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Einführung: Das Verhältnis sprachlicher und

nicht-sprachlicher Gründe
© Felix Meiner Verlag 2013 | 10.28937/978-3-7873-2270-1 | 978-3-7873-2270-1 | Freie Universität Berlin, Universitätsbibliothek | 23.10.2021

Günter Abel

Der Raum der Gründe lebt von Begründungen und Rechtfertigungen, die in ihm gege-
ben werden. So weit so gut. Schaut man näher hin, werden die Fragen dringlich, was
eigentlich wie in diesem Raum passiert und warum die dort eingesetzten prozeduralen
Verfahren und deren Ergebnisse als überzeugend angesehen werden und als vernünftig
gelten? Der Titel des Kolloquiums – »Sprache, Zeichen, Gründe« – mag bereits sig-
nalisieren, dass es sich beim Raum der Gründe um ein komplexes Geflecht mit unter-
schiedlichen Komponenten handelt, dessen innere Mechanismen wir bislang noch nicht
wirklich verstehen.1
Eine offene Frage ist das Verhältnis und Wechselspiel sprachlich-begrifflicher Gründe
(die kraft Propositionen gegeben werden) und nicht-sprachlicher Gründe (wie diese
sich z. B. kraft nicht-sprachlicher Zeichen- und Symbolsysteme, etwa in kooperativen
Handlungen oder in visueller bzw. sinnlicher Kommunikation manifestieren). In Ana-
logie zu dem berühmten Slogan aus der Wahrnehmungspsychologie (»There is more to
vision than meets the eye«) könnte man sagen: There is more to reason than meets the
language.
Vor diesem Hintergrund ist unser Kolloquium zunächst von den folgenden beiden
Fragen inspiriert: (a) Welcher Art ist das Verhältnis zwischen theoretischen Gründen
(die unsere Überzeugungen und Urteile rechtfertigen) und praktischen Gründen (die
unser Handeln, Verhalten und unsere Weise rechtfertigen, bestimmte Dinge so-und-so
zu tun)? (b) Spielen neben den sprachlich-propositionalen sowie konzeptionellen Kom-
ponenten auch andere Komponenten im Geben und Nehmen von Gründen, das heißt
im Ablegen von Rechenschaft, eine wichtige Rolle (wie etwa visuelle Kognitionen, vor-
sprachliche Praktiken, Emotionen)? Und welche Rolle genau spielen diese anderen
Komponenten in Begründungen und Rechtfertigungen?
Betrachten wir den Raum der Gründe näher, stoßen wir in der Tat zunächst und
vor allem auf sprachlich artikulierte, propositionale und begriffliche Gründe. Doch
zeigt sich bei näherem Hinsehen schnell, dass im Raum der Begründungen und Recht-
fertigungen mehr involviert und relevant ist als in der semantischen Logik sowie im

1 Der Ausdruck »logischer Raum der Gründe (logical space of reasons)« wurde von Wilfrid Sellars

prominent in die Diskussion eingeführt, in Abgrenzung zum Raum der empirischen Beschreibungen.
Siehe Wilfrid Sellars: Empiricism and the Philosophy of Mind, 1956, hg. und eingeleitet von Richard
Rorty und Robert Brandom, Cambridge (Mass.) 1997, § 36. Der Raum der Gründe ist Sellars zufol-
ge durch Relationen des Begründens strukturiert. Aufnahme und Weiterführung hat der Ausdruck bei
Robert Brandom und John McDowell gefunden. Siehe John McDowell: Mind and World, Cambridge
(Mass.) 1994, Lecture I; und Robert Brandom: Making It Explicit, Cambridge (Mass.) 1994, 5.
270 Kolloquium 6 · Günter Abel

prämissen-folgernden formalen Schließen eingefangen wird. Bislang nicht angemessen


analysiert und geklärt ist meines Erachtens die Rolle, die andere zeichen- und inter-
pretations-funktionale sowie handlungs- und kooperations-basierte Komponenten im
Raum der Gründe, mithin in dem spielen, was wir seit alters Rechenschaftgeben (lo-
gon didonai) nennen. Zu denken wäre hier in einem erweiterten Sinn der Rede von
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Gründen und Rechtfertigungen an Gründe nicht-sprachlicher (z. B. diagrammatischer),


nicht-propositionaler (z. B. praktisch-prozeduraler), nicht-epistemischer (z. B. direkt vi-
sueller) und nicht-begrifflicher (z. B. praktisch-prozeduraler) Art.
Begründungen und Rechtfertigungen2 fallen zudem nicht einfach vom Himmel und
sie finden nicht im luftleeren Raum statt. Sie leben von Prämissen, aus denen sich ihre
Ansprüche speisen, bewegen sich in Lebens-, Kultur-, Wissens- und Rechtsordnun-
gen, stehen in Kontexten und unter Rahmenbedingungen ihrer Geltung, ohne welche
Situiertheiten sie nicht einmal als bestimmte Gründe, Begründungen und Rechtferti-
gungen von anderen unterschieden und in ihren jeweiligen Mitteln spezifiziert werden
könnten.
Begründungen und Rechtfertigungen haben darüber hinaus auch einen Anfang (das
heißt: wir beginnen an jeweils einer bestimmten Stelle mit dem Begründen und Recht-
fertigen) und sie haben ein Ende (das heißt: wir kommen, je nach verfolgtem Zweck
und Ziel, an einer bestimmten Stelle zum Ende, – letzteres allein schon deshalb, weil
wir anderenfalls das flüssige Funktionieren unseres Sprechens, Denkens und Handelns
nicht fortsetzen bzw. nicht wiederherstellen könnten). Weder jedoch der Anfang noch
das Ende eines Rechenschaftgebens können fundamentalistisch als ein metaphysisch
schlechthin erstinstanzlicher Anfang und/oder als ein metaphysisch schlechthin letzt-
instanzlicher Abschluss angesehen werden. Anfang und Ende der Praxis des Gründe-
Gebens und Gründe-Nehmens ebenso wie deren Resultate sind pragmatischer Natur.
Begründungen und Rechtfertigungen stehen daher unter strengen praxis-, sinn- und
kohärenz-logischen Restriktionen, bleiben aber stets Begründungen und Rechtfertigun-
gen nach Menschenmaß, nicht nach Gottesmaß. Von der Idee einer metaphysischen
Letztbegründung sind wir als endliche Geister aufgrund unserer epistemischen Situa-
tion nicht nur kontingenterweise, sondern systematisch abgeschnitten.
Im Folgenden möchte ich den Fokus der Aufmerksamkeit auf vier Bezirke und Kon-
stituenten lenken, deren genauere Rolle im Raum der Gründe zu klären ein Deside-
rat philosophischer Forschung ist: (1) sinnliche/visuelle Gründe; (2) Knowing-How-
Gründe; (3) Erfahrungsgründe; und (4) emotionale Gründe.

