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Metzler Lexikon

Literatur
Begriffe und Definitionen

Begründet von Günther und


Irmgard Schweikle

Herausgegeben von
Dieter Burdorf,
Christoph Fasbender und
Burkhard Moennighoff

3., völlig neu bearbeitete Auflage

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Die Herausgeber Inhalt
Dieter Burdorf, geb. 1960, Promotion 1992, Vorwort V
Habilitation 2000, ist Inhaber des Lehrstuhls für Hinweise zur Benutzung VII
Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Abkürzungen XI
Universität Leipzig. Verzeichnis der Autorinnen und Autoren XV
Christoph Fasbender, geb. 1966, Promotion 1999, Artikel A–Z 1
Habilitation 2007, ist Oberassistent an der Universität
Jena.
Burkhard Moennighoff, geb. 1959, Promotion 1990,
Habilitation 1999, lehrt Literaturwissenschaft an der
Universität Hildesheim.

Bibliografische Information der Deutschen


Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-01612-6
ISBN 978-3-476-05000-7 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05000-7

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist


urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsge-
setzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig
und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfälti-
gungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
Systemen.

© 2007 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Urspr ünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2007

www.metzlerverlag.de
info@metzlerverlag.de
V

Vorwort

Das von Günther und Irmgard Schweikle begründete artikel bezieht die Literatur auf andere Künste (Kunst,
»Metzler Lexikon Literatur« (MLL) erschien unter Fotografie, Film, Musik) und benachbarte Bereiche
dem bisherigen Titel »Metzler Literatur Lexikon« 1984 kulturellen Wissens (Philosophie, Religion, Ethnolo-
in erster, 1990 in zweiter Auflage. Das MLL hat sich gie, Geographie, Technik). Allerdings halten die Her-
seitdem als handliches, zuverlässiges Nachschlagewerk ausgeber der Neubearbeitung daran fest, dass die Lite-
bewährt, das zur Grundausstattung aller Studierenden raturwissenschaft im Kern eine philologische Disziplin
der Germanistik und anderer Philologien, aber auch ist, deren zentrale Aufgabe in der Erschließung, Be-
zahlreicher Schülerinnen und Schüler der gymnasi- wahrung, Tradierung, Analyse und Interpretation lite-
alen Oberstufe gehört. Gegenüber vergleichbaren rarischer Texte besteht. Ein großer Teil der Einträge ist
Nachschlagewerken hat es den Vorzug, eine große daher nach wie vor Begriffen der Literaturgeschichte
Zahl von – je nach Wertigkeit des Begriffs unterschied- und Literaturtheorie, der Poetik, Rhetorik, Stilistik
lich langen – Artikeln zu enthalten, die nicht etwa alle und Metrik, der Editionsphilologie sowie der Buch-
nur von einem Autor, sondern von jeweils einschlägig und Verlagswissenschaft gewidmet. Den zahlreichen
ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissen- Artikeln zu literarischen Epochen, Perioden, Strö-
schaftlern verfasst sind. mungen und Schulen wurden nun auch Beiträge zu
regionalen Aspekten insbesondere der deutschspra-
Nach mehr als zwei Jahrzehnten war eine vollständige chigen Literaturen an die Seite gestellt (z. B. zur öster-
Neubearbeitung dieses Grundlagenwerks der Litera- reichischen oder zur rumäniendeutschen Literatur).
turwissenschaft dringend erforderlich. Günther und Bei der Auswahl der Einträge und der Beiträger wurde
Irmgard Schweikle, die verdienstvollen Herausgeber besonderer Wert auf eine komparatistische Perspektive
der ersten beiden Auflagen, haben diese Aufgabe aus gelegt, so dass das Buch nicht nur für Studierende der
Altersgründen aus den Händen gegeben; Irmgard Germanistik, sondern auch für diejenigen der Anglis-
Schweikle ist zwischenzeitlich verstorben. So wurde in tik, Romanistik und Slawistik sowie der Klassischen
den vergangenen Jahren eine Neukonzeption erarbei- Philologie sinnvoll verwendbar ist.
tet, welche die genannten Vorzüge der bisherigen Auf-
lagen mit einem hohen Aktualitätsgrad, einer großen Ein zentrales Ziel war uns die Optimierung der prak-
Erweiterung des thematischen Fokus und einer erheb- tischen Benutzbarkeit des Buchs. Dabei verfolgten wir
lich größeren Zahl von Einträgen zu verbinden sucht das – natürlich niemals ganz erreichbare – Ideal, dass
und dabei den Rahmen eines einbändigen, erschwing- zu jedem in heute verwendeten deutschsprachigen li-
lichen Werks nicht sprengt. Das Ergebnis dieser An- teraturwissenschaftlichen Publikationen in einigerma-
strengung liegt hiermit vor. Das neue »Metzler Lexi- ßen großer Frequenz auftauchenden Fachbegriff, und
kon Literatur« enthält nunmehr über 4.000 Einträge. zwar in den verschiedenen verbreiteten sprachlichen
Ein kleinerer Teil der Artikel basiert auf denjenigen Formen und Schreibweisen, ein Eintrag, mindestens
der zweiten Auflage, die für die vorliegende Neubear- ein Verweis, vorhanden sein sollte. Das »Metzler Lexi-
beitung vollständig revidiert und auf den neuesten kon Literatur« bietet sich damit als ein Kompendium
Stand gebracht wurden; der größere Teil der Beiträge in allen Zweifelsfällen literaturwissenschaftlicher Ter-
wurde ganz neu verfasst. Als Verfasserinnen und Ver- minologie an, so dass das Hinzuziehen weiterer Nach-
fasser der Artikel konnten mehr als 300 Fachgelehrte schlagewerke, jedenfalls für den ersten Zugriff, ten-
aller philologischen Disziplinen gewonnen werden. denziell nicht notwendig ist. Zu diesem Zweck haben
wir die Anzahl der Verweisstichwörter sowie der Ver-
Das neue MLL enthält über 600 Artikel zu Begriffen, weise innerhalb der Artikel auf andere, jeweils weiter-
die in der zweiten Auflage noch nicht berücksichtigt führende Informationen enthaltende Artikel ganz er-
waren. Damit wird den inhaltlichen Erweiterungen heblich erweitert. Ferner haben wir einen hohen Grad
und methodologischen Neuorientierungen, durch an inhaltlicher Vernetzung der Artikel untereinander
welche die Literaturwissenschaft der letzten beiden angestrebt, so dass bei allen unterschiedlichen metho-
Jahrzehnte gekennzeichnet ist, in großer Breite Rech- dologischen Ansätzen, aus denen heraus die Artikel
nung getragen. Insbesondere schlägt sich in den neuen verfasst sind, keine Inkonsistenzen zwischen ihnen be-
Artikeln die Tendenz nieder, die Literaturwissenschaft stehen sollten. Stark erweitert und auf den aktuellen
in Richtung auf die Medien- und Kulturwissenschaften Stand vom Juli 2007 gebracht wurden auch die weiter-
zu öffnen und zu erweitern. Eine Reihe neuer Gelenk- führenden Literaturangaben zu den Artikeln.
VI Vorwort

Wir sind zahlreichen Personen, welche die Entstehung über die Jahre begleitet und energisch vorangetrieben
der Neubearbeitung über die Jahre unterstützt haben, haben und dabei äußerst geduldig waren.
sehr zu Dank verpflichtet. Insbesondere gilt das für
alle Autorinnen und Autoren, die ein hohes Maß an In einer frühen Phase der Arbeit haben Anja Schacht-
Geduld sowie erhebliche Toleranz gegenüber den un- schabel und Susanne Hühn die Arbeit der Herausgeber
vermeidlichen redaktionellen Eingriffen in die Manu- unterstützt. In den letzten Jahren war es aber vor allen
skriptfassungen ihrer Artikel, besonders gegenüber anderen Theresa Specht, welche die redaktionelle Ar-
den notwendigen Kürzungen, aufgebracht haben. beit mit beispielhafter Sorgfalt zu ihrer Sache gemacht
hat. Ihr haben wir ganz besonders zu danken.
Unser Dank gilt ferner dem Verlag J. B. Metzler, na-
mentlich Bernd Lutz und Michael Justus sowie insbe-
sondere Ute Hechtfischer, welche die Neubearbeitung Die Herausgeber
VII

Hinweise zur Benutzung

• Das »Metzler Lexikon Literatur« ist konsequent al- wird. Wörter, die mit Ch, Ph, Rh, Sch, Sh, Sp, St oder
phabetisch aufgebaut. Die alphabetische Ordnung Th beginnen, werden durch diese Buchstabenkom-
folgt den für Wörterbücher gültigen Regeln (Ä wird binationen abgekürzt, die auch bei der Abkürzung
also wie A behandelt, Ae dagegen zwischen Ad und von Vornamen Verwendung finden. Ist die Flexion
Af eingeordnet). des Lemmas syntaktisch notwendig, so wird die
Flexionsendung an den Abkürzungspunkt ange-
• Es wird die seit dem 1. August 2006 gültige deutsche hängt. Bindestrich-Komposita werden als ein Wort
Rechtschreibung verwendet. Dabei wird in Zwei- angesehen. Aus mehreren einzelnen Wörtern beste-
felsfällen diejenige orthographische Variante bevor- hende Lemmata werden dagegen durch mehrteilige
zugt, welche die Herkunft eines Wortes, z. B. aus ei- Abkürzungen wiedergegeben.
ner Fremdsprache, deutlicher erkennen lässt als die
stärker eingedeutschte Version (z. B. Biographie statt • Nach einem Komma folgt auf das Lemma bei
Biografie). Für die Groß- und Kleinschreibung von Fremdwörtern und in Zweifelsfällen die Angabe des
Fremdwörtern sehen die aktuellen orthogra- grammatischen Genus (m./f./n.) und ggf. Numerus
phischen Normen allerdings eine Anpassung an die (Sg./Pl.). In eckigen Klammern wird zunächst – so-
für deutsche Wörter gültigen Regeln vor; es werden weit nötig – die Aussprache in einer Lautschrift wie-
also weitgehend alle Substantive großgeschrieben dergegeben, die den in den gängigen Wörterbü-
(z. B. ›Inventio‹, ›Commedia dell’Arte‹). Wird ein chern angewandten Normen folgt. Ferner werden
Wort dagegen innerhalb eines deutschsprachigen an dieser Stelle Hinweise zur Etymologie, insbeson-
Textes noch ganz als fremdsprachlich wahrge- dere zur Herkunft des Wortes aus anderen Spra-
nommen (wofür etwa ein Indiz ist, dass es nicht chen, gegeben. Dabei weist die Präposition ›aus‹
in die aktuellen Fremdwörterbücher aufgenommen darauf hin, dass ein Ausdruck aus mehreren Wort-
wurde), so wird es in der originalen Orthographie stämmen zusammengesetzt ist; ein ›von‹ zeigt an,
wiedergegeben und durch Kursivierung hervorge- dass das Wort von morphologisch abweichenden
hoben (z. B. théâtre de l’ absurde). Wörtern abgeleitet ist. Zuweilen werden auch wich-
tige Entsprechungen des Wortes in weiteren Spra-
• Ein feinmaschiges Netz von Verweisstichwörtern chen genannt. Griechische Wörter werden in einer
soll die Artikel auch dann auffindbar machen, wenn Umschrift wiedergegeben, die nur den einfachen
nicht problemlos aufeinander zurückzuführende Akzent ´ enthält; ē steht für ein eta (langes e), ō für
orthographische Varianten vorliegen (z. B. Gasel ein omega (langes o). Nach der eckigen Klammer
ä Ghasel). Findet sich unter einem gesuchten Kom- werden ggf. Angaben zu unregelmäßigen Plural-
positum kein Eintrag, so ist unter dem Grundwort formen und zu im Deutschen verbreiteten Syno-
nachzuschlagen (z. B. Lyrikanthologie unter Antho- nymen gemacht.
logie). Aus mehreren Wörtern – meist aus einem
Adjektivattribut und einem Substantiv – bestehende • An den linguistischen Eingangsteil des Artikels
Begriffe sind jedoch stets in der korrekten Wortfolge schließt sich eine knappe Definition des Begriffs an.
aufgenommen, nicht mit vorangestelltem Substan- Liegen mehrere literaturwissenschaftlich relevante
tiv (also Ästhetische Erfahrung, nicht Erfahrung, äs- Wortbedeutungen vor, so werden diese durch eine
thetische). Gliederung mittels arabischer Ziffern voneinander
unterschieden: 1., 2., 3. …; analog werden Unterbe-
• Jeder Artikel beginnt mit dem Stichwort, dem deutungen durch Kleinbuchstaben differenziert: a),
Lemma, in Fettdruck, das an dieser Stelle als Satzbe- b), c) … Diese Unterscheidung nach Grundbedeu-
ginn angesehen und daher großgeschrieben wird. tungen gibt in vielen Fällen die Gliederung des ge-
Bei Fremdwörtern und in Zweifelsfällen werden samten Artikels vor. Einige besonders komplexe
kurze betonte Vokale durch Unterpungierung, lange Artikel (z. B. Realismus) weisen noch eine weitere,
betonte Vokale durch Unterstreichung bezeichnet, übergeordnete Gliederungsebene nach römischen
soweit nicht die Aussprache komplett in Lautschrift Ziffern auf: I., II., III. …
dargestellt wird.
• Die Texte der Artikel sind in der Regel nicht in un-
• Im weiteren Verlauf des Artikels wird – zusätzlich zu terschiedliche Rubriken unterteilt, enthalten jedoch
den untenstehenden Abkürzungen – das Lemma – außer bei ganz kurzen, nur explikatorischen Ein-
mit seinem Anfangsbuchstaben abgekürzt, jedoch trägen – folgende Bestandteile: Ein an die Definition
nur, soweit es im jeweiligen syntaktischen Zusam- anschließender systematischer Teil expliziert Teilas-
menhang morphologisch vollständig aufgenommen pekte des durch das Lemma bezeichneten Phä-
VIII Hinweise zur Benutzung

nomens. Der historische Teil gibt Erläuterungen zur Schemata (z. B. aaBB) bezeichnen identische Verse,
Begriffsgeschichte sowie einen kurzen geschicht- besonders Refrains.
lichen Überblick über die Entwicklung des jewei-
ligen Sachverhalts. Bei umfangreicheren Artikeln • Die Texte enthalten zahlreiche, durch den Verweis-
(etwa zu den großen Gattungen und Epochen) pfeil ä markierte Querverweise auf andere Artikel,
schließt sich, wo sachlich notwendig, ein ganz knap- in denen entweder der jeweils verwendete Begriff
per forschungsgeschichtlicher Teil an. genauer erläutert wird oder die den Artikel, aus dem
heraus verwiesen wird, inhaltlich ergänzen, kontex-
• Zitate im Text stehen in doppelten Anführungszei- tualisieren und weiterführen.
chen und werden entweder durch Nennung eines
Autornamens aus dem abschließenden Literatur- • Der abschließende, durch das Kürzel Lit. eingeleitete
verzeichnis und die Seitenzahl nachgewiesen oder – bibliographische Teil nennt in alphabetischer Rei-
insbesondere bei literarischen Texten – durch die henfolge die wichtigste und aktuellste weiterfüh-
Anführung von Autorname, Werktitel und Erster- rende Literatur, besonders Monographien, die den
scheinungsjahr. Zur besseren Auffindbarkeit wer- Begriff bzw. Sachverhalt grundsätzlich behandeln.
den soweit möglich weitere, von einzelnen Werk- Soweit sinnvoll, werden der Sekundärliteratur die
ausgaben unabhängige Angaben gemacht, etwa zu Rubriken Texte (Sammlungen von Primärliteratur),
Büchern, Kapiteln und Abschnitten, zu Akten und Übersetzungen, Bibliographien, Hilfsmittel, Buchrei-
Szenen sowie zu Versen. Bei antiken Texten folgen hen und Periodika vorangestellt.
die Angaben den in der Klassischen Philologie ein-
geführten Konventionen, jedoch ohne Abkürzung • Bei der Heranziehung späterer Ausgaben und Aufla-
der Werktitel. Biblische Bücher werden dagegen gen wird in eckigen Klammern hinter dem Titel das
durch Siglen abgekürzt, die unten in einem eigenen Erscheinungsjahr der Erstausgabe genannt, bei der
Verzeichnis aufgeschlüsselt sind. Verwendung übersetzter Titel werden die Original-
sprache und das Erscheinungsjahr der Originalaus-
• Alle Titel von Kunstwerken, Texten und Textsamm- gabe aufgeführt.
lungen stehen im Textteil des Artikels in doppelten
Anführungszeichen. Einfache Anführungszeichen • Aus Platzgründen werden wie schon im übrigen
werden für Zitate im Zitat, einzelne nicht mit Quel- Text, so auch in den bibliographischen Angaben
lennachweis versehene Kurzzitate, für Redewen- Vornamen von Autoren und als Bestandteile von
dungen und Markennamen, besonders aber für me- Titeln abgekürzt sowie alle unten aufgelisteten Ab-
tasprachlich thematisierte Begriffe verwendet (z. B.: kürzungen angewandt. Untertitel werden nur dann
Diese Form der Adaption nennt man ›modifizie- aufgenommen, wenn sie notwendig sind, um den
rend‹). Hervorhebungen werden durch Kursivdruck Bezug der Literaturangabe zum Lemma zu verdeut-
erzeugt. lichen.

• Metrische Schemata werden mit einem vereinfach- • Neben den einschlägigen, im untenstehenden Ver-
ten System dargestellt, soweit nicht der Bezug auf zeichnis aufgelisteten Zeitschriften werden auch
ein bestimmtes historisches Verssystem zur Expli- wichtige, im darauffolgenden Verzeichnis genannte
kation zwingend erforderlich ist. Das Zeichen – Handbücher und Lexika abgekürzt angeführt. Bei
steht für eine Hebung, v für eine Senkung, x für eine einer Reihe besonders häufig herangezogener Le-
Silbe, die sowohl als Hebung als auch als Senkung xika wird aus Raumgründen auf die Angabe von
realisiert sein kann. Die Zeichenkombination v be- Band, Erscheinungsjahr und Seitenzahlen verzich-
deutet, dass an dieser Stelle eigentlich eine Senkung tet; es werden neben dem Kürzel für das Nachschla-
vorgesehen ist, die jedoch durch eine Hebung er- gewerk nur Autor und Titel des Artikels genannt.
setzt werden kann. Sind Zeichen innerhalb eines Diese Lexika sind in dem Verzeichnis durch das
Schemas eingeklammert, so bedeutet das, dass die Stichwort Kurznachweis hervorgehoben.
Silbe an dieser Stelle auch entfallen kann. Z. B. steht
–v(v) für einen Daktylus, der durch einen Spondeus • Der Autor oder die Autorin wird am Schluss des Ar-
oder einen Trochäus ersetzt werden kann. Zäsuren tikels durch ein Autorenkürzel nachgewiesen, das
und Dihäresen werden durch senkrechte Striche | mit Hilfe des Verzeichnisses der Autorinnen und
markiert, Versgrenzen durch Schrägstriche / und Autoren aufgelöst werden kann. Vier Fälle der Ko-
Strophen- bzw. Abschnittsgrenzen durch doppelte operation mehrerer Autoren an einem Artikel sind
Schrägstriche //. zu unterscheiden:
1. Zeichnen zwei Autoren gemeinsam für den ge-
• Reimschemata werden mit Hilfe von Kleinbuchsta- samten Artikel verantwortlich, so sind die Auto-
ben in Kursivschrift dargestellt (z. B. abba); dabei renkürzel durch und miteinander verbunden.
steht x für eine Waise. Großbuchstaben in diesen 2. Sind die Teile eines Artikels von verschiedenen
Hinweise zur Benutzung IX

Autoren verfasst, so findet sich das Autorenkür- ter Stelle genannt. In diesen Fällen liegt zwar eine
zel jeweils unter dem Teil, für den der Autor ver- gemeinsame Autorschaft vor; allein der an zwei-
antwortlich zeichnet. Das Literaturverzeichnis ter Stelle genannte Autor übernimmt jedoch die
ist in diesen Fällen soweit nötig allein nach sach- Verantwortung für die vorliegende Textfassung.
lichen Gesichtspunkten untergliedert und nicht 4. In vielen Fällen wurden Artikel der zweiten Auf-
den einzelnen Autoren zugeordnet. lage nicht von einzelnen Autoren, sondern von
3. Wurde ein in der zweiten Auflage des »Metzler der Redaktion der Neubearbeitung des »Metzler
Literatur Lexikons« enthaltener Artikel von Lexikons Literatur« überarbeitet und aktuali-
einem anderen Autor für die Neubearbeitung siert. Diese Fälle sind mit dem ebenfalls an zwei-
ohne Beteiligung des bisherigen Autors redigiert, ter Stelle stehenden Kürzel Red. markiert. Für die
gekürzt, erweitert oder aktualisiert, so wird der vorliegende Fassung dieser Artikel zeichnen
Autor der alten Fassung an erster, der Autor der Dieter Burdorf und Burkhard Moennighoff ver-
Überarbeitung nach einem Schrägstrich an zwei- antwortlich.
Abkürzungen XI

Abkürzungen

Allgemeine Abkürzungen frz. französisch


Fs. Festschrift
Abh. Abhandlung germ. germanisch
aengl. altenglisch ggf. gegebenenfalls
afrz. altfranzösisch Ggs. Gegensatz
ahd. althochdeutsch got. gotisch
allg. allgemein gr. griechisch
am. amerikanisch (auch in Komposita, H. Heft
z. B. ›afroam.‹, ›angloam.‹, Habil. Habilitationsschrift
›lateinam.‹) Hb. Handbuch
angelsächs. angelsächsisch hebr. hebräisch
Anm. Anmerkung Hg., hg. Herausgeber, herausgegeben
anord. altnordisch Hs., Hss. Handschrift, Handschriften
arab. arabisch hsl. handschriftlich
AT Altes Testament ind. indisch
Aufl. Auflage insbes. insbesondere
Ausg. Ausgabe isländ. isländisch
Bd., Bde., Bdn. Band, Bände, Bänden it. italienisch
bearb. bearbeitet jap. japanisch
Beih. Beiheft Jb. Jahrbuch
bes. besonders Jg. Jahrgang
Bez. Bezeichnung Jh., Jh.s, Jh.e, Jahrhundert, Jahrhunderts,
bzw. beziehungsweise Jh.en Jahrhunderte, Jahrhunderten
ca. circa Kap. Kapitel
chines. chinesisch kath. katholisch
dän. dänisch lat. lateinisch
dass. dasselbe lit. literarisch
ders. derselbe Lit., Lit.en Literatur (auch in Komposita, z. B.
d. h. das heißt ›Reformationslit.‹, ›Lit.betrieb‹, ›lit.
d. i. das ist soziologisch‹), Literaturen
dies. dieselbe, dieselben (bei mehreren m. maskulinum
Autoren, die gleichermaßen für MA., MA.s Mittelalter, Mittelalters
verschiedene Werke verantwortlich mal. mittelalterlich
zeichnen) mhd. mittelhochdeutsch
Diss. Dissertation mlat. mittellateinisch
dt. deutsch (auch in ›dt.sprachig‹, aber n. neutrum
ausgeschrieben: ›Deutschland‹) Nachdr. Nachdruck
ebd. ebenda Nachw. Nachwort
Einf. Einführung n. Chr. nach Christus
eingel. eingeleitet ndt. niederdeutsch
Einl. Einleitung N. F. Neue Folge
engl. englisch nhd. neuhochdeutsch
erl. erläutert nl. niederländisch
ern. erneuert nlat. neulateinisch
erw. erweitert nord. nordisch
etc. et cetera norweg. norwegisch
ev. evangelisch Nr. Nummer
f. femininum NT Neues Testament
[Zahl] f. [die eine] folgende o. J. ohne Jahr
[Jahreszahl] ff. die folgenden Jahre bis heute (nur okzitan. okzitanisch (auch in ›altokzitan.‹)
bei unabgeschlossenen Folgen von o. O. ohne Ort
Zeitschriften oder österr. österreichisch
Sammelwerken) pers. persisch
frühnhd. frühneuhochdeutsch Pl. Plural
XII Abkürzungen

poln. polnisch Orte


portug. portugiesisch
provenz. provenzalisch Bln. Berlin
Red. Redaktion der Neubearbeitung des Ffm. Frankfurt am Main
»Metzler Lexikons Literatur« Gött. Göttingen
Repr. Reprint Hbg. Hamburg
Rez. Rezension Hdbg. Heidelberg
Rhet. Rhetorik LA Los Angeles
rhet. rhetorisch Ldn. London
röm. römisch Lpz. Leipzig
russ. russisch Mchn. München
S. Seite, Seiten NY New York
sächs. sächsisch (auch in Komposita, z. B. Stgt. Stuttgart
›altsächs.‹, ›kursächs.‹) Tüb. Tübingen
schwed. schwedisch
Sg. Singular Ferner werden die gängigen Zusätze zu Ortsnamen
sog. sogenannt (z. B. Königstein/Ts., Freiburg/Br.) sowie die Kürzel für
Sp. Spalte, Spalten US-amerikanische Bundesstaaten (z. B. Madison/Wis.)
span. spanisch verwendet.
Suppl. Supplement
tschech. tschechisch
türk. türkisch Zeitschriften
u. a. unter anderem; und andere
u. Ä. und Ähnliche, und Ähnliches ASSL Archiv für das Studium der neueren
übers. übersetzt Sprachen und Literaturen
Übers., Übers.en Übersetzung, Übersetzungen Beitr. Beiträge zur Geschichte der
unpag. unpaginiert deutschen Sprache und Literatur
unveränd. unverändert DU Der Deutschunterricht
u. ö. und öfter DVjs Deutsche Vierteljahrsschrift für
usw. und so weiter Literaturwissenschaft und
V. Vers Geistesgeschichte
v. von EG Etudes Germaniques
v. a. vor allem Euph. Euphorion. Zeitschrift für
v. Chr. vor Christus Literaturgeschichte
verb. verbessert GLL German Life and Letters
vgl. vergleiche GQ German Quarterly
vollst. vollständig GR Germanic Review
Vorw. Vorwort GRM Germanisch-Romanische
vs. versus Monatsschrift
z. B. zum Beispiel IASL Internationales Archiv für
Zs., Zss. Zeitschrift, Zeitschriften Sozialgeschichte der Literatur
z. T. zum Teil JbDSG Jahrbuch der Deutschen Schiller-
gesellschaft
JbFDH Jahrbuch des Freien Deutschen
Biblische Bücher Hochstifts
JbIG Jahrbuch für Internationale
Apg Apostelgeschichte Germanistik
Dan Daniel LiLi Zeitschrift für Literaturwissenschaft
Joh Johannes-Evangelium und Linguistik
1 Joh–3 Joh 1.–3. Johannesbrief LJb Literaturwissenschaftliches
1 Kor, 2 Kor 1., 2. Brief an die Korinther Jahrbuch der Görres-Gesellschaft
Lk Lukas-Evangelium MDG Mitteilungen des Deutschen
1 M–5 M 1.–5. Buch Mose Germanistenverbandes
Mk Markus-Evangelium Merkur Merkur. Deutsche Zeitschrift für
Mt Matthäus-Evangelium europäisches Denken
Off Offenbarung des Johannes MLN Modern Language Notes
Röm Römerbrief MLR Modern Language Review
1 Sam, 2 Sam 1., 2. Samuel Neophil. Neophilologus
Abkürzungen XIII

PMLA Publications of the Modern Bächtold-Stäubli. 10 Bde. Berlin


Language Association of America 1927–42.
Rhetorik Rhetorik. Ein internationales HWbPh Historisches Wörterbuch der
Jahrbuch Philosophie. Hg. v. Joachim Ritter
SuF Sinn und Form u. a. 13 Bde. Basel, Darmstadt 1971–
SuL Sprache und Literatur (vormals: 2007 [Kurznachweis].
Sprache und Literatur in Wissen- HWbRh Historisches Wörterbuch der
schaft und Unterricht) Rhetorik. Hg. v. Gert Ueding. Tübin-
TuK Text und Kritik gen 1992 ff. [Kurznachweis].
WB Weimarer Beiträge Killy/Meid Literatur Lexikon. Autoren und
WW Wirkendes Wort Werke deutscher Sprache. Hg. v.
ZfdA Zeitschrift für deutsches Altertum Walter Killy. 15 Bde. Gütersloh,
und deutsche Literatur Mchn. 1988–93. Bde. 13 und 14:
ZfdPh Zeitschrift für deutsche Philologie Begriffe, Realien, Methoden. Hg. v.
ZfG Zeitschrift für Germanistik Volker Meid. 1992/93. Nachdruck:
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Historisches Wörterbuch in 7 Bdn. MGG1 Die Musik in Geschichte und
Hg. v. Karlheinz Barck u. a. Stuttgart, Gegenwart. Allgemeine Enzyklopä-
Weimar 2000–05 [Kurznachweis]. die der Musik. Hg. v. Friedrich
Borchmeyer/ Moderne Literatur in Grundbegrif- Blume. 17 Bde. Kassel, Basel 1949–
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meyer, Viktor Žmegač. 2., neu MGG2, Sachteil Die Musik in Geschichte und
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[Kurznachweis]. die der Musik. 2., neu bearb. Ausg.
DWb Deutsches Wörterbuch von Jacob hg. v. Ludwig Finscher. Kassel
Grimm und Wilhelm Grimm. 16 u. a. 1994 ff. Sachteil. 9 Bde. und
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Quellenverzeichnis. Leipzig 1854– weis].
1971. Reprint in 33 Bdn. München NPauly Der Neue Pauly. Enzyklopädie der
1984 [die Bandangaben folgen Antike. 15 Bde. in 18 Bdn. und
dieser Ausgabe]. 1 Registerbd. Hg. v. Hubert Cancik
EM Enzyklopädie des Märchens. u. a. Stuttgart, Weimar 1996–2003.
Handwörterbuch zur historischen Nünning Metzler Lexikon Literatur- und
und vergleichenden Erzählfor- Kulturtheorie. Ansätze – Personen –
schung. Hg. v. Kurt Ranke u. a. Grundbegriffe [1998]. Hg. v. Ansgar
Berlin, New York 1977 ff. [Kurz- Nünning. Stuttgart, Weimar 32004
nachweis]. [Kurznachweis].
GG Geschichtliche Grundbegriffe. RAC Reallexikon für Antike und
Historisches Lexikon zur politisch- Christentum. Sachwörterbuch zur
sozialen Sprache in Deutschland. Auseinandersetzung des Christen-
Hg. v. Otto Brunner u. a. 8 Bde. in tums mit der antiken Welt. Hg. v.
9 Bdn. Stuttgart 1972–97 [Kurz- Theodor Klauser u. a. Stuttgart
nachweis]. 1950 ff. [Kurznachweis].
GRLMA Grundriß der romanischen RGA Reallexikon der germanischen
Literaturen des Mittelalters. Hg. v. Altertumskunde [1. Aufl. hg. v.
Hans Robert Jauß u. a. Heidelberg Johannes Hoops u. a. 4 Bde., 1913–
1968ff. 19]. 2., neu bearb. Aufl. Hg. v.
HWbdA Handwörterbuch des deutschen Heinrich Beck u. a. Berlin, New York
Aberglaubens. Hg. v. Hanns 1973 ff. [Kurznachweis].
XIV Abkürzungen

RGG Die Religion in Geschichte und Weimar u. a. 3 Bde. Berlin, New


Gegenwart. Handwörterbuch für York 1997–2003 [Kurznachweis].
Theologie und Religionswissen- TRE Theologische Realenzyklopädie. Hg.
schaft. Hg. v. Kurt Galling. 6 Bde. v. Gerhard Krause, Gerhard Müller.
Tübingen 1957–65 [Kurznachweis]. 36 Bde. Berlin, New York 1976–2004
RLG Reallexikon der deutschen [Kurznachweis].
Literaturgeschichte [1. Aufl. hg. v. VL Die deutsche Literatur des
Paul Merker, Wolfgang Stammler. Mittelalters. Verfasserlexikon [1.
4 Bde., 1925–31]. Bde. 1–3 hg. v. Aufl. hg. v. Wolfgang Stammler.
Werner Kohlschmidt, Wolfgang 5 Bde., 1933–67]. Hg. v. Kurt Ruh
Mohr. Bln. 21958-1977. Bd. 4 hg. v. u. a. Berlin, New York 21978ff.
Klaus Kanzog, Achim Masser. Berlin [Kurznachweis].
2
1984 [Kurznachweis]. Zedler Johann Heinrich Zedler (Hg.):
RLW Reallexikon der deutschen Großes vollständiges Universal-
Literaturwissenschaft. Neubearbei- Lexikon aller Wissenschaften und
tung des Reallexikons der deutschen Künste. 64 Bde. Halle, Leipzig 1732–
Literaturgeschichte. Hg. v. Klaus 50. Reprint Graz 1961–64.
XV

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

AB Andreas Böhn, Karlsruhe CSH Christoph Schöneich, Heidelberg


ABL Andreas Blödorn, Wuppertal CSP Carlos Spoerhase, Kiel
AC Alain Corbellari, Lausanne CSR Christian Schlösser, Amsterdam
(Schweiz) (Niederlande)
AD Anke Detken, Göttingen CWA Christian Wagenknecht, Göttingen
ADM Alexander Diehm, Stuttgart CWI Christoph Winterer, Frankfurt/M.
AG Achim Geisenhanslüke, Regensburg CWÜ Carsten Würmann, Berlin
AHD Alexander Honold, Basel (Schweiz) DB Dieter Burdorf, Leipzig
AHE Andrea Heinz, Jena DBI Dorothee Birke, Gießen
AHT Anne Hegerfeldt, Hamburg DBR Detlef Brüning, Stuttgart
AK Andreas Kraß, Frankfurt/M. DF Daniel Fulda, Halle/S.
AL Andres Laubinger, Paderborn DG Dagmar Grenz, Hamburg
AM Albert Meier, Kiel DGL Donata Gläser, Frankfurt/M.
AN Ansgar Nünning, Gießen DJ Dieter Janik, Mainz
AO Andreas Ohme, Jena DJW Dieter J. Weiss, Bayreuth
AS Anja Saupe, Heidelberg DK Dirk Kemper, Moskau (Russland)
ASP Axel Spree, Mannheim DM Dieter Martin, Freiburg
ASS Anja Schachtschabel, Jena DN Dirk Niefanger, Erlangen
AU Anne Ulrich, Tübingen DNA Dirk Naguschewski, Berlin
AUS Andreas Urs Sommer, Greifswald DO Dirk Oschmann, Jena
AW Antje Wessels, Berlin DP Dorit Philipp, Leipzig
BA Bernd Auerochs, Saarbrücken DR Detlef Roth, Hamburg
BAS Bernhard Asmuth, Bochum DW Dorothea Walz, Heidelberg
BD Burckhard Dücker, Heidelberg DWE Dietmar Wenzelburger, Esslingen
BFS Bernhard F. Scholz, Groningen DWL Dirk Werle, Leipzig
(Niederlande) EB Elisabeth Birk, Aachen
BJ Benedikt Jeßing, Bochum EC Eckehard Czucka, Braunschweig
BL Bernd Lutz, Stuttgart ED Eberhard Däschler †
BLK Barbara Lenz-Kemper, Bonn EKP Elisabeth K. Paefgen, Berlin
BM Burkhard Moennighoff, Hildesheim EM Ekkehard May, Gelnhausen
BME Bernd Meyer, Hamburg EMC Elke-Maria Clauss, Oldenburg
BP Brigitte Pfeil, Erfurt EP Erik Porath, Berlin
BQ Bruno Quast, Konstanz ES Erhard Schütz, Berlin
BS Bernhard Schnell, Göttingen EST Elisabeth Stuck, Fribourg (Schweiz)
BW Birte Werner, Konstanz EUB Elke Ukena-Best, Heidelberg
CB Christopher Balme, München FB Frank Bezner, Tübingen
CBL Christine Blättler, Berlin FE Falk Eisermann, Berlin
CD Christoph Deupmann, Karlsruhe FF Frank Fürbeth, Frankfurt/M.
CF Christoph Fasbender, Jena FH Franck Hofmann, Berlin
CFA Christina Falkenroth, Wuppertal FM Frank Möbus, Göttingen
CFI Christine Fischer, Jena FRH Frank-Rutger Hausmann, Freiburg
CK Christine Kaiser, Königslutter FS Florian Schneider, München
am Elm FSP Friedemann Spicker, Königswinter
CKI Christian Kiening, Zürich (Schweiz) GG Gunter E. Grimm, Duisburg
CKR Cordula Kropik, Jena GGI Gernot Giertz, Stuttgart
CKU Cobie Kuné, Haarlem (Niederlande) GH Gisela Henckmann, München
CL Claudia Lillge, Paderborn GHÄ Gerhard Härle, Heidelberg
CLU Cornelius Ludwig, Jena GHE Günter Helmes, Flensburg
CM Christel Meier, Münster GHÜ Gert Hübner, Leipzig
CMO Claus-Michael Ort, Kiel GK Gerhard Köpf, München
CMT Cori Mackrodt, Wiesbaden GLS Gesine Lenore Schiewer, Bern
COS Christian Oestersandfort, Bielefeld (Schweiz)
COW Carola Opitz-Wiemers, Berlin GM Günther Mahal, Knittlingen
CP Christina Pareigis, Berlin GMS Georg-Michael Schulz, Kassel
XVI Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

GR Gisela Reske, Stuttgart KPA Kathrin Pöge-Alder, Jena


GS Günther Schweikle, Stuttgart KR Kerstin Riedel, Mainz
GSR Gerhard Schäfer, Rottweil KS Kristýna Slámová, Olomouc
GST Gregor Streim, Berlin (Tschechien)
GT Gert Taube, Frankfurt/M. KT Karl Trost, Ditzingen
HBT Helmut Brall-Tuchel, Düsseldorf LB Lothar Bluhm, Landau
HD Hansgerd Delbrück, Wellington LI Lena Immer, Jena
(Neuseeland) LK Lars Korten, Kiel
HER Herta-Elisabeth Renk, Eichstätt LR Luigi Reitani, Udine (Italien)
HF Harald Fricke, Fribourg (Schweiz) LVL Lothar van Laak, Bielefeld
HFG Hartmut Freytag, Hamburg LVS Lerke von Saalfeld, Stuttgart
HFR Hans-Friedrich Reske, Stuttgart MB Manuel Braun, München
HG Hans Grote, Kassel MBA Michael Basseler, Gießen
HH Harald Haferland, Osnabrück MBE Markus Bernauer, Berlin
HHE Hans-Heino Ewers, Frankfurt/M. MBH Manuel Baumbach, Zürich
HHG Holger Helbig, Erlangen (Schweiz)
HHS Hans-Hugo Steinhoff † MBL Melanie Beschel, Basel (Schweiz)
HIR Hans-Ingo Radatz, Eichstätt MBN Michael Baldzuhn, Hamburg
HJK Heinz-Jürgen Kliewer, Landau MBR Margret Brügmann, Amsterdam
HL Hans Lösener, Münster (Niederlande)
HRB Hans Richard Brittnacher, Berlin MC Manfred Caliebe, Raisdorf
HS Heinz Schlaffer, Stuttgart MCB Maria-Christina Boerner, Fribourg
HSM Helga Schwalm, Berlin (Schweiz)
HST Harald Steinhagen, Bonn MD Markus Dauss, Frankfurt/M.
HTE Henning Tegtmeyer, Leipzig MDC Marianne Derron Corbellari,
HTO Horst Tonn, Tübingen Neuchâtel (Schweiz)
HVT Hans von Trotha, Berlin ME Matthias Eitelmann, Mannheim
HW Helmut Weidhase, Konstanz MFS Mirko F. Schmidt, Paderborn
HWF Haiko Wandhoff, Berlin MG Marion Gymnich, Gießen
IA Irmgard Ackermann, München MGR Michael Grisko, Lübeck
ID Irina Denissenko, Jena MGS Manfred Günter Scholz, Tübingen
IS Irmgard Schweikle † MH Martin Huber, Hagen
JB Joachim Bark, Stuttgart MJS Martin Johannes Schubert, Berlin
JBL Joan Bleicher, Hamburg MK Manfred Kern, Salzburg
JBR Jasmin S. Behrouzi-Rühl, Echzell (Österreich)
JE Jens Eder, Hamburg MKN Michael Knoche, Weimar
JEA Jan Erik Antonsen, Zürich (Schweiz) MKO Michael Konitzer, München
JG Jürn Gottschalk, Göttingen ML Martin Leubner, Flensburg
JGP Jörn Glasenapp, Lüneburg MM Matias Martinez, Wuppertal
JH Jutta Heinz, Jena MME Michael Mecklenburg, Berlin
JHA Janine Hauthal, Frankfurt/M. MN Markus Neumann, Bremen
JHE Joachim Heinzle, Marburg MNE Michael Neecke, Regensburg
JHN Jens Haustein, Jena MO Michael Opitz, Berlin
JK Jürgen Kühnel, Siegen MOT Michael Ott, München
JKN Joachim Knape, Tübingen MP Matthias Perkams, Jena
JL Jörg Löffler, Oldenburg MR Michael Rupp, Chemnitz
JM Julia Müller, Jena MSE Monika Schmitz-Emans, Bochum
JO Joachim Ott, Jena MSP Monika Sproll, Gießen
JR Johannes Rettelbach, Würzburg MSR Markus Schauer, Berlin
JRT Jan Röhnert, Jena MV Martin Vöhler, Berlin
JS Jörg Schönert, Hamburg MW Markus Winkler, Genf (Schweiz)
JSR Jörg Schuster, Marbach/N. MWA Meike Wagner, Mainz
JW Jörg Wesche, Augsburg NB Nana Badenberg, Basel (Schweiz)
KB Karin Becker, Stuttgart NBI Nina Birkner, Marburg
KH Klaus Hübner, München NH Nikola Herweg, Bad Nauheim
KHE Kirsten Hertel, Heidelberg NI Nikolas Immer, Jena
KHH Klaus Harro Hilzinger, Stuttgart NL Nadja Lux, Göttingen
KK Kai Kauffmann, Bielefeld NM Nine Miedema, Münster
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren XVII

NST Nadyne Stritzke, Gießen SMB Sandra Mühlenberend, Leipzig


NW Nikolaus Wegmann, Princeton SMI Stefan Michel, Weida
(USA) SO Sören Ohlhus, Dortmund
OB Otto Bantel † SP Stephan Porombka, Hildesheim
OJ Oliver Jahraus, Bamberg SPA Stephan Pabst, Jena
PH Peter Hühn, Hamburg SSE Sebastian Seyferth, Joensuu
PHA Peter Haischer, Jena (Finnland)
PHE Peter Hölzle, Stuttgart SSI Sikander Singh, Düsseldorf
PJV Petra Jenny Vock, Trier SSM Silke Segler-Messner, Stuttgart
PK Peter Köhler, Göttingen ST Stefan Tebruck, Jena
PKL Paul Kahl, Göttingen SW Stefanie Würth, Tübingen
PP Patricia Plummer, Mainz SWI Simone Winko, Göttingen
PS Peter Seibert, Kassel TAS Thomas A. Schmitz, Bonn
RB Rudolf Brandmeyer, Duisburg TH Torsten Hoffmann, Göttingen
RBE Roland Berbig, Berlin TK Tilmann Köppe, Göttingen
RBL Roland Bluhm, Berlin TM Thomas Mertel, Leipzig
RBS Rose Beate Schäfer, Tübingen TT Toni Tholen, Hildesheim
RBU Remigius Bunia, Köln TU Thorsten Unger, Göttingen
RC Remy Charbon, Fribourg (Schweiz) TV Theodor Verweyen, Erlangen
RD Reinhard Döhl † TZ Thomas Zabka, Oldenburg
RF Robert Fajen, Würzburg UJ Ulrich Joost, Darmstadt
RGB Ralf Georg Bogner, Saarbrücken UK Ursula Kliewer, Landau
RHS Ralf-Henning Steinmetz, Kiel UKO Ursula Kocher, Berlin
RI Roland Innerhofer, Wien UM Ulrich Müller, Salzburg (Österreich)
(Österreich) UME Urs Meyer, Fribourg (Schweiz)
RK Ralph Köhnen, Bochum UMI Ulrich Miehe, Marburg
RKO Rainer Kolk, Bonn UMS Uwe Meves, Oldenburg
RKR Rüdiger Krohn, Chemnitz UP Ulrich Port, Trier
RM Ralph Müller, Fribourg (Schweiz) US Ulrich Steltner, Jena
RRG Reinhold R. Grimm, Jena USP Uwe Spörl, Bremen
RS Rüdiger Scholz, Freiburg UV Ulrike Vedder, Berlin
RSI Rüdiger Singer, Göttingen UW Ulrich Wyss, Frankfurt/M.
RSR Reinold Schmücker, Greifswald VD Volker Deubel, München
RZ Rüdiger Zymner, Wuppertal VL Verena Laubinger, Hildesheim
SAR Silke Anzinger, Berlin VM Volker Mertens, Berlin
SB Susanne Bürkle, Köln VT Volker Titel, Erlangen
SBE Sabina Becker, Freiburg WA Wolfgang Achnitz, Münster
SBL Stefan Blechschmidt, Jena WB Wolfgang Beck, Jena
SD Sabine Doering, Oldenburg WD Walter Delabar, Hannover
SF Sotera Fornaro, Sassari (Italien) WDE Wolf-Dieter Ernst, München
SFJ Stephan Fuchs-Jolie, Mainz WG Wilhelm Graeber, Göttingen
SG Sonja Glauch, Erlangen WHO Wiebke Hoheisel, Göttingen
SH Sabine Haupt, Fribourg (Schweiz) WN Wolfgang Neuber, Berlin
SHO Susanne Holmes, Uelzen WOD Wulf-Otto Dreeßen, Stuttgart
SK Susanne Köbele, Erlangen WS Wolfgang Schramm, Göttingen
SKL Sandra Kluwe, Heidelberg WVB Wiebke von Bernstorff, Hildesheim
SKR Sven Kramer, Lüneburg WW Waltraud Wende, Groningen
SM Stefan Matuschek, Jena (Niederlande)
1

A
Abbildtheorie ä Widerspiegelungstheorie. »Hulthemschen Hs.« (ca. 1410) überlieferten Stücke in
Abbreviatio, f. [mlat., von lat. breviare = verkürzen], etwa tausend kunstlosen Reimpaarversen setzen Stoffe
Verknappung einer Aussage, z. B. durch Participium des ä höfischen Romans in Szene (»Esmoreit«; »Glori-
absolutum, Ablativus absolutus, ä Ellipse, Vermeidung ant«; »Lanseloet van Denemerken«). Im Zentrum der
von Wiederholungen (ä Geminatio) oder Kompri- Handlung stehen Liebe (im »Gloriant« zu einer saraze-
mierung mehrerer möglicher Sätze in einen; Stil- nischen Prinzessin), Intrige (»Lanseloet« entspricht
ideal der brevitas (Tendenz zur Kürze). Ggs.: ä Ampli- »Pyramus und Thisbe«) und Standesbewusstsein (Va-
ficatio. GS/Red. tersuche im »Esmoreit«), die in affektiven Monologen
Abbreviaturen, f. Pl. [mlat. abbreviare = abkürzen], entfaltet werden. – Die a. sp. entstammen offenbar
auch: Abbreviationen; v. a. paläographische Bez. für dem Repertoire wandernder Theatergruppen (sechs
systematische ä Abkürzungen in Hss. und alten Dru- bis acht Akteure). Nach dem Zeugnis des Jodocus Ba-
cken. GS/Red. dius (geboren um 1461) arbeitete man mit Masken,
ABC-Buch ä Fibel. um alle Rollen besetzen zu können (eine Anknüpfung
Abdankung ä laudatio funebris. an die antike Maskentradition ist auszuschließen).
Abduktion ä Hermeneutik. Bühnenanweisungen fehlen weitgehend. Die Auffüh-
Abecedarium, n. [lat.], nach dem Alphabet struktu- rung fand in geschlossenen Räumen statt, wahrschein-
rierter Text. Das A. ist der Sache nach international lich auf mit einfacher Dekoration (Teppiche, Vor-
und bereits in den hebr. ä Psalmen zu beobachten (Ps hänge) ausgestatteten ä Simultanbühnen. Am Ende
119; Klagelieder 1–5); der – von den ersten vier Buch- der Spiele wird das Publikum dazu eingeladen, der
staben des lat. Alphabets abgeleitete – Begriff ist seit Aufführung des nachfolgenden Possenspiels (ä Klucht)
dem Früh-MA. geläufig für strophische oder prosa- beizuwohnen. – Die a. sp. gelten als weniger komplexe
ische, durch alphabetisch geordnete Binneneinheiten Vorläufer der theatralischen Bemühungen der ä Rede-
(Strophen, Absätze) organisierte Texte. Die Bez. kon- rijkers.
kurriert mit dem Wort ›Alphabet‹, das auf die ersten Lit.: W. M. H. Hummelen: Abel spel. In: LMA. – G.
beiden gr. Buchstaben zurückgeht, sowie mit dem nach Komrij (Hg.): De a. sp. Den Haag 1989. – G. Stellinga:
den ersten drei Buchstaben des lat. Alphabets benann- De a. sp. Groningen 1955. CF
ten ›ABC‹ (»Goldenes ABC«; »ABC vom heiligen Sa- Abendlied ä Serenade.
krament«). – In die dt. Lit. fanden Abecedarien Ein- Abendmahlsspiel, ä geistliches Spiel des MA.s, be-
gang in der Nachahmung lat. ä Hymnen und ä Sequen- stimmt für Gründonnerstag. Die A.e des dt. Sprachge-
zen (1) etwa durch den Mönch von Salzburg (»Das biets, das Prager A. (um 1400) und zwei Spiele aus dem
guldein ABC«, 14. Jh.) und Heinrich Laufenberg (15. Sterzinger Spielarchiv, das Bozner A. (Ende des 15.
Jh.). Die Organisation nach dem ABC erhöhte die Me- Jh.s) und das Sterzinger A. (Anfang des 16. Jh.s), tra-
morierbarkeit und prinzipiell auch die Stabilität von gen die Eigenbez. Ludus de (in) cena domini. Das Pra-
Texten über alle Unbilden hsl. Überlieferung hinweg. ger A. fängt mit dem Gastmahl bei Simon Leprosus an
Der Nachweis seiner Verwendung ermöglicht zudem und endet mit der Aufforderung Jesu an seine Jünger,
plausible Rekonstruktionen (Straßburger »Eulenspie- mit ihm in den Garten Gethsemane zu gehen. Das
gel«-Druck, 1510 f.). Als gelehrte Spiele begegnen abe- Bozner A. hat als erste Szene eine Judenberatung, das
cedarische ä Akrosticha v. a. im 17. Jh. (Q. Kuhlmann: Sterzinger A. eine Teufelsberatung, beide Spiele enden
»Kühlpsalter«, 1684–86). In ironischer Distanz zitieren mit der Verhaftung Jesu. Die Abendmahlsszene enthält
Jean Paul, W. Busch und K. Schwitters das Gliede- die Vorbereitungen zum Abendmahl, das Abendmahl
rungsmittel. – Der Begriff wurde sekundär (doch be- mit der Einsetzung der Eucharistie, die Vorhersage des
reits im MA.) auf einfache, alphabetisch organisierte Judasverrats und die Verräterbez., die Ankündigung
Lernmittel mit Vollständigkeitsanspruch angewendet, der Verleugnung Petri und die Fußwaschung. Das
wie sie sich auch noch in der Aufklärung vielfach fin- Abendmahl kommt oft als Szene in ä Passionsspielen
den. vor.
Lit.: A. D. von den Brincken: Tabula alphabetica. In: Fs. Lit.: Y. Dohi: Das Abendmahl im spätmal. Drama. Ffm.
für H. Heimpel. Gött. 1972, S. 900–923. – F. J. Holzna- u. a. 2000. CKU
gel, R. Weigand: Abecedarien. In: R. Bäumer, L. Scheff- Abenteuerroman, seit 1879 (R. Koenig: »Dt. Lit.ge-
czyk (Hg.): Marienlexikon. Bd. 1. St. Ottilien 1988, schichte«, nach vorher üblichem ›Abenteurerroman‹)
S. 12 f. – N. F. Palmer: A.2. In: RLW. CF Oberbegriff für Romane, die sich durch Stofffülle und
A· bele spelen, n. Pl. [nl. = schöne Spiele; abele von lat. abenteuerliche Spannung auszeichnen und in denen
habilis = schön, geziemend; spel = Spiel], älteste natio- der Held in eine bunte Kette von Ereignissen oder Irr-
nale Sonderform des Theaters in den Niederlanden, fahrten verwickelt wird. Charakteristika des A.s sind:
die um die Mitte des 14. Jh.s aufkommt. Die in der der Ausbruch des meist mittelständisch positionierten,
2 Abenteuerroman

wenig entwicklungsfähigen Helden aus einer festge- gen (V. Hugo: »Les Misérables«, 1862), auch technisch-
fügten Ordnung in eine unbekannte, als fremd erfah- utopische Zukunftsphantasien (J. Verne). Motive des
rene Welt, die lockere Folge relativ selbständiger, um A.s finden sich auch in den Werken A. Dumas’ (père),
diesen gruppierter Geschichten (›Kettenstruktur‹), der E. Sues, H. Melvilles, Mark Twains, J. Londons, B. Cen-
meist volkstümlich-realistische Stil und das vorder- drars’ , B. Chatwins, Ch. Ransmayrs. Während in An-
gründig-handgreifliche Geschehen, das in der Regel tike und MA. sich der Held den Abenteuern unter-
fiktiven Charakter hat. A.e dienen nicht der Darstel- zieht, um »Ehre« zu gewinnen, sind für den Abenteu-
lung innerer Konflikte oder Entwicklungen, sondern rer der Neuzeit der Ausbruch aus der festgefügten Welt
intendieren Unterhaltung und allenfalls Belehrung des bürgerlicher Ordnungen und die oft gefahrvolle Reise
Lesers und sind z. T. mit dem jeweiligen Populärwissen ins Unbekannte bzw. die Erfahrung physisch-psy-
ihrer Zeit angereichert. chischer Extrem-Situationen symptomatisch, wobei
Im MA. sind nach diesem Schema die ä Spielmanns- die Motive von positiver Neugier bis zum negativen
dichtungen (1), z. B. »Herzog Ernst«, angelegt, ebenso Zivilisationsüberdruss reichen können, letztlich aber
später die ä Volksbücher. A.e begegnen in großer Zahl Ausdruck einer heldischen Bewährungsstrategie sind.
vom Barock (ä Schelmenroman, ä Avanturierroman) Im 20. Jh. nimmt einerseits die sozialkritische Tendenz
über die Trivialromane des 18. Jh.s (ä Geheimbund-, der A.e zu, andererseits ist die Verlagerung von der
ä Schauerromane, K. Grosse, K. G. Cramer, Ch. A. Vul- weitgehend erforschten Erde auf extraterrestrische Re-
pius) bis ins 19. Jh. Sie werden (je nach Stoff und gionen (ä Science-Fiction) ein Symptom für die Haupt-
Schwerpunkt und nicht immer deutlich abgrenzbar) motivation des A.s: die curiositas als Grundbedürfnis
als Schelmen-, Lügen-, Reise-, Räuber-, Schauerroman des Menschen. In den Bestsellern von U. Eco (»Der
unterschieden. Seit der Antike finden sich aber auch in Name der Rose«, »Baudolino«) verbinden sich A. und
lit. anspruchsvollen Werken abenteuerliche Erlebnisse historischer Roman. Im Übrigen besitzt im 20. Jh. der
der Helden; jedoch sind hier die Episoden nicht Selbst- Begriff ›A.‹ keine gattungskonstituierende Verbind-
zweck, sondern in die Darstellung integriert: auf solche lichkeit mehr, die A.e selbst gelten entweder als Aus-
Werke trifft die Bez. ›A.‹ nur partiell zu. Es sind dies druck eines utopisch-revolutionären Impetus (E.
etwa in der Spätantike der »Goldene Esel« des Apu- Bloch) oder einer affirmativ-regressiven Projektion
leius, die »Aithiopika« des Heliodor, im MA. die Artus- (Märtin).
epen, von denen eine Fülle verflachter Nachahmungen Lit.: H. Eggebrecht: Sinnlichkeit und Abenteuer. Die
abstammen (ä Amadisromane, ä Ritterromane), zu Entstehung des A.s im 19. Jh. Bln., Marburg 1985. –
denen als Gegenbewegung wiederum satirische A.e V. Klotz: Abenteuer-Romane. Mchn., Wien 1979. –
bzw. pikareske Romane entstanden (»Lazarillo de A. Maler (Hg.): Exotische Welt in populären Lektüren.
Tormes«, 1554; M. de Cervantes: »Don Quichote«, Tüb. 1990. – R.-R. Märtin: Wunschpotentiale. Ge-
1606; H. J. Ch. v. Grimmelshausen: »Simplizissimus«, schichte und Gesellschaft in A.en von Retcliffe, Ar-
1669 [ä Simpliziaden]; A.-R. Le Sage: »Gil Blas«, 1719). mand, May. Königstein 1983. – H. Pleticha, S. Augus-
Auch D. Defoes »Robinson« (1719) rief in ganz Europa tin: Lexikon der Abenteuer- und Reiselit. von Afrika
eine Flut oberflächlicher Nachahmungen hervor bis Winnetou. Stgt. 1999. – F. Schegk (Hg.): Lexikon
(ä Robinsonaden). Abenteuerliche Lebensläufe schil- der Reise- und Abenteuerlit. Meitingen 1988. – H.
dern auch Voltaire in seinem philosophisch fundierten Schmiedt: A. In: RLW. – S. Schott-Tannich: Der ethno-
»Candide« (1759), S. Richardson in seinen empfind- graphische Abenteuer- und Reiseroman des 19. Jh.s im
samen Romanen, ferner H. Fielding in seinem als Pro- Urteil der zeitgenössischen Rezensenten. Kassel 1993.
test dagegen entstandenen »Tom Jones« (1749). Die im – B. Steinbrink: Abenteuerlit. des 19. Jh.s in Deutsch-
A. implizierte Spielart des Reiseromans wird bes. im land. Tüb. 1982. GG
18. Jh. beliebt (J. A. Musäus, M. A. Thümmel, J. C. We- Abgesang, zweiter Teil der mhd. Kanzonen- oder
zel). Blütezeit des A.s war das späte 18. und frühe 19. ä Stollenstrophe. Der A. folgt dem ä Aufgesang, von
Jh. Die Abenteuermotive in den Werken der Klassik dem er sich metrisch und musikalisch unterscheidet;
und Romantik (J. W. Goethe: »Wilhelm Meisters Lehr- meistens ist er kürzer als der Aufgesang, aber länger als
jahre«; J. v. Eichendorff: »Aus dem Leben eines Tauge- dessen einzelne ä Stollen. Die Reimkombinationen va-
nichts«; Jean Paul: »Flegeljahre«, L. Tieck, E. T. A. riieren. Oft werden in Aufgesang und A. dieselben
Hoffmann) sind zu verstehen als geistige Abenteuer Wörter gebraucht (z. B. diejenigen in Anfangs- oder
und prägen hinfort ä Künstler- und ä Bildungsromane. Endposition); diese Wiederholungen können auf einen
– Im 19. und 20. Jh. zeichnet sich der A. durch psycho- inhaltlichen Zusammenhang hinweisen. KS
logische Vertiefung, z. T. auch Zeitkritik aus (H. Kurz: Abhandlung, f., 1. im 17. Jh. übliche Bez. für den
»Der Sonnenwirt«, 1854; R. L. Stevenson, J. Conrad). ä Akt oder ä Aufzug im Drama. – 2. Wissenschaftliche
Daneben steht das Interesse an der Ethnographie neu Arbeit über ein Problem; ä Aufsatz, ä Monographie;
erschlossener Erdteile (J. F. Cooper und seine dt. Nach- früher: ä Diskurs, ä Traktat.
folger Ch. Sealsfield, B. Möllhausen, F. Gerstäcker, K. Abkürzung, Weglassung von Buchstaben, Silben,
May, B. Traven) und an der Geschichte, v. a. des MA.s Wörtern oder Wortfolgen aus Raum- oder Zeitgrün-
(W. Scott, Ch. de Coster). Hinzu treten soziale Anlie- den. Die heutige A.stechnik folgt weitgehend schon in
Abstrakte Dichtung 3

der Antike vorgegebenen Prinzipien, etwa dem Prin- Mallarmé (»Crise de vers«, 1895) erweitert Baudelaires
zip der A. durch Suspension (Weglassung: AEG = All- Modell, indem er Sprache sowohl der außersprach-
gemeine Elektrizitäts-Gesellschaft), bes. aber dem Ver- lichen Wirklichkeit als auch den subjektiven Intenti-
fahren der röm. Juristen, für das der Punkt hinter der onen des Künstlers gegenüber absolut setzt: »Das reine
A. typisch ist (S. P. Q. R. = Senatus Populusque Roma- Werk impliziert das kunstvoll beredte Verschwinden
nus). Man unterscheidet Reduktion auf den ersten An- des Poeten, der die Initiative an die Wörter abtritt.« Im
fangsbuchstaben (d. h. = das heißt), auf Anfangs- und Sinne Mallarmés definiert P. Valéry ›a. D.‹ als System
einen oder mehrere Folgebuchstaben (Tel. = Telefon), der Wechselbezüge von Ideen und sprachlichen Aus-
auf Anfangs- und Mittelbuchstaben (Jh. = Jahrhun- drucksmitteln. Er löst den künstlerischen Anspruch
dert), Anfangs-, Mittel- und Endbuchstaben (Slg. = der a.n D. von den traditionellen Bereichen Moral und
Sammlung), Anfangs- und Endbuchstaben (Nr. = Theologie ab, um ein ästhetisches Ideal zu proklamie-
Nummer). Bei A.en von Wortfolgen ergeben oft deren ren, das sich angesichts des alltäglichen Sprachge-
Anfangsbuchstaben oder -silben ein neues Kurzwort brauchs allerdings nur partikular verwirklichen lässt.
(ä Akronym). – Systematisiert in spätantiken Kanz- Die frz. Tradition der a.n D. findet, vermittelt durch St.
leien (bereits A.sverzeichnisse), prägten A.en (Abbre- George, H. v. Hofmannsthal und R. M. Rilke, im dt.
viaturen) die mal. Schreibpraxis und (trotz des er- Sprachraum ihre Weiterführung bei G. Benn, der
schwerenden Typenaufwandes) die frühen Drucke. Bis ebenfalls den reinen Wortbezug des modernen Ge-
heute spielen A.en in fachsprachlichen Kontexten, aber dichts unterstreicht (»Probleme der Lyrik«, 1951). In
auch in der Alltags- und Jugendsprache, im ä Rap und Benns Ästhetik wird das Gedicht zum Statthalter des
in der Lit. (etwa bei A. Schmidt) eine wichtige Rolle. Absoluten: Aufgrund der durch F. Nietzsche vermit-
Normierte A.en heißen ä Siglen. telten Erfahrung, dass alle Ideale ihren Sinn verloren
Lit.: F. A. Buttress, H. J. Heaney (Hg.): World Guide to haben, setzt Kunst sich selbst absolut und bietet damit
Abbreviations of Organizations. Glasgow u. a. 91991. – ein letztes Refugium metaphysischer Sinnsuche. Vor
A. Cappelli: Lexicon abbreviaturarum. Mailand 61999. dem Hintergrund der konkreten geschichtlichen
– P. A. Grun: Schlüssel zu alten und neuen A.en. Lim- Wirklichkeit ist Benns Position von P. Celan kritisiert
burg 1966. – D. Stahl, K. Kerchelich: Abbreviations worden: »Das absolute Gedicht – nein, das gibt es ge-
Dictionary. NY 102001. HFR/Red. wiß nicht, das kann es nicht geben!« (»Der Meridian«,
Abschwörungsformel ä Taufgelöbnis. 1960) Mit der Betonung des dialogischen Charakters
Absolute Dichtung [lat. absolutus = abgelöst, befreit, moderner Dichtung, die sich explizit gegen Mallarmé
vollendet], Erscheinung der modernen Lyrik, bei wel- und Benn richtet, überwindet Celan die Antithese von
cher der immanente Sprachbezug des Gedichts der au- absoluter und engagierter Dichtung und damit die ein-
ßersprachlichen Wirklichkeit gegenüber autonom ge- seitige Bestimmung der Lyrik als reiner Sprachkunst.
setzt wird. – A. D. verkörpert den Anspruch der Lyrik, Lit.: B. Böschenstein: Studien zur Dichtung des Abso-
sich frei von den äußerlichen Bezügen zur Welt ganz luten. Zürich, Freiburg 1968. – H. Friedrich: Die Struk-
auf das innersprachliche ä Spiel der ä Zeichen zu be- tur der modernen Lyrik. Reinbek 1956. – M. Schmitz-
schränken. In Übereinstimmung mit der Grundten- Emans: Die Sprache der modernen Dichtung. Mchn.
denz moderner Lyrik zeichnet sie sich durch ein ausge- 1997. AG
prägtes Formbewusstsein und eine Tendenz zur Ent- Absolute Musik ä Musik und Lit.
dinglichung aus, welche die schöpferische Seite der Abstrakte Dichtung, uneinheitliche und umstrittene
Kunstherstellung hervorhebt (ä Artistik). In der a.n D. Bez. für eine sowohl vom Gegenständlich-Darstellen-
verbindet sich der antimimetische Impuls ferner mit den als auch vom Logisch-Semantischen sich abhe-
einem weitgehenden Verzicht auf den kommunika- bende Lyrik, die die Sprache primär unter dem Aspekt
tiven Aspekt der Sprache, der zu einer Reduktion des ihrer Materialität und Funktionalität einsetzt, um so
Adressatenkreises führt und die a. D. in die Nähe neue Gestaltungsräume zu gewinnen. A. D. bezieht
ä hermetischer Lit. rückt. Ihr tendenziell elitärer ihre Ausdruckskraft aus sprachlichen – auch akustisch
Standpunkt bringt sie in einen Ggs. zu allen Formen (ä Lautgedicht) bzw. optisch (ä visuelle Poesie) wirk-
praxisbezogener Sprache, insbes. zur ä engagierten Lit. samen – Zeichen, die nicht auf gegenständliche Welten
– Die Ursprünge der a.n D. liegen in der Romantik. In verweisen, sondern auf das Zeichensystem selbst und
seinem Prosatext »Monolog« (um 1800) legt Novalis dessen Bedeutungspotentiale. Für die mangelnde
mit der These, dass Sprache sich bloß um sich selbst Trennschärfe gegenüber Begriffen wie ä ›absolute‹,
kümmere, die Grundlage für das Verständnis der ä ›elementare‹, ä ›konsequente‹, ›materiale Dichtung‹,
Dichtung als einer reinen Sprachform. Ihre dauerhafte v. a. aber ä ›konkrete Poesie‹ lassen sich drei Gründe
Ausprägung erfährt die a. D. in Frankreich. Ch. Baude- anführen: Erstens beruht jegliche Literarisierung auf
laire entwickelt in dem Gedicht »Correspondances« Abstraktionsprozessen (vgl. Simm); zweitens verwen-
(1857) die Vorstellung einer metaphorischen Ordnung den die Künstler selbst wechselnde Begriffe (Kan-
von sprachlichen Ähnlichkeitsverhältnissen, die zu- dinsky ersetzt ›abstrakte Kunst‹ 1935 durch ›reale‹,
gleich Urgrund der modernen Dichtung und Vermitt- 1938 durch ›konkrete Kunst‹); drittens funktionieren
lung von Geist und Sinnlichkeit sein kann. St. ›abstrakt‹ und ›konkret‹ als relationale Begriffe: Die
4 Absurde Dichtung

Auflösung konventioneller Sprachkohärenzen in den Lit.: M. Esslin: Das Theater des Absurden [engl. 1961].
Produktionen der a.n D. kann bei der Rezeption zur Reinbek 1985. – U. Frackowiak: Absurd. In: RLW. –
Bildung von sinnstiftender Referenzialität und damit Dies.: Absurdes Theater. In: RLW. – W. F. Haug: Kritik
zur neuerlichen Konkretisierung des Dargestellten des Absurdismus [1966]. Köln 1976. CSR
führen. – Als Vorläufer können Lautgedichte und visu- Absurdes Theater ä théâtre de l’ absurde.
ell-typographische Dichtungen von A. Holz, Ch. Mor- Abunda·nz, f. [lat. abundantia = Überfluss, Reichhal-
genstern (»Fisches Nachtgesang«, 1905), P. Scheerbart tigkeit], Stilbegriff mit positiver (bei Cicero: Wortfülle,
und G. Apollinaire gelten. Der Kunsthistoriker W. reichhaltiger Redefluss) oder negativer Konnotation
Worringer forderte noch, »das einzelne Ding der Au- (bei Quintilian: Übermaß sprachlicher Ausdrucks-
ßenwelt […] durch Annäherung an abstrakte Formen formen, die denselben Gedanken mehrmals wiederge-
zu verewigen« (S. 21); die Dadaisten und Futuristen ben). RBS
setzten dem das Prinzip kritischer Destruktivität ent- Abvers, zweiter Teil eines ä Langverses oder eines
gegen. Der ä Sturmkreis um H. Walden (ab 1910), ä Reimpaares, auch Schlussvers eines ä Stollens; Ggs.:
H. Arp und K. Schwitters zielt ebenso wie V. Chlebni- ä Anvers.
kov (»Zangezi«, 1922) auf neue Qualitäten der Sagbar- Abweichung, Begriff der Lit.theorie. Anders als die
machung, die unterschiedliche Grade der Abstraktion Regelpoetik gibt die A.spoetik keine Normen an, de-
zeigen: in neuer Syntax verdichtete Neologismen nen jeder lit. Text genügen soll, sondern bestimmt Lit.
(A. Stramm), durch Sequenzierung, ä Rhythmus und mit Blick darauf, dass ihr Sprachgebrauch gegen die
ä Klang musikalisch durchgestaltete Buchstabenfolgen normale Sprachverwendung verstößt. Dieser kalku-
(Schwitters: »Ursonate«, 1922–32), die universale Ster- lierte Verstoß hat funktionale Bedeutung (z. B. bei der
nensprache der zaum’ -Poetik (V. Chlebnikov). – Nach Konstitution von formalen Strukturen oder der Erzeu-
1945 wird a. D. in verschiedene Richtungen weiterent- gung bestimmter Wirkungen). Die A. hat im Rahmen
wickelt: von M. Bense (ä Informationsästhetik, ä Com- der A.stheorie, wie sie z. B. im russ. ä Formalismus, in
putertexte), E. Jandl (Sprechgedichte), E. Gomringer, der linguistischen Poetik R. Jakobsons oder in dem
dem frz. ä Lettrismus (I. Isou, H. Chopin), von ä Ou- Lit.modell H. Frickes vertreten wird, den Rang eines
lipo, der ä Wiener Gruppe (G. Rühm, H. C. Artmann), Merkmals von Lit.
H. Heißenbüttel, F. Mon und O. Pastior. Lit.: Th. Anz: A. In: RLW. – H. Fricke: Norm und A.
Lit.: B. Allemann: Gibt es a. D.? In: A. Frisé (Hg.): De- Eine Philosophie der Lit. Mchn. 1981. – Ders.: Gesetz
finitionen. Ffm. 1963, S. 157–184. – R. N. Maier: und Freiheit. Eine Philosophie der Kunst. Mchn. 2000.
Paradies der Weltlosigkeit. Stgt. 1964. – H.-J. Simm: – R. Jakobson: Poetik. Ffm. 1979. BM
Abstraktion und Dichtung. Bonn 1989. – E. Stahl: Académie française ä Klassik.
Anti-Kunst und Abstraktion in der lit. Moderne Acce·ssus ad auctores, m. [lat. = Annäherung an die
(1909–33). Ffm. 1997. – W. Worringer: Abstraktion Autoren], Pl. accessus a.a.; den Abschriften von Wer-
und Einfühlung. Mchn. 1908. UV ken antiker Schulautoren (u. a. Vergil, Boethius, Avian)
Absu·rde Dichtung [lat. absurdus = misstönend, unge- seit der Spätantike vorangestellte Einleitung, die lit.ge-
reimt, sinnlos], Sammelbez. für Lit.formen, die sich schichtliches Wissen anhand bestimmter, relativ ver-
mimetisch-repräsentativen Verweisungszusammen- bindlicher Schemata aufführt. Die Fragenkataloge be-
hängen verweigern. Für das absurde Drama (ä théâtre rücksichtigen etwa: 1. die aus den Grammatiken über-
de l’ absurde) waren Bühnenwerke von A. Jarry, G. nommenen Aspekte locus, tempus und persona; 2. (seit
Apollinaire sowie aus dem ä Surrealismus grundle- Servius) vita poetae, titulus operis, qualitas carminis,
gend; auf die a. D. generell hatte die Prosa F. Kafkas intentio scribentis, numerus und ordo librorum, expla-
und des ä Expressionismus großen Einfluss. Ab den natio; 3. die aus dem Rhet.-Unterricht bekannten
1940er Jahren werden A. Camus (»Le mythe de Sisy- septem circumstatiae (Umstände): quis, quid, cur, quo-
phe«, 1942), E. Ionesco (»La cantatrice chauve«, 1950), modo, quando, ubi, quibus facultatibus; 4. die v. a. von
S. Beckett (»En attendant Godot«, 1953) und J. Genet Konrad von Hirsau und Bernhard von Utrecht (12. Jh.)
(»Le balcon«, 1956) prägend für die a. D. Ursprungs- aufgestellten Fragen nach operis materia, scribentis in-
impuls der a.n D. ist die Entdeckung der Welt als meta- tentio, pac uirti philosophiae supponatur, utilitas und
physisches Niemandsland (vgl. F. Nietzsche: »Die Ge- finalis causa. – Nicht immer wurden alle Aspekte be-
fangenen«; in: »Menschliches Allzumenschliches«, Bd. rücksichtigt, auch wechselte die Reihenfolge. Die vom
2: »Der Wanderer und sein Schatten« [1880/86], Nr. 8. bis ins 12. Jh. florierende a. a. a.-Lit. brachte reflek-
84), was zur Darstellung entfremdeter und destruierter tierte, den Lehrplan unter didaktischem Aspekt sinn-
Menschlichkeit führt. Im absurden Drama werden voll staffelnde Sammlungen hervor. – Zu volksspra-
herkömmliche Konzepte wie ä Handlung, ä Held und chigen Phänomenen vgl. ä Vida.
ä Dialog zugunsten von ä Ritual und ä Parabel, De- Lit.: H. Brinkmann: Mal. Hermeneutik. Tüb. 1980. – G.
monstrationsfigur und kontaktlosem Räsonieren auf- Glauche: Schullektüre im MA. Mchn. 1970. – N. Hen-
gegeben. Auch Prosatexte (z. B. von D. Charms, St. J. kel: Dt. Übers.en lat. Schultexte. Mchn. 1988. – A. Suer-
Witkiewicz, H. Pinter, E. Albee, W. Hildesheimer und baum: A. a. a. In: E. Anderson u. a. (Hg.): Autor und
P. Handke) können Züge a.r D. aufweisen. Autorschaft im MA. Tüb. 1998, S. 29–37. CF
Adoleszenzliteratur 5

Accumulatio, f. [lat. = Anhäufung], auch: frequen- Übernahme des Titels des transformierten Werkes an-
tatio; ä rhet. Figur: syntaktisch enge, syndetische oder gezeigt. Typen der A. lit. Werke werden zunächst nach
asyndetische – also mit oder ohne Konjunktionen ge- den für die A. gewählten (Medien-)Gattungen unter-
baute – Abfolge von Wörtern oder Kola (ä Kolon), je- schieden: Von 1. binnenlit. A.en (ein lit. Werk wird in
doch ohne wörtliche ä Wiederholung. Sind die Wörter eine andere lit. Gattung transformiert; z. B. eine Bal-
synonym, spricht man von einer congeries; zerlegen sie lade in eine Novelle) sind 2. die verschiedenen Formen
einen übergeordneten Begriff in Teilaspekte, von einer medialer A. abzugrenzen: a) die bildersprachlich domi-
›Distributio‹ oder ä ›Dihärese‹ (4): »Ist was, das nicht nierte Print-A. (ä Comic, ä Bilderbuch), b) die audiovi-
durch Krieg, Schwert, Flamm’ und Spieß zerstört« (A. suelle A. (ä Verfilmung, Hörspielfassung) und c) die
Gryphius: »Auf den Sonntag des letzten Greuels«, interaktive A. (ä interaktive Narration). – Typen der A.
V. 3). Dieser Kollektivbegriff kann vor- oder nachge- werden zudem aufgrund der inhaltlichen und forma-
stellt sein, aber auch fehlen. Dominiert dabei die Auf- len Nähe zum Original unterschieden, meistens in ei-
zählungsfunktion, spricht man von einer ›Enumera- ner Dreiertypologie: 1. ›bewahrend‹ (ä Werktreue), 2.
tio‹. Wird ein logisch komplexer Begriff in zwei gleich- ›modifizierend‹ und 3. ›frei‹ (in wesentlichen Aspekten
geordnete Begriffe zerlegt, liegt ein ä Hendiadyoin vor. vom Original abweichend, ggf. auch gegen den Gehalt
Länge, Klangfülle oder Intensität der Glieder können des Originals). In der wissenschaftlichen Diskussion
sich steigern (ä Klimax): »Ein Wort – ein Glanz, ein gilt heute statt Werktreue eine gattungs- bzw. medien-
Flug, ein Feuer, / ein Flammenwurf, ein Sternenstrich« adäquate Transformation als erstrebenswert, die das
(G. Benn: »Ein Wort«, V. 5 f.). Neben den bisher ge- originale Werk den Möglichkeiten und Konventionen
nannten Fällen der ›koordinierenden A.‹ (der Reihung der gewählten (Medien-)Gattung anpasst. – Während
selbständiger Satzglieder) gibt es auch solche der ›sub- es bis zum Ende des 19. Jh.s nur vereinzelte binnenlit.
ordinierenden A.‹, z. B. wenn Adverbien oder Objekte A.en (v. a. ä Bühnenbearbeitungen erzählender Werke)
zu Verben oder ä Epitheta zu Substantiven aufgezählt gibt, wird die A. lit. Werke durch das Aufkommen der
werden: »Ernste, milde, träumerische, unergründlich elektronischen Medien im 20. Jh. zu einem bedeu-
süße Nacht«, N. Lenau: »Bitte«, V. 3 f.). – Die A. ist ein tenden Phänomen; allein mehr als 5.000 dt.sprachige
Mittel der ä Amplificatio. Zur Reihung von Wortgrup- Lit.verfilmungen sind im 20. Jh. entstanden. Mittler-
pen vgl. ä Adiunctio. GS/CLU weile sind viele (kanonische) Werke (auch der ä Kin-
A· cta, n. Pl. [lat. = Taten, zu agere = tun], ursprünglich der- und Jugendlit.) einer breiteren Öffentlichkeit v. a.
Aufzeichnungen von Amtshandlungen der röm. Ver- durch Verfilmungen bekannt. Gegenwärtig lässt sich
waltung (a. publica, a. senatus), dann auch Mittei- ein Trend zu Medienverbundproduktionen feststellen:
lungen von öffentlichem Interesse (a. diurna oder ur- Lit. Werke erscheinen als Film und als interaktive
bana, 55 v. Chr. von Caesar gegründet), später Bez. für (Computerspiel-)Produktion, ergänzt um weitere Pro-
Publikationen allg. Bedeutung: A. apostulorum (Apos- duktionen (wie den Soundtrack auf CD-ROM oder
telgeschichte), A. martyrorum (Märtyrergeschichte), eine Hörfassung als ä Hörbuch).
A. eruditorum (1682–1782, erste wissenschaftliche Lit.: J. Naremore (Hg.): Film Adaptation. London 2000.
Zs.); noch heute Titel von Periodika oder Sammel- – K. Schmidt, I. Schmidt: Lexikon Lit.verfilmungen
werken. GS/Red. [2000]. Stgt., Weimar 22001. – R. Stam, A. Raengo
A· ctio ä Pronuntiatio. (Hg.): Literature and Film. Malden/Mass. 2005. ML
A· ctor, m. [lat. agere = ausführen], Begriff zur Schei- Ade·spota, n. Pl. [gr. adéspotos = herrenlos], Schriften,
dung desjenigen, der eine fremde Sache vor- oder aus- deren Verfasser nicht bekannt sind. ä Anonym.
führt, von demjenigen, der als geistiger Urheber (ä Au- Adiu·nctio, f. [lat. = Anschluss, Zusatz], ä rhet. Figur:
tor) zu gelten hat. Die lat. Grundbedeutung hat sich im von einem Satzglied abhängige koordinierte Reihung
frz. acteur und engl. actor für den Bühnenschauspieler bedeutungsverschiedener Wortgruppen (meist vom
erhalten. In mal. Texten zur Hervorhebung der An- Prädikat abhängige Objektsätze), wobei ein über-
sicht, alles Schreiben sei letztlich Kompilieren (ä Kom- geordneter Gedanke eine differenzierte Ausprägung
pilation), als Selbstbez. verbreitet. gewinnen soll: »… er … wird euch / Aus diesem Neste
Lit.: A. Minnis: Late-Medieval Discussions of compila- ziehen, eure Treu / In einem höhern Posten glänzen
tio and the Rôle of the compilator. In: Beitr. [Tüb.] 101 lassen« (F. Schiller: »Wallensteins Tod«, V. 2811–2813).
(1979), S. 385–421. CF ä Accumulatio. GS/Red.
Acumen ä Pointe. Adnexio ä Zeugma (1).
Adaptation ä Adaption. Adolesze·nzliteratur, [lat. adulescentia = Jugend],
Adaption, f. [von lat. ad-aptus bzw. ad-aptatus = ange- Texte, in denen die physiologischen, psychologischen
passt], auch: Adaptation; 1. Transformation eines lit. und soziologischen Aspekte des Heranwachsens, zu-
oder medialen Werks, die durch einen Gattungs- oder meist zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr, themati-
Medienwechsel bei Wahrung wesentlicher Handlungs- siert werden. Bereits im 18. Jh. treten mit Goethes »Die
elemente gekennzeichnet ist; 2. lit. oder mediales Leiden des jungen Werthers«, einzelnen Dramen des
Werk, welches das Ergebnis einer solchen Transforma- ä Sturm und Drang und Moritz’ »Anton Reiser« Texte
tion ist. – In der Regel wird die A. als solche durch auf, in denen die Konsequenzen der Auflösung stän-
6 Adoneus

discher Vergesellschaftung und die Folgen für indivi- ralischer und politischer Hinsicht gereinigten (und
dualisierte Lebensläufe beschrieben werden: Generati- kommentierten) Ausgaben antiker Klassiker, die auf
onskonflikte und Jungsein als selbstgestaltete Lebens- Veranlassung Ludwigs XIV. von J.-B. Bossuet und P. D.
phase mit Risiken wie Entwicklungspotentialen Huet in den Jahren 1674–1730 für den Unterricht des
zugleich; ä Autobiographie und ä Bildungsroman grei- Dauphins (des frz. Thronfolgers) zusammengestellt
fen verwandte Probleme sozialen Wandels und kultu- wurden. Später allg.: Bearbeitungen lit. Werke für die
reller Neudefinition von Lebensphasen auf. Eine deut- Jugend (D. Defoe: »Robinson Crusoe«, J. Swift: »Gul-
liche Umakzentuierung bringt die A. um 1900 mit livers Reisen« u. a.), ä Editio castigata. GG
Texten wie F. Wedekinds »Frühlings Erwachen«, H. Adventsspiel, aus dem protestantischen Schulspiel
Hesses »Unterm Rad« und R. Musils »Die Verwir- und städtischem Brauchtum Mitteldeutschlands ent-
rungen des Zöglings Törleß«. Die zumeist männlichen standenes ä geistliches (Umzugs-)Spiel, ursprünglich
Protagonisten scheitern an den Anforderungen ihrer szenisch-mimische Gestaltung der Einkehr Christi in
Erzieher, Jugend erscheint als Stadium fragiler Identi- Bethlehem und Katechisierung der Kinder. Im Umzug
tät und einer von Elternhaus und Schule nur unzu- gehen neben Christus (als Kind oder Erwachsener),
länglich berücksichtigten Krise; allenfalls die Freund- Maria, Josef, Engeln, Heiligen usw. auch Raunachtge-
schaft mit Gleichaltrigen bietet ein Refugium. Nach stalten mit (Knecht Ruprecht, Hans Pfriem usw.). –
1945 wird mit J. D. Salingers »The Catcher in the Rye« Anfangs Schülerbrauch (erste Bezeugung als Schü-
eine A. etabliert, die gegen unbefragte Rollenzuwei- lerumzug Ende des 16. Jh.s), geht das A. über auf Bau-
sungen und standardisierte Lebensläufe protestiert. ern und Bergleute; eigentliche Entfaltung seit Mitte des
Die moderne A., die vielfach der Jugendlit. (ä Kinder- 17. Jh.s (um diese Zeit entstehen eigenständige For-
und Jugendlit.) zugerechnet werden kann, kennt – men im kath. Ost-Mitteldeutschland). Von Mittel-
auch am Beispiel weiblicher Protagonistinnen – radi- europa gehen umfangreiche Spielwanderungen nach
kalen Protest und ›Ausstieg‹ (Plenzdorf: »Die neuen Ost- und Südost-Europa, dabei Ausweitung zu großen
Leiden des jungen W.«) ebenso wie die Entdramatisie- Christfahrten, wobei weitere Teile der Weihnachts-
rung des Generationenkonflikts, die Normalisierung spieltradition (Hirtenszenen u. a.) übernommen wer-
der Spannung zwischen individuellem Anspruch und den. Bes. im Erzgebirge bis ins 19. Jh. weit verbreitet.
sozialen Realitäten und eine Vielfalt von Subjektkon- Lit.: A. Karasek-Langer: Herkunft und Entwicklung
zeptionen. Jungsein wird als generationsübergreifen- der A.e. In: Bayerisches Jb. für Volkskunde 1963,
der gesellschaftlicher Imperativ gezeigt, Sinnperspek- S. 144–165. – L. Schmidt: A. und Nikolausspiel. In:
tiven und zielgerichtete Lebensplanung erweisen sich Wiener Zs. für Volkskunde 40 (1935), S. 97–106. RBS
als Ausnahmen (Z. Jenny: »Das Blütenstaubzimmer«). Adversarien, n. Pl. [lat. adversarius = entgegenste-
Lit.: C. Gansel: Der Adoleszenzroman. In: G. Lange hend, und adversaria = Konzeptbuch, Kladde], histo-
(Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendlit. Bd. 1. rische, von der älteren Forschung aber meist unspezi-
Hohengehren 2000, S. 359–398. – G. Lange: Adoles- fisch verwendete Bez. für Materialsammlungen und
zenzroman. In: A. Baumgärtner, H. Pleticha (Hg.): Konzeptbücher unterschiedlichster Art. Im Gebrauch
Kinder- und Jugendlit. Ein Lexikon. Teil 5, 3. Ergän- der Brüder J. und W. Grimm spezifiziert für zweispal-
zungslieferung. Meitingen 1997, S. 1–22. – M. Luserke: tige Blätter oder Notizbücher, in denen links eine wis-
Schule erzählt. Lit. Spiegelbilder im 19. und 20. Jh. senschaftliche Frage, rechts die Antwort des Korre-
Gött. 1999. RKO spondenten eingetragen werden konnte. CF
Adoneus, m. [gr.-lat. = adonischer Vers], auch: Ado- Adynaton, n. [gr. = das Unmögliche], ä Tropus (1):
nius; fünfgliedriger antiker Versfuß der Form – v v – v ; emphatische Umschreibung (ä Periphrase) des Be-
gilt als anaklastische Variante des ä Dochmius (Um- griffes ›niemals‹ durch Berufung auf das Eintreten eines
stellung der ersten beiden Längen und Kürzen), me- unmöglichen (Natur-)Ereignisses: »So gewiß Kirschen
trisch identisch mit dem Schluss des daktylischen He- auf diesen Eichen wachsen und diese Tannen Pfirsiche
xameters nach der ä bukolischen Dihärese, daher auch tragen, …« (F. Schiller: »Die Räuber« II, 3). GG
als katalektische daktylische Dipodie gedeutet (im Dt. Aedificatio, f., nur Sg. [lat. = Erbauung], Anregung,
mit ä Daktylus + ä Trochäus nachgebildet: – v v – v , Förderung und Stärkung der christlichen Persönlich-
»Héilige Glúten«). Bez. nach dem Klageruf O ton Ado- keit in Glaubensfragen, Denkmodellen und Verhal-
nin in gr. Totenklagen um Adonis. Wegen seiner ab- tensregeln. A. ist das religiös-didaktische Ziel der ä Er-
schließenden Wirkung auch als Schluss-, Kurzvers bauungslit. Sie erfolgt durch die Veranschaulichung
verwendet, z. B. in der Sapphischen Strophe (ä Oden- des christlichen Tugendkanons, etwa am Beispiel von
maße, z. B. Horaz: Carm. I, 2; F. G. Klopstock: »Der Heiligenviten, wobei die vorgeführte vorbildliche Ge-
Frohsinn«); stichisch selten (z. B. G. Greflinger: »An sinnung und das durch sie bestimmte Handeln den
seine Gesellschaft«). HST Leser zur ä Imitatio (2 b), zu Nachahmung, affirmie-
Ad spectatores [lat. = an die Zuschauer], 1. ä Prolog, render Nachempfindung und Nacherleben anregen
Vorrede; 2. ä Beiseite(sprechen). sollen.
Ad usum Delphini, [lat. = zum Gebrauch des Dau- Lit.: G. Friedrich, G. Krause: Erbauung. In: TRE. – O.
phin], auch: in usum Delphini; ursprünglich die in mo- Langer: Mystische Erfahrung und spirituelle Theolo-
Aitiologisch 7

gie. Mchn. 1987, S. 54–60. – R. Schulmeister: A. und ter der antiautoritären Bewegungen in den westlichen
Imitatio. Hbg. 1971. ID Ländern das A.
Aemulatio, f. [lat. = Nacheiferung], rhet. Begriff für Lit.: B. Büscher: Wirklichkeitstheater, Straßentheater,
die Nachahmung (ä Imitatio [1]) und das Übertreffen Freies Theater. Ffm. 1987. – W. Fähnders: Agitprop. In:
eines als ä ›klassisch‹ angesehenen Vorbilds. Die A. RLW. – D. Herms, A. Paul: Politisches Volkstheater der
wird von der Antike bis ins 18. Jh. positiv bewertet, un- Gegenwart. Bln. 1981. – S. Seelbach: Proletarisch-Re-
ter dem Einfluss der Genieästhetik (ä Genie) dann oft volutionäres Theater in Düsseldorf 1930–33. Ffm. u. a.
negativ konnotiert. 1994. KHH
Lit.: B. Bauer: A. In: HWbRh. UM Agon, m. [gr. = Wettkampf, Wettstreit], 1. sportliche
Aeterni·sten, m. Pl. [lat. aeternus = ewig], von St. und musische Wettkämpfe in der Antike, bes. bei den
Wronski (Pseudonym für F. Hardekopf) proklamierte gr. Festspielen; auch Aufführungen von Tragödien und
Bez. für die Gruppe der engeren lit. Mitarbeiter der Zs. Komödien waren als A. organisiert, bei dem einer der
»Die Aktion« (1911–32). ä Aktionskreis. RD/Red. Dichter den ersten Preis erhielt. – 2. ä Streitgedicht
Affe·ktenlehre [von lat. affectus = Zustand, Gefühl, oder -gespräch, Hauptbestandteil der attischen Komö-
Leidenschaft, Zuneigung], Wissen oder Wissenschaft die (z. B. A. zwischen Euripides und Aischylos in den
von den plötzlichen, heftigen Gefühlserregungen oder »Fröschen« des Aristophanes), auch in der Tragödie
auch von habituellen Begierden. In der Antike ist die (Euripides), im Epos und als selbständiges Werk (»A.
A. in die ä Rhet. eingebunden; hier werden die Klassi- Homers und Hesiods«). – Vgl. in der dt. Dichtung v. a.
fikation der Gefühle und ihr funktionaler Einsatz in die barocken Trauerspiele (A. Gryphius: »Leo Arme-
der Rede dargestellt. In seiner »Poetik« beschreibt nius« I, 4). HST
Aristoteles die Rolle von Affekten in der ä Tragödie Agrarians, m. Pl. [engl. = Landwirte], ä Fugitives.
und deren Wirkungsabsicht (ä Katharsis). Der Zusam- Air, n. oder f. [ε:r; frz.], ä Arie.
menhang von Wirkungsabsicht und Affekterregung Aisthesis, f. [gr. aísthēsis = Wahrnehmung], 1. die
bleibt in der ä Dramentheorie wichtig; im 18. Jh. wer- sinnliche Wahrnehmung allg.; insbes. jedoch 2. die
den Fragen der Rührung und des Mitleids auf der Basis sinnliche Wahrnehmung bei der ä Rezeption von
der philosophischen Ästhetik (A. G. Baumgarten: ä Kunst; in diesem Wortsinn wird ›A.‹ oft als weiterer
»Aesthetica«, 1750/58) intensiv diskutiert (G. E. Les- Begriff gegenüber den von ihm abgeleiteten Termini
sing: »Hamburgische Dramaturgie«, 1767). – In der ›ästhetisch‹, ›Ästhetisches‹ und ä ›Ästhetik‹ verwendet,
Lit. kommt dem Ausdruck der Affekte durch Sprache die stärker die reflektierende Seite der Kunsterfahrung
bes. Bedeutung zu; bis zum 18. Jh. besteht dabei die betonen bzw. auf deren philosophische Bestimmung
Orientierung an der Rhet. fort. Während sich in der und Einordnung abzielen. ä Rezeptionsästhetik und
zweiten Hälfte des 18. Jh.s eine Wende zur Subjektivi- anthropologisch argumentierende Kultur- und Lit.the-
tät des sprachlichen Ausdrucks vollzieht (ä Stilistik), orien betonen die vergegenwärtigende Kraft der ›ais-
ist die Entwicklung im 20. Jh. durch vielfältige theore- thetischen‹ Form- und Gestaltbildung im Akt der
tische – u. a. im Anschluss an die naturwissenschaft- ä Rezeption; dabei spielen benachbarte Kategorien wie
liche Ausdruckstheorie des 19. Jh.s (Ch. Darwin) ent- Evidenz und ä Prägnanz eine wichtige Rolle. So stellt
wickelte – und poetische Reflexionen sprachlich-kom- Jauß (S. 132) die A. als »rezeptive Seite der ästhetischen
munikativer Bedingungen der Mitteilung geprägt. Erfahrung« mit der ä Poiesis als »produktiver Seite«
Jakobsons Differenzierung von emotiv-expressiver, und der ä Katharsis als »kommunikativer Leistung«
konativ-appellativer und poetischer Sprachfunktion der ästhetischen Erfahrung auf eine Stufe. A. wird bei
berücksichtigt sowohl Produzenten- und Rezipienten- ihm »verstanden als genießendes Verweilen in der Ge-
seite als auch die Sprach- und Textebene selbst. genwart einer vollkommenen Erscheinung« (ebd.).
Lit.: R. Campe: Affekt und Ausdruck. Tüb. 1990. – R. Noch weiter gehende Versuche, die Ästhetik als Lehre
Jakobson: Poetik. Ffm. 1989. – B. Kellner: A. In: RLW. von der Kunst durch eine – oft ›Aisthetik‹ genannte –
– S. Winko: Kodierte Gefühle. Bln. 2003. – A. Zierl: umgreifendere aisthetische Gestalt- und Wahrneh-
Affekte in der Tragödie. Bln. 1994. GLS mungslehre zu ersetzen, kennzeichnen die aktuelle
Agitationsrefrain ä Refrain. Diskussion (vgl. Böhme; kritisch dazu Seel).
Agitpro·p-Theater, n. [Kurzwort aus ›Agitation‹ und Lit.: K. Barck u. a. (Hg.): A. Lpz. 1990. – G. Böhme:
›Propaganda‹], nach Lenin’schen Vorgaben und nach Aisthetik. Mchn. 2001. – H. R. Jauß: Ästhetische Er-
Vorbildern des sowjetruss. ä Proletkults in den 1920er fahrung und lit. Hermeneutik [1982]. Ffm. 21997. – L.
Jahren entwickelte Form des massenwirksamen poli- van Laak: Hermeneutik lit. Sinnlichkeit. Tüb. 2003. – B.
tischen (Laien-)Theaters. Exemplarische Spielszenen Recki, L. Wiesing (Hg.): Bild und Reflexion. Mchn.
wechseln mit statistisch-dokumentarischen Informati- 1997. – M. Seel: Ästhetik und Aisthetik. In: ders.:
onen und mit chorischen Aufrufen zur unmittelbaren Ethisch-ästhetische Studien. Ffm. 1996, S. 36–69. LVL
Aktion. Die Wirkung ist durch Aufführungen abseits Aisthetik ä Ästhetik.
der etablierten Spielorte und durch Anpassungen der Aitiologisch [aus gr. aitía = Ursache, lógos = Erzäh-
Texte an die jeweils aktuelle Problemlage bedingt. lung, Lehre], nähere Kennzeichnung von Sagen, Le-
Während der 1960er Jahre erneuert das ä Straßenthea- genden, Märchen und Mythen (Aitien), die Ursprung
8 Akademie

und Eigenart bestimmter Phänomene zu erklären ver- MA. gewinnt der A.gedanke erst in der Renaissance
suchen (ä Ätiologie), etwa Naturerscheinungen (›Mann wieder an Bedeutung. Den in Italien gegründeten A.n
im Mond‹, Stürme als Wotans Heer), Kultformen (an- (1433 ›Accademia Pontiana‹ in Neapel, 1474 ›Accade-
tike Mythen, Heiligenlegenden), technische Errungen- mia Platonica‹ in Florenz, 1583 ›Accademia della
schaften (Feuer, erfunden von Prometheus), Namen crusca‹ in Florenz) geht es v. a. um die Wiedergewin-
(Ägäisches Meer nach dem sagenhaften König Aigeus). nung der antiken Wissenschaftstradition und die Si-
– Bes. frühen Kulturstufen eigentümlich, aber bereits cherung von Kunst und (Volks-)Sprache. Orientierend
im Hellenismus lit. ausgebildet (Kallimachos: »Aitia«, für alle späteren A.n – laut »World Guide« gibt es heute
3. Jh. v. Chr.); in der Neuzeit z. B. die Sage von der Lo- mehr als 17.000 wissenschaftliche Gesellschaften –
reley (C. Brentano, H. Heine). GS/Red. sind die ›Académie Française‹ (1635), die ›Royal Soci-
Akademie, f., 1. Institution, die der Förderung der ety of London‹ (1660), die ›Académie Royale des Scien-
Künste und der Ausbildung in ihnen dient (Kunst- ces‹ (1666) und die von G. W. Leibniz initiierte ›Berlin-
oder Musik-A.). – 2. Interdisziplinäre unabhängige Brandenburgische A. der Wissenschaften‹ (1700), der
Gelehrtengesellschaft bzw. exzellente Forschungsinsti- 1696 die Gründung der dortigen ›A. der Künste‹ vor-
tution mit dem Ziel, neue grundlagenbezogene Er- ausging. Schon 1652 entsteht in Schweinfurt die später
kenntnisse durch die Form des langfristig angelegten (seit 1879) in Halle ansässige ›Dt. A. der Naturforscher
und regelmäßig stattfindenden wissenschaftlichen Ge- Leopoldina‹. Zu den genuinen Aufgaben der A.n als
sprächs und Austauschs zu produzieren, zu prüfen und Gründungen absolutistischer Höfe gehören (Politik-)
anzuwenden. Fundiert ist die Einrichtung der A. auf Beratung und Repräsentation des nützlichen Wissens.
der Idee der idealen Kommunikationsgemeinschaft In Deutschland arbeiten sieben regionale autonome
freier und gleichberechtigter Gelehrter. Daher gilt die A.n der Wissenschaften: in Berlin (1700, Wiedergrün-
A. auch als geeigneter sozialer Ort, um innovatives, dung 1993), Göttingen (1751), München (1759), Leip-
kritisches Wissen zu erzeugen und gerichtete soziokul- zig (1846), Heidelberg (1909), Mainz (1949) und Düs-
turelle Dynamik auszulösen und zu legitimieren. Die seldorf (1970). Zu der für alle A.n geltenden Einteilung
Mitgliedschaft gilt als bes., für exzellente wissenschaft- in eine mathematisch-naturwissenschaftliche und eine
liche Leistungen verliehene Ehre und ist zumeist nicht philosophisch-historische Klasse kommen in Mainz
mit finanziellen Zuwendungen verbunden (Ehren- eine Klasse für Lit., in Leipzig eine technikwissen-
amt). Bei den Zusammenkünften der A. werden Vor- schaftliche (seit 1996) und in Berlin eine sozial-, tech-
träge von grundsätzlicher Bedeutung gehalten, die an- nik- und biowissenschaftlich-medizinische Klasse
schließend separat oder in Jahresbänden gesammelt hinzu. Die Mitgliederzahl einer A. ist in der Regel be-
veröffentlicht werden (A.-Abhandlungen). Die Funk- grenzt (die ›Académie Française‹ zählt 40 »immortels«
tion der A.n wird mit Beratung, Repräsentation von [›Unsterbliche‹], die Schwedische A. in Stockholm 18,
Wissenschaft in der Öffentlichkeit und Durchführung die Heidelberger A. je Klasse 40 Mitglieder); die Auf-
wissenschaftlicher Projekte angegeben. Ihre Stärke nahme neuer Mitglieder erfolgt durch Zuwahl; Eigen-
liegt in langfristigen Projekten der Grundlagenfor- bewerbung ist nicht möglich. Seit 1998 besteht die
schung wie der Erarbeitung von Wörterbüchern und Dachorganisation ›Union der dt. A.n der Wissen-
ä Editionen oder der Langzeitbeobachtung klima- schaften‹, welche die Forschungsvorhaben koordiniert
tischer, geologischer, medizinischer Prozesse. Zugleich (A.programm). Internationale A.organisationen sind
wird die langfristige Bindung der Mittel, das Defizit an die ›Union Académique Internationale‹ (UAI für Geis-
aktuellen Projekten, die fehlende Präsenz der A.ergeb- teswissenschaften), der ›International Council of Scien-
nisse in der Politikberatung und im öffentlichen Dis- tific Unions‹ (ICSU) sowie die ›Europäische Födera-
kurs kritisiert. Durch Veranstaltungen und eine Viel- tion der A.n der Wissenschaften‹ (ALLEA). – Als Folge
zahl von Preisen versuchen die A.n, sich in der Öffent- der aktuellen Diskussion um Eliteforschung und die
lichkeit zu positionieren. Der Name ›A.‹ ist nicht Wiedergründung von A.n hat das Modell der A. als
geschützt und steht auch beliebigen Ausbildungsstät- Produktionsstätte von Wissen die Aufmerksamkeit der
ten zur Verfügung. – Der Name ›A.‹ leitet sich von der Forschung gefunden. Neben historisch-epistemolo-
Philosophenschule her, die Platon ca. 388/387 v. Chr. gischen und wissenssoziologischen Untersuchungen
im Hain des Akademos bei Athen gründet und die im stehen Studien zu den Strukturen einer idealen For-
Jahre 529 n. Chr. von Kaiser Justinian wegen kirchen- schungsstätte zur Erzeugung exzellenten Zukunftswis-
kritischer Tendenzen aufgelöst wird. Weitere histo- sens, damit auch um den Begriff des Wissens selbst.
rische Ausprägungen des A.gedankens in der Antike Lit.: J.-P. Caput: L’ Académie Française. Paris 1986. – L.
sind die Philosophenschule ›Peripatos‹ des Aristoteles, Daston (Hg.): Biographies of scientific objects. Chi-
das unter Ptolemaios I. in Alexandria wirkende ›Musa- cago 2000. – K. Garber: A. In: RLW. – Union der Dt.
ion‹, das als Musenheiligtum Kunstlehre und -praxis A.n der Wissenschaften/Bayerische A. der Wissen-
mit dem Apollonkult verbindet, sowie Zirkel von schaften (Hg.): Die dt. A.n der Wissenschaften. Stgt.
Dichtern, Künstlern und Gelehrten wie Ciceros ›Tus- 2001. – W. Voßkamp (Hg.): Ideale A. Bln. 2002. –
culum‹. Als ideale Sozialform gilt die Lebens-, For- World guide to scientific associations and learned so-
schungs- und Lehrgemeinschaft. Nach Spätantike und cieties. Mchn. 2006. BD
Akt 9

Akademie der Künste Berlin ä Literaturarchiv. Dichtung des MA.s (Otfrid von Weißenburg, Gottfried
Akatale·ktisch, Adjektiv [gr. = nicht (vorher) aufhö- von Straßburg, Rudolf von Ems) und im Barock (M.
rend], in der antiken Metrik Bez. für Verse, deren letz- Opitz, A. Gryphius, J. Ch. Günther, P. Gerhardt: »Be-
ter Versfuß vollständig ausgefüllt ist; dagegen: ä kata- fiehl du deine Wege«, Ph. Nicolai), seltener in der neu-
lektisch, ä hyperkatalektisch. eren Dichtung (J. Weinheber). Eine bes. in der semi-
Akephal, Adjektiv [gr. = kopflos], 1. Bez. der antiken tischen Dichtung beliebte Spielart des A.s ist das ein-
Metrik: ein am Anfang um die erste Silbe verkürzter fache (ABCD) oder das doppelt geschlungene (AXBY)
Vers; 2. Kennzeichnung eines lit. Werkes, dessen An- ä Abecedarium. Selten ist das versetzte A.: hier ergibt
fang nicht oder nur verstümmelt erhalten ist (z. B. sich das Wort aus dem ersten Buchstaben des ersten
Hartmann von Aue: »Erec«). HST Verses, dem zweiten Buchstaben des zweiten Verses
Akmei·smus, m. [russ. zu gr. akmē´ = Gipfel, Höhe- usw., z. B. A. »Hölderlin« bei Stefan George: »Hier
punkt], russ., v. a. lit. Bewegung, entstanden um 1910 schließt das tor …« (»Der Stern des Bundes« III, 19).
in Opposition gegen den ä Symbolismus aus S. Diaghi- ä Akroteleuton, ä Mesostichon, ä Telestichon. GG
levs Gruppe »Mir iskusstwa« (»Welt der Kunst«). Das Akroteleuton, n. [gr. = äußerstes Ende], Verbindung
Programm des A. steht in Verbindung mit der Zs. von ä Akrostichon und ä Telestichon: die Anfangs-
»Apollon« (1909–17), die den Anbruch des ›Apollo- buchstaben der Verse oder Zeilen eines Gedichtes oder
nismus‹ verkündete, die Herrschaft »harmonischen Abschnittes ergeben von oben nach unten gelesen die
Schöpfertums« und »gesetzmäßiger Meisterschaft« in Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen das glei-
der Kunst. Man wolle von »verschwommenen Effekten che Wort oder den gleichen Satz. GG
zu einem Stil, einer schönen Form und einem beleben- Akt, m. (lat. actus = Vorgang, Handlung), Hauptab-
den Traum« vordringen. Ausführlicher begründeten schnitt eines ä Dramas, der in der Regel von den vor-
die klassizistische Forderung nach Diesseitszuge- herigen oder folgenden Hauptabschnitten durch einen
wandtheit und formaler Klarheit N. Gumiljov (»Das Orts- oder Zeitwechsel getrennt ist und seinerseits in
Erbe des Symbolismus und der A.«) und S. Gorodetzki kleinere Abschnitte (ä Szene, Auftritt) untergliedert
in »Apollon« 1912 f. Auch der Erzähler N. Kusmin so- sein kann. Die dt. Verwendung des lat. actus findet sich
wie die Lyriker A. Achmatova und O. Mandelstam seit dem 16. und v. a. dem 17. Jh.; daneben sind dt.
(»Der Morgen des A.«, 1912, gedruckt 1919) standen Bez.en wie ›Abhand(e)lung‹, ›Handlung‹ (so bei J. Ch.
dem A. nahe. Die Bewegung hatte bis etwa 1920 Be- Gottsched) und v. a. ›Aufzug‹ (seit dem 18. Jh.) ge-
stand. bräuchlich. Während die gr. und altröm. Dramatik so-
Lit.: M. Bernauer: Herrliche Klarheit. Klassizistische wie das mal. Drama keine feste A.einteilung kennen,
Programme in der Lit. In: G. Boehm u. a. (Hg.): Canto wird seit der ä Spätantike und im neuzeitlichen Drama
d’Amore. Basel 1996, S. 487–493. – J. Doherty: The Ac- eine drei- oder fünfaktige Gliederung die Regel. Der
meist Movement in Russian Poetry. Oxford 1995. MBE dreiaktige Aufbau orientiert sich an der aristotelischen
Akronym, n. [aus gr. akrós = spitz (vorne), ónoma = »Poetik« (1447a–1462b) und dem Terenz-Kommentar
Name], ä Abkürzung von Komposita oder Wortfolgen, Donats (4. Jh. n. Chr.), ist im span. und it. Drama seit
deren Anfangsbuchstaben oder -silben zu einem neuen der Renaissance und daran anknüpfend in der dt. und
Kunstwort verschmelzen, z. B. Agfa (= Aktiengesell- frz. ä Komödie gebräuchlich und wirkt bis zum Musik-
schaft für Anilinfarben), DIN (= Dt. Industrienorm). drama R. Wagners und H. Ibsens Dramen fort (ä Drei-
Sinnvoll sind nur A.e, die nicht zugleich eine traditio- akter). Dagegen fordert Horaz (»Ars poetica«, V. 189 f.)
nelle Bedeutung haben, was zu Missverständnissen eine Fünfteilung; diese wird erstmals von Seneca reali-
führen kann. siert und findet sich auch in den Dramenpoetiken des
Lit.: H. Sawoniak, M. Witt (Hg.): New international ä Humanismus sowie in J. C. Scaligers »Poetices libri
Dictionary of Acronyms. Mchn. u. a. 1988. GS/Red. septem« (1561). Das Fünfaktschema wird seit dem
Akro·stichon, n. [aus gr. ákron = Spitze, stíchos = Vers: Humanistendrama die wichtigste Bauform des euro-
erster Buchstabe eines Verses], Wort, Name oder Satz, päischen, v. a. des frz., engl. und dt. Dramas der Neu-
gebildet aus den ersten Buchstaben (Silben, Wörtern) zeit; noch in G. Freytags »Technik des Dramas« (1863)
aufeinanderfolgender Verse oder Strophen. Ursprüng- wird es als ›Pyramidenmodell‹ zur Norm erhoben. Der
lich eignete dem A. wohl magische Funktion, später ä Fünfakter umfasst demnach (I) die ä Protasis (ä Ex-
verweist es auf Autor oder Empfänger oder dient als position), (II) die ›aufsteigende Handlung‹ (ä Epitasis)
Schutz gegen ä Interpolationen und Auslassungen. bis zum (III) Höhepunkt (ä Krisis), (IV) die der ä Peri-
Frühestes Vorkommen des A.s in babylonischen Gebe- petie folgende ›absteigende Handlung‹ oder eine
ten, in hellenistischer Zeit bei Aratos, Philostephanos, Scheinlösung (ä Katastasis) und (V) schließlich die
Nikander und in der Techné des Eudoxos, sehr gut be- ä Katastrophe oder Lysis (Lösung). Seit dem 18. Jh. fin-
legt in der geistlichen Dichtung von Byzanz, in antiker den sich daneben der ä Einakter sowie im Musikthea-
lat. Dichtung u. a. bei Ennius (3./2. Jh. v. Chr.), in der ter häufig Zwei- oder Vierakter. Mit der Shakespeare-
»Ilias Latina« (1. Jh.), den »Instructiones« Commodi- Rezeption im 18. Jh. wird die A.gliederung gelockert
ans (4. Jh.) und den Argumenta zu Plautus (2. Jh.); und die Einzelszene als Einheit aufgewertet, wodurch
auch in jüdischer Dichtung. Beliebt dann in lat. und dt. sich die ä geschlossene Form des klassizistischen Fünf-
10 Aktant

akters in Richtung einer offenen Gliederung auflösen vertretenen sozialrevolutionären, pazifistischen The-
kann. Im Drama des 20. Jh.s verlieren A.gliederung sen und Programme. Als Aktivisten im engeren Sinne
und A.begriff zunehmend an Bedeutung. gelten K. Hiller (Initiator des »Bundes zum Ziel«, 1917)
Lit.: B. Asmuth: A. In: RLW. – Ders.: Einf. in die Dra- und L. Rubiner (ä Aktionskreis); im weiteren Sinne
menanalyse [1980]. Stgt., Weimar 62004, S. 37–50. MOT zählen zum A. Mitarbeiter der »Ziel«-Jahrbücher wie
Akta·nt, m. [frz. actant = Handelnder; Neologismus A. Kerr, M. Brod, W. Benjamin, H. Blüher, R. Leonhard
von L. Tesnière], Position innerhalb der abstrakten und G. Wyneken. Blütezeit des A. waren die Jahre
Handlungsstruktur narrativer Texte. – Strukturalisti- 1915–20. Von Einfluss war u. a. Nietzsche, program-
sche A.enmodelle suchen universell gültige Hand- matische Bedeutung hatte H. Manns Essay »Geist und
lungspositionen zu bestimmen, die u. a. zur Figuren- Tat« (1910), dessen Titel in bezeichnenden Variationen
analyse dienen. Sie basieren auf der Annahme, dass aufgegriffen wird, z. B. als »Geist und Praxis«, »tätiger
sich Handlung und Figuren verschiedener Texte zwar Geist«, »Literat und Tat« (Hiller). 1918 wurde ein (er-
auf der textuellen ›Oberflächenstruktur‹ unterschei- folgloser) »Politischer Rat geistiger Arbeiter« gegrün-
den, dass von dieser aber textübergreifende Grund- det. Das Ende des A. zeichnete sich ab mit der Selbst-
muster einer narrativen ›Tiefenstruktur‹ abstrahierbar beschränkung auf eine nur noch »kulturpolitische Be-
sind. Auf dieser Ebene unterscheidet Greimas, gestützt wegung« (Aktivisten-Kongress 1919, Berlin); lediglich
auf Tesnières Linguistik und V. Propps Morphologie Hiller blieb in zahlreichen Schriften dem erklärten
russ. Märchen, drei Paare von A.en: Adressant – Adres- »Ziel« einer konkreten Utopie des durch den Literaten
sat; Subjekt – Objekt; Adjuvant – Opponent. Diese Po- befreiten Menschen in einer veränderten Welt treu.
sitionen können auf der Textoberfläche jeweils durch Lit.: J. Habereder: K. Hiller und der lit. A. Ffm. u. a.
eine einzelne Figur, durch mehrere Figuren oder durch 1981. – W. Rothe (Hg.): Der A. 1915–20. Mchn. 1969.
andere Elemente (z. B. Naturkräfte) ausgefüllt werden. RD/Red.
Umgekehrt kann eine einzelne Figur mehrere aktanti- Aku·stische Dichtung [gr. akoustikós = auf das Gehör
elle Rollen übernehmen, z. B. eine Handlung auslösen bezogen], experimentelle Form der Lit. mit Akzentset-
(Adressant), sie durchführen (Subjekt) und von ihr zung auf die auditiven Aspekte der Sprache; wichtigste
profitieren (Adressat). Ausprägung ist das ä Lautgedicht. Der Fokus liegt nicht
Lit.: A. J. Greimas: Strukturale Semantik [frz. 1966]. auf der Semantik eines Wortes, Satzes oder Textes,
Braunschweig 1971. – Ders.: Die Struktur der Er- sondern auf den Klangwerten. Suchen laut- und klang-
zählaktanten [frz. 1967]. In: LiLi 3 (1972), S. 218–238. malerisch arbeitende Autoren (ä Lautmalerei) nach
– Th. Grob: A. In: RLW. – R. Schleifer, A. Velie: Genre Äquivalenzen zwischen Lauten bzw. Lautfolgen und
and Structure: Toward an Actantial Typology of Narra- inhaltlichen Sinngebungen (A. Holz »tipp....tipp....
tive Genres and Modes. In: MLN 102 (1987), S. 1122– tipp«), so emanzipiert sich die a. D. im engeren Sinne
1150. – L. Tesnière: Grundzüge der strukturalen Syn- – oft auch als ›abstrakte‹, ›elementare‹, ›konsequente‹,
tax [frz. 1959]. Stgt. 1980. JE ›absolute‹, ›materiale‹ oder ›konkrete Dichtung‹ be-
Aktionskreis, analog zu ä ›Sturmkreis‹ gebildete Sam- zeichnet – von inhaltlichen Bezügen. Die phonetische
melbez. für die künstlerischen, bes. lit. Mitarbeiter der Seite der Sprache wird aus semantischen, syntaktischen
von F. Pfemfert herausgegebenen Wochenschrift »Die und grammatischen Normierungen gelöst und als äs-
Aktion« (1911–32), v. a. in deren erster, politisch-lit. thetisch-sinnliches Phänomen gehandhabt, wodurch
(1911–13) und zweiter, auch infolge der Kriegszensur konventionalisierter Sprachgebrauch ad absurdum ge-
fast ausschließlich künstlerisch-lit. Phase (1914–18), führt wird. Geplante oder zufällige Abfolgen von Lau-
z. B. F. Hardekopf, C. Einstein, F. Jung, W. Klemm, K. ten, Geräuschen und Tönen auf der Grenze zwischen
Otten, L. Rubiner, H. Schäfer. In der dritten Phase der Noch-Sprache und Schon-Sprache – »Verse ohne
Zs. (1919–32) traten – wie auch schon im ä Aktivismus Worte«, »Lautgedichte«, »Poèmes phonétiques«, »text-
der ersten Phase – politische, bes. linksradikale und sound-compositions«, »Hörtexte« – sind Ausdruck
undogmatisch-kommunistische Beiträge in den Vor- des Misstrauens gegenüber kommunikativen Konven-
dergrund. tionen. Können die Anfänge der a.n D. bei E. Lasker-
Texte: P. Raabe (Hg.): Ich schneide die Zeit aus. Ex- Schüler, P. Scheerbart, Ch. Morgenstern z. T. auch als
pressionismus und Politik in F. Pfemferts »Aktion«. Nonsens- bzw. ä Unsinnspoesie verstanden werden, so
1911–18. Mchn. 1964. stehen die Arbeiten des russ. ä Futurismus (A. Kruce-
Lit.: U. W. Baumeister: Die Aktion. 1911–32. Erlangen nyek), des ä Dadaismus (H. Ball, R. Hausmann, K.
u. a. 1996. – J. Hermand: Die dt. Dichterbünde. Köln Schwitters), des ä Sturmkreises (R. Blümner, O. Nebel),
u. a. 1998, S. 195–200. RD/Red. des ä Lettrismus (I. Isou) und seit ca. 1950 der ä kon-
Aktivi·smus, m., intellektuell-politische Bewegung, die kreten Poesie (H. Chopin, B. Cobbing, F. Dufrêne, B.
parallel zum lit. ä Expressionismus und im Ggs. zu ihm Heidsieck, F. Kriwet, L. Novak, E. Jandl) für program-
die Lit. als Mittel zum Zweck, den Literaten als ›Ver- matisch reflektierte Positionsbestimmungen. WW
wirklicher‹ betont. Obwohl es auch einen ›rechten‹ A. Akyrologie, f. [gr. ákyros = uneigentlich], uneigent-
gab (vgl. Rothe), versteht man unter ›A.‹ v. a. die in den licher Wortgebrauch, Verwendung von Tropen und
fünf Jahrbüchern »Das Ziel« (1916–24, hg. v. K. Hiller) Bildern (ä Tropus [1], ä Bild).
Alamode-Literatur 11

