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Dieter Meschede Hrsg.

Gerthsen
Physik
25. Auflage
Springer-Lehrbuch
Dieter Meschede

Gerthsen Physik
25. Auflage

Bis zur 20. Auflage betreut von Helmut Vogel


Herausgeber
Professor Dr. Dieter Meschede
Institut für Angewandte Physik
Universität Bonn
Wegeler Straße 8
53115 Bonn
Deutschland
e-mail: meschede@iap.uni-bonn.de

ISSN 0937-7433
ISBN 978-3-662-45976-8 ISBN 978-3-662-45977-5 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-45977-5

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Vorwort zur 25. Auflage

„Dieses Buch ist aus Niederschriften hervorgegangen, die verwenden kann. Heute will der Gerthsen dazu beitragen,
ich im Studienjahr / den Hörern meiner Vorlesun- die Bildungsinhalte des Physikstudiums nicht allein auf die
gen über Experimentalphysik an der Universität Berlin aus- prüfungsrelevanten Themen der neuen Bachelor-Master-
gehändigt habe. Sie sollten den drückenden Mangel an Struktur zu verengen, sondern auch die perspektivische
Lehrbüchern der Physik überwinden helfen. Diesem Ur- Sicht auf weitere bedeutende Konzepte – zum Beispiel die
sprung verdankt das Buch seinen in mancher Hinsicht vom Himmelsmechanik – und deren Entwicklung in der zeitge-
üblichen abweichenden Charakter. Es erhebt nicht den An- nössischen Wissenschaft im Blick zu behalten. Die vorlie-
spruch, ein Lehrbuch zu sein, dessen Studium eine Vorle- gende . Auflage bleibt daher gegenüber der . unverän-
sung zu ersetzen vermag. Es soll nicht statt, sondern neben dert.
einer Vorlesung verwendet werden.“, so Christian Gerth- Die Aufgaben bleiben integraler und hoch geschätzter
sen in seinem Vorwort zur . Auflage von . Bestandteil des „Gerthsen“. Sie sind in der Printausgabe auf
Der „Gerthsen“ hat von Beginn an einen zeitlosen, ausgewählte Beispiele reduziert, der vollständige Aufgaben-
bereits  formulierten Anspruch vertreten: Er will ein Katalog bleibt als Extra-Material unter extra.springer.com
verlässlicher Begleiter sein, den man zur kompakten Prü- verfugbar und wird weiter entwickelt.
fungsvorbereitung ebenso wie später als Nachschlagewerk
Prof. Dr. Dieter Meschede

Vorwort des Verlags zur 25. Auflage

Der „Gerthsen“ ist seit Jahrzehnten eines der beliebtesten Für die . Auflage sind dann deutliche Neuerungen
Standardwerke für das Physikstudium. Grund dafür ist geplant, um den „Gerthsen“ besser an studentische Bedürf-
unter anderem die besondere Themenvielfalt und die Voll- nisse des Bachelorstudiums anzupassen. Dieses neue
ständigkeit des Inhaltes: wenn Studenten ein spezielles phy- Konzept ist jedoch aufwändig und bedarf längerer Bearbei-
sikalisches Problem suchen, eine bestimmte Konstante tungszeit bis zur Fertigstellung, so dass unsere Leser sich
nachschlagen möchten oder eine experimentelle Methode bis zur Neuauflage noch ein paar Jahre gedulden müssen.
verstehen müssen, werden sie dazu etwas im „Gerthsen“ Um auch in der Zwischenzeit den „Gerthsen“ verfügbar zu
finden. Somit ist und bleibt der Gerthsen bis heute halten, hat der Verlag diese . Auflage nun für unsere
das bekannteste Nachschlagewerk der Experimental- Leser auf den Markt gebracht.
physik. Wie immer freut der Verlag sich über Feedback. Unsere
In der . Auflage des „Gerthsen“ ist der Verlag seinen Leser wissen am besten, wie der „Gerthsen“ noch
Lesern preislich entgegen gekommen – für einen studen- besser werden kann. Schreiben Sie dazu gerne jederzeit an
tisch-freundlichen Preis gibt es auf über  Seiten das das Physiklektorat bei Springer Spektrum. Wir wünschen
komplette Wissen fürs Studium mit vielen Aufgaben und Ihnen viel Freude beim Lesen und Entdecken, beim Nach-
durchgerechneten Beispielen. schlagen, Rechnen und Lernen.

Margit Maly & Vera Spillner,


Lektorat für Physik bei Springer Spektrum
Vorwort zur 24. Auflage

„Dieses Buch ist aus Niederschriften hervorgegangen, die ger wichtige Themen ohne Erhöhung der Seitenzahl zu
ich im Studienjahr / den Hörern meiner Vorlesun- berücksichtigen. Dem Kapitel über Nichtlineare Dynamik
gen über Experimentalphysik an der Universität Berlin wurde nun der in der Logik der Themen angemessene Platz
ausgehändigt habe. Sie sollten den drückenden Mangel zugeordnet.
an Lehrbüchern der Physik überwinden helfen. Diesem Um den Zugang zu den Themen zu erleichtern, um die
Ursprung verdankt das Buch seinen in mancher Hinsicht Lesbarkeit zu erhöhen, wurde ein neues, zweispaltiges For-
vom üblichen abweichenden Charakter. Es erhebt nicht mat mit neuer Farbgestaltung und der vorsichtig erweiter-
den Anspruch, ein Lehrbuch zu sein, dessen Studium eine ten Verwendung des Vierfarbdrucks gewählt. In der Neu-
Vorlesung zu ersetzen vermag. Es soll nicht statt, sondern auflage sind einzelne Kapitel mit einem M für „Masterstu-
neben einer Vorlesung verwendet werden.“ dium“ gekennzeichnet, um der Umstellung des Studiums
So leitete C. Gerthsen sein Vorwort zur . Auflage  auf die Bachelor-Master-Struktur Rechnung zu tragen.
ein. Mehr als  Jahre später spielen Mangelsituationen Die Aufgaben, die integraler Bestandteil des „Gerthsen“
keine Rolle in der Konzeption von Lehrbüchern. Stattdes- sind, wurden in der Printausgabe auf ausgewählte Beispie-
sen wird die dynamische Entwicklung des Verhältnisses zu le reduziert, der vollständige Aufgaben-Katalog ist nun
den elektronischen Medien in den kommenden Jahren eine als Extra-Material unter extra.springer.com verfügbar und
wichtige Rolle spielen. Der „Gerthsen“ erhebt darin einen wird weiter entwickelt. Bei der verlegerischen Umsetzung
zeitlosen, im zweiten Absatz des ersten Vorwortes bereits der neuen Auflage haben sich viele Personen engagiert,
formulierten Anspruch: Er will ein verlässlicher Beglei- ich bedanke mich stellvertretend bei Herrn Dr. Thorsten
ter sein, den man zur kompakten Prüfungsvorbereitung Schneider vom Springer-Verlag, bei dem Team von le-tex
ebenso wie später als Nachschlagewerk verwenden kann. publishing services GmbH, bei dem geschätzten Kommi-
Zeitlosigkeit ist nicht gleichzusetzen mit Stillstand. Für litonen Ulrich Walter für das Durchsehen der Abschnitte
diese Neuauflage wurden die ersten vier Kapitel – voll- zur Himmelsmechanik, in besonderer Weise bei Herrn
ständig neu bearbeitet. Die klassischen Inhalte ändern Dr. Remmer Meyer-Fennekohl, der mit unermüdlichem
sich dabei nur unwesentlich, wohl aber deren Darstellung Eifer geholfen hat, Unklarheiten und Fehler in den neu
und ihre Bezüge. Neue e-Unterkapitel erlauben es, weni- gestalteten Kapiteln zu vermeiden.

Bonn, August  Dieter Meschede


Inhaltsverzeichnis

0 Einführung ..
Anwendungen
0.1 Experiment und Theorie . . . . . . . . . . . . . . . 2 von Energie- und Impulssatz . . . . . . 33
0.2 Messen und Maße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 .. Stoßgesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
.. Messen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 1.6 Phasenraum und Erhaltungssätze . . . . . . 37
.. Kalibrieren und Normale . . . . . . . . . 2 .. Impulsraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
.. Maßeinheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2 .. Phasenraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
.. Meter, Sekunde, Kilogramm . . . . . . 3 .. Hamiltons Mechanik . . . . . . . . . . . . . 39
0.3 Datenanalyse und Messunsicherheit . . . 7 .. Invarianzen und Erhaltungssätze . . 40
.. Normalverteilung und Messfehler . 8 .. Der Virialsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
.. Messfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1.7 Kräfte in bewegten Bezugssystemen . . . 41
.. Fehlerfortpflanzung . . . . . . . . . . . . . . 9 .. Kontaktkräfte und Fernkräfte . . . . . 41
.. Lineare Regression . . . . . . . . . . . . . . . 9 .. Inertialsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
0.4 Graphische Darstellung .. Rotierende Bezugssysteme . . . . . . . . 42
physikalischer Zusammenhänge . . . . . . . 10 .. Corioliskraft und Foucault-Effekt . . 43
0.5 Fermi-Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 1.8 Gravitation und Himmelsmechanik . . . . . 45
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 .. Aufstieg im Schwerefeld . . . . . . . . . . 45
.. Das Gravitationsgesetz . . . . . . . . . . . 45
1 Mechanik der Massenpunkte .. Äquivalenz von träger und
1.1 Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 schwerer Masse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
.. Ortsvektor und Bezugssystem . . . . . 14 .. Das Gravitationsfeld . . . . . . . . . . . . . 48
.. Geschwindigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 .. Gravitationspotential ausgedehnter
.. Beschleunigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
1.2 Dynamik und Statik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 .. Gezeitenkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
.. Trägheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 .. Zwei-Körper-Probleme . . . . . . . . . . . 51
.. Kraft und Masse . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 .. Planetenbahnen . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
.. Maßeinheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 .. Himmelsmechanik . . . . . . . . . . . . . . . 55
.. Newtons Axiome . . . . . . . . . . . . . . . . 18 .. Bahnstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
1.3 Einfache Bewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 .. Bahnstörungen von Planeten . . . . . . 58
.. Die gleichmäßig beschleunigte 1.9 Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 .. Reibungsmechanismen . . . . . . . . . . . 60
.. Die gleichförmige Kreisbewegung . 21 .. Bewegung unter Reibungseinfluss . 62
.. Die harmonische Schwingung . . . . . 23 .. Flug von Geschossen . . . . . . . . . . . . . 62
1.4 Impulse und Kraftstöße . . . . . . . . . . . . . . . . 25 .. Die technische Bedeutung
.. Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 der Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
1.5 Arbeit, Energie, Leistung . . . . . . . . . . . . . . . 26 1.10 Offene Fragen und Grenzen . . . . . . . . . . . . 65
.. Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
.. Kinetische Energie . . . . . . . . . . . . . . . 28
.. Kraftfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2 Mechanik des starren Körpers
.. Potentielle Energie . . . . . . . . . . . . . . . 29 2.1 Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . 70
.. Der Energiesatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 .. Bewegungsmöglichkeiten
.. Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 eines starren Körpers . . . . . . . . . . . . . 70
.. Drehimpuls und Flächensatz . . . . . . 32 .. Freiheitsgrade des starren Körpers . 71
Inhaltsverzeichnis

2.2 Drehmomente und Gleichgewicht . . . . . . 71 ..


Die Maxwellsche
.. Infinitesimale Drehungen . . . . . . . . . 71 Geschwindigkeitsverteilung . . . . . . . 108
.. Hebelgesetz und Drehmoment . . . . 72 .. Mittlere freie Weglänge und
.. Hilfskräfte und Linienflüchtigkeit . 73 Wirkungsquerschnitt . . . . . . . . . . . . . 110
.. Kräftepaare . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 .. Viskosität und innere Reibung . . . . 111
.. Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . 74 3.4 Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
.. Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 .. Strömungen, Quellen und Senken . 112
.. Gleichgewicht schwerer Körper . . . 76 .. Druckkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
.. Einfache Maschinen . . . . . . . . . . . . . . 76 .. Ideale Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . 115
.. Virtuelle Verschiebungen . . . . . . . . . 78 .. Anwendungen der Bernoulli-
2.3 Dynamik des starren Körpers . . . . . . . . . . . 78 Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
.. Die Winkelgeschwindigkeit . . . . . . . 79 .. Rotation und Zirkulation . . . . . . . . . 118
.. Das Trägheitsmoment . . . . . . . . . . . . 79 .. Wirbel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
.. Steinerscher Satz und Drehachsen . 80 .. Potentialströmungen . . . . . . . . . . . . . 121
.. Der Drehimpuls . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 .. Die Magnus-Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . 123
.. Der Drehimpulssatz . . . . . . . . . . . . . . 82 3.5 Viskose Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
.. Bewegungsgleichung der Rotation . 83 .. Reibungskräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
.. Vorschau: .. Laminare Strömungen . . . . . . . . . . . . 124
Mikroskopische Drehimpulse . . . . . 84 .. Strömungswiderstände . . . . . . . . . . . 126
.. Rotationsenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 .. Warum können Flugzeuge fliegen? 128
2.4 Die Bewegung des starren Körpers . . . . . 85 .. Turbulenz und Reynoldszahl . . . . . . 129
.. Gleichmäßig beschleunigte .. Navier-Stokes-Gleichung . . . . . . . . . 130
Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 3.6 Vakuum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
.. Rotation auf der schiefen Ebene . . . 85 .. Bedeutung der Vakuumtechnik . . . 131
.. Drehschwingungen . . . . . . . . . . . . . . 86 .. Vakuumpumpen . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
.. Kippung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 .. Strömung verdünnter Gase . . . . . . . 134
.. Freie Achsen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 .. Vakuum-Messgeräte . . . . . . . . . . . . . . 135
.. Euler-Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . 90 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
2.5 Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
.. Kräftefreier Kreisel, Nutation . . . . . 90 4 Deformierbare Körper, Schwingungen
.. Schwere Kreisel, Präzession . . . . . . . 92 und Wellen
.. Kreiseleigenschaften 4.1 Der deformierbare feste Körper . . . . . . . . 140
des Erdkörpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 .. Dehnung und Kompression . . . . . . . 140
2.6 Offene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 .. Scherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 .. Zusammenhang zwischen E-Modul
und G-Modul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
3 Mechanik von Fluiden .. Anelastisches Verhalten . . . . . . . . . . 143
3.1 Der feste, flüssige .. Elastische Energie . . . . . . . . . . . . . . . . 144
und gasförmige Zustand . . . . . . . . . . . . . . . 100 .. Wie biegen sich die Balken? . . . . . . . 144
3.2 Druck in ruhenden Flüssigkeiten .. Härte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
und Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 4.2 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
.. Druck und Kompressibilität . . . . . . . 101 .. Überlagerung von Schwingungen . 146
.. Der Schweredruck . . . . . . . . . . . . . . . 102 .. Gedämpfte Schwingungen . . . . . . . . 154
.. Gasdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 .. Erzwungene Sinusschwingungen . . 158
.. Der Atmosphärendruck . . . . . . . . . . 106 .. Amplituden- und Phasen-
3.3 Grundlagen der kinetischen Gastheorie 107 modulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
.. Der Druck der Moleküle . . . . . . . . . . 107 4.3 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
.. Die Boltzmann-Verteilung . . . . . . . . 108 .. Beschreibung von Wellen . . . . . . . . . 163
Inhaltsverzeichnis viii/ix

.. Die Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . 164 5.3 Biologische und chemische Systeme . . . . 227
.. Elastische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . 164 .. Populationsdynamik . . . . . . . . . . . . . 227
.. Überlagerung von Wellen . . . . . . . . . 166 .. Einfache ökologische Modelle . . . . . 232
.. Intensität einer Welle . . . . . . . . . . . . . 170 .. Kinetische Probleme . . . . . . . . . . . . . 235
4.4 Wellenausbreitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 5.4 Chaos und Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
.. Streuung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 .. Einfache Wege ins Chaos . . . . . . . . . 239
.. Das Prinzip von Huygens-Fresnel . 173 .. Chaos und Fraktale . . . . . . . . . . . . . . 240
.. Das Prinzip von Fermat . . . . . . . . . . 174 .. Iteratives Gleichungslösen . . . . . . . . 245
.. Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 .. Chaos im Kochtopf . . . . . . . . . . . . . . 246
.. Doppler-Effekt; Mach-Wellen . . . . . 177 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
.. Absorption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
.. Stoßwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 6 Wärme
4.5 Eigenschwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 6.1 Wärmeenergie und Temperatur . . . . . . . . 252
.. Gekoppelte Pendel . . . . . . . . . . . . . . . 181 .. Was ist Wärme? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
.. Wellen im Kristallgitter; .. Temperatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
die Klein-Gordon-Gleichung . . . . . . 182 .. Brownsche Bewegung . . . . . . . . . . . . 254
.. Stehende elastische Wellen . . . . . . . . 183 .. Die Boltzmann-Verteilung (II) . . . . 255
.. Eigenschwingungen von Platten, .. Freiheitsgrade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
Membranen und Hohlräumen . . . . 186 6.2 Thermometer und Wärmekapazität . . . . 257
.. Entartung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 .. Thermometer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
4.6 Schallwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 .. Wärmekapazität . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
.. Schallmessungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 .. Kalorimeter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
.. Töne und Klänge . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 6.3 Ideale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
.. Lautstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 .. Die Zustandsgleichung idealer Gase 261
.. Das Ohr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 .. Der . Hauptsatz der Wärmelehre . . 262
.. Ultraschall und Hyperschall . . . . . . 196 .. c V und c p bei Gasen . . . . . . . . . . . . . . 263
4.7 Oberflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 .. Adiabatische Zustandsänderungen 263
.. Druckarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
.. Die Gestalt von Flüssigkeits-
oberflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 6.4 Wärmekraftmaschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
.. Thermische Energiewandler . . . . . . 266
.. Oberflächenspannung . . . . . . . . . . . . 197
.. Arbeitsdiagramme . . . . . . . . . . . . . . . 267
.. Oberflächenwellen
.. Wirkungsgrad von thermischen
auf Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
Energiewandlern . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
6.5 Wärmeleitung und Diffusion . . . . . . . . . . . 270
.. Mechanismen
5 Nichtlineare Dynamik des Wärmetransportes . . . . . . . . . . . . 270
5.1 Stabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 .. Die Gesetze der Wärmeleitung . . . . 271
.. Dynamische Systeme . . . . . . . . . . . . . 212 .. Wärmeübergang
.. Stabilität von Fixpunkten . . . . . . . . . 214 und Wärmedurchgang . . . . . . . . . . . . 275
.. Der Phasenraum .. Wärmetransport durch Konvektion 276
deterministischer Systeme . . . . . . . . 215 .. Diffusion in Gasen und Lösungen . 277
5.2 Nichtlineare Schwingungen . . . . . . . . . . . . 218 .. Transportphänomene . . . . . . . . . . . . 278
.. Pendel mit großer Amplitude . . . . . 218 6.6 Entropie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
.. Erzwungene Schwingungen .. Irreversibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
mit nichtlinearer Rückstellkraft . . . . 219 .. Wahrscheinlichkeit und Entropie . . 282
.. Selbsterregte Schwingungen . . . . . . 223 .. Entropie und Wärmeenergie . . . . . . 283
.. Parametrische .. Berechnung von Entropien . . . . . . . 284
Schwingungserregung . . . . . . . . . . . . 226 .. Der . Hauptsatz der Wärmelehre . 286
Inhaltsverzeichnis

..
Reversible Kreisprozesse . . . . . . . . . . 287 7.3 Gleichströme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
..
Das thermodynamische .. Stromstärke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289 .. Das ohmsche Gesetz . . . . . . . . . . . . . 342
.. Chemische Energie . . . . . . . . . . . . . . . 292 .. Energie und Leistung
.. Freie Energie, Helmholtz-Gleichung elektrischer Ströme . . . . . . . . . . . . . . . 344
und . Hauptsatz der Wärmelehre . 294 .. Gleichstromtechnik . . . . . . . . . . . . . . 344
6.7 Aggregatzustände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 7.4 Mechanismen der elektrischen Leitung . 348
.. Koexistenz .. Nachweis freier Elektronen
von Flüssigkeit und Dampf . . . . . . . 296 in Metallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348
.. Koexistenz von Festkörper .. Elektronentransport in Metallen . . . 349
und Flüssigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 .. Elektrische Leitfähigkeit . . . . . . . . . . 350
.. Koexistenz dreier Phasen . . . . . . . . . 301 .. Elektrolyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
.. Reale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 .. Elektrolytische Leitfähigkeit . . . . . . 354
.. Kinetische Deutung .. Ionenwolken;
der van der Waals-Gleichung . . . . . . 304 elektrochemisches Potential . . . . . . . 357
.. Joule-Thomson-Effekt; 7.5 Galvanische Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361
Gasverflüssigung . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 .. Ionengleichgewicht und
.. Erzeugung tiefster Temperaturen . . 306 Nernst-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . 361
6.8 Lösungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 .. Auflösung von Metallionen . . . . . . . 361
.. Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308 .. Galvanische Elemente . . . . . . . . . . . . 362
.. Osmose . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 .. Galvanische Polarisation . . . . . . . . . . 362
.. Dampfdrucksenkung . . . . . . . . . . . . . 309 .. Polarisation und
.. Destillation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 Oberflächenspannung . . . . . . . . . . . . 363
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312 7.6 Thermoelektrizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
.. Der Seebeck-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . 364
7 Elektromagnetismus: .. Peltier-Effekt
und Thomson-Effekt . . . . . . . . . . . . . 366
Ladungen und Ströme
7.7 Ströme und Felder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
7.1 Elektrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316 .. Elektrostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
.. Elektrische Ladungen . . . . . . . . . . . . 316 .. Lorentz-Kraft und Magnetfeld . . . . 368
.. Das elektrische Feld . . . . . . . . . . . . . . 317 .. Kräfte auf Ströme im Magnetfeld . . 368
.. Spannung und Potential . . . . . . . . . . 320 .. Der Hall-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
.. Berechnung von Feldern . . . . . . . . . . 324 .. Relativität der Felder . . . . . . . . . . . . . 371
.. Kapazität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328 7.8 Erzeugung von Magnetfeldern . . . . . . . . . 372
.. Dipole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 .. Das Feld
.. Influenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 des geraden Elektronenstrahls
.. Energie einer Ladungsverteilung . . 333 oder des geraden Drahtes . . . . . . . . . 372
.. Das elektrische Feld als Träger .. Der gerade Draht,
der elektrischen Energie . . . . . . . . . . 334 relativistisch betrachtet . . . . . . . . . . . 374
7.2 Dielektrika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334 .. Allgemeine Eigenschaften
.. Die Verschiebungsdichte . . . . . . . . . 334 des Magnetfeldes . . . . . . . . . . . . . . . . . 374
.. Dielektrizitätskonstante . . . . . . . . . . 334 .. Bezeichnungen
.. Mechanismen der dielektrischen elektromagnetischer Felder . . . . . . . 376
Polarisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 7.9 Das Magnetfeld von Strömen . . . . . . . . . . 376
.. Energiedichte des elektrischen .. Vergleich mit dem elektrischen Feld;
Feldes im Dielektrikum . . . . . . . . . . . 338 der Satz von Biot-Savart . . . . . . . . . . 379
.. Elektrostriktion; .. Magnetostatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381
Piezo- und Pyroelektrizität . . . . . . . . 339 .. Elektromagnete . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382
Inhaltsverzeichnis x/xi

..
Magnetische Spannung ..
Ebene elektromagnetische Wellen . 445
und Vektorpotential . . . . . . . . . . . . . . 383 ..
Energiedichte und
.. Das Magnetfeld der Erde . . . . . . . . . 384 Energieströmung . . . . . . . . . . . . . . . . 448
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389 .. Der lineare Oszillator . . . . . . . . . . . . . 448
.. Die Ausstrahlung
8 Elektrodynamik des linearen Oszillators . . . . . . . . . . . 450
8.1 Induktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 392 .. Wellengleichung
.. Faradays Induktionsversuche . . . . . 392 und Telegraphengleichung . . . . . . . . 452
.. Das Induktionsgesetz .. Warum funkt man
als Folge der Lorentz-Kraft . . . . . . . . 394 mit Trägerwellen? . . . . . . . . . . . . . . . . 453
.. Die Richtung des induzierten .. Drahtwellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454
Stromes (Lenz-Regel) . . . . . . . . . . . . 396 .. Hohlraumoszillatoren
.. Wirbelströme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 und Hohlleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 456
.. Induktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 398 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459
.. Ein- und Ausschalten
von Gleichströmen . . . . . . . . . . . . . . . 398 9 Freie Elektronen und Ionen
.. Energie und Energiedichte 9.1 Erzeugung von freien Ladungsträgern . . 462
im Magnetfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 .. Glühemission (Richardson-Effekt) . 462
.. Gegeninduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . 400 .. Photoeffekt
8.2 Magnetische Materialien . . . . . . . . . . . . . . . 401 (Lichtelektrischer Effekt) . . . . . . . . . 464
.. Magnetisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 .. Feldemission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 465
.. Diamagnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 .. Sekundärelektronen . . . . . . . . . . . . . . 466
.. Paramagnetismus . . . . . . . . . . . . . . . . 404 .. Ionisierung eines Gases . . . . . . . . . . . 466
.. Ferromagnetismus . . . . . . . . . . . . . . . 404 9.2 Bewegung freier Ladungsträger . . . . . . . . 467
.. Der Einstein-de Haas-Effekt . . . . . . 406 .. Elektronen
.. Struktur der Ferromagnetika . . . . . . 408 im homogenen elektrischen Feld . . 467
.. Antiferromagnetismus .. Elektronen
und Ferrimagnetismus . . . . . . . . . . . 410 im homogenen Magnetfeld . . . . . . . 468
.. Ferro- und Antiferroelektrizität . . . 411 .. Oszilloskop und Fernsehröhre . . . . 470
8.3 Wechselströme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411 .. Thomsons Parabelversuch;
.. Erzeugung von Wechselströmen . . . 411 Massenspektroskopie . . . . . . . . . . . . . 471
.. Effektivwerte .. Relativistische Impulszunahme . . . . 472
von Strom und Spannung . . . . . . . . . 414 .. Die Elektronenröhre . . . . . . . . . . . . . 473
.. Wechselstromwiderstände . . . . . . . . 415 .. Elektronenröhren als Verstärker . . . 476
.. Zweipole, Ortskurven, .. Schwingungserzeugung
Ersatzschaltbilder . . . . . . . . . . . . . . . . 419 durch Rückkopplung . . . . . . . . . . . . . 477
.. Messinstrumente .. Erzeugung und Verstärkung
für elektrische Größen . . . . . . . . . . . . 422 höchstfrequenter Schwingungen . . 478
.. Drehstrom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 .. Teilchenfallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480
.. Schwingkreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429 9.3 Gasentladungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 481
.. Transformatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 .. Leitfähigkeit von Gasen . . . . . . . . . . 481
.. Das Betatron . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 .. Stoßionisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 483
.. Elektromotoren und Generatoren . 437 .. Einteilung der Gasentladungen . . . . 484
.. Skineffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 441 .. Glimmentladungen . . . . . . . . . . . . . . 485
8.4 Elektromagnetische Wellen . . . . . . . . . . . . 442 .. Bogen und Funken . . . . . . . . . . . . . . . 486
.. Der Verschiebungsstrom . . . . . . . . . 442 .. Gasentladungslampen . . . . . . . . . . . . 487
.. Der physikalische Inhalt .. Kathoden-, Röntgen-
der Maxwell-Gleichungen . . . . . . . . 443 und Kanalstrahlung . . . . . . . . . . . . . . 487
Inhaltsverzeichnis

9.4 Plasmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 488 ..


Spalt- und Lochblende . . . . . . . . . . . 541
.. Der „vierte Aggregatzustand“ . . . . . 488 ..
Auflösungsvermögen
.. Plasmaschwingungen . . . . . . . . . . . . 490 optischer Geräte . . . . . . . . . . . . . . . . . 542
.. Plasmen im Magnetfeld . . . . . . . . . . 491 .. Auflösungsvermögen
.. Fusionsplasmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 492 von Spektrographen . . . . . . . . . . . . . . 544
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 .. Fraunhofer-Beugung . . . . . . . . . . . . . 547
.. Fresnel-Linsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 548
10 Geometrische Optik .. Holographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 550
.. Fresnel-Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . . 551
10.1 Reflexion und Brechung . . . . . . . . . . . . . . . . 498
.. Stehende Lichtwellen . . . . . . . . . . . . . 553
.. Lichtstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 498
.. Interferenzfarben . . . . . . . . . . . . . . . . 554
.. Reflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499
.. Interferometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 555
.. Brechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 501
11.2 Polarisation des Lichts . . . . . . . . . . . . . . . . . 560
.. Totalreflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502
.. Lineare und elliptische Polarisation 561
.. Prismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 504
.. Polarisationsapparate . . . . . . . . . . . . . 561
10.2 Optische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505
.. Polarisation durch Doppelbrechung 562
.. Brechung an Kugelflächen . . . . . . . . 506
.. Polarisation
.. Dicke Linsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508
durch Reflexion und Brechung . . . . 565
.. Linsenfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 509
.. Intensitätsverhältnisse
.. Abbildungsmaßstab bei Reflexion und Brechung . . . . . . . 567
und Vergrößerung . . . . . . . . . . . . . . . 510
.. Reflexminderung . . . . . . . . . . . . . . . . 568
.. Die Lupe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
.. Interferenzen im parallelen
.. Das Mikroskop . . . . . . . . . . . . . . . . . . 512 linear polarisierten Licht . . . . . . . . . . 569
.. Der Dia-Projektor . . . . . . . . . . . . . . . . 514 .. Interferenzen im konvergenten
.. Das Fernrohr oder Teleskop . . . . . . . 514 polarisierten Licht . . . . . . . . . . . . . . . 570
.. Das Auge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 516 .. Drehung der Polarisationsebene . . . 571
10.3 Die Lichtgeschwindigkeit c . . . . . . . . . . . . . 518 .. Der elektrooptische Effekt
.. Astronomische Methoden . . . . . . . . 518 (Kerr-Effekt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573
.. Laufzeitmessungen im Labor . . . . . 519 11.3 Absorption, Dispersion und Streuung
.. Resonatormethoden . . . . . . . . . . . . . . 520 des Lichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573
.. Anwendungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 520 .. Absorption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573
.. Lichtgeschwindigkeit im Medium . 520 .. Dispersion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 575
10.4 Matrizenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 521 .. Atomistische Deutung
10.5 Geometrische Elektronenoptik . . . . . . . . . 522 der Dispersion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 575
.. Das Brechungsgesetz .. Deutung des Faraday-Effektes . . . . . 578
für Elektronen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 522 .. Warum ist der Himmel blau? . . . . . . 578
.. Elektrische Elektronenlinsen . . . . . . 524 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 582
.. Magnetische Linsen . . . . . . . . . . . . . . 526
.. Elektronenmikroskope . . . . . . . . . . . 527 12 Strahlungsfelder
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 12.1 Das Strahlungsfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 586
.. Strahlungsgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . 586
11 Wellenoptik .. Photometrische Größen . . . . . . . . . . 587
11.1 Interferenz und Beugung . . . . . . . . . . . . . . 534 .. Photometrie und
.. Kohärenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534 Strahlungsmessung . . . . . . . . . . . . . . 588
.. Die Grundkonstruktion 12.2 Strahlungsgesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590
der Interferenzoptik . . . . . . . . . . . . . . 536 .. Wärmestrahlung
.. Gitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 und thermisches Gleichgewicht . . . 590
Inhaltsverzeichnis xii/xiii

.. Das Spektrum 13.9 Elektromagnetische Felder


der schwarzen Strahlung . . . . . . . . . . 591 und Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 650
.. Plancks Strahlungsgesetz . . . . . . . . . 592 .. Relativistische Ladungsinvarianz . . 650
.. Lage des Emissionsmaximums; .. Der elektromagnetische Feldtensor 652
Wiensches Verschiebungsgesetz . . . 594 .. Elektromagnetische Wellen . . . . . . . 654
.. Gesamtemission 13.10 Gravitation und Kosmologie . . . . . . . . . . . . 654
des schwarzen Strahlers; .. Allgemeine Relativität . . . . . . . . . . . . 654
Stefan-Boltzmann-Gesetz . . . . . . . . . 595 .. Einsteins Gravitationstheorie . . . . . . 655
.. Der kosmische schwarze Strahler . . 595 .. Gravitationswellen . . . . . . . . . . . . . . . 658
.. Pyrometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 .. Schwarze Löcher . . . . . . . . . . . . . . . . . 659
12.3 Die Welt der Farben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 .. Kosmologische Modelle . . . . . . . . . . 660
.. Farbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 .. Die kosmologische Kraft . . . . . . . . . . 662
.. Infrarot und Ultraviolett . . . . . . . . . . 602 .. Gab es einen Urknall? . . . . . . . . . . . . 664
.. Die Strahlung der Sonne . . . . . . . . . . 607 .. Das Geheimnis der dunklen Massen 665
.. Warum sind die Blätter grün? . . . . . 612 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 667
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 615
14 Teilchen, Wellen, mikroskopische Physik
13 Relativistische Physik 14.1 Das Photon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 672
13.1 Maßstäbe und Uhren – Raum und Zeit . . 618 .. Entdeckung des Photons . . . . . . . . . . 672
.. Bezugs- oder Inertialsysteme . . . . . . 618 .. Masse und Impuls der Photonen;
.. Das Michelson-Experiment . . . . . . . 619 Strahlungsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . 672
.. Das Relativitätspostulat . . . . . . . . . . . 623 .. Stoßvon Photonen und Elektronen;
.. Die . Dimension: Die Zeit . . . . . . . 624 Compton-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . 673
13.2 Gleichzeitigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 626 .. Rückstoßbei der γ-Emission;
.. Pythagoras und Minkowski . . . . . . . 627 Mößbauer-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . 675
.. Abstände in der Raumzeit . . . . . . . . 628 14.2 Wellen und Teilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 676
.. Kausalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 629 .. Materiewellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 676
.. Bewegte Uhren gehen langsamer – .. Elektronenbeugung . . . . . . . . . . . . . . 677
die Zeitdilatation . . . . . . . . . . . . . . . . . 630 .. Elektronenbeugung
.. Das Zwillingsparadoxon . . . . . . . . . . 631 an Lochblenden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 679
.. Maßstabsvergleich .. Selbstinterferenz von Atomen . . . . . 680
und Längenkontraktion . . . . . . . . . . 634 .. Interferometrie mit Materiewellen . 681
13.3 Die Lorentz-Transformation . . . . . . . . . . . . 635 .. Die Unbestimmtheitsrelation . . . . . 683
13.4 Vierervektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 636 14.3 Spektren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684
13.5 Relativistischer Doppler-Effekt . . . . . . . . . 637 .. Emission und Absorption von Licht 684
13.6 Addition von Geschwindigkeiten . . . . . . . 639 .. Linienverbreiterung . . . . . . . . . . . . . . 685
13.7 Relativistisches Sehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 640 .. Fluoreszenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 686
.. Ruhende Beobachter, .. Phosphoreszenz . . . . . . . . . . . . . . . . . 687
bewegte Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . 641 .. Raman-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 688
.. Bewegte Beobachter, 14.4 Der Versuch von Franck und Hertz . . . . . . 688
ruhende Objekte . . . . . . . . . . . . . . . . . 644 .. Die Energiestufen der Atome . . . . . . 690
13.8 Relativistischer Impuls .. Anregung und Ionisierung . . . . . . . . 690
und relativistische Energie . . . . . . . . . . . . . 645 14.5 Die Entdeckung des Atomkerns . . . . . . . . 691
.. Gedankenexperiment: .. Das leere Atom . . . . . . . . . . . . . . . . . . 691
Impulserhaltung beim Wechsel .. Das Experiment von Rutherford . . . 692
des Bezugssystems . . . . . . . . . . . . . . . 646 14.6 Grundzüge der Quantenmechanik . . . . . 696
.. Der -Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 647 .. Einleitung:
.. Systeme von Teilchen . . . . . . . . . . . . . 649 Mathematisches Handwerkszeug . . 696
Inhaltsverzeichnis

..
Vektoren und Funktionen . . . . . . . . 697 .. Zeeman-Effekt
..
Matrizen und Operatoren . . . . . . . . . 697 von Einelektronen-Atomen . . . . . . . 734
..
Eigenfunktionen und Eigenwerte . . 698 .. Stark-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 736
..
Zustandsgrößen 15.5 Atome mit zwei Elektronen . . . . . . . . . . . . . 736
der Quantenmechanik . . . . . . . . . . . . 699 .. Das Helium-Atom . . . . . . . . . . . . . . . 736
.. Die Unbestimmtheitsrelation . . . . . 702 .. Der Grundzustand
.. Der Energieoperator des Helium-Atoms . . . . . . . . . . . . . . . 737
(Hamilton-Operator) . . . . . . . . . . . . . 703 .. Angeregte Zustände
.. Die Schrödinger-Gleichung . . . . . . . 704 des Helium-Atoms . . . . . . . . . . . . . . . 738
14.7 Teilchen in Potentialtöpfen . . . . . . . . . . . . . 705 .. Drehimpulse im Helium-Atom . . . . 738
.. Andere Zweielektronen-Atome . . . . 740
.. Stationäre Zustände . . . . . . . . . . . . . . 705
15.6 Wie strahlen die Atome? . . . . . . . . . . . . . . . 740
.. Der Tunneleffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . 707
.. Atomare Antennen . . . . . . . . . . . . . . . 740
.. Harmonisch gebundene Teilchen . . 709
.. Quantentheorie
.. Der Knotensatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 711 der atomaren Strahlung . . . . . . . . . . . 743
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 713 .. Absorption und Emission . . . . . . . . . 746
.. Strahlungsverschiebungen . . . . . . . . 749
15 Physik der Atome 15.7 Lichtkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 751
und ihre Anwendungen .. Strahlungsdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . 752
15.1 Quantenphysik und Atome . . . . . . . . . . . . . 716 .. Optische Dipolkräfte . . . . . . . . . . . . . 752
.. Bohr-Sommerfeld-Modelle .. Laserkühlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 753
des Atoms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 716 15.8 Atomoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 754
.. Quanten-Fluktuationen .. Atomare Beugung . . . . . . . . . . . . . . . . 754
stabilisieren die Atome . . . . . . . . . . . 717 .. Atominterferometer . . . . . . . . . . . . . . 755
.. Atomare Einheiten 15.9 Der Einfluss der Atomkerne . . . . . . . . . . . . 757
und Feinstrukturkonstante α . . . . . . 717 .. Isotopieverschiebungen . . . . . . . . . . . 757
15.2 Das Wasserstoffatom nach Schrödinger 718 .. Kernmagnetismus
und Hyperfeinstruktur . . . . . . . . . . . 759
.. Das Kepler-Problem
im Coulombfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . 718 .. Magnetische Resonanz . . . . . . . . . . . 762
.. Magnetische Resonanz
.. Schrödinger-Gleichung
in Chemie und Medizin . . . . . . . . . . 766
für das Wasserstoffatom . . . . . . . . . . 719
.. Rabi-Atomstrahlresonanz . . . . . . . . . 769
.. Quantenzahlen, Spektrum
.. Ramseys Methode der
und Energiediagramm . . . . . . . . . . . . 723
getrennten oszillierenden Felder . . . 771
.. Aufhebung der ℓ-Entartung:
.. Atomuhren, atomare Spring-
Einelektronenatome . . . . . . . . . . . . . . 725
brunnen und GPS . . . . . . . . . . . . . . . . 772
15.3 Magnetismus von Atomen . . . . . . . . . . . . . 726
.. Optisches Pumpen
.. Stern-Gerlach-Experiment . . . . . . . . 726 und Magnetometer . . . . . . . . . . . . . . . 775
.. Magnetisches Moment 15.10 Kräfte zwischen Atomen . . . . . . . . . . . . . . . 776
eines Atoms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727 .. Van der Waals-Kräfte . . . . . . . . . . . . . 776
.. Präzession im Magnetfeld . . . . . . . . . 727 .. Atomare Stöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 777
.. Spektrum im Magnetfeld, .. Streuung ununterscheidbarer
der normale Zeeman-Effekt . . . . . . . 727 Teilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 779
15.4 Elektronenspin und Feinstruktur . . . . . . . 729 15.11 Quantenmaterie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 779
.. Magnetische Spin-Bahn-Kopplung 730 .. Bose-Einstein-Kondensation . . . . . . 781
.. Gesamtdrehimpuls . . . . . . . . . . . . . . . 731 .. Atomare Bose-Kondensate . . . . . . . . 782
.. Feinstruktur .. Einteilchen- und Vielteilchen-
im Einelektronen-Atom . . . . . . . . . . 732 Quantenzustände . . . . . . . . . . . . . . . . 784
Inhaltsverzeichnis xiv/xv

.. Materiewellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 785 .. Röntgenbeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . 828


.. Suprafluidität und Vortizes . . . . . . . . 786 .. Röntgenoptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 833
.. Atomare Fermi-Gase . . . . . . . . . . . . . 789 .. Bremsstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 834
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 791 .. Charakteristische Strahlung . . . . . . . 835
.. Röntgenabsorption . . . . . . . . . . . . . . . 838
16 Laserphysik 17.4 Moleküle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 842
16.1 Laserprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 794 .. Die Energiestufen der Moleküle . . . 842
.. Wie strahlen die Atome? . . . . . . . . . . 794 .. Rotationsbanden . . . . . . . . . . . . . . . . . 843
.. Energieaustausch .. Das Rotations-Schwingungs-
von Licht und Materie . . . . . . . . . . . . 795 Spektrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 844
.. Die Potentialkurve des Moleküls . . 845
.. Inversion und Verstärkung . . . . . . . . 796
.. Molekulare Quantenzustände . . . . . 846
.. Verstärkung und Verluste im Laser 796
.. Quantenchemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 847
.. Laserschwelle
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 852
und gesättigte Verstärkung . . . . . . . . 797
.. Laserbetrieb
18 Festkörperphysik
mit drei und vier Niveaus . . . . . . . . . 798
16.2 Laserstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 799 18.1 Kristallgitter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 854
.. Gaußstrahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 799 .. Dichteste Kugelpackungen . . . . . . . . 854
.. Optische Resonatoren . . . . . . . . . . . . 801 .. Gittergeometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 859
.. Laserleistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 802 .. Kristallstrukturanalyse . . . . . . . . . . . 861
16.3 Laser, Typen und Eigenschaften . . . . . . . . 803 .. Gitterenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 865
.. Helium-Neon-Laser und Gaslaser . 803 .. Kristallbindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 870
.. Einiges über Eis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 873
.. Neodym-Laser und Festkörperlaser 806
.. Kristallwachstum . . . . . . . . . . . . . . . . 875
.. Diodenlaser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 808
.. Fullerene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 877
.. Durchstimmbare Laser . . . . . . . . . . . 809
18.2 Gitterschwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 878
16.4 Kurzzeitlaser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 810
.. Spezifische Wärmekapazität . . . . . . . 878
.. Güteschaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 810
.. Gitterdynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 882
.. Modenkopplung . . . . . . . . . . . . . . . . . 811
.. Optik der Ionenkristalle . . . . . . . . . . 885
.. Das Femtosekunden-Stroboskop . . 814
.. Phononen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 887
.. Höchstleistungslaser . . . . . . . . . . . . . 814
.. Wärmeleitung in Isolatoren . . . . . . . 888
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 816
18.3 Metalle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 889
.. Das klassische Elektronengas . . . . . . 889
17 Die Elemente und die Chemie .. Das Fermi-Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . 891
17.1 Systematik des Atombaus . . . . . . . . . . . . . . 820 .. Metalloptik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 893
.. Das Periodensystem .. Elektrische und Wärmeleitung . . . . 893
der Elemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 820 .. Energiebänder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 896
.. Einteilchenmodell .. Elektronen und Löcher . . . . . . . . . . . 898
und Quantenzustände . . . . . . . . . . . . 822 18.4 Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 900
17.2 Atome mit mehreren Elektronen .. Reine Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . 900
in der Quantenmechanik . . . . . . . . . . . . . . . 823 .. Gestörte Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . . 902
.. Bauprinzipien der Elektronenhülle 823 .. Halbleiter-Elektronik . . . . . . . . . . . . . 904
.. Zentralfeldnäherung . . . . . . . . . . . . . 824 .. Amorphe Halbleiter . . . . . . . . . . . . . . 909
.. Drehimpuls und Spin 18.5 Gitterfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 910
im Mehrelektronenatom . . . . . . . . . . 824 .. Idealkristall und Realkristall . . . . . . 910
.. Jenseits des Periodensystems . . . . . . 826 .. Thermische Fehlordnung . . . . . . . . . 910
17.3 Röntgenstrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 828 .. Chemische Fehlordnung . . . . . . . . . . 911
.. Erzeugung und Nachweis . . . . . . . . . 828 .. Versetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 913
Inhaltsverzeichnis

18.6 Makromolekulare Festkörper . . . . . . . . . . . 916 19.5 Kosmische Strahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 983


.. Definition und allgemeine .. Ursprung und Nachweis . . . . . . . . . . 983
Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 916 .. Wechselwirkung mit Materie . . . . . . 984
.. Länge eines linearen .. Strahlungsgürtel . . . . . . . . . . . . . . . . . 985
Makromoleküls . . . . . . . . . . . . . . . . . . 916 Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 988
.. Gummielastizität . . . . . . . . . . . . . . . . 918
.. Hochpolymere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 919 20 Statistische Physik
18.7 Supraleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 920 20.1 Statistik der Ensembles . . . . . . . . . . . . . . . . 992
Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 925 .. Zufallstexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 992
.. Wahrscheinlichkeit
19 Kerne und Elementarteilchen einer Komposition . . . . . . . . . . . . . . . 992
.. Die wahrscheinlichste
19.1 Kernbausteine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 928 Komposition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 994
.. Kernbausteine und Kernkräfte . . . . 928 .. Schwankungserscheinungen . . . . . . 995
.. Massendefekt, Isotopie .. Die kanonische Verteilung . . . . . . . . 996
und Massenspektroskopie . . . . . . . . 929 .. Beispiel:
.. Kernmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 931 ,,Harmonischer Oszillator“ . . . . . . . 998
.. Kernspaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 933 .. Mischungsentropie . . . . . . . . . . . . . . . 999
.. Kernfusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 935 .. Das kanonische Ensemble
19.2 Radioaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 938 (Ensemble von Gibbs) . . . . . . . . . . . . 999
.. Elementumwandlung . . . . . . . . . . . . . 938 .. Arbeit und Wärme . . . . . . . . . . . . . . . 1000
.. Zerfallsenergie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 941 20.2 Physikalische Ensembles . . . . . . . . . . . . . . . 1000
.. Das Zerfallsgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . 943 .. Physikalische Deutung . . . . . . . . . . . 1000
19.3 Schnelle Teilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 945 .. Zustandsänderungen . . . . . . . . . . . . . 1001
.. Durchgang schneller Teilchen .. Verteilungsmodul und Temperatur 1001
durch Materie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 945 .. Wahrscheinlichkeit und Entropie . . 1002
.. Nachweis schneller Teilchen . . . . . . 947 .. Die freie Energie;
.. Teilchenbeschleuniger . . . . . . . . . . . . 952 Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . 1002
.. Strahlendosis .. Statistische Gewichte . . . . . . . . . . . . . 1003
und Strahlenwirkung . . . . . . . . . . . . . 956 .. Der Phasenraum . . . . . . . . . . . . . . . . . 1004
19.4 Elementarteilchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 958 .. Das ideale Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1004
.. Historischer Überblick . . . . . . . . . . . 958 .. Absolute Reaktionsraten . . . . . . . . . . 1005
.. Wie findet man neue Teilchen? . . . . 960 20.3 Quantenstatistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1006
.. Myonen und Pionen . . . . . . . . . . . . . 964 .. Abzählung von Quantenteilchen . . 1006
.. Neutron und Neutrinos . . . . . . . . . . . 965 .. Fermi-Dirac-
.. Wechselwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . 967 und Bose-Einstein-Statistik . . . . . . . 1007
.. Elektromagnetische .. Das Fermi-Gas . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1009
Wechselwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . 970 .. Stoßvorgänge
.. Die innere Struktur der Nukleonen 972 bei höchsten Energien . . . . . . . . . . . . 1011
.. Das Quarkmodell . . . . . . . . . . . . . . . . 973 .. Extreme Zustände der Materie . . . . 1012
.. Quantenchromodynamik . . . . . . . . . 977 .. Biografie eines Schwarzen Loches . 1013
.. Symmetrien, Invarianzen, Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1015
Erhaltungssätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . 979
.. Magnetische Monopole . . . . . . . . . . . 982 Sach- und Namensverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1017
Kapitel 

Einführung

Die Wissenschaft Physik Inhalt


Physik beobachtet und beschreibt die materiellen Eigen- ¬ .
Experiment und Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
schaften der Welt, in der wir leben. Interesse und An- ¬ .
Messen und Maße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
spruch reichen von den kleinsten (subatomaren) bis zu ¬ .
Datenanalyse und Messunsicherheit . . . . . . . 7
den größten (kosmischen) Phänomenen. Der berühm- ¬ .
Graphische Darstellung physikalischer
te faustische Anspruch zu wissen, was „des Pudels Kern Zusammenhänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
ist“, was die Welt „im Innersten zusammenhält“, ist dabei ¬ . Fermi-Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
bis heute eine entscheidende Triebfeder der physikali-
schen, aber auch der naturwissenschaftlichen Forschung
im Allgemeinen.
Zu drei weiteren großen Wissenschaften hat die Phy-
sik ein besonders enges Verhältnis: Zur Astronomie, der
Wissenschaft von den Sternen und den größten Zusam-
menhängen, und zur Chemie, der Wissenschaft von den
Stoffen, den viel älteren Paten der Physik. Und seit vielen
hundert Jahren, spätestens seit den Zeiten von Isaac New-
ton und Gottfried Wilhelm Leibniz ist die Physik eine be-
sonders enge und für beide Seiten immer wieder frucht-
bare Verbindung mit der Mathematik und deren strengen
Gesetzen eingegangen. Obwohl es keinen fundamentalen
Grund gibt, weshalb die Welt sich nur mit einfachen, auch
ästhetisch überzeugenden mathematischen Formeln be-
schreiben lassen sollte, treibt genau diese Suche viele Wis-
senschaftler an. In jedem Fall verlangt die Physik schon
seit langem, dass Beobachtungen in der mathematischen
Beschreibung – einer physikalischen Theorie – münden,
die präzise Vorhersagen ermöglicht.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015


D. Meschede (Hrsg.), Gerthsen Physik, Springer-Lehrbuch, DOI 10.1007/978-3-662-45977-5_1
0 Einführung

. Experiment und Theorie der Perioden, die eine Uhr gezählt hat. Moderne Messge-
räte verfügen im allgemeinen über eine Anzeige, deren nu-
Physikalische Experimente haben die Aufgabe, neue Phä- merischer, digitaler Wert darüberhinaus an einen Compu-
nomene beobachtend zu erschließen oder theoretische ter übertragen werden kann. Auf der Eingangsseite steckt
Vorhersagen zu überprüfen: aber immer ein der Fragestellung angepasster Messwert-
wandler, der die zu messende, i. Allg. analoge Messgröße
Ein physikalisches Experiment ist gültig, wenn die in einen Strom oder eine Spannung umsetzt, die dann di-
Messergebnisse reproduzierbar und von Ort, Zeit und gitalisiert werden.
handelnden Personen unabhängig sind.
Mit der „Gültigkeit“ der Theorie ist es nicht ganz so ein- .. Kalibrieren und Normale
fach: Die meisten Physiker akzeptieren heute die Sicht des
Philosophen Karl Popper (–): Wir sprechen häufig von einer absoluten Messung, sobald
wir den Messwert in physikalischen Einheiten wie Meter
Eine physikalische Theorie kann falsifiziert, aber nicht und Sekunde angeben können. Streng genommen handelt
verifiziert werden es sich aber auch hier um eine relative Messung – relativ
Ein gültiges Experiment kann danach mit einem einzi- z. B. zur Einteilung des Lineals, das den Maßstab buch-
gen Ergebnis, das nur im Widerspruch zur theoretischen stäblich vorgibt, einer Waage etc. Die Verlässlichkeit sol-
Vorhersage stehen muss, eine Theorie widerlegen. Ande- cher Messungen beruht auf der Qualität der Kalibrierung,
rerseits kann die Menge aller ausgeführten Experimente die die Einheiten des Maßstabs relativ zu einem Normal
nie mehr als eine Stichprobe aller möglichen Experimente festlegt. Im Prinzip sollen heute alle Einheiten auf ein pri-
sein. Am Ende setzen sich die Theorien durch, die al- märes Normal zurückführbar sein. Praktischerweise wer-
len Widerlegungsangriffen standhalten. Sie kommen der den Messgeräte mit Hilfe sekundärer, ggf. zertifizierter
Wahrheit immer näher, ohne jedoch den Anspruch auf Normale kalibriert.
sicheres Wissen erheben zu können. Alternativ kann man auch Normale nach einer Vor-
schrift realisieren. Beispielsweise kann man ein Meter rea-
lisieren, indem man den Umstand ausnutzt, dass an der
Erdoberfläche die Schwingungsperiode T eines Pendels
. Messen und Maße

nur von der Erdbeschleunigung und von seiner Länge
abhängt, T = 2π ℓ/g bzw. ℓ = gT 2 /4π 2 , und einfach
Als streng analytische Wissenschaft verlangt die Physik, die Zeit T = 2,006 s angibt. Diese Methode hat sich nicht
Beobachtungen im Grundsatz immer quantitativ, d. h. mit durchgesetzt, u. a. weil die Erdbeschleunigung zu stark von
Messwerten zu beschreiben, die eine konkrete physikali- Ort zu Ort schwankt. Sie zeigt aber den Weg auf, den mo-
sche Dimension haben. Auch sind allgemeine Formulie- derne Verfahren zur Realisierung physikalischer Einheiten
rungen wie „groß“ oder „klein“ keinesfalls akzeptabel. Nur gehen: Die Rückführung auf wenige, wohl definierte Grö-
Aussagen wie „groß im Vergleich zu etwas genau definier- ßen, insbesondere auf die am präzisesten definierte und
tem anderem“ sind physikalisch sinnvoll. Und auch dann am einfachsten messbare Zeit.
ist immer gemeint, dass der Unterschied wenigstens „eine
Größenordnung“ beträgt, d. h. größer ist als der Faktor
101 = 10.
.. Maßeinheiten
Viele Staaten unterhalten nationale physikalische Labora-
.. Messen torien, deren Aufgabe die genaue Definition und Realisie-
rung der Einheiten und deren Verfügbarkeit für Wirtschaft
Das Messen in der Physik ist im Prinzip allen Schülern
und Wissenschaft ist. Die Weitsicht von H. von Helm-
vom Geometrie-Unterricht her vertraut: Wir messen eine
holtz und W. v. Siemens führte  zur Gründung der
Strecke, indem wir einen Maßstab (ein Lineal mit cm/mm-
Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin (heu-
Einteilung) anlegen und den Wert ablesen.
Diesem Prinzip sind alle Messgeräte verpflichtet, unab-
hängig davon, um welche Messgröße es sich handelt: Der 
Wir unterscheiden zwischen „eichen“ und „kalibrieren“, denn
Maßstab für das Gewicht eines Körpers ist z. B. die Aus- das „Eichen“ ist strenggenommen den staatlichen Eichämtern vor-
dehnung einer Feder, der Maßstab für die Zeit die Anzahl behalten
Messen und Maße 2/3

⊡ Tabelle 0.1 Präfixe für Einheiten


Lichtjahre voneinander entfernt ( Lichtjahr = 3 ⋅ 108 m/s ⋅
Bezeichnung Potenz Bezeichnung Potenz
3,16⋅107 s ≃ 10 Pm), dem ganzen Weltall schreibt man einen
Hekto- h 102 Centi- c 10−2 Radius von etwa 1010 Lichtjahren zu.
3
Kilo- k 10 Milli- m 10−3 Die Astronomen benutzen öfter  Parsec = 1 pc. Das ist
6 der Abstand, aus dem der Erdbahnradius unter dem Winkel
Mega- M 10 Mikro- μ 10−6
Giga- G 10 9
Nano- n 10−9 1′′ ( Bogensekunde) erscheinen würde. 1 pc = 1,5 ⋅ 1011 m ⋅
Tera- T 10 12
Piko- p 10−12 (2π/360) ⋅ 60 ⋅ 60 = 30,8 ⋅ Pm ≃ 3 Lichtjahre.
15
Peta- P 10 Femto- f 10−15
18
Exa- E 10 Atto- a 10−18
.. Meter, Sekunde, Kilogramm2
In der Mechanik wird die Bewegung von Körpern mit Tra-
te: Physikalisch-Technische Bundesanstalt, www.ptb.de), jektorien, Kräften, Geschwindigkeiten etc. beschrieben. Sie
die bis heute wesentliche physikalische Grundlagen für kommt dabei mit Kombinationen von nur drei physikali-
den technologischen und wirtschaftlichen Erfolg der In- schen Einheiten aus – Meter, Sekunde und Kilogramm –,
dustrienation legt. Wir verwenden im Buch generell das die noch etwas näher erklärt werden sollen.
Internationale System (SI), das als Weiterentwicklung des
mechanischen MKS- und des elektromagnetischen Giorgi- (a) Längen und Meter Die Astronomen Delambre und
Systems die Grundgrößen Länge, Zeit, Masse, Temperatur, Méchain machten sich im Jahre  auf, die Erde zu ver-
elektrischer Strom, Lichtstärke und Substanzmenge mit den messen. Genauer: Sie sollten im Auftrag der Gesetzgeben-
Einheiten Meter (m), Sekunde (s), Kilogramm (kg), Kelvin den Versammlung des revolutionären Frankreichs eine
(K), Ampere (A), Candela (cd) und Mol (mol) benutzt und Teilstrecke des irdischen Nord-Süd-Umfangs bestimmen,
in der Technik Gesetzeskraft hat. des Meridians, der zwischen Barcelona im Süden und Dün-
Abgeleitete Größen erhalten eine Dimension, d. h. ei- kirchen im Norden geradewegs durch Paris verläuft. Die
ne algebraische Kombination der Grundgrößen, die ih- Differenz der Breitengrade zu bestimmen war auch vor 
rer Definition entspricht. Man sollte bei keiner physika- Jahren schon Routinesache, sie ergab 9○ 40′ . Da das Meri-
lischen Rechnung versäumen nachzuprüfen, ob die be- dianviertel 90○ umfasst, ließ sich per Dreisatz der Umfang
rechneten Größen die richtige Dimension haben, und ob der Erdkugel bestimmen, sobald auch die Streckenlänge
zwei durch ein Gleichheits-, Plus- oder Minuszeichen ver- bekannt war.
knüpfte Ausdrücke die gleiche Dimension haben. Über Die eigentliche Messaufgabe bestand darin, die Weg-
diese schnellste Fehlerkontrolle hinaus liefert die Dimen- strecke mit einer ununterbrochenen Kette von gedachten
sionsanalyse häufig Anhaltspunkte, wie eine gesuchte Be- Dreiecken zu bedecken; alle Seitenlängen mussten aus 
ziehung überhaupt aussehen kann. Wir kommen darauf Winkelmessungen errechnet werden. Die Geschichte kam
im Abschnitt über Fermiprobleme (Abschn. .) noch zu-  zu einem vorläufigen amtlichen Endergebnis: Man
rück. legte den zehnmillionsten Teil (1/10 000 000 = 1/107 ) des
In den einzelnen Gebieten der Physik und ihrer Anwen- Erdmeridianquadranten als einheitliches Längenmaß „für
dungen treten sehr verschiedene Größenordnungen für die alle Zeiten, für alle Menschen“ fest. Die Messkunst der bei-
einzelnen Größen auf. Es ist daher bequem,Vielfache und den Astronomen wurde in Platin gegossen und das „Mètre
Teile der Einheiten zu benutzen (Tabelle .). des Archives“, das verbindliche Meter war geboren. Und
mit ihm das metrische System, das neben der Länge auch
BEISPIEL
ein Maß für die Fläche und den Raum, ein Maß für das
Volumen von Flüssigkeiten und ein Maß für die Masse
festlegte.
Die Wellenlängen des sichtbaren Lichts liegen knapp unter Der Anspruch, durch Bezug auf den Erdumfang ein uni-
 μm, die kürzesten Laserblitze dauern weniger als  fs. Die verselles Maß für die Länge zu gewinnen, konnte mit dem
Durchmesser der Atome betragen einige Å ( Å = 10−10 m =

0,1 nm), die der Atomkerne einige fm. Fixsterne sind einige Die Darstellung lehnt sich in einigen Teilen an Beiträge im Ma-
gazin Maßstäbe der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt an.
0 Einführung

„Urmeter“ nicht eingelöst werden, weil die zugrunde lie-


gende Messung nur schwer wiederholbar war. Heute wer- Der Wert für 1○ beträgt in dieser Einheit 2π/360 =
den Längenmessungen mit der Hilfe von Licht auf im Prin- 0,017 rad. Ein Raumwinkel ist gegeben durch das Ver-
zip jederzeit und an jedem Ort realisierbare Zeitmessungen hältnis des über ihm aufgespannten Kugelflächenteils zum
zurückgeführt. Die Vorschrift lautet: Quadrat des Radius der Kugel. Die Einheit wird manch-
mal Steradiant (ster) genannt (Aufgabe ..). Der gesamte
Raumwinkel der Kugel beträgt 4π ster.
Das Meter ist die Strecke, die das Licht im Vakuum in
1/299 792 458 s zurücklegt.
(b) Zeiten und Sekunde Die Zeit hat als Maßeinheit im Er-
leben der Menschen vielleicht schon immer die größte Rol-
Über größere Strecken misst man einfach die Laufzeit T le gespielt, als Erdenjahr und Erdentag, mit den Mondpha-
des Lichtes mit einer Uhr. Die Länge ergibt sich dann mit sen usw. Die Zeitmessung hat der Umstellung auf deka-
dem seit  fest definierten, universellen Wert der Licht- dische Einheiten bis heute widerstanden, wir verwenden
geschwindigkeit c = 299 792 458 m/s zu ℓ = c ⋅ T. Im GPS- weiterhin das archaische aber durchaus praktische Duode-
System und anderen Navigationshilfen wird dieser Zusam- zimalsystem:  Tag mit 2 × 12 Stunden,  Minuten pro
menhang schon lange großtechnisch genutzt. Stunde,  Sekunden pro Minute. Auch die Nähe einer Se-
Kleine Strecken, z. B. sogenannte Endmaße, die in der kunde zur Periode des menschlichen Herzschlags dürfte
Qualitätskontrolle industrieller Fertigungsprozesse eine dabei eine Rolle gespielt haben. Die alte Definition der Se-
wichtige Rolle spielen, werden interferometrisch vermes- kunde bezog sich auf 1/86 400 eines Tages.
sen, d. h. man unterteilt ihre Länge mit einer Stehwelle Für die Zeitmessung eignen sich alle periodischen Vor-
von Licht einer bestimmten, sehr genau bekannten Wel- gänge. Besondere Regelmäßigkeit zeigen Pendelschwin-
lenlänge λ als Vielfaches von λ/2. Die Wellenlänge des gungen, elastische Schwingungen, Atomschwingungen
Lichtes hängt mit der Frequenz nach ν = c/λ zusammen, und die Rotation der Erde. Bei der Erddrehung sind zu un-
die man durch das Zählen von Perioden und damit eine terscheiden die Rotationsperiode relativ zu den Fixsternen
Zeitmessung bestimmt. (Sterntag) und relativ zur Sonne (Sonnentag). Die Länge
Eine herausragende Rolle spielen in der Physik nicht nur
ebene, sondern auch zylindrische und sphärische Geome-
trien. Dort sind Längenmaße immer mit Winkelmaßen
verknüpft.
23 h 56 min 04 s

▾ Mathematischer Hinweis
zur Sonne
Winkelmaße.
Ebene Winkel kann man im Gradmaß angeben.  Grad
(1○ ) ist 1/360 des „vollen“ Winkels. Kleinere Einheiten sind 24 h
(Bogen-) Minute (′ ) und (Bogen-) Sekunde (′′ ), es gilt 1○ =
60′ = 3 600′′ . Bei astronomischen Messungen erreicht man
eine Genauigkeit von Bruchteilen von Bogensekunden.
Mathematisch einfacher ist das Bogenmaß, d. h. das
Verhältnis der Kreisbogenlänge, die der gegebene Winkel
aufspannt, zum Radius dieses Kreises. Das Bogenmaß ist di-
mensionslos, wird aber häufig zur Verdeutlichung mit der
Einheit Radiant (rad) versehen. Der Umfang des Einheits-
kreises beträgt 2π, daher gilt
⊡ Abbildung 0.1 Die Erde erfährt in  Stunden etwas mehr als
1 rad = 360○ /2π = 57,295○ . eine volle Umdrehung, weil sie auch auf ihrer Bahn um einen Win-
kel von fast einem Grad vorgerückt ist
Messen und Maße 4/5

des Sonnentages variiert mit der Jahreszeit. Der mittlere  wurde durch Anschluss an die alte Sekundendefiniti-
Sonnentag ist um 1/365,256 länger als der Sterntag, weil on (Sonnensekunde) festgelegt:
die Erde an einem Tag auf ihrer Bahn um die Sonne um
gerade diesen Teil des Vollkreises weiterrückt und die Dre-
hungen der Erde um die Sonne und um ihre Achse im Die Sekunde ist das    -fache der Periodendauer
gleichen Sinn erfolgen. Sterntag und Sonnentag werden der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstruk-
gemessen als Zeitabstand der Durchgänge eines Fixsterns turniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids
133
bzw. der Sonne durch den gleichen Himmelsmeridian, z. B. Cs entsprechenden Strahlung.
durch den Meridian, der durch den Zenit geht (obere bzw.
untere Kulmination).
Zur genaueren Zeitmessung wird die Sekunde in immer In Abb. . wird die (nicht abgeschlossene) Entwicklung
kleinere Abschnitte zerlegt. Quarzstäbe geben den GHz- der Ganggenauigkeit Δt der Uhren (gemessen in s pro Tag)
Takt von Computern vor. Sie werden piezoelektrisch (Ab- vorgestellt. Seit  wird durch den Vergleich der weltweit
schn. ..) zu Schwingungen angeregt, deren Periode au- verteilten Atomuhren die koordinierte Weltzeit UTC (Uni-
ßer von den Stababmessungen nur von der Dichte und den versal Time Coordinated) definiert. Sie gibt die Zeit am
elastischen Eigenschaften abhängt (Abschn. ..). Diese 0○ -Meridian in Greenwich an. Die UTC berücksichtigt die
sind aber durch Masse, Anordnung der Atome im Kristall- Schwankungen der Erdrotation, z. B. durch die Einfügung
gitter und Atomkräfte eindeutig bestimmt. von Schaltsekunden. Die lokale Zeit wird von der UTC ab-
Eine bessere Konstanz als die Rotation der Erde zeigen geleitet. Für die mitteleuropäische Zeit gilt MEZ = UTC + .
auch periodische Vorgänge innerhalb des Atoms. Im Jahr Sie wird vom Radiosender DCF im Minutentakt Uhren

P3 M
Kalenderjahr 80
40 Andere Inhalte
20
10
8 0
4
2
1
10
Kalender- 8
50 10
monat 4
2
1 R
4 A1
2 Z1
Wochentag
1 Z2
20
40 20 A2
10 S
8 1
4 2 ⊡ Abbildung 0.2 In jeder Minute wird
Kalendertag 2 30 4
1 8 mit dem DCF-Radiosender die Zeitin-
P2 10 formation für die folgende Minute nach
20 20
10 40
8 4 2 1 P1
Minute Mitteleuropa übertragen. Jede Sekunde
wird ein Impuls nach dem Schema der
Stunde Abbildung gesendet. Der Wert „“ wird mit
 ms, „“ mit  ms Pulslänge kodiert
0 Einführung

⊡ Abbildung 0.3 (A) Im Mittelalter wur-


den Uhren verwendet, in denen Wasser-
tropfen aus einem Gefäß in ein anderes Einheiten: 1 ps /Tag
tropfen. (B) C. Huygens konstruiert  1 ps = 1 Pikosekunde = 10 –12 s
eine Pendeluhr auf der Grundlage der Ide- 1 ns = 1 Nanosekunde = 10 –9 s
en von G. Galileo. (C) J. Harrison gewinnt 1 µs = 1 Mikrosekunde = 10 –6 s
 einen Preis zur Konstruktion einer 1 ms = 1 Millisekunde = 10 –3 s
H 1 ns /Tag
Uhr für die britische Flotte, die am Tag 1 s = Sekunde = 10 0 s
weniger als  s falsch geht. (D) Die Prä-
zisionspendeluhr von C. Riefler erreicht
 eine Ganggenauigkeit von wenigen G
F 1 µs /Tag
tausendstel s/Tag (E) Scheibe und Adels-
berger bauen  eine Quarzuhr, die nur
noch 200 μs/Tag „falsch“ geht. (F) Essen
E
und Parry bauen  am englischen Natio-
nal Physics Laboratory die erste Caesium- 1 ms /Tag
D
Atomuhr. (G)  wird die Basiseinheit
der Sekunde auf die Caesium-Atomuhr be-
C

Genauigkeit
zogen. (H)  wird am LPTF in Paris
die erste Caesium-Fontänenuhr in Betrieb 1 s /Tag
genommen B

A 1000 s/Tag
Jahr (n. Chr.)
1200 1400 1600 1800 2000

und Weckern sogar in den Haushalten mit Atomuhrenge- ganz kleines bisschen leichter wurde oder alle nationalen
nauigkeit zur Verfügung gestellt. Prototypen entsprechend schwerer – eine unbefriedigende
Situation.
(c) Massen und Kilogramm Der Chemiker Lavoisier woll- Deshalb soll die Neudefinition des Kilogramms in Zu-
te schon gegen Ende des . Jahrhunderts ein einheitliches kunft auf natürliche Größen zurückgeführt werden. Im
(und natürlich universelles) Maß für die Masse finden; die sogenannten Avogadro-Experiment wird die Masse im
Früchte seiner Masse- und Gewichtsforschung erlebte La- Prinzip auf die Zahl der Atome N eines Silizumkristalls be-
voisier, der  in den Wirren der französischen Revoluti- zogen, M = N ⋅ mAtom . Siliziumkristalle eignen sich beson-
on guillotiniert wurde, nicht mehr. Die Definition der Mas- ders gut, weil sie u. a. als Folge ihrer großen technologisch-
seeinheit einige Jahre später folgte aber seinen Ideen: Das wirtschaftlichen Bedeutung mit besonderer Reinheit und
Kilogramm wurde definiert als die Masse eines Kubikdezi- Fehlerfreiheit produziert werden können.
meters ( Liter) reinen Wassers, also durch Bezug auf eine Weil die Atommasse mAtom eine natürliche Größe ist,
Länge. muss man nur noch angeben, wieviele Atome ein Kilo-
Seit  dient ein kleiner Platin-Iridium-Zylinder als gramm enthalten soll. Lavoisiers Idee ist in diesem Expe-
Maß für alle Kilogramms dieser Welt. Das Bureau In- riment noch immer lebendig: Die Atome werden durch
ternational des Poids et Mesures bewahrt ihn in Sévres Längenmessungen „gezählt“: Die Zahl der Atome ergibt
bei Paris auf. Kopien davon dienen als nationale Proto- sich sich aus dem Verhältnis von Körpervolumen und
typen, mit denen jede Nation Massennormale zum prak- Volumen der kristallographischen Einheitszelle, die im
tischen Gebrauch herstellt. Beim regelmäßigen Vergleich Fall von Silizium  Atome enthält, N = V/(vEZ /8). Das
der Prototypen hat sich in den letzten  Jahren aber Volumen V wird optisch-interferometrisch vermessen
gezeigt, dass entweder das Ur-Kilogramm allmählich ein (Abb. .). Die Gitterkonstante des Kristalls, die Länge
Datenanalyse und Messunsicherheit 6/7

⊡ Abbildung 0.4 Links: Polierte Silizium-


kristall-Kugel zur Bestimmung der Avo-
gadro-Konstante (Durchmesser  mm).
Rechts: Der Unterschied zwischen den ro-
ten und blauen, interferometrisch gemes-
senen Abweichungen von einer perfekten
Kugel beträgt nur ca.  nm. Mit freundli-
cher Erlaubnis der PTB Braunschweig

der kubischen Einheitszelle a, gewinnt man durch Rönt- sondern auch ihre Unsicherheit angemessen zu quan-
geninterferometrie (Abschn. ..) und errechnet daraus tifizieren. Besonders wichtig sind die Naturkonstanten,
das Volumen vEZ = a 3 . deren Werte von der internationalen CODATA-Gruppe
Bestimmt man auch noch das Molgewicht Mmol von Si- (http://physics.nist.gov/cuu/Constants/index.html) regel-
lizium (s. Abschn. ..), zu dessen natürlicher Variante die mäßig überprüft und aktualisiert werden. In der Metrolo-
 Isotope 28 Si, 29 Si und 30 Si beitragen, dann benötigt man gie, der Wissenschaft von den Präzisionsmessungen, wird
nur noch die Masse m des Testkörpers, um die Avogadro- die physikalische Messkunst zu ihren höchsten Leistungen
konstante N A zu bestimmen, angetrieben.
Das Ergebnis einer Messung für eine physikalische
NA =
Mmol V
. Messgröße wird in der Form Wert = Mittelwert ± Stan-
m vEZ /8 dardabweichung angegeben:
(d) Zusammengesetzte Einheiten Meter, Sekunde und Ki-
logramm sind die Grundgrößen der Mechanik. Wichtige BEISPIEL
Kombinationen haben eigene Namen erhalten, in Tabel-
Die Newtonsche Gravitationskonstante (Abschn. .) hat in
le . sind einige Beispiele aufgeführt.
zwei äquivalenten Schreibweisen den Wert

⊡ Tabelle 0.2 Zusammengesetzte Größen der Mechanik G = (6,674 28 ± 0,000 67) × 10−11 N m2 /kg2
Phys. Größe Einheit Kürzel = 6,674 28(67) × 10−11 m3 kg−1 s−2 .
Kraft Newton N kg m s−2
2
kg m−1 s−2
Die Streuung oder Standardabweichung ΔG = σG =
Druck Pascal Pa = N/m
kg m2 s−2
0,000 67 × 10−11 N m2 /kg2 gibt die absolute Unsicherheit
Energie Joule J=Nm
2 −3
Leistung Watt W = J/s kg m s
der Messgröße an, ihren absoluten Messfehler. Der Wert
einer Messgröße ist umso genauer bekannt, je kleiner die
relative Unsicherheit, der relative Fehler ist. Im Fall der
Gravitationkonstante beträgt er
. Datenanalyse und Messunsicherheit
ΔG/G = ≃ 1 ⋅ 10−5 ,
0,000 67
6,674 28
Das Messen physikalischer Größen ist die wichtigste Auf-
gabe der Experimentalphysik. Professionelles physikali- womit sie zu den ungenauesten Fundamentalkonstanten
sches Messen bedeutet, nicht nur die Messgröße selbst, zählt. Die numerischen Werte sowohl des Mittelwertes
0 Einführung

als der Unsicherheit werden nur mit den signifikanten


Stellen angegeben, das sind die von Null verschiedenen re- rms-Wert. Sie lässt sich nach Ausmultiplizieren von () und
levanten Stellen ab der ersten Stelle. Die Unsicherheit wird wegen xx = x 2 auch berechnen nach
mit höchstens zwei Stellen, der Mittelwert höchstens mit
den Stellen angegeben, die der Unsicherheit entsprechen. (x − x)2 = x 2 − 2xx + x 2 = x 2 − x 2 . ()
Die Gravitationskonstante im Beispiel verfügt also über 
Der Mittelwert der Quadrate (x 2 ) ist immer größer als das
signifikante Stellen, wie man es auch nach der relativen
Quadrat des Mittelwerts (x 2 ), also x 2 − x 2 ≥ 0 stets.
Unsicherheit erwartet.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein gemessener Wert nicht
mehr als eine gegebene Abweichung δ vom wahren Wert
.. Normalverteilung und Messfehler (repräsentiert durch x) hat, ist gleich der Fläche unter der
Um die Bedeutung der Unsicherheit besser zu erschließen, Gauß-Kurve zwischen x − δ und x + δ. Diese Wahrschein-
benötigt man das Instrumentarium der statistischen Ma- lichkeit heißt auch statistische Sicherheit P für die Vertrau-
thematik: Messergebnisse bestehen immer aus einer statis- ensgrenze δ. P hängt nur von δ/σ ab. Bei δ = σ beträgt die
tischen Verteilung von Messwerten. Kennt man die Form Wahrscheinlichkeit P = 68%, bereits mit einer Messung im
dieser Verteilung, dann reichen zwei Zahlen – Mittelwert Intervall x±δ zu liegen. Wenn jemand % Sicherheit haben
und Standardabweichung – aus, die Verteilung vollständig will, dass seine Vertrauensgrenzen den wahren Wert umfas-
zu charakterisieren. In den allermeisten Fällen gehen wir in sen, muss er angeben x = x ± 1,96σ .
der Physik davon aus, dass die Messwerte einer gaußschen
Normalverteilung gehorchen. Man muss also die mathe-
matischen Eigenschaften dieser wichtigen Verteilung ken- Eine normalverteilte Serie von n Messergebnissen x i
nen. können wir als eine diskrete Näherung der idealisierten
gaußschen Wahrscheinlichkeitsverteilung auffassen. Ihr
Mittelwert wird nun durch die Summe
▾ Mathematischer Hinweis
1 n
x= ∑ xi ()
n i=1
Normal-Verteilung.
Mit zufälligen Fehlern behaftete Größen sind i. Allg. nor- statt des Integrals () gebildet. Dieser Schätzwert gibt be-
malverteilt. Eine Einzelmessung der Größe x hat die Wahr- kanntlich die beste Näherung des idealen Wertes. Die
scheinlichkeit p(x)dx, einen Wert aus dem Intervall (x, x +
dx) zu ergeben. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung wird be-
schrieben durch
1 (x − x)2
p(x) = √ exp − ()
2πσ 2σ 2 Z
Durch die Normierung p(x) dx = 1 wird der Vorfak-

∫−∞

tor 1/ 2πσ der Gauß-Funktion festgelegt. Der Mittelwert
der Verteilung ist
σ

x= ∫−∞
x p(x) dx . ()

Das Quadrat der Standardabweichung heißt Varianz σ 2 =


Δx 2 = (x − x)2 und ist definiert nach
Z
∞ 0 5 10 15 20 25
(x − x)2 = σ 2 = ∫
−∞
(x − x)2 p(x) x. . ()
⊡ Abbildung 0.5 N = 2500 Summen aus je  Zufallszahlen
Die Standardabweichung ist also die Wurzel aus der Vari- ( oder ; 0 ≤ Z ≤ 25; Mittelwert Z = 1/2 × 25 = 12,5) vertei-
anz, vom Englischen root mean square stammt der Ausdruck len sich nach Gauß, ähnlich wie die Ergebnisse vieler gleichartiger
Messungen
Datenanalyse und Messunsicherheit 8/9

Streuung der Messwerte wird mit der Standard-Abwei- Die Unsicherheit des Mittelwerts einer wiederholten
chung Messung () ist ein wichtiges Ergebnis der von C.F. Gauß
1 n
σ = ∑(x i − x)
2 2 begründeten Ausgleichsrechnung. Sie geht davon aus, dass
()
n − 1 i=1 sich die Wahrscheinlichkeiten unabhängiger Ereignisse
zur Wahrscheinlichkeit des Gesamtereignisses multiplizie-
geschätzt, die auch hier in Analogie zu () aus der Differenz ren. Wenn man Wahrscheinlichkeiten wie () multipliziert,
der Quadratsumme und des Summenquadrats berechnet addieren sich die Exponenten. Nun geht es darum, die
wird. Meist kann man auch n − 1 → n ohne große Fehler Schätzwerte x so zu bestimmen, dass die Gesamtwahr-
verwenden und erhält scheinlichkeit maximal wird, dass also der Exponent, der
1⎛n 2 ⎞
n 2 ja negativ ist, minimal wird. Der Exponent ist die Summe
σ ≃
2
∑ x i − (∑ x i ) . () der Quadrate von Abweichungen x i −x. Daher spricht man
n ⎝ i=1 i=1 ⎠ von der Methode der kleinsten Quadrate.
Ein einzelner Messpunkt weicht im Durchschnitt um σ
vom wahren Wert ab, d. h. er hat die Wahrscheinlich- .. Fehlerfortpflanzung
keit ,, innerhalb des Intervalls x ± σ zu liegen. Deshalb Oft ist das Ergebnis eines Experiments keine direkte Zei-
wird σ auch als Fehler der Einzelmessung bezeichnet. gerablesung, sondern entsteht durch Kombination aus
Die Unsicherheit des Mittelwerts von n Messungen Messungen mehrerer Größen. So bestimmt man eine Ge-
reduziert sich durch wiederholte Messung, er weicht im schwindigkeit i. Allg. aus einer Weg- und einer Zeitmes-
Durchschnitt nur um sung. Die zu bestimmende Größe y sei also eine Funktion
√ mehrerer anderer Größen x 1 , x 2 , . . . , x k ∶ y = f (x 1 , x 2 ,
Δx = σ/ n
. . ., x k ). Wenn die Fehler der x i bekannt und klein sind,
()
d. h. σ i /x i ≪ 1, dann kann man den funktionalen Zu-

vom Idealwert ab, er liegt mit der Wahrscheinlichkeit ,
in dem viel kleineren Intervall x ± σ/ n. Längeres Mes- sammenhang mit einer Taylor-Entwicklung linearisie-
sen führt danach zu immer geringerer Unsicherheit, wenn ren. Der Beitrag eines einzelnen Arguments x i wird nach
auch mit schnell steigendem Aufwand. Halbierung der Un- (Δy)i = (∂ f /∂x i )σ i berechnet und der Gesamtfehler be-

sicherheit verlangt vier mal soviele Messwerte und -zeit, trägt

Δy = 
∑ ( ∂ f ) σ 2 .
2
theoretisch könnte man beliebig genau werden. In realen
Experimenten wird aber das lange Messen durch unver- i ()
i ∂x i
meidliche Temperaturschwankungen und andere Einflüsse
begrenzt, denn die Voraussetzung wäre die perfekte Ein- Die unabhängigen Unsicherheiten addieren sich quadra-
haltung der einmal gewählten Bedingungen eines Experi- tisch, und die Standardabweichung der kombinierten Ver-
ments. teilung bleibt im selben Rahmen statistischer Sicherheit wie
bei der einfachen Normalverteilung, z. B. P(y) = 0,683 für
.. Messfehler Abweichungen ∣y − y∣ < Δy.

