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m Zuge des neuzeitlichen Rationalismus

Kritik der Freiwirtschaft


nach Silvio Gesell
Rahim Taghizadegan
I und endgültig nach dem Kalten Krieg
hatte sich der Eindruck verfestigt, wir
lebten in „Systemen“, deren Struktur aus we-
nigen Prämissen folgte. Dieses Systemdenken
Die Ideologie von Silvio Gesell ...................... 3 
entlud sich in der Polarisierung zwischen nur
Geldtheorie .................................................. 14 
noch zwei Systementwürfen, und als der eine
Krisentheorie ................................................ 22 
scheinbar unterging, ging nicht nur ein not-
Zinstheorie ................................................... 28 
wendiger Feind verloren. „Geh doch rüber“ als
Freigeld: Wachstum durch Schwund ........... 34 
schnöde Replik auf jede Status-quo-Kritik
Das Wunder von Wörgl ............................... 39 
hatte ausgespielt und eine gewisse ernüchterte
Regiogeld und Tauschkreise ......................... 45 
Alternativenlosigkeit sollte sich breitmachen.
Am Ende der Geschichte war das hüben wie
drüben versprochene Paradies längst nicht

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erreicht und nicht alle wollen sich mit den manns. Dessen Lehre von der „Freiwirtschaft“
„herrschenden“ Zuständen zufrieden geben. scheint wieder an Popularität zu gewinnen –
Nachdem die Kirche der marxistischen Religi- tritt sie doch mit dem großen Versprechen an,
on zur Ruine zerfallen war, bloß noch Nostal- einen konsistenten Gegenentwurf zu Kapita-
gikern und Historikern von Interesse, ist je- lismus und Sozialismus zu bieten, sogar die
doch kein Anwärter auf eine Nachfolge in „Vorteile“ beider „Systeme“ zu vereinen.
Sicht. Die Kritik am Status-quo ist zwar noch Marktwirtschaft ja, aber „natürlich“, ist die
laut, scheint immer lauter gar, doch tatsächli- Devise der Freiwirte. Gesell konstruiert elo-
che Gegenentwürfe, die die rationalistische quent und gewitzt eine Natürliche Wirtschafts-
Sehnsucht nach plausibel konstruierten Syste- ordnung, die fast alle Übel der Gegenwart zu
men befriedigen würden, sind Mangelware. überwinden scheint. Die hier vorliegende
Analyse des Instituts für Wertewirtschaft
Eine der seltenen Ausnahmen sind die Ideen möchte die Freiwirtschaftslehre, deren Zins-
Silvio Gesells, eines 1862 geborenen Kauf-

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kritik und das vorgeschlagene Schwundgeld wirtschaft durch Freigeld und Freiland“ vor.
kritisch überprüfen. Er geht sogar soweit, sich dem Manchesterli-
beralismus zuzurechnen:
Die Ideologie von Silvio Gesell
Diese natürliche Wirtschaftsordnung könnte man
Gesell versucht zwar eine Ökonomie nach auch als „Manchestertum“ bezeichnen, jene Ord-
dem Hausverstand zu entwickeln, doch weist nung, die den wahrhaft freien Geistern immer als
er natürlich eine deutliche ideologische Stoß- Ziel vorgeschwebt hat - eine Ordnung, die von
richtung auf. Ideengeschichtlich betrachtet ist selber, ohne fremdes Zutun steht und nur dem
Gesells Zugang hochinteressant. Zunächst freien Spiel der Kräfte überlassen zu werden
erscheint er primär als Liberaler. Er weist gro- braucht, um alles das, was durch amtliche Ein-
ßen Fortschrittsglauben auf und führt stets die griffe, durch Staatssozialismus und behördliche
Freiheit im Munde. Sein Systementwurf kreist Kurzsichtigkeit verdorben wurde, wieder ins rich-
dreifach um die Freiheit, sieht er doch „Frei- tige Lot zu bringen.

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Bei all der edlen Freiheitsgesinnung hätten die Lassen wir den vollen Freihandel nur einige
Manchesterliberalen jedoch übersehen, daß für Jahrzehnte sich frei entwickeln und entfalten, und
den freien Wettbewerb zunächst eine freie wir werden bald sehen, wie innig das Wohl der
„Kampfbahn“ geschaffen werden müsse. Dies Völker mit der Förderung und Aufrechterhaltung
möchte die Freiwirtschaftslehre besorgen und dieses Handels verknüpft ist, mit welcher Liebe
erscheint damit als Vorläufer des Neolibera- gute Beziehungen zu den Nachbarvölkern vom
lismus – die wenigen authentischen Neolibera- ganzen Volke gepflegt werden, wie die Familien
len waren einst mit exakt derselben Kritik am hüben und drüben durch Bande der Blutsver-
Altliberalismus und ähnlichen Schlußfolge- wandtschaft fest aneinander gekettet werden, wie
rungen angetreten. Ein besonders leiden- die Freundschaft zwischen Künstlern, Gelehrten,
schaftliches Bekenntnis legt Gesell zum Frei- Arbeitern, Kaufleuten, Geistlichen alle Völker der
handel ab: Welt zu einer einzigen, großen Gesellschaft ver-
ketten wird, zu einem Völkerbund, den die Zeit
und die Einzelbestrebungen immer nur inniger

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und fester schnüren, bis zum Verschmelzen der weit hergeholt wäre. Doch dieser Widerspruch
Teile zusammenschweißen können. spiegelt das klassische liberale Dilemma wie-
der, für das Silvio Gesell eines der besten Bei-
Und hier fangen die Widersprüche an: Tiefer spiele abgibt.
in seinem Werk entgleiten dem Kaufmann
handelsfeindliche Ressentiments. Handel sei Der Liberale als Fortschrittsfreund trachtet
„Wucher mit einem Gegenstand“, der Verkäufer nach der Verbesserung der Gesellschaft. Je
wolle des Käufers „Verlegenheiten ausbeuten“, stärker seine Emphase der Freiheit, desto un-
habe es gar auf die Ausbeutung „des Volkes im geduldiger. Der hierzu brauchbarste, da deut-
großen“ abgesehen. Nun mag man dies als lichste Maßstab scheint dazu das Ideal zu sein:
nicht ganz ernst gemeinte Entgleisung abtun, Ein plausibler Gegenentwurf, der den wun-
was angesichts von Gesells Stil, der gelegent- derbaren Vorteil hat, noch reinste Vorstellung
lich an den gewitzten Wortführer und Stich- und nicht schmutzige Wirklichkeit zu sein.
wortgeber am Stammtisch erinnert, nicht allzu Insbesondere im kontinentalen Liberalismus

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mit seiner rationalistisch-konstruktivistischen Menschen verspricht er einen „Platz an der
Stoßrichtung wird dieses Ideal zur Utopie, Sonne“. Hier berührt sich ein Motiv der libera-
zum fiktiven Ort, dessen Unerreichbarkeit ihm len Aufklärung mit ihrem mißratenen soziali-
erst Glanz verleiht und wütende Sehnsüchte stischen Sproß – das Licht der Erkenntnis mit
beschwört. der sozialen, totalen, für alle gleichen Wärme.
In seinem Hauptwerk malte Gesell diese Son-
Silvio Gesell will die Welt verbessern – nicht ne schwärmerisch an den Anfang seines Kapi-
durch gute Taten, sondern indem er sie besser tels über „Freiland“, jenes Kapitel, wo der Li-
denkt; indem er einen – auf der Grundlage berale zum Sozialisten wird. Selten hat man
seines momentanen Wissens und Verstehens – diese ideengeschichtliche Entwicklung schöner
plausibleren Gegenentwurf zur Welt erdenkt. durch eine Person versinnbildlicht gesehen.
Als liberaler Kosmopolit lädt er den zwang- Die Rhetorik jedoch bleibt durchwegs liberal,
släufig aus diesem Zugang folgenden Univer- von der bequemen Mitte will Gesell nicht las-
salismus mit zusätzlichem Pathos auf. Jedem sen:

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Entweder Eigen- oder Staatswirtschaft, – ein heit „Mitte“ ist, sondern schlicht dadurch, daß
Drittes gibt es nicht. Man kann, wann man we- sich hier gegensätzlich scheinende Ideen be-
der die eine noch die andere will, für die gesuchte rühren, unternimmt Gesell noch einige ideo-
Ordnung noch so anheimelnde und vertrauener- logische Ausritte. Der Staat als Artefakt des
weckende Namen ersinnen: Genossenschaften, Status-quo wird mit manch halbherziger Kri-
Gemeinwesen, Vergesellschaftung usw., – sie kön- tik bedacht, was Gesell in libertäre Gefilde
nen die Tatsache nicht verschleiern, daß es sich im treibt. Er sieht sich selbst als jener Denker, der
Grunde immer um den denselben Schrecken, um Proudhon gewissermaßen vom Kopf auf die
den Tod der persönlichen Freiheit, Unabhängig- Füße gestellt hat, indem er „den gangbaren Weg
keit, Selbstverantwortung, d.h. um Behördenherr- zu dem Proudhonschen Ziele“ aufzeigt. Ganz
schaft handelt. links außen stünde Gesell, die Natürliche
Wirtschaftsordnung müsse „als Programm der
Exakt an dieser Übergangslinie, die nicht Aktion, des Fortschrittes des äußersten linken Flü-
durch besondere Ausgeglichenheit oder Weis- gelmannes angesprochen werden“. Die meisten

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Kommunisten jedoch stünden aus seiner Sicht aufflackert und nicht in die schematische Ar-
ganz rechts, denn ihr Programm entspräche gumentation eingebunden ist:
einer reaktionären Sehnsucht nach vorzivilisa-
torischen Zuständen. Hingegen in einer Wirtschaft, wo jeder seinen in
Not geratenen Freund an die Versicherungsgesell-
In der „Freiheit“ des neuen Systems gäbe es schaft verweist, wo man die kranken Familienan-
auch keinen Platz für Politik mehr, denn diese gehörigen ins Siechenhaus schickt, wo der Staat
sei, so das wundersame Argument Gesells, wie jede persönliche Hilfsleistung überflüssig macht, da
viele andere Übel eine Folge der „Privatgrund- müssen, scheint mir, zarte und wertvolle Triebe
rente“. Sei man erst zu „Freiland“ übergegan- verkümmern.
gen, so wäre die Politik nur noch „angewandte
Wissenschaft“. Das alte Motiv der Philoso- Wie kommt es nun, daß Gesell gelegentlich
phenkönige! Aktuell bleibt hingegen Gesells als „Rechter“ betrachtet wird? Dies ist dessen
Institutionenkritik, die jedoch nur gelegentlich Darwinismus geschuldet – und dem eingeüb-

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ten Unwissen heutiger Mode-Linker. Der hat er wohl zu seiner Zeit kaum jemanden
Darwinismus ist ideengeschichtlich ganz deut- irritiert.
lich auf der damaligen linken Seite verortet,
von anarchistischen Libertären über Soziali- Gesells Fortschrittsglaube, seine Whigsche
sten bis hin zu Liberalen – es gibt keine linke Auffassung von Geschichte (als Prozeß, in
Tradition, die frei von darwinistischen und gar dem sich stets das Bessere gegen das Schlech-
eugenischen Motiven war. Allerdings ist es tere durchsetzt) ließen ihm zu seiner Zeit
niemals eine gute Idee, historische Texte mit kaum eine andere Wahl, als Darwinist zu sein.
modernen Sensibilitäten zu lesen und etwa aus Vor diesem Hintergrund argumentierte er
jeder Erwähnung des Wortes „Neger“ einen seine liberale Vorliebe für den Wettbewerb:
Rassisten zu konstruieren. Wenn Gesell das
Schreckensbild zeichnet, in Amerika könnten Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Ge-
die „Neger eines Tages die Oberhand gewinnen“, deihen des Menschen in erster Linie davon ab,
daß die Auslese nach den Naturgesetzen sich voll-

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zieht. Diese Gesetze aber wollen den Wettstreit. Geld und Vorrecht geleitete Fehlzucht sie belastet
Nur auf dem Wege des Wettbewerbs, der sich hat, daß die Herrschaft den Händen der Bevor-
überwiegend auf wirtschaftlichem Gebiete ab- rechteten entrissen werden und die Menschheit
spielt, kann es zur förderlichen Entwicklung, zur unter der Führung der Edelsten den schon lange
Hochzucht kommen. Wer darum die Zuchtgesetze unterbrochenen Aufstieg zu göttlichen Zielen wie-
der Natur in ihrer vollen, wundertätigen Wirk- der aufnehmen wird.
samkeit erhalten will, muß die Wirtschaftsord-
nung darauf anlegen, daß sich der Wettbewerb Hier wird deutlich, daß der Bezug zur Natur
auch wirklich so abspielt, wie es die Natur will, im Zeitalter des Rationalismus eine besondere
d.h. mit der von ihr gelieferten Ausrüstung, unter Bedeutung hatte, die heute oft übersehen wird.
gänzlicher Ausschaltung von Vorrechten. […] Das „Natürliche“ was das naturgemäß gedach-
Dann darf man hoffen, daß mit der Zeit die te – paradoxerweise im Sinne des rein Ver-
Menschheit von all dem Minderwertigen erlöst nunftgemäßen. Begriffe wie „Naturrecht“ ha-
werden wird, mit dem die seit Jahrtausenden vom ben so eine irreführende Zweitbedeutung: Das

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aus der Vernunft geborene Recht im Gegen- Wirtschaftsordnung (warum sonst würde er
satz zum traditionellen. Nur die Empfängnis diesen in einem Vorwort nochmals gesondert
der Vernunft ist unbefleckt und daher „natür- erwähnen?) sei, daß bei der Gattenwahl wieder
lich“, die historischen Formen jedoch sind die „vererbungsfähigen Vorzüge“ den Ausschlag
„künstlich“, stets durch bessere Staatskunst geben würden. Die glücklichste Lösung der
obsolet. Die Vernunft, von der hier die Rede Frauenfrage sei die durch „Freiland“ ermög-
ist, ist freilich bloß die rein ordnende, schema- lichte „Rückkehr der Frau zur Landwirtschaft“.
tische, optimierende des Fortschrittsgläubigen.
Auch der Mensch wird zum anzuordnenden, Häufig ist der Vorwurf, Gesell wäre in man-
zu optimierenden Bestandteil des „besseren chen Bereichen Vorläufer national-
Welt“ (besser gedachten Weltordnung). Das sozialistischen Gedankenguts gewesen. Tat-
wesentliche „Wahlrecht“ war für Gesell das sächlich erinnert Gesells Kampf gegen die
„Zuchtwahlrecht“ der Frauen bei der Gatten- „Zinsknechtschaft“ und seine Unterscheidung
wahl. Der größte Vorzug der Natürlichen von raffendem und schaffendem Kapital an die

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National-Sozialisten. Doch dieser Vorwurf ist zeigte zwar eine gewisse Offenheit gegenüber
ungerecht. Gesell war nie Stichwortgeber für der Freigeldlehre, stellte sich aber letztlich
Hitlers Ideengemisch. Dieser bezog sich bei gegen das Experiment – unter eher faden-
seinen ökonomischen Ansichten stets auf scheinigen Gründen.
Gottfried Feder, dem er zuschrieb, „den ebenso
spekulativen wie volkswirtschaftsschädlichen Allenfalls mag man Gesell den Vorwurf ma-
Charakter des Börsen- und Leihkapitals festgelegt, chen, ein wenig den Boden bereitet zu haben –
seine urewige Voraussetzung des Zinses bloßgelegt doch diesen Vorwurf könnte man fast allen
zu haben“. Bei Gesell fehlte zudem der offene Denkern vor den National-Sozialisten ma-
Antisemitismus. Einer der wenigen Bezüge chen. Jene vertraten schließlich keine konsi-
von National-Sozialisten auf die Freiwirt- stente Ideologie, die klar einem Lager zuge-
schaftslehre ist aus Wörgl überliefert, dessen rechnet werden könnte, sondern ein auf Popu-
Freigeldexperiment noch ausführlich diskutiert larität ausgerichtetes Gemisch ideologischer
wird. Die dortige Ortsgruppe der NSDAP Versatzstücke. Dennoch: Für Hitler selbst war

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die Zinsfrage von besonderer Bedeutung. In ständlich geschrieben, so wäre er wohl als einer
Mein Kampf beschreibt er die Theorien von der bedeutendsten Ökonomen der Neuzeit in
Gottfried Feder, die deutliche Überschneidun- die Geschichte eingegangen. Da er jedoch
gen mit der Freiwirtschaftslehre aufweisen, als aufgrund der Zugänglichkeit seines Werkes
letzte und damit ausschlaggebende ideologi- keine akademischen Schulen von hauptberufli-
sche Zutaten zur Gründung der NSDAP. chen Interpreten und Professoren nähren
konnte, erwartete ihn das Schicksal, bloßer
Sucht man direkte ideologische Nachfahren Ideengeber akademischer Außenseiter zu sein,
von Silvio Gesell, so findet man sie im Keyne- was stets den Geruch des Sektoiden mit sich
sianismus. Gesell nahm wesentliche Elemente bringt. Über Wert und Unwert seiner Ideen
von Keynes’ Lehren vorweg. Keynes selbst sagt dies noch wenig aus.
meinte, daß die Welt von Gesell „mehr lernen
kann als von Karl Marx“. Hätte Gesell nicht im
Gegensatz zu letzterem für jedermann ver-