Akze·nt, m. [lat. accentus, Lehnübers. des gr. prosōdía Satz wird in der angelsächs. und altsächs. Stabreimepik
= Hinzugesang, Tongebung], Hervorhebung eines (»Beowulf«, »Heliand«) genau beachtet. Neben dem
Wort- oder Satzteils durch Distinktion in Tonhöhe Wortakzent werden in der germ. Dichtung die Quanti-
(musikalischer A.), -stärke oder -länge (dynamischer täten der Tonsilben bis zu ihrer Nivellierung durch die
oder expiratorischer A., Druckakzent, Intensitätsak- Beseitigung der kurzen, offenen Tonsilben im Spät-
zent). A.e sind 1. Teil der phonologischen Dimension MA. bedingt berücksichtigt (ä Hebungsspaltung; ä be-
einer Sprache generell (ä Prosodie); 2. auch Teil der schwerte Hebung), namentlich in der ä Kadenz des
metrisch regulierten Sprache in ä Versen (ä Versifika- ä Reimverses. Während in der geistlichen Dichtung
tion). das akzentuierende Versprinzip (rhythmi) dominiert,
Zu 1.: Eine phonologische Gliederung gesprochener wird in der weltlichen Dichtung auch das quantitie-
Rede erfolgt in vielen Sprachen mittels Wortakzent rende Prinzip (metri) angewandt. Eine wachsende
und Satzakzent, wobei der Wortakzent entweder auf Tendenz des dt. Verses zur ä Alternation zeigt sich seit
einer bestimmten (fester Wortakzent) oder grundsätz- Otfrid von Weißenburg (9. Jh.), bes. aber seit der
lich auf verschiedenen Silben liegen kann (freier Wort- Versreform durch M. Opitz (»Buch von der dt. Poe-
akzent). Diese objektiven A.e können individuell ver- terey«, 1624), der die Verbindlichkeit jambischer und
ändert werden (subjektiver A.). In der Antike war der trochäischer Versmaße erklärt. Das führt zu einer be-
gr. A. überwiegend musikalisch, der lat. vorwiegend dingten Unterordnung des Wort- und Satzakzents un-
dynamisch und in vorlit. Zeit auf der ersten Silbe des ter den Versakzent: Wort- und Satzakzente werden sti-
Wortes festgelegt (Initialakzent); im späteren Lat. lisiert; auch sprachlich schwach betonte oder unbe-
wurde er in Abhängigkeit von der Quantität der vor- tonte Silben können im Vers dynamisch ausgezeichnet
letzten Silbe des Wortes (Paenultima) gesetzt. In den werden: »Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr«
germ. Sprachen ist der A. vorwiegend dynamisch und (F. Hölderlin: »Der Tod des Empedokles«, 1. Fassung,
liegt als Initialakzent auf der ersten Wortsilbe. V. 1418: v – v – v – v – v – ); umgekehrt kann es, etwa bei
Zu 2.: Die metrisch normierende Behandlung der Reihung starktoniger Silben, zur Unterdrückung der
Sprache in Versen richtet sich in der klassischen gr. Wortakzente kommen: »Gott schafft, erzeucht, trägt,
und lat. Poesie nach der Quantität der Silben (ä quanti- speist, tränkt, labt, stärkt, nährt, erquickt« (F. v. Logau:
tierendes Versprinzip); in der nachklassischen Zeit »Gott dient allen; wer dient ihm«, V. 1: v – v – v – v –
setzt sich der dynamische A. als rhythmisierendes v – v – ). Die adäquate Nachbildung nichtalternierender
Prinzip durch (ä akzentuierendes Versprinzip). In den antiker Versmaße in dt. Sprache gelang zuerst F. G.
germ. Sprachen wird im Allgemeinen eine Überein- Klopstock in den ersten drei Gesängen seines »Mes-
stimmung von Wortakzent und Versakzent (lat. Iktus) sias« (1748) und in der Sammlung seiner »Oden« von
angestrebt. – Das die A.e hervorhebende Deklamieren 1771 (ä Odenmaße), die antike Längen wortakzent-
von Versen heißt ›Skansion‹. ä Deklamation. konform durch druckstarke, Kürzen durch druck-
Lit.: D. Breuer: Dt. Metrik und Versgeschichte. Mchn. schwache Silben wiedergeben: »Schön ist, Mutter Na-
1981. – Ch. Küper: A. In: RLW. JK/CSR tur, deiner Erfindung Pracht« (»Der Zürchersee«, V. 1:
Akzentuierendes Versprinzip, [von lat. accentus, – v – v v – – v v – v – ).
Lehnübers. des gr. prosōdía = Hinzugesang, Tonge- Lit.: D. Breuer: Dt. Metrik und Versgeschichte. Mchn.
bung], die rhythmische Gliederung gesprochener 1981. – D. Burdorf: Einf. in die Gedichtanalyse [1995].
Sprache durch den freien oder geregelten Wechsel Stgt., Weimar 1997, S. 53–96. – Ch. Wagenknecht:
druckschwacher und druckstarker (betonter und un- Weckherlin und Opitz. Zur Metrik der dt. Renais-
betonter) Silben. Das akzentuierende Versprinzip gilt sancepoesie. Mchn. 1971. JK/CSR
in Sprachen mit dynamischem ä Akzent, der die me- Akzentzählendes Versprinzip ä Vers.
trische Behandlung der Wörter im ä Vers (ä Versifika- Alamode-Literatur [frz. à la mode = nach der Mode],
tion) mitorganisiert. Im Ggs. dazu stehen das ä quanti- 1. didaktisch orientierte Lit., die zum als vorbildlich
tierende Versprinzip mit dem Wechsel prosodisch län- begriffenen höfischen Geschmack in Sprache und Ver-
gerer und kürzerer Silben und das ä silbenzählende halten anleitet (J. Puget de la Serre: »Secrétaire à la
Versprinzip mit seiner Festlegung der Silbenzahl für mode«, 1623). – 2. Satirische Lit., die sich gegen die
jeden einzelnen Vers. Die klassische gr. und lat. Dich- Übernahme fremder kultureller Leitbilder in Klei-
tung ist quantitierend; aufgrund sprachgeschichtlicher dung, Sitten und Sprache richtet. – Die A. ist in der dt.
Entwicklungen setzen sich in nachklassischer Zeit das Lit. vom 16. bis 18. Jh. präsent und hat ihren Höhe-
akzentuierende und – bes. in den romanischen Spra- punkt im 17. Jh. als Reaktion auf den höfischen Import
chen – das silbenzählende Versprinzip durch. Das ak- it. und frz. Sprache und Kultur, den sie als Krisensymp-
zentuierende Versprinzip ist für die Dichtung in den tom beschreibt. Dagegen setzt sie als Heilmittel oft den
germ. Sprachen von grundlegender Bedeutung; im Aufruf zur Restitution eigener Werte (z. B. Mosche-
ä Stabreimvers richtet sich die metrische Behandlung rosch: »Alamode-Kehraus«).
der Sprache nicht nur nach dem Wortakzent, sondern Lit.: G.-L. Fink: Vom Alamodestreit zur Frühaufklä-
auch nach dem objektiven Satzakzent. Die Distinktion rung. In: Recherches Germaniques 21 (1991), S. 3–47.
und Dynamisierung der Satzglieder und Wortarten im – W. Kühlmann: Alamode-Satire, Kultursemiotik und
12 Alba

jesuitischer Reichspatriotismus. In: Simpliciana 22 sechsten Silbe; die sechste und zwölfte Silbe sind regel-
(2000), S. 201–226. PHA mäßig betont; benannt nach dem afrz. »Alexanderro-
A· lba, f. [altokzitan. = Morgengrauen], Gattung der man« (1180), aber schon Anfang des 12. Jh.s in der
altokzitan. ä Trobadorlyrik mit narrativer Kompo- »Karlsreise« verwendet; bis zum 15. Jh. der beliebteste
nente, vergleichbar dem mhd. ä Tagelied und der afrz. Vers der frz. Dichtung. Nach seiner Wiederbelebung
aube bzw. aubade, als deren Vorläufer sie gilt. Die A. durch P. de Ronsard und seine Schule (Mitte des 16.
wurde von den ä Trobadors des 11. und 12. Jh.s ge- Jh.s) wird er im 17. Jh. erneut der bevorzugte Vers fast
pflegt. Als erste überlieferte A. und damit zugleich als aller Gattungen (bes. Drama, Epos, Lehrgedicht, So-
ä Prototyp des Genres gilt »Reis gloriós« von Guiraut nett). – Dt. Nachbildungen des romanischen A.s ver-
de Bornelh (ca. 1136–ca. 1215), doch sind Vorläufer suchen im 16. Jh. P. Schede und A. Lobwasser; durch
anzunehmen. Ein Indiz dafür sind zwei (okzitan.?) Opitz wird er als sechshebiger Vers mit jambischem
Verse der sog. »zweisprachigen A.«, eines ansonsten Gang, männlichem oder weiblichem Versausgang und
lat. Gedichts des späten 10. Jh.s. fester Zäsur nach der dritten Hebung in die dt. Dich-
Gegenstand der A. ist die Klage eines Liebespaares an- tung eingeführt (v – v – v – | v – v – v – [v] ) und zum
gesichts des anbrechenden Tages, der sie wieder zwin- beherrschenden Vers des 17. Jh.s in Drama (A. Gry-
gen wird, ihre Liebe zu verbergen, die den sozialen phius, D. C. v. Lohenstein) und Lyrik; auch im 18. Jh.
Konventionen widerspricht (Standesunterschied, Bin- noch häufig (J. Ch. Gottsched, auch noch bei J. W. Goe-
dung an ungeliebte Ehepartner). Typische Versatzstü- the: »Faust« II, V. 10849 ff.), dann aber immer stärker
cke sind der eifersüchtige Ehemann (gilos), die Neider durch den ä Hexameter und den ä Blankvers zurück-
und Lästerer (lauzengiers) und der Wächter auf der gedrängt. Im klassischen (frz. und dt.) A. begünstigt
Zinne (guaita). die strenge Einhaltung der Zäsur, d. h. die Zweischenk-
Lit.: D. Rieger: Tagelied (A.). In: GRLMA. Bd. VII/1. ligkeit des Verses, die Parallelität oder Antithetik der
Fasc. 5. Hdbg. 1979, S. 44–54. HIR Aussage sowie eine epigrammatische Pointierung:
A· lbum, n. [lat. = das Weiße], in der Antike weiß über- »Was díeser héute báut / reißt jéner mórgen éin« (A.
tünchte, öffentlich aufgestellte Holztafel mit Verord- Gryphius: »Es ist alles eitel«). Nach der Reimstellung
nungen oder Listen von Amtsträgern (Senatoren, werden der heroische A. (mit Paarreim) und der ele-
Richter), dann auch kleine Tafel für (im Ggs. zu Wachs- gische A. (mit Kreuzreim) unterschieden. – In der frz.
tafeln nicht korrigierbare) geschäftliche Aufzeich- Romantik herrscht die Tendenz zur Schwächung der
nungen. Seit dem 17. Jh. Bez. für ein Buch mit leeren Mittelzäsur durch eine rhythmische Dreiteilung des
Blättern für Notizen oder zum Sammeln von Zitaten, Verses (Alexandrin ternaire).
kleinen Zeichnungen, insbes. von heraldischen, zoolo- Lit.: Th. Buck: Die Entwicklung des dt. A.s. Diss. Tüb.
gischen oder botanischen Illustrationsmustern, Ende 1957. – Ch. Wagenknecht: A. In: RLW. HST
des 18. Jh.s dann v. a. Bez. für ä Stammbuch: a. amico- Alkäische Strophe ä Odenmaße.
rum, Poesie-A. IS/Red. Alkäische Verse [nach dem gr. Lyriker Alkaios, um
Aleatorische Dichtung [lat. alea = Würfel(spiel)], 600 v. Chr.], ä äolische Versmaße, die durch Erweite-
auch: automatische Dichtung, Sammelbez. für eine rung der äolischen Grundmaße ä Glykoneus und
Lit., bei deren ›Herstellung‹ der Zufall als Kompositi- ä Hipponakteus entstehen: 1. ä Hendekasyllabus (Elf-
onsprinzip eine wesentliche Rolle spielt. Als das »ei- silbler): v – v – – – v v – v v (ä Jambus mit Telesilleus,
gentliche Zentralerlebnis von Dada« (H. Richter) d. h. einem akephalen [um die erste Silbe verkürzten]
wurde das in der bildenden Kunst ›entdeckte‹ »Gesetz Glykoneus); 2. Dekasyllabus (Zehnsilbler): – v v –
des Zufalls« für die Lit. übernommen. Vorausgegangen v v – v – v (Hipponakteus ohne äolische Basis, wobei
waren eine kaum bekannt gewordene, den psycholo- die Elementenfolge – v v verdoppelt wird); 3. Neun-
gischen Aspekt verdeutlichende Versuchsreihe mit au- silbler: v – v – – – v – v (zwei Jamben, denen eine ake-
tomatischen Zufallsniederschriften G. Steins und L. M. phale äolische Basis folgt). Als Alcaicum (Alkäische
Solomons (1896), St. Mallarmés »Un coup de dés ja- Strophe) bezeichnet man den Zusammenschluss von
mais n’ abolira le hasard« (1897) und die Manifeste des zwei Hendekasyllaben, einem Neunsilbler und einem
it. ä Futurismus. – Ansätze sind bereits in der dt. Ro- Zehnsilbler (ä Odenmaße). In der gr. Dichtung werden
mantik zu finden (Novalis). Vertreter der a.n D. im Zü- die alkäischen Versmaße von Alkaios, Sappho und
richer ä Dadaismus waren v. a. H. Arp, T. Tzara, W. Anakreon, in der röm. in den Oden des Horaz verwen-
Serner und R. Huelsenbeck mit ihren auf die ä écriture det. Die durch die Zäsur entstehenden Abschnitte der
automatique des ä Surrealismus vorausweisenden Si- ersten Periode finden sich auch in den nicht ä katá
multangedichten, als Grenzfall K. Schwitters mit seiner métron gebauten Chorliedern der Tragödien Senecas.
i-Theorie. Lit.: H. Drexler: Einf. in die röm. Metrik. Darmstadt
Lit.: H. Richter: Dada – Kunst und Antikunst. Köln 1967, S. 126–134. – B. Snell: Gr. Metrik [1955]. Gött.
1964. RD/Red. 1982, S. 43–48. AW
Alexandriner, m., in der romanischen Verskunst Allegorese, f. [gr. allēgoría = andere Rede], auch: alle-
zwölf- oder dreizehnsilbiger Vers mit männlichem gorische Deutung, allegorische ä Interpretation; ein im
oder weiblichem Reim und fester Zäsur nach der Lauf von mehr als zwei Jahrtausenden viel geübtes her-
Allegorie 13

meneutisches Verfahren, dem die Überzeugung zu- Terminus der Rhet. gebraucht es zuerst Philodem von
grunde liegt, dass unter dem Wortsinn der erhabenen Gadara (etwa 60 v. Chr.). Seitdem ist es in der gr. und
religiösen und poetischen Schriften einer Glaubens- lat. Rhet. zur Bez. des ä Tropus (1) üblich. Innerhalb
und Kulturgemeinschaft ein tieferer Sinn verborgen der Tropen wechselt der Ort der A., der zumeist zwi-
liegt, den es nach gewissen methodischen Regeln in schen ä Metapher (A. als metaphora continuata, ›fort-
Anlehnung an vorgegebene Lehrmeinungen aus Philo- gesetzte Metapher‹) und aenigma (dunkle, rätselhafte
sophie, Theologie, Politik u. a. mit einem teilweise em- A., ä Rätsel) liegt. Außerdem versteht man die A. als
phatischen Wahrheitsanspruch ans Licht zu bringen ä Personifikation eines Abstraktums (personificatio).
gilt. So gesehen ein Modus bewahrender ä Rezeption Ungeachtet dieser Unterschiede wird allēgoría in der
kulturell rückständiger Texte, soll das Verfahren dazu antiken und mal. Rhet. immer wieder ähnlich defi-
dienen, die alten Werke gegen neuere religiöse oder niert, z. B. als alia oratio, wie Cicero es übersetzt (»Ora-
philosophische Bedenken zu schützen oder schwer tor« 27, 94), oder aliud verbis, aliud sensu ostendit
verständliche Textstellen zu deuten. – Die ältesten (›Eine andere Rede, die etwas anderes sagt, als sie
Zeugnisse der A. lassen sich in der gr. Mytheninterpre- meint‹; Quintilian: »Institutio Oratoria« 8, 6, 44). Ne-
tation finden, in der die A. zur Rechtfertigung von ben der in der Rhet. gebräuchlichen Bedeutung be-
»Ilias« und »Odyssee« gegen die vorsokratisch-aufklä- nennt das Wort allēgoría im Kontext der Mythendeu-
rerische Homer-Kritik diente. Von hellenistisch gebil- tung das exegetische Bemühen, einem Text nachträg-
deten Juden wie Philon von Alexandrien (um 30 lich einen tieferen Sinn zu unterlegen, wie bei der in
v. Chr.–um 45 n. Chr.) auf die Deutung des AT und zu- apologetischer Absicht geübten ä Allegorese der Epen
mal des Hohen Liedes Salomos übertragen, avancierte Homers. Auf die Exegese des AT wendet diesen
das Verfahren in der frühen christlichen Kirche zur allēgoría-Begriff zugleich mit dem Verfahren zuerst
dominierenden Technik der Exegese beider Testa- Philon von Alexandrien (um 30 v. Chr.–um 45 n. Chr.)
mente. Dabei entwickelte die Theologie terminolo- an, der so zum Wegbereiter der christlichen Tradition
gisch gestufte Methoden für einen mehrfachen spiritu- der allegorischen Bibelexegese wird. Für das christli-
ellen ä Schriftsinn. – In der dt. Lit. hat bereits Otfrid che Bibelverständnis bleiben indes beide Sinnfül-
von Weißenburg nach dem Vorbild der bekannten Ex- lungen, die dem Begriff in der gr.-röm. Antike zu eigen
egeten des 8. und 9. Jh.s die A. gepflegt. Auch die meist waren, erhalten, jedoch mit einer wesentlichen Spezifi-
anonymen Autoren ä frühmhd. Lit. integrieren in ihre zierung v. a. dadurch, dass die A. nun einen geschicht-
oft liturgienahe Poesie von der lat. Exegese herrüh- lichen und ontologischen Sinnzusammenhang mit
rende allegorische Deutungen, die einer nicht latein- umfasst. Im Brief an die Galater (4, 21–31) verbindet
kundigen Gemeinde die heilsgeschichtliche Aktualität Paulus die Vorstellungen von A. als einem Stilprinzip
biblischer Texte und christlicher Feste vergegenwärti- und von Allegorese als der diesem entsprechenden
gen. Gleichfalls lat. Vorbildern verpflichtet, weitete exegetischen Methode mit der heilsgeschichtlichen
man den Anwendungsbereich der A. in der volksspra- Konzeption, die der typologischen Verknüpfung von
chigen Lit. des hohen und späten MA.s auf weltliche NT und AT zugrunde liegt (ä Typologie [1]) – eine
Lit. aus, etwa auf den afrz. »Roman de la Rose«, den Wandlung im Verständnis der A., die bereits Johannes
»Armen Heinrich« Hartmanns von Aue (Paradieses- Chrysostomos (345–407) und andere nach ihm in ih-
darstellung), den »Tristan« Gottfrieds von Straßburg rer Neuartigkeit erkennen. Später erweitert Augusti-
(Minnegrotte) oder die zahlreichen ä Minneallegorien. nus die rhet. Definition der A.: Die wörtliche Textaus-
Die Wirkungsgeschichte der A. reicht bis weit in die sage bleibt als Faktum der Heilsgeschichte gültig neben
Neuzeit hinein. – ä Allegorie. der spirituellen Bedeutung. In solcher Betonung des
Lit.: W. Freytag: Allegorie, A. In: HWbRh. – Dies.: Al- Literalsinns als eines notwendigen Bestandteils der
legorie, A., Typologie. In: Killy/Meid. – W. Haug (Hg.): Gesamtaussage ist ein spezifisch christliches Merkmal
Formen und Funktionen der Allegorie. Stgt. 1979. – F. der A. zu sehen (ä Schriftsinn). Häufig unterscheiden
Ohly: Schriften zur mal. Bedeutungsforschung [1977]. Exegeten deshalb zwischen der auf biblische Ereignisse
Darmstadt 21983. – H.-J. Spitz: A., Allegorie, Typolo- bezogenen allegoria facti und der allegoria dicti oder
gie. In: U. Ricklefs (Hg.): Das Fischer Lexikon Lit. Bd. verbi, die der Rhet. zugehört. Die Gleichsetzung von
1. Ffm. 1996, S. 1–31. – R. Suntrup: A. In: RLW. HFG allegoria mit mysterium, sensus mysticus u. a. enthüllt
Allegorie, f. [gr. allēgoría = andere Rede], eine Form einen Wahrheitsanspruch der biblischen A.; denn das
von Bildlichkeit, die sich in der Regel durch die Ko- hinter dem buchstäblichen Wortsinn Verborgene ist zu
existenz zweier Bedeutungen oder Bedeutungsebenen verstehen als das in Gott ruhende Geheimnis, das sich
auszeichnet. – Der keinesfalls präzise Begriff gehört den Menschen gegenüber in Christus verwirklichte. Es
seit der Antike in den Gegenstandsbereich von ä Rhet., handelt sich bei dem mystischen Sinn also um einen
ä Poetik und ä Hermeneutik. Nicht zuletzt hieraus er- tatsächlichen, sich ereignenden und den einzelnen
klärt sich sein alles andere als kongruentes, bis in die Menschen, der sich um seine Erkenntnis bemüht,
jüngste Gegenwart historischem Wandel unterwor- übersteigenden Sinngehalt: die christliche Heilslehre
fenes Verständnis. Das gr. Wort allēgoría ist seit dem 1. in ihrer Gesamtheit. So unterscheidet bereits Cassio-
Jh. v. Chr., also erst seit hellenistischer Zeit, belegt. Als dor (um 487–583) das christliche Mysterium der A. als
14 Allgemeinbibliographie

Realität, die in Christus existent ist, von der heid- schaftlicher ä Methoden sowie nationalphilologisch
nischen A., die auf eine vom Menschen erfundene, spezifischer Lit.theorien zu den Arbeitsfeldern der a.n
phantastische Vorstellung zielt (»In Psalmos« 4.1, 20– L. (ä Methodologie, kritische Lit.theorie, Wissen-
38; »Corpus Christianorum« 97, S. 56). Als häufigster schaftstheorie der Lit.wissenschaft).
Terminus für den spirituellen Schriftsinn kann allēgo- Der Sache nach finden sich Fragestellungen der a.n L.
ría entweder die verschiedenen, nicht allein wörtlichen schon lange vor deren disziplinärer Entfaltung. Das
Interpretationen der Bibel in ihrer Gesamtheit kenn- Stichwort ›a. L.‹ im Sinne von »Erforschen der Poesie
zeichnen oder aber die heilsgeschichtliche Sinndimen- in allen Gestalten« (Scherer, S. 32) taucht ebenso wie
sion. – Die A. bleibt auch nach dem Schwinden des mit das engl. Pendant ›general literature‹ (Mongomery
der mal. Allegorese verbundenen christlichen Wahr- 1833) allerdings erst im 19. Jh. in deutlicher Nähe zu
heitsanspruchs eine wichtige Form lit. Bildlichkeit. ›A.‹ dem verbreiteten Begriff ›allg. Lit.geschichte‹ auf.
wird häufig nicht nur als ä Schreibweise, sondern auch Noch um 1900 konnte man die seit 1828 belegte und
als ä Gattung verstanden. durch den Ausdruck ›Wissenschaft von der Litteratur‹
Lit.: W. Blank: A.3. In: RLW. – H. Brinkmann: Mal. Her- (1764) präludierte Bez. ›Litteraturwissenschaft‹ als
meneutik. Tüb. 1980. – H. Freytag: Die Theorie der »neuen Kunstausdruck« auffassen, als Programmwort
allegorischen Schriftdeutung und die A. in dt. Texten für die Verwissenschaftlichung des Faches ä Lit.ge-
bes. des 11. und 12. Jh.s. Bern u. a. 1982. – W. Freytag: schichte bzw. ä Philologie (Weimar 1989; ders. in
Die Fabel als A. In: Mlat. Jb. 20 (1985), S. 66–102; RLW). Der Versuch van Tieghems, die ›littérature gé-
21 (1986), S. 3–33. – Dies.: A., Allegorese. In: HWbRh. nérale‹ allein als multilingual orientierte lit.geschicht-
– Dies.: A., Allegorese, Typologie. In: Killy/Meid. – liche Disziplin (im Unterschied zur bilingual orien-
H. Fromm u. a. (Hg.): Verbum et Signum. Mchn. 1975. tierten vergleichenden Lit.geschichte und zu den mo-
– W. Harms u. a. (Hg.): Bildhafte Rede in MA. und frü- nolingualen Nationalphilologien) zu bestimmen, hat
her Neuzeit. Tüb. 1992. – W. Haug (Hg.): Formen und sich nicht durchsetzen können; allerdings sorgt seine
Funktionen der A. Stgt. 1979. – G. Kurz: Metapher, A., Unterscheidung zwischen theoretisch und historisch
Symbol [1982]. Gött. 52004. – H. de Lubac: Exégèse ausgerichteter Lit.forschung bis heute für Unklar-
médiévale. 2 Bde. in 4 Bdn. Paris 1959–64. – F. Ohly: heiten. Im Anschluss an die auf Gesetzmäßigkeiten
Schriften zur mal. Bedeutungsforschung [1977]. und Systemzusammenhänge ausgerichteten Forschun-
Darmstadt 21983. – B. F. Scholz: A.2. In: RLW. – gen des russ. ä Formalismus und Prager ä Strukturalis-
H.-J. Spitz: Allegorese, A., Typologie. In: U. Rick- mus kommen wichtige Anstöße für die a. L. durch R.
lefs (Hg.): Das Fischer Lexikon Lit. Bd. 1. Ffm. 1996, Wellek und A. Warren (»Theory of Literature«, 1949),
S. 1–31. HFG W. Kayser (»Das sprachliche Kunstwerk«, 1948), H.
Allgemeinbibliographie ä Bibliographie. Friedrich (»Die Struktur der modernen Lyrik«, 1956),
Allgemeine Literaturwissenschaft [engl. general li- E. Lämmert (»Bauformen des Erzählens«, 1955) oder
terature; frz. littérature générale; nl. algemene literatur- V. Klotz (»Die offene und geschlossene Form des Dra-
wetenschap], komparatistisch angelegte Grundlagen- mas«, 1969); weitergeführt werden sie dt.sprachig u. a.
wissenschaft, die sich um die Erkenntnis der Lit. als von K. W. Hempfer (»Gattungstheorie«, 1973), M. Pfis-
solcher bemüht. Der a.n L. geht es um Prinzipienwis- ter (»Das Drama«, 1977), D. Lamping (»Das lyrische
sen und nicht um Einzelfallkenntnisse. Sie befasst sich Gedicht«, 1989), K. Weimar (»Enzyklopädie der Lit.
daher nicht mit einer einzigen Nationallit. oder dem wissenschaft«, 1980); international z. B. durch P. Rico-
Vergleich zweier oder mehrerer Lit.en (ä vergleichende eur (Metapherntheorie und Hermeneutik), G. Genette
Lit.wissenschaft), sondern mit der Lit. im Allgemei- (Erzähltheorie) oder U. Eco (Semiotik und allg. Text-
nen, wenn auch anhand exemplarischer Fälle. In erster theorie). Da die a. L. an allen Lit.en statt nur an einer
Linie zielt sie auf Prinzipien der Entstehung, der interessiert ist und wissenschaftstheoretische Reflexi-
sprachlichen Struktur, des lit.systematischen Zusam- onen dritter Ordnung für jede Nationalphilologie
menhangs und des mediensystematischen Zusammen- fruchtbar werden können, ist sie ein polysyndetisches
spiels, ferner der Rezeption, Wirkung oder Nutzung Fach, das institutionell v. a. im Rahmen der ›allg. und
von Lit. Grundlegend ist die Bestimmung der sozio- vergleichenden Lit.wissenschaft‹ oder ›Komparatistik‹
historisch variablen Gegenstände Lit. und Poesie im verankert ist, aber auch in Verbindung mit National-
Rahmen allg. Texttheorien. Hauptarbeitsfelder sind philologien betrieben wird. Als eigenständiges Fach
Gattungs-, Schreibweisen- und Formtheorie, Stiltheo- wird die a. L. nur an wenigen Universitäten angeboten
rie, Erzähl-, Dramen- und Lyriktheorie, ä Intertextua- (Deutschland: Siegen, Paderborn, Wuppertal; Nieder-
lität, ä Intermedialität, Übersetzungs-, Fiktions-, Be- lande: Leiden; Skandinavien: Oslo, Bergen, Kopenha-
deutungs-, Verstehens-, Rezeptionstheorie und weitere gen). Allerdings ist in den Nationalphilologien in den
Teiltheorien der Lit. Ihre Ergebnisse messen sich vor- letzten Jahren eine Entgrenzung hin zur a.n L. zu be-
nehmlich an der Geltung der Theorien, weniger an der obachten. Eine Darstellung der Geschichte der a.n L.
Zahl der jeweils behandelten Beispiele. Neben der his- gibt es bislang noch nicht.
torisch und systematisch erschließenden Poetologie Buchreihen und Periodika: »Text und Kontext. Roma-
gehören auch die Erforschung und Kritik lit.wissen- nische Lit.en und A. L.«, »Utrecht publications in gene-
Alltagserzählung 15

ral and comparative literature«, »Compass. Mainzer einstimmung betonter Anlaute aufeinander folgender
Hefte für Allg. und Vergleichende Lit.wissenschaft«, oder syntaktisch verbundener Autosemantika in Pro-
»Arcadia. Zs. für Allg. und Vergleichende Lit.wissen- satexten (»Er hörte auf die wechselnde Melodie des
schaft«, »Neues Forum für allg. und vergleichende Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in un-
Lit.-wissenschaft«, »Explicatio. Analytische Studien verständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm
zur Lit. und Lit.wissenschaft«, »Wuppertaler Broschü- so wichtig waren … « ; L. Tieck: »Der Runenberg«) als
ren zur A. L.«, »A. L. – Wuppertaler Schriften«. auch die Übereinstimmung metrisch akzentuierter
Lit.: W. Barner: Das Besondere des Allgemeinen. In: W. Anlaute von Wörtern in Verstexten (»Es wehet der
Prinz, P. Weingart (Hg.): Die sog. Geisteswissen- Wind, es fliehen die Wolken«; H. Heine: »Fragen«).
schaften: Innenansichten. Ffm. 1990, S. 189–203. – J. Die A. kann neben dem häufigeren Fall durch gleich-
Fohrmann: Über die Bedeutung zweier Differenzen. lautende Konsonanten miteinander verbundener Wör-
In: H. Birus (Hg.): Germanistik und Komparatistik. ter auch Vokaleingänge von Wörtern miteinander ver-
Stgt., Weimar 1995, S. 15–27. – E. Lämmert: Allg. und binden, sofern sie jeweils betont sind (die Überein-
Vergleichende Lit.wissenschaft. In: W. Prinz, P. Wein- stimmung von Vokalen im Wortinneren heißt dagegen
gart (Hg.): Die sog. Geisteswissenschaften: Innenan- ä Assonanz). Die A. dient bisweilen allein eupho-
sichten. Ffm. 1990, S. 175–188. – J. Montgomery: Lec- nischen Zwecken, dann aber auch der sprachlichen
tures on poetry and general literature [1833]. Ldn. Intensivierung und semantischen Nachdrücklichkeit,
1995. – W. Scherer: J. Grimm. Bln. 1865. – P. van Tieg- was sich neben der Lit. (in der Romantik etwa C. Bren-
hem: La Synthèse en histoire littéraire. In: Revue de tano und J. v. Eichendorff) insbes. die Werbung zu-
synthèse historique 31 (1921), S. 1–27. – M. Wehrli: A. nutze macht. – Nur die A. in Verstexten kann auch
L. [1951]. Bern 21969. – K. Weimar: Geschichte der dt. ä ›Stabreim‹ genannt werden, ein Terminus, der im
Lit.wissenschaft bis zum Ende des 19. Jh.s. Mchn. 1989. Übrigen eher für ahd. und mhd. Verstexte sowie für
– Ders.: Lit.wissenschaft. In: RLW. – R. Wellek, A. War- deren Nachahmungen gebräuchlich ist. So verwendet
ren: Theory of Literature. NY 1949. – C. Zelle (Hg.): R. Wagner die A. nach metrischen Vorgaben germ.
A. L. Opladen 1999. – R. Zymner (Hg.): A. L. [1999]. Verstexte mit archaisierender Absicht.
Bln. 22001. RZ Lit.: P. Rühmkorf: agar agar – zaurzaurim. Zur Natur-
Allgemeiner Deutscher Sprachverein, Abkürzung: geschichte des Reims und der menschlichen Anklangs-
ADSV; ab 1923: Deutscher Sprachverein; auf Initiative nerven. Reinbek 1981. – R. Zymner: A. In: RLW. BM
des Braunschweiger Kunsthistorikers H. Riegel 1885 Alliterationsvers ä Stabreimvers.
gegründeter Verein, der die »Reinigung der dt. Spra- Allonym, n. [aus gr. allós = der andere, ónoma =
che von unnöthigen fremden Bestandteilen« mit dem Name], ä Pseudonym.
Ziel verfolgte, »das allg. nationale Bewußtsein im dt. Alltagserzählung, nicht-lit., mündliche Narration,
Volke zu kräftigen«. Neben allg. sprachpflegerischen die in alltäglichen, aber auch in institutionellen Zu-
Aufgaben stand, bei zunehmender nationalistisch- sammenhängen vorkommen kann (z. B. in schulischen
chauvinistischer Tendenz, der Fremdwortpurismus Pausengesprächen oder in bestimmten Unterrichts-
(ä Purismus) im Vordergrund der Vereinsaktivitäten. phasen). Gegenstand von A.en sind üblicherweise die
Seine Ziele verfolgte der ADSV mit der »Zs. des allg dt. alltägliche Routine durchbrechende Ereignisse, in wel-
Sprachvereins« (ab 1886; seit 1925: »Muttersprache«) che die ä Erzähler (mindestens emotional) involviert
sowie durch Preisausschreiben, Versammlungen, Auf- sind. A.en dienen der Herstellung und Aufrechterhal-
rufe und die Publikation von ›Verdeutschungsbü- tung von Gemeinschaft und Geselligkeit; sie können
chern‹. – Die 1947 gegründete, heute aufgrund anderer jedoch auch für differenzierte Zwecke eingesetzt wer-
Schwerpunkte nicht mehr als Nachfolgeorganisation den, etwa bei der Illustration eines Sachverhalts durch
des ADSV anzusehende »Gesellschaft für deutsche Erzählen eines zwar singulären, aber doch ›typischen‹
Sprache« (GfdS) mit Sitz in Wiesbaden sieht ihre Auf- Falls. Obwohl wie in anderen ä Erzählungen auch in
gaben einerseits in der kritischen Beobachtung der A.en meist monologische Sprechhandlungsverket-
Sprachentwicklung, andererseits im Erarbeiten von tungen vorliegen, kommt den Hörern die Funktion der
Empfehlungen für den allg. Sprachgebrauch. Publika- Herstellung von Geselligkeit und Gemeinschaft bei der
tionsorgane: »Muttersprache« (seit 1949), »Der Hervorbringung einer A. zu. – A.en werden zuweilen
Sprachdienst« (seit 1957). in der modernen und postmodernen fiktionalen Er-
Lit.: H. Blume: Der ADSV als Gegenstand der Sprach- zähllit. dargestellt. Häufiger begegnen sie in fiktio-
geschichtsschreibung. In: D. Cherubim u. a. (Hg.): nalen, dokumentarischen oder semi-dokumenta-
Sprache und bürgerliche Nation. Bln., NY 1998, rischen Formaten des Fernsehens (z. B. in Daily
S. 123–147. – P. v. Polenz: Dt. Sprachgeschichte vom Soaps).
Spät-MA. bis zur Gegenwart. Bd. III. Bln., NY Lit.: K. Ehlich (Hg.): Erzählen im Alltag. Ffm. 1980. –
1999. CK Ders.: A. In: RLW. – E. Lämmert (Hg.): Erzählfor-
Alliteration, f. [nlat. allitteratio], gleicher Anlaut auf- schung. Stgt. 1982. – U. Quasthoff: Erzählen in Ge-
einander folgender oder syntaktisch verbundener sprächen. Tüb. 1980. – C. K. Riessman: Narrative Ana-
Wörter. Der Begriff ›A.‹ bezeichnet sowohl die Über- lysis. Ldn. 1993. BME
16 Almanach

· lmanach, m. [arab. al-manaha = das Geschenkte,


A Bln., NY 1994/96. – R. Siegert: A. In: RLW. – Ch.
Kalender, Neujahrsgeschenk; Etymologie unsicher], Stetter: Schrift und Sprache. Ffm. 1997. EB
jährlich erscheinende Sammlung fiktionaler und Alphabetschrift ä Schrift.
nichtfiktionaler Texte, zumeist mit Kalendarium, gele- Altdeutsche Literatur ä Althochdt. Lit.
gentlich mit ä Illustrationen und Notenbeilagen. – Ur- Altercatio, f. [lat. = Wortwechsel], rhet. Begriff für
sprünglich stammt der A. aus dem Orient, wo er als den aus Rede und Gegenrede bestehenden Wortstreit,
astronomisches Tafelwerk zur Bestimmung der Positi- in der Antike insbes. vor Gericht und in der Politik;
onen der Planeten diente. Seit 1267 ist der Ausdruck dann für gelehrte Disputationen (ä Disputatio) und lit.
›A.‹ in Europa als Synonym für ä ›Kalender‹ belegt Streitgespräche aller Art.
(Roger Bacon). Während die ersten gedruckten A.e Lit.: A. Cizek: A. In: HWbRh. UM
von G. Peurbach (Wien 1460, lat.) und J. Regiomonta- Alterität, f. [Neologismus zu lat. alter, alterum = der/
nus (Nürnberg 1475–1531, lat. und dt.) nur kalenda- das Andere], häufig synonym mit ›Fremdheit‹ und
rische und astronomische Daten enthalten, werden die ›Verschiedenheit‹ sowie als Antonym von ›Identität‹
A.e des 16. Jh.s um praktische Unterweisungen und verwendeter Terminus, zunächst zur Bez. der zeitlich
unterhaltende Themen erweitert (»A. de Liège«, zuerst vertikalen Distanz zwischen MA. und Moderne (Jauß),
Lüttich 1626). Neben der seit dem 17. Jh. zuneh- inzwischen v. a. zur Charakterisierung der zeitlich ho-
menden Tendenz, A.e zu konkreten Sachgebieten her- rizontalen, in Form eines reduktiv-bipolaren Us-
auszugeben, entwickeln sich im 18. Jh. die ä Musen- Them-Schemas gedachten Differenz zwischen Kul-
almanache, periodisch erscheinende Sammlungen turen, Nationen, Ethnien sowie den Geschlechtern.
poetischer Texte. Im 19. Jh. verstärkt sich die Speziali- Lit.: A. Horatschek: A. und Stereotyp. Tüb. 1998. – H.
sierung auf einzelne Themengebiete, im 20. Jh. dient R. Jauß: A. und Modernität der mal. Lit. Mchn. 1977.
der Verlags-A. als Werbemittel. – P. Strohschneider: A. In: RLW. – H. Turk: Alienität
Lit.: E. Fischer (Hg.): Von A. bis Zeitung. Ein Hb. der und A. als Schlüsselbegriffe einer Kultursemantik. In:
Medien in Deutschland 1700–1800. Mchn. 1999. – S. JbIG 22 (1990), S. 8–31. JGP
Greilich: Frz.sprachige Volksalmanache des 18. und Alternation, f. [lat. alternare = wechseln], 1. allg. der
19. Jh.s. Hdbg. 2004. – G. Häntzschel: A. In: RLW. – P. regelmäßige Wechsel zwischen binären sprachlichen
G. Klussmann (Hg.): Lit. Leitmedien: A. und Taschen- Einheiten (z. B. zwischen ä Hexameter und ä Pentame-
buch im kulturwissenschaftlichen Kontext. Wiesbaden ter im ä Distichon); 2. insbes. der regelmäßige Wechsel
1998. – Y.-G. Mix: A.- und Taschenbuchkultur des 18. druckstarker und druckschwacher Silben (bei ä akzen-
und 19. Jh.s. Wiesbaden 1996. NI tuierendem Versprinzip) oder langer und kurzer Sil-
Alphabet, n. [gr.], aus den ersten beiden gr. Buchsta- ben (bei ä quantitierendem Versprinzip) in ä Versen.
ben (álpha, bē´ta) gebildete Bez. für die Buchstaben- Hierbei lassen sich steigend-alternierend (ä Jambus)
reihe eines Schriftsystems. ä Schrift, ä Abecedarium. und fallend-alternierend (ä Trochäus) unterscheiden
Alphabetisierung, f. [von den gr. Buchstabennamen und von nichtalternierenden Versen wie dem füllungs-
álpha, bē´ta], Verbreitung und Vermittlung von freien ä Stabreimvers, dem ä Knittelvers, ä Freien
Schreib- und Lesefähigkeiten; gelegentlich: Zustand Rhythmen oder auch metrischen Einheiten wie ä Dak-
der Literalität als Ergebnis dieses Prozesses; selten: tylus, ä Anapäst oder ä Spondeus abgrenzen, die in gr.
Umstellung eines nicht-alphabetischen Schriftsystems und lat. Dichtung dem quantitierenden Versprinzip
auf eine Alphabetschrift. – In sozioökonomischer und gehorchten und bei denen eine Länge in zwei Kürzen
politischer Hinsicht gilt A. als Entwicklungsfaktor. V. a. aufgelöst werden konnte. Die A. ist seit Otfrid von
im 20. Jh. wurden daher zahlreiche A.skampagnen Weißenburg (9. Jh.) auch in der dt. Dichtung verbreitet
durchgeführt, nach dem Zweiten Weltkrieg insbes. (Heinrich von Veldeke, Hartmann von Aue, Gottfried
auch von den UN. Seit den 1960er Jahren ist (›sekun- von Straßburg), aber auch Durchbrechungen sind häu-
därer‹) Analphabetismus auch für die Industrienati- fig (ä Hebungsspaltung, ä Senkungsspaltung, ä be-
onen, die seit dem späten 19. Jh. als alphabetisiert gal- schwerte Hebung). Im 16. und frühen 17. Jh. wird bei
ten, als Problem erkannt; die notwendige ›A.‹ meint Versen der Meistersinger (ä Meistersang), früher Ge-
hier nicht nur die Vermittlung der grundlegenden lehrtendichtung nach frz. Vorbild (G. R. Weckherlin)
Kulturtechnik, sondern v. a. den Erwerb weiterge- und im ä Knittelvers die strenge A. bei gleichzeitiger
hender schriftsprachlicher Kompetenzen, der sog. Silbenzählung (ä silbenzählendes Versprinzip) gegen-
funktionalen Literalität. – In schrifttheoretischer Per- über dem Wortakzent privilegiert (ä Tonbeugung), bis
spektive werden v. a. die gesellschaftlichen und menta- M. Opitz (»Buch von der dt. Poeterey«, 1624) die aus-
litätsgeschichtlichen Folgen der A. (hier oft: ›Literali- schließliche Verwendung alternierender Versmaße
sierung‹) untersucht. In Frage steht insbes., ob und in fordert. Kurz darauf werden aber auch wieder nicht al-
welchen Hinsichten die A. einer Gesellschaft kulturge- ternierende Versmaße wie der ä Daktylus zugelassen
schichtlich einen Einschnitt darstellt. (A. Buchner), die in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s in
Lit.: K. Ehlich u. a. (Hg.): A Bibliography on Writing antikisierenden Metren wie dem ä Hexameter und den
and Written Language. 3 Bde. Bln. 1996. – H. Günther, ä Odenmaßen bes. wichtig werden (F. G. Klopstock, F.
O. Ludwig (Hg.): Schrift und Schriftlichkeit. 2 Bde. Hölderlin).
Althochdeutsche Literatur 17

Lit.: D. Breuer: Dt. Metrik und Versgeschichte. Mchn. den der lat. Kulturtradition erwachsen. – Nach einer
1981. – Ch. Küper: A. In: RLW. – Ch. Wagenknecht: Phase der Entstehung vorrangig katechetischer Stücke
Weckherlin und Opitz. Zur Metrik der dt. Renais- in der zweiten Hälfte des 8. Jh.s kulminiert die Produk-
sancepoesie. Mchn. 1971. CSR tion der a.n L. im 9. Jh., um dann nach 900 zum Erlie-
Alternative Literatur, lit. Szene, die sich im Umfeld gen zu kommen, abgesehen von dem Übers.s- und
der ›68er-Bewegung‹ formierte. Beide teilen die radi- Kommentarwerk Notkers III. von St. Gallen Ende des
kale politisch-utopische Kritik an den sozialen, ökono- 10./Anfang des 11. Jh.s. Auffallend ist die Gleichzeitig-
mischen und politischen Institutionen der Bundesre- keit des Versiegens der a.n L. mit dem Aussterben der
publik der 1960er und 1970er Jahre. Daraus resultieren Karolinger. Zentren der Lit.produktion sind die großen
Bemühungen, eine nicht marktwirtschaftlich organi- Benediktinerklöster (v. a. Fulda, Trier, Mainz, Lorsch,
sierte Gegenöffentlichkeit zu initiieren (Verzeichnis Weißenburg, Murbach, Reichenau, St. Gallen, Regens-
alternativer lieferbarer Bücher, Literarisches Informa- burg, Wessobrunn). – Ahd. Schriftüberlieferung er-
tions-Zentrum Bottrop, Gegenbuchmesse). Die dia- wächst aus der Spannung zwischen der antik-christli-
gnostizierte Ohnmacht der ›bürgerlichen Lit.‹ führt chen Bildungstradition und der illiteraten Laienkultur.
unter dem Einfluss der am. Beat-Generation zur be- Wichtige Impulse für die Entstehung der a.n L. gehen
wussten Kontamination der Lit.sprache mit Alltags- von der Kultur- und Kirchenpolitik Karls des Großen
sprache (R. D. Brinkmann) und zur Favorisierung bzw. der damit verbundenen Bildungspolitik aus
pragmatischer Gattungen (H. M. Enzensberger spricht (ä Karolingische Renaissance). Die Pflicht zur besseren
von ›Faktographien‹). In dem Maße, in dem diese Ge- Unterweisung der Laien fördert die Übers. der ä kate-
genöffentlichkeit zum Bestandteil des lit. Marktes wird, chetischen Lit. in die Volkssprache (Taufgelöbnisse,
verliert sie ihre kritische Glaubwürdigkeit. Schon 1980 Paternoster, Beichten, Predigt); die Verpflichtung zur
spricht H. Heißenbüttel vom ›Ende der Alternative‹. – Hebung der Bildung verstärkt die Aneignung der
Zuletzt fand der Begriff für die inoffizielle Lit.szene christlich-antiken Lit. in den Kloster- und Domschu-
der DDR in den 1970er und 1980er Jahren Verwen- len und führt zu deren intensiver Erschließung durch
dung, insofern sich auch hier eine lit. Gegenöffentlich- ä Glossen, ä Glossare (»Abrogans«, »Vocabularius Sti.
keit konstituiert hatte (private Autorenlesungen; Sa- Galli«), ä Bibelübers.en (»Tatian«) und -kommentare.
mizdat-Zeitschriften, z. B. »ariadnefabrik«). Anders als – Den Höhepunkt der a.n L. im 9. Jh. markiert die
im Fall der a.n L. der Bundesrepublik verstand sich ä Bibelepik Otfrids von Weißenburg, dessen zwischen
diese Kritik weniger als utopischer Gegenentwurf, 863 und 871 vollendeter, in christlich-spätantiker Tra-
sondern stärker als Verweigerung. Ästhetisch orientie- dition stehender »Liber evangeliorum« biblische Er-
ren sich viele der zugehörigen Autoren an den lit. zählung und Exegese vereinigt und mit der neuen
ä Avantgarden des 20. Jh.s und verarbeiten subkultu- Endreimform die Loslösung von der älteren hei-
relle Jargons (B. Papenfuß-Gorek). mischen Dichtung dokumentiert, die vom ä Stabreim
Lit.: H. L. Arnold (Hg.): Lit.betrieb in der Bundesre- geprägt war. – Stärker der mündlichen Tradition ver-
publik Deutschland [1971]. 2., völlig veränderte Aufl. pflichtet sind die Zaubersprüche (z. B. »Merseburger
Mchn. 1981. – W. Eichwede (Hg.): Samizdat. Alterna- Zaubersprüche«) und Segensformeln (ä Segen), das
tive Kultur in Zentral- und Osteuropa: Die 60er bis Heldenlied (mit dem »Hildebrandslied« als einzigem
80er Jahre. Bremen 2000. SPA schriftlich tradierten Text), das Fürstenpreislied (»Lud-
Althochdeutsche Literatur, Sammelbegriff für die wigslied«) sowie die christliche Stabreimdichtung
frühmal. Überlieferung in hochdt. Sprache von der (»Wessobrunner Schöpfungsgedicht«, »Muspilli«). –
zweiten Hälfte des 8. bis zur Mitte des 11. Jh.s. Der In den Bereich der ä Rechtslit. gehören Übers.en der
sprachhistorische Terminus ›Ahd.‹ wurde 1819 von J. Leges sowie Capitularien, Eide und Markbeschrei-
Grimm in seiner »Dt. Grammatik« geprägt und wird bungen (Trierer Capitulare, Lex salica, Straßburger
heute in der Regel für die Spanne von 600 (Beginn der Eide). – Die Einbettung der a.n L. in die lat. Tradition
zweiten Lautverschiebung) bis ca. 1050 (Übergang zur dokumentiert noch einmal das Werk Notkers III. von
frühmhd. Sprachperiode) verwendet. Durch W. Wa- St. Gallen, der mit der volkssprachlichen Wiedergabe
ckernagel wurde der Begriff 1848 als Bez. für die älteste zentraler Texte der septem artes liberales die Entfaltung
Epoche der dt. Lit.geschichte übernommen. Da der der dt.sprachigen Wissenschaftsprosa einleitet, die
Begriff, welcher die durch die zweite Lautverschiebung Muttersprache im Unterricht als Partnerin des Lat.
entstandene Sprachgrenze betont, kulturhistorische einsetzt und mit der ausdrucksvollen Sprachkraft sei-
und typologische Zusammenhänge der a.n L. mit ner kommentierenden Psalmenübers. bis ins 14. Jh.
den altndt. Texten verwischt, konkurriert er mit den weiterwirkt.
Bez.en ›karolingische Lit.‹ (für die Texte bis kurz nach Texte: W. Braune (Hg.): Ahd. Lesebuch [1875]. Bearb.
900) bzw. (seltener) ›altdt. Lit.‹. – Die innerhalb der v. E. A. Ebbinghaus. Tüb. 171994. – W. Haug, B. K. Voll-
ahd. Phase entstandenen Texte lassen eine klare Ent- mann (Hg.): Frühe dt. Lit. und lat. Lit. in Deutschland
wicklungslinie vermissen; überliefert sind zeitlich, 800–1150. Ffm. 1991. – E. v. Steinmeyer (Hg.): Die
räumlich und z. T. auch gattungstypologisch vereinzelt kleineren ahd. Sprachdenkmäler [1916]. Bln. 21963.
stehende Lit.denkmäler, die meist isoliert aus dem Bo- Lit.: W. Haubrichs: Die Anfänge. Versuche volksspra-
18 Altkirchenslawisch

chiger Schriftlichkeit im frühen MA. [1988]. Ffm. Motive, Charaktere oder Szenen bis hin zum Text-
21995. – Ders.: A. L. In: RLW. – D. Kartschoke: Ge- ganzen betreffen kann, seit Beginn der Moderne als
schichte der dt. Lit. im frühen MA. [1990]. Ffm. 82000. adäquater Ausdruck der Komplexität und Ambivalenz
– St. Sonderegger: Ahd. Sprache und Lit. [1974]. Bln., des Seienden.
NY 32003. – Ders.: A. L. und Sprache. In: LMA. KR Lit.: R. Bernecker, Th. Steinfeld: Amphibolie, A. In:
Altkirchenslawisch ä Slawistik. HWbRh. – Ch. Bode: Ästhetik der A. Tüb. 1988. –
Amadi·sroman, nach dem Namen des Protagonisten Ders.: A. In: RLW. CK
Amadis de Gaula benannte umfangreiche Gruppe von Ambivale·nz, f. [lat. = Doppelwertigkeit], von dem
Ritterromanen, die Elemente des antiken Romans mit Psychologen E. Bleuler (»Vortrag über A.«, 1910) ge-
keltisch-bretonischen Sagenstoffen verbinden. Amadis prägter und von S. Freud (»Zur Dynamik der Übertra-
hat sich in zahlreichen Kämpfen zu bewähren, bis er gung«, 1912) weiterentwickelter Begriff zur Bez. der
schließlich mit seiner Geliebten Oriana vereint wird. – gleichzeitigen Anwesenheit einander entgegengesetz-
Die erste verschollene Fassung reicht ins 14. Jh. zurück, ter Willensakte (z. B. essen wollen und nicht essen wol-
die älteste erhaltene ist 1508 in Spanien erschienen. len), Meinungen, Haltungen oder Gefühle (z. B. Liebe
Bereits ihr Autor L. Gálvez de Montalvo hat aufgrund und Hass) in einem Subjekt. – Der Begriff wurde auf
der Popularität seines Werks eine genealogisch erwei- meist unspezifische Weise in der älteren Forschung auf
terte Fortsetzung verfasst: Das fünfte Buch widmet die Lit. übertragen und zu einer Art ›Grunderfahrung
sich Abenteuern von Amadis’ Sohn Esplandian. – Der der ä Moderne‹ (z. B. bei R. Musil) erklärt. Spezifischer
A. wurde bis ins 17. Jh. europaweit rezipiert und erwei- lassen sich folgende Phänomene unterscheiden: 1. die
tert. Die von Anfang an strukturbestimmende additive geistesgeschichtliche A., das Nebeneinander verschie-
Reihung einzelner Episoden begünstigte immer neue dener kultureller und intellektueller Strömungen inner-
Fortsetzungen. N. des Essarts übersetzte die Bücher halb einer Epoche; 2. die phonetische A., die Mög-
eins bis vier von Montalvos Roman 1540/43 ins Frz., lichkeit verschiedener akustischer Realisierungen des-
J. Fischart übertrug das sechste Buch ins Dt. Die zahl- selben Buchstabens; 3. die semantische A., die Mehr-
reichen Ausgaben bewegen sich auf gehobenem Aus- deutigkeit oder Vielschichtigkeit von Wörtern und
stattungsniveau. Sie dienten wohl einer repräsentativ- Wortgruppen, die rhet. als die ä Klarheit des Aus-
identitätsstiftenden Lektüre, der ständischen Selbst- drucks gefährdende ›Amphibolie‹ abgewertet wird;
vergewisserung adliger Kreise. In M. de Cervantes’ linguistisch spricht man genauer von ä ›Ambiguität‹,
»Don Quijote« (1605/15) wurde der auch für den A. ä ›Äquivokation‹ oder ›Polysemie‹. In der heutigen
typische, mitunter spannungslose Schematismus paro- Lit.wissenschaft ist der Begriff ä ›Polyvalenz‹ verbrei-
diert, was allerdings der Beliebtheit des A.s bis ins 18. teter. – Sucht man nach einer Möglichkeit, den Begriff
Jh. keinen Abbruch tat. ›A.‹ zu erhalten und mit einer präziseren Bedeutung zu
Lit.: S. J. Barber: »Amadis de Gaule« and the German belegen, so bietet es sich an, auf die psychologische Be-
Enlightenment. Bern u. a. 1984. – F. Pierce: Amadis griffsprägung zurückzugehen und den Ausdruck ›A.‹
de Gaula. Boston/Mass. 1976. – H. Weddige: Die »His- der Bez. solcher Phänomene vorzubehalten, bei denen
torien vom Amadis auss Franckreich«. Wiesbaden es nicht auf Eigenschaften von Texten, sondern auf die
1975. ID Haltung von Subjekten ankommt: 1. das Schwanken
Amateurtheater ä Laienspiel, ä Liebhabertheater. von ä Figuren in fiktionalen Texten, ihre Unfähigkeit,
Ambiguität, f. [lat. ambiguitas = Zweideutigkeit, Entscheidungen zu treffen und kohärent zu handeln
Doppelsinn], auch: Ambivalenz, Amphibolie, Mehr- (z. B. Hamlet); 2. die rezeptionsästhetisch und -ge-
deutigkeit, Vieldeutigkeit; konstitutive Eigenschaft na- schichtlich beschreibbare Unsicherheit, welche lit.
türlicher Sprachen: Durch den unbegrenzten und kre- Texte bei ihren Lesern auslösen oder zu einem be-
ativen Gebrauch einer begrenzten Zahl von Zeichen- stimmten Zeitpunkt ausgelöst haben (z. B. die Mi-
ausdrücken und -strukturen entsteht eine nicht immer schung von Faszination und Ekel bei der Lektüre von
vereindeutigend auflösbare Vielzahl von Bedeutungen. Texten der modernen Lit., welche hergebrachte ästhe-
Die Linguistik unterscheidet u. a. zwischen 1. ›lexika- tische Normen provokant durchbrechen).
lischer A.‹ (ä Äquivokation, ä Homonymie oder Poly- Lit.: J. Laplanche, J.-B. Pontalis: Das Vokabular der Psy-
semie), 2. ›syntaktischer A.‹, wenn sich aus der glei- choanalyse [frz. 1967]. Ffm. 1972. Bd. 1, S. 55–58. DB
chen linearen Abfolge von Konstituenten eines ä Syn- Ambrosianische Hymne ä Hymne (1).
tagmas oder ä Satzes strukturell unterschiedliche Ambrosianische Hymnenstrophe ä Hymnenstro-
Abhängigkeitsbeziehungen herauslesen lassen (»Die phe.
Tochter der Nachbarin, die ich getroffen habe …« – die Ambrosianischer Hymnenvers ä Hymnenstrophe.
Nachbarin oder die Tochter?), und 3. ›pragmatischer Ambrosianischer Hymnus ä Hymnenstrophe.
A.‹ (»Es zieht!« – Feststellung und/oder Aufforderung, Amerikanismus ä Anglizismus.
die Tür zu schließen?). – In der klassischen Rhet. und Amerikanistik, auch: Amerikastudien, Nordameri-
Stilistik wird A. als Verstoß gegen das Ideal der perspi- kastudien, American Studies, wissenschaftliches Fach,
cuitas (ä Klarheit) in der Regel negativ bewertet. Dage- das sich mit der Erforschung von Kultur und Gesell-
gen gilt die lit. A., die über das rein Sprachliche hinaus schaft der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) be-
Amphitheater 19

schäftigt, in Abgrenzung zu den Kanadastudien (Ka- studies« und haben tief greifenden Einfluss auf die
nadistik) und der Lateinamerikanistik. Die A. ist heute Entwicklung der A., v. a. führen sie seit den 1980er Jah-
an nahezu allen dt. Universitäten vertreten. Berufsver- ren zur Revision des lit. Kanons, zu weit reichenden
band der dt. A. ist die 1953 gegründete »Dt. Gesell- Veränderungen der Lehrinhalte und zu methodisch-
schaft für Amerikastudien« mit heute ca. 800 Mitglie- theoretischen Neu-Orientierungen (ä Ideologiekritik,
dern. – In Deutschland lassen sich erste Anfänge einer ä Kulturanthropologie, ä Dekonstruktion, ä Konstruk-
akademischen Beschäftigung mit den USA bis ins tivismus [3], ä New Historicism). Die A. betont die
späte 18. Jh. zurückverfolgen. Die Formierung der Pluralität der Perspektiven und methodischen Heran-
American Studies als systematisierend kultur- und gehensweisen. Sie ist differenz-orientiert, mit Blick für
geistesgeschichtlicher Fachdisziplin setzt in den USA das Partikulare der Alltagskultur ebenso wie für trans-
ein mit V. Parringtons Studie Main Currents in Ameri- nationale Kulturprozesse in einer globalisierten Welt.
can Thought (1927). Institutionell und konzeptionell Lit.: Th. Claviez: Grenzfälle: Mythos – Ideologie –
haben sich die American Studies in den USA und die American Studies. Trier 1998. – W. Fluck, Th. Claviez
A. in Deutschland allerdings erst nach dem Zweiten (Hg.): Theories of American Culture – Theories of
Weltkrieg zu einem eigenständigen Fach entwickeln American Studies. Tüb. 2003. – B. Georgi-Findlay:
können. In Abgrenzung von den klassischen Fremd- Nordamerikastudien. In: U. Böker, Ch. Houswitschka
sprachenphilologien versteht sich die A. von Beginn (Hg.): Einf. in das Studium der Anglistik und A. Mchn.
an als interdisziplinäre Kulturwissenschaft, d. h. 1. 2000, S. 48–88. – G. H. Lenz, K. J. Milich (Hg.): Ameri-
Hochkultur und Populärkultur gehören gleicherma- can Studies in Germany. Ffm. 1995. – D. E. Pease, R.
ßen zum Gegenstandsbereich der A. und 2. kulturelle Wiegman (Hg.): The Futures of American Studies.
Texte werden in die für sie relevanten Kontexte gestellt. Durham 2002. HTO
Die amerikanistische Forschung sucht konsequent Amoibaion, n. [gr. = das Abwechselnde], lyrisch-jam-
nach Verbindungen und Schnittstellen mit anderen bischer Wechselgesang zwischen Schauspielern oder
geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. aber Chor und Schauspieler(n) in der gr. ä Tragödie
– Die erste Phase einer konzeptionell profilierten A. ist (z. B. Sophokles: »König Ödipus« V, 2), meist nach dem
bestimmt durch die Myth-and-Symbol-School der ä Stasimon eingefügt. UM
1950er und 1960er Jahre. Vor dem Hintergrund des Amorosi, m. Pl. [it.], Sg. amoroso, auch: innamorati,
Kalten Krieges und der bestätigten Weltmachtrolle der die Figuren der Verliebten in der ä Commedia
USA behandeln die Vertreter dieser Schule (u. a. P. dell’ Arte.
Miller: »Errand Into the Wilderness«, 1956; H. N. Amphibolie, f. [gr. = Doppeldeutigkeit], ä Ambiguität,
Smith: »Virgin Land«, 1950; L. Marx: »The Machine in ä Wortspiel.
the Garden«, 1964) zentrale Mythen und Kollektiv- Amphibrachys, m. [gr. = beidseitig kurz], dreisilbiger
Symbole, die als Ausdruck einer kohärenten natio- antiker Versfuß: v – v (nicht als selbständiges Versmaß
nalen Identität gelten können: die Frontier, der ede- belegt); vielfach schwer zu entscheiden, ob amphibra-
nische Neuanfang, die Begegnung mit der Wildnis. chische Verse nicht als ä Anapäst mit ä akephalem (um
Vorrangig untersucht werden kulturelle Zeugnisse eine Silbe verkürztem, also jambischem) Anfang zu
(z. B. Hoch- und Populärlit., Malerei, Illustrationen, deuten sind. – Dt. Nachbildungen finden sich erstmals
politische Texte) im Hinblick auf ihre identitätsstif- im 17. Jh. als Versuch, auch nicht alternierende Vers-
tende, d. h. einen am. Nationalcharakter artikulierende maße (ä Alternation) nachzubilden, vgl. »Die Sónne
Funktion. Die gesellschaftlichen Turbulenzen der mit Wónne den Tágeswachs míndert« (J. Klaj: »Vorzug
1960er Jahre (Bürgerrechtsbewegungen, Vietnam- des Herbstes«); in späterer Zeit nur noch selten, z. B.
Krieg, Gegenkultur) und gleichzeitig auftretende neue »Lied der Parzen« in Goethes »Iphigenie« IV; C. F.
wissenschaftliche Ansätze (ä Poststrukturalismus, Meyer: »Chor der Toten«. – Eine sog. Amphibrachien-
ä Cultural Studies) haben die A. nachhaltig verändert. schaukel entsteht im daktylischen ä Hexameter bei
Die Arbeiten der Myth-and-Symbol-School werden einer Zäsur post quartum trochaeum, durch welche die
jetzt im Hinblick auf ihre hierarchischen Annahmen übliche daktylische Struktur des Versschlusses verän-
bezüglich Rasse, Geschlecht, Klassenherkunft und an- dert wird; im gr. Vers verpönt, im lat. und dt. erlaubt,
derer kultureller Hegemonien hinterfragt und erschei- z. B. J. W. Goethe: »Reineke Fuchs« (V. 1): »Pfíngsten,
nen dabei elitär, nationalistisch und universalistisch. das líebliche Fést, war gekómmen; es grǘnten und
Das Leitkonzept nationaler Mythen, so die Kritiker, blǘhten« (– v v | – v v | – v v | – v | | v – v | v – v ). HST
suggeriert Homogenität und Konsensualität der am. Amphimakros, m. [gr. = beidseitig lang], ä Kretikus.
Gesellschaft, was nicht den tatsächlichen gesellschaft- Amphitheater, n. [gr. amphí = ringsum], Form des
lichen Verhältnissen entspreche. Demgegenüber wer- antiken Theaters: um eine runde (ovale) Arena (lat. =
den in der A. seit den 1960er Jahren die Heterogenität, Sandplatz; gr. ä Orchestra) stufenweise ansteigende
Hybridität, Konflikthaltigkeit und die Vielstimmigkeit Sitzreihen unter freiem Himmel. In Griechenland
der am. Kultur in den Vordergrund gestellt. Diese meist in natürliches Gelände eingefügt (oder Erdauf-
neuen Perspektiven erscheinen programmatisch fo- schüttungen) und die Arena zu zwei Dritteln umfas-
kussiert unter dem Schlagwort »race, class and gender send (ä Skene, ä Proskenion). Im röm. Theater auch
20 Amplificatio

freistehende Bauten (Sitzreihen nur Halbkreis), zu- theater (Hamlet im Frack, SS-Uniformen in Beetho-
nächst aus Holz zum Wiederabbruch, dann steinerne vens »Fidelio«). UM
Konstruktionen (Rundbogen). – Die berühmten, die Anadiplose, f. [gr. anadíplôsis = Wiederholung, Ver-
Arena rings umschließenden A. wie das Kolosseum in doppelung; auch: Epanadiplosis, Epanastrophe, lat. re-
Rom wurden nur für sportliche Wettkämpfe, Tierhet- duplicatio], ä rhet. Figur, Sonderform der ä Geminatio:
zen, Gladiatorenkämpfe etc. benutzt. Viele A. werden Wiederholung des letzten Wortes oder der letzten
heute noch bespielt (Arles, Verona). GS/Red. Wortgruppe eines Verses oder Satzes am Anfang des
Amplificatio, f. [lat. = Erweiterung; gr. aúxēsis = folgenden Verses oder Satzes zur semantischen oder
Wachstum, Zunahme], rhet. Verfahren, das eine Aus- klanglichen Intensivierung und zur Affektsteigerung,
sage über das zur unmittelbaren Verständigung Not- z. B. »Ha! wie will ich dann dich höhnen! / Höhnen?
wendige hinaus kunstvoll erweitert. Gegensätze: ä Ab- Gott bewahre mich!« (F. Schiller: »An Minna«). RBS
breviatio, Diminutio. In der antiken ä Rhet. wird die A. Anagnorisis, f. [gr. = Erkennen, Wiedererkennen], in
zur Wirkungssteigerung gesetzt. Mittel der A. sind der antiken Tragödie Umschlag von Unwissenheit in
ä Variation und Formen der Häufung wie ä Accumula- Erkenntnis: plötzliches Durchschauen eines Tatbestan-
tio, Enumeratio, Distributio oder Synonomie, ferner des; nach Aristoteles (»Poetik«, Kap. 11) eines der drei
ä Periphrase, ä Vergleich und ä Beschreibung (De- entscheidenden Momente einer dramatischen Fabel
scriptio). Die mal. Rhet. erweitert die modi amplifica- (neben ä Peripetie und ä Katastrophe). Am häufigsten
tionis (Erweiterungsmittel) um ä Apostrophe (Excla- ist das Erkennen von Verwandten und Freunden (vgl.
matio, Dubitatio, Interiectio), ä Personifikation, ä Ex- Sophokles: »König Ödipus«, »Elektra«; F. Schiller: »Die
kurs (Disgressio) und Figuren wie ä Litotes und Braut von Messina«; F. Grillparzer: »Die Ahnfrau«).
ä Oppositio. Die A. kann einen Konflikt lösen (vgl. J. W. Goethe:
Lit.: L. C. Montefusco: Stylistic and argumentative »Iphigenie«) oder die Tragik der Katastrophe vertiefen,
function of rhetorical a. In: Hermes 132 (2004), S. 69– bes. wirkungsvoll, wenn A. und Peripetie zusammen-
81. – J. Stenzel: A. In: RLW. CSR fallen (A. Camus: »Das Mißverständnis«). HST
Anachronie, f. [Kunstwort aus dem Gr. = Vertau- Anagra·mm, n. [gr. anágramma = Umschreibung], Um-
schung der Zeit], erzählerischer Rück- oder Voraus- stellung der Buchstaben eines Wortes, Namens oder ei-
griff. Durch den ä Plot eines Erzähltextes wird ein zeit- ner Wortgruppe zu einer neuen sinnvollen Lautfolge. –
licher Rahmen definiert. ›A.‹ im engeren Sinne be- Als Erfinder wird Lykophron von Chalkis (3. Jh. v. Chr.)
zeichnet die Technik, Ereignisse außerhalb dieses genannt, doch gilt als eigentliche Heimat der Orient, wo
Rahmens wiederzugeben; unterscheiden lassen sich das A. durch religiöse Geheimschriften, v. a. der jü-
erzählerische Rückgriffe auf die ›Vorgeschichte‹ (Läm- dischen Kabbalisten, weite Verbreitung fand. Bes. das
mert: ›Rückwendung‹; Genette: ä ›Analepse‹) und Vor- MA. erkannte die Symbolik des A.s, vgl. »Ave – Eva«
verweise auf Ereignisse nach dem Ende der erzählten oder »Quid est veritas?« (Joh 18, 38) – »Est vir qui adest«.
Ereigniskette (Lämmert: ä ›Vorausdeutung‹; Genette: Das A. wird bes. beliebt im 16. und 17. Jh. (Frankreich:
ä ›Prolepse‹). Auch im Innern des Plots werden im All- ä Pléiade), z. B. als ä Anspielung in Briefen und Buchti-
gemeinen nicht alle Ereignisse sequentiell erzählt, son- teln. Im 17. Jh. werden durch das A. wissenschaftliche
dern durch interne Analepsen und Prolepsen arran- Entdeckungen (z. B. von Galilei) verschlüsselt und zeit-
giert, dies bes., wenn (etwa im ä Roman) mehrere weilig geheim gehalten. Am häufigsten wird das A. als
Ereignisstränge parallel erzählt werden. – Die Neuord- ä Pseudonym verwendet, so von F. Rabelais, F. v. Logau,
nung der linearen zeitlichen Struktur der Story in ei- H. J. Ch. v. Grimmelshausen (sieben A.e), K. Stieler, P.
nen vom Erzähler durch A. strukturierten Plot ist eines Verlaine. Eine strenge Form stellt das rückläufige A. dar:
der wichtigsten narrativen Verfahren. »Roma – Amor« (so in J. W. Goethes »Römischen Ele-
Lit.: G. Genette: Die Erzählung [frz. 1972/83]. Mchn. gien«), vgl. Ananym, ä Palindrom. Eine weniger exakte
1994, S. 21–59. – E. Lämmert: Bauformen des Erzäh- Kombination ist z. B. »Rose de Pindare« aus Pierre de
lens. Stgt. 1955, S. 100–194. TAS Ronsard. Sammlungen lat., gr. und dt. A.e enthält F. D.
Anachroni·smus, m. [gr. anachronízein = in eine an- Stenders »Teutscher Letterwechsel« (1667). F. de Saus-
dere Zeit verlegen], versehentliche oder absichtliche sures A.studien wirkten auf die »théorie de l’écriture«
zeitliche Einordnung von Personen, Sachen und Vor- der Lit.zeitschrift ä »Tel Quel« (gegründet 1960). Zentral
stellungen in einen nicht passenden, historisch unrich- sind A.e im Werk von Unica Zürn (»Hexentexte«, 1954;
tigen Zeitraum. Der A. kann naiv (antike Helden als »Im Staub dieses Lebens. 63 A.e«, 1980).
mal. Ritter oder barocke Höflinge im Theater des frz. Lit.: E. Greber: Textile Texte. Köln u. a. 2002, S. 169–
Klassizimus und des Barock) oder versehentlich 225. – E. Kuhs: Buchstabendichtung. Hdbg. 1982. – K.
(schlagende Uhren, erfunden im 14. Jh., in W. Shake- Ruch: A. In: RLW. – W. Secker: A. In: HWbRh. – P.
speares »Julius Caesar«) unterlaufen oder aber absicht- Wunderli: Ferdinand de Saussure und die A.e. Tüb.
lich gesetzt werden, entweder mit komischer Absicht 1972. RBS
(z. B. in A. Blumauer: »Virgils Aeneis travestirt«, 1783– Anaklasis, f. [gr. = das Zurückbiegen], 1. in der anti-
88) oder, seit dem 20. Jh., zur Betonung einer überzeit- ken Metrik die Umstellung benachbarter langer und
lichen Bedeutung, häufig etwa im modernen Regie- kurzer Silben, z. B. v – v – zu – v v – , etwa im ä Ana-
Anakrusis 21

kreonteus; entspricht in akzentuierenden Versen etwa staltet. Bestimmte Themen werden formelhaft immer
der versetzten Hebung (ä schwebende Betonung). aufs Neue variiert: Liebe, Wein, Natur, Freundschaft
– 2. ä Rhet. Figur, auch: Antanaklasis, Sonderform der und Geselligkeit, das Dichten. Schauplatz ist eine an-
ä Diaphora: Wiederholung desselben Wortes oder Aus- mutige Landschaft (ä Locus amoenus), bevölkert von
spruchs durch einen Dialogpartner mit emphatischer mythologischen Figuren (Amor und Bacchus, Nym-
(betonter) Bedeutungsnuance, z. B. Odoardo: »[…] phen, Musen und Grazien), oft auch vom Dichter und
Der Prinz haßt mich –« – Claudia: »Vielleicht weniger, seiner Geliebten, nicht selten im Schäferkostüm. Auch
als du besorgest.« – Odoardo: »Besorgest! Ich besorg’ formal zeigt sich eine Tendenz zum Kleinen (neben der
auch so was!« (G. E. Lessing: »Emilia Galotti« II, 4). anakreontischen Ode: Epigramm, Liedchen, Triolett;
GS/Red. Veröffentlichung in Almanachen, Taschenbüchern u. a.;
Anakoluth, n. oder m. [gr. an-akóluthon = nicht folge- im Sprachlichen: Diminutiva, zierliche Modewörter
richtig], fehlerhafte syntaktische Konstruktion, die als usw.). Versbehandlung und sprachlicher Ausdruck ge-
lit. Kunstmittel genutzt werden kann, z. B. als Sugges- winnen (nicht zuletzt nach frz. Vorbild) an Leichtigkeit
tion mündlicher Rede (»deine Mutter glaubt nie dass und graziöser Klarheit. In das heitere Bekenntnis zur
du vielleicht erwachsen bist und kannst allein für dich Diesseitigkeit, zu Scherz, Ironie und tändelndem Witz
aufkommen«, U. Johnson: »Mutmassungen über Ja- mischen sich auch Züge der ä Empfindsamkeit. Die A.
kob«) oder als emphatische Hervorhebung, z. B. durch des dt. Rokoko setzt mit dem zweiten ä Halleschen
den sog. absoluten Nominativ (»Der Prinz von Hom- Dichter- oder Freundeskreis ein. Neben Halle wird
burg, unser tapfrer Vetter, / […] / Befehl ward ihm von Hamburg durch den Kreis um F. v. Hagedorn (Ch. N.
Dir […]«, H. v. Kleist: »Prinz Friedrich von Homburg«, Naumann, J. F. Lamprecht, J. A. Unzer, J. M. Dreyer) zu
V. 1–6). einem Mittelpunkt der dt. A. Diese Autoren zeigen sich
Lit.: A. Betten: A. In: RLW. KHH weltoffener, weniger empfindsam als die von mittleren
Anakreonteus, m., antiker Vers der Form v v – Beamten und Geistlichen getragene A. in Halle, die z. T.
v – v – – , gilt als ä Dimeter aus zwei Ionici a minore »Säkularisation des Pietismus« (G. Müller) ist. Zu
(v v – – + v v – – ) mit ä Anaklasis in der Versmitte. Bez. einem dritten, von Halle und Hamburg beeinflussten
nach dem Lyriker Anakreon (6. Jh. v. Chr.); stichisch Zentrum wird Leipzig. Auch außerhalb dieser Kreise
und in Verbindung mit ionischen oder jambischen wird von vielen Autoren der Epoche zumindest zeit-
Metren in der Lyrik und in lyrischen Partien der Tra- weilig anakreontisch gedichtet; vom Halberstädter
gödie verwendet. HST Kreis um Gleim, den ä Bremer Beiträgern, dem ä Göt-
Anakreo·ntik, f., im engeren Sinn strenge Nachah- tinger Hain, F. G. Klopstock, K. W. Ramler, G. E. Les-
mungen der 60 im Hellenismus entstandenen, jedoch sing, H. W. v. Gerstenberg, M. Claudius, J. W. Goethe
Anakreon (6. Jh. v. Chr.) zugeschriebenen Oden und F. Schiller. – Die kunsttheoretischen Grundlagen
(ä Anakreonteus), erstmals ediert 1554 von H. Stepha- der A. werden (unter engl. Einfluss, v. a. A. A. C. of
nus (= H. Estienne). Im weiteren Sinn auch Gedichte, Shaftesburys) in der von A. Baumgarten systematisier-
die nur Themen und Motive (nicht die strenge Form) ten Lehre vom Schönen (»Aesthetica«, lat. 1750–58)
der Anakreonteen aufnehmen, d. h. die Freude an der gelegt, v. a. dann (dt.) in den Schriften G. F. Meiers
Welt und am Leben verherrlichen; dabei dient die Be- (»Gedanken von Scherzen«, 1744) sowie von M. Men-
rufung auf Anakreon der Selbstlegitimation. Vorbilder delssohn (»Briefe über die Empfindungen«, 1755) und
sind neben der Sammlung des Stephanus der echte F. J. Riedel (»Theorie der schönen Künste und Wissen-
Anakreon, Horaz mit seinen heiteren Oden, Catull so- schaften«, 1767). Die A. hat stark auf spätere Autoren
wie Epigramme der »Anthologia Planudea« (ä Antho- gewirkt, so auf Goethe (bis hin zum »West-östlichen
logie). – Anakreontische Dichtung entsteht im 16. Jh. Divan«), F. Rückert, W. Müller, A. v. Platen, H. Heine,
zuerst in der frz. ä Pléiade; unter dem Einfluss des Phi- E. Mörike, E. Geibel, J. V. v. Scheffel, P. Heyse, D. v. Li-
losophen P. Gassendi (»De vita, moribus placitisque liencron, R. Dehmel, O. J. Bierbaum, M. Dauthendey.
Epicuri«, 1647) dichten im 17. Jh. C. E. Chapelle, G. A. Lit.: W. Adam: Geselligkeit und A. In: E. Rohmer, Th.
de Chaulieu u. a. im Geiste Anakreons, im 18. Jh. Vol- Verweyen (Hg.): Dichter und Bürger in der Provinz.
taire und die petits poètes J. B. Grécourt, A. Piron u. a. Tüb. 1998, S. 31–54. – K. Bohnen: A. In: RLW. – W.
(ä poésie fugitive). In der dt. Lit. versteht man unter ›A.‹ Kühlmann: Anakreonteen. In: RLW. – G. Müller: Ge-
allg. die Lyrik des ä Rokoko (doch ist diese nicht auf schichte des dt. Liedes vom Zeitalter des Barock bis zur
den Begriff des Anakreontischen zu reduzieren, da sie Gegenwart. Mchn. 1925. – Th. Verweyen, G. Witting:
auch andere Einflüsse verarbeitet). Die vorangehende Zum philosophischen und ästhetisch-theoretischen
anakreontische Dichtung des 16. bis frühen 18. Jh.s Kontext der Rokoko-A. In: E. Rohmer, Th. Verweyen
blieb äußerliche Nachahmung. Erst ein neues Lebens- (Hg.): Dichter und Bürger in der Provinz. Tüb. 1998,
und Weltgefühl ermöglicht um 1740 eine Dichtung, in S. 1–30. – H. Zeman: Die dt. anakreontische Dichtung.
der Anakreon nicht mehr nur formales und thema- Stgt. 1972. RBS
tisches Vorbild ist, sondern zum Inbegriff eines ver- Anakreontiker ä Hallescher Dichterkreis (2).
feinerten Hedonismus wird, der aus Freude am Leben, Anakrusis, f. [gr. = das Anschlagen des Tones, das
aus Weltklugheit das »carpe diem« des Horaz lit. ge- Anstimmen, Präludieren], veraltete Bez. für die Ein-
22 Analekten

gangssenkung(en) jambischer und anapästischer schaftlich-hermeneutischen Richtung der Lit.wissen-


Verse. ä Auftakt. JK/Red. schaft verpflichtet sich die a. L. auf terminologische
Anale·kten, f. Pl. [gr. analégein = auflesen, sammeln], Klarheit, Konsistenz und Widerspruchsfreiheit der
Sammlung von Auszügen oder Zitaten aus dichte- Theorien und Argumentationen sowie Überprüfbar-
rischen oder wissenschaftlichen Werken oder von keit ihrer wissenschaftlichen Hypothesen. Vergleich-
Beispielen bestimmter lit. Gattungen, z. B. »Analecta bar den unterschiedlichen Strömungen und Positionen
hymnica medii aevi«. Auch als Titelbestandteil von innerhalb der analytischen Philosophie stellt die a. L.
Reihenwerken (z. B. »Analecta Ordinis Carmelita- keine einheitliche ›Schule‹ dar; vielmehr führt die Be-
rum«). ä Anthologie, ä Kollektaneen, ä Katalekten. rufung auf so unterschiedliche Philosophen wie G.
HFR/Red. Frege, L. Wittgenstein, S. A. Kripke, J. L. Austin, J. D.
Anale·pse, f. [gr. análēpsis = Rückwendung, Rückgriff; Sneed oder N. Goodman zu einer Vielzahl und Vielfalt
von ana-lambánein = aufnehmen, wiederherstellen; von Ansätzen und Positionen innerhalb der a.n L. Es
engl. flashback], erzählerische Rückwendung zu einem lassen sich jedoch zwei Hauptströmungen unterschei-
Ereignis, das nach der chronologischen Reihenfolge den: 1. Der rekonstruktiven Richtung der a.n L. geht es
der story (histoire) bereits ›vergangen‹ ist. In der ä Er- primär um die Analyse und Rekonstruktion der Theo-
zähltheorie Genettes gehört die A. (neben der ä Pro- rien, Begriffe und Argumentationen der traditionellen
lepse) zu den wichtigsten Mitteln der Zeitdarstellung Lit.wissenschaft, wobei man sich der Vorgehensweisen
(ä Anachronie). A.n können nach ihrer Reichweite der sprachanalytischen Philosophie, der ä Sprechakt-
und ihrem Umfang differenziert werden. Die Reich- theorie oder der terminologischen Explikation be-
weite bestimmt sich nach dem zeitlichen Abstand zwi- dient. Ziel ist u. a. die Klärung der lit.wissenschaft-
schen dem Punkt, an dem die sog. Basiserzählung zu- lichen Terminologie durch übersichtliche Darstellung
gunsten der A. unterbrochen wurde, und dem Zeit- des Sprachgebrauchs, häufig verbunden mit dem
punkt in der story, an dem die A. einsetzt. Der Umfang Zweck einer ›Therapie‹ (Wittgenstein) begrifflicher
bezeichnet die Dauer des Zeitraums, den eine A. ab- Verwirrungen (ä Differentialismus). Typische Anwen-
deckt. – Ein Vorläufer des von Genette geprägten Ter- dungsbereiche dieser Form der a.n L. sind die Unter-
minus ist Lämmerts Begriff ›Rückwendung‹. suchung und terminologische Präzisierung von
Lit.: G. Genette: Die Erzählung [frz. 1972/83]. Mchn. Grundbegriffen wie ›Bedeutung‹, ›Fiktionalität‹ oder
1994, S. 32–45. – E. Lämmert: Bauformen des Erzäh- ›Gattung‹ sowie von ›Sprechtätigkeiten‹ wie Interpre-
lens. Stgt. 1955, S. 100–139. DBI tieren, Klassifizieren oder Werten. – 2. Die konstruk-
Analphabetismus ä Alphabetisierung. tivistische Richtung der a.n L. richtet sich gegen die
Analyse, f. [gr. análysis = Auflösung], in der Lit.wis- traditionelle Lit.wissenschaft und strebt deren theo-
senschaft Bestimmung der Bestandteile eines Textes retische und methodologische Erneuerung an. Aus-
und ihres Zusammenhangs. Gegenstand der A. kön- gehend von einheitswissenschaftlichen, systemtheo-
nen sein: syntaktische, semantische, rhet., stilistische retischen oder radikal-konstruktivistischen Kon-
sowie gattungsspezifische Texteigenschaften. Auch die zeptionen soll eine ›Verwissenschaftlichung der
Bestimmung von ä Intertextualität und Kontextualität Lit.-wissenschaft‹ (Danneberg/Müller) durch die em-
(ä Kontext) wird mitunter als ›A.‹ bezeichnet. Funkti- pirische Verifizierung bzw. Falsifizierung der For-
onen der A. sind die Textbeschreibung, die Rückfüh- schungsergebnisse erreicht werden (ä empirische Lit.-
rung der Wirkung eines Textes auf seine Eigenschaften wissenschaft). Dadurch werden traditionelle lit.-wis-
sowie die Prüfung und Begründung von ä Interpretati- senschaftliche Verfahren wie die ä Interpretation aus
onen, Werturteilen und Formen der ä Aufführung des dem Bereich der wissenschaftlichen Analyse ausge-
Textes. Gegen Lit.wissenschaft und -unterricht wird schlossen und sind lediglich als nicht-wissenschaft-
gelegentlich der Vorwurf erhoben, dort entfremde sich liche ›Teilnahmehandlungen‹ Gegenstand wissen-
die A. von ihren Funktionen und werde zu einem schaftlicher Beobachtung. Somit hat die – den beiden
Handlungsritual. Hauptströmungen gemeinsame – metatheoretische
Lit.: D. Burdorf: Einf. in die Gedichtanalyse [1995]. Perspektive der a.n L. wichtige Konsequenzen auch für
Stgt., Weimar 21997. – K.-H. Göttert: Einf. in die Rhet. die lit.wissenschaftliche Praxis.
Mchn. 1991. – M. Pfister: Das Drama [1977]. Mchn. Lit.: L. Danneberg, H.-H. Müller: Verwissenschaftli-
9
1997. – M. Titzmann: Strukturale Textanalyse [1977]. chung der Lit.wissenschaft. In: Zs. für allg. Wissen-
Mchn. 31993. – J. Vogt: Aspekte erzählender Prosa schaftstheorie 10 (1979), S. 162–191. – P. Finke, S. J.
[1972]. Opladen 81998. TZ Schmidt (Hg.): A. L. Braunschweig 1984. – D. Freund-
Analytische Bibliographie ä Bibliographie raison- lieb: A. L. In: RLW. – H. Fricke: Sprachphilosophie in
née. der Lit.wissenschaft. In: M. Dascal u. a. (Hg.): Sprach-
Analytische Literaturwissenschaft, Gruppe lit. philosophie. Halbbd. 2. Bln., NY 1996, S. 1528–1538.
wissenschaftlicher Ansätze, deren gemeinsames Kenn- – G. Gabriel: Zwischen Logik und Lit. Stgt. 1991. – H.
zeichen die Orientierung an den logischen und wis- Hauptmeier, S. J. Schmidt: Einf. in die Empirische Lit.-
senschaftstheoretischen Standards der analytischen wissenschaft. Braunschweig, Wiesbaden 1985. – F. Jan-
Philosophie ist. In Abgrenzung von der geisteswissen- nidis u. a. (Hg.): Zur Theorie der Bedeutung lit. Texte.
Anaphorik/Kataphorik 23

Bln., NY 2003. – A. Spree: Kritik der Interpretation. nen aus dem A. entstehen: 1. ä Spondeus: – – , 2. ä Pro-
Paderborn u. a. 1995. – W. Strube: Analytische Philo- keleusmatikos: v v v v oder 3. Daktylus: – v v . Der A. ist
sophie der Lit.wissenschaft. Paderborn u. a. 1993. – S. in der dt. Dichtung selten; er wird von A. W. Schlegel
Winko: A. L. In: Nünning. ASP (»Ion«, 1803), dann von J. W. Goethe (»Pandora«,
Analytische Philosophie ä analytische Lit.wissen- 1808/10) verwendet, meist als ä Dimeter mit dipo-
schaft. discher Gliederung und Mittelzäsur, oft auch mit ein-
Analytisches Drama, Schauspiel, in dem ein wich- oder gar dreisilbiger Senkung.
tiges ungeklärtes bzw. bewusst geheim gehaltenes Ge- Lit.: B. Snell: Gr. Metrik [1955]. Gött. 41982, S. 30–33.
schehen der Vergangenheit (Vorgeschichte) schließlich JK/CSR
aufgedeckt wird. Die analytische, teilweise kriminalis- Ana·pher, f. [gr. anáphora = Rückbeziehung, Wieder-
tische Auflösung des Geheimnisses steht im Mittel- aufnahme], Wiederholung eines Wortes oder einer
punkt der gesamten ä Handlung, der dramatische Wortgruppe am Anfang aufeinander folgender Sätze,
Konflikt ergibt sich aus den Ereignissen der Vergan- Satzteile, Verse oder Strophen (Ggs.: ä Epipher, Ver-
genheit. Der Begriff geht auf eine Briefstelle F. Schillers bindung von A. und Epipher: ä Symploke). Seit der an-
zurück: »Der Oedipus ist gleichsam nur eine tragische tiken Kunstprosa häufiges Mittel der syntaktischen
Analysis. Alles ist schon da, und es wird nur herausge- Gliederung und des rhet. Nachdrucks. »Wer nie sein
wickelt.« (Brief an J. W. Goethe vom 2.10.1797) Als Brot mit Tränen aß, / Wer nie die kummervollen
ä Prototyp der Gattung gilt Sophokles’ ä Tragödie Nächte / Auf seinem Bette weinend saß […]« (J. W.
»Oidípous týrannos« (um 433 v. Chr.), in der sich das Goethe: »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, Lied des Harf-
analytische Drama mit dem ä Schicksalsdrama verbin- ners).
det. Im Bereich des ä Lustspiels ist H. v. Kleists »Der Lit.: H. Fricke: A. In: RLW. KHH
zerbrochne Krug« (1808) ein Musterbeispiel: Zwei Fi- Anaphorik/Kataphorik, f. [aus gr. aná = empor, hin-
guren (Richter Adam und Eve) halten ihr Wissen zu- auf; katá = hinab; phérein = tragen], linguistische Bez.
nächst geheim und wollen die Ermittlung der Wahr- für Verfahren, durch bestimmte sprachliche Mittel
heit sogar verhindern, während sich das vergangene (›Anaphern‹, ›Kataphern‹) Elemente des sprachlichen
Geschehen langsam im Indizienprozess enthüllt und bzw. thematischen ä Kontextes wieder aufzunehmen
durch die abschließende Aussage Eves geklärt wird. (im Ggs. zur ä Deixis, die im situativen Kontext ihrer
Die Gerichtsszene bzw. das Verhör zur Ermittlung des Verwendung verweist). A. und K. tragen durch die
Schuldigen ist ein charakteristischer Szenentyp des Stiftung von Kohäsion und Kohärenz zur Textkonsti-
analytischen Dramas. Schon G. E. Lessing schreibt mit tution bei. – Die A. dient der Wiederaufnahme von
»Die Juden« (1754) und »Nathan der Weise« (1779) zuvor in Rede oder Text oder auch nur im Wissen
analytische Dramen, in denen die Aufdeckung eines etablierten Gegenständen, Personen oder Sachverhal-
Geheimnisses oder einer Identität im Vordergrund ten (dem ›Antezedens‹). Syntaktisch gebundene Ana-
steht. Moderne analytische Dramen stammen v. a. von phern mit einem Antezedens innerhalb des Satzes, in
H. Ibsen (»Stützen der Gesellschaft«, norweg. 1877; dem die Anapher steht (z. B. ›Peter kauft sich ein Auto‹)
»Nora«, norweg. 1879). werden von thematisch gebundenen Anaphern unter-
Lit.: B. Greiner: A. D. In: RLW. – M. Sträßner: A. D. schieden, die ihr Antezedens auch außerhalb dieses
Mchn. 1980. AHE Satzes haben können, z. B.: »Als Gregor Samsa eines
Anamythion ä Epimythion. Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er
Anantapodoton, n., [gr. = ohne Entsprechung], auch: sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer
Anapodoton; Sonderfall des ä Anakoluth: Von einer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rü-
zweiteiligen korrespondierenden Konjunktion (z. B. cken […]« (F. Kafka: »Die Verwandlung«). Ist das An-
zwar – aber, weder – noch) erscheint nur der erste tezedens sprachlich nicht realisiert, spricht man von
Teil in einem meist längeren Vordersatz, während einer impliziten Anapher (siehe z. B. Th. Mann:
der Nachsatz mit dem zweiten Teil der Konjunktion »Schwere Stunde«). Daneben werden zuweilen auch
fehlt. KHH ä Paraphrasen und ä Ellipsen, in denen das Antezedens
Ananym, n., ä Pseudonym. sprachlich variiert bzw. durch eine systematische Aus-
Anapäst, m. [gr. anápaistos = rückwärts geschlagen], lassung markiert wird, zum Bereich der A. gerechnet.
ä Versfuß, bestehend aus zwei Kürzen und einer Länge In der K. wird auf im sprachlichen Kontext nachfol-
(v v – ), und damit ein umgekehrter ä Daktylus, was die gende Elemente verwiesen, z. B.: »Jeden Morgen, wenn
Benennung erklärt. Aufgrund der vorandrängenden er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke
Rhythmisierung benutzte man den A. v. a. in Marsch- einer existentiellen Turnübung […]« (H. Böll: »Doktor
und Schlachtliedern (als katalektische Tetrapodie) so- Murkes gesammeltes Schweigen«).
wie Prozessionsgesängen (als ä Prosodiakos), bei Ein- Lit.: K. Ehlich: Deiktische und phorische Prozeduren
zug (ä Parodos) oder Auszug (ä Exodos) des Chors in beim lit. Erzählen. In: E. Lämmert (Hg.): Erzählfor-
der gr. ä Tragödie oder bei Spottliedern, namentlich schung. Stgt. 1982, S. 112–129. – L. Hoffmann: Ana-
den ä Parabasen der Komödien des Aristophanes und pher im Text. In: G. Antos u. a. (Hg.): Text- und Ge-
Plautus. Durch Zusammenziehung oder Spaltung kön- sprächslinguistik. Bd. 1. Bln., NY 2000, S. 295–304. – Y.
24 Anastrophe

Huang: Anaphora. Oxford 2000. – B. Spillner: K., A. Verhältnis von Fremdem und Eigenem in den Blick.
In: RLW. RBL und SO Heidegger (S. 19–23) versteht ›A.‹ emphatisch als Zu-
Ana·strophe, f. [gr. = Umkehrung], ä rhet. Figur, ä In- rückgewinnen des Ursprünglichen durch die wieder-
version. holende »Destruktion« des Überlieferten. Gadamer
Anazyklisch [gr. = umkehrbar], vorwärts und rück- (S. 295) wendet sich gegen das Verständnis von ›A.‹ als
wärts gelesen gleich lautend (auf Wörter oder Sätze »Besitzergreifung« und fordert demgegenüber für die
bezogen). ä Palindrom. GS/Red. Hermeneutik die Unterordnung unter den »beherr-
A· nceps [lat. = schwankend], 1. Bez. der antiken ä Me- schenden Anspruch des Textes«. Sprachwissenschaft
trik für eine Stelle im Versschema (bes. am Anfang und und ä Rezeptionsästhetik analysieren unter dem Be-
Ende), die durch eine Länge oder eine Kürze ausgefüllt griff ›A.‹ Prozesse des Kompetenzerwerbs (z. B. Sprach-
werden kann (= elementum a.: v oder x ). 2. Bez. der erwerb) und der ä Rezeption.
antiken ä Prosodie für eine Silbe, die im Vers als Länge Lit.: H. Anz: A.2. In: RLW. – H. Feilke: Grammatika-
oder als Kürze verwendet werden kann (= syllaba a.). lisierung, Spracherwerb, Schriftlichkeit. Tüb. 2001. –
HST H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode [1960]. Tüb.
4
Andacht, f., 1. im allg. Sinn eine Haltung oder Situa- 1975. – M. Heidegger: Sein und Zeit [1927]. Tüb.
6
tion innerer, meist religiöser Einkehr; 2. ein – oft bib- 1960. WVB
lischer – Text, der zu einer solchen Einkehr anregen Anekdote, f. [gr. anékdota = nicht Herausgegebenes],
oder sie intensivieren soll und der mit anderen gleich- kurze Geschichte mit Wirklichkeitsbezug; ursprüng-
artigen in ä Andachtsbüchern zusammengestellt wer- lich Titel einer gegen Kaiser Justinian und Theodora
den kann; 3. ein kurzer, um das ä Gebet und zuweilen gerichteten Schrift »Anekdota« (lat. »Arcana Histo-
die Meditation über einen Text zentrierter Gottes- ria«) des Prokopios von Cäsarea (6. Jh. n. Chr.) mit
dienst, der in den Tagesablauf eingebettet ist (z. B. entlarvenden Geschichten über den byzantinischen
Morgenandacht). DB Hof, die der Autor in seiner offiziellen Geschichte der
Andachtsbuch [mhd. andâht = Aufmerksamkeit, Er- Regierung Justinians nicht veröffentlicht hatte. In den
innerung, gerichtete Gedanken, Denken an Gott], beiden hier implizierten Bedeutungen wird A. später
Form der Erbauungslit., deren Grenzen unscharf sind, gebraucht: 1. als Titel von Ausgaben vordem noch
da fast alle religiösen Bücher der persönlichen ä An- nicht edierter Manuskripte; in der Neuzeit erstmals bei
dacht dienen können. Das A. hat das Ziel, die innere L. A. Muratori 1697, dann u. a. bei M. F. Müller (»Anec-
Hinwendung zu Gott und die Abwendung von allen dota Oxoniensa«, 1881). – 2. Im Sinne von ›Geschicht-
Äußerlichkeiten zu fördern bzw. dazu anzuleiten. Re- chen‹, so zuerst in der frz. Memoirenlit. des 17. und 18.
gelmäßige Benutzung und eine feste äußere Form un- Jh.s, nach diesem Vorbild in Deutschland bei K. W.
terstützen die Andacht, die zu einer meditativen Le- Ramler (1749) und J. G. Herder (1784). Heute bezeich-
bensbewältigung werden kann. So will M. Moller mit net ›A.‹ v. a. eine epische Kleinform, die auf eine über-
seinem »Manuale de praeparatione ad mortem« (1593) raschende Steigerung oder Wendung hinzielt und in
den Leser zu christlichem Leben und ›seeligem Ster- gedrängter Form einen für menschliche Charakter-
ben‹ anleiten. Ein A. im engeren Sinn enthält Andach- züge oder eine Begebenheit aufschlussreichen Augen-
ten, die aus der kurzen Auslegung eines biblischen blick zu erfassen sucht. Die Pointe besteht häufig in ei-
Textes, einem ä Gebet und einem ä Lied bestehen (z. B. ner schlagfertigen Entgegnung, einer witzigen Aus-
Ch. Scriver: »Gottholds Zufällige Andachten«. 3 Bde., sage, einem Wortspiel oder Paradoxon oder einer
1663–71). Meditative Momente dominieren in An- unerwarteten Aktion, daher Nähe zu ä Witz, ä Apho-
dachtsbüchern wie den »Meditationes Sacrae« von J. rismus, ä Epigramm. Die A. bildet sich v. a. um histo-
Gerhard (1582–1637) oder den »Exerzitien« von Igna- rische Persönlichkeiten (die oft leicht ausgetauscht
tius von Loyola (1491–1556). Katholiken wie Luthera- werden können: Wanderanekdote) und Ereignisse,
ner schätzten vom 17. bis 19. Jh. die »Nachfolge aber auch um fiktive, jedoch typisierte Gestalten oder
Christi« von Thomas von Kempen (1380–1471). SMI allg. um menschliche Situationen und Haltungen. Das
Aneignung, Vermittlungsprozess zwischen Indivi- Erzählte muss nicht historisch verbürgt sein; bedeut-
duen und kulturellen ä Artefakten. Der seit dem 18. Jh. sam ist nur, ob es möglich, treffend und charakteris-
belegte Begriff bedeutet allg. ›Anpassung‹, ›Inbesitz- tisch ist. Die A. soll im Episodischen Typisches aufzei-
nahme fremden oder herrenlosen Eigentums‹; ein aus gen, kann jedoch auch Geheimes, Privat-Intimes mit-
dem Lat. kommendes Synonym ist ›Inkorporation‹, teilen. – Anekdotenartige Geschichten, als mündlich
J. W. Goethe versteht ›sich aneignen‹ als individuellen gepflegte Gebrauchskunst, in einfach-volksmäßiger
Prozess des Erwerbens von Bildung und als Anpassung oder anspruchsvoller lit. Form, werden seit ältester
an das Erworbene. In der marxistischen Kulturtheorie Zeit tradiert. Sie finden Verwendung als ä Exempel in
wird ›A.‹ in Fortschreibung der eigentumsrechtlichen Historie, Gesta, Vita und Chronik, in Rede, Predigt,
Wortbedeutung als kritische Übernahme des huma- Traktat und Satire (im Gr. entspricht der A. etwa das
nistischen Kulturerbes durch das Proletariat verstan- ä Apophthegma, im Lat. der ä Apolog, im MA. das
den (ä Erbetheorie). In der ä Hermeneutik geraten A.s- ä Bîspel). – Die A. als selbständige lit. Form (die jedoch
prozesse als Vorgänge des ä Verstehens und somit das Gemeinsamkeiten mit ä Fabel, ä Schwank und ä No-
Anglistik 25

velle aufweist) entsteht im 14./15. Jh. im Gefolge der tragen, dient sie der Regulierung des Redeschmucks
novella des Boccaccio und deren Nachahmung, ferner (ä Ornatus; dazu genauer: ä aptum, decorum). MA.
v. a. der lat. ä Fazetie des G. F. Poggio Bracciolini (»Li- und Frühe Neuzeit begriffen A. als Standesgemäßheit,
ber facetiarum«, postum 1470). A.n begegnen in konkretisiert durch ä Anstandslit. Seit dem 18. Jh. ver-
Schwanksammlungen des 16. Jh.s, in Werken H. J. Ch. bindet A. sich dagegen mit Natürlichkeit. In ihrer ers-
v. Grimmelshausens (»Ewig-währender Kalender«, ten Bedeutung beherrscht sie bis heute Politik, Justiz
1670), in Predigten Abrahams a Sancta Clara. Eine ei- und Lebenspraxis. ›A.‹ im Sinn der zweiten Bedeutung
gentliche A.nsammlung ist P. Laurembergs »Acerra heißt heute eher ›Harmonie‹ oder ›Stimmigkeit‹.
philologica« (1633). Später findet die A. weite Verbrei- Lit.: B. Asmuth: A. In: HWbRh. – B. Bauer: Aptum,
tung in speziellen Sammlungen, Almanachen und Zss. Decorum. In: RLW. – N. Elias: Über den Prozeß der
Für die weitere Gattungsgeschichte prägend sind die Zivilisation [1939]. Ffm. 131988. Bd. 1, S. 66–73. – H.
A.n H. v. Kleists in den »Berliner Abendblättern« Lausberg: Hb. der lit. Rhet. [1960]. Mchn. 21973, §§
(1810 f.). Nah verwandt ist die ä Kalendergeschichte 1055–1062. – G. Ueding, B. Steinbrink: Grundriß der
(M. Claudius, J. P. Hebel, J. Gotthelf). Zu Novelle, Rhet. Stgt. 1986, S. 202–206. BAS
ä Kurzgeschichte oder ä Short Story tendiert die A. im Angli·stik, f., auch: English Studies, ›Engl. Philologie‹,
20. Jh. bei W. Schäfer (»A.«, 1908), P. Ernst (»Ge- ›Großbritannienstudien‹; wissenschaftliches Fach, das
schichten von dt. Art«, 1928). Prägnanz und Nähe zur sich mit der Erforschung der Sprachen, Lit.en und Kul-
Realität lassen die A. auch zum Kristallisationspunkt turen engl.sprachiger Länder in Geschichte und Ge-
anderer lit. Werke werden: bei Th. Fontane z. B. begeg- genwart beschäftigt und auf die Vermittlung interkul-
net die A. als Kunstmittel im Roman (»Vor dem tureller Kommunikations- und Handlungskompetenz
Sturm«, 1878); B. Brecht verarbeitet vielfach Anekdo- abzielt. Die A., die 1872 durch die Einrichtung des ers-
tisches (»Kalendergeschichten«, »Geschichten von ten Ordinariats in Deutschland institutionalisiert
Herrn Keuner«, »Augsburger« und »Kaukasischer wurde und heute als eigenständiges Fach an fast allen
Kreidekreis«). Die Zahl populärer A.n, die v. a. Biogra- Universitäten in den dt.sprachigen Ländern vertreten
phisches erfassen und durch den Journalismus ver- ist, hat sich v. a. in den letzten dreißig Jahren grundle-
breitet werden, wird im 19. und 20. Jh. unübersehbar. gend gewandelt. Sie verstand sich zunächst lange v. a.
Lit.: H. Grothe: A. [1971]. Stgt. 21984. – S. Hilzinger: als eine Fremdsprachenphilologie, die sich mit der
Anekdotisches Erzählen im Zeitalter der Aufklärung. engl. Sprache und Lit. in Vergangenheit und Gegen-
Stgt. 1997. – A. Jolles: Einfache Formen [1930]. Tüb. wart beschäftigte und die primär mit der Erarbeitung
6
1982. – R. Schäfer: A. Mchn. 1982. – W. E. Schäfer: A. kritischer und kommentierter ä Editionen sowie mit
– Anti-A. Stgt. 1977. – H. Schlaffer: A. In: RLW. – V. der Sprach- und Lit.geschichte befasst war. Ähnlich wie
Weber: A. Tüb. 1993. RBS in der ä Romanistik kam es seit Ende der 1960er Jahre
Anfangsrefrain ä Refrain. im Zuge der Studentenrevolte und des linguistic turn
Anfangsreim ä Eingangsreim. des ä Strukturalismus zu einer stärkeren Szientifizie-
Angemessenheit, klassische Verhaltens- und Struk- rung der A. als einer theoretisch und methodisch re-
turnorm, verstehbar als Variante des biologischen flektierten Wissenschaft, zu einer Differenzierung von
Prinzips der Anpassung. Das Angemessene [gr. prépon, Sprach- und Lit.wissenschaft, einer ›Linguistisierung‹
lat. aptum, decorum] berührt sich mit dem Guten (vgl. der Lit.wissenschaft sowie zu einer zunehmenden Spe-
Cicero: »De officiis« I, 93–149) und ä Schönen (vgl. zialisierung und Multiplizierung der Untersuchungs-
Augustinus’ verlorene Schrift »De pulchro et apto«, er- gegenstände, Theorien und Methoden der Textanalyse.
wähnt in seinen »Confessiones« IV, 13, 20–15, 24). Es Parallel dazu entwickelte sich seit dem Zweiten Welt-
gestaltet sich aber von Fall zu Fall anders, was Urteils- krieg zunächst die ä Amerikanistik zu einem eigenen
vermögen bzw. Feingefühl verlangt. Seit der Antike Fach, dessen Gegenstände und interdisziplinäres me-
bedeutet ›A.‹ 1. allg. die gelungene Ausrichtung sozi- thodisches Profil sich von der traditionellen A. unter-
alen, v. a. sprachlichen Verhaltens an der Situation und scheiden. Im Zuge der weiteren fachlichen Ausdiffe-
ihren Faktoren (Sprecher, Adressaten, raumzeitliche renzierung etablierten sich weitere Bereiche wie die
Umstände), 2. kunstwerkintern das passende Verhält- Kanadistik, die Irlandistik und die Erforschung der
nis eines Teils zu anderen Teilen und zum Ganzen neuen engl.sprachigen Lit.en und Kulturen (d. h. der
(einschließlich der Beziehung von Wort und Sache). engl.sprachigen Länder außerhalb der USA und
Die erste Bedeutung wird in der neueren Forschung oft Großbritanniens) als Teildisziplinen. Berufsverband
als ›äußere A.‹, die zweite Bedeutung gelegentlich als der dt. A. ist der 1977 gegründete »Anglistenverband«
›innere A.‹ bezeichnet (vgl. Lausberg und Ueding/ (ursprünglich »Anglistentag«) mit heute etwa 600 Mit-
Steinbrink; einschränkend Asmuth). Erasmus von gliedern. Daneben gibt es nicht nur die »Dt. Gesell-
Rotterdam verstand unter externum decorum gute Ma- schaft für Amerikastudien«, die »Gesellschaft für Ka-
nieren, z. B. beim Schneuzen (vgl. Elias). – Aristoteles nada-Studien«, die »Association for the Study of the
(»Rhet.« III, 2, 1) erhob A. neben ä Klarheit zum füh- New English Literatures« und die kulturwissenschaft-
renden Stilprinzip. In der antiken Dreistillehre (ä Ge- lich ausgerichtete »Dt. Gesellschaft für das Studium
nera dicendi) verfestigt und auch auf Dichtung über- Britischer Kulturen«, sondern auch zahlreiche weitere
26 Anglistik

Fachgesellschaften, die sich mit bestimmten Epochen Identitätsbildungsprozessen und Differenzkategorien


