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Altionische Stelenbekrönungen aus der Erythraia.

In teilweiser Erfüllung eines früher gegebenen Relief der Vorderseite zeigt einen Blattstab (Eierstab)
Versprechens1) lege ich heute ein Monument im mit ungewöhnlich schmalen, unten spitz zulaufenden
Bilde vor (Fig. 20), das zu einer von mir signali- Blättern über einer von einem Perlstab umrahmten
sierten Gruppe sehr eigenartiger Denkmäler alt- Trapezfläche, deren untere Schmalseite eine auf-
ionischer Kunst gehört. Es ist der von mir bereits steigende Palmette einnimmt, während eine Kette
erwähnte2) Block roten Trachvts, der im Hofe des aus kleineren und größeren Lotosblüten3) die übrigen
(jetzt verstorbenen) Mustafa Mutafi in Usun Kuju, Seiten umzieht und kleinere Palmetten die oberen
Ecken füllen.
Mit dem hier abgebildeten ist das von mir unter
e genannte Fragment aus Kara Kjöi nahe verwandt.
Ein fast genau gleichartiges Stück — ich bezeichne
es in Fortsetzung meiner Liste mit g — fand ich,
teilweise mit Kalktünche verschmiert, in der gegen
die Straße gekehrten Hausmauer des Michail Rigas
in Lythri. Ein Vergleich des neuen Typus mit dem
Blocke aus der Ruinenstätte bei Sseradam, den ich
hier (Fig. 21) nochmals abbilde, ist ungemein interes-
sant. Während dort über ein paar Lotosblüten eine
wuchtige Palmette emporsteigt und die ganze zur Ver-
fügung stehende Fläche des Steins mit ihren kräf-
tigen Windungen ausfüllt, ja zu sprengen droht, ist
die Palmette hier zu dem gar nicht besonders her-
vortretenden Schmuck einer Schmalseite des Trapezes
zusammengeschrumpft, dessen andere Seiten die
selbständiger gewordene Lotoskette gefällig umzieht.
Während dort die Palmette das Primäre, der Stein-
block nur das Mittel ist, sie in Wirklichkeit umzu-
20: Dorische Stelenbekrönung.
setzen, ist hier die überlieferte Steinform das Gegebene
und die Aufgabe des Künstlers nur mehr die, diese
also im Herzen der erythräischen Halbinsel, auf- gefällig zu dekorieren. Es kann wohl kein Zweifel
bewahrt wird. Er hat die Form eines umgekehrten sein, daß der neue Typus der jüngere ist. Bei einem
Pyramidenstumpfes von o’6om Höhe, dessen be- Versuche, ihn zu datieren, wird man mit der Mög-
stoßene Grundfläche ein Rechteck von annähernd lichkeit rechnen müssen, daß bei einer handwerks-
°'33 X O’28m bildet, während die obere Fläche mäßig hergestellten Klasse von Denkmälern ältere
O'63XO’55m mißt. Diese sowie eine breitere und Vorbilder auch dann noch genau kopiert wurden,
die beiden schmäleren trapezförmigen Seitenflächen als die freie Kunstübung bereits neue Ausdrucks-
sind ohne Schmuck, aber sorgfältigst geglättet. Die weisen gefunden hatte. Schwerlich wird man ihn
untere Standfläche konnte ich nicht untersuchen. jedoch für jünger halten als das Ende des VI. Jhs.
Das außerordentlich fein und sauber ausgearbeitete v. Chr.

x) Jahreshefte XV 1912 Beibl. 66. sondern eine solche aus kleineren und größeren
2) Ebenda S. 65 b. Blüten vor uns haben. Ein Beispiel derselben aus
3) Genaues Zusehen lehrt, daß wir nicht die der Vasenmalerei, das mir gerade zur Hand ist,
übliche aus alternierenden offenen Blüten und ge- findet sich auf dem Halse einer rhodischcn Hydria
schlossenen Knospen bestehende Lotoskette, die auch des Britischen Museums, die Perrot-Chipiez, Histoire
an der Stelenbekrönung Fig. 21 verwendet wird, de l’art IX 505 Fig. 249 abbildet.
f. Keil, Altionische Stelenbekrönungen aus der Erythraia 6o

