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Doktor Miez: Das verschwundene


Sumselschaf
Eine Geschichte geschrieben und illustriert von Walko, erschienen bei
arsEdition.
Määh ist verschwunden!
In der schönen Sumselau stand am Ufer eines kleinen Baches inmitten eines

duftenden Gartens eine wunderhübsche Villa.

Jeder Sumsler war schon oft über die kleine Brücke gelaufen oder durch den

Sumselbach geschwommen, um den Bewohnern der Villa einen Besuch

abzustatten.

Die Villa Apfelbaum war nämlich das Zuhause von Doktor Miez und Joschi.

Wie man sich leicht denken kann, war Doktor Miez der Arzt in der Sumselau

und Joschi war sein guter Freund und Assistent.

An einem schönen, sonnigen Morgen sumselte das große Sauseschwein mit

Igsi, dem Igel, auf dem Rücken über die schmale Brücke.

Doktor Miez war schon im Kräutergarten und pflückte fleißig Salbeiblätter.

„Das wird ein prima Hustensaft“, murmelte er zufrieden.

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Soeben kam Joschi dahergeschlurft. „Wauuudi, Dok. Sauseschwein und der

Igel sind gerade gekommen“, brummte er und gähnte.

„Guten Morgen, Joschi! Lass sie ruhig noch ein bisschen warten“, meinte

Doktor Miez. „Und ein wenig Fenchel gegen Pupsen brauch ich auch noch“,

murmelte und schnippelte ein paar Stängel ab.

„Wenn wir heute nur zwei Patienten haben, könnten wir vielleicht nachher zum

See sumseln und dort picknicken und ein wenig faulenzen … was sagst du

dazu, Joschi?“, fragte er dann.

Da war Joschi sofort putzmunter. „Wauhuuu!“, rief er erfreut. „Dann hol ich die

beiden sofort herein!“ Er lehnte sich über den Zaun, ließ einen gellenden Pfiff

los und rief laut: „Der Nächste, bitte!“

Gleich darauf sumselte Sauseschwein mit Igsi auf dem Rücken in den

Kräutergarten. Doktor Miez tätschelte ihm freundlich den Hals. „Na, wo tut’s

denn weh?“, fragte er.

„Mein Rücken sticht wie verrückt“, grunzte das Schwein. „Soso“, sagte Doktor

Miez und Joschi lupfte Igsi in die Höhe.

„Ah, ja“, brummte der Doktor, als er die Bescherung sah. Der Rücken war ein

wenig aufgerubbelt, dort, wo Igsi immer saß. „Ich muss dich leider sofort

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operieren!“

„Waaas?“, quiekte Sauseschwein erschrocken. „War nur Spaß“, lachte Doktor

Miez. Er fischte eine Tube Arnikasalbe aus seiner Manteltasche und rieb die

wunde Stelle vorsichtig damit ein.

Dann holte er noch eine kleine Decke und legte sie auf Sauseschweins

Rücken. „So, das war’s!“, rief er und Joschi setzte Igsi mit Schwung

obendrauf.

„Ich spüre ja schon gar nichts mehr“, grunzte Sauseschwein erstaunt. „Du bist

wirklich der beste Arzt, den ich kenne, Doktor Miez!“ „Danke sehr!“, sagte

Doktor Miez.

„Und wie kann ich dir helfen, Igsi?“, fragte er den Igel. „Wie bitte?“, rief Igsi.

„Was fehlt dir?“, fragte Joschi. „Nein, nein!“, grunzte Sauseschwein. „Er hat

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nichts verloren. Er hört nur zu wenig!“

„Ach so“, murmelte Doktor Miez und schnappte sich sein Otoskop für eine

genaue Ohren-Untersuchung.

In diesem Moment raschelte es am Zaun, dann schaute Plappergei zu ihnen

herein. „Ahoi, Matrosen!“, krächzte er. „Määh ist seit gestern verschwunden!