(z. B. »Gesellschaft für engl. Romantik«), Gattungen (race, class, gender) sowie mit einer Modernisierung
(z. B. »German Society for Contemporary Theatre and der Lehrinhalte und der Lehr-/Lernmethoden, was im
Drama in English«) oder Autoren beschäftigen und Gefolge des ›Bologna-Prozesses‹ durch die staatlich
von denen die »Dt. Shakespeare-Gesellschaft« die be- verordnete Umstellung der Studiengänge auf das an-
deutendste und mitgliederstärkste ist. – Von der A. gelsächs. BA/MA-Modell noch beschleunigt wird. Im
sind im 20. Jh. eine Reihe wichtiger Impulse für die Zuge der Internationalisierung und Europäisierung
ä allg. Lit.wissenschaft, die ä Lit.theorie und die ande- der Forschung und der Fachverbände, die in der Etab-
ren ä Philologien ausgegangen. Dazu zählen etwa W. lierung eines europäischen Dachverbandes mit dem
H. Clemens Studie über »Shakespeares Bilder« (1936), Namen »ESSE: European Society for the Study of Eng-
die grundlegend war für die ä werkimmanente Analyse lish« und einer eigenen Fachzeitschrift (»EJES: Euro-
lit. ä Formen, die Arbeiten des marxistischen Theater- pean Journal of English Studies«) ihren institutionali-
historikers R. Weimann zur Bedeutung des ä »New sierten Niederschlag gefunden haben, hat sich die A.
Criticism« für die Entwicklung der bürgerlichen Lit.- nicht nur zu einer interdisziplinär ausgerichteten Kul-
wissenschaft (1962) und über »Shakespeare und die tur- und neuerdings auch Medienwissenschaft weiter-
Tradition des Volkstheaters« (1967), F. K. Stanzels Stu- entwickelt, sondern auch Anschluss gefunden an in-
die über »Die typischen Erzählsituationen im Roman« ternationale Entwicklungen, ohne eigene Wissen-
(1955) und seine »Theorie des Erzählens« (1979), die schaftstraditionen preiszugeben.
ebenso international und interdisziplinär rezipiert Lit.: B. Engler, R. Hof (Hg.): European English Studies.
wurde wie die narratologischen Monographien von M. Leicester 2000. – Th. Finkenstaedt: Kleine Geschichte
Fludernik (»The Fictions of Language and the Langu- der A. in Deutschland. Darmstadt 1983. – F. R. Haus-
ages of Fiction«, 1993; »Towards a ›Natural Narrato- mann: A. und Amerikanistik im Dritten Reich. Ffm.
logy‹«, 1996) sowie W. Isers Studien zur ä Rezeptions- 2003. – B. Korte u. a.: Einf. in die A. [1997]. Stgt., Wei-
und ä Wirkungsästhetik (»Der implizite Leser«, 1972; mar 22004. – A. Nünning (Hg.): Uni-Wissen A. – Ame-
»Der Akt des Lesens«, 1976) und zur ä lit. Anthropolo- rikanistik. Stgt. 1998 ff. (bisher 25 Bde.). – A. Nünning,
gie (»Das Fiktive und das Imaginäre«, 1991). Aus dem A. H. Jucker: Orientierung A./Amerikanistik. Reinbek
Bereich der internationalen A. nahm die dt.sprachige 1999. – I. Schabert (Hg.): Shakespeare-Hb. [1972].
A. zudem einige für die zeitgenössischen Lit.- und Kul- Stgt. 42000. – R. Sommer: Grundkurs Cultural Studies/
turwissenschaften wegweisende theoretische Ansätze Kulturwissenschaft Großbritannien. Stgt. 2003. AN
wie den anglo-am. ä New Criticism, St. Greenblatts Anglizi·smus, m. [mlat. anglicus = engl.], Übernahme
ä New Historicism bzw. Poetics of Culture, den bri- oder Nachahmung einer lexikalischen, idiomatischen
tischen Cultural Materialism, die ä Gender und ä Queer oder syntaktischen Eigenheit des britischen (›Britizis-
Studies, den ä Postkolonialismus sowie die verschie- mus‹) oder am. (›Amerikanismus‹) Engl. Man kann
denen Spielarten der ä Cultural Studies auf, deren Re- folgende Formen unterscheiden: direkte Übernahme
zeption sie nachhaltig verändert hat und die maßgeb- (im Dt. z. B. ›Manager‹), häufig auch in engl.-dt.
lich zur gegenwärtigen Neuausrichtung der A., aber Mischformen (›Teamgeist‹ oder ›in sein‹), wörtliche
auch der ä Germanistik und ä Romanistik als ä Kultur- Übers. (›weltweit‹ aus worldwide), Bedeutungserwei-
wissenschaften oder interdisziplinäre Kulturraumstu- terung bereits vorhandener Wörter (›realisieren‹ nach
dien (Area Studies) beigetragen haben. – Das Studium to realize), Neuschöpfungen mit engl. Wortmaterial,
der A. gliedert sich in vier Teildisziplinen: Sprachwis- ohne dass ein bedeutungsgleiches engl. Wort bestünde
senschaft, Lit.wissenschaft, Kulturwissenschaft bzw. (›Handy‹ oder ›Servicepoint‹). Solche Scheinentleh-
Cultural Studies (früher Landeskunde) und (für Lehr- nungen nehmen seit den 1990er Jahren stark zu und
amtsstudierende) Fachdidaktik. Diese Teilbereiche werden v. a. von Sprachpuristen kritisiert und pejora-
sind je nach Universität und Studiengang unterschied- tiv als ›Denglisch‹ bezeichnet. Anglizismen werden
lich gewichtet und haben ihrerseits eine Vielzahl von auch als lit. Stilmittel verwendet: »Aus der Wand til-
Ansätzen und Methoden für die Untersuchung ihrer lerte … ein Girlbein« (A. Schmidt: »Das steinerne
jeweiligen Gegenstände entwickelt. Durch die Beschäf- Herz«).
tigung mit dem Engl. als Weltsprache und als ä Weltlit. Lit.: B. Carstensen u. a.: Anglizismen-Wörterbuch. 3
sowie mit der Vielfalt der neuen engl.sprachigen Lit.en Bde. Bln. 1993–96. – N. Plümer: A. – Purismus –
und Kulturen werden in der A. seit den 1980er Jahren sprachliche Identität. Ffm. u. a. 2000. GSR
die Heterogenität, Hybridität und Polyphonie der Angry Young Men, m. Pl. [engl. = zornige junge
sprachlichen Varietäten, Lit.en und Kulturen anglo- Männer], die junge Generation engl. Schriftsteller in
phoner Länder betont und erforscht. Dies geht einher den 1950er Jahren; benannt nach dem Charakter der
mit einer Revision des ä Kanons und einer Erweite- Hauptfigur in J. Osbornes Drama »Look back in an-
rung des Textbegriffs, mit theoretischen und metho- ger« (1956). Die A. Y. M. bildeten keine Gruppe, doch
dischen Neuausrichtungen, mit einem gestiegenen In- war ihnen gemeinsam der Protest gegen das »Estab-
teresse an Alltagskultur und Massenmedien, an Migra- lishment«, gegen das engl. Klassen- und Herrschafts-
tion und Dekolonisation, an kulturellem Gedächtnis, system. Die meisten von ihnen lebten, aus der Arbei-
Annalen 27

terklasse stammend (nur wenige besuchten eine Uni- ä Fußnote, Marginalie oder Anhang (Appendix) abge-
versität), bis zu ihren ersten Erfolgen unter schwierigen setzt. A.en sind in wissenschaftlicher Lit. und wissen-
sozialen und finanziellen Bedingungen. In einer für schaftlichen Textausgaben die Regel; sie finden sich
engl. Autoren neuartigen Weise äußert sich ihr Protest nach diesem Vorbild aber auch in Dichtungen, z. B. in
– v. a. im Drama – offen, direkt, häufig mit naturalisti- der Gelehrtendichtung des Barock (Opitz, Gryphius,
schen Mitteln (auch im Sprachlichen); sie zeigen den Lohenstein), bei Jean Paul, in den historischen Roma-
(klein)bürgerlichen Alltag, dem die Dramen- und Ro- nen des 19. Jh.s (W. Hauff, J. V. v. Scheffel) und in der
manfiguren, von Weltekel, Selbstmitleid, Resignation, ä Dokumentarlit., in denen A.en die Authentizität der
ohnmächtigem Zorn erfasst, nicht entrinnen können Darstellung belegen sollen. HFR/Red.
oder wollen. Einige der Autoren sind von B. Brecht be- Anmut ä Grazie.
einflusst (v. a. J. Arden: »Sergeant Musgrave’ s dance«, Annalen, f. Pl. [lat. annales = Jahrbücher], 1. Aufzeich-
1959), andere von F. Kafka, S. Beckett, E. Ionesco (so nungen historischer Ereignisse in chronologischer
N. F. Simpson: »A resounding tinkle«, 1957, und v. a. Ordnung nach Jahren. Bereits in vorröm. Zeit bekannt,
H. Pinter: »The caretaker«, 1960). Neben den genann- entwickelte sich die annalistische Tradition zu einer
ten sind die wichtigsten Dramatiker: B. Behan (»The der Grundlagen der röm. Geschichtsschreibung. Ihre
hostage«, 1958), Sh. Delaney (»A taste of honey«, Anfänge sind in den priesterlichen »Annales maximi«
1958), A. Jellicoe (»The sport of my mad mother«, in Rom zu suchen, die jahrweise aufgezeichnete Nach-
1958), A. Wesker (»The kitchen«, 1957); J. Mortimer, richten über Amtseinsetzungen, militärische Ereig-
A. Owen, E. Bond (Hör- und Fernsehspiele), K. Tynan nisse, Tempelweihen u. a. enthielten und bis 130/115
(Theaterkritiker); die bedeutendsten Romanautoren v. Chr. auf Tafeln öffentlich aufgestellt wurden. Dem
sind: K. Amis (»Lucky Jim«, 1954), J. Wain (»Hurry on annalistischen Ordnungsschema folgend begannen die
down«, 1953), C. Wilson (»The outsider«, 1956), J. älteren röm. Geschichtswerke mit der Frühzeit Roms
Braine (»Room at the top«, 1957), A. Sillitoe (»Satur- und führten die Darstellung nach Amtsjahren geglie-
day night and sunday morning«, 1958). dert bis in ihre Zeit fort. An diese Tradition knüpften
Lit.: H. Antor: Die Narrativik der a. y. m. Hdbg. 1989. auch Titus Livius (»Ab urbe condita«) und Tacitus
– I. Kreuzer: Entfremdung und Anpassung. Mchn. (»Annales«) an. Die mal. Annalistik steht nicht unmit-
1972. – K. P. Steiger (Hg.): Das engl. Drama nach 1945. telbar in röm. Tradition. Neben spätantiken Wurzeln
Darmstadt 1983. – J. R. Taylor: Anger and after. Ldn. dürften vielmehr die in den Klöstern geführten Oster-
2
1969. RBS tafeln, in denen die für das Osterfest errechneten Ter-
Ankunftsliteratur, Sammelbez. für nach dem Bau der mine festgehalten wurden, am Anfang gestanden
Mauer 1961 in der DDR entstandene Prosatexte, die haben. Aus den am Rande bzw. interlinear hinzuge-
sich auf eher sachliche, nüchterne Weise mit DDR-All- fügten Notizen anonymer Verfasser entwickelten sich
tagserfahrungen auseinandersetzten und die vorge- die frühmal. A. Mit den fränkischen Reichsannalen
fundenen Lebensverhältnisse als alternativlos empfun- (»Annales regni Francorum«, 741–829), einer offizi-
dene Gegebenheit nahmen, in der es galt, den eigenen ösen karolingischen Reichsgeschichtsschreibung, ent-
Platz zu finden. Die Menschen, von denen in diesen wickelte sich die Annalistik zu einer lebendigen Gat-
Geschichten erzählt wird, definieren sich nicht mehr tung mal. Historiographie. Die Grenzen zwischen A.,
über die nationalsozialistische Vergangenheit oder den ä Chronik, ä Historie und ä Gesta gingen allerdings
erlebten Krieg, sondern über die Gegenwart der DDR, bereits im 11. Jh. fließend ineinander über (A. des
deren sozialistischer Anspruch dabei unhinterfragt Lampert von Hersfeld). ST
bleibt. Beispiele sind K.-H. Jakobs: »Beschreibung 2. In der Lit.geschichtsschreibung eine nach den Er-
eines Sommers« (1961); J. Wohlgemuth: »Egon und scheinungsjahren lit. Werke, manchmal auch (so bei
das achte Weltwunder« (1962); Ch. Wolf: »Der geteilte Burger) nach ä Dekaden gegliederte Darstellung. Das
Himmel« (1963). Die Bez. ›A.‹ geht zurück auf B. Rei- annalistische Prinzip wird – im Fall Frenzel mit anhal-
manns Prosaband »Ankunft im Alltag« (1961), in dem tend großem Publikumserfolg – eingesetzt, um die
die Geschichte von drei Abiturienten (einer Frau, zwei Gleichzeitigkeit und die Abfolge der Publikationen ge-
Männern) erzählt wird, die nach ihrer Schulzeit ein genüber konkurrierenden Ordnungsprinzipien wie
einjähriges Praktikum in der Produktion absolvieren ä Epoche, ä Gattung oder ä Autor hervorzuheben.
und auf diesem ›Umweg‹ im DDR-Alltag ›ankommen‹. Wellbery u. a. binden das Datum kulturgeschichtlich
Vom Produktionsroman im Gefolge des ä Bitterfelder ein und stellen damit die Verbindung zu den A. im
Weges unterscheidet sich die A. durch größere thema- Sinne von (1) her. DB
tische Breite und ein geringeres Maß an didaktischer Lit. zu 1.: A. Mehl: Röm. Geschichtsschreibung. Stgt.
Intention. 2001. – F.-J. Schmale: Funktionen und Formen mal.
Lit.: F. Meyer-Gosau: Bildlose Zukunft – verlorene Ge- Geschichtsschreibung. Darmstadt 1985.
schichte. Die A. zwischen 1961 und 1964 in exempla- Zu 2.: H. O. Burger: A. der dt. Lit. Stgt. 1952. – H. A.
rischen Studien. Diss. Bremen 1982. RBE Frenzel, E. Frenzel: Daten dt. Dichtung. Köln 1953. –
Anmerkung, Ergänzung, Erläuterung oder Quellen- D. E. Wellbery u. a. (Hg.): A New History of German
nachweis zu einem Text, von diesem graphisch als Literature. Cambridge/Mass., Ldn. 2004.
28 Annales

Annales ä Kulturgeschichte. Formgeschichte der dt. Dichtung. Bd. 1 [mehr nicht


Annominatio, f. [lat. = Wortumbildung], ä rhet. Figur, erschienen]. Hbg. 1949. – A. Solbach: Evidentia und
ä Paronomasie. Erzähltheorie. Mchn. 1994. – F. Wiedmann: Anschau-
Anonym, Adjektiv [aus gr. áneu = ohne, ónoma = liche Wirklichkeit. Würzburg 1988. – G. Willems: A.
Name], namenlos bzw. ohne den Namen des Verfas- Tüb. 1989. DO
sers. Die Anonymität eines Werkes kann viele Gründe Anspielung, Element der Rede: eine beim Hörer oder
haben: Sie kann 1. auf Konvention beruhen wie im Fall Leser als bekannt vorausgesetzte Person, Sache, Situa-
der Volkslieddichtung oder 2. auf unzulänglicher tion oder Begebenheit wird nicht direkt benannt, son-
Überlieferung. 3. Sie kann auf bewusstes Verschweigen dern durch Andeutungen bezeichnet, oft in Form eines
zurückgehen. So ist Anonymität z. B. aus Bescheiden- ä Tropus (1), einer ä Antonomasie oder ä Periphrase,
heit erklärbar, wenn ein Autor sich oder sein Werk z. B. häufig bei H. Heine (»Atta Troll«, »Deutschland.
nicht für wichtig hält; aus Notwendigkeit, wenn Ge- Ein Wintermärchen«), oft auch Mittel der Polemik,
schmacksgründe bzw. Furcht vor drohender Verfol- Grundprinzip in der ä Schlüssellit.
gung oder Ächtung sie verlangen; aus gesellschaft- Lit.: J. Stenzel: A.2. In: RLW. PHE/Red.
lichen Rücksichten, z. B. beim Verschweigen weiblicher Anstandsliteratur, zusammenfassende Bez. für
Autorschaft in Zeiten oder Kulturen, in denen eine sol- Werke, die sich mit gesellschaftlichen Umgangsformen
che als nicht opportun angesehen wird. Bei Veröffent- befassen. Die ausgeprägtesten Beispiele der A. im MA.
lichungsverbot für einen Autor kann Anonymität eine sind die ä Ensenhamens in der provenz., die Chastoie-
Publikation dennoch sicherstellen (G. E. Lessing: ments, Doctrinaux de Courtoisie, Livres de Manières in
»Ernst und Falk«). Polare Gegensätze zu ›a.‹ sind ›auto- der frz., sowie die ä Hof- und ä Tischzuchten in der dt.
nym‹ (mit eigenem Namen gezeichnet) und ›ortho- Lit., die im 15. und 16. Jh., ins Ironisch-Satirische ge-
nym‹ (mit richtigem Namen gezeichnet). wendet, als grobianische Dichtung (ä Grobianismus)
Lit.: G. Genette: Paratexte [frz. 1987]. Ffm. 1992, S. 45– fortleben. Die mehr die äußeren Umgangsformen re-
50. – M. Holzmann, H. Bohatta: Dt. A.en-Lexikon. 7 glementierenden ä Komplimentierbücher des Barock
Bde. [1902–28]. Nachdr. Hildesheim 1961. – J.-D. Mül- wurden Ende des 18. Jh.s durch das Erziehungsbuch
ler: Anonymität. In: RLW. BM »Über den Umgang mit Menschen« des Freiherrn A. v.
Anopisthographon, n. [gr. = nicht auf der Rückseite Knigge abgelöst (1788). Dieses bis heute in zahlreichen
Beschriebenes], in der Papyrologie Bez. für eine Papy- Ausgaben und Übers.en vorliegende Werk behandelt
rus-Hs., die, wie aus technischen Gründen die Regel, im Sinne einer praktischen Lebensphilosophie das an-
auf der Rückseite nicht beschrieben ist (im Ggs. zu den gemessene verständnisvolle Verhalten gegenüber der
oft Vorder- und Rückseite umfassenden spätantiken Mitwelt und auch gegenüber dem eigenen Ich.
und mal. Pergament-Hss.); ferner Bez. für einen ›Rei- Lit.: G. Häntzschel: A. In: RLW. PHE/Red.
bedruck‹, bei dem das Papier nicht auf den Druckstock Antagoni·st, m. [gr. = Gegenspieler], Gegenspieler des
gepresst, sondern angerieben wird. UM Haupthelden, v. a. im Drama. Auch: Deuteragonist.
Anreim, dt. Bez. für ä Alliteration. Ggs.: ä Protagonist. JK/Red.
Anschaulichkeit, Qualität der ä Darstellung eines Ge- Antanaklasis, f., rhet. Figur, ä Anaklasis.
genstandes, der medial so repräsentiert ist, als ob man Antepi·rrhema, n., ä Parabase, ä Epirrhema.
ihn unmittelbar vor sich sieht. ›A.‹ ist abgeleitet vom Anthologie, f. [aus gr. ánthos = Blume, Blüte, und lég-
komplexen, spezifisch dt. Begriff ›Anschauung‹. Dabei ein = lesen; lat. ä florilegium; dt. Blütenlese], Samm-
versteht man unter A. allg. eine Beschreibungsqualität, lung von ausgewählten Texten, v. a. von Gedichten,
bes. aber ein Verfahren lit. Sinnbildung. Als gr. enár- kürzeren Prosastücken oder von Auszügen aus größe-
geia bzw. lat. evidentia ist die A. seit der ä Antike ein ren epischen, seltener dramatischen Werken, weiter
zentrales Moment der ä Rhet. und ä Poetik, das auf ein von Briefen, Erbauungslit., von didaktischen, philoso-
Vor-Augen-Führen (lat. sub oculos subiectio) und ein phischen oder wissenschaftlichen Texten. A.n können
sinnliches Vergegenwärtigen zielt. Um ein solches unter verschiedenen Aspekten zusammengestellt sein:
›Sehen‹ über Worte zu realisieren, muss nicht nur de- zur Charakterisierung des Schaffens eines Autors oder
ren innere Bildlichkeit zur Geltung gebracht, sondern mehrerer Autoren, einer bestimmten Schule, einer lit.
v. a. der Gegenstand in seinen sinnlichen Details vor- Richtung, einer Epoche oder Nation, oder auch, um
geführt werden. Sofern sich aufgrund dieser konkreten einen Überblick über eine Gattung zu geben oder ein-
und detaillierten Darstellung, die den Leser gleichsam zelne Themen oder Theorien an Beispielen zu veran-
zum Augenzeugen macht, ein lebendiger Gesamtein- schaulichen, ferner um zu belehren oder zu erbauen.
druck ergibt, kann am Besonderen des Gegenstandes Darüber hinaus spiegeln A.n den Zeitgeschmack (des
ein übergreifender Sinnzusammenhang erkannt wer- Herausgebers und seines Leserpublikums) oder For-
den. Da sich die lit. Darstellungsstile historisch konti- schungsergebnisse wider. Wirkungsgeschichtlich sind
nuierlich wandeln, kann mit der Geschichte der A. zu- v. a. jene A.n interessant, in denen Werke noch unbe-
gleich die ›Formgeschichte der Dichtung‹ (Böckmann) kannter Autoren veröffentlicht sind, oder solche, durch
erfasst werden. die sonst nicht überlieferte Texte vor dem Vergessen
Lit.: E. Auerbach: Mimesis. Bern 1946. – P. Böckmann: bewahrt wurden. Für die Anfänge schriftlicher Über-
Antichristdichtung 29

lieferung spielen A.n eine wichtige Rolle. Sie enthalten Jh.s parallel zur Entwicklung der Anthropologie als
oft die einzigen Zeugnisse verlorener Werke. Frühe Wissenschaft herausbildete. Zentral für beide ist die
Teilsammlungen bilden häufig die Basis späterer Frage nach dem ›Zusammenhang von Seele und Kör-
Werke (so die »Logien Jesu« als Vorstufe des Matthäus- per‹ (commercium mentis et corporis) des Menschen.
und des Lukas-Evangeliums). Reich an A.n sind die Der anthropologische Roman stellt die »innere Ge-
orientalischen Lit.en. – Als älteste bekannte antike A. schichte des Menschen« (F. v. Blanckenburg: »Versuch
gilt eine (nicht erhaltene) Sammlung »Stephanos« über den Roman«, 1774) als einen von vielfältigen in-
(= Kranz, meist Epigramme) des gr. Philosophen Me- neren und äußeren Einflüssen gesteuerten, durchgän-
leagros von Gadara (1. Jh. v. Chr.). Für die Kenntnis gig kausal motivierten Entwicklungsprozess dar. In
der antiken Lit. wichtig ist die Sammlung des Iohannes seinem Zentrum steht häufig die Kritik eines metaphy-
Stobaios (5. Jh. n. Chr.) mit ca. 500 Auszügen aus Lyrik sisch begründeten Weltbildes und eines idealisierten
und Prosa. Bedeutsam für das MA., v. a. die mlat. Dich- Menschenbildes anhand empirisch-induktiv begrün-
tung, wurde die sog. »Anthologia Latina« (6. Jh. deter anthropologischer Prinzipien in einem kon-
n. Chr.). Die berühmteste abendländische Sammlung kreten Einzelfall (›Schwärmerheilung‹). Dazu bedient
gr. Lyrik ist die sog. »Anthologia Graeca« (Epigramme sich der anthropologische Roman polyperspekti-
von ca. 300 Dichtern), die v. a. die Humanisten beein- vischer Darstellungsweisen, personaler Erzählformen
flusste. Sie geht auf zwei ältere A.n zurück: auf die be- (ä Brief) und dialogischer Elemente (bis hin zum ä Dia-
rühmte »Anthologia Palatina« (10. Jh., 3.700 Epi- logroman). Beispiele sind Werke von Ch. M. Wieland
gramme) und die sog. »Anthologia Planudea« (um (»Geschichte des Agathon«, 1766 f.), J. K. Wezel (»To-
1300 von dem byzantinischen Gelehrten Maximus bias Knaut«, 1773–76), L. Tieck (»William Lovell«,
Planudes kompiliert, 2.400 Epigramme). In der Spätan- 1795 f.) und F. T. Hase (»Gustav Aldermann«, 1779). In
tike, dem MA. und bes. in der Renaissance sind lat. A.n, K.Ph. Moritz’ »Anton Reiser« (1785–90) grenzt der
v. a. im Unterricht, weit verbreitet (ä Schultext). Sie anthropologische Roman an die (vom selben Autor in-
enthalten meist neben Auszügen aus klassischen Auto- tensiv betriebene) medizinische Fallgeschichte der
ren und aus den Kirchenvätern auch moralische Sprü- ›Erfahrungs-Seelenkunde‹. Er geht im 19. Jh. im neuen
che und Sprichwörter; dieser Typus kulminiert in den Typus des ä psychologischen Romans auf.
»Adagiorum Collectanea« des Erasmus von Rotterdam Lit.: J. Heinz: Wissen vom Menschen und Erzählen
(1500). Unter dem Einfluss der (v. a. in lat. Übers.en vom Einzelfall. Bln., NY 1996. – H.-J. Schings: Der an-
verbreiteten) »Anthologia Planudea« kommt im 16. Jh. thropologische Roman. In: Studien zum 18. Jh. 3
auch der ältere Typus der A. wieder auf, in lat., aber (1980), S. 247–276. JH
auch schon in it., frz. und engl. Sprache, im Dt. dage- Anthropomorphisierung ä Personifikation.
gen erst seit dem 17. Jh. (J. W. Zincgref, B. Neukirch). Antiba·cchius, m. [lat.], auch: Palimbạcchius; Umkeh-
Im 18. Jh. spielen A.n eine bedeutsame Rolle im lit. Le- rung des ä Bacchius.
ben, z. B. K. W. Ramlers »Lieder der Deutschen« (1766, Antiba·rbarus, m., im 18. Jh. geprägter lat. Begriff für
eine repräsentative A. der ä Anakreontik), J. G. Her- ein Lehrbuch zur Vermeidung sprachlicher Unkor-
ders »Volkslieder« (1778 f.), F. Schillers »A. auf das Jahr rektheiten, die in antik-normativer Tradition als ä Bar-
1782«. Zahlreiche Lyrik-A.n des 19. Jh.s zielen v. a. auf barismus angesehen wurden (frühestes Beispiel: J. A.
ein weibliches Publikum ab. Für das 20. Jh. sind neue Nolten: »Lexikon Antibarbarum«, 1744); häufig ist der
lit. Entwicklungen dokumentierende A.n wie K. Pin- A. auch gegen Fremdwörtergebrauch gerichtet.
thus’ »Menschheitsdämmerung« (1920) und H. M. Lit.: P. Erlebach: A. In: HWbRh. UM
Enzensbergers »Museum der modernen Poesie« (1960) Antichristdichtung, lit. Werk, das den Kampf des An-
von großer Wirkung. Die A. ist ein wichtiges Medium tichrist, der Personifikation des Bösen, um die Welt-
der Rezipientenlenkung und trägt zur Kanonbildung herrschaft thematisiert. Entsprechende apokalyptische
bei (z. B. St. George, K. Wolfskehl: »Dt. Dichtung«, Prophezeiungen finden sich im AT und NT, auch in
3 Bde. 1900–02; R. Borchardt: »Ewiger Vorrat Dt. Poe- apokryphen Schriften. – A.en entstehen im Osten und
sie«, 1926; D. Holz [= W. Benjamin]: »Dt. Menschen«, Westen mit der Ausbreitung christlichen Gedanken-
1937). Ihre Erforschung verspricht sozial- und menta- guts. Am Anfang dt. A. steht das »Muspilli« (9. Jh.,
litätsgeschichtliche Aufschlüsse. Stabreime; Kampf des Elias mit dem Antichrist, Welt-
Lit.: J. Bark: A. In: HWbRh. – J. Bark, D. Pforte: Die dt.- brand, Christi Erscheinen und Gericht). Vorstellungen
sprachige A. 2 Bde. Ffm. 1969/70. – A. S. R. Gow: The von der endzeitlichen Herrschaft des Antichrist er-
Greek Anthology. Ldn. 1958. – G. Häntzschel: Die dt. scheinen auch in heilsgeschichtlichen Darstellungen
sprachigen Lyrikanthologien 1840 bis 1914. Wiesbaden von Christi Erlösungstat bis zum Weltende, etwa im
1997. – Ders.: A. In: RLW. – F. Lachèvre: Bibliographie »Leben Jesu« der Frau Ava (um 1125, schließt mit
des recueils collectifs de poésies publiés de 1597–1700. einem »Antichrist« und »Jüngsten Gericht«), im
4 Bde. und Supplement-Bd. Paris 1901–22. RBS »Friedberger Christ und Antichrist« (Fragmente,
Anthropologie ä Ethnologie und Lit. frühes 12. Jh.), in der allegorisch-typologischen Aus-
Anthropologischer Roman, Romantypus der dt. deutung des Jakobsegens in den »Vorauer Büchern
ä Aufklärung, der sich in der zweiten Hälfte des 18. Mosis« (1130/40), übernommen aus der »Wiener Ge-
30 Anti-Detektivroman

nesis« (1060/65), nur die Endzeit behandelt der »Lin- Lit.: P. Merivale, S. E. Sweeney (Hg.): Detecting Texts.
zer Antichrist« (1160/70). Der lat. »Ludus de Anti- Philadelphia 1999. – M. F. Schmidt: Der A. In: K.-P.
christo« (um 1160) ist die bedeutendste mal. drama- Walter (Hg.): Lexikon der Kriminallit. Meitingen
tische Gestaltung des Stoffes, verbunden mit einem 1993ff. [Loseblattsammlung]. – St. Tani: The Doomed
aktuellen politischen Programm: der eschatologischen Detective. Carbondale, Edwardsville 1984. MFS
Fundierung des universalen Reichsgedankens und des Anti-Dorfgeschichte ä Dorfgeschichte.
Herrschaftsanspruchs der Staufer. Quellen für diese Antiheld, ä Protagonist einer Geschichte, der durch
wie überhaupt für mal. A.en sind neben den Bibelkom- den Mangel an bestimmten positiven Eigenschaften
mentaren der »Libellus de Antichristo« des Adso von dem Typus des ä Helden gegenübersteht. – Während
Toul (10. Jh.) und Schriften des Petrus Damiani (11. der Held etablierten Normen und Werten einer Gesell-
Jh.). Für das Spät-MA. sind Aufführungen von Anti- schaft in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht
christspielen belegt (Frankfurt 1469, Xanten 1473/81, ideal entspricht, weicht der A. von ihnen in mindes-
Chur 1517 u. a.). Der Antichriststoff wird auch als tens einer Hinsicht signifikant ab; dabei kann er in an-
ä Fastnachtspiel verarbeitet, so in »Des Entekrist vas- derer Hinsicht durchaus überdurchschnittliche Quali-
nacht« (15. Jh.) und in dem Hans Folz zugeschriebenen täten besitzen.
»Herzog von Burgund« (ca. 1493). In der Reformati- Aus der Art des Normverstoßes lässt sich eine Typolo-
onszeit wird das Antichristthema zur lit. Waffe (vgl. gie der A.en ableiten: Sie sind 1. moralisch negativ oder
z. B. das gegen das Papsttum gerichtete lat. Drama deviant (Meursault in A. Camus’ »L’ Étranger«), 2. pas-
»Pammachius« von Th. Naogeorg, 1538). Antichrist- siv oder ziellos (Oblomov in I. Gončarovs gleichna-
spiele leben weiter bis in die Zeit der Aufklärung, bes. migen Roman), 3. physisch benachteiligt (Quasimodo
lange in Tirol, meist als religiöse Volksschauspiele. in V. Hugos »Notre-Dame de Paris«), 4. sozial ausge-
Auch die Lit.en der Romania und Englands nehmen grenzt (Woyzeck in G. Büchners Dramenfragment)
sich des Themas an. Eine Wiederbelebung erfährt der oder 5. komisch (Schwejk in J. Hašeks Romanen).
Stoff seit dem späten 19. Jh. (F. M. Dostoevskij: »Der Häufig vereinigt der A. Elemente des Tragischen und
Großinquisitor«, 1880; S. Lagerlöf: »Die Wunder des des Komischen in sich. Während Helden stellvertre-
Antichrist«, 1897; J. Roth: »Der Antichrist«, 1934). tende Wunscherfüllung ermöglichen und affirmative
Lit.: K. Aichele: Das Antichristdrama des MA.s, der Vorbildfunktion besitzen, bieten A.en die Möglichkeit,
Reformation und Gegenreformation. Den Haag 1974. soziale Probleme und Wertkonflikte darzustellen. In
– R. K. Emmerson: Antichrist in the Middle Ages. der Lit.- und Mediengeschichte wird die Figur des
Manchester 1981. – H.-P. Kursawa: Antichristsage, A.en umso wichtiger, je mehr sich der Wertekonsens
Weltende und Jüngstes Gericht in mal. dt. Dichtung. einer Gesellschaft auflöst und etablierte Normen öf-
Diss. Köln 1976. – F. Rädle: Antichristspiel. In: RLW. – fentlich problematisiert werden können. Vorgeprägt
I. Richardsen-Friedrich: Antichrist-Polemik in der schon in der Antike, bildet sich der Figurentypus des
Zeit der Reformation und der Glaubenskämpfe bis A.en in der westlichen Lit. spätestens mit M. de Cer-
Anfang des 17. Jh.s. Ffm. u. a. 2003. RBS vantes’ Don Quijote und H. J. Ch. v. Grimmelshausens
Anti-Detektivroman, lit. Gegenentwurf zum ä Detek- Simplicissimus eindeutig heraus. Sowohl die Pikaros
tivroman, der dessen Konventionen und Erzählsche- des ä Schelmenromans als auch viele Helden des ä Bil-
mata unterminiert und den naiven Erkenntnisopti- dungs- und Entwicklungsromans weisen Züge des
mismus, die unbedingte Aufklärungsforderung und A.en auf. Eindrucksvolle A.en finden sich in den natu-
das teleologische Handlungsmodell insbes. mittels ralistischen und psychologischen Romanen des 19.
Verweigerung der Auflösung ad absurdum führt oder Jh.s (E. Zola, F. M. Dostoevskij), des frühen 20. Jh.s (A.
parodiert. – Nachdem J. L. Borges in »La Muerte y la Döblin) und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg
Brújula« (1942) einen Detektiv an der Interpretation (z. B. im ä Nouveau Roman). Im Drama treten präg-
fingierter Spuren hat scheitern lassen, erfährt der A. nante A.en spätestens seit G. Büchner in wachsender
eine erste Ausprägung innerhalb des ä Nouveau Ro- Häufigkeit auf, z. B. im absurden Theater (ä théâtre de
man, dessen Vertreter A. Robbe-Grillet und M. Butor l’ absurde). In ä Comic und Film ist der A. von Beginn
die stark schematisierte und regelgeleitete Form des an etabliert und wird in den 1960er Jahren zu einem
Detektivromans nutzen, um die Möglichkeiten erzäh- der wichtigsten Figurentypen (z. B. Spawn, Batman;
lerischer Rekapitulation und Analyse der Wirklichkeit Protagonisten des New Hollywood und der Nouvelle
in Frage zu stellen. F. Dürrenmatt (»Das Versprechen«, Vague).
1957) problematisiert die Kalkulierbarkeit der Welt, Lit.: V. Brombert: In Praise of Antiheroes. Figures and
Th. Pynchon (»The Crying of Lot 49«, 1966) und J.-Ph. Themes in Modern European Literature 1830–1980.
Toussaint (»La réticence«, 1991) thematisieren v. a. die Chicago 1999. – D. D. Galloway: The Absurd Hero in
Unverlässlichkeit von Wahrnehmung und Erkenntnis, American Fiction [1966]. Austin/Tex. 21981. – N. Sar-
während P. Handke (»Der Hausierer«, 1967) das Ver- raute: Das Zeitalter des Argwohns [frz. 1956]. Köln
laufsmodell des Detektivromans demontiert. Weitere 1963. – W. Walker: Dialectics and Passive Resistance.
Vertreter des A.s sind P. Auster (»City of Glass«, 1985) The Comic Antihero in Modern Fiction. Bern u. a.
und A. Tabucchi (»Il filo dell’ orizzonte«, 1986). 1985. JE
Antike 31

Antike, f. [lat. antiquus = alt], seit dem 18. Jh. Bez. für ä Fragmenten erhalten; von manchem weiß man nur
das gr.-röm. Altertum, also die Zeit zwischen etwa aufgrund von Erwähnungen in anderen Texten. Von
1200–1100 v. Chr. und dem 4.–6. Jh. n. Chr. (die zeit- der Lit. der gr. Blütezeit sind nur diejenigen Werke er-
lichen Grenzen sowohl zur vorigen als auch zur fol- halten, die schon die ä »Poetik« des Aristoteles (um
genden Großepoche sind fließend). Geographisches 335 v. Chr.) und die hellenistische ä Philologie, v. a. in
Zentrum waren anfangs Griechenland und der nord- Alexandria, in ihren ä Kanon aufgenommen hatten.
östliche Mittelmeerraum. Durch die gr. Kolonisa- Aus dem umfangreichen Zyklus um den Trojanischen
tion, die Eroberungen Alexanders des Großen (ä Hel- Krieg kennen wir allein die bis heute als vorbildlich
lenismus) sowie die Entwicklung der Stadt Rom zum geltenden Epen »Ilias« und »Odyssee« des Homer
›Weltreich‹ (Imperium Romanum) entstand eine kul- (9./8. Jh. v. Chr.), die eine feudal-aristokratische Krie-
turelle, zivilisatorische und Jh.e überdauernde poli- gergesellschaft voraussetzen; zusammen mit der »Theo-
tische Einheit, die sämtliche Regionen rings um das gonie« des Hesiod (7. Jh. v. Chr.) sind sie die ersten
Mittelmeer und teilweise weit darüber hinaus um- Zeugnisse der umfangreichen Götter- und Helden-
fasste. Diese Welt verstand sich selbst als die bewohnte ä Mythen der Griechen. Seit dem 7. Jh. entstanden die
und durch Städte unterschiedlicher Größe gekenn- großen Werke der Lyrik (z. B. Tyrtaios, Archilochos,
zeichnete Kulturwelt (gr. oikouménē; lat. orbis terra- Sappho, Alkaios und Theognis sowie die Chorlyriker
rum), im Unterschied zu den sie umgebenden Völkern, Alkman und Pindar), die teilweise eine damals neu
die weitgehend als ›Barbaren‹ betrachtet wurden (gr. entdeckte Individualisierung erkennen lassen. Die
bárbaros = jemand, der nur Wirrwarr redet). Die für Blütezeit des in der Demokratie des Stadtstaates Athen
die spätere Entwicklung Europas wegweisende kultu- (gr. pólis = Stadt) zentrierten ä Dramas liegt im 5. Jh.
relle Hinterlassenschaft der gr.-röm. A. umfasst alle v. Chr. und den folgenden Jahrzehnten (ä Tragödien
Bereiche der Philosophie, Wissenschaft, Architektur, des Aischylos, Sophokles, Euripides; ä Komödien des
bildenden Kunst und Lit. sowie, unter dem Einfluss Aristophanes); gleichzeitig und wenig später entstan-
des Imperium Romanum, der Verwaltung, des Rechts den die vorbildlichen Prosawerke der Geschichts-
und insbes. auch der Technik und der angewandten schreibung (Herodot, Thukydides, Xenophon), der
Ingenieurwissenschaften. Früher wurden v. a. die nur teilweise erhaltenen, die gesamte A. aber beein-
Hochleistungen der gr. Klassik (5. Jh., nach dem athe- flussenden ä Rhet. sowie der Philosophen Platon und
nischen Staatsmann Perikles auch als ›Perikleisches Aristoteles. Die durch Alexanders Eroberungen (336–
Zeitalter‹ bezeichnet) sowie der letzten Jahrzehnte der 323 v. Chr.) bewirkte Verbreitung der gr. Kultur machte
röm. Republik und des Beginns der Kaiserzeit (›Augus- das Gr. im Osten der antiken Welt zur überregionalen
täisches Zeitalter‹, um Christi Geburt) hervorgehoben; Verkehrssprache (gr. koinē´ ), mit Pergamon und Alex-
für die Gesamtentwicklung ebenso prägend waren andria als wissenschaftlichen Zentren und großen
auch die archaisch-vorsokratische Zeit der Griechen, ä Bibliotheken. Der Hellenismus, der immer wieder
die Jh.e des Hellenismus und v. a. der röm. Kaiserzeit mit der Kultur des Orients eine vielfältige Symbiose
und der ä Spätantike, die keineswegs als Epochen des einging, ist durch einen lang anhaltenden Aufschwung
noch Unfertigen oder des Epigonalen abgewertet wer- der Wissenschaften gekennzeichnet, aber auch durch
den dürfen. In der Spätantike zerbrach nicht nur die bedeutende lit. Werke (Kallimachos, Theokrit, Menan-
politische, sondern auch die gewachsene kulturelle der). Im 3. und 2. Jh. geriet das militärisch und poli-
Einheit der gr.-lat. A., die aber durch eine immer stär- tisch aufstrebende Rom, v. a. durch seine Eroberungen
ker werdende wechselseitige Synthese mit der neuen, von gr. Sprachgebiet, zunehmend unter den Einfluss
aufstrebenden Religion des Christentums eine neue der als überlegen geltenden Kultur der Griechen; sie
Prägung erhielt. Das Gebiet des Röm. Reichs spaltete beeinflusste v. a. anfangs in Rom und den röm. Gebie-
sich in einen lat.-kath. und einen gr.-orthodoxen Teil, ten stark die lat. Rhet., Philosophie und Lit. (Komö-
mit der religiösen Metropole Rom im Westen und der dien des Plautus und Terenz), die sich aber bald eman-
politisch-religiösen Metropole Konstantinopel/Byzanz zipierten. Von den Autoren der sog. ›Goldenen Latini-
im Osten. In unterschiedlicher Weise und Intensität tät‹, also des ›Augustäischen Zeitalters‹ um Christi
blieb die A. entscheidender Faktor für die künftige Geburt, sind zu nennen: der Rhetoriker und Philosoph
Entwicklung Europas, beeinflusste aber auch die neue Cicero, ein bedeutender Vermittler gr. Kultur; die Ge-
islamische Welt nachhaltig, wobei in beiden Fällen jü- schichtsschreiber Sallust, Caesar und Livius sowie die
dische Gelehrte eine wichtige Rolle spielten (ä Antike- Lyriker Catull, Horaz, Properz, Tibull, Vergil und
rezeption). – Im Bereich der Kunst ragen bis heute Ovid. Die beiden Letztgenannten waren auch mit ih-
Werke der Architektur, der Plastik und Lit. heraus, ren epischen Werken für die Folgezeit einflussreich.
während von der gleichfalls wichtigen Musik und Ma- Auch im 1. Jh. n. Chr. (›Silberne Latinität‹) finden sich
lerei (abgesehen von der gr. Vasenmalerei und Resten bedeutende Autoren, z. B. die Satiriker Petronius, Per-
röm. Wandmalerei in Städten wie Pompeji und Hercu- sius und Juvenal, der Philosoph und Dramatiker
laneum) nur wenig erhalten blieb. Die uns überlieferte Seneca (der Lehrer des jungen Nero), der Epigramma-
antike Lit. ist zwar sehr umfangreich, doch ist wohl tiker Martial, der Historiker Tacitus, der naturwissen-
noch viel mehr verloren gegangen; vieles ist nur in schaftliche Enzyklopädist Plinius der Ältere, die Epiker
32 Antikerezeption

Lucan und Statius sowie der wohl bedeutendste Rhet.- Geschichte dar: In der Lit. beginnt sie am Übergang
lehrer Roms, Quintilian. Wichtig waren auch Schriften zum ä MA. (4./6. Jh. n. Chr.; ä Spätantike), und sie
zur technischen Praxis (z. B. Vitruv zur Architektur; reicht mit vielen Variationen bis in die Gegenwart;
Frontinus zu Ingenieurbauten der Wasserversorgung wirklich vergessen waren die lit. Werke und Traditi-
[Aquädukte]) und v. a. zur Rechtswissenschaft, mit de- onen der Antike nie. Die A. im gr.-orthodoxen Teil Eu-
ren Hilfe im Imperium Romanum die Grundlagen für ropas und des Vorderen Orients verlief weitgehend
das gesamte Rechtssystem des späteren Europa ge- kontinuierlich und konzentrierte sich auf Werke in gr.
schaffen wurden. Die Auseinandersetzung mit dem Sprache. Entsprechend wurde im lat.-kath. Westen fast
Christentum, das seit Konstantin dem Großen offiziell ausschließlich Lit. in lat. Sprache rezipiert; Grie-
anerkannt und toleriert (313), durch Theodosius I. zur chisches war dort lange Zeit nur in lat. Versionen be-
Staatsreligion erhoben wurde (391), führte bereits in kannt, und erst der Niedergang von Byzanz und die
der Zeit des politischen und militärischen Niedergangs Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453)
des Imperiums sowie der Völkerwanderung zu einer bewirkte einen Export gr. Wissens und gr. Manuskripte
weiteren Blüte der lat. Lit. (Augustinus, Martianus Ca- in den Westen. Dort hatten die Wirren der Völkerwan-
pella, Boethius, Cassiodor und Isidor). Die theolo- derungszeit hinsichtlich der Kultur der Antike zwar
gische Präzisierung des Christentums sowie die Aus- beträchtliche Schäden verursacht, die aber zum Teil
einandersetzung mit der antiken Philosophie und den abgefangen wurden durch die neue Bildungspolitik
alten Religionen wurden in Schriften der gr. und lat. des Christentums, das antike Elemente für eigene Zwe-
Kirchenväter geleistet, und Hieronymus schuf mit sei- cke verwendete, aber auch bald ein gewisses antiqua-
ner lat. ä Bibelübers. (»Vulgata«) die Grundlage für die risches Interesse zeigte. Dies geschah anfangs fast aus-
weitere Entwicklung im lat.sprachigen Westen. Jene schließlich in den neuen Bildungszentren der Klöster,
Jh.e (5./6. Jh.) gelten zwar als Ende der A., waren aber und zwar weiterhin auf Lat., allmählich aber auch in
keineswegs das Ende der antiken Kultur und Wissen- den sich zur Schriftlichkeit entwickelnden Volksspra-
schaft, welche in vielfältiger Auseinandersetzung und chen, darunter den aus dem Spätlat. entstandenen ro-
Verwandlung bis in die Gegenwart weiterwirkt (ä Hu- manischen Sprachen. Eine erste lit. Wiederbelebung
manismus). der lat. Antike wurde durch Karl den Großen bewirkt
Lit.: M. v. Albrecht: Geschichte der röm. Lit. [1992]. (ä Karolingische Renaissance), zusammenhängend ei-
2 Bde. Mchn. 21994. – H. Bengtson: Gr. Geschichte nerseits durch die politische Anbindung an die Tradi-
[1950]. Mchn. 82001. – A. Demandt: Geschichte der tion des Imperium Romanum (translatio imperii, lat. =
Spätantike. Mchn. 1998. – A. Dihle: Gr. Lit.geschichte Übertragung bzw. Fortführung des [alten] Imperi-
[1967]. Mchn. 1991. – Ders.: Die gr. und lat. Lit. der ums), andererseits durch die Betonung eines Bildungs-
Kaiserzeit. Mchn. 1989. – M. Fuhrmann: Geschichte auftrags für die Kirche. Antike Hss. wurden neu abge-
der röm. Lit. Stgt. 2005. – W. Jaeger (Hg.): Das Problem schrieben, lat. Sprachgut in die Volkssprachen aufge-
des Klassischen und die A. Lpz. 1931. – A. Lesky: Ge- nommen, Werke der Antike auf Lat. nachgeahmt
schichte der gr. Lit. [1957]. Bern 31971. – Th. Paulsen: (insbes. im Bereich der Kirche, der Wissenschaften
Geschichte der gr. Lit. Stgt. 2005. – W. Rüegg (Hg.): und der Verwaltung). Zuerst lat. christliche Texte (Pa-
Antike Geisteswelt. Zürich, Stgt. 1964. UM ternoster, Credo u. a.), später einzelne Autoren wie
Antikerezeption, f. [lat. recipere = aufnehmen, emp- Vergil, Prudentius, Martianus Capella, Boethius und
fangen], Aufnahme und Weiterverwendung von The- Terenz sowie die lat. Versionen der aristotelischen Phi-
men, Motiven oder Personen aus der gr.-röm. ä Antike. losophie wurden übersetzt und dienten v. a. als Vor-
– Die Geschichte Europas sowie der durch Europa ge- bilder. Seit dem 12. Jh. wurden, ausgehend von Frank-
prägten ›Neuen Welten‹ ist bis in die Gegenwart beein- reich, auch im Dt. Stoffe der Antike aufgegriffen
flusst durch die Aufnahme, Nachahmung und Weiter- (Werke über Alexander, Troja und Aeneas), Ereignisse
entwicklung des antiken Vorbildes, aber auch durch und Personen aus der ä Mythologie und Geschichte
die kritische Auseinandersetzung mit ihm, wobei die der Antike wurden zunehmend bekannt, neben Vergil
zunehmende Verbindung von Antike und Christen- wurde Ovid ein prägendes poetisches Vorbild. Was
tum für Europa eine zentrale und verstärkende Rolle einem Gebildeten damals an lat. Schrifttum bekannt
spielte. Aber auch die islamische und die seit der röm. sein konnte und sollte, zeigt das »Registrum multorum
Eroberung (1./2. Jh. n. Chr.) in der Diaspora existie- auctorum« (um 1300) des fränkischen Schulrektors
rende jüdische Welt kennen Formen der A. in allen Hugo von Trimberg, eine umfangreiche Liste der von
Lebensbereichen: Sprache, Lit., Architektur und bil- ihm als wichtig erachteten lat. Werke der Antike und
dende Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Verwaltung, des MA.s. Oft zu wenig beachtet wird die Wichtigkeit
Politik und Rechtswesen. Die Sprache der modernen der arab. Vermittlung gr. Philosophie und Wissen-
Technik und Wissenschaften verwendet in reichem schaft: Deren Werke wurden, oft im Team von gr.spra-
Maß gr. und lat. Wörter bzw. Wortelemente, und die chigen orientalischen Christen, arab. und jüdischen
politische Realität etwa der USA ist beeinflusst durch Gelehrten, zuerst ins Arab. übersetzt, teilweise weiter-
röm. Institutionen und Bauten wie z. B. Senat oder Ca- entwickelt und später, in Unteritalien, Sizilien und v. a.
pitol. – Die A. stellt eine Konstante der europäischen im damals halb islamischen, halb christlichen Spanien
Antiker Vers 33

(Toledo) ins Lat. übertragen; diese Form der A. war aus dem Geiste der Musik«, 1872). Kenntnisse von An-
wichtig für Tendenzen einer frühen westeuropäischen tikem gehörten zum Zentrum des bürgerlichen (hu-
ä Aufklärung, die sich seit dem 12. Jh. v. a. von der Pa- manistischen) Bildungsideals. Trotz dessen späterer
riser Universität (Sorbonne) aus verbreitete. – Eine Veränderung gelten antike Mythen, Stoffe und Per-
neue Qualität brachte die seit dem 14. Jh. von Oberita- sonen bis heute als überzeitliche Exempel der existen-
lien ausgehende intensive Neubeschäftigung mit der tiellen Problematik des Menschen, verarbeitet und
klassischen Antike. Die it. ä Renaissance (14.–16. Jh.) dargestellt in immer neuen Variationen. Dazu gehören
brachte eine ›Wiedergeburt‹ der Antike auf allen Ge- der von S. Freud so genannte ›Ödipus-Komplex‹
bieten, während der ä Humanismus nördlich der Al- ebenso wie die Antike-Opern von R. Strauss; immer
pen (16. Jh.) auf die Lit. konzentriert war. Folgenreich wieder aufgegriffene Stoffe und Figuren sind die Atri-
war der 1594 in Florenz unternommene Versuch, die den Agamemnon, Elektra und Orest (G. Hauptmann,
antike ä Tragödie mit ihrer Verbindung von Text und H. v. Hofmannsthal, E. O’ Neill, J. Giraudoux, J.-P.
Musik wiederzubeleben, was zur Herausbildung der Sartre), Ödipus (J. Cocteau / I. Strawinsky, T. S. Eliot)
ä Oper führte. Man beschäftigte sich jetzt eingehend oder Antigone (J. Cocteau /A. Honegger, J. Anouilh),
mit den antiken Originalwerken, zunehmend auch im Dt. bes. Kassandra (Ch. Wolf, 1983) oder Medea
denjenigen in gr. Sprache. Das als vorbildlich betrach- (H. H. Jahnn, H. Müller, Ch. Wolf). Großen Anteil an
tete Lat. der Cicero-Zeit wurde als poetische Sprache der vielgestaltigen modernen A. hatten und haben po-
verwendet (ä neulat. Lit.), im Ggs. zum Mittellat., das puläre Gattungen (ä Operette, ä Musical) und die Mas-
sich als nach wie vor lebendige Sprache weiterentwi- senmedien (Film, Fernsehen).
ckelt hatte, jetzt aber oft als Verderbnis für das Klas- Lit.: M. v. Albrecht (Hg.): Bibliographie zum Fortwir-
sische angesehen wurde. Während die Lit.en des ä Ba- ken der Antike in den dt.sprachigen Lit.en des 19. und
rock und des frz. ä Klassizismus samt seinen Nachah- 20. Jh.s. Ffm. 2005. – W. M. Bauer: A. (Neuzeit). In:
mungen sich in Inhalt und Form v. a. an der lat. Antike Killy/Meid. – W. Berschin: Gr.-lat. MA. Bern 1980. –
orientierten (J. Ch. Gottsched), wurde im Dt. seit der H. Brunner (Hg.): Die dt. Trojalit. des MA.s und der
Mitte des 18. Jh.s zunehmend die gr. Antike zum Vor- Frühen Neuzeit. Wiesbaden 1990. – D. Burdorf, W.
bild. F. G. Klopstock bezeichnete sich ausdrücklich als Schweickard (Hg.): Die schöne Verwirrung der Phan-
»Lehrling der Griechen«, die Anakreontiker (ä Halle- tasie. Antike Mythologie in Lit. und Kunst um 1800.
scher Dichterkreis [2]) beriefen sich auf gr. Vorbilder, Tüb. 1998. – A. Ebenbauer u. a. (Hg.): Hb. der antiken
Ch. M. Wieland schuf durch Verbindung von Antikem Gestalten in den mhd. Texten. Bln., NY 2001. – H.
und der Antike-Konzeption der frz. Klassik Werke von Hofmann (Hg.): Antike Mythen in der europäischen
eigenwilliger Eleganz, J. H. Voß machte durch seine Tradition. Tüb. 1999. – F. P. Knapp: A. (MA.). In: Killy/
Übers.en Homer und damit die gr. Mythologie zum dt. Meid. – K. Langosch: Mittellat. und Europa. Darm-
Bildungsgut, später weiter befördert durch G. Schwabs stadt 1990. – E. Lienert: Dt. Antikenromane des MA.s.
»Sagen des Klassischen Altertums« (1838/40). Domi- Bln. 2001. – V. Riedel: A. in der dt. Lit. Stgt., Weimar
nierend war das Griechenbild J. J. Winckelmanns mit 2000. – B. Seidensticker, M. Vöhler: Urgeschichten der
den Idealen »edle Einfalt« und »stille Größe« (»Ge- Moderne. Die Antike im 20. Jh. Stgt., Weimar 2001. –
danken über die Nachahmung der gr. Werke in der S. Slanicka, M. Meier (Hg.): Antike und MA. im Film.
Malerei und Bildhauerkunst«, 1755). Höhepunkt die- Köln u. a. 2005. – B. Witte (Hg.): Goethes Rückblick
ser A., in komplizierter Weise konkurrierend mit dem auf die Antike. Bln. 1999. UM
ä Genie-Kult und der die ä Romantik dominierenden Antiker Vers, Vers, der nach dem ä quantitierenden
ä MA.-Rezeption, war die ä Weimarer Klassik: J. W. Versprinzip konstituiert ist, also auf der geregelten Ab-
Goethe (»Iphigenie auf Tauris«, »Römische Elegien«) folge kurzer und langer Silben beruht. Der Einfluss des
und F. Schiller (»Die Braut von Messina«) waren in ih- musikalischen Akzents der gr. Sprache einerseits und
ren Werken seit den späten 1780er Jahren überwiegend des stärker exspiratorischen Akzents des klassischen
durch die A. geprägt; in den gemeinsam verfassten Lat. andererseits auf die Versmetrik ist umstritten. Me-
»Xenien« vertraten sie diese Ausrichtung polemisch. F. trische Hilfsdisziplin für die Festlegung der Silben-
Hölderlin entwickelte in seinem Roman »Hyperion quantitäten im antiken Vers ist die ä Prosodie. Antike
oder Der Eremit in Griechenland« (1797/99), in seinen Verse sind entweder ä katá métron, d. h. aus sich wie-
Hymnen, Oden und Elegien sowie in seinen Übers.en derholenden festen Versmaßen (Metren) gebaut oder
von Werken Pindars und Sophokles’ ein ganz eigenes nicht nach Metren gebildet. In den nach Metren ge-
Bild der Antike, der er eminente Bedeutung für die bauten Versen bilden die Versfüße (ä Jambus, ä Tro-
Gestaltung der Gegenwart und Zukunft zusprach. So- chäus, ä Daktylus u. a.) die kleinsten Einheiten; sie sind
mit trat im Dt., im Ggs. zu anderen Lit.en, die röm.-lat. meist zu ä Dipodien zusammengefasst. Je nach der
Tradition in den Hintergrund. Dem apollinischen Zahl der Wiederholungen eines Metrums (Versfuß
Griechenbild Winckelmanns und der Weimarer Klas- oder Dipodie) pro Vers ergeben sich ä Dimeter, ä Tri-
sik setzte, unter dem Einfluss R. Wagners, F. Nietzsche meter, ä Tetrameter, ä Pentameter, ä Hexameter (z. B.
die Betonung der rauschhaft-dionysischen Kompo- besteht der jambische Trimeter aus drei jambischen
nente der Antike entgegen (»Die Geburt der Tragödie Dipodien oder Dijamben, der daktylische Hexameter
34 Antikisierende Dichtung

aus sechs Daktylen). – Nicht nach bestimmten Metren ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben« (F. Schiller: »Maria
gebaut sind die ä archilochischen Verse, in denen ver- Stuart« II, 3).
schiedene Versmaße kombiniert werden, und die ä äo- Lit.: H. Hambsch: A. In: HWbRh. UM
lischen Versmaße, die nicht in Metren zerlegbar, son- Antipetrarki·smus ä Petrarkismus.
dern auf eine bestimmte Silbenzahl festgelegt sind Antiphon, f. [gr. antíphonos = gegentönend, antwor-
(z. B. ä Glykoneus, ä Pherekrateus; ä Odenmaße). – tend], liturgischer Wechselgesang zweier einstimmiger
Sprechverse sind ursprünglich nach Metren gebaut und Chöre, ursprünglich beim Singen von ä Psalmen, ent-
meist in Reihen (katá stíchon, d. h. [mono-]ä stichisch) sprechend dem Parallelismus membrorum dieser Dich-
geordnet, sie werden fortlaufend wiederholt, z. B. der tungen. Bereits für den altjüdischen Tempelkult be-
Hexameter im Epos. – Singverse werden zu Strophen zeugt, breitet sich der Brauch antiphonalen Singens
zusammengefasst, die oft dreiteilig sind (ä Strophe, seit Mitte des 4. Jh.s im Osten aus und wird Ende des 4.
ä Antistrophe, ä Epode, vgl. auch ä Stollenstrophe). – Jh.s aus der syrischen Kirche, wohl durch den Mailän-
Die Nachahmung antiker Verse in den modernen eu- der Bischof Ambrosius, in die Liturgie der Westkirche
ropäischen Sprachen bereitet Schwierigkeiten, da für eingeführt. ›A.‹ bezeichnet hier jedoch einen ä Refrain
die Quantitäten der antiken Sprachen genau entspre- (meist Psalmvers), mit dem der Chor einer Vorsänger-
chende Äquivalente fehlen. In der dt. Sprache werden gruppe beim Psalmenvortrag antwortete, zunächst
meist die Längen mit Hebungen, die Kürzen mit Sen- nach jedem Vers, später am Anfang und Schluss des
kungen gleichgesetzt (ä akzentuierendes Versprinzip); Psalms; im Wortgebrauch nicht immer scharf von Re-
es gibt aber auch Versuche genauer Nachahmung der sponsorium (Wechsel von Solist [Priester] und Chor)
antiken Verse unter Erhaltung der Längen- und Kür- geschieden. Daneben entstehen schon früh A.e, die
zenverteilung (J. H. Voß, A.v. Platen). unabhängig vom Psalmodieren sind und im Wechsel
Lit.: F. Crusius, H. Rubenbauer: Röm. Metrik. Mchn. gesungen werden, z. B. zahlreiche A.e für Prozessionen
8
1967. – P. Habermann: Antike Versmaße und Stro- und seit dem 12. Jh. Marianische A.e (z. B. »Salve Re-
phen (Oden-)formen im Dt. In: RLG. – B. Snell: Gr. gina«, »Alma Redemptoris Mater«), die z. T. auch Ein-
Metrik [1955]. Gött. 41982. UM gang in die Gebetsgottesdienste finden. Gesammelt
Antikisierende Dichtung ä Antikerezeption. wurden A.e (erstmals von Gregor dem Großen um
Antiklimax, f., moderne Bez. für die ä rhet. Figur ei- 600) in Antiphonaren (von liber antiphonarius, anti-
ner Reihung mit absteigender Intensität oder Bedeu- phonarium, auch: Antiphonale); sie enthielten ur-
tung, gebildet im Ggs. zum antiken Begriff der ä Kli- sprünglich A.e für Messe und Offizium, seit dem 12.
max; z. B.: Könige – Fürsten – Bürger – Bauern. Jh. wird für die Sammlung von antiphonalen und re-
Lit.: M. S. Celentano: A. In: HWbRh. UM sponsorischen Messgesängen die Bez. Graduale geläu-
A· ntikritik, f. [lat.], apologetische Gegendarstellung zu figer. Antiphonare enthalten heute Gesänge für das
einer Buchbesprechung, vom Autor des rezensierten Offizium. Als ältestes erhaltenes Antiphonar gilt das
Buches verfasst oder veranlasst. Aufkommen und Ver- Karls des Kahlen (9. Jh.), als ältestes mit Neumen (No-
breitung der Gattung in Deutschland sind im Zusam- tenzeichen) das Antiphonar in der Stiftsbibliothek St.
menhang mit der Institutionalisierung der ä Lit.kritik Gallen (um 1000); seit dem 11. Jh. sind auch illustrierte
und der damit verbundenen Expansion von Rezensi- Antiphonare überliefert.
onszss. um 1800 (etwa der »Allg. Lit.-Zeitung« in Jena) Lit.: D. v. Huebner: A. In: LMA. RBS
zu sehen. Bezeichnend für A.en sind die Verschmel- Anti·phrasis, f. [gr. = entgegengesetzte Redeweise],
zung von sachlicher und persönlicher Ebene, pole- rhet. Stilmittel, ä Tropus (1): meint das Gegenteil des
mischer Ton, in Extremfällen persönliche Diffamie- Gesagten, ironisch, sarkastisch: »eine schöne Besche-
rung. rung«. ä Litotes, ä Emphase, ä Ironie. HHS/Red.
Lit.: I. Denissenko: Die inszenierte Öffentlichkeit des Antiqua ä Schrift.
Streites. In: St. Matuschek (Hg.): Organisation der Kri- Antiquariat, n. [lat. antiquarius = Kenner und Nach-
tik. Hdbg. 2004, S. 113–142. ID ahmer der altröm., d. h. voraugusteischen Sprache und
Antilabe, f. [gr. antilabē´ = Griff, metaphorisch: Ein- Lit., von antiquus = alt], institutionalisierter Handel
wendung], Form der Dialoggestaltung im Versdrama: mit alten und gebrauchten Büchern, der heute vor-
Aufteilung eines Verses auf zwei oder mehrere Spre- nehmlich über spezialisierte Fachgeschäfte und Aukti-
cher, meist in emphatischer, pathetischer Rede, häufig onshäuser abgewickelt wird, während in der ä Frühen
mit ä Ellipse. Z. B.: Gräfin: »O halt ihn! halt ihn!« Neuzeit die Nachlässe von Gelehrten verkauft, häufig
Wallenstein: »Laßt mich!« Max: »Tu es nicht, / Jetzt versteigert und so die Fluktuation lit. Werke unabhän-
nicht.« (F. Schiller: »Wallensteins Tod« III, 20). ä Sti- gig von der unmittelbaren Verfügbarkeit neuer Drucke
chomythie. HST gesichert wurde. A.e als eigenständige ökonomische
Antimetabole, f. [gr. = Umstellung, Vertauschung; lat. Funktionseinheiten entstanden im 18. Jh. in Großbri-
commutatio = Umkehrung], ä rhet. Figur: eine Anti- tannien und Frankreich. Im modernen A.shandel wer-
these wird mit denselben Wörtern durch die Verbin- den Druckerzeugnisse aller Art umgesetzt; der Markt
dung von ä Chiasmus und ä Parallelismus dargestellt ist stark differenziert je nach Interesse der Abnehmer-
(Quintilian: »Institutio Oratoria« IX, 3, 85): »Ihr Leben schaft (bibliophile A.e: seltene und bes. ausgestattete
Antizipation 35

Drucke, ä Inkunabeln, ä Erstausgaben; wissenschaft- lungsmöglichkeiten des ä Antihelden geführt. – Der A.


liche A.e: vergriffene wissenschaftliche Fachlit.; mo- entsteht im Zuge der Avantgardebewegungen um
derne A.e: Remittenden und Restexemplare neuer 1900; seine wichtigsten Ausprägungen erfährt er im
Werke aus allen Bereichen). Die A.sbuchpreise richten ä Nouveau Roman. Wichtige A.e sind C. Einsteins
sich nach Seltenheit, Nachfrage und Erhaltungszu- »Bebuquin« (1912), A. Gides »Les faux-monnayeurs«
stand der Werke. Waren neben Ladengeschäften und (1925), N. Sarrautes »Les fruits d’ or« (1963) und V.
A.smessen in der Vergangenheit v. a. gedruckte Ver- Nabokovs »Ada or Ardor« (1969). SSI
kaufs- und A.skataloge die Medien des Vertriebs, ist Anti·stasis, f. [gr. = Gegenstandpunkt], ä Diaphora.
mittlerweile das Internet zu einem Hauptumschlag- Antistrophe, f. [gr. = Umdrehung, Gegenwendung],
platz antiquarischer Bücher geworden. Vermehrt tre- auch: Gegenstrophe, 1. im gr. Drama ursprünglich ein
ten hier auch wieder private Anbieter auf. Als Vermitt- Umkehren des Chores beim Schreiten und Tanzen in
ler grenzüberschreitenden Ideenaustauschs kommt der ä Orchestra, dann die diese Bewegung begleitende
den A.en eine wichtige, bislang erst ansatzweise unter- Strophe des Gesangs. Strophe und A. sind metrisch
suchte kulturgeschichtliche Katalysatorenrolle zu. gleich gebaut, ihnen folgt meist eine anders gebaute
Lit.: Ph. Bernard: Antiquarian Books. Aldershot 1995. ä Epode. Strophe und A. können auf Halbchöre aufge-
– M. Kersting: Alte Bücher sammeln [1999]. Mchn. teilt sein, die Epode wird dagegen vom ganzen Chor
2
2001. –K. K. Walther (Hg.): Lexikon der Buchkunst gesungen. – 2. ›A.‹ wird auch der zweite Teil der eben-
und Bibliophilie. Mchn. 1988. AUS falls diesem triadischen Schema folgenden ä Pindari-
Antiquarische Dichtung [Antiquar im Sinne der äl- schen Ode genannt. RBS
teren Bedeutung = Liebhaber von Altertümern], Son- Anti-Theater, verschiedene Richtungen des experi-
derform ä historischer Romane, Novellen und Dramen, mentellen Theaters, die mit der Tradition des illusio-
bes. des 19. Jh.s, die sich durch genaue Wiedergabe nistischen, psychologisch-realistischen, ›bürgerlichen‹
kulturhistorischer Details auszeichnen. Verfasser wa- Theaters brechen, um neue, zeitgemäße Ausdrucks-
ren zum großen Teil vom Positivismus und Historis- weisen zu finden (ä Antiheld, ä Anti-Roman). Der Be-
mus geprägte (Altertums-)Wissenschaftler (daher griff ›A.‹ ist seit E. Ionesco gebräuchlich und wird da-
rührt die Bez. ›Professorenroman‹). Die Gelehrsamkeit her in speziellem Sinn für das absurde Theater
der Werke kommt bes. deutlich in den z. T. umfang- (ä théâtre de l‘absurde) verwendet. – Als »Antiteater«
reichen ä Anmerkungen zum Ausdruck, welche die verstand R. W. Fassbinder seine Stücke (»Katzelma-
Fülle der zusammengetragenen Materialien aus ihren cher« u. a.), die er in dem 1968 unter seiner Initiative
Quellen belegen. Die im Altertum oder MA. spielende entstandenen, 1971 aufgelösten Münchner »antiteater«
Handlung arbeitet mit Effekten und Sensationen und inszenierte.
wirkt oft unwahrscheinlich, überspannt oder trivial; Lit.: R. Hayman: Theatre and anti-theatre. Ldn. 1979.
bisweilen ist sie vordergründig aktualisiert, indem RBS
weltanschauliche Thesen am historischen Beispiel ex- Antithese, f. [gr. = Gegensatz, Gegenüberstellung],
emplifiziert werden, gelegentlich verbunden mit poli- die in der Alltagssprache häufige Verbindung einer
tischer oder pädagogischer Zielsetzung (z. B. Weckung Aussage (ä These) mit einer gegenteiligen Behauptung.
eines bürgerlichen Geschichtsbewusstseins bei G. Die A. ist nicht nur eine philosophische Denkkategorie
Freytag und W. H. Riehl). – Die a. D. ist eine gesamt- (z. B. bei G. W. F. Hegel), sondern eine von der Antike
europäische Erscheinung (E. G. Bulwer-Lytton: »The bis heute beliebte ä rhet. Figur (lat. contrapositum, con-
Last Days of Pompeji«, 1834; H. Sienkiewicz: »Quo va- tentio, opposition; vgl. Quintilian: »Institutio Oratoria«
dis?«, 1896). Auch V. Hugos »Notre Dame de Paris« IX, 3, 81–86). Sie wird oft zur Verstärkung der Aussage
(1831) und G. Flauberts »Salammbô« (1862) weisen mit anderen rhet. Figuren verbunden (z. B. ä Chias-
Züge der a.n D. auf. Dt. Vertreter sind: G. Ebers (»Eine mus: »[…] die Kunst ist lang! / Und kurz ist unser Le-
ägyptische Königstochter«, 1864), E. Eckstein (»Nero«, ben«, J. W. Goethe: »Faust« I, V. 558 f.). Manche Dich-
1889), W. Walloth (»Octavia«, 1885), A. Hausrath tungsformen wie ä Epigramm und ä Sonett oder Vers-
(»Antonius«, 1880), F. Dahn (»Ein Kampf um Rom«, arten wie der durch die feste ä Zäsur zweigeteilte
1876), G. Freytag (Trauerspiel »Die Fabier«, 1859; Ro- ä Alexandriner tendieren zu einer antithetischen
manzyklus »Die Ahnen«, 1872–80), F. v. Saar (Dramen- Struktur.
zyklus »Kaiser Heinrich IV.«, 1863–67), W. H. Riehl Lit.: F. Rädle: A. In: RLW. – J. Villwock: A. In: HWbRh.
(»Kulturgeschichtliche Novellen«, 1856; »Geschichten UM
aus alter Zeit«, 1863–67). JK/Red. Antitypos [gr.], auch: Antitypus [lat.]; ä Figuraldeu-
Anti-Roman, unscharfe Sammelbez. für verschiedene tung, ä Typologie.
experimentelle Formen des ä Romans, welche durch Anti-Utopie ä utopischer Roman, ä Zukunftsroman.
die Auflösung individualisierter Figuren sowie durch Antizipation, f. [lat. anti- (eigentlich ante-)cipatio =
die Destruktion der Realitätsillusion, des geschlos- Vorwegnahme; gr. prolépsis], 1. ä rhet. Figur: a) Vor-
senen Erzählzusammenhangs und der Lesererwartung wegnahme eines erst im Prädikat eines Satzes begrün-
tradierte Erzähltechniken und -instanzen in Frage stel- deten Ergebnisses durch ein Adjektiv-Attribut: »Und
len. Die Entwicklung des A.s hat zu neuen Darstel- mit des Lorbeers muntern Zweigen / bekränze dir dein
36 Antode

festlich Haar« (F. Schiller: »Der Ring des Polykrates«) À part [a'pa:r; frz. = ä beiseite(sprechen)].
– das Haar wird erst durch die Bekränzung selbst fest- Aperçu, n. [apεr'sy; frz. von apercevoir = wahrneh-
lich –; b) Vorwegnahme bzw. Widerlegung eines ver- men], prägnant formulierte Äußerung eines plötzlich
muteten Einwandes in der antiken Rede (gr. pro- erkannten Zusammenhangs oder einer wahrgenom-
katálepsis). Vgl. auch ä Captatio Benevolentiae. – 2. In menen Gesetzmäßigkeit. Im Ggs. zum ä Aphorismus
älterer Erzähltheorie Bez. für den Vorgriff auf chrono- ist das A. meist in Textzusammenhänge (wie eine
logisch spätere Handlungsteile. ä Vorausdeutung, ä Rede oder eine ä Figurenrede) eingebunden. SBL
ä Prolepse. HHS/Red. Aphärese, f. [gr. aphaíresis = Wegnahme], Wegfall
Antode, f. [gr. antō´dē = Gegen-Ode, Gegen-Gesang], eines Lautes oder einer Silbe am Anfang eines Wortes,
Gegenstück zur ä Ode in der ä Parabase einer alt- teils sprachgeschichtlich bedingt (ahd. hwer – nhd.
attischen Komödie, auch Bez. der ä Antistrophe der wer), teils aus metrischen (»’ s Röslein auf der Heiden«,
ä Pindarischen Ode oder der ä Chorlieder der altgr. Goethe) oder artikulatorischen Gründen (v. a. mund-
Tragödie. UM artlich oder umgangssprachlich ›’ raus‹, ›’ ne‹). Vgl. als
Antonomasie, f. [gr. antonomasía = Umbenennung], Lautausfall im Wortinnern ä Synkope, am Wortende
Umschreibung eines Eigennamens durch bes. Kenn- ä Apokope. GSR
zeichen, als ä Tropus (1) meist stereotyp gebraucht. Zu Aphori·smus, m. [gr. aphorismós = Abgrenzung, Defi-
unterscheiden sind das Patronymikon (Benennung nition, Lehrsatz, Sentenz], kontextuell isolierte, kon-
nach dem Namen des Vaters): der Atride = Agamem- zise, bis auf Satz und Einzelwort verknappte lit. Prosa-
non, Sohn des Atreus; das Ethnikon (nach der Volkszu- form, die – im Grundsatz nichtfiktional und oft rhet.
gehörigkeit): der Korse = Napoleon; die Umschreibung (ä Paradoxon, ä Parallelismus, ä Antithese, ä Pointe)
durch ein herausragendes Charakteristikum: der Dich- oder metaphorisch markant – als unsystematisches Er-
terfürst = Homer, der Erlöser = Jesus Christus; die lebnisdenken und Erkenntnisspiel im Grenzgebiet von
mehrgliedrige Umschreibung (ä Periphrase): der Vater Wissenschaft, Philosophie und Lit. bes. auf die kri-
der Götter und Menschen = Zeus. In analoger Umkeh- tische Weiterarbeit des Lesers angewiesen ist. Über das
rung des ursprünglichen Begriffs heißt A. auch die Er- Maß an Geschlossenheit (und damit Ausschließungs-
setzung einer Sammelbez. (Appellativum) durch den kraft) der Definition besteht in der Forschung weniger
Eigennamen eines typischen Vertreters: Judas = Verrä- Konsens (ä Denkspruch) als über das Kriterium der
ter; Casanova = Frauenheld. ä Synekdoche. KHH Autorintention, das Zitate, Pointen, ä Sentenzen und
Anvers, erster Teil eines ä Langverses, eines ä Reim- von Herausgebern aus längeren Texten exzerpierte ›Se-
paares oder eines ä Stollens. kundäraphorismen‹ ausschließt. Die Gattung weist
Aöde, m. [gr. aoidós = Sänger], fahrender Sänger der Überschneidungen mit angrenzenden Formen wie der
gr. Frühzeit, der zur Laute meist selbstverfasste Göt- ä Maxime, dem romantischen ä Fragment, dem Denk-
ter-, Helden- und Tanzlieder und Trauergesänge vor- bild, der Aufzeichnung und dem ä Tagebuch sowie
trug; vgl. Homer: »Odyssee« VIII (Demodokos), XXII dem oft als weitere Ausformung verstandenen ä Essay
(Phemios). ä Rhapsode. GS/Red. auf. ä Aphoristischer Stil lässt sich in Texten verschie-
Äolische Basis ä äolische Versmaße. dener Genres beobachten. – Die Gattung hat ihre Wur-
Äolische Versmaße, von den in Äolien (v. a. auf Les- zeln in der Antike (Hippokrates’ Sammlung von Lehr-
bos) wirkenden Dichtern Sappho und Alkaios (um 600 sätzen, Senecas und Tacitus’ Kürze-Ideal, Plutarchs
v. Chr.) überlieferte Versformen ihrer monodischen ä Apophthegmata) und der Renaissance (F. Guicciar-
Sanglyrik (äolische Lyrik). Sie sind 1. silbenzählend, dini, B. Gracián, F. Bacon). Ihre Blütezeit erlebt sie bei
d. h. Längen und Kürzen können (im Ggs. zu den den frz. ä Moralisten, bei denen sie meist ›Maxime‹ ge-
meisten anderen antiken Versen) nicht gegeneinander nannt wird (F. de La Rochefoucauld, B. Pascal, J. de La
aufgerechnet werden; kennzeichnend sind 2. die sog. Bruyère, L. Vauvenargues, N. Chamfort, A. de Rivarol),
äolische Basis, d. h. die beiden ersten Silben, die lang einen weiteren Höhepunkt in Deutschland um 1800
oder kurz sein können (meist – – [wie immer bei Ho- (G. Ch. Lichtenbergs »Sudelbücher«, F. Schlegels und
raz] oder – v , selten v – oder v v ), und 3. ein deutlich Novalis’ »Fragmente«, J. W. Goethes sog. »Maximen
hervorgehobener ä Choriambus in der Versmitte. – Die und Reflexionen«). Bedeutende Aphoristiker in
äolischen Grundmaße ä Glykoneus, ä Pherekrateus Deutschland sind im 19. Jh. Jean Paul, F. M. Klinger,
und ä Hipponakteus können durch Kürzungen (ake- C. G. Jochmann, L. Börne, E. v. Feuchtersleben, A.
phale Formen; ä Telesilleion, ä Reizianus) und Erwei- Schopenhauer, M. v. Ebner-Eschenbach, bes. aber – mit
terungen (innere: Verdoppelung[en] des Choriambus, Wirkung bis weit ins 20. Jh. – F. Nietzsche. Wichtige
äußere: zwei- oder dreimalige Wiederholung des Tagebuchaphoristik schreiben J. Joubert, F. Hebbel, G.
Grundmaßes, Voran- oder Nachstellung weiterer Vers- Leopardi und J. Renard. Im 20. Jh. ist in Frankreich P.
füße) variiert werden (z. B. ä Asklepiadeus, ä Priapeus). Valéry (»Cahiers«) der einflussreichste Aphoristiker;
– Ä.V. wurden zu Strophen kombiniert (ä Odenmaße). daneben gibt es die Tendenzen zur negativistischen
Ihre wichtigsten Ausprägungen wurden durch die Zuspitzung (E. M. Cioran), zur surrealistischen Bild-
ä Oden des Horaz der späteren europäischen Lit. ver- aphoristik (M. Jacob) und zur gnomischen Prosapoe-
mittelt. UM sie (R. Char). Von Polen aus kommt St. J. Lec zu singu-
Apokryphen 37

lärer, auch politisch zu verstehender Wirkung. Ein »Offenbarung« des Johannes gewannen auch apokry-
wichtiger span. Aphoristiker ist N. G. Dávila. Im dt. phe Texte, bes. die A.n des Petrus und des Paulus,
Sprachraum prägt sich die ethisch-ästhetische Misch- großen Einfluss auf Endzeiterwartungen und das Ge-
form im 20. Jh. in drei Varianten aus: die Erkenntnis schichtsbild des MA.s. Schon im »Muspilli«, sodann in
akzentuierend (Ch. Morgenstern, H. v. Hofmannsthal, der ä frühmhd. Lit. manifestiert sich ein zeitdiagnos-
P. Handke, F. J. Czernin), vom Bild ausgehend (F. tisch gespeistes Interesse an Endzeit und Weltgericht.
Kafka, E. Canetti, E. Benyoëtz) und auf das (Wort-) Didaktische Lit. wie der »Lucidarius« und der »Ren-
Spiel im Zusammenhang mit politischer Satire orien- ner« Hugos von Trimberg greifen auf apokalyptische
tiert (K. Kraus, M. Kessel, E. Chargaff). Endzeitvorstellungen zurück. Die Werke Heinrichs
Texte: G. Fieguth (Hg.): Dt. Aphorismen [1978]. Stgt. von Neustadt und Heinrichs von Hesler, die ä Mystik,
2
1994. – H. Fricke, U. Meyer (Hg.): Abgerissene Ein- das ä geistliche Spiel, ä Predigt, Kommentar und
fälle. Dt. Aphorismen des 18. Jh.s. Mchn. 1998. – Übers., ä Traktat- und ä Erbauungslit. des späten MA.s
F. Spicker (Hg.): Aphorismen der Weltlit. Stgt. 1999. und schließlich die Publizistik der Reformationszeit
Lit.: H. Fricke: A. Stgt. 1984. – Ders.: A. In: RLW. – bezeugen den ungebrochenen Einfluss der A. im geis-
G. Cantarutti u. a. (Hg.): Configurazione dell’ aforisma. tigen und politischen Selbstverständnis der intellektu-
3 Bde. Bologna 2000. – W. Helmich: Der moderne frz. ellen Eliten des MA.s. Apokalyptische Denkfiguren
A. Tüb. 1991. – F. Spicker: Der A. Bln., NY 1997. – zeigen sich auch in den Lit.en der Neuzeit und der Mo-
Ders.: Der dt. A. im 20. Jh. Tüb. 2004. FSP derne, so bei Jean Paul, im Expressionismus und Sur-
Aphoristischer Stil, sentenzenhaft knappe, pointierte, realismus sowie in der Lit. »nach Auschwitz«.
mit rhet. Mitteln arbeitende Ausdrucksweise, die zur Lit.: K. Aichele: Das Antichristdrama des MA.s, der
unverbundenen Reihung von Textsegmenten neigt. Reformation und Gegenreformation. Den Haag 1974.
A. St. zeigt sich nicht nur in der Gattung ä Aphorismus, – Jb. der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft 13
sondern in Texten verschiedener Genres; er wird in (2001/02): A., Schlaraffenland, Jahrtausendwende. – B.
der Moderne häufig verwendet (F. Nietzsche, R. Musil, Haupt (Hg.): Endzeitvorstellungen. Düsseldorf 2001. –
Th. W. Adorno), bes. im Grenzgebiet zwischen Apho- G. R. Kaiser (Hg.): Poesie der A. Würzburg 1991. – B.
rismus und diaristisch-essayistischen (B. Strauß) oder McGinn: Visions of the End. NY 1998. – H. D. Rauh:
lyrisch-epigrammatischen Formen (R. Kunze, E. Das Bild des Antichrist im MA. Münster 1979. – K.
Fried). FSP Vondung: Die A. in Deutschland. Mchn. 1988. HBT
Apodosis, f., ä Periode. Apokoinu, n. [gr., eigentlich schē´ma apó koinoú = vom
Apokaly·pse, f. [gr. apokálypsis = Enthüllung, Offen- Gemeinsamen herkommende Form], rhet. Figur der
barung], jüdisch-christliche Lit.gattung, die den na- Worteinsparung, Form des syntaktischen ä Zeugmas:
henden Weltuntergang, das Weltgericht und das kom- Ein Glied eines Satzes (oder Satzteils) gehört syntak-
mende Gottesreich verkündet. Der Begriff ›A.‹ bezieht tisch und semantisch auch zum folgenden Satz (oder
sich auf alttestamentarische Prophetien (»Esra«, »Ba- Satzteil) und steht meist zwischen den beiden Sätzen.
ruch«, »Henoch«), insbes. aber auf das letzte Buch des Das A. ist in antiker und v. a. mal. Dichtung belegt: »do
NT, die »Geheime Offenbarung« des Johannes. Diese spranc von dem gesidele her Hagene also sprach« (»Ku-
visionäre, bilderreiche Schrift deutet den bisherigen drun« 538, 1). In der Neuzeit ist das A. selten und wird
Geschichtsverlauf, kündigt das Weltende an und ent- z. T. zur Andeutung ungewöhnlicher oder außerlo-
schlüsselt die darauf hindeutenden Zeichen im Sinne gischer Verknüpfungen genutzt: »[…] die Blätter, de-
der Eschatologie (der Lehre von den letzten Dingen). nen / Blüht unten auf ein Grund, / Nicht gar unmündig
Das Werk richtete sich an die sieben christlichen Ge- / Da nemlich ist Ulrich / gegangen« (F. Hölderlin: »Der
meinden in Kleinasien und ordnete deren aktuelle Be- Winkel von Hahrdt«, 1805, V. 3–7); die »Stuttgarter
drängnisse in die endzeitlichen Kämpfe der kos- Hölderlin-Ausgabe« setzt hier gegen den Erstdruck
mischen Mächte ein. Das dramatische Geschehen gip- zur Vermeidung der durch das A. ausgelösten Irritati-
felt im Entscheidungskampf zwischen Himmel und onen hinter »unmündig« einen Punkt. HHS/DB
Hölle: Michael und seine Engel werfen den siebenköp- Apokope, f. [gr. = Abschlagen], Wegfallen eines Lau-
figen Drachen und seine Heerscharen hinab auf die tes oder einer Silbe am Ende eines Wortes, entweder
Erde. Dort verfolgt »die alte Schlange, welche Satan ge- sprachgeschichtlich bedingt (z. B. mhd. frouwe – nhd.
nannt wird« (Off 12, 9), das apokalyptische Weib und Frau), aus metrischen (»manch’ bunte Blumen«, J. W.
seine Nachkommen. Sieben letzte Plagen gehen dem Goethe: »Erlkönig«) oder artikulatorischen Gründen;
Weltgericht voraus. Jesus Christus mit seinen himm- meist durch Apostroph angezeigt. ä Elision, ä Syn-
lischen Heerscharen besiegt die Mächte der Finsternis, kope. GS/Red.
das Tier aus dem Meer und das Tier aus der Erde. Ein Apokryphen, f. Pl. [gr. apókryphos = versteckt, heim-
Engel ergreift den Drachen, bindet ihn auf tausend lich], von den Heiligen Schriften der Juden und Chris-
Jahre und wirft ihn in den Abgrund. Noch einmal ten inspirierte Bücher, die zu verschiedenen Zeiten
greift Satan an, um endgültig vernichtet zu werden. und aus unterschiedlichen Gründen nicht in den Ka-
Das Endgericht bricht an und aus dem Himmel steigt non gelangten, in der kath. Theologie als deutero-, d. h.
die neue heilige Stadt Jerusalem herab. – Neben der nachkanonische Schriften bezeichnet. Zu den alttesta-
38 Apollinisch

mentlichen A. (zwischen 200 v. Chr. und 100 n. Chr.) Andersgläubigen (Apologeten und Kirchenväter, u. a.
gehört z. B. das Buch Jesus Sirach, das in gr. und sy- Clemens von Alexandria, Origines, Tertullian, Augus-
rischer Übers. überliefert wurde. Es entfaltete in der tinus; Abaelard, Thomas von Aquin; in dieser Tradi-
christlichen Frömmigkeit bes. Wirkung. Neutesta- tion auch die A. der »Augsburger Konfession« durch
mentliche A. entstanden zwischen dem 2. und 8. Jh. in Ph. Melanchthon, 1530). Apologetischen Charakter
Anlehnung an das NT. Dazu gehören Evangelien (nach haben bis heute zahlreiche ä Autobiographien.
Thomas), Briefe (3. Kor) und ä Apokalypsen. Beleh- Lit.: K. Kienzler, E. Hilgendorf: A. In: HWbRh. UM
rung, Unterhaltung, Andacht und Befriedigung der Apope·mptikon, n. [gr. apopémpein = wegschicken,
Neugier waren ihr Zweck. Um Autorität vorzutäu- entlassen], antikes Abschiedsgedicht eines Schei-
schen, nannte man biblische Personen als Verfasser denden an die Zurückbleibenden, welche ihrerseits
(ä Pseudepigraphen). diesem ein ä Propemptikon (Geleitgedicht, Segens-
Texte: E. Hennecke, W. Schneemelcher (Hg.): Neu- spruch) mit auf den Weg geben können.
testamentliche A. in dt. Übers. 2 Bde. Tüb. 61990/ Apophthe·gma, n. [gr. = prägnante Aussage], Pl.
97. – Lit.: H. P. Rüger, R. McLachlan Wilson: A. In: Apophthẹgmata; gewandt formulierter, pointierter Aus-
TRE. SMI spruch. Im Ggs. zur ä Gnome (lat. sententia) wird das
Apollinisch, zusammen mit ›dionysisch‹ ein moder- A., der ä Anekdote vergleichbar, durch Angaben über
nes Begriffspaar, das ursprünglich zur Charakterisie- die Situation und die beteiligte(n) Person(en) einge-
rung zweier gegensätzlicher Aspekte der Antike ge- leitet. – A.ta bilden sich v. a. um bekannte Persönlich-
prägt wurde: Helligkeit und Harmonie gegenüber keiten, so sind im Gr. A.ta von den ›Sieben Weisen‹,
Dunkelheit und rauschhafter Irrationalität. Die gr. Sokrates, Alexander u. a. überliefert, im Lat. (hier auch
Götter Apollon und Dionysos (= Bakchos, Bromios) dictum genannt) von Cicero, Augustus u. a. – Samm-
wurden dabei grundsätzlich richtig, aber etwas plaka- lungen (ä Anthologie) von A.ta sind zahlreich erhalten,
tiv als Vertreter dieses Gegensatzes aufgefasst. Dieser drei sind bei Plutarch überliefert; weitere sind das
findet sich bereits bei J. J. Winckelmann und J. W. Goe- »Gnomologium Vaticanum« oder die »A.ta patrum«,
the, allerdings mit eindeutiger Abwertung des diony- eine Sammlung von asketischen Lehrsprüchen ägyp-
sischen Prinzips; dieses erfährt dann eine starke Auf- tischer Mönche (5. Jh. n. Chr.). Auch die »Logia Jesu«,
wertung durch F. Hölderlin, F. W. J. Schelling und die erschlossene Vorstufe des Matthäus- und des Lukas-
Romantiker, v. a. F. und A. W. Schlegel, und wurde von Evangeliums, sind zu den A.ta zu rechnen. Im Dt. be-
Altphilologen wie F. Creuzer und E. Rohde aufgegrif- gegnet das A. bei J. W. Zincgref (»Teutsche A.ta«, 1626),
fen, aber auch von dem Kunsthistoriker J. Burckhardt G. Ph. Harsdörffer (»Ars Apophthegmatica«, 1655) u. a.
und dem Altertumswissenschaftler J. J. Bachofen (»Das Lit.: G. Braungart: Ein Ferment der Geselligkeit. In:
Mutterrecht«, 1861). Endgültige Bekanntheit erlangte W. Adam (Hg.): Geselligkeit und Gesellschaft im
das anschauliche Begriffspaar durch F. Nietzsche (»Die Barockzeitalter. Wiesbaden 1997. Bd. 1, S. 463–472. –
Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«, Th. Verweyen: A. und Scherzrede. Bad Homburg
1872), der es auch auf R. Wagner anwandte, welcher es v. d. H. u. a. 1970. – Th. Verweyen, G. Witting: A. In:
seinerseits bereits 1849 (»Die Kunst und die Revolu- RLW. RBS
tion«) verwendet hatte. Seitdem dient es ganz allg., Aporie, f. [gr. aporía = Unwegsamkeit, Ratlosigkeit,
aber auch in der Lit.wissenschaft der kontrastiven Eti- Zweifel], 1. philosophischer Begriff zur Kennzeich-
kettierung (Klassik vs. Sturm und Drang/Romantik; nung eines unlösbaren Problems; 2. ä rhet. Figur, lat.
Wieland vs. Heinse; alter vs. junger Goethe; »Iphige- ä Dubitatio. GS/Red.
nie« vs. »Penthesilea«). Aposiopese, f. [gr. aposiō´pēsis = das Verstummen, lat.
Lit.: E. Behler: A./Dionysisch. In: HWbRh. UM reticentia], ä rhet. Figur, bewusstes Abbrechen der
Apolog, m. [gr. apólogos = Erzählung], Pl. Apologe; in Rede, wobei entweder die syntaktische Konstruktion
der gr. Antike Bez. für kurze Erzählung in mündlichem abgebrochen oder lediglich der Gedanke (in einem
Vortrag (Beleg bei Platon: »Politeia« 10: Alkinoos-Er- vollständigen Satz) nicht zu Ende geführt wird. Der
zählung); von den Römern eingeengt auf beispielhafte, Hörer oder Leser muss das Verschwiegene aus dem
humoristisch-phantastische Erzählungen, z. B. die Fa- Zusammenhang erraten. Findet sich oft als Ausdruck
beln Äsops (als Genus der leichten Erzähllit.). Die Bez. der Drohung (quos ego! – ›Euch werd’ ich!‹, bes. auch
findet sich im 17. und 18. Jh. noch gelegentlich für mo- umgangssprachlich), oder der emotionalen Erregung:
ralische Erzählungen, bes. Fabeln (B. Corder, 1630; »Was! Ich? Ich hätt ihn –? Unter meinen Hunden –? /
Ch. F. Gellert, 1744). ä Anekdote, ä Exempel, ä Fabel, Mit diesen kleinen Händen hätt’ ich ihn –?«
ä Bîspel, ä Predigtmärlein. GS/Red. (H. v. Kleist: »Penthesilea«, V. 2956 f.). Vgl. dagegen
Apologie, f. [gr. apología], eigentlich Verteidigungs- ä Ellipse. GG
rede vor Gericht (so bis heute), aber schon bald litera- Apo·stelspiel, spätmal. Typus des ä geistlichen Spiels,
risiert (vgl. z. B. die postum fingierten A.n des Sokrates in dem nach den Evangelien und der biblischen Apos-
von dessen Schülern Platon und Xenophon). Im frü- telgeschichte, nach Legenden und apokryphen
hen Christentum und bis ins MA. wichtig war die A. Schriften die Geschichte der Apostel oder Ereignisse
als Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber aus deren Leben dargestellt werden, etwa Bekehrung
Appellfunktion 39

und Tod des Paulus oder die Aussendung der Apostel Elemente zu höchster Steigerung. Die bedeutendste
(v. a. im 16. Jh. im Zusammenhang mit dem Fest »Di- Nachwirkung in der späteren Dramatik: Schluss des
visio Apostolorum« [15.7.]). – Im 15. bis 18. Jh. ist das »Faust« II von Goethe.
A. in Europa verbreitet, bes. gepflegt wird es als Lit.: C. Albert: A. In: RLW. HFR/Red.
ä Schuldrama; zur Zeit der Reformation und der Glau- Apparat, m. [lat. apparatus = Zurüstung, Anstalten,
benskämpfe steht es im Dienst der konfessionellen Ausstattung], 1. Sammlung der Hilfsmittel für eine
Auseinandersetzung. Während es sich anfangs um wissenschaftliche Arbeit (Semester-, Handapparat,
streng geistliche Spiele handelt (dem eigentlichen A. Handbibliothek); 2. meist: (text-)kritischer A. (lat. ap-
gehen die Apostelszenen des mal. ä Osterspiels oder paratus criticus), Teil einer ä Edition, der die Überliefe-
ä Passionsspiels, z. B. Wettlauf der Jünger zum Grab, rungsgeschichte eines Textes als Ergebnis der wissen-
voran), steht später eher das Interesse am individuellen schaftlichen Bewertung aller (wichtigen) Textträger
Schicksal der Apostel im Vordergrund. – Die Dramen enthält (ä Textkritik). In Form eines Variantenapparats
neuerer Zeit, die Stoffe aus dem Leben der Apostel be- sind hier ä Lesarten eines Textes (bes. bei Hss.),
handeln (Strindberg, Werfel), sind nicht mehr den ä Emendationen (v. a. bei nicht autorisierter Überliefe-
geistlichen Spielen zuzuordnen. rung) und ä Konjekturen (z. B. bei Korruptelen der
Lit.: W. Emrich: Paulus im Drama. Bln. 1934. RBS Überlieferungsträger) des Textes sowie ä Varianten an-
Apostrophe, f. [gr. = Abwendung], ursprünglich in derer Textträger aufgeführt, entweder als Verzeichnis
der gr. Gerichtsrede Wegwendung des Redners von aller Varianten (positiver A.) oder begrenzt auf die Ab-
den Richtern zum Kläger hin; dann, in übertragenem weichungen vom editorisch legitimierten Text (nega-
Sinn, ä rhet. Figur: Hinwendung des Rhetors oder tiver A.) oder gemäß einer Auswahl relevanter Textträ-
Dichters zum Publikum oder zu anderen, meist abwe- ger (Auswahlapparat). Der A. kann unterhalb oder als
senden (auch toten) Personen (häufig in Totenklagen), Appendix des Textes sowie – v. a. in ä historisch-kri-
direkte Anrede von Dingen (z. B. Waffen im »Rolands- tischen Ausgaben – auch als separater Band beigege-
lied«) oder Abstrakta (in mal. Dichtung z. B. Frau Welt, ben sein. Da die Darstellungsformen des A.s stark ab-
Minne, Tod). Zur A. zählt auch, als Bitte um Beistand hängig vom zu edierenden Material sind (ä Editions-
bei der Bewältigung des Themas, die ä Invocatio Got- technik), werden sie meist am Einzelfall entwickelt
tes, der Götter, der Musen (Homer, Vergil, Wolfram und diskutiert. Unterschieden werden der Einzelstel-
von Eschenbach, F. G. Klopstock; ä Musenanruf). Die len-, der Einblendungs- und der Treppenapparat sowie
A. dient v. a. der Verlebendigung; oft als Ausruf oder der synoptische A. (ä Synopse). In historisch-kri-
Frage formuliert, ist sie ein Stilmittel emphatischer tischen Editionen der neueren Lit. enthält der A. auch
oder pathetischer Rede (z. B. G. Trakl: »Verflucht ihr die Überlieferungs- und Entstehungsgeschichte des
dunklen Gifte, weißer Schlaf!«). edierten Textes. Er versammelt dann die Beschreibung
Lit.: J. Culler: A. In: ders.: The Pursuit of Signs. Ldn. und textkritische Bewertung aller Textzeugen, die Be-
1981, S. 135–154. RBS gründung der Textgrundlage der Edition, die Doku-
Apotheose, f. [gr. = Vergottung], allg. jede Form der mente der Entstehungsgeschichte, das Variantenver-
Erhebung eines Sterblichen zu übermenschlicher zeichnis und die Begründung der Textgestalt; in eini-
Weihe und die entsprechende Darstellung in Lit., bil- gen Editionen auch die Dokumentation der
dender Kunst und Theater. – Begriff und Formen der zeitgenössischen Rezeption, die lit.wissenschaftliche
A. entstammen dem orientalisch-hellenistischen Gott- Einordnung des Textes und Erläuterungen einzelner
königtum und drangen von daher in den röm. Staats- Textstellen (ä Kommentar).
kult ein. Wirkungsvollsten Ausdruck fand die Herr- Lit.: G. Martens: Textdynamik und Edition. In: ders.,
scher-A. in der Hofdichtung (frühes Beispiel: vierte H. Zeller (Hg.): Texte und Varianten. Mchn. 1971,
Ekloge Vergils), bes. in der Gattung des ä Panegyrikus. S. 165–201. – B. Plachta: A. In: RLW. – Ders.: Editions-
Bevorzugtes Anwendungsgebiet der ä Allegorie. Das wissenschaft. Stgt. 1997. – E. Pöhlmann: Einf. in die
ausgeprägte Zeremoniell und die entsprechenden Aus- Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der an-
drucksschemata in Lit. und offizieller Kunst zur Beto- tiken Lit. Darmstadt 1994. – H. Zeller: Die Typen des
nung der gottnahen Stellung des Herrschers wurden germanistischen Varianten-A.s und ein Vorschlag zu
abgewandelt auch von den christlichen Kaisern beibe- einem Prosa-A. In: N. Oellers, H. Steinecke (Hg.): Edi-
halten. Ein erneutes Aufleben und die Ausweitung der tionsprobleme der Lit.wissenschaft. Sonderheft der
A. im Sinne einer allg. Verherrlichung und Verklärung ZfdPh 105 (1986), S. 42–69. – H. Zwerschina: Varian-
erfolgte – unter direktem Rückgriff auf antike Vor- tenverzeichnung, Arbeitsweise des Autors und Dar-
bilder – wieder in der Hofdichtung und den ä Trionfi stellung der Textgenese. In: R. Nutt-Kofoth u. a. (Hg.):
der Renaissance. Im Barock erreichte die A. auf allen Text und Edition. Bln. 2000, S. 203–229. MSP
künstlerischen Gebieten ihren Höhepunkt, z. B. als Appe·llfunktion, f., auch: Appellstruktur; in der ä Re-
›Entrückung‹ oder ›Verklärung‹ in der bildenden zeptionsästhetik zusammenfassende Bez. der für die
Kunst. Die mit großem Aufwand ausgestaltete Schluss- ›Leserlenkung‹ verantwortlichen Eigenschaften eines
A. des barocken geistlichen und weltlichen Schauspiels lit. Werkes. – Texte ›steuern‹ demnach ihre Rezeption,
brachte alle überkommenen lit. und bildkünstlerischen indem sie (u. a. aufgrund von ä Leerstellen) ihre Leser
40 Appendix

zur Mitarbeit an der Konstitution von Sinn anregen. röm. Rhet.en (Cicero, Quintilian). Aristoteles und Ho-
Als werkinterner Adressat der A. gilt das Konstrukt raz (»Ars Poetica«) führen prépon bzw. a., d. als Uni-
des ä impliziten Lesers. versalnorm in die Poetik ein. Während a. und d. im
Lit.: W. Iser: Die Appellstruktur der Texte. Konstanz MA. kaum eine Rolle spielen, werden sie von den hu-
1970. – Ders.: Der Akt des Lesens. Mchn. 1976. – B. F. manistischen Poetiken als Leitkategorien übernom-
Scholz: Appellstruktur. In: RLW. TK men. So entwickelt M. Opitz (»Buch von der Dt. Poe-
Appe·ndix, m. [lat. = Anhang], Anhang eines Buches terey«, 1624) Regeln für die schickliche Gestaltung des
mit Ergänzungen (Kommentaren, Register, Karten- Verhältnisses zwischen Stilhöhe, Gattung und poe-
und Bildmaterial, Tabellen), auch weiteren Textzeugen tischem Gegenstand. Im 18. Jh. verschwinden a., d.
wie Briefen, Dokumenten oder Texten, deren Zugehö- wieder aus dem poetologischen Diskurs. Doch noch
rigkeit zum betreffenden Autor unsicher ist (vgl. z. B. im 20. Jh. fordert z. B. E. Staiger (»Die Kunst der Inter-
den A. Virgiliana mit Gedichten, die Vergil nur zuge- pretation«, 1955) die ›Stimmigkeit‹ des poetischen Ge-
schrieben sind; ä Pseudepigraphen). Bei Textausgaben halt-Gestalt-Gefüges (ä werkimmanente Interpreta-
kann der kritische ä Apparat als A. folgen. GS/Red. tion).
Applikation, f. [lat. applicatio = Anschluss, Anknüp- Lit.: B. Bauer: A., D. In: RLW. JW
fung], 1. der Transfer eines Textinhalts auf die indivi- Äquivale·nzprinzip, Begriff der linguistischen Poetik
duelle Lebenspraxis; 2. die Anwendung einer wissen- R. Jakobsons. Die poetische Sprachverwendung unter-
schaftlichen Methode und ihrer Begrifflichkeit auf ei- scheidet sich durch das Ä. von der nicht-poetischen
nen ä Text. – In der pietistischen ä Hermeneutik des Sprachverwendung. Während diese dem Prinzip der
18. Jh.s wird ›applicatio‹ als Terminus im Sinne von Kontiguität folgt und Wörter nach den Regeln der Syn-
›Anwendung‹ eingeführt und als ›subtilitas applicandi‹ tax und Semantik kombiniert, wird die poetische
(›Erbauung‹) in die Trias der hermeneutischen Aufga- Sprachverwendung wesentlich durch Ähnlichkeitsbe-
ben (neben ›subtilitas intelligendi‹ und ›subtilitas ex- ziehungen bestimmt (die Wiederholung von Klängen,
plicandi‹) einbezogen. Nachdem die A. im 17. Jh. in Wörtern, Bildern, Motiven oder anderer struktureller
den Bereich der ä Rhet. verschoben worden war, stellte Erscheinungen). Ob formal-strukturelle Äquivalenzen
sie erst in den 1960er Jahren Gadamer als zentrales eine sowohl notwendige als auch hinreichende Eigen-
Problem der philosophischen Hermeneutik heraus: schaft von Lit. sind, ist umstritten.
Sinn erlangt erst in der und durch die A. Geltung. In Lit.: R. Jakobson: Linguistische Poetik. In: ders.: Poe-
der Lit.wissenschaft werden Fragen der A. seitdem v. a. tik. Ausgewählte Aufsätze 1921–71. Ffm. 1979, S. 83–
im Kontext der ä Rezeptionsästhetik aufgegriffen. 121. – M. Titzmann: Äquivalenz. In: RLW. – Ders.: Ä.
Lit.: H. Anz: Die Bedeutung poetischer Rede. Kopen- In: RLW. BM
hagen, Mchn. 1979. – Ders.: A. In: RLW. – M. Fuhr- Äquivokation, f. [aus lat. aequus = gleich, vocare = be-
mann u. a. (Hg.): Text und A. Mchn. 1981. – H.-G. Ga- nennen, aequivocatio = Gleichnamigkeit, Doppelsinn,
damer: Wahrheit und Methode. Tüb. 1960. – S. Jahr: Mehrdeutigkeit], auf ä Homonymie, Polysemie oder
Das Verstehen von Fachtexten. Tüb. 1996. DP uneigentlicher Rede beruhende Mehrdeutigkeit von
Aprosdoketon, n. [gr. = Unerwartetes], ä rhet. Figur; lexikalischen Einheiten (Bsp.: »Sturm« mit den Teilbe-
unerwarteter Ausdruck (Wort, Redewendung) anstelle deutungen ›heftiger Wind‹, ›starke Gefühlsbewegung‹,
eines vom Hörer oder Leser zu erwartenden: »[Trom- ›Kampf, Angriff‹). Beruht Ä. bei mehreren Wort-
peten], die den Marsch blasen, die griechischen den schatzeinheiten auf demselben minimalen Bedeu-
Trojanern, die trojanischen – na, wem wohl?« (statt: tungsunterschied, wird von ›systematischer Ä.‹ ge-
›den Griechen‹; R. Hagelstange: »Spielball der Göt- sprochen (z. B. ›Vorgang‹ bzw. ›Resultat‹ bei »Arbeit«,
ter«). GSR »Bildung«, »Zeichnung«). Ihr unbeabsichtigtes Auf-
A· ptum, decorum, n. [lat. = das Angemessene, Schick- treten gilt insbes. in Rhet. und Lit. als stilistischer Feh-
liche, Stimmige, der Anstand; gr. prépon; frz. biensé- ler (Verstoß gegen die Regel der perspicuitas; ä Klar-
ance], rhet. Bez.en für das Verhältnis der ä Angemes- heit), ihre absichtliche Verwendung als bewusste Irre-
senheit zwischen gestisch-mimischem Verhalten, führung, wenn sie nicht, wie in ä Witz, ä Wortspiel und
sprachlichem Ausdruck, Redegegenstand, -situation ä Satire, durch die spezielle Kommunikationssituation
und -ziel. Unterschieden wird zwischen ›innerem‹ (lit.) gerechtfertigt ist.
und ›äußerem‹ (sozialem) a., d. Analog werden häufig Lit.: Ch. Bode: Ä. In: RLW. CK
die Geltungsbereiche von a. und d. verschieden be- Arabe·ske, f. [frz. arabesque von it. arabesco = in arab.
stimmt: In der röm. und frühneuzeitlichen Anwei- Art], in der bildenden Kunst ein pflanzenartig sich
sungslit. bezeichnet a. die rhet. Tugend (virtus dicendi), verzweigendes Blatt- und Rankenornament, das Friese
das Verhältnis zwischen Wortwahl, Stoff, Redner und oder Flächen bedeckt; in der Lit. eine durch scheinbar
Redesituation je nach Stilhöhe (ä Genera dicendi) chaotische, naturähnliche Strukturen gekennzeichnete
stimmig zu gestalten; d. ist dagegen stärker ethisch Form oder ein dieser Form gemäß gestalteter Text. Die
konnotiert und schließt nicht-sprachliche Angemes- A. entstand in der Spätantike und wurde im arab. Ori-
senheit bzw. Anständigkeit (honestum) ein (ä An- ent zur naturfernen Gabelblattranke fortentwickelt.
standslit.). – Den rhet. Sprachgebrauch prägen die Aufgrund des islamischen Bilderverbotes wurde die A.
Arbeiterliteratur 41

in allen Bereichen der bildenden Kunst (bes. auch in rung in der Textilindustrie und den daraus resultie-
der Kalligraphie) angewendet, wobei ihre Eigenschaft, renden Arbeiteraufständen (vgl. H. Heine: »Die schle-
sich aus sich selbst ohne Anfang und Ende zu verzwei- sischen Weber«, 1844). In der zweiten Hälfte des 19.
gen und zu verschlingen, sowie die ihr zugrunde lie- Jh.s entwickelt sich eine eigene Arbeiterkultur, deren
genden mathematischen Berechnungen sie scheinbar bedeutendsten Teil die A. darstellt, die nach der Revo-
irdischer Vergänglichkeit entheben. Diese suggestive lution 1918/19 in der Weimarer Republik ihren Höhe-
Kraft der A. führte nach Entdeckung der a.nreichen punkt erreicht. – Die politische Lyrik ist bis 1918 die
pompejanischen Malereien seit 1740 in Europa zu ei- am meisten verbreitete Form der A. Lieder wie das
ner (anfänglich mit der ä Groteske verbundenen) A.n- »Bundeslied« von G. Herwegh (1864), »Die Internatio-
mode sowie zu einer kunsttheoretischen Diskussion, nale« von E. Pottier (1871, vertont von P. Degeyter,
bei der häufig ihre spielerische Leichtigkeit und Le- 1888) oder »Brüder zur Sonne, zur Freiheit« von L. Ra-
bensfreude (Tischbein, Goethe) und die reine, the- din (russ. 1897, dt. von H. Scherchen, 1918) sind in
menlose Schönheit (Kant) hervorgehoben wurden. den Kämpfen des Proletariats entstanden und haben
Die in der A. zum Ausdruck kommende Freiheit der sie begleitet. – Auch im Drama, aufgeführt von Laien-
schaffenden Einbildungskraft (Kant) erlaubte seit 1790 schauspielern auf improvisierten Bühnen von Ver-
eine Übertragung auf die märchenhafte, phantastische sammlungssälen, dominiert politische Gesellschafts-
Poesie und schließlich auf Musik und Tanz. So be- kritik, meist in satirischen Einaktern: M. Kegel: »Preß-
zeichnet Novalis in seinen »Fragmenten und Studien« prozesse« (1876); F. Bosse: »Im Kampf« (1892). – Die
von 1799 die A.n und Ornamente als »eigentliche erste populäre Erzählerin proletarischer Lebensver-
sichtbare Musik«. Die Romantiker rücken die A. ins hältnisse ist Minna Kautsky mit ihren Romanen »Die
Zentrum ihrer Poesie, weil sie die »unendliche Fülle« Alten und die Neuen«(1885), »Helene« (1894) und
in der »unendlichen Einheit« verkörpere (F. Schlegel). »Ein Maifesttag« (1907). – Die Gruppe der Arbeiter-
Schlegel bezeichnet eine poetische Gattung, in der sich Autobiographien umfasst über 300 Werke, darunter C.
Stoff- und Formkomposition verschlingen, als ›A.‹, Fischer: »Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines
und so wird sie ihm auch zum integrierenden Moment Arbeiters« (1903), A. Popp: »Jugendgeschichte einer
seiner Romantheorie, in der sich die Gattungsgrenzen Arbeiterin. Von ihr selbst erzählt« (1909) und bes. A.
auflösen (z. B. »Gespräch über die Poesie«, 1799). Im Bebel: »Aus meinem Leben« (1910–14). In der Weima-
ä Jugendstil wird die A. erneut zum Strukturprinzip; rer Republik folgen L. Turek: »Ein Prolet erzählt«
im ä Poststrukturalismus wird sie abermals theoretisch (1929) und A. Scharrer: »Vaterlandslose Gesellen«
reflektiert. (1930). – Große Bedeutung erlangt durch E. E. Kisch
Lit.: G. Oesterle: A. In: ÄGB. – K. K. Polheim: Die A. die Reportage als realistische Darstellung von sozialer
Mchn. u. a. 1966. JBR Realität. – Mit der Antikriegslyrik (K. Bröger: »Ge-
Arai, f. Pl. [gr. = Verwünschungen, Gebete, Flüche], dichte«, 1912), der Lyrik des Aufbruchs nach der russ.
lat. ä Dirae; Verfluchung einer Person oder Sache, ent- (1917) und der dt. Revolution (1918 f.) wird die A. Teil
weder innerhalb eines lit. Werkes (z. B. Sophokles: der sozialistischen Lit. überhaupt, an der sich viele Au-
»König Oedipus«, V. 230–251) oder als selbständiges toren und Autorinnen bürgerlicher Herkunft beteili-
Schmähgedicht, z. B. auf Inschriften gegen den eventu- gen: B. Brecht, J. R. Becher, E. Mühsam, A. Seghers, M.
ellen Zerstörer eines Denkmals oder Grabsteins. UM Leitner. Das politische Spektrum reicht von der poli-
Arbeiterliteratur, die lit. Darstellung von Arbeits- tischen Kampflit., etwa W. Bredels »Maschinenfabrik
und Lebensverhältnissen des Industriearbeiterproleta- N&K« (1930), bis zur Technikbegeisterung im
riats, im engeren Sinn eine Lit. von Arbeitern über sich ä Nyland-Kreis (1912–26). Mit der ä Proletkultbewe-
selbst, auch die sozialistische Lit. überhaupt. A. wur- gung entwickeln sich lit. Aktionsformen wie das Stra-
zelt im Kampf zwischen Kapitalisten und Lohnarbei- ßentheater (ä Agitprop-Theater), während die Erneue-
tern. Sie entsteht mit der Industrialisierung im 19. Jh., rung der Arbeiter-Sprechchorbewegung unbedeutend
ist überwiegend eine Anklage gegen Armut und Recht- bleibt. 1928 wird der Bund proletarisch revolutionärer
losigkeit und mit ihrem Protest und der Forderung Schriftsteller mit seinem Organ »Die Linkskurve«
nach gerechter Eigentumsverteilung stärker als die (1929–33) gegründet. Mit der Verfolgung, KZ-Inhaf-
bürgerliche Lit. Teil der politischen Öffentlichkeit. – tierung und Ermordung seit 1933 bricht diese Kultur
Aus der gesellschaftlich-praktischen Funktion der A. zusammen. – Nach dem Zweiten Weltkrieg spaltet sich
entstand eine eigene Ästhetik und Poetik, die bei der die dt. A.
Aufklärung des 18. Jh.s anknüpfte und in schroffem In der DDR dient sie dem Aufbau und der Festigung
Ggs. zum bürgerlichen Kunstwerk- und Künstlerbe- des Sozialismus. Mit dem ä Bitterfelder Weg wird 1959
griff von Klassik und Romantik die politische Wirkung von der SED ein neuer Realismus sozialistisch partei-
zum Maßstab erhob. Charakteristisch ist daher die Be- licher Lit. über Arbeit gefordert mit einer bis 1964 pro-
vorzugung solcher lit. Formen, die der unmittelbaren pagierten Lit. der Arbeitenden selbst: »Greif zur Feder,
Realitätsdarstellung dienen, wie ä Bericht, ä Reportage, Kumpel!« W. Biermann setzt die Tradition des kämp-
ä Satire, agitatorisches Drama, ä Autobiographie und ferischen satirischen Liedes in der DDR fort. – In der
politische Lyrik. – Die A. beginnt mit der Maschinisie- BRD kommt es erst mit M. von der Grüns Roman »Irr-
42 Arbeitsjournal

