sehr empfohlen hat. Die De-
mut macht uns vollkommen vor Gott, die Sanftmut dem Nächsten
gegenüber. Mögen diese Tugenden in Ihnen leuchten, in allen Ihren
Handlungen, in allen Ihren Worten, in Ihren Augen, in Ihrer ganzen
Haltung. Werden Sie freundlich, dann werden Sie liebenswürdig; be-
mühen Sie sich, freundlich und leutselig zu sein, herzlich und mitteil-
sam. Es ist ungerecht, aus Herzlichkeit die Anliegen der anderen ken-
nen zu wollen und von seinen eigenen nichts zu sagen.
Ich empfehle Ihnen die Leutseligkeit, von der Sie wissen, daß man
sie denen gegenüber übt, mit denen man spricht; fröhlich sein mit
den Fröhlichen, voll Mitleid mit den Betrübten, sich der Art der an-
deren und ihren Stimmungen anpassen, es machen wie der hl. Paulus:
allen alles werden, um alle zu gewinnen (1 Kor 9,19-22).
Jedesmal, wenn Sie finden, daß sich Ihr Herz von der Sanftmut
entfernt hat, fassen Sie es nur mit Fingerspitzen an, nicht mit der
ganzen Faust, wie man sagt, und nicht schroff. Sagen Sie nie harte
Worte noch solche der Zurechtweisung.

357
Bemühen Sie sich, äußerlich und innerlich die heilige Gelassenheit
zu gewinnen, und richten Sie Ihre Handlungen nach ihr; und wenn
man nicht mehr weiß, was man mit seinem Geist anfangen soll, der
gereizt und verwirrt ist, muß man sich ablenken. Wenn das nichts
hilft, muß man es trotzdem immer wieder versuchen, damit uns die
Nachlässigkeit nicht glauben macht, die Ablenkung helfe nichts; da-
bei muß man Geduld mit sich selbst haben. Man muß seinem Herzen
manchmal schöntun, ihm in seinen Krankheiten dienen und es ermu-
tigen. Und wenn es recht gereizt ist, muß man es wie ein Pferd im
Zaum halten und es in sich festhalten, ohne es nach seinen Gefühlen
und Leidenschaften laufen zu lassen. Die Sanftmut erreicht das fast
immer.
Sagen Sie oft: Selig sind die Sanftmütigen, denn ihrer ist das Him-
melreich (Mt 5,4); und mit dem Psalmisten: Kostet und seht, wie gütig
der Herr ist (Ps 34,91). Sagen Sie auch oft den Vers: „Jungfrau einzig
milde unter allen“, und bitten Sie Unsere liebe Frau, sie möge Ihr
Herz heimsuchen und es mit dem Duft ihrer Güte und Sanftmut er-
füllen.
Seien Sie so mild, wie Sie können, und mehr als alle anderen. Zie-
hen Sie sich je nach Gelegenheit in sich selbst zurück durch die Hin-
wendung Ihres Geistes zu Gott. Sie müssen nicht allzu zurückgezo-
gen sein, denn das ist nicht Ihre Art.
Man muß das sich selbst Absterben in Sanftmut vollziehen.

Über die Einfachheit.

Man muß sehr einfach sein und arglos vorgehen. Seien Sie sehr dar-
auf bedacht, Ihren Geist von allem Überflüssigen zu vereinfachen,
und wenn es sich anbietet, dann tun Sie nichts anderes, als es abzu-
streifen, ohne es zu beachten, indem Sie Ihr Herz Unserem Herrn
zuwenden.
Und nehmen Sie diese Mühe aus Liebe zu Gott gern auf sich, um
dadurch die Krone zu gewinnen. Tun Sie alles für Unseren Herrn in
reiner Absicht, ohne auf Geschöpfe zu achten. Wenn Sie so vorgehen,
werden Sie mit Gottes Gnade eines Tages die Einfachheit besitzen.
Man muß einfältig wie kleine Kinder sein, um in das Himmelreich
einzugehen (Mt 18,2f). Gehen Sie so einfältig ohne Bedenken vor,
wenn Sie Ihr Herz eröffnen. Befassen Sie Ihren Geist nicht mit dem,
was um Sie geschieht. Man muß eine Taube sein, weil Unser Herr der

