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STEFANIE STAHL

Das Kind in dir


rnuss Heimat
finden In drei Schritten
zum starken ich

Das Arbeitsbuch

OD
kailash.
SCHÄTTENKIND
Beispiel m Michael

VlM, V/E[ SM/T

YM
2f' *'™te w
»Men, wnij Sekkert
w "fftu * ' fli/r -för ^ytg
W^'- Uss mir meine Ue!

Ich enu^e nicht


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ICH m N/6ffr^m(j
fch lie und
Ich Unn nix heiAiiirEen
hm Idiien (tich hängen

Ich iti/rze mich in k /irheit. Ich lAiill immer l^echt


behditen und aebe unfern
Ich greife 5dhine oin, breche ndch.
streit m Irn
Pei meinem Ehefund
ich betreibe feenowfuidnd, ^ot Kolben Spiele ich die Kolle
Ich mrk lieber d^^reiüi/, dli mir (jefühle „Mr Pertect".
jchuiüche einie^eitehen.
Stefanie Stahl

Das Kind in dir


muss Heinnat finden
Das Arbeitsbuch
In drei Schritten zum starken Ich

OD
kailash.
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MIX
V Aus verantwortungs-
" vollen Quellen
SSS FSC*C011124

Verlagsgruppe Random House FSC® N001967

4. Auflage
Originalausgabe
© 2017 Kailash Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Neumarkter Str. 28,81673 München
Lektorat: Carola Kleinschmidt, Judith Mark
Illustrationen: bob-design, Trier
Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München,Daniela Hofner
Umschlagmotiv: Getty Images/Hans Nelemann
Satz: Satzwerk Huber, Germering
Druck und Bindung: Mohn Media
Printed in Germany
ISBN 978-3-424-63143-2
www.kailash-verlag.de
t>u -PtvBvfireit ScM/oAttn Mt U4is^ent
Leirtn rü/hreK äMi/er, cUm wir U4vs
s^eVhvt in der Sonnte ^teh/tn,.
Ralph Waldo Emerson
Inhalt

In drei Schritten zu einem starken Ich 9

Erster Schritt

Lerne dein Schattenkind kennen 11

Was ist dein Problem? 11


Wie wir die Wirklichkeit interpretieren 13
Bindung und Autonomie 15
Wer ist das Schattenkind? 17
Denken: Finde deine Glaubenssätze 22
Das verwöhnte Schattenkind 26
Finde deinen Kernglaubenssatz 26
Fühlen: Fühle dein Schattenkind 27
Ein paar Kniffe, um sich von negativen Gefühlen zu befreien 28
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 29
Allgemeine Schutzstrategien 31
Typische Schutzstrategien von angepassten Schattenkindern 36
Typische Schutzstrategien von rebellischen Schattenkindern 45
Notiere deine persönlichen Schutzstrategien 55

Zweiter Schritt

Stärke dein Erwachsenen-Ich 57

Dein persönliches 4D-Kino 59


Unterscheide richtige von falschen Gefühlen 60
Übe dich im Argumentieren 62
Ertappe dich! 64
Die zwei Positionen der Wahrnehmung: Ertappen und Umschalten 65
Sonne, Licht und Wärme für das Schattenkind 66
Heiße dein Schattenkind willkommen 67
Ich will mit meinem Schattenkind nichts zu tun haben! 68
Tröste dein Schattenkind 69
Die drei Positionen der Wahrnehmung 71
Unterscheide zwischen Tatsache und Interpretation 73
Nimm dich aus dem Selbstwertspiegel 76
Alltagsstrategien fürs Schattenkind 77
Gute Sätze 77
Klare Ansagen 79
Kraftquelle 79
Powerposen 80

Dritter Schritt

Entdecke dein Sonnenkind 83

Finde deine positiven Glaubenssätze 84


Positive Glaubenssätze aus der Kindheit 84
Umdrehen der Kernglaubenssätze 85
Mach dich stark 87
Spüre dein Sonnenkind 87
Finde deine Stärken und Ressourcen 88
Finde deine Werte 89
Sonnenschein fürs Sonnenkind 91
Schatzstrategien fürs Sonnenkind 92
Allgemeine Schatzstrategien 92
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 100
Schatzstrategienfür angepasste Schattenkinder 101
Schatzstrategienfür rebellische Schattenkinder III
Finde deine persönlichen Schatzstrategien 122
Lebe einfach dein Leben! 123

Register 125
In drei Schritten zu einem starken Ich

Liebe Leserin, lieber Leser,

Mit diesem Arbeits- und Übungsbuch möchte ich Sie an die Hand nehmen, damit
Sie Ihre Probleme auf eine ganz einfache und spielerische Weise verstehen und lö
sen können. Die Idee für dieses Buch stammt nicht von mir, sondern von einer
ehemaligen Seminarteilnehmerin, Alexandra. Sie fragte mich in einer Pause, ob ich
nicht ein Arbeitsbuch zu meinem Ratgeber »Das Kind in dir muss Heimat finden«
herausbringen könne, weil ihr das für die Arbeit mit ihren eigenen Klienten sehr
hilfreich sei. Ich war spontan von der Idee begeistert, und auch der Verlag stimmte
umgehend zu. So habe ich mich direkt an die Arbeit gemacht.
Dieses Buch kann unabhängig vom Original bearbeitet und gelesen werden. Die
theoretischen Grundgedanken habe ich stark gestrafft und sie durchweg anhand der
Figuren »Michael und Sabine« beispielhaft illustriert. Michael und Sabine begleiten
Sie durch das gesamte Buch,indem sie fast alle Übungen vormachen.
Jeder inhaltliche Abschnitt beinhaltet mindestens eine Übung,somit können Sie
ganz konkret und pragmatisch Schritt für Schritt vorgehen. Die Übungen sind ein
fach und leicht umsetzbar - sie erfordern also keinen hohen Zeitaufwand oder au
ßergewöhnliche Motivation.Im Vergleich zu »Das Kind in dir muss Heimat finden«
sind die Übungen kleinschrittiger. Auch habe ich zahlreiche neue Übungen hinzu
gefügt. Überhaupt habe ich mich sehr bemüht, meinen Leserinnen und Lesern viel
Neues zu bieten, um einen eindeutigen Mehrwert zum Original zu schaffen.
Apropos Mehrwert: Die Grundstruktur des Arbeitsbuches ist die gleiche wie im
Ratgeber - es wird also auch hier um unser sogenanntes Schatten- und das Sonnen
kind gehen. Zusätzlich läuft in diesem Übungsbuch allerdings das Thema »Autono
mie und Abhängigkeit« als roter Faden mit. Die richtige Balance zwischen unserem
Bestreben nach Autonomie und unserem Bedürfnis nach Bindung (Abhängigkeit)
zu finden ist ein zentraler menschlicher Grundkonflikt. Zusammen mit dem Selbst
wertgefühl ist diese Balance von entscheidender Bedeutung für unsere Lebens- und
10 In drei Schritten zu einem starken Ich

Beziehungsgestaitung. Ich denke, dass diese erweiterte Struktur es Ihnen noch


leichter machen wird, Ihre Probleme zu verstehen und mithin noch spielerischer zu
lösen.

Zum Grundaufbau: Im ersten Schritt helfe ich Ihnen, Ihr sogenanntes Schatten
kind kennenzulernen. Das Schattenkind steht für unsere negativen Kindheitsprä
gungen, die uns in unserem Leben immer wieder Frust und Verdruss bescheren
können. Diese tiefen und häufig unbewussten Programme sind die Ursache für
(fast) alle Probleme,die wir im Leben haben. Was das Schattenkind genau ausmacht
und wie Sie Ihr eigenes Schattenkind entdecken können, erkläre ich im ersten Ab
schnitt dieses Buches anhand von einfachen Beispielen und konkreten Übungen.
Im zweiten Schritt wenden wir uns unserem Erwachsenen-Ich zu, das auch be
kannt ist als der »innere Erwachsene«. Hier geht es um unseren vernünftig denken
den,klaren Verstand. Er ist unser wichtigster Gehilfe zur Reflexion und Problemlö
sung. Hier zeige ich Ihnen, wie Sie Ihr Erwachsenen-Ich stärken können, sodass es
Ihrem Schattenkind einen festen Halt gibt und, wo nötig, Einhalt gebietet.
Im dritten Schritt wollen wir Ihr Sonnenkind entdecken. Das Sonnenkind steht
für all Ihre gesunden, starken und fröhlichen Persönlichkeitsanteile. Zudem ist das
Sonnenkind eine klare Vision Ihres Zielzustands und des Wegs, der dahin führt.

JU

Im Folgenden erlaube ich mir, vom etwas distanzierten »Sie« zum vertraulicheren
»Du« überzugehen. Dies ist persönlicher für die gemeinsame Entdeckungsreise, die
wir unternehmen wollen, und spricht auch das Kind in dir besser an.
Erster Schritt
Lerne dein Schattenkind kennen

Was ist dein Problem?

Du hast dieses Buch in die Hand genommen, weil du einige deiner Probleme lösen
möchtest. Notiere hier bitte, was genau dein/e Problem/e ist/sind. Versuche bitte,
dich möglichst konkret und in ganzen Sätzen auszudrücken. Schreibe also beispiels
weise nicht: »Beziehungen«, sondern: »Ich binde mich an Partner, die sich nicht
richtig auf eine Beziehung mit mir einlassen, und kämpfe dann sehr lange darum,
sie von mir zu überzeugen.«

Alle Probleme haben etwas mit deiner inneren Einstellung zu tun. Deine innere
Einstellung bestimmt maßgeblich, wie du die Welt »da draußen« erlebst. Dies gilt
sogar für Schicksalsschläge wie schwere Krankheit, Tod, Krieg, Vertreibung. Auch
wenn diese objektiv schwere Lebenskrisen sind, hat die subjektive Bewertung dieser
Krisen einen hohen Einfluss darauf, ob wir an ihnen zerbrechen oder wachsen. Dies
12 Lerne dein Schattenkind kennen

ist der Grund, warum unterschiedliche Menschen ganz unterschiedlich mit solchen
Krisen fertigwerden.
Ich hoffe jedoch, dass deine Probleme nicht so dramatisch sind wie die eben ge
nannten. Deswegen möchte ich dir an einem einfachen Alltagsbeispiel von Michael
und Sabine erklären, wie stark unsere innere Einstellung unsere Wahrnehmung,un
ser Denken, Fühlen und unser Verhalten beeinflusst.
Manche kennen Michael und Sabine bereits, weil sie den Ratgeber »Das Kind in
dir muss Heimat finden« gelesen haben.In diesem Buch führe ich ihr Beispiel weiter
aus - so werden die Muster und Abhilfen gut sichtbar.
Michael wird schnell wütend, wenn seine Lebensgefährtin Sabine etwas vergisst,
was ihm wichtig ist. Neulich hatte sie beim Einkaufen seine Lieblingswurst verges
sen, und er ist richtiggehend ausgeflippt. Sie gerieten sich heftig in die Wolle - wie
so oft.

Michael Sabine

Sicherlich bist du mit mir einer Meinung, dass Michaels Reaktion keine zwangsläu
fige ist - so hätte ein anderer Mensch durchaus ganz anders auf dasselbe Ereignis
reagieren können. Es ist also nicht das Ereignis an sich (die vergessene Wurst), das
Michael so wütend macht, sondern seine Interpretation des Ereignisses. Michaels
Interpretation lautet: Ich bin Sabine nicht wichtig. Sie nimmt meine Wünsche nicht
Wie wir die Wirklichkeit interpretieren 13

ernst. Deswegen ist er so wütend geworden. Und so wie Michael reagieren wir alle in
einer Situation nicht auf die objektiven Fakten, sondern auf unsere innere Interpre
tation derselben.

EREIGNIS ► INTERPRETATION ► GEFÜHL VERHALTEN

VORWÜRFE,
VERGESSENE ICH BIN SABINE
KRANKUNG/WUT VERBALE ANGRIFFE
WURST NICHT WICHTIG
AUF SABINE

Welche Situationen kennst du, in denen du emotional überreagierst (also etwa star
ke Angst, Trauer, Wut, Kränkung oder Schamgefühle empfindest), die nicht im Ver
hältnis zum objektiven Anlass stehen?

Bitte notiere sie hier.

Wie wir die Wirklichkeit interpretieren

Wie kommen wir zu diesen Interpretationen? Dies möchte ich wieder am Beispiel
von Michael erklären: Michaels Eltern hatten eine Bäckerei, und er hatte noch drei
Geschwister. Seine Mutter war ständig gestresst und sein Vater nur am Arbeiten.
Michaels Eltern konnten durch die viele Arbeit ihren Kindern nicht die Aufmerk
samkeit zukommen lassen, die sie benötigt hätten. Der kleine Michael ist also oft zu
14 Lerne dein Schattenkind kennen

kurz gekommen. Wie alle Kinder hat auch Michael sich selbst die Schuld für das
Verhalten seiner Mutter beziehungsweise seiner Eltern gegeben. So hat er nicht etwa
gedacht: »Die Mama ist zu gestresst, die braucht mal eine Kur«, sondern: »Ich bin
nicht wichtig«, »Ich genüge nicht«, »Ich komme zu kurz« usw. Die Erfahrungen, die
er mit seinen Eltern gemacht hat, haben sich tiefin seine Psyche eingeprägt. Sie sind
für ihn allgemeingültige Wahrheiten geworden. In der Psychologie spricht man von
sogenannten Glaubenssätzen.

Glaubenssatz: Eine tiefe und häufig unbewusste Überzeugung über sich selbst,
das Miteinander und die Welt. Die meisten Glaubenssätze entstehen in den ers

ten Lebensjahren.Von unserer Geburt bis zu unserem sechsten Lebensjahr bil


det sich nämlich unsere Gehirnstruktur aus. Deswegen sind die Erfahrungen,die
wir mit Mama und Papa machen,besonders prägend.Sie spuren sich tief in unser
Gehirn ein und bleiben häufig unbewusst. Die allermeisten Menschen tragen
sowohl positive als auch negative Glaubenssätze in sich.

TYPISCHE GLAUBENSSÄTZE
Ich genüge nicht Ich muss lieb und artig sein.
Ich bin wertvoll. /Ich bin nix wert. Ich bin willkommen.
Ich bin okay./Ich bin nicht okay. Ich bin wichtig.
Ichfalle zur Last. Keiner sieht mich.

Welche Glaubenssätze fallen dir spontan ein?


Bindung und Autonomie 15

wic^G yyjp nehmen unsere Glaubenssätze mit in unser Erwachsenenalter - sie bestimmen

• darüber,wie wir die Welt wahrnehmen und sie interpretieren. Entsprechend beeinflus-
• sen sie maßgeblich unser Fühlen, Denken und Handeln.Wenn wir die Welt durch die
Augen unseres Schattenkindes sehen, haben wir eine Wahrnehmungsverzerrung. Wir
sehen uns dann kleiner und die anderen größer. Hierdurch können wir leicht die Ab
sichten unserer Mitmenschen fehldeuten und sind geneigt, sie entweder abzuwerten
oder zu idealisieren.

Bindung und Autonomie

Unser Glück und Unglück drehen sich um unsere zwischenmenschlichen Bezie


hungen. Was nutzt der größte Reichtum, wenn man sich einsam fühlt? Was bringt
einem der tollste Erfolg, wenn sich keiner mit einem freut?
Damit unsere Beziehungen gelingen und wir in einer Gemeinschaft klarkommen,
müssen wir zwei grundlegende Dinge können: Uns anpassen und uns abgrenzen.
Die Anpassung benötigen wir für Konsens, Harmonie und Kooperation. Die Ab
grenzung zur Selbstbehauptung und Durchsetzung unserer Interessen. Die Anpas
sung dient also unserem existenziellen Bedürfnis nach Bindung und die Abgren
zung unserem existenziellen Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle. Hierbei
handelt es sich um psychologische Grundbedürfnisse. Vom Mutterleib bis zum Tod
bestimmt das komplexe Wechselspiel zwischen Bindung und Autonomie unser Le
ben und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Auch unser Selbstwertgefühl
speist sich aus den Erfahrungen, die wir mit unseren Eltern hinsichtlich unserer
Bindungs- und Autonomiebedürfnisse gesammelt haben. Haben unsere Eltern un
sere Bindungsbedürfnisse nach Fürsorge, Liebe und Geborgenheit im Großen und
Ganzen erfüllt, dann spüren wir auf einer tiefen Ebene unseres Daseins, dass wir auf
dieser Welt willkommen sind und grundsätzlich in zwischenmenschliche Bezie
hungen vertrauen können. Wir haben Urvertrauen erworben. Haben unsere Eltern
uns zudem auch genügend Raum für unsere eigenständige Entwicklung gelassen
und unsere Selbstständigkeit gefördert, dann sind wir auch zu der Überzeugung
gelangt, dass wir etwas bewirken und auf zwischenmenschliche Beziehungen Ein-
fluss nehmen können. Auch unsere autonomen Fähigkeiten tragen sehr viel zu ei
nem stabilen Selbstwertempfinden und der Ausbildung von Urvertrauen bei.

Bindung Selbstwert ► Autonomie


16 Lerne dein Schattenkind kennen

Auf einer Skala von 1-10, wie gut haben deine Eltern deine Bedürfnisse nach Bin
dung und Fürsorge erfüllt?
Vielleicht hast du sofort ein Gefühl dafür, welche Zahl auf der Skala für dich
stimmt. Falls dem nicht so ist, kann es helfen, wenn du dir zwei oder drei konkrete
Situationen aus deiner Kindheit ins Gedächtnis rufst. Angenehme und weniger an
genehme. Dann wirst du spüren,ob du von deinen Eltern die Fürsorge und Bindung
erhalten hast, die du brauchtest, oder eher nicht.

I 2 3 4 5 6 7 8 9 IG

Aufeiner Skala von 1-10, wie gut haben deine Eltern deine Bedürfnisse nach Selbst
ständigkeit und Autonomie gefördert? Auch hier kann es hilfreich sein, wenn du dir
einige konkrete Situationen aus deiner Kindheit ins Gedächtnis rufst.

I 2 3 4 5 6 7 8 9 IG

Wie ist es heute in deinen Beziehungen? Strebst du vorwiegend nach Bindung,Zu


neigung und Harmonie? Oder strebst du vorwiegend nach deiner persönlichen
Freiheit und Selbstbehauptung? Oder finden beide Grundbedürfnisse, also jenes
nach Bindung und jenes nach Autonomie, eine gute Balance in dir?
Viele Menschen haben Schwierigkeiten, eine gute Balance zwischen ihren Be
dürfnissen nach Bindung und nach Autonomie zu halten: Sie sind entweder über-
angepasst oder sie grenzen sich zu stark ab. Manche pendeln auch zwischen den
Extremen - je nach Situation und Beziehung sind sie mal eher auf der abhängigen
oder unabhängigen Seite.

Bitte kreuze an, wo du dich meistens befindest.

BINDUNG AUTONOMIE

ANPASSUNG ABGRENZUNG

ABHÄNGIGKEIT UNABHÄNGIGKEIT

VERTRAUEN KONTROLLE
Wer ist das Schattenkind? 17

Menschen, die sich zu stark anpassen, vertreten ihre eigenen Bedürfnisse und
Wünsche zu wenig.Sie reagieren eher,als dass sie ihre Beziehungen mitgestalten.
Sie leben in der unterschwelligen Angst, Bindung zu verlieren und alleingelassen
zu werden. Bindung bedeutet für sie Sicherheit. Sie trauen sich allein zu wenig zu.

Menschen,die sich zu stark abgrenzen,sind sehr darauf bedacht,ihr eigenes Ding


zu machen und gehen wenige Kompromisse ein. Unterschwellig sind sie getrie
ben von der Sorge, in zwischenmenschlichen Beziehungen ihre Autonomie und
Freiheit zu verlieren. Sie fühlen sich am sichersten, wenn sie sich auf sich selbst
verlassen können. Es fällt ihnen schwer,anderen Menschen zu vertrauen.

Wenn wir also gut mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen klarkommen wol
len, dann müssen wir eine gesunde Balance zwischen Abgrenzung und Anpassung
finden.

Wer ist das Schattenkind?

Das Schattenkind ist eine Metapher für die negativen Prägungen und Glaubenssät
ze, die wir in unserer Kindheit erworben haben. Es trägt Wunden unseres Selbst
wertgefühls in sich, die vor allem durch die Verletzung unserer Bindungs- und/oder
Autonomiebedürfnisse in unserer Kindheit und Jugend entstanden sind. Du kannst
es wie einen inneren Persönlichkeitsanteil verstehen, der häufig aus deinem Unbe-
wussten agiert.
Dem steht das Sonnenkind gegenüber - sowohl mit seinen positiven Kindheits
prägungen als auch mit all den Möglichkeiten, über die wir als Erwachsene verfü
gen, um unser Leben glücklich zu gestalten.
Wir wollen zunächst dein Schattenkind und seine negativen Prägungen ken
nenlernen. Dies ist notwendig, damit du auf einer tieferen Ebene verstehst, was
dir in deinem Leben immer wieder Probleme macht. Außerdem ist die Kennt
nis des Schattenkindes die Basis, auf der wir im dritten Schritt dein Sonnenkind
entwickeln. Sicherlich ist die Beschäftigung mit deinem Schattenkind nicht leicht
für dich. Es ist gut möglich, dass Gefühle von Trauer, Wut, Angst oder Scham
aufkommen, wenn du mit ihm in Kontakt kommst. Aber bitte glaube mir, dass
die Auseinandersetzung mit deinem Schattenkind ungeheuer lohnenswert ist
und tatsächlich den Schlüssel zur Lösung deiner Probleme bereitstellt. Außer
dem kann ich dir versichern, dass es nach dem ersten Drittel des Buches »berg-
18 Lerne dein Schattenkind kennen

auf« geht: Da kommt dein Erwachsenen-Ich zu Wort und dein Sonnenkind zum
Vorschein.
Bevor wir zu deinem Schattenkind kommen, kannst du anhand der folgenden
Übung reflektieren, wie du deine Eltern als Kind erlebt hast. Dabei geht es nicht
darum, deinen Eltern die Schuld an deinen heutigen Problemen zu geben, sondern
allein darum zu verstehen, was dich geprägt hat.
Michael oder Sabine werden von jetzt an bei fast allen Übungen mitmachen und
können dir somit als Beispielfiguren helfen.

Notiere unten bitte, wie du deine Eltern angesprochen hast(Papa/Mama; MuttiA/ati usw.)
und wie du sie als Kind erlebt hast. Vielleicht fallen dir auch bestimmte Situationen mit

deinen Eltern ein, die du hier stichwortartig notieren kannst. Wenn du nicht bei deinen
Eltern aufgewachsen bist, dann nimmst du bitte deine Pflegepersonen der ersten Kinder
jahre für diese Übung. Wenn du einen leiblichen Vater; eine leibliche Mutter und einen
sozialen Vater beziehungsweise eine soziale Mutter hattest, kannst du beide notieren, so
fern sie beide eine wichtige Rolle für dich gespielt haben.Wenn du meinst, bei dir war in
der Kindheit alles in Ordnung, aber in der Pubertät wurde es schwierig daheim, dann
beziehst du die Übung auf diese Zeit. Du kannst die Übung so gestalten, wie du sie für
deine Situation für richtig hältst. Ich würde dir jedoch raten, die Anzahl der Bezugsperso
nen möglichst gering zu halten, weil es sonst zu unübersichtlich wird.
Verwende ruhig eine einfache, kindliche Sprache - das hilft dir; dich in die Zeit deiner
Kindheit hineinzuversetzen.
Wer ist das Schattenkind? 19

?apa war meistens arbeiten.lu Hause war er häufig müde und wollte seine P-uhe.
Wenn er gut drauf war,hat er aber auch sohön mit mir gespielt,t-inmal habe ioh
ihn so gereiz-t, dass er mir eine gelcnallt hat. Da hat er sich bei mir entschuldigt.
(Sieschlagen hat er sonst nie, aber er tonnte richtig laut werden.Da hatte ich
manchmalf)chiss vor ihm.Was er gut tonnte, war, mir"Sachen erldären.Das hat
er auch gern gemacht.Wenn ich ihm nahe sein wollte,habe ich ihm Fragen ge
stellt. Ansonsten habe ich oft eine Distanz,zwischen uns gespürt. Irgendwie hatte
ich öfter das(Siefühl, dass er lieber nicht bei uns in der Familie wäre.

Jetzt bist du dran. Notiere:

So habe ich (setze hier den Namen ein, mit dem du deinen
Vater/die Pflegeperson angesprochen hast) als Kind erlebt:

Dann beantworte bitte noch die folgenden Fragen:

Wofür hat mein (setze hier ein, wie du deinen Vater/die


Pflegeperson angesprochen hast) mich gelobt?

Wofür hat mich bestraft?


20 Lerne dein Schattenkind kennen

Hat mir das Gefühl vermittelt, wertvoll zu sein (auf einer


Skala von 0-10)?

0 I IG

Was hat mir vermittelt, wer ich bin (zum Beispiel klug/
dumm; lieb/frech; eine Freude/eine Last etc.)?

Hatte , einen typischen Spruch/Sprüche (zum Beispiel »Lass


mir bloß meine Ruhe!«)?

Wie selbstsicher war (auf einer Skala von 0-10)?

IG

Wenn du das alles eingetragen hast, schließe bitte einmal kurz die Augen und spüre, wel
ches Gefühl sich zu deinem Vater (der Pflegeperson) einstellt, wenn du an früher denkst,
Bitte notiere das Gefühl oder die Gefühle:

Kennst du dieses Gefühl auch heute noch? Zum Beispiel bei deinem Chef, deinem Ehe
mann,anderen männlichen Personen?
Wer ist das Schattenkind? 21

Nun machen wir die Übung für deine Mutter (beziehungsweise eine weitere Pflegeper
son):

So habe ich (setze den Namen ein, mit dem du deine Mut
ter/die Pflegeperson angesprochen hast) als Kind erlebt:

Mama war imm&r nur gesfresst,häufig auch richtig gereizt."Die Kam mit <der gan-
z.en Arbeit nicht hinterher."Die hatte Kaum leitfür mich. Oft hatte ich das 6iefühl,
ihr z-ur Last z.u fallen.f)ie machte sich immer solche"borgen, was die anderen
Leute sagen.VJenn siejedoch einen guten Tag hatte,Konnte sie auch sehr lieb und
lustig sein...

Wofür hat mich gelobt?

Wofür hat mich bestraft?

Hat mir das Gefühl vermittelt, wertvoll zu sein (auf einer


Skala von 0-10)?

10
22 Lerne dein Schattenkind kennen

Was hat mir vermittelt, wer ich bin?

Hatte , einen typischen Spruch/Sprüche?

Wie selbstsicher war (auf einer Skala von 0-10)?

10

Wenn du das alles eingetragen hast, dann schließe bitte kurz die Augen und spüre, wel
ches Gefühl sich zu deiner Mutter einstellt, wenn du an früher denkst. Kennst du dieses
Gefühl auch heute noch? Zum Beispiel bei deiner Chefin, deiner Frau, anderen weiblichen
Personen?

Denken: Finde deine Glaubenssätze

Nachdem du dich jetzt schon gedanklich und emotional auf deine Kindheit einge
schwungen hast, wollen wir nun dein Schattenkind erstellen.
Für die folgende Übung nimmst du dir bitte eine der Schattenkindschablonen im
Anhang.
Denken: Finde deine Glaubenssätze 23

1. Schreibe bitte die Namen deiner Eitern/Pfiegepersonen rechts und links neben den
Kopf des Kindes,so wie du es auf der Abbildung siehst.
Michael hat die Übung zum Schattenkind auch gemacht - sie ist im vorderen
Buchinnendeckel abgebildet. An diesem Bild kannst du dich orientieren, wie die
Schablone mit deinen persönlichen Inhalten ausgefüllt werden soll.

Du hast ja in der vorherigen Übung über deine Eltern nachgedacht und hierbei vermutlich
positive wie negative Eigenschaften für sie gefunden. Beim Schattenkind wollen wir auf die
negativen Eigenschaften fokussieren - die positiven heben wir uns für das Sonnenkind auf.
Du schreibst nun bitte zu den Personen jeweils stichwortartig deren negative Eigenschaf
ten auf. Du musst nicht unbedingt alle Eigenschaften notieren, die du in der obigen Übung
gefunden hast. Nimm einfach die Eigenschaften, die dir wichtig sind.

2. Wenn du das alles notiert hast, überlege dir bitte, ob du in deiner Familie einen Auftrag
hattest. Solche Aufträge sind manchmal ausgesprochen, bleiben aber auch häufig unaus
gesprochen. Kinder,die ihre Mutter oft als traurig und gestresst erleben,fühlen beispiels
weise den Auftrag »Die Mama glücklich machen!«. Andere, deren Eltern sich häufig
streiten, spüren den Auftrag »Mama und Papa zusammenhalten!«. Manche Kinder ha
ben auch ganz explizit den Auftrag »Auf den kleinen Bruder aufpassen!«.

Gab es einen Auftrag oder mehrere Aufträge, den/die du in der Familie hattest? Falls ja,
schreibe ihn/sie bitte auch zur Mutter,zum Vater oder zu beiden hin.

3. Dann zeichne bitte noch eine Verbindungslinie zwischen Mama und Papa und notiere
über dieser Linie, wie deren Beziehung zueinander gewesen ist.

Wie sah die Beziehung deiner Eltern/Pflegepersonen aus?

4. Nun betrachte, was du alles notiert hast, und lass es auf dich wirken.Versuche einmal
zu spüren, wie sich das alles anfühlt, indem du deine Aufmerksamkeit auf deinen Brust-
Bauchraum lenkst - dem Sitz der Gefühle,jetzt suchen wir nach deinen tiefen inneren
Glaubenssätzen. Zu welchen inneren Überzeugungen bist du gekommen, weil Mama
und Papa so waren, wie sie waren? Spüre tief in dich hinein.

WICHTIG
Glaubenssätze weisen immer bestimmte Formulierungen auf wie »Ich muss ...«;»lch
bin ...«; »Ich darf nicht...« Kein Glaubenssatz ist beispielsweise: »Ich bin traurig.« Das
ist ein Gefühl, hinter dem etwa der Glaubenssatz »Ich bin wertlos« stecken kann. Ge
fühle wieWut,Angst,Trauer usw.drücken keine Glaubenssätze aus,sondern sind in der
Regel die Reaktion auf Glaubenssätze. Ebenso wenig drückt ein Glaubenssatz eine In-
24 Lerne dein Schattenkind kennen *

tention aus wie beispielsweise: »Ich will perfekt sein!« Dies ist eine Intention, die aus
dem Glaubenssatz »Ich muss perfekt sein« resultieren könnte.

Um dir bei der Suche zu helfen, habe ich dir Listen mit Glaubenssätzen zusammengestellt.