licht und Feuer« (1963) und G. Wallraffs Industrie- sind heterogen. Die Spannweite reicht vom rückwärts-
reportagen »Wir brauchen Dich« (1966) zu einem gewandt-restaurativen, bisweilen kulturpariotischen
Wiederaufstieg der sozialkritischen A. Die ä Gruppe bis zum produktiven Kunststreben, das Neues bzw.
61 und der 1970 gegründete ä Werkkreis Lit. der Ar- Anderes im Rückgriff auf Altes schaffen will (so in der
beitswelt mit 20 Werkstätten und 72 Buch-Veröffentli- Lyrik St. Georges). Der A. kann auch parodistisch (vgl.
chungen bis 1992 erlangten öffentliche Aufmerksam- A. Holz: »Dafnis«) oder ironisch (so in der Lyrik H.
keit. Den Höhepunkt bildet die Millionenauflage von Heines) gebraucht werden. Zwischen Pathos und
Wallraffs »Ganz unten« (1985). Nach 1989 verliert die Sprachmagie steht die Hochschätzung des »alten
A. rapide an Bedeutung. Worts« durch K. Kraus.
Lit.: W. Emmerich (Hg.): Proletarische Lebensläufe, Lit.: D. Cherubim: A. In: RLW. – I. Leitner: Sprachliche
2 Bde. Reinbek 1974 f. – W. Fähnders: A. In: RLW. – Archaisierung. Ffm u. a. 1978. – W. Kraft: Der A. In:
P. Kühne: Arbeiterklasse und Lit. Ffm. 1972. – M. A. ders.: St. George. Mchn. 1980, S. 190–202. BM
Ludwig: A. in Deutschland. Stgt. 1976. – F. Trommler: Archäologie des Wissens, auf M. Foucault zurückge-
Sozialistische Lit. in Deutschland. Stgt. 1976. – V. Zaib hende methodische Grundlegung der ä Diskursana-
(Hg.): Kultur als Fenster zu einem besseren Leben und lyse. Die Archäologie in Foucaults Sinne verabschiedet
Arbeiten. Bielefeld 2003. RS die Idee einer kontinuierlichen, vom Subjekt sinnhaft
Arbeitsjournal ä Tagebuch. gesteuerten Geschichte und untersucht – im Ggs. zur
Arbeitslied, das zu körperlicher Arbeit gesungene Ge- auf die Analyse der Macht konzentrierten Genealogie
meinschaftslied, das ä Rhythmus, Tempo, z. T. auch – die Regeln und Regularitäten, wie Wissen in Dis-
Geräusche der Arbeit aufnimmt, koordiniert und diese kursen konstituiert, definiert, bearbeitet und systema-
damit fördert. A.er gibt es v. a. zu bäuerlichen und tisiert wird. Den Gesamtzusammenhang diskursi-
handwerklichen Tätigkeiten; das soldatische Lied wird vierten Wissens nennt Foucault episteme. Der Diskurs
dagegen ä ›Marschlied‹ genannt. Das A. ist formal an- selbst wird als geregelte Formation von – in einem be-
spruchslos, häufig in Zweizeilern gehalten, mit Laut- stimmten zeitlichen Kontext für wahr gehaltenen –
malereien und Kehrreim versehen. Es kann prinzipiell Aussagen bestimmt. Diskurse gelten als Praktiken und
endlos auf einfache Melodien fortgesungen werden, können sich über bestimmte Verknüpfungen, sog. Dis-
oft im Wechsel von Vorsänger und Chor, z. T. auch in positive, mit anderen Praktiken verschränken. Eine
Verbindung mit gesprochenen Partien. Inhaltlich stellt Ordnung des Diskurses bzw. der Diskurse gilt als dis-
das A. einen einfachen, oft erotisch-derben oder wit- kursive Formation, die sich wiederum zu einem ä Ar-
zigen Bezug zur Arbeit her. – A.er sind schon aus kul- chiv, einem System diskursiver Regelmäßigkeit, for-
turellen Frühstufen bezeugt (Spinn-, Dresch-, Hirse- mieren kann.
stampf-Lieder); lit. Spuren finden sich in der anord. Lit.: H. Bublitz: Foucaults Archäologie des kulturellen
Dichtung (»Mühlenlied«, »Walkürenlied«); Gottfried Unbewussten. Ffm., NY 1999. – M. Foucault: Les mots
von Neifen (13. Jh.) verarbeitet in einem seiner Ge- et les choses. Paris 1966 [dt.: Die Ordnung der Dinge.
dichte Elemente eines Flachsschwingerliedes. – Vom Ffm. 1974]. – Ders.: L’ archéologie du savoir. Paris 1969
authentischen A. ist das ›unechte‹ A. zu unterscheiden, [dt.: A. d. W. Ffm. 1981]. – H. Kallweit: A.d.W. In:
ein bereits vorhandenes ä Volkslied, das erst nachträg- RLW. OJ
lich einer bestimmten Arbeit rhythmisch und lautma- Archebuleus, m. [gr.-lat.], nach dem gr. Dichter Ar-
lerisch angepasst wird. Zu unterscheiden ist ferner das chebulos (3. Jh. v. Chr.) benanntes, selten vorkom-
künstlerisch gestaltete A., in dem Elemente des echten mendes ä äolisches Versmaß der Form v – | v v – v v –
A.s zur lit. Darstellung eines Arbeitsvorganges einge- vv–v––. UM
setzt werden, z. B. H. Heine: »Die schlesischen We- Archetypus, m. [lat.-gr. = Urform, eigentlich das zu-
ber«. erst Geprägte; aus gr. archē´ = Ursprung, týpos = Schlag,
Lit.: E. Seemann: A. In: RLG. IS/Red. Prägung, Bild, Form], auch: Archetyp; 1. in der mediä-
A· rbiter litterarum, m. [lat.], Richter in lit. Fragen; vistischen ä Textkritik eine aus den erhaltenen Text-
wohl analog gebildet zu »arbiter elegantiarum« (Rich- zeugen (Hss., gelegentlich auch Drucken) erschlossene
ter in Sachen des guten Geschmacks; Tacitus: »Annna- älteste Überlieferungsstufe als Basis für das ä Stemma
len« XVI, 18 über Petronius). UM (den Stammbaum) vorhandener Hss. – 2. In der ä Gat-
Archai·smus, sprachliches Element, das in seinem tungsgeschichte die erste historische Realisation einer
Kontext veraltet wirkt. Archaismen können auf allen ä Gattung, z. B. die ä Sonette Giacomos da Lentino (um
Sprachebenen in Erscheinung treten, z. B. in der 1180/90–um 1250) im Ggs. zum ä Prototyp als dem
Schreibung (vgl. F. Nicolai: »Eyn feyner kleyner Alma- normativen Muster der Gattung, z. B. den Sonetten F.
nach«) und in Wortwahl oder Syntax (vgl. R. Bor- Petrarcas (1304–74). – 3. In der Lit.wissenschaft wurde
chardt: »Dantes Comedia Dt.«, eine Übers., die ein der Begriff zeitweise (z. B. in der angelsächs. ›mytholo-
fiktives Oberdt. des 14. Jh.s zu konstruieren versucht), gischen Lit.kritik‹; vgl. Bodkin) im Anschluss an C. G.
darüber hinaus auch im Versgebrauch (vgl. die ä Knit- Jung (»Über die Archetypen«, 1937) für archaische
telverse im Eingangsmonolog von Goethes »Faust«). Bildvorstellungen der Menschheit verwendet, die als
Die möglichen Funktionen des archaisierenden Stils Produkte eines kollektiven Unbewussten angesehen
Aretalogie 43

wurden. – 4. Synonym für J. W. Goethes Konzept des meidliche Beziehung jedes Textes zu anderen Texten
ä ›Urbildes‹ oder ›Urphänomens‹. – Wegen seiner wird die Ebene der Textimmanenz stets überschritten.
schillernden Vieldeutigkeit, in welche immer auch die Diese Transtextualität bildet für Genette den eigent-
›archaistische‹ Suche nach den ›Ursprüngen‹ der Dich- lichen Gegenstand der ä Poetik, indem sie den taxono-
tung oder gar der Menschheit hineinspielen kann, mischen Ort des Textes bestimmt und zugleich seine
sollte der Begriff heute in der Lit.wissenschaft nur ä Poetizität sichert. Andere Formen textueller Bezug-
noch mit großer Vorsicht verwendet werden. nahme sind ä Intertextualität (ä Zitat, ä Plagiat, Allu-
Lit.: M. Bodkin: Archetypal patterns in poetry. Ldn. sion), Paratextualität (ä Titel, ä Vorwort, ä Motto), Me-
1963. – K. W. Hempfer: Gattungstheorie. Mchn. 1973, tatextualität (ä Kommentar) und Hypertextualität
S. 132 f. – W. Voßkamp: Gattungen. In: H. Brackert, J. (Transformation, Nachahmung).
Stückrath: Lit.wissenschaft [1981]. Reinbek 1997, Lit.: U. Broich, M. Pfister (Hg.): Intertextualität. Tüb.
S. 253–269, bes. S. 256–260. GS/DB 1985. – G. Genette: Einf. in den A. [frz. 1979]. Stgt.
Archilo·chische Strophe ä Epode, ä Odenmaße. 1990. – Ders.: Palimpseste [frz. 1982]. Ffm. 1993. –
Archilo·chische Verse, antike metrische Formen, die Ders.: Paratexte [frz. 1987]. Ffm. 1989. DO
auf den gr. Lyriker Archilochos (7. Jh. v. Chr.) zurück- Architextualität ä Intertextualität.
gehen: Kombinationen aus verschiedenen jambischen Archiv, n. [von nlat. archivum], Ort für das Einstellen
oder daktylischen Versen (wie daktylischer ä Hexame- und Aufbewahren von unveröffentlichten Urkunden,
ter, jambischer ä Trimeter, jambischer ä Dimeter) oder Akten und Materialien, im Unterschied zur ä Biblio-
zäsurbedingten Teilen dieser Verse wie dem ä Hemie- thek, die in der Regel vorwiegend publizierte Bücher
pes (d. h. dem halben daktylischen Hexameter bis zur und Schriften aufnimmt. Handelt es sich bei den ge-
ä Penthemimeres), dem daktylischen ä Tetrameter sammelten Materialien um Nachlässe von Autoren so-
(d. h. dem daktylischen Hexameter bis zur bukolischen wie um für die Erschließung der Werke dieser Autoren
ä Dihärese) oder dem ä Ithyphallikus (d. h. dem zwei- relevante weitere Dokumente, so spricht man von
ten Teil des katalektischen jambischen Trimeters) usw. einem ä Lit.archiv. Inzwischen werden auch Systeme
Es sind 18 verschiedene Verskombinationen bezeugt. der elektronischen Archivierung und Datensicherung
Kombiniert wird stets so, dass einem längeren Vers als ›A.e‹ bezeichnet. – A.e haben den Auftrag, die
oder Versteil ein kürzerer folgt. Es gibt drei Kombina- Überlieferung zu dokumentieren und daher die Über-
tionsarten: 1. Ohne Pause (oder Periodenende), jedoch lieferungsträger langfristig aufzubewahren. Arbeits-
mit Dihärese gefügte Kombinationen ergeben Asynar- grundlage und Hauptproblem zugleich ist die immer
teten, die z. T. eigene Bez.en tragen wie ä ›Archilochius‹ wieder neu zu treffende Entscheidung über die A.wür-
(daktylischer Tetrameter + Ithyphallikus) oder ä ›Enko- digkeit, also die Distinktion zwischen im Hinblick auf
miologikus‹ (Hemiepes + jambischer Trimeter bis zur das kulturelle Gedächtnis (ä Memoria [2]) relevanten
Penthemimeres). – 2. Kombinationen mit einer Pause und irrelevanten Objekten. Bibliothek, Museum und
(durch Periodenschluss) zwischen dem ersten und A. machen gleichermaßen die Vergangenheit über das
zweiten Teil ergeben die ä Epoden, die als Zweizeiler Sammeln und Erschließen von Materialien zugänglich,
(Disticha) aufgefasst werden; sie wurden gedoppelt denen der Status von Quellen der ä Kultur zugemessen
(als Vierzeiler) bes. von Horaz verwendet. – 3. Kombi- wird. – In der neueren Forschung werden darüber hin-
nationen von Asynarteten mit einem weiteren Vers aus die Analogien zwischen dem A., dem ä Text (vgl.
oder Versteil ergeben größere Epoden, z. B. Archi- Baßler) und der Kultur als Ganzer herausgearbeitet.
lochius + jambischer katalektischer Trimeter. UM Nach diesem erweiterten Verständnis (vgl. Groys) sind
Archilo·chius, m. [lat.], aus dem akatalektischen dak- A.e Vergleichsräume, in denen ein eigenes, durch kul-
tylischen ä Tetrameter und dem ä Ithyphallikus turwissenschaftliche Forschung erst freizulegendes
zusammengesetzter Vers; Schema: – v v – v v – v v – v v | Wissen produziert wird. Foucault hat gezeigt, dass A.e
– v – v – v . ä Hiatus zwischen den Teilen ist nicht zuge- im Hinblick auf kulturelles Wissen keineswegs neutral
lassen. Der A. erscheint bei Horaz nur in Verbindung sind: Der vertrauten Vorstellung, wonach das A. uns
mit dem jambischen ä Trimeter, bei Prudentius und zu einer objektiven Rekonstruktion des Vergangenen
Boethius wird er auch ä stichisch verwendet. SHO befähigen soll, hält er entgegen, dass Aussagen oftmals
Architext, m. [Neubildung G. Genettes; aus gr. árchein erst im Hinblick auf ihre spätere Archivierung gene-
= vorangehen; lat. textum = Gewebe], nach Genette riert werden.
eines der möglichen Referenzfelder, auf das sich ein Lit.: M. Baßler: Die kulturpoetische Funktion und das
ä Text beziehen kann. Die Theorie des A.es soll die A. Tüb. 2005. – M. Foucault: Archäologie des Wissens
herkömmliche, von Genette auf Aristoteles zurückge- [frz. 1969]. Ffm. 1973. – B. Groys: Unter Verdacht.
führte und als substantialistisch verworfene Vorstel- Eine Phänomenologie der Medien. Mchn. 2000. – H.
lung lit. ä Gattungen ablösen. A.ualität umfasst die Pompe, L. Scholz (Hg.): A.prozesse. Köln 2002. NW
Gesamtheit der Diskurstypen, Äußerungsmodi und Area Studies ä Anglistik.
Gattungen, die durch ä Thema, Modus und ä Form nä- Arenatheater ä Bühne.
her bestimmt werden kann und der jeder lit. Text an- Aretalogie, f. [gr. = Tugendrede, von aretē´ = Tüchtig-
gehört. Durch die offene oder verdeckte, aber unver- keit, Tugend], hellenistische Sammelbez. für Wunder-
44 Argument

erzählungen (auch Hymnen, Gebete), die das Wirken Rhet. ein. Im dt. Sprachraum übernehmen es G. Ph.
der Götter in der Gegenwart bezeugen sollen, meist in Harsdörffer und J. W. Zincgref für die Dichtung (ä Ele-
der Form von Visionen und Träumen öffentlich von gantia), J. Masen und D. G. Morhof für die Rhet. Zur
Aretalogen vorgetragen. HFR/Red. wichtigsten Gattung der A.-Bewegung wird das ä Epi-
Argume·nt, n. [lat. argumentum = Veranschaulichung, gramm (F. v. Logau, Ch. Wernicke). Während die A. in
Beweis; von arguere = erhellen, beweisen], in der Logik der Aufklärung als ä Schwulst abgelehnt wird, führt
und Gesprächstheorie eine einzelne Aussage, die Teil die Theorie des ä Witzes im 18. Jh. das Konzept als
einer ä Argumentation ist. DB ›Kombinationskraft‹ weiter (Jean Paul).
Argumentatio, f. [lat. = Beweisführung, Begrün- Lit.: V. Kapp: A.-Bewegung. In: HWbRh. – R. Zymner:
dung], in der ä Rhet. 1. das Sammeln (ä Inventio) und A. In: RLW. JW
die sachgerechte Anordnung (ä Dispositio) der Ge- Arie, f. [it. aria; frz. air], mehrteiliges Sologesangsstück
danken (ä Argument [1]) zum Zweck der Beweisfüh- mit Instrumentalbegleitung in ä Oper, ä Oratorium
rung; 2. der aus diesen Tätigkeiten hervorgehende oder ä Kantate. In der ä Renaissance ist ›A.‹ noch ein
Hauptteil der Rede, der auf ä Exordium (Einleitung) vieldeutiger, unspezifischer Begriff, der Melodiemo-
und Narratio (Schilderung des Sachverhalts) folgt und delle (vokal, instrumental) oder auch den durch In-
die Peroratio (den auf eine Handlungsanweisung zie- strumente begleiteten Gesang von Versdichtungen be-
lenden Schluss) vorbereitet. zeichnet. In der Oper bildet sich die im 18. Jh. vorherr-
Lit.: F. Rädle: A. In: RLW. DB schende Form der dreiteiligen Da-capo-A. heraus, bei
Argumentation, f. [von lat. argumentatio = Beweis- der im Schlussteil der erste Teil in identischer oder va-
führung, Begründung], in der Logik und Gesprächs- riierter Form wiederholt wird. Die kunstvollen A.n
theorie die Folge von Sätzen, durch welche eine ä These dienen dem Affektausdruck und der Demonstration
bewiesen wird; Reformulierung der rhet. ä Argumen- der gesanglichen Virtuosität, während in den gespro-
tatio. Häufigste Form der A. ist der Syllogismus, der chenen ä Dialogen oder Rezitativen (Sprechgesang)
Schluss vom Allgemeinen (in der Regel in Form zweier die Handlung vorangetrieben wird. – Im 19. Jh. bre-
Prämissen) auf das Besondere, den zu klärenden Ein- chen die musikalisch geschlossene Form der A. sowie
zelfall. ihre Opposition zum Rezitativ auf. R. Wagner benutzt
Lit.: K. Bayer: Argument und A. [1999]. Gött. 22007. – die A. kaum noch; er favorisiert eine neue Art dekla-
J. Kopperschmidt: A.stheorie zur Einf. [2000]. Hbg. mierenden Gesangs. Die A. verliert ihre beherrschende
2
2005. DB Stellung in der Oper, zunehmend entstehen nun große
Argume·ntum, n. [lat. = Veranschaulichung, Beweis; durchkomponierte musikdramatische Szenen.
von arguere = erhellen, beweisen], 1. in der ä Rhet. ein Lit.: J. Liebscher: A. In: RLW. – W. Ruf u. a.: A. In:
einzelner Beweis als Teil einer ä Argumentatio. – MGG2, Sachteil. AHE
2. Einem lit. Werk (meist einem Epos, Roman oder Aristonym, n., ä Pseudonym.
Drama) oder einzelnen Büchern, Kapiteln, Akten Aristophaneus, m. [gr.-lat.], Bez. für zwei nach dem
dieses Werks vorangestellte Erläuterung oder kurze gr. Komödiendichter Aristophanes benannte Vers-
Zusammenfassung des Inhalts (im Ggs. zum ä Prolog, typen:
der auch weitere Themen anspricht). Das A. ist v. a. in 1. ein aus ä Choriambus + ä Bacchius bestehender,
Renaissance und Barock verbreitet (J. Milton: »Para- wahrscheinlich ä äolischer Vers, den auch Horaz ver-
dise Lost«; A. Gryphius: »Papinian«). – 3. In der wendet: – v v – v .
ä Commedia dell’ Arte die Vorlage, nach der aus dem 2. Ein Dialogvers; gr. ein anapästischer katalektischer
Stegreif gespielt wird, also im Ggs. zu (2) die ausführ- ä Tetrameter, lat. ein anapästischer ä Septenar: v v –
liche Inhaltsangabe des gesamten Stücks. v v – v v – v v – v v – v v – v v – v . Dt. Nachahmungen
Lit.: F. Rädle: A.1. In: RLW. – Ders.: A.2. In: RLW. GS/DB finden sich z. B. bei A. v. Platen (»Die verhängnisvolle
Argutia, f. [lat. = Scharfsinnigkeit, Spitzfindigkeit; it. Gabel«, »Der romantische Ödipus«). UM
argutezza; span. agudeza; frz. argutie; engl. wit], Kunst- Aristotelische Dramatik, Form dramatischer Texte,
ideal des Scharfsinnigen. Das Stilprinzip beruht auf die den in der »Poetik« des Aristoteles (um 335 v. Chr.)
semantischer oder formaler Artistik und zielt darauf, zusammengefassten Regeln folgt. Ggs.: ä episches The-
z. B. durch ä Alliterationen, gesuchte ä Metaphern, ater.
gehäufte ä Antithesen oder überraschende ä Pointen Aristotelisches Theater, Ggs. zum ä epischen Thea-
Bewunderung und Staunen zu erregen. Als rhet. Tech- ter.
nik der ›Zuspitzung‹ (oft synonym zu lat. acumen) legt Arkadische Poesie, Hirten- und ä Schäferdichtung,
A. verborgene Ähnlichkeiten im Disparaten offen zurückgehend auf Arcadia, eine Gebirgslandschaft auf
(ä Concetto). – Im 16. und 17. Jh. entsteht aus den an- dem Peloponnes, die als Land der Hirten und Jäger
tiken Ursprüngen (Martial) eine gesamteuropäische und als Heimat des Hirtengottes Pan gilt. – Seit Vergils
A.-Bewegung (G. Marino, Lope de Vega, J. Donne, P. »Bucolica« wird Arkadien meist als Schauplatz der
de Ronsard). Bes. B. Gracián (»Agudeza y Arte de In- Hirtenpoesie gewählt (bei dem Griechen Theokrit war
genio«, 1642) und E. Tesauro (»Il Cannocchiale Aris- es Sizilien) und dabei zum utopischen, Mythos und
totelico«, 1655) führen A. als Stilideal in die Poetik und Wirklichkeit verbindenden Wunschbild eines Landes
Arte mayor 45

der Liebe, der Freundschaft, des idyllischen Friedens weise mit Bildern kombinierten Texten, die der christ-
(ä Locus amoenus) und des goldenen Zeitalters. V. a. in lichen Vorbereitung auf den Tod und der rechten
den Schäferromanen der ä Renaissance findet sich der Lebensgestaltung dienten. Die in der asketisch-monas-
Name der Landschaft programmatisch bereits im Titel, tischen Tradition immer schon wichtige Beschäftigung
so bei J. Sannazaro (1504), Ph. Sidney (1590) und Lope mit Tod und Sterben intensivierte sich im späten MA.,
de Vega (1598). A. P. ist auch die Dichtung des ä Ro- in dem durch Seuchenkatastrophen das Phänomen des
koko (ä Anakreontik). Massensterbens neue Präsenz erhielt und durch Dra-
Lit.: P. Alpers: What is Pastoral? Chicago, Ldn. 1996. – matisierung der Heilsoptionen dem Übergang zwi-
R. Brandt: Arkadien in Kunst, Philosophie und Dich- schen Leben und Tod neue Bedeutung zuwuchs. Ge-
tung. Freiburg 2005. – B. Effe, G. Binder: Antike Hir- mäß der Vorstellung vom Partikulargericht, dogma-
tendichtung. Düsseldorf, Zürich 22001. – K. Garber tisch fixiert 1336, findet mit und nach dem Tod eine
(Hg.): Europäische Bukolik und Georgik. Darmstadt Entscheidung über das Heil der Einzelseele statt –
1976. – B. Loughrey (Hg.): The Pastoral Mode. Ldn. dementsprechend gilt das Augenmerk der Einstellung
1984. RBS auf die ›letzten Dinge‹. Einen Anfang macht Heinrich
Arlecchino, m. [arlε'ki:no; it. von frz. harlequin = Teu- Seuse in seinem »Büchlein der ewigen Weisheit«
fel, geht auf afrz. mesnie Hellequin = Hexenjagd, lustige (1328–30) mit einer viel rezipierten, als imaginativer
Teufelschar, zurück], eine der vier komischen Grund- Dialog gestalteten Sterbelehre. Zu den prägenden Tex-
typen der ä Commedia dell’ Arte, ursprünglich nur als ten gehören sodann die »A. m.« Johannes Gersons (um
zweiter Zane (ä Zani) bezeichnet; naiv-schelmischer, 1403) und das »Speculum artis bene moriendi« (um
gefräßiger, aber auch gerissener Diener, durch seine 1430), beide am Bedürfnis sowohl der Seelsorger wie
lazzi (Späße, Akrobatenstücke usw.) stets der Liebling der nach geistlichem Beistand Suchenden orientiert.
des Publikums. PHE/Red. Auf diesen Vorläufern basiert die »Bilder-Ars«, greif-
Armenbibel, dt. Bez. für ä Biblia pauperum. bar in den eindrucksvollen Kupferstichen des Meisters
A· rs Dicta·minis, f. [lat.], ä Ars Dictandi. E. S. und in den ä Blockbüchern, die in elf Gegenüber-
A· rs Dicta·ndi, f. [lat. = Kunst, in Prosa zu schreiben], stellungen von Text und Bild jeweils die Sorgen des
auch: Ars Dictaminis; Lehre von der sachgerechten Sterbenden ausmalen und die Mittel zu ihrer Über-
Abfassung von ä Briefen; als theoretisch fundierte rhet. windung darbieten. Einflussreich an der Schwelle zur
Disziplin seit etwa 1100 (Alberich von Montecassino) Neuzeit werden die predigthaften Texte Johannes Gei-
etabliert. – Die A.-D.-Lehren gehen von der Gültigkeit lers von Kaysersberg sowie der auch in altgläubigen
hierarchisch und sozialtypisch adäquater schriftlicher Kreisen rezipierte »Sermon von der Bereitung zum
Kommunikationsregeln aus, von denen die Wahl des Sterben« M. Luthers. Noch im 17. Jh. greift die protes-
rhet. Genus (hoher, mittlerer und niederer Stil) sowie tantische ä Erbauungslit. im Rahmen der Rechtferti-
der zugehörigen Grade des sprachlichen Ausdrucks gungslehre auf die A. m. zurück.
abhängig gemacht wird. Es wird ein fünfteiliger Lit.: A. v. Hülsen-Esch u. a. (Hg.): Zum Sterben schön!
Briefaufbau angeraten: 1. salutatio (Eingang, Gruß), 2. Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute. 2
captatio benevolentiae (Bitte um wohlwollende Lek- Bde. Stgt. 2006. – M. C. O’ Connor: The art of dying
türe), 3. narratio (Darlegung des Sachverhalts), 4. peti- well. NY 1942. – N. F. Palmer: A.m. und Totentanz. In:
tio (Vortrag und Begründung des Anliegens), 5. con- A. Borst u. a. (Hg.): Tod im MA. Konstanz 1993,
clusio (Schluss). Dieser Aufbau kann je nach Adressa- S. 313–334. – Ders.: A. m. In: RLW. – J. M. Plotzek u. a.
tenbezug und Typus der Redehandlung (Bitte, Befehl, (Hg.): ars vivendi a. m. Mchn. 2001, S. 546–571 – R.
Drohung, Tröstung) in Umfang und Inhalt variieren. Rudolf: A. m. Köln, Graz 1957. CKI
– Die A. D. fällt in den Bereich pragmatischer Schrift- Artefa·kt, n. [aus lat. ars = Kunst, facere = machen],
lichkeit. Sie fand Anwendung in Kanzleien (Unterrich- von Menschen hervorgebrachter Gegenstand. – In der
tung berufsmäßiger Notare und Sekretäre) und im allg. ä Ästhetik ist von A.en im Zusammenhang von
Rahmen der rhet. Ausbildung (ä Schultexte). Seit dem Definitionen des Kunstbegriffs die Rede: Jedes Kunst-
15. Jh. verschwindet die Bez. ›A. D.‹ im Zuge der hu- werk ist, im Unterschied zu Naturobjekten, von Men-
manistischen Reform der Briefkunst. – Verwandte schen produziert. Im ä Strukturalismus wird ›A.‹ als
Form in der Neuzeit: ä Briefsteller. Terminus verwendet und bezeichnet den lit. ä Text au-
Lit.: M. Camargo: Ars dictaminis – A. d. Turnhout ßerhalb eines Rezeptionsverhältnisses; auf diese Weise
1991. – F. J. Worstbrock: Die Anfänge der mal. A. d. In: wird der geschriebene Text, der allen individuellen Re-
Frühmal. Studien 23 (1989), S. 1–42. – Ders.: Reperto- zeptionserfahrungen und Bedeutungszuweisungen
rium der Artes dictandi des MA.s. Bd. 1. Mchn. 1992. vorgegeben ist, vom gelesenen Text, dem ݊sthetischen
– Ders.: Ars dictaminis, A. d. In: RLW. ID Objekt‹, unterschieden.
A· rsis, f. [gr. = Hebung], Begriff der Verslehre, ä He- Lit.: K. Chvatík: Tschechoslovakischer Strukturalis-
bung. mus. Mchn. 1981. – J.-U. Peters: A. In: RLW. TK
A· rs librorum ä Malerbuch. A·rte mayo·r, f. [span., eigentlich verso de a. m. = Vers
A· rs Morie·ndi, f. [lat. = Kunst des Sterbens, Sterbe- der höheren Kunst], vielgestaltiger, in seiner Deutung
lehre], ein im 14. bis 16. Jh. verbreiteter Typus von teil- umstrittener span. Vers, ursprünglich (im 14. Jh.) ein
46 Arte menor

nicht-silbenzählender Langvers (8–16 Silben), der rechnet, deren Vertreter sich jedoch in der ä Renais-
mehr und mehr zu einem regelmäßigen 12-Silbler mit sance von der Einordnung als inferiore Handwerks-
vier Akzenten entwickelt wurde. Mustergültig ver- kunst zu befreien versuchten. Die (nicht an Schulen
wirklicht in dem Epos »Laberinto« (1444) von Juan de gelehrten) A. magicae umfassten prognostische und
Mena, das aus 297 sog. Coplas de a. m., Strophen aus magische Praktiken, die zwar als dämonische Täu-
acht versos de a. m., meist mit dem Reimschema abba schungen verboten waren (daher auch die Bez. als A.
acca oder abab bccb, besteht. prohibitae), aber auch im Sinne einer sympathetische
Lit.: J. Saavedra Molina: El verso de a. m. Santiago de Wirkungen ausnutzenden scientia naturalis legitimiert
Chile 1946. DJ/Red. wurden. Zu den insbes. in den A. liberales kanoni-
A· rte meno·r, f. [span., eigentlich verso de a. m. = Vers sierten antiken Lehrbüchern traten im Spät-MA. wei-
der geringeren Kunst, auch: verso de arte real], seit dem tere lat. Schriften sowie zunehmend volkssprachige
11. Jh. belegter achtsilbiger, zäsurloser, meist volks- Übers.en und Kompilationen. Zur ›A.lit.‹ (auch
tümlich gebrauchter Vers der span. Dichtung; the- ›Fachlit.‹ oder ä ›Sachlit.‹ genannt) sind weiterhin die
matisch nicht gebunden, rhythmisch sehr variabel; ä ›Summen‹ zu rechnen, die mehrere Disziplinen en-
wird strophisch in der achtzeiligen Copla de a. m. ver- zyklopädisch zusammenfassten.
wendet, mit vielen Reimschemata, am häufigsten ab- Lit.: Ch. Baufeld: A.lit. In: RLW. – I. Craemer-Ruegen-
baacca, so v. a. in den ä Cancioneiros des 15. Jh.s. ä Arte berg, A. Speer (Hg): ›Scientia‹ und ›ars‹ im Hoch- und
mayor. DJ/Red. Spät-MA. Bln., NY 1994. – F. Fürbeth: A. magicae.
A· rtes, f. Pl. [lat. = Fähigkeiten, Kunstfertigkeiten], aus In: RLW. – J. Koch (Hg.): A. liberales. Leiden, Köln
der lat. Antike und dem MA. herrührende, lehrbare 1959. – U. Kühne: A. liberales. In: RLW. – U. Schaefer
und regelgeleitete Wissensgebiete und Fertigkeiten. (Hg.): A. im MA. Bln. 1999. – B. F. Scholz: A. mechani-
Von bes. Bedeutung war das auf dem gr. Bildungskon- cae. In: RLW. – N. R. Wolf. (Hg.): Wissensorganisie-
zept der enkýklios paideía (der kreisförmigen Wissens- rende und wissensvermittelnde Lit. im MA. Wiesba-
bildung; ä Enzyklopädie) basierende System der A. li- den 1987. UMI
berales. Die Beschäftigung mit den ›freien Künsten‹, A·rtesliteratur ä Sachlit.
für die allein ein ›freigeborener‹, nicht auf Broterwerb Arti·culus, m. [lat. = Glied], 1. lat. Bez. für gr. ä Komma;
angewiesener Mann als würdig angesehen wurde (vgl. 2. rhet. Figur, lat. Bez. für gr. ä Asyndeton.
Seneca: »Epistulae« 88, 2), bildete die Vorstufe der Phi- Artifizialismus ä Poetismus.
losophie. In der ä Spätantike wurde einerseits die Sie- Arti·kel, m. [lat. articulus = Gelenk, Glied], 1. thema-
benzahl (septem a. liberales) kanonisiert, wie sie im tisch und formal geschlossener Beitrag zu einer Zei-
ä Prosimetrum »De nuptiis Philologiae et Mercurii« tung, Zeitschrift, einem Lexikon oder sonstigen Sam-
des Martianus Capella und in zahlreichen Werken der melwerk. ä Aufsatz. – 2. Grammatische Bez. ursprüng-
bildenden Kunst allegorisch dargestellt ist, andererseits lich für Demonstrativpronomen, seit dem Ahd. für das
eine Gliederung in ein ›sprachliches‹ Trivium (›Drei- dem Substantiv beigefügte sog. Geschlechtswort, das
weg‹ mit den Disziplinen Grammatik, Rhet., Dialek- Genus, Numerus und Kasus anzeigt: bestimmter A.
tik), und ein ›rechnendes‹ Quadrivium (›Vierweg‹ mit der, die, das, unbestimmter A. ein, eine. GS/Red.
den Disziplinen Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Artikulation, f. [lat. articulare = deutlich ausspre-
Musiktheorie) fixiert; diese Aufteilung ist erstmals be- chen], in der Linguistik Bez. für die mit der Produk-
legt bei Boethius (um 500 n. Chr.). Trotz der prinzi- tion lautsprachlicher Äußerungen zusammenhän-
piellen Unterordnung unter die Theologie und der genden Bewegungsvorgänge der Sprechwerkzeuge.
Umformung der Lehrinhalte im Rahmen der durch Davon ausgehend Ende der 1950er Jahre u. a. von F.
arab. Übers.en vermittelten Aristotelesrezeption bil- Mon entwickelte, den lautlichen und artikulatorischen
deten die A. liberales das kontinuierliche Zentrum der Materialcharakter der Sprache in den Vordergrund rü-
mal. Ausbildung. Dies gilt v. a. für die im Ausgang des ckende Poesie, bei der das sinnliche Moment des Arti-
13. Jh.s entstehenden Universitäten, wo sie innerhalb kulationsvorgangs, »wahrnehmbar im genauen, kau-
der facultas artium als Propädeutik für die (nur weni- enden bewegen der sprechorgane«, die Schwelle zu
gen Studenten zugänglichen) höheren Fakultäten elementarer Begrifflichkeit, den »Kernworten« (Mon,
(Theologie, Medizin, röm. und kanonisches Recht) ge- S. 31), bildet, womit das Sprechen selbst zur Poesie sti-
lehrt wurden. Die Artistenfakultät wurde im ä Huma- lisiert wird. Vgl. auch ä akustische Dichtung, ä kon-
nismus durch die studia humaniora erweitert und auf- krete Poesie.
gewertet, verlor aber mit der Umwandlung zur ›philo- Lit.: F. Mon: artikulationen. Pfullingen 1959. RD/CK
sophischen Fakultät‹ schließlich ihre ursprüngliche Arti·stik, f., in der Lit.wissenschaft Ausdruck für die
Bedeutung. – Analog zu den A. liberales wurden im Betonung des Primats der ä Form vor dem Inhalt
MA. weitere ›A.-Reihen‹ systematisiert: Die A. mecha- durch den ä Autor, bes. in moderner ä Lyrik. – Wie
nicae, die zeitweilig ebenfalls auf die Siebenzahl festge- Tiedemann-Bartels im Anschluss an Adorno gezeigt
legt waren, lehrten handwerkliche oder technische hat, steht das Formbewusstsein der A. in der Nähe zu
Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Zu ä Symbolismus und ä l’ art pour l’ art. »Selbstreflexion
ihnen wurden im MA. auch die bildenden Künste ge- der Form, die zum Moment des Inhalts, Reflexion des
Artusdichtung 47

Inhalts, die zu einem Konstituens der Form wird, be- Erzählhelden ausgehen und zu dem sie zurückführen,
stimmen die artistische Dichtung.« (Tiedemann-Bar- obwohl sein König weitgehend in auffallender Passivi-
tels, S. 9) – Mit Blick auf Ch. Baudelaire erkennt F. tät verharrt. V. a. Hartmann von Aue und Wolfram von
Nietzsche (»Ecce Homo«, 1888) die geistige Heimat Eschenbach, deren Versromane den Vorlagen stofflich
der ›Artisten-Metaphysik‹ in Paris. St. Mallarmé be- verpflichtet sind und diese zugleich rhet. zu überbieten
stimmt Dichtung, ebenfalls im Anschluss an Baude- anstreben, bereiten mit ihrer A. einer Fülle von Artus-
laire, als eine Form des artistischen Würfelspiels (»Un romanen den Boden, deren ästhetischer Reiz u. a. im
coup de dés«, 1897). St. George zufolge ist das Ziel der artifiziellen Spiel mit den lit. Vorgängern liegt. Frz.
A. die Schaffung dauerhafter Kunstwerke durch Kon- Prosakompilationen der ersten Hälfte des 13. Jh.s ver-
zentration auf die Form. G. Benn bestimmt – alle diese binden den Artusstoff mit der Gralsthematik (»Lance-
Ansätze zusammenführend – A. als »Versuch der lot-Gral-Zyklus«, um 1225; »Roman du Graal«, um
Kunst, innerhalb des allg. Verfalls der Inhalte sich sel- 1240). – Artus büßt in der nachklassischen A. seine
ber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen vermeintliche Idealität endgültig ein, mit ihm geht
neuen Stil zu bilden«, als »Versuch gegen den allg. Ni- auch die Ritterwelt zugrunde (»Mort Artu«). Zyklische
hilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: Darstellungen, die sich in England und Italien einer
die Transzendenz der schöpferischen Lust« (»Pro- bes. Beliebtheit erfreuen, stehen in Deutschland eher
bleme der Lyrik«, 1951). vereinzelt (»Prosa-Lanzelot«, vor 1250) neben der Tra-
Lit.: Th. W. Adorno: Der Artist als Statthalter [1953]. dition des Versromans. Meisterlieder und ä Fastnacht-
In: ders.: Noten zur Lit. Ffm. 1981, S. 114–126. – H. spiele greifen auf die Artusfigur zurück, und noch der
Tiedemann-Bartels: Versuch über das artistische Ge- frühnhd. Prosaroman rekurriert auf Erzählschemata
dicht [1971]. Mchn. 21990. AG der klassischen wie nachklassischen A. oder bereitet
Art nouveau, m. oder n. [arnu 'vo; frz. = neue Kunst], die alten Stoffe neu auf (Ulrich Füetrer). – In der Neu-
internationale Bez. für ä Jugendstil, nach der 1895 in zeit hat es unterschiedlich motivierte Reaktivierungen
Paris von S. Bing eröffneten Galerie »Maison de l’ a. n.«, des Artusstoffs gegeben. Im 19. Jh. dominiert als Ge-
in der einer ihrer bedeutendsten Vertreter, der Maler genbewegung zur Technisierung der Gesellschaft eine
und Architekt H. van de Velde, ausstellte. PHE/Red. Idealisierung und Romantisierung von Vergangenheit
Artusdichtung, Erzähllit. des hohen und späten MA.s, (W. Scott, A. Tennyson, W. Morris, A. Ch. Swinburne;
deren Protagonisten dem Kreis um König Artus ange- F. de la Motte-Fouqué, R. Wagner, E. Stucken; E. A. Ro-
hören. Die mit mythischen Elementen keltischer Pro- binson, Mark Twain), während in der ersten Hälfte des
venienz und lit.-phantastischen Ausgestaltungen ange- 20. Jh.s neben einem eher antiquarischen Interesse (J.
reicherte A. stellt ein im Artushof idealisiertes Ritter- Steinbeck) v. a. in den 1930er Jahren der Artusstoff als
tum vor, dessen Bezüge zur zeitgenössischen mal. Folie für die Reflexion gesellschaftlicher Ideologien
Wirklichkeit umstritten sind. Die Herkunft der Einzel- dient (T. Hanbury White). Hollywood (R. Thorpe:
episoden (contes), die sich der Artusfigur und dem Ar- »Ivanhoe – Der schwarze Ritter«, 1952; T. Gilliam, T.
tushof anlagern, lässt sich nicht zureichend klären. Jones: »Die Ritter der Kokosnuß«, 1975; J. Boorman:
Auch die Frage nach der Geschichtlichkeit des Königs »Excalibur«, 1981; J. Zucker: »Der erste Ritter«, 1995;
Artus (engl. Arthur) muss unbeantwortet bleiben. Die A. Fuqua: »King Arthur«, 2004) und der frz. Film (E.
»Historia Bretonum« des Nennius (9. Jh.) bringt ihn Rohmer: »Perceval le Gallois«, 1978; R. Bresson:
als britannischen Heerführer im Sachsenkrieg (um »Lancelot du Lac«, 1974), aber auch die Opern-, Musi-
500) ins Spiel. Die »Historia regum Britanniae« cal- und Computerspielproduktion haben sich von der
(1130/35) des Geoffrey of Monmouth modelliert eine A. inspirieren lassen. In den letzten Jahrzehnten ist ne-
Artusvita, deren Eckdaten sich normativ auf die spä- ben einer populärmythisch aufgeladenen Rezeption
teren Texte auswirken. Die Tafelrunde auserwählter der A. (M. Zimmer Bradley: »Avalon«-Serie, 1979–97;
Ritter mit einem feudalhöfisch gezeichneten Artus als D. Brown: »Sakrileg«, 2004) ein neues lit. Interesse am
primus inter pares wird erstmals im frz. »Roman de Artus/Gral-Komplex (Ch. Hein: »Die Ritter der Tafel-
Brut« des Anglonormannen Wace erwähnt (um 1155). runde«, 1989; A. Muschg: »Der Rote Ritter«, 1993; T.
In die engl. Dichtung hält die A. Einzug mit der mit- Dorst: »Merlin«, 1981; »Parzival«, 1990; »Purcells
telengl. Stabreimdichtung »Historia Britonum (Brut)« Traum von König Artus«, 2004) zu beobachten.
des Lazamon (um 1200). Chrétien de Troyes (ca. Lit.: Arthuriana. 1994 ff. – R. Barber: King Arthur in
1140–90), der die Fiktionalisierung der A. in formaler music. Cambridge 2002. – Bulletin bibliographique de
wie inhaltlicher Hinsicht entscheidend vorantreibt, hat la Société Internationale Arthurienne. Paris 1949 ff., ab
mit seinen u. a. am Hof der Marie de Champagne ver- 1969 Ldn. – J. Bumke: Wolfram von Eschenbach. Stgt.
fassten Artusromanen »Erec«, »Cligès«, »Yvain«, 2004. – C. L. Gottzmann: A. Stgt. 1989. – K. J. Harty:
»Lancelot« und »Perceval« unter schriftlit. Produk- King Arthur on film. Ldn. 1999. – J. Kühnel (Hg.):
tionsbedingungen die Vorlagen für volkssprachige Ad- MA., Massenmedien, Neue Mythen. Göppingen 1988.
aptationen im dt.sprachigen Raum geschaffen. Der – N. J. Lacy (Hg.): The New Arthurian encyclopedia.
Artushof ist hier das Wert setzende Zentrum, von dem NY, Ldn. 1991. – N. J. Lacy, G. Ashe (Hg.): The Arthu-
die ä Aventiuren der seine Normen repräsentierenden rian handbook. NY, Ldn. 1988. – R. Sh. Loomis: Ar-
48 Arzamás

thurian tradition and Chrétien de Troyes, NY 1949. – nysios von Halikarnassos (1. Jh. n. Chr.) erweitert den
V. Mertens: Artusepik. In: RLW. – Ders.: Der dt. Artus- A. zum polemischen Schlagwort gegen jeden nicht-
roman. Stgt. 1998. – Ders.: Der Gral. Stgt. 2003. – schlichten Redestil, insbes. gegen die hellenistische
D. A. Pearsall: Arthurian romance. Malden/Mass. Prosa. Darüber hinaus bezeichnet der Ggs. A./Attizis-
2003. BQ mus die Opposition konkurrierender Bildungskon-
Arzamás, m., Vereinigung russ. Frühromantiker zepte: Der Attizismus vertritt eine am Vorbild der alten
(1815–18). Der Name ›A.‹ bezeichnet einen Ort in der attischen Rhet. ausgerichtete ›philosophische‹ Kon-
Nähe von Nížnij Nóvgorod und wurde in Anlehnung zeption von paideía (Isokrates), die asianische Bered-
an ein satirisches Gedicht D. Blúdovs gewählt. Die samkeit wird hingegen als psychagogische Rhet. dis-
Mitglieder des A. waren vornehmlich Lyriker, u. a. N. kreditiert, die nicht an der Bildung des Menschen in-
Karamzín, V. Žukóvskij, K. Bátjuškov, P. Vjázemskij, teressiert sei. Mit der sog. Zweiten Sophistik setzt sich
V. und A. Púškin; sie richteten sich gegen die klassizis- der Attizismus durch. In der lit.historischen Forschung
tische »Gesellschaft der Liebhaber des russ. Wortes« wird der A. als Vorläufer des ä Manierismus angesehen
(»Beséda ljubítelej rússkogo slóva«, 1811–16), mit der (E. R. Curtius und sein Schüler G. R. Hocke gegen A.
sie sich auf eher parodistische Weise auseinander- Hauser).
setzten, und forderten die Orientierung der russ. Lit. Lit.: Th. Gelzer: Klassizismus, Attizismus und A. In:
an Westeuropa sowie die Schaffung einer modernen Entretiens sur l’ Antiquité classique. Bd. 25. Genf 1979,
Lit.sprache. Insbes. Žukóvskij etablierte durch seine S. 1–41. – Th. Hidber: Das klassizistische Manifest des
Übers.en (u. a. von Werken Th. Grays, G. A. Bürgers Dionys von Halikarnass. Stgt., Lpz. 1996. SF
und J. W. Goethes) Gattungen wie ä Ballade und ä Ele- Asklepiadeische Strophen ä Odenmaße.
gie in Russland. Asklepiadeus, m. [gr.-lat.], Bez. für zwei nach dem gr.
Lit.: R. Neuhäuser: Towards the Romantic Age. Den Dichter Asklepiades (3. Jh. v. Chr.) benannte ä äolische
Haag 1974. – B. Zelinsky: Russ. Romantik. Köln, Wien Versmaße, die durch einfache bzw. doppelte Wie-
1975. CFI derholung des ä Choriambus in der Versmitte des
Arzneibuch ä Medizinlit. ä Glykoneus entstehen; seit Horaz haben sie geregelte
Asce·nsus, m. [lat. = Aufstieg], lat. Bez. für gr. ä Kli- ä Zäsuren und eine geregelte Basis (Verseingang):
max. v – | – v v – | – v v – | v x = A. minor; v – | – v v – | – v v – |
Ascetonym, n., ä Pseudonym. – v v – | v x = A. maior. Asklepiadeen erscheinen ä sti-
Aschug, m. [tatarisch = Liebhaber, Verliebter], Pl. chisch (Catull, Horaz, Seneca), meist aber in Strophen
Aschughen; kaukasischer wandernder Volkssänger, der (vgl. asklepiadeische Strophe, ä Odenmaße). UM
epische Texte (Heldenlieder) und Gedichte zu Instru- Assona·nz, f. [lat. assonare = tönend beistimmen, ertö-
mentalbegleitung vortrug, z. T. selbst verfasste. Blüte nen lassen], Form des Gleichklangs, bei der die Vokale
im 17. und 18. Jh., weite Verbreitung bis Armenien, im Inneren mehrerer Wörter übereinstimmen (›Wort
Persien usw. Berühmt waren der Georgier Sajath Nova – Morgen‹). Je nach Perspektive kann die A. als defizi-
(1717–95) und seine Schule in Tiflis. GS/Red. tärer Reim oder als eigenständige Klangform gelten.
Asiani·smus, m. [lat.], prunkvoller, stark verzierter, an Insbes. in der span. Lit. hat die A. Verwendung gefun-
rhet. Figuren reicher Redestil, der von kleinasiatischen den. In Deutschland ist sie nach dem Vorbild span. Ro-
Autoren bevorzugt wurde. Als Urheber gilt Hegesias manzendichtung v. a. in der ä Romantik gebraucht
von Magnesia (3. Jh. v. Chr.). Auch die hellenistische worden (C. Brentano: »Romanzen vom Rosenkranz«;
Historiographie ist teilweise vom A. geprägt. Während H. Heine: »Donna Clara«). Nach der romantischen Pe-
Cicero die Bez. asiaticus in der Schrift »De oratore« riode verliert die A. an Bedeutung, ohne freilich aus
(55 v. Chr.) noch wertfrei im geographischen Sinne be- dem Formenschatz der dt. Dichtung zu verschwinden
nutzt, wird in seinen Dialogen »Brutus« und »Orator« (St. George: »Das Jahr der Seele«).
(46 v. Chr.) der stilistische Ggs. attisch/asianisch erst- Lit.: R. Zymner: A. In: RLW. BM
mals fassbar: Cicero verteidigt sich gegen den Vorwurf, Assoziation, f. [lat. associare = sich verbinden], Ver-
ein Asianus zu sein, d. h. jemand, der eine nicht- bindung mentaler Inhalte (Ideen, Emotionen) mitein-
schlichte Redeweise verwendet. Seine Ankläger C. Li- ander. Eine A. kann entstehen durch zufälliges Zusam-
cinius Macer und M. Iunius Brutus propagieren als mentreffen und durch Gewöhnung (Konditionierung)
Attici einen einfachen Redestil mit möglichst wenig oder durch systematische Verbindung z. B. aufgrund
rhet. Schmuck (Vorbilder: Lysias, Hypereides). Asiati- von Ähnlichkeiten. Der von D. Hume (»A Treatise of
cus wird zum polemischen Begriff, mit dem die Attici Human Nature«, 1739 f.) entwickelte associationism
ihre Gegner zu diskreditieren versuchen, indem sie de- übt eine scharfe Erkenntniskritik, indem er die A. zur
ren Stil mit negativen Eigenschaften wie Maßlosigkeit Grundlage menschlichen Denkens macht und die
und Luxus verbinden, die der Provinz Asia zugeschrie- Konventionalität vermeintlich rationaler Denkmuster
ben werden. Der Attizismus orientiert sich an den gr. (wie ›Ursache und Wirkung‹) hervorhebt. – Sprach-
Autoren des 5. Jh.s. Diese erhalten den Rang von philosophisch wird die A. (auch: ä ›Konnotation‹) als
ä Klassikern, während die nachfolgenden Autoren bis wandelbare subjektive Ideenanbindung an ein ä Zei-
zur Gegenwart als ›asianisch‹ diffamiert werden. Dio- chen von dessen objektiv unwandelbarem begriff-
Ästhetik 49

lichen Kern (ä ›Denotation‹) getrennt. Sprachphilo- gartens Verständnis von Ä. konnte sich historisch
sophen verstehen die A. oft als grundlegenden Mecha- allerdings nicht durchsetzen, weil die Einsicht in die
nismus poetischer Rede. – Bes. im 18. und 19. Jh. wird Bedeutung der Sinneserfahrung für Erkenntnis über-
die Fähigkeit zur A. (der ä ›Witz‹, die ›subjective Ide- haupt die Annahme einer bes. »sinnlichen Erkenntnis«
enverbindung‹, der ›sinnliche Scharfsinn‹) als Grund- schon bald obsolet erscheinen ließ. Die ›Geburt‹ der Ä.
lage schöpferischer Tätigkeit wahrgenommen. Sie un- auf die Mitte des 18. Jh.s zu datieren ist aber insofern
terscheidet sich – in positiver Beurteilung als kreatives berechtigt, als eine nicht primär ontologische, sondern
Vermögen, in negativer als willkürliche ›Ideenflucht‹ – die künstlerisch-schöpferische (ä Genie) oder die
vom systematischen Vorgehen in Philosophie und wahrnehmend-urteilende (ä Geschmack) Subjektivität
Wissenschaft. in den Vordergrund stellende Perspektive auf das
Lit.: G. Neumann: Ideenparadiese. Untersuchungen Schöne und die Kunst erst zu diesem Zeitpunkt breite
zur Aphoristik von Lichtenberg, Novalis, Friedrich Anerkennung zu finden begann. – Die geläufige Ein-
Schlegel und Goethe. Mchn. 1976. JG teilung der Ä. in wahrnehmungszentrierte Theorien des
Asteri·sk, m. [gr. = Sternchen], auch: Asterịskus; stern- Schönen und der ästhetischen Erfahrung und objekt-
chenförmiges Zeichen in einem Text, 1. als Verweis auf zentrierte Theorien der Kunst unterschlägt die Bedeu-
eine ä Fußnote (sofern diese nicht nummeriert sind); tung der Natur für die ästhetische Theoriebildung
2. zur Kennzeichnung textkritischer Besonderheiten; (z. B. bei I. Kant, Th. W. Adorno), die Ä. des ä Erha-
3. als Verweiszeichen bei Vertauschungen, Wiederho- benen (E. Burke, Kant, F. Schiller, J.-F. Lyotard) und
lungen, Einschüben; 4. in der Sprachwissenschaft zur den Stellenwert, den Künstlerästhetiken und ä Autor-
Kennzeichnung erschlossener Wortformen (z. B. nhd. poetiken für die durch den zunehmenden Geltungs-
fahl, ahd. falo aus germ. *falwo-); 5. anstelle eines Ver- verlust traditioneller Regelpoetiken und ästhetischer
fassernamens (Asteronym), Personennamens (z. B. F. ä Kanones geprägte Kunst und Lit. der ä Moderne er-
Schiller: »Der Geisterseher. Aus den Memoiren des langt haben. Am Leitfaden dieser Einteilung wird je-
Grafen von O**«) oder eines Tabuwortes (des Teufels doch begreiflich, warum die Ä. seit dem 18. Jh. bes. im
usw.); 6. statt nicht ›lit.fähiger‹, ›unaussprechlicher‹ dt. Sprachraum sehr heterogene Theorieentwürfe her-
Wörter (J. W. Goethe: »Götz von Berlichingen« III, 17, vorgebracht hat, die sich in ihren Intentionen oft nur
hier häufig auch andere Zeichen, z. B. Punkte); als Ent- schwer aufeinander beziehen lassen. So weckte die von
schlüsselungshilfe wird bisweilen für jeden unter- Kant aufgeworfene Frage nach den Konstitutionsbe-
drückten Buchstaben ein A. gesetzt (vgl. Ch. M. Wie- dingungen des ästhetischen Urteils im späten 19. Jh.
land: »Geschichte der Abderiten« I, 5: »[…] in einem u. a. die Hoffnung auf eine empirisch-›experimentale‹
Augenblick sah man den Saal, wo sich die Gesellschaft Ä. (G. Th. Fechner), deren Enttäuschung eine Reihe
befand, u**** W*****/ g******« (= unter Wasser gesetzt phänomenologischer Analysen des Genusses, des Ge-
[durch unmäßiges Lachen]). HFR/Red. fühls des Schönen usw. hervorrief (z. B. Groos, Cohen,
Asteronym, n., ä Pseudonym. M. Geiger), bevor die hermeneutische Wende der Phä-
Ästhetik, f. [gr. aisthētikē´ = Lehre von der Wahrneh- nomenologie den Akzent auf die Frage nach der Mög-
mung], 1. philosophische Disziplin, die nach Eigenart lichkeit des ä Verstehens insbes. lit. Kunstwerke ver-
und Bedeutung einer früher v. a. als Erfahrung des schob (Ingarden, Gadamer), die zur Entstehung der
ä Schönen, heute meist als ä ästhetische Erfahrung be- bis heute v. a. in der Lit.wissenschaft einflussreichen
zeichneten Form wahrnehmenden Erlebens und/oder ä Rezeptionsästhetik (H. R. Jauß, W. Iser), einer Im-
nach Eigenart, Zweck und Wert der Gegenstände die- pulse der Lit.theorie J.-P. Sartres und des am. Prag-
ser Erfahrung, bes. der ä Kunst, fragt. – 2. Gesamtheit matismus (G. H. Mead, J. Dewey) aufnehmenden Er-
der Gestaltungsprinzipien, die insbes. künstlerischen fahrungsästhetik (R. Bubner, M. Seel) und einer die
Artefakten und deren Urhebern, aber auch Kulturen hermeneutische Ä. radikalisierenden Ä. der ä Dekon-
oder historischen ä Epochen zugeordnet und aus struktion (J. Derrida) führte. Demgegenüber lassen
Selbstzeugnissen und sonstigen Quellen, v. a. aber sich in der Ä. der Kunst seit dem späten 18. Jh. zwei
durch ä Interpretation der Artefakte rekonstruiert Hauptlinien unterscheiden: Unterschiedliche Spiel-
werden (z. B. ›die Ä. Brechts‹). – Schon von Platon und arten einer Wahrheitsästhetik bleiben – von F. W. J.
Aristoteles, im Neuplatonismus (Plotin), in Spätantike Schelling und G. W. F. Hegel bis zu M. Heidegger und
(Boethius), MA. (z. B. Augustinus, Nikolaus Cusanus) Adorno – der Vorstellung eines in ihren Werken sich
und ä Renaissance (z. B. M. Ficino, Pico della Miran- offenbarenden Wahrheitsgehalts der Kunst verpflich-
dola) wurde nach dem Schönen und nach Wesen, Wert tet, der weder vom Produzenten noch vom Rezipienten
und Gestaltungsnormen von Kunst, Lit. und Musik ge- in ein einzelnes Werk hineingelegt wird, sondern allein
fragt. Als Name einer eigenen Disziplin wurde der vom philosophischen Kunsttheoretiker vor dem Hin-
Ausdruck ›Ä.‹ aber zum ersten Mal 1735 von A. G. tergrund metaphysischer Annahmen über den Zweck
Baumgarten benutzt, dessen »Aesthetica« (1750) dar- der Kunst an deren Werken sichtbar gemacht werden
unter die als Theorie der nicht »begrifflichen«, son- kann. Dagegen sind an die Stelle des auch für viele
dern »sinnlichen Erkenntnis« des Vollkommenen ver- nachidealistische Autoren des 19. Jh.s (z. B. K. Rosen-
standene Theorie der schönen Künste fasst. Baum- kranz, F. Th. Vischer, E. v. Hartmann, K. Köstlin) cha-
50 Ästhetik

rakteristischen Versuchs einer Systematisierung aller Ästhetische Autonomie ä Autonomieästhetik, ästhe-


Kunstphänomene im 20. Jh. Ansätze getreten, die tische Autonomie.
durch abstrahierende Betrachtung der zur Kunst ge- Ästhetische Erfahrung, eine bes. Form wahrneh-
rechneten Phänomene und des Umgangs mit ihnen menden Erlebens, in der Gegenwartsästhetik häufig
(z. B. E. Utitz, M. C. Beardsley, H. Osborne, A. C. Inbegriff der gelingenden Rezeption v. a. von Kunst
Danto, G. Dickie) oder durch die Analyse des spezi- und Lit. – Der im 19. Jh. z. B. von S. Kierkegaard un-
fischen Zeichencharakters von Kunstwerken (z. B. terminologisch verwendete Begriff der ä.n E., der im
Ch. W. Morris, R. Jakobson, J. Mukařovský, N. Good- 20. Jh. zunächst vom am. Pragmatismus und in der
man, U. Eco) möglichst unabhängig von speziellen, an phänomenologischen Ästhetik aufgegriffen wurde, ist
die Kunst nur herangetragenen metaphysischen Vor- seit den 1970er Jahren v. a. im dt. Sprachraum zu einer
aussetzungen Einsichten in die Natur der (oder einer zentralen Kategorie der ä Ästhetik avanciert. Diese
bestimmten) Kunst zu gewinnen suchen. – In jüngster Entwicklung ist Ausdruck einer ›erfahrungsästhe-
Zeit wächst die Einsicht, dass die Ä. einer Verbindung tischen Wende‹ in der Kunst- und ä Lit.theorie, die
von wahrnehmungs- und objektzentrierter Perspek- sich seither immer stärker vom künstlerischen oder lit.
tive bedarf, weil sich die Wahrnehmung unterschied- Werk abwendet und – wie z. B. die ä Rezeptionsästhe-
licher Arten von Gegenständen ebenso signifikant un- tik der Konstanzer Schule und die zahlreichen Ver-
terscheidet, wie sich umgekehrt Kunstwerke von ande- suche, I. Kants »Kritik der Urteilskraft« als eine Proto-
ren Artefakten nur unter Bezugnahme auf distinkte theorie der ä.n E. zu rekonstruieren – auf die Wahr-
Wahrnehmungsmodi abgrenzen lassen. Insofern er- nehmungstätigkeit der Rezipienten konzentriert. Weil
scheint es plausibel, die Ä. von einer allgemeiner an- die Kunst aus dieser Perspektive nur noch als einer von
setzenden philosophischen Wahrnehmungstheorie, mehreren Gegenständen erscheint, denen ein bes.
für die man den Namen ›Aisthetik‹ vorgeschlagen hat Wahrnehmungsverhalten gilt, rücken zusehends v. a.
(W. Welsch, M. Seel), durch die Beschränkung auf die die Natur, aber auch Alltagsphänomene als Gegen-
Analyse der ästhetischen Erfahrung zu unterscheiden stände ä.r E. in den Blick. Von einer allg. anerkannten
und sie entsprechend den möglichen Gegenständen Definition ist die Theorie der ä.n E. zwar noch weit
dieser Erfahrung in eine Ä. der Kunst (oder in Ä.en entfernt. Es zeichnet sich aber ab, dass die ä. E. von an-
der einzelnen Künste), eine Ä. der Natur, eine Ä. des deren Formen menschlicher Wahrnehmung u. a. durch
Designs und eine Theorie der ästhetischen Alltags- ein Moment der Kontemplation, durch die Aufmerk-
wahrnehmung auszudifferenzieren. Unter dem Ein- samkeitskonzentration des Rezipienten auf die Eigen-
fluss der sprachanalytischen Ä. in der Nachfolge Witt- art des Objekts seiner Wahrnehmung sowie im Fall
gensteins ist der Ä. allerdings zu Bewusstsein gekom- von Kunst und Lit. durch ein nie endgültig an sein Ziel
men, dass eine jede solche Gebietsästhetik sich zuerst gelangendes Verstehensbemühen abgegrenzt werden
des genauen Umfangs ihres Gegenstandsbereichs, die kann. Inwieweit der ä.n E. auch ein ethisch-praktisches
Lit.ästhetik also z. B. der Bedeutung und Reichweite Moment innewohnt, ist dagegen umstritten.
des Begriffs ä ›Lit.‹, vergewissern muss. Lit.: R. Bubner: Ä. E. Ffm. 1989. – J. Dewey: Kunst als
Lit.: Ch. Allesch: Geschichte der psychologischen Ä. Erfahrung [engl. 1934]. Ffm. 1980. – H. R. Jauß: Ä. E.
Gött. 1987. – R. Bluhm, R. Schmücker (Hg.): Kunst und lit. Hermeneutik. Ffm. 1982. – J. Kulenkampff:
und Kunstbegriff. Der Streit um die Grundlagen der Ä. Ä. E. – oder was von ihr zu halten ist. In: J. Freudiger
[2002]. Paderborn 22005. – B. Gaut, D. McIver Lopes u. a. (Hg.): Der Begriff der Erfahrung in der Philoso-
(Hg.): The Routledge Companion to Aesthetics. Ldn., phie des 20. Jh.s. Mchn. 1996, S. 178–198. – Ch. Menke:
NY 2001. – Ch. Harrison, P. Wood (Hg.), Kunsttheorie Die Souveränität der Kunst [1988]. Ffm. 21991. – R.
im 20. Jh. [engl. 1992]. 2 Bde. Stgt. 1998. – M. Hauskel- Schmücker: Was ist Kunst? Mchn. 1998, S. 49–61. – M.
ler (Hg.): Was das Schöne sei. Mchn. 1994. – Th. He- Seel: Eine Ästhetik der Natur. Ffm. 1991. – W. Ullrich:
cken, A. Spree (Hg.): Nutzen und Klarheit. Anglo-am. Tiefer hängen. Bln. 2003, S. 13–32. RSR
Ä. im 20. Jh. Paderborn 2002. – D. Henrich, W. Iser Ästhetizi·smus, europäische kulturelle Strömung im
(Hg.): Theorien der Kunst. Ffm. 1982. – B. Kleimann: späten 19. Jh., die eine Verabsolutierung des Ästhe-
Das ästhetische Weltverhältnis. Mchn. 2002. – F. tischen verfolgte. – ›Ä.‹ bezeichnet eine kunstprogram-
Koppe: Grundbegriffe der Ä. [1983]. Paderborn 22004. matische Tendenz, die v. a. im Zusammenhang der
– P. O. Kristeller: Das moderne System der Künste symbolistischen Bewegung in Frankreich (Ch. Baude-
[engl. 1951/52]. In: ders.: Humanismus und Renais- laire, St. Mallarmé) und England (W. Pater, O. Wilde,
sance. Bd. 2. Mchn. 1976, S. 164–206 und 287–312. – A. Symons, M. Beerbohm) hervortrat. In kunstphilo-
O. Neumaier: Ästhetische Gegenstände. St. Augustin sophischen Reflexionen bei Th. Gautier (Vorrede zu
1999. – J. Nida-Rümelin, M. Betzler (Hg.): Ä. und »Mademoiselle de Maupin«, 1835) und den engl. Prä-
Kunstphilosophie. Stgt. 1998. – M. Reicher: Einf. in die raffaeliten gründend, richtete sich der Ä. mit oft pro-
philosophische Ä. Darmstadt 2005. – R. Schmücker: vokativer und dandyhafter Attitüde gegen ein utilita-
Was ist Kunst? Mchn. 1998. – W. Strube: Ä. In: RLW. – ristisches Verwertungsdenken, das die Kunst didak-
M. Titzmann: Strukturwandel der philosophischen Ä. tischen oder sozialen Zwecken unterordnete. Es wurde
1800–80. Mchn. 1978. RSR einerseits die Nutzlosigkeit, Naturferne und Künstlich-
Ätiologie 51

keit der Kunst propagiert (ä l’ art pour l’ art, ›art for art’ s gen; ä offene Form. Ggs.: tektonische, ä geschlossene
sake‹), andererseits wurden auch Gegenstände der mo- Form. GS/Red.
ralischen und natürlichen Welt einer Ästhetisierung Ateliertheater ä Zimmertheater.
unterworfen. Im dt.sprachigen Raum gewann diese Atellane, f., röm., aus Atella, einer oskischen Stadt in
Tendenz um 1890 im Zusammenhang mit der Rezep- Kampanien, stammende volkstümliche ä Posse von
tion der Kunstphilosophie F. Nietzsches (bes. »Die Ge- ursprünglich wohl kultischer Bedeutung. Sie wurde
burt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«, 1872) an von Laiendarstellern als ä Stegreifspiel aufgeführt und
Einfluss. V. a. H. v. Hofmannsthal und St. George hatte ihren Platz, ähnlich dem gr. ä Satyrspiel, als
setzten sich mit dem Ä. auseinander, wobei das Wort ä Nachspiel (exodium) zu den ä Tragödien bei den Ludi
›Ä.‹ allerdings nur selten verwendet wurde. – Der Be- scaenici (ä Ludi). Ihr Personal bestand aus stereotypen
griff ›Ä.‹ ist nicht klar konturiert und wird häufig syn- Figuren der Unterschicht, den Oscae personae: dem
onym mit ä ›Décadence‹ und ä ›Symbolismus‹ ge- Dummkopf Maccus, dem Maulhelden Bucco, dem lüs-
braucht. In der Alltagssprache und der älteren For- ternen Alten Pappus und dem schlauen Vielfraß Dos-
schung oft pejorativ im Sinne von ›ästhetischer sennus; dabei wurden v. a. Obszönität und Gefräßig-
Weltanschauung‹ verwendet, bezeichnet ›Ä.‹ in der Lit. keit thematisiert. – Die A. wurde Anfang des 3. Jh.s
wissenschaft heute entweder 1. eine Theorie radikaler v. Chr. in Rom eingeführt; von der gr. Phlyakenposse
Kunstautonomie, 2. den in der Lit. der Jh.wende wich- (ä Phlyaken) beeinflusst, wirkte sie ihrerseits auf die
tigen Themen- und Motivkomplex von Künstlichkeit, ä Komödie, bes. auf die eher derbe Komik des Plautus.
Schönheitskult und Ästhetentum, u. a. bei George Auch die Komödie wirkte umgekehrt auf die A., als
(»Algabal«, 1892), Hofmannsthal (»Der Tor und der diese um 100 v. Chr. zur lit. Gattung aufstieg. Schon in
Tod«, 1893), R. Beer-Hofmann (»Der Tod Georgs«, nachsullanischer Zeit wurde sie durch den ä Mimus
1899) und H. Mann (»Die Göttinnen«, 1902), oder 3. verdrängt, aber in der frühen Kaiserzeit kurzfristig neu
eine artistisch-hermetische (symbolistische) ä Poetik. belebt.
Lit.: E. Heftrich: Was heißt l’ art pour l’ art? In: R. Bauer Lit.: E. Stärk: A. In: W. Suerbaum (Hg.): Hb. der lat. Lit.
(Hg.): Fin de siècle. Ffm. 1977, S. 16–29. – U. Horst- der Antike. Bd. 1. Mchn. 2002, S. 264–273. SAR
mann: Ä. und Dekadenz. Mchn. 1983. – M. Lindner: Athetese, f. [gr. athétesis = Tilgung], textkritische Til-
Ä., Dekadenz, Symbolismus. In: M. Pfister, B. Schulte- gung einzelner Wörter, Sätze, Abschnitte aus einem
Middelich (Hg.): Die ’ Nineties. Mchn. 1983, S. 53–81. nicht vom Verfasser beglaubigten (meist nur hsl. über-
– A. Simonis: Lit. Ä. Tüb. 2000. – G. Streim: Das ›Le- lieferten) Text als spätere Zusätze (ä Interpolationen);
ben‹ in der Kunst. Würzburg 1996. – R. Werner: Ä. In: auch ganze Gedichte oder epische Werke können
RLW. – R.-R. Wuthenow: Muse, Maske, Meduse. Euro- einem Autor abgesprochen, athetiert (für unecht er-
päischer Ä. Ffm. 1978. – V. Žmegač: Ä. In: Borch- klärt) werden. GS/Red.
meyer/Žmegač. GST Ätiologie, f. [aus gr. aítion = Ursache, Grund; lógos =
Asynaphie, f. [gr. = Unverbundenheit], ungefugter Lehre], universelles kulturelles Verfahren zur Erklä-
Versübergang. Eine A. liegt vor, wenn der Übergang rung der Herkunft, Ursache und Eigenart verschie-
zwischen zwei Versen metrische Unregelmäßigkeiten denster lebensweltlicher Phänomene auf der Ebene
aufweist. In alternierend gebauten Versen beispiels- eines vorwissenschaftlichen kausalen Denkens (auch:
weise bedeutet das, dass am Versübergang zwei me- ä aitiologisch). Ä.n erklären Naturphänomene, die
trische Senkungen oder zwei metrische Hebungen auf- Herkunft von Kulturgütern, Praktiken des religiösen
einander folgen. Ggs.: ä Synaphie. BM Ritus und Kultus, Orts- und Personennamen (ä Etymo-
Asynarteten, n. Pl., [gr. = nicht zusammenhängend], logie). – V. a. in der gr. Philosophie beliebt (Kallima-
auch: Asynạrteta, Sg. Asynạrteton; ä archilochische chos: »Aitia«), finden sich Ä.n häufig in der antiken Lit.
Verse. (Dramen des Euripides, Ovid: »Metamorphosen«).
Asy·ndeton, n. [gr. = Unverbundenheit; lat. articulus = ä Sagen, ä Legenden und ä Märchen können ätiologisch
Glied, Abschnitt], ä rhet. Figur: Reihung gleichgeord- sein. Die mythische Überlieferung (ä Mythos, ä Mytho-
neter Wörter, Wortgruppen oder Sätze ohne verbin- logie) ist reich an Ä.n, weil im Bereich des Religiösen
dende Konjunktionen (asyndetisch). Dient, wo es nicht das Bedürfnis nach Erklärungen eine große Rolle spielt.
einfach Ausdruck einer unkomplizierten Sprechweise So wird der mal. skandinavische Brauch, den Toten die
ist, pathetischer Stilerhöhung, z. B. als ä Klimax: »es Nägel zu schneiden, von Snorri Sturluson (1178–1241)
muß auf unser Fragen / ein Vieh, ein Baum, ein Bild, damit begründet, dass dem Totenschiff Naglfar, das
ein Marmor Antwort sagen« (A. Gryphius: »Cardenio zum Ragnarök loskommen soll, kein weiteres Bauma-
und Celinde« II, V. 217 f.) oder als ä Antithese: »der terial geliefert werden solle. Die von C. Brentano erfun-
Wahn ist kurz, die Reu ist lang« (F. Schiller: »Das Lied dene und von H. Heine bedichtete Figur der Hexe oder
von der Glocke«); häufig sind asyndetisch-syndetisch Fee Loreley –einer der wirkungsmächtigsten Mythen-
gemischte Fügungen: » … Vieh, Menschen, Städt und stoffe der Romantik – kann als Ä. der Gefährlichkeit
Felder« (P. Gerhardt). Ggs.: ä Polysyndeton. HHS/Red. der Stromschnellen an diesem Rheinabschnitt verstan-
Atektonisch, Bez. für Kunstwerke, die keinen stren- den werden. Auch in vielen heutigen urban legends
gen Aufbau (Akte im Drama, Strophenformen) zei- (ä Sage) spielen Ä.n eine zentrale Rolle.
52 Attische Klassik

Lit.: P. J. van Dijk: The Function of So-Called Etiologi- im Text. Mchn. 1990. – P. Wanner-Meyer: Quintett der
cal Elements in Narratives. In: Zs. für die Alttestament- Sinne. Synästhesie in der Lyrik des 19. Jh.s. Bielefeld
liche Wissenschaft 102 (1990), S. 19–33. WB 1998. KB
A· ttische Klassik ä Klassik. Auditorium, n. [lat.], 1. a) Hörsaal; als A. maximum
Attitüde, f., ä Lebende Bilder. (Abk.: Audimax) wird der größte Hörsaal einer Uni-
Attizi·smus, m. [von gr. Attikós zē´los, lat. stilus Atticus versität bezeichnet; b) im antiken Rom auch Verhör-
= attischer Stil], 1. der sich am Dialekt Athens und At- saal, in dem der Kaiser mit seinem consilium der Juris-
tikas als Hochsprache orientierende Gebrauch der gr. diktion nachkommt; c) diese kaiserliche Rechtsfin-
Sprache. – 2. Ein im 1. Jh. v. Chr. im gr. und lat. Sprach- dung selbst (Synonym: iudicium). – 2. Zuhörerschaft,
raum aufkommendes puristisches Stilideal, das auf z. B. bei universitären Vorlesungen, Vorträgen und
Wort- und Formenschatz, bes. aber auf den schlichten, Konzerten. SHO
eleganten ä Stil einiger attischer Klassiker des 5. und Aufbau, die ä Komposition, ä Struktur oder Gliede-
4. Jh.s v. Chr. (z. B. Lysias, Isokrates, Demosthenes) rung eines lit. Werkes.
zurückgreift, deren ä Kanon im späten ä Hellenismus Aufführung, 1. szenische Realisation eines Bühnen-
etabliert wurde. Philologen wie Dionysios von Ha- werks (Schauspiel, Oper, Ballett, Puppenspiel usw.) vor
likarnassos (um Christi Geburt) erklärten diese Auto- Zuschauern; auch: Vorstellung. Im Ggs. zur ä Inszenie-
ren zu Vorbildern und damit zu ä Klassikern, während rung, welche die künstlerische Einrichtung und Ein-
man den im Hellenismus üblich gewordenen Reich- studierung eines Werks umfasst, unterscheiden sich
tum an Redeschmuck (ä Ornatus) als ›asiatisch‹ deka- die konkreten A.en einer Inszenierung an jedem
dent ablehnte (ä Asianismus). Lexika mit ›zulässigen‹, Abend und bieten jeweils ein einmaliges, transito-
d. h. bei den klassischen Autoren belegten Wörtern be- risches Live-Erlebnis. Die A. setzt sich aus vielen Ele-
einflussten bis ins byzantinische MA. die gr. ä Prosa. – menten zusammen: Darsteller (Bewegung, Mimik,
Röm. Vertreter dieses Stilideals (z. B. C. Asinius Pollio Gestik, Artikulation), Zuschauer, Text (ä Bühnenbear-
und C. Licinius Calvus, zweite Hälfte des 1. Jh.s v. Chr.) beitung), Bühneneinrichtung (Bühnenform, Bühnen-
nannten sich ›Attici‹. Schon Cicero kritisierte in sei- bild, Kostüme, Requisiten), Musik, Licht usw. Man
nem »Brutus« den dem A. inhärenten ahistorischen unterscheidet: Uraufführung (die erste A. eines Werks
Purismus. weltweit), Erstaufführung (die erste A. in einem Land,
Lit.: A. Dihle: Gr. Lit.geschichte [1967]. Mchn. 21992. z. B. dt. Erstaufführung; seltener die erste A. in einer
– Ders.: A. In: HWbRh. – E. Norden: Die antike Kunst- Stadt oder an einem Theater) und die erste A. einer be-
prosa [1898]. 2 Bde. Stgt., Lpz. 101995. – R. Seidel: A. stimmten Inszenierung (Premiere). – Die A.sanalyse
In: RLW. CLU ist ein genuiner Gegenstand der ä Theaterwissenschaft;
Aubade, f. [o'bad; frz.], Morgenständchen, von afrz. die fortgeschrittenste Theorie zur A.sanalyse bietet
aube = Morgendämmerung, ä Alba. derzeit die Theatersemiotik. Diese untersucht die A.
Audiobuch ä Hörbuch. unter dem Aspekt einer »Übers. aus dem sprachlichen
Audition colorée, f. [odisjõkɔlɔ're; frz. = farbliches Zeichensystem in das System theatralischer Zeichen«
Hören, Farbenhören], bekannteste Form der ä Synäs- (Fischer-Lichte 1999, S. 36), für welche die physische
thesie, der sinnlichen Doppelempfindung, bei der Präsenz des ä Schauspielers zentral ist. – In der traditi-
Klänge mit Farben assoziiert werden. Die physiolo- onellen europäischen A.spraxis wird seit dem 18. Jh.
gische Verknüpfung von optischen und akustischen zumeist die »totale Trennung von Handelnden und
Reizen ist zum einen Gegenstand der Medizin und der Zuschauern« (Rapp, S. 195) vorausgesetzt. Neuere
Musikwissenschaft. Zum anderen findet die a. c. als Theorien und Praktiken der ä Performance suchen
versprachlichte Sinneswahrnehmung Eingang in die diese Trennung tendenziell aufzuheben. A.en werden
Rhet. des ä Barock und der ä Klassik sowie in die Meta- dabei auf ä Rituale zurückgeführt und als Dramatisie-
phorik der ä Romantik und des ä Symbolismus, die den rungen sozialer Episoden und Konflikte verstanden.
Vokalen Farbqualitäten zuschreiben (z. B. A. Rimbaud: 2. In der kulturwissenschaftlich orientierten Lit.wissen-
»Voyelles«, 1871; »Alchimie du verbe«, 1873). Schon schaft, auch in der Mediävistik, ist eine noch weiter ge-
A. W. Schlegel entwickelt gegen Ende der 1790er Jahre hende Tendenz zur Verallgemeinerung des Begriffs der
in den »Betrachtungen über Metrik« die Idee einer A. auf alle Arten öffentlicher Darbietungen von Lit. hin
›Vokalfarbenleiter‹. R. Ghil (»Traité du Verbe«, 1886) zu beobachten; damit soll – analog zu der Ausweitung
prägt den Begriff a. c. und erstellt, ausgehend von den des Geltungsbereichs von Begriffen wie ›Performativi-
Analysen des Physikers H. v. Helmholtz, in Tabellen tät‹, ›Inszenierung‹ oder ä ›Darstellung‹ – der Rollen-
Farbkorrespondenzen für Vokale und Konsonanten. charakter jeder kulturellen Praxis, nicht nur im Um-
Lit.: P. Hadermann: Synästhesie. In: U. Weisstein gang mit Lit., plausibel gemacht werden (vgl. Müller).
(Hg.): Lit. und bildende Kunst. Bln. 1992, S. 54–74. – 3. Der Begriff wird auch für die Darbietung nichtlit.
F. Mahling: Zur Geschichte des Problems der wechsel- Kunstwerke, insbes. von Musikstücken, gebraucht. Die
seitigen Beziehungen zwischen Ton und Farbe. Diss. Weise der A. wird dabei – ebenfalls in Analogie zwi-
Bln. 1923. – L. Schrader: Sinne und Sinnesverknüp- schen Musik und Lit. – auch als ä Interpretation be-
fungen. Hdbg. 1969. – P. Utz: Das Auge und das Ohr zeichnet.
Aufklärung 53

Lit.: E. Fischer-Lichte: Das Drama und seine Inszenie- cartes, G. W. Leibniz) geprägt, für welche die Vernunft
rung. Tüb. 1985. – Dies.: Semiotik des Theaters. Bd. 3: das entscheidende menschliche Vermögen und das
Die A. als Text [1983]. Tüb. 1999. – Dies. (Hg.): Ästhe- allg. Aufbauprinzip der Welt darstellt. Eine wichtige
tische Erfahrung. Das Semiotische und das Performa- Gegenströmung ist der ä Pietismus, in dem die protes-
tive. Tüb., Basel 2001. – D. Gutknecht: A.spraxis. In: tantische Rückbesinnung auf den christlichen Glauben
MGG2, Sachteil. – G. Hiß: Der theatralische Blick. Einf. und eine das gesamte Leben prägende Intensivierung
in die A.sanalyse. Bln. 1993. – J.-D. Müller (Hg.): ›A.‹ der Frömmigkeit vertreten wird. – b) In der Hochauf-
und ›Schrift‹ in MA. und früher Neuzeit. Stgt., Weimar klärung (1740–70) tritt die engl. Philosophie des Em-
1996. – U. Rapp: Handeln und Zuschauen. Darmstadt, pirismus und Sensualismus (J. Locke, D. Hume) in den
Neuwied 1973. – R. Schechner: Theateranthropologie. Vordergrund, welche Erfahrung und Beobachtung zu
Reinbek 1990. – V. Turner: Vom Ritual zum Theater den einzig legitimen Quellen menschlicher Erkenntnis
[engl.1982]. Ffm., NY 1989. AHE und HH erklärt. In Frankreich radikalisieren die Vertreter des
Aufgesang, erster Teil der mhd. Kanzonen- oder Materialismus (J. O. de La Mettrie, C.-A. Helvétius) die
ä Stollenstrophe. Der A. eröffnet das Lied (ä Kanzone) »Rehabilitation der Sinnlichkeit« (Kondylis, S. 42); sie
und besteht aus zwei metrisch, melodisch und im fassen den Menschen als eine durch den Körper deter-
Reimschema identischen Teilen, den ä Stollen. Die minierte Maschine auf (La Mettrie: »L’ homme ma-
Zahl der Verse in einem Stollen variiert (gewöhnlich chine«, 1748). Parallel dazu fordert die ä Empfindsam-
von zwei bis acht). Die einfachste Form besteht aus keit auch eine A. der Gefühle. – c) In der Spätaufklä-
zwei Reimpaaren: ab ab. Dieses Schema wird häufig rung (1770–1800) gipfelt die vernunftbetonte Seite der
erweitert und variiert. Im Rahmen einer Strophe wird A. in Kants kritischer Philosophie, die eine allg. Über-
der A. mit einem ä Abgesang kombiniert, der sich von prüfung der Bedingungen und Grenzen der Möglich-
ihm sowohl metrisch als auch melodisch unterschei- keit menschlicher Erkenntnis vornimmt (»Kritik der
det, oft jedoch dasselbe Thema mit ähnlichem Voka- reinen Vernunft«, 1781). Gleichzeitig zeigen sich die
bular aus einem anderen Blickwinkel darstellt. KS Schattenseiten der Verdrängung der ›dunklen‹ Seiten
Aufklärung [engl. enlightenment; frz. lumières; it. illu- des Menschen in einer Hochkonjunktur mystischer,
minismo], 1. im weiteren Sinne: neuzeitliches Projekt abergläubischer und irrationalistischer Tendenzen. –
der Erziehung des Menschen zu selbständiger Geistes- Das gesamte 18. Jh. wird von popularphilosophischen
tätigkeit und vernunftgeleiteter Erforschung der Wirk- Strömungen durchzogen, die zwischen Rationalismus,
lichkeit; 2. im engeren Sinne: lit.- und kulturgeschicht- Empirismus und Materialismus zu vermitteln versu-
liche ä Epoche, die sich über den größten Teil des 18. chen und bes. an einer moralisch-praktischen Anwen-
Jh.s erstreckt. dung philosophischer Erkenntnis interessiert sind.
Zu 1.: Die A. als gesamteuropäische Bewegung geht Die A. als Neudefinition des Menschen und seines
Ende des 17. Jh.s von England, Frankreich und Hol- Verhältnisses zur Welt erfasst die politischen und sozi-
land aus und erfasst in ihrem Verlauf auch die Kolo- algeschichtlichen Verhältnisse, die wissenschaftlichen
nien in Nordamerika. Sie wird kulturgeschichtlich mit Diskurse sowie die Lebenswelt des Einzelnen gleicher-
Charakteristika der soziologischen ä Moderne wie Sä- maßen. Politisch spiegelt sich die A. im Konzept des
kularisierung, Rationalisierung, Emanzipation des ›aufgeklärten Absolutismus‹ bei Friedrich II. (1712–86,
Bürgertums und Aufstieg der Wissenschaften verbun- König von Preußen seit 1740) und Joseph II. (1741–90,
den. Bereits die Zeitgenossen verstehen das 18. Jh. un- Kaiser von Österreich seit 1765); realgeschichtlich exis-
ter dem Signum der A. In einer Debatte in der »Berli- tieren jedoch weiterhin Zensur und Leibeigenschaft.
nischen Monatsschrift« definiert I. Kant (1724–1804) Mentalitätsgeschichtlich wird die A. im engen Zusam-
A. als »Ausgang des Menschen aus seiner selbstver- menhang mit dem Bürgertum gesehen: Obwohl ein
schuldeten Unmündigkeit« (»Was ist A.?«, 1784). Er realer sozialer Aufstieg nur wenigen Vertretern des
verbindet sie mit dem programmatischen Aufruf an Wirtschaftsbürgertums und der Funktionseliten ge-
jeden Einzelnen, sich seines eigenen Verstandes zu be- lingt, werden von der A. genuin bürgerliche Werte und
dienen (»Sapere aude!«), sowie der Forderung nach Verhaltensformen propagiert. – Die A. führt in der
einem freien und von der ä Zensur ungehinderten öf- Theologie zur Ausprägung verschiedener mit der zeit-
fentlichen Gebrauch der Vernunft. – Der Begriff ›A.‹ genössischen Philosophie kompatibler Religionsmo-
ist ein Neologismus des späten 17. Jh.s, der die theolo- delle. Problematisiert wird v. a. der Offenbarungscha-
gische Licht-Metaphorik zur Darstellung des Erkennt- rakter der christlichen Religion: Für die Vertreter des
nisprozesses aufnimmt. Er impliziert damit eine nega- ›Deismus‹ in England ist Gott nicht mehr in der von
tive Bewertung des Dunklen, das argumentationsstra- ihm geschaffenen Welt anwesend, die wie ein einmal
tegisch mit Barbarei, Aberglauben und Vorurteilen als aufgezogenes Uhrwerk ohne ihn automatisch weiter-
Hauptfeinden der A. gleichgesetzt wird. – Die A. als laufe. In Deutschland versuchen die Vertreter der ›Neo-
pluralistische Bewegung entwickelt sich im Verlauf des logie‹ (›neue Lehre‹) dagegen an der Offenbarung fest-
18. Jh.s in verschiedenen Phasen, mit Unter- und Ge- zuhalten, sie sogar mit den Methoden rationaler Ver-
genströmungen: a) Die Frühaufklärung (1690–1740) nunfterkenntnis zu untermauern. – Die A. vollzieht
ist von der Philosophie des Rationalismus (R. Des- sich wissenschaftshistorisch in Wechselwirkung mit der
54 Aufklärung

Ausdifferenzierung disziplinär organisierter Naturwis- auf die Erzeugung von ›Gemütserregungen‹ verpflich-
senschaften auf der Grundlage eines mathematisch- ten. Dazu befürworten sie auch den Einsatz des Wun-
mechanistischen Weltbildes. Neue, experimentelle derbaren und ä Erhabenen sowie, in produktions-
Methoden werden entwickelt, eine unübersehbare ästhetischer Hinsicht, eine stärkere Beteiligung der
Vielzahl neuer Erkenntnisse verlangt nach Systemati- ä Einbildungskraft am Schöpfungsprozess. Auch die
sierung; der Physiker I. Newton (1643–1727), der Bo- Ästhetik des Sensualismus (A. G. Baumgarten: »Aes-
taniker C. v. Linné (1707–78) sowie der Mediziner und thetica«, lat. 1750/58) vertritt ein Ideal der ›Rührung‹,
Dichter A. v. Haller (1708–77) werden die neuen He- in der die ästhetische Vollkommenheit ein Abbild mo-
roen des wissenschaftsgläubigen Zeitalters. – Lebens- ralischer Wahrheit gewährt. Ihre klassische Form er-
weltlich führt die A. zumindest für die privilegierten reicht die aufklärerische Wirkungspoetik in G. E. Les-
Schichten von Adel und Bürgertum einen Aufschwung sings (1729–81) illusionistischer Ästhetik: Der Zu-
des kulturellen Lebens mit sich: Die ä Hoftheater öff- schauer soll durch die Darstellung lebensweltlich
nen sich zunehmend auch für das bürgerliche Publi- wahrscheinlicher, gemischter Charaktere in bürger-
kum; an die Stelle des höfischen geometrischen Gar- lich-privaten Konflikten durch Furcht und Mitleid ge-
tens nach frz. Vorbild tritt die allg. Begeisterung für läutert und zum mitleidigen Menschen – als »bestem
englische Landschaftsparks (ä Garten- und Land- aller Menschen« (»Briefwechsel über das Trauerspiel«,
schaftslit.). Die Verfeinerung des täglichen Lebens 1756 f.) – erzogen werden. In der späten A. werden die
spiegelt sich in einer umfangreichen Luxusdebatte und poetologischen Wirkungsmodelle unter dem Einfluss
-kritik wider. Nach aufklärerischen Maßgaben refor- der neu entstehenden Anthropologie – der Wissen-
miert wird auch das Erziehungswesen (Reforminstitut schaft vom Menschen als leib-seelischem Doppelwe-
›Philanthropin‹ in Dessau); es entsteht eine aufkläre- sen – modifiziert: V. a. im Roman werden Fälle proble-
rische ä Kinder- und Jugendlit. (J. H. Campe [1746– matischer Individualität psychologisch detailliert dar-
1818]). Andere zielgruppenorientierte Aufklärungs- gestellt, um dem Leser die Gefahren übermäßiger
projekte sind die Volksaufklärung sowie die jüdische Phantasietätigkeit oder ungezügelter Leidenschaften
Bewegung der Haskala (M. Mendelssohn [1729–86]). vor Augen zu führen.
Zu 2.: Auch die A. als lit.geschichtliche Epoche ist durch Die ä Lyrik der Frühaufklärung pflegt mit den physi-
einen ›Strukturwandel der Öffentlichkeit‹ (Habermas) kotheologischen (Gott durch die Schönheit der einzel-
gekennzeichnet. Der lit. Markt expandiert in bisher nen Elemente der von ihm geschaffenenen Natur prei-
ungekanntem Maße. Ausgehend von den ä mora- senden) Gedichten B. H. Brockes’ (1680–1747) und
lischen Wochenschriften in England (»Tatler«; »Spec- der ä Gedankenlyrik A. v. Hallers – nach dem Vorbild
tator«) und Vorbildern wie dem »Mercure de France« J. Miltons (1608–74) und A. Popes (1688–1744) – eine
entsteht auch in Deutschland eine vielfältige Zss.land- enge Beziehung zur Naturwissenschaft. Daneben ent-
schaft, die im Dienste der Popularisierung des ge- wickeln sich mit dem Aufkommen der ä Empfindsam-
lehrten Wissens und der moralisch-nützlichen Unter- keit die ä Anakreontik (J. W. L. Gleim, F. v. Hagedorn)
haltung des Publikums steht (»Der Teutsche Merkur«, sowie die neue Form der freirhythmischen ä Hymne
hg. von Ch. M. Wieland). V. a. die Anzahl der ä Ro- (F. G. Klopstock). Im Bereich des ä Dramas strebt
mane vermehrt sich sprunghaft; an ihrer weiten Ver- Gottsched gemeinsam mit C. Neuber (1697–1760)
breitung wirken die neuen Institutionen von ä Lesege- eine klassizistisch geprägte Theaterreform an, um das
sellschaften und Leihbüchereien mit. – Grundsätzlich Niveau der dt. ä Wanderbühnen zu heben. Im Lust-
unterscheidet sich die Lit. der A. durch ihre Ausrich- spielbereich etablieren sich die rührend-weinerliche
tung auf (zumeist moralisch verstandene) Wirksam- Komödie (Ch. F. Gellert) und die sächsische ä Typen-
keit – gemäß der Maxime des Horaz, die Dichtung komödie. Die Reformbemühungen setzt Mitte des Jh.s
müsse entweder ›nützen‹ oder ›erfreuen‹ (»prodesse die Nationaltheaterbewegung fort; Lessing begründet
aut delectare«; »Ars poetica«; V. 333) – von der vorhe- und entwickelt das ä bürgerliche Trauerspiel (»Miß
rigen Epoche, dem späten ä Barock. Sie ist jedoch nicht Sara Sampson«, 1755; »Emilia Galotti«, 1772). V. a. im
als rein didaktisch misszuverstehen, sondern will den dramatischen Bereich reüssieren auch die jungen Au-
ä Leser bei der ä Lektüre zur eigenständigen Reflexion toren des ä Sturm und Drang (J. M. R. Lenz, F. M.
erziehen. Den Übergang von der barocken normativen Klinger), die unter Berufung auf das ä Genie des Dich-
ä Poetik zur aufklärerischen Wirkungspoetik (ä Wir- ters eine erste innerlit. Opposition zur aufklärerischen
kungsästhetik) leitet J. Ch. Gottsched (1700–66) mit Lit. entfalten. Die ä Prosa der A. bevorzugt Gattungen
seinem »Versuch einer Critischen Dichtkunst« (1730) und Schreibweisen mit didaktischen Funktionen wie
ein, der sich zwar noch an den Normen der aristoteli- ä Fabel (J. de La Fontaine, Gellert), ä Satire (J. Swift,
schen Poetik orientiert, jedoch einen von den Ver- G. W. Rabener, G. Ch. Lichtenberg) oder ä Utopie (J. G.
nunft-Vermögen ä ›Witz‹ und ä ›Geschmack‹ geleite- Schnabel) und ä Robinsonade (D. Defoe, Campe). Be-
ten Schaffensprozess postuliert. Dagegen wenden sich liebt sind auch Klein- und Mischformen (ä Epigramm,
im ä ›Lit.streit‹ mit Gottscheds Leipziger Schule die ä Idylle, ä Epyllion, ä Brief). Mit dem quantitativen
Schweizer Autoren J. J. Bodmer (1698–1783) und J. J. Anstieg der Romanproduktion entsteht ein differen-
Breitinger (1701–76): Sie wollen die Dichtkunst v. a. ziertes Spektrum an Subgenres. Bes. typisch für die A.
Auftakt 55

sind der empfindsame Roman (S. Richardson), der Aufsätzen hergestellt. Ein A. geringeren Anspruchs
ä philosophische Roman (Voltaire, D. Diderot), der wird auch ›Artikel‹ oder ›Beitrag‹ genannt, während
ä Erziehungsroman (J. J. Rousseau) und der ä Staatsro- die Bez.en ›Abhandlung‹ und ä ›Studie‹ einen höheren
man (J. M. v. Loen). Die ersten Ansätze zu einer eige- Anspruch in Bezug auf die Gründlichkeit und Aus-
nen ä Romantheorie (F. v. Blanckenburg) etablieren in führlichkeit der Bearbeitung eines Themas markieren.
Fortsetzung autobiographischer Erzählmodelle den – 2. Seit dem 18. Jh. gebräuchliche, heute umstrittene
ä Bildungsroman (Ch. M. Wieland: »Geschichte des Bez. für die Grundform der schriftlichen Einzelarbeit
Agathon«, 1766 f.). im schulischen ä Deutschunterricht, die insbes. der
Die A. hat im 19. Jh. wegen ihres vermeintlich einseitig Leistungsbewertung im Lernbereich ä Schreiben dient.
rationalistisch-doktrinären Charakters – der durch die Kritisiert wird v. a. die Fixierung auf »einen traditio-
ä Weimarer Klassik und den ä dt. Idealismus habe nellen Kanon rein schulischer Schreibformen« ohne
›überwunden‹ werden müssen – einen schlechten Ruf. pragmatische Funktion (Fritzsche, S. 25); als weniger
Diese Rezeptionslinie schreibt noch Horkheimers und belastete Bez. schlägt Fritzsche ›Schreibaufgabe‹ vor.
Adornos »Dialektik der A.« (1947) fort, welche die Wichtige Formen schulischer Schreibaufgaben sind
A. – als die gesamte abendländische Geschichte durch- Bericht, Schilderung, Protokoll, ä Erörterung, Nach-
ziehende Rationalisierungstendenz – unter einen uni- erzählung, Inhaltsangabe, aber auch (fiktiver) ä Brief
versellen Instrumentalisierungsverdacht stellt. Seit den und (fiktives) ä Tagebuch sowie das Weiter- und Um-
1970er Jahren hat jedoch eine interdisziplinär und inter- schreiben lit. Texte im Rahmen des handlungs- und
national ausgerichtete A.sforschung das differenzierte produktionsorientierten Lit.unterrichts.
Bild einer genuin pluralistischen A. erarbeitet. Lit.: J. Fritzsche: Zur Didaktik und Methodik des
Lit.: P.-A. Alt: A. [1996]. Stgt., Weimar 32007. – E. Bahr Deutschunterrichts. Bd. 2: Schriftliches Arbeiten
(Hg.): Was ist A.? Stgt. 1992. – A. Borgstedt: Das Zeit- [1994]. Stgt. 2000. DB
alter der A. Darmstadt 2004. – R. Grimminger (Hg.): Aufschreibesystem, Grundkategorie der technik-
Dt. A. bis zur Frz. Revolution. 2 Teilbde. Mchn., Wien basierten Mediengeschichte F. A. Kittlers, die auf F.
1980. – J. Habermas: Strukturwandel der Öffentlich- Nietzsche zurückgeht (»Unser Schreibzeug arbeitet
keit [1962]. Ffm. 1990. – M. Hofmann: A. Stgt. 1999. – mit an unseren Gedanken«, Brief an H. Köselitz, Ende
M. Horkheimer, Th. W. Adorno: Dialektik der A. Februar 1882, in: Nietzsche, S. 172; vgl. Kittler, S. 238).
[1947] Ffm. 1988. – U.-K. Ketelsen: A. In: Killy/Meid. Der Begriff ›A.‹ beruht auf dem Konzept des ä Dis-
– P. Kondylis: Die A. im Rahmen des neuzeitlichen Ra- kurses aus der ä Diskursanalyse von M. Foucault, wel-
tionalismus [1981]. Mchn. 1986. – R. Koselleck: Kritik che die immanenten Regeln der Organisation von dis-
und Krise [1959]. Ffm. 71992. – J. Mittelstrass: Neuzeit kursiven Systemen des Wissens beschreibt, wird aber
und A. Bln. 1970. – M. North: Genuss und Glück des um eine medientechnische und medienhistorische Di-
Lebens. Kulturkonsum im Zeitalter der A. Köln 2003. mension erweitert. Ein A. repräsentiert das »Netzwerk
– P. Pütz: Die dt. A. [1978]. Darmstadt 41991. – von Techniken und Institutionen […], die einer gege-
W. Schneiders (Hg.): Lexikon der A. Mchn. 1995. – benen Kultur die Adressierung, Speicherung und Ver-
C. Zelle: A. In: RLW. JH arbeitung relevanter Daten erlauben« (Kittler, S. 501).
Auflage, Summe der gleichzeitig hergestellten Exemp- Der Begriff zielt auf eine makrohistorische Periodisie-
lare einer Zeitung oder eines Buches. Die Höhe der A. rung, die sich in zwei Epochengruppen, um 1800 und
bemisst sich nach der Verkaufserwartung. Neu-Aufla- um 1900, ausdrückt.
gen belletristischer Lit. sind meist unverändert, wis- Lit.: B. J. Dotzler: A.e. In: A. Roesler, B. Stiegler (Hg.):
senschaftliche vom Verfasser oder einem Bearbeiter Grundbegriffe der Medientheorie. Mchn. 2005, S.
ergänzt. Gezählt wird nach der Anzahl der A.n oder 28–32. – F. A. Kittler: A.e 1800–1900 [1985]. Mchn.
4
der Summe aller Exemplare (in Tausend). Von Ausga- 2003. – D. Kloock, A. Spahr: Medientheorien. Mchn.
ben für Bibliophile wird meist nur eine in der Stück- 1997. – F. Nietzsche: Sämtliche Briefe. Bd. 6. Mchn.
zahl beschränkte A. gedruckt (limitierte A.). Unver- u. a. 1986. OJ
käufliche Bestände werden eingestampft oder im ›Mo- Auftakt, eine oder mehrere unbetonte Silben, die vor
dernen Antiquariat‹ abgesetzt (Rest-A.), gelegentlich der ersten Hebung eines Verses liegen. Ein Vers, der
auch umgebunden und mit neuem Titelblatt wieder einen A. enthält, wird ›auftaktig‹ genannt; ein Vers, der
angeboten (Titel-A.). Vgl. auch ä Druck (2a), ä Neu- ohne A., also mit einer Hebung, beginnt, heißt ›auf-
druck. HHS/Red. taktlos‹. – Die Bez. wurde im 19. Jh. aus der musika-
Aufriss, 1. knappe, oft schematisch gegliederte Dar- lischen Terminologie in die ä Taktmetrik übernom-
stellung einer Wissenschaft; 2. Vorform des Rundfunk- men, hat sich aber heute aus diesen beiden Kontexten
ä Features. gelöst. Da es keine überzeugende Alternative zur Bez.
Aufsatz, 1. kürzere, in der Regel nicht eigenständig, des Phänomens gibt, wird der Begriff heute meist wei-
sondern in einer Fachzeitschrift oder einem Sammel- terhin gebraucht (vgl. Burdorf), von der linguistisch
band publizierte ä Abhandlung (2). Zur nichtkommer- orientierten Forschung (vgl. Küper) allerdings abge-
ziellen Verbreitung durch die Autoren werden verlags- lehnt. – Die antike, heute unüblich gewordene Bez. für
seitig manchmal Sonderdrucke (engl. offprints) von ›A.‹ ist ä ›Anakrusis‹.
56 Auftritt

Lit.: D. Burdorf: Einf. in die Gedichtanalyse [1995]. (Hg.): Erzählen und Erzähltheorie im 20. Jh.: Fs. für W.
Stgt., Weimar 21997. – S. Doering: A. In: RLW. – Ch. Füger. Hdbg. 2001, S. 13–47. – F. K. Stanzel: Theorie
Küper: Sprache und Metrum. Tüb. 1988. DB des Erzählens [1979]. Gött. 61995. GSR
Auftritt ä Szene. Aulodie, f. [gr. aulós = ein Blasinstrument mit doppel-
Aufzeichnungen ä Tagebuch. tem Rohrblatt, Schalmei, Pfeife], in der gr. Antike der
Aufzug, seit dem 17. Jh. (A. Gryphius) verbreitete Bez. vom Aulos begleitete chorische Gesangsvortrag, z. B.
für den ä Akt (bis dahin auch ä ›Abhandlung‹ [1] ge- von Elegien sowie (wegen seines als anfeuernd, or-
nannt) oder Auftritt im Drama, seit dem 18. Jh. gastisch empfundenen Klanges) von Trink-, Hoch-
(J. E. Schlegel, G. E. Lessing) fast nur noch für den Akt. zeits-, Arbeits- und Kriegsliedern. Erster historisch
Einerseits geht ›A.‹ auf das Aufziehen des Vorhangs belegter Aulode war Klonas v. Tegea (Anfang des
zurück; andererseits steht das Wort seit dem 17. Jh. 7. Jh.s v. Chr.). IS/Red.
auch für einen festlichen Aufmarsch oder Umzug, Aura, f. [gr. = Luftzug, Hauch, Schimmer], Ausstrah-
eine Prozession (ä Trionfi), woraus sich die Vorstellung lung einer Person oder eines Gegenstandes, insbes.
des Auftritts der Akteure auf der leeren Bühne ergibt. eines Kunstwerks. – In der Theosophie meint ›A.‹ die
Aufzüge unterteilten die Bühnenhandlung aufgrund als feinstofflich vorgestellte, dem normalen Menschen
von räumlich-technischen Prämissen (Kulissenwech- nicht sichtbare Hülle des menschlichen Leibes. An-
sel bei geschlossenem Vorhang). Der Zwischenvor- knüpfend an diesen Sprachgebrauch erhebt W. Benja-
hang (seit 1770) ermöglichte die Gliederung des Büh- min ›A.‹ zum Zentralbegriff seiner späten Geschichts-
nengeschehens nach inhaltlich-darstellerischen Aspek- philosophie der ä Kunst. Kunstwerke sind für Benja-
ten. min auratisch, weil sie ihre ursprüngliche religiöse
Lit.: A. In: DWb 1 (1854), Sp. 786. – H. Paul: Dt. Wör- Funktion als Kultgegenstände im ä Ritual auch in sä-
terbuch. Tüb. 91992, S. 70 f. BW kularisierten Zusammenhängen zunächst noch be-
Augenreim ä Reim. wahren, da sie sich durch Einmaligkeit (z. B. die von
Auktoriales Erzählen [›auktorial‹: von Stanzel neu ä Fälschungen abzusetzende Echtheit eines Gemäldes)
gebildetes Adjektiv zu lat. auctor = Urheber], Form der und Dauer auszeichnen. Sie schaffen gegenüber dem
Narration, bei welcher die der ä Fiktion zuzurech- Rezipienten Distanz auch bei größter Nähe, ziehen an
nende Erzählinstanz nicht als ä Figur in der erzählten und bannen zugleich, wie ein menschliches Antlitz.
Welt agiert, sondern aus übergeordneter Sicht die fik- Moderne ä Medien und Kunstformen wie Fotografie,
tive (›diegetische‹) Welt darstellt; in der neueren ä Nar- ä Film und Reklame deutet Benjamin dagegen unter
ratologie auch als ›extradiegetisch‹ (vs. ›intradiege- dem Aspekt einer »Zertrümmerung der A.« (S. 479)
tisch‹: der Erzählwelt zugehörig) oder ›heterodiege- als revolutionäre Vorboten einer ernüchterten, befrei-
tisch‹ (vs. ›homodiegetisch‹: Erzählinstanz ist auch ten Menschheit in kollektiver Selbstorganisation. – Die
Figur der Erzählwelt, also ä Ich-Erzähler) bezeichnet. spätere Film- und Medientheorie kritisiert an diesem
Stanzel unterscheidet auktoriale, personale und Ich- Konzept v. a. die These, dass technische Reproduzier-
Erzählsituation. A. E. wird außer durch die Person des barkeit und A. miteinander unvereinbar seien; z. B.
übergeordneten Erzählers durch Überwiegen der Au- wird auf die Re-Auratisierung historischer Photogra-
ßenperspektive sowie des Erzähler-Modus (im Ggs. phien (vintage prints) hingewiesen.
zum Reflektor-Modus, bei dem eine Figur innerhalb Lit.: B. Auerochs: A., Film, Reklame. In: Th. Elm, H. H.
der erzählten Welt als Medium das fiktionale Gesche- Hiebel (Hg.): Medien und Maschinen. Freiburg/Br.
hen wahrnimmt, aber nicht erzählt) gekennzeichnet. 1991, S. 107–127. – W. Benjamin: Das Kunstwerk im
Der auktoriale Erzähler spricht von sich in der ersten Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [frz.
Person, von den Figuren in der dritten, ist ›allwissend‹, 1936]. In: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. I.2. Ffm.
insofern er a) Innensicht in sämtliche handelnden Fi- 1974, S. 471–508. – J. Fürnkäs: A. In: M. Opitz, E.
guren vermitteln kann und deren Existenzbedin- Wizisla (Hg.): Benjamins Begriffe. Bd. 1. Ffm. 2000,
gungen kennt, b) in der Erzählwelt allgegenwärtig ist S. 95–146. – L. Jäger: A. In: RLW. BA
bzw. sein kann, c) auch den künftigen Verlauf der Auscultator, m. [lat. auscultare = zuhören], Bediens-
Handlung kennt. Es ergibt sich eine Vielfalt erzähle- teter v. a. von Kanzleien, dessen Aufgabe der genaue
rischer Möglichkeiten: ›Fokalisierung‹ (vgl. Nünning Textvergleich einer Abschrift mit ihrer Vorlage, die
nach G. Genette) auf die Innen- und Außenwelt der auscultatio, ist. Der durchgeführte Vergleich wird mit
Figuren (showing), Einmischung durch Kommentie- einer standardisierten Notiz am rechten oberen Rand
ren, Relativieren, Ironisieren (Illusionsdurchbrechung) des Dokuments vermerkt (im 13. Jh. »a« für »ascul-
sowie Darstellung und Erörterung des Erzählvorgangs tata«).
(telling). A. E. findet sich v. a. in der Lit. des 18. und 19. Lit.: Th. Frenz: A. In: LMA. CF
Jh.s (H. Fielding: »Tom Jones«; J. W. Goethe: »Wilhelm Ausdruckstanz ä Tanz.
Meisters Lehrjahre«; Th. Hardy: »Tess of the D’ Urber- Ausgabe, auch: ä Edition; allg. Bez. für die durch Au-
villes«), aber auch noch des 20. Jh.s (Th. Mann: »Der tor, Editor oder ä Lektor vorbereitete und überprüfte,
Zauberberg«). drucktechnisch vervielfältigte und buchhändlerisch
Lit.: A. Nünning: Mimesis des Erzählens. In: J. Helbig verbreitete Buchpublikation eines lit. Werkes; vgl.
Autobiographie 57

ä Einzel-A., ä Gesamt-A., ä Erst-A. (Editio princeps), Darstellungsbezug zur außerlit. Wirklichkeit. – A. wird
ä A. letzter Hand, ä kritische A., ä historisch-kritische in Antike und MA. zunächst auf Originale bzw. be-
A., ä Studienausgabe, ä Leseausgabe, ä Editionstech- glaubigte Dokumente bezogen, aber schon im frühen
nik, ä Editio definitiva, ä Editio spuria, ä Editio casti- Christentum auch auf die kanonischen Bibelautoren
gata, ä ad usum Delphini. DB (authentici) übertragen. Mit der (von I. Kant im »Streit
Ausgabe letzter Hand, Bez. für die letzte vom Dich- der Fakultäten«, 1798, 1. Abschnitt, aufgenommenen)
ter selbst redigierte und überwachte Ausgabe seiner Unterscheidung von ›authentischer‹ und ›doktrinaler‹
Werke, die die Texte in ihrer endgültigen Gestalt bie- (exegetischer) Auslegung wird A. auf die ›buchstäb-
tet; wertvoll v. a. für ä historisch-kritische Ausgaben. liche‹ Autorabsicht festgelegt. Die Genieästhetik (ä Ge-
Durch Wielands »Ausgabe von der letzten Hand« nie) des 18. Jh.s prägt den A.sbegriff im Sinne eines
(1794–1802 bzw. 1811) und bes. durch Goethes »Voll- ursprünglich-echten Subjektausdrucks in der Dich-
ständige Ausgabe letzter Hand« (1827–30) als Begriff tung (ä Erlebnisdichtung). Neben diese subjektive A.
üblich geworden. ä Edition, ä Redaktion. HST tritt in der Ästhetik des 20. Jh.s (vgl. Adorno) die Be-
Ausgangssprache ä Übersetzung. deutung einer ›höheren‹ objektiven (›ästhetischen‹) A.
Aushängebogen, einzelne Bogen eines Buches, die als Vollzug gesellschaftlich-geschichtlicher ›Wahrheit‹
während des Ausdruckens dem Verfasser oder Verle- in der Kunst. – Die neuere Forschung (vgl. Fischer-
ger nur noch zur Orientierung über die Qualität des Lichte/Pflug) versteht A. vermehrt als Darstellungsef-
Drucks (nicht mehr zur Korrektur) vorgelegt werden; fekt und fragt anstelle der Behauptung subjektiver Au-
dienen auch der vorzeitigen Information von Rezen- tor-Präsenz nach den Bedingungen und Verfahren ih-
senten. Früher zur Ankündigung von Neuerschei- rer textuellen Erzeugung oder ä ›Inszenierung‹ (z. B. in
nungen öffentlich ausgehängt. HHS/Red. ä Autobiographie und ä Brief). ä Originalität.
Auskultator ä Auscultator. Lit.: Th. W. Adorno: Ästhetische Theorie [postum
Ausländerliteratur ä Migrantenlit. 1970]. Ffm. 141998. – E. Fischer-Lichte, I. Pflug (Hg.):
Auslegung ä Hermeneutik. Inszenierung von A. Tüb. 2000. – K. Grubmüller, K.
Auslieferung ä Erscheinungsjahr. Weimar: A. In: RLW. – J. Schlich: Lit. A. Tüb. 2002. – J.
Ausstattungsstück, Werk des Musik- und Sprech- Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der
theaters, dessen Wirkung stärker von der prachtvollen dt. Lit., Philosophie und Politik 1750–1945. 2 Bde.
Bühnenausstattung (Dekorationen, Kostüme, tech- Darmstadt 1985. CD
nische Effekte) bestimmt wird als von der lit. oder Auto, n. oder m. [span., von lat. actus = Handlung],
musikalischen Qualität. ›A.‹ ist kein Gattungsbegriff, geistliches Versdrama in einem Akt, das im Spanien
sondern stellt eine meist abwertend gemeinte Zu- des späten MA.s an hohen kirchlichen Feiertagen
schreibung des Betrachters dar. Als ›A.e‹ werden (Weihnachten, Ostern, Fronleichnam) aufgeführt
gelegentlich die opulent inszenierten ä Opern des wurde und in welchem Allegorien und ä Lebende Bil-
Barock, die ä Grand opéra, aber auch Ballette, ä Zau- der die christliche Heilslehre visualisierten. Das »A. de
berstücke, ä Operetten, ä Revuen oder ä Musicals be- los Reyes Magos« (»Spiel von den Heiligen Drei Kö-
zeichnet. AHE nigen«, um 1250) gilt als erstes bekanntes Dokument
Austriazi·smus, m. [von lat. Austria = Österreich], einer eigenständigen span. Theaterpraxis. Auf fahr-
Ausdrucksweise, die innerhalb der dt. Sprache nur in baren Bühnenelementen (carros) im Freien zur Auf-
Österreich üblich ist und im übrigen dt. Sprachraum führung gebracht und von Musik, Tanz, Spielern und
als ungewöhnlich oder sogar unverständlich wahrge- einer aufwendig gestalteten, Feuer speienden Riesen-
nommen wird (z. B. ›Erdapfel‹ für ›Kartoffel‹). Austria- schlange (tarasca) begleitet, hatten die A.s über ihren
zismen werden in der ä österr. Lit. (bes. im Drama, didaktisch-religiösen Gehalt hinaus Volksfestcharak-
etwa im ä Wiener Volkstheater) zuweilen gezielt einge- ter. – Die berühmte Sammlung »Códice de a.s viejos«
setzt, um Lokal- oder Regionalkolorit zu erzeugen. Ist (96 Stücke, ca. 1559–78) befindet sich in der Madrider
ein lit. Text ganz von Austriazismen dominiert, ist er Nationalbibliothek. Mit den ä A.s sacramentales (Fron-
Teil der österr. ä Dialektlit. DB leichnamsspielen) von Lope de Vega und P. Calderón
Authentizität, f. [lat. authenticus = eigenhändig, ver- de la Barca erreichte die Gattung im 17. Jh. ihren Hö-
bürgt; von gr. authéntēs = Urheber], 1. die Echtheit hepunkt.
bzw. Zuverlässigkeit einer überlieferten Äußerung Lit.: J.-L. Flecniakoska: La formation de ›l’ a.‹ religieux
oder eines Textes. Insbes. bezeichnet ›A.‹ als editions- en Espagne avant Calderón (1550–1635). Montpellier
wissenschaftlicher Begriff die Norm, in einer ä Edition 1961. – G. Poppenberg: Psyche und Allegorie. Studien
die originale Textgestalt gemäß der Überlieferungssi- zum span. a. sacramental von den Anfängen bis zu
tuation bzw. der Autorintention zu präsentieren. – 2. Calderón. Mchn. 2002. NL
Die Wahrhaftigkeit a) des subjektiven Selbstausdrucks Autobiographie, f. [aus gr. autós = selbst, bíos = Le-
oder b) des objektiven Weltbezugs im lit. Text. Als ben, gráphein = schreiben], Erzählung des eigenen Le-
lit.-theoretischer Begriff bezieht sich ›A.‹ einerseits auf bens oder eines größeren Teils daraus und der Ge-
den glaubwürdigen Ausdruck der Autor-Subjektivität schichte der eigenen Persönlichkeit; lit. Selbstdarstel-
im lit. Text, andererseits auf dessen ›unverfälschten‹ lung. – Zumeist bedeutet ›A.‹ heute eine Form der
58 Autobiographie

nicht-fiktionalen, rückblickenden Ich-Erzählung, die damit die A. im neuzeitlichen Sinne begründen, die
auf die Rekonstruktion der persönlichen Entwicklung sich als lit. Phänomen dann in der zweiten Hälfte des
unter bestimmten historischen, sozialen und kultu- 18. Jh.s entfaltet. Dabei ist die Transformation von der
rellen Bedingungen zielt. Während die A. die Genese religiös motivierten Selbsterforschung zu einer neuen,
des Individuums betont, hebt der Begriff ä ›Memoiren‹ »psychologischen Selbstdarstellung« (Wuthenow,
die Einordnung des beschriebenen Lebens in seine po- S. 37) und zur Erzählung der Geschichte der eigenen
litischen und historischen Kontexte hervor; doch sind inneren Entwicklung von zentraler Bedeutung (ä Emp-
die Übergänge fließend. – In weiterem Sinne umfasst findsamkeit). J.-J. Rousseaus »Confessions« (postum
der Begriff ›A.‹ alle Formen der Erzählung des eigenen 1782–89) verkörpern diese Form modellbildend, wäh-
Lebens unabhängig von Subjektivitätskonzepten und rend J. W. Goethes »Dichtung und Wahrheit« (1811–
der jeweiligen narrativen Struktur. Zwar dominiert die 32) eine Historisierung des Individuums als Bildungs-
Ich-Erzählung in Prosa deutlich; daneben finden sich geschichte unternimmt. Auch das Selbstverständnis
aber auch A.n in der dritten Person (S. O’ Casey), in des Historikers E. Gibbon (»Memoirs«, 1796) speist
Form von ä Briefen (Platon), ä Dialogen (Cicero, L. sich aus einem geschichtlichen Bewusstsein, das die
Holberg), Versen (W. Wordsworth: »The Prelude«, Singularität des Ich als Produkt historischer Kontin-
1805–50) oder einer Mischung von Vers und Prosa genz begreift. Während die A.n Th. de Quinceys (1821)
(Dante Alighieri: »Vita nuova«, um 1293). Auch die und J. H. Newmans (1864) in der Tradition des Be-
Motive der A. sind vielfältig: Bekenntnis vor Gott (con- kenntnisses stehen, schreiben im 19. und 20. Jh. F. R.
fessio), Belehrung, Rechtfertigung (apologia), Abrech- de Chateaubriand (postum 1849 f.), J. St. Mill (1873),
nung, soziale Rehabilitation, Selbsterkenntnis, Selbst- H. Adams (1918), L. Trotzki (1930), H. G. Wells (1934),
vergewisserung, Selbstdeutung oder Selbsterhöhung. A. Koestler (1952/54), St. Spender (1951), S. de Beau-
Insofern die Selbstdarstellung stets selegierender, wer- voir (1958), E. Canetti (1977–85), A. Robbe-Grillet
tender und konstruierender Natur ist, sind die Gren- (1986/89) und Arthur Miller (1987) die A. als Bil-
zen zur ä Fiktion fließend (ä autobiographischer Ro- dungsgeschichte bzw. als Geschichte des beruflichen,
man). – Die Bez. autobiography ist erstmals bei W. intellektuellen oder dichterischen Werdegangs fort.
Taylor 1797 nachweisbar; im Dt. findet sich 1796 Jean Paul hingegen (»Briefe und bevorstehender Le-
›Selbstbiographie‹ (D. Ch. Seybold: »Selbstbiographien benslauf«) parodiert bereits 1799 die Mode der A.;
berühmter Männer«); Jean Paul spricht von ›Selberle- Stendhals »Vie de Henry Brulard« (1835) problemati-
bensbeschreibung‹ oder ›Lebenserschreibung‹. Die siert die Sicherheit von Wahrnehmung und Erinne-
Geschichte des Phänomens reicht wesentlich weiter rung. Die Tendenz, den identitätsstiftenden und ganz-
zurück; sie ist an die Geschichte der Auffassung von heitlichen Impuls der A. zu unterlaufen, verstärkt sich
Identität gekoppelt. Frühe autobiographische Texte schon bei Th. Fontane (»Von Zwanzig bis Dreißig«,
finden sich bereits in der Antike – so Platons Apologie 1895) mit der Thematisierung der episodischen Struk-
(7. Brief), Caesars, Ciceros und Augustus’ Texte über tur des Lebens; sie steigert sich weiter im 20. Jh. mit
ihr politisches Wirken sowie die autobiographischen der Fragmentarisierung der lebensweltlichen Erfah-
Darstellungen eines philosophischen oder religiösen rung (W. Benjamin: »Berliner Kindheit um Neunzehn-
Höhepunkts von Marc Aurel (gestorben 180 n. Chr.), P. hundert«, entstanden 1932–34, erschienen 1950) sowie
Aelius Aristides (gestorben 190 n. Chr.) oder Boëthius mit der Problematisierung bis hin zur Auflösung des
(gestorben 523 n. Chr.) – sowie bei den mal. Mystikern Ich als des stabilen Fluchtpunktes von Erfahrung (R.
(H. Seuse: »Vita«, 1327; »The Boke of M. Kempe«, ca. Barthes: »Roland Barthes par Roland Barthes«, 1975).
1433). Eine herausragende Bedeutung kommt den Essayistische und diaristische Formen der Selbstthe-
»Confessiones« des Augustinus (um 400) zu: Sie be- matisierung gewinnen an Bedeutung; neue verfrem-
gründen die Tradition einer radikalen Selbstreflexivi- dende, objektivierende oder fiktionale Strategien
tät des Ich. Zentrale Voraussetzung des autobiogra- (ä autobiographischer Roman) werden eingesetzt
phischen Bekenntnisses, die Augustinus im 10. Buch (W. B. Yeats, 1926, hg. 1955; G. Stein, 1933), und die
reflektiert, ist das Gedächtnis; den strukturellen und sprachliche Verfasstheit von Erinnerung rückt in den
thematischen Angelpunkt bildet die Konversion. Das Vordergrund (V. Nabokov: »Speak, Memory«, 1951; J.-
augustinische Modell prägt die religiös-spirituelle A. P. Sartre: »Les mots«, 1964). Die Reflexion von sozialer
des MA.s und der Neuzeit von F. Petrarca (»Die Bestei- Klasse, Geschlecht, sexueller Orientierung (H. Fichte,
gung des Mont Ventoux«, 1326) bis hin zur purita- 1974; V. Stefan, 1975) und ethnischer, v. a. postkoloni-
nischen bzw. pietistischen A. des 17. und 18. Jh.s (J. aler Identität (V. S. Naipaul, 1984) spielt eine zuneh-
Bunyan, 1666; A. H. Francke, 1690 f.; A. Bernd, 1738). mend größere Rolle, in Deutschland zudem die Refle-
Neben der noch nicht individualisierten Artikulation xion der historischen und politischen Verstrickung des
religiöser Erfahrung entsteht in der ä Renaissance be- Einzelnen (G. Benn: »Doppelleben«, 1950). – Für die
reits eine Vielzahl von säkularen autobiographischen A.-Forschung ist Mischs »Geschichte der A.« wegwei-
Texten, die den Prozess beruflichen, wissenschaft- send. Sie deutet die autobiographischen Schriften seit
lichen oder dichterischen Schaffens nachzeichnen (B. der Antike als »Zeugnisse für die Entwicklung des
Cellini, entstanden 1558–66; G. Cardano, 1575) und Persönlichkeitsbewusstseins der abendländischen
Automatischer Text 59