2 Im Folgenden meint die Rede von ›Begründungen‹ vor allem die Angabe von Gründen im Sinne

sowohl des Verfahrens schlussfolgernden Schließens als auch diejenigen Argumente, die eine Behaup-
tung beweiskräftig machen. Die Rede von ›Rechtfertigungen‹ meint vor allem die Legitimierung von
subjektiven Einstellungen, Handlungen und Normen im Zuge von deren Einordnung in jeweils beste-
hende Ordnungen (vor allem in Sprach-, Denk-, Lebens-, Kultur- und Rechtswelten). Begründungen
und Rechtfertigungen sind intern miteinander verschränkt. Für die mit der vorliegenden Einführung in
die Thematik des Kolloquiums verfolgten Zwecke ist es nicht erforderlich, in jedem einzelnen Fall die
Rede von ›Begründungen‹ und ›Rechtfertigungen‹ in ihrer Unterschiedenheit ebenso wie in ihrer Kom-
plementarität hervorzuheben.
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(1) Sinnliche/visuelle Gründe

Der Slogan »proofs without words« ist bestens vertraut in der Mathematik und, mu-
tatis mutandis, auch weit darüber hinaus in Alltag, Wissenschaften, Philosophie und
Künsten. In der Mathematik spielen die bildnerisch dargestellten geometrischen und
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topologischen Objekte eine ebenso wichtige Rolle wie etwa Diagramme und compu-
ter-generierte Visualisierungen.3 Visuelles, bildnerisches und diagrammatisches Denken
sind, wie kontrovers auch immer diskutiert, an vielen Stellen der Mathematik anzutref-
fen. Wichtig ist hervorzuheben, dass die bildnerischen sowie visuellen Elemente und
die kognitiven Elemente im visuellen Denken der Mathematik intern und primär (nicht
extern und nicht sekundär) verschmolzen sind. Der Grund, das Argument, der Beweis
und die Rechtfertigung liegen im Visuellen selbst, – und werden nicht bloß durch dieses
illustriert und veranschaulicht.
Man denke hier etwa auch an die berühmten Venn-Diagramme. Sie dienen bekannt-
lich nicht nur zur nachträglichen graphischen Veranschaulichung von Relationen in der
Mengenlehre, sondern werden als visuelle Diagramme, als Beweismittel eingesetzt und
verkörpern in sich den Beweis visuell. Erinnert sei auch an die konstitutive Rolle, wel-
che die diagrammatische Darstellung im Rahmen der Topologie, des näheren etwa in
der mathematischen Knotentheorie spielt.
Als ein Beispiel für die Relevanz des visuellen (und überhaupt des sinnlichen) Den-
kens in unserer Lebenswelt mag folgendes Szenario dienen. Ich sehe, dass Peter im
See zu ertrinken droht, springe daraufhin ins Wasser und rette ihn. Das, was ich sehe,
ist dabei nicht lediglich die Ursache im Sinne der physisch auslösenden Naturkausa-
lität. Der visuelle Gehalt ist vielmehr zugleich der Grund für mich, zu springen und
Hilfe zu leisten, das heißt: in die Handlung einzutreten und diese erforderlichenfalls
nachträglich im Raum der Gründe auch anderen Personen sowie mir selbst gegenüber
zu rechtfertigen. Der nicht-sprachliche und nicht-inferentielle visuelle Gehalt spielt im
Gründe-Geben und in der Rechtfertigung des moralischen Gehalts der Handlung, Peter
zu retten, eine wichtige, eine unentbehrliche Rolle.
Auch in den Naturwissenschaften sind Beispiele für visuelle Gründe und visuelle
Kognition (und generell für sinnliche Kognition) leicht zu finden. Man denke etwa nur
an die Situation, in der in einem Physik-Labor ein Experiment durchgeführt wird. Der
Experimentator sieht mit seinen Augen, was während des Experimentes wie passiert
und er liest mit seinen Augen die korrelierten Messanzeigen ab und weiß, wie er zum
Beispiel bestimmte diagrammatische Zeichen zu interpretieren hat. Beides vermag er
offenkundig kraft auch (freilich nicht nur) seines visuellen Denkens. Jeder Experimen-
tator betreibt in diesem Sinne mit der kognitiven ineins auch ein Stück visueller bzw.
sinnlicher Epistemologie.

3 Siehe Marcus Giaquinto: Visual Thinking in Mathematics. An epistemological study, Oxford

2007. Eine Fülle praktischer Beispiele liefert in zwei Bänden Roger B. Nelsen: Proofs Without Words,
Washington 1993 und 2000. – Im Folgenden konzentriere ich mich auf die visuellen Gründe, mithin auf
das Sehen. Die Überlegungen sind jedoch, mutatis mutandis, auch in Bezug auf die anderen Sinne gültig,
das heißt hinsichtlich des Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens.
272 Kolloquium 6 · Günter Abel

