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Bereitgestellt von: UB Wien Di, Okt 6th 2020, 09:32

Paul Wagner, Georg Reischl, Gerhard Steiner

Einführung
in die Physik

3., erweiterte Auflage


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Paul Wagner, Georg Reischl, Gerhard Steiner


Einführung in die Physik
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Paul Wagner
Georg Reischl
Gerhard Steiner

Einführung in die Physik

3., erweiterte Auflage

facultas.wuv

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Ao. Univ. Prof. Dr. h.c. Dr. Paul E. Wagner,


Ao. Univ. Prof. Dr. Georg P. Reischl,
Dr. Gerhard Steiner,
Fakultät für Physik, Universität Wien.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

3., erweiterte Auflage 2014


Copyright © 2010, Facultas Verlags- und Buchhandels AG,
facultas.wuv Universitätsverlag, Wien, Austria
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung
sowie der Übersetzung sind vorbehalten.
Umschlagbild: © siloto – Fotolia.com
Druck: Finidr, Tschechien
ISBN 978-3-7089-1144-1 print ISBN 978-3-99030-294-1 pdf

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Vorwort

Das vorliegende Buch ist im Zusammenhang mit Einführungsvorlesungen zur Phy-


sik entstanden, die seit Jahren an der Universität Wien gehalten werden. Das Haupt-
augenmerk liegt auf einer knappen und systematischen Darstellung. Im Interesse der
Betonung wesentlicher physikalischer Zusammenhänge und Querverbindungen
wurde eine Auswahl der Stoffgebiete vorgenommen. Besonders die begrifflichen
Grundlagen werden ausführlich erläutert und die physikalisch-anschauliche Bedeu-
tung mathematischer Beziehungen herausgearbeitet. Bei der Darstellung der ein-
zelnen Stoffgebiete werden insbesondere auch diverse in der Physik angewendete
Problemlösungsmethoden vorgestellt. Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich
mit der klassischen Physik. Ausgehend von Elektrodynamik und Optik erfolgt je-
doch auch eine Darstellung von Grundzügen der Relativitätsmechanik und der
Quantenmechanik.
Das Buch eignet sich zum Gebrauch bei Einführungsvorlesungen für Studierende
der Physik, Chemie, Astronomie, Meteorologie, Geophysik und verwandter Fächer.
Außerdem vermittelt das Buch einen allgemeinen Überblick, der als Ausgangs-
punkt für die Beschäftigung mit speziellen weiterführenden Gebieten der Physik
dienen kann. Der mathematische Formalismus steht nicht im Vordergrund, für eine
übersichtliche und konsequente Darstellung kann jedoch auf die Anwendung ma-
thematischer Hilfsmittel nicht verzichtet werden. An einzelnen Stellen im Text
werden einige der erforderlichen mathematischen Grundlagen kurz erläutert.
Grundkenntnisse, insbesondere der Vektor- und Tensorrechnung, sowie der Eigen-
schaften komplexer Zahlen, sind jedoch bei der Lektüre des vorliegenden Buches
nützlich.
Die Autoren danken Herrn Hofrat Dr. Herbert Burghardt für die kritische Durch-
sicht des Manuskriptes und insbesondere für seine wertvollen Hinweise bezüglich
des neu aufgenommenen Kapitels über musikalische Akustik. Ferner sind die Auto-
ren dem Verlag für die Kooperationsbereitschaft, Geduld und professionelle Unter-
stützung zu Dank verpflichtet. Ohne die reibungslose Zusammenarbeit mit dem
Verlag wäre das vorliegende Buch nicht zustande gekommen. Die Autoren danken
auch den zahlreichen Hörerinnen und Hörern, die mit diversen kritischen Fragen
und Bemerkungen während der Vorlesungen zu Verbesserungen der Darstellung
beigetragen haben.

Wien, im April 2014 Paul Wagner


Georg Reischl
Gerhard Steiner

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ................................................................... 13
1.1 Entwicklung des physikalischen Weltbildes ................................................... 13
1.2 Bedeutung der Physik in verschiedenen Wissensgebieten und
Anwendungen .................................................................................................. 16
1.3 System und Modell .......................................................................................... 17
1.4 Der Messvorgang ............................................................................................. 18
1.5 Physikalische Größen und Einheiten ............................................................... 19
1.6 Messgenauigkeit .............................................................................................. 23

2 Mechanik .................................................................... 31
2.1 Mechanik von Massenpunkten ........................................................................ 31
2.1.1 Kinematik von Massenpunkten ............................................................... 31
2.1.2 Dynamik von Massenpunkten, Erhaltungssätze ...................................... 39
2.1.3 Wechselwirkungskräfte ........................................................................... 58
2.1.3.1 Gravitationswechselwirkung, Newton’sches Gravitationsgesetz ... 59
2.1.3.2 Molekulare Wechselwirkung und harmonischer Oszillator ............ 69
2.2 Bewegte Bezugssysteme, Trägheitskräfte ....................................................... 72
2.2.1 Translation von Bezugssystemen ............................................................ 73
2.2.2 Rotation von Bezugssystemen ................................................................. 76
2.3 Streuvorgänge .................................................................................................. 82
2.4 Mechanik starrer Körper .................................................................................. 92
2.4.1 Statik starrer Körper ................................................................................ 93
2.4.2 Dynamik der Rotation starrer Körper ...................................................... 98
2.4.3 Rotation starrer Körper um feste Achsen .............................................. 103
2.4.4 Rotation starrer Körper um freie Achsen, Kreiselbewegung ................ 111
2.5 Mechanik fester Körper, Elastizitätslehre ..................................................... 118
2.5.1 Deformationen (Verzerrungen) fester Körper ....................................... 118
2.5.2 Spannungen in festen Körpern .............................................................. 120
2.5.3 Elastische Eigenschaften isotroper und anisotroper Festkörper ............ 122
2.5.4 Spezielle elastische Verformungen isotroper Festkörper ...................... 125
2.5.5 Oberflächeneigenschaften fester Körper ............................................... 128
2.5.5.1 Härte von Festkörpern ................................................................... 128
2.5.5.2 Reibung von Festkörpern .............................................................. 129
2.6 Mechanik von Flüssigkeiten und Gasen ........................................................ 132
2.6.1 Mechanik ruhender Flüssigkeiten und Gase (Hydrostatik) ................... 132
2.6.2 Oberflächeneigenschaften ruhender Flüssigkeiten ................................ 137

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2.6.3 Mechanik strömender Flüssigkeiten und Gase (Hydrodynamik) .......... 140


2.6.3.1 Grundbegriffe ................................................................................ 140
2.6.3.2 Erhaltung der Masse, Kontinuitätsgleichung ................................ 141
2.6.3.3 Strömung reibungsfreier Fluide .................................................... 144
2.6.3.4 Strömung zäher Fluide .................................................................. 149

3 Schwingungen und Wellen ........................................ 155


3.1 Grundbegriffe ................................................................................................. 155
3.2 Schwingungen ................................................................................................ 156
3.2.1 Ungedämpfte Schwingungen ................................................................. 156
3.2.2 Überlagerung ungedämpfter Schwingungen ......................................... 158
3.2.3 Gedämpfte Schwingungen ..................................................................... 161
3.2.4 Erzwungene Schwingungen .................................................................. 164
3.2.5 Gekoppelte Schwingungen .................................................................... 167
3.3 Wellen ............................................................................................................ 168
3.3.1 Grundbegriffe ........................................................................................ 168
3.3.2 Ausbreitungsgeschwindigkeit von Wellen ............................................ 171
3.3.3 Wellengleichung .................................................................................... 174
3.3.4 Ausbreitung und Überlagerung von Wellen .......................................... 175
3.3.5 Dopplereffekt ......................................................................................... 176
3.3.6 Mechanische Wellen in elastisch deformierbaren Medien ................... 179
3.4 Musikalische Akustik .................................................................................... 183
3.4.1 Lautstärke .............................................................................................. 183
3.4.2 Tonhöhe, Klangfarbe und Intervalle ...................................................... 184
3.4.3 Tonsysteme ............................................................................................ 187

4 Thermodynamik ....................................................... 193


4.1 Grundlagen ..................................................................................................... 193
4.2 Temperatur und Temperaturskalen ................................................................ 194
4.2.1 Temperaturmessung, Celsius-Skala ...................................................... 195
4.2.2 Zustandsgleichung idealer Gase, Kelvin-Skala ..................................... 195
4.3 Wärmemenge und mechanische Energie ....................................................... 197
4.4 Kinetik idealer Gase ...................................................................................... 199
4.4.1 Kinetische Berechnung des Gasdruckes ................................................ 199
4.4.2 Kinetische Definition der Temperatur ................................................... 202
4.4.3 Brown’sche Bewegung .......................................................................... 203
4.4.4 Maxwell-Boltzmann’sche Geschwindigkeitsverteilung ....................... 205
4.4.5 Mittlere freie Weglänge ......................................................................... 209
4.5 Wärmekapazität ............................................................................................. 210
4.5.1 Wärmekapazität von idealen Gasen ...................................................... 211
4.5.2 Wärmekapazität fester Körper ............................................................... 214

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4.6 Transportvorgänge ......................................................................................... 216


4.6.1 Impulstransport ...................................................................................... 216
4.6.2 Massetransport ....................................................................................... 217
4.6.3 Wärmetransport ..................................................................................... 220
4.6.3.1 Wärmeleitung ................................................................................ 220
4.6.3.2 Wärmetransport durch Konvektion ............................................... 222
4.6.3.3 Wärmestrahlung ............................................................................ 223
4.7 Energieaustausch thermodynamischer Systeme, Hauptsätze der Thermo-
dynamik ......................................................................................................... 227
4.7.1 Grundbegriffe ........................................................................................ 227
4.7.2 Erster Hauptsatz der Thermodynamik ................................................... 228
4.7.3 Spezielle Zustandsänderungen idealer Gase ......................................... 229
4.7.3.1 Isochore Zustandsänderungen ....................................................... 229
4.7.3.2 Isobare Zustandsänderungen ......................................................... 229
4.7.3.3 Isotherme Zustandsänderungen ..................................................... 230
4.7.3.4 Adiabatische Zustandsänderungen ................................................ 231
4.7.4 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik ................................................ 233
4.7.5 Kreisprozesse in idealen Gasen ............................................................. 234
4.7.6 Entropie und dritter Hauptsatz der Thermodynamik ............................. 237
4.7.7 Statistische Interpretation der Entropie ................................................. 241
4.7.8 Thermodynamische Potenziale, Gleichgewichtsbedingungen .............. 245
4.8 Reale Gase ..................................................................................................... 246
4.8.1 Van der Waals’sche Zustandsgleichung ................................................ 247
4.8.2 Phasenübergänge ................................................................................... 248

5 Elektrodynamik ........................................................ 253


5.1 Grundbegriffe ................................................................................................. 253
5.2 Elektrostatik ................................................................................................... 254
5.2.1 Grundlagen, Coulomb’sches Kraftgesetz, Gauß’sches Gesetz ............. 254
5.2.2 Elektrische Felder statischer Ladungsverteilungen, Influenz ............... 261
5.2.3 Kondensatoren ....................................................................................... 267
5.2.4 Energiedichte des elektrischen Feldes ................................................... 276
5.2.5 Elektrische Dipole ................................................................................. 278
5.2.6 Isolierende Stoffe (Dielelektrika) im elektrischen Feld ........................ 281
5.2.7 Freie Ladungen und dielektrische Verschiebung .................................. 286
5.3 Elektrische Ströme ......................................................................................... 295
5.3.1 Grundbegriffe ........................................................................................ 295
5.3.2 Erhaltung der Ladung, Kontinuitätsgleichung ....................................... 297
5.3.3 Leitfähigkeit elektrischer Leiter, Ohm’sches Gesetz ............................ 298
5.3.4 Gleichstromnetzwerke ........................................................................... 300
5.3.5 Stromleistung ......................................................................................... 304

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5.3.6 Schaltvorgänge bei Kondensatoren ....................................................... 306


5.3.7 Stromleitung in materiellen Medien ...................................................... 309
5.3.7.1 Stromleitung in Festkörpern, elektrische Kontaktspannungsreihe . 309
5.3.7.2 Stromleitung in Flüssigkeiten, elektrochemische Spannungsreihe 315
5.3.7.3 Stromleitung in Gasen ................................................................... 318
5.4 Magnetostatik ................................................................................................. 320
5.4.1 Grundlagen, Ampere’sches Gesetz, Quellfreiheit ................................. 320
5.4.2 Magnetfelder elektrischer Ströme, Biot-Savart’sches Gesetz ............... 327
5.4.3 Magnetfelder spezieller stromdurchflossener Leiter, Spulen ................ 330
5.4.4 Kräfte auf Ladungen im Magnetfeld, Lorentz-Kraft ............................. 337
5.4.5 Kraftwirkung zwischen stromdurchflossenen Leitern .......................... 339
5.5 Zeitabhängige elektromagnetische Felder ..................................................... 340
5.5.1 Zeitabhängige Magnetfelder, Faraday’sches Induktionsgesetz ............ 340
5.5.2 Induktivität von Leiteranordnungen, Spulen ......................................... 345
5.5.3 Schaltvorgänge bei Spulen .................................................................... 347
5.5.4 Energiedichte des magnetischen Feldes ................................................ 350
5.5.5 Zeitabhängige elektrische Felder, Maxwell’scher Verschiebungsstrom 352
5.5.6 Magnetische Dipole ............................................................................... 356
5.5.7 Materielle Medien (Magnetika) im magnetischen Feld ........................ 358
5.5.8 Freie Ströme und magnetische Feldstärke ............................................. 365
5.5.9 Grundgleichungen der Elektrodynamik ................................................ 370
5.6 Elektromagnetische Schwingungen ............................................................... 372
5.6.1 Wechselspannung und Wechselstrom ................................................... 372
5.6.2 Drehstrom .............................................................................................. 376
5.6.3 Transformator ........................................................................................ 377
5.6.4 Komplexe Impedanz .............................................................................. 380
5.6.5 Impedanzen spezieller Wechselstromwiderstände ................................ 382
5.6.6 Spezielle Wechselstromschaltungen, Resonanzerscheinungen ............. 385
5.7 Elektromagnetische Wellen ........................................................................... 389
5.7.1 Elektromagnetische Schwingkreise ....................................................... 389
5.7.2 Ausbreitung elektromagnetischer Wellenfelder .................................... 392
5.7.2.1 Wellenausbreitung in Abwesenheit freier Ladungen und Ströme 393
5.7.2.2 Wellenausbreitung in Anwesenheit freier Ladungen und Ströme 395
5.7.3 Ebene elektromagnetische Wellen im Vakuum .................................... 397
5.7.4 Energietransport in elektromagnetischen Wellen .................................. 400

6 Optik ........................................................................ 403


6.1 Grundlagen ..................................................................................................... 404
6.2 Strahlungsmessung und Fotometrie ............................................................... 406
6.3 Grundprinzipe der Optik ................................................................................ 411
6.4 Strahlenoptik .................................................................................................. 412

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6.4.1 Grundbegriffe ........................................................................................ 412


6.4.2 Reflexion des Lichtes ............................................................................. 414
6.4.3 Abbildung durch Spiegel ....................................................................... 414
6.4.4 Brechung des Lichtes ............................................................................. 418
6.4.5 Lichtbrechung an einem Prisma ............................................................ 420
6.4.6 Abbildung durch dünne Linsen ............................................................. 422
6.4.7 Abbildungsfehler ................................................................................... 430
6.4.8 Optische Instrumente ............................................................................. 431
6.4.8.1 Kamera und Projektor ................................................................... 431
6.4.8.2 Lupe und Mikroskop ..................................................................... 432
6.4.8.3 Fernrohr und Spiegelteleskop ........................................................ 432
6.5 Wellenoptik .................................................................................................... 433
6.5.1 Interferenz und Kohärenz ...................................................................... 434
6.5.2 Interferometrie ....................................................................................... 438
6.5.2.1 Zweistrahlinterferenz ..................................................................... 438
6.5.2.2 Vielstrahlinterferenz ...................................................................... 441
6.5.3 Fraunhofer’sche Beugung ..................................................................... 447
6.5.3.1 Fraunhofer’sche Beugung an einem einfachen Spalt .................... 447
6.5.3.2 Fraunhofer’sche Beugung an einer kreisförmigen Öffnung .......... 452
6.5.3.3 Fraunhofer’sche Beugung an einem Doppelspalt ......................... 452
6.5.3.4 Fraunhofer’sche Beugung an einem Gitter ................................... 455
6.5.4 Fresnel’sche Beugung ............................................................................ 457
6.5.5 Auflösungsvermögen optischer Instrumente .......................................... 459
6.5.5.1 Auflösungsvermögen eines Fernrohrs ........................................... 460
6.5.5.2 Auflösungsvermögen eines Mikroskops ........................................ 461
6.5.5.3 Auflösungsvermögen eines Gitterspektrometers .......................... 463
6.5.6 Reflexion und Polarisation des Lichtes ................................................. 463
6.5.7 Optik anisotroper Medien und Doppelbrechung ................................... 467

7 Grundzüge der Relativitätsmechanik ........................ 475


7.1 Elektromagnetische Felder in verschiedenen Inertialsystemen...................... 475
7.2 Grundprinzipe der speziellen Relativitätsmechanik ...................................... 478
7.3 Gleichzeitigkeit .............................................................................................. 479
7.4 Zeitdilatation .................................................................................................. 481
7.5 Längenkontraktion ......................................................................................... 485
7.6 Lorentz-Transformation ................................................................................. 487
7.7 Minkowski-Diagramme .................................................................................. 490
7.8 Geschwindigkeitsaddition .............................................................................. 494
7.9 Masse und Energie ......................................................................................... 495

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8 Grundzüge der Quantenmechanik ............................. 499


8.1 Teilchennatur elektromagnetischer Wellen ................................................... 499
8.2 Quantenzustände von Atomen ....................................................................... 502
8.3 Wellennatur von Teilchen .............................................................................. 505
8.4 Die Schrödinger-Gleichung ........................................................................... 507
8.5 Beschreibung quantenmechanischer Zustände und Messgrößen .................. 508
8.6 Die Heisenberg’sche Unschärferelation ........................................................ 510
8.7 Aufbau von Atomen ...................................................................................... 512

Physikalische Konstanten und Einheiten im Überblick ...................................... 515


Sachregister .......................................................................................................... 519

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1 Einleitung

Die Bezeichnung Physik hat ihren Ursprung im griechischen  bzw.


 in der Bedeutung Naturordnung bzw. Naturforschung. Der Aufgabenbe-
reich der Physik umfasst die Untersuchung von Gesetzmäßigkeiten und Zusammen-
hängen in den beobachteten Naturerscheinungen. Die Basis der Physik, wie auch je-
der anderen Naturwissenschaft, besteht in Beobachtungen und Experimenten.
Ein wesentlicher Aspekt physikalischer Forschung besteht darin, beobachtete Phä-
nomene mit physikalischen Grundprinzipien in Beziehung zu setzen. Nötigenfalls
können dabei bereits bestehende Grundprinzipien modifiziert oder erweitert, oder
neue Grundprinzipien eingeführt werden. Durch Rückführung beobachteter Phä-
nomene auf physikalische Grundprinzipien werden die Phänomene erklärt und gel-
ten damit im Rahmen der Physik als verstanden. Weitergehende Aussagen über die
„eigentliche Natur“ der betrachteten Phänomene werden damit im Allgemeinen
nicht gemacht.

1.1 Entwicklung des physikalischen Weltbildes


Bereits aus der Antike sind astronomische Beobachtungen durch Babylonier und
Ägypter überliefert. Entscheidende Beiträge kamen aus dem antiken Griechenland.
In seiner Naturphilosophie hat Aristoteles mit der Diskussion der Begriffe Raum,
Zeit, Bewegung und Kausalität den Rahmen für die Beschreibung der Natur festge-
legt. Thales von Milet berichtete im 6. Jh. v. Chr. bereits von Magnetismus und
Reibungselektrizität. Neben ihren bahnbrechenden Arbeiten im Bereich der Ma-
thematik begründeten die Pythagoräer mit der Einführung der harmonischen Tonin-
tervalle und der Tonleiter die musikalische Akustik und schufen die Basis für die
Entwicklung unserer Musik. Von Demokrit stammt das Postulat vom Aufbau der
Welt aus Atomen, also nicht weiter teilbaren Einheiten. Die Annahme eines mole-
kularen Aufbaues der Materie gilt allerdings erst seit Beginn des 20. Jh. als unbe-
stritten. Eine Vielzahl von Beiträgen mit großer praktischer Bedeutung stammt von
Archimedes aus dem 3. Jh. v. Chr., wobei vor allem das Hebelgesetz und das Ge-
setz vom Auftrieb in Flüssigkeiten zu nennen sind. Die aus der Antike bekannten
Arbeiten sind durch eine eher spekulative Vorgangsweise gekennzeichnet, experi-
mentelle Überprüfungen behaupteter Gesetzmäßigkeiten wurden im Allgemeinen
nicht als notwendig angesehen.
In der Neuzeit, beginnend im 16. Jh., führte Galilei die experimentelle Methode ein
und begründete damit die Physik im heutigen Sinn. In Experimenten mit Hilfe einer
schiefen Ebene hat Galilei das Fallgesetz gefunden. Seine astronomischen Be-
obachtungen bestätigten das Kopernikanische (heliozentrische) Weltbild, demzu-

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folge sich die Erde um die Sonne bewegt. Dies führte dazu, dass Galilei von der In-
quisition verfolgt wurde, seine offizielle Rehabilitation erfolgte schließlich Ende
des 20. Jh. Auf Grund der von Tycho de Brahe durchgeführten astronomischen Be-
obachtungen stellte Kepler drei Gesetze auf, die quantitative Aussagen über die
Planetenbewegung beinhalten. Im 17. Jh. führte Newton das Trägheitsprinzip und
den Kraftbegriff ein und schuf damit die Grundlage der klassischen Mechanik. Fer-
ner hat Newton die Gravitationswechselwirkung mit Hilfe des Gravitationsgesetzes
quantitativ beschrieben. Damit gelang es Newton, sowohl das Fallgesetz, als auch
die Planetenbewegung auf die Gravitationswechselwirkung zurückzuführen und
somit eine bedeutende Vereinheitlichung zu erzielen.
Ebenfalls im 17. Jh. studierte Boyle gemeinsam mit Mariotte das Verhalten idealer
Gase. Die Atomvorstellung wurde von Dalton bereits im 18. Jh. im Bereich der
Thermodynamik eingeführt. Anfang des 19. Jh. entdeckte Brown bei der Untersu-
chung von in Flüssigkeiten suspendierten Teilchen die heute nach ihm benannte
statistische Zitterbewegung kleiner Partikel. Brown schuf damit die experimentelle
Grundlage der etwa 80 Jahre später von Einstein und Smoluchowski unabhängig
voneinander erbrachten Bestätigung des molekularen Aufbaues der Materie. Mitte
des 19. Jh. wurde die Beziehung von Wärme und mechanischer Energie untersucht.
Mayer, Joule und Helmholtz stellten den Ersten Hauptsatz, Clausius den Zweiten
Hauptsatz der Thermodynamik auf. Clausius prägte in diesem Zusammenhang den
Entropiebegriff. Ende des 19. Jh. hat Boltzmann seine berühmte statistische Inter-
pretation der Entropie gegeben und damit eine Vereinheitlichung von Thermo-
dynamik und statistischer Physik erzielt. Boltzmanns Arbeiten wurden von Mach
vehement kritisiert, der die von Boltzmann vertretene atomistische Vorstellung ab-
lehnte. Avogadro erkannte, dass gleiche Volumina verschiedener idealer Gase bei
gleichem Druck und gleicher Temperatur die gleiche Anzahl von Molekülen ent-
halten. Experimente von Loschmidt erlaubten erstmals eine quantitative Bestim-
mung der Anzahl der Gasmoleküle pro Volumseinheit.
Seit Anfang des 17. Jh. rückte auch die Optik ins Zentrum des Interesses. Snellius
stellte das Brechungsgesetz auf. Newton vertrat eine Korpuskulartheorie des Lich-
tes, Fresnel beobachtete Interferenz von Lichtwellen und bestätigte damit den Wel-
lencharakter des Lichtes. Gegen Ende des 17. Jh. gelang es Rømer, durch Beobach-
tung der Bewegung eines Jupitermondes erstmals die Ausbreitungsgeschwindigkeit
des Lichtes zu ermitteln.
Im 18. Jh. leitete Coulomb aus seinen Experimenten mit der nach ihm benannten
Drehwaage das Coulomb’sche Kraftgesetz her, das die elektrostatische Wechsel-
wirkungskraft zweier Punktladungen beschreibt. Ørsted entdeckte Anfang des
19. Jh. das magnetische Feld in der Umgebung elektrischer Ströme. Diese folgen-
reiche Entdeckung führte zur Vereinheitlichung elektrischer und magnetischer Phä-
nomene. Der hervorragende Experimentator Faraday stellte nach einer Serie von
Experimenten das später nach ihm benannte Induktionsgesetz auf. Mitte des 19. Jh.
veröffentlichte Maxwell die heute nach ihm benannten Gleichungen zur Beschrei-
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bung der Elektrodynamik, die insbesondere die Ausbreitung elektromagnetischer


Wellen vorhersagen. Maxwell erkannte die elektromagnetische Natur der Lichtwel-
len, was eine Vereinheitlichung elektromagnetischer und optischer Phänomene zur
Folge hatte.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert setzten bedeutende neue Entwicklun-
gen in der Physik ein. Michelson versuchte in seinem berühmten Experiment ge-
meinsam mit Morley 1887 die Geschwindigkeit der Erde relativ zu dem als Träger-
medium der Lichtwellen postulierten Lichtäther zu bestimmen. Aus dem ergebnis-
losen Ausgang des Experimentes hatte bereits Mach geschlossen, dass das Postulat
der Existenz des Lichtäthers fallengelassen werden muss. In weiterer Folge entwi-
ckelte Einstein 1905 die spezielle Relativitätsmechanik, die insbesondere zur Auf-
gabe des Begriffes der absoluten Zeit führte. Beeinflusst von Mach verallgemeiner-
te Einstein 1916 die spezielle Relativitätsmechanik und gelangte zur allgemeinen
Relativitätsmechanik, bei der die Gravitationswechselwirkung auf Grund von
Trägheitsbewegungen in einer gekrümmten vierdimensionalen Raumzeit interpre-
tiert wird. Dies führte zu einem Wegfall der begrifflichen Unterscheidung zwischen
träger und schwerer Masse und somit zu einer unmittelbaren Erklärung des Prinzips
der Äquivalenz von träger und schwerer Masse.
Um zu einer realistischen Beschreibung der spektralen Intensitätsverteilung der
Wärmestrahlung zu gelangen, postulierte Planck im Jahr 1900 eine Quantisierung
der Energie elektromagnetischer Oszillatoren und begründete damit die Quanten-
mechanik. Die von Hertz und Hallwachs 1887 durchgeführten Experimente zum
photoelektrischen Effekt lieferten eine Grundlage für die 1905 von Einstein postu-
lierte Teilchennatur elektromagnetischer Wellen und somit für die Einführung des
Welle-Teilchen-Dualismus. Die bereits seit 1885 bekannten diskreten optischen
Spektralserien veranlassten Bohr zur Annahme diskreter Energiezustände der Atome,
was 1913 durch Experimente von Franck und Hertz auch direkt bestätigt wurde. Im
gleichen Jahr hat Bohr, aufbauend auf drei Postulaten, ein Atommodell aufgestellt,
das die Berechnung der diskreten Elektronenenergien in Atomen in Übereinstim-
mung mit den experimentellen Spektralserien ermöglicht. Eines der Bohr’schen
Postulate konnte 1924 mit Hilfe der von de Broglie postulierten Materiewellen
plausibel gemacht werden. Anschließend an dieses Konzept stellte dann Schrödin-
ger 1926 die berühmte Wellengleichung für Materiewellen auf, die für die Quan-
tenmechanik von grundlegender Bedeutung ist. Im darauffolgenden Jahr haben
Davisson und Germer durch Interferenzexperimente mit Elektronenstrahlen den
Wellencharakter von Elektronenstrahlen direkt bewiesen. In der Kopenhagener In-
terpretation liefert die Wellenfunktion für Materiewellen Information über die Auf-
enthaltswahrscheinlichkeit der Teilchen. Eine deterministische Vorhersage der zeit-
lichen Entwicklung eines Systems erweist sich im Rahmen der Quantenmechanik
als unmöglich. Gemäß der von Heisenberg 1927 formulierten Unschärferelation
sind bestimmte physikalische Größen nicht gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit

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messbar. In neuerer Zeit haben Fragen der Verschränkung und der Nichtlokalität
quantenmechanischer Zustände zunehmend Beachtung gefunden.

1.2 Bedeutung der Physik in verschiedenen Wissens-


gebieten und Anwendungen
Die Physik liefert wesentliche Grundlagen für praktisch alle Naturwissenschaften.
Im Bereich der Chemie spielt die thermodynamische Beschreibung von Systemen
eine ausschlaggebende Rolle. Die physikalische Beschreibung des Atombaues hat
zu einer Erklärung des periodischen Systems der Elemente geführt. Chemische
Bindungen und Molekülstrukturen können mit Hilfe quantenmechanischer Metho-
den quantitativ beschrieben werden.
Zwischen Astronomie und Physik besteht eine enge Beziehung. Einerseits liefert
die Physik Modelle zur Beschreibung der Entwicklung von Sternen, Galaxien und
des gesamten Kosmos. Andererseits beruht die Entwicklung neuerer Beobachtungs-
instrumente, wie etwa Radioteleskope, auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Die im Rahmen der Meteorologie erfolgende Beschreibung von Vorgängen in der
Erdatmosphäre erfolgt zu einem erheblichen Teil mit Hilfe von Hydrodynamik und
Thermodynamik. Die Entstehung von Wolken wird wesentlich durch Phasenüber-
gangsvorgänge, insbesondere Nukleation an Aerosolpartikeln, bestimmt. Die phy-
sikalische Wechselwirkung von solarer Strahlung mit Gasmolekülen, Aerosolparti-
keln und Wolkentropfen hat erheblichen Einfluss auf die globale Klimaentwick-
lung.
Auch im Bereich der Biologie und der Medizin bestehen vielfältige Beziehungen
zur Physik. Der Energiehaushalt von biologischen Zellen, Transportvorgänge durch
Zellmembranen, sowie Wechselwirkung elektromagnetischer und radioaktiver
Strahlung mit Zellgewebe werden mit physikalischen Methoden beschrieben. Dar-
über hinaus beruhen diverse neuere Markierungsverfahren und Diagnosemethoden
auf physikalischen Grundlagen.
Physikalische Erkenntnisse haben auch zu diversen technischen Anwendungen
geführt. Genannt seien Dampfmaschine, Elektromotor und Generator, Halbleiter-
entwicklung und Laser. Energiegewinnung aus Kernenergie, Solarenergie, etc. ist
von hoher Aktualität. Besonders vielfältige Anwendungen der Physik bestehen im
Bereich der Nachrichtenübertragung und Informationstechnologie.
Besonders sei auch auf die wichtigen Beziehungen der Physik zu Philosophie und
Ethik hingewiesen. Ergebnisse physikalischer Forschung haben unter Anderem die
Erkenntnistheorie maßgeblich beeinflusst. Auswirkungen der Anwendung neuer
physikalischer Forschungsergebnisse in verschiedenen Bereichen der menschlichen
Gesellschaft, und insbesondere potenzielle Gefahrenquellen, müssen laufend ein-
gehend untersucht werden, wobei den Physikern wesentliche Verantwortung zu-
kommt.

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1.3 System und Modell


Der Gegenstand physikalischer Forschung sind Systeme:

Ein System ist ein räumlicher Bereich, der durch eine Systemgrenze von einer
Umgebung abgegrenzt ist.

Einzelne Atome und Moleküle, Cluster mehrerer in enger Wechselwirkung stehen-


der Moleküle, sowie auch räumlich abgegrenzte makroskopische feste, flüssige
oder gasförmige Körper, sind Beispiele physikalischer Systeme. Systeme stehen im
Allgemeinen in Wechselwirkung mit ihrer Umgebung. Ein zeitlich unveränderli-
ches System wird als Zustand bezeichnet.
Beobachtungen oder Experimente an physikalischen Systemen sind Ausgangspunkt
für eine mögliche Idealisierung in Form eines Modells, wie etwa das Modell eines
deformierbaren festen Körpers. Aufbauend auf Grundprinzipien und (idealisieren-
den) Annahmen kann eine mathematische Beschreibung des betrachteten Modells
in Form einer Theorie erfolgen, etwa die Elastizitätstheorie. Die Gültigkeit bzw.
die Grenzen der Gültigkeit einer Theorie sind im Allgemeinen durch Experimente
zu überprüfen, wie zum Beispiel Verformungsexperimente an Festkörpern. Durch
Widerspruch eines experimentellen Ergebnisses zu einer zugehörigen theoretischen
Vorhersage kann die entsprechende Theorie falsifiziert werden. So lange eine The-
orie nicht falsifiziert wurde, kann sie als gültig angesehen werden. Die Gültigkeit
einer Theorie ist jedoch im Allgemeinen auf einen bestimmten Bereich von physi-
kalischen Bedingungen beschränkt. Für jede Theorie ist daher die Angabe des Gül-
tigkeitsbereiches von ausschlaggebender Bedeutung.
Eine Theorie erlaubt die Rückführung beobachteter Phänomene auf physikalische
Grundprinzipien. Damit gelten diese Phänomene im Rahmen der Physik als ver-
standen. Eine Theorie ermöglicht auch die Vorhersage des Verhaltens von Syste-
men unter Bedingungen, die noch nicht experimentell untersucht wurden oder noch
nicht untersucht werden können. Insbesondere gestattet eine Theorie im Allgemei-
nen auch die Berechnung der zeitlichen Entwicklung eines Systems und damit eine
Vorhersage des zukünftigen Verhaltens von Systemen. Im Rahmen der klassischen
Physik kann das zukünftige Verhalten linearer Systeme bei hinreichender Kenntnis
der Anfangsbedingungen beliebig genau konkret vorhergesagt werden, diese Sys-
teme verhalten sich deterministisch. Bei der Beschreibung quantenmechanischer
Systeme sind jedoch im Allgemeinen nur Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich,
für diese Systeme besteht somit kein strenger Determinismus, die Kausalität bleibt
jedoch gültig. Nichtlineare klassische Systeme verhalten sich im Allgemeinen de-
terministisch, beliebig kleine Änderungen der Anfangsbedingungen können aber
bereits zu gravierenden Änderungen der zukünftigen Entwicklung führen. Bei sol-
chen chaotischen Systemen können daher grundsätzliche Probleme bei der Vorher-
sage der zukünftigen Entwicklung auftreten. Meteorologische Vorgänge können
etwa nur für verhältnismäßig kurze Zeitspannen vorhergesagt werden.

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Manche Modelle können oft in gleichartiger Weise auf mehrere unterschiedliche


Systeme angewendet werden. Ein wichtiges Modell ist der Massenpunkt, das ist
ein System, bei dessen Beschreibung es nicht auf die innere Struktur ankommt.
Atome, Wolkentröpfchen, aber auch die Planeten auf ihrer Bahn um die Sonne,
können unter gewissen Umständen als Massenpunkte aufgefasst werden. Eine de-
tailliertere Beschreibung der betrachteten Systeme erfordert natürlich eine Verfei-
nerung des Modells. Ein weiteres weit verbreitetes Modell ist die Welle. Oberflä-
chenwellen (etwa Wasserwellen), akustische Wellen, elektromagnetische Wellen
inkl. Lichtwellen, sowie quantenmechanische Materiewellen, werden in gleicharti-
ger Weise im Rahmen des Wellenmodells beschrieben.
Während es offenbar Modelle gibt, die auf unterschiedliche Systeme in gleichartiger
Weise angewendet werden können, gibt es andererseits auch Systeme, deren Eigen-
schaften nicht ausschließlich im Rahmen eines einzigen Modells beschrieben werden
können. Bei elektromagnetischer Strahlung wurde etwa gefunden, dass sie sowohl
Wellen-, als auch Teilchencharakter aufweist (Welle-Teilchen-Dualismus). In die-
sem Fall hat es sich erwiesen, dass zur Beschreibung verschiedener Aspekte des
gleichen physikalischen Systems zwei unterschiedliche Modelle erforderlich sind.

1.4 Der Messvorgang


Ein Messvorgang besteht darin, dass ein Beobachter B sich über die Eigenschaften
eines Systems S Informationen verschafft. Der Beobachter B wird stets als makro-
skopisches System angesehen. B und S zusammen bilden ebenfalls ein System
(siehe Abb. 1.1).

System S Beobachter B

Abb. 1.1: Schematische Darstellung eines Messvorganges

Es ist davon auszugehen, dass durch den Messvorgang das betrachtete System S
beeinflusst wird. Falls S ein makroskopisches System ist, dann kann der Einfluss
des Beobachters B erfahrungsgemäß meistens sehr klein gemacht werden. Falls der
Beobachtungseinfluss vernachlässigt werden kann ist es sinnvoll, die Messergeb-
nisse als objektive Systemeigenschaften anzusehen und man kann eine objektive
Wirklichkeit annehmen (Realität). Eine wesentliche Voraussetzung für die Ver-
lässlichkeit makroskopischer Messungen ist deren Reproduzierbarkeit.
Falls das betrachtete System S mikroskopisch ist und somit im Rahmen der Quan-
tenmechanik beschrieben wird, ist ein wesentlicher Einfluss des Beobachtungsvor-

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ganges auf das System S im Allgemeinen unvermeidbar. Einerseits können im


Allgemeinen zwei verschiedene physikalische Größen, etwa Ort und Impuls eines
Teilchens, nicht gleichzeitig mit beliebiger Genauigkeit gemessen werden. Dieser
Umstand wird mittels der Heisenbergschen Unschärferelation

x  p x  (1.1)
2
quantitativ beschrieben, wobei   1.05  1034 J s als reduziertes Planck'sches
Wirkungsquantum oder Drehimpulsquantum bezeichnet wird, h  2   ist das
Planck'sche Wirkungsquantum (siehe Kapitel 8). Je kleiner etwa die Unschärfe
p x bei der Messung des Impulses p x eines Teilchens ist, desto größer ist die un-
vermeidliche Unschärfe x des Teilchenaufenthaltsortes x . Andererseits wird der
Zustand eines mikroskopischen Systems auf Grund der Durchführung einer Mes-
sung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einen von mehreren Eigenzuständen
präpariert. Als Beispiel sei hier die beim berühmten Stern-Gerlach-Experiment er-
folgte Messung des Spins von Silberatomen durch Beobachtung der Ablenkung im
Magnetfeld genannt.
In vielen Fällen geht man davon aus, dass sich der quantenmechanische Zustand ei-
nes Systems auf einen verhältnismäßig eng begrenzten Bereich bezieht. (Lokalität).
Neuere Experimente (siehe Kap. 8.5) haben jedoch gezeigt, dass quantenmechani-
sche Zustände auch erhebliche räumliche Ausdehnung haben können.

1.5 Physikalische Größen und Einheiten


Systeme werden mit Hilfe physikalischer Größen beschrieben. Definition und
Auswahl der verwendeten Größen sind im Allgemeinen modellabhängig und will-
kürlich. Zur Beschreibung des dynamischen Verhaltens mechanischer Systeme hat
etwa Newton als neue physikalische Größe den Begriff der Kraft als Ursache der
Beschleunigung eines Körpers eingeführt (siehe Kap. 2.1.2).
Die Festlegung einer Größe erfolgt stets durch Vergleich mit einer gleichartigen
Größe. Die Vergleichsgröße wird als Einheit bezeichnet. Dementsprechend wird
jede physikalische Größe in der Form

Größe  Maßzahl  Einheit (1.2)


angegeben.
Eine Beziehung zwischen verschiedenen Größen in einem System wird mit Hilfe
einer physikalischen Relation dargestellt. Physikalische Relationen werden ent-
weder als Relationen zwischen den betrachteten Größen selbst, oder als Relationen
zwischen den entsprechenden Maßzahlen angesehen.

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Beispiele physikalischer Relationen sind etwa


v t (1.3)
 
F  ma (1.4)

für Geschwindigkeit v und Kraft F .
Es ist sinnvoll, sich auf ein generell festgelegtes System von Größen und deren
Einheiten zu einigen. Zu diesem Zweck werden willkürlich und abhängig von
praktischen Gesichtspunkten absolute Basisgrößen, abgeleitete Basisgrößen und
abgeleitete Größen definiert.
Eine absolute Basisgröße wird definiert durch ein Messverfahren und eine festge-
legte absolute Basiseinheit. Im Fall der Masse ist gegenwärtig das Messverfahren
die Vergleichswaage und die absolute Basiseinheit Kilogramm ( kg ) durch ein orts-
festes Normal (Kilogramm-Prototyp bei Paris) festgelegt. Für die Zeit ist das Mess-
verfahren die Cäsium-Atomuhr und die absolute Basiseinheit Sekunde ( s ) wird
durch das überall reproduzierbare Normal von 9 192 631 770 Schwingungen ent-
sprechend einem Übergang zwischen zwei Hyperfein-Niveaus von 133Cäsium be-
stimmt. Bei der (absoluten) Temperatur ist das Messverfahren das Thermometer
und die absolute Basiseinheit Kelvin ( K ) als 1 273.16 der Temperatur des Tripel-
punktes von Wasser definiert. Mehrere unterschiedliche absolute Basisgrößen kön-
nen auf Grund physikalischer Gesetzmäßigkeiten durch Relationen mit unveränder-
lichen Größen miteinander in Beziehung stehen. Die Werte solcher universeller
Konstanten sind experimentell zu bestimmen.
Eine abgeleitete Basisgröße wird definiert durch eine vorgegebene physikalische
Definitionsrelation mit absoluten Basisgrößen und einer unveränderlichen Größe.
Der Wert einer solchen universellen Konstanten wird willkürlich festgelegt. Voraus-
setzung für eine solche Definition ist natürlich, dass eine solche Relation existiert.
Die Definitionsrelation bestimmt ein Messverfahren und eine abgeleitete Basisein-
heit. Für die Länge wird die Definitionsrelation
  c0  t (1.5)
verwendet, die die Ausbreitung des Lichtes im Vakuum beschreibt. Dabei ist t die
Ausbreitungszeit, die Vakuumlichtgeschwindigkeit c0  299 792 458 m / s eine (will-
kürlich) festgelegte universelle Konstante und die Länge  die abgeleitete Basisgrö-
ße. Die abgeleitete Basiseinheit Meter ( m ) ist somit definiert als die Wegstrecke, die
das Licht im Vakuum in der Zeit t  (1 299 792 458) s zurücklegt. Der Wert der
Lichtgeschwindigkeit c0 wurde naturgemäß derart festgelegt, dass die vorher gültige
Meterdefinition möglichst genau reproduziert wird. Im Fall der elektrischen Strom-
stärke wird gemäß dem Ampere’schen Kraftgesetz (siehe Kap. 5.4.5) die Definiti-
onsrelation

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0 I 2  
F  (1.6)
2 d
verwendet, die die Kraftwirkung zwischen zwei geradlinigen, parallelen, vom glei-
chen Strom durchflossenen Leitern beschreibt. Dabei sind d und  Distanz und
Länge der Leiter, F ist die Kraft auf jeden der beiden Leiter, die magnetische
Feldkonstante  0  4  10  7 N / A 2 ist eine (willkürlich) festgelegte universelle
Konstante und die Stromstärke I die abgeleitete Basisgröße. Die abgeleitete Basis-
einheit Ampere ( A ) ist somit definiert als die Stromstärke durch jeden zweier pa-
ralleler Leiter im Abstand 1 m , die pro Meter Leiterlänge eine Kraft von 2  10  7 N
bewirkt.
Eine abgeleitete Größe wird definiert durch eine vorgegebene physikalische Defi-
nitionsrelation mit Basisgrößen. Die Definitionsrelation bestimmt ein Messverfah-
ren und eine abgeleitete Einheit. Für die Geschwindigkeit wird etwa die Defini-
tionsrelation

v (1.7)
t
verwendet. Dabei ist  die Weglänge und t die Zeit und die Geschwindigkeit v die
abgeleitete Größe. Die abgeleitete Einheit m / s ist somit definiert als die Ge-
schwindigkeit, bei der in der Zeit 1 s die Wegstrecke 1 m zurückgelegt wird.
Zur Charakterisierung physikalischer Größen wird häufig die Dimension der Größe
betrachtet. Der Begriff Dimension einer Größe wird in zwei unterschiedlichen
Bedeutungen verwendet. Einerseits ergibt sich die Dimension unmittelbar aus der
Definitionsrelation, andererseits ist die Dimension einfach die entsprechende Ein-
heitenbezeichnung. Die Geschwindigkeit hat etwa die Dimension [v]  [  t 1 ] oder
[v]  [m  s 1 ] . Durch Überprüfung der Dimensionen aller in einer physikalischen
Relation enthaltenen Größen kann die Konsistenz dieser Relation festgestellt wer-
den. Die Zentrifugalkraft (siehe Kap. 2.2.2) kann etwa durch die Relation
Fzf  m   2  r (1.8)

ausgedrückt werden. Durch Einsetzen der Dimensionen [m]  [kg ] , [ ]  [ s 1 ] ,


[r ]  [m] und [ Fzf ]  [kg m s  2 ] zeigt sich die Konsistenz der Relation (1.8).
Die beschriebenen absoluten und abgeleiteten Basiseinheiten zusammen mit den
abgeleiteten Einheiten bilden ein (kohärentes) Einheitensystem, Le Système Inter-
national d’Unités (SI). Aus praktischen oder traditionellen Gründen werden gele-
gentlich neben den (kohärenten) SI-Einheiten auch inkohärente Einheiten ver-
wendet. Insbesondere die folgenden Zehnerpotenzvorsätze haben große prakti-
sche Bedeutung:

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10 1 10  2 10  3 10  6 10  9 10 12 10 15 10 18


d c m μ n p f a
dezi centi milli micro nano pico femto atto

101 10 2 103 10 6 109 1012


da h k M G T
deka hekto kilo mega giga tera

Darüber hinaus werden unter Anderem auch weitere inkohärente Einheiten ver-
wendet:
1 min  60 s
1 h  3 600 s
1 j  9.4605  1015 m
1   10  3 m 3
1 kcal  4 186.9 J
1 eV  1.602  10 19 J
Wie erwähnt, sind Anzahl, Auswahl und Definition von Basisgrößen willkürlich
und abhängig von praktischen Gesichtspunkten. Dementsprechend sind bei der De-
finition von Basisgrößen im Laufe der Zeit mehrfach Änderungen vorgenommen
worden. Die Wärmemenge etwa wurde ursprünglich als absolute Basisgröße defi-
niert und die absolute Basiseinheit Kilokalorie ( kcal ) wurde festgelegt als die
Wärmemenge, die zur Erwärmung von 1  Wasser um 1 C benötigt wird. Die be-
rühmten Joule’schen Experimente (siehe Kap. 4.3) zeigten, dass zugeführte Wär-
memenge Q und zugeführte mechanische Arbeit W durch die Relation
Q  K W   W (1.9)
miteinander in Beziehung stehen, wobei das Wärmeäquivalent stets den gleichen
Wert K w  2.3884  10  4 kcal / J hat. Das Wärmeäquivalent ist somit eine univer-
selle Konstante, die experimentell zu bestimmen ist. Dieser Umstand legt es nahe,
die Wärmemenge Q als abgeleitete Basisgröße zu definieren und dabei Gleichung
(1.9) als Definitionsrelation zu verwenden, in der die universelle Konstante
K w  2.3884  10  4 kcal / J willkürlich festgelegt wird. Damit wird die Kilokalorie
( kcal ) als abgeleitete Basiseinheit definiert. Im Rahmen der statistischen Thermody-
namik wurden Wärmemenge und mechanische Energie als gleichartige Größen er-
kannt. Damit lag es nahe, die universelle Konstante K w  1 zu setzen. Damit ergibt
sich, wie gegenwärtig üblich, dass die Wärmemenge nicht mehr als Basisgröße ange-

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sehen wird und die zugehörige Basiseinheit 1 kcal  (1 2.3884  10  4 ) J  4186.9 J


zur inkohärenten Energieeinheit wird.
Als weiteres Beispiel werde die Länge betrachtet, die bis 1983 als absolute Basis-
größe definiert war, wobei die absolute Basiseinheit Meter ( m ) durch ein Normal
bestimmt wurde. Experimentell zeigt sich, dass die Lichtausbreitung im Vakuum
mittels der Relation
  c0  t (1.10)
beschrieben werden kann, wobei die Vakuumlichtgeschwindigkeit stets den glei-
chen Wert c0  299 792 458 m / s hat. Die Vakuumlichtgeschwindigkeit ist somit
eine universelle Konstante, die bis 1983 experimentell zu bestimmen war. Dieser
Umstand hat es nahe gelegt, die Länge  als abgeleitete Basisgröße zu definieren
und dabei Gl. (1.10) als Definitionsrelation zu verwenden, in der die universelle
Konstante c0  299 792 458 m / s willkürlich festgelegt wird. Damit wurde, wie bei
den SI-Einheiten festgelegt, das Meter ( m ) als abgeleitete Basiseinheit definiert. Im
Rahmen der Relativitätsmechanik können Länge und Zeit als gleichartige Größen
angesehen werden (siehe Kap. 7.6). Damit läge es nahe, die universelle Konstante
c0  1 zu setzen. Damit ergäbe sich, dass die Länge nicht mehr als Basisgröße an-
gesehen und die zugehörige Basiseinheit 1 m  (1 299 792 458) s  3.3 ns zur inko-
härenten Zeiteinheit würde. Derartige Einheiten werden gelegentlich im Bereich
der theoretischen Physik verwendet.
Allgemein erkennt man, dass im Fall der Definition einer größeren Anzahl absolu-
ter Basisgrößen auch mehr universelle Konstanten auftreten, die experimentell zu
bestimmen sind. Beispiele solcher universeller Konstanten sind Vakuumlichtge-
schwindigkeit, Planck’sches Wirkungsquantum, Boltzmannkonstante, Gravitations-
konstante, Wärmeäquivalent, sowie elektrische und magnetische Feldkonstante.
Durch willkürliche Festlegung dimensionierter universeller Konstanten erfolgt der
Übergang zur Definition abgeleiteter Basisgrößen. Der Vorteil dieser Definition
liegt darin, dass dabei die universellen Konstanten ohne Messfehler festgelegt sind.
Falls zwei unterschiedliche Basisgrößen als gleichartig angesehen werden können,
dann kann es zweckmäßig sein, die zugehörige dimensionierte universelle Konstan-
te durch die dimensionslose Zahl 1 zu ersetzen. Dadurch entfällt dann eine der bei-
den Basisgrößen und die zugehörige Basiseinheit wird zu einer inkohärenten Ein-
heit.
Abschließend sei besonders darauf hingewiesen, dass bei der Angabe einer physi-
kalischen Größe neben der Maßzahl stets auch die Einheit anzugeben ist.

1.6 Messgenauigkeit
Ergebnisse physikalischer Messungen sind stets mit Fehlern behaftet, wobei zwi-
schen zwei Arten von Fehlern unterschieden werden kann. Systematische Fehler

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entstehen durch ungenügende Ausschaltung oder ungenügende Berücksichtigung


störender Effekte, durch unrichtige Eichung von Messinstrumenten, fehlerhafte
Messdatenübertragung oder Ähnliches. Statistische Fehler hingegen werden her-
vorgerufen durch zufällige Schwankungen auf Grund der gleichzeitigen Wirkung
vieler unkontrollierbarer Einflüsse. Eine quantitative Abschätzung des Fehlerberei-
ches ist von großer Bedeutung. Systematische Fehler sind oft schwer zu quantifizie-
ren. Im Folgenden werden nur statistische Fehler betrachtet.
Wir betrachten die experimentelle Bestimmung einer Größe x . Es werde eine
Messserie mit n Einzelmessungen mit den Einzelmesswerten xi durchgeführt. Die
Verteilung der Häufigkeiten, dass die Einzelmesswerte innerhalb gewisser Interval-
le (Klassen) liegen, kann in Form eines Histogramms graphisch dargestellt werden
(siehe Abb. 1.2). Dabei ist auf der Messwertskala die Klasseneinteilung eingetra-
gen.

16

12
Häufigkeit

0 x
x
Abb. 1.2: Histogramm zur Darstellung der Häufigkeitsverteilung der Mess-
werte xi bei einer Messserie. Auf der Messwertskala ist die
Klasseneinteilung eingetragen.

Die erwähnte Messserie kann durch einen repräsentativen Wert der Messgröße
charakterisiert werden. Dieser repräsentative Wert liefert eine Abschätzung für den
wahren Wert der Messgröße. Zur Festlegung eines solchen repräsentativen Wertes
x für die Messserie gehen wir davon aus, dass alle Einzelmesswerte xi gleicher-
maßen nach oben und unten von x abweichen und dementsprechend alle Abwei-
chungen xi  x einander gerade kompensieren:
n
 xi  x   0 . (1.11)
i 1

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Daraus ergibt sich


n
 xi  n  x  0
i 1
und man erhält damit als repräsentativen Wert für die Messserie den arithmeti-
schen Mittelwert aller Einzelmesswerte xi :

1 n
x   xi . (1.12)
n i 1

Die betrachtete Messserie kann ferner durch ein Maß für die Streuung der Ein-
zelmesswerte charakterisiert werden. Wir betrachten zunächst die Abweichungen
xi  x der Einzelmesswerte xi vom repräsentativen Wert x . Als Maß für die
Streuung der Einzelmesswerte könnte der arithmetische Mittelwert aller Abwei-
chungen herangezogen werden. Summe und somit auch arithmetischer Mittelwert
aller Abweichungen xi  x verschwinden allerdings gemäß Gl. (1.11) durch Kom-
pensation positiver und negativer Abweichungen und sind daher als Streuungsmaß
ungeeignet.
Im Folgenden betrachten wir die Abweichungsquadrate  xi  x 2 . Damit wird die
oben erwähnte Kompensation vermieden, die Summe aller Abweichungsquadrate
ist positiv. Dies ermöglicht nunmehr eine alternative Festlegung des repräsentativen
Wertes x für die Messserie in der Weise, dass die Summe aller Abweichungsqua-
drate  xi  x 2 minimiert wird:
n
Q    xi  x 2  Minimum . (1.13)
i 1

Die Bestimmung von x erfolgt durch Nullsetzen der ersten Ableitung von Q :
n
dQ
 2    xi  x   0 .
dx i 1

Daraus erhält man als repräsentativen Wert für die Messserie in Übereinstimmung
mit Gl. (1.12) ebenfalls den arithmetischen Mittelwert aller Einzelmesswerte xi .
Es sei erwähnt, dass auch durch Betrachtung der Abweichungsbeträge xi  x die
oben erwähnte Kompensation positiver und negativer Abweichungen vermieden
werden kann, die Summe aller Abweichungsbeträge ist positiv. Eine eindeutige
Festlegung des repräsentativen Wertes x durch Minimierung dieser Summe aller
Abweichungsbeträge ist jedoch im Allgemeinen nicht möglich, wie etwa am Bei-
spiel einer aus zwei Einzelmesswerten bestehenden Messserie unmittelbar ersicht-
lich ist.

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Zur Festlegung eines Maßes für die Streuung der Einzelmesswerte können wir
grundsätzlich von den Abweichungen xi  xw der Einzelmesswerte xi vom wahren
Wert xw der Messgröße ausgehen und wir betrachten die Abweichungsquadrate
xi  xw 2 .
Als ein Maß für die Streuung der Einzelmesswerte wählen wir den
arithmetischen Mittelwert aller Abweichungsquadrate:

1 n
Var     xi  xw 2 . (1.14)
n i 1

Var wird als Varianz bezeichnet.


Der wahre Wert der Messgröße ist jedoch im Allgemeinen unbekannt. Zur Festle-
gung eines Maßes für die Streuung der Einzelmesswerte gehen wir daher nunmehr
von den Abweichungen xi  x der Einzelmesswerte xi vom repräsentativen Wert
x der Messgröße aus und wir betrachten die Abweichungsquadrate  xi  x 2 . Als
ein Maß für die Streuung der Einzelmesswerte kann wieder der arithmetische Mit-
telwert aller Abweichungsquadrate gewählt werden, wir wählen jedoch eine etwas
unterschiedlich definierte Größe:
n
1
2     xi  x 2 . (1.15)
n  1 i 1

 wird als Standardabweichung bezeichnet. Es ist zu beachten, dass für den Fall,
dass nur ein Einzelmesswert vorliegt ( n  1 ), die Abweichung vom arithmetischen
Mittelwert naturgemäß verschwindet. Würde in (1.15) analog zu (1.14) durch n di-
vidiert werden, dann würde dies im erwähnten Fall eine Standardabweichung
  0 ergeben, obwohl bei nur einem Einzelmesswert gar keine Angabe über die
Streuung der Einzelmesswerte möglich ist. Da in (1.15) aber durch n  1 dividiert
wird, ist der Fall n  1 ausgeschlossen und das vorhin erwähnte sinnlose Ergebnis
wird vermieden. Falls eine große Anzahl von Einzelmesswerten vorliegt, sodass der
Unterschied zwischen n und n  1 vernachlässigbar ist, kann die Berechnung der
Standardabweichung  in folgender Weise vereinfacht werden:

2 
1 n 1 n
  1 n 1
   xi  x 2    xi 2  2 xi x  x 2  x 2  2 x    xi   n  x 2
n i 1 n i 1 n i 1 n
 
x
und man erhält damit

 2  x2  x 2 , (1.16)

1 n 2
wobei x 2    xi ist.
n i 1

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Als Maß für die relative Streuung der Einzelmesswerte eignet sich die relative
Standardabweichung  x .
Eine konkrete quantitative Interpretation der Standardabweichung  wird vom
Zentralen Grenzwertsatz geliefert:

Die Summe hinreichend vieler unabhängiger, im Rahmen gewis-


ser Einschränkungen beliebig verteilter Zufallsgrößen ist normal-
verteilt:


 x  x 2
1 (1.17)
f x   e 2 2 .
  2

Dieser Satz erklärt die Sonderstellung der Normalverteilung (1.17).

Auf Grund des Zentralen Grenzwertsatzes können bei einer mit statistischen Feh-
lern behafteten Messgröße die Einzelmesswerte xi stets in guter Näherung als
normalverteilt angesehen werden.
Die Verteilungsfunktion f (x) in Gl. (1.17) ist eine Wahrscheinlichkeitsdichte und
somit ist f  x   x die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Einzelmesswert im Inter-
vall [ x, x  x] liegt. Mit Hilfe von Gl. (1.17) können Vertrauensbereiche für Ein-
zelmessungen ermittelt werden:

Wahrscheinlichkeit, dass xi  x   , x     68%


Wahrscheinlichkeit, dass xi  x  2 , x  2   95% (1.18)
Wahrscheinlichkeit, dass xi  x  3 , x  3   99.7%

Auf Grund dieser Vertrauensbereiche können üblicherweise Einzelmesswerte, die


außerhalb der dreifachen Standardabweichung liegen, als „Ausreißer“ angesehen
und daher ausgeschieden werden.
Häufig liegt die Situation vor, dass ein Messresultat R  R x, y, z, ... aus mehreren
Messgrößen x, y, z , ... zu berechnen ist. Beispiele dafür sind etwa die Dichte
  m V oder die Geschwindigkeit v   t . Die Streuungen der Messgrößen
x, y, z , ... seien durch die Standardabweichungen  x ,  y ,  z ,  gegeben. Die auf-
grund der sogenannten Fehlerfortpflanzung resultierende statistische Unsicherheit
des Messresultates R werde durch einen mittleren Fehler  R beschrieben.
Eine Abschätzung von  R erhält man durch Bestimmung des absoluten Größtfeh-
lers von R . Unter der Annahme einer gleichsinnigen Wirkung der Fehler aller
Messgrößen erhält man für den absoluten Größtfehler von R den Ausdruck:

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R R
R   x   y   . (1.19)
x y

Als häufig auftretenden Spezialfall betrachten wir ein Potenzprodukt in der Form

R  A  xa  yb   . (1.20)

Durch Einsetzen in (1.19) erhält man

 R  A  a  x a 1  y b     x  A  b  x a  y b 1     y   .

Damit erhält man für den relativen Größtfehler von Potenzprodukten


R x y
a b  . (1.21)
R x y

Als Spezialfall ergibt sich daraus:


Für Potenzprodukte mit Exponenten 1 oder -1 ist der relative Größtfehler des
Messresultates R einfach die Summe der relativen Fehler  x x   y y   der
entsprechenden Messgrößen x, y, z , ... .

Eine genauere Berechnung des mittleren Fehlers  R des Messresultates R , unter


Berücksichtigung der teilweisen Kompensation der Fehler der Messgrößen
x, y, z , ... , kann mit Hilfe des Gauß’schen Fehlerfortpflanzungsgesetzes erfolgen
und man erhält damit den absoluten mittleren Fehler von R :
2 2
 R   R 
R      x2      2y   . (1.22)
 x   y 

Gleichung (1.22) kann auch angewendet werden auf die Berechnung des absoluten
mittleren Fehlers  x eines arithmetischen Mittelwertes x   x1  x2    xn  n
von n Einzelmesswerten xi . Unter der plausiblen Annahme, dass jedem Einzel-
messwert xi die gleiche Standardabweichung  x zukommt, erhält man durch Ein-
setzen in (1.22) unmittelbar

x 
n
1
2
  x2 
1
n
1
2
  x2   
2
n
1
2

 n   x2 
und es ergibt sich für den absoluten mittleren Fehler des arithmetischen Mittel-
wertes

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1
x   x . (1.23)
n
Die von der Anzahl der Einzelmesswerte praktisch unabhängige Standardabwei-
chung  x beschreibt die Streuung der Einzelmesswerte und charakterisiert somit
die Schwankungen beim Messvorgang. Andererseits charakterisiert  x den Fehler-
bereich des arithmetischen Mittelwertes x , also des Messergebnisses. Durch Erhö-
hung der Anzahl n der Einzelmesswerte kann der mittlere Fehler  x des arithmeti-
schen Mittelwertes x verringert werden. Allerdings zeigt sich gemäß Gl. (1.23),
dass etwa zehnmal so viele Einzelmessungen erforderlich, um den statistischen
Fehler des arithmetischen Mittelwertes auf ein Drittel zu drücken.
Abschließend sei besonders darauf hingewiesen, dass eine Messung nur dann aus-
sagekräftig ist, wenn neben dem resultierenden Messwert auch dessen Fehlerbe-
reich angegeben wird. In graphischen Darstellungen kann der Fehlerbereich mit
Hilfe von Fehlerbalken dargestellt werden. Bei tabellarischen Daten ist darauf zu
achten, nur signifikante Stellen anzugeben.

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2 Mechanik

2.1 Mechanik von Massenpunkten


Unter Massenpunkten versteht man Teilchen mit vernachlässigbarer räumlicher
Ausdehnung, bei deren Beschreibung es nicht auf die innere Struktur ankommt. In
dem vorliegenden Kapitel betrachten wir das Verhalten von einzelnen Massen-
punkten, sowie auch das Verhalten von Systemen mehrerer Massenpunkte. In der
Kinematik werden nur die Teilchenbewegungen betrachtet, ohne nach deren Ursa-
chen zu fragen. Die Dynamik beschäftigt sich dann mit Kräften als Ursachen für
Bewegungsänderungen (Beschleunigungen).

2.1.1 Kinematik von Massenpunkten


Die Bewegung von Massenpunkten wird relativ zu einem Bezugssystem mit Hilfe
von drei Raumkoordinaten und einer Zeitkoordinate dargestellt. Längen werden mit
Hilfe von Maßstäben, Zeiten mit Hilfe von Uhren gemessen. Im Folgenden werden
als räumliche Koordinaten in den meisten Fällen kartesische Koordinaten ( x, y, z )
gewählt, für konkrete Anwendungen können sich jedoch im Allgemeinen auch an-
dere Koordinatensysteme als zweckmäßig erweisen. Im Rahmen der klassischen
Mechanik wird eine absolute Zeit t angenommen, die unabhängig von der Wahl des
Bezugssystems überall gleichförmig verfließt. Diese Annahme einer absoluten
Gleichzeitigkeit wird in der Relativitätsmechanik (siehe Kap. 7.3) fallengelassen.
Ein Massenpunkt bewege sich längs einer Bahnkurve. Die zeitabhängige Position
des Massenpunktes im Raum wird angegeben in Form einer Parameterdarstellung
 xt  
  
r t    y t  (2.1)
 z t  
 

wobei r der Ortsvektor und die Zeit t der Parameter ist. Die Dimension des Orts-

vektors ist r   m .
Die Bewegung des Massenpunktes kann charakterisiert werden durch die Angabe
der Positionsänderung des Massenpunktes pro Zeiteinheit, die als Geschwindigkeit
bezeichnet wird:
  
 r t  t   r t  dr 
v  lim  r . (2.2)
t  0 t dt

Die Dimension der Geschwindigkeit ist v   m  s 1  .


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 r
 v  lim
r t 0 t

 
r (t ) r (t  t )

O
Abb. 2.1: Zur Definition der Geschwindigkeit

 
v ist ein Tangentenvektor an die Bahnkurve, v  v ist die zurückgelegte Wegstre-
cke pro Zeiteinheit.
Die Änderung der Geschwindigkeit eines Massenpunktes pro Zeiteinheit wird als
Beschleunigung bezeichnet:
  
 v t  t   v t  dv  
a  lim  v r (2.3)
t  0 t dt
Die Dimension der Beschleunigung ist a   m  s 2  .

 
v (t ) v (t ) 
v

v ( t  t ) 
 v
a  lim
t  0  t

Abb. 2.2: Zur Definition der Beschleunigung


a ist im Allgemeinen kein Tangentenvektor an die Bahnkurve und kann in Kom-
ponenten aufgespaltet werden in der Form
  
a  at  a n , (2.4)
 
wobei at die Tangentialbeschleunigung (Bahnbeschleunigung) und an die Nor-
 
malbeschleunigung ist. Zwecks Berechnung von at und an wird die Geschwindig-
keit dargestellt in der Form
 (2.5)
v  v  eˆt ,
wobei êt der Tangenteneinheitsvektor an die Bahnkurve ist. Daraus erhält man die
Beschleunigung in der Form

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 dv dv deˆ
a   eˆt  v  t . (2.6)
dt dt dt
Wegen eˆt  eˆt  1 und folglich d eˆt  eˆt  dt  2  eˆt  deˆt dt   0 stehen êt und
deˆt dt aufeinander senkrecht. Damit erhält man durch Vergleich von (2.4) und
(2.6):
 dv
at   eˆt (2.7)
dt
 deˆ
an  v  t . (2.8)
dt
Aus (2.7) ergibt sich für den Betrag der Tangentialbeschleungung unmittelbar:
 dv
at  . (2.9)
dt

Einfache Rechnung liefert deˆt dt  v  , wobei  der lokale Krümmungsradius


der Bahnkurve ist. Damit erhält man durch Einsetzen in (2.8) für den Betrag der
Normalbeschleunigung den Ausdruck

 v2
an  , (2.10)

wobei  der lokale Krümmungsradius der Bahnkurve ist.
Insbesondere ist aus (2.9) zu erkennen, dass der Betrag der Tangentialbeschleuni-
gung einfach gleich der Änderung des Geschwindigkeitsbetrages v pro Zeiteinheit
ist. Für den Fall der Bewegung eines Massenpunktes mit konstantem Geschwindig-
 
keitsbetrag v ist die Tangentialbeschleunigung at  0 und hat die Beschleunigung
somit nur eine Normalkomponente.
Im Folgenden betrachten wir einige spezielle Bewegungsformen.

a) Unbeschleunigte Bewegung:
Die Voraussetzung einer verschwindenden Beschleunigung führt zur Bewegungs-
gleichung
   
a  v  r  0 . (2.11)
Durch eine Integration dieser Bewegungsgleichung erhält man
 
v  r  const . (2.12)
Die in Gleichung (2.12) auftretende Konstante kann durch Festlegung einer An-
fangsbedingung
 
v t  0   v0 (2.13)

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zu const  v0 bestimmt werden, womit die Geschwindigkeit ausgedrückt werden
kann in der Form
  
v  r  v0 . (2.14)
Eine weitere Integration liefert
 
r  v0  t  const . (2.15)
Analog wie oben kann die in Gleichung (2.15) auftretende Konstante durch Festle-
gung einer weiteren Anfangsbedingung
 
r t  0   r0 (2.16)

zu const  r0 bestimmt werden, womit der Ortsvektor dargestellt werden kann in
der Form
  
r  r0  v0  t . (2.17)
Dies entspricht einer gleichförmig geradlinigen Bewegung, wie in Abbildung 2.3
dargestellt.


v0  t

v0


 r (t )
r0

O
Abb. 2.3: Darstellung einer gleichförmig geradlinigen Bewegung

b) Gleichförmig beschleunigte Bewegung:


Die Voraussetzung einer konstanten Beschleunigung ergibt die Bewegungsglei-
chung
   
a  v  r  const  a0 . (2.18)
Durch eine Integration dieser Bewegungsgleichung erhält man
  
v  r  a0  t  const . (2.19)
Die in Gleichung (2.19) auftretende Konstante kann durch Festlegung einer An-
fangsbedingung
 
v t  0   v0 (2.20)

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zu const  v0 bestimmt werden, womit die Geschwindigkeit ausgedrückt werden
kann in der Form
   
v  r  v0  a0  t . (2.21)
Eine weitere Integration liefert

  a0 2
r  v0  t   t  const . (2.22)
2
Analog wie oben kann die in Gleichung (2.22) auftretende Konstante durch Festle-
gung einer weiteren Anfangsbedingung
 
r t  0   r0 (2.23)

zu const  r0 bestimmt werden, womit der Ortsvektor dargestellt werden kann in
der Form

   a0 2
r  r0  v0  t  t . (2.24)
2
Als Spezialfall betrachten wir Anfangsbedingungen, wie sie einem freien Fall (aus
anfänglicher Ruhe) nahe der Erdoberfläche entsprechen:
 0 
      
r0  0 , v0  0 , a0   0  (2.25)
 g 
 
Dies liefert gemäß den allgemeinen Beziehungen (2.21) und (2.24) für gleichförmig
beschleunigte Bewegung
 0 
   
v  a0  t   0  (2.26)
 g t
 
sowie das Fallgesetz
 
  x0 
 a  
r  0 t2   y  0  . (2.27)
2
 z   g t2 
 
 2 

Aus dem Fallgesetz (2.27) erkennt man, dass die Fallstrecke proportional zum
Quadrat der Fallzeit ist. Diese Beziehung kann beim freien Fall nahe der Erdober-
fläche experimentell bestätigt werden (z.B. Fallschnurexperiment) und folglich ist
der freie Fall nahe der Erdoberfläche eine gleichförmig beschleunigte Bewegung.
Als weiteren Spezialfall betrachten wir die Anfangsbedingungen eines schrägen
Wurfes nahe der Erdoberfläche:

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 v0 , x   0 
       
r0  0 , v0   0  , a0   0  (2.28)
v   g 
 0, z   
Dies liefert gemäß den allgemeinen Beziehungen (2.21) und (2.24) für gleichförmig
beschleunigte Bewegung
 v0, x 
    
v  v0  a 0  t   0 , (2.29)
v  g  t 
 0, z 
 
  x  v0 , x  t 
  a0 2  
r  v0  t  t   y0 . (2.30)
2 g
 z  v t  t2 
 0, z 
 2 
Elimination der Zeit t aus der Parameterdarstellung (2.30) liefert folgende Glei-
chungsdarstellung der Bahnkurve:
v0 , z g
z x 2
 x2 (2.31)
v 0, x 2  v0 x

Durch Betrachtung des Abwurfwinkels  und Benützung der Beziehungen


 
v0, x  v0  cos  und v0, z  v0  sin  (siehe Abb. 2.4) erhält man die Gleichung
der Bahnkurve in der Form
g
z  x  tan   x 2  2
. (2.32)
2 v0  cos 2 


v0
v0 z

O v W x
0x

Abb. 2.4: Bahnkurve bei schrägem Wurf nahe der Erdoberfläche


(Wurfparabel)

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Kurvendiskussion ergibt folgende Ausdrücke für Wurfweite W und Wurfhöhe H :

v0 2
W  sin 2  ,
g
(2.33)
2
v0
H  sin 2  .
2g
Man erkennt, dass bei vorgegebenem Betrag v0 der Abwurfgeschwindigkeit für
den Abwurfwinkel   45 die größte Wurfweite erzielt wird, wobei allerdings ein
eventueller Einfluss der Luftreibung nicht berücksichtigt wurde.

c) Kreisbewegung:
Ein Massenpunkt bewege sich auf einer Kreisbahn mit Radius R und somit um ei-
ne feste Drehachse. Im Folgenden wählen wir Koordinaten, bei denen die Koordi-
natenachsen in der gleichen Reihenfolge aufeinander folgen wie die ersten drei
Finger der rechten Hand (rechtssinniges Koordinatensystem, Rechtskoordinaten-
system). Wie in Abbildung 2.5 dargestellt, wird der Koordinatenursprung O auf
der Drehachse angenommen und verbleibt unbewegt. Bei der Bewegung des Mas-
senpunktes von einem Anfangspunkt P0 nach P überstreicht der vom Kreismittel-
punkt M zum Massenpunkt gerichtete Radialstrahl den Winkel  und die Länge
der Bahnkurve ist somit s  R   . Dabei wird der Winkel  , wie in der Physik all-
gemein üblich, im Bogenmaß gemessen. Die Kreisbewegung wird durch die Winkel-

geschwindigkeit  charakterisiert, die in folgender Weise definiert ist:



r 
 
P  s 
an

v 
P0
M
r 
 R

Abb. 2.5: Geometrische Lage einiger Vektoren zur Beschreibung der


Kreisbewegung eines Massenpunktes P

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(1)     d dt

(2)  ║ Drehachse

(3)  weist in die Richtung, in die sich eine Rechtsschraube bewegt,
wenn sie gleichsinnig mit der Kreisbewegung gedreht wird
(Orientierungssinn von  gemäß Rechtsschraubenregel).