Die Unsicherheit oder Standardabweichung wird auch


.. Lineare Regression
Messfehler genannt, sie erhält Beiträge von den zufälligen
Schwankungen der Messapparatur oder vom Experimen- Eine andere wichtige Anwendung der Ausgleichsrechnung
tator. Genauer handelt es sich hier um den statistischen ist die lineare Regression. Man hat eine Größe y gemes-
Messfehler, der die Gaußsche Normalverteilung in ma- sen, von der man annimmt, dass sie linear von einer an-
thematisch wohl definierter Weise charakterisiert. Viel deren Größe x abhängt. Messwerte von y liegen für die x-
schwieriger sind systematische Fehler zu behandeln, bei- Werte x 1 , x 2 , . . . , x n vor, d. h. man verfügt über n Werte-
spielsweise falsch kalibrierte Messgeräte. Für deren Erfas- paare (x i , y i ), die in die x, y-Ebene eingetragen eine mehr
sung und Beseitigung gibt es keine einfache Regel, hier ist oder weniger längliche Punktwolke ergeben. Welches ist
der Experimentator besonders herausgefordert. Bestand- die Gerade y = a + bx, die die Messwerte am besten be-
teil jeder Messung ist eine mindestens qualitative Analyse schreibt? Gesucht sind also die Werte a und b, für die die
der erkennbaren, aber mit den gegebenen Mitteln nicht Summe S der Quadrate der vertikalen Abstände zwischen
unterdrückbaren systematischen Fehler. den Messpunkten und der Geraden so klein wie möglich
0 Einführung

ist, d. h. für die . Graphische Darstellung physikalischer


n Zusammenhänge
S = ∑(y i − a − bx i ) = min .
2
()
i=1 Mit graphischen Darstellung sollen physikalische Zusam-
menhänge am besten „mit einem Blick“ erfassbar sein. Am
Man findet dieses Minimum durch Nullsetzen der Ablei- direktesten gelingt das mit Geraden, denn unser Auge er-
tungen nach a und b: kennt auch kleine Abweichungen wie Krümmungen sehr
n gut. Wir nutzen ein altes Beispiel von Leonardo da Vinci,
= −2 ∑(y i − a − bx i ) = 0 ,
∂S
∂a der die in Tabelle . gesammelten Daten über Körpermas-
i=1
() sen m und Flügelspannweiten s von Vögeln zusammenge-
n n
d. h. ∑ y i = na + b ∑ x i . stellt hat (hier in heutigen Einheiten ausgedrückt):
i=1 i=1 Man kann die Daten in kartesischen Koordinaten dar-
stellen und erhält die linke Abb. ., die eine angepasste
Funktion ∝ m 1/2 enthält. Das Auge könnte Unterschiede
Die beste Gerade geht also gerade durch den Punkt, der den
Mittelwerten von x und y entspricht, woraus a direkt be-
im Exponenten (z. B. 1/2 oder 1/3) nicht erkennen, bestä-
stimmt werden kann. Weiter gilt
tigt aber den annähernd linearen Verlauf in der rechten Ab-
n bildung. Diesen erhält man durch quadratische Streckung
= −2 ∑ x i (y i − a − bx i ) = 0 ,
∂S
∂b der s-Achse.
i=1
() Potenzabhängigkeiten lassen sich günstig in doppelt-lo-
garithmischer Darstellung erkennen. Wir vermuten s(m) =
n n n
∑ xi yi = a ∑ xi + b ∑ xi .
2
d. h.
i=1 i=1 i=1 a ⋅ m b und tragen die Werte in einem log(s)-log(m)-
Wir setzen die Lösung für a aus () ein und erhalten nach Diagramm auf (Abb. .). Die Steigung der Geraden ergibt
b aufgelöst schon durch visuelle Inspektion den Exponenten b. Rech-
∑ xi yi − ∑ xi ∑ yi
b= . ()
∑ x i2 − (∑ x i )
2 ⊡ Tabelle 0.3

Damit sind Steigung b und y-Abschnitt a der besten Gera- Vogel m/kg s/m
den durch die bekannten Messwerte x i und y i ausgedrückt. Amsel 0,17 0,32
Kompliziertere als lineare Abhängigkeiten kann man oft
Eichelhäher 0,42 0,48
durch geeignete Auftragung auf lineare zurückführen. Ver-
mutet man z. B. ein Gesetz y = ae−bx , dann trägt man y
Blesshuhn 0,92 0,95

einfach-logarithmisch auf und kann aus ln y = −bx + ln a


Stockente 1,95 1,10

die Konstanten −b und ln a nach der obigen Methode Graugans 4,80 1,85
finden. Storch 6,60 1,95

s (m) 2,5
s (m)
2,0

2,0

1,0 1,5
⊡ Abbildung 0.6 Links: Kartesisches Ko-
ordinatensystem. Quadrate: Messwerte aus
1,0
Tabelle .. Durchgezogene Kurve: Phä-
nomenologischer
√ Zusammenhang nach 0
0
s/m = 0,81 ⋅ m/kg. Rechts: Quadratisch 0 2 4 6 8 0 2 4 6 8
m (kg) m (kg)
gestreckte s-Achse
Fermi-Probleme 10/11

antworten ließen, d. h. mit gesundem Menschverstand, gu-


–1 0 log (m/kg) 1
10 1 ter physikalischer Intuition und wenigen logischen Schrit-
ten.
s (m) log (s/m) Die Beispiele und Aufgaben zu diesem Buch haben
häufig schon den Charakter solcher Fermi-Fragen oder
-Probleme. Wir geben noch zwei weitere Beispiele, die zei-
gen, dass sich auch z. B. Fragestellungen, bei denen große
1 0 Zahlen eine Rolle spielen, die man zunächst als Überforde-
rung empfinden mag, mit sehr guter Ausssagekraft lösen
lassen.

BEISPIEL

0,1 –1
0,1 1 m/kg 10 Wieviele Erbsen passen in eine Weinflasche?
⊡ Abbildung 0.7 Doppelt-logarithmische Darstellung der Daten Wenn wir die Erbsen als Quader mit z. B.  mm Kanten-
und Kurven aus Abb. . länge betrachten, ist das Problem schnell gelöst: Bei per-
fekter Stapelung passen in die ,-l-Flasche 75 × 100 ×
100 mm3 /53 mm3 = 15 × 202 = 6000 Erbsen hinein.
Die Kugelpackung führt dazu, dass pro Kugel ein effek-
nerische Anpassung nach Abschn. . liefert das Ergebnis
log(s) = −0,091 + 0,506 log(m).
tiv geringeres Volumen αd 3 (α < 1) benötigt wird. Wenn die
Erbsen dicht gepackt sind, dann bilden sie in einer Ebene ein
hexagonales Muster, Abb. .. Pro Hexagon können  Erb-
sen untergebracht werden, und die Fläche entspricht der von

. Fermi-Probleme  gleichseitigen Dreiecken mit der Fläche A = 6 3/4 ⋅ d 2 .
Die nächste Schicht fällt bei Stapelung in die Vertiefun-
Knüpfen wir an das Beispiel des Vogelfluges an: Macht gen der darunterliegenden Schicht, d. h. die effektive Höhe
denn die phänomenologische Abhängigkeit der Spann- des Volumens, das die Erbsen einer Schicht einnnehmen ist

weite s ∝ m 1/2 physikalischen Sinn? Ganz im Sinne der h = 3/2 ⋅ d. Insgesamt nehmen also  Erbsen das Volu-
„Fermi-Probleme“ kann man so argumentieren: Die Auf- men V = (9/4)d 3 ein. Der Korrekturfaktor beträgt α = 3/4
triebskraft, die zum Fliegen notwendig ist, muss offen- und wir können mit  Erbsen rechnen. Stapelfehler und
sichtlich proportional sein zum Körpergewicht. Wie in Variationen der Größe werden diesen Wert noch etwas ver-
Abschn. . gezeigt wird, ist der Auftrieb an den Flügeln ringern, der Fehler wird aber nur um die % betragen.
proportional zur Flügelfläche und zum Quadrat der Ge-
schwindigkeit. Gehen wir grob davon aus, dass die Vögel
ungefähr gleich schnell fliegen können, und nehmen wir
ferner an, dass ihre Flügelfläche A ∝ s 2 ist, dann ergibt
sich zwanglos die Vermutung s ∝ m 1/2 !
Natürlich handelt es sich bei dem Beispiel von Körper-
gewicht und Flügelspannweite bei Vögeln nicht um ein
präzises physikalisches Gesetz. Es zeigt aber, dass man die
physikalische, d. h. analytische Modellbildung schon mit h
wenigen Kenntnissen ein sehr gutes Verständnis für die
zugrunde liegenden Mechanismen entwickeln kann. Der
Physiker Enrico Fermi (–), der große Beiträge in
vielen Gebieten der modernen Physik geleistet hat, hatte
offensichtlich großes Vergnügen an der Formulierung von
d
solchen Fragen, die sich mit einer „back of the envelope“-
Rechnung („auf der Rückseite eines Briefumschlags“) be- ⊡ Abbildung 0.8 Dichteste Kugelpackungen
0 Einführung

BEISPIEL
%, d. h. mit  m2 kann man pro Jahr ca.  GJ Energie zur
Verfügung stellen. Der Primärenergieverbrauch entsprach
Welche Solarzellen-Fläche heutiger Bauart (Effizienz %)
 knapp  EJ, der Endenergieverbrauch nach Umwand-
benötigte man, um den gesamten Energiebedarf der Bun-
lungsverlusten etwa  EJ. Also benötigte man eine Fläche
desrepublik Deutschland zu decken? Reichen die Dächer
von ca.   km2 , das sind knapp % der Fläche der Bun-
aus, um die Leistung zu installieren?
desrepublik Deutschland.
Eine Fläche von  m2 erzeugt mit der Solarkonstante Ob die vorhandenen Dachflächen ausreichen? Die
1,37 kW/m2 eine Leistung von , kW oder 24×3600×365× Dachfläche sollte grob proportional sein zur Einwohner-
1,4 kW ∼ 40 GJ pro Jahr. Im Mittel scheint die Sonne aber zahl, und wenn wir  m2 pro Person annehmen, schätzen
bestenfalls den halben Tag, der Sonnenwinkel variiert re- wir wohl eher reichlich. Nur die Hälfte davon wird sinnvoll
lativ zu einem fest installierten Panel (sin2 (θ) = 1/2), in Richtung der Sonne orientiert sein, das danach nutzbare
und in Deutschland ist man schon mit einem Sonnenan- Potential von 50 × 80 ⋅ 106 × 0,5 m2 = 2000 km2 ist deutlich
teil von % sehr zufrieden, die  GJ werden also noch mit zu gering. Die genutzte Siedlungsfläche (Wohn-, Gewerbe-,
0,4 × (1/2)2 = 0,1 auf ca.  GJ reduziert. Eine gute Um- Freiflächen) beträgt   km2 , das scheint in sinnvollem
wandlungseffizienz erreicht heute einen Wirkungsgrad von Verhältnis zu stehen.

Aufgaben ...
---- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -----

. Messen und Maße


.. Bogenmaß +

Welchen Längen entsprechen 1○ , 1′ , 1′′ ,  rad auf der Erdober-


fläche? Welchen Flächen entsprechen  Quadratgrad,  Quadrat-
minute,  Quadratsekunde,  sterad? Wie viel sterad, Quadratgrad
usw. hat die ganze Kugel; ein Halbraum; eine Kreisscheibe vom
Radius r im Abstand a; ein Rechteck mit den Seiten a und b im
Abstand r (senkrecht bzw. unter einem Winkel betrachtet); die
Sonne, von der Erde aus gesehen; Ihre Hand bei ausgestrecktem
Arm von Ihrem Auge aus (hat Ihre Körpergröße einen Einfluss?);
die Bundesrepublik vom Erdmittelpunkt aus? Welchen Anteil der
Sonnenstrahlung fängt die ganze Erde auf? Wenn λ die geographi-
sche Länge, φ die Breite ist, wieso ist das Raumwinkelelement der ⊡ Abbildung 0.9 Stroboskop. Der innerste Ring hat N = 20
Erdoberfläche cos φ dλ dφ? In sphärischen Polarkoordinaten zählt schwarze Sektoren, nach außen nimmt N in Zweierschritten zu bis
die „Breite“ anders herum als auf der Erde (ϑ = 0 am Pol, π/2 am  ganz außen
Äquator). Wie sieht das Raumwinkelelement aus? Wann spricht
man bei einer Messung (z. B. Strahlungsmessung) von „4π-Geo-
metrie“?
0 10 20 30
.. Stroboskopscheibe
Die Intensität des Lampenlichts schwankt in Europa mit  Hz.
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 0.1 mm
Wie viele Umdrehungen hat die Scheibe, wenn der Ring mit N
schwarzen Sektoren klar zu sehen ist?

.. Schieblehre mit Nonius


Die gezeigte Schraube hat ein nicht-metrisches Maß. Wie groß ist
ihr Durchmesser? Wie funktioniert der Nonius? ⊡ Abbildung 0.10
Kapitel 

Mechanik der Massenpunkte

Einleitung Inhalt
Der einfachste Teil der Mechanik behandelt Fälle, in de- ¬ . Kinematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
nen man von der Ausdehnung der Körper absehen und sie ¬ . Dynamik und Statik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
als mit Masse behaftete Punkte, Massenpunkte betrach- ¬ . Einfache Bewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
ten kann. ¬ . Impulse und Kraftstöße . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Dieser Begriff des Massenpunktes ist nicht so un- ¬ . Arbeit, Energie, Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
problematisch wie er klingt. Es ist verwunderlich, dass er ¬ . Phasenraum und Erhaltungssätze . . . . . . . . . 37
sich überhaupt auf die Wirklichkeit anwenden lässt. Selbst ¬ . Kräfte in bewegten Bezugssystemen . . . . . . . 41
ein Atom z. B. ist eigentlich kein Massenpunkt: Es kann ¬ . Gravitation und Himmelsmechanik . . . . . . . 45
u. a. rotieren und Rotationsenergie aufnehmen, was ein ¬ . Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
Massenpunkt nicht kann (oder wenn er es täte, würde es ¬ . Offene Fragen und Grenzen . . . . . . . . . . . . . . . 65
niemand merken). Wieso die Punktmechanik trotzdem
für Atome so gut stimmt, hat erst die Quantenmechanik
aufgeklärt (Abschn. .). Eine weitere dem Begriff des
Massenpunktes innewohnende Schwierigkeit, nämlich
dass er eine unendliche Energie haben müsste, macht
der Physik der Elementarteilchen noch heute zu schaffen
(Abschn. ..).
Aus der Punktmechanik kann man logisch einwand-
frei die Mechanik des starren Körpers (Kap. ) und die der
deformierbaren Körper (Kap. ) entwickeln, indem man
diese als Systeme unendlich vieler Massenpunkte mit fes-
ten bzw. veränderlichen relativen Lagebeziehungen auf-
fasst.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015


D. Meschede (Hrsg.), Gerthsen Physik, Springer-Lehrbuch, DOI 10.1007/978-3-662-45977-5_2
1 Mechanik der Massenpunkte

. Kinematik
y υx = υ·ex= υ cos w

Die Kinematik untersucht das „Wie“, den Ablauf der Be-


wegung, ohne nach dem „Warum“ zu fragen. υy

υ
ey
.. Ortsvektor und Bezugssystem
ex υx x
Um Bewegungen zu beschreiben, muss man zuerst ein
⃗ im
⊡ Abbildung 1.2 Vektorkomponenten der Geschwindigkeit v
Bezugssystem festlegen. Sein Ursprung O kann materiell
x y-Koordinatensystem
definiert sein (Zimmerecke, Autozündschloss, Erdmittel-
punkt, Sonne . . . ), oder ein gedachter Punkt (Schwerpunkt
des Systems Erde–Mond . . . ). Ob sich O selbst bewegt,
spielt zunächst keine Rolle und lässt sich auch prinzipiell
nicht sagen, jedenfalls nicht bei gleichförmiger Bewegung ändert sich ⃗r mit der Zeit t. Die Gesamtheit aller Endpunk-
(Abschn. .). Den Ort eines Massenpunktes zur Zeit t te der Vektoren ⃗r(t) zu allen möglichen Zeiten t bildet die
beschreibt man dann durch einen Vektor ⃗r (t), der von O Bahnkurve oder Trajektorie des Massenpunktes.
bis zu diesem Ort führt. Der Ortsvektor wird beschrieben
in einem Koordinatensystem. Im kartesischen System wer- .. Geschwindigkeit
den drei durch O gehende aufeinander senkrechte Achsen
Die Differenz der Ortsvektoren für zwei Zeiten t 1 und t 2 ist
verwendet. Im dreidimensionalen Raum hat jeder Vektor
drei Komponenten, a⃗ = (a 1 , a 2 , a 3 ). Die Komponenten
die Verschiebung des Massenpunktes während dieser Zeit:

Δ⃗r = ⃗r(t 2 ) − ⃗r (t 1 ) .
entsprechen den Projektionen auf die Koordinatenachsen,
a i = a⃗ ⋅ e⃗i (Abb. .). Mit e⃗i werden die Einheitsvektoren
(.)
entlang der Koordinatenlinien bezeichnet. Sie haben die Diese Verschiebung ist „in Luftlinie“ gemessen, ohne Be-
Länge . Wenn sich der Massenpunkt relativ zu O bewegt, rücksichtigung eventueller Bahnkrümmungen (Abb. .).

▾ Mathematischer Hinweis

Addition, a+b =(a1+b1, a2+b2, a3+b3) Subtraktion, a – b = (a1–b1, a2–b2, a3–b3)

a a–b
a+b
b

Skalarprodukt, a·b =a1b1+ a2b2+ a3b3

| |
e1e2e3
Vektorprodukt a3b = a1a2a3
a b1b2b3

b a
|a|·cos a a
b F
F a3b

a·b=|a|·|b|·cos a=F | a3b | =|a|· |b| ·sin a = F


⊡ Abbildung 1.1 Rekapitulation der Vek-
a=(a1, a2, a3); b =(b1, b2, b3); Länge eines Vektors: |a|=(a·a)1/2 = (a12+a22+a32)1/2
toralgebra
Kinematik 14/15

υ (t1)
Δr
υ1 υ
r(t1) υ (t1, t2)

r(t2) υ (t2) υ2

⊡ Abbildung 1.4 Addition von Geschwindigkeiten

⊡ Abbildung 1.3 Konstruktion der Geschwindigkeit aus der


Bahnkurve
In der Folge werden wir häufig die zeitliche Ableitung ei-
ner Größe kurz durch einen darübergesetzten Punkt kenn-
BEISPIEL
zeichnen.
Die Geschwindigkeit ist zweifellos ein Vektor: Ihrer
Worauf beruht die bekannte Regel: Man teile die Zeit zwi-
mathematischen Entstehung nach als Quotient des Ver-
schen Blitz und Donner (in Sekunden) durch  und erhält
schiebungsvektors und des Skalars Zeit; vor allem aber
ihrer physikalischen Bedeutung nach, denn sie hat eine
den Abstand des Gewitters in km?
Größe und eine Richtung. Ihre Richtung ist die gleiche wie
Der Schall breitet sich mit c = 333 m/s aus, das Licht prak- die Grenzlage des Verschiebungsvektors für t 2 → t 1 , also
tisch unendlich schnell. Wenn das Gewitter km entfernt ist, die Richtung der Tangente an die Bahnkurve an der ent-
hört man den Donner  s nach dem Blitz. sprechenden Stelle. Beim Rechnen mit Geschwindigkeiten
müssen natürlich die Regeln der Vektorrechnung befolgt
werden.
Division der Verschiebung durch die dazu benötigte Im Allgemeinen wird sich die Geschwindigkeit v⃗(t)
Zeit t 2 − t 1 liefert die mittlere Geschwindigkeit während von Bahnpunkt zu Bahnpunkt, also auch von Zeitpunkt zu
dieser Zeit: Zeitpunkt ändern. Ändert sich die Richtung von v⃗ nicht
⃗r (t 2 ) − ⃗r(t 1 ) (aber evtl. die Größe), so ist die Bahn geradlinig. Ändert
v⃗(t 1 , t 2 ) = . (.) sich die Größe von v⃗ nicht (aber evtl. die Richtung), so
t2 − t1
nennt man die Bewegung gleichförmig; sie kann indessen
Sie berücksichtigt offensichtlich nur den Gesamteffekt, noch auf jeder beliebig gekrümmten Bahn erfolgen.
nicht eventuelle Änderungen der Geschwindigkeit wäh-
rend dieser Zeit. Um die Momentangeschwindigkeit oder
Geschwindigkeit schlechthin für einen bestimmten Zeit-
punkt, etwa t 1 , zu erhalten, argumentiert man folgender- BEISPIEL
maßen: Wenn man den Zeitpunkt t 2 immer näher an t 1
heranrücken lässt, verringert man immer mehr die Mög- Wie groß ist die Bahngeschwindigkeit der Erde auf der Bahn
lichkeit für Geschwindigkeitsänderungen innerhalb dieses um die Sonne; die des Mondes auf der Bahn um die Er-
Zeitintervalls. Mit dem Meter als Längeneinheit und der de; die eines Punktes am Äquator bei der Achsendrehung
Sekunde als Zeiteinheit wird die Geschwindigkeit in m/s der Erde? Mittlerer Abstand Sonne–Erde 1,5 ⋅ 108 km; mitt-
gemessen. lerer Abstand Erde–Mond   km; mittlerer Erdradius
 km.
Erde um Sonne: 2π ⋅ 1,5 ⋅ 108 km/3,15 ⋅ 107 s = 29,7 km/s.
Der Grenzwert des Ausdruckes v⃗(t 1 , t 2 ) für t 2 → t 1 ist die Mond um Erde: 2π ⋅ 384 000 km/(27,3 ⋅ 86 400 s) =
Momentangeschwindigkeit 1,02 km/s.

r (t 2 ) − ⃗
r (t 1 ) d⃗ Punkt am Äquator: 2π ⋅ 6378 km/(86 400 s ⋅ 365/366) =
⃗(t 1 ) = lim = =⃗
r ˙
r. (.)
t2 − t1 0,465 km/s.
v
t 2 →t 1 dt
1 Mechanik der Massenpunkte

.. Beschleunigung Die Einheit der mittleren und der momentanen Beschleu-
nigung ist sinngemäß m/s/s = m s−2 .
Die Geschwindigkeitsänderung Δ⃗ v(t 1 , t 2 ) zwischen zwei
Folgende Tatsachen sind leicht aus diesen Definitionen
Zeitpunkten t 1 und t 2 ergibt sich wieder durch vektorielle
Differenzbildung zwischen v⃗(t 2 ) und v⃗(t 1 ). Diese Opera-
abzuleiten (Abb. .):
Wenn sich nur die Größe der Geschwindigkeit ändert,
hat die Beschleunigung a⃗ die Richtung (oder Gegenrich-
tion erfasst auch den Fall, dass sich nicht, oder nicht nur
tung) zur Geschwindigkeit v⃗, je nachdem, ob es sich um
die Größe, sondern auch die Richtung der Geschwindig-
keit ändert. Bei der zeichnerischen Bestimmung von Δ⃗ v
eine „Beschleunigung“ im alltäglichen Sinne oder um eine
muss man einen der beiden Vektoren so parallelverschie-
Bremsung handelt (Tangentialbeschleunigung).
ben, dass beide Anfangspunkte koinzidieren (eine Parallel-
Wenn sich nur die Richtung der Geschwindigkeit än-
verschiebung ändert den Vektor nicht).
dert, steht der Beschleunigungsvektor senkrecht auf dem
Die mittlere Beschleunigung während eines Zeit-
raums, z. B. des Intervalls (t 1 , t 2 ), ergibt sich wieder, indem
Geschwindigkeitsvektor, also auch senkrecht auf der Bahn
(Normalbeschleunigung).
man die Geschwindigkeitsänderung durch die dazu benö-
Im allgemeinen Fall der Größen- und Richtungsände-
tigte Zeit dividiert:
rung der Geschwindigkeit führt die eine zu einer Tangen-
v⃗(t 2 ) − v⃗(t 1 )
a⃗(t 1 , t 2 ) =
tial-, die andere zu einer Normalkomponente der Be-
schleunigung („normal“ = senkrecht).
. (.)
t2 − t1

Der Grenzübergang t 2 → t 1 definiert die Momentanbe-


schleunigung oder Beschleunigung schlechthin für den . Dynamik und Statik
Zeitpunkt t 1 :
Jetzt fragen wir auch nach der Ursache der Bewegung, bes-
v⃗(t 2 ) − v⃗(t 1 ) d v⃗ d2 ⃗
a⃗(t 1 ) = lim = = 2 =⃗
r ¨ ser nach der Ursache einer Änderung des Bewegungszu-
r. (.)
t 2 →t 1 t2 − t1 dt dt standes. Kräfte spielen auch in unserer Erfahrungswelt die
zentrale Rolle in der Dynamik. Sie werden durch Größe
und Richtung charakterisiert, sind also Vektoren und un-
a terliegen deren Rechenregeln (Abb. .). Auch die für unser
υ2 Δυ Leben so wichtige Statik ist ein Teil der Dynamik: Im Ruhe-
υ2 zustand muss die Summe aller Kräfte auf einen Massepunkt
υ1
verschwinden (Abb. ., .):
υ1
Statik: ∑ F⃗i = 0
i

.. Trägheit
υ2
υ1
Der Nutzen des kinematischen Verfahrens, aus einem be-
Δυ liebigen Bewegungsablauf nacheinander die Vektorfunk-
tionen ⃗r (t) (Bahnkurve), v⃗(t) (Geschwindigkeit) und a⃗(t)
a (Beschleunigung) herzuleiten, zeigt sich besonders, wenn

υ1 Δυ

υ2 a F2 F
υ1

⊡ Abbildung 1.5 Oben: Bei der geradlinigen Bewegung tritt nur F1


Tangentialbeschleunigung auf. Mitte: Kreisbewegung wird durch
reine Normalbeschleunigung (⃗a ⊥ v⃗) verursacht ⊡ Abbildung 1.6 Parallelogramm der Kräfte
Dynamik und Statik 16/17

(a) F2

F2 F3

F3 Seismis
F1 ch
Masse e

F2

Feder
(b)

zität
Kapa
F3
F1
50 µm
F1 F3
⊡ Abbildung 1.8 Mikromechanischer Beschleunigungssensor
(c) F2 (MEMS, micro-electromechanical sensor) zur Kontrolle von Air-
bags in Kraftfahrzeugen. Eine seismische Masse ist symmetrisch
F1 F an zwei Federn (eine davon rechts zu sehen) aufgehängt. Sie wird
2
bei Beschleunigung in horizontaler Richtung ausgelenkt, der große
F3 rechteckige Block im Zentrum dient als Stopper. Messung der Kapa-
F1 zität zu den benachbarten festen Elektroden liefert ein Signal für die
Federauslenkung und damit die Beschleunigung. Mit freundlicher
⊡ Abbildung 1.7a–c Gleichgewicht dreier Kräfte; F⃗1 + F⃗2 + F⃗3 = ⃗ 0, Erlaubnis der Robert Bosch GmbH
d. h.: (a) F⃗1 = −(F⃗2 + F⃗3 ), (b) F⃗2 = −(F⃗1 + F⃗3 ), (c) F⃗3 = −(F⃗1 + F⃗2 )

man zu den Ursachen der Bewegung vorstoßen will. Hier- hervorruft. Man stellt empirisch fest: Für einen gegebenen
zu muss man sich zunächst einigen, welche Bewegungen Körper ist die Größe der Kraft proportional der Größe der
einer besonderen Ursache bedürfen und welche nicht. Beschleunigung. Gleiche Kräfte beschleunigen verschiede-
Die moderne exakte Naturwissenschaft begann mit der ne Körper verschieden stark. Jeder Körper hat also eine ge-
Feststellung G. Galileis (–), dass eine Bewegung wisse Fähigkeit, dem Beschleunigtwerden Widerstand zu
mit konstantem Geschwindigkeitsvektor, eine geradlinig leisten, ausgedrückt durch seine Masse, genauer seine trä-
gleichförmige Bewegung, keiner Ursache bedarf, son- ge Masse m.
dern aus sich selbst heraus immer weiter geht. Mit anderen Sensoren für Beschleunigungen finden vielfache An-
Worten: wendungen, z. B. in der Seismik oder in Kraftfahrzeugen.
Ein miniaturisierter mikro-elektromechanischer Sensor
(MEMS) zur Airbag-Steuerung ist in Abb. . zu sehen.
Ein sich selbst überlassener Körper bewegt sich geradlinig
In solchen Sensoren wird eine kleine Testmasse mit Fe-
gleichförmig (Galileisches Trägheitsprinzip). Ruhe ist da-
dern an einem umgebenden Körper befestigt. Wird der
nach nur ein Spezialfall einer geradlinig gleichförmigen Be-
Körper beschleunigt, wird die Testmasse ausgelenkt. Mit
wegung mit der Geschwindigkeit v⃗ = 0.
der Auslenkung der Federn wird die Kraft und damit die
Beschleunigung gemessen.
Sir I. Newton (–) fasste den Zusammenhang
.. Kraft und Masse zwischen Kraft und Beschleunigung in dem Aktionsprin-
zip zusammen.
Um einen Körper zu veranlassen, seinen geradlinig gleich-
förmigen Bewegungszustand aufzugeben, also um ihn zu
beschleunigen, muss eine Kraft auf ihn wirken. Die Kraft F⃗ = m⃗
a = m⃗
r¨ (Bewegungsgleichung) . (.)
hat die gleiche Richtung wie die Beschleunigung, die sie
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.9 Isaac Newton (–


), der Erfinder der modernen Mecha-
nik. Grundlagen der Differentialrechnung
und der Mechanik sind in den PRINCIPIA
MATHEMATICA von  dargestellt. Mit
freundlicher Erlaubnis der Niedersächsi-
schen Staats- und Universitätsbibliothek
Göttingen

„. . . im November () hatte ich die Dif-


ferentialrechnung, im Januar darauf die
Farbtheorie, im Mai hatte ich Zugang zu der
umgekehrten Differentialrechnung, und im
selben Jahr begann ich zu denken, dass die
Schwerkraft sich auch auf den Mond erstre-
cke, und . . . aus Keplers Gesetz . . . leitete
ich ab, dass die Kräfte auf die Planeten in
umgekehrtem Verhältnis zum Quadrat ih-
Diese Gleichung lässt sich in drei Richtungen lesen: res Abstandes stehen . . . denn damals war
ich in der Blüte des Alters, in dem ich Er-
• Als Definitionsgleichung oder Bestimmungsgleichung findungen machte . . . “
für m: Wenn ein Körper unter dem Einfluss der gege-
benen Kraft F⃗ eine Bewegung mit der Beschleunigung ⃗ r¨ Isaac Newton, 
ausführt, welche Masse m ist ihm dann zuzuschreiben?
• Als Definitionsgleichung oder Bestimmungsgleichung
⃗ Wenn ein Körper der Masse m eine Bewegung
für F: Im SI ist die Krafteinheit
mit der Beschleunigung ⃗r¨ ausführt, welche Kräfte müs- 1 Newton = 1 N = 1 kg m s−2 .
sen dann auf ihn wirken? (Kinematische Methode.)
• Als Bestimmungsgleichung für ⃗r¨: Wie sieht die Bewe-
Bei homogenen Körpern ist die Masse dem Volumen
proportional: m = %V . Die Größe % = m/V heißt Dichte
gung aus, die ein Körper der Masse m unter dem Ein-
fluss der Kraft F⃗ ausführt? (Dynamische Methode; In-
oder spezifische Masse und wird in kg/m3 oder g/cm3
tegration der Bewegungsgleichung.)
ausgedrückt. Wasser hat bei 4 ○ C und  bar die Dichte
1000 kg/m3 oder 1 g/cm3 .
Die erste Fragestellung ist prinzipiell bedeutungsvoll,
da sie die einzig konsequente Definition der trägen Masse
darstellt. Praktisch ist sie weniger wichtig als die ande- .. Newtons Axiome
ren beiden. Beim Studium spezieller Bewegungsformen Newton baute die gesamte Mechanik auf drei Sätzen auf,
werden wir entweder die zweite oder die dritte Methode von denen wir die beiden ersten schon kennen:
benutzen.

) Trägheitsprinzip. Ein kräftefreier Körper bewegt sich ge-


.. Maßeinheiten
radlinig gleichförmig.

) Aktionsprinzip. Wenn eine Kraft F⃗ auf einen Körper mit


Dass in Newtons Bewegungsgleichung keine Proportiona-
litätskonstante auftritt, ist der Wahl der Einheiten zu ver-
der Masse m wirkt, beschleunigt sie ihn mit
danken: Man wählt die Einheitskraft so, dass sie der Ein-
F⃗
heitsmasse die Einheitsbeschleunigung mitteilt. Die Ein- a⃗ = ⃗
r¨ = . (.)
heitsmasse war ursprünglich an die Längeneinheit ange- m
schlossen:  kg ist die Masse von 1 dm3 Wasser bei 4 ○ C und (Das Trägheitsprinzip ist der Spezialfall F⃗ = 0 des Aktions-
 bar Druck. Als Masseneinheit dient heute ein Normal, das prinzips.)
Archivkilogramm (Abschn. ..(c)).
Einfache Bewegungen 18/19

.. Die gleichmäßig beschleunigte Bewegung


Eine konstante Kraft (bei der sich weder Größe noch Rich-
tung ändert) erzeugt nach Newtons Beschleunigungsglei-

chung eine konstante Beschleunigung a⃗ = ⃗r¨ = F/m. Zu-
nächst sei diese Beschleunigung a⃗ parallel zu der in einem
bestimmten Zeitpunkt herrschenden Geschwindigkeit v⃗.
Dann behält die Geschwindigkeit auch stets die Richtung,
d. h. die Bahn ist eine Gerade, und man kann hier vom
Vektorcharakter von ⃗r, v⃗ und a⃗ absehen und die Lage des
⊡ Abbildung 1.10 Newtons Prinzip von actio = reactio im Ver-
Körpers durch seinen skalaren Abstand x von einem zu
such nach dem Göttinger Physiker R.W. Pohl (–)
wählenden Nullpunkt auf dieser Geraden darstellen.
Dass die Beschleunigung a der Größe nach konstant ist,
bedeutet, dass die Geschwindigkeit v linear mit der Zeit zu-
⃗ die auf einen Kör- nimmt. Wenn zur Zeit t = 0 schon eine gewisse Geschwin-
) Reaktionsprinzip. Wenn die Kraft F,
digkeit v0 vorhanden war, ist die Geschwindigkeit zur Zeit t
per wirkt, ihren Ursprung in einem anderen Körper hat,
so wirkt auf diesen die entgegengesetzt gleiche Kraft −F⃗
(Abb. .). v(t) = v0 + at . (.)

Newton hat sein Aktionsprinzip eigentlich anders for- Den Abstand x vom Nullpunkt zur Zeit t erhält man (auch
muliert: ohne Kenntnisse im Integrieren) folgendermaßen: Bei
t = 0 befinde sich der Massenpunkt bei x = x 0 und fliege
mit v0 . Zur Zeit t fliegt er mit v(t). Dazwischen hat er die
2′ ) Wenn eine Kraft F⃗ auf einen Körper wirkt, ändert sich mittlere Geschwindigkeit
sein Impuls mv⃗ so, dass
v(t) = 21 (v0 + v(t)) = v0 + 21 at . (.)
(mv⃗) = F⃗ .
d ′
(. )
dt

Diese Fassung gilt im Gegensatz zu ) auch bei verän- x


derlicher Masse. Es ist, als hätte Newton die Relativitäts-
theorie vorausgeahnt, in der sich der Impuls nicht mehr
linear mit der Geschwindigkeit ändert. Die moderne Phy-
sik zieht daher (.′ ) vor. Man hat sogar mehrfach versucht,
den Kraftbegriff ganz aus der Physik zu eliminieren und ihn
durch den Begriff des Impulsaustausches zu ersetzen. We- 0
t
gen ihrer Anschaulichkeit werden wir meist die Fassung υ
(.) benutzen. Man muss aber beachten, dass sie nur bei
Geschwindigkeiten gilt, die klein gegen die Lichtgeschwin- 0
t
digkeit sind (s. Kap. ).
a

. Einfache Bewegungen 0


t

Das Aktionsprinzip, die newtonsche Bewegungsgleichung,


ist ein allgemein gültiges Prinzip zur Analyse von Bewe-
gungen. Wir werden es abwechselnd „vorwärts“ und „rück- ⊡ Abbildung 1.11 Gleichmäßig beschleunigte Bewegung: x(t)-,
wärts“ anwenden, nämlich aus den wirkenden Kräften auf v(t)-, a(t)-Diagramm. Beispielsweise wird ein in die Höhe gewor-
den Ablauf der Bewegung schließen oder umgekehrt. fenes Objekt genau mit diesem Graphen beschrieben
1 Mechanik der Massenpunkte

Man beachte: Diese Mittelung ist nur möglich, weil v in-


zwischen linear angewachsen ist. Mit der Geschwindig-
keit v würde in der Zeit t der Weg

Δx = v(t)t = v0 t + 21 at
2
(.)

zurückgelegt werden. Also befindet sich der Massenpunkt


dann bei
x(t) = x 0 + v0 t + 12 at 2 . (.)

Durch Integrieren folgen (.) und (.) unmittelbar aus


der Bewegungsgleichung (.) und den Anfangsbedin-
gungen x(0) = x 0 , v(0) = v0 . Wenn speziell x 0 = 0 und
v0 = 0, vereinfachen sich (.) und (.) zu
1728 cm
v = at , x = 12 at .
2
(.)

In diesen beiden Beziehungen lässt sich jede der vier Grö-


ßen x, v, a, t durch zwei andere ausdrücken. Jede dieser
1200
Kombinationen gibt interessante Aufschlüsse und ist viel-
fach praktisch anwendbar. Speziell ist die Geschwindigkeit
nach der Beschleunigungsstrecke x

768
v = 2ax . (.)

Der Fall, dass die Beschleunigung ⃗r¨ unter einem Winkel


432

zu der in einem bestimmten Zeitpunkt herrschenden Ge- 192


schwindigkeit ⃗r˙ steht, bietet für die Vektorrechnung über- 48
haupt keine Schwierigkeit. Man schreibt die Beziehungen
(.) und (.) einfach vektoriell: ⊡ Abbildung 1.12 Fallschnur: Wenn man die Aufhängung aus-
klinkt, trommeln die Kugeln in gleichmäßigem Rhythmus auf den
⃗r˙(t) = v⃗0 + a⃗t , (.) Fußboden. Wenn die Abstände der Kugeln vom Boden sich wie die
⃗r(t) = ⃗r 0 + v⃗0 t + 1
2
a⃗t
2
. (.) Quadratzahlen 1, 4, 9, . . . verhalten, verhalten sich die Fallzeiten wie
die Zahlen 1, 2, 3, . . . . Man hört also ein gleichmäßiges Trommeln,
im Beispiel mit , s Abstand zwischen zwei Schlägen. Hängt das
BEISPIEL Seil etwas höher, dann ist die Zunahme der Fallzeit für die kurzen
Strecken fühlbarer als für die langen, der Trommelwirbel verlang-
Aus Komfortgründen wird die Beschleunigung von Zü- samt sich daher gegen das Ende zu
gen auf , m/s2 (1/50 der Erdbeschleunigung) beschränkt.
Welchen Weg hat ein Hochgeschwindigkeitszug zurückge-
legt, bis er die Reisegeschwindigkeit vEnd = 300 km/h er-
reicht? sagen: Jede Bewegung lässt sich beliebig (auch schiefwink-
lig) in Komponenten aufspalten, die unabhängig voneinan-
Die Beschleunigungszeit beträgt t = vEnd /a = 83,3/0,2 der erfolgen. Zum Beispiel lässt sich (.) so deuten, dass
m/s
m/s 2
= 417 s. Nach dieser Zeit hat der Zug bereits die Stre- der Körper von seiner Anfangslage die kräftefreie Bewe-
cke s = at 2 /2 = 17,3 km zurückgelegt. gung v⃗0 t und unabhängig davon die gleichmäßig beschleu-
nigte Bewegung 21 a⃗t 2 ausgeführt hat.
Ein wichtiger Spezialfall der gleichmäßig beschleunig-
Alle Richtungsprobleme regeln sich mit Hilfe der Geset- ten Bewegung ist der freie Fall unter dem Einfluss der
ze der Vektoraddition von selbst. Anschaulich kann man Erdschwerkraft, aber ohne Luftwiderstand. In der Nähe
Einfache Bewegungen 20/21

Galileis Fall- und Wurfgesetze sind Folgerungen aus


y
(.) und (.), ebenso wie viele Vorschriften der Stra-
ßenverkehrsordnung (Aufgaben ..–.e.).

BEISPIEL

Wie hängt die Wurfweite für feste Anfangsgeschwindigkeit


v0 vom Winkel φ (Abb. .) ab? Wann wird die maximale
Weite erzielt?
g t2 Nach (.) gilt y(t) = v0 sin φt − 1/2g t 2 , d. h. bei t =
υ0 t
2 2v0 sin φ/g trifft der Körper wieder bei y = 0 auf. In die-
ser Zeit hat er die Strecke x(t) = v0 sin φt = (v02 /g) sin 2φ
zurückgelegt. Wegen sin 2π/4 = 1 wird die Wurfweite bei
φ = 45○ maximal.

⊡ Abbildung 1.13 Entstehung der Wurfbewegung aus der Über- .. Die gleichförmige Kreisbewegung
lagerung einer geradlinig gleichförmigen Bewegung und der Fallbe-
wegung Ein Massenpunkt bewege sich auf einer kreisförmigen
Bahn mit dem Radius r um das Zentrum Z mit einer Ge-
schwindigkeit konstanter Größe v, wenn auch natürlich
der Erdoberfläche erfährt dabei jeder Körper eine Be- veränderlicher Richtung. Der Betrag v = ∣⃗
v ∣ der Geschwin-
schleunigung digkeit, auch Bahngeschwindigkeit genannt, gibt die Bo-
genlänge des Kreises an, die in der Sekunde durchlaufen
a = g = 9,81 m/s2 (Erdbeschleunigung) , wird. Wichtig ist ferner der Begriff der Winkelgeschwin-
digkeit ω. Sie gibt den Winkel an, den der Strahl vom
Zentrum Z zum Massenpunkt in einer bestimmten Zeit
die auf den Erdmittelpunkt gerichtet ist (über den Zusam-
überstreicht (Abb. .), dividiert durch diese Zeit. Der
menhang mit dem Gravitationsgesetz vgl. Abschnitt ..,
Winkel ist hierbei im Bogenmaß anzugeben. Aus dieser
über Abweichungen Abschn. ..). Ein Körper der Mas-
Definition folgt der Zusammenhang zwischen Bahn- und
se m, der auf diese Weise beschleunigt wird, muss nach
Winkelgeschwindigkeit:
dem Aktionsprinzip unter dem Einfluss einer Kraft vom
Betrage F = mg stehen, die ebenfalls auf den Erdmittel- v = ωr . (.)
punkt zeigt. Diese Kraft ist das Gewicht des Körpers und
ist begrifflich streng von der Masse zu unterscheiden. Mas- Die Umlaufzeit T, innerhalb derer der Winkel 2π überstri-
se bestimmt also nicht nur die Trägheit eines Körpers, son- chen wird, hängt mit ω so zusammen:
dern auch die Schwerkraft. Weil alle Körper gleich schnell
T= =
fallen, sagt unsere Erfahrung, dass schwere und träge Mas- 2πr 2π
. (.)
se identisch sind. Abschnitt .. und .. untersuchen v ω
die Konsequenzen der Äquivalenz von schwerer und trä-
ger Masse genauer. Ein rotierender starrer Körper, z. B. ein Rad, hat an allen
Punkten die gleiche Winkelgeschwindigkeit; die Bahnge-

Um diese Unterscheidung zu erleichtern, gab es früher die schwindigkeit nimmt wegen (.) nach außen hin zu. Bei
Einheit kp (Kilopond).  kp ist das Gewicht einer Masse von  kg. einem Zahnrad- oder Seiltrieb sind die Bahngeschwindig-
Das Kilopond ist also eine Krafteinheit, keine Masseneinheit. Zum keiten am Umfang der ineinandergreifenden Räder gleich
N (Newton) verhält es sich seiner Definition nach wie folgt: (andernfalls würde ein Rad auf dem anderen rutschen).
Hieraus ergeben sich z. B. die Grundbeziehungen der Ge-
1 kp = 9,81 N .
triebetechnik.
1 Mechanik der Massenpunkte

nachbarte Positionen A und B des Massenpunktes bzw. die


C entsprechenden Zeitpunke t 1 und t 2 zu finden (Abb. .).
a
Der Kreissektor Z AB lässt sich dann mit beliebiger Ge-
υ nauigkeit durch ein Dreieck annähern. Dieses Dreieck ist
ähnlich dem Dreieck BCD aus den beiden Geschwindig-
keitsvektoren v⃗(t 1 ) und v⃗(t 2 ) (beide an B angetragen) und
D

der Geschwindigkeitsdifferenz Δ⃗ v: Beide Dreiecke sind


gleichschenklig (Z AB, weil es zwei Kreisradien enthält,
υ (t2) υ(t1)
BCD, weil die Geschwindigkeit dem Betrag nach konstant
ist). Sie stehen senkrecht aufeinander, also auch Δv auf Δr.
Folglich haben entsprechende Seiten beider Dreiecke das
gleiche Verhältnis:
B
AB Δr ∣Δ⃗ v∣
= = , (.)
r r r v
r (t2)
A wenn Δr die Länge des Kreisbogens ist, der im Grenzfall
in die Dreiecksseite übergeht. Division dieser Gleichung
durch die Zeitdifferenz t 2 − t 1 = Δt, die benötigt wird, um
r(t1)
Z den Weg AB zurückzulegen bzw. die Geschwindigkeitsän-
derung Δ⃗v herbeizuführen, liefert

Δr/Δt v ∣Δ⃗
v∣/Δt a
= = = (.)
r r v v
oder
v2
a= =ω r ,
2
(.)
⊡ Abbildung 1.14 Kinematik der gleichförmigen Kreisbewegung r
wenn man für Δr/Δt im Grenzfall v und für ∣Δ⃗ v∣/Δt die
Beschleunigung a setzt.
Die Größe der Beschleunigung ist also konstant. Ihre
BEISPIEL Richtung ergibt sich aus der Konstruktion (Abb. .) als
stets zum Zentrum hin gerichtet (man beachte, dass Δ⃗ v
Bei der Rotation eines Stahlteils sollte man eine Umfangs- und a⃗ eigentlich am derzeitigen Ort A oder B des Körpers
geschwindigkeit von 100 m/s nicht überschreiten (Grund: anzutragen sind). Es herrscht also eine Zentripetalbe-
Aufgabe .e.). Wie viele Umdrehungen pro Minute kann schleunigung. Dynamisch betrachtet:
man also einem Teil mit dem Durchmesser d zumuten?
Die Umfangsgeschwindigkeit ist v = ωr = ωd/2, also
die zulässige Drehzahl f = 1/T = 2π/ω = 32/d s−1 =
Damit oder wenn ein Körper mit der Masse m eine gleich-
1900/d U/min, z. B. bei d = 1 cm: f = 190 000 U/min, bei
förmige Kreisbewegung ausführt, muss auf ihn eine Kraft
d = 1 m: f = 1900 U/min.
vom Betrag
mv 2
F= = mω2 r (.)
r
wirken, die immer zu einem festen Punkt, dem Zentrum,
Wir ermitteln nun geometrisch die Beschleunigung hinzeigt (Zentripetalkraft).
bei der gleichförmigen Kreisbewegung. Eine Beschleuni-
gung liegt vor, weil sich die Geschwindigkeit der Richtung
(wenn auch nicht der Größe) nach ändert. Sie ist nach Im physikalisch realen Fall wird eine Zentripetalkraft
dem allgemeinen Verfahren der Kinematik durch Bildung ausgeübt, die den Körper P auf die Kreisbahn zwingt. Das
der Geschwindigkeitsdifferenz für zwei genügend eng be- kann durch eine starre Verbindung geschehen, mit der ein
Einfache Bewegungen 22/23

Körper um ein Zentrum geschleudert wird, oder durch die


y
Haftkraft, wenn ein Auto eine Kurve fährt. Dann übt um-
gekehrt P auf Q nach dem Reaktionsprinzip eine Gegen-
kraft aus, deren Betrag ebenfalls durch (.) gegeben wird, eφ
die aber entgegengesetzte Richtung hat, eine Zentrifugal-
kraft. Eine andere Deutung der Zentrifugalkraft wird sich er
bei der Diskussion verschiedener Bezugssysteme ergeben r
(vgl. Abschn. ..). φ
x

BEISPIEL

Die Zentrifugalkraft infolge der täglichen Rotation der Erde


lässt sich leicht direkt messen. Wie äußert sie sich? Ist das
für den Jahreslauf der Erde um die Sonne auch so?
Erdrotation: a = ω2 r = 0,03 m/s2 = (1/300) g: Am Äqua-
tor ist ein  kg-Mensch , kg leichter als am Pol. Noch ⊡ Abbildung 1.15 Polarkoordinatensystem mit Koordinatenlini-
einmal so viel bringt die verringerte Anziehung infolge der en und Einheitsvektoren
Erdabplattung.
Jahresumlauf: a = v 2 /r = 6 ⋅ 10−3 m/s2 . Dies wird durch
die Anziehung durch die Sonne genau kompensiert und ist in der Kreisbahnebene liegt, so erhält man eine harmoni-
so nicht nachweisbar. sche Schwingung (Abb. .). Damit ist dieser Bewegungs-
typ kinematisch vollständig gekennzeichnet, und alle we-
sentlichen Tatsachen darüber lassen sich ohne Rechnung
Es ist meistens sinnvoll, das Koordinatensystem dem
ablesen. Man übernimmt einfach die Ergebnisse für die
physikalischen Problem anzupassen. Die Kreisbewegung
gleichförmige Kreisbewegung mit der Bahngeschwindig-
sollte also in Polar- oder Zylinderkoordinaten beschrie-
keit v0 , wobei aber natürlich nur die Komponenten von
ben werden. Die ebenen Koordinatentransformationen
(x, y) ↔ (r, φ) lauten
Weg, Geschwindigkeit und Beschleunigung zählen, die in
Richtung der Projektionsgeraden x fallen.
r = (x 2 + y 2 )1/2 φ = arctan(y/x) Der Radius r der Kreisbahn spielt hier die Rolle der
(.)
x = r cos φ y = r sin φ
maximalen Auslenkung oder Amplitude der Schwingung.
Der Betrag der Geschwindigkeit v ändert sich zeitlich, weil
In Abb. . sind das Polarkoordinatensystem, der Orts- zu jeder Zeit ein verschiedener Teil der Bahngeschwin-
vektor ⃗r und die zu den Koordinaten gehörigen Einheits- digkeit v0 beim Kreis in die Projektionsrichtung fällt. Nur
vektoren dargestellt, wenn der Massenpunkt die Mittellage passiert, nimmt v
den vollen Wert v0 an. Bei maximaler Auslenkung ist v = 0.
e⃗r = (cos φ, sin φ) , e⃗φ = (− sin φ, cos φ) . (.) Die Beschleunigung, da sie in radialer Richtung zeigt, wird
Bewegt sich ein Massenpunkt auf einer Kreisbahn, ändern dagegen mit dem vollen Kreisbahnwert a = ±v02 /r gerade
sich auch e⃗r und e⃗φ , und es gilt z. B. e⃗˙r = φ̇⃗
e φ = ω⃗
e φ . Damit dann auf x projiziert, wenn der Körper maximal ausgelenkt
lässt sich dann die Geschwindigkeit des Ortsvektors nach ist. In der Mittellage ist a = 0.
⃗r˙ = ddt (r⃗ er + r e⃗˙r = ωr⃗
er ) = ṙ⃗ e φ = v⃗ berechnen, wobei wir Allgemeiner lassen sich alle drei Größen – Auslen-
günstig ṙ = 0 verwenden konnten. Entsprechend berechnet kung x aus der Mittellage, Geschwindigkeit v, Beschleuni-
man die Zentripetalbeschleunigung nach a⃗ = v⃗˙ = −rω 2 e⃗r , gung a – durch den Winkel φ in der äquivalenten Kreis-
in Übereinstimmung mit (.). bewegung (Definition s. Abb. .) ausdrücken. Im Fall der
Schwingung nennt man φ die Phase. Zählt man die Zeit t
von einem Durchgang durch die Mittellage nach oben an,
.. Die harmonische Schwingung
so ist nach Definition der Winkelgeschwindigkeit
Wenn man eine gleichförmige Kreisbewegung „von der
Seite betrachtet“, d. h. sie auf eine Gerade x projiziert, die φ = ωt (.)
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.16 Die harmonische


φ ωt Schwingung als „von der Seite gesehene“
x
υ0 cos ωt υ0 ωr gleichförmige Kreisbewegung

a0 ω2 r φ a 0 sin ωt
t

und man liest aus Abb. . sofort ab: Es ist kein Wunder, dass harmonische Schwingungen
so häufig auftreten, auch außerhalb der Mechanik. Jede
Abweichung von einem stabilen Gleichgewichtszustand
x = r sin ωt , (.) führt nämlich, solange sie klein ist, zu einem rücktreiben-
v = v0 cos ωt , (.) den Einfluss, der proportional zur Größe der Abweichung
a = −a 0 sin ωt . (.) ist. Speziell wirken jeder mechanischen Deformation ei-
nes Körpers rücktreibende Kräfte entgegen, die zunächst
proportional zur Deformation sind (Hookesches Gesetz
(Abb. .), vgl. Abschn. ..), was in Abwesenheit von
Vergleich von (.) und (.) zeigt, dass für jeden Zeit-
Reibung zu harmonischen Schwingungen führt.
punkt die Beschleunigung a proportional zur Auslenkung
und dieser entgegengerichtet ist:

a = −a 0 = −ω 2 x
x
(.)
r

(vgl. (.)).

Damit oder wenn ein Körper der Masse m eine solche Be-
wegung ausführt, muss auf ihn also eine Kraft

F = ma = −mω2 x (.)

wirken, die proportional zur Auslenkung x aus der Ruhela- x0 (c)


ge und dieser entgegengerichtet ist (Abb. .). Eine Kraft
mit einem solchen Abstandsgesetz nennt man elastische
Kraft. Wenn man also umgekehrt weiß, dass auf einen Kör- (a) x
per bei der Auslenkung aus einer Ruhelage eine rücktrei-
bende Kraft wirksam wird, die proportional zu dieser Aus- (b)
lenkung x ist:
F = −Dx , (.)
so folgt, dass der Massenpunkt eine harmonische Schwin- ⊡ Abbildung 1.17a–c Gewicht des Klotzes, Rückstellkraft der Fe-
gung ausführt. der, resultierende Kraft. Die dicke Linie gibt die Gleichgewichtslage
der belasteten, die gestrichelte der unbelasteten Feder an
Impulse und Kraftstöße 24/25

. Impulse und Kraftstöße


x
T
.. Impuls
a9 a b
Wir betrachten die Massenpunkte P und Q. Q möge auf P
0 die Kraft F⃗ ausüben, die P mit ⃗r¨P = F/m
⃗ P beschleunigt.
t
Nach dem Reaktionsprinzip erfährt Q dann gleichzeitig die
⃗ die Q mit ⃗r¨Q = −F/m
Kraft −F, ⃗ Q beschleunigt. Es ist also

m P ⃗r¨P + m Q ⃗r¨Q = F⃗ − F⃗ = ⃗
0. (.)
⊡ Abbildung 1.18 Schwingungsdauer T und Phase einer Schwin-
gung. a ′ und a stimmen in der Phase überein, a und b nicht Der Ausdruck m P ⃗r¨P + m Q ⃗r¨Q , der demnach verschwindet,
ist die zeitliche Ableitung einer Größe

p⃗ = m P ⃗r˙P + m Q ⃗r˙Q = p⃗P + p⃗Q , (.)


Die Proportionalitätskonstante D heißt auch Federkon-
stante oder Direktionskraft, obwohl sie keine Kraft, son- die also bei jeder Wechselwirkung zwischen P und Q er-
dern Kraft/Abstand ist. Vergleich von (.) und (.) er- halten bleibt. Dies lässt sich auf Wechselwirkungen zwi-
laubt Umrechnung der dynamischen in die kinematischen schen beliebig vielen Massenpunkten erweitern, falls kei-
Größen: ner dieser Massenpunkte Kräften ausgesetzt ist, die von ei-
nem Körper außerhalb dieses Systems herrühren, also falls

es sich um ein abgeschlossenes System handelt:
D = mω2 ω=
D
oder . (.)
m
Je stärker die Rückstellkraft, desto schneller ist die Schwin- Impulssatz
gung; je größer die zu bewegende Masse, desto langsamer Der Gesamtimpuls
ist sie.
p⃗ = ∑ m i ⃗
r˙i (.)
i

Natürlich ist die harmonische Schwingung periodisch, eines abgeschlossenen Systems aus den Massenpunkten
denn die gleichförmige Kreisbewegung ist es auch. Im Fall m 1 , m 2 , . . . ist zeitlich konstant.
der Schwingung ist die Schwingungsdauer T die Zeit zwi-
schen zwei Durchgängen durch den gleichen Punkt, etwa
die Ruhelage, in gleicher Richtung. In Analogie mit der
Kreisbewegung (vgl. (.)) ist

F1 F2

T= = 2π
2π m
. (.)
ω D m1 m2

Der Kehrwert von T heißt Frequenz der Schwingung:



f = =
1 1 D
. (.)
T 2π m m 1υ 1 m2υ2

Was bei der Kreisbewegung Winkelgeschwindigkeit hieß, υ1 υ2


heißt bei der Schwingung Kreisfrequenz

⊡ Abbildung 1.19 Die beiden Wagen haben auch nach der Tren-
ω = 2π f = =
2π D
. (.) nung noch den Gesamtimpuls 
T m
1 Mechanik der Massenpunkte

Der Gesamtimpuls kann also auf die Impulse der ein-


zelnen Massenpunkte
F
p⃗i = m i ⃗r˙i (.)
γ
infolge der gegenseitigen Kraftwirkungen nur verschieden ΔrC
verteilt werden.
Eine wichtige Folgerung aus dem Impulssatz bezieht
sich auf den Schwerpunkt eines Systems zweier oder meh-
rerer Massenpunkte. Dies ist der Punkt mit dem Ortsvek- ΔrB β
tor ⃗rS , gekennzeichnet durch die Bedingung

(m P + m Q )⃗rS = m P ⃗r P + m Q ⃗r Q . (.)

Zweimalige zeitliche Differentiation dieser Gleichung lie-


fert

(m P + m Q )⃗r¨S = m P ⃗r¨P + m Q ⃗r¨Q = p⃗˙ . (.)

Die rechte Seite ist die Gesamtimpulsänderung, verschwin- ΔrA


det also. Links steht die Beschleunigung des Schwerpunk-
tes, die also auch Null ist:
⊡ Abbildung 1.20 Berechnung der Arbeit in einem homogenen
Kraftfeld. Das gerade Wegstück Δ⃗rA liegt parallel zur Kraft, dort gilt
Schwerpunktsatz WA = F⃗ ⋅ Δ⃗rA = F ΔrA . Die Abschnitte Δ⃗rB,C dagegen bilden einen
Winkel. Dann wird die Arbeit mit dem Skalarprodukt WB = F⃗ ⋅
Der Schwerpunkt eines abgeschlossenen Systems bewegt rB = F ΔrB cos β berechnet
Δ⃗
sich geradlinig-gleichförmig, unabhängig von den Bewe-
gungen und Wechselwirkungen der Teile des Systems.