Bestens vertraut mit visuellem (sinnlichem) Denken sind natürlich auch die Künstler.
Der Künstler sieht und weiß zum Beispiel kraft seines »anschaulichen Denkens (visual
thinking)«4 (R. Arnheim) und sinnlich prägnant, dass diese Lokalfarbe und diese An-
ordnung der Farbflächen hier und jetzt genau die richtigen sind. Auf die Nachfrage,
welche Gründe ihn zu gerade dieser Farb- oder Gestaltgebung bewogen haben, antwor-
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tet der Künstler möglicherweise: »Na, das sehen Sie doch, oder?« Sicherlich aber wird
er uns nicht dazu auffordern, über ein metaphysisches Call-Center im sprachlich-pro-
positional verfassten Reich der Farbbegriffe und deren Anwendungsregeln anzurufen,
um von dort in der Sache definitiv und allgemein verbindlich zu erfahren, warum was
wie gemacht werden musste, wie es zu verstehen sei und ob das, was gemacht wurde,
auch richtig und metaphysisch seriös sei. Die Gründe und Rechtfertigungen sind viel-
mehr ganz im künstlerisch-prozeduralen Verfahren sowie im sinnlichen Phänomen und
in dessen Prägnanz selbst gegeben und präsent.
Grundsätzlich gilt, dass jedes erfolgreiche Verwenden und Verstehen von Zeichen
Aspekte visueller Kognition bereits vorausaussetzt und in Anspruch nimmt. Die epis-
temische wie die epistemologische Pointe dabei ist, dass visuelle Kognitionen sowie die
ihnen intern zugehörigen Weisen des visuellen und anschaulichen Denkens keineswegs
bloß sekundäre Illustrationen sind, die im Prinzip auch entfallen könnten.
Unter visuellen Kognitionen möchte ich hier (und im weiten Sinne des Ausdrucks
›Kognition‹) diejenigen nicht-sprachlichen und nicht-begrifflichen Prozesse verstehen,
in denen es um Prozesse geht wie zum Beispiel: das visuell gestaltbildende und sinnlich-
phänomenale Diskriminieren, Individuieren, Organisieren, Anordnen, Gruppieren, Ein-
ordnen, Ergänzen, Vervollständigen, Komplettieren, Präferenzieren, Hierarchisieren,
Vergleichen und nicht zuletzt um das Bilden von sinnlichen Invarianten. Der Rekurs auf
visuelle Kognitionen (und generell auf sinnliches Denken) und deren nicht-propositio-
nale und nicht-inferentielle Gehalte spielt in Begründungen und Rechtfertigungen eine
überaus wichtige, obzwar bislang noch kaum eigens beachtete und verstandene Rolle.
Visuelle Kognitionen sind jedenfalls immer dann relevant, wenn das Rechenschaftge-
ben, das Begründen und Rechtfertigen, mehr umfasst als nur das inferentiell korrekte
Schließen, verstanden als logische Konsistenz, Gültigkeit über Zeiten und Situationen
hinweg und sprachlich-begrifflicher und diskursiver Wohlbegründetheit im engeren ra-
tionalistischen Sinne.
Doch wie genau – so lautet die Herausforderung – sind diese unterschiedlichen Rol-
len visueller Kognitionen zu denken, sofern visuelles Denken und Wahrnehmungsge-
halte über weite Strecken nicht-sprachlich, nicht-propositional und nicht-inferentiell
verfasst sind?
Hier wird eine der gegenwärtig großen Aufgaben in Sachen Epistemologie deutlich.
Sie besteht meines Erachtens darin, dass es – sofern die visuellen Gründe (ebenso wie
die unten noch zu erörternden Knowing-How-Gründe, die Erfahrungsgründe und die
emotionalen Gründe) die soeben skizzierte wichtige Rolle spielen – zu einer Erwei-

4 So der treffliche Titel des Buches des Kunstpsychologen Rudolf Arnheim: Visual Thinking, Berke-

ley / Los Angeles 1969; Deutsche Übersetzung: Anschauliches Denken, Köln 1972.
Einführung 273

terung ebenso wie zu einer Revision der Epistemologie kommen muss. Wir müssen
uns dann nämlich in Sachen Wissen, Begründen und Rechtfertigen vornehmlich von
der bisherigen Monopolstellung desjenigen Modells verabschieden, demzufolge Wis-
sen und Gründe als gerechtfertigte wahre Überzeugungen (»knowledge and reasons
as justified true belief«) verstanden werden. Erfordert ist ein Neu- und Umdenken der
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Epistemologie.5
Nicht also nur geht es um die von den klassischen Pragmatisten bereits gut begrün-
dete Auffassung, dass eine Überzeugung stets in einem Geflecht mit anderen Überzeu-
gungen steht und von diesen nicht abgetrennt werden kann, – was bereits eine sig-
nifikante Erweiterung eines zu enggeführten Sinns der Rede vom Raum der Gründe
zur Folge hat. Jetzt dagegen geht es darüber hinaus um den radikaleren Punkt, dass
Überzeugungen ihrerseits stets bereits andere praktische sowie zeichen- und interpre-
tations-gebundene kognitive Fähigkeiten und Vermögen voraussetzen und in Anspruch
nehmen, unter denen sich auch die visuellen Kognitionen befinden. Überzeugungen ver-
lieren damit keineswegs ihre epistemische Relevanz. Aber indem deutlich wird, dass
ihnen stets bereits eine pragmatische Genealogie aus Zeichen, Interpretationen, Fähig-
keiten und Praktiken nicht-propositionaler Art konditional im Rücken liegt, können
sie nicht mehr diejenige Fundamental- und Monopolstellung in Sachen Epistemologie –
und eben auch nicht in Sachen Epistemologie der Gründe – einnehmen, die ihnen tradi-
tionellerweise zugesprochen wird.
Überzugehen ist meines Erachtens in ein erweitertes Modell des Begründens und
Rechtfertigens, in dem Gründe (im engen logisch-semantischen ebenso wie im weiten
lebensweltlichen Sinne) als Zeichen- und Interpretationsgründe bzw. als interpretative
Gründe und Kognition als zeichen- und interpretations-bestimmte Kognition adressiert
und modelliert werden. In solcher Rede gehe ich von der (hier aus Platzgründen im
Einzelnen nicht darzulegenden) Annahme aus, dass visuelle (und generell: sinnliche)
Gründe ebenso wie Knowing-How-Gründe und dass Handlungs- und Erfahrungs-
gründe ebenso wie emotionale Gründe als Zeichen- und Interpretationskonstrukte
konzipiert werden können.6
Vor diesem Hintergrund stellen sich eine Reihe von Desideraten ein, die es näher zu
bearbeiten gilt. Gibt es nicht-sprachliche und senso-perzeptive Zeichen- und Interpreta-
tionsgründe? Was genau sind sie? Wie genau funktionieren sie? Wieso sind sie lebens-
weltlich für uns so wertvoll? In welchem Sinne muss das enge Verständnis von Gründen

