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AUFSÄTZE

Sandro Gaycken

Informationelle Selbstbestimmung
und narrativistische Rezeption
Zur Konstruktion informationellen Vertrauens
Durch die juristische und die technische Komplexität von Überwachung und Datenschutz
muss das die informationelle Selbstbestimmung herstellende sichere Wissen heute durch
Vertrauen ersetzt werden. Allerdings wird dieses Vertrauen nicht objektiv und rational,
sondern subjektiv und reduziert-rational gebildet. Dies ist eine folgenreiche Einschränkung,
da so die Voraussetzungen für gesellschaftlich breites informationelles Vertrauen variiert
werden und gegenwärtig kaum herzustellen sind.

1 Einleitung sen einbezogen werden können. Dies ist ge Akteure in rationaler Deliberation auf
aber durch die Natur der Regulierung eher der Basis objektiver Fakten agieren. Für
Die informationelle Selbstbestimmung eine Erschwernis als eine Erleichterung. den zu schützenden Durchschnittsbürger
ist zum problematischen Schutzziel ge- Die entsprechenden Rechtstexte sind eso- ist das jedoch nicht der Fall. Er oder sie
worden. Jeden Menschen in die Lage zu terisch formuliert, strukturell kompli- argumentiert emotional, beurteilt Reprä-
versetzen, zu wissen, wer was über ihn ziert und interpretationsoffen. Informa- sentanten nach Stereotypen, muss Fakten
oder sie weiß, damit das Verhalten sicher tionelle Selbstbestimmung ist also nicht heuristisch zusammenfassen und verfährt
ausgerichtet werden kann, ist nicht mehr ohne Weiteres über sicheres Wissen her- dabei in der Regel tendenziös auf seine ei-
möglich. Daten können nur noch in abge- zustellen. gene Position. Diese subjektive Perzeption
schlossenen Bereichen wie dem Arbeits- Neue Vorstöße schlagen daher vor, in- bestimmt konkrete Entscheidungen und
platz oder der eigenen Bank überblickt formationelle Selbstbestimmung über in- stellt allgemeinere Entscheidungshaltun-
werden. Was an weiteren Informationen formationelles Vertrauen zu generieren. gen her. Der Prozess lässt sich als „Selbst-
über Dataveillance [1] oder Surveillance Vertraut der latent und persistent über- erzählung“ charakterisieren. Menschen
bei informationstechnischen Aktivitä- wachte Bürger der Informationsgesell- erzählen sich selbst eine Sachlage und las-
ten im öffentlichen Raum generiert wird, schaft den ihn in seinen Datenschutzan- sen dabei fiktive Elemente oder Dynami-
entzieht sich weitestgehend der Möglich- gelegenheiten vertretenden Instanzen, ken einfließen. Diese tendenziösen Selbst-
keit der Kenntnis. Zu dieser Quantität kann er wieder selbstbestimmt handelt. erzählungen sind die Grundlage informa-
der Überwachung gesellt sich außerdem Das klingt plausibel. Tatsächlich ist dies tioneller Selbstbestimmung.
die Quantität des Datenschutzes. Für ei- auch der Mechanismus, aufgrund dessen Dieser Beitrag will diesen Zusammen-
ne vollständig informierte, also selbstbe- Menschen die Wahrnehmung von Rech- hang illustrieren. So können Defizite in
stimmte Entscheidung müssten dessen ten an Stellvertreter abtreten. Allerdings der Konstruktion der Idee des informatio-
Regulierungen in das Entscheidungswis- ist die informationelle Selbstbestimmung nellen Vertrauens aufgezeigt werden, und
ein besonderer Schutzgegenstand. Hier es können mögliche Lösungen für eine
Dr. Sandro muss eine gedankliche Haltung geschützt Rekonstruktion informationeller Selbst-
Gaycken werden. Betroffene sollen bar jedes Zwei- bestimmung unter den verschärften Be-
fels handeln können. Prinzipiell geht das dingungen reduziert rationaler Entschei-
ist Technik- und mittels Vertrauen, auch wenn es bei risi- dungshaltungen skizziert werden. Der
Sicherheitsforscher kobehaftetem Handeln ein besonders ho- Beitrag ist dazu in drei Abschnitte ge-
