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Aus ff 14 vom 07.

April 2011

Brigitte Foppa (Sprecherin der Grünen und Stadträtin von Bozen)

Mein Waffeleisen
Über Jahre suggerierte die Kernenergie-Lobby, dass „saubere“ Energie stets bequem zu haben
sei. Seit Fukushima ist damit Schluss. Für Brigitte Foppa Anlass, ihre
„Stromüberflussabhängigkeit“ zu überprüfen.

Letzthin stieß ich in meiner Speisekammer auf mein elektrisches Waffeleisen. Angesichts
dieses unschuldigen Elektrogerätes ging mir auf, was Fukushima für uns alle bedeutet. Die
Tragödie in Japan – Zyniker sagen, dass sie nicht zeitgünstiger hätte passieren können – und
die Bilder, die sich in unser aller Gedächtnis eingeprägt haben, führen uns nämlich vor
Augen, auf welch tönernen Füßen das Modell vom grenzenlosen Wachstum steht.
Das Atomkraftwerk im fernen hochtechnologisierten Japan kracht zusammen, der Nikkei-
Index bricht ein – aber in sich zusammen stürzt nun auch die Vorstellung, dass wir nur gut
genug sein müssen, und dann ließe sich unser Wirtschafts- und Konsummodell in ewige
Zeiten fortschreiben.
Seit Fukushima ist damit Schluss. Im entwickeltsten, vorbereitetsten und diszipliniertesten
aller Industrieländer ist uns allen die Illusion der Sicherheit verloren gegangen, die uns durch
den Glauben an die Wissenschaft und Forschung eingelullt und es den Atomgegner(inne)n
immer mühsamer gemacht hatte, gegen Kernenergie zu argumentieren. Wer für eine Welt des
dauernden Wachstums und dessen Grundnahrungsmittel Atomenergie plädierte, galt in den
Jahren, nachdem die Erinnerungen an Tschernobyl verblasst waren, als fortschrittlich und
zeitgemäß. Wer aufzeigte, welche negative Begleiterscheinungen dieses Modell hatte, war in
die Ecke der ewig gestrigen weltfremden Spinner und Neinsager/-innen abgedrängt. Grüne
inbegriffen.
Es ist erst eineinhalb Jahre her, dass ich selbst an einem bitterkalten Samstag an der
Talferbrücke stand und Unterschriften gegen die Pläne der Regierung Berlusconi, vier
Atomkraftwerke in Italien neu zu errichten, sammelte. Das Interesse der Bürger/-innen war
mäßig, und ich erinnere mich an einige Diskussionen, gerade mit Linken, die durchaus
überzeugt waren, dass es ohne Atomenergie eben nicht geht.
In gewisser Weise haben sie recht. Allerdings stimmt der Satz „Wir können gar nicht ohne
Kernenergie“ nur mit dem Zusatz „so weitermachen“. Denn eines ist klar: Unsere kindliche
Sorglosigkeit und Unbekümmertheit im Umgang mit Strom- und Energieverbrauch wird die
Tage gezählt haben. Die japanische Gesellschaft erlebt ständig diesen Umschwung: Nach
Jahren der unaufhörlichen Konsumappelle wird plötzlich zum Sparen aufgerufen.