In einem Bezugssystem, das seinen Ursprung im Schwer- einen um den gleichen Faktor größeren Weg zurückzule-
punkt hat (Schwerpunktsystem), ist der Gesamtimpuls gen hat als die Last. Umgekehrt kann man „Weg gewinnen“,
aller Massen des Systems Null. muss dann aber an Kraft zusetzen. In jedem Fall gibt es also
– abgesehen von Reibungsverlusten – eine Größe, die bei
einer derartigen Kraftübertragung erhalten bleibt, nämlich
. Arbeit, Energie, Leistung das Produkt Kraft ⋅ Weg („Goldene Regel der Mechanik“).
Es ist zweckmäßig, dieser Größe einen Namen beizule-
Manchmal braucht man den zeitlichen Ablauf der Bewe- gen und zu definieren:
gung nicht zu kennen, um Aussagen über Anfangs- und
Endzustand zu machen. Mathematisch entspricht das einer
Integration. Wenn eine konstante Kraft F⃗ den Massenpunkt, auf den
sie wirkt, um die Strecke Δ⃗r in ihrer eigenen Richtung ver-
schiebt, führt sie ihm die Arbeit W zu:
.. Arbeit
Der physikalische Arbeitsbegriff entwickelte sich aus dem W = F⃗ ⋅ Δ⃗
r = F Δr . (.)
Studium der Kraftübertragung durch Hebel, Seile und Rol-
len. Man stellt dabei fest, dass sich durch eine geeignete
Übersetzung zwar „Kraft gewinnen“ lässt, d. h. dass man Diese Definition kann in zwei Richtungen verallgemeinert
um einen gewissen Faktor weniger Kraft aufzuwenden werden:
braucht als schließlich auf die zu bewegende Last wirkt, • Berücksichtigung des vektoriellen Charakters von Kraft
dass man aber dann mit dem Angriffspunkt dieser Kraft und Verschiebung: Stimmen die Richtungen von Kraft F⃗
Arbeit, Energie, Leistung 26/27

und Verschiebung Δ⃗r nicht überein, so resultiert eine


Arbeit nur aus der Komponente von Δ⃗r in Richtung
⃗ Negativ ausgedrückt: Eine Kraft leistet keine
von F. F
Arbeit auf einen Massenpunkt, der sich senkrecht zu
ihr bewegt (Abb. .). Diese Tatsachen werden genau
durch das Skalarprodukt von F⃗ und Δ⃗r ausgedrückt:
⃗ Δ⃗r) = F⃗ ⋅ Δ⃗r .
W = F Δr cos(F, (.) FiΔri
• Ändert sich die Kraft längs des Weges oder ist dieser
gekrümmt, so ist die Definition (.) nicht mehr direkt
anwendbar. Jedenfalls erwartet man ein besseres Resul-
tat, wenn man den Gesamtweg in mehrere Teile zerlegt, FiΔri
die einigermaßen gerade sind und auf denen die Än-
derung der Kraft unwesentlich ist. Auf jedem solchen
Wegelement Δ⃗r fällt dann der Arbeitsanteil 0
x

ΔW ≈ F⃗ ⋅ Δ⃗r
⊡ Abbildung 1.22 Die Arbeit als Wegintegral der Kraft. Hier wur-
an. Für den Gesamtweg addieren sich diese Anteile: de das Integral durch gerade Stücke zwischen den Stützstellen ange-

W ≈ ∑ F⃗ ⋅ Δ⃗r .
nähert

Das Verfahren wird i. Allg. umso genauer, je feiner die Linienintegrals entlang der Kurve C entspricht,
Unterteilung ist. In fast allen physikalisch wesentlichen Si-

F⃗ ⋅ d⃗r .
tuationen existiert der Grenzwert für unendlich feine Un-
terteilung, der genau der mathematischen Definition des W= ∫ (.)
C

y BEISPIEL

Bestimmen Sie Leistung, Arbeit und Kraft bei folgenden


Tätigkeiten: Treppensteigen, Kniebeugen, Klimmzug, Loch
graben.
Wenn man seine  kg in  s bis zum . Stock (ca.  m)
hochbringt, hat man 12 000 N m = 12 000 J bzw.  W auf-
Δr gebracht. Kniebeuge in 1/2 s (Hebung um , m): , kW.
Klimmzug (, m in  s):  W. Die Erde (1 m3 oder ca.
 kg) muss im Durchschnitt mindestens um  m geho-
FZ
r(t) ben werden. Rein physikalisch ist die Leistung kläglich:
  J in  h: , W!

φ=ωt

x Für eine Bewegung auf einer Geraden mit veränderli-


cher Kraft F(x) lässt sich W als die Fläche unter der Kur-
⊡ Abbildung 1.21 Bei der gleichförmigen Kreisbewegung steht ve F(x) darstellen. Für eine krummlinige Bewegung trägt
die Zentripetalkraft jederzeit senkrecht auf der Bahn des Körpers: man als Abszisse die Bogenlänge, als Ordinate die Kraft-
Es wird keine Arbeit geleistet komponente in Kurvenrichtung auf.
1 Mechanik der Massenpunkte

Die Einheit der Arbeit ergibt sich aus dieser Definition: Die geleistete Arbeit findet sich stets als Zunahme von
1
mv 2 = Ekin , der kinetischen Energie, wieder.
1 kg m2 /s2 = 1 N m = 1 Joule = 1 J .
2

Es bleibt noch nachzuweisen, dass diese kinetische


Energie eines Massenpunktes P als Arbeit verfügbar ist,
.. Kinetische Energie um als Arbeit wieder abgegeben zu werden. Dafür ist der
Begriff der potentiellen Energie hilfreich.
In der obigen Definition haben wir die Aussage zu rechtfer-
tigen, die Arbeit werde dem Massenpunkt zugeführt. Das
impliziert, dass sie noch in ihm steckt und sich auch wieder .. Kraftfelder
entnehmen lässt. Wenn der Massenpunkt durch die Kraft Wenn die Kraft auf einen Massenpunkt nur von dem Ort ⃗r
beschleunigt worden ist, müsste er also die Arbeit in Form abhängt, wo er sich befindet (und evtl. von der Zeit, nicht
von Bewegung mitführen. Zunächst sei angenommen, die aber z. B. direkt von der Geschwindigkeit ⃗r˙), also wenn F⃗ =
Beschleunigung sei von der Ruhe aus über eine Strecke x ⃗ r ), so sagt man, in dem betreffenden Raumgebiet herr-
F(⃗
gleichmäßig erfolgt, also durch eine konstante Kraft F, die ⃗ r ). Bei der Verschiebung des Massen-
sche ein Kraftfeld F(⃗
definitionsgemäß auf der Strecke x die Arbeit W = Fx leis- punktes in diesem Kraftfeld von ⃗r 1 nach ⃗r 2 ist die Arbeit
tet. Nach dieser Beschleunigungsstrecke hat der Massen-
punkt die Geschwindigkeit
W(⃗r 1 , ⃗r 2 ) = ⃗ r) ⋅ d⃗r
√ √
∫ r 1 ,⃗
C(⃗ r2 )
F(⃗

v= 2ax = =
2Fx 2W
zu leisten (vgl. (.)). Diese Arbeit hängt i. Allg. nicht nur
m m
vom Start- und Zielort der Verschiebung ab, sondern auch
erreicht (vgl. (.)). Nach W aufgelöst, ergibt sich von dem Weg, auf dem sie erfolgt. Jedoch tritt diese Kom-
plikation in vielen wichtigen Feldern, wie dem Gravitati-
onsfeld oder elektrostatischen Feld, nicht auf, d. h. W ist
W= v = Ekin .
m 2
(.) dort allein eine Funktion von Start- und Zielort, W = ∫C 1 F⋅ ⃗
2
d⃗r = ∫C 2 F⃗ ⋅ d⃗r. Anders ausgedrückt: In einem solchen Feld
In dieser Form, als kinetische Energie, steckt also die Be- ist die Gesamtarbeit für jeden abgeschlossenen Weg Null
schleunigungsarbeit im bewegten Massenpunkt. ∫ C 1 +C 2 F⃗ ⋅ d⃗r = 0 (Abb. .). Felder, für die das zutrifft, hei-

Von den Beschränkungen des speziellen Beschleuni- ßen Potentialfelder oder konservative Felder. Nur in ih-
gungstyps kann man sich freimachen, entweder indem nen gilt der Energieerhaltungssatz. Der Gegensatz zu kon-
man einfach sagt: Wenn der Arbeitsbegriff überhaupt einen servativ ist dissipativ.
Sinn hat, muss es ganz gleichgültig sein, auf welche Weise
– gleichmäßig oder nicht – der Betrag W zustandegekom-
men ist; oder, ohne diese Rückversicherung bei der „Gol-
denen Regel“, mit Hilfe der Vektorrechnung: Für jeden (a) (b) (c)
Beschleunigungsvorgang gilt natürlich das Aktionsprinzip y
F⃗ = m⃗r¨. Diese Gleichung kann man beiderseits mit der
C1

Geschwindigkeit ⃗r˙ skalar multiplizieren:


C2
F⃗ ⋅ ⃗r˙ = m⃗r¨ ⋅ ⃗r˙ . (.) r2
r1
Links steht die in der Zeiteinheit auf den Massenpunkt ge- x
leistete Arbeit; der Ausdruck rechts ist nach den Differen-
tiationsregeln die zeitliche Ableitung des Ausdrucks 12 m⃗r˙2 :
⊡ Abbildung 1.23 (a) In einem Potentialfeld oder konservativen
Kraftfeld hängt das Wegintegral der Arbeit nicht vom konkreten
Weg 1 → 2 ab, das geschlossene Integral muss verschwinden.
( m⃗r ) = m(⃗r˙ ⋅ ⃗r¨ + ⃗r¨ ⋅ ⃗r˙) = m⃗r¨ ⋅ ⃗r˙ .
d 1 ˙2 1 Das homogene Kraftfeld in (b) ist konservativ, das inhomogene
(.)
dt 2 2 in (c) nicht
Arbeit, Energie, Leistung 28/29

.. Potentielle Energie ▾ Mathematischer Hinweis

Hebt man nahe dem Erdboden einen Körper der Masse m


um die Höhe h, so leistet man gegen die Schwerkraft mg Der Nabla-Operator ermöglicht eine kompakte Schreib-
eine Arbeit. Sie steckt ebenfalls als Energie in dem Körper; weise für Operationen der Vektoranalysis:
man kann sie z. B. jederzeit in ebenso viel kinetische Ener-
gie verwandeln, indem man den Körper fallen lässt. Daher ⃗ =( ∂ , ∂ , ∂ ) .
∇ (.)
∂x ∂y ∂z
heißt mgh die potentielle Energie des Körpers im Erd-
schwerefeld, bezogen oder normiert auf den Ort, von dem
die Hebung begann: Anschaulich bedeutet (.) Folgendes: An jedem Ort
zeigt die Kraft in die Richtung, in der Epot am schnells-
Epot = mgh . ten abnimmt (deswegen auch das Minuszeichen in (.)).
Die Kraft ist gleich dem Gefälle des Epot -Gebirges in dieser
Das lässt sich verallgemeinern: Wenn man bei der Er- Falllinie. In allen anderen Richtungen nimmt Epot langsa-
mittlung der Arbeit W(⃗r 1 , ⃗r 2 ) immer vom gleichen Ort ⃗r 1 mer ab, und entsprechend kleiner ist die Kraftkomponente
ausgeht, aber den Zielort ⃗r 2 variiert, ist natürlich W eine in diesen Richtungen. Sie ist Null in jeder der unendlich
Funktion von ⃗r 2 allein. Man nennt sie die potentielle Ener- vielen Richtungen senkrecht zur Falllinie, weil sich Epot in
gie Epot (⃗r 2 ), normiert auf den Ort ⃗r 1 . Es gibt also so viele einer solchen Richtung nicht ändert. Das alles gilt für sehr
verschiedene Normierungen der potentiellen Energie, wie kleine Verschiebungen. Allgemein sind sowohl die Falllini-
es verschiedene Startorte gibt. Zwei solche Normierun- en oder Feldlinien als auch die Flächen konstanter Epot, die
gen für die Startorte ⃗r 1 und ⃗r ′1 unterscheiden sich aber Niveauflächen des Feldes, gekrümmt. Richtig bleibt, dass
nur um eine konstante additive Größe, nämlich die Arbeit die Feldlinien die Niveauflächen senkrecht schneiden, d. h.
W(⃗r ′1 , ⃗r 1 ): ihre Orthogonaltrajektorien sind.
Zur graphischen Darstellung eines Potentialfeldes ge-
Epot ⃗r ′1 (⃗r) = W(⃗r 1 , ⃗r) = W(⃗r 1 , ⃗r 1 ) + W(⃗r 1 , ⃗r)
′ ′ nügt es, hinreichend viele Niveauflächen zu zeichnen und
an jede den dort herrschenden Epot -Wert zu schreiben.
= Epot ⃗r 1 (⃗r) + W(⃗r ′1 , ⃗r 1 ) . (.) Andererseits genügt auch die Angabe hinreichend dicht
liegender Feldlinien, falls man – z. B. durch die Dichte
Man benutzt gelegentlich auch Normierungen, bei de- dieser Feldlinien – die Größe der Kraft angibt.
nen diese additive Konstante einen willkürlichen, gar kei- Besonders wichtig sind Zentralkräfte, bei denen die
nem möglichen Startort entsprechenden Wert hat, der nur Kraft nur vom Abstand von einem Zentrum (oder einem
durch die mathematische Zweckmäßigkeit bestimmt ist. zweiten Massenpunkt) abhängt ((b) und (c) in Abb. .).
Das kann man tun, weil physikalisch letzten Endes nur Wechselwirkungen zwischen zwei Massenpunkten sind
Differenzen zwischen den potentiellen Energien zweier fast immer so beschaffen, dass die Kräfte zwischen bei-
Orte interessieren; bei der Bildung dieser Differenz fällt den in Richtung ihrer Verbindungslinie wirken. Dies ist
die additive Konstante fort. schon aus Symmetriegründen klar: Wenn sich im Raum
Die potentielle Energie hat den großen formalen Vor- nur die beiden Massenpunkte befinden, gibt es nur ei-
teil, dass sie das Kraftfeld genauso erschöpfend beschreibt ne ausgezeichnete Richtung, die ihrer Verbindungslinie.
wie die Kraft F(⃗⃗ r ), obwohl sie als Skalar sehr viel einfacher Alle Richtungen senkrecht dazu z. B. sind völlig gleichbe-
ist als der Vektor F.⃗ Man kann nämlich, wenn nur das Ska- rechtigt, und es ist nicht einzusehen, warum die Kraft in
larfeld Epot (⃗r ) gegeben ist, die Kraft einfach durch Gradi- eine davon zeigen sollte. Wenn einmal eine seitliche Kraft
entenbildung gewinnen: zwischen zwei Körpern auftritt (z. B. bei Kreiselwirkungen
oder magnetischen Ablenkungen durch einen Stromleiter),
F⃗ = −gradEpot (⃗r) = −∇E
⃗ pot (⃗r) .
handelt es sich bestimmt nicht um die Wechselwirkung
(.) zweier Massenpunkte, sondern ausgedehnter Körper, und
daher kann die Problemstellung noch andere Richtungen
Die Gradientenoperation (kurz: Gradient; mathematische auszeichnen.
Symbole grad bzw. ∇) ⃗ ist die Umkehrung des Linieninte- Die Größe der Kraft F⃗ auf den einen der Massenpunk-
⃗ r) auf W oder Epot führt.
grals, das nach (.) von F(⃗ te, P, darf deswegen noch jede beliebige Abhängigkeit vom
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.24a–c Wichtige Potenti-


alformen: (a) Epot ∼ h, homogenes Kraft-
(a) Epot (b) Epot (c) Epot
feld, z. B. Schwerefeld und Plattenkon-
densator (Abschn. ..) (b) Epot ∼ r 2 = h
x 2 + y 2 , Federpendel, harmonischer Oszil- x
lator (c) Epot ∼ −1/r, Gravitationspotential, x
x
Wasserstoffatom (Abschn. .). Die roten y
y
Pfeile deuten die Richtung der Kräfte ent-
lang dem Gradienten an

(b) Elastische Energie. Eine elastische Kraft F⃗ = −D⃗r (⃗r ,


die Auslenkung aus der Ruhelage ⃗r = ⃗0, ist hier allgemein
F

B vektoriell aufgefasst) ist als Zentralkraft konservativ. Ihre


potentielle Energie (auf die Ruhelage normiert) ist

Epot (⃗r 0 ) = − ⃗ r) ⋅ d⃗r = 1 Dr 02 .



r0

F0 ∫
0
F(⃗
2
(.)

0
x Δx A x
x0

⊡ Abbildung 1.25 Zur Berechnung der Dehnungsarbeit einer Fe-


der

Abstand zwischen P und Q haben; sie darf zu Q hinzeigen


(Anziehung) oder von ihm weg (Abstoßung). φ
Kräfte, die stets auf einen festen Punkt Z zeigen (gleich- l
gültig, ob sich ein anderer Massenpunkt dort befindet,
oder ob Z der Schwerpunkt des Systems P–Q ist, usw.),
heißen Zentralkräfte. Es gilt dann F(⃗ ⃗ r ) = F(r)⃗ er . Zen-
tralkräfte sind immer konservativ, also mit einem Potential
r ⃗
r)d⃗r = ∫r 12 F(r)dr =
⃗ r
verbunden. Dann gilt nämlich ∫⃗r 1 2 F(⃗ m
Epot (r 2 ) − Epot (r 1 ). a

Beispiele für potentielle Energien (a) Das schon beschrie- s


bene Schwerefeld stellt ein konservatives, homogenes Kraft- F
feld dar und ist über einem kleinen Teil der Erdoberfläche φ
(der noch als eben angesehen werden kann) und in nicht
zu großer Höhe homogen wie in Abb. .b. Die Niveau-
flächen sind parallel zur Erdoberfläche, Feldlinien sind die G
Vertikalen. In Wirklichkeit nimmt die Schwerebeschleu-
nigung mit der Höhe ab, und zwar umgekehrt proportio- ⊡ Abbildung 1.26 Die rücktreibende Kraft F⃗ beim Fadenpendel
nal zum Quadrat des Abstandes r vom Erdmittelpunkt ist annähernd proportional zur Auslenkung. G⃗ bezeichnet die zum
(vgl. Abschn. .). Erdboden gerichtete Gewichtskraft
Arbeit, Energie, Leistung 30/31

Für Bewegungen auf einer Geraden durch ⃗r = ⃗ 0 ist das ohne


Integration ebenso leicht herzuleiten: Epot (x) ist die Fläche E
unter der Kurve F(x), ein Dreieck mit der Basis x 0 und
der Höhe F0 = Dx 0 , also Epot = 21 Dx 02 . In  Dimensionen
sind die Niveauflächen Kugeln um r = 0, die Feldlinien sind Etot
deren Radien.
Auch das Fadenpendel schwingt näherungsweise wie
eine Feder. Es wird auch als mathematisches Pendel be- 1
Ekin= mυ2
zeichnet, weil der Faden bei der Behandlung vernachläs- 2

sigt wird und das Pendel punktförmig angenommen wird.


An einem Faden der Länge l ist ein Körper der Masse m
aufgehängt. Wenn man ihn um den Winkel φ, d. h. um die
Bogenlänge s = l φ auslenkt, hängt er um Epot= 21 Dx2

h = l(1 − cos φ)
x

⊡ Abbildung 1.27 Die totale Energie teilt sich auf in potentielle


höher als in Ruhestellung. Solange φ klein ist, kann man
cos φ entwickeln: cos φ ≈ 1 − 12 φ 2 , also
und kinetische Energie

l φ2 s 2
h≈ = .
2 2l Man beachte die Beschränkung auf konservative Felder.
Sie war beim Impulssatz nicht nötig: Er gilt auch für dissi-
Die potentielle Energie pative, d. h. reibungsbehaftete Kräfte. Für den Energiesatz
wird diese Beschränkung erst überflüssig, wenn man auch
s2 1 2
Epot = mgh ≈ mg = Ds die Wärme in die Energiebilanz einbezieht, die durch die
2l 2 Reibung erzeugt wird. Dies geht über den Rahmen der ei-
ist proportional dem Quadrat des Ausschlages, also elas- gentlichen Mechanik hinaus, obwohl ja auch die Wärme ei-
tisch. Vergleich mit (.) und (.) liefert ne Form kinetischer Energie ist, nämlich die der ungeord-
neten Molekülbewegung. Die Trennung von Mechanik und
D=
mg Wärmelehre hat hauptsächlich rein praktische Gründe: Ein
.
l makroskopisches Objekt hat zu viele Moleküle, als dass sie
sich mit den eigentlich mechanischen Methoden behan-
.. Der Energiesatz deln lassen; man muss zur statistischen Mechanik überge-
hen (vgl. Abschn. ., Kap. ).
Mit Hilfe des Begriffs der potentiellen Energie schreibt Die Fallgesetze können aus dem Energiesatz hergeleitet
sich (.) für die Beschleunigung eines Massenpunktes werden. Da wir diese Gesetze (besonders (.) aber schon
im konservativen Kraftfeld: zur Ableitung des Energieausdrucks benutzt haben, wäre
dies rein logisch ein Zirkelschluss. Praktisch bietet aber der
F⃗ ⋅ ⃗r˙ = − grad Epot ⋅ ⃗r˙ = − = m⃗r¨ ⋅ ⃗r˙ =
dEpot dEkin
. Energiesatz für die schnelle Lösung von Fall- und Wurfpro-
dt dt
blemen große Vorteile.

Mechanischer Energiesatz
BEISPIEL
d
(Ekin + Epot ) = 0 . (.)
dt Energiesatz und Schwingungen.
Die Summe aus kinetischer und potentieller Energie, ge- Da das Feld F⃗ = −Dr⃗
e r als Zentralfeld konservativ ist, bleibt
nannt mechanische Energie, ist in einem konservativen die Gesamtenergie E = Epot + Ekin konstant. Allein dar-
Kraftfeld konstant. aus können wir die Form der Bewegung ohne explizite Be-
1 Mechanik der Massenpunkte

sich für ein abgeschlossenes System von Massenpunkten


nutzung der Bewegungsgleichung herleiten. Für eine radial zum Drehimpulssatz (s. Abschn. ..).
schwingende Masse mit der Auslenkung x ist Der Massenpunkt P befinde sich in einem Zentralfeld,
um dessen Herkunft wir uns zunächst nicht zu kümmern
E = 21 Dx 2 + 21 m ẋ 2 = const . (.) brauchen. Den festen Punkt Z, auf den die Kraft immer
zeigt, erklären wir naturgemäß zum Ursprung. Wir neh-
Gesucht ist also eine Funktion x(t), deren Ableitung ẋ, qua-
men wieder die Bewegungsgleichung auf (.) und multi-
plizieren sie diesmal vektoriell mit dem Ortsvektor ⃗r :
driert, sich mit x 2 in jedem Moment nach (.) zu einer
Konstanten ergänzt. Gleichung (.) erinnert an den trigo-
nometrischen Pythagoras cos2 α + sin2 α = 1, und cos α ist ⃗r × F⃗ = ⃗r × m⃗r¨ .

tatsächlich die Ableitung von sin α. Der Ansatz α = ωt mit
ω = D/m befriedigt (.) vollkommen: Da es sich um eine Zentralkraft handelt, ist F⃗ parallel zu ⃗r ;
das Vektorprodukt paralleler Vektoren verschwindet aber,
E = 12 Dx02 sin2 ωt + 21 mv02 cos2 ωt = 21 Dx02 = 12 mv02 .
also
m⃗r × ⃗r¨ = ⃗0 .
(.)

Nun ist m⃗r × ⃗r¨ identisch mit der zeitlichen Ableitung der
Größe m⃗r × ⃗r˙:
Für das Fadenpendel können wir durch Vergleich die
(m⃗r × ⃗r˙) = m⃗r × ⃗r¨ + m⃗r˙ × ⃗r˙ ,
d
Schwingungsfrequenz und Periode bestimmen, dt
√ √ √
denn das Produkt ⃗r˙ × ⃗r˙ verschwindet als Produkt paralleler
ω= = T = 2π
D g l
, .
m l g Vektoren ebenfalls.

Die Schwingungsdauer des Pendels hängt (für kleinere


Ausschläge) nicht von der Amplitude ab, sondern nur von Für die Größe L ⃗ = m⃗r ×⃗r˙, den Drehimpuls des Massen-
Pendellänge und Erdbeschleunigung. Diskussion für grö- punktes P in Bezug auf das Zentrum Z, gilt also: In einem
ßere Amplituden: Aufgabe .e., Abschn. ... Zentralfeld ist der Drehimpuls eines Massenpunktes kon-
stant (Flächensatz).
.. Leistung
Ein weiterer Begriff ist stillschweigend schon im Zusam- Der Drehimpuls ist ein Vektor. Die Konstanz seiner
menhang mit (.) aufgetaucht, nämlich die Richtung bedeutet, dass die Bahn des Massenpunktes in
einer Ebene senkrecht zu dieser Richtung liegt (also z. B.
keine Schraubenlinie sein kann). Wegen der Definition
Leistung, d. h. die Arbeit oder Energieänderung pro Zeit- eines Vektorprodukts, wie ⃗r × ⃗r˙, liegen nämlich sowohl ⃗r
einheit. Man misst sie im SI in der Einheit

1 J/s = 1 kg m2 /s3 = 1 W = 1 Watt .

Aus (.) und (.) ergibt sich, dass Leistung = Kraft ⋅


Geschwindigkeit ist:
r 3υ

P = F⃗ ⋅ v⃗ . (.) r2
F2 υ2
r1 F1
υ1
.. Drehimpuls und Flächensatz
Für einen Massenpunkt in einem Zentralfeld gilt ein wei- ⊡ Abbildung 1.28 Flächensatz: Eine Zentralkraft verändert den
terer Erhaltungssatz, der Flächensatz. Er verallgemeinert Drehimpuls m⃗ ⃗ nicht
r ×v
Arbeit, Energie, Leistung 32/33

als auch ⃗r˙ immer senkrecht zu ihm, spannen also in jedem


Zeitpunkt die gleiche Ebene senkrecht zu L ⃗ = m⃗r × ⃗r˙ auf. μ kg/s ma = μw
Die Konstanz der Größe des Drehimpulses kann man so

deuten: ∣L∣/m = rv sin(⃗r˙, ⃗r) ist genau das Doppelte der w
m

Fläche des von ⃗r und ⃗r˙ aufgespannten Dreiecks. Dieses


Dreieck ist die in der Zeiteinheit vom Ortsvektor („Ra-
diusvektor“) ⃗r überstrichene Fläche. Diese Fläche ist also ⊡ Abbildung 1.29 Raketenantrieb
zeitlich konstant (im Spezialfall der Planetenbewegung
im Zentralfeld der Sonne ist dies das . Kepler-Gesetz). Je
näher also P an Z ist, desto größer muss seine Geschwin- Impuls w dm aus. Da der Gesamtimpuls konstant bleibt,
digkeit (genauer: ihre zu ⃗r senkrechte Komponente) sein. Je muss die Rakete selbst den entgegengesetzt gleichen Im-
spitzwinkliger ⃗r˙ zu ⃗r steht, desto größer muss der Betrag v puls aufnehmen, der ihre Geschwindigkeit v um dv erhöht:
sein. w dm = −m dv, oder nach Division durch dt

−w =m = ma .
dm dv
.. Anwendungen von Energie- und Impulssatz (.)
dt dt
a) Geschoss- oder Treibstrahlgeschwindigkeiten. Für einen Das Minuszeichen stammt nicht aus den Geschwindig-
Sprengstoff sei die spezifische Explosionsenergie η gege-
keitsrichtungen, sondern aus dm, das als Massenänderung
ben, d. h. die auf die Masse mS bezogene Energie E = ηmS ,
der Rakete negativ zu nehmen ist. (.) stellt die effektive
die bei der Explosion frei wird. Allein hieraus kann man
Kraft auf den Raketenkörper dar, die technisch Schub ge-
auf die Geschossgeschwindigkeit schließen.
nannt wird: Der Schub ist das Produkt von Ausströmrate
Der gesamte Sprengstoff verwandelt sich im Idealfall in −dm/dt und Ausströmgeschwindigkeit w.
expandierende Explosionsgase. Das Geschoss kann nicht Bei dem Massenverlust dm/dt nimmt die Raketenmas-
schneller sein als diese Gase. Mehr braucht man nicht zu se vom Anfangswert m 0 auf m ab, um die Geschwindig-
wissen, speziell nichts aus der Wärmelehre. Die kinetische
keit v zu erreichen. Aus (.) folgt bei konstantem w:
Energie der Gase und des Geschosses stammt aus η, ne-
ben zahlreichen Verlusten. Wenn mG die Geschossmasse
=−
1 dm 1 dv
ist, ergibt sich die Maximalgeschwindigkeit von Explosi- ,
m dt w dt
onsgasen und Geschoss

d. h. integriert

v=
2mS
η.
mS + mG =− m = m 0 e−v/w .
m v
ln oder (.)
m0 w
Ein typischer Wert für moderne Sprengstoffe ist η =
4 ⋅ 106 J/kg, folglich v ≲ 2 km/s. Nur noch eine Nutzlast m = m 0 e−v/w fliegt mit v weiter.
Für einen Brennstoff und die Maximalgeschwindig- Der Rest ist als Treibgas verpufft. Da technisch ein Massen-
keit seiner z. B. zum Düsenantrieb verwendeten Verbren- verhältnis m 0 /m ≈ 6 von voll getankter zu leerer Maschine
nungsgase gilt eine ähnliche Betrachtung, nur ist hier die kaum zu überschreiten ist, ergibt sich für die Brennschluss-
Masse des Oxidationsmittels (meist O2 ) einzubeziehen, da geschwindigkeit der Einstufenrakete v ≈ 2w.
sie in den Verbrennungsgasen mit beschleunigt werden Die üblichen Treibstoffgemische (Brennstoff plus Oxi-
muss. dationsmittel) haben spezifische Energien η zwischen 107
Man beachte, wie sehr zweckmäßige Maßeinheiten al- und 2 ⋅ 107 J/kg (O2 ist zu berücksichtigen). Bei verlust-
les vereinfachen. Die Einfachheit der Betrachtung und des freier√Umwandlung in kinetische Energie ergäbe sich
Ergebnisses sollte allerdings nicht über die für eine genaue w = 2η ≈ 4 ⋅ 103 bis 6 ⋅ 103 m/s. Die kinetische Gastheo-
Rechnung notwendigen Präzisierungen hinwegtäuschen. rie (s. Kap. , ) zeigt, dass dies Temperaturen von über
10 000 ○ C entspräche, die keine Brennkammer aushielte;
b) Raketenphysik. Eine Rakete der Masse m, die im leeren, w ist in Wirklichkeit nur etwa halb so groß. Ohne das Stu-
kräftefreien Raum fliegt, stoße in der Zeit dt eine Treib- fenprinzip brächte man also nicht einmal Erdsatelliten auf
stoffmasse dm mit der Geschwindigkeit w, also mit dem die Bahn.
1 Mechanik der Massenpunkte

c) Propeller- und Düsenantrieb. Etwas vereinfachend kann bei Ausstoß von μ kg Verbrennungsgas pro Sekunde
man sagen: Beim Propellerantrieb wird der Energiein- √ √ μ
halt η des Treibstoffs ausgenutzt, beim Düsenantrieb sein mv̇ = μw = μ 2η oder v̇D = 2η .
Impulsinhalt. Warum zieht man für hohe Fluggeschwin- m
digkeiten die Düse, für kleine den Propeller vor? Das Verhältnis der Beschleunigungen (und der Leistun-
Wir vergleichen die bei den beiden Antriebsarten durch

gen)
Verbrennung von μ kg Treibstoff pro Sekunde erzielten
=
v̇ D 1 2
Beschleunigungen. Beim Propellerantrieb wird ein Bruch- v
v̇P γ η
teil γ des Energieinhaltes in Ekin des Flugzeuges umgesetzt.
Der Gesamtwirkungsgrad γ ist nicht viel größer als ,, √das Flugzeug
ist umso günstiger für die Düse, je schneller
denn als Wärmekraftmaschine hat der Motor einen Wir- ist. Oberhalb der Geschwindigkeit vkr = γ η2 ist die Dü-
kungsgrad von höchstens –%, und die Verluste an der se ökonomischer, unterhalb der Propeller. Mit vernünfti-
Luftschraube sind auch erheblich. Die nutzbare Leistung gen Werten erhält man Übergangsgeschwindigkeiten um
ist, wenn m und v Flugzeugmasse und -geschwindigkeit 1000 km/h.
sind: PP = γημ = Fv = mv̇v. Für konstante Beschleuni-
gung muss der Treibstoffeinsatz mit der Geschwindigkeit d) Durchschlagskraft von Geschossen. Die folgende Be-
wachsen, trachtung stammt von Newton: Ein Geschoss mit der Mas-
v̇P =
γη μ
. se m, der Länge l und dem Querschnitt A schlägt in ein
m v Medium ein und erzeugt darin einen Kanal. Welche Län-
Beim Düsenantrieb wird der maximale Schub, entspre- ge L kann dieser haben?
chend dem Ausstoß der Verbrennungsgase √ mit der maxi- Das Geschoss hat zwei Arbeiten zu leisten, nämlich
mal möglichen Geschwindigkeit w = 2η, in modernen Arbeit gegen die Kohäsionskräfte des Mediums und Be-
Triebwerken fast erreicht. Nach dem Impulssatz ist dann schleunigungsarbeit: Die Substanz des Kanals muss aus-
weichen und dazu auf die Geschwindigkeit des Geschosses
selbst gebracht werden. Müsste die ganze Masse im Kanal,
mk = AL%m (%m Dichte des Mediums) auf die Geschossge-
μ /kg s –1 schwindigkeit v gebracht werden, so wäre ihr die kinetische
150 Energie 21 AL%m v 2 zuzuführen. Diese darf höchstens gleich
der Geschossenergie 12 mv 2 = 21 Al%v 2 sein (% Dichte des
Düse Geschossmaterials), also ergibt sich für die durchschlagene
Länge
L=l
%
. (.)
%m
100

Das Geschoss dringt etwa so viele seiner eigenen Längen


Propeller ein, wie seine Dichte größer ist als die des Mediums.

50 Die überraschende Unabhängigkeit von seiner Ge-


schwindigkeit gilt allerdings nur für so hohe v, dass die
Kohäsionsenergie gegen die kinetische zu vernachlässigen
ist.

.. Stoßgesetze
0 1000 υ /km h –1 2000
Ein Stoß ist eine sehr kurzzeitige Wechselwirkung zwi-
⊡ Abbildung 1.30 Propeller- und Düsenantrieb: Treibstoffbedarf schen zwei Körpern (nicht Massenpunkten, denn die
für eine Beschleunigung a in Abhängigkeit von der Fluggeschwin- könnten einander gar nicht finden, da sie definitionsge-
digkeit. Zahlenwerte für a = 1 m/s2 , Startmasse  t mäß unendlich klein sein sollen). Vor und nach dem Stoß
Arbeit, Energie, Leistung 34/35

bewegen sich beide, ohne einander zu beeinflussen. Sind


sonst keine Kräfte zu berücksichtigen, so fliegen daher 2Δp
beide Körper vor und nach dem Stoß mit den konstanten 2Δp
Geschwindigkeiten
qS m9u9S mυS
vor dem Stoß: v⃗ , v⃗ ; nach dem Stoß: u⃗ , u⃗ .
mυS
′ ′ m9u9S

m9υ9S muS
Der Gesamtimpuls vor und nach dem Stoß ist derselbe: m9υ9S
muS

u + m u⃗ .
v + m v⃗ = m⃗ Δp
′ ′ ′ ′
m⃗
Δp
Wenn der Stoßvorgang keine Energie verzehrt, also elas-
tisch ist (das Wort ist hier nicht auf elastische Kräfte im elastisch inelastisch
Sinne von F = −kx beschränkt, sondern umfasst alle kon-
⊡ Abbildung 1.32 Schwerpunktsystem: Impulse und Impuls-
servativen Kräfte), bleibt auch die Energie erhalten:
überträge beim elastischen und beim inelastischen Stoß

mv 2 + m′ v ′2 = mu 2 + m′ u ′2 .

Besonders übersichtlich sind die Verhältnisse im bzw. v⃗S′ und u⃗S′ . Er wird bestimmt durch die Einzelheiten
Schwerpunktsystem (S-System, Abb. .), d. h. wenn der des Stoßprozesses (Form der Körper, Lage, in der sie sich
Ursprung sich ebenso relativ zu dem ruhenden Laborsys- treffen, usw.). Ebenso erlaubt der Impulssatz noch jeden
tem (L-System) bewegt wie der Schwerpunkt der beiden Wert des Verhältnisses uS2 /vS2 = uS′2 /vS′2 der Energien vor
Körper. Dann ist und bleibt der Gesamtimpuls Null (Ab- und nach dem Stoß, z. B. uS = uS′ = 0. Man sieht aber leicht,
schn. ..), also vor dem Stoß: m⃗vS = −m′S v⃗′ , nach dem dass der Energiesatz dieses Verhältnis auf  bei elastischem
Stoß: m⃗uS = −m u⃗S (Abb. .). Die Erhaltungssätze sagen
′ ′
Stoß und < 1 bei inelastischem Stoß festsetzt.
noch nichts über den Streuwinkel ϑS zwischen v⃗S und u⃗S

Bei elastischem Stoß sind also im S-System alle vier Impuls-


pfeile gleich lang.
m9

υ9L Wichtig ist die Impulsübertragung Δ p⃗S = m(⃗ vS − u⃗S )


von einem Körper auf den anderen. Aus Abb. . liest man
ihre Abhängigkeit vom Streuwinkel ab:

vS − u⃗S ∣ = 2 mvS sin


ΔpS = m∣⃗
ϑS
υ9S . (.)
2
w
Maximale Impulsübertragung tritt ein für ϑ = π (den
zentralen Stoß), nämlich ΔpS = 2 mvS . Energie wird
υL im Schwerpunktsystem nicht übertragen, denn aus der
Gleichheit der vier Impulsbeträge folgt speziell uS = vS ,
υS also 12 mv 2 = 21 mu 2 : ΔWS = 0.
Wir gehen jetzt in ein Bezugssystem über, in dem sich
der Schwerpunkt bewegt, und zwar mit der Geschwindig-
⃗ Die in diesem System gemessenen Geschwindigkei-
m
keit w.
⊡ Abbildung 1.31 Teilchengeschwindigkeiten im Laborsystem (L) ten gehen aus denen im Schwerpunktsystem einfach durch
⃗ ist die Schwerpunktsgeschwin-
und im Schwerpunktsystem (S). w vektorielle Addition von w ⃗ hervor. Wir drücken Impuls-
digkeit und Energieübertragung im neuen System durch die im
1 Mechanik der Massenpunkte

Die Impulsübertragung ist unabhängig von der Wahl des


Bezugssystems, aber Energieübertragung und Streuwinkel
hängen davon ab.
Speziell betrachten wir das Bezugssystem, in dem der
Körper mit der Masse m′ anfangs ruhte. Für dieses System
⃗ = −⃗
ist w vS′ = m⃗vS /m′ . Der Anfangsimpuls des anderen
Körpers ist p⃗ = m(⃗ ⃗ = m(1 + m/m′)⃗
vS + w) vS . Davon kann
maximal Δ p⃗ = 2m⃗ vS übertragen werden, also ein Bruchteil
Δp/p = 2m′ /(m + m′ ). Seine Anfangsenergie ist
m 2
E= ⃗ 2 = mvS2 (1 + ′ ) .
vS + w)
1 1
m(⃗
2 2 m
1 29 Davon kann maximal übertragen werden ΔE = Δpw =
19 2 2 mvS vS′ = 2 mvS2 m/m′ , also ein Bruchteil

4m/m′ 4mm′
= =
ΔE
. (.)
E (1 + m/m )
′ 2 (m + m′ )2

Man liest daraus ab: Ein leichtes Teilchen (m′ ≪ m) kann


α α9

⊡ Abbildung 1.33 Newtons Wiege: Elastischer Stoß zwischen einem schweren nur wenig von seinem Impuls entziehen.
zwei Pendelkugeln mit gleicher Masse und gleicher Pendelfaden- Die Energieübertragung ist auch im entgegengesetzten Fall
länge. Nach (.) gilt ΔE = E bei m = m′ m′ ≫ m klein. Dann prallt nämlich das leichte Teilchen
mit der gleichen Geschwindigkeit, also der gleichen Ener-
gie zurück und hat zwar seinen doppelten Impuls, aber kei-
ne Energie abgegeben.
Schwerpunktsystem (jetzt bezeichnet durch den Index S) Wir bleiben weiter in dem Bezugssystem, wo die Mas-
aus. se m′ ruht. Allgemein auch bei verschiedenen Massen
kann man die Geschwindigkeitsvektoren nach dem Stoß
Δ p⃗ = m(⃗ ⃗ − u⃗S − w)
vS + w vS − u⃗S ) = Δ p⃗S
⃗ = m(⃗ (.) folgendermaßen konstruieren (Abb. .): Man zeichne
den Vektor v⃗L der Anfangsgeschwindigkeit des stoßenden
ΔE = 21 m [(⃗ ⃗ 2 − (⃗
vS + w) ⃗ 2]
uS + w) Teilchens und zerlege ihn im Verhältnis m′ /m in zwei Ab-
= 21 m(vS − uS + 2⃗
2 2
⃗ − 2⃗
vS ⋅ w ⃗ +w −w )
uS ⋅ w
2 2 schnitte, also bei der Schwerpunktgeschwindigkeit. Um
den Teilpunkt lege man je eine Kugel durch den Anfangs-
vS − u⃗S ) ⋅ w
= 12 m(vS − uS ) + m(⃗
2 2
⃗ und den Endpunkt von v⃗L . Nach Konstruktion sind diese
= ΔWS + Δ p⃗S ⋅ w
⃗ = Δ p⃗ ⋅ w
⃗.
Kugeln konzentrisch. Dann enden alle Vektoren der End-
geschwindigkeit des stoßenden Teilchens auf der Kugel

(a) S-System (b) L-System (c) L-System


p yS p yL vyL
29 29
⊡ Abbildung 1.34a–c Im Schwerpunkt- 29
system (a) enden alle möglichen Impuls- p1 1 1
u9L
υL 1
vektoren der Partner nach dem Stoß auf 2 p2 pxS 2 pL pxL 2 ws vxL
einer Kugel. Diese Kugel verschiebt sich uL
nur um m⃗ v im Laborsystem (b), wo ein
Partner ruhte. Für die v⃗-Vektoren werden 19 19 19
zwei konzentrische Kugeln daraus (c)
Phasenraum und Erhaltungssätze 36/37

⊡ Abbildung 1.35a–c Grenzfälle elasti-


scher Stöße für (a) m ≫ m′ , (b) m = m′
vyL vyL vyL
und (c) m ≪ m′ . Auf dem gestrichelten
Kreis liegen die Endgeschwindigkeiten des
u9L u9L
u9L anfänglich ruhenden Partners, auf dem
ws υL ws υL υL durchgezogenen Kreis diejenigen des sto-
uL vxL vxL vxL ßenden Teilchens
uL ws
uL

(a) (b) (c)

durch den Endpunkt von v⃗L , die des gestoßenen Teilchens den, sehr klein (Abb. .a). Man liest dann die maximalen
auf der Kugel durch den Anfangspunkt. Welche dieser Ablenkwinkel des stoßenden Teilchens zu φ ≈ m′ /m ab,
Vektoren jeweils für einen bestimmten Stoß zusammenge- die maximale Energieübertragung (bei zentralem Stoß) zu
hören, entnimmt man daraus, dass u⃗L′ parallel zu v⃗L − u⃗L ΔE = E ⋅ 4m′ /m. Bei m = m′ verschmelzen die beiden
sein muss, oder gleichbedeutend: Die Verbindungslinie Kugeln zu einer einzigen. Dann bilden die drei Impulse
der Enden von u⃗L und u⃗L′ muss durch die Mitte der Kugeln (stoßendes Teilchen vor und nach dem Stoß, gestoßenes
gehen. nachher) ein rechtwinkliges Thales-Dreieck (Abb. .b).
Der Beweis für alle diese Tatsachen ergibt sich sofort Bei m ≪ m′ wird umgekehrt die Kugel, auf der die Vek-
daraus, dass im S-System die Beträge der Geschwindigkei- toren u⃗L′ enden, sehr klein, dagegen kann u⃗L nach allen
ten durch den Stoß nicht geändert werden, dass in diesem Richtungen zeigen und hat sich beim Stoß betragsmäßig
System also bestimmt alle entsprechenden Vektoren auf kaum geändert (Abb. .e). Maximal beim zentralen Stoß
Kugeln enden, und dass diese Kugeln durch den Übergang wird wieder die Energie ΔE = E ⋅ 4m/m′ übertragen. Ei-
zum L-System nur um w ⃗ S = v⃗L m′ /(m + m′ ) verschoben, ne feste Wand (Abb. .) ist als Stoßpartner unendlicher
aber in ihrer Kugelform nicht verändert werden. Masse m′ aufzufassen.
Die Grenzfälle elastischer Stöße sind interessant: Bei
m ≫ m′ ist die m′ -Kugel, auf der die u⃗L -Vektoren en-
. Phasenraum und Erhaltungssätze

.. Impulsraum

m9u9 Ein bewegtes Objekt wird am anschaulichsten durch sei-


ne Lage als Funktion der Zeit gekennzeichnet, d. h. durch
mu
den Ortsvektor ⃗r (t) oder die drei Ortskoordinaten x(t),
y(t), z(t). Die graphische Darstellung ergibt direkt die
Bahn des Objekts. Fast ebenso viel und manchmal sogar
mehr sagt der Geschwindigkeitsvektor v⃗(t) = ⃗r˙(t) aus.
Wenn man ihn oder seine Komponenten vx (t) = ẋ(t),
v y (t) = ẏ(t), vz (t) = ż(t) für alle Zeiten kennt, bleibt

zwar unbekannt, wo das Objekt z. B. bei t = 0 war, aber


diese Anfangslage ⃗r(0) ist für die Dynamik meist zweit-
rangig. Ist sie gegeben, dann legt v⃗(t) die Bahn genauso
gut fest wie ⃗r(t).
Der Impuls p⃗ = m⃗ v ist physikalisch tiefgründiger als
die Geschwindigkeit. Multiplikation aller Abstände mit m
⊡ Abbildung 1.36 Eine feste Wand wirkt als Stoßpartner unend- macht aus dem v⃗-Raum den Impulsraum, die Impuls-
lich großer Masse bahn p⃗(t) hat bei nichtrelativistischen Bewegungen die-
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.37 Elastischer und inelas-


Elastisch L-System S-System
tischer Stoß im Orts- und Impulsraum
y py 1 py
1 1
1
12 w
x px px
2
2
2
2
Inelastisch
y py py
1 1
1 1
12 w
x px px
2
2
2 2

Ortsraum Impulsraum

selbe Form wie v⃗(t). Ein Stoß zweier Teilchen, die vor- elastischen Stoß bleiben die Abstände erhalten, nur die
her kräftefrei flogen, sieht im Impulsraum so aus: Zwei Richtung kann sich drehen (Abschn. .., Abb. .). Die
Punkte, die vorher still lagen (geradlinig-gleichförmige kinetische Energie ist proportional dem Quadrat des Ab-
Bewegung), aber evtl. ziemlich weit getrennt waren (ver- stands vom Ursprung im Impulsraum: Ekin = p2 /2m.
schiedene p⃗-Werte), springen plötzlich beide in die neue Eine Bewegung mit konstantem Ekin , aber vielleicht va-
Lage. Die Schwäche dieses Bildes ist, dass es nicht kau- √ Flugrichtung verläuft immer auf der Kugelfläche
riabler
sal erkennen lässt, warum die Punkte springen, wie es p = 2mEkin .
die Ortsraumdarstellung tut. Seine Stärke liegt darin, dass Ein Gas wird im Ortsraum durch ein Gewimmel von
sich die Bedingung für die neuen Lagen sofort ablesen Punkten dargestellt, das das ganze verfügbare Volumen
lässt. Nach dem Impulssatz muss die Summe der beiden gleichmäßig erfüllt. Im Impulsraum sieht das Bild ähnlich
p⃗-Vektoren vorher und nachher dieselbe sein. Am ein- aus (Abb. .). Obwohl hier keine materiellen Wände vor-
fachsten ist die Übersicht im Schwerpunktsystem. Dort handen sind, verdünnt sich die Punktwolke nach außen
liegen die beiden p⃗-Punkte gleich weit beiderseits des Ur- hin. Die N Teilchen haben nämlich eine konstante Gesam-
sprungs, und das muss auch hinterher so bleiben. Beim tenergie E, und keines weicht allzu sehr nach oben vom

py py py
p2
=E
2m 0

px px px
⊡ Abbildung 1.38 Ein (ideales) Gas mit
 Teilchen im Impulsraum mit von links
nach rechts wachsender mittlerer kineti- E0 4E0 16E0
scher Energie
Phasenraum und Erhaltungssätze 38/39

Mittelwert p2 /2m = E/N ab. Die p⃗-Punktwolke wird also einen Punkt beschrieben wird. Ebenso bringt man die 3n
nach außen hin immer √ dünner, besonders ungefähr von Impulse p i in einem 3n-dimensionalen Impulsraum unter.
einem Abstand p = 2mE/N ab. E ist proportional der Dann ist es nur noch ein Schritt weiter, auch Orts- und
absoluten Temperatur T des Gases. Abbildung . legt Impulsraum zu einem 6n-dimensionalen Phasenraum zu-
nahe, dass sich Vielteilchensysteme durch ihre Dichten im sammenzufassen, in dem die momentane Lage und Bewe-
Orts- und Impulsraum gut beschreiben lassen (vgl. Kap. , gung aller Teilchen durch einen Punkt beschrieben werden
). können.

.. Phasenraum M .. Hamiltons Mechanik


Als Phasenraum bezeichnen wir die Zusammenfassung Wenn wir die Kräfte kennen, die von außen auf die Teil-
von Orts- oder Konfigurationsraum und Impulsraum zu chen wirken und die diese aufeinander ausüben, können
einem Raum, der pro Teilchen  Dimensionen besitzt. Der wir die potentielle Energie Epot des Systems berechnen. Sie
Bewegungszustand jedes Teilchens ist in diesem Raum hängt nur von den Lagen aller Teilchen ab: Epot = f (r i ).
vollständig durch die Phasenbahn bestimmt. Ihre Ableitung nach der Koordinate r i liefert die Kraft
auf das entsprechende Teilchen in der angegebenen Rich-
tung. Diese Kraft ist gleich der zeitlichen Impulsänderung:
∂E/∂r i = −Fi = − ṗ i . Es schadet nichts, wenn man hier
BEISPIEL

Phasenraumporträt eines -dimensionalen harmonischen in E auch die kinetische Energie stehen hat, denn sie hängt
Oszillators (Abb. .). Die harmonische Schwingung voll- nicht von r i , sondern nur von ṙ i bzw. p i ab: Ekin = g(p i ).
führt die Bewegung x(t) = x0 sin ωt bzw. p x (t) = Die 3n Beziehungen für die Kräfte lassen sich zu einem 3n-
m ẋ(t) = mωx0 cos ωt. Wählt man als normierte Koordina- dimensionalen Vektor des Ortsgradienten von E zusam-
ten (x(t), p x (t)/(mω)), ergibt sich gerade eine Kreisbahn. menfassen: grad⃗r E = − p⃗˙. Auch im Impulsraum kann man
den Gradientenvektor von E bilden. Er hat die 3n Kom-
ponenten ∂E/∂p i . Die Ableitung betrifft nur die kine-
Die 3n Zahlen r i eines Systems aus n Massenpunkten tische Energie Ekin = 21 ∑ m i r 2i = 12 ∑ p2i /m i . Es folgt
kann man sich als Koordinaten eines 3n-dimensionalen ∂E/∂p i = p i /m = ṙ i , oder zusammengefasst grad ⃗p E = ⃗r˙.
Ortsraums denken, in dem die Lage aller n Teilchen durch Die Gesamtenenergie eines Systems H(⃗r , p⃗) hängt von
den Orts- und Impulskoordinaten ab und wird Hamilton-
Funktion genannt. Die Bewegungsgleichungen des Sys-
tems sind die Differentialgleichungen von Hamilton:
Ortsraum

⃗ ⃗r H = − p⃗˙ , ⃗ ⃗p H = ⃗r˙ .
px(t) px(t)/mω
mω ∇ ∇ (.)

Wir haben bisher i. Allg. in kartesischen oder Polarkoor-


Impulsraum

dinaten gerechnet. Für komplexe mechanische Systeme


x(t) 0 t mit Bindungen, z. B. für Teilchen, die nur auf bestimmten
Flächen oder Kurven laufen dürfen, oder die durch star-
re Stangen, Fäden usw. untereinander gekoppelt sind, ist
t=0 die Beschreibung mit anderen Koordinaten oft einfacher.
Wenn man fragt: Wie weit ist das Teilchen auf dieser Kurve
t schon gerutscht, genügt eine Zahlenangabe, während man
in cartesischen Koordinaten immer drei braucht. Natürlich
haben die Bewegungsgleichungen in diesen neuen Koor-
dinaten nicht mehr die einfache Newton-Form. Hamilton,
0 x(t)
Lagrange u. A. haben Bewegungsgleichungen gefunden,
⊡ Abbildung 1.39 Phasenraumporträt der eindimensionalen die unabhängig von der speziellen Wahl des Koordinaten-
Schwingung systems sind und die daher oft Vorteile bei der Behandlung
1 Mechanik der Massenpunkte

mechanischer Systeme bieten. Die verallgemeinerten Paare


von Orts- und Impulskoordinaten nennt man kanonisch
konjugierte Variable.

.. Invarianzen und Erhaltungssätze


Die Hamilton-Funktion hängt nicht von der Lage des Ko-
ordinatensystems ab, in dem man die Teilchen beschreibt.
Speziell kann man den Ursprung woanders hinlegen oder
das Koordinatensystem um den gegebenen Ursprung dre-
hen oder den Zeitnullpunkt anders wählen, ohne dass
sich E ändert. Diese drei Invarianzen sind logisch äquiva-
lent mit den Erhaltungssätzen:

Homogenität der Zeit Energieerhaltung


Homogenität des Raumes Impulserhaltung
Isotropie des Raumes Drehimpulserhaltung
⊡ Abbildung 1.40 Emmy Noether, geb.  in Erlangen, gest.
Homogenität der Zeit. Die zeitliche Änderung der Hamil-  in Bryn Mawr
tonfunktion berechnet man aus ddt H = ∂t∂ H + ∇ ⃗ ⃗r H ⃗r˙ +
⃗ ⃗
∇ ⃗p H p = ∂t H. Wenn also H nicht explizit von der Zeit
˙ ∂

abhängt, ist Ė = 0, es gilt der Energiesatz. zyklisch permutieren, damit sich δ α ⃗ ausklammern lässt:
δE i = δ α ⃗ ⋅ (−⃗r i × p⃗˙ i + p⃗i × ⃗r˙i ) = −δ α ⃗ ⋅ (⃗r i × p⃗˙ i + ⃗r˙i × p⃗i ).
Homogenität des Raumes. Wir verschieben den Ursprung In der Klammer steht die Ableitung des Drehimpulses
um δ⃗r, ersetzen die Ortsvektoren ⃗ r i der Teilchen durch ⃗r i − ⃗ i = ⃗r i × p⃗i . Also ist die Summe δE = ∑ i δE i = −δ α
L ⃗ ⋅ ∑i L ⃗˙ i .
δ⃗r. Dabei soll sich E nicht ändern, soll also nur von der Damit dieses Produkt bei jeder beliebigen Wahl der Dre-
relativen Lage der Teilchen abhängen, was vernünftig ist.
⃗ verschwindet, muss ∑ i L ⃗˙ i = 0 sein, d. h. der
Die Änderung δE = ∑(∂E/∂r i ) δr i soll  sein. Nach der
hung δ α
Hamilton-Gleichung (.) heißt das δE = ∑i (− p⃗˙)⋅ δ⃗r = 0.
Drehimpulssatz gelten.
Wenn dieses Produkt verschwinden soll, gleichgültig wie Ganz allgemein kann man zeigen:
wir δ⃗r gewählt haben, muss ∑ i p⃗˙ i = 0 sein, also ist der Ge-
samtimpuls ∑i p⃗i zeitlich konstant. Wenn die Energiefunktion invariant gegen eine gewisse
Transformation ist, d. h. die Naturgesetze symmetrisch im
Isotropie des Raumes: Bei einer kleinen Drehung um Hinblick auf eine solche Transformation sind, entspricht
den Winkel δ α ⃗ (Drehachse gegeben durch die Richtung das dem Erhaltungssatz für eine bestimmte Größe.
des Vektors δ α ⃗, Drehwinkel gegeben durch seinen Be-
trag) ändert sich der Ortsvektor ⃗r i um δ⃗r i = δ α ⃗ × ⃗r i
(vgl. Abschn. ..). Aber auch der Impulsvektor ändert Dieser Satz von Emmy Noether, kurz Noether-Theorem,
sich bei der Drehung (bei der Verschiebung blieb er kon- spielt in der modernen theoretischen Physik eine grund-
stant), er ist ja jetzt, ebenso wie der Ortsvektor ⃗r , nach an- legende Rolle.
deren Koordinatenrichtungen aufzuspalten: δ p⃗i = δ α ⃗ × p⃗i .
Die Gesamtenergie muss von der Drehung unberührt blei-
⃗ ⃗r i E ⋅
.. Der Virialsatz M
ben. Der Beitrag eines Teilchens dazu ist δE i = ∇
⃗ ⃗p i E ⋅ δ p⃗i . Wir setzen die Ausdrücke für δ⃗r und δ p⃗
δ⃗r i + ∇ Rudolf Clausius, der auch die Entropie „erfand“, leitete 
ein und benutzen die Hamilton-Gleichungen: δE i = − p⃗˙ i ⋅ einen Satz ab, der für subtilere Probleme der Gasdynamik,
(δ α⃗ × ⃗r i ) + ⃗r˙i ⋅ (δ α⃗ × p⃗i ) = 0. Beide Terme sind Spat- der Astrophysik, aber auch der Atom- und Molekülphysik
produkte. Nach Gleichung (.) können wir die Faktoren sehr nützlich ist. Dieser Virialsatz gilt nicht so allgemein
Kräfte in bewegten Bezugssystemen 40/41

wie Impuls- und Energiesatz, sondern nur für stabile me- gesamte Gravitationsenergie doppelt so groß wie die kine-
chanische Systeme, d. h. für Systeme von Massenpunkten, tische (thermische) ist. Daraus ergibt sich die Größenord-
deren Bestimmungsstücke, über hinreichend lange Zeit ge- nung der Temperaturen im Sterninnern, obwohl der exakte
mittelt, sich zeitlich nicht ändern. Ein solches System be- Wert von der Massenverteilung abhängt.
stehe aus den Massen m k (k = 1, 2, . . .), die sich an den
Orten ⃗r k befinden und die Impulse p⃗k haben. Alle diese
Einzelgrößen ändern sich natürlich zeitlich, aber das Zeit-
mittel z. B. der Summe ∑ p⃗k ⃗r k für das ganze stabile System . Kräfte in bewegten Bezugssystemen
ändert sich nicht, d. h.
Man kann Bewegungen in beliebig bewegten Bezugssyste-
∑ p⃗k ⋅ ⃗r k = ∑ p⃗˙ k ⋅ ⃗r k + ∑ p⃗k ⋅ ⃗r˙k = 0 .
d men beschreiben (aber wer bewegt sich eigentlich „wirk-
(.)
dt lich“?). Dabei muss man aber meist damit rechnen, dass
sich die Körper ziemlich bizarr verhalten, angetrieben
∑ p⃗k ⋅ ⃗r˙k ist genau die doppelte kinetische Energie. Da p⃗˙ k = durch zunächst rätselhafte Kräfte.
F⃗k die auf das k-te Teilchen wirkende Gesamtkraft ist, kann
man die erste Summe schreiben ∑ F⃗k ⋅ ⃗r k . Sie heißt das Vi-
rial der wirksamen Kräfte. F⃗k ist die Summe aller Wechsel- .. Kontaktkräfte und Fernkräfte
wirkungen mit anderen Teilchen des Systems: F⃗k = ∑ F⃗k j
(äußere Kräfte dürfen nicht in das System hineingreifen, Alle Kräfte, die man in der Natur beobachtet, lassen sich
sonst wäre es nicht stabil; man kann diese äußeren Kräf- zwanglos in mehrere Gruppen einteilen:
te ggf. auch eliminieren, indem man z. B. ein frei fallen-
des Bezugssystem benutzt). Zu jedem F⃗k j taucht im Virial
1. Kontaktwechselwirkungen treten zwischen Körpern

auch die Gegenkraft F⃗jk = −F⃗k j auf den Wechselwirkungs-


auf durch Druck, Zug, Stoß usw. Beispiel: Die verschie-
denen Glieder der Kräfteübertragungskette im Auto
partner auf. Der Beitrag jedes Paares k, j lässt sich also zu-
sammenfassen zu F⃗k j (⃗r k − ⃗r j ). Die Kraft folge nun einem
vom Druck des explodierenden Treibstoffgas-Luft-

Potenzgesetz F⃗k j = a k j (⃗r k − ⃗r j )∣⃗r k − ⃗r j ∣−n−1 (z. B. n = 2,


Gemisches bis zur Reibung der Reifen an der Straße.
2. Kräfte, bei denen keine direkte Kontaktwechselwirkung
a k j = −Gm k m j für die Gravitation). Der Beitrag des Paares nachweisbar ist. Diese Gruppe enthält so verschieden-
k, j wird dann a k j ∣⃗r k −⃗r j ∣−n+1 . Andererseits ist sein Beitrag artige Kräfte wie die Zentrifugalkraft, elektromagneti-
zur potentiellen Energie E k j = (n−1)−1 a k j ∣⃗r k −⃗r j ∣−n+1 . Al- sche Wechselwirkungen und die Gravitation. Sie ord-
so lautet (.), in Epot und Ekin ausgedrückt nen sich in zwei Untergruppen:
a)Kräfte, die dadurch entstehen, dass man den Vor-
Ekin = − 21 (n − 1)Epot . gang in einem bestimmten Bezugssystem beschreibt,
und die in anderen Bezugssystemen nicht vorhan-
Ekin und Epot teilen daher die konstante Gesamtenergie E = den wären: Trägheitskräfte.
Ekin + Epot unter sich auf gemäß b)Kräfte, die durch keine Änderung des Bezugssys-
n−1 tems zu beseitigen sind (echte Fernkräfte, zu den
Ekin = − Epot =
2
E, E.
3−n 3−n
fundamentalen Kräften der Natur s. Abschn. ..).

Für Gravitation und Coulomb-Anziehung (n = 2) folgt Das einfachste Beispiel für eine Trägheitskraft verspüren
Ekin = −E, Epot = 2E, was wir für den Spezialfall der Kreis- die Insassen eines bremsenden Autos. Es ist kein Kontakt
oder Ellipsenbahn eines Teilchens um das andere in Ab- mit einem anderen Körper vorhanden, der sie nach vorn
schn. .. und für das Atom in Abschn. . bestätigen wer- drängte. Die Beschleunigungen und Kräfte, die im Bezugs-
den, was aber offenbar sehr viel allgemeiner gilt. Dass die- system des Autos auftreten, verschwinden beim Übergang
se Kräfte n = 2 haben, ist ein „glücklicher Zufall“, denn zu einem System, das sich geradlinig-gleichförmig weiter-
für n < 1 oder n > 3 ist ein positives Ekin bei negativer bewegt; die Insassen tun ja auch nur, was das Trägheitsge-
(bindender) Gesamtenergie E überhaupt nicht mehr mög- setz verlangt, d. h. sie suchen sich geradlinig-gleichförmig
lich, d. h. Kräfte mit solcher Abstandsabhängigkeit können weiterzubewegen. Diese gebräuchliche aber etwas irrefüh-
keine stabilen Systeme zusammenhalten. Für einen Stern rende Einstufung der Kraft als Scheinkraft ändert nichts
folgt sofort, dass unabhängig von der inneren Struktur die an ihren realen, oft katastrophalen Folgen.
1 Mechanik der Massenpunkte

Was die echten Fernkräfte (b) betrifft, so schien selbst Inertialsysteme gibt es in unserer unmittelbaren Umge-
ihre Existenz lange Zeit den Physikern (z. B. Newton) frag- bung nicht, denn Gravitation und Erdrotation wirken im-
würdig, wenn nicht absurd. Es gibt viele Versuche, z. B. mer.
die Gravitation auf Nahewirkungskräfte zurückzufüh- Auch ein antriebslos fliegendes Raumschiff stellt kein
ren. Besonders die Elektrodynamik hat uns aber so an Inertialsystem dar, solange es in der Nähe größerer Mas-
die Vorstellung einer Fernkraft gewöhnt, dass durch die sen ist: Im Innern der Rakete stellt man zwar keine „rät-
Entwicklung der mikroskopischen Physik der Materie der selhaften“ Beschleunigungen fest (außer den Gezeitenbe-
direkte Kontakt fraglich wurde und Nahwirkungen als ver- schleunigungen), doch wird der unbefangene Beobachter
kappte Fernwirkungen erschienen. Was die Gravitation sich wundern, warum z. B. die Erde ihm beschleunigt ent-
betrifft, so hat Einstein sie (mit einigen Einschränkungen) gegenkommt.
endgültig unter die Trägheitskräfte eingeordnet, indem Eine fast vollkommene Annäherung an ein Inertial-
er die allerdings recht raffinierten Transformationen des system wäre erst durch eine antriebslose Rakete im inter-
Bezugssystems fand, die sie zum Verschwinden bringen stellaren Raum fern von allen Massen realisiert, falls sie
(vgl. Abschn. ..). nicht rotiert. Ein solches „antriebsloses Raumschiff “ ist
auch die Sonne (abgesehen von ihrem fast kreisförmigen
.. Inertialsysteme Umlauf um das Zentrum der Galaxis). Ein mit der Sonne
verbundenes Achsenkreuz, dessen Achsen auf bestimmte
Bewegung eines Körpers wird immer relativ zu ande- Fixsterne zeigen, ist ein praktisch ausreichendes Inerti-
ren Körpern beobachtet. Aus Beobachtungen lässt sich alsystem, falls man von den Gravitationswirkungen der
nicht schließen, wer sich (gleichförmig) bewegt oder wer Sonne und der Planeten absieht.
sich in Ruhe (relativ wozu?) befindet. Die Wurfparabel Galilei hat noch selbstverständlich angenommen, dass
in Abb. . sieht für Beobachter auf dem vorderen Wa- es eine absolute Zeit gibt. Einstein hat mehr als  Jah-
gen immer gleich aus, ob nun der hintere Wagen relativ re später das Relativitätsprinzip ganz im Sinne von Ga-
zur Umgebung in Bewegung ist oder er selbst. Der Be- lilei angewandt, dass nämlich physikalische Gesetze un-
griff des Inertialsystems (von inertia (lat.), Trägheit) geht abhängig vom Inertialsystem gelten müssen und dass
auf Galilei zurück. Sein Relativitätsprinzip lautet: Physi- man durch Messungen keinen absoluten Bewegungszu-
kalische Gesetze müssen unabhängig vom Bezugssystem stand ermitteln kann. Seine Forderung, dass die Lichtge-
gelten, und insbesondere müssen Newtons Axiome gelten schwindigkeit c = 300 000 km/s in allen Systemen immer
(s. Abschn. ..): In einem Inertialsystem wird der Bewe- dieselbe sein sollte, steht allerdings im Widerspruch zur
gungszustand eines kräftefreien Körpers nicht geändert. Galilei-Transformation und erzwingt die Gleichbehand-
Die Transformation von einem zum anderen Bezugs- lung der Orts- und Zeitkoordinaten, s. Abschn. .. Zum
system, das sich mit der Relativgeschwindigkeit w ⃗ bewegt, Glück ist die Galilei-Transformation für Geschwindigkei-
wird durch die Galilei-Transformation geleistet, ten v/c ≪ 1 eine sehr gute Näherung.
⃗r ′ (t) = ⃗r(t) + wt
⃗ und t′ = t . (.)
.. Rotierende Bezugssysteme
Für die Geschwindigkeit eines Massenpunktes im ge-
⃗ und ins-
strichenen System gilt dann v⃗′ (t) = v⃗(t) + w, Die Zentrifugalkraft gehört zweifellos zu den Trägheits-
besondere bleibt Newtons Kraftgesetz unverändert, kräften. Jeder Gegenstand, der an einer Leine herumge-
schleudert wird, übt sie aus, und nur die von der Leine
F⃗ /m = ⃗r¨ (t) = v⃗˙ (t) = v⃗˙ (t) = ⃗r¨(t) = F/m
⃗ .
′ ′ ′
erzwungene Zentripetalkraft, die die Zentrifugalkraft ge-

⊡ Abbildung 1.41 Relativitätsprinzip: υ


Der Beobachter kann nicht unterscheiden, –υ
ob er einen bewegten Wagen sieht oder ob
er sich selbst bewegt
Kräfte in bewegten Bezugssystemen 42/43

rade kompensiert, hält ihn auf einer Kreisbahn. Und un- Ein Vektor wird im Inertialsystem I beschrieben mit
ser natürliches Bezugssystem auf der Erdoberfläche führt a⃗(t) = ∑3i=1 a i (t)⃗
e i (t). Seine zeitliche Änderung ist
einmal pro Tag eine vollständige Umdrehung aus, bei ge-
3 3
a⃗(t) = ∑ ȧ i e⃗i + ∑ a i e⃗˙i .
ringer Rotationsfrequenz aber mit wichtigen Konsequen- d
(.)
zen. dt
Jeder Basisvektor e⃗i des Bezugssystems R in Abb. .
i=1 i=1

führt bei einer Drehung der Kugeloberfläche ebenfalls ei- Der erste Beitrag beschreibt die Änderung im rotierenden
ne vollständige Umdrehung mit der Winkelgeschwindig- System R, denn dort ändern sich ja die e⃗i nicht. Der zweite
keit ω (s. Abschn. ..) um die Drehachse mit Einheits- gibt genau die Trägheits- oder Scheinkräfte an, die wir z. B.
vektor e⃗ω aus. Der Radius der Kreisbewegung der Spitzen als Zentrifugalkraft erfahren:
der orthonormalen Einheitsvektoren e⃗i ist proportional zu
e i , e⃗ω ). Da e⃗ω ferner senkrecht auf der Ebene steht, in
sin (⃗ ∣ a⃗(t) = ∣ a⃗(t) + ω × a⃗(t)
d d
der die Rotation stattfindet, liegt es nahe, dass infinitesima- dt I dt R
le Rotationen der Einheitsvektoren durch das Vektorpro- Weil der Zusammenhang für jeden beliebigen Vektor gilt,
dukt beschrieben werden können (weitere Einzelheiten in ist es nützlich, den Operator
Abschn. . und .),

∣ = ⃗
∣ + ω×
d d
d⃗ e ω × e⃗i dt = ω
e i = ω⃗ ⃗ × e⃗i dt . dt I dt R
(.)

einzuführen. Ein Operator wirkt auf eine mathematische


Funktion: Durch Addition, Multiplikation, Differential-
und andere Operationen transformiert er die Funktion auf
ω eine neue Form.
Wenn mit ⃗r der Abstand zu einem Ursprung auf der
ω
Drehachse gemessen wird, gilt für Geschwindigkeit v⃗ = ⃗r˙
und Beschleunigung im rotierenden Bezugssystem

v⃗I = v⃗R + ω ⃗ × ⃗r R
⃗ × v⃗R + ω
v⃗˙ I = v⃗˙ R + 2ω ⃗ × (ω
⃗ × ⃗r )

Ruht der Massenpunkt im rotierenden System (⃗ vR = 0) fin-


det man für ω ⃗ ⊥ ⃗r wieder die Kreisbahngeschwindigkeit
(.) und die Zentrifugalbeschleunigung a⃗ = ω×(
⃗ ω×⃗
⃗ r) =
R
−ω 2 ⃗r + (ω
⃗ ⋅ ⃗r)ω,
⃗ in Übereinstimmung mit (.) für ω⃗ ⊥⃗r.

.. Corioliskraft und Foucault-Effekt


Bei der Transformation von Newtons Bewegungsgleichung
ins rotierende Bezugssystem erhält man

m⃗r¨I = m⃗r¨R + 2m ω
⃗ × v⃗R + m ω
⃗ × (ω
⃗ × ⃗r R ) ,

bzw.

m⃗r¨R = m⃗r¨I + 2m⃗ ⃗ + mω


vR × ω ⃗ × (⃗r × ω)
⃗ .

Der zweite Term ist die schon bekannte Zentrifugalkraft.


⊡ Abbildung 1.42 Ein rotierendes Bezugssystem. Die Einheits- Der erste kommt in rotierenden Systemen hinzu und heißt
vektoren des rotierenden Systems unterliegen einer gemeinsamen Coriolis-Kraft,
Drehung F⃗Cor = v⃗R × 2m ω
⃗. (.)
1 Mechanik der Massenpunkte

lässt. Polarkoordinaten (Abschn. ..) sind hilfreich, um


zu bestimmen, wie schnell sich die Pendelebene dreht: ⃗vR =
vr e⃗r + vφ e⃗φ ≃ vR e⃗r wegen vφ ≪ vr . Für die Beschleuni-
ω

α = ωt AR
y = rα = υx t?ωt gung gilt dann v⃗˙ R ≃ v̇R e⃗r + vR e⃗˙r = v̇R e⃗r + vR φ̇⃗
e φ . Die ra-
AR diale Bewegung wird durch die Pendelbeschleunigung an-
r 5 υx t AI getrieben (v̇R e⃗r + kr⃗ er = 0); die Drehung der Pendelebe-
AI ne wird durch die Horizontalkomponente der Corioliskraft
(2ω ⃗ × v⃗R )H = 2ω sin θvR e⃗φ verursacht:

(v˙R + kr)⃗
er + vR (φ̇ − ω sin θ)⃗
eφ = 0 .