Menschheit« (Bd. 1, S. 5). Hingegen schreiben die Ar- – in England bereits im frühen 18. Jh. – das Indivi-
beiten aus den 1950er und 1960er Jahren (z. B. Pascal) duum und seine Geschichte zunehmend ins Zentrum
die neuzeitliche Struktur der A. im Sinne eines in sich rückt. Gerade bei Frauen spielt die – offene oder ver-
geschlossenen, kohärenten lit. Werkes normativ fest. schleierte – Verarbeitung autobiographischen Materi-
Neuere Ansätze betonen stattdessen den offenen, viel- als eine auffällige Rolle (D. Manley: »The Adventures
fältigen Charakter autobiographischer Erzählformen. of Rivella«, 1714; F. Burney: »Evelina«, 1774). In der
Bes. einflussreich ist Lejeunes Definition der A. aus- zweiten Hälfte des 18. Jh.s entstehen bedeutende
schließlich über den ›autobiographischen Pakt‹, der Exemplare der Gattung: J.-J. Rousseaus »Julie; ou, La
die Identität von Autor, Erzähler und Protagonist be- Nouvelle Heloise« (1761), J. W. Goethes »Die Leiden
kräftige. Revisionen im Zuge des ä Poststrukturalismus des jungen Werthers« (1774) sowie K. Ph. Moritz’
und der ä Medientheorie stellen die ä Textualität der »Anton Reiser« (1785/90), der die ›innere Geschichte
A. heraus und setzen ihren Wirklichkeitsanspruch ra- eines Menschen‹ zu einer exemplarischen Analyse ei-
dikal außer Kraft (de Man) oder betonen ihre regulie- ner verhinderten, real noch nicht möglichen Individu-
rende und innerlichkeitsgenerierende mediale Funk- alitätsentwicklung verdichtet. Die psychologische Per-
tion (Schneider). spektive kennzeichnet auch A. de Mussets Buch »La
Lit.: C. Hilmes: Das inventarische und das invento- confession d’ un enfant de siècle« (1836). Die Nähe des
rische Ich. Grenzfälle des Autobiographischen. Hdbg. autobiographischen Romans zum ä Bildungsroman
2000. – M. Holdenried: A. Stgt. 2002. – J. Lehmann: A. und ä Künstlerroman (G. Keller: »Der Grüne Hein-
In: RLW. – P. de Man: Autobiography as Defacement. rich«, 1854 f.; zweite Fassung als Ich-Erzählung,
In: The Rhetoric of Romanticism. NY 1984, S. 67–82. 1879 f.), bleibt bis ins 20. Jh. erhalten (O. Wilde; J.
– Ph. Lejeune: Der autobiographische Pakt [frz. 1975]. Joyce; bedingt M. Proust). Seit den 1950er Jahren er-
Ffm. 1994. – M. Mascuch: Origins of the Individualist lebt die Gattung eine neue Konjunktur, bes. in der Auf-
Self. Autobiography & Self-Identity in England, 1591– arbeitung von Erfahrungen historisch-politischer Be-
1791. Cambridge 1997. – G. Misch: Geschichte der A. deutung (P. Weiss) sowie im Bereich der ä Frauenlit. (I.
4 Bde. Ffm. 1907–69. – B. Neumann: Identität und Bachmann; S. Plath; B. Schwaiger), Minoritätenlit. (J.
Rollenzwang. Wiesbaden 1971. – G. Niggl: Geschichte Baldwin) und postkolonialen Lit. (V. S. Naipaul).
der dt. A. im 18. Jh. Stgt. 1977. – Ders. (Hg.): Die A. Lit.: Ph. Lejeune: Der autobiographische Pakt [frz.
Darmstadt 1988. – R. Pascal: Die A. [engl. 1960]. Stgt. 1975]. In: G. Niggl (Hg.): Die Autobiographie. Darm-
1965 – M. Schneider: Die erkaltete Herzensschrift. Der stadt 1988, S. 214–257. – K.-D. Müller: Autobiographie
autobiographische Text im 20. Jh. Mchn. 1986. – S. A. und Roman. Tüb. 1976. HSM
Smith, J. Watson: Reading Autobiography. Minneapo- Autofiktion ä Fiktionalität.
lis/Minn. 2001. – M. Wagner-Egelhaaf: A. [2000]. Stgt., Autograph, n. [gr. = Selbstgeschriebenes], ä Textträ-
Weimar 22005. – R.-R. Wuthenow: Das erinnerte Ich. ger, der einen vom Autor eigenhändig geschriebenen
Europäische A. und Selbstdarstellung im 18. Jh. Mchn. Text (ä Manuskript [1], ä Handschrift) enthält, oder
1974. HSM ein nicht eigenhändig geschriebenes Schriftstück, das
Autobiographischer Roman, ästhetisch-fiktionale mit hsl. Zusätzen oder dem Namenszug des Verfassers
Übertragung der Lebensgeschichte des Autors bzw. versehen ist. Dazu zählen auch maschinenschriftliche
einzelner Erlebnisse daraus in einen Roman. – Der au- Texte (ä Typoskripte), die auf ein Manuskript oder
tobiographische Roman ist auf der Schnittstelle zwi- Diktat des Autors zurückgehen, ebenso Drucke mit
schen ä Roman und ä Autobiographie angesiedelt; gat- hsl. Ergänzungen oder Widmungen. – A.en gehören
tungstheoretisch stellt er ein prekäres Phänomen dar, zu den authentischen kulturgeschichtlichen Quellen
insofern er nur im Rückgriff auf die Biographie oder und wurden schon in der Antike gesammelt. Ihr Wert
zusätzliche Erläuterungen des Autors bestimmbar ist. liegt für den Sammler sowohl im Inhalt des Geschrie-
Zudem ist schon die Abgrenzung der Autobiographie benen als auch im gesellschaftlichen oder politischen
zur ä Fiktion schwierig: Auch Autobiographen neigen Rang und der persönlichen Bedeutung der schrei-
zur Stilisierung und Fiktionalisierung ihrer Lebensge- benden Person oder in äußeren Merkmalen wie
schichte. Im Unterschied zur Autobiographie signali- Schönheit, Erhaltungszustand, Beschaffenheit, Mate-
siert jedoch der autobiographische Roman keine Iden- rial oder aber Seltenheit.
tität von Autor und Hauptfigur und erhebt keinen Lit.: W. Frels: Dt. Dichterhss. von 1400 bis 1900 [1934].
Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Die erkennbare ›Ro- Stgt. 1970. – H. Jung: Ullstein A.enbuch. Ffm. u. a.
manhaftigkeit‹ (ä Fiktionalität) unterscheidet ihn wie- 1971. – G. Mecklenburg: Vom A.ensammeln. Marburg
derum von der fiktionalen Autobiographie, welche die 1963. – J. Meyer (Hg.): Dichterhss. Von Martin Luther
autobiographische Erzählform imitiert, ohne tatsäch- bis Sarah Kirsch. Stgt. 1999. – E. Wolbe: Hb. für A.en-
lich einen biographischen Bezug zum Autor zu besit- Sammler. Bln. 1923. – H. Zeman (Hg.): A.en aus drei
zen ([Charlotte Brontë:] »Jane Eyre: An Autobiogra- Jh.en. Graz 1987. GGI
phy. Edited by Currer Bell«, 1847). – Die Geschichte Automatischer Text, Text, der mittels eines Verfah-
des autobiographischen Romans geht einher mit der rens der spontanen und zufallsgelenkten Niederschrift
Entstehung des modernen europäischen Romans, der zustande kommt, das nicht durch Bewusstsein, Willen
60 Autonome Dichtung

und Vernunft kontrolliert wird. – Der Begriff ›a. T.‹ zum Mittel der Erziehung zur politischen Freiheit er-
verweist auf die Idee einer ästhetischen ä Form, die klärt (»Über die ästhetische Erziehung des Menschen«,
sich nicht mehr der subjektiven Intention des Künst- 1795). Kritisch ist dies im 20. Jh. als bürgerliche Ideo-
lers verdankt. An die Stelle der Abbildungsfunktion logie bewertet worden, die sich mit der Idee ä.r A. nach
des Textes tritt die Erschütterung traditioneller Sinn- der Frz. Revolution über die tatsächlich nicht erlangte
ordnungen durch die spontane Niederschrift eines in- politische Autonomie der Bürger hinwegtröste. Doch
tentionslosen Textes. Der Begriff ist nicht von demje- bleibt auch in der Kritik an der Schiller’schen A. deren
nigen der ä écriture automatique, der allerdings stärker Grundgedanke lebendig, die Kunst als Freiheitsver-
den Prozesscharakter betont, zu trennen: Wie die écri- sprechen zu verstehen (Adorno: »Ästhetische Theo-
ture automatique verdanken sich automatische Texte rie«, 1970). – Der zweite historische Schwerpunkt der
einem unbewussten Schreibprozess, der dem Zufall A. liegt in der – v. a. frz. – Lit. der zweiten Hälfte des 19.
bei der Erstellung einer sinnfreien Ordnung eine zen- Jh.s. Die Parole ä l’ art pour l’ art (die Kunst um der
trale Rolle zukommen lässt; diesen Aspekt hebt der Kunst willen) formuliert hier den Widerstand gegen
ebenfalls eng benachbarte Begriff ä ›aleatorische Dich- die bürgerliche Moral und die Vermarktung der Kunst.
tung‹ hervor. Hatten zunächst Autoren und Auto- Als Lebenshaltung verbindet sich dies mit dem mora-
rinnen wie A. Breton und G. Stein automatische Texte lisch provokanten ä Ästhetizismus (J.-K. Huysmans, O.
im Rahmen des experimentellen Sprachverständnisses Wilde), poetologisch mit dem Ideal der ä poésie pure
des ä Surrealismus vorgestellt, so erstreckt sich ihre (der reinen Poesie) als einer von der alltagssprach-
Bedeutung heute v. a. auf ä Computertexte. lichen Logik emanzipierten Sprachkunst (Ch. Baude-
Lit.: M. Bense: Theorie der Texte. Köln, Bonn 1962. – laire im Anschluss an E. A. Poe, St. Mallarmé, in
G. A. Miller: Automatic writing. In: ders.: Language Deutschland adaptiert von St. George).
and communication. NY 1951, S. 189–193. – Th. M. Lit.: H. Bachmaier, Th. Rentsch (Hg.): Poetische Auto-
Scheerer: Textanalytische Studien zur ݎcriture auto- nomie? Stgt. 1987. РCh. Menke-Eggers: Die Autono-
matique‹. Bonn 1973. AG mie der Kunst. Ffm. 1995. – F. Vollhardt: Autonomie.
Autonome Dichtung, synonym zu ä absolute Dich- In: RLW. – W. Wittkowski (Hg.): Revolution und Auto-
tung gebraucht. nomie. Tüb. 1990. – F. Wolfzettel, M. Einfalt: Autono-
Autonome Metrik ä eigenrhythmische Verse. mie. In: ÄGB. SM
Autonomieästhetik, ästhetische Autonomie, die Autonym, Adjektiv [gr. autós = selbst, ónoma =
Selbstgesetzgebung [gr. autonomía] oder Selbstbestim- Name], mit eigenem Namen gezeichnet; Ggs.: ä ano-
mung der Kunst. Der Begriff ›Autonomieästhetik‹ [= nym.
A.] meint dies normativ als kunsttheoretische Lehre Autopsie, f. [gr. autopsía = das Sehen mit eigenen Au-
oder als programmatische Forderung, der Ausdruck gen], die Prüfung durch persönliche Inaugenschein-
›ästhetische Autonomie‹ [= ä. A.] dagegen deskriptiv nahme. Das für die Grundoperation der medizinischen
als Phänomen der sozial- und institutionengeschicht- Pathologie, die Leichenöffnung zur Untersuchung der
lichen Ausdifferenzierung der Kunst zu einem eigen- Todesursache, gebräuchliche Wort wird auch in der
ständigen gesellschaftlichen Teilbereich. Beides be- ä Philologie zur Bez. des Grundsatzes verwendet, Aus-
ginnt in der zweiten Hälfte des 18. Jh.s mit der Ablö- sagen über Texte und konkrete Textträger wie ä Hand-
sung der bildenden Künste, der Dichtung und der schriften, ä Drucke oder ä Editionen nur zu machen,
Musik von der höfischen Repräsentationskultur und nachdem man die jeweiligen Untersuchungsobjekte in
zugleich der Verdrängung der humanistischen regel- Händen gehalten und gesichtet hat. Aufgrund der im-
geleiteten Lehrtradition der Künste durch das Leitbild mer unüberschaubarer werdenden, v. a. elektronischen
des Künstlers als Originalgenie. Ideengeschichtlich Verfügbarkeit von Informationen und Texten ohne
einschneidend ist in der ersten Phase der A. die Be- materielles Äquivalent, häufig ohne wissenschaftlich
gründung einer philosophischen Kunsttheorie, welche und textkritisch geprüften Status und ohne Quellenan-
die Kunst als das »in sich selbst Vollendete« bestimmt gabe kann nicht genug an die Gültigkeit dieses Grund-
(K. Ph. Moritz: Ȇber den Begriff des in sich selbst satzes erinnert werden. DB
Vollendeten«, 1785) oder die innere Gesetzmäßigkeit Autor, m. [von lat. auctor = Urheber], neben dem
der Kunst aus der ihr zugehörigen und angemessenen ä Text und dem ä Leser eine der Grundinstanzen lit.
menschlichen Wahrnehmung erschließen will (I. Kant: Kommunikation: der Verfasser eines Textes, der geis-
»Kritik der Urteilkraft«, 1790). Damit wird die Kunst tige Urheber eines (schriftlichen) Werks, im Unter-
von jeder Zweckbestimmung gelöst, wie sie ihr traditi- schied zum ä Redaktor oder Editor, der nur das Werk
onell die Rhet. zugeschrieben hat, und die Ästhetik als eines anderen bearbeitet oder herausgibt.
philosophische Bestimmung von Schönheit und schö- 1. In der heutigen ä Mediävistik hält man den Über-
ner Kunst prinzipiell von Moral und Erkenntnis ge- gang zwischen A. und Redaktor für fließend, da auch
sondert. Schiller bindet die auf diese Weise autonomi- der A. auf bekannte Vorstellungen, Ideen, Motive,
sierte Ästhetik wieder indirekt an die Moral, indem er Stoffe oder Texte zurückgreift. Die mit dem Begriff
die schöne Kunst in ihrer Selbstbestimmung zur An- ›A.‹ verbundenen Vorstellungen unterliegen dem his-
schauung von Freiheit überhaupt und damit die Kunst torischen Wandel. Mit der Fixierung von Texten im
Autor 61

Zuge des Übergangs von der Mündlichkeit zur Schrift- ä New Criticism mit einer allg. Kritik der Verwendung
lichkeit werden bereits in der Antike bestimmte Werke von A.begriffen in der Lit.wissenschaft (W. K. Wim-
einem individuellen A. (z. B. Homer) zugeordnet. In satt, M. C. Beardsley: »The Intentional Fallacy«, 1946).
der mal. Lit. bilden sich verschiedene A.-Funktionen Die lit.theoretische Beschäftigung mit A.schaft setzt in
heraus. Während die der mündlichen Tradition ver- Europa in den 1960er Jahren mit der von R. Barthes
haftete volkssprachige ä Heldendichtung zuerst ano- (»The Death of the Author«, 1967) lancierten Behaup-
nym verschriftlicht wird, werden lat. Texten oft Ein- tung eines »Todes« des A.s ein, die von M. Foucault
führungen vorangestellt, die über den A. und seine In- (»Qu’ est-ce qu’ un auteur?«, 1969) aufgegriffen und im
tention, über das Werk und seinen Inhalt informieren Rahmen seiner ä Diskursanalyse weitergeführt wird.
(ä accessus ad auctores). Auch in den ältesten provenz. Seit den späten 1960er Jahren wird der A.begriff auch
Hss. gehen den Liedern der ä Trobadors zum Vortrag aus anderen lit.theoretischen Richtungen – z. B. von
bestimmte Lebensbeschreibungen als Einleitung vor- der Theorie der ä Intertextualität (J. Kristeva), der
aus (ä Vida). Ähnlich sind die großen mhd. ä Lie- ä Dekonstruktion (J. Derrida, P. de Man), der ä Semio-
derhss. nach A.en geordnet. Einige Hss. enthalten so- tik (U. Eco) und der ä empirischen Lit.wissenschaft
gar fast oder ganz ausschließlich die Werke eines ein- (S. J. Schmidt) – in Frage gestellt. Der ›Tod des A.s‹ ver-
zelnen A.s (Wolfram von Eschenbach, Neidhart, festigt sich damit seit den 1970er Jahren zu einem lit.-
Frauenlob, Oswald von Wolkenstein). Für die gelehrte theoretischen Gemeinplatz, der alle Typen der A.kritik
Lit. unterscheidet Bonaventura (gestorben 1274) vier zu einer Globalthese homogenisiert. Neuere Analysen
Verfassertypen nach dem Verhältnis von Eigenem der wichtigsten autorkritischen Positionen (vgl. Burke)
(sua) und Fremdem (aliena): Der scriptor (ä Schreiber) zeigen, dass diese sich 1. mitunter auf stark voneinan-
schreibe einen fremden Text ab; der compilator füge der abweichende Gegenstände beziehen und 2. ihre
einem fremden Text etwas hinzu, jedoch nichts Eige- Kritik mit stark divergierenden Begründungsstrate-
nes; der commentator füge dem fremden Text etwas gien stützen. Jüngere Versuche, den A.begriff zu ex-
Eigenes hinzu; der auctor verfasse einen Text, der plizieren, bemühen sich deshalb, unterschiedliche
hauptsächlich aus Eigenem bestehe und dem Fremdes historische A.modelle (Kleinschmidt), A.funktionen
nur zur Bestätigung hinzugefügt werde (»Sentenzen- (Jannidis) und A.begriffe (Bennett, S. 128–130) zu un-
kommentar«, Vorrede). – Die mal. Lit. entstand v. a. in terscheiden. Der A.begriff kann in unterschiedlichen
Klöstern und an Höfen. Ihre A.en waren Kleriker (reli- sozialen Handlungsfeldern – z. B. Rechtssystem, Wirt-
giöse Lit., Großepik), adlige Dilettanten oder fahrende schaftssystem, Erziehungssystem – abweichende Mo-
Berufsdichter (ä Minnesang, ä Spruchdichtung); im dellierungen erfahren und übernimmt selbst innerhalb
späten MA. kommen städtische Handwerker (ä Meis- der Lit.wissenschaft unterschiedliche Funktionen, u. a.
tersang) und Verwaltungsfachleute (Prosaroman, bei der Identifikation, Klassifikation, ä Interpretation
Fachprosa; ä Stadtschreiber) hinzu, während in der und Bewertung von lit. Texten. Neuere Bemühungen
ä Frühen Neuzeit, in welcher die Erfindung des um eine differenzierte Analyse des A.begriffs legen für
ä Buchdrucks dem A. ganz neue Verbreitungsmöglich- die akademische Beschäftigung mit Lit. einen Theorie-
keiten eröffnet, v. a. Geistliche und Gelehrte als A.en Praxis-Bruch frei: Während in der Lit.theorie oft eine
hervortreten. Das Ideal des ä Poeta doctus, die Verbin- autorkritische oder autorfeindliche Haltung einge-
dung von lit. A.schaft und gelehrter Autorität, wird im nommen wird, ist das A.konzept in der lit.wissen-
ä Humanismus neu begründet und bleibt in ä Barock schaftlichen Praxis weitgehend unangefochten (vgl.
und ä Aufklärung selbstverständlich. Erst im 18. Jh. Winko). Die in der germanistischen Lit.wissenschaft
wird im Zuge der ä Empfindsamkeit und der Genie- ausgerufene »Rückkehr des Autors« (Jannidis u. a.
ästhetik (ä Genie) des ä Sturm und Drang der in- 1999, Detering) ist deshalb die Rückkehr des A.begriffs
spirierte, geniale (lyrisch-dramatische) ä Dichter als in eine Lit.theorie, die der weitgehend autorfreund-
eigener Typus über dem nur gelehrten A. und dem lichen lit.wissenschaftlichen Praxis Rechnung tragen
moralisch-politischen (Prosa-)ä Schriftsteller ohne will. Gegenwärtig wird das A.konzept in unterschied-
poetischen Anspruch angesiedelt. Zugleich ermögli- lichen lit.wissenschaftlichen Subdisziplinen intensiv
chen die zunehmende ä Alphabetisierung, die Entste- diskutiert: In der Editionsphilologie ist der A.begriff
hung eines anonymen Massenmarktes, die expandie- ins Zentrum der theoretischen Debatten zur ä Textge-
rende Verbreitung von ä Lit.zeitschriften und die Etab- nese gerückt (Bein u. a.); darüber hinaus sind Reflexi-
lierung des ä Urheberrechts das Aufkommen des sozial onen der A.kategorie in den strukturbeschreibenden
nicht fixierten freien Schriftstellers, der seine Rolle Subdisziplinen, etwa der ä Narratologie (Kindt/Mül-
zwischen Brotberuf und quasi-religiöser Überhöhung ler), und in den bedeutungszuschreibenden Subdis-
sucht. Im 19. und 20. Jh. werden die A.rollen mit dem ziplinen präsent, die v. a. nach der hermeneutischen
Aufkommen des ä Literaten, des Publizisten und des Valenz von A.intentionen fragen (Livingston) und sich
Journalisten als Berufsschriftstellern weiter ausdiffe- um eine Klärung des Verhältnisses von A.begriff und
renziert. RHS Werkbegriff bemühen (Martus). CSP
2. Die neuere lit.theoretische Erforschung des A.be- Lit.: Th. Bein u. a. (Hg.): A. – Autorisation – Authenti-
griffs beginnt in den 1940er Jahren innerhalb des zität. Tüb. 2004. – A. Bennett: The Author. NY 2005. –
62 Autoreferenz

H. Bosse: A.schaft ist Werkherrschaft. Paderborn u. a. Gattung entwickelt, die allerdings höchst unterschied-
1981. – S. Burke: The Death and Return of the Author liche Ausprägungen annehmen kann, z. B. als autobio-
[1992]. Edinburgh 1998. – H. Detering (Hg.): A.schaft. graphische Anmerkung, Arbeitsbuch, brieflicher
Stgt., Weimar 2002. – W. Haug, B. Wachinger (Hg.): Kommentar, Preisverleihungsrede (ä Laudatio oder
A.entypen. Tüb. 1991. – F. Ph. Ingold: Der A. am Werk. Dankrede), Interview oder als Statement im Rahmen
Mchn., Wien 1992. – G. Jäger: A. In: Killy/Meid. – einer poet-in-residence-Veranstaltung. Obwohl selten
F. Jannidis u. a. (Hg.): Rückkehr des A.s. Tüb. 1999. – als ä Manifest angelegt, können A.en epochale Wir-
Dies. (Hg.): Texte zur Theorie der A.schaft. Stgt. 2000. kung entfalten (im Bereich der dt. Lyrik nach 1945 gilt
– F. Jannidis: A.funktion. In: Nünning. – T. Kindt, das etwa für G. Benns Rede »Probleme der Lyrik«
H.-H. Müller: The Implied Author. Bln., NY 2006. – E. [1951], I. Bachmanns Frankfurter Poetik-Vorlesungen
Kleinschmidt: A. In: RLW. – Ders.: A.schaft. Tüb., Basel »Probleme zeitgenössischer Dichtung « [1959 f.] sowie
1998. – P. Livingston: Art and Intention. Oxford 2005. P. Celans Dankrede zum ä Büchnerpreis, »Der Meri-
– St. Martus: Zwischen Dichtung und Wahrheit. In: St. dian« [1960]). A.en sind indessen nicht mehr als ein
Martus u. a. (Hg.): Lyrik im 19. Jh. Bern u. a. 2005, Zusatzkommentar zum lit. Text und können daher
S. 61–92. – A. J. Minnis: Medieval Theory of Author- keine höhere Autorität als die ä Interpretation durch
ship. Ldn. 1984. – R. Schnell: ›A.‹ und ›Werk‹ im dt. Dritte für sich beanspruchen (programmatisch kon-
MA. In: Wolfram-Studien 15 (1998), S. 12–73. – M. frontiert werden beide miteinander etwa bei Domin);
Wetzel: A./Künstler. In: ÄGB. – S. Winko: A.-Funkti- die Eigendynamik der Textsinne würde sonst ebenso
onen. In: Detering, S. 334–354. unkritisch vernachlässigt wie die Möglichkeit einer
Autoreferenz ä Selbstreferenz. (Selbst-)Täuschung der Autoren.
Autorengruppe ä Dichterkreis. Texte: B. Allemann (Hg.): Ars Poetica. Darmstadt
Autorenlesung ä Lesung. 1966. – H. Domin (Hg.): Doppelinterpretationen. Das
Autorenpoetik ä Autorpoetik. zeitgenössische dt. Gedicht zwischen Autor und Leser
Autorisation [lat. = Bevollmächtigung, Befugnis], 1. [1966]. Ffm. 1989. – W. Höllerer (Hg.): Theorie der
juristisch: Imprimatur; 2. editionswissenschaftliches modernen Lyrik. Dokumente zur Poetik [1965]. Neu
Kriterium für die Rekonstruktion eines authentischen hg. von N. Miller, H. Hartung. 2 Bde. Mchn., Wien
Textes. Als autorisiert gilt ein vom ä Autor (bzw. von 2003.
einer Person, die der Autor billigt oder beauftragt) zu Lit.: P. M. Lützeler (Hg.): Poetik der Autoren. Ffm.
einem bestimmten Zeitpunkt (A.sstufen) verfasster 1994. – N. Miller, J. Sartorius (Hg.): [Themenheft:]
und gewollter Text, der auf einem materialen Textträ- Autorenpoetik. Sprache im technischen Zeitalter 42
ger (Hs., ä Typoskript, ä Druck, Tonträger, elektro- (2004), H. 171. RK
nischer Textträger) niedergelegt ist. Nach Scheibe sind Autorvariante ä Variante.
für die neuere Lit. die A.sstufen als Werkrepräsentan- Auto sacramenta·l, m. oder n. [span. auto = Hand-
ten eines bestimmten Lebensabschnitts des Autors an- lung, sacramental = zugehörig zum Sakrament der Eu-
zusehen, deren jede aus der Perspektive des Autors die charistie], auch: Auto del Corpus Christi, das span.
je vorige A. negiert, die jedoch für den Editor alle au- ä Fronleichnamsspiel. Die dramatischen Darstellungen
thentisch sind. im Rahmen des Fronleichnamsfestes gingen seit dem
Lit.: Th. Bein u. a. (Hg.): Autor – A. – Authentizität. Anfang des 14. Jh.s aus den Prozessionen hervor. Epi-
Tüb. 2004. – K. Grubmüller, K. Weimar: A. In: RLW. – soden aus dem AT und NT wurden in stummen Sze-
R. Nutt-Kofoth: Schreiben und Lesen. In: ders. u. a. nen auf Wagen (carros; ä Wagenbühne, ä Lebende Bil-
(Hg.): Text und Edition. Bln. 2000, S. 165–202. – S. der) dargestellt, ehe der Stoff zu kurzen Einaktern in
Scheibe: Probleme der A. in der textologischen Arbeit. Versen dramatisiert wurde. Im Laufe der Zeit dienten
In: editio 4 (1990), S. 57–72. MSP A.s s.es zunehmend der allegorischen Verherrlichung
Autorpoetik, auch: Autorenpoetik; das von einem des Altarsakraments. – Die drei wichtigsten span. Ba-
Schriftsteller entwickelte Ensemble von Schreibinten- rockdramatiker Lope de Vega (1562–1635), Tirso de
tionen, Dichtungsprinzipien sowie handwerklichen Molina (1571–1648) und Pedro Calderón de la Barca
Kunstgriffen, das sein eigenes Werk programmatisch (1600–81) haben auch das A. s. zur Blüte gebracht. Von
kennzeichnet und begründet, aber nur sekundär auf Calderón sind etwa 80 A.s s.es bewahrt geblieben, von
Allgemeingültigkeit abzielt. Bedingungen für das Ent- denen »El Gran Teatro del Mundo« am bekanntesten
stehen von A.en sind das neue, ab etwa 1770 ent- ist. Hofmannsthal schuf hiervon mit dem »Salzburger
wickelte Selbstbewusstsein des ä Autors (autonome Großen Welttheater« (1922) eine erfolgreiche Nach-
Regelsetzung, Originalitätsverständnis, Werkbegriff dichtung.
mit intendierter Textbedeutung) sowie die gleichzei- Lit.: Á. L. Cilveti, I. Arellano: Bibliografía crítica para el
tige Umwälzung der ä Poetik. – Seit der ä Romantik estudio del autosacramenta con especial atención a
(»Athenäums«-Fragmente der Brüder A. W. und F. Calderón. Pamplona, Kassel 1994. – R. E. Surtz: Ca-
Schlegel, 1798–1800) und deren internationalen Nach- talan and Castilian drama. In: E. Simon (Hg.): The
folgern (bes. E. A. Poe: »The Philosophy of Composi- theatre of Medieval Europe. Cambridge 1991, S. 189–
tion«, 1846) haben A.en sich zu einer selbständigen 206. CKU
Aventiure 63

Avantgarde, f. [avã:'gardә, frz. = Vorhut], Sammelbez. Unabschließbarkeit der A. als einer spezifisch moder-
für internationale Kunstrichtungen des 20. Jh.s, die nen Form der Kunst, die auf ständige Innovation
sich in kritischer Absetzung von der bürgerlichen Kul- dringt.
tur auf die Vorstellung eines ästhetischen und poli- Texte: W. Asholt, W. Fähnders (Hg.): Manifeste und
tischen Fortschritts berufen. – Das Wort ›A‹. stammt Proklamationen der europäischen A. (1909–38). Stgt.,
aus der Sprache des Militärs und bezeichnet dort eine Weimar 1995.
in Kriegs- und Krisensituationen vorangeschickte Lit.: K. Barck: A. In: ÄGB. – K. v. Beyme: Das Zeitalter
kleine Gruppe, die das Terrain für die nachfolgende der A.n. Mchn. 2005. – P. Bürger: Theorie der A. Ffm.
Hauptarmee sondieren soll. Der Bezug zur Kunst ver- 1974. – H. M. Enzensberger: Die Aporien der A. In:
dankt sich einer metaphorischen Übertragung, welche ders.: Einzelheiten. Ffm. 1962, S. 290–315. – G. Jäger:
die militärische Konnotation des Agonalen beibehält: A. In: RLW. – J.-F. Lyotard: Das Erhabene und die A.
A.n sehen sich immer in einem Kampf gegen die Tra- [frz. 1988]. In: ders.: Das Inhumane. Wien 1989,
dition. In ihrer Kritik der bürgerlichen Kunst richtet S. 159–187. – P. Mann: The theory-death of the avant-
sich die A. v. a. gegen die traditionelle Bestimmung von garde. Bloomington, Indianapolis 1991. – H. Schmidt-
Kunst als einer Form der Nachahmung (ä Imitatio [1]). Bergmann: Die Anfänge der lit. A. in Deutschland.
Diese Kritik verbindet die A. mit den zu Beginn des 20. Stgt. 1991. AG
Jh.s revolutionären, heute in Werbung und ä Film Avanturie·rroman [frz. avanturier, Nebenform zu
etablierten Techniken der ä Montage und ä Collage. aventurier = Abenteurer, Glücksritter], ä Abenteuerro-
Als künstlerische Bewegung ist die A. ein zugleich in- man des 18. Jh.s, der in der Nachfolge von D. Heinsius’
ternationales und intermediales Phänomen. Die mili- nl. ä Schelmenroman »Den Vermakelijken Avanturier«
tärische Konnotation impliziert den – häufig in ä Ma- (Der fröhliche Abenteurer, 1695) im Titel das Wort
nifesten artikulierten – Anspruch auf unbedingte In- ›Avanturier‹ führt. Der Held bzw. die Heldin des A.s
novation, wobei sich ästhetische und politische ist, oft in Anlehnung an den Protagonisten des span.
Forderungen überlagern: Die ä Utopie einer anderen, ä Pikaro-Romans, der aus kleinen Verhältnissen stam-
neuen Kunst meint innerhalb der A. zugleich die mende Typ des Glücksjägers, der, von einem lau-
Überwindung der Dichotomie zwischen Kunst und nischen Geschick in der Welt umhergetrieben, sich in
Leben und damit die Utopie einer anderen, neuen Ge- mancherlei Berufen und gewagten Unternehmungen
sellschaft; dabei sind Annäherungen sowohl an sozia- versucht und unzählige Abenteuer zu bestehen hat,
listische als auch – z. B. im ä Futurismus – an faschisti- ehe er als angesehener bürgerlicher Biedermann sein
sche politische Bewegungen möglich. Die A. steht da- Leben beschließen kann. Icherzählung, typisierende
mit in einem widerspruchsvollen Grundverhältnis zur Personenzeichnung, häufiger Ortswechsel, histo-
Moderne: Einerseits ist sie als Gegentendenz zum Pro- rischer Hintergrund, das Milieu der unteren Stände
jekt der Vollendung der Moderne zu verstehen (vgl. sowie feststehende Motive, v. a. Reisen (ä Reiseroman),
Bürger), andererseits teilt sie die Aporie der Moderne, Liebesabenteuer, Zweikämpfe, Überfälle, Gefängnis,
sich durch die fortgesetzte Forderung nach der Über- Schiffbruch charakterisieren den A. formal und inhalt-
windung des Vergangenen und der Verabschiedung lich. Je nach Thematik unterscheidet man den mit dem
der Geschichte selbst überholen zu müssen. Die Unab- Schelmenroman verwandten A. (»Der lustige Avantu-
schließbarkeit der A. richtet sich letztlich gegen den rier«, 1738) von dem der ä Robinsonade nahe stehen-
eigenen Anspruch, das absolut Neue zu verkörpern. den (»Der durch Zauberey aus einem Welt-Theil in
Die Verbindung von geschichtlichem Fortschrittsden- das andere gebrachte Bremische Avanturier«, 1751).
ken und sozialer Revolution lässt die A.-Bewegungen Mit dem »Kurtzweiligen Avanturier« (1714), einer
rückblickend als zentrale, aber auch bes. umstrittene Heinsius-Übers., wird der A. in Deutschland heimisch.
Kunstströmungen des 20. Jh.s erscheinen. – Im enge- Ihm folgen bis 1769 etwa zwanzig A.e, alle von unbe-
ren Sinne umfasst der Begriff der A. den Zeitraum kannten Verfassern, ferner eine Reihe thematisch ab-
1909–38. Den Beginn der A. markiert das »Futuristi- weichender ›Pseudo-Avanturiers‹. PHE/Red.
sche Manifest« von F. T. Marinetto aus dem Jahre 1909. Aventiure, f. [avεn'ty:rә; mhd. von afrz. aventure =
Nach dem Ersten Weltkrieg differenziert sich die A. in Zufall, Geschick, Begebenheit, abgeleitet von mlat. ad-
so unterschiedliche Strömungen wie Futurismus, ventura zu lat. advenire = herankommen, zufallen],
ä Dadaismus, ä Surrealismus und ä Expressionismus ritterliche Bewährungsprobe in der mal. Lit., bes. in
aus. Als Ende der historischen A.-Bewegungen ist die der afrz. und mhd. ä Artusdichtung. Die Suche nach A.
Durchsetzung faschistischer Diktaturen in großen Tei- führt einen (oft allein ausziehenden) Ritter an mehr
len Europas nach 1938 anzusehen. Das Wiederaufle- oder weniger märchenhaft-wunderbare Orte, wo
ben der A. nach 1945 wird als ›Neoavantgarde‹ be- Kämpfe mit zuweilen fabelhaften Wesen auszutragen
zeichnet. Der Streit um die A. wurde im Rahmen der sind. Die bestandene A. führt als Beweis der eigenen
ä Postmoderne neu entfacht: Einerseits diagnostiziert Kühnheit oder als Hilfe für Schutzbedürftige und Ver-
Paul Mann den Theorie-Tod der A., andererseits kenn- folgte zur Werterhöhung des Ritters und/oder zur Be-
zeichnet Lyotard die Postmoderne als Zeitalter der A. stimmung seines Platzes in der Gesellschaft. – Der Be-
Zu bestätigen scheint sich damit die geschichtliche griff erscheint zuerst in den afrz. ä Chansons de geste
64 Aventiure

und im »Alexiuslied« und wird nach 1150 ins Dt. über- delt (Hartmann von Aue: »Iwein«, um 1205) und u. a.
nommen (»Graf Rudolf«‚ »Herzog Ernst«, Eilhart von durch die Allegorisierung der (geordneten) Erzählung
Oberge: »Tristrant«). Er bezeichnet neben dem A.er- zur ›frou Aventiure‹ reflektiert (zuerst Wolfram von
eignis selbst die Erzählung von A., wobei er sowohl für Eschenbach: »Parzival«, ca. 1200–10). Der späthö-
die Quelle als auch für die eigene Erzählung und in der fische Roman zeichnet sich durch die Zurücknahme
ä Heldendichtung (zuerst in Fassung *C des Nibelun- der Strukturierung ebenso wie durch die Phantastik
genliedes) für den Handlungsabschnitt steht. Die zen- seiner A.reihen aus (so Heinrich von dem Türlin:
trale Bedeutung für den Artusroman bekommt die A. »Crône«). In einer ähnlich vereinfachten Form findet
durch die Anordnung der einzelnen Episoden zu die A. auch Eingang in die (nach ihr benannte) a.hafte
einem ä doppelten Kursus, wie ihn zuerst Chrétien de ä Dietrichepik. Das phantastisch-unterhaltende Ele-
Troyes (»Erec et Enide«, um 1165) ausführt und be- ment und das Reihungsprinzip der A. leben weiter in
gründet: Die Strukturierung konstituiert eine »bele den ä Ritterromanen des späten MA.s (»Amadís«) und
conjointure« (V. 12), eine ›schöne Zusammenfügung‹, prägen die verschiedenen Ausformungen des ä Aben-
die die Erzählung in ihrer Gesamtheit für einen hö- teuerromans bis ins 20. Jh.
heren Sinn transparent macht und in deren Rahmen Lit.: O. Ehrismann: Ehre und Mut, A. und Minne.
die einzelne A. zur sinnstiftenden Fügung wird. Struk- Mchn. 1995, S. 22–35. – W. Haug: Lit.theorie im
turschema und Bedeutung des A.begriffs finden sich dt. MA. [1985] Darmstadt 21992. – V. Mertens: A.
so auch im frühen dt. Artusroman (Hartmann von In: RLW. – M. Schnyder: ›Â.? waz ist daz?‹ In: Euph.
Aue: »Erec«, um 1180), werden indes bald abgewan- 96 (2002), S. 257–272. CKR
65

B
Bacchius, m. [gr.-lat.], auch: Bakcheus; antikes Vers- Aus Nordfrankreich gelangen mit der Ausbreitung der
maß der Form v – – (amabo), Bez. nach seiner Ver- ritterlichen Kultur der höfische Reihen- und Ketten-
wendung in Liedern auf den gr. Gott Bakchos; in gr. tanz und mit ihm die romanische B. nach Deutschland,
Dichtung meist nur als Abschluss jambischer Verse ge- England, Schottland und Skandinavien; in diesen Län-
braucht (z. B. im katalektischen jambischen ä Trime- dern wird die lyrische Form des Tanzliedes mit
ter); in lat. Dichtung häufig in der Komödie, am ge- epischen Inhalten verknüpft. Es entsteht die anonyme
bräuchlichsten als akatalektischer bakcheischer Tetra- Volksballade als (gesungenes) Erzähllied. Wie im
meter (v –´ –` | v –´ –` | v –´ –` | v –´ –`). Auch seine ä Heldenlied der Völkerwanderungszeit verbindet sich
Umkehrung – – v (gr. Palimbakcheus, lat. Antibacchius) in der B. epische Erzählweise mit dramatisch-dialo-
ist als selbständiges Metrum selten. UM gischer Gestaltung. – Die altertümlichste Gestalt der B.
Badezellenbühne ä Terenzbühne. als Erzähllied zeigen im 13./14. Jh. die skandinavischen
Baguenaude, f. [ba'gno:d; frz. = hohle Frucht des ba- ä Folkeviser, die als Volksballaden bis in die Neuzeit
guenaudier (= südfrz. Strauchart), übertragen = ohne hinein verbreitet waren. Ihre Gegenstände sind nord.
Inhalt, Lappalie], frz. Gedichtform, die in beliebig lan- Göttermythen, germ.-dt. und nord. Heldensagen
gen Strophen (häufig aus assonierenden oder unrein (ä Kaempeviser), ä Sagen, ä Legenden, ältere lit. Stoffe
gereimten Achtsilblern) paradoxe Einfälle zusammen- und historische Ereignisse v. a. des 12./13. Jh.s. – Bei
hanglos aneinanderreiht. Die Form ist erstmals be- den jüngeren engl., schottischen und dt. Volksballaden
zeugt in der »Art de Rhétorique« v. J. Molinet (1493); des Spät-MA.s herrscht das Episch-Dramatische vor;
Vertreter sind u. a. Jehan de Wissocq. ä Coq-à-l’ âne, sie wurden vorgetragen, vermutlich nicht aufgeführt;
ä Fatras, ä Frottola. PHE/Red. bei den dt. Volksballaden finden sich typische epische
Bakcheus ä Bacchius. Strophenformen (ä Nibelungenstrophe). Auch die
Balada, f. [provenz. = Tanz, Tanzlied, von balar aus Stoffkreise decken sich weitgehend mit denen der
mlat. ballare = tanzen], Gattung der Trobadorlyrik: skandinavischen B.n; bes. beliebt sind in Deutschland
Tanzlied mit Refrain, gesungen von Solisten und Chor neben Stoffen aus der (Helden-)Sage (z. B. »Jüngeres
(afrz. ä Rondel) zum Reihen- und Kettentanz; bevor- Hildebrandslied«) historische Stoffe, z. T. frei gestaltet
zugtes Thema: Liebessehnsucht. Charakteristisch sind (B.n vom Lindenschmied, von der Bernauerin); die
Durchreimung und Anbindung des Refrains an die Grenzen zum ä historischen Lied sind oft fließend. An
Strophe durch den Reim (Refrainverse z. T. auch im Gestalten der mal. Dichtungsgeschichte knüpfen die
Innern der Strophe wiederholt). Die einfache Form B.n vom »Moringer« und vom »Tannhäuser« sowie
(Guiraut d’ Espanha) folgt dem Schema AA bAba AA. von den »zwei Königskindern« (Hero und Leander)
In ihrer Blütezeit im 14. und 15. Jh. (Guillaume de an. Selten ist in Deutschland die naturmagische B.
Machault, F. Villon) besteht die B. üblicherweise aus (›Geisterballade‹; z. B. die B. von der »schönen Lilo-
drei acht- bis zehnzeiligen Strophen aus Acht- bzw. fee«). Die engl.-schottische B. bevorzugt tragisch-he-
Zehnsilblern, Geleit und Refrain von der Länge einer roische Stoffe aus Sage und Geschichte (»Edward«).
halben Strophe und meist drei Reimklängen. Ver- Neuzeitliche Nachfahren der Volksballade sind ä Zei-
wandte Liedformen der provenz. Dichtung: ä Dansa, tungslieder und ä Moritaten des ä Bänkelsangs. – Die
Retroensa; in der afrz. Dichtung: ä Chanson de toile, systematische Sammlung und Aufarbeitung der alten
ä Virelai, ä Rotrouenge. PHE/Red. Volksballaden beginnt in der zweiten Hälfte des 18.
Ballade, f. [it. ballata, provenz. balada, engl. ballad = Jh.s (Th. Percy: »Reliques of Ancient English Poetry«,
Tanzlied; zu mlat. ballare = tanzen], 1. strophisch ge- 1765; J. G. Herder: »Über Oßian und die Lieder alter
gliedertes Erzähllied, in dessen Mittelpunkt eine unge- Völker«, 1773; »Volkslieder«, 1778 f.). Der Höhepunkt
wöhnliche, konflikthafte fiktive Begebenheit steht. Die der Sammeltätigkeit liegt in der Romantik (A. v. Ar-
B. vereinigt nach herkömmlicher, am prominentesten nim, C. Brentano: »Des Knaben Wunderhorn«, 1806–
durch J. W. Goethe formulierter Auffassung die »drei 08; W. Grimm: »Altdän. Heldenlieder, B.n und Mär-
Grundarten der Poesie« (die »Naturformen« episch, chen«, 1811). – Die Vorstellung des 18. Jh.s, in der neu
lyrisch und dramatisch) »wie in einem lebendigen Ur- entdeckten Volksballade manifestiere sich eine ge-
Ey« in sich (»Über Kunst und Altertum« III.1, 1821). schichtsübergreifende ästhetische Norm, beeinflusste
Der Begriff ›B.‹ ist im Dt. seit etwa 1770 verbreitet die Stil- und Kunstformen der dt. Kunstballade, die lit.
(G. A. Bürger, Goethe). Grundlegend, aber auch um- Merkmale der Volksballade übernimmt (Stellung zwi-
stritten (vgl. Holzapfel) ist die Unterscheidung zwi- schen den Gattungen, meist strophische Gliederung,
schen der schon im MA. entstandenen Volksballade Reime, weitgehender Verzicht auf ungewöhnliche me-
und der – in Deutschland seit den 1770er Jahren ent- trische und strophische Formen). Die ernsten B.n L.
wickelten – Kunstballade. – Balladische Dichtungen Ch. H. Höltys sind in der dt. Dichtung der erste Reflex
lassen sich bis in die ältesten Zeiten zurückverfolgen. auf Percys Sammlung, zugleich Ausdruck des Irratio-
66 Ballade

nalismus, und, in der Nachfolge von J. W. Gleims noch lied, ä Chanson, ä Couplet und allg. auf das politische
parodistischer »Marianne«, die ersten dt. Kunstballa- Lied, den Protestsong. Vertreter dieser Richtung sind
den (»Ebentheuer«, »Die Nonne«, je 1773). Epoche die ä Liedermacher W. Biermann (»B. vom preußischen
machend ist G.A. Bürgers »Lenore« (1773); neben der Ikarus«) und F. J. Degenhardt (»Spiel nicht mit den
Percys macht sich die Wirkung W. Shakespeares, der Schmuddelkindern«). Jenseits dieser Traditionslinie
ä ossianischen Dichtung und des Bänkelsangs bemerk- greifen Autoren wie J. Bobrowski auf die ältere Kunst-
bar. In Bürgers Nachfolge wird die naturmagische B. ballade zurück. Bei H. Müller (»Mommsens Block«)
oder Geisterballade zum vorherrschenden B.ntyp des und in seiner Nachfolge bei D. Grünbein (»Nach den
ä Sturm und Drang; ihr wichtigster weiterer Vertreter Satiren«) wird die B. zum Medium eines fatalistischen
ist der junge Goethe (»Der untreue Knabe«, «Der Kö- Geschichtspanoramas. Dagegen teilen andere neuere
nig in Thule«, »Erlkönig«). – Im sog. ›B.njahr‹ 1797 Dichtungen mit der B. und ihrer Tradition kaum mehr
entwickeln Goethe (»Der Zauberlehrling«) und v. a. F. als den Namen (H. M. Enzensberger: »Mausoleum. 36.
Schiller (»Die Bürgschaft«) den – terminologisch in B.n aus der Geschichte des Fortschritts«).
der Forschung ebenfalls umstrittenen – Typus der 2. Im Rahmen der populären Musik begegnet der Aus-
ä Ideenballade, die sich von der Volksballade am wei- druck ›B.‹ ferner als Lehnübers. von engl. ballad im
testen entfernt. – Die Romantiker (L. Tieck, C. Bren- Sinne von ›musikalisch ruhiger (oft nur von akusti-
tano, J. v. Eichendorff) kehren zu volksliedhaften For- scher Gitarre oder Klavier begleiteter, zuweilen mit
men zurück; Lyrisch-Musikalisches überlagert die Streichern untermalter) Rock- oder Popsong‹, ›senti-
epische Handlung und eignet sich bes. zu Vertonungen mentales, oft melancholisches (Liebes-)Lied‹.
(F. Schubert). – Die Kunstballade wird v. a. in der Ro- Texte: H. Laufhütte (Hg.): Dt. B.n. [1995]. Stgt. 2003. –
mantik auch in anderen europäischen Lit.en gepflegt, B. Pinkerneil (Hg.): Das große dt. B.nbuch [1978].
so in England und Skandinavien. – Im 19. Jh. setzt sich Weinheim 1995. – F. T. Zumbach (Hg.): Das B.nbuch.
die Tradition der naturmagischen und numinosen B. Düsseldorf 2004.
fort (E. Mörike: »Die Geister am Mummelsee«, »Der Lit.: Ch. Freitag (Hg.): B. Bamberg 1986. – W. Freund:
Feuerreiter«; A. v. Droste-Hülshoff: »Der Knabe im Die dt. B. Paderborn 1978. – G. E. Grimm (Hg.): Ge-
Moor«); zum charakteristischen B.ntyp des 19.Jh.s dichte und Interpretationen: Dt. B.n. Stgt. 1978. – F.
wird jedoch die historische B. (›Heldenballade‹) mit Hassenstein: Die dt. B. Hannover 1986. – W. Hinck:
vorwiegend mal. Themen (L. Uhland: »Graf Eberhard Die dt. B. von Bürger bis Brecht [1968]. Gött. 31978. –
der Rauschebart«; Th. Fontane: »Gorm Grymme«; C. F. O. Holzapfel: Mündliche Überlieferung und Lit.wis-
Meyer: »Die Füße im Feuer«); neu sind biblische The- senschaft. Münster 2002. – W. Kayser: Geschichte der
men (H. Heine: »Belsatzar«) sowie die Auseinanderset- dt. B. Bln. 1936. – G. Köpf: Die B. Kronberg 1976. – H.
zung mit sozialen Problemen (A. v. Chamisso: »Das Laufhütte: Die dt. Kunstballade. Hdbg. 1979. – W.
Riesenspielzeug«) und der modernen Technik (Fon- Müller-Seidel (Hg.): B.nforschung. Königstein/Ts.
tane: »Die Brück am Tay«). Die ä Neuromantik (B. v. 1980. – K. Riha: Moritat, Song, Bänkelsang. Gött. 1965.
Münchhausen, A. Miegel) bezieht die B. in ihr gegen – Ch. Wagenknecht: B. In: RLW. – G. Weißert: B.
Realismus und Naturalismus gerichtetes lit. Programm [1980]. Stgt. 21993. JK/PKL
ein; ihre vermeintliche ›Erneuerung‹ der dt. Kunstbal- Ba·llad-O· pera, f. [engl.], satirische Anti-Oper, die
lade zeigt epigonale Züge. Die Stilisierung der B. zur Ende des 17., Anfang des 18. Jh.s in England als Reak-
›dt.‹ Gattung (Kayser) wird hier durch das nationale tion gegen die Vorherrschaft der it. Opera seria (G. F.
Pathos des Heroischen vorbereitet. Die Skepsis gegen- Händel) entstand. Die B. greift einfache Komö-
über der B. in der jüngeren dt. Poetik und Lit.wissen- dienstoffe auf, in deren oft possenhaft derbe Prosadia-
schaft (vgl. das Nachwort in Laufhüttes Balladen-An- loge Tanzszenen, strophische Lieder (ballads) nach be-
thologie) liegt darin begründet. – Dennoch zeigen sich kannten volkstümlichen Melodien, z. T. auch paro-
auch im 20. Jh. innovative Entwicklungen der B. Im dierte Arien eingestreut sind. Der balladeske Stil oder
Expressionismus erschließen sich der historischen B. ä Bänkelsang-Ton herrscht vor. B.s waren meist auf
neue Themenkreise (z. B. die Frz. Revolution; G. Heym: Vorstadtbühnen und Jahrmärkte beschränkt, wurden
»Robespierre«). Traditionelle B.ntypen werden durch aber, von den ä engl. Komödianten verbreitet, bes. in
Subjektivierung der Themen erneuert (E. Lasker-Schü- Deutschland bedeutsam für die Entwicklung des dt.
ler: »Hebräische B.n«, 1913; G. Kolmar). An die Form ä Singspiels (erste dt. Übers. einer B. 1743 in Berlin).
des Bänkelliedes knüpfen F. Wedekind und B. Brecht Berühmt und von durchschlagendem Erfolg war die
an; dieser macht die B. zum Ort der Auseinanderset- von J. Gay und J. Ch. Pepusch zusammengestellte
zung mit politischen Ereignissen (»Kinderkreuzzug«). »Beggar’ s opera« (1728), 1929 von B. Brecht und K.
Im Umkreis der Protestbewegungen der 1960er Jahre Weill zur »Dreigroschenoper« umgeformt, 1948 von B.
ist eine Neubelebung dieses sozialkritischen B.ntyps zu Britten unter Rückgriff auf die alte Fassung überarbei-
beobachten. Die von Riha und Hinck eingeleitete gat- tet, 1953 von Ch. Fry und A. Bliss als Film adaptiert,
tungsgeschichtliche Neubesinnung stellt die B. in ihren 1960 von H. M. Enzensberger neu bearbeitet. IS/Red.
jeweiligen sozialen Kontext und erweitert den B.nbe- Ba·llad sta·nza [engl. = Balladenstrophe], meist als
griff in Richtung auf Groteske, Bänkelsang, Zeitungs- ä ›Chevy-Chase-Strophe‹ bezeichnet.
Bänkelsang 67

Balla·ta, f. [it. ballare = tanzen], Pl. ballate; 1. in der äl- Opéra-ballet des Barock bis zur ä Oper erhalten bleibt.
teren it. Lyrik Tanzlied mit Refrain sikulo-arab. Ur- – Zum autonomen Genre wird das B. erst mit der Büh-
sprungs und Ende des 13. Jh.s durch den ä Dolce Stil nentanzreform des 18. Jh.s. Das ›B.szenarium‹, bis da-
novo kanonisiert: Die meist vier üblicherweise achtzei- hin meist nur Exposé und Ablaufplan, entwirft nun oft
ligen Strophen (stanze) sind in eine fronte aus zwei eine Verknüpfung von ä Tanz, Szenarium und Schau-
identischen mutazioni (auch piedi) und eine volta spiel, die der Realisierung komplexer, oft tragischer
(auch sirma) untergliedert. Deren erster Vers (chiave) Sujets aus Lit. (H. Heine: »Der Doktor Faust. Ein Tanz-
übernimmt den Endreim der mutazione, der letzte poem«, 1851) und Historie dient. – Das tanzästhe-
Vers den ersten Reim der ripresa. Diese kann einen (b. tische Ideal des ›romantischen Balletts‹, die Schwere-
piccola), zwei (b. minore), drei (b. mezzana) oder – häu- losigkeit, wird durch dessen lit. vermittelte Sujets
figster Fall – vier (b. grande) Verse umfassen, selten reflektiert (z. B. »Giselle« nach Th. Gautier, 1841). Hö-
mehr (b. stravagante). Überwiegend weltlichen, gele- hepunkte im ›klassischen B.‹ markieren die neoroman-
gentlich religiösen Inhalts (ä Lauda), ist die B. zumeist tischen Schöpfungen des kaiserlichen russ. B.s (M. Pe-
in Sieben- und Elfsilblern verfasst. Von Petrarca meist tipa, P. I. Tschaikowski: »Schwanensee«). In der ersten
in der einstrophigen Variante (b. monostrofica oder Hälfte des 20. Jh.s bewirken neue Entwicklungen im
nuda) verwendet, im 15. Jh. ausgiebig belegt (Leon Tanz das Aufweichen der strengen Kodifizierung, das
Battista Alberti, M. M. Boiardo, F. Galeota, Lorenzo de’ zum Signum des ›modernen B.s‹ wird, welches auch
Medici, A. Poliziano), im ä Petrarkismus selten, da- nach 1945 neben anderen tanzästhetischen Formen
nach kaum nachgewiesen (Ausnahme: G. Chiabrera), wie dem am. modern dance fortbesteht: von S. Diaghi-
wird die b. im 19. Jh. historisierend wieder aufgenom- lews Ballets Russes über den Neoklassizismus (G. Ba-
men (G. Carducci, G. D’ Annunzio, G. Pascoli). – 2. Im lanchine) zum europäischen Theaterballett (M. Bé-
19. Jh. it. Verserzählung (b. romantica; romanza) in jart). Der postmodern dance (W. Forsythe) re-arran-
Anlehnung an die dt. ä Ballade und die engl. ballad, oft giert die traditionelle Ästhetik und Technik des ›klas-
legendär-phantastischen Inhalts mit freiem Versmaß sischen B.s‹, indem er es mit aktuellen Parametern
und einfachem Reim (G. Berchet, G. Prati, G. Car- körperlicher Repräsentation verbindet.
ducci). Lit.: G. Brandstetter: B. In: RLW. – I. Guest: Le ballet de
Lit.: G. Capovilla: Le ballate del Petrarca e il codice me- l’ Opéra de Paris: trois siècles d’ histoire et de tradition
trico due-trecentesco. In: Giornale Storico della Lette- [1976]. Paris 2001. – H. Müller u. a.: Krokodil im
ratura Italiana 154/485 (1977), S. 238–260. – S. Fiore: Schwanensee. Tanz in Deutschland seit 1945. Ffm.
Arabic Traditions in the history of the Tuscan Lauda 2003. – M. Sträßner: Tanzmeister und Dichter. Bln.
and Ballata. In: Revue de Littérature comparée 38/1 1994 – A. J. Waganowa: Grundlagen des klassischen
(1964), S. 5–17. – S. P. Giovanetti: Nordiche superstizi- Tanzes [russ. 1948]. Bln. 2002 – D. Weickmann: Der
oni. La b. romantica italiana. Venezia 1999. – G. Gorni: dressierte Leib. Kulturgeschichte des Balletts (1580–
Metrica e analisi letteraria. Bologna 1993, S. 85–91. – J. 1870). Ffm. 2002. CP
Schulze: B. und B.-Musik zur Zeit des Dolce Stil Nuovo. Ballettkompanie ä Ballett.
Tüb. 2001. HG Ballettszenarium ä Ballett.
Ballett, n. [it. balletto, Diminutiv von ballo = Tanz], 1. Bänkelsang [nach der Bank, die die Vortragenden als
akademisch kodifizierte Bewegungs- und Repräsenta- Podium benutzten], Lied und Prosageschichte der
tionsform des westlichen Bühnentanzes; 2. das in die- Bänkelsänger (auch: ä Moritat) sowie deren Darbie-
ser Form präsentierte Werk; 3. Gruppe, welche diese tungsweise. Der B. kommt, den Zeitungssang allmäh-
Form des Tanzes realisiert (auch: B.kompanie). – Im lich ablösend, im 17. Jh. auf; Blütezeit im 19. Jh., v. a. in
14. Jh. bezeichnet ›B.‹ Tanzeinlagen in szenischen Dar- Hamburg, Schleswig-Holstein, im Rheinland, in
bietungen (ä Intermezzo). Die B.traktate des 16. Jh.s Rheinpfalz. Den B. trugen fahrende Schausteller (dar-
beschreiben tänzerische Bewegung als höfische Reprä- unter häufig Frauen, seit Anfang des 19. Jh.s auch
sentation im Ballet de cour (M. F. Caroso). 1661 initi- ganze Familien) auf Märkten und Messen zur Geigen-,
iert die Gründung der Pariser Académie Royale de Harfen- oder Drehorgelmusik vor. Die Lieder handeln
Danse die Professionalisierung des B.s. Der Naturbe- von sensationellen, rührseligen oder schauerlichen,
griff der ä Aufklärung prägt die Reformideen des ballet wahren oder für wahr gehaltenen Ereignissen. Kenn-
d’ action (J. G. Noverre), die auch lit. rezipiert werden zeichnend sind Vereinfachung der Sprache, Typisie-
(G. E. Lessing, Ch. M. Wieland). Die von C. Blasis im rung der Personen, Situationen und Gefühlsäuße-
19. Jh. festgeschriebene Kodifizierung wird u. a. von rungen; verallgemeinernde, kommentierende und
A. J. Waganowa fortentwickelt. Als ›klassisches B.‹ gel- wertende Darstellung der Ereignisse. Das Bänkellied
ten Werke im Stil der frz.-russ. danse d’ école. – Das hö- gehört in die Tradition des Ereignisliedes und ist mit
fische B. entwickelt sich aus dem frz. und it. Gesell- dem ä historischen Lied und dem ä Zeitungslied ver-
schaftstanz, dem mal. ä Volkstheater und den ä Myste- wandt. Die Lieder werden zusammen mit einer aus-
rienspielen der Renaissance. Allmählich wandelt sich führlicheren, erklärenden Prosafassung dargeboten
das B. vom Intermezzo zur Haupthandlung, wobei die und illustriert durch in mehrere Felder aufgeteilte
Trias Tanz, Gesang und dramatische Aktion über das Bildtafeln (Schilde), auf die der Bänkelsänger, auf einer
68 Bar

Bank stehend, während des Vortrags mit einem Zeige- allerdings nicht mehr als sekundäre Aufschwellung,
stock weist. Während und nach der Darbietung wer- die einer Unfähigkeit zur pointierten Einzelstrophe ge-
den Drucke, sog. Moritatenblätter (Fliegende Blätter), schuldet ist, sondern als »Phänomen selektiver Kon-
die den vorgetragenen Text und die Prosageschichte textstabilisierung« (Baldzuhn, S. 257).
und meist auch einen Holzschnitt enthalten, zum Ver- Lit.: M. Baldzuhn: Wege ins Meisterlied. In: ZfdPh 119
kauf angeboten. Die Darbietung der Bänkelsänger (2000), Sonderheft, S. 252–277. – F. Schanze: B. In:
richtet sich nach den Bedürfnissen des kleinbürger- RLW. CF
lichen Publikums, sie will den Stoffhunger befriedigen, Barbari·smus, m. [gr. bárbaros = der nicht gr. spre-
affektiv wirken, die anerkannte Moralauffassung be- chende Fremde (im Ggs. zum Hellenen); aus sume-
stätigen durch die immer neue Aktualisierung des risch barbar (lautmalerische Bildung im Sinne von
Schemas: Störung der Ordnung (durch ein Verbrechen ›unverständlich Murmelnder‹) = Fremder], Bez. der
oder Unglück) und deren Wiederherstellung (durch antiken ä Rhet. für den Verstoß gegen die puritas, d. h.
Bestrafung oder glückliche Fügung). Die Texte stam- gegen idiomatische Korrektheit. Als Barbarismen gal-
men von anonymen Verfassern, sind meist im Auftrag ten falsch ausgesprochene oder verstümmelte Wörter,
von Verlagen geschrieben, selten von den Bänkelsän- Phantasie- und Fremdwörter, bes. aus Sprachen kultu-
gern selbst. – Lit. Bedeutung gewinnt der B. Mitte des rell unterlegener Völker. ä Metaplasmus. IS/Red.
18. Jh.s mit dem erwachenden Interesse gebildeter Ba·rde, m. [verschmolzene Etymologie aus keltisch
Kreise an volkstümlicher Kunst; er beeinflusst die Bal- bard = Sänger zu Lob und Tadel, und lat. barditus =
laden- und ä Romanzendichtung Gleims, Bürgers und Schlachtgesang (der Germanen)], identische Bez. für
Höltys (›Salon-B.‹, teils parodistisch). A. v. Arnim und drei lit.geschichtlich in unterschiedlichem Maße rele-
C. Brentano planten 1802 aus volkserzieherischen vante Erscheinungen: den keltischen Hofdichter (1),
Gründen eine Bänkelsängerschule. Im 19. Jh. dichteten den germ. Priestersänger (2) sowie einen Typus des
H. Heine und Hoffmann von Fallersleben politische ä Liedermachers (3). – 1. Im keltischen Kulturkreis ist
Lieder im B.stil; B.-ä Parodien schrieben F. Th. Vischer das Wirken der B.n als Sänger bei Hof vom ersten vor-
und L. Eichrodt. Die in diesem reflektierten lit. B. lie- christlichen Jh. bis ins 16. (Wales) bzw. 18. Jh. (Irland)
genden Möglichkeiten ironisch-distanzierter (sozial- bezeugt. Zu ihren Aufgaben gehörte offenbar der Vor-
kritischer) Aussagen wurden im 20. Jh. programma- trag von Heldengedichten, Gesetzen und Genealogien
tisch genutzt. F. Wedekind schuf den politischen B., anlässlich höfischer Feste. Im MA. waren sie zünftisch
welcher der Entwicklung der modernen Lyrik, v. a. der organisiert; sie bildeten ihren Nachwuchs in eigenen
ä Ballade, starke Impulse gab (B. Brecht, O. J. Bierbaum, Schulen, die großen Zulauf erfuhren, aus. Die Schrift-
Ch. Morgenstern, E. Mühsam, W. Mehring, E. Kästner losigkeit ihrer Dichtungen regte die Phantasie Nachge-
u. a.). Bes. das politisch engagierte Lied seit den Pro- borener zu Vermutungen an. Durch den ›B.n des Kö-
testbewegungen der 1960er Jahre bedient sich bewusst nigs‹, E. Jones, wurden »Relicks of the Welsh bards«
der rezeptionsorientierten Elemente des B.s (W. Bier- (1784) spät bekannt gemacht. – 2. Als lit.-schaffende
mann, F. J. Degenhardt, H. C. Artmann u. a.). Auch die Instanz ist der B. eine Erfindung des dt. ä Humanis-
bildende Kunst empfing Anstöße vom B.: Die Bildta- mus, der ihn aus zwei Elementen deduzierte: a) dem
feln beeinflussten u. a. O. Dix, G. Grosz, M. Beckmann im keltischen Kulturkreis verbreiteten Sänger (1), von
und H. Vogeler (u. a. sog. Komplexbilder oder Agitati- dem man freilich nur sehr ungefähre Vorstellungen
onstafeln über politische Lehren und Erfahrungen). besaß; b) der Nachricht aus der »Germania« des Taci-
Der originale naive B. dagegen starb im 20. Jh. aus; tus (Kap. 3), die Germanen stimmten in ihren Hohl-
seine Funktionen werden z. T. vom Film, der Regenbo- schilden (bort) einen dröhnenden Schlachtgesang
genpresse und dem Schlager übernommen. In Italien (barditus, ä Bardiet) an. Kombiniert fügte sich das zur
ist der B. in verschiedenen Regionen noch lebendig. Vorstellung eines germ. Priestersängers, dessen Auf-
Texte: W. Braungart (Hg.): B. Stgt. 1985. – L. Petzoldt gabe darin gesehen wurde, das kämpfende Volk durch
(Hg.): Die freudlose Muse. Stgt. 1978. – K. Riha (Hg.): Schlachtgesang und Erzählungen zu motivieren und
Das Moritatenbuch. Ffm. 1981. über seine Geschichte zu informieren. Es fiel leicht, im
Lit.: W. Braungart: B. In: RLW. – W. Hinck (Hg.): Ge- B.n einen Träger der versunkenen Nationallit. der Ger-
schichte im Gedicht. Ffm. 1979. – L. Petzoldt: B. Stgt. manen zu sehen. Für Ch. Gottsched manifestierte sich
1974. – K. V. Riedel: Der B. Hbg. 1963. – K. Riha: Mori- in ihm das »heroische Talent des dt. Witzes« (»Cri-
tat, Bänkelsong, Protestballade. Königstein 21979. RBS tische Dichtkunst«, 1730). Von allem Anfang an lastete
Bar, n., im ä Meistersang ein mehrstrophiges Lied; das auf dem B.n das schwere Erbe einer volkstümlichen
Wort ist vielleicht eine Kurzform zu parat, barant, Nationallit., die es unter patriotischen Klängen gegen
einem Ausdruck, der aus der Fechtersprache (›erfolg- die Tradition gelehrter Dichtung durchzusetzen galt.
reiche Abwehr‹) in die Terminologie der Meistersinger Da der B. nichts hat hinterlassen können, glich die
überging. Bereits die ä Sangspruchdichtung des 14. ä Bardendichtung des 18. Jh.s diesen Mangel aus. CF
Jh.s tendierte zur Mehrstrophigkeit. V. a. Meisterlie- 3. Die Figur und Bez. ›B.‹ taucht immer wieder auf,
derhss. des 15. und 16. Jh.s kombinierten ältere Stro- wenn ein dt. ä Sänger als bes. an naturzugewandten,
phen mit jüngeren. Man begreift die B.-Bildung heute ›volkstümlichen‹ Traditionen orientiert ausgezeichnet
Barock 69

werden soll, so im Kontext der Jugendbewegung um Entwicklungsleistungen in Kunst, Technik, Ökonomie


1900 sowie der ä Liedermacher-Bewegung der 1960er oder Wissenschaft). – Aus kultursoziologischer Per-
und 1970er Jahre, die auch die Rolle des ›Blödelbar- spektive weist Adorno darauf hin, dass ›B.‹ auch als
den‹ hervorgebracht hat. DB emphatischer Prestigebegriff einer bürgerlichen Kultur
Bardendichtung, als Bez. für Dichtwerke germ. ä Bar- verwendet wird, die auf Vermarktung durch Tonträger,
den sachlich unmöglich, fasst der Begriff eine im 18. Kostümfilme u. a. abzielt. – F. Strich prägt 1916 die lit.
Jh. aufkommende, an einer synthetisch gewonnenen wissenschaftliche Verwendung und hebt die Antithe-
Dichtungslehre der Barden orientierte Dichtung à la tik der B.lyrik hervor. Doch bleibt ›B.‹ als nachträglich
mode zusammen. Die stilprägenden Merkmale der B. gefundene Epochenbez. umstritten. E. R. Curtius (»Eu-
(u. a. ä Freier Rhythmus, Reimfreiheit und Strophik) ropäische Lit. und lat. MA.«, 1948) bevorzugt für die
ergaben sich aus ihrer intentionalen Gegensätzlichkeit spätmal. Epoche zwischen 1520 und 1650 die histo-
zur gelehrten Dichtungstradition. Als Begründer der rische Bez. ä ›Manierismus‹, um der teils wertenden
B. kann F. G. Klopstock gelten (»Hermann und Thus- Vieldeutigkeit zu entgehen. Zur Differenzierung der
nelde«, 1753; »Wingolf«, 1771; ä Bardiet); ihm folgten Teilaspekte wurden zudem weitere Bez.en wie ›hö-
H. W. v. Gerstenberg (»Gedichte eines Skalden«, 1766) fische Kultur‹, ›Konfessionalismus‹ oder ›Späthuma-
und M. Denis (»Die Lieder Sineds des Barden«, 1772). nismus‹ vorgeschlagen. Ein gänzlicher Verzicht auf
Die B. erlebte ab der Mitte des 18. Jh.s eine kurze Blüte, den eingeführten Begriff ›B.‹ wird jedoch nicht ernst-
erreichte aber als Mode schon das 19. Jh. nicht mehr. haft gefordert.
Lit.: U.-K. Ketelsen: B. In: Killy/Meid. CF Das lit. Leben des B. konzentriert sich auf die absolu-
Bardiet, n. [lat. barditus = Schlachtgesang (der Ger- tistischen Fürstenhöfe, Universitäten und Schulen der
manen)], von F. G. Klopstock eingeführter, am barditus städtischen Wirtschaftszentren wie Breslau, Hamburg,
des Tacitus (»Germania«, Kap. 3) orientierter Kunstbe- Königsberg, Leipzig oder Nürnberg. Getragen wird es
griff der ä Bardendichtung. Die für die Schaubühne durch eine humanistisch geschulte und europäisch
konzipierten B.e Klopstocks (»Hermanns Schlacht«, orientierte Gelehrtenkultur, nach deren Verständnis
1769; »Hermann und die Fürsten«, 1784; »Hermanns Dichtkunst in poetischen Nebenstunden entsteht
Tod«, 1789), die sich formal der gr. Tragödie näherten, (ä Poeta doctus). Die zweisprachige lit. Kultur des B.
geben freilich nur ein schwaches Echo der beschwore- (dt. und nlat.) ist durch die humanistischen Ordnungs-
nen Schlachtgesänge. Aufführungen kamen, trotz ent- systeme der ä Frühen Neuzeit bestimmt (ä Emblema-
sprechender Pläne, nicht zustande. Ch. W. Glucks Ver- tik, ä Rhet., ä Poetik). Als Ars poetica ist das Handwerk
tonungen von B.en sind verschollen. CF der Poesie nach diesem Verständnis erlernbar. Es zielt
Barditus ä Bardiet. nicht auf Originalität, sondern erwächst aus dem
Baro·ck, m. oder n. [portug. barocco = schiefrund, un- Wechselspiel von prinzipieller Begabung (Ingenium),
regelmäßig; Abkürzung baroco aus der scholastischen der Beherrschung verbindlicher Dichtungsregeln
Syllogistik], in der ä Germanistik Verständigungsbe- (Praecepta) und ihrer nachahmenden Einübung
griff für die dt.sprachige Lit. zwischen ca. 1620 und (ä Imitatio [1]) anhand von poetischen Vorbildern
1720. – Der Begriff wird von der Kunstkritik des 18. (Exempla). Maßgeblich ist M. Opitz’ Poetik »Buch von
Jh.s geprägt und gilt zunächst als abwertende Katego- der Dt. Poeterey« (1624), das zahlreiche Vorläufer in
rie zur Bez. eines übertrieben schwülstigen Stils. Als den europäischen Poetiken der Frühen Neuzeit hat. Es
Fachbegriff etabliert ihn die Kunstgeschichte des 19. ist das Kernstück einer Dichtungsreform, die auf die
Jh.s (J. Burckhardt, C. Gurlitt). Bereits F. Nietzsche Etablierung einer Lit.sprache nach humanistischem
(»Vom Barockstile«, 1879) schlägt vor, ›B.‹ als Stilbe- Vorbild in Deutschland zielt. Das Projekt steht im
griff auf alle Künste anzuwenden. H. Wölfflin (»Re- Kontext der Bemühungen um Reinerhaltung der dt.
naissance und B.«, 1888) sieht das B. als Gegenbewe- Sprache (ä Purismus), die sich in der Gründung von
gung zur ä Renaissance. Seine »Kunstgeschichtlichen ä Akademien (nach dem Vorbild der it. Accademia
Grundbegriffe« (1915) weiten ›B.‹ zur überzeitlichen della Crusca) und ä Sprachgesellschaften niederschla-
Stilkategorie aus. Im Rahmen dieses zyklischen Ge- gen (Fruchtbringende Gesellschaft, Teutschgesinnte
schichtsmodells pendelt Kunst zwischen ä Klassik und Genossenschaft, Pegnesischer Blumenorden, Elb-
B. Zur Charakterisierung beider Pole dienen die Be- schwanenorden u. a.). Verfolgt wird damit der An-
griffspaare ›plastisch – malerisch‹, ›Fläche – Tiefe‹, schluss an entwickelte Kulturnationen wie Italien,
›tektonisch – atektonisch‹, ›Vielheit – Einheit‹ und Frankreich, Holland und Spanien. Opitz fordert die
›Klarheit – Unklarheit‹. – In der Musikwissenschaft Übereinstimmung von natürlichem Wortakzent und
wird die Bez. international auf Komponisten (J. S. Versakzent (ä akzentuierendes Versprinzip). Da die dt.
Bach, G. F. Händel, A. Vivaldi) und kulturelle Phäno- Sprache aus seiner Sicht dynamisch alterniert, emp-
mene bis ca. 1750 bezogen. – Der Geschichtswissen- fiehlt er die Verwendung von ä Jambus und ä Trochäus.
schaft gilt das B. als Jh. des Zwiespalts (territoriale Bevorzugte Versmaße sind ä Alexandriner und ä vers
Reichstruktur, konfessionelle Differenzierung, Gleich- commun. Dem ä silbenzählenden Versprinzip nach
zeitigkeit von tiefgreifenden Krisen – Dreißigjähriger dem Vorbild der frz. ä Pléiade folgen dagegen noch die
Krieg, Pestepidemien, Hungersnöte – und kulturellen frühen Gedichte G. R. Weckherlins (»Oden und Ge-
70 Barock

sänge«, 1618 f.). Das Gattungssystem richtet sich bei sich am Vorbild J. Böhmes. Im kath. Bereich wird die
Opitz noch nicht nach der triadischen Unterscheidung Mystik v. a. durch F. Spee und Angelus Silesius geprägt.
zwischen Epik, Drama und Lyrik, sondern ist dialek- Wichtige Lyrikerinnen sind C. R. v. Greiffenberg und
tisch geprägt (vgl. Trappen). Neben heroischem ä Epos, S. Schwarz. Auf der Schwelle zwischen B. und ä Auf-
ä Tragödie, ä Komödie und ä Satire führt Opitz v. a. klärung steht das lange als Vorform der ä Erlebnisdich-
poetische Kleinformen nlat. und romanischen Ur- tung angesehene Werk J. Ch. Günthers (1695–1723).
sprungs als Gattungen ein (ä Ekloge, ä Elegie, ä Epi- Drama und Theater des B. sind durch formale Vielfalt
gramm, ä Ode, ä Sonett). Die Stilhöhe wird über das und den konfessionellen Ggs. geprägt. Die Normie-
ä aptum reguliert und bleibt allg. der rhet. Dreistillehre rung erfolgt wesentlich über Vorreden; wichtige
verpflichtet (ä Genera dicendi). Das in Umfang und dramentheoretische Bestimmungen enthalten die Poe-
Geltungsbereich limitierte Dichtungssystem von Opitz tiken von G. Ph. Harsdörffer (»Poetischer Trichter«,
wird im Laufe des B. durch eine Vielzahl von Poetiken 1647–53) und A. Ch. Rotth (»Vollständige Dt. Poesie«,
(S. v. Birken, A. Buchner, G. Ph. Harsdörffer, G. Neu- 1725). Fundamentale Theaterkritik üben die Pole-
mark, Ph. v. Zesen) differenziert. Bei aller Regelhaftig- miken von A. Reiser (»Teatromania oder die Werke
keit bieten sich hier Spielräume und Lizenzen (ä dich- der Finsternis«, 1681). Mustertexte sind neben den nl.
terische Freiheit), die in der Dichtungspraxis ausgelo- Dramen (J. van den Vondel) Opitz’ Übers.en von Sene-
tet werden. Daraus erwächst eine Vielfalt poetischer cas »Trojanerinnen« (1625) und Sophokles’ »Anti-
Formen, die den präskriptiven Anspruch der Anlei- gone« (1636). An ihnen orientiert sich bes. der auf Af-
tungspoetiken sukzessive zurückdrängt und zum Un- fektkontrolle gerichtete Dramentyp des ä schlesischen
tergang des barocken Poetikparadigmas um 1700 bei- Trauerspiels, der sich seit der Jh.mitte etabliert (A.
trägt. Gryphius: »Leo Armenius«, 1650). Hinzu kommen die
Für die frühe Lyrik sind die Gedichtsammlungen von großen ä Geschichts- und ä Märtyerdramen von Gry-
Opitz mustergültig (»Teutsche Poemata«, 1624; »Geist- phius (»Catharina von Georgien«, 1657; »Papinian«,
liche Poemata«, 1638; »Weltliche Poemata«, 1644). Sie 1659), D. C. Lohenstein (»Cleopatra«, 1661; »Agrip-
bilden das neue Gattungsspektrum und zentrale Dich- pina«, 1665; »Sophonisbe«, 1680), A. A. v. Haugwitz
tungstraditionen wie den ä Petrarkismus ab. Die ›Opit- (»Maria Stuarda«, 1683) und J. Ch. Hallmann (»Mari-
zianer‹ J. Rist, A. Tscherning und J. P. Titz setzen die amne«, 1670). Im Bereich des protestantischen
Versreform im protestantischen Norden durch Schultheaters (ä Kinder- und Jugendtheater) entstehen
(ä schlesische Dichterschule). Im Leipziger Dichter- neben den Alexandrinertragödien die Prosadramen
kreis führen die ä Sonette P. Flemings (»Teütsche Poe- Ch. Weises (»Masaniello«, 1683). Die wichtigste kath.
mata«, 1641) christlich-neustoizistisches Gedankengut Theaterform des 17. Jh.s ist das ä Jesuitendrama (J. Bi-
(J. Lipsius) zu vollendeter Formkunst. Zur bekanntes- dermann: »Cenodoxus«, 1602). Das Schauspiel der
ten B.lyrik zählt die unter dem Eindruck des Dreißig- ä Wanderbühnen ist durch engl. Komödianten und die
jährigen Kriegs entstandene Vanitasdichtung von A. it. ä Commedia dell’ Arte geprägt. Höfische Formen
Gryphius (»Sonnette«, 1643/50). Weitere Zentren sind sind ä Singspiel und ä Oratorium. Als Zentrum des
der ä Königsberger Dichterkreis um S. Dach und der Schäferspiels gilt Nürnberg (ä Schäferdichtung). Die
Pegnesische Blumenorden in Nürnberg (S. v. Birken, ä Komödie ist mit ihrer satirischen Verlachkomik der
G. Ph. Harsdörffer, J. Klaj), dessen experimentelle Sozialdisziplinierung verpflichtet (Heinrich Julius von
Klangpoesie (ä onomatopoietische Dichtung) Opitz’ Braunschweig: »Vincento Ladislo Sacrapa«, 1594; A.
›Klassizismus‹ (vgl. R. Alewyn: »Vorbarocker Klassi- Gryphius: »Peter Squentz«, 1658; »Horribilicribrifax«
zismus und gr. Tragödie«, 1926) zur artifiziellen Form- 1663). Schulpädagogische Ziele verfolgen die Komö-
kunst steigert. Um 1700 verbreiten sich die ästhetisier- dien Ch. Weises (»Schauspiel vom Niederländischen
ten Spielgedichte Ch. Hoffmann v. Hoffmannswaldaus Bauer«, 1700), während in den »Schlampampe«-Ko-
und die rhet. übersteigerte Lyrik D. C. v. Lohensteins, mödien Ch. Reuters (1695 f.) gegenüber dem Lehr-
deren ä Pathos und Bildlichkeit später als schwülstig haften der Unterhaltungswert an Bedeutung gewinnt.
abgewertet wird (ä Marinismus). In diesem Kontext Formen der Erzähllit. sind im 17. Jh. ä Anekdote,
entsteht die erotische Lyrik der ä galanten Dichtung ä Fazetie, ä Apophthegma, ä Schwank, Prosaekloge,
(B. Neukirch, A. v. Abschatz, J. v. Besser, Ch. F. Hu- ä Volksbuch und ä Roman. Für den Roman liefert wie-
nold), welche Tabubrüche ironisch gestaltet. Früh- derum Opitz Musterübers.en (A. Barclays »Argenis«,
formen politischer Lit. (Hofkritik) finden sich in den 1626; Ph. Sidneys »Arcadia«, 1638). Als erste ä Roman-
satirischen ä Epigrammen F. v. Logaus (»Sinn-Ge- theorie gilt P.-D. Huets »Traité de l’ origine des romans«
tichte«, 1654). Neben die weltlichen Formen der ä Ge- (1670). In Deutschland bestimmt S. v. Birkens »Dicht-
legenheitsdichtung treten die Gebrauchstexte des Kunst« (1679) den Roman als eigenständige Gattung.
ä Kirchenlieds (P. Gerhardt, J. Crüger). Komplementär Die wirkungsmächtige Romankritik der Zeit begreift
zur humanistischen Poesie steht die umfangreiche B.- die fiktive Textform dagegen noch als Teufelswerk
Mystik, deren ästhetisierte Frömmigkeit stärker auf (z. B. G. Heidegger: »Mythoscopia Romantica«, 1698).
den Einzelnen ausgerichtet ist. Die protestantische Zu den wichtigsten Romanformen des B. zählen: 1. der
ä Mystik D. Czepkos oder Q. Kuhlmanns orientiert staatspolitisch und enzyklopädisch ausgerichtete hö-
Bauerndichtung 71

fisch-historische Roman (Anton Ulrich von Braun- Lit.: Th.W. Adorno: Der mißbrauchte B. In: ders.: Ohne
schweig: »Octavia«, 1677–1707, D. C. v. Lohenstein: Leitbild. Ffm. 1967, S. 133–157. – W. Barner: B.rhet.
»Arminius«, 1689 f.); 2. der das ›Private‹ betonende [1970]. Tüb. 22002. – Ders. (Hg.): Der lit. B.begriff.
Schäferroman (»Jüngst=erbaute Schäfferey«, 1632; Darmstadt 1975. – Th. Borgstedt, A. Solbach (Hg.):
vermutlich von G. Ch. V. Gregersdorf); 3. der satirische Der galante Diskurs. Dresden 2001. – G. E. Grimm:
Roman: Das Muster der menippeischen ä Satire verar- Lit. und Gelehrtentum in Deutschland. Tüb. 1983. – S.
beitet J. M. Moscheroschs episodische Reiserevue »Ge- Heudecker: Modelle lit.kritischen Schreibens im aus-
sichte Philanders von Sittewald« (1640); das Schema gehenden 17. und der ersten Hälfte des 18. Jh.s. Tüb.
des ä Pikaro-Romans variieren H. J. Ch. v. Grimmels- 2005. – H. Jaumann: Die Entstehung der lit. B.katego-
hausen (»Simplicissimus Teutsch«, 1668) und J. Beer rie und die Frühphase der Umwertung. In: Archiv für
(»Der Simplicianische Welt-Kucker«, 1677–79). Dem Begriffsgeschichte 20 (1976), S. 17–41. – Ders.: B. In:
politicus-Ideal folgen die Romane Ch. Weises (»Drei RLW. – H.-G. Kemper: Dt. Lyrik der Frühen Neuzeit. 6
ärgsten Ertz-Narren in der gantzen Welt«, 1672) und in 10 Bdn. Tüb. 1987–2006. – V. Meid: B. In: Killy/
J. Riemers (»Der politische Maul-Affe«, 1679), indem Meid. – A. Meier (Hg.): Die Lit. des 17. Jh.s. Mchn.
sie die Klugheit des Menschen im öffentlichen Han- 1999. – P. Münch: Das Jh. des Zwiespalts. Stgt. u. a.
deln befördern sollen. In Ch. Reuters »Schelmuffsky« 1999. – D. Niefanger: B. [2000]. Stgt., Weimar 22006. –
(1696 f.) tritt die moralsatirische Ausrichtung zu Guns- I. Stöckmann: Vor der Lit. Tüb. 2001. – F. Strich: Der
ten der Unterhaltung durch derbe Effekte zurück. Ele- lyrische Stil des 17. Jh.s [1916]. In: R. Alewyn (Hg.):
mente des höfisch-historischen Romans und des Schä- Dt. B.forschung. Köln, Bln. 1965, S. 229–259. – St.
ferromans verbindet seit den 1680er Jahren der galante Trappen: Gattungspoetik. Hdbg. 2001. – Ch. Wagen-
Roman (Ch. F. Hunold: »Die liebenswürdige Adalie«, knecht: Weckherlin und Opitz. Mchn. 1971. – M.
1702). Windfuhr: Die barocke Bildlichkeit und ihre Kritiker.
Die Forschung konzentrierte sich lange auf den ›Opit- Stgt. 1966. JW
zianismus‹ der gelehrten Kunstdichtung; erst jüngere, Barzelle·tta, f. [it. = Witz], auch Frottola-barzelletta,
kulturgeschichtlich ausgerichtete Studien erschließen volkstümliches it. Gedicht, ursprünglich mit Laute und
die reiche Lit.produktion der Zeit in ihrer ganzen Viola vorgetragen. Ihre Blütezeit hatte die B. in der
Breite. Dazu gehören die nlat. und volkssprachigen zweiten Hälfte des 15. Jh.s, als sich höfische Dichter
Texte aus dem Kontext der ä Gegenreformation (vgl. wie Poliziano und F. Galeota in dem Genre hervor-
Pörnbacher) ebenso wie der gesamte Bereich nicht- taten; anlässlich der florentinischen Karnevalsumzüge
fiktionaler Prosa (Briefe, ä Briefsteller, ä Predigten, wurden ä ballate in Form der B. komponiert. Berühm-
Leichabdankungen, Hausväterlit., ä Komplimentier- testes Beispiel ist die »Canzona di Bacco« von Lorenzo
bücher). Zur Öffnung des Lit.betriebs auf eine nicht- de’ Medici, der auch als Begründer der Gattung gilt.
gelehrte Leserschaft hin tragen die dt.sprachige Kon- Die B. variiert die Struktur der ballata und besteht aus
versationslit. (G. Ph. Harsdörffer: »Frauenzimmer der ripresa mit vier trochäischen Achtsilblern (Reim-
Gesprächsspiele«, 1641–49) und die umfangreiche folge: xyyx), der mutazione (abab) und der volta (bccx
›Buntschriftstellerei‹ der Zeit bei (E. W. Happel: oder byyx). WG
»Größte Denkwürdigkeiten der Welt oder Sogenannte Basis, Ggs. zu ä Überbau.
Relationes Curiosae«, 1683 f.). Verbreitet sind zudem Basiserzählung ä Analepse, ä Prolepse.
ä Flugschriften, neben denen ein Zeitungswesen ent- Bathos, n. [gr. = Tiefe], bezeichnet bei A. Pope den
steht (erste dt. Tageszeitung seit 1660 in Leipzig: »Täg- unfreiwilligen Umschlag vom Erhabenen (ä Pathos)
lich Neu-einlauffende Nachricht von Kriegs- und ins Banale, vgl. die Prosasatire »Peri bathos or of the
Welt-Händeln«). Mit Blick auf die Vielfalt solcher art of sinking in poetry« (1727), eine Travestie der
Textmuster erscheint aus heutiger Sicht die – ohnehin spätantiken lit.ästhetischen Schrift »De sublimitate«,
auf den dt. Sprachraum beschränkte – harte Epochen- in der Pope aus der Polemik gegen zeitgenössische
zäsur zwischen B. und Aufklärung als Konstruktion Schriftsteller eine Art negativer ä Ars Dictandi ent-
des 18. Jh.s. Demgegenüber hebt man stil- und geistes- wickelt. GS/Red.
geschichtliche Gemeinsamkeiten hervor und nimmt Bauerndichtung, lit. Gestaltung der bäuerlichen
einen abgestuften Übergang (›Sfumato‹) zur Aufklä- Welt- und Lebensform in allen Gattungen. Verfasser
rung an; statt die ›spätbarocken‹ Tendenzen einem his- und Rezipienten von B. gehören bis zum 19. Jh. nicht
torischen Verfallsmodell unterzuordnen, hebt man die dem Bauernstand an. In der Antike ist der Bauer Spott-
bes. Produktivität und Offenheit des Lit.systems um figur in (epischen und dramatischen) Schwänken und
1700 hervor. Komödien, im MA. (bis hin zu Hans Sachs) in ä Neid-
Texte: H. Pörnbacher (Hg.): Die Lit. des B. Mchn. 1986. hart- und ä Fastnachtspielen – eine Tradition, die in
– A. Schöne (Hg.): Das Zeitalter des B. Mchn. 31988. den derb trivialen Bauernpossen des ä Bauerntheaters
Bibliographien: G. Dünnhaupt: Personalbibliogra- bis heute lebendig ist. Daneben erscheint der Bauer in
phien zu den Drucken des B. 6 Bde. Stgt. 1990–93. – mal. Werken in unterschiedlichen Funktionen: Positiv
Verzeichnis der im dt. Sprachgebiet erschienenen Dru- gesehen als meier (Pächter) im »Armen Heinrich«
cke des 17. Jh.s. (www.vd17.de). Hartmanns von Aue, als Typus des Unhöfischen im
72 Bauerndichtung

»Parzival« (569, 30) Wolframs von Eschenbach, als hoff). – In der »Oberhof«-Erzählung aus K. L. Immer-
Vertreter eines durch soziale Aufstiegsambitionen ge- manns satirischem Zeitroman »Münchhausen«
fährdeten Standes im »Helmbrecht« Wernhers des (1838/39) wird die traditionsgebundene Welt des Hof-
Gartenaere (um 1250) oder im »Seifried Helbling« (ge- schulzen realistisch geschildert. Aber auch sie ist v. a.
gen 1300), als didaktisch eingesetzte Kontrastfigur im funktional als idealisiertes Kontrastmodell dem »Pferch
»Ring« von Heinrich Wittenwîler (1400). Dagegen ist der Zivilisation« mit seinen bindungslosen Menschen
der von Neidhart in die Lit. eingeführte dörper keine gegenübergestellt. Frei von solcher Tendenz und Funk-
Bauernkarikatur, sondern eine satirische Kunstfigur, tion sind die Romane von J. Gotthelf (u. a. »Uli, der
eine Persiflierung des höfischen Ritters (ä dörperliche Knecht«, 1841; »Geld und Geist«, 1843). In epischer
Dichtung). Abgesehen vom Volkslied, das in Arbeits-, Breite gestaltet er ohne jede Sentimentalisierung eine
Jahreszeiten- u. a. Liedern überzeitlich konkrete bäuer- von innen (nicht wie bisher von außen) erlebte bäuer-
liche Tätigkeiten besingt, werden nur die sog. Bauern- liche Welt. Populärer als Gotthelfs Werk wird seit Mitte
klagen des 16. und 17. Jh.s einer bäuerlichen Wirklich- des 19. Jh.s die ä Dorfgeschichte (B. Auerbach, J. Rank,
keit gerecht: Es sind einfache Gedichte über die Not der M. Meyr u. a.), die, Immermanns Ansatz (und damit
Bauern, die bes. zur Zeit der Bauernkriege und des den traditionellen zivilisationskritischen Topos) wei-
Dreißigjährigen Krieges als Flugblätter in Süddeutsch- terführend, eine idealistisch-verklärte bäuerliche Welt
land verbreitet sind. Aber sie bleiben, wie die Hinweise entwirft, die durch regionale Begrenzung, detailliertes
auf die desolate Situation der Bauern bei H. J. Ch. v. Lokalkolorit, realistische Milieuzeichnung und mund-
Grimmelshausen und J. M. Moscherosch, vereinzelt. artliche Sprache Wahrheitsanspruch erhebt. Dorfge-
Im Barock wird der Bauer zum Versatzstück der Schä- schichte und Bauern- oder Heimatromane werden mit
fer- und Hirtendichtung, dem lit.-ästhetischen Gegen- der fortschreitenden Entwicklung des Agrarstaats zum
entwurf zur zeremoniellen höfisch-städtischen Exis- Industriestaat immer konservativer – und immer po-
tenzform. Die reale bäuerliche Welt wird nicht wahrge- pulärer (Höhepunkt 1870), indem sie einem bürger-
nommen. – Stilisierte Kunstfigur bleibt der Bauer auch lichen Publikum einen scheinbar unproblematischen
in der ä Idylle (S. Geßner) und der Lyrik des 18. Jh.s, Identifikations- und Fluchtraum vor den andrän-
wandelt sich jedoch mit der Emanzipation des Bürger- genden Zeitproblemen der Frühindustrialisierung an-
tums vom höfisch-tändelnden Hirten in arkadischer bieten. Diese Ideologisierung der bäuerlichen Welt
Umwelt zum tugendhaften Landmann in einer unge- wird in der ä Heimatkunst einseitig kulturkritisch und
künstelten Naturlandschaft. Seine ästhetische Moralität nationalistisch intensiviert (H. Federer, A. Huggenber-
weckt das bürgerliche, aufklärerisch-philanthropische ger, L. v. Strauß und Torney, H. Löns, H. E. Busse, P.
Interesse auch für seine realen Lebensbedingungen Dörfler, F. Griese u. a.). Sie bereitet damit die rassisch-
(Maler Müller). Von Einfluss sind dabei die Kulturphi- völkische Vereinnahmung des Bauerntums in der ä na-
losophie J.-J. Rousseaus und J. G. Herders und die sozi- tionalsozialistischen Lit. vor. – Außerhalb dieser Ent-
alreformerischen Bestrebungen J. Mösers, E. M. Arndts wicklung stehen G. Kellers tragische Novelle »Romeo
u. a., die v. a. vom ä Göttinger Hain (bes. J. H. Voß) und und Julia auf dem Dorfe« (1856, die Übertragung eines
später vom ä Jungen Deutschland aufgegriffen werden Stoffes der Weltlit. auf bäuerliche Verhältnisse), die so-
(Leibeigenschaft, Aberglaube u. a.). Einflussreiche zialkritischen Werke F. Reuters, F. M. Felders oder L.
Werke der B. sind im 18. Jh. neben A. v. Hallers kultur- Anzengrubers, der auch ein psychologisch scharf ge-
kritischem Lehrgedicht »Die Alpen« (1729/32) bes. die zeichnetes Bauerndrama begründet, das zu aktuellen
physiokratischen, sozial-utopischen und sozialpädago- gesellschaftspolitischen Fragen Stellung nimmt. – Im
gischen Schriften J. C. Hirzels (»Die Wirtschaft eines ä Naturalismus werden dann die desolaten bäuerlich-
philosophischen Bauers«, 1761), und J. H. Pestalozzis ländlichen Verhältnisse in realen Dimensionen gesehen
(»Lienhard und Gertrud«, 1781/87) sowie die naive und mit sozialem Pathos geschildert, u. a. von C. Vie-
»Lebensgeschichte … des Armen Mannes im Tocken- big, W. v. Polenz, G. Hauptmann, G. Frenssen und L.
burg« (1789) von U. Bräker, dem ersten und lange Zeit Thoma. – In dieser Tradition stehen im 20. Jh. die dis-
einzigen Autor aus dem Bauernstand selbst. – Entspre- tanziert kritischen, exakt beschreibenden Werke von L.
chend den aufklärerisch-liberalen Bildungsideen ent- Christ, O. M. Graf, H. Fallada (»Bauern, Bonzen und
steht seit Ende des 18. Jh.s eine Fülle volkstümlicher, Bomben«, 1931), J. R. Becher (»Die Bauern von Unter-
Belehrung und Unterhaltung mischender Ratgeber, preißenberg«, 1932), A. Seghers (»Der Kopflohn«,
Sach- und Hilfsbücher für Bauern, die aber diese kaum 1933), A. Scharrer (»Maulwürfe«, 1934), Ehm Welk
je erreichen (Analphabetentum auf dem Lande) und (Kummerow-Romane seit 1937). – Nach 1945 trat (ab-
stattdessen zum modischen Lesestoff für das Bürger- gesehen von der Triviallit.) in der Lit. der Bundesre-
tum werden (J. P. Hebel: »Schatzkästlein«, 1811). Die publik die bäuerliche Thematik zunächst ganz zurück.
Romantik entdeckt das Land auch als lit.-ästhetischen Dagegen knüpfte die DDR an die Tradition der proleta-
Raum und macht mit ihrem Interesse am Volkstüm- rischen Landerzählung an, stellt jedoch statt deren
lichen auch den Bauern lit.fähig: Erstmals erscheint er klassenkämpferischen Anklagen die lit. Widerspiege-
als tragische Figur (C. Brentano: »Geschichte vom lung der sozialistischen Umgestaltungen auf dem
braven Kasperl …«, 1817; H. v. Kleist, A. v. Droste-Hüls- Lande in den Mittelpunkt, sei es unter bewusstseinsbil-
Beat-Generation 73

denden, pragmatischen oder chronikalischen As- Bazoche, f. [neufrz. Basoche, von lat. basilica = Justiz-
pekten, vgl. die ›sozialistischen Landromane‹ von O. palast], spätmal. Vereinigung von Gerichtsgehilfen
Gotsche, B. Voelkner, W. Reinowski, B. Seeger, E. Stritt- (clercs du Palais) in frz. Städten (bes. am Parlement de
matter (»Ole Bienkopp«, 1963) oder die ›Agrodramen‹ Paris), die auch als Autoren und Schauspieler auftre-
u. a. von H. Sakowski und die sozialistischen Dorfge- ten. In Paris führt die B. gemeinsam mit der Narrenge-
schichten. Dabei wird die Bez. ›B.‹ durch ›Landleben- sellschaft der ä Enfants sans souci neben ernsten mora-
Lit.‹ ersetzt, die als Teil einer sozialistischen Nationallit. lités v. a. komische Farces (Schwänke) und Sotties
am überschaubaren Modell eines Dorfes Verände- (Narrenspiele) auf. Die B.-Lit. weist eine ausgeprägte
rungen widerspiegele, die für die gesamte sozialistische mentalité juridique und einen starken Korpsgeist auf;
Gesellschaft typisch seien. – Zur B. in der Bundesre- sie übt satirische Kritik an Schwertadel und Klerus so-
publik vgl. ä Heimatlit., Dorfgeschichte. Die europä- wie an streitsüchtigen Prozessparteien, lässt aber den
ische B. folgt den für die dt. Lit. aufgezeigten Entwick- Juristenstand unangefochten, mit Ausnahme lächer-
lungslinien: zur eigenwertigen Thematik wird das Bau- licher Dorfrichter und Winkeladvokaten. Die Satire
erntum allg. seit dem 19. Jh., meist ebenfalls in verschärft sich Ende des 15. Jh.s mit der Erstarkung
konservativ-agrarischer Ausprägung trotz der fort- der königlichen Zentralgewalt, was zu Zensurmaß-
schreitenden Industrialisierung; allerdings fehlt oft die nahmen führt.
für die dt. B. typische Ideologisierung, vgl. in Frank- Lit.: K. Becker: Amors Urteilssprüche. Recht und Liebe
reich G. Sand (»Die kleine Fadette«, 1849), H. de Balzac in der frz. Lit. des Spät-MA.s. Bonn 1991, S. 333–368.
(»Die Bauern«, 1844/55), É. Zola (»Mutter Erde«, – H. G. Harvey: The Theatre of the Basoche. Cam-
1887), F. Jammes, J. Giono, in der Schweiz Ch. Ramuz, bridge/Mass. 1941. KB
in Italien G. Verga, I. Silone, in Norwegen B. Björnson, Bearbeitung, Veränderung eines lit. Werkes durch
K. Hamsun (»Segen der Erde«, 1917), T. Gulbranssen, fremde Hand. Gründe für B.en können u. a. sein: (ver-
in Schweden S. Lagerlöf, in Island G. Gunnarson, H. meintliche) Verbesserungen (Eliminierung veralteter
Laxness (»Salka Valka«, 1931 f.), in Finnland A. Kivi, Ausdrücke, stilistische oder metrische Glättungen, vgl.
F. E. Sillanpäa (»Silja, die Magd«, 1931), in Polen W. S. z. B. E. Mörikes B. der Gedichte W. Waiblingers, 1844),
Reymont, in Russland I. S. Turgenjew, A. Tschechow, Erschließung neuer Leserkreise (Reduzierung schwie-
M. Gorki, J. A. Bunin; das flämische Bauerntum schil- riger Werke auf den erzählerischen Kern, bes. für die
dern St. Streuvels, F. Timmermans, das chines. be- Jugend), Rücksichtnahme auf bestimmte Moralvor-
schreibt P. S. Buck. stellungen (vgl. z. B. die Shakespeare-B. durch T. Bowd-
Lit.: H. Brackert: Bauernkrieg und Lit. Ffm. 1975. – G. ler, 1818, seither engl. to bowdlerize = von Anstößigem
Jäckel (Hg): Kaiser, Gott und Bauer. Bln. 21983. – G. reinigen, verballhornen). Neuerdings ist am häufigsten
Kühn: Welt und Gestalt des Bauern in der dt.spra- die B. von Romanen, Erzählungen usw. für Bühne,
chigen Lit. Diss. Lpz. 1970. – N. Mecklenburg: Erzählte Film, Funk, Fernsehen, vgl. ä Bühnenbearbeitung,
Provinz. Königstein/Ts. 1982. – P. Zimmermann: Der ä Dialogisierung, ä Dramatisierung, ä Adaption, auch
Bauernroman. Stgt. 1975. Red. ä Redaktion, ä Rezension. GS/Red.
Bauerntheater, Sammelbez. für Laienaufführungen Beat-Generation, f. [engl., von beatific = glückselig;
von Stücken (häufig ä Schwänke, Lokalpossen) mit beaten down = niedergeschlagen, erschöpft; beat =
bäuerlicher Thematik, deren Darsteller selbst aus bäu- Rhythmus des Jazz], Gruppe junger am. Schriftsteller
erlich-ländlichem Milieu stammen. Da die Laien an- in den späten 1950er Jahren, die durch eine apolitisch-
geblich ihre eigene Lebenswelt darstellen, erhebt das B. anarchistische, nonkonformistisch-eskapistische und
einen bes. Authentizitätsanspruch, dem aber die zu- bohèmehafte Lebensform gegen die kulturellen und
nehmende Professionalisierung und Kommerzialisie- moralischen Normen ihrer Zeit sowie den die Gesell-
rung entgegenstehen. – Das B. knüpft an Traditionen schaft prägenden Utilitarismus rebellierte. – Inspiriert
des mal. und barocken ä Volksschauspiels an und durch den Zen-Buddhismus sowie die jüdische und
wurde zur Zeit seiner Entstehung um 1850 im Rahmen christliche ä Mystik, inszeniert die B. die Bewusstwer-
von Festen vor einheimischem Publikum aufgeführt. dung und hedonistische Entfaltung des Selbst. Die
Im späten 19. Jh. wurde es mehr und mehr an die Be- Musik des Jazz, exzessiver Drogen- und Alkoholkon-
dingungen des Fremdenverkehrs angepasst, wobei es sum sowie freie Sexualität indizieren nicht nur poli-
aus Feierkontexten herausgelöst, inhaltlich auf die In- tische Verweigerung und gesellschaftliche Revolte,
szenierung von Naturnähe und Heimatromantik ange- sondern sind auch Mittel der Bewusstseinserweite-
legt sowie verstärkt auf ä Pointen ausgerichtet wurde. rung, der Grenzerfahrung des Individuums und des
Bis heute hat das B. seinen Platz im Rahmen von Folk- intensivierten Daseinsgefühls. Zentren der B. waren
lorismus und Brauchtumspflege, z. T. auch im Fern- Greenwich Village/NY, San Francisco und Venice/Ca-
sehen. lif. Programmatische wie formale Vorbilder waren
Lit.: A. C. Ammann: Schliersee und sein B. Dachau H. D. Thoreau, W. H. Davies, W. C. Williams, D. H.
1992. – E. G. Nied: Almenrausch und Jägerblut. Die Lawrence, W. Whitman und E. E. Cummings. Die
Anfänge des berufsmäßigen oberbayerischen B.s vor Sprache der B. zeichnet sich durch provozierende Ob-
dem Ersten Weltkrieg. Mchn. 1986. LI szönität sowie die Verwendung von Slang und um-
74 Bedeutung

gangssprachlichen Wendungen aus. Die strukturlos- konstruiert. B. berührt dabei Wortgeschichte einer-
assoziativen, betont improvisierten lyrischen Texte seits, Sach- und Ideengeschichte andererseits. – Die dt.
sind der surrealistischen Metaphorik verpflichtet; die B. institutionalisierte sich – nach Vorarbeiten etwa bei
Prosa ist durch bewusst episodenhafte Struktur ge- dem Kunsthistoriker Panofsky – Mitte des 20. Jh.s zu-
kennzeichnet. – Wichtige Vertreter sind A. Ginsberg nächst als zentrale Methode der Philosophie, die sich
(»Howl«, 1956), J. Kerouac (»On the Road«, 1957) und bald auch in anderen Disziplinen etablierte. In den
W. S. Burroughs (»Naked Lunch«, 1959), ferner G. letzten Jahren hat sich die methodologische Diskus-
Corso, L. Ferlinghetti, C. Holmes, LeRoi Jones, M. Mc- sion intensiviert, nachdem schon zuvor zahlreiche
Clure, G. Snyder und P. Whalen. Die B. hatte großen Einzelstudien zur B. erarbeitet worden waren. Diese
Einfluss auf die nachfolgende ä Underground- und sind dokumentiert im »Archiv für B.« (seit 1955) und
ä Poplit., auch im dt. Sprachraum (R.D. Brinkmann, in begriffsgeschichtlichen Lexika wie dem »Histo-
W. Wondratschek). rischen Wörterbuch der Philosophie« (HWbPh), den
Lit.: J. Campbell: This is the Beat generation. NY 2000. »Geschichtlichen Grundbegriffen« (GG), dem »Histo-
– A. Charters (Hg.): Beat down your Soul. NY 2001. – rischen Wörterbuch der Rhet.« (HWbRh) und dem
A. Dister: La Beat generation. Paris 1997. – E. H. For- »Reallexikon der dt. Lit.wissenschaft« (RLW). Der
ster: Understanding the Beats. Columbia 1992. – H.- Bezug auf die B. im RLW zielt auf einen präzisierten,
Ch. Kirsch: Dies Land ist unser. Mchn. 1993. – W. historische Bedeutungsschichten rekonstruierenden
Lawlor: The Beat generation. Pasadena 1998. – A. R. und gewichtenden fachwissenschaftlichen Sprachge-
Lee (Hg.): The Beat generation. writers. East Haven brauch.
1996. – K. Myrsiades: The Beat generation. NY 2002. – Lit.: A. Bartels: Bedeutung und B. Paderborn 1994. –
J. Raskin: American Scream. Berkeley 2004. SSI H. E. Bödeker (Hg.): B., Diskursgeschichte, Meta-
Bedeutung, mit ä Zeichen verbundene Information. pherngeschichte. Gött. 2002. – C. Dutt (Hg.): Heraus-
Modelle der B. können auf mentalen, materiellen oder forderungen der B. Hdbg. 2003. – H. Fricke, K. Wei-
sozialen Gegebenheiten beruhen. Bestandteile der B., mar: B. im Explikationsprogramm. In: Archiv für B. 39
die von den zahlreichen Theorien sehr unterschiedlich (1997), S. 7–18. – H. U. Gumbrecht: Dimensionen und
gewichtet werden, sind: der Bezug zu den bezeichneten Grenzen der B. Mchn. 2006. – R. Koselleck: B. und So-
Tatsachen und Objekten (ä ›Referenz‹ oder ›Exten- zialgeschichte [1972]. In: ders.: Vergangene Zukunft.
sion‹), das Verhältnis der B. tragenden Elemente eines Ffm. 1989, S. 107–129. – E. Müller: B. im Umbruch?
Systems untereinander (›Intension‹) bzw. die ›Art des Hbg. 2005. – E. Panofsky: Idea. Ein Beitrag zur B. der
Gegebenseins‹ der bezeichneten Entität (der ›Sinn‹ bei Kunsttheorie [1924]. Nachdr. Bln. 1993. VL
Frege), konventionelle Verwendungsweisen von Zei- Beichtformel, f., auch: Beichte; durch Anrufungen ei-
chen (ä Sprachspiele), der Beitrag zur Feststellung eines ner religiösen Instanz eingerahmte Aufzählung von
Wahrheitswertes (›Verifikation‹), die mit der Benut- Tat-, Gedanken- und Unterlassungssünden in Ich-
zung verbundenen Vorstellungen (mentale Bilder), Form mit dem Ziel der Entsühnung. Die auf biblischer
ä Konnotationen und ä Assoziationen sowie die ä In- Grundlage (Jak 5, 16; Gal 5, 19–21) entstandenen B.n
tentionen des Zeichenbenutzers. – Die Lit.theorie be- in Prosa sind als Sündenbekenntnis wesentlicher Teil
stimmt als Eigenheit lit. Rede zumeist die Entfaltung des Bußsakraments, das auch pars pro toto als ›Beichte‹
aller B.spotentiale sprachlicher Zeichen(-gruppen). An bezeichnet wird. Beginnend mit der »altbairischen
fiktionalen Texten wird v. a. die Referenz sprachlicher Beichte« um 800 sind zahlreiche altdt. B.n überliefert.
Zeichen über den lit. Text hinaus problematisiert. Bes. Beichtbüchlein (seit dem 14. Jh.) leiten zum rechten
mit Bezug auf die Wahrheitsfunktion nimmt der De- Umgang mit dem Beichtsakrament an. In gekürzter
konstruktivismus lit. Sprache als Modell für die B.swei- Form hat sich die B. als ›Offene Schuld‹ bis heute im
sen von Sprache generell, während analytische Lit.theo- kath. Gottesdienst erhalten. Säkular erfuhr die Beichte
rien die Trennung der B. lit. (fiktionaler) von der B. schon früh (teils parodistische) Abwandlung und hat
philosophischer und wissenschaftlicher Rede fordern. in der ä Autobiographie, aber auch in fiktionalen Tex-
Lit.: G. Frege: Über Sinn und B. [1892]. In: ders.: Funk- ten (Th. Mann: »Der Erwählte«) gewirkt.
tion, Begriff, B. Gött. 71994, S. 40–65. – F. Jannidis u. a. Lit.: T. Brandis: Zu den altdt. B.n. In: V. Honemann
(Hg.): Regeln der B. Bln., NY 2003. – P. Lamarque, (Hg.): Dt. Hss. 1100–1400. Tüb. 1988, S. 168–178. – U.
St. H. Olsen: Truth, Fiction, and Literature. Oxford Schulze: Beichte. In: RLW. GSR
1994. – G. Meggle (Hg.): Handlung, Kommunikation, Beiseite(sprechen), nach frz. à part, it. a parte, Kunst-
B. Ffm. 1993. – A.W. Stechow, D. Wunderlich (Hg.): griff der Dramentechnik: eine Bühnenfigur spricht für
Semantik. Bln. 1991. – D. Thürnau: B. In: RLW. – M. sich oder unmittelbar zum Publikum (ad spectatores),
Titzmann: B.saufbau. In: RLW. JG ohne dass dies von den übrigen Bühnenfiguren zur
Bedeutungsübertragung ä Parabel. Kenntnis genommen würde. Dieses Heraustreten aus
Bedruckstoff ä Druck. der Bühnensituation kann die Illusion durchbrechen,
Befreites Theater ä Poetismus. oft von komischer Wirkung, daher beliebtes Stilmittel
Begriffsgeschichte, Forschungsmethode, welche Be- der Komödie seit Aristophanes, Plautus, Terenz (ä Pa-
griffe anhand ihrer historischen Gebrauchsweisen re- rabase, auch ä lustige Person); in der Funktion der kri-
Berliner Klassik 75