Der Betrag  ist somit der Winkel, der pro Zeiteinheit vom Radialstrahl überstri-
chen wird. Bei Wahl eines Linkskoordinatensystems ist bei der Definition der Win-
 
kelgeschwindigkeit  die Linksschraubenregel anzuwenden und  weist somit in

diesem Fall in die umgekehrte Richtung. Dementsprechend klappt  bei Raum-
spiegelungen um und zeigt somit das Verhalten eines Axialvektors (Pseudovek-
tors). Die Dimension der Winkelgeschwindigkeit ist    s 1  .


 bezeichnet die Winkelbeschleunigung und wegen der Annahme einer festen
 
Drehachse gilt stets  ║  . Die Dimension der Winkelbeschleunigung ist
   s 2 .
 
Mit Hilfe der Winkelgeschwindigkeit  kann nunmehr die Geschwindigkeit v
des Massenpunktes ausgedrückt werden in der Form
  
v r . (2.34)
Zur Überprüfung der Beziehung (2.34) bestimmen wir Betrag, Richtung und Orien-
 
tierungssinn von   r . Gemäß Definition des vektoriellen Produktes und wegen
R  r  sin  (siehe Abb. 2.5) gilt
 
  r    r  sin     R . (2.35)
Wegen s  R   (siehe Abb. 2.5) und   d dt erhalten wir ferner
 ds d
v  v   R R. (2.36)
dt dt
  
Durch Vergleich von (2.35) und (2.36) erkennt man, dass   r mit v überein-
 
stimmt. Gemäß Definition des vektoriellen Produktes gilt ferner, dass   r senk-
     
recht auf  und auf r steht und dass  , r und   r in dieser Reihenfolge aufei-
nander folgen wie die Koordinatenachsen. Damit erkennt man gemäß Abbildung
 
2.5, dass   r ein Tangentenvektor an die Bahnkurve und in Richtung der Kreis-
bewegung orientiert ist. Somit erweist sich der Ausdruck (2.34) für die Geschwin-
digkeit des Massenpunktes als gültig.

Mit Hilfe von (2.34) kann auch die Beschleunigung a berechnet werden in der
Form
   
  
  


 
a  v    r    v     r      r  .
   
 
(2.37)
   
at an

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 
Wegen   ist die Komponente
  
at    r (2.38)

parallel zu v und somit tangentiell an die Bahnkurve (Tangentialbeschleunigung,
Bahnbeschleunigung), während die Komponente
     
a n    v      r  (2.39)

gemäß Abb. (2.5) senkrecht zu v und zum Kreismittelpunkt gerichtet ist (Normal-
beschleunigung, Zentripetalbeschleunigung). Für die Beträge gilt wegen
R  r  sin  und v    R
   dv
at    r    r  sin     R  (2.40)
dt
und
   v2
an    v    v   2  R  . (2.41)
R
Diese Ausdrücke stimmen überein mit den allgemeinen Beziehungen (2.9) und
(2.10).
Die in rotierenden Bezugssystemen auftretende Zentrifugalbeschleunigung wird in
Abschnitt 2.2.2 behandelt.

2.1.2 Dynamik von Massenpunkten, Erhaltungssätze


Im vorangehenden Kapitel wurden Bewegungen von Massenpunkten beschrieben,
die Frage nach deren Ursachen blieb jedoch offen. Nunmehr untersuchen wir die
Ursachen für Änderungen des Bewegungszustandes von Massenpunkten. Dem
Konzept Newtons folgend machen wir die Annahme, dass Beschleunigungen von
Massenpunkten durch Wechselwirkungen mit der Umgebung hervorgerufen wer-
den. Solche Wechselwirkungen (WW) können nach ihrer Reichweite eingeteilt
werden in langreichweitige WW (z.B. Massenanziehung) und kurzreichweitige
WW (z.B. bei Stoßvorgängen). Die WW mit der Umgebung wird dargestellt als die
Wirkung einer Kraft auf den betrachteten Massenpunkt. Somit werden Kräfte als
Ursachen von Beschleunigungen von Massenpunkten aufgefasst. Man kann folg-
lich davon ausgehen, dass bei Abwesenheit von Kräften keine Beschleunigungen
auftreten. Dieser Sachverhalt kann in folgender Form ausgedrückt werden:

1. Newton’sches Axiom (Trägheitsprinzip):

Kräftefreie Körper verharren in Ruhe oder bewegen sich geradlinig gleichförmig.

In konkreten Situationen kann die Abwesenheit von Kräften oft unmittelbar festge-
stellt werden, generell kann die Feststellung der Kräftefreiheit jedoch schwierig

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sein. Die Gültigkeit des 1. Newton’schen Axioms ist auf spezielle Bezugssysteme
eingeschränkt. Die Bezugssysteme, bezüglich derer das 1. Newton’sche Axiom gilt,
werden als Inertialsysteme bezeichnet.
Das 1. Newton’sche Axiom bezieht sich auf den Fall der Kräftefreiheit. Nunmehr
beschreiben wir die Wirkung einer Kraft auf einen Massenpunkt. Dazu definieren
wir eine neue physikalische Größe, den Impuls
 
p  mv , (2.42)
wobei m als (träge) Masse des Massenpunktes bezeichnet wird. Damit wird die
Wirkung einer Kraft in folgender Weise beschrieben:

2. Newton’sches Axiom (Aktionsprinzip):

Eine Änderung des Impulses eines Körpers, wird hervorgerufen


durch die Kraft
 dp (2.43)
F .
dt

Bei Geschwindigkeiten von der Größenordnung der Lichtgeschwindigkeit tritt eine


relativistische Massenzunahme auf (siehe Kap. 7.9) und die Masse ist somit im All-
gemeinen abhängig von der Zeit. Im Rahmen der klassischen Mechanik kann die
Masse m jedoch meistens als zeitunabhängig angesehen werden. Im Fall zeitunab-
hängiger Masse erhält man aus dem 2. Newton’schen Axiom folgende Aussage:

Eine Beschleunigung eines Körpers wird hervorgerufen durch die


Kraft  
F ma . (2.44)

In dieser Form liefert das 2. Newton’sche Axiom eine anschauliche Interpretation


der Masse m . Unter der Voraussetzung einer konstanten auf einen Körper wirken-

den Kraft F wird gemäß Gleichung (2.44) bei Vergrößerung der Masse m des

Körpers seine Beschleunigung a in gleichem Maße geringer. Demgemäß be-
schreibt die Masse m den Trägheitswiderstand, mit dem der betrachtete Körper
sich einer Beschleunigung seiner selbst widersetzt. Die hier betrachtete Masse m
wird daher auch als träge Masse bezeichnet. Demgegenüber wird die auf einen
Körper wirkende Gravitationskraft durch eine schwere Masse charakterisiert (siehe
Kap. 2.1.3.1).
Die träge Masse hat die Dimension m   kg  . Die Dimension des Impulses ist
 p  kg  m  s 1 , die der Kraft ist F   kg  m  s 2  . Diese Krafteinheit wird auch
als 1 Newton = 1 N bezeichnet. Die Krafteinheit 1 N ist somit die Kraft, die bei ei-

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nem Körper von der Masse 1 kg die Beschleunigung 1 m s  2 bewirkt. Wenn eine
Kraft als Ortsfunktion gegeben ist, dann liegt ein Kraftfeld vor.
Als wichtigen Spezialfall betrachten wir die Bewegung eines Massenpunktes unter

der Wirkung einer konstanten Kraft F0 . Auf Grund des 2. Newton’schen Axi-
oms, Gleichung (2.44), bewegt sich der Massenpunkt mit der konstanten Beschleu-
 
nigung a0  F0 m und man erhält gemäß den kinematischen Beziehungen (2.21)
und (2.24) für Geschwindigkeit und Ort des Massenpunktes die Ausdrücke

  F0
v  v0  t , (2.45)
m

   F0 2
r  r0  v0  t  t . (2.46)
2m

Falls die Kraft F0 verschwindet, resultiert eine geradlinig gleichförmige Bewegung
in Übereinstimmung mit dem 1. Newton’schen Axiom.
Im 2. Newton’schen Axiom wird eine Kraft auf einen Massenpunkt betrachtet. Im
Folgenden untersuchen wir nunmehr das Verhalten zweier miteinander in Wechsel-
wirkung stehender Massenpunkte. Wie in Abbildung 2.6 gezeigt, üben die beiden
wechselwirkenden Massenpunkte Kräfte aufeinander aus.

m2

F12


m1 F21
 
Abb. 2.6: Geometrische Anordnung der Kräfte F21 , F12 , die zwei
wechselwirkende Massenpunkte m1 , m2 aufeinander ausüben

Auf Grund experimenteller Erfahrung besteht für diese Kräfte folgender Zusam-
menhang:

3. Newton’sche Axiom (Reaktionsprinzip):

Für die Kräfte auf zwei wechselwirkende Körper gilt


 
F12   F21 . (2.47)

Die Wechselwirkungskräfte sind dabei meistens parallel zu der Verbindungsgera-


den der beiden betrachteten Massenpunkte.

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Die drei Newton’schen Axiome können als Grundlage der Mechanik angesehen
werden und mit Hilfe dieser Axiome wird der Begriff der Kraft eingeführt. Da
räumliche Verschiebungen durch Vektoren dargestellt werden, haben auch Ge-
schwindigkeiten und Beschleunigungen vektoriellen Charakter. Gemäß Gleichung
(2.44) haben somit auch Kräfte vektoriellen Charakter und bei gleichzeitiger Wir-
kung mehrerer Kräfte können die Kräfte durch Vektoraddition zusammengesetzt
werden. Die Beschreibung von Systemen, bei denen mehrere Kräfte angreifen, die
einander in Summe kompensieren, wird als Statik bezeichnet. Insbesondere die Sta-
tik starrer Körper (siehe Kap. 2.4.1) ist von großer Bedeutung.
Ausgehend von den Newton’schen Axiomen können für mehrere physikalische

Größen Erhaltungssätze abgeleitet werden. Zunächst betrachten wir den Impuls p
eines Massenpunktes gemäß Gleichung (2.42). Aus dem 2. Newton’schen Axiom

in der Form (2.43) erhält man für den Fall verschwindender äußerer Kraft F un-
mittelbar:

Satz von der Erhaltung des Impulses:


Wenn die äußere Kraft verschwindet, dann ist der Impuls konstant.

Die Herleitung dieses Satzes erfolgte zunächst für nur einen Massenpunkt. Im Fol-
genden betrachten wir ein System von mehreren Massenpunkten mit Massen mi ,
   
Positionen ri , Geschwindigkeiten vi und Impulsen pi  mi  vi . Wir gehen davon
aus, dass die Massenpunkte im Allgemeinen miteinander in Wechselwirkung stehen.
Die Wechselwirkungskraft auf den Massenpunkt i , herrührend von dem Massen-
 
punkt j , werde mit F ji bezeichnet. Die Kräfte F ji sind die in dem betrachteten Sys-
tem wirkenden inneren Kräfte. Zusätzlich wirke auf den Massenpunkt i auch die
 
Kraft Fi herrührend von einer Wechselwirkung mit der Umgebung. Die Kräfte Fi
werden als äußere Kräfte bezeichnet. Die Bewegungsgleichung für den Massenpunkt
i lautet

dpi  
 Fi   F ji .
dt j

Durch Summation über alle Massenpunkte ergibt sich


  
dpi
 dt   Fi   F ji .
i i i, j

Gemäß 3. Newton’schem Axiom gilt


  
Fij  F ji  0
und es folgt damit

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 
 F ji  0 .
i, j

Man erkennt, dass die Summe aller inneren Kräfte verschwindet. Als Resultat
ergibt sich somit
d  

dt i
pi   Fi . (2.48)
i

Wenn also die gesamte äußere Kraft verschwindet, dann ist der Gesamtimpuls kon-
stant. Der Impulserhaltungssatz ist somit auch für Systeme von mehreren Massen-
punkten gültig.
Zur Beschreibung des dynamischen Verhaltens von Massenpunkten erweisen sich
auch der Drehimpuls
  
L  rp (2.49)
und das Drehmoment
  
N  r F (2.50)

als zweckmäßig, wobei r der Ortsvektor des Massenpunktes bezüglich eines festge-
legten Koordinatenursprungs O ist. Die Dimensionen dieser Größen lauten
 
 
L  kg  m 2  s 1  und N  kg  m 2  s 2   N  m . Die weiter unten eingeführte Ar-

beit W hat ebenfalls die Dimension W   N  m . Diese Arbeitseinheit wird auch als

1 Joule = 1 J bezeichnet. Da N und W verschiedenartige Größen sind, wird die
Einheit des Drehmomentes nicht als 1 J bezeichnet. Analog wie die Winkelge-
  
schwindigkeit  klappen auch L und N bei Raumspiegelungen um und zeigen so-
mit das Verhalten von Axialvektoren (Pseudovektoren).
Drehimpuls und Drehmoment haben wichtige Anwendungen bei der Beschreibung
der Dynamik der Rotation starrer Körper (siehe Kap. 2.4.2). Im Folgenden erläu-
tern wir diese Größen anhand einfacher Spezialfälle. Zunächst betrachten wir die
Bewegung eines Massenpunktes m auf einem Kreis mit Radius r um den Koor-

dinatenursprung O . Die Winkelgeschwindigkeit sei  .


L

 
p

m

O r

 
Abb. 2.7: Impuls p und Drehimpuls L bei
einer Kreisbewegung eines Massenpunktes m

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 
Wie in Abbildung 2.7 gezeigt, stehen Ortsvektor r und Impuls p des Massenpunk-
 
tes aufeinander senkrecht. Wegen v    r ergibt sich für den Betrag des Drehim-

pulses L daher
 
L  m  r2   . (2.51)
 
Man erkennt aus Abbildung 2.7, dass in dem betrachteten Fall L und  parallel
zueinander und gleichorientiert sind und folglich erhalten wir aus Gleichung (2.51)
auch den vektoriellen Zusammenhang
 
L  m  r2  . (2.52)
 
Somit läge die Vermutung nahe, dass zwischen L und  stets eine gleichartige Re-
   
lation besteht wie zwischen p und v . Es zeigt sich jedoch, dass L und  im All-
gemeinen nicht parallel zueinander sind, der Zusammenhang wird dementspre-
chend mit Hilfe eines Tensors 2. Stufe dargestellt (siehe Kap. 2.4.2).
Als weiteren Spezialfall betrachten wir eine unbeschleunigte (geradlinig-gleich-
förmige) Bewegung eines Massenpunktes m mit der konstanten Geschwindigkeit

v . Wie in Abbildung 2.8 gezeigt, befinde sich der Koordinatenursprung O im
Normalabstand b von der geradlinigen Bahn des Massenpunktes. b wird als Stoß-
parameter bezüglich O bezeichnet (siehe Kap. 2.3).

m 
v

 b  r  sin 
r
O
Abb. 2.8: Zum Drehimpuls eines Massenpunktes m bei
geradlinig-gleichförmiger Bewegung


Man erkennt aus Abb. 2.8, dass der Betrag von L dargestellt werden kann in der
Form
  
L  m  r  v  m  r  v  sin 

und damit ergibt sich



L  mv b . (2.53)

Auch für den Drehimpuls kann ein Erhaltungssatz hergeleitet werden. Dazu diffe-
renzieren wir den Drehimpuls laut Definition (2.49) nach der Zeit und erhalten

 r  p   r  p .
dL    
dt  
 
 v p  0

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    
Wegen p  F und r  F  N ergibt sich

 dL
N (2.54)
dt
in völliger Analogie zum 2. Newton’schen Axiom gemäß Gleichung (2.43). Daraus

erhält man für den Fall verschwindenden äußeren Drehmomentes N unmittelbar:

Satz von der Erhaltung des Drehimpulses:


Wenn das äußere Drehmoment verschwindet, dann ist der Drehimpuls konstant.


Als wichtigen Spezialfall betrachten wir Zentralkräfte, das sind Kräfte F , die

stets parallel zum Ortsvektor r des jeweiligen Massenpunktes angreifen. Der Ko-
ordinatenursprung O wird als Kraftzentrum des Zentralkräftefeldes bezeichnet. In
   
diesem Fall ist stets N  r  F  0 und folglich bleibt der Drehimpuls erhalten.
Die Herleitung des Drehimpulssatzes erfolgte zunächst für nur einen Massenpunkt.
Im Folgenden betrachten wir ein System von mehreren Massenpunkten mit Massen
     
mi , Drehimpulsen Li  ri  pi und äußeren Drehmomenten N i  ri  Fi . Es gilt:

dL i
dt 
 
  

 r i  pi  ri  p i .
 
  
vi  pi  0
Unter Berücksichtigung äußerer und innerer Kräfte erhält man die Bewegungsglei-
chung für den Massenpunkt i in der Form
  
p i  Fi   F ji .
j

Einsetzen in obige Beziehung und Summation über alle Massenpunkte ergibt



dLi    
 dt   ri 
 Fi   ri  F ji .
  i, j
(2.55)
i i
Ni
Gemäß 3. Newton’schem Axiom gilt
 
Fij   F ji .

Nunmehr werde die erfahrungsgemäß in den meisten Fällen erfüllte Annahme ge-
 
  
macht, dass die inneren Kräfte F ji stets parallel zu den Relativvektoren ri  r j der
entsprechenden wechselwirkenden Massenpunkte sind. Dies erlaubt die Umfor-
mung

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ri  F ji   rj  Fij   ri 
 rj 
   
 F ji  0

Relativvektor || F ji

und Summation über alle wechselwirkenden Massenpunkte führt zu


  
 ri  F ji  0 .
i, j

Als Resultat ergibt sich aus Gleichung (2.55) somit analog zu Gleichung (2.48)
d  

dt i
Li   N i . (2.56)
i

Wenn also das gesamte äußere Drehmoment verschwindet, dann ist der Gesamt-
drehimpuls konstant. Der Drehimpulserhaltungssatz ist somit auch für Systeme von
mehreren Massenpunkten gültig.
Die Beschreibung des Verhaltens eines Systems von mehreren Massenpunkten
kann vereinfacht werden durch Einführung des Massenmittelpunktes (MMP) mit
Ortsvektor

  mi  ri
R i . (2.57)
 mi
i

Der Ortsvektor R des Massenmittelpunktes wird also definiert als arithmetischer

Mittelwert der Ortsvektoren ri , gewichtet mit den Teilchenmassen mi . Im Spezial-
fall eines Systems zweier Massenpunkte mit gleichen Massen m liegt der MMP al-
so stets in der Mitte der Verbindungsstrecke der beiden Massenpunkte. Für den Fall
eines starren Körpers wird der MMP aller Massenpunkte des starren Körpers als
Schwerpunkt bezeichnet (siehe Kap. 2.4). Oftmals wird der MMP allerdings auch
für den allgemeinen Fall eines Systems von mehreren Massenpunkten als Schwer-
punkt bezeichnet.
Auch für den Massenmittelpunkt kann ein Erhaltungssatz hergeleitet werden. Dazu
formen wir die Definition des MMP gemäß Gleichung (2.57) um
  
  mi   R   mi  ri
 
 i  i

und Differenziationen nach der Zeit liefern nacheinander


  
  mi   R   mi  ri ,
   
 i  i 
pi

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d     d 
  mi   R    pi .

dt  i 
  dt i
Durch Einsetzen von Gleichung (2.48) folgt daraus

d     
  mi   R    Fi , (2.58)
dt  i  
  i

wobei Fi die äußeren Kräfte bezeichnen. Daraus erhält man für den Fall ver-
schwindender gesamter äußerer Kraft unmittelbar:

Satz von der Erhaltung des Massenmittelpunktsimpulses:


Wenn die gesamte äußere Kraft verschwindet, dann bleibt der Impuls der im
Massenmittelpunkt vereinigt gedachten gesamten Masse eines Systems mehre-
rer Massenpunkte konstant.

Umformung von Gleichung (2.58) liefert


   
  mi   R   Fi (2.59)
 
 i  i

und daraus resultiert der folgende nützliche Satz:


Der Massenmittelpunkt eines Systems von mehreren Massenpunkten bewegt
sich so, als ob die gesamte äußere Kraft an der gesamten Masse des Systems,
welche im Massenmittelpunkt vereinigt gedacht wird, angreifen würde.

Als letzter der mechanischen Größen, für die ein Erhaltungssatz gilt, wenden wir
uns nun der Energie zu. Zur Einführung der mechanischen Gesamtenergie ist es
zweckmäßig, vom Begriff der mechanischen Arbeit auszugehen. Wir betrachten
gemäß Abbildung 2.9 einen Massenpunkt, der sich unter dem Einfluss einer Kraft

F auf einer Bahnkurve von einem Ausgangspunkt P0 zu einem Endpunkt Pe be-
wegt.
Pe

P r

 F
r
Abb. 2.9: Zur Definition der mechani-

P0 schen Arbeit, die eine Kraft F während
der Bewegung eines Massenpunktes P
O
verrichtet

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Die Arbeit W , die von der Kraft F längs eines hinreichend kurzen Wegstückes

r verrichtet wird, ist definiert als die Wegstrecke multipliziert mit der Kraft-
komponente in Wegrichtung, also
   
W  r  F  cos   F  r .

Damit ergibt sich folgende Definition der mechanischen Arbeit:



Die gesamte mechanische Arbeit W , die von der Kraft F längs
einer Bahnkurve von einem Ausgangspunkt P0 zu einem End-
punkt Pe an einem Massenpunkt verrichtet, also dem System
zugeführt wird, ist gegeben durch
Pe
  (2.60)
W   F  dr .
P0

Die Definition der Arbeit ist eine der wichtigsten Anwendungen des Skalarproduk-
tes zweier Vektoren in der Physik. Die Dimension der Arbeit ist W   N  m  . Die-
se Arbeitseinheit wird auch als 1 Joule = 1 J bezeichnet. Auf Grund der Definition

der Arbeit erkennt man, dass Kräfte oder Kraftkomponenten F , die senkrecht auf

die Bewegungsrichtung v stehen, keine Arbeit verrichten.
Die Arbeit, die pro Zeiteinheit verrichtet, also dem System zugeführt wird, ist die
mechanische Leistung
dW
P . (2.61)
dt
Die Dimension der Leistung ist P   J  s 1 . Diese Leistungseinheit wird auch als
1 Watt = 1 W bezeichnet. Durch Einsetzen von Gl. (2.60) in Gl. (2.61) erhält man
P t 
d   d t  dr
P
dt  F  dr 
dt   dt  dt 
F
P t 0  t0  
F v

und es resultiert für die mechanische Leistung der Ausdruck


 
P  F v . (2.62)
Die Begriffe Arbeit und Leistung werden im Folgenden anhand des senkrechten
Wurfes eines Massenpunktes mit Masse m in einem konstanten homogenen

Schwerkraftfeld F0 illustriert. Wir betrachten gemäß Abbildung 2.10 einen Mas-
senpunkt mit Masse m , der sich zunächst an einem Anfangspunkt P0 befindet. Von
dort steigt der Massenpunkt senkrecht bis zum Scheitelpunkt PS in der Höhe H auf

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und fällt anschließend wieder bis zum Endpunkt Pe  P0 zurück. Der Koordinaten-
ursprung O liege im Anfangspunkt P0 , die z -Achse weise senkrecht nach oben.

 Ps
F0

H rs

v0
 P0  Pe  O Abb. 2.10: Geometrische Anordnung der Vektoren zur
F0 Beschreibung des senkrechten Wurfes eines
Massenpunktes

Die Anfangsbedingungen lauten:


0  0 
       
r0  0, v0   0 , F0   0  . (2.63)
v   F 
 0  0
Damit erhält man für die gleichförmig beschleunigte Bewegung gemäß Gleichun-
gen (2.45) und (2.46) die allgemeinen Ausdrücke

   
 0   x0 
  , r 
  
v 0  y0  (2.64)
 F0 
 v0  t  F 
 z  v0  t  0  t 2 
 m   2m 
für Geschwindigkeit und Ort des Massenpunktes als Funktionen der Zeit. Die Be-
dingungen bei den Punkten P0 , Ps und Pe lauten somit:
 
Anfangsposition P0 (r  r0 ) :
 
z0  0, t0  0, v (t0 )  v0
 
Scheitelposition Ps (r  rs ) :

  m  v0 m  v0 2
v s  0, t s  , H  z s  z (t s ) 
F0 2 F0
 
Endposition Pe  P0 (r  r0 ) :
2 m  v0   
ze  0, te  t  ze   , ve  v te    v0 .
F0

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Nunmehr können wir die von der Kraft F0 verrichtete Arbeit berechnen.

Längs des Weges von P0 nach Ps verrichtet die Kraft F0 die Arbeit
Ps
     m  v0 2
W1   F0  dr  F0  rs  r0    F0  H   . (2.65)
  2
P0 hinauf

F0 führt von dem System also die Arbeit m  v0 2 2 ab. Längs des Weges von Ps

nach Pe verrichtet die Kraft F0 anschließend die Arbeit
P0
     m  v0 2
W2   F0  dr  F0  r0  rs   F0  H  . (2.66)
  2
Ps hinunter

F0 führt dem System also wieder die Arbeit m  v0 2 2 zu. Wir erkennen, dass der
betrachtete senkrechte Wurf ein reversibler Vorgang ist, bei dem insgesamt weder
Arbeit gewonnen wird noch verloren geht.
Gemäß Gleichung (2.62) berechnen wir mit Hilfe der Ausdrücke in Gl. (2.63),

(2.64) die von der Kraft F0 während des betrachteten senkrechten Wurfes erbrachte
Leistung
  F0 2
P(t )  F0  v (t )   F0 v0  t. (2.67)
m
Somit ergibt sich bei der Anfangsposition P0 die Leistung
P(t 0  0)   F0 v0 . (2.68)

F0 führt also von dem System pro Zeiteinheit die Arbeit F0  v0 ab. Bei der Schei-
telposition Ps erhält man die Leistung

 m v0  F 2 m v0
P t s     F0 v0  0   0. (2.69)
 F0  m F0

F0 verrichtet also an dem System pro Zeiteinheit keine Arbeit, bei der Scheitel-

position ist ja auch v  0 . Bei der Endposition Pe ergibt sich schließlich

 2 m v0  F 2 2 m v0
P t e     F0 v0  0   F0 v0 . (2.70)
 F0  m F0

F0 führt dem System also pro Zeiteinheit wieder die Arbeit F0  v0 zu.
Im Folgenden wenden wir uns der Definition der mechanischen Energie zu. Zu-

nächst betrachten wir einen Massenpunkt, der sich mit Geschwindigkeit v A be-
wegt.

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Definition der kinetischen Energie TA dieses Massenpunktes:



Die kinetische Energie TA ist die Arbeit, die von einer Kraft F verrichtet
werden musste, um einen Massenpunkt aus anfänglicher Ruhe auf seine Ge-

schwindigkeit v A zu beschleunigen.

Wir gehen davon aus, dass diese in den Massenpunkt investierte Arbeit als kineti-

sche Energie TA dem Massenpunkt mit Geschwindigkeit v A innewohnt.
Zur konkreten Berechnung der kinetischen Energie TA wählen wir ein Bezugssys-
tem, in dem der betrachtete Massenpunkt m zum Zeitpunkt t0 an der Stelle P0 ruht.

Auf den Massenpunkt wirke eine Kraft F , die ihn auf dem Weg von P0 nach PA ,

dem Aufpunkt, auf die Geschwindigkeit v A beschleunigt. Gemäß der obigen Defini-

tion ist die kinetische Energie TA des Massenpunktes mit Geschwindigkeit v A die

Arbeit, die die Kraft F längs des Weges von P0 nach PA verrichtet:
PA
 
PA  tA  
dv  dv dr
TA   F  dr   m
dt
 dr  m 
dt dt
dt 
P0 P0 t0 
v

tA  tA
 
 v A2

 d v .
 dv m d v2 m
 
2
 m v dt  dt 
 dt 2 dt 2
t0  t0 0
1 d (v v )
2 dt
Folglich erhält man für die kinetische Energie TA des Massenpunktes m mit Ge-

schwindigkeit v A den Ausdruck

m  v A2
TA  . (2.71)
2
Bei Wahl eines anderen Bezugssystems ergibt sich im Allgemeinen eine andere
Geschwindigkeit und somit auch eine geänderte kinetische Energie des betrachteten
Massenpunktes.
Mit Hilfe obiger Umformung ergibt sich für die Arbeit W längs des Weges von P1
nach P2 :
P2 v2
W 
  m 2
F  dr    d v 2 
2 2
 
m  v2 2 m  v12
2

2
P1 v1

Folglich erhält man für die Arbeit, die die Kraft F längs des Weges von P1 nach
P2 an dem Massenpunkt verrichtet den Ausdruck

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W  T2  T1 . (2.72)

Anhand des oben betrachteten senkrechten Wurfes illustrieren wir die Anwen-
dung des Begriffes der kinetischen Energie. Gemäß Gl. (2.71) kann die kinetische
Energie des Massenpunktes beim senkrechten Wurf für verschiedene Positionen
ermittelt werden:
Anfangsposition P0 :
m  v0 2
T0  (2.73)
2
Scheitelposition PS :
TS  0 (2.74)
Endposition Pe :
m  v0 2
Te  . (2.75)
2
Damit erhält man gemäß Gl. (2.72) unmittelbar die Arbeit längs des Weges von P0
nach PS
m  v0 2
W1  TS  T0   , (2.76)
2
und die Arbeit längs des Weges von PS nach P0

m  v0 2
W2  Te  TS  . (2.77)
2

Diese Ausdrücke stimmen überein mit Gl. (2.65) und (2.66), konnten jedoch mit
Hilfe der kinetischen Energie wesentlich einfacher ermittelt werden.
Als Vorbereitung zu der Einführung der potenziellen Energie betrachten wir nun-
mehr konservative Kräfte.

Definition konservativer Kräfte:


Konservative Kräfte sind Kräfte, die längs geschlossener Wege
insgesamt keine Arbeit verrichten:
(2.78)
 
 F  dr  0

Beispiele für konservative Kräfte sind Schwerkraftfelder. Beim senkrechten Wurf


etwa haben wir erkannt, dass nach Rückkehr des Massenpunktes an die Anfangspo-
sition insgesamt keine Arbeit verrichtet wurde. Reibungskräfte hingegen sind Bei-
spiele für nichtkonservative Kräfte.

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C1
P2
P1

C2
Abb. 2.11: Bahnkurve in einem konservativen Kraftfeld

Wenn man, wie in Abbildung 2.11 gezeigt, zwei Punkte P1 und P2 auf einer ge-
schlossenen Bahnkurve wählt, dann kann Gl. (2.78) umgeformt werden zu
P2 P1
   
 F  dr   F  dr  0
P1 P2

 

Weg C1 Weg C 2
und dies führt zu der Beziehung
P2 P1
    P2  
 F  d r    F  dr   F  d r .
P1 P2 P1

 
 

Weg C1 Weg C 2 Weg C 2
Somit gilt:
Bei konservativen Kräften ist die Arbeit am Weg von P1 nach P2 unabhängig
vom Verlauf der Bahnkurve und nur von den Positionen der Endpunkte P1 und
P2 abhängig. Folglich ist die Arbeit bei konservativen Kräften wegunabhängig.

Nunmehr betrachten wir einen Massenpunkt, der sich in einem konservativen Kraft-

feld F an einem Ort PA , seinem Aufpunkt, befindet.
Definition der potenziellen Energie V A des Massenpunktes bezüglich eines festge-
legten Bezugspunkts P0 :

Die potenzielle Energie V A ist die Arbeit, die die konservative Kraft F verrich-
ten kann, falls sich ein Massenpunkt von seinem Aufpunkt PA nach P0 bewegt.

Wir gehen davon aus, dass diese in den Massenpunkt potenziell zu investierende
Arbeit als potenzielle Energie V A dem Massenpunkt an dem Ort PA bereits inne-
wohnt. Die Voraussetzung der Konservativität des betrachteten Kraftfeldes stellt
sicher, dass die Arbeit am Weg von PA nach P0 wegunabhängig ist und die Defini-
tion der potenziellen Energie somit auf eine eindeutige Ortsfunktion führt.

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Gemäß der Definition von V A erkennt man, dass eine Änderung des Bezugspunktes
P0 nur eine Änderung von V A um einen konstanten Betrag zur Folge hat. Abhän-
gig von der konkreten Situation wird P0 oft im Koordinatenursprung oder im Un-
endlichen angenommen. Man erkennt unmittelbar, dass am Bezugspunkt die poten-
zielle Energie verschwindet.
Gemäß der obigen Definition kann die potenzielle Energie berechnet werden mittels
P0 PA
   
VA   F  dr    F  dr . (2.79)
PA P0

Daraus erhält man die potenzielle Energie auch in der Form


PA

  F  dr .

VA  (2.80)
P0

Dieser Ausdruck führt auf eine alternative Definition der potenziellen Energie V A
des betrachteten Massenpunktes bezüglich des festgelegten Bezugspunktes P0 :

Die potenzielle Energie V A ist die Arbeit, die gegen die wirkende Kraft F von

einer gleichgroßen, aber entgegengesetzten Kraft  F  verrichtet werden musste,
um einen Massenpunkt quasistatisch von P0 zu seinem Aufpunkt PA zu ver-
schieben.

Im gleichen Ausmaß steigt dadurch auch die Möglichkeit (das Potenzial) der Kraft

F zu einer nachfolgenden Arbeitszuführung an das System. Eine quasistatische
Verschiebung ist eine hinreichend langsame Bewegung, sodass die kinetische
Energie des Massenpunktes im Vergleich zu V A vernachlässigbar ist. Dabei ist zu

beachten, dass der betrachtete Massenpunkt ja kräftefrei ist, wenn Kraft F und Ge-

genkraft  F  gleichzeitig an ihm angreifen.
Als anschauliches Beispiel betrachten wir einen Schilift. Die Talstation des Liftes
werde als Bezugspunkt P0 gewählt, ein Schifahrer hat somit dort die potenzielle
Energie V  0 . Vom Lift wird der Schifahrer nunmehr gegen die wirkende

Schwerkraft F langsam (quasistatisch) zur Bergstation, dem Aufpunkt PA , hinauf-
gezogen. Der Schilift verrichtet dabei eine positive Arbeit und folglich hat der
Schifahrer dann bei der Bergstation eine positive potenzielle Energie V A . Im glei-

chen Ausmaß steigt dadurch auch die Möglichkeit der Schwerkraft F zu einer
nachfolgenden Arbeitszuführung an das System im Fall einer Abfahrt ins Tal.

Die Arbeit, die von der Kraft F längs des Weges von P1 nach P2 an dem Massen-
punkt verrichtet wird, kann für konservative Kräfte ausgedrückt werden in der Form

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P2 P0
    P2  
W  F  dr   F  dr   F  dr .
P1 0 P1 P
 
 
 V2  V1

Folglich erhält man für die Arbeit, die die Kraft F längs des Weges von P1 nach
P2 an dem Massenpunkt verrichtet den Ausdruck
W  V1  V2 . (2.81)

Die große Bedeutung der potenziellen Energie V rührt unter Anderem daher, dass

zwischen F und V ein einfacher Zusammenhang besteht. Zur Herleitung dieses

Zusammenhanges betrachten wir in dem konservativen Kraftfeld F zwei nahe be-
  
nachbarte Punkte P1 und P2 mit Ortsvektoren r1 und r1  r . Die längs des Weges
von P1 nach P2 verrichtete Arbeit kann näherungsweise berechnet werden in der
Form
P2
   
W  F  dr  F  r .
P1

Ferner erhalten wir gemäß Gl. (2.81) den Ausdruck


W  V P1   V P2   V P2   V P1  

 V V V  
   x   y   z   grad V   r .
 x y z 

Durch Vergleich dieser Ausdrücke ergibt sich für beliebige Wahl von r folgender
Zusammenhang zwischen Kraft und potenzieller Energie

F   gradV . (2.82)
Die Einführung der potenziellen Energie hat also den eminenten Vorteil, dass ein

Kraftfeld F mittels nur eines Skalars V dargestellt werden kann. Diese Möglich-
keit ist allerdings auf konservative Kräfte beschränkt.
Anhand des oben betrachteten senkrechten Wurfes illustrieren wir auch die An-
wendung des Begriffes der potenziellen Energie. Als Bezugspunkt werde der An-

fangspunkt des Wurfes gewählt. Für das konstante homogene Schwerkraftfeld F0
erhält man für die potenzielle Energie den Ausdruck
P0
 
V P    0  dr  F0  z .
F (2.83)
P

Damit ist auch der Zusammenhang F0   grad V erfüllt.

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Gemäß Gl. (2.83) kann die potenzielle Energie des Massenpunktes beim senkrech-
ten Wurf für verschiedene Positionen ermittelt werden:
Anfangsposition P0  z  0  :
V P0   0 (2.84)

 m  v0 2 
Scheitelposition PS  z S  H  :
 2 F 
 0 
m  v0 2
V PS   F0  H  (2.85)
2
Endposition Pe  ze  0  :
V P0   0 . (2.86)
Damit erhält man gemäß Gl. (2.81) unmittelbar die Arbeit längs des Weges von P0
nach PS
m  v0 2
W1  V P0   V PS    (2.87)
2
und die Arbeit längs des Weges von PS nach P0

m  v0 2
W2  V PS   V P0   . (2.88)
2

Diese Ausdrücke stimmen überein mit Gl. (2.65) und (2.66), konnten jedoch mit
Hilfe der potenziellen Energie wesentlich einfacher ermittelt werden.
Nachdem wir nunmehr kinetische und potenzielle Energie eingeführt haben, erfolgt
schließlich die Definition der mechanische Gesamtenergie E :
E T V . (2.89)

Vergleich von Gl. (2.72) und Gl. (2.81) liefert


T2  T1  V1  V2
oder
T2  V2  T1  V1
und folglich erhält man den

Satz von der Erhaltung der mechanischen Gesamtenergie:

In einem System mit konservativen Kräften bleibt die mechanische Gesamtener-


gie konstant.

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Die mechanische Gesamtenergie ist nur bei konservativen Kräften erhalten. Verall-
gemeinerung des Energiebegriffes durch Einschluss thermischer Energie führt zum
1. Hauptsatz der Thermodynamik (siehe Kap. 4.8.2), wodurch der Gültigkeitsbe-
reich des Energieerhaltungssatzes erweitert wird.
Die Bedeutung des Energieerhaltungssatzes kann ebenfalls anhand des senkrech-
ten Wurfes erläutert werden. Gemäß Gl. (2.73), (2.74), (2.75), (2.84), (2.85),
(2.86) kann die mechanische Gesamtenergie des Massenpunktes beim senkrechten
Wurf für verschiedene Positionen ermittelt werden:
Anfangsposition P0 :
m  v02
E0  T0  V0  0 (2.90)
2
Scheitelposition PS :
m  v02
ES  TS  VS  0  (2.91)
2
Endposition Pe :
m  v02
Ee  Te  Ve  0. (2.92)
2
Man erkennt, dass die Energie bei Anfangs- und Endposition kinetisch, bei der
Scheitelposition potenziell ist. Die Energie kann also im Verlauf eines mechani-
schen Vorganges zwischen kinetischer und potenzieller Energie wechseln. Die Ge-
samtenergie bleibt dabei jedoch unverändert erhalten.
Man geht davon aus, dass kinetische und potenzielle Energie dem jeweiligen Sys-
tem innewohnen, die Energie ist somit eine Systemeigenschaft. Andererseits wird
die Arbeit einem System zu- oder abgeführt, die Arbeit ist folglich ein Grenzflä-
chenkonzept.
Emmy Noether hat einen Zusammenhang zwischen den Erhaltungssätzen und ge-
wissen Invarianzeigenschaften nachgewiesen. Es gilt das Noether-Theorem:

Erhaltungssätze sind Folgen von Invarianzeigenschaften (Symmetrien) des be-


trachteten Systems.

Dieses allgemeine Theorem kann auf unterschiedliche Invarianzeigenschaften an-


gewendet werden. Im Folgenden werden drei für die Mechanik wesentliche Invari-
anzeigenschaften herausgegriffen.
Homogenität des Raumes: Die Eigenschaften von Systemen sind invariant bei
Translationen im Raum, sind also unabhängig von der Wahl des Startortes im
Raum. Aus der Homogenität des Raumes folgt die Erhaltung des Impulses.

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Isotropie des Raumes: Die Eigenschaften von Systemen sind invariant bei Rotati-
onen im Raum, sind also unabhängig von der Wahl der Richtung im Raum. Aus der
Isotropie des Raumes folgt die Erhaltung des Drehimpulses.
Homogenität der Zeit: Die Eigenschaften von Systemen sind invariant bei Zeit-
translationen, sind also unabhängig von der Wahl der Startzeit. Aus der Homogeni-
tät der Zeit folgt die Erhaltung der Energie.

2.1.3 Wechselwirkungskräfte
Nach der allgemeinen Beschreibung der Dynamik von Massenpunkten diskutieren
wir nunmehr die Eigenschaften spezieller Wechselwirkungskräfte. Ortsabhängige
Kräfte werden als Kraftfeld bezeichnet. Bei räumlich konstanten Kräften spricht
man von einem homogenen Kraftfeld, zeitunabhängige Kräfte sind statische Kräfte.
Auf einen Punkt, das Kraftzentrum, gerichtete Kräfte bilden ein Zentralkräftefeld.
Falls der Koordinatenursprung in das Kraftzentrum gelegt wird, dann sind die Zent-
ralkräfte also stets parallel zum Ortsvektor.
Man unterscheidet bei der Wechselwirkung (WW) von Massenpunkten zwischen
Fernwirkung und Nahwirkung. Bei der Fernwirkung erfolgt die WW über eine
gewisse räumliche Distanz, dementsprechend könnte eine instantane WW erwartet
werden. Andererseits ist die Nahwirkung bedingt durch den lokalen Zustand des
Raumes, der als Feld bezeichnet wird. In diesem Fall kann mit einer endlichen
Ausbreitungsgeschwindigkeit des Feldes und folglich der WW gerechnet werden.
Der Feldbegriff ist in der Physik von großer Bedeutung, insbesondere die elektro-
magnetische WW wird mit elektromagnetischen Feldern in Verbindung gebracht,
die sich mit endlicher Geschwindigkeit ausbreiten (siehe Kap. 5.7).
Alle bekannten WW können auf vier grundlegende WW-Kräfte mit unterschiedli-
chen Stärken und Reichweiten zurückgeführt werden:

Tab. 2.1: Stärken und Reichweiten der bekannten WW-Kräfte

WW Kopplungskonstante Reichweite [m]


-1
Starke WW 10 10-15
Elektromagnetische WW 1/137 ≈ 7.3 × 10-3 ∞
Schwache WW 3 × 10-7 < 10-18
Gravitations-WW 5 × 10-39 ∞

Im Rahmen der Quantenfeldtheorie kann eine WW-Kraft auf den Austausch virtu-
eller Teilchen zurückgeführt werden, die aufgrund der Energieunschärfe (siehe
Kap. 8.6) entstehen können. Die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung virtueller
Teilchen kann als ein Maß für die Stärke der jeweiligen WW-Kraft angesehen wer-
den und wird durch die Kopplungskonstante angegeben. Die in Tabelle 2.1 ange-

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führten Kopplungskonstanten dienen einer Charakterisierung der relativen Stärken


der einzelnen WW-Kräfte.
Die elektromagnetische und die schwache WW können zu einer elektroschwachen
WW vereinheitlicht werden. Die starke WW ist im Bereich der Atomkerne wirk-
sam. Die elektromagnetische WW elektrisch geladener Körper wird im Rahmen der
Elektrodynamik beschrieben (siehe Abschnitt 5). Im Folgenden wenden wir uns der
Gravitations-WW massiver Körper zu.

2.1.3.1 Gravitationswechselwirkung, Newton’sches Gravitationsgesetz


Zur Abschätzung des Verhältnisses der Stärken von elektromagnetischer und Gravi-
tations-WW betrachten wir die WW von zwei Protonen. Das Verhältnis der elektro-
magnetischen und der Gravitations-WW von zwei Protonen beträgt Fem Fgr  1036 .
Trotz ihrer im Verhältnis zu den anderen WW-Kräften also außerordentlich geringen
Stärke (siehe Tabelle 2.1) ist die Gravitations-WW im kosmischen Bereich dominie-
rend. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Gravitations-WW im Gegensatz zur
elektromagnetischen WW stets anziehend wirkt und daher keine Kompensation ein-
treten kann. Newton hat erkannt, dass die Gravitations-WW einerseits die Anzie-
hungskraft auf Körper an der Erdoberfläche hervorruft und andererseits die Planeten
und Monde auf ihren Bahnen um die Sonne hält. Newton hat damit eine der wesent-
lichen Vereinheitlichungen in der Physik erzielt.

Die Gravitationsanziehungskraft G auf einen Körper in einem Gravitationsfeld
wird mit einer dem Körper zugeordneten schweren Masse mS in Verbindung ge-

bracht und wir nehmen an, dass G ausgedrückt werden kann in der Form
 
G  mS  g , (2.93)

wobei g als Schwerefeldstärke des Gravitationsfeldes bezeichnet wird. Die
schwere Masse mS ist grundsätzlich eine auf die Gravitations-WW bezogene neue
Basisgröße mit entsprechend zu definierender Basiseinheit. Analog dazu wird auch
bei der elektromagnetischen WW die Kraft auf einen Körper in einem elektrischen
Feld mit einer dem Körper zugeordneten elektrischen Ladung in Verbindung ge-

bracht. Die Schwerefeldstärke g ist die Gravitationskraft pro Einheit der schweren
Masse. Die schwere Masse hat die Dimension mS   kg S  , die Dimension der
Schwerefeldstärke ist g   N  kg S1 .

Zunächst betrachten wir ein homogenes Gravitationsfeld. Die räumlich konstante


Anziehungskraft auf einen massiven Körper in einem homogenen Gravitationsfeld
wird als Gewichtskraft oder Gewicht dieses Körpers bezeichnet. In einem be-
schränkten räumlichen Bereich, unmittelbar oberhalb der Erdoberfläche, ist das
Gravitationsfeld in guter Näherung homogen, das Gewicht massiver Körper prak-
tisch konstant. Bei der physikalischen Beschreibung eines massiven Körpers ist es

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wichtig, den Unterschied zwischen schwerer Masse mS und Gewicht G des Körpers
zu berücksichtigen. Körper mit gleicher schwerer Masse haben in Gravitations-
feldern unterschiedlicher Gravitationsfeldstärke gemäß Gl. (2.93) auch unterschied-
liches Gewicht. In den allermeisten praktischen Situationen befinden sich Men-
schen allerdings im Gravitationsfeld nahe der Erdoberfläche mit praktisch konstan-
tem Betrag der Schwerefeldstärke. In diesem Fall sind somit schwere Masse und
Gewicht stets proportional zueinander und folglich wird in der Alltagssprache oft
zwischen diesen beiden Begriffen nicht unterschieden.
Im Zusammenhang mit der Berechnung der potenziellen Energie V in dem be-
trachteten homogenen Gravitationsfeld führen wir ein Koordinatensystem ein, bei

dem die z-Achse parallel und entgegengerichtet zur Schwerefeldstärke g gewählt
werde. In diesem Koordinatensystem gilt gemäß Gl. (2.93)
 0   0 
     
g   0 , G  0 . (2.94)
 g   m  g 
   S 
Entsprechend dem allgemeinen Zusammenhang lt. Gl. (2.82) gilt für das betrachte-
te Gravitationsfeld

G   gradV . (2.95)
Gleichungen (2.94), (2.95) werden erfüllt durch den Ansatz
V  mS  g  z . (2.96)
Der Bezugspunkt für V liegt bei z  0 und wird üblicherweise auf der Erdoberflä-
che angenommen.
Wir betrachten nun den freien Fall eines Massenpunktes im homogenen Gravita-
tionsfeld nahe der Erdoberfläche. Am Anfang, zum Zeitpunkt t  0 , befinde sich
der Massenpunkt bei z  0 in Ruhe, anschließend falle der Massenpunkt um eine
Strecke H , die Fallhöhe, hinunter. Gemäß dem 2. Newton‘schen Axiom lt. Gl.
(2.44) erhalten wir die Bewegungsgleichung
 
m  r  G , (2.97)
wobei m die träge Masse des Massenpunktes ist. Durch Einsetzen des allgemeinen
Ausdrucks (2.93) folgt für die z-Komponenten
d 2z
m   mS  g .
d t2
Daraus erhält man durch zweimalige Integration unter Berücksichtigung der An-
fangsbedingungen
mS t2
z g . (2.98)
m 2

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Für die vorgegebene Fallhöhe H ergibt sich somit die Fallzeit


2 H m
tH   . (2.99)
g mS
Experimentell zeigt sich, dass die Fallzeit t H unabhängig ist von der Größe und
Zusammensetzung der fallenden Masse. Auf Grund der aus Gl. (2.99) folgenden
Beziehung
2 H
mS  2
m (2.100)
g  tH
resultiert somit die Relation
mS  CS  m (2.101)
zwischen schwerer und träger Masse, wobei C S eine universelle Konstante ist, de-
ren konkreter Wert von der Definition der Einheit der schweren Masse abhängt.
Schwere und träge Masse sind somit stets zueinander proportional, Gewicht ist
demnach immer an Trägheit gebunden. Zwei Körper mit unterschiedlichen Massen
fallen also deshalb gleich schnell, weil die an der größeren Masse angreifende grö-
ßere Gewichtskraft auf Grund der im gleichen Verhältnis größeren Trägheit dieser
Masse doch nur die exakt gleiche Beschleunigung hervorruft.
Als weiteren wichtigen dynamischen Vorgang betrachten wir die periodische Be-
wegung eines Pendels im homogenen Gravitationsfeld nahe der Erdoberfläche.
Um eine besonders einfache Beschreibung zu ermöglichen, betrachten wir ein
mathematisches Pendel, also ein System, bei dem ein Massenpunkt m an einem
Faden mit Länge  und vernachlässigbarer Masse aufgehängt ist. Wie beim freien
Fall lautet die Bewegungsgleichung
 
m  r  G . (2.102)


s

Gt


Gr
 
G  ms  g
Abb. 2.12: Anordnung der Kraftkomponenten beim mathematischen Pendel

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Wie in Abbildung 2.12 dargestellt, führen wir Polarkoordinaten ein und die Weg-
koordinate des Massenpunktes wird ausgedrückt als
s  l  . (2.103)
 
Die Gewichtskraft G wird beschrieben durch eine Tangentialkomponente Gt und
 
eine Radialkomponente Gr . Die Tangentialkomponente Gt kann für den Fall klei-
ner Schwingungen dargestellt werden in der Form
Gt   mS  g  sin    mS  g   . (2.104)

Die Radialkomponente Gr der Gewichtskraft wird durch die Wirkung einer vom
Faden hervorgerufenen Zwangskraft stets kompensiert und gemäß Gl. (1.102) ver-
bleibt die Bewegungsgleichung
d 2s
m  Gt .
dt 2
Durch Einsetzen von s und Gt gemäß Gl. (2.103) und (2.104) erhalten wir daraus
die Bewegungsgleichung in der Form
d 2
ml    mS  g   . (2.105)
dt 2
Diese gewöhnliche lineare Differenzialgleichung ist die Schwingungsgleichung
des mathematischen Pendels.
Gl. (2.105) kann mit Hilfe des Ansatzes
  A  sin   t 
gelöst werden, der eine harmonische Schwingung mit Amplitude A und Kreis-
frequenz  darstellt. Durch Einsetzen dieses Lösungsansatzes in die Schwin-
gungsgleichung (2.105) erhalten wir für die Kreisfrequenz  den Ausdruck
g mS
  . (2.106)
l m
Die Schwingungsdauer T des mathematischen Pendels ist das Zeitintervall zwi-
schen zwei gleichen Zuständen des Pendels. Dementsprechend gilt
sin  t  T   sin  t 
 t  T    t  2 
 T  2
Die Schwingungsdauer T resultiert damit zu
2 l m
T  2   . (2.107)
 g mS

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Experimentell zeigt sich, dass die Schwingungsperiode T unabhängig ist von der
Größe und Zusammensetzung der Pendelmasse. Auf Grund der aus Gl. (2.107) fol-
genden Beziehung
4  2  l
mS  m (2.108)
g T 2
resultiert somit neuerlich die Relation (2.101). Präzisionsmessungen haben gezeigt,
dass die relativen Abweichungen von Relation (2.101) unterhalb von 1011 liegen.
Dies legt die Annahme der Gleichartigkeit von träger und schwerer Masse nahe.
Dementsprechend setzt man (siehe auch Kap. 1.5) die universelle Konstante CS  1
und damit wird das Äquivalenzprinzip postuliert:

Die träge Masse m und die schwere Masse mS sind äquivalente


Größen, die einander gleichgesetzt werden können: (2.109)
mS  m .

Damit erübrigt sich die unabhängige Einführung der schweren Masse als Basisgrö-
ße mS mit Basiseinheit kg S . Das Äquivalenzprinzip geht bereits auf Überlegungen
von Galilei zurück, wurde als experimentelles Faktum akzeptiert, blieb aber zu-
nächst unerklärt. Bemerkenswerterweise kann das Äquivalenzprinzip erst im Rah-
men der allgemeinen Relativitätsmechanik verstanden werden.
Mit Hilfe von Gl. (2.109) erhält man aus Gl. (2.99) für die Fallzeit t H beim freien
Fall den vereinfachten Ausdruck
2H
tH  (2.110)
g

und somit kann aus Messung der Fallzeit t H die Schwerefeldstärke


2 H
g (2.111)
tH 2
ermittelt werden. Ferner liefert Gl. (2.107) für die Schwingungsdauer T des
mathematischen Pendels den vereinfachten Ausdruck
l
T  2   (2.112)
g

und somit kann auch aus Messung der Schwingungsperiode T die Schwerefeld-
stärke
4  2  l
g (2.113)
T2
ermittelt werden.

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Das Äquivalenzprinzip erlaubt noch eine wichtige allgemeine Folgerung. Aus Gl.

(2.93) erhält man gemäß Gl. (2.109) für die Gewichtskraft G den Ausdruck
 
G m  g. (2.114)
 mS

Durch Einsetzen von Gl. (2.114) in das Newton‘sche Axiom, Gl. (2.44), erhält die
Bewegungsgleichung die Form
 
m r  m
 g
 ms
oder
r  g . (2.115)

Somit erkennt man aufgrund des Äquivalenzprinzips:



Die Fallbeschleunigung ist stets durch die Schwerefeldstärke g gegeben. Insbe-
sondere an der Erdoberfläche ist die Fallbeschleunigung g  9.81 m s  2 .

Nach der Betrachtung homogener Gravitationsfelder wenden wir uns nun der Mas-
senanziehung zweier Massenpunkte m, M zu. Wenn sich ein Massenpunkt m
im Gravitationsfeld eines anderen Massenpunktes M befindet, dann erkennt man
aus den Gleichungen (2.93) bzw. (2.114), dass die Kraft auf den Massenpunkt m
proportional zu der Masse m des Massenpunktes ist. Auf Grund des 3.
Newton‘schen Axioms ist diese Kraft auch proportional zu M . Newton hat ge-
zeigt, dass aus Beobachtungen der Umlaufbahn des Mondes um die Erde Informa-
tionen über die Abhängigkeit der Gravitations-WW-Kraft zweier Massenpunkte
vom Abstand der Massenpunkte gewonnen werden können. Aus Bahnradius und
Winkelgeschwindigkeit des Mondes auf seiner annähernd kreisförmigen Bahn um
die Erde kann die Zentripetalbeschleunigung g M des Mondes berechnet werden
(siehe Kap. 2.1.1). Wenn wir davon ausgehen, dass die Gravitationsanziehung zur
Erde den Mond auf seiner Kreisbahn hält, dann muss die Zentripetalbeschleuni-
gung g M des Mondes gleich der Fallbeschleunigung im Gravitationsfeld der Erde
an der Stelle des Mondes sein. Andererseits kennen wir die Fallbeschleunigung g
an der Erdoberfläche. Es zeigt sich, dass g g M  3600 . Andererseits ist das Ver-
hältnis des Mondbahnradius zum Erdradius RM R  60 . Daraus erkennen wir,
dass die Fallbeschleunigung in 60-facher Distanz 1 602 mal so groß ist. Daraus
kann geschlossen werden, dass die Gravitations-WW-Kraft zweier Massenpunkte
mit Abstand r proportional zu 1 r 2 ist. Obwohl Erde und Mond keine Massen-
punkte, sondern ausgedehnte kugelförmige Massen sind, lassen Beobachtungen von
Erde und Mond Rückschlüsse auf das Verhalten von Massenpunkten zu, da man

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zeigen kann, dass kugelsymmetrische Massen sich wie im Kugelmittelpunkt be-


findliche Massenpunkte mit gleicher Gesamtmasse verhalten. Aus den erwähnten
Proportionalitäten folgt das Newton‘sche Gravitationsgesetz
 mM
F  Cg  2 , (2.116)
r
wobei C g eine universelle Konstante, die Gravitationskonstante, ist. Eine experi-
mentelle Bestimmung von C g kann mit der Drehwaage nach Cavendish erfolgen,
der Bestwert neuerer Messungen beträgt C g  6.67  1011 m3kg 1s  2 . Dement-
sprechend ziehen einander zwei Massen von je 100 Tonnen im Abstand von 1 m
mit einer Kraft von etwa 1 N an. Bei bekannter Gravitationskonstante C g kann die
Masse M der Erde bestimmt werden. Der Erdradius sei R . Wir betrachten zu die-
sem Zweck das Gewicht einer Masse m an der Erdoberfläche, also im Abstand R
vom Erdmittelpunkt. Gemäß Gl. (2.93) bzw. (2.114) sowie Gl. (2.116) gilt für das
Gewicht der Masse m
mM
m  g  Cg  ,
R2
woraus unmittelbar die Erdmasse M  5.97  1024 kg ermittelt werden kann.
Wir betrachten nun das kugelsymmetrische Gravitationsfeld in der Umgebung
einer Punktmasse M im Ursprung eines Koordinatensystems. Mit Hilfe des

Newton‘schen Gravitationsgesetzes kann die Kraft F auf eine Punktmasse m ,

die sich am Ort r in der Umgebung der Masse M befindet, berechnet werden:
 mM 
F  C g  3  r , (2.117)
r

wobei r  r der Abstand der Punktmassen m und M ist. Gemäß Gl. (2.82) be-
steht der allgemeine Zusammenhang

F   gradV (2.118)

zwischen der Kraft F und der potenziellen Energie V der Masse m . Wegen der
Identität

1 r
grad    3
r r
erweist sich für die potenzielle Energie V der Masse m in der Umgebung der
Masse M der Ansatz

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mM
V  C g  (2.119)
r
als zweckmäßig. Man erkennt, dass sich das betrachtete Gravitationsfeld als Gradi-
ent einer potenziellen Energie darstellen lässt und folglich ein konservatives Kraft-
feld ist.
Die radiale Abhängigkeit von V ist in Abbildung 2.13 dargestellt, der Bezugspunkt
liegt im Unendlichen.

V (r )

0 r

Abb. 2.13: Potenzielle Energie einer Punktmasse m im Gravitationsfeld


einer Punktmasse M in Abhängigkeit vom Abstand r der beiden Massen

Die Gravitationsfeldstärke (Fallbeschleunigung) ist gemäß Gl. (2.117) gegeben


durch

 F M 
g   C g  3  r . (2.120)
m r

Analog zu Gl. (2.118) kann die Gravitationsfeldstärke g als Gradient eines Poten-
zials  dargestellt werden:

g   grad (2.121)

Gemäß Gl. (2.119) kann das Potenzial  ausgedrückt werden in der Form
M
  Cg  . (2.122)
r

Nunmehr betrachten wir die Dynamik der WW zweier Punktmassen, das Zweikör-
perproblem. Die geometrische Anordnung der beiden Massen ist in Abbildung 2.14
illustriert. In dem System wirken keine äußeren Kräfte, sondern nur Gravitations-
 
WW-Kräfte als innere Kräfte F12 und F21 .

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F12 m2

F21   
r12  r1  r2 
m1 r2

r1
O
Abb. 2.14: Geometrische Anordnung der Punktmassen im Zweikörperproblem

Die Bewegungsgleichungen bilden einen Satz zweier gekoppelter Differenzialglei-


chungen:
 
 dv1 F21
 dt  m
  1 (2.123)
 dv 2 F
 12
 dt m2
Durch Subtraktion dieser beiden Gleichungen erhält man
 
d v1  v2    1 1 
 F21    .
dt   m1 m2 
  F12

Nach Einführung der reduzierten Masse


m1  m2
 (2.124)
m1  m2
und der Relativgeschwindigkeit
  
v12  v1  v2 (2.125)
kann das Problem somit durch eine einzige Differenzialgleichung beschrieben
werden:

dv12 
  F21 (2.126)
dt

Damit ergibt sich die wichtige Folgerung:

Die Beschreibung der Relativbewegung zweier wechselwirkender Massenpunkte


reduziert sich somit auf die Beschreibung der Bewegung einer reduzierten Masse
unter dem Einfluss der WW-Kraft.

Das Zweikörperproblem kann also auf ein Einkörperproblem zurückgeführt werden.

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Die Beschreibung der Dynamik von Mehrkörperproblemen ist wesentlich kom-


plizierter und kann im Allgemeinen nicht mehr analytisch erfolgen. Ein wichtiges
Beispiel für ein Mehrkörperproblem ist die Dynamik der Planetenbewegung um
die Sonne. Wegen der Kleinheit der Planetenmassen im Vergleich zur Sonnenmasse
kann bei der Beschreibung der Bewegung eines Planeten der Einfluss der anderen
Planeten weitgehend vernachlässigt werden. Die Bewegung eines Planeten um die
Sonne kann daher in guter Näherung als Zweikörperproblem mit einem Zentral-
kräftefeld aufgefasst werden. Wenn der Koordinatenursprung im Kraftzentrum
liegt, dann verschwindet somit das äußere Drehmoment und auf Grund des Dreh-

impulserhaltungssatzes ist folglich der Drehimpuls L konstant. In Abbildung 2.15
ist die Situation illustriert.
  
Lrp

v  t
A 
v  t 
r
O
Abb. 2.15: Zum 2. Kepler’schen Gesetz (Flächensatz)

    
Da r stets senkrecht auf L  r  p steht und L konstant ist, erfolgt die Bewegung

in einer Ebene. Die Fläche A , die vom Radiusvektor r in einem Zeitintervall t
überstrichen wird, kann näherungsweise berechnet werden als
1   1   t   t 
A   r  v  t   r    v  t   rp   L , (2.127)
2 2 2 2
wobei die reduzierte Masse  wegen der Kleinheit des Verhältnisses von Planeten-
masse zu Sonnenmasse praktisch gleich der Planetenmasse ist. Gemäß Gl. (2.127)
erhalten wir für konstant angenommene Zeitintervalle t wegen der Konstanz des
Drehimpulses den ursprünglich auf Kepler zurückgehenden Flächensatz bzw. das
2. Kepler’sche Gesetz:

Der Radiusvektor eines Planeten überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen.

Es ist bemerkenswert, dass zur Herleitung des Flächensatzes das Gravitationsgesetz


nicht erforderlich ist.
Die beiden anderen, auf Kepler zurückgehenden Gesetze, können auf der Grund-
lage des Newton’schen Gravitationsgesetzes hergeleitet werden:

1. Kepler’sches Gesetz:

Die Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.

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3. Kepler’sches Gesetz:

Für zwei verschiedene Planeten gilt, dass sich die Quadrate der Umlaufzeiten so
verhalten wie die Kuben der großen Bahnachsen.

Die außerordentlich hohe Stabilität der Planetenbewegungen in unserem Planeten-


system ist darauf zurückzuführen, dass die folgenden drei Bedingungen in unserem
Planetensystem gleichzeitig erfüllt sind:
a) Die Bahnen aller Planeten liegen in guter Näherung in der gleichen Ebene
b) Keine Planetenmasse übersteigt 1 1000 der Sonnenmasse
c) Die Planetenbahnen schneiden einander nicht (Ausnahme: Neptun und Pluto).
W. Thirring hat darauf hingewiesen, dass bei Verletzung auch nur einer dieser Be-
dingungen Instabilitäten auftreten würden. Folglich wäre in diesem Fall eine Ent-
stehung komplizierter biologischer Strukturen in unserem Planetensystem aus
Zeitmangel höchstwahrscheinlich ausgeschlossen.

2.1.3.2 Molekulare Wechselwirkung, harmonischer Oszillator


Die Wechselwirkungskräfte von Molekülen können im Wesentlichen auf elektro-
magnetische Kräfte zurückgeführt werden. In vielen Fällen können die molekularen
WW-Kräfte durch die Lennard-Jones-WW angenähert werden, die durch die ent-
sprechende potenzielle Energie
  12   6 
V r   C        (2.128)
 r   r  
beschrieben wird. Die Abhängigkeit der die Lennard-Jones-WW darstellenden po-
tenziellen Energie vom Molekülabstand r ist in Abbildung 2.16 dargestellt. Man
erkennt, dass der Molekülabstand r0 der Gleichgewichtslage der Moleküle ent-
spricht, für Abstände   treten stark abstoßende Kräfte auf.

V (r )

V 0

 r0 r

Abb. 2.16: Potenzielle Energie von Molekülen mit Lennard-Jones-WW


in Abhängigkeit vom Molekülabstand

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Im Rahmen der klassischen Mechanik haben Moleküle in der Gleichgewichtslage


die potenzielle Energie V r0  , auf Grund der quantenmechanischen Ortsunschärfe
(siehe Kap. 8.7) tritt jedoch eine zusätzliche Nullpunktsenergie auf.
In festen und in flüssigen Körpern bewegen sich die Moleküle auf Grund ihrer
thermischen Energie (siehe Abschnitt 4) überwiegend in der Nähe ihrer Gleichge-
wichtslagen. Zur Beschreibung der Bewegung eines Moleküls wählen wir den
Koordinatenursprung an der Stelle der Gleichgewichtslage dieses Moleküls. Um zu
einer näherungsweisen eindimensionalen Beschreibung der Molekularbewegung zu
gelangen, entwickeln wir die potenzielle Energie V in eine Potenzreihe
V  x   a0  a1  x  a2  x 2  a3  x 3   (2.129)
Die Gleichgewichtslage bei x  0 entspricht einem Minimum von V (x) und folg-
lich gilt stets a1  0 . Damit erhalten wir durch Vernachlässigung von höheren
Potenzen für die potenzielle Energie des betrachteten Moleküls den näherungs-
weisen Ausdruck
V  x   a0  a2  x 2 . (2.130)

Die näherungsweise parabolische Abhängigkeit der potenziellen Energie von der


x-Koordinate gemäß Gl. (2.130) ist in Abbildung 2.16 als strichlierte Kurve darge-
stellt. Mit Hilfe der allgemeinen Beziehung (2.82) erhalten wir aus Gl. (2.130) für
die Kraft auf das Molekül den (eindimensionalen) Ausdruck
Fx  2  a2  x   k  x . (2.131)

Ein durch Gl. (2.130) und (2.131) beschriebenes System wird als harmonischer
Oszillator bezeichnet. Gemäß Gl. (2.131) erkennt man:
Beim harmonischen Oszillator wirkt eine rücktreibende Kraft, die stets propor-
tional ist zur Auslenkung des Massenpunktes aus der Gleichgewichtslage.