Sie sieht ja so schlecht und hat sich bestimmt irgendwo verlaufen!“

„Wir haben leider gerade wenig Zeit“, erklärte Joschi.

„Dass Määh schlechte Augen hat, ist mir neu“, sagte Doktor Miez. „Wir

müssen sie sofort suchen gehen! Deine Ohren sehen wir uns später an, Igsi“,

fügte er hinzu.

„Aber wir wollen doch zum See!“, rief Joschi. „Das kann warten“, sagte Doktor

Miez. „Bestimmt ist Määh nur bei einem anderen Sumsler zu Besuch und

vielleicht ist sie inzwischen auch schon wieder zu Hause. Aber wir müssen

sicher sein, dass es ihr gut geht.“

Murrend holte Joschi das Ökomobil, und schon machten sie sich auf ins nahe

Sumseldorf, wo Määh und ihre Freunde wohnten.

Joschi, Doktor Miez und Plappergei kutschierten mit dem Ökomobil voraus

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und Sauseschwein sauste mit Igsi so schnell es ging hinterher.

Määhs Hütte, direkt hinter Plappergeis Pfahlhäuschen, war leer.

„Hab ich ja gesagt, sie ist verschwunden!“, krächzte Plappergei.

„Vielleicht ist sie beim Marsmännchen und schaut ihm beim Erfinden zu“,

murmelte Doktor Miez.

„Ja, ganz bestimmt ist sie dort. Dann können wir jetzt ja zum See fahren“, rief

Joschi. „Nur mit der Ruhe, zum See kommen wir noch früh genug. Zuerst

suchen wir Määh!“, sagte Doktor Miez.

Alle suchen Määh!


Marsmännchen stand wie meistens in seiner Werkstatt und bestaunte gerade

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seine neueste Erfindung. Da kamen Doktor Miez, Joschi und Plappergei zur

Tür herein und hinterdrein folgten schnaufend und quietschend

Sauseschwein und Igsi.

„Wauuudi, Marsmännchen! Ist Määh bei dir?“, rief Joschi.

„Nein, das hätte ich bestimmt bemerkt“, antwortete Marsmännchen und

kratzte sich am Kopf. „Vielleicht ist sie ja bei Kroko?“, fügte es hinzu.

„Das könnte sein“, murmelte Doktor Miez. „Was kann dein neues Dingsbums

denn?“ „Weiß ich noch nicht“, meinte Marsmännchen. „Aha“, sagte Doktor

Miez. „Kommst du mit uns?“ Da kam Marsmännchen gleich mitsamt seinem

Dingsbums mit.

Kroko wohnte um die Ecke beim kleinen Tümpel. Alle hielten Ausschau nach

ihr, doch sie war nirgends zu sehen. „Sollen wir jetzt auch noch Kroko

suchen?“, schimpfte Joschi.

Während sich die Freunde ratlos umschauten, schlich sich das Krokodil leise

von hinten heran. Dann sprang es mit einem wilden „GGRRRRRRRRRR!“ aus

dem Wasser.

Außer Igsi, der ja nichts hörte, zuckten alle leicht zusammen.

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„Ah, da bist du ja, Kroko!“, rief Doktor Miez und tätschelte Krokos lange

Schnauze. „Weißt du, wo Määh ist?“, fragte Joschi. „Ich weiß nicht“, lispelte

Kroko.

Sie war stinksauer, weil nie jemand fürchterlich vor ihr erschrak, so wie man

das als Krokodil eigentlich erwarten konnte.

Sie kam aber trotzdem mit zu Löbe, um mit den anderen nach Määh zu

suchen. Löbe war nicht in seinem Wohnwagen, doch Sauseschwein

entdeckte ihn auf dem Baum. „Was machst du da oben, Löbe?“, grunzte es.

Löbe wäre lieber nicht entdeckt worden. Er war nämlich hinaufgeklettert und

wusste gerade nicht, wie er wieder heil nach unten kommen sollte.