358
Tauber ist, und kein anderes Sinnen und Trachten haben, als ihm zu
gefallen, und so einfältig sein, daß Sie sagen können: Ich denke an
nichts außer an das, wozu ich verpflichtet bin. Halten Sie von Ihrem
Herzen alle Überlegungen fern, die der Einfachheit entgegengesetzt
sind. Ihr Geist soll nicht auf Widerspruch und Schwierigkeiten ach-
ten, sondern sie durch Verachtung bekämpfen.
Halten Sie Ihr Herz nahe bei Gott. Das ist das Mittel, einfältig zu
sein, weil Gott ein vereinfachender Geist ist. Besonders beim Gebet,
will ich, sollen Sie wie eine Statue in der Nische sein, ohne etwas zu
wollen, als Ihrem Bräutigam zu gefallen. – Warum bleibst du in die-
ser Nische, Statue? – Weil mich mein Bräutigam in sie gestellt hat;
ich will nichts als das.
Schenken Sie sich ihm ganz, lassen Sie ihn alles in Ihnen machen,
übergeben Sie ihm Ihren Ruf und Ihre Selbstachtung. Wenn er will,
daß man Sie liebt und hochschätzt, wird er es wohl zulassen; desglei-
chen, wenn er will, daß man Sie demütigt. Überlassen Sie ihm alle
Sorge für Sie und haben Sie nur das Sinnen und Verlangen, Ihrem
Bräutigam zu gefallen, und bleiben Sie in der Nische, ohne etwas zu
wollen.

Über die Hochherzigkeit.

Für dieses Jahr gebe ich Ihnen als besondere Übung die Tugend der
Hochherzigkeit. Das sollen Sie mutig und sanft unternehmen, nicht
mit roher Gewalt. Sie sollen die Sanftmut und Demut mit Hochher-
zigkeit üben, denn diese zwei Tugenden braucht man immer, ohne sie
jemals aufzugeben. Die Hochherzigkeit besteht darin, unabhängig zu
werden von allen Dingen und Geschöpfen und sich nicht damit abge-
ben, zu denken, ob sie uns lieben und an uns denken oder nicht; dabei
darf man sich nicht aufhalten. Ich will wohl, daß Sie mich lieben und
daß Sie glauben, daß ich Sie recht liebe; aber ich will, daß die Freund-
schaft, die Sie zu mir hegen, Ihrer Vollkommenheit und der Vereini-
gung Ihres Geistes mit Gott nicht schade, sondern Ihnen dazu diene,
sich noch mehr mit ihm zu vereinigen. Ich will nicht, daß Sie an mir
und an unserer Mutter hängen.
Man muß alle Bedenken mißachten und sich mutig erheben, erho-
benen Hauptes über alles weggehen und nicht auf die Handlungen des
Nächsten achten, was er tut oder sagt und wie er sich gegen uns ver-
hält. Wir würden nie etwas tun, wollten wir alles überlegen und die