an der Freien hes Vertrauen braucht. gliedert: Zuerst wird das Konzept einer
Universität Berlin. Allerdings ist in diesem Zusammen- Bildung informationeller Selbstbestim-
Schwerpunkte seiner Forschung hang problematisch, wie Vertrauen gebil- mung durch informationelles Vertrau-
sind Cyberwarfare, Cybersecurity, det wird. Die Proponenten des informati- en beschrieben. Danach wird dieses Kon-
Sicherheit und Technik, Datenschutz onellen Vertrauens ebenso wie die Propo- zept mithilfe der Einsichten aus der redu-
sowie gesellschaftliche und ethische nenten vollständig wissensbasierter infor- zierten Rationalität kritisiert. Schließlich
Folgen der Informationstechnik. mationeller Selbstbestimmung sind bis- wird das Konzept des primär vertrauens-
E-Mail: lang davon ausgegangen, dass vernünfti- begründenden und sich reduziert rational

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komponierenden Modus der Selbsterzäh- on. Der heutige Umfang möglicher Über- Indem also die digital aufgerüstete Ge-
lungen beschrieben. wachung ist dagegen epochal vergrößert genwart gegenüber der komplexen und
und in seiner Substanz variiert. Die Tech- persistenten Möglichkeit der Überwa-
nologien werden global und oft anonym chung weder sicheres Wissen noch Regu-
2 Informationelle eingesetzt, der technische Entwicklungs- lierbarkeit bieten kann, muss informatio-
Selbstbestimmung durch stand ist höher und involviert eine Viel- nelle Selbstbestimmung auf der Basis „in-
zahl möglicher Daten, denn die Umwelt formationellen Vertrauens“ entstehen [8].
informationelles Vertrauen der Gegenwart ist informatisch und sen- Den Herstellern, Betreibern und Regulie-
soriell aufgeladen. So kann Überwachung rern der digitalen Welt muss beim Erhe-
Menschen, die unsicher sind, ob sie über- überall und permanent stattfinden. Ins- ben und beim Umgang mit Daten vertraut
wacht werden, passen ihre Entscheidun- besondere diese Ubiquität der Systeme ist werden. Die Abwesenheit der Option, sich
gen an, wenn sie Konsequenzen fürch- problematisch: „Es kann nun jeder Gegen- alle technischen Systeme im Detail anzu-
ten. Sie reagieren auf die erwarteten Er- stand unserer Mesosphäre zum medialen sehen, die Prozesse zu verstehen, die sozi-
wartungen ihrer Überwacher und ziehen Trägersystem werden. Physikalische Enti- alen Organisationen der Firmen und Da-
Konformität dem Konflikt vor. Dieser täten können mittels Sensoren wahrneh- tenverwalter verlässlich kennenzulernen,
„Panoptikum-Effekt“ wurde von Michel men, verfügen über ein Gedächtnis, kön- die Datenschutzverordnungen verschie-
Foucault in seinem Buch „Überwachen nen einander austauschen und haben Zu- denster Nationen und die internationa-
und Strafen“ systematisch vorgestellt [2]. ordnungsfähigkeiten“ [5, S. 99]. Außer- len Verträge zu transnationalen Rechts-
Die informationelle Selbstbestimmung ist dem sind die entstehenden Systeme oft verbindlichkeiten im Detail zu interpre-
eine Schutzregelung gegen diesen Effekt. noch durch „Aktionsautonomie und weit- tieren – um nur ein paar der notwendi-
Sie sichert dem Menschen ein Recht auf si- gehende Nichtwahrnehmbarkeit“ [ebd.: S. gen Bestandteile sicheren Wissens und re-
cheres Wissen über ihn betreffende Über- 178] gekennzeichnet. Sowohl der öffent- gulierenden Handelns zu nennen – lässt
wachung und folgende Eingriffsmöglich- liche wie der private Raum sind von der den Bewohnern der digitalisierten Welt
keiten zu, so dass Entscheidungen sicher neuen, ubiquitären Überwachung betrof- keine andere Wahl. Prima facie muss ein
angepasst und unangemessene Überwa- fen. Parallel dazu sind die Möglichkei- Ausweichen auf Vertrauen aber nicht ne-
chungen abgestellt werden können. So ten des sicheren Wissens und Regulierens gativ bewertet werden. Informationelles