„Ich schau mir die Gegend an!“, rief er. „Ist Määh auch da oben?“, fragte

Joschi. „Nein!“, rief Löbe zurück. „Dann komm runter und hilf uns, Määh zu

finden“, knurrte Joschi ungeduldig. „Jetzt nicht“, gähnte Löbe. „Ich komm

dann runter, wann ich es will.“

„Mach’s einfach zum Spaß„, schlug Marsmännchen vor. „Löwen sind keine

Spaßvögel“, schnaubte Löbe. Da verlor er das Gleichgewicht. Wie eine

Pflaume plumpste er vom Baum und landete rumsti-bumsti in den Büschen.

Schnell untersuchte Doktor Miez ihn, aber zum Glück fehlte Löbe überhaupt

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nichts.

„Ich hab Määh gestern Abend zum grünen Hügel sumseln sehen“, sagte er.

„Aber zurücksumseln hab ich sie nicht gesehen!“

„Dann müssen wir ja nicht mehr weitersuchen“, freute sich Joschi. „Sie

besucht bestimmt Verwandte und kommt bald zurück!“

„Ja, bestimmt!“, riefen Marsmännchen, Kroko und Sauseschwein und nickten

erfreut. Der Igel schaute nur, denn er hatte nichts von all dem verstanden.

Doch Plappergei und Doktor Miez schüttelten die Köpfe. „Määh ist ein

Sumselschaf und hat gar keine Familie außer uns“, rief Doktor Miez. „Es ist ihr

womöglich etwas zugestoßen, und deshalb müssen wir jetzt zum grünen

Hügel!“ „Stimmt genau, Matrosen!“, krächzte Plappergei.

Die anderen Sumsler schauten eine Weile nachdenklich drein, dann nickten

sie. „Na, von mir aus“, brummte Joschi. „Dann machen wir das eben!“

Auf zum grünen Hügel


Der grüne Hügel war nicht weit entfernt, aber auch nicht ganz nah. Die

Freunde mussten über den Zaun und dann nach links, durchs hohe Gras, zur

Steinmauer. Dann über die Mauer durchs Löwenzahnfeld und von da an

immer bergauf.

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Es war ein heißer Tag und schon bald fingen alle an zu schwitzen.

„Was könnte Määh denn Schlimmes passiert sein, Dok?“, fragte

Sauseschwein.

„Sie könnte sich zum Beispiel verirrt haben und immer im Kreis laufen“,

meinte Doktor Miez. „Ihr wisst ja, wie zerstreut sie manchmal ist.“ „Oh ja!“,

riefen alle.

„Oder sie könnte sich ein Bein verstaucht haben!“, sagte Doktor Miez.

„Auweeeeeh“, murmelten alle.

„Oder gar noch Schlimmeres!“, krächzte Plappergei. Da schauten alle ganz

erschrocken.

„Aber zum Glück gehen wir sie ja jetzt bei dieser Affenhitze suchen“, brummte

Joschi. Da mussten alle lachen und fassten gleich wieder Mut.

„Wir könnten nach ihr rufen!“, schlug Doktor Miez vor. „Genauuuu!“, grunzte

Sauseschwein.

„Määh ... Määäh ... Määäähh!“, riefen, grunzten und krächzten alle, so laut sie

konnten. Blökend, wie eine Schafherde sumselten die Freunde den Hügel

hinauf, am Birkenwäldchen und den Nussbäumen vorbei und zwischen den

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bemoosten Felsbrocken hindurch. Doch es kam keine Antwort.

Die Hügelbewohner, die sie trafen, waren froh, dass die Sumsler keine Schafe

waren, die ihren grünen Hügel kahl fressen wollten. Ja, gestern sei ein

Sumselschaf hier vorbeigekommen, sagten sie. Aber mehr wussten sie leider

auch nicht.

In dem kleinen Wäldchen ganz oben fanden die Freunde eine Spur, die von

Määh sein konnte, aber schon bald verlor sie sich wieder. „Nur mit der Ruhe,

ihr Sumsler, wir finden sie schon“, versicherte Doktor Miez.