NEGATIVE GLAUBENSSÄTZE,
die unmittelbar den Selbstwert betreffen:

Ich genüge nicht! Ich bin zu dick!


Ich bin nicht okay! Ich bin dumm!
Ich bin nix wert! Ich tauge nix!
Ich bin schlecht! Ich bin ein Versager!
Ich bin hässlich! usw.

Finde mindestens einen Glaubenssatz, der unmittelbar deinen Seibstwert betrifft, und
trage ihn in den Brustraum deiner Schattenkindschablone ein.

NEGATIVE GLAUBENSSÄTZE
über die Beziehung zu den Eltern:

Ichfalle zur Last! Ich bin nicht willkommen!


Ich bin nicht wichtig! Ich bin ohnmächtig!
Ich binfür deine Laune verant- Mich soll es nicht geben!
wortlich! Ich bin unterlegen!
Ich muss aufdeine Gefühle Rück- Ich steh in zweiter Reihe!
sieht nehmen! Meine Wünsche sind egal!
Ich bin unerwünscht! Keiner versteht mich!
Du liebst mich nicht! Ich bin stärker als du!
Du hasst mich! Ich bin schuld!
Ich kann nicht vertrauen! Ich komme zu kurz!
Ich bin allein! usw.

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der etwas über deine Beziehung zu deinen
Pflegepersonen aussagt, und notiere ihn im Brustraum deines Schattenkindes.
Denken: Finde deine Glaubenssätze 25

NEGATIVE GLAUBENSSÄTZE,
die die Lösung für das Problem mit den Eltern darstellen:

Ich muss lieh und artig sein! Ich muss der/die Beste sein!
Ich muss alle Erwartungen Ich muss es allein schafften!
erfüllen! Ich darfdich nicht enttäuschen!
Ich darfkeinen eigenen Ich darfkeine Fehler machen!
Willen haben! Ich muss immer bei dir sein!
Ich muss gehorchen! Ich darfnichtfühlen!
Ich darf mich nicht lösen! Ich muss stark sein!
Ich muss perfekt sein! Usw.

Ich muss gute Leistungen bringen!

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der eine Lösung für das Problem mit deinen
Pflegepersonen darstellt, und notiere ihn ebenfalls.

NEGATIVE GLAUBENSSÄTZE
über die Welt im Allgemeinen:

Frauen sind gemein! Das Leben ist gegen mich!


Männer sind böse! Reden bringt nix!
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Das geht sowieso schief!
besser! Die Welt ist schlecht!
Fs wird einem nix geschenkt im Usw.
Leben!

Bitte notiere noch einen Glaubenssatz über das Leben im Allgemeinen in den Brustraum
deiner Schattenkindschablone.
26 Lerne dein Schattenkind kennen

Das verwöhnte Schatten kl nd

Negative Glaubenssätze entstehen jedoch nicht nur durch Entbehrung, Vernachlässi


gung oder Überbehütung. Eltern, die ihr Kind zu viel gewähren lassen und es verwöh
nen,können in ihm die Überzeugung hinterlassen, dass alles nach seinem Willen gehen
muss und es sich hierfür kaum anzustrengen braucht. Sie können also Glaubenssätze
entwickeln, die nicht die Unterschätzung der eigenen Wichtigkeit ausdrücken,sondern
eher eine Überschätzung. Es könnte also sein, dass deine Probleme nicht auf den oben
aufgelisteten Glaubenssätzen beruhen,sondern eher auf den folgenden:

Ich bin der/die Größte! Mir steht alles zu!


Alles muss nach meinem Willen Ich bin stärker/besser als die
gehen! anderen!
Ich bin immer willkommen! usw.

Falls deine Eltern dich zu sehr verwöhnt haben, dann dürfte es dir schwerfallen,
dich gut an die Gemeinschaft anzupassen. Wenn dir etwas nicht auf Anhieb gelingt,
bist du schnell frustriert, weil du nicht gelernt hast zu kämpfen. Auch eine Zurück
weisung in Liebesdingen kann dich in die tiefste Verzweiflung führen, einfach, weil
du es nicht gewohnt bist, auch einmal etwas nicht zu bekommen,was du unbedingt
haben willst. Diese Prägung ist jedoch genauso gut zu verändern wie alle anderen
auch. Die folgenden Übungen gelten entsprechend auch für dich.

Finde deinen Kernglaubenssatz

Möglicherweise hast du nun in deiner Schattenkindschablone viele negative Glau


benssätze stehen. Oft stellen sie Variationen eines Grundthemas dar. So weisen bei
spielsweise die Glaubenssätze »Ich bin ohnmächtig«, »Ich darf mich nicht wehren«,
»Ich muss lieb und artig sein« und »Ich muss gehorchen« eine große Schnittmenge
auf. Deshalb wollen wir herausfinden, was deine sogenannten Kernglaubenssätze
sind. Ein Kernglaubenssatz ist sozusagen das Epizentrum deiner Glaubenssätze -
der schlimmste von allen, der, der dich am meisten runterzieht.

Ich bitte dich nun, dir deine Glaubenssätze noch einmal durchzulesen und mindestens ei
nen - höchstens drei Kernglaubenssätze zu identifizieren. Spüre beim Durchlesen in dich
hinein, welcher Satz/welche Sätze die stärkste negative Wirkung auf dich haben, und un
terstreiche diese bitte in deiner Schattenkindschablone.
Fühlen: Fühle dein Schattenkind 27

Fühlen: Fühle dein Schattenkind

Beim Finden deiner Kernglaubenssätze hast du vermutlich schon einige ungute Ge


fühle gespürt. Gefühle, die du kennst und die dich schon ein Leben lang begleiten. Die
Glaubenssätze an sich würden nämlich wenig ausrichten, wenn sie nicht mit belasten
den Gefühlen verbunden wären. Wenn ich denke »Ich genüge nicht«, dann hat dieser
Gedanke nur insofern Kraft, als er mit einem Gefühl von Minderwertigkeit und Un
terlegenheit einhergeht. Gefühle von Angst, Scham, Trauer oder Hilflosigkeit können
sich einstellen. Es ist wichtig, dass wir die Gefühle identifizieren, die zu unserem
Schattenkind gehören, damit wir uns in Zukunft schnell dabei ertappen können, wenn
wir im Modus des Schattenkindes gefangen sind. Dieses bewusste Ertappen ist näm
lich die Voraussetzung, um schnell und eSektiv gegenregulieren zu können.

Falls du beim Finden deiner Kerngiaubenssätze nicht sowieso schon sehr deutliche Gefüh
le hattest, möchte ich dich jetzt bitten, dir deine Kerngiaubenssätze noch einmal innerlich
vorzusagen und ganz bewusst darauf zu achten, welche Gefühle sie in dir entstehen lassen.
Schließe also bitte die Augen und achte auf deinen Atem - geht er tief? Stockt er irgend
wo? Erlaube dir; tief in den Bauchraum einzuatmen. Bleibe mit deiner Aufmerksamkeit im
Brust-Bauchraum, dem Sitz der Gefühle. Sage dir innerlich deine Kernglaubenssätze vor
und spüre, welche Resonanz sie in dir haben. Gefühle drücken sich körperlich aus durch
Druck, Kribbeln, einen Kloß im Hals, Herzklopfen usw. Achte auf die körperliche Empfin
dungsebene deiner Gefühle. Falls du zum Beispiel ein Druckgefühl verspürst, dann frage
dich, welcher Gefühlsname dazu passt-zum Beispiel: Angst. Falls du keinen Gefühlsnamen
findest, dann lass es bei der körperlichen Ebene bewenden.
Unser negatives Gefühlsrepertoire umfasst: Scham, Angst (Nervosität, Panik), Trauer
(Verzweiflung, Resignation, Kränkung),Wut (Gereiztheit, Hass), Ekel, Eifersucht und Neid.
Eine besondere Rolle spielen Verlustangst und Versagensangst. Sie sind auch oft die Ursa
che für die anderen Gefühle.Wenn ich beispielsweise einen wichtigen Menschen verloren
habe (Verlust), dann bin ich traurig. Wenn ich mich persönlich gekränkt fühle (gefühltes
Versagen), kann ich wütend oder traurig werden.Wenn ich einen Fehler gemacht habe
(Versagen), schäme ich mich. Wenn ich meine, meine Freundin sei viel schöner als ich
(gefühltes Versagen), kann ich Neid empfinden usw.
Falls es dir schwerfallen sollte, bei dieser Übung etwas zu fühlen, dann hilft es dir viel
leicht, an dein/e Problem/e zu denken, das/die du dir am Anfang dieses Buches notiert
hast. Welche Gefühle rufen diese Probleme in dir hervor? Dein Schattenkind ist nämlich
an ihnen beteiligt.
Wenn du im Moment gar nichts fühlen kannst, weil du blockiert bist oder nicht so
richtig in einen negativen Zustand hineinfindest, dann erinnere dich einfach, welche nega
tiven Gefühle sich immer wieder bei dir einstellen.
28 Lerne dein Schattenkind kennen

Bitte notiere deine Gefühle nnit einenn roten Stift in den Bauchraum deiner Schatten

kindschablone. Das Rot signalisiert, wie wichtig und handlungssteuernd die Gefühle sind.

Du brauchst übrigens nicht lange in diesen negativen Gefühlen zu verweilen. So


bald du sie für dich identifiziert hast, steige bitte wieder ganz bewusst aus deinen
Gefühlen aus.

Ein paar Kniffe, um sich von negativen Gefühlen zu befreien

Wenn man einen Ausstieg aus seinen negativen Gefühlen finden will, muss man
sich von ihnen ablenken. Unser Gehirn ist schlecht im Multitasking. Wenn es dir
also gelingt, deine Aufmerksamkeit ganz woandershin zu lenken, dann verschwin
den deine negativen Gefühle. Hierbei können dir folgende Techniken helfen:

• Klopfe dich mit den Händen am ganzen Körper ab und atme dabei deutlich
hörbar aus - du kannst gern auch ein Geräusch dabei machen. Fange bei den
Füßen an und arbeite dich über die Beine zum Bauch hoch. Den Po auch nicht
vergessen. Zum Schluss kommt der Kopf dran. Hüpfe danach noch ein biss
chen.
• Konzentriere dich auf deine äußere Umgebung. Inspiziere den Raum,in dem
du dich befindest - suche ihn mit deinen Augen ab und versuche Neues zu
entdecken.
• Finde für jeden Anfangsbuchstaben im Alphabet ein Land.
• Wende dich einer Beschäftigung zu, die deine Aufmerksamkeit erfordert.

Es gibt noch eine weitere Methode,aus seinem Gefühlsleben auszusteigen: Konzen


triere dich ausschließlich auf den körperlichen Ausdruck deines Gefühls,zum Bei
spiel »Kribbeln« oder »Druck«,und lösche alle Bilder in deinem Kopf,die zu diesem
Gefühl gehören. Mach sie schwarz. Verbanne sie. Bleibe dabei, dich ausschließlich
auf den körperlichen Ausdruck deines Gefühls zu begrenzen. Du wirst sehen, dass
sich das Gefühl bald auflöst.

Oft reicht es auch schon, wenn man sich ganz fest vornimmt, aus dem belasten
den Gefühlszustand auszusteigen,indem man laut »Stopp!« sagt und sich nicht wei
ter hineinsteigert.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 29

Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien

Die negativen Gefühle, die die Glaubenssätze auslösen, spüren wir nicht gern. Sie
ziehen uns runter, und wir wollen auch vermeiden, dass andere merken könnten,
wie ungenügend und minderwertig wir sind. Wir glauben das ja wirklich - die
Glaubenssätze haben eine ungeheure Macht über uns. Wir sind unheimlich moti
viert, uns vor den negativen Auswirkungen unserer Glaubenssätze zu schützen.
Wenn wir beispielsweise glauben »Ich genüge nicht!«, dann könnten wir bestrebt
sein, dieses Defizit zu kompensieren, indem wir uns unheimlich anstrengen und
nach Perfektion streben. Perfektionsstreben ist eine weit verbreitete Schutzstrategie.
Weitere Schutzstrategien sind unter anderem: Harmoniestreben, Flucht und Rück
zug, Rollenspiel und Lügen. Sie haben alle den (unbewussten) Zweck, unser Schat
tenkind vor weiteren Verletzungen, also vor seiner Versagens- und Verlustangst zu
beschützen.
Ich habe die Schutzstrategien sortiert nach:

1. Allgemeinen Strategien, derer sich jeder Mensch bedient.


2. Strategien, die zwar auch jeder kennt, die aber besonders gern von Menschen
angewendet werden, die ihr Schattenkind vorwiegend durch Anpassung be
schützen.

3. Strategien, die auch jeder kennt, die aber besonders gern von Menschen ver
wendet werden, die ihr Schattenkind durch Abgrenzung beschützen. Weil in
der Gegenüberstellung zum angepassten Schattenkind autonomes oder abge
grenztes Schattenkind irgendwie doof klingt, habe ich mich aus sprachästhe
tischen Gründen entschieden, vom rebellischen Schattenkind zu sprechen,
was ebenfalls gut den Kern trifft.

Schutzstrategien von angepassten Schattenkindern


Menschen, deren Schattenkind sich (unbewusst) eher auf die Seite der Anpas
sung geschlagen hat, versuchen möglichst alles richtig zu machen und alle Erwar
tungen zu erfüllen,die an sie gestellt werden.Ihre Schutzstrategien laufen zusam-
mengefasst darauf hinaus, sich die Nähe zu anderen Menschen zu sichern. Ihr
Schattenkind hat große Angst vor dem Alleinsein und traut sich oft nicht zu, si
cher auf eigenen Füßen stehen zu können. Es sucht Sicherheit in der Bindung.
30 Lerne dein Schattenkind kennen

Schutzstrategien von rebellischen Schattenkindern


Menschen, deren Schattenkind sich (unbewusst) eher auf die Seite der Autono
mie und Rebellion geschlagen hat, begegnen ihren Ängsten aktiv, indem sie sich
abgrenzen. Dies tun sie durch Angriff, Streit oder Verweigerung. Sie weisen zu-
sammengefasst Schutzstrategien auf, die eher einen Abstand zu anderen Men
schen herstellen. Ihr Schattenkind kann schlecht vertrauen - für sie stellt die

sicherste Option dar,sich nur auf sich selbst zu verlassen. Ihr Schattenkind sucht
Sicherheit in der Autonomie und Kontrolle.

WICHTIG
Unsere Schutzstrategien stellen den Versuch dar, uns bestmöglich an das Leben und die
Bedingungen »da draußen« anzupassen. Viele Schutzstrategien haben wir schon als
Kinder entwickelt, um mit unseren Eltern klarzukommen.Wir haben also als Kinder
dieVerontwortung für die Beziehung zu unseren Eltern übernommen. Damals waren unsere
Schutzstrategien sinnvoll und richtig. Heute sind wir jedoch erwachsen und hätten viel
bessere Möglichkeiten der Kommunikation und zum Gestalten von Beziehungen. Heu
te sind einige unserer Schutzstrategien nicht mehr angemessen. Sie bescheren uns
mehr Probleme, als sie lösen. Gleichwohl haben die meisten Schutzstrategien auch in
unserem Erwachsenenleben noch einen guten Zweck.So ist es durchaus sinnvoll, sich
zurückziehen, wenn man sich überfordert fühlt. Es ist auch okay, wenn wir unangeneh-
meTatsachen manchmal verdrängen,wenn wir sie nicht ändern können. Ebenso richtig
kann es je nach Situation sein, sich etwas bedeckt und mit seiner Meinung zurückzu
halten, um einen unschönen Konflikt zu vermeiden.Wie so oft im Leben kommt es auf
das Ausmaß an, in dem wir unsere Schutzstrategien anwenden.Wenn unsere Schutz
strategien uns mehr kosten, als sie Nutzen bringen, dann sollten wir etwas verändern.
Wie du deine dysfunktionalen Schutzstrategien verändern kannst, werde ich noch
eingehend erklären.Zunächst wollen wir jedoch eine Bestandsaufnahme machen,wel
che Schutzstrategien du persönlich häufig anwendest.
In den nächsten Abschnitten findest du die wichtigsten Schutzstrategien. Hinter je
der Beschreibung findest du eine kleine Übung zur Selbstreflexion.Sicherlich sind man
che Schutzstrategien, dir sehr gut bekannt,andere wenig oder gar nicht.Vielleicht hast
du auch eine Schutzstrategie, die ich nicht erwähne - es gibt eine Vielzahl von Schutz
strategien, und ich habe mich auf die gängigsten beschränkt. Mach die Übungen,so gut
du kannst - du kannst auch welche ausfallen lassen, wenn du überzeugt bist, dass die
betreffende Schutzstrategie nichts mit dir zu tun hat.
Wie auch bei den Glaubenssätzen benötigst du für die folgenden Übungen ein wenig
Mut zur Ehrlichkeit mit dir selbst.Arbeite alles in deinem Tempo durch. Du kannst dir
zum Beispiel vornehmen,jeden Tag eine Schutzstrategie zu bearbeiten.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 31

Allgemeine Schutzstrategien

Die folgenden Schutzstrategien gelten sowohl für die eher angepassten als auch für
die rebellischen Schattenkinder und natürlich für all jene, die zwischen beiden Po
len eine gute Balance haben oder auch krasse Wechsel zwischen beiden Polen voll
ziehen.

Verdrängen,Schönreden und Tagträumen


Die Verdrängung ist ein wertvoller Schutzmechanismus, ohne den wir nicht funkti
onieren könnten. Wenn wir uns stets all der schrecklichen Dinge auf der Welt inklu
sive unserer eigenen Sterblichkeit bewusst wären, dann überkämen uns so starke
Angst- und Ohnmachtsgefühle, dass wir kaum noch handlungsfähig wären. Im
Grunde ist die Realitätsverdrängung die »Mutter aller Schutzstrategien«, weil näm
lich alle Schutzstrategien im Dienste der Verdrängung stehen. Indem wir uns bei
spielsweise durch Perfektionsstreben schützen, verdrängen wir unsere gefühlte
Minderwertigkeit und Versagensangst. Indem wir nach Harmonie streben und
Konflikte vermeiden,verdrängen wir unsere Verlustangst usw. Wir verdrängen auch
gern,indem wir uns die Dinge einfach schönreden und tagträumen, dass alles schon
irgendwann und irgendwie in Ordnung kommt. So reden wir uns beispielsweise
unsere unglückliche Beziehung schön und hoffen darauf, dass der Partner sich ir
gendwann ändert.

Bitte stell dir drei konkrete Situationen von in denen du ein Problem mit anderen Men
schen hast oder mit dir selbst und deinem Verhalten. Frage dich für jede Situation: Ver
dränge ich hier etwas? Rede ich mir die Dinge schön? Oder tagträume ich von einer un
wahrscheinlichen Lösung?
32 Lerne dein Schattenkind kennen

1. Ich ess& m viel'Düßes und verdränge,dass ich dicLer werde.


%.Ich will nichi wahrhaben,dass ich auf meine bes-te Freundin neidisch bin.
?.Ich träume,dass Michael sich verändert.

mLFE Selbsteingeständnis von misslichen Zuständen zwar kurzfristig


weh tut, du dein Problem aber nur lösen kannst, wenn du es anerkennst. Mittel- und
l3l
langfristig wird dein Leben schöner, wenn du deine Probleme löst, anstatt vor ihnen
wegzulaufen.

Delegation von Verantwortung und Opferdenken


Gern drücken wir uns vor Verantwortung in unserem Leben. Oft ist uns das noch
nicht einmal so bewusst. So sind wir überzeugt, dass der Partner, die Chefin, das
Wetter oder die Eltern verantwortlich für unsere Unzufriedenheit sind. Wir machen
uns zum Opfer der Umstände. Wir jammern und klagen, verändern aber nichts.
Dahinter steckt oft die Angst, zu versagen und Fehler zu machen, wenn wir unser
Leben eigenverantwortlich gestalten würden. So verharren wir beispielsweise in ei
nem Job, der uns nicht glücklich macht, und hoffen, dass der Chef sich ändert oder
träumen von einem Lottogewinn. Wir ziehen oft die Sicherheit des Ist-Zustands den
Unwägbarkeiten des Wunschzustands vor. Wenn wir etwas verändern wollten, dann
müssten wir etwas riskieren und unsere Versagensangst oder auch unsere Trägheit
überwinden.

Kennst du das? Denke bitte darüber nach, in welchen Lebensbereichen du darauf hoffst,
dass jemand anders sich verändert oder irgendetwas geschieht, damit es dir besser geht.
Notiere drei Bereiche.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 33

1. "babine soll mich verst&hen und sich besser auf mich einstellen.

%. Ich viarte darauf,dass sich irgendwann ein besserer Tob auftut,


anstatt mich selbst drum m tcümmern.

?. Ich bedaure,dass ich meinen besten Freund so selten sehe,


anstatt mich bei ihm m melden.

Notiere bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

Ich kann nichts


bewirken!

miFE jeden Morgen aufrecht hin und sage laut: Ich bin zu 100 Prozent verantwort-
l3l lieh für mein Leben und meine Gefühle. Ich nehme mein Glück heute selbst in die
Hand!

Flucht, Rückzug und Vermeidung


Wenn wir uns keine Chance auf einen Sieg ausrechnen, ziehen wir uns lieber zu
rück,flüchten und vermeiden den Konflikt. Das ist ein natürlicher und sehr gesun
der Schutzmechanismus. Je nachdem, welche Erfolgschancen wir uns ausrechnen.
34 Lerne dein Schattenkind kennen

greifen wir entweder an - oder ducken uns. Menschen, die diesen Selbstschutz je
doch vorwiegend aus Motiven des Schattenkindes heraus anwenden, leben ihr Le
ben aus der Defensive. Sie haben um sich herum einen Sicherheitszaun aufgebaut,
den so schnell keiner durchdringen kann. Um sich vor Verletzungen und Auseinan
dersetzungen zu schützen, flüchten viele Betroffene auch in Aktivitäten. Ein sehr
beliebtes Fluchtziel ist beispielsweise die Arbeit. Es wird sich in die Arbeit gestürzt,
um sich von persönlichen Problemen abzulenken. Hierfür halten auch gern Hobbys
oder das Internet her. Es wird sowohl die Konfrontation mit den eigenen Ängsten
vermieden, als auch die Auseinandersetzung mit anderen Menschen, von denen
Ablehnung befürchtet wird. Das Problem ist, dass durch Flucht und Vermeidung
Unlust und Angstgefühle sich eher verstärken, als dass sie weniger würden. Wenn
ich ständig wichtige Aufgaben vor mir herschiebe, wird der Berg immer größer, und
meine Unlustgefühle steigern sich. Wenn ich jeder Auseinandersetzung aus dem
Weg gehe, bleiben Konflikte ungelöst unterm Teppich liegen. Wenn ich häufig sozi
ale Situationen vermeide, die mir Angst machen, mache ich nicht die heilende Er
fahrung, dass ich diese Situationen bewältigen kann.

Was sind deine typischen Vermeidungsstrategien? Notiere mindestens drei.

2.

3.

Vor welchen unangenehmen Gefühlen soll dich die Vermeidung beschützen?

I. Ich drücke- mich um ein offenes yiort mit meinem d-hef.


(Angst vor Ablehnung und Versagen)

1.Ich flüchte mich in ^omputerspiele.


(Unlust/Faulheit in Bezug auf notwendige Arbeiten)

i >
i ¥ Ich drücke mich,endlich wieder cujoggen.
(Faulheit, Angst vor Konditionsmangel)
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 35

Notiere drei Gefühle:

3.

HiLra
HILFE du sieben Tage die Woche und 24 Stunden pro Tag vermeiden und
e aufschieben kannst, die Erledigung der Aufgabe oder die Bewältigung der Angst dich
aber sehr viel weniger Zeit kosten würde.Versuch dir mal vorzustellen, wie du dich
heute Abend,nächste Woche oder in einem Jahr fühlst, wenn du weiterhin vermeidest
und aufschiebst. Und dann spür mal in dich hinein,wie es sich anfühlen würde,wenn du
die Aufgabe angehst und/oder deine Ängste, Trägheit, Schamgefühle etc. bewältigst.
Überlege dir kleine Schritte, die zu deinem Ziel führen, und fang an!

Tarnung, Roiienspiel und Lügen


Wir wollen alle dazugehören und passen uns folglich an Normen und gesellschaft
liche Rituale an. Das ist auch richtig und sinnvoll. Wir können und wollen uns auch
nicht jederzeit völlig authentisch und offen verhalten. Es giht jedoch Menschen, die
gewissermaßen nicht ohne Tarnkappe aus dem Haus gehen. Sie spielen regelrecht
Rollen und verstecken sich hinter einer Maske. Sie haben einen schlechten Kontakt
zu ihren Gefühlen, weil sie von Kindesbeinen auf trainiert sind, einfach zu funktio
nieren. Sie nehmen sich selbst oft als »hüllenhaft« wahr, weil sie sich selbst schlecht
spüren und häufig nicht wissen, was sie wollen und was sie ausmacht. Ihr Schatten
kind meint, es müsste sich verstecken, es dürfte nicht so sein, wie es ist. Deswegen
haben viele von ihnen nur einen brüchigen Kontakt zu ihren eigenen Wünschen
und Bedürfnissen. Das Schattenkind ist beflissen, alle Erwartungen seiner Mitmen
schen zu erfüllen und richtet seine Rollen nach diesen aus. Das ist natürlich anstren
gend, weswegen die Betroffenen sich selbst am besten spüren können, wenn sie al
lein sind.
Auch wer lügt, versteckt sich und weigert sich, die Verantwortung für sich selbst
und sein Handeln zu übernehmen. Kleiner Notlügen bedienen wir uns alle manch
mal - auch, um andere nicht zu verletzen. Manche Menschen lügen jedoch massiv
und sind ständig unaufrichtig. Sie erreichen ihre Ziele durch Manipulation und
Tricksen. Ihr Schattenkind glaubt, dass die Welt da draußen schlecht und jedes Mit
tel recht und billig ist, um sich eigene Vorteile im Überlebenskampfzu verschaffen.
36 Lerne dein Schattenkind kennen

Gibt es Situationen, in denen du eine Rolle spielst und wenig authentisch bist? Gibt es eine
typische Rolle, die du oft spielst? Notiere beides hier;

I. g'ei meinem 6lneftue ich so,als ob ich ständig Herr der Lage
und supercool wäre.
Z. Unter Freunden mime ich den stets gut ?Sielaunten und behalte
meinetiorgenfürmich.

Welches Schutzbedürfnis von dir - zum Beispiel Verlustangst - steckt hinter diesem Ver
halten?

Hand aufs Herz:Wie ist dein Verhältnis zur Wahrheit? Kreuze an, was zutrifft:
1. Ich schwindle, um andere nicht zu kränken. Nie Selten Häufig Ständig
2. Ich schwindle, um mirVorteile zu verschaffen. Nie Selten Häufig Ständig
2. Ich schwindle, um mehr darzustellen, als ich bin. Nie Selten Häufig Ständig

™STE Denke bitte einmal zu Ende,was Schlimmes passieren könnte,wenn du einfach mal zu
deinen Schwächen,aber auch zu deinen Wünschen und Bedürfnissen stehen würdest.
lä Nimm dir eine Situation vor, die dir am wenigsten Angst macht, und sei authentisch,
indem du ehrlich sagst, was in dir vorgeht und wo du stehst. Fang beispielsweise mit
einem guten Freund an. Nimm dir jeden Tag eine kleine Situation vor, in der du zu dir
selbst stehst.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 37

Typische Schutzstrategien von angepassten Schattenkindern

Ich erinnere hier noch einmal daran, dass jeder von uns in mehr oder minder gro
ßem Ausmaß alle Schutzstrategien anwendet. Manche werden jedoch typischer
weise von Menschen bevorzugt, die ihr Schattenkind vor allem durch Anpassung
beschützen. Ihre Schutzstrategien laufen darauf hinaus, Bindung und Nähe herzu
stellen - ersatzweise auch durch Konsum und Süchte.

Hilflosigkeit und Kindbleiben


Manche Menschen möchten am liebsten ihr ganzes Leben lang Kind bleiben und
weigern sich - häufig unbewusst -, die Verantwortung für ihr Leben zu überneh
men. Sie tun sich unheimlich schwer, eigene Entscheidungen zu treffen und benöti
gen ständig die Rückversicherung bei ihren Eltern, ihrem Partner, Freunden usw.
Das Schattenkind in ihnen hat Angst, auf eigenen Füßen zu stehen. Es glaubt, es
nicht allein zu schaffen. Vor allem hat das Schattenkind der Betroffenen große
Angst, Fehler zu machen. Eine falsche Entscheidung wäre ein Fehler. Sie halten es
ganz schlecht aus, wenn sie mal etwas falsch machen, ihre Frustrationstoleranz ist
niedrig. Dabei rechnen sie sich auch eine hohe Wahrscheinlichkeit aus zu versagen,
weil sie ihren eigenen Fähigkeiten nicht vertrauen. Das Schattenkind in ihnen meint,
andere wüssten besser, was richtig und was falsch ist. Und so hängen sie sich an
andere Menschen, häufig die Beziehungspartner, die sie glücklich machen und Ent
scheidungen für sie treffen sollen. Innerlich haben sie sich nie richtig von ihren El
tern gelöst und die Verantwortung für ihr Leben selbst in die Hand genommen. In
schwereren Fällen entwickeln die Betroffenen Angst- und Panikattacken. Dahinter
verbirgt sich das zutiefst verunsicherte Schattenkind, das sich ohne eine feste, füh
rende Hand in der Welt verloren fühlt.

Wie leicht beziehungsvv'eise schwer fällt es dir; eine Entscheidung zu treffen. Notiere die
Antwort auf einer Skala von 0-10.

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Spür in dich hinein: Hast du das Gefühl, dein Leben selbstständig und eigenverantwortlich
zu leben? Oder wünscht dein Schattenkind sich oft, jemand anders würde wichtige Ent
scheidungen für dich treffen?
Bitte schreibe hier deine Gedanken und Gefühle auf.
38 Lerne dein Schattenkind kennen

Ich möchte-,dass Michael mich beschützt und mich glücldich macht.Ich warte irgendwie auf
Erlösung,aber auf was eigentlich? Ich bin passiv und traue mich nicht, mein 6ilücic selbst in
die Hand m nehmen.Ich bin Lehrerin geworden,weil meine Litern das wollten - hätte ich
doch nur(Siesang studiert,oder soll ich es doch noch tun?

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

Ich schaffdas nicht!


Ich bin klein und hilflos!
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 39

MLFE Preis der Freiheit ist die Möglichkeit, Fehler zu machen. Mach dir klar, dass der
größte Fehler wäre,weiter in der Abhängigkeit zu verharren.