Die Proportionalitätskonstante wird als Rückstellkonstante k bezeichnet. Der har-


monische Oszillator stellt bei hinreichend kleinen Auslenkungen aus der Gleichge-
wichtslage eine gute Näherung für das Verhalten von Molekülen dar. Auch Systeme
mit anderen WW-Kräften, wie etwa das mathematische Pendel (siehe Kap. 2.1.3.1),
können mittels des harmonischen Oszillators näherungsweise beschrieben werden.
Gemäß dem 2. Newton‘schen Axiom in Verbindung mit Gl. (2.131) erhalten wir
die Bewegungsgleichung zur Beschreibung des dynamischen Verhaltens des (ein-
dimensionalen) harmonischen Oszillators
m  x   k  x . (2.132)

Diese gewöhnliche lineare Differenzialgleichung ist die Schwingungsgleichung


des harmonischen Oszillators.

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Gl. (2.132) kann mit Hilfe des (komplexen) Exponentialansatzes


x  A  ei  t (2.133)
gelöst werden. Diese Lösungsmethode ist verhältnismäßig bequem und übersicht-
lich, liefert allerdings komplexe Lösungen, die im Allgemeinen nicht unmittelbar
physikalisch anwendbar sind. Um eine konkrete physikalische Interpretation zu er-
möglichen es ist notwendig, reelle Lösungen der Schwingungsgleichung zu kon-
struieren. Nach Einsetzen des Lösungsansatzes (2.133) in die Schwingungsglei-
chung (2.132) zeigt sich, dass sowohl ein Ausdruck gemäß (2.133) als auch der da-
zu konjugiert komplexe Ausdruck Lösung der Schwingungsgleichung ist. Der
arithmetische Mittelwert zweier konjugiert komplexer Lösungen ergibt sichtlich
den Realteil dieser komplexen Lösungen. Gemäß dem Superpositionsprinzip für
lineare Differenzialgleichungen sind Linearkombinationen von Lösungen ebenfalls
Lösungen der Schwingungsgleichung. Somit kann durch Bildung des arithmeti-
schen Mittelwertes zweier konjugiert komplexer Lösungen eine reelle Lösung der
Schwingungsgleichung konstruiert werden, die mit dem Realteil dieser komplexen
Lösungen übereinstimmt. Als Folgerung ergibt sich:
Durch Betrachtung des Realteiles einer komplexen Lösung gelangen wir zu einer
reellen Lösung der Schwingungsgleichung.

Unter Verwendung der Euler’schen Relation


ei  cos   i  sin  (2.134)
erhalten wir aus Gl. (2.133)
Re x   A  cos t  (2.135)
und somit eine physikalisch anwendbare reelle Lösung der Schwingungsgleichung
(2.132), die eine harmonische Schwingung mit Amplitude A und Kreisfrequenz
 darstellt.
Durch Einsetzen des komplexen Exponentialansatzes (2.133) in die Schwingungs-
gleichung (2.132) erhalten wir für die Kreisfrequenz  den Ausdruck
k
 . (2.136)
m

Die Schwingungsdauer T des harmonischen Oszillators ist das Zeitintervall zwi-


schen zwei gleichen Zuständen des Oszillators. Dementsprechend gilt
cos  t  T   cos  t 
 t  T    t  2 
 T  2

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Die Schwingungsdauer T resultiert damit zu


2 m
T  2  . (2.137)
 k
Die Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit wird als Frequenz  bezeichnet und
wir erhalten
1 1 k
   . (2.138)
T 2 m

2.2 Bewegte Bezugssysteme, Trägheitskräfte


Die Beschreibung physikalischer Vorgänge erfolgt im Allgemeinen unter Zuhilfen-
ahme von Bezugssystemen. Die betrachteten Vorgänge werden als unabhängig von
der Wahl des Bezugssystems angesehen, die Beschreibung der Vorgänge kann je-
doch durch Wahl spezieller (angepasster) Bezugssysteme oft wesentlich vereinfacht
werden. Daher erweist es sich oft als zweckmäßig, Transformationen von Bezugs-
systemen durchzuführen. Als wichtiges Beispiel sei die Transformation vom geo-
zentrischen zum heliozentrischen Bezugssystem erwähnt, die zu jahrhundertelan-
gen Auseinandersetzungen führte.
Im Folgenden betrachten wir kartesische Koordinatensysteme mit zugehörigen
orthonormalen Vektorbasen. Es werde eine einheitliche Festlegung auf Rechtssys-
teme oder auf Linkssysteme getroffen. Das ursprünglich vorliegende Bezugssystem
sei ein Inertialsystem S mit Koordinatenursprung O und Basisvektoren ê x , ê y ,
ê z . Durch Transformation gelangen wir zu einem transformierten Bezugssystem
S * mit Koordinatenursprung O * und Basisvektoren eˆ*x , eˆ*y , eˆ*z . Wir betrachten ei-
nen Massenpunkt P mit Masse m . Wie in Abbildung 2.17 gezeigt, wird die Lage

eines Massenpunktes P in Bezug auf System S mittels des Ortsvektors r , in Be-

zug auf System S * mittels des Ortsvektors r * festgelegt.
P

 
r r*
êz eˆ*z
eˆ*y

S*
O ê y O* eˆ*x

S êx

Abb. 2.17: Zur Festlegung der Bezeichnungen für die beiden



Bezugssysteme S und S

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Im Allgemeinen kann System S * relativ zu System S simultan Translations- und


Rotationsbewegungen vollführen. Dies führt zu verhältnismäßig komplizierten Zu-
sammenhängen, weshalb es zweckmäßig ist, Translation und Rotation von Bezugs-
systemen separat zu behandeln.

2.2.1 Translation von Bezugssystemen


System S * bewege sich relativ zu S , es finde jedoch keine Rotation statt. O * be-
wegt sich demnach relativ zu S und wir nehmen an, dass im Zeitpunkt t  0 die
Koordinatenursprünge O und O * zusammenfallen. Alle Basisvektoren beider Be-
 
zugssysteme sind zeitunabhängig. Zwischen den Ortsvektoren r und r * eines Mas-
senpunktes P in Bezug auf die Systeme S und S * besteht gemäß Abbildung 2.18
der Zusammenhang
  
r  r  R, (2.139)

wobei R der Ortsvektor von O * in Bezug auf das System S ist.
Zwecks Berechnung der Geschwindigkeit des Massenpunktes P differenzieren
wir Gl. (2.139) nach der Zeit und es ergibt sich unmittelbar:

  dR
v  vrel  ,
dt
wobei

 dr
v : Geschwindigkeit von P relativ zu System S
dt (2.140)

dr
vrel  : Geschwindigkeit von P relativ zu System S 
dt
P

 
r r*


O R O*

Abb. 2.18: Zur Bestimmung der Position und Geschwindigkeit eines



Massenpunktes P relativ zu den beiden Bezugssystemen S und S

Zunächst betrachten wir ein gleichförmig bewegtes Bezugssystem S * . O * bewege



sich also mit konstanter Geschwindigkeit u relativ zu S und demnach gilt

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dR 
 u  const .
dt
Integration nach der Zeit liefert
 
R  u t . (2.141)

Damit ergibt Gl. (2.139) die Galilei-Transformation


  
r  r  u t
(2.142)
t  t
in der auch die in der klassischen Mechanik gemachte Annahme der universellen
Zeit enthalten ist.
Mit Hilfe der Galilei-Transformation kann die Geschwindigkeit eines Massen-
punktes P berechnet werden:
 
dr  dr 
 u
dt dt (2.143)
 
dr dr  
 u
dt dt
Man erkennt:
 
Falls P relativ zu S * ruht, dann ist v  u
 
Falls P relativ zu S ruht, dann ist vrel  u .
Mit Hilfe von Gl. (2.143) berechnen wir nun die Beschleunigung des Massen-
punktes P
 
d 2r * d 2r
 . (2.144)
dt 2 dt 2
Man erkennt, dass in beiden Bezugssystemen die Beschleunigungen übereinstim-
men, somit auch die gleichen Kräfte wirken und folglich die gleichen physikali-
schen Gesetze gelten. Wir erhalten als Resultat:

Ein relativ zu einem Inertialsystem S gleichförmig bewegtes System S * ist


ebenfalls ein Inertialsystem.

Nunmehr wenden wir uns einem gleichförmig beschleunigten Bezugssystem S *



zu. O * bewege sich also mit konstanter Beschleunigung a relativ zu S und dem-
nach gilt:

d 2R 
 a  const .
dt 2
Zwei Integrationen nach der Zeit liefern

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  
a
R  u t  t2. (2.145)
2
Damit ergibt Gl. (2.139) die Transformation

*   a 2
r  r  u t  t
2 (2.146)
*
t t
in der ebenfalls die in der klassischen Mechanik gemachte Annahme der universel-
len Zeit enthalten ist.
Mit Hilfe dieser Transformation kann die Geschwindigkeit eines Massenpunktes
P berechnet werden:
 
dr * dr  
 u  a t
dt dt (2.147)
 
dr dr *  
  u  a t
dt dt
Man erkennt:
  
Falls P relativ zu S * ruht, dann ist v  u  a  t
  
Falls P relativ zu S ruht, dann ist vrel  u  a  t .
Mit Hilfe von Gl. (2.147) berechnen wir nun die Beschleunigung des Massen-
punktes P :
 
d 2r * d 2r 
 a
dt 2 dt 2 (2.148)
 
d 2r d 2r * 
 a
dt 2 dt 2
Es ergibt sich folgende physikalische Interpretation:
Falls P relativ zum Inertialsystem S unbeschleunigt ist, dann wirken keine (einge-
prägten) Kräfte. In diesem Fall gilt gemäß Gl (2.148)

d 2r * 
2
a. (2.149)
dt
Ein Beobachter in S beobachtet in diesem Fall keine Kraft. Andererseits beobach-

tet ein Beobachter in S * jedoch eine Beschleunigung  a und macht dafür die
Trägheitskraft
 
FT   m  a (2.150)
verantwortlich.
Falls P jedoch relativ zum System S * unbeschleunigt ist, dann gilt gemäß Gl.
(2.148)

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d 2r 
2
a. (2.151)
dt
Ein Beobachter in S * beobachtet in diesem Fall keine Gesamtkraft. Um den Mas-
senpunkt bezüglich S * unbeschleunigt zu halten, ist die Führungskraft
  
FF  m  a   FT (2.152)
erforderlich. Diese Führungskraft ist eine eingeprägte Kraft und kompensiert die
Trägheitskraft. Andererseits beobachtet ein Beobachter im Inertialsystem S die
soeben erwähnte eingeprägte Führungskraft, jedoch keine Trägheitskraft.
Wir illustrieren die obige physikalische Interpretation anhand des folgenden Bei-
spieles. Ein Eisenbahnzug (Bezugssystem S * ) fahre aus einer Station ab, bewege
sich also beschleunigt relativ zum Bahnsteig (Inertialsystem S ). In dem beschleu-
nigten Eisenbahnzug befinde sich ein Koffer mit reibungsfreien Rollen (Massen-
punkt P ). Wegen der Reibungsfreiheit der Kofferrollen wirken auf den Koffer kei-
ne eingeprägten Kräfte und er verbleibt unbeschleunigt (bzw. in Ruhe) relativ zum
Bahnsteig. Ein im beschleunigten Eisenbahnzug mitfahrender Beobachter bemerkt
jedoch, dass der Koffer beschleunigt nach hinten wegrollt und macht dafür eine auf
den Koffer wirkende Kraft (Trägheitskraft) verantwortlich. Will der mitfahrende
Beobachter den Koffer allerdings unbeschleunigt (in Ruhe) relativ zum Eisenbahn-
zug halten, dann muss er eine Führungskraft (eingeprägte Kraft) auf den Koffer
ausüben, mit der er die obige Trägheitskraft kompensiert und somit den Koffer mit
dem Eisenbahnzug mitführt. Aus der Sicht des mitfahrenden Beobachters ver-
schwindet in diesem Fall somit die Gesamtkraft auf den Koffer. Andererseits be-
obachtet man vom Bahnsteig aus eine beschleunigte Bewegung des Koffers auf
Grund der vom mitfahrenden Beobachter ausgeübten eingeprägten Führungskraft.

2.2.2 Rotation von Bezugssystemen

deˆ*x 
 P
dt  
r  r*
eˆ*x

O*  O
Abb. 2.19: Geometrische Anordnung von Vektoren bei
rotierenden Bezugssystemen

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Wir betrachten nunmehr ein System S * , das relativ zu S mit Winkelgeschwindig-



keit  rotiere, es finde jedoch keine Translation statt. Wir nehmen an, dass die Ko-
ordinatenursprünge O und O * stets zusammenfallen und wie in Abbildung 2.19
gezeigt auf der Drehachse liegen. Somit stimmen, im Gegensatz zum Fall der
 
Translation, die Ortsvektoren r und r * eines Massenpunktes P in Bezug auf die
Systeme S und S * stets überein.
Auf Grund der Rotation des Systems S * sind die Basisvektoren eˆ*x , eˆ*y , eˆ*z zeitlich
veränderlich relativ zu System S . Wie in Abbildung 2.19 zu erkennen ist, bewegt
sich etwa die Spitze von eˆ*x auf einer Kreisbahn um die Drehachse, eˆ*x kann als
Ortsvektor der Spitze von eˆ*x aufgefasst werden. Analog wie für den Fall der
Kreisbewegung eines Massenpunktes (vgl. Abb. 2.5 und Gleichung (2.34)) kann
daher die Geschwindigkeit der Spitze von eˆ*x relativ zu System S dargestellt wer-
den in der Form
deˆ*x  *
   eˆx . (2.153)
dt
Mit Hilfe von Gl. (2.153) kann die zeitliche Änderung von eˆ*x relativ zu System S
berechnet werden. Analoge Beziehungen gelten für die zeitlichen Änderungen von
eˆ*y und eˆ*z .

Wir betrachten nun einen Vektor A mit Komponenten Ax , Ay , Az bezüglich des
Systems S und Komponenten A*x , A*y , A*z bezüglich des Systems S * :

A  Ax  eˆ x  Ay  eˆ y  Az  eˆ z (2.154)

A  A*x  eˆ*x  A*y  eˆ*y  Az*  eˆ*z . (2.155)

Damit können die zeitlichen Änderungen von A relativ zu S und relativ zu S *
ausgedrückt werden in der Form

dA dAx dAy dA
  eˆ x   eˆ y  z  eˆ z (2.156)
dt dt dt dt
 *
d  A dA*x * dAy * dAz* *
  eˆ x   eˆ y   eˆ z . (2.157)
dt dt dt dt

Dabei ist zu beachten, dass êx , ê y , êz relativ zu System S konstant sind und folg-
lich deˆ x dt  deˆ y dt  deˆz dt  0 . Analog gilt, dass eˆ*x , eˆ*y , eˆ*z relativ zu System
S * konstant sind und folglich d *eˆ*x dt  d *eˆ*y dt  d *eˆ*z dt  0 .

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Im Folgenden werde vorausgesetzt, dass S * relativ zu S gleichförmig rotiere und



folglich  relativ zu S und relativ zu S * konstant sei. Wir berechnen nun die zeit-

liche Änderung des Vektors A relativ zu S . Mittels Gl. (2.155) erhält man

dA d * *
 
Ax  eˆx  A*y  eˆ*y  A*z  eˆ*z 
dt dt 

A
*
dA*x * dAy * dAz* *
  eˆ x   eˆ y   eˆ z 
dt dtdt 
* 
d A

dt
* deˆ*x * deˆ*y deˆ*z
 Ax   Ay   A*z  .
 dt dt dt
  eˆx   eˆy   eˆz
  

Umformung unter Verwendung von Gl. (2.157) und (2.153) liefert


 
dA d  A  
dt

dt
 A   (2.158)

und damit erhalten wir einen allgemeinen Zusammenhang zwischen den zeitlichen

Änderungen des Vektors A relativ zu S und relativ zu S * .
Zwecks Berechnung der Geschwindigkeit des Massenpunktes P wählen wir
 
A  r . Aus Gl. (2.158) ergibt sich unmittelbar
   
v  vrel    r  , (2.159)
wobei

 dr
v : Geschwindigkeit von P relativ zu System S
dt (2.160)

d r
vrel  : Geschwindigkeit von P relativ zu System S 
dt

Man erkennt:
  
Falls P relativ zu S * ruht, dann ist v    r (Übereinstimmung mit Gl. (2.34))
  
Falls P relativ zu S ruht, dann ist vrel    r  .
 
Zwecks Berechnung der Beschleunigung des Massenpunktes P wählen wir A  v .
Aus Gl. (2.158) ergibt sich mit Hilfe von Gl. (2.159) sowie unter Berücksichtigung

der Konstanz von  relativ zu S und zu S *

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  
d 2r d v d *v  
     v  
dt 2 dt
 
dt
dA
dt
 
d *  d *r      d *r   
    r         r  
dt  dt 

 dt


     
v v
  
d *2 r   d  r    d r    
 2          r  .
dt  d t   d t 

Für die Beschleunigung des Massenpunktes gilt folglich:


 
d 2 r d *2 r     
2
 2
 2   vrel      r 
dt dt (2.161)
 
d *2 r d 2 r     
2
 2
 2   vrel      r 
dt dt

Es ergibt sich folgende physikalische Interpretation:


Falls P relativ zum Inertialsystem S unbeschleunigt ist, dann wirken keine (einge-
prägten) Kräfte. In diesem Fall gilt gemäß Gl (2.161):

d *2 r     
2
  2   vrel      r  . (2.162)
dt
Ein Beobachter in S beobachtet in diesem Fall keine Kraft. Andererseits beobach-
    
tet ein Beobachter in S * jedoch eine Beschleunigung  2   vrel      r  und
macht dafür als Trägheitskräfte die Corioliskraft
  
FC   2 m    vrel (2.163)
und die Zentrifugalkraft
   
FZf   m      r  (2.164)

verantwortlich. Man erkennt, dass die Zentrifugalkraft senkrecht auf die Drehachse
radial nach außen gerichtet ist, während die Corioliskraft senkrecht auf Geschwin-

digkeit vrel des Massenpunktes P relativ zum rotierenden System S  steht. Wir

weisen darauf hin, dass die Zentrifugalkraft unabhängig von vrel ist und somit in
einem rotierenden Bezugssystem stets beobachtet wird. Die Corioliskraft ist ande-

rerseits abhängig von vrel und wird nur beobachtet, falls der Massenpunkt P sich
relativ zum rotierenden System S  bewegt.

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Falls P jedoch relativ zum System S * unbeschleunigt ist, dann gilt gemäß Gl.
(2.161):

d 2r     
2
 2   vrel      r  . (2.165)
dt

Ein Beobachter in S * beobachtet in diesem Fall keine Gesamtkraft. Um den Mas-


senpunkt bezüglich S * unbeschleunigt zu halten, sind als Führungskräfte die
(nicht mit einem eigenen Namen bezeichnete) Kraft
  
2 m    vrel   FC (2.166)
und die Zentripetalkraft
   
FZp  m      r    Fzf (2.167)

erforderlich. Diese Führungskräfte sind eingeprägte Kräfte und kompensieren die


Trägheitskräfte. Andererseits beobachtet ein Beobachter im Inertialsystem S die
soeben erwähnten eingeprägten Führungskräfte, jedoch keine Trägheitskräfte.
Wir betrachten noch den Fall, dass der Massenpunkt P relativ zum Inertialsystem
S ruht und keine (eingeprägten) Kräfte auf ihn wirken. Sichtlich beschreibt P rela-
tiv zu S * eine Kreisbahn und gemäß Gl. (2.159) gilt
  
vrel    r . (2.168)

Der Beobachter in S beobachtet keine Kraft. Der Beobachter in S * hingegen be-


obachtet als Trägheitskräfte die Corioliskraft
     
FC  2 m    vrel  2 m      r  (2.169)
und die Zentrifugalkraft
   
FZf   m      r  (2.170)

und macht somit die gesamte Trägheitskraft


     
FC  FZf  m      r    FZf (2.171)

für die Kreisbahn des Massenpunktes P relativ zu S * verantwortlich.


Falls andererseits der Massenpunkt P relativ zum rotierenden System S * ruht, dann
 
ist vrel  0 und es tritt die Zentrifugalkraft, aber keine Corioliskraft auf. Ein Be-
obachter in S * beobachtet in diesem Fall einen ruhenden Massenpunkt P und keine
Gesamtkraft. Um P relativ zu S * in Ruhe zu halten, ist gemäß Gl. (2.167) als Füh-
rungskraft die Zentripetalkraft
    
FZp  m      r    FZf (2.172)

80
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erforderlich. Die Zentripetalkraft (eingeprägte Kraft) kompensiert die Zentrifugal-


kraft (Trägheitskraft). Andererseits beobachtet ein Beobachter im Inertialsystem S
eine Kreisbewegung des Massenpunktes P unter dem Einfluss der soeben erwähn-
ten Zentripetalkraft (eingeprägte Kraft), die die Zentripetalbeschleunigung gemäß
Gl. (2.39) bewirkt. Der Beobachter in S beobachtet jedoch keine Zentrifugalkraft
(Trägheitskraft).
Wir illustrieren die obige physikalische Interpretation anhand des folgenden Bei-
spieles. Ein Kind (Massenpunkt P ) sitzt auf einem gleichförmig rotierenden Rin-
gelspiel (Bezugssystem S * ) und befinde sich in Ruhe relativ zum Ringelspiel. Das
Kind wird von außen (Inertialsystem S ) von den Eltern beobachtet. Auf das Kind
wirkt bezüglich des Ringelspiels die Zentrifugalkraft (Trägheitskraft). Um sich in
Ruhe relativ zum Ringelspiel zu halten, muss das Kind sich festhalten, also die
Zentrifugalkraft (Trägheitskraft) durch eine Führungskraft, die Zentripetalkraft
(eingeprägte Kraft), kompensieren. Damit resultiert für das Kind bezüglich des
Ringelspiels keine Gesamtkraft. Die Eltern beobachten jedoch eine Kreisbewegung
des Kindes unter dem Einfluss der eingeprägten Zentripetalkraft, mit der sich das
Kind festhält, eine Zentrifugalkraft beobachten die Eltern nicht. Nunmehr wirft das
Kind einem ebenfalls auf dem Ringelspiel sitzenden anderen Kind einen Ball zu.
Der Ball bewegt sich relativ zum Ringelspiel und somit wirkt auf den Ball neben
der Zentrifugalkraft zusätzlich die Corioliskraft (Trägheitskraft), die den Ball vom
Ringelspiel aus beobachtet seitlich ablenkt. Dementsprechend wird voraussichtlich
der vom Kind geworfene Ball das andere Kind verfehlen und dieses wird den Ball
daher wahrscheinlich nicht fangen können.
Ein wichtiges gleichförmig rotierendes System ist die Erde. Die Corioliskraft auf
der Erde führt zu verschiedenen Luftbewegungen in der Atmosphäre, wie etwa
Wirbel um Hoch- und Tiefdruckgebiete, sowie Passatwinde. Der berühmte Pendel-
Versuch von Foucault zum Nachweis der Erdrotation beruht auf der Wirkung der
Corioliskraft. Bei geostationären Satelliten tritt keine Corioliskraft auf, die Zentri-
fugalkraft (Trägheitskraft) wird durch die Gravitationsanziehung (eingeprägte
Kraft) kompensiert. Eine Berechnung unter Berücksichtigung der konkreten Gege-
benheiten zeigt, dass der Bahnradius eines geostationären Satelliten etwa um den
Faktor 6.6 größer ist als der Erdradius.
Zusammenfassend sei darauf hingewiesen, dass ein Beobachter im Inertialsystem
S nur eingeprägte Kräfte, aber keine Trägheitskräfte beobachtet. Ein Beobachter
im System S * hingegen beobachtet im Allgemeinen zusätzlich zu den eingeprägten
Kräften auch Trägheitskräfte.
Daraus erhalten wir eine allgemeine Charakterisierung von Trägheitskräften im
Unterschied zu eingeprägten Kräften:

Durch Transformation auf ein Inertialsystem werden Trägheitskräfte zum Ver-


schwinden gebracht, eingeprägte Kräfte bleiben dabei jedoch unverändert.

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2.3 Streuvorgänge
In diesem Kapitel betrachten wir Systeme ohne äußere Kräfte, in denen Teilchen
sich geradlinig gleichförmig auf ein Zielobjekt hinbewegen und nach Wechselwir-
kung mit diesem Zielobjekt sich wieder geradlinig gleichförmig davon wegbe-
wegen. Die Wechselwirkung der Teilchen mit dem Zielobjekt wird als Streuung
bezeichnet. Experimentelle Beobachtungen von Streuvorgängen können wesentlich
zur Aufklärung von Strukturen und Wechselwirkungen in mikroskopischen Syste-
men beitragen. Beispielsweise liefert die Streuung von Photonen im sichtbaren
Licht Informationen über die Partikelgröße in dispersen Systemen, wie Hydrosolen,
Mikroemulsionen, Aerosolen und Wolken. Andererseits ermöglicht Photonenstreu-
ung im Bereich der Röntgenstrahlung quantitative Aussagen über kristalline Struk-
turen und Gitterkonstanten. Durch Streuung von α-Teilchen oder von Neutronen
erhält man Informationen über atomare Strukturen und Wirkungsquerschnitte.
Im Folgenden betrachten wir Streuvorgänge bei Geschwindigkeiten, die eine Be-
schreibung mit Hilfe der klassischen Mechanik ermöglichen. Bei höheren Energien
und somit Geschwindigkeiten nahe der Lichtgeschwindigkeit treten relativistische
Stöße auf, zu deren Beschreibung die relativistische Mechanik (siehe Kap. 7) erfor-
derlich ist.
Wir betrachten ein System von zwei Massenpunkten, in dem keine äußeren Kräfte
wirken. Einer der beiden Massenpunkte werde als einfallendes Teilchen (Teilchen 1),
der andere als Target-Teilchen (Teilchen 2) bezeichnet. Wir nehmen an, dass nen-
nenswerte Wechselwirkungskräfte zwischen diesen beiden Teilchen nur in einem
lokalen Wechselwirkungsbereich für begrenzte Distanzen zwischen den beiden
Teilchen auftreten. Wie in Abbildung 2.20 gezeigt, bewegen sich beide Teilchen
folglich außerhalb des Wechselwirkungsbereichs geradlinig gleichförmig.



v1 v1
 
m1 , r1 , v1
einfallendes
Teilchen m1 W.W. - Bereich

r12 1

Target- m2
Teilchen   
m2 , r2 , v2
v2 
v2
Abb. 2.20: Streuvorgang in einem beliebig gewählten Bezugssystem

  
mi , ri und vi  ri sind Massen, Ortsvektoren und Geschwindigkeiten der beiden
Teilchen.

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 m  r  m2  r2
R 1 1 (2.173)
m1  m2
ist der Ortsvektor des Massenmittelpunktes der beiden Teilchen (siehe Glei-
chung (2.57)). Der Massenmittelpunkt wird bei der Beschreibung von Streuvorgän-
gen oft auch unpräzise als Schwerpunkt bezeichnet.
  m  v  m2  v2
V  R  1 1 (2.174)
m1  m2
ist die Geschwindigkeit des Schwerpunktes. Wegen der vorausgesetzten Abwe-
   
senheit äußerer Kräfte ist stets V  const . r12  r1  r2 ist der Relativvektor und
  
v12  v1  v 2 die Relativgeschwindigkeit der beiden Teilchen.
m1  m2
 (2.175)
m1  m2
 
ist die reduzierte Masse (siehe Gleichung (2.124)). vi , vi bezeichnen die (kon-
stanten) Geschwindigkeiten der beiden Teilchen vor bzw. nach dem Streuvorgang.
Eine für die Beschreibung von Streuvorgängen besonders wichtige Größe ist der
 
Streuwinkel 1 , der den Winkel zwischen v1 und v1 bezeichnet:

Der Streuwinkel ist der Winkel zwischen den Bewegungsrichtungen des einfal-
lenden Teilchens (Teilchen 1) vor und nach der Streuung.

Zur konkreten Beschreibung des Streuvorganges erweist sich die Darstellung be-
züglich spezieller Bezugssysteme als zweckmäßig. Ein vielen experimentellen Si-
tuationen angepasstes Bezugssystem ist das Laborsystem, das dadurch charakteri-

siert ist, dass v2 L  0 :

Bezüglich des Laborsystems befindet sich das Target-Teilchen (Teilchen 2) vor


dem Streuvorgang in Ruhe.

Abbildung 2.21 zeigt den Ablauf des Streuvorganges bezüglich des Laborsystems.


(v1) L

(v1 ) L m1 (1 ) L

b r12

m2

 Abb. 2.21: Streuvorgang


Bahn des Schwerpunktes
 (v2 ) L
im Laborsystem
(Geschwindigkeit (V ) L  const )

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Die Darstellung des Streuvorganges bezüglich des Laborsystems erlaubt die Defini-
tion einer weiteren wichtigen Beschreibungsgröße, des Stoßparameters b :

Der Stoßparameter bezeichnet den Normalabstand des Target-Teilchens vor der


Streuung von der Bewegungsgeraden des einfallenden Teilchens vor der Streuung.

Falls der Stoßparameter verschwindet, dann zielt das einfallende Teilchen vor der
Streuung genau auf das ruhende Target-Teilchen.

Wegen v2 L  0 erkennt man gemäß Gl. (2.174), dass



v1 L || V L . (2.176)

Somit ist also im Laborsystem die Bewegungsrichtung des einfallenden Teilchens


vor der Streuung parallel zur konstanten Geschwindigkeit des Schwerpunktes (sie-
he Abb. 2.21).
Die Lösung der Bewegungsgleichungen der Teilchen erfolgt am günstigsten im
Massenmittelpunktsystem (Schwerpunktsystem), das dadurch charakterisiert ist,



dass V S  0 :

Bezüglich des Schwerpunktsystems befindet sich der Schwerpunkt stets in Ruhe.

Abbildung 2.22 zeigt den Ablauf des Streuvorganges bezüglich des Schwerpunkt-
systems.

(v1) S

 m1
(v1 ) S (1 ) S  

b r12 O


m2 (v2 ) S


(v2 ) S

Abb. 2.22: Streuvorgang im Schwerpunktsystem


 S  0 , dass stets

Gemäß Gl. (2.174) ergibt sich wegen V

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v1 S || v2 S . (2.177)

Somit sind die Geschwindigkeiten des einfallenden Teilchens und des Target-
Teilchens im Schwerpunktsystem stets parallel zueinander. Mit Hilfe von Abbil-

dung 2.22 erkennt man, dass der Relativvektor r12 lange vor der Streuung weitge-
 
hend parallel zu v1 S und v2 S , lange nach der Streuung dagegen weitgehend pa-
 
rallel zu v1S und v2 S liegt. Somit folgt mit Hilfe der Beziehung (2.177)

v1 S || v2 S || r12


(2.178)
v1S || v2 S || r12

Daraus können wir folgern:


Der Streuwinkel 1 S   im Schwerpunktsystem ist gleich dem Winkel zwi-

schen den Richtungen des Relativvektors r12 lange vor und nach der Streuung.

v1 S ist die Geschwindigkeit des einfallenden Teilchens relativ zum Schwerpunkt
und somit gilt
v1 S  v1 L  V L .

(2.179)

Wegen der Beziehung (2.176) folgt damit


v1 S || v1 L . (2.180)

Die Geschwindigkeit des einfallenden Teilchens vor der Streuung hat also bezüg-
lich des Labor- und des Schwerpunktsystems die gleiche Richtung. Folglich er-
kennt man aus Abbildung 2.22, dass der Stoßparameter b im Labor- und im
Schwerpunktsystem den gleichen Wert hat.
Wir wollen im Folgenden den Zusammenhang der Streuwinkel 1 im Labor- und
im Schwerpunktsystem untersuchen. Zunächst betrachten wir die Richtung der Ge-
schwindigkeit des einfallenden Teilchens vor der Streuung. Gemäß Beziehung
(2.176), (2.180), (2.178) gilt

   
V L || v1 L || v1 S || v2 S . (2.181)

Nunmehr betrachten wir den Zusammenhang der Geschwindigkeiten des einfallen-


den Teilchens nach der Streuung im Labor- und im Schwerpunktsystem. Aus Gl.
(2.179) ergibt sich für den Zeitraum nach der Streuung


v1L  v1S  V L . (2.182)

Diese Beziehung wird durch Abbildung 2.23 illustriert. Wie in dieser Abbildung
gezeigt, ergibt sich aus den obigen Zusammenhängen, dass die Richtungen des ein-

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fallenden Teilchens nach der Streuung und somit auch die Streuwinkel bezüglich
des Labor- und des Schwerpunktsystems im allgemeinen unterschiedlich sind.
Konkret erkennt man aus Abbildung 2.23 die Relation
1 L  1 S (2.183)

(V ) L

 (v1) L
(v1) S

(1 ) L
(1 ) S
   
Richtung von (V ) L || (v1) L || (v1) S || (v2 ) S

Abb. 2.23: Zusammenhang der Geschwindigkeiten des einfallenden


Teilchens nach der Streuung im Labor- und im Schwerpunktsystem

Gemäß Abbildung 2.23 erhält man für den Streuwinkel 1 L den Ausdruck

v1S  sin 1 S sin 1 S


tan 1 L   . (2.184)
v1S  cos1 S  R L
cos1 S 
R L
v1 S


Um eine Vereinfachung dieses Ausdruckes zu erreichen, berechnen wir zunächst


v1S . Gemäß Gl. (2.173) gilt für den Ortsvektor des Schwerpunktes im Schwer-
punktsystem
 
m1  r1 S  m2  r2 S
 S 

R .
m1  m2
  
Unter Verwendung des Relativvektors r12  r1  r2 kann dieser Ausdruck umge-
formt werden und wir erhalten
m1  r1 S  m2  r1 S  r12  
  

 m2 
RS  r1 S   r12 .
m1  m2 m1  m2

Differenziation nach der Zeit liefert unter Berücksichtigung von R S  0


 

m2
v1 S 

 v12 .
m1  m2
Insbesondere für den Zeitraum nach der Streuung erhält man daraus

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m2
v1S 

 .
 v12 (2.185)
m1  m2


Weiters berechnen wir nunmehr R L . Gemäß Gl. (2.174) gilt im Laborsystem vor
der Streuung
 0
 

 m  v    m2  v2 L
R L  1 1 L
m1  m2
und somit folgt für die Beträge

R L  m1  v1 L 


 
m1  v12
.
m1  m2 m1  m2
Bei Annahme konservativer Wechselwirkungskräfte gilt
  v12
v12  .

Unter Verwendung dieser Beziehung und Berücksichtigung von R  L  const. er-
halten wir somit

R L  m1
 .
 v12 (2.186)
m1  m2
Schließlich ermöglichen Gl. (2.186) und (2.185) die Ermittlung des Ausdruckes
R L 
m1
v1S m2
und folglich kann aus Gl. (2.184) die bekannte Transformationsformel für Streu-
winkel
sin 1 S
tan 1 L  (2.187)
m1
cos1 S 
m2
gewonnen werden. Für die Herleitung der Transformationsformel ist die Annahme
konservativer Wechselwirkungskräfte erforderlich und somit ist die Gültigkeit
der Transformationsformel auf konservative Wechselwirkungskräfte beschränkt.
Abbildung 2.24 zeigt den Zusammenhang der Streuwinkel im Labor- und im
Schwerpunktsystem. Sichtlich ist der Zusammenhang durch das Verhältnis
m1 m2 der Teilchenmassen bestimmt. Im Allgemeinen sind die beiden Streuwinkel
durchaus unterschiedlich, nur für den Fall m1  m2 stimmen sie weitgehend über-
ein. In diesem Fall befindet sich der gemeinsame Schwerpunkt der beiden Teilchen
praktisch an der Stelle des Target-Teilchens und somit stimmen Laborsystem und
Schwerpunktsystem weitgehend überein.

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180

150 m1
 0
m2
120
0 .2

(θ1)L [°]
90 0 .75
1
60
1 .5
30
5
0
0 30 60 90 120 150 180
(θ1)S [°]
Abb. 2.24: Zusammenhang der Streuwinkel im Labor- und
im Schwerpunktsystem. m1 , m2 sind die Massen des
einfallenden Teilchens und des Target-Teilchens

Es erscheint überraschend, dass der bei einem bestimmten Streuvorgang auftreten-


de Streuwinkel abhängig ist von der Wahl des Bezugssystems. Zur Illustration der
Tatsache, dass die Bewegungsrichtung eines Teilchens von der Wahl des Bezugs-
systems abhängig ist, betrachten wir die Bewegung von Regentropfen bei Windstille.
Aus der Sicht eines ruhenden Beobachters fallen die Tropfen praktisch senkrecht zur
Erdoberfläche und unter einem Regenschirm ist der Beobachter vor dem Regen ge-
schützt. Wenn sich der Beobachter jedoch mit seinem Regenschirm fortbewegt,
dann bewegen sich die Regentropfen aus der Sicht des bewegten Beobachters
schräg zur Erdoberfläche und der bewegte Beobachter wird voraussichtlich trotz
seines Schirmes nasse Füße bekommen.
Nunmehr wenden wir uns der Dynamik von Streuvorgängen zu, die durch die Er-
haltungssätze wesentlich bestimmt wird. Die Erhaltung des Gesamtimpulses ist
bei Streuvorgängen stets erfüllt:
   
p1  p 2  p1  p 2 . (2.188)
Zur Formulierung des Energieerhaltungssatzes müssen allerdings bei Streuvor-
gängen im Allgemeinen neben den kinetischen auch innere Energien berücksichtigt
werden:
   
p1 2 p2 2 p1 2 p2 2
   Q (2.189)
2  m1 2  m2 2  m1 2  m2

Bei elastischer Streuung ( Q  0 ) bleibt die gesamte kinetische Energie erhalten


und innere Energien haben keinen Einfluss. Im Fall inelastischer Streuung

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( Q  0 ) hingegen wird die vorhandene kinetische Energie teilweise in innere Ener-


gie umgewandelt, die kinetische Energie wird somit nach dem Streuvorgang klei-
ner. Andererseits können auch superelastische Stöße ( Q  0 ) beobachtet werden,
bei denen die innere Energie teilweise in kinetische Energie umgewandelt wird, die
kinetische Energie wird somit in diesem Fall nach dem Streuvorgang größer. Bei
hohen Energien und relativistischen Bedingungen treten auch reaktive Stöße auf,
bei denen es zu Änderungen der Teilchenmassen und zur Erzeugung neuer Teil-
chen kommen kann. Es sei besonders darauf hingewiesen, dass das Auftreten in-
elastischer, superelastischer und reaktiver Stöße an das Vorhandensein einer inne-
ren Struktur der Streupartner gebunden ist.
Die konkrete Beschreibung der Dynamik von Streuvorgängen kann durch Redukti-
on des Zweikörperproblems auf die Bewegung der reduzierten Masse  im Zent-

ralkräftefeld der Wechselwirkungskraft F21 erfolgen (siehe Kap. 2.1.3.1 und Glei-
chung (2.175)). Die Bewegungsgleichung für die reduzierte Masse  lautet

d 2 r12 
  F21 (2.190)
dt 2

und somit kann der Relativvektor r12 als Ortsvektor und die Relativgeschwindig-

keit v12 als Geschwindigkeit der reduzierten Masse  aufgefasst werden. In vie-

len wichtigen Fällen ist das Kraftfeld F21 der Wechselwirkungskräfte konservativ
und kann mit Hilfe eines skalaren Wechselwirkungspotenzials beschrieben wer-
den. Abbildung 2.25 zeigt die reduzierte Darstellung des Streuvorganges mit Hilfe
der Bewegung der reduzierten Masse  . O ist das Kraftzentrum des Wechselwir-
kungs-Kraftfeldes, b der Stoßparameter. Der in dieser reduzierten Darstellung be-
 
 und r12
trachtete Streuwinkel ist der Winkel zwischen den Relativvektoren r12  lan-
ge vor und nach der Streuung und ist somit gleich dem Streuwinkel 1 S   im
Schwerpunktsystem (siehe Beziehung (2.178)).
Bei Streuung von Teilchen mit gleichgroßen Massen m1  m2  m ist die reduzierte
Masse   m 2 , der Schwerpunkt liegt in der Mitte zwischen den beiden Teilchen.
Falls andererseits m2  m1 , dann ist   m1 und das vergleichsweise massive Tar-
get-Teilchen mit Masse m2 befindet sich im Schwerpunkt. In diesem speziellen
Fall kann somit das einfallende Teilchen am Ort der reduzierten Masse und das
Target-Teilchen im Ursprung O angenommen werden. Die reduzierte Darstellung
(Abb. 2.25), die Darstellung im Schwerpunktsystem (Abb. 2.22) und die Darstel-
lung im Laborsystem (Abb. 2.21) stimmen in diesem Fall überein, Labor- und
Schwerpunktsystem fallen zusammen.

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
v12



v12    (1 ) S

b r12

O
Abb. 2.25: Darstellung des Streuvorganges mit Hilfe der Bewegung der
reduzierten Masse  im Kraftfeld der WW-Kräfte

Bei vorgegebenem Wechselwirkungspotenzial kann durch Lösung der Bewegungs-


gleichung die Bewegung der reduzierten Masse berechnet werden. Daraus wird die
Bewegung beider Massen im Schwerpunktsystem ermittelt. Um einen unmittelba-
ren Vergleich mit experimentellen Ergebnissen zu ermöglichen, ist es zweckmäßig,
anschließend noch eine Transformation ins Laborsystem vorzunehmen.
Eine quantitative Beschreibung von Streuprozessen kann mit Hilfe der Ablenkfunk-
tion erfolgen, die die Abhängigkeit des Streuwinkels  vom Stoßparameter b und
der Energie E darstellt. Die Form der Ablenkfunktion ist abhängig vom Wechsel-
wirkungspotenzial. Für den Fall der Streuung von  -Teilchen im Coulomb-
Wechselwirkungspotenzial von Atomkernen (Rutherford-Streuung) wurde bei-
spielsweise die Ablenkfunktion
 Z  e2 1
tan   (2.191)
2 4   0 E  b

const

ermittelt und von Rutherford experimentell bestätigt, wobei e die elektrische Ele-
mentarladung, Z die Kernladungszahl und  0 die elektrische Feldkonstante ist (sie-
he Abschnitt 5). Die Experimente von Rutherford haben zur Aufklärung der atoma-
ren Struktur geführt und zählen zu den folgenschwersten Experimenten der Physik.
Bei Streu-Experimenten wird üblicherweise ein Strahl von Teilchen betrachtet,
die auf mehrere Target-Teilchen einfallen:
Die einfallende Intensität I ist die Anzahl der pro (normale) Flächeneinheit
und Zeiteinheit einfallenden Teilchen.

Im Allgemeinen wird ein gewisser Anteil der einfallenden Teilchen an den Target-
Teilchen gestreut werden:

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Der totale gestreute Fluss Φtot ist die Gesamtanzahl der pro Zeiteinheit an
einem einzelnen betrachteten Target-Teilchen gestreuten Teilchen.

Es ist zu erwarten, dass Φtot proportional zu I ist, den entsprechenden Proportio-


nalitätsfaktor bezeichnen wir als totalen Wirkungsquerschnitt  tot des betrachte-
ten Target-Teilchens:

 tot = Gesamtanzahl der pro Zeiteinheit an dem betrachteten


Target-Teilchen gestreuten Teilchen/
Einfallende Intensität: (2.192)
Φtot
 tot  .
I

Die Dimension des totalen Wirkungsquerschnittes ist sichtlich  tot   m 2  .


Auf Grund der aus Gl. (2.192) resultierenden Beziehung Φtot   tot  I ergibt sich
folgende anschauliche Interpretation des totalen Wirkungsquerschnittes  tot
des Target-Teilchens:

 tot = Fläche, auf die so viele Teilchen einfallen, wie an


dem betrachteten Target-Teilchen insgesamt gestreut
werden.

Als Beispiel betrachten wir die Streuung von harten Kugeln mit Radius a an
ebensolchen Target-Kugeln. Gemäß Abbildung 2.26 erkennt man, dass in diesem
Fall der totale Wirkungsquerschnitt einer Kugel gegeben ist durch
 tot  2 a 2    4   a 2 . (2.193)

a
2a

2a

Abb. 2.26: Zum totalen Wirkungsquerschnitt für Streuung harter Kugeln

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Um auch die Richtungsabhängigkeit des betrachteten Streuvorganges quantita-


tiv zu beschreiben, kann zusätzlich ein differenzieller Wirkungsquerschnitt d d
eingeführt werden, der sich auf die Anzahl der an einem Target-Teilchen in eine
bestimme Raumrichtung pro Raumwinkeleinheit gestreuten Teilchen bezieht.
Dementsprechend gilt für den differenziellen Wirkungsquerschnitt d d des
betrachteten Target-Teilchens analog zu Gl. (2.192)

d d    = Anzahl der pro Zeiteinheit an dem betrachteten


Target-Teilchen in einer bestimmten Raumrichtung
in den Raumwinkel  gestreuten Teilchen/
Einfallende Intensität.

Daraus ergibt sich folgende anschauliche Interpretation des differenziellen Wirkungs-


querschnittes d dΩ des Target-Teilchens:

d d    = Fläche, auf die so viele Teilchen einfallen, wie


an dem betrachteten Target-Teilchen
in einer bestimmten Raumrichtung in den
Raumwinkel  gestreut werden.

2.4 Mechanik starrer Körper


In den vorangehenden Kapiteln haben wir das Verhalten von einzelnen Massen-
punkten oder von Systemen mehrerer Massenpunkte betrachtet. Nunmehr wenden
wir uns der Mechanik ausgedehnter Körper zu, bei denen im Gegensatz zu Mas-
senpunkten auch Gestalt und innere Struktur berücksichtigt werden müssen. Die
betrachteten ausgedehnten Körper werden im Allgemeinen als Kontinua angesehen,
oftmals erweist es sich jedoch als zweckmäßig, sie als Systeme von (vielen) Mas-
senpunkten oder Massen- bzw. Volumselementen aufzufassen. Zunächst betrachten
wir Körper mit definierter und unveränderlicher Gestalt und somit auch unverän-
derlichem Volumen. Diese Körper werden als starre oder nicht deformierbare Kör-
per bezeichnet. In nachfolgenden Kapiteln werden wir die erwähnten Vorausset-
zungen schrittweise fallenlassen.
Im Folgenden betrachten wir das mechanische Verhalten starrer Körper, wobei
auch der Einfluss äußerer Kräfte berücksichtigt wird. Starre Körper können neben
den, auch bei Massenpunkten auftretenden, Translationsbewegungen auch Rotati-
onsbewegungen ausführen. Im Allgemeinen kann ein starrer Körper analog zu ei-
nem Massenpunkt Translationsbewegungen in drei unterschiedlichen Raumrich-
tungen ausführen und zusätzlich um drei unterschiedliche Achsenrichtungen rotie-
ren. Somit hat ein starrer Körper 6 Freiheitsgrade der Bewegung.

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Zur konkreten Beschreibung eines starren Körpers werde angenommen, dass der

Körper aus N Teilchen bestehe, die relativ zueinander starr angeordnet sind. ri und
mi sind Position und Masse eines Teilchens, Vi ist das dem Teilchen zugeordnete
Volumen und somit ist
 m
 ri   i (2.194)
Vi

die Dichte des Körpers an der Stelle ri . Damit ergibt sich das Gesamtvolumen des
Körpers zu
N
V   Vi   dV (2.195)
i 1 V
und die Gesamtmasse zu
N
M   mi     dV   dm . (2.196)
i 1 V V

Zunächst betrachten wir die Wirkungen äußerer Kräfte auf einen beliebigen starren
Körper, wobei der Körper keine Bewegung ausführt. Durch Kompensation mehre-
rer äußerer Kräfte ergeben sich Gleichgewichtszustände. Anschließend erfolgt die
Beschreibung der Bewegungen starrer Körper.

2.4.1 Statik starrer Körper


Wir betrachten zunächst eine einzelne äußere Kraft, die an einem ruhenden starren

Körper angreift. Diese Kraft wird festgelegt durch den Kraftvektor F und den An-

griffspunkt P mit Ortsvektor r . Wie in Abbildung 2.27 dargestellt, werde ein fest-

gehaltener Bezugspunkt B mit Ortsvektor RB gewählt.


F

  P
r  RB
B

r

RB

O

Abb. 2.27: Zur Wirkung einer einzelnen Kraft F auf einen starren Körper

93
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Bei der Beschreibung der Wirkung der angreifenden Kraft muss neben der Kraft
auch das entsprechende Drehmoment berücksichtigt werden:

Die Wirkung einer auf einen starren Körper angreifenden Kraft F
kann charakterisiert werden durch die
 (2.197)
Kraft F
und das
 
   
Drehmoment N B  r  RB  F (2.198)
bezüglich eines fest gewählten Bezugspunktes B .

 
Anhand von Abbildung 2.27 erkennt man, dass F und N B unverändert bleiben, wenn
 
der Angriffspunkt der Kraft F längs der Angriffsgeraden von F verschoben wird.
Somit ergibt sich die Regel von der Linienflüchtigkeit der Kräfte:

Die Wirkung einer Kraft F auf einen starren Körper bleibt unverändert, wenn die
Kraft längs ihrer Angriffsgeraden parallelverschoben wird.

Falls eine Kraft derart parallel verschoben wird, dass der Angriffspunkt nicht mehr
auf der ursprünglichen Angriffsgeraden liegt, ergibt sich eine Änderung des Dreh-

moments N B und somit ist die parallel verschobene Kraft nicht gleichwertig zur
ursprünglichen Kraft.

Nunmehr betrachten wir ein System von mehreren Kräften Fi , die in den Punkten

Pi mit Ortsvektoren ri gemeinsam an dem betrachteten ruhenden starren Körper an-
  
greifen. Diese Kräfte Fi sind nur dann gleichwertig zur Gesamtkraft F   Fi , falls
sie im gleichen Punkt angreifend gedacht werden können. Sollten die Angriffsgera-

den aller Kräfte Fi sich in einem einzigen Punkt schneiden, dann können die Kräfte
gemäß der oben erwähnten Regel von der Linienflüchtigkeit der Kräfte alle in die-
sem einen Punkt angreifend gedacht werden. Im Folgenden wird jedoch gezeigt,

dass die betrachteten Kräfte Fi auch unter etwas allgemeineren Voraussetzungen
gleichwertig sind zu der in einem bestimmten Punkt angreifenden Gesamtkraft
 
F   Fi .

Bei der Beschreibung der Wirkung der angreifenden Kräfte muss neben der Ge-
samtkraft auch das entsprechende Gesamtdrehmoment berücksichtigt werden:

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Die gemeinsame Wirkung aller Kräfte Fi auf den betrachteten
starren Körper kann charakterisiert werden durch die

Gesamtkraft F angreifend an einem fest gewählten Bezugspunkt B
 
F   Fi (2.199)
i

und durch das Gesamtdrehmoment N B bezüglich des
fest gewählten Bezugspunkts B
   
       
N B   ri  RB  Fi   ri  Fi  R B  F . (2.200)
i i

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die im Bezugspunkt B angreifende



Gesamtkraft F sichtlich kein eigenes Drehmoment bezüglich B bewirkt und somit

auch keine Veränderung des Gesamtdrehmoments N B bezüglich des Bezugspunk-
tes B hervorruft.
Gemäß obiger Charakterisierung der Wirkung von mehreren Kräften ergibt sich
folgende Gleichwertigkeitsbedingung für ein System von Kräften:

Ein System von Kräften Fi , die gemeinsam an einem starren Körper angreifen,
ist gleichwertig zu der in einem bestimmten Bezugspunkt B angreifenden Ge-
 
samtkraft F und zu dem Gesamtdrehmoment N B bezüglich dieses Bezugs-
punktes B .


Im Fall verschwindender Gesamtkraft F erkennt man aus Gl. (2.200), dass das Ge-
 
samtdrehmoment N B von der Wahl des Ortes RB des Bezugspunktes B unabhän-
gig ist. Damit ergibt sich folgende Gleichgewichtsbedingung für starre Körper:

Ein starrer Körper unter der gemeinsamen Wirkung von Kräften Fi befindet sich

im Gleichgewicht, falls sowohl die Gesamtkraft F als auch das Gesamtdreh-
 
moment N B verschwinden, wobei N B von der Wahl von B unabhängig ist.


Hinsichtlich der Wirkung von Kräften Fi , die gemeinsam an einem starren Körper
angreifen, ist zwischen zwei Fällen zu unterscheiden:
  
Fall A: Gesamtkraft F   Fi  0 :

95
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In diesem Fall kann der Ort RB des Bezugspunktes B derart gewählt werden, dass

gemäß Gl. (2.200) das Gesamtdrehmoment N B bezüglich dieses Bezugspunktes B

verschwindet. Somit ist dann das System der Kräfte Fi völlig gleichwertig zu der

Gesamtkraft F , die in diesem Bezugspunkt B angreift. Folglich kann die gemein-

same Wirkung aller Kräfte Fi auch durch eine im Bezugspunkt B angreifende Ge-

genkraft  F völlig kompensiert werden.
Ein wichtiger Spezialfall ist die an einem starren Körper angreifende Schwerkraft.
An jedem Teilchen (Massenelement) mi des starren Körpers greife die Schwerkraft
  
Fi  mi  g an. Damit ergibt sich das Gesamtdrehmoment N B bezüglich eines Be-

zugspunktes B mit Ortsvektor RB gemäß Gl. (2.200) zu
    
N B   ri  mi  g  RB   mi  g . (2.201)
 
  

Fi F

Man erkennt, dass das Gesamtdrehmoment N B verschwindet, falls
   
 mi  ri  g  RB  
mi  g .
M

Diese Relation ist jedenfalls erfüllt, falls


 
 mi  ri  M  RB

und daraus ergibt sich für den Ortsvektor RB des Bezugspunktes B


RB 
 mi  ri
. (2.202)
M

Diesen Bezugspunkt B nennt man den Schwerpunkt S des betrachteten starren


Körpers. Gemäß Obigem ergibt sich, dass die Wirkung der Schwerkraft auf den
 
starren Körper der im Schwerpunkt S angreifenden Gesamtkraft F  M  g völlig
gleichwertig ist und somit auch durch eine im Schwerpunkt S angreifende Gegen-

kraft  M  g vollständig kompensiert werden kann. Durch Vergleich von Gl.
(2.202) mit Gl. (2.57) erkennt man, dass der Schwerpunkt S gleich dem Massen-
mittelpunkt der Massen mi des starren Körpers ist.
Als weiteren Spezialfall betrachten wir die Wirkung zweier paralleler und gleich-
 
orientierter Kräfte F1 und F2 , die an einem starren Körper angreifen. Damit

ergibt sich, wie in Abbildung 2.28 illustriert, das Gesamtdrehmoment N B bezüg-

lich eines Bezugspunktes B mit Ortsvektor RB gemäß Gl. (2.200) zu

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   
      
N B  r1  RB  F1  r2  RB  F2 . (2.203)

 
 ( F1  F2 )

B
P1     P2
r1  RB r2  RB

F1

F2
 
Abb. 2.28: Zur Wirkung zweier paralleler und gleichorientierter Kräfte F1 , F2
auf einen starren Körper


Man erkennt, dass das Gesamtdrehmoment N B verschwindet, falls
 
   
   
r1  RB  F1   r2  RB  F2 .
Daraus erhält man für die Beträge der Vektoren das Hebelgesetz
     
F1  r1  RB  F2  r2  RB , (2.204)

dessen anschauliche Bedeutung beschrieben werden kann durch die bekannte Be-
ziehung
Kraft × Kraftarm = Last × Lastarm.
 
Gemäß Obigem ergibt sich, dass die Wirkung der Kräfte F1 und F2 auf den starren
  
Körper der im Bezugspunkt B angreifenden Gesamtkraft F  F1  F2 völlig gleich-
wertig ist und somit auch durch eine im Bezugspunkt B angreifende Gegenkraft
 
 
 F1  F2 vollständig kompensiert werden kann.

  
Fall B: Gesamtkraft F   Fi  0 :

In diesem Fall ist es unmöglich, den Ort RB des Bezugspunktes B derart zu wäh-

len, dass gemäß Gl. (2.200) das Gesamtdrehmoment N B bezüglich dieses Bezugs-
punktes B verschwindet. Vielmehr gilt gemäß Gl. (2.200) stets
  
N B   ri  Fi (2.205)
i

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unabhängig von der Wahl des Bezugspunktes B . Diese Unabhängigkeit von der
Wahl von B ist dadurch begründet, dass es ja sichtlich gleichgültig ist, in welchem
  
Punkt B die verschwindende Gesamtkraft F   Fi  0 angreift.
Insbesondere betrachten wir zwei parallele, gleichgroße und entgegengesetzt orien-
   
tierte Kräfte F1  F p und F2   F p . Diese beiden an einem starren Körper angrei-
fenden Kräfte bilden, wie in Abbildung 2.29 gezeigt, ein Kräftepaar.


 Fp

 
r1  r2


r1 
r2

Fp O

 
Abb. 2.29: Zur Wirkung eines Kräftepaares F p ,  F p auf einen starren Körper


Während die Gesamtkraft F für das Kräftepaar definitionsgemäß verschwindet, ist

das auf den starren Körper ausgeübte Gesamtdrehmoment N B des Kräftepaares
gemäß Gl. (2.205) gegeben durch
 
       
N B  r1  F p  r2   F p  r1  r2   F p (2.206)

und somit sichtlich unabhängig von der Wahl eines Bezugspunktes B .

2.4.2 Dynamik der Rotation starrer Körper


Im Rahmen der Statik starrer Körper haben wir ruhende starre Körper unter dem
Einfluss äußerer Kräfte betrachtet. Im Folgenden untersuchen wir die Dynamik
bewegter starrer Körper. Translationsbewegungen starrer Körper verlaufen weitge-
hend analog zur Bewegung von Massenpunkten, wesentliche neue Aspekte gegen-
über der Punktmechanik sind jedoch bei der Rotation starrer Körper zu erwarten.
Daher betrachten wir im Folgenden keine Translation, sondern nur Rotationsbewe-
gungen starrer Körper.

Wir nehmen an, dass ein starrer Körper mit der Winkelgeschwindigkeit  um eine
Drehachse rotiert, jedoch keine Translationsbewegung ausführt. Wir beschreiben
diese Rotationsbewegung des starren Körpers bezüglich eines Inertialsystems, in
dem kartesische Koordinaten xi eingeführt werden. Der Koordinatenursprung O
liege auf der Drehachse im festgehaltenen Punkt des rotierenden starren Körpers.
Dieses Koordinatensystem wird als raumfestes Koordinatensystem bezeichnet. Spä-
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ter wird es sich als zweckmäßig erweisen, zusätzlich ein zweites, unterschiedliches
Koordinatensystem einzuführen (siehe Kap. 2.4.4).

Wir betrachten ein Massenelement dm des starren Körpers, das sich am Ort r be-
findet. Gemäß Gl. (2.34) gilt für die Geschwindigkeit dieses Massenelementes
  
r    r . (2.207)
Der rotierende starre Körper kann als System von (vielen) Massenelementen dm

mit Gesamtdrehimpuls L aufgefasst werden, auf das ein gesamtes äußeres Dreh-

moment N ausgeübt wird. Als Bezugspunkt werde der Koordinatenursprung O
gewählt. Gemäß Gl. (2.56) gilt für den rotierenden starren Körper die Bewegungs-
gleichung

 dL
N . (2.208)
dt
Analog dazu ist gemäß Gl. (2.48)
 dp
F
dt
die Bewegungsgleichung für Translationsbewegungen eines starren Körpers.
Zur Lösung der Bewegungsgleichung für Translationsbewegungen ist es nützlich,
 
den bekannten Zusammenhang von Impuls p und Geschwindigkeit v zu verwen-
den. In analoger Weise erweist es sich als zweckmäßig, zur Lösung der Bewe-
gungsgleichung (2.208) für den rotierenden starren Körper einen Zusammenhang
 
des Drehimpulses L mit der Winkelgeschwindigkeit  herzustellen.

Im Folgenden berechnen wir den Gesamtdrehimpuls L des rotierenden starren
Körpers durch Integration über alle Massenelemente dm des starren Körpers. Da-

bei ist zu beachten, dass der Winkelgeschwindigkeitsvektor  ortsunabhängig ist.
Gemäß Definition des Drehimpulses erhält man mit Hilfe von Gl. (2.207)
     
dm   r    r  dm .
L   r  r (2.209)
V Impuls V

Mit Hilfe der aus der Vektoralgebra bekannten Rechenregel


     
        
A  B  C  AC  B  A B C
kann der Integrand in Gl. (2.209) umgeformt werden und wir erhalten
     

L   r 2    r     r dm .  (2.210)
V

Zur konkreten Berechnung des Drehimpulses L ist es an dieser Stelle erforderlich,
 
auf die Komponentenschreibweise überzugehen. Die Komponenten von r und 
lauten

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 x1   1 
     
r   x2  ,     2  .
x   
 3  3

Durch Einsetzen dieser Vektoren in Gl. (2.210) können die Komponenten



L1 , L2 , L3 des Gesamtdrehimpulsvektors L berechnet werden. Wegen der Ortsun-

abhängigkeit des Winkelgeschwindigkeitsvektors  können die Komponenten

1 ,  2 , 3 von  dabei als konstante Faktoren außerhalb des Integrals gesetzt
werden. Durch Ordnen der Summanden nach 1 ,  2 , 3 erhalten wir

 
L1   r 2  x1  x1 dm  1 

V
x22  x32
   x1  x2  dm   2  (2.211)
V
   x1  x3  dm  3
V
L2    x2  x1  dm  1 
V


   

  r 2  x2  x2 dm   2  (2.212)
V
x12  x32
   x2  x3  dm  3
V

L3    x3  x1  dm  1 
V
   x3  x2  dm   2  (2.213)
V

 
  r 2  x3  x3 dm  3
   
V 2 2
x1  x2

Diese Komponentendarstellung kann auch in Matrizenschreibweise


 L1   I11 I12 I13   1 
     
 L2    I 21 I 22 I 23     2  (2.214)
L  I I 32 I 33   3 
 3   31
 ~ 
L  I  (2.215)

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oder in Tensorschreibweise
Li  I ij   j (2.216)
~
formuliert werden, wobei der Tensor zweiter Stufe I ij bzw. I als Trägheitstensor
des betrachteten starren Körpers bezeichnet wird. Die Komponenten des Träg-
heitstensors werden als Trägheitsmomente ( I11, I 22 , I 33 ) bzw. als Trägheits-
produkte ( I12 , I13 , I 23 , I 21, I 31, I 32 ) bezeichnet. Bei der Tensor- bzw. Index-
schreibweise gemäß Gl. (2.216) ist zu beachten, dass über Indizes, die in einem
Produkt doppelt vorkommen, von 1 bis zur Dimensionszahl zu summieren ist
(Summationskonvention). Die Gleichungen (2.214), (2.215), (2.216) beschreiben
 
den Zusammenhang zwischen Drehimpuls L und Winkelgeschwindigkeit  . Ana-
log dazu stellt die Gleichung
 
p  mv
  
den Zusammenhang zwischen Impuls p und Geschwindigkeit v her. Während p

und v stets parallel zueinander sind, erkennt man gemäß Gleichungen (2.214),
 
(2.215), (2.216), dass L im Allgemeinen nicht parallel zu  ist. Dieser Umstand
hat zur Folge, dass eine Beschreibung der Dynamik starrer Körper im Allgemeinen
die Anwendung des Tensorformalismus erfordert.
Durch Vergleich der Matrizengleichung (2.214) mit den Ausdrücken (2.211),

(2.212), (2.213) für die Komponenten des Drehimpulsvektors L erhält man konkre-
te Ausdrücke für die Trägheitsmomente des starren Körpers

 
I11   x22  x32  dm

I 22   x12  x32  dm
V
(2.217)

I 33   x12  x22  dm
V

und für die Trägheitsprodukte des starren Körpers

I12  I 21     x1  x2   dm
V
I13  I 31     x1  x3   dm (2.218)
V
I 23  I 32    x2  x3   dm
V

Gemäß Gl. (2.218) erkennt man, dass der Trägheitstensor I ij ein symmetrischer
Tensor ist.

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Zur Beschreibung der Dynamik des rotierenden starren Körpers ist es auch wesent-
lich, seine gesamte kinetische Energie T zu berechnen. Durch Integration über
alle Massenelemente dm des starren Körpers erhält man mit Hilfe von Gl. (2.207)
1  2 1  
    r 
2
T r dm  dm . (2.219)
2 2
V V

Mit Hilfe der aus der Vektoralgebra bekannten Rechenregel

    
       2
A  B  A  B  A2  B 2  A  B
kann der Integrand in Gl. (2.219) umgeformt werden und wir erhalten unter

Berücksichtigung der Ortsunabhängigkeit von 

1   2 2   
T    r dm     r 2 dm . (2.220)
2 
 V V

Durch Übergang zur Komponentenschreibweise ergibt sich mit Hilfe von Gl.
(2.217), (2.218) nacheinander

1 2 
T    
 1   22  32   x12  x22  x32 dm   1  x1   2  x2  3  x3 2 dm ,
2 
 V V

1 2
T 1   x12 dm  12   x22 dm  12   x32 dm 
2
 V V V

  22   x12 dm   22   x22 dm   22   x32 dm 


V V V
 32   x12 dm  32   x22 dm  32   x3 dm 
2

V V V
 12   x12 dm   22   x22 dm  32   x3 dm 
2

V V V

 2 1   2   x1  x2 dm  2 1  3   x1  x3 dm  2  2  3   x2  x3 dm ,
V V V 
 
 
1
T I11  1  I 22   2  I 33  3  2 I12  1  2  2 I13  1  3  2 I 23   2  3  .
2 2 2
2           
 I121 2  I131 3  I 23 2 3  
  I 21 21  I 31 31  I 32 3 2 

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Dieser Ausdruck für die kinetische Energie eines rotierenden starren Körpers
kann durch Anwendung der Tensorschreibweise in der übersichtlichen Form
1
T  I ij  i   j (2.221)
2
dargestellt werden, wobei über die Indizes i und j von 1 bis zur Dimensionszahl
zu summieren ist (Summationskonvention). Analog dazu kann mittels der Glei-
chung
1
T  m  v2
2
die kinetische Energie bei Translationsbewegung berechnet werden. Man erkennt
aus Gl. (2.221), dass bei allgemeiner Lage der Drehachse alle Komponenten des
Trägheitstensors zur kinetischen Rotationsenergie beitragen.

2.4.3 Rotation starrer Körper um feste Achsen


Anschließend an die allgemeine Darstellung der Dynamik rotierender starrer Körper
betrachten wir nun zunächst die Rotation starrer Körper um raumfeste Achsen. In
diesem Fall wird das Koordinatensystem derart gewählt, dass die x3 -Achse mit der
Drehachse zusammenfällt und der Winkelgeschwindigkeitsvektor hat somit die Form
0
  
 0 (2.222)
 
 
Damit erhält man gemäß Gl. (2.214) bzw. (2.216) für die x3 -Komponente des

Drehimpulsvektors L
L3  I 33   . (2.223)

Diese Relation kann sichtlich auch in der folgenden vektoriellen Form


 
L||  I 33   (2.224)

dargestellt werden, wobei L|| die Parallelkomponente des Drehimpulsvektors in
Richtung der Drehachse ist. Für die kinetische Energie T ergibt sich aus Gl. (2.221)
wegen Gl. (2.222)
1
T  I 33   2 . (2.225)
2

Das in den obigen Ausdrücken auftretende Trägheitsmoment I 33 wird als Träg-


heitsmoment des betrachteten rotierenden starren Körpers bezüglich der festen
Drehachse bezeichnet. Das Trägheitsmoment I 33 kann gemäß Gl. (2.217) berech-

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net werden. Da die x3 -Achse in der Drehachse liegt, gilt für den Normalabstand rn
eines Massenelementes dm des starren Körpers von der Drehachse (siehe Abb. 2.30)

rn  x12  x22 .

x3

rn dm

x2

x1
Abb. 2.30: Zur Berechnung des Trägheitsmoments I 33 eines starren Körpers
bezüglich Rotation um die feste x3 -Achse

Daher resultiert gemäß Gl. (2.217) für das Trägheitsmoment bezüglich der festen
Drehachse
I 33   rn2 dm . (2.226)
V

Man erkennt anhand von Abbildung 2.30, dass I 33 während der Rotation des star-
ren Körpers um die raumfeste x3 -Achse unverändert bleibt. Folglich gilt:

Das Trägheitsmoment I 33 ist für die Rotation des betrachteten starren Körpers
um die gewählte feste Drehachse ( x3 -Achse) charakteristisch.

Gl. (2.226) zeigt, dass I 33 umso kleiner ist, je näher die Massenelemente dm des
Körpers an der Drehachse liegen. Bei einer Pirouette etwa bewirkt eine Eiskunst-
läuferin durch geeignete Veränderung ihrer Körperhaltung eine Verringerung ihres
Trägheitsmomentes I 33 bezüglich ihrer Drehachse. Bei Abwesenheit äußerer Dreh-

momente und daher konstantem Drehimpuls L führt beispielsweise eine Halbie-
rung von I 33 dann gemäß Gl. (2.223) zu einer Verdopplung der Winkelgeschwin-

digkeit  . Gl. (2.225) ergibt für diesen Fall dann eine Verdopplung der kinetischen
Energie T . Dieses Beispiel zeigt:

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Die kinetische Rotationsenergie eines rotierenden Körpers kann bei Abwesen-


heit äußerer Drehmomente allein auf Grund der Wirkung innerer Kräfte ver-
ändert werden.