5 Zu einigen der in diesem Zusammenhang relevanten Aspekte siehe programmatisch Günter Abel:

Knowledge Research: Extending and Revising Epistemology, in: Rethinking Epistemology, Vol. 1 (Ber-
lin Studies in Knowledge Research, Band 1), hg. von Günter Abel / James Conant, Berlin / Boston 2012,
1–52.
6 Mit diesen Formulierungen ist ein wichtiger Teil des Programms bezeichnet, das unter dem Titel

einer ›Allgemeinen Zeichen- und Interpretationsphilosophie‹ verfolgt wird. Siehe im Einzelnen Gün-
ter Abel: Interpretationswelten. Gegenwartsphilosophie jenseits von Essentialismus und Relativismus,
Frankfurt a.M. 1993, 2. Aufl. 1995; Günter Abel: Sprache, Zeichen, Interpretation, Frankfurt a.M.
1999; Günter Abel: Zeichen der Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2004; und die in Anm. 5 genannte Arbeit
zur Wissensforschung.
274 Kolloquium 6 · Günter Abel

(als sprachlich artikulierte, propositionale und begrifflich-rationale Gründe) erweitert


werden um nicht-sprachliche, zeichen-, interpretations-, fähigkeiten-, emotionen- und
handlungs-basierte Gründe? Ist nicht genau diese Erweiterung geboten, sobald wir die
tatsächliche lebensweltliche ebenso wie die wissenschaftliche und künstlerische Praxis
in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken? Diese Fragen markieren grundlegende Her-
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ausforderungen für eine umfängliche und integrierte Sprach-, Zeichen- und Handlungs-
philosophie ebenso wie für ein integriertes Verständnis dessen, was, wie und warum
im Geben und Nehmen von (lebensweltlichen, wissenschaftlichen und/oder künstleri-
schen) Gründen als akzeptabel oder unakzeptabel, mithin als vernünftig oder unver-
nünftig gilt.

(2) Knowing-How-Gründe

Es besteht ein wichtiger Unterschied zwischen theoretischen Gründen im Zuge des Wis-
sen-dass (das sprachlich-propositional formuliert werden kann) und prozedural-prakti-
schen Gründen im Zuge des Wissen-wie bzw. des Könnens (das ein »learning by doing«
mit genuin eigenem Regelfolgen ist).
Knowing-How ist praxis-interne Kompetenz und Fähigkeit, ist Praxis-Wissen/-
Können.7 Wer zum Beispiel Sprechen, Schwimmen, Cello-Spielen, einen Beweis führen
oder andere derartige Handlungen ausführen kann, der wurde zuvor in die Praxis des
Sprechens, Schwimmens, Cello-Spielens, Beweisens und Kooperierens eingeübt, – etwa
durch Vormachen, Beispielgeben, Imitieren, wiederholtes Training. Wer die praktische
Fähigkeit des Radfahrens erwerben oder eine Sprache erlernen will, der muss in die
Praxis des Radfahrens und des Sprechens dieser Sprache eingeübt werden. Er muss
nicht (wie propositionalistische Intellektualisten gerne behaupten) zunächst eine kogni-
tive Relation zu einem Reich der theoretischen Knowing-That-Propositionen (etwa der
Russellschen Propositionen, den Fregeschen Gedanken oder dem Set möglicher Welten)
etablieren, um dann in einem zweiten Schritt die dort gewonnenen theoretischen Ein-
sichten auch in die Praxis zu übertragen und damit überhaupt erst eine gelingende Pra-
xis etwa des Radfahrens oder des Sprechens einer Sprache zustande bringen zu können.
Wer auf diese Weise vorzugehen gedenkt, wird durch die Praxis schnell eines Besseren
belehrt, wird weder Radfahren noch eine Sprache sprechen lernen, ganz zu schweigen
vom flüssigen und expressiven Cello-Spiel.
Solches Knowing-How liegt in jeder Sprach-, Zeichen-, Handlungs- und Koopera-
tions-Kompetenz vor. Und genau diese Kompetenz ist auch in jedem Geben und Neh-
men von Gründen bereits mit vorausgesetzt und in Anspruch genommen. Ohne diese
praktisch-prozedurale Kompetenz wäre ein Rechenschaftgeben nicht möglich. So fußt,
aufschlussreicherweise, die menschliche Sprachfähigkeit – die als Fähigkeit begriff-
liches Wissen und sprachlich-propositionale Gründe erst ermöglicht – auf dem spe-

7 Zum Folgenden siehe detailliert Günter Abel: Knowing-How: Indispensable but Inscrutable, in:

Conceptions of Knowledge, hg. von S. Tolksdorf (Berlin Studies in Knowledge Research, hg. von Gün-
ter Abel / James Conant, Vol. 4), Berlin / Boston 2012, 245–267.
Einführung 275