Entscheidung gebracht worden. Unmöglich richtig


ist jedenfalls die mir von befreundeter Seite ge-
äußerte Vermutung, daß sie umgekehrt auf der breiteren
Rechtecksfläche aufgestellt gewesen wären, weil diese
Fläche stets so sorgfältig geglättet ist, daß sie nur
freigestanden und keineswegs auf einer Unterlage
aufgeruht haben kann. Zu den Blöcken a, b, d, e,
f, bei welchen die obere Fläche sichtbar ist, kommen
jetzt noch zwei weitere hinzu. Der eine (7z) steht
bei der Eingangstür einer kleinen Kirche an der
Straßensteile nördlich vom Alissar Gjöl, ist ohne
Reliefschmuck und etwa4) o'6om hoch. Seine völlig
glatte obere Fläche mißt O'JO X O‘4Om, die gerauhte
untere Fläche nur 0^23 X O’lß“. Von dem zweiten
(z), der innerhalb des Stadtgebietes von Erythrai in
einer modernen Trockenmauer steckt (etwa 6 Minuten
nordöstlich vom Theater), ist nur die gleichfalls aufs
sorgfältigste geglättete obere Fläche (o'jbj X O‘43ni
messend) mit kleinen Teilen der Trapezilächen zu
sehen. Die große Häufigkeit und weite Verbreitung
des Typus über die ganze erythräischc Landschaft
2i: Stelenbekrönung aus Porphyr. scheint mir meine ursprüngliche Annahme, daß es
sich um Bekrönungen von Grabstelen handelt, sehr
Die Frage nach der einstigen Verwendung zu begünstigen.
unserer Blöcke ist noch durch keinen Fund zur
Smyrna. JOSEF KEIL

Gefesselte Hera.
Die archaische Kunst weicht in ihrem Streben neuen genauen Zeichnung K. Reichhold’s (Griech.
nach möglichster Deutlichkeit manchmal nicht un- Vasenmalerei I T. 12, unsere Fig. 22) hat er die Fes-
wesentlich von dem ab, was wir nach den literarischen selung Heras auf dem Thron so deutlich gemacht, daß
Quellen erwarten würden. Ein besonders charakte- es nur durch diebisherigeallgemeine Voreingenommen-
ristisches Beispiel dafür bietet die Francoisvase in heit, Hera müsse mit unsichtbaren Banden gefesselt sein,
der Szene mit Hephästos’ Rückführung, ein Beispiel, erklärlich ist, wie dies Faktum selbst von Furtwängler
das bekannt gemacht zu werden verdient, da es bis- und allen, auch vor dem Originale in Florenz, bisher
her gänzlich unbeachtet geblieben ist. hat übersehen werden können. Zwar nicht von Reich-
Die gesamte erhaltene literarische Überlieferung hold, der sich aber das Därgestellte nicht zu deuten
weiß nur von δεσμοί αφανείς, mit denen der erzürnte wußte. Er teilt mir auf meine briefliche Anfrage
Hephästos seine Mutter an den Zauberthron gefesselt darüber soeben folgendes mit: „Ich kann mich lebhaft
habe. So stellt es auch die reife Kunst dar an die Stelle erinnern, da ich sehr lange an ihr
auf dem schönen Bologneser Krater phidiasischen herumstudiert habe. Ich wußte nämlich nicht, was
Stils Ant. Denkm. I, 36: Hera thront steif, unbe- ich aus dem Ding machen sollte. Eine Verzierung
weglich, in schleierartige Gewänder eingehüllt bis der Stuhllehne? Dafür war mir die Verbindung mit
zum Kinn: nirgends aber eine Spur von Fesseln. dem Stuhle zu wenig organisch. Und doch blieb mir,
Anders der Meister der Fran^oisvase. Nach der da ich keinen andern Ausweg fand, nichts andres

4) Durch ein Versehen vergaß ich, die von mir gemessene Höhe des Blockes zu notieren.