Gl. (2.226) ermöglicht eine konkrete Berechnung der Trägheitsmomente


I 33  I z axial-symmetrischer starrer Körper für die Rotation um deren Symme-
trieachse. Dies wird anhand der Rotation eines homogenen Vollzylinders mit Ra-
dius R , Höhe h , Dichte  und Masse M    V    R 2  h   um seine Symme-
trieachse illustriert.

z
dr

R r h

Abb. 2.31: Zur Berechnung des Trägheitsmo-


ments eines homogenen Vollzylinders bezüglich
Rotation um die Symmetrieachse

Wie in Abbildung 2.31 gezeigt ist, wird der betrachtete Zylinder in konzentrische
Hohlzylinder mit Radius r , Schichtdicke dr , Volumen dV  2    r  h  dr und
Masse dm    dV zerlegt. Damit liefert Gl. (2.226)
R

I z   r 2 dm     r 2 dV  2   h    r 3 dr  h    R4
2
V V 0

und somit erhalten wir für das Trägheitsmoment eines homogenen Vollzylinders
1
Iz  M  R2 . (2.227)
2

Wir weisen darauf hin, dass diese Beziehung auch für eine homogene Kreisscheibe
gültig ist.
Für den Fall des Trägheitsmomentes eines dünnwandigen Hohlzylinders mit
Radius R und Masse M gilt sichtlich

I z  M  R2 . (2.228)

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Für das Trägheitsmoment einer homogenen Kugel mit Radius R und Masse M
liefert entsprechende Integration das Trägheitsmoment
2
Iz  M  R2 . (2.229)
5

Bei den obigen Berechnungen der Trägheitsmomente axialsymmetrischer starrer


Körper wurde stets Rotation um eine Symmetrieachse durch den Schwerpunkt des
starren Körpers (Schwerpunktsachse) betrachtet. Nunmehr wenden wir uns der Be-
rechnung von Trägheitsmomenten bezüglich der Rotation um eine zu einer
Schwerpunktsachse parallele Drehachse zu.
Dazu betrachten wir zunächst Rotation um eine feste Drehachse durch den Schwer-
punkt S des starren Körpers. Ferner betrachten wir ein Koordinatensystem xi mit
Ursprung in S , wobei die x3 -Achse mit der Drehachse durch S (Schwerpunkts-
achse) zusammenfällt. Gemäß Gl. (2.217) gilt für das Trägheitsmoment bezüglich
dieser Schwerpunktsachse
I 33 S  
  x12  x22 dm . (2.230)
V

Nunmehr betrachten wir die Rotation um eine parallele Drehachse durch einen

neuen Bezugspunkt B an der Position a im Normalabstand A von der parallelen
Schwerpunktsachse (siehe Abb. 2.32). Wir betrachten dazu ein parallelverschobe-
nes Koordinatensystem xi  xi  ai mit Ursprung in B . Die x3 -Achse fällt sichtlich
mit der parallelverschobenen Drehachse durch B zusammen.

x3 x3

 B
a
S
A

Abb. 2.32: Zur Rotation eines starren Körpers um eine Schwerpunktsachse


x3 durch den Schwerpunkt S und um eine dazu parallele Drehachse x3

Damit erhält man gemäß Gl. (2.217) für das Trägheitsmoment bezüglich der paral-
lelen Drehachse durch den Bezugspunkt B

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I 33   x12  x22   dm    x1  a1   x2  a 2   dm 
2 2

V V

  x12  x22  2 a2  x2  a22  dm 


 2 a1  x1  a12
V
  x12  x22  dm  a12  a22   dm  2 a1   x1 dm  2 a2   x2 dm .
V V V V

Gemäß Definition des Schwerpunktes gilt


 
  mi  ri  r dm
R  .
 mi  dm
Das Koordinatensystem xi hat definitionsgemäß den Ursprung im Schwerpunkt S .
 
Daher gilt R  0 und folglich

 r dm  0
V
beziehungsweise
 x1 dm   x2 dm   x3 dm  0 .
V V V

Damit vereinfacht sich der Ausdruck für I 33 zu

   
 
I 33   x12  x22 dm  a12  a22   dm
V
  2 v

A
I 33 S M
und wir erhalten als Resultat den Satz von Steiner

I 33  I 33 S  M  A2 . (2.231)

Dabei ist I 33 S das Trägheitsmoment bezüglich einer Schwerpunktsachse, I 33 das


Trägheitsmoment bezüglich einer parallelen Drehachse im Normalabstand A von
der Schwerpunktsachse und M die Gesamtmasse des betrachteten starren Körpers.
Mit Hilfe des Satzes von Steiner kann beispielsweise das Trägheitsmoment eines
homogenen dünnen Stabes mit Länge  , Querschnittsfläche Q , Dichte  und
Masse M    Q   berechnet werden. Wie in Abbildung 2.33 gezeigt, betrachten
wir eine Schwerpunktsachse S senkrecht zum Stab und parallel dazu eine Achse A
durch ein Ende des Stabes. Die Koordinate x ist Schwerpunktskoordinate bezüg-
lich der Schwerpunktsachse S , die Koordinate x bezieht sich auf die parallelver-
schobene Achse A .

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A S
x x
Q
x

 
2 2
Abb. 2.33: Zur Berechnung des Trägheitsmoments eines dünnen Stabes be-
züglich Rotation um Schwerpunktsachse S und um dazu parallele Achse A

Für das Trägheitsmoment bezüglich der Schwerpunktsachse S erhalten wir gemäß


Gl. (2.226)
2
 Q
 I S   x dm     x dV    Q 
2 2
x
2
dx   3
12
V V  2

und somit ergibt sich


1
I S  M  2 . (2.232)
12

Andererseits ist das Trägheitsmoment bezüglich der parallelverschobenen Achse A


gegeben durch

 Q
I  A   x 2
dm     x dV    Q   x 2 dx 
2
 3
3
V V 0

und folglich gilt


I  A  1 M   2 . (2.233)
3

Das Trägheitsmoment I A bezüglich der parallelverschobenen Achse A kann je-


doch mit Hilfe des Satzes von Steiner auch unmittelbar aus dem Trägheitsmoment
I S ermittelt werden:
2
I  A  I S  M      1 1
     M  2 .
2 
12
 4

1
3

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Nunmehr können wir uns der konkreten Beschreibung der Dynamik der Rotation
eines starren Körpers um die raumfeste x3 -Achse zuwenden. Die Bewegungs-
gleichung lautet (siehe Gl. (2.208))

 dL
N . (2.234)
dt

Da wir eine Rotation um die feste x3 -Achse betrachten, wird von dem äußeren
 
Drehmoment N nur die Komponente N 3 bzw. die Parallelkomponente N|| in
Richtung der Drehachse wirksam. Damit erhalten wir unter Benützung der Gl.
(2.223) aus Gl. (2.234) für die x3 -Komponenten die Bewegungsgleichung
dL3 d
N3   I 33  . (2.235)
dt dt

Diese Gleichung kann unter Benützung von Gl. (2.224) sichtlich auch in der fol-
genden vektoriellen Form
 
 dL|| d
N ||   I 33  (2.236)
dt dt

dargestellt werden, wobei L|| die Parallelkomponente des Drehimpulsvektors in
Richtung der Drehachse ist. Dabei bezeichnet I 33 das (konstante) Trägheitsmoment
bezüglich der raumfesten x3 -Achse, das für den jeweils betrachteten starren Körper
gemäß Gl. (2.226) ermittelt werden kann. I 33 kann für den betrachteten Körper
auch experimentell bestimmt werden (etwa durch Untersuchung von Drehschwin-
gungen, siehe unten).
Im Folgenden untersuchen wir spezielle Rotationsbewegungen eines starren
Körpers um die raumfeste x3 -Achse. Zunächst betrachten wir eine beschleunigte

Rotation unter der Wirkung eines konstanten äußeren Drehmomentes N 0 mit
x3 -Komponente
 

N0 3  N0 . (2.237)

Damit erhalten wir gemäß Gl. (2.235) unter Benützung von   d dt die folgende
Bewegungsgleichung für die x3 -Komponenten:

d 2
I 33   N0 (2.238)
dt 2

Analog wie bei gleichförmig beschleunigten Translationsbewegungen (Fallgesetz)


erhält man durch zwei Integrationen nacheinander die Ausdrücke

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N0
  0  t
I 33
N0 2
   0  0  t  t
2 I 33

Man erhält eine gleichförmig beschleunigte Rotation mit konstanter Winkelbe-


schleunigung   N 0 I 33 .
Weiters betrachten wir eine periodische Drehschwingung eines starren Körpers.

In diesem Fall ist das äußere Drehmoment N abhängig vom Drehwinkel  (siehe

Abb. 2.34). Die x3 -Komponente des rücktreibenden Drehmoments N ist gegeben
durch
N 3  k   , (2.239)

wobei k als Richtkonstante bezeichnet wird.

x3


 0 r

 
F   
N r F

Abb. 2.34: Räumliche Anordnung von Vektoren bei einer periodischen


Drehschwingung um die feste x3 -Achse

Aus Gl. (2.235) erhalten wir mit Hilfe von Gl. (2.239) und unter Benützung von
  d dt die folgende Bewegungsgleichung für die x3 -Komponenten:

d 2
I 33    k   (2.240)
d t2

Diese Schwingungsgleichung für die Drehschwingung kann mit Hilfe des kom-
plexen Lösungsansatzes
~
  A  e i  t  A  cos~ t   i  sin ~ t 
gelöst werden. Nach Einsetzen in die Schwingungsgleichung (2.240) erhält man die
Kreisfrequenz ~ der Drehschwingung und damit die Schwingungsdauer

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2 I 33
T  ~  2 . (2.241)
 k

Analog dazu ist die Schwingungsdauer des linearen harmonischen Oszillators ge-
mäß Gl. (2.137) gegeben durch
m
T  2 .
k

Bei bekannter Richtkonstante k kann gemäß Gl. (2.241) aus Messungen der
Schwingungsdauer T das Trägheitsmoment I 33 bezüglich der festen x3 -Achse be-
stimmt werden. Zur experimentellen Bestimmung des Trägheitsmomentes eines
starren Körpers kann ein Drehtisch verwendet werden, bei dem mit Hilfe einer
Spiralfeder eine bestimmte Richtkonstante k festgelegt ist. Der Körper mit unbe-
kanntem Trägheitsmoment I wird auf diesen Drehtisch aufgelegt und die Schwin-
gungsdauer T kann gemessen werden. Um sowohl das Trägheitsmoment I 0 des
leeren Drehtisches als auch die Richtkonstante k ermitteln zu können, sind jedoch
zusätzlich Messungen der Schwingungsdauern T0 und Tcal bei leerem Drehtisch
und bei Auflegen eines Kalibrierungskörpers mit bekanntem Trägheitsmoment I cal
erforderlich. Unter Verwendung der Beziehung (2.241) und durch Elimination der
Größen I 0 und k erhält man nach einfachen Umformungen den Ausdruck

T 2  T02
I  I cal  2
(2.242)
Tcal  T02
für das zu bestimmende Trägheitsmoment I des betrachteten starren Körpers. Mit
Hilfe des Satzes von Steiner kann eventuell noch auf eine Schwerpunktsachse um-
gerechnet werden.

2.4.4 Rotation starrer Körper um freie Achsen, Kreiselbewegung


Im vorangehenden Kapitel wurde die Rotation starrer Körper um raumfeste Dreh-
achsen betrachtet. Nunmehr lassen wir diese Voraussetzung fallen. Wir betrachten
also im Folgenden die Rotation eines starren Körpers um seinen Schwerpunkt
S ohne Einschränkungen hinsichtlich der Drehachse. Der Zusammenhang von
 
Drehimpuls L und Winkelgeschwindigkeit  des starren Körpers wird durch den
~
Trägheitstensor I vermittelt (siehe Gl. (2.215)):
 ~ 
L  I  (2.243)
Bezüglich des bisher in einem Inertialsystem eingeführten, raumfesten Koordina-
tensystems werden im nunmehr betrachteten allgemeinen Fall die Komponenten

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  ~
von L ,  und I im Allgemeinen sämtlich zeitabhängig sein, was zu einer äußerst
unübersichtlichen Darstellung führt. In dieser Situation hat es sich als zweckmäßig
erwiesen, zu einem Bezugssystem überzugehen, das mit dem rotierenden starren
Körper fest verbunden ist. Dieses Bezugssystem wird als körperfestes Bezugssys-
tem bezeichnet, es ist naturgemäß im Allgemeinen kein Inertialsystem. In diesem
Bezugssystem wird ein kartesisches Koordinatensystem eingeführt, das als körper-

festes Koordinatensystem bezeichnet wird. Richtung und Länge der Vektoren L
 
und  bleiben natürlich bei dieser Koordinatentransformation unverändert, L und

 beziehen sich also weiterhin auf die Rotation des starren Körpers relativ zum
 
raumfesten Koordinatensystem. Die Komponenten der Vektoren L und  werden
sich beim Übergang zum körperfesten Koordinatensystem jedoch im Allgemeinen
ändern und weiterhin zeitabhängig sein. Der Vorteil der Transformation auf das
körperfeste Koordinatensystem liegt jedoch darin, dass der starre Körper sich rela-
tiv zum körperfesten Koordinatensystem definitionsgemäß stets in Ruhe befindet.
~
Daher sind alle Komponenten I ij des Trägheitstensors I bezüglich eines kör-
perfesten Koordinatensystems während der Rotation stets zeitunabhängig,
womit eine entscheidende Vereinfachung erreicht wird. Da der Trägheitstensor I ij
reell und symmetrisch ist, ist eine Transformation (Hauptachsentransformation) auf
ein spezielles körperfestes kartesisches Koordinatensystem (Hauptachsensystem
x A , xB , xC ) möglich, bezüglich dessen der Trägheitstensor nur Diagonalelemente
hat:
IA 0 0 
 
 
I ij   0 I B 0  (2.244)
 0 0 IC 

Die Koordinatenachsen x A , xB , xC des Hauptachsensystems werden als Haupt-


trägheitsachsen des betrachteten starren Körpers bezeichnet, die Diagonalelemente
I A  I B  I C des Trägheitstensors heißen Hauptträgheitsmomente. Falls die
Hauptträgheitsmomente alle verschieden sind, dann liegt ein unsymmetrischer
Kreisel vor, bei zwei gleichen Hauptträgheitsmomenten spricht man von einem
symmetrischen Kreisel, wenn alle drei Hauptträgheitsmomente übereinstimmen,
dann ist der starre Körper ein Kugelkreisel.

Im Hauptachsensystem hat der Winkelgeschwindigkeitsvektor  im Allgemeinen
die Komponenten
A 
  
   B  (2.245)
 
 C

der Drehimpulsvektor L kann dargestellt werden in der Form

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L   I  
  A ~   A A
L   LB   I     I B   B  (2.246)
L   I  
 C  C C
 
und man erkennt, dass L im Allgemeinen nicht parallel zu  ist. Gemäß Gl.
(2.221) erhalten wir für die kinetische Energie den Ausdruck

T
1
2
 
I A   A2  I B   B2  I C  C2 , (2.247)

der mit Hilfe von Gl. (2.246) umgeformt werden kann in die Form

L2A L2 L2
T  B  C . (2.248)
2 I A 2 I B 2 IC

Als wichtigen Spezialfall betrachten wir die Rotation des starren Körpers um
eine seiner drei Hauptträgheitsachsen und ohne Beschränkung der Allgemeinheit
wählen wir die Hauptträgheitsachse x A . Somit ist der Winkelgeschwindigkeits-

vektor  A gegeben in der Form
 A 
  
A   0  (2.249)
 0 
 

und wir erhalten damit für den Drehimpuls L

 I A   A   LA 
 ~      
L  I A   0    0   I A A . (2.250)
 0   0 
   
~ 
Man erkennt, dass Multiplikation des Trägheitstensors I mit  A auf ein Vielfaches
 
von  A führt. Dementsprechend ist  A ein Eigenvektor und I A der zugehörige
~
Eigenwert von I . Im Fall der Rotation um eine Hauptträgheitsachse ist also ge-
 
mäß Gl. (2.250) L  A .
Mit Hilfe von Gl. (2.250) erhalten wir die Bewegungsgleichung (siehe Gl. (2.208))
für Rotation um eine Hauptträgheitsachse in der vereinfachten Form
 
 dL d A
N  IA  . (2.251)
dt dt

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Bei Rotation um eine Hauptträgheitsachse ergeben sich wegen des Verschwindens



von  B , C , LB , LC aus Gl. (2.247), (2.248) unter Berücksichtigung von  A2   A2

und L2A  L2 für die kinetische Energie T die Ausdrücke

1 2 L2
T  I A A  . (2.252)
2 2 IA

Somit wird für einen bestimmten Drehimpulsbetrag L bei Rotation um die Achse
des größten Trägheitsmomentes I C  die kinetische Rotationsenergie T minimal.
Folglich gilt:

Bei Abwesenheit äußerer Drehmomente N und somit raumfestem konstantem

Drehimpuls L wird sich eine stabile Rotation des starren Körpers um eine
raumfeste freie Achse des größten Trägheitsmomentes einstellen.

Die gemäß Gl. (2.252) bei vorgegebenem Drehimpuls erfolgende Vergrößerung der
kinetischen Rotationsenergie T bei Verkleinerung des Hauptträgheitsmomentes ist
konsistent mit der im vorangegangenen Kapitel erwähnten Bewegung einer Eis-
kunstläuferin bei einer Pirouette. Dabei führt eine Verringerung ihres Trägheits-
momentes ja gleichfalls zu einer Erhöhung der kinetischen Rotationsenergie.
Besonders einfach liegen die Verhältnisse beim Kugelkreisel, bei dem die drei
Hauptträgheitsmomente übereinstimmend den Wert I haben. Der Trägheitstensor
~
I ist in diesem Fall ein Vielfaches der Einheitsmatrix, wir erhalten daher für den
Drehimpuls
 ~  
L  I   I  (2.253)
 
und somit ist stets L  . Mit Hilfe von Gl. (2.253) ergibt sich unmittelbar die Be-
wegungsgleichung des Kugelkreisels
 
 dL d
N I (2.254)
dt dt
und für die kinetische Energie gilt

1  2 L2
T   I   . (2.255)
2 2I
Für die Beschreibung der Dynamik des Kugelkreisels ist somit der Tensorforma-
lismus nicht erforderlich.
Nunmehr wenden wir uns der Dynamik der Rotation starrer Körper um belie-
bige freie Achsen zu. Aus der Bewegungsgleichung (2.208) können im körperfes-
ten Hauptachsensystem die Euler’schen Gleichungen hergeleitet werden. Die

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Lösung dieser Gleichungen ist im allgemeinen Fall kompliziert. Wir werden uns im
Folgenden auf einige wesentliche Aspekte der Dynamik symmetrischer Kreisel
beschränken. Dabei ist es zweckmäßig, die folgenden drei Achsen zu betrachten:

Drehimpulsachse ( L )

(momentane) Drehachse (  )
Figurenachse (Symmetrieachse, Hauptträgheitsachse).

Zunächst betrachten wir die Rotation eines kräftefreien symmetrischen Kreisels.



Auf Grund des Verschwindens äußerer Drehmomente bleibt L zeitlich konstant
und somit ist beim kräftefreien Kreisel die Drehimpulsachse raumfest. Falls die Ro-
tation um die Figurenachse (eine Hauptträgheitsachse des starren Körpers) erfolgt,
sind alle Achsen parallel zueinander und somit raumfest und es liegt eine stabile
Rotation vor (siehe oben). Im allgemeinen Fall bewegen sich jedoch Drehachse
und Figurenachse um die raumfeste Drehimpulsachse. Diese Bewegung wird als
Nutation bezeichnet. Die momentane Drehachse wandert im Allgemeinen auch
relativ zum Kreiselkörper. Auf der Grundlage der Euler’schen Gleichungen kann
gezeigt werden:
Beim kräftefreien symmetrischen Kreisel gilt stets:
Winkel zwischen Figurenachse und raumfester Drehimpulsachse ist konstant,
Winkel zwischen momentaner Drehachse und Figurenachse ist konstant.


L 

Nutationskegel
Figuren-
(raumfest)
achse

Rastpolkegel Gangpolkegel
(raumfest) S (körperfest)
Abb. 2.35: Darstellung der Nutation eines kräftefreien symmetrischen Kreisels
durch Abrollen eines Gangpolkegels an einem raumfesten Rastpolkegel

Folglich kann die Bewegung eines kräftefreien symmetrischen Kreisels, wie in Ab-
bildung 2.35 gezeigt, durch Abrollen eines körperfesten Gangpolkegels an einem
raumfesten Rastpolkegel dargestellt werden. Die Figurenachse bewegt sich dabei
auf dem raumfesten Nutationskegel. Gangpolkegel und Rastpolkegel berühren ei-
nander längs der momentanen Drehachse, die sich somit auf dem raumfesten Rast-
polkegel bewegt und zusätzlich relativ zum Kreiselkörper wandert.

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Bei der Rotation eines kräftefreien unsymmetrischen Kreisels tritt zusätzlich


noch eine periodische Änderung des Winkels zwischen Drehachse und Drehim-
pulsachse auf, die gelegentlich ebenfalls als Nutation bezeichnet wird.
Nunmehr lassen wir die Voraussetzung der Kräftefreiheit fallen und betrachten die
Rotation eines symmetrischen Kreisels unter dem Einfluss eines äußeren
Drehmoments. Es werde eine stabile Rotation um die Figurenachse (Hauptträg-
heitsachse) angenommen und somit fallen Drehimpulsachse, Drehachse und Figu-
renachse zusammen (siehe oben) und es tritt dementsprechend keine Nutation auf.
In Abbildung 2.36 ist der Fall dargestellt, bei dem an einem Kreisel, in stabiler Ro-

tation mit festem Auflagepunkt A , im Schwerpunkt S die Gewichtskraft m  g an-
  
greift. Diese äußere Kraft ruft ein äußeres Drehmoment N  r  m  g hervor, wel-

ches eine Änderung des Drehimpulses L des Kreisels bewirkt. Mit Hilfe der Bewe-
 
gungsgleichung (2.208) ergibt sich die Änderung dL des Drehimpulses L im Zeit-
intervall dt zu
 
dL  N  dt .

Damit erkennt man aus Abbildung 2.36, dass sich der Drehimpulsvektor L auf ei-

nem Kegel mit Öffnungswinkel   0 um die senkrechte Achse  bewegt. Diese
Bewegung der Drehimpulsachse wird als Präzession bezeichnet. Es zeigt sich also,
dass die Drehachse im Wesentlichen quer zur angreifenden äußeren Kraft (Schwer-
kraft) ausweicht.

d

dL

L
 S
 
N  
r
A 
m g

Abb. 2.36: Darstellung der Präzession eines symmetrischen Kreisels unter



dem Einfluss eines äußeren Drehmoments N


Die Spitze des Drehimpulsvektors L bewegt sich somit auf einem waagrechten
Kreis mit Radius L  sin  . Damit ergibt sich der Winkel d , den der Radiusvektor
im Zeitintervall dt überstreicht zu

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N  dt
d  .
L  sin 

Daraus erhält man wegen N  m  g  r  sin  und L  I   die Präzessionswinkel-


geschwindigkeit
d N m g r
Ω   , (2.256)
dt L  sin  I 

wobei  die Winkelgeschwindigkeit der Eigenrotation des Kreisels bezeichnet.

Man erkennt, dass die Präzessionswinkelgeschwindigkeit  unabhängig von dem
Neigungswinkel  der Kreiselachse ist und mit abnehmender Winkelgeschwindig-

keit  der Kreisel-Eigenrotation größer wird.
Im allgemeinen Fall, bei dem Drehachse und Figurenachse sich von der Drehim-
pulsachse unterscheiden und somit keine stabile Rotation vorliegt, wird der Prä-
zessionsbewegung des Drehimpulses noch zusätzlich die weiter oben beschrie-
bene Nutation überlagert und es entsteht eine verhältnismäßig komplizierte Be-
wegungsform.

Abb. 2.37: Schematische Darstellung eines Kreiselkompasses

Die Präzessionsbewegung wird beim Kreiselkompass angewendet, der zur Be-


stimmung der Nord-Süd-Richtung auf der rotierenden Erde dienen kann. Wie in
Abbildung 2.37 gezeigt, wird ein rotierender Kreisel derart „gefesselt“, dass die
Achse A stets senkrecht zur Erdoberfläche gerichtet ist. Damit wird auf Grund der
Erddrehung ein äußeres Drehmoment auf den Kreisel ausgeübt. Der Kreisel weicht
so lange quer aus, bis die Kreiselachse möglichst parallel zur Erdachse gerichtet ist
und somit die Wirkung des äußeren Momentes minimal wird. Damit zeigt die Krei-
selachse dann die N-S-Richtung an.
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Wegen der (geringfügigen) Abplattung der Erde ergibt sich auf Grund der Wirkung
von Sonnenanziehung und Zentrifugalkraft ein Kräftepaar und somit ein auf die ro-
tierende Erde wirkendes äußeres Drehmoment. Dies führt zu einer Präzessions-
bewegung der Erdachse mit einer Umlaufzeit von etwa 26000 Jahren. Bei genaue-
ren Berechnungen müssen allerdings auch Störungen durch die anderen Planeten
und den Mond berücksichtigt werden.
Bei der Untersuchung von Atomkernen in äußeren Magnetfeldern hat sich gezeigt,
dass auf Grund des vom Magnetfeld ausgeübten äußeren Moments eine Präzession
des Kernspins auftritt, wobei eine Präzessionsfrequenz, die sogenannte Larmor-
frequenz, beobachtet werden kann.

2.5 Mechanik fester Körper, Elastizitätslehre


Nachdem wir im vorangehenden Kapitel die Eigenschaften starrer, also nicht defor-
mierbarer Körper behandelt haben, betrachten wir nun deformierbare Körper. Zu-
nächst wenden wir uns Körpern mit bestimmter Gestalt, sogenannten festen Körpern
zu, im folgenden Kapitel werden Körper ohne bestimmte Gestalt betrachtet.
Die Eigenschaften makroskopischer Körper können prinzipiell auf Grund moleku-
larer Wechselwirkungen beschrieben werden (siehe Kap. 2.1.3.2). Die gegenwärti-
gen Kenntnisse der molekularen Wechselwirkungskräfte sind jedoch meist nicht
ausreichend, um eine hinreichend genaue mikroskopische Beschreibung der Eigen-
schaften makroskopischer Körper zu ermöglichen. In solchen Fällen erweist sich
oft eine phänomenologische Beschreibung unter Verwendung empirischer Kon-
stanten als zweckmäßig. Im Folgenden werden die betrachteten Festkörper als mak-
roskopische Kontinua aufgefasst, deren konkrete Eigenschaften mit Hilfe empiri-
scher Materialkonstanten beschrieben werden. Diese Materialkonstanten werden
üblicherweise experimentell bestimmt, konkrete Werte sind für eine Vielzahl unter-
schiedlicher Substanzen in Tabellenwerken bzw. in digitaler Form verfügbar. Mit
Methoden der Computational Physics sind numerische Näherungen möglich, die
zur physikalischen Interpretation empirischer Konstanten beitragen können.

2.5.1 Deformationen (Verzerrungen) fester Körper



Wenn auf einen Festkörper äußere Kräfte F wirken, dann tritt im Allgemeinen eine
Gestaltänderung ein. Falls der Körper nach Wegfall der äußeren Kräfte wieder die
ursprüngliche Gestalt annimmt, dann erfolgte eine elastische Deformation. Insbe-
sondere nach verhältnismäßig starken Deformationen können jedoch irreversible
Gestaltänderungen verbleiben und man spricht in diesem Fall von plastischer
Deformation.
Zunächst betrachten wir eine allseitige Kompression oder Expansion eines festen
Körpers. Dabei ändert sich das Volumen, nicht aber die Form des Körpers. Das

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Ausmaß einer allseitigen Kompression oder Expansion wird durch die relative
Volumsänderung
V
 (2.257)
V0

angegeben, wobei V  V  V0 die Differenz des Volumens V des deformierten


und des Volumens V0 des undeformierten Körpers bezeichnet (siehe Abb. 2.38).
Ferner betrachten wir eine Scherung eines festen Körpers. Darunter versteht man
eine Deformation, bei der sich die Form, nicht aber das Volumen des Körpers
ändert. Das Ausmaß einer Scherung wird durch den

Scherwinkel  (2.258)

angegeben (siehe Abb. 2.39).



F

F

  
F V F


F
Abb. 2.38: Allseitige Kompression Abb. 2.39: Scherung

Eine häufig auftretende Deformation fester Körper ist die einseitige Dehnung oder
Stauchung eines Drahtes oder Stabes. Dabei ändern sich im Allgemeinen sowohl
Form als auch Volumen des betrachteten Körpers. Das Ausmaß einer einseitigen
Dehnung oder Stauchung wird durch die relative Längenänderung
L
 (2.259)
L0

angegeben, wobei L  L  L0 die Differenz der Länge L des deformierten und der
Länge L0 des undeformierten Körpers bezeichnet (siehe Abb. 2.40). Als Folge der
Längenänderung tritt im Allgemeinen auch eine Änderung der Querdimension
des Körpers auf, die durch die relative Querkontraktion
d
q   (2.260)
d0

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charakterisiert wird, wobei d  d  d 0 die Differenz der Querdimension d des


deformierten und der Querdimension d 0 des undeformierten Körpers bezeichnet
(siehe Abb. 2.40). Das Verhältnis
q
 (2.261)

wird als Poissonzahl bezeichnet, ist abhängig von den konkreten Eigenschaften des
jeweils betrachteten Festkörpers und kann experimentell ermittelt werden.


F
d0 d

L0 L
L
Abb. 2.40: Einseitige Dehnung

Bei Dehnung (oder Stauchung) tritt im Allgemeinen auch eine Volumsänderung


des betrachteten Körpers auf, die von  und  q bzw. von  und  abhängig ist.
Im Fall kleiner Deformationen erhalten wir nach einfachen Umformungen und
Vernachlässigung von Größen zweiter Ordnung für die relative Volumsänderung
näherungsweise den Ausdruck
    2   q    1  2    , (2.262)

der den Zusammenhang von relativer Volums- und Längenänderung beschreibt. Gl.
(2.262) erlaubt eine Abschätzung für die Poissonzahl  : Sichtlich sind  und 
bei Dehnung beide positiv, bei Stauchung beide negativ, und daher erkennt man aus
Gl. (2.262), dass die Poissonzahl  < 0.5 ist.

2.5.2 Spannungen in festen Körpern


Nach der Besprechung der Deformationen fester Körper wenden wir uns nun den
Kräften zu, die diese Deformationen hervorrufen. Wir gehen davon aus, dass auf
den betrachteten Festkörper nur äußere Kräfte mit kurzer Reichweite einwirken.
Solche Kräfte wirken daher ausschließlich auf die Oberfläche des betrachteten
Festkörpers (Oberflächenkräfte). Im Gegensatz dazu ist etwa die Gravitationskraft
eine Volumskraft.
Die Oberflächenkraft pro Flächeneinheit wird als Spannung bezeichnet. Wenn die
Kraft senkrecht auf die Oberfläche steht, liegt eine Normalspannung vor und wir
unterscheiden zwischen Zugspannung  und Druckspannung p . Wenn die

120
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Oberflächenkraft jedoch parallel zur Oberfläche gerichtet ist, liegt eine Tangen-
tialspannung (Scherspannung)  vor. Die Dimension dieser Spannungen ist [  ]
= [ p ] = [ ] = [ N m  2 ].
Zunächst betrachten wir die einseitige Dehnung eines Stabes oder Drahtes als Folge
einer angreifenden Zugspannung. Der Zusammenhang von Zugspannung  und re-
lativer Längenänderung  wird oftmals in Form eines Spannungs-Dehnungs-
Diagramms dargestellt. Auf Grund experimenteller Erfahrung zeigt das Spannungs-
Dehnungs-Diagramm in vielen Fällen näherungsweise den in Abbildung 2.41 ge-
zeigten Verlauf: Im Bereich kleiner Dehnungen bis zur Proportionalitätsgrenze P
sind  und  annähernd proportional zueinander (Proportionalitätsbereich). Bis
zur Fließgrenze F verbleiben die Deformationen noch reversibel (Elastizitäts-
bereich), jenseits von F treten jedoch dauerhafte Deformationen auf (plastischer
Bereich). Bei der Bruchgrenze B schließlich zerreißt der Körper. Es sei darauf hin-
gewiesen, dass Abbildung 2.41 einen grundsätzlichen Zusammenhang zeigt, die tat-
sächliche Abhängigkeit von  und  kann für verschiedene konkrete Festkörper
durchaus von dem in Abbildung 2.41 gezeigten Verlauf abweichen.

O P F B 
prop. plastischer
Bereich Bereich
Abb. 2.41: Grundsätzlicher Verlauf eines Spannungs-Dehnungs-Diagramms

Im Folgenden beschränken wir uns auf Deformationen innerhalb des Proportiona-


litätsbereichs. Im Fall einseitiger Dehnungen wird die Proportionalität von  und
 durch das Hooke’sche Gesetz
1
  (2.263)
E
dargestellt, wobei  die relative Längenänderung und  die Zugspannung ist. Der
Proportionalitätsfaktor E wird als Dehnungsmodul bezeichnet. Je größer der Deh-
nungsmodul ist, desto kleiner ist bei bestimmter Zugspannung die Dehnung. Aus
Gl. (2.263) ergibt sich wegen Gl. (2.261) unmittelbar

121
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1
q     . (2.264)
E
Auch für andersartige Deformationen gelten analog zum Hooke’schen Gesetz line-
are Zusammenhänge, solange diese Deformationen hinreichend klein sind. Insbe-
sondere gilt für allseitige Kompression eines Festkörpers
1
  p , (2.265)
K
wobei  die relative Volumsänderung und p die allseitige Druckspannung ist. K
wird als Kompressionsmodul und   1 K als Kompressibilität bezeichnet. Für
Scherung eines Festkörpers gilt
1
  , (2.266)
G
wobei  der Scherwinkel und  die Tangentialspannung (Scherspannung) ist. G
wird als Schermodul (Schubmodul, Torsionsmodul) bezeichnet (der Zusammen-
hang von Scherung und Torsion wird in Kapitel 2.5.4 erläutert). Die Moduln E , K
und G sind empirische Parameter, die experimentell ermittelt werden können. Die
Dimensionen sind [ E ] = [ K ] = [G ] = [ N m  2 ]. Werte der elastischen Konstanten
für einige Materialien sind in Tabelle 2.1 angegeben.
10 9 N m 2

Tab. 2.1: Messwerte der elastischen Konstanten für einige Materialien

E [10 9 N m 2 ]  K [10 9 N m 2 ] G [10 9 N m 2 ]


Blei 19 0.44 53 7
Aluminium 71 0.34 74 26
Stahl 108–212 0.28 82–161 42–83
Wolfram 407 0.29 323 158

2.5.3 Elastische Eigenschaften isotroper und anisotroper


Festkörper
Zur Beschreibung der elastischen Eigenschaften von Festkörpern haben wir die vier
elastischen Konstanten E ,  , K und G eingeführt. Wir wollen untersuchen, wie
viele elastische Konstanten insgesamt erforderlich sind, um alle elastischen Eigen-
schaften eines Festkörpers zu beschreiben. In diesem Zusammenhang ist die innere
Struktur des betrachteten Festkörpers von Bedeutung. Bei Festkörpern mit amor-
pher Struktur ist davon auszugehen, dass die elastischen Eigenschaften unabhän-
gig von der Raumrichtung sind (isotrope Festkörper). Bei Festkörpern mit geord-

122
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netem molekularem Aufbau und somit kristalliner Struktur kann jedoch erwartet
werden, dass die elastischen Eigenschaften richtungsabhängig sind (anisotrope
Festkörper) und dementsprechend eine höhere Anzahl elastischer Konstanten zur
Beschreibung benötigt wird.
Wir wollen uns zunächst der Frage zuwenden, wie viele elastische Konstanten zur
Beschreibung aller elastischen Eigenschaften eines isotropen Festkörpers erfor-
derlich sind. Wir betrachten dazu zwei unterschiedliche Deformationen eines
isotropen elastischen Würfels. Zuerst betrachten wir eine Scherung eines isotro-
pen elastischen Würfels unter dem Einfluss von parallel zu den Würfelseiten-
 
flächen wirkenden Scherkräften F und  F (siehe Abb. 2.42).
 
F  F||
F
D C

A B

 F 
 F||  F

Abb. 2.42: Scherung eines isotropen elastischen Würfels

Aus dieser Scherung resultiert eine entsprechende Verlängerung der Flächendiago-


  
nale AC . Die Scherkraft F kann jedoch auch in ihre Komponenten F und F||
zerlegt werden (siehe Abb. 2.42). Damit können wir in einer unterschiedlichen Be-
trachtungsweise die obige Scherung auch auffassen als Kombination einer Deh-
nung längs der Flächendiagonale AC in Folge der parallel zu AC wirkenden Zug-
 
kräfte F|| und  F|| , und einer simultanen Stauchung längs der Flächendiagonale
 
BD in Folge der parallel zu BD wirkenden Druckkräfte F und – F . Aus der
Dehnung längs der Flächendiagonale AC resultiert einerseits unmittelbar eine Ver-
längerung von AC . Andererseits resultiert aus der Stauchung längs der Flächen-
diagonale BD eine zugehörige Querexpansion längs der Flächendiagonale AC
und somit noch eine weitere Verlängerung von AC . Wegen der vorausgesetzten
Isotropie des betrachteten Festkörpers können die Deformationen gemäß den bei-
den obigen Betrachtungsweisen mit Hilfe richtungsunabhängiger konsistenter Wer-
te der elastischen Konstanten beschrieben werden. Ein Vergleich der Ergebnisse
beider Betrachtungsweisen liefert somit eine Beziehung von G mit E und  , kon-
krete Berechnung ergibt den Zusammenhang

123
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E
1  . (2.267)
2G
Dies erlaubt eine Abschätzung für G : Da 0 <  < 0.5, muss G zwischen E 3 und
E 2 liegen. Aus experimentell ermittelten Werten für E und G kann mit Hilfe von
Gl. (2.267) das experimentell schwerer zugängliche  bestimmt werden.
Weiters betrachten wir eine Kompression eines isotropen elastischen Würfels unter
dem Einfluss von senkrecht auf die Würfelseitenflächen allseitig wirkenden Druck-
kräften. Aus dieser Kompression resultiert eine entsprechende Verringerung des
Würfelvolumens. In einer unterschiedlichen Betrachtungsweise können wir die
obige Kompression jedoch auch auffassen als Kombination simultaner Stauchun-
gen des Würfels in den drei Kantenrichtungen. Für jede Kantenrichtung resultiert
einerseits aus der parallel dazu erfolgenden Stauchung unmittelbar eine Verkürzung
der entsprechenden Würfelkante. Andererseits resultiert aus jeder der beiden senk-
recht dazu erfolgenden Stauchungen eine zugehörige Querexpansion längs der be-
trachteten Würfelkante und somit wieder eine gewisse Verlängerung dieser Würfel-
kante. Aus den insgesamt resultierenden Verkürzungen aller Würfelkanten ergibt
sich eine entsprechende Verringerung des Würfelvolumens. Wegen der vorausge-
setzten Isotropie des betrachteten Festkörpers können die Deformationen gemäß
den beiden obigen Betrachtungsweisen mit Hilfe richtungsunabhängiger konsisten-
ter Werte der elastischen Konstanten beschrieben werden. Ein Vergleich der Er-
gebnisse beider Betrachtungsweisen liefert somit eine Beziehung von K mit E
und  , konkrete Berechnung ergibt den Zusammenhang
E
1 2 . (2.268)
3K
Nachdem aus experimentell ermittelten Werten für E und G mit Hilfe von Gl.
(2.267)  bestimmt wurde, erlaubt nun Gl. (2.268) auch die Bestimmung von K .
Zusammenfassend ergibt sich, dass für isotrope Festkörper zwischen den vier elas-
tischen Konstanten E ,  , K und G die zwei Beziehungen (2.267), (2.268) gelten.
Daraus folgt:
Das elastische Verhalten von Festkörpern mit amorpher Struktur (isotrope Fest-
körper) wird durch zwei Konstanten vollständig charakterisiert.

Eine anfänglich vertretene Meinung, derzufolge für alle isotropen Festkörper stets
  1 4 gilt wurde auf Grund experimenteller Ergebnisse widerlegt.
Die elastischen Eigenschaften anisotroper Festkörper können unter Verwendung
des Tensorformalismus übersichtlich beschrieben werden. Verzerrungen und Span-
nungen werden bei anisotropen Körpern jeweils durch einen symmetrischen Tensor
zweiter Stufe, den Verzerrungstensor U ij und den Spannungstensor Tij , charak-

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terisiert. Analog zum Hooke’schen Gesetz (2.263) besteht für anisotrope Festkörper
bei hinreichend kleinen Deformationen ein linearer Zusammenhang dieser beiden
Tensoren in der Form des (verallgemeinerten) Hooke’schen Gesetzes
Tkl  ijkl  U ij , (2.269)

wobei der Tensor vierter Stufe ijkl als Tensor der E-Moduln bezeichnet wird.
Der Tensor der E -Moduln weist mehrere Symmetrien auf. Unter Berücksichtigung
dieser Symmetrien kann man abzählen, dass der Tensor der E -Moduln höchstens
21 unabhängige Komponenten hat. Dementsprechend gilt:

Zur vollständigen Beschreibung der elastischen Eigenschaften von Festkörpern


mit kristalliner Struktur (anisotrope Festkörper) sind abhängig vom Kristallsys-
tem bis zu 21 Materialkonstanten erforderlich.

Die Anzahl der unabhängigen elastischen Konstanten für Festkörper mit kristalliner
Struktur ist für verschiedene Kristallsysteme in Tabelle 2.2 angegeben.

Tab. 2.2: Anzahl der unabhängigen elastischen Konstanten für


Festkörper mit unterschiedlicher kristalliner Struktur

Kristallstruktur Beispiel Konstante


Triklin Kupfersulfat 21 (davon 3 Winkel)
Monoklin Gips 13 (davon 1 Winkel)
Rhombisch Topas 9
Trigonal Quarz 6
Tetragonal Zirkon 6
Hexagonal Beryll 5
Kubisch Steinsalz 3

Festkörper mit amorpher Struktur werden, wie oben erläutert, durch zwei unabhän-
gige elastische Konstanten vollständig charakterisiert, für Flüssigkeiten ist nur eine
einzige Konstante, die Kompressibilität, erforderlich.

2.5.4 Spezielle elastische Verformungen isotroper Festkörper


Für praktische Anwendungen ist das elastische Verhalten von langgestreckten Fest-
körpern, wie Drähten, Seilen, Stäben, Stangen, Balken etc., von großer Bedeutung.
Zunächst betrachten wir die Dehnung eines elastischen Drahtes oder Stabes mit
Länge L0 und Querschnittsfläche q . Falls in der Querschnittsfläche am Ende des
Körpers eine Normalkraft F angreift, dann erfolgt eine Längenänderung L , die
gemäß Hooke’schem Gesetz (2.263) gegeben ist durch

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L0 F
L   . (2.270)
q E
Mit Hilfe dieser Beziehung kann aus Dehnungsexperimenten der Dehnungsmodul
E mit hoher Genauigkeit ermittelt werden.
Weiters betrachten wir die Durchbiegung eines elastischen Balkens mit Länge L ,
Querschnittsbreite b und Querschnittshöhe (Dicke) d . Der Balken sei waagrecht
angeordnet und einseitig eingeklemmt. Am freien Ende des Balkens greife eine

senkrecht gerichtete Kraft F an, wodurch sich das Balkenende um die Strecke s ,
den sogenannten Biegungspfeil, absenkt (siehe Abb. 2.43).

neutrale Faser

s Biegungspfeil


F
Abb. 2.43: Einseitig eingeklemmter elastischer Balken

Auf Grund dieser Deformation tritt oberhalb einer neutralen Faser Dehnung, unter-
halb davon Stauchung des Körpers ein. Die Beschreibung dieser Deformation kann
daher mit Hilfe des Dehnungsmoduls E erfolgen. Detaillierte Rechnung liefert für
den Biegungspfeil s bei einseitig eingeklemmtem Balken den Ausdruck

L3 F
s  4 3
 . (2.271)
bd E
Falls der Balken beidseitig aufliegt, ergibt sich der Biegungspfeil zu

1 L3 F
s   . (2.272)
4 bd3 E

Der Biegungspfeil ist somit bei einseitig eingeklemmtem Balken 16-mal so groß
wie bei beidseitig aufliegendem Balken. Man erkennt, dass sowohl bei Dehnung als
auch bei Durchbiegung die Größe der Verformung proportional zu F E ist, was
auf die Anwendung des Hooke’schen Gesetzes zurückzuführen ist.
Schließlich wenden wir uns der Torsion eines zylindrischen elastischen Stabes
mit Länge L und Radius R zu. In der Achse dieses Stabes liege die z -Achse eines
kartesischen Koordinatensystems. Auf Grund eines angreifenden Torsionsdrehmo-

mentes N erfolgt eine Torsion des Stabes um den Torsionswinkel  . Wir denken
uns den Stab zusammengesetzt aus vielen konzentrischen dünnen Hohlzylindern.
Ein solcher Hohlzylinder habe den Radius r und die Dicke dr . Jeden dieser Hohl-
zylinder denken wir uns wieder zusammengesetzt aus vielen schmalen prismati-

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schen Säulen (siehe Abb. 2.44). Die Scherung dieses Holzylinders erfolgt auf

Grund einer Torionskraft Fr bzw. des entsprechenden Torsionsdrehmoments
  
N r  r  Fr .
z
dr r 

Fr

L  prismatische
Säule

Abb. 2.44: Torsion eines zylindrischen Stabes

Man erkennt aus Abbildung 2.44, dass die Torsion des Stabes um den Torsionswinkel
 einer Scherung aller prismatischen Säulen um den Scherwinkel  entspricht. Für
kleine Torsionen erkennt man gemäß Abbildung 2.44, dass L    r   und somit
r 
 .
L
Die Scherung einer einzelnen prismatischen Säule erfolgt gemäß Gl. (2.266) auf
Grund der Scherspannung
r 
  G   G  .
L
Die Scherung des ganzen Hohlzylinders erfolgt daher durch die Torsionskraft
2   r 2  dr  G  
Fr  2   r  dr    
L
bzw. durch das entsprechende Torsionsdrehmoment

2    r 3  dr  G  
N r  r  Fr  .
L
Die Scherung des gesamten zylindrischen Stabes erfolgt somit auf Grund des ge-
samten angreifenden Torsionsdrehmomentes
R
2   G   G  R4
N   r 3 dr    .
L 2 L
0

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Dementsprechend erhalten wir für die z-Komponente des rücktreibenden Drehmo-


mentes den Ausdruck
4
N rück z     G  R     k   , (2.273)
2L
wobei k die Richtkonstante bezeichnet (vgl. Gl. (2.239)). Mit Hilfe dieser Be-
ziehung kann aus Torsionsexperimenten der Schermodul (Schubmodul, Torsions-
modul) G mit hoher Genauigkeit ermittelt werden.

2.5.5 Oberflächeneigenschaften fester Körper


Bisher haben wir Deformationen fester Körper unter der Wirkung von angreifenden
Kräften beschrieben. Nunmehr betrachten wir zwei feste Körper, die einander be-
rühren. Dabei auftretende Verformungen und Kräfte sind von den Eigenschaften
der Oberflächen dieser Festkörper abhängig. Die Eigenschaften von Festkörper-
oberflächen sind durch die mikroskopische Struktur dieser Oberflächen bestimmt.
Gegenwärtig ist die molekulare Oberflächenstruktur noch nicht ausreichend be-
kannt, um eine hinreichend genaue Beschreibung der Oberflächeneigenschaften zu
ermöglichen. Daher werden die Eigenschaften von Festkörperoberflächen meist mit
Hilfe empirischer Parameter beschrieben, deren Werte für eine Vielzahl unter-
schiedlicher Substanzen experimentell bestimmt wurden und in Tabellenwerken
oder in digitaler Form zugänglich sind.

2.5.5.1 Härte von Festkörpern


Festkörper setzen dem Eindringen anderer Festkörper einen Widerstand entgegen.
Als Maß für diesen Widerstand wird der Begriff der Härte verwendet. Zur Charak-
terisierung der Härte von Festkörpern haben sich zwei unterschiedliche Methoden
als zweckmäßig erwiesen.

Tab. 2.3: Härteskala nach Mohs


Härte (Mohs) Mineral
1 Talk
2 Gips
3 Kalkspat
4 Flussspat
5 Apatit
6 Feldspat
7 Quarz
8 Topas
9 Korund
10 Diamant

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Beim Ritzungs-Verfahren wird untersucht, ob die Oberfläche des betrachteten


Prüfkörpers durch Kontakt mit einem anderen Körper geritzt werden kann. Die un-
tersuchten Körper werden gemäß der Mohs’schen Härteskala nach zunehmender
Härte geordnet (siehe Tabelle 2.3).
Das Brinell-Verfahren beruht darauf, dass eine gehärtete Stahlkugel mit einer de-
finierten Prüfkraft senkrecht in den Prüfkörper gedrückt wird. Aus dem Durchmes-
ser der resultierenden Eindruckfläche kann die Eindrucktiefe ermittelt werden, die
als Maß für die Härte des untersuchten Prüfkörpers verwendet wird.

2.5.5.2 Reibung von Festkörpern


Zwischen zwei Festkörpern, deren Oberflächen einander berühren, besteht im All-
gemeinen eine Wechselwirkung, die durch tangentiell gerichtete Reibungskräfte
beschrieben werden kann. Die Reibungskräfte werden durch Wechselwirkungskräfte
zwischen den Atomen oder Molekülen in den berührenden Oberflächen hervorgeru-
fen, sie sind von der Zusammensetzung der beiden betrachteten Körper und der
Oberflächenbeschaffenheit abhängig. Reibungskräfte können durch Anbringung
einer geeigneten flüssigen Zwischenschicht (Schmierung) verringert werden, der
Einfluss der Schmierung auf die Reibungskräfte wird im Folgenden jedoch nicht
betrachtet. Die bei Reibungsvorgängen aufgewendete Arbeit wird großteils in
Wärmeenergie umgesetzt. Reibungsvorgänge bewirken üblicherweise zusätzlich
auch eine gewisse Materialabtragung an den Oberflächen der beiden Körper (Ver-
schleiß).
Experimentelle Untersuchungen zeigen:

Reibungskraft  Anpressdruck,
Reibungskraft  Berührungsfläche.

Folglich ergibt sich:


Reibungskraft  Anpressdruck  Berührungsfläche.

Damit erhält man als Resultat:

Die Reibungskraft zwischen zwei Festkörpern ist proportional zum Betrag der
Normalkraft FN , mit der die beiden Körper aneinander gedrückt werden.

Die entsprechenden Proportionalitätskoeffizienten werden als Reibungskoeffizien-


ten bezeichnet. Um ein gegenseitiges Abgleiten zweier anfänglich relativ zueinan-
der unbewegter Körper hervorzurufen, ist eine Haftreibungskraft FH erforderlich,
die ausgedrückt werden kann in der Form
FH   H  FN , (2.274)

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wobei  H den Haftreibungskoeffizienten bezeichnet. Um ein bereits erfolgendes


gegenseitiges Abgleiten zweier Körper aufrecht zu erhalten, ist eine im Allgemei-
nen etwas geringere Gleitreibungskraft FG erforderlich, für die gilt
FG   G  FN , (2.275)
wobei G den Gleitreibungskoeffizienten bezeichnet, der auch von der Gleitge-
schwindigkeit abhängig ist.
Auch beim Abrollen eines Festkörpers auf einem anderen Körper treten Rei-
bungskräfte auf. Um den Abrollvorgang aufrecht zu erhalten, ist demgemäß ein

Rollreibungsdrehmoment N R erforderlich, das ausgedrückt werden kann in der
Form
N R   R  FN , (2.276)
wobei μR den Rollreibungskoeffizienten bezeichnet.

Während  H und G dimensionslos sind, gilt [  R ] = [ m ].


Zur experimentellen Bestimmung von Reibungskoeffizienten kann eine schiefe
Ebene verwendet werden, längs derer der betrachtete Körper mit Masse m unter
dem Einfluss der Schwerkraft abgleitet bzw. abrollt. Der Anstellwinkel, der erfor-
derlich ist, um den jeweiligen Reibungsvorgang zu bewirken, wird als Reibungs-
winkel bezeichnet. Für den Fall von Haftreibung bzw. Gleitreibung ist die Situa-
tion in Abbildung 2.45 dargestellt.

FHG

 FHG
 HG

 HG


 FN
m g
Abb. 2.45: Zur experimentellen Bestimmung von Haft- bzw.
Gleitreibungskoeffizienten mit Hilfe einer schiefen Ebene

 
Die Beträge der Normalkraft FN und der Haft- bzw. Gleitreibungskraft FH bzw.

FG sind gegeben durch

 FN  m  g  cos H , G 
FH , G  m  g  sin  H , G 

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Durch Einsetzen in Gl. (2.274) bzw. Gl. (2.275) erhält man


m  g  sin  H ,G    H ,G  m  g  cos H ,G ,

woraus sich für den Haft- bzw. Gleitreibungskoeffizienten der Ausdruck


 H ,G  tan H ,G  (2.277)

ergibt. Dabei ist  H , G der entsprechende Haft- bzw. Gleitreibungswinkel, der


experimentell ermittelt werden kann.
Für den Fall von Rollreibung ist die Situation in Abbildung 2.46 dargestellt. Man
beachte in Abbildung 2.46 insbesondere das Kräftepaar, das das Rollreibungsdreh-
moment bewirkt.

r
R

R


 FN
m g
Abb. 2.46: Zur experimentellen Bestimmung von Rollreibungs-
koeffizienten mit Hilfe einer schiefen Ebene

 
Die Beträge der Normalkraft FN und des Rollreibungsdrehmoments N R sind ge-
geben durch
 FN  m  g  cos R 

 N R  r  m  g  sin  R 
wobei r den Radius der Rolle bezeichnet. Durch Einsetzen in Gl. ((2.276) erhält
man
r  m  g  sin  R    R  m  g  cos R  ,
woraus sich für den Rollreibungskoeffizienten der Ausdruck

 R  r  tan  R  (2.278)

ergibt. Dabei ist  R der entsprechende Rollreibungswinkel, der experimentell er-


mittelt werden kann. Messwerte von Reibungskoeffizienten für einige Substanz-
Kombinationen sind in Tabelle 2.4 angegeben.

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Tab. 2.4: Messwerte von Reibungskoeffizienten


für einige Substanz-Kombinationen

H G R r
Stahl/Stahl 0.7 0.4 0.05
Aluminium/Aluminium 1.1 0.9
Diamant/Diamant 0.1 0.08
Gummi/Asphalt 1.2 1.05 0.3

2.6 Mechanik von Flüssigkeiten und Gasen


In diesem Kapitel wenden wir uns deformierbaren Körpern ohne bestimmte Ge-
stalt, sogenannten Fluiden zu. Fluide können unterschiedliche Gestalten annehmen,
bei Änderungen der Gestalt von Fluiden tritt jedoch im Allgemeinen innere Rei-
bung auf. Fluide mit bestimmtem Volumen werden als Flüssigkeiten bezeichnet,
Fluide ohne bestimmtes Volumen nennt man Gase. Demnach sind Flüssigkeiten
weitgehend inkompressibel, Gase dagegen kompressibel. Wie in der Thermodyna-
mik (Kap. 4.8) näher erläutert wird, treten unter gewissen Bedingungen stetige
Übergänge zwischen Flüssigkeiten und Gasen auf. Die mechanischen Vorgänge in
Flüssigkeiten und Gasen können zum Großteil in einheitlicher Weise beschrieben
werden.

2.6.1 Mechanik ruhender Flüssigkeiten und Gase (Hydrostatik)


Zunächst wird ein ruhendes Fluid im mechanischen Gleichgewicht betrachtet. Wir
betrachten äußere Kräfte, die an der Oberfläche dieses Fluids oder eines Teilvolu-
mens dieses Fluids angreifen. Da die Fluid-Moleküle frei verschiebbar sind, wür-
den Tangentialkomponenten der betrachteten Oberflächenkräfte Verschiebungen
von Fluid-Molekülen bewirken. Daher gilt:

Bei einem in Ruhe im mechanischen Gleichgewicht befindlichen Fluid sind


alle Oberflächenkräfte stets senkrecht auf die Oberfläche des betrachteten Fluid-
volumens gerichtet.

Die äußere Kraft pro Oberflächeneinheit wird als statischer Druck p bezeichnet.
Die Dimension des Druckes ist [ p ] = [ N m  2 ]. Diese Druckeinheit wird auch als
1 Pascal = 1 Pa bezeichnet.
Im statischen Gleichgewicht gilt:

Falls der Einfluss der Schwerkraft vernachlässigt werden kann, dann ist in einem
ruhenden Fluid die Druckverteilung stets homogen und isotrop.

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Diese Tatsache ist wesentlich für Anwendungen bei hydraulischen Pressen und An-
trieben.
Wir betrachten nun den Einfluss der Schwerkraft auf den Druck in Fluiden im
Gleichgewicht. Zunächst betrachten wir den Schweredruck in Flüssigkeiten. Da
Flüssigkeiten weitgehend inkompressibel sind, ist die Dichte  der Flüssigkeit im
gesamten Flüssigkeitsvolumen konstant. Zur Berechnung des Druckes in der Flüs-
sigkeit betrachten wir eine Flüssigkeitssäule mit Querschnittsfläche A innerhalb
der Flüssigkeit (siehe Abb. 2.47), die sich von der Flüssigkeitsoberfläche aus senk-
recht nach unten erstreckt. In der Tiefe t herrsche der Druck p , der Druck an der
Flüssigkeitsoberfläche ( t  0 ) sei p0 .

0 p0

t p
dv  A  dt
t  dt p  dp
A

t
Abb. 2.47: Zur Berechnung des Schweredrucks in Flüssigkeiten

In der Tiefe t betrachten wir ein Volumselement dv der Flüssigkeitssäule mit Di-
cke dt . Das Gewicht dieses Volumselementes beträgt   g  dv    g  A  dt und
bewirkt eine Druckzunahme
dp    g  dt .

Durch Integration dieser Gleichung,


p t

 dp   
 g dt  ,
p0 0 const

erhält man für den hydrostatischen Flüssigkeitsdruck p in der Tiefe t den Aus-
druck
p  p0    g  t . (2.279)

Die Abhängigkeit des Flüssigkeitsdruckes p von der Tiefe t ist in Abbildung 2.48
graphisch dargestellt.

133
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p0 p
t 0

t
Abb. 2.48: Grundsätzlicher Verlauf des Schweredrucks in Flüssigkeiten
in Abhängigkeit von der Eintauchtiefe t

Aus Gl. (2.279) erkennt man, dass der Druck p ausschließlich von der Tiefe t ab-
hängig ist. Eine unmittelbare Folgerung daraus ist das hydrostatische Paradoxon:
Der Flüssigkeitsdruck am Boden von Gefäßen ist bei gleicher Füllhöhe unab-
hängig von der Gefäßform.

Dieser Sachverhalt ist in Abbildung 2.49 illustriert. Daraus resultiert für kommuni-
zierende Gefäße eine stets gleich große Füllhöhe.

Abb. 2.49: Illustration zum hydrostatischen Paradoxon

Nunmehr wenden wir uns dem Schweredruck in Gasen zu. Auf Grund ihrer
Kompressibilität erhält man, im Vergleich zu Flüssigkeiten, für Gase einen unter-
schiedlichen Einfluss der Schwerkraft auf den Druck. Gemäß der im Rahmen der
Thermodynamik näher erläuterten Zustandsgleichung idealer Gase (siehe Kap.
4.2.2) gilt für eine vorgegebene Masse eines Gases bei konstanter Temperatur das
Boyle-Mariotte’sche Gesetz
p  V  const ,
wobei p und V Druck und Volumen der betrachteten Gasmasse bezeichnen. We-
gen   1 V erhält man daraus unmittelbar

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p
 const

oder unter Bezugnahme auf einen gewissen Referenzzustand
p p0
 ,
 0
und es resultiert für die Gasdichte  bei konstanter Temperatur der Ausdruck
0
  p, (2.280)
p0
wobei 0 und p0 sich auf einen bestimmten Referenzzustand des Gases beziehen.
Im Gegensatz zu Flüssigkeiten ist also bei Gasen die Dichte druckabhängig. Ähn-
lich wie bei Flüssigkeiten betrachten wir nun zur Berechnung des Gasdruckes eine
Gassäule mit Querschnittsfläche A innerhalb des Gases (siehe Abb. 2.50), die sich
von einer Bodenfläche aus senkrecht nach oben erstreckt. In der Höhe h herrsche
der Druck p , Druck und Gasdichte an der Bodenfläche ( h  0 ) seien p0 und 0 .

h  dh p  dp
dv  A  dh
h p
A

0 p0

Abb. 2.50: Zur Berechnung des Schweredrucks in Gasen

In der Höhe h betrachten wir ein Volumselement dv der Gassäule mit Dicke dh .
Das Gewicht dieses Volumselementes beträgt   g  dv    g  A  dh und bewirkt
eine Druckänderung
dp     g  dh ,
die mit Hilfe von Gl. (2.280) ausgedrückt werden kann in der Form
0
dp    p  g  dh .
p0
Durch Integration dieser Gleichung,

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p h
dp  
 p    p00  g dh ,
p0 0 
const
erhält man
p 
ln   0  g h,
p0 p0
und für den statischen Gasdruck p in der Höhe h bei konstanter Temperatur re-
sultiert die sogenannte barometrische Höhenformel
   g h
p  p0  exp   0  . (2.281)
 p0 

Die Abhängigkeit des Gasdruckes p von der Höhe h ist in Abbildung 2.51 gra-
phisch dargestellt.

h0
0 p0 p

Abb. 2.51: Grundsätzlicher Verlauf des Schweredrucks in Gasen


in Abhängigkeit von der Höhe h

Im Fall hinreichend geringer Höhen h kann Gl. (2.281) durch Reihenentwicklung


der Exponentialfunktion vereinfacht werden und damit reduziert sich Gleichung
(2.281) näherungsweise auf Gl. (2.279).
Auf Grund der barometrischen Höhenformel erkennt man, dass die Erdatmosphäre
keine definierte obere Grenze aufweist. Der Atmosphärendruck reduziert sich in ei-
ner Höhe von 5.8 km auf die Hälfte, in einer Höhe von 11.5 km auf ein Viertel des
an der Erdoberfläche herrschenden Druckes.
Die in Fluiden unter dem Einfluss der Schwerkraft im Gleichgewicht vorherrschende
Druckverteilung bewirkt eine Kraftwirkung auf einen in das Fluid eingetauchten
Körper. Zur Bestimmung dieser Kraftwirkung betrachten wir zunächst nur das im

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Gleichgewicht befindliche Fluid. Bei diesem Fluid befindet sich insbesondere jedes
beliebige Teilvolumen im Gleichgewicht, es erfährt somit seitens seiner Umgebung
eine Auftriebskraft, die seine Gewichtskraft gerade kompensiert. Diese Auftriebs-
kraft bleibt unverändert, wenn ein solches Teilvolumen des Fluids durch einen an-
deren, in das Fluid eingetauchten Körper ersetzt wird. Daher erfährt dieser einge-
tauchte Körper die gleiche Auftriebskraft wie das Fluidvolumen, das sich vor dem
Eintauchen an der Stelle des Körpers befunden hatte. Damit resultiert das Archi-
medische Prinzip:

Auf einen in ein Fluid eingetauchten Körper wirkt eine Auftriebskraft, die be-
tragsmäßig mit dem Gewicht des vom Körper verdrängten Fluids übereinstimmt.

Das Archimedische Prinzip gilt für Körper beliebiger Form. Körper, deren Dichte
geringer ist als die Fluiddichte, steigen in dem Fluid auf. Im Fall von Flüssigkeiten
tauchen solche Körper also teilweise aus der Oberfläche auf und schwimmen somit
in der Flüssigkeit. Ein solches Verhalten kann etwa bei schwimmenden Eisbergen
beobachtet werden.

2.6.2 Oberflächeneigenschaften ruhender Flüssigkeiten


Flüssigkeiten besitzen im Allgemeinen eine Oberfläche. Zwischen benachbarten
Flüssigkeitsmolekülen bestehen anziehende Wechselwirkungskräfte, die den Zu-
sammenhalt der Flüssigkeit bewirken. Bei Vergrößerung der Flüssigkeitsoberfläche
gelangen Moleküle aus dem Inneren der Flüssigkeit an die Oberfläche. Dazu ist es
erforderlich, dass gegen die erwähnten anziehenden Wechselwirkungskräfte zwi-
schen benachbarten Flüssigkeitsmolekülen Arbeit verrichtet wird. Die Oberflä-
chenmoleküle befinden sich somit auf höherer potenzieller Energie als die Moleküle
im Inneren der Flüssigkeit. Man kann davon ausgehen, dass die zur Vergrößerung
der Flüssigkeitsoberfläche um A erforderliche Arbeit W näherungsweise pro-
portional zu A ist und wir erhalten folglich die Beziehung
W    A , (2.282)

wobei  als Oberflächenspannung der Flüssigkeit bezeichnet wird. Folglich gilt:

Die Oberflächenspannung einer Flüssigkeit kann als Energie pro Oberflächen-


einheit der Flüssigkeit aufgefasst werden.

Für die Dimension gilt demgemäß [  ] = [ J m  2 ]. Der Einstellung des Zustandes


minimaler potenzieller Energie entspricht somit die Ausbildung einer minimalen
Flüssigkeitsoberfläche, was insbesondere die Kugelform von Flüssigkeitstropfen
zur Folge hat.

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Die Oberflächenspannung von Flüssigkeiten hat auch Kraftwirkungen auf die Rän-
der von Flüssigkeitsoberflächen zur Folge. Zur Erläuterung dieses Sachverhaltes
betrachten wir eine Flüssigkeitslamelle, die über einem rechteckigen Drahtrahmen
mit Seitenlängen L und S aufgespannt ist (siehe Abb. 2.52).
S S


L F

doppelte Oberfläche
Abb. 2.52: Illustration zur Kraftwirkung auf den Rand einer
Flüssigkeitsoberfläche bzw. Flüssigkeitslamelle

Bei dem Drahtrahmen sei eine Seite mit der Länge L beweglich angeordnet.
Wenn diese bewegliche Seite des Drahtrahmens auf Grund der Wirkung einer an-

greifenden Kraft F um die Strecke S verschoben wird, dann wird von dieser
Kraft die Arbeit
W1  F  S (2.283)
verrichtet. Da die Flüssigkeitslamelle Ober- und Unterseite aufweist, erfolgt dabei
eine Vergrößerung der gesamten Flüssigkeitsoberfläche um A  2 L  S . Gemäß
Gl. (2.282) ist hierzu die Arbeit
W2    2 L  S (2.284)
 
A
nötig. Im Gleichgewicht müssen W1 und W2 übereinstimmen. Vergleich von
Gl. (2.283) und (2.284) liefert somit für die Kraft, die an der beweglichen Seite des
Drahtrahmens angreift, den Ausdruck

F  2 L . (2.285)

Längs der beweglichen Seite des Drahtrahmens verläuft ein Rand der Flüssigkeits-
oberfläche mit einer Länge von insgesamt 2 L . Folglich gilt gemäß Gl. (2.285):

Die Oberflächenspannung einer Flüssigkeit kann als Kraft pro Einheit der Rand-
länge der Flüssigkeitsoberfläche aufgefasst werden.

Für die Dimension gilt demgemäß [  ] = [ N m 1 ] = [ J m  2 ]. Das Auftreten dieser


Tangentialkraft kann auch aufgrund der Verringerung der Flüssigkeitsdichte an der
Oberfläche der Flüssigkeit erklärt werden.

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Weiters bewirkt die Oberflächenspannung auch ein Aufsteigen der Flüssigkeit in


Kapillarröhren, falls die Flüssigkeit die Innenfläche der Kapillarröhre benetzt.
Wir betrachten ein Kapillarrohr mit Innenradius r , das in die Flüssigkeit eintaucht
und dessen Innenwände mit dieser Flüssigkeit benetzt sind (siehe Abb. 2.53). Im
Bestreben, die auf Grund der Benetzung der Innenwände vorhandene Flüssigkeits-
oberfläche an der Innenseite des Kapillarrohrs möglichst klein zu halten, steigt die
Flüssigkeit im Kapillarrohr auf eine gewisse Höhe h . Dementsprechend wird eine
Flüssigkeitsmasse m    r 2  h   innerhalb des Kapillarrohrs angehoben.

2r
h

Abb. 2.53: Schematische Darstellung des Aufsteigens einer


Flüssigkeit in einer Kapillarröhre

Falls eine kleine weitere Hebung um h erfolgt, dann resultiert einerseits eine Ver-
ringerung der benetzten Oberfläche um A  2   r  h und somit wird eine Arbeit
W1    A    2   r  h (2.286)
 
A

verrichtet. Andererseits ist für diese weitere Hebung die Arbeit


2
W2  m  g  h  
r    g  h
h  (2.287)
m

erforderlich, wobei  die Dichte der Flüssigkeit und g die Fallbeschleunigung be-
zeichnen. Im Gleichgewicht müssen W1 und W2 übereinstimmen. Vergleich
von Gl. (2.286) und (2.287) liefert somit für die Steighöhe der Flüssigkeit in der
Kapillare den Ausdruck
2 
h  . (2.288)
g r

Man erkennt, dass die Steighöhe der Flüssigkeit proportional zur Oberflächenspan-
nung ist und mit abnehmendem Kapillarradius zunimmt. In Kapillaren pflanzlicher
Gewebe können beträchtliche Steighöhen auftreten.

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Durch Messung der Kraft längs des Randes einer Flüssigkeitsoberfläche kann ge-
mäß Gl. (2.285) die Oberflächenspannung bestimmt werden (Tensiometer). Ande-
rerseits erlaubt auch die Messung der Steighöhe in einer Kapillare gemäß Gl.
(2.288) eine Bestimmung der Oberflächenspannung (Steighöhenmethode). Die
Steighöhenmethode ist jedoch auf Flüssigkeiten beschränkt, die die Innenfläche der
Kapillare benetzen. Werte der Oberflächenspannung für einige Flüssigkeiten sind
in Tabelle 2.5 angegeben.

Tab. 2.5: Werte der Oberflächenspannung einiger Flüssigkeiten

N m 1

Quecksilber 0.471
Wasser 0.0729
Benzol 0.029
Ethyläther 0.017

2.6.3 Mechanik strömender Flüssigkeiten und Gase


(Hydrodynamik)
Nunmehr wenden wir uns bewegten Fluiden zu und betrachten Strömungsvorgän-
ge. Die Fluide werden dabei als Kontinua aufgefasst. Eine innerhalb eines Volums-
elementes des strömenden Fluids befindliche Fluidmasse wird als Fluidelement
bezeichnet. Im Folgenden betrachten wir strömende Fluide bei konstanter Tempera-
tur. Die Beschreibung von Fluidströmungen bei nichtisothermen Bedingungen ist
Gegenstand der Thermohydrodynamik. Viele in der Hydrodynamik eingeführte an-
schauliche physikalische Begriffe erweisen sich auch in anderen Gebieten der Phy-
sik als nützlich. In der Elektrodynamik werden beispielsweise zahlreiche Begriffe
aus der Hydrodynamik in formal gleicher Weise auf die Beschreibung von Eigen-
schaften elektromagnetischer Felder angewendet, wobei allerdings eine unter-
schiedliche physikalische Interpretation erfolgt.