Perfektionsstreben und Schönheitswahn


Wir haben alle ein großes Bedürfnis nach Anerkennung. Der Grund dafür ist, dass
wir Herdentiere sind und ohne den Anschluss an die Gemeinschaft nicht existieren
könnten. Die Anerkennung ist sozusagen die Währung für den Anschluss an die
Gruppe. Folglich sind wir alle bemüht, Fehler zu vermeiden und einen guten Ein
druck zu hinterlassen. Wie ich weiter oben schon geschrieben habe,ist es jedoch oft
das Ausmaß, das eine Schutzstrategie zum Problem werden lassen kann. Wenn wir
ganz viel unseres Tuns nach dem Motiv ausrichten, möglichst viel Anerkennung zu
erhalten, dann entfernen wir uns von unseren eigentlichen Wünschen und Bedürf
nissen - und manchmal auch von unseren moralischen Werten. Außerdem laufen
wir mit dieser Schutzstrategie Gefahr, uns zu verausgaben. Es gibt immer ein Besser
und Schöner. Das Schattenkind lässt sich von den äußeren Erfolgen im Leben ohne
hin nicht beeindrucken. Es bleibt hartnäckig bei seiner Überzeugung,sowieso nicht
zu genügen. Es ist eher der innere Erwachsene, der sich freut, wenn er erfolgreich
ist. Diese Ereude währt jedoch meist nicht lang, und die nächste Trophäe muss er
gattert werden. Und so kommt man irgendwie nie zum Ziel und rennt bis zur äu
ßersten Erschöpfung seinen Ansprüchen hinterher. Wobei ich an dieser Stelle fest
halten möchte, dass unser Schattenkind natürlich auch ein großer Antreiber sein
kann, der uns auch im positiven Sinne zu Leistung und Erfolg anspornt. Wir müs
sen jedoch die richtige Balance zwischen Leistung und Entspannung finden, und
ganz wichtig: lieber etwas leisten aus der Ereude, etwas Sinnvolles zu tun, als allein
aus dem Motiv, dafür Anerkennung einzuheimsen.
Das Gleiche gilt für unsere äußere Erscheinung. Es ist wichtig und richtig, dass
man auf sich achtet und seine Stärken zur Geltung bringt. Es gibt allerdings Men
schen, die über die Maßen mit ihrer äußeren Erscheinung und ihrer Figur beschäf
tigt sind. Ihr Leben kreist um Diät, Fitness, Mode und Schönheit. Dahinter verbirgt
sich die Angst des Schattenkindes, nicht zu genügen und abgelehnt zu werden. Ähn
lich wie beim Perfektionsstreben kostet diese Schutzstrategie jedoch viel Energie
und heilt das Schattenkind nicht. Sie kann sogar zu einer richtigen Last werden,
wenn der oder die Betroffene älter wird und die äußere Schönheit allmählich ver
blüht.

Wie hoch ist dein Wunsch nach Anerkennung auf einer Skala von 0-10?

0 I 2 3 4 5 6 7 8 9 10
40 Lerne dein Schattenkind kennen

Was tust du dafün um anerkannt zu werden? Zähle mindestens drei Dinge auf.

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schützstrategie passt.

Mach dir klar, dass du gegen dein Schattenkind kämpfst, das mit dieser Strategie nicht

(31 zu überzeugen ist. Nimm dir einfach mal vor,deine Sache »nur« gut anstatt perfekt zu
machen. Und setze dir vernünftige Vergleichsmaßstäbe: Schau beispielsweise nicht ins
Modemagazin,um mit deiner Figur abzurechnen,sondern sieh dich lieber mal nach der
Realität auf der Straße um.

Harmoniestreben und Idealisierung


Nicht weit entfernt vom Perfektionsstreben liegt die Schutzstrategie Harmoniestre
hen und Überanpassung. Auch hier geht es darum,dass wir die Anerkennung unse
rer Mitmenschen erhalten möchten, oder umgekehrt ausgedrückt, bloß nirgendwo
anecken wollen. Menschen, die diese Schutzstrategien anwenden, fahren stets ihre
Antennen aus, um zu erspüren, was andere von ihnen erwarten. Sie sind sehr beflis
sen, alle Erwartungen zu erfüllen, weil ihr Schattenkind in einer chronischen Angst
vor Ablehnung lebt. Um sich leichter anpassen zu können, haben die Betroffenen
ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund gedrängt. Denn ein starker eigener
Wille kann der Anpassung im Weg stehen. Diese Bedürfnisunterdrückung ist meis
tens von Kindesbeinen an geübt. Die Betroffenen sagen häufig: Ich weiß eigentlich
gar nicht, was ich selbst will! Oder sie sagen Ja, obwohl sie innerlich Nein meinen.
Häufig können sie weder mit einem guten Gefühl Ja sagen noch mit einem guten
Gefühl Nein sagen. Wenn sie nämlich Ja sagen, fühlen sie sich schnell fremdbe
stimmt (weil es ja eigentlich gar nicht sie selbst sind, die das wollen), und wenn sie
Nein sagen, haben sie Schuldgefühle.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 4!

Um Konflikte und Auseinandersetzungen zu vermeiden, unterdrücken Harmo


niebeflissene nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse und etwaige Wutgefühle, sondern
sie verdrängen potenzielle Konflikte auch gern aus ihrem Bewusstsein. Harmonie-
beflissene laufen oft etwas zu naiv durch die Welt und neigen dazu, ihre Mitmen
schen zu idealisieren. Die Idealisierung schützt ihnen die Nähe zu wichtigen Be
zugspersonen.

Kennst du das? Überlege dir drei Situationen, in denen du Dinge gemacht hast, die du
eigentlich gar nicht machen wolltest - nur aus dem Motiv heraus, den anderen nicht zu
enttäuschen.

1. Idn habe meinem "DchuUeifer zugesagt,die Leitung der"Theater-A<St


Z.U übernehmen,was mich total überfordert.
1. Ich verbringe meine Mittagspause oft mit Kollegen,obwohl ich mich
viel besser entspanne, wenn ich spaz.ieren gehe.
?. Ich habe Michael versprochen, mit ihm z.um 60.6ieburtstag seiner
Tante z.u gehen,obwohl ich null ^oct:daraufhabe.

Kann es sein, dass du gern die Augen vor der Wahrheit verschließt, wenn es um wichtige
Menschen geht? Schreibe deine Gedanken hierzu auf:
42 Lerne dein Schattenkind kennen

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

mLFE
HILFE deiner Harmoniesucht kannst du deine Beziehungen langfristig mehr belasten als
mit einem offenen Wort. Mach dir klar, dass es fairer wäre, wenn dein Gegenüber bes
ser wüsste, woran er oder sie mit dir ist. Es ist sehr anstrengend für deine Mitmen
schen, wenn sie sich immer deinen Kopfzerbrechen müssen, um herauszufinden, was
du willst.Trau dich, die Verantwortung für deine Wünsche zu übernehmen.

Jammern und Klammern


Das angepasste Schattenkind lebt, wie bereits gesagt, in der unterschwelligen Sorge,
alleingelassen zu werden. Es reagiert sehr wachsam auf etwaige Distanzierungen
seiner Mitmenschen oder natürlich auch seines Liebespartners. Vor allem in Liebes
beziehungen ist seine Verlustangst sehr groß. Es ist sehr bedürftig nach Anerken
nung und Zuwendung. Das angepasste Schattenkind benötigt sehr viel Unterstüt
zung, weil es ja zu wenig Zutrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat. Mit seiner
Bedürftigkeit kann es seinen Partner überfordern und einengen.
Dabei kommt es nicht selten vor, dass sich Menschen mit abhängigem Bezie
hungsmuster Partner aussuchen, die eher auf der unabhängigen Seite stehen. Diese
finden sie spannend, und ihr Schattenkind will sich genau an diesen unabhängigen
Menschen beweisen, dass es doch etwas wert ist. Die Schattenkinder der Unabhän
gigen jedoch, die in erster Linie nach Autonomie streben, fühlen sich besonders
schnell durch die Erwartungen des Partners unter Druck gesetzt und treten die
Flucht an. Entweder, indem sie die Beziehung beenden, oder, indem sie nach Mo
menten der Nähe immer wieder Distanz herstellen, was die abhängigen Schatten
kinder enorm verunsichert und ihr Klammern verstärkt. Entsprechend geht der
Partner noch einen Schritt weiter zurück. Es entstehen Teufelskreise von Nähe- und
Distanzmanövern. Wie ich bereits am Anfang geschrieben habe, können sich die
Rollen, wer eher auf der abhängigen und wer eher auf der unabhängigen Seite steht,
zwischen den Beziehungen und auch innerhalb einer Beziehung verändern. Das
hängt von der jeweiligen Beziehungsdynamik ab.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 43

Hast oder hattest du Beziehungen, die in dir Klammerimpulse ausgelöst haben?


Welche Verhaltensweisen deines Partners, Freundes, Familienmitglieds haben den Klam-
merimpuls bei dir ausgelöst?

Ich riamme-re- mich oft an Michael,weil ich Angst habe,ihn


m verlieren. Ichjammere und nörgle an ihm herum,weil
ich mehr Aufmerteamteit und Nähe will. V^ahrscheinlich
törntihn das ziemlich ab.

Welcher Glaubenssatz passt zu deinem anklammernden Verhalten?

Ich genüge nicht!


44 Lerne dein Schattenkind kennen

muFE versuchst dein verletztes Schattenkind durch dein Gegenüber zu heilen. Er/sie soll
1^1 deinen Wert bestätigen. Damit sitzt du in der Falle, weil sein/ihr Verhalten nicht inner
halb deiner Kontrolle liegt.Versuche daher, nicht länger deinen Selbstwert im Spiegel
deines Partners zu erkennen (ich spreche hier auch von »gespiegeltem Selbstwert
empfinden«, s. S. 74). Mach dir mithilfe deines Erwachsenen-Ichs bewusst, dass dein
Wert nicht von dem Verhalten eines anderen Menschen bestimmt wird. Übernimm
wieder Verantwortung für dich selbst und tue Dinge, die dich weiterbringen und dir
Freude machen (Hobbys, Fortbildung, Freunde treffen etc.). Dadurch wirst du unab
hängiger und für deinen Partner auch wieder attraktiver.

Shoppen, Konsum und Sucht


Diese Schutzstrategien haben viel mit unserem Glücksempfinden und unserem Do-
pamin-Haushalt zu tun. Das menschliche Gehirn liebt Dopamin, weil es glücklich
macht. Konsum - sei er stoffgehunden in Form von Essen, Trinken, Drogen oder
tätigkeitsgebunden in Form von Sport, Sex, Arbeit, Shoppen etc. - kann im Gehirn
zur Ausschüttung erheblicher Mengen an Dopamin führen. Wenn diese Verhaltens
weisen zur Sucht werden, haben wir ein Problem. Sucht weist im Gehirn starke
Konditionierungen auf, sodass nicht allein das Schattenkind hierfür zu verantwor
ten ist, sondern auch einfache Gewohnheiten in die Sucht münden können. Außer
dem hat Sucht auch eine genetische Komponente. So gibt es beispielsweise Men
schen, deren Gehirn Nikotin schnell verstoffwechselt, und andere, deren Gehirn es
langsam verstoffwechselt. Letztere werden von Zigaretten kaum süchtig - entweder
indem sie nie rauchen oder reine Gelegenheitsraucher bleiben.
Off hat das Schattenkind jedoch auch seine Anteile am süchtigen Verhalten. So
möchte es seine Ängste vorm Versagen oder Verlust und Einsamkeit betäuben.
Oder, auch ein häufiges Motiv von Süchten: Langeweile killen. Gerade nach Feier
abend, wenn der Akku schon ziemlich leer ist und wir off zu erschöpff sind, um
noch Hobbys zu betreihen, ist die Gefahr vorhanden, beispielsweise mithilfe von
Essen und Alkohol Langeweile zu beseitigen und einen schönen »Feierabend-Do-
paminkick« einzuleiten.

Welche Süchte kennst du von dir selbst?


Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 45

Welchen Zweck erfüllt deine Sucht? (Anschluss an Freunde, Langeweile killen, Angst be
täuben etc.)

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

HILFE V®'"suche dir einen Gegenentwurf zu dem Lebensgefühl zu erstellen, das zu deiner
läl Sucht gehört. Wenn du beispielsweise unter Arbeitssucht leidest, dann stell dir bei
spielsweise vor, wie du Zeit mit deinen Freunden oder mit der Familie verbringst, und
tauche in die positiven Gefühle ein. Stell dir auch vor, wie es den anderen mit dir geht,
wenn du mehr Zeit hast. Wenn du dir jeden Abend eine Tüte Chips reinziehst, dann
stell dir vor, wie gut sich dein Körper anfühlen würde,wenn du stattdessen eine halbe
Stunde spazieren gingst. Mach dir also ein positives Zielbild als Gegenentwurf zu dei
nem süchtigen Lebensgefühl - und spüre die guten Gefühle, die sich dabei einstellen.

Typische Schutzstrategien von rebellischen Schattenkindern

Autonome oder auch rebellische Schattenkinder haben ein Problem damit, anderen
Menschen zu vertrauen. Ihre sichersten Optionen sind Selbstständigkeit, Selbstbe
hauptung und Kontrolle. Ihre Schutzstrategien wirken darauf hin, dass sie immer
einen gewissen Sicherheitsabstand zu anderen Menschen einhalten.Im Unterschied
zu den angepassten Schattenkindern, die die Nähe suchen, suchen die rebellischen
also eher die Distanz.
Ich möchte noch einmal betonen, dass jeder Mensch sowohl angepasste als auch
autonome Fähigkeiten in sich trägt und insofern auch über angepasste und autono
me Schutzstrategien verfügt. Ebenso ist es möglich, dass man in einer Beziehung
46 Lerne dein Schattenkind kennen

eher auf der angepassten Seite und in der anderen eher auf der autonomen Seite
steht.

Am besten ist es, wenn man eine gute Balance zwischen Anpassung und Selbstbe
hauptung findet.

Macht- und Kontrollstreben

Wir benötigen alle ein gewisses Maß an Macht und Kontrolle - ansonsten wären wir
ja völlig ausgeliefert. Kontrolle ist die Antwort auf Angst. Ich werde nicht müde zu
betonen, dass es, wie immer, um das Ausmaß geht, in dem wir unseren Selbstschutz
praktizieren. Und so gibt es Menschen, deren Schattenkind ein sehr hohes Macht
motiv aufweist und die außerordentlich viel Kontrolle benötigen. Ihr Schattenkind
hat große Angst, in eine unterlegene, ohnmächtige Position zu geraten, wie es da
mals bei Mama und Papa der Fall war. Es nimmt andere Menschen häufig als mäch
tig wahr und lehnt sich dagegen auf. Es will unbedingt die Oberhand behalten.
Menschen mit einem hohen Machtmotiv gehen ungern Kompromisse ein. Sie ma
chen ziemlich stur ihr eigenes Ding: Da hilft kein Betteln und kein Klagen. Nachge
ben ist bei ihnen assoziiert mit Unterlegenheit und Schwäche. Das macht den Um
gang mit ihnen nicht gerade einfach.
Es geht dieser Art von Schattenkindern aber nicht nur darum, Macht und Kont
rolle über andere Menschen auszuüben, sondern auch über sich selbst. Die Betroffe
nen halten deshalb beispielweise oft hochdiszipliniert gewisse Rituale und Routinen
ein. Sie wollen immer alles - möglichst perfekt - im Griff haben: Ihre Arbeit, ihre
Figur, den Haushalt, die Kinder usw. Die Betroffenen bezeichnen sich selbst oft als
Kontrollfreaks. Sie können auch ganz schlecht delegieren, weil ihnen dazu das Ver
trauen in andere Menschen fehlt. Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen. In über
steigerter Form kann diese Schutzstrategie in Kontroll- oder Waschzwänge ausarten.

Auf einer Skala von 0-10: wie hoch schätzt du dein Kontrollbedürfnis ein?

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Überlege dir eine Situation, in der du ein übertriebenes Kontroll- oder Machtmotiv hast.
Welche Ängste stecken dahinter?
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 47

\c\] kann e-s ganz,schlecht ertragen,in einer Diskussion z.u verlieren.


Ich fühle mich dann dumm und unterlegen.

Finde bitte nnindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

muFE deinem Schattenkind bitte bewusst, dass die Welt da draußen nicht Mama und
Räi Papa ist. Mach dir bewusst, dass du auf Augenhöhe mit anderen Menschen bist. Denke
bitte zu Ende, was im schlimmsten Fall passieren könnte, wenn du die Kontrolle lo
ckerst und mehr loslässt. Frage dich, wie sich dein Leben positiv verändern würde,
wenn du mehr Zeit für andere Dinge hättest. Hinterfrage, ob dein Macht- und Kont
rollstreben dir wirklich nutzt.

Mauern und Verweigern


Sehr nah am Macht- und Kontrollstreben liegt die Selbstschutzstrategie Mauern
und Verweigern. Es gibt nicht wenige Menschen, deren Schattenkind im Trotzalter
Steckengehlieben ist. Sie kämpfen - unbewusst - ständig um ihre Autonomie und
Selbstbehauptung. Ihre Eltern haben ihnen zu wenig Freiraum gelassen, ihren eige
nen Willen durchzusetzen. Das Schattenkind dieser Menschen hat ganz schnell das
Gefühl,bevormundet,kontrolliert oder übergangen zu werden. Auch freundlich-in-
48 Lerne dein Schattenkind kennen

teressierte Fragen wie beispielsweise »Wie war dein Tag heute?« können von den
Betroffenen schon als Kontrolle fehlgedeutet werden. Gegen diese verwehren sie
sich entweder durch aktiven und/oder passiven Widerstand. Beim aktiven Wider
stand beharrt der Betreffende auf seinem Recht, streitet, greift an. Ein Passiv-Ag
gressiver verweigert sich hingegen durch kleinere oder größere Sabotageakte. So
macht er beispielsweise eine Zusage, aber setzt sie nicht um. Er trödelt oder »ver-
gisst« einfach, die Dinge zu tun, die von ihm erwartet werden. Den anderen auflau
fen lassen, sich hinter eine Mauer zurückziehen und »dichtmachen« sind ebenfalls
typische Manöver des passiven Widerstands. Beim passiven Widerstand übernimmt
der Betreffende keine Verantwortung für seine Verweigerung, indem er diese for
muliert,sondern er entzieht sich durch die Hintertür. Menschen,deren Selbstschutz
Mauern und Verweigern ist, fällt es schwer, mit den Erwartungen anderer Men
schen umzugehen. Eigentlich meint ihr Schattenkind nämlich, es müsste alle Er
wartungen erfüllen. Dann hat es aber ganz schnell das Gefühl, fremdbestimmt zu
sein, und es verweigert sich.

Welche Gefühle und Gedanken löst das Thema »Erwartungen meiner Mitmenschen« in
dir aus? Schreibe sie bitte hier auf.

Erwartungen lösen in mir Engegefühle aus. Ich habe Angst, manipuliert und
fremdbestimmtzu werden,Vlenn ich "babines Erwartungen erfülle, üomme
ich mir manchmal so bevormundet vor. Ich werde dann bocldg und mache
genau das Eiegenteil.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 49

Welche Spielarten des passiven Widerstands kennst du (trödeln, verweigern,zumachen,


schweigen, abtauchen, Dinge vergessen)?

Notiere mindestens einen Glaubenssatz von dii^ der zu deiner Schutzstrategie Trotz und
Verweigerung gehören könnte.

Ich binfür
dein Glück
verantwortlich!

hilfIF deinem Schattenkind immer wieder klar, dass ihr heute groß seid und euch nicht
[@l ständig gegen die Bevormundung und Kontrolle von Mama und Papa wehren müsst.Du
bist auf Augenhöhe mit den anderen Menschen.

Attackieren und Fordern

Bei dieser Selbstschutzstrategie wird aktiver Widerstand geleistet: Auf einen echten
oder vermeintlichen Angriff erfolgt die Attacke. Sie ist also quasi der Gegenentwurf
zum Harmoniestreben. Angriff und Attacke haben, wie die meisten Schutzstrategi-
50 Lerne dein Schattenkind kennen

en, einen lebensgeschichtlichen Sinn. So haben wir einen starken Überlebenstrieb,


für den wir Aggression benötigen. Mithilfe von Aggression beschützen wir unsere
Grenzen - im Zweifelsfall unser Leben. In unserem Leben des 21. Jahrhunderts ist
nur die Frage, was wir als Angriff erleben. Unsichere Menschen fühlen sich schnell
angegriffen. Aufgrund der Unterlegenheitsgefühle ihres Schattenkindes bekommen
sie Bemerkungen leicht in den falschen Hals und interpretieren auch Handlungen
ihrer Mitmenschen schnell als respektlos und gegen sie gerichtet. Ihr Schattenkind
ist leicht zu kränken. Kränkung ist ein Gefühl, das ungeheure Wut freisetzen kann.
Viele Menschen, die sich schnell, off zu schnell, wehren, sind auch impulsiv veran
lagt. Sie haben also eine sehr schnelle Reiz-Reaktions-Verkettung. So wie Michael in
unserem Beispiel mit der Wurst.

Eine weitere aktive Schutzstrategie, die häufig mit Angriff und Attacke kombiniert
wird, ist Fordern. Die Betroffenen fordern recht energisch ihre tatsächlichen oder
auch vermeintlichen Rechte ein. Menschen, die Fordern als Selbstschutz anwenden,
leben in der chronischen Angst, dass ihnen jemand »die Butter vom Brot nimmt«.
Ihr Schattenkind wähnt sich ganz schnell im Hintertreffen und unterlegen. Ist ihr
Schattenkind in seiner Kindheit tatsächlich zu kurz gekommen, so fordern sie in
ihrem Erwachsenleben mehr, als sie geben. Menschen mit dieser Selbstschutzstrate
gie sind die weiblichen Diven und die männlichen Machos. Durch ihre dominante,
fordernde Art können sie ihre zwischenmenschlichen Beziehungen stark belasten.

Spüre in dich, ob sich hinter der Wut auch ein Gefühl der Kränkung verbirgt. Notiere
mindestens zwei Situationen, in denen du dich gekränkt gefühlt und mit Wut reagiert hast.
Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 51

Wo würdest du dich auf der folgenden Skala einordnen?

SEHR SEHR
KONFLIKTSCHEU FORDERND

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

™STE Du bist eine Kämpfernatur und hast in deinem Leben auch schon viel erreicht. Mach

l3l dir aber bitte bewusst, dass du häufig mit Kanonen auf Spatzen schießt und versuch
dein Schattenkind genau im Auge zu behalten,sodass du besser zwischen angemesse
nen und übertriebenen Forderungen unterscheiden kannst. Überlege dir auch, ob du
vielleicht mehr forderst, als du gibst. Im Übrigen geht in der Kommunikation mit dei
nen Mitmenschen keine Information verloren, wenn du deine Anliegen freundlich for
mulierst.

Rationalisieren und Intellektualisieren

Wer nicht fühlt, kann nicht leiden. Die Rationalisierung als Schutzstrategie blockiert
schwache Gefühle, wodurch man sich möglichst unangreifbar macht. Sie ist also, wie
alle Schutzstrategien, zunächst einmal eine gute Maßnahme, um ein wenig Abstand
und einen kühlen Kopfzu behalten. Vor allem Männer wählen diese Schutzstrategie,
natürlich unbewusst, um sich vor schwachen Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit oder
Trauer zu beschützen. Dies liegt an ihrer Sozialisation - erst in den letzten 20 Jahren
spricht sich herum, dass Jungen auch mal weinen und auch »schwache« Gefühle
haben dürfen. Zum Zwecke des Selbstschutzes neigen Jungen und Männer zur Ver
sachlichung und halten sich auf diese Weise »schwache« Emotionen vom Leib. Sie
tun dies,indem sie gern alles und jeden um sich herum auflogische Prinzipien redu
zieren. Zum Sozialisationsfaktor hinzu kommt noch eine genetische Veranlagung
der Männer zur Versachlichung, da in der menschlichen Evolutionsgeschichte sie
diejenigen waren, die auf die Jagd gehen mussten und sich dabei nicht allzu viel Ner
vosität erlauben durften. Selbstverständlich gibt es aber auch Frauen, die eher nüch
tern und sehr kopfbestimmt agieren. Das Problem dieser Schutzstrategie ist, dass die
Betroffenen Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Scham und Trauer so stark verdrän-
52 Lerne dein Schattenkind kennen

gen, dass sie diese nicht reflektieren können. Der verdrängte Frust kann sich jedoch
in Form von Aggression entladen - eine starke Emotion, die Männer meist besser
zulassen können als Frauen. Männer wie Frauen mit dieser Schutzstrategie neigen zu
einer gewissen Härte, die sich vor allem in einem mangelnden Einfühlungsvermö
gen ausdrückt. Einfühlungsvermögen setzt nämlich voraus, dass ich meine eigenen
Gefühle spüren kann. Versachlicher suchen nach schnellen, rationalen Lösungen,
die jedoch vor allem bei Beziehungsproblemen nicht viel bringen. Um sich selbst
und andere besser zu verstehen, müssten sie einen besseren Draht zu ihren »schwa
chen« Gefühlen entwickeln und diese einfach mal zulassen.

Kennst du diese Art Selbstschutz von dir? Bitte schreibe deine Gedanken hier auf.

Welche Gefühle fühlst du wenig (Scham,Angst,Wut,Trauer; Freude, Liebe)?

Wie sind deine Eltern mit diesen Gefühlen umgegangen?


Verhalten: Das Schattenkind und seine Schutzstrategien 53

Wie gut würdest du dein Einfühlungsvermögen einschätzen (auf einer Skala von 0-10)?

0 I 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Finde bitte mindestens einen Glaubenssatz, der zu dieser Schutzstrategie passt.

fflLFB Halte über den Tag verteilt immer wieder inne und frage dich:Wie fühle ich mich ge-
1^1 rade? Damit du auch daran denkst,zieh einen bestimmten Ring,ein Armband oder eine
Uhr an, bei deren Anblick du dich an deine Aufgabe erinnerst. Erlaube dir, auch mal
»schwache« Gefühle zuzulassen - du wirst sehen,dass du trotzdem die Kontrolle über
sie behalten kannst. Du brauchst auch nicht lange in ihnen zu verweilen. Es geht nur
darum,sie einfach mal zu registrieren.

Abwertung und Arroganz


Wer noch nie gelästert hat, der werfe den ersten Stein! Menschen mögen Klatsch
und Tratsch, weil sie ihre Neugierde befriedigen. Und jeder von uns kennt den Im
puls, ein Gegenüber, das er als stärker und schöner als sich selbst wahrnimmt, ein
bisschen abzuwerten, nach dem Motto: Er sieht zwar super aus, dafür ist er aber
nicht der Hellste! Unterlegenheitsgefühle machen uns Angst, und wir kompensie
ren sie gern, indem wir den oder die vermeintlich Überlegenen/e abwerten. Bei
manchen Menschen ist dieser Selbstschutz jedoch besonders stark ausgeprägt. Sie
werten andere häufig und massiv ab. Sie nehmen eine arrogante und (pseudo-)über-
legene Haltung ein, die ihnen eine gewisse Sicherheit beschert. Hinter dieser men
schenunfreundlichen Schutzstrategie versteckt sich oft ein sehr gedemütigtes Schat
tenkind, das sich wertlos fühlt.
54 Lerne dein Schattenkind kennen

Denke an einen Menschen, über den du gern mal lästerst, und spüre in dich hinein, was
das mit deinem Schattenkind zu tun haben könnte.

Ich lästere gern über meine Arbeitskollegen.


Mein"Dchattenkind hat ständig Angst zu versagen und
empfindet starke Konkurrenz.

Welcher Glaubenssatz passt zu dieser Schutzstrategie?

■HLFE Versuche mit deinen eigenen Schwächen freundlicher und milder umzugehen. Hinter
HILFE

e deiner arroganten Haltung verbirgt sich ein trauriges Schattenkind, das um Anerken
nung kämpft. Nimm Kontakt zu ihm auf und begegne ihm mit Mitgefühl.
Wenn du den Impuls hast, jemanden abzuwerten, spüre in dich hinein, was das mit
deinem Schattenkind zu tun haben könnte. Unterstellt es dem anderen schlechte Ab

sichten? Ist es neidisch? Meint es, der andere würde auf es herabschauen?
Notiere deine persönlichen Schutzstrategien 55

Notiere deine persönlichen Schutzstrategien

Einige der Schutzstrategien, die ich beschrieben habe, kommen dir wahrscheinlich
ganz vertraut vor, andere sind dir vielleicht eher fremd. Vielleicht wendest du auch
eine Schutzstrategie an, die ich hier nicht aufgezählt habe. Macht nichts - sofern du
sie wirklich als Schutzstrategie identifiziert hast, kannst du sie natürlich hinzuneh
men.

Bitte notiere nun deine Schutzstrategien in dem Fußraum deiner Schattenkindschablone.


Formuliere sie bitte möglichst konkret.Wenn du beispielsweise zum Rückzug neigst, dann
schreibe nicht einfach dieses Wort dorthin, sondern beispielsweise: Ich verliere mich in
Computerspielen. Oder: Ich gehe in die Werkstatt und bastle stundenlang an meinem
Auto. Oder: Ich lehne häufig Einladungen ab und verkrümle mich daheim. Bitte schreibe
nicht nur konkret, sondern auch in Ich-Sätzen, das berührt dich tiefer als abstrakte Stich
wörter
Zweiter Schritt
Stärke dein Erwachsenen-Ich

Nun hast du dein Schattenkind in Form der Schattenkindschablone vor dir liegen.
Bitte glaube mir, dass alle Probleme, die du mit dir selbst und deinen Mitmenschen
hast, hieraufzurückzuführen sind. Das Schattenkind ist ein Schaubild für das »Stör
programm« in dir, das dir immer wieder Schwierigkeiten bereitet.
Es kann gut sein, dass die Beschäftigung mit deinem Schattenkind dich ziemlich
runtergezogen hat. Sie ist jedoch unabdingbar, damit du deine Probleme an ihrer
Ursache lösen kannst. Um deine Probleme zu lösen, brauchst du ein starkes Er
wachsenen-Ich, das dir innerlich Halt geben kann. Es wird dir auch in einem späte
ren Schritt dabei helfen, dein Schattenkind anzunehmen und es zu trösten. Die lie
bevolle Annahme des Schattenkindes stellt einen wichtigen Schritt zur Heilung dar.
Falls noch Schattenkindgefühle in dir stecken sollten, versuche sie jetzt bitte ab
zuschütteln und begib dich ganz bewusst in den Modus deines inneren Erwachse
nen, der klar denken kann. Hierfür kann es hilfreich sein, wenn du die Position im
Raum veränderst - dich also auf einen anderen Platz setzt als jenen, an dem du dich
mit deinem Schattenkind beschäftigt hast.
Vielleicht magst du noch nicht glauben, dass letztlich alle Probleme, die du hast
(außer Schicksalsschläge), von deinem Schattenkind herrühren. Deswegen mach es
dir zur Angewohnheit,jedes Problem, unter dem du leidest, auf dein Schattenkind,
seine Glaubenssätze und seine Schutzstrategien hin zu analysieren. Dies kannst du
getrost verstandesmäßig tun, also mithilfe deines Erwachsenen-Ichs. Du brauchst
nicht jedes Mal in die Gefühle deines Schattenkindes einzutauchen, um deine Pro
bleme im ersten Schritt zu verstehen und sie im zweiten Schritt zu lösen.
58 Stärke dein Erwachsenen-Ich

Bitte nimm nun eines deiner Probleme, das du ganz am Anfang des Buches notiert hast,
und analysiere es auf dem Hintergrund deines Schattenkindes.