zifischen Knowing-How der Sprach-, Zeichen- und Interpretationskompetenz, mithin


auf einem nicht-sprachlichen und nicht-propositionalen Boden. Damit aber wird exakt
dieser Boden konditional relevant auch für die sprachlich-propositionalen und begriff-
lichen Gründe im engeren Sinne. Das ist ein überaus wichtiger Befund. Seine Analyse
und Untersuchung stellt ein herausragendes Desiderat der philosophischen Forschung
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dar.
Offenkundig müssen wir bereits über ein Applikations-Wissen bzw. Applikations-
Können verfügen, um das Geschäft des Gründe-Gebens und Gründe-Nehmens über-
haupt durchführen zu können. Diese Voraussetzung erstreckt sich auf das gesamte
Spektrum von den ersten erworbenen Fähigkeiten kommunikativen Verstehens sowie
kooperativen Handelns bei Kleinkindern bis hin zu den höheren kognitiven Leistungen
wie z.B. der Fähigkeit, die Bedeutungen und Intentionen von Wörtern und Handlungen
anderer Personen erfassen, einen Beweis in der Mathematik führen oder eine Begrün-
dung in der Ethik liefern zu können.
Meines Erachtens ist unter Einschluss dieser (und weiterer) Aspekte eine sprach-,
zeichen-, interpretations- und handlungs-pragmatische Erweiterung des enggeführten
Sinns der Rede vom Raum der Gründe geboten.8 In dieser Erweiterung kommt es zu-
gleich zu einer internen Pluralisierung des Raums bzw. der Welt der Gründe. Die Welt
der Gründe ist umfänglicher und vielgestaltiger als dies in der logischen Semantik und
in der inferentiellen Logik vorgesehen war.
Offenkundig spielen Knowing-How-Gründe in lebensweltlichen, wissenschaftlichen
und künstlerischen Begründungen und Rechtfertigungen eine überaus wichtige Rolle.
So wird etwa Martin auf die Frage, wie er seinen Umgang mit den beiden Freunden
Peter und Paul rechtfertige, auch auf die gewohnte lebensweltliche Praxis des Umgangs
mit Freunden und das dieser Praxis innewohnende Knowing-How als Grund seines
Verhaltens rekurrieren. Analoges gilt auch im Blick auf wissenschaftliche Experimente
(z. B. in der Physik) oder einen chirurgischen Eingriff in der Medizin. Im gelingenden
ebenso wie im misslingenden Falle erfolgen Rechtfertigung und Begründung auch mit
Rekurs auf das der jeweiligen Praxis eigene Knowing-How als Grund.
Die Rolle der Knowing-How-Gründe wurde in der philosophischen Epistemologie
bislang kaum eigens beachtet, geschweige denn explizit fokussiert. Knowing-How war
in der traditionellen Epistemologie kein eigenständiges Mitglied der Epistemologie-Fa-
milie. Dieses Schicksal teilte das Knowing-How mit dem oben unter Punkt (1) skiz-
zierten visuellen (und generell dem sinnlichen) Denken, – beide Male unbeschadet der
Tatsache, dass sie in der Praxis, und das heißt: in den tatsächlichen Vollzügen unseres
Wahrnehmens, Erlebens, Sprechens, Denkens und Handelns ebenso konditional sind
wie in der Reflexion auf diese Prozesse und dem darauf bezogen Geben und Nehmen
von Gründen. In puncto sinnlich-anschauliches Denken ebenso wie hinsichtlich des

8 Dass in diesem Zusammenhang auch der Begriff der Rationalität einer kritischen Überprüfung

bedarf, wird entwickelt in Günter Abel: Rethinking Rationality: The Use of Signs and the Rationality of
Interpretations, in: Rationality and its Limits, (Proceedings of the Institut International de Philosophie
(I.I.P.), Konferenz Moskau 2011), hg. von V. A. Lektorskiy, Moskau 2012.
276 Kolloquium 6 · Günter Abel

Knowing-How beginnt sich, glücklicherweise, die Situation in jüngster Zeit allmählich


zu ändern.
Mit solchen Überlegungen plädiere ich hier jedoch keineswegs für eine Fundamen-
tal- und Monopolstellung des Knowing-How und der Knowing-How-Gründe gegen-
über anderen Formen des Wissens, des Gründe-Gebens und des Rechtfertigens. Eine
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solche Sicht stünde noch im Würgegriff der älteren Dichotomie von Knowing-That
und Knowing-How, die es als ganze gerade zurückzulassen gilt. Ich möchte daher
eigens hervorheben, dass es angesichts der im Rahmen der Frage nach Gründen zu
analysierenden Phänomene, Zustände und Prozesse nicht darum gehen kann, eine Re-
duktion der einen Form des Wissens sowie der dieser zugehörigen Form der Gründe
(der Knowing-How- oder der Knowing-That-Gründe) auf die jeweils andere zu pro-
pagieren. Eine solche Absicht würde nach wie vor in der älteren und irreführenden
Hoffnung leben, eine Form von Wissen und Gründen kausal, logisch oder wie auch
immer determiniert aus der jeweils anderen ableiten bzw. diese auf jene zurückfüh-
ren zu können. Vielmehr gilt es, die ganze Dichotomie von Knowing-That und Know-
ing-How zurückzulassen, – und zwar zugunsten der Figur des Wechselspiels und des
drehtürartigen Ineinander-Greifens beider (und weiterer) Formen des Wissens und der
Gründe.
Es ist ein Desiderat der philosophischen Forschung, die inneren Mechanismen sol-
cher Wechselspiele und Interaktionen unterschiedlicher Wissensformen und Gründe zu
beschreiben, zu analysieren und zu modellieren. Dies sollte nicht zuletzt auch unter
der Zielsetzung erfolgen, die im Zuge solcher Forschungen zutage geförderten Mecha-
nismen der Wechselspiele sowohl der Wissensformen als auch der Begründungen und
Rechtfertigungen den Menschen als Instrumente der Krisen- und Konfliktbewältigung,
das heißt für diejenigen Situationen bereitzustellen, in denen es darum geht, eine nicht
mehr flüssig funktionierende Praxis des Wahrnehmens, Erlebens, Sprechens, Denkens
und Handelns in ein erneut flüssiges Funktionieren überführen zu können. Spätestens
an dieser Stelle dürfte der humane Charakter deutlich werden, der mit der hier vorge-
schlagenen Erweiterung und Revision des Raumes der Gründe verbunden ist. Denn es
geht um nichts Geringeres als zu unserer flüssig funktionierenden Orientierung in der
Welt, uns selbst und anderen Personen gegenüber beizutragen. Teil dieses Unterneh-
mens ist die Klärung von Fragen wie etwa: Was genau zeichnet Knowing-How-Gründe
aus? Wie funktionieren sie? Welche Rolle spielen sie in den Geflechten eines erweiterten
Raums der Begründungen und Rechtfertigungen? Und was macht sie lebensweltlich,
wissenschaftlich und künstlerisch für uns so wertvoll?