2.6.3.1 Grundbegriffe
Die Beschreibung des Strömungszustandes eines Fluids erfolgt mit Hilfe ver-
schiedener physikalischer Größen, die als Ortsfunktionen angegeben werden. Die
Geschwindigkeiten der Fluidelemente bilden das vektorielle Geschwindigkeitsfeld

v , Drücke und Dichten im Strömungsfeld bilden das skalare Druckfeld p und das
skalare Dichtefeld  . Da wir uns im Folgenden auf isotherme Strömungen be-
schränken, kann eine spezielle Betrachtung des Temperaturfeldes entfallen.
Zur anschaulichen Beschreibung eines Strömungsfeldes eignen sich Stromlinien,
die als Tangentiallinien an die Geschwindigkeitsvektoren definiert sind. Davon zu
unterscheiden sind die Bahnkurven von Fluidelementen, die im Allgemeinen

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nicht mit den Stromlinien übereinstimmen. Bei stationären Strömungen (siehe


unten) sind Stromlinien und Bahnkurven jedoch identisch. Oftmals ist es zweck-
mäßig, die durch den Rand einer kleinen Strömungsquerschnittsfläche hindurchge-
henden Stromlinien zu einer Stromröhre zusammenzufassen. Das Innere einer
Stromröhre wird dann als Stromfaden bezeichnet.
Bei den strömenden Fluiden unterscheiden wir zwischen inkompressiblen und
kompressiblen Medien. Während strömende Flüssigkeiten stets als inkompressibel
angesehen werden können, sind strömende Gase nur bei Strömungsgeschwindigkei-
ten deutlich unterhalb der Schallgeschwindigkeit näherungsweise inkompressibel.
Ferner ist es wesentlich, zwischen reibungsfreien und zähen Fluiden zu unter-
scheiden, da die Gültigkeit einer Anzahl hydrodynamischer Gesetzmäßigkeiten auf
reibungsfreie Fluide beschränkt ist.
Die Strömungsform von Fluiden kann in verschiedener Weise charakterisiert
werden. Zunächst kann man zwischen stationären und nichtstationären Strömungen
unterscheiden. Bei stationären Strömungen ist das Vektorfeld der Geschwindig-
keiten und somit auch der Verlauf der Stromlinien und das Strömungsbild zeitlich
konstant. Die Geschwindigkeit eines mit der Strömung mitschwimmenden Fluid-
elementes kann jedoch auch im Fall einer stationären Strömung zeitlich variieren.
Ein weiteres Unterscheidungskriterium betrifft das Auftreten von Wirbeln in der
betrachteten Strömung. Eine wirbelfreie Strömung liegt vor, wenn die Zirkulation
des Geschwindigkeitsfeldes (siehe Kap. 2.6.3.3) längs jeder geschlossenen Kurve
im gesamten Strömungsbereich verschwindet. Ein wesentliches Merkmal von Fluid-
strömungen ist die Turbulenz. Eine laminare Strömung liegt vor, wenn während
des Strömungsvorganges benachbarte Stromfäden getrennt erhalten bleiben und
sich nicht durchmischen. Oberhalb gewisser Strömungsgeschwindigkeiten tritt je-
doch Durchmischung benachbarter Stromfäden ein und man erhält in diesem Fall
eine turbulente Strömung.

2.6.3.2 Erhaltung der Masse, Kontinuitätsgleichung


Um die Erhaltung der Fluidmasse in einem Strömungsfeld zu charakterisieren, ist
es zweckmäßig, einige zusätzliche physikalische Größen einzuführen. Zunächst be-
trachten wir ein Flächenelement df in dem Strömungsfeld, das mit Hilfe des zuge-
 
hörigen Flächenvektors df beschrieben werden kann. df steht senkrecht auf das
Flächenelement und sein Betrag stimmt mit dem Flächeninhalt df des Flächenele-
mentes überein. Damit kann das Fluidvolumen, das pro Zeiteinheit das Flächen-
 
element df durchströmt, berechnet werden als v  df . Das Skalarprodukt in diesem
Ausdruck bewirkt, dass der Ausdruck auch für den Fall gültig ist, wenn das Flä-
chenelement nicht senkrecht auf die Strömungsgeschwindigkeit steht. Das Fluid-
volumen, das pro Zeiteinheit eine Fläche A durchströmt, kann durch Integration

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über die Fläche A berechnet werden und wir erhalten für den Volumsfluss den
Ausdruck
 
ΦV   v  df . (2.289)
A

Mit Hilfe der Fluidmassendichte  ergibt sich daraus der zugehörige Massefluss
 
ΦM     v  df . (2.290)
A

Daraus erkennt man, dass der Massefluss pro (senkrechte) Flächeneinheit ge-
geben ist durch den Ausdruck
 
j   v , (2.291)
der als Fluidstromdichte bezeichnet wird. Es sei darauf hingewiesen, dass die Be-
rechnung von Volums- und Massefluss eine nützliche Anwendung des Skalar-
produktes zweier Vektoren in der Physik darstellt.
Zur Charakterisierung der Erhaltung der Fluidmasse in einem Strömungsfeld be-
trachten wir ein Volumen V in der Strömung. Die Masse des Fluids innerhalb des
Volumens V ist gegeben durch
M     d V . (2.292)
V

Andererseits kann die Fluidmasse, die pro Zeiteinheit aus dem Volumen V (durch
dessen Oberfläche Rd V  ) herausfließt, berechnet und unter Benützung des
Gauß’schen Integralsatzes umgeformt werden zu
  
ΦM      v  d f   div
 v   dV .
 (2.293)
 
Rd(V ) j V j
Wegen der Massenerhaltung entspricht die Fluidmasse, die pro Zeiteinheit aus dem
Volumen V herausfließt (Massefluss  M ) einer gleichgroßen Abnahme pro Zeit-
einheit dM dt der Fluidmasse innerhalb des Volumens V :
dM
ΦM   (2.294)
dt
Nach Einsetzen von Gl. (2.292), (2.293) erkennt man, dass Gl. (2.294) jedenfalls
erfüllt ist, falls die Kontinuitätsgleichung
 
 div  v   0 (2.295)
t
 
gilt, wobei   v  j die Fluidstromdichte ist. Für inkompressible Fluide ist die
Dichte   const und aus der Kontinuitätsgleichung ergibt sich

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div v  0 . (2.296)
Daraus folgt für einen Stromfaden mit Volumen V und Endflächen A1 , A2 (siehe
Abb. 2.54) durch Integration über das Volumen V des Stromfadens und Umfor-
mung unter Benützung des Gauß’schen Integralsatzes
  
div v  dV   v  d f  0 .
V Rd V 

Folglich erhalten wir für inkompressible Fluide die Durchflussgleichung


   
v1  A1  v2  A2  0 . (2.297)

 
v2 A2
V

v1


A1
Abb. 2.54: Darstellung eines Stromfadens zur Illustration
der Durchflussgleichung


Um die anschauliche Bedeutung des Ausdrucks div j zu illustrieren, wenden wir
Gl. (2.293) auf ein hinreichend kleines Fluidvolumen V an und es ergibt sich für
die Fluidmasse, die pro Zeiteinheit aus dem (kleinen) Volumen V herausfließt
   
ΦM   j  df   div j  dV  V  div j .
Rd V  V

Damit erhält man


 Φ
div j  M . (2.298)
V
 
Folglich ist div j der Fluss des Vektorfeldes j aus dem (kleinen) Volumen V

heraus pro Volumseinheit. Diese Größe wird als Quelldichte von j bezeichnet.
Damit ergibt sich folgende Interpretation der Kontinuitätsgleichung (2.295):

Einer Quelldichte von j entspricht eine gleichgroße Abnahmerate von  .

Es sei darauf hingewiesen, dass im Rahmen der Elektrodynamik die Kontinuitäts-


gleichung (2.295) in analoger Weise die Erhaltung der elektrischen Ladung charak-
terisiert (siehe Kap. 5.3.2).

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2.6.3.3 Strömung reibungsfreier Fluide


Wir betrachten ein strömendes Fluid ohne innere Reibung unter dem Einfluss der
Schwerkraft. Die Bewegungsgleichung für ein Fluidelement mit Masse dm lautet
auf Grund des zweiten Newton’schen Axioms

dv  
dm   Fp  dm  g , (2.298)
dt

wobei Fp die Druckkraft auf das (quaderförmige) Fluidelement mit Volumen

dV  dx  dy  dz und g die Fallbeschleunigung bezeichnen (siehe Abb. 2.55).

z
dV  dx  dy  dz

p2
x
dz

p1
dy
dx

y
Abb. 2.55: Zur Berechnung der Druckkraft auf ein quaderförmiges
Fluidelement in einem strömenden Fluid

Zur Berechnung der x -Komponente F px der Druckkraft betrachten wir den Druck
p1  p auf das Flächenelement dy  dz und den Druck p2  p  p x   dx auf die
Gegenfläche. Damit resultiert die Druckkraftkomponente
F px   p1  p 2   dy  dz   p x   dV . Analoge Ausdrücke gelten für Fpy , Fpz
und somit ergibt sich für die gesamte Druckkraft

F p   grad p   dV .

Durch Einsetzen dieser Druckkraft in Gl. (2.298) erhalten wir unter Berücksichti-
gung von dm    dV die Euler’sche Gleichung

dv 1 
   grad p  g . (2.299)
dt 

Es ist zu beachten, dass die in der Euler’schen Gleichung auftretende zeitliche Ab-
leitung eine totale Ableitung ist. Mit der Euler’schen Gleichung, der Kontinuitäts-
gleichung und einer thermodynamischen Relation (siehe etwa Kap. 4.7.3) erhält
man 5 Gleichungen für die 5 Beschreibungsgrößen v x , v y , v z , p,  .

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Wir wenden uns nun stationären Strömungen inkompressibler, reibungsfreier



Fluide unter dem Einfluss der Schwerkraft zu. Um einen Zusammenhang von v ,
p und  zu ermitteln, betrachten wir einen Stromfaden in dem strömenden Fluid
(siehe Abb. 2.56). Ein Teilvolumen a a dieses Stromfadens verschiebe sich im
Verlauf der Strömung nach b b . Diese Verschiebung entspricht einer Versetzung
des Volumens a b nach a b , weil wegen der vorausgesetzten Stationarität der
Strömung das Volumen b a unverändert bleibt.
ds1

p1 A1 
v1
ds2
a b A2
h1 a 
v2
h2 b p2

Abb. 2.56: Darstellung eines Stromfadens zur Illustration der


Herleitung der Bernoulli’schen Gleichung

In dem betrachteten inkompressiblen Fluid ist die Dichte   const , demnach ist
   
Volumen a b  Volumen a b  dV und somit
A1  ds1  A2  ds2  dV .
Gemäß Abbildung 2.56 erkennt man, dass während der Verschiebung des betrach-
teten Teilvolumens a a des Stromfadens nach b b seitens der Fluiddrücke p1, p2
insgesamt die Druckarbeit
Kraft
1 2 Kraft
 
p  A1  ds1  p2  A2  ds 2   p1  p2   dV
1  
Kraft und Kraft und
Verschiebung Verschiebung
gleichsinnig gegensinnig

zugeführt wird, wobei A1 und A2 die Endquerschnittsflächen des betrachteten


Teilvolumens sind. Auf Grund der Zuführung von Druckarbeit resultiert eine Zu-
nahme der kinetischen Energie um

  dV  v22   dV  v12

2 2
sowie eine Zunahme der potenziellen Energie um

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  dV  g  h2    dV  g  h1 .
Auf Grund der vorausgesetzten Reibungsfreiheit des Fluids erfolgt kein Übergang
in thermische Energie oder andere Energieformen. Folglich wird die zugeführte
Druckarbeit zur Gänze in die Zunahme der kinetischen und potenziellen Energie
umgesetzt und wir erhalten die Beziehung

2
 
 v22  v12  dV    g  h2  h1   dV   p1  p2   dV

oder nach Umstellung von Termen und Kürzen von dV

  v22   v12
   g  h2  p2     g  h1  p1 .
2 2
Als Resultat ergibt sich die Bernoulli’sche Gleichung

  v2
   g  h  p  const (2.300)
2
für stationäre Strömungen inkompressibler, reibungsfreier Fluide unter dem Ein-
fluss der Schwerkraft. Im Fall eines ruhenden inkompressiblen Fluids ( v  0 ) redu-
ziert sich die Bernoulli’sche Gleichung auf die Gleichung (2.279) für den hydro-
statischen Schweredruck ( h  t ), die im gesamten Fluidbereich gültig ist. Die
Gültigkeit der Bernoulli’schen Gleichung (2.300) ist gemäß ihrer Herleitung einge-
schränkt auf den Bereich längs eines Stromfadens, für wirbelfreie Strömungen er-
streckt sich ihre Gültigkeit jedoch ebenfalls auf den gesamten Fluidbereich.
Eine unmittelbare Folgerung aus der Bernoulli’schen Gleichung ist das hydro-
dynamische Paradoxon:

In reibungsfreien inkompressiblen Fluiden wird bei höherer Strömungsge-


schwindigkeit der Druck geringer.

Anwendungen dieses Sachverhaltes sind etwa die Wasserstrahlpumpe und der


Flüssigkeitszerstäuber.
Mit Hilfe der Bernoulli’schen Gleichung kann die Ausströmung eines Gases aus
einem großen Rezipienten durch eine kleine Öffnung in den Außenraum beschrie-
ben werden. Wir erhalten für diesen Fall aus der Bernoulli’schen Gleichung
  v2
pRe z  pAußen  .
2
Daraus ergibt sich für die Ausströmungsgeschwindigkeit v das Bunsen’sche Aus-
strömungsgesetz:
2 p
v (2.301)

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Eine Messung der Ausströmungsgeschwindigkeit erlaubt somit die Bestimmung


der Gasdichte.
Auch die Umströmung von Körpern kann auf Grund der Bernoulli’schen Glei-
chung beschrieben werden. Wir betrachten einen Körper, der von einem inkom-
pressiblen, reibungsfreien Fluid mit einer Geschwindigkeit v0 angeströmt wird
(siehe Abb. 2.57).

B S

( p0 , v0 ) ( p , v  0)
Abb. 2.57: Schematische Darstellung der Umströmung eines
angeströmten Körpers

An einem Punkt B in großer Entfernung vom angeströmten Körper herrscht bei


Strömungsgeschwindigkeit v0 der Gasdruck p0 (statischer Druck). Im Stau-
punkt S hingegen herrscht bei verschwindender Strömungsgeschwindigkeit der
Druck p . Die Druckdifferenz p  p  p0 wird als Staudruck bezeichnet. Gemäß
der Bernoulli’schen Gleichung ergibt sich

  v02
p  p0 
2
und wir erhalten die Ausdrücke

2 p   v02
v0  bzw. p  (2.302)
 2
für die Anströmgeschwindigkeit v0 bzw. den Staudruck p . Messung des Stau-
druckes p , etwa mit Hilfe des sogenannten Prandtl-Rohres, erlaubt somit die
Bestimmung der Anströmgeschwindigkeit.
Im Folgenden untersuchen wir Wirbelströmungen reibungsfreier Fluide. Zur
Beschreibung von Wirbelströmungen betrachten wir die Zirkulation
 
Z   v  ds (2.303)
Rd  A 

des Geschwindigkeitsfeldes v längs des geschlossenen Randes einer Fläche A in-
nerhalb des Fluidbereiches. Eine Strömung wird als wirbelfrei bezeichnet, falls die
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Zirkulation Z längs des Randes jeder beliebigen Fläche innerhalb des Strömungs-
bereiches verschwindet. Es sei darauf hingewiesen, dass die Berechnung der Zirku-
lation eine weitere nützliche Anwendung des Skalarproduktes zweier Vektoren in
der Physik darstellt.

Das Geschwindigkeitsfeld v einer Wirbelströmung kann mit Hilfe des Vektorfel-

des rot v charakterisiert werden. Um die anschauliche Bedeutung des Ausdrucks

rot v zu illustrieren, betrachten wir zunächst die Zirkulation Z längs des Randes
einer hinreichend kleinen Fläche A . Gemäß der Definition der Zirkulation (Gl.
(2.303)) und durch Umformung mit Hilfe des Stokes’schen Integralsatzes erhalten
wir
     
Z   v  ds   rot v  df  A  rot v .
Rd A  A

Wenn man die (kleine) Fläche A also derart wählt, dass sie senkrecht auf den
  
Vektor rot v steht ( A ║ rot v ), dann ist die Zirkulation Z längs des Randes von

A maximal. Dementsprechend steht der Vektor rot v senkrecht auf die Fläche A

der maximalen Zirkulation von v . Für die Fläche der maximalen Zirkulation erhält
man somit
 Z
rot v  (2.304)
A
 
Folglich ist rot v die maximale Zirkulation von v pro Flächeneinheit. Diese Grö-

ße wird als Wirbeldichte von v bezeichnet.

Die Tangentiallinien des Vektorfeldes rot v nennt man Wirbellinien. Das Vek-

torfeld rot v und die Wirbellinien eignen sich zur Charakterisierung der räumlichen

Anordnung von Wirbeln in Fluidströmungen. Da rot v senkrecht zur Fläche der
maximalen Zirkulation steht, geben die Wirbellinien gewissermaßen die Achsen-
richtung des betrachteten Wirbels an (siehe Abb. 2.58).


v

v

rot v

Abb. 2.58: Stromlinien und Wirbellinien in einer Wirbelströmung

148
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 
Auf Grund der Identität div rot v  0 ist das Vektorfeld rot v quellfrei und es folgt
der 1. Helmholtz’sche Wirbelsatz:

Wirbel können innerhalb des Strömungsbereiches nirgends beginnen oder enden.


Die Wirbellinien sind entweder geschlossen oder sie enden am Systemrand.

Nunmehr betrachten wir die zeitliche Änderung der Zirkulation längs der mit-
schwimmenden geschlossenen Randkurve einer Fläche A . Totale Zeitableitung der
Zirkulation und Umformung mit Hilfe des Stokes’schen Integralsatzes ergibt
 
d
dt 
 
v  ds  
dv 
dt
   dv   1
 ds   v  dv   rot    df 
 dt  2  d v2 .  
Rd  A  Rd  A  Rd  A  A Rd  A 

Das Integral eines Skalars über einen geschlossenen Weg entspricht einem be-
stimmten Integral, bei dem Untergrenze und Obergrenze übereinstimmen. Folglich
erhalten wir
 d v  0 .
2

Rd  A 

Ferner erkennt man auf Grund der Euler’schen Gleichung (2.299) für reibungsfreie
Fluide

 dv  
rot   0 .
 dt 
Damit ergibt sich als Resultat
d  
dt  v  ds  0 . (2.305)
Rd  A 

und es folgt der 2. Helmholtz’sche Wirbelsatz:

In reibungsfreien Fluiden ist die Zirkulation längs einer mitschwimmenden ge-


schlossenen Kurve zeitlich konstant.

Auf Grund dieses Satzes kann etwa die Stabilität von Tornados erklärt werden.

2.6.3.4 Strömung zäher Fluide


Nunmehr betrachten wir den Einfluss der inneren Reibung auf die Strömung eines
zähen Fluids. Die Reibung in Fluiden kann auf Grund des Impulstransportes zwi-
schen den Fluidmolekülen in benachbarten Schichten erklärt werden. Zur Definition
der Zähigkeit betrachten wir zwei planparallele Platten im Abstand h , zwischen
denen sich das zähe Fluid befindet. Eine Platte bewege sich unter dem Einfluss der
 
Kraft F mit der Geschwindigkeit v0 relativ zur anderen Platte. Wie in Abbildung

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2.59 dargestellt, bildet sich im Allgemeinen ein annähernd lineares Geschwindig-


keitsprofil zwischen den beiden parallelen Platten aus.

z 
v0 F


h v

x
Abb. 2.59: Zur Definition der Zähigkeit von Fluiden

Die Reibungskraft F wird proportional sein zur Plattenfläche A und zum Ge-
schwindigkeitsgefälle dv dz und daher gilt
dv
F   A  , (2.306)
dz
wobei  die (dynamische) Zähigkeit bezeichnet. Die Dimension ergibt sich zu
   N  m 2  s   Pa  s . Aus Gl. (2.306) erhält man bei linearem Geschwindig-
keitsprofil näherungsweise
v
F   A  0 . (2.307)
h

Werte der Zähigkeit für verschiedene Fluide sind in Tabelle 2.6 angegeben.

Tab. 2.6: Werte der Zähigkeit einiger Flüssigkeiten und Gase

 mPa  s 
Wasser 1.002
Benzol 0.65
Glyzerin 1480
Luft (1 bar) 0.017
Wasserstoff (1 bar) 0.0086

Bei zunehmender Temperatur nimmt die Zähigkeit bei Flüssigkeiten ab, bei Gasen
jedoch nimmt sie wegen des intensiveren Impulstransports seitens der Gasmoleküle
zu.
Wir betrachten ein zähes strömendes Fluid unter dem Einfluss der Schwerkraft. Die
Bewegungsgleichung für ein Fluidelement mit Masse dm lautet auf Grund des
zweiten Newton’schen Axioms

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dv   
dm 
 Fp  Fr  dm  g , (2.308)
dt
 
wobei Fp die Druckkraft und Fr die Reibungskraft auf das (quaderförmige) Fluid-

element mit Volumen dV  dx  dy  dz und g die Fallbeschleunigung bezeichnen
(siehe Abb. 2.60).
y


v
dy

v
dx x
Abb. 2.60: Zur Berechnung der Reibungskraft auf ein
quaderförmiges Fluidelement in einem strömenden Fluid


Die Druckkraft Fp wurde bereits im Zusammenhang mit der Herleitung der Eu-
ler’schen Gleichung (2.299) berechnet:

F p   grad p   dV .

Zur Berechnung der y -Komponente Fry der Reibungskraft betrachten wir zu-

nächst den Anteil Fry x  , der durch den Einfluss eines Geschwindigkeitsgefälles ║
x -Achse hervorgerufen wird (siehe Abb. 2.60). Wir berechnen die Reibungskraft
 
r1    v y x  dy  dz auf das Flächenelement dy  dz und die Reibungskraft

r2    v y x    v
2
y  
x 2  dx  dy  dz auf die Gegenfläche. Damit resultiert

 
der Anteil Fry x    r1  r2     2v y x 2  dV . Analoge Ausdrücke gelten für die

Anteile Fry y  und Fry z  für Geschwindigkeitsgefälle ║ y -Achse bzw. z -Achse.


Damit resultiert die gesamte Reibungskraftkomponente
     
Fry    2 v y dx 2 dV    2 v y dy 2 dV    2 v y dz 2 dV    v y  dV .
Analoge Ausdrücke gelten für Frx , Frz und somit ergibt sich für die gesamte Rei-
bungskraft
 
Fr    v  dV .
 
Durch Einsetzen dieser Reibungskraft Fr und der Druckkraft F p in Gl. (2.308) er-
halten wir unter Berücksichtigung von dm    dV die Navier-Stokes’sche Glei-
chung

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dv 1   
   grad p   v  g . (2.309)
dt  
Es ist zu beachten, dass die in der Navier-Stokes’schen Gleichung auftretende zeit-
liche Ableitung eine totale Ableitung ist. Gl. (2.309) ist eine partielle Differenzial-
gleichung 2. Ordnung, daher können die Randbedingungen zum Unterschied zur
Euler’schen Gleichung so gewählt werden, dass das Fluid am Rand haftet. Das in
der Navier-Stokes’schen Gleichung auftretende Verhältnis

 (2.310)

wird als kinematische Zähigkeit bezeichnet.
Im Folgenden betrachten wir zwei häufig auftretende Strömungsvorgänge zäher
Fluide mit einfacher Strömungsgeometrie. Zunächst wenden wir uns der laminaren
Durchströmung eines zylindrischen Rohres mit Länge L und Radius R zu. Auf
Grund einer Druckdifferenz p an den Enden des Rohres entsteht im Inneren des
Rohres ein parabolisches Geschwindigkeitsprofil

vr  
p
4  L

 R2  r 2  (2.311)

und für den Volumsdurchsatz durch das Rohr erhält man das Hagen-
Poisseuille’sche Gesetz
  R 4 p
Q  . (2.312)
8 L
Dieses Gesetz ist unter Anderem im Zusammenhang mit der Beschreibung des
menschlichen Blutkreislaufs von großer Bedeutung. Wegen der starken Abhängig-
keit des Volumsdurchsatzes vom Radius des Rohres können bereits verhältnismä-
ßig geringfügige Verengungen der Arterien zu gefährlichen Erkrankungen führen.
Weiters betrachten wir die laminare Umströmung einer Kugel mit Radius R , die
mit Geschwindigkeit v0 angeströmt wird. Durch Lösung der Navier-Stokes’schen
Gleichung erhält man nach verhältnismäßig umfangreicher Rechnung in guter Nä-
herung für die Reibungskraft das Stokes’sche Gesetz
FR  6     R  v0 . (2.313)
Dieses Gesetz kann zur experimentellen Bestimmung der Zähigkeit  angewendet
werden. Außerdem kann mit Hilfe des Stokes’schen Gesetzes die Beweglichkeit
von Aerosolpartikeln ermittelt werden, wobei aber bei kleinen Teilchen Non-
Kontinuum-Effekte zu berücksichtigen sind.
Die Untersuchung von realen Strömungsvorgängen mit komplizierterer Geometrie
ist oft nur mit Hilfe von Experimenten an maßstabsgetreuen Modellen oder mittels
numerischer Simulationen möglich. Die Charakterisierung des betrachteten Strö-
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mungsvorganges erfolgt durch eine typische Lineardimension  , eine typische


Anströmgeschwindigkeit u und die kinematische Zähigkeit     . Damit die
Modellströmung dem realen Strömungsvorgang ähnlich ist, muss das Verhältnis
dieser Größen unverändert bleiben. Eine einfache dimensionslose Kombination der
oben erwähnten Größen ist die Reynoldszahl
u
Re  . (2.314)

Einsetzen der Definition der kinematischen Zähigkeit  führt auf eine zusätzliche
Interpretation der Reynoldszahl:
  u Trägheitskräfte
Re  ˆ (2.315)
 Reibungskräfte

Somit werden bei größeren Werten von Re die Trägheitskräfte überwiegen, was zu
Strömungsablösung und Turbulenz führt. Dementsprechend gilt:

Die Reynoldszahl charakterisiert das Auftreten von Turbulenz. Bei Kugeln und
ähnlichen umströmten Körpern tritt Turbulenz typischerweise bei Re > 1 auf, bei
der Durchströmung eines Zylinders wird Turbulenz erst für Re > 2300 beobachtet.

Die dimensionslose Darstellung verschiedener Gesetzmäßigkeiten hat sich in der


Hydrodynamik generell als außerordentlich nützlich und übersichtlich erwiesen.
Es ist von großer praktischer Bedeutung, die Widerstandskräfte auf angeströmte
Körper zu bestimmen. Diese Widerstandskräfte kommen auf Grund von Druckdif-
ferenzen und Reibung zustande und sie sind abhängig von der Wirbelbildung. Da
die Widerstandskraft FW meist in guter Näherung proportional zur angeströmten
Fläche A und zum Staudruck   v 2 2 ist (siehe Gl. (2.302)), macht man für die
Widerstandskraft auf einen angeströmten Körper den Ansatz

  v2
FW  cW  A  , (2.316)
2
wobei cW als Widerstandsbeiwert bezeichnet wird. Widerstandsbeiwerte sind di-
mensionslose empirische Parameter, die vor Allem von der Form des angeströmten
Hindernisses abhängig sind und unter Anderem mit Hilfe von Experimenten in
Strömungskanälen ermittelt werden können. Analog wie bei der Widerstandskraft
macht man auch für die Auftriebskraft den Ansatz

  v2
FA  c A  A  , (2.317)
2
wobei c A als Auftriebsbeiwert bezeichnet wird.

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3 Schwingungen und Wellen

3.1 Grundbegriffe
Wir wenden uns nunmehr Systemen zu, bei denen in gleichmäßigen Intervallen
immer wieder gleiche Zustände durchlaufen werden. Derartige Vorgänge werden
als periodische Vorgänge bezeichnet. Als Schwingungen bezeichnen wir lokale,
zeitlich periodische Vorgänge, Wellen hingegen sind räumlich ausgedehnte zeitlich
und räumlich periodische Vorgänge. In etwas umfassenderer Form können Wellen
auch definiert werden als Vorgänge, die durch Lösungen der Wellengleichung be-
schrieben werden (siehe Kap. 3.3.3).
Periodische Vorgänge sind in zahlreichen Gebieten der Physik von Bedeutung. Bei-
spiele für Schwingungsvorgänge sind mechanische Schwingungen, wie sie etwa
beim Pendel (siehe Kap. 2.1.3.1) und bei der Schwingung elastischer Körper (Metall-
federn, Quarzkristalle) auftreten. Im Zusammenhang mit der Stabilität von Gebäuden
oder technischen Anlagen sind mechanische Schwingungen von großer praktischer
Bedeutung. Elektromagnetische Schwingungen (siehe Kap. 5.6) sind die Grundlage
der Wechselstrom- und Drehstromtechnik. Das Verhalten von Körpern wird maßgeb-
lich durch atomare und molekulare Schwingungen beeinflusst (siehe Kap. 2.1.3.2),
die insbesondere im Bereich der Thermodynamik (siehe Kap. 4.5) und der Festkör-
perphysik von großer Bedeutung sind. Die Zeitmessung beruht auf der Abzählung
aufeinanderfolgender mechanischer oder elektromagnetischer Schwingungen.
Beispiele für Wellenvorgänge sind mechanische Wellen in ausgedehnten Kör-
pern. Insbesondere beruht der Schall auf der Ausbreitung mechanischer Wellen, die
als Schallwellen bezeichnet werden. Damit werden im Bereich der physikalischen
und musikalischen Akustik zahlreiche Beobachtungen erklärt. Auf See- und Mee-
resoberflächen treten häufig mechanische Oberflächenwellen auf, die eine unmit-
telbare anschauliche Beobachtung von Wellenvorgängen ermöglichen. Ausgehend
etwa von schwingenden elektrischen Dipolen erfolgt eine Ausbreitung elektro-
magnetischer Wellen (siehe Kap. 5.7), die eminente Bedeutung, insbesondere bei
der Informationsübertragung haben. Das Licht kann mit Hilfe elektromagnetischer
Wellen beschrieben werden, die auch als Lichtwellen bezeichnet werden. Damit
wird im Bereich der Optik eine Vielzahl experimenteller Beobachtungen, insbeson-
dere Interferenz-, Beugungs- und Polarisationsphänomene, erklärt (siehe Kap. 6.5).
Im Rahmen der Quantenmechanik können die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
mikroskopischer Teilchen mit Hilfe quantenmechanischer Wellenfunktionen be-
schrieben werden (siehe Kap. 8). Es zeigt sich, dass Schwingungen und Wellen un-
abhängig von der konkreten physikalischen Interpretation stets in gleichartiger
Weise beschrieben werden können.

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3.2 Schwingungen
Schwingungsfähige Systeme bezeichnet man als Oszillatoren. Als einfaches Bei-
spiel für einen Oszillator betrachten wir einen Massenpunkt mit Masse m . In einer
bestimmten Gleichgewichtslage wird keine Kraft auf diesen Massenpunkt ausge-
übt, entfernt sich der Massenpunkt jedoch aus dieser Gleichgewichtslage, dann tritt
eine Kraft auf, die den Massenpunkt in seine Gleichgewichtslage zurücktreibt. Bei
molekularen Wechselwirkungen (siehe Kap. 2.1.3.2), sowie in zahlreichen anderen
Fällen, ist der Betrag dieser rücktreibenden Kraft in guter Näherung proportional
zum Abstand des Massenpunktes von seiner Gleichgewichtslage. Wir betrachten im
Folgenden ausschließlich Oszillatoren, bei denen der Betrag der rücktreibenden
Kraft proportional zum Abstand des Massenpunktes von seiner Gleichgewichtslage
ist.

3.2.1 Ungedämpfte Schwingungen


Einen Oszillator, bei dem der Betrag der rücktreibenden Kraft proportional zum
Abstand des oszillierenden Massenpunktes von seiner Gleichgewichtslage ist, und
bei dem abgesehen davon keine weitere Kraftwirkung auftritt, nennt man einen un-
gedämpften harmonischen Oszillator. Im Fall eines eindimensionalen Oszillators
kann die Komponente der rücktreibenden Kraft ausgedrückt werden in der Form
FRück   k  x , wobei k als Rückstellkonstante (Federkonstante) bezeichnet wird.
Gemäß dem zweiten Newton’schen Axiom erhält man somit die Bewegungsglei-
chung
m  x  k  x  0 . (3.1)
Diese Gleichung wird als Schwingungsgleichung der harmonischen Schwingung
bezeichnet. Mit Hilfe des komplexen Lösungsansatzes
xt   a  e i  t (3.2)
erhält man durch Einsetzen in die Schwingungsgleichung (3.1) für die Kreis-
frequenz  des harmonischen Oszillators den Ausdruck
k
 . (3.3)
m
xt  ist die zeitabhängige (komplexe) Auslenkung aus der Gleichgewichtslage,
während a die Amplitude (maximale Auslenkung) bezeichnet. Um eine konkrete
physikalische Interpretation zu ermöglichen, benötigen wir eine reelle Lösung der
Schwingungsgleichung. Wie in Kapitel 2.1.3.2 gezeigt, gelangen wir zu einer reel-
len Lösung der Schwingungsgleichung, indem wir den Realteil der (komplexen)
Lösung x betrachten:
Re x   a  cos  t  . (3.4)

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Die Beziehung zwischen der komplexen Lösung x und dem physikalisch relevan-
ten Realteil Re x  kann in Form der sogenannten Zeigerdarstellung (Abb. 3.1)
veranschaulicht werden. In dieser Darstellung wird in der komplexen Ebene ein
vom Nullpunkt zur komplexen Zahl x gerichteter Zeiger mit Länge a betrachtet.
Im Verlauf des Schwingungsvorganges rotiert dieser Zeiger in der komplexen
Ebene.
Im
a
t Re

t
Abb. 3.1: Beschreibung einer harmonischen Schwingung
mit Hilfe der Zeigerdarstellung

Falls die Position des Zeitnullpunktes verändert wird, ergibt sich


Re x   a  cos  t  t0   a  cos  t    . (3.5)
In diesem Ausdruck wird  t   als Phase und  als Phasenverschiebung be-
zeichnet.
Die Schwingungsdauer T ist das Zeitintervall zwischen zwei gleichen Zuständen.
Dementsprechend gilt
cos  t  T   cos  t 
 t  T    t  2 
 T  2
Folglich erhalten wir für die Schwingungsdauer des harmonischen Oszillators
den Ausdruck
2
T . (3.6)

Die Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit wird als Frequenz  bezeichnet und
wir erhalten

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1 
  . (3.7)
T 2
Aus Gl. (3.6) folgt   2  T und somit erkennen wir, dass die Kreisfrequenz 
die Winkelgeschwindigkeit des Zeigers bei seiner Rotation in der komplexen Ebene
angibt.

3.2.2 Überlagerung ungedämpfter Schwingungen


Ein harmonischer Oszillator kann gleichzeitig zwei oder mehrere einzelne Schwin-
gungen ausführen. Die zusammengesetzte Schwingung ergibt sich in diesem Fall
als lineare Überlagerung aller Einzelschwingungen. Wegen des Superpositionsprin-
zips für lineare Differenzialgleichungen ist auch die zusammengesetzte Schwin-
gung Lösung der Schwingungsgleichung. Wir betrachten zunächst eine eindimen-
sionale Überlagerung von Schwingungen. Bei Überlagerung von zwei Einzel-
schwingungen gleicher Frequenz ist es vorteilhaft, die komplexe Darstellung zu
wählen. Die zusammengesetzte Schwingung erhält man durch Addition der kom-
plexen Auslenkungen. Dem entspricht in der Zeigerdarstellung eine vektorielle Ad-
dition der Zeiger der beiden Einzelschwingungen (siehe Abb. 3.2). Damit erkennen
wir unmittelbar, dass die zusammengesetzte Schwingung die selbe Frequenz wie
die Einzelschwingungen, aber im Allgemeinen unterschiedliche Amplitude und
Phase hat. Eine wichtige Anwendung dieser Darstellung liegt in der Beschreibung
von Wechselströmen (siehe Kap. 5.6).
Im

Re

t
Abb. 3.2: Zeigerdarstellung der Überlagerung zweier harmonischer
Schwingungen gleicher Frequenz

Weiters betrachten wir den Fall der Überlagerung von zwei Einzelschwingungen
mit geringem relativem Frequenzunterschied. Im Fall unterschiedlicher Fre-
quenzen der Einzelschwingungen ist die komplexe Darstellung nicht vorteilhaft,

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weil sich die Zeiger der Einzelschwingungen in der komplexen Ebene mit unter-
schiedlichen Winkelgeschwindigkeiten drehen. Die beiden Einzelschwingungen
seien gegeben in der Form
x1  a  cos 1 t  
x2  a  cos  2 t  
und durch Superposition ergibt sich mit Hilfe eines Additionstheorems für trigo-
nometrische Funktionen
   2     2 
x  x1  x2  2 a  cos  1  t   cos  1  t . (3.8)
  2   2 
Amplitude
Wir erhalten also eine zusammengesetzte Schwingung mit Mitten-Kreisfrequenz
  1  2  2 , deren Amplitude sich wegen des geringen relativen Frequenz-
unterschiedes der beiden Einzelschwingungen verhältnismäßig langsam zeitlich
ändert. Man beobachtet also sogenannte Schwebungen in Abhängigkeit von der
Zeit t (siehe Abb. 3.3).

x(t )

Abb. 3.3: Schwebungen bei Überlagerung zweier harmonischer


Schwingungen mit geringem relativem Frequenzunterschied

Schließlich betrachten wir eine Überlagerung von mehreren harmonischen Ein-


zelschwingungen in der Form
N N
  
xt    an  cos n   g  t   bn  sin n   g  t .  (3.9)
n 1 n 1

Dabei ist  g die Kreisfrequenz der Grundschwingung (Grundfrequenz) und


n   g sind die Kreisfrequenzen der Oberschwingungen. Es zeigt sich, dass x t 

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stets periodisch ist mit Schwingungsdauer Tg  2   g . Eine periodische Funktion


kann unter sehr allgemeinen Voraussetzungen gemäß Gl. (3.9) durch Überlagerung
harmonischer Einzelschwingungen mit geeigneten Amplituden an , bn approximiert
werden. Diesen Vorgang bezeichnet man als Fourier-Synthese. Umgekehrt kann
eine vorgegebene periodische Funktion unter sehr allgemeinen Voraussetzungen
gemäß Gl. (3.9) in harmonische Einzelschwingungen mit geeigneten Amplituden
an , bn zerlegt werden. Dieser Vorgang wird als Fourier-Analyse bezeichnet. Mit
Hilfe von Fourier-Analyse einer vorgegebenen realen periodischen Schwingungs-
form kann festgestellt werden, bis zu welcher höchsten Frequenz Oberschwingun-
gen erforderlich sind, um den vorgegebenen realen periodischen Vorgang mit hin-
reichender Genauigkeit darzustellen. Derartige Fragestellungen sind unter anderem
in der Nachrichtentechnik und für die digitale Informationsübertragung von großer
Bedeutung.
Nach den eindimensionalen Überlagerungen von Schwingungen betrachten wir
jetzt zweidimensionale Überlagerungen von zwei senkrecht aufeinander ste-
henden harmonischen Schwingungen. Dabei ergeben sich Bahnkurven in der
Schwingungsebene. Zunächst betrachten wir zwei Schwingungen gleicher Kreis-
frequenz  in der Form
x  a  sin  t 
(3.10)
y  b  sin  t   

Um die Bahnkurve zu ermitteln ist es zweckmäßig, aus den Gl. (3.10) die Zeit t zu
eliminieren. Unter Verwendung eines Additionstheorems für trigonometrische
Funktionen erhält man nach einfachen Umformungen
x2 y2 x y
2
 2
 2   cos   sin 2  . (3.11)
a b a b

Im Fall   0 ergibt sich aus Gl. (3.11) die Gerade y  b a   x , und für    2
erhält man eine Ellipse in achsenparalleler Lage mit Achsenlängen a und b . Für an-
dere Werte der Phasenverschiebung  resultieren Ellipsen in gedrehter Lage. Abbil-
dung 3.4 ( 1 :  2  1 : 1 ) zeigt Bahnkurven für Schwingungen mit übereinstimmen-
den Amplituden und mit mehreren unterschiedlichen Phasenverschiebungen.
Nunmehr betrachten wir zwei senkrecht aufeinander stehende harmonische
Schwingungen mit verschiedenen Kreisfrequenzen 1 , 2 und mit Phasenver-
schiebung  . Falls diese Kreisfrequenzen in einem rationalen Verhältnis zueinan-
der stehen, dann erhält man im Allgemeinen komplizierte, aber geschlossene Bahn-
kurven, die als Lissajous’sche Figuren bezeichnet werden. Abbildung 3.4 zeigt
Lissajous’sche Figuren für Schwingungen mit übereinstimmenden Amplituden, und
mit mehreren unterschiedlichen Frequenzverhältnissen und Phasenverschiebungen.
Falls die beiden Kreisfrequenzen in einem irrationalen Verhältnis zueinander ste-

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hen, dann füllt die Bahnkurve die gesamte durch die Schwingungsamplituden a, b
bestimmte Rechteckfläche in der Schwingungsebene aus.

1 :  2  0   4   2

1:1

1:2

1:3

2:3

Abb. 3.4: Lissajous’sche Figuren bei Überlagerung zweier senkrecht aufei-


nander stehender harmonischer Schwingungen mit verschiedenen Frequenz-
verhältnissen 1 :  2 und mit verschiedenen Phasenverschiebungen 

3.2.3 Gedämpfte Schwingungen


Nunmehr wenden wir uns Oszillatoren zu, bei denen auf den oszillierenden Mas-
senpunkt neben der rücktreibenden Kraft zusätzlich eine Reibungskraft wirkt, die
proportional zur Geschwindigkeit des Massenpunktes ist. Im Fall eines eindimensi-
onalen Oszillators kann die Komponente der Reibungskraft ausgedrückt werden in
der Form FReibg.   r  x , wobei r als Reibungskonstante bezeichnet wird. Ge-
mäß dem zweiten Newton’schen Axiom erhält man somit die Bewegungsgleichung

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m  x  r  x  k  x  0 . (3.12)
Diese Gleichung wird als Schwingungsgleichung der gedämpften Schwingung
bezeichnet. Mit Hilfe des komplexen Lösungsansatzes gemäß Gl. (3.2) erhält man
durch Einsetzen in die Schwingungsgleichung (3.12) die quadratische Gleichung
ir k
2     0
m m
für die Kreisfrequenz  . Bei verschwindender Dämpfung ergibt sich in Überein-
stimmung mit Gl. (3.3) unmittelbar die Kreisfrequenz des ungedämpften Oszilla-
tors
k
  0 . (3.13)
m

Im Fall des gedämpften Oszillators erhalten wir für die Kreisfrequenz die Lösungen

r r2
 i   2
 02 . (3.14)
2m 4m
Bei der Beschreibung der gedämpften Schwingungsvorgänge ist es zweckmäßig,
drei Fälle zu unterscheiden:

a) Schwache Dämpfung, Schwingungsfall: r 2 m   0 :


In diesem Fall benützen wir gemäß Gl. (3.14) für die Kreisfrequenz den Ausdruck

r r2
  i  02  . (3.15)
2m 4 m2

Durch Einsetzen in den komplexen Lösungsansatz gemäß Gl. (3.2) erhalten wir

x  a  e   t  e i  d t (3.16)
bzw.
Re x   a  e  t  cos d  t  , (3.17)

wobei wir folgende Bezeichnungen verwenden:


r
 (3.18)
2m

0 2   2   d (3.19)

Wie in Abbildung 3.5 dargestellt erhalten wir gemäß Gl. (3.17) eine harmonische
Schwingung, deren Amplitude exponentiell mit der Zeit abnimmt.

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x
a
a  e  t
T  2 / d

x(t  T )
x(t )
0
t
a/e

a   1/ 

Abb. 3.5: Zeitlicher Verlauf einer schwach gedämpften Schwingung

Die Kreisfrequenz  d der gedämpften Schwingung ist somit kleiner als die Kreis-
frequenz 0 des ungedämpften Oszillators, die Schwingungsdauer beträgt
T  2   d . Die Einhüllende der gedämpften Schwingung geht nach Ablauf der
Zeit   1  mit dem Faktor 1 e zurück. Für das Verhältnis xt  xt  T  aufeinander
folgender Maxima gilt
 xt  
ln    T   , (3.20)
 xt  T  
wobei  als logarithmisches Dekrement bezeichnet wird.

b) Starke Dämpfung, Kriechfall: r 2m   0 :


In diesem Fall benützen wir gemäß Gl. (3.14) für die Kreisfrequenz den Ausdruck

r r2
  i  i 2
 02 . (3.21)
2m 4m

Durch Einsetzen in den komplexen Lösungsansatz gemäß Gl. (3.2) und geeignete
Superposition der beiden resultierenden Lösungen erhalten wir

x  a  e   t 
2

1  t
e  e   t ,  (3.22)

wobei wir folgende Bezeichnung verwenden:

 2  02   (3.23)

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Es ergibt sich gemäß Gl. (3.22) ein aperiodisches Kriechen gegen die Gleichge-
wichtslage.

c) Aperiodischer Grenzfall: r 2 m    0 :
In diesem Fall erhalten wir gemäß Gl. (3.14) für die Kreisfrequenz nur eine einzige
Lösung   i   . Außerdem gilt in diesem Fall sichtlich d    0 . Aus Gl. (3.2),
sowie auch aus Gl. (3.16) bzw. (3.22) erhalten wir somit

x  a  e   t . (3.24)

In diesem Fall erfolgt die schnellstmögliche Einstellung in die Gleichgewichtslage.


Während geringere Dämpfung zu einer länger andauernden gedämpften Schwin-
gung führen würde, hätte größere Dämpfung einen länger andauernden aperiodi-
schen Kriechvorgang zur Folge. Für eine optimale Schwingungs- oder Stoßdämp-
fung ist es daher wichtig, eine Dämpfung möglichst entsprechend dem aperiodi-
schen Grenzfall zu erreichen.

3.2.4 Erzwungene Schwingungen


Nunmehr betrachten wir einen gedämpften Oszillator, auf den zusätzlich eine peri-
odische äußere Kraft einwirkt. Im Fall eines eindimensionalen Oszillators kann
die Komponente der zusätzlichen periodischen äußeren Kraft ausgedrückt werden
in der Form F  ei  t , wobei F die Amplitude und  die Kreisfrequenz der perio-
dischen äußeren Kraft bezeichnen. Gemäß dem zweiten Newton’schen Axiom er-
hält man somit die Bewegungsgleichung

m  x  r  x  k  x  F  ei  t . (3.25)

Diese Gleichung wird als Schwingungsgleichung der erzwungenen Schwingung


bezeichnet. Im Gegensatz zu den bisher betrachteten Schwingungsgleichungen ist
Gl. (3.25) eine inhomogene Differenzialgleichung.
Für die allgemeine Lösung einer inhomogenen Differenzialgleichung gilt, dass sie
sich zusammensetzt aus der allgemeinen Lösung der homogenen Differenzialglei-
chung plus einer speziellen Lösung der inhomogenen Differenzialgleichung. Die
allgemeine Lösung der homogenen Differenzialgleichung (siehe das vorangehende
Kap. 3.2.3) entspricht einem nichtstationären Einschwingvorgang, der für Zeiten
t    1  abklingt. Als spezielle Lösung der inhomogenen Differenzialgleichung
suchen wir hingegen eine Lösung, die einem stationären Schwingungsvorgang un-
ter dem Einfluss der äußeren Kraft entspricht. Wir betrachten im Folgenden nur den
stationären Schwingungsvorgang nach Abklingen der nichtstationären Einschwing-
vorgänge, die allgemeine Lösung der homogenen Gleichung kann daher im Fol-
genden außer Acht gelassen werden.

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Zur Lösung der inhomogenen Gleichung verwenden wir wieder den komplexen
Lösungsansatz gemäß Gl. (3.2), allerdings ist in diesem Ansatz die Kreisfrequenz
 nunmehr durch die vorgegebene Kreisfrequenz der periodischen äußeren Kraft
bestimmt und somit nicht frei verfügbar. Mit Hilfe dieses komplexen Lösungsan-
satzes erhält man durch Einsetzen in die Schwingungsgleichung (3.25) bei vorge-
gebener Kreisfrequenz  eine Gleichung für die Amplitude a und nach einfachen
Umformungen ergibt sich
a  a  e i  , (3.26)
und somit durch Einsetzen in den Lösungsansatz gemäß Gl. (3.2)

x  a  e i  t    , (3.27)
wobei
F m
a (3.28)
02  
2 2
 2      2

und
2  
tan    . (3.29)
02   2
Die Amplitude a ist also im Allgemeinen komplex, was eine Phasenverschiebung
zwischen anregender Kraft und resultierender erzwungener Schwingung zur Folge
hat. Die gemäß Gl. (3.29) auftretende Phasenverschiebung  ist in Abbildung 3.6
in Abhängigkeit von der Erreger-Kreisfrequenz  für verschieden starke Dämp-
fungen dargestellt. Man erkennt, dass   0 und der Schwingungsvorgang somit
der Erregung stets nachhinkt.

0 
0



2



Abb. 3.6: Phasenverschiebung zwischen anregender Kraft und resultierender


erzwungener Schwingung bei verschieden starken Dämpfungen.
Hellere Kurven entsprechen stärkeren Dämpfungen.

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Die gemäß Gl. (3.28) auftretende Amplitude | a | der erzwungenen Schwingung ist
in Abbildung 3.7 in Abhängigkeit von der Erreger-Kreisfrequenz  für verschie-
den starke Dämpfungen dargestellt. Es zeigt sich, dass für hinreichend schwache
Dämpfungen bei einer bestimmten Erregerfrequenz ein ausgeprägtes Amplituden-
maximum auftritt. Dieses wichtige Phänomen wird als Resonanz bezeichnet.

0 
Abb. 3.7: Amplitude einer erzwungenen Schwingung als Funktion
der Erregerfrequenz  bei verschieden starken Dämpfungen.
Resonanz im Bereich der Kreisfrequenz 0 des ungedämpften Oszillators.
Hellere Kurven entsprechen stärkeren Dämpfungen.

Durch Bestimmung des Minimums des Nenners im Ausdruck für | a | gemäß Gl.
(3.28) kann die Erreger-Kreisfrequenz ermittelt werden, bei der Resonanz auftritt:

  02  2  2   r (3.30)

Man erkennt, dass diese Resonanz-Kreisfrequenz  r etwas kleiner ist als die
Kreisfrequenz  d des freien gedämpften Oszillators und dass die Lage der Reso-
nanzstelle von der Stärke der Dämpfung abhängig ist.
Für den Fall eines ungedämpften Oszillators wächst gemäß Gl. (3.28) bei Annä-
herung der Erregerfrequenz an die Eigenfrequenz des Oszillators die Schwingungs-
amplitude über alle Grenzen. Dieses Verhalten wird als Resonanzkatastrophe be-
zeichnet. Die Begründung dafür liegt darin, dass in diesem Fall die äußere Kraft
dem Oszillator laufend Energie zuführt, wobei sich wegen des Fehlens der Reibung
kein stationärer Zustand einstellen kann. Dies widerspricht aber der anfangs in die-
sem Kapitel gemachten Voraussetzung eines stationären Schwingungsvorganges.
Das Eintreten von Resonanzkatastrophen bei weitgehend ungedämpften erzwunge-
nen Schwingungen kann zu beträchtlichen Zerstörungen des betreffenden oszillie-

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renden Systems führen. Daher ist bei schwingungsfähigen technischen Anlagen


wesentlich, stets auf ausreichende Dämpfung zu achten.

3.2.5 Gekoppelte Schwingungen


Wir betrachten nunmehr mehrere Oszillatoren, die einander auf Grund von Wech-
selwirkungskräften gegenseitig beeinflussen. Als Beispiel untersuchen wir zwei
eindimensionale gekoppelte harmonische Oszillatoren. Die Positionen der ent-
sprechenden Massenpunkte m1 und m2 werden durch Koordinaten x1 und x2 be-
schrieben, wobei die zugehörigen Gleichgewichtslagen durch x1  0 und x2  0
bestimmt sind (siehe Abb. 3.8).

k1 k12 k2
m1 m2

x1 x2
Abb. 3.8: Schematische Darstellung zweier eindimensionaler
gekoppelter harmonischer Oszillatoren mit Rückstell-
konstanten k1 , k 2 und Kopplungskonstante k12

Bei Auslenkung der jeweiligen Massenpunkte aus den entsprechenden Gleichge-


wichtslagen treten bei jedem einzelnen der beiden Massenpunkte rücktreibende
Kräfte auf, die durch zugehörige Rückstellkonstanten (Federkonstanten) k1 und
k2 beschrieben werden. Zusätzlich wirken jedoch auch Wechselwirkungskräfte
zwischen den beiden Massenpunkten, die von der relativen Position der beiden
Massenpunkte abhängig sind und durch eine entsprechende Kopplungskonstante
(Federkonstante) k12 beschrieben werden. Diese Wechselwirkungskräfte treten auf,
wenn die beiden Massenpunkte relativ zueinander aus ihrer Gleichgewichtsdistanz
ausgelenkt werden und sie treiben die beiden Massenpunkte in ihre Gleichge-
wichtsdistanz zurück. Damit erhält man die folgenden zwei gekoppelten Bewe-
gungsgleichungen für die beiden Massenpunkte:
m1  x1  k1  x1  k12   x1  x2 
(3.31)
m2  x2  k 2  x2  k12   x2  x1 

Diese Gleichungen werden als Schwingungsgleichungen gekoppelter Schwin-


gungen bezeichnet. Derartige Systeme gekoppelter Differenzialgleichungen kön-
nen oft durch geeignete Variablensubstitution gelöst werden. Im vorliegenden Fall

167
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erhält man als Ergebnis, dass im Zuge des gekoppelten Schwingungsvorganges die
Schwingungsenergie periodisch von einem Massenpunkt auf den anderen übertra-
gen wird und somit zwischen den beiden Massenpunkten hin und her wechselt.
Im Fall einer Kette gekoppelter harmonischer Oszillatoren wird im Zuge des ge-
koppelten Schwingungsvorganges die Schwingungsenergie längs der Kette über-
tragen und es resultiert ein zeitlich und räumlich periodischer Vorgang und somit
eine Wellenausbreitung.

3.3 Wellen
3.3.1 Grundbegriffe
Ausgedehnte Körper können im Allgemeinen als Systeme von schwingungsfähigen
Massenpunkten (Atome, Moleküle) aufgefasst werden. Auf Grund von Wechsel-
wirkungen zwischen benachbarten Massenpunkten bilden die Massenpunkte eines
ausgedehnten Körpers ein System gekoppelter Oszillatoren. Schwingungen von
Massenpunkten werden somit auf benachbarte Massenpunkte übertragen und dem-
entsprechend kommt es in ausgedehnten Körpern zur Ausbreitung mechanischer
Wellen. Die Geschwindigkeit der Wellenausbreitung ist abhängig von der Masse
der schwingenden Teilchen und von der Kopplungsstärke benachbarter Massen-
punkte. Beispiele für mechanische Wellen sind Oberflächenwellen auf Flüssig-
keitsoberflächen und Schallwellen. Als schwingende Größen kommen bei mecha-
nischen Wellen mechanische Auslenkung, Druck, Dichte oder Temperatur in Be-
tracht.
Während mechanische Wellen an ein Trägermedium gebunden sind und sich relativ
zu diesem ausbreiten, haben die Experimente von Michelson und Morley zu der
Schlussfolgerung geführt, dass für den Fall von Lichtwellen (und anderen elektro-
magnetischen Wellen) die Annahme eines materiellen Trägermediums zu Wider-
sprüchen führt (siehe Kapitel 7.2). Die Lichtausbreitung erfolgt somit ohne Trä-
germedium. Dennoch kann Licht als Wellenvorgang aufgefasst werden, wobei die
 
elektromagnetischen Feldvektoren E und B die schwingenden Größen sind.

Je nach der Geometrie der Wellenausbreitung unterscheiden wir zwischen ebenen


Wellen und Kugelwellen. Bei ebenen Wellen liegen Punkte gleicher Phase zu je-
dem Zeitpunkt auf parallelen Ebenen. Andererseits gehen von einer punktförmigen
Quelle bei isotroper Wellenausbreitung Kugelwellen aus, bei denen Punkte glei-
cher Phase zu jedem Zeitpunkt auf konzentrischen Kugelflächen liegen.

Hinsichtlich der Orientierung der schwingenden Größe unterscheiden wir zwischen


longitudinalen und transversalen Wellen. Bei longitudinalen Wellen erfolgt die
Auslenkung in Richtung der Wellenausbreitung. Schallwellen in Gasen sind Bei-
spiele für longitudinale Wellen. Andererseits ist bei transversalen Wellen die Aus-
lenkung senkrecht zur Richtung der Wellenausbreitung orientiert. Mechanische

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Wellen längs einer gespannten Saite sind ein Beispiel für Transversalwellen. Bei
 
elektromagnetischen Wellen sind die Feldvektoren E und B senkrecht zur Wel-
lenausbreitung orientiert und somit handelt es sich dabei ebenfalls um Transversal-
wellen. Transversalwellen können hinsichtlich ihres Polarisationszustandes unter-
schieden werden. Bei linear polarisierten Transversalwellen erfolgt die Auslen-
kung stets in einer festen Ebene, der Polarisationsebene. Bei Überlagerung zweier
gleichartiger linear polarisierter Wellen mit aufeinander senkrecht stehenden Pola-
risationsebenen ergibt sich in jeder zur Wellenausbreitungsrichtung senkrechten
Ebene eine zweidimensionale Überlagerung zweier senkrecht aufeinander stehen-
der harmonischer Schwingungen gleicher Frequenz (siehe Kapitel 3.2.2). Damit
ergibt sich im Allgemeinen eine elliptisch polarisierte Transversalwelle. Anderer-
seits kann durch Überlagerung einer rechts-zirkular polarisierten mit einer links-
zirkular polarisierten Welle wieder eine linear polarisierte Welle erzeugt werden.
Es sei darauf hingewiesen, dass auf Grund der Polarisierbarkeit einer Welle ihr
transversaler Charakter festgestellt werden kann.

Wir betrachten im Allgemeinen laufende Wellen, die sich im Raum mit einer ge-
wissen Geschwindigkeit ausbreiten. Durch geeignete Überlagerung mehrerer lau-
fender Wellen kann eine räumlich stationäre Schwingungsform entstehen, die keine
räumliche Ausbreitungsrichtung aufweist. Im Schwingungsbereich derartiger ste-
hender Wellen treten gewisse feste Punkte auf, sogenannte Schwingungsknoten,
bei denen keine Auslenkung und somit keine Schwingung erfolgt. Bei einer ge-
spannten Saite etwa können sich stehende Wellen ausbilden, wobei an den einge-
spannten Enden der Saite, sowie an mehreren weiteren Punkten längs der Saite,
Schwingungsknoten auftreten. Diese stehenden Wellen können als Überlagerung
entgegengesetzt laufender Wellen aufgefasst werden. In zwei- und dreidimensiona-
len Bereichen können in Abhängigkeit von gewissen vorgegebenen Randbedingun-
gen verhältnismäßig komplizierte stehende Wellen auftreten, die auch als Eigen-
schwingungen bezeichnet werden.

Zur Beschreibung der eindimensionalen Ausbreitung einer harmonischen Welle


kann für die Auslenkung u  x, t  der betrachteten schwingenden Größe der folgen-
de Ausdruck verwendet werden:
u  x, t   u 0  cos   t  k  x  (3.32)

Dabei ist u0 die Amplitude (maximale Auslenkung).  wird als Kreisfrequenz


und k als Wellenzahl, der Ausdruck   t  k  x  als Phase der Welle bezeichnet.
Die Form des Ausdrucks (3.32) ist so gewählt, dass die Auslenkung u  x, t  eine pe-
riodische Funktion sowohl der Zeit t als auch der Ortskoordinate x ist.
Zunächst berechnen wir die Schwingungsdauer T an einem festen Ort längs des
Ausbreitungsbereichs der Welle (ohne Beschränkung der Allgemeinheit sei der Ort

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x  0 gewählt). Die Schwingungsdauer T ist das Zeitintervall zwischen zwei glei-


chen Zuständen. Dementsprechend gilt
cos  t  T   cos  t 
 t  T    t  2 
 T  2
Die Schwingungsdauer einer harmonischen Welle resultiert damit zu
2
T . (3.33)

Die Anzahl der Schwingungen pro Zeiteinheit wird als Frequenz  bezeichnet und
wir erhalten
1 
  . (3.34)
T 2

Ferner berechnen wir die Wellenlänge  zu einem festen Zeitpunkt während der
Wellenausbreitung (ohne Beschränkung der Allgemeinheit sei der Zeitpunkt t  0
gewählt). Die Wellenlänge  ist die räumliche Distanz zwischen zwei gleichen Zu-
ständen. Dementsprechend gilt unter Berücksichtigung von cos     cos  
cos k  x     cos k x 
k x     k x  2
k   2

Die Wellenlänge einer harmonischen Welle resultiert damit zu


2
 . (3.35)
k

Die Anzahl der Wellen pro Längeneinheit hat keine eigene Bezeichnung, wir er-
halten
1 k
 . (3.36)
 2

Durch Verallgemeinerung von Gl. (3.32) erhält man zur Beschreibung der Ausbrei-
tung einer ebenen harmonischen Welle in einem dreidimensionalen Bereich für

die Auslenkung u r , t  den folgenden Ausdruck:

 
  
u r , t   u0  cos   t  k  r .
 
Dabei ist r der Ortsvektor, k wird als Wellenzahlvektor bezeichnet. Zu einem fes-
 
   
ten Zeitpunkt t gilt für Punkte gleicher Phase   t  k  r sichtlich k  r  const .
 
Folglich ist die Länge der Normalprojektion von r auf k konstant und die Punkte

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gleicher Phase liegen somit auf einer Ebene  k . Dementsprechend beschreibt die
obige Gleichung eine ebene Welle, deren Ausbreitungsrichtung durch den Wellen-

zahlvektor k angegeben wird.

3.3.2 Ausbreitungsgeschwindigkeit von Wellen


Die Geschwindigkeit der Ausbreitung von Wellen kann in verschiedener Weise de-
finiert werden.

a) Phasengeschwindigkeit:
Wir betrachten eine harmonische Welle mit festgelegter Frequenz und Wellenlän-
ge, die sich unter stationären Bedingungen ausbreitet. In dieser Welle betrachten
wir Punkte konstanter Phase (z.B. Wellenberge).

Die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Punkten konstanter Phase wird als


Phasengeschwindigkeit v ph bezeichnet.

Ermittlung der Phasengeschwindigkeit einer Welle:


Für Punkte konstanter Phase gilt
d
  t  k  x   0
dt
und folglich
dx
k  0.
dt

Damit erhält man für die Phasengeschwindigkeit v ph  dx dt den Ausdruck



v ph  . (3.37)
k
Daraus ergibt sich durch Umformung mit Hilfe von Gl. (3.33), (3.34), (3.35)

v ph     . (3.38)
T

Dieser Ausdruck erlaubt eine anschauliche Interpretation:


Während der Dauer einer Schwingung schreitet ein Wellenberg um die Wellenlän-
ge  fort. Pro Zeiteinheit finden  Schwingungen statt. Daher schreitet ein Wel-
lenberg pro Zeiteinheit um die Strecke   fort im Einklang mit Gl. (3.38).
In vielen Fällen zeigt sich, dass die Phasengeschwindigkeit einer Welle bei ver-
schiedenen Wellenlängen unterschiedliche Werte annimmt.

Falls die Phasengeschwindigkeit v ph einer Welle von der Wellenlänge 


(bzw. von der Wellenzahl k ) abhängig ist, dann liegt Dispersion vor.

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Bei der Ausbreitung des Lichtes in einem durchsichtigen materiellen Medium (sie-
he Kap. 6.4.4) ist die Phasengeschwindigkeit im Allgemeinen von der Lichtwellen-
länge abhängig, das Licht zeigt also Dispersion. Dementsprechend ist auch die
Lichtbrechung an Grenzflächen von der Wellenlänge abhängig und es erfolgt eine
wellenlängenabhängige Aufspaltung des betrachteten Lichtstrahls. Bei Lichtaus-
breitung im Vakuum tritt jedoch keine Dispersion auf.

b) Gruppengeschwindigkeit:
Um mit Hilfe der Ausbreitung von Wellen Signale übermitteln zu können, werden
räumlich und zeitlich begrenzte Wellenbereiche, sogenannte Wellenpakete (Pulse)
benötigt.
Die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines Wellenpakets (genau genommen des
Maximums der Einhüllkurve eines Wellenpakets) wird als Gruppengeschwin-
digkeit v gr bezeichnet.

Wellenpakete können durch Superposition mehrerer (nach dem Fourier’schen The-


orem genau genommen unendlich vieler) harmonischer Wellen in einem verhält-
nismäßig engen Frequenz- und Wellenlängenbereich dargestellt werden. Die Ge-
samtheit der Wellen, die durch Superposition ein Wellenpaket ergeben, wird als
Wellengruppe bezeichnet. Eine einfache Wellengruppe kann durch zwei harmoni-
sche Wellen mit geringfügig unterschiedlichen Frequenzen und Wellenlängen reali-
siert werden. Superposition dieser beiden Wellen ergibt, analog wie bei Schwebun-
gen, eine Welle, die aus einer Folge von gleichartigen Wellenpaketen besteht (siehe
Abb. 3.9). Die Gruppengeschwindigkeit ist somit die Ausbreitungsgeschwindigkeit
des Maximums der Einhüllkurve jedes dieser Wellenpakete.

u ( x, t )

Abb. 3.9: Folge gleichartiger Wellenpakete, die durch Superposition


zweier harmonischer Wellen mit geringfügig unterschiedlichen
Frequenzen entstehen

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Ermittlung der Gruppengeschwindigkeit einer Welle:


Wir betrachten die durch Superposition zweier harmonischer Wellen mit geringfü-
gig unterschiedlichen Frequenzen und Wellenlängen resultierende Folge von Wel-
lenpaketen. Das Maximum der Einhüllkurve jedes dieser Wellenpakete ist dadurch
bestimmt, dass die Phasen der beiden harmonischen Wellen übereinstimmen und
damit Verstärkung eintritt:
k  x    t  k  k   x       t
und folglich
x 
 .
t k

Damit erhält man für die Gruppengeschwindigkeit v gr  x t den Ausdruck


d
v gr  . (3.39)
dk

Durch Einsetzen von Gl. (3.37) in Gl. (3.39) erhalten wir einen einfachen Zusam-
menhang zwischen Gruppen- und Phasengeschwindigkeit:

v gr 

d k  v ph .
dk
Damit ergibt sich unmittelbar:
dv ph
v gr  v ph  k  . (3.40)
dk

Diese Beziehung kann mit Hilfe von Gl. (3.35) nach einfachen Umformungen in
die anschauliche Form
dv ph
v gr  v ph    (3.41)
d
gebracht werden.

Bei der Bestimmung der Gruppengeschwindigkeit einer Welle ist also gemäß
Gl. (3.41) eine eventuelle Dispersion bei dem betrachteten Wellenausbreitungsvor-
gang zu berücksichtigen. Dies kann in folgender Weise physikalisch interpretiert
werden:

Falls keine Dispersion vorliegt, dann ist die Phasengeschwindigkeit von der Wel-
lenlänge unabhängig. In diesem Fall schreiten die Wellenberge der beiden harmo-
nischen Wellen der Wellengruppe mit der gleichen Geschwindigkeit fort und die
beiden harmonischen Wellen bleiben somit starr aneinander gebunden. Folglich
schreiten auch die durch Superposition der beiden harmonischen Wellen resultie-
renden Wellenpakete mit der gleichen Geschwindigkeit fort. In diesem Fall stim-

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men also im Einklang mit Gl. (3.41) Gruppengeschwindigkeit und Phasenge-


schwindigkeit überein. Falls jedoch Dispersion vorliegt, dann ist die Phasenge-
schwindigkeit von der Wellenlänge abhängig. In diesem Fall schreiten die Wellen-
berge der beiden harmonischen Wellen der Wellengruppe mit geringfügig unter-
schiedlicher Geschwindigkeit fort und die relative Phasenlage der beiden harmoni-
schen Wellen ändert sich im Zuge der Wellenausbreitung. Folglich werden die
durch Superposition der beiden harmonischen Wellen resultierenden Wellenpakete
sich im Zuge der Wellenausbreitung gegenüber den beiden harmonischen Wellen
verschieben und sie schreiten daher mit einer von der Phasengeschwindigkeit der
harmonischen Wellen abweichenden Geschwindigkeit fort. In diesem Fall unter-
scheiden sich also im Einklang mit Gl. (3.41) Gruppengeschwindigkeit und Pha-
sengeschwindigkeit voneinander.
Schließlich betrachten wir das Verhalten eines durch Superposition einer Gruppe
harmonischer Wellen entstandenen Wellenpakets während seiner Ausbreitung. Bei
Abwesenheit von Dispersion wird wegen der im Verlauf der Wellenausbreitung
unveränderlichen Phasenbeziehungen der harmonischen Wellen das Wellenpaket
seine ursprüngliche Form beibehalten. Wenn jedoch Dispersion vorliegt, dann wer-
den im Verlauf der Wellenausbreitung Änderungen der relativen Phasenlagen der
harmonischen Wellen auftreten. Folglich wird das Wellenpaket seine Form ändern
und im Allgemeinen zerfließen.
Dieses Verhalten von Wellenpaketen ist auch im Rahmen der Quantenmechanik
von großer Bedeutung. Die Bewegung quantenmechanischer Teilchen kann mit
Hilfe von Wellenpaketen beschrieben werden, wobei typischerweise im Zuge der
Teilchenbewegung das Wellenpaket die Tendenz hat zu zerfließen. Dies entspricht
einer Zunahme der quantenmechanischen Ortsunschärfe (siehe Kap. 8.6).