I. Dein Problem in Stichworten:

2. Welche Glaubenssätze liegen deinem Problem zugrunde?

3. Zu welchen Annahmen/Interpretationen des Verhaltens deines Gegenübers und/


oder der Situation verleiten dich deine Glaubenssätze?

4. Wie fühlst du dich, wenn du so denkst?

5. Welches Verhalten (Schutzstrategie) deinerseits resultiert aus deinem Denken und


Fühlen?

I. ?roWe-nn: Micha und ich streiten uns tu viel.

2-. Ich genüge nicht,ich mache allesfalsch!


?. Ich glaube,dass ich für Micha nicht gut genug bin und er mich bald verlässt.
4. VerlustangstArauer.
b. Ichjammere und klammere,schmolle und streite.
Dein persönliches 4D-Kino 59

WICHTIG
Alles, aber wirklich alles, was dein innerer Erwachsener jetzt verstehen muss, ist, dass
diese Glaubenssätze gar nichts, aber auch wirklich gar nichts über deinen Wert aussa
gen,sondern ausschließlich etwas über das - zumindest partielle - Erziehungsversagen
deiner Eltern! Wären deine Eltern in manchen Dingen nicht so überfordert gewesen
oder hättest du andere Eltern gehabt, dann stünden dort jetzt auch andere Sätze, und
entsprechend würdest du dich auch besser fühlen.(Dabei geht es nicht darum, deine
Eltern zu verurteilen - diese haben/hatten auch ihr Schattenkind sondern lediglich
darum,zu verstehen, woher deine Glaubenssätze kommen.) Dem kann dein erwachse
nes Ich, also dein Verstand, hoffentlich zustimmen.Alles, was du also lernen musst, ist,
dich nicht mehr mit deinen Glaubenssätzen zu identifizieren.Wenn du identifiziert bist,
dann steckst du voll drin in deinem Schattenkind,du steckst dann in der »Feldperspek
tive«, in deinem persönlichen Film, fest. Wie du es schaffst, deine Glaubenssätze und
damit einhergehend deine Wahrnehmung,dein Denken und dein Fühlen zu verändern,
verrate ich dir auf den nächsten Seiten.

Dein persönliches 4D-Kino

Ich möchte dir den Unterschied zwischen der Feld- und der Beobach
terperspektive anhand eines persönlichen Beispiels erklären: Im Jahr
2015 habe ich die Bavaria-Filmstudios in München besucht. Dort be
stand die Möglichkeit, einen 4D-Film anzuschauen. 3D mit der üblichen
Brille, und die vierte Dimension war, dass die Bank,auf der man saß, rüttelte - man
hatte sogar einen Sicherheitsbügel wie im Karussell. Gezeigt wurde eine comicani
mierte Schlittenfahrt. Durch die perfekte Illusion hatte man den Eindruck, tatsäch
lich im Schlitten zu sitzen. Du kannst dir bestimmt leicht vorstellen, wie »mörde
risch« diese Schlittenfahrt war - das ganze Kino hat vor Angst geschrien. Als die
Vorstellung, die nur fünf Minuten dauerte, vorbei war, dachte ich mir: Genauso ist
das! Wenn ich während der Vorstellung aus meinem Angstgefühl hätte aussteigen
wollen, dann hätte ich mich mithilfe meines erwachsenen Ichs von der Feldpers
pektive (Ich sitze im Schlitten) in die Beobachterperspektive (Ich sitze im Kino)
begeben müssen. In der Beobachterperspektive sehe ich mich von außen. Von dort
aus hätte ich erkennen können, dass ich auf einer sicheren Bank im Kino sitze und
die Schlittenfahrt nur eine Projektion auf der Leinwand ist.
Genauso verhält es sich auch mit deinem Schattenkind: Wenn du in ihm gefangen
bist, dann bist du in der Feldperspektive und glaubst alles, was du denkst und fühlst.
Du befindest dich dann auf deiner persönlichen 4D-Schlittenfahrt. Aus der Beobach
terperspektive könntest du hingegen erkennen, dass du sicher bist und es sich um
eine Projektion aus deiner Vergangenheit handelt. Hat dein Schattenkind beispiels-
60 Stärke dein Erwachsenen-Ich

weise in der Feldperspektive Angst davor, von anderen Menschen abgelehnt zu wer
den, so könnte das Erwachsenen-Ich aus der Beobachterperspektive zu folgender
Feststellung kommen: »Oje, da ist ja wieder mein Schattenkind aktiv, das jederzeit mit
Ablehnung rechnet, weil die Mama immer so kühl war. Und deswegen projiziert es
diesen alten Film auf andere Menschen und hat Angst, dass diese es - wie die Mama
so oft - zurückweisen. Aber schau mal, die Welt da draußen ist nicht Mama, und ich
habe schon ganz oft die Erfahrung gemacht, dass ich willkommen bin.«

Durch diesen Wechsel von der Feld- in die Beobachterperspektive kannst du einen
Abstand zu deinem Schattenkind-Eilm bekommen. Hierfür ist jedoch notwendig,
dass dein Erwachsenen-Ich, also dein logisch denkender Verstand, genügend Argu
mente parat hat, um sicherzustellen, dass es sich tatsächlich nur um einen Film han
delt.

Unterscheide richtige von falschen Gefühlen

Das Problem, das einige Menschen haben, ist, dass sie auch aus dem Blickwinkel
ihres Erwachsenen-Ichs meinen, dass sie nicht genügten und wertlos seien. Sie kön
nen sich also mit ihrem Verstand ganz schlecht von ihrem Schattenkind distanzie
ren. Deswegen ist es wichtig, den inneren Erwachsenen mithilfe logischer Argumen
te zu stärken. Argumente verhelfen zur Standpunktsicherheit und sind gewissermaßen
gültiger als Gefühle - zumindest als jene Gefühle, die aus dem Schattenkind resultie
ren. Denn die Gefühle, die in unserem Schattenkind entstehen, sind unserer aktuel
len Realität nicht angemessen und sollten deswegen nicht als Entscheidungsgrundla
ge herangezogen werden. Die Natur hat es jedoch so eingerichtet, dass wir Gefühle
Unterscheide richtige von falschen Gefühlen 61

fürchterlich ernst nehmen und sie unser Handeln bestimmen. Der Grund: Jedes Ge
fühl hat evolutionsgeschichtlich gesehen einen Sinn. Angst warnt uns vor Gefahr;
Wut hilft uns, unsere Grenzen zu verteidigen; Trauer klärt uns darüber auf, dass wir
etwas ganz Wichtiges verloren haben; Scham nötigt uns, uns an gemeinschaftliche
Regeln anzupassen usw. Wir sind vom Beginn der Menschheit an zutiefst darauf
konditioniert, unseren Gefühlen zu trauen und nach ihnen zu handeln. Das Problem
ist, dass die Sachlage in unseren modernen Zeiten nicht mehr so eindeutig ist wie
etwa in der Steinzeit. Gefühle, die aus der verzerrten Wahrnehmung des Schatten
kindes entstehen, sind ganz schlechte Berater: Wir sollten eben nicht (!) nach ihnen
handeln und müssen unserem genetischen Programm hier entgegentreten.

Bitte nenne drei Situationen, in denen deine Gefühle dich ganz schlecht beraten haben:

2.

3.

1. Ich warfürchte-rlich inThomas verliebt und bin ihm


hinterhergelaufen.Dabei ist Thomas echt ganz,schwierig
und kompliziert.
Z. MeineVersagensangst hat mir eingeflüstert,dass ich
die Abschlussprüfung nicht bestehe,v^eit gefehlt!
Tedes Mal,wenn ich im Flugzeug sitze,habe ich Panik
und bin doch noch immer heil runtergekommen.

WICHTIG
Bitte mach dir klar, dass Gefühle, die aus deinem Schattenkind resultieren, dir eine fal
sche Wirklichkeit vorspiegeln.Trainiere deine Kopfstimme, um deine Gefühle zu ent-
machten.Vielleicht fragst du dich jetzt, warum Sabines Verliebtheit in Thomas ein Schat
tenkindgefühl sein soll? Die Antwort: Weil Sabines Schattenkind unbedingt die
Anerkennung von Thomas haben wollte. Im Grunde genommen hat sie ihre Angst vor
Ablehnung (Herzklopfen,Aufregung) mit Verliebtheit verwechselt.
Vermutlich fragst du dich jetzt auch:Aber wie erkenne ich, was ein richtiges Gefühl
ist? Antwort:Indem du deinen Verstand,also dein Erwachsenen-Ich konsultierst. Es hat
62 Stärke dein Erwachsenen-Ich

eigentlich immer die richtige Antwort. So wusste auch Sabine mit dem Verstand, dass
es falsch war,sich an Thomas binden zu wollen. Genauso weiß sie, dass ihre Versagens
angst und ihre Flugangst völlig übertrieben sind.

Übe dich im Argumentieren

Logische Argumente helfen enorm,einen klaren Blick und Standpunktsicherheit zu


erlangen. Sie sind auch eine ganz wichtige Stütze, um dich von deinen Schatten
kindgefühlen zu distanzieren. Argumente kann man auf ihre Richtigkeit hin leicht
überprüfen und mit ihrer Hilfe angemessene von unangemessenen Gefühlen unter
scheiden. Erst wenn das Erwachsenen-Ich mithilfe von Argumenten standpunktsi
cher ist, kann es sich um das Schattenkind mit seinen Gefühlen kümmern. Wir
werden also auch noch unmittelbar an deinen negativen Gefühlen arbeiten; zu
nächst müssen wir jedoch den Erwachsenen in dir überzeugen, weil dieser schließ
lich die Führung übernehmen soll.
Hier sind ein paar Argumente, die dir dabei helfen, einen Abstand zwischen dei
nem Schattenkind und deinem Erwachsenen-Ich herzustellen:

• Kein Kind kommt schlecht auf die Welt. Kinder können keine schlechten
Menschen sein.

• Kinder können nerven und anstrengend sein, aber das ändert nichts an ihrem
Wert. Es liegt in der Verantwortung der Eltern - bevor sie Eltern werden -,
sich darüber Gedanken zu machen, ob sie den Stress der Elternschaft auf sich
nehmen wollen.
• Kinder müssen sogar nerven. Denn eigentlich sind sie recht machtlos und
müssen die Erwachsenen irgendwie dazu bewegen,ihre wichtigen Bedürfnis
se zu befriedigen. Ihr Programm ist schließlich: Überleben! Groß werden! Al
les lernen!
• Wenn die Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, müssen sie
sich Hilfe suchen. Die Kinder können nichts dafür.

• Es ist die Aufgabe der Eltern, die Gefühle und Bedürfnisse ihres Kindes zu
verstehen. Es liegt nicht in der Verantwortung des Kindes, die Gefühle und
Bedürfnisse seiner Eltern zu verstehen und diese zu erfüllen.

• Es ist die Aufgabe der Eltern, ihr Kind auf dieser Welt willkommen zu heißen
und es lieb zu haben. Es ist nicht die Aufgabe des Kindes,sich so zu verhalten,
dass die Eltern es lieb haben können.
übe dich im Argumentieren 63

Bitte finde für dein Schattenkind noch drei persönliche Argumente, die dein Erwachse
nen-Ich stärken können:

Nun notiere bitte deine Kernglaubenssätze und finde mithilfe deines Ewachsenen-Ichs
Argumente,die gegen den Wahrheitsgehalt dieser Glaubenssätze sprechen. Hier ein paar
Anregungen und Beispiele:
Ich genüge nicht: Was heißt das genau? Genügst du nun wenn du leistest? Oder genügst
du nun wenn du perfekt leistest und keine Fehler machst? Zähle Situationen auf, in denen
du gut warst. Zähle Menschen auf, denen du genügst. Woher kommt dieser Glaubens
satz - wer hat dir das eingeredet/vermittelt?
ich bin schuld: Woran bist du schuld? Woher kommt dieser Glaubenssatz? War Mama

oder Papa immer traurig, wenn du ihre/seine Erwartungen nicht erfüllt hast? Bist du auf
der Welt, um es anderen recht zu machen? Bist du als Kind dafür verantwortlich, dass es
deinen Eltern gut geht? Bist du als Erwachsene/r dafür verantwortlich, deine/n Partner
glücklich zu machen? Oder ist jeder zunächst einmal selbst für seine Laune und Stimmung
verantwortlich? Mach dir klar:Wer nicht enttäuschen darf, kann niemals ein freier Mensch
sein. Es ist dein gutes Recht, dich abzugrenzen.
ich muss deine Erwartungen erfüllen: Woher kommt dieser Glaubenssatz? Was würde er
in letzter Konsequenz bedeuten? Was machst du,wenn 20 Menschen in einem Raum sind
und jeder eine andere Erwartung an dich hat? Welche Eiwartungen fantasierst du in dei
nen Partner oder eine andere wichtige Bezugsperson hinein? Was würde passieren, wenn
du die Eiwartungen deines Partners oder einer anderen wichtigen Bezugsperson nicht
erfüllst? Passiert das wirkilchl Falls ja, würdest du es überleben?

2.

3.
64 Stärke dein Erwachsenen-Ich

Ertappe dich!

Wenn wir in der Feldperspektive des Schattenkindes gefangen sind und dies nicht
bemerken, dann erleben wir unsere persönliche 4D-Schlittenfahrt und glauben al
les, was wir fühlen und denken. Deswegen ist die wichtigste Voraussetzung, um aus
unserem persönlichen Film auszusteigen, dass wir uns dabei ertappen, dass wir in
ihm gefangen sind. Ertappen können wir uns am besten bei unseren Gefühlen, weil
diese am schnellsten in unser Bewusstsein dringen. Wenn wir wütend, traurig, be
schämt oder ängstlich sind, hat dies häufig etwas mit unserem Schattenkind zu tun.

Schreibe bitte drei typische Situationen aus deinem Leben stichwortartig auf, in denen
dein Schattenkind aktiv ist. Schreibe auch auf, wie sich das anfühlt, Bitte notiere auch den
passenden Glaubenssatz dazu (es können auch mehrere sein).

1. babine- überge-hf einen Wunsch von mir. Ich bin gekränW und wütend.
(Glaubenssatz: Ich bin nicht wichtig!)

%. Mein 6hef ignoriert meine Vorschläge. Ich fühle mich beschämt,


klein und dumm.
(Glaubenssätze: Ich genüge nicht! Ich bin nicht wichtig!)

Meine Mutter macht Druck,wann es endlich Enkel gibt.


Ich werde trotzig und bockig.
(Glaubenssätze: Ich darf dich nicht enttäuschen!
Ich bin für dein Glück verantwortlich!)
Die zwei Positionen der Wahrnehmung: Ertappen und Umschalten 65

Finde bitte für jede Situation Argumente, die aus der Sicht deines Erwachsenen-Ichs da
gegen sprechen, dass dein Schattenkind wirklich objektiv Recht hat und du dich in dieser
Situation so fühlen musst.

3.

1. frabine kann auch mal etwas vergessen. Das hat nichts mit
ihren 6iefühlen für dich lu tun.

%. Dein 6hef ist oft gestresst und ignoriert nicht nur deine
Vorschläge.6r ist ein schlechter luhörer und sollte mal
sein Z-eitmanagement verbessern.
?. Die Mama wünscht sich halt so sehr 6nkel. Das ist ihr gutes
F-echt. Ich habe aber auch das F-echt, mein eigenes Leben
Z.U führen und darfsie enttäuschen.

Die zwei Positionen der Wahrnehmung:


Ertappen und Umschalten

Bei dieser Übung geht es darum, das Schattenkind vom Erwachsenen-Ich zu tren
nen, damit diese sich nicht ständig in deiner Wahrnehmung vermischen.

Hierfür nimmst du bitte eine Situation, die du oben notiert hast, oder eines deiner Prob
leme am Anfang des Buches. Diese Übung ist das Fundament zur Analyse und Lösung aller
Probleme.

1 . Du gehst ganz bewusst in dein Schattenkind und betrachtest und fühlst die Situation
aus seiner Sicht. Du gehst also in die Feldperspektive. Bitte erzähle laut, wie dein
Schattenkind die Situation wahrnimmt,wie es sie interpretiert und wie das Schatten
kind sich dabei fühlt.

2. Du steigst aus den Schattenkindgefühlen aus, indem du dich zum Beispiel ablenkst
und/oder dich am ganzen Körper abklopfst.
66 Stärke dein Erwachsenen-Ich

3. Du begibst dich räumlich in eine andere Position und gehst nun ganz bewusst in dein
Erwachsenen-Ich. Von hier aus nimmst du die Beobachterperspektive ein und be
trachtest dein Problem/die Situation von außen und mit Abstand. Als Erstes versi

cherst du deinem Schattenkind: Liebes Schattenkind, ich habe dich gehört und werde dir
helfen, dein Problem zu lösen.Ab jetzt übernehme ich, der/die Erwachsene, die Verantwor
tung, du kannst dich entspannenl
4. Bitte analysiere und bewerte, wie sich die Situation von außen darstellt. Stell dir vor,
du wärst eine Richterin oder ein Richter und müsstest »diesen Fall« beurteilen. Du
kannst dir sogar vorstellen, dass es sich hierbei gar nicht um dich und dein Schatten
kind handelt, sondern um eine andere Person. Das kann dir helfen, die Situation mit
noch mehr Abstand zu betrachten.

• Wie nimmst du dein Schattenkind von außen wahr?

• Analysiere bitte seine Motive, seine Gefühle und sein Verhalten.


• Findest du, dass die Gefühle und das Verhalten deines Schattenkindes der Situa
tion angemessen sind?
• Komme zu einer abschließenden Beurteilung.
5. Wenn deine Analyse abgeschlossen ist, gib dir bitte als dein eigener Coach selbst An
weisungen, wie du mit der Situation hättest besser umgehen können, beziehungswei
se, was du in Zukunft anders machen wirst.Versichere deinem Schattenkind abschlie
ßend noch einmal, dass du, sein EnA/achsenen-lch, zukünftig die Verantwortung
übernimmt und es sich beruhigen kann.

MEGA Ertappen und Umschalten sind die Grundlage für jegliche Veränderung und Problemlö-
WICHTie

-ß(- sung. Oft reicht es schon, wenn du dich ertappst und innerlich einen kleinen Abstand
zu deinen Schattenkindgedanken und -gefühlen herstellst, einfach indem du merkst,
• dass du in »deinem alten Film« feststeckst, der mit der Gegenwart gar nichts zu tun
hat.

Sonne, Licht und Wärme für das Schattenkind

Die Fantasie wirkt in unserem Gehirn fast genauso gut wie die Realität. Unser Ge
hirn unterscheidet nämlich nicht so genau zwischen beiden Zuständen. Vermutlich
leuchtet dir die Überzeugungskraft deiner Vorstellungsbilder sofort ein, wenn du an
deine Horrorszenarien denkst, die blitzschnell ungute Gefühle bei dir auslösen kön
nen. Umgekehrt funktioniert dies aber auch mit positiven Bildern und Gedanken.
Denk jetzt zum Beispiel mal an deinen Lieblingsmenschen oder dein Lieblingses
sen - da wird sich wahrscheinlich sofort ein wohliges Gefühl hei dir einstellen. Des
wegen sind Fantasiereisen, Imaginationen oder auch Hypnose wirksame Heilme-
Heiße dein Schattenkind willkommen 67

thoden. Die folgende Übung ist an diese Methoden angelehnt. Sie ist dazu angetan,
deine negativen Gefühle unmittelbar zu verändern.

1 . Suche dir bitte eine Position im Raum und stell dich dorthin. Schließe deine Augen
oder senke deinen Blick, damit du gut in dich hineinfühlen kannst. Achte darauf, dass
du mit beiden Füßen guten Kontakt zum Boden hast. Spüre dein Schattenkind, indem
du zum Beispiel an das Problem denkst, das du am Anfang dieses Buches aufgeschrie
ben hast.

2. Stell dir nun von dass Sonnenlicht über dich fließt. Spüre, wie das Licht über deinen
Kopf, über die Schultern und Arme über deinen ganzen Körper fließt. Fühle, wie es
dich umfängt und sieh auch vor deinem inneren Auge, wie du in einen Lichtmantel
eingehüllt bist. Spüre die Wärme und lass sie in dich hineinfließen. Atme tief ein und
aus und verbinde dich mit der Kraft der Sonne und der Natur oder mit einer höheren

Kraft. Strecke die Arme zum FHimmel und stell dir von wie ganz viel heilende Energie
in dich einströmt, die jede Zelle deines Körpers erfüllt.

Diese wärmende Energie und diesen Lichtmantel kannst du fortan Immer bei dir tragen.

Heiße dein Schattenkind willkommen

Bis hierher hast du schon ganz viel gelernt: Du hast dein Schattenkind mit seinen
hinderlichen Glaubenssätzen und seinen Schutzstrategien erfasst und deinen inne
ren Erwachsenen gestärkt. Zudem weißt du nun, wie man das Schattenkind und
den inneren Erwachsenen auseinanderhält, indem man sich in die erste und zweite
Position der Wahrnehmung begibt, und du hast dich im Argumentieren trainiert.
Du hast jetzt sehr viel Know-how angesammelt, wie du dein Schattenkind beruhi
gen und aus deinen negativen Gefühlen aussteigen kannst. Nun wollen wir dieses
Wissen einsetzen, damit du ganz unmittelbar mit deinem Schattenkind kommuni
zieren und es trösten kannst. Hierfür brauchst du dein Erwachsenen-Ich, das klar
reflektieren kann, dass deine negativen Glaubenssätze ein Ergebnis deiner Erzie
hung und nicht die Wahrheit sind. Dein Schattenkind wird hiervon vermutlich
noch nicht überzeugt sein, zu tief sind die alten Prägungen in seine Gefühle einge
spurt. Es ist deshalb wichtig, dass du das Schattenkind auf einer emotionalen Ebene
erreichst. Dies geht nur, wenn du es annimmst.
Die Annahme deines Schattenkindes ist ein grundlegender Schritt zur Heilung.
Sobald du Ja zu etwas sagst, löst du deinen inneren Widerstand auf. Indem du auf
einer tiefen Ebene anerkennst, dass diese Verletzungen stattgefunden haben, er
kennst du dich selbst an. Wenn du dein Schattenkind und seine Verletzungen hin-
68 Stärke dein Erwachsenen-Ich

gegen verdrängst, dann setzt du das Unrecht fort, das ihm durch deine Eltern wider
fahren ist: Seine Gefühle und inneren Wunden werden ignoriert und verleugnet.
Heil werden heißt ganz werden. Indem du diesen Teil deiner Persönlichkeit an
nimmst, wirst du ganz. Das Schattenkind, das ein Schattendasein fristete und des
wegen umso machtvollere Gefühle und destruktive Programme entfalten konnte,
findet nun eine Heimat in dir. Je aufgehobener es sich in dir fühlt, desto ruhiger
wird es werden.

1 . Bitte schließe die Augen und nimm innerlich Kontakt zu deinem Schattenkind auf.
Dies gelingt dir; indem du dir deine negativen Glaubenssätze vorsagst und sie innerlich
spürst.Vielleicht kannst du dein Schattenkind aber auch leichter abrufen, wenn du an
eine Situation denkst, in der es ganz aktiv war beziehungsweise ist. Vielleicht ist dies
eine Situation aus deiner Kindheit, vielleicht auch aus deinem Erwachsenenleben. Stel
le dir die Situation vor und spüre dein Schattenkind, wie es sich fühlt. Wahrscheinlich
tauchen altvertraute Gefühle wie Angst, Druck, Wut,Trauer oder Scham auf. Dein
Schattenkind zeigt sich in diesen Gefühlen.
2. Atme tief in den Bauchraum ein und sage dir:ja, so ist das. Das ist mein Schattenkind.
Mein armes Kind, du darfstjetzt einfach mal hier sein. Ich nehme dich wahr und ich nehme
dich ernst. Ich heiße dich willkommenl

3. Atme einfach weiter Habe Mitgefühl für dein Schattenkind. Versichere ihm, dass du
fortan immer für es da sein wirst. Sage ihm,dass es nie mehr allein sein wird.Sage ihm,
dass du, der innere Erwachsene, es an der Hand nehmen und ihm die Welt erklären
wirst, sodass es bald im tiefsten Inneren fühlt, dass es vollkommen genügt, so wie es
ist.

Du wirst sehen,je mehr du dein Schattenkind akzeptierst, desto ruhiger wird es. Es fühlt
sich gesehen und angenommen.
Baue diese Übung in deinen Alltag ein und wiederhole sie so oft wie möglich.

Ich will mit meinem Schattenkind nichts zu tun haben!

Manchen Menschen fällt es schwer, ihr Schattenkind anzuerkennen - es fühlt sich


für sie so schmerzhaft an, dass sie es nicht in sich haben wollen. Sie wollen es am
liebsten vernichten. Hierdurch setzen sie jedoch das Unrecht fort, das ihre Eltern
(unabsichtlich) an ihnen begangen haben. Nämlich, dass gewisse Gefühle, Bedürf
nisse und Eigenarten einfach ignoriert beziehungsweise nicht akzeptiert wurden. Je
mehr du dein Schattenkind unterdrückst, desto weniger kannst du es regulieren.
Denn dann agiert es aus dem Untergrund, und du kannst dich nicht dabei ertappen,
wenn es wieder Macht über dich gewinnt. Das Schattenkind anzunehmen heißt ja
Tröste dein Schattenkind 69

auch nicht, dass man es ständig spüren muss - im Gegenteil: Wenn wir es anneh
men,können wir es viel schneller erkennen und beruhigen und aus dem Modus des
Schattenkindes aussteigen.
Wenn es dir schwerfällt, dein Schattenkind anzunehmen, dann probiere es mal
mit der folgenden Übung:

I , Platziere ein Plüschtier; eine Puppe oder ein Kissen als Symbol für dein Schattenkind
auf einem Stuhl und setze dich Ihm gegenüber. Sage laut und deutlich: Ich will mit dir
nichts zu tun haben! Du machst mir nichts als Ärger und Stress!
1. Wechsle die Position und setze dich an die Stelle des Schattenkindes und fühle, wie
es ihm damit geht. Spüre, wie es deine Ablehnung fühlt. Lass es aus dir heraus spre
chen,am besten laut, sodass es einmal richtig sein Herz ausschütten kann. Lass es auch
ausdrücken, wie es ihm mit dem erwachsenen Anteil in dir geht, der nichts mit ihm zu
tun haben will.

3. Dann steige wieder ganz aus deinem Schattenkind aus und setze dich auf deinen Er
wachsenenplatz. Du hast nun gehört, was es bewegt. Bleibst du bei deiner ablehnen
den Haltung - oder gibt es vielleicht noch eine bessere Lösung?

Falls du bei deiner ablehnenden Haltung bleibst, wird dein Schattenkind wohl sehr
starke Verletzungen in sich tragen. Ich persönlich glaube nicht, dass deine Verlet
zungen schlimmer werden, wenn du sie anerkennst und somit auch die Verantwor
tung für deine Gefühle übernimmst. Du könntest dir allerdings überlegen, dir Un
terstützung in Form einer Psychotherapie zu suchen. Ein/e verständnisvolle/r
Psychotherapeut/in kann dich auf deinem Weg begleiten.

Tröste dein Schattenkind

Nun wollen wir einen Schritt weiter gehen. Dein Erwachsenen-Ich spricht mit dei
nem Schattenkind und erklärt ihm, wie das damals mit Mama und Papa war. Der
Erwachsene kann nämlich überblicken, dass das Schattenkind unschuldig ist und
nichts für seine negativen Glaubenssätze und Gefühle kann. Der Erwachsene kann
verstehen, dass es sich beim Schattenkind um Prägungen aus seiner Kindheit han
delt, weil die eigenen Eltern auch schon ein Schattenkind in sich trugen.
Der Erwachsene hat also die Fähigkeit, das Schattenkind zu trösten und zu len
ken.

I . Bitte stell dir dein Schattenkind vor deinem Inneren Auge von Vielleicht magst du es
auch auf deinen Schoß setzen. Dabei kann auch hilfreich sein, wenn du ein altes Kin-
70 Stärke dein Erwachsenen-Ich

derfoto betrachtest. Du kannst aber auch ein Plüschtier als Symbol für dein Schatten
kind vor dich legen.
2. Nun gehst du mit deinem Erwachsenen-Ich in eine ganz wohlwollende, liebevolle
Haltung. Du bist für dein Schattenkind jetzt also wie eine gute Mutter oder ein guter
Vater Wenn du eigene Kinder hast, fällt dir diese liebevolle Haltung wahrscheinlich
leicht.Wenn du keine Kinder hast, stellst du dir einfach vor; du würdest zu einem klei
nen Kind sprechen, das ängstlich und traurig ist. Wenn es dir schwerfällt, zu deinem
Schattenkind eine liebevolle Haltung einzunehmen,dann stell dir vor; irgendein kleines
Kind wäre traurig und verschreckt.Vielleicht, weil es Angst hat, dass die anderen Kin
der nicht mit ihm spielen wollen.Wie würdest du es trösten? Indem du zu ihm sagst:
»Stell dich nicht so an, du kleiner Schisserl«? Oder indem du es ermutigst und an die
Hand nimmst und mit ihm gemeinsam zu den anderen Kindern gehst? Vermutlich
Letzteres. Diese wohlwollende,freundliche Haltung kannst du auch auf den Umgang
mit deinem Schattenkind übertragen. Übe dich also in Wohlwollen und Mitgefühl dir
selbst gegenüber:Wohlwollen und Mitgefühl lassen dein Schattenkind heilen.
3. Nun erklärst du deinem Schattenkind, wie das früher mit Mama und Papa war Erzäh
le ihm, dass Mama und Papa auch schon Schattenkinder in sich trugen und deswegen
auch Pehlen gemacht haben. Sag ihm, dass es nicht darum geht, die eigenen Eltern zu
verantworten und zu verurteilen, sondern du, der/die Erwachsene verstehst, warum
es sich oft so unterlegen und schlecht fühlt.Versichere ihm, dass Mama und Papa die
Pehlen gemacht haben und das Kind unschuldig ist.
4. Dann stell dir vor; deine Eltern wären ganz heil gewesen und hätten das meiste richtig
gemacht.Vielleicht ist es dir sogar lieber; wenn du dir vorstellst, du hättest ganz ande
re Eltern gehabt. Mit heilen Eltern wüsstest du,...
• dass deine Eltern ganz stolz auf dich sind,
• sich unheimlich darüber freuen, dass es dich gibt,
• dass sie kein anderes Kind der Welt gegen dich eintauschen würden,
• dass du genügst, so wie du bist,
• dass du einen eigenen Willen haben darfst,
• dass du deine Gefühle fühlen darfst.