Die Koeffizienten von e⃗r,φ müssen separat verschwinden.


⊡ Abbildung 1.43 Physikalische Interpretation der Corioliskraft

Danach treibt die Pendelbewegung die Rotation an, aber


die Drehung der Schwingungsebene hängt nicht von vR
Am Beispiel einer flachen Scheibe kann man erkennen, selbst ab. Die Pendelebene dreht sich also mit der Rate
dass das Hinwegdrehen der Scheibe unter einem bewegten
Massenpunkt Ursprung der Corioliskraft ist: Eine Kugel Ω = φ̇ = ω sin θ . (.)
werde mit der Geschwindigkeit vx aus dem Zentrum in
radialer x-Richtung abgeschossen. Der mitrotierende Be- Die Winkelgeschwindigkeit der Erdrotation berechnet
obachter sieht, wie sich die Kugel entfernt und dabei eine man aus
Rechtskurve durchläuft (Abb. .). Wenn die Kugel den
ω = 2π = 2π ⋅ 1,16 ⋅ 10 s .
1
Abstand r = vx t erreicht hat, hat sich natürlich auch die
−5 −1
24 h
Scheibe um den Winkel α = ωt weitergedreht. Für kleine
Winkel kann man schreiben y ≃ rα = vx tωt = vx ωt 2 . Der In mitteleuropäischen Breiten (θ = 51○ ) rückt das Foucault-
Vergleich mit dem Beschleunigungs-Zeit-Gesetz (.) er- Pendel pro Stunde um sin θ ⋅ (360○ /24) ∼ 12○ vor.
gibt a = 2vx ω, wie erwartet. Die Horizontalkomponente bewirkt für alle sich auf der
Auf der rotierenden Erde hat die Coriolis-Kraft im All- nördlichen Halbkugel bewegenden Körper eine Rechtsab-
gemeinen eine Horizontal- und eine Vertikalkomponente. weichung, am Äquator wechselt sie das Vorzeichen (Ω < 0
Wenn die Bewegung in der Oberfläche erfolgt, wirkt die in Gl. (.)). Dies ist von entscheidender Bedeutung für
Coriolis-Kraft am Pol nur horizontal, am Äquator nur radi- die Bewegung atmosphärischer Luftmassen. Druckgradi-
al; im letzteren Fall ist sie gleichgerichtet mit der Zentrifu- enten erzeugen Kräfte, die Luftpakete vom höheren zum
galkraft. Die bekannteste Wirkung der Corioliskraft ist die niedrigeren Druck transportieren. Die Corioliskraft (auf
Drehung der Schwingungsebene des Foucaultschen Pen- der nördlichen immer rechts herum, im Süden umgekehrt)
dels, das auch für Laien die Erdrotation sichtbar werden ist Ursache der Entstehung von Wirbelstürmen (s. Ab-

ω ω sinθ
HE

θ
⊡ Abbildung 1.44 Links: Ein Pendel hin-
terlässt auf einer Drehscheibe eine Roset-
tenspur. Rechts: Horizontal- und Vertikal-
komponenten der Winkelgeschwindigkeit
der Erdrotation in der Horizontalebene
(HE)
Gravitation und Himmelsmechanik 44/45

Diese Arbeit stammt aus der kinetischen Energie der Ra-


tief
kete, die anfangs 12 mv02 war, jetzt aber um W kleiner ist:
1
2
mv02 − 21 mv 2 = mgR 2 (1/R − 1/r 1 ). Die Gesamtenergie
der Rakete ist konstant:

mgR 2 1
E = Ekin + Epot = mv − = mv0 − mgR (.)
1 2 2
2 r 2

hoch und z. B. aus dem Anfangszustand angebbar. Bei der Nor-


mierung Epot (∞) = 0 hat ja die potentielle Energie negati-
ves Vorzeichen.
√ und
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen positiver
negativer Gesamtenergie. Bei E > 0, d. h. v0 > 2gR =
11,2 km/s, bleibt auch bei r = ∞, wo Epot = 0 ist, noch
Geschwindigkeit v übrig: Die Rakete kann sich vollkom-
⊡ Abbildung 1.45 Druckgradienten (gestrichelt) erzeugen Win- men von der Erde lösen. Der kritische Wert von 11,2 km/s
de. Die Corioliskraft lenkt die Winde (rot) in der nördlichen He- heißt auch (parabolische) Fluchtgeschwindigkeit oder
misphäre rechts, in der südlichen links herum ab √
zweite kosmische Geschwindigkeitsstufe (die erste ist die
Kreisbahngeschwindigkeit v = gR = 7,9 km/s). Bei

E < 0, d. h. v0 < 2gR, gibt es einen Abstand, wo v = 0
schn. ..). Darin wird die Wirbelbewegung durch das wird, nämlich r max = mgR 2 /∣E∣. Dort kehrt die Rakete um
Wechselspiel von Zentrifugal- und Druckkräften aufrecht und fällt wieder zurück.
erhalten.
.. Das Gravitationsgesetz

. Gravitation und Himmelsmechanik In sehr großen Maßstäben überwiegt die Gravitation alle
anderen Kräfte und bestimmt den Aufbau des Weltalls fast
.. Aufstieg im Schwerefeld allein.
In seinen durch die Londoner Pestepidemie verlän-
Die Schwerebeschleunigung, die zu unseren elementars- gerten Semesterferien – fand Isaac Newton außer
ten Erfahrungen gehört, erleben wir als konstant, so wie dem verallgemeinerten binomischen Satz, der Differential-
wir sie in Abschn. .. behandelt haben. In Wirklichkeit und Integralrechnung, der Spektralzerlegung des weißen
nimmt die Schwerebeschleunigung mit der Höhe ab, und Lichts auch das Gravitationsgesetz. Die Grundidee ist
zwar umgekehrt proportional zum Quadrat des Abstan- uns heute so geläufig geworden, dass wir ihre Genialität
des r vom Erdmittelpunkt (vgl. Abschn. ..). Im Abstand und Tragweite kaum noch richtig einschätzen können.
r ist sie also nicht mehr g = 9,81 m/s2 , wie im Abstand Die Kraft, die den Apfel vom Baum fallen lässt, ist die
R = 6370 km, d. h. an der Erdoberfläche, sondern sie ist gleiche, die den Mond um die Erde und die Erde um die
dort a = gR 2 /r 2 . Eine Rakete werde auf die Geschwin- Sonne zwingt, d. h.: Beide Fälle sind Spezialfälle eines all-
digkeit v0 gebracht und fliege dann, praktisch außerhalb gemeinen Kraftgesetzes, nach dem alle Massen einander
der bremsenden Atmosphäre, antriebsfrei genau senk- anziehen. Die Kraft wird von den Massen m 1 und m 2 der
recht weiter. Die Schwerkraft erteilt ihr, wenn sie im Ab- beiden beteiligten Körper, ihrem Abstand und vielleicht
stand r ist, die Beschleunigung r̈ = −gR 2 /r 2 , also die Kraft auch noch anderen Größen abhängen:
mr̈ = −mgR 2 /r 2 . Auf der kleinen Strecke dr muss die
Rakete die Arbeit mgR 2 r −2 dr leisten, beim Aufstieg von F = f (m 1 , m 2 , r, . . . ) .
r = R bis zum Abstand r 1 die Arbeit
Aus dem Reaktionsprinzip folgt gleichzeitig, dass es sich
2 um eine beiderseitige Anziehung handeln muss: Die Erde
W= dr = mgR 2 ( − ) .
r1 mgR 1 1

R r2 R r1
wird vom Apfel mit der gleichen Kraft angezogen wie um-
gekehrt. m 1 und m 2 müssen also in symmetrischer Weise
1 Mechanik der Massenpunkte

aber diese Hypothese bestätigt sich tatsächlich glän-


zend. Man beachte, dass die Masse des Trabanten in
dieser Betrachtung keine Rolle spielt. Schon auf diesem
Stadium lassen sich Relativbestimmungen der Massen
rM von Himmelskörpern (ausgedrückt in der noch un-
bekanten Erdmasse) durchführen, sofern diese einen
a g = g(r E /r M) 2 a Z = ω 2r M Satelliten mit bekanntem Abstand vom Zentralkörper
und bekannter Umlaufszeit haben.
g = 9,81 m/s2
a BEISPIEL

2
a g r E2 Schätzen Sie die Masse der Erde ohne Benutzung der Gravi-
r r 60r E tationskonstante. Was kann man aus der Abweichung vom
rE richtigen Wert schließen?
r
Man weiß seit Eratosthenes (ca.  v. Chr.), dass der Er-
⊡ Abbildung 1.46 Newtons Apfel und der Mond unterliegen der- dradius R ≈ 6400 km ist. Wenn die Erde ganz aus Stein
selben Gravitationskraft. Nicht maßstäblich (Dichte ca. 2,7 g/cm3 ) bestünde, erhielte man eine Masse
M = 43 π%R 3 = 3 ⋅ 1024 kg. Dass die Masse in Wirklichkeit
in die Funktion f eingehen. Folgende Beobachtungen legen doppelt so groß ist, zeigt, dass schwereres Material in der
die Form des Gesetzes näher fest: Tiefe liegt.

• Auf der Erdoberfläche fallen alle Körper gleich schnell,


abgesehen von denen, die so leicht sind, dass der Luft-
widerstand eine wesentliche Rolle spielt. Die Fallbe- • Es wäre denkbar, dass die Kraft zwischen zwei Körpern
schleunigung ist also unabhängig von der Masse m 2 noch von anderen Größen abhängt. Zwei davon ver-
des fallenden Körpers. Die zur Erklärung dieser Be- dienen Erwähnung, nämlich die Geschwindigkeit der
schleunigung zu postulierende Kraft muss also propor- Massen, besser ihre Relativgeschwindigkeit und das
tional m 2 sein. Material, mit dem evtl. der Raum zwischen den beiden
• Aus dem Reaktionsprinzip folgt dann, dass F auch pro- Körpern erfüllt ist. Gibt es Substanzen, die die Gravi-
portional zu m 1 sein muss. tation abschirmen, wie das im sonst ziemlich analogen
• An der Erdoberfläche, also einen Erdradius oder rE = elektrostatischen Feld zutrifft?
6370 km vom Anziehungszentrum (Erdmittelpunkt) Einsteins Theorie liefert in der Tat eine winzige Abhän-
entfernt, beträgt die Schwerebeschleunigung g ≈ 10 m ⋅ gigkeit von der Relativgeschwindigkeit und auch vom
s−2 . Die Beschleunigung in dem Abstand r, wo sich der Rotationszustand der Körper. Für die Existenz von
Mond befindet (r = 60 rE ), ergibt sich sofort aus der Gravitationsschirmen besteht keinerlei Anhaltspunkt.
Kreisbahnbedingung für den Mond, d. h. der Gleich-
heit von Schwere- und Zentripetalbeschleunigung (vgl. BEISPIEL
(.), TUm = 27,3 Tage = 2,36 ⋅ 106 s):
Eigentlich sind doch elektrostatische Kräfte viel größer als
2π 2
a = ω2 r = ( ) ⋅ (60rE ) = 2,73 ⋅ 10−3 2 .
m die Gravitation (wie viel größer z. B. zwischen Elektron und
TUm s Proton?). Sie wirken sich im Weltall nur kaum aus, sagt man,
Die Beschleunigung im Mondabstand ist also 1/3600 = weil die Himmelskörper gleich viele Elektronen und Proto-
60−2 von der auf der Erdoberfläche wirkenden. Es war nen enthalten. Wenn nun aber eines dieser Teilchen eine et-
kühn, allein hieraus allgemein auf eine Abstandsabhän- was größere Ladung hätte?
gigkeit wie r −2 zu schließen: Der Kräftevergleich ergibt e 2 /(4πε0 GmP mE ) ≈ 1040 . Elek-
trische Kräfte tendieren zum Ladungsausgleich (nicht unbe-
F ∼ r −2 , F=G
m1 m2
also , (.) dingt Anzahlgleichheit), der das elektrische Feld kompen-
r2
Gravitation und Himmelsmechanik 46/47

Die Bestimmung der Gravitationskonstante ist gleichzeitig


siert; beim Gravitationsfeld geht das nicht, weil es keine ne- eine Wägung der Erde und aller übrigen Himmelskör-
gativen Massen gibt. per, für die vorher nur eine Relativbestimmung der Masse
(z. B. Vergleich mit der Erdmasse) möglich war.

.. Äquivalenz von träger und schwerer Masse


Eötvös Experiment
Es fehlt noch die Proportionalitätskonstante G in der For-
mel (.), d. h. die Größe der Kraft zwischen zwei Einheits- R. von Eötvös (–) hat die Torsionswaage von Ca-
massen im Einheitsabstand. Und woher wisssen wir eigent- vendish verwendet, um durch die in Abb. . gezeigte An-
lich, dass die Massen, die in den Formeln für die Schwer- ordnung die durch schwere bzw. träge Masse verursachten
kraft F⃗S = mS g⃗ und für die Trägheitskraft F⃗T = mT ⃗r¨ er- Kräfte (mS g und mT a Z ) durch Kompensation sehr emp-
scheinen, identisch sind, m. a. W. gilt tatsächlich mS ≡ mT ? findlich miteinander zu vergleichen. Im Prinzip ist dieses
Experiment nur eine sehr genaue Untersuchung der Uni-
versalität des freien Falls, also ob alle Körper gleich schnell
Cavendishs Waage
fallen.
Die Gravitationskonstante G kann experimentell erst be- Durch die Konstruktion misst die Torsionswaage die
stimmt werden, wenn die Massen beider wechselwirken- Differenz der Zentrifugalbeschleunigung zweier Körper,
den Körper bekannt sind. Für astronomische Objekte ein- a 1Z − a 2Z = (mS1 /mT1 − mS2 /mT2 )g. Man normiert diese Zahl
schließlich der Erde ist die Masse naturgemäß nicht direkt auf den Mittelwert der Beschleunigungen (a 1Z + a 2Z )/2 und
bestimmbar, wenn auch aus Volumen und vermutlicher erhält
Dichte Schätzwerte abgeleitet werden können. H. Caven- a1 − a2
η = 1Z 2Z .
dish (–) maß als erster die Kraft zwischen zwei (a Z + a Z )/2
Objekten bekannter Masse, nämlich Bleikugeln, mit Hilfe
seiner Torsionswaage (Abb. .). Der η-Wert gibt an, wie gut die Äquivalenz von schwerer
Der Wert der Gravitationskonstanten beträgt und träger Masse erfüllt ist, im vermuteten Idealfall ist er
Null. Er konnte im Prinzip schon von Galilei bestimmt wer-
G = (6,673 ± 0,010) ⋅ 10−11 N m2 kg−2 . (.) den (η < 0,1), bessere Ergebnisse erzielten Bessel mit einer
Pendelmethode (η < 10−5 ) und dann Eötvös (η < 10−8 ).
Die überraschend große Unsicherheit ist auf die syste- Der gegenwärtig beste Laborwert η = (−0,2 ± 2,8) ⋅ 10−12
matischen Fehler zurückzuführen, die bei Gravitations- (Su et al., Phys. Rev. D ,  ()) ist mit Null verträg-
messungen besonders schwer zu kontrollieren sind. Lokal lich, d. h. die Streuung der Messwerte ist größer als der na-
kann man die Anziehungskraft viel genauer bestimmen. he bei Null liegende Mittelwert. Für Präzisionsexperimente

⊡ Abbildung 1.47 Torsionswaage nach


m M
Cavendish. Weil eine sehr kleine Kraft ge-
messen werden muss, ist der Torsionsfa-
den, an dem die Probekörper m hängen,
Laser „weich“ und die Bewegung ist langsam. Bei
Demonstrationen werden die „Attraktor-
Massen“ M von den gestrichelten an die

L symmetrischen Endpositionen verschoben.
Δs
Die Gravitationskraft (bei bekannten Mas-
M m sen und Abständen damit G) kann aus der
Skala anfänglichen Beschleunigung Δr̈ bestimmt
werden. Für genaue Messungen werden
Schwingungen um die Gleichgewichtslagen
Δr = φ /2 = (Δs/2L) /2
genutzt
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.48 Torsionswaage nach


v
Eötvös. Auf die Testmassen wirkt durch die
Erdrotation eine Trägheitskraft, die Zentri-
fugalkraft. Die Torsionsfaser bildet einen Gr
K o avita
kleinen Winkel mit dem Lot, so dass die m p tion
on
Komponente der Zentrifugalkraft senk- e n s-
te Zentrifugalkraft ~ mTaZ
recht zum Faden durch die entsprechende
Drehwaage nach
Komponente der Gravitationskraft kom-
Cavendish Trä
pensiert wird. Falls schwere und träge Mas- gh
eit
sko

sg
se identisch sind, ruft die Kompensation mp

m
on

t~
für beide Testkörper dieselbe Auslenkung en
te

af
hervor. Andernfalls zeigt die Torsionswaage

kr
er
für unterschiedliche Körper (z. B. Cu und

hw
Sc
Pb) einen Ausschlag

verwendet man eine Anordnung mit 2 × 2 verschiedenen mP , m. a. W. wegen der Proportionalität zwischen schwe-
Massen, die im Quadrat angeordnet sind. Dadurch vermei- rer (dem Gravitationsfeld unterworfener) und träger Mas-
det man systematische Fehler, die durch (leicht auftreten- se. Für andere Arten von Feldern muss die Zerlegung an-
de) Gradienten der Schwerkraft hervorgerufen werden. ders vorgenommen werden, z. B. für das elektrostatische
Feld in die elektrische Feldstärke E⃗ und die Ladung e des
.. Das Gravitationsfeld Probekörpers.
Das Gravitationsfeld einer Punktmasse ist konservativ,
In den Ausdruck (.) für die Schwerkraft zwischen zwei denn es ist kugelsymmetrisch (s. Abschn. ..). Also exis-
Massenpunkten gehen beide Massen in völlig symmetri- tiert eine eindeutig vom Ort, und zwar nur vom Betrag r
scher Weise ein. Man kann sich aber auf den Standpunkt des Abstands abhängige potentielle Energie einer Probe-
stellen, dass der eine Massenpunkt (etwa Q) die Quelle ei- masse mP . Am einfachsten normiert man sie auf einen
nes Kraftfeldes sei, in dem sich der andere Massenpunkt P unendlich fernen Punkt, wo keine Kraft mehr herrscht.
bewegt. In dem Ausdruck F(r) = −mP (GmQ )/r 2 oder, Epot (r) ist dann die Arbeit, die nötig ist, die Masse mP aus
wenn man der Richtungseigenschaft Rechnung tragen will, dem Unendlichen in den endlichen Abstand r zu bringen.
Wegen der Wegunabhängigkeit kann man das immer längs
GmQ ⃗r
F⃗ = −mP 2 , (.) eines Radius tun und erhält
r r
Epot (r) = − F⃗ ⋅ d⃗r = mP dr = −mP
r r 1 GmQ
ist dann −GmQ⃗r /r eine Eigenschaft des Feldes allein, un-
3 ∫



GmQ
r2 r
.
abhängig von der speziellen „Probemasse“ mP . Man nennt (.)
diese Größe die Feldstärke g⃗ des Gravitationsfeldes. Auch
im allgemeinen Fall, nicht nur für das Feld einer Punktmas- Das Minuszeichen besagt vernünftigerweise, dass keine Ar-
se, ist die Feldstärke zu definieren durch den Zusammen- beit nötig ist, sondern welche frei wird.
hang mit der Kraft auf eine Probemasse mP : Auch die potentielle Energie lässt sich in einen vom Pro-
bekörper abhängigen Anteil mP und eine reine Feldeigen-
1 ⃗
g⃗ = F. (.) schaft, nämlich
mP
φ=−
GmQ
, (.)
Für das Gravitationsfeld ist g⃗(⃗r) dasselbe wie die an die- r
sem Ort ⃗r gültige Schwerebeschleunigung. Diese Zerle- das Potential des Feldes, aufspalten. Ganz allgemein (nicht
gung der Kraft in eine Eigenschaft des Feldes (⃗ g ) und eine nur für das Feld der Punktmasse) ergeben sich F⃗ aus Epot (⃗r)
Eigenschaft des Probekörpers (mP ) ist möglich, weil F⃗ ∼ und die Feldstärke g⃗ aus dem Potential φ durch Gradien-
Gravitation und Himmelsmechanik 48/49

tenbildung:
(a) (b)

F⃗ = − grad Epot (⃗r ) , g⃗ = − grad φ(⃗r) . (.)


0 1 2 r/a 3 0 1 2 r/a 3
0 0
.. Gravitationspotential ausgedehnter Körper Epot (r)
Epot(a)
Das Feld einer komplizierten Massenverteilung sieht natür-
lich ganz anders aus als das der Punktmasse (.). Wegen -1 -1
des Superpositionsprinzips lässt sich jede solche Verteilung
als Summe oder Integral von Punktmassen darstellen, erge-
⃗ g⃗, Epot (⃗r) und φ(⃗r) durch entsprechen-
ben sich auch F,
de Summierung oder Integration der Beiträge der einzel- FGrav(r)
FGrav(a)
nen Massenelemente. Der wichtigste Fall, die Kugel, verhält
1 1
sich aber genau wie ein idealisierter Massenpunkt.
Wir berechnen das Potential einer dünnen Kugelscha-
le mit Radius a, Wandstärke d a, Massendichte ρ und der
Gesamtmasse MS = ρ4πa 2 d a (Abb. .). 0 0
Der Beitrag des Massenrings dMS (θ) zum Gravitati- 0 1 2 r/a 3 0 1 2 r/a 3
onspotential Epot eines Probekörpers m am Ort P ist ⊡ Abbildung 1.50a,b Potentielle Energien und Gravitationskräf-
te für Kugelschale (a) und Vollkugel (b) mit Radius r = a
m dMS (θ)
dEpot = −G .
R(θ)

In einem einzelnen Ring steckt die Masse dMS = ρ2πa sin θ Außerhalb der Kugel ist das Potential also nicht von einem
dθ a da = 12 MS sin θ dθ. Ausnutzung des Kosinus-Satzes bei r = 0 konzentrierten Massenpunkt mit der Masse MS
(R 2 = a 2 + r 2 − 2ar cos θ) ergibt sin θ dθ = R dR/ar und zu unterscheiden. Das Innere jedoch ist feldfrei, weil das
dEpot = −GmMS dR/2ar. Das gesamte Potential berechnet Potential konstant ist! Bei der Vollkugel sieht ein Körper
man durch Summierung bzw. Integration über alle mög- außerhalb wiederum die volle Masse. Innerhalb der Kugel
lichen Abstände r − a ≤ R ≤ r + a, falls P außerhalb der mit Radius a und Masse MK = (4π/3)a 3 gilt
Kugel liegt, a − r ≤ R ≤ r + a, wenn P innerhalb liegt:
4πa ′2 ′
Epot = −Gmρ ( da + 4πa ′da ′)
r a




∫ ∫
⎪−G 2arS ∫r−a dR = −G r S für r > a
mM r+a mM 0 r r
Epot (r) = ⎨

⎪ = −G
r2
( − 2)
mMK 3
⎩−G 2ar ∫a−r dR = −G a
⎪ für r ≤ a
mMS r+a mMS
a 2 2a

Also steigt die Gravitationskraft linear vom Zentrum zu ih-


rem Wert an der Kugeloberfläche an (Abb. .).
da
Ganz allgemein kann das Gravitationspotential eines
dθ Probekörpers m im Feld einer Massenverteilung berechnet
R
werden aus
a
ρ(⃗r ′)
Epot (⃗r) = −Gm
θ P
∫V ∣⃗r − ⃗r ′ ∣
dV . (.)
r
Haben die Körper eine Gestalt, die von der Kugelform
abweicht – schon die Erde hat eine etwa ,%ige Abplat-
tung – so findet man kein reines Zentralpotential mehr.
⊡ Abbildung 1.49 Beitrag eines dünnen Massenrings einer Ku- Der Einfluss solcher Abweichungen wird im Kapitel über
gelschale zum Gravitationspotential bei P Himmelsmechanik untersucht.
1 Mechanik der Massenpunkte

.. Gezeitenkräfte Die Erde als Ganzes „fällt“ ebenfalls frei im Feld des
Mondes. Beide kreisen um ihren gemeinsamen Schwer-
punkt, der allerdings der Erde viel näher ist, bei etwa %
Es gibt keine vernünftige Massenverteilung, die ein homo- des Erddurchmessers rE liegt, also noch innerhalb des Erd-
genes Gravitationsfeld erzeugte. Höchstens eine gleichmä- körpers. Der Erdmittelpunkt beschreibt eine Kreisbewe-
ßig massenerfüllte Scheibe wie die einer Galaxis tut das gung, (Abb. . unten), deren Zentrifugalbeschleunigung
annähernd in nicht zu großem Abstand. In jedem inho- genau der dort herrschenden Anziehung bzw. Zentripe-
mogenen Feld aber sind die Kräfte, die auf die einzelnen talbeschleunigung durch den Mond (Masse mM , Abstand
Teile eines ausgedehnten Probekörpers wirken, verschie- Erde-Mond r) genügen muss: aZent = GmM /r 2 . Alle Punk-
den. Selbst wenn der Probekörper sich der Gravitation te des Erdkörpers beschreiben identische Kreise mit dem
möglichst zu entziehen sucht, indem er „sich fallen lässt“, gleichen Radius, d. h. sie erfahren dieselbe Zentrifugalbe-
müssen diese Unterschiede als Spannungen übrig blei- schleunigung (Die Eigenrotation der Erde braucht hierbei
ben. Wir betrachten ein Raumschiff, das etwa auf einer nicht beachtet zu werden! Sie ist schon durch die Abplat-
Kreisbahn antriebslos um die Erde fliegt. Die Insassen tung niveauflächenmäßig kompensiert.).
sind „schwerelos“, einfach weil sie ebenso schnell „fal- Auf der mondzugewandten Erdseite ist die Anziehungs-
len“ wie die Schiffswände und alle anderen Gegenstände kraft des Mondes größer, also suchen alle Gegenstände, zu-
(Proportionalität von träger und schwerer Masse). Sehr ge- sätzlich zur Kreisbewegung, mit der Differenzbeschleuni-
nau betrachtet sind aber die Felder und Beschleunigungen gung GmM /(r − rE )2 − aZent = GmM /(r − rE )2 − GmM /r2
auf der erdzugewandten Seite des Schiffes etwas größer auf den Mond zu, also nach oben zu „fallen“. Auf der gegen-
(da r kleiner ist), auf der anderen Seite etwas kleiner als überliegenden Erdseite ist GmM /(r + rE )2 etwas kleiner als
im Schwerpunkt, nach dem sich die Gesamtbewegung die Zentripetalbeschleunigung, daher sucht alles nach au-
der Rakete richtet. Die „oben“ und „unten“ schwebenden ßen, d. h. wieder nach oben zu fallen. Wenn, wie man meist
Gegenstände würden also sehr langsam an die entspre- sagt, einfach der Zug des Mondes den Flutberg auftürmte,
chenden Schiffswände treiben. Eine lose Vereinigung von müsste auf der anderen Erdseite Ebbe sein und nicht eben-
Massen würde sich allmählich zerstreuen (jedenfalls, wenn falls Flut.
sie dem Zentralkörper näher ist als ein kritischer Abstand, Wir wollen die Differenzbeschleunigung aGez auf der
die Roche-Grenze). mondzu- bzw. abgewandten Seite mit der Erdbeschleuni-

GmM Mond
(r+rE)2
GmM
r2
GmM
(r rE)2
aZent ⊡ Abbildung 1.51 Gezeitenkräfte. Erde und Mond laufen um
den gemeinsamen Schwerpunkt S (oben; Mond etwa doppelt so
groß wie maßstäblich korrekt). Die Zentripetalbeschleunigung
des Mondes wird für den Erdmittelpunkt gerade durch die Zen-
trifugalbeschleunigung kompensiert (mitte, orangefarbene bzw.
schwarze Linie). Der Erdmittelpunkt läuft genau um den Schwer-
punkt, alle anderen Punkte durchlaufen Kreise mit gleichem Ra-
dius aber verschiedenen Mittelpunkten (unten). Auf der mond-
S zugewandten Seite ist die Zentripetalbeschleunigung deshalb et-
was zu groß, auf der abgewandten Seite etwas zu klein. In beiden
Fällen wirkt die resultierende Beschleunigung aus der Sicht eines
Oberflächenbewohners „nach oben“
Gravitation und Himmelsmechanik 50/51

gung vergleichen und berechnen zunächst näherungsweise


m1

= GmM ( − )= ( − 1)
1 1 GmM 1
(r ± rE )2 r 2 (1 ± rE /r)2
aGez
r2
S

≈ (1 ∓ 2(rE /r) − 1) = ∓
GmM 2GmM rE
2
(.) r = r12r2
r r3 r1

Vergleich mit der Schwerebeschleunigung durch die Erde


liefert R
m2
−3
mM rE3
= = aGez ≈ 10−7 g .
aGez 2GmM rE r
2 , also r2
g GmE rE−2 mE r 3

Der feste Erdkörper zieht sich unter der Wirkung der


Gezeitenkräfte etwas in die Länge, aber die Einstellzeit ⊡ Abbildung 1.52 Schwerpunkt- und Relativkoordinaten. Zwei
dieser Deformation, die ja eine zwölfstündige Periode hat, Körper, die sich anziehen, drehen sich um den gemeinsamen
ist zu groß, als dass es zu einer vollen Anpassung an die ver- Schwerpunkt S
zerrten Niveauflächen käme (sonst gäbe es gar keine Mee-
resgezeiten). Das Wasser folgt mit geringerer Verzögerung.
Eine gewisse Verzögerung muss vorhanden sein, solange Erde, aber auch Proton und Elektron im Wasserstoffatom.
Kräfte die notwendige Verschiebung der Wassermassen Kräfte verursachen Impulsüberträge, und wir hatten bei
hemmen. Solche Kräfte sind: Die innere Reibung der Was- den Stoßgesetzen in Abschn. .. schon gesehen, dass
sermassen, die Reibung am Meeresboden, der Anprall an sich das Schwerpunktsystem besonders gut eignet, um die
Dynamik zu beschreiben. Gehorchen zwei Körper im La-
borsystem den Bewegungsgleichungen m 1 ⃗r¨1 = F⃗12 bzw.
die Kontinentalränder mit Eindringen in Meerengen und

m 2 ⃗r¨2 = F⃗21 so liegt es nahe, Relativkoordinaten ⃗r = ⃗r 1 −⃗r 2


Buchten. Diese verzögernden Kräfte führen zu einer Pha-
⃗ = (m 1 ⃗r 1 + m 2 ⃗r 2 )/(m 1 +
senverschiebung zwischen Mondhöchststand und Flut und
und Schwerpunktkoordinaten R
m 2 ) einzuführen. Wegen r 1 − r 2 = F⃗12 /m 1 − F⃗21 /m 2 =
zu einer Bremsung der Erdrotation. Der Erde wird so stän-

¨ ⃗
¨
−1 ⃗
dig Drehimpuls entzogen, der nach dem Drehimpulssatz
irgendwo im System wieder auftauchen muss, und zwar im (m−1 1 + m 2 ) F12 (⃗ r ) führt man die reduzierte Masse μ ein,
Mond als Hauptverantwortlichem. Dies führt schließlich
= +
zu einer sehr langsamen Zunahme des Abstands Erde– 1 1 1
. (.)
Mond. Aufhören kann dieser Prozess offenbar erst, wenn μ m1 m2
Tag und Monat gleich lang geworden sind.
Genau wie der Mond verursacht auch die unterschiedli- Dann erhält man mit der Gesamtmasse M = m 1 + m 2 die
che Anziehungskraft der Sonne auf der zu- bzw. abgewand- neuen Bewegungsgleichungen
ten Seite der Erde eine Gezeitenbeschleunigung, die etwa
1/3 der Wirkung des Mondes ausmacht. MR⃗¨ = F⃗12 + F⃗21 = 0 ,
(.)
.. Zwei-Körper-Probleme μ⃗r¨ = F⃗12 (⃗r ) .

Die geschlossene Lösung des Zwei-Körper-Problems ge- Danach bewegt sich der Schwerpunkt gleichförmig, die in-
hört zu den Eckpfeilern der erfolgreichen physikalischen nere Dynamik kann jetzt als die Bewegung eines Teilchens
Beschreibung der Materie, erlaubt es doch die Behandlung mit der Masse μ im Kraftfeld eines unendlich schweren
von so verschiedenen Objekten wie dem Planetensystem Zentrums behandelt werden – eine enorme Vereinfachung
oder einfachen Atomen. Schon beim Drei-Körper-Problem des Problems! Wenn einer der Körper sehr viel schwerer
wird es allerdings schwierig, s. Abschn. ... ist, m 2 /m 1 → 0, dann gilt μ = m 2 (1 + (m 2 /m 1 )) ≃ m 2 ,
Nach Newtons Reaktionsprinzip üben Körper Kräfte dann bewegt sich m 2 wie im Feld eines unendlich schwe-
immer paarweise und in Richtung des Vektors ⃗r 1 −⃗r 2 auf- ren Körpers. Im Sonnensystem hat auch der größte Planet
einander aus, F⃗12 = −F⃗21 , Erde und Mond, Sonne und Jupiter nur mJ ∼ 1/1000 Sonnenmasse M⊙ . Für das Plane-
1 Mechanik der Massenpunkte

tensystem können wir also in guter Näherung schreiben F⃗12 = F⃗ = −α⃗r/r 3 , annimmt. Wir stellen zuvor eine Grö-
ße vor, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, aber
m + M⊙
⃗r¨ = − ⃗r = −G ⃗r ≃ −G 3⊙ ⃗r .
G mM⊙ M die Behandlung anschließend ungemein erleichtert: Der
(.)
μ r3 r3 r Runge-Lenz-Vektor ⃗ є ist wie Energie und Drehimpuls ei-
ne weitere Konstante der Bewegung,

BEISPIEL
α⃗ ⃗ − α ⃗r = const.
є = ⃗r˙ × L (.a)
r
Jupiter schleudert die Sonne herum! Sonne und Jupiter dre-
hen sich um ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Der Ab- Zum Beweis rechnet man mit ⃗r¨ = −α⃗r/(mr 3 ) (wir verwen-
stand der Sonne zum Schwerpunkt beträgt r⊙ = rmJ /(mJ + den μ ≃ m)
M⊙ ) ≃ rm j /M⊙ . Einsetzen der Zahlenwerte (s. Tabelle .)
⃗˙ − α ( ⃗r − ⃗r ṙ )
˙
ergibt den Wert r⊙ ∼ 0,744⋅106 km. Dieser Radius ist größer
d
α⃗ ⃗ + ⃗r˙L)
є = (⃗r¨ × L
dt r r2
als der Sonnenradius 0,696 ⋅ 106 km, Jupiter schleudert also
= − 3 (⃗r × (⃗r × ⃗r˙) + r 2 ⃗r˙ − rṙ⃗r ) = 0 ,
α
die Sonne – sehr langsam – um mehr als ihren Durchmes-
ser herum. Im Prinzip könnte ein außerirdischer Beobach-
r
ter aus der periodischen Bewegung der Sonne auf die Exis- wobei man im letzten Schritt √ die Theoreme der Vektormul-
tenz von Jupiter schließen. tiplikation und ṙ = d/dt ⃗r ⋅ ⃗r = r −1 ⃗r ⋅ ⃗r˙ verwendet. Wir
gehen noch einen Schritt weiter, berechnen

⃗ − α ⃗r⃗r
α⃗r ⋅ є⃗ = αrє cos φ = ⃗r ⋅ (⃗r˙ × L)
r
.. Planetenbahnen
⃗ − αr = α (
2
= (⃗r × ⃗r˙) ⋅ L − r)
L
Der wichtigste Teil von Johannes Keplers (–) Le- mα
⃗ und finden damit das endgültige Resultat
benswerk bestand darin, aus einem ungeheuren astrono-
mischen Beobachtungsmaterial (völlig mit bloßem Auge mit ⃗r × ⃗r˙ = L/m
von Tycho Brahe gewonnen und entsprechend ungenau)
L 2 /mα
r= =
seine drei Gesetze zu kondensieren: p
. (.)
1 + є cos φ 1 + є cos φ

Der Aufwand hat sich gelohnt, denn aus dieser Gleichung


ist nicht nur sofort abzulesen, dass es sich (für 0 < є <
1. Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen, in deren einem
Brennpunkt die Sonne steht.
2. Der Radiusvektor (der Fahrstrahl Sonne–Planet) über-
streicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen.
3. Die Quadrate der Umlaufzeiten verschiedener Planeten
verhalten sich wie die Kuben ihrer großen Halbachsen.
m2

Das zweite dieser Kepler-Gesetze folgt für die moderne


Dynamik sofort als Sonderfall des Drehimpuls- oder Flä-
chensatzes (Abschn. ..); seine Voraussetzung, nämlich r
dass das Kraftfeld der Sonne ein Zentralfeld sei, ist ja kaum S
zu bezweifeln (Kepler selbst dachte allerdings an tangen-
tial zur Bahn wirkende Kräfte, die die Planeten, ganz ari-
stotelisch gedacht, in Gang halten sollen): Der Drehim-
⃗ = μ⃗r × v⃗ des Planeten ist also konstant. Auch hier
υ
puls L
muss die reduzierte Masse eingesetzt werden, in sehr gu-
ter Näherung gilt aber für die Planeten wieder μ ≃ m 2 .
Das erste und das dritte Gesetz ergeben sich erst, wenn ⊡ Abbildung 1.53 Keplers zweites Gesetz: Der Fahrstrahl Sonne–
man eine bestimmte Form dieses Kraftfeldes, und zwar Planet überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen
Gravitation und Himmelsmechanik 52/53

Halbachsen {a, b}
⊡ Tabelle 1.1 Parameter von Kep-
Energie E Exzentrizität є
ler-Ellipsen
Drehimpuls L Parameter p

є = (1 + 2EL2 /mα 2 ) a = −α/2E


1/2

p = L /mα
2
b = L/(−2mE)1/2

L = (mα p)1/2 a = p(1 − є2 )−1


E = −α(1 − є )/2p
2
b = p(1 − є2 )−1/2

L = b(mα/a)1/2 є = (1 − (b/a)2 )
1/2

E = −α/2a p = b /a
2

α = Gm1 m2

1) um eine Ellipse mit der Exzentrizität є = ∣⃗ є∣ handelt, Dort befinden sich die beiden Extrema der Ellipse, wenn
auch der Runge-Lenz-Vektor lässt sich jetzt interpretieren: die Energie E < 0 bleibt. An den Umkehrpunkten gilt
Er liegt wegen ⃗є⋅L ⃗ = 0 in der Bahnebene, und für φ = 0 ṙ = 0, deshalb findet man mit r A,B = p/(1 ± є) und
є ∥ ⃗r) wird r minimal, also zeigt er vom Brennpunkt der
(⃗ E = (L 2 /2mp2 )(1 ± є)2 − (α/p)(1 ± є) das Ergebnis
Ellipse in Richtung der Periapsis (bei der Sonne: Perihel).
є = (1 + 2EL 2 /mα 2 )
1/2
Generell werden durch Gl. (.)) die Kegelschnitte Kreis . (.)
(є = 0), Ellipse (0 < є < 1), Parabel (є = 1) und Hyper-
bel (є > 1) dargestellt. Eine alternative Behandlung ist im Für −L 2 /2mα ≤ E < 0 folgt die Bewegung einer Ellipse,
elektronischen Material auf dem Extra-Server (.e.) vor- für E ≥ 0 ist die Bewegung ungebunden und hat Hyperbel-
gestellt. form.
Ellipsen und als Spezialfall der Kreis sind besonders in- Das dritte Keplergesetz ergibt sich so: Nach dem Flä-
teressant, weil es sich dabei um die gebundene Bewegung chensatz wird in der Zeit Δt die Fläche A = (L/2m)Δt
handelt. Hyperbeln spielen eine wichtige Rolle für das Ru-
therfordsche Streuexperiment und werden in Abschn. .
eff 2
behandelt. Die Transformation auf die Normalform der El- E pot /(α/p) E= L 2
lipse ((x/a)2 + (y/b)2 = 1) überlassen wir zur Übung und 2mr
geben nur die Koeffizienten in Tabelle . an. Wichtiger ist
hier, die zugehörige mechanische Energie zu bestimmen. 0,5
Dazu betrachten wir den Energiesatz (.) in Polarkoordi- 1,2
naten,
1 0
E = Ekin + Epot = (ṙ + (r φ̇)2 ) − .
m 2 α A E B
0,8
2 r
⃗ = mr⃗
0,5
Der Drehimpuls ist konstant, L er × (ṙ⃗
er + r φ̇⃗
eφ ) = 0 –0,5
ez und L 2 = m 2 (r 2 φ̇)2 , er wirkt als Zentrifugalpo-
mr 2 φ̇⃗
tential (m/2)(r φ̇)2 = L 2 /(2mr 2 ): E=α
r
–1
L2
E= ṙ + − = ṙ 2 + Epot (r) .
m 2 α m eff 0 1 5 r/p
2 2mr 2 r 2
⊡ Abbildung 1.54 Das effektive Potential setzt sich aus dem Gra-
Das ist die Bewegungsgleichung eines Teilchens in ei- vitationspotential und dem Zentrifugalpotential zusammen. Der
eff
nem -dimensionalen Potential Epot (r) (Abb. .). Der Massenpunkt pendelt zwischen den klassischen Umkehrpunkten
Körper pendelt in diesem Bild zwischen den sogenann- A und B hin und her. Die Exzentrizität є wächst bei festem Drehim-
ten klassischen Umkehrpunkten {A, B} hin und her: puls mit der Gesamtenergie E (.)
1 Mechanik der Massenpunkte

⊡ Abbildung 1.55 Die Eigenschaften der


Planetenbahnen werden durch die Bahn- Eeff
pot y y
ebene, die Orientierung der Ellipse durch L
den Runge-Lenz-Vektor sowie zwei weitere r p p b
12ε
Konstanten der Bewegung festgelegt
E p
x a x
11ε

überstrichen. Insbesondere wird dann während der Um- Von den sechs Freiheitsgraden eines Körpers ist noch ei-
laufzeit T die Fläche der Ellipse A= πab = πa 3/2 L(mα)−1/2 ner übrig: Zu welchem Zeitpunkt befindet sich der Körper
überstrichen, was direkt liefert wo auf der Bahn? Das können wir im Prinzip mit Hilfe des
Drehimpulses beantworten, wegen L = mr 2 φ̇ gilt
2πa 3/2
T = 2mA/L = 2πa 3/2 (m/α)1/2 ≃ . (.)
(GM⊙ )1/2 mα 2
φ̇ = = 3 (1 + є cos φ)2 .
L
2
(.)
mr L
Das Kepler-Problem enthält insgesamt  Parameter, um die
Planetenbahnen zu beschreiben: Die Richtung des Dreh- Kennt man φ(t), so auch r(t) wegen (.). Allerdings ist
impulses legt die Ebene fest, z. B. mit zwei Winkeln in diese Gleichung nur numerisch, nicht analytisch lösbar.
einem fest gewählten Bezugssystem, Drehimpulsbetrag Kepler hat eine Transformation auf eine etwas einfacher
und Energie (oder alternativ (p, є) bzw. (a, b), s. Ta- zu lösende, aber immer noch tranzendente Gleichung an-
belle .) fixieren zwei weitere Größen, und schließlich gegeben, deren Details wir im elektronischen Material
legt der Runge-Lenz-Vektor die Richtung der Periapsis in auf dem Extra-Server (.e.) zeigen: Wenn t 0 die Durch-
der Bahnebene fest. Der Runge-Lenz-Vektor ist also eine gangszeit an der Periapsis ist, dann gehorcht der neue
weitere Erhaltungsgröße, zusätzlich zu den  Drehimpuls- eingeführte Winkel E, der mit dem Radius verknüpft ist
Koordinaten und der Energie. Die zugrunde liegende Sym- durch r = a(1 − є cos E), der Kepler-Gleichung
metrie äußert sich im Auftreten geschlossener Bahnen –
(t − t 0 ) = E − є sin E .
nur so gibt es einen festen Zusammenhang r(φ)! 2π
(.)
T
Zur Lösung des Bahnproblems berechnet man also zuerst
mit (.) ein Wertepaar (t, E), bestimmt daraus r(E) und
Neptun
Große Halbachse (in Mio km)

Uranus dann mit Hilfe von (.) den zugehörigen Winkel φ(t).
1000
Saturn
Jupiter BEISPIEL
Mars
Erde
100 Welche der Daten aus Tabelle . können Sie nachrechnen?
Venus
Merkur M = 34 π%R 3 verknüpft Masse, Dichte und Radius. Side-
rische Umlaufzeit in Jahren: a 3/2 (Bahnradius a in AE).
Für Monde T = a 3/2 (M/M⊙ )−1/2 (Sonnenmasse M⊙ =
10
0 100
1,989 ⋅ 10−30 kg).
10
Umlaufzeit (Jahren)

⊡ Abbildung 1.56 Keplers drittes Gesetz für die Planetenbewe-


gung. Die Größenverhältnisse der Planeten entsprechen ihren wah- .e. Kepler-Problem II
ren Größen .e. Zur Lösung der Kepler-Gleichung
Gravitation und Himmelsmechanik 54/55

⊡ Tabelle 1.2 Mechanische Eigenschaften: Planeten, Zwergplaneten, Monde, Sonne

Planeten, Zwergplaneten und Monde


Monde M/ME R/RE ρ a є T Trot
g/cm3 AE y d

Merkur 0,055 0,38 5,43 0,387 0,206 0,241 56,65


Venus 0,816 0,95 5,24 0,723 0,007 0,615 −243,0
Erde 1 1 5,52 1 0,017 1 0,9973
Mond 0,012 0,27 3,34 0,0023 0,0549 27,3
Mars 0,107 0,27 3,93 1,52 0,093 1,881 1,03
Ceres 0,0002 0,08 2,05 2,55 0,08 4,61 0,38
Jupiter 317,8 11,21 1,33 5,205 0,048 11,87 0,4135
Io 0,015 0,285 3,56 0,0028 0,0041 1,77
Ganymed 0,025 0,41 1,93 0,0072 0,0013 7,16
Saturn 95,16 9,45 0,70 9,576 0,055 29,45 0,4375
Uranus 14,50 4,01 1,30 19,28 0,047 84,02 −0,65
Neptun 17,20 3,88 1,76 30,14 0,010 164,79 0,768
Pluto 0,002 0,18 2,00 39,88 0,248 247,92 −6,387
ME = 5,9742 ⋅ 1024 kg; RE = 6378,14 km; 1 AE = 149,60 ⋅ 106 km;
Sonne
M⊙ = 1,989 ⋅ 1030 kg; R⊙ = 0,696 ⋅ 106 km; ρ⊙ = 1408 kg/cm3 ; Trot = 24,8 d (am Äquator)

.. Himmelsmechanik M wie stabil die gefundenen Lösungen gegen äußere Störun-
gen sind. Dieser Frage sind Mathematiker und Physiker
Wenn wir die Gesetze der Natur und den Anfangszustand ex- schon lange nachgegangen. Henri Poincaré (–) hat
akt kennen würden, so könnten wir den Zustand des Univer- mathematisch bewiesen, dass das - und Mehr-Körper-
sums zu jedem weiteren Zeitpunkt vorhersagen. Aber selbst Problem i. Allg. analytisch nicht lösbar ist, nicht integrabel,
wenn die Naturgesetze keine Geheimnisse mehr vor uns hät- wie man sagt. Numerisch sind auch die Bewegungsgleichu-
ten, so könnten wir die Anfangsbedingungen doch nur genä- gen von n-Körper-Problemen zugänglich, aber die Kom-
hert bestimmen. Wenn uns dies erlaubt, die folgenden Zu- plexität wächst sehr schnell, schon für drei Körper sind
stände mit der gleichen Näherung anzugeben, so sagen wir, 3×6 gekoppelte Differentialgleichungen zu lösen, die nur 
dass das Verhalten vorhergesagt wurde, dass es Gesetzmäßig- Einschränkungen ( für die Bewegung des Schwerpunkts,
keiten folgt. Aber das ist nicht immer der Fall: Es kann vor-  Drehimpuls,  Energie) unterliegen. Welche Aussagen
kommen, dass kleine Unterschiede in den Anfangsbedingun- dann noch möglich sind, wird im Kap.  über nichtlineare
gen große im Endergebnis zur Folge haben (. . . ) Vorhersage Dynamik näher untersucht.
wird unmöglich und wir haben ein zufälliges Phänomen.
H. Poincaré, Wissenschaft und Methode () Eingeschränktes Drei-Körper-Problem Nicht einmal wenn
eine Masse sehr klein ist gegenüber den beiden anderen,
Integrale der Bewegung Die keplersche Beschreibung der m ≪ m 1 , m 2 , kann das Drei-Körper-Problem vereinfacht
Planetenbewegung verdankt ihren bahnbrechenden Erfolg werden. Nur das sogenannte kreisförmig eingeschränk-
der Existenz der Konstanten der Bewegung – Drehimpuls, te Drei-Körper-Problem – dabei bewegen sich die beiden
Energie, Runge-Lenz-Vektor im Fall des 1/r-Potentials. großen Massen auf einer Kreisbahn umeinander – erlaubt
Nach der Keplerschen Theorie findet die einmal einge- weitere Vereinfachungen. Wir verdeutlichen die komplexe
schlagene Bewegungsform im idealisierten Zwei-Körper- Problematik mit einer Betrachtung der Energieerhaltung.
Problem auch für alle Zeiten statt. In dynamischen physi- Dazu begeben wir uns in ein Bezugssystem, das mit den
kalischen Systemen muss aber die Frage gestellt werden, beiden schweren Körpern rotiert – sie sind also im Ab-
1 Mechanik der Massenpunkte

Nutzen, weil es z. B. die Bewegung von Raumsonden im


Erde-Mond-System beschreibt.

.. Bahnstörungen M

Existenz und Position des Neptun wurden zuerst von Le-


verrier und Adams aus den Bahnstörungen des Uranus
berechnet, von Galle  gefunden. Dasselbe leisteten
Lowell und Pickering für Pluto, der  von Tombaugh
entdeckt,  zum Zwergplaneten „herabgestuft“ wurde.
S
Wenn die Körper stark an ihren Zentralkörper gebunden
sind, verursachen dritte Körper – z. B. die anderen Pla-
neten – oder Abweichungen des Körpers von der idealen
Kugelgestalt nur kleine Störungen des idealisierten Zwei-
Körper-Problems. Diese können mit der Störungsrech-
nung behandelt werden.
Wir werden die Störungsrechnung aufs äußerste ver-
einfachen und die Bewegung von Planeten im Potential
U = −α/r + β/r n (n ≠ 1) mit einem kleinen Störbei-
trag betrachten. Ganz allgemein kann man das Feld einer
⊡ Abbildung 1.57 Eingeschränktes Drei-Körper-Problem: Hö-
Massen- oder Ladungsverteilung, die wenigstens zylinder-
henliniendarstellung des effektiven Potentials, das zu den hellen
symmetrisch ist, in den Koordinaten r und θ (Winkel von
Farbtönen hin abfällt. Das Bezugssystem rotiert mit den beiden
massereichen Körpern (hier: , M und , M der Gesamtmas-
der Symmetrieachse aus) als Summe von Kugelfunktionen
se M, weiße Scheiben) um den Schwerpunkt S. Die fünf roten Punk- darstellen:
te werden Lagrange-Punkte genannt, drei formen ein gleichseitiges
r⊕ 2 3
U = − (1 + B cos θ + C ( ) ( cos2 θ − ) + . . .) ,
Dreieck. Dort werden auf die Körper im rotierenden Bezugssystem α r⊕ 1
keine Kräfte ausgeübt r r r 2 2
(.)

stand r 12 = ⃗r 1 − ⃗r 2 an gegenüberliegenden Punkten fixiert wobei B, C, . . . kleine, dimensionslose Größen sind und r⊕
zu finden. Das System rotiert mit ω 2 = G(m 1 + m 2 )/r 12 3
, einen charakteristischen Radius bezeichnet, z. B. den Erd-
deshalb gilt für den . Körper bei ⃗r : radius.
Man findet diese Reihe am einfachsten, wenn man einen
E= v − ω (x + y ) − G −G
m 2 m 2 2 2 mm 1 mm 2 Massenpunkt nicht in den Koordinatenursprung, sondern
∣⃗r − ⃗r 1 ∣ ∣⃗r − ⃗r 2 ∣
. (.)
2 2 im Abstand a auf die Symmetrieachse setzt. Ein Punkt
(r, θ) hat dann nach dem Cosinussatz von diesem Massen-
Das Zentrifugalpotential −mω 2 (x 2 + y 2 )/2 = −m(ω ⃗× punkt den Abstand r ′ =(r 2 + a 2 − 2ar cos θ)1/2 (Abb. .).
⃗r )2 /2 tritt hier als negatives effektives Potential auf, denn Für das Potential kommt es auf 1/r ′ an. Wir entwickeln dies
die Kraft F⃗Z = −m ω ⃗ × (ω⃗ × ⃗r ) ist immer nach außen für x = a/r ≪ 1 gemäß (1 + x)−1/2 = 1 − x/2 + 3x 2 /8 + . . . ,
gerichtet. Das effektive Potential zeigt Abb. .. Für tiefe
Bindungsenergien erwartet man Bewegung nur in der Nä- −1/2
a 2 2a cos θ
= (1+ − )
he der massereichen Körper, ähnlich der Kepler-Bewegung. 1 1
Ist die Energie genügend groß, kann Bewegung von einem r′ r r2 r
zum anderen Körper stattfinden und das System offen- 1 1 a 2 2a cos θ 3 a 2 2a cos θ
2
sichtlich auch verlassen werden. An fünf Punkten, den = − ( 2− )+ ( 2 − ) −. . .
r 2r r r 8r r r
sogenannten Lagrange-Punkten, treten Kräftegleichge-
a2 3
= + 2 cos θ + 3 ( cos2 θ − ) + . . .
wichte auf, die allerdings statisch instabil sind. Das ein- 1 a 1
(.)
geschränkte Drei-Körper-Problem ist von praktischem r r r 2 2
Gravitation und Himmelsmechanik 56/57

⊡ Abbildung 1.58 Eine abgeplattete Ku-


gel kann als Summe einer idealen Kugel
und einer quadrupolaren Massenverteilung
aufgefasst werden. Rot eingefärbte Bereiche
= + haben zusätzliche Massen, grau eingefärb-
ten Bereichen fehlt Masse. Anders als die
elektrische kennt die Gravitationskraft nur
eine Ladung; die negativen Anteile sind
deshalb fehlende Massenbeiträge. Im Bei-
spiel beträgt der Quadrupolanteil %. Das
Geoid der Erde hat einen Anteil von ca.
10−3

Bei großen Abständen r ≫ a dominiert immer der Mo-


nopolanteil (1/r). Die wichtigsten Störfelder sind das Di-
θ r9 polfeld (1/r 2 ) und das Quadrupolfeld (1/r 3 ). Das Dipol-
feld kommt im elektrischen Fall vor, wo es zwei Ladungs-
vorzeichen gibt und der Monopolanteil auch kompensiert
r werden kann. Für die Astronomie hat die größte Störung
a (mit Bezug zum Schwerpunkt der Verteilung) Quadrupol-
charakter. Sie wird meist durch ringförmige störende Mas-
senverteilungen verursacht: Planeten, die sich gegenseitig
⊡ Abbildung 1.59 Taylorentwicklung für das Potential eines Mas- beeinflussen, oder abgeplattete Zentralkörper.
senpunktes bei a um den Ursprung
BEISPIEL

z
Die Abplattung der Erde verursacht die Präzession von Sa-
tellitenbahnen. Bestimmen Sie die Kreisfrequenz der Dre-
hung der Rotationsebene der kreisförmigen Satellitenbahn
(Radius r) mit Inklinationswinkel i um die Erdachse. Der
Massen-Quadrupolkoeffizient der Erde beträgt an der Erd-
oberfläche C = 10−3 (Gl. (.)).
Wir verteilen die Masse auf die Umlaufbahn, (Abb. .),
dM = (M/2π)dφ, das Massenelement besitzt mit cos θ =
r
x
ψ sin φ sin i und K = (GMm/4πr)C(r⊕ /r)2 nach Gl. (.)
i die potentielle Energie dU ′ = −Kdφ(3 sin 2 i sin2 φ − 1).
Ω Die beiden durch die Knotenlinie x ′ in Abb. . ge-
trennten Halbringe besitzen jeweils die potentielle Energie
∫0 dU ′ (φ) = U ′ = −(πK/2)(3 sin 2 i − 2). Daraus resultie-
π
x
ren entgegengesetzt gerichtete Kräfte F⃗ = Fr e⃗r + Fθ e⃗θ , von
denen sich die Fr -Anteile kompensieren, die Komponen-
⊡ Abbildung 1.60 Die Abplattung der Erde, hier vergröbert dar- ten Fθ = −r −1 (∂/∂i)U ′ = 3πKr −1 cos i sin i den Ring in
gestellt als ein Massengürtel am Äquator, übt Kräfte aus, die durch die Äquatorialebene drehen. Während die Gesamtkraft ver-
die Pfeile symbolisiert werden. Die Kräfte erzeugen ein Dreh- schwindet, erfährt der Drehimpuls ein Drehmoment. Die
moment, das die so genannten Knoten der Satellitenbahnen (die Kräfte auf die beiden Halbringe greifen jeweils im Schwer-
Durchstoßpunkte in der Äquatorebene) mit der Säkularfrequenz Ω punkt mit Abstand r ′ = 2r/π vom Ursprung an, das Dreh-
um den Äquator herum wandern lässt
1 Mechanik der Massenpunkte

moment beträgt also τ = 2(2r/π)Fθ = 12K cos i sin i.


Es liegt parallel zur Äquatorialebene, kann also nur die dM
L⊥ = L sin i-Komponente des Drehimpulses ändern. Weil Ri r’
das Drehmoment auch auf dem Drehimpuls selbst senk- φ m
recht steht, muss sich L⃗ auf einem Kegelmantel um die r
Erdachse herum bewegen. Für die Kreisfrequenz gilt dann
Ω = L̇⊥ /L⊥ = τ/L⊥ . Mit GmM/r = mω2 r 2 und L = mωr 2
findet man dann
3C r⊕ 2 dM
Ω = −ω ( ) cos i .
π r Ra
Äquatornahe Satellitenbahnen werden bei jedem Umlauf r’
um den Winkel ΔΩ ≈ 0,36○ (r⊕ /r)2 verschoben. φ
r m

.. Bahnstörungen von Planeten M


Aus den Bahnstörungen von Planeten ist die Existenz wei- ⊡ Abbildung 1.61 Zur Berechnung von Bahnstörungen
terer Planeten vorhergesagt worden, besondere Berühmt-
heit hat aber die Vorhersage der Allgemeinen Relativitäts-
theorie (ART) von Einstein (s. Kap. ) über einen Zu-
satzbeitrag von 43′′ /Jahrhundert zur Periheldrehung des zentrizität є bleibt selbst erhalten. Die Gesamtkraft ist
Merkur erlangt. Der größte Teil der Periheldrehungen wird F⃗ = m⃗r¨ = −α/r 2 (1 + f (r))⃗ er , und mit α = GmM⊙ ,
aber durch andere Planeten verursacht, die man sich für ⃗ ⃗ − e⃗r zeigt man nach kurzer Rechnung
є = ⃗r˙ × L/α
die sehr langen betrachteten Zeiträume als Ringe über ihre
Bahnen verschmiert denken kann. Einsteins Beitrag macht є⃗˙ = f (r)φ̇ e⃗φ .
nur ca. % der gesamten Störung aus.
Die Lage des Perihels Φ wird durch den Runge-Lenz- Multiplikation mit ⃗ ⃗ = mr 2 φ̇⃗
є ergibt mit L ez und ⃗r˙ =
Vektor ⃗є = є⃗
eє (Gl. (.a)) gegeben, seine Änderung be- er + r φ̇⃗
ṙ⃗ e φ : d/dt(є /2) = φ̇ f (r)⃗
2
eφ ⃗
є = −ṙ f (r)L 2 /αmr 2 =
−d/dt( ∫r 1 f (r)(L /αmr )dr). Pendelt der Körper peri-
r2 2 2
schreibt also dessen Änderung – vorausgesetzt, die Ex-
odisch zwischen den Umkehrpunkten r 1,2 , dann ist das
Integral über diese Periode immer konstant und die Ex-
⊡ Tabelle 1.3 Beiträge zur Perihelverschiebung des Merkur zentrizität erhalten.
(1) (2) Die Rotationsfrequenz des Runge-Lenz-Vektors ergibt
sich aus ⃗ є × є⃗˙ = є 2 Φ̇⃗
ΔΦ100 y ΔΦ100 y Ref.∗
ez ,
in Bogensekunden/Jahrhundert

Venus 152 270 277 2 1 ⃗ − e⃗r ) × ( f (r)φ̇⃗


є Φ̇ e⃗z = ( ⃗r˙ × L eφ )
α
Erde 70 93 90
= f (r)φ̇ ( r φ̇ − 1) e⃗z .
L
Mars 2,1 2,3 2,5
α
Jupiter 158 159 154
Saturn 7,6 7,6 7,3 Wir berechnen die Winkelverschiebung des Perihels ΔΦ,
gesamt 532 532 indem wir die ungestörte Lösung r φ̇ = (α/L)(1 + є cos φ)
ART† – – 43 (Glgn. (.), (.)) und φ̇dt = dφ einsetzen und über
beobachtet 575 einen Umlauf integrieren,

: M.G. Stewart, Am. J. Phys. 73, 730 (2005)
ΔΦT = f (r) cos φ dφ .
1 2π

ART: Allgemeine Relativitätstheorie
є ∫
0
(.)
Gravitation und Himmelsmechanik 58/59

Jupiter verursacht also in der Merkur-Bewegung die mitt-


lere radiale Störkraft FJ′ = (α/r 2 )(MJ /2M⊙ )(r/R)3 =
y

−(α/r 2 ) fJ (r). Damit berechnet man die Perihelver-


(1)

schiebung nach Gl. (.) und mit r = p/(1 + є cos φ):


2π r 3
ΔΦT = − ( ) cos φ dφ
1 M
є 2M⊙ 0 R ∫
p 3 2π
=− ( )
x 1 M cos φ
є 2M⊙ R 0

(1 + є cos φ)3
dφ .

Das Integral werten wir für kleine є aus nach


2π cos φ
∫0 (1 + є cos φ)3

= (1 − 3є cos φ + O(є 2 )) cos φ dφ ≈ −3πє




0

und finden mit p ≈ r in führender . Ordnung in r/R, ge-


⊡ Abbildung 1.62 Störungen des 1/r-Potentials durch effektive messen in Grad
Zentralkräfte: Die Perihelbewegung ist gleichläufig mit der Plane- M 3 r 3
ΔΦT ≈ 360○ ( ) .
(1)
tenbewegung (.)
M⊙ 4 R
Üblicherweise wird die Perihelverschiebung pro Jahrhun-
Es reicht also aus, die Störkraft F ′ = −α f (r)/r 2 zu ken- dert angegeben, also ΔΦ 100 y = ΔΦT ⋅100/T (T: Umlaufzeit
nen, um die Störungen der Keplerbahnen zu berechnen. des gestörten Planeten). Mit dieser groben Näherung erhal-
Wir betrachten als Beispiel die Störung des Merkur (Mas- ten wir die Werte aus Tabelle . (. Spalte) für die Störung
se m, Position ⃗rM ), der sich im (stationären) Sonne-Jupiter- des Merkur durch die übrigen Planeten. Verwendet man ei-
Schwerpunktsystem (Massen M⊙ , MJ ; Positionen ⃗r⊙ , ⃗rJ ) ne verbesserte Störkraft fJ (r) = (M/2M⊙)(r/R)3 /(1 −
(2)

bewegt: (r/R)2 ) (M.P. Price and W.F. Rush, Am. J. Phys. , 
()), erhält man durch Entwicklung nach (r/R) bzw. є
⃗r¨M = − (⃗rM − ⃗r⊙ ) − (⃗rM − ⃗r J ) .
GM⊙ GM J
∣⃗rM − ⃗r⊙ ∣3 ∣⃗rM − ⃗r J ∣3 den Korrekturfaktor (1−(r/R)3 /3)/(1−(r/R)2 )2 und die
schon auf wenige % genauen Werte der . Spalte. Es ist nicht
Bei der Umrechung auf heliozentrische Koordinaten (⃗r = verwunderlich, dass die gröbere Näherung umso besser ist,
⃗ = ⃗rJ − ⃗r⊙ , ⃗r⊙ = −(MJ /M⊙ )⃗rJ = −MJ R/(M
⃗rM − ⃗r⊙ , R ⃗ ⊙+ je weiter die Planeten entfernt sind.
⃗ 3,
MJ )) verwenden wir ⃗r¨M = ⃗r¨+⃗r¨⊙ = ⃗r¨−ωJ2⃗r⊙ = ⃗r¨+GMJ R/R Zum Schluss berechnen wir die Verschiebung, die von
der Allgemeinen Relativitätstheorie (ART, s. Abschn. .)
⃗r¨ = − 3 ⊙ ⃗r −
GM GMJ ⃗ − GMJ R
(⃗r − R) ⃗.
⃗3
vorhergesagt wird. Der relativistische Einfluss wird nähe-
r ∣⃗r − R∣ R3 rungsweise durch das effektive Potential bzw. die Kraft
⃗ 3 = (R 2 + r 2 − 2rR cos γ)−3/2 ≃
Wir entwickeln 1/∣⃗r − R∣
F⃗ART = − 2 2 2 2 e⃗r
α L2 α 3L 2
R (1 + 3r cos γ/R + . . . ) und erhalten die neue Gleichung
−3 UART = − und
r 3 m2 c 2 r m c r
α/m ⃗r ⃗ . beschrieben. Auswertung nach Gl. (.) ergibt mit p =
⃗r¨ = − 2 − ((1 + cos γ) ⃗r − cos γ R)
MJ α/m 3r 3r
r r M⊙ R 3 R R a(1 − є 2 )
⃗ = R cos γ⃗ er − R sin γ⃗ Φ y =
6GM⊙ 2π
(1 + є cos φ) cos φ dφ
Mit R eγ bestimmen wir die über
einen Umlauf (0 ≤ γ ≤ 2π) gemittelte Kraft (⟨cos γ⟩ = 0,
ART
єc 2 a(1 − є 2 ) ∫0
2

⟨cos2 γ⟩ = 1/2, ⟨sin γ cos γ⟩ = 0),


= 2π
3GM⊙
c 2 a(1 − є 2 )
α ⃗r r 3
m⃗r¨ = − (1 − ( ) ).
MJ
 y = 43 .
mit dem bekannten numerischen Ergebnis ΦART ′′
r2 r 2M⊙ R
1 Mechanik der Massenpunkte

. Reibung BEISPIEL

Reibung verwandelt kinetische Energie, also geordnete Für Stahl auf Stahl ist der Reibungskoeffizient aus der Ru-
Bewegung, in Wärme, also ungeordnete Bewegung der
he ,, im Gleiten um ,. Welche Bremsstrecken und -zei-
Teilchen. Sie durchbricht somit die Energieerhaltung nur
ten treten bei der Eisenbahn auf?
scheinbar, nämlich was die mechanische Energie betrifft.
Dem Impulssatz kann sie nichts anhaben. Bremszeit v/(μ0 g) und Bremsweg v 2 /(2μ0 g) sind etwa
fünfmal länger als auf der Straße, aus 120 km/h etwa  m,
 s. Bei zu starkem Bremsen verdreifachen sich diese Werte.
.. Reibungsmechanismen

Bisher haben wir Bewegungen betrachtet, für die der rein Am einfachsten bestimmt man einen Reibungskoeffizi-
mechanische Energiesatz gilt, bei denen also die Sum- enten aus dem Winkel α einer schiefen Ebene, bei dem ein
me von kinetischer und potentieller Energie konstant ist Körper gerade zu rutschen anfängt (Haftreibung), oder bei
und nur Umwandlungen zwischen diesen beiden Ener- dem er sich langsam gleichförmig weiterbewegt (Gleitrei-
gieformen erfolgen. Jede reale Bewegung, zumindest auf bung). Es gilt
der Erde, sei es auf einer festen Unterlage, sei es in einem μ = tan α . (.)
Medium, wie Wasser oder Luft, ist aber mit einem Ener- Das ergibt sich aus Abb. .: Vom Gewicht mg wirkt nur
gieverlust verbunden, genauer mit der Umwandlung von die Komponente mg cos α als Normalkraft. Die Reibung
kinetischer in Wärmeenergie. Für diesen Energieverlust ist also μmg cos α. Wenn sie größer ist als der Hangab-
sind Reibungskräfte verantwortlich. Wir greifen aus den
zahlreichen Reibungsmechanismen die drei wichtigsten
heraus.

FZ
a) Die Coulomb-Reibung oder trockene Reibung erfolgt,
wenn sich ein Körper ohne Schmiermittel auf fester Unter-
lage bewegt. FP

Diese Reibungskraft ist annähernd unabhängig von der


Geschwindigkeit. Sie ist allein bestimmt durch die Nor-
malkraft FN (m ⋅ g bei ebener Unterlage), die den Körper
auf die Unterlage drückt, und proportional zu dieser:

FZ
FR = μFN . (.)
FP
μ heißt Reibungskoeffizient. Er hängt von der Art und
der Oberflächenbeschaffenheit der beiden Materialien ab.
Wenn der Körper noch ruht, verhindert eine Kraft FR′ , dass
er sich in Bewegung setzt, es sei denn, die Antriebskraft
ist größer als FR′ . Diese Haftreibung FR′ ist immer größer
als die Gleitreibung FR und ebenfalls proportional zu FN ,
mit einem anderen Reibungskoeffizienten μ ′ , der offenbar ⊡ Abbildung 1.63 Der Klotz erfährt hochkant die gleiche Rei-
größer ist als μ. Wenn die Antriebskraft also einen Körper bung wie breitseits, zu deren Überwindung die gleiche Zugkraft FZ
einmal in Bewegung gesetzt hat, bewegt sie ihn beschleu- nötig ist, denn es kommt nur auf die Normalkraft an, und die ist
nigend weiter. beide Male gleich dem Gewicht FP
Reibung 60/61

wo η eine Eigenschaft des Fluids, seine Viskosität aus-


drückt.

Fmax c) Newton-Reibung: Der schnellen Bewegung größerer


Körper durch ein Fluid wirkt eine Kraft entgegen, die pro-
portional zum Quadrat der Geschwindigkeit ist:

FR = 12 cw %Av 2 .
FP sin α
(.)