werden Urteilsfreiheit und Handlungsau- epochal verringert. Die Ubiquität, Hoch- Vertrauen anstelle von sicherem Wissen
tonomie gewährleistet, die in einer Demo- technisierung, Globalität und Anonymi- und Regulieren muss die informationelle
kratie conditiones sine quibus non sind. tät der Überwachungssysteme erschwe- Selbstbestimmung nicht zwingend schwä-
Auch technisch vermittelte Überwa- ren den technischen Laien das Verständ- chen. Die Verlagerung ist zwar ein unsi-
chung muss der Regulierung durch die nis und den Eingriff erheblich [6]. Weder cherer Schritt. Können Konformität und
informationelle Selbstbestimmung un- Einzelpersonen noch nationalstaatlich re- Kontinuität der vertrauensgründenden
terzogen werden, denn auch sie kann pa- gulierende Behörden sind noch in der La- Erwartungen an technische Funktionen
noptische Effekte auslösen. Die Überwa- ge, die Vielzahl der Maßnahmen zu erfas- sowie an die Fähigkeiten und die Integri-
chungsforschung hat zwar spezifische Be- sen und zu adressieren. tät der Vertrauensnehmer aber erfolgreich
dingungen dafür festgehalten. Die Über- Die Situation ist – mit einem Wort – über die Zeit garantiert werden, wird das
wachung muss personalisierbar sein, sie komplex. Das betrifft die informationelle anfangs tentative Vertrauen als zuverläs-
muss bekannt sein, es muss zu befürch- Selbstbestimmung. Kann in einem Hand- sig wahrgenommen. Das sichere Wissen
ten sein, dass sich real beobachtende Men- lungskontext durch dessen Komplexität über die Zuverlässigkeit der Vertrauens-
schen dahinter befinden, und es müssen kein vollständiges und sicheres Wissen nehmer ersetzt dann das unsichere Wis-
intensive persönliche Konsequenzen zu über die möglichen Konsequenzen des sen über die von ihnen verwalteten Sach-
befürchten sein [3]. Sind diese aber in der Handelns erreicht werden, muss eine in- lagen. Urteilsfreiheit und Handlungsauto-
Wahrnehmung der Überwachten prä- tuitive Abschätzung des Risikos stattfin- nomie sind dann wieder hergestellt.
sent, wirkt die technische Überwachung den. Dieser intuitive Prozess selbst ist ein So weit gehen auch die Thesen der Pro-
unmittelbar manipulativ. Für Kameras impliziter Vorgang auf der Basis implizi- ponenten informationellen Vertrauens,
im Geschworenenraum etwa konnten ten Wissens, der einer introspektiven Be- die in Folge dieser Einsichten Forderun-
Abramovsky und Edelstein entsprech- obachtung nicht zugänglich ist. Erst das gen für eine Verbesserung des Daten-
ende Effekte feststellen: „Jurors may cen- Ergebnis ist wieder erfahrbar: Vertrauen. schutzes stellen. Verlässliche Technolo-
sor themselves to avoid appearing soft on Vertrauen erscheint als emotionales Re- gien müssen entwickelt und eingekauft
crime, to avoid perceived alignment with sultat intuitiver Risikoabschätzung und werden, Institutionen müssen gestärkt,
unpopular social or political opinion, or empfiehlt Handlungen als durchführbar Experten müssen mit Möglichkeiten für
simply because they fear appearing fool- oder lehnt sie – in der Variante des Miss- sicheres Wissen und vollständige und
ish on television” [4]. trauens – als undurchführbar ab. In dieser wirksame Regulierung ausgestattet wer-
Zum Zeitpunkt der Formulierung Form wird Vertrauen durch die Vertrau- den [9].
der informationellen Selbstbestimmung enstheorie bestimmt. Luhman: „[Bei Ver-
herrschte allerdings ein anderer Entwick- trauen] handelt es sich um eine Ersatzfor-
lungsstand der technischen Überwa- mel für das Ursprungsproblem der Kom-
chung. Nur eine einzelne, verständliche, plexität. Vertrauen ist und bleibt ein Pro-
lokalisierbare und juristisch adressierba- blem. Komplexität ist ein nicht-hintergeh-
re Maßnahme stand damals zur Diskussi- bares Risiko“ [7, S. 29].