359
Gedanken und Überlegungen wiegen. Die Hochherzigkeit geht über
all das hinweg, sie hält sich nur an Gott allein, dem zuliebe sie alles
tut, und sie tötet ab, was menschlich ist, um nur mehr für ihn zu leben.
Man muß seiner Seele Mut machen und ihr sagen, daß alles für Gott
und für die Ewigkeit bestimmt ist. Tatsächlich gehören wir nicht mehr
uns selbst, wir sind Gott geweiht, um ihn zu lieben und ihm vollstän-
dig zu dienen. Man muß also hochherzig seinen Weg gehen, ohne über
etwas erstaunt zu sein, und jeden seinen Weg gehen lassen.
Meine liebe Tochter, für uns genügt es, Jesus Christus den Gekreu-
zigten (1 Kor 2,2) zu kennen. Seien Sie nicht kleinlich in der Übung
der Tugenden, sondern gehen Sie geradewegs, freimütig, einfältig und
in gutem Glauben voran. Gewiß, ich fürchte den Geist des Zwangs.
Meine Tochter, ich wünsche, daß Sie ein weites und großmütiges Herz
auf dem Weg Unseres Herrn haben, aber ich will auch stets, daß es
mild sei.
Das innerliche Leben besteht darin, die Natur sterben zu lassen und
nach der Gnade und der Vernunft zu leben. Wenn uns die Mücken
stechen, muß man sie nur ganz einfach verjagen; wenn uns Widerstän-
de kommen, muß man sie ebenfalls nur ganz einfach abwehren, d. h.
sich von ihnen abwenden und sich nicht mit ihnen befassen. Ich will
Ihnen sagen, wie ich es machen wollte und wie ich will, daß Sie es
machen. Ich erwarte von Ihnen nicht, daß Sie keine Gefühle haben,
wohl aber, daß Sie diese bekämpfen, besiegen und mit Sanftmut und
Geduld überwinden.
Bleiben Sie ruhig, wenn Sie keine Kreuze haben; Unser Herr wird
Ihnen wohl welche senden, wann es ihm gefällt.

Über das Reden.

Fragen Sie Unseren Herrn um Rat, was Sie sagen sollen, bevor Sie
sprechen, ebenso Ihren höheren Seelenteil, um nichts zu sagen, was
Gott und die Geschöpfe beleidigt. Bemühen Sie sich, Nützliches be-
dächtig und bescheiden mit jedem zu sprechen, besonders mit den
Schwestern, als seien sie alle Ihre Oberinnen.
Man muß freundlich und leutselig gegen alle sein und auch die Welt-
leute so gütig und kurz zufriedenstellen, wie man kann. Wenn Sie es
nicht kurz machen können, dann hören Sie ihnen mit Geduld und
Herzlichkeit zu und bringen sie von ihren unnützen Vorhaben ab, so
sanft Sie können; reden Sie ihnen freundlich zu. Und um sich von der

360
Furcht zu befreien, daß sie nicht tun, was Sie ihnen sagen, denken Sie,
daß Sie mit ihnen als Beauftragte und Gesandte Gottes sprechen; und
wenn Sie die Eitelkeit überkommt über das, was Sie ihnen sagen,
dann denken Sie bei sich selbst, daß das, was Sie sagen, nicht von
Ihnen ist, sondern von Gott, und dann demütigen Sie sich.
Wenn Sie etwas Gutes getan oder der Versuchung widerstanden und
keinen Fehler gemacht haben, dann sagen Sie stets: Das habe ich durch
die Gnade Gottes getan. Oder wenn man Ihnen einen Auftrag gibt,
fügen Sie das Wort hinzu, daß Sie es mit der Gnade Gottes machen
werden; oder auch: wenn es Gott gefällt. So muß man immer sagen,
denn ohne die Gnade Gottes können wir das Gute nicht tun und dem
Bösen nicht widerstehen.
Wenn Sie Grüße schicken oder von jemand empfangen, muß man
ebenfalls von Unserem Herrn sprechen und denen, die sie bestellen,
sagen: Ich bitte Sie, N. in meinem Namen zu danken, daß er sich
meiner erinnert; versichern Sie ihm, oder versichern Sie ihr (je nach
der Person), daß ich Unseren Herrn für sie bitten werde, damit er
ihnen stets seine heiligen Gnaden gewähre; und ähnliches.
Für die Rekreation muß man es machen, wie es die Regel angibt.
Manchmal muß man aus Demut hinter den anderen zurücktreten; für
gewöhnlich aber müssen Sie da bleiben, wo Sie sich befinden, ohne
nach den letzten Plätzen zu streben. Man muß seine Zunge recht ab-
töten. Töten Sie Ihre Neugierde gut ab. Man darf keine Eigenheiten
haben wollen; das sagt die Regel, ebenso daß die Ersten wie die Letz-
ten sein sollen.
Man wird so viel mit Ihnen sprechen, als Sie dessen bedürfen und
wie uns Gott dazu anregen will. Die Vollkommenheit besteht nicht
im Reden, sondern im Handeln. Sie haben einen Geist wie die Bäu-
me; die haben rundum so viele Äste, die sie am Wachsen hindern: so
viele kleine Wünsche sind ein Hindernis, im größten zu wachsen,
nämlich Gott zu gefallen.
Wenn Sie die anderen auf ihre Fehler aufmerksam machen, muß
man sich zuerst selbst in seinem Herzen anklagen, dann den Liebes-
dienst aus Liebe zu Gott erweisen. Man muß bei seinen Ermahnun-
gen anführen, was die Satzungen sagen, nach dem Beispiel Unseres
Herrn; als ihn der böse Feind in der Wüste versuchte, sagte er: Du
sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen (Mt 4,1.7); als ihn die
Pharisäer fragten, zitierte er ihnen ebenfalls die Heilige Schrift: Es
steht geschrieben (Mt 21,13 u. a.). Sie können es ebenso machen und