Füge bitte hinzu, was für dich persönlich wichtig ist.


Die drei Positionen der Wahrnehmung 71

WICHTIG
Du passt ab jetzt darauf auf, dass dein Schattenkind nicht mehr die Führung in deinem
Handeln übernimmt. Das Schattenkind mag ängstlich und verzagt sein,am liebsten da
vonlaufen oder auch zuschlagen.Aber der Erwachsene bestimmt, was getan wird. Das
ist wie im realen Leben mit kleinen Kindern. Hat das Kind zum Beispiel Angst, zum
Zahnarzt zu gehen, dann nimmt der liebevolle Elternteil es an der Hand und hilft ihm,
den Zahnarztbesuch zu bewältigen. Er wird aber nicht dem Kind die Führung überlas
sen, indem er den Zahnarztbesuch absagt. Ebenso wenig wird er dem Kind gestatten,
die Schule zu schwänzen, weil es keine Lust hat, dorthin zu gehen. Genauso kannst du
dir das mit deinem Schattenkind vorstellen: Du hörst ihm zu und gestattest ihm,seine
Ängste und Sorgen zu erzählen.Aber letztlich entscheidest du mit deinem vernünftigen
Verstand und guten Argumenten darüber, was getan wird.

Die Schattenkindtrance

Diese Trance kannst du unter http://www.kailash-verlag.de/daskindindir herunter


laden. Sie ist eine leichte Hypnose,um dein Schattenkind zu trösten und es auf einer
tiefen Bewusstseinsstufe zu erreichen. Du kannst sie anhören, so oft du willst.

Die drei Positionen derWahrnehmung

Bei der Übung »Ertappen und Umschalten« haben wir zwei Positionen der Wahr
nehmung eingenommen: 1. Die Feldperspektive: Ich bin mit meinem Schattenkind
identifiziert, und 2. Die Beobachterperspektive:Ich bin in meinem Erwachsenen-Ich
und sehe und beurteile mein Verhalten von außen.
Nun gibt es noch eine dritte Position: Ich versetze mich in mein Gegenüber. Die
se Position ist ab jetzt jedoch die zweite Position, weil wir sie zwischen die Feld- und
die Beobachterposition schieben. Also:

1. Position, die Feldperspektive - Ich bin mit meinem Schattenkind identifiziert.


2. Position, die empathische Perspektivenübernahme - Ich bin mit den Wünschen
und Bedürfnissen meines Gegenübers identifiziert.
72 Stärke dein Erwachsenen-Ich

3. Position, die Beobachterperspektive - Aus meinem Erwachsenen-Ich sehe ich


mich und meinen Interaktionspartner von außen.

Bei der nunmehr zweiten Position handelt es sich um die empathische Perspekti
venübernahme, die für eine gelingende Kommunikation sehr wichtig ist. Manchen
Menschen fällt es ganz leicht, sich in ihr Gegenüber einzufühlen, andere tun sich
schwer damit. Letztere befinden sich hauptsächlich in der ersten Position - sie sind
also mit sich und ihren Bedürfnissen voll identifiziert. Es fällt ihnen schwer, von
ihrem Standpunkt abzuweichen und die Perspektive ihres Gesprächspartners einzu
nehmen. Das Schattenkind in ihnen verteidigt seine Autonomie.
Andere Menschen sind hingegen häufig in der zweiten Position; Sie haben ihre
Antennen stets ausgefahren und spüren, was die anderen wollen. Sie sind also mehr
bei den anderen als bei sich selbst. Dabei kommen ihre eigenen Wünsche zu kurz.
Ihr Schattenkind hat sich auf die Seite der Anpassung geschlagen.
Manche Menschen befinden sich auch sehr häufig in der dritten Position: Sie ha
ben immer einen gewissen Abstand zu sich und ihren Gefühlen (erste Position) und
auch einen kritischen Abstand zu anderen Menschen (zweite Position). Sie sind sehr
rational und erleben wenige Gefühlsschwingungen. Häufig leiden sie unter einer
gewissen Gefühlsarmut.

Spüre in dich hinein - in welcher Position bist du häufig? Sorgt sich dein Schattenkind eher
um seine Selbstbehauptung und Autonomie? Oder hat es eher Angst vor Ablehnung und
Verlust? Oder schwankst du zwischen beiden Polen? Befindest du dich häufig in der zwei
ten Position und hast öfter das Gefühl, das Leben eher zu beobachten, als daran teilzu
nehmen? Oder kannst du mühelos zwischen allen drei Positionen wechseln und eine Si

tuation aus vielen Perspektiven betrachten?


Wähle bitte einen Konflikt aus, den du mit einem anderen Menschen hast, egal, ob er
eher aus deinem beruflichen oder deinem privaten Umfeld stammt. Es sollte sich hierbei
um eine konkrete Situation handeln, die du mit dieser Person erlebt hast. Damit du erst
einmal dieTechnik lernst, würde ich dir empfehlen,einen leichten bis mittelschweren Kon
flikt für diese Übung auszuwählen.

1. Begib dich bitte in die erste Position der Wahrnehmung - wie fühlt sich dein Schat
tenkind, wenn es dieser Person gegenübersteht? Was denkt es? Wie handelt es?
Wenn du dein Schattenkind hinreichend gespürt und erforscht hast,schüttle bitte alle
unguten Gefühle ab.
2. Geh auf eine andere Position im Raum und begib dich in die zweite Position der
Wahrnehmung:Wie wirkst du auf dein Gegenüber? Wie fühlt sich dein Gegenüber
mit dir? Versuche, so gut du kannst, dich in dein Gegenüber hineinzuversetzen und
Unterscheide zwischen Tatsache und Interpretation 73

betrachte dich mit seinen Augen. Spüre auch seine Gefühle. Wenn du die Situation
deines Gesprächspartners hinreichend erforscht hast, befreie dich wieder aus diesen
Gefühlen.

3. Geh bitte in die dritte Position derWahrnehmung- in dein erwachsenes Ich. Betrach
te euch beide von außen.Wie analysierst du die Situation - zu welcher Bewertung
kommst du? Wenn du dein eigener Coach wärst, was rätst du dir/euch?

WICHTIG
Menschen, die sich sowohl anpassen als auch selbst behaupten können, wechseln mü
helos zwischen diesen drei Positionen. Dabei müssen sie natürlich nicht immer ihre

Position im Raum verändern. Es geht eher um die innere Haltung,so, dass man auf der
ersten Position bei sich selbst bleiben und sich abgrenzen kann.In der zweiten Position
ist man in der Lage, sich in sein Gegenüber einzufühlen, und in der dritten Position
vermag man die Gesamtsituation rational zu analysieren.Wem dies gut gelingt, der ist
in der Regel psychisch ausgeglichen und beziehungsfähig.

Unterscheide zwischen Tatsache und Interpretation

Wenn wir in der Feldperspektive des Schattenkindes gefangen sind, dann sind wir
klein. Das Schattenkind ist schließlich in seiner Kindheit steckengeblieben und hat
noch nicht verstanden, dass diese Zeit vorbei ist. Die Gefühle des Schattenkindes
bestehen aus alten Verletzungen, die immer wieder aktualisiert werden - und zwar
nicht durch die Ereignisse da draußen, wie wir immer glauben, sondern durch die
Art und Weise, wie wir die Ereignisse interpretieren. Das hatte ich ja schon am Bei
spiel von Michael und Sabine erklärt. So war es ja nicht die vergessene Wurst, die
Michael so wütend werden ließ, sondern seine Interpretation; Ich bin nicht wichtig!
Ich genüge nicht! Und schwupp, unterstellt Michael Sabine, dass sie ihn nicht genü
gend liebt. Das nennen wir in der Psychologie eine Projektion. Das Schattenkind
von Michael ist zutiefst überzeugt: Ich genüge nicht! Und es projiziert diese Über
zeugung in Sabine. Beweis: die vergessene Wurst.
Wenn wir in der Feldperspektive unseres Schattenkindes stecken, dann sind wir
geneigt, andere Menschen als größer, stärker und besser als uns selbst wahrzuneh
men. Wir projizieren in sie eine gewisse Übermacht hinein.
74 Stärke dein Erwachsenen-Ich

Außerdem lassen unsere Schattenkindaugen uns alle möglichen Geschehnisse da


draußen auf uns selbst beziehen. Wenn eine Arbeitskollegin etwas kühl und distan
ziert ist, dann denkt und fühlt das Schattenkind: Sie mag mich nicht! (Anstatt zum
Beispiel: Sie hat schlechte Umgangsformen.) Das Schattenkind nimmt - wie alle
Kinder - egozentrisch wahr. Es meint also, es seihst wäre die Ursache dafür, wie sich
andere Menschen ihm gegenüber verhalten. Kleine Kinder meinen immer, sie wä
ren ursächlich verantwortlich für die Dinge,die um sie herum geschehen. Wenn die
Eltern sich streiten, denkt das vierjährige Kind: das ist, weil ich meinen Teller nicht
leergegessen habe. Wenn der Papa es verdrischt,führt es dies darauf zurück, dass es
eine schlechte Note heimgebracht hat(und denkt nicht: Papa ist zu aggressiv). Wenn
die Mama es anstrahlt, dann denkt es, dass es ein gutes, liebes Kind ist usw. Wir
sprechen auch vom »gespiegelten Selbstwertempfinden«. Dieser Ausdruck besagt,
dass wir unseren Selbstwert von Geburt an im Spiegel der anderen lernen. Wenn die
Mama lächelt, fühlt das Kind sich wohl und angenommen, wenn sie böse guckt,
fühlt es sich schlecht und abgelehnt. Diese Konditionierung bleibt uns ein Leben
lang erhalten.
Unterscheide zwischen Tatsache und Interpretation 75

Es ist deshalb wichtig, dass wir Fakt und Interpretation auseinanderhalten. Fakten
sind durch andere Menschen objektivierbar. Wenn die Arbeitskollegin bei der Be
grüßung nicht lächelt und nur mit dem Kopf nickt, dann ist dieses Verhalten auch
von Dritten beobachtbar. Nun ist die Frage, wie ich ihr Verhalten interpretiere. Hat
sie einen schlechten Tag? Hat sie Kopfweh? Ist sie ein ganz verschlossener Typ? War
sie in Gedanken ganz woanders? Ist sie sauer auf mich? Hat sie schlechte Umgangs
formen?

Suche dir bitte eine Situation aus deinem Leben aus, in der du ein Problem/Konflikt mit
einem anderen Menschen hast, und analysiere sie wie folgt:

Das Verhalten von :

Meine Interpretation seines/ihres Verhaltens;

Welche/r meiner Glaubensätze passt zu dieser Interpretation?

Wie fühle ich mich, wenn ich so denke?

Suche mindestens drei alternative Erklärungen für das Verhalten der betreffenden Person:

Mithilfe dieser Struktur kannst du natürlich auch weitere Situationen analysieren. Je


öfter du dies tust, desto leichter wird es dir fallen, deine persönliche Interpretation
von den Tatsachen zu unterscheiden.
76 Stärke dein Erwachsenen-Ich

Nimm dich aus dem Selbstwertspiegel

Nun wollen wir noch eine Abkürzung nehmen, um uns aus dem Selbstwertspiegel
der Projektionen zu befreien. Es geht darum, das Verhalten einer anderen Person
bei dieser zu lassen - und es nicht immer auf uns selbst zu beziehen. Das gilt sogar
für solch schwierige Situationen wie Trennungen. Viele Menschen, die zum Beispiel
von einem Partner mit Bindungsangst verlassen wurden, wissen mit dem Verstand,
dass der andere nicht in der Lage ist, nahe Beziehungen dauerhaft einzugehen. Das
Schattenkind in ihnen fühlt aber trotzdem: Aua, er/sie will mich nicht haben! Da
schlägt unsere tiefe Konditionierung des gespiegelten Selbstwertempfindens vollum
fänglich zu. Liebeskummer zieht uns so extrem runter, weil wir uns abgewiesen
fühlen und meinen, versagt zu haben. Nun ist es ja aber meistens so, dass wir auch
tatsächlich Fehler in der Beziehung gemacht haben. So waren wir vielleicht zu for
dernd und kompliziert oder zu anklammernd und weinerlich. Vielleicht verlässt der
andere uns auch, weil wir ihn zutiefst gekränkt haben, indem wir beispielsweise
nicht treu waren. Also denkt auch unser Verstand: Ich bin schuld - wenn ich nicht
so ... gewesen wäre, dann wäre der Partner heute vielleicht noch bei mir. Vielleicht
ist das sogar so. Und trotzdem sagt es nichts über unseren Wert aus,sondern besten
falls etwas über unser Verhalten. Mein geschätzter Kollege Jens Corssen sagt immer:
Du bist ein leuchtender Stern - von Geburt an! Aber du verhältst dich manchmal

ungünschtig - ja, mit »sch«, das klingt lustiger und nicht so streng. Wenn wir die
Verantwortung für unser ungünschtiges Verhalten übernehmen, können wir uns
weiterentwickeln und wachsen. Wir übernehmen damit die Verantwortung/ür un
seren Anteil an der Beziehung. Wenn wir hieraus lernen, dann haben wir gute Chan
cen, dass wir in der nächsten Beziehung glücklicher werden.
Liebesbeziehungen weisen aber auch immer eine Dynamik auf: Wenn die Bezie
hung kompliziert ist, dann wirkt sie leider auch wie Dünger für unser Schattenkind
(und jenes des Partners). Wenn wir zur Impulsivität neigen, werden wir in dieser
Beziehung ständig ausflippen, neigen wir zu Melancholie, werden wir in dieser Be
ziehung depressiv usw.
Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir trainieren, die eigenen Anteile von den An
teilen des Gegenübers zu trennen. Nur so können wir uns aus der Verstrickung lösen.
Dies gilt natürlich für alle Beziehungen und nicht nur für Partnerschaften.

Geh bitte in die dritte Position der Wahrnehmung,also dein Etwachsenen-Ich, und denke
an einen Menschen,der dich mit seinem Verhalten gekränkt hat (es muss sich nicht unbe
dingt um eine Liebesbeziehung handeln). Betrachte ihn mit deinem inneren Auge ganz aus
der Ferne.
Alltagsstrategien fürs Schattenkind 77

1 . Analysiere bitte, so gut es geht, was seine Anteile an dem Verhalten sind. Lass sein
Verhalten und seine Anteile ganz bei ihm. Zieh eine Glaswand zwischen euch beide,
um dich bildlich aus derVerstrickung zu nehmen.
2. Analysiere nun bitte deine Anteile und lass sie ganz bei dir; indem du die Verantwor
tung für sie übernimmst.Vielleicht findest du auch keinen eigenen Anteil, dann lass sein
Verhalten allein bei dem anderen.

3. Analysiere, ob sein Verhalten wirklich etwas über deinen Selbstwert aussagt. Oder nur
darüber, dass du vielleicht auch deinen Teil zu dem Konflikt (oder dem Scheitern der
Beziehung) beigetragen hast.
4. Lass über dich und dein Schattenkind ganz viel Wärme und Sonne fließen.

Versuche in deinem Alltag stets die eigenen Anteile und jene deines Gegenübers zu
trennen. Achte darauf, dass du deinen Selbstwert nicht von den Verhaltensweisen
deiner Mitmenschen abhängig machst. Nimm dich aus dem Selbstwertspiegel.

Alltagsstrategien fürs Schatten kl nd

Die Übungen,die ich dir bisher vorgestellt habe,erfordern, dass du dir Zeit nimmst,
um sie zu praktizieren. Sie dienen der langfristigen Heilung deines Schattenkindes.
In deinem Alltag hast du jedoch nicht immer die Zeit, mit deinem Schattenkind
längere Gespräche zu führen oder die drei Positionen einzunehmen. In kniffligen
Alltagssituationen,in denen du dich dabei ertappst, dass dein Schattenkind aktiv ist,
brauchst du kurze Interventionen, um es zu regulieren. Hier habe ich dir ein paar
griffige Alltagsstrategien zusammengestellt, wobei die Liste keineswegs erschöpfend
ist - lass ruhig auch deine Kreativität und Fantasie spielen, um deine persönlichen
Strategien zu finden. Wichtig ist, dass du für dich ein paar persönliche Strategien
zusammenstellst, die du am besten schriftlich notierst, damit du sie in deinem All
tag immer parat hast und nicht lange nachdenken musst.

Gute Sätze

Kurze, aufmunternde Sätze reichen oft schon, um das Schattenkind zu beruhigen


und in einen anderen Zustand zu kommen. Wenn du dich beispielsweise dabei er
tappst, dass du gekränkt auf eine kleine Kritik reagierst, könntest du deinem Schat
tenkind sagen: Oje, ist ja schon gut. Wir sind ganz in Ordnung, auch wenn wir mal
einen kleinen Fehler machen! Oder wenn du dich ertappst, dass du dich einer be
stimmten Person unterlegen fühlst: »Oje, mein Schatz, das ist doch nicht die Mama/
der Papa, und heute sind wir groß und mit den anderen auf Augenhöhe!
78 Stärke dein Erwachsenen-Ich

Manchmal hilft es auch schon, wenn du deinem Schattenkind aufmunternd über


das Köpfchen streichelst oder es an die Hand nimmst.

Bitte überlege dir drei typische Alltagstrigger für dein Schattenkind und finde für jeden
einen aufmunternden Spruch oder eine Geste.

Trigge-r i:
T&mand bittet mich um einen 6iefallen, und ich habe sofort das 6iefühl,
dass ich nicht Nein sagen kann und werde innerlich wütend,obwohl ich
nach au&en freundlich bin.
Aufmunternder Spruch: Die anderen dürfen alles wollen, auch von dir - aber
du darfst genauso zu deinen Bedürfnissen stehen und gut für dich sorgen.

Trigger 2-:
Michael kritisiert mich,und ich habe sofort das 6iefühl,er tweifelt an meiner
Liebe.
Aufmunternder Spruch: Oh,da ist wieder dieses alte Gefühl, nicht geliebt zu
werden. Armes Schattenkind. Aber hör zu: Michael hat einfach nur schlechte
Laune. Mit seiner Liebe zu mir hat das gar nichts zu tun.

Trigger?:
kurz,vor dem Joggen verlassen michjeder Mut undjede Lust. Mein größter
6iedanke: Pas nutzt doch eh nichts. Ich bin fett und lahm.
Aufmunternder Spruch: Ja, ich weiß. Du hast schnell das Gefühl, dass alles nichts
nutzt. Aber weißt du was: Ich verspreche dir, rausgehen fühlt sich gut an.
Alltagsstrategien fürs Schattenkind 79

Klare Ansagen

Es kann aber auch helfen, wenn man manchmal ein hisschen strenger mit dem
Schattenkind verfährt, weil es sich auch im Selbstmitleid verlieren kann. Dies ist
zum Beispiel häufig hei Liebeskummer der Fall. Aber auch dann, wenn das Schat
tenkind sich zu stark in seine Gefühle,zum Beispiel Angst, hineinsteigert, kann eine
klare Ansage heilsam sein. Auch die realen Kinder im Leben benötigen schließlich
manchmal klare Grenzen. Wenn du dich also bei deinen negativen Gedankenspira
len und Angstszenarien ertappst, kannst du auch in einem strengeren Ton sagen:
»Nun ist aber mal gut! Du bist nicht der Einzige, der Kummer hat!«; »Hör jetzt mal
auf mit dem Unsinn, immer die alte Leier!«; »Deine Befürchtungen sind noch nie
eingetreten, du bist meine Angststimme,ein schlechter Berater!« usw.

Lege dir mindestens drei klare Ansagen zurecht, mit denen du dein Schattenkind zur
Ordnung rufen kannst.

2,

T&tz-t hörst du sofort auf,babinefür deine 6iefühle verantwortlich m machen!

Lass dieses Abwerten der anderen!bie sind ol^a^ - und ich auch.

Hör auf,dich so reiniusteigern! Du machst dasEroblem nur noch gröber,als es ist.


Das habe ich schon m oft erlebt,bchluss!

Kraftquelle

Wie ich schon im Abschnitt »Sonne,Licht und Warme für das Schattenkind« erklärt
habe, verfügen Vorstellungsbilder über eine ungeheure Kraft.
Finde bitte eine Imagination, aus der du viel Kraft schöpfen kannst und die auf
deine persönlichen Schattenkindängste beruhigend und/oder Stimmungsaufhellend
80 Stärke dein Erwachsenen-Ich

wirkt. Dieses Bild kann eine Lieblingslandschaft von dir sein oder eine Situation aus
der Vergangenheit,in der du dich stark und kompetent gefühlt hast. Vielleicht möch
test du auch eine Situation wählen, in der du einfach nur glücklich warst (und die
keine traurigen Erinnerungen weckt). Du kannst dir auch eine Situation ganz frei
fantasieren oder dir Bilder aus Filmen borgen, sei es aus »Star Wars« oder aus »Herr
der Ringe«. Wichtig ist, dass dieses Bild, diese Situation dir ein Gefühl der inneren
Stärke und Sicherheit vermittelt. Dieses Bild wird zu deiner persönlichen Kraftquelle.

Bitte stell dich hin und tauche innerlich ganz in deine Kraftquelle ein. Tauche mit allen
Sinneskanälen in das Bild ein: Was siehst du da? Welche Töne und Geräusche kannst du
vernehmen? Gibt es einen Geruch? Wie fühlst du dich? Wie fühlt sich dein Körper an?
Finde bitte für deine Kraftquelle ein Stichwort und male hier ein Symbol für diese
Kraftquelle (das kann ruhig eine ganz einfache Skizze sein!):

Wenn du dich in deinem Alltag im Schattenkind ertappst, holst du dir innere Kraft
aus deiner Kraftquelle, die du jederzeit in Gedanken abrufen kannst.

Powerposen

Ebenso wie Vorstellungsbilder eine unmittelbare Auswirkung auf unsere Stimmung


haben, so wirkt sich auch unsere Körperhaltung auf unsere Gemütsverfassung aus.
Unsere Gestimmtheit und unser Körper beeinflussen sich wechselseitig, das haben
viele psychologische Studien ergeben. Du kannst dir also Körperhaltungen zunutze
machen, um ganz schnell von deinem Schattenkind in dein Erwachsenen-Ich um
zuschalten, wie wir es eben schon geübt haben.

I . Stell dich am besten hin und finde einen guten Stand: mit beiden Füßen fest auf dem
Boden,in den Knien etwas locken Nun stelle dir bitte eine Situation von in der du dich
ganz stark und gut gefühlt hast, sei es beim Sport,sei es bei einem persönlichen Erfolg,
sei es bei einem ganz glücklichen Moment in deinem Privatleben. Du kannst aber auch
deine Kraftquelle (s. voriger Abschnitt) als Bild wählen.
Alitagsstrategien fürs Schattenkind 81

2. Nun senke bitte den Blick oder schließe die Augen.Versenke dich ganz in diese Situ
ation. Was siehst du dort? Welche Geräusche hörst du? Gibt es einen Geruch oder
einen Geschmack? Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an? Welche Gefühle
stellen sich ein? Lass deine Glückssituation auf deinen ganzen Körper wirken und spü
re hierbei auch deine Atmung - wie geht dein Atem, wenn du in deiner Stärke bist?
Spüre deine Füße, Beine,das Gesäß,den Rumpf,die Schultern und den Kopf.Wie fühlt
sich das an, wenn du in einer starken Position bist? Richte dich auf und finde eine
Haltung, die genau zu diesem Zustand passt. Diese Haltung ist ab jetzt deine persön
liche Powerpose. Bitte finde für die Powerpose auch noch die Entsprechung, wenn du
sitzt.

Ab sofort gehst du, wenn du dich im Schattenkind ertappst, in deine Powerpose,


und dann weiß dein ganzer Körper, dass du nun wieder in deinem Erwachsenen-Ich
bist.

Nachdem du nun hoffentlich dein Erwachsenen-Ich hinreichend gestärkt hast und


deinem Schattenkind vielleicht schon einigen Trost spenden konntest, schreiten wir
nun weiter zu deinem Sonnenkind.
Dritter Schritt
Entdecke dein Sonnenkind

Das Freude- und Spaßpotenzial eines unbeschwerten Kindes tragen wir alle in Form
unseres Sonnenkindes in uns, auch wenn wir es vielleicht nur selten anzapfen. Erin
nere dich einmal, wie du als Kind völlig gedankenverloren spielen und laut lachen
konntest. Erinnere dich an deine kindliche Neugier und Abenteuerlust. Hole dir die
Spontaneität und Unbefangenheit vor Augen, mit der du als Kind die Welt betrach
tet hast. Überlege einmal, wie wenig du dich als kleines Kind mit anderen verglichen
hast. Mach dir bewusst, dass deine heutigen, erwachsenen Normen von schön und
hässlich, richtig und falsch, Erfolg und Misserfolg kaum eine Rolle in deinem kind
lichen Denken gespielt haben: Die Dinge waren eben einfach so, wie sie waren. Er
innere dich an die glücklichen Momente mit deiner Familie und den Spaß, den du
mit deinen Spielfreunden hattest.
Wenn wir neue Wege gehen und uns von unseren alten Mustern befreien wollen,
hilft es wenig, wenn wir uns vornehmen, nicht mehr an unser altes Programm zu
glauben, sondern wir benötigen eine Vision, an was wir stattdessen glauben wollen.
Wir benötigen einen Zielzustand, an dem wir uns orientieren und festhalten kön
nen. Wir benötigen etwas, das wir an die Stelle des Alten setzen können.Zu diesem
Zweck werden wir im Folgenden die Übungen, die wir zu unserem Schattenkind
gemacht haben, wiederholen - diesmal jedoch wirst du dein Sonnenkind entde
cken. Diesmal finden wir unterstützende Glaubenssätze, und wir werden uns deinen
Stärken zuwenden. Zudem suchen wir nach deinen persönlichen Werten, die dir
ebenfalls Halt und Geleit für neue Einstellungen und Verhaltensweisen vermitteln
können,ünd schließlich zeige ich dir Wege auf, wie du deine Beziehungen gesünder
und tragfähiger gestalten kannst. Ich werde dir also alternative Verhaltensweisen zu
deinen Schutzstrategien aufzeigen. Diese bezeichnen wir als die Schatzstrategien.
Wir wollen also das Sonnenkind in dir zur ganzen Entfaltung bringen. Hierbei
wird es jedoch nicht darum gehen, dich quasi »neu zu erfinden«, denn das aller
meiste an dir ist bereits gut und richtig. Wir wollen nur jene Einstellungen und
84 Entdecke dein Sonnenkind

Verhaltensweisen positiv verändern, mit denen du dir selbst - und manchmal auch
deinen Mitmenschen - Probleme bereitest.

Finde deine positiven Glaubenssätze

Für diese und die folgenden Übungen benötigst du eine der Sonnenkindscbablonen
im Anbang und bunte Stifte. Die Sonnenkindscbablone soll im Unterschied zum
Scbattenkind ganz bunt, schön und fröhlich werden.
Das Sonnenkind wird dein Zielzustand und soll deswegen auch optisch sehr an
sprechend sein. Das Schöne spricht uns Menschen an, motiviert und macht uns Lust
auf neue Erfahrungen. Also gestalte dein Sonnenkind so schön,als wolltest du einen
Malwettbewerb gewinnen. Male ihm auch ein Gesicht, Haare und dekoriere das
Blatt ganz nach deinem Geschmack und Belieben. Beachte aber bitte bei deiner
Farbwahl, dass wir in das Sonnenkind und auch drumherum noch Dinge aufschrei
ben müssen. Michael dient dir hier wieder als Beispiel; sein Sonnenkind findest
du im hinteren Buchinnendeckel.
Wir werden jetzt deine positiven Glaubenssätze finden. Dies tun wir in zwei
Schritten: Erstens schauen wir, welche positiven Glaubenssätze du von deinen El
tern oder anderen Pflegepersonen übernommen hast, und zweitens kehren wir die
Kernglaubenssätze, die du bei deinem Schattenkind gefunden hast, in ihr positives
Gegenteil um.

Positive Glaubenssätze aus der Kindheit

Falls deine Beziehung zu deinen Eltern gut genug ist, dass du sie bei deinem Sonnenkind
dabeihaben möchtest, dann schreibe Mama und Papa beziehungsweise deine Pflegeper
sonen rechts und links neben den Kopf deiner Sonnenkindscbablone,so wie wir es beim
Schattenkind getan haben, und überlege dir diesmal, welche guten Eigenschaften sie hat
ten:Was haben sie richtig gemacht? Notiere dies bitte.
Falls du deine Eltern nicht bei deinem Sonnenkind haben möchtest, weil deine Bezie
hung zu ihnen zu schwierig ist/war; dann lässt du diesen Teil der Übung weg.Vielleicht
magst du auch nur einen Elternteil notieren. Oder du setzt hier eine liebe Oma, eine
nette Nachbarin oder einen verständnisvollen Lehrer ein, die oder der dir in deiner Kind
heit Wärme gespendet hat.
Wenn du die guten Eigenschaften deiner Eltern oder anderer Bezugspersonen notiert
hast, dann spüre einmal in dich hineiniWelchen positiven Glaubenssatz hast du von ihnen
eoA/orben? Auch wenn dir jetzt vielleicht viele positive Glaubenssätze einfallen, wollen wir
Umdrehen der Kernglaubenssätze 85

nur einen, höchstens zwei notieren aus dem einfachen Grund, dass wir die Glaubenssätze
im Sonnenkind in der Zahl stark begrenzen wollen, damit du sie schnell und leicht in dei
nem Alltag verfügbar hast. Hier ist eine Liste mit Beispielen von positiven Glaubenssätzen:

POSITIVE GLAUBENSSÄTZE
Für mich wird gesorgt! Ich darfFehler machen!
Ich werde geliebt! Ich habe Glück verdient!
Ich bin wertvoll! Das Leben ist leicht!
Ich genüge! Ich darfich sein!
Ich werde gefördert! Ich darfauch malzur Lastfallen!
Ich bin willkommen! Ich darfmich wehren!
Ich werde satt! Ich darf meine Meinung haben!
Ich bekomme genug! Ich darffühlen!
Ich bin klug! Ich darf mich abgrenzen!
Ich bin schön! Ich schaffe das!
Ich habe ein Recht aufFreude! usw.

Bitte notiere einen positiven Glaubenssatz, den du von deinen Eltern oder einer anderen
Person in deiner Kindheit en/vorben hast, in den Bauch deiner Sonnenkindschablone.