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Geldtheorie: Gesell als Theoretiker des ist. Zur besseren staatlichen Kontrollierbarkeit
Papiergelds wird das Geldwesen immer stärker zentrali-
siert, bis hin zur gänzlichen Verdrängung des
Die Welt, in der Gesell schreibt, hat wenig
Silbergeldes. So schwelt im Volke ein gewisser
mit der Welt von heute gemein. Als Geld fun-
Groll gegen das staatliche Goldgeld. Gesells
gieren in deutschen Landen Edelmetallmün-
Geldtheorie macht sich diesen Groll zu Nutze:
zen; auch die Mark war einst eine bloße Ge-
Zahlreicher als seine ökonomischen Argumen-
wichtseinheit. Doch dies bedeutet längst nicht,
te sind seine Schmähungen des Goldes. Als
daß es keine staatlichen Interventionen im
bessere Alternative preist er das Papiergeld.
Geldwesen gäbe. Die Münzprägung ist bereits
Sehen wir uns seine Argumente näher an:
monopolisiert, phasenweise bereichert sich der
Staat durch Münzverschlechterung. Besonders
schwerwiegende Interventionen richten sich
gegen das Silbergeld, das aufgrund der niedri-
geren Kaufkraft das Geld des kleinen Mannes

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1. Güter als Tauschmittel zu nutzen ist ineffi- Institution betrachtet er nicht. Seine Analyse
zient ist streng analytisch im engeren Wortsinn: er
sichtet, ordnet, trennt. Mit „Geld“ bezeichnet
Für Gesell beginnt die Zivilisation an dem er eigentlich kein reales Phänomen, sondern
Punkte, an dem die Menschen von der autar- die reinste ideelle Essenz des Tauschmittels,
ken Produktion über den direkten schließlich alles andere sei künstliches Beiwerk. So ist der
zum indirekten Tausch übergehen und so die Schluß naheliegend, daß der physische Aspekt
Arbeitsteilung nützen können. Der indirekte des Geldes unnötig, schlimmer noch: ineffi-
Tausch wird durch ein Tauschmittel ermög- zient ist. Hier zeigt sich Gesell ganz als „Öko-
licht: Geld. nom“ modernen Zuschnitts. Wenn die Welt
nicht mit dem Modell übereinstimmt, das stets
Geld ist für Gesell eine menschliche Erfin- – da rein theoretisch – von höchstmöglicher
dung, eine rationale Idee, die Fortschritt Effizienz ist, umso schlechter für die Welt!
bringt. Die tatsächliche Entstehung dieser

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Sein Denkfehler wird deutlich, wenn er zuge- sodaß z.B. in vielen Gefängnissen auch die
ben muß, daß sich an verschiedenen Orten Nichtraucher anfangen, Zigaretten nachzufra-
und zu verschiedenen Zeiten die unterschied- gen.
lichsten Waren als Geld bewiesen. Dies wischt
er mit der Bemerkung beiseite, dies sei „bloßer Freilich, der Tee, der nachgefragt wird, um
Tauschhandel“. Dabei tut er wider besseres weitergetauscht zu werden, wird nicht getrun-
Wissen so, als würden in diesen Fällen etwa ken – für Gesell eine Verschwendung, übri-
das Salz oder der Tee so häufig getauscht, weil gens ganz im Widerspruch zur gerade skizzier-
die Menschen plötzlich so gerne salzig äßen ten Argumentation (würde er bloß getauscht,
oder Tee tränken. Er verkennt, daß genau hier um getrunken zu werden, dann wäre es näm-
die primäre Funktion realen Geldes liegt: das lich in der Tat bloß direkter Tausch). Und
allgemein akzeptierte Tauschmittel zu sein. weiters im Widerspruch zu seinen häufigen
Jede Ware, die auf allgemeine Akzeptanz Klagen, Gold sei der nutzloseste Stoff über-
stößt, kann indirekten Tausch ermöglichen – haupt. Um dann doch vorzuschlagen, „nutzlo-

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ses“ Gold durch nützliches Papier zu ersetzen Gesells Argumente zu belegen. Das Argument
– wie kann „Nutzloses“ verschwendet werden? läßt sich, so wie es geführt wird, nur historisch
Hier wird deutlich, daß Gesell primär ein ge- betrachten: Kann sich etwas, das für die Men-
witzter Rhetoriker (bzw. Ideologe) ist, die schen keinen inhärenten Wert hat, als Geld
Konsistenz der Argumente ist nebensächlich. durchsetzen? Anders formuliert: Was würde
jemanden dazu bewegen, mühsam geschürftes
Kann man aus dem Tauschakt den Tee, das Gold oder Salz gegen ein Stück Papier zu tau-
Salz, das Gold weglassen, nur die „Essenz“ schen? In der Geschichte gibt es nur eine
bewahren und so die Waren vom Gebrauch als Antwort darauf: Zwang.
indirektes Tauschmittel zur direkten Nutzung
„befreien“? Ein Blick in die Gegenwart scheint Dieser Zwang ist in der Regel indirekt, denn
Gesell recht zu geben: „man“ „kann“! Doch, der direkte Zwang (die Aufnötigung einer
wie wir noch sehen werden, wäre es ein Zir- unfreiwilligen Transaktion, d.h. Raub) kann
kelschluß, die Gegenwart heranzuziehen, um auch das Papier sparen. Indirekter Zwang

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vermag es, Wertloses „aufzuwerten“, ohne daß sie nun nicht nur sehr „kaufkräftig“, sondern
neue Werte geschaffen werden. Ein Beispiel: sogar handlich und recht haltbar. Der Außen-
Ein Dorf wird von einer mordlustigen Horde stehende mag diese Glückskekstauscher ausla-
überfallen, deren exzentrischer Häuptling nur chen: selbst behaupten sie, Glückskekse seien
jene Einwohner am Leben läßt, die ihm mo- nahezu wertlos und doch tauschen sie all ihre
natlich 100 Glückskekse überreichen. Aller- Besitztümer dagegen ein.
dings, so der Haken an der Sache, akzeptiert
er nur von ihm selbst gebackene Glückskekse. Die unsaubere Argumentation vieler Papier-
Sogleich werden die verzweifelten Dorfbe- geldkritiker macht sich Gesell in diesem Sinne
wohner anfangen, all ihr Hab und Gut gegen meisterhaft zu Nutze. Sein Spott ist noch heu-
des Häuptlings Glückskekse einzutauschen. te aktuell: Wenn das Papiergeld wirklich wert-
Wer mehr davon erlangen kann, tauscht diese los ist, dann nehme ich es dir gerne kostenlos
selbst teuer weiter. Bald erlangen diese ab, lieber Goldfreund!
Glückskekse Geldfunktion – schließlich sind

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Im obigen Beispiel wird deutlich, was die an sich materiell oder sachinhärent. Es muß
„Aufwertung“ des Papiergeldes ermöglichte auch nicht die für den Tauschpartner wertvolle
und die Gegner dieser Manipulation dem Sache direkt mitgeführt und getauscht werden,
Spott aussetzte: Der Zwang, Steuern in staatli- bei vertrauenswürdigen Institutionen reicht oft
chem „Geld“ abzuführen, und der Zwang, der bloße Titel (Lieferschein, Eigentümer-
Rückzahlungen von Außenständen stets in schein). Seltener werden auch Schuldscheine
Papiergeld akzeptieren zu müssen – um nur akzeptiert, doch in der Regel werden Titel auf
zwei Gründe zu nennen. bereits bestehende, bzw. geschaffene Güter
bloßen Versprechungen vorgezogen. Silvio
Zusammenfassend: Jedes Tauschmittel muß Gesell erkennt sehr richtig die Schwächen der
stets aus der Perspektive des Tauschpartners objektiven Wertlehre (von Marx wie von den
einen Wert haben, damit es freie Menschen klassischen Ökonomen), versteht aber die sub-
freiwillig im Tausch gegen Wertvolles akzep- jektive Wertlehre und den Marginalismus
tieren. Dieser Wert ist jedoch natürlich nicht