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3 Reduziert-rationale eher wahrzunehmen und zu erinnern der Faktenlagen bildet sich so aus, so
Vertrauensbildung als widersprechende. Die eigenen Wer- dass über die Zeit gesammelte Fakten-
te strukturieren so die eigene Wahrneh- lagen wieder reduziert rational zusam-
Die damit suggerierte Sicherheit ist jedoch mung. mengefasst werden müssen.
trügerisch. Das Problem: Die Verfechter ƒ Repräsentativitätsheuristik ƒ Kontinuität
informationellen Vertrauens gehen von Sind Personen in die handlungsprakti- Die Bildung einer Haltung ist kontinu-
einem fehlerhaften Bild von Vertrauens- schen Kontexte involviert, werden die- ierlich. Zu berücksichtigende Fakten
bildung aus. Vertrauen soll über objekti- se häufig anhand einiger zugänglicher werden miteinander verbunden und
ve, rationale Vertrauensentscheidungen Merkmale einer subjektiven Personen- zueinander in möglichst widerspruchs-
gebildet werden. Tatsächlich sind die ent- kategorie, einem Stereotyp zugeordnet freie Verhältnisse gesetzt. Diese Ver-
sprechenden Entscheidungen zu Vertrau- (auch „Halo-Effekt“ genannt). Diesem bindungen werden selbst reduziert ra-
en aber eben risikobehaftet, stehen unter Stereotyp werden typische Intentionen tional operieren. Sie werden tendenzi-
Komplexität und damit unter notwendig und Möglichkeiten unterstellt. Beurtei- ös vereinfachen.
hoher Unsicherheit. Für derartige Ent- lungen von Handlungen oder Erwar- ƒ Unspezifität
scheidungen kommt ein eigener Typ von tungen dieser Person verlaufen also eher Entscheidungshaltungen werden durch
Rationalität zur Geltung. Das Konzept nach den eigenen Erwartungen an den spezifische Ereignisse modifiziert, sind
der „reduzierten Rationalität“ muss ange- Stereotyp als nach den realen Äußerun- allerdings folgend für eine möglichst
wandt werden. Herbert Simon [10] sowie gen und Handlungsweisen der Person. breite Applikation unter geringem epi-
Amos Tversky und Daniel Kahneman [11] Für die Beurteilung komplexer, risiko- stemischem Aufwand stärker unspezi-
haben diese Idee entwickelt. Sie konnten behafteter Situationen sind also medial fisch gespeichert. Eine komplexe spezi-
feststellen, dass Akteure bei Entscheidun- präsente Geschichten, eigene, vorgefass- fische Situation, die etwa das Verhalten
gen unter Risiko und unsicherem Wissen te Meinungen und Werte sowie Stereoty- eines Akteurs abbildet, wird so in eini-
eher vorsichtig und – im Sinne dieser Vor- pe entscheidend. Sie lösen die objektiven ge wenige einfache Zusammenhänge
sicht – tendenziös vereinfachend verfah- Fakten, die empirisch realen Bemühungen zusammengefasst, die gespeichert und
ren. Mit anderen Worten: Wird das Den- und Personen in der Beurteilung zu gro- folgend stärker situationsunabhängig
ken überfordert, greift es auf heuristische ßen Teilen ab. für annähernd analoge Verhältnisse neu
Maßnahmen zurück und lässt ein zusätz- Das Konzept der reduzierten Rationa- appliziert werden können.
liches, subjektivierendes Maß an Umsicht lität ist allerdings noch nicht unmittelbar ƒ Dynamik
walten. Zentral konnten vier Effekte fest- anwendbar auf das informationelle Ver- Eine Entscheidungshaltung extrapo-
gestellt werden. trauen. Es beschreibt die spontane Gene- liert dynamische Zukunftserwartun-
ƒ Ankereffekt se einer situationsspezifischen Entschei- gen an die weitere Entwicklung ausge-
Zahlen oder Fakten, die vor einer Ent- dung. Vertrauen dagegen muss als eine wählter Probleme. Sie entwickelt nicht
scheidung gehört wurden – unabhängig unspezifische Entscheidungshaltung be- nur Annahmen und Verbindungen da-
davon, ob im Kontext dieser Entschei- trachtet werden, die langfristig gebildet rüber, wie die betreffenden Dinge sind,
dung oder nicht – beeinflussen das Wis- wird und die flexibel auf verschiedene sondern auch darüber, wie die Dinge in
sen, das für diese Entscheidung heran- Entscheidungssituationen anwendbar ist. Zukunft sein werden. Dies geschieht im
gezogen wird. Sinne einer Einrichtung flexibler, zu-
ƒ Verfügbarkeitsheuristik kunftsgerichteter Entscheidungskapa-
Urteile werden von im Gedächtnis be- 4 Selbsterzählungen als zitäten.