FN A ist der Querschnitt des Körpers, in Bewegungsrichtung


α gesehen, % die Dichte des Fluids, cw ein Widerstandskoef-
fizient, der von der Form des Körpers bestimmt wird. Bei
Stromlinienform oder Zuspitzung ist cw < 1, bei hydrody-
FP namisch ungünstiger Form cw > 1. Wir leiten die Newton-
⊡ Abbildung 1.64 Der Klotz beginnt zu rutschen, wenn tan α
Reibung nach dem Gedankengang von Abschn. ..a her.
gleich dem Reibungskoeffizienten μ wird Will ein Körper mit der Geschwindigkeit v durch ein Fluid
der Dichte % dringen, muss er es zur Seite drängen und
es dabei auf eine Geschwindigkeit vf beschleunigen, die
trieb mg sin α, d. h. wenn tan α < μ, rutscht der Körper etwa gleich seiner eigenen v ist (günstige Formgebung
nicht. verringert allerdings das Verhältnis vf /v erheblich). In
Warum ist die Coulomb-Reibung geschwindigkeitsun- der Zeit dt muss dies geschehen für eine Säule von der
abhängig? Bei einer Verschiebung des Körpers um dx muss Länge v dt und vom Querschnitt A. Sie hat das Volumen
eine Anzahl mikroskopischer Vorsprünge überwunden Av dt und die Masse mf = %Av t.. Um diese Masse auf die
oder abgeschliffen werden. Diese Anzahl ist proportional Geschwindigkeit v zu bringen, muss man ihr die Energie
zu dx, die zur Verschiebung erforderliche Energie dW da-
1
m v 2 = 21 %Av 3 dt zuführen, natürlich auf Kosten des
2 f
her ebenfalls. Der Proportionalitätsfaktor zwischen dW bewegten Körpers. 12 %Av 3 ist die zuzuführende Leistung.
und dx ist die Reibungskraft, die also nicht von der Ver- Da Leistung = Kraft ⋅ Geschwindigkeit, vgl. (.), ergibt
schiebung oder ihrer Geschwindigkeit abhängt. Die Haft- sich für die Reibungskraft (.).
reibung ist größer als die gleitende, weil ein ruhender Kör- Ob eine Bewegung durch ein Fluid durch Stokes- oder
per tiefer in die Vertiefungen der Unterlage einrasten kann Newton-Reibung beherrscht wird, entscheidet man mit der
als ein bewegter. Daraus sieht man, dass die Unabhängig- Reynolds-Zahl (Abschn. ..). Es gibt noch viele andere
keit von v nicht exakt sein kann: Bei sehr kleinem v muss Reibungsmechanismen mit anderen FR (v)-Gesetzen. Die
sich der Körper erst in die Gleitstellung heben, also nimmt Reibung zwischen geölten und geschmierten Flächen folgt
μ erst allmählich auf seinen Gleitwert ab. z. B. einem v 1/2 -Gesetz (Material auf dem Extra-Server
.e.). Bei sehr hohen Geschwindigkeiten gilt in einem
Fluid ein höherer v-Exponent als , besonders bei Annä-
b) Stokes-Reibung oder viskose Reibung: Nicht zu große herung an die Schallgeschwindigkeit.
Körper, die sich nicht zu schnell durch ein Fluid (Flüssigkeit
oder Gas) bewegen, erfahren eine Bremskraft, die propor-
tional zur Geschwindigkeit ist.

⊡ Tabelle 1.4 cW -Werte


Wie in Abschn. ..c gezeigt wird, ist diese Kraft für eine
Scheibe 1,1
Kugel vom Radius r
Kugel 0,45

FR = 6πηrv ,
typ. PKW 0,3
(.)
Tropfenform 0,05
1 Mechanik der Massenpunkte

.. Bewegung unter Reibungseinfluss leicht erkennen: Der Körper sei zunächst in Ruhe und wer-
de unter dem Einfluss von mg allmählich beschleunigt.
Wie sieht nun die durch solche Kräfte beeinflusste Bewe-
Ganz zuerst spielt dann die Reibung noch keine Rolle, da
gung aus? Wir betrachten das Beispiel einer konstanten
v und erst recht v 2 noch klein sind: Die Bewegung ver-
Kraft, modifiziert durch eine Reibung ∼ v 2 , z. B. den Fall
läuft fast wie beim freien Fall, speziell nimmt v zu wie g t.
eines Körpers im Erdschwerefeld mit Luftwiderstand. Die
Unbeschränkt lange kann v aber nicht so anwachsen: Spä-
Bewegungsgleichung ergibt sich durch Zusammenfassung
testens dann, wenn kv 2 auf diese Weise die Konstante mg
der wirkenden Kräfte:
eingeholt hat, muss die Beschleunigung wesentlich abge-
ma = −mg + kv 2 (k = 12 cW %A) . (.) nommen haben, bei der Grenzgeschwindigkeit

Auch ohne exakte Behandlung der Gleichung (.) (die vQ = mg/k (.)
etwas umständlich ist) lässt sich das Wesen der Lösung
verschwindet sie ganz, ma = 0. Die typische Zeit τ, in der
die Grenzgeschwindigkeit (nahezu) erreicht wird, kann
man aus der Anfangsbeschleunigung a = g abschätzen,
also −gτ = vG oder
s/m
500 t=τ
s = 1 gt2 √
2 τ = vQ = m/k g . (.)

Diese Beziehungen bleiben sogar richtig, wenn sich die


250 Konstante k langsam ändert. Da k nach (.) die Dich-
te des Mediums enthält, entspricht dies z. B. dem Fall aus
s = s 0 + υG t großer Höhe. Bedingung für die Anwendbarkeit von (.)
ist nur, dass sich während der Einstellzeit τ die Dichte, d. h.
k nur wenig ändert.
0 5 10 t/s Diese quasistationäre Betrachtungsweise ist immer
dann sehr nützlich, wenn in einem aus mehreren Sum-
υ/ms–1
manden bestehenden Ausdruck zuerst der eine, dann ein
50 υ = υ anderer dominiert. Dies trifft für viele Formen von Rei-
G
bung, Dämpfungs- und Relaxationsmechanismen zu.
υ = gt
Die Bewegung unter konstanter Antriebskraft F, aber
mit einer Reibung FR ∼ v lässt sich analog behandeln:

ma = F − cv . (.)
t=τ
0 5 10 t/s Die Bewegung wird quasistationär für Zeiten wesentlich
größer als τ = m/c und hat dann die Geschwindigkeit vG =
a/ms–2 F/c.
10 Die exakte Lösung für v(t = 0) = v0 ist wegen der Li-
a=g nearität von (.) auch leicht zu finden:

v(t) = v0 e−t/τ + vG (1 − e−t/τ ) .

Sie zeigt genau das mittels der Quasistationaritätsbetrach-


a=0 t=τ tung gefolgerte Verhalten.
0 5 10 t/s
.. Flug von Geschossen
⊡ Abbildung 1.65 Bewegung in einem Medium mit einer Rei-
bungskraft F ∼ v 2 . Zahlenwerte entsprechen dem Fall eines mensch- Nur für sehr kleine Anfangsgeschwindigkeiten v0 ≪ vG
lichen Körpers durch die Luft in Bodennähe ist die Wurfparabel in Luft (Dichte ρL ) eine ausreichende
Reibung 62/63

h/L 0 h/L 0 υ (m/s)

2 1
F = 0,9 gt
30 100 km/h
1 0,5
100 kW 40 kW 20 kW

1 2 3 4 5 7 9 12
0 0
0 1 2 L/L 0 0 1 2 L/L 0 20 10 kW

⊡ Abbildung 1.66 Ballistische Kurven: Numerische Lösungen für 50 km/h


den Wurf in Luft, Widerstand ∼ v 2 . Links: v0 /vG = 7, Abschuss-
winkel in Schritten von 15○ . Rechts: Abschusswinkel 30○ , Parameter
v0 /vG
10

Näherung. Auch hier zeigt die Abschätzung von Newton 0


0 5 10 15 20
(Abschn. ..d), wie weit das Geschoss (Länge ℓ, Quer-
schnitt A, Dichte ρG , Masse m ≃ ℓAρ) „eindringt“: L 0 =
t (s)

ℓρ G /ρ L ≃ 2m/AρL = m/k. Bleikugeln fliegen also ca. das ⊡ Abbildung 1.67 Idealisierte Anfahrkurven für ein Auto mit
ρ Pb /ρ L ≈  -fache ihres Durchmessers, Fußbälle wegen m = 103 kg für verschiedene Motorleistungen
ρ eff /ρ L ≈ 102 viel kürzer. Damit diese Weiten überhaupt
erreicht werden, muss schon die reibungsfreie Wurfweite

genügend groß sein, d. h. bei 45○ Abschusswinkel v02 /g =
L 0 > m/k: Es muss also v0 > vG = mg/k (.) gelten. ebenso wenig den Schnecken. Abgesehen davon könnte
Numerische Auswertungen der Bewegungsgleichung man sich bei Wegfall der Reibung nur auf den Raketen-
(.) für den Wurf sind in Abb. . gezeigt. Im Gegen- antrieb verlassen. Andererseits schätzt man, dass alle Ei-
satz zum reibungsfreien Fall treten maximale Weiten bei senbahnen jährlich etwa  Mill. Tonnen Stahl zu feinem
ca. 30○ auf. Ferner sieht man, dass die Reichweite durch Pulver zermahlen, besonders beim Bremsen (vor Bahnhö-
Erhöhung der Anfangsgeschwindigkeit kaum gesteigert fen und auf Gefällstrecken sind Schotter und Schwellen rot
werden kann. Das lässt sich auch mit folgender Überle- vom Abrieb). Mindestens ebenso viel Gummistaub vertei-
gung einsehen: Bei Vernachlässigung der Beschleunigung len die Autos in der Landschaft, und Fußgänger sind in
gilt nach (.) v̇ = −(k/m)v 2 bzw. v = −L 0 v̇/v. Dann dieser Hinsicht nicht viel besser. Bei Landfahrzeugen be-
kann man die zurückgelegte Strecke nach s(t) = ∫0 v dt = herrscht die Reibung, abgesehen von Bremsen, Kupplung
t

−L 0 ∫0 v̇ dt/v = −L 0 ∫v(t=0) dv/v berechnen. Wir kennen


t v(t) und vom Kurvenfahren, den Anfahrvorgang, aber auch
die Höchstgeschwindigkeit.
v(t) nicht, wissen aber, dass sie klein ist gegen vG , z. B. Wir untersuchen das Anfahren. Könnte das Fahrzeug
0,1 ⋅ vG . Das Ergebnis s = L 0 (ln (v0 /vG ) + ln 10) bestätigt, seine volle Antriebsleistung√P ausnutzen, ergäbe sich aus
E = Pt = 12 mv 2 sofort v = 2Pt/m, ein Anstieg in Form
dass die Wurfweite nur sehr langsam, logarithmisch, mit
v0 wächst.
einer liegenden Parabel. In Wirklichkeit liegt der Anfangs-
teil von v(t) tiefer, denn die beschleunigende Kraft kann
.. Die technische Bedeutung der Reibung höchstens gleich der Reibung sein, die Straße oder Schie-
ne aufnehmen: F = mv̇ ≤ Fr = μFn = μmg, also besten-
Jedes Glatteis zeigt die positive Rolle der Reibung für die falls v̇ = μg und v = μg t. Wegen P = Fv kann man erst
Fortbewegung von Mensch, Tier und Fahrzeug. Auf einer bei der Reibungsgeschwindigkeit vr = P/Fr = P/(μmg)
mit Spiritus polierten, mit Nähmaschinenöl dünn eingerie- die volle Motorleistung auf die Straße bringen (μ ≈ 0,9 auf
benen Spiegelglasplatte sind fast alle Tiere völlig hilflos, die trockenem Asphalt). Bei v < vr quietscht es, wenn man es
meisten fallen sogar um; nur Laubfröschen und Stuben- doch versucht. Bei der Eisenbahn ist μ viel kleiner, also vr
fliegen mit ihren Saugnapf-Füßen macht das nichts aus, größer.
1 Mechanik der Massenpunkte

Luftwiderstand unterhalb 100 km/h vernachlässigt, eben-


so die Einbuße im reibungsbeherrschten Bereich v < vr ,
υmax erreicht man v1 = 100 km/h in t 100 = mv12 /(2P).
km/h

t100 Leistungsmessung an einem Motor. Motorleistung ist


s Kreisfrequenz ω mal Drehmoment T. Die Kreisfrequenz
wird mit der Drehzahl-Messuhr bestimmt, deren Achse
wieder durch Reibung mitgenommen wird; heutzutage
misst man meist stroboskopisch oder elektronisch. Das
100 Drehmoment bestimmt man oft mit dem Prony-Zaum.
Ein Riemen oder zwei Schraubbacken (Abb. .) werden
an die rotierende Motorwelle gepresst, bis Gleichgewicht
besteht, d. h. der durch FP belastete Arm sich weder hebt
noch senkt. Dann ist das Drehmoment T = FP l betrags-
gleich dem Moment, das der Motor gegen die Reibung
an den Backen ausübt, und die Leistung ergibt sich aus
P = T ω.

10

10 100 P/kW 1000 r


⊡ Abbildung 1.68 Leistungen P, Höchstgeschwindigkeiten vmax
und Beschleunigungszeiten t100 von  auf 100 km/h für einige Auto- FP
typen (einschließlich eines chinesischen „Volkswagens“ mit  kW).
Die doppellogarithmische Auftragung zeigt durch ihre Steigung die ⊡ Abbildung 1.69 Prony-Zaum zur Leistungsmessung an einer
Abhängigkeiten vmax ∼ P 1/3 und t100 ∼ P−1 Motorwelle

BEISPIEL

Die Höchstgeschwindigkeit vm wird überwiegend durch Wie viel Treibstoff spart man pro Wegeinheit, wenn man
den Luftwiderstand bestimmt, weil seine Leistung mit v 3 120 km/h statt 160 km/h fährt?
steigt, die der trockenen Reibung nur mit v, die der
Schmiermittelreibung mit v 3/2 . Aus P = 21 cw %Avm
3 %, wenn es nur um den Luftwiderstand geht.
ergibt
1/3
sich, dass vm mit P nur wie P steigt (Abb. .), abge-
sehen von Maßnahmen zur Verringerung von A und cW .
In diesem Bereich spart man pro Zeiteinheit den halben Rollreibung. Räder vermindern die Reibung verglichen
Treibstoff, wenn man auf nur % der Geschwindigkeit mit dem Schleifen; die verbleibende Gleitreibung in den
verzichtet. Viel stärker wirken sich Leistung (und Preis) Achslagern wird durch Wälzlager (Kugel- oder Zylinder-
des Autos auf die Beschleunigungszeit aus. Wenn man den lager) noch erheblich reduziert. Ideal harte Rollen auf ideal
Offene Fragen und Grenzen 64/65

. Offene Fragen und Grenzen

Seit mehr als  Jahren erforschen und nutzen wir die
Mechanik nach den Gesetzen, die G. Galilei und I. New-
ton aufgestellt haben. Im Alltag sind die Vorhersagen der
zugrunde gelegten Theorie so zuverlässig, dass große Teile
unserer industrialisierten Umwelt und insbesondere un-
serer Transportmittel ohne sie gar nicht auskommen. Das
FN berühmte Beispiel, nach dem der Apfel, der vom Baum
F FN
fällt, denselben Gesetzen gehorcht wie die Erde auf ih-
rer Bahn um die Sonne, veranlasst uns darüberhinaus,
F=
noch weitergehende, globale, universelle Gültigkeit die-
ser Gesetze zu erwarten, auch außerhalb unseres direkten
r0 Erfahrungs- und Beobachtungshorizonts.
Physiker müssen diesen Erwartungen – Extrapolationen
⊡ Abbildung 1.70 Die Rollreibung beruht auf der anelastischen – immer mit der Skepsis des Naturwissenschaftlers entge-
Deformation von Rollkörper und Unterlage. Was ist gegen diese gen treten. Wir können die Gesetze Newtons nur unter den
Erklärung der Rollreibung einzuwenden, besonders was die Ge- Bedingungen testen, die unserer Beobachtung zugänglich
schwindigkeitsabhängigkeit betrifft? Wenn die Rollreibung allein sind. Verlassen wir diesen Bereich, z. B. zu mikroskopi-
eine Folge der elastischen Relaxation wäre, nämlich der Tatsache, schen oder makroskopischen Längenskalen hin, bilden
dass die Deformation hinter der Belastung nachhinkt, müsste sie auch Newtons Gesetze zunächst nicht mehr als eine Hy-
von der Geschwindigkeit abhängen, denn der Winkel zwischen F⃗N pothese. Genauso wichtig ist die Forderung, dass unsere
und F⃗ in Abb. . ist umso größer, je schneller das Rad rollt. physikalischen Theorien, etwa Newtonsche Mechanik und
Tatsächlich ist die Rollreibung geschwindigkeitsabhängig, aber Maxwellsche Elekrodynamik (Kap. ) miteinander ver-
schwächer als proportional. Der Effekt ist also komplizierter als
einbar sein sollen. In der Vergangenheit haben derartige
dargestellt
Widersprüche Anlass gegeben, ganz neue Felder der Physik
zu eröffnen:

• Schon mit drei Körpern, die aufeinander Kräfte z. B.


harter, ebener Unterlage erführen überhaupt keinen Wi- nach dem r −2 -Gesetz ausüben, wird die Mechanik nur
derstand. Ebenso wäre es bei ideal elastischer Deformation, in Spezialfällen fertig. Newton meinte, vielleicht müs-
denn sie läge immer symmetrisch zum Auflagepunkt, und se der Schöpfer von Zeit zu Zeit eingreifen, um das
die Reaktionskraft der Unterlage wäre in jedem Augen- Sonnensystem in Ordnung zu halten, Laplace glaub-
blick entgegengesetzt zur Normalkraft FN , es bliebe keine te, ohne diese Hypothese die Stabilität dieses Systems
Komponente in Bewegungsrichtung. In Wirklichkeit hat nachweisen zu können, aber seit Poincaré ist man nicht
die Deformation immer einen anelastischen Anteil (Ab- mehr so sicher. Die nichtlineare Dynamik (Kap. ) hat
schn. ..), d. h. sie hinkt etwas nach, wie in Abb. . hier einiges geklärt, aber gleichzeitig die Hoffnung auf
für eine völlig harte Unterlage angedeutet ist. Die Reak- eine durchgehende Beschreibung des ganzen Weltlaufs
⃗ die der Hauptteil des Rollkörpers erfährt,
tionskraft F, zunichte gemacht.
wird ihm durch seine deformierten Teile vermittelt. Ihr • Mit sehr vielen Teilchen kann die Mechanik höchstens
Angriffspunkt ist gegen den Punkt, auf den F⃗N zielt, etwas umgehen, wenn zwischen ihnen feste Lagebeziehungen
nach hinten verschoben (um die Strecke r 0 ). Die Normal- bestehen wie im starren Körper (Kap. ) oder wenigs-
komponente der Reaktionskraft kompensiert genau F⃗N ; tens annähernd feste (Kap. , ). Wenn diese Teilchen
es bleibt aber eine Tangentialkomponente F= = r 0 FN /r aber alle wild durcheinander schwirren wie im Gas
entgegen der Rollrichtung, die durch eine Zugkraft von oder vielfach in strömenden Flüssigkeiten, kann und
gleichem Betrage kompensiert werden muss, wenn der will kein Mensch jedes einzelne verfolgen, nicht nur,
Körper mit konstanter Geschwindigkeit rollen soll. Bei weil die Quantenmechanik (Kap. ) das auch prinzi-
technischen Rollkörpern (Rädern, Kugellagern) liegt r 0 im piell gar nicht zuließe. Für die wenigen handhabbaren
Bereich 10−2 mm bis  mm. Größen haben Boltzmann, Maxwell und andere statis-
1 Mechanik der Massenpunkte

tische Gesetze formuliert, die Aussagen über relevante


Mittelwerte und mittlere Abweichungen davon ermög-
lichen (Kap. , ).
• Einstein bemerkte, dass die klassische Elektrodynamik
eine Modifikation der Newtonschen Mechanik not-
wendig machte – bei hohen Geschwindigkeiten konnte
die Zeit nicht mehr als eine absolute, von den Raum-
koordinaten unabhängige Größe begriffen werden. Die
spezielle Relativitätstheorie (Kap. ) wurde erson-
nen, um dieses Problem zu überwinden.
• Das an die makroskopische Planetenbewegung an-
⊡ Abbildung 1.71 Spiralgalaxie NGC  im Sternbild des Großen
gelehnte Rutherfordsche Atommodell aus geladenen
Bären. Die Newtonsche Mechanik kann die Sternbewegung in den
schweren Kernen und leichten Elektronen sagt nach
Galaxienarmen bisher nicht erklären (Abb. .). Aufnahme des
der klassischen Physik den Kollaps der Materie voraus.
Kitt Peak Teleskops. Mit freundlicher Erlaubnis von John Vickery
Die Quantenmechanik (Kap. ) löste dieses Problem.
und Jim Matthes / Adam Block, NOAO/AURA/NSF

Die beobachtende Astronomie konfrontiert uns seit ei-


nigen Jahrzehnten mit dem ungelösten Problem der Stern-
bewegung in Galaxien: Rotationskurven geben die Rotati-
onsgeschwindigkeit der Sterne und des Gases in Galaxien che Erklärung für die beobachtete Abflachung der Rotati-
als Funktion des Abstands vom Zentrum der Galaxie an. onskurven für große Abstände ist die sogenannte dunkle
Die Rotationsgeschwindigkeit, die aus der Dopplerver- Materie: Führt man den Verlauf der Rotationskurve allein
schiebung (s. Abschn. .) charakteristischer Linien im auf die Massenverteilung zurück, dann muss es bei großen
Spektrum der beobachteten Sterne und Gase bestimmt Radien bis zu zehnmal mehr Masse geben als in Form
werden kann, fällt mit dem Abstand vom galaktischen von Sternen und Gas direkt sichtbar ist. Schon der Name
Zentrum nicht wie nach der Newtonschen Mechanik er- „dunkle Materie“ drückt aus, dass wir bisher nicht wissen,
wartet mit r −1/2 ab, sondern bleibt bei den meisten Ga- welche Materieform hinter diesen Beobachtungen steckt.
laxien konstant, steigt manchmal sogar noch einmal an. Nicht einmal ihre Existenz ist bisher bewiesen, deshalb
In Abb. . sind als Beispiel die Beobachtungen an der wird an großen Teilchenbeschleunigern wie dem LHC
Spiral-Galaxie NGC  (NGC: New General Catalogue of (Large Hadron Collider) in Genf intensiv nach weiteren
Galaxies) vorgestellt. Indizien für die Eigenschaften dunkler Materie gesucht.
Höhere Rotationsgeschwindigkeiten können nur dann Alternativ lassen sich z. B. Modifikationen der Newton-
auftreten, wenn deren Fliehkräfte durch entsprechend hö- schen Theorie erwägen, die für das Weltbild der Physik
here Gravitationskräfte ausgeglichen werden. Eine mögli- aber nicht einfacher zu verarbeiten wären.

200
⊡ Abbildung 1.72 Rotationskurve der 18
Rotationsgeschwindigkeit

Spiralgalaxie NGC . Links: Logarith-


μr (mag arcsec–2)

20
Leuchtdichte

mische Auftragung der Leuchtdichte als


νc (km s–1)

Funktion des Abstands vom galaktischen


22 100
Zentrum. Rechts: Beobachtete Rotations-
geschwindigkeit; die durchgezogene Linie
24
kennzeichnet die Rotationskurve, die aus
der beobachteten, d. h. leuchtenden Mas- 26
senverteilung (Sterne und Gas) berechnet 0
wurde. Nach K. Begeman: „H I rotation 0 10 20 30 0 10 20 30
curves of spiral galaxies. I – NGC “, Abstand vom Abstand vom
galaktischen Zentrum (kpc) galaktischen Zentrum (kpc)
Astronomy & Astrophysics, ,  ()
Aufgaben 66/67

Aufgaben ...
--- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- ------

. Kinematik .. Da kann man sich sehr täuschen +++

Ein Stein wird genau senkrecht hochgeworfen. Trifft er genau an


.. Wie schnell ist der Mensch? +
der gleichen Stelle wieder auf? Man lässt einen Stein von einem
Berechnen Sie aus den Weltrekordzeiten für einige Laufstrecken
Turm fallen. Kommt er genau senkrecht unter der Abwurfstelle
(Leichtathletik, Eisschnelllauf usw.) die mittleren Geschwindig-
an? (Beide Male Windstille.)
keiten. Treten während des Laufs irgendwann höhere Geschwin-
digkeiten auf?
. Einfache Bewegungen

.. Tachoregel +

Was halten Sie von der Kraftfahrregel: Um den Bremsweg (in m)


zu erhalten, teile man die Geschwindigkeit (in km/h) durch  und
quadriere? Welcher Bremsverzögerung entspricht das (Vergleich
mit der TÜV-Forderung von 6 m/s2 )? Welchen Winkel gegen die
Vertikale muss ein stehender Fahrgast in einem gebremsten Fahr-
zeug einnehmen, wenn er ohne Halt nicht umfallen will? Wie lau-
ten die Werte von Beschleunigung und Einstellwinkel für einen
PKW, der in  s auf 100 km/h beschleunigt?

.. Wurfweite +

Wie groß sind die fehlenden Werte (Anfangsgeschwindigkeit v0 ,


Wurfweite w, Scheitelhöhe h) bei folgenden Problemen (Voraus-
setzung: kein Luftwiderstand, Wurfwinkel so, dass w maximal):
Weitsprung (Absprung als reine Umlenkung auffassen!); Speer-
werfer wirft  m. Wie schnell bewegt er die Wurfhand relativ zum
Körper? Ferngeschütz schießt  km weit (warum so großes Ka-
liber?); Rakete fliegt  km weit. Satelliten-Rakete (letzte Stufe):
v0 = 8 km/s. Sind die Formeln des schiefen Wurfs in allen Fällen
anwendbar?
⊡ Abbildung 1.73 Olympische Spiele  in Berlin. Jesse Owens
(–) beim Start zu seinem Rekordlauf über  m
. Arbeit, Energie, Leistung
.. Michelson im Fluss ++

Ein Fluss hat überall die Strömungsgeschwindigkeit w. Ein .. Bogenschießen ++

Schwimmer überquert den Fluss zum genau gegenüberliegen- Warum ist ein guter Bogen an den Enden dünner als in der Mitte,
den Punkt und kehrt zum Ausgangspunkt zurück. Ein anderer im Gegensatz zum „Flitzbogen“ aus einem Ast einheitlicher Di-
schwimmt genau die Flussbreite stromab und wieder zurück. cke?
Welcher der beiden gleich guten Schwimmer gewinnt?
.. Kann Messner mehr? ++

Messen Sie Ihre körperliche Dauerleistung, z. B. beim Berg-


. Dynamik
steigen. Das Blut enthält ,% Hämoglobin. Ein Hb-Molekül
.. Hier irrte Aristoteles + (rel. Molekülmasse  ) kann vier Moleküle O2 reversibel
Aristoteles behauptete, ein schwerer Körper falle schneller als ein binden. Herzfrequenz bei Anstrengung bis 150 min−1 , Pumpvo-
leichter (auch abgesehen vom Luftwiderstand). Galilei schlug vor, lumen 1 cm3 /kg Körpergewicht. Zucker, Grundeinheit CH2 O,
man solle sich einen schweren und einen leichten Körper durch wird zu CO2 + H2 O abgebaut;  g Zucker liefert  kJ. Wirkungs-
einen Faden verbunden denken und diesen immer dünner bzw. grad der Muskeln ca. %. Wird Ihre Dauerleistung durch die
dicker machen. Was beweist das? Zirkulation begrenzt?
1 Mechanik der Massenpunkte

. Bezugssysteme München stehen? Wie viele solcher Satelliten braucht man, um
jeden Punkt am Äquator zu erreichen? (Ultrakurzwellen breiten
.. Der brave Mann +
sich geradlinig aus.) Welches ist der nördlichste Punkt, der gerade
Ein Mann beobachtet von einer Brücke aus, wie einem stromauf
noch erreicht wird?
fahrenden Paddler gerade unter der Brücke eine fast volle Kognak-
flasche ins Wasser fällt und abwärts treibt. Da der Paddler auf Ru-
fen nicht reagiert, rennt der Mann ihm nach und erreicht ihn nach .. Springflut ++

1
h. Der Paddler kehrt auf die Nachricht sofort um und holt die Wer erzeugt höhere Gezeiten: Sonne oder Mond? Erklären Sie
2
Flasche. Der Paddler fährt 6.5 km/h relativ zum Wasser, das mit Spring- und Nipptiden.
3 km/h strömt. Wie lange war die Flasche im Wasser? Benutzen
Sie das Bezugssystem des Ufers und das des Wassers. Was ist ein-
. Reibung
facher?
.. Bremsweg +

.. Foucault-Pendel ++ Einige Reibungskoeffizienten gegen Autoreifen: Gute trockene


Eine sehr große Masse, aufgehängt an einem sehr langen Draht, Straße ,, feuchte Straße ,, Schnee um ,, Glatteis < 0,1. Ab-
die mehrere Tage fast ungedämpft schwingt, behält ihre Schwin- genutzte Reifen haben kaum mehr als die Hälfte (alle Werte ohne
gungsebene nicht bei, sondern beschreibt eine Rosette (Abb. .). Gewähr). Diskutieren Sie Bremswege, zulässige Geschwindigkei-
Wie kommt das? Wie lange dauert ein vollständiger Umlauf um ten in Kurven usw.
die Rosette? Wie hängt die Dauer von der geographischen Breite
ab? Zur Behandlung benutzen Sie Abb. .. .. Kartentrick ++

Auf einem Bierglas liegt eine Spielkarte, mitten darauf eine Mün-
ze. Wie schnell muss man die Karte wegziehen oder -schnipsen,
. Gravitation und Himmelsmechanik damit die Münze ins Glas fällt? Geht es besser mit einem weiten
.. Geostationärer Satellit + oder einem engen Glas? Wie geht es mit einem weichen Radier-
Der Syncom-Nachrichtensatellit soll antriebslos immer über dem- gummi statt der Münze? – Wie schnell muss man die Tischdecke
selben Punkt der Erdoberfläche stehen. Wie groß muss sein Ab- unter dem Geschirr wegreißen, ohne dass es Scherben gibt? Fällt
stand von der Erdoberfläche sein? Könnte er z. B. ständig über ein hohes oder ein niedriges Glas dabei leichter um?
Kapitel 

Mechanik des starren Körpers

Einleitung Inhalt
Bisher durften sich ganze Körper nur verhalten wie Mas- ¬ . Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
senpunkte, d. h. sich nur fortschreitend, translatorisch be- ¬ . Drehmomente und Gleichgewicht . . . . . . . . . 71
wegen, gleichförmig oder beschleunigt. Jetzt erhalten sie ¬ . Dynamik des starren Körpers . . . . . . . . . . . . . 78
eine Ausdehnung und können sich daher auch drehen. ¬ . Die Bewegung des starren Körpers . . . . . . . . 85
Zum Glück täuscht die Befürchtung, man müsse dafür ei- ¬ . Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
ne ganz neue Mechanik lernen. ¬ . Offene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
Ganz analog zu den translatorischen Größen Weg s,
Geschwindigkeit v ⃗ und Beschleunigung a⃗ beschreiben
wir die Drehbewegungen mit Drehwinkel φ ⃗, Winkelge-
schwindigkeit ω⃗ und Winkelbeschleunigung ω. ⃗˙
Allerdings ist die Kreiselbewegung mit Drehimpuls
und Drehmoment für unsere Intuition schwieriger zu
erfassen als Impulse und Kräfte. Ein gutes Verständnis
des Vektorproduktes (auch Kreuzprodukt oder äußeres
Produkt genannt) ist dafür sehr hilfreich.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015


D. Meschede (Hrsg.), Gerthsen Physik, Springer-Lehrbuch, DOI 10.1007/978-3-662-45977-5_3
2 Mechanik des starren Körpers

▾ Mathematischer Hinweis . Translation und Rotation

a⃗ × ⃗
b ist ein Vektor, der senkrecht auf a⃗ und auf ⃗ b steht, und
zwar so, dass a⃗, ⃗ b und a⃗ × ⃗
Wir müssen zuerst festlegen, wie wir den Ablauf einer Be-
b in dieser Reihenfolge wie Dau-
wegung beschreiben, ohne uns zunächst um ihre Ursache
men, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand zeigen.
Daher ist a⃗×⃗ b = −⃗ a . Der Betrag von a⃗×⃗ a, ⃗
zu kümmern.
b×⃗ b ist ab sin(⃗ b),
die Fläche des Parallelogramms aus a⃗ und b. Bei a⃗ ∥ ⃗ ⃗ b ist
a⃗ × ⃗
b=⃗ 0. In Komponentenschreibweise lässt sich a⃗ × ⃗ b am .. Bewegungsmöglichkeiten eines starren Körpers
einfachsten als Determinante darstellen: Wenn man von der Ausdehnung eines Körpers absehen
 ⃗ ⃗j ⃗ 
k 
kann, d. h. ihn als Massenpunkt betrachtet, wie wir das bis-
 i 
b = a 1 a 2 a 3 
a⃗ × ⃗  her getan haben, lässt sich seine Lage durch einen einzigen
  Ortsvektor ⃗r darstellen, seine Bewegung durch die Zeitab-
b1 b2 b3  hängigkeit ⃗r (t) dieses Ortsvektors. Für einen ausgedehnten
= (a 2 b3 − a 3 b2 , a 3 b1 − a 1 b3 , a 1 b2 − a 2 b1 ) . Körper braucht man eigentlich unendlich viele Ortsvekto-
ren, einen für jeden seiner Punkte. Zum Glück können
Dabei sind ⃗ i, ⃗j, ⃗
k die Basisvektoren, d. h. Vektoren der Län- sich diese Vektoren nicht alle unabhängig voneinander än-
ge  in x-, y- und z-Richtung. dern, selbst dann nicht, wenn der Körper deformierbar ist.
Gelegentlich brauchen wir das Spatprodukt (⃗ a×⃗ c . Es
b)⋅⃗ Wenn er das nicht ist, sondern starr, kann man jede seiner
ist eine Zahl, die das Volumen des von a⃗, ⃗ b, c⃗ aufgespannten Bewegungen in Translationen und Rotationen zerlegen.
Parallelepipeds angibt: (⃗ a ×⃗ a ×⃗
c = ∣⃗
b)⋅⃗ b∣c cos α = Grundflä-
che ∣⃗ ⃗
a × b∣ mal Höhe c cos α. Falls man die Reihenfolge der
Vektoren nur zyklisch vertauscht, kann man die Produkt- Eine Translation ist eine Bewegung, bei der alle Punkte
zeichen an Ort und Stelle lassen, das Spatprodukt, also das des Körpers kongruente Bahnen beschreiben. Diese Bah-
Volumen, ändert sich dabei nicht: nen dürfen durchaus gekrümmt sein. Bei einer Rotation

a×⃗
b) ⋅ c⃗ = (⃗ c × a⃗) ⋅ ⃗
beschreiben alle Punkte konzentrische Kreise um eine be-
(⃗ b × c⃗) ⋅ a⃗ = (⃗ b. (.) stimmte Gerade, die Drehachse.
Wegen der Vertauschbarkeit des Skalarprodukts dürfen hier
einfach Kreuz- und Punktprodukt vertauscht werden, also

a×⃗
(⃗ b) ⋅ c⃗ = a⃗ ⋅ (⃗
b×⃗
c) . (.′ )

c
c ? (a 3 b)
a3b h5
|a 3 b|

a |a 3 b|= ab sin(a,b)
⊡ Abbildung 2.2 Translation (Mitte): Die Richtung der Körper-
⊡ Abbildung 2.1 Das Vektorprodukt a⃗ × ⃗ b hat als Betrag die Flä- achsen bleibt trotz Kurvenbahn erhalten, Rotation (oben rechts): Die
che des Parallelogramms aus a⃗ und ⃗ a ×⃗
b, das Spatprodukt c⃗⋅ (⃗ b) ist Punkte des Körpers beschreiben konzentrische Kreise. Translation
gleich der Fläche mal der Höhe, also dem Volumen des Parallelepi- mit Rotation (unten): Hier ändern zwei von drei Körperachsen ihre
peds aus a⃗, ⃗
b, c⃗ Richtung, eine bleibt erhalten
Drehmomente und Gleichgewicht 70/71

Die Gesetze der Translation unterscheiden sich nicht


von denen, die wir vom Massenpunkt her kennen. Aus der
Grundgleichung F⃗ = m a⃗ und dem Reaktionsprinzip folgen
sa

der Impulssatz und alles übrige. Für die Rotation müssen


wir einen neuen Satz von Begriffen entwickeln. ra

φ
.. Freiheitsgrade des starren Körpers
sb rb

Ein starrer Körper hat  Freiheitsgrade: Translation und


Rotation steuern jeweils die  Freiheitsgrade der  Raum-
dimensionen bei.

Ein System aus N Massenpunkten, die nicht miteinan- ⊡ Abbildung 2.3 Bei einer Drehung um den Winkel φ verschiebt
der gekoppelt sind, hat 3N Freiheitsgrade, d. h. seine Lage sich jeder Punkt auf einem Kreisbogen der Länge s = rφ (r: senk-
lässt sich durch 3N Zahlen angeben (drei Koordinaten für rechter Abstand von der Achse). Bei kleiner Drehung ist die Ver-
jeden Massenpunkt). Wenn man die Massenpunkte starr schiebung d⃗ ⃗×⃗
r = dφ r
durch Stangen der Länge ∣⃗r i − ⃗r j ∣ zwischen jedem Paar i, j
von Massenpunkten verbindet, werden die Bewegungs-
möglichkeiten durch die Gleichungen ∣⃗r i − ⃗r j ∣ = const
eingeschränkt. Es gibt ( N2 ) = N(N − 1)/2 solche Gleichun- Finger den Drehsinn andeuten. Mittels dφ⃗ können wir so-
gen, aber sie sind nicht alle unabhängig. Um die Struktur fort angeben, wie sich jeder Punkt des Körpers bei dieser
des Systems festzulegen, genügt es ja, erstens die Lage von Drehung verschiebt. Ein Punkt, dessen Lage durch den
drei beliebigen Massenpunkten, die nicht in einer Geraden Ortsvektor ⃗r mit dem Ursprung irgendwo auf der Dreh-
liegen, durch die drei Abstände zwischen ihnen anzuge- achse gegeben ist, verschiebt sich nach Abb. . und .
ben, zweitens die Abstände aller übrigen N − 3 Punkte von um
diesen dreien anzugeben, d. h. (N − 3) ⋅ 3 Abstände. Nach
dem Prinzip des dreibeinigen Tisches oder Statives ist dann d⃗r = d φ⃗ × ⃗r . (.)
alles festgelegt. Das gibt im Ganzen (N − 2) ⋅ 3 Bedingun-
gen. Von den 3N Freiheitsgraden der freien Massenpunkte
bleiben also immer  übrig, unabhängig von N. Man kann
sie deuten als die drei Koordinaten eines beliebigen Punk-
tes des starren Körpers, dazu Drehungsmöglichkeiten um
die drei zueinander senkrechten Achsen, entsprechend der dr
Unterscheidung zwischen Translation und Rotation.
r9


. Drehmomente und Gleichgewicht
r
r sinα
.. Infinitesimale Drehungen
α
Ein starrer Körper drehe sich um einen sehr kleinen Win-
kel d φ⃗ um eine gegebene Achse. Wir können beides –
die Richtung der Achse und den Betrag der Drehung – dĐ
durch einen Vektor d φ⃗ kennzeichnen, der in Achsrichtung
zeigt und den Betrag d φ⃗ hat. Sein Richtungssinn sei wie ⊡ Abbildung 2.4 Ein Punkt mit dem Ortsvektor ⃗ r , der unter dem
der Daumen der rechten Hand, wenn deren gekrümmte r = dφ
Winkel α zur Drehachse steht, verschiebt sich um d⃗ ⃗×⃗ r
2 Mechanik des starren Körpers

Diese Verschiebung ist ja senkrecht zur Achse d φ⃗ und zu ⃗r ,


ihr Betrag ist r sin αdφ. Alles das drückt das Vektorprodukt
(.) richtig aus.
Führt man zwei infinitesimale Drehungen um zwei ver-
schiedene Achsen aus, die sich im Ursprung schneiden, ist
die Verschiebung, die sie zusammen herbeiführen

d⃗r = d⃗r 1 + d⃗r 2 = (d φ⃗1 + d φ⃗2 ) × ⃗r .

Nur sehr kleine Drehungen addieren sich so einfach. Grö-


ßere Drehungen tun das nicht, außer wenn beide Drehach-
sen parallel sind. Ihr Ergebnis hängt von der Reihenfolge
der Drehungen ab, diese sind nichtkommutativ. Das liegt
natürlich daran, dass wir von körpereigenen Drehachsen
reden. Die erste Drehung ändert selbst die Lage der zwei-
ten Drehachse.

⊡ Abbildung 2.6 „Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht


.. Hebelgesetz und Drehmoment in Abständen, die sich umgekehrt verhalten wie die Gewichte.“ Ar-
chimedes um  v. Chr.
Seit dem Altertum ist es eines der berühmtesten und re-
levantesten Gesetze der Physik, das Hebelgesetz des Ar-
chimedes (um  v. Chr.): Zwei Kräfte, die an den Enden
eines Hebels parallel zueinander angreifen (Abb. .), müs-
sen sich umgekehrt verhalten wie die Abstände der Enden Im Gleichgewicht muss die Arbeit bei kleinen Drehungen
vom Drehpunkt, damit der Hebel in Ruhe ist, also verschwinden, das ist genau dann der Fall, wenn die Sum-
me der Drehmomente,
∣⃗r 1 ∣ ⋅ ∣F⃗1 ∣ = r 1 ⋅ F1 = r 2 ⋅ F2 .
⃗ = ⃗r × F⃗ = rF sin α e⃗⊥ ,
M
⃗ so wird in bei-
⃗ ∥ e⃗⊥ ) steht senkrecht
Betrachten wir eine kleine Drehung δϕ,
⃗ F⃗ = δϕ⋅(⃗
⃗ r × F)
⃗ (Gl. (.′ )) verschwindet. Das Drehmoment ( M
auf der von ⃗r und F⃗ aufgespannten Ebene und hat den Be-
den Armen jeweils die Arbeit δr⋅
trag rF sin α, wo sin α den Winkel zwischen ⃗r und F⃗ an-
verrichtet. Die totale Arbeit δW beider Arme beträgt

⃗1 ⋅ F⃗1 + δr
δW = δr ⃗2 ⋅ F⃗2 = δϕ
⃗ ⋅ (r⃗1 × F⃗1 + r⃗2 × F⃗2 ) . gibt. Im Übrigen ist δW bereits ein Beispiel für eine virtu-
elle Verschiebung, auf die wir in Abschn. .. noch einmal
eingehen.

2(F11F2)
M = r 3F
r1
δr1 r2
δφ
F1 F2

a
| r 3F |
F
r
⊡ Abbildung 2.5 Das Gleichgewicht am ungleicharmigen Hebel,
an dem parallele Kräfte angreifen (Hebelgesetz des Archimedes) ⊡ Abbildung 2.7 Vektordarstellung des Drehmomentes
Drehmomente und Gleichgewicht 72/73

Hier gilt also und damit Wirkung verschwindet, kann man das nach
r⃗1 × F⃗1 + r⃗2 × F⃗2 = 0 , Abb. . einsehen.
Um drei Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen, ohne dass
und wenn Hebelarme ⃗r i und Kräfte F⃗i senkrecht aufeinan- ein Drehmoment auftritt, müssen sich die drei Angriffsli-
der stehen, wird daraus wieder das vereinfachte Hebelge- nien offenbar in einem Punkt schneiden. Sind zwei Kräf-
setz des Archimedes. te parallel, kann man die erforderliche Kompensationskraft
unter Hinzufügen von Hilfskräften nach der Konstruktion
.. Hilfskräfte und Linienflüchtigkeit in Abb. . und unter Ausnutzung der Linienflüchtigkeit
ermitteln.
Billardkugeln werden durch den Stoß mit dem Queue nicht
nur beschleunigt, sondern auch in Drehungen versetzt, je
.. Kräftepaare
nachdem, wo die Kugel mit dem Queue getroffen wird. Im
Allgemeinen haben die Kräfte am starren Körper aber kei- Liegen zwei an einem starren Körper angreifende Kräfte
nen Angriffspunkt, sondern eine Angriffslinie, und jeder nicht auf einer Linie, verursachen sie i. Allg. nicht nur ei-
ihrer Punkte kann als Angriffspunkt betrachtet werden. ne Beschleunigung, sondern auch ein Drehmoment. Die
Diese Eigenschaft nennt man Linienflüchtigkeit. Durch wichtigsten Spezialfälle, auf die jede andere Situation durch
Hinzufügen von Paaren von Hilfskräften, deren Summe die Einführung von Hilfskräften und Linienflüchtigkeit
zurückgeführt werden kann, sind in Abb. . gezeigt. Ins-
besondere verursacht das Kräftepaar aus Abb. .(c) ein
Drehmoment, aber keine Beschleunigung. Eine Betrach-
tung in der Ebene reicht übrigens aus, denn durch eine
2Z
Drehachse wird immer eine (zu ihr senkrechte) Ebene
Z F
definiert.

BEISPIEL

⃗ = −F⃗
Wie kann die azentrale Kraft aus Abb. .(b) auf eine zen-
⊡ Abbildung 2.8 Linienflüchtigkeit: Die Hilfskraft −Z
trale Kraft und ein Kräftepaar zurückgeführt werden?
kompensiert die ursprüngliche Kraft, es resultiert die neue Kraft
Z⃗ = F⃗

Z
2F 29
F 91

F1
a
2F 3 ⊡ Abbildung 2.9 Gleichgewicht von 
parallelen Kräften. Die Hilfskräfte ±Z ⃗ ent-
b
lang der Verbindungslinie der beiden An-
2F 91 griffspunkte ergeben neue Kräfte mit An-
F2 griffslinien, durch deren Schnittpunkt auch
die dritte Angriffslinie laufen muss. Geo-
metrische Überlegungen zeigen, dass die
Verbindungslinie ⃗
2Z
2F 29 b −⃗
a im Verhältnis a ∶ b =
F2 ∶ F1 geteilt wird
2 Mechanik des starren Körpers

⃗ im Abstand −⃗
Dazu addieren wir Hilfskräfte ±F/2 r von der M
Symmetrie- und Drehachse. Daraus ergibt sich ein Kräfte-
⃗ und zwei parallele Kräfte F/2
paar ±F/2 ⃗ im gleichen Ab-
stand zur Achse, die nach Abb. . zu einer zentralen Kraft –F
F⃗ zusammengefasst werden können.
F

Kräftepaare am freien Körper kommen in unserer Erfah-


rung nicht vor, ihre Wirkung ruft deshalb Überraschung ⊡ Abbildung 2.12 Ein Kräftepaar ±F⃗ erzeugt ein Drehmoment
⃗ das nicht von der Lage zur Achse abhängt
M,
hervor: Wir betrachten zwei gleich große entgegengesetz-
te Kräfte F⃗1 und F⃗2 = −F⃗1 mit einem Abstand r = ∣⃗r∣ =
∣⃗r 1 −⃗r 2 ∣ zwischen ihren Angriffspunkten. Ein solches Kräf-
tepaar beschleunigt die Drehung um eine zur von F⃗1 und F⃗2 entgegen gerichteten Kräfte heben sich vollständig auf,
aufgespannte Ebene senkrechte Achse. Das Drehmoment, die Drehmomente wegen unterschiedlichen Abstandes zur
das die beiden Kräfte erzeugen, hängt aber nicht von der Drehachse nur teilweise.
Lage der Drehachse ab: Mit dem Durchstoßpunkt der Ach-
se als Ursprung ist das Drehmoment
⃗ = ⃗r 1 × F⃗1 + ⃗r 2 × F⃗2 = (⃗r 1 − ⃗r 2 ) × F⃗1 = ⃗r × F⃗1 .
M
.. Gleichgewichtsbedingungen

Wir können zusammenfassen:


Das Drehmoment hängt also nicht vom Ursprung, von
Ein starrer Körper ist im Gleichgewicht, d. h. er er-
der Lage der Achse ab. Am freien Körper verursacht jedes
fährt weder Translations- noch Rotationsbeschleunigun-
Kräftepaar eine Drehung um eine Achse durch den Schwer-
gen, wenn Kraft und Drehmoment verschwinden:
punkt, entgegen unserer Intuition. Die im vorangegange-
nen Beispiel besprochene Zerlegung hilft, die Situation
zu verstehen: Jede Einzelkraft verursacht Beschleunigung F⃗ = ⃗0 , ⃗ = ⃗0 .
M (.)
und Drehmoment; die Beschleunigungen der einander

⊡ Abbildung 2.10a–c Kräfte und Dreh-


momente am starren Körper (Masse m): (a) (b) (c) M
(a) Eine zentrale Kraft F⃗ verursacht eine
M
F
Beschleunigung a⃗, aber kein Drehmoment r
⃗ (b) Eine einzelne azentrische Kraft ver-
M. r r
ursacht sowohl eine Beschleunigung als F
F F
auch ein Drehmoment. (c) Ein Kräftepaar
verursacht ein Drehmoment, aber keine F ; M=0
a=m F ; M = r3F
a=m a = 0 ; M = 2r 3 F
Beschleunigung. (Die Betrachtung gilt nur
für einen kurzen Zeitraum.)

F
2
–r –r F
⊡ Abbildung 2.11 Eine Kraft F⃗ kann in
2
M F
eine zentrale, auf den Schwerpunkt (s. Ab- r r 2
F
schn. .. und Abschn. ..) gerichtete F 2
Kraft und ein Kräftepaar zerlegt werden.
Das Drehmoment ist M ⃗ =⃗r × F⃗
Drehmomente und Gleichgewicht 74/75

.. Schwerpunkt
–(F91 +F92)
Wie muss man einen Körper unterstützen, der der Schwer-
kraft unterliegt, d. h. in dem auf jedes Massenteil m i eine
Kraft F⃗i = m i g⃗ wirkt? Die Summe der Kräfte F⃗g = ∑ m i g⃗ =
–(F99+F99)
1 2

m g⃗, das Gesamtgewicht, muss durch eine äußere Haltekraft


F991 r1 r2 F992
α1 α2
−F⃗g kompensiert werden. Andererseits ist das Gesamtmo-
F91 ment der Schwerkräfte
F1
F92
F2 ⃗ g = ∑ m i ⃗r i × g⃗ = −⃗
M g × ∑ ⃗r i m i . (.)

Dieses Moment hängt wieder von der Lage des Ursprungs


⊡ Abbildung 2.13 Gleichheit der Drehmomente bei nicht paral- der Ortsvektoren ab. Es ist , wenn der Ursprung so liegt,
lelen Kräften. In Richtung der Hebelstange wirkt die Kraft F1′′ −F2′′ = dass
F1 cos α 1 − F2 cos α 2
∑ m i ⃗r i = ⃗
0 . (.)

Dieser Ursprung ist der schon in Abschn. . eingeführte


Dann kann er speziell auch in Ruhe sein und bleiben. Es Schwerpunkt. Für einen Körper aus zwei Massen m 1 und
dürfen Kräfte wirken, aber sie müssen sich alle zu Null ad- m 2 teilt der Schwerpunkt deren Abstand im umgekehrten
dieren, außerdem müssen ihre Angriffspunkte so verteilt Verhältnis der beiden Massen (Abb. .). Für viele Mas-
sein, dass auch das Drehmoment verschwindet. sen m i auf einer Geraden, jeweils an der Stelle x i , ist die
Die Gleichgewichtsbedingung für Kräfte, die in einem Schwerpunktskoordinate
Punkt angreifen, haben wir schon in Abb. . geklärt. Die
∑ xi mi
Situation am ausgedehnten Körper ist in Abb. . gezeigt. xS = .
Es folgt speziell das schon in Abschn. .. und Abb. . ∑ mi
vorgestellte Hebelgesetz des Archimedes. Bei schrägen Für die übrigen Koordinaten gilt im allgemeinen Fall Ent-
Kraftrichtungen zählen entsprechend der Definition des sprechendes. Bei kontinuierlicher Massenverteilung liegt
Drehmoments nur die Kraftkomponenten senkrecht zum der Schwerpunkt bei
Hebel. Dabei ist vorausgesetzt, dass die Drehachse die evtl.
verbleibenden Komponenten parallel zum Hebel durch
⃗rs =
∫ %⃗r dV
eine Reaktionskraft aufnehmen kann. . (.)
∫ % dV

BEISPIEL

Warum hat ein Hubschrauber hinten einen kleinen Propel- S


ler mit waagerechter Achse? Warum geht ein Auto beim m1 m2 X
scharfen Bremsen vorn „in die Knie“? 0
Der Motor übt gleich große, entgegengesetzte Drehmomen- x1
x2
te auf Luftschraube und Hubschrauberkörper aus. Ohne die xS
mit großem „Kraftarm“ versehene direkte Gegenkraft des
kleinen Propellers am Schwanz würde der Hubschrauber m1 r1 r2 m2
bald in heftige Rotation kommen.
Die Bremskraft wirkt über die Achsen auf das Fahr- m1 g
zeug. Weil dessen Schwerpunkt über den Achsen liegt, dreht
m2 g
die Karosserie nach vorn, bis die Schwerkraft ein gleich-
großes, entgegengesetztes Drehmoment erzeugt. Entspre-
chend kippt das Anfahrmoment die Karosserie nach hinten: ⊡ Abbildung 2.14 Die Achse eines im Gleichgewicht befindlichen
der Wagen „bäumt sich auf“. belasteten Hebels geht durch den Schwerpunkt. Die Koordinate des
Schwerpunktes wird aus den Koordinaten der Massen berechnet
2 Mechanik des starren Körpers

z Δm = rΔV
S

Z
Z
S
zi
yS zS x
S
xi y
x yi
⊡ Abbildung 2.16 Bei Unterstützung durch eine horizontale Ebe-
⊡ Abbildung 2.15 Zur Definition des Schwerpunktes eines ho- ne wirkt der Mittelpunkt des Krümmungskreises als Aufhängepunkt
mogenen starren Körpers

.. Gleichgewicht schwerer Körper


Ein im Schwerpunkt S aufgehängter Körper ist in jeder La-
ge im Gleichgewicht (indifferentes Gleichgewicht). An-
dernfalls hängt es von der Lage der Drehachse ab: S
Liegt der Aufhängepunkt senkrecht über S, ist der Kör- r99
per im stabilen Gleichgewicht; jedes kleine Herausdrehen r F
aus dieser Lage erzeugt ein Drehmoment, das wieder zum
r9 C
Gleichgewicht hinführt. Liegt der Aufhängepunkt senk- S9
recht unter S, herrscht Labilität; eine kleine Auslenkung B
löst ein Drehmoment aus, das weiter vom Gleichgewicht
wegführt. Ruht ein Körper auf einer horizontalen Flä-
che, wirkt als Aufhängepunkt der Krümmungsmittelpunkt
der Auflagefläche (Abb. .); im dargestellten Fall ist das F9
Gleichgewicht stabil (Stehaufmännchen). ⊡ Abbildung 2.17 Der Klotz kippt nicht, wenn sein Schwerpunkt
In Abschn. .. stellen wir noch eine andere Art zur Be- noch über der Stützfläche liegt
schreibung des mechanischen Gleichgewichts vor, die vir-
tuelle Verschiebung.
So kann man den Schwerpunkt eines beliebig kompli-
ist. Je größer M ′, desto größer die Standfestigkeit. Zum
zierten Körpers ermitteln: Man hängt ihn an zwei verschie-
Kippen braucht man mindestens die Kraft
denen Punkten auf; die Verlängerungen der Aufhängefä-
r′ ′
F=
den schneiden sich dann im Schwerpunkt.
F .
r ′′
Standfestigkeit. Ein Körper steht auf einer waagerech-
ten Ebene stabil, wenn die lotrechte Projektion S ′ seines .. Einfache Maschinen
Schwerpunktes S auf diese Ebene innerhalb seiner Grund-
fläche liegt. Zur Kippung um eine Kante BC (Abb. .) Die einfachen mechanischen Maschinen, wie schiefe Ebe-
muss mindestens ein Drehmoment ne, Hebel, Rolle, Flaschenzug, Kurbel, Getriebe, dienen
zur Verrichtung von Arbeit. Meist ist Heraufsetzung der
⃗ = r ′′ F
M ′′ = ∣⃗r × F∣ Kräfte erwünscht: Die geringe Kraft von Mensch oder Tier
soll vergrößert werden. Nach dem Energiesatz verhalten
angreifen, das entgegengesetzt gleich dem Moment der
sich die entsprechenden Verschiebungen im verlustfrei-
Schwerkraft um die gleiche Achse
en Fall genau umgekehrt wie die Kräfte, denn die aufge-
M ′ = ∣⃗r × F⃗′ ∣ = r ′ F ′ wandte Arbeit kann bestenfalls wiedergewonnen werden
Drehmomente und Gleichgewicht 76/77

(Goldene Regel der Mechanik). So kann man das Hebel- Weil das Drehmoment eines Motors von der Drehzahl
gesetz gewinnen (Abb. .) oder die Kräfte am Flaschen- abhängt, P = Mω = 2πM f , dient das Getriebe der Leis-
zug (Abb. .) aus n losen und n festen Rollen. Zieht man tungsanpassung.
das Seilende um ds ′, hebt sich die Last nur um ds = ds ′/2n, Wenn ein Rad vom Radius r 1 in ein anderes mit r 2 ein-
denn ds ′ verteilt sich gleichmäßig auf 2n Seilabschnitte. greift, sind die Umfangsgeschwindigkeiten gleich: v1 = v2 ,
Der Energiesatz verlangt F1 ds = F2 ds ′ , also muss man mit also ω 1 /ω 2 = r 2 /r 1 . Umgekehrt wie die ω verhalten sich
F2 = F1 /2n ziehen. die Drehmomente, denn P = Mω ist konstant. Dasselbe
Ein „Hebelgesetz“ gilt auch für Getriebe: folgt aus der Gleichheit der Kräfte (actio = reactio), denn
Durch Zahnrad- oder Riemenübertragung kann die F = M/r. Anders bei zwei Rädern, die fest auf der gleichen
Motorleistung P bestenfalls verlustfrei durch das ganze Welle montiert sind. Sie haben ω 1 = ω 2 , also v1 /v2 = r 1 /r 2 ,
Getriebe übertragen werden. Die Leistung ist nach Ab- und M 1 = M 2 , also F1 /F2 = r 2 /r 1 .
schn. .., Gl. (.) mit dem Drehmoment M und der
Winkelgeschwindigkeit ω bzw. Drehzahl f = ω/2π ver- Die Waage. Eine Waage ist ein Hebel, an dessen beiden
knüpft. Seiten die zu vergleichenden Kräfte (oder Massen im
Schwerefeld) angebracht werden. Nur in Ausnahmefällen
werden beide Kräfte exakt entgegengesetzte Drehmomen-
te auf die Waage ausüben. Wenn das nicht so ist, soll der
Waagebalken oder der daran befestigte Zeiger die Differenz
ΔM oder ΔF oder Δm anzeigen. Er tut das nur, wenn der
Balken im stabilen Gleichgewicht ist, d. h. die Auslenkung
A Δφ ein Gegenmoment des Balkens auslöst, das das äußere
Moment ΔM kompensiert.
feste Rollen

Die entsprechende Auslenkung Δs, gemessen in Skalentei-


len auf der Wägeskala, heißt Empfindlichkeit e der Waage:

Δs
e= . (.)
Δm
Eine ähnliche Definition gilt auch für andere Messinstru-
mente.
ds9
F2
lose Rollen

ds
B

Δw
D
S
F2

F1
FB

F1

⊡ Abbildung 2.18 Flaschenzug ⊡ Abbildung 2.19 Momentengleichgewicht am Waagbalken


2 Mechanik des starren Körpers

Zeit dt reale Verschiebung. Eine virtuelle Verschiebung


Wägestücke Ausgleichsgewicht
(Reiter)
ist eine Verschiebung, die mit den Führungsmechanis-
men vereinbar ist. Damit Gleichgewicht besteht, muss die
Gesamtarbeit aller Kräfte bei einer solchen Verschiebung
verschwinden. Das ist nichts weiter als der Energiesatz un-
ter Einbeziehung der Zwangskräfte, die auf Achslager usw.
wirken. Da diese Zwangskräfte aber normalerweise keine
Verschiebung erzeugen, leisten sie auch keine Arbeit.

BEISPIEL

⊡ Abbildung 2.20 Prinzip der Substitutionswaage Besteigen einer Leiter. (Abb. .)
Auf die Leiter (Masse mL ) und die Person (Masse mP ) wirkt
die Schwerkraft in −y-Richtung. Im Gleichgewicht muss die
Je weniger weit der Schwerpunkt S des Balkens un- Schubkraft im Aufpunkt A durch die Reibungskraft F⃗A auf-
ter dem Drehpunkt D liegt, desto empfindlicher ist die gefangen werden. Es gilt:
Waage. Der Übergang zu S = D (e = ∞, indifferentes
Gleichgewicht) zeigt aber, dass zu hohe Empfindlichkeit mL g⃗ δ⃗ rP + F⃗A δ⃗
rS + mP g⃗ δ⃗ rA = 0 .
auch nicht gut ist. Bei einer Balkenwaage kann sich S mit
Man ersetzt g⃗ δ⃗
rS = g δyS = (gL/2) cos α δα, g⃗ δ⃗ rP =
g δyP = gℓ cos α δα, F⃗A δ⃗
zunehmender Belastung verschieben, i. Allg. abwärts. Da-
r A = −FA δx A = −FA L sin α δα
durch nimmt die Empfindlichkeit meist mit der Belastung
mit dem Ergebnis
ab. Diesen Nachteil vermeiden die Substitutionswaagen.
Bei ihnen wird die Gesamtbelastung des Balkens konstant ((mL gL/2) cos α + mP gℓ cos α − FA L sin α) δα = 0 .
gehalten. Die zu wägende Masse wird durch Abheben ent-
sprechend vieler „Reiter“ vom Balken kompensiert. Daraus gewinnen wir die Kraft

.. Virtuelle Verschiebungen FA = g cot α(mL L/2 + mP ℓ) .

Allgemein kann man das Gleichgewicht und seine Art Danach ist klar: Eine Leiter, die anfänglich (ℓ = 0) hält, ist
kennzeichnen durch Angabe der potentiellen Energie U nicht unbedingt sicher, wenn man oben angekommen ist
als Funktion aller Koordinaten x i , einschließlich derer, (ℓ = L).
die mögliche Drehungen oder auch Verschiebungen der
Massenteile gegeneinander beschreiben. Gleichgewicht
Bei Maschinen geht man davon aus, dass sie unter nor-
besteht in einer Lage x i , für die alle Ableitungen ∂U/∂x i
malen Betriebsbedingungen im Kräftegleichgewicht sind:
verschwinden:
Die Antriebskräfte werden durch die Lastkräfte plus den
dU = ∑ dx i = F⃗ ⋅ d⃗r .
∂U
(.) Reaktionskräften im Mechanismus selbst ausgeglichen.
∂x i Sonst würden Energie verzehrende Beschleunigungen auf-
Trifft dies nicht nur für einen isoliertenPunkt im x i -Raum treten. Ein Beispiel ist im Material für den Extra-Server
zu, sondern für eine Fläche oder ein Volumen, ist das .e. zu finden.
Gleichgewicht indifferent. Die zweiten Ableitungen ent-
scheiden die Art des Gleichgewichts. Wenn z. B. in zwei .e. Kurbelwelle
Dimensionen ∂ 2 U/∂x 2 > 0 und ∂ 2 U/∂x 2 ⋅ ∂ 2 U/∂y 2 >
(∂ 2 U/(∂x ∂y))2 , ist U minimal und es herrscht Stabilität.
In komplizierteren Fällen benutzt man den Energie- . Dynamik des starren Körpers
satz in Form des Prinzips der virtuellen Verschiebungen,
∑ i F⃗i δ⃗r = ⃗
0. Das Symbol δ⃗r deutet an, dass die Verschie- Jetzt geht es um die Ursachen von Bewegungen, besser von
bung nicht real stattfindet, sondern nur virtuell. Das d⃗r in Änderungen des Bewegungszustandes. Dahinter stecken
Gl. (.) markiert eine zwar infinitesimale aber doch in der ⃗ Wenn Rotation im Spiel ist, kommt es
natürlich Kräfte F.
Dynamik des starren Körpers 78/79

⊡ Tabelle 2.1 Analogie Translation – Rotation


y
Translation Rotation
B Position Ortsvektor ⃗
r Drehachse
+ Drehwinkel φ⃗

Geschwindigkeit v⃗ = ⃗
r˙ ⃗ = φ⃗˙
ω
Beschleunigung ⃗˙ = ⃗
a⃗ = v r¨ ⃗˙ = φ⃗¨
ω

S schwindigkeit
⃗ × ⃗r .
v⃗ = v⃗0 + ω (.)

Die Beschreibung der Rotation ist bisher völlig analog


L/
2

zu der der Translation (Tabelle .). Die Analogie bleibt


auch für die Dynamik tragfähig.
α
.. Das Trägheitsmoment
x
FA A Für ein Objekt mit Masse m auf einer Kreisbahn mit Radi-
⃗ = ω×⃗
us r gilt nach (.) v⃗˙ = F/m ⃗˙ r+ ω×(
⃗ ω×⃗
⃗ r) = ω×⃗
⃗˙ r−ω 2 ⃗r.

⊡ Abbildung 2.21 Wand und Boden üben Zwangskräfte aus, so-
dass nur die Koordinate α frei ist. Vertikale Kräfte am Punkt B wer- Multiplikation mit ⃗r × liefert ⃗r × F/m = r ω
⃗ bzw.

⃗r × F⃗ ⃗
den durch die Rolle verhindert
⃗˙ = =
M
ω 2
. (.)
mr mr 2

aber nicht auf Größe und Richtung der Kräfte allein an, Das Drehmoment ist also für die Änderung des Rotations-
sondern auch darauf, wo sie angreifen. Man kann sie jetzt zustandes, der Winkelgeschwindigkeit ω ⃗ verantwortlich.
nicht mehr parallel verschieben, ohne ihre Wirkung zu Als Proportionalitätsfaktor tritt – wie zuvor die Masse
ändern. Das Drehmoment M ⃗ = ⃗r × F⃗ (Abschn. ..) spielt
die entscheidende Rolle.

.. Die Winkelgeschwindigkeit


Division von (.) durch die Zeit dt, die man für die Dre- dm i
hung benötigt, liefert die Geschwindigkeiten der einzelnen
Punkte eines Körpers:

d φ⃗
= v⃗ = × ⃗r = ω
⃗ × ⃗r .
d⃗r ri
(.)
dt dt

Die Winkelgeschwindigkeit ω ⃗ hat die Richtung der Dreh-


achse, ebenso wie d φ⃗, und den Betrag ω, den wir schon A
aus der Punktmechanik kennen. Man beachte aber, dass die
Drehachse ihre Lage zeitlich ändern kann. Sie ist nur eine
momentane Drehachse. Der Ursprung liegt auf der Dreh- ⊡ Abbildung 2.22 Das Trägheitsmoment um eine Achse A setzt
achse, er kann sich selbst noch mit der Geschwindigkeit v⃗0 sich aus den Beiträgen r⊥2
i dm i der einzelnen Massenelemente zu-
bewegen (Translation). Ein Punkt ⃗r des Körpers hat die Ge- sammen
2 Mechanik des starren Körpers

⊡ Abbildung 2.23a–f Trägheitsmomen-


(a) (b) 2R (c)
te J einfacher Körper mit homogener Mas- 2R
senverteilung (Gesamtmassen M). In (d, e) a b
sind die beiden Grenzfälle L ≪ 2R und
2R ≪ L des genauen Wertes J = (M/12) ⋅ c
(3R 2 + L2 ) gegeben. (f) ergibt sich aus dem
steinerschen Satz (.) mit a = L/2
1 2 1
MR2 MR2 M(a2+b2)
2 5 12

(d) (e) (f) L/2

2R<<L
L<<2R
L
1 1 ML2 1
MR2 ML2
4 12 3

für Kraft und Beschleunigung – eine neue Größe auf, das Der Beweis ist mit ⃗r ′i = ⃗r ′′i − a⃗ aus Abb. . abzulesen:
Trägheitsmoment mr 2 .
Für ein kontinuierliches System von Massenpunkten J A = ∑ m i ⃗r ′2
i = ∑ m i (⃗ i +a
r ′′2 ⃗2 − 2⃗
a ⋅ ⃗r ′′i )
dm i mit Abständen r ⊥i von der Drehachse A definieren wir
a ⋅ ∑ m i ⃗r i .
= ∑ m i ⃗r i + a⃗ ∑ m i − 2⃗
′′2 2 ′′
das Trägheitsmoment des Körpers durch

J = ∑ dm i r ⊥2
i = ∫r ⊥2
% dV , (.) Da AS durch den Schwerpunkt geht, verschwindet die letz-
te Summe (vgl. (.)). So ergibt sich z. B. das Trägheitsmo-
Das Trägheitsmoment berücksichtigt, dass sich die einzel-
nen Massenteile in der Rotation um so mehr auswirken, je
weiter sie von der Achse entfernt sind. Dementsprechend
ist J verschieden groß, je nachdem, wie man die Drehachse
durch den Körper legt. Das Trägheitsmoment einiger ein-
facher, in Abb. . dargestellter Körper kann durch Inte- Δmi
gration berechnet werden und dient als gute Übung.
ri99
.. Steinerscher Satz und Drehachsen
S ri9
Wenn man das Trägheitsmoment eines Körpers in Bezug
auf eine durch seinen Schwerpunkt gehende Achse AS AS
kennt, liefert der steinersche Satz das Trägheitsmoment in
Bezug auf eine andere dazu parallele Achse A:
A

J A = J AS + Ma . 2
(.)

a ist der Abstand der beiden Achsen. Das Trägheitsmoment ⊡ Abbildung 2.24 Rückt man die Drehachse AS um a⃗ parallel aus
um A ist gleich dem um AS , vermehrt um das Trägheitsmo- dem Schwerpunkt S weg nach A, erhöht sich das Trägheitsmoment
ment, das die ganze in AS vereinigte Masse haben würde. um Ma 2
Dynamik des starren Körpers 80/81

ment um das Stabende aus dem um die um L/2 entfernte 1, 2, 3) von allen drei Komponenten ω α der Winkelge-
Stabmitte entsprechend (Abb. .f). schwindigkeit abhängen,
Relativ zu den Drehachsen durch den Schwerpunkt
sind die Trägheitsmomente offenbar am kleinsten, denn Lα = ∑ Jα β ωβ .
es gilt wg. (.) J A ≥ J AS . Besonders ausgezeichnet sind β

die Hauptträgheitsachsen, um die sich ein freier Körper


dreht (vgl. Abschn. ..). Zeigen die Körper eine hohe Explizites Ausrechnen mit ⃗r = (x 1 , x 2 , x 3 ) und ∑α x α2 = r 2
Symmetrie wie in Abb. ., sind sie leicht zu finden, bei ergibt die Koeffizienten
Körpern mit geringerer Symmetrie wie dem Buchstaben F
in Abb. . ist ihre Lage nicht so offensichtlich. J α β = ∑ [m (r 2 δ α β − x α x β )] i (.)
i

.. Der Drehimpuls Hier ermöglicht das Kroneckersymbol


Ein Massenpunkt, der am Ort ⃗r mit der Geschwindigkeit v⃗ ⎧
⃗ = m⃗r × v⃗. ⎪
⎪ 0 falls α ≠ β
fliegt, hat nach Abschn. .. den Drehimpuls L δα β = ⎨

⎪ falls α = β
Für einen starren Körper aus vielen Massenpunkten m i mit ⎩ 1
Drehimpulsen L ⃗ i beträgt der Gesamtdrehimpuls
eine sehr kompakte Schreibweise. Man kann also schreiben
⃗ = ∑ mi L
L ⃗ i = ∑ m i ⃗r i × v⃗i = ∑ ⃗r i × p⃗i (.)
i i i
⎛ J 11 J 12 J 13 ⎞
⃗ = ∑i L
ändert, und L ⃗ i . Mit v⃗i = ω
⃗ × ⃗r i (Gl. (.)) kön- L ⃗=⎜
⃗ = Jω ⎜ J 21 J 22 J 23 ⎟ω
⎟⃗.
nen wir das durch die Winkelgeschwindigkeit des starren ⎝ J 31 J 32 J 33 ⎠
Körpers ausdrücken:
So zeigt sich, dass J i. Allg. kein Skalar wie im Spezialfall
⃗ = ∑ m i ⃗r i ×(ω×⃗
L ⃗ − (⃗r i ⋅ ω)⃗
⃗ r i ) = ∑ m i (r 2i ω ⃗ r i ) . (.) Gl. (.), sondern ein sogenannter Tensor . Stufe ist, der
hier in Matrizenform dargestellt ist. Auf der Diagonalen
Nehmen wir an, der Körper habe eine Symmetrieachse, findet man die drei Trägheitsmomente, die Nichtdiago-
die den Ursprung enthalte, und drehe sich um diese. Dann nalelemente heißen auch Deviationsmomente. Für einen
lohnt es sich, den Ortsvektor in einen Anteil senkrecht und kontinuierlichen Körper muss man die Massen durch die
einen parallel zu ω⃗ zu zerlegen, ⃗r i = ⃗r ∥i + ⃗r ⊥i . Wir formen
damit Gl. (.) um und finden

⃗ = ∑ m i (⃗r ∥ + ⃗r ⊥i ) × (ω
L ⃗ × (⃗r ∥i + ⃗r ⊥i ))
i

⃗ − (r ∥i ω) ⃗r ⊥i ) .
= ∑ m i ((r i ) ω
⊥ 2

Ein symmetrischer Rotator zeichnet sich nun gerade da-


durch aus, dass der zweite Term verschwindet, bei jedem
r i muss die Summe ∑ m i ⃗r ⊥i per Definition verschwinden.
∥ s

Bei Rotation um die Symmetrieachse bleibt also

⃗=ω
L ⃗.
⃗ ∑ m i (r ⊥i )2 = J ω (.)