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nicht, wodurch er Wert gleich als „Illusion“ nicht als Positivbeispiele an, das wäre doch zu
verwirft – ein verheerender Fehlschluß. dreist. Nein, er ruft allen Ernstes aus: Da, seht,
davor konnte euch auch euer Goldgeld nicht
2. Kein Gold der Welt kann die Menschen vor schützen! Warum also daran festhalten?
der Einführung von Papiergeld schützen
Diese Argumentation entspricht dem Zugang,
Dieses Argument ist eines der absurdesten von das nach dem Sturm lecke Dach gleich ganz
Gesell, doch gibt er diesem trotzdem viel Ge- abzudecken: Naß werde ich ohnehin! Wieder
wicht. Er führt die ersten Papiergeldexperi- wechselt Gesell seine Argumentation, wie es
mente der Neuzeit an: John Laws wahnwitzi- ihm gerade paßt. Wenn Papiergeld so wün-
ger Spekulationsbetrug und die Assignants der schenswert sei, wovor müsse man denn dann
Französischen Revolution. Bei beiden Beispie- die Menschen schützen? Gesell wirft doch
len ist offensichtlich, daß sie Instrumente der tatsächlich der Goldwährung den Wertverlust
Enteignung waren. Gesell führt sie denn auch

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vor, der eintrat, als sie aufgegeben wurde. Das 3. Warengeld wird beim Tauschen immer teurer
Metall sei
Wenn wir eine Ware bestellen, so haben wir
unzähligemal, so oft es die Machthaber […] so oft Transportkosten und Zölle zu zahlen. Da-
haben wollten, vom Papiergeld verdrängt wor- her sei die Nutzung von Waren als Geld viel
den. Das Metall hat niemals dem Papier wider- teurer als die Nutzung von Scheinen. Nun ist
stehen können. Vor Pfuschern und Schwindlern es natürlich richtig, daß Lieferscheine weitaus
hat das Geld in dem Goldgehalt nie mehr Schutz günstiger zu transportieren sind – doch kann
gefunden […]. dies kein Argument für ungedecktes Geld sein.
Genauso könnte man argumentieren: Lieber
So gebt euch denn ernüchtert endlich den Pfu- Kunde, der Transport ihres Neuwagens ist
schern und Schwindlern hin, Widerstand ist recht teuer, wir schicken Ihnen per Post ein
ohnedies zwecklos! Miniaturmodell davon und sie stellen sich ein-
fach vor, es wäre ein echtes Auto – dann spart

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sich „die Volkswirtschaft“ die Kosten und wir tern zurückkehren – dazwischen hätten sich
haben einen Beitrag zur Effizienzsteigerung unzählige Chinesen daran bereichert und die
geleistet. Münzen stets mit Fracht, Zins und Gewinn-
zuschlag weiterverhökert. Ganz so, als ob jede
Dies soll keine Polemik sein – bloß eine Illust- Münze bei jedem Tauschakt als Ware einzeln
ration der Absurdität des Effizienzgedankens. verschifft, verzollt und mit Aufschlag verkauft
Gesell füttert sein Argument durch ein tat- werde. Wie man Münzen gegen identische
sächlich polemisches, da gänzlich fingiertes Münzen mit Gewinn weiterverkaufen soll,
Beispiel: Angesichts der Tatsache, daß jede bleibt ebenfalls sein Geheimnis.
Münze Hunderte und Tausende Male die
Hände wechsle, entstünden exorbitante Ko- Krisentheorie: Die Irrtümer des Kon-
sten. In seinem Beispiel laufen in Colorado sumwahns

geschürfte Münzen zwanzig Jahre durch Chi-


Seiner Zeit voraus, nämlich Keynesianismus
na, bis sie wieder zu den armen Minenarbei-
nahezu in Reinform, ist Gesells Theorie der

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Wirtschaftskrise. Eigentlich handelt es sich Das Geld werde als dem Umlauf entzogen und
um zahlreiche Theoriestücke; einen dieser fehle dem Wirtschaftskreislauf. Kann tatsäch-
Bestandteile faßt er wie folgt prägnant zu- lich zu wenig Geld im Umlauf sein?
sammen:
In einer realen Wirtschaft sind Preisänderun-
Je mehr gearbeitet wird, je mehr Waren erzeugt gen normal, auch Preisänderungen des Geld-
werden, desto größer der Reichtum, und je größer gutes. Nimmt die Nachfrage nach dem Gut,
der Reichtum, desto mehr Geld (Tauschmittel der das als Geld dient, zum Zwecke dessen Ge-
Waren) wird zu Prunkwaren eingeschmolzen brauches (im Gegensatz zum Tauschzweck)
[…]. Das Geld ist die Voraussetzung der Arbeits- zu, so steigt dessen Kaufkraft, d.h. die Preise
teilung, die Arbeitsteilung führt zum Wohlstand, ausgedrückt in diesem Gut fallen. Preisände-
und dieser vernichtet das Geld. Gesetzmäßig endet rungen sind nichts an sich Beunruhigendes.
also der Wohlstand immer als Vatermörder. Wenn die nominelle Preishöhe aller Güter
steigt oder fällt, ändert sich für die Akteure

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nichts – problematisch sind allein Verzerrun- ausweist. Heute nennt man das Sinken der
gen der Preisstruktur. Wenn die Kaufkraft des Preise fälschlicherweise Deflation – tatsächlich
Geldgutes eine gewisse Schwelle unter- oder ist es eine der möglichen Folgen einer Deflati-
überschreitet, kann es seine Geldfunktion ver- on, einer Abnahme der Geldmenge. Gesell
lieren. Dann tritt ein anderes Gut an seine setzt „Reichtum“, d.h. Vermögen, irrigerweise
Stelle. Auch dies ist nicht problematisch. mit Geld gleich.

Die Verwechslung von nominalen Preisen, Sehen wir uns obigen Satz nochmals an: a) Je
also den bloßen Zahlenwerten (Nennwerten), mehr Waren, desto mehr Reichtum, b) je
mit realen Preisen, also den tatsächlichen mehr Reichtum, desto mehr Geld.
Tauchverhältnissen zu anderen Gütern (der
Preisstruktur), nennt man Geldillusion. Dieser a) stimmt zwar im Regelfall, entscheidend ist
Geldillusion erliegt auch Gesell, wenn er das allerdings nicht bloß die Anzahl der produ-
Sinken der Nominalpreise als primäres Übel zierten Waren, sondern, ob Art, Anzahl und

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Qualität den Präferenzen der Konsumenten auch nicht an und für sich mit der Zahl an
entsprechen. Wenn ein Mensch eine goldene Geldmünzen - außer wir fragen Sie nach, um
Uhr zehn Kunststoffuhren vorzieht, wird er sie einzuschmelzen, weil wir goldene Bilder-
nicht dadurch reicher, daß 100 Kunststoffuh- rahmen wünschen. Entscheidend ist die unse-
ren produziert werden – und umgekehrt. ren Präferenzen entsprechende Güterversor-
gung, das bedeutet mehr und bessere Güter für
b) ist falsch. Selbst wenn wir davon ausgehen, weniger Geld (das heißt unsere Arbeit und
daß eine höhere Warenanzahl von den Kon- eigene Erzeugnisse) – also sinkende Preise.
sumenten gewünscht wird, bedeutet diese hö-
here Anzahl notwendigerweise sinkende Das Argument vom Schreckgespenst Deflati-
Stückpreise. Auf die Geldmenge hat dies on läuft doppelt in die Irre. Einerseits subsu-
überhaupt keine Auswirkung. Wohlstand hat miert der falsche Begriff zwei grundverschie-
mit Nennwert und Zahl der Scheinchen in dene Erscheinungen: dasselbe Wort für Preis-
unserer Börse überhaupt nichts zu tun, und und Geldmengensenkungen - letzteres ist oft

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das bittere Ende nicht nachhaltiger Boompha- ist keine Käuferzurückhaltung festzustellen –
sen (durch Zinsmanipulation) oder stellt gar ganz im Gegenteil.
glatte Enteignungen dar, wie etwa bei der Ar-
gentinienkrise. Das Schielen auf die Konsumentenpreise ist
einem weiteren hartnäckigen Irrtum geschul-
Andererseits würden Preissenkungen dazu det: der Vorstellung, daß es Konsum sei, der
führen, daß niemand mehr Ausgaben tätige: Wohlstand schaffe. Eine einfache Robinson-
In der Erwartung weiter fallender Preise wür- ade in der Tradition Gesells beweist schnell
den jeder Kauf und jede Investition ewig ver- das Gegenteil: Könnte Robinson Crusoe, der
schoben. Dies ist natürlich absurd; ein Blick zunächst als Subsistenzfischer sein Dasein
auf den Elektroniksektor beweist das Gegen- fristet, etwa seinen Wohlstand steigern, indem
teil. Trotz rapide fallender Preise für Rechner, er mehr Fisch ißt, um „die Nachfrage nach
eine Folge der technischen Entwicklung und seinen Erzeugnissen zu beleben“? Diese Ver-
damit ein Zeichen für steigenden Wohlstand, wechslung von Konsumsteigerung mit nach-

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haltiger Wohlstandsteigerung hält bis heute über fiktive Warenkörbe vor – seiner Zeit wie-
an. derum weit voraus!