Umdrehen der Kernglaubenssätze

Nun nimmst du dir bitte die negativen Kernglaubenssätze vor, die du auf Seite 26
identifiziert hast. Diese wollen wir jetzt in ihr positives Gegenteil verkehren. Bei
Glaubenssätzen wie »Ich bin wertlos!« oder »Ich genüge nicht!« liegt die Umkeh
rung auf der Hand: »Ich bin wertvoll!« Oder: »Ich genüge!« Es gibt aber auch Glau
benssätze, die etwas schwieriger umzudrehen sind. Dies liegt in dem Umstand be
gründet, dass wir bei den positiven Glaubenssätzen keine Verneinung wie etwa ein
86 Entdecke dein Sonnenkind

»nicht« haben wollen. Wenn du also beispielsweise den Glaubenssatz hast »Ich bin
für dein Glück verantwortlich!«, dann lautet die Umkehrung nicht: »Ich bin nicht
für dein Glück verantwortlich!« Das »nicht« ist vom Unterbewusstsein zu umständ
lich zu denken, weil es schwierig ist, an etwas nicht zu denken. Wenn ich dir jetzt
sage: »Denke bitte nicht an eine kleine getigerte Katze«, dann wirst du automatisch
an sie denken. Die Umkehrung von »Ich bin für dein Glück verantwortlich!« könn
te also lauten: »Ich darf mich abgrenzen!« Oder: »Ich darf mein eigenes Ding ma
chen!« Oder: »Meine Wünsche und Bedürfnisse sind genauso wichtig!« Das Gleiche
gilt für den Glaubenssatz: »Ich bin schuld!«, den viele Menschen in sich tragen. Das
Grundgefühl,Schuld zu haben, entwickelt sich leicht bei Menschen, die sich zu sehr
für die Stimmungen und Probleme ihrer Mitmenschen verantwortlich fühlen. Sie
haben normalerweise als Kinder schon die Verantwortung für das Gelingen ihrer
Beziehung zu den Eltern übernommen. Die Umkehrung dieses Glaubenssatzes
könnte ebenso lauten: »Ich darf mich abgrenzen!«, was nämlich beinhaltet, dem
Gegenüber seine Verantwortung für seine Gefühle und Probleme zurückzugeben.
Die Umkehrung eines Glaubenssatzes wie »Ich falle zur Last!« wäre: »Ich darf
auch mal zur Last fallen!« So ist es schließlich nicht zu vermeiden, dass wir für an
dere Menschen auch mal eine Belastung sein können, wenn wir zum Beispiel krank
und hilfsbedürftig sind. Ebenso: »Ich darf auch mal Fehler machen!«
Die positiven Glaubenssätze sollen zudem so formuliert werden, dass sie auch
annehmbar sind. So ist es manchen Menschen beispielsweise zu viel, wenn sie an
statt »Ich bin hässlich!« den Glaubenssatz »Ich bin schön!« für sich annehmen sol
len. Ihnen rate ich, ein »genug« dahinter einzusetzen, also: »Ich bin schön genug!«
Oder: »Ich bin gut genug!«
Du kannst deine Glaubenssätze, damit sie für dich besser annehmbar sind, auch
etwas einschränken. Wenn dir zum Beispiel der Glaubenssatz »Ich bin wichtig!«
übertrieben und schlecht annehmbar erscheint, könntest du notieren: »Für meine
Kinder/Freunde/Eltern bin ich wichtig.« Formuliere deine neuen Glaubenssätze so,
dass sie sich für dich gut anfühlen.

Ich bin tippitoppi!


In einem meiner Seminare deklarierte eine Teilnehmerin namens Katja als ihren
neuen Glaubenssatz »Ich bin tippitoppi!« Wir haben alle schallend gelacht. Diese
Formulierung ist für das Sonnenkind geradezu genial, weil sie sofort gute Laune
macht. Und genau diese gute Laune und gehobene Stimmung benötigen wir schließ
lich, wenn wir in unsere Sonnenkind-Ressourcen gelangen wollen. Also fühle dich
frei, deine positiven Glaubenssätze ruhig ein bisschen lustig und albern zu formu
lieren, das Sonnenkind liebt das.
Bitte notiere deine positiven Kernglaubenssätze in deine Sonnenkindschablone.
Spüre dein Sonnenkind 87

Mach dich stark

Für die positiven Glaubenssätze gibt es viel mehr vernünftige Argumente als für die
negativen. Es hilft dir, wenn du dein Erwachsenen-Ich befragst, welche Argumente
für deine neuen Glaubenssätze sprechen. Also notiere bitte deine positiven Kernglau
benssätze und auch die Argumente, die für ihren Wahrheitsgehalt sprechen.

1. Ich be-Komme reichlich: Heute bin ich erwachsen und icann für mich
selbst sorgen. Also i^ann ich mir reichlich was gönnen,wenn ich das möch
te.6s mussja auch nicht teuer sein, wie zum Beispiel, öfter spazieren zu
gehen. Auch babine ist sehr lieb und um mein Vlohl besorgt. Und richtig
gute Freunde habe ich auch,die es gut mit mir meinen. Außerdem lebe ich
im Wohlstand. Also,ich tann mich wirklich nicht beldagen.
%. Ich bin wichtig: Ich bin genauso wichtig wie andere Menschen auch. Mir
selbst bin ich aufjeden Fall wichtig,aber auch meinen Eltern,meinem
Eruder,Sabine und meinen Freunden. Und auch mein 6hef würde nicht
gern auf mich verzichten.

Spüre dein Sonnenkind

Im nächsten Schritt möchte ich dich dazu einladen, dich deinem Sonnenkind inten
siv zuzuwenden und es körperlich zu spüren.

Schließe bitte deine Augen und richte deine Aufmerksamkeit nach innen.Achte auf deine
Atmung. Erlaube dir; einmal tief in den Bauchraum einzuatmen. Sage dir innerlich deine
neuen Glaubenssätze auf und spüre, wie sie sich in deinem Körper anfühlen. Lass sie sich
88 Entdecke dein Sonnenkind

ganz in deinem inneren ausbreiten. Du hast bestimmt schon mindestens eine Situation in
deinem Leben erlebt, in der dies alles wahr gewesen ist. Beziehungsweise du kennst Situ
ationen, in denen es dir einfach rundum gut geht und du nicht an dir zweifelst. Bitte stell
dir so eine Situation vor: Vielleicht, wenn du mit deinen Freunden oder deiner Familie
beisammen bist? Ein Tag am Meer oder beim Tanzen? Wenn du im Wald spazieren gehst
oder Musik machst? Vielleicht magst du auch an eine Situation denken, in der du ganz viel
geschafft hast und richtig stolz auf dich warst.
Geh mit all deinen Sinnen in diese Situation hinein und spüre noch einmal die guten
Gefühle.

Spüre, wie deine neuen Glaubenssätze in Kombination mit deiner Sonnenkind-Situati


on in dir wirken, und finde eine Körperhaltung dazu.

Bitte notiere deine Sonnenkind-Situation mit einem Stichwort in oder um dein Sonnen
kind. Und schreibe bitte die guten Gefühle, die du im Sonnenkind verspürst, in den Bauch
deiner Schablone.

Finde deine Stärken und Ressourcen

Neben den positiven Glaubenssätzen ist es wichtig, dass du dir deiner Stärken und
Ressourcen bewusst wirst. Zu den Stärken zähle ich Charaktereigenschaften und
Fähigkeiten, die dir oft nützlich sind, wie beispielsweise Humor, Mut oder soziale
Kompetenz. Du darfst jetzt ruhig einmal großzügig mit dir sein. »Eigenlob stinkt«
ist einer der blödesten Sprüche, die je erfunden wurden. Falls es dir schwerfällt, über
dich etwas Gutes zu sagen, dann stell dir vor, welche positiven Eigenschaften deine
Freunde an dir loben würden.

Finde mindestens sieben Stärken. Falls dir diese Frage schwierig vorkommt,so kannst du
einen Trick anwenden:Was fällt dir sehr leicht - und du wunderst dich oft, dass es ande
ren nicht genauso leicht fällt? In welchen Dingen wirst du oft um Rat gefragt oder Freun
de und Familie verlassen sich hier ganz auf dich? Die Antworten auf diese Fragen zeigen
dir den Weg zu deinen Stärken.

Hier ein paar Anregungen, welche Stärken in dir wohnen könnten:


Finde deine Werte 89

humorvoll, ehrlich, loyal, hilfsbereit, intelligent, kreativ, reflektiert, sozial kompe


tent, sympathisch, diszipliniert, attraktiv, flexibel, tolerant, witzig, sportlich, ver
bindlich, großzügig, gebildet, wissbegierig, ausgeglichen, temperamentvoll, stabil,
unterhaltsam,achtsam, unternehmungslustig usw.

Trage deine Stärken bitte in die Arme deines Sonnenkindes ein.


Nun schließe bitte wieder deine Augen und richte deine Aufmerksamkeit auf deinen
Körper:Wie fühlen sich deine Stärken in deinem Körper an? Es ist wichtig, dass wir uns
unserer Stärken nicht nur theoretisch bewusst sind, sondern diese auch wirklich spüren
können.

Unter Ressourcen wollen wir jene Situationen und Lebensumstände finden, aus denen du
Kraft von außen beziehst.

Liste Ressourcen

gute Freunde, intakte Beziehung, Familie, Kinder, guter Job,genügend Geld, Ge


sundheit, Natur, Musik, eine schöne Wohnung, Haustier, nette Arbeitskollegen,
Reisen usw.

Deine Ressourcen malst du bitte um dein Sonnenkind herum.

Bitte spüre auch deine Ressourcen in deinem Körper.

Finde deine Werte

Nun wollen wir noch deine persönlichen Werte finden. Werte können uns helfen,
über uns selbst und unsere Schattenkindängste hinauszuwachsen. Wenn du dir
noch einmal die Schutzstrategien deines Schattenkindes vor Augen hältst, wirst du
feststellen, dass sie alle dazu dienen, etwas egozentrisch um sich selbst zu kreisen,
weil es hier nur darum geht, dass wir nicht verletzt werden. Wenn wir in unserem
Selbstschutz gefangen sind, haben wir wenig Blick für die Befindlichkeit unseres
Gegenübers. Wenn du dich zum Beispiel mit Harmoniestreben beschützt und dich
deswegen oft um ein offenes Wort herumdrückst, dann könntest du dir die Frage
stellen, ob dein Verhalten fair ist. Vielleicht meinst du, du wärst so zurückhaltend.
90 Entdecke dein Sonnenkind

um den anderen nicht zu verletzen, aber - Hand aufs Herz! - letztlich hat dein
Schattenkind Angst vor Zurückweisung und beschützt sich also selbst. Solange dein
Gegenüber jedoch nicht weiß,was in dir vorgeht, hat es auch keine Chance,auf dich
einzugehen, Stellung zu beziehen oder sich gegebenenfalls zu entschuldigen. Man
che Freundschaft oder Liebesbeziehung ist schon am Harmoniestreben zerbrochen,
aus dem einfachen Grund, dass der »Harmoniestreher« sich innerlich und/oder äu
ßerlich aus dem Kontakt zurückzog,anstatt ein offenes Wort zu sprechen und somit
die Grundlage für eine Klärung zu schaffen. Die höheren Werte Fairness, Offenheit
oder Freundschaft hätten ihm hingegen die Stärke verleihen können,seine selbstbe
zogene Angst zu überwinden und ein offenes Wort zu sprechen. Dadurch hätte die
Beziehung eine Chance gehabt.
Sicherlich hast du viele Werte, die dir persönlich wichtig sind. Oft sind wir uns
unserer Werte auch gar nicht so bewusst und bemerken sie erst, wenn sie verletzt
werden. Gerechtigkeit ist zum Beispiel so ein Wert, dessen man sich meistens erst
dann bewusst wird, wenn er verletzt wurde.

Bitte schau jetzt noch einmal auf die Schutzstrategien deines Schattenkindes und denke
darüber nach, welche Werte dir helfen könnten, diese Verhaltensweisen zu übeiwinden.
Welche Werte könnten dir Kraft und Halt vermitteln, deine Schattenkindängste zu über
winden? Finde bitte drei Werte.

Auch hier kann es hilfreich sein, wenn du dich an konkrete Situationen erinnerst, die du
bereits erlebt hast. Vermutlich ist es dir schon das eine oder andere Mal gelungen, aus
dem Schattenkindmodus auszusteigen. Welche Werte kamen da zum Tragen? Welche
Gedanken - und Werte dahinter - waren hilfreich, um dich aus der Feldperspektive zu
lösen?

Um dich für diese Aufgabe zu inspirieren, hier eine Liste von Werten:

Liste Werte

Gerechtigkeit, Offenheit, Mut, Zivilcourage, Loyalität, Aufrichtigkeit, Treue,Ver-


antwortung,Authentizität, Nächstenliebe,Freundschaft,Vertrauen, Lebensfreude,
Sanftmut, Gelassenheit, Achtsamkeit, Großzügigkeit, Reflexion, Disziplin, Weis
heit, Bildung, Mitgefühl,Anstand,Zuwendung, Hilfsbereitschaft, Fairness, Beschei
denheit, Transparenz, Demokratie, Toleranz, Einfühlungsvermögen, Verständnis,
Friedfertigkeit,Wohlwollen,Verbindlichkeit, Liebe.

Bitte notiere deine Werte über den Kopf deines Sonnenkindes - diese Stelle markiert,
dass die Werte auch eine Kopfsache sind, bei der dir dein Erwachsenen-Ich helfen kann.
-; - Sonnenschein fürs Sonnenkind 91

Bitte schließe wieder die Augen und spüre, welche Kraft und welchen Halt dir deine
Werte geben.Wie höhere Werte dir den Rücken stärken können.

Sonnenschein fürs Sonnenkind

Du erinnerst dich bestimmt an die zwei beziehungsweise drei Positionen der Wahr
nehmung, die wir unter dem Kapitel »Stärke dein Erwachsenen-Ich« trainiert ha
ben. Eine ähnliche Übung machen wir jetzt mit dem Sonnenkind.

1 . Bitte nimm stehend eine Position im Raum ein und begib dich innerlich ganz in den
Zustand deines Sonnenkindes,indem du dir deine positiven Glaubenssätze und deine
Sonnenkind-Situation hervorholst. Fühle dein Sonnenkind und imaginiere zusätzlich
noch, wie dich Sonnenlicht und Wärme überfluten. Du befindest dich jetzt in der
dritten Position der Wahrnehmung, aber diesmal nicht in deinem Erwachsenen-Ich,
sondern im Sonnenkind. Du betrachtest die Dinge also von außen und mit Abstand.
2. Von dieser dritten Position aus stellst du dir mit viel innerem Abstand einen Konflikt/

ein Problem vor; den/das du mit einem anderen Menschen hast. Sieh euch beide aus
der Ferne wie auf einer Bühne agieren. Nun bring bitte alle deine Sonnenkind-Res-
sourcen in die Situation mit ein und betrachte, was sich dann verändert. Wie verän
dert sich deine Wahrnehmung der Situation, wenn du sie aus den Augen deines
Sonnenkindes betrachtest? Wie würden sich entsprechend dein Fühlen und dann
auch dein Verhalten verändern?

3. Schreibe bitte hier auf, was du bei dieser Übung erlebt/erfahren hast.

Im folgenden Abschnitt kommen wir nun zu den Schatzstrategien, die ein Gegenentwurf
zu deinen Schutzstrategien sind.
92 Entdecke dein Sonnenkind

Schatzstrategien fürs Sonnenkind

Im Unterschied zu den Schutzstrategien stärken die Schatzstrate-


gien dein Sonnenkind und dein Erwachsenen-Ich. Sie sind der
Gegenentwurf zu den Schutzstrategien, also aufbauend und konstruktiv. Es sind
einfache Maßnahmen,die dazu führen, dass du dein Leben und deine Beziehungen
glücklicher gestalten kannst.
Für die Schatzstrategien benötigst du deinen inneren Erwachsenen, um dir viele
Dinge klarzumachen und sie - maximal wichtig - umzusetzen! Damit das Sonnen
kind sich aber nicht vernachlässigt fühlt, habe ich am Ende immer eine Spaß-Übung
für es eingebaut, die du sofort anwenden kannst. Einige der Spaßübungen sind richtig
albern, denn nichts bringt das Sonnenkind so schnell zum Lachen wie Albernheit.
Die ersten vier Schatzstrategien gelten für alle Schattenkinder, sie sind sozusagen
universell. Danach führe ich Schatzstrategien auf, die vor allem für angepasste
Schattenkinder wichtig sind, und danach jene, die den rebellischen Schattenkindern
guttun. Wie ich bereits mehrfach betont habe, kennen viele Menschen auch beide
Seiten. Bitte überlege beim Lesen, welche der folgenden Schatzstrategien du zukünf
tig anwenden möchtest. Wir werden sie zum Schluss noch in deine Sonnenkind-
schablone eintragen.

Allgemeine Schatzstrategien

Übernimm die Verantwortung und bejahe, was ist!


Wir leben zumeist in der Illusion, dass andere Menschen,Ereignisse und Umstände
Gefühle in uns auslösen. So meinte ja auch Michael in unserem anfänglichen Bei
spiel, Sabine sei schuld an seiner Wut, weil sie die Wurst vergessen hatte. Und so wie
Michael fühlen und denken die meisten Menschen. Ist der Ehepartner morgens
schlecht gelaunt, zieht uns das runter. Erhalten wir ein Kompliment,freuen wir uns.
Werden wir kritisiert, sind wir geknickt oder verärgert. Stehen wir im Stau, sind wir
genervt. Wir erleben unsere Gefühle und Stimmungen häufig als etwas, das durch
äußere Geschehnisse ausgelöst wird - sei es durch unsere Mitmenschen oder durch
Widerfahrnisse. Diese Wahrnehmung verleitet uns dazu, andere Menschen oder
das Schicksal für unsere Probleme und für unsere Stimmung verantwortlich zu ma
chen. Wir nehmen uns ständig als Opfer unserer Umstände wahr. Tatsächlich sind
wir es jedoch selbst, die sich mit ihren Interpretationen und Gedanken rauf- oder
runterziehen. Deshalb sollten wir aufhören, darauf zu warten, dass »da draußen«
etwas passiert, das uns zufriedener und glücklicher macht. Ebenso bringt es nichts,
wenn man sein Schattenkind im Außen heilen will, indem man der Anerkennung
anderer Menschen hinterherläuft.
Schatzstrategien fürs Sonnenkind 93

Eine unabdingbare Voraussetzung dafür, unser Leben und unsere Beziehungen


glücklicher zu gestalten, ist, dass wir uns zu 100 Prozent für unsere Entscheidungen,
Gedanken, Gefühle und Handlungen verantworten. Wenn wir im Stau stehen,
könnten wir denken: Ja, das habe ich so gewollt, schließlich habe ich mir ein Auto
gekauft und mich damit für die Möglichkeit entschieden,im Stau zu stehen. Ist un
ser Ehepartner schlecht gelaunt, dann können wir denken: Ja, das habe ich so ge
wollt - ich habe mir genau diesen Partner ausgesucht. Wenn wir selbst etwas dazu
beigetragen haben, dass er schlecht gelaunt ist, so könnten wir uns das ebenso beja
hen und uns so verhalten, dass seine Laune sich wahrscheinlich verbessert. Wenn
die Kinder nerven, dann können wir sagen: Ja, das habe ich so gewollt - indem ich
Kinder bekommen habe, habe ich mich für die Möglichkeit entschieden, dass sie
nerven können! Wenn ich zu viele Kilos auf die Waage bringe, dann kann ich sagen:
Ja, das habe ich so gewollt, schließlich habe ich sie mir auf die Hüften gefuttert.
Wenn hingegen ein Schicksalsschlag für meinen Kummer verantwortlich ist, dann
wird es schwer mit dem »Ja, das habe ich so gewollt...« Dann kann man sich viel
leicht nur noch sagen: Ja, ich will am Leben sein, und solange ich lebe,können mich
Schicksalsschläge treffen.
Die Grundidee dieses radikalen Bejahens ist, nicht nur die Verantwortung für
sich selbst zu übernehmen,sondern seinen Widerstand gegen das, was ist, aufzulö
sen. Der Widerstand kostet nämlich ungeheuer viel Energie. Ein krasses Beispiel
soll dies veranschaulichen: Ein Mensch sitzt im Gefängnis,rennt jeden Tag mit dem
Kopfgegen die Wand und schreit und jammert,dass er hier nicht sein will - wie viel
negative Energie kostet ihn das? Und was würde sich verändern, wenn er stattdessen
seine Situation akzeptieren würde,indem er sich sagte: »Ja, das habe ich so gewollt -
indem ich gegen das Gesetz verstoßen habe, habe ich mich für die Möglichkeit ent
schieden,im Gefängnis zu sitzen. Nun werde ich das Beste daraus machen!«? Kannst
du spüren, wie riesig der energetische Unterschied ist zwischen der ersten und der
zweiten Haltung?

Versuche bitte, drei Situationen aus deinem Leben zu finden, in denen du innerlich im
Widerstand verharrst, indem du nicht akzeptieren kannst, was ist. Notiere sie und finde
für jede Situation eine bejahende Haltung. Spüre in dich hinein, welchen Unterschied es
gefühlsmäßig ausmacht, ob du im Widerstand oder in der Akzeptanz bist.

2.

3.
94 Entdecke dein Sonnenkind

1. Ta,für die-se-n "D-tre-it bin Ich verantwortlich. Ich habe mein f)chattenkind
ungebremst die Führung übernehmen lassen.Tetzt muss ich diecicher-
ben eben einsammeln.

Z. Ich habe selbst dafür gesorgt,dass ich die Verantwortung für dasFrojekt
an der Hacte habe."Dchließlich habe ich allen anderen lang und breit er-
t^lärt, was sie allesfalsch machen - ohne wirldich Konstruktiv z.u sein.Jetzt
darf ich mich nicht wundern,wenn sie sich nicht darum reiben, mich z.u
unterstütz.en.Vielleicht Kann ich siefreundlich darum bitten.
9. Mein Kaputtes Knie habe ich auch selbst verursacht. Ich halte esja Keinen
Tag ohnebport aus,obwohl mein Arzt schon letz.tesTahr riet, dass ich
etwas weniger hart trainieren sollte.

Nur wenn du etwas bejahst, kannst du es auch verändern. Indem du zu deinerVerantwor-


tung für dich selbst stehst und bejahst, dass du dir die meisten Situationen in deinem Er
wachsenenleben selbst ausgesucht hast, kannst du auch die Verantwortung für die Verän
derung übernehmen. Solange du jedoch die Verantwortung für dein Unglück auf die
Umstände schiebst, geht nichts voran. Überlege bitte, was du selbst an den obigen drei
Situationen verändern kannst - finde für jede Situation fünf alternative Handlungsmög
lichkeiten, die in deiner Hand liegen. Du kannst hier auch Handlungsmöglichkeiten nen
nen, die dir auf den ersten Blick absurd erscheinen - es geht darum, dein kreatives Lö
sungspotenzial anzuregen. Notiere sie in Stichworten:

2.

3.

4.

5.
Schatzstrategien fürs Sonnenkind 95

Für dein Sonnenkind: Stell dir von du bist die Königin oder der König in deinem Lebens
reich. Stelle dich auf einen Stuhl und nimm eine königliche Pose ein. Setze dir hierfür auch
vor deinem inneren Auge eine Krone auftrage mit gebieterischer Stimme die folgenden
Sätze vor und beende sie mit einem Tusch (v^ie zum Beispiel:Tatata-Dong!)

Ich bin der/die Herrscher/in über mein LebenlTatata-Dongü!


Ich entscheide, v\/as ich will und was ich nicht willlTatata-Dongü!
Ich bin freilTatata-Dongü!
Ich kann und darf mich von dir

(Partnen Gewohnheit,Arbeitsplatz etc.) trennenlTatata-Dongü!


Ich darf ich seinlTatata-Dongü!
Ich liebe mein LebenlTatata-Dongü!

Finde weitere Sätze, die für deine Situation maßgeschneidert sind. Geh dabei so richtig in
die Vollen und lass deinen Wünschen und deiner Fantasie freien Lauf.

Genieße dein Leben und habe Spaß


Neben deiner Verantwortung, die Dinge anzuerkennen, die da sind, hast du auch
die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass du gut drauf bist. Viele Menschen, die in
den Schutzstrategien des Schattenkindes gefangen sind, genießen ihr Leben zu we
nig. Ihr Schattenkind meint, es dürfe erst genießen, wenn es alle Aufgaben erledigt
hat - aber irgendwie gibt es immer etwas zu tun. Sie fühlen sich geradezu schuldig,
wenn sie nicht arbeiten. Oder sie können nicht genießen, weil ihr Schattenkind sie
gefühlsmäßig so runterzieht.
96 Entdecke dein Sonnenkind

Kann es sein, dass du zu wenig Freude und Genuss in deinem Leben empfindest? Und
wenn ja, was sind die Gründe hierfür? Bitte notiere sie:

Aus Sicht des Ewachsenen-Ichs gibt es kein vernünftiges Argument dafür sein Leben nicht
zu genießen. Meiner Meinung nach ist es sogar geradezu unsere Pflicht, es uns gut gehen zu
lassen, weil das unsere Stimmung hebt und wir in guter Stimmung die besseren Menschen
sind,je besser wir nämlich selbst drauf sind, desto großzügiger und wohlwollender können
wir auch andere Menschen betrachten. Genuss erfordert jedoch Bewusstheit: Wenn ich
mein Essen hinunterschlinge,dann merke ich kaum,was ich zu mir nehme.Wenn ich ständig
am Grübeln bin, dann nehme ich keine schönen Dinge in meiner Umgebung wahr Wenn
ich nur von Pflicht zu Pflicht eile, dann bleibt wenig Zeit für Lebensgenuss.
Trainiere dich deswegen darin, Schönes wahrzunehmen und zu genießen, indem du dei
ne fünf Sinne auf das richtest, was du gerade schmeckst, riechst, siehst oder fühlst. Dies ist,
wie fast alles in unserem Leben, eine Präge der persönlichen Entscheidung. Entscheide dich
dafür ab sofort deine Sinne zu schärfen und viel bewusster dein Leben zu genießen. Es ist
wichtig, dass du im Alltag daran denkst, deswegen überlege dir bitte einen kleinen Trick, wie
ich ihn im Abschnitt »Rationalisieren und Intellektualisieren« mit dem Schmuckstück emp
fohlen hatte, damit du dich in deinem Alltag daran erinnerst, immer wieder bewusst zu
genießen - sei es ein Essen, einen schönen Anblick, einen Duft oder eine gute Begegnung.
Schreibe hier bitte fünf Dinge auf, die du ab sofort in deinem Leben mehr genießen
möchtest:

2.

3.

4.

5.
Schatzstrategien fürs Sonnenkind 97

1. Ich sfell mirfriöche&luime-n auf me-inen'Dchreibtiöch.


Z. Ich möchfe-je-d&nTag eine-halbe-"Dtunde spaz-ieren gehen.
9. Ich gönne mir iweimal im Monaf eine Massage.
4. Ich mache diesTahr eine 6ieburfstagspartf.
5. L)onnfagsfrühstüclie ich im ^ett und lese,so lang ich will.

Nimm dir vor; dir ab sofort jeden Tag etwas ganz Besonderes zu gönnen,sei es ein lecke
res Essen,einen schönen Spaziergang, ein Vollbad, einen Restaurantbesuch, einen Blumen
strauß, länger schlafen usw. Du kannst dir aber auch gestatten, Dinge nicht zu tun, indem
du dir mehr Freizeit und Müßiggang verordnest.Versuch bei deiner »Genusstherapie« mit
allen deinen Sinnen und deiner ganzen Aufmerksamkeit dabei zu sein.
Für dein Sonnenkind: Streichle dir liebevoll über deinen Kopf und sage dir: Ich bin
ganz stolz auf dichl Du bist gut so, wie du bist. Du darfst dein Leben in vollen Zügen ge
nießen.

Meine Kollegin und gute Freundin Julia Tomuschat hat mit Das Sonnenkind-Prinzip ein
ganzes Buch darüber geschrieben, wie man das Sonnenkind zum Lachen bringen kann -
ein Buch, das ich wärmstens empfehlen kann.

Überwinde deine Trägheit


Ich weiß, dass diese Überschrift nach den obigen Abschnitten wie ein Abtörner da
herkommt. Disziplin und Struktur klingen für Sonnenkindohren erst einmal ober
langweilig. Sie sind jedoch, ob man es glauben mag oder nicht, der beste Garant für
ein erfolgreiches und erfülltes Leben. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und
müssen uns diesen Umstand zunutze machen, um möglichst energiesparend unse
ren Alltag zu gestalten.
Die Trägheit ist einer unserer größten Widerstände, wenn es darum geht, unser
Leben zu gestalten und Veränderungen einzuläuten.
Jeder Mensch benötigt äußere Anforderungen und eine feste Tagesstruktur, um
zu funktionieren. Am leichtesten bleiben wir in der Aktivität, wenn wir gar nicht
erst aus ihr herausfallen. Der Montag ist nicht deshalb der schlimmste Tag der Wo
che, weil er höhere Anforderungen bereitstellt, sondern weil der Kontrast zum Wo
chenende so stark ist. Wir benötigen, um den Montag zu bewältigen, viel mehr An-
schubkraft als am Dienstag. Noch leichter fällt uns die Arbeit am Mittwoch, und am
Freitag können wir uns gar nicht mehr vorstellen, warum wir uns montags eigent-
98 Entdecke dein Sonnenkind

lieh immer so schlecht fühlen. Und genauso geht es uns mit allen anderen Aktivitä
ten,zumindest wenn sie eine gewisse Überwindung und Anstrengung erfordern. Je
regelmäßiger wir sie betreiben, desto leichter fallen sie uns.
Deshalb ist eine klare Tagesstruktur die beste Prävention gegen Trägheit.

Wenn du nicht sowieso schon einen klaren Tages- und Wochenplan hast, fülle bitte den
folgenden aus. Bitte denke daran, auch deine Freizeit-, Spaß- und Genussaktivitäten hier
einzufügen. Zwei Wochenpläne findest du im Anhang.

Für dein Sonnenkind: Male deinen Wochenplan wunderhübsch in bunten Farben aus und
finde für die einzelnen Aktivitäten kleine Symbole.