Drehimpuls, Winkelgeschwindigkeit und Trägheitsmo-


ment formen hier eine Relation ganz analog zu Impuls,
Geschwindigkeit und Masse bei der Translation, s. Ab-
schn. ... Allerdings sind Drehimpuls L ⃗ und Winkelge- ⊡ Abbildung 2.25 Die drei Hauptträgheitsachsen eines Körpers
schwindigkeit ω ⃗ wegen (.) i. Allg. nicht parallel. Nach stehen senkrecht aufeinander. Sie gehen durch den Punkt P, in dem
Gl. (.) kann jede Drehimpulskomponente L α (α = er festgehalten wird, beim freien Körper durch den Schwerpunkt S
2 Mechanik des starren Körpers

Dichte und die Summe in (.) durch das Integral über


das Volumen des Körpers ersetzen, nen physikalische Eigenschaften beschrieben werden, dür-
fen nicht von der Wahl eines speziellen Koordinatensys-

Jα β = ρ(⃗r) (r 2 δ α β − x α x β ) dV .
tems abhängen. Tensoren erfüllen diese Bedingung, ihre Ei-

V
(.)
genwerte z. B. sind invariant bei Drehungen. Die Tensoren
. Stufe sind Skalare, es folgen die Vektoren als Tensoren
Nach Glgn. (.), (.) ist der Tensor symmetrisch, J α β = . Stufe, der Trägheitstensor ist ein Beispiel für einen Ten-
J βα . Solche Tensoren besitzen drei zueinander senkrech- sor . Stufe.
te Richtungen mit Eigenvektoren mit J a⃗ = J a a⃗ und Ei-
genwerten J a . Die Eigenwerte J a werden Hauptträgheits-
momente genannt.
.. Der Drehimpulssatz

▾ Mathematischer Hinweis
Wir untersuchen, wie und wann sich der Drehimpuls än-
dert, und bilden dazu die zeitliche Ableitung von Gl. (.):

⃗˙ = ∑ m i ⃗r˙i × v⃗i + ∑ m i ⃗r i × v⃗˙ i .


Eigenwert und Eigenvektor.
Wendet man eine Matrix A auf einen Vektor x⃗ an, entsteht
L
ein neuer Vektor Ax⃗, der i. Allg. eine andere Richtung hat
i i

als ⃗
y. Die Ausnahmen heißen Eigenvektoren von A: Für sie Das erste Glied fällt weg, weil das Vektorprodukt zwei-
ist Ax⃗ parallel oder antiparallel zu x⃗, es gilt er paralleler Vektoren (⃗r˙i = v⃗i ) verschwindet. Das zwei-
te Glied, auch zu schreiben ⃗r i × (m i v⃗˙ i ), kann nur dann
Ax⃗ = λ⃗
x. (.) verschieden von  sein, wenn Kräfte F⃗i = m i v⃗˙ i auf die
Massenteile wirken. Wir unterscheiden innere und äußere
Jedes Vielfache c⃗
x eines Eigenvektors ist wieder ein Eigen-
Kräfte. Innere Kräfte wirken zwischen den einzelnen Mas-
senteilen. Wenn m i auf m k die Kraft F⃗i k ausübt, muss nach
vektor. Die Eigenwerte sind reell oder komplex.

dem Reaktionsprinzip m k auf m i mit F⃗ki = −F⃗i k wirken.


Die inneren Kräfte beschleunigen m i mit der Summe aller
Die so ausgezeichneten Richtungen heißen Hauptträg- Kräfte m i v⃗˙ i = ∑ k F⃗ki . In der Summe L ⃗˙ int = ∑ i ,k ⃗r i × F⃗i k
heitsachsen. Sie gehen durch den Schwerpunkt und der tritt zu jedem Glied ⃗r i × F⃗ki , das auf m i wirkt, ein Glied
Trägheitstensor J ist in diesem Koordinatensystem diago- ⃗r k × F⃗i k = −⃗r k × F⃗ki auf, das auf m k wirkt.
nal, d. h. es gilt Die Summe L ⃗˙ besteht also aus lauter Gliedern der Form

(⃗r i − ⃗r k ) × Fki . Da Kräfte zwischen Massenteilen nur die
⃗ = Jω
L ⃗ = (J a ω a , J b ω b , J c ω c ) . (.)

Eine Symmetrieachse ist immer eine Hauptträgheitsachse.


Zu den Konsequenzen von Gl. (.) gehört das Auftreten
F12 F21
von Nutation und Präzession, das wir in Abschn. . be-
handeln. r12r2
F1 F2

▾ Mathematischer Hinweis
r1 r2
Tensoren.
Tensoren sind für viele Gebiete der Physik wichtige ma-
thematische Objekte, z. B. in der Mechanik kontinuierli-
cher Medien, der Elektrodynamik, der Allgemeinen Rela-
tivitätstheorie usw. Die mathematischen Objekte, mit de- ⊡ Abbildung 2.26 Die inneren Kräfte leisten keinen Beitrag zur
Drehimpulsänderung
Dynamik des starren Körpers 82/83

Richtung ihrer Verbindungslinie ⃗r i −⃗r k haben können, ver-


1L
schwinden alle diese Vektorprodukte und es gilt

⃗˙ int = ∑ ⃗
L r i × F⃗ik = 0 .
i,k

Innere Kräfte können den Drehimpuls nicht ändern. Wenn


keine äußeren Kräfte wirken, bleibt er zeitlich konstant, und
zwar betragsmäßig und richtungsmäßig.

Alltägliche Beispiele für die Drehimpulserhaltung ent-


nehmen wir vor allem dem Sport: Eisläufer, Turner und
Turmspringer nutzen sie, um aus langsamen Drehbewe- 2L
gungen schnelle zu machen: Bei gestrecktem Körper wird
erst ein Drehimpuls erzeugt, dann durch Anziehen von ⊡ Abbildung 2.28 Zum Nachweis des vektoriellen Charakters des
Armen und Beinen das Trägheitsmoment verringert. Bei Drehimpulses
konstantem Drehimpuls L ⃗ = Jω⃗ muss das durch eine hö-
here Winkelgeschwindigkeit kompensiert werden. Eine
Katze, die vom Baum oder vom Dach fällt, erhält bei die- Rad mit der Achsrichtung senkrecht zur Drehschemelach-
sem Kippvorgang immer einen gewissen Drehimpuls, den se (Abb. .), bleibt der Schemel bei diesem Vorgang in
sie durch geschickte Körperverdrehungen so ausnutzt, dass Ruhe. Wenn der Mensch die Radachse aufrichtet, parallel
sie auf die Füße fällt. Übergibt man einem Menschen, der zur Schemelachse stellt, drehen sich Schemel und Mensch
ruhig auf dem Drehschemel sitzt, ein schnell rotierendes umgekehrt zur Raddrehung. Stellt der Mensch dann das
Rad auf den Kopf (Achsschwenkung um 180○ ), dreht er
selbst sich anders herum. Dieser Versuch demonstriert be-
sonders schön den Vektorcharakter des Drehimpulses: Erst
das Aufrichten des Rades erzeugt eine Drehimpulskompo-
(a) (b)
nente in Richtung der Schemelachse. Das Gesamtsystem
hatte vorher keinen Drehimpuls um diese Richtung und
darf auch nachher keinen haben. Daher erhalten Mensch
und Schemel einen Drehimpuls von gleichem Betrag und
entgegengesetzter Richtung wie das Rad.

.. Bewegungsgleichung der Rotation


Nur äußere Kräfte F⃗i auf die Massenteile des Körpers kön-
nen dessen Drehimpuls ändern. Nach (.) tun sie das ge-
mäß
⃗˙ = ∑ ⃗r i × F⃗i .
L (.)

Rechts steht das gesamte Drehmoment der äußeren Kräfte:

Bewegungsgleichung der Rotation

⊡ Abbildung 2.27 Veränderung des Trägheitsmomentes beim ⃗˙ = M


L ⃗. (.)
Salto. Nach R. W. Pohl. Im Bild: sein Mitarbeiter R. Hilsch
2 Mechanik des starren Körpers

.. Vorschau: Mikroskopische Drehimpulse


Das Drehmoment ist die zeitliche Änderung des Drehim-
Die meisten mikroskopischen Teilchen (Elektronen, Ato-
pulses, genau wie die Kraft die zeitliche Änderung des Im-
⃗˙ = M
pulses ist. L ⃗ ist die Bewegungsgleichung der Rotation, me, Kerne, . . . ) haben einen Drehimpuls oder Spin (genau-
p˙ = F⃗ die der Translation.
eres in Kap. ).
ebenso wie ⃗
Der Spin ist neben Ladung und Masse ein wesentliches
Kennzeichen der Teilchen. Für die klassische Physik un-
verständlich ist jedoch, warum der mikroskopische Spin
Wir haben damit unser Wörterbuch zur Übersetzung der nur ganz bestimmte diskrete Werte haben kann, nämlich
Gesetze der Translation in die der Rotation vervollständigt ganzzahlige oder halbzahlige Vielfache des planckschen
(Tabelle ., S. ). Wirkungsquantums ħ = 1,0245 ⋅ 10−34 J s. Weil das Elek-
Wir wenden jetzt unsere Bewegungsgleichung L ⃗˙ = M

tron, soweit wir wissen, punktförmig ist, können wir ihm
auf verschiedene praktisch wichtige Fälle an. Den Sonder- auch gar kein Trägheitsmoment zuordnen. Dennoch hat
⃗˙ = M
fall L ⃗ = 0, das Gleichgewicht oder den Fall der Statik es einen Spin, den die Quantenelektrodynamik auch sehr
haben wir schon in Abschn. .. behandelt. genau vorhersagt (Abschn. ..).

⊡ Tabelle 2.2 Zusammenfassung: Physikalische Größen von Rotationa und Translation

Drehbewegung Fortschreitende Bewegung


(Rotation) (Translation)

Drehwinkel φ Ortsvektor ⃗
r
Achsabstand r⊥


Winkelgeschwindigkeit ω Geschwindigkeit v⃗ = ⃗

⃗ = φ⃗˙
Betrag: ω
Richtung: Drehachse; Sinn: rechter Daumen
Beispiel: Gleichförmige Rotation Beispiel: Geradl.-gleichf. Bewegung
ω = const , φ = ωt , v = ωr⊥ v = const , x = vt

Trägheitsmoment J = ∫ r⊥2 dm Masse m


Drehmoment M⃗ Kraft F⃗
⃗ = Jω
Drehimpuls L ⃗ Impuls p⃗ = m⃗
v
⃗ =L
Bewegungsgleichung M ⃗˙ = J ω
⃗˙ Bewegungsgleichung F⃗ = ⃗ ⃗˙
p˙ = mv

Im abgeschlossenen System bleibt erhalten der



Drehimpuls L Impuls ⃗
p

Kinetische Energie E = 21 mv 2
1 2 ⃗2
mv 2 = p⃗2 /2m
1 1 2 1
E= ∫v 2
dm = ω ∫r ⊥2
dM = Jω = L /2J E=
2 2 2 2

Beschleunigungsleistung P = dE/dt = F dx/dt


1 1
P = Frω = Mω = d ( Jω2 ) /dt = Jωω̇ P = Fv = d ( mv 2 ) /dt = mv v̇
2 2
a
Der Einfachheit halber auf den symmetrischen Rotator eingeschränkt
Die Bewegung des starren Körpers 84/85

Der vermeintlich sehr kleine Wert von ħ beeinflusst aber das v der Translation ersetzt, wird die Masse m durch das
auch unser tägliches Leben, z. B. bei der spezifischen Wär- Trägheitsmoment J ersetzt.
me der uns umgebenden Luft. Wir geben ein Außerdem ist die Energieänderung mit F⃗i = m i v⃗˙ i (vgl.
(.))

BEISPIEL dE = ∑ F⃗i ⋅ d⃗r = ∑ F⃗i ⋅ (d φ⃗ × ⃗r i ) = ∑(⃗r i × F⃗i ) ⋅ d φ⃗


i i i

Abstand der Atome im Wasserstoffmolekül H . = ∑M ⃗ ⋅ d φ⃗


⃗ i ⋅ d φ⃗ = M
i
Aus spektroskopischen Messungen (s. z. B. Abb. . in Ab-
schn. ..) ist bekannt, dass dem Drehimpuls ħ eine Rota- proportional zum Gesamtdrehmoment M. ⃗ Division durch
tionsfrequenz ω = 2π f = 2π ⋅ 1,8 THz entspricht. Wie groß die dazu benötigte Zeit dt ergibt die Beschleunigungsleis-
ist der Abstand der beiden Wasserstoffatome? tung
Wir verwenden den Zusammenhang (.) L = ħ = Jω.
P=
dE
=M⃗ = d φ⃗ = M ⃗ ⋅ω. (.)
Das Trägheitsmoment der beiden Wasserstoffatome (Masse dt dt
mH = 1,67 ⋅ 10−27 kg) im Abstand R ist J = 2mH (R/2)2 =
mH R 2 /2. Einsetzen ergibt R = (2ħ/mH ω)1/2 = 1,06 ⋅
10−10 m. Der Molekülabstand der Atome ist also etwa so
groß wie ihr Durchmesser, nämlich ∼ 1 Å. . Die Bewegung des starren Körpers

.. Gleichmäßig beschleunigte Rotation


Die mikroskopischen Drehimpulse sind fast immer mit Auf einen Körper mögen Kräfte wirken, die sich zu Null
einem magnetischen Moment verknüpft, sie sind soge- summieren, aber ein Drehmoment ergeben. Das einfachs-
nannte Gyromagnete. Äußere magnetische Felder üben te Beispiel ist ein Kräftepaar F,⃗ − F⃗ mit dem Abstand ⃗r
auf atomare Gyromagnete Drehmomente aus, die ganz der Angriffspunkte und dem Drehmoment M ⃗ = ⃗r × F⃗
ähnliche Phänomene hervorrufen, wie die Drehmomen- vgl. Abb. .(c). Ein solches Drehmoment beschleunigt,
te, die auf makroskopische starre Körper wirken, z. B. die wenn es konstant ist, die Rotation des Körpers um eine
kernmagnetische Resonanz (Abschn. ..). feste Drehachse mit Trägheitsmoment J nach der Bewe-
gungsgleichung (.) M ⃗ =L⃗˙ = J ω
⃗˙ oder
.. Rotationsenergie

⃗˙ = M/J
ω
Wir betrachten einen starren Körper, der nur um eine
Achse rotiert (keine Translation ausführt), und kennzeich- und erteilt ihm in der Zeit t von der Ruhe aus eine Winkel-
nen seine einzelnen Punkte durch ihren senkrechten Ab- geschwindigkeit
stand r ⊥i von der Achse. Dann hat der bei r ⊥i befindliche

⃗ = ( M/J)
Massenteil m i die Geschwindigkeit v i = ωr ⊥i und die ki- ω t .
netische Energie 12 m i v i2 . Die Gesamtenergie des Körpers
ist In der gleichen Zeit hat sich der Drehwinkel um
Erot = 21 ∑ m i v i2 = 12 ω 2 ∑ m i r ⊥2
i . (.)
i i φ⃗ = 1 ⃗
( M/J) t2
2
Bei einem kontinuierlichen Körper ersetze man m i durch
% dV und die Summe durch ein Integral über das ganze Vo- geändert. All dies ist genau analog zu den Fallgesetzen für
lumen: die Translation.

1 2 L2
Erot = dV = Jω =
1 2
2
ω ∫ %r ⊥2
2 2J
. (.′ ) .. Rotation auf der schiefen Ebene
Ein Zylinder rolle eine schiefe Ebene hinab (Abb. .). Die
Wir lassen % unter dem Integral, weil die Dichte von Ort Rotation erfolgt in jedem Augenblick um die Mantellinie,
zu Ort verschieden sein kann. Wie das ω bei der Rotation mit der der Zylinder die Ebene berührt, es sei denn, dass
2 Mechanik des starren Körpers

S
r
α

⊡ Abbildung 2.30 Drehpendel


mg

⊡ Abbildung 2.29 Bewegung eines Zylinders, der auf einer schie-


.. Drehschwingungen
fen Ebene rollt, ohne zu gleiten
Eine Spiralfeder (Abb. .) übt ein Drehmoment aus, das
dem Auslenkwinkel aus der Ruhelage proportional und
entgegengerichtet ist:
er rutscht. Nach dem steinerschen Satz (.) ist das Träg-
heitsmoment um diese Achse J = JS + mr 2 , wenn JS das ⃗ = −k φ
M ⃗.
Trägheitsmoment um die Symmetrieachse des Zylinders
ist. Das Drehmoment der Schwerkraft ist mgr sin α, also k heißt Winkelrichtgröße. Unter der Wirkung eines sol-
lautet die Bewegungsgleichung chen Moments führt ein Körper entsprechend der Bewe-
gungsgleichung
mgr sin α = (JS + mr )ω̇ .
2

⃗ = −k φ
M ⃗˙ = J ω
⃗=L ⃗˙ = J φ⃗¨
Der Schwerpunkt dreht sich mit ω̇ um die momentane
Achse A, hat also die Translationsbeschleunigung
Drehschwingungen aus, die formal genauso aussehen wie
die Translationsschwingungen unter der Wirkung einer
a = r ω̇ = r
mgr sin α
=
1
g sin α .
JS + mr 2 1 + JS /mr 2 elastischen Kraft:

Wenn der Zylinder reibungsfrei rutschte, ohne zu rotie-
φ⃗ = φ
⃗0 sin ω′ t , ω =
′ k
ren, täte er das mit der Beschleunigung g sin α, denn der . (.)
J
Hangabtrieb ist mg sin α. Das Rollen verringert also die
Beschleunigung. Ein Teil der potentiellen Energie muss ja
Man beachte: ω′ ist nicht die Winkelgeschwindigkeit der
Rotation, sondern der Schwingungen, d. h. ω′ = 2π/T (T:
in Rotationsenergie investiert werden.
Von zwei Zylindern mit gleichen Außenmaßen und
Schwingungsdauer). Die Winkelgeschwindigkeit der Rota-
tion ist ω = φ̇ = φ 0 ω′ cos ω′ t und hat einen Maximalwert
gleicher Masse, aber verschiedenem Trägheitsmoment
ωm = φ 0 ω′ , der von der Amplitude φ 0 abhängt.
(Vollzylinder und Hohlzylinder aus verschiedenem Ma-
terial) rollt der Vollzylinder schneller. Ein Massivzylinder
hat JS = 12 mr 2 , also a = 32 g sin α, der dünnwandige Hohl- Physikalisches Pendel. Ein homogener Stab sei an einem
zylinder JS = mr 2 , also a = 21 g sin α, eine Kugel JS = 25 mr 2 , Punkt A aufgehängt (Abb. .). Einer Auslenkung φ wirkt
also a = 57 g sin α. das Drehmoment M = −mgs sin φ entgegen (s: Abstand
Die Bewegung des starren Körpers 86/87

Abstand Aufhängepunkt–Schwerpunkt für ein Fadenpen-


del, kann man mit einem solchen physikalischen Reversi-
onspendel die Schwerebeschleunigung genauer messen.
Wenn ein homogener Stab der Länge L am Ende gela-
gert ist, wird nach (.) die reduzierte Länge lr = 23 L. Ge-
A
nau so schnell schwingt er also auch um eine Achse, die
um 13 der Länge vom Ende entfernt ist. Um S dauert die
Schwingung unendlich lange. Also muss es einen Punkt ge-
ben,√um den die Schwingung am schnellsten ist. Er liegt um
L/2 3 = 0,289L vom Ende entfernt.
φ

S
.. Kippung

S Wenn das Drehmoment auf einen Körper proportional zu


seiner Auslenkung aus einer Ruhelage, aber dieser gleich-
A9 gerichtet ist, kann diese Ruhelage nur labil sein. Die Bewe-
lr gungsgleichung

L̇ = J φ̈ = M = kφ

hat dann Lösungen φ(t), die von einer Anfangsauslen-√


kung φ 0 exponentiell zunehmen: φ = φ 0 e ωt mit ω = k/J.
Ebenso gut ist aber auch φ = φ 0 e−ωt eine Lösung. Die all-
mg gemeine Lösung muss aus beiden linear kombiniert wer-
den, und zwar so, dass am Anfang φ̇ = 0 ist (dann hat man
⊡ Abbildung 2.31 Das physikalische Pendel (Reversionspendel)

180°
zwischen A und dem Schwerpunkt S). Für kleine Auslen-
kungen ist das proportional zu √ φ, nämlich M ≈ −mgsφ. φ
Der Stab schwingt mit ω = mgs/J. Das Trägheitsmo-
ment um A ergibt sich nach dem steinerschen Satz als J =
135°

JS + ms 2 (JS : Trägheitsmoment um S). Wir vergleichen mit


F = mg

einem√Fadenpendel (auch mathematisches Pendel), für das


ω = g/l gilt, und fragen, bei welcher Länge lr es ebenso
90°
M = mg l sinφ
schnell schwingt wie der Stab. Offenbar ist diese reduzierte 2
Pendellänge
M ≈ 1 mglφ
JS + ms 2 45°
lr =
2
. (.)
ms
J = 1 ml2 φ0 = 2°
Der Punkt A′ , der auf der Verlängerung von AS im Abstand 3


lr von A liegt (Abb. .), heißt Schwingungsmittelpunkt. 0°
3 g
In A′ gelagert schwingt der Stab mit ω′ = mg(lr − s)/J ′,
ω≈ 0 1 2 3 4 5 6
2 l
wobei J ′ = JS + m(lr − s)2 . Setzt man hier lr nach (.)
t/τ

ein, folgt ω′ = ω: Das Pendel schwingt um A und A′ genau ⊡ Abbildung 2.32 Kippender Bleistift. Die Näherung sin φ ≈ φ
gleich schnell. Da sich bei Lagerung auf scharfen Schnei- (—–) gilt recht gut; erst nahe 90○ Kippung werden die Abweichun-
den der Abstand lr = AA′ exakter feststellen lässt als der gen von der exakten Kurve (—–) merklich
2 Mechanik des starren Körpers

⊡ Abbildung 2.33 Translation und Rota-


tion ω T
ω ωω υ υ

F1
υ υF
F1 M

ω ω υ υ
ω υ
ω ω υ υ υ
ω
ω ω υ υ υ
ω
M
M ω F υ
L ω p υ
M M F
F
F
L L L L p p p p

M k

den Körper ja gerade losgelassen). Das trifft nur zu für Drehpendels usw. Rotiert ein Körper frei, so wirken nur
noch die Zentrifugalkräfte F⃗Z seiner eigenen Massentei-
φ= 1
φ (e ωt
2 0
+e
−ωt
) = φ 0 cosh ωt . le auf seine Bewegung. Wenn ⃗r ⊥ der Teil des Ortsvektors
ist, der senkrecht zur Drehachse ω ⃗ steht, ergibt sich die
Summe aller dieser Kräfte als F⃗Z = ∑ i m i ω 2 ⃗r ⊥i . Sie ver-
Der zeitliche Verlauf sieht genau aus wie die Hälfte der Kur-
ve, in der ein beiderseits in gleicher Höhe eingespanntes
Seil durchhängt (Kettenlinie oder Catenoide). Mit der Lö- schwindet, wenn die Drehachse Symmetrieachse ist, all-
sung φ 0 eωt wäre die Anfangsbedingung φ̇(0) = 0 nicht gemeiner wenn für jedes Massenteil mit ⃗r ⊥i auch eins mit
zu erfüllen. Von einer Schwingung φ = φ 0 cos ωt um eine −⃗r ⊥i vorhanden ist. Auf eine solche Achse wirkt keine Kraft,
stabile Lage unterscheidet sich die Kippung mathematisch der Körper kann sich auch um sie drehen, wenn sie nicht
nur um ein i im Exponenten (Abschn. ..). gelagert ist. Man nennt sie freie Achse. Jeder Körper hat
drei Hauptträgheitsachsen (vgl. Abschn. ..), auf die bei
Drehung weder Kräfte noch Drehmomente wirken, also
.. Freie Achsen
drei freie Achsen.
Bisher haben wir Anwendungen untersucht, bei denen Die drei körperfesten Symmetrieachsen a, b, c des Qua-
die Drehachse durch Zwangskräfte vorgegeben war – die ders in Abb. . sind leicht zu erkennen. Die Trägheitsmo-
Unterlage, auf der der Zylinder rollt, die feste Achse des mente bezüglich der Achsen werden nach Abb. . berech-
Die Bewegung des starren Körpers 88/89

da
c

db

a ⊡ Abbildung 2.35 Die Scheibe, am senkrecht herunterhängen-


den Faden befestigt, rotiert zunächst um diesen. Sehr bald kippt sie
dc aber von selbst so, dass sie sich um ihre Achse maximalen Träg-
heitsmoments dreht
⊡ Abbildung 2.34 Freie Achsen eines Quaders. Die freie Rotation
um die b-Achse ist instabil und schlägt nach a oder c um

samtdrehimpuls im körperfesten – aber nicht raumfesten


– System L ⃗ = (L a , L b , L c ) ebenso wie die Rotationsener-
net, und wegen d a > d b > d c gilt J a < J b < J c . Zwar sind gie erhalten sein muss. Im Hauptachsensystem gilt für die
um jede der drei Hauptachsen freie Rotationen möglich, Rotationsenergie
aber nur um die mit dem größten und dem kleinsten Träg-
1 L 2a L 2b L 2c
Erot = ( + + )
heitsmoment sind diese Rotationen stabil. Der Quader in
(.)
Abb. . dreht sich um die Achse b nur kurze Zeit, dann 2 Ja Jb Jc
schlägt die Drehung in eine um a oder c um. Bei der Kreis-
scheibe ist die Symmetrieachse stabil. Experimentell kann = Erot (x a2 + x b2 + x c2 )
man beide Fälle leicht selbst ausprobieren.
Das Trägheitsellipsoid hilft, dieses Phänomen zu ver- In den normierten Koordinaten x a = L a /(2J a Erot )1/2 etc.
stehen. Wir wissen, dass bei der freien Rotation der Ge- sind die energetisch erlaubten (x a , x b , x c )-Werte auf einer

⊡ Abbildung 2.36 Stabilität freier Ach-


sen. Zustände gleicher Rotationsenergie
liegen auf der grauen Kugel, gleichen Dreh-
xb
impulses auf dem roten Trägheitsellipsoid.
Die erlaubten Zustände der freien Rota-
tion liegen auf der Schnittlinie der bei-
den Körper. Von links nach rechts wächst
der Drehimpuls von L ∼ (2Erot J a )1/2 bis
xc (2Erot J c )1/2 . Nur in der Nähe der roten
Achsen ist stabile freie Rotation möglich.
xa Im Beispiel verhalten sich die Trägheitsmo-
mente wie J a ∶ J b ∶ J c = 1 ∶ 2 ∶ 4
2 Mechanik des starren Körpers

Kugelfläche mit Einheitsradius angeordnet (graue Kugel in Dabei bezeichnen die M i die Projektionen des Drehmo-
Abb. .). Wir fragen weiter, welche Werte für den Dreh- ments im Inertialsystem auf die körperfesten Achsen des
impuls möglich sind. Zu gegebenem Drehimpuls mit Be- rotierenden Körpers. Die Lösungen der Euler-Gleichungen
trag L muss die Gleichung sind i. Allg. durchaus schwierig. Wir beschränken uns auf
ausgewählte Standardsituationen von Kreiseln.
1= (L 2a + L 2b + L 2c )
1
L2
x2 x2 x2
=( 2 a + 2 b + 2 c )
L /2Erot J a L /2Erot J b L /2Erot J c . Kreisel
erfüllt werden. Sie beschreibt ein Ellipsoid mit den nor- Kreisel sind uns bekannt als Spielkreisel für Kinder, vom
mierten Achslängen x aL = (L 2 /2Erot J a )1/2 usw. Damit es Frisbee- und Diskuswerfen, vielleicht am wichtigsten von
die Energiekugel schneidet, muss der Drehimpuls Werte der Erdrotation, die buchstäblich unser tägliches Leben
zwischen (2Erot J a )1/2 ≤ L ≤ (2Erot J c )1/2 annehmen. Das regelt. Wir wollen unter der Kreiselbewegung diejenigen
körperfeste Achsensystem des Körpers orientiert sich im- Rotationen eines Körpers verstehen, die nicht durch eine
mer so, dass der raumfeste Drehimpuls auf der Schnittlinie feste Drehachse erzwungen werden („Rotatoren“), son-
der Zustände erlaubter Energie (graue Kugel) und erlaub- dern die der Körper relativ zum einem festgehaltenen oder
ten Drehimpulses (rotes Trägheitsellipsoid) bleibt. Für klei- seinem Schwerpunkt in allen drei Freiheitsgraden aus-
ne (große) Drehimpulse stimmt die Richtung bis auf kleine führt. Die Euler-Gleichungen (.) sind das geeignete
Abweichungen mit der a-Achse (c-Achse) überein. Wird mathematische Mittel, um ihre Bewegung zu verstehen.
dagegen eine Drehung um die b-Achse angeworfen, bewegt Jeder Kreisel wird durch ein körperfestes ausgezeichne-
sich die momentane Drehachse so, dass der Drehimpuls tes Hauptachsensystem {a, b, c} und die drei zugehörigen
auf der ausgedehnten Schnittlinie bleibt – wir nehmen eine Trägheitsmomente beschrieben, die konventionsgemäß
Taumelbewegung wahr. Dämpfung führt dazu, daß nur die nach J a ≤ J b ≤ J c geordnet werden.
Bewegung um die a- oder c-Achse übrigbleibt. Kreisel haben meistens – im Unterschied z. B. zum Qua-
der aus Abschn. .. – eine zylindrische Symmetrieach-
.. Euler-Gleichungen se, die Figurenachse. Aufgrund ihrer Symmetrie sind zwei
der drei Trägheitsmomente dieser symmetrischen Kreisel
identisch, J⊥ = J a = J b bzw. J⊥ = J b = J c . Beim oblaten
Drehbewegungen erscheinen uns komplex, weil Symme-
trieachsen {a, b, c}, Drehimpuls L ⃗ und die Winkelge-
Kreisel gilt J c = J∥ > J⊥ , beim prolaten J a = J∥ < J⊥ .
schwindigkeit ω ⃗ sich i. Allg. umeinander herum bewe-
gen. Auch mathematisch sind die Zusammenhänge we-
niger durchsichtig als für Geschwindigkeit, Impuls und .. Kräftefreier Kreisel, Nutation
kinetische Energie, weil der Zusammenhang durch einen
Tensor vermittelt wird. Die übersichtlichsten Verhält- Wir untersuchen jetzt nur den oblaten Fall, der prolate
Kreisel lässt sich ganz analog behandeln. Im kräftefrei-
nisse herrschen immer im Hauptachsensystem, dort ist
⃗ = Jω ⃗ = 0) wird die . Gleichung aus (.) wegen
der Trägheitstensor J diagonal und es gilt L ⃗K = en Fall ( M
(J a ω a , J b ω b , J c ω c ). Nach (.) in Abschn. .. hängt die J a = J b zu ω̇ c = 0 vereinfacht: Die Projektion der Win-
kelgeschwindigkeit ω ⃗ auf die Figurenachse ist konstant,
Bewegungsgleichung für den Drehimpuls im raumfesten
System (Index I) gilt mit dem körperfesten Bezugssystem ω∥ = ω c = const. Andererseits gilt
(Index K) zusammen nach
J∥ − J⊥
ω̇ a =
⃗ =L
⃗˙ = d ∣ L⃗= d∣ L ⃗+ω ⃗.
ω b ω∥
M ⃗×L J⊥
J∥ − J⊥
dt I dt K (.)
und ω̇ b = −
⃗˙ I = ω∣
⃗˙ K . Ausmultiplizieren
ω a ω∥
Insbesondere gilt offenbar ω∣ J⊥
liefert die Euler-Gleichungen
Man entnimmt daraus unmittelbar ω a ω̇ a + ω b ω̇ b =
M a = J a ω̇ a − (J b − J c )ω c ω b d/dt(ω 2a + ω 2b )/2 = 0, d. h. die Winkelgeschwindigkeit
M b = J b ω̇ b − (J c − J a )ω a ω c (.)
M c = J c ω̇ c − (J a − J b )ω b ω a ⃗= (ω⊥ cos Ωt, ω⊥ sin Ωt, ω∥ )
ω (.)
Kreisel 90/91

se rotiert. Die Kreisfrequenz bestimmt man durch Zusam-


menfassen der beiden Gleichungen zu ω̈ a = −Ω 2 ω a mit
a

c Ω = ((J∥ − J⊥ )/J⊥ ) ω∥ . (.)


Damit haben wir die Relativbewegung der Winkelge-
b c ⃗ K zur Figurenachse c bestimmt, beide
schwindigkeit ω
bewegen sich aber noch relativ zum raumfesten System,
a b in dem der Drehimpuls Erhaltungsgröße ist,
⃗ = J⊥ ω
L ⃗∥ .
⃗ ⊥ + J∥ ω (.)

⊡ Abbildung 2.37 Oblater und prolater symmetrischer Kreisel


Aus (.) entnimmt man direkt, dass die Figurenach-
se einen konstanten Winkel zum Drehimpuls behält mit
tan θ = J⊥ ω⊥ /J∥ ω∥ . Weil Drehimpuls und instantane Win-
kelgeschwindigkeit sich mit denselben Vektoren ω ⃗⊥,∥ dar-
⃗ in einer Ebene.
⃗, L
hat eine zur Figurenachse transversale Komponente ω⊥ = stellen lassen, liegen außerdem c, ω
(ω 2a + ω 2b )1/2 , die konstant ist und auf einem Kegelmantel Zur Verknüpfung von raumfesten und körperfesten Ko-
mit Öffnungswinkel tan α = ω⊥ /ω∥ um die Figurenach- ordinaten verwenden wir die drei Euler-Winkel {ϕ, θ, ψ}
aus Abb. . bzw. die zugehörigen Winkelgeschwindig-
keiten {ϕ̇, θ̇, ψ̇}. Wir wissen schon: Der Winkel zwischen
Drehimpuls und c-Achse ist konstant, θ̇ = 0, und Winkel-
geschwindigkeit und Figurenachse rotieren umeinander
– aber wie drehen sie sich um die Drehimpulsachse? Da-
⃗ = ϕ⃗˙ + ψ⃗˙
L
zu projizieren wir die Winkelgeschwindigkeit ω
aus dem raumfesten auf das körperfeste System und er-
θ halten ω ⃗ = (ϕ̇ sin θ sin ψ, ϕ̇ sin θ cos ψ, ψ̇ + ϕ̇ cos θ). Der
α
ω c
z

c
b

ψ
φ
⊡ Abbildung 2.38 Figurenachse c und momentane Winkelge-
⃗ liegen in einer Ebene, die um den raumfesten x y
schwindigkeit ω
Drehimpuls L⃗ rotiert. Die Bewegung der Figurenachse auf dem
Nutationskegel ist unmittelbar beobachtbar. Die Bewegung der
Winkelgeschwindigkeit kann sichtbar gemacht werden, indem die
Oberfläche des Kreisels wie hier z. B. dunkel-hellorange eingefärbt
wird. Am Durchstoßpunkt von ω ⃗ sieht man dann eine relativ lang-
same dunkelorange-hellorange-Variation, während bei schneller ⊡ Abbildung 2.39 Die Eulerwinkel {ϕ, θ, ψ} geben die momen-
Rotation die Farbe der übrigen Scheibe zu einem Grauton ver- tane Lage eines rotierenden Koordinatensystems (rot, {a, b, c}) re-
schwimmt lativ zu einem raumfesten System an
2 Mechanik des starren Körpers

nem Kegelmantel rotieren, eine horizontale Präzessionsbe-


ω wegung ausführen.
Die Drehachse wird durch das Drehmoment gedreht,
das Vektorprodukt aus vertikaler Schwerkraft und einem
ω
schrägen, zur Drehachse parallelen, im Grenzfall horizon-
talen Kraftarm des Kreisels M ⃗ = ⃗r × m g⃗. Es wirkt horizon-
tal und steht senkrecht auf der Drehachse bzw. dem Dreh-
impuls, genau wie die Beschleunigung v⃗˙ bei der Kreisbe-
wegung senkrecht auf v⃗ steht. M ⃗ kann daher den Betrag
ω des Drehimpulses nicht ändern. Die Winkelgeschwindig-
keit der Drehung ist auch leicht anzugeben. In der Zeit dt
kommt zu L ⃗ eine senkrechte Änderung d L ⃗ = M ⃗ dt hin-
⊡ Abbildung 2.40 Kräftefrei gelagerter Kreisel. Die Drehachse ⃗
zu. Der L-Vektor dreht sich dadurch um den Winkel dϕ =
dL/(L sin θ) = M dt/(L sin θ), denn L sin θ ist der Radius
kann durch einen kleinen Schlag aus der Figurenachse ausgelenkt
werden

des Kreises, auf dem sich die Spitze des L-Vektors bewegt
(Abb. .).
Die Winkelgeschwindigkeit der Präzession ist also
Vergleich mit (.) ergibt ψ̇ = −Ω und ϕ̇ = ω⊥ / sin θ. Für
sehr kleine θ gilt sin θ ≃ tan θ = J⊥ ω⊥ /J∥ ω∥ und daher
Ω0 =

=
M
ϕ̇ ≃ (J∥ /J⊥ )ω∥ . dt L sin θ
Bei kräftefrei gelagerten Demonstrationskreiseln (sie
müssen im Schwerpunkt unterstützt werden, s. Abb. .) Ein Kreisel präzediert unter einem gegebenen Drehmo-
kann man diese Nutationsbewegung gut vorführen, indem ment umso langsamer, je schneller er rotiert, je größer also
man sie aufzieht und anschließend der Figurenachse einen L ist. Wenn M das Moment der Schwerkraft ist, enthält
leichten Schlag versetzt. es ebenfalls den Faktor sin θ, und die Präzessionsfrequenz
wird unabhängig von der Achsschiefe,

Ω0 =
.. Schwere Kreisel, Präzession mgr
. (.)
J∥ ω
Hier betrachten wir zwei interessante Wirkungen des
Schwerefelds auf die Rotation von Körpern: Die Präzessi-
onsbewegung eines in einem Punkt unterstützten Kreisels,
und die Stabilisierung eines rollenden Reifens.

θ
Anwendung 
Präzession des Kreisels. Man halte einen symmetrischen
Kreisel (J a = J b = J⊥ , J c = J∥ ), z. B. das Rad eines Fahrra-
des, an den Enden der Achse und setze ihn in kräftige Rota- Ω
tion. Es ist klar, dass die Achse ihre Richtung beizubehalten
sucht. Wie verhält sie sich aber, wenn man diese Richtung
mit Gewalt schwenken will? Ganz überraschend: Die Achse ω
drängt senkrecht zur beabsichtigten Schwenkrichtung da-
von. Man unterstütze z. B. nur ein Achsende und halte die
Achse schräg. Dann übt die Schwerkraft ein konstantes kip-
mg
pendes Drehmoment auf den Kreisel aus. Die Achse weicht
senkrecht zu dieser Kraft, also horizontal aus. Durch dieses ⊡ Abbildung 2.41 Unter dem Einfluss der Schwerkraft führt ein
Ausweichen wird die Größe des Drehmoments der Schwer- Kreisel eine Präzessionsbewegung aus. Dabei läuft die Spitze der
kraft natürlich nicht beeinflusst. So muss die Achse auf ei- Drehachse auf einem Kreis um
Kreisel 92/93

Wir sind in unserer bisherigen Betrachtung davon aus- Aus dieser Gleichheit ergibt sich wieder genau der Wert
gegangen, dass die Figuren- bzw. Drehachse mit der Rich- von Ω, der sich von selbst so einstellt. Im mitpräzedieren-
tung des Drehimpulses strikt übereinstimmt. Diese Nähe- den System ist es also gar kein Wunder, dass der Kreisel
rung gilt aber offenbar nur für große Rotationsfrequenzen nicht kippt.
ω ≫ Ω, für die schnellen Kreisel. Genauer erhält der Dreh-
impuls auch eine kleine zusätzliche Komponente aus der Anwendung 
Präzession mit winkelabhängigen Anteilen senkrecht zur
Drehachse. In körperfesten Koordinaten (der Körper ro- Rollender Reifen. Alle Kinder wissen es: Je schneller ein
tiere mit ψ̇ = ω) lautet die totale Winkelgeschwindigkeit Reifen rollt, desto weiter läuft er ohne umzufallen, häufig
ω⃗′ = (Ω sin θ sin ψ, Ω sin θ cos ψ, Ω cos θ + ω). Für die in gut sichtbaren Schlangenlinien. Was stabilisiert den rol-
. der Eulergleichungen findet man 0 = M c = J∥ ω̇, d. h. die lenden Reifen gegen das Umfallen?
Eigenrotation mit ω ändert sich nicht. Für das Drehmo- Bei einem Kippwinkel θ wirkt auf den Schwerpunkt S
ment M a = mgr sin θ cos ψ gilt M a = J⊥ Ω sin θ(ω cos ψ) − eines mit der Geschwindigkeit v rollenden Reifens mit
(J⊥ − J∥ )(ω + Ω cos θ)Ω sin θ cos ψ, vereinfacht mgr = Masse m die Schwerkraft m g⃗. Das Drehmoment zeigt
J⊥ Ωω−(J⊥ −J∥ )Ω(ω+Ω cos θ) und mit ω′′ = ωJ∥ /(J∥ −J⊥ ) parallel zur Fahrtrichtung und hat für kleine Kippwin-
kel den Betrag M y = ∣⃗r × m g⃗∣ = mgr sin θ ≃ mgrθ.
Ω 0 = Ω (1 +
Ω Es versucht, den Schwerpunkt in Richtung des Bodens
cos θ)
ω′′ zu drehen. Das Problem kann man analog zur Rotati-
on eines freien Kreisels verstehen, der sich einerseits mit
Der zweite Summand ist für θ = 90○ und Ω/ω′′ ≃ Ω/ω ≪ der Winkelgeschwindigkeit ω c um die c ′ -Symmetrieachse
1 vernachlässigbar. Dann kann man die quadratische Glei- dreht (Trägheitsmoment J c ′ = mr 2 = J 0 ), andererseits um
chung mit Ω = Ω 0 + δΩ näherungsweise lösen und findet die b-Achse in Fahrtrichtung mit ω b = θ̇ und Trägheits-
Ω ≃ Ω 0 (1 − Ω 0 cos θ/ω′′). moment J b = 3mr 2 /2 = 3J 0 /2 bezüglich des Aufpunktes
Man möchte aber auch gern anschaulich verstehen, wie kippt. Außerdem führt die Kurvenfahrt zu einer Rotation
dieses zunachst paradoxe Senkrechtausweichen des Krei- um a mit ω a und J a = J 0 /2.
sels zustandekommt. Betrachten wir die Lage kinematisch Zur Behandlung verwenden wir ein Koordinatensys-
und reden zunächst nicht von den Kräften. Wir beobach- tem im Aufpunkt des Reifens mit Achsen {a, b, c}, um
ten, dass ein Kreisel präzediert, z. B. mit horizontaler Achse die Zwangskraft des Bodens zu berücksichtigen. Das Träg-
(θ = 90○ in Abb. .). Seine Achse und auch jeder Punkt heitsmoment des Reifens bezüglich der verschobenen Ach-
des Kreiselkörpers beschreiben einen horizontal liegenden se c ′ → c beträgt J c = 2J 0 . Im Grenzfall schnellen Rollens
Kreis um das Auflager mit der Winkelgeschwindigkeit Ω, ⃗ (ω c ≫ ω a,b ) können wir ω c ≃ const. annehmen und die
deren Vektor vertikal steht. Wir setzen uns jetzt ins Bezugs-
system des Kreisels, z. B. auf dessen Achse, aber so, dass
wir an der Rotation des Kreisels nicht teilnehmen, sondern
nur an der Präzession. Dieses Bezugssystem rotiert mit Ω.
Jeder Körper, der sich in ihm mit v⃗ bewegt, erfährt eine
θ

Coriolis-Beschleunigung a⃗ = 2⃗ ⃗ Das betrifft beson-


v × Ω.
υ
ders die Punkte des Kreisels ganz oben und ganz unten.
Sie bewegen sich ja senkrecht zu Ω ⃗ mit Geschwindigkei-
ten v = ωr (r: Abstand von der Kreisachse, ω: Rotations-
a
b
frequenz des Kreisels). Die entsprechenden Coriolis-Kräfte
gehen senkrecht zu v⃗ und zu Ω, ⃗ also oben an der Kreisel-
c
peripherie nach innen zum Auflagerpunkt hin, unten nach
außen. Sie bilden ein Kräftepaar, das den Kreisel hochzu-
drücken versucht. Wenn er diesem Kräftepaar nicht folgt,
sondern ruhig weiter in der Horizontalebene rotiert, gibt ⊡ Abbildung 2.42 Rollender Reifen. Auf den Schwerpunkt S des
es dafür nur eine Erklärung: Es wirkt außerdem ein Dreh- kippenden Reifens wirkt einerseits die Schwerkraft m⃗ g . Anderer-
moment, das die Kreiselachse nach unten zu kippen sucht seits verursacht das Kippen eine Kurvenfahrt, die eine Zentrifugal-
und das vom Coriolis-Moment genau kompensiert wird. kraft F⃗Z verursacht
2 Mechanik des starren Körpers

. Gleichung gleich vernachlässigen. Die beiden anderen Störungen, die verschiedene Ursachen haben. In Tabelle .
haben die Form sind die wichtigsten zusammengestellt.

J 0 ω˙a +
0=
1 1
J0 ω c ωb Chandler-Nutationen. Die Erde ist, wie wir schon in Ab-
2 2 schn. .. festgestellt haben, keine perfekte Kugel, son-
und mgrθ = J 0 ω˙b −
3 3
J0 ω c ω a . dern leicht, mit einer relativen Radiendifferenz von 1/300
2 2 abgeplattet. Ist die Masse homogen verteilt, rotieren wegen
Mit mgr = J 0 (g/r) = J 0 ω 20 und θ = ∫ ω b dt vereinfachen (J∥ − J⊥ )/J⊥ ∼ 1/300 Drehimpuls- und Figurenachse der
sich die Gleichungen, Erde, so sie denn nicht übereinstimmen, nach (.)mit der
Frequenz Ω/2π ∼ 1/300 Tag−1 umeinander. Diese gering-
fügige Nutation der Erdachse wurde von dem amerikani-
ω̇ a = −ω b ω c ω̇ b = ω0 θ + ω a ω c
2 2
und schen Astronomen Chandler schon  entdeckt. Die tat-
3
sächlich beobachtete Periode beträgt allerdings  Tage.
Im letzten Schritt ersetzen wir ω b = θ̇ und ω̇ b = θ̈, setzen Die Abweichungen sind darauf zurückzuführen, dass die
ω̇ a = −θ̇ω c ein und finden Erde eben kein einfacher fester, homogener Körper ist, son-
dern z. B. auch interne Dynamik besitzt.
θ̈ = ( ω 20 − ω 2c ) θ .
2
3 Lunisolare Präzession. Weil die Erde abgeplattet ist, rea-
Für ω c = 0, also für einen stehenden Reifen, findet man giert sie auch auf Drehmomente. Solche Drehmomente
sofort die Übereinstimmung mit dem Kippvorgang aus werden durch die Gravitationskraft anderer Himmelskör-
Abschn. ... Stabile Pendellösungen ergeben sich da- per verursacht, Mond und Sonne wirken mit ihrer Gravita-
gegen für Ω 2 = ω 2c − (2/3)ω 20 > 0 mit θ = θ 0 cos Ωt. tionskraft nicht nur auf den Mittelpunkt der Erde sondern
Führt man noch den Drehwinkel um die a-Achse ein, auch auf den Äquatorwulst (Abb. ., s. auch Abb. .).
ω a = ϕ̇, so kann man die erste Gleichung auch umschrei- Diese Kraft ist auf der Sonnen-zugewandten Seite etwas
ben in ϕ̈ = −θ̇ω c . Zweimalige Integration liefert dann die größer (da näher) als im abgewandten Punkt. Ähnlich wie
Pendelbewegung in ϕ, die die Schlangenlinie verursacht: bei den Gezeiten ergibt sich eine Differenz. Das Drehmo-
ϕ(t) = −(θ 0 ω c /Ω 2 ) sin Ωt. ment versucht, die Erdachse in die Ebene der Erdbahn
aufzurichten.
Berechnen wir das Drehmoment: Ein schwerer Kör-
.. Kreiseleigenschaften des Erdkörpers
per mit Masse M, z. B. die Sonne, übt auf das Massenele-
Die Bewegung der Erdrotation (d. h. vor allem die Bewe- ment dm die Kraft d F⃗ = −GM dm⋅(R+⃗ ⃗ r )/∣R+⃗⃗ r ∣3 aus (.).
gung der Rotationsachse) wird heute mithilfe der GPS- ⃗
Hier bezeichnet R den Schwerpunkt, ⃗r den Vektor von dm
Satelliten (s. Abschn. ..) mit großer Präzision unter- im Schwerpunktsystem. Taylorentwicklung nach r/R er-
sucht, die Daten öffentlich zugänglich gemacht unter z. B. gibt d F⃗ ∼ −GM dm/(R ⃗ + ⃗r )(1 − 3R
⃗ ⋅ ⃗r/R 2 )/R 3 . Nach dem
www.iers.org (International Earth Rotation Service). Die . Keplergesetz (.) gilt GM/R = (2π/T)2 = ΩUm
3 2
. Das
Rotationsachse bewegt sich unter dem Einfluß zahlreicher gesamte Drehmoment relativ zum Schwerpunkt ergibt sich

⊡ Tabelle 2.3 Ausgewählte periodische Änderungen der Bewegung des Erdkörpers

Bewegung, Periode Ursache

Chandler-Nutation: 435 Tage Bewegung der Drehachse um die Pole (Figurenachse)


Präzession des Frühlingspunktes, ca. 25 800 Jahre ⎫




Variation der Ekliptik 22,1○ –24,5○ , ca. 41 000 Jahre ⎪




Drehmomente: Mond, Sonne, Planeten


Variation der Exzentrität: 41 000 Jahre ⎪


Periheldrehung der Erde: 112 000 Jahre ⎪

Kreisel 94/95

⊡ Abbildung 2.43 Chandler-Nutation


2002 der Figurenachse der Erde. Dargestellt sind
die jahreszeitliche Variation – so-
1900 wie die Wanderung der mittleren Dreh-
– 0,1 achse –. Neuere Daten sind unter
2001 2003
1920 www.iers.org zu finden
1940
(") Richtung Greenwich

0 1960
2004
1980
2000
0,1

2005

0,2

0,6 0,4 0,2 0


(") Richtung Westen

⃗ = ∫ ⃗r × d F⃗
durch Integration über das Körpervolumen, M hat die Sonne in geozentrischen Koordinaten ({x, y, z} in
Abb. .) die Position R⃗ = R(cos λ, sin λ cos θ, sin λ sin θ).
V
bzw.
⃗ ⋅ ⃗r
Das Drehmoment schreibt man dann unter Verwendung
⃗ = −ΩUm ⃗ + ⃗r ) (1 − 3
dm ⃗r × (R
R
)
M
2
∫V R2
von Additionstheoremen

⃗ = −3ΩUm
2
Q sin θ (cos θ sin λ, sin 2λ, 0) .
2
(.)
⃗× ⃗ ⋅ ⃗r)⃗r
2 M
=− dm (R
3ΩUm
R2
R ∫ V
(.)

Daraus lassen sich einige Konsequenzen ziehen: Wegen


3Ω 2 ⃗ ⃗ × ⃗r) ,
= − Um R × ∫ dm ⃗r × (R M z = 0 bleibt die Rotationsfrequenz der Erde ω∥ un-
R2 V
berührt; das Drehmoment zerfällt in einen konstanten
wobei wir (R ⃗ ⋅ ⃗r )⃗r = r 2 R
⃗ − ⃗r × (R
⃗ × ⃗r ) und ∫ dm⃗r = 0 Beitrag (M x = −3ΩUm 2
Q sin θ/2 wegen sin2 λ = (1 −
V
verwendet haben. cos 2λ)/2), der nicht mehr von λ abhängt, und einen mit
Komponentenweise kann man nun zeigen, dass gilt ∫⃗r × halbjährlicher Periode. Die variablen Anteile führen zu ei-

(R × ⃗r)dm = JR, ⃗ so dass wir das Drehmoment mit R ⃗ = ner Nutationsbewegung, der konstante zu einer Präzession
(x, y, z) und Q = J∥ − J⊥ nach
genau wie beim schweren Kreisel. Daher können wir das
Resultat aus Abschn. .. anwenden, wonach die Präzes-
⃗ ⃗ sionsfrequenz für ωPrä ≪ ω∥ mit Qω∥ /J∥ = Ω n (.) den
2 R × JR
⃗ = −3ΩUm
M Wert hat
R2
(.)
= −3ΩUm Q ( 2 , − 2 , 0)
yz xz 2
ψ̇ = =−
2 Mx 3 ΩUm
R R Ω cos θ
J∥ ω∥ 2 ω∥2
kompakt angeben können. Halten wir für einen Moment (.)
2
den Eulerwinkel ϕ = 0 fest – das Drehmoment kann wegen 3 T∥
=− ( ) Ω cos θ .
der zylindrischen Symmetrie nicht davon abhängen – dann 2 TUm
2 Mechanik des starren Körpers

⊡ Abbildung 2.44 Lunisolare Präzes-


Z
sion. Die Sonne übt auf die Erde in der H
Sommer- und Winterstellung (S, W) ein
maximales Drehmoment aus, keines bei der W
Frühlings- bzw. Herbst-Tag-Nacht-Gleiche S
(F, H). {X, Y , Z} sind die Koordinaten ei- Y
ner statisch gedachten Erdbahn, {x, y, z} z
körperfeste Kordinaten der Erde. Ihre re- ψ
λ
lative Lage wird durch die Euler-Winkel
{ψ, ϕ, θ} gegeben. Die lunisolare Präzessi- F y
on entspricht dem Winkel ψ, der die Lage
des Frühlingspunktes F angibt X
x

Nach dieser Abschätzung berechnet man mit Ωn = 2π/300 (Pisces). Ab dem Jahre  wird er in den Wassermann
Tage−1 , θ = 23,5○ den Wert Δψ 1Sonne
Jahr = −16,2 . Der Mond
′′
(Aquarius) wandern.
liefert einen doppelt so großen Beitrag, insgesamt kommt
man auf (gemessene) Δψ 1 Jahr = −50,36′′ . Das jedes Jahr et-
was frühere Eintreten des Frühlingspunktes war übrigens
namensgebend für die Bezeichnung Präzession (von lat. . Offene Fragen
praecedere, vorangehen). Ein voller Umlauf der Äquinox-
Linie (oder alternativ der Erdachse) benötigt ca.   Jah- Viele Fragen der Bewegung der Himmelskörper haben
re. Heute zeigt sie in Richtung des Polarsterns, in etwa große Geister – Newton, Euler u. a. – schon vor Jahrhun-
  Jahren, also um   n. Chr. wird Wega die Funkti- derten geklärt. Es scheint, als seien nur noch unbedeu-
on des Polarsterns innehaben. Seit der Beschreibung durch tende Randnotizen zu diesem Thema zu erwarten. Die
Hipparch (– v. Chr.) ist der Frühlingspunkt um ca. Fragen nach der Klimentwicklung haben allerdings das
30○ gewandert, d. h. um etwa  Sternbild. Daraus resul- Interesse auch an den kleinen Schwankungen der Erdbe-
tiert (heute) die Differenz zwischen den Sternbildern und wegung erneuert: Unser Klima wird durch die einfallende
den Tierkreiszeichen. Der Frühlingspunkt liegt heute nicht Sonneneinstrahlung (die Solarkonstante, Abschn. ..)
mehr im Sternbild Widder (Aries), sondern in den Fischen „angetrieben“. Das außerordentlich komplexe Klimasys-
tem reagiert sehr empfindlich auch auf kleine Änderungen.
Aus paläoklimatischen Untersuchungen, z. B. an Eis-
bohrkernen aus Sibirien (Abb. .), wird etwa der histo-
Polarstern rische Temperaturverlauf über lange Zeiträume rekonstru-
iert. Dabei werden periodische Schwankungen sichtbar, die
2 000
Kassiopeia 0 Großer insbesondere den Eiszeiten entsprechen. Die Milankovich-
5 000 Wagen Zyklen (darunter versteht man den Einfluss der Schwan-
– 2 000
kungen der Erdschiefe, der Exzentrität und der Präzession
– 4 000 auf das Erdklima) stellen einen engen Zusammenhang
zwischen den in Tabelle . aufgezählten periodischen Än-
10 000 derungen der Erdbewegung und der Klimaentwicklung
her. Die Präzession führt beispielsweise dazu, dass der
Frühlingspunkt durch das Perihel der Erdbahn wandert
Schwan Nordpol-Bahn und dadurch die relativen Verhältnisse von Nord- und
Wega Südhalbkugel verändert. Weil das Perihel selbst periodisch
schwankt, hat der Klimazyklus eine  -jährige Peri-
⊡ Abbildung 2.45 Wanderung des Himmels-Nordpols durch die ode. Ein genaueres Verstehen dieser Zusammenhänge ist
Sternbilder. Die Umlaufzeit beträgt ca.   Jahre ein aktuelles Forschungsthema.
Aufgaben 96/97

⊡ Abbildung 2.46 Abweichung der mitt-


ΔT/K
leren Jahres-Temperatur der letzten  
10
Jahre vom heutigen Mittel an der Vostok-
Station in Sibirien. Die Temperatur wird aus

Abweichung vom heutigen Mittel


der Isotopenzusammensetzung des Sauer-

Rekonstruierte Temperatur,
5
stoffs in Eisbohrkernen rekonstruiert. Aus
der Bohrtiefe wird die Zahl der vergange-
nen Jahre ermittelt 0

–5

– 10

– 15
40 0000 30 0000 20 0000 10 0000 0
Jahre vor heute

Aufgaben ...
--- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- -------- ------- ------

. Translation und Rotation Rand des darunterliegenden hinausschiebt. Ein weiterer Ziegel,
auch wenn er selbst gar nicht übersteht, kann allerdings den gan-
.. Drehachsen zen Turm zum Umkippen bringen, wenn die unteren Ziegel zu
Der Buchstabe F wird parallel und in Richtung Westen auf den Er- weit überstehen. Wie groß kann der Überhang im Ganzen wer-
däquator gestellt. Betrachten Sie den Transport des Buchstabens den, und wie muss man vorgehen, damit er maximal wird? Wenn
zum Nordpol: (a) Transport entlang des nächstgelegenen Meri- Sie in der Provence wandern, können Sie diese Bauweise empi-
dians, (b) zunächst um 1/4 des Erdumfangs entlang des Äquators. risch studieren.
(c) Ändert sich etwas, wenn der Buchstabe zunächst Richtung Sü-
den ausgerichtet wird? . Dynamik des starren Körpers

. Drehmomente und Gleichgewicht .. Motor-Drehmoment +

Welches Drehmoment gibt ein Motor der Leistung P (in PS oder


.. Garnrolle ++ in W) bei der Drehzahl f (in U/min) her? Wie hängt das Dreh-
Eine Garnrolle ist unter das Bett gerollt. Ein Fadenende schaut moment von der Drehzahl ab? Vergleichen Sie mit auto- und elek-
noch heraus. Je nachdem, wie man zieht, kommt die Rolle heraus trotechnischen Daten. Wie ändern sich Drehmoment, Leistung,
oder rollt noch tiefer unter das Bett. Wieso? Drehzahl beim Durchgang durch ein Zahnrad- oder Riemenge-
triebe?
.. Ziegelturm ++

Wenn man Ziegel ganz ohne Mörtel übereinander schichtet – im- .. Sprungbrett ++

mer einen über den anderen – kann man trotzdem einen gewis- Ein Sprungbrett schwingt mit  s Periode und  cm Amplitude.
sen Überhang erreichen, indem man jeden Ziegel etwas über den Welchen Drehimpuls erteilt es dem Springer, der sich beim Ab-
2 Mechanik des starren Körpers

Gibt es ein anderes Drehmoment, das dieses Kippmoment kom-


sprung bei aufwärts schwingendem Brett um 30○ vorneigt, aber
pensiert? Was geschieht, wenn man den Kreisel zwingt, zu lang-
nicht mit den Beinen nachdrückt? Was kann er mit diesem Im-
sam oder zu schnell zu präzedieren?
puls anfangen, z. B. wie viele Saltos drehen?
.. Kreiselkompass ++

. Bewegung des starren Körpers Ein schwerer Kreisel in cardanischer Aufhängung stellt seine
Drehachse in die Meridianebene, d. h. in Nord-Süd-Richtung.
.. Wer dreht den Kerl? ++ Zeigen Sie, dass hierfür die Coriolis-Kräfte verantwortlich sind,
Damit der Mann in Abb. . sich in Drehung setzt, müssen Kräfte die auf der Erdrotation beruhen. Welche Missweisungen können
auf ihn wirken. Weisen Sie diese experimentell und theoretisch auftreten, (a) wenn Schiff oder Flugzeug eine Kurve beschrei-
nach. Wie wird dem Energiesatz Rechnung getragen? Rotiert der ben, (b) bei unverändertem Kurs, (c) bei der Fahrt auf einem
Kreisel in beiden Stellungen gleich schnell? Großkreis?

.. Schwingende Tür ++

Bei einer Gartentür sind die Angeln nicht genau senkrecht über-
einander, sondern ihre Verbindungslinie ist um einen Winkel α
nach außen geneigt. Infolgedessen schwingt die geöffnete Tür. Wie
und mit welcher Frequenz? Wählen Sie sich vernünftige Daten.

. Kreisel

.. Wer verhindert das Kippen? ++


Erdrotation
Schwerkraft
Warum kippt ein schiefstehender Kreisel nicht um, wenn er prä-
zediert? Die Schwerkraft übt doch das gleiche Kippmoment aus, ⊡ Abbildung 2.47 Der cardanisch aufgehängte Kreisel kann sich
ob der Kreisel rotiert oder nicht und ob er präzediert oder nicht. frei um jede Achse bewegen
S· ·S9

Kapitel 

Mechanik von Fluiden

Einleitung Inhalt
Die Bewegungen von Materie im flüssigen und gasför- ¬ . Der feste, flüssige und gasförmige Zustand . 100
migen Zustand sind uns durch Sinneserfahrungen in ¬ . Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen 101
Strömungen wohl vertraut. Alle Materie unserer gewöhn- ¬ . Grundlagen der kinetischen Gastheorie . . . . 107
lichen Umgebung enthält aber ungeheuer viele Atome ¬ . Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
oder Moleküle, die alle aufeinander Kräfte ausüben. Wir ¬ . Viskose Strömungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
behandeln die Wirkung äußerer Kräfte auf solche Syste- ¬ . Vakuum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
me, indem wir viele vereinfachende Annahmen über ihre
inneren Kräfte machen. Manches ist auch immer noch
nicht aus den Grundprinzipien vollständig ableitbar, z. B.
das Verhalten turbulenter Strömungen.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015


D. Meschede (Hrsg.), Gerthsen Physik, Springer-Lehrbuch, DOI 10.1007/978-3-662-45977-5_4
3 Mechanik von Fluiden

. Der feste, flüssige und gasförmige Zustand

Feste Körper haben ein bestimmtes Volumen und eine


bestimmte Gestalt. Im festen Zustand sind Atome und
Moleküle meistens periodisch angeordnet und an Gleich-
gewichtslagen gebunden (Kristalle; feste Körper ohne pe-
riodische Ordnung heißen amorph). Sie wehren sich gegen
nicht zu große deformierende äußere Kräfte durch inne-
re Rückstellkräfte und kehren in ihre ursprüngliche Form
zurück, wenn die Belastung entfällt (Formelastizität, Ab-
schn. .).
Flüssigkeiten haben keine eigene Form, sie erfüllen ein d
Gefäß mit ihrem Volumen, Atome und Moleküle sind ge-
geneinander verschiebbar. Es gibt eine Nahordnung, aber
⊡ Abbildung 3.2 Im gasförmigen Zustand der Materie ist der
keine langreichweitige Ordnung wie in Kristallen. Welches
mittlere Teilchenabstand ℓ viel größer als ihr Durchmesser d
Volumen eine Flüssigkeit im Gleichgewicht einnimmt,
wird durch den Druck bestimmt (Abschn. .). Äußere
Kräfte können in Flüssigkeiten Strömungen verursachen,
die sehr komplexe Erscheinungen zeigen (Hydrodynamik, wie ihr Durchmesser, ℓ = n−1/3 ∼ d. Zwischen den Mo-
Abschn. . und .). lekülen wirken Molekularkräfte, die den Zusammenhalt
Feste Körper und Flüssigkeiten einer Substanz haben bewirken und i. Allg. nur eine sehr kurze Reichweite bis
ähnliche Teilchenzahlen N an Atomen oder Molekülen zum nächsten Nachbarn haben. Das Volumen fester und
pro Volumeneinheit V. Die charakteristische Größe ist die flüssiger Körper kann durch äußere Kräfte komprimiert
werden (Kompressibilität und Volumenelastizität, Ab-
Teilchenzahldichte n = N/V . (.) schn. .).
Der gasförmige Zustand ähnelt dem flüssigen Zustand,
Sie wird gewöhnlich in cm−3 gemessen. Der mittlere Ab- hat aber eine sehr viel geringere Dichte (bei normalen
stand der Teilchen ist von der gleichen Größenordnung Drücken und Temperaturen ρGas ∼ ρ Fl /1000). Im Ge-
gensatz zu Flüssigkeiten ist der Teilchenabstand sehr viel
größer als ihr Durchmesser, ℓ ≫ d. Im einfachsten Fall
können alle Kräfte zwischen den Gasmolekülen und sogar
(a) (b) ihre Volumina vernachlässigt werden. Dieses ideale Gas
eignet sich sehr gut als Modellsystem, um die makroskopi-
schen Eigenschaften eines Systems aus sehr vielen mikro-
skopischen Teilchen mit den Methoden der statistischen
Mechanik zu verstehen (s. Abschn. . und Kap. ).
Alle Atome und Moleküle der Materie führen eine Tem-
peraturbewegung aus (im festen Körper um ihre Gleich-
gewichtslage, in Flüssigkeiten und Gasen ist die Brown-
sche Bewegung (Abschn. ..) nicht beschränkt). Das
ideale Gas dient daher in Abschn. . und . auch als
Modellsubstanz, um die Zusammenhänge zwischen den
mechanischen Größen (Geschwindigkeiten, Druck, Ener-
gien) und den thermodynamischen Größen (Temperatur,
Entropie) herzustellen. Eine besondere Rolle spielen auch
die Grenzflächen zwischen den verschiedenen Zuständen
⊡ Abbildung 3.1a,b Atomistisches Bild des festen (a) und des der Materie, z. B. die Oberflächen von Flüssigkeiten und
flüssigen Zustands der Materie (b) festen Körpern (Abschn. .).
Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen 100/101

. Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen


F
Wenn sich alle Kräfte ausgleichen, einschließlich der von A
den Gefäßwänden ausgeübten, bleibt ein Fluid in Ruhe. Die
Hydro- bzw. Aerostatik behandelt diesen Fall.

.. Druck und Kompressibilität


p

Greift an einem Flächenstück A senkrecht zu ihm die flä-


chenhaft verteilte Kraft F an, dann heißt das Verhältnis der
Kraft zur Fläche Druck
⊡ Abbildung 3.3 Der Kolbendruck
p=
F
. (.)
A
Damit ergibt sich als SI-Einheit für den Druck
Flüssigkeit gerade kompensiert werden, also herrscht dort
1 N m−2 = 1 Pa (1 Pascal) = 10−5 bar . (.) derselbe Druck.
Im atomistischen Modell wird der Druck durch Stöße
der Moleküle untereinander in alle Richtungen übertragen
(s. Abschn. .). Sofern man vom Gewicht des Fluids abse-
hen kann, ist p überall gleich, im Innern wie an der Wand,
BEISPIEL
egal welche Form diese hat, auch wenn sie irgendwie ausge-
buchtet ist: Der Druck ist auch in allen Richtungen gleich.
Man bestimme und begründe die Umrechnungsfaktoren
zwischen den verschiedenen Druckeinheiten (bar, atm, at,
Torr, s. Tabelle .). a) Hydraulische Presse. In der hydraulischen Presse
5 2
 bar ist definiert als 10 N/m . In der Technik rechnet man (Abb. .) wirkt daher auf den großen Kolben (Fläche A 2 )
manchmal noch mit 1 kp/cm2 = 0,981 ⋅ 105 N/m2 = 1 at die Kraft F2 = pA 2 , während man auf den kleinen Kolben
(technische Atmosphäre).  bar ist ungefähr der normale At- (Fläche A 1 ) nur die Kraft F1 = pA 1 ausüben muss.
mosphärendruck:
 atm =  mbar =  Torr = , at.  Torr (≡  mm
Hg-Säule) = 10−3 ⋅ 13 546 kg/m3 ⋅ 9,81 m/s2 = 133 N/m2 .
Quecksilber hat bei 20 ○ C die Dichte   kg/m3 .  m Was-
sersäule (bei  ○ C) ≙ 103 kg/m3 ⋅ 9,81 m/s2 = 0,1 at. F2

Auf den Kolben mit der Fläche A in Abb. . wirke die F1
Kraft F. Der Druck p = F/A muss im Ruhezustand von der

⊡ Tabelle 3.1
Technische Druckeinheiten in 105 Pa

Bar bar 1,00000 A1


Technische Atmosphäre at 0,98067 A2
p
Physikalische Atmosphäre atm 1,01325 p
Torr torr 0,00133
pounds/square-inch psi 0,06895
⊡ Abbildung 3.4 Die hydraulische Presse
3 Mechanik von Fluiden

BEISPIEL

Projektieren Sie eine hydraulische Autohebebühne.


Ein PKW von  t soll maximal um  m gehoben werden.
Der Stempel, der ihn hochdrückt, habe  cm Durchmes-
ser, also 180 cm2 Querschnitt. Das System muss dann min-
destens 10 000 N/180 cm2 = 5,5 bar aushalten. Bei Hand-
betrieb wird man z. B. kaum mehr als  N auf den Hebel p
ausüben wollen. Ist er 1 ∶ 10 untersetzt, braucht man einen
Primärkolben von 36 cm2 Querschnitt. Wenn jeder Hebel-
weg  m beträgt, muss man mal pumpen, bis das Auto
G
oben ist. Natürlich muss ein Ventil da sein, das den Rück-
fluss verhindert. Bei  bar Pressluft kommt man mit einem p
Primärkolben von  cm Durchmesser aus.

⊡ Abbildung 3.5 Piezometer. Das Volumen der Glaskugel G


b) Druckarbeit. Die hydraulische Presse spart zwar Kraft,
bleibt bei gleichem Druck p innen und außen gleich
aber keine Arbeit. Wir schieben den kleinen Kolben um dx 1
vor, ohne dabei die Kraft F1 wesentlich zu ändern, und leis-
ten damit die Arbeit dW = F1 dx 1 = pA 1 dx 1 = p dV, denn
A 1 dx 1 = dV ist das Fluidvolumen, das hinübergeschoben Hier haben wir V vor das Integral ziehen können, weil es
worden ist. Im großen Zylinder wird die gleiche Arbeit sich nur wenig ändert. Wasser z. B. hat die Kompressibili-
geleistet, denn der Eintritt dieses Volumens dV verschiebt tät κ = 5 ⋅ 10−10 m2 /N. Beim Gas ist das natürlich anders
den großen Kolben nur um x.2 = dV/A 2 . (Abschn. .., ..). Diese Kompressionsarbeit würde die
Probe erwärmen, wenn man nicht sehr langsam kompri-
Ganz allgemein erfordert eine Volumenabnahme −dV un- mierte und durch Wärmeabfuhr den Vorgang isotherm
ter einem konstanten oder so gut wie konstanten Druck p hielte. Genaue Volumenmessung erfolgt am einfachsten
die Arbeit im Piezometerkolben anhand des Flüssigkeitsstandes h
dW = −p dV . (.) in der Kapillare vom lichten Querschnitt A: dV = A dh
(Abb. .).