tischen Kommentierung des Bühnengeschehens im zu samen gebracht« (1531), nur zwei Lieder mit Bezug
modernen Drama wieder häufiger verwendet, vgl. den auf Bergleute; ein Bezug auf Reihen fehlt stets. Erst im
›Heutigen‹ bei M. Frisch (»Die chines. Mauer«), den Lauf der Zeit nahm in Sammlungen, die »B.« oder
›Sprecher‹ bei J. Anouilh (»Antigone«), das ä epische ähnlich überschrieben wurden, dieses Liedgut zu.
Theater B. Brechts. – Von den Verfechtern der klassi- Bergmannslieder in größerer Zahl und in unver-
zistischen Dramentheorien und von den Naturalisten mischten Sammlungen entstanden seit der Mitte des
abgelehnt. HST 17. Jh.s; sie waren meist geistlich geprägt und wurden
Beispiel, Mittel der Erhellung, Illustration oder Be- von Geistlichen oder Bergleuten verfasst. Doch ent-
gründung eines allg. Sachverhaltes durch einen kon- standen auch weiterhin Sammlungen mit weltlichem
kreten, meist bekannten, leicht fasslichen Einzelfall, als Charakter und im Einzelfall mit Texten versehen, die
didaktische Hilfe zur lebendigen, anschaulichen Dar- ein Verbot der Sammlung veranlassten. Der Titel »B.«
stellung schon seit der Antike (ä Exempel) verbreitet. leitet also seinen Namen ursprünglich von den Aus-
– Die nhd. Form ›B.‹ (belegt bereits bei Luther) ent- übenden, nicht von den Inhalten ab. Instrumentales
stand aus mhd. bî-spel, ›Bei-Erzählung‹ (ä Bîspel) Musizieren und mehrstimmiges Singen durch ›Berg-
durch irrtümliche Analogie zu ›Spiel‹. B. wird (wie reyer‹ oder ›Bergsinger‹ ist seit dem 16. Jh. sowohl im
mhd. bîspel) auch für abgeschlossene kleine Erzählein- eigenen Umfeld als auch auf öffentlichen Plätzen, auf
heiten (in B.-Sammlungen für Predigten; ä Predigt- Messen oder vor hochgestelltem Publikum belegt. Die
märlein) gebraucht. IS/Red. frühen B.-Sammlungen sind alle ohne Noten überlie-
Beitrag ä Aufsatz. fert. Die Musiker konnten die Melodien auswendig,
Bekenntnis ä Autobiographie. die Mehrstimmigkeit entstand offenbar anfangs durch
Belehrung [gr. didáskein; lat. docere = belehren], eine freies Übersingen. Kritik und ä Parodien belegen, dass
der traditionellen ä Funktionen von Dichtung seit der die musikalische Technik dabei nicht immer auf der
ä Antike, ab dem 18. Jh. zunehmend umstritten. B. tritt Höhe des mehrstimmigen Satzes der Zeit war. Gele-
in den Gattungen der didaktischen Lit. in den Vorder- gentlich werden in Sammlungen mehrstimmiger
grund sowie häufig in Kurzformen (ä Emblem, Chormusik aus dem 16. und 17. Jh. einzelne Stücke als
ä Aphorismus). Sie kann entweder explizit über Text- ›B.‹ bezeichnet. Versuche der Musikwissenschaft, aus
signale (fabula docet, Erzählerkommentar) oder impli- solchen Stücken typische musikalische Besonderheiten
zit über bestimmte Redeweisen (ä Allegorie) deutlich abzulesen, führten zu gegensätzlichen Ergebnissen.
gemacht werden und entspricht der rhet. Funktion des Bergmannschöre und Bergmannskapellen pflegen be-
docere (ä Genera dicendi). – Mit einer vielzitierten rufsbezogenes Liedgut bis in die Gegenwart. Nur we-
Formel (»aut prodesse volunt aut delectare poetae«; niges reicht in die Zeit der B. zurück, darunter aber das
»Ars poetica«, V. 333) hat Horaz die B. in Verbindung bekannte »Glückauf, der Steiger kommt« (1531).
mit der Unterhaltung als Hauptaufgabe von Dichtung Lit.: G. Heilfurth: Das Bergmannslied. Kassel, Basel
verankert. Diese Bestimmung bleibt in MA., ä Huma- 1954. – J. Meier (Hg.): Ein Liederbuch des 16. Jh.s.
nismus und weiten Teilen der ä Aufklärung gültig: Der Halle/S. 1892. – E. Seemann: B. In: RLG. – W. Steude:
Dichter ist der ä Poeta doctus, der den Lesern auf ver- B. In: MGG2, Sachteil. JR
gnügliche und anschauliche Weise Unterricht erteilt. Bericht, einfache Darstellung eines Handlungsverlaufs
Mit dem Wandel des Dichterbildes (ä Genie) und der ohne ausmalende (ä Beschreibung), vergegenwärti-
Durchsetzung der ä Autonomieästhetik gegen Ende gende (ä Szene) oder reflektierende Elemente (ä Erör-
des 18. Jh.s wird die B. in die didaktische Lit. abge- terung). 1. In fiktionaler Lit. Grundform epischen Er-
drängt und nur noch vereinzelt wieder reaktiviert, z. B. zählens, bes. zur Exposition oder als Verbindungsmit-
im ä sozialistischen Realismus. tel zwischen ausführlicheren Phasen eines Romans
Lit.: B. F. Scholz: B. In: RLW. – G. Wöhrle: docere. In: oder einer Erzählung eingesetzt; vorherrschend bei
HWbRh. JH chronikartiger oder bewusst verhaltener Erzählweise
Belletri·stik, f. [frz. belles lettres = schöne Wissen- (H. Hesse, U. Johnson). Im Drama Mittel zur Einbezie-
schaften], zusammenfassende Bez. für nicht-wissen- hung vergangener (ä Botenbericht) oder gleichzeitiger
schaftliche, sog. ›schöne‹ oder ›schöngeistige‹ Lit. Ereignisse (ä Teichoskopie). – 2. Im Journalismus als
(Dichtungen, Essays und Erörterungen künstlerischer Tatsachen-B. v. a. Darstellung auf Grund dokumenta-
Fragen), neuerdings v. a. Bez. für sog. ä Unterhaltungs- risch gesicherten Materials (Kriegsberichterstattung
lit. Die Bez. entstand im 18. Jh. (unter Einengung der u. a.). Die Bez. wird oft synonym mit ä Reportage ver-
frz. Bedeutung, die auch Musik und Malerei umfasste, wendet, in der Regenbogenpresse häufig auch für Sen-
im Ggs. zu den lettres humaines = den Schulwissen- sationsberichte. – Zur Verwendung von Tatsachen-
schaften). IS/Red. B.en in fiktionalen Zusammenhängen vgl. ä Faction-
Benediktion ä Segen. Prosa, ä Dokumentarlit. HHS/Red.
Bergmannslied ä Bergreihen. Berliner Klassik, von dem Lit.wissenschaftler C. Wie-
Bergreihen, m., meist Pl.; dem Namen zufolge ä Tanz- demann Ende der 1990er Jahre geprägte Epochenbez.,
lied der Bergleute. Gleichwohl enthält der älteste Be- mit der die vielfältigen kulturellen Strömungen in der
leg, »etliche hubsche bergkreien geistlich und weltlich preußischen Hauptstadt in den Jahrzehnten um 1800
76 Berliner Klassik

terminologisch und forschungsstrategisch gebündelt ten Kreisen verehrt und zum Gegenstand eines Denk-
werden sollen. Die Neubildung des Begriffs hat ferner malskults wird, dessen Monumente noch heute zu be-
die forschungspolitische Funktion, der in der ä Ger- sichtigen sind. Zur Konstituierung der B. K. tragen
manistik seit dem 19. Jh. ungebrochenen Privilegie- maßgeblich Personen bei, die in enger Verbindung zur
rung der ä Weimarer Klassik, der allenfalls die Jenaer Weimarer Klassik stehen: der Romanautor und Philo-
ä Romantik an die Seite gestellt wurde, einen Kontra- soph K. Ph. Moritz (1756–93), der 1786 J. W. Goethe in
punkt entgegenzusetzen, z. B. durch die Gründung ei- Italien trifft, Grundlagentexte der ä Autonomieästhe-
ner einschlägigen Arbeitsgruppe der Berlin-Branden- tik verfasst (»Über die bildende Nachahmung des
burgischen Akademie der Wissenschaften sowie einer Schönen«, 1788) und 1789 Professor für Altertums-
Buchreihe. Die Leistungsfähigkeit des Begriffs ist trotz kunde an der Berliner Akademie der Künste wird; der
dieser produktiven Wirkungen wegen der Heteroge- Archäologe und Kunstkenner A. L. Hirt (1759–1837),
nität der mit ihm bezeichneten Phänomene noch Goethes Fremdenführer in Rom, seit 1796 Mitglied
umstritten. – Die Bez. kann an zeitgenössische Wen- der Berliner Akademie der Wissenschaften und Pro-
dungen anknüpfen wie die zuerst 1706 in einem Lob- fessor an der Akademie der Künste, seit 1810 an der
gedicht E. Wirckers überlieferte Rede vom »Spree- Universität; der von Goethe aufs höchste geschätzte
Athen« (vgl. Ziolkowski, S. 9). Wenige Jahre zuvor Komponist, Musikpädagoge und Kulturpolitiker C. F.
(1701) war der brandenburgische Kurfürst Friedrich Zelter (1758–1832); der Naturforscher, Geograph und
III. zum preußischen König Friedrich I. gekrönt wor- Weltreisende A. v. Humboldt (1769–1859) sowie des-
den; in seine Regierungszeit (1688–1713), die stark sen Bruder, der Sprachwissenschaftler, Philosoph und
durch die kulturellen Ambitionen seiner Gattin Sophie Politiker W. v. Humboldt (1767–1835), der entschei-
Charlotte (1668–1705) geprägt wurde, fallen der Bau denden Anteil an der Gründung der Berliner Universi-
höfisch-barocker Residenzen sowie die Gründung ei- tät 1810 hat. Deren erster Rektor wird der Philosoph
ner Akademie der Künste (1696) und – unter Feder- J. G. Fichte (1762–1814), der schon in seinen 1807 f. in
führung des Philosophen G. W. Leibniz (1646–1716) – Berlin gehaltenen »Reden an die dt. Nation« dem poli-
einer Akademie der Wissenschaften (1700). Die da- tischen Untergang ein Programm geistiger Erneuerung
mals in ganz Europa zu beobachtende Orientierung entgegengesetzt hat. Nachfolger Fichtes auf dem philo-
am Herrschaftsstil des frz. Königs Ludwig XIV. (Regie- sophischen Lehrstuhl wird 1818 G. W. F. Hegel (1770–
rungszeit 1643–1715) und an der Kultur des frz. 1831), dessen bereits zuvor zur »Enzyklopädie der phi-
ä Klassizismus trat jedoch in der Phase der militä- losophischen Wissenschaften« (1817) gerundetes Sys-
rischen und politischen Stärkung Preußens unter den tem, das er in seinen Vorlesungen stets weiterentwickelt,
Königen Friedrich Wilhelm I. (1713–40) und bes. auf akademischem Gebiet maßgeblich zur Konsolidie-
Friedrich II. (1740–86) zurück. Allerdings blieb das rung des preußischen Staates in den 1820er Jahren bei-
frz. Vorbild für Friedrich II., der selbst stark kulturell trägt (»Grundlinien der Philosophie des Rechts«,
und philosophisch engagiert war, dominant. So hatte 1820). Hegel resümiert in einem Brief vom 9.6.1821 an
der Aufenthalt Voltaires (1694–1778) am Hof (1750– den bayrischen Kultusbeamten F. I. Niethammer, »daß
53) großen Einfluss auf die Entstehung der ä Aufklä- ich hierher gegangen bin, um in einem Mittelpunkt
rung in Preußen, an der neben dem im fernen Königs- und nicht in einer Provinz zu sein«. Dieses Selbstver-
berg lehrenden überragenden Denker I. Kant (1724– ständnis, im »Mittelpunkt« angekommen zu sein,
1804) der Popularphilosoph J. J. Engel (1741–1802), prägt Hegels gesamtes Berliner Wirken in Forschung
der jüdische Religionsphilosoph und Ästhetiker M. und Lehre, das daher gleichsam als eine Summe der
Mendelssohn (1729–86), der Theologe und Kirchen- B. K. angesehen werden kann – so wie der Philosoph in
politiker J. J. Spalding (1714–1804) sowie der einfluss- seinen »Vorlesungen über die Ästhetik« (postum
reiche Verleger und Publizist F. Nicolai (1733–1811; 1835–38) eine Summe der Entwicklung der Kunst von
»Bibliothek der schönen Wissenschaften«, 1757 f.; der Antike bis in das neu gestaltete Berlin seiner Zeit
»Briefe, die neueste Litteratur betreffend«, 1759–65; zieht. – Zur B. K. werden aber auch Autoren gezählt,
»Allg. dt. Bibliothek«, 1765–92) mitwirkten. – Die kul- die in anderen Forschungszusammenhängen eher der
turelle Entfaltung der B. K. im engeren Sinne fällt je- Romantik zugerechnet werden: an erster Stelle der
doch erst in die Regierungszeiten der eher schwachen Theologe, Philosoph, Pädagoge, Bildungs- und Kir-
Könige Friedrich Wilhelm II. (1786–97) und Friedrich chenpolitiker F. D. E. Schleiermacher (1768–1834),
Wilhelm III. (1797–1840). Das ist zugleich die Epoche 1796–1802 Prediger an der Berliner Charité, seit 1810
der Koalitionskriege gegen Frankreich (1792–1809), Theologieprofessor an der neuen Berliner Universität,
die im Zusammenbruch Preußens nach der Schlacht die er seit 1808 durch Programmschriften ebenfalls
bei Jena und Auerstedt (1806) kulminieren, sowie die mitgestaltet hat, sowie leitendes Mitglied der Akade-
Phase des Wiederaufbaus ab 1807, welche durch die mie der Wissenschaften; ferner die Philologen und Pu-
Politiker H. F. K. vom Stein (1757–1831) und K. A. v. blizisten A. W. Schlegel (1767–1845) und F. Schlegel
Hardenberg (1750–1822) geprägt wird. Unterstützung (1772–1829), die als Privatgelehrte um 1800 einige
finden die politischen Reformer v. a. durch die Königin Zeit in Berlin leben; E. T. A. Hoffmann (1776–1822),
Luise (1776–1810), die nach ihrem frühen Tod in brei- 1798–1800 und seit 1814 als Jurist in Berlin tätig; C.
Berliner Moderne 77

Brentano (1778–1842) und A. v. Arnim (1781–1831), epoche 1786–1807. Ffm. 2006. – M. Fontius: Berlin. In:
die sich immer wieder für längere Zeit in Berlin auf- W. Schneiders (Hg.): Lexikon der Aufklärung. Mchn.
halten; A. v. Chamisso (1781–1838), 1812–15 als Stu- 1995, S. 57 f. – R. Geißler: Berliner Akademie. In: W.
dent, seit 1819 als Botaniker in Berlin; der preußische Schneiders (Hg.): Lexikon der Aufklärung. Mchn.
Offizier und Dichter F. de la Motte Fouqué (1777– 1995, S. 59 f. – O. Pöggeler: Preußische Kulturpolitik
1843); schließlich der in Berlin geborene L. Tieck im Spiegel von Hegels Ästhetik. Opladen 1987. –
(1773–1853), der 1841 als Hofrat, Vorleser des Königs G. Schulz: Die dt. Lit. zwischen Frz. Revolution und
Friedrich Wilhelm IV. (Regierungszeit 1840–58/61) Restauration. Bd. 2. Mchn. 1989, bes. S. 81–91. – A. v.
und Theaterregisseur in seine Heimatstadt zurück- Specht u. a. (Hg.): »Die Kunst hat nie ein Mensch allein
kehrt. Eine weitere überragende Gestalt ist der Erzäh- besessen«. Bln. 1996. – A. M. Vogt: K. F. Schinkel, Blick
ler und Dramatiker H. v. Kleist (1777–1811), der als in Griechenlands Blüte. Ffm. 1985. – P. Weber: Berlin/
Herausgeber des Kunstjournals »Phöbus« (1808) und Potsdam. In: B. Witte u. a. (Hg.): Goethe-Hb. Bd. 4/1.
der Tageszeitung »Berliner Abendblätter« (1810 f.) Stgt., Weimar 1998, S. 107–109. – C. Wiedemann:
auch die publizistische Landschaft eine Zeitlang mit- Grenzgänge. Hdbg. 2005. – Th. Ziolkowski: Berlin.
gestaltet; sein Mitarbeiter bei diesen Projekten ist der Aufstieg einer Kulturmetropole um 1810. Stgt. 2002.
1805 zum Katholizismus konvertierte Berliner Kritiker DB
und Staatstheoretiker A. H. Müller (1779–1829), der Berliner Moderne, Bez. für eine auf Berlin konzen-
1811 nach Wien emigriert. Wichtige wissenschaftliche trierte Künstlerbewegung, die sich ab 1884 konstituiert
und politische Funktionen übt auch der Jurist und Po- und neben der ä Wiener und ä Münchner Moderne
litiker F. C. v. Savigny (1779–1861) aus. Die Autoren das wichtigste urbane Zentrum der lit. ä Moderne bil-
versammeln sich in den Berliner ä Salons von H. Herz det. Die B. M. ist dem Fortschritt verpflichtet und ver-
(1764–1847) und R. Levin Varnhagen (1771–1833), im tritt – in Opposition zur Gründerzeitlit. (ä Grün-
ä »Nordsternbund« und später in der ä »Christlich-Dt. derzeit) – kulturell und gesellschaftlich innovative
Tischgesellschaft«. – In der B. K. wird bes. das äußere Tendenzen. Sie teilt diese Ausrichtung mit dem ä Na-
Erscheinungsbild der Stadt zugleich an antiken Vorbil- turalismus, reicht aber über diesen hinaus. – Am An-
dern (C. G. Langhans: »Brandenburger Tor«, 1788–91) fang der B. M. steht die Ende 1884 von W. Arent her-
und an den zeitgenössischen Metropolen Rom und ausgegebene Gedichtanthologie »Moderne Dichter-
London ausgerichtet. Die zentrale Rolle kommt dabei Charaktere«. 1885 folgt A. Holz’ Lyrikband »Buch der
neben den Bildhauern J. G. Schadow (1764–1850; Zeit«, der den programmatischen Untertitel »Lieder
»Quadriga« auf dem »Brandenburger Tor«) und Ch. D. eines Modernen« trägt. Ende 1886 publiziert die freie
Rauch (1777–1857; zahlreiche Bildnisbüsten) dem Ar- lit. Vereinigung ä »Durch!« zehn Thesen, deren sechste
chitekten und Maler K. F. Schinkel (1781–1841) zu, der die zeitgenössische Lit. vom Vorbild der ä Antike ab-
in dem – im Original heute verlorenen – Monumental- grenzt und auf das Kunstideal der Moderne verpflich-
gemälde »Blick in Griechenlands Blüte« (1825) pro- tet. Zu den führenden Mitgliedern der Vereinigung
grammatisch den Aufbau einer idealen gr. Stadt als »Durch!« gehören die Dichter H. und J. Hart, G.
ä Typus der Schaffung eines neuen Berlin gestaltet, Hauptmann, A. Holz, J. Schlaf und der Lit.historiker
durch zahlreiche prominente Bauten (»Neue Wache«, E. Wolff. Wolff publiziert 1888 einen Artikel mit dem
»Schauspielhaus am Gendarmenmarkt«) das klassizis- Titel »Die jüngste dt. Litteraturströmung und das Prin-
tische Erscheinungsbild der Berliner Mitte entschei- cip der Moderne«, der sich auf die Anthologie »Mo-
dend prägt (in benachbarten Gebäuden wie der »Fried- derne Dichter-Charaktere« sowie auf programma-
richwerderschen Kirche« aber zugleich einen neugo- tische Schriften des ä Naturalismus wie K. Bleibtreus
tischen Stil entwickelt, der Einflüsse der romantischen »Revolution in der Litteratur« (1886) und W. Bölsches
ä Mittelalterrezeption erkennen lässt), bes. aber mit »Naturwissenschaftliche Grundlagen der Poesie«
dem heute sog. »Alten Museum« am Lustgarten (1887) beruft und als eigentliche Proklamation der lit.
(1822–30) den monumentalen ersten Bau der »Muse- Moderne gelten kann. Aus dem Theaterverein »Freie
umsinsel« errichtet, die in den folgenden hundert Jah- Bühne«, der 1889 zur Durchsetzung des naturalisti-
ren zu einem Ensemble von fünf Museen anwachsen schen Dramas gegründet wird, geht 1890 die wir-
wird und mit der die Träger (heute die »Stiftung Preu- kungsreiche Zs. »Freie Bühne für modernes Leben«
ßischer Kulturbesitz«) ein bis heute aktuelles, univer- hervor. B. Wille ruft 1890 den Theaterverein »Freie
sell ausgerichtetes Programm der Bewahrung des kul- Volksbühne« ins Leben, der die moderne Lit. an das
turellen Gedächtnisses (ä Memoria [2]) und der Bil- Proletariat vermitteln will. Zusammen mit W. Bölsche
dung verfolgen. und den Brüdern Hart gehört Wille zum ä Friedrichs-
Buchreihe: C. Wiedemann (Hg.): B. K. Eine Großstadt- hagener Dichterkreis, der sich seit Anfang der 1890er
kultur um 1800. Studien und Dokumente. Bisher 8 Jahre in dem Berliner Vorort Friedrichshagen versam-
Bde. Hannover-Laatzen 2004 ff. melt. Gruppenbildungen, Vereinsgründungen und
Lit.: I. D’ Aprile u. a. (Hg.): Tableau de Berlin. Beiträge Clubs spielen in der B. M. eine Schlüsselrolle. Zu den
zur »B. K.« (1786–1815). Hannover-Laatzen 2005. – G. wichtigsten Gruppierungen gehört die exzentrisch-an-
de Bruyn: Als Poesie gut. Schicksale aus Berlins Kunst- archistische Bohème-Runde »Das schwarze Ferkel«,
78 Bernerton

die sich in der gleichnamigen Trinkstube um R. ker zogen die Beschreibbarkeit von Bildern als solche
Dehmel, St. Przybyszewski und A. Strindberg versam- in Zweifel. Die Lit. des 20. Jh.s entwickelte neue Tech-
melt. Daneben konstituiert sich die ä Bohème des frü- niken zur B. von Sinneseindrücken; dabei gewinnt im
hen ä Expressionismus um P. Hille, E. Lasker-Schüler, Rahmen der Durchsetzung eines nachmetaphysischen
H. Walden, A. Lichtenstein und K. Kraus, die sich im Weltbildes die Darstellung von erscheinenden Ober-
Café des Westens trifft und als avantgardistische Spiel- flächen an Bedeutung (z. B. J. Genet: »Le secret du
art der B. M. bezeichnet werden kann. – Die auf die Rembrandt«, 1958; J. Berger: »Vélazquez. Äsop«,
grundlegenden politischen und kulturellen Verände- 1991). – Vgl. auch das kulturwissenschaftliche Verfah-
rungen im Zuge des Ersten Weltkriegs reagierende Lit. ren der ä dichten B.
der Weimarer Republik (ä Neue Sachlichkeit) wird Lit.: G. Boehm, H. Pfotenhauer (Hg.): B.skunst –
nicht mehr zur B. M. gezählt. Kunstbeschreibung. Mchn. 1995. – P. Klotz, Ch. Lub-
Texte: J. Schutte, P. Sprengel (Hg.): Die B. M. Stgt. koll (Hg.): Beschreibend wahrnehmen – wahrneh-
1987. mend beschreiben. Freiburg 2005. – E. Lobsien: Land-
Lit.: H. Kiesel: Geschichte der lit. Moderne. Mchn. schaft in Texten. Stgt. 1981. – E. Rebel (Hg.): Sehen
2004. – P. Sprengel, G. Streim (Hg.): Berliner und Wie- und Sagen. Das Öffnen der Augen beim Beschreiben
ner Moderne. Wien u. a. 1998. SKL der Kunst. Ostfildern 1996. MSE
Bernerton, Strophenform mehrerer mhd. Helden- Beschwerte Hebung, auf K. Lachmann (1793–1851)
dichtungen des 13. Jh.s aus dem Sagenkreis um Diet- zurückgehende Bez. für eine überdehnte Hebung
rich von Bern (»Eckenlied«, »Sigenot«, »Goldemar«, (nach der ä Taktmetrik: einsilbig gefüllter Takt /–´/).
»Virginal«). Das komplexe Gebilde aus dreizehn Vers- Die b. H. dient im alternierenden Vers der mhd. Blüte-
zeilen leitet sich wohl aus der heldenepischen Langzei- zeit als Kunstmittel zur Hervorhebung von Namen
lenstrophe her (ä Nibelungenstrophe, ä Langvers), oder bedeutungsvollen Wörtern (»der was /Hárt/màn
zeigt jedoch den stolligen Aufbau der ä Kanzone und genant«); die Hebung im folgenden Takt wird der b.n
nähert sich somit der ä Spruchdichtung an. Metrisches H. als Nebenhebung untergeordnet (/–´/x̀). B. H.en
Schema: 4ma 4ma 3wb 4mc 4mc 3wb 4md 3we 4md können auch struktural eingesetzt sein, z. B. im letzten
3we 4mf 3wx 3mf (Schlussterzine variiert). Abvers der ä Nibelungen- oder Kürenbergstrophe und
Lit.: J. Heinzle: Einf. in die mhd. Dietrichepik. Bln., NY in der klingenden ä Kadenz. GSR
1999, S. 100–103. CKR Beschwörungsformel, festgeprägte magische Formel
Beschreibung, Darstellung von Figuren, Objekten, (oft Teil eines ä Zauberspruchs), mit deren Hilfe hö-
Örtlichkeiten, Tatsachen und Zuständen in ihrer phä- here Mächte, Dämonen, Geister, Götter zum Zweck
nomenalen Beschaffenheit. B.en akzentuieren oft das der Abwendung von Unheil oder der Erlangung von
visuelle Erscheinungsbild ihrer Gegenstände, aber Heil herbeigerufen oder abgewehrt, Tiere oder Natur-
auch die von ihnen ausgelösten Gehörs-, Geruchs-, erscheinungen gebannt werden sollen; anfangs in ge-
Geschmacks- und Gefühlssensationen. Konstitutiv für bundener Rede, dem sog. ä Carmenstil, gesungen, oft
die B. ist die Übertragung einer nicht-sprachlichen Di- in Befehlsform; eine B. kann aber auch aus nur einem
mension von (realer oder fingierter) Wirklichkeit in Wort oder einer Silbenfolge bestehen (z. B. hebräisch-
sprachlichen Ausdruck. Lit. Texte können sowohl als spätgr. »Abracadabra«, seit dem 3. Jh. n. Chr., oder
ganze beschreibenden Charakter besitzen als auch be- »Mutabor!« bei W. Hauff: »Kalif Storch«). Das Aus-
schreibende Elemente enthalten. In der Erzähllit., v. a. sprechen der B., deren Wirkkraft im Glauben an die
im Roman, geht die dargestellte Handlung oft von B.en Wortmagie gründet (Machtgewinn durch Namens-
aus. Vielfach dienen diese auch zur Erzeugung einer nennung), ist oft von rituellen Gesten oder Hand-
spezifischen Perspektivik der Darstellung, etwa wenn lungen, auch von Bildzauber begleitet und an be-
Gegenstände und Personen aus dem Blickwinkel han- stimmte Orte und Zeiten gebunden. – Weit verbreitet
delnder Figuren geschildert werden. Beschreibende ist die B. im Volksglauben aller Zeiten; sie spielt eine
Textpartien weisen oft eine Tendenz zur Verselbstän- große Rolle in den Kulten ›primitiver‹ Völker und ist
digung auf und sind zuweilen von den narrativen Par- für die alten Kulturen Mesopotamiens, Ägyptens, der
tien äußerlich abgehoben. Gelegentlich dienen B.en Juden, Griechen und Römer (incantatio, incantamen-
zur Verwischung der Grenze zwischen Erzählung und tum, ä Carmen) reich belegt. In germ. Tradition mischt
wissenschaftlichem Diskurs (R. Musil: »Der Mann sich in den lit. Formen meist Heidnisches mit Christli-
ohne Eigenschaften«). – Als älteste lit. B. gilt Homers chem: vorchristlich-germ. sind die beiden »Mersebur-
noch von Lessing als mustergültig angesehene B. des ger Zaubersprüche«, christlich die Wurm- und Blutse-
Schildes von Achill (»Ilias«, 18. Gesang). Der gr. gen oder der »Lorscher Bienensegen«. Die B. lebt heute
Schriftsteller Philostrat (der Ältere) begründete zu Be- u. a. im volkstümlichen Gesundbeten und im kirch-
ginn des 3. Jh.s n. Chr. die Kunstbeschreibung (ä Ek- lichen Exorzismus fort.
phrasis) als eigenständige lit. Gattung (»Eikones«). Im Lit.: E. Cianci: Incantesimi e benedizioni nella lettera-
Zeichen der ä Autonomieästhetik unterschied man tura tedesca medievale (IX–XIII sec.). Göppingen
zwischen Dichtung als Kunst und B. als außerkünstle- 2004. – M. Schulz: Beschwörungen im MA. Hdbg.
rischer Textform. K. Ph. Moritz und die Frühromanti- 2003. RBS
Bewegung 79

Besinnungsaufsatz ä Erörterung (2), ä Aufsatz. tiven der B.-Forschung. In: Schweizerisches Archiv für
Bestiarium, n. [lat. bestia = das Tier], auch (liber) bes- Volkskunde 99 (2003), S. 49–64. CWÜ
tiarius, m.; ein mal. allegorisches Tierbuch, in dem Bestsellerliste ä Bestseller.
meist legendäre phantastische Vorstellungen von Tie- Betonung ä Akzent, ä Ton (1).
ren heilsgeschichtlich und moralisch gedeutet werden Beutelbuch, auch: Buchbeutel, Gürtelbuch; eine Son-
(z. B. das Einhorn, das sich nur von einer Jungfrau ein- derform des gebundenen mal. Buchs, die bes. vom 14.
fangen lasse, als Christus). Das älteste und bekannteste bis zum 16. Jh. beliebt war. Beim B. wird der Einband
B. ist der »Physiologus«, entstanden wohl im 2. Jh. aus weichem Leder (manchmal auch aus Pergament
n. Chr. in Alexandrien, im 5. Jh. vom Gr. ins Lat. über- oder Seide) an der Unterkante über die Buchdecke
setzt, im MA. in mehreren Versionen sehr verbreitet, hinaus verlängert oder mit einer zusätzlichen Leder-
in dt. Sprache seit dem 11. Jh. überliefert. – Die Bild- schicht bezogen, die das Buch deutlich überragt. Dann
welt der Bestiarien wirkte mannigfach auf die mal. Lit. wird das lose überstehende Leder mit einem Knoten
ein, bes. auch auf Lehrbücher und Predigten, v. a. aber oder Ring zusammengefasst, so dass das Buch – meist
auf die mal. Kunst (Buchschmuck, Bestiensäulen, Tier- kleinformatige Breviere, Liederbücher, theologische
friese, Kapitelle, Gestühl; auch Bestiarien-Hss. waren Schriften oder kaufmännische Aufzeichnungen – am
meist illustriert). – Moderne Nachfahren der mal. Bes- Gürtel befestigt werden kann. Überlebt hat das B. v. a.
tiarien sind Apollinaires »Le Bestiaire ou cortège d’ Or- durch Abbildungen in der bildenden Kunst; nur etwa
phée« (1911) und F. Bleis »B. literaricum« (1920), er- 20 Exemplare sind auch körperlich erhalten.
weitert 1924 unter dem Titel »Das große B. der moder- Lit.: L. und H. Alker: Das B. in der bildenden Kunst.
nen Lit.«. ä Tierepik. Mainz 1966. – U. Bruckner: Das B. und seine Verwand-
Lit.: G. Febel, G. Maag: Bestiarien im Spannungsfeld ten. In: Gutenberg-Jb. (1997), S. 307–324. – R. Neu-
zwischen MA. und Moderne. Tüb. 1997. – J. Malaxe- müllers-Klauser: Auf den Spuren der Beutelbücher.
cheveria: Le bestiaire médiévale et l’ archetype de la fé- Mainz 1980. – U.-D. Oppitz, R. Neumüllers-Klauser:
minité. Paris 1982. GS/Red. B.-Darstellungen in der Kunst der Spätgotik. In: An-
Be·stseller, m. [engl. best-seller = (sich) am besten Ver- zeiger des Germ. Nationalmuseums Nürnberg 1996,
kaufendes], ein Buch oder ein anderes Produkt, das S. 77–92. GGI
sich innerhalb einer Zeitspanne, in einem Gebiet und Bewegung [lat. motio, motus], 1. in der Physik und
in einer nach bestimmten Kriterien definierten Gruppe Philosophie Bez. für eine materielle Veränderung, in
bes. häufig verkauft und dessen Verkaufserfolg in der Politik darüber hinaus für das kollektive Subjekt
B.listen dokumentiert wird. – Die erste B.liste erschien von Veränderungstendenzen (›Arbeiterbewegung‹). –
1895 in einer am. Lit.zeitschrift, England folgte 1896. 2. In der ä Poetik zunächst a) unter der Dominanz der
In Deutschland erstellte die Zs. »Die Lit. Welt« erst- ä Rhet. im Sinne einer ›Rührung des Gemüts‹ verstan-
mals für den September 1927 eine B.liste (Platz 1: H. den, also als dritte Funktion der Dichtung (movere)
Hesse: »Der Steppenwolf«). In der Bundesrepublik neben Belehren (docere) und Unterhalten (delectare);
etablierten sich die wöchentlich im Magazin »Der b) ab Mitte des 18. Jh.s wesentliches Kriterium zur me-
Spiegel« abgedruckten Ranglisten für ›Belletristik‹ und dientheoretischen Ausdifferenzierung der Künste. Ist
›Sachbücher‹ (seit 1961) als einflussreichste Indizes, Malerei nach J. Harris (»Discourse on Music, Painting,
trotz wiederkehrender Kritik an mangelnder Reprä- and Poetry«, 1744) »always motionless«, so stechen
sentativität. Die letzten Jahre zeigen aufgrund verein- Musik und Dichtung durch »sound and motion« her-
fachter Erhebungsmöglichkeiten wie neuer Verkaufs- vor. Analog ordnet G. E. Lessing (»Laokoon«, 1766)
und Vertriebsformen (Internethandel) eine Zunahme der Malerei Raum, Ruhe und koexistierende ä Zeichen
von B.listen. Von wachsender Bedeutung im B.geschäft zu, der Poesie aber Zeit, B. und sukzessive Zeichen.
sind internationale, v. a. engl. Erfolgstitel und andere Dieses Postulat wird im Zuge der ä Autonomieästhetik
Medienprodukte. In der Branche wird die Bez. ›B.‹ oft soweit radikalisiert, dass die Lit. nicht nur B. darstel-
als Chiffre für eine eigene Gattung ausgegeben, die den len, sondern selbst in B. sein soll, indem die Autoren
erhofften Erfolg bereits durch die Rubrizierung zu an- die »B. der Worte« zur »Grundlage der gesamten Dar-
tizipieren sucht. – Der B. wurde einerseits bereits in stellung« machen (A. W. Schlegel: »Vorlesungen über
den 1920er Jahren als Forschungsobjekt erkannt (z. B. schöne Litteratur und Kunst«, postum 1884). Im 19.
von S. Kracauer im Kontext der ä Kritischen Theorie), Jh. tritt dieses Konzept wieder in den Hintergrund, be-
andererseits bis in die 1970er Jahre mit kulturpessimis- vor es durch die ä Avantgarden der klassischen ä Mo-
tischer Zielsetzung als affirmativ und trivial kritisiert. derne reaktiviert und erweitert wird, sodass St. George
Jüngere, empirisch ausgerichtete Forschungen haben (»Dante: Die Göttliche Komödie. Übertragungen«,
diese Voreingenommenheit überwunden. 1912, Vorrede) das »dichterische« grundsätzlich als
Lit.: W. Faulstich: B. – ein Phänomen des 20. Jh.s. In: »ton bewegung gestalt« bestimmen kann. – 3. Katego-
Wolfenbütteler Notizen zur Buchgeschichte 21 (1996), rie der Selbstbeschreibung von Künstlergruppen sowie
S. 132–146. – Ders.: B. In: RLW. – D. Oels: B. In: E. der Lit.geschichtsschreibung, die gegenüber verwand-
Schütz u. a. (Hg.): Das BuchMarktBuch. Reinbek 2005, ten Bez.en wie ä ›Dichterkreis‹, ›Gruppe‹, ›Richtung‹,
S. 47–53. – I. Tomkowiak: Schwerpunkte und Perspek- ›Strömung‹ oder ä ›Generation‹ das dynamische Mo-
80 Bewusstseinsstrom

ment der Vereinigung akzentuiert und daher ebenfalls tung. Mchn. 1975. – Ders.: B. In: V. Mertens, U. Müller
im Kontext der Avantgarden häufig verwendet wird (Hg.): Epische Stoffe des MA.s. Stgt. 1984, S. 20–39. –
(z. B. ›expressionistische B.‹). Ders.: B. In: RLW. SG
Lit.: F. Apel: Sprachbewegung. Hdbg. 1982. – M. Bibelkonkordanz ä Konkordanz.
Buschmeier, T. Dembeck (Hg.): Textbewegungen Bibelübersetzung, Textart mit weit verzweigten Tra-
1800/1900. Würzburg 2007. – W. Menninghaus: Dich- dierungsmustern, bei der die heiligen Bücher des Ju-
tung als Tanz. Zu Klopstocks Poetik der Wortbewe- dentums und des Christentums von einer Sprache in
gung. In: Comparatio 3 (1991), S. 129–150. – D. Osch- eine andere übertragen werden; die Übers.en können
mann: Bewegliche Dichtung. Mchn. 2007. DO sich dabei stärker an der Ausgangs- oder an der Ziel-
Bewusstseinsstrom ä Stream of Consciousness. sprache orientieren (ä Übers., ä Übers.stheorie). Die
Bibelepik, Sammelbez. für Dichtungen in Versen, die Bibel kann mit ihren Voll- und Teilübertragungen als
biblische Stoffe behandeln und überwiegend narra- der weltweit wichtigste Gegenstand der Übersetzungs-
tiven Charakter haben; wichtigster Bereich der ä geist- lit. mit einer einzigartigen sprach- und kulturstif-
lichen Epik. Häufig bearbeitete Gegenstände sind aus tenden Wirkung aufgefasst werden. – Als frühe, den
dem NT die Geschichte Jesu, aus dem AT die histo- christlichen ä Kanon prägende jüdische Übers. des
rischen Bücher (Genesis u. a.), oft auch einzelne Episo- hebr. AT ins Gr. ist die »Septuaginta« (gr. = siebzig, da-
den daraus. Während die B. die prägende lit. Gattung her auch »LXX«) zu nennen. Nach dem Aristeasbrief
der weström. christlichen Antike ist, treten nicht- schufen ca. 300 v. Chr. 70 (72) Übersetzer in 72 Tagen
epische Bibeldichtungen wie das ä geistliche Spiel und die LXX in der zielsprachlichen gr. Koinē´ (Umgangs-
das biblische Drama erst seit dem 11./12. Jh. in Er- sprache) für die jüdische Diasporagemeinde in Alex-
scheinung. – Die hexametrischen lat. Bibelepen von andria. Die Kanonisierung beginnt im 3. Jh. v. Chr.
Juvencus, Sedulius, Avitus und Arator, im 4. bis 6. Jh. und endet für das AT um 100 n. Chr., für das NT im 4.
in Auseinandersetzung mit der klassischen röm. Epik Jh. Je stärker die christliche Rezeption der LXX voran-
(Vergil) entstanden, wurden stilprägend für die lit. schreitet, desto geringer wird die Bedeutung des Werks
Kultur des frühen MA.s schlechthin. Auch die Buch- für das Judentum. Unterschiedliche, meist fragmenta-
dichtung in den germ. Volkssprachen setzt mit der B. risch erhaltene Revisionen bzw. Neuübertragungen
ein: um 830 der altsächsische »Heliand« (in Stabreim- folgen der LXX, so durch Theodotion (vor 50 n. Chr.),
versen) und vor 870 das ahd. »Evangelienbuch« Ot- Aquila (um 130 n. Chr.) und Symmachus (um 200
frids von Weißenburg (in Reimpaarversen), die beide n. Chr.). In der v. a. für die Textkritik bedeutsamen
das Leben Christi behandeln. Teilweise noch älter ist »Hexapla« setzt der zur alexandrinischen Schule gehö-
die angelsächs. B. in Stabreimversen, so die »Genesis« rige Origenes in sechs Parallelkolumnen eine eigene
(8. Jh.), »Crist« (8./9. Jh.) und die »Exodus« (9. Jh.). neue Rezension der LXX (um 240 n. Chr. abgeschlos-
Die ä frühmhd. Lit. (seit der Mitte des 11. Jh.s) wird sen) synoptisch neben diese drei B.en, das Hebr. und
dominiert von epischen Umsetzungen kanonischer dessen gr. Umschrift, mit dem Ziel, den gr. Text dem
Stoffe aus AT (»Altdt. Genesis«, »Vorauer Bücher Mo- hebr. anzupassen. – Als das Gr. nach dem 2. Jh. n. Chr.
sis«, »Judith«) und NT (»Leben Johannes des Täufers«, in den Provinzen des röm. Reiches nicht mehr hinrei-
»Leben Jesu«, »Antichrist« und »Jüngstes Gericht« der chend verstanden wird, entstehen erste lat. B.en. Zu
Frau Ava). Seit dem 12. Jh. kommt neben der geistli- unterscheiden sind einerseits die altlat. Übers. »Vetus
chen eine weltliche Epik auf, die dieser in Verbreitung Latina« oder »Praevulgata«, auch »Itala« genannt, an-
und Prestige nicht nachsteht, obwohl beide sich an derseits die »Vulgata«. »Vetus Latina« steht für meh-
dasselbe lateinunkundige adlige Publikum wenden. rere, voneinander abweichende vulgärlat. Übers.en:
Nun gewinnen legendarische und apokryphe Sujets, die älteren, stärker zielsprachlich orientierten afrika-
welche die B. in die Nachbarschaft der ä Legenden- nischen Fassungen und die jüngeren, mehr ausgangs-
dichtung rücken, an Gewicht (z. B. Konrads von Fußes- sprachlich orientierten italischen – bezogen auf die
brunnen »Kindheit Jesu«). Die ä Deutschordenslit. des LXX und den gr. Text des NT. Um den verschiedenen
14. Jh.s führt die Tradition in teils groß angelegten altlat. Übers.en einen zuverlässigen und allg. gültigen
Werken fort (»Judith«, »Daniel«, »Hiob«, »Makka- Text (die spätere »Vulgata«) entgegenzusetzen, beauf-
bäer«, Heinrichs von Hesler »Apokalypse«). Am Ende tragt Papst Damasus im vorletzten Jahrzehnt des 4. Jh.s
des MA.s lösen ä Historienbibeln und später ä Bibel- Hieronymus mit deren Revision. Die Evangelien korri-
übers.en in Prosa die dt.sprachige B. ab. – In der ä Re- giert dieser nach gr. Hss., wobei die übrigen NT-Teile
naissance blüht die lat. B. noch einmal auf (M. Vida: nicht von ihm stammen. Die lat. Bearbeitung des AT
»Christias«, 1535). J. Miltons »Paradise Lost« (1667, in geht auf das hebr. Original zurück. Hieronymus’ Ziel
Blankversen) und F. G. Klopstocks »Messias« (1748– ist es, nicht den Urtext wiederherzustellen, sondern
73, in dt. Hexametern) entfalten Wirkung als christli- ein Instrument zum besseren theologischen Verstehen
che Nationalepen und gehören zu den letzten großen der Bibel zu schaffen. Nach zunächst nur zögerlicher
ä Epen in ihren jeweiligen Lit.en. und kritischer Rezeption verbreitet sich die »Vulgata«
Lit.: B. Auerochs: Die Entstehung der Kunstreligion. ab dem 7. Jh. rasch und beginnt, die altlat. Lesarten zu
Gött. 2006, S. 119–260. – D. Kartschoke: Bibeldich- verdrängen. 1546 wird sie vom Tridentinum als ›au-
Bibelübersetzung 81

thentisch‹ erklärt. – Unter den frühen B.en sind bes. ebenbürtige Fassung gegenüber den ursprachlichen
diejenigen ins Syrische, eine für frühchristliche Ge- Quellen zu sein. Mit seiner B. fördert Luther immens
meinden bedeutsame Sprache, textkritisch einfluss- die Entwicklung einer einheitlichen nhd. Schriftspra-
reich; daneben gibt es äthiopische, koptische, arme- che. Als Übers.svorlage zieht er, anders als seine mal.
nische, arab. und aramäische B.en. – Die älteste Übers. Vorgänger, den hebr. bzw. gr. Urtext heran. Neben dem
in eine germ. Sprache ist die ins Got. des Wulfila (Ulfi- von Erasmus zusammengestellten gr. Text haben des-
las) aus der zweiten Hälfte des 4. Jh.s, von der nur neun sen lat. Paralleltextübertragung, Annotationes und die
Fragmente des NT erhalten sind. Historisch wichtig »Vulgata« erhebliche übers.spraktische Wirkung auf
ist, dass der westgot. Bischof damit die Volkssprache die »Luther-Bibel«. So dürfte das Lat. des Erasmus Lu-
verschriftlicht, wenngleich das Got. für ahd. und mhd. ther den Weg zur Erschließung der gr. Syntagmen
Übers.en nicht traditionsstiftend werden sollte. Ge- geebnet haben. Im Dezember 1521 beginnt Luther, der
kennzeichnet ist die got. Bibel durch eine ausgangs- seine Übers.sleistung theoretisch zu reflektieren be-
sprachliche Übers.sweise – orientiert am Gr., wenn müht ist, unter dem Einfluss Melanchthons auf der
auch Spuren der »Vetus Latina« nicht auszuschließen Wartburg seine B. mit dem NT und stellt dieses im
sind. – Während des gesamten MA.s werden Bibel- März 1522 fertig. Ohne Drucker- und Herausgeber-
stoffe als Teil- und Vollbibeln ins Dt. übertragen; ne- vermerk, nur mit dem Hinweis auf den Druckort Wit-
ben ›sklavische‹ Translationen treten dabei zahlreiche tenberg, erscheint es noch im selben Jahr als »Septem-
freie Nachdichtungen. Zu den kleineren ahd. Übers.en bertestament« bzw. schon 3 Monate später in einer
zählen die »Monsee-Wiener Fragmente« zu Matthäus; lexikalisch-syntaktisch verbesserten Fassung als »De-
zu den lit. Verarbeitungen biblischer Themen das zembertestament«. Noch zu Zeiten der Drucklegung
»Evangelienbuch« Otfrids von Weißenburg und der des »Septembertestaments« fängt Luther an, das AT zu
»Heliand«. Einen beträchtlichen Aufschwung erfährt übersetzen, was sich wegen des Umfangs und einiger
die B. im Hoch- und Spät-MA. Aus dieser Zeit sind die Schwierigkeiten beim Umgang mit dem Hebr. über
»Augsburger Bibel« (1350, Übers. des NT) und die il- zwölf Jahre hinziehen wird. 1534 erscheint Luthers
lustrierte »Wenzel-Bibel« (1389 f., Übers. des AT) an- erste Vollbibel, 1545 die Ausg. letzter Hand. Man rech-
zuführen. Erste Vollbibeln stammen aus dem 15. Jh., net zwischen 1522 und 1546 mit 430 Gesamt- und Teil-
z. B. die »Münchner-Bibel« (1472). Als wichtige Hss.- ausgaben in einer Aufl. von über einer halben Million
Werkstatt ist dabei die des Diebold Lauber zu erwäh- Exemplaren. Die »Luther-Bibel« wirkt auf Schweizer
nen (ä Schreiber). Neben kirchlichen Vertretern über- und ndt. B.en und wird bis in unsere Zeit mehrfach re-
setzen ab dem 13. Jh. vermehrt auch laikale Kreise die vidiert (zuletzt 1984). Ferner existieren auf der »Lu-
Bibel. In einigen Fällen sind Übersetzer, Kopisten und ther-Bibel« basierende kath., oftmals zu Unrecht als
deren Auftraggeber durch Selbstnennungen doku- Plagiate bezeichnete Konkurrenzübers.en (u. a. H. Em-
mentiert; die Mehrzahl bleibt jedoch auch im Spät- ser 1527, J. Dietenberger 1534). Nach Luther schafft J.
MA. anonym (z. B. der sog. ›Österr. Bibelübersetzer‹). Piscator 1602/04 für die Reformierten eine ausgangs-
Je nach Textausschnitt, Umfang und Übers.strategie sprachenorientierte Übers., wohingegen N. v. Zinzen-
werden die Übertragungen von unterschiedlichen dorf für die Pietisten das NT 1727 zielsprachenorien-
Kreisen rezipiert. – Mit der Erfindung des ä Buch- tiert übersetzt. Auf kath. Seite sind Übers.en von K.
drucks entstehen die 18 vorreformatorischen gedruck- Ulenberg (1630) und J. F. v. Allioli (1830–32) anzufüh-
ten dt. Vollbibeln (14 hochdt., 4 ndt.). Gleichzeitig for- ren. In den dt.sprachigen B.en der Gegenwart zeichnen
ciert die neue Herstellungstechnik eine Verbreitung sich zwei Tendenzen ab: einerseits die versuchte Ori-
volkssprachlichen biblischen Schrifttums in bislang entierung an der Umgangssprache der Rezipienten,
unbekanntem Ausmaß. Die ausgangssprachenorien- wie sie von kommunikativen Übers.en praktiziert wird
tierte Übers.shaltung signalisiert eine dienende Funk- (»Die Gute Nachricht«, zuerst 1967), anderseits eine
tion gegenüber der »Vulgata«. Die erste, die »Mentel- eher traditionelle Orientierung an der Ausgangsspra-
Bibel« von 1466, geht auf eine hsl. Vorlage aus dem 14. che (»Elberfelder Bibel«, 1855 bzw. 1871, revidiert
Jh. zurück, die um 1500 sprachlich veraltet ist. Die 1985). Aufmerksamkeit erlangte auch die Übertragung
»Zainer-Bibel« (um 1475), die erstmals über ein Illus- in jüdischer Tradition von M. Buber und F. Rosenzweig
trationsprogramm verfügt, nimmt eine umfassende (1925–29, revidiert 1956 f.). – Der Beginn der B.en im
sprachliche Überarbeitung der Mentel-Ausg. vor, um angelsächs. Raum ist auf Beda Venerabilis’ aengl.
breitere laikale Rezipientenkreise zu erschließen. Auf Übers. der Evangelien im 8. Jh. datierbar. Am Ende des
Grund der enormen Wirkungsgeschichte der luthe- 14. Jh.s erscheint die erste vollständige B., die auf der
rischen B. sind die vorreformatorischen Bibeln – unge- »Vulgata« fußende, trotz Verbots weit verbreitete
achtet ihrer starken Verbreitung – lange Zeit zu Un- »Wycliff-Bibel«. Während der Reformationszeit über-
recht als qualitativ minderwertig abgewertet bzw. ana- setzt W. Tyndale das NT neu (gedruckt 1525). Unge-
chronistisch aus der ›Luther-Perspektive‹ betrachtet hindert kann erstmals die engl. Vollbibel von M. Co-
worden. Die neuartige, aus dem Gesamtkontext der verdale 1535 verbreitet werden, welche 1539 f. als
Bibel heraus interpretierende, zielsprachlich orien- »Great Bible«, 1568 als »Bishops’ Bible« und 1611 als
tierte Übers. Luthers tritt mit dem Anspruch auf, eine »King James Version« revidiert herausgegeben wird.
82 Biblia Pauperum

Letztere übt nachhaltige Wirkung auf die engl. Lit.- worden, als ä Blockbuch v. a. in den nördlichen Nie-
sprache aus. Neben der »King James Version« kommen derlanden und als illustriertes typographisches Buch
andere B.en erst seit dem 19. Jh. auf. – Im Frz. reichen bereits 1463 bei Pfister in Bamberg. – Die Bez. ›B. P.‹ ist
die ersten B.en ins 11. Jh. zurück. Der bis um 1500 zwar im MA. gelegentlich für dieses Werk belegt, doch
nachgedruckte »Gallische Psalter« stellt eine Interline- wurde sie erst in der Neuzeit ausschließlich darauf an-
arversion dar, bei der das Lat. zwischen die frz. Zeilen gewandt. Vorher verwies der Begriff mutmaßlich auf
gefügt ist. Mit angestoßen durch laikale Reformbewe- das einfache Niveau bestimmter Werke etwa für die
gungen im 12./13. Jh. lässt Ludwig IX. um 1230 eine Didaxe oder die Benutzung durch wenig gebildete Kle-
Übers. ins Frz. anfertigen, die große Teile der Bibel riker. ›B. P.‹ hat sich als Fachbegriff gegenüber anderen
enthält. Ende des 13. Jh.s entsteht die erste frz. Vollbi- Vorschlägen wie ›Biblia typologica‹ durchgesetzt.
bel, die »De Thou-Bibel«. Populärer jedoch ist das »Bi- Lit.: G. Schmidt: Die Armenbibeln des XIV. Jh.s. Graz,
blium historiale« von G. des Moulins (1291/94). Die Köln 1959. CWI
redigierte kath. Vollbibel des Pariser Theologen Faber Bi·blia typologica ä Biblia Pauperum.
Stapulensis, die auf der »Vulgata« fußt, erscheint 1530. Bibliographie, f. [gr. bíblos = Buch, gráphein = schrei-
Die reformatorische Gesamtübers. von P. R. Olivé- ben: Buchbeschreibung], Verzeichnis von Schriften.
tan (1535) aus den Ursprachen und modernen lat. Mindestens folgende Unterscheidungen sind zu tref-
Übers.en wird 1588 als »Bible de Genève« herausgege- fen: 1. Die Allgemeinbibliographie verzeichnet mit ho-
ben, welche bis ins 19. Jh. Gewicht hat. – Die erste it. hem Anspruch auf Vollständigkeit die Gesamtlit. rela-
Bibel auf »Vulgata«-Basis wird 1471 gedruckt. A. Mar- tiv zu einem weiten Gegenstandsbereich (z. B. »Dt.
tini schafft 1781 aus der »Vulgata« die autorisierte Nationalbibliographie und B. der im Ausland erschie-
kath. it. Bibel. Zentralen Stellenwert für den it. protes- nenen dt.sprachigen Veröffentlichungen«). – 2. Die
tantischen Raum erlangt die 1607 von G. Diodati aus Metabibliographie ist eine B. der B.n (z. B. »Hb. der
den Urtexten geschaffene Übertragung, welche bis in B.«). – 3. Die Spezialbibliographie bezieht sich auf einen
20. Jh. hinein wirkt. – Gegenwärtig existieren B.en in begrenzten Gegenstandsbereich, etwa eine Epoche, ein
186 europäische, 288 ozeanisch-pazifische, 470 asia- Sachthema oder auf eine Person (ä Personalbibliogra-
tische und 537 afrikanische Sprachen. Vollständige B. phie). – Im Einzelnen können sich B.n auf das Ver-
en zählt man in 322 Sprachen. zeichnis von Titeln der Primär- bzw. Sekundärlit. be-
Lit.: S. P. Brock u. a.: B.en. In: TRE. – F. F. Bruce: The schränken oder diese auch kommentieren oder werten;
English Bible 1961. – H. Rost: Die Bibel im MA. Augs- sie können abgeschlossen sein oder periodisch ergänzt
burg 1939. – St. Sonderegger: Geschichte dt.sprachiger werden; ihre interne Gliederung kann alphabetisch,
B.en in Grundzügen. In: W. Besch u. a. (Hg.): Sprach- thematisch, chronologisch oder gemischt angelegt
geschichte. Teilbd. 1. Bln., NY 21998, S. 229–284. – H. J. sein. Die B. in Buchform als Instrument der Lit.re-
Vermeer: Skizzen zu einer Geschichte der Translation. cherche wird durch die neuen virtuellen Datenbanken
2 Bde. Ffm. 1992. – H. Vollmer: Materialien zur Bibel- nicht ersetzt, sondern ergänzt (z. B. die ›Dt. National-
geschichte und religiösen Volkskunde des MA.s. 4 Bde. bibliothek‹ unter www.ddb.de). – Die Geschichte der
1912–29 [fortgeführt unter dem Titel: Bibel und dt. B. geht bis in die ägyptische Antike zurück, nämlich
Kultur. 10 Bde. 1931–40]. – W. Walther: Die dt. B. des auf den Katalog der Bibliothek in Alexandria, den Kal-
MA.s. 3 Bde. Braunschweig 1889–92. Nachdr. Nieuw- limachos angelegt hat. Vorläufer der modernen B. sind
koop 1966. SSE die hsl. Bibliothekskataloge des MA.s, die Verlagspro-
Biblia Pauperum, f. [mlat. = Bibel der Armen; aus lat. spekte aus der Frühzeit des ä Buchhandels (ä Mess-
pauper = arm], ein vermutlich im späten 14. Jh. in Süd- katalog), enzyklopädische Werkverzeichnisse (ä Bio-
deutschland entstandenes lat. Werk, bei dem jeweils bibliographie) und die Kataloge für bibliophile Samm-
zwei Ereignisse aus dem AT als ä Typologien auf eines ler. Die bibliographischen Anstrengungen der Ge-
aus dem NT verweisen. Zudem werden immer vier genwart werden von bibliothekarischen Interessen
Prophetensprüche dem jeweiligen Heilsereignis zuge- dominiert; fachwissenschaftlich orientierte B.n sind
ordnet. Die typologische Methode, bei der einzelne stark spezialisiert oder in Form der periodischen B. auf
Bibelstellen im Analogieverfahren auf andere bezogen das Verzeichnis der jeweiligen Neuerscheinungen kon-
werden, ist bereits in spätantiker Zeit für die christli- zentriert (z. B. die seit 1960 erscheinende Zs. »Germa-
che Exegese des AT verwendet worden. In der B. P. er- nistik. Internationales Referatenorgan mit bibliogra-
folgt die Typologisierung in typisch spätmal. Breite; es phischen Hinweisen«). Die wichtigsten Fachbibliogra-
wird systematisch je ein Typus aus der vormosaischen phien zur dt. Lit.wissenschaft verzeichnet Blinn.
Zeit (ante legem) und einer aus der Zeit nach der Ge- Lit.: E. Bartsch: Die B. Mchn., NY 21989. – H. Blinn:
setzgebung (sub lege) geboten. Wesentlicher Bestand- Informationshandbuch Dt. Lit.wissenschaft. Ffm.
4
teil der B. P. sind in fast allen Fällen die Bilder, denen 2001. – H.-A. Koch: B. In: RLW. – Hb. der B. Begrün-
nur relativ wenig lat., später auch dt. Text gegenüber- det v. G. Schneider. Völlig neu bearb. v. F. Nestler. Stgt.
steht. Dennoch existieren auch unbebilderte Exemp- 1999. HHS/BM
lare. – Nach einer langen Karriere in der Hss.-Kultur Bibliographie raisonnée, f. [frz.], dt.: räsonnierende,
v. a. im süddt. Raum ist die B. P. sehr früh gedruckt kritische oder referierende ä Bibliographie; Schriften-
Bibliothek 83

verzeichnis, in welchem nicht nur Titel, Standort und elektronische Ressourcen) sowie Bild- und Tonmate-
ggf. Publikationsort der erfassten Dokumente aufge- rial. Die Bez. ›B.‹ wird auch verwendet für eine nicht
führt werden, sondern die Texte auch in ihrem Inhalt öffentlichen Zwecken dienende private Büchersamm-
knapp zusammengefasst (›analytische Bibliographie‹) lung oder eine kompendienartige Schriftenreihe (z. B.
und kritisch gewürdigt werden. – Eine erweiterte Form »B. dt. Klassiker«). In Abgrenzung zu den ä Archiven
der B. r. ist das ›Referatenorgan‹, in dem sich kurze sammeln B.en in der Regel keine Schriftstücke (z. B.
ä Rezensionen (›Referate‹) zu einigen der verzeichne- Akten), die aus amtlicher oder privater Geschäftstätig-
ten Titel finden (wichtigstes Beispiel: die unter ä Biblio- keit hervorgegangen sind, sondern nur publizierte
graphie genannte »Germanistik«). DB Texte oder solche, die, wie im Fall der mal. ä Hand-
Bibliokleptomanie, f., kriminell übersteigerte ä Bib- schriften, zur Verbreitung bestimmt waren. ä Nach-
liophilie. lässe bedeutender Persönlichkeiten werden sowohl in
Bibliomanie, f., übersteigerte ä Bibliophilie. B.en als auch in Archiven aufbewahrt. Zusammen mit
Bibliophilie, f. [gr. = Liebe zum Buch], Bücherliebha- Archiven und Museen sind öffentliche B.en über ihre
berei, die sich im Sammeln von Büchern nach bes., je- aktuelle Nutzungsfunktion hinaus Institutionen der
weils individuell festgelegten Gesichtspunkten (Schön- kulturellen Überlieferung. Abhängig vom Stellenwert,
heit, Alter und Herkunft, Seltenheit, Illustrationen, den eine Gesellschaft kulturellen Artefakten und ge-
bestimmte Fachgebiete) äußert. Im Unterschied zum speicherten Informationen zumisst, sind B.en histo-
Sammler anderer Objekte des Alltagslebens beraubt risch einem starken Wandel unterworfen. Bereits im
der Bibliophile seine Sammelgegenstände nicht ihrer Altertum war ein gesellschaftlicher Komplexitätsgrad
angestammten Funktion (wie z. B. der Philatelist, der erreicht, der die ständige Verfügbarkeit von Texten
seine Briefmarken nicht mehr auf Umschläge klebt), notwendig machte. Als erste bedeutende B. gilt die des
sondern nimmt die Bücher als Objekte ästhetischen Königs Assurbanipal (668–627 v. Chr.) in Ninive, eine
Genusses ebenso wie als Träger bestimmter Inhalte Palastbibliothek universalen Charakters, die auf
wahr: Der Bibliophile sammelt, anders als derjenige, eroberte ältere Bestände aus Babylonien zurückgeht.
welcher der Bibliomanie (Bücherwahnsinn) oder gar Neben der B. existierte ein Brief-Archiv. In Ägypten
der Bibliokleptomanie (Bücherstehlsucht) erlegen ist, gab es B.en v. a. im Umkreis von Tempeln, z. B. in Edfu
nicht nur, vielmehr liest er auch. B. ist eine seit der An- und Philae. Für den gr. Kulturkreis sind erste Privat-
tike (Cicero), dem MA. (Richard de Bury) und der Re- bibliotheken bezeugt, z. B. für Aristoteles, Epikur und
naissance (F. Petrarca, J. Reuchlin) verbreitete, seit Ba- Zenon. Hier waren es die Philosophen, die auf Text-
rock und Aufklärung weit um sich greifende, heute überlieferungen jenseits der Sphäre des Kults oder der
absterbende Leidenschaft, die der Materialität des ge- staatlichen Herrschaftssicherung angewiesen waren.
schriebenen und gedruckten Wissenstransfers bes. Der Begriff ›B.‹ ist seit Ende des 4. Jh.s belegt. Die be-
Aufmerksamkeit schenkt. Der Bibliophile schafft sich deutendste B. der Antike war Teil des Museions in
mit seinem Bücherreich eine Sphäre, mit deren Hilfe er Alexandria, eines von Ptolemaios I. eingerichteten re-
seine Lebenswelt strukturiert. Seit langem gibt es einen ligiösen und wissenschaftlichen Zentrums des Reiches
Markt für eigens zu sammlerischen Zwecken in kleiner (Mitte des 3. Jh.s v. Chr.). Sie wurde mit ihren angeb-
Auflage hergestellte, ›bibliophile‹ Editionen. Die ›bi- lich 700.000 Schriftrollen mit Texten aus allen be-
bliophile‹ Ausstattung kann als Mittel zum Vertrieb kannten Kulturkreisen im Jahr 47 v. Chr. zerstört. Nach
von ansonsten schwer verkäuflicher Lit. mit bes. An- dem Vorbild von Alexandria ließ Attalos I. in Perga-
spruch dienen (vgl. die von H. M. Enzensberger von mon um 200 eine große B. einrichten. Die ältesten
1985 bis 2006 hg. »Andere Bibliothek«). röm. B.en waren geraubte Sammlungen aus Griechen-
Lit.: D. Desormeaux: La figure du bibliomane. St. Ge- land, die in den Besitz von Senatoren oder Gelehrten
nouph 2001. – Ch. Galantaris: Manuel de b. Paris gelangten. Belegt sind Privatbibliotheken z. B. für Ci-
1997 f. – R. Muller: Une anthropologie de la b. Paris cero und Atticus. Öffentliche B.en wurden von Cäsar
1997. – A.U. Sommer u. a.: Die Hortung. Eine Philoso- und Augustus angelegt. Das Christentum als Buchreli-
phie des Sammelns. Düsseldorf 2000. – A. U. Sommer: gion brachte bedeutende B.en hervor, v. a. an Klöstern
Unvorgreifliche Mutmassungen über das Sammeln (Benedikt von Nursia in Monte Cassino, Cassiodor in
von Büchern. In: ders. (Hg.): Im Spannungsfeld von Vivarium, Columban in Bobbio, Gallus in St. Gallen)
Gott und Welt. Basel 1997, S. 329–334. – M. Sommer: und Kathedralen (Lyon, Verona, Köln, Mainz). Im MA.
Sammeln. Ffm. 1999. – N. Wegmann: Bücherlabyrin- waren die Klöster – zunächst v. a. die des Benediktiner-
the. Köln 2000. AUS ordens – die bedeutendsten Träger von B.en. Hier ist
Bibliothek, f. [gr. bíblos = Buch, thē´kē = Behältnis], auch die frühe dt. Lit. geschrieben und überliefert wor-
Einrichtung zur planvollen Sammlung, Aufbewah- den (St. Gallen, Fulda, Reichenau, Weißenburg,
rung, Erschließung und Vermittlung von Texten an ei- Lorsch, Corvey). Die karolingischen Herrscher besa-
nen Benutzerkreis. Das wichtigste Medium für Texte ßen umfangreiche und kostbare Büchersammlungen.
ist heute nach wie vor das gedruckte ä Buch, aber zur Da sie aber über keine feste Residenz verfügten, ent-
Sammlung zählen auch Schriftträger in anderer Form wickelten sich keine Hofbibliotheken von Dauer. Das
(z. B. Tontafeln, Papyrusrollen, Pergamentkodizes, Bedürfnis nach profanem Wissen und seiner Weiter-
84 Bibliothek

gabe jenseits der religiös-kirchlichen Lehre führte seit die ›Staatsbibliothek München‹, die ›Herzog August B.
dem 12. Jh. zur Herausbildung von Universitäten (Pa- Wolfenbüttel‹, die ›Universitätsbibliothek Göttingen‹,
ris, Bologna, Prag, Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt). die Stadt- und ›Universitätsbibliothek Frankfurt/M.‹
Zunächst wurden Kollegien- und Fakultätsbibliotheken und die ›Staatsbibliothek zu Berlin‹. Ergänzend hinzu
angelegt. Zentrale Universitätsbibliotheken, auch wenn treten nach dem Vorbild der angelsächs. Research Lib-
ihre Ursprünge weiter zurückreichen, erlangten erst in raries Forschungsbibliotheken wie die ›Herzogin Anna
der Neuzeit eine größere Bedeutung für den Lehr- und Amalia B.‹ Weimar oder das ›Dt. Literaturarchiv‹ zu
Forschungsbetrieb. So verdankt sich der zielgerichtete Marbach/N. mit ihrem großen Quellenreservoir und
Ausbau der zentralen Universitätsbibliothek Göttingen den guten Benutzungsbedingungen für die kulturwis-
(1737) einem neuartigen Forschungskonzept dieser senschaftliche Forschung sowie die Landesbiblio-
Reformuniversität und diente im 19. Jh. als Vorbild. theken, die über wichtige regional geprägte historische
Die Erfindung des ä Buchdrucks, Humanismus und Bestände verfügen. Diese B.en haben zugleich eine bes.
Reformation hatten eine gewaltige Ausweitung der Verantwortung für die dauerhafte Aufbewahrung des
Buchproduktion und des Lesepublikums zur Folge und nationalen schriftlichen Kulturguts (Bestandserhal-
brachten auch neue B.stypen hervor: Stadtbibliotheken tung). Die Aufgabe, auch die wissenschaftlich relevante
(Nürnberg, Regensburg, Hamburg, Magdeburg, Augs- Lit. des Auslands zur Verfügung zu stellen, ist Aufgabe
burg, Leipzig), die z. T. auf spätmal. Ratsbibliotheken der großen Staatsbibliotheken in Berlin und München,
zurückgingen, entstanden ebenso wie Schulbibliotheken der Zentralen Fachbibliotheken (z. B. ›Technische In-
(Meißen, Zwickau). Die Bildung verlagerte sich aus formationsbibliothek Hannover‹) und zahlreicher B.en
den Klöstern in die Städte. Einen Aufschwung erlebten (überwiegend Universitätsbibliotheken) mit Sonder-
auch die Privatbibliotheken (Schedel, Pirckheimer, sammelgebieten, die dafür von der Deutschen For-
Fugger) und die aufgrund der Zersplitterung des Dt. schungsgemeinschaft (DFG) unterstützt werden. Das
Reiches zahlreichen Hofbibliotheken. Sie stellten zwi- B.swesen befindet sich seit den 1980er Jahren aufgrund
schen dem Dreißigjährigen Krieg und dem 19. Jh. den der informationstechnischen Revolution im Umbruch.
wichtigsten B.styp dar, weil sie mit den reichsten Mit- Die weltweite Recherche in elektronischen B.skata-
teln ausgestattet waren und Pflichtexemplare der Dru- logen ist in großem Umfang möglich (Einstiegspunkt:
cker erhielten. Von bes. Bedeutung waren in der Rei- Karlsruher virtueller Katalog, www.ubka.uni-karls
henfolge ihrer Gründung: Wien, Heidelberg (›Pala- ruhe.de/kvk.html). Die Zeitschriftendatenbank (www.
tina‹), Dresden, München, Darmstadt, Wolfenbüttel, zeitschriftendatenbank.de) weist alle in dt. wissen-
Kassel, Gotha, Berlin, Hannover, Weimar, Stuttgart. schaftlichen B.en gehaltenen Zeitschriften nach. Die
Die Säkularisation von 1803 mit ihren großen Bücher- elektronische Lieferung von Dokumenten an Endnut-
verlagerungen aus geistlichen Herrschaften und Klös- zer ist inzwischen möglich geworden. Die dt. wissen-
tern begünstigte häufig die Hofbibliotheken (bes. schaftlichen B.en haben sich über die Ländergrenzen
München). Diese wurden nach 1918 in Staats- und hinweg einem von sechs Verbünden angeschlossen,
Landesbibliotheken umgewandelt, unter denen die über die der Katalogaufbau erfolgt und der Leihver-
größte heute die ›Staatsbibliothek zu Berlin‹ ist. In der kehr abgewickelt wird. Der größte seiner Art ist der
Mitte des 19. Jh.s entstanden Volksbibliotheken, später ›Gemeinsame B.sverbund‹ (GBV) mit Sitz in Göt-
Lesehallen und Stadtbibliotheken, aus dem pädago- tingen. Die von der DFG geförderten B.en bauen Fach-
gischen Impetus, breiteren Schichten Zugang zur Bil- portale auf, über die sie auch die elektronischen Res-
dung zu verschaffen. Damit verfestigte sich die für sourcen ihrer Fachgebiete zugänglich machen (www.
Deutschland typische Spartentrennung zwischen Öf- vascoda.de). B.en sehen ihre Aufgabe heute nicht mehr
fentlichen B.en zur allg. Benutzung und wissenschaft- nur im Aufbau physischer Buchbestände, sondern auch
lichen B.en. Mit dem Fortschritt der Wissenschaften in der Eröffnung von Zugängen zu digitalen Doku-
und der Industrialisierung erlebten die zentralen B.en menten, die an anderen Orten verfügbar oder aufgrund
der Hochschulen und die sich ausdifferenzierenden von Lizenzen nur zeitweilig in ihrem Besitz sind.
Spezialbibliotheken seit dem 19. Jh. eine starke Auf- Bibliographien und Periodika: B. Fabian (Hg.): Hb. der
wärtsentwicklung. Keine B. konnte angesichts der ex- historischen Buchbestände in Deutschland. 27 Bde.
plodierenden Lit.produktion länger den Anspruch er- Hildesheim 1992–2000. – H. Meyer: Bibliographie der
heben, ›universal‹ zu sammeln. Als Ergebnis der histo- Buch- und B.sgeschichte. 23 Bde. Bad Iburg 1982–
rischen Entwicklung ist zu konstatieren, dass in 2004. – World guide to libraries. Mchn. 202005. – Jb.
Deutschland anders als in England, Frankreich, den der Dt. B.en. 1902 ff. (Bd. 61 [2005/06]).
Vereinigten Staaten oder Russland eine klassische Na- Lit.: R. Hacker: Bibliothekarisches Grundwissen [1972].
tionalbibliothek fehlt trotz des 2006 eingeführten Na- Mchn. 72000. – U. Jochum: Kleine B.sgeschichte. Stgt.
mens: Die 1913 in Leipzig gegründete ›Dt. Bücherei‹ 1993. – G. Pflug: B. In: RLW. – W. Schmitz: Dt. B.sge-
(heute neben Frankfurt/M. Teil der Institution ›Dt. Na- schichte. Ffm. 1984. – J. Seefeldt, L. Syré: Portale zu
tionalbibliothek‹) sammelt nur die laufend erschei- Vergangenheit und Zukunft. Hildesheim 2003. MKN
nende Lit. aus und über Deutschland. In die Sammlung Biblisches Drama, Schauspiel auf der Grundlage bi-
des älteren dt.sprachigen Schrifttums teilen sich heute blischer Stoffe, meist aus dem AT. Der Begriff wird
Biedermeier 85

durch Konvention abgegrenzt vom ä geistlichen Spiel nach der 1848er-Revolution zunächst zurückgefallen
des MA.s und auf im Gefolge der Reformation entstan- sei.
dene Stücke verengt (ä Reformationsdrama). Ein über- Zu 2.: Die v. a. durch F. Sengle vertretene neuere For-
schaubarer Kanon von Beispielfiguren führt tugend- schung bestimmt die B.zeit politisch-soziologisch un-
oder lasterhaftes Verhalten vor. Für die erste Gruppe ter der geschichtsphilosophischen Kategorie der Re-
stehen u. a. der alttestamentliche Joseph (Th. Gart, stauration in der Zeit vom Wiener Kongress 1815 bis
1540), die Heroinen Judith (J. Greff, 1536), Esther (V. zu Metternichs Sturz 1848 als »Epoche, die äußerlich
Voith, 1537) und Susanna (S. Birck, 1532; P. Rebhun, friedlich, sonst aber ziemlich zerstritten, ja schließlich
1535), für die zweite Gruppe v. a. der verlorene Sohn explosiv war« und als deren Signum die »Verschieden-
(Lk 15, 11–24: B. Waldis, 1527; J. Wickram, 1540) so- heit des Gleichzeitigen« (Sengle, Bd. 1 [1971], S. X),
wie der arme Lazarus (Lk 16, 19–31). Im 18. Jh. wur- des Biedermeierlichen und Antibiedermeierlichen,
den die Helden des AT neu entdeckt (F. G. Klopstock: gilt. Sengles Epochenbegriff ›Biedermeierzeit‹ umfasst
»Salomo«, 1764; »David«, 1772). In F. Hebbels »Judith« daher alle Strömungen der Zeit, von dem lit. B. im en-
(1840) finden sich Ansätze zur Psychologisierung. Die geren Sinne und der späten ä Romantik über das
letzten relevanten biblischen Dramen stammen von ä Junge Deutschland bis zum Vormärz, da sich alle
jüdischen Dramatikern (St. Zweig: »Jeremias«, 1917; Schriftsteller zu den politisch-kulturellen Rahmenbe-
R. Beer-Hofmann: »Der junge David«, 1933; F. Werfel: dingungen der Metternich’ schen Restauration verhal-
»Der Weg der Verheißung«, 1937). ten mussten. Die Restauration eines christlichen, vor-
Lit.: L. R. Muir: The Biblical Drama of Medieval Eu- revolutionären Universalismus (antibiedermeierliche
rope. Cambridge 1995. CF Gegenposition dazu: H. Heine) lässt die philoso-
Biedermeier, n., aus der Geschichte der bildenden phielastige Theologie der ä Aufklärung wieder zurück-
Kunst und des Kunsthandwerks (bes. der Innenarchi- treten hinter den Habitus einer am harmonisch aus-
tektur und des Möbelbaus) metonymisch übernom- gleichenden Schicksal orientierten Pietät (»Herr! schi-
mene Epochenbez. In der Lit.wissenschaft steht ›B.‹ 1. cke was du willt«, Mörike: »Gebet« – im Ggs. zum
für eine von etwa 1820 bis 1855 anhaltende einzelne lit. ä Weltschmerz des gleichzeitigen ä Byronismus), die
Strömung oder 2. für die gesellschaftlich-kulturelle das – in der Schicksalstragödie sowie in der Erzähllit.
Epoche vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevo- der Spätromantik thematisierte – Furchtbare, Zerstö-
lution 1848 in ihrer Gesamtheit; der Begriff in dieser rerische und Umwälzende in den Hintergrund drängt
Verwendung – meist in der Form ›B.zeit‹ – steht in und die kleine Ordnungsstruktur der Familie (wie im
Konkurrenz zu ä ›Restaurationszeit‹ und ä ›Vormärz‹. ä Wiener Volkstheater) oder des begrenzten, patriar-
Zu 1.: Die ältere Forschung (vgl. Kluckhohn, Weydt, chalisch geführten, ›vaterländischen‹ Raums (Vers-
Bietak) thematisiert das B. als kulturelle Formation epos) thematisiert (antibiedermeierliche Gegenposi-
und bestimmt dessen mentale Dispositionen (›Lebens- tion dazu: G. Büchner). Daher blüht die Geschichte
gefühl‹) über Merkmale wie ä Geselligkeit im engen auf im Sinne von Traditionserschließung, die ihrerseits
Kreis von Vertrauten, Gelassenheit gegenüber schwer- die alten Ordnungsstrukturen bestätigt und so Restau-
mütigen Anfechtungen, Resignation und Entsagung, ration kulturell fundiert. Entsprechend treten lit.theo-
Anspruchslosigkeit, Stille und Maß, Schicksalshingabe retische Richtungsstreitigkeiten in den Hintergrund,
und Ehrfurcht vor dem Alten. Korrespondierend da- da vieles durch Tradition geehrt erscheint; eine Hal-
mit werden Themen und Gattungen der B.lit. identifi- tung, auf deren Grund ein Stilpluralismus blüht, in
ziert: historische Dichtung, heimatliche Landschaft, dem vielfältige alte Formen, z. B. auch des ä Barock (im
Harmonie mit der Natur, Familie, insbes. Kinder und Strahlungsfeld des alten Barockstaates Österreich),
Alte, Depotenzierung der Erotik, Harmonie mit dem auslaufen. Auf dieser Traditionsbreite entfalten sich
Weltganzen und Schicksalsergebenheit. Interdepen- auch die gesellige Lit.übung (im Ggs. zum Geniekult)
denzen der Strömung mit dem Metternich’ schen Sys- und die Neigung zum Zyklischen in der Lyrik sowie zu
tem werden herausgearbeitet, doch gilt die B.kultur Kleinformen (ä Novelle, ä Idylle), während der zeitge-
nicht als Epiphänomen der Politik; vielmehr werden nössische Roman strukturschwach bleibt (im Ggs. zur
beide, Restauration und B., als äquivalente Ausdrucks- Hebung der Prosa im Jungen Deutschland). Auf diesen
formen des bürgerlichen Ruhebedürfnisses nach den Grundlagen konnte selbst im Jungen Deutschland der
napoleonischen Kriegen aufgefasst. So entstehen Vor- 1830er Jahre noch keine politisch eindeutige und theo-
aussetzungen, die bes. der ä österr. Lit. (F. Grillparzer, retisch ambitionierte Indienstnahme der Lit. für die
F. Raimund, A. Stifter, J. Nestroy, N. Lenau) eine Blüte- Politik stattfinden, die sich erst in den 1840er Jahren,
zeit ermöglichen, daneben der süddt. (E. Mörike), teils der Dekade des Vormärz, Bahn bricht. – Als Epochen-
auch der norddt. Dichtung (A. v. Droste-Hülshoff, K. begriff hat Sengles ›B.zeit‹ (bei gleichzeitigem Festhal-
Immermann), wobei die Schweiz (J. Gotthelf) eher am ten an ›B.‹ für die lit. Strömung) zunächst wegen der
Rande steht. In dieser Perspektive gilt das lit. B. als gewaltigen Forschungsleistung viel Beachtung gefun-
»bürgerlich gewordene dt. Bewegung« (Kluckhohn, den, erscheint aber heute wegen der Begriffsdopplung
S. 108) und als vorherrschende Strömung der Restau- und der dadurch unvermeidbar übertragenen Konno-
rationszeit, in die auch das enttäuschte Bürgertum tationen problematischer als ›Restaurationszeit‹.
86 Biedermeierzeit

Lit.: W. Bietak: Vom Wesen des österr. B. und seiner dem hochmal. Salzburg. Vorbildlich im frühen Druck-
Dichtung [1931]. In: Neubuhr, S. 61–83. – U. Fülle- zeitalter waren die ndt. Bibel aus Köln mit ihren Holz-
born: »Erweislose« Wirklichkeit: Frührealismus und schnitten (1478 f.) sowie die Bibelausgaben mit Holz-
B.zeit. In: ders.: Besitz und Sprache. Mchn. 2000, schnitten von H. Holbein dem Jüngeren oder Kupfer-
S. 102–127. – J. Hermand: Allg. Epochenprobleme. In: stichen von M. Merian (zu diesen siehe auch [2]). – Im
ders., M. Fuhrmann (Hg.): Zur Lit. der Restaurations- 19. Jh. versuchten sich die Nazarener, v. a. J. Schnorr v.
epoche 1815–48. Stgt. 1970, S. 3–61. – P. Kluckhohn: Carolsfeld, an ›volkstümlichen‹ B.n. – Über die Jh.e
B. als lit. Epochenbez. [1935]. In: Neubuhr, S. 100–145. hinweg begründeten kath. wie lutherische Autoren die
– U. Köster: B.zeit. In: Killy/Meid. – E. Neubuhr (Hg.): Bibelillustration mit didaktischen Absichten.
Begriffsbestimmung des lit. B. Darmstadt 1974. – F. 2. Bez. für eine gemalte, gezeichnete oder gedruckte
Sengle: Voraussetzungen und Erscheinungsformen der Illustrationsfolge in Buchform zu einem oder mehre-
dt. Restaurationslit. [1956]. In: Neubuhr, S. 238–273. – ren biblischen Büchern, zu welcher der eigentliche
Ders.: B.zeit. 3 Bde. Stgt. 1971–80. – M. Wagner: Le- Text gekürzt oder durch Bildbeischriften ersetzt ist.
bensgefühl des B. – wie es Künstler bezeugen. In: I. Schon die frühbyzantinische »Wiener Genesis« ist eine
Dürhammer, P. Janke (Hg.): Raimund, Nestroy, Grill- solche B., ein spätmal. Beispiel ist die »Freiburger B.«
parzer – Witz und Lebensangst. Wien 2001, S. 11–30. vom Anfang des 14. Jh.s, die nur das NT behandelt.
– G. Weydt: Lit. B. [1931/35/73]. In: Neubuhr, S. 35– Das »Passional«, 1529 in der Cranach-Werkstatt zu M.
61, 84–99, 313–328. DK Luthers »Betbüchlein« geschaffen, geht wohl direkt auf
Biedermeierzeit ä Biedermeier (2). Anregungen des Reformators zurück, die Straßburger
Bild [gr. eikō´n, lat. imago], 1. lit.wissenschaftlicher »Leien-Bibel« von 1542 vielleicht indirekt. Auch Meri-
Sammelbegriff für Tropen und Figuren, bes. für ä Me- ans Bibelillustrationen erschienen 1625–27 zunächst
tapher, ä Allegorie, ä Metonymie, ä Synekdoche, ä Per- nur in breitformatigen Quartheften mit mehrspra-
sonifikation, ä Antonomasie, ä Periphrase und chigen Bilderklärungen J. L. Gottfrieds.
ä Gleichnis, für das ä Symbol sowie für Gegenstands- Lit.: J. H. Beckmann, I. Schroth (Hg.): Dt. B.n aus dem
referenzen und -evokationen. – B.er sind in allen lit. späten MA. Konstanz 1960. – W. Cahn: Die Bibel in
Gattungen vertreten und sowohl von epochenspezi- der Romanik. Mchn. 1982. – K. Weitzmann, H. L.
fischen Eigenheiten (vgl. z. B. die Bildlichkeit der Ro- Kessler: The Cotton Genesis. Princeton/N. J. 1986. – H.
mantik mit der des Barock) als auch vom individuellen Wendland: Die Buchillustration von den Frühdrucken
Sprachstil des Dichters geprägt. B.lichkeit ist ein Cha- bis zur Gegenwart. Aarau, Stgt. 1987. CWI
rakteristikum poetischer Sprache, aber auch in der All- Bilderbogen, ein im großen Folio gehaltener (also
tagssprache sind B.er präsent. – Bereits in der antiken mindestens 30 x 40 cm großer) einseitiger Druck, auf
ä Rhet. und ä Poetik ist der B.-Begriff von Bedeutung, dem Schaubilder oder Bilderserien mit wenig Text
wobei B.er eine wirkungsästhetische Funktion bean- dargeboten werden; Form der ä Bildergeschichte. –
spruchen und auf Vergegenwärtigung im Zuhörer zie- Häufig sind die B. in sehr einfacher Weise koloriert.
len. In der zweiten Hälfte des 18. Jh.s erlangt der Be- Weitere Merkmale sind hohe Auflage, Popularität in
griff in der Poetik und ä Ästhetik eine zentrale Stel- Inhalt und Darstellungsweise – auf Frz. spricht man
lung. In der Lit. des 19. Jh.s wird der B.-Begriff auch ohne Rücksicht auf das Format von imaginerie popu-
programmatisch als Titel verwendet (H. Heine: »Rei- laire – und niedriger Preis. Als Vorläufer der B. im
sebilder«, 1826–31). – 2. Dramaturgische Bez. für späten MA. können die zunächst gemalten und dann
ä Akt oder ä Szene (z. B. M. Frisch: »Andorra. Stück in als ä Einblattdrucke verbreiteten kleinen Andachts-
zwölf B.ern«, 1961). bilder gelten. Wie diese scheinen B. häufig an die Wand
Lit.: V. Bohn (Hg.): Bildlichkeit. Ffm. 1990. – U. Fix, gehängt worden zu sein. Heiligenbilder und andere re-
H. Wellmann (Hg.): B. im Text – Text im B. Hdbg. ligiöse Darstellungen, teils volkstümlicher, teils erbau-
2000. – W. Harms (Hg.): Text und B., B. und Text. Stgt. lich-didaktischer Natur behalten auch später einen
1990. – G. Kurz: B., Bildlichkeit. In: Killy/Meid. – großen Anteil an der B.produktion. Schon um 1500
Ders.: Metapher, Allegorie, Symbol [1982]. Gött. tauchen jedoch aktuelle, bes. sensationelle Ereignisse
5
2004. – O. R. Scholz: B., Darstellung, Zeichen [1991]. wie Kometeneinschläge und missgestaltete Neugebo-
Ffm. 22004. MBL rene auf den B. auf, die durch Themen wie die Alters-
Bildbruch ä Katachrese (3). stufen und die ›verkehrte Welt‹ sowie durch serielle
Bilderbibel, 1. verbreitete, wenn auch unpräzise Bez. Darstellungen von Berufen, Trachten oder Uniformen
für eine illustrierte Voll- oder Teilbibel. Die Dichte der ergänzt werden. Schon früh werden auch konfessio-
Bebilderung reicht dabei von Eingangsbildern zu den nelle und politische Polemiken geschaffen, die sich je-
einzelnen biblischen Büchern bis hin zur Bebilderung doch bald zu dem als eigenständig betrachteten ä Flug-
aller wichtigen Szenen. – Bes. einflussreich im MA. blatt weiterentwickeln. Bemerkenswert ist eine Kon-
waren die Bilderfolgen der spätantiken Genesis-Hss., zentration der Herstellung auf einige Zentren sowie
v. a. der »Cotton-Genesis«. Prachtvolle ä Buchmale- eine käuferorientierte Gestaltung. So sind im 17. Jh.
reien zu den einzelnen Büchern enthalten z. B. die die für ein städtisches Publikum gedachten, inhaltlich
großformatigen B.n aus dem karolingischen Tours und anspruchsvolleren B. zumeist als differenzierte Kup-
Bildergeschichte 87

ferstiche oder Radierungen ausgeführt, die B. für die ä Kinder- und Jugendlit. in der Aufklärung wird von
Landbevölkerung jedoch als Holzschnitte. In Deutsch- der Herstellung kindgerecht illustrierter, lehrhafter
land sind für lange Zeit B.hersteller in Nürnberg und Bilderbücher begleitet (K. Ph. Moritz: »Neues ABC-
Augsburg führend, ab dem späten 18. Jh. und v. a. seit Buch«, 1790; Elementarbücher von Ch. G. Salzmann
der Umstellung auf Lithographie und Holzstich treten mit Illustrationen von D. Chodowiecki). Zu Beginn
jedoch B. aus Neuruppin (G. Kühn) und München des 19. Jh.s erschließt die Kinderlit. der ä Romantik
(Braun & Schneider) an ihre Stelle. Hinzu kommen den Bereich der ä Sagen und ä Märchen für das B. und
Importe, bes. aus Épinal und dem elsässischen Wei- überwindet damit die strikte Lehrhaftigkeit von Bil-
ßenburg, die wie die dt. B. häufig mehrsprachig be- derbüchern. Im Laufe des 19. Jh.s wird die B.illustra-
druckt sind. Die meisten B. sind anonym und von ge- tion zu einem etablierten Bildgenre (O. Pletsch); mit
ringer Qualität, doch werden in der ä Frühen Neuzeit dem »Struwwelpeter« (1845) von H. Hoffmann und
(A. Dürer, J. Amman, H. Burgkmair) und wieder im »Max und Moritz« (1865) von W. Busch entstehen die
19. Jh. (M. v. Schwind) B. von namhaften Künstlern ge- ersten Klassiker des B.s. Um die Wende vom 19. zum
schaffen. In ä Zeitungen, Illustrierten und Kinderbü- 20. Jh. erfolgt in zweifacher Hinsicht eine bis in die Ge-
chern erhalten die B. im Laufe des 19. Jh.s immer stär- genwart folgenreiche Wendung: Im Zuge der Etablie-
kere Konkurrenz, die um den Ersten Weltkrieg faktisch rung reformpädagogischer Konzepte auf der Basis kin-
zu ihrem Ende führt. Allerdings finden sie in den Pos- derpsychologischer Forschungen setzen sich neue
tern eine verwandte Nachfolge in größerem Format. Vorstellungen von kindgemäßen Erzählungen, auch
Lit.: W. Brückner: Populäre Druckgraphik Europas: für das B., durch. Zudem erreichen die künstlerischen
Deutschland vom 15. bis zum 20. Jh. Mchn. 1969. – H. Strömungen der Zeit die B.illustrationen: Durch H.
Dettmer: B. des 18. und 19. Jh.s. Münster 1976. – A. Vogeler findet die Formensprache des ä Jugendstils
Spamer: Der B. von der »Geistlichen Hausmagd«. Gött. Eingang in das B.; im weiteren Verlauf des 20. Jh.s fol-
1970. CWI gen ihr u. a. die abstrakte Kunst (L. Lionni: »Das kleine
Bilderbuch, Genre der Kinderlit. und der ä Bilderge- Blau und das kleine Gelb«, 1962) und die Pop-Art (J.
schichte: eine für die Rezeption durch Kinder konzi- Spohn: »Der Spielbaum«, 1970). Das B. partizipiert zu-
pierte Folge von visuellen Bildern im Medium Buch gleich an den Entwicklungen der Kinder- und Jugend-
mit der Darstellung einer ä Handlung oder einer Sze- lit.; von bes. Bedeutung ist dabei seine Befreiung von
nerie, im Regelfall kombiniert mit Text, wobei die Bil- der gängigen Pädagogisierung durch den Modernisie-
der nicht (wie in der illustrierten Textausgabe lit. rungsschub um 1970 (F. K. Waechter: »Der Anti-
Werke) auf die gelegentliche ä Illustration von Text- Struwwelpeter oder listige Geschichten und knallige
passagen beschränkt, sondern für die Bedeutungsbil- Bilder«, 1970), der nur kurzzeitig und teilweise zu ei-
dung wesentlich sind. – Die kleinste Einheit des B.s ist ner gesellschaftskritischen Instrumentalisierung des
das Einzelbild; zu unterscheiden ist das ›monosze- B.s führte. Gesellschaftspolitisch engagierte Bilderbü-
nische Bild‹ vom ›pluriszenischen Bild‹ oder ›Simul- cher setzen sich mittlerweile in seriöser Weise auch
tanbild‹ (mit unterschiedlichen Handlungsmomenten). mit dem Holocaust auseinander (J. Hoestlandt, J. Kang:
Bilderfolgen unterscheiden sich v. a. durch das Maß, in »Die große Angst unter den Sternen«, 1995). In den
dem Hauptmotive im jeweils folgenden Bild wieder 1980er und 1990er Jahren etabliert sich eine große
aufgenommen werden, und durch das Maß an Auslas- Vielfalt von Bilderbüchern durch ambitionierte For-
sungen und Sprüngen zwischen einzelnen Bildern. men der Bild-Text-Interaktion und durch teils avan-
Das Bild wird bei der narrativen Informationsvermitt- cierte Formen der Illustration (K. Pacovská: »Rot,
lung in der Regel durch Text unterstützt. Das Zusam- grün, alle«, 1992). Zunehmend wichtig wird in den
menspiel von Bild und Text tendiert zu folgender letzten Jahren der Aspekt der ä Intermedialität. V. a. der
Funktionsteilung: Während ein Bild einen Handlungs- Einfluss der visuell orientierten elektronischen Medien
moment zeigt, kann der dazugehörige Text eine Folge auf das B. ist markant; Beachtung verdienen insbes.
von ä Ereignissen darstellen. Bild-Text-Interdepen- filmsprachliche Darstellungsverfahren im B., z. B. Bil-
denzen sind in zahlreichen Varianten möglich. Von der im Stile von Nahaufnahmen und Totaleinstellun-
zentraler Bedeutung ist dabei die Frage nach Identität gen und die Anlehnung an filmische Montageverfah-
und Abweichung zwischen visueller und verbaler In- ren (I. Pommaux: »Detektiv John Chatterton« [1994]
formation; als Hauptformen lassen sich die Parallelität mit Anlehnung an Zeichentrickfilm und ä Film Noir).
von Bild- und Textebene und die kontrapunktische Lit.: K. Doderer, H. Müller (Hg.): Das B. [1973]. Wein-
Spannung zwischen ihnen unterscheiden. In der Er- heim 21975. – K. Franz, G. Lange (Hg.): Bilderwel-
zählung einer Handlung können Bild- oder Textebene ten. Baltmannsweiler 1999. – H. A. Halbey: B.: Lit.
dominieren (auch abwechselnd: Prinzip des »gefloch- Weinheim 1997. – J. Thiele: Das B. [2000]. Oldenburg
2
tenen Zopfes«; Thiele, S. 75). Das (verbal-)visuelle Er- 2003. ML
zählen ist im Kontext lit. und medialen Erzählens zu Bilderfolge ä Bilderbuch, ä Bildergeschichte.
betrachten (ä Narratologie); bes. Beachtung verdient Bildergeschichte, auch: Bildgeschichte; Darstellung
dabei das diegetische Erzählen ohne vermittelnden einer Handlung in einer Bilderfolge; Oberbegriff für
ä Erzähler. – Die Herausbildung einer eigenständigen eine Vielzahl von Genres des visuellen Erzählens: 1. In
88 Bilderlyrik

einem weiten Sinne umfasst der Begriff ohne histo- Beliebteste Gedichtform ist das ä Sonett. – Als frühe
rische Einschränkung jede Bilderfolge mit Handlungs- Formen gelten das antike Bildepigramm, die mal. Ge-
darstellung in beliebigen Präsentationsformen und mälde-Tituli, Texte zu Holzschnitten und Stichen
Medien (Architekturdekor, Wandfresko, Vasenmale- (ä Bilderbogen, ä Einblattdruck) und das barocke
rei); 2. im engeren Sinn bezieht sich der Begriff auf ä Emblem. Die Grenze zum ä Dinggedicht ist fließend
Produktionen, die mit dem neuen Medium des (vgl. dagegen ä Figurengedicht). – Das B. tritt bes. in
ä Drucks seit Beginn der Neuzeit hergestellt werden. – der Lyrik des ä Barock (J. van den Vondel, G. Ph. Hars-
Die Systematisierung von B.n erfolgt außer nach Prä- dörffer, S. v. Birken) und der ä Romantik (A.W. Schle-
sentationsformen und Medien v. a. unter den Aspekten gels Gemäldesonette) in Erscheinung. Danach ist das
der Textintegration (ohne Text, Bild und Text getrennt, B. v. a. in der Lyrik E. Mörikes, C. F. Meyers, St. Georges
Text in Bilder integriert) und der Funktion (religiös, und R. M. Rilkes, in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s z. B.
herrschaftsrepräsentativ, belehrend, unterhaltend). – bei P. Aumüller und H. J. Haecker vertreten.
Frühe Zeugnisse der B. sind aus dem Altertum überlie- Lit.: Ch. Eykman: Über Bilder schreiben. Hdbg. 2003,
fert: B.n finden sich in altägyptischen ä Totenbüchern S. 101–127. – G. Kranz: Das B. 3 Bde. Köln 1981–87. –
sowie auf Tempelfriesen und Siegessäulen der gr. und K. Pestalozzi: Das B. In: G. Boehm, H. Pfotenhauer
röm. Antike. Im MA. wird die Kunst der B. v. a. in den (Hg.): Beschreibungskunst – Kunstbeschreibung. Mchn.
Zentren der christlichen Kultur gepflegt (z. B. in Fres- 1995, S. 569–591. – A. Pieczonka: Sprachkunst und
kenzyklen). Mit der Durchsetzung des Buchdrucks bildende Kunst. Studien zum dt. Bildsonett nach 1945.
entwickeln sich auch im dt.sprachigen Gebiet neue Pu- Köln 1988. MBL
blikationsformen und Typen der B. (ä Almanach, Bildgeschichte ä Bildergeschichte.
ä Kalender, Bilderbogen). Das 19. Jh. gilt als klassische Bildhälfte ä Gleichnis.
Epoche der B. im dt.sprachigen Bereich. Weite Ver- Bildlichkeit ä Bild.
breitung fanden – wie schon in der Frühen Neuzeit – Bildreihengedicht, lyrischer Text, für den die Entfal-
die sog. ä Bilderbogen (Einzelblattdrucke z. B. zur reli- tung eines Grundgedankens durch die serielle Reihung
giösen Belehrung, aber auch zur Unterhaltung). Zu- von jeweils knapp ausgeführten (oft nur bis zu einer
dem erschienen B.n einzelner Autoren, die wichtige Zeile langen) sprachlichen ä Bildern konstitutiv ist,
Impulse für die weitere Geschichte der B. gaben; so welche alle ein in Überschrift, Einleitung oder Schluss
veröffentlichte der Schweizer R. Töpfer seinen sog. zusammengefasstes Thema variieren. Insbes. der früh-
»Bilderroman« (1846) und W. Busch das ä Bilderbuch neuzeitliche ä Poeta doctus gewinnt aus ä Katalogen
»Max und Moritz« (1865). Busch inspirierte in der bzw. Emblematabüchern neue Bildkonstruktionen;
Folge das Genre der humoristisch-satirischen B. Um diese können additive Entsprechungen entwickeln,
die Wende zum 20. Jh. entstand mit den Comicstrips aber auch Kontrastverhältnisse stiften und somit Aus-
in am. Zeitungen ein neues Genre, das zur wichtigsten druck der barocken Antithetik sein (A. Gryphius:
Ausformung der B. im 20. Jh. wurde und zugleich der »Menschliches Elende«, 1637; G. Ph. Harsdörffer: »Die
B. eine andauernde Popularität garantiert (ä Comic). Welt«, 1651; Ch. Hoffmann v. Hoffmannswaldau: »Die
Die technischen Medien des 20. Jh.s haben der B. kaum Welt«, 1679). Das B. ist auch in der späteren Lyrik gele-
neue Impulse gegeben; zu nennen sind allein der Foto- gentlich noch zu finden (Th. Storm: »Juli«, 1852); im
roman und die interaktive B. (mit ä Illustrationen, in 20. Jh. nutzt es die neue Technik der ä Montage (G.
denen sich Animationen aufrufen lassen) als compu- Benn: »Nachtcafé«, 1912).
terspezifische Produktion. Lit.: R. N. Maier: Das B. In: WW 3 (1952/53), S. 132–
Lit.: B. Dolle-Weinkauf: Bildgeschichte, B. in: RLW. – 140. RK
D. Grünewald: Prinzip Bildgeschichte. Köln 1989. – E. Bildsatire ä Satire.
Hilscher: Dt. Bilderbogen im 19. Jh. Mchn. 1977. – Th. Bildungskanon ä Kanon.
Kuchenbuch: Bild und Erzählung. Münster 1992. – K. Bildungsroman, auch: Entwicklungsroman; Roman-
Riha: Bilderbogen, B., Bilderroman. In: W. Haubrichs typus, in welchem in Form einer fiktionalen ä Biogra-
(Hg.): Theorien, Modelle und Methoden der Narrati- phie die Bildung eines ä Helden dargestellt wird. Der
vik. Gött. 1978, S. 176–192. ML B. zeigt die Entwicklung der Hauptfigur in Auseinan-
Bilderlyrik, unscharfe Bez. 1. für ä Figurengedichte dersetzung mit unterschiedlichen Bereichen der Wirk-
(Bilderreime, Technopaignia); 2. für ä Bild- (oder Ge- lichkeit, und zwar von Jugend an über verschiedene,
mälde-)gedichte. meist krisenhaft erlebte Phasen bis hin zum Erreichen
Bilderrätsel ä Rebus. einer gefestigten Ich-Identität. Idealtypisch wird die
Bildgedicht, auch: Gemäldegedicht; lyrischer Text, Entwicklung einsträngig und chronologisch erzählt, in
der ein Werk der bildenden Kunst (Malerei, Graphik der frühen Phase des B.s auch mit klarer Ausrichtung
oder Plastik) zum Gegenstand hat. Im B. wird auf auf ein teleologisch bestimmtes Bildungsziel. Die enge
Form, Inhalt, Stimmung oder Bedeutung des Kunst- Verzahnung von individueller Entwicklung des
werks Bezug genommen. Die vielfältige Darstellung Helden, zeitgeschichtlichem Hintergrund und kon-
variiert vorwiegend zwischen ä Beschreibung, Um- kreter räumlicher Umwelt im B. hat M. Bachtin als
schreibung, ästhetischer Analyse und Interpretation. ä ›Chronotopos‹ bezeichnet. – Der B. entsteht aus der
Biographie 89

Genretradition der religiösen Biographie und deren stern verwendet und von W. Dilthey (»Leben Schleier-
Weiterführung in der ä Empfindsamkeit. Seinen ide- machers«, 1870) in der Forschung etabliert. Er blieb
engeschichtlichen Hintergrund bilden G. W. Leibniz’ jedoch umstritten, zum einen wegen seiner ideolo-
Modell der Monade und die Annahme einer dem gischen Aufladbarkeit, zum anderen wegen seiner
Menschen innewohnenden Perfektibilität. Hinzu schwachen Abgrenzung zum umfassenderen, aber
kommt das im 18. Jh. weit verbreitete pädagogische In- auch unspezifischeren Terminus ›Entwicklungsro-
teresse (ä Erziehungsroman). Als erster B. gilt Ch. M. man‹. Es zeichnet sich inzwischen eine Tendenz ab,
Wielands »Geschichte des Agathon« (1766 f.). J. W. beide Begriffe – die sich auch in der internationalen
Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795 f.) wird Philologie durchgesetzt haben – synonym zu verwen-
zum lange Zeit rezeptionsprägenden ä Prototyp der den und mit historisch variablen Bildungskonzepten
Gattung, die dadurch eng an den humanistisch aufge- zu präzisieren. Der B. bzw. Entwicklungsroman kann
ladenen Bildungsbegriff der ä Weimarer Klassik ge- dann als Subgenre einer spezifisch neuzeitlichen bio-
bunden wird; Bildung wird in diesem Kontext als en- graphischen Erzähltradition verstanden werden.
telechetisch-organisch sich vollziehende Ausbildung Lit.: M. Bachtin: The B. and Its Significance in the His-
vollendeter Menschlichkeit verstanden. Dieses Bil- tory of Realism. In: ders.: Speech Genres and other late
dungskonzept wird jedoch bereits in den B.en Jean essays. Austin 1986, S. 10–59. – O. Gutjahr: Einf. in
Pauls (»Titan«, 1800–03; »Flegeljahre«, 1804 f.) so- den B. Darmstadt 2007. – H. Hillmann, P. Hühn: Der
wie der ä Romantik (E. T. A. Hoffmann: »Lebens-An- europäische Entwicklungsroman in Europa und Über-
sichten des Katers Murr«, 1820/22) ironisch gebro- see. Darmstadt 2001. – J. Jacobs: B. In: RLW. – L. Köhn:
chen. Im angelsächs. Sprachraum entsteht bereits früh Der Entwicklungs- und B. DVjs 42 (1968), S. 427–473
eine Tradition des weiblichen B.s (J. Austen: »Mans- und 590–632. – G. Mayer: Der dt. B. von der Aufklä-
field Park«, 1814; G. Eliot: »Middlemarch«, 1871 f.). rung bis zur Gegenwart. Stgt. 1992. – R. Selbmann:
Im 19. Jh. verbindet sich die Geschichte des B.s mit Der dt. B. [1984]. Stgt. 21994. – G. Stanitzek: Bildungs-
dem Aufstieg des Bildungsbürgertums; der B. gewinnt und Entwicklungsroman. In: Killy/Meid. – W. Voß-
dadurch an Breitenwirkung, wird aber auch triviali- kamp: »ein anderes Selbst«. Bild und Bildung im dt.
siert (G. Freytag: »Soll und Haben«, 1855). In A. Stif- Roman des 18. und 19. Jh.s. Gött. 2004. JH
ters »Nachsommer« (1857) findet sich noch einmal ein Bili·ngue, f. [aus lat. bi- = zwei und lingua = Sprache],
restauratives Muster gelungener umfassender mensch- v. a. in den Altertumswissenschaften gebräuchliche
licher Bildung, während bei anderen Autoren des ä Re- Bez. für Schriftquellen (meist ä Inschriften), die den
alismus wie G. Keller (»Der grüne Heinrich«, 1854 f./ gleichen Text in zwei Sprachen bieten. Textformen, die
79 f.) und W. Raabe (»Die Akten des Vogelsangs«, eine solche mehrsprachige Schriftform aufweisen, sind
1896) die krisenhaften Aspekte menschlicher Entwick- selten und gemeinhin an bestimmte pragmatische Zu-
lung immer stärker in den Vordergrund rücken. Der B. sammenhänge gebunden wie etwa die öffentliche Ver-
nähert sich dadurch dem frz. ›Desillusionsroman‹ an; lautbarung in mehrsprachigen Gesellschaften, das
auch die humoristischen B.e des englischen Realismus Vorhandensein rivalisierender Schreibsysteme (etwa
(Ch. Dickens: »David Copperfield«, 1850) entfalten in im Mittelmeerraum im 1. Jh. v. Chr.; Japan heute) oder
Deutschland zunehmend Wirkung. Um 1900 kommt aber die Übers. bzw. Verständniserschließung kanoni-
mit dem Bildungsbürgertum und dem humanistischen sierter Texte (im europäischen MA. z. B. die lat.-ahd.
Individualitätskonzept auch der B. in eine Krise. Wei- »Tatian«-B.; ä Evangelienharmonie).
terhin lassen sich jedoch Romane von Th. Mann (»Der Lit.: J. Renger: B. In: NPauly 2 (1997), Sp. 673–677. SG
Zauberberg«, 1924; »Bekenntnisse des Hochstaplers Binnenerzählung, die in eine (ä Rahmen-)Erzählung
Felix Krull«, 1954 – ein Anti-B.) und H. Hesse (»De- eingelagerte Erzählung.
mian«, 1919) dem Gattungsmuster zuordnen. Eine Re- Binnenexotik ä Dorfgeschichte.
naissance erlebt der B. in den ideologisch geprägten Binnenrefrain ä Refrain.
Lit.en des Nationalsozialismus (J. Goebbels: »Michael«, Binnenreim ä Reim.
1929; H. Grimm: »Volk ohne Raum«, 1926) und des Biobibliographie, f. [gr. bíos = Leben], ä Personal-
ä sozialistischen Realismus (D. Noll: »Die Abenteuer bibliographie, in der neben den Werken der Autoren
des Werner Holt«, 1960/63). In der westdt. Nach- v. a. Veröffentlichungen über deren Leben oder die ne-
kriegslit. beschäftigen sich B.e und Anti-B.e v. a. mit ben dem Verzeichnis der Werke auch biographische
der problematischen Begründung von Identität in der Angaben enthält, z. B. »Kürschners Dt. Gelehrten-Ka-
Moderne (G. Grass: »Die Blechtrommel«, 1959; M. lender«. HHS/Red.
Frisch: »Stiller«, 1954; P. Handke: »Der kurze Brief Biographie, f. [aus gr. bíos = Leben, gráphein = schrei-
zum langen Abschied«, 1972). Die anhaltende Leben- ben], die individuelle Lebensgeschichte bzw. ihre Dar-
digkeit des Gattungsmusters zeigt sich darin, dass stellung; (lit.) Erzählung eines Lebens. – Seit ihren Ur-
weltweit inzwischen interkulturelle oder postkoloniale sprüngen in der Antike nimmt die B. eine Zwischen-
B.e entstehen (S. Rushdie: »Midnight’ s Children«, stellung zwischen Geschichtsschreibung und Dichtung
1981; H. Kureishi: »The Buddha of Suburbia«, 1990). – bzw. ä Fiktion ein. Sie entzieht sich der traditionellen
Der Begriff ›B.‹ wurde zuerst 1819 von K. v. Morgen- Aufteilung in drei Gattungen, insofern biographische
90 Biographie