3.3.3 Wellengleichung
Um Wellenvorgänge für verschiedenartige Systeme und bei unterschiedlichen
Rand- und Anfangsbedingungen beschreiben zu können ist es wesentlich, eine Dif-
ferenzialgleichung anzugeben, der die zugehörige orts- und zeitabhängige Auslen-
kungsfunktion genügt. Um zu einer solchen Differenzialgleichung zu gelangen, ge-
hen wir von der räumlich und zeitlich periodischen harmonischen Auslenkungs-
funktion u  x, t  gemäß Gl. (3.32) aus. Doppelte partielle Differenziation dieser
Auslenkungsfunktion nach der Zeit t und nach der Ortskoordinate x liefert
 2u
2
 u0   2  cos  t  k  x  ,
t
 2u
2
 u0  k 2  cos  t  k  x  .
x

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Daraus erkennt man unmittelbar den Zusammenhang


1  2u 1  2u
   .
 2 t 2 k 2 x 2
Mit Hilfe von Gl. (3.37) ergibt sich daraus

1  2u  2u
   0
v 2ph t 2 x 2
und durch Verallgemeinerung auf die drei Raumdimensionen erhalten wir die
Wellengleichung
1  2u
  u  0 , (3.42)
v 2ph t 2
wobei der Laplace-Operator definiert ist als

 2u  2u  2u
u    .
x 2 y 2 z 2

Diese Differenzialgleichung zählt zu den am häufigsten angewendeten Gleichungen


in der Physik. Es handelt sich um eine lineare Differenzialgleichung und somit gilt
für ihre Lösungen das Superpositionsprinzip. Die Wellengleichung erlaubt eine
Vielzahl unterschiedlicher Lösungen, die an verschiedenartige Bedingungen ange-
passt werden können.
In Kapitel 3.1 haben wir Wellen als räumlich ausgedehnte, zeitlich und räumlich
periodische Vorgänge beschrieben. Es erweist sich nunmehr als zweckmäßig, Wel-
len in einer verallgemeinerten Form zu definieren:

Wellen sind physikalische Vorgänge, die durch Lösungen der Wellengleichung


beschrieben werden können.

Dies schließt insbesondere auch Vorgänge ein, die nicht notwendigerweise perio-
disch ablaufen.

3.3.4 Ausbreitung und Überlagerung von Wellen


Als Konsequenz der Wellengleichung ergibt sich das Huygens-Fresnel’sche
Prinzip, das sich zur konkreten Beschreibung der Wellenausbreitung als außeror-
dentlich nützlich erweist:

Jeder Punkt in einem Wellenfeld, der von einer Primärwellenfront getroffen


wird, kann als Ausgangspunkt einer neuen kugelförmigen Sekundärwelle ange-
sehen werden.

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In enger Beziehung zu diesem Prinzip steht als weiteres grundlegendes Prinzip das
Fermat’sche Prinzip:

Eine Welle läuft zwischen zwei Punkten stets längs eines solchen Weges, bei
dem die Laufzeit der Welle ein Extremwert (in vielen Fällen ein Minimum) ist.

Im Fall von homogenen isotropen Medien führen beide Prinzipe auf geradlinige
Wellenausbreitung. Es zeigt sich, dass bei Ausbreitung in anderen Raumrichtungen
stets destruktive Interferenz zweier kugelförmiger Sekundärwellen auftritt, sodass
die geradlinige Ausbreitung als einzige Möglichkeit verbleibt.
Bei Anwesenheit von Inhomogenitäten, Grenzflächen oder Hindernissen verschie-
dener Art im Bereich des Wellenfeldes kann eine Vielzahl unterschiedlicher Phä-
nomene auftreten, wie etwa Reflexion, Brechung, Beugung oder Streuung der be-
trachteten Wellen. Diese Vorgänge sind vor allem bei der Lichtausbreitung von be-
sonderer Bedeutung, daher erfolgt eine ausführlichere Darstellung im Rahmen der
Optik (Kap. 6).

3.3.5 Dopplereffekt
In den vorangehenden Kapiteln haben wir Wellen betrachtet unter der Annahme,
dass die Quelle Q der Wellenausbreitung sowie ein Beobachter B unbewegt sind
relativ zum Trägermedium der Welle. Nunmehr wird diese Voraussetzung fallenge-
lassen.
Im Folgenden wird eine mechanische Welle mit Wellenlänge  , Schwingungs-
dauer T und Frequenz   1 T betrachtet. Die Phasengeschwindigkeit der Welle
beträgt gemäß Gl. (3.38) v ph   T    . Wir betrachten zunächst die Situation,
bei der eine bewegte Quelle Q sich mit der Geschwindigkeit vQ  v ph relativ zum
Trägermedium der Welle auf einen ruhenden Beobachter B zu bewegt. Gemäß
Abbildung 3.10 erkennt man, dass der Abstand zweier benachbarter Wellenfronten,
die auf B mit Geschwindigkeit v ph zulaufen, gegeben ist durch      vQ  T .
Somit erhält man für die Schwingungsdauer T  und die Frequenz   der vom Be-
obachter B beobachteten Welle nacheinander

T 
v ph

1 v ph v ph v ph
   

T      vQ  T v ph  vQ  T 
und es ergibt sich schließlich die erhöhte Frequenz

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1
    . (3.43)
vQ
1
v ph

  v ph  T
Q B
vQ  T (ruhend )


Abb. 3.10: Zum Dopplereffekt bei bewegter Quelle Q


und ruhendem Beobachter B

Für den Fall, dass sich die Quelle Q vom ruhenden Beobachter wegbewegt ergibt
sich in analoger Weise die verringerte Frequenz
1
    . (3.44)
vQ
1
v ph

Nunmehr betrachten wir die Situation, bei der ein bewegter Beobachter B sich
mit der Geschwindigkeit v B  v ph relativ zum Trägermedium der Welle auf eine
ruhende Quelle Q zu bewegt. Gemäß Abbildung 3.11 erkennt man, dass der Be-
obachter B sich mit der Relativgeschwindigkeit v B  v ph auf die ihm mit gegensei-
tigem Abstand  entgegenlaufenden Wellenfronten zubewegt. Somit erhält man
für die Schwingungsdauer T  und die Frequenz   der vom Beobachter B be-
obachteten Welle nacheinander

T 
v ph  v B

1 v ph  v B v ph  v B
  
T  v ph  T
und es ergibt sich schließlich die erhöhte Frequenz
 v B 
     1  . (3.45)
 v ph 

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  v ph  T
v ph vB
Q B
(ruhend )

Abb. 3.11: Zum Dopplereffekt bei bewegtem Beobachter B


und ruhender Quelle Q

Für den Fall, dass sich der Beobachter B von der ruhenden Quelle wegbewegt
ergibt sich in analoger Weise die verringerte Frequenz
 v B 
     1  . (3.46)
 v ph 

Man erkennt, dass die obigen Ausdrücke für die Frequenzänderungen auf Grund
des Dopplereffektes unterschiedlich sind je nachdem, ob sich die Quelle oder der
Beobachter relativ zum Trägermedium bewegt.
Auch bei Lichtwellen können Frequenzverschiebungen auf Grund des Doppleref-
fektes beobachtet werden. Da die Lichtausbreitung ohne Trägermedium erfolgt
(siehe Kap. 7.2), sind für den Dopplereffekt bei Lichtwellen nur Relativgeschwin-
digkeiten von Bedeutung. Wenn sich Lichtquelle Q und Beobachter B mit Rela-
tivgeschwindigkeit v aufeinander zubewegen und der Beobachter sich somit anti-
parallel zur Richtung der Lichtausbreitung bewegt, ergibt sich unter Berücksichti-
gung der Zeitdilatation (siehe Kap. 7.4) ein longitudinaler Dopplereffekt mit der
erhöhten Frequenz
v
1
v ph
v  v  . (3.47)
v
1
v ph

Bei Lichtwellen tritt zusätzlich auch ein (relativistischer) transversaler Doppler-


effekt auf, wenn sich der Beobachter quer zur Richtung der Lichtausbreitung be-
wegt. Der transversale Dopplereffekt ist allerdings für Geschwindigkeiten deutlich
unterhalb der Lichtgeschwindigkeit vernachlässigbar.
Hubble hat 1929 in seiner berühmten Arbeit einen linearen Zusammenhang zwi-
schen der Rotverschiebung des von entfernten Galaxien herrührenden Lichtes und
der Entfernung dieser Galaxien nachgewiesen. Diese Rotverschiebung kann mit

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Hilfe des Dopplereffektes bei Lichtwellen erklärt werden. Damit erhält man den
Hinweis auf eine Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien, die mit der Entfernung der
Galaxien zunimmt. Diese Beobachtung ist eine experimentelle Grundlage für die
Urknallhypothese.
Quantitative Beobachtung des Dopplereffektes bei Lichtwellen erlaubt präzise und
berührungsfreie Messungen der Strömungsgeschwindigkeit in Flüssigkeiten und
Gasen über große Geschwindigkeitsbereiche. Diese Messmethode wird als Laser-
Doppler-Velocimetrie bezeichnet und ist von großer praktischer Bedeutung.

3.3.6 Mechanische Wellen in elastisch deformierbaren Medien


In den vorangehenden Kapiteln wurden allgemeine Eigenschaften von Wellen be-
handelt. Nunmehr wenden wir uns der konkreten Beschreibung mechanischer Wel-
len in isotropen elastischen Trägermedien zu. Derartige Wellen sind unter anderem
im Zusammenhang mit der Schallausbreitung in festen, flüssigen oder gasförmigen
Trägermedien von großer Bedeutung.
Zunächst betrachten wir die Ausbreitung von Wellen in Festkörpern. Durch
Schwingungsanregung parallel zur Wellenausbreitungsrichtung können Longitu-
dinalwellen in elastischen Festkörpern hervorgerufen werden. Bei solchen Lon-
gitudinalwellen treten parallel zur Ausbreitungsrichtung periodische Dehnungen
und Stauchungen auf (siehe Kap. 2.5.2). Wir betrachten einen Festkörper in der
Form eines Stabes, längs dessen sich eine Longitudinalwelle ausbreitet. Der Stab
habe die Querschnittsfläche A , Dichte  und Dehnungsmodul E . Wir wählen ein
Koordinatensystem mit z -Achse längs des Stabes in Richtung der Wellenausbrei-
tung. Ferner betrachten wir ein Volumselement des Stabes innerhalb des Bereiches
zwischen z und z  dz mit Volumen dV  A  dz und Masse dm    dV (siehe
Abb. 3.12).

u
 u  du

O   d A
z
z  dz

z
Abb. 3.12: Zur Ausbreitung longitudinaler mechanischer Wellen
längs eines stabförmigen elastischen Festkörpers

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Zu einem bestimmten Zeitpunkt seien an den Stellen z und z  dz im Wellenfeld


die zugehörigen longitudinalen Schwingungsauslenkungen gegeben durch u und
u  du . Auf Grund der Welle resultiert somit eine Längenänderung
u  du   u  du  u  dz und eine entsprechende relative Längenänderung u des
z z
Volumselementes. Dieser relativen Längenänderung entspricht gemäß dem
Hooke‘schen Gesetz (Gl. (2.263)) eine longitudinale mechanische Spannung
u
  E . (3.48)
z
des betrachteten Volumselementes. Im Wellenfeld ist allerdings auch die mechani-
sche Spannung ortsabhängig und somit sind an den Stellen z und z  dz die zuge-
hörigen longitudinalen mechanischen Spannungen gegeben durch  und   d .
Auf Grund der Welle resultiert somit eine longitudinale Gesamtkraft

dF  A    d   A    A  d  A   dz auf das Volumselement. Durch Ein-
z
setzen von Gl. (3.48) erhält man damit für die Gesamtkraft auf das Volumselement
den Ausdruck
 2u
dF  A  E   dz . (3.49)
z 2

Andererseits kann gemäß zweitem Newton‘schem Axiom die Gesamtkraft auf das
Volumselement mit Masse dm    dV    A  dz auch ausgedrückt werden in der
Form
 2u  2u
dF  dm     A  dz  (3.50)
t 2 t 2
und Gleichsetzen von Gl. (3.49), (3.50) ergibt
  2u  2u
   0. (3.51)
E t 2 z 2

Vergleich mit der Wellengleichung (3.42) liefert für die Phasengeschwindigkeit


einer longitudinalen Welle in einem isotropen Festkörper den Ausdruck
E
v ph  , (3.52)

wobei E den Dehnungsmodul und  die Dichte des betrachteten Trägermediums
bezeichnet. Die bei longitudinalen Verzerrungen auftretende Querkontraktion (sie-
he Kap. 2.5.1) ist in Gl. (3.52) nicht berücksichtigt.
Durch Schwingungsanregung senkrecht zur Wellenausbreitungsrichtung können
Transversalwellen in elastischen Festkörpern hervorgerufen werden. Bei solchen

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Transversalwellen werden benachbarte Schichten des Festkörpers senkrecht zur


Ausbreitungsrichtung gegeneinander verschoben und es treten somit periodische
Scherungen auf (siehe Kap. 2.5.2). Für die Phasengeschwindigkeit einer trans-
versalen Welle in einem isotropen Festkörper erhält man dementsprechend ana-
log zu Gl. (3.52) den Ausdruck
G
v ph  , (3.53)

wobei G den Torsionsmodul (Schermodul) und  die Dichte des betrachteten Trä-
germediums bezeichnet.
Nunmehr wenden wir uns der Ausbreitung von Wellen in Fluiden (Flüssigkeiten
oder Gasen) zu. In Fluiden treten grundsätzlich keine Scherungskräfte auf und so-
mit verschwindet der Torsionsmodul. Folglich können sich in Fluiden keine Trans-
versalwellen ausbreiten. Bei Longitudinalwellen in Fluiden treten periodische
Kompressionen und Expansionen auf (siehe Kap. 2.5.2). Für die Phasengeschwin-
digkeit einer longitudinalen Welle in einem Fluid erhält man dementsprechend
analog zu Gl. (3.52) den Ausdruck
K
v ph  , (3.54)

wobei K den Kompressionsmodul und  die Dichte des betrachteten Fluids be-
zeichnet. Flüssigkeiten haben im Allgemeinen einen sehr viel höheren Kompressi-
onsmodul als Gase. Folglich ist die Phasengeschwindigkeit von Wellen in einer
Flüssigkeit trotz der höheren Flüssigkeitsdichte wesentlich größer als in einem Gas.
Bei Longitudinalwellen in Gasen ist zu berücksichtigen, dass die Schwingungs-
vorgänge in der Welle nur bei sehr geringen Frequenzen annähernd isotherm ver-
laufen. Bereits bei normalen Schallfrequenzen  1 kHz kann während einer
Schwingungsperiode kein nennenswerter Temperaturausgleich mehr erfolgen und
die Schwingungsvorgänge in der Welle verlaufen daher weitgehend adiabatisch.
Zur Berechnung der Phasengeschwindigkeit einer longitudinalen Welle in einem
Gas gemäß Gl. (3.54) wird also entsprechend der Frequenz der geeignete Kompres-
sionsmodul des Gases benötigt. Im Folgenden nehmen wir an, dass das gasförmige
Trägermedium ein ideales Gas ist (siehe Kap. 4.2.2)
Zur Ermittlung des Kompressionsmoduls des Gases gehen wir aus von Gl. (2.265)
für die allseitige Kompression eines Körpers
V 1
   p . (3.55)
V K
Dabei ist V das Volumen des Gases und V die Volumsänderung auf Grund der
Änderung p des allseitig wirkenden Druckes. K wird als Kompressionsmodul

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und 1 K als Kompressibilität des Gases bezeichnet. Aus Gl. (3.55) erhalten wir für
die Kompressibilität den Ausdruck
1 1 V 1 dV
      . (3.56)
K V p V dp

Zur Berechnung der isothermen Kompressibilität des Gases benützen wir das für
isotherme Zustandsänderungen idealer Gase geltende Boyle-Mariotte‘sche Gesetz,
Gl. (4.113):
p  V  const . (3.57)
const
Wegen V  erhalten wir gemäß Gl. (3.56) für die isotherme Kompressibilität
p
den Ausdruck
1 1 dV 1 d 1 1
      const
    (3.58)
KT V dp T V pV dp  p  p

und somit für den isothermen Kompressionsmodul


KT  p . (3.59)

Zur Berechnung der adiabatischen Kompressibilität des Gases benützen wir die für
adiabatische Zustandsänderungen idealer Gase geltende Poisson-Gleichung, Gl.
(4.119) in der Form
p1   V  const , (3.60)
const
wobei  den Adiabatenindex bezeichnet. Wegen V  erhalten wir gemäß
p1
Gl. (3.56) für die adiabatische Kompressibilität den Ausdruck
1 1 dV 1 d  1  1
      const
   1    (3.61)
K ad V dp ad
V 1 dp  p  p  
p V

und somit für den adiabatischen Kompressionsmodul


K ad  p   . (3.62)

Damit erhält man gemäß Gl. (3.54) für die Phasengeschwindigkeit einer longitu-
dinalen Welle in einem Gas bei normalen Schallfrequenzen  1 kHz den Aus-
druck
p 
v ph  , (3.63)

wobei p den Gasdruck,  den Adiabatenindex und  die Gasdichte bezeichnet.
Für Stickstoff hat der Adiabatenindex den Wert   1.4 .

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3.4 Musikalische Akustik


Nunmehr wenden wir uns dem Schall zu. Schall ist ein mechanischer Wellenvor-
gang in Fluiden oder elastischen Festkörpern. Erzeugung, Ausbreitung, Messung
bzw. Wahrnehmung, sowie Eigenschaften des Schalls werden im Rahmen der
Akustik beschrieben. Die Akustik ist von großer Bedeutung in zahlreichen Gebie-
ten, wie etwa Technik, Medizin, Biologie, Architektur und Kunst.
Der Schall kann durch die zeitliche Abhängigkeit der entsprechenden Feldgröße
(wie etwa Druck oder Dichte), die sogenannte Wellenform, charakterisiert werden.
In der Akustik unterscheidet man zwischen Geräusch, Klang und Ton. Bei einem
Geräusch ist die Wellenform unregelmäßig und nichtperiodisch. Ein Klang hat ei-
ne periodische Wellenform mit wohldefinierter Frequenz bzw. Wellenlänge, ein
Ton hingegen ist charakterisiert durch eine sinusförmige Wellenform. In der Musik
ist es üblich, einen Klang als (musikalischen) Ton zu bezeichnen, ein Ton im obi-
gen Sinn wird in der Musik dann zur Unterscheidung auch als Sinuston bezeichnet.
Aus den verschiedenen Teilgebieten der Akustik greifen wir im vorliegenden Kapitel
die musikalische Akustik heraus. Die musikalische Akustik ist ein umfangreiches
Wissensgebiet, aus Platzgründen werden im vorliegenden Kapitel jedoch nur einige
grundlegende Aspekte dargestellt. In der Musik sind die Eigenschaften der Töne von
wesentlicher Bedeutung. Ein Ton kann durch Lautstärke, Tonhöhe und Klangfarbe
charakterisiert werden. Diese Eigenschaften werden im Folgenden näher beschrieben.

3.4.1 Lautstärke
Schallausbreitung ist mit Energietransport verbunden. Zur quantitativen Beschrei-
bung betrachten wir eine (senkrecht zur Schallausbreitungsrichtung liegende) Flä-
che A in dem betrachteten Schallfeld. Im Verlauf der Zeit t wird auf diese Fläche
eine Schall-Strahlungsenergie W eingestrahlt. Der Schall-Strahlungsfluss 
durch die Fläche A ist gegeben durch
dW
 . (3.64)
dt

Der Schall-Strahlungsfluss  ist somit die Schall-Strahlungsenergie, die pro


Zeiteinheit auf die Fläche A eingestrahlt wird. Die Einheit ist    W .

Damit ergibt sich die Schallintensität I zu



I . (3.65)
A
Die Schallintensität I ist somit der auf die Fläche A eingestrahlte Schall-
Strahlungsfluss pro (senkrechte) Querschnittsflächeneinheit. Die Einheit ist
I   W  m 2 .

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Die typischerweise auftretenden Schallintensitäten variieren über viele Größenord-


nungen und es ist daher sinnvoll, die Schallintensität durch ein logarithmisches
Maß zu charakterisieren. Zu diesem Zweck wählt man nach praktischen Gesichts-
punkten einen Bezugswert I0 der Schallintensität I. Damit definiert man den
Schallpegel (Level)
 I 
L  10 log   . (3.66)
 I0 
Der Schallpegel ist dimensionslos, wird jedoch aus Gründen der Übersichtlichkeit in
der Einheit B   Bel angegeben, die nach Alexander Graham Bell benannt wurde.
Meistens wird die Einheit 1 dB  101 B verwendet, womit der Schallpegel in der
Form
 I 
L  10  10 log    dB (3.67)
 I0 
bestimmt wird. In der Akustik wird als Bezugswert I0 im Allgemeinen die niedrigste
vom Menschen bei einer Schallfrequenz von 1 kHz wahrnehmbare Schallintensität
(Wahrnehmungsschwelle) I min  1012 W  m 2 gewählt. In diesem Fall wird der
Schallpegel als Lautstärke und die Einheit dB auch mit Phon bezeichnet. Sichtlich
entspricht die Wahrnehmungsschwelle Imin einer Lautstärke von 0 Phon. Die
Schmerzgrenze der menschlichen Schallwahrnehmung liegt bei
13 2
10  I min  10 W  m , was einer Lautstärke von 130 Phon entspricht. Man erkennt,
dass die menschliche Schallwahrnehmung auf einen Bereich verhältnismäßig gerin-
ger Schallintensitäten beschränkt ist. Die gesamte abgestrahlte Leistung eines Musik-
instrumentes beträgt dementsprechend typischerweise nur 1 bis 300 mW.
Die Definitionen von Schallpegel bzw. Lautstärke sind insbesondere deshalb sehr
zweckmäßig, weil gemäß dem Weber-Fechner'schen Gesetz der menschliche
Sinneseindruck annähernd proportional zum Logarithmus der entsprechenden phy-
sikalischen Größe ist. Die Lautstärke beschreibt somit in guter Näherung die Stärke
des menschlichen Sinneseindruckes.

3.4.2 Tonhöhe, Klangfarbe und Intervalle


Zunächst betrachten wir einen (musikalischen) Ton. Die in der Musik verwendeten
Töne sind im Allgemeinen keine Sinustöne, haben aber periodische Wellenformen
mit wohldefinierter Grundfrequenz. Die Grundfrequenz  0 bestimmt die Tonhöhe,
der Wellenform entspricht die für das jeweilige Musikinstrument charakteristische
Klangfarbe. Die periodische Wellenform kann in eindeutiger Weise durch Fou-
rierzerlegung als Überlagerung von Sinus- und Kosinusschwingungen angenähert
werden. Diese Schwingungen haben die Grundfrequenz  0 (Grundton), sowie
ganzzahlige Vielfache der Frequenz  0 (Obertöne). Die entsprechenden Amplitu-

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den der Obertöne relativ zum Grundton sind eindeutig bestimmt durch die Wellen-
form des betrachteten Tones. Mit zunehmender Anzahl von Obertönen kann die be-
trachtete Wellenform immer besser angenähert werden. Das Obertonspektrum ist
also charakteristisch für die jeweilige Wellenform des betrachteten musikalischen
Tones und bestimmt damit die Klangfarbe des Tones.
Nunmehr betrachten wir zwei unterschiedliche Töne mit Grundfrequenzen  1 und
 2   1 . Der Abstand der Tonhöhen dieser beiden Töne wird als Intervall bezeich-
net. Die Größe des Intervalls zweier Töne kann durch das Verhältnis der Grundfre-
quenzen der beiden Töne, die Proportion
2
p (3.68)
1
charakterisiert werden. Es zeigt sich, dass ein Intervall zweier Töne mit bestimmter
Proportion p unabhängig von der Tonhöhe dieser Töne weitgehend als gleich emp-
funden wird.
Zur übersichtlichen Beschreibung von Intervallgrößen und insbesondere von klei-
nen Unterschieden verschiedener Intervalle ist es sinnvoll, die Größe von Interval-
len durch ein logarithmisches Maß zu charakterisieren. Zu diesem Zweck wählt
man ein Einheitsintervall Cent, mit Hilfe dessen eine Oktave (Intervall mit der Pro-
portion p  2 , siehe Tab. 3.1) in 1200 gleiche Teile geteilt wird. Die Wahl dieses
Einheitsintervalls orientiert sich an den 12 Halbtonstufen der Tonleitern (siehe Kap.
3.4.3). Bei gleichstufiger Einteilung einer Oktave in 12 Halbtonstufen hat somit je-
de Halbtonstufe 100 Cent. Gemäß der obigen Definition hat das Einheitsintervall 1
Cent die Proportion p0  2 1 1200  1.00057779 . Die Größe eines beliebigen Inter-
valles kann nunmehr charakterisiert werden durch die Anzahl i von Einheitsinter-
vallen Cent, aus denen das betrachtete Intervall besteht. i wird als Intervallmaß
bezeichnet und in der Einheit Cent angegeben. Für ein Intervall mit Proportion p
gilt somit p  p0i und man erhält somit für die Proportion p den Ausdruck
i 1200
p2 . (3.69)

Daraus ergibt sich umgekehrt für das Intervallmaß i der Ausdruck


log p
i  1200  . (3.70)
log 2
Wenn die Proportion p   2  1 eines Intervalls ein Verhältnis n2 n1 kleiner natür-
licher Zahlen ist, wird das Intervall als konsonant, andernfalls als dissonant be-
zeichnet. Konsonante Intervalle werden im Allgemeinen als wohlklingend empfun-
den. Das kann unter Anderem darauf zurückgeführt werden, dass für ein konsonan-
tes Intervall bei den beiden betrachteten Tönen mehrere ihrer Obertöne überein-
stimmen. Dies ist insbesondere für die Obertöne mit den verhältnismäßig niedrigen

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Frequenzen n2  1 und n1  2 der Fall. Für dissonante Intervalle treten hingegen bei
den beiden betrachteten Tönen zahlreiche Obertöne mit nahe benachbarten, jedoch
nicht übereinstimmenden Frequenzen auf. Dies verursacht störende Schwebungen
(siehe Kap. 3.2.2) und es entsteht die Empfindung, dass sich die beiden betrachte-
ten Töne aneinander „reiben“.
Konsonante Intervalle, deren Proportion p ein Verhältnis natürlicher Zahlen < 7 ist,
werden als harmonisch (rein) bezeichnet. In Tabelle 3.1 sind Bezeichnungen, so-
wie Proportionen p und Intervallmaße i aller harmonischen Intervalle bis zu einer
Oktave (Proportionen p  2 ) angegeben. Die Bezeichnungen der harmonischen In-
tervalle orientieren sich an den Hauptstufen der heptatonischen Tonleitern (siehe
Kap. 3.4.3). Neben der gr. Sext ist auch die kl. Sext gebräuchlich. Die kl. Sext hat
die Proportion p  8 5 , ist daher gemäß dem oben angeführten Kriterium kein
harmonisches Intervall, wird jedoch als konsonant angesehen.
Schließlich betrachten wir zwei Intervalle. Bei Relationen zwischen Intervallen
verwenden wir im Folgenden eine Schreibweise, bei der die Bezeichnung eines In-
tervalles gleichzeitig auch dessen Proportion p bedeutet. Differenzen zweier har-
monischer Intervalle können neuerlich auf harmonische Intervalle führen:
Oktave Oktave
 Quart  kl. Terz
Quint gr. Sext
gr. Sext Quint
 gr. Terz  kl. Terz .
Quart gr. Terz

Tab. 3.1: Harmonische und zugehörige gleichstufige Intervalle (siehe


Kap. 3.4.3). Bezeichnungen, Proportionen p und Intervallmaße i in Cent

Harmonisch Gleichstufig
Intervall
p i p i
Oktave 2 1200 2 1200
3
Quint 702 1.4983 700
2
4
Quart 498 1.3348 500
3
5
gr. Sext 884 1.6818 900
3
5
gr. Terz 386 1.2599 400
4
6
kl. Terz 316 1.1892 300
5

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Andererseits ergeben Differenzen harmonischer Intervalle auch wichtige zusätzli-


che Intervalle, die jedoch nicht harmonisch sind. Solche Differenzen harmonischer
Intervalle sind in Tabelle 3.2 angegeben.

Tab. 3.2: Differenzen harmonischer und zugehöriger gleichstufiger Intervalle.


Bezeichnungen, Proportionen p und Intervallmaße i in Cent.
Das syntonische Komma wird auch als didymisches Komma bezeichnet.

Harmonisch Gleichstufig
Intervall
p i p i
Quint 9
 gr. Ganzton 203.91
Quart 8
1.1225 200
Quart 10
 kl. Ganzton 182.404
kl. Terz 9
Quart 16
 gr. Halbton 111.73
gr. Terz 15
1.0595 100
gr. Terz 25
 kl. Halbton 70.672
kl. Terz 24
gr. Ganzton 81
 syntonisches Komma 21.506 - -
kl. Ganzton 80

3.4.3 Tonsysteme
Die Erfahrung zeigt, dass eine gewisse minimale Dauer eines Tones erforderlich ist,
damit die Tonhöhe des Tones physiologisch registriert werden kann. Daher werden
in der Musik im Wesentlichen nur Töne mit konstanten Tonhöhen aus vorgegebenen
diskreten Tonskalen verwendet. Folglich ist es notwendig, Tonskalen festzulegen.
Töne, die sich um eine Oktave (Intervall mit Proportion p  2 , siehe Tab. 3.1) unter-
scheiden, werden generell als gleichartig empfunden und somit auch gleich bezeich-
net. Daher ist es bei der Festlegung einer Tonskala ausreichend, die Tonskala über
den Bereich von einer Oktave zu definieren. Die Tonskala kann dann problemlos in
Oktavenschritten auf beliebig viele weitere Oktaven ausgeweitet werden. Um konso-
nante mehrstimmige Musik zu ermöglichen ist es wünschenswert, dass in der ge-
wählten Tonskala möglichst viele harmonische Intervalle auftreten. Schließlich ist es
wichtig, dass aufbauend auf unterschiedlichen Ausgangstönen in etwa gleicher Wei-
se musiziert werden kann. Es zeigt sich, dass keine Tonskala alle diese Bedingungen
simultan erfüllt und daher sind Kompromisse erforderlich.
Zunächst ist die Anzahl der Tonstufen innerhalb einer Oktave festzulegen. Diese
Festlegung ist etwa 500 v. Chr. erfolgt, als (nach einer Überlieferung) Pythagoras
entdeckte, dass 12 aneinandergereihte Quinten in guter Näherung ein Intervall von

187
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7 Oktaven ergeben. Dieser sogenannte Quintenzirkel erlaubt, wie in Abbildung


3.13 gezeigt, die Festlegung von 12 Tonstufen innerhalb einer Oktave. Allerdings
ergeben die 12 Quinten ein um das pythagoräische Komma

3 2 12  1.013643... 
74
7
(3.71)
2 73
größeres Intervall als die 7 Oktaven. Dem pythagoräischen Komma entspricht das
Intervallmaß i  23.46 Cent , es ist geringfügig größer als das syntonische Komma
(siehe Tab. 3.2) und kann bei geschultem Gehör deutlich wahrgenommen werden.
Daher ist das pythagoräische Komma bei der Festlegung von Tonleitern zu berück-
sichtigen. Um den Einfluss des pythagoräischen Kommas möglichst gering zu hal-
ten, werden jeweils 6 benachbarte Quintenintervalle in einem Abschnitt des Quin-
tenzirkels betrachtet (siehe Abb. 3.13). Im pentatonischen System werden damit 5
Tonstufen (schwarze Symbole), im heptatonischen System 7 Tonstufen (weiße
Symbole) festgelegt. Es sei darauf hingewiesen, dass die Tastatur eines Klavieres
(im Wesentlichen) 7 Oktaven bzw. 12 Quinten umfasst und dass es innerhalb einer
Oktave 5 schwarze und 7 weiße Tasten gibt. Dies entspricht dem in Abbildung 3.13
gezeigten Quintenzirkel.
Im Folgenden betrachten wir die Tonleitern im heptatonischen System. Es wer-
den 7 Hauptstufen (Stammtöne) in einem Abschnitt des Quintenzirkels gewählt.
Die Hauptstufe c wird als Ausgangston bestimmt. Zusätzlich zu den 7 Hauptstufen
werden noch 5 Nebenstufen (erhöhte oder erniedrigte Stammtöne) verwendet, die
je nach Umlaufsinn im Quintenzirkel (aufsteigend oder absteigend) im Allgemei-
nen etwas unterschiedliche Frequenzen aufweisen und unterschiedlich bezeichnet
werden (siehe Abb. 3.13). Diese Doppelbezeichnungen nennt man enharmonische
Verwechslungen. Somit werden insgesamt 12 Stufen innerhalb einer Oktave fest-
gelegt. Zwecks Festlegung der absoluten Tonhöhen wird die Hauptstufe a als
Normalstimmton mit Frequenz 440 Hz bestimmt.

Abb. 3.13: Quintenzirkel mit


7 Hauptstufen und 5 Nebenstufen.
Ausgangston c. Nebenstufen je
nach Umlaufsinn mit enharmoni-
schen Verwechslungen.
Die Nebenstufe hes wird traditi-
onsgemäß mit b bezeichnet.

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Pythagoräische c-Dur Tonleiter:


Bei der pythagoräischen Tonleiter werden die Tonstufen exakt entsprechend dem
Quintenzirkel bestimmt. Zur konkreten Berechnung der Tonstufen innerhalb einer
Oktave sind nach den jeweiligen Quintenschritten entsprechende Oktavsprünge
notwendig, um wieder zurück in dieselbe Oktave zu gelangen. Um beispielsweise
von c nach d zu gelangen, geht man 2 Quinten hinauf und 1 Oktave hinunter. Um
andererseits von e nach f zu gelangen, geht man 5 Quinten hinunter und 3 Oktaven
hinauf. Damit ergeben sich folgende Schritte im Quintenzirkel:
Quint 2 9
 gr. Ganzton  (3.72)
Oktave 8
Oktave 3 80 16 80
5
 gr. Halbton    . (3.73)
Quint 81 15 81
Man erhält durch geeignete Schritte im Quintenzirkel die Hauptstufen der pythago-
räischen c-Dur Tonleiter (siehe Abb. 3.14). Diese Tonleiter hat den Nachteil, dass
abgesehen von der Oktave nur 2 harmonische Intervalle (Quart, Quint) vorhanden
sind. Daher ist diese Tonleiter hauptsächlich für einstimmige Musik (z.B. Gregori-
anische Choräle) geeignet. Auch die Nebenstufen werden nach dem Quintenzirkel
bestimmt. Um beispielsweise von g nach gis zu gelangen, geht man 7 Quinten hin-
auf und 4 Oktaven hinunter. Um andererseits von a nach as zu gelangen, geht man
7 Quinten hinunter und 4 Oktaven hinauf. Man erkennt allgemein, dass die Neben-
stufen durch Erhöhung oder Erniedrigung der entsprechenden Hauptstufen um je-
weils das Intervall Quint 7 Oktave 4 = 2187/2048 mit dem Intervallmaß
i  113.685 Cent bestimmt werden. Zum Vergleich hat der gr. Ganzton  9 8 das
Intervallmaß i  203.91 Cent . Somit unterscheiden sich die enharmonisch verwechsel-
ten Nebenstufen um 203.91  2  113.685   23.46 Cent (pythagoräisches Komma).

Abb. 3.14:
Pythagoräische c-Dur
Tonleiter

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Natürliche c-Dur Tonleiter:


Um eine größere Anzahl harmonischer Intervalle zu erreichen, kann der Quinten-
zirkel modifiziert werden, indem unter Verzicht auf die reinen Quinten d-a, b-es
und cis-gis (siehe Abb. 3.13) diese Quinten im Quintenzirkel jeweils um den Faktor
80 81 verkleinert werden. Damit ergeben sich zusätzlich zu Gl. (3.72), (3.73) fol-
gende Schritte im Quintenzirkel:
80
Quint 2 
81  kl. Ganzton  10 (3.74)
Oktave 9
Oktave 3 16
 gr. Halbton  . (3.75)
80 15
Quint 5 
81

Analog wie bei der pythagoräischen Tonleiter erhält man durch geeignete Schritte
im modifizierten Quintenzirkel die Hauptstufen der natürlichen c-Dur Tonleiter
(siehe Abb. 3.15). Diese Tonleiter enthält eine größere Anzahl harmonischer Inter-
valle und ist daher besonders für mehrstimmige Musik (z.B. evangelische Kir-
chenmusik, weltliche Musik) geeignet.

Abb. 3.15: Natürliche c-Dur Tonleiter

An den Hauptstufen der natürlichen c-Dur Tonleiter orientieren sich die bereits frü-
her erwähnten Bezeichnungen für die harmonischen Intervalle (siehe Tab. 3.1):
3. Stufe (e): gr. Terz
4. Stufe (f): Quart
5. Stufe (g): Quint
6. Stufe (a): gr. Sext
8. Stufe = folgende 1. Stufe (c): Oktave.

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Auch die Nebenstufen werden analog wie bei der pythagoräischen Tonleiter nach
dem modifizierten Quintenzirkel bestimmt. Man erhält damit die Nebenstufen und
deren Relationen zu den entsprechenden Hauptstufen: Innerhalb eines kl.
Ganztonintervalls = 16/15 x 25/24 Erhöhung oder Erniedrigung um jeweils einen
kl. Halbton  25 24 , innerhalb eines gr. Ganztonintervalls  16 15  25 24  81 80 
Erhöhung oder Erniedrigung um jeweils einen kl. Halbton x 81/80
 25 24  81 80  135 128 . Damit ergibt sich für den Unterschied der enharmonisch
verwechselten Nebenstufen 41.06 Cent bzw. 19.55 Cent.
Unter Verwendung der Haupt- und Nebenstufen der natürlichen c-Dur Tonleiter
können auch auf anderen Ausgangstönen entsprechende Tonleitern aufgebaut wer-
den. Dabei sind dann allerdings die reinen Intervalle der natürlichen c-Dur Tonlei-
ter nur zum Teil enthalten. Die verschiedenen Tonarten haben dementsprechend
unterschiedliche Charakteristiken. f, c, g und d-Dur gelten als rein, strahlend und
festlich. Wenn sich der Ausgangston entlang des Quintenzirkels weiter von c ent-
fernt, klingen die Tonarten zunehmend schärfer (oder düsterer) und werden teilwei-
se auch als unbrauchbar angesehen.
Um auch bei auf anderen Ausgangstönen aufgebauten Tonleitern reine Intervalle zu
erreichen wären zusätzliche Tonstufen erforderlich. Reines Musizieren in beliebi-
gen Tonarten würde im Bereich einer Oktave insgesamt zumindest 26 Stufen erfor-
dern, Tasteninstrumente mit bis zu 53 Stufen pro Oktave (Mercator-Stimmung)
wurden entwickelt. Derartig viele Tonstufen pro Oktave haben sich für das Musi-
zieren mit Tasteninstrumenten als ungeeignet erwiesen.

Gleichstufige Tonleiter:
Um das Musizieren in beliebigen Tonarten ohne zusätzliche Stufen zu ermöglichen,
wurden unter Anderem von Werckmeister diverse weitere Modifikationen (Tempe-
rierungen) des Quintenzirkels vorgeschlagen. Bei einer häufig verwendeten Modi-
fikation des Quintenzirkels wird das pythagoräische Komma gleichmäßig auf alle
12 Quinten aufgeteilt. Damit erhält man die gleichstufige Tonleiter, bei der die Ok-
tave in 12 gleiche Halbtonintervalle mit der Proportion
p  12 2  1.059463... (3.76)
aufgeteilt wird. Einem solchen Halbtonintervall entspricht das Intervallmaß
i  100 Cent (siehe Tab. 3.2). Diese Tonleiter enthält abgesehen von der Oktave
kein (exaktes) harmonisches Intervall. Mit dieser Tonleiter kann in allen Tonarten
gleichermaßen musiziert werden. In Tabelle 3.3 können die Hauptstufen von py-
thagoräischer, natürlicher und gleichstufiger c-Dur Tonleiter miteinander vergli-
chen werden.
Bei der gleichstufigen Tonleiter gehen die Charakteristiken spezieller Tonarten zur
Gänze verloren. Zahlreiche Komponisten haben allerdings die speziellen Charakte-
ristiken verschiedener Tonarten als musikalisches Ausdrucksmittel verwendet. Da-

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mit die Charakteristiken spezieller, auf verschiedenen Ausgangstönen aufgebauter,


Tonleitern nicht verlorengehen, können durch verschiedene Temperierungen geeig-
nete Kompromisse zwischen der natürlichen und der gleichstufigen Tonleiter her-
gestellt werden.

Tab. 3.3: Hauptstufen der c-Dur Tonleiter.


Vergleich von Pythagoräischer, natürlicher und gleichstufiger Tonleiter.
Bezeichnungen, Proportionen p und Intervallmaße i in Cent

Pythagoräische Natürliche Gleichstufige


Hauptstufe Tonleiter Tonleiter Tonleiter
p i p i p i
c 1 0 1 0 1 0
d 1.125 204 1.125 204 1.1225 200
e 1.2656 408 1.25 386 1.2599 400
f 1.3333 498 1.3333 498 1.3348 500
g 1.5 702 1.5 702 1.4983 700
a 1.6875 906 1.6667 884 1.6818 900
h 1.8984 1110 1.875 1088 1.8877 1100
c 2 1200 2 1200 2 1200

Mit Hilfe der Beziehung

 temp   gl1 X  nat X (3.77)

kann für jede Tonstufe einer temperierten Tonleiter die Frequenz  temp bestimmt
werden, wobei  gl und  nat die Frequenzen der entsprechenden Tonstufen der
gleichstufigen und der natürlichen Tonleiter sind. Für die Nebenstufen der natürli-
chen Tonleiter werden dabei die geometrischen Mittelwerte der enharmonisch ver-
wechselten Frequenzen verwendet. Abhängig von der Wahl des Gewichtungs-
parameters X im Bereich zwischen 0 und 1 erhält man unterschiedliche Temperie-
rungen.

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4 Thermodynamik

4.1 Grundlagen
In den vorangehenden Kapiteln haben wir hauptsächlich einfache geordnete Sys-
teme betrachtet. Die Eigenschaften eines solchen Systems bzw. seiner Teilsysteme
können grundsätzlich vollständig angegeben werden. Die zeitliche Entwicklung
solcher Systeme kann durch Lösung der entsprechenden dynamischen Gleichungen
beschrieben werden. Eine Umkehrung der Zeitrichtung bei einem physikalischen
Vorgang führt im Fall einfacher geordneter Systeme auf Grund der Zeitumkehr-
invarianz der Grundgleichungen zu einem gleichermaßen möglichen physikali-
schen Vorgang.
In der Thermodynamik wenden wir uns nunmehr großen ungeordneten Systemen
zu, die aus vielen Teilsystemen (Atome, Moleküle) bestehen. Die detaillierten
„mikroskopischen“ Eigenschaften eines solchen Systems bzw. aller seiner Teil-
systeme bestimmen den mikroskopischen Zustand des Systems, können aber in der
Praxis nicht vollständig angegeben werden. So ist es im Allgemeinen unmöglich,
die Bewegungen aller Atome bzw. Moleküle eines makroskopischen Körpers
gleichzeitig quantitativ zu beschreiben. Durch Mittelwertbildung über die genann-
ten „mikroskopischen“ Systemeigenschaften können allerdings „makroskopische“
Eigenschaften des betrachteten großen ungeordneten Systems erhalten werden, die
einer direkten Beobachtung zugänglich sind. Diese Mittelwertbildung kann auf
zwei Arten erfolgen: Einerseits können die Eigenschaften eines Teilsystems (Mole-
küls) über ein gewisses Zeitintervall gemittelt werden (Zeitmittel), andererseits
können die Eigenschaften aller Teilsysteme (Moleküle) zu einem bestimmten Zeit-
punkt gemittelt werden (Scharmittel). Durch die makroskopischen Eigenschaften
eines großen ungeordneten Systems wird ein thermodynamischer Zustand dieses
Systems bestimmt. Ein solcher thermodynamischer Zustand kann im Allgemeinen
durch mehrere, oft sehr viele unterschiedliche mikroskopische Zustände realisiert
werden.
Zur konkreten Beschreibung großer ungeordneter Systeme erweist es sich als
zweckmäßig, von verschiedenen Annahmen auszugehen. Eine dieser Annahmen ist
die Ergodenhypothese:

Bei den in der Thermodynamik betrachteten makroskopischen Systemen stim-


men Zeitmittel und Scharmittel überein.

Eine weitere Voraussetzung ist die Annahme des molekularen Chaos:

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Orte und Geschwindigkeiten von Molekülen des betrachteten makroskopischen


Systems sind nicht miteinander korreliert.

Ferner wird die Gültigkeit des Postulats der gleichen a-priori-Wahrscheinlichkeit


angenommen:

Alle unterschiedlichen mikroskopischen Realisierungsmöglichkeiten eines


thermodynamischen Zustandes des betrachteten makroskopischen Systems sind
gleich wahrscheinlich.

Eine Umkehrung der Zeitrichtung bei einem physikalischen Vorgang führt auch im
Fall großer ungeordneter Systeme auf Grund der Zeitumkehrinvarianz der Grund-
gleichungen zu einem grundsätzlich ebenfalls möglichen physikalischen Vorgang.
Allerdings zeigt sich oft, dass die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines sol-
chen Vorganges praktisch verschwindet. Für große ungeordnete Systeme ergibt
sich daher in der Praxis eine einseitig gerichtete zeitliche Entwicklung (Irreversi-
bilität). Beispiele für irreversible physikalische Vorgänge sind die Durchmischung
zweier unterschiedlicher Gase auf Grund der Diffusion der Gasmoleküle, sowie der
Temperaturausgleich zwischen zwei Körpern unterschiedlicher Temperatur auf
Grund der Wärmeleitung.

4.2 Temperatur und Temperaturskalen


Zusätzlich zu den in der Mechanik verwendeten Größen wird in der Thermodyna-
mik eine neue physikalische Größe, die Temperatur, eingeführt. Die Temperatur
kann mit menschlichen Sinnesorganen qualitativ wahrgenommen werden und ist
daher der Anschauung unmittelbar zugänglich. Im Rahmen der Thermodynamik
werden daneben jedoch auch Größen, wie etwa die Entropie (siehe Kap. 4.7.6)
verwendet, für die kein menschliches Sinnesorgan vorhanden ist.
Die Temperatur ist eine Größe, die es ermöglicht, das thermodynamische
Gleichgewicht von Systemen zu charakterisieren:

Zwei Körper, die miteinander in Kontakt stehen, nehmen im Gleichgewicht stets


beide die gleiche Temperatur an.

Dies gilt auch für den Fall, dass die beiden Körper unterschiedliche Massen besit-
zen. Die Temperatur ist somit unabhängig von der Masse der betrachteten Körper.
Über die physikalische Interpretation des Begriffes Temperatur wird zunächst keine
konkrete Aussage gemacht.

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4.2.1 Temperaturmessung, Celsius-Skala


Es hat sich als zweckmäßig erwiesen, die Temperatur mit Hilfe verschiedener Fix-
punkte festzulegen. International weit verbreitet ist die Celsius-Skala, die ur-
sprünglich durch die folgenden zwei Fixpunkte festgelegt wurde: Die Temperatur
tC  0C beim Gefrierpunkt des Wassers, tC  100C beim Siedepunkt des Was-
sers unter dem Druck von 1.013 bar . Für Präzisionsmessungen der Temperatur
über einen weiten Temperaturbereich verwendet man als Fixpunkte Tripelpunkte
und Gefrierpunkte verschiedener Substanzen, wie etwa tC  259.3467C beim
Tripelpunkt von Wasserstoff, tC  0.01C beim Tripelpunkt von Wasser und
tC  1064.18C beim Gefrierpunkt von Gold. Die Dimension von tC lautet
tC   C  . Diese Temperatureinheit wird als Grad Celsius bezeichnet.
Zwischen den erwähnten Fixpunkten wird mit Hilfe von Temperaturmessgeräten
interpoliert. Zur quantitativen Messung der Temperatur benützt man den Umstand,
dass Festkörper, Flüssigkeiten und Gase temperaturabhängige Eigenschaften besit-
zen. Gase nehmen hinsichtlich ihrer thermischen Eigenschaften eine Sonderstellung
ein und werden daher im nachfolgenden Kapitel 4.2.2 separat behandelt.
Die Länge LtC  fester Körper zeigt in guter Näherung die lineare Temperaturab-
hängigkeit
LtC   L0   1    tC  , (4.1)
wobei  den linearen Ausdehnungskoeffizienten bezeichnet. Das Volumen
V tC  von Flüssigkeiten zeigt ein analoges Verhalten in der Form
V tC   V 0  1    tC  , (4.2)
wobei  den räumlichen Ausdehnungskoeffizienten bezeichnet. Weiters kann
die Temperaturabhängigkeit des elektrischen Widerstandes oder der elektrischen
Kontaktspannung von Metallen für Temperaturmessungen herangezogen werden.
Die Messung hoher Temperaturen kann durch Beobachtung der thermischen Strah-
lung (siehe Kap. 4.6.3.3) erfolgen.

4.2.2 Zustandsgleichung idealer Gase, Kelvin-Skala


Bei Experimenten mit Edelgasen und zahlreichen anderen Gasen hat sich gezeigt,
dass bei festgehaltener Temperatur in guter Näherung das Boyle-Mariotte’sche
Gesetz
p  V  const (4.3)
gilt, wobei p und V Druck und Volumen des betrachteten Gases bezeichnen. Bei
Experimenten mit festgehaltenem Volumen wurde andererseits festgestellt, dass für
den Druck ptC  über einen weiten Temperaturbereich in guter Näherung das Gay-
Lussac’sche Gesetz

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ptC   p0  1   p  tC  (4.4)

gilt, wobei der Wert des räumlichen Ausdehnungskoeffizienten  p  1 273.15 C 1


beträgt. Gase, bei denen Gl. (4.3) und (4.4) in guter Näherung erfüllt sind, werden als
ideale Gase bezeichnet. Auf der Grundlage von Gl. (4.4) kann aus Messungen des
Druckes eines idealen Gases bei festgehaltenem Volumen die Gastemperatur präzi-
se ermittelt werden (Gasthermometer). Da das Verhalten von idealen Gasen er-
fahrungsgemäß bis zu verhältnismäßig niedrigen Temperaturen unverändert bleibt
und keine Phasenübergänge beobachtet werden, erscheint es sinnvoll, Gl. (4.4) bis
zu niedrigen Temperaturen zu extrapolieren. Dabei erkennt man, dass bei der Tem-
peratur tC   1  p   273.15C der Druck ptC   0 wird. Es ist davon auszuge-
hen, dass man damit die niedrigstmögliche Temperatur erreicht hat. Bei
tC  273.15C wird dementsprechend der absolute Nullpunkt der Temperatur
angenommen. Daher ist es naheliegend, eine absolute Temperatur T derart zu de-
finieren, dass sie am absoluten Nullpunkt verschwindet:
T  tC  273.15 (4.5)
Die Dimension der absoluten Temperatur T lautet T   K  . Diese Temperaturein-
heit wird als Kelvin bezeichnet und Gl. (4.5) legt die Kelvin-Skala fest. Mit der
Definition gemäß Gl. (4.5) ist sichergestellt, dass die absolute Temperatur keine
negativen Werte annimmt. Temperaturdifferenzen haben in C und K stets den
gleichen Wert.
Mit Hilfe von Gl. (4.5) kann in Gl. (4.4) tC durch T ersetzt werden, und wir erhalten
pT  p273.15 K 

T 273.15 K
und somit
p
 const . (4.6)
T
Die experimentellen Relationen (4.3) und (4.6) werden sichtlich beide erfüllt, falls
p V
 const , (4.7)
T
wobei der Wert der Konstanten von der Menge des betrachteten Gases abhängig
sein wird.
Die Stoffmenge einer Substanz kann durch die Molzahl n charakterisiert werden.
Die absolute Basiseinheit 1 kmol ist diejenige Stoffmenge, die die gleiche Anzahl
von Molekülen enthält wie 12 kg des Kohlenstoff-Isotops 12C. Der Zusammenhang
von Molzahl n und Molekülanzahl N ist gegeben durch
n  NL  N , (4.8)

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wobei N L als Loschmidtkonstante (oder Avogadrokonstante) bezeichnet wird


und die Anzahl der Moleküle in 1 kmol angibt. Eine Möglichkeit zur experimentel-
len Bestimmung der Loschmidtkonstante wird in Kapitel 4.4.3 angegeben.
Experimente für verschiedene ideale Gase zeigen, dass die Konstante in Gl. (4.7)
unabhängig von der chemischen Zusammensetzung des Gases stets proportional
zur Molzahl n des betrachteten Gases ist. Folglich erhalten wir die Zustands-
gleichung für ideale Gase
p V  n  R  T , (4.9)
wobei R als allgemeine Gaskonstante bezeichnet wird. Messungen für unter-
schiedliche ideale Gase ergeben in guter Näherung stets den gleichen Wert
R  8.31 103 J kmol 1 K 1 . Durch Einsetzen der Molzahl n gemäß Gl. (4.8) ergibt
sich die Zustandsgleichung für ideale Gase in der Form
R
p V  N  T . (4.10)
NL
Aus Gl. (4.9) erkennt man, dass bei vorgegebenen Werten für Druck p und Tem-
peratur T das Volumen von 1 kmol eines idealen Gases unabhängig von der che-
mischen Zusammensetzung des Gases immer den selben Wert hat (Molvolumen).

4.3 Wärmemenge und mechanische Energie


Um die Temperatur eines Körpers um einen gewissen Betrag zu erhöhen, ist im
Allgemeinen die Zuführung einer bestimmten Wärmemenge erforderlich. Die
Größe dieser Wärmemenge ist erfahrungsgemäß proportional zur Masse des be-
trachteten Körpers. Wenn sich ein Körper auf einer gewissen Temperatur befindet,
dann geht man davon aus, dass er eine gewisse Wärmemenge beinhaltet, die eben-
falls proportional zur Masse des Körpers ist. Über die physikalische Interpretation
des Begriffes Wärmemenge wird zunächst keine konkrete Aussage gemacht. Zu-
nächst werde als absolute Basiseinheit 1 kcal verwendet, definiert als diejenige
Wärmemenge, die erforderlich ist, um die Temperatur einer Masse von 1 kg Wasser
um 1 K von 14.5 C auf 15.5 C zu erhöhen.
Die zur Erhöhung der Temperatur eines Körpers um T erforderliche Wärmemenge
Q kann ausgedrückt werden in der Form
Q    T , (4.11)
wobei  als Wärmekapazität des Körpers bezeichnet wird. Die Wärmekapazität
von 1 kg Wasser bei 15 C beträgt somit   1 kcal K .
Joule hat in seinem berühmten Experiment im Jahr 1845 einen direkten Zusam-
menhang von Wärmemenge und mechanischer Energie nachgewiesen.

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T  
F  m g

h

Abb. 4.1: Schematische Darstellung des Joule’schen Experimentes


zur Bestimmung des mechanischen Wärmeäquivalentes

Wie in Abbildung 4.1 schematisch dargestellt, bewirkt in diesem Experiment die


bei langsamem Absinken eines Fallgewichtsstückes mit Masse m längs der Strecke
h verrichtete Arbeit W  m  g  h auf Grund der Reibung eines rotierenden
Paddels in einer Flüssigkeit eine Erhöhung der Flüssigkeitstemperatur um T .
Somit wurde der Flüssigkeit gemäß Gl. (4.11) eine Wärmemenge Q    T zu-
geführt, wobei  die Wärmekapazität der Flüssigkeit ist. Als Ergebnis der Mes-
sungen ergibt sich der Zusammenhang
Q  KW  W , (4.12)
wobei KW als mechanisches Wärmeäquivalent bezeichnet wird. Unabhängig von
dem konkret betrachteten System ergeben die Experimente für KW stets den selben
Wert
kcal
KW  2.389 10  4 . (4.13)
J
Somit kann das mechanische Wärmeäquivalent KW als universelle Konstante auf-
gefasst werden und es erscheint sinnvoll, die mechanische Energie W und die
Wärmemenge Q als äquivalent anzusehen.
Der Reibungsvorgang des Paddels kann aufgefasst werden als Umsetzung der
Energie des geordneten Absinkens der Masse m in eine Erhöhung der kinetischen
Energie der ungeordneten Bewegung der Moleküle in der Flüssigkeit. Damit wird
die Wärmemenge als kinetische Energie der ungeordneten Bewegung der Moleküle
interpretiert. Somit werden Wärme und Energie als gleichartige Größen angesehen.
Dementsprechend erscheint es zweckmäßig, das mechanische Wärmeäquivalent
KW  1 zu setzen. Gemäß Gl. (4.13) wird damit 1 kcal von der absolute Basisein-
heit der Wärmemenge zu einer inkohärenten Energieeinheit:

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1 kcal  4185.8 J .
Folglich wird nun die Wärme als eine Energieform betrachtet. Dies führt zu einer
Erweiterung der Gültigkeit des Energieerhaltungssatzes in Form des 1. Hauptsatzes
der Thermodynamik (siehe Kap. 4.7.2).

4.4 Kinetik idealer Gase


Im Folgenden gehen wir von der Annahme aus, dass die materiellen Körper aus
Molekülen (oder Atomen) bestehen, die sich in ungeordneter Bewegung befinden.
Hinsichtlich ihrer Bewegung besitzen die Moleküle eines Körpers im Allgemeinen
mehrere Freiheitsgrade. Die Moleküle können sich grundsätzlich in den 3 Raum-
richtungen translatorisch bewegen, und somit besitzt jedes Molekül im Allgemei-
nen 3 Freiheitsgrade der Translation. Außerdem können viele Moleküle auch um
bis zu 3 unterschiedliche Achsen rotieren und somit bis zu 3 Freiheitsgrade der Ro-
tation besitzen. Darüber hinaus können auf Grund von Molekülschwingungen zu-
sätzliche Freiheitsgrade auftreten. Rotationen und Schwingungen von Molekülen
werden jedoch nur angeregt, wenn die jeweils erforderliche Anregungsenergie er-
reicht wird. Andernfalls treten die entsprechenden Freiheitsgrade nicht auf. Für die
Bewegung von Molekülen gilt unter sehr allgemeinen Voraussetzungen:

Im Gleichgewicht ist die Energie der Moleküle im Mittel auf alle ihre Freiheits-
grade gleichmäßig verteilt.

Wie erwähnt nehmen Gase hinsichtlich ihrer thermischen Eigenschaften eine Son-
derstellung ein. Es hat sich gezeigt, dass das Verhalten von Edelgasen sowie zahl-
reicher anderer Gase über weite Temperaturbereiche in guter Näherung durch die
Zustandsgleichung (4.9) beschrieben wird. Gase, die diese Eigenschaft aufweisen,
werden als ideale Gase bezeichnet (siehe Kap. 4.2). Wir werden nun die Eigen-
schaften idealer Gase auf Grund der Kinetik der Molekularbewegung beschreiben.
Dazu machen wir mehrere idealisierende Voraussetzungen. Um zu einer realisti-
scheren Beschreibung von Gasen zu gelangen, werden wir in weiterer Folge einige
dieser Voraussetzungen schrittweise fallen lassen.

4.4.1 Kinetische Berechnung des Gasdruckes


Wir betrachten ein ideales Gas, das in einem Gefäß eingeschlossen ist, und be-
rechnen im Folgenden den Druck, den das Gas auf die ebenen Gefäßwände ausübt.
Zur Berechnung dieses Gasdruckes machen wir folgende idealisierende Voraus-
setzungen:
(1) Die Moleküle verhalten sich wie harte elastische Kugeln
(2) Molekulare Wechselwirkungen treten nur bei Zusammenstößen von Molekülen
auf

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(3) Die Größe der Moleküle ist vernachlässigbar gegen den mittleren Abstand der
Moleküle
(4) Das Eigenvolumen der Moleküle ist vernachlässigbar gegen das Volumen des
betrachteten Systems.
Unter diesen Voraussetzungen können die Gasmoleküle als Massenpunkte ohne
innere Struktur angesehen werden, und jedes Molekül besitzt somit lediglich 3
Freiheitsgrade der Translation.
Wenn ein Gasmolekül an einer ebenen Gefäßwand elastisch reflektiert wird, dann
 
wird sich sein Impuls p ändern, wobei die Impulsänderung p senkrecht auf die
Wand gerichtet ist. Auf Grund der Impulserhaltung wird somit auch eine gleich
große und entgegengerichtete Impulsänderung der Gefäßwand hervorgerufen und
es erfolgt damit eine Impulsübertragung auf die Gefäßwand. Während des laufen-
den Auftreffens von Gasmolekülen auf die Gefäßwand wird dementsprechend lau-
fend Impuls auf die Wand übertragen, und der insgesamt zur Wand transportierte

Impuls ptrans wird somit laufend zunehmen. Gemäß dem 2. Newton’schen Axiom

entspricht diese Zunahme von ptrans einer auf die Gefäßwand wirkenden Kraft
 dp
F  trans (4.14)
dt
(Impulsfluss). Für den senkrecht auf die Gefäßwand wirkenden Druck erhalten wir
folglich
1 dp
p   trans (4.15)
A dt
(Impulsflussdichte), wobei ptrans den Betrag des insgesamt während der Zeit t zur
Gefäßwand transportierten Impulses und A die Wandfläche bezeichnet.


v
A

v t

x
Abb. 4.2: Zur Berechnung des Gasdruckes auf eine ebene Gefäßwand

200
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Zur konkreten Berechnung des Druckes p , der senkrecht auf die ebene Gefäßwand
mit Fläche A wirkt, ist es erforderlich, den während der Zeit t zur Wand übertra-
genen Impuls ptrans zu ermitteln. Dazu wählen wir ein kartesisches Koordinaten-
system derart, dass eine Koordinatenebene parallel zu der betrachteten Gefäßwand
liegt. Wir gehen davon aus, dass näherungsweise je ein Drittel aller Gasmoleküle
sich parallel zu einer der drei Koordinatenachsen bewegen. Somit bewegen sich in
dieser Näherung ein Sechstel aller Gasmoleküle senkrecht in Richtung auf die be-
trachtete Gefäßwand hin. Wenn wir annehmen, dass die Moleküle sich mit der Ge-
schwindigkeit v auf die Gefäßwand hin bewegen, dann werden in der Zeit t ein
Sechstel aller Moleküle auf der Gefäßwand mit Fläche A auftreffen, die sich in
dem in Abbildung 4.2 gezeigten Quader mit Volumen v  t  A befinden.
Somit kann die gesamte Stoßzahl auf die Fläche A während der Zeit t näherungs-
weise ausgedrückt werden in der Form
1 N
Z  v t  A (4.16)
6 V
wobei N die Molekülanzahl im betrachteten System und V das Systemvolumen
bezeichnet. n  N V ist die Molekülanzahldichte. Beim senkrechten Auftreffen ei-
nes einzelnen Gasmoleküls mit Masse m auf die betrachtete Gefäßwand wird der
Impuls 2 m  v auf die Gefäßwand übertragen. Somit ergibt sich der insgesamt wäh-
rend der Zeit t an die Wand übertragene Impuls zu
ptrans  2 m  v  Z . (4.17)

Nunmehr erhalten wir den instantanen Druck p aus Gl. (4.15) durch Einsetzen
gemäß Gl. (4.17), (4.16):
1
p   n  m  v2 . (4.18)
3

Durch Mittelwertbildung über die verschiedenen Molekülgeschwindigkeiten erhal-


ten wir schließlich die Grundgleichung von Bernoulli für den von einem idealen
Gas auf die Gefäßwand ausgeübten Druck p
1
p n  m  v2 , (4.19)
3
wobei n  N V die Molekülanzahl pro Volumseinheit und m die Masse eines
Gasmoleküls ist. Wie erwähnt, haben wir den Ausdruck (4.19) unter Verwendung
idealisierender Voraussetzungen abgeleitet. Insbesondere wurde angenommen, dass
die Moleküle des betrachteten Gases lediglich 3 Freiheitsgrade der Translation,
jedoch keine Rotations- oder Schwingungsfreiheitsgrade besitzen.

201
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4.4.2 Kinetische Definition der Temperatur


Die Grundgleichung von Bernoulli versetzt uns nunmehr in die Lage, für den Fall
der idealen Gase eine molekularkinetische Interpretation der absoluten Temperatur
zu geben. Aus Gl. (4.19) erhalten wir durch Multiplikation mit dem Systemvolu-
men V wegen n  V  N

2 m  v2
p V   N  . (4.20)
3 2
Wegen der für die Gültigkeit der Grundgleichung von Bernoulli vorausgesetzten
Abwesenheit von Rotations- und Schwingungsfreiheitsgraden teilt sich die gesamte
kinetische Energie eines Gasmoleküls lediglich auf die 3 Translationsfreiheitsgrade
auf, und somit gilt für die gesamte mittlere kinetische Energie eines Gasmoleküls

m  v2
Ekin  . (4.21)
2

Damit erhalten wir aus Gl. (4.20) unmittelbar


2
p V  N  E kin . (4.22)
3
Vergleich dieser Beziehung mit der Zustandsgleichung idealer Gase in der Form
(4.10) zeigt, dass die absolute Temperatur proportional zur mittleren kinetischen
Energie eines Gasmoleküls ist. Es wird folgender Ansatz für die mittlere kineti-
sche Energie eines Gasmoleküls gemacht:
3
E kin  k T , (4.23)
2
wobei k als Boltzmannkonstante bezeichnet wird. Durch Einsetzen in Gl. (4.22)
erhalten wir
p V  N  k  T . (4.24)

Diese Gleichung stimmt überein mit der Zustandsgleichung idealer Gase, Gl.
(4.10), wobei sich die folgende Beziehung der verschiedenen auftretenden Kon-
stanten ergibt:
R
k . (4.25)
NL

Die allgemeine Gaskonstante R kann aus Experimenten für verschiedene ideale


Gase bestimmt werden (siehe Kap. 4.2.2). Im anschließenden Kapitel 4.4.3 wird die
Brown’sche Bewegung behandelt, die eine experimentelle Bestimmung der Boltz-
mannkonstanten k gestattet.
Gl. (4.23) erlaubt zwei wesentliche Verallgemeinerungen:

202
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Erste Verallgemeinerung:
Der Ansatz (4.23) wurde unter der Voraussetzung gemacht, dass die Moleküle des
betrachteten Gases lediglich 3 Freiheitsgrade der Translation besitzen. Wie erwähnt
verteilt sich im Gleichgewicht die Energie jedes Moleküls im Mittel gleichmäßig
auf alle seine Freiheitsgrade. Die mittlere kinetische Energie eines Moleküls pro
1
Freiheitsgrad beträgt somit k  T . Damit gelangen wir zur folgenden molekular-
2
kinetischen Definition der absoluten Temperatur T :

1
k  T  mittlere kinetische Energie eines Moleküls pro Freiheitsgrad. (4.26)
2

Als Folgerung ergibt sich der Gleichverteilungssatz (Äquipartitionstheorem):

Im Gleichgewicht bei der Temperatur T besitzt jeder Freiheitsgrad im


1
Mittel die gleiche Energie k  T .
2

In Verallgemeinerung des Ansatzes (4.23) ergibt sich somit:

Die mittlere kinetische Energie eines Moleküls mit f Freiheitsgraden


beträgt
f (4.27)
E kin   k  T .
2

Zweite Verallgemeinerung:
Wir haben bisher den Ansatz (4.23) und entsprechend die Definition der absoluten
Temperatur (4.26) nur auf den Fall idealer Gase angewendet. In der Thermodyna-
mik wird jedoch die Gültigkeit der Temperaturdefinition (4.26) auf beliebige Kör-
per erweitert.

4.4.3 Brown’sche Bewegung


In den vorangehenden Kapiteln wurde gezeigt, dass eine molekularkinetische Be-
schreibung idealer Gase zu quantitativer Übereinstimmung mit der Zustands-
gleichung idealer Gase führt. Dies allein kann allerdings nicht als experimentelle
Bestätigung der Molekularhypothese angesehen werden.
Brown hat 1827 in Wasser suspendierte kleine Teilchen beobachtet und dabei un-
regelmäßige Zitterbewegungen festgestellt. In Gasen suspendierte kleine Teilchen
zeigen analoge Bewegungen. Diese sogenannte Brown’sche Bewegung kann mit
statistischen Stößen von Molekülen mit den suspendierten Teilchen in Verbindung

203
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gebracht werden. Unabhängig voneinander gelang Einstein 1905 und Smolu-


chowski 1906 eine quantitative Interpretation der Brown’schen Bewegung.
Im Folgenden betrachten wir ein in einem Fluid mit Zähigkeit  suspendiertes
kugelförmiges Teilchen mit Masse m und Radius a . Es wirke keine äußere Kraft.
Eine übersichtliche Beschreibung der Bewegung dieses Teilchens unter dem Ein-
fluss molekularer Stöße kann in folgender Weise erfolgen: Die Auswirkung der
Molekülzusammenstöße auf das betrachtete Teilchen wird mit Hilfe einer auf das

Teilchen wirkenden, zeitlich stark fluktuierenden Kraft F * t  beschrieben. Das
Teilchen bewegt sich als Folge der molekularen Stöße relativ zu dem betrachteten

Medium mit der Geschwindigkeit v . Folglich wirkt auf das Teilchen außerdem

eine Reibungskraft FR . Diese Reibungskraft kann ausgedrückt werden in der Form
 
v
FR  , wobei B die Beweglichkeit des Teilchens bezeichnet. Auf Grund des 2.
B
Newton’schen Axioms erhalten wir somit die Bewegungsgleichung für das betrach-
tete Teilchen, die sogenannte Langevin-Gleichung
 
dv v *
m    F t  . (4.28)
dt B
 
Zum Zeitpunkt t  0 befinde sich das Teilchen am Ort r  0 . Zur Charakterisie-
rung der Verschiebung des Teilchens im Laufe der Beobachtungszeit t betrachten

wir den Mittelwert r 2 des Verschiebungsquadrates. Um dieses mittlere Ver-

schiebungsquadrat zu berechnen, multipliziert man Gl. (4.28) mit r und geht dann
 
zum Mittelwert über. Wir nehmen an, dass r und F * t  unkorreliert sind, und so-
 
mit ist der Mittelwert r  F *  0 . Der Gleichverteilungssatz liefert die Ersetzung
1  2 3
m r  kT . Damit erhält man nach einigen Umformungen für Beobachtungs-
2 2
zeiten t  m  B und somit für den stationären Zustand die Lösung

r 2  6 k T  B  t . (4.29)

Die Beweglichkeit des betrachteten Teilchens mit dem Radius a in einer Flüssig-
keit ist gemäß dem Stokes’schen Gesetz in guter Näherung gegeben durch
1
B (4.30)
6     a
und somit resultiert aus Gl. (4.29) für das mittlere Verschiebungsquadrat der
Ausdruck
 k T
r2  t . (4.31)
   a

204
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Diese berühmte Gleichung zeigt, dass das mittlere Verschiebungsquadrat nur linear
mit der Beobachtungszeit zunimmt. Dieses Verhalten wird durch Experimente bestä-
tigt. Außerdem erlauben experimentelle Beobachtungen der Brown’schen Bewegung
eine quantitative Bestimmung der Boltzmannkonstanten k  1.38  10 23 J K . Mit
Hilfe von Gl. (4.25) erhält man damit auch den Wert der Loschmidtkonstanten
N L  6.022  1026 kmol 1 .
Die quantitativen Beobachtungen der Brown’schen Bewegung zusammen mit deren
konkreter molekularkinetischer Deutung haben wesentlich zur Akzeptanz der
Molekularhypothese beigetragen.