Gesell kann auch als Vorläufer der Monetari- Doch Silvio Gesell konnte kaum anders, als
sten gelten. Schließlich formulierte er für die die falschen Schlüsse ziehen. Wie fast alle Hi-
zu schaffende Geldpolitik das Ziel stabiler storiker, denen die theoretischen Instrumente
Warenpreise. Das bedeutet nichts anderes, als fehlen, beobachtet er zeitgleich Metallgeld und
daß zum Zwecke – eigentlich bedeutungsloser Wirtschaftskrisen. Wie kann es zum Boom-
– stabiler Nominalpreise Wohlstandsteigerun- Bust-Zyklus kommen, obwohl die Geldmenge
gen durch Geldentwertung „neutralisiert“ wer- scheinbar stabil geblieben war, dieselben
den. Um diese neue, „wissenschaftliche“ Geld- Goldmünzen umlaufen, die Deckung der
politik zu betreiben, wird das Messen nötig. Banknoten nicht reduziert wurde? Ein bloß
Gesell schlägt hierzu die Preisindexmessung oberflächliches Verständnis der Konjunktur-
zyklustheorie führt hier in die Irre. Entschei-

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dend ist die ungedeckte Kreditmengenauswei- führte nicht nur viele Politiker (das historisch
tung, die zu falschen Zinssignalen und da- bedeutendste Beispiel hierfür ist wohl der eng-
durch Fehlinvestitionen führt. Das heißt, die lische Premierminister Sir Robert Peele), son-
Kapitalstruktur entspricht nicht den Konsum- dern auch die meisten Historiker zu falschen
entenwünschen, weil sich die Unternehmer Schlüssen. Die falsche Interpretation der Ge-
über die verfügbare Menge an realen Erspar- schichte ist stets die Hauptursache für ideolo-
nissen täuschen ließen. Wirtschaftskrisen mo- gische Irrtümer und Konflikte.
dernen Zuschnitts, also strukturelle Verzer-
rungen im typischen Boom-Bust-Muster im Zinstheorie: Vom Ende der Zinsknecht-
schaft
Gegensatz zu momentanen Engpässen oder
Fehlernten, sind daher auch ohne sichtbare Der Zins ist eine der problematischsten Facet-
Geldverschlechterung möglich. Das Nebenei- ten der Ökonomie - fast alle Glaubensrichtun-
nanderbestehen von Goldwährung und Kre- gen und Ideologien hegen große Vorbehalte
ditmengen-induzierten Konjunkturzyklen gegen den Zins oder lehnen Zinsforderungen

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gänzlich als unmoralisch ab. Diese Ablehnung um sie hervorzurufen. Daß er die Ansätze der
speist sich aus einem berechtigten Unwohlsein Wiener Schule jedoch nicht verstand, wird
über die Geldvermehrung. Erscheint diese gar hier wiederum sehr deutlich, wenn er deren
automatisch und ohne jedes Zutun, wie das Zeitpräferenztheorie des Zinses kurz streift.
heute der Fall ist, erstaunt der Vorbehalt nicht. Dabei verwechselt er Böhm-Bawerks Beispiel
für die Fehler der Arbeitswertlehre – der im
Silvio Gesell erkennt vollkommen richtig, daß Keller ohne Zutun reifende und dadurch an
es nicht der Zins ist, der Menschen dazu Wert gewinnende Wein – mit der Begrün-
bringt, zu sparen. Die wirklichkeitsfremden dung für die Höherbewertung gegenwärtiger
Determinismen der klassischen Ökonomen Güter gegenüber zukünftigen Gütern.
verweist er zu Recht ins Reich der Märchen.
Zinszahlungen sind keine Notwendigkeit und Gesell erkennt zwar den „automatischen“, risi-
es wäre in der Tat absurd, wenn man die Tu- kolosen Zins als problematisch, schüttet je-
gend der Enthaltsamkeit entlohnen müßte, doch das Kind mit dem Bade aus. Der Um-

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stand, daß wir es heute gewohnt sind, unser ken zählen. Normalerweise würde niemand für
Geld nur auf ein täglich zugreifbares Konto täglich fälliges Geld Zinsen bezahlen, im Ge-
legen zu müssen, um automatisch einige Pro- genteil war traditionell eine Gebühr für diese
zent Zuwachs zu erzielen, führt heutige Inter- Dienstleistung nötig – jene Lagerkosten, die
preten von Gesells Ansatz noch mehr in die Gesell zu Recht vermißt.
Irre. In Wirklichkeit ist dieser scheinbar risi-
kolose Zins nur aufgrund der Kreditmengen- Streng zu trennen vom Marktzins (beziehung-
ausweitung möglich. Und wer glaubt, daß die sweise Geldzins) ist das Phänomen des origi-
2-3% Zinsen einen Zuwachs seines Kapitals nären oder Urzinses. Gesell sieht diesen Ur-
bedeuteten, tappt in die Falle: der Wertverlust zins als „Wegegeld“, das zu Unrecht den „Ka-
des Geldes durch die Geldmengenausweitung pitalisten“ bezahlt werden muß: Sie sitzen auf
liegt weit darüber. Die wenigen Prozent sind dem Kapital und erpressen so den Zins.
die Krümel eines künstlich aufgeblähten Ku-
chens, zu deren größten Nutznießer die Ban-

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In der Ökonomie wird als Urzins jener Ein- Selbstzweck, „aus Spaß an der Freude“ ge-
kommensbestandteil betrachtet, der durch kocht wird. Der Grund liegt schlicht darin,
Wettbewerb nicht – wie der Profit – auf Null daß Menschen ihre Ziele stets höher bewerten
gedrückt werden kann. Dieser Bestandteil läßt als die Mittel. Unsere Mittel sind knapp in
sich beobachten: Stets scheint es einen Wert- Relation zu unseren Zielen. Wenn Kochen
unterschied zwischen Gütern höherer und keines meiner momentanen Ziele ist, dann ist
Gütern niedrigerer Ordnung zu geben, abzüg- es ein Mittel – und ich wähle es nur, wenn es
lich aller Aufwendungen für Arbeit und Bo- mich näher zu einem meiner Ziele bringt, das
den. Die Fragestellung ist am einfachsten an- ich per Definition höher bewerte als das Mit-
hand eines Beispiels zu illustrieren: Wann und tel. Der Einsatz des Mittels wird durch den
warum bewerten Menschen die fertige Mahl- erwarteten Wertzuwachs „motiviert“.
zeit höher als alles, was dazu nötig ist, die
Mahlzeit zuzubereiten, einschließlich der Ar- Ersparnisse bilden wir meist als Mittel, um
beit? Dies ist dann der Fall, wenn nicht als unsere Ziele zu erreichen. Nehmen wir an, ich

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spare auf ein Haus. Ein Nachbar, der noch entsprechende Wertunterschied nicht ausgeg-
keine Ersparnisse gebildet hat, würde gerne lichen wird, werde ich meine Ersparnisse nicht
eine Buchhandlung eröffnen und fragt, ob ich freiwillig fremden Zielen dienstbar machen.
ihm dazu meine Ersparnisse zur Verfügung Mein Nachbar wird wahrscheinlich einen Er-
stellen kann. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: trag aus der Buchhandlung erwarten und wird
Die Eröffnung einer Buchhandlung könnte – vollkommen freiwillig – eine Kompensation
eines meiner Ziele sein - dann würde ich mei- vorschlagen. Er kommt seinem Ziel näher
ne Ersparnisse in der Tat auch ohne Kompen- (eher früher als später eine Buchhandlung
sation dafür nützen. Wenn dies nicht der Fall eröffnen), ich meinem (eher früher als später
ist, kann diese Nutzung allenfalls ein Mittel ein Haus zu bauen). Ein Gewinn für beide
für mich sein. Das Verborgen meiner Erspar- Seiten!
nisse müßte mich dann also als Mittel meinen
eigentlichen Zielen näherbringen. Wenn dies Natürlich könnte es Selbstzweck für mich sein,
nicht der Fall ist, dieser meinen Präferenzen meinem Nachbarn das Erreichen seiner Ziele