Auf der anderen Hügelseite war es sehr sumpfig. Hie und da blieb ein

Sumsler im Schlamm stecken, doch dann halfen ihm die anderen mit

vereinten Kräften aus der Patsche.

Nach dem Sumpf kamen Disteln und Brennnesseln. Sauseschwein hatte eine

dicke Haut, deshalb raste es mit Volldampf mitten hindurch und bahnte einen

Weg für die Freunde.

Nur um die stacheligen Dornenhecken machte selbst das Schwein einen

großen Bogen.

Schließlich hatten sie auch diese Seite des Hügels abgesucht. Keine Spur von

Määh! Schwitzend standen sie am Fuß des Hügels am gluckernden

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Sumselbach.

„Määh ist ziemlich wasserscheu. Weiter als bis hierher ist sie bestimmt nicht

gegangen“, sagte Doktor Miez. „Weiter pack ich’s auch nicht mehr“, brummte

Joschi und gähnte. „So wahr ich der König der Tiere bin … ich geh auch nicht

weiter“, murmelte Löbe und gähnte ebenfalls. Daraufhin gähnten alle, sogar

Igsi.

„Dann stärken wir uns jetzt und suchen nachher weiter“, schlug Doktor Miez

vor. Es hatten sowieso schon alle begonnen, Wasser zu trinken und

Himbeeren zu mampfen, die es hier in Hülle und Fülle gab.

Wer ruft da?


Nach dem Essen fühlten sich alle noch viel müder als zuvor und das

Vogelgezwitscher und das Grillenzirpen klangen für die Sumsler wie ein

Schlaflied. Fast wären alle eingedöst, hätte nicht Marsmännchen plötzlich

gebrüllt: „Jetzt weiß ich’s!“

„Wo Määh ist?!“, kreischte Plappergei. „Nein! Was meine neue Erfindung

kann!“, rief Marsmännchen aufgeregt. Es hatte nämlich gerade etwas

entdeckt!

Immer wenn es das kleine Rädchen an seinem komischen Dingbums

berührte, gab das Dings einen schrillen Laut von sich. „Es ist eine Sirene!“, rief

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Marsmännchen.

Alle schauten mit offenem Mund zu, wie Marsmännchen an seiner Erfindung

herumschraubte. Dann drehte es fest an dem kleinen Rädchen und ließ los.

Tatsächlich – das Dingsbums heulte wild drauflos. Und wurde lauter und

lauter. Und heulte so laut, dass allen fast die Ohren abfielen!

Marsmännchen schaffte es eine ganze Weile nicht, seine Sirene wieder

abzustellen. Als es ihm endlich gelang, hatte es allen Sumslern die Ohren

verschlagen.

Sie hörten kein Vogelgezwitscher und kein Zirpen mehr, nicht einmal mehr

das Rauschen des Sumselbachs. „Keine Sorge, Sumsler, das wird schon

wieder!“, rief Doktor Miez seinen Freunden zu, denn alle machten erschreckte

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Gesichter.

Nur Igsi, der Igel, verzog keine Miene. Als Doktor Miez das sah, klopfte er sich

an die Stirn. Heiliger Birnbaum!, dachte er. Den armen Kerl hab ich ja ganz

vergessen! „Igsi!“, rief er dem Igel ins Ohr, „ich werd dich jetzt untersuchen!“

Igsi ahnte, worum es ging, und er schaute sehr erfreut.

Doktor Miez nahm sein Otoskop aus der Manteltasche, setzte es an Igsis Ohr

und schaute sich die Sache an. „Soso ...“, murmelte er. Er holte eine kleine

Pinzette aus seiner Arzttasche und im nächsten Moment fischte er aus jedem

von Igsis kleinen Ohren einen dicken Ohrenstöpsel heraus.

„Und wie ist es jetzt?“, rief er.