4.4.4 Maxwell-Boltzmann’sche Geschwindigkeitsverteilung


Bei der molekularkinetischen Beschreibung von Gasen haben wir bisher hauptsäch-
lich Mittelwerte verschiedener Größen betrachtet. Für das Verhalten der betrachteten
Systeme sind aber neben den Mittelwerten auch statistische Schwankungen und zu-
fällige Fluktuationen von großer Bedeutung. Daher wenden wir uns nunmehr der sta-
tistischen Verteilung der Geschwindigkeiten der Moleküle eines idealen Gases zu.
Die Verteilung einer Größe u auf die verschiedenen Moleküle eines Gases kann
beschrieben werden durch eine Verteilungsfunktion f u  derart, dass
dP  f u   du (4.32)
denjenigen Bruchteil von der Gesamtanzahl N aller Gasmoleküle angibt, bei denen
die betrachtete Größe zwischen u und u  du liegt. Folglich ist
dN  N  f u   du (4.33)
die Anzahl der Gasmoleküle, bei denen die betrachtete Größe zwischen u und
u  du liegt. Da jedem Gasmolekül irgendein Wert der Größe u zukommt, folgt
für die Verteilungsfunktion f u  die Normierungsbedingung


 f (u ) du  1 . (4.34)


Zur Ermittlung der Geschwindigkeitsverteilung in einem idealen Gas betrachten


wir dieses Gas bei konstanter Temperatur T in einem homogenen Gravitationsfeld
mit Gravitationsfeldstärke g . Der Gasdruck p in Abhängigkeit von der Höhe z
kann mit Hilfe der barometrischen Höhenformel, Gl. (2.281), ausgedrückt werden
in der Form
  gz
p( z )  p0  exp   0 . (4.35)
 p0 
Aus der Zustandsgleichung idealer Gase, Gl. (4.24), erhalten wir die Relationen
p  nkT und   pm / kT , wobei m die Masse eines Gasmoleküls und n   m

205
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die Anzahl der Gasmoleküle pro Volumseinheit (Molekülanzahldichte) bezeichnet.


Mit Hilfe dieser Relationen erhalten wir aus Gl. (4.35) den Ausdruck
 m g  z 
n( z )  n0  exp   (4.36)
 k T 
für die Molekülanzahldichte n des betrachteten Gases in Abhängigkeit von der Höhe
z . Hätten die Gasmoleküle keine kinetische Energie, dann würden sie unter der Wir-
kung des Gravitationsfeldes zu Boden fallen und das Gas würde verschwinden. Als
Modell zur Erklärung der stationären Dichteverteilung gemäß Gl. (4.36) nehmen wir
nun an, dass die Moleküle in Bodennähe ( z  0 ) auf Grund ihrer thermischen Ener-
gie solche senkrechte Geschwindigkeitskomponenten vz haben, sodass ihre kineti-
sche Energie m v z2 / 2  m g z es ihnen gerade ermöglicht, bis zur jeweiligen Höhe z
aufzusteigen. Auf Grund der gegebenen Höhenverteilung, Gl. (4.36), wird daher in
Bodennähe für die Verteilungsfunktion der Geschwindigkeiten gelten:
 mv z 2 
f (v z )  exp  kT  . (4.37)
 2 
 
Um die Normierungsbedingung (4.34) zu erfüllen, ist ein Normierungsfaktor erfor-
derlich, und die Verteilungsfunktion für die Geschwindigkeitskomponente vz
lautet somit
1
 m 2  mv 2 
f v z   dv z     exp  z kT   dv z . (4.38)
 2 kT   2 
 
Diese symmetrische Gaußfunktion ist in Abbildung 4.3 für mehrere Temperaturen
gezeigt.

f (v z )

100 K

300 K

Abb. 4.3: Verteilungsfunkti-


onen für die z -Komponente
1000 K
der Geschwindigkeit von
Gasmolekülen bei ver-
 1000 0 1000 vz [m / s ] schiedenen Temperaturen

206
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Falls sich das betrachtete Gas in einem abgeschlossenen Volumen befindet und die
Wirkung äußerer Kräfte vernachlässigbar ist, dann ist das System isotrop. In die-
sem Fall sind die Verteilungsfunktionen für die drei Geschwindigkeitskomponenten
vx , v y , vz gleich, und das Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten für vx , v y , vz lie-

fert die Verteilungsfunktion für den Geschwindigkeitsvektor v in der Form
3
  m 2  mv 2 
f (v )  dv x  dv y  dv z     exp  kT   dv x  dv y  dv z , (4.39)
 2 kT   2 
 

wobei v 2  vx2  v 2y  vz2 . Häufig wird lediglich die Verteilungsfunktion für den Be-
trag v der Molekülgeschwindigkeiten benötigt. In diesem Fall muss über eine Ku-
gelschale mit Volumen 4   v 2  dv im Geschwindigkeitsraum integriert werden,
und wir erhalten die Maxwell-Boltzmann’sche Geschwindigkeitsverteilung
3
 m 2  mv 2 
f v   dv     4 v 2  exp  kT   dv . (4.40)
 2 kT   2 
 

In Abbildung 4.4 ist diese unsymmetrische Verteilungsfunktion für verschiedene


Temperaturen gezeigt. Der Definitionsbereich dieser Funktion umfasst naturgemäß
nur positive Werte des Geschwindigkeitsbetrages v .

f (v )

100 K

300 K

1000 K

0 400 800 1200 1600 v [m / s]

Abb. 4.4: Verteilungsfunktionen für den Betrag der Geschwindigkeit


von Gasmolekülen bei verschiedenen Temperaturen

Man erkennt aus Gl. (4.40), dass für sehr kleine Werte des Geschwindigkeitsbetra-
ges v die Verteilungsfunktion f v  vom Faktor v 2 bestimmt wird, während für
große Werte von v die Exponentialfunktion dominiert.

207
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Für f v  gemäß Gl. (4.40) können die folgenden speziellen Geschwindigkeiten be-
rechnet werden:
Wahrscheinlichste Geschwindigkeit:
2 k T
vW  (4.41)
m
Mittlere Geschwindigkeit:
8 k T 2
v    vW (4.42)
 m 
Mittleres Geschwindigkeitsquadrat:
3 k T 3
v2    vW . (4.43)
m 2

Die Lage dieser speziellen Geschwindigkeiten relativ zur Geschwindigkeitsvertei-


lungsfunktion ist in Abbildung 4.5 gezeigt. Für Stickstoff bei 300 K liegen diese
Geschwindigkeiten zwischen etwa 400 und 500 m s .

f (v)
v
vW v2

0 400 800 1200 v [m / s ]


Abb. 4.5: Lage verschiedener Geschwindigkeitsmittelwerte relativ zur
Verteilungsfunktion für den Betrag der Molekülgeschwindigkeiten

Aus dem Ausdruck (4.43) für das mittlere Geschwindigkeitsquadrat ergibt sich
unmittelbar die Beziehung m v 2 2  3 2 kT in Übereinstimmung mit Gl. (4.23).
Die Maxwell-Boltzmann’sche Geschwindigkeitsverteilung erlaubt Aussagen dar-
über, wie viele Moleküle mit Geschwindigkeiten im Schwanzbereich der Vertei-
lungsfunktion oberhalb der Geschwindigkeitsmittelwerte in dem betrachteten Gas
208
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anzutreffen sind (siehe Abb. 4.5). Damit kann abgeschätzt werden, bei wie vielen
Molekülen die Möglichkeit besteht, beispielsweise
 durch Herausschlagen von Elektronen Stoßionisation auszulösen,
 durch Nukleation Molekülcluster zu bilden,
 durch Fluktuationen chemische Reaktionen hervorzurufen.

4.4.5 Mittlere freie Weglänge


Im vorangehenden Kapitel haben wir die Geschwindigkeiten von Gasmolekülen
und ihre Verteilung betrachtet. Nun wenden wir uns noch der Frage zu, längs wel-
cher Weglängen die Moleküle in einem Gas überhaupt frei fliegen können, bevor
sie mit einem anderen Gasmolekül zusammenstoßen.

Bei der Untersuchung dieser Frage ist die Voraussetzung wichtig, dass die betrach-
teten Gasmoleküle sich wie harte elastische Kugeln mit Radien ri verhalten. Für
den Stoß zweier Kugeln mit Radien r1 und r2 ist der Stoßquerschnitt  gegeben
durch (siehe Abb. 4.6)
    r1  r2 2 (4.44)

Stoßquerschnitt

r1

r2

Abb. 4.6: Zur Definition des Stoßquerschnittes zweier


kugelförmiger Gasmoleküle

Wir nehmen zunächst an, dass sich ein einzelnes Gasmolekül durch eine ruhende
Population von Gasmolekülen mit Teilchenzahldichte n hindurchbewegt. An die-
sem bewegten Gasmolekül sei die Stoßquerschnittsfläche  angeheftet gedacht.
Die ruhenden Gasmoleküle werden punktförmig angenommen. Wenn das bewegte
Gasmolekül die Strecke x zurücklegt, dann überstreicht der angeheftete Stoßquer-
schnitt einen zylindrischen Kanal mit Volumen   x . Falls 1 ruhendes punktförmi-
ges Gasmolekül in diesem zylindrischen Kanal liegt, dann hat ein Stoß stattgefunden.
Das bewegte Gasmolekül hat dann gerade die mittlere freie Weglänge  zurückge-
legt. Somit gilt n      1 und folglich

209
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1
 (4.45)
n 
Berücksichtigt man die Bewegung der bisher als ruhend gedachten punktförmigen
Moleküle, erhält man aus Gl. (4.45) einen genaueren Ausdruck für die mittlere
freie Weglänge:
1
 (4.46)
2  n 

Für Luft bei einer Temperatur von 273 K und einem Druck von 1 bar liegt die
mittlere freie Weglänge bei etwa 60 nm .
Im Fall von Gasmolekülen, die nicht wie harte elastische Kugeln beschrieben wer-
den können, sondern deren Wechselwirkung durch ein anderes Wechselwirkungs-
potenzial charakterisiert wird, ist die präzise Definition der mittleren freien Weg-
länge komplizierter.

4.5 Wärmekapazität
Im Folgenden betrachten wir die gesamte kinetische und potenzielle Energie der Mo-
leküle eines Körpers bei ihrer ungeordneten Molekularbewegung. Diese Gesamt-
energie wird als innere Energie U des Körpers bezeichnet. Die im vorigen Kapitel
beschriebene molekularkinetische Interpretation der absoluten Temperatur eines
Körpers erlaubt grundsätzlich die Bestimmung der inneren Energie dieses Körpers.
Wir wenden uns der Frage zu, welche Wärmemenge Q einem Körper zugeführt
werden muss, um eine bestimmte Temperaturänderung T zu bewirken. Der be-
trachtete Körper habe N Moleküle der Masse  , sein Molekulargewicht ist
M    N L , wobei N L die Loschmidt-Konstante bezeichnet. Der Körper hat die
Masse m    N und die Molzahl n  N N L  m M . Für die dem Körper zuge-
führte Wärmemenge Q machen wir die Ansätze
Q  m  c  T , (4.47)
Q  n  C  T , (4.48)

wobei c als spezifische Wärmekapazität (spezifische Wärme) und C  M  c als


molare Wärmekapazität (Molwärme) bezeichnet wird.
Für normale Materie, bestehend aus Elektronen und Atomkernen, haben Lieb und
Lebowitz unter Berücksichtigung der Natur der Wechselwirkungskräfte im Rahmen
der Quantenmechanik gezeigt, dass die spezifische Wärme positiv ist. Im Einklang
mit der experimentellen Erfahrung steigt demnach die Temperatur normaler Mate-
rie bei Wärmezufuhr an, bei Wärmeabgabe nimmt die Temperatur ab. Normale
Materie ist folglich thermodynamisch stabil.

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Bei kosmischen Körpern, die von der Gravitation dominiert sind, zeigt sich aller-
dings, dass Energieabgabe im Allgemeinen zu einer Erhöhung der Temperatur
führt und demnach zeigen solche Körper negative spezifische Wärme. Bei Sternen,
die stark von Gravitation dominiert sind, führt dieses Verhalten zu katastrophalen
Instabilitäten. W. Thirring hat in einem speziellen Modell für einen gewissen Ener-
giebereich die Existenz negativer spezifischer Wärme nachgewiesen. Mit Hilfe von
Computersimulationen wurde später für von Gravitation dominierte Körper das
Auftreten negativer spezifischer Wärme bestätigt.
Im Folgenden beschränken wir uns auf die thermischen Eigenschaften normaler
Materie. Auf Grund der unterschiedlichen Bewegungsformen der Moleküle zeigen
Gase und Festkörper unterschiedliches Verhalten und werden daher getrennt be-
handelt.

4.5.1 Wärmekapazität von idealen Gasen


Wir betrachten ein ideales Gas mit N Molekülen und dementsprechend mit der
Molzahl n  N N L . In idealen Gasen besteht zwischen den Gasmolekülen abgese-
hen von elastischen Stößen keine Wechselwirkung. In Abwesenheit äußerer Kräfte
haben die Gasmoleküle folglich nur kinetische und keine potenzielle Energie. Da-
her entspricht jedem der f Freiheitsgrade der Bewegung eines Moleküls lediglich
die gemäß der Definition der absoluten Temperatur (Gl. (4.26)) bestimmte mittlere
1
kinetische Energie k T . Die Moleküle des betrachteten idealen Gases haben somit
2
nur Freiheitsgrade der kinetischen Energie und keine Freiheitsgrade der potenziel-
len Energie (siehe Kap. 4.5.2). Die gesamte Energie der ungeordneten Molekular-
bewegung und somit die innere Energie U des idealen Gases kann daher ausge-
drückt werden in der Form
f
U   k T  N , (4.49)
2
wobei f die Anzahl der Freiheitsgrade der Gasmoleküle ist. Unter Berücksichti-
gung von N  n  N L und k  R N L ergibt sich daraus
f
U  R T  n . (4.50)
2

Aus Gl. (4.49), (4.50) erkennt man, dass für eine vorgegebene Menge eines be-
stimmten idealen Gases die innere Energie U ausschließlich von der Temperatur T
abhängig ist. Bei realen Gasen (siehe Kap. 4.8) haben die Gasmoleküle allerdings
auf Grund ihrer gegenseitigen Anziehungskraft neben ihrer kinetischen auch eine
potenzielle Energie, und somit ist die innere Energie realer Gase zusätzlich auch
vom Gasvolumen abhängig.

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Wir betrachten im Folgenden eine Wärmezufuhr Q zu dem untersuchten idealen


Gas und die daraus resultierende Temperaturerhöhung T . Zunächst betrachten
wir Wärmezufuhr bei konstantem Gasvolumen V . In diesem Fall wird keine
mechanische Arbeit verrichtet, und somit wird gemäß Energieerhaltungssatz die
zugeführte Wärmemenge Q zur Gänze in eine Zunahme U der inneren Energie
verwandelt. Folglich erhalten wir mit Hilfe von Gl. (4.50)
f
Q  U   R  n  T . (4.51)
2
Vergleich mit der Definition der Molwärme gemäß Gl. (4.48) liefert den Ausdruck
f
CV  R (4.52)
2
für die Molwärme eines idealen Gases mit f Freiheitsgraden bei konstantem
Volumen. Experimente zeigen allerdings, dass CV im Allgemeinen mit geringer
werdender Temperatur schrittweise abnimmt (siehe Abb. 4.7). Dieser Umstand kann
darauf zurückgeführt werden, dass auf Grund der Quantisierung verschiedener Frei-
heitsgrade solche Freiheitsgrade bei niedrigeren Temperaturen nicht mehr angeregt
und somit „eingefroren“ werden. Diese Beobachtungen sind ein wesentlicher ex-
perimenteller Hinweis auf die Gültigkeit quantenmechanischer Gesetzmäßigkeiten.

CV
N2
4R

3R

2R

0
0 200 400 600 800 1000 T [K ]
Abb. 4.7: Molwärme eines idealen Gases (Stickstoff) bei konstantem Volumen

Nunmehr betrachten wir Wärmezufuhr bei konstantem Gasdruck p . In diesem


Fall erfolgt während der Wärmezufuhr eine Volumszunahme V des betrachteten
Gases und das Gas verrichtet somit eine mechanische Arbeit  W . Die Arbeit
 W wird folglich von dem Gas abgeführt. Gemäß Energieerhaltungssatz wird al-
so die zugeführte Wärmemenge Q zum Teil in die von dem betrachteten Gas ver-

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richtete Arbeit  W und zum anderen Teil in eine Zunahme U der inneren
Energie verwandelt. Folglich erhalten wir mit Hilfe von Gl. (4.50)
f
Q  U  W   R  n  T  W . (4.53)
2
Die auf Grund der Volumszunahme V bei konstantem Druck p von dem Gas ver-
richtete Arbeit  W kann gemäß Abbildung 4.8 durch die Bewegung eines Kol-
bens mit Fläche A um eine Strecke s unter dem Einfluss der Kraft F  p  A dar-
gestellt werden in der Form
 W  F  s  p  A  s  p  V . (4.54)

A s


p F

Abb. 4.8: Zur Berechnung der von einem Gas verrichteten Arbeit
auf Grund einer Volumszunahme bei konstantem Druck

Gemäß der Zustandsgleichung für ideale Gase (4.9) erhalten wir bei konstantem
Druck p für die Volumsänderung V bei Temperaturänderung T die Beziehung
p  V  n  R   T . (4.55)
Aus Gl. (4.54) und (4.55) erhalten wir
 W  n  R  T (4.56)
und durch Einsetzen in Gl. (4.53) folgt
f 
Q  n    R  R   T . (4.57)
2 
Vergleich mit der Definition der Molwärme gemäß Gl. (4.48) liefert den Ausdruck
f 2
Cp  R (4.58)
2
für die Molwärme eines idealen Gases mit f Freiheitsgraden bei konstantem
Druck. Mit Hilfe von Gl. (4.52) und (4.58) erhalten wir die wichtigen Relationen
C p  CV  R , (4.59)

213
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Cp f 2
  . (4.60)
CV f

Mit Hilfe von Gl. (4.60) kann aus Messungen von C p und CV die Anzahl f der
Freiheitsgrade ermittelt werden. Der Adiabatenindex   C p CV ist auch bei der
Beschreibung adiabatischer Prozesse von Bedeutung (siehe Kap. 4.7.3.4).
Im Allgemeinen können bei mehratomigen Gasmolekülen zusätzlich zu den Frei-
heitsgraden der Translation und Rotation auch Freiheitsgrade von inneren Schwin-
gungen der Gasmoleküle auftreten. Bei Molekülschwingungen treten neben kine-
tischen auch potenzielle Energien auf, die bei der Ermittlung der gesamten inneren
Energie des Gases berücksichtigt werden müssen. Bei den üblicherweise betrachte-
ten Labortemperaturen werden Freiheitsgrade innerer Molekülschwingungen kaum
angeregt, im vorliegenden Kapitel wurden innere Molekülschwingungen daher
außer Acht gelassen.

4.5.2 Wärmekapazität fester Körper


Wir betrachten einen homogenen, einatomigen festen Körper mit N Atomen und
dementsprechend mit der Molzahl n  N N L . Die Festkörperatome vollführen im
Allgemeinen in allen 3 Raumrichtungen Schwingungsbewegungen um eine ent-
sprechende feste Gleichgewichtslage, während Rotationsbewegungen üblicher-
weise nicht möglich sind. Neben der kinetischen Energie tritt bei Festkörperatomen
somit auch eine potenzielle Energie auf, wobei die Mittelwerte der kinetischen und
der potenziellen Energie gleich groß sind. Der Schwingungsbewegung in jeder der
3 Raumrichtungen entspricht somit eine mittlere kinetische und eine mittlere poten-
zielle Energie, die jeweils den Wert (1 2)  kT haben, in Summe also die doppelte
mittlere Energie. Um eine einheitliche Beschreibung zu ermöglichen, ordnet man
der Schwingung eines Atoms in einer der 3 Raumrichtungen im Allgemeinen 2
Freiheitsgrade zu, einen der kinetischen und einen der potenziellen Schwingungs-
energie. Diese Festlegung ist konsistent mit dem Äquipartitionstheorem (siehe Kap.
4.4.2).
Festkörperatome, die in allen 3 Raumrichtungen schwingen, haben folglich im All-
gemeinen 3 Freiheitsgrade der kinetischen Energie und weitere 3 Freiheitsgrade der
potenziellen Energie, also insgesamt 6 Freiheitsgrade. Im Einklang mit dem Äqui-
partitionstheorem entspricht jedem dieser Freiheitsgrade die gleiche mittlere Ener-
gie (1 2)  kT . Die gesamte Energie der Atome bei ihrer ungeordneten Bewegung
und somit die innere Energie U des festen Körpers kann daher ausgedrückt wer-
den in der Form
U  3 k T  N . (4.61)
Unter Berücksichtigung von N  n  N L und k  R N L ergibt sich daraus

214
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U  3 R T  n . (4.62)
Wir betrachten im Folgenden eine Wärmezufuhr Q zu dem betrachteten festen
Körper und die daraus resultierende Temperaturerhöhung T . Während der Wär-
mezufuhr wird das Volumen V des festen Körpers praktisch unverändert bleiben. In
diesem Fall wird keine mechanische Arbeit verrichtet, und somit wird gemäß Ener-
gieerhaltungssatz die zugeführte Wärmemenge Q zur Gänze in eine Zunahme U
der inneren Energie verwandelt. Folglich erhalten wir mit Hilfe von Gl. (4.62)
Q  U  3  R  n  T . (4.63)
Vergleich mit der Definition der Molwärme gemäß Gl. (4.48) liefert den als
Dulong-Petit’sche Regel bezeichneten Ausdruck
CV  3  R (4.64)
für die Molwärme eines einatomigen festen Körpers mit 6 Freiheitsgraden bei
konstantem Volumen.
Für mehratomige feste Körper ergibt sich als Folgerung aus der Dulong-Petit’schen
Regel die Neumann-Kopp’sche Regel:

Die Molwärme eines mehratomigen Festkörpers ist die Summe der Molwärmen
der Einzelkomponenten.

Die Dulong-Petit’sche Regel gilt nur näherungsweise und nur für hinreichend hohe
Temperaturen. Experimente zeigen, dass CV im Allgemeinen mit geringer werden-
der Temperatur abnimmt (siehe Abb. 4.9). Dieser Umstand kann darauf zurückge-
führt werden, dass einige Freiheitsgrade bei niedrigeren Temperaturen nicht mehr
angeregt und somit „eingefroren“ werden. Bei Annäherung an den absoluten Null-
punkt nimmt die Molwärme gemäß dem Debye’schen Gesetz ab:
CV  T 3 . (4.65)
CV

3R

2R Pb Cu

R
Abb. 4.9: Molwärmen
einatomiger Festkörper
als Funktionen der
0
0 100 200 T [K ] Temperatur
215
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4.6 Transportvorgänge
Bisher haben wir hauptsächlich Systeme im thermodynamischen Gleichgewicht be-
trachtet. Nunmehr wenden wir uns Systemen zu, bei denen auf Grund der räumli-
chen Inhomogenität einer Größe irreversible Nichtgleichgewichtsvorgänge auftre-
ten, die den Transport dieser oder einer anderen Größe bewirken. Die Berechnung
der Stromdichte der jeweils transportierten Größe kann mit Hilfe phänomenologi-
scher Gleichungen unter Verwendung entsprechender Transportkoeffizienten erfol-
gen. Wir betrachten den Transport von Impuls, Masse (Moleküle, Teilchen) und
Wärme (kinetische Energie) in festen Körpern, Flüssigkeiten und Gasen. Für die
Transportkoeffizienten liegen bezüglich einer Vielzahl unterschiedlicher Stoffe ex-
perimentelle Werte vor. Bei Gasen können für die Transportkoeffizienten auch nä-
herungsweise theoretische Ausdrücke angegeben werden, deren Gültigkeit jedoch
auf Systeme mit Lineardimension >> mittlere freie Weglänge der Gasmoleküle
(Kontinuumsbereich) eingeschränkt ist. Im Fall des Wärmetransportes betrachten
wir neben der Wärmeleitung auf Grund einer räumlichen Inhomogenität der Tem-
peratur zusätzlich auch konvektiven Wärmetransport und Wärmestrahlung.

4.6.1 Impulstransport
Wir betrachten ein zähes Fluid zwischen zwei waagrechten parallelen ebenen Plat-
ten mit festem Abstand (siehe Abb. 4.10). Die untere Platte ruht, die obere Platte
bewegt sich relativ zur unteren Platte in waagrechter Richtung mit der konstanten

Geschwindigkeit v0 . Senkrecht auf die Platten wählen wir die z -Achse eines karte-
sischen Koordinatensystems. Zwischen den beiden Platten bildet sich eine Fluid-

strömung aus, bei der die Strömungsgeschwindigkeit v in Richtung der z -Achse
zunimmt. Damit besteht eine räumliche Inhomogenität der Strömungsgeschwindig-

keit v , die einen Transport des Impulses in der Richtung bewirkt, in der die Strö-
mungsgeschwindigkeit abnimmt.

z

v0


v
 
jp jp

Abb. 4.10: Zum Impulstransport bei


räumlicher Inhomogenität der
Strömungsgeschwindigkeiten in
einem zähen Fluid

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Der Impulstransport kann durch die Impulsstromdichte j p charakterisiert werden,

deren Betrag den Impuls angibt, der pro Zeiteinheit durch eine (auf j p senkrechte)

Flächeneinheit hindurchtritt. Der Betrag der Impulsstromdichte j p auf Grund der

räumlichen Inhomogenität der Strömungsgeschwindigkeit v kann ausgedrückt
werden mit Hilfe der phänomenologischen Gleichung
v
jp   , (4.66)
z
wobei der Transportkoeffizient  als Zähigkeit bezeichnet wird. Die Dimension
von  ergibt sich zu [ ] = [ kg m 1 s 1 ]. Durch den Impulstransport wird eine Kraft

F auf die Platten ausgeübt, deren Betrag gegeben ist durch
v
F   A , (4.67)
z
wobei A die Plattenfläche bezeichnet (siehe auch Gl. (2.306)). Die Zähigkeit 
von Gasen kann näherungsweise ausgedrückt werden durch
1
  nmv , (4.68)
3
wobei m die Masse eines Gasmoleküls, n die Teilchenzahldichte, v die mittlere
Geschwindigkeit und  die mittlere freie Weglänge der Gasmoleküle bezeichnet.
Gemäß Gl. (4.45), (4.46) erkennt man, dass n    const und somit ist die Gas-
zähigkeit unabhängig vom Gasdruck. Da andererseits v mit der Temperatur zu-
nimmt, wächst auch die Gaszähigkeit  mit steigender Temperatur. Die Zähigkeit
von Flüssigkeiten hingegen sinkt mit steigender Temperatur.

4.6.2 Massetransport
Wir betrachten ein Fluid, das in einer ruhenden Mischung mit anderen Fluiden in
verschiedenen räumlichen Bereichen unterschiedliche Konzentrationen aufweist.
Es besteht somit eine räumliche Inhomogenität der Molekülanzahldichte n des be-
trachteten Fluides, die einen Transport der Moleküle in der Richtung bewirkt, in der
die Anzahldichte der betrachteten Fluidmoleküle abnimmt. Dieser Transportvor-
gang wird als Diffusion bezeichnet. Diffusion kann durch die Teilchenstromdichte

jn charakterisiert werden, deren Betrag die Anzahl der Teilchen (Moleküle) angibt,

die pro Zeiteinheit durch eine (auf jn senkrechte) Flächeneinheit hindurchtreten.

Die Teilchenstromdichte jn auf Grund der räumlichen Inhomogenität der Mole-
külanzahldichte n kann ausgedrückt werden mit Hilfe einer phänomenologischen
Gleichung, dem Fick’schen Gesetz

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jn   D  grad n , (4.69)
wobei der Transportkoeffizient D als Diffusionskoeffizient bezeichnet wird. Die
Dimension von D ergibt sich zu [ D ] = [ m2 s 1 ]. Der Diffusionskoeffizient D von
Gasen kann näherungsweise ausgedrückt werden durch
1
D  v , (4.70)
3
wobei v die mittlere Geschwindigkeit und  die mittlere freie Weglänge der Gas-
moleküle bezeichnet.
Falls die Teilchenzahl erhalten ist, gilt die Kontinuitätsgleichung
n 
 div  jn  . (4.71)
t
Daraus erhalten wir mit Hilfe des Fick’schen Gesetzes (4.69) die Diffusions-
gleichung
n
 D  n , (4.72)
t
die sich im stationären Fall auf die Potenzialgleichung
n  0 (4.73)
reduziert.
Wir betrachten jetzt den Fall, dass Teilchen (Moleküle), etwa auf Grund chemi-
scher Reaktionen, in das betrachtete System gelangen, ohne durch die Systemober-
fläche hineinzudiffundieren. Die Ergiebigkeit der Quellen derartiger externer Teil-
chen wird durch die Teilchenquelldichte
 next
 (4.74)
t
charakterisiert, wobei next die Anzahldichte der externen Teilchen ist. Die Konti-
nuitätsgleichung (4.71) ist in diesem Fall um einen Quellterm zu ergänzen und es
ergibt sich
n 
  div jn   . (4.75)
t

Daraus erhalten wir mit Hilfe des Fick’schen Gesetzes (4.69) die Diffusions-
gleichung mit Quellterm
n
 D   n  , (4.76)
t
die sich im stationären Fall auf die Gleichung

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n   (4.77)
D
reduziert.
Im Folgenden betrachten wir als spezielles Beispiel Lösungen eines Stoffes in ei-
nem flüssigen Lösungsmittel. Die oben beschriebenen Gesetzmäßigkeiten sind
auch auf den Massetransport durch Diffusion von Molekülen in den erwähnten
flüssigen Lösungen anwendbar. Es zeigt sich, dass es poröse Wände gibt, die für
die (kleineren) Moleküle des flüssigen Lösungsmittels durchlässig, für die (größe-
ren) Moleküle des gelösten Stoffes jedoch undurchlässig sind. Solche Wände bzw.
Membranen werden als semipermeable Membranen bezeichnet. Interessante
Verhältnisse liegen vor, wenn ein Behälter mit semipermeablen Wänden betrach-
tet wird, der mit einer flüssigen Lösung gefüllt und von reinem Lösungsmittel
umgeben ist (siehe Abb. 4.11). In diesem Fall besteht sichtlich im Bereich der
semipermeablen Wände ein Gradient der Molekülanzahldichte des gelösten Stof-
fes und folglich auch ein entsprechender entgegengesetzt orientierter Konzentrati-
onsgradient des Lösungsmittels. Diese Gradienten geben Anlass zu Diffusions-
vorgängen. Einerseits wird reines Lösungsmittel in den Innenraum des Behälters
hinein diffundieren. Andererseits würden die Moleküle des gelösten Stoffes aus
dem Innenraum des Behälters heraus diffundieren, auf Grund der semipermeablen
Eigenschaften der Behälterwände ist dies jedoch nicht möglich. Somit erfolgt eine
Nettodiffusion des Lösungsmittels aus dem Außenraum durch die semipermeab-
len Behälterwände in den Innenraum des Behälters. Diesen Vorgang bezeichnet
man als Osmose.

reines Lösungsmittel

Lösung

semipermeable Membran
Abb. 4.11: Zum osmotischen Druck auf Grund der Diffusion
durch eine semipermeable Membran

219
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Die Diffusion des Lösungsmittels führt zu einem Druckanstieg im Behälter, dem


sogenannten osmotischen Druck. Für den osmotischen Druck posm gilt das van’t
Hoff’sche Gesetz
posm  V  vSt  R  T (4.78)
wobei vSt die Molzahl des gelösten Stoffes im Behälter und V das Behältervolu-
men bezeichnen. Man erkennt, dass der osmotische Druck gerade dem Gasdruck
entspricht, den die Moleküle des gelösten Stoffes in der Gasphase auf die Behälter-
wände ausüben würden.
Der Massetransport durch Osmose kann in zahlreichen Systemen beobachtet wer-
den und hat vielfältige Anwendungen. Die Dialyse bei Nierenkranken etwa beruht
auf Osmose. Die Wände biologischer Zellen sind semipermeabel und der Stoff-
wechsel von Zellen wird durch Osmose mitbestimmt. Gegenüber reinem Wasser
sind biologische Zellen hypertonisch und blähen sich auf. Daher wird etwa bei
Operationen zur Flüssigkeitskompensation nicht reines Wasser, sondern eine isoto-
nische Lösung (physiologische Kochsalzlösung, 9 g  NaCl in Wasser) verwendet.
Gegenüber höher konzentrierten Lösungen andererseits schrumpfen biologische Zel-
len und trocknen aus. Darauf beruht etwa die Konservierung von Lebensmitteln
durch hohen Zusatz von Zucker oder Kochsalz, wodurch eine Austrocknung von
Bakterien bewirkt wird.

4.6.3 Wärmetransport
Wärme kann in ruhenden Medien durch Wärmeleitung auf Grund molekularer
Stöße transportiert werden. In bewegten Medien wird Wärme durch Konvektion
übertragen. Auch bei Abwesenheit materieller Medien kann durch Strahlung
Transport von Wärmeenergie erfolgen.

4.6.3.1 Wärmeleitung
Wir betrachten einen ruhenden Körper, der in verschiedenen räumlichen Bereichen
unterschiedliche Temperaturen aufweist. Es besteht somit eine räumliche Inhomo-
genität der Temperatur T des betrachteten Körpers, die auf Grund molekularer
Stöße einen Transport von Wärme in der Richtung bewirkt, in der die Temperatur
des Körpers abnimmt. Dieser Transportvorgang wird als Wärmeleitung bezeich-

net. Wärmeleitung kann durch die Wärmestromdichte j charakterisiert werden,

deren Betrag die Wärmemenge angibt, die pro Zeiteinheit durch eine (auf j senk-

rechte) Flächeneinheit hindurchtritt. Die Wärmestromdichte j auf Grund der räum-
lichen Inhomogenität der Temperatur T kann ausgedrückt werden mit Hilfe einer
phänomenologischen Gleichung, dem Fourier’schen Gesetz

j    grad T , (4.79)

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wobei der Transportkoeffizient  als Wärmeleitfähigkeit bezeichnet wird. Die Di-


mension von  ergibt sich zu [  ] = [W K 1 m 1 ]. Die Wärmeleitfähigkeit  von
Gasen kann näherungsweise ausgedrückt werden durch
1
    cv , (4.80)
2
wobei  die Zähigkeit und cv die spezifische Wärme bei konstantem Volumen be-
zeichnet. Gemäß Gl. (4.52) erkennt man, dass cv von Dichte und Druck des Gases
unabhängig ist und somit ist ebenso wie die Gaszähigkeit  auch die Wärmeleit-
fähigkeit  unabhängig vom Gasdruck. Erst unterhalb von Drücken, bei denen die
mittlere freie Weglänge  die Gefäßdimension erreicht, nimmt  mit p ab. Darauf
beruht die wärmeisolierende Wirkung von Vakuum-Mantelgefäßen (Dewar-
Gefäßen).
Gemäß Definition der spezifischen Wärme c , Gl. (4.47), gilt für ein kleines Teil-
volumen V des betrachteten Körpers mit Masse   V
Q  c    V  T (4.81)
und daraus erhalten wir
1 dQ T
 c  . (4.82)
V dt t

In Abwesenheit externer Wärmequellen wird eine Zunahme des Wärmeinhalts Q


des Volumens V ausschließlich durch den in das Volumen V eintretenden
Wärmestrom hervorgerufen, und es gilt somit
dQ 
  V  div j . (4.83)
dt
Mit Hilfe von Gl. (4.83) ergibt sich aus Gl. (4.82)
T 
c   div j . (4.84)
t

Daraus erhalten wir mit Hilfe des Fourier’schen Gesetzes (4.79) die Wärme-
leitungsgleichung
T 
  T , (4.85)
t c
die sich im stationären Fall auf die Potenzialgleichung
T  0 (4.86)
reduziert. Der Faktor  c    in Gleichung (4.85) wird als Temperaturleitwert be-
zeichnet und hat die Dimension [ m 2 s 1 ].

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Wir betrachten jetzt den Fall, dass Wärmeenergie, etwa mit Hilfe eines elektrischen
Heizdrahtes, in das betrachtete System gelangt, ohne mittels Wärmeleitung durch
die Systemoberfläche hineinzufließen. Die Ergiebigkeit derartiger externer Wärme-
quellen wird durch die Wärmequelldichte
1 dQext
  (4.87)
V dt
charakterisiert, wobei Qext der von externen Wärmequellen verursachte Wärmein-
halt des Volumens V ist. Gl. (4.84) ist in diesem Fall durch einen Quellterm zu
ergänzen und es ergibt sich
T 
c    div j   . (4.88)
t

Daraus erhalten wir mit Hilfe des Fourier’schen Gesetzes (4.79) die Wärme-
leitungsgleichung mit Quellterm
T  
  T  , (4.89)
t c   c

die sich im stationären Fall auf die Gleichung



T   (4.90)

reduziert.

4.6.3.2 Wärmetransport durch Konvektion


In Fluiden kann Wärme zusätzlich zur Wärmeleitung auch durch Konvektions-
bewegungen transportiert werden. Die dabei auftretenden Wärmestromdichten
können die durch Wärmeleitung bewirkten oft erheblich übersteigen. Konvektions-
bewegungen in Fluiden können durch lokale Temperatur- und folglich Dichteunter-
schiede und den dadurch bewirkten Auftrieb ausgelöst werden. Dabei entstehen
oftmals komplizierte Strömungsformen, und in bestimmten Situationen entsteht
eine Strömungsstruktur aus annähernd polygonalen Zellen, die als Bénardzellen
bezeichnet werden.
Zur Vermeidung von konvektivem Wärmetransport ist es zweckmäßig, die Hohl-
räume, in denen sich das betrachtete Fluid befindet, hinreichend klein zu halten.
Mit Hilfe poröser Materialien kann somit konvektiver Wärmetransport weitgehend
vermieden und folglich gute Wärmedämmung erzielt werden. Die Anwendung von
Doppelfenstern zur Verbesserung der Wärmeisolierung beruht ebenfalls auf der
Unterdrückung konvektiven Wärmetransportes, wobei jedoch der Abstand der bei-
den parallelen Glasscheiben hinreichend klein gewählt werden muss. Zum effekti-
ven Betrieb von Heizungs- und Kühlanlagen ist andererseits ausreichender konvek-

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tiver Wärmetransport von großer Bedeutung. Auch meteorologische Vorgänge


werden stark durch konvektive Wärmeübertragung beeinflusst.

4.6.3.3 Wärmestrahlung
Wärmeleitung und konvektiver Wärmetransport sind an materielle Medien gebun-
den. Wärmetransport kann jedoch auch bei Abwesenheit materieller Medien durch
elektromagnetische Strahlung erfolgen.
Jeder Körper sendet auf Grund der thermischen Molekularbewegung elektromagne-
tische Strahlung aus, die auch als Wärmestrahlung bezeichnet wird. Wenn diese
Strahlung auf einen anderen Körper einfällt, so kann an der Oberfläche dieses Kör-
pers ein gewisser Anteil der einfallenden Strahlung absorbiert werden. Dieser An-
teil wird als Absorptionsgrad  des Körpers bezeichnet.
Wir betrachten einen Körper im thermischen Strahlungsgleichgewicht mit seiner
Umgebung. Je höher der Absorptionsgrad  dieses Körpers ist, desto stärker muss
folglich auch die Strahlungsemission dieses Körpers sein, damit das thermische
Strahlungsgleichgewicht aufrechterhalten werden kann. Somit ergibt sich das
Kirchhoff’sche Strahlungsgesetz:

Bei einem Körper im thermodynamischen Gleichgewicht entsprechen einander


Absorption und Emission von Strahlung. Je höher der Absorptionsgrad  eines
Körpers ist, desto stärker ist auch die Strahlungsemission dieses Körpers.

Die Erdatmosphäre ist etwa im sichtbaren Spektralbereich weitgehend transparent,


zeigt also keine nennenswerte Absorption. Somit erfolgt auch kaum thermische
Emission im sichtbaren Spektralbereich. In verschiedenen anderen Wellenlängen-
bereichen tritt jedoch verhältnismäßig intensive Absorption durch atmosphärische
Spurengase (Wasserdampf, Kohlendioxid, Ozon) auf. Gemäß dem Kirchhoff’schen
Strahlungsgesetz erfolgt somit auch eine ebenso intensive thermische Emission in
den gleichen Wellenlängenbereichen (Treibhauseffekt).
Ein Körper mit Absorptionsgrad   1 absorbiert einfallende Strahlung vollständig
und erscheint daher schwarz. Gemäß dem Kirchhoff’schen Strahlungsgesetz wird
bei diesem Körper somit auch maximale Strahlungsemission erfolgen. Ein ideal
schwarzer Körper kann in guter Näherung durch einen Hohlraum mit kleiner
Öffnung in den Außenraum realisiert werden. Dementsprechend wird ein solcher
Hohlraum auch maximale Strahlungsemission aufweisen. Diese Strahlung des
schwarzen Körpers wird daher als Hohlraumstrahlung bezeichnet. Im Folgenden
beschränken wir uns auf die Beschreibung der Emission von Hohlraumstrahlung.
Wir betrachten einen würfelförmigen Hohlraum, der elektromagnetische Hohl-
raumstrahlung im thermischen Gleichgewicht enthält. Es können sich im Gleich-
gewicht nur stehende Wellen ausbilden, und die gesamte Hohlraumstrahlung setzt
sich daher aus diskreten Schwingungszuständen zusammen. Die Anzahl möglicher

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Schwingungszustände nimmt mit steigenden Frequenzen zu, weil es sichtlich für


Wellen mit kürzeren Wellenlängen mehr Möglichkeiten gibt, sich in den Hohlraum
einzupassen. Jeder der Schwingungszustände kann als harmonischer Oszillator auf-
gefasst werden, der gemäß dem Gleichverteilungssatz (siehe Kap. 4.4.2) die mittle-
re kinetische Energie kT 2 und die mittlere potenzielle Energie kT 2 , insgesamt
also die mittlere Energie kT hat. Detaillierte Rechnung ergibt für die Energiedichte
der Hohlraumstrahlung im Frequenzintervall [ ,   d ] das Rayleigh-Jeans-
Gesetz
8
  , T   d  3  k  T  2  d (4.91)
c

Es zeigt sich, dass dieses Gesetz für große Wellenlängen und entsprechend kleine
Frequenzen gut mit den experimentellen Befunden übereinstimmt. Die Voraussage
einer mit zunehmender Frequenz stets quadratisch zunehmenden Energiedichte er-
weist sich jedoch als falsch und führt zu einer unendlich großen totalen Energie-
dichte der Hohlraumstrahlung („Ultraviolett-Katastrophe“). Dies ist darauf zu-
rückzuführen, dass im Modell von Rayleigh-Jeans über alle Frequenzen integriert
unendlich viele Schwingungszustände möglich sind und auch angeregt werden.
Um zu einer brauchbaren Beschreibung der spektralen Energiedichte der Hohl-
raumstrahlung zu gelangen, machte Planck eine Annahme, die als Planck’sche
Quantenhypothese bezeichnet wird:

Ein elektromagnetischer Oszillator der Frequenz  kann nur mit einer Mindest-
energie h oder mit ganzzahligen Vielfachen davon angeregt werden.

Die von Planck als „Hilfskonstante“ eingeführte Größe h hat die Dimension Ener-
gie  Zeit = Wirkung, sie ist eine universelle Konstante und wird als Planck’sches
Wirkungsquantum bezeichnet. Auf Grund der Planck’schen Quantenhypothese
können Schwingungszustände, deren Mindestenergie h deutlich über der ther-
misch zur Verfügung gestellten Energie k T liegt, nicht angeregt werden und blei-
ben somit „eingefroren“. Lediglich Schwingungszustände mit niedrigerer Mindest-
energie h , also kleineren Frequenzen, können die angebotene thermische Energie
aufnehmen und werden dadurch angeregt. Eine solche Beschränkung kann im
Rahmen der klassischen Elektrodynamik nicht begründet werden, die Rechtferti-
gung erfolgt ausschließlich auf Grund des Erfolges bei der Beschreibung experi-
menteller Daten. Die Planck’sche Quantenhypothese wird als Ausgangspunkt der
Quantenmechanik angesehen (siehe Kap. 8.1).
Ausgehend von der Quantenhypothese hat Planck unter Anwendung der statisti-
schen Mechanik für die Energiedichte der Hohlraumstrahlung im Frequenzintervall
[ ,   d ] das Planck’sche Strahlungsgesetz

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8 1
  , T   d  3
 h  3  h
 d (4.92)
c
e kT 1
abgeleitet. Die Energiedichte der Hohlraumstrahlung gemäß dem Planck’schen
Strahlungsgesetz ist in Abhängigkeit von der Wellenlänge in Abbildung 4.12 für
verschiedene Temperaturen dargestellt. Zum Vergleich ist auch die Energiedichte
gemäß dem Rayleigh-Jeans-Gesetz gezeigt.

sichtbarer
Spektrale Energiedichte [105 Jm-3µm-1]

12 Wellenlängenbereich

Planck
Rayleigh-Jeans

8 5777 K

4000 K
4

3000 K

0
0 1 2 3  [ m]
Abb. 4.12: Spektrale Energiedichte der Hohlraumstrahlung als Funktion
der Wellenlänge bei verschiedenen Temperaturen

Das Planck’sche Strahlungsgesetz gibt die experimentellen Ergebnisse über den ge-
samten beobachteten Wellenlängenbereich präzise wieder. Im Gegensatz zum Ra-
yleigh-Jeans-Gesetz durchläuft die spektrale Energiedichte der Hohlraumstrahlung
gemäß dem Planck’schen Strahlungsgesetz bei abnehmender Wellenlänge bzw. zu-
nehmender Frequenz ein Maximum und geht anschließend gegen 0. Die Ultravio-
lett-Katastrophe wird dadurch vermieden, dass die höherfrequenten elektromagneti-
schen Schwingungszustände, die grundsätzlich im Hohlraum existieren könnten,
wegen ihrer hohen Anregungsschwelle durch die verfügbare thermische Energie
nicht angeregt werden können und daher nicht zur Energiedichte der Hohlraum-
strahlung beitragen. Dies verursacht zu höheren Frequenzen hin wieder eine Ab-
nahme der spektralen Energiedichte, und die Gesamtenergiedichte bleibt endlich.
Erst durch die Planck’sche Quantenhypothese ist somit eine brauchbare Darstellung
der Energiedichte der Hohlraumstrahlung möglich. Quantitativer Vergleich mit

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experimentellen Ergebnissen liefert für das Planck’sche Wirkungsquantum den


Wert h  6.626  1034 J s . Einstein hat in weiterer Folge die Teilchennatur elektro-
magnetischer Wellen postuliert, was zum Welle-Teilchen-Dualismus geführt hat
(siehe Kap. 8.1).
Es zeigt sich, dass die Sonnenstrahlung in guter Näherung einer Hohlraumstrahlung
für eine Temperatur von 5777 K entspricht. Bemerkenswerterweise befindet sich
der für den Menschen sichtbare Spektralbereich gerade beim Strahlungsmaximum
der Sonnenstrahlung. Der erhebliche ultraviolette Anteil der Sonnenstrahlung wird
(glücklicherweise) größtenteils von der Ozonschicht der Erdatmosphäre ausgefiltert.
Der Glühdraht herkömmlicher Glühlampen hat eine Temperatur von der Größen-
ordnung 3000 K . Das zugehörige Strahlungsmaximum liegt bei einer Wellenlänge
von etwa 1 m im nahen Infrarot. Den Umgebungstemperaturen von etwa 300 K
entspricht ein Strahlungsmaximum bei Wellenlängen um 10 m im fernen Infrarot.
In diesem Spektralbereich arbeiten Nachtsichtgeräte.
Durch Zufall haben Penzias und Wilson 1964 eine aus dem Weltraum einfallende
elektromagnetische Strahlung im Mikrowellenbereich entdeckt, die als kosmische
Hintergrundstrahlung bezeichnet wird. Präzisionsmessungen der spektralen
Energiedichte der kosmischen Hintergrundstrahlung ergeben mit hoher Genauigkeit
Übereinstimmung mit dem Planck’schen Strahlungsgesetz für eine Temperatur von
(gegenwärtig) 2.725 K . Diese Wärmestrahlung kann mit dem Urknall und der da-
rauf folgenden Expansion des Weltalls in Verbindung gebracht werden, und sie
stellt einen wichtigen experimentellen Hinweis auf die Gültigkeit der Urknallhypo-
these dar.
Der Verlauf der Energiedichte der Hohlraumstrahlung als Funktion der Frequenz
bzw. Wellenlänge ist nur von der Temperatur abhängig. Bei konstanter Temperatur
T weist die Energiedichte ein Maximum bei einer bestimmten Frequenz  max bzw.
Wellenlänge max auf (siehe Abb. 4.12). Bei zunehmender Temperatur verschiebt
sich dieses Strahlungsmaximum zu höheren Frequenzen bzw. zu niedrigeren Wellen-
längen. Aus dem Planck’schen Strahlungsgesetz können durch Kurvendiskussion
 max bzw. max ermittelt werden und wir erhalten zwei Versionen des Wien’schen
Verschiebungsgesetzes:
2.82  k
 max  a  T , wobei a   5.88  1010 s 1 K 1 , (4.93)
h
b hc
max  , wobei b   2898 m K . (4.94)
T 4.965  k

Der Faktor b wird als Wien’sche Verschiebungskonstante bezeichnet.


Die gesamte Strahlungsleistung P , die von einer ebenen Oberfläche A mit Tempe-
ratur T in einen Halbraum abgestrahlt wird, kann durch Integration des Planck’

226
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schen Strahlungsgesetzes über alle Frequenzen berechnet werden. Damit ergibt sich
das Stefan-Boltzmann-Gesetz

2 5 k 4
P      A  T 4 , wobei    5.67  10 8 W m  2 K  4 . (4.95)
15 c 2 h 3

Der Faktor  wird als Stefan-Boltzmann-Konstante bezeichnet, ε ist der mittlere


Emissionsgrad der betrachteten Oberfläche. Im Fall eines schwarzen Körpers ist
  1.

4.7 Energieaustausch thermodynamischer Systeme,


Hauptsätze der Thermodynamik
In den vorangehenden Kapiteln haben wir die Temperatur und andere wesentliche
Grundbegriffe der Thermodynamik empirisch eingeführt und molekularkinetisch
interpretiert. Ferner erfolgte eine Beschreibung von Transportvorgängen. Nunmehr
wenden wir uns thermodynamischen Systemen zu, die auf Grund eines Austau-
sches von Energie in Wechselwirkung mit ihrer Umgebung stehen. Dieser Energie-
austausch erfolgt in Form von Wärme oder mechanischer Arbeit. Auf der Grund-
lage von drei Hauptsätzen kann eine geschlossene Beschreibung der Zustandsände-
rungen der betrachteten Systeme erfolgen.

4.7.1 Grundbegriffe
Ein thermodynamischer Zustand eines Systems wird durch eine Anzahl von Zu-
standsgrößen festgelegt. Unter Zustandsgrößen versteht man makroskopische Be-
schreibungsgrößen des betrachteten Systems, die nicht davon abhängen, auf wel-
chem Weg der jeweilige Zustand erreicht wurde. Beispiele für Zustandsgrößen sind
Druck p , Volumen V , Temperatur T und innere Energie U . Die Wärme ist jedoch
keine Zustandsgröße, weil die Zufuhr einer bestimmten Wärmemenge Q bei-
spielsweise zu einer Änderung der inneren Energie U oder des Volumens V und
somit zu unterschiedlichen Zuständen des betrachteten Systems führen kann.
Die Erfahrung zeigt, dass Zustandsgrößen entweder proportional zur Systemmasse
oder unabhängig davon sind. Extensive Zustandsgrößen sind proportional zur
Systemmasse, intensive Zustandsgrößen sind unabhängig von der Systemmasse.
Beispiele für extensive Größen sind Volumen V und innere Energie U , Beispiele
für intensive Größen sind Druck p und Temperatur T .
Ein System befindet sich im thermodynamischen Gleichgewicht, wenn die Zu-
standsgrößen dieses Systems zeitlich invariant sind. Unter einer Zustandsglei-
chung versteht man eine Relation f ( p, V , T , ...)  0 von Zustandsgrößen im Gleich-
gewicht. Ein Beispiel ist die Zustandsgleichung (4.9) idealer Gase.
Man unterscheidet zwischen mehreren unterschiedlichen Arten von Zustandsände-
rungen eines Systems. Unter quasistatischen Zustandsänderungen versteht man
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Zustandsänderungen, die so langsam erfolgen, dass das System sich während der
Zustandsänderung stets nahezu im thermodynamischen Gleichgewicht befindet.
Reversible Zustandsänderungen erfolgen auf Grund von Änderungen von äuße-
ren Bedingungen, wobei eine zeitliche Umkehr der Änderung der Bedingungen
auch zu einer zeitlichen Umkehr der Zustandsänderung führt. Andernfalls spricht
man von einer irreversiblen Zustandsänderung. Reversible Zustandsänderungen
sind stets auch quasistatisch, quasistatische Zustandsänderungen sind jedoch nicht
notwendigerweise reversibel. Beispielsweise ist die Volumsvergrößerung eines
Gases auf Grund einer hinreichend langsamen Bewegung eines Kolbens reversibel
und quasistatisch. Andererseits erfährt ein Gas, welches sich nach und nach in infi-
nitesimale Volumselemente ausdehnt, eine Volumsvergrößerung, die zwar eben-
falls quasistatisch, jedoch sichtlich nicht reversibel ist.
Unter einem Wärmespeicher verstehen wir ein System, dessen Temperaturände-
rung bei Wärmezufuhr oder Wärmeabfuhr vernachlässigbar ist. Ein mechanisch
isoliertes System ist ein System, bei dem keine Volumsänderungen und somit kei-
ne Zufuhr oder Abfuhr von mechanischer Arbeit möglich ist. Bei einem thermisch
isolierten System hingegen ist keine Wärmezufuhr oder Wärmeabfuhr möglich.
Adiabatische Zustandsänderungen sind Zustandsänderungen eines thermisch iso-
lierten Systems.

4.7.2 Erster Hauptsatz der Thermodynamik


Auf Grund experimenteller Erfahrung gilt für beliebige Zustandsänderungen eines
Systems der 1. Hauptsatz der Thermodynamik:

Die Summe der einem System zugeführten Wärme Q und


der dem System zugeführten Arbeit W ist gleich
der Zunahme U der inneren Energie U des Systems: (4.96)
U  Q  W .

Y
Die Änderung U   dU der inneren Energie U ist unabhängig vom Weg
X
X  Y und somit ist die innere Energie U eine Zustandsgröße, also eine System-
eigenschaft. Andererseits sind die zugeführte Wärme Q und die zugeführte
Arbeit W Grenzflächenkonzepte und können somit nicht als Änderungen von
Zustandsgrößen bzw. Systemeigenschaften aufgefasst werden.
Wir definieren nun den Begriff des Perpetuum mobile 1. Art:

Unter einem Perpetuum mobile 1. Art versteht man eine Maschine, die Arbeit
verrichtet, ohne dass ihr von außen Energie zugeführt wird und ohne Verringe-
rung ihrer inneren Energie.

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Mit Hilfe dieses Begriffes ergibt sich eine alternative Formulierung des
1. Hauptsatzes der Thermodynamik:

Es gibt kein Perpetuum mobile erster Art.

Aus dem 1. Hauptsatz resultiert eine Erweiterung des Gültigkeitsbereichs des Ener-
gieerhaltungssatzes auf das gesamte Gebiet der Thermodynamik.

4.7.3 Spezielle Zustandsänderungen idealer Gase


Im Folgenden wenden wir den 1. Hauptsatz der Thermodynamik auf die Beschrei-
bung spezieller Zustandsänderungen idealer Gase an. Für die dem System zuge-
führte infinitesimale Arbeit gilt gemäß Gl. (4.54):
 W   p  dV . (4.97)
Damit erhalten wir gemäß dem 1. Hauptsatz, Gl. (4.96):
dU   Q  p  dV . (4.98)

4.7.3.1 Isochore Zustandsänderungen


Bei isochoren Zustandsänderungen gilt V  const und somit dV  0 . Damit erhält
man aus dem 1. Hauptsatz, Gl. (4.98),
dU   Q . (4.99)
Gemäß der Definition der Molwärme lt. Gl. (4.48) gilt
 Q  n  CV  dT (4.100)
und somit gemäß Gl. (4.99)
dU  n  CV  dT . (4.101)
Man erkennt:
Die zugeführte Wärmemenge  Q wird vollständig zur Erhöhung dU der inne-
ren Energie U verwendet.

Die Molwärme bei konstantem Volumen kann ausgedrückt werden als


1  U 
CV    . (4.102)
n  T V

4.7.3.2 Isobare Zustandsänderungen


Bei isobaren Zustandsänderungen gilt p  const und somit dp  0 . In diesem Fall
wird Wärmezufuhr im Allgemeinen sowohl zu Änderungen der Temperatur, als
auch des Volumens des betrachteten Gases führen. Folglich wird bei isobaren Zu-

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standsänderungen die zugeführte Wärmemenge Q teilweise verwendet zur Erhö-


hung dU der inneren Energie U und teilweise umgewandelt in die mechanische
Arbeit  W  p  dV , die vom System verrichtet wird. Um dennoch zu einer einfa-
chen Darstellung analog wie bei isochoren Zustandsänderungen zu gelangen, defi-
nieren wir eine neue Zustandsgröße, die Enthalpie H :
H  U  p V . (4.103)

Damit erhalten wir


dH  dU  p  dV  V  dp . (4.104)
Wegen dp  0 ergibt sich durch Vergleich von Gl. (4.104) mit dem 1. Hauptsatz,
Gl. (4.98),
dH   Q . (4.105)
Gemäß der Definition der Molwärme lt. Gl. (4.48) gilt
 Q  n  C p  dT (4.106)

und somit gemäß Gl. (4.105)


dH  n  C p  dT (4.107)

Man erkennt:

Die zugeführte Wärmemenge Q wird vollständig zur Erhöhung dH der En-


thalpie H verwendet.

Die Molwärme bei konstantem Druck kann ausgedrückt werden als


1  H 
Cp    . (4.108)
n  T  p

4.7.3.3 Isotherme Zustandsänderungen


Bei isothermen Zustandsänderungen gilt T  const und somit dT  0 . Gemäß der
Definition der absoluten Temperatur gilt für ideale Gase lt. Gl. (4.50)
f
U  n  R T (4.109)
2
und folglich
f
dU  n   R  dT . (4.110)
2
Wegen dT  0 erhalten wir damit
dU  0 (4.111)
und gemäß dem ersten Hauptsatz, Gl. (4.98), ergibt sich

230
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p  dV   Q . (4.112)
Man erkennt:
Die zugeführte Wärmemenge  Q wird vollständig in die Arbeit  W  p  dV
umgewandelt, die vom System verrichtet wird.

Wegen T  const erhalten wir aus der Zustandsgleichung für ideale Gase unmittel-
bar
p  V  const . (4.113)
Isothermen gemäß Gl. (4.113) sind in Abbildung 4.13 dargestellt.

p [Pa ]
1 mol

1200

800
1000 K
500 K
400 100 K

0 3
0 5 10 15 20 25 V [m ]
Abb. 4.13: Isothermen eines idealen Gases im p-V-Diagramm

4.7.3.4 Adiabatische Zustandsänderungen


Bei adiabatischen Zustandsänderungen wird keine Wärme mit der Umgebung aus-
getauscht, und somit gilt  Q  0 . Somit erhalten wir aus dem 1. Hauptsatz, Gl.
(4.98),
dU   p  dV . (4.114)

Die Berechnung von dU kann mit Hilfe von Gl. (4.50) erfolgen, wobei wir benüt-
f
zen, dass gemäß Gl. (4.52) R  CV . Damit ergibt sich
2
dU  n  CV  dT . (4.115)

Das Einsetzen dieser Gleichung in Gl. (4.114) liefert die Differenzialgleichung


n  CV  dT   p  dV . (4.116)

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Umformung von Gl. (4.116) mittels p  nRT V ergibt


nRT
n  CV  dT    dV .
V

Durch Trennung der Variablen und Integration erhalten wir


CV  ln T   R  lnV  const .

Bei der Umformung dieser Gleichung benützen wir, dass gemäß Gl. (4.59)
R  CP  CV und gemäß Gl. (4.60) C P CV   . Damit ergibt sich

T  V  1  const . (4.117)

Aus Gl. (4.117) erhält man mittels V  nRT p nach einfachen Umformungen
1
1
T  p  const . (4.118)

Ferner erhält man aus Gl. (4.117) mittels T  pV nR unmittelbar

p  V   const . (4.119)

Die Gleichungen (4.117), (4.118) und (4.119) werden als Poisson-Gleichungen


und κ als Adiabatenindex bezeichnet. Adiabaten gemäß Gl. (4.119) sind in Abbil-
dung 4.14 (strichliert) dargestellt. Zum Vergleich sind zusätzlich Isothermen (durch-
gezogen) eingezeichnet.

p [Pa]
1200 1 mol Luft
Isotherme
Adiabate

800
1000 K
500 K

400
100 K

0 3
0 5 10 15 20 25 V [m ]
Abb. 4.14: Isothermen und Adiabaten eines idealen Gases im p-V-Diagramm

232
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4.7.4 Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik


Es ist eine empirische Tatsache, dass nicht jeder thermodynamische Vorgang, der
auf Grund des Energieerhaltungssatzes zulässig ist, auch tatsächlich auftritt und be-
obachtet werden kann. Beispiele für nicht auftretende Vorgänge sind:
(1) die Tischplatte kühlt sich spontan ab und das Wasser in einem auf der Tisch-
platte stehenden Glas beginnt zu kochen,
(2) ein am Boden liegender Stein kühlt sich spontan ab und springt zur Decke.
Bei Vorgang (1) fließt Wärme spontan von der kalten Tischplatte zum heißen Was-
ser, bei Vorgang (2) wird Wärme spontan in mechanische Arbeit umgesetzt. Bei
beiden Vorgängen ist der Energieerhaltungssatz erfüllt und die Vorgänge sind da-
her grundsätzlich zulässig. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass diese beiden Vorgänge
trotzdem nicht auftreten.
Auf Grund experimenteller Erfahrung gilt der 2. Hauptsatz der Thermodynamik,
der in zwei Aussagen formuliert werden kann:

(1) Clausius’sche Aussage:

Es gibt keine thermodynamische Zustandsänderung, deren einzige Wirkung darin


besteht, dass Wärme einem kälteren Wärmespeicher entzogen und an einen
wärmeren Speicher abgegeben wird.

(2) Kelvin’sche Aussage:

Es gibt keine thermodynamische Zustandsänderung, deren einzige Wirkung darin


besteht, dass einem Wärmespeicher Wärme entzogen und vollständig in mecha-
nische Arbeit umgesetzt wird.

Mit Hilfe einfacher indirekter Schlussweise kann gezeigt werden, dass die Clausius’
sche und die Kelvin’sche Aussage äquivalent sind.

Wir definieren nun den Begriff des Perpetuum mobile 2. Art:

Unter einem Perpetuum mobile zweiter Art versteht man eine periodisch arbei-
tende Maschine, deren einzige Wirkung darin besteht, einem Wärmespeicher
Wärme zu entziehen und diese vollständig in mechanische Arbeit umzusetzen.

Mit Hilfe dieses Begriffes ergibt sich eine alternative Formulierung des
2. Hauptsatzes der Thermodynamik:

Es gibt kein Perpetuum mobile zweiter Art.

233
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Ein Perpetuum mobile 2. Art widerspricht nicht dem Energieerhaltungssatz. Patent-


ansuchen betreffend die Konstruktion derartiger Maschinen werden von den Pa-
tentämtern aber dennoch generell abgelehnt.
Zur Illustration der konkreten Bedeutung des 2. Hauptsatzes betrachten wir eine re-
versible isotherme Expansion eines idealen Gases. In diesem Fall gilt gemäß Gl.
(4.111) U  0 und somit auf Grund des 1. Hauptsatzes Gl. (4.96) Q  W .
Die dem System zugeführte Wärme Q wird also vollständig in die von dem Sys-
tem verrichtete mechanische Arbeit  W umgesetzt. Dies ist jedoch nicht die ein-
zige Wirkung, weil ja außerdem im Zuge der Expansion das Volumen V des Gases
vergrößert wird. Es erfolgt somit keine Rückkehr zum Ausgangszustand. Daher be-
steht auch kein Widerspruch zum 2. Hauptsatz (Kelvin’sche Aussage).

4.7.5 Kreisprozesse in idealen Gasen


Im Folgenden betrachten wir thermodynamische Zustandsänderungen, bei denen ei-
ne Rückkehr zum Ausgangszustand erfolgt. Derartige Vorgänge werden als Kreis-
prozesse bezeichnet. Auf Kreisprozessen beruht das Funktionsprinzip periodisch ar-
beitender thermodynamischer Maschinen.

p
1 Isotherme
QW
2
Adiabate

4
3
 QK

V
Abb. 4.15: Schematische Darstellung eines Carnot’schen
Kreisprozesses im p-V-Diagramm

Als idealisiertes Beispiel für einen reversibel geführten Kreisprozess betrachten wir
einen Carnot’schen Kreisprozess. Abbildung 4.15 zeigt den grundsätzlichen Ver-
lauf eines Carnot’schen Kreisprozesses, dargestellt in einem p  V -Diagramm.
Dieser Kreisprozess verläuft zwischen zwei Wärmespeichern W und K mit Tem-
peraturen TW und TK  TW . Im Verlauf des Kreisprozesses erfolgen in vier Schrit-
ten abwechselnd isotherme und adiabatische Zustandsänderungen eines idealen
Gases. Bei den isothermen Zustandsänderungen wird einerseits aus dem Speicher

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W die Wärme QW entnommen und dem System zugeführt, andererseits wird die
Wärme  QK von dem System abgeführt und an den Speicher K abgegeben. Im
Verlauf einer Periode des Carnot’schen Kreisprozesses wird von dem System ins-
gesamt die mechanische Arbeit  W verrichtet. Während des Kreisprozesses legt
das System im p  V -Diagramm (siehe Abb. 4.15) einen geschlossenen Weg zurück.
Die von dem System während einer Periode verrichtete Arbeit  W erscheint in
dem p  V -Diagramm als die Fläche, die von dem geschlossenen Weg einge-
schlossen wird.
Zur konkreten Berechnung betrachten wir zunächst die adiabatischen Schritte des
Kreisprozesses. Gemäß Gl. (4.117) gilt für Schritt 2 → 3
TW  V2 1  TK  V3 1
und für Schritt 4 → 1
TW  V1 1  TK  V4 1 .

Die Division dieser beiden Gleichungen liefert unmittelbar


V2 V3
 . (4.120)
V1 V4

Nunmehr erfolgt mit Hilfe des 1. Hauptsatzes die Berechnung der während jedes
einzelnen Schrittes zugeführten Wärme und Arbeit.

Schritt 1 → 2: Isotherme Expansion, U  0, T  TW :


Unter Verwendung des Ausdrucks p  nRTW V erhalten wir
V2
V 
QW  W12   p  dV  n  R  TW  ln V12   0 . (4.121)
V1

Schritt 2 → 3: Adiabatische Expansion, Q  0 :


TK
W23   dU  U TK   U TW   0 . (4.122)
TW

Schritt 3 → 4: Isotherme Kompression, U  0, T  TK :


Unter Verwendung des Ausdrucks p  nRTK V und der Gl. (4.120) erhalten wir
V4
V  V 
QK  W34   p  dV  n  R  TK  ln V43   n  R  TK  ln V12   0 . (4.123)
V3

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Schritt 4 → 1: Adiabatische Kompression, Q  0 :


TW
W41   dU  U TW   U TK   0 . (4.124)
TK

Als Bilanz eines Zyklus des Carnot’schen Kreisprozesses erhalten wir wegen
W23  W41  0 für die von dem System insgesamt verrichtete Arbeit  W den
Ausdruck
V 
 W   W12  W34  n  R  TW  TK   ln 2   0 . (4.125)
 V1 
Während eines Zyklus wird aus dem Wärmespeicher W insgesamt die Wärme
V 
QW  n  R  TW  ln 2   0 (4.126)
 V1 
entnommen, und ferner wird dem Wärmespeicher K die Wärme
V 
 QK  n  R  TK  ln 2   0 (4.127)
 V1 
zugeführt. In Übereinstimmung mit dem 1. Hauptsatz ergibt sich folglich
QW  QK  W . (4.128)

Während eines Zyklus des Carnot’schen Kreisprozesses wird somit aus dem vom
Wärmespeicher W zum Speicher K fließenden Wärmestrom die vom System ver-
richtete Arbeit  W abgezweigt.
Die Effizienz eines Kreisprozesses kann mit Hilfe seines Wirkungsgrades
 W
 (4.129)
QW
charakterisiert werden. Mit Hilfe von Gl. (4.128) kann der Wirkungsgrad des Car-
not’schen Kreisprozesses dargestellt werden in der Form
QW  QK QK
  1 . (4.130)
QW QW

Gemäß Gl. (4.123) und (4.121) erhalten wir


QK T
 K (4.131)
QW TW
und damit ergibt sich für den Wirkungsgrad des Carnot’schen Kreisprozesses
der Ausdruck

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TK
 1 1 . (4.132)
TW

Die Wichtigkeit des Carnot’schen Kreisprozesses hängt mit dem Carnot’schen


Satz zusammen:

Es gibt keine zwischen den Wärmespeichern W und K arbeitende Maschine,


deren Wirkungsgrad den Wirkungsgrad des Carnot’schen Kreisprozesses über-
trifft.

Die Begründung erfolgt indirekt: Wir nehmen an, dass zwischen den Wärmespei-
chern W und K eine Carnot-Maschine als Wärmepumpe läuft, betrieben von einer
Maschine mit höherem Wirkungsgrad. In diesem Fall ergibt sich netto ein Wärme-
fluss vom kälteren Wärmespeicher K zum wärmeren Speicher W im Widerspruch
zur Clausius’schen Aussage.
Gemäß Gl. (4.132) nimmt der Wirkungsgrad einer Carnot-Maschine mit abneh-
mender Temperatur TK des kälteren Wärmespeichers K zu. Im Fall TK  0 ist der
Wirkungsgrad   1 und die Carnot-Maschine ist ein Perpetuum mobile zweiter Art
im Widerspruch zum 2. Hauptsatz. Auf Grund des 2. Hauptsatzes gibt es daher kei-
ne Carnot-Maschine, deren kälterer Wärmespeicher sich am absoluten Nullpunkt
befindet.
In Übereinstimmung mit dem 2. Hauptsatz erhalten wir folgende allgemeine
Schlussfolgerung:

Bei zyklisch ablaufenden Prozessen kann zwar mechanische Arbeit (etwa durch
Reibung) vollständig in Wärme umgesetzt werden, umgekehrt kann jedoch nur ein
gewisser Teil der zugeführten Wärme in mechanische Arbeit umgesetzt werden.