Kompressibilität. Eine Drucksteigerung um dp bewirkt .. Der Schweredruck


eine Volumenabnahme −dV, die proportional zu dp und
zum vorhandenen Volumen V ist: dV = −κV dp. Eine Flüssigkeitssäule mit der Höhe h und dem Quer-
schnitt A hat das Gewicht F = gρhA und übt daher auf
Die Kompressibilität ihren Boden den Druck

p= = gρh
F
1 dV (.)
κ=− (.) A
V dp
aus (Abb. .).
hat die Dimension eines reziproken Drucks.

Bei Wasser (ρ = 103 kg/m3 ) herrscht ziemlich genau  bar


Sie hängt von der Temperatur ab. Bei einer endlichen in  m Tiefe, wozu noch der Luftdruck kommt. Der Bo-
Drucksteigerung von p 1 auf p 2 verrichtet man an einer dendruck ist unabhängig von der Form des Gefäßes: Wenn
Flüssigkeit die Arbeit auf einem vollen Tank ein hauchdünnes Schauröhrchen
sitzt, in dem das Wasser  m hoch steht, dann wirkt auf den
W=− ∫ p dV = ∫ κV p dp = 1
2
κV(p22 − p21 ) . ganzen riesigen Tankboden auch  bar (Hydrostatisches
Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen 102/103

Paradoxon). Man versteht das aus Abb. .. Hier sind die
h/m Bodenflächen und damit die Kräfte auf sie alle gleich, ob-
10,33
wohl die Gefäße ganz verschiedene Flüssigkeitsgewichte
enthalten. In (c) nehmen ja die Seitenflächen einen Teil
dieser Gewichtskraft auf, in (b) helfen sie mit ihrer Gegen-
kraft abwärts drücken.
7,75
a) Kommunizierende Röhren. Zwei Flüssigkeiten mit den
1 bar
Dichten ρ 1 und ρ 2 stehen in den Schenkeln eines U-
H 5,17
Rohres. An jedem Rohrquerschnitt, z. B. ganz unten, muss
der Druck p = gρh beiderseits gleich sein, damit Gleich-
h
2,58
gewicht herrscht. Bei ρ 1 = ρ 2 ist das der Fall, wenn beide
Schenkel gleich hoch gefüllt sind, unabhängig von ihrer
Form und ihrem Querschnitt (Abb. .). Bei verschiede-
0 p
nen Dichten verhalten sich die Höhen umgekehrt wie diese
p0
0 – p0 (Ablesung der Höhen: Abb. .). Das ergibt eine einfache
2 relative Dichtemessung. Für Wasser und Quecksilber fin-
⊡ Abbildung 3.6 Der Druckabfall in einer H = 10,33 m hohen det man hW /hHg = ρ Hg /ρ W = 13,6 (Vorsicht: Wasser
Wassersäule (über der die Luft fortgepumpt ist) als Funktion des Ab- kriecht an der Wand am Quecksilber vorbei, weil dieses
standes vom Boden. Der Druck p0 = 1 bar entspricht ungefähr dem die Wand nicht benetzt).
Atmosphärendruck
b) Auftrieb. Ein Zylinder oder Prisma, ganz in eine Flüs-
sigkeit der Dichte ρ getaucht, erfährt auf seine Grundfläche
eine Kraft F2 = gρh 2 A, auf die obere Deckfläche die Kraft
F1 = gρh 1 A (Abb. .).

(a) (b)

F3 F3
F2
F2

F1 F1

(c)

F3
F2

F1

⊡ Abbildung 3.7a–c Der Druck auf den Boden eines Gefäßes


hängt nur von der Tiefe der Flüssigkeit darin ab, nicht von seiner
Form. Bei (c) tragen die Wände einen Teil des größeren Flüssig-
keitsgewichtes, bei (b) sorgt die Gegenkraft der Wände für gleichen ⊡ Abbildung 3.8 Homogene Flüssigkeit in kommunizierenden
Bodendruck Röhren
3 Mechanik von Fluiden

Mit der hydraulischen Waage bestimmt man das Ge-


wicht eines Körpers in Luft (FL = g ⋅ ρ K V) und in einer
Flüssigkeit (FF = g ⋅ (ρ K − ρ F )V). Das Verhältnis FF /FL =
1 − ρ F /ρ K gibt die Dichte ρ K (oder ρ F ).

BEISPIEL

Wasser In einer berühmten Legende entlarvte Archimedes einen


Fälscher, der statt Gold ein anderes, weniger edles Metall
zur Anfertigung einer Krone verwendet hatte. Er ließ zu-
nächst mit einer Balkenwaage die Krone mit reinem Gold
(Masse M) aufwiegen. Anschließend wurde die Wägung un-
ter Wasser wiederholt. Dabei neigte sich der Balken auf der
Seite des dichteren Materials. Wieso?
Auf Krone und Gold wirken die Gesamtkräfte FK = −M g +
Quecksilber ρVG . Bei gleicher Masse heben sich die Kräfte nur auf, wenn
die Materialien und damit die Volumina identisch sind.
⊡ Abbildung 3.9 Höhen von nicht mischbaren Flüssigkeiten mit
verschiedener Dichte in kommunizierenden Röhren

Eigentlich greift der Auftrieb über die Oberfläche ver-


teilt an. Man kann ihn aber auch durch eine Einzelkraft
ersetzen, die im Schwerpunkt der verdrängten Flüssigkeit
h1 F1 angreift. Zum Beweis denken wir uns einen homogenen
Körper der gleichen Form, der die gleiche Dichte hat wie
h2
die Flüssigkeit. Er ist, ganz eingetaucht, in jeder Lage im
Gleichgewicht, also ist sein Auftrieb gleich seinem Gewicht
(keine resultierende Kraft), und beide greifen im Schwer-
punkt an (kein Drehmoment).
A
F2 c) Schwimmen. Ein Körper vom Gewicht FG , homogen
oder nicht, erfahre ganz eingetaucht den Auftrieb FA . Bei
FA = FG schwebt er im indifferenten Gleichgewicht, bei
FA < FG sinkt er. Bei FA > FG steigt er an die Oberflä-
⊡ Abbildung 3.10 Das Zustandekommen des Auftriebs
che und schwimmt. Dabei ragt er genau soweit heraus,
dass der restliche Auftrieb gerade gleich der Gewichtskraft
wird, FA = FG .
Stabilitätsbedingung des Schwimmens. Der Angriffspunkt
Die Differenz der Schwerkraft F⃗ am schwimmenden Körper ist sein Schwer-
punkt S, der Angriffspunkt des Auftriebes F⃗A (der „Aufhänge-
FA = F2 − F1 = gρ(h2 − h1 )A = gρV , (.) punkt“) ist der Schwerpunkt SF der verdrängten Flüssigkeit. Wenn
S unter SF liegt (schwerer Kiel), ist die Schwimmlage immer sta-
die den Körper nach oben schiebt, der Auftrieb, ist al-
bil. Andernfalls (Abb. .) liegt im Gleichgewicht SF senkrecht
so gerade das Gewicht der verdrängten Flüssigkeitsmenge
unter S. Die Verbindung SS F , der Vektor ⃗ r , liegt in der Rich-
(Archimedes).
tung der Kräfte, also ist das Drehmoment des Kräftepaares Null.
Jede Kippung ruft aber ein Kräftepaar mit einem Drehmoment
Die Kräfte auf die Seitenflächen heben sich auf. Gleichung M⃗ =⃗ r × F⃗A hervor, das den Körper wieder in die Gleichgewichts-
(.) gilt auch für beliebige Formen des Körpers. lage zurückdreht oder weiter aus ihr entfernt, je nachdem ob der
Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen 104/105

taucht umso tiefer ein, je kleiner ρ ist. Die Skala auf dem
FA
Röhrchen ist aber nicht linear geteilt, wie aus der Schwimm-
bedingung folgt (Abb. .):
FA M
S S
m = ρ(V0 + Ah) , h= −
m V0
SF also .
SF Aρ A
F
F .. Gasdruck
⊡ Abbildung 3.11 Kräfte am schwimmenden Körper: Die Schwer-
kraft greift im Schwerpunkt S, der Auftrieb im Schwerpunkt SF der
Bei einem nicht zu dichten oder zu kalten Gas sind Druck
verdrängten Flüssigkeit an. Beim stabilen Körper liegt das Metazen-
und Volumen umgekehrt proportional zueinander
trum M oberhalb des Schwerpunkts

V= p⋅V = c
c
bzw. (Boyle-Mariotte) . (.)
p

Vektor F⃗A die Mittelebene des Körpers oberhalb oder unterhalb


von S schneidet (Abb. .). Dieser Schnittpunkt heißt Metazen- Dieses Verhalten kennzeichnet das ideale Gas und ist unter
trum M. Die Schwimmlage ist stabil, wenn das Metazentrum Normalbedingungen am besten bei H2 und He erfüllt. Die
oberhalb des Schwerpunktes liegt. Konstante c hängt bei gegebener Temperatur T nur davon
ab, wie viele Moleküle das Volumen enthält. Die Anzahl der
d) Aräometer. Die Dichte ρ einer Flüssigkeit misst man Moleküle ν wird in mol gemessen (Avogadro).
sehr bequem mit der Tauchspindel (Aräometer). Sie

Ein mol ist die Stoffmenge, die genauso viele Moleküle ent-
hält wie , kg des Kohlenstoffisotops 126 C. Mit der Gas-
konstanten R = 8,31 J K−1 mol−1 gilt
(a) (b)

p⋅V =ν⋅R⋅T . (.′ )

Ein mol eines Gases nimmt bei p = 1 bar = 105 Pa und


T = 0 ○ C (den STP-Bedingungen, Standard-Temperatur
und Druck) immer dasselbe Molvolumen ein,

Vmol = 22,4 l . (.′′ )

Ein mol einer beliebigen Substanz enthält genau die Avo-


gadro-Zahl an Molekülen (s. auch Abschn. ..c),

N A = 6,022 ⋅ 10
23
.

Druck und Dichte ρ = m/V eines Idealgases sind einander


proportional. Durch Wägung eines Gefäßes vor und nach
⊡ Abbildung 3.12 (a) Aräometer oder Tauchspindel zur Dichte- dem Evakuieren findet man eine Dichte der Luft von ρ =
messung an Flüssigkeiten. Die Dichteskala ist offenbar nicht gleich- 1,29 kg/m3 bei STP-Bedingungen.
mäßig eingeteilt. Warum nicht, und wie denn? (b) Im Thermometer Bei langsamer (isothermer) Kompression folgt aus (.)
nach Galilei befindet sich eine Flüssigkeit mit temperaturabhängiger die Kompressibilität
Dichte. Die Glaskugeln haben gleiche, temperaturunabhängige Grö-

κ=− = = ,
ße. Ihr Gewicht, das durch die Flüssigkeitsfüllung eingestellt wird, 1 dV 1 c 1
bestimmt, bei welcher Temperatur sie zu Boden sinken V dp V p 2 p
3 Mechanik von Fluiden

p2

p p1
h p

h dh
p+ d p

⊡ Abbildung 3.13 Geschlossenes und offenes Flüssigkeitsmano- h


meter

die für alle Idealgase bei gleichem Druck den gleichen Wert
hat. ⊡ Abbildung 3.14 Beim Aufstieg um dh ändert sich der Luft-
Ein Flüssigkeitsmanometer ist ein U-Rohr, teilweise druck um gρ dh
z. B. mit Quecksilber gefüllt (Abb. .). Ist der eine Schen-
kel offen zur Außenluft, dann gibt h den Überdruck p 1 − p 2
im Gefäß an, oft direkt in mm Hg oder Torr gemessen. Mit nehmen, während die Dichte konstant bliebe. Bei konstan-
ρ Hg = 13 593 kg/m3 gilt nach Tabelle . ter Temperatur muss aber nach Boyle-Mariotte die Dich-
te proportional zum Druck mit der Höhe abnehmen. Wir
1 Torr = ρ Hg ⋅ g ⋅ 1 mm = 133,4 N/m2 . können also (.) nur auf eine dünne Schicht der Dicke dh
anwenden (Abb. .): Beim Anstieg um dh ändert sich der
Druck um dp = −ρg dh. Diese Differentialgleichung ent-
Beim geschlossenen Manometer hatte man anfangs den
ganzen rechten Schenkel mit Quecksilber gefüllt, das beim
hält zwei Variable, p und ρ; eine davon, z. B. ρ, können wir
nach Boyle-Mariotte beseitigen: p/ρ = p 0 /ρ 0 . Also
Absinken ein Vakuum über sich lässt. Hier braucht man
also den Luftdruck p 2 nicht abzuziehen, die Höhe h gibt
direkt den Gasdruck p 1 im Gefäß an. dp
= −g p=− .
ρ0 p
dh p0 H
.. Der Atmosphärendruck
Der Luftdruck ist so allgegenwärtig, dass man ihn meist Die Ableitung der Funktion p(h) ist bis auf den Faktor
erst wahrnimmt, wenn er irgendwo fehlt, wie z. B. über der −1/H gleich der Funktion selbst. Es handelt sich also um
Quecksilbersäule in einem einseitig geschlossenen Rohr,
das man erst mit Quecksilber füllt und dann umdreht. In
ihm steht das Quecksilber in Meereshöhe normalerweise
p
 mm hoch, der übliche Atmosphärendruck ist also p0

1 atm = 760 Torr = 1,013 ⋅ 10 Pa .


5
(.)

Dieser Druck kommt wie der Schweredruck in einer Flüs-


p0 /2
sigkeit zustande als Gewicht/Fläche der gesamten Erdat-
mosphäre. Wäre die Luft überall so dicht wie in Meereshö- p0 /4
he, dann könnte die Atmosphäre nur bis zur Skalenhöhe
p0 /8
1,013 ⋅ 105 N/m2
H= = ≈ 8000 m
p0 5,5 11 16,5 h/km
gρ 0 9,81 m/s2 1,29 kg/m3
⊡ Abbildung 3.15 Druckabfall in der Atmosphäre bei konstan-
reichen. Der Mount Everest-Gipfel ragte schon ins Leere. ter Temperatur als Funktion des Abstandes vom Erdboden (p0 =
Bei  km Anstieg würde der Druck immer um  mbar ab- 105 Pa)
Grundlagen der kinetischen Gastheorie 106/107

Druck (Pa) . Grundlagen der kinetischen Gastheorie


10–1 1 10 102 103 104 105
.. Der Druck der Moleküle
Höhe (km)

80 Die kinetische Gastheorie leitet die Eigenschaften der Ga-


Mesosphäre se aus mechanischen Bewegungsvorgängen der einzelnen
Moleküle ab. Dazu schreibt sie diesen folgende Eigenschaf-
60 ten zu: Ihre Masse sei m; sie verhalten sich wie vollkommen
p
Stratopause elastische Kugeln, die keine Kräfte aufeinander ausüben,
40 solange sie sich nicht berühren. Sie bewegen sich vonein-
Stratosphäre ander unabhängig, ohne irgendeine Richtung im Raum zu
T bevorzugen, mit der Geschwindigkeit v. Beim Zusammen-
20 stoß, der den Gesetzen des elastischen Stoßes gehorcht,
Tropopause tauschen sie Energie und Impuls aus. Dabei ändern sie
Skalenhöhe H
Troposphäre im Allgemeinen ihre Geschwindigkeit; wenn wir trotz-
0
dem zunächst von einer Geschwindigkeit v sprechen, kann
–80 –60 – 40 – 20 0 20 C
200 220 240 260 280 300 K
sie daher nur die Bedeutung eines Mittelwertes haben. Er
Temperatur hängt von der Masse der Moleküle und der Temperatur des
Gases ab.
⊡ Abbildung 3.16 Der Druck fällt etwas schneller als exponenti- Die von dem Gas auf die Wand ausgeübte Kraft führen
ell mit dem Abstand zum Erdboden ab, vgl. Abb. .. Die Einteilung wir auf Stöße der Moleküle gegen die Wand zurück. Dabei
der Atmosphäre in verschiedene Zonen orientiert sich an der Tem- wird Impuls auf die Wand übertragen. Nach dem Grundge-
peratur, die nicht konstant ist, sondern z. B. durch den Einfall des setz der Mechanik (Abschn. ..) ist die Kraft auf die Wand
Sonnenlichts reguliert wird gleich dem in der Zeiteinheit durch die Stöße auf die Wand
übertragenen Impuls.

eine e-Funktion, die hier barometrische Höhenformel an die Wand abgegebener Impuls
Druck = .
Wandfläche × Zeit
heißt:
p(h) = p 0 e−h/H . (.)
Bei der Skalenhöhe H, nach  km Anstieg, nehmen
Die ungeordnete Bewegung denken wir uns so geord-
Druck und Dichte nicht auf  ab wie bei der „homoge-
nen Atmosphäre“, sondern um den Faktor e−1 = 0,386
net, dass der dritte Teil der Moleküle eine Flugrichtung
senkrecht zur Wand hat. Von ihnen bewegt sich die Hälf-
(Abb. .). Eine scharfe obere Grenze gibt es nicht
te, also 61 , in Richtung zur Wand hin. Alle Moleküle mit
(Abb. .).
dieser Flugrichtung, die in einer Säule vom Querschnitt A
In Wirklichkeit nimmt die Temperatur i. Allg. in der
(Grundfläche in Abb. .) und der Länge dt enthalten
Troposphäre (bis – km Höhe) mit der Höhe ab. Die
sind, erreichen in der Zeit dt die Wand. Mit der Teilchen-
Troposphäre wird für trockene Luft besser durch die adia-
zahldichte n (.) ist die Stoßrate RSt pro Flächeneinheit
batisch-indifferente Schichtung (Aufgaben zu Abschn.
.) beschrieben. Bei feuchter Luft ist noch der Einfluss der
RSt = = v.
1 nv dt n
Kondensationswärme zu beachten. Formel (.) bleibt 6 dt 6
aber eine ordentliche Näherung.
Jedes einzelne Molekül überträgt beim Aufprall und nach-
folgender Reflexion den Impuls 2mv (s. Abschn. ..) auf
die Wand. Der Druck p ist die Rate pro Flächeneinheit, mit
der die Stöße auf die Wand Impuls übertragen, also

p = RSt 2mv = v2mv = nmv .


n 1 2
6 3
3 Mechanik von Fluiden

(n, die Teilchenzahldichte, ist bei konstanter Temperatur


proportional zum Druck p). Man kann diese Beziehung
υ dt
auf eine andere Weise aussprechen, die den Weg zu einer
wichtigen Verallgemeinerung weist: Bringt man ein Gas
aus Teilchen mit der Masse m in ein Gravitationsfeld, des-
sen Potential wie φ = φ(h) vom Ort abhängt, so befindet
sich am Ort h, wo die potentielle Energie der Moleküle
A
mφ(h) ist, eine Teilchenzahldichte

n(h) = n(0)e−mφ(h)/(kT) . (.′ )

Anders ausgedrückt:
Die Teilchenzahldichten an zwei Orten  und  verhalten
⊡ Abbildung 3.17 Der Gasdruck entsteht durch das Trommeln
(die Impulsübertragung) der Moleküle auf die Wand. Der dargestell-
sich wie
= e−(E 1 −E 2 )/(kT) ,
n1
te Kasten (Grundfläche A, Höhe v dt) enthält nAv dt Moleküle, von (.)
denen 16 in der Zeit dt an die Wand prallen und dort den Impuls dI =
n2
2mv 16 nAv dt abliefern. Der Druck ist p = dI/(A dt) = 31 mnv 2 wenn die potentiellen Energien an diesen Orten E 1 bzw. E 2
sind.
Boltzmann hat gezeigt, dass Systeme von vielen Teil-
Eine genauere Überlegung zeigt, dass man hier v 2 ersetzen chen im thermischen Gleichgewicht ganz allgemein dieser
muss durch v 2 , das Mittel der Quadrate aller vorkommen- Boltzmann-Verteilung gehorchen.
den Geschwindigkeiten Dabei kommt es nicht darauf an, ob es sich um kine-
tische oder potentielle Energie, um Schwere-, elektrische
oder noch andere Energieformen handelt. In Abschn. ..
p = 31 nmv 2 (.)
wird die Begründung allgemeiner gefasst.
Grundgleichung der kinetischen Gastheorie von Daniel
Bernoulli.
.. Die Maxwellsche Geschwindigkeitsverteilung

Unter Verwendung von (.′ ) erhalten wir mit der Boltz- Gasmoleküle stoßen ständig zusammen und ändern dabei
mann-Konstanten k = 1,38 ⋅ 10−23 J/K ihre Geschwindigkeiten. Die im Abschn. .. angenom-
mene einheitliche Geschwindigkeit kann daher nur einen
p = νRT = nkT . (.′ )

Daraus entnehmen wir auch schon, dass pro Teilchen die f (υ) (103(m/s)–1)
mittlere kinetische Energie mv 2 /2 = 3kT/2 bzw. kT/2 pro
Translations-Freiheitsgrad beträgt. 100 K
3

.. Die Boltzmann-Verteilung


2
Wir gehen aus von der barometrischen Höhenformel (.) 300 K

p = p0 e = p0 e 1 000 K
−ρ 0 g h/p 0 −M g h/(V0 p 0 )
. 1
3 000 K
Es handele sich um  mol Gas der Masse m des Einzelteil-
chens und der Gesamtmasse M = mn 0 V0 . Mittels (.′ ),
p 0 V0 = n 0 kT, kann man umrechnen
0 500 1 000 1 500 υ (m/s)

⊡ Abbildung 3.18 Maxwell-Verteilung der Molekülgeschwindig-


n = n 0 e−m g h/(kT) (.) keiten in Luft für vier verschiedene Temperaturen
Grundlagen der kinetischen Gastheorie 108/109

Mittelwert bedeuten, genauer das Quadratmittel v 2 . Wir
untersuchen, welcher Bruchteil der Moleküle eines Gases
eine Geschwindigkeit aus einem Intervall zwischen v und
v + dv hat. Trotz der ständigen Stöße wird dieser Bruchteil,
den wir f (v) dv nennen, zeitlich konstant sein, wenn auch
jedes Mal andere Moleküle dazu beitragen. Abbildung .
zeigt, wie f (v) von v abhängt, und zwar für verschiedene
Temperaturen.

BEISPIEL ⊡ Abbildung 3.19 Das statistische Gewicht einer Kugelschale


im Geschwindigkeitsraum ist proportional zum Quadrat der Ge-
schwindigkeit
Wie viele Moleküle in Ihrem Zimmer fliegen in diesem
Moment genau mit 1 km/s? Wie viele fliegen mit mehr als
10 km/s?
Mathematisch genau mit 1 km/s fliegt kein einziges Mole- raum (Abb. .):
kül. Erst wenn man ein endliches, wenn auch vielleicht sehr
f (v) dv = C ′ 4πv 2 e−mv
2
/(2kT)
kleines Intervall zulässt, gibt die Maxwell-Verteilung eine dv .
endliche Antwort. Mit mehr als v1 = 10 km/s fliegt ein
Die Konstante C ′ ist dadurch bestimmt, dass ∫0 f (v) dv =

1 (irgendeinen Wert von v zwischen 0 und ∞ hat ja je-


Bruchteil, der durch die Fläche des Schwanzes der Maxwell-
Verteilung rechts von v1 oder in der Energieauftragung
des Teilchen mit Gewissheit). Daraus ergibt sich C ′ zu
rechts von E1 = 21 mv12 gegeben wird. Da E1 ≫ kT, kann
man diese Fläche als f (E1 )kT annähern, denn von der Or- (m/(2πkT))3/2.
dinate f (E) ab fällt die Kurve im Wesentlichen wie e−E/(kT)
ab, d. h. mit einer Breite kT. Da v1 etwa mal größer ist als Die Geschwindigkeitsverteilung (Maxwell-Verteilung) lau-
die mittlere Geschwindigkeit, ist E1 ≈ 400 ⋅ 23 kT = 600kT. tet
Der Faktor e−600 ≈ 10−260 ist so klein, dass bestimmt noch √
2⎛ m ⎞
3/2
nie in einem Zimmer ein Luftmolekül 10 km/s gehabt hat,
f (v) dv =
2
v 2 e−mv /(2kT) dv , (.)
außer in einer Höhensonne oder Bogenlampe. π ⎝ kT ⎠

oder auf kinetische Energie E = 21 mv 2 umgerechnet:



a) Die Verteilungsfunktion. In einem idealen Gas hat ein f (E) dE = √2
π
(kT)−3/2 Ee−E/(kT) dE . (.′ )
Molekül mit der Geschwindigkeit v nur die kinetische
Energie E = 12 mv 2 , keine potentielle. Die Boltzmann-
Verteilung besagt, dass man bei höheren Energien expo- Die Maxwell-Verteilung beantwortet u. a. die Frage:
nentiell weniger Moleküle antrifft: Wie viele der Gasmoleküle haben genug kinetische Ener-
gie, um eine endotherme chemische Reaktion auszulö-
f (v) dv = Ce−mv
2
/(2kT)
dv . sen, einem anderen Teilchen ein Elektron zu entreißen
(Stoßionisation), oder es zur Strahlung anzuregen (Stoß-
In C steckt noch das statistische Gewicht der einzelnen v- anregung), dem Schwerefeld der Erde oder eines anderen
Intervalle. Ein großer Geschwindigkeitsbetrag v hat ein hö- Planeten zu entweichen, die zwischen den Atomkernen
heres statistisches Gewicht, weil er sich durch mehr Vekto- herrschende elektrostatische Abstoßung zu überwinden
ren v⃗ darstellen lässt als ein kleiner (Abb. .). Man kann (eine Kernfusion auszuführen)? Da es sich in der Praxis
zeigen, dass gleiche Volumina des Geschwindigkeitsrau- immer um Energien handeln wird, die größer sind als die
mes, d. h. des von den v⃗-Vektoren gebildeten Raumes, glei- mittlere Molekularenergie ≈ kT, treffen alle diese Bedin-
che statistische Gewichte haben. Das Intervall (v, v + dv) gungen nur für die relativ wenigen Teilchen zu, die sich
des Geschwindigkeitsbetrages ist repräsentiert durch eine ganz rechts in Abb. . im Maxwell-Schwanz befinden.
Kugelschale vom Volumen 4πv 2 dv im Geschwindigkeits- Die Intensität der genannten Prozesse wird durch die Flä-
3 Mechanik von Fluiden

b rel. Fluoreszenzintensität
a
υ
1
2
1

~ 1 ms
L

⊡ Abbildung 3.20 Messung der Geschwindigkeit von Gasatomen


bzw. -molekülen (Monochromator für Molekularstrahlen)
0

0 2 4
che dieses Schwanzes gemessen. Sie ist in guter Näherung Flugzeit (TOF) (ms)

=√
Fläche des Maxwell-Schwanzes 2 E 0 −E 0 /(kT) ⊡ Abbildung 3.21 Flugzeitmessung der Geschwindigkeit an ei-
e ,
Gesamtfläche π kT nem Indium-Atomstrahl, Temperatur T = 1200 ○ C. Bei TOF = 0
(.) wird der Strahl abgeschaltet. Die Atome werden nach l ∼ 0,6 m
wenn E 0 die Mindestenergie ist, die der Prozess verlangt. Flugstrecke mit laserinduzierter Fluoreszenz (LIF) nachgewiesen.
Die Hälfte der Atome erreicht den Nachweislaser in t1/2 ∼ 1,2 ms.
b) Molekularstrahlen. Durch eine geeignete Blendenanord- Daraus kann man die mittlere Geschwindigkeit grob zu v ∼ l/t1/2 =
nung kann man in einen hochevakuierten Raum, dessen Abmes- 500 m/s schätzen. Die rote Kurve entspricht der Verteilung nach der
sungen klein gegen die freie Weglänge l der Moleküle sind (s. Ab- Maxwell-Theorie mit einer mittleren Geschwindigkeit v = 532 m/s
schn. ..), einen scharf begrenzten Molekular- oder Atomstrahl
eintreten lassen. Seine Geschwindigkeitsverteilung kann man sehr
einfach mit zwei Zahnrädern (Fizeau-Rädern) messen, die im
Abstand L auf einer gemeinsamen Achse so montiert sind, dass zwei Stößen mit anderen zurücklegt, ist größer geworden
der Strahl bei ruhenden Rädern durch die Lücken a und b tritt. als die Gefäßabmessungen. Das Gas kann nicht mehr als
Nun dreht man die Räder mit der Winkelgeschwindigkeit ω. Die kontinuierliches Fluid aufgefasst werden, die Moleküle be-
meisten Moleküle kommen jetzt nicht mehr durch, denn in der wegen sich in unabhängig voneinander.
Flugzeit ΔT = L/v, die sie vom Rad  zum Rad  brauchen, hat Ein Strahl sehr schneller Teilchen vom Radius r 1 werde
sich ein Zahn von Rad  in ihren Weg geschoben. Dies ist nur in ein Gas eingeschossen, dessen Moleküle sich ebenfalls
dann nicht mehr der Fall, wenn Δt = L/v = Nα/ω ist, wo α der als Kugeln vom Radius r 2 auffassen lassen und praktisch
Winkelabstand benachbarter Zahnlücken und N eine natürliche ruhende Zielscheiben für die schnellen Teilchen darstellen.
Zahl ist. Die Geschwindigkeit v dieser Moleküle ergibt sich so aus Ein Stoß findet statt, wenn der Mittelpunkt schneller Teil-
lauter direkt messbaren Größen: v = Lω/(Nα). chen sich dem eines Moleküls auf weniger als r 1 + r 2 nä-
Heute weist man die Flugzeitmessungen (engl. time of flight, hert. Man erhält das gleiche Ergebnis, wenn man die Gas-
TOF) gerne mit Fluoreszenzmessungen o. ä. nach, für die in moleküle als Punkte auffasst und dafür dem schnellen Teil-
Abb. . ein Beispiel gezeigt ist. chen eine Scheibe vom Radius r 1 +r 2 , den Stoßquerschnitt
σ = π(r 1 + r 2 )2 anheftet. Wenn das Teilchen den Weg x
zurücklegt, überstreicht sein Stoßquerschnitt einen Kanal
.. Mittlere freie Weglänge und Wirkungsquerschnitt
vom Volumen σ x. Ein Stoß ist eingetreten, wenn in die-
Pumpt man ein Vakuumgefäß bis auf etwa 0,1 Pa = 10−3 sem Volumen der Mittelpunkt eines Moleküls liegt. Bei der
mbar aus, dann stoßen die Moleküle praktisch nicht mehr Teilchendichte n liegen im Volumen σ x im Mittel nσ x Teil-
untereinander, sondern nur noch mit den Gefäßwänden: chen. Bei nσ x = 1 tritt im Mittel auf der Strecke x gerade
Die mittlere freie Weglänge ℓ, die ein Molekül zwischen ein Stoß ein, d. h. dieses x ist die mittlere freie Weglänge
Grundlagen der kinetischen Gastheorie 110/111

Für H2 kann man setzen r = 0,87 ⋅ 10−10 m, unter Nor-


malbedingungen ergibt sich ℓ = 2,7 ⋅ 10−7 m, beim Druck
(a) (c)
r1
r2 10−3 mbar steigt ℓ auf fast  m. Solche Verhältnisse herr-
schen in etwa  km Höhe in unserer Atmosphäre.

.. Viskosität und innere Reibung


Die Strömung von Fluiden ist viskos (zäh), es tritt Reibung
(b) auf. Die Stöße in einem strömenden Gas vermitteln ein ein-
faches mikroskopisches Bild der Ursache.
Zwischen der bewegten Platte und dem ruhenden Bo-
den in Abb. . befinde sich eine dünne Flüssigkeits-
schicht von der Dicke z. Um die Platte (Fläche A) mit
Δx konstanter Geschwindigkeit v0 parallel zum Boden zu ver-
schieben, braucht man eine Kraft
⊡ Abbildung 3.22 (a) Im dichten Gas stoßen Moleküle überwie-
gend untereinander. (b) Im dünnen Gas stoßen Moleküle überwie- F⃗ = ηA⃗
v0 /z . (.)
gend mit den Wänden der Vakuumkammer. (c) Absorption eines
Molekularstrahls in einem Gas. Definition des Wirkungsquerschnit- Die Viskosität η beschreibt die Zähigkeit der Fluide. Sie
tes wird gemessen in N s/m2 , gelegentlich in der alten cgs-
Einheit  Poise =  P = 0,1 N s/m2 . Wasser hat bei 20 ○ C
η = 10−3 N s/m2 (vgl. Tabelle .).
Dass A und v0 im Zähler stehen, ist klar, höchstens die
ℓ = 1/nσ. Wenn die Gasmoleküle sich ebenso schnell be- Schichtdicke z 0 im Nenner überrascht. Es handelt sich aber
wegen wie das betrachtete Teilchen, werden die Stöße et- nicht um eine Reibung zwischen Wänden und Fluid – die
was häufiger und die freie Weglänge etwas kleiner (Aufga- an die Wande angrenzenden Schichten haften daran –, son-
be .e.): dern um Reibung zwischen den einzelnen Schichten des
ℓ= √
1 Fluids. Je kleiner z 0 bei gegebenem v0 , desto schneller müs-
. (.)
2nσ sen die einzelnen Molekülschichten übereinander wegglei-
Auf einer Wegstrecke dx des einfliegenden Teilchens be- ten.
trägt die Wahrscheinlichkeit dP = nσdx, dass ein Gas-
molekül im überstrichenen Volumen liegt. Lässt man also
einen Strahl aus N Teilchen einfallen, dann erleiden davon
im Mittel N dP = nσ N dx auf der Strecke dx einen Stoß. υ0
Nehmen wir an, sie scheiden durch einen solchen Stoß aus R F
dem Strahl aus. Dann verringert sich die Anzahl N darin
gemäß dN/dx = −nσ N bzw. bei konstanter Dichte n
N(x) = N 0 e−nσ x = N 0 e−αx . (.)
N 0 ist die ursprüngliche Anzahl der Teilchen im Strahl, der
noch kein Gas durchlaufen hat bei x = 0. In (.) kann z0
man α = 1/ℓ als Absorptionskoeffizienten deuten.
Der Absorptionskoeffizient ist die Summe aller Stoß-
querschnitte der Moleküle in der Volumeneinheit. Ent-
sprechende Ausdrücke bestimmen die Absorption von
Licht (Abschn. ..), Röntgenstrahlung, Kathodenstrah-
lung, gelten aber auch in der chemischen Kinetik (Aufga- ⊡ Abbildung 3.23 Zwischen einer bewegten Platte und dem ru-
be .e.), jedoch nicht für sehr energiereiche Strahlung, henden Boden bildet sich ein lineares Geschwindigkeitsprofil aus.
wo viele Stöße nötig sind, um ein solches Teilchen zu brem- Dessen Gradient bestimmt die Kraft F,⃗ die zur Überwindung der
sen. ⃗ aufgebracht werden muss
inneren Reibungskraft R
3 Mechanik von Fluiden

⊡ Tabelle 3.2 Viskosität einiger Stoffe

T/○ C η (N s m−2 )

Wasser 0 0,001 82
20 0,001 025
100 0,000 288
Ethylalkohol 20 0,001 21
Ethyläther 20 0,000 248
Glyzerin 20 1,528
x
Luft 0 0,000 017 4 W
Wasserstoff 0 0,000 008 6 2ε

T: Temperatur; alle Werte bei p = 1 bar


⊡ Abbildung 3.25 Wenn eine Schicht von Kugeln über die dar-
unterliegende gleitet, hat sie ein Potential der angegebenen Form zu
Die mittlere Impulsdichte π⃗(z) = nm⃗ v(z) des strö- überwinden. Die Höhe der Potentialbuckel Wη bestimmt die Vis-
menden Gases (Teilchendichte n) ändert sich im linearen kosität der Flüssigkeit, die Energie 2є der vollständigen Trennung
Geschwindigkeitsprofil nach d π⃗(z)/dz = nm⃗ v0 /z 0 . Die ist die doppelte Oberflächenenergie

erforderliche Kraft kann man aus F⃗ = π⃗˙ V berechnen.


Der Impuls wird durch Stöße auf der Länge √ ℓ (Gl. (.))
übertragen, also im Volumen V = Aℓ = A/ 2nσ. Dann (Abb. .). Für viele Flüssigkeiten gilt in guter Näherung
berechnet man mit π⃗˙ = (dπ⃗/dz)ż und mit ż 2 = v 2 /3
(v = √(v 2 )1/2 : mittlere thermische Geschwindigkeit) F⃗ = η = η 0 eb/T .
(mv/ 6σ)Av⃗0 /z 0 . Vergleich mit Gl. (.) ergibt
(.)


η = mv/ 6σ . (.) Man erklärt dies nach der Theorie der Platzwechselvor-
gänge. Die Scherung eines Flüssigkeitsvolumens, wie sie in
Die Betrachtung macht natürlich nur Sinn, wenn ℓ < z 0 , der Anordnung von Abb. . verlangt wird, ist nur mög-
also im Fall schlichter oder laminarer Strömung. Die Visko- lich, wenn Molekülschichten übereinander hinweggleiten.
sität von Gasen steigt wegen v ∼ p√sowohl mit dem Druck Flüssigkeitsmoleküle sind zwar nicht an Ruhelagen fixiert
als auch mit der Temperatur, v ∼ T. wie die im Festkörper, aber die Verzahnung benachbar-
Die Viskosität von Flüssigkeiten nimmt im Gegensatz ter Schichten bedingt Potentialwälle (Abb. .), die nach
zu den Gasen mit steigender Temperatur sehr stark ab Boltzmann umso leichter zu überspringen sind, je höher
die Temperatur ist (vgl. Abschn. ..). b in (.) bedeutet
im Wesentlichen die Höhe eines solchen Potentialwalls, die
Flüssigkeiten Gase Aktivierungsenergie des Platzwechsels.
η (10–3 Ns/m2)

η (10–5 Ns/m2)

Quecksilber Luft
Kohlen-
Äthanol dioxid . Strömungen
2
1
Wasser .. Strömungen, Quellen und Senken

Stromlinien und Stromdichte. Im Modellversuch kann


Wasserdampf
0
1 man Stromlinien darstellen: In Abb. . strömen klares
0 20 40 T(°C) 0 100 200 T (°C) bzw. mit Tinte gefärbtes Wasser parallel aus zwei periodi-
schen Öffnungsfeldern, die um eine halbe Periode gegen-
⊡ Abbildung 3.24 Temperaturabhängigkeit der Viskosität von einander verschoben sind. Alternativ kann man der einen
Gasen und Flüssigkeiten Komponente auch Schwebeteilchen beifügen.
Strömungen 112/113

Tintenwasser
hohe Geschwindigkeit

α υdt

υ
α

niedrige Geschwindigkeit

Wasser
⊡ Abbildung 3.27 Stromlinien. In der Zeit dt schiebt sich das Vo-
⊡ Abbildung 3.26 Strömung durch einen Engpass mit Stromlini- lumen Av cos α dt durch den Rahmen der Fläche A
en. Aufnahme aus einem Modellversuch von R. W. Pohl

ren: Φ = ∫A ρv dA. Steht v⃗ schräg (unter einem Winkel α,


Die ganze Strömung wird durch die Menge aller lokalen Abb. .) zu einem Flächenstück dA, dann zählt nur die
Geschwindigkeitsvektoren, das Vektorfeld v⃗(⃗r ) beschrie- Normalkomponente von v⃗: dΦ = vdA cos α. Das lässt sich
ben. Der Vektor v⃗ hat die rechtwinkligen Komponenten als Skalarprodukt ausdrücken, falls man vereinbart, Grö-
(vx , v y , vz ). Wenn dieses Feld nicht von der Zeit abhängt, ße und Orientierung des infinitesimalen Flächenstücks dA
heißt die Strömung stationär. Die Geschwindigkeitsvekto- durch einen Normalvektor dA⃗ zu beschreiben, dessen Be-
ren v⃗, an hinreichend vielen Punkten gezeichnet, schließen trag seine Größe angibt und der senkrecht auf ihm steht.
sich zu den – sprichwörtlichen – Stromlinien zusammen, Dann wird dΦ = v⃗ ⋅ dA.⃗
deren Tangentenvektoren sie sind. Davon zu unterscheiden Der Fluss durch eine beliebig geformte und orientierte,
sind die Bahnlinien. Man sieht sie auf einer Zeitaufnahme z. B. auch gekrümmte Fläche A ist
der Schwebeteilchen (z. B.  s Belichtungszeit). Stromlini-
en und Bahnlinien sind zwar bei einer stationären Strö- Φ= ∫ v ⋅ dA⃗ =
ρ⃗ ∫ ⃗j ⋅ dA⃗ . (.)
A A
mung identisch, werden aber verschieden, wenn das Feld
v⃗(⃗r ) sich während der Zeitaufnahme ändert. Der Vektor ⃗j heißt Stromdichte der Strömung.
In strömenden Flüssigkeiten ist die Dichte i. Allg. über-
all gleich, denn der Druck ist nirgends hoch genug, um sie Quellen, Senken und Divergenz. Wir betrachten jetzt eine
wesentlich zu ändern. Solche Strömungen heißen inkom- in sich geschlossene Fläche, z. B. ein Netz, das über einen
pressibel. Auch Gasströmungen kann man oft als inkom- quaderförmigen Drahtrahmen gespannt ist. Bei einer sol-
pressibel betrachten, außer bei Geschwindigkeiten, die der chen geschlossenen Fläche definiert man den Richtungs-
Schallgeschwindigkeit nahe kommen. In Schallwellen sind sinn des Normalenvektors so, dass er überall nach außen
auch in Flüssigkeiten die Dichteschwankungen klein, aber zeigt. Der Gesamtfluss Φ durch eine solche Fläche ergibt
wesentlich. sich dann als Differenz zwischen dem Abfluss an einigen
Wir stellen einen Rahmen, der eine Fläche A umspannt, Stellen und dem Zufluss an anderen. Wenn ein solcher
quer zur Strömungsrichtung in eine Flüssigkeit, die überall Unterschied Φ besteht, heißt das, dass die eingeschlos-
mit v fließt. Steht die Fläche senkrecht auf der Geschwin- sene Masse ab- oder zunimmt, je nachdem ob Φ positiv
digkeit, dann schiebt sich in der Zeit dt ein Flüssigkeitsvo- oder negativ ist. In einer inkompressiblen Stromung ist
lumen Av dt mit der Masse ρAv dt durch den Rahmen. Der das offenbar nicht möglich, es sei denn, dass jemand „von
Fluss, d. h. die durchtretende Flüssigkeitsmasse pro Zeit- irgendwoher“ Masse dazutut oder wegnimmt. In vielen
einheit, ist Φ = ρvA. Ändert sich v⃗ auf der Fläche, bleibt Strömungsproblemen ist es praktisch, solche Quellen oder
aber noch überall senkrecht dazu, dann muss man integrie- Senken aus dem Strömungsbild herauszuschneiden, das
3 Mechanik von Fluiden

Oberfläche des Quaders ist also


dx
dΦ = ρ ( + + ) dV .
∂vx ∂v y ∂vz
∂x ∂y ∂z
υz(z)
Der Ausdruck in der Klammer spielt für alle Vektorfelder
eine entscheidende Rolle.

dy
▾ Mathematischer Hinweis

υz (z+dz) =
⃗ entspricht formell
Der Operator der Divergenz div = ∇⋅
dz υz (z) +
∂ υz
dz ⃗ (Abschn. ..)
dem Skalarprodukt des Nabla-Operators ∇
mit dem Vektorfeld v⃗(⃗
r ):
∂z

⊡ Abbildung 3.28 Aus einem Volumenelement dV = dx dy dz


div v⃗(⃗ ⃗ ⋅ v⃗(⃗
r ) ∶= ∇ r) =
∂vx ∂v y ∂vz
strömt in z-Richtung mehr Flüssigkeit aus als ein, wenn vz nach vor- + + . (.)
ne zunimmt ∂x ∂y ∂z

Wenn ∇ ⃗ ⋅ v⃗ an einer Stelle von Null verschieden ist, muss


ansonsten die Massenerhaltung erfüllt. So behandelt man
sich die Dichte im dort gelegenen Volumenelement ändern,
⃗ v⃗ dV = − ρ̇ dV.
z. B. oft ein flaches Becken mit Zufluss durch senkrechte
Rohre und Abfluss aus Löchern. dΦ = ρ ∇⋅
Bei einer quellen- und senkenfreien inkompressiblen Daraus erhalten wir die Kontinuitätsgleichung
Strömung dagegen ist der Fluss durch jede geschlossene ⃗ v⃗ = − ρ̇ .
ρ ∇⋅ (.)
Oberfläche Null. Als geschlossene Fläche nehmen wir jetzt
die Berandung eines sehr kleinen Quaders, der parallel zu Das Minuszeichen stammt daher, dass die Divergenz als
den Koordinatenachsen orientiert sei und das Volumen Überschuss des Ausstroms gegen den Einstrom definiert
dV = dx dy dz habe (Abb. .). Durch die hintere Wand ist. Eine quellenfreie inkompressible Strömung hat insbe-
dx dy strömt ein Fluss sondere überall ∇ ⃗ ⋅ v⃗ = 0. Man nennt ρ ∇⋅ ⃗ ⋅ ⃗j auch
⃗ v⃗ = ∇
Quelldichte, unabhängig davon, ob es sich um eine Dichte-
dΦ 1 = −ρvz (z) dx dy änderung oder um Quellen im oben definierten Sinn han-
delt. Ist der Gesamtfluss durch die Oberfläche A eines Vo-
ein, wobei das Minuszeichen entsprechend der Definition
des Normalenvektors dA⃗ das Einströmen kennzeichnet.
lumens V von Null verschieden, muss in seinem Innern die
Massenänderung der Summe der Dichteänderungen in al-
Auf der vorderen Fläche verlässt der Fluss len seinen Volumenelementen entsprechen:
dΦ 2 = ρvz (z + dz) dx dy
∫v ⋅ dA⃗ =
Φ = ∮ ρ⃗ ∫ ρ̇ dV = ∫ ⃗ ⋅ v⃗ dV
ρ∇
A V V

= ρ (vz (z) +
∂vz
dz) dx dy
∂z ▾ Mathematischer Hinweis

das Volumen dV. Die Differenz von Ein- und Ausströmen


durch die Fläche dx dy ist also Allgemeiner formuliert lautet der Satz von Gauß für Vek-
torfelder v⃗(⃗
r ):

dΦ 1 + dΦ 2 = ρ dz dx dy = ρ
∂vz ∂vz
∮ v⃗ ⋅ dA⃗ = ⃗ ⋅v
∇ ⃗ dV .
dV .
∂z ∂z ∫A

V
(.)

Die Flächen dy dz und dz dx liefern entsprechende Dieser Integralsatz aus der Vektoranalysis findet breite An-
Beiträge, die durch die Änderungen der beiden ande- wendung auch in der Elektrodynamik und anderen Gebie-
ren v⃗-Komponenten in den entsprechenden Richtungen ten der Physik.
bestimmt sind. Der resultierende Gesamtfluss durch die
Strömungen 114/115

A1 A2
υ1 υ2 dx
pdxdy

⊡ Abbildung 3.29 Im engen Querschnitt strömt die Flüssigkeit


wegen der Massenerhaltung (Kontinuitätsgleichung) schneller
dy
(p+dp)dxdy =
∂p
(p+ dz)dxdy
∂z
dz
In einer divergenzfreien Strömung verfolge man die
Stromlinien, die durch die Berandung eines quer zur Strö-
mung stehenden Flächenstücks gehen. Alle diese Strom- ⊡ Abbildung 3.30 Druckkräfte auf ein Volumenelement
linien bilden einen Schlauch, eine Stromröhre. Da de-
finitionsgemäß durch die Wände der Stromröhre keine
Flüssigkeit ein- oder austritt, ist der Strom durch jeden
Querschnitt der Stromröhre gleich. Wo die Röhre enger Mit der Kraftdichte f⃗ werden für ideale Strömungen
ist, muss die Strömung schneller sein. Aus Abb. . liest Beschleunigung und Geschwindigkeit der Flüssigkeits-
man ab (makroskopische Kontinuitätsgleichung für in- teilchen bereits vollständig beschrieben. Äußere Volumen-
kompressible Strömung) kräfte wie die Schwerkraft setzen sich nach Abschn. .. in
Druckkraft um. Wir können damit für diesen einfachsten
A 1 v1 = A 2 v2 . (.) Fall auch eine Bewegungsgleichung analog zur newton-
schen Kraftgleichung (.) aufstellen. Wir beschreiben die
Umgekehrt: Wenn längs einer Stromlinie die Geschwin- Bewegung der Volumenelemente nach Euler durch ein lo-
digkeit zunimmt, muss eine Verengung vorliegen. Wo die kales Geschwindigkeitsfeld mit Komponenten v i . Dann
Stromlinien dichter liegen, strömt die Flüssigkeit schnel- gilt
ler. Die Beschleunigung der strömenden Teilchen liefern
Druckkräfte.
vi = vi +
∂v i dx ∂v i dy ∂v i dz
+ +
d ∂
dt ∂t ∂x dt ∂y dt ∂z dt
.. Druckkräfte
oder, gleich in Operatorschreibweise
Wenn der Druck nicht überall gleich ist, sondern sich z. B.
in z-Richtung ändert, wirkt auf das Volumenelement dV d
v⃗ = v⃗ + (⃗
∂ ⃗ v.
v ⋅ ∇)⃗
nach Abb. . eine Kraft dt ∂t

dFz = p dx dy − (p +
∂p Bei stationären Flüssigkeiten verschwindet die explizite
dz) dx dy
∂z Zeitabhängigkeit und man erhält die stationäre Euler-
= − dz dx dy = − dV .
∂p ∂p Gleichung
∂z ∂z ρ(⃗ ⃗ v = ρ g⃗ − ∇p
v ⋅ ∇)⃗ ⃗ . (.)
Bei beliebiger Richtung des Druckgefälles folgt die Sie erlaubt die Behandlung stationärer idealer Fluide z. B.
Kraft dieser Richtung (dem Druck-Gradienten) und hat bei der Strömung durch Rohrsysteme oder um Hindernisse
die Komponenten (−∂p/∂x, −∂p/∂y, −∂p/∂z)dV. Die herum.
Kraftdichte der Druckkraft ist einfach der Druckgradient
f⃗p = −∇p.
⃗ Nehmen wir noch die Schwerkraft dF⃗g = ρ g⃗
.. Ideale Flüssigkeiten
hinzu, fasst man kurz zusammen
In idealen Flüssigkeiten wirken keine Reibungskräfte (s. Ab-
⃗ dV = f⃗ dV .
dF⃗ = (ρ g⃗ − ∇p) (.) schn. ..). Daher muss jede Druckarbeit, die man auf ein
3 Mechanik von Fluiden

A1 ΔV dynamisch viel komplizierter). Wie schnell dürfte ihn diese


A2 Kraft vorwärts bringen?
Effektive Fläche von Arm und Hand A ≈ 0,1 m2 , Schlagfre-
F1
F2 p2
quenz 2 s−1 , also mittlere Geschwindigkeit von Hand und
Arm v ≈ 1 m/s, newtonscher Strömungswiderstand F ≈
p1 Δx2

Δx1 ρAv 2 ≈ 100 N (ein Arm ist ständig im Wasser!). Schwimm-


geschwindigkeit v ≈ A/effektiver Körperquerschnitt, also
⊡ Abbildung 3.31 Wo die Flüssigkeit schneller strömt, muss der etwa 0,5 m/s, damit Leistung ≈ 50 W. Die Beinarbeit leistet
Druck geringer sein, denn der Zuwachs an kinetischer Energie kann offenbar einen weit größeren Beitrag, was man auch ohne
nur aus der Druckarbeit stammen
diese äußerst grobe Abschätzung wusste.

Volumen ausübt, als vermehrte kinetische Energie die-


ses Volumens wieder auftauchen. Wir wenden dies auf Man kann die Beschränkung auf konstante Tiefe fallen
den Stromfaden an, der sich z.B. verengt (Abb. .), so lassen, muss dann aber die potentielle Energie der Schwe-
dass nach der Kontinuitätsgleichung die Flüssigkeit im re, ebenfalls bezogen auf die Volumeneinheit, allgemein
engeren Teil schneller strömt. Die zusätzliche kinetische die potentielle Energiedichte epot der äußeren Kräfte, mit-
Energie kann sie nur aus einer Druckarbeit haben (der berücksichtigen. Schon in der ruhenden Flüssigkeit ist
Stromfaden liege horizontal, so dass sich Volumenkräfte p + ρgh überall konstant, in der bewegten ist es die Größe
2 ρv + p + ρgh oder allgemein
wie die Schwerkraft nicht auswirken). Wenn das Flüssig- 1 2

keitsvolumen ΔV = A 1 Δx 1 = A 2 Δx 2 durch den Stromfa-


den geschoben wird, verrichtet der Druck p 1 von hinten
ρv + p + epot = pges .
1 2
die Arbeit ΔW1 = p 1 A 1 Δx 1 = p 1 ΔV. Sie dient z. T. da- 2
(.)
zu, den Gegendruck p 2 zu überwinden, also die Arbeit
ΔW2 = p 2 A 2 Δx 2 = p 2 ΔV zu verrichten. Die Differenz Die Bernoulli-Gleichung ist der Energiesatz. Eigentlich
ΔW1 − ΔW2 erscheint als Zuwachs zur kinetischen Energie gibt es auch Kompressionsenergie, aber bei Flüssigkeiten
ist sie zu vernachlässigen, vielfach sogar bei Gasen. Un-
(p 1 − p 2 )ΔV = ρΔV(v22 − v12 ) .
1 ter extremen Bedingungen, z. B. in Stoßwellen, gehört auch
2 die Kompressionsenergie in die Bernoulli-Gleichung (Ab-
Längs des ganzen Stromfadens, allgemein auf jeder Poten- schn. ..).
tialfläche der äußeren Volumenkräfte, im Fall der Schwer-
kraft also überall auf gleicher Höhe gilt die Gleichung von .. Anwendungen der Bernoulli-Gleichung
Daniel Bernoulli
a) Sensoren für statischen und dynamischen Druck Der
p + ρv 2 = p 0 = const.
1
(.) statische Druck p ist der Druck, den ein Manometer oder
2 eine Drucksonde (Abb. .(a)) anzeigt, wenn die Flüssig-
p 0 ist der Druck, der in der ruhenden Flüssigkeit herr- keit oder das Gas tangential an den seitlich angebrachten
schen würde, z. B. der Luftdruck plus dem hydrostatischen Messöffnungen vorbeiströmt. Gesamtdruck p + 21 ρv 2 und
Druck ρgh. Die Summe aus dem statischen Druck p und Staudruck 12 ρv 2 lassen sich ebenfalls direkt messen, wenn
dem Staudruck 21 ρv 2 hat in gegebener Tiefe überall den man dafür sorgt, dass die Messöffnung an den Staupunkt
gleichen Wert. (S in Abb. .) mit v = 0 gelegt wird. Dies ist der Fall in der
Symmetrieachse eines Stromlinienkörpers, in der sich die
Strömung gerade teilt, (b) und (c). Der Staudruck liefert
BEISPIEL auch ein direktes Maß für die Strömungsgeschwindigkeit.

Schätzen Sie die Antriebskraft, die ein Kraul-Schwimmer b) Ausströmen aus einem Loch Innerhalb eines kleinen
aus seinem Armschlag bezieht (der Beinschlag ist hydro- Loches in einer Gefäßwand habe das Fluid den Druck p.
Er kann ein hydrostatischer Druck p = ρgh sein, wenn das
Strömungen 116/117

⊡ Abbildung 3.32 (a) Sonde zur Mes-


Drucksonde Pitot-Rohr Prandtlsches Staurohr sung des statischen Druckes p in einem
υ υ υ strömenden Gas. Am Staupunkt S ist die
S Strömungsgeschwindigkeit v = 0. (b) Das
Pitot-Rohr misst den Gesamtdruck. (c) Das
prandtlsche Staurohr bestimmt direkt die
pstat +pstau pstau Differenz zwischen Gesamtdruck und sta-
pstat
tischem Druck, den Staudruck 21 ρv 2 . In
modernen Druckwandlern ruft die Ver-
(a) (b) (c)
formung miniaturisierter Membranen in
sogenannten piezoresistiven Elementen
Widerstandsänderungen hervor. Sie sind
ein Maß für den anliegenden Druck und
Loch um h unter der Oberfläche liegt, oder als Kolben-
können direkt elektronisch gemessen wer-
überdruck zustandekommen (Abb. .a,c). Weil das Loch
den
klein ist, gerät das Fluid innerhalb davon noch nicht merk-
lich ins Strömen: v = 0. Draußen, wo der Druck p = 0 ist,
spritzt ein Strahl mit der Geschwindigkeit v hervor. Nach Höhe h gefallen (Abb. .b); dass die Teilchen, die aus dem
Bernoulli ist aber p + 21 ρv 2 beiderseits gleich, also Loch kommen, nicht identisch sind mit denen, die oben
den Spiegel sinken lassen, spielt energetisch keine Rolle.

v= 2p/ρ (.) Bei gleichem Überdruck verhalten sich die Ausströmge-
√ umgekehrt wie die Wurzeln
schwindigkeiten zweier Fluide
oder bei reinem Schweredruck aus ihren Dichten: v1 /v2 = ρ 2 /ρ 1 . Mit dem Effusiome-
√ ter von Bunsen kann man so die Dichten und bei Gasen
v = 2gh . (.) die Molmassen vergleichen.

E. Torricelli leitete (.) aus dem Energiesatz her (): c) Druck in Rohren In Abb. . zeigen die aufgesetzten
Die Lage ist so, als sei das ausgeströmte Volumen um die Flüssigkeitsmanometer direkt den statischen Druck an.

(a) (b) ΔV (c)


h ⊡ Abbildung 3.33 (a) Ausströmen unter
der Wirkung eines Kolbendruckes. (b) Aus-
h1 strömen aus einer Öffnung unter dem Ein-
h2 υ1
F H fluss der Schwerkraft. (c) Aus welcher Höhe
υ ΔV
x = vt =
p
υ2 √
kommt √der Strahl am weitesten?

υ x2 2gh 2(H − h)/g = 2h(H − h). Das
ist maximal bei h = H/2

(a) (b)

p1
p1
p2 p3
p3
p2

⊡ Abbildung 3.34 (a) Druckverteilung


υ υ1 υ2 υ1 in einem durchströmten Rohr; (b) mit ei-
ner Einschnürung
3 Mechanik von Fluiden

⊡ Abbildung 3.35 (a) Prinzip des Bun-


senbrenners; (b) Hydrodynamisches Para- (a) (b) (c)
doxon; (c) Der Bernoulli-Unterdruck saugt
die angeströmte Platte an. p0 ist der Umge-
bungsdruck des ruhenden Fluids p0 p0
Luft Luft υgroß
υklein
Gas p0 p0

Bei ruhender Flüssigkeit im horizontalen Rohr stehen sie Ingenieure fürchten die Kavitation wegen der Mate-
alle gleich hoch. Der lineare Druckabfall beim Strömen rialzerstörungen, die sie infolge der hohen Druckbelas-
(a) rührt von der inneren Reibung her, s. Abschn. .; in tung auslöst, besonders wenn sie sich in Seewasser mit
idealen Flüssigkeiten müsste er verschwinden. An einer elektrochemischer Korrosion kombiniert. Hinter schnell
Einschnürung ist der statische Druck geringer (b), weil die umströmten Körpern kann auch ein größerer stationärer
Flüssigkeit dort schneller strömt. Hohlraum auftreten (vollkavitierende Strömung). Von
ähnlicher Auswirkung ist die Ultraschallkavitation: In
c) Saugphänomene Im Bunsenbrenner (Abb. .a) saugt der Unterdruckphase des Schallfeldes werden die Zerreiß-
der statische Unterdruck des einströmenden Gases selbst spannungen des Materials überschritten.
die Verbrennungsluft an. Die Saugwirkung der Wasser-
strahlpumpe beruht auf dem gleichen Prinzip.
.. Rotation und Zirkulation
Aus einem Rohr (Abb. .b,c), das am Ende einen
kreisförmigen Flansch trägt, strömt eine Flüssigkeit oder Strömungen zeigen nicht nur translatorisches, sondern
ein Gas gegen eine vor ihm parallel stehende Platte und auch rotierendes Verhalten. Schwebeteilchen, falls sie nicht
strömt seitlich ab. Überraschenderweise wird die Platte zu klein sind, definieren die Rotation experimentell: Wo
i. Allg. nicht abgestoßen, sondern angezogen (hydrodyna- die Teilchen sich drehen, unterliegt die Strömung einer
misches Paradoxon). Im Zentrum der Platte ist die Strö- Rotation. Die Mitte des Teilchens treibt mit der mittle-
mungsgeschwindigkeit hoch, an den Rändern dagegen ren Strömungsgeschwindigkeit v des Gebietes, das es ein-
klein und der Druck muss dem Umgebungsdruck entspre- nimmt. Es gerät in Drehung, wenn v sich quer zu seiner
chen. Nach Bernoulli entsteht im Zentrum ein Unterdruck, eigenen Richtung ändert. Dies ist sogar in einem völlig
der für die Andruckkraft verantwortlich ist. geraden Kanal mit parallelen Stromlinien der Fall, in dem
das Wasser in der Mitte schneller strömt als am Rand.
√ Wenn die Strömungsgeschwindigkeit den
d) Kavitation Auch ein völlig eingetauchtes Wasserrad mit horizontaler
Wert vK = 2p 0 /ρ erreicht oder überschreitet, wird der Achse dreht sich, wenn der Bach nahe am Grund langsa-
statische Druck null oder negativ. Solche Geschwindig-
keiten (im Wasser nur vK = 14 m/s) werden an allen
schnellen Wasserfahrzeugen, bei langsamen zumindest
an den Schrauben, ferner an Turbinenschaufeln, in Flüs-
sigkeitspumpen leicht erreicht. Schon etwas vorher sinkt
der statische Druck unter den Dampfdruck der Flüssig-
keit, der einige mbar beträgt. Es bilden sich Gasblasen,
besonders wenn mikroskopische Luftbläschen als Keime
bereits vorhanden sind, was schwer vermeidbar ist. Wo die
Strömung wieder langsamer wird und p den Dampfdruck
wieder überschreitet, brechen diese Gasblasen implosions- ⊡ Abbildung 3.36 In einer inhomogenen Strömung tritt Rotation
artig (praktisch mit Schallgeschwindigkeit) zusammen. auf. Rechts: Im mitbewegten Bezugssystem sieht man die Drehung
Dabei können im zusammenstürzenden Hohlraum sehr deutlicher. Der eingezeichnete Umlauf ergibt eine von Null verschie-
hohe Drücke entstehen (u. U. Tausende von bar). dene Zirkulation
Strömungen 118/119

(a) (b) (c) ▾ Mathematischer Hinweis


y 2l
Wir führen die Vektor-Operation der Rotation ein: Sie ent-
spricht formell dem Vektorprodukt des Nabla-Operators
mit dem Vektorfeld:

⃗ × v⃗
rot v⃗ = ∇ (.)
x
=(
∂vz ∂v y ∂vx ∂vz ∂v y ∂vx
− , − , − ) .
∂y ∂z ∂z ∂x ∂x ∂y
⊡ Abbildung 3.37a–c Strömungsverhältnisse um einen auf ei-
nem Fluss treibenden kreuzförmigen Schwimmer; (a) im Bezugs-
system des Ufers, (b) in einem Bezugssystem, das mit dem Schwer-
punkt des Klotzes mittreibt, aber nicht mitrotiert, (c) im mitrotie- Insbesondere die Winkelgeschwindigkeit eines kleinen mit
renden Bezugssystem der Flüssigkeit rotierenden Körpers hängt mit der Rotation
nach
∇⃗ × v⃗ = 2ω
⃗ (.)
zusammen.
mer strömt als oben. Besser ist es natürlich in diesem Fall,
zur Rückführung die Strömungsgeschwindigkeit Null mit
praktisch fehlender Reibung in der Luft auszunutzen.
BEISPIEL
Wir betrachten einen kleinen kreuzförmigen Schwim-
mer (Kantenlänge 2l), der so auf dem Fluss treibt, dass ein
Festkörperrotation: Wie verhält sich die (mathematische)
Balken momentan quer, der andere parallel zur vorherr-
Rotation einer starren Scheibe zu ihrer Winkelgeschwindig-
schenden Strömungsrichtung liegt (Abb. .). Das Kreuz
keit?
folgt als Ganzes translatorisch der Strömung. Wenn sich
das Kreuz nicht drehte, würde das Wasser am quer treiben- Hier sind Polarkoordinaten geeignet: Das Geschwindig-
den Balken rechts und links mit Δv y ≃ ±ldv y /dx vorbei- keitsfeld hat die Form v⃗ = ωr⃗
e ϕ = vϕ e⃗ϕ . Die Rotation kann
gelenkt und dabei ein Drehmoment ausüben. Der parallel nur eine Komponente in z-Richtung bekommen. Diese lau-
treibende Balken erfährt ein entsprechendes Drehmoment tet in Polarkoordinaten (Abschn. ..):
in der Gegenrichtung, weil er beim Mitrotieren Flüssigkeit
⃗ × v⃗)z =
1 ∂
(∇ ( rvϕ − vr ) = + vϕ , (.)
∂ vϕ ∂
verdrängen muss. Heben sich die Drehmomente gerade
r ∂r ∂ϕ r ∂r
auf, rotiert das Kreuz mit konstanter Winkelgeschwindig-
keit. Das ist der Fall, wenn die Flüssigkeit aus Sicht des also (wieder) mit dem Ergebnis
rotierenden Kreuzes am Querbalken genauso schnell vor-
beiströmt wie in der Gegenrichtung am parallelen Balken ⃗ × v⃗)z =
(∇
ωr
+ ω = 2ω .
– also für ω ≃ 12 Δv y /l ≃ 12 dv y /dx.
r
Der gleiche Gradient einer inhomogenen vx -Kompo-
nente in y-Richtung erzeugte eine Drehung in der Ge-
genrichtung (weil das Koordinatensystem schon einen In den Abbildungen ., . kann man erkennen, dass
rechtshändigen Drehsinn vorgibt). Die Drehachse steht das Linienintegral der Bahngeschwindigkeit um das Rota-
senkrecht auf der x y-Ebene, der Vektor der Winkelge- tionszentrum, die Zirkulation
schwindigkeit ω ⃗ hat dann nur die z-Komponente
Z = ∮ v⃗ ⋅ d⃗r ,
∫ (.)
C
ωz = ( − ) .
1 ∂v y ∂vx
2 ∂x nicht verschwindet. Insbesondere findet man für die Ge-
schwindigkeitsverteilung aus dem Beispiel v⃗ = ωr⃗
∂y
e ϕ für
Die Flüssigkeitsteilchen können auch um die anderen den Kreis C mit Radius r und Fläche AC = πr 2 den Wert

Raumrichtungen rotieren, Die übrigen ω-Komponenten
Z= ωrr dϕ = ω2πr 2 = 2ωAC .

ergeben sich dann analog. ∫0
3 Mechanik von Fluiden

Die Zirkulation ist nach einem weiteren wichtigen Theo- es gilt ganz allgemein ∇⃗ × ∇u
⃗ = 0, wie man in Kompo-
rem der Vektoranalysis, dem Stokesschen Satz, direkt mit nentenschreibweise leicht bestätigen kann. Der 1/r-Abfall
der Rotation verknüpft: des Geschwindigkeitsfeldes für r > rK heißt speziell Po-
tentialwirbel, scheinbar ein Widerspruch in sich. Das
▾ Mathematischer Hinweis Verschwinden der Rotation bedeutet aber, dass die Flüs-
sigkeitsteilchen zwar auf einer Kreisbahn um den Wirbel
Nach dem Satz von Stokes für Vektorfelder v⃗(⃗
r ) ist das Flä- herumlaufen, aber nicht selbst rotieren – die Fahne eines
chenintegral über eine Fläche A gleich dem Linienintegral kleinen Schwimmers zeigte immer in dieselbe Richtung!
über die Umrandung, Die Zirkulation des aus Wirbelkern und Potentialströ-
mung zusammengesetzten Wirbels in Abb. . beträgt für
⃗ × v⃗) ⋅ dA⃗ . jede Fläche, die den Wirbelkern mit der Fläche AK = πrK2
∮ v⃗ ⋅ d⃗
∫ r= ∫ (∇ (.)
C A vollständig einschließt
Die Kurve C muss dabei so durchlaufen werden, dass die Z = 2ωAK . (.)
positive Seite der Fläche stets zur Linken liegt.
Die Zirkulation heißt auch Wirbelstärke und ist ein Maß
für die Intensität der Drehbewegung.
Helmholtz fand zwei bemerkenswerte Sätze über Wir-
.. Wirbel
bel: Sie können in der Flüssigkeit nirgends beginnen oder
Dass bei der Strömung von Flüssigkeiten Rotationen und enden. Ein solches Ende wäre eine Quelle oder Senke für
Wirbel auftreten, gehört zu unserer Alltagserfahrung, z. B. ⃗ v⃗. Quel-
Wirbellinien, d. h. für die Feldlinien des Feldes ∇×
in den Abläufen von Wasserbecken. Diese Wirbel fin- len und Senken eines Feldes findet man mathematisch mit
den sich schon in idealen Flüssigkeiten. Sie haben die in der Divergenz ∇⋅.⃗ Für jedes Vektorfeld v⃗(⃗r) gilt aber die
Abb. . gezeigte Struktur aus einem Wirbelkern (r < rK ), ⃗ ⋅∇
Identität ∇ ⃗ × v⃗ = 0, was ebenfalls in Komponentendar-
in dem die Flüssigkeit mit radial linear anwachsender Ge- stellung gut überprüft werden kann. Wirbel müssen also
schwindigkeit v⃗(r) = (vK r/rK ) e⃗ϕ und Winkelgeschwin- immer geschlossene Ringe bilden wie Rauchringe, oder sie
⃗ × v⃗(r) rotiert, also wie ein festes Rohr mit
digkeit ω = 12 ∇ müssen an der Flüssigkeitsoberfläche beginnen und enden.
Radius r = rK . Außerhalb des Wirbelkerns, für r > rK , fällt Schöne Rauchringe kann man leicht erzeugen, indem man
die Geschwindigkeit jedoch mit v⃗(r) = (vK rK /r) e⃗ϕ ab. kurz und scharf auf die Rückseite eines rauchgefüllten Kar-
Nach Gl. (.) gilt für dieses Feld überraschenderweise tons schlägt, der in der Vorderseite ein Loch hat. Fast noch
für r > rK bessere Ringe geben Tintentropfen, die man aus einer Pi-
∇⃗ × v⃗ = vK rK ∇
⃗ × 1 e⃗ϕ = 0 . (.) pette ins Wasser fallen lässt.
r Der zweite Satz von Helmholtz, der besagt, dass Wir-
Jede Strömung, bei der ∇ ⃗ × v⃗ überall verschwindet, heißt bel auch zeitlich keinen Anfang und kein Ende haben, gilt
wirbelfreie oder Potentialströmung. Vektorfelder v⃗(⃗r ), allerdings nur für ideale Flüssigkeiten. In realen Flüssig-
die sich als Gradient einer Skalarfunktion u(r) darstel- keiten werden Wirbel durch die Reibung zwischen Flüssig-
⃗ sind nämlich rotationsfrei;
len lassen, also als v⃗ = ∇u, keitsschichten unterschiedlicher Geschwindigkeit sowohl

x x

υ p

⊡ Abbildung 3.38 Wirbel mit Geschwin-


digkeitsprofil in Wirbelkern und Potential-
strömung. Das Druckprofil ergibt sich di-
Wirbelkern
rekt aus der Bernoulli-Gleichung
Strömungen 120/121

erzeugt als auch gedämpft. Wirbel entstehen beim Um- Verheerungen anrichten. Der große rote Fleck auf dem Ju-
strömen jeder Kante, ob dies eine Tragflächen-Hinterkante piter ist vermutlich nichts als ein Wirbelsturm von mehr
ist oder die Lippe eines pfeifenden oder rauchenden Men- als Erdradius, der ohne weiteres Jahrtausende überdauern
schen. Von der Kante aus zieht sich eine Trennfläche in die kann (Abb. .).
Strömung hinein, beiderseits mit verschiedener Geschwin- Viele Eigenschaften von Wirbeln werden wir im Ma-
digkeit, und das bedeutet immer Wirbel. gnetfeld wiederfinden: Das Magnetfeld um einen Strom
Ebenso vergehen Wirbel wieder; ihre Energie wird gleicht dem Strömungsfeld in einem Wirbel. Die Wirbel
durch Reibung aufgezehrt. Im Kern eines Wirbels mit dem selbst haben keine Quellen und Senken, wie die Magnet-
Radius rK und der maximalen Bahngeschwindigkeit vK co- feldlinien. Solche Analogien haben viele Physiker – darun-
rotieren alle Flüssigkeitsschichten wie ein starrer Zylinder, ter Maxwell – verleitet, die elektromagnetischen Erschei-
Reibung kann dort vernachlässigt werden. Der Zylinder nungen als Strömungen im Äther deuten zu wollen.
(Länge l) hat eine Fläche 2πrK l. Die Reibung der angren-
zenden Flüssigkeitsschichten mit Geschwindigkeitsprofil
v = vK rK /r und -gefälle dv/dr = −vK /rK bremst den Wir- .. Potentialströmungen
bel mit der Kraft F = −η2πrK lvK /rK = 2πηlvK und ver-
braucht dabei die Leistung P = FvK = 2πηlvK2 (s. Abschn. Wie mechanische Kräfte (Abschn. ..) können auch rota-
tionsfreie Strömungen mit einem Potential U beschrieben
⃗ r). Bei einer inkompressiblen Flüs-
werden, also v⃗ = −∇U(⃗
.. und ..). Im Wirbel steckt die kinetische Energie
Ekin = 81 πrK2 l ρvK2 (1/4 stammt von der Integration über r).
⃗ ⋅ v⃗ = −∇
sigkeit gilt ferner ∇ ⃗ 2 U(⃗r) = 0, auch die Laplace-
Diese Energie wird durch die Leistung P aufgezehrt in der
Zeit Gleichung wird erfüllt. Die Funktionentheorie bietet mit
der Potentialtheorie ein sehr elegante Methode, um ebe-
τ ≃ Ekin /P = ρrK2 /16η , (.) ne Strömungen in den verschiedensten Geometrien zu cha-
die unabhängig von vK ist (Ähnliches werden wir bei der rakterisieren. Es gilt nämlich:
thermischen Relaxationszeit finden, (.)). In einem Was-
sereimer sollte ein Wirbel danach etwa  min leben; das ist
▾ Mathematischer Hinweis
etwas zu lange: Die Strömung ist im Kleinen nicht laminar,
die Turbulenz steigert effektiv den Wert von η erheblich.
Bei atmosphärischen Wirbeln (Tiefs, Taifunen, Tornados) Eine analytische komplexe Funktion

f (z) = f (x + iy) = Φ(x, y) + iΨ(x, y)


ist die Reibung an der Erdoberfläche zu berücksichtigen. (.)
Jedenfalls ist es nicht verwunderlich, dass sie wochenlang
existieren und besonders bei Einschnürung unter Zunah- erfüllt die Cauchy-Riemannschen Differentialgleichungen:
me der Drehgeschwindigkeit (Erhaltung der Wirbelstärke)
= =−
∂Φ ∂Ψ ∂Φ ∂Ψ
, . (.)
∂x ∂y ∂y ∂x

Man rechnet unschwer nach, dass Φ und Ψ nicht nur die


⃗ 2 {Φ, Ψ} = 0 erfüllen, sondern auch
Laplace-Gleichung ∇

⃗ ⋅ ∇Ψ
∇Φ ⃗ =0. (.)