361
sagen: Das sagen die Satzungen. Manchmal muß man die Fehler auch
einfach nennen, ohne (die Satzungen) anzuführen. Man muß bei al-
lem einfach vorgehen und die anderen sagen lassen, was sie wollen.
Meine liebe Tochter, es ist gut, das Schuldbekenntnis der anderen
zu hören, um Licht zu empfangen, die Ihren zu sehen und bei sich
selbst zu sagen, daß diese Schwester sehr demütig ist, sich in dieser
Weise anzuklagen. Würden Sie sie aber aus Neugierde anhören, dann
muß man sich abtöten und sie nicht anhören. Und wenn Sie Ihre Feh-
ler sagen, müssen Sie wünschen, die anderen sollen denken, daß Sie
so sind, wie Sie sich anklagen, und noch schlimmer, um die Demut zu
üben.
Sie können den abwesenden Schwestern schreiben, denn das tröstet
sie und hält die gegenseitige Liebe aufrecht; manchmal werden Sie
auch aus Demut und echter Selbstverachtung nicht schreiben. Das
muß man zwanglos und in Freiheit tun.
Unterdrücken Sie die inneren Worte: Wenn man mir dies sagt, wer-
de ich das antworten; denn das bewirkt nur, daß man das Herz verbit-
tert und die Güte verliert. Wundern Sie sich nicht über diese Erschüt-
terungen des Herzens und die Abneigung gegen den Nächsten; wenn
Sie diese nur nicht freiwillig nähren, liegt darin keine Sünde. – Aber
Sie sprechen nicht freundlich mit ihnen. – Es gibt kein Mittel, meine
liebe Tochter, das zu tun, als liebte man sie sehr, außer wenn man sich
große Gewalt antut. Und das zu tun, ist eine große Übung der Tugend,
und es nicht zu tun, heißt sie verfehlen.

Wie man sich erheben muß, wenn man gefallen ist.

Wenn man in irgendwelche Fehler oder Unvollkommenheiten fällt,


ist es ein sehr gutes Mittel, das Gott sehr gefällt und den Teufel zu-
schanden macht, sich sogleich vor Gott zu verdemütigen und seinen
Geist zum Himmel zu erheben, indem man sich dieser oder ähnli-
cher Worte bedient: Herr, du siehst, wie anfällig und armselig ich bin
und wie oft ich falle; vergib mir, Herr, und gib mir die Gnade, nicht
mehr zu fallen. Wenn Sie gegen die Schwestern gefehlt haben, muß
man den Fehler gutmachen; und wenn Sie den Fehler gegen eine ein-
zelne begangen haben, dann sagen Sie, wenn es ein Fehler gegen die
Sanftmut war, eine Widerrede, die Äußerung der Abneigung: „Meine
teuerste Schwester, ich bitte Sie um Verzeihung, weil ich Ihnen Ab-
neigung gezeigt und gegen die Sanftmut gefehlt habe; ich habe Ihnen