Hier sind wir beim Grunddilemma: Was braucht unsere Welt? Einen sorgsamen Umgang mit
den Ressourcen (damit sie möglichst vielen Menschen zur Verfügung steht)? Oder ein
permanentes Wachstum (damit „die Wirtschaft“ ihrem Wachstumsdiktat folgen kann)? Die
Kernenergie hat dieses Dilemma über Jahrzehnte scheinbar gelöst, bot sie doch den Anschein,
dass „saubere“, „billige“ und immer wieder neu verfügbare Energie bequem zu haben sei. Die
Kernenergie ist somit die Lebenslüge des derzeit vorherrschenden Wirtschaftskonzepts.
In meiner Speisekammer habe ich es nun, nach Fukushima, ganz pragmatisch neu infrage
gestellt. Indem ich mich nämlich bei mir zu Hause umgesehen habe und neben dem bereits
genannten Waffeleisen meine eigene Stromüberflussabhängigkeit überprüft habe. So stehen in
meinem Wohnzimmer natürlich ein Fernsehgerät mit Videorecorder und DVD-Abspielgerät,
die nachts meistens in Stand-by-Betrieb bleiben, weil es uns zu lästig ist, nach dem
Anschauen noch die Aus-Taste zu drücken, geschweige denn das Kabel aus der Steckdose zu
ziehen. Das gleiche gilt für den PC samt Drucker und Scanner, die Stereoanlage und den CD-
Player im Kinderzimmer.
In unserem Bad gibt es nicht nur einen Föhn und ein Plätteisen für die Haare, sondern auch
einen kleinen Heißluftofen, der uns über die Kälte des morgendlichen Aufstehens
hinwegtröstet; die elektrische Zahnbürste haben wir ausgemustert, als uns unser Zahnarzt
sagte, dass das Auf- und Abbürsten durchaus mit normaler Muskelkraft zu schaffen sei; in
der Waschküche, die wir einmal gemeinsam mit den Mitbewohnern unseres
Mehrfamilienhauses geführt haben, stehen heute eine ganz private Waschmaschine (weil das
natürlich viel bequemer ist), ein Gefrierschrank und ein Dörrobstapparat.
Die Küche unseres, wie wir meinen, ökologischen Haushalts beherbergt neben dem Backofen
einen Kühlschrank mit Gefrierfach. Auf eine Spülmaschine, neben dem Kühlschrank das
gefräßigste Elektrogerät moderner Haushalte, verzichten wir heroisch und zum Leidwesen
unserer Kinder seit Jahren. Dafür tummeln sich des Nachts auf unserem Küchentisch
mittlerweile fünf Handys (auf vier Personen) und zwei MP3-Geräte, die sich fast täglich mit
Atomstrom neuen Lebenssaft geben lassen. In unserer Speisekammer gibt es neben dem
berüchtigten Waffeleisen auch noch unnütze Stromfresser wie ein Raclette-Gerät, eine
elektrische Crêpes-Pfanne, eine Zitronenpresse, eine Joghurtmaschine (meine Mutter stellt
Joghurt in einem Reinl neben dem Holzherd her und in meiner Erinnerung ist es das beste
Joghurt, das ich je gegessen habe) und eine Saftmaschine. Für unsere Campingurlaube haben
wir eine tolle Ausrüstung an aufladbaren Lampen, darunter auch – weil wir ja Ökos sind –
Solarlampen. Sie beruhigen unser Gewissen ungemein.
Dasselbe Ziel erreichen wir auch, wenn wir unsere Verwandten in Mailand besuchen: Da
schütteln wir den Kopf über die Notwendigkeit von sieben Fernsehgeräten für vier Personen,
über den zweitürigen Kühlschrank mit Eiswürfelgerät, über die Heizdecke in einem
Schlafzimmer mit 26 Grad, über Mikrowelle, Brotaufbackgerät, Wäschetrockner,
Bügelmaschine und vieles andere mehr.

Wir alle haben uns, wegen der unbegrenzten Verfügbarkeit von Strom und Energie, an
Bequemlichkeiten wie elektrische Fensterheber im Auto, Rolllädenheber in der Wohnung
oder Aufzüge gewöhnt (mit denen wir womöglich ins Fitnessstudio hinauffahren). Im
Sommer, wo uns der exzessive Gebrauch von Klimaanlagen alljährlich zur Blackoutgefahr
führt, finden wir Temperaturen über 20 Grad unzumutbar. Dafür heizen wir im Winter Büros
und Wohnungen auf mindestens 22 Grad. Vor 100 Jahren sahen amtliche Richtlinien für
Schulen und Krankenhäuser klamme 15 Grad vor.
Führt man auf politischer Ebene diesen Diskurs, kommt spätestens an dieser Stelle das
Kutschenargument: „Ihr wollt also zurück zur Postkutsche/ins Mittelalter/in die Steinzeit.“
Doch um Rückschritt hat es nicht zu gehen.
Fortschritt und Entwicklung haben uns zweifelsohne zu Errungenschaften erster Güte geführt
und wir leben wohl komfortabler und vielleicht auch besser als je zuvor. Aber nichtsdestotrotz
fragt man sich, warum nicht der Großteil der Forschungsgelder in
Energieeffizienzentwicklung fließt (laut der deutschen Wochenzeitung Die Zeit sind wir auf
diesem Sektor absolut vorsintflutlich). Warum das Wasserstoffauto ebenso auf sich warten
lässt wie der Solarherd. Warum Erdwärme bisher von wenigen Erwählten genutzt wird und
warum Stand-by-Schaltungen und Autos wie der neue BMW (307 km/h
Höchstgeschwindigkeit) eigentlich überhaupt erlaubt sind. Warum man Müllverbrennung und
Agrotreibstoffe bedenkenlos zu den erneuerbaren Energien rechnet und weiterhin von
„billigem“ Atomstrom faselt.
Die Antwort ist banal: Es geht um Verdienst und um Legitimationen. Wenn Atomstrom
gebraucht wird (und ich habe versucht aufzuzeigen, wofür letztlich), dann muss man die
Nachteile (Kosten für Natur, Gesellschaft und Sicherheit) eben in Kauf nehmen.
Und doch: Seit Fukushima sind dazu längst nicht mehr alle bereit und der Ruf nach den drei
Alternativrichtungen zu Kernenergie (Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Umstellung
des Lebensstils) wird lauter. Ich bin überzeugt, dass auch immer mehr Menschen bereit sind,
bei sich selber anzufangen – also dort, wo letztlich alle großen Umwälzungen ihren Anfang
nehmen.