Muster prinzipiell auch außerhalb erzählender Text- sculptori italiani«, 1550; K. van Mander: »Schilder-
sorten zu finden sind. Eine Theorie der B. fehlt bis boeck«, 1604). Auch in England entstehen bereits im
heute; im Allgemeinen werden jedoch folgende Merk- 16. Jh. bedeutende B.n (Th. More, W. Roper, G. Caven-
male als für die B. konstitutiv angesehen: a) der faktu- dish). Als Zeit der Blüte und des Wandels zu einem
ale Stoff – das Leben eines Menschen –, b) die imper- neuen Verständnis biographischer Individualität gilt
fektische Erzählung aus der Perspektive des – nicht mit freilich das 18. Jh. vornehmlich in England. Dazu
dem Dargestellten identischen – Biographen und c) gehört die Vielzahl von populären Verbrecherbiogra-
die Tendenz zur Kohärenzbildung, insofern die B. zu- phien, die über den Gegenstand der kriminellen Karri-
mindest seit der Frühen Neuzeit versucht, dem Leben ere eine neue Individualitätsauffassung vorwegneh-
einen inneren Zusammenhang oder eine Entwicklung men. Dazu gehören ebenso das enzyklopädische Pro-
zu unterlegen. Indem sie Zusammenhänge stiftet, sind jekt der »Biographia Britannica« (1747–94) und die
ihre Grenzen zur Fiktion fließend. Im weiteren Sinne Sammlungen von Dichterbiographien (S. Johnson:
zählen zur B. neben Formen, die in einem bestimmten »Lives of the Poets«, 1779–81), die das wachsende Be-
lebensweltlichen Kontext stehen und als solche Gegen- dürfnis nach Katalogisierung und Kanonisierung
stand der sozialwissenschaftlichen B.-Forschung sind (ä Kanon) im Kontext einer neuen nationalen Identi-
(z. B. Beichte, Krankengeschichte, Stegreiferzählung), tätsbildung der bürgerlichen Gesellschaft spiegeln.
so diverse Textsorten wie ä Nekrolog, Grabschrift, der Gleichzeitig entstehen die ersten umfassenden Indivi-
kurze Lebensabriss (ä Vita), ä Memoiren, ä Autobio- dualbiographien, die im Sinne des neuen anthropolo-
graphie und schließlich die umfassende wissenschaft- gischen Interesses der ä Aufklärung historische Au-
liche oder künstlerische Lebensdarstellung eines frem- thentizität und Partikularität über das Dekorum und
den Lebens. – Der Begriff der B. taucht erstmals im 6. die didaktisch nutzbare ideale Beispielhaftigkeit ihres
Jh. n. Chr. auf; im Gr. war allerdings zunächst die Bez. Gegenstands stellen. Jeder Mensch ist nun prinzipiell
bíos üblich, im Lat. vita. Erst im 17. Jh. beginnt ›B.‹ das biographiewürdig, und es gilt, das Individuum mit
lat. Wort abzulösen. Im 18. Jh. erscheint erstmals die Hilfe authentischer Dokumente in all seinen Facetten
begriffliche Trennung zwischen ›B.‹ als Erzählung darzustellen (J. Boswell: »Life of Johnson«, 1791; im
eines fremden Lebens und ›Selbst-‹ bzw. ›Autobiogra- 19. Jh. Th. Carlyle, J. A. Froude, E. Gaskell, J. Lockhart;
phie‹. Dennoch halten sich im 18. Jh. noch die konkur- in Amerika W. Irving: »Life of G. Washington«, 1855–
rierenden Bez.en life im Engl., vie im Frz. und im Dt. 59). In Deutschland entwickelt sich die B. erst im 19.
analog ›Leben‹ und ›Lebensbeschreibung‹. – Die Ge- Jh. von einer lit. Kleinform zu einer »Großform«
schichte der B. selbst reicht wesentlich weiter zurück (Scheuer), die sich in zwei Stränge teilt: historisch-
und ist eng mit dem Wandel der Auffassung von Indi- politische B. im Dienste Preußens (J. G. Droysen, E.
vidualität verknüpft. Ägyptische Totenklagen, Elegien Marcks, H. v. Treitschke) sowie geistes- und kulturge-
und Grabinschriften gelten als früheste biographische schichtliche B. (H. Grimm, R. Haym, W. Dilthey). Die
Zeugnisse; die eigenständige Entwicklung der B. voll- historische Faktizität und Detailfreude stellt erst die B.
zieht sich jedoch erst in der gr. und röm. Antike. Im der lit. ä Moderne zur Disposition: L. Stracheys knappe
Unterschied zum neuzeitlichen Verständnis der B. geht Form zielt darauf, die Widersprüchlichkeit vierer re-
es freilich um Beschreibung von Charaktertypen, nicht präsentativer viktorianischer Persönlichkeiten bloßzu-
von Individualität. Neben Einzelbiographien (Tacitus: legen (»Eminent Victorians«, 1918); V. Woolf fordert
»De vita et moribus Iulii Agriculae«, 98 n. Chr.) ent- in ihrem programmatischen Essay »The New Biogra-
steht in der Antike auch die Form der Sammelbiogra- phy« (1927) die Kombination der ›Wahrheit der Tatsa-
phie (Sammlungen von B.n), z. B. von Cornelius Nepos chen‹ und der ›Wahrheit der Fiktion‹. Auch die elitäre
(»De viris illustribus«, 36–35 v. Chr.), Sueton (»Über und vergangenheitsbezogene Konzeption der B. im
das Leben der Kaiser«, ca. 120 n. Chr.) und herausra- George-Kreis (E. Bertram: »Nietzsche. Versuch einer
gend Plutarch (»Bioi paralleloi«, d. h. ›Parallel-B.n‹, Mythographie«, 1918) sowie die demokratisch moti-
105–120 n. Chr.), der die B. als Geschichte eines Indi- vierte biographische Essayistik H. Manns (»Zola«,
viduums von der allg. Geschichte abgrenzt. Im MA. 1915) und A. Zweigs (»Baumeister der Welt«, 1936)
besteht die Darstellung von Lebensgeschichten vor- brechen mit der Faktenfülle des 19. Jh.s. Hinzu kommt
nehmlich aus Heiligenviten bzw. -legenden (ä Hagio- die Tendenz zur Psychologisierung der B. an der
graphie), die wiederum oft gesammelt erscheinen. Die Grenze zur Fiktion (E. Ludwig: »Napoleon«, 1925).
hagiographische Tradition setzt sich bis ins 17. Jh. fort. Ungeachtet ihrer lit. Konjunktur im Kontext der Mo-
Ungeachtet dessen beginnt die B. mit der ›Entdeckung derne verliert die B. im Laufe des 20. Jh.s zunehmend
des Menschen‹ (J. Burckhardt) in der ä Renaissance, den wissenschaftlichen Stellenwert, den Positivismus
zunächst in Italien, das diesseitige Leben des Men- und ä Hermeneutik ihr zugesprochen hatten; insbes.
schen in den Mittelpunkt zu rücken. Davon zeugen die neuere ä Lit.theorie seit dem ä New Criticism wen-
zahlreiche Sammlungen (F. Petrarca, G. Boccaccio, P. det sich mit der Ablehnung des ä ›Biographismus‹ auch
Brantôme), die oft berufsständisch orientiert sind. V. a. von der Gattung B. ab. Der ›Individualhermeneutik‹
wird das Leben von Künstlern zum Gegenstand der B. J.-P. Sartres (»L’ idiot de la famille«, 1971 f.) hingegen
(G. Vasari: »Le vite de’ più eccelenti architetti, pittori et dient die B. als Untersuchungsgegenstand bzw. -ver-
Biopoetik 91

fahren, welche die zentrale Schnittstelle von Indivi- graphische Roman erst im 20. Jh.; zu den wichtigsten
duum und Gesellschaft bzw. Geschichte markiert. Vertretern zählen A. Maurois (»Ariel ou la vie de Shel-
Während der ä biographische Roman bereits seit den ley«, 1923), M. Yourcenar (»Mémoires d’ Hadrien«,
1970er Jahren eine neue internationale Blüte erlebt, ist 1951), R. Graves (»I, Claudius«, 1934), E. Ludwig
in den letzten Jahren im Zuge der Überwindung der (»Goethe«, 1920), L. Feuchtwanger (»Jud Süß«, 1925)
lit.theoretischen Skepsis gegenüber Individualität und und St. Zweig (»Marie Antoinette«, 1932). Im Bereich
Autorschaft auch eine Neubelebung der B. und die fil- der dt. ä Exillit. bzw. Lit. der ä ›inneren Emigration‹
mische Aneignung des Genres (M. Scorsese: »No Di- spielt der biographische Roman v. a. als Schlüsselro-
rection Home: Bob Dylan«, 2005) zu beobachten. – man eine wichtige Rolle (H. Mann: »Henri Quatre«,
Ungebrochen ist seit den 1960er Jahren ferner die 1935/38). – In der zeitgenössischen engl.sprachigen
Konjunktur populärwissenschaftlicher und propädeu- Lit. erlebt die Gattung eine Renaissance unter dem
tischer, häufig bebilderter B.n, die bes. in verschie- Vorzeichen der ä Metafiktion, wobei bes. die Dichter-
denen Taschenbuchreihen (z. B. »rowohlt monogra- bzw. Künstlerbiographie und die biographische Tätig-
phien«) erscheinen. keit selbst zum Thema werden (P. Ackroyd, J. Barnes).
Lit.: H. Dainat: B.2. In: RLW. – Ch. Klein (Hg.): Grund- Auch im dt. Sprachraum gibt es seit den 1970er Jahren
lagen der Biographik. Stgt. 2002. – M. Kohli, G. Robert eine neue Konjunktur des biographischen Romans (G.
(Hg.): B. und soziale Wirklichkeit. Stgt. 1984. – I. B. de Bruyn: »Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter«,
Nadel: Biography. Ldn., Basingstoke 1984. – H. Nicol- 1975; W. Hildesheimer: »Mozart«, 1977; P. Härtling:
son: The Development of English Biography. Ldn. »Hölderlin«, 1976; D. Kühn: »Ich Wolkenstein«, 1977).
1948. – C. N. Parke: Biography. Ldn. 2002. – J. Romein: Lit.: I. Schabert: In Quest of the Other Person: Fiction
Die B. Bern 1948. – H. Scheuer: B. Stgt. 1981. – Ders.: as Biography. Tüb. 1990. – R. Zeller: Biographie und
B.1. In: RLW. HSM Roman. In: Lili 10 (1980), S. 107–126. HSM
Biographischer Roman, 1. Erzählung des Lebens ei- Biographi·smus, 1. auch: biographische Methode; für
ner historischen Persönlichkeit in romanhafter, ästhe- die Germanistik im 19. Jh. maßgebliches Verfahren
tisch-fiktionaler Form oder 2. (weniger gebräuchlich) der Textinterpretation, das einen engen Zusammen-
fiktionale Imitation der ä Biographie im Sinne der Le- hang von Leben und Werk eines Dichters voraussetzt;
bensbeschreibung eines fiktiven Helden. – In beiderlei 2. verallgemeinernd der als übermäßig bewertete Be-
Sinne kennzeichnet den biographischen Roman eine zug einer Interpretation auf eine methodisch nicht
eigentümliche Spannung zwischen faktualen Anteilen hinreichend reflektierte Autorinstanz. – Eine pejora-
bzw. Wahrheitsanspruch der Biographie und ä Fiktion: tive Konnotation prägt schon die Etablierung des Be-
Ob eine Figur oder ein Geschehen historisch verbürgt griffs ›B.‹ im Wissenschaftsdiskurs um 1900 (z. B. in
oder fingiert ist, lässt sich aus dem Text selbst nicht un- einer Debatte zwischen dem Philosophen M. Dessoir
bedingt erschließen; gerade diese mögliche Unbe- und dem Lit.historiker R. M. Meyer). Kritisiert wurden
stimmtheit der Gattungszugehörigkeit nutzt der bio- damit Ansätze, welche lit. Texte vorrangig als Aus-
graphische Roman bis zur (kalkulierten) Irreführung druck biographischer Umstände verstehen und daher
des Lesers (M. Aub: »Jusep Torres Campalans«, 1958; auch meinen, bei unzureichender Dokumentation
W. Hildesheimer: »Marbot«, 1981). Im Falle der Trans- eines Lebens (z. B. bei vielen mal. Autoren) biogra-
position einer historischen Persönlichkeit in einen fik- phische Tatsachen aus den lit. Texten erschließen zu
tionalen Rahmen ist die Erzählung nicht an das können. So nehmen etwa die wichtigsten Vertreter des
Schema der Biographie gebunden und formal variabel. B. im 19. Jh., W. Scherer und W. Dilthey, in den Um-
Der biographische Roman kann das Leben anschau- ständen, die auf einen Text einwirken, eine allg. Ge-
licher gestalten, die Hauptfigur als Repräsentanten ei- setzmäßigkeit an. Zu Dilthey vgl. ä Erlebnisdichtung.
ner bestimmten Epoche, Kunstrichtung oder sozialen Lit.: T. Kindt, H.-H. Müller: Was war eigentlich der B.
Lage herausstellen; er kann über die Grenzen des bio- – und was ist aus ihm geworden? In: H. Detering (Hg.):
graphisch Rekonstruierbaren hinausgehen und das Autorschaft. Stgt., Weimar 2002, S. 355–375. VL
psychische Innenleben der Figur ausmalen, ihr Han- Biopoetik, f. [engl. biopoetics, von gr. bíos = Leben und
deln aus der psychischen Struktur ableiten, alternative poiētikē´ = Fertigkeit, Technik, Kunst]; Ansatz inner-
Geschehen durchspielen und über die Möglichkeiten halb der empirischen Anthropologie, der Ergebnisse
von Biographie reflektieren. – Biographische Romane von Biologie, Anthropologie, Psychologie, Ethologie,
im weiteren Sinne einer Darstellung eines fiktiven Ethnologie, Paläoontologie, Neuro- und Kognitions-
Helden nach dem Schema der Biographie finden sich wissenschaften sowie von Sprach- und Lit.wissenschaft
bereits im 18. und frühen 19. Jh., insofern der entste- miteinander zu verbinden sucht und dabei folgendes
hende moderne Roman das Individuum und seine Arbeitsprogramm verfolgt: 1. Erforschung biolo-
Geschichte zunehmend ins Zentrum rückt – ent- gischer, anthropologischer und sozialer Dispositionen,
sprechend die vielen Romantitel »The History of …« welche Kunst im Allgemeinen sowie Poesie und Lit. im
oder »Lebensbeschreibung …« (H. Fielding, Jean Paul, Besonderen als ›poetogene Strukturen‹ oder ›poeto-
E. T. A. Hoffmann, A. Stifter). Als eigene Gattung zwi- gene Dispositionen‹ bedingen oder sogar erzwingen;
schen Biographie und Fiktion entwickelt sich der bio- 2. Ermittlung des adaptiven Nutzens von Kunst im All-
92 Bîspel

gemeinen und Poesie bzw. Lit. im Besonderen in evo- Bitterfelder Weg, kulturpolitisches Programm in der
lutionsbiologischer Perspektive; 3. Erforschung der DDR, das auf einer am 24. April 1959 im sächs. Bitter-
Darstellung biologischer Dispositionen in lit. Texten feld durchgeführten Konferenz beschlossen wurde
selbst. Wichtige Untersuchungsgegenstände sind a) die und nachhaltige Wirkung zeigte. Der B. W. forderte ei-
wechselseitige, ›eskalierende‹ Beeinflussung von gene- nerseits, die in Industrie und Landwirtschaft tätige Be-
tischer Ausstattung und kultureller Entwicklung, b) völkerung zu schriftstellerischer Arbeit zu ermutigen,
das ›making special‹ (also ›verfremden‹, ›als bes. aus- und andererseits (im Anschluss an das 30. Plenum des
zeichnen‹) als allg. ästhetisches Grundprinzip sowie c) Zentralkomitees der SED, 1957), die Schriftsteller un-
die Entstehung und Entwicklung von Sprache im Hin- mittelbar an den materiellen Produktionsprozess zu
blick auf Poesie und Lit., die Möglichkeit zur sprach- binden. Niederschlag fand dieses doppelte Programm
lichen Thematisierung von Abwesendem, Vergan- in den griffigen Formeln ›Greif zur Feder, Kumpel‹
genem, Zukünftigem und allg. von fiktiven ›Nicht- und ›Dichter in die Produktion‹. An der Konferenz,
welten‹ (auch in Religion und Wissenschaft), die Rolle die vom Hallenser Mitteldeutschen Verlag in einem
angeborener Ablauf- und Figurenschemata in Ge- Kombinat organisiert wurde, nahmen hohe Funktio-
schichten sowie überhaupt Entstehung und Funktion näre der SED teil. Dem Konzept lag die marxistische
des Erzählens, das Verhältnis von Imitation, Spiel, Auffassung zugrunde, dass die Arbeiterklasse die pro-
Ritual und theatralischer Verkörperung, die neurolo- gressive soziale Kraft sei und durch sie die positive Re-
gischen Bedingungen von Vers und Reim, die psycho- volutionierung aller Lebensverhältnisse möglich
logischen und kognitiven Bedingungen von Symboli- werde. Nur in direkter Verbindung mit dieser Kraft, so
sierung und Stilisierung sowie die biologischen Funk- W. Ulbricht in seinem Schlusswort, sei es möglich, »die
tionen des ›Wohlgefallens am Schönen‹. neue sozialistische Nationalkultur zu schaffen«. Der
Lit.: B. Cooke, F. Turner (Hg.): Biopoetics. Lexington Schriftsteller wurde auf die Darstellung des »Neuen in
1999. – N. Easterlin (Hg.): After poststructuralism. der gegenwärtigen sozialistischen Umgestaltung« (Ul-
Evanston 1993. – K. Eibl: Animal poeta. Paderborn bricht) und wenig später auf das Kunstprinzip des
2004. – U. Klein u. a. (Hg.): Heuristiken der Lit.wissen- ä sozialistischen Realismus verpflichtet. Damit wurden
schaft. Paderborn 2006. – H. Knobloch, H. Kotthoff das noch von G. Lukács verfochtene Bündnis mit
(Hg.): Verbal art across cultures. Tüb. 2001. – W. Men- einem kritischen ä Realismus und auch alle anderen
ninghaus: Das Versprechen der Schönheit. Ffm. 2003. Formen ideologischer Koexistenz mit der bürgerlichen
– R. Storey: Mimesis and the human animal. Evanston Kunst ausgeschlossen. Für die Umsetzung des Pro-
1996. – E. Voland, K. Grammer (Hg.): Evolutionary gramms wurden staatliche Mittel bereitgestellt. Etliche
aesthetics. Hdbg. 2003. – R. Zymner, M. Engel (Hg.): Schriftsteller ließen sich auf dieses Konzept ein – unter
Anthropologie der Lit. Paderborn 2004. RZ Druck, aber auch aus wirklichem Interesse.
Bîspel, n. Sg., auch Pl. [mhd. bî-spel = Bei-Erzählung, Zirkel schreibender Arbeiter entstanden. Zahlreiche
Kompositum zu spel = Erzählung, Bericht, Rede, wei- Publikationen dokumentieren dieses soziale Experi-
tergebildet zu ä Beispiel], spezielle Darbietungsform ment, das auch bei Autoren aus der Bundesrepublik
der mhd. kleineren episch-didaktischen Reimpaar- auf Resonanz stieß. F. Fühmann, dessen Buch »Kabel-
dichtung (ä Lehrdichtung), bei der sich an einen meist kran und Blauer Peter« (1961) ein bemerkenswertes
kürzeren Erzählteil, der Erscheinungen der Natur oder Zeugnis dieser kunstpolitischen Programmatik ist,
des menschlichen Lebens behandelt, eine meist um- kritisierte in einem offenen Brief im »Neuen Deutsch-
fangreichere Auslegung anschließt; dabei ist die Erzäh- land« (1. März 1964) den Dogmatismus des Konzepts
lung auf die Lehre hin ausgerichtet. Eng verwandt sind und markierte dessen Grenzen, die er u. a. in der Spe-
ä Fabel, ä Parabel, ä Exempel, ä Rätsel. Die Quellen für zifik lit.-intellektueller Arbeit und in biographischer
den B.-Typus sind wohl v. a. in der antiken und orien- Verwurzelung sah. Arbeiten wie »Die Lohndrücker«
talischen Fabeldichtung, in der Bibel, der Physiologus- (1959) von Heiner Müller, die soziale Konfliktherde
Tradition, in verschiedenen Arten didaktischer Dich- behandelten, wurden mit Verbot belegt und deren Au-
tung (Parabel, Exempel, ä Predigtmärlein) zu suchen, toren abgestraft. Die zweite Bitterfelder Konferenz
rein stofflich auch in sublit. internationalen Erzählgut. (24./25. April 1964) berücksichtigte zwar partiell die
– Eingestreut in größere Werke finden sich B. etwa im kritischen Einwände, ohne aber eine Zurücknahme
»Renner« Hugos von Trimberg (um 1300); der erste des gesamten Programms zu diskutieren.
bedeutende Gestalter des B.s als eines selbständigen Lit.: I. Gerlach: Arbeiterlit. und Lit. der Arbeitswelt in
Typus ist der Stricker (um 1220/50); weiter ist das B. in der DDR. Kronberg/Ts. 1974. – G. Rüther: »Greif zur
der Lit. des späten MA.s mit ihrer ausgeprägten Ten- Feder, Kumpel«. Schriftsteller, Lit. und Politik in der
denz zum Belehren und Moralisieren reich vertreten. DDR 1949–90. Düsseldorf 1991. – F. Schonauer: DDR
Lit.: H. Fischer: Studien zur dt. Märendichtung. Tüb. auf B. W. In: Neue Dt. Hefte 13 (1966), S. 91–117. – E.
2
1983. – K. Grubmüller: Meister Esopus. Mchn. 1977. Schubbe (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Lit.- und Kul-
– F.-J. Holznagel: B. In: S. Hilzinger u. a.: Kleine lit. turpolitik der SED. Bd. 1: 1949–70. Stgt. 1972. RBE
Formen. Stgt. 2002, S. 54–70. – H.-J. Ziegeler: Erzäh- Black Mountain School, f. [Black Mountain = Ort in
len im Spät-MA. Mchn. 1985. RBS North Carolina, USA], vom »Black Mountain College«
Blockbuch 93

abgeleiteter Name der neben der ä New York School of wird der B. ab dem 17. Jh. in Übers.en engl. Lit. und
Poets zentralen Erneuerungsbewegung der am. Lyrik vereinzelt in selbständigen Werken (B. Rhenanus, Q.
der zweiten Hälfte des 20. Jh.s. Theoretischer Kopf der Kuhlmann) verwendet. Nach J. Ch. Gottscheds Anre-
Gruppe war Ch. Olson. Ihm gelang es, 1951 eine bis gung zur Nachahmung des engl. Vorbilds (»Versuch
1956 bestehende ›Schule‹ offenen Typs ins Leben zu einer Critischen Dichtkunst«, 1730) wird der B. zum
rufen, in der Künste und Schreiben experimentell zu- ersten Mal von Ch. M. Wieland in einem dt. Drama
sammenfanden. Stärker als die New York School berief eingesetzt (»Lady Johanna Gray«, 1758). Mit G. E. Les-
sich Olson auf die am. Avantgarde der Vorkriegszeit sings »Nathan der Weise« (1779) verdrängt er den
(W. C. Williams und E. Pound). Der »Projective Verse« ä Alexandriner als Dramenvers; bes. wichtig wird er
und die »Field Composition«, das lyrische Transkript dann im Drama der ä Weimarer Klassik: F. Schiller
von Wahrnehmung, Bewegung und Atemrhythmus, (»Maria Stuart«, 1801) und J. W. Goethe (»Iphigenie
bilden für die B. M. Sch. eine Matrix dichterischen auf Tauris«, Versfassung 1787; »Torquato Tasso«, 1790;
Sprechens. Wenn die B. M. Sch. bis heute Popkulturen, »Die natürliche Tochter«, 1803) streben nach prosafer-
Schreibschulen und Lyrikszenen nicht nur in den USA ner, strenger Gestaltung des B.es, der durch die Ver-
beeinflusst, so ist dies der dichterischen Eminenz R. wendung von ä Stichomythien bes. hervorgehoben
Creeleys (1926–2005; 1954–56 an der B. M. Sch.) zu wird. Der B. ist häufig im Drama des 19. und frühen
verdanken. In Deutschland fand die Gruppe durch die 20. Jh.s (H. v. Kleist, F. Grillparzer, F. Hebbel, G. Haupt-
Vermittlertätigkeit R. M. Gerhardts, W. Höllerers und mann, H. v. Hofmannsthal), wird jedoch bereits bei B.
K. Reicherts ein frühes Echo; R. D. Brinkmanns Band Brecht (»Die heilige Johanna der Schlachthöfe«, 1932)
»Was fraglich ist wofür« (1967) gibt Impulse der B. M. nur noch vereinzelt zur ä Verfremdung eingesetzt.
Sch. an die dt. Lyrik weiter. Eine Renaissance erlebt er in der Dramatik der DDR
Texte: R. Creeley: Collected Poems 1945–75. Berkeley (P. Hacks, H. Müller). In dt.sprachiger Lyrik ist der B.
u. a. 1982. – Ders.: Collected Essays. Berkeley u. a. selten anzutreffen (so in der vierten und achten von
1989. – Ch. Olson: Selected Writings. NY 1966. R. M. Rilkes »Duineser Elegien«, 1923).
Lit.: W. Höllerer (Hg.): Ein Gedicht und sein Autor. Ly- Lit.: Ch. Küper: B. In: RLW. – L. Schädlich: Der frühe
rik und Essays Bln. 1967, S. 175–211 [Ch. Olson], 233– dt. B. […]. Göppingen 1972. JK/CSR
261 [R. Creeley]. JRT Blason, m. [frz. = Wappen, Schild; heraldische Wap-
Blankvers, m. [engl. blank verse = reiner, d. h. reim- penbeschreibung], im 15. und 16. Jh. verbreitetes frz.
loser Vers], fünfhebiger alternierender und auftakt- Preis- oder Scheltgedicht, das eine Person oder einen
loser Vers ohne Reimbindung mit männlicher (»Die Gegenstand detailliert beschreibt. Der B. besteht meist
schönen Tage in Aranjuez«; F. Schiller: »Don Karlos«, aus acht- bis zehnsilbigen Versen im Paarreim und
V. 1: v – v – v – v – v – ) oder weiblicher ä Kadenz enthält eine Schlusspointe. Von G. Alexis 1486 in die
(»Heraus in eure Schatten, rege Wipfel«; J. W. Goethe: frz. Lit. eingeführt (»B. de faulses Amours«), fand er
»Iphigenie auf Tauris«, V. 1: v – v – v – v – v – v ). Der B. rasch Nachahmer, u. a. R. de Collerye, M. Scève, M. de
entstand aus dem engl. ä heroic verse (G. Chaucer), der Saint-Gelais, P. Gringore (B.s mit satirischen Zügen)
in der »Aeneis«-Übers. des Earl of Surrey (1557) zu- und bes. C. Marot, der mit seinem »B. du beau tétin«
nächst den Reim, später dann die feste ä Zäsur verlor. (›B. vom schönen Busen‹, 1535) zahllose B.s auf die
Als Dramenvers findet er sich zuerst bei Th. Sackville Schönheiten des weiblichen Körpers einleitete (»B.s
und Th. Norton (»Gorboduc or Ferrex and Porrex«, anatomiques du corps féminin«). Marot machte auch
1562), dann bei Th. Kyd (»Spanish Tragedy«, 1585), mit dem Contre-B., einer Beschreibung des Hässlichen,
Ch. Marlowe (»Tamburlaine«, 1586) und W. Schule (»B. du laid tétin«, 1536). – Zum ä Hymne-B.
Shakespeare. Letzterer entwickelt den B. in späteren umgeformt kehrte der B. bei den Dichtern der Pléiade
Werken (»Coriolanus«, 1607 f.; »The Tempest«, 1611) wieder. PHE/Red.
durch Variation mit freier Senkungsfüllung, ä Enjam- Blockbuch, ganz oder hauptsächlich aus Holzschnit-
bements, wechselnde Ausgänge, Verteilung auf meh- ten verfertigtes Buch. Die bekannteste Form ist das xy-
rere Figuren (ä Stichomythie, ä Antilabe) und verein- lographische B., bei welchem Text und Bilder in Holz
zelte Reimpaare zu einem hoch beweglichen Dramen- geschnitten sind; im chiro-xylographischen B. ist der
vers. Auch in der engl. ä Epik (J. Milton: »Paradise Text von Hand geschrieben, in der Grenzform des
Lost«, 1667) und ä Lyrik (E. Young: »The Complaint, typo-xylographischen B.s bereits mit Typen gedruckt.
or Night Thoughts«, 1742–44) war der B. bis etwa 1700 Zumeist sind die Blockbücher nicht mit der Presse,
weit verbreitet, bis er im ä Trauerspiel (J. Dryden) und sondern mit dem Reiber und deswegen nur einseitig
Lehrgedicht (ä Lehrdichtung; A. Pope) dem strengeren (anopistographisch) gedruckt worden. – Wann die ers-
heroic verse, in der ä Komödie der ä Prosa weichen ten Blockbücher entstanden, ist umstritten, da einer-
musste. Neue Beliebtheit erfährt der B. in epischen seits die frühesten datierbaren Editionen von 1470
Dichtungen des 18. und 19. Jh.s (F. Thompson, A. Ten- stammen, andererseits aber mode- und stilgeschicht-
nyson, R. Browning), in der Lyrik bei W. Wordsworth liche Argumente z. T. für die 1430er und 1440er Jahre
und S. T. Coleridge, im Drama bei G. G. N. Byron sprechen. Das B. kann aber schon deswegen nicht ein-
(»Cain«, 1821), Tennyson u. a. – In der dt. Dichtung fach als Vorläufer des ä Buchdrucks gelten, weil es über
94 Blockreim

sechzig Jahre lang parallel zu ihm weiterexistierte. In gelten als Haupteinfluss von Jazz und Rock’ n’Roll. Im
seiner Spätphase im frühen 16. Jh. sind erstmals auch Ggs. zu den religiös geprägten Formen Spiritual und
it. und frz. Blockbücher nachweisbar; aus der Zeit vor Gospel v. a. weltliche, teils sexuell oder politisch anstö-
1500 sind nur nl. und dt. bekannt. Am besten lässt sich ßige Themen behandelnd, wurde der B. zu einem der
die lange Verwendung der B.technik dadurch erklären, wichtigsten (subversiven) Ausdrucksmittel afroam.
dass sie eine effektive Reproduktion von dicht be- Befindlichkeit. Seit der Harlem Renaissance, der
bilderten (oder sogar textlosen) Gebrauchsbüchern afroam. Kulturbewegung der 1920er Jahre, finden sich
ermöglichte. Eine Ausnahme stellen die bilderlosen verstärkt lit. ä Adaptionen des B. (L. Hughes, J. Bald-
›Donate‹ dar, lat. Grammatiken, bei denen vielleicht win, T. Morrison). Neuere kulturwissenschaftliche und
die einfache Herstellung ohne Druckerpresse den Aus- intermediale Ansätze der Lit.wissenschaft versuchen,
schlag für das B.-Verfahren gab. Ansonsten sind unter den B. als Metapher oder ›dynamisches Netzwerk‹
den 33 überlieferten Titeln mit zusammen über hun- (Baker) kultureller Prozesse bzw. als ästhetisches
dert Auflagen die ä Apokalypse, die ä Biblia Pauperum, Strukturprinzip für die Interpretation lit. Werke
die ä Ars Moriendi sowie ä Kalender oft vertreten. afroam. Autorinnen und Autoren nutzbar zu machen.
Lit.: S. Mertens u. a.: Blockbücher des MA.s. Mainz Lit.: H. A. Baker: B., Ideology, and Afro-American Li-
1991. – N. F. Palmer: B. In: RLW. – W. L. Schreiber u. a.: terature. Chicago/Ill. 1984. – P. Oliver: The Story of the
Hb. der Holz- und Metallschnitte des XV. Jh.s [frz. B. Boston/Mass. 1998. MBA
1902–11]. 11 Bde. [teils Nachdr.]. Stgt. u. a. 31969–76, Bluette, f. [bly'εt; frz. = Fünkchen; übertragen: Ein-
bes. Bd. 4 (1927/69), 7 (1929/69), 9 (1902/69), 11 fall], kurzes, meist einaktiges Theaterstück oder kleine
(1976). CWI Gesangsszene, auf eine witzige Situation zugespitzt,
Blockreim ä Reim. ä Sketch.
Blödelsong ä Schlager. Blumenspiele [frz. Jeux floraux], im Jahr 1323 in Tou-
Bloomsbury Group [engl.], nach Bloomsbury, einem louse durch das Konsistorium ä Gai Saber begründeter
Stadtteil Londons, benannter, von 1906 bis um 1930 Dichterwettstreit. Sieben Persönlichkeiten der Region
bestehender Kreis von Schriftstellern, Kritikern, Verle- (Adlige, Kaufleute, Bankiers, Bürger) hatten sich zu-
gern, Malern, Wissenschaftlern, der – mit vorwiegend sammengefunden, um durch den jährlichen Wett-
kunsttheoretischer, ethischer, kultur- und sozialkri- kampf den lit. Niedergang des Languedoc aufzuhalten.
tischer Zielsetzung – Konversation und Diskussion als Den Maßstab zur Bewertung gaben die poetologischen
eine Art Kunst pflegte und dessen Mitglieder vielfältig und moralischen Regeln, denen Guilhelm Molinier in
auf die Kultur- und Geistesgeschichte Englands ein- seinen »Leys d’ Amors« folgte. Erster Preisträger wurde
wirkten. Zur B. G. gehörten L. Woolf (Hogarth-Press), Arnaut Vidal (1324). Aus dem 14./15. Jh. haben sich
V. Woolf, C. und V. Bell, L. Strachey, E. M. Forster, der rund 100 eingereichte Gedichte erhalten, aus denen
Wirtschaftswissenschaftler J. M. Keynes, der Philosoph sich der rasche Wandel vom Frauenpreis (ä Frauen-
G. E. Moore, Maler und Kunstkritiker wie D. Grant dienst) zur Mariendichtung ablesen lässt. CF
und R. Fry u. a. Ihre Exklusivität und eine gewisse Ein- Blütenlese, dt. Übertragung von ä Anthologie (gr.)
seitigkeit im lit. Urteil (z. B. Ablehnung D. H. Law- oder ä Florilegium (lat.); auch ä Kollektaneen, ä Ana-
rences) brachte der B. G. auch Anfeindungen und Kri- lekten, ä Katalekten.
tik ein (vgl. z. B. den satirischen Roman von W. Lewis: Blut-und-Bodendichtung ä nationalsozialistische
»The Apes of God«, 1930). Lit.
Lit.: H. Antor: The B. G. Hdbg. 1986. – Q. Bell: Blooms- Body Art ä Happening, ä Performance, ä Theater der
bury [1968]. Ldn. 1986. – M. A. Caws: Women of Grausamkeit.
Bloomsbury. NY u. a. 1990. – U. L. D’ Aquila: Blooms- Boerde, f. ['bu:rdә; mittelnl. = Spaß, allg. komische
bury and modernism. NY u. a. 1989. – L. Edel: Blooms- Geschichte], mittelnl. schwankhafte Verserzählung, oft
bury: A House of Lions. Ldn. 1979. – S. P. Rosenbaum: mit europaweit verbreiteten Stoffen und Motiven
The Early Literary History of the B. G. 3 Bde. Basing- (ä Fabliau, ä Märe, it. ä Novelle). Die neuere Forschung
stoke 1987–2003. – Ders. (Hg.): The B. G. A Collection relativiert die Definition als Gattung im engeren Sinne
of Memoirs and Commentary [1975]. Toronto u. a. und zieht für ein Korpus von 17 (+1 Fragment) kürze-
2
1995. MGS ren, zum Vortrag bestimmten, paargereimten oder
Blues, m. [blu:s; von engl. blue devils = Schwermut], strophisch geordneten, selbständigen Texten, in denen
im ländlichen Süden der USA des späten 19. Jh.s ent- eine komische Intrige um menschliche Hauptpersonen
standener, genuin afroam. Musikstil vokaler Prägung. gesponnen wird, die Bez. ›komische Verserzählung‹
Meist 12-taktige Form, die in drei Phrasen zu je vier vor.
Takten unterteilt wird, wobei oft der Text der ersten Lit.: K. Eykman, F. Lodder (Hg.): Van de man die graag
Phrase in der zweiten wiederholt und in der dritten be- dronk en andere middelnederlandse komische verha-
stätigt oder beantwortet wird; wesentliches melo- len. Amsterdam 2002. CKR
disches bzw. harmonisches Merkmal sind die blue Bogen ä Buch.
notes, d. h. erniedrigte Terz und Septim (seltener Bogenstil, von A. Heusler (»Dt. Versgeschichte« I,
Quinte) der Dur-Skala. Die urbanen Spielarten des B. 1925) vorgeschlagene Bez. für ä Hakenstil.
Botenbericht 95

Bohème, f. [bo'ε:m; frz. bohème, zu mlat. bohemas = 2001. – R. C. Miller: Bohemia, the Protoculture Then
Böhme bzw. Böhmen (heute frz. bohême), seit dem 15. and Now. Chicago 1977. MCB
Jh. auch für die angeblich aus Böhmen eingewanderten Bohnenlied, volkstümliches Arbeits- und Fastnachts-
Zigeuner = bohémiens], auch: Boheme; Sammelbez. lied, dessen Kehrreim »Nu gang mir aus den Bohnen«
für demonstrativ gegenbürgerliche Künstler- und In- anzüglich auf Bohnen anspielt (Fruchtbarkeitssymbol,
tellektuellenkreise, die sich als Komplementärphäno- Blüte soll närrisch machen). IS/Red.
men zu kapitalistischen Lebens- und Wirtschaftsstruk- Bonmot, n. [bõ'mo:; frz. = gutes Wort], geistreich tref-
turen zumeist in Großstädten (Paris, München, Berlin, fende Bemerkung, geprägt in realer Kommunikation
Wien, Mailand, New York) mit ihren Treffpunkten wie oder eingebettet in fiktive Konversation. In letzterem
Cafés und Kabaretts, seltener im Rückzug auf das Land Fall wird das B. einer lit. Figur als aus dem Augenblick
in Künstlerkolonien (Friedrichshagen, Worpswede) geborener Ausspruch in den Mund gelegt. Es ist cha-
bildeten. – Der von der Bez. für Zigeuner abgeleitete rakteristisches Stilmittel in O. Wildes und C. Goetz’
Begriff wird in der Frühen Neuzeit – unter Verstär- Komödien. PK
kung der pejorativen Konnotationen – auf Vagabun- Bontemps, m. [bõ'tã; frz. = gute Zeit], unter dem Na-
den, Gaukler und Schelme allg. ausgedehnt und steht men ›Roger-B.‹ in der frz. Lit. bes. im 15. und 16. Jh.
in dieser Zeit insgesamt für eine nicht sesshafte, unsitt- auftretende allegorische Gestalt der guten alten oder
liche Lebensführung. Nachdem jedoch unter dem Ein- einer glücklichen neuen Zeit; nachweisbar u. a. in René
fluss von J.-J. Rousseaus Aufwertung des Natur- d’ Anjous »Livre du cuer d’ amours espris« (1457) sowie
menschen (homme naturel) das Zigeunerleben zu einer in den anonymen Farcen »Mieulx que devant« und »La
freien, naturverbundenen Existenzform idealisiert venue et resurrection de B.« (16. Jh.). Daneben auch
worden ist, wandelt sich in der zweiten Hälfte des 18. der Typus des sorglos und genüsslich in den Tag hinein
Jh.s auch die Bedeutung von bohème (dt. Bohemien; Lebenden (so z. B. bei dem Renaissancepoeten R. de
engl. bohemian bei W. M. Thackeray, 1848) zur Selbst- Collerye; ä Blason), ähnlich figuriert er als Titelheld
bez. bildender Künstler und Schriftsteller, die sich im einer zwischen 1670 und 1797 in zahlreichen Ausga-
Zuge der Genieästhetik (ä Genie) und verstärkt seit ben erschienenen Schwanksammlung »Roger-B. en
der ä Romantik gegen die utilitaristisch geprägte bür- belle humeur …«; schließlich erscheint er in einem
gerliche Gesellschaft abzugrenzen suchen (Philister- ä Chanson von J. P. de Béranger (»Roger-B.«, 1814).
kritik); dabei gibt es im Verlauf des 19. Jh.s zahlreiche PHE/Red.
Berührungspunkte mit dem ä Byronismus und dem Book on Demand ä Druck.
ä Dandyismus. Ab den 1830er und 1840er Jahren ent- Börsenverein des Deutschen Buchhandels ä Verlag,
stehen in Frankreich Kreise junger Dichter (bohémiens ä Buchhandel.
de la pensée) mit einem antikonventionellen Lebens- Botenbericht, Bauelement der Lit. in Kulturen, die
stil, der auch in der finanziell unabhängigen bohème das Botenwesen als wichtige Form der Nachrichten-
dorée oder galante als Habitus gepflegt wird (G. de übermittlung kennen. Im Drama, bes. in der antiken
Nerval). Die ›Schlacht‹ um V. Hugos »Hernani« (1830) ä Tragödie und im klassizistischen Drama der Neuzeit,
markiert den Beginn der programmatischen Verknüp- dienen B.e dazu, für die Handlung wichtiges vorausge-
fung von B. und ä Avantgarde, wie sie allg. für die anti- gangenes Geschehen, das auf der Bühne nicht gezeigt
traditionalistischen Bewegungen um 1900 (ä Impressi- werden kann oder soll (z. B. Schlachten oder Hinrich-
onismus, ä Jugendstil, ä Expressionismus, ä Dadais- tungen), dem ä Chor oder den Akteuren und den Zu-
mus) charakteristisch wird. H. Murgers populäre schauern zur Kenntnis zu bringen. Boten können da-
»Scènes de la Vie de Bohème« (1851) sowie deren Ver- bei Hauptakteure, Nebenakteure oder namenlose Fi-
tonungen von G. Puccini (1896) und R. Leoncavallo guren sein. Als episches Element des Schauspiels wird
(1897) führen zur internationalen Verbreitung des frz. der B. in der Dramenanalyse mit der ä Teichoskopie
Begriffs; charakteristisch ist dabei dessen in normati- verglichen; beide Formen der verdeckten Handlung
ver Hinsicht sehr breites Bedeutungsspektrum, das bieten die Möglichkeit zur subjektiven Filterung des
von idealisierend (wahres Künstlertum, Märtyrertum berichteten Geschehens. Virtuos durchgespielt werden
der ä poètes maudits) bis kritisch-polemisch (Pseudo- diese Techniken etwa in H. v. Kleists »Penthesilea«
künstlertum) reicht. In Deutschland seit den 1890er (1808). – Auch die mal. Lit. kennt den Boten, wobei die
Jahren verbreitet und lit. thematisiert (O. J. Bierbaum: Spanne von namenlosen Boten über Spielleute (z. B.
»Stilpe«; E. Lasker-Schüler: »Mein Herz«), bewahrt die Werbel und Swemmel im »Nibelungenlied«) bis zu
B. ihre Attraktivität auch im 20. Jh. (ä Existentialismus, hochadligen Gesandten mit eigener Verhandlungs-
ä Beat-Generation, ä Prenzlauer Berg). und Befehlsgewalt (z. B. Genelun im »Rolandslied«)
Lit.: G. Bollenbeck: Die Avantgarde als B. In: J. M. Fi- reicht. In mal. Botenliedern, einer Untergattung des
scher u. a. (Hg.): Erkundungen. Gött. 1987, S. 10–35. – ä Minnesangs, fungiert der Bote als verschwiegener
R. Darnton: Bohème littéraire et révolution. Paris 1983. Mittler zwischen den heimlich Liebenden. – Konstitu-
– H. Kreuzer: Die B. Stgt. 1968. – Ders.: B. In: RLW. – tiv für den B. ist seit dem MA. seine Beziehung zum
A.-R. Meyer: Jenseits der Norm. Aspekte der B.-Dar- ä Brief: B.e können Briefe begleiten, kommentieren
stellung in der frz. und dt. Lit. 1830–1910. Bielefeld oder ganz an ihre Stelle treten. Andererseits werden
96 Boulevardkomödie

didaktische Traktate oder lit. (Liebes-)Briefe bisweilen Brachylogie, f. [gr. = kurze Redeweise; lat. brevitas],
als Boten personifiziert, die unmittelbar zum Leser Bez. der antiken ä Rhet. und Stilistik für einen ge-
sprechen (z. B. »Der heimliche Bote«). Die Neuzeit drängten, knappen Stil, der das zum Verständnis nicht
kennt diese Personifikation noch für Flugschriften und unbedingt Erforderliche, oft aber auch Notwendiges
Zeitungen (z. B. »Der Wandsbecker Bote«). – Das na- weglässt; neigt zur Dunkelheit. Als künstlerisches Ge-
turalistische Drama des 19. und frühen 20. Jh.s beur- staltungsmittel typisch für Sallust, Tacitus, in der Neu-
teilt den B. wegen seines narrativen, kaum szenischen zeit für H. v. Kleist. – Mittel der B. sind u. a. die Figuren
Charakters kritisch. In der neueren Lit. kann der B. der Worteinsparung, ä Ellipse, ä Aposiopese, ä Apo-
durch Telefongespräche, Tonbandaufzeichnungen u. a. koinu. GS/Red.
ersetzt und zugleich verfremdet werden (z. B. F. Kafka: Brachysy·llabus, m. [gr.-lat. = kurzsilbig], Versfuß, der
»Das Schloß«, S. Beckett: »Krapp’ s Last Tape«). nur aus Kürzen bzw. kurzen Silben besteht, z. B. ä Pyr-
Lit.: J. Barrett: Staged Narrative: Poetics and the Mes- rhichius (v́ v ), ä Tribrachys (v́ v v ), ä Prokeleusmatikus
senger in Greek Tragedy. Berkeley 2002. – I. J. F. de (v v v v ). UM
Jong: Narrative in Drama. Leiden u. a. 1991. – M. Pfis- Brama·rbas, m., die komische Bühnenfigur des Maul-
ter: Das Drama [1977]. Mchn. 112001, S. 112–121 und helden, Aufschneiders und insbes. des prahlerischen
153–156. – H. Wenzel u. a. (Hg.): Gespräche – Boten – Soldaten. Der Name ›B.‹ findet sich erstmals in dem
Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im anonymen Gedicht »Cartell des B. an Don Quixote«,
MA. Bln. 1997. HWF das J. B. Mencke 1710 im Anhang seiner »Vermischten
Boulevardkomödie [von frz. boulevard (bulә'va:r) = Gedichte« veröffentlichte. Die Bühnenfigur des bra-
breite Straße], publikumswirksames Lustspiel, das v. a. marbasierenden Soldaten gehört lange vor dieser Be-
auf den kommerziellen Privattheatern der Pariser Bou- nennung zu den ältesten des europäischen Theaters;
levards gespielt wurde und wird. Charakteristisch sind am bekanntesten sind der »Miles Gloriosus« (Plautus,
das (groß-)bürgerliche Milieu, Liebesaffären aller Art, um 200 v. Chr.), Falstaff (W. Shakespeare: »Heinrich
raffinierte, bühnenwirksame Handlungsführung, Situ- IV.«, 1597 f.; »Die lustigen Weiber von Windsor«,
ationskomik und der spritzige, geistreiche ä Dialog 1600), »Horribilicribrifax« (A. Gryphius, 1663) sowie
(ä Konversationskomödie). Die Entstehung der B. ist der ä Capitano und ä Skaramuz der it. ä Commedia
mit dem Aufschwung der ä Vaudevilles zu Anfang des dell’ Arte. UM
19. Jh.s verknüpft. Zwischen 1820 und 1860 trägt E. Branche, f. [frz. = Ast, Zweig], vom Verfasser des frz.
Scribe mit über 300 Stücken zum Aufstieg der Boule- »Roman de Renart« (Ende des 12. bis Mitte des 13.
vardtheater bei. Ihm folgen E. Labiche, E. Angier, V. Jh.s) eingeführte Bez. für die Texteinheiten des Tier-
Sardou, G. Feydeau und S. Guitry. B.n entstehen in der epos. Da eine B. bisweilen mehrere künstlich verbun-
Folge auch in England (F. Lonsdale, W. S. Maugham, dene Episoden umfasst, stimmen die textlichen Ab-
N. Coward), Deutschland (A. v. Ambesser, C. Goetz), schnitte nicht zwangsläufig mit den narrativen über-
Österreich (H. Bahr, A. Schnitzler) und Ungarn (F. ein. Der Begriff tritt insgesamt sechsmal im Prolog
Molnár). oder Epilog auf; er zeigt metaphorisch, wie ein neuer
Lit.: D. Daphinoff: Boulevardstück. In: RLW. – J. Ast auf einen gemeinsamen Erzählstamm gepfropft
McCormick: Popular Theatres of Nineteenth-Century wird. Wegen der komplexen hsl. Überlieferung des
France. Ldn., NY 1993. – A. Steinmetz: Scribe – Sar- »Roman du Renart« weicht die Nummerierung der B.s
dou – Feydeau. Untersuchungen zur frz. Unterhal- je nach Herausgeber ab; am verbreitetsten ist die Zäh-
tungskomödie im 19. Jh. Ffm. u. a. 1984. – B. Wehin- lung von 26 B.s in der Ausgabe von E. Martin (1882–
ger: Paris – Crinoline. Zur Faszination des Boulevard- 87). Die vier voneinander fast unabhängigen Teile im
theaters und der Mode im Kontext der Urbanität und »Roman d’ Alexandre« des Alexander von Paris (Ende
der Modernität des Jahres 1857. Mchn. 1988. DJ/AHE des 12. Jh.s) heißen ebenfalls ›B.s‹. Der Begriff ›B.‹ wird
Bouts-rimés, m. Pl. [buri'me:; frz. = gereimte Enden], später noch vom Erzähler eines der ersten frz. Prosaro-
beliebtes Gesellschaftsspiel der frz. ä Salons im 17. Jh., mane verwendet, des »Perlesvaus« (Anfang des 13. Jh.
bei dem zu vorgegebenen Reimwörtern und oft auch s), einer atypischen Fortsetzung des »Conte du graal«
zu einem bestimmten Thema ein Gedicht, meist ein Chrétiens de Troyes. Hier ist der Begriff mit ›Kapitel‹
ä Sonett, verfasst werden musste (vgl. z. B. die Antho- gleichzusetzen, doch wird die Bez. in den späteren
logie »Sonnets en b.«, 1649); auch der »Mercure ga- Prosaromanen nicht mehr aufgenommen. AC
lant« (ab 1672) stellte seinen Lesern solche B. als Auf- Brauchtumslied, in jahreszeitliche oder sozial-gesell-
gabe. Dieses Spiel, das auch in England Eingang fand, schaftliche Bräuche integriertes (ä Volks-)Lied, z. B.
lebte bis ins 19. Jh. fort (1865 z. B. gab A. Dumas eine Neujahrs-, Dreikönigs-, Fastnachts-, Oster-, Ernte-,
Sammlung von B. heraus). ä Martinslied, Tauf-, Hochzeits-, Trauer-, Wallfahrts-
Lit.: E. Greber: Textile Texte. Köln u. a. 2002, S. 373– lied u. a., aber oft auch Lieder, die inhaltlich nicht
542. DJ/Red. (mehr) eindeutig auf die dem Brauch zugrunde liegen-
Brachykatale·ktisch, Adjektiv [gr. brachykatalektos = den Vorstellungen bezogen sind, z. B. Kirchenlieder
kurz endend], in der antiken Metrik Bez. für Verse, die anstelle alter B.er. B.er werden meist chorisch oder im
um das letzte Metrum gekürzt sind; ä katalektisch. Wechsel von Chor und Einzelsänger, auch mit Tanz
Bremer Beiträger 97

und Instrumentalbegleitung vorgetragen. – Ihre Wur- chung einer metrischen Einheit durch die Syntax. Un-
zeln werden in der heidnischen, kultisch-chorischen terschieden werden: 1. allg.: Vers-B.: das Überschreiten
apotropäischen Poesie gesehen (so bezeugt bei Tacitus, einer Versgrenze durch die Syntax, auch ä Enjambe-
1. Jh. n. Chr.; Jordanes, 6. Jh.; Gregor dem Großen, um ment, vgl. auch ä Hakenstil. – 2. Speziell: Reim-B.
600), die dann in Funktion und Wortlaut christlich (auch Reimpaar-B.): Ein Reimpaar wird so aufgeteilt,
überlagert, umgeprägt und unter mannigfachen Be- dass der erste Vers syntaktisch zum vorhergehenden
einflussungen weiterentwickelt wurde. Vers, der zweite zum folgenden gehört. B. dient vom
Lit.: L. Schmidt: Volksgesang und Volkslied. Bln. 1970. 12. Jh. an mehr und mehr dazu, Reimpaarfolgen be-
IS/Red. weglicher zu gestalten; bes. ausgeprägt bei Gottfried
Brautlied, meist chorischer (von Mädchen gesun- von Straßburg und Konrad von Würzburg; zum Be-
gener) und mit ursprünglich kultischen Tanzgebärden griff vgl. Wolfram von Eschenbach »rîme … samnen
unterstützter, an die künftige Ehefrau gerichteter Ge- unde brechen« (»Parzival«, 337, 25 f.). – 3. Aufteilung
sang, der durch Gestus, Wort und Klangmagie Segen eines Verses auf zwei oder mehrere Sprecher (ä Anti-
und Fruchtbarkeit für die Ehe beschwören soll; Form labe). GS/Red.
des Hochzeitsliedes (vgl. auch gr. ä Hymenaeus; lat. Bremer Beiträger, Name für die Gründer und Mitar-
Epithalamium). Bereits für die germ.-heidnische Zeit beiter (meist Leipziger Studenten) der 1744–48 im
indirekt bezeugt bei Apollinaris Sidonius (5. Jh., »Car- Verlag von N. Saurmann in Bremen erschienenen Zs.
mina« 5, 218); die Übernahme in christliche Traditi- »Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und
onen wird belegt durch ahd. und mhd. Glossen (brût- Witzes« (kurz »Bremer Beiträge«). Die B. B. waren ur-
liet, brûtgesang, brûtleich) und durch das frühmhd. sprünglich Anhänger J. Ch. Gottscheds und (seit 1741)
Gedicht »Die Hochzeit« (erste Hälfte des 12. Jh.s, V. Mitarbeiter der moralischen Wochenschrift »Belusti-
301–306). IS/Red. gungen des Verstandes und Witzes«, in der Gottscheds
Brautwerbungssagen, zunächst mündlich tradiertes poetologische Vorstellungen propagiert wurden. Mit
Erzählgut aller Völker und Zeiten, in dem sich Histo- der Gründung einer eigenen Zs. distanzierten sie sich
risches, Märchenhaftes und Mythisches in vielfältigen von der in jenem Organ gepflegten Polemik gegen die
Ausprägungen verbindet und das folgendes Hand- Schweizer J. J. Bodmer und J. J. Breitinger. Zwar blieben
lungsschema hat: Wunsch eines Fürsten, eine Gattin die B. B. Gottsched verpflichtet (strenge Beachtung der
zu gewinnen (politisch motiviert); Werbung (durch Regeln, Vorliebe für lehrhafte, moralisierende Dich-
den Helden persönlich oder durch Boten); Gewinnung tung), doch verzichteten sie auf dessen Polemik. Per-
der Braut, meist unter schwierigen Bedingungen oder sönlich und in ihren ästhetisch-kritischen Anschau-
Gefahren; Überwindung dieser Schwierigkeiten mit ungen näherten sich die B. B. immer mehr den Schwei-
Glück oder List, oft auch durch Kampf (Gegenspieler zern; ihr poetisches Schaffen wurde stark von A. v.
ist meist der Vater oder ein Verwandter des Mäd- Haller und F. v. Hagedorn beeinflusst, zudem schloss
chens); Heimführung und Hochzeit. Folgende Typen sich F. G. Klopstock 1746 dem Freundschaftsbund der
des Schemas lassen sich unterscheiden: 1. Einfache B. B. an. In ihrer Zs. wurden 1748 die ersten drei Ge-
Werbung, a) ohne Komplikationen, rein höfisch-zere- sänge des »Messias« veröffentlicht. Das Neuartige der
monieller Ablauf; b) Erwerbung durch Taten; 2. Beiträge (v. a. Fabeln, Satiren, Lehrgedichte, Oden,
Schwierige Werbung, Entführung, a) mit Einverständ- anakreontische Lieder, Schäfer- und Lustspiele, Ab-
nis der Braut; b) ohne deren Einverständnis: Raub. Va- handlungen) bestand darin, dass sie einer neuen, bür-
riiert und erweitert wird das Schema v. a. durch das gerlichen Welt- und Lebensanschauung Ausdruck ver-
Prinzip der Wiederholung: Rückentführung der Frau liehen, geschmacksbildend wirkten und die Erziehung
und deren abermalige Gewinnung. – Das Thema der des Bürgertums förderten. Die Texte zeichnen sich aus
Brautwerbung erlangt in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s durch Natürlichkeit und Subjektivität der Sprache, Le-
und im 13. Jh. in Deutschland außerordentliche Be- bensnähe, Phantasie, Empfindung und Gefühl. Damit
liebtheit, so dass das Schema zum beherrschenden trugen die B. B. wesentlich zur Überwindung der ratio-
Bauprinzip der sog. ä Spielmannsdichtung (z. B. »Kö- nalen Phase der Aufklärung bei. – Herausgeber der
nig Rother«, »Oswald«) wird, z. T. auch der mhd. »Bremer Beiträge« war zunächst K. Ch. Gärtner, seit
ä Heldenepik (»Kudrun«, »Nibelungenlied«, »Ortnit«) 1747 N. D. Giseke; weitere Mitarbeiter waren neben
und der »Tristan«-Dichtungen. Auch in den nord. B. Klopstock J. A. Cramer, J. A. Ebert, G. W. Rabener, J. A.
(Blütezeit im 14. Jh.), einer Subgattung der ä Saga, fun- und J. E. Schlegel, F. W. Zachariä, Ch. F. Gellert. Die
giert die Brautwerbung nicht nur als Motiv, sondern Beiträge erschienen anonym, über die Aufnahme
als handlungsbestimmendes Moment. wurde gemeinsam entschieden. Insgesamt kamen vier
Lit.: R. Bräuer: Lit.soziologie und epische Struktur der Bände zu je sechs Stücken heraus. Außerdem veröf-
dt. ›Spielmanns‹- und Heldendichtung. Bln. 1970. – F. fentlichten die B. B. 1748–57 (in einem Leipziger Ver-
Geißler: Brautwerbung in der Weltlit. Halle/S. 1955. – lag) eine »Sammlung vermischter Schriften von den
M. E. Kalinke: Bridal-Quest Romance in Medieval Ice- Verfassern der Bremischen neuen Beyträge zum Ver-
land. Ithaca, Ldn. 1990. RBS gnügen des Verstandes und Witzes«. Mit den von J. M.
Brechung, Bez. der mhd. Metrik für die Durchbre- Dreyer 1748–59 herausgegebenen zwei weiteren Bän-
98 Brevier

den der »Bremer Beiträge« haben die früheren Mitar- B.en. – Das klassische Altertum schrieb B.e auf wachs-
beiter nichts zu tun. bezogene, zusammenlegbare Holztäfelchen, später auf
Lit.: Ch. M. Schröder: Die »Bremer Beiträge«. Bremen Papyrus. Neben privaten gibt es amtliche B.e (der hel-
1956. – J. Steigerwald: Die B. B. Diss. Cincinnatti/O. lenistischen und röm. Herrscher), offene B.e und den
1974 (Mikrofilm Ann Arbor/Mich. 1978). RBS B. als ästhetische Gattung. B.e berühmter Persönlich-
Brevier, n. [lat. breviarium = kurzes Verzeichnis, Aus- keiten sind in Sammlungen überliefert (Platon, Aristo-
zug, zu brevis = kurz], auch: Breviarium; 1. das bei den teles, Cäsar, Cicero, Plinius) und bilden die Grundlage
Stundengebeten (Horen) verwendete Textbuch der für die Entwicklung der mal. Epistolographie. – Die
kath. Kirche, nach Kirchenjahr, Woche und Tag geord- B.e des MA.s – als Urkunde, amtliches Schreiben und
net. Außer Vollbrevieren (seit dem 12. Jh.) entwickel- Geschäftsbrief – wurden bis ins 14. Jh. v. a. von Kleri-
ten sich schon im 9. Jh. spezielle Reise- und Kranken- kern in lat. Sprache verfasst. Daneben entwickelte sich
B.e, seit dem Spät-MA. auch in den Volkssprachen der gelehrte B. Der persönliche B. privaten Inhalts er-
(Stunden-, Erbauungsbücher). – 2. Säkular umfasst hielt durch die dt. Mystiker eine neue, gefühlsbetonte
das B. verschiedene Textsorten: a) Abriss politischen, Sprache, so dass man von einer ersten Blüte des dt.
statistischen oder rechtlichen Charakters (»Breviarium Prosabriefs sprechen kann (Hildegard von Bingen).
imperii«); b) Leitfaden zu einem bestimmten Thema Mit den Kreuzzügen und dem sich ausweitenden Wa-
(Liebe, Jagd); c) Auszug aus einem Einzelwerk; d) seit renverkehr wuchs das Bedürfnis nach brieflichem
dem 19. Jh.: Auszug aus dem Gesamtwerk eines Autors Austausch (B.e als Vorform von Zeitungen). Der im
(»Goethe-B.«). 13. Jh. neue Stand der Schreiber und Notare wurde erst
Lit.: B. K. Vollmann: B. In: RLW. GSR im späten MA. um schreibende Laien ergänzt. Das be-
Brief [lat. brevis (libellus) = kurzes Schreiben, Schrift- deutete z. T. die Ablösung des Lat. durch Dt. als B.spra-
stück, Urkunde], heute v. a. schriftliche Nachricht, die che. Der lit. B. – v. a. als Liebesbrief – wurde viel früher
Teil eines kommunikativen Vorgangs mit konventio- dt. geschrieben als sein pragmatisches Gegenstück,
nalisierten Formen der Textbegrenzung (Anrede, Vorbild waren die frz. Saluts d’ amour. – Bestimmend
Schlussformeln) ist. Erst die Verschriftlichung macht für das sich ausbreitende B.wesen in Renaissance und
den B. tauglich zur Kommunikation mit Abwesenden Humanismus waren Kanzleischreiben, Handelsbriefe
und bedingt den typischen Phasenverzug. Als Rede- und gelehrte B.e. Während die Humanisten den lat.
substitut verfügt der B. über die Grundfunktionen der B.stil pflegten (Erasmus von Rotterdam), dominierte
Information (Mitteilungen aller Art), des Appells in den dt.sprachigen B.en der Kanzleistil. Dennoch
(Wünsche, Forderungen) und der Selbstmanifestation entfaltete sich allmählich eine persönlichere Aus-
(Selbstbekundung, Selbstbetrachtung, Selbstdeutung). drucksweise, wie sie v. a. die Korrespondenz Luthers
Zu unterscheiden ist zwischen eigentlicher (pragma- auszeichnet. – Die neuen stilistischen Möglichkeiten
tischer) und uneigentlicher (ästhetischer) Form des wurden im 17. Jh. nicht genutzt; aufgrund der europä-
B.s. Uneigentliche Formen bestehen dann, wenn ein ischen Dominanz Frankreichs galten nur frz. geschrie-
konstitutiver Bestandteil epistolarer Kommunikation bene B.e als gesellschaftsfähig. Obwohl Sprachgesell-
– Schreiber, Anlass, Gegenstand – nicht real ist. An die schaften auf Anweisungsbücher für den guten dt. B.stil
Stelle pragmatischer Intention treten ästhetische Ab- verwiesen (G. Ph. Harsdörffer, K. Stieler), war die frz.
sichten, sei es beim fingierten oder fiktionalisierten B., B.kultur mit den B.en von M. de Sevigné, N. de Lenclos
beim publizierten Privatbrief oder beim B., der bereits und Boursaults »Lettres à Babet« unerreichtes Ideal.
im Bewusstsein späterer Publikation geschrieben Hervorzuheben ist die umfangreiche Korrespondenz
wurde. Künstlerische Intentionen verfolgen B.essay, Lieselottes v. d. Pfalz, die sie gegen den Zeitstrom auf
Reisebrief und ä B.gedicht. Es kann aber auch die ganze Dt. verfasste. – Das 18. und das 19. Jh. gelten als Höhe-
B.situation Fiktion sein (ä B.roman). Dies ist immer punkte dt. B.kultur. Mit dem Stilideal der Natürlichkeit
bei B.einlagen in Erzählung, Roman, Drama und Hör- (Ch. F. Gellert) und der individuellen Originalität
spiel der Fall. In der historischen Genese des B.s sind (K. Ph. Moritz) hatte sich die dt. B.sprache alle Mög-
v. a. zwei Aspekte bedeutsam: Zum einen die B.sprache lichkeiten des Ausdrucks erschlossen. Ausgestattet mit
(jahrhundertelang wird eher lat. oder frz. als dt. ge- einer neuen bürgerlichen Souveränität und einer an-
schrieben), zum andern die sukzessive Auflösung des thropologisch orientierten Aufmerksamkeit pflegte
rhet. Gattungscharakters (mit salutatio, ä captatio be- man briefliche Beziehungen jenseits der gesellschaft-
nevolentiae, narratio, petitio, ä conclusio) hin zur lichen Unverträglichkeiten. Maßgeblichen Anteil an
zwanglosen Ausdrucksform. – Bereits im alten Ägyp- der Entwicklung des B.stils hatte die weibliche Episto-
ten dienten Musterbriefe dem Erlernen eines B.stils, in lographie (von Luise Gottsched bis zu den Romantike-
dem Privates kaum Raum bekam. Umfängliche diplo- rinnen). Uneingeschränkte Subjektivität bestimmte in
matische Korrespondenzen auf Tontafeln oder Papy- der säkularisierten Nachfolge pietistischen B.austau-
rus sind erhalten. – Die Bibel hat zahlreiche B.e über- sches Inhalt und Ton der B.e der ä Empfindsamkeit
liefert. Später zusammengestellte Ausschnitte aus Kor- (F. G. Klopstock), des ä Sturm und Drangs (J. W. Goe-
respondenzen, v. a. im NT (z. B. die Korintherbriefe), the) und der ä Romantik (C. Brentano). ä Aufklärung
sind zu unterscheiden von ä Episteln und apokryphen (G. E. Lessing) und ä Weimarer Klassik (F. Schiller,
Briefsteller 99

Goethe) betrachteten den B. rationaler, als Träger ge- 18. Jh. üblichen auktorialen Erzähler und bereitet den
meinsamen Denkens und Fühlens. Nach 1848 ist – Weg für den modernen ä psychologischen Roman mit
neben zahlreichen Korrespondenzen (G. Keller, Th. ›standortlosem‹ Erzähler vor. Grunddarbietungsform
Storm, Th. Fontane) – eine Tendenz zur Versachli- des B.s ist die Gefühlsaussprache. Das kam dem wach-
chung und Politisierung feststellbar, was sich sowohl senden psychologischen Interesse der Leser entgegen
in einer Vielzahl offener B.e äußerte wie auch in der und bestimmte die Form, denn die Reflexion über Er-
Reduktion brieflicher Formen auf Postkarte und Tele- eignisse ist wichtiger als die Ereignisse selbst. Zudem
gramm. – Im 20. und 21. Jh. sind B.e v. a. individuell suggeriert der B. Unmittelbarkeit, die Distanz zwi-
geprägt (z. B. B.e von Schriftstellern wie R. M. Rilke, F. schen Erleben und Erzählen mutet gering an. Dies un-
Kafka, G. Benn, Th. Mann). Durch die Entwicklung terstützt die Fiktion von Authentizität, die ästhetische
der Nachrichten- und Informationstechnik müssen Verwendung des Briefs verweist auf seine pragma-
Formen, Typen und Funktionen des B.s neu definiert tische Herkunft. Auch die häufig verwendete Heraus-
werden; die seit dem 18. Jh. vorherrschende Orientie- geberfiktion (mit Vorrede, Postskriptum, Anmer-
rung am Privatbrief ist obsolet geworden. kungen und kommentierenden Verweisen) bietet ein
Lit.: A. Anton: Authentizität als Fiktion. B.kultur im Spektrum von Beglaubigungsmöglichkeiten und spielt
18. und 19. Jh. Stgt. 1995. – R. Arto-Haumacher: Gel- ein mehrfach gebrochenes Fiktionsspiel. – In der zwei-
lerts B.praxis und B.lehre. Wiesbaden 1995. – R. Baas- ten Hälfte des 18. Jh.s entstanden in Frankreich, Eng-
ner: B.kultur im 19. Jh. Tüb. 1999. – K. Beyrer, H.-C. land und Deutschland zahlreiche authentische emp-
Täubrich (Hg.): Der B. Ffm. 1996. – L. Bluhm, A. Meier findsame Briefwechsel, die als Medium bürgerlicher
(Hg.): Der B. in Klassik und Romantik. Würzburg Selbstverständigung dienten. Darauf griff die Lit. zu-
1993. – K. H. Bohrer: Der romantische B. Mchn., Wien rück: Vorbild des europäischen B.s ist S. Richardsons
1987. – E. Clauss: Liebeskunst. Untersuchungen zum »Pamela« (1740), der aus der Sicht der Titelheldin von
Liebesbrief im 18. Jh. Stgt., Weimar 1993. – J. Golz: B. deren umkämpfter, schließlich siegender Tugend be-
In: RLW. – W. G. Müller: B. In: HWbRh. – R. M. G. richtet. Ähnlich gelagert ist sein polyperspektivischer
Nickisch: B. Stgt. 1991. – A. Runge, L. Steinbrügge B. »Clarissa« (1747 f.). Nach J.-J. Rousseaus »Nouvelle
(Hg.): Die Frau im Dialog. Stgt. 1991. – U. Sander: Die Héloïse« (1761) hatte der empfindsam-didaktische B.
Bindung der Unverbindlichkeit. Ffm. 1998. – R. Vellu- auch in Deutschland Konjunktur: S. v. La Roches »Ge-
sig: Schriftliche Gespräche. Wien u. a. 2000. – Ch. schichte des Fräuleins von Sternheim« (1771), L.
Wand-Wittkowski: B.e im MA. Herne 2000. EMC Tiecks »William Lovell« (1793–96), F. Hölderlins
Briefentwurf ä Entwurf. »Hyperion« (1797/99), Ch. M. Wielands »Aristipp«
Briefgedicht, Sammelbez. für Spielarten des ä Briefes (1800/02). J.W. Goethes »Werther« (1774), früher Hö-
in lit. Verwendung, sei es für echte oder fingierte Briefe hepunkt der Gattung, radikalisiert den Wirklichkeits-
in Versen oder für Gedichte, die Briefen beigelegt oder ausschnitt seiner Titelfigur. Ihr geht es nicht mehr um
eingefügt sind. Bei eindeutig briefvertretender Funk- Moral, sondern einzig um liebende Selbstaussprache
tion eines Gedichtes spricht man besser von ›Gedicht- und Selbstentgrenzung, die in ihrer Bedingungslosig-
briefen‹. – Als lit. Kleinform gibt es das B. schon in der keit zum Tode führt. In der Romantik wurde diese Tra-
Antike. Die Minnedichtung des MA.s ist großenteils ditionslinie extremer Subjektivierung weitergeführt
Grußpoesie. In Barock (Ch. Hoffmann v. Hoffmanns- und trug damit zur Auflösung des B.s bei.
waldau) und Anakreontik (J.W. L. Gleim, J. P. Uz) er- Lit.: H. P. Herrmann (Hg.): Goethes Werther. Darm-
freut sich das B. großer Beliebtheit. Bes. berühmt sind stadt 1994. – P. U. Hohendahl: Der europäische Roman
J.W. Goethes und C. Brentanos B.e; bei Goethe sowohl der Empfindsamkeit. Wiesbaden 1977. – N. Miller:
mit der Funktion des rein Privaten, das als ästhetisch Der empfindsame Erzähler. Mchn. 1968. – M. Mora-
geformte Mitteilung an einen bestimmten Adressaten vetz: Formen der Rezeptionslenkung im B. des 18. Jh.s.
hervortritt, wie auch losgelöst aus dem individuellen Tüb. 1990. – G. Sauder: B. In: RLW. – E. T. Voss: Erzähl-
Kontext und integriert in das lyrische Werk (Sesenhei- probleme des B.s, dargestellt an vier Beispielen des 18.
mer Lieder). Brentanos B.e spielen z. T. mit dem Ver- Jh.s. Bonn 1960. EMC
hältnis von Intimität und imaginiertem Publikum und Briefsteller, m., seit dem 17. Jh. geläufige Bez. für
erreichen damit eine neue lit. Qualität. Nach der Ro- lehrbuchartige Anleitungen zum Schreiben von form-
mantik treten B.e nur noch vereinzelt auf (A. v. Droste- und anlassgerechten ä Briefen, meist begleitet von
Hülshoff, R. M. Rilke, J. Ringelnatz). Musterbriefsammlungen. – Das Phänomen selbst ist
Lit.: R. M. G. Nickisch: Brief. Stgt. 1991, S. 177–186. EMC älter als seine Bez. Die seit dem 15. Jh. verbreiteten dt.
Briefroman, Erzählgattung v. a. des 18. Jh.s, deren B. (auch: Formel-, ä Formular- oder Titularbücher) be-
Grundelement bei prinzipieller dialogischer Tiefen- greifen sich als Gegenstücke zur lat. ä Ars Dictandi. Ihr
struktur eine Sammlung von fingierten Einzelbriefen Aufkommen hängt mit der zunehmenden ä Alphabe-
ist. Diese können antwortlose ä Briefe eines Schreibers tisierung der Gesellschaft und der Umstellung privater
sein (Monoperspektive) oder eine Korrespondenz von und geschäftlicher Korrespondenz auf die Volksspra-
zwei und mehr Schreibern (Polyperspektive). Das Er- che zusammen. Obwohl auf Dt. abgefasst, richten sich
zählen erfolgt aus der Ich-Perspektive, umgeht den im die B. des 15. und 16. Jh.s keineswegs an den ›gemei-
100 Brighella

nen Mann‹. Die Grundsätze der klassischen Rhet. und abgeschlossenheit und Nichtidentität anzeigt. In der
die Regeln der ständischen Etikette stehen wie in den modernen Ästhetik verweist der B. auf eine Weise
lat. Brieflehren im Mittelpunkt. – Die B. des frühen 17. künstlerischer Produktion, die im Ggs. zum vollende-
Jh.s sind stark dem Kanzleistil verpflichtet und bedie- ten Werk unabgeschlossen bleibt. Paradigmatisch da-
nen v. a. den Bereich der offiziellen Korrespondenz. für ist das romantische ä Fragment. Im 20. Jh. findet
Um die Mitte des 17. Jh.s, u. a. im Zuge der Nachah- sich der B. als Formgedanke in der avantgardistischen
mung frz. Vorbilder, wird der Kanzleistil durch den ä Montage wieder. Der B. ist ferner eine Denkfigur v. a.
Standard einer »höfisch-preziös« (Nickisch) stilisier- des Dekonstruktivismus (ä Dekonstruktion), durch
ten Ausdrucksweise abgelöst. Ihre erste Expansion in welche geschichtsphilosophische Identitäts- und Tota-
Deutschland erlebt die Gattung als ›galante Brieflehre‹ litätskonzepte in Frage gestellt und Figuren wie ä Alle-
um und nach 1700 (ä galante Lit.). Für eine neue Leich- gorie und ä Ironie oder Erfahrungsmodi der Diskonti-
tigkeit, Natürlichkeit und Lebhaftigkeit und gegen das nuität wie ä Plötzlichkeit in Texten privilegiert wer-
Steif-Zeremonielle der Briefe plädieren um die Mitte den.
des 18. Jh.s die Reformer der Epistolographie wie Ch. F. Lit.: P. Bürger: Zur Kritik der idealistischen Ästhetik
Gellert. In dieser Zeit etablieren sich endgültig B. für [1983]. Ffm. 21990, S. 57–140. – P. de Man: Die Rhet.
private Korrespondenz, die in der Folgezeit immer der Zeitlichkeit [engl. 1969]. In: ders.: Die Ideologie
mehr an Popularität gewinnen. Bestsellerrang errei- des Ästhetischen. Ffm. 1993, S. 83–130. TT
chen im 19. Jh. die ›Universalbriefsteller‹, die im bür- Bruitismus, m. [bryi'tismus; von frz. bruit = Geräusch,
gerlichen Milieu als praktische Ratgeber Hausbuchsta- Lärm], künstlerische Richtung des frühen 20. Jh.s, wel-
tus erlangen. che die Reproduktion alltäglicher Geräusche und die
Lit.: R. Arto-Haumacher: Gellerts Briefpraxis und Einbeziehung nichtmusikalischer Klänge ins Kunst-
Brieflehre. Wiesbaden 1995. – S. Ettl: Anleitungen zu werk zum Prinzip erhebt. Der B. wird im it. ä Futuris-
schriftlicher Kommunikation: B. von 1880 bis 1980. mus (1) zunächst für die Musik entwickelt (L. Russolo:
Tüb. 1984. – J. Fröhlich (Hg.): Bernhard Hirschvelders »L’ arte dei rumori«, 1913; Asholt/Fähnders, S. 30–32);
Briefrhet. (Cgm 3607). Bern u. a. 2003. – U. Götz: Die ein früher Protagonist der Richtung ist E. Varèse. Der
Anfänge der Grammatikschreibung des Dt. in Formu- Zürcher ä Dadaismus entwickelt daraus das Konzept
larbüchern des frühen 16. Jh.s. Hdbg. 1992. – St. Klei- des ›bruitistischen Gedichts‹ (»dadaistisches mani-
ner: Aus der Fülle des Herzens … Inszenierung von fest«, 1918; Asholt/Fähnders, S. 146). Dem B. ähnliche
Spontaneität und Distanz in frz. B.n . Weinheim 1994. Tendenzen zeigen sich in der ä akustischen Dichtung,
– J. Knape (Hg.): Rhetorica dt. Wiesbaden 2002. – bes. im ä Lautgedicht A. Stramms und der ä Konkreten
R. M. G. Nickisch: Die Stilprinzipien in den dt. B.n des Poesie.
17. und 18. Jh.s. Gött. 1969. – Ders.: B. In: RLW. – Texte: W. Asholt, W. Fähnders (Hg.): Manifeste und
L. Rockinger: B. und Formelbücher des 11. bis 14. Jh.s. Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909–
Mchn. 1863 f. Nachdr. NY 1961. – P. Wolff: Der B. 38). Stgt., Weimar 1995.
des Thymo von Erfurt und seine Ableitungen. Bonn Lit.: M. Lentz: B. In: R. Schnell (Hg.): Metzler Lexikon
1911. ID Kultur der Gegenwart. Stgt., Weimar 2000, S. 73. DB
Brighe·lla, m. [it. zu brigare = intrigieren, Streit su- Buch, materielles und/oder elektronisches Speicher-
chen], eine der vier komischen Grundtypen der medium für Schrift- und Bildzeichen. Etymologisch
ä Commedia dell’ Arte, auch erster Zane (ä Zani): ver- verweist das Wort auf das frühgerm. *bok-s; ahd. buoh,
schlagener Bedienter, der die Ausführung der von ihm ein Stab bzw. eine Tafel mit Schriftzeichen, als Plural
angezettelten Intrigen meist der zweiten Bedienten- mit der Bedeutung von Schriftstück. Unsicher ist die
rolle, dem ä Arlecchino, überlässt. DJ/Red. Verbindung zu ›Buche‹, also Buchenholz als namenge-
Britizi·smus ä Anglizismus. bendes Material dieser Tafeln. Das lat. Wort liber be-
Broschur, f., buchbinderisches Erzeugnis, dessen zieht sich auf den Beschreibstoff Baumbast; vgl. auch
Buchblock statt in eine Buchdecke in einen Kartonum- das gr. býblos (Bast der Papyrusstaude). Inhaltlich dient
schlag eingehängt, d. h. eingeleimt und an drei Seiten der Begriff ›B.‹ zur Kennzeichnung weitgehend selb-
glatt beschnitten ist. Bei der sog. Engl. B. hat der Um- ständiger Einheiten eines Werkes, in der Regel hierar-
schlag überstehende Kanten, bei der Frz. B. wird er chisch höher geordnet als ›Kapitel‹. Als Ursprung hier-
nach innen eingeschlagen. – Die B. galt ursprünglich für kann die physische Aufteilung von Werken in meh-
als Provisorium, das den Inhalt nur so lange zu schüt- reren (B.-)Rollen angesehen werden, die in der
zen hatte, bis der Besitzer das Buch binden ließ. Beim späteren Codexform begrifflich beibehalten wurde.
heutigen ä Paperback und ä Taschenbuch bilden sie Bei der historischen Mengenangabe für Papier ent-
die preiswerte Standardausstattung. sprachen 24 Bogen Schreib- bzw. 25 Bogen Druckpa-
Lit.: F. Wiese: Der Bucheinband. Hannover 72005. GGI pier einem B., 20 Bücher ergaben ein Ries. Ein von der
Brouillon, m. [bru'jõ:; frz.], Fremdwort seit 1712; ers- UNESCO fixierter B.-Begriff geht von einer mindes-
ter vorläufiger Entwurf für eine Schrift, Skizze, Kon- tens 49 Seiten umfassenden Anzahl gebundener Blät-
zept; verdrängte zeitweilig die ältere Bez. ä Kladde. ter aus. Auch in der traditionellen B.herstellung (Ge-
Bruch, [frz. rupture], Kunst- und Denkform, die Un- staltung, Druck, Bindung) wird dieser enge Begriff des
Buch 101

B.s übernommen. Dabei wird unterschieden zwischen Vorteil der Codices lag v. a. darin, dass sie gut trans-
B.block (die Gesamtheit der Papierblätter eines B.s) portierbar waren, beidseitige Beschreibbarkeit und va-
und B.einband (bestehend aus den B.deckeln und dem riable Formate sowie einen schnellen, nichtlinearen
B.rücken). Der Begriff »elektronisches B.« (E-Book) Zugriff auf einzelne Seiten ermöglichten. Neben der
verweist auf die Digitalisierung von Inhalten und be- Codexform wurde das Erscheinungsbild des B.s durch
zieht sich einerseits auf spezielle Lesegeräte (Hand- die sukzessive Einführung von Papier grundlegend
helds), andererseits auf die digitalisierte Bereithaltung verändert. Am frühesten in China nachzuweisen
(on- oder offline) von Büchern, entweder als elektro- (Han-Dynastie, 3. Jh. n. Chr.), gibt es für das 8. Jh. Be-
nische Fassungen von auch gedruckt vorliegenden lege für arab. Papierproduktion. Über Spanien gelangte
Werken oder als ausschließliche elektronische Titel. die Papierherstellung nach Europa. Für 1256 ist eine
Die historische Entwicklung der Materialität des B.s Hadernpapiermühle in Foligno belegt; die erste Pa-
war mit der Nutzung verschiedener Beschreibstoffe piermühle im dt.sprachigen Raum entstand 1389 in
verbunden. Nachweisbar ist ab dem 4. bis 3. Jahrtau- Nürnberg. Die früheste erhaltene dt. Hs. auf Papier ist
send v. Chr. im Vorderen Orient (Mesopotamien bis das 1246 begonnene Registerbuch des Passauer Dom-
Ägypten) die Speicherung längerer Texte auf 2–4 cm dechanten Behaim. Als Grundstoff für die Papierher-
dicken Tontafeln. Seit spätestens 1300 v. Chr. wurden stellung dienten Lumpen, die zunächst sortiert, gerei-
in China zusammengebundene Bambus- oder Holz- nigt und zerschnitten bzw. zerrissen wurden. Nach
streifen genutzt, in Indien Palmblätter. Vom 3. Jh. einem Faulprozess wurde das entstandene Halbzeug in
v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr. wurde vielfach Leder ver- mit Wasser gefüllten, durch Mühlenkraft betriebenen
wendet. Große Bedeutung erlangte ab dem 4. Jh. v. Chr. Stampf- und Mahlwerken zu einem Faserbrei (Ganz-
die Nutzung von Papyrus als Beschreibstoff. Das Mark zeug) verarbeitet. Anschließend wurde die Masse in
der ca. drei bis vier Meter hohen, etwa armdicken einen Holzbottich (Bütte) umgefüllt und mittels eines
Sumpfpflanzen wurde in Streifen geschnitten, gepresst Drahtsiebes mit Holzrahmen geschöpft, abgepresst
und geglättet. Die hierdurch gewonnenen weißgelb- (gegautscht) und getrocknet. Wasserzeichen zur Kenn-
lichen Papyrusblätter (ca. 25 x 30 cm) wurden ab dem zeichnung der Herkunft des Papieres entstanden durch
2. Jahrtausend v. Chr. zu Rollen aneinandergeklebt. Drahtformen, die auf dem Schöpfsieb befestigt waren.
Diese ca. 10 Meter langen Rollen wurden in Spalten Nach der Trocknung wurde das Papier mit einer Ober-
(Kolumnen) auf der nach innen gerollten Seite mit flächenleimung versehen, mit einem Glättstein bear-
waagerechter Faserstruktur (senkrecht zur Längsseite) beitet und in Ballen verpackt. In der industriellen Pa-
beschrieben und z. T. illustriert. Papyrusrollen blieben pierproduktion seit dem 19. Jh. werden v. a. Holzfasern
bis zum 4./5. Jh. n. Chr. der gebräuchlichste Beschreib- als Grundstoff benutzt, chemische Aufschließung und
stoff und für Ägypten ein wichtiger Exportartikel. In Bearbeitung sowie Mechanisierung und später Auto-
Rom entstand ein Zwischenhandel mit Papyrus; Ma- matisierung der Arbeitsschritte bestimmen seitdem
nufakturen spezialisierten sich auf verschiedene Arten den Herstellungsprozess.
der Feinbearbeitung. Nach dem 2. Jh. n. Chr. kam Per- Funktional ist die Nutzung des B.s in Codexform wäh-
gament als Beschreibstoff zunehmend in Gebrauch. rend des MA.s weitgehend an den Klerus und Teile des
Hergestellt wurde Pergament aus tierischer Haut, ins- Adels gebunden. Hier ist die (vorwiegend lat.) Schrift-
bes. von Kälbern, Schafen, Schweinen und Ziegen. Die kultur eng an kirchliche Institutionen gebunden, bi-
Rohfelle wurden zunächst zur Lockerung der Haare in blische und liturgische Hss. prägten einen Hauptteil
einem Kalkbad gelagert, anschließend, nach Entfer- der B.produktion. Seit dem 13. Jh., auch in Wechsel-
nung von Ober- und Unterhaut, in einen Rahmen ge- wirkung mit den Möglichkeiten der Papierherstellung,
spannt, getrocknet und geschabt. Häufig wurden Per- verbreitete sich die durch Bücher realisierte Schrift-
gamente, die bis zum frühen MA. vorwiegend in Rol- lichkeit zunehmend in säkularen Bereichen, insbes. in
lenform genutzt wurden (vgl. u. a. die 15 Meter lange der städtischen Verwaltung und im Handel. Die Her-
Josua-Rolle der Bibliotheca Vaticana), als sog. ä Pa- stellung der Hss., zuvor großteils in Kloster- und Pa-
limpseste nach Abradierung wiederverwendet. Ab lastskriptorien angesiedelt, geschah nun mehr und
dem 12. Jh. ist der ›Pergamenter‹ als eigenständiger mehr durch Lohnarbeiter in weltlichen Schreibstuben.
städtischer Beruf belegt. Von der Antike bis in die Gesteigerte Nachfrage ergab sich auch im Umfeld der
Frühe Neuzeit wurden mit Wachs bezogene Holztafeln seit dem 13. Jh. entstehenden Universitäten. Die Erfin-
u. a. für amtliche Beglaubigungen oder Rechnungen dung des ä B.drucks um 1450 begünstigte den Über-
benutzt. Diese Tafeln wurden z. T. gebunden, indem gang zu einer literalen Gesellschaft; mit der schnellen
sie auf der linken Längsseite verknüpft oder mit Schar- Reproduzierbarkeit eines Werkes expandierte das
nieren zusammengehalten wurden. Man kann in die- Buchangebot, spekulative Auflagenhöhen wurden im
ser Praxis maßgebliche Impulse für die Durchsetzung Wander- und Messehandel durch Druckerverleger
der seit der Spätantike vorherrschenden Codexform und ä Buchführer auf einem wachsenden überregio-
des B.s sehen. Der Beschreibstoff, zunächst weiterhin nalen Markt abgesetzt. Von größter Bedeutung war das
vorwiegend Pergament, wurde in mehreren Lagen als gedruckte B. für die Verbreitung der Reformation, al-
B.block zwischen zwei Buchdeckel gebunden. Der lein von Luthers Übers. des NT wurden zwischen 1534
102 Buch

und 1574 ca. 100.000 Exemplare verkauft. Neben reli- senschaftlicher Forschung, zunächst als ä Bibliogra-
giösen Werken erlebten wissenschaftliche Werke und phie und Bücherkunde, zumeist im Zusammenhang
Dichtungen hohe Verkaufszahlen. Bücher gerieten zu- mit Bibliotheks- und historischen Hilfswissenschaften.
nehmend ins Visier kirchlicher und obrigkeitlicher Als eigenständige wissenschaftliche Disziplin gibt es
Kommunikationskontrolle, Raubdrucke wurden, er- B.wissenschaft an den Universitäten in Erlangen-
leichtert durch lediglich kleinstaaterische Privilegien- Nürnberg (seit 1984), Leipzig (1995), Mainz (1957)
erteilung, zum beständigen Problem. Für das ausge- und München (1987). Neben der Erforschung der B.-
hende 18. Jh. kann von einer ersten, qualitativen »Le- geschichte widmet sich die B.wissenschaft zunehmend
serevolution« gesprochen werden, gekennzeichnet aktuellen Fragen der B.nutzung und -wirkung, der B.-
durch extensivere Lesegewohnheiten vorwiegend bür- wirtschaft und der Medienentwicklung.
gerlicher Schichten. Die zweite, quantitative Leserevo- Lit.: S. Corsten (Hg.): Lexikon des gesamten B.wesens.
lution bewirkte im Kontext der Massenalphabetisie- Stgt. 1987 ff. – F. Funke: B.kunde. [1959]. Mchn. 61999.
rung eine sukzessive alle gesellschaftlichen Schichten – St. Füssel: B. In: RLW. – H. Hiller, St. Füssel (Hg.):
erreichende B.nutzung. Im 20. Jh. ergab sich für das B. Wörterbuch des B.es [1954]. Ffm. 62002. – D. Kerlen, I.
eine zunehmende Medienkonkurrenz durch Radio, Kirste (Hg.): B.wissenschaft und B.wirkungsforschung.
Film und Fernsehen. Dennoch stieg die B.produktion Lpz. 2000. – M. Lehmstedt (Hg.): Geschichte des dt.
weiter, geprägt durch einen sowohl in der Herstellung B.wesens [CD-ROM]. Bln. 2000. – U. Rautenberg
als auch in der Distribution voranschreitenden Kon- (Hg.): Reclams Sachlexikon des B.es. Stgt. 22003. –
zentrationsprozess. Nachdem bereits in der ersten U. Rautenberg, D. Wetzel: B. Tüb. 2001. – V. Titel: B.-
Hälfte des 20. Jh.s Mikrofilme als Zwischenschritt bei wissenschaft im Grenzgang: Electronic Publishing und
der Entwicklung neuer Speichermedien für Texte und E-Commerce. In: D. Kerlen (Hg.): B.wissenschaft –
Abbildungen zur Anwendung kamen, belegt »Digiset«, Medienwissenschaft. Wiesbaden 2003, S. 127–148. –
ein von R. Hell entwickeltes Fotosetzgerät mit CRT-(= R. Wittmann: Geschichte des dt. B.handels. Mchn.
2
Cathode Ray Tube)Technik, schon für die Mitte der 1999. VT
1960er Jahre den Beginn der Digitalisierung im Foto- Buchbeutel ä Beutelbuch.
satz. Der nächste Schritt war digitales Speichern für Buchblock ä Buch, ä Broschur, ä Einband.
den Schriftsatz; die Druckindustrie beförderte mit der Buchdecke ä Einband.
Zunahme elektronischer Verfahren verkürzte Techno- Buchdeckel ä Buch.
logieinnovationszyklen, die eine deutliche Verdich- Buchdrama ä Lesedrama.
tung der Arbeitsschritte von der Druckvorstufe bis hin Buchdruck, neuzeitliche Technik der Buchherstellung.
zum distributionsfertigen Werk bewirkten. Binnen In ihrer maßgeblichen Form geht die Erfindung des
weniger Jahre wurden in der Folge auch die Verlage in B.s auf J. Gutenberg (zwischen 1393 und 1404–68,
die unmittelbare B.produktion einbezogen, indem sie Mainz) zurück. Zwar wurde schon früher gedruckt –
mittels »Desktop Publishing« Satz- und Layoutarbeiten wie etwa Mitte des 8. Jh.s n. Chr. in China und Japan
selbst übernahmen. Ein weiterer wichtiger Schritt auf mittels geschnitzter Holztafeln und Anfang des 11. Jh.s,
dieser Ebene war die Praxis der elektronischen Ma- ebenfalls in China, unter Verwendung beweglicher
nuskripterstellung durch Autoren. Diese verfahrens- Keramik- bzw. Tonlettern –, doch lässt sich keines die-
bzw. produktionsorientierte Ableitung aus der compu- ser Verfahren, und zwar weder in seiner technischen
tergestützten Herstellung von Printmedien prägte in Effektivität noch in seiner praktischen Verwendung,
den 1980er und frühen 1990er Jahren den Begriff des mit der Gutenberg’schen Technik vergleichen. Perfek-
Electronic Publishing. Eine neue Dimension des B.be- tioniert war diese Mitte bis Ende der 1440er Jahre,
griffs ergab sich jedoch erst durch das Angebot und die nachdem es Gutenberg in einer langjährigen Phase des
Rezeption von elektronisch präsentierten Inhalten. Experimentierens gelungen war, Erkenntnisse sowohl
Neben Spiel- und Lernprogrammen wurden buchty- aus der Goldschmiedekunst, der Stempelschneiderei
pische Inhalte auf Magnetbänder, Disketten und im- und der Glockengießerei als auch aus der Papierher-
mer häufiger auf CD-ROM gespeichert und verkauft. stellung sowie der Weinkelterei zusammenzuführen.
›Elektronisches Publizieren‹ bezog sich nun auch auf Das Problem des Letterngusses bewältigte er mittels
die Produktebene. Als Kennzeichen der Integration eines Handgießinstruments und erreichte so die völ-
des B.s in die ›Neuen Medien‹ gilt die potentielle Mul- lige Gleichmäßigkeit des Setzens. Gutenbergs Setzkas-
timedialität, d. h. die gemeinsame Speicherung und ten enthielt 290 Schriftzeichen (neben Groß- und
Darbietung von buchtypischen Inhalten mit Tönen Kleinbuchstaben zahlreiche Abbreviaturen und Liga-
und bewegten Bildern, sowie die (speziell bei Online- turen), die es ihm ermöglichten, Bücher herzustellen,
produkten) gegebene Hybridstruktur durch Verlin- welche sich dem Aussehen nach kaum von ihren skrip-
kungsoptionen und potentiell interaktiven Eingriff. tographischen Vorgängern unterschieden – ein Ideal,
Offen ist, in welchem Maße und in welchen Bereichen dem sich in den ersten Jahrzehnten nach der Erfin-
gedruckte Bücher künftig durch elektronische Bücher dung nicht nur Gutenberg verpflichtet zeigte. Dies be-
ergänzt bzw. ersetzt werden. legen zahlreiche ä Inkunabeln bzw. Wiegendrucke
Seit dem 18. Jh. ist das B. Gegenstand spezieller wis- (Frühdrucke bis etwa 1500), deren typographischer
Bücherverbrennung 103

Ursprung sich dem ungeschulten Auge so gut wie nicht baden 1978. – M. Giesecke: Der B. in der Frühen Neu-
offenbart. Die satztechnische Vollendung der be- zeit. Ffm. 1991. – M. McLuhan: Die Gutenberg-Galaxis
rühmten, 1452–54 in einer Auflage von ca. 200 Exem- [engl. 1962]. Bonn 1995. – L. Scholz: Die Industria des
plaren entstandenen zweiundvierzigzeiligen Bibel B.s. In: A. Kümmel u. a. (Hg.): Einf. in die Geschichte
(B 42) deutet darauf hin, dass es Gutenberg bei seiner der Medien. Paderborn 2004, S. 11–33. – A. Venzke: J.
Erfindung in erster Linie darum ging, die fehlbare Gutenberg. Zürich 1993. JGP
Hand des Schreibers durch eine Maschine zu ersetzen Bucheinband ä Buch.
und so Harmonie und Ebenmaß der Schrift zu perfek- Buchemblematik ä Emblematik.
tionieren, dass er also an einer künstlichen Proportio- Bücherverbrennung [auch: book-burning, holocaust
nierung der Textgestaltung und nicht oder nur peri- in books, Autodafé, livres condamnés au feu], die nicht-
pher an einem schnellen Kopierapparat interessiert private Vernichtung missliebigen Schrifttums. Wesent-
war. Allerdings stellte sich bereits nach wenigen Jahr- liche Merkmale von B. sind ä Öffentlichkeit mit dem
zehnten das Vervielfältigungspotential als das eigent- Zweck der »Informations-Demonstration«, Beteili-
lich Revolutionäre der nova ars scribendi heraus, die gung eines Amtsträgers mit dem Zweck der obrigkeit-
sich – begleitet von kritischen Stimmen wie der des lichen Legitimation, Zeremonialität der Handlung und
Abtes Johannes Trithemius, der noch 1494 seine Hss.- pyromane Reinigungsfeierlichkeit mit dem Zweck der
Apologie »De laude scriptorum« (Vom Lob der Hss. Herstellung oder Verstärkung der Empathie bei den
schreiber) vorlegte – mit enormer Geschwindigkeit in Teilnehmern des Rituals, das Sprachdenkmal (›Buch‹
ganz Europa ausbreitete. So siedelten sich dt. Drucker meint Broschüre, Kalender, Manuskript, Brief usw.
bereits 1464 f. in Subiaco bei Rom an, 1469 in Venedig, mit) als metonymisch gedachter Gegenstand der Ver-
1470 an der Pariser Sorbonne, 1473 in Ungarn, Spa- nichtung. Die Nähe von B. zur öffentlichen Menschen-
nien und den Niederlanden. Gegen Ende des 15. Jh.s hinrichtung und -verbrennung ist gesucht und nimmt
war die Kunst des B.s an mehr als 250 Orten in Europa sie nicht selten mittels in effigie-Aktionen im Übergang
heimisch, wobei in vielen Städten zahlreiche Drucke- von der symbolischen Handlung zur realgeschicht-
reien nebeneinander arbeiteten, so dass man von mehr lichen Tat vorweg.
als 1.100 damals bestehenden Offizinen (mit wiederum Die B. ist, entgegen der Ansicht mancher Opfer, zwar
oftmals mehreren Pressen) ausgehen kann, die bis zur nicht so alt wie die Lit., aber ein ständiger Begleiter,
Jh.wende etwa 27.000 Druckwerke in etwa 20 Millio- seit ihre normstabilisierenden, -abweichenden oder
nen Exemplaren produzierten. Zunächst um die Hälfte, -kritischen Potentiale als je eigene Herausforderungen
schon bald aber um nicht weniger als das Fünffache an religiöse, politische, gesellschaftliche und lit.-künst-
billiger als ihre handgeschriebenen Pendants, waren lerische Sinnsysteme erkannt worden sind. So werden
die gedruckten Bücher zu etwa 77 % in Lat., der uni- im altchines. Großreich 213 v. Chr. die Bücher der
versalen Sprache von Kirche und Gelehrsamkeit, ver- Konfuzianer verbrannt, wird im kaiserzeitlichen Rom,
fasst, wodurch sich die Internationalität des damaligen von Augustus bis über Diokletian (frühes 4. Jh. n. Chr.)
Buchhandels erklärt, die freilich in dem Augenblick, hinaus, die B. eine legalisierte Form öffentlicher Be-
da die Alleinherrschaft der Kirche durch die Reforma- strafung, nicht zuletzt an Schriften der Christen. Diese
tion zerstört und die Bedeutung des Lat. von derjeni- wiederum eignen sich nach der Einführung ihres
gen der Volkssprachen überflügelt wurde, einer zuneh- Glaubens als Staatsreligion unter Konstantin die Me-
menden nationalen Differenzierung wich. Kamen im thoden der Kaiser und ihrer Administrationen an, um
Jahr 1500 noch zwanzig lat. Neuerscheinungen auf eine einerseits die Bücher der paganen Philosophen, Rhe-
dt.sprachige, so waren es 1524 nur noch drei. Zu einem toren, Juristen, Literaten zu verbrennen (z. B. der
wesentlichen Anteil verdankte sich dieser Wandel dem Brand des Museions zu Alexandria 391 n. Chr.), ande-
Erfolg der Schriften M. Luthers, von dessen 1522 erst- rerseits das Grundbuch der jüdischen Tradition, den
mals publizierter dt. Übers. des NT zu Lebzeiten des Talmud, und mit ihm die Vorgängerreligion auszulö-
Reformators ca. 200.000 Exemplare verkauft wurden. schen (z. B. Pariser Talmud-Prozess 1240–42). Auch
Als meistgelesener Autor des 16. Jh.s pries Luther die der Koran wird nicht verschont, wie etwa in Spanien
Gutenberg’sche Erfindung als Geschenk Gottes, ohne 1499 das Feuergericht des Erzbischofs Jiménez zeigt.
das die Reformation ihre Wirkung nicht hätte entfalten Überhaupt kommt es im späten MA. und in der Frü-
können. – Gutenbergs innovative Technik blieb für hen Neuzeit im Kontext der reformatorischen Umbrü-
mehr als 350 Jahre, d. h. bis zur Einführung von F. Koe- che und Konfessionskriege zu pyromanen Exzessen
nigs Zylinderdruckmaschine bzw. Schnellpresse (1415 der Feuertod des Jan Hus und seiner Schriften,
(1812), prinzipiell unverändert. ä Druck. 1497 die »bruciamenti delle vanità« des Dominikaners
Lit.: E. L. Eisenstein: Die Druckerpresse [engl. 1983]. Savonarola und das Feuergericht über ihn 1498); ge-
Wien 1997. – W. Faulstich: Medien zwischen Herr- schichtsträchtig wird dabei M. Luthers B. von 1520 –
schaft und Revolte. Die Medienkultur der Frühen Ausdruck des Protests gegen die kirchliche Autorität –,
Neuzeit (1400–1700). Gött. 1998. – St. Füssel: J. Guten- die nicht nur entsprechende kaiserliche und päpstliche
berg. Reinbek 1999. – Ders.: Gutenberg und seine Wir- Antworten findet (mit in effigie-Verbrennung des Re-
kung. Ffm. 1999. – F. Geldner: Inkunabelkunde. Wies- formators in Rom 1521); auf sie referiert 1817 gezielt
104 Buchführer

die B. beim Burschenschaftsfest auf der Wartburg als ren Ziele Volkserziehung und Aufklärung waren. Als
antifeudaler Protest, aber auch die gegen die Weimarer Vorläufer der B.en gelten die engl. bookclubs, biblio-
Republik und ihre geistigen Wurzeln gerichtete B. vom phile Vereinigungen, die zu Beginn des 19. Jh.s als mä-
10. Mai 1933, die, vom Dt. und NS-Studentenbund in- zenatische Unternehmen zur Herausgabe wertvoller
szeniert, ob ihres Vernichtungswahns ein singuläres Manuskripte und vergriffener Werke entstanden. Um
Ereignis in der Geschichte der B. darstellt und plausi- 1830 wurden in Deutschland erste konfessionelle ›Bü-
bel nur aus der Reihe der nachfolgenden NS-Feueror- chervereine‹ zur Verbreitung von ›guten Schriften‹ ge-
gien sich begreifen lässt. Trotz dieser historischen Er- gründet; 1876 entstand die »Bibliothek der Unterhal-
fahrungen geht die Geschichte der B. als eine Ge- tung und des Wissens«, die im Abonnementsbezug die
schichte der damnatio memoriae auch in der Gegenwart »neuesten Schöpfungen der bedeutendsten Schriftstel-
weiter, wie sie der Roman »Fahrenheit 451« von R. ler in Verbindung mit trefflichen Beiträgen aus allen
Bradbury und der gleichnamige Film von F. Truffaut Gebieten des Wissens« vermitteln wollte. Als eigent-
zeigen. liches Anfangsdatum der B.en gilt die Gründung des
Texte: G. Sauder (Hg.): Die B. Zum 10. Mai 1933. »Vereins der Bücherfreunde« im Jahr 1891. Diese Or-
Mchn., Wien 1983. ganisation entsprang dem Arbeiterbildungsgedanken,
Lit.: L. Canfora: Die verschwundene Bibliothek [it. ihre Leitsätze waren »Wissen ist Macht« und »Das
1986]. Bln. 1988. – H. Rafetseder: B.en. Wien u. a. Buch dem Volke«. Gedruckt wurden ›Volksklassiker‹,
1988. – A. Schöne: Göttinger B. 1933. Gött. 1983. – W. die für die Abonnenten aus der Arbeiterschicht das
Speyer: Büchervernichtung und Zensur des Geistes bei bürgerliche Bildungsgut erschließen sollten.1924 ent-
Heiden, Juden und Christen. Stgt. 1981. – Th. Ver- standen drei B.en: die gewerkschaftlich orientierte
weyen: B.en. Hdbg. 2000. – Ders.: Vom Bücherver- »Büchergilde Gutenberg«, der sozialistische »Bücher-
brennen und vom Menschenverbrennen. In: H. Bob- kreis« und die »Dt. Buchgemeinschaft«, die nicht ge-
zin, Th. Verweyen (Hg.): »Ich übergebe der Flamme …« meinnützig war, sondern nach marktwirtschaftlichen
Erlangen 2004, S. 7–26. – T. Werner: Vernichtet und Kriterien auf ein Massenpublikum ausgerichtet wurde.
vergessen? B.en im MA. In: O. G. Oexle (Hg.): Memo- Während der nationalsozialistischen Diktatur wurden
ria als Kultur. Gött. 1995, S. 149–184. TV die B.en entweder aufgelöst, der »Dt. Arbeitsfront« an-
Buchführer, im 15. und 16. Jh. gebräuchlicher Begriff gegliedert oder in den letzten Kriegsjahren aus ökono-
für Buchverkäufer bzw. Händler, die Bücher im Ange- mischen Gründen eingestellt. Die Blütezeit der B.en
bot ›führten‹. Zunehmend auf eigene Rechnung boten setzte mit dem Beginn der 1950er Jahre ein. Eine bes.
B. ihre Waren vornehmlich auf Märkten und Messen Stellung kam dabei der »Büchergilde Gutenberg« zu,
an, häufig neben anderen Produkten wie Papier, Tu- die 1948 aus dem Exil zurückkehrte und sich weiter
chen oder Wolle. Z. T. agierten B. im Auftrag sesshafter dem Volksbildungsgedanken verpflichtet fühlte, ferner
Druckerverleger. Beispiele hierfür sind Urban Port der 1949 gegründeten »Wissenschaftlichen B.« (später
und Achatius Glov, die zu Beginn des 16. Jh.s den aus- »Wissenschaftliche Buchgesellschaft«), die unter Ver-
wärtigen Vertrieb der Verlagswerke von Melchior zicht auf jeden Gewinn vornehmlich wissenschaftliche
Lotter aus Leipzig übernahmen. Bis zur Mitte des 16. und kulturelle Werke veröffentlicht oder zur Subskrip-
Jh.s lassen sich insgesamt mehr als 1.000 B. im dt.spra- tion ausschreibt. Typischer im Sinne der Verbreitung
chigen Gebiet nachweisen. In der Regel betrieben sie von populärer Lit. waren drei Neugründungen im
keinen Hausierhandel, sondern boten ihre Waren an Jahre 1950: der »Bertelsmann-Lesering«, die B. »Bü-
Ständen oder in Buden an. cher für alle« und der »Europäische Buchklub«.
Lit.: H. Grimm: Die B. des dt. Kulturbereichs und ihre Grundlage des Erfolgs war bei Bertelsmann das Kon-
Niederlassungsorte in der Zeitspanne 1490 bis um zept, von Anfang an den verbreitenden Buchhandel in
1550. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 7 die Mitgliederwerbung und -belieferung einzubezie-
(1967), Sp. 1153–1772. VT hen. Dennoch rief der große Aufschwung der B.en in
Buchgemeinschaft, verlagsartiges Unternehmen, das den 1950er und 1960er Jahren beim Sortimentsbuch-
auf der Grundlage eines festen Abonnenten-Systems handel und in der Öffentlichkeit heftige Reaktionen
seine meist im Lizenzvertrag mit den ä Verlagen der hervor. Kritisiert wurden die aggressiven Werbeme-
Originalausgaben produzierten Bücher an seine Mit- thoden und das niedrige Niveau der Bücher, das sich
glieder im Direktversand abgibt. Daneben existieren hauptsächlich an Bestseller-Listen orientiere und jedes
Vertriebsformen, bei denen die Mitglieder über den Experiment scheue. Haben inzwischen Sortiments-
Buchhandel, eigene Club-Center oder neuerdings auf- buchhandel und B.en in einer friedlichen Kooperation
grund von Online-Bestellungen beliefert werden. Die und Duldung zueinander gefunden, so bleibt die öf-
Mitglieder zahlen einen festen Betrag und erhalten da- fentliche Kritik an der mangelnden Risikobereitschaft
für entweder einen vorher bestimmten Titel, den sog. der meisten B.en bestehen. Die B.en haben aber zu-
›Vorschlagsband‹, oder können frei aus dem B.skatalog mindest neue Leserschichten an die Lit. herangeführt.
ihre Bücher auswählen. – Die B.en gehen auf die ä Le- Nach 1989 gab es durch neue Kunden aus den östli-
segesellschaften des Bürgertums und die Bildungs- chen Bundesländern einen kurzen Aufschwung im B.s-
bestrebungen der Arbeiterklasse im 19. Jh. zurück, de- Geschäft; im weiteren Verlauf der 1990er Jahre ging
Buchillustration 105

der Umsatz jedoch zurück. Heute befinden sich die 21. Jh.s drohte die Aufhebung der Buchpreisbindung
B.en im Umbruch: Das Buch steht nicht mehr im Zen- durch die EU-Kommission in Brüssel. Die Aufhebung
trum ihrer Arbeit; ä Hörbücher, CDs, Video-Kassetten des festen Ladenpreises hätte die Konzentration auf
und DVDs erzielen mehr als die Hälfte des Umsatzes; gängige Titel weiter beschleunigt und die Existenz
B.en werden zunehmend in den Internet-Handel inte- kleiner Buchhandlungen bedroht. Durch massive Pro-
griert. teste und die Neuformulierung eines Bundesgesetzes
Lit.: M. Hutter, W. R. Langenbucher: B.en und Lesekul- konnte die Buchpreisbindung für Deutschland gesi-
tur. Bln. 1980. – M. Kollmannsberger: B.en im dt. chert werden.
Buchmarkt. Wiesbaden 1995. – U. Schneider: B.en. In: Lit.: Geschichte des dt. B.s im 19. und 20. Jh. Hg. im
E. Schütz u. a. (Hg.): Das BuchMarktBuch. Reinbek Auftrag des Börsenvereins des dt. B.s. Ffm. 2001. –
2005, S. 74–76. LVS E. Heinold: Bücher und Buchhändler. Hdbg. 1988. – H.
Buchhandel, Institution, die der kommerziellen Ver- Hiller, W. Strauß: Der dt. B. [1961]. Hbg. 51975. –
breitung von Druckerzeugnissen dient. Der B. gliedert T. Kleberg: B. und Verlagswesen in der Antike. Darm-
sich in herstellenden (ä Verlage) und verbreitenden B. stadt 1967. – U. Schneider: B. In: E. Schütz u. a. (Hg.):
Dieser bezieht heute die fertigen Verlagserzeugnisse Das BuchMarktBuch. Reinbek 2005, S. 76–81. – R.
direkt beim Verlag oder über den Zwischen-B. Die am Wittmann: Geschichte des dt. B.s [1991]. Mchn. 21999.
meisten verbreitete Form ist der Sortiments-B. (auch: – Ders.: B. In: RLW. LVS
Sortiment) mit offenem Ladengeschäft, der über 60 % Buchillustration, 1. im weiteren Sinne jede Ergänzung
der Verlagsprodukte absetzt. Weitere Vertriebsformen von Texten durch begleitende Bilder, die mit den Tex-
sind der Versand-B., der durch Anzeigen und Pro- ten im materiellen Zusammenhang eines ä Buchs ver-
spekte wirbt, der Reise-B., der seine Kunden durch rei- einigt ist; Typus der ä Illustration. Die B. von Hand
sende Vertreter anspricht, und sonstige Formen wie wird genauer als ä ›Buchmalerei‹ bezeichnet. – Weitz-
Warenhaus-, Bahnhofs- oder Supermarkts-B. Nach mann zufolge ist schon vor dem ä Hellenismus mit
Anlaufschwierigkeiten setzt sich auch der Online-Ver- umfangreichen Homerillustrationen in Buchrollen zu
kauf von Büchern durch. Wie im Verlagswesen geht rechnen, denen später u. a. Bilderreihen zu Büchern
auch im B. der Trend in Richtung immer höherer Kon- des AT sowie naturwissenschaftliche B.en gefolgt
zentration. Das Angebot von heute über 90.000 jähr- seien. Früh bilden sich ikonographische Muster, die zu
lichen Neuerscheinungen hat zur Folge, dass v. a. große einer Loslösung der Bilder vom Text beitragen und bis
Ketten ihr Sortiment an ä Bestsellern ausrichten. – Die in die Druckgraphik hinein wirksam bleiben. – Es
Geschichte des B.s und seiner Vorformen reicht weit herrscht heute die Ansicht vor, dass eine neutrale Um-
zurück: Bei den Ägyptern, Römern und Griechen wur- setzung von Texten in Bilder nicht möglich ist, son-
den Texte bei schreibkundigen Sklaven in Auftrag ge- dern durch Szenen- und Motivauswahl sowie durch
geben, kalligraphiert auf Papyrus oder Pergament. War die emotionale Färbung eine mehr oder weniger be-
im MA. die Vervielfältigung von Texten weitgehend wusste ä Interpretation geleistet wird. – 2. Im engeren
den Klöstern überlassen, so entwickelte sich Ende des Sinne die illustrierende Graphik im ä Buchdruck, die
14. Jh.s durch billigeres Papier in der Nachfolge des teilweise auch dekorative Funktionen erfüllt. – Die B.
Pergaments ein regeres Interesse an schriftlichen Über- in den ä Inkunabeln erfasst zunächst fast die gleichen
lieferungen. In Universitätsstädten vertrieben sog. sta- Textsorten wie die Buchmalerei der späten Hss. (bi-
tionarii Abschriften von Andachts-, Gebets- oder Arz- blische Texte, Gebetbücher, ä Legendare, Heldenge-
neibüchern. Erst mit der Buchdruckerkunst Mitte des schichten, ä Chroniken und ä Fabeln sowie technische
15. Jh.s bekam der B. kommerziellen Umfang. ›Buch- und naturwissenschaftliche Texte). Die ä Blockbücher
führer‹ reisten über die Märkte und Messen und prie- enthalten fast immer B.en. Die ersten B.en in typogra-
sen ihre Bücher an. Verlag und Sortiment waren vor- phischen Büchern entstehen bei Pfister in Bamberg
erst noch in einer Hand und trennten sich erst im 1460–63 zum »Ackermann aus Böhmen« des Johannes
Laufe des 18. Jh.s. Ursprünglich war Frankfurt am von Saaz und zu U. Boners »Edelstein«. Die B. im 15.
Main (Messen) der Hauptumschlagplatz für Druck- und in der ersten Hälfte des 16. Jh.s wird ganz über-
erzeugnisse; nach der Reformation übernahm Leipzig wiegend im (teils nachkolorierten) Holzschnitt ausge-
diese Funktion. 1825 wurde dort der »Börsenverein führt, der als Hochdruckverfahren einfach in die Text-
des dt. B.s« als Schutzorganisation (v. a. gegen ä Nach- lettern einzufügen und im selben Arbeitsgang zu dru-
drucke) gegründet, der 1888 für den B. einen festen cken ist; Kupfer- und Metallstich kommen zunächst
Ladenpreis als wichtiges Instrument gegen unlautere nur gelegentlich zum Einsatz. Im 16. Jh. wird die B. zu
Konkurrenz durchsetzte. Nach dem Zweiten Weltkrieg einem Mittel der konfessionellen Polemik; daneben
wurde 1948 der Börsenverein in Frankfurt neu ge- steigt die Zahl bebilderter humanistischer und antiker
gründet, der heute wieder das Organ »Börsenblatt für Texte. Gerade in der ersten Jh.hälfte sind viele be-
den dt. B.« (erste Ausg. 1834) herausgibt und die »Dt. kannte Künstler wie A. Dürer und L. Cranach als Rei-
Buchhändlerschule«, die »Fachschule des Dt. B.s und ßer tätig. Der Stil wird nun stärker durch Schraffuren
des dt. B.sseminars« trägt sowie die Buchmessen in bestimmt, was die Nachkolorierung zurückdrängt.
Frankfurt und Leipzig veranstaltet. – Zu Beginn des Erst recht mit der Umstellung auf den Kupferstich, der
106 Buchillustration