(3) Erfahrungsgründe

Der Rekurs auf Erfahrungen spielt eine wichtige Rolle in Begründungen und Rechtfer-
tigungen. So weiß und tut man etwas unter anderem auch aufgrund und mittels von Er-
fahrung. Einfache Beispiele wären der Sternekoch und seine Zubereitung eines leckeren
Mango-Desserts oder der Neurochirurg und seine Operation am offenen Gehirn. Beide
Einführung 277

berufen sich erforderlichenfalls auf ihre Erfahrung als eines Erklärungs- ebenso wie als
eines Rechtfertigungsgrundes für ihr So-und-so-Handeln, einschließlich des Scheiterns
der Handlung. Diese Zusammenhänge sind nicht nur für das Handeln von Sternekö-
chen und Neurochirurgen charakteristisch. Sie sind generell für die Organisation und
die Orientierung unseres personalen und intersubjektiven In-der-Welt-seins von grund-
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legender Bedeutung. Ohne Erfahrungswissen und ohne Erfahrungsgründe würden wir,


salopp gesagt, nicht durch den Tag kommen. Beide funktionieren in der Regel und bis
auf weiteres (das heißt: bis ein Störfall eintritt) problemlos, – im Alltag ebenso wie in
den Wissenschaften und in den Künsten.
Bleiben wir einen Moment bei unserem Neurochirurgen. Auf die Frage, worauf er
sich vor allem verlässt, wenn er einen Eingriff am offenen Gehirn durchführt, wird er
wohl ohne Zögern antworten: auf meine Augen und den Blick auf den Monitor (also
auf visuelles Wissen und visuelle Gründe); auf die Geschicklichkeit meiner Hände beim
Führen des Laserskalpells (also auf praktisches Wissen und Knowing-How-Gründe);
auf meine Erfahrung (also auf Erfahrungswissen und Erfahrungsgründe); und auf eine
ganze Reihe anderer Dinge und Personen mehr. Unser Neurochirurg verlässt sich mit-
hin grundlegend auf unsere drei bislang angeführten Formen von Wissen und Gründen:
visuelles Wissen; Knowing-How-Wissen; und Erfahrungswissen sowie die diesen Wis-
sensformen jeweils zugeordneten Formen von Gründen.
Stellen wir uns unseren Neurochirurgen vor Gericht vor, wo er sich für die Art seines
Eingriffs und gegenüber dem Verdacht auf einen Kunstfehler verantworten, das heißt:
die Weise seines Eingriffs begründen und rechtfertigen muss. Mit gutem Grund wird er
auch seine Erfahrung, sein Erfahrungswissen (das sich von einem bloß theoretischen
Lehrbuchwissen deutlich unterscheidet) und in diesem Sinne seine Erfahrungsgründe
ins Feld führen.
Doch wie genau ist die skizzierte Rolle des Erfahrungswissens und der Erfahrungs-
gründe angesichts der Tatsache zu denken, dass Erfahrungen haben und Erfahrungen
machen doch offenkundig von anderem Profil und Charakter sind als diskursiv Gründe
zu geben und zu akzeptieren oder nicht zu akzeptieren?
Auch hier kommt letztlich alles darauf an, den Raum der Begründungen und Recht-
fertigungen im engen Sinne sprachlich artikulierter, propositionaler und begrifflicher
Gründe zu erweitern, – in diesem Falle um den Bereich der Erfahrungsgründe, der
Gründe kraft Erfahrung. Erfahrungsgründe und der Rekurs auf sie sind oftmals allein
schon deshalb so wichtig für uns, weil wir als endliche Geister im Zuge der für uns
kennzeichnenden epistemischen Situation von einem Reich – sollte es so etwas denn
überhaupt geben – reiner und metaphysisch einzig seriöser letzter Wahrheiten und
Gründe systematisch abgeschnitten sind. Begründungen und Rechtfertigungen können,
es sei wiederholt, für uns stets nur Begründungen und Rechtfertigungen nach Men-
schenmaß, nicht nach Gottesmaß sein.
Daher auch können wir die Vielzahl gleichermaßen legitimer Erklärungen und
Gründe für ein bestimmtes Handeln nicht durch das Schütteln eines logischen Siebs
nach metaphysisch-letztinstanzlich guten und schlechten Gründen sortieren (oder gar
auf den einen und einzig seriösen Grund zurückführen). Das Beibringen ebenso wie das
278 Kolloquium 6 · Günter Abel

Akzeptieren von Gründen, überhaupt das Rechenschaftgeben, ist letztlich so kompli-


ziert wie der Mensch selbst.
Angemerkt sei an dieser Stelle, dass (nach dem Zusammenbruch sowohl des Logi-
schen Empirismus als auch der Monopolstellung des Wissenschaftlichen Realismus) das
Phänomen und der Begriff der Erfahrung heute zu den erneut klärungsbedürftigsten
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Phänomenen und Begriffen zählt. Evidenterweise ist eine solche Klärung überaus rele-
vant auch im Blick auf das, was im erweiterten und revidierten Raum des Begründens
und Rechtfertigens passiert und dort als relevant zählt. Was also genau ist Erfahrung?
Und was genau sind dann Erfahrungsgründe? Wie funktionieren sie? Was macht sie
warum für uns lebensweltlich, wissenschaftlich und künstlerisch so überaus wertvoll?