Also bilden Φ(x, y) = const und Ψ(x, y) = const ein Sys-


tem von orthogonalen Kurvenscharen.

Speziell wird ein Strömungsfeld mit den orthogonalen


Funktionen
⊡ Abbildung 3.39 Wirbelstürme auf der Erde (Hurrikan Katrina
 im Golf von Mexiko) und auf dem Jupiter (Der „große rote Φ(x, y) = const. Potentialfunktion
(.)
Fleck“,  von der Sonde Voyager  beobachtet) und Ψ(x, y) = const. Stromfunktion
3 Mechanik von Fluiden

⊡ Tabelle 3.3 Potentialströmungen

f (z) Φ(x, y) Ψ(x, y)

Parallelströmung + =
S· ·S9
(v x − iv y )z vx x + v y y vx y − v y x

Strömung mit Quellen (Q > 0)/Senken (Q < 0)


Q Q Q

ln z 2π
ln r 2π
arctan(y/x)

Potentialwirbel, Wirbelstärke Γ
⊡ Abbildung 3.41 Stromlinien bei der Umströmung eines Zylin-
Γ

i ln z − 2π
Γ
arctan(y/x) Γ

ln r ders. In den Staupunkten S, S ′ verschwindet jede Oberflächenströ-
Dipol mung, der Druck ist dort maximal

m/z mx/r 2 −my/r 2

BEISPIEL

y y Umströmung eines Zylinders.


Wie sieht das Strömungsbild eines Zylinders mit Radius R
aus? Welche Geschwindigkeiten treten direkt auf der Zylin-
deroberfläche auf?
Auf der Zylinderoberfläche muss offenbar eine kreisförmige
Stromlinie existieren. Das wird erreicht durch Überlagerung
einer Parallelströmung und eines Dipols. Aus dem komple-
xen Potential f (z) = v(z + R 2 /z) erhält man Ψ(x, y) =
v y(1 − ((x/R)2 + (y/R)2 )−1 ) und Ψ(x, y) = 0 für R 2 =
x x

y y x 2 + y 2 . Die Geschwindigkeit entlang des (reibungsfreien)


Zylindermantels beträgt v(ϕ) = 2v∣ sin ϕ∣.

Die inkompressible Flüssigkeit, die wir hier behandeln,


muss auch die Bernoulli-Gleichung (.) erfüllen, d. h.
p 0 = p + ρv 2 /2. Bei der Zylinder-Umströmung würde
danach der Staudruck der anströmenden Flüssigkeit von
x x einem ebenso großen Druck auf der abströmenden Sei-
te kompensiert werden – der Zylinder erführe also keine
⊡ Abbildung 3.40 Stromlinien der Strömungstypen aus Tabel- Kraftwirkung, wäre frei von jedem Strömungswiderstand.
le . Man sollte danach ein Boot ohne Kraftaufwand mit kon-
stanter Geschwindigkeit durchs Wasser schieben können.
Die Theorie der Potentialströmungen lehnt Newtons An-
dargestellt. Elementare Grundformen sind in Tabelle . satz für den Strömungswiderstand (Abschn. ..) ab.
aufgeführt. Wegen der Linearität der Laplace-Gleichung Zwar muss der bewegte Körper vorn das Wasser weg-
können kompliziertere Strömungen durch lineare Su- schieben, also beschleunigen, aber hinter ihm schließen
perposition elementarer Situationen beschrieben werden. sich die Stromlinien angeblich wieder so glatt zusammen,
Darüberhinaus bieten die sogenannten konformen Abbil- dass die Bremsung vorn genau wieder ausgeglichen wird.
dungen ein Werkzeug, mit dem bekannte Lösungen für Zur Lösung des d’Alembertschen Paradoxons braucht
einfache Geometrien auf kompliziertere Situationen abge- man zwei Begriffe: innere Reibung und Turbulenz. Da-
bildet werden können. mit ergibt sich in vielen praktischen Fällen wie durch ein
Viskose Strömungen 122/123

Ein Zylinder der Länge ℓ erfährt also eine Querkraft (einen


Auftrieb) von der Größenordnung

F ≈ ρωrv0 rℓ
oder vektoriell
F⃗ ≈ ρr 2 ℓ ω
⃗ × v⃗0 .

In dem Faktor 2πωr 2 steckt wieder die Zirkulation, man


erhält die Kutta-Shukowski-Formel

F ≈ ρv0 ℓZ . (.)
S S9

⊡ Abbildung 3.42 Ein rotierender Zylinder bewegt sich in einem


Fluid. Sein mitgeführter Potentialwirbel überlagert sich der Zylin- . Viskose Strömungen
derumströmung (Abb. .). Die Umströmung wird asymmetrisch
wird und verursacht eine Querkraft. Eine Tragfläche kann man als In realen Strömungen treten immer Reibungskräfte auf,
einen deformierten Zylinder auffassen (der nicht unbedingt rotie- die wir im mikroskopischen Modell schon in Abschn. ..
ren muss) vorgestellt haben. Hier untersuchen wir, wie die Reibungs-
kräfte das Strömungsverhalten verändern und wann sie
wichtig sind.

Wunder eine Rechtfertigung des newtonschen Ansatzes .. Reibungskräfte


(vgl. Abschn. ..).
Wir betrachten ein Volumenelement dV = dx dy dz in ei-
.. Die Magnus-Kraft ner Flüssigkeit, in der die Strömung in y-Richtung erfolgt
und ein Geschwindigkeitsgefälle in x-Richtung hat. Auf
Man kennt es vom Fußball, vom Golf und von anderen die untere Fläche übt nach Abb. . die darunter liegende
Ballspielen: Der abgeschlagene Ball fliegt keineswegs in ei-
ner geraden Linie, sondern führt mehr oder weniger star-
ke Querbewegungen aus, er kann „angeschnitten“ werden.
Ursache der dabei auftretenden Querkräfte ist der Magnus-
x
Effekt, den mancher Ballkünstler intuitiv zu nutzen ver-
steht.
Das Problem lässt sich behandeln, indem wir der Um- dF2 = η −υ dydz
−x oben
strömung des Zylinders aus dem vorangegangenen Bei-
spiel zusätzlich die Wirbelströmung überlagern, die er mit
sich führt, wenn er rotiert. Grundsätzlich lässt sich so die
Geschwindigkeitsverteilung und dann nach Bernoulli die
dz
Druckverteilung ermitteln.
dy
Einfacher geht es so: Wird der mit der Winkelgeschwin-
digkeit ω rotierende Zylinder mit v0 angeströmt, so strömt dF1 = –η −υ dydz
−x unten
die Flüssigkeit an der Oberseite mit v ′ = v0 + ωr, an der
Unterseite mit v ′′ = v0 − ωr. Das bedeutet nach Bernoulli
ein Überwiegen des statischen Druckes auf der Unterseite
für ωr ≪ v0 um
⊡ Abbildung 3.43 Reibungskräfte auf ein Volumenelement in ei-
Δp = ρ(v − v ) =≃ 2ρωrv0 .
1 ′2 ′′2
ner inhomogenen Strömung
2
3 Mechanik von Fluiden

Flüssigkeitsschicht eine Reibungskraft aus, die bestimmt .. Laminare Strömungen


ist durch das dort herrschende Geschwindigkeitsgefälle:
Die Strömungseigenschaften von viskosen, reibungsbehaf-
dF⃗1 = −η ∣
∂⃗
v teten Fluiden hängen von ihrer Geschwindigkeit ab. Bei
dy dz .
∂x unten kleinen Geschwindigkeiten folgen Stromlinien und Strom-
Analog ist die Kraft entgegengesetzter Richtung auf die fäden den Trajektorien der idealen Flüssigkeit parallel zu
obere Fläche bestimmt durch das dortige Gefälle, das einen den Rohrwänden etc. Solche Strömungen heißen laminare
anderen Wert haben kann: oder schlichte Strömungen, in ihnen bleibt die „Schich-
tung“ der strömenden Substanz erhalten. Bei Erhöhung
dF⃗2 = η ∣
∂⃗
v
dy dz der Strömungsgeschwindigkeit brechen z. B. in Rohren die
∂x oben inneren Schichten nach außen durch und verursachen Tur-
∂ 2 v⃗
= η( ∣ + 2 dx) dy dz .
∂⃗v bulenzen. Die Blutzirkulation ist normalerweise laminar.
∂x unten ∂x Strömungen wie Flüsse oder Wasser in der Wasserleitung
sind im Gegensatz dazu meistens turbulent. Bei lamina-
Die Summe
ren Strömungen gleiten selbst sehr dünne Flüssigkeits-
∂ 2 v⃗ ∂ 2 v⃗
dF⃗1 + dF⃗2 = η dx dy dz = η 2 dV
schichten glatt übereinander hin, bei turbulenten wirbeln
∂x 2 ∂x sie ineinander. Mit Hilfe suspendierter Farbstoffteilchen
ist nur dann verschieden von Null, wenn das Geschwindig- sind beide Strömungsformen deutlich zu unterscheiden.
keitsprofil gekrümmt ist (sonst gibt es zwar Drehmomente, Ein theoretisches Kriterium gibt die Reynolds-Zahl (Ab-
s. Abschn. ..b, aber keine translatorischen Kräfte). Für schn. ..).
eine Strömung in z-Richtung gilt die gleiche Überlegung.
Die Strömung in x-Richtung kann eine isolierte Reibungs- a) Laminare Spaltströmung. Wenn eine Flüssigkeit zwi-
komponente nur erfahren bei kompressiblen Flüssigkeiten, schen ebenen ruhenden Platten mit zeitlich konstanter
ansonsten wegen der Kontinuitätsgleichung nur bei gleich- (stationärer) Geschwindigkeit v⃗ strömen soll, muss sie zur
zeitiger Änderung in den anderen Richtungen. Also leistet Überwindung der Reibung durch eine Kraft angetrieben
jede Koordinate ihren Beitrag: werden, also durch ein Druckgefälle in Strömungsrich-
tung. An der Wand haftet die Flüssigkeit: vz = 0; in der
∂ 2 v⃗ ∂ 2 v⃗ ∂ 2 v⃗ Mitte strömt sie am schnellsten mit vz = v0 (Abb. .).
dF⃗r = η ( + + ) dV = ηΔ⃗
vdV . (.)
∂x 2 ∂y 2 ∂z 2 Der Kraftdichte aus Gl. (.) muss also noch der Rei-
Der Ausdruck muss vektoriell gelesen werden, d. h. er wird bungsterm hinzugefügt werden (wir vernachlässigen die
auf jede einzelne Komponente von v⃗ angewendet. Die in-
nere Reibung verursacht danach eine Kraftdichte, d. h.
Kraft/Volumen von x p1 l p2
f⃗r = ηΔ⃗
v.

▾ Mathematischer Hinweis
2d υ V

Die kompakte Schreibweise wird durch den Laplace- 0


Operator Δ ermöglicht . Er hat skalaren Charakter und z
kann als Quadrat des Nabla-Operators aufgefasst werden:

⃗ ⋅∇
⃗ =∇
⃗2 = (
∂2 ∂2 ∂2
Δ ∶= ∇ 2
+ 2 + 2) (.)
∂x ∂y ∂z
⊡ Abbildung 3.44 Laminare Strömung zwischen ebenen, paral-
lelen Platten. Wegen der Geometrie können Kräfte und Geschwin-

Ob es sich um den Laplace-Operator handelt, oder um die häu- digkeiten nur in z-Richtung auftreten, und die Geschwindigkeits-
fig verwendete Schreibweise für Differenzen, Δx = x1 − x2 , wird verteilung muss symmetrisch zur Mittelebene zwischen den Platten
immer aus dem Zusammenhang klar. sein
Viskose Strömungen 124/125

Schwerkraft), und sie muss im stationären Fall verschwin-


p1
den, l
f⃗ = 0 = −∇p
p2
⃗ + ηΔ⃗ v.
Das Geschwindigkeitsfeld der Strömung kann sich nur in
x-Richtung ändern, v⃗ = vz (x)⃗
ez , und der Druckgradient R
muss von der z-Koordinate unabhängig sein. Also gilt
∂2
= η 2 vz (x) = const.
∂p
(.) z
∂z ∂x υ
Wegen der Symmetrie zur Mittelebene und der Randbe- r
dingung vz (x = ±d) = 0 hat das Geschwindigkeitsprofil
dann die Form
vz (x) = v0 (1 − (x/d)2 ) .
Nimmt man den Druckgradienten dp/dz = (p 1 − p 2 )/l,
⊡ Abbildung 3.45 Laminare Strömung in einem Rohr. Ein Flüs-
so findet man für die maximale Geschwindigkeit aus
sigkeitszylinder in einem Rohr wird von der Druckkraft angetrie-
Gl. (.)
d 2 (p 1 − p 2 )
ben, von der Reibung zurückgehalten. Das Gleichgewicht beider lie-
v0 = . fert ein parabolisches v-Profil
2l η
b) Laminare Rohrströmung. Das zylindrische Rohr unter-
scheidet sich nur in der Geometrie vom Spalt: Auch hier c) Laminare Strömung um Kugeln (Stokes). Zieht man ei-
haftet die Flüssigkeit am Rand und strömt in der Mitte ne Kugel vom Radius r mit der Geschwindigkeit v durch
am schnellsten. Das Geschwindigkeitsgefälle hat über- eine Flüssigkeit, so haften die unmittelbar benachbarten
all die Richtung des Rohrradius. Wir suchen einen etwas Flüssigkeitsschichten an der Kugel. In einiger Entfernung
anschaulicheren Zugang als beim Spalt und betrachten herrscht die Strömungsgeschwindigkeit Null. Diese Ent-
einen koaxialen Flüssigkeitszylinder vom Radius r und fernung ist von der Größenordnung r, also ist das Ge-
der Länge l (Abb. .). An seiner Mantelfläche greift die schwindigkeitsgefälle dv/dz ≈ v/r. Auf der Oberfläche
Reibungskraft F⃗R = 2πrl η (dvz /dr) ⃗ ez an, auf seine Deck- 4πr 2 der Kugel greift nach (.) eine bremsende Kraft
fläche wirkt die Druckkraft F⃗p = πr 2 (p 1 − p 2 ) e⃗z . Im F ≈ −η(dv/dz)4πr 2 ≈ −4πvr an. Mit dieser Kraft muss
stationären Fall folgt aus F⃗R = F⃗p mit Δp = p 1 − p 2 man ziehen, um die Geschwindigkeit v zu erzeugen. Die
genauere (sehr aufwändige) Rechnung liefert das Stokes-
=
dvz Δp
r. Gesetz
F⃗ = −6πηr⃗
dr 2ηl
v. (.)
Analog zum Spalt ergibt sich ein parabolisches Profil mit
v0 = ΔpR 2 /4ηl
vz (r) = v0 (1 − (r/R)2 ) (.)
Durch den Hohlzylinder zwischen r und r + dr fließt der
Volumenstrom d j V = dV̇ = 2πr drvz (r), bzw. durch das
ganze Rohr nach dem Gesetz von Hagen-Poiseuille
πR 4
JV = 2πrv(r)dr =
R
∫0 8ηl
Δp . (.)

Über das Rohr gemittelt hat die Strömungsgeschwindigkeit


nach J V = πR 2 v den Wert v = v0 /2, die Gesamtdruckkraft
beträgt F p = πR 2 Δp = (8ηl/R 2 )J V . Gleichung (.) wird
auch ohmsches Gesetz für die laminare Strömung genannt,
wie I = U/R in der Elektrizitätslehre, die Größe 8ηl/πR 4 ⊡ Abbildung 3.46 Geschwindigkeitsprofil um eine Kugel, die von
ist der Strömungswiderstand. einer viskosen Flüssigkeit umströmt wird (schematisch)
3 Mechanik von Fluiden

Die gleiche Kraft erfährt eine ruhende Kugel, die von einer
(a) (b) (c)
Flüssigkeit mit der Geschwindigkeit v umströmt wird. Das
Gesetz von Hagen-Poiseuille, ebensowie das von Stokes,
können zur Messung von η dienen (Kapillarviskosimeter,
Kugelfallmethode).

BEISPIEL überwiegend Reibungs- und überwiegend


Reibungswiderstand Druckwiderstand Druckwiderstand
Sedimentation und Blutsenkung. Wie groß ist die konstan-
⊡ Abbildung 3.47a–c Strömungswiderstände werden durch Rei-
te Sinkgeschwindigkeit (Sedimentationsgeschwindigkeit) vS ,
bungskräfte in der Grenzschicht und durch Druckkräfte verursacht.
die Kugeln in zähen Medien erreichen? Wie groß ist die
Die Druckkräfte werden durch die Ablösung von Wirbeln im Tot-
Sinkgeschwindigkeit von roten Blutkörperchen (Erythrozy-
raum hervorgerufen. (a) längs überströmte Platte (b) Kugel (cW -
ten, Dichte ρE = 1,1 g/cm−3 , Radius r = 2,8 μm) in Blut-
Wert ,) (c) quer angeströmte Kreisplatte (cW -Wert ,)
plasma (Dichte ρP = 1,03 g/cm−3 , η = 1,73 ⋅ 10−3 Nsm−2 )?
Konstante Sinkgeschwindigkeit tritt ein, wenn alle Be-
schleunigungen verschwinden, also ( 34 ρE r 3 − 43 ρP r 3 )g −
qualitativ unterschiedliche Gebiete: () den von festen Kör-
6πηrvS = 0 oder
pern nicht beeinflussten Außenraum, der mit idealisierten
2 (ρE − ρP )g
vS = .
Potentialströmungen beschrieben werden kann; () eine
9 η dünne (Prandtlsche) Grenzschicht, die vom Einfluss der
Speziell für die Blutsenkung berechnet man Zähigkeit dominiert wird, die laminar bleibt: hier entsteht
der Reibungswiderstand, es entstehen aber auch Wirbel;
vS = 0,068 ⋅ 10−5 m/s = 2,4 mm/h . () Der Wirbelraum, in dem die Strömung ideale wirbel-
Die beobachteten Sinkgeschwindigkeiten sind – mm/h hafte Eigenschaften zeigt. Der Druckwiderstand kann auf
beim gesunden Mann, – mm/h bei der Frau. Verände- die Verwirbelung zurückgeführt werden. Grundsätzlich
rungen der Blutsenkungsgeschwindigkeit geben Hinweise treten Reibungs- und Druckwiderstand zusammen auf.
auf Krankheitszustände. Bei kleinen Geschwindigkeiten dominiert aber der Rei-
bungswiderstand ∝ v, bei hohen der Druckwiderstand
∝ v2 .
.. Strömungswiderstände
a) Reibungswiderstand und Prandtlsche Grenzschicht. In
Das Beispiel aus Abschn. .., Abb. . zeigt bei der Um- der Grenzschicht vermittelt das Geschwindigkeitsgefälle
strömung eines Körpers ein plausibles Bild von Strom- den Übergang zwischen der Geschwindigkeit v des Kör-
linien. Im Einklang mit der Bernoulli-Gleichung (.) pers und der ruhenden Flüssigkeit in großem Abstand.
werden die einzelnen Flüssigkeitspakete am Körper vorbei Wir betrachten eine Schicht der (effektiven) Dicke D, die
beschleunigt, und auf der Rückseite geben sie ihre kine- klein ist gegen die Abmessungen l des Körpers ist. Dann
tische Energie zugunsten der inneren Energie wieder ab „sieht“ die Flüssigkeit nur ein praktisch ebenes Wand-
– die Nettokraft verschwindet, der Körper erfährt keinen stück.
Widerstand (d’Alembertsches Paradoxon). Insbesondere Auf die umströmte Oberfläche A wirkt die Reibungs-
verschwindet die Geschwindigkeit im Beispiel am vorde- kraft FR = ηA dv/dz, die wir durch ein lineares Gefälle
ren und am rückwärtigen Staupunkt S und S ′ . Auf der dv/dz = v/D und FR = ηAv/D annähern. Wie dick ist
Rückseite müssen die Flüssigkeitspakete aber gegen den die Grenzschicht? Dazu verschieben wir den Körper z. B.
wachsenden Druck anströmen. Weil sie mindestens einen um seine eigene Länge l und müssen dabei die Arbeit W =
Teil der kinetischen Energie durch Reibung schon verloren FR l = ηAvl/D gegen die Reibung aufbringen. Diese Ener-
haben, wird die Strömungsgeschwindigkeit nicht erst beim gie wird eingesetzt, um eine neue Grenzschicht aufzubau-
rückwärtigen Staupunkt S ′ verschwinden, sondern schon en, d. h. eine neue Schicht der Fläche A mit der kinetischen
Energie Ekin = 21 ∫0 A dzρ(vz/D)2 = 16 ρv 2 AD und
D
vorher.
Die Grenzschichttheorie nach L. Prandtl (–) √
zeigt einen Ausweg: Man teilt das Strömungsfeld in drei D= 6ηl/ρv . (.)
Viskose Strömungen 126/127

Stromlinien und damit auch die statischen Drücke sind


nicht mehr symmetrisch verteilt. Der Strömungswider-
z stand lässt sich nach Newton durch die kinetische Ener-
gie ausdrücken, die in die Geschwindigkeitsänderung von
Flüssigkeitsteilchen investiert werden muss (Abschn. ..).
Damit ergibt sich der bekannte Ausdruck für die Kraft, die
ein Körper vom Querschnitt A erfährt, der mit der Ge-
schwindigkeit v turbulent umströmt wird:
D
FW =
1
cW ρAv 2 . (.)
2
0 Der Widerstandsbeiwert cW hängt von der Gestalt und
υ(z)
Oberflächenrauigkeit des Körpers ab, ferner von der Rey-
nolds-Zahl, der Mach-Zahl und dem Turbulenzgrad der
⊡ Abbildung 3.48 Prandtlsche Grenzschicht. Die Zähigkeit einer
Strömung.
Strömung wirkt sich nur in einer dünnen Schicht an der Oberfläche
eines um- oder durchströmten Körpers aus. Im Außenraum verhält Bestimmende Größe für den Druckwiderstand ist die
sich die Flüssigkeit wie eine ideale Strömung Größe und Form des abgelösten Totraumgebiets, d. h. kon-
struktive Maßnahmen zur Verringerung des Druckwider-
stands – des cW -Wertes – zielen immer auf seine Verkleine-
rung. Dies ist entweder durch die Zufuhr von kinetischer
Die Grenzschicht ist dünn, wenn D ≪ l, also ρlv/η≫ 1, Energie in die Grenzschicht oder durch das Erzwingen ei-
das ist gerade die Reynoldszahl, vgl. Abschn. ... An- ner Transition von laminarer zu turbulenter Grenzschicht
dernfalls ist die Strömung als ganzes laminar, die Grenz- möglich. Eine turbulente Grenzschicht verursacht zwar
schichtbetrachtung überflüssig. Dann kann der Reibungs- einen höheren Reibungswiderstand, hat aber aufgrund der
widerstand des Körpers abgeschätzt werden nach größeren kinetischen Energie eine geringere Neigung zur
√ Ablösung als im laminaren Fall.
FR = ηvA/D ≃ A v 3 ρη/6l . (.)
Wenn man A ∼ l 2 setzt, sieht man, dass dieser Aus-
druck das geometrische Mittel zwischen dem Stokes-
Widerstand (∼ ηvl) und dem Newton-Widerstand (l 2 ρv 2 , υ(t) υ(t)
t t
Abschn. ..) bildet. Für Schiffe oder Flugzeuge liefert der
Stokes-Ansatz nämlich einen zu kleinen Widerstand, weil
er die Turbulenz ganz ausschließt, der newtonsche einen υ(t)
t
zu großen, weil er die Stromlinienform ungenügend be- Laminare Grenzschicht
rücksichtigt. Die Prandtl-Schicht begrenzt den Wärme-
Totraum

und Stoffaustausch zwischen Fluid und Wand, z. B. den Wirbelraum


Stauraum
Wärmeverlust an Mauern und Fenstern, den CO2 - oder
H2 O-Austausch an Pflanzenblättern, die Verdunstung an
Flüssigkeitsoberflächen: Wärme fließt nur durch Leitung,
Stoffe fließen nur infolge Diffusion durch die Grenzschicht,
also viel langsamer, als wenn das Fluid sie konvektiv ab-
führte.

b) Druckwiderstand. Die unvermeidliche Reibung in der ⊡ Abbildung 3.49 Der Druckwiderstand entsteht durch die Ab-
Grenzschicht eines umströmten Körpers erzeugt beim lösung eines Wirbelraums. Die eingefügten Bilder skizzieren an
Wiederzusammenlaufen der Flüssigkeit im Lee ein „Tot-  Positionen das radiale Geschwindigkeitsprofil wie in Abb. ..
wasser“, einen Totraum. Darin stellen die Scherkräfte der Um den Druckwiderstand zu verringern muss der Totraum, in dem
übereinandergleitenden Flüssigkeitsschichten die Dreh- die Wirbel entstehen, möglichst klein gehalten werden. Das ist die
momente zur Verfügung, um Wirbel zu erzeugen. Die Aufgabe „stromlinienförmiger“ Körper
3 Mechanik von Fluiden

BEISPIEL
FA
FB
Wie schnell fällt der Regen? Studieren Sie das Fallen von
Tröpfchen verschiedener Größe. Wie große Tropfen kann
ein Aufwind noch hochtragen? FS
FW
Ein Tropfen (Radius r, Dichte ρ = 1 g/cm ) erreicht schon
−3
α S
nach kurzer Fallstrecke in Luft (Dichte ρL = 1,2 mg/cm−3 )
die stationäre Geschwindigkeit, die durch Gleichheit von
Gewicht und Luftwiderstand gegeben ist. Der Luftwider-
stand ist 6πηvr oder πr 2 v 2 ρL , je nachdem ob ρL vr/η klein mg
oder groß ist. Die Grenze liegt etwa bei einem Tröpfchenra-
dius r ≈ (50η2 /ρL ρg)−1/3 ≈ 0,1 mm. Unterhalb gilt Sto-
kes, also v ≈ 2gρr 2 /9η ≈ 108 r 2 , oberhalb Newton, also
√ ⊡ Abbildung 3.50 Luftströmung und Kräfte an einer Tragfläche.
v ≈ (grρ/ρL )1/2 ≈ 100 r (r in m, v in m/s). Ein Auf- Die oberhalb der Tragfläche vorbeiströmenden Luftpakete haben ei-
wind von 10 m/s reißt noch Tropfen von  cm Durchmesser ne viel höhere Geschwindigkeit als die unterhalb der Tragfläche. Der
hoch. Auftrieb F⃗A wird durch die – von der Tragflächenform unterstütz-
te – Ablenkung der Luftmassen nach unten sowie den Druckunter-
schied zwischen oben und unten erzeugt. (S: Staupunkt; F⃗S : Schub-
kraft; F⃗W : Strömungswiderstand; F⃗B : Bernoulli-Kraft; F⃗A : Auftrieb)
.. Warum können Flugzeuge fliegen?
Der Bernoulli-Effekt erzeugt bei einer bewegten Trag-
fläche Auftrieb, wenn die Luft oberhalb der Tragfläche Auftriebswert CA
schneller strömt als unter ihr und daduch eine Druck-
differenz verursacht. Dabei kommt es aber nicht auf die maximaler Auftriebsbeiwert CA max
Wölbung der Tragfläche an , sondern auf den Anstellwin-
3
kel α (Abb. .) – auch ein flaches Brett eignet sich dann
als Tragfläche!
Die Tragfläche teilt die anströmenden Luftmassen in
obere und untere Pakete. Der vordere Staupunkt liegt
unterhalb der Tragfläche, dort treten die geringsten Ge-
2
schwindigkeiten und der höchste Druck auf. Reibung führt
– wie beim Zylinder – dazu, dass sich auf der abströmen-
den Seite die laminare Strömung mit einem Wirbelfeld von
der oberen Tragfläche löst. Die Geschwindigkeitsdifferenz
zwischen der oberen und der unteren Luftströmung führt 1
dazu, dass die geteilten Luftpakete sich am Ende der Trag-
fläche nicht wieder treffen. Mathematisch wird diese Si- Strömungsabriss
tuation durch eine Zirkulation berücksichtigt, die sich der
Strömung um das Hindernis überlagert – genau der Situa-
tion, die zur Erklärung der Magnuskraft in Abschn. .. 0
gedient hat. –10° 0° 10° 20°
Anstellwinkel α
Die Wölbung der Tragflügel hilft, den Ablösepunkt
möglichst weit nach hinten zu verlegen und eine nach ⊡ Abbildung 3.51 Áuftriebsbeiwert cA für ein typisches Tragflü-
 gelprofil
Eine verbreitete Erklärung macht allein den Wegunter-
schied oberhalb und unterhalb der gewölbten Tragfläche für die
Geschwindigkeits- und damit Druckunterschiede verantwortlich.
Der damit erzielbare Auftrieb reicht aber zum Fliegen nicht aus.
Viskose Strömungen 128/129

unten gerichtete Komponente der abströmenden Luft zu Systems und umgekehrt proportional zur Viskosität wach-
erhalten. Der Tragflügel reagiert darauf mit einer Auf- sen (l/η),
triebskraft. Formal beschreibt man die Auftriebskraft ganz
ρv 2 /2
Re = ∝
analog zur Widerstandskraft, kinetische Energie
.
ηv/2ℓ Reibungsverluste
FA =
1
cA ρAv 2 .
2
BEISPIEL
wobei A die wirksame Fläche des Körpers angibt. In
Abb. . ist der Auftriebsbeiwert cA als Funktion des Sind folgende Strömungen laminar oder turbulent: Ein
Anstellwinkels α gezeigt. Oberhalb von α = 15○ wird der Bach, die Wasserleitung, der Luftstrom durch die Nase beim
gefürchtete Strömungsabriss durch einen schlagartigen Atmen, der Blutstrom in der Aorta, in den Kapillaren?
Bach: v = 1–10 m/s, d ≈ 1 m, ρ = 103 kg/m3 , η =
Übergang zu turbulenter Strömung hervorgerufen. Bei
vereisten Tragflächen reißt die Strömung noch viel früher
103 N s/m2 , Re ≈ 106 bis 107 : Immer turbulent. Wasserlei-
ab und gefährdet die Flugeigenschaften. Große Passagier-
tung: v = 0,1–1 m/s, d ≈ 1 cm, Re ≈ 103 bis 104 : Über-
maschinen können die Flügel deshalb im Flug abtauen.
gang laminar-turbulent. Aorta: d = 1[,5 cm, v = 0,1 m/s
(Herzfrequenz , Hz, Kammervolumen 50 cm3 ), η = 8 ⋅
.. Turbulenz und Reynoldszahl 103 N s m−2 , Re = 200: Laminar, außer bei krankhafter
Gefäßverengung. Atemwege: d ≈ 0,5 cm, v ≈ 15 m/s
Ob der Strömungswiderstand von der Reibung der Flüs-
(, l Respirationsluft, normale Atemfrequenz , Hz), ρ =
sigkeitsschichten in der Grenzschicht oder vom Druckwi-
1,3 kg m−3 , η = 2 ⋅ 10−5 N s m−2 , Re ≈ 104 : Turbulent, be-
derstand und damit letzten Endes von der Erzeugung von
sonders bei Erkältung.
Wirbeln dominiert wird, hängt vom Verhältnis der cha-
rakteristischen Länge der laminaren Grenzschicht und den
umströmten oder durchströmten Körpern ab. Die dimen- Der Umschlag von laminar zu turbulent ist mit einem
sionslose Größe starken Anwachsen der Strömungswiderstandes verbun-
Re ∶=
ρv
(.) den. Er ist nicht mehr proportional zu v wie im laminaren
η/ℓ
Fall, sondern wird proportional zu v 2 . Fur eine Kugel geht
heißt Reynoldszahl Re. Sie setzt die Rolle der Trägheits- der Stokes-Widerstand F = 6πηrv in einen newtonschen
kräfte (ρv entspricht der Impulsdichte) in Relation zu den Widerstand F = 12 ρAv 2 über. In einem Rohr tritt ein ähn-
Reibungskräften, die mit der typischen Dimensionen des licher Knick in der Funktion F(v) auf, aber erst bei einer

Δp/l/bar m 1

–10 4

turbulent
2

⊡ Abbildung 3.52 Bei kleinen Geschwin-


digkeiten dominiert immer der laminare
Fluss, bei hohen findet der Umschlag zur
0 0,1 υ/ms 1 0,2 laminar
turbulenten Strömung statt
3 Mechanik von Fluiden

.. Navier-Stokes-Gleichung
λ r
0,2 ks Die allgmeinste Bewegungsgleichung der Hydrodynamik,
die Navier-Stokes-Gleichung, die wir hier nur für inkom-
⃗ ⋅ v⃗ = 0) angeben, lautet
pressible Flüssigkeiten (∇
0,1
0,07
10
0,05 ρ

v⃗ + ρ(⃗ ⃗ v = ρ g⃗ − ∇p
v ⋅ ∇)⃗ ⃗ + η∇
⃗ 2 v⃗ . (.)
0,03 ∂t
100
0,02 Sie berücksichtigt neben den Potentialkräften auch die
0,015
1 000 Reibungskräfte. Hinzu kommt noch eine Randbedingung:
Die Geschwindigkeit relativ zu den Wänden eines Gefäßes
0,01
102 103 104 105 106 muss verschwinden, die Flüssigkeit „haftet“ an der Wand,
Re
2υrρ also v∥ = v = 0.
η
Die Navier-Stokes-Gleichung reduziert sich für η = 0
⊡ Abbildung 3.53 Normierter Widerstandsbeiwert λ = 2cW r/l zur Euler-Gleichung ., die z. B. die Potentialströmun-
der Rohrströmung in Abhängigkeit von der Reynolds-Zahl. Die gen beschreibt. Sie enthält auch die Details der turbulenten
Kurven unterscheiden sich durch das Verhältnis von Rohrradi- Strömung, dann sind aber keine einfachen mathemati-
us und Rauigkeitsabmessungen k s . Für ganz glatte Rohre gilt die schen Lösungen mehr bekannt. Die Leistungsstärke mo-
Blasius-Formel λ ∼ r−1/4 . Das Abbiegen von diesem Verlauf tritt derner Rechner hat einen numerischen Zugang ermög-
ein, wenn die laminare Grenzschicht dünner wird als die Rauigkei- licht, mit dem sich zahlreiche Probleme dieses technisch
ten sehr wichtigen Themas behandeln lassen. Ein schönes
Beispiel zur Demonstration der Leistungsfähigkeit sol-
cher numerischer Methoden sind die bekannten von Kár-
höheren Reynolds-Zahl (Re > 1000; Abb. .). Wo es auf mánschen Wirbelstraßen, die in Abb. . gezeigt sind.
einen minimalen Widerstand ankommt (Blutkreislauf), T. von Kármán (–) hatte schon  mit analyti-
ist Turbulenz verderblich; bei Heizungs- oder Kühlrohren schen Methoden gezeigt, dass in der von einem umström-
kann sie dagegen erwünscht sein. Der laminare und der ten Hindernis ausgehenden Wirbelstraße die alternierende
turbulente Zustand können mit zwei Aggregatzustanden Abfolge stabil ist und nicht die parallel paarweise Anor-
verglichen werden, von denen jeder unter verschiedenen dung aus Abb. ..
Bedingungen stabil ist. Der laminare Zustand kann aber
„unterkühlt“ werden, da die Turbulenzentstehung eine Art
Keimbildung fordert. BEISPIEL
An einem durchströmten Rohr vom Durchmesser d
und der Länge l liege der Druckunterschied Δp an, der eine Die Navier-Stokes-Gleichung zeigt auch, dass viskose Strö-
Gesamtkraft F = π(d/2)2 Δp ausübt. Man definiert meist ⃗ × v⃗ = 0) sein
mungen (η ≠ 0) nicht überall wirbelfrei (∇
Re = ρvd/η und cW = dΔp/( 21 ρv 2 l = 8FW /(πρv2 d l), als können.
ob der angeströmte Querschnitt nicht π(d/2)2 , sondern Es gelten die Identitäten der Vektoranalysis ∇ ⃗ 2 v⃗ =
πd l/4 wäre. Diese Definition bewährt sich für rauwandige ⃗ ⃗ ⃗ ⃗ ⃗ 1 2 ⃗
∇(∇ ⋅ v⃗) − ∇ × (∇ × v⃗) und (v⃗ ⋅ ∇)v⃗ = 2 v⃗ − v⃗ ⋅ ∇ × v⃗.
Rohre, die turbulent durchströmt sind (Re > 2000). Bei Mit ∇⃗ ⋅ v⃗ = 0 findet man die zweite Vektorform der
glatten Rohren nimmt cW langsam mit Re ab (∼ Re1/4 ). Navier-Stokes-Gleichung
Die Rohrwand ist als rau anzusehen, wenn die Unebenhei-
ten die Prandtl-Grenzschicht durchstoßen. Für Re < 2000
⃗ v
⃗ ⋅ ∇×
v⃗ + v⃗2 − v ⃗ − ∇
⃗ = g⃗ − ∇p ⃗ × (∇×
⃗ v⃗) . (.)
∂ 1 1 η
gilt das laminare Hagen-Poiseuille-Gesetz (Gl. .), was ∂t 2 ρ ρ
als cW = 64/Re zu lesen ist (Abb. .). Diese Beziehun-
gen gelten für die „ausgebildete“ Rohrströmung. Wenn Der Reibungsterm würde in wirbelfreien Strömungen ver-
das Rohr zu kurz ist (l ≪ d), gilt einfach das Torricelli- schwinden.
Ausflussgesetz.
Vakuum 130/131

die technisch zur Glüh- und Gasentladungslampe, zur


Kathodenstrahl- und Röntgen-Röhre und führten. Vor
dem Siegeszug der Halbleiterbauelemente lebte die Nach-
T = 200
richtentechnik von Vakuum-Gleichrichter- und -Verstär-
kerröhren. Auch Fernseh„röhren“ und Computer-Moni-
tore benötigen Vakuum, heute werden sie von Halbleiter-
Flachbildschirmen verdrängt, die zur Herstellung wieder-
T = 400 um Vakuumtechnik benötigen.
Die Herstellung all dieser Halbleitermaterialien stellt
höchste Ansprüche an die Vakuumtechnik: Reinigung,
Oberflächenbedampfung, Diffusion von Fremdsubstan-
T = 600 zen. In die chemische und biologische Technik sind Va-
kuummethoden längst eingedrungen. Viele Lebensmittel
werden im Vakuum verpackt, verarbeitet und besonders
T = 800 getrocknet; der erniedrigte Dampfdruck des Wassers er-
laubt dabei, geschmacksschädigende Erhitzung zu vermei-
⊡ Abbildung 3.54 Schnappschüsse einer von Kármánschen Wir- den. Einzelne Experimente werden ins Weltall verlagert,
belstraße nach einer dynamischen numerischen Simulation. Die wo schon um  km Höhe Vakua herrschen, von denen
Zeit ist auf eine charakteristische Systemgröße normiert und daher man im Labor nur träumen kann. Die Vakuumtechnik
dimensionslos. Bei T = 0 strömt das Fluid mit konstanter Ge- auch auf der Erde wird ihre Bedeutung immer weiter stei-
schwindigkeit und auf ganzer Breite in den Kanal ein und auf das gern.
Hindernis zu. Das Programm verfolgt die Trajektorien der roten Nach den physikalischen Erscheinungen und techni-
Schwimmer. Reynoldszahl Re = 10 000, gerechnet auf einem Gitter schen Erfordernissen unterscheidet man folgende Vaku-
mit 200 × 40 × 3 Knoten. Die Strömung haftet am oberen und un- umbereiche:
teren Rand des Kanals. (P. Zaspel, nach M. Griebel, T. Dornseifer,
T. Neunhoeffer, Numerische Simulation in der Strömungsmechanik,
eine praxisorientierte Einführung, (Vieweg, Braunschweig, )) Bereich Druck Freie Weglänge Strömungs-
/mbar /m mechanismus

Grobvakuum 1000–1 10−7 –10−4 viskos


−3
Feinvakuum 1–10 10−4 –10−1 Knudsen
(Vorvakuum)
. Vakuum Hochvakuum 10−3 –10−7 10−1 –103 molekular
Ultrahochvakuum < 10−7 > 103
Die Frage, ob das Nichts existieren könne, ist so alt wie die
Philosophie. Für Demokrit, Leukipp und Lukrez schweb-
ten die Atome in der absoluten Leere, für die meisten an- Vakuumapparaturen baut man aus Glas, Edelstahl, Kup-
deren, vor allem für Aristoteles, hatte die Natur einen un- fer, Messing. Die Gaseinschlüsse, die von der Herstellung
überwindlichen „horror vacui“. Als Torricelli und Guericke in Glas mit seiner amorphen Struktur bleiben, müssen
die ersten praktischen Vakua als stark luftverdünnte Räu- sorgfältig ausgeheizt werden. Zur Dichtung von Verbin-
me herstellten, schien die Frage zunächst erledigt. Aber so dungen, Hähnen, Ventilen verwendet man Gummi, Tef-
dumm war Aristoteles offenbar doch nicht. Der Raum zwi- lon, weiche Metalle, Fett. Wesentlich ist hierbei immer der
schen den Teilchen wird von Feldern aller Art erfüllt. Dampfdruck des Materials. Gummiringe müssen vulkani-
siert sein, nicht geklebt, denn der hohe Dampfdruck der
.. Bedeutung der Vakuumtechnik meisten Kleber lässt sich ja schon am Geruch feststellen.
Niedriger Dampfdruck ist auch wesentlich für Vakuum-
Torricelli, Guericke, Pascal und Boyle leiteten eine Ent- fette. Allerdings erzeugt man durch ständiges kräftiges
wicklung ein, ohne die unsere Wissenschaft und Tech- Abpumpen oft einen Druck in der Apparatur, der viel ge-
nik gar nicht möglich wären. Die moderne Atomphy- ringer ist als der Dampfdruck des flüchtigsten Bestandteils,
sik begann mit Gasentladungen in evakuierten Gefäßen, der sich ja nur im Gleichgewicht einstellen würde.
3 Mechanik von Fluiden

.. Vakuumpumpen
A V

Pumpen entfernen Gas aus dem zu evakuierenden Gefäß,


dem Rezipienten, indem sie es in einen anderen Raum, spe- B
ziell die freie Atmosphäre befördern (mechanische Pum-
pen, Diffusionspumpen), oder indem sie es innerhalb der
Vakuumanlage binden (kondensieren, sorbieren, chemisch
1
binden). Mechanische Pumpen haben einen bestimmten
Schöpfraum, den sie entweder abwechselnd vergrößern 7 2
oder verkleinern, oder der konstant ist und abwechselnd
oder kontinuierlich an der Niederdruckseite aufgefüllt und
an der Hochdruckseite entleert wird. Diffusionspumpen 6 3
ähneln mechanischen Pumpen mit konstantem, kontinu-
ierlich arbeitendem Schöpfraum. 5 4
Eine wesentliche Kenngröße einer Pumpe ist der Vo-
lumenstrom V̇, den sie fördert, genannt Saugvermögen,
angegeben in ℓ/s und bei mechanischen Pumpen leicht aus
der Konstruktion abzulesen als Schöpfvolumen ⋅ Drehfre-
quenz. Davon zu unterscheiden ist die Saugleistung. Sie
gibt den geförderten Gas-Massenstrom an. Wichtig sind
noch der Enddruck, den die Pumpe am Ansaugstutzen ⊡ Abbildung 3.55 Drehschieberpumpe. Bei V ist der Vorvaku-
erreicht, und der Anfangsdruck, gegen den sie das geför- umschlauch angeschlossen, das Ventil A öffnet den Auspuff zur At-
derte Gas ausstößt. Bei den Vorpumpen ist der Anfangs- mosphäre, wenn der Druck davor größer als  bar wird. Zwischen
Phase  und  hat das Gasballastventil B eine dosierte Menge Luft
druck gleich dem Atmosphärendruck. Die meisten Pum-
zugelassen, damit in Phase  oder  keine Kondensation besonders
pen brauchen einen sehr viel kleineren Anfangsdruck, den
von Wasserdampf eintritt. Maximaler Schöpfraum unten in Phase ,
ihnen eine Vorpumpe liefern muss.
minimaler oben links in Phase  (beim Öffnen des Ventils A)
Drehschieberpumpen und Sperrschieberpumpen äh-
neln in ihrem Aufbau dem Verbrennungsmotor, die ers-
te dem Wankel-Motor, die zweite dem Otto-Motor. Ihr
Arbeitszyklus besteht aus einem Ansaugtakt auf der Va- weiter an, das Auspuffventil öffnet nicht. Außerdem kann
kuumseite und einem Auspufftakt an die Atmosphäre Emulgierung des Wassers mit dem Schmieröl das Funktio-
(Abb. .). Maximale und minimale Größe des Schöpf- nieren der Pumpe beeinträchtigen. Man lässt daher, wenn
raums Vmax und Vmin ergeben sich aus der Abbildung. der Schöpfraum gerade ganz vom Vakuum abgeschlossen
Sie bestimmen nach der Gasgleichung das Verhältnis von ist, durch ein Ventil eine dosierte Luftmenge ein, damit das
Anfangs- und Enddruck, falls man isotherme Kompression Auspuffventil schon bei geringerer Kompression öffnet,
annehmen kann: pa /pe ≈ Vmax /Vmin . Mehrstufige Pum- bei der der H2 O-Partialdruck noch unter dem Sättigungs-
pen dieser Art, d. h. mehrere Pumpen im gleichen Gehäuse dampfdruck liegt. Diese Gasballastmenge richtet sich nach
hintereinander geschaltet, steigern dieses Verhältnis, errei- dem Verhältnis von Sättigungsdampfdruck und Atmo-
chen aber kaum geringere Enddrücke als 10−3 mbar. sphärendruck, also der Gastemperatur in der Pumpe, und
Ein Problem war lange Zeit das Abpumpen kondensier- muss bei kalter (startender) Pumpe größer sein.
barer Dämpfe, besonders von Wasserdampf, bis W. Gaede Die Roots-Pumpe (Wälzkolbenpumpe) hat ein kon-
es durch den Gasballast überwand. Damit das Auspuff- stantes Schöpfvolumen (Abb. .); das Saugvermögen
ventil öffnet, muss die Pumpe ja das Gas im verkleinerten kann sehr groß werden dank hoher Drehfrequenzen, die
Schöpfraum auf etwas mehr als Atmosphärendruck kom- man erreicht, weil die Formgebung der Kolben ihre di-
primiert haben. Wenn dieses Gas nun in einer fast evaku- rekte Berührung untereinander und mit der Wand ver-
ierten Apparatur mit Restfeuchtigkeit darin fast nur noch meidet. Die Schlitzbreite zwischen diesen Flächen und
aus Wasserdampf besteht, würde dieser kurz vor dem Aus- die Rückströmung von Gas durch diesen Schlitz bestim-
puff übersättigt sein, also vorher schon kondensieren. Der men das Verhältnis Anfangsdruck/Enddruck. Bei Atmo-
Druck im Schöpfraum steigt nach der Kondensation nicht sphärendruck ist diese Rückströmung meist zu groß, hin-
Vakuum 132/133

V
1 2 3 4 6
5

A
1
10 2

9 3 6
1 3 4 5
2

8 4

7 5
6 ⊡ Abbildung 3.57 Prinzip der Molekularpumpe (Gaede): Im Be-
zugssystem des Rotors (unten) werden die Moleküle am Rotor elas-
tisch reflektiert (Einfallswinkel = Ausfallswinkel), im Bezugssystem
des Stators (oben) erhält das Molekül beim Stoß die Geschwindig-
keitskomponente des Rotors oder einen Teil davon hinzu. Ein ther-
misches Gleichgewicht der Moleküle kann sich nicht mehr einstel-
⊡ Abbildung 3.56 Wälzkolbenpumpe oder Roots-Pumpe. Die len, denn sie stoßen kaum noch miteinander. Molekül  fliegt tat-
beiden Kolben haben keinen aus lauter Kreisbögen zusammen- sächlich geradlinig, denn im oberen Bild ist der Rotor schon ent-
gesetzten Querschnitt, wie hier vereinfacht dargestellt. Genaues sprechend weiter, sodass das Molekül streifend längs der Wand fliegt
Hinschauen zeigt besonders in Phase  Undichtigkeit. Bei V saugt (unteres Bild)
die Pumpe aus dem Vakuumgefäß ab, bei A stößt sie die geför-
derte Gasmenge an die Atmosphäre oder die Vorpumpe aus. Der
Schöpfraum ist in Phase  rechts als etwa halbmondförmiger Raum
besonders gut zu erkennen her ein gutes Vorvakuum und können dann Enddrücke un-
ter 10−10 mbar erreichen. Das Saugvermögen ist bei leich-
ten Gasen besser, weil ihre Moleküle schneller fliegen; aus
dem gleichen Grund, d. h. wegen ihrer verstärkten Rück-
ter einer Vorpumpe erreicht man Enddrücke unterhalb diffusion, erreicht man aber bei leichten Gasen keinen so
10−3 mbar. geringen Enddruck.
Das Prinzip der Molekularpumpen wurde schon von Bei den Diffusionspumpen und Treibmittelpumpen
Gaede, Langmuir und Siegbahn um  angegeben, aber ist die schnell bewegte Rotoroberfläche durch einen
erst in den er Jahren mit der Turbopumpe allgemei- Dampf- oder Flüssigkeitsstrahl ersetzt. Die Wasserstrahl-
ner nutzbar. Zwischen den Wänden eines sehr schnell um- pumpe benutzt allerdings hauptsächlich das Unterdruck-
laufenden Rotors und eines Statorgehäuses bleibt ein enger prinzip von Bernoulli. Im eigentlich molekularen Bereich
Schlitz. Wenn die mittlere freie Weglänge der Gasmolekü- brauchen diese Pumpen ebenfalls ein gutes Vorvakuum.
le größer ist als die Schlitzbreite, sodass die Moleküle fast Man wundert sich zunächst, warum das abzupumpen-
nur noch Wandstöße ausführen, erhalten sie bei der Re- de Gas aus dem bereits sehr verdünnten Vakuum in den
flexion am Rotor dessen Geschwindigkeitskomponenten, Quecksilber- oder Öl-Dampfstrahl hineinwandert, obwohl
und ihre thermische Geschwindigkeit dreht sich allmäh- dort doch der Druck sehr viel höher ist, nämlich gleich dem
lich fast ganz in die Drehrichtung des Rotors (Abb. .). Dampfdruck des siedenden Treibmittels. Die molekulare
Bei höherem Druck, wenn die freie Weglänge klein gegen Vorstellung macht aber sofort klar, dass es nicht auf diesen
die Schlitzbreite ist, schleppt der Rotor zwar die dann vis- Totaldruck ankommt, sondern nur auf den Partialdruck.
kos strömenden Moleküle auch mit, aber nur mit der Ro- Da das Treibmittel, solange es flüssig oder frisch verdampft
torgeschwindigkeit, die viel kleiner ist als die thermische ist, keine Moleküle des abzupumpenden Gases enthält,
Molekülgeschwindigkeit. Molekularpumpen brauchen da- diffundieren diese aus dem Gasraum in den Treibstrahl
3 Mechanik von Fluiden

Bei Kühlung mit flüssigem Wasserstoff oder Helium


kann man in der Kryopumpe auch die „permanenten“
Luftbestandteile ausfrieren. Sorptionspumpen binden die
Gasmoleküle an oder in festen Stoffen, die entweder von
Zeit zu Zeit oder kontinuierlich regeneriert werden. Ge-
bräuchlich als Sorptionsmittel sind Alkali-Aluminosilikate
wie Zeolith. Wenn die adsorbierende Schicht durch Auf-
dampfen immer wieder erneuert wird, spricht man von
Getterpumpen. Stickstoff wird besonders gut durch Titan
sorbiert. Um die Sorptionswirkung zu erhöhen, ionisiert
man in Ionenzerstäuber-Pumpen entweder die Gasteilchen
oder die adsorbierende Oberfläche und erhöht dabei die
wirksame Stoßzahl durch Umlenkung in elektromagneti-
schen Feldern.

.. Strömung verdünnter Gase


Eine Pumpe mit dem Saugvermögen V̇P (in ℓ/s) pumpt
⊡ Abbildung 3.58 Kühlfalle. Kondensierbare Dämpfe werden an aus dem Rezipienten einen Volumenstrom V̇R , der immer
der mit flüssiger Luft gekühlten Glaswand ausgefroren. Eine Kryo- kleiner ist als V̇P . Zwischen Rezipient und Pumpe liegt ja
pumpe leistet dasselbe auch für „permanente“ Gase bei Kühlung mit eine Vakuumleitung mit einem bestimmten Strömungs-
flüssigem Wasserstoff oder Helium
widerstand, an der ein Druckabfall pR − pP herrschen
muss, damit das Gas strömt. Es gibt eine Erhaltungsgröße,
die am Anfang und am Ende dieser Leitung den gleichen
hinein, auch gegen einen hohen Gradienten des Total- Wert haben muss, aber das ist nicht der Volumenstrom,
drucks. Voraussetzung für die Beladbarkeit des Strahls ist sondern der Massenstrom, der unter idealen isothermen
eine hinreichende Geschwindigkeit, die manchmal Über- Bedingungen proportional zu pV̇ ist. Am Rezipientenaus-
schallwerte erreicht. Diffusionspumpen erreichen dann bei gang, wo p höher ist, muss daher V̇ kleiner sein. Definiert
einem Vorvakuum von 10−2 –10−3 mbar einen Enddruck man analog zum ohmschen Gesetz den Strömungswider-
um 10−9 mbar. stand R als Verhältnis des Druckabfalls (der „Spannung“)
Die einfachste Kondensationspumpe ist die Kühlfal- zum Massenstrom (analog dem elektrischen Strom), also
le, in der sich Wasser- oder andere Dämpfe bei Kühlung R = Δp/(pV̇), dann ergibt sich aus der Erhaltung des
mit flüssigem Stickstoff oder anderen Kühlmitteln nieder- Massenstroms pV̇
schlagen, wenn sie durch eine mechanische oder Diffu-
sionspumpe an der kalten Wand vorbeigesaugt werden V̇R−1 = V̇P−1 + R .
(Abb. .). Eine Kühlfalle lässt sich als zusätzliche Pumpe
auffassen, allerdings mit einem Saugvermögen, das von Strömungswiderstände verhalten sich in vieler Hinsicht
der Gasart, nämlich vom Dampfdruck, abhängt. Wenn al- wie elektrische Widerstände. Bei Hintereinanderschaltung
le Dampfmolekühle, die durch die Falle gesogen werden, addieren sie sich, weil sich die Druckabfälle addieren, bei
an der gekühlten Fläche A kondensieren, verschwinden Parallelschaltung addieren sich die Leitwerte R −1 , weil sich
nvmol A solcher Moleküle pro Sekunde aus diesem Gass- die Massenströme addieren.
trom. nvmol ist nämlich die Stoßzahldichte mit der Wand. Wenn eine Pumpe einen zeitlich konstanten Volumen-
Der auskondensierende Massenstrom ergibt sich durch strom aus dem Rezipienten erzeugt, wie das meist der Fall
Multiplikation mit der Molekülmasse m. Da mn = ρ und ist, nehmen Gasmenge m und Gasdruck p darin exponen-
der Massenstrom ρ V̇, ergibt sich V̇ = vmol A. Wenn der tiell mit der Zeit ab, denn der Massenstrom ṁ ist propor-
Partialdruck des Dampfes p 1 im Rezipienten nicht mehr tional zu p, also zu m.
klein gegen seinen Dampfdruck p 2 bei der Fallentempera- Bei der Bestimmung von Strömungswiderständen im
tur ist, reduziert die Wiederverdampfung das Saugvermö- Vakuum sind molekulare Vorstellungen unerlässlich. So-
gen auf (1 − p 1 /p 2 )vmol A. wie die mittlere freie Weglänge l (s. Abschn. ..) nicht
Vakuum 134/135

mehr klein gegen den Rohrdurchmesser d ist, was um .. Vakuum-Messgeräte


10−2 mbar eintritt, folgt die Rohrströmung nicht mehr
dem Hagen-Poiseuille-Gesetz V̇ ∼ d 4 Δp/(ηL). Nach ei- Mechanische Messgeräte, verfeinerte Ausgaben der üb-
nem Übergangsbereich, der Knudsen-Strömung, folgt bei lichen Manometer, messen den Gasdruck direkt durch
l ≫ d die reine Molekularströmung. Die Moleküle flie- seine Kraftwirkung. Für höhere Vakua benutzt man den
gen ungehindert durch ihresgleichen durch das Rohr, an indirekten Einfluss des Druckes auf andere Größen wie
dessen Wand sie prallen, wobei sie nicht elastisch, son- Wärmeleitfähigkeit oder Entladungsströme.
dern ungefähr gleichmäßig nach allen Richtungen reflek- Im McLeod-Vakuskop wird ein kleines Vakuumvolu-
tiert werden. Selbst die glatteste Wand ist ja molekular men V1 durch eine Quecksilbersäule abgesperrt. Unter
immer rau. Die Molekularströmung lässt sich als Diffusi- einem bekannten Druck, den die Hg-Säule selbst oder
on auffassen, wobei die Rolle der freien Weglänge l jetzt auch die Atmosphäre erzeugt, schrumpft das Volumen V1
annähernd vom Rohrdurchmesser d übernommen wird. auf einen Wert V2 , und das Verhältnis V2 /V1 gibt direkt
Der Diffusionskoeffizient wird nach (.) D ≈ 31 vd, die den Vakuumdruck. In sehr feinen Kapillaren erreicht man
Teilchenstromdichte im Gradienten grad n = Δn/L wird so noch bei 10−3 mbar vernünftige Ablesegenauigkeiten.
nach (.) j ≈ 31 vd Δn/L, der Massenstrom durch den Membranmanometer und Federmanometer mit einem ge-
Rohrquerschnitt A = πd 2 /4 wird krümmten elastischen Bourdon-Rohr leisten annähernd
Ähnliches.
m jA ≈ vd 3 m
Δn Optiker haben oft Glaskolben im Schaufenster, in denen
.
L sich ein Rädchen dreht, wenn Licht darauf fällt. Dieser Ra-
diometereffekt beruht nicht auf dem Lichtdruck, wie viele
Verengungen sind nach diesem d 3 -Gesetz nicht mehr so Leute glauben. Das geht schon aus der Abhängigkeit vom
große Hindernisse wie nach dem d 4 -Gesetz der visko- Restgasdruck im Kolben hervor. Unterhalb einer Grenze,
sen Strömung. Der Strömungswiderstand R = Δp/(pV̇) bei der die freie Weglänge etwa gleich den Radabmessun-
nimmt im Hagen-Poiseuille-Bereich mit abnehmendem gen ist, dreht sich das Rad immer langsamer, je weniger
Druck zu: R ∼ L/(pd 4 ), d. h. eine Druckdifferenz fördert Restgas vorhanden ist. Knudsen berechnete die Kraft auf
einen umso geringeren Massenstrom, je besser das Vorva- die Schaufeln und nutzte sie zur Vakuummessung. Die Mo-
√ wird R unabhängig von p,
kuum ist. Im Molekularbereich leküle prallen von der durchs Licht erhitzten Schaufelseite
nämlich R ∼ T L/(vd 3 ) ∼ T L/d 3 . mit größerer Geschwindigkeit ab, als sie gekommen sind,
Auch die Strömung durch ein Loch, dessen Durchmes- und erteilen ihr daher einen Impuls in Gegenrichtung. Im
ser klein gegen die freie√
Weglänge ist, folgt nicht mehr dem Knudsen-Vakuummeter heizt man jeweils eine Schaufel-
Torricelli-Gesetz v = 2 Δp/ρ. Wenn sich die Moleküle seite elektrisch und erhält eine Kraft F ∼ p ΔTA/T. Die
nicht mehr als viskose Masse durch das Loch drängen müs-
sen, sondern einzeln frei mit der thermischen Geschwin-

digkeit vmol durchfliegen, wird die Strömung stärker als
nach Torricelli, denn vmol ist größer als 2 Δp/ρ.
Wichtig für alle Aufdampfungsvorgänge und für Kon-
densations- und Sorptionspumpen ebenso wie für die Was-
seraufnahme hydrophiler Stoffe ist die Bedeckungszeit, d. h.
die Zeit, in der sich auf einer reinen Oberfläche eine zu-
0
sammenhängende monomolekulare Schicht bilden würde, 10–3
10–2
wenn alle auftreffenden Gasmoleküle dort sitzen blieben. 1 2 10–1
3
Auf die Wandfläche A treffen in der Sekunde nvA Molekü- 2–10–1

le. Setzt man A gleich dem Molekülquerschnitt, ergibt sich


die Bedeckungszeit als τ = 1/(nvA). Das ist etwa die Zeit,
die das Molekül zum Durchlaufen seiner freien Weglänge ⊡ Abbildung 3.59 Vakuskop nach McLeod und Gaede. () Ruhe-
l ≈ 1/(nA) braucht. Bei Atmosphärendruck kann es gar stellung; () als verkürztes U-Rohr-Manometer für Grobvakuum;
keine reinen Oberflächen geben, weil die Bedeckungszeit () als McLeod-Vakuummeter für Feinvakuum. Die feine Kapilla-
um 10−10 s liegt. Erst das Ultrahochvakuum erlaubt Rein- re hat eine quadratische (besser quadratwurzelförmige) Druckskala.
haltung von Oberflächen für Zeiten von  min und mehr. Warum?
3 Mechanik von Fluiden

Grenzen liegen bei 10−2 mbar (freie Weglänge zu klein)


bzw. 10−7 mbar (Restdruck zu klein).
Die Wärmeleitfähigkeit wird druckabhängig, wenn die A
Moleküle stoßfrei längs des Temperaturgradienten fliegen, A
d. h. wieder im Feinvakuumbereich. Die Wärmestromdich- B
te zwischen zwei Flächen mit der Temperaturdifferenz ΔT
wird dann j ≈ nvk ΔT (ein Molekül transportiert 23 kT, die
Teilchenstromdichte ist 13 nv; der genaue Wert von j hängt C
davon ab, ob die Moleküle beim Stoß mit einer Wand so- E
fort deren Temperatur annehmen oder nur teilweise, d. h.
vom Akkomodationskoeffizienten, der auch beim Knudsen-
Vakuummeter eine Rolle spielt). Bei zu geringem Druck,
um 10−3 mbar, wird die Wärmeleitung viel kleiner als die
⊡ Abbildung 3.60 Penning-Vakuummeter (auch Philips- oder
Kaltkathoden-Vakuummeter genannt). Im Magnetfeld B⃗ paral-
Wärmestrahlung, die natürlich druckunabhängig ist. Man
misst die Wärmeleitung meist über die Temperatur eines lel zur Kathodenoberfläche fliegen die bei A oder A′ ausgelösten
mit konstanter Heizleistung versorgten Thermoelements Elektronen nicht in Richtung des elektrischen Feldes E, ⃗ sondern
oder Widerstandsthermometers (Pirani-Vakuummeter). beschreiben Zykloidenbahnen mit der Ebene senkrecht zu B⃗ (ele-
Eine Gasentladung zeigt den Restgasdruck durch Farbe gantester Beweis dieser Tatsache Abschn. ..). Trotz der geringen
und Struktur der Lichterscheinungen sowie durch den Ent- Restgasdichte findet ein Elektron auf seiner so verlängerten Bahn
ladungsstrom an. Unterhalb von 10−2 mbar erlischt aber hin und wieder ein Gasmolekül, das es stoßionisiert (bei C). Dabei
die Entladung in einem normalen Geißler-Rohr. Wenn die verliert es einen großen Teil seiner Energie und beginnt daher eine
freie Weglänge größer ist als der Elektrodenabstand, kann neue, weiter von der Ausgangskathode entfernte Zykloidenbahn,
sich keine Stoßionisationslawine mehr bilden. Die ein- ähnlich wie das durch Stoß befreite Elektron. Das Ion kann wegen
zelnen Ladungsträger, die sich zufällig irgendwo bilden, seiner großen Masse auf nur schwach gekrümmter Bahn zur Anode
repräsentieren nur einen unmessbar kleinen Strom. Da- fliegen und zum Entladungsstrom beitragen, der den Restgasdruck
mit sie auch bei geringerem Druck wieder stoßionisieren, anzeigt
muss man ihren Weg zwischen den Elektroden stark ver-
längern. Das geschieht im Penning-Vakuummeter oder
Philips-Vakuummeter in einem starken Magnetfeld zwi- drücke der entsprechenden Gase festgestellt werden, nicht
schen zwei Kathoden in Form runder Dosendeckel mit nur der Gesamtdruck. Die Trennung erfolgt nach der Lauf-
einer Ringanode dazwischen. Ein Magnetfeld senkrecht zeit im Linearbeschleuniger oder nach der Kreisfrequenz
zum elektrischen zwingt die Elektronen zu engen Zykloi- im Zyklotronfeld.
denbahnen (Abb. ., Abschn. ..), und der verlängerte Die meisten Vakuummesser können auch zur Lecksu-
Weg ermöglicht Stoßionisation noch bis 10−6 mbar. che dienen. Um ein Leck zu finden, kann man entweder
Das Ionisations-Vakuummeter ist gebaut wie eine Überdruck in die Apparatur geben und ähnlich verfah-
Triode (Vakuumröhre mit Gitter) und nutzt einen Effekt ren, wie jeder das von seinem Fahrradschlauch kennt.
aus, der bei der gewöhnlichen Triode meist stört, näm- Häufiger untersucht man im Vakuumbetrieb, ob Gas von
lich den Strom positiver Ionen zum negativ vorgespannten außen eindringt, wobei man oft bestimmte Gase auf be-
Gitter, die von den Elektronen auf ihrem Weg zur Anode stimmte Teile der Apparatur aufbringt (Aufsprühen, Ex-
durch Stoßionisierung erzeugt werden. Bei gegebenem An- ponieren unter Abdeckhauben). Eindringen von H2 z. B.
odenstrom ist dieser Gitterstrom proportional zum Druck. zeigt sich an der erhöhten Wärmeleitfähigkeit eines Pirani-
Die obere Druckgrenze von 10−2 mbar ergibt sich aus der Vakuummeters (größere Molekülgeschwindigkeit), Ein-
Lebensdauer der Glühkathode, die untere lässt sich durch dringen von He am Stromabfall in einem Penning- oder
elektronische Kniffe bis 10−11 mbar bringen. In den mas- Ionisations-Vakuummeter (schwerer ionisierbar als Luft).
senspektrometrischen Vakuummessern können die Ionen Massenspektrometer zeigen die eindringende Gasart direkt
sogar elektronenoptisch getrennt und damit die Partial- an.
Aufgaben 136/137

Aufgaben ...
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. Druck in ruhenden Flüssigkeiten und Gasen niger dichte Umgebung gerät? Was wird man unter adiabatisch
stabiler, labiler, indifferenter Schichtung verstehen? Wie hängen
.. Reifendruck ++
Dichte, Druck, Temperatur bei indifferenter Schichtung von der
Auf welchen Druck muss ein Fahrradreifen aufgepumpt werden,
Höhe ab? Welches Ergebnis zwingt zu dem Schluss, dass diese Art
damit er auf glatter Straße nicht „durchschlägt“? Zeichnen Sie den der Schichtung nur bis zu einer bestimmten Höhe gelten kann?
Reifen in Seitenansicht und lesen Sie die wesentlichen Größen ab.
Welche physikalischen Prinzipien gelten oberhalb dieser Tropo-
Wie viel Luft muss man in einen Fahrradreifen pumpen, der ganz
pause, und wie hoch liegt sie?
platt war? Welche Arbeit leistet man dabei?

.. Tiefgang + . Strömungen


An der Bordwand von Frachtschiffen findet man eine „Freibord-
marke“. Die Marken berücksichtigen die unterschiedliche Was- .. Verkehrsströme ++

serdichte; Dichten in kg/m3 : Flusswasser , (10 ○ C), , Machen Sie Moment- und Zeitaufnahmen des nächtlichen Fahr-
(30 ○ C); Atlantik (34 g/l Salz) , , ,  bei , , , zeugstroms auf einer verkehrsreichen Kreuzung. Was sind Strom-
 ○ C; Mittelmeer (38 g/l,  ○ C) , Schwarzes Meer (16 g/l) r