Tu Gutes!
Wie ich nicht müde werde zu betonen, geht es im Leben nicht nur darum,dass man
glücklich und zufrieden mit sich selbst ist, sondern auch darum, ein möglichst re
flektierter und guter Mensch zu sein. Nicht wenige kreisen zu sehr um ihren Selbst
schutz und verlieren sich etwas darin. Deswegen ist es immer wieder -für jeden von
uns - wichtig, sich selbst zu relativieren und über den eigenen Tellerrand zu gucken.
Es nutzt nichts, wenn man angesichts der schlechten Nachrichten in der Welt oder
einer Krise im nahen Umfeld betroffen ist, sondern man sollte auch im Rahmen
seiner eigenen Möglichkeiten etwas dagegen unternehmen. »Es gibt nichts Gutes,
außer man tut es!«, ist so ein Spruch, der in seiner Schlichtheit genial ist. Indem wir
uns bemühen, bessere Menschen zu sein und Gutes zu tun, können wir über uns
selbst hinauswachsen und uns von unseren selbstbezogenen Sorgen angenehme Ab
wechslung verschaffen. Gutes zu tun macht nämlich glücklich. Die neuropsycholo-
gische Forschung hat sogar bewiesen, dass altruistische Taten im Gehirn mehr
Glücksbotenstoffe freisetzen als Schokolade oder Sex.
Schatzstrategien fürs Sonnenkind 99

Aber vor allem Schattenkinder, die den Glaubenssatz »Ich komme zu kurz!« in
sich tragen, wägen oft allzu kleinlich das Verhältnis von Geben und Nehmen ab.

Bitte denke nnal über dein Verhältnis zu Geld und materiellem Wohlstand nach. Hand aufs
Herz: Ließe dein Budget es zu, regelmäßig Geld an eine wohltätige Organisation zu spen
den? Und wenn du es bereits tust, könntest du noch etwas mehr abgeben? Bist du groß
zügig genug mit deinen Freunden, der Familie und Dienstleistern? Falls du dir eingestehen
musst, dass du zum Geiz neigst, was sind die Ängste deines Schattenkindes? Notiere sie
bitte:

Bitte geh in dein Eiwachsenen-Ich, also in die dritte Position der Wahrnehmung. Hilft dir
deine Knauserigkeit wirklich? Notiere hier bitte deine Erkenntnisse:

Gibt es Menschen in deiner Umgebung, denen du einen Gefallen tun könntest? Wenn ja,
welchen?
100 Entdecke dein Sonnenkind

Nimm dir bitte drei konkrete gute Taten vor:

2.

3.

Für dein Sonnenkind: Überrasche einen Menschen deiner Wahl mit einem kleinen Ge
schenk und/oder einer guten Tat.

Gestalte deine Beziehungen und dein Leben

Wie ich bereits unter dem Abschnitt »Bindung und Autonomie« geschrieben habe,
drehen sich unser Glück und Unglück um unsere zwischenmenschlichen Beziehun
gen. Um unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, müssen wir lernen, uns
selbst zu behaupten - dies auch mal gegen die Meinung und den Willen anderer
Menschen. Um dabei nicht zu vereinsamen und trotzdem gute Beziehungen leben
zu können, müssen wir uns aber auch anpassen und binden können. Wem beides
gelingt, der kommt gut durchs Leben und ist in der Regel auch ein verträglicher und
verantwortungsbewusster Mensch. Wie ich jedoch bereits mehrfach betont habe,
gelingt es vielen Menschen nicht, eine gute Balance zwischen diesen Bedürfnissen
zu halten: Sie müssen entweder lernen, sich besser abzugrenzen, also mehr für sich
einzutreten, oder sie haben einen Trainingsbedarf auf der Seite der Anpassung und
Kooperation. Deswegen habe ich die folgenden Schatzstrategien nach diesen über
geordneten Kriterien sortiert.
Statistisch gesehen neigen mehr Frauen dazu, sich zu stark anzupassen, und es
gibt mehr Männer, die sich eher durch ein Zuviel an Abgrenzung beschützen. Dies
hängt mit unseren Genen und der Rollenverteilung in den früheren Stadien der
Menschheitsentwicklung sowie der männlichen Erziehung zusammen. Natürlich
gibt es auch nicht wenige Frauen, die sich eher auf der autonomen Seite, und Män
ner, die sich auf der angepassten Seite befinden. Für unsere Beispiele habe ich mich
jedoch nach der Statistik gerichtet, und somit lernt Sahine auf den folgenden Seiten,
sich besser abzugrenzen, und Michael, sich mehr anzupassen.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 101

Schatzstrategien für angepasste Schattenkinder

Lerne dich abzugrenzen


Das Schattenkind von Menschen, die sich zu stark anpassen, ist überzeugt, dass es
nicht enttäuschen darf. Es lebt in der chronischen Angst, zu versagen und zurück
gewiesen zu werden. Typische Glaubenssätze sind: »Ich genüge nicht!«; »Ich darf
nicht enttäuschen!«; »Ich darf mich nicht wehren!«; »Ich muss lieb und artig sein!«;
»Ich muss funktionieren!«; »Ich muss alle Erwartungen erfüllen!«. Darin verbirgt
sich die Angst vor dem Alleinsein und dem Verlust menschlicher Beziehungen. Im
Innersten meint dieses Schattenkind, nicht wirklich auf eigenen Füßen stehen zu
können. Die Betroffenen haben Angst vor Konflikten, und um diese zu vermeiden,
unterdrücken sie nicht nur häufig ihre eigene Meinung und ihre Bedürfnisse, son
dern nehmen manche Konflikte auch gar nicht wahr. Aus Angst, die Nähe zu ande
ren Menschen zu verlieren, ist ihr Schattenkind manchmal zu naiv und vertrauens
selig.

Spüre deine Bedürfnisse


Das Erste, was angepasste Schattenkinder üben dürfen,ist, ihre eigenen Bedürfnisse
und Wünsche zu spüren. Dies haben sie sich normalerweise schon in der Kindheit
abgewöhnt, weil ein eigener Wille einer geschmeidigen Anpassung im Weg stand.
Deswegen hört man sie häufig sagen: »Ich weiß selbst nicht, was ich will!« Um das
Wissen um die eigenen Bedürfnisse zu trainieren, darfst du dich mindestens einmal
pro Stunde fragen: Wie fühle ich mich eigentlich gerade, was will ich? Das bedeutet
natürlich nicht, dass du jedem Wunsch gleich nachkommen kannst; das geht ja je
nach Situation nicht immer. Wichtig ist, dass du - auch im Kontakt mit anderen
Menschen - dich selbst spürst. Damit du das nicht vergisst, lege dir bit
te ein Armband (oder eine Uhr oder einen Ring) zu, das dich immer
wieder daran erinnert, auf deine Gefühle zu achten, sobald dein Blick
darauffällt.
Trainiere im Kontakt mit anderen Menschen - im Kopf - die erste und zweite
Position der Wahrnehmung:In der ersten Position bist du bei dir selbst und deinen
Gefühlen und Wünschen - in der zweiten Position bist du bei deinem Gegenüber.
Übe dich,immer wieder diesen Wechsel vorzunehmen. Je weniger du dich nämlich
im Kontakt mit anderen selbst verlierst, desto stabiler fühlst du dich, was wiederum
zur Folge hat, dass du dich auf eine gesunde und authentische Art dem anderen
öffnen kannst.
102 Entdecke dein Sonnenkind

Bitte notiere hier; welche Bedürfnisse du häufig unterdrückst beziehungsweise gar nicht
spürst. Oft sind es die Dinge, die dich nach einer Situation ärgerlich stimnnen. Nach dem
Abendessen mit einem Freund spürst du beispielsweise zu Hause, wie der Groll in dir
Raum gewinnt; »Der hat gar nicht gefragt, wie es mir geht.Wie unfreundlich!«

Beantworte bitte die folgenden Fragen:


Welche Beachtung haben meine Eltern meinen Bedürfnissen geschenkt?

War es daheim er^rünscht, einen eigenen Willen zu haben?


Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 103

Wie sind meine Eltern mit ihren eigenen Bedürfnissen umgegangen?

Für dein Sonnenkind: Suche dir einen Tag in der Woche aus, vielleicht den Sonntag,an dem
du dir erlaubst, alles zu tun und dir alles zu gönnen, was du willst.

Du kannst auf eigenen Füßen stehen


Die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu fühlen, ist die Voraussetzung, damit man
auf eigenen Füßen stehen kann. Und das bedeutet wiederum, dass man eigene Ent
scheidungen trifft. Überangepasste Menschen sorgen sich zu sehr, dass sie einen
Fehler machen und sich falsch entscheiden - deswegen lautet eine ihrer Schutzstra
tegien häufig: Ich bleibe Kind. Wenn du also - bildlich gesprochen - groß werden
willst, ist es wichtig, dass du deine eigenen Entscheidungen triffst. Und dies schließt
natürlich die Möglichkeit ein, auch eine falsche Entscheidung treffen zu können.
Hierfür benötigst du eine gewisse Frustrationstoleranz, also die Gewissheit, dass du
eine falsche Entscheidung überlebst. Außerdem mach dir bitte bewusst, dass du die
meisten Entscheidungen auch wieder verändern kannst. Wenn du jedoch anfängst,
stärker auf deine Bedürfnisse zu achten und mithilfe deines Erwachsenen-Ichs ar
gumentieren übst, dann wirst du Standpunktsicherheit gewinnen und somit viele
richtige Entscheidungen treffen. Beachte auch, dass es keine perfekte Entscheidung
gibt, weil du dich immer auch gegen etwas entscheidest. Deswegen heißt es ja auch
Ent-scheidung. Um selbstständige Entscheidungen zu treffen, hast du schon ganz
viel an die Hand bekommen. Ich fasse es hier noch einmal zusammen:

1. Achte auf deine Wünsche und Bedürfnisse und übernimm die Verantwortung
für sie.

2. Nimm mithilfe deines Erwachsenen-Ichs und/oder deines Sonnenkindes Distanz


ein zu deinen Schattenkindängsten, die dir ein mögliches Versagen einflüstern.
3. Finde Argumente für eine Entscheidung.
4. Triff eine Entscheidung -jede Entscheidung wird dich auf deinem persönlichen
Weg weiterbringen. Auch aus falschen Entscheidungen können wir sehr viel ler
nen.
104 Entdecke dein Sonnenkind

I. Ich möchte, mittags lieber eine halbe'Stunde an die frische Luft,anstatt mit den
Kollegen in der muffigen Schulhantine m sitz.en.da,genau so ist es!
Z. Mein liebes Schattenhind; Du hast sofort Angst,dass die anderen dich seltsam
finden und anspruchsvoll. Aber ich sage dir: Ich bin erwachsen und ich hann
meinen Tag so gestalten, wie ich das möchte. Mir hann nichts passieren.
Und außerdem ist es doch toll, wenn ich auch abends noch gute Laune habe,
statt völlig fertig auf dem Sofa z.u hängen.Ich denhe,auch für meine Schüler ist
es gut, wenn ich ausgeruht aus der Mittagspause homme.
4. Ich werde zweimal in der Woche,montags und mittwochs,einen Spaziergang
machen. Meinen Kollegen sage ich das einfach freundlich. Wenn sie mehr dazu
wissen möchten,hönnen sieja fragen.Lrstmal gebe ich nicht zu viele trhlärun-
gen.Das öffnet nur meinem Hang zur F-echtfertigungTür undTor.Dann gucke
ich, wie es mir damit geht.

Für dein Sonnenkind: Nimm zwei Karteikarten oder Zettel. Schreibe jeweils auf die eine
Karte alle Pros für eine bestimmte Entscheidung, die du treffen musst, und auf die andere
die Contras. Lege beide Karten so auf den Boden, dass du eine liegende Acht um sie
herum laufen kannst. Geh die Acht entlang: Immer wenn du in den Bogen einläufst, auf
dessen Seite die Pros liegen, sagst du dir diese laut auf; sobald du in den anderen Bogen
hineinläufst, sagst du dir die Contras auf. Spüre in dich hinein. Du hörst erst dann auf,
wenn du eine Entscheidung gefunden hast. Mit dieser Übung wird dir das spielend ge
lingen.

Du darfst enttäuschen

Wer nicht enttäuschen darf, kann sich nicht frei entscheiden. Das Schattenkind ist
sehr abhängig von der Zustimmung der Eltern und anderer Menschen. Aus seiner
tiefsitzenden Angst vor Zurückweisung heraus möchte es am liebsten alle Erwar-
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 105

tungen erfüllen. Wenn ich aber damit beschäftigt bin, alle Erwartungen meiner Mit
menschen zu erfüllen, kann ich nicht meinen eigenen Weg gehen. Außerdem dele
giere ich die Verantwortung für mein Verhalten an andere, weil ich tue, was diese
vermeintlich wollen, und somit einen Teil meiner Selbstbestimmung aufgebe. Die
Ängste des Schattenkindes, andere Menschen zu enttäuschen, sind zumeist diffus,
und der dazugehörige Erwachsene denkt die Sache häufig nicht zu Ende. Die Frage,
was im schlimmsten Fall eigentlich passieren kann, ist von hoher Bedeutung.

Bitte notiere drei wichtige Beziehungen, in denen du Angst hast zu enttäuschen, und
schreibe dazu, was im schlimmsten Fall passieren kann.

2.

3.

1. Michae-1 tönnte mich im schlimmsten Fall verlassen.

Z. Meine Freundin tönnte denken,ich mag sie nicht mehr.


?. Mein Schulleiter könnte aufhören, mich Z-u fördern oder
mir sogar Steine in den Vleg legen.

1 . Wähle bitte eine dieser Beziehungen aus. Begib dich auf einen Platz im Raum,auf dem
du ganz in dein Schattenkind gehst, also in die Feldperspektive (erste Position der
Wahrnehmung), und lass es laut über seine Ängste und Befürchtungen reden. Spüre
ganz genau, wie es sich fühlt, wenn es so denkt.
2. Schüttle alle belastenden Gefühle von dir ab und schalte bewusst auf dein Ewachse-

nen-lch um.

3. Begib dich auf einen anderen Platz Im Raum und versichere deinem Schattenkind, dass
du es gehört und verstanden hast. Sage ihm, dass du, der oder die EnA^achsene,jetzt
die Verantwortung für es übernimmt. Dann analysiere ganz rational und sachlich die
Wahrscheinlichkeit und den Wahrheitsgehalt der Befürchtungen deines Schattenkin
des. Finde vernünftige Argumente, die gegen dein Horrorszenario sprechen. Falls ver
nünftige Argumente für dein Horrorszenario sprechen, so zum Beispiel, dass es eine
106 Entdecke dein Sonnenkind

Menge Ärger mit einer bestimmten Person gäbe, wenn du fortan mehr dein eigenes
Ding machst, dann finde bitte Antworten zu den Fragen, ob du das tatsächlich nicht
aushalten würdest und ob die Anpassung den Preis der Freiheit wert ist.
4. Stelle deinen Blick messerscharf so ein, dass du erkennen und sehen kannst, dass es
sich bei deinem Schattenkind um ungünstige Prägungen aus deinem Elternhaus han
delt. Um ein Phantom.Analysiere die Prägung. Schließlich stellst du dir vor; dass du der
Coach deines Schattenkindes bist: Welchen Rat gibst du ihm? Ab sofort behältst du,
der oder die Ewvachsene, die Oberhand über das Geschehen,indem du deinen eige
nen Rat befolgst.

So kannst du mit allen weiteren Beziehungen verfahren.

Michael könnte mieh im schlimmsten Fall verlassen. Mein 6r-


wachsenen- Ich sagt: Du hast eineTendenz.daz.u,dich turückiu-
nehmen - also kannst du erst einmal davon ausgehen,dass die an
deren es völlig in Ordnung finden,wenn du anfängst,eigene 5'e-
dürfnisse m benennen. Oft ist esfür die anderen sogar eine Er

if leichterung, weil sie davor immer nur spürten,dass irgendetwas


nicht stimmt.Vtenn du benennst,was du willst und was du nicht
willst, muss man nicht ständig P-ätselraten.
Vielleicht gibt es auch wirklich einen Konflikt. Aber bisher habt
ihr nachjedem ?)treit wieder eine gute leit gehabt. Ist das nicht ein
gutes Z-eichen,dass eure Eez-iehung auf echter Zuneigung beruht?
Falls ihr euch wirklich auseinanderlebt,dann bestimmt nicht, weil
du sagst, was du möchtest. Lind wenn es dann doch so sein sollte,
könnte es doch gut sein, dass es sich für euch beide stimmig an
fühlt,sich i.u trennen.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 107

Für dein Sonnenkind: Stell dich bitte hin und schwinge mit den Armen hin und her indem
du auch deinen Oberkörper mitdrehst. Summe, während du das tust: ich bin die/der
(nenne dich bei deinem Vor- oder Kosenamen) ... ich mach mein Ding ... ich gehe mei
nen eigenen Weg.... ich darf enttäuschen ... Ich bin nicht auf der Weit, um deine Erwar
tungen zu erfüllen, ich darf ich seini Hahaha und lange Nase!!!!

Lerne Nein zu sagen


Wenn man enttäuschen darf, dann darf man auch mal Nein sagen. Das Schatten
kind projiziert gern in die Köpfe seiner Mitmenschen Enttäuschung, wenn es eine
Bitte ablehnt oder mehr nach seinen eigenen Wünschen handelt. Deswegen sagen
die Betroffenen häufig Ja, obwohl sie eigentlich Nein meinen, um das arme Schat
tenkind zu beruhigen. Dadurch sind sie jedoch meistens gestresst und schlecht ge
launt, manche sogar ausgebrannt(Burn-out). Dabei machen alle Menschen, die ler
nen, öfter mal Nein zu sagen, die Erfahrung, dass ihre Mitmenschen zumeist kein
Problem damit haben, wenn sie dies tun, beziehungsweise wenn sie einmal nicht
freiwillig den Finger heben, wenn es eine Aufgabe zu verteilen gibt. Sie machen die
Erfahrung, dass ihr Energielevel viel hesser ist, wenn sie mehr Verantwortung für
ihre Wünsche übernehmen,indem sie auch mal eine Bitte ablehnen. Das wiederum
führt zu einer besseren Stimmung. Und wir haben ja gelernt, dass es unsere Pflicht
ist, für eine gute Stimmung zu sorgen, weil wir dann die besseren Menschen sind.
Menschen, die sich nämlich schlecht abgrenzen können, sagen weder mit einem
guten Gefühl Ja, noch mit einem guten Gefühl Nein.

Notiere bitte eine Situation, in der du ja anstatt Nein gesagt hast, und schreibe bitte ver
nünftige Argumente auf, mit welchem Recht der Bittsteller böse auf dich hätte sein können,
wenn du die Bitte abgelehnt hättest? Du kannst auch Argumente notieren, die dafür
sprechen, dass der Bittsteller kein Recht gehabt hätte, sauer auf dich zu sein.
108 Entdecke dein Sonnenkind

V^enn Michael wieder sagt: »&itte komm doch z.um


Cieburtstag meiner Tante mit. Ohne dich fühle ich mich
da so fehl am Platz.«,dann sage ich Nein.Zum einen habe
ich daz-u einfach keine Lust- und z-um anderen mag mich
dieTante nicht einmal. Michael, wenn du magst,geh hin.
Oder wir lassen es beide. Vtir sind doch erwachsen und
müssen das nicht.

Vtenn meine Freundin wieder mal von ihren tollen Frfolgen


und all dem Arger mit ihrem T^pen erzihlt,dann sage ich ihr
ganz,ehrlich,dass mich das verletz.t, wenn sie nur von sich
erzählt und mich gar nichtfragt, wie es mir geht.

Für dein Sonnenkind: Sage dir in verschiedenen Sprachen und Dialekten das Wort »Nein«
auf und amüsiere dich mit der Aussprache und Wortspielereien.

Non cheri; No no Mviord; Na,dö& moazh i net...


Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 109

Diskutiere und argumentiere


Menschen,die ihr Schattenkind beschützen,indem sie sich anpassen und nach Har
monie streben, lassen sich eher von Widerfahrnissen und Zufällen lenken, als dass
sie sich Ziele setzten und Hindernisse aus dem Weg räumten. Für Ziele bräuchten
sie eine klare Vision, die ihnen häufig fehlt, weil sie sich ihr Lehen lang nach den
anderen anstatt nach sich selbst gerichtet haben. Ein weiterer Grund für ihre Passi
vität hinsichtlich ihrer Lebens- und Beziehungsgestaltung ist ihre Konfliktscheu. Sie
leben in der Illusion ihres Schattenkindes, dass sie Beziehungen über sich ergehen
lassen müssten, anstatt dass sie Einfluss auf sie nehmen könnten. Sie agieren nicht,
sie reagieren. Ihre Anpassung geht auf Kosten einer gesunden Selbstbehauptung.
Off sind die Betroffenen so gewöhnt daran, sich ihrem Gegenüber artig anzupas
sen, dass ihnen noch nicht einmal die Idee kommt,dass sie ihre eigenen Ansichten
oder Bedürfnisse aussprechen könnten. Ich staune immer wieder, welch geringen
Impuls manche Menschen verspüren, sich einfach einmal zur Wehr zu setzen. Die
Selbstbehauptung von Konfliktscheuen mündet off in passiven Widerstand, der
nicht selten in Rückzug,Elucht oder Kontaktabbruch zum potenziellen Konfliktpart
ner endet.

Viele andere Menschen denken, wenn es um einen Konflikt geht, in Kategorien


wie unterlegen/überlegen und siegen/verlieren. Ihr Schattenkind ist ständig besorgt,
in eine unterlegene Position zu geraten. Leg dir bitte stattdessen eine Haltung zu
recht, dass es darum geht, gemeinsam in einer bestimmten Sache weiterzukommen.
Wenn du jemanden Recht gibst, wo er Recht hat, dann hast du nicht verloren, son
dern gewonnen.

Für diese Übung denkst du bitte an einen schwelenden Konflikt, den du mit einer Person
hast - entweden weil ihr euch deswegen schon einmal in der Wolle hattet, oder weil du
dich noch nie getraut hast, dieser Person offen deine Meinung mitzuteilen.

1 . Geh bitte ganz bewusst in den Zustand deines Sonnenkindes. Hole dir deine neuen
Glaubenssätze, deine Stärken und Werte hervor; und spüre ganz bewusst, welche
guten Gefühle dies in dir auslöst.Versuche also, in eine möglichst gute Stimmung zu
kommen. Falls dir dies nicht so gut gelingt, dann schalte auf dein Erwachsenen-Ich um,
um die Situation möglichst emotionsfrei zu betrachten.
2. Mach dir bewusst, dass auch dein Konfliktpartner ein Schattenkind in sich trägt und
ihr auf Augenhöhe seid. Prüfe selbstehrlich deine Beziehung zu deinem Konfliktpart
ner: Fühlst du dich ihm unterlegen? Oder überlegen? Bist du manchmal neidisch auf
ihn? Oder schaust du auf ihn herab? Prüfe, ob du ihn aus Gründen, die in dir selbst
liegen, negativ verzerrt wahrnimmst. Versuche also, ganz selbstaufmerksam deine
Schattenkindanteile an der Situation zu erkennen.An dieser Stelle kann es sehr sinn-
1 10 Entdecke dein Sonnenkind

voll sein, wenn du die Übung unter dem Abschnitt »Unterscheide zwischen Tatsache
und Interpretation« auf Seite 73 noch einmal machst.
3. Halte den inneren Zustand des Sonnenkindes oder des inneren Erwachsenen und
überlege dir- am besten schriftlich-, welche Argumente für deinen Standpunkt spre
chen. Bedenke auch, welche Argumente dein Konfliktpartner hat. Du kannst hierfür
auch gern Dritte zu Rate ziehen. Welche Argumente fallen ihnen für die eine oder
andere Seite ein? Wenn du alle Argumente gesammelt hast, prüfe, ob dein Kon
fliktpartner vielleicht Recht haben könnte. Falls ja, dann sage ihm oder ihr das, dann ist
euer Konflikt gelöst. Falls nein, geht weiter zu Schritt 4.
4. Stelle aktiv eine Situation her in der du mit deinem Konfliktpartner über dein Anlie
gen reden möchtest. Warte nicht darauf, dass sich diese »irgendwie ergibt«. Trage
dein Anliegen freundlich vor; und beziehe dich auf deine Argumente.
5. Höre genau zu, was dein Gegenüber zu dem Thema zu sagen hat. Geh auf seine Argu
mente ein, nimm sie ernst. Mach dir ganz bewusst: Fs geht nicht ums Gewinnen und
Verlieren, sondern um die Sache. Hat dein Gegenüber bessere Argumente, die dir
spontan einleuchten, dann sage einfach, dass er oder sie Recht hat. Damit bleibst du
vollkommen souverän, und euer Problem ist gelöst. Hat er oder sie hingegen keine
besseren Argumente, kannst du bei deinem Standpunkt verbleiben, oder noch besser:
Ihr handelt einen Kompromiss aus.

Du musst dich nicht strikt an diese Reihenfolge halten,sie ist lediglich ein Muster dafür wie
man sich auf eine notwendige Aussprache oder Auseinandersetzung vorbereiten kann.
Übrigens: Bei einer berechtigten Kritik gibt es nur eins: den Fehler einräumen und Bes
serung geloben! Damit bist du sowohl kritikfähig als auch sympathisch.

Für dein Sonnenkind: Visualisiere dich in ein Raumschiff und sieh dich und deinen Kon

fliktpartner ganz weit weg,da unten auf der Erde.Tauche euch beide in warmes Sonnen
licht ein. Spüre, wie unwichtig das alles ist in Anbetracht des ganzen Weltgeschehens und
des Universums.

Erkenne, wann du loslassen musst


Diskutieren ist leider nur so lange sinnvoll, wie man ein Gegenüber hat, das gewillt
ist, sich auf Argumente einzulassen, was ja längst nicht immer der Fall ist. Wenn
dein Gegenüber stur auf seinem Recht beharrt und/oder seine Argumentation auf
seinen subjektiven Interpretationen und Unterstellungen beruht, dann stehst du auf
verlorenem Posten. Deshalb ist auch wichtig, dass du weißt, wann du loslassen
musst. Das heißt, dass du nicht nur deine eigenen Argumente aufFakt und Interpre
tation hin untersuchst, wie wir es hier schon oft trainiert haben, sondern auch jene
deines Gesprächspartners. Wenn dich beispielsweise jemand kritisiert, dann muss
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben iII

er seine Kritik an ganz konkreten Verhaltensweisen von dir festmachen können.


Kann er dies nicht, dann beruht seine Kritik auf seiner subjektiven Interpretation,
und dann brauchst du dir den Schuh nicht anzuziehen. Es handelt sich dann wahr
scheinlich um eine Projektion seines eigenen Schattenkindes auf dich. Außer an
dem Mangel an Konkretheit erkennst du einen unreflektierten Gesprächspartner
auch noch daran, dass er dir nicht wirklich zuhört und auf deine Argumente nicht
eingeht. In solchen Fällen ist es wichtig, dass du irgendwann einen Punkt setzt und
die Diskussion beendest, ansonsten verstrickst du dich mit ihm. Ganz wichtig an
dieser Stelle: Nimm dich aus dem Selbstwertspiegel. Wenn wir uns nämlich in eine
Rechtfertigungsorgie mit einem sturen Gegenüber verstricken, dann meistens, weil
wir um jeden Preis dessen Zustimmung wollen. Um dich vor sinnlosen Diskussio
nen zu beschützen, schiebe vor deinem inneren Auge eine Glaswand zwischen dich
und dein Gegenüber und sch... auf seine Anerkennung.

Für dein Sonnenkind: Lege dir in deiner Fantasie einen warmen und weichen Schutzmantel
zu, der dich umhüllt und beschützt.Wenn du ihn anhast, kannst du eine berechtigte Kritik
annehmen, ohne gekränkt zu sein, und eine unberechtigte Kritik mit klaren Worten von
dir weisen. Male dir genau aus, wie der Mantel aussieht, und fühle, wie er dir Sicherheit
und Geborgenheit gibt.

Nachdem dies nun die wichtigsten Schatzstrategien für die angepassten Schatten
kinder waren, hier welche für die rebellischen Schattenkinder.

Schatzstrategien für rebellische Schattenkinder

Lerne dich anzupassen


Menschen,deren Schattenkind in der beständigen Sorge lebt, dass seine Autonomie
und Freiheit verletzt werden könnten, grenzen sich oft zu hart ab. Während die An
gepassten oft in der zweiten Position der Wahrnehmung verweilen, also eher zu viel
Empathie für ihr Gegenüber aufbringen, sind die »Rebellen« oft in der ersten Posi
tion der Wahrnehmung,also zu stark aufsich selbst fixiert. Rebellische Schattenkin
der weisen ähnliche Glaubensätze auf wie die angepassten. Auch ihr Selbstschutz
generiert sich aus Verlust- und Versagensängsten,jedoch wehren sie ihre Angst ab,
indem sie umso energischer für sich eintreten. Auch ihr Schattenkind meint näm
lich im tiefsten Inneren, dass es sich anpassen müsste, um die Erwartungen der an
deren zu erfüllen. Hier droht ihm jedoch der Freiheitsverlust, gegen den es sich
trotzig verwehrt. Stattdessen hat es beschlossen, sich auf sich selbst zu verlassen.
1 12 Entdecke dein Sonnenkind

Löse deinen Widerstand auf


Die Schattenkinder von Menschen, die viele äußere Grenzen benötigen, sind oft im
Trotzalter gefangen. Sie reagieren recht allergisch auf Erwartungen, die an sie ge
stellt werden. Erwartungen lösen in ihnen schnell ein Gefühl von Bevormundung
aus. Häufig waren sie als Kinder zu sehr genötigt, sich den elterlichen Erwartungen
anzupassen. Das Schattenkind hat sich deswegen entschlossen, nie wieder in solch
eine unterlegene und beengte Situation wie bei Mama und Papa zu geraten. Um sich
ihre Autonomie zu beweisen, tun die rebellischen Schattenkinder genau das nicht,
was von ihnen erwartet wird. Hierdurch boykottieren die Betroffenen jedoch nicht
nur ihre Beziehungen,sondern vor allem sich selbst. Indem sie sich Anforderungen
und Erwartungen ihrer Umwelt verweigern, machen sie unnötig viele Umwege und
Stopps. Es gibt nicht wenige, die weit unter ihren eigenen Möglichkeiten hinsicht
lich ihres beruflichen Werdegangs bleiben, weil ihr Schattenkind sich trotzig wei
gert, die Hoffnungen ihrer Eltern zu erfüllen. Viele von ihnen leiden auch unter
Bindungsangst, weil die Nähe in einer festen Partnerschaft ihr Autonomiebedürfnis
zu stark bedroht. Sie fühlen sich in festen Beziehungen wie im Gefängnis und ban
gen um ihre persönliche Ereiheit. Sind die Angepassten eher zu vertrauensselig und
manchmal auch ein hisschen naiv, so sind die Abgrenzer eher von Argwohn und
Misstrauen befallen. Sie glauben eher an das Schlechte als an das Gute im Men
schen.

Denke bitte an eine Beziehung zu einem bestimmten Menschen, bei dem du oft im Wi
derstand bist.