(4) Emotionale Gründe

Offenkundig können Emotionen (wie z. B. Angst, Freude, Abscheu, Traurigkeit, Eksta-


se, Wut, Eifersucht) kraft ihrer naturalistischen, des näheren ihrer neuro-physiologi-
schen Korrelate als Ursachen im Sinne der Naturkausalität bestimmtes Verhalten und
unwillkürliche Körperbewegungen hervorrufen. Peter wird (um ein einfaches Beispiel
zu geben) wütend und zerschlägt ein Fenster. Ebenso offenkundig jedoch können Emo-
tionen auch als Gründe sowohl für das Eintreten in als auch für die Deutung und die
Rechtfertigung von expliziten Handlungen und Gedanken fungieren, – und tun dies
faktisch auch in vielen Fällen sowie mit oftmals hohem Wirkungsgrad. Nicht etwa nur
ein Wunsch (als ein Beispiel aus dem Bereich propositionaler Einstellungen), sondern
auch eine Emotion kann Vater eines Gedankens oder einer Handlung sowie Grund im
Raum von deren Rechtfertigung sein.9
Emotionen können (wie im Alltag ebenso wie in der psychologischen Forschung
vielfältig belegt) organische Veränderungen auslösen und bewirken (z. B. Verkramp-
fung, Zittern, Erweiterung der Pupillen, Veränderungen in Atmung und Herzfrequenz).
Und offenkundig sind Emotionen relevant für menschliches unwillkürliches Verhalten
(wie dieses sich etwa in Körperbewegungen manifestieren kann). Emotionale Zustände
und Erfahrungen führen zu unterschiedlichen Bedeutungen, machen einen Unterschied,
einen Unterschied im Erleben ebenso wie im Verhalten. Wie aber sollten Emotionen
dann nicht auch explizite Handlungen (im engeren Sinne dieses Ausdrucks verstanden,
das heißt verbunden mit Absichtlichkeit und Freiwilligkeit) auslösen, erklären und im
Raum der Gründe rechtfertigen können?!
Emotionen sind für menschliche Personen nicht nur körperlich, nicht nur im psychi-
schen Erleben und nicht nur verhaltenssteuernd relevant. Sofern sie zur Organisation
unseres Welt-, Fremd- und Selbstverhältnisses beitragen, sind sie in sich (und nicht erst
in nachträglichen Deutungen) kognitiv relevant und können daher auch als Gründe

9 Für die in dieser Einleitung verfolgten Zwecke ist es nicht erforderlich, den Unterschied zwischen

bewussten (bzw. ins Bewusstsein tretenden) und unbewussten Emotionen sowie beider Verhältnis in den
Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.
Einführung 279

eine wichtige Rolle für und in Handlungen und Gedanken sowie in deren Rechtferti-
gungen spielen.
Emotionen sind nicht nur passivische Ergebnisse der Verarbeitung äußerer und in-
nerer Reize, die dann zum Beispiel als emotionale Erregungszustände auftreten und
beschrieben werden können. Emotionen sind zugleich auch überaus aktive Größen in
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der auslösenden Bewirkung, dem prozessualen Verlauf und bis hinein in die diskur-
siven und moralischen Begründungen und Rechtfertigungen unseres Handelns und
Denkens.
Im erweiterten und revidierten Raum der Gründe spielen Emotionen offenkundig
eine wichtige Rolle. Nur im engen Bild der Rede von diskursiv-rationalistischer und
inferentieller Begründung und Konklusion sollen Emotionen gleichsam »außen vor ge-
lassen« werden. Eine derartige (und im buchstäblichen Sinne zu verstehende) Ex-Kom-
munikation der Emotionen aus dem Raum der Gründe fordert jedoch einen bei weitem
zu hohen Preis: diskursiv-inferentielle Begründung droht zu einem in sich leerlaufenden
intellektuellen Exerzitium inferentieller Operationen zu werden, – ohne Sitz im Leben,
ohne lebensweltliche Verankerung, ohne Bodenhaftung.
Emotionen können nicht-inferentielle Rechtfertigungen für Handlungen liefern und
in vielen Fällen tun sie dies auch. Nach dem Grund seines Handelns befragt, gibt der
Mörder vor Gericht etwa seine Wut und Eifersucht an, die ihn dazu geführt habe,
Claudia zu töten. Hier einfach auf der Feststellung beharren zu wollen, dass diese Aus-
kunft und Beschreibung offenkundig nicht als eine diskursiv-rationalistische Begrün-
dung zählen könne, signalisierte im Blick auf das fragliche Phänomen offenkundig eine
intellektualistische Realitäts- und Lebensferne, die lebensweltlich nicht ungefährlich
ist.
Wohlgemerkt: der entscheidende Punkt ist hier nicht, ob sich emotionale Gründe in
einem erweiterten Raum der Begründungen und Rechtfertigungen halten und durchset-
zen können oder nicht. Ob sie es können, wird sich letztlich jeweils in der prozeduralen
Praxis und im Zuge der Präferenzierungen im Geben und Nehmen von Gründen selbst
entscheiden. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass Emotionen nicht bloß natur-
kausale Auslöser von Verhalten, sondern Gründe für das Eintreten in eine Handlung
ebenso wie für deren Erklärung und Rechtfertigung sein können. Emotionen spielen in
jeder umfänglichen Erklärung ebenso wie in jeder umfänglichen Rechtfertigung eine
nicht-eliminierbar wichtige Rolle.
Die Frage, ob sich Gründe auf naturalistische Ursachen zurückführen lassen, läuft
im Falle der Emotionen in den gegenwärtigen Debatten vor allem auf die Frage hin-
aus, ob Emotionen nichts anderes als neuro-physiologische Ereignisse oder ob sie dar-
über hinaus auch intentionale Ereignisse sind. Erklärtermaßen plädiere ich für letztere
These. Als mentale Zustände, Prozesse und Ereignisse entziehen sich Emotionen einer
rein kausalen Erklärung und sind (auf eine zugegebenermaßen erst noch auszubuchsta-
bierende Weise) intern mit Gründen verschränkt. Daher auch können sie eine wichtige
Rolle im Leben ebenso wie im Raum der Begründungen und Rechtfertigungen spielen.
Wären Emotionen lediglich naturalistische Wirkungen und Ursachen im Sinne der Na-
turkausalität, würden wir nicht verständlich machen können, dass sie eine so wichtige
280 Kolloquium 6 · Günter Abel