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zu ermöglichen. Dies wäre ehrenwert - doch Verwendung knapper Mittel nicht mehr den
da die Mittel stets knapper als die Ziele sind, Erzeugern und Eignern dieser Mittel überlas-
gibt es auf den einen Nachbarn wohl viele an- sen sind, braucht es zentrale „Planung“ und
dere, die ebenfalls eine Verwendung für meine Zwang - der direkte Weg ins geplante Chaos
Ersparnisse wüßten. In größeren Gesellschaf- der Zwangswirtschaft.
ten bilden sich Märkte für Ersparnisse. Men-
schen können so ihren Zielen näher kommen, Zusammenfassend: Die von Gesell zu Recht
indem sie ihre Ersparnisse als vorläufige Mittel kritisierte exponentielle Dynamik risikoloser
gebrauchen, um an der Mehrergiebigkeit Zinsen (und Zinseszinsen) ist eine Folge der
fremder produktiver Unternehmungen zu par- Manipulation des Geldwesens. Ohne eine sol-
tizipieren. Wenn auf diesem Markt jener fun- che Manipulation ist jeder Kapitaleinsatz mit
damentale Wertunterschied nicht kompensiert Risiko verbunden und bringt keine automa-
wird, werden solche Ersparnisse nicht mehr tisch (nominell) positiven Renditen. Davon
angeboten. Wo die Entscheidungen über die unabhängig besteht das universelle Phänomen

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des originären Zinses, das aus der Logik men- Freigeld: Wachstum durch Schwund
schlichen Handelns folgt, und durch Zwang
nur verschleiert werden kann. Menschen bie- Gesell berühmtestes Rezept, um die konsta-

ten ihre Mittel freiwillig nur für Ziele an, die tierten Übeln auszuräumen und der ersehnten

nicht die ihren sind, wenn sie dadurch ihren Utopie der Freiwirtschaft näher zukommen,

Zielen näher kommen – mindestens durch ist das Frei- oder Schwundgeld (bzw. „umlauf-

Kompensation jener Wertdifferenz zwischen gesichertes Geld“). Wie bereits erwähnt, er-

Mittel und Ziel. Diese Ziele sind natürlich oft klärt Gesell das Erscheinen von Krisen durch

immateriell und auch die Kompensation kann die Abnahme der umlaufenden Geldmenge.

immateriell sein (Zuneigung, Vertrauen …). Während der Konsum als Motor der Wirt-

Problematisch ist nur die Zinsmanipulation, schaft angesehen wird, sei das „Horten“ deren

weder der Urzins, noch der Marktzins per se. Bremse.

Die Betonung des Umlaufs ist zwar wieder


recht modern, wird dadurch aber leider nicht

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richtiger. Dieser Gedanke findet sich als velo- und Kassen. Nun mögen wir viel oder wenig
city in der Quantitätsgleichung. Gesells Denk- Geld in der Geldbörse mitführen – die Bar-
fehler liegt darin, den Geldbestand in umlau- geldhaltung entspricht unseren Präferenzen
fendes und gehortetes Geld zu unterteilen. und ist eine Folge der Ungewißheit. Wüßten
Dies entspricht de facto der Unterscheidung wir all unsere Bedürfnisse und alle Gegeben-
zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Ka- heiten im Vorhinein mit Gewißheit, wäre
pital. Ein Blick auf die Realität zeigt, wie we- Bargeldhaltung unnötig.
nig zielführend eine solche Unterscheidung ist.
Wann immer wir eine Momentaufnahme der Ist es schlecht, gar unsozial mehr Bargeld zu
realen Wirtschaft machen, niemals werden wir halten? Die Nachfrage nach Bargeld verändert
umlaufendes Geld beobachten. Auf keiner bloß die Höhe der Preise (höhere durch-
dieser Aufnahmen laufen selbsttätig Scheine schnittliche Bargeldhaltung führt zu niedrige-
mit Füßchen umher. All das Geld, das wir ren Preisen und umgekehrt), nicht jedoch die
sehen, wird gehalten: in Geldbörsen, Tresoren Preisstruktur. Wie bereits erläutert, ist die

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nominelle Preishöhe für den Wirtschaftslauf dieser Änderung der Präferenzen an, ohne
irrelevant, relevant sind bloß relative Preisän- strukturelle Krisen zu zeigen.
derungen. Wenn diese Veränderungen nicht
eine Änderung der reellen Gegebenheiten an- Eine höhere Umlaufsgeschwindigkeit schafft
zeigen (also Knappheiten und Überflüsse aus- noch keinen höheren Wohlstand. Sonst könn-
drücken), hat man es mit Verzerrungen zu tun, te eine Gruppe von Menschen allein dadurch
die die Wirtschaftsstruktur von den Konsum- ihren Wohlstand mehren, daß sie eine Münze
entenpräferenzen entfernen und daher den mit zunehmender Geschwindigkeit im Kreis
(nicht nur materiellen) Wohlstand verringern. laufen lassen. Der Irrtum folgt aus der falschen
Eine erhöhte Bargeldhaltung, also eine größe- Konzentration auf den Konsum – dieser hat
re Nachfrage nach Geld, ist genauso unprob- mit wachsendem Wohlstand jedoch nichts zu
lematisch wie eine größere Nachfrage nach tun, er ist Ziel und nicht Ursache der Wohl-
Erdbeeren - die Wirtschaftsstruktur paßt sich standsmehrung.

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Gesell möchte dieses falsche Ziel höherer Um- Edelmetallgeld auch Wertaufbewahrung er-
laufsgeschwindigkeit durch einen Schwund möglicht, steigt dessen Akzeptanz als
des ausgegebenen Papiergeldes erreichen. Er Tauschmittel. Eine unmittelbare eigene Ver-
argumentiert dies zusätzlich damit, daß so das wendung ist nicht nötig.
Geld „verrotte“ und damit seine Vorrangstel-
lung gegenüber anderen Waren einbüße. Die- Da Gesell den Prozeß der Geldentstehung
sem Gedankengang liegen mehrere Irrtümer außer acht läßt, nimmt er fälschlicherweise an,
zugrunde: Zunächst verkennt er den Prozeß daß sich durch Schwund belastetes Geld lang-
der Entstehung von Geld. Dieses wurde nie fristig gegen wertbeständiges Geld durchset-
„erfunden“, sondern schrittweise wurden im- zen könne. Der Staat solle das freiwillig gegen
mer besser als Geld geeignete Güter entdeckt. Schwundgeld eingetauschte Gold zu Schmuck
Daß sich hier durch freiwillige Entscheidun- verarbeiten und als Heirats- und Gebärprä-
gen von Marktakteuren stets langlebige Güter mien verschenken. Freilich gibt er implizit zu,
durchsetzen, ist naheliegend. Gerade weil daß diese freiwillige Annahme nur durch

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staatliche Gewalt erreichbar ist - mehr dazu Denn tatsächlich wurde ein großer Teil von
später. Gesells Ideen bereits Realität. Es ist absurd,
dem heutigen Papiergeld den Vorwurf zu ma-
Moderne Freiwirte erkennen die Unzweckmä- chen, es verrotte nicht hinreichend. Verglichen
ßigkeit des von Gesell vorgeschlagenen Mar- mit der Wertminderung des heute umlaufen-
kengeldes für den heutigen, zunehmend bar- den Papiergeldes, steht Gesells Schwundgeld
geldlosen Zahlungsverkehr. Alternativ vorge- geradezu als Hartgeld da. Trotz Ende der
schlagen wird, den Schwund automatisch auf Goldwährung und laufender Wertverminde-
den Konten einzugeben. Dieser Vorschlag und rung, trotz Anwendung aller keynesianischen
ein weiterer Vergleich von Gesells Ideen mit und monetaristischen Rezepte, fanden die
der Gegenwart zeigen das seltsame Unver- Wirtschaftskrisen kein Ende. Ganz im Ge-
ständnis der heutigen Welt seitens moderner genteil, die Konjunkturzyklen wurden immer
Gesellianer und die Untauglichkeit von Ge- ausgeprägter und verheerender. Sogar die au-
sells Vorschlägen. tomatische Schwundgebühr am Bankkonto ist