Igsi erschrak fast zu Tode, so laut war das! Als er die Ohrenstöpsel sah, fiel es

ihm plötzlich wieder ein: Er hatte sich die Dinger neulich in die Ohren gestopft,

weil Sauseschwein so fürchterlich geschnarcht hatte. Leider hatte er am

nächsten Morgen vergessen, sie wieder herauszunehmen.

„Oh, ich Dummerle!“, piepste Igsi und erzählte alles seinen Freunden. Doch die

Sumsler waren von der Sirene noch halb taub, und Igsi musste seine

Geschichte noch zweimal wiederholen, bis sie ihn verstanden hatten.

Komischerweise war er im Moment der Einzige, der ausgezeichnet hörte.

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Und genau deshalb hörte er plötzlich als Einziger etwas sehr Aufregendes!

„Da ruft jemand um Hilfe“, piepste Igsi. „Wie bitte?“, fragten die anderen.

„Jemand ruft um Hilfe!!!“, brüllte Igsi, so laut er konnte. „Ich glaub, es ist

Määh! Ich hab mich schon gewundert, warum sie nicht bei uns ist.“

Da mussten alle herzlich lachen. Es war doch ganz leise! Und ausgerechnet

der Igel wollte jetzt Hilferufe hören?! Doch da galoppierte Igsi auch schon auf

Sauseschweins Rücken den Hügel hinauf.

„Schnell, wir müssen hinterher, sonst verlieren wir die beiden auch noch!“, rief

Doktor Miez. Also sumselten er, Joschi, Löbe, Kroko, Plappergei und

Marsmännchen wie die Feuerwehr hinter den beiden her. Die Freunde sahen

noch, wie Igsi Sauseschwein schnurstracks auf die große Dornenhecke

zulenkte, dann waren sie verschwunden.

„Mamma mio!“, rief Doktor Miez. „Auch das noch!“, knurrte Joschi. Warum nur

waren die zwei mitten in die Dornen galoppiert?

Und schon drang aus dem Gestrüpp aufgeregtes Gepiepse und Gegrunze.

„Neiiiin!!“, schimpfte Joschi. „Oh du heiliger Strohsack!“, rief Doktor Miez.

Doch gleich darauf staunten die Freunde nicht schlecht. Dort, vor der wilden

Dornenhecke, standen gesund und munter Igsi und Sauseschwein − und da

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war auch Määh!

Sie war hoffnungslos in den Dornenranken verfangen und schaute traurig und

erschöpft. „Määh, Määääh!“, riefen die Freunde. „Da bist du ja!“

Während die Sumsler sie mit vereinten Kräften aus dem Wirrwarr befreiten,

erzählte Määh mit zittriger Stimme, dass sie auf ihrem Abendspaziergang die

spitzen Dornen übersehen hatte.

Die ganze Nacht war sie in der Hecke festgehangen und keiner hatte ihre

Hilferufe gehört. Irgendwann war sie eingeschlafen. Und vorhin war sie von

einer furchtbar lauten Sirene geweckt worden.

„Alles nur, weil ich blind werde!“, jammerte sie. „Hmm, lass mich mal sehen!“,

brummte Doktor Miez. Er wuschelte Määhs Haarlocken, prüfte ihren Puls und

fühlte, ob sie Fieber hatte. „Alles in Ordnung“, sagte er schließlich. „Du

brauchst nur ein wenig Schlaf, dann bist du wieder wie neu!“

„Aber ... ich werde blind!“, schluchzte Määh. „Na, na! Nur mit der Ruhe!“,

lachte Doktor Miez. Die Sumsler schauten ihn groß an. Wie konnte Doktor

Miez da noch Späße machen?!

„Gib mir mal die große Schere“, sagte der Doktor zu Joschi. Und zu Määh

meinte er streng: „Du machst besser die Augen zu!“ Da schauten die Sumsler

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ganz entsetzt und das Sumselschaf schluchzte noch lauter.