sonders präsenten Fakten überlagert. Entscheidungshaltungen Diese vier Rahmenfaktoren sollen die
Ereignisse, an die man sich leicht er- langfristige Bildung einer Entscheidungs-
innert, scheinen wahrscheinlicher und Während sich Entscheidungen als situa- haltung gegen die konkret-situative Bil-
häufiger als Ereignisse, an die man sich tionsbedingt gebildete kognitive Hand- dung einer Entscheidung abgrenzen.
nur schwer erinnert. Auch nicht selbst lungen auffassen lassen, sind Entschei- Bezieht man nun die Effekte der redu-
erlebte, sondern vermittelte Erfahrun- dungshaltungen als thematisch gebunde- zierten Rationalität auf die Zusatzbedin-
gen können so wirken. So können ins- nes, von konkreten Situationen unabhän- gungen, lassen sich für die Formation von
besondere medial besonders häufig und giges Hintergrundwissen zu konzipieren. Entscheidungshaltungen folgende Effek-
deutlich vermittelte negative Ereignis- In der nun zu erläuternden Formation die- te postulieren:
se das Urteilen nachhaltig beeinflussen. ses Hintergrundwissens werden die Prin- ƒ Kontrastverstärkung
Negative Ereignisse, also Ereignisse mit zipien der reduzierten Rationalität grei- Aus bereits tendenziös aufgenommenen
einem hohen Risiko auch für das eige- fen. Eine Faktenselektion und -einord- Fakten werden über die Zeit die Rich-
ne Handeln, werden außerdem zusätz- nung wird stattfinden. Außerdem sollen tungen der Tendenzen weiter verstärkt,
lich leichter erinnert. die folgenden Zusatzbedingungen berück- indem nur die Fakten erinnert bleiben,
ƒ Bestätigungstendenz sichtigt werden: welche die eigene Meinung am besten
Hat man in Bezug auf bestimmte hand- ƒ Langfristigkeit bestätigen. So wandeln sich wertmäßi-
lungspraktische Kontexte feste Meinun- Die Bildung einer Entscheidungshal- ge Grauzonen stärker in Schwarz-Weiß-
gen oder Ideen erreicht, bleibt man ger- tung ist ein langfristiger Prozess. Eine Kontraste. Zudem können tendenziöse
ne dabei und lässt sich nur ungern das längere Reihe von Fakten muss also be- Fakten über- respektive untertrieben
Gegenteil beweisen. Das führt zu ei- rücksichtigt werden. Eine eigene Kom- werden. Bei Weitererzählungen kann
ner Tendenz, bestätigende Ereignisse plexität möglicher zu berücksichtigen- es so zu „Stille Post“-Effekten kommen.

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Kontrastverstärkung wird holistisch be- teilkonstitutiv für die Bildung von Ver- oder Relationen festgemacht. Außer-
grenzt. Das Ganze der Werteinstellun- trauenstreuhänderstereotypen. Funk- dem werden Extrapolationen einer Zu-
gen wirkt auf die einzelnen Werteinstel- tionalität kann Technologien etwa un- kunft durch Kontrastverstärkung häu-
lungen so, dass keine groben Inkonsis- terschiedlich stereotyp zugeordnet wer- fig stärker negativ oder positiv gesehen.
tenzen zwischen Einzeleinstellungen den, je nachdem, ob sie billig oder teuer Insgesamt sind damit Zukunftserwar-
entstehen. sind, ob sie von bestimmten Herstellern tungen im Vergleich zu möglichen ob-
ƒ Stereotypisierende Fragmentierung produziert sind oder ob sie unter be- jektiven Risikobeurteilungen deutlich
Vertrauen richtet sich als situationsun- stimmten Kontrollen stehen. Personen dramatisiert.
abhängige Erwartungshaltung nicht an schließlich können ganz unterschied- Diese Effekte sind intrinsisch erfahrbar.