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bereits eingeführt – sie heißt Kapitalertrags- schwung verzeichnet – bis die Staatsmacht
steuer. Doch das freiwirtschaftliche Paradies dieses Experiment gewaltsam beendete.
scheint immer ferner.
Sehen wir uns näher an, was in Wörgl ge-
Das Wunder von Wörgl schah: Die Gemeinde ist die facto bankrott:
Ein Kredit über 1,3 Millionen Schilling steht
Im Gegensatz zu anderen Ideologien rühmt aus. Die Bürger können zum Teil die Steuer
sich die Freigeldlehre damit, sich bereits in der nicht mehr bezahlen – damals war es noch
Realität bewährt zu haben. Und zwar in so nicht Usus, in diesem Fall deren Existenz rui-
eindrucksvoller Weise, daß gar von einem nieren und den Hof zu beschlagnahmen. Die
Wunder die Rede ist. Inmitten der schwersten Steuerrückstände belaufen sich bereits auf
Wirtschaftskrise hätte sich die Tiroler Ge- 120.000 Schilling. Am 31. Juli 1932 gibt die
meinde Wörgl durch Ausgabe von Schwund- Gemeinde Schwundgeld, das als „Arbeitswert-
geld geholfen und einen fulminanten Auf-

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bestätigungen“ bezeichnet wird, mit einem schäftsbanken und des Staates kaum ins Ge-
Gesamtnennwert von 32.000 Schilling aus. wicht fällt. Jedes Monat sind Wertmarken für
1% des Nennwerts der Schwundgeldscheine
Was geschieht nun mit dem neu geschaffenen bei der Gemeinde zu kaufen und aufzukleben
Schwundgeld, wie gelangt es in Umlauf? Um - die sogenannte Umlaufgebühr. Dies ist
das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, nichts anderes als eine Geldsteuer zu Gunsten
wird eine Deckung für das erfundene Geld in der Gemeinde und soll das Aufbewahren von
Schilling bei der örtlichen Raiffeisenbank hin- Schwundgeld bestrafen. Aus dem Markenver-
terlegt. Freilich handelt es sich hier um keine kauf und den Zinseinnahmen fließen der Ge-
Deckung im eigentlichen Sinne, der Betrag meinde 2000 Schilling zu – damit ist zumin-
wird von der Bank weiterverliehen und trägt dest das Bürgermeistergehalt von 1800 Schil-
der Gemeinde Zinsen ein. Es findet also eine ling gesichert.
Geldmengenausweitung statt, die jedoch in
Relation zur Ausweitung seitens der Ge-

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Die Arbeitswertscheine werden verwendet, um Arbeitern einen Rabatt von 2% zu gewähren.
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu finanzie- Nun geschieht das „Wunder“: Viele Kaufleute
ren. Zusätzlich erhält die Gemeinde einen tauschen das Schwundgeld nicht unmittelbar
Zuschuß von 12.000 Schilling seitens des zurück, sondern umgehen den Abschlag, in-
Landes Tirol. Arbeitslose werden nun für 75 dem sie ihre Steuerschulden begleichen. Die
Groschen die Stunde beschäftigt, die mit Gemeinde muß natürlich das von ihr ausgege-
Schwundgeld bezahlt werden. bene Geld ohne Abschlag dafür akzeptieren.
Dies bringt innerhalb kurzer Zeit 80.000
Die Kaufleute vor Ort lassen sich überzeugen, Schilling an Steuerrückständen ein.
dieses Schwundgeld anzunehmen. Schließlich
kann es gegen einen Abzug von 2% in Schil- Hat eine wundersame Geldvermehrung statt-
ling umgetauscht werden. Im Klartext: Die gefunden? Nein, die Gemeinde gibt das zu-
Konkurrenz und das Vertrauen in den belieb- rückgelaufene Schwundgeld sofort wieder für
ten Bürgermeister bewegen diese dazu, den neue Arbeiten aus – so laufen die Arbeitswert-

41
scheine mehrmals um. Hat der schnellere Um- Dieser Ertrag und damit der Wohlstand stei-
lauf höheren Wohlstand geschaffen? Nein, mit gen allein durch Kapitalaufbau.
den zur Gemeinde rückfließenden Beträgen
verringern sich im selben Ausmaß deren Akti- Was passiert in Wörgl? Es wird unter anderem
va: die Steuerforderungen. eine Schischanze gebaut und der Ort verschö-
nert. Ein französischer Journalist lobt:
Wird durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnah-
men Wohlstand geschaffen? Hier handelt es Die Bürgermeisterei - schön restauriert, fein he-
sich wiederum um einen keynesianischen Irr- rausgeputzt, ein reizendes Chalet mit blühenden
tum: Natürlich kann der Wohlstand einer Ge- Geranien.
sellschaft nicht dadurch steigen, daß „Arbeit
geschaffen“ wird, also etwa Löcher ausgehoben Die Gemeinde hat also nichts anderes getan,
und zugeschüttet werden. Nicht von Arbeit, als einen Teil ihrer Aktiva (die zugegebener-
sondern von deren Ertrag leben Menschen. maßen illiquide waren) für öffentliche Arbei-

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ten einzusetzen. Die Bilanz der Gemeinde hat Freilich, vorübergehend ist natürlich ein Auf-
sich dadurch freilich weiter verschlechtert, schwung zu beobachten. Zusätzliche Ein-
heute eingegangene Steuernachzahlungen feh- kommen werden erzielt. Diese stammen aber
len morgen. Wurde auf diese Weise Wohl- nicht aus einem geschaffenen Wertzuwachs,
stand aufgebaut, also Kapital gebildet? Es mag sondern tragen Ersparnisse ab oder belasten
am ungünstigen Moment liegen, aber die In- die Zukunft – müssen also durch spätere
vestitionen in den Tourismus konnten sich Steuern aufgebracht werden. Dem Ende dieses
nicht mehr rentieren. Der Tourismus kam künstlichen Baubooms nach Erschöpfen auch
bald durch die Hitlersche 1000-Mark-Sperre der allerletzten Gemeindemittel kam leider das
vollkommen zum Erliegen. Zudem sind politi- staatliche Verbot des Freigeld-Experiments
sche Ausgaben niemals Investitionen im enge- zuvor. So konnte das Experiment zum Mythos
ren Sinn: Sie bilden nicht Konsumentenpräfe- werden. Dieses Ende war jedoch kurz bevor-
renzen ab, sondern politische Entscheidungen. gestanden. Bereits nach wenigen Monaten
drosselt sich der Umlauf des Schwundgeldes

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deutlich. Der Gemeindesekretär gibt die da- Die Kaufleute der Nachbargemeinde lehnen
malige Einschätzung der Bevölkerung wieder: das Schwundgeld ab, viele Wörgler sind skep-
tisch. Gewerbetreibende erkennen die Um-
Die Wörgler haben auch keine recht Freude mehr laufgebühr bald als Steuer zu ihren Lasten.
an dem ohnehin nicht sehr schönen Scheinen … So Jene, die ihre Waren mehrmals im Monat in
kreisen sie eigentlich nur noch zwischen der Ge- Schilling bei Lieferanten beziehen müssen,
meindekanzlei im ersten Stock und der Raiffeisen- etwa Trafikanten, spüren eine erhebliche
kasse im Parterre. Wenn wir Gemeindeangestell- Mehrbelastung. Mit diesen versteckten
ten am Ersten unser Gehalt bekommen, dann Steuern werden jedoch nicht einmal Schulden
tragen wir ihn sofort in die Raiffeisenkasse hi- abgetragen und so die zukünftig nötige Steuer-
nunter und wechseln ihn in gutes Geld ein. Dabei last reduziert – die Mehreinnahmen fließen in
müssen wir halt die 2% Abschlag in Kauf nehmen. den Konsum.