Doktor Miez nahm die Schere, und mit einem einzigen „Schnapp“ schnitt er

Määh die dicke Wolle ab, die über ihre Augen hing. „So, du blindes Schaf!

Augen auf!“, rief der Doktor.

Määh öffnete die Augen − und da entfuhr ihr vor Freude ein lautes

„Määääähh!“. „Ich kann wieder sehen!“, jubelte sie. Sie sumselte hin und her,

nahm Kroko in die Arme und hüpfte wild mit ihr herum.

Kroko ärgerte sich ein bisschen, weil sich nicht einmal ein Sumselschaf vor

ihr fürchtete. Aber gleichzeitig freute sie sich genau wie alle anderen riesig für

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Määh.

„Ich wusste gar nicht, was für schöne Augen du hast, Määh“, lispelte sie.

„Stimmt!“, sagte Doktor Miez. „Und damit man sie auch sieht, lässt du dir von

nun an einmal im Jahr die Haare schneiden! Versprochen?“ „Jäääääääää!“,

rief Määh glücklich.

Weil Määh noch ein wenig schwach war, durfte sie auf dem Weg zurück

ausnahmsweise mit Igsi zusammen auf Sauseschwein reiten.

Es war eine sehr lustige Wanderung − den grünen Hügel hinauf, auf der

anderen Seite hinunter, übers Löwenzahnfeld gesumselt und schließlich über

die Steinmauer. „Ich geh jetzt zum Badeteich!“, verkündete Joschi an der

Abzweigung.

„Soso! Da wollte ich zufällig auch hin!“, sagte Doktor Miez. „Ich auch!“,

grunzte Sauseschwein und alle anderen wollten ebenfalls mit.

Es wurde ein ganz wunderbarer Tag. Määh schlief einige Stunden im

Schatten, dann war sie wieder quietschmunter und machte fleißig bei allen

Späßen mit.

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Auf den heißen Sommertag folgte ein lauer Abend und am Himmel funkelten

die ersten Sterne.

Kroko verschlug es den Atem, so schön war der Anblick. Auch Sauseschwein

war ganz hingerissen. „Gruuuuuuuuunzzz“, machte es. Da schauten auch die

anderen nach oben und waren schwer beeindruckt.

„Da fühlt man sich ganz klein“, piepste Igsi. „Ich fühle mich dumm und

unbedeutend“, sagte Määh. Das klang sehr weise, fanden alle.

„Ich fühle mich zum Platzen“, meinte Sauseschwein und ließ leise einen

sausen.

„Was sind Sterne überhaupt?“, fragte Määh.

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„Es sind Sumsler mit Laternen. Nur sehr weit weg“, krächzte Plappergei.

„Ganz schön viele Sumsler!“, meinte Joschi. „Nein! Es sind keine Sumsler,

sondern Sonnen und Planeten!“, rief Marsmännchen. „Nö, es sind Sumsler.

Sonst würden sie sich doch nicht bewegen!“, lachte Plappergei. Es zischten

nämlich gerade zwei ... drei Sternschnuppen über den Himmel.

„Wuiiiii“, machten alle und wünschten sich etwas. „Wenn wir sie sehen, dann

sehen sie uns sicher auch“, blökte Määh und winkte freundlich.

Und tatsächlich − plötzlich schienen die vielen Sterne zu zwinkern und zu

blinzeln.

Die Freunde staunten und redeten, bis einer nach dem anderen zu gähnen

begann. „Gehen wir schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag“, schnurrte

Doktor Miez.

„Ja, hoffentlich“, grunzte Sauseschwein. Also sumselten alle langsam

heimwärts.

Die Sterne oben am Himmel leuchteten für sie. Und das war gut so, denn so

fanden die Sumsler sicher ihren Weg nach Hause ins Sumseldorf und zur Villa

Apfelbaum.

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Doktor Miez: Das verschwundene Sumselschaf


Autor: Walko
Illustration: Walko
Verlag: arsEdition
Alterseinstufung: ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-8458-2869-5

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