Vorstellungen von konkreten Gesamtsi- lich beurteilt werden, je nachdem, als Dass Vertrauen objektiv gebildet wird,
tuationen. Vertrauensgegenstände sind was die Person bekannt ist, also wel- ist also nicht anzunehmen. Eher wird zu
eher einzelne ideale Bestandteile oder cher Gruppe, Institution oder welchem spezifischen Problemlagen eine individu-
spezifische, partielle Relationen mög- Wertesystem diese Person zugeordnet ell gefärbte und sich selbst erzählte Ge-
licher Situationen. Diese idealen Be- wird. Neben Personenstereotype wer- schichte mit fiktiven Expansionen in die
standteile und Relationen sind Stereoty- den auch Relationsstereotype zwischen Breite oder in die Zukunft berichtet: eine
pe, die also im Rahmen dieser Division spezifischen Relata gebildet. „Selbsterzählung“.
als Vereinfachungen von Personen, In- ƒ Zukunftsgerichtete Dramatisierung Dieses Element der Konstituierung der
stitutionen, Gegenständen oder Prozes- In Entscheidungshaltungen involvier- Entscheidungshaltung durch eine spezi-
sen nach typischen Reaktionsmerkma- te Problemlagen werden nicht nur nach fisch fiktiv überhöhte, selbsterzählte Ge-
len gebildet werden. Diese heuristische vergangenen Episoden beurteilt, son- schichte kann mit einem literaturwissen-
Dynamik führt später zum Effekt der dern auch nach einem individuell ext- schaftlichen Begriff des Autors Terry Prat-
Repräsentativitätsheuristik. Die Ein- rapolierten Bild zur dynamischen Ent- chett näher gefasst werden: das „Narrati-
schätzung der Stereotype wird durch wicklung der Problemlage in der nahen vum“. Mit dem „Narrativum“ beschreibt
Vertrauensparameter beeinflusst. Ver- oder mittleren Zukunft. Auch hierbei Pratchett die Erwartungshaltung von
schiedene kulturell vermittelte oder sind die Effekte der reduzierten Rati- Menschen, dass sich reale Ereignisse wie
persönlich gemachte Erfahrungen mit onalität formbestimmend. Gemäß der Geschichten eines typischen Romans ent-
Funktionen, Fähigkeiten oder Absich- individuellen und kulturellen Vorein- wickeln. Für die Einführung des Begriffs
ten verschiedener Typen von Technolo- stellungen werden Entwicklungen ver- in diesen Kontext ist bezeichnend, dass
gien, Menschen und Institutionen sind einfacht und an zentralen Akteuren fiktive Welten häufig gerade eine im Sin-

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ne der reduzierten Rationalität geformte 5 Informationelle lerdings keine Rede sein. Es ist also frag-
heuristische Darstellung der realen Welt Selbstbestimmung und lich, ob diesem Teil der Bevölkerung noch
sind. Riskante Personen und Ereignisse ausreichend informationelle Selbstbestim-
in typischen fiktiven Welten entwickeln
narrativistische mung zugestanden werden kann.
sich entlang der indizierten Merkmale der Selbsterzählungen Diese Einsicht muss die Aufmerksam-
Formation einer Entscheidungshaltung. keit des Diskurses auf andere Dinge len-
Es gibt klare Kontraste, klare Stereoty- Die Beobachtungen zur narrativistischen ken. Die von den Theoretikern informa-
pe, nur relevante und zusammenhängen- Formation von Hintergrundwissen sind tionellen Vertrauens als zentral erachte-
de Fakten werden erzählt und die Hand- unmittelbar relevant für die informatio- ten Konstruktionen der Experten und In-
lung wird zum Ende dramatischer. Rei- nelle Selbstbestimmung. Denn auch infor- stitutionen des Datenschutzes werden se-
che und Mächtige sind egozentrisch, bru- mationelles Hintergrundwissen als Ent- kundär und fallen hinter die Lösung des
tal und pompös, die Armen sind gut, und scheidungshaltung gegenüber informa- Konflikts zwischen der narrativistischen
der Ritter trägt weiß, rettet die Welt. tionellen Entscheidungen wird sich über Wahrnehmung der Zuverlässigkeit und
Typische Romane entsprechen also der narrativistische Selbsterzählungen struk- der Möglichkeiten der Vertrauensnehmer
Langzeit-Einschätzung von Realität ent- turieren. Es ist stets zu Teilen eine simp- mit der narrativistischen Wahrnehmung
lang der reduzierten Rationalität. Der Be- lifizierte, subjektiv verzerrte Vorstellung, ihrer Unzuverlässigkeiten und Unmög-
griff des Narrativums beschreibt so eine die außerdem durch soziokulturelle Hal- lichkeiten zurück.