Rolle in unserem existentiellen und lebensweltlichen Dasein und damit dann eben auch
im erweiterten Raum der Gründe und Rechtfertigungen spielen.
Wie genau das Verhältnis von Gründen und Ursachen (auch im Verbund mit der
Frage nach dem Verhältnis von Emotion und Argumentation) zu denken ist, ist eine
nach wie vor offene Frage. Die Mechanismen der Interaktion von Emotion, Begrün-
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dung und Rechtfertigung zu klären, ist ein weiteres Desiderat gegenwärtiger philoso-
phischer Forschung. Bei der Bearbeitung dieses Desiderats ist auch zu beachten, dass
die Emotionen und die Rolle der emotionalen Gründe in einer engen Verbindung ge-
sehen werden müssen mit: (a) dem oben unter Punkt (3) beschriebenen Komplex des
Erfahrungswissens und der Erfahrungsgründe; (b) dem unter Punkt (1) beschriebenen
nicht-inferentiellen und visuellen bzw. sinnlichen Denken sowie den visuellen Kognitio-
nen und Gründen; und (c) dem unter Punkt (3) beschriebenen Knowing-How und den
knowing-how-basierten prozedural-praktischen Gründen.
Was den Titel und die Organisation unseres Kolloquiums (»Sprache, Zeichen,
Gründe«) angeht, so ist dem Auditorium natürlich längst schon deutlich geworden, wie
sich die Rollen verteilen und entlang welcher Schnittstellen die Referenten einen Dialog
anzuzetteln versuchen. Ich habe in meiner Einführung die Aufmerksamkeit vor allem
auf einige nicht-sprachliche Bewohner des erweiterten und revidierten Hauses der Epis-
temologie gelenkt und von dort aus für eine Erweiterung und Pluralisierung des Raums
der Gründe plädiert. Auf der Agenda steht damit auch das Desiderat einer Klärung des
Verhältnisses von sprachlichen und nicht-sprachlichen Gründen.
Robert B. Brandom wird in seinem Vortrag die Seite der Sprache und einige der
damit verbundenen modaltheoretischen Herausforderungen in den Vordergrund stel-
len. Er tut dies im Rahmen der von ihm entwickelten Philosophie der Sprache und
der Intentionalität, die in der Tradition des Pragmatismus steht und entlang der Frage
operiert, wie Bedeutung aus Gebrauch entsteht. Brandom trifft mit seinem auf die Mo-
dalitäten im Sprechen und Denken fokussierten Vortrag einen der spezifischen Kerne
der Thematik unseres Kolloquiums, die Frage nämlich, was unter modal-theoretischen
Gesichtspunkten im Raum der Gründe passiert, wenn Gründe gegeben und als norma-
tiv verbindlich akzeptiert werden. Es geht Brandom darum, die besondere Rolle der
Modalitäten in unserem explanatorischen und rechtfertigenden Gebrauch empirisch-
deskriptiver Konzepte zu explizieren.
Michael Tomasello gehört in den kleinen Kreis derjenigen Wissenschaftler, die zwar
außerhalb der Philosophie arbeiten, aber für die Philosophie überaus relevante Arbeiten
vorgelegt haben. Tomasello hat mit seinen Forschungen im Bereich der evolutionären
Anthropologie die Schnittstelle zwischen Wissenschaften und Philosophie nachdrück-
lich bereichert. Bezogen auf das Thema unseres Kolloquiums geht durch seine Schriften
die Frage nach den evolutionär-anthropologischen Mechanismen der Verhältnisse zwi-
schen Kommunikation, Kooperation, Kognition und Intentionalität.
Eine der für die Fragen unseres Kolloquiums relevanten Thesen von Tomasello be-
trifft den Zusammenhang von Zeichen, Kooperation und Kognition. Die These kann
wie folgt gefasst werden: Die menschliche sprachliche Kommunikation und Kognition
[und ich füge hinzu: die wir benötigen, um im engeren Sinne des Ausdrucks ›Gründe
Einführung 281

geben‹ und ›Gründe nehmen‹ zu können] ist aus der gestischen Kommunikation sowie
der kooperativen Einstellung zwischen Menschen [und ich füge hinzu: mithin aus dem
Gebrauch nicht-sprachlicher Zeichen und Gründe] hervorgegangen und beide (sprach-
licher und nicht-sprachlicher Zeichengebrauch und zugehörige Zeichen- und Interpre-
tationsgründe) sind intern miteinander verschränkt.
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Modal Expressivism and Modal Realism: Together Again1

Robert Brandom
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I. A Modal Expressivism

1. Kant saw that in addition to concepts whose principal use is to make it possible
for us to describe how things are, there are concepts that make explicit features of
the framework that makes such description possible. An important class of the frame-
work-explicating concepts (arguably the one that motivated this entire line of thought)
comprises alethic modal concepts, such as necessity and possibility. These express law-
ful relations between ground-level descriptive concepts, and mark the special status of
Newton’s laws, their lawfulness, by contrast to the status of merely contingent matters
of fact, the role played by statements of initial and boundary conditions for particular
applications of those laws. But it is not only in understanding the use of technical sci-
entific concepts that the modal concepts find application. The use of ordinary empiri-
cal descriptive concepts such as gold, and cat, and house, no less than the Newtonian
concepts of mass, force, and acceleration, is essentially, and not just accidentally, articu-
lated by the modality these modal concepts express.
It is because he believes all this that Kant calls modal concepts (among others) ‘pure’
concepts: categories. Pure concepts are a species of a priori concepts.2 The sense in
which we can think of them as available a priori that I want to focus on comprises
three claims. First, what they express are structural features of the framework within
which alone it is possible to apply any concepts, make any judgments, including ordi-
nary empirical descriptive ones. Second, in being able to apply any ground-level empiri-
cal concepts, one already knows how to do everything one needs to know how to do
in order to apply the categorial concepts. Finally, there are no particular empirical de-
scriptive concepts one must be able to apply in order to have implicit mastery of what
is expressed by categorial concepts such as the modal ones (though perhaps one must
have some descriptive concepts or other).

1 Copyright 2012 Robert B. Brandom.


2 That is, concepts available a priori. I take it that Kant’s standard usage of “a priori” is adverbial,
though this is not obvious since the Latin phrase is not grammatically marked as it would be in Ger-
man. Exactly what Kant means by the term ‘pure’ [rein], as it applies generically to reason, knowl-
edge, understanding, principles, concepts, and intuition is a complex and challenging question. There
seems to be some terminological drift across the species, and some wavering on how to classify particu-
lar examples. (The status of the crucial a priori principle that every alteration must have a cause, for
instance, is apparently variously characterized at [B3] and [B5].) Being available a priori is necessary,
but not sufficient [B3].

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