4.7.6 Entropie und dritter Hauptsatz der Thermodynamik


Für den Carnot’schen Kreisprozess erhalten wir aus Gl. (4.131) die Beziehung
QK QW
 0. (4.133)
TK TW
Diese Beziehung kann für einen beliebigen reversiblen Kreisprozess verallgemei-
nert werden in der Form
Q
 T 0. (4.134)

Der Carnot’sche Kreisprozess wird reversibel geführt und hat dabei gemäß dem
Carnot’schen Satz den maximal möglichen Wirkungsgrad. Im Fall einer irreversi-
bel arbeitenden Maschine ist mit einem geringeren Wirkungsgrad zu rechnen. Das

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bedeutet etwa, dass die an den Wärmespeicher K abgegebene Wärme  QK  0


im Vergleich zum reversiblen Kreisprozess größer (positiver) und somit QK  0
kleiner (negativer) wird. Auf Grund von Gl. (4.133) ergibt sich somit für einen ir-
reversiblen Kreisprozess
QK QW
  0. (4.135)
T TW
K

Diese Beziehung kann für einen beliebigen irreversiblen Kreisprozess verallgemei-


nert werden in der Form
Q
 T
 0. (4.136)

Zusammenfassend ergibt sich der Clausius’sche Satz:

Q
 T
 0 , Gleichheitszeichen für reversible Prozesse. (4.137)

Y
Q
Für reversible Prozesse folgt aus dem Satz von Clausius, dass  T
unabhängig vom
X
Weg X  Y ist (siehe Abb. 4.16). Daher können wir nach Clausius die Entropie
A
Q
SA   (4.138)
T
0

eines Gleichgewichtszustandes A definieren, wobei O ein Referenz-Zustand und


OA ein reversibler Weg ist. Die Entropie S A ist unabhängig davon, auf welchem
reversiblen Weg der Zustand A erreicht wurde, und folglich ist die Entropie eine
Zustandsgröße.

p
Y

X
Abb. 4.16: Zur Darstellung der Weg-
unabhängigkeit reversibler
V Prozesse im p-V-Diagramm

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Als Zustandsgröße des betrachteten Gleichgewichtszustandes A ist die Entropie


S A sichtlich auch unabhängig davon, auf welchem beliebigen Weg der Zustand A
erreicht wurde. Für die Ermittlung der Entropie S A gemäß Definition (4.138) sind
allerdings nur reversible Integrationswege OA zugelassen.
Während auf Grund des 2. Hauptsatzes die Entropie nur bis auf eine willkürliche
Konstante definiert werden kann, erfolgt die Absolutfestlegung der Entropie mit
Hilfe des 3. Hauptsatzes der Thermodynamik:

Die Entropie eines Systems am absoluten Nullpunkt ist eine universelle Kon-
stante, deren Wert mit Null festgelegt wird.

Der 3. Hauptsatz ermöglicht die Herstellung einer gemeinsamen Bezugsbasis zur


Absolut-Festlegung der Entropie.
Auf Grund des dritten Hauptsatzes kann gezeigt werden, dass der absolute Null-
punkt unerreichbar ist. Dies ist konsistent damit, dass es keine Carnot-Maschine
gibt, deren kälterer Wärmespeicher sich am absoluten Nullpunkt befindet.
In vielen Fällen sind nicht Absolutwerte der Entropie, sondern lediglich Entro-
pieänderungen von Bedeutung. Zunächst betrachten wir die Entropieänderungen
während der beiden isothermen Schritte des Carnot’schen Kreisprozesses bei den
Temperaturen TW und TK :
2 4
 Q QW  Q QK
SW    , S K    .
T TW T TK
1 3

Aus Gl. (4.133) erhält man unmittelbar


SW  S K  0
und wir erkennen, dass einander die beiden Entropieänderungen kompensieren. Die
Entropie S nimmt somit beim Abschluss eines Zyklus des Carnot-Prozesses wieder
den gleichen Wert an wie am Beginn. Dementsprechend zeigt die Entropie das Ver-
halten einer Zustandsgröße. Die Wärmemengen QW und QK kompensieren ei-
nander nicht und können daher auch nicht als Änderungen einer Zustandsgröße auf-
gefasst werden. Jedoch die „reduzierten Wärmemengen“ QW TW und QK TK
kompensieren einander und können somit als Änderungen einer Zustandsgröße, der
Entropie, aufgefasst werden.
Falls die Wärmemenge eine Zustandsgröße wäre, dann hätte dies zur Folge, dass
bei einem Kreisprozess alle im Verlauf eines Zyklus dem betrachteten System zu-
geführten Wärmen Qi einander kompensieren. In diesem Fall würde somit bei
dem System während eines Zyklus stets insgesamt gleich viel Wärme zugeführt
wie abgeführt. Damit könnte aber während eines Zyklus des Kreisprozesses von

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dem durch das System fließenden Wärmestrom keine mechanische Arbeit  W


abgezweigt werden (siehe Gl. (4.128)). Falls die Wärmemenge eine Zustandsgröße
wäre, dann wäre es also grundsätzlich unmöglich, dass von zyklisch ablaufenden
thermodynamischen Maschinen mechanische Arbeit verrichtet wird.
Gemäß Definition der Entropie, Gl. (4.138), gilt für infinitesimale reversible Zu-
standsänderungen
Q
dS  (4.139)
T
und damit erhalten wir für die dem System zugeführte infinitesimale Wärmemenge
Q
 Q  T  dS . (4.140)

Dieser Ausdruck ist analog zu Gl. (4.97) für die dem System zugeführte infinitesi-
male Arbeit W .
Nunmehr wenden wir uns der Entropieänderung S  S B  S A bei einer Zustands-
änderung A  B zu, wobei A und B beliebige Gleichgewichtszustände sind. Wir
wählen einen reversiblen Weg R und einen beliebigen Weg C zwischen A und B
(siehe Abb. 4.17).
p
R: reversibel
C: beliebig B

R
A

V
Abb. 4.17: Zur Entropieänderung bei Zustandsänderungen längs
eines reversiblen und eines beliebigen Weges im p-V-Diagramm

Gemäß dem Clausius’schen Satz, Gl. (4.137), erhalten wir


B A
Q Q
C 
R  0 , Gleichheitszeichen für C reversibel (4.141)
T T
A B
und somit
B B
Q Q
C 
R , Gleichheitszeichen für C reversibel. (4.142)
T T
A A

240
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Die Definition (4.138) der Entropie ergibt


B
Q

R
T
 S B  S A  S (4.143)
A

und damit erhält man aus Gl. (4.142)


B
Q
S  C , Gleichheitszeichen für C reversibel. (4.144)
T
A

Für den Fall eines thermisch isolierten Systems (  Q  0 ) resultiert folgender Satz:

In einem thermisch isolierten System gilt


(4.145)
S  0 , Gleichheitszeichen für reversible Prozesse.

Damit erhält man eine weitere Formulierung des 2. Hauptsatzes:

In einem thermisch isolierten System wird die Entropie nie kleiner.


Bei reversiblen Zustandsänderungen eines thermisch isolierten Systems bleibt
die Entropie unverändert.

Daraus erhält man eine Gleichgewichtsbedingung für thermisch isolierte Systeme:

In thermisch isolierten Systemen ist das Gleichgewicht durch ein Maximum der
Entropie charakterisiert.

Gleichgewichtsbedingungen für thermisch nicht isolierte Systeme werden in Kapi-


tel 4.7.8 behandelt.

4.7.7 Statistische Interpretation der Entropie


Zur Illustration der physikalischen Bedeutung der Entropie betrachten wir die irre-
versible freie Expansion eines idealen Gases im Joule’schen Expansionsversuch:
Ein ideales Gas befinde sich in einem thermisch isolierten System (siehe Abb. 4.18).
Anfänglich nimmt das betrachtete Gas das Volumen V1  VA ein (Anfangszustand
A ). Nach Öffnen eines Loches in der Trennwand zu einem evakuierten Volumen V2
erfolgt eine irreversible freie Diffusion der Gasmoleküle in das Volumen V2 und das
Gas nimmt anschließend das Volumen V1  V2  VE ein (Endzustand E ).

241
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V1  V A V
2

V1  V2  VE

Abb. 4.18: Schematische Darstellung des Joule’schen Expansionsversuches

Experimentell zeigt sich, dass die Temperatur T des idealen Gases bei dieser freien
Expansion unverändert bleibt. Dies ist dadurch begründet, dass die kinetische
Energie der Gasmoleküle während der freien Expansion unverändert bleibt und fer-
ner keine gegenseitige Wechselwirkung und somit auch keine potenzielle Energie
der Gasmoleküle besteht. Folglich bleibt die gesamte innere Energie des idealen
Gases während der freien Expansion unverändert. Da gemäß Gl. (4.49) die innere
Energie U eines idealen Gases ausschließlich von der Temperatur T abhängig ist,
bleibt somit auch die Temperatur T unverändert.
Um die Entropieänderung während der irreversiblen freien Expansion des idealen
Gases vom Anfangszustand A zum Endzustand E zu berechnen, betrachten wir
eine reversible isotherme Expansion des betrachteten idealen Gases vom Anfangs-
zustand A zum Endzustand E . Anfangs- und Endzustand dieser reversiblen iso-
thermen Expansion stimmen sichtlich mit Anfangs- und Endzustand der irreversib-
len freien Expansion beim Joule’schen Expansionsversuch überein. Da die Entropie
eine Zustandsgröße ist, sind die Entropien S A und S E bei den Zuständen A und E
eindeutig bestimmt, und somit ergibt sich bei reversibler isothermer und bei irre-
versibler freier Expansion die gleiche Entropieänderung S  S E  S A . Für die bei
reversibler isothermer Expansion zugeführte Wärme erhalten wir gemäß (4.112)
unter Verwendung des Ausdrucks p  nRT V
E VE
V
Q   Q   p dV  nRT ln VEA  0 . (4.146)
A VA

Folglich ergibt sich bei der reversiblen isothermen und somit auch bei der irrever-
siblen freien Expansion für die Entropieänderung der Ausdruck
E E
Q 1 Q V
S  S E  S A     Q   nR ln E  0 . (4.147)
T T T VA
A A

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Obwohl die freie Expansion beim Joule’schen Expansionsversuch in einem ther-


misch isolierten System stattfindet (  Q  0 ), erfolgt also dennoch eine Entropiezu-
nahme um S . Dies ist dadurch begründet, dass die freie Expansion ein irreversib-
ler Prozess ist und somit gemäß Gl. (4.145) in thermisch isolierten Systemen ein
Entropiezuwachs erfolgt.
Nun wenden wir uns der statistischen Interpretation der Entropie zu. Dazu be-
trachten wir die oben beschriebene Anordnung des Joule’schen Expansionsver-
suchs mit geöffnetem Loch:
Mit W (VE ) bzw. W (V A ) bezeichnen wir die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten
des Zustandes, bei dem sich alle Gasmoleküle im Volumen V1  V2  VE bzw. im
Volumen V1  V A befinden.
Unabhängig von der Molekülanzahl gilt sichtlich stets W (VE )  1 . (4.148)
Die Wahrscheinlichkeit W (V A ) ist jedoch abhängig von der Molekülanzahl.

V 
Für ein System mit nur 1 Molekül gilt W V A    A  , (4.149)
 VE 
2
V 
für ein System von 2 Molekülen ist W V A    A  , (4.150)
 VE 
N
V 
und bei Systemen mit N Molekülen erhalten wir W V A    A  . (4.151)
 VE 

Als typische Molekülanzahl für ein Gas unter Normalbedingungen sei N  61023
angenommen. Damit erhalten wir für die Wahrscheinlichkeit des Aufenthaltes aller
Moleküle in einem Volumen V A  VE 2 die außerordentlich kleine Zahl
N
V  23 23
W VA    A   2610  101.810 .
 VE 
Die Wahrscheinlichkeit, dass alle Moleküle wieder zufällig in das Volumen VA zu-
rückkehren, ist somit völlig vernachlässigbar, die freie Expansion ist tatsächlich ir-
reversibel und der zweite Hauptsatz ist nicht verletzt.
Zur Berechnung der Entropie verwenden wir nunmehr den berühmten statistischen
Ansatz für die Entropie gemäß der Boltzmann’schen Gleichung
S  k  ln W . (4.152)
Damit erhalten wir für die oben erwähnten Wahrscheinlichkeiten beim Joule’schen
Expansionsversuch gemäß Gl. (4.148), (4.151)
S VE   k ln W VE   0 , (4.153)

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V 
S V A   k ln W V A   k N ln A   0 . (4.154)
 VE 

Für die Änderung der Entropie im Verlauf der irreversiblen freien Expansion im
Joule’schen Expansionsversuch resultiert somit
V  V 
S  S VE   S V A   k N ln E   n R ln E   0 . (4.155)
 VA   VA 
in Übereinstimmung mit der thermodynamisch berechneten Entropiezunahme laut
Gl. (4.147). Der statistische Ansatz gemäß der Boltzmann’schen Gleichung (4.152)
bewährt sich also und liefert konsistente Ergebnisse.
Auf Grund der Form der Boltzmann’schen Gleichung (4.152) zeigt sich, dass ein
konstanter Faktor bei der Wahrscheinlichkeit W lediglich eine additive Konstante
bei der Entropie S zur Folge hat und somit die Entropieänderungen S unverändert
lässt. Dementsprechend beschreibt die Größe W in der Boltzmann’schen Gleichung
(4.152) zwar die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des jeweils betrachteten mak-
roskopischen Zustandes, W braucht jedoch nicht auf 1 normiert zu sein.
Wie in Kapitel 4.1 erläutert, kann ein Makrozustand im Allgemeinen durch mehrere,
oft sehr viele Mikrozustände realisiert werden. Gemäß dem Postulat der gleichen
a-priori-Wahrscheinlichkeit (siehe Kap. 4.1) treten alle unterschiedlichen mikrosko-
pischen Realisierungsmöglichkeiten des jeweils betrachteten Makrozustandes mit
gleicher Wahrscheinlichkeit ein. Unter der Voraussetzung der Gültigkeit dieses Pos-
tulats kann daher die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Makrozustandes mit
Hilfe der thermodynamischen Wahrscheinlichkeit charakterisiert werden:

Die thermodynamische Wahrscheinlichkeit eines makroskopischen thermody-


namischen Zustandes ist die Anzahl aller unterschiedlichen mikroskopischen
Realisierungsmöglichkeiten dieses Zustandes.

In der Boltzmann’schen Gleichung (4.152) wird als Wahrscheinlichkeit W im All-


gemeinen die thermodynamische Wahrscheinlichkeit verwendet.
Ein interessanter (hypothetischer) Fall tritt für Makrozustände am absoluten Tem-
peraturnullpunkt auf. Es kann davon ausgegangen werden, dass am absoluten Null-
punkt maximale Ordnung herrscht und ein Makrozustand somit (abgesehen von ei-
ner möglichen quantenmechanischen Entartung des Grundzustandes) nur 1 mikro-
skopische Realisierungsmöglichkeit aufweist. Damit ist die thermodynamische
Wahrscheinlichkeit W eines Makrozustandes am absoluten Nullpunkt typischer-
weise W  1 . Am absoluten Nullpunkt ergibt die Boltzmann’sche Gleichung
(4.152) durch Einsetzen von W  1 für die Entropie den Wert S  0 in Überein-
stimmung mit dem 3. Hauptsatz. Die Verwendung der thermodynamischen Wahr-
scheinlichkeit W in der Boltzmann’schen Gleichung (4.152) hat somit den Vorteil,

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dass die resultierende statistische Interpretation der Entropie nicht nur Entropiedif-
ferenzen S , sondern sogar die Absolutwerte der Entropie S korrekt wiedergibt.
Die von Boltzmann eingeführte statistische Deutung der Entropie gemäß Gl.
(4.152) erlaubt auch eine statistische Interpretation des 2. Hauptsatzes. Am Ende
des vorangehenden Kapitels haben wir eine Formulierung des 2. Hauptsatzes ange-
geben, derzufolge in einem thermisch isolierten System die Entropie nie kleiner
wird. Auf Grund der statistischen Interpretation mit Hilfe der Boltzmann’schen
Gleichung (4.152) ergibt sich daraus eine statistische Formulierung des
2. Hauptsatzes:

In einem thermisch isolierten System kann die thermodynamische Wahrschein-


lichkeit nur unverändert bleiben oder zunehmen. Folglich stellen sich Makrozu-
stände mit möglichst vielen mikroskopischen Realisierungsmöglichkeiten ein.
Damit erfolgt ein spontaner Übergang zu ungeordneten Zuständen.

Dementsprechend wird bei physikalischen Vorgängen in thermisch isolierten Sys-


temen trotz der Zeitumkehrinvarianz der Grundgleichungen ein Zeitpfeil festge-
legt.
Es ist bemerkenswert, dass insbesondere bei biologischen Systemen eine spontane
Bildung geordneter Strukturen erkennbar ist. Dies wird dadurch ermöglicht, dass
die Funktion biologischer Systeme stets auf Stoffwechsel und Energieaustausch mit
der Umgebung beruht. Die spontane Entstehung geordneter biologischer Strukturen
geht zu Lasten von deren Umgebung, sodass in der Bilanz insgesamt dennoch ein
Übergang zu ungeordneten Zuständen und eine Erhöhung der Entropie erfolgt.
Die Tatsache, dass in einem thermisch isolierten System mit hoher Wahrschein-
lichkeit ein spontaner Übergang zu ungeordneten Zuständen erfolgt, hat zur Speku-
lation hinsichtlich eines Wärmetodes der Welt geführt. Es ist allerdings unklar, ob
das Universum als thermisch isoliertes System anzusehen ist.

4.7.8 Thermodynamische Potenziale, Gleichgewichtsbedingungen


Bei der Anwendung der Thermodynamik auf spezielle Probleme ist es oftmals er-
forderlich, den Gleichgewichtszustand eines thermodynamischen Systems unter be-
stimmten Randbedingungen zu ermitteln. Dabei erweisen sich die im Folgenden
eingeführten thermodynamischen Potenziale als nützlich.
Wir definieren die freie Energie
F U T  S (4.156)
und das Gibbs’sche Potenzial
G  H  T  S  U  p V  T  S . (4.157)

Das Gibbs’sche Potenzial pro kmol wird auch als chemisches Potenzial bezeichnet.

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Zur Charakterisierung eines Gleichgewichtszustandes bilden wir zunächst das totale


Differenzial der freien Energie F :
dF  dU  T  dS  S  dT .

Gemäß dem ersten Hauptsatz gilt


dU  Q  W  T  dS  p  dV
und damit erhält man
dF   p  dV  S  dT . (4.158)

Als Folgerung ergibt sich eine Gleichgewichtsbedingung:

In Systemen mit konstant gehaltenem V und T wird das Gleichgewicht durch


einen Extremwert der freien Energie F charakterisiert.

Systeme mit konstantem Volumen V sind mechanisch isolierte Systeme.


Nunmehr bilden wir das totale Differenzial des Gibbs’schen Potenzials G :
dG  dU  p  dV  V  dp  T  dS  S  dT .

Gemäß dem ersten Hauptsatz gilt


dU  T  dS  p  dV
und damit erhält man
dG  V  dp  S  dT . (4.159)

Als Folgerung ergibt sich eine weitere Gleichgewichtsbedingung:


In Systemen mit konstant gehaltenem p und T wird das Gleichgewicht durch
einen Extremwert des Gibbs’schen Potenzials G charakterisiert.

Systeme mit konstantem p und T werden unter anderem bei chemischen Untersu-
chungen betrachtet.

4.8 Reale Gase


Aus der Vielzahl von Anwendungen der Thermodynamik greifen wir die Beschrei-
bung realer Gase heraus. Dies ist aus zwei Gründen geboten: Zum Einen wurde in
den vorangehenden Kapiteln oftmals auf das Verhalten von Gasen Bezug genom-
men, wobei allerdings deren Beschreibung stets auf die Näherung idealer Gase be-
schränkt war. Diese Einschränkung wird nunmehr fallen gelassen. Zum Anderen
erfolgte bisher keine Beschreibung von mehrphasigen Systemen und Phasenüber-
gängen.

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4.8.1 Van der Waals’sche Zustandsgleichung


Bei der Beschreibung des Verhaltens von Gasen haben wir bisher vorausgesetzt,
dass abgesehen von elastischen Stößen keine Wechselwirkungskräfte zwischen den
Gasmolekülen bestehen. Darüber hinaus haben wir angenommen, dass das Volu-
men der Gasmoleküle im Vergleich zum Gasvolumen vernachlässigt werden kann.
Die daraus resultierende Zustandsgleichung idealer Gase erlaubt in vielen Fällen
eine hinreichend genaue Beschreibung. Insbesondere bei verhältnismäßig hohen
Drücken oder tiefen Temperaturen können jedoch oft erhebliche Abweichungen
beobachtet werden.
Um zu einer genaueren Beschreibung des Verhaltens von Gasen zu gelangen, ge-
hen wir von der idealen Gasgleichung aus, beseitigen jedoch die oben erwähnten
idealisierenden Annahmen. Auf Grund des endlichen Volumens der Gasmoleküle
ergibt sich eine Verringerung des für die Molekularbewegung verfügbaren Volu-
mens. Das Gesamtvolumen aller Gasmoleküle in einem kmol des betrachteten
Gases wird als Kovolumen b bezeichnet. Dementsprechend muss von dem expe-
rimentell bestimmbaren Gasvolumen V das Volumen n  b abgezogen werden, wo-
bei n die Molzahl des betrachteten Gases ist.
Andererseits bewirkt die gegenseitige Anziehung der Gasmoleküle eine Situation
analog zur Oberflächenspannung in Flüssigkeiten: Gasmoleküle nahe der Behäl-
terwand werden von anderen Gasmolekülen ins Innere des Gases zurückgezogen.
Jedes einzelne Molekül nahe der Behälterwand wird von den anderen Molekülen
zurückgezogen, die auf ein Molekül ausgeübte Anziehungskraft ist somit proporti-
n
onal zur Molekülanzahl pro Volumseinheit und somit  . Andererseits ist auch die
V
Anzahl der Moleküle, die auf die Behälterwand treffen, proportional zur Molekülan-
n
zahl pro Volumseinheit und somit  . Folglich ergibt sich insgesamt eine Abnahme
V
n n n2
des Druckes auf die Behälterwand    . Der Druck im Inneren des Gases
V V V2
ist daher höher als der experimentell bestimmbare Druck p auf die Behälterwand.
Dementsprechend muss zu dem experimentell bestimmbaren Gasdruck p auf die
a  n2
Behälterwand der sogenannte Binnendruck addiert werden, wobei die Kon-
V2
stante a die anziehende Wechselwirkung der Gasmoleküle charakterisiert.
Nach Durchführung der erwähnten Korrekturen von Druck p und Volumen V er-
halten wir aus der Zustandsgleichung für ideale Gase die Van der Waals’sche Zu-
standsgleichung für reale Gase
 2
 p  a  n  V  b  n   n  R T . (4.160)
 V 2 

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In Abbildung 4.19 sind die Van der Waals-Isothermen in einem p  V -Diagramm


dargestellt. Für hohe Temperaturen verlaufen die Isothermen ähnlich wie bei idealen
Gasen. Bei niedrigeren Temperaturen zeigen die Isothermen jedoch in gewissen Ab-
schnitten Druckanstiege bei zunehmendem Volumen. Dieses unphysikalische Verhal-
ten kann darauf zurückgeführt werden, dass bei der Herleitung der Van der
Waals’schen Zustandsgleichung implizit die Homogenität des betrachteten Systems
vorausgesetzt wurde. Die mögliche Koexistenz zweier Phasen ist nicht berücksichtigt.
p

1000 K

Abb. 4.19: Van der Waals-Isothermen


eines realen Gases im p-V-Diagramm
200 K
V
4.8.2 Phasenübergänge
Nun betrachten wir Systeme, in denen eine Gasphase und eine flüssige Phase ko-
existieren können. Übergänge zwischen diesen Phasen erfolgen bei konstantem
Druck p und konstanter Temperatur T . Wird dem System Wärme zugeführt, so wird
die Flüssigkeit nach und nach in Gas übergeführt. Da die Gasphase eine kleinere
Dichte aufweist als die flüssige Phase, expandiert sich das Gesamtvolumen des
Systems, wenn eine gewisse Menge an Flüssigkeit in Gas übergeführt wird, obwohl
p und T unverändert bleiben. Ein derartiger Vorgang wird als Phasenübergang
erster Ordnung bezeichnet. Einem Phasenübergang erster Ordnung entspricht so-
mit ein geradliniger horizontaler Abschnitt der Isothermen im p  V -Diagramm.
Wie in Abbildung 4.20 dargestellt, können im p  V -Diagramm die Van der Waals-
Isothermen um die dem Phasenübergang erster Ordnung entsprechenden horizonta-
len Abschnitte ergänzt werden. Auf Grund der (heuristischen) Maxwell’schen Kon-
struktion werden die horizontalen Abschnitte der Isothermen dabei derart bestimmt,
dass die Flächenstücke A und B gleich groß sind (siehe Abb. 4.20) und die diesen
beiden Flächenstücken entsprechenden Arbeitsanteile einander somit kompensie-
ren. Bei Anwendung der Maxwell'schen Konstruktion ist daher die vom System
2
verrichtete Arbeit  p  dv eindeutig festgelegt unabhängig davon, ob längs des ho-
1
rizontalen Abschnittes der Isotherme oder längs der Van der Waals-Isotherme inte-
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griert wird. An einem beliebigen Punkt auf dem horizontalen Abschnitt der Iso-
thermen besteht ein Flüssigkeits-Gas-Gemisch, wobei die Flüssigkeit im gleichen
Zustand wie bei 1 und das Gas im gleichen Zustand wie bei 2 existiert. Somit ist die
Kenntnis der Eigenschaften der Zustände 1 und 2 ausreichend, um eine vollständige
Beschreibung des Phasenüberganges zu erhalten. Der Gasdruck im Koexistenz-
Bereich von Gasphase und flüssiger Phase im horizontalen Abschnitt der Isothermen
ist nur von der Temperatur T abhängig und wird als Sättigungsdampfdruck pS (T )
bezeichnet. Im kritischen Punkt C verschwinden die Dichteunterschiede von Gas-
phase und flüssiger Phase, oberhalb der kritischen Temperatur TC existiert kein
Unterschied zwischen Gasphase und flüssiger Phase, das System ist somit homogen
und einphasig.
p

TC
pC C

B
1 A
2
zwei Phasen Gebiet
V
Abb. 4.20: Van der Waals-Isothermen eines realen Gases im p-V-Diagramm
ergänzt durch die geradlinigen horizontalen Abschnitte im Zwei-Phasen-Gebiet

QW  
1 T  dT 2
pS  dpS
pS
4 T 3
 QK

VFL VD V
Abb. 4.21: Zur Beschreibung eines Überganges erster Ordnung
mit Hilfe eines Carnot’schen Kreisprozesses

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Wir bestimmen nun den Sättigungsdampfdruck pS (T ) in Abhängigkeit von der


Temperatur T für einen beliebigen Übergang erster Ordnung zwischen einer Gas-
phase und einer flüssigen Phase. Dazu betrachten wir 1 kmol einer Substanz und
führen den in Abbildung 4.21 gezeigten Carnot’schen Kreisprozess durch.
Während des isothermen Verdampfungsschrittes 1  2 wird vom System die molare
Verdampfungswärme
QW  
aufgenommen.
Außerdem verrichtet das System die Arbeit  W12   pS  dpS  VD  VFL  . Wäh-
rend des isothermen Kondensationsschrittes 3  4 wird dann dem System die
Arbeit W34  pS VD  VFL  zugeführt. Die Arbeit bei den infinitesimalen adiabati-
schen Schritten 2  3 und 4  1 ist vernachlässigbar. Im Verlauf von 1 Zyklus
wird von dem System somit insgesamt die Arbeit
 W  W12  W34  dpS VD  VFL 
verrichtet. Damit ergibt sich der Wirkungsgrad dieses Carnot’schen Kreisprozesses
zu
 W dp S VD  VFL 
  . (4.161)
QW 

Auf Grund der allgemeinen Beziehung (4.132) ergibt sich für den Wirkungsgrad
des Carnot’schen Kreisprozesses
T dT
 1  . (4.162)
T  dT T

Vergleich der Gl. (4.161) und (4.162) ergibt unmittelbar die Clausius-
Clapeyron’sche Gleichung
dpS 
 , (4.163)
dT T  VD  VFL 
die den Sättigungsdampfdruck eines beliebigen Phasenüberganges erster Ord-
nung bestimmt. Durch Umstellung dieser Gleichung erhalten wir für die molare
Verdampfungswärme (molare latente Umwandlungswärme) den Ausdruck
dp S
  T  VD  VFL  , (4.164)
dT
wobei VD und VFL die Molvolumina des Dampfes und der Flüssigkeit bezeichnen.
Die Verdampfungswärme  ist einerseits für die Arbeit zur Expansion von VFL auf
VD erforderlich. Der wesentlich größere Anteil der Verdampfungswärme  dient

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jedoch zur Vergrößerung des mittleren Molekülabstandes gegen die Anziehungs-


kräfte der Flüssigkeitsmoleküle.
In vielen Fällen kann VFL gegen VD vernachlässigt werden. Bei ausreichenden
Temperaturen gilt ferner gemäß der Zustandsgleichung idealer Gase näherungsweise
RT
VD  . Damit ergibt sich aus der Clausius-Clapeyron’schen Gleichung (4.163)
pS
die Beziehung
1 dpS 
  . (4.165)
pS dT RT2
Die Integration dieser Differenzialgleichung liefert für den Sättigungsdampfdruck
pS (T ) die van’t Hoff’sche Gleichung


p S T   K  e RT . (4.166)

Die auf Grund dieser Gleichung bestimmte charakteristische Temperaturabhängig-


keit des Sättigungsdampfdruckes bei einem Phasenübergang erster Ordnung ist in
Abbildung 4.22 dargestellt.

pS (T )

T
Abb. 4.22: Temperaturabhängigkeit des Sättigungsdampfdruckes
bei einem Phasenübergang erster Ordnung

Die Bereiche, in denen gasförmige, flüssige und feste Phasen eines Stoffes existie-
ren, können in Phasendiagrammen dargestellt werden. Der konkrete Verlauf der
Phasendiagramme ist von dem jeweils betrachteten Stoff abhängig. Abbildung 4.23
zeigt ein typisches p  T -Diagramm, in Abbildung 4.24 ist ein dreidimensionales
p  V  T -Diagramm dargestellt. In diesen Phasendiagrammen sind insbesondere

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der kritische Punkt C sowie der Tripelpunkt TP eingezeichnet, bei dem gasför-
mige, flüssige und feste Phase koexistieren. Tripelpunkte und Gefrierpunkte ver-
schiedener Substanzen eignen sich zur Festlegung von Fixpunkten der Temperatur-
skala (siehe Kap. 4.2.1).

p H 2O CO2
C
pC
flüssig

fest
pS (T )
TP
gasförmig

TC T
Abb. 4.23: Schematische Darstellung eines p-T-Phasendiagrammes

f. – fl.
T
p
T
ü s s ig C
f l C Isotherme

fest
fl.
–g
. g
Tr i r mi
pe sfö
f. – llinie ga
g.

V
Abb. 4.24: Schematische Darstellung eines p-V-T-Phasendiagrammes

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5 Elektrodynamik

Die Elektrodynamik beschäftigt sich mit Wechselwirkungen elektrisch geladener


Teilchen und elektrischer Ströme. Die elektromagnetische Wechselwirkungskraft
ist eine der vier bekannten fundamentalen Wechselwirkungskräfte (siehe Kap.
2.1.3, Tab. 2.1). Ebenso wie die Gravitationskraft hat auch die elektromagnetische
Wechselwirkungskraft unendliche Reichweite. Wie bereits in Kapitel 2.1.3 er-
wähnt, kann die Stärke von elektromagnetischer und Gravitationskraft anhand der
Wechselwirkung von zwei Protonen illustriert werden. Das Verhältnis der elektro-
 
magnetischen Wechselwirkungskraft Fem zur Gravitationsanziehungskraft Fgr
 
zweier Protonen beträgt Fem Fgr  1036 , was auch dem Verhältnis der Kopp-
lungskonstanten der beiden Kräfte entspricht. Somit kann die elektromagnetische
Wechselwirkungskraft als wichtigste bekannte Kraft angesehen werden.
Während die Gravitationskraft zwischen massiven Teilchen stets anziehend wirkt,
kann die elektromagnetische Wechselwirkungskraft zwischen geladenen Teilchen
anziehend oder abstoßend wirken. Im Gegensatz zu Gravitationskräften können
sich elektrische Kräfte somit kompensieren.

5.1 Grundbegriffe
Die elektromagnetische Kraftwirkung auf einen Körper wird mit einer auf diesem
Körper befindlichen elektrischen Ladung in Verbindung gebracht. Ehrenhaft und
Millikan haben unabhängig voneinander experimentell festgestellt, dass die be-
obachteten elektrischen Ladungen stets ganzzahlige Vielfache eines elektrischen
Elementarquantums sind.
Elektromagnetische Kräfte können als Nahwirkungskräfte aufgefasst werden und es
gibt keine instantane Kraftwirkung zwischen geladenen Körpern. Vielmehr geht
man davon aus, dass durch die Anwesenheit einer elektrischen Ladung ein „Erre-
gungszustand“ des umgebenden Raumes hervorgerufen wird, der sich mit endlicher
Geschwindigkeit im Raum ausbreitet. Der erwähnte „Erregungszustand“ wurde zu-
nächst mit einem materiellen Medium in Verbindung gebracht, das auch als
„Äther“ bezeichnet wurde. Der berühmte Versuch von Michelson und Morley, mit
Hilfe eines von Michelson entwickelten optischen Interferometers den Bewegungs-
zustand dieses „Äthers“ experimentell festzustellen, ist jedoch fehlgeschlagen. Ein-
stein hat erkannt, dass die Einführung eines materiellen „Äthers“ nicht erforderlich
ist und zu Widersprüchen führt.
Nach der gegenwärtigen Betrachtungsweise bewirken elektrisch geladene Körper in
ihrer Umgebung die Ausbildung eines elektromagnetischen Feldes, welches mit

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Hilfe elektrischer und magnetischer Feldvektoren beschrieben wird. Dieses elek-


tromagnetische Feld bewirkt dann seinerseits eine Kraftwirkung auf in dem Feld
befindliche elektrisch geladene Körper. Das elektromagnetische Feld kann sich in
Form elektromagnetischer Wellen im Vakuum ausbreiten und somit Energietrans-
port bewirken. Das elektromagnetische Feld kann folglich als Träger von Energie
angesehen werden.

5.2 Elektrostatik
In der Elektrostatik betrachten wir Felder und Wechselwirkungen ruhender elek-
trisch geladener Körper.

5.2.1 Grundlagen, Coulomb’sches Kraftgesetz, Gauß’sches Gesetz


Erste Erfahrungen mit elektrischen Phänomenen wurden im antiken Griechenland
gemacht: Bernstein (elektron) lädt sich durch Reibung elektrisch auf und es werden
Kraftwirkungen auf andere Körper beobachtet. Es zeigt sich, dass elektrische La-
dungen stets an Masseteilchen gebunden sind. In abgeschlossenen Systemen bleibt
die Ladung erhalten. Experimentelle Beobachtungen ergeben, dass es zwei Arten
von elektrischen Ladungen gibt, die mit + und – bezeichnet werden. Gleichnamige
Ladungen stoßen einander ab, ungleichnamige ziehen einander an.
Zunächst betrachten wir zwei Punktladungen Q und q , die sich im Abstand r
voneinander befinden. An der Stelle der Ladung Q befinde sich der Koordinaten-
ursprung O (siehe Abb. 5.1).

F
q

r
Q
Abb. 5.1: Wechselwirkung zweier Punktladungen Q , q

Experimentell zeigt sich, dass die Wechselwirkungskraft auf die Ladung q ausge-
drückt werden kann mit Hilfe des Coulomb’schen Kraftgesetzes
 1 Qq
F rˆ , (5.1)
4 0 r 2
 
wobei r den Ortsvektor der Ladung q bezeichnet. rˆ  r r ist ein Einheitsvektor in

Richtung r längs der Verbindungsgeraden der Ladungen Q und q . Aus Gl. (5.1)

erkennt man unmittelbar, dass der Betrag der Wechselwirkungskraft F proportional

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zu den Ladungen Q und q , sowie umgekehrt proportional zum Abstandsquadrat r 2


ist.
Die universelle Konstante ε0 wird als elektrische Feldkonstante bezeichnet, ihr
Wert steht in Verbindung mit der Wahl der Ladungseinheit. In SI-Einheiten wird
die elektrische Stromstärke I als abgeleitete Basisgröße definiert. Die Einheit der
elektrischen Stromstärke ist [ I ]  [ A] und wird als Ampere bezeichnet (siehe Kap.
5.4.5). Die Einheit der elektrischen Ladung lautet somit [Q]  [ A s ]  [C ] und wird
als Coulomb bezeichnet. In SI-Einheiten erhält die elektrische Feldkonstante den
C2
Wert  0  8.854 10 12 (siehe Kap. 5.7). Mit dieser Festlegung ergibt sich
N m2
gemäß Gl. (5.1) die Kraft zwischen zwei Ladungen von je 1 C im Abstand von 1 m
zu F  9  10 9 N , was dem Gewicht einer Masse von etwa 106 Tonnen an der Erd-
oberfläche entspricht. Die Ladungseinheit Coulomb wurde derart groß gewählt, um
zu einer für die Praxis sinnvollen Stromstärkeeinheit Ampere zu gelangen. Die
elektrische Elementarladung hat etwa den Wert 1.602  10 19 C .
Gemäß Gl. (5.1) erkennt man, dass im elektrischen Feld in der Umgebung einer

Ladung Q die Kraft F auf eine Ladung q proportional zu q ist. Dies gilt auch all-
gemein für beliebige elektrische Felder. In einem beliebigen elektrischen Feld be-

trachten wir eine Probeladung q und die auf diese Probeladung wirkende Kraft F .
Zur Charakterisierung der Stärke des betrachteten elektrischen Feldes definieren

wir die elektrische Feldstärke E als Kraft auf die (positive) Ladungseinheit:

 F
E . (5.2)
q

Zur geometrischen Veranschaulichung elektrischer Felder definieren wir ferner


elektrische Feldlinien als Tangentialkurven an die Feldstärkevektoren. Diese De-
finition der elektrischen Feldlinien ist völlig analog zur Definition der Stromlinien
in der Hydrodynamik.
Es sei darauf hingewiesen, dass die Probeladung q das betrachtete, in Abwesenheit
von q bestehende elektrische Feld beeinflusst. Die ruhende Probeladung q übt je-
doch auf sich selbst keine Kraft aus, es besteht also keine Rückwirkung. Daher
kann bei der Definition der elektrischen Feldstärke der Einfluss des Feldes der Pro-
beladung q auf das betrachtete elektrische Feld außer Acht gelassen werden.
Gemäß Gl. (5.2) und (5.1) erhalten wir folgenden Ausdruck für die elektrische
Feldstärke in der Umgebung einer Punktladung Q :
 1 Q
E r   rˆ . (5.3)
4 0 r 2

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Abbildung 5.2 zeigt das elektrische Feld einer Punktladung.


E

Abb. 5.2: Elektrisches Feld einer Punktladung Q

Analog zur Definition des Volumsflusses in der Hydrodynamik definieren wir den
elektrischen Fluss  E :
 
 E   E  df . (5.4)
A

Wie in Abbildung 5.3 gezeigt, beschreibt der elektrische Fluss das Hindurchtreten
eines elektrischen Feldes durch eine Fläche A .

A

E

Abb. 5.3: Elektrischer Fluss durch eine Fläche A

Gemäß Gl. (5.4) und (5.3) kann der elektrische Fluss  E berechnet werden, der
aus einer um eine Punktladung Q konzentrisch angeordneten Kugelfläche A mit
Radius R heraustritt:
      
 E   E  df  lim  E  f  lim  f   E .
   
A A 
E  f  A  1 Q

A  4 R 2 4 0 R 2

Damit erhalten wir das Gauß’sche Gesetz


Q
E  . (5.5)
0

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Dieses Gesetz gilt auch allgemein für eine Gesamtladung Q , die von einer beliebi-
gen geschlossenen Fläche A eingeschlossen wird.  E ist der durch die geschlos-
sene Fläche A nach außen tretende elektrische Fluss (siehe Abb. 5.4).

 E
E A

 
E E

Abb. 5.4: Elektrischer Fluss, austretend aus dem Inneren einer


geschlossenen Fläche A , die eine Gesamtladung Q einschließt

Das Gauß’sche Gesetz ist ein integrales Gesetz. Um daraus ein entsprechendes
differenzielles Gesetz herzuleiten, betrachten wir eine räumlich ausgedehnte
Ladungsverteilung (Raumladung) in einem Volumen V . Die Ladungsdichte 
dieser Ladungsverteilung ist gegeben durch
Q
 , (5.6)
v
wobei Q die Ladungsmenge in einem Volumselement v ist. Damit kann die
Gesamtladung Q im Volumen V ausgedrückt werden in der Form

Q     dv (5.7)
V

Der durch die geschlossene Oberfläche Rd (V ) des Volumens V hindurch nach au-
ßen tretende elektrische Fluss  E ist definitionsgemäß gegeben durch
 
 E   E  df (5.8)
Rd V 

Mit Hilfe des Gauß’schen Integralsatzes


  
  dv 
div E   df
E (5.9)
V Rd V 

kann Gl. (5.8) umgeformt werden und wir erhalten

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 E   div E  dv (5.10)
V

Durch Einsetzen von Gl. (5.10) und (5.7) in das Gaußsche Gesetz (5.5) erhalten wir
 1
div E  dv   0    dv (5.11)
V V

Diese Gleichung ist sicher erfüllt, falls


 
div E  . (5.12)
0

Gl. (5.12) ist eine der vier Maxwell’schen Gleichungen. Die physikalische Inter-
pretation dieser Gleichung kann mit Hilfe des Gauß’schen Integralsatzes (5.9) er-
folgen. Dazu betrachten wir ein Volumselement V , das hinreichend klein gewählt

wird, sodass sich div E im Bereich von V nicht wesentlich ändert. Durch An-
wendung des Gauß’schen Integralsatzes (5.9) auf das Volumselement V erhalten
wir
  
V  div E   E  df
Rd ( V )
beziehungsweise
 1  
div E 
V   df .
E
Rd ( V )

Folglich ist div E gleich dem aus dem Volumselement V austretenden Fluss des

Vektorfeldes E pro Volumseinheit. Diese Größe wird als Quelldichte des Vek-

torfeldes E bezeichnet. Damit ergibt sich die physikalische Interpretation der
Maxwell’schen Gleichung (5.12):

Die Ladungsdichte (dividiert durch  0 ) ist die Quelldichte des E -Feldes.

Es zeigt sich, dass elektrostatische Felder stets konservativ sind. Eine übersichtliche
Beschreibung elektrostatischer Felder kann daher durch Betrachtung der potenziel-
len Energie einer Probeladung q in einem Punkt P erfolgen:
P
 
V  P     F  dr . (5.13)
P0

Der Bezugspunkt P0 kann beliebig gewählt werden. Manchmal erweist es sich als
zweckmäßig, P0 im  anzunehmen.

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Gemäß Gl. (5.13) und (5.1) erhalten wir folgenden Ausdruck für die potenzielle
Energie einer Probeladung q in der Umgebung einer Punktladung Q :
R
1 Qq 1 Qq
V R      dr   , (5.14)
4 0 r 2 4 0 R

wobei der Bezugspunkt P0 sich im  befindet. Man erkennt, dass das Integral in
Gl. (5.14) wegunabhängig und somit das elektrostatische Feld einer Punktladung
konservativ ist.
Zur Charakterisierung des jeweils betrachteten elektrostatischen Feldes wird die
potenzielle Energie auf die (positive) Ladungseinheit bezogen und man erhält aus
Gl. (5.13) mittels Gl. (5.2) das elektrische Potenzial
P  
  P     E  dr , (5.15)
P0

wobei der Bezugspunkt P0 beliebig festgelegt wird, manchmal im  .


In vielen Fällen ist es wichtig, die während der Bewegung einer Punktladung in ei-
nem elektrischen Feld seitens des Feldes verrichtete Arbeit zu ermitteln.

Die von einem elektrischen Feld längs eines Weges von P1 nach P2 verrichtete
Arbeit bezogen auf die (positive) Ladungseinheit bezeichnet man als elektrische
Spannung U12 .

Mittels Gl. (5.2) erhält man:


P2
 
U12    dr .
E (5.16)
P1

In einem konservativen elektrostatischen Feld kann wegen der Wegunabhängigkeit


der Arbeit die elektrische Spannung berechnet werden in der Form
P2 P0
    P2  
U12   E  dr   E  dr   E  dr
P1 P1 P
0 

 
 
1  2

und somit erhält man einen Ausdruck für die elektrische Spannung als Potenzial-
differenz:
U12  1   2 . (5.17)
Die Einheit des elektrischen Potenzials und der elektrischen Spannung lautet
   U   J C   V  und wird als Volt bezeichnet.

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Ausgehend vom bekannten mechanischen Zusammenhang F   grad V (siehe Gl.
(2.82)) erhält man bezogen auf die (positive) Ladungseinheit den analogen Zu-
sammenhang

E   grad  . (5.18)

Diese Beziehung zeigt, dass die elektrische Feldstärke E eines statischen elektri-
schen Feldes ausgedrückt werden kann als Gradient des skalaren Potenzials  . Da-
rin liegt eine wesentliche Bedeutung des elektrischen Potenzials  . Gemäß Gl.

(5.18) lautet die Einheit der elektrischen Feldstärke E  V m. 
Aus Gl. (5.14) erhalten wir folgenden Ausdruck für das elektrische Potenzial in
der Umgebung einer Punktladung Q :
R
1 Q 1 Q
 R      dr   , (5.19)
4 0 r 2 4 0 R

wobei der Bezugspunkt P0 sich im  befindet. Gemäß Gl. (5.17) erhalten wir
somit die Spannung zwischen zwei Punkten in der Umgebung einer Punkt-
ladung Q :
1  1 1 
U12   Q     . (5.20)
4 0  R1 R2 

Gemäß Gl. (5.19) ist das Potenzial in der Umgebung einer Punktladung Q nur ab-
hängig vom Abstand R von der Punktladung. Die Äquipotenzialflächen sind somit
konzentrische Kugeln um die Punktladung Q .


 R
 0

1

R
1

R

 0
R
Abstoßung Q  0 Anziehung Q  0
Abb. 5.5: Elektrisches Potenzial  in der Umgebung einer Punktladung Q

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In Abbildung 5.5 ist das elektrische Potenzial  in der Umgebung der Punktladung
Q für positive und für negative Ladung Q in Abhängigkeit vom Abstand R darge-
stellt.
Der Potenzialansatz (5.18) eröffnet die Möglichkeit, elektrostatische Felder belie-
biger Ladungsverteilungen zu berechnen. Dazu setzen wir den Potenzialansatz
(5.18) in die Maxwell’sche Gleichung (5.12) ein und erhalten die berühmte
Poisson’sche Gleichung

   (5.21)
0

die sich für ladungsfreien Raum auf die Laplace’sche Gleichung

  0 (5.22)

reduziert. Gl. (5.21) und (5.22) sind die Grundgleichungen der Elektrostatik.
Durch Lösung dieser Gleichungen unter Berücksichtigung entsprechender Rand-
bedingungen können elektrostatische Felder vorgegebener Ladungsverteilungen
bestimmt werden. Lösungsmethoden und Lösungen dieser Differenzialgleichun-
gen wurden eingehend mathematisch untersucht. Insbesondere gilt der Satz, dass
bei Randbedingungen, die auf einer geschlossenen Fläche vorgegeben sind, die
Lösung der Poisson’schen Gleichung im Innenraum dieser Fläche eindeutig be-
stimmt ist. Bei Randbedingungen, die auf einer geschlossenen Fläche vorgegeben
sind, genügt es daher, irgendeine Lösung der Poisson’schen Gleichung zu finden,
um bereits die eindeutige Lösung für dieses Problem im Innenraum dieser Fläche
zu erhalten. Ferner gilt wegen der Linearität der Poisson’schen Gleichung, dass
lineare Superposition von Lösungen der Poisson’schen Gleichung wiederum auf
Lösungen dieser Gleichung führt.

5.2.2 Elektrische Felder statischer Ladungsverteilungen, Influenz


Die Grundgesetze der Elektrostatik erlauben die Ermittlung von elektrischen Feldern
beliebiger statischer Ladungsverteilungen. Zunächst betrachten wir diskret verteilte

Punktladungen Qi , die sich an den Orten Ri befinden (siehe Abb. 5.6). Durch line-
are Superposition der Coulomb-Potenziale der Punktladungen Qi erhalten wir

 1 Q
 r      i . (5.23)
4 0 V r  Ri

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V
 Qi
Ri
O  
r  Ri

r

P ( x1, x2 , x3 )
Abb. 5.6: Zur Berechnung des elektrischen Feldes einer diskreten
Verteilung von Punktladungen Qi

Nunmehr betrachten wir eine kontinuierliche statische Ladungsverteilung  (R)


(siehe Abb. 5.7). Analog zu Gl. (5.23) erhalten wir das elektrische Potenzial

 1  ( R)  dv
4 0  r  R
 (r )     . (5.24)
V

V dv

R
O  
r R

r

P ( x1, x2 , x3 )
Abb. 5.7: Zur Berechnung des elektrischen Feldes einer
kontinuierlichen Ladungsverteilung

 
Falls R  r , dann spricht man von einer lokalisierten Ladungsverteilung. In die-
 1
sem Fall kann bei der Berechnung von  r  gemäß Gl. (5.24) der Ausdruck  
rR
in eine Reihe entwickelt werden und man erhält damit eine sogenannte Multipol-
entwicklung.
Ausgehend von Gl. (5.24) erhalten wir mit Hilfe des Potenzialansatzes (5.18) die
elektrische Feldstärke

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  1   ( R ) 
grad      dv .
4 0 
E (r )    (5.25)
 r R 
V  
Durch konkrete Berechnung, wobei die Differenziation nach den Koordinaten von

r erfolgt, erhält man
 1   
  r R
grad     . (5.26)
 r R  3
  r  R

Damit ergibt sich aus Gl. (5.25) für die elektrische Feldstärke einer beliebigen stati-

schen Ladungsverteilung  ( R ) der Ausdruck
  
  1  ( R)  (r  R)
4 0  r  R 3
E (r )    dv . (5.27)
V


Für den Spezialfall einer Punktladung an der Stelle R erhalten wir damit
   
1 r R
E (r )  Q  (5.28)
4 0  3
r R

in Übereinstimmung mit Gl. (5.3).


Im Folgenden berechnen wir elektrische Felder spezieller statischer Ladungsvertei-
lungen. Zunächst betrachten wir eine geladene leitende Hohlkugel mit Radius R
und Ladung Q . Der gesamte Innenraum der Hohlkugel sei ladungsfrei. Wir behan-
deln separat den Außenraum und den Innenraum der Hohlkugel. Zur Berechnung
des Außenfeldes betrachten wir eine konzentrische Kugelfläche K mit Radius
r  R . Der elektrische Fluss durch diese Kugelfläche beträgt definitionsgemäß
  
 E   E  df  4r 2  E . (5.29)
K

Durch Einsetzen in das Gauß’sche Gesetz (5.5) erhalten wir für den Betrag der
elektrischen Feldstärke im Abstand r vom Zentrum den Ausdruck
 1 Q
E r    r  R  . (5.30)
4 0 r2

Damit ergibt sich gemäß Gl. (5.15) für das Potenzial im Abstand r vom Zentrum
der Ausdruck
r
1 Q 1 Q
 (r)      dr '   r  R  , (5.31)

4 0 r' 2
4 0 r

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wobei der Bezugspunkt P0 sich im  befindet. Vergleich von Gl. (5.30) und (5.31)
mit Gl. (5.3) und (5.19) zeigt:
Das Außenfeld einer geladenen Hohlkugel stimmt mit dem Feld einer Punkt-
ladung überein.

Vergleich von Gl. (5.30) und (5.31) ergibt


  (r)
E  r  R  . (5.32)
r
Wir betrachten nunmehr insbesondere die geladene Außenfläche der leitenden
Hohlkugel. Gemäß Gl. (5.31) erkennt man unmittelbar, dass diese Kugelfläche eine
Äquipotenzialfläche ist. Damit erhält man aus Gl. (5.32) für die leitende Kugelflä-
che die Folgerung:
Bei fest vorgegebenem Potenzial  R   0 einer geladenen leitenden Kugelflä-
che nimmt bei abnehmendem Krümmungsradius R der Kugelfläche die Feld-

stärke E des Außenfeldes zu.

Somit treten insbesondere in der Umgebung elektrisch leitender Spitzen starke


elektrische Felder auf, was u.a. bei Blitzableitern von Bedeutung ist.
Zur Berechnung des Innenfeldes der Hohlkugel betrachten wir eine konzentrische
Kugelfläche K mit Radius r  R . Da sich im gesamten Innenraum der geladenen
leitenden Hohlkugel keine Ladungen befinden, verschwindet der elektrische Fluss
 E durch die Kugelfläche K auf Grund des Gauß‘schen Gesetzes. Gemäß Gl.
(5.29) gilt somit:

Der ladungsfreie Innenraum einer (geladenen) leitenden Hohlkugel ist feldfrei.

Auf Grund des Potenzialansatzes (5.18) erhält man daher im Innenraum der Hohl-
kugel:
 r   const r  R  . (5.33)

Der Innenraum ist folglich gegen elektrische Felder abgeschirmt, die leitende
Hohlkugel wirkt damit als sogenannter Faraday‘scher Käfig.

Das Potenzial  und die Feldstärke E des elektrostatischen Feldes im Bereich ei-
ner geladenen leitenden Hohlkugel sind in Abbildung 5.8 als Funktionen der radia-
len Koordinate r dargestellt. Man erkennt, dass die elektrische Feldstärke bei die-
ser kugelsymmetrischen Anordnung mit zunehmendem r proportional zu 1 r 2 ab-
nimmt.

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1

r

 0
R r
E

1

r2

E 0
R r
Abb. 5.8: Elektrisches Potenzial  und Feldstärke E im Bereich einer
geladenen leitenden Hohlkugel mit Radius R

Als weitere statische Ladungsverteilung betrachten wir einen unendlich langen ge-
ladenen leitenden Hohlzylinder mit Radius R und Ladung  pro Längeneinheit.
Der gesamte Innenraum des Hohlzylinders sei ladungsfrei. Zur Berechnung des
Außenfeldes betrachten wir eine konzentrische Zylinderfläche Z mit Radius r  R .
Der elektrische Fluss durch diese Zylinderfläche beträgt für eine Zylinderlänge 
definitionsgemäß
  
 E   E  df  2r   E . (5.34)
Z

Die Ladung für die Zylinderlänge  beträgt


Q     . (5.35)

Durch Einsetzen von Gl. (5.34) und (5.35) in das Gauß’sche Gesetz (5.5) erhalten
wir für den Betrag der elektrischen Feldstärke im Abstand r von der Achse den
Ausdruck
 1 
E r    r  R  . (5.36)
2 0 r

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Damit ergibt sich gemäß Gl. (5.15) für das Potenzial im Abstand r von der Achse
der Ausdruck
r
1  1 r
 r       dr       ln r  R  , (5.37)
R
2 0 r 2 0 R

wobei der Bezugspunkt P0 sich bei r  R befindet.

Da sich im gesamten Innenraum des geladenen leitenden Hohlzylinders keine La-


dungen befinden, ergibt sich analog wie bei der geladenen leitenden Hohlkugel:

Der ladungsfreie Innenraum eines (geladenen) leitenden Hohlzylinders ist feldfrei.

Man erhält daher im Innenraum des Hohlzylinders ein konstantes Potenzial  .


Der Innenraum ist folglich gegen elektrische Felder abgeschirmt, der leitende
Hohlzylinder wirkt daher ebenfalls als Faraday‘scher Käfig. Die von leitenden
Hohlzylindern bewirkte Abschirmung gegen elektrische Felder wird unter anderem
bei Koaxialleitungen angewendet.

Das Potenzial  und die Feldstärke E des elektrostatischen Feldes im Bereich ei-
nes geladenen leitenden Hohlzylinders sind in Abbildung 5.9 als Funktionen der
radialen Koordinate r dargestellt. Man erkennt, dass die elektrische Feldstärke bei
dieser zylindersymmetrischen Anordnung mit zunehmendem r proportional zu 1 r
abnimmt.
Wir betrachten nunmehr einen beliebig geformten geladenen leitenden Hohlkör-
per. Der gesamte Innenraum des Hohlkörpers sei ladungsfrei. Für diesen Fall ist im
Bereich des Innenfeldes das Potenzial  eine Lösung der Laplace‘schen Gleichung
(5.22). Der betrachtete leitende Hohlkörper ist im statischen Gleichgewicht eine
Äquipotenzialfläche, Potenzialunterschiede würden ja zu Ladungsverschiebungen
führen. Die Randbedingungen sind somit auf einer geschlossenen Fläche vorgege-
ben und folglich ist die Lösung der Laplace‘schen Gleichung im Innenraum der
Fläche eindeutig bestimmt. Ein konstantes Potenzial  im Innenraum des betrach-
teten Hohlkörpers ist eine Lösung der Laplace-Gleichung, die mit den Randbedin-
gungen verträglich ist. Wegen der Eindeutigkeit der Lösung der Laplace-Gleichung
stellt dies daher die Lösung des vorliegenden Randwertproblems im Innenraum des
Hohlkörpers dar. Gemäß dem Potenzialansatz (5.18) gilt somit für einen beliebig
geformten leitenden Hohlkörper allgemein:

Der ladungsfreie Innenraum eines (geladenen) leitenden Hohlkörpers ist stets


feldfrei. Der Hohlkörper wirkt somit als Faraday‘scher Käfig.

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R r
 0

r
 (  ln )
R

1

r

E 0
R r

Abb. 5.9: Elektrisches Potenzial  und Feldstärke E im Bereich eines


geladenen leitenden Hohlzylinders mit Radius R

Insbesondere im Fall der Anwesenheit äußerer elektrischer Felder erhalten wir da-
mit als Folgerung:
Bei einem (geladenen) leitenden Hohlkörper mit ladungsfreiem Innenraum treten
an der Oberfläche auf Grund von äußeren elektrischen Feldern Ladungsverschie-
bungen derart auf, dass damit die Wirkung der äußeren Felder im Innenraum des
Hohlkörpers kompensiert wird und der Innenraum somit feldfrei bleibt. Die Ver-
schiebung von Ladungen in leitenden Körpern aufgrund äußerer elektrischer
Felder wird als Influenz bezeichnet.

5.2.3 Kondensatoren
Wenn elektrische Ladungen in einem System gespeichert werden, treten im Allge-
meinen äußere elektrische Felder auf. Oftmals ist es jedoch wünschenswert, das
Auftreten solcher äußeren elektrischen Felder möglichst zu vermeiden. Zu diesem
Zweck werden Kondensatoren verwendet, in denen zwei gleich große, aber entgegen-
gesetzte Ladungen gespeichert werden.

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Ein Kondensator besteht aus zwei Leiterflächen (Elektroden). Der Aufladevor-


gang eines Kondensators wird im Folgenden anhand von Abbildung 5.10 be-
schrieben.
In Situation 1 sind beide Elektroden ungeladen und der gesamte Raum ist somit
feldfrei. Nun wird die linke Elektrode mit einer positiven Ladung  Q geladen. In
Situation 2 trägt die linke Elektrode die Ladung  Q , von dieser Elektrode geht
somit nach beiden Richtungen ein elektrisches Feld aus. Die rechte Elektrode ver-
bleibt ungeladen, bei dieser Elektrode tritt jedoch aufgrund von Influenz Ladungs-
verschiebung auf, der Innenraum der rechten Elektrode ist feldfrei. Anschließend
werden die positiven Ladungen von der rechten Elektrode abgeleitet. In Situation 3
trägt nunmehr die linke Elektrode die Ladung  Q und die rechte Elektrode die
Ladung  Q . Zwischen den beiden Elektroden herrscht ein elektrisches Feld mit

Feldstärke E und eine elektrische Spannung U . Nach außen wird das Feld von den
Ladungen auf den Elektroden abgeschirmt. Die Gesamtladung des Systems ist
gleich null und gemäß dem Gauß’schen Gesetz ist der Außenraum daher feldfrei.

1 2 3

0 0 Q Q Q Q
    
    
    
    
    
    
    
      
U0    U  
    0  
    

Abb. 5.10: Zur Aufladung eines Kondensators

Für einen bestimmten Kondensator mit festgelegter Elektrodenanordnung gilt



U  E Q (5.38)

und somit machen wir den Ansatz


Q  C U (5.39)
und die Kapazität C des betrachteten Kondensators ist somit definiert als
Q
C . (5.40)
U

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Die Einheit der Kapazität lautet somit C   C V   F  und wird als Farad bezeich-
net. Die Kapazität eines Kondensators charakterisiert die Möglichkeit, eine große
Ladungsmenge bei kleiner Spannung zu speichern.
Im Folgenden betrachten wir drei wichtige Typen von Kondensatoren: Kugelkon-
densator, Zylinderkondensator und Plattenkondensator. Ein Kugelkondensator be-
steht aus zwei konzentrischen leitenden Hohlkugeln mit den Radien ri  ra . Auf
der inneren Hohlkugel befindet sich die Ladung Q , auf der äußeren die Ladung
 Q (siehe Abb. 5.11). Die Spannung zwischen den beiden Elektroden ist
U  i   a . (5.41)

Q a

Q

i

Abb. 5.11: Schematische Darstellung eines Kugelkondensators

Die Gesamtladung des Systems ist gleich null und gemäß dem Gauß’schen Gesetz
ist der Außenraum daher feldfrei. Die Ladung  Q erzeugt im Inneren der äußeren
Hohlkugel kein Feld. Das Feld zwischen den beiden Hohlkugelflächen wird somit
ausschließlich von der Ladung Q auf der inneren Hohlkugel erzeugt. Der Innen-
raum der inneren Hohlkugel ist feldfrei. Gemäß Gl. (5.31) gilt somit für das Poten-
zial im Kugelkondensator
1 Q
i    const 0  r  ri 
4 0 ri
1 Q
 r    ri  r  ra  (5.42)
4 0 r
1 Q
a    const r  ra 
4 0 ra

Der Feldverlauf im Kugelkondensator ist in Abbildung 5.12 dargestellt.

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i 1

r

a

 0
ri ra r
E

1

r2

E 0
ri ra r
Abb. 5.12: Elektrisches Potenzial  und Feldstärke E im Bereich eines
Kugelkondensators mit Radien ri und ra

Gemäß Gl. (5.41) und (5.42) erhalten wir für die Spannung U zwischen den kon-
zentrischen Hohlkugeln
1 1 1 
U  i   a   Q     . (5.43)
4 0  ri ra 

Damit ergibt sich für die Kapazität des Kugelkondensators der Ausdruck
Q r r
C  4 0  a i . (5.44)
U ra  ri

Für die Kapazität einer Kugel mit Radius ri  R gegen eine  weit entfernte Ge-
genelektrode ra   erhält man im Grenzwert
C R  4 0  R . (5.45)

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Für die Kapazität der Erdkugel ergibt sich ein Wert von etwa 0.7 mF.

Nunmehr betrachten wir den Zylinderkondensator. Ein Zylinderkondensator be-


steht aus zwei unendlich langen konzentrischen leitenden Hohlzylindern mit den
Radien ri  ra . Auf den Hohlzylindern befindet sich jeweils die Ladung  pro
Längeneinheit. Für die Zylinderlänge  befindet sich auf dem inneren Hohlzylinder
die Ladung Q     , auf dem äußeren die Ladung  Q     (siehe Abb. 5.13).
Die Spannung zwischen den beiden Elektroden ist

U  i   a . (5.46)

 Q a

 Q

i

Abb. 5.13: Schematische Darstellung eines Zylinderkondensators

Die Gesamtladung des Systems ist gleich null und gemäß dem Gauß’schen Gesetz
ist der Außenraum daher feldfrei. Die Ladung  Q erzeugt im Inneren des äußeren
Hohlzylinders kein Feld. Das Feld zwischen den beiden Hohlzylinderflächen wird
somit ausschließlich von der Ladung Q auf dem inneren Hohlzylinder erzeugt.
Der Innenraum des inneren Hohlzylinders ist feldfrei. Gemäß Gl. (5.37) gilt somit
für das Potenzial im Zylinderkondensator
i  0 0  r  ri 
1 r
 r       ln ri  r  ra  (5.47)
2 0 ri
1 ra
a      ln  const r  ra 
2 0 ri

Der Feldverlauf im Zylinderkondensator ist in Abbildung 5.14 dargestellt.

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ri ra r
i  0

r
 ( ln )
ri

a

1

r

E0
ri ra r
Abb. 5.14: Elektrisches Potenzial  und Feldstärke E im Bereich eines
Zylinderkondensators mit Radien ri und ra

Gemäß Gl. (5.46) und (5.47) erhalten wir für die Spannung U zwischen den kon-
zentrischen Hohlzylindern
1 ra
U  i   a     ln . (5.48)
2 0 ri

Damit ergibt sich für die Kapazität des Zylinderkondensators für eine Zylinder-
länge  der Ausdruck
Q 2 0  
C   . (5.49)
U ln ra ri 

Eine wichtige Anwendung des Zylinderkondensators ist die Koaxialleitung, deren


Übertragungseigenschaften durch die Kapazität mitbestimmt werden.

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Schließlich wenden wir uns dem Plattenkondensator zu. Ein Plattenkondensator


besteht aus zwei planparallelen leitenden Platten mit Fläche A und Abstand d .
Die lineare Ausdehnung der Platten ist groß im Vergleich zum Plattenabstand.
Das elektrische Feld zwischen den Platten ist daher in guter Näherung ein homo-
genes Feld. Senkrecht auf die Kondensatorplatten wird eine x-Koordinatenachse
eingeführt (siehe Abb. 5.15). Auf der linken Platte befindet sich die Ladung Q ,
auf der rechten die Ladung  Q . Die Spannung zwischen den beiden Elektroden
ist
U  1   2 (5.50)

Q Q

1 2
x

x0 xd
Abb. 5.15: Schematische Darstellung eines Plattenkondensators

Die Gesamtladung des Systems ist gleich null und gemäß dem Gauß’schen Gesetz
ist der Außenraum daher feldfrei. Das Feld im Innenraum wird gleichermaßen von
den Ladungen auf beiden Kondensatorplatten erzeugt. Der Innenraum des Platten-
kondensators ist ladungsfrei. Das Potenzial  im Innenraum kann somit ermittelt
werden durch Lösung der eindimensionalen Laplace’schen Gleichung

 2
0 0  x  d  . (5.51)
x 2

Unter Berücksichtigung der Randbedingungen


 0   1 ,  d   2 , (5.52)
sowie der Beziehung (5.50) erhält man
U
  x  1 0  x  d  . (5.53)
d

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Gemäß Gl. (5.18) erhalten wir daraus die elektrische Feldstärke im Plattenkon-
densator
 U
E  0  x  d  . (5.54)
x d

1

2

 0
0 d x

U
E
d

E0
0 d x
Abb. 5.16: Elektrisches Potenzial  und Feldstärke E im Bereich eines
Plattenkondensators mit Plattenabstand d

Der Feldverlauf im Plattenkondensator ist in Abbildung 5.16 dargestellt.


Nunmehr kann mit Hilfe des Gauß’schen Gesetzes die Kapazität des Plattenkon-
densators ermittelt werden. Dazu betrachten wir den elektrischen Fluss  E im In-
neren des Kondensators
U
 E  E  A   A. (5.55)
d
Wegen der Feldfreiheit im Außenraum des Kondensators ist  E gemäß Gl. (5.55)
bereits der gesamte von der linken Kondensatorplatte ausgehende Fluss. Durch
Einsetzen von  E gemäß Gl. (5.55) in das Gauß’sche Gesetz erhalten wir einen
weiteren Ausdruck für die elektrische Feldstärke im Plattenkondensator

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Q
E , (5.56)
0  A
sowie einen Ausdruck für die Kapazität des Plattenkondensators
Q A
C  0  . (5.57)
U d

Gemäß Gl. (5.56) erkennt man eine wichtige Eigenschaft des Plattenkondensators:

Die elektrische Feldstärke E im Plattenkondensator bei konstanter Ladung Q


ist unabhängig vom Plattenabstand d .

Als konkretes Beispiel betrachten wir einen Plattenkondensator mit Plattenfläche


 100 cm 2 und Plattenabstand  1 mm . Dieser Kondensator hat gemäß Gl. (5.57)
die Kapazität C  88.5 pF . Durch Anwendung von Dielektrika (siehe Kap. 5.2.6),
deren Schichtdicke d nur einige Moleküllagen beträgt, wurden in neuerer Zeit in
elektrochemischen Doppelschichtkondensatoren bei einer Spannungsfestigkeit
von 2.5 V Kapazitäten bis zu 5000 F erzielt.
Oftmals erweist es sich als zweckmäßig, Kondensatoren in elektronischen Schal-
tungen einzusetzen. In diesem Zusammenhang betrachten wir nunmehr Parallel-
und Serienschaltung von Kondensatoren. Das Schaltbild für eine Parallelschal-
tung von Kondensatoren ist in Abbildung 5.17 dargestellt. Alle Kondensatoren
liegen an der gleichen Spannung U 0 .


U0 C1 C2 C3

Abb. 5.17: Parallelschaltung von Kondensatoren

Man erkennt unmittelbar


 Qi  Q . (5.58)
i

Definitionsgemäß gilt: Qi  Ci  U 0 , Q  C  U 0 .
Damit erhalten wir durch Einsetzen in Gl. (5.58) die Regel für die Parallelschal-
tung von Kondensatoren:
C   Ci . (5.59)
i

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Das Schaltbild für eine Serienschaltung von Kondensatoren ist in Abbildung 5.18
dargestellt. In allen Kondensatoren erfolgt die gleiche Ladungstrennung und folg-
lich tragen alle Kondensatoren die gleiche Ladung Q .