allgemein anzusetzende Erwartungshal- tungen gegenüber den involvierten Stereo-
tung gegenüber der Welt, die dazu führt, typen und durch medial präsente Ereig-
dass wahrgenommene Fakten zu Erzäh- nisse geprägt sein wird. Literatur
lungen verarbeitet werden. Man macht Ab jetzt steht der Datenschutz nicht
[1] Clarke, R. (1988), “Information Technology and
sich also kein objektives Bild von der mehr gut da. Obwohl sein erklärter
Dataveillance”, in: Dunlop & Kling, Communi-
Wirklichkeit. Man erzählt sie sich wie ei- Hauptzweck die Wahrung der informati- cations of the ACM, Vol. 31 No.5, New York.
nen (in der Regel billigen) Roman. onellen Selbstbestimmung ist, muss er als [2] Foucault, M. (1994), Überwachen und Strafen.
Ein Hintergrundwissen wird also durch ineffizient bewertet werden. Denn die so- Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am
„narrativistisch“ geprägte Selbsterzäh- ziokulturell und medial existierenden in- Main.
lung formiert. Diese Erzählungen sind formationellen narrativistischen Selbst- [3] Wood, D. (2003), “Foucault and Panopticism
„Wirklichkeitserzählungen“ [12]. Sie ent- erzählungen suggerieren nicht in ausrei- Revisited (Issue)”, in: Surveillance & Society 1
halten faktuale Anteile, treten mit objek- chender Weise ein adäquates Maß an Kon- (3), S. 234-239.
[4] Abramovsky, A. & Edelstein, J. (1996), “Cam-
tivem Geltungsanspruch auf und wollen trolle seitens der Verwalter. Nur in Sub-
eras in the Jury Room – An Unnecessary and
eine wahre Geschichte wiedergeben. Re- kulturen mit hohen Meinungen zu mo- Dangerous Precedent”, in: 28 Ariz. St. L. J. 865.
aliter gilt dies aber nur eingeschränkt. ralischen Standards potentieller Überwa- [5] Wiegerling, K. (2010), Philosophie intelligenter
Während reine Faktizität für professio- cher und mit grundlegendem Vertrauen Welten, i.E.
nell erstellte Fachtexte gelten kann, gilt und Wohlwollen den involvierten Stereo- [6] Gaycken, S. (2007), “Counter-Development”,
für (unprofessionelle) Selbsterzählungen typen wie Politikern, Unternehmern, Po- in: International Journal of Technology,
aufgrund der genannten Merkmale, dass lizisten und Anwälten gegenüber gibt es Knowledge and Society, Vol. 2/1, Cambridge.
[7] Luhmann, N. (1968), Vertrauen, Stuttgart.
trotz Einbindung einer faktualen Situati- einen möglicherweise ausreichenden Ver-
[8] Klumpp, D. et al (2008), Informationelles Ver-
on zu Teilen die Schilderung einer mögli- trauensvorschuss für den Datenschutz. trauen für die Informationsgesellschaft, Ber-
chen Welt, nicht die einer faktischen Welt Andere diesen Relata gegenüber eher neu- lin.
vorliegt. Diese besondere Mischform aus tral oder negativ eingestellte Subkulturen [9] Kubicek, H. (2008), „Vertrauen durch Sicher-
fiktiver und faktualer Erzählung kann als dagegen werden entweder von sich aus, heit – Vertrauen in Sicherheit“, in: Klumpp, D.
„narrativistische Selbsterzählung“ geführt spätestens aber durch die eindeutig nega- et al, Informationelles Vertrauen für die Infor-
werden. tiv belasteten medialen Erzählungen ein mationsgesellschaft, Berlin.
Vertrauensdefizit aufweisen. Denn zu ei- [10] Simon, H. (1959), „Theories of decision mak-
ing in economics and behavioural science”,
nem erfolgreichen Datenschutz auch für
in: American Economic Review, Vol. 49, No. 3,
diese Gruppen müssten eine kontinuier- S. 253 – 283.
liche Abwesenheit von Negativschlag- [11] Tversky, A. & Kahneman, D. (1974), “Judgment
zeilen zu Überwachungsfällen und ei- under uncertainty: Heuristics and biases”, in:
ne kontinuierliche Anwesenheit von Po- Science 185, S. 1124-1131.
sitivschlagzeilen zur Effizienz des Daten- [12] Klein, C. & Martinez, M. (2009), Wirklichkeits-
schutzes garantiert sein. Davon kann al- erzählungen, Stuttgart.

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