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Eine positive Wirkung kann man dem Expe- Gesell heute: Regiogeld und Tausch-
riment jedoch nicht abstreiten: Es hatte für kreise

kurze Zeit einen erheblichen psychologischen


Heute gibt es, glaubt man optimistischen
Effekt. Die kleine Gemeinde war zur Selbst-
Schätzungen, über 4000 alternative Währun-
hilfe geschritten, der vorübergehend höhere
gen und Tauschsysteme weltweit. Ein großer
Konsum schuf die Illusion höheren Wohlstan-
Teil davon bezieht sich auf Gesells Lehren.
des, Wörgl stand einen Moment im Mittel-
Bewähren sich diese also doch in der Praxis?
punkt internationalen Interesses, der Konflikt
Was erklärt den Erfolg dieser Komplementär-
mit der hohen Politik in Wien einte die
währungen? Für das Bestehen und Florieren
Wörgler.
dieser Initiativen gibt es drei Gründe – und
keiner davon hängt mit Gesells Theorie zu-
sammen:

45
1. Umgehen von Steuerlast und Regulierungen druck haben, übervorteilt zu werden. Da die
Steuerlast und Regulierungsdichte die legale
Der wesentliche Grund, warum sich das Tau- Tätigkeit von Kleinstunternehmern heute weit
schen in Tauschkreisen besser anfühlt als gehend verunmöglichen, boomen steuerfreie
kommerzielle Transaktionen, ist, daß diese Alternativen: Nachbarschaftshilfe, Tauschkrei-
meist vollkommen frei erfolgen. Wer tauscht, se etc.
erhält den vollen Wert, den die Gegenseite
anbietet, und muß nicht einen Gutteil des Die meisten Tauscher würden diesen schlich-
Tauschwertes an einen Unbeteiligten Dritten ten Grund erbost von sich weisen. Doch um
als abliefern. Würde bei Tauschkreisen die den Unterschied zu spüren, muß man sich
angebotene Leistung oder das angebotene Gut dessen gar nicht bewußt sei. Entsprechend
irgendwie bei jedem Tauschakt künstlich ver- versucht der Staat schon längst, diese Schlupf-
mindert, würde sich die Sache nicht mehr so löcher zu erschweren und wird dem regen
gut anfühlen. Ständig würden wir den Ein-

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Tauschtreiben eines Tages wohl ein jähes En- bung bewußt zu werden, entspricht dem men-
de setzen. schlichen Bedürfnis nach Identität. Mit Frei-
wirtschaft hat dies gar nichts zu tun, wie wir
2. Regionaler Bezug gleich feststellen werden.

Regiogelder florieren nicht, weil sie teilweise 3. Kontrolle der Inflation


als Schwundgeld ausgelegt sind, sondern trotz-
dem. Entscheidend ist der kleinräumige, regio- Angesichts der spürbaren laufenden Geldent-
nale Bezug. Der Mensch ist ein soziales We- wertung, die völlig außerhalb der Kontrolle der
sen; regionale Bezüge werten unsere Lebens- Menschen zu liegen scheint, ist ein Bedürfnis
verhältnisse auf und trotzen der modernen nach einer Mitbestimmung über das Geldwe-
Anonymität ein wenig Menschlichkeit ab. sen nachvollziehbar. Die Kontrolle über das
Produkte aus der Region zu kaufen, sich der Geld wiederzugewinnen - dies ist sicher oft
Vorzüge und Besonderheiten seiner Umge- unbewußtes Motiv von Alternativwährungen.

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Schließlich ist die kontrollierte Inflation zu- Unsinn. Auch regionale Komplementärwäh-
mindest absehbar und beschränkt. Dies fühlt rungen widersprechen der Gesellschen Lehre
sich wesentlich besser an, als auf Gedeih und aufs Gröbste. Regionale Bezüge oder gar Pro-
Verderb intransparenten politischen Entschei- tektionismus waren dem Kosmopoliten und
dungen der Zentrale ausgeliefert zu sein. radikalen Freihandelsbefürworter Gesell zuwi-
der. Sein Ziel war ein Weltstaat frei umher-
Was haben Regiogelder und Tauschkreise mit ziehender Menschen – größtmögliche Globa-
Silvio Gesell zu tun? lisierung!

Man wird den Eindruck nicht los, daß jene Auch der Gedanke des Währungswettbewerbs
Gründer von Regiogeldern und Tauschkrei- ist Silvio Gesell vollkommen fremd: „Also ent-
sen, die sich auf Gesell beziehen, diesen nie weder staatliches Geld oder überhaupt kein Geld.
gelesen haben. Tauschkreise lehnt Gesell Gewerbefreiheit in der Herstellung des Geldes ist
scharf ab: als vorzivilisatorischen, reaktionären einfach unmöglich.“ Seine Rezepte sind stets zur

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globalen Umsetzung vorgeschlagen, ein regio- Totalitär zog das Eisen der Waffen stets dem
nales, sogar nationales Vorgehen erscheint ihm Gold der Münzen vor. So spricht denn Gesell
unmöglich: „Der Kapitalzins ist eine internatio- auch vom Krieg als „einzig mögliche[m] Zustand
nale Größe; er kann nicht einseitig für einen ein- zwischen Rentnern und Arbeitern“. Friede kön-
zelnen Staat beseitigt werden.“ ne es erst geben, wenn „wir diese uralten barba-
rischen Einrichtungen [u.a. das Grundeigen-
Mit freien, zivilgesellschaftlichen Initiativen tum] … restlos von der Erde vertilgt haben“.
hat er nichts am Hut. Gesell schreibt für die „Die Völker, Staaten, Rassen, Sprachgemeinschaf-
Weltpolitik. Trotz manch anarchischer Sym- ten, religiösen Verbände, wirtschaftlichen Körper-
pathien, sieht er den Staat als einzig wirksames schaften“, die seinen Rezepten im Wege ste-
Instrument und schreckt dabei auch nicht vor hen, sollen „geächtet, in Bann getan, und für
offener Gewalt zurück. Geld ist für ihn ohne vogelfrei erklärt“ werden. Für den Endkampf
Staat undenkbar. Daß er mehrmals auf Lykurg zur Durchsetzung seiner Utopie, der ein
Bezug nimmt, ist kein Zufall. Der spartanische

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unausbleibliches „Massengemetzel“ bringen les Experimentieren. Als Volksbeauftragter für
wird, empfiehlt Gesell: Finanzen in der Münchner Räterepublik von
1919 ordnete er die Beschlagnahmung aller
Das Volk muß bewaffnet sein! In jedes Haus ge- Sparkassen- und Bankguthaben sowie eine
hört ein Gewehr mit Munition. In jedes Dorf Enteignung von 75% aller Vermögen an.
gehört neben die Feuerspritze ein Geschütz …
Sorgen wir dafür, daß jeder Bürger, jede Bürgers- Sein „Freiland“-Rezept bedeutet nichts ande-
frau, jeder Knabe, jedes Mädchen bewaffnet sei - res als die gewaltsame Enteignung allen Bo-
bis an die Zähne. Auf die Waffen allein ist wirk- dens. Er spricht zwar vom „Kauf“ mittels
lich Verlaß … Staatsschuldscheinen. Daß die Bürger diese
„Entschädigung“, die bloß einen Anspruch auf
Einmal war es Silvio Gesell beschieden, selbst ihre eigenen zukünftigen Steuerzahlungen
Politik zu betreiben. Kein friedlicher Wäh- bedeuten, nicht akzeptieren, ist in seinem
rungswettbewerb war die Folge, kein regiona- Entwurf jedoch schlicht nicht vorgesehen.

50
Aller Boden
B wird dann vom
m Staat an den Der Autor
meistbieetenden Pächter verssteigert, was für
DI Rahim Taghizadegan ist G
Gründer und
Gesell den
d Vorteil einer grün
ndlichen Durch- Vorstand des Instituts für Werteewirtschaft. Er
unterrichtet an zahlreichen Univversitäten und
mischun
ng der Weltbevölkeru
ung brächte, um
publiziert laufend für das Insstitut und in
die Welltregierung zu erleichteern. Die Pachter- Tageszeitungen und Magazinen. Als interdis-
ziplinärer Querdenker widmet er sich der
träge soollen dann vom Welttstaat für Gebär-
n, der Freilegung verlorenen Wisssens
Aufdeckung moderner Illusionen
prämien
n eingesetzt werden, um den Frauen und der Verknüpfung der zahlllosen aufgetrennten Fäden heuttigen
Denkens.
das „Zu
uchtwahlrecht“ zu errmöglichen. Wie
fast allee Utopien erweist sich auch diese letz-
tlich alss schlimmster Totalitaarismus - im Na- Diese Analyse könneen Sie hier herunterladen
men derr Freiheit und des Wetttbewerbs.„ oder nacchbestellen:
http://wertewirttschaft.org/analysen

51
Wenn diese Analyse wertvoll für Sie war 28824799900, Bankleitzahl 20111 (Öster-
reich); IBAN AT332011128824799900, BIC
… würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit zum GIBAATWW (Ausland) oder online auf
Anlaß nehmen, um http://wertewirtschaft.org/spende.
9 Unsere Analysen als Mitglied abonnieren.
9 diese Analyse an Verwandte, Freunde, Be- 9 uns Ihre Anregungen und Anfragen zu schik-
kannte, Mitarbeiter und Vorgesetzte weiterzu- ken: info@wertewirtschaft.org.
geben. Vergünstigte Exemplare schicken wir
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org/analysen.
9 eine unserer Veranstaltungen zu besuchen.
9 Veranstaltungen mit Vortragenden des Insti-
tuts zu organisieren.
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9 das Institut für Wertewirtschaft, das seine
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