als Tiefdrucktechnik einen eigenen Druckvorgang er- Lit.: E. Isphording: Fünf Jh.e B. Nürnberg 1988. –
fordert, sind differenzierte Bildeffekte möglich. Hatte K. Weitzmann: Illustrations in Roll and Codex [1947].
schon 1486 E. Reuwichs Druck von Bernhards von Princeton/N.J. 21970. – H. Wendland: Die B. von den
Breidenbach »Peregrinatio in terram sanctam« ein Frühdrucken bis zur Gegenwart. Aarau, Stgt. 1987.
eindrucksvolles Holzschnittfrontispiz besessen, wird CWI
die Voranstellung eines selbständigen Frontispizes und Büchlein [mhd. büechel(în)], vorwiegend nicht-erzäh-
eines aufwendig architektonisch gerahmten Titelblatts lender Reimpaar- oder Prosatext des MA.s, der sich
nun für lange Zeit, begünstigt auch durch den separa- bei begrenztem Umfang traktathaft mit einem spezi-
ten Druck, zu einer Art Mindeststandard. Neben ganz- fischen Thema auseinandersetzt. – Die Bez. wird auch
seitigen Tafeln existieren aber auch weiterhin auf Text- für erbauliche Werke gebraucht (z. B. Thomas Peunt-
seiten als Kopf- oder Schlussstücke integrierte B.en. Im ner: »Büchlein von der Liebhabung Gottes«, 1433),
17. Jh. können die nl. und frz. Verlage als führend in begegnet aber v. a. in unterminologischer Verwendung
der B. gelten. In Deutschland nehmen v. a. durch M. für minnedidaktisches Schrifttum (ä Minnerede). Pro-
Merian die exakte topographische Darstellung und die totyp dieser lit. Reihe ist um 1180 Hartmanns von Aue
historiographische Illustration einen wichtigen Platz »Klage« (»Das [erste] B.«); an ihr orientieren sich »Der
ein. Verbreitet sind nun auch Porträtstiche und wis- heimliche Bote« aus dem späten 12. Jh., das anonym
senschaftliche Darstellungen. Im 18. Jh. wird das Kup- überlieferte (zweite) »B.« und Strickers »Frauenehre«
ferstichverfahren häufig mit der Radierung verbunden. (beide um 1230), »Diu Mâze« (um 1250), Ulrichs von
Frankreich bleibt in dieser Zeit vorbildlich und bringt Liechtenstein »Frauenbuch« (1258) sowie zahlreiche
bes. in der zweiten Jh.hälfte namhafte Reißer hervor, Minnereden des 13. und 14. Jh.s. Keimzelle mag die
die z. T. auch selbst die Platten stechen. Schöngeistige Beschäftigung der Autoren mit dem Streitgespräch,
Lit. wird nun sehr häufig illustriert, die Formate der dem ä Planctus, der Versepistel oder mit Werken wie
Bücher werden dabei im Allgemeinen kleiner. Mit dem Ovids »Heroides« im Rahmen des lat. Schulunterrichts
von Th. Bewick eingeführten Holzstich und der von A. gewesen sein.
Senefelder erfundenen Lithographie verbreiten sich im Lit.: I. Glier: Artes Amandi. Mchn. 1971, S. 16–53. – D.
19. Jh. zwei bedeutende neue Bilddruckverfahren, die Huschenbett: Die Mâze – ein B.typ. In: GRM N. F. 36
zunächst auch den stilistischen Neigungen zu roman- (1986), S. 369–379. WA
tischen Hell-Dunkel-Kontrasten entgegenkommen. Buchmalerei, in Westeuropa von der späten Antike
Die Holzstiche J. Gigoux’ zu A.-R. Lesages »Gil Blas« bis zum Beginn der Neuzeit verbreitete Kunstgattung;
(1835) und die Lithographien E. Delacroix’ zu J. W. mit der Hand ausgeführter Typus der ä Buchillustra-
Goethes »Faust« (1828) bilden hier Meilensteine. Dass tion. B. umfasst figürliche Bilder und dekorativen
beide Verfahren als Nachbildungstechniken für hohe Schmuck in Büchern; sie wurde in Form von Deckfar-
Auflagen geeignet sind, führt in der zweiten Jh.hälfte benmalereien, aber auch in unkolorierten oder kolo-
zusammen mit der schon bei den Nazarenern vorherr- rierten Zeichnungen ausgeführt. – B.en wurden zuerst
schenden Bewunderung für bestimmte Klassiker der auf Papyrusrollen, später hauptsächlich in Pergament-
Kunstgeschichte zu einer Scheidung in ausufernd mit codices geschaffen, doch erhielten auch noch Papier-
Reproduktionen bestückte Bücher und fast gar nicht Hss. und gedruckte Bücher B.en. Waren die B.en in der
mehr illustrierte lit. Werke. Allerdings erblühen andere Spätantike noch bildhaft, textillustrierend und von
bebilderte Lit.formen wie die Illustrierte, das Kinder- profaner Thematik, so lag im MA. ihre Hauptaufgabe
buch und die Bildergeschichte (W. Busch). Die am im Schmuck religiöser Bücher oder in der Unterwei-
Ende des Jh.s aus der engl. Arts-and-Crafts-Bewegung sung, wobei die Textbindung häufig nur indirekt war;
hervorgegangene, v. a. von W. Morris geforderte Rück- viele Bildthemen waren allegorisch-typologischer oder
besinnung auf die handwerkliche Tradition wird allg. kosmologischer Art. Allerdings wurden auch weiter-
als Anstoß für die auf die ganze Buchgestaltung Ein- hin profane Texte illustriert. Wichtige Schmuckele-
fluss nehmende B. von ä Jugendstil und ä Expressio- mente waren nun dekorative ä Initialen, die häufig in
nismus gesehen. Dabei treten in der Folge der Künstler Gold ausgeführt wurden und Texten bes. Würde ver-
und sein Personalstil deutlich in den Vordergrund, leihen sollten, sowie aufwendige Rahmungen für Text-
bes. ausgeprägt im aufwendigen, in kleiner Auflage wie Bildseiten. – Während man davon ausgeht, dass in
hergestellten ä Künstlerbuch (z. B. M. Ernst). Die durch der Antike v. a. freischaffende Ateliers die B.en aus-
die Fotodruckverfahren im 20. Jh. eminent er- führten, ging diese Aufgabe im Früh-MA. mit der ge-
leichterten Reproduktionen führen die B. einerseits in samten Buchproduktion auf die Klöster über. Abgese-
dem großen Bereich der ä Kinder- und Jugendlit., bes. hen von der direkten Herstellung am Fürstenhof, wie
dem ä Bilderbuch und dem ä Comic, zu einem neuen um 800 im Umkreis Karls des Großen, kann erst für
Aufschwung; andererseits ermöglichen sie die Experi- das Ende des 12. Jh.s wieder mit einer größeren Be-
mente zahlreicher Autoren mit ä Wort-Bild-Formen deutung laikaler Buchmaler gerechnet werden. Die
(z. B. R. D. Brinkmann, W. G. Sebald). Ein weiterer Be- Organisationsformen der Werkstätten waren vielfältig.
reich, der seit dem 20. Jh. ohne B.en undenkbar gewor- Durch den ä Buchdruck, aber auch durch wirtschaft-
den ist, ist das ä Sachbuch. liche Veränderungen und den Bedeutungszuwachs an-
Bühne 107

derer Kunstgattungen starb die B. im 16. Jh. aus. Nur in [1961]. Hbg. 51975. – S. Niemeier: Funktion der Frank-
einigen außereuropäischen Gebieten (z. B. Indien und furter B. im Wandel. Wiesbaden 2001.– G. Rühle: Die
Persien) kam es im 17. Jh. noch einmal zu einer Blüte Büchermacher. Ffm. 1985. – W. Stöckle u. a.: ABC des
der Gattung. Buchhandels [1975]. Mchn. 102001. – T. Voss: B. In: E.
Lit.: J. J. G. Alexander: Medieval Illuminators and Their Schütz u. a. (Hg.): Das BuchMarktBuch. Reinbek 2005,
Methods of Work. New Haven, Ldn. 1992. – N.H. Ott: S. 85–88. LVS
B. In: RLW. – O. Pächt: B. des MA.s [1984]. Mchn. Büchnerpreis, auch: Georg-Büchner-Preis; bedeu-
4
2000. CWI tendster und höchstdotierter dt. ä Lit.preis, benannt
Buchmärchen ä Märchen. nach dem aus Darmstadt stammenden Dichter G.
Buchmesse, periodisch (meist jährlich) wiederholte, Büchner (1813–37). Der B. wird jährlich aufgrund des
von zahlreichen ä Verlagen genutzte Verkaufs- und Votums einer Autorenjury verliehen von der ›Dt. Aka-
Werbeveranstaltung für Druckerzeugnisse. Ende des demie für Sprache und Dichtung‹ in Darmstadt an Au-
15. Jh.s entwickelten sich erste Ansätze im Rahmen der toren, »die in dt. Sprache schreiben, durch ihre Arbei-
allg. Handelsmessen, die gedruckte Bücherproduktion ten und Werke in bes. Maße hervortreten und an der
vorzustellen. Im 16. Jh. bildete sich Frankfurt zum Gestaltung des gegenwärtigen Kulturlebens wesent-
wichtigsten Umschlagplatz für Bücher heraus. 1564 er- lichen Anteil haben« (Satzung vom 21. März 1958).
schien der erste Messkatalog zur Frankfurter B. (hg. Kernelemente der Ehrung sind ä Laudatio, Überrei-
von dem Augsburger Buchhändler G. Willer), der al- chung der Preisinsignien (Urkunde, Scheck) und Dank-
lerdings nur eine Auswahl der Messeneuigkeiten ver- rede, die zu programmatischen poetologischen und
zeichnete. Erst die offiziellen Messkataloge, hg. vom politischen Ausführungen genutzt werden kann. Die
Rat der Freien Reichsstadt Frankfurt seit 1598, boten Reden werden im Jb. der Akademie dokumentiert; der
alle Messnovitäten; der private Druck von Katalogen B. ist mit einem hohen Kanonisierungswert (ä Kanon)
wurde verboten. Parallel zu Frankfurt entstand in ausgestattet. – Gestiftet wird der B. 1923 vom Volks-
Leipzig ein zweites B.-Zentrum; der erste Messkatalog staat Hessen als ›Hessischer Staatspreis für Kunst‹ (al-
erschien 1594, besorgt von dem Leipziger Buchhänd- ler Sparten) für hessische Künstler; bis 1932 wird die-
ler Henning Grosse. Während Frankfurt im 16. Jh. ers- ser regionale Preis mit demokratisch-republikanischer
ter Platz für den Bücherumschlag war, gewann das re- Wertorientierung jeweils am 11. August, dem Verfas-
formierte Leipzig im 17. Jh. zusehends an Bedeutung: sungstag der Weimarer Republik, verliehen. 1933–44
Hier sammelten sich – unbehelligter von der Zensur – wird der B. nicht vergeben. 1945 wird die Verleihung
die Verleger, hier wurden fortan die großen Geschäfte des unbelasteten B.es als Kunstpreis wieder aufgenom-
getätigt. Während z. B. 1730 der Leipziger Messkatalog men; bis 1950 ist die Stadt Darmstadt verantwortlich.
700 Titel verzeichnete, fiel der Frankfurter Katalog auf Seit 1948 wird der B. im Oktober, dem Geburtsmonat
100 Titel zurück; die Leipziger B.n wurden zu Beginn des Namenspatrons, verliehen. 1951 wird der B. zum
des 18. Jh.s von über 3.000 Besuchern frequentiert, Lit.preis und in die Verantwortung der ›Dt. Akademie
nach Frankfurt kamen nur noch 800. – Bis zum Zwei- für Sprache und Dichtung‹ gegeben; die Finanzierung
ten Weltkrieg blieb Leipzig national wie international übernehmen der Bund, das Land Hessen und die Stadt
der wichtigste Ort für B.n. Nach 1945 setzte sich die Darmstadt.
Rivalität zwischen beiden Messestädten unter poli- Lit.: M. Assmann, H. Heckmann (Hg.): Zwischen Kri-
tischen Vorzeichen fort. Seit 1949 findet in Frankfurt tik und Zuversicht. 50 Jahre Dt. Akademie für Sprache
wieder jährlich im Herbst die B. statt, die inzwischen und Dichtung. Gött. 1999. – J. Ulmer: Geschichte des
zur größten internationalen B. geworden ist. In Leipzig Georg-Büchner-Preises. Bln., NY 2006. BD
wurde die alte Tradition beibehalten, die B. im Rah- Buchrücken ä Buch.
men der allg. Handelsmesse im Frühjahr anzusiedeln; Buchwissenschaft ä Buch.
die alte Bedeutung als B.-Stadt konnte jedoch nicht be- Bühne, 1. Spielfläche für theatralische Aufführungen;
hauptet werden: Die meisten berühmten Verleger ver- 2. ferner auch metonymische Bez. für das ä Theater
ließen die Stadt und gründeten ihre Verlagshäuser im insgesamt. – Die B. (1) ist abgegrenzt vom Zuschauer-
Westen neu. Dennoch war die Leipziger B. ein wich- raum, ihre Ausgestaltung erfolgt durch das ä B.nbild.
tiger Treffpunkt, um trotz Diktatur nicht-offizielle Sie ist der Raum, auf dem die mimisch-szenische Um-
Treffen zwischen Ost und West zu arrangieren und setzung des lit. Werkes oder theatralischen Textes er-
Bücher in die DDR zu schmuggeln. Nach 1990 er- folgt. Jeder Ort kann zur B. werden, doch versteht man
schien die Zukunft der Leipziger B. zunächst unsicher, im engeren Sinn unter ›B.‹ deren innerhalb eines Thea-
doch zwischenzeitlich konnte sie sich stabilisieren. ters gegebene Form. Im Theater müssen B. und Zu-
Frankfurt behauptete seine weltweit dominante Po- schauerraum als Einheit gesehen werden. – Es lassen
sition als B.-Stadt. – In Frankfurt wird alljährlich sich in systematischer Hinsicht verschiedene Grund-
der »Friedenspreis des Dt. Buchhandels«, in Leipzig formen der B. unterscheiden (vgl. Balme): 1. Bei der
der »Buchpreis zur Europäischen Verständigung« ver- Guckkastenbühne sind Zuschauer und Darsteller strikt
liehen. getrennt; 2. beim Theaterraum mit Vorbühne ragt die
Lit.: H. Hiller, W. Strauß (Hg.): Der dt. Buchhandel Spielfläche in den Zuschauerraum hinein; 3. beim Are-
108 Bühnenanweisung

natheater sind die Darsteller auf allen Seiten vom Pu- mimisch-gestische Aktionen, Affekthaltungen der Fi-
blikum umgeben; 4. bei Formen des environmental guren, musikalische, akustische oder technische Ef-
theatre können sich die Zuschauer frei um die Spielflä- fekte). Damit kann er dem Leser Hilfestellungen zur
chen bewegen. Die Guckkastenbühne konfrontiert Imagination und zum Verständnis des Werkes geben
Schauspieler und Zuschauer und hat eine klar abge- sowie die ä Inszenierung des Textes zu lenken versu-
grenzte, meist erhöhte B., so dass Interaktionen und chen. Auf dem Theater müssen die B.en jedoch in an-
Änderungen des Blickwinkels hier kaum möglich sind. dere Zeichensysteme (akustische, mimisch-gestische,
Das environmental theatre hat dagegen ein flexibles optische) übersetzt werden. Umfang und Inhalt der
Raumverhältnis und ist offen für theatralische Interak- B.en können stark variieren: Im Laufe des 18. und 19.
tionen. – In der Geschichte des Theaters finden sich Jh.s nehmen die B.en an Umfang zu, bis sie im natura-
diese Grundformen in verschiedenen Ausprägungen. listischen Drama manchmal fast so viel Raum einneh-
Im antiken gr. Theater dient die runde ä Orchestra als men wie die ä Dialoge.
Platz des Chores und ist von ansteigenden Zuschauer- Lit.: B. Schmidt: The function of stage directions in
reihen umgeben, die Schauspieler agieren auf der German drama. Diss. San Diego 1986. – J. Steiner: Die
schmalen Proszeniumsbühne. Die Bedeutung der Or- B. Gött. 1969. – E. Sterz: Der Theaterwert der sze-
chestra tritt schon im röm. Theater zurück, während nischen Bemerkungen im dt. Drama von Kleist bis zur
die Proszeniumsbühne zum eigentlichen Spielort wird. Gegenwart. Bln. 1963. AHE
Im mal. Theater entwickelt sich mit der ä Simultan- Bühnenbearbeitung, zum Zweck einer bestimmten
bühne eine gänzlich neue B.nform, bei der verschie- ä Aufführung redigierte ä Fassung eines Dramentextes.
dene Spielorte gleichzeitig aufgebaut sind, die von den Es gibt vier Möglichkeiten der B.: Reduktion, Addition,
Zuschauern nacheinander aufgesucht und umlagert Substitution, Permutation. – In der Regel wird der
werden. Die sog. ä Shakespearebühne hat eine Vor- Dramentext v. a. reduziert, d. h. Textpassagen werden
bühne, die auf drei Seiten von Zuschauern umgeben gestrichen (Strichfassung). Striche erfolgen aus prag-
ist; die Spielfläche ist in Vorder- und Hinterbühne un- matischen und aufführungstechnischen (Reduzierung
terteilt. In anderen Ländern und in der Folgezeit set- der Aufführungsdauer, der ä Figuren, der Szenenwech-
zen sich zunehmend Saaltheater durch, die meist als sel), aber auch aus künstlerischen, moralischen oder
Guckkastenbühne konzipiert sind: B. und Zuschauer- politischen Gründen (ä Zensur). B.en waren und sind
raum (meist Logen- und Rangtheater) sind durch die die Regel, ein unverändertes und ungekürztes Drama
Rampe wie durch eine vierte Wand getrennt, die Dar- wird selten aufgeführt. F. Schiller und J. W. Goethe z. B.
steller sind sichtbar in die fiktionale Welt der B.nhand- bearbeiteten sowohl ihre eigenen als auch fremde
lung integriert. Unter-, Ober- und Seitenbühne für Dramen für das Weimarer ä Hoftheater sehr stark. –
Dekorationen und Bühnentechnik umgeben die Spiel- Neben der Reduktion des Textes ist es gelegentlich üb-
fläche. Die B. wird zur ä Illusionsbühne, auf der mit lich, Neues hinzuzufügen, Textpassagen zu ersetzen,
Hilfe von bemalten Dekorationen ein illusionistischer zu modernisieren oder diese umzustellen. Sobald der
Perspektivraum gestaltet wird. Erst um 1900 setzen neue Textanteil zu stark ansteigt, wird die Fassung
Experimente mit neuen B.nformen und Räumen (Zir- nicht mehr als ›Bearbeitung‹ eingestuft, was durch
kus, Hallen, ä Freilichttheater, variable Theaterräume) Bez.en wie ›frei nach Shakespeare‹ signalisiert wird.
ein, um das alte Rangtheater und die trennende Rampe Jede B. stellt schon eine ä Interpretation dar, da einige
der Guckkastenbühne zu überwinden. Mit dem Wan- Teile eliminiert, andere betont oder hinzugefügt wer-
del des B.nbildes vom gemalten Bild zum plastisch den. B.en dienen außerdem zur Anpassung eines – äl-
ausgestalteten Raum setzt sich – auch innerhalb der teren – Dramas an die gesellschaftliche Situation der
Guckkastenbühne – das Konzept der Raumbühne Aufführungszeit. – Von der B. zu unterscheiden ist die
durch. Bis heute dominiert aber in Europa auf Grund ä Adaption, die Transformation eines lit. Textes in eine
der erhaltenen historischen Theaterbauten weiterhin andere Gattung (z. B. die ä Dramatisierung eines Ro-
die strikte Trennung zwischen B. und Zuschauerraum, mans) oder ein anderes Medium (z. B. die ä Verfilmung
wobei in einzelnen Inszenierungen immer wieder ver- eines Theaterstücks).
sucht wird, diese aufzubrechen. Lit.: C. Damis: Autorentext und Inszenierungstext.
Lit.: Ch. Balme: Einf. in die Theaterwissenschaft Tüb. 2000. AHE
[1999]. Bln. 32003. – R. Badenhausen, H. Zielske (Hg.): Bühnenbild, szenisch-visuelle Ausgestaltung des Büh-
B.nformen – B.nräume – B.ndekorationen. Bln. 1974. nenraums. Das B. vergegenwärtigt Ort und Zeit der
– M. Carlson: Places of performance [1989]. Ithaca Handlung auf der Bühne. Es kann mit Hilfe von ge-
2
1993. – H. Kindermann: B. und Zuschauerraum. malten Dekorationsteilen (ä Kulisse), plastischen Ver-
Wien 1963. – M. Lösch: B., B.nform. In: RLW. – W. F. satzstücken, echten Möbeln oder Gegenständen, Re-
Michael: Frühformen der dt. B. Bln. 1963. AHE quisiten und Lichteffekten gestaltet werden; es kann
Bühnenanweisung, auch: Regieanweisung; Teil des einen täuschenden Effekt (ä Illusionsbühne) oder ei-
ä Nebentextes eines Dramas, in dem der Autor das sze- nen stilisierten Eindruck (ä Stilbühne) anstreben. –
nische Geschehen auf der ä Bühne beschreibt (Aus- Das B. hat in den verschiedenen Epochen und Ländern
sehen der Bühne und der Darsteller, szenische und einen unterschiedlichen Stellenwert innerhalb der
Bürgerliches Trauerspiel 109

Theateraufführungen. Im antiken, mal. und ä Elizabe- nach dem vierten Versfuß des ä Hexameters; bei Ho-
thanischen Theater wird der Schauplatz kaum ausge- mer sowie in der gr. und lat. ä bukolischen Dichtung
staltet, man begnügt sich mit Versatzstücken, welche häufig, z. B. »Pollio et ipse facit nova carmina | pascite,
die räumlichen Verhältnisse andeuten, aber nicht illu- taurum« (Vergil: »Bucolica« III, 86: – v v – v v – v v –
sionistisch abbilden. Die reichen Renaissance- und Ba- v v | – v v – v . Die b. D. zerlegt den Hexameter in einen
rocktheater favorisieren dagegen ein prachtvolles B. daktylischen ä Tetrameter und einen ä Adoneus. UM
mit vielen visuellen und technischen Effekten. Mit Bukowina-Literatur ä rumäniendeutsche Lit.
Hilfe von Telari (ä Telari-Bühne) und später Kulissen Bunraku, n., klassisches jap. ä Figurentheater, bei dem
wird die perspektivische Malerei für die Ausgestaltung eine Figur von drei Männern (Kopf und rechter Arm,
eines illusionistischen Bühnenraums genutzt, der nun linker Arm, Beine) geführt wird und die epischen
Bildcharakter hat (Weiterentwicklung von der Zentral- Texte dazu auf einer kleinen Nebenbühne, begleitet
zur Winkelperspektive insbes. durch F. Galli-Bibiena). von der Shamisen (dreisaitige jap. Laute), deklamiert
Nicht jedes Stück erhält ein neues B., vielmehr gibt es werden. – Aus Puppenspielen anlässlich von Tempel-
mehrfach verwendete Standarddekorationen (u. a. festen entwickelt sich im 17. Jh. in Osaka diese Syn-
Wirtshaus, Zimmer, Palast, Straße, Wald). Bühnenma- these von Vortragskunst und Figurentheater, die auch
lerei und Bühnentechnik werden bis Ende des 19. Jh.s Stücke und Darstellungsstil des ä Kabuki beeinflusst.
perfektioniert, die B.er der ä Meininger stellen einen Auf den Antiillusionismus des B. wird in einigen Strö-
Höhepunkt der realistischen Bühnenmalerei dar. Nach mungen des modernen europäischen Figurentheaters
ersten Reformversuchen im 19. Jh. (K. F. Schinkels B.er zurückgegriffen.
zu Mozart-Opern) setzt sich Anfang des 20. Jh.s mit Lit.: D. Keene: No and B. NY 1990. WVB
den Entwürfen A. Appias und E. G. Craigs eine neue Bürgerliches Trauerspiel, dramatische Gattung des
Ästhetik des B.s durch. Das B. wird nun als wichtiges 18. Jh.s, in der Personen des Mittelstandes und famili-
Element eines einheitlichen Inszenierungskonzepts äre Konflikte zumeist empfindsam dargestellt werden.
verstanden, das auch Musik und Beleuchtung umfasst. Das erste dt. bürgerliche Trauerspiel ist G. E. Lessings
Statt eines gemalten Bildes soll ein dreidimensionaler »Miß Sara Sampson« (1755). Das Drama bewegt sich
szenischer Raum gestaltet werden, dessen Spielfläche im privaten Kreis der Familie, die Vater-Tochter-Be-
mit praktikablen Versatzstücken (insbes. Treppen oder ziehung steht im Mittelpunkt, der Konflikt resultiert
Podien) zu symbolischen Bewegungen einlädt. Statt aus dem Schwanken der Tochter zwischen dem Ge-
der bislang üblichen Illusionsbühne wird eine neutrale, horsam gegenüber dem Vater und der Neigung zu dem
leere oder symbolische Bühne, eine Raum-, Relief- Geliebtem. Typische Motive und Eigenschaften des
oder Stilbühne angestrebt. Die von B. Brecht konzi- bürgerlichen Trauerspiels werden in Abgrenzung zur
pierte Bühne greift demgegenüber auf ältere Bühnen- heroischen ä Tragödie sichtbar: Es sind keine Vers-
formen zurück und setzt die Bühnentechnik in desillu- dramen, denn die natürliche Sprache des Herzens soll
sionistischer Absicht offen ein. Im postmodernen in ä Prosa wiedergegeben werden. Die Figuren ent-
Theater existieren verschiedene Spielarten des B.s ne- stammen dem Mittelstand (Bürgertum, niederer Adel),
beneinander, wobei Ausgestaltungen des Raums mit dem Bürger wird nun die nötige ä Fallhöhe für die Tra-
plastischen Versatzstücken und Licht dominieren. gödie zugesprochen, die ä Ständeklausel ist aufgeho-
Lit.: R. Badenhausen, H. Zielske (Hg.): Bühnenformen ben. Es handelt sich um gemischte Charaktere, deren
– Bühnenräume – Bühnendekorationen. Bln. 1974. – Untergang in dieser säkularisierten Gattung aus einem
N. Eckert: Das B. im 20. Jh. Bln. 1998. – M. Lösch: B. Fehler bzw. Irrtum und nicht aus göttlicher oder
In: RLW. – O. Schuberth: Das B. Geschichte, Gestalt, schicksalhafter Fügung resultiert. Die Handlung spielt
Technik [1955]. Wilhelmshaven 22005. AHE nicht im öffentlich-politischen Raum der Historie,
Bühnendichter ä Theaterdichter. sondern im privaten Kreis der Familie des 18. Jh.s,
Bühnenlied ä Song. weswegen Zeitgenossen teilweise auch die Bez. »Pri-
Bühnenmanuskript, der ä Inszenierung zugrunde vat-Trauerspiele« (Ch. M. Wieland im »Teutschen
liegender Text eines Theaterstücks, der nicht für die Merkur«, 1773) benutzen. Bürgerliche Tugenden und
Öffentlichkeit bestimmt ist. Das B. weist entweder Moralvorstellungen werden propagiert und empfind-
starke Abweichungen gegenüber dem Druck auf same Familienszenen breit ausgemalt. Die empfind-
(›Strichfassung‹), oder es bietet einen Dramentext, der same Haltung rückt die Gattung auch in die Nähe des
noch gar nicht im Druck vorliegt und von Theaterver- rührenden bzw. ä weinerlichen Lustspiels. Der Wir-
lagen als maschinenschriftliches ›Textbuch‹ vertrieben kungsaspekt steht im Vordergrund, bei Lessing bei-
wird. AD spielsweise als Mitleidsdramaturgie ausformuliert. Be-
Bühnentanzreform ä Ballett, ä Tanz. einflusst wird das dt. bürgerliche Trauerspiel v. a. aus
Bukolische Dichtung [lat. bucolicus = zu den Hirten England: G. Lillos »The London Merchant« (1731)
gehörig, ländlich; gr. boukolikós, von boukólos = Rin- wird 1752 von H. A. v. Bassewitz übersetzt und mit
derhirt], auch: Bukolik; Hirtendichtung, ä Schäfer- dem Untertitel »b. T.« versehen, eine Übers. von E.
dichtung, ä arkadische Poesie. Moores »The Gamester« (1753) folgt. 1754 kommen
Bukolische Dihärese, f., Verseinschnitt (ä Dihärese) beide Stücke auf die dt. Theater und sind – ebenso wie
110 Burgundische Dichterschule

»Miß Sara Sampson« – große Bühnenerfolge. J. G. B. bis heute im Untertitel von – damit als possenhaft aus-
Pfeil veröffentlicht mit »Vom bürgerlichen Trauer- gegebenen – Bühnenwerken fort (P. Hacks: »Orpheus
spiele« (1755) die erste theoretische Abhandlung zur in der Unterwelt. Burleske Oper«, 1998). Indes fand
Gattung; er sieht deren Wirkung in einer Kombination der Begriff in der Nachfolge C. Flögels (1794) so breite
von Mitleid und Abschreckung – auf Grund der ä poe- Anwendung auf Werke oder Werkteile z. B. von Ho-
tischen Gerechtigkeit (die Tugend wird belohnt, das mer, Aristophanes, Lukian, Cervantes, Goldoni und
Laster bestraft). Pfeil definiert das Adjektiv ›bürger- Goethe, auf Fastnachtspiel, Bühnenschwank, barocke
lich‹ als Kennzeichen des Standes der Figuren sowie als Komödien und heiter-realistische Humoresken, wird
Darstellung familiärer, häuslicher, mitmenschlicher zudem im Frz. und Engl. im Sinn von ä Travestie be-
Verhältnisse. Die Forschung hat jahrzehntelang kon- nutzt, gilt in den USA als Synonym für Vaudeville-Hu-
trovers diskutiert, ob ›bürgerlich‹ als Standesbez. oder mor und begegnet schließlich als Name für ein heiteres
als Synonym für ›allg.menschlich‹ zu übersetzen sei; Instrumentalstück in der Musik, dass ›B.‹ heute nur
beide Überzeugungen können jedoch nebeneinander mehr als ungenauer Ausdruck ohne die nötige Trenn-
bestehen. Während die bürgerlichen Trauerspiele der schärfe erscheint. Zu prüfen wäre, ob eine Eingren-
1750er und 1760er Jahre die empfindsame Gestaltung zung, wie oben vorgeschlagen, in der dt. Lit.wissen-
von Familienkonflikten, also das allg.menschliche schaft praktikabel ist.
Ethos in den Vordergrund stellen, wird in den 1770er Lit.: G. Kitchin: A Survey of Burlesque und Parody
Jahren der Ständekonflikt stärker zugespitzt. Lessing in English. Edinburgh, Ldn. 1931. – A. Michel (Hg.):
geht mit »Emilia Galotti« (1772) hierin voran, die Au- Dictionnaire des genres et notions littéraires. Paris
toren des ä Sturm und Drang (J. M. R. Lenz, H. L. Wag- 1997. – R. Muth: Die Götterburleske in der gr. Lit.
ner) integrieren verstärkt ständische Konflikte (Lie- Darmstadt 1992. PK
besbeziehungen über Standesgrenzen hinweg) und so- Burle·tta, f. [it. = kleiner Scherz; Diminutiv von burla
ziale Determinanten in ihre Dramen. In F. Schillers = Scherz], Singspiel it. Ursprungs, im 18. und 19. Jh.
»Kabale und Liebe« (1784) kommen beide Stränge zu bes. in England als burleske Spielart der komischen
einer Synthese. Gegen Ende des 18. Jh.s werden kaum Oper mit witzigen Sprechdialogen, Gesangseinlagen
noch bürgerliche Trauerspiele geschrieben; die The- und Musikbegleitung beliebt. Den Stoff lieferte meist
men werden nun zumeist in Familiengemälden, also in die antike Mythologie oder die Geschichte. Als Schöp-
Schau- oder Lustspielen, behandelt. F. Hebbel versucht fer der engl. B. gilt K. O’ Hara, der seinem 1762 erst-
1844 mit »Maria Magdalena« nach eigener Aussage, mals aufgeführten »Midas« den Untertitel »a burlesque
»das bürgerliche Trauerspiel zu regenerieren und zu b.« gab. – Die Ausweitung des Begriffs auf musikalisch
zeigen, daß auch im eingeschränktesten Kreis eine zer- begleitete Theaterstücke jeder Art geht auf die Aktivi-
schmetternde Tragik möglich ist« (Tagebuch vom tät der kleineren engl. Theater zurück, die mit der
4.12.1843). Sein Drama greift wieder auf die Vater- Form der B. das ausschließlich den öffentlichen Büh-
Tochter-Beziehung und die Verführung der Tochter nen vorbehaltene Recht des Sprechtheaters (Patent
zurück, allerdings spielt die Handlung nun im Hand- Theatre Acts) unterliefen. PHE/Red.
werkermilieu. Eine nachhaltige Wiederbelebung der Burns stanza, f. [bә:nz stænzә; engl.], auch Standard
toten Gattung gelingt ihm damit jedoch nicht. Einige Habbie genannte, aus sechs jambischen Versen gebil-
Konflikte und Motive des bürgerlichen Trauerspiels dete Strophenform mit dem Vers- und Reimschema
werden jedoch im ä sozialen Drama des ä Naturalis- 4a4a4a2b4a2b. – Häufig verwendet schon von den
mus wieder aufgegriffen. provenz. ä Trobadors, dann in mittelengl. Lyrik und im
Lit.: K. Eibl: B. T. In: RLW. – K. S. Guthke: Das dt. bür- Drama (York Plays); lebte bes. in Schottland weiter
gerliche Trauerspiel [1972]. Stgt., Weimar 62006. – R. und wurde im 18. Jh. recht beliebt, v. a. bei R. Burns
Meyer: Das dt. Trauerspiel des 18. Jh.s. Eine Bibliogra- (daher die Bez.), deshalb auch für Burns gewidmete
phie. Mchn. 1977. – C. Mönch: Abschrecken oder Mit- Gedichte gewählt (W. Wordsworth, W. Watson). MGS
leiden. Tüb. 1993. – L. Pikulik: »B.T.« und Empfind- Bustrophedo·n-Schreibung [gr. boustrophedón = in
samkeit [1966]. Köln, Wien 21981. – Ch. Rochow: Das der Art der Ochsenkehre (beim Pflügen)], auch: Fur-
bürgerliche Trauerspiel. Stgt. 1999. – F. Schößler: Einf. chenschrift, Wechsel der Schreibrichtung in jeder Zeile
in das bürgerliche Trauerspiel und das soziale Drama. eines Textes, typisch für altgr. und altlat. Inschriften
Darmstadt 2003. – P. Szondi: Die Theorie des bürger- (die Gesetze Solons z. B. sind so überliefert); eventuell
lichen Trauerspiels im 18. Jh. Ffm. 1973. AHE Zwischenstadium zwischen phönizischer Linksläufig-
Burgundische Dichterschule ä Rhétoriqueurs. keit und europäischer Rechtsläufigkeit der Schrift. Die
Burle·ske, f. [it. burlesco = spaßhaft, von burla = B. begegnet vereinzelt auch in Runen-Inschriften. UM
Scherz], 1. ein Verfahren derbkomischer Verspottung Butzenscheibenlyrik [Butzenscheiben = mal. Fens-
von Personen, Charaktertypen, Ideen, Institutionen terglas], von P. Heyse 1884 (Vorwort zu Gedichten E.
und Sitten; 2. der von diesem Verfahren geprägte Text. Geibels) geprägte abschätzige Bez. für eine zeitgenös-
– Die im 17. Jh. über das Frz. aus dem It. ins Dt. über- sische Gruppe episch-lyrischer historisierender Dich-
nommene Bez. für drastische Komik wurde von J. Ch. tungen (Lieder, Balladen, Verserzählungen), die in
Gottsched 1751 mit »Possenspiel« übersetzt und lebt mal. Kulissen eine ideologisierte national-heroische
Byronismus 111

Welt der Kaiserherrlichkeit und Ritterkultur, des Min- Elementen. Aufgrund seiner nihilistischen Grund-
nesangs und einer launigen Wein-, Burgen- und Va- struktur gilt dem B. als einzig lebensmöglicher Bereich
gantenromantik entwirft. Formale Kennzeichen sind die Kunst (ä l’ art pour l’ art). Durch die Veröffentli-
dekorative Rhet., Aufputz mit lat. oder mhd. Vokabeln chung der ersten beiden Cantos von Byrons Vers-
(die z. T. Anmerkungsapparate notwendig machen), erzählung »Childe Harold’ s Pilgrimage« kam es 1812
altertümelnde Wendungen und Reime. Vorausset- zu einer ›Byromania‹, einem ›Byron-Fieber‹, das den
zungen der B. liegen in den restaurativen dt.-natio- jungen Dichter über Nacht berühmt machte. Schon
nalen Tendenzen vor und nach der Gründung des der melancholische und misanthropische Protagonist
zweiten Kaiserreiches und dem damit zusammenhän- dieser Verserzählung, deren Gesänge drei und vier
genden Interesse am dt. MA. als einem Hort reiner Na- 1816 und 1818 erschienen, wurde von den Zeitgenos-
tionalgesinnung. IS/Red. sen mit dem Dichter selbst identifiziert, der zuweilen
Byli·ne, f. [russ. bylína = Ereignisse; Neuschöpfung von auch als Prototyp des Dandy (ä Dandyismus) gesehen
Anfang des 19. Jh.s], altruss. Heldenlied mit eigenem wird. Der von Byron geschaffene antibürgerliche Hel-
vierhebigem, tonischem Vers, anapästischem Eingang dentypus gerät durch seinen Freiheitsanspruch immer
und daktylischem Schluss (›Bylinenvers‹); mündlich wieder in Konflikt mit der Weltordnung. In beinahe
überliefert in spezieller Gesangstradition vom 9. bis allen byronistischen Werken (v. a. Dramen, Versepen
zum 13. Jh. In Improvisationen wird ein fester Kanon und Gedichten) werden solche Außenseiterfiguren
von Figuren, Motiven und Formeln variiert. Gegen- nach Vorbildern wie Prometheus, Ahasver, Luzifer,
stand sind volkstümlich-phantastisch verfremdete Er- Kain, Faust oder Don Juan gestaltet. Formal und stilis-
eignisse der russ. Geschichte. Schriftliche Aufzeich- tisch sind die Werke des B. in ihrem Rückgriff auf an-
nungen gibt es seit Ende des 18. Jh.s. tike und orientalische Formen eher der klassizistischen
Lit.: W. Tschitscherow: Russ. Volksdichtung [russ. als der romantischen Lit. zuzurechnen.
1959]. Bln. (Ost) 1968. US Vertreter des B. sind P. B. Shelley (»Prometheus Un-
Byli·nenvers ä Byline. bound«, 1818 f.), J. Keats, Th. Gautier, A. de Musset, G.
Byronismus, m. [bairə'nismus], nach dem engl. Dich- Leopardi, A. Mickiewicz, A. Puschkin (»Eugen One-
ter George Gordon Noël Lord Byron (1788–1824) be- gin«, 1825/33) und M. J. Lermontow. In der dt. Lit. ver-
nannte Stilrichtung und Lebenshaltung mit großem bindet sich der B. – etwa bei N. Lenau (»Faust«, 1836;
Einfluss auf die europäische ä Romantik. Der B. basiert »Don Juan«, 1844), und Ch. D. Grabbe (»Don Juan
auf einer pessimistischen und aristokratischen Distan- und Faust«, 1829; »Napoleon«, 1832) – mit Strö-
zierung von bürgerlichen Lebensformen; eine seiner mungen, die in der Tradition des ä Sturm und Drang
Grundstimmungen ist der sog. ä Weltschmerz als Aus- stehen. G. Büchner und H. Heine überwinden dagegen
druck einer diffusen metaphysischen Enttäuschung. den »Weltriß« (Heine) durch Witz und das Bewusst-
Bei Byron selbst ist diese Stimmung durch sein gesell- sein metaphysischen Ungenügens, J. N. Nestroy und F.
schaftliches Außenseitertum begründet. Byronistische Raimund durch satirischen Humor. – Der B. hat im 19.
Texte zeichnen sich aus durch ä Melancholie, einen oft Jh. neben der Lit. auch die Musik, Malerei und Mode
mit Spott und Zynismus verbundenen Lebens- und in ganz Europa beeinflusst.
Kulturüberdruss (bes. Europamüdigkeit), die Verach- Lit.: G. Hoffmeister: Byron und der europäische B.
tung traditioneller Moralbegriffe, die narzisstische Darmstadt 1983. – F. Sengle: Biedermeierzeit. Bd. 1.
Verherrlichung des eigenen, oft immoralischen Indivi- Stgt. 1971, S. 221–256. – F. Wilson (Hg.): Byromania.
dualismus, verbunden mit satanischen und ironischen Ldn. 1999. IS/KHE
112

C
Caccia, f. ['katʃa; it. = Jagd; oder von afrz. chaçe = ä ›inneren Emigration‹; übertragen wird er aber auf
mehrstimmiger Kanon; auch: incalzo], ursprünglich alle lit. Täuschungsversuche, die politisch motiviert
musikalischer Gattungsbegriff, der in der älteren it. sind. So wird die liberale Publizistik des Vormärz als C.
Lyrik ein unkodifiziertes Genre bezeichnet, in dem par excellence gesehen. Die Versuche, über Homose-
ohne Strophengliederung Idyllen oder tumultartige xualität oder Pädophilie zu schreiben, ohne sie zu nen-
Jagd- und Genreszenen in beliebig kombinierten, nen, werden ebenso als ›C.‹ bezeichnet wie die lit. Stra-
meist kurzen Metren und freiem Reimschema darge- tegien von Schriftstellern der DDR, das politische Sys-
stellt werden. Sie wird von zwei Stimmen bei Musikbe- tem zu kritisieren.
gleitung gesungen. Nach seiner Blüte Ende des 14. und Lit.: H. Detering: Das offene Geheimnis. Gött. 1994. –
Anfang des 15. Jh.s (F. Sacchetti; A. Poliziano) wird – Ders.: C. In: RLW. – K. W. Mirbt: Theorie und Technik
anders als die musikalische Gattung, die bis Ende des der C. In: Publizistik 9 (1964), S. 3–16. – H. R. Vaget:
16. Jh.s europaweit verbreitet ist – das lit. Genre ver- Confessions and camouflage: the diaries of Th. Mann.
gessen und erst im 19. Jh. z. B. von G. D’ Annunzio In: Journal of English and Germanic Philology 96
(»Parisina«) in archaisierender Absicht wieder ver- (1997), S. 567–601. SP
wendet. Campusroman, engl. campus novel oder college novel,
Lit.: W. Th. Elwert: It. Metrik [1968]. Wiesbaden 21984, ursprünglich und hauptsächlich im angelsächs.
S. 142 f. – R. Russell: »All’ ombra del perlaro« Narra- Sprachraum angesiedelte Romangattung, die nicht nur
zione e descrizione nel madrigale e nella c. arsnovistici. die Entwicklung der Universität, sondern auch die his-
In: Italian Culture 2 (1980), S. 49–61. HG torische Veränderung der Beziehung von Universität
Cadelle ä Initiale. und Gesellschaft reflektiert. Die zentrale Thematik, die
Calembour, m. [kalã'bu:r; frz. = (schlechtes) Wort- Auseinandersetzung über Bildungsinhalte bzw. das
spiel], aus dem Frz. im späten 18. Jh. ins Dt. übernom- Verhältnis von Bildung und Ausbildung, entfaltet sich
mener und hier bis in die zweite Hälfte des 19. Jh.s üb- vor dem Hintergrund der Auswirkungen eines perma-
licher Ausdruck für den ä Kalauer. Das in einem Brief nenten Modernisierungsprozesses auf tradierte insti-
D. Diderots vom 1.12.1768 erstmals belegte Wort geht tutionelle Strukturen und Curricula. Dabei besteht ein
wohl auf calembredaine, mundartlich auch calembour- enger Zusammenhang mit dem jeweiligen zeitgenös-
daine (›lächerliche Bemerkung‹), zurück und hängt sischen kulturkritischen Schrifttum: J. H. Newman be-
zusammen mit bourde (›Aufschneiderei, grober stimmt die Universität als Ort einer zweckfreien »libe-
Schnitzer‹) und dem Mundartwort calender (›Unsinn ral education« (»The Idea of a University«, 1852); M.
reden‹). Arnolds Konzept einer ganzheitlichen Menschenbil-
Lit.: E. Gamillscheg: Etymologisches Wörterbuch der dung (»Culture and Anarchy«, 1867) idealisiert Oxford
frz. Sprache. Hdbg. 21969. – A. Rey (Hg.): Dictionnaire als »home of lost causes« gegen die materialistische
historique de la langue française. Paris 1995. PK Welt der ›Philister‹. Bereits ab den 1860er Jahren wird
Camouflage, f. [kamu'fla:ә; frz. = Tarnung, Täu- die Bedeutung eines naturwissenschaftlich orientierten
schung], verdeckte Schreibweise; Technik der sprach- Curriculums (H. Spencer, Th. H. Huxley) debattiert.
lichen Verhüllung oder Tarnung, die den eigentlichen 1959 formuliert C. P. Snow seine These vom »gulf of
Gehalt einer Aussage derart unkenntlich machen soll, mutual incomprehension« zwischen den »Two Cul-
dass er nur noch von eingeweihten oder äußerst auf- tures« der »literary intellectuals« und der Naturwis-
merksamen Lesern entschlüsselt werden kann. Mittel senschaftler; in den 1970er Jahren tritt die »dritte Kul-
der C. sind u. a. Metaphorik, semantische Mehrsinnig- tur« (W. Lepenies) der Sozialwissenschaften mit szien-
keit, paradoxe Zitierung, Verdrehung von Bewer- tifischen und lit. Elementen hinzu. Dieser thematische
tungen, Sprachspiel und historische Einkleidung. In Kern wird im C. etwa bis zum Ersten Weltkrieg vor-
der Regel geht es bei der C. um die Täuschung der In- wiegend idealisierend dargestellt: T. Hughes: »Tom
stanzen politischer Zensur und um die damit verbun- Brown at Oxford« (1861); C. Mackenzie: »Sinister
dene Möglichkeit, Texte trotz ihrer verbotenen Inhalte Street« (1913); wichtige Ausnahme: Th. Hardy: »Jude
publizieren zu können. Camouflierende Schreibweisen the Obscure« (1896). Ab den 1930er Jahren macht sich
haben Konjunktur, wenn die Meinungsfreiheit und die der ä Detektivroman das intellektuelle Potential des
Freiheit der Kunst eingeschränkt, journalistische und Campus zunutze: D. Sayers: »Gaudy Night« (1935); A.
lit. Werke zensiert und Verstöße gegen die Zensur Cross: »A Death in the Faculty« (1988) u. a. Insgesamt
geahndet werden. C. ist damit eine grundsätzlich op- jedoch besteht eine zunehmende Tendenz zur sati-
positionelle Schreibweise, die sich den herrschenden rischen Darstellung des Lehrkörpers – V. Nabokov:
Mächten trickreich zu entziehen versucht. Eingeführt »Pnin« (1957); K. Amis: »Lucky Jim« (1954); M. Brad-
wurde der Begriff für die geduldete, aber heimlich bury, »The History Man« (1975) – bzw. des Wissen-
opponierende Publizistik und für die Autoren der schaftsbetriebs auf dem globalen Campus: D. Lodge:
Canso 113

»Changing Places« (1975), »Small World« (1984), tungen werden als ä Cantigas (›Gesänge‹) bezeichnet
»Nice Work« (1988). – Die nicht engl.sprachigen C.e und waren, ähnlich den Dichtungen der ä Trobadorly-
etwa von L. Gustafsson (»Der Dekan«, dt. 2004) oder rik, für den gesungenen Vortrag bestimmt. – Als die
D. Schwanitz (»Der Campus«, 1995) sind stark von an- wichtigsten überlieferten C.s gelten: 1. der »C. da
gelsächs. Vorbildern beeinflusst. Ajuda«, der gegen Ende des 13. Jh.s in Portugal ent-
Lit.: H. Antor: Der engl. Universitätsroman. Hdbg. stand und vornehmlich cantigas de amor ohne Angabe
1996. – Th. Kühn: Two Cultures, Universities and In- der Autoren und ohne musikalische Notation enthält;
tellectuals. Tüb. 2002. – C. P. Snow: The Two Cultures. 2. der »C. da Biblioteca Nacional«, der Ende des 15. Jh.s
Cambridge 1959. – W. Weiß: Der anglo-am. Universi- in Italien kopiert und 1878 in der Bibliothek des Grafen
tätsroman. Darmstadt 21992. CSH P. Brancuti di Cagli in Ancona wiederentdeckt wurde
Canción, f. [kan'θjɔn; span. = Lied], zwei span. lyrische (daher auch: »C. Colocci-Brancuti«); er gilt als bedeu-
Kunstformen mit stolligem Strophenbau: tendste galaico-portug. Liedersammlung und umfasst
1. Die mal. C., auch C. trovadoresca, in Acht- oder 1.647 Kompositionen sowie einen fragmentarischen
Sechssilblern, verwendet in der Liebeslyrik und der re- poetischen Traktat; 3. der »C. da Vaticana« (Kodex
ligiösen Lieddichtung, meist als Einzelstrophe mit vo- 4803 der Vatikanischen Bibliothek), der ebenfalls Ende
raufgehendem kurzem Motto, das toposhaft den Inhalt des 15. Jh.s in Italien zusammengestellt und 1840 wie-
der C. angibt. Charakteristisch ist die Übereinstim- derentdeckt wurde; er enthält 1.205 Cantigas unter-
mung zwischen Motto und Abgesang der Strophe(n) schiedlicher Autoren; 4. der etwas spätere »C. Geral«
in Zeilenzahl und Reimschema, z. T. auch in einzelnen (1516), zusammengetragen von Garcia de Resende, der
Reimwörtern und Verszeilen. Vom 13. Jh. bis Anfang bereits nicht mehr einsprachig ist und beinahe 1.000
des 15. Jh.s begegnet sie nur vereinzelt, Blüte im 15. Jh. Dichtungen in galaico-portug. und kastilischer Sprache
(Santillana, Juan de Mena). Im Laufe des 16. Jh.s wird umfasst. – Neben den weltlichen C.s ist die Sammlung
sie v. a. von it. Dichtungsformen verdrängt. des kastilischen Königs Alfons X. des Weisen (1223–
2. Die Renaissance-C., auch C. petrarquista, aus meist 84) zu erwähnen, die unter dem Namen »Cantigas de
vier bis zwölf gleichgebauten Strophen aus Elf- und Santa María« bekannt ist. Am vollständigsten überlie-
Achtsilblern und einer abschließenden Geleitstrophe. fert ist der C. in dem Prachtkodex »El Escorial, j. b. 2«,
Zwischen Auf- und Abgesang der Strophe ist ein Über- der als bedeutendste und umfangreichste Sammlung
leitungsvers mit Reimbindung an den Aufgesang ein- nichtliturgischer Monodie des 13. Jh.s gilt und 430 Ma-
geschaltet; zwischen Auf- und Abgesang besteht dage- rien- und Pilgerlieder aus dem Umfeld des Pilgerwegs
gen keine Reimbindung; verwendet für elegische und nach Santiago de Compostela mit Mensuralnotation
bukolische Lyrik, Liebeslyrik, religiöse und heroisch- der Melodien versammelt. Der König selbst gilt als
nationale Stoffe. Die Renaissance-C. wurde in der ers- Sammler und in einigen Fällen auch als Autor dieser
ten Hälfte des 16. Jh.s aus Italien übernommen (J. altgalicischen ä Mariendichtung.
Boscán Almogáver) und ist in ihrer strengen Form Texte: J. Filgueira Valverde (Hg.): Cantigas de Santa
eine Nachahmung des von Petrarca bevorzugten Typs María. Madrid 1985.
der ä Kanzone; bes. das Schema seiner Kanzone Lit.: M. R. Lapa: Lições de literatura portuguesa – época
»Chiare fresche e dolci acque« (»Canzoniere«, Nr. 126) medieval. Coimbra 1964. – X. R. Pena: Literatura ga-
wurde immer wieder aufgenommen: 7a7b11c/7a7b lega medieval. 2 Bde. Barcelona 1986. HIR
11c//7c/7d7e7e11d7 f11 f. Blüte im ersten Drittel des 17. Canso, f. [provenz. = Lied, Kanzone, von lat. cantio =
Jh.s (M. de Cervantes, Lope de Vega). Daneben sind Gesang], lyrische Gattung, die nach der Definition der
von bes. Bedeutung die seit der zweiten Hälfte des 16. Trobadorpoetik der »Leys d’ amors« (14. Jh.) haupt-
Jh.s entstandenen freieren Formen (L. de León, F. de sächlich von Liebe und Verehrung handelt; in der pro-
Herrera) und die Kompromissformen zwischen der venz. Dichtung häufig belegt (über tausend C.s in
petrarkistischen C. und den antiken ä Odenmaßen, die einem überlieferten Corpus von 2.542 Liedern) und
im 17. Jh. dominierten. GR/Red. von den Trobadors selbst am höchsten eingeschätzt.
Cancioneiro, m. [kãnsio'nejro; galicisch oder: Besteht durchschnittlich aus fünf bis sieben gleichge-
kãsju'airu; portug.], mal. galaico-portug. Liedersamm- bauten, kunstvoll verknüpften Strophen (ä Coblas) von
lung. Die C.s müssen im Zusammenhang mit ähn- beliebiger Verszahl (überwiegend acht oder neun),
lichen Sammlungen des romanischen Kulturraums ge- meist mit Geleit (ä Tornada). Die mehr als 70 Variati-
sehen werden, so dem kastilischen cancionero und dem onen der C.-Strophe lassen sich auf zwei Grundtypen
katalanischen und okzitan. cançoner. Die Bedeutung zurückführen: die ä Periodenstrophe (Reimschema
derartiger ä Anthologien besteht aus heutiger Sicht v. a. z. B. aab ab) und die ä Stollenstrophe (gängigstes Reim-
darin, wichtige Werke der oralen Lit. – oft kurz vor de- schema, in insgesamt 114 C.s überliefert: ab ab ccdd,
ren endgültigem Verschwinden – für die Nachwelt er- die Silbenzahl der Verse schwankt in der Regel zwi-
halten zu haben. Die Gedichte der C.s entstanden im schen sieben und acht). Wichtige Vertreter dieser an-
12. bis 14. Jh. und wurden im 14. und 15. Jh. in ä Lie- spruchsvollen Liedgattung sind Bernart de Ventadorn,
derhss. gesammelt. C.-Dichtung gilt in der galaico-por- Giraut de Bornelh (zweite Hälfte des 12. Jh.s), Gaucelm
tug. Lit. des MA.s als eigenständige Gattung. Die Dich- Faidit (um 1300) und Arnaut Daniel (Ende des 12.
114 Cansoneta

Jh.s). – Synonyme für ›C.‹ sind Vers und Cansoneta. und portug. = Lied; von lat. canticum = Lied, Gesang],
Die Mieia C. (= Halbkanzone) unterscheidet sich nur Gedichtform der mal. galaico-portug. Dichtungstradi-
durch geringere Strophenzahl von der C. Die C.-Sir- tion, wie sie in Sammelhss. (ä Cancioneiros) auf uns
ventes, oft nur schwer abgrenzbar vom ä Sirventes, ver- gekommen ist. Die Sprache der C. ist das Galaico-Por-
mischt Liebesthematik mit der Kommentierung poli- tug., aus dem sich später die Kultursprachen Portug.
tisch-historischer Ereignisse. Sie ist v. a. durch Peire und Galicisch entwickeln sollten. Nach der Einteilung
Vidal (Ende des 12. Jh.s) überliefert. PHE/Red. des anonymen Eingangstextes des »Cancioneiro da Bi-
Cansoneta, f. [provenz. = Liedchen], ä Canso. blioteca Nacional« unterscheidet man vier Hauptgen-
Cantar, m. [span. = Lied], 1. span. volkstümliche ly- res der C.-Poesie: 1. die c.s de amigo (Klagen verlas-
rische Form, ä Copla. 2. C. (de gesta), span. Helden- sener Frauen, tragische Trennungen, geduldiges War-
epos, das auf dem Hintergrund der Kämpfe zwischen ten und melancholische Naturbeschreibungen); 2. die
Mauren und Christen die Taten geschichtlicher (Cid, c.s de amor (ähnlich wie [1], doch aus der Perpektive
Fernán González) und sagenhafter Helden (Bernardo des Mannes gesehen); 3. die c.s de escárnio; 4. die c.s de
del Carpio, Sieben Infanten von Lara) gestaltet. Erhal- maldizer (Spott- und Scheltlieder, ä Satiren und poli-
ten sind nur das anonyme, im 12. Jh. entstandene tisch-gesellschaftliche Kritik). Wegen ihres oft explizit
»Cid«-Epos (in einer Abschrift aus dem Jahre 1307) erotischen Gehalts wurden die letzteren beiden Gat-
und hundert Verse eines »Roncesvalles«-Epos. Von ei- tungen in Editionen des 19. und 20. Jh.s oft zensiert
ner ehemals reicheren Tradition zeugen jedoch in den und unterdrückt, so dass die volle Bandbreite der C.-
Chroniken des 13. bis 15. Jh.s Prosafassungen vermut- Poesie erst in jüngster Vergangenheit erkennbar ge-
lich älterer Heldenepen mit gelegentlichen Spuren ur- worden ist. Der kastilische König Alfonso X. der Weise
sprünglicher Versgestaltung (z. B. die »Primera crónica (1223–84) dichtete und sammelte altgalicische C.s und
general« Alfons’ des Weisen, begonnen um 1270) so- fasste sie zusammen in dem Cancioneiro der »C.s de
wie die seit dem 15. Jh. entstandenen Romanzen- Santa María«.
zyklen. ä Chanson de geste. GR/Red. Texte: J. Filgueira Valverde (Hg.): C.s de Santa María.
Ca·nticum, n. [lat. = Gesang], Pl. cạntica; Sammelbe- Madrid 1985.
griff für ganz unterschiedliche lyrische Texte; meist Lit.: R. Brasil: A c. de amore e a evolução do lirismo
wird er auf zwei Formen eingegrenzt: 1. gesungene português. Lissabon 1960. HIR
Partie des röm. Dramas. In der Komödie (Plautus, ca. Cantilène, f. [frz. = Singsang], in der mal. frz. Lit. 1.
250–184 v. Chr.) bezeichnet ›C.‹ den musikalisch-ge- ein für den Gesang bestimmtes Gedicht, das der Ver-
sanglich aufgelösten, von den gesprochenen Partien ehrung von Heiligen gewidmet ist, z. B. die anonyme
(ä Diverbia) abgehobenen ä Monolog und ä Dialog, »C. de Sainte Eulalie« (um 880); 2. das von einigen frz.
der nicht von den Schauspielern, sondern von hinter Forschern des 19. Jh.s angenommene, inzwischen aber
der Bühne postierten cantores zur Flötenbegleitung bestrittene episch-lyrische Heldenlied als Vorform der
vorgetragen wurde. In den Tragödien Senecas ent- ä Chanson de geste. PHE/Red.
spricht das C. dem gr. ä Chorlied. – 2. Lyrischer Text Ca·ntio, f. [lat. = gesungenes Lied], Pl. Cantiones, lat.,
der Bibel, der nicht in den ä Psalter aufgenommen einstimmiges geistliches Lied des MA.s aus mehreren
wurde. Die biblischen Schriften enthalten lyrische Stollenstrophen, meist mit Refrain; löste im 13. Jh. den
Texte, deren Lebensform vor ihrer Verschriftung ä Re- einstimmigen ä Conductus ab, wurde wie dieser ohne
zitation oder – vermutlich kollektiver – kultischer Vor- liturgische Bindung bei Gottesdiensten, Prozessionen
trag gewesen sein dürfte. Dazu gehören der Lobgesang u. a. religiösen Anlässen gesungen. Die Texte waren
des Moses (»Cantemus domino«) nach dem Auszug bisweilen lat. Übers.en volkssprachlicher ä Leise (z. B.
Israels aus Ägypten (1. M 15), das Magnificat (Lk 1, die C. »Christus surrexit« nach dem Leis des 12. Jh.s
46–55), das Benedictus (Lk 1, 68–79) und der Lobge- »Krist ist erstanden«, der seinerseits eine Übers. einer
sang Simeons (»Nunc dimittis«, Lk 2, 29–32). Seit dem Oster-ä Sequenz des 11. Jh.s ist). Der Vortrag erfolgte
4. Jh. dringen Cantica in die ä Liturgie der Stundenge- meist als Doppellied, d. h., zwei C.nes, oft mit nicht
bete. Im »Codex Alexandrinus« (5. Jh.) stehen 14 Can- aufeinander bezogenen Texten, wurden abwechselnd
tica im Anschluss an die 150 ä Psalmen. Kap. 6 der strophenweise gesungen. Als berühmter Dichter-Kom-
»Regula Benedicti« (erste Hälfte des 6. Jh.s) ordnet die ponist wird Philipp de Grevia, Kanzler der Pariser
Cantica den Tageszeiten zu, z. B. das »Nunc dimittis« Universität, erwähnt. Blütezeit der C., die dem volks-
an den Abschluss des liturgischen Tages. In den mal. sprachlichen ä Kirchenlied den Weg bereitete, war das
Antiphonaren (ä Antiphon) findet sich eine – je nach 14. und 15. Jh., bes. in Böhmen. Die zahlreichen (hsl.
Ritus variierende – Verteilung der Cantica auf die Wo- und gedruckten) Sammlungen, seit dem 16. Jh. als
chentage. – Es liegt im Wesen des unscharfen Begriffs Kantionale bezeichnet, enthalten neben C.nes auch
›C.‹, dass er sekundär auch auf monodische geistliche volkssprachliche Kirchengesänge, z. T. mit Melodien.
Texte wie die ä Sequenz überging. Wichtig ist das tschech. hsl. Kantional von Jistebnice
Lit.: D. v. Huebner: C. In: LMA. – J. McKinnon: C. In: (Südböhmen, 1420). IS/Red.
MGG2, Sachteil. CF Ca·nto, m. [it. = Gesang], inhaltlich und metrisch in
Cantiga, f. [kan'tiga, früher auch: 'kantiga; galicisch sich geschlossener Abschnitt eines mal. oder neuzeit-
Carmenstil 115

lichen ä Epos, ursprünglich bemessen am Pensum Welterfahrung in Frage gestellt (z. B. E. T. A. Hoff-
eines Teilvortrags (im Unterschied zum antiken liber, mann: »Prinzessin Bambrilla. Ein C. nach Jakob Cal-
dessen Umfang der Speicherkapazität einer Papyrus- lot«, 1820). Zu den Kennzeichen des C.s gehören eine
rolle entspricht). Zunächst in der it. Lit. bei Dante, Ari- zyklische Abfolge mit Variationen, das lockere Um-
osto, Tasso u. a., dann z. B. bei Camões (»Canto«), spielen eines Grundthemas sowie formale Offenheit.
Boileau, Voltaire (»Chant«), Pope, Byron (»Canto«), Diese Merkmale erlauben nicht immer eine scharfe
Klopstock, Wieland, Goethe (»Gesang«), Liliencron Abgrenzung des C.s von benachbarten Formen wie
(»Kantus«). Die relative Geschlossenheit des C. führt ä Skizze oder ä Kunstmärchen. – Die Herkunft der
ab dem 15. Jh. zur Ausbildung des Capitolo und der Gattungsbez. aus Musik und bildender Kunst lenkt die
szenisch vorgetragenen, meist satirischen Canti carna- Aufmerksamkeit der Leser häufig auf die intermedi-
scialeschi in Achtsilblern (N. Machiavelli). Ab dem 19. alen Aspekte und die artifizielle Faktur des C.s.
Jh. bezeichnet C. eine freie Gedichtform (G. Leopardi, Lit.: L. Hartmann: C. Diss. Zürich 1973. – R. Kanz: Die
G. Pascoli, D. Campana, E. Pound). Kunst des C. Mchn., Bln. 2002. – E. Mai, J. Rees (Hg.):
Lit.: F. Bausi, M. Martelli: La metrica italiana. Firenze Kunstform C. Köln 1998. MD
1993, S. 88. – R. Bruscagli: Introduzione. In: Trionfi e Captatio Benevole·ntiae, f. [lat. = Haschen nach
canti carnascialeschi toscani del Rinascimento. Bd. 1. Wohlwollen], Redewendung, durch die sich ein Red-
Rom 1986, S. IX–LIII. HG ner zu Beginn seines Vortrages oder ein Autor am
Canzone ä Kanzone. Anfang seines Werkes des Wohlwollens des Publikums
Canzoniere, m. [it. = Liederbuch, zu it. canzone = versichern will. Ausführlichere Formen finden sich in
Lied], Sammlung von Liedern oder anderen lyrischen Vorreden oder Prologen zu lit. Werken, vgl. z. B.
Gedichten; vorbildhaft ist der »C.« des F. Petrarca (um Cervantes: »Don Quijote«, P. Weiss: »Die Verfolgung
1350). UM und Ermordung Jean Paul Marats«. ä Demutsformel.
Capitano, m. [it. = Hauptmann], Typenfigur der GS/Red.
ä Commedia dell’ Arte: der prahlsüchtige Militär Ca·put, n. [lat. = Kopf], ä Kapitel; aus dem c von caput
(ä Bramarbas), der seine derb-komische Wirkung auf entstand das sog. alinea-Zeichen ¶, mit dem in mal.
das Publikum aus dem Kontrast zwischen rhet. vor- Hss. und in Frühdrucken der Beginn eines neuen Ab-
getäuschtem Heldentum und tatsächlicher Feigheit satzes markiert wurde. HHS/Red.
zieht. PHE/Red. Ca·rmen, n. [lat., ursprünglich = Rezitation, zu canere
Capi·tolo, m. [it. = Kapitel], 1. politisches, lehrhaftes = singen], Pl. cạrmina, 1. altlat. carmina: Kultlieder (c.
oder erotisches Gedicht in der it. Lit. des 14. bis 16. arvale, c. saliare), rituelle Gebete, Zauber- und Be-
Jh.s, das die elfsilbige ä Terzine (c. ternario) nachahmt schwörungsformeln, Prophezeiungen, Schwurformeln,
oder – mit burleskem, satirischem oder volkstüm- Gesetzes- (z. B. Leges duodecim tabularum) und Ver-
lichem Ton – parodiert. Als Variante des ä Serventese tragstexte. Zur Form vgl. ä Carmenstil. – 2. In klas-
ist der C. auch in einer vierzeiligen Strophe mit Sieben- sischer lat. Zeit allg. Bez. für ein Gedicht, bes. eine
und Elfsilblern möglich (c. quadernario). Ein C. endet ä Ode (z. B. die carmina des Horaz), aber auch eine
mit einem (chiusa) oder drei isolierten Versen (coda). ä Elegie oder ä Satire. – 3. Mittellat. Gedicht weltlichen
Wichtige Autoren sind A. Tebaldeo, B. Cariteo, S. oder geistlichen Inhalts, insbes. auch Vagantenlied
Aquilano. Im 19. Jh. wird die Form historisierend wie- (»Carmina Cantabrigiensia«, »Carmina Burana«).
der aufgenommen (G. Carducci, G. Pascoli). – 2. In der JK/Red.
it. Gegenwartslit. gelegentlich verwendetes Synonym Ca·rmen cancellatum, n. [lat], Typus des ä Figurenge-
für ä Prosagedicht oder ä Essay. dichts.
Lit.: W. Th. Elwert: It. Metrik [1968]. Wiesbaden 21984, Ca·rmen figuratum, lat. Bez. für gr. Technopaignion,
S. 126. – G. Gorni: Metrica e analisi letteraria. Bologna ä Figurengedicht, Bilderreime, Bilderlyrik.
1993, S. 99–101. – E. Kromann: Evoluzione del c. ter- Ca·rmenstil, Stil archaischer Kultlieder, Zaubersprü-
nario. In: Revue Romane 10/2 (1975) S. 373–388. – S. che, Beschwörungsformeln usw., die sich als älteste
Longhi: Lusus. Il c. burlesco nel Cinquecento. Padova Dichtungsformen in fast allen Sprachen nachweisen
1983. HG und nicht eindeutig der Poesie oder der Prosa zuord-
Ca·po co·mico, m. [it.], Leiter einer Truppe der ä Com- nen lassen. Hauptkennzeichen: 1. die im magischen
media dell’ Arte. Zweck begründete Tendenz zu Symmetrie und zwei-
Capriccio, n. [ka'pritʃo; it. = sprunghafte Laune, uner- oder mehrgliedrigem Parallelismus; 2. daraus resultie-
warteter Einfall], 1. formal ungebundenes Musikstück rend die Formelhaftigkeit des Stils, bes. die Verwen-
(seit dem 16. Jh.); 2. skizzenartige, häufig Architektur dung von ä Zwillingsformeln; 3. sich aus den ersten
thematisierende Graphik (z. B. von G. Tiepolo, G. B. beiden Kennzeichen ergebende Formen der Wieder-
Piranesi, F. de Goya); 3. seit Beginn des 19. Jh.s auch: holung und des Gleichklangs (ä Anapher und ä Epi-
Prosatext, in dem phantastische, kuriose, groteske, ja pher, Annominatio und ä Figura etymologica, ä Ho-
bizarre Motive in irritierender Weise kombiniert wer- moioptoton und ä Homoioteleuton, ä Alliteration und
den. Im C. wird häufig durch ironische, witzige Bre- ä Reim). Der archaische C. enthält damit Ansätze zu
chungsverfahren der Realitätsstatus von erzählter Formen der höheren Poesie; diese entwickeln sich aus
116 Carmina

ihm durch Abstraktion vom magischen Zweck und lässe können sein: 1. ein Auftrag; 2. eigenes oder durch
durch Unterwerfung unter ästhetische Prinzipien. andere motiviertes Bestreben, historische Ereignisse
Lit.: E. Norden: Die antike Kunstprosa vom VI. Jh. oder Lebensumstände einer Person wahrheitsgetreu
v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance [1898]. 2 Bde. zu dokumentieren und sie so vor dem Vergessen zu
Lpz., Bln. 31915–18. – R. Schmitt: Dichtung und Dich- bewahren (ä Memoria [2]); 3. der Wunsch, ethische
tersprache in indogerm. Zeit. Wiesbaden 1967. JK/Red. Besserung bei den Lesern zu erreichen (ä Aedificatio).
Ca·rmina, n. Pl., Sg. carmen [lat. = Lied], ä Ode, – Zu unterscheiden ist ferner zwischen a) causae scri-
ä Odenmaße. bendi, die in den Werken (meist in den ä Proömien)
Carol, n. ['kærəl; engl. = Lied, von altfrz. carole, mlat. explizit genannt werden, und b) solchen, die sich nur
carola aus gr.-lat. choraúlēs = ein den Chor(tanz) be- rekonstruieren lassen (meist politische oder repräsen-
gleitender Flötenspieler], in der engl. Lyrik des 14. und tative Gründe wie Kultpropaganda oder Herrschafts-
15. Jh.s volkstümliches Tanzlied mit Refrain, im Wech- legitimation). Im Fall a) werden oft nicht die wahren
sel zwischen Solisten und Chor an jahreszeitlichen Gründe, sondern rhet. Topoi (ä Topos) angeführt, etwa
Festen (bes. Weihnachten) zum Tanz vorgetragen; ein fingierter Auftrag, den der Verfasser aus Freund-
häufig sind vierhebige Verse und die Reimfolge AA schaft oder Abhängigkeit nicht habe abschlagen kön-
bbba AA mit dem die Strophe rahmenden Refrain AA. nen.
Das C. ist damit struktural der provenz. ä Balada, dem Lit.: G. Althoff: C. s. und Darstellungsabsicht. In: M.
afrz. ä Virelai und der it. ä Ballata verwandt. Im 15. Jh. Borgolte, H. Spilling (Hg.): Litterae medii aevi. Sigma-
bezeichnet ›C.‹ allg. ein gesungenes Refrainlied (häufig ringen 1988, S. 117–133. ID
mit weihnachtlicher Thematik), seit Mitte des 16. Jh.s Causerie, f. [kozә'ri:; frz. = Unterhaltung, Geplauder],
dann bes. ein Weihnachtslied, unabhängig von der leicht verständliche, unterhaltend dargebotene ä Ab-
Form (vgl. span. ä Villancico). – Durch den Einfluss handlung (2) über Fragen der Lit., Kunst etc.; Bez. im
der Puritaner wurde das Singen von C.s im 17. Jh. stark Anschluss an Sainte-Beuves Sammlung lit.kritischer
zurückgedrängt; seit Mitte des 19. Jh.s gelangten sie im Aufsätze »Les C.s du Lundi« (1851–62). GS/Red.
Gefolge der Oxfordbewegung zu neuer Beliebtheit Cavaio·la, f. [it., auch: farsa c.], von Ende des 15. bis
(J. M. Neales »C.s for Christmastide«, 1853). Ver- Anfang des 17. Jh.s in Neapel und Salerno gepflegte,
wandte Formen: ä Lullaby, ä Noël. am Modell der ä Atellane orientierte Frühform der
Lit.: H. Keyte u. a.: The New Oxford Book of C.s. Ox- ä Komödie, die die sprichwörtliche Einfalt der Bewoh-
ford 1998. – W. E. Studwell: Christmas C.s. NY, Ldn. ner von Cava de’ Tirreni (bei Salerno) verspottet. In
1985. GSR elfsilbigen Versen mit Binnenreim (endecasillabi con
Cartoon ä Karikatur. rimalmezzo) zunächst zu Hochzeiten, Karneval oder
Catch, m. [engl. = Fangen, Haschen, Ineinandergrei- Neujahrsfeiern entstanden, später auch zu Privatauf-
fen], im England des 17. und 18. Jh.s beliebter, me- führungen in höhergestellten Häusern, dienen in einen
trisch freier Rundgesang, vorgetragen als Kanon oder simplen Handlungsrahmen eingeordnete sketchartige
mehrstimmiges Chorlied. Durch die Verflechtung der Szenen allein der Unterhaltung. Hierzu trägt die vor-
verschiedenen Stimmen werden einzelne Wörter oder geblich volkstümliche Sprache typisierter Figuren (z. B.
Satzteile so hervorgehoben, dass sich heitere Wort- unfähige Schulmeister, gierige Quacksalber, tumbe Lo-
spiele, Doppelsinnigkeiten und oft derbe Scherze erge- kalpolitiker) bei, deren Komik auf lit. Anspielungen,
ben. Das C.singen löste im 17. Jh. das kunstvollere Ma- Mehrdeutigkeiten und Latinismen beruht und eher
drigalsingen als gesellschaftliche Unterhaltung ab. C.es einem gebildeten Publikum zugänglich ist. Einziger
sind in zahlreichen Einzeldrucken und Sammlungen namentlich bekannter Autor ist V. Braca (1566–nach
erhalten (erste Sammlung 1609, hg. v. Th. Ravenscroft; 1625).
berühmt sind die Sammlungen »The Musicall Lit.: A. Mango (Hg.): Farse c. 2 Bde. Roma 1973. HG
Banquett«, hg. v. J. Playford 1651, und »C. that C. can«, Cavalier Poets [kævә'liә 'pouits; engl. cavalier = Ritter,
hg. v. J. Hilton 1652 und 1658); auch von H. Purcell Höfling], engl., dem Hof Charles’ I. nahestehende
sind C.es, z. T. zu obszönen Texten, überliefert. Im 18. Dichtergruppe der ersten Hälfte des 17. Jh.s mit den
Jh. machen sich C.-Clubs (z. B. »Noblemen and Hauptvertretern R. Herrick, Th. Carew, Sir J. Suckling
Gentlemen’ s C.-Club«, seit 1761) um die C.-Samm- und R. Lovelace. Merkmale ihrer von B. Jonson und J.
lungen verdient. Obwohl im späten 18. Jh. der C. von Donne beeinflussten Lyrik, großenteils Gesellschafts-
einfacheren Chorliedern (Glees) verdrängt wurde, ist und Gelegenheitsdichtung, sind sprachliche Glätte,
ein C.-Club noch 1956 bezeugt. IS/Red. Anmut und kultivierte Eleganz, intellektuell-spiele-
Cauda, f. [provenz. = Schweif], ä Coda. rischer Witz, aber auch ein sich naiv-burschikos ge-
Causa scribe·ndi, f. [lat. = Grund zu schreiben], Pl. bender Umgangston, vgl. z. B. Herricks Gedichtsamm-
causae scribendi; in der neueren Forschung gebräuch- lung »Hesperides« (1648) oder Carews Gedicht »The
licher Terminus, der den Anlass für den ä Autor, ä Re- Rapture«.
daktor oder ä Schreiber im Bereich der mal. Historio- Texte: Th. Clayton (Hg.): C. P.: Selected Poems. Oxford
graphie und ä Hagiographie bezeichnet, eine Schrift zu 1978. – H. Maclean (Hg.): Ben Jonson and the C. P. NY
verfassen, zu bearbeiten oder zu kopieren. Solche An- 1974.
Chanson 117

Lit.: E. Miner: The Cavalier Mode from Jonson to Cot- bis zum gesungenen Epos: 1. a) In der frz. Lit. des MA.
ton. Princeton 1971. – R. Skelton: C. P. Ldn. 1960. MGS s jedes volkssprachliche, gesungene Lied. Der Oberbe-
Celtic Renaissance ä keltische Renaissance, ä irische griff ›Ch.‹ umfasst mehrere Gattungen: ä Ch. de geste,
Renaissance. ä Ch. de toile, Ch. balladée, Ch. de croisade (Kreuz-
Cénacle, m. [frz. von lat. cenaculum = Speisesaal, zugslied), Ch. de la mal mariée u. a. – b) Im engeren
übertragen: Freundeskreis], verschiedene Pariser Sinne bezeichnet ›Ch.‹ das Minnelied der nordfrz. Trou-
Künstlerkreise der ä Romantik. Der von Sainte-Beuve vères, dessen Form und Thematik von der ä Canso der
seit 1829 verbreitete Begriff meint zwar zunächst den provenz. Trobadors übernommen und bis zum 14. Jh.
Kreis um V. Hugo, er wird jedoch auch für andere, z. T. in Frankreich gepflegt wurde. – 2. Der grundsätzlich
frühere Zirkel des romantisme verwandt. Den ersten c. einstimmigen Ch. des Hoch-MA.s tritt gegen Ende des
bilden 1823–24 die Autoren der monarchietreuen 13. Jh.s die mehrstimmige Ch. (teils mit Refrain) zur
Zeitschrift »La Muse française« (u. a. Hugo, A.-F.-M. Seite; ihr ordnen sich u. a. die Gattungen ä Motet,
Deschamps, A. de Vigny, J.-Ch.-E. Nodier), die zu- ä Ballade, ä Rondeau und ä Virelai unter (z. T. bereits
nächst ein katholisches Weltbild und neoklassizistische bei Adam de la Halle und Jehannet de L’ Escurel [13.
Prinzipien vertreten. Die Wende zum oppositionellen Jh.], dann bei Guillaume de Machaut [14. Jh.]). Als hö-
und ästhetisch modernen Programm vollzieht sich fische, satirische und politische Ch. erlebt sie im 15. Jh.
1824–27 mit dem zweiten c. um Nodier. Der Kreis um ihre zweite Blüte. Bis zum Ende des 15. Jh.s waren Ch.s
Hugo (A. Dumas, A. de Musset u. a.) trifft sich ab 1827 meist hsl. in ä Chansonniers (Liederbüchern) fixiert;
in dessen Wohnung in der Rue Notre-Dame-des- mit den gedruckten Ch.-Sammlungen im 16. Jh. wan-
Champs, die zum ›Hauptquartier‹ der Romantiker in delte sich die Ch. zu einer bürgerlichen Gesellschafts-
ihrer kämpferischen Phase wird. Aufgrund von Rivali- kunst mit bescheidenerem kompositorischen An-
täten löst sich die Gruppe 1830 auf, doch bilden sich spruch. Im 16. Jh. dominierten Ch.s über die genuss-
weitere c.s, so der »Petit c.« um Borel. KB freudige Liebe (M. de Saint-Galais, C. Marot, M.
Centiloquium, n. [aus lat. centum = hundert, loqui = Scève), mehrstimmige Trinklieder sowie zahlreiche
sprechen], in der antiken Lit. Sammlung von 100 Aus- Abenteuer-Ch.s. Im 17. und 18. Jh. standen galante
sprüchen, Sentenzen u. a. (z. B. »C.« = eine Ptolemäus Ch.s neben politisch-satirischen, meist anonymen
zugeschriebene astrologische Sentenzensammlung, Ch.s mit heftiger Kritik an einzelnen Staatsleuten (Ma-
gedruckt Venedig 1484); die Bez. begegnet gelegentlich zarinaden) sowie am absolutistischen Regime. Die Frz.
auch im MA. (z. B. »C. theologium« von Wilhelm von Revolution stellte einen Höhepunkt der politischen
Ockham, erste Hälfte des 14. Jh.s). GS/Red. Ch.-Dichtung dar: zwischen 1789 und 1795 entstan-
Ce·nto, m. [lat. = Flickwerk], aus einzelnen Versen be- den nahezu 2.300 Ch.s. Die wichtigsten der revolutio-
kannter Dichter zusammengesetztes Gedicht, in der nären Ch.s wie »Ça ira« und »La Carmagnole« lebten
Antike z. B. aus Versen Homers und Vergils. C.-Dich- in den Pariser Mai-Unruhen 1968 mit leicht modifi-
tungen wurden verfertigt in parodistischer Absicht ziertem Text wieder auf. Die Entstehung des moder-
(z. B. die »Gigantomachie« des Hegemon von Thasos, nen Ch.s geht auf die Jahre nach der Frz. Revolution
5. Jh. v. Chr.) oder aus Freude am artistischen Spiel, wie mit den politisch und sozial engagierten, aber auch le-
der aus lat. Klassikerversen kombinierte »C. nuptialis« bensfroh-sentimentalen Ch.s P.-J. de Bérangers zu-
des Rhetorikers Ausonius (4. Jh.); christliche Dichter rück. – 3. Heute umfasst der Begriff ›Ch.‹ alle Arten
wandten überdies die C.technik an, um klassische des ein- und mehrstimmigen Liedes; im engeren Sinn
Verse heidnischer Dichter mit christlichem Inhalt zu bezeichnet er eine spezifisch lit.-musikalische Vortrags-
versehen, so die aus Hexametern Vergils zusammenge- gattung: den rezitativen oder gesungenen Solovortrag
stellte Schöpfungs- und Heilsgeschichte der Römerin (meist nur von einem Instrument begleitet), der durch
Proba Falconia (4. Jh.) oder die im 12. Jh. verfassten Mimik und Gestik des Vortragenden unterstützt wird.
Erbauungslieder aus Versen der »Eklogen« Vergils und Zur Vortragssituation gehören der intime Raum mit
der Oden des Horaz von dem Tegernseer Mönch Me- engem Hörerkontakt und eine fortwährend variierte
tellus. Von Oswald von Wolkenstein ist ein C. aus Animation des Publikums durch den Vortragenden
Freidank-Versen überliefert (Anfang des 15. Jh.s); Pe- (z. B. durch Refrain und Strophenschluss). Typische
trarca-Verse verwertete H. Maripetro im »Petrarca spi- stilistische Einzelzüge des Ch.s sind starke Strophen-
rituale« (1536. Eine C.-Parodie findet sich bei Klabund gliederung und Vorliebe für den Refrain, es überwie-
(»Dt. Volkslied«). – Zu modernen Weiterentwicklun- gen Rollengedichte (Ansprechen des Publikums in der
gen der C.technik ä Collage. ersten Person). Das Ch. behandelt Themen aus allen
Lit.: J. O. Delepierre: Tableau de la littérature du centon Lebensbereichen, bes. solche mit aktuellen Bezügen,
chez les anciens et chez les modernes. 2 Bde. Ldn. die es witzig, ironisch, satirisch oder aggressiv inter-
1874 f.. – Th. Verweyen, G. Witting: Der C. In: Euph. pretiert, aber auch Gefühlserlebnisse. Zu unterschei-
87 (1993), S. 1–27. – Dies.: C. In: RLW. GS/Red. den sind vier sich vielfach überschneidende Varianten:
Chanson, f., bezogen auf Werke seit dem 19. Jh. meist a) das mondäne Ch., weltstädtisch-kultiviert, geistreich
n. [ʃãsõ:; frz. = Lied; von lat. cantio = Gesang], allg. und frivol, bes. in Berlin um 1900 entwickelt (F. Hol-
volkstümlicher Gesang vom improvisierten Zweizeiler laender: »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe einge-
118 Chanson balladée

stellt«); b) das v. a. aus dem Posse-ä Couplet entwickelte Lachmanns), während die ›Individualisten‹ (v. a. J. Be-
volkstümliche Ch. über das arbeitende Bürgertum (O. dier) die Eigenleistung gebildeter Literaten an den An-
Reutter: »Kleine-Leute-Ballade«); c) das politische Ch., fang setzten. Angesichts einer beträchtlichen Zahl von
das soziale Missstände aufzeigt, oft im Reportagestil, über viele Jh.e unter verschiedensten Bedingungen
häufig auch politische Aktionen zur Beseitigung dieser entstandenen Dichtungen ist eine alle Richtungen ver-
Missstände fordert oder gar auf direkte Systemüber- einheitliche Formel nicht sinnvoll. – Zweifellos war die
windung abzielt (E. Busch: »Revoluzzer«; E. Kästner: Ch. d. g. Geschichtsdichtung in dem Sinne, dass sie
»Marschlied 45«); d) das lyrische Ch., eine Augen- fränkische Erinnerungen archivierte: an die Kreuzzüge
blicksstimmung oder einen Liebesmoment einfan- Karls des Großen und seiner Vasallen in Spanien (u. a.
gend, meist die Vertonung eines lyrischen Gedichtes »Chanson de Roland«; »Mainet«; »Fierabas«), Sach-
(K. Tucholsky: »Parc Monceau«). Das heutige Ch. geht sen, Italien und anderswo (ä Karlsepik); an die Aufleh-
auf das seit der Mitte des 19. Jh.s in Pariser Cafés ge- nung einzelner Empörer (u. a. »Chevalerie Ogier«;
pflegte aktuelle Gesellschaftslied zurück. Ein erster be- »Renaud de Montauban«; »Les Quatre Fils Aymon«);
deutender Sammelpunkt von Ch.-Sängern war das schließlich an Wilhelm von Toulouse, der die heid-
1881 gegründete Kabarett »Chat noir«. Inzwischen un- nische Bedrohung abwehrte (u. a. »Aliscans«; »La
terscheidet man zwischen den Interpreten von Ch.s Chanson de Guillaume«; Wilhelmsepik). Drei weitere,
(M. Chevalier, G. Bécaud, E. Piaf, J. Gréco, Y. Montand, offenbar erst nach 1200 (Bertrand) literarisierte Kreise,
S. Reggiani) und sog. Chansonniers, die selbst verfasste die großenteils bereits unter dem Einfluss des hö-
Werke vortragen (G. Brassens, J. Brel, L. Ferré, J. Fer- fischen Romans stehen, treten hinzu: der ›Kreuzzugs-
rat, Barbara). In Deutschland wurde das Ch. zur Jh.- zyklus‹ (u. a. »Le Chevalier au cygne«; »La prise
wende in den von ä Naturalismus, ä Jugendstil und d’ Acre«), die ›Lothringer-Geste‹ (u. a. »Garin le Lohe-
ä Neuromantik geprägten Kabaretts der »Elf Scharf- rin«) und die ›Nanteuil-Geste‹ (u. a. »Doon de Nan-
richter« und des »Überbrettls« eingeführt. Dabei wa- teuil«). – Der Erfolg der Gattung resultierte daraus,
ren frz. Einflüsse neben denen des ä Bänkelsangs, der dass sie die Probleme der jeweils zeitgenössischen aris-
ä Moritat, des politischen und des Operettenliedes tokratischen Gesellschaft anhand historischer Figuren
maßgebend. Die heutige Verbreitung des Ch.s ver- reflektierte. Auch hier ist ein tiefgreifender Wandel
dankt sich insbes. den Medien Film, Rundfunk und von der alten Karls- und Wilhelmsdichtung, die be-
Fernsehen sowie den neuen Tonträgern. stimmte politische und soziale Strukturen bis zur Er-
Lit.: C. Duneton: Histoire de la ch. Française. Paris schütterung diskutierte (Königtum, Vasallentum,
1998. – A. Keilhauer: Das frz. Ch. im späten Ancien Sippe), hin zu den überwiegend die Zustände eines
Régime. Hildesheim 1998. – A. Oberhuber: Ch.(s) de feudalen Hier und Jetzt affirmativ entfaltenden spä-
femme(s). Bln. 1995. – D. Rieger (Hg.): La ch. française teren Zyklen greifbar. Den bes. Wert der Ch. d. g. be-
et son histoire. Tüb. 1988. – Ders.: Von der Minne zum gründete Jean Bodel (ca. 1165–1210) freilich mit sei-
Kommerz. Eine Geschichte des frz. Ch.s bis zum Aus- nem geschichtlichen Wahrheitsgehalt, der ihn von
gang des 19. Jh.s. Tüb. 2005. – M. Robin: Il était une Antikenroman und ä höfischer Dichtung unterscheide.
fois la ch. française: des trouvères à nos jours. Paris Johannes de Grocheo rechnete Ende des 13. Jh.s mit
2004. – S. P. Rupprecht: Ch.-Lexikon. Bln. 1999. – W. einem nicht mehr durchweg adligen Publikum, das,
Ruttkowski: Ch. In: RLW. – F. Schmidt: Das Ch. Ffm. »vom Tagesgeschäft befreit«, den Liedern lausche, »da-
2
1982. – D. Schulz-Koehn: Vive la ch. Gütersloh 1969. mit es, von den Nöten und Ängsten anderer hörend,
– F. Vernillat: Dictionnaire de la ch. française. Paris die eigenen leichter zu tragen vermöge« (»De mu-
1968. – Th. Vogel: Das Ch. des auteur-compositeur-in- sica«). – Die Stoffe der Ch. d. g., die sich einer Rezep-
terprète. Ffm. 1981. WG tion jenseits nationalhistorischer oder regional-parti-
Chanson balladée ä Virelai. kularer Interessen nicht sperrten, fanden auch im Dt.
Chanson de geste, f. [frz. geste von lat. gesta = Bearbeiter. Die Überhöhung der Herrschergestalt
Handlung, Tat], Oberbegriff für die seit etwa 1100 Karls des Großen öffnete die Texte dynastischer Spe-
schriftlich überlieferte, in (zunächst) assonierenden kulation (so der Versuch einer Vereinnahmung Hein-
Versgruppen (ä Laisse) komponierte, für den münd- richs des Löwen im dt. »Rolandslied«, um 1175).
lichen Vortrag bestimmte frz. ä Heldendichtung, die Lit.: M. Heintze: König, Held und Sippe. Hdbg. 1991.
bereits um 1200 von Bertrand de Bar-sur-Aube in drei – E. Köhler: »Conseil des barons« und »jugement des
maßgebliche Stoffkreise aufgegliedert wurde: die barons«. Hdbg. 1968. – H. Krauss: Romanische Hel-
›Karlsgeste‹, den Empörerzyklus und die ›Wilhelms- denepik. In: K. v. See (Hg.): Neues Hb. der Lit.wissen-
geste‹. – Über die Entstehung der Ch. d. g. stritt das 19. schaft. Bd. 7. Wiesbaden 1981, S. 145–180. – W.-D.
Jh. mit Leidenschaft. Analog zu den von den dt. Ro- Lange: Ch. d. g. In: LMA. – M. Ott-Meimberg: Karl,
mantikern in die Welt gesetzten Vorstellungen vom Roland, Guillaume. In: V. Mertens, U. Müller (Hg.):
›dichtenden Volksgeist‹ sahen die ›Traditionalisten‹ Epische Stoffe des MA.s. Stgt. 1984, S. 81–110. – A.
(v. a. G. Paris) in den überlieferten Denkmälern nur Wolf: Heldensage und Epos. Tüb. 1995. CF
die von später Hand organisierten Einzelgesänge Chanson de toile, f. [aus frz. chanson = Lied, toile =
(›Kantilenentheorie‹; vgl. auch die ä Liedertheorie K. Leinwand], auch: Chanson d’ histoire; nach dem Ge-
Charakterdrama 119

sang beim Weben benannte Gattung der afrz. Liebesly- niert, weist der ch. r. seit Deschamps eine prinzipielle
rik, die eine einfache Liebesgeschichte, meist zwischen thematische Offenheit auf. Er teilt mit der balade seine
Ritter und Mädchen, in episch-historischem Rahmen diskursive, dialektische Struktur im Ggs. zur zy-
erzählt, meist in Strophen von drei bis fünf durch die- klischen, meditativen Anlage von ä Rondel und ä Vire-
selbe Assonanz gebundenen Zehnsilblern, abgeschlos- lai.
sen durch eine assonanzfreie Zeile oder zwei in sich Lit.: K. Becker: Présentation littéraire. In: J.-P. Boudet,
assonierende Refrainzeilen. Nur zehn anonyme Ch.s H. Millet (Hg.): Eustache Deschamps en son temps.
d. t. sind fast vollständig erhalten, sieben weitere Paris 1997, S. 21–33. – M. Tietz: Die frz. Lyrik des 14.
bruchstückhaft. P. Heyse übersetzte die Ch. d. t. »Bele und 15. Jh.s. In: D. Janik (Hg.): Die frz. Lyrik. Darm-
Erembors« ins Dt. (»Schön Erenburg«). Die Herkunft stadt 1987, S. 109–177. KB
der Ch. d. t. liegt im Dunkeln. PHE/Red. Chapbooks, Pl. [engl. aus chap (aengl. ceap) = Handel,
Chanson d’ histoire ä Chanson de toile. books = Bücher], seit dem 19. Jh. in England belegte
Chansonnier, m. [frz. = Sänger], 1. hsl. Sammlung Bez. für populäre ä Flugblätter, Broschüren und Bü-
mal. Chansons, die entweder nur den Text oder auch cher von kleinem Umfang und Format, meist mit ein-
Melodien und sogar mehrstimmige Sätze enthalten fachen Illustrationen (Holzschnitten), die bes. durch
kann. Bekannteste Ch.s mit einstimmigen Liedern fliegende Händler (chapmen) in England und Nord-
sind die Manuskripte der provenz. ä Trobadors und amerika vertrieben wurden (ä Kolportageroman). Ne-
der nordfrz. ä Trouvères; erst seit dem 15. Jh. liegen ben verschiedenen lit. Kleinformen (Kinderreime,
auch Sammlungen mit mehrstimmigen Liedern vor. – Scherzgedichte, Balladen, Pamphlete, Schwänke, Bi-
2. In jüngerer Zeit: Verfasser und Interpret von Chan- belgeschichten) und Gebrauchslit. (Almanache, Ka-
sons (dt.: Liedermacher); bekannte frz. Ch.s sind G. lender, Traktate) wurden in dieser Form v. a. ä Volks-
Brassens und L. Ferré, im dt. Sprachraum R. Mey und bücher verbreitet. HFR/Red.
K. Wecker. WG Character [engl.] ä Deixis.
Chantefable, f. [ʃãt'fa:bl; zu frz. chanter = singen, fab- Character Book ä Short Story.
ler = sprechen, erzählen], Gattungsbez. für eine Misch- Chara·kter, m. [gr. = eingebranntes, eingeprägtes
form, die nur in einem einzigen Werk der afrz. Lit. auf- Schriftzeichen, Kennzeichen, Merkmal, Gepräge], 1.
tritt: »Aucassin et Nicolette« (erstes Drittel des 13. eine ä Figur im ä Drama (ä Ch.drama, ä Ch.tragödie,
Jh.s). Die Erzählung nimmt auf ironische Weise das ä Ch.komödie) oder im narrativen Text, die mit indivi-
klassische Motiv der Liebenden auf, einer jungen ad- duell ausgeprägten Eigenschaften ausgestattet und als
ligen Heldin und ihres Geliebten, die durch allerlei unverwechselbare, komplexe Persönlichkeit, ggf. auch
Widrigkeiten des Schicksals getrennt werden, aber mit individuellen Fehlern, Konflikten und Widersprü-
schließlich zusammenfinden. Versifizierte Teile, einge- chen, dargestellt ist. Der Ch. steht im Ggs. zum ä Ty-
leitet durch die Formel »or se cante« (›jetzt wird gesun- pus, der meist eine gesellschaftliche Schicht bzw. einen
gen‹), wechseln sich ab mit Prosapassagen, die durch Beruf repräsentiert oder ein menschliches Verhalten
die Formel »or dient et content et fablent« (= ›jetzt teilt (z. B. der Geizhals) verkörpert. MBL
man eine Erzählung und Dialoge mit‹) eingeleitet wer- 2. Anthropologisches, ethisch-semiotisches, ge-
den. Der Begriff erscheint nur einmal und erst gegen schichtsphilosophisches und ästhetisches Konzept des
Ende des Textes. Obwohl seine Bedeutung (chanté- Menschen zwischen singulärer Individualität und
parlé = ›Sprechgesang‹) offensichtlich ist, ist nicht zu überindividueller Typisierung, das seit der Antike das
belegen, ob es sich um eine isolierte Verwendung des je historische Subjektverständnis in der Spannung von
Verfassers von »Aucassin et Nicolette« handelt oder Statik und Wandlung bzw. Bildung entwirft. Die für
um eine wirkliche Gattungsbez., die auch für andere, ein Individuum durch Beobachtung ermittelten Af-
verlorene Werke galt. In der dt. Lit. der Neuzeit ahmte fektkonstanten, seine Physiognomie und Handlungs-
L. Tieck die Form der Ch. in der »Sehr wunderbaren weisen gelten als Zeichenträger, die seine Eigenheit
Historia von der schönen Melusine« (1800) nach. AC bzw. Individualität verstehbar machen (ä Charakteris-
Chant royal, m. [mittelfrz. = königliches Lied], auch: tik, ä Physiognomik).
chançon royale, f.; lyrische Kleingattung der höfischen 3. Militärisches bzw. soziales Rangzeichen oder Titel,
Dichtung des frz. Spät-MA.s. Gehört zu den Gattungen auch unzerstörbares (sakramentales) Siegel (Ch. inde-
fester Form (genres à forme fixe). Kodifiziert im lebilis).
14. Jh. durch Guillaume de Machaut und Eustache 4. Künstlerischer Stil (ä charakteristisch). MSP
Deschamps (»L’ art de dictier«, 1392). Der ch. r. ist mit Lit.: B. Asmuth: Ch. In: RLW. – Th. Bremer: Ch./cha-
seinen fünf acht- bis zwölfzeiligen Strophen aus Acht- rakteristisch. In: ÄGB. – W. E. Gruber: Missing per-
oder Zehnsilblern eine »verlängerte balade« und sons. Character and characterization in modern
schließt mit einer Geleitstrophe (ä Envoi), die in die drama. Athen 1994. – Th. Koch: Lit. Menschendarstel-
balade übernommen wird. Umgekehrt entlehnt der lung. Tüb. 1991.
ch. r. der balade den einzeiligen ä Refrain am Strophen- Charakterdrama, Schauspiel, das von der Darstellung
schluss. Ursprünglich von feierlicher Tonlage und für einer zentralen, meist charakterlich komplexen Figur
politische, religiöse und moralische Inhalte prädesti- lebt, welche die ä Handlung maßgeblich und aktiv be-
120 Charakteristik

stimmt. Die Bez. ist insofern problematisch, als sie eng (vgl. dagegen ä Situationskomödie). Die Grenzen zur
mit dem Dramatikdiskurs und der Individualitätsauf- ä Typenkomödie sind fließend. – Die Ch. wird in
fassung des 18. Jh.s und einer darauf fixierten Germa- Deutschland v. a. im 18. und 19. Jh. diskutiert (G. E.
nistik verknüpft ist, was den Bereich einer sinnvollen Lessing, F. Hebbel, G. Hauptmann); dabei dienen W.
Verwendung einschränkt. – F. Schiller (»Egmont«-Re- Shakespeares und Molières Komödien als Beispiele.
zension, 1788) unterscheidet das Ch. vom Drama, das Dieses Verständnis prägt auch den lit.wissenschaft-
auf Handlungen bzw. Situationen, und demjenigen, lichen Wortgebrauch. LI
das auf Leidenschaften basiert, wobei aus heutiger Charakterrolle, Schauspielfach im Theater oder Film:
Sicht die Trennung von Charakter und Leidenschaft Darstellung eines individuell profilierten, oft komple-
Probleme aufwirft. Im Ch. würden »ganze Menschen« xen und widersprüchlichen Charakters, z. B. Hamlet,
auf die Bühne gebracht, Beispiele seien W. Shakespeares Maria Stuart, Dorfrichter Adam. JK/Red.
Tragödien sowie J. W. Goethes »Götz« und »Egmont«. Charaktertragödie, unscharfe Bez. für eine ä Tragö-
R. Petsch (»Drei Haupttypen des Dramas«, 1934) führt die, deren tragische Wirkung v. a. aus individuellen
die Dreiteilung von Ch., Handlungsdrama und ä Ide- Charaktereigenschaften einer zentralen Figur resul-
endrama ein. Bei W. Kayser (»Das sprachliche Kunst- tiert. Dabei ist der tragische ä Konflikt meist als innere
werk«, 1948) wird das Ch. dem ä Figurendrama unter- Auseinandersetzung des ä Helden angelegt. – Die Ch.
geordnet, das wiederum von Raumdrama und Hand- wird in Deutschland v. a. im 18. und 19. Jh. diskutiert
lungsdrama abgegrenzt wird. LI (G. E. Lessing, J. M. R. Lenz, F. Schiller, F. Hebbel, G.
Charakteri·stik, f., 1. pointierende essayistische Dar- Hauptmann). Der lit.wissenschaftliche Wortgebrauch
stellung der individuellen Persönlichkeitsmerkmale bleibt den für diese Zeit relevanten Beispielen (W.
eines Menschen (im Ggs. zu Typisierung, ä Typus) Shakespeare: »Hamlet«, »King Lear«; J. W. Goethe:
oder zur Würdigung eines Lebenswerks (ä Nachruf), »Götz«, »Egmont«) verpflichtet. LI
spezifischer die Bez. für einen Selbstverständigungs- Charge, f. ['ʃarə; frz. = Bürde (eines Amtes)], im The-
versuch über normativ-ethische Konflikte in der Lit., ater eine Nebenrolle mit meist einseitig gezeichnetem
so in der traditionellen schulischen Aufsatzform Ch. – Charakter, z. B. der Derwisch in G. E. Lessings »Nathan
2. Lit.-kritische und ethisch-philosophische Essayform der Weise« oder der Kammerdiener in F. Schillers »Ka-
(ä Lit.kritik) mit hoher Konjunktur im 18. und 19. Jh. bale und Liebe«. Die Gefahr der Übertreibung (ä Kari-
(A.W. Schlegel, F. Schlegel: »Ch.en und Kritiken«, katur), die in der Darstellung dieser Rollen liegt, prägte
1801). Die Ch. des frühromantischen Kunstpro- die Bedeutung des Verbums chargieren = mit Übertrei-
gramms betreibt die Auszeichnung des Individuell- bung spielen. GS/Red.
Charakteristischen für eine Pluralisierung des Schönen Charonkreis [Charon = mythischer Fährmann über
aus einer klassizismuskritischen Perspektive. ›Urgewässer‹ ins ›Seelenreich‹], Berliner antinaturalis-
Lit.: G. Oesterle: »Kunstwerk der Kritik« oder »Vor- tischer Dichterkreis um den Lyriker O. zur Linde und
übung zur Geschichtsschreibung«? Form- und Funkti- seine Zs. »Charon« (begründet mit R. Pannwitz, 1904–
onswandel der Ch. in Romantik und Vormärz. In: W. 14, danach »Charon-Nothefte« 1920–22). Program-
Barner (Hg.): Lit.kritik. Stgt. 1990, S. 64–86. MSP matisches Ziel des Ch.es war es, durch einen in der
Charakteri·stisch, Adjektiv; ästhetische Kategorie des Dichtung neu zu erschaffenden, nord. geprägten Ur-
18. Jh.s, mit der die kennzeichnende individuelle weltmythos eine gesellschaftliche Erneuerung herbei-
künstlerische Ausdrucksform konzeptualisiert wurde, zuführen – weg von der materialistischen »Totschlag-
bes. insofern sie von der normativen Ausrichtung auf welt« hin zur Rückbesinnung auf innerseelische und
das Ideal graduell und z. T. in konkurrierender Absicht kosmische Kräfte. Die Dichtungen (die Züge des ä Ex-
abweicht. In die Nähe sowohl der ä Karikatur als auch pressionismus vorwegnehmen) gestalten subjektive,
des ä Ideals gerückt, steht das Ch.e im Zentrum einer gedanken- und bildbefrachtete kosmische Erlebnisse
offenen, bes. in den Zss. »Die Horen«, »Athenaeum« in visionär-ekstatischer Sprache; feste metrische For-
und »Propyläen« ausgetragenen Debatte um eine nor- men werden zugunsten der »Eigenbewegung« eines
mative Ästhetik zwischen der klassizistischen und der sog. »phonetischen Rhythmus« abgelehnt (vgl. das po-
romantischen Kunsttheorie. Die dem Begriff inhärente etologische Programm in der Streitschrift »Arno Holz
perspektivische Normativität widerstrebt einer analy- und der Charon«, 1911). Neben O. zur Linde (»Die
tischen lit.wissenschaftlichen Terminologie. Kugel, eine Philosophie in Versen«, 1909; »Thule
Lit.: B. Collenberg-Plotnikov: Klassizismus und Kari- Traumland«, 1910; »Charontischer Mythus«, 1913) ge-
katur. Bln. 1998. – A. Costazza: Das »Ch.e« als ästhe- hörten zum Ch. R. Pannwitz (bis 1906), K. Röttger, B.
tische Kategorie der dt. Klassik. In: JbDSG 42 (1998), Otto, R. Paulsen, E. Bockemühl.
S. 64–94. – M. Dönike: Pathos, Ausdruck und Bewe- Lit.: H. Röttger: O. zur Linde. Wuppertal u. a. 1970. –
gung. Bln., NY 2005. MSP R. Parr: Charon, Charontiker, Gesellschaft der Cha-
Charakterkomödie, unscharfe Bez. für eine ä Komö- ronfreunde. In: ZfG N. F. 4 (1994), S. 520–532. IS/Red.
die, deren komische Wirkung aus der Darstellung ei- Cha·rta, f. ['karta; lat.; aus gr. chártēs = Blatt], ursprüng-
ner zentralen Figur resultiert, die ihre Lächerlichkeit lich Blatt aus dem Mark der Papyrusstaude; dann ver-
meist aus der Übertreibung einer Eigenschaft bezieht allgemeinert für alle Arten von Schreibmaterialien
Choliambus 121

(vgl. auch dt. ›Karte‹) und für Buch. – Im MA. bes. in dt. Strophenformen [1980]. Tüb., Basel 21993, S. 140–
der Bedeutung ›Urkunde‹ (neben Diploma), vgl. z. B. 146. JK/CSR
»Magna Ch. libertatum« (1215, die älteste europäische Chiaroscuro, n. [kjaros'ku:ro; it.], extremer Hell-Dun-
Verfassungsurkunde); auch noch in der Neuzeit, z. B. kel-Effekt in visuellen Künsten, bes. in der Malerei und
»Ch. der Vereinten Nationen«. GS/Red. im Film, etwa im ä Film Noir.
Chaucer-Strophe, von Geoffrey Chaucer (um 1343– Chia·smus, m. [lat. = in der Form des gr. Buchstabens
1400) in die engl. Dichtung eingeführte Strophenform, chi = χ, d. h. in Überkreuzstellung], ä rhet. Figur, über-
bestehend aus sieben jambischen Fünfhebern, die nach kreuzte syntaktische Stellung von Wörtern zweier auf-
dem Schema ababbcc reimen (auch: ›rhyme royal‹). einander bezogener Wortgruppen oder Sätze, dient oft
Der Einfluss provenz. Vorbilder auf die Ch. ist umstrit- der sprachlichen Veranschaulichung einer ä Antithese,
ten, Chaucers intime Kenntnis frz. Sprache und Kultur z. B. »Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit« (F.
jedoch zweifelsfrei. – Die Strophe kam wohl zuerst in Schiller: »Wallenstein«). Ggs.: ä Parallelismus. GS/Red.
Chaucers allegorischer Traumvision »The Parliament Chiffre, f. ['ʃifrә; arab. sifr = leer, Null; dt. ab 1400 zif-
of Fowls« (699 Zeilen) zur Anwendung; später in fer, ab dem 18. Jh. aus frz. chiffre = Geheimzeichen,
»Troilus and Criseyde« (8.239 Zeilen; um 1385) und in bis um 1800 auch ›Chiffer‹, m.], 1. Zahlzeichen,
Teilen der unvollendeten »Canterbury Tales«. Sie war Namenszeichen, Monogramm. – 2. Aufgrund eines
für den mündlichen Vortrag bestimmt; eine Hs.-Mini- Codierungssystems gebildetes Geheimschriftzeichen.
atur (Anfang des 15. Jh.s) zeigt Chaucer am Lesepult – 3. Hermetisches Element v. a. der modernen Lyrik.
beim Vortrag von »Troilus and Criseyde« vor der Hof- Die Ch. thematisiert eine spezifische Aussage- und Re-
gesellschaft. – Die Strophe dominiert die engl. Epen- flexionsbedingung der lyrischen Sprache. Sie ist ein
dichtung des 15. Jh.s, tritt im 16. Jh. hinter die poetologisches Verfahren der Verweisung auf »unge-
ä Spenserstanze zurück, wird aber noch im 18. Jh., z. T. genständliche, sprachlich nicht faßbare Sujets, für
mit variierendem Abschluss, verwendet. Bis ins 20. Jh. komplexe Sprach- und Lebenserfahrungen« (Lorenz,
erlebt die Ch. Modifikationen des Reimschemas (R. in: RLW), das mit der Geste des Deutungsentzugs (›ab-
Browning: ababcca; J. Thomson: ababccb). – Im Dt. solute Ch.‹, Killy) auftritt. In der frz. Dichtung noch an
wird die Ch. nicht verwendet. CF den beau désordre rückgebunden, zeigt das poetische
Chevy-Chase-Strophe, ['tʃεvi 'tʃeis …; engl. = Jagd in Verfahren der Ch. in der dt. Dichtung die Reflexion
den Cheviot Bergen], Balladenstrophe. Die Bez. ist von (problematischer) lyrischer Sprachwerdung an: sie
der ä ›Ballade von der Chevy Chase‹ (15. Jh.) abgelei- thematisiert und ist zugleich das Beziehungsgeflecht
tet, dem Eröffnungsgedicht der dreibändigen Balla- der Worte untereinander im Gedicht. – 4. Ch.nschrift
densammlung »Reliques of Ancient English Poetry« der Natur (Geschichte, Kunst etc.): Vorstellung eines
von Th. Percy (1765). Die Ch. ist vierzeilig mit alter- neben der Bibel auszulegenden zweiten heiligen
nierend vier- und dreihebigen Versen. Die Versfüllung Buches.
ist frei, die ä Kadenzen sind durchgehend männlich, Lit.: H.-G. v. Arburg u. a. (Hg.): »Wunderliche Fi-
meist reimen nur die vierhebigen Verse, gelegentlich guren«. Über die Lesbarkeit von Ch.nschriften. Mchn.
findet sich aber auch ä Kreuzreim. Abweichungen vom 2001 – W. Killy: Wandlungen des lyrischen Bildes
Grundschema sind häufig (etwa sechszeilig mit Reim- [1956]. Gött. 81998. – O. Lorenz: Ch. In: RLW. – Ders.:
schema abxbxb und ausschließlich vierhebigen Versen, Schweigen in der Dichtung: Hölderlin – Rilke – Celan.
wie in der namensgebenden Ballade selbst), ihr Schema Gött. 1989. – E. Marsch: Die lyrische Ch. In: Sprach-
liegt auch der isländ. ä Rima zugrunde. Verbreitet ist kunst 1 (1970), S. 206–240. MSP
sie seit mittelengl. Zeit meist als ä Volkslied und ä Kir- Chi·ffre-Gedicht, ein aus einzelnen Versen anderer
chenlied, seit dem 18. Jh. auch als Kunstballade (S. T. Gedichte zusammenzustellender Text, für den statt der
Coleridge: »The Ancient Mariner«, 1798). F. G. Klop- Verse selbst nur ihr Fundort (Band, Seite, Zeile) zitiert
stocks »Kriegslied« (1749) und J. W. Gleims »Preu- wird. Beispiele im Briefwechsel Marianne von Wille-
ßische Kriegslieder« (1758) machen die Ch. auch in mers mit Goethe. – Vgl. auch ä Cento. HHS/Red.
der dt. Dichtung populär. Bei M. v. Strachwitz (»Das Cholia·mbus, m. [lat.-gr. = Hinkjambus, von gr. chōlós
Herz von Douglas«) und Th. Fontane (»Archibald = lahm], Versmaß antiker Herkunft. Beim Ch. handelt
Douglas«, 1867) ist sie durchgehend kreuzgereimt. es sich um einen jambischen ä Trimeter, dessen letztes
J. W. Goethe (»Der Fischer«, 1779) und Fontane Element durch einen Spondeus (selten auch durch ei-
(»Gorm Grymme«) verwenden eine Strophenform, nen Trochäus) ersetzt ist: v – v – v – v – v – – v . Dieser
die einer Verdoppelung des Schemas der Ch. ent- Holpervers, der sich gelegentlich in komischer Vers-
spricht. V. a. in vaterländisch-soldatischen Dichtungs- dichtung findet, geht zurück auf die Spottgedichte des
kontexten (B. v. Münchhausen, A. Miegel) dominiert Hipponax von Ephesos; in hellenistischer Zeit begeg-
die Ch. bis ins 20. Jh.; bei B. Brecht (»Legende vom to- net er bei Kallimachos; Eingang in die röm. Dichtung
ten Soldaten«, 1927) wird sie ironisch-satirisch gebro- erhält er durch die Neoteriker und durch Catull. Im
chen. Dt. wird er selten gebraucht, etwa bei A.W. Schlegel
Lit.: D. Burdorf: Einf. in die Gedichtanalyse [1995]. (»Der Choliambe scheint ein Vers für Kunstrichter«).
Stgt., Weimar 1997, S. 100–102. – H. J. Frank: Hb. der JK/BM
122 Chor

Chor, m. [gr. chorós = Reigen-, Gruppentanz mit Ge- modifiziert oder gestrichen. Für L. Tiecks »Antigone«-
sang, Tanzplatz, Tänzerschar; lat. chorus], 1. in der Inszenierung (1841) vertont F. Mendelssohn-Bar-
Architektur: erhöhter Raum in einer Kirche mit her- tholdy die Ch.lieder und platziert den Ch. im Orches-
ausgehobener sakraler Funktion; 2. in der Musik: tergraben. F. Nietzsche (»Die Geburt der Tragödie aus
a) Komposition für ein Vokalensemble; b) dieses Ge- dem Geiste der Musik«, 1872) hebt das dionysische
sangsensemble selbst; 3. im ä Theater: eine Personen- Element des Ch.s hervor. Der Massenchor in den In-
gruppe, deren Handeln als gemeinsame Form der szenierungen M. Reinhardts ähnelt der Dramenfigur
ä Darstellung erkennbar wird. – Der Ch. des antiken ›Volk‹ (gemischte Gruppe ohne Liedeinlagen). Im
Theaters wird von Bürgern (ä Choreut) gebildet, die Theater des 20. Jh.s bleibt der antike Ch. ein Fremd-
unter der ä Regie des Dramenautors die ä Ch.lieder körper, gleichzeitig nehmen jedoch die Experimente
und -tänze der ä Tragödien einstudieren. Autor und mit chorischen Elementen zu (E. G. Craig, G. Fuchs).
Ch. werden für die ä Aufführungen anlässlich der jähr- Expressionistische Dramen (E. Toller: »Masse –
lichen ›Großen Dionysien‹, zu deren Programm u. a. Mensch«, 1920), kommunistische Sprechchorwerke
ein ä Dithyramben- und der dreitägige Tragödien- und das völkische ›Thingspiel‹ integrieren chorische
Wettbewerb (ä Agon) gehören, durch einen ä Mäzen Elemente. L. Riefenstahls Verfilmungen nationalsozia-
(ä Choreg) materiell unterstützt. Der Ch. ist eine ho- listischer Reichsparteitage setzen auf die suggestive
mogene Gruppe aus 12–15 Choreuten in der Tragödie Wirkung von gigantischen Einheitschören. B. Brecht
und 24 in der ä Komödie. Diese tragen Masken und (»Über Chöre«, Typoskript, um 1940) dagegen knüpft
ziehen zu Beginn des Stücks singend (ä Parodos) von an die nicht-aristotelische Theorie Schillers an und er-
den seitlichen Zugängen des Theaters in die ä Orches- probt vielfältige Formen des Ch.s: den Agitpropchor,
tra ein, wo sie bis zum Auszug (ä Exodos) am Ende des die Ch.parodie, den verfremdenden Ch. sowie das
Stücks verbleiben. Die Dialogszenen (ä Epeisodion) chorische Ensemblespiel. Diese auf kollektive Proben-
werden durch die Standlieder des Ch.s (ä Stasimon) prozesse angewiesene Form prägt seit den 1960er Jah-
unterbrochen. Der Ch. repräsentiert die ä Öffentlich- ren auch die Theaterinstitutionen. So gilt A. Mnouch-
keit der Polis auf der Bühne und ist zugleich eine Insti- kines Projekt »Les Atrides« (1990–93) als eine heraus-
tution des öffentlichen Lebens. Diese doppelte Funk- ragende Neubelebung des antiken Ch.s. Die Insze-
tion begründet die essentielle Selbstreferenzialität des nierungen G. R. Sellners versehen den Ch. mit einer
Ch.s. Als szenische Formation unterhält er meist ein pseudoreligiösen Funktion, während P. Weiss’ Stück
ebenso enges Verhältnis zum