362
Ärgernis gegeben; ich bitte Sie, bitten Sie Unseren Herrn für mich,
damit er mir Barmherzigkeit schenke und die Gnade, mich zu bes-
sern.“ Dann denken Sie nicht mehr an Ihren Fehler, meine liebe Toch-
ter. Machen Sie es nicht wie die kleinen Kinder: wenn sie gefallen
sind, schauen sie herum, ob sie jemand gesehen hat. Wundern Sie sich
nicht über Ihre Fehler und Unvollkommenheiten; sie dürfen Sie nur
nicht entmutigen, denn das steht im Gegensatz zur Vollkommenheit,
die wir wünschen.
Trachten Sie bei allen Handlungen, sich abzutöten und mit Unse-
rem Herrn auf dem Kalvarienberg Ihre Leidenschaften, Neigungen
und Abneigungen zu kreuzigen, damit Sie mit ihm in seiner Glorie
leben werden. Heften Sie Ihr Herz an den Fuß des Kreuzes und lassen
Sie es dort in seiner Liebe ruhen. Seien Sie recht froh, daß Sie einzig
durch die Barmherzigkeit Gottes, Ihres Erlösers gerettet sind, ohne
eine andere Entsprechung von Ihrer Seite als die des Gehorsams ge-
gen seine Einsprechungen.
Was macht es aus, daß Sie immer unvollkommen sind, wenn Sie nur
darauf bedacht sind, sich zu vervollkommnen, und getreu alle Mittel
dazu anwenden, die Ihnen möglich sind. Lassen Sie Gott machen, er
wird Ihnen helfen. Machen Sie sich nicht so viele Sorgen um sich
selbst und darüber, was aus Ihnen werden soll. Gehen Sie immer Ih-
ren kleinen Schritt, einen nach dem anderen. Wenn ich auch sage,
kleinen Schritt, heißt das nicht, daß ich nicht ein großes Verlangen
nach Ihrem Fortschritt hätte. Ich verspreche mir viel von Ihrem gu-
ten Herzen, meine liebe Tochter; enttäuschen Sie mich nicht, denn
ich will, daß Sie hier die starke Tochter sind, die mutigste, sanfteste
und demütigste von allen, weil Sie in meinen Armen (wieder)geboren
sind. Sie wissen, wie sehr mein Herz Sie liebt, daß Sie sich voll und
ganz und ohne Vorbehalt mir übergeben haben und daß wir ein Herz
miteinander haben: das Ihre gehört mir und das meine ganz und gar
Ihnen; und wenn Sie von Ihrem Herzen sprechen hören, wird es das
meine sein. Nun denn, meine Tochter, ich bitte Sie, niemals Mißtrau-
en gegen mich zu haben, um mir irgendetwas zu verheimlichen, was
in Ihnen vorgeht.
Sie müssen wissen, daß Sie für Ihre Sünden hinreichend Genugtu-
ung leisten, wenn Sie alles, was Sie tun, rein für Gott und um ihm zu
gefallen tun, ohne andere Absicht; und das ist vollkommener.
Unser Herr sagte (Joh 20,22) zu seinen Aposteln: Empfangt den
Heiligen Geist und Heiligmacher, aber weil sie auf Erden waren, konn-

363
ten sie nicht verhindern, daß sie ihre Füße schmutzig machten, wenn
sie im Staub gingen. So werden wir, solange wir in diesem Leben sind,
immer Trübsale haben. Man muß sich sehr demütigen und guten Mut
fassen, um unsere Unvollkommenheiten zu bekämpfen, denn solange
wir in diesem Leben sind, werden wir immer zu tun und zu kämpfen
haben: das ist die Übung unserer Demut. Man darf sich nicht darüber
wundern, sich immer wieder fehlen und in Fehler fallen zu sehen;
und wie man großen Mut haben muß, um sich wieder zu erheben,
wenn wir gefallen sind, so braucht man noch größeren Mut, um sich
zu ertragen, wenn man sich oft in die gleichen Fehler fallen sieht.
Und wenn man guten Mut haben muß mit sich selbst, muß man noch
größeren haben, um den Nächsten in Liebe zu ertragen mit seinen
Fehlern und der Verzögerung der Vollkommenheit durch sein ständi-
ges Fallen, ohne daß er sich wieder erhebt. Man muß vor allem die
Schwachen ertragen.
Sie sind betrübt, meine liebe Tochter, weil Sie Fehler begehen: man
muß sich demütigen und in Frieden bleiben. Aus uns selbst können
wir ohne die Gnade Gottes nichts tun (vgl. 2 Kor 3,5). Er hat gesagt,
daß wir nicht ein Haar unseres Hauptes ändern können, um es weiß
oder schwarz zu machen (Mt 5,36).
Wenn man Sie zu Unrecht anklagt? Sagen Sie die Wahrheit; das
müssen wir tun. – Es ist aber die Oberin, und sie macht die Zurecht-
weisung, als hätte man ihr etwas verheimlicht. – Man muß ihr die
Wahrheit sagen und dann schweigend dulden. Im übrigen muß man
nicht auf der Stelle hingehen und seine Betroffenheit sagen, obwohl
sie uns sehr bedrängt; man muß warten, bis sie ein wenig vergangen
ist.

Wie man nach dem höheren Seelenteil leben soll.

Behalten Sie diese Weisung Ihres Vaters gut, meine teuerste Toch-
ter, um sie in die Tat umzusetzen: Man muß dem Leben Unseres Herrn
gemäß leben, stets nach dem höheren Teil vorgehen. Halten Sie an
dieser Regel fest, nicht nach Ihren Gefühlen zu leben, sondern nach
der Vernunft. Das muß man immer wiederholen.
Ihnen dünkt aber, daß Sie nichts tun, wenn Sie bei dem, was Sie tun,
keine Tröstungen und Befriedigung fühlen, denn das lieben wir doch
so! – O, ich will, daß Sie mutiger seien, meine liebe Tochter, und daß
Sie an nichts hängen, weder an fühlbaren Tröstungen Gottes noch an

364
der Zuneigung von Geschöpfen. Unser Herr will, daß wir mehr tun
als die Heiden, die jene mehr lieben, von denen sie geliebt werden
(Mt 5,44ff); er will, daß wir unsere Tugend gegen diejenigen üben, die
uns weniger lieben, und das muß man tun. Wenn da eine Person ist,
die schlecht riecht und die man bedienen muß; und wenn sie mit
unserem Dienst unzufrieden wäre, dürfte man deswegen nicht den
kleinsten Dienst unterlassen, den man ihr schuldet. Jeder liebt die
mehr, die seinem Geschmack entsprechen. Dasselbe gilt von den Tu-
genden. Es ist sehr leicht, sanftmütig zu sein, wenn einen nichts är-
gert. Man muß seinen Geist auf jede Weise zurechtbiegen durch eine
vorzügliche Abtötung unser selbst und alles dessen, was vom Naturell
stammt, um sich nach dem Wohlgefallen Gottes zu richten.
Ach, wann wird es so weit sein, daß Sie mit dem Apostel (Gal 2,20)
sagen können: Nicht mehr ich lebe, sondern Jesus Christus lebt in mir?
Das muß genau zu der Stunde sein, wenn Sie Herrin über sich selbst
und die neue Tochter Unseres Herrn sind. Sie werden die Auflösung
in das Leben und den Tod Unseres Herrn vollziehen.
Man muß große Sorge für das Heil der Seelen und für die Ehre
Gottes haben und damit die Demut verbinden.

Wie man jeden Tag seine guten Vorsätze erneuern soll.

Vereinigen Sie sich fest mit Unserem Herrn durch die Erneuerung
Ihrer Gelübde mit der größten Innigkeit, die Ihnen möglich ist. Und
werfen Sie sich Unserer lieben Frau zu Füßen, fassen Sie ihr Gewand
an und bitten sie, Sie als eine neue Tochter unter ihren Schutz zu
nehmen und Ihr Herz mit dem Duft ihrer hochheiligen Demut zu
erfüllen. Haben Sie großes Vertrauen zu ihr und zum hl. Josef.
Man muß jeden Tag anfangen, Gutes zu tun, als hätte man nichts
getan. Um die Aktivität des Geistes festzuhalten und ihn von seiner
Nachlässigkeit abzubringen, muß man oft sein Herz fragen, wozu es
in den Orden gekommen ist, ohne an morgen zu denken.