1. Geh in dein Schattenkind und lass es zu Wort kommen.Welche Ängste hat es? Was
unterstellt es seinem Gegenüber? Hat es Angst vor Manipulation und Vereinnahmung?
Welche Glaubenssätze wirken hier?
2. Geh in die Position deines Gegenübers und fühle, wie es sich fühlt mit dirWie nimmst
du dich mit den Augen deines Gegenübers wahr?
3. Geh in die dritte Position der Wahrnehmung und betrachte euch mit deinem Er
wachsenen-Ich. Beurteile die Situation kritisch mit deinem klaren Verstand. Sei dein
eigener Coach und gib dir Ratschläge, wie du konstruktiver agieren kannst.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben I 13

o
I. Wenn mein 6hef mich um etwas bittet, dann werde ich sofort aggressiv und dente:
»Ich tue doch wirldich genug! Frag doch die anderen!« Das ist mein f)chattenliind,
das /^ngst hat,z.u l^urz. m kommen.
Z. Mein 6heffindet mich vielleicht einfach l^ompetent und betraut mich deshalb gerne
mit Aufgaben.6rfühlt sich von mir vermutlich nicht wirl^lich verstanden.Ich wäre an
seiner"Dtelle vermutlich manchmal sogar ärgerlich.fichließlich hält er mir durchaus
öfter mal den P-ücicen frei, wenn ich ehrlich bin. Und er fördert mich.
?. Old^^tiv gesehen,erwarte ich ziemlich viel Feingefühl vom anderen,aber ich selbst
haue ganzschön raus. Wenn ich mir einen P-at geben sollte,dann wäre es dieser: Frst
denlien,dann reden. Frstmal prüfen,ob das Anliegen von meinem 6hefjetzt ota^(
oder unpassend ist. Und dann freundlich antworten.Jedes Mal aufs Neue entschei-
den.Das wäre mal einen Versuch wert.

Für dein Sonnenkind: Stell dich bitte hin, spanne alle Muskeln deines Körpers ganz fest an
und sage dabei laut und wiederholt: »Ich muss alles unter Kontrolle haben.« Dann ent
spanne dich, lass alle Muskeln weich werden, atme tief in den Bauchraum und sage wie
derholt; »Ich darf vertrauen.«

Lerne zu vertrauen

Rebellische Schattenkinder haben ein hohes Kontrollbedürfnis, weil es ihnen so


schwerfällt zu vertrauen. Die Voraussetzung dafür,einem anderen Menschen zu ver
trauen, ist jedoch, dass man zunächst einmal sich seihst vertraut. Denn nur dann
verspürt man eine gewisse innere Sicherheit, eine etwaige Enttäuschung auch ver
kraften zu können. Also ohne Selbstvertrauen kein Fremdvertrauen. Auch hier spielt
mal wieder die Frage, was im schlimmsten Fall passieren kann, eine wichtige Rolle.
Das notorische Misstrauen hat sich nämlich im Schattenkind chronifiziert und wird
vom Frwachsenen-Ich kaum noch einer kritischen Überprüfung unterzogen.

Bitte begib dich ganz in deinen Sonnenkindmodus. Denke an deine neuen Glaubenssätze,
an deine Stärken, Ressourcen und Werte.Spüre,wie dir das Kraft und Halt gibt. Dann lass
deine Gedanken zu einem Menschen wandern,zu dem du immer einen gewissen Sicher
heitsabstand einhältst, und spüre - von deinem Sonnenkindmodus aus -, ob das wirklich
nötig ist.
1 14 Entdecke dein Sonnenkind

Frage dich, ...


• was dir im schlimmsten Fall passieren kann, wenn du Kontrolle abgibst und mehr ver
traust,

• ob du eine etwaige Enttäuschung wirklich nicht aushalten würdest,


• ob es vernünftige Argumente dafür gibt, dem anderen nicht zu vertrauen,
• ob der andere dein Misstrauen wirklich verdient,
• wer das Opfer und wer der Täter ist. Kann es sein, dass du dem anderen mit deinem
Misstrauen Unrecht tust und er/sie letztlich das Opfer deiner Schattenkindängste ist?

Bitte verfahre so mit weiteren Menschen, denen du misstraust. Lerne hierdurch zu unter
scheiden, wo dein Misstrauen angebracht ist und wo es eine reine Projektion deines
Schattenkindes darstellt.

We.nn ich die- Kontrolle- abge-be, be-stimme-n die anderen Komplett über mich. Und
vielleicht tun sie dann Dinge,die ich gar nicht will, babine Könnte zum 5'eispiel
plötzlich das Wohnzimmer neu einrichten.Oder wenn es um eine'Sachaufgabe
im Tob geht,dann geht es schief- und am bnde bin ich schuld. Nein,eigentlich
müsste ich sagen:^m 6ndefühle ich mich schuldig.
Tine Enttäuschung aushalten? f)chwer. Weil ich mich sofort verantwort
lich dafür fühle. Da nehme ich es eben lieber selbst in die Hand. Dasfühlt
sich besser an./kber es ist auch ganzschön anstrengend,stimmtschon.
Ich würde es auch überleben,wenn mal die anderen bestimmen - und es
dann schiefgeht.
"DO viele schlechte Erfahrungen habe ich als Erwachsener noch nicht ge
macht,wenn ich ehrlich bin. Ich war zum Beispiel einmal eine Woche KranK.
Und mein Kollege hatte die wichtigsten Aufgaben doch so weit übernom
men,dass nichts wirklich"bchlimmes passiert ist. Die Angst davor Kenne
ich allerdings schon aus meiner Kindheit.
Ich alsTäter? Eisher fühlte ich mich eher als Opfer. Aber stimmt schon.
Weil ich alles an mich reiße. Kann natürlich auch Kein anderer imTeam so
richtig zeigen,was er Kann.Das ist eigentlich auch nicht nett.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben I 15

Für dein Sonnenkind: Leg dich bitte ganz bequem hin und schließe die Augen. Spüre, wie
der Untergrund dich trägt, und spüre, wie sicher du bist. Stell dir von wie Sonnenlicht dich
umflutet.Atme ruhig ein und aus und sage dir bei jedem Ausatmen:»Ich darf loslassen. Ich
darf ich sein! Ich vertraue mirl«

Übe dich in Empathie


Menschen, die sich auf die Seite des Widerstands geschlagen haben,sind oft so stark
mit ihrer Abgrenzung beschäftigt, dass es ihnen schwerfällt, sich empathisch in ihr
Gegenüber einzufühlen, zumindest, wenn sie sich gerade in ihrem Kampf- und
Kontrollmodus befinden. Aufgrund ihres mangelnden Vertrauens projiziert ihr
Schattenkind in sein Gegenüber schnell eine gewisse Übermacht und Feindselig
keit, gegen die es sich verwehren muss. Da bleibt nicht viel Raum für die Gefühle
des »Feindes«, der ja gar nicht so selten der eigene Ehepartner ist.

Nimm dir für morgen oder auch noch für heute vor; dich einmal ganz empathisch auf je
den Menschen einzustellen, mit dem du es im Laufe des Tages zu tun hast. Hierfür versi
cherst du deinem Schattenkind, dass ihr heute groß seid und die Welt da draußen nicht
Mama und Papa ist. Mach ihm klar; dass ihr heute frei seid und eure Beziehungen mitge
stalten könnt.

Dann begibst du dich mit allen Sinnen in deinen Sonnenkindmodus und holst dir deine
positiven Glaubenssätze hervor Denke auch an deine Stärken und Ressourcen.Spüre,wie
viel Sicherheit und Stärke dir das gibt. Mit dieser Sicherheit wird es dir leichter fallen, dich
auf dein Gegenüber einzustellen.
Am Abend notierst du bitte hier die Erfahrungen, die du heute mit dieser Übung ge
macht hast.
I 16 Entdecke dein Sonnenkind

Heute-hatt& ich wieder einen fitreit mit"Dabine, weil siefand, ich nehme sie
einfach z.u selten in den Arm.Diesmal bin ich ganz,ruhig geblieben. Ich habe
z-ugehört, was sie mir vorwirft. Dass sie das 6iefühl hat, ich sehe sie gar nicht.
Ich höre nicht, was sie braucht usw. Da hörte ich das erste Mal,dass sie ei
gentlich von einer Not erzählt- und der Vorwurf an mich nur die Mastee
dieser Not ist. Mir fiel estrotzdem schwer,ruhig z.u bleiben. Weil ich mertcte,
wie es mich runterz.ieht, wenn sie so wütend auf mich ist, wie ich mich als
Versager und schuldig fühle. Aber da habe ich an meine"bonnenleindseiten
gedacht. Ich habe mich darauf teonz.entriert, dass ich völlig in Ordnung bin,
auch wenn ich mal etwas distanz-iert bin. Ich bin auch mal tcurz.rausgegan
gen und habe mir mein ß'ild vorgestellt- ein Wald,in dem ich stehe und
einfach eins bin mit der Natur -,dann üonnte ich wieder reingehen,fühlte
mich starte und sicher und teonnte ruhig mit ihr sprechen - und sie dann
auch einfach in den Arm nehmen.6s war eine völlig andere Begegnung als
sonst. Obwohl ich ihr sogar z.iemlich tdar gesagt habe,dass ich finde,sie
vermischt da etwas. Dass sie ihre"borge, nicht geliebt z.u werden,auf mich
draufschmeißt,ohne z.u überlegen,ob das wirt^lich stimmt. Da tcam sie ins
Nachdentcen und fing an,darüber z.u sprechen,dass sie sich als l<ind wirti-
lich ständig danach gesehnt hat,dass sie sich geborgen fühlt- und gerade
auch wieder so tündlich verz.weifelt war. Aber sie tconnte dabei lächeln.Wir
fühlten uns sehr nah.

Ab sofort bist du sehr aufmerksann, wenn dein Schattenkind sich im Widerstand befindet,
und schaltest dann sofort auf die Beobachterperspeictive um. Mach es dir zur festen Ge
wohnheit, immer wieder die Perspel<ctive zu wechseln und dich in dein Gegenüber einzu
fühlen.

Für dein Sonnenkind: Spüre,wie es deinem Lieblingsmenschen damit geht,wenn du dich


viel mehr als bisher in ihn einfühlst.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben I 17

Hör zu!

Eine der größten Tugenden ist die Fähigkeit, einem anderen Menschen wirklich
zuzuhören. Zuhören ist die Brücke zur Empathie. Vielen Menschen fällt dies jedoch
schwer. Sie schweifen schnell in ihren Gedanken ab und landen hei sich selbst. Um
aufnahmefähig zu sein, ist es notwendig, dass man seine eigenen Sorgen und Ge
danken eine Zeit lang beiseiteschiebt. Hierfür kannst du dir vorstellen, dass du sie
einfach in einen Tresor packst und diesen abschließt. Da du den Schlüssel besitzt,
kannst du ihn jederzeit wieder aufmachen, wenn nötig. Die Fokussierung auf dei
nen Gesprächspartner kann auch zu einer heilsamen Selbstvergessenheit führen,
sodass du dann auch wirklich mal Abstand zu deinen Problemen bekommst.
Dem anderen genau zuzuhören ist eine innere Haltung, die du trainieren kannst,
indem du dich wirklich dafür interessierst, was er oder sie sagt.
Konzentriere dich mit deiner ganzen Aufmerksamkeit auf deinen Gesprächspart
ner und sei dabei sehr darauf bedacht, dass du keine falschen Interpretationen vor
nimmst. Um dies zu vermeiden, kannst du öfter mal kurz auf den Punkt bringen,
was du verstanden hast,indem du nachfragst: »Du meinst also ....« oder: »Habe ich
dich richtig verstanden, dass du ...« Dann hat dein Gesprächspartner die Chance,
dich zu korrigieren, falls du etwas falsch aufgefasst haben solltest.

Nimm dir für heute oder morgen von jedem,dem du begegnest, ganz aufmerksam zuzu
hören. Notiere bitte am Abend, welche Erfahrungen du damit gemacht hast.

Für dein Sonnenkind:

>>MeivrZU lwre%^ oIazu reA^en - sMzives


ieiwtuMAcLie NahwiSie UAiA mAb
zuzei Okren,cLcrck mvr.«
Gottfried Keller
1 18 Entdecke dein Sonnenkind

Übe dich in Wohlwollen und lobe andere,so wie dich selbst


Wohlwollen ist die Essenz jeglicher menschlicher Verbindung. Dem Schattenkind
fällt es jedoch oft schwer, wohlwollend zu sein, weil es sich mit seinem Gegenüber
nicht auf Augenhöhe befindet, sondern sich unterlegen fühlt. Das Schattenkind
kann leider sehr misstrauisch, kleinlich und neidisch sein. Der zugehörige Erwach
sene geht nicht nur streng mit sich selbst ins Gericht, sondern auch mit seinen Mit
menschen. Dabei ist diese pessimistisch-kritische Betrachtung seiner Mitmenschen,
was den Realitätsgehalt der eigenen Einschätzung betrifft, nicht realistischer als eine
wohlwollende Betrachtung. Nach meiner Erfahrung wird anderen Menschen sehr
viel Unrecht durch einen Mangel an Wohlwollen angetan. Die schlimmsten und
gesellschaftlich gefährlichsten Wahrnehmungsverzerrungen entstehen immer aus
einem Zuviel an Angst und Misstrauen und nicht aus einem Zuviel an Wohlwollen.
Deswegen dient es der Gemeinschaft, wenn wir uns möglichst oft im Zustand des
Sonnenkindes oder zumindest des inneren Erwachsenen befinden. Also noch ein
mal: Sorge für dich und eine gute Stimmung, dann nimmst du deine Mitmenschen
automatisch wohlwollender wahr. Hierdurch entsteht eine positive Wechselwir
kung: Je wohlwollender ich bin, desto freundlicher und wohlwollender begegnen
mir auch meine Mitmenschen.

1. Begib dich in den inneren Zustand deines Sonnenkindes,so wie du es gelernt hast.
2. Denke bitte an einen Menschen, der dich mit einer Bemerkung gekränkt hat, und
betrachte ihn mit Wohlwollen:

• Welche Sorgen und Ängste umwölken Ihn?


• Warum hat er die Bemerkung gemacht?
• Hast du selbst etwas dazu beigetragen?
• Könnte es sein, dass der Betreffende es ganz anders gemeint hat?
3. Bitte überprüfe deine Interpretation der Bemerkung,indem du sie auf dein Schatten
kind hin analysierst.
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben I 19

Mein Freund sagte heute,ieh tönnte michja auch mal öfter melden.Da war ich
sofort auf hundertachtz-ig. Ich fühlte mich schlecht, unfähig - denn er hat
recht. Und zugleich war ich sauer,dass er mich icritisiert.
Vtenn ich den"ochatteniiindmodus verlasse und mir die"Situation noch mal als
"Sonnenlcind vor Zeugen führe,dann dente ich:
-■ Mein Freund l^önnte mit seiner ^emerhung auch einfach gemeint haben,
was er gesagt hat: Ich würde dich gerne öfter sehen, aber du meldest dich
so selten.

- 6s t:önnte auch sein, dass er selbst ein schlechtes (Siewissen hat und das
lieber auf mich abwälzt, als ehrlich mit sich selbst z.u sein.
- Ich selbstjammere immer darüber, dass ich meine Freunde nicht sehe.
Und es stimmt schon. Das ändert sich natürlich nur, wenn ich mich auch
aWiv darum t^ümmere. Ich l^önnte meine Freunde wirUich mal z.um Aus
gehen z-usammentrommeln.
- Mein Freund und ich, wir tennen und schätz.en uns schon seit if^ahren.
6s gibt wirUich teinen 6irund, dass erjetzt plötilich fies ist. Viel eher
Könnte es sein, dass er einfach meinen wunden ?unKt getroffen hat: Meine
'DchattenKind-'borge, dass ich nicht genüge.

Für dein Sonnenkind: Singe bitte wiederholt: Piep, piep, piep - ich hab euch alle lieb!

Wohlwollen beinhaltet auch, dass ich meinen Mitmenschen auch einmal ein Lob ausspre
che beziehungsweise ihnen ein Kompliment mache. Auch damit tun sich insbesondere die
rebellischen Schattenkinder schwer; weil sie so stark mit ihrer Abgrenzung beschäftigt sind.
Fang damit an, dass du dich selbst lobst.

I . Erstelle bitte eine Liste dessen, was du alles super machst beziehungsweise worauf du
stolz sein und dich loben kannst. Finde mindesten sieben Gründe,
120 Entdecke dein Sonnenkind

2. Übe dich bitte auch in Dankbarkeit. Für was kannst du alles dankbar sein in deinem
Leben? Vergiss hierbei bitte nicht, dass wir im Wohlstand leben. Sei also auch dankbar
für das fließende Wasser und den Strom, die dir jeden Tag zur Verfügung stehen, und
sei auch dankbar für deine Krankenversicherung. Das sind für uns alles so Selbstver
ständlichkeiten, von denen viele Menschen auf der Welt träumen. Finde mindestens
sieben Gründe, wofür du dankbar sein kannst.

3. Heute nimmst du dir von andere Menschen zu loben. Lobe deinen Partnen deine
Kinden deine Arbeitskollegen, deine Freunde oder einfach Menschen, denen du be
gegnest. Heute Abend notierst du dir hier bitte die Erfahrungen, die du hiermit ge
macht hast.

Für dein Sonnenkind: Stell dich bitte hin, klopfe dir mit überkreuzten Armen auf die Schul
tern und intoniere:

• Ich hab schon so viel gut gemachtl


• und auch schon einiges vollbracht!
• Sag's frei heraus: Ich bin 'ne Pracht!
• Auch du bist nicht schlecht, ein toller Hechtl
• jeder so auf seine Art
• Ganz vorn am StartI

Sag einfach mal ja!


Rebellische Schattenkinder haben normalerweise kein Problem damit, Nein zu sa
gen. Zwar zwickt auch sie dabei manchmal ein schlechtes Gewissen,so wie die An-
gepassten, aber ihre Freiheit ist das höhere Gut. Sie wollen gern die Oberhand be
halten - im Gespräch, bei der Planung von Aktivitäten, im Job -, eigentlich in allen
Lebensbereichen. Deswegen kann es schwierig sein, mit ihnen einen Konsens oder
auch nur einen Kompromiss zu finden. Sie halten oft dagegen, was das Gespräch
und den Umgang mit ihnen anstrengend machen kann. Viel häufiger als Ja sagen
sie: Ja, aber ... und erschweren so das gemeinschaftliche Fortkommen. Das Den
ken ihres Schattenkindes ist stark vereinnahmt von der Befürchtung,in eine unter-
Gestalte deine Beziehungen und dein Leben 12!

legene Position zu kommen und manipuliert zu werden,es will gewinnen und Recht
behalten.

Bitte nimm dir für einen ganzenTag vor; einmal ganz bewusst darauf zu achten, in welchen
Situationen und mit welchen Gesprächspartnern du schnell in den Widerstand gehst und
einen Einwand formulierst. Erforsche deine tieferen Motive und deinen Schattenkindan

teil. Frage dich stets: Hat mein Einspruch wirklich etwas mit der Sache zu tun oder geht es
mir darum, die Führung/Recht zu behalten? Bitte nimm hier am Abend eine kurze schrift
liche Auswertung deiner Selbstreflexion vor:

Am nächsten Tag geh bitte noch einen Schritt weiter und versuche einmal ganz bewusst,
dich um Konsens und Übereinstimmung zu bemühen. Frage dich also nicht: Wo unter
scheiden wir uns? Und:Wie kann ich mich abgrenzen?, sondern:Was verbindet uns? Wo
kann ich zustimmen? Bitte notiere am Abend deine Erfahrungen hier stichwortartig:

Die Übung war spannend.Ich habe gemerKt:Vor lauter


ftgotrip merke ich gar nicht,dass ich in einem Team
arbeite, in dem wir ziemlich gut an einem'btrang zie
hen.Wenn Fehler passieren oder es eng wird,helfen
wir uns.Wir lachen zusammen.Wir ergänzen uns
fachlich gut.Z-iemlich viele Übereinstimmungen!
122 Entdecke dein Sonnenkind

Für dein Sonnenkind: Stell dich bitte hin, strecke die Arme empor und sage:
• Ja, ich bin für dieses Leben!
• ja, ich bin dafür; dass es mich gibt!
• Ja, ich will mich mit dir gut verstehen!
• Und ich öffne mich für ein Dofüri

Finde deine persönlichen Schatzstrategien

Du hast nun eine Menge Input dazu bekommen, was du zukünftig ganz konkret in
deinem Verhalten trainieren und üben könntest. Nicht jede Schatzstrategie, die ich
oben aufgeführt habe, wird für dich persönlich relevant sein. Vieles von dem, was
ich als Schatzstrategien vorgeschlagen habe,lebst du vielleicht schon.

Suche dir also von den Schatzstrategien jene aus, die für dich von persönlicher Bedeutung
sind, und notiere sie möglichst konkret in den Fußraum deiner Sonnenkindschabione.
Schreibe bitte ganze Ich-Sätze und nicht nur Stichwörter auf; das hilft, die neuen Verhal
tensweisen auch tatsächlich durchzuführen. Schreibe also beispielsweise nicht: »Ich genie
ße mein Leben«, sondern: »Ich gehe jeden Tag eine Stunde spazieren und mache um
18:00 Uhr Feierabend« usw.

Vielleicht ist dir auch eine Schatzstrategie eingefallen, die ich nicht erwähnt habe, die
aber für dich wichtig ist. Dann notiere sie bitte - deiner Kreativität sind in diesem Buch
niemals Grenzen gesetzt.

Nun hast du dein fertiges Sonnenkind vor dir liegen. Eine klare Vision, wohin die
Reise gehen soll. Bitte häng es in deiner Wohnung auf und fotografiere es mit dei
nem Handy,sodass du es immer dabeihast. Am besten wäre es, wenn du jeden Mor
gen fünf Minuten mit deinem Sonnenkind »spielen« würdest, um dich ganz bewusst
auf es einzuschwingen und mit ihm in den Tag zu gehen. Je öfter du dir deines Son
nenkindes bewusst wirst, desto selbstverständlicher wird es in dir eine Heimat fin
den, und dein Schattenkind kann sich getrost ausruhen und entspannen.

Die Sonnenkindtrance

Damit sich das Sonnenkind auch tief in deinen Gefühlen und in deinem Unterbe-
wusstsein beheimatet, habe ich die folgende Trance für dich eingesprochen, die du
unter http://www.kailash-verlag.de/daskindindir herunterladen kannst. Ich emp
fehle dir, sie immer wieder anzuhören.
Lebe einfach dein Leben! 123

Lebe einfach dein Leben!

Nun sind wir am Ende dieses Arbeitsbuches angelangt, und ich hoffe, dass du viele
neue Erkenntnisse und Erfahrungen aus ihm ziehen konntest. Die meisten Sorgen,
die wir uns machen, rühren aus dem Glauben an Gespenster. Gespenster aus der
Vergangenheit, die uns Angst, Scham und Schrecken einjagen. Wenn es dir gelingt,
deinen alten Glauben an Gespenster aufzulösen und stattdessen die Realität wahr
zunehmen,dann entledigst du dich überflüssiger Selbstzweifel und kannst (fast)je
des Problem lösen. Dein Schattenkind ist ein liebes, armes Ding, aber es ist vom
Geisterglauben besessen, von dem du, der gute, wohlwollende Erwachsene, es hei
len kannst. Je besser dir das gelingt, desto klarer werden deine Wahrnehmung und
dein Bewusstsein für das, was tatsächlich ist.
Ich persönlich glaube daran, dass wir nur dieses eine Leben haben, und das muss
gelebt werden,jeden Tag, in vollen Zügen. Deshalb rate ich dir: »Vergeig« es nicht,
indem du dich alten Projektionen hingibst. Übernimm die Verantwortung für dei
ne Wahrnehmung, dein Fühlen, Denken und Handeln. Warte bitte nicht darauf,
dass da draußen in der Welt etwas passiert, was dich erlöst. Warte nicht auf die
Anerkennung von Menschen, die sie dir nicht geben können, weil sie zu sehr in
ihren eigenen Schatten gefangen sind. Nimm dir jeden Tag vor, an diesem Leben
teilzunehmen, es mitzugestalten. Lass dir dein Leben nicht einfach widerfahren,
sondern erlaube dir, Visionen und Ziele zu haben und für sie zu kämpfen. Jeder
Schritt, den du auf deinem ganz persönlichen Weg gehst, ist richtig. Auch wenn
du dich mal irrst, Fehler machst oder gar scheiterst. Hinfallen ist nicht schlimm,
nur liegen bleiben. Steh auf und geh weiter - am klügsten werden wir aus Schaden.
Die größten Entwicklungsschritte resultieren aus Lebenskrisen. Entschließe dich
bitte, einfach für dieses Leben zu sein. Wenn du für dieses Leben bist, dann bist
du auch dafür, dass nicht alles glatt läuft, weil nie alles glatt läuft. Krisen und Tiefs
gehören einfach dazu, genauso wie die Hochs. Gerade wenn man sich etwas hart
erkämpft hat und Rückschläge einstecken musste, ist man besonders stolz auf sich,
wenn man es am Ende doch noch geschafft hat. Um deinen eigenen Weg erfolgreich
zu beschreiten, ist es gar nicht so wichtig, ob du eine leichte oder schwere Kindheit
hattest. Solange es dir gelingt, dein Schattenkind im Auge zu behalten, sprich: an
alte, falsche Botschaften nicht mehr zu glauben, wird der Weg für dich frei sein. Sei
mutig und setze einen Fuß vor den anderen. Und vergiss dabei bitte niemals, für
Freude und Spaß zu sorgen. Mein geliebter Vater, der leider schon seit langem ver
storben ist, sagte immer: Wem soll das schlechte Leben nutzen? So ist es. Solange es
uns noch einigermaßen gut geht, wir nicht von Krieg und schweren Katastrophen
heimgesucht werden, sollten wir unser Leben genießen. Und, ganz wichtig: dabei
darauf achten, dass es auch anderen Menschen gut geht und wir von unserem Wohl-
124 Entdecke dein Sonnenkind

stand abgeben. Gute Taten und Großzügigkeit machen glücklicher als Geiz und
Kleinmut.
Letztlich liegt (fast) alles in deiner Hand: Du hast alle Freiheit, dein Leben selbst
zu gestalten, damit aber auch die Verantwortung. Du darfst dich frei entscheiden!
Du darfst du seihst sein! Und du darfst ein schönes Leben haben!
In diesem Sinne alles Gute und viel Freude auf deiner ganz persönlichen Reise
wünscht dir

Steffi Stahl
Register 125

Register

Abgrenzung 15, 17, 29, 100, 115 Gehirn 14, 28,44,66,96


Abhängigkeit 9, 39 Glaubenssatz 14, 22-26, 86,87
Aggression 50, 52 - negative Gefühle und 29
Alltagsstrategien 77-81 - negativer 67
Anerkennung 39,40, 54,92 - positiver 84,85
Anpassung 15,17,46, 72, 109 - unterstützender 83

Arbeitssucbt 45 Grundbedürfnisse, psychologische 15


Aufmerksamkeit 13, 28, 117
Autonomie 9, 15-17, 47, 72 Harmoniestrehen 89,90
- Bindung und 16 Harmoniesucht 42

- Kontrolle und 15 Heilung 67, 77

Bedürfnisse 101, 103 Interpretation HO, III


Bedürfnisunterdrückung 40 - innere 13

Bejahen, radikales 93 - Tatsache und 73, 110


Beohachterperspektive 59,60
Bevormundung 49, 112 Kernglauhenssatz 26, 27,85
Beziehung 16, 31,42, 76, 89, 109, 112 Konditionierung 74, 76
Bindung, Autonomie und 16 Konfliktscheu 109

Kontrollhedürfnis 113

Dankbarkeit 120 Kontrolle 49

Dopamin 44 - Autonomie und 15

Kontrollstrehen 47

Einfühlungsvermögen 52 Kontrollzwang 46
Einstellung, innere 11
Eltern 15, 16, 18, 23, 26, 30, 37,47,69,69, Machtstrehen 47

84, 104, 112 Minderwertigkeit 27


Empathie 115, 117 Misstrauen 112, 113, 118
Erwachsenen-Ich 10, 18,44, 57,60 Mitgefühl 54,68, 70,90
Erwachsener, innerer 10, 59,60
Neinsagen 107
Eeldperspektive 59,60 Opfer 92
Erustrationstoleranz 37, 103 Opferdenken 32

Gefühl 23,61 Prägung 26, 106


- negatives 28 - negative 17
Gefühlsname 27 Projektion 73, 123
^ 126 Register

Reiz-Reaktion-Verkettung 50 Selbstwert 24,44, 74, 77


Ressourcen 88,89 Selbstwertempfinden, gespiegeltes 74
Selbstwertgefühl 15, 17
Schattenkind 10,17, 22, 23, 57, 123 Selbstwertspiegel 76, III
- angepasstes 29, 37,42 Sonnenkind 10, 17
- Annahme des 67-69 Sonnenkindtrance 122

- Erwachsenen-Ich und 62,63 Spaß 95


- gedemütigtes 53 Stärken 88,89

- rebellisches 30,45
- verwöhntes 26 Taten, altruistische 96

Schattenkindtrance 71 Trägheit 97,98


Schatzstrategie 83,92
- allgemeine 92 Überbehütung 26
- für angepasste Schattenkinder 101-111 Überschätzung 26
- für rebellische Schattenkinder 111-122 Unterlegenheit 27, 53
- persönliche 122 Urvertrauen 15

Schutzstrategie 29
- Abwertung, Arroganz 53 Verantwortung 32, 35,42,44,48, 92, 93,
- allgemeine 29, 31 105, 123, 124

- Attackieren, Fordern 49, 50 - Delegation von 32


- dysfunktionale 30 Verlustangst 36,42, III
- Flucht 29, 33, 34,42, 109 Versagensangst III
- Harmoniestreben,Idealisierung 40,41 Vertrauen 46, 115

- Hilflosigkeit, Kindbleiben 37
- Jammern, Klammern 42 Wahrnehmung 12, 59, 101, III, 123
- Mauern, Verweigern 47 - drei Positionen 71,91
- Perfektionsstreben 29, 31, 39 - zwei Positionen 65

- persönliche 55 Wahrnehmungsverzerrung 15, 118


- Rationalisieren, Intellektualisieren 51 Waschzwang 46
- Schönheitswahn 39 Werte 90, 113

- Shoppen, Konsum,Sucht 44,45 - persönliche 89,90


- Tarnung, Rollenspiel, Lügen 35 Widerstandll2,115, 121
- Verdrängung 31 - aktiver und passiver 48
- Vermeidung 34 Wohlwollen 70, 90, 118,119
Selbstbehauptung 46,47, 109 Wünsche 101,103,107
Selbstbestimmung 105
Selbstschutz 34, 46,48, 50, 53, 89, 98, Zuhören 117

III Zurückweisung 26,90,104


Selbstvertrauen 113
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Stefanie Stahl hat einen neuen, wirksamen Ansatz zur


Arbeit mit dem »inneren Kind« entwickelt: Er geht von
dem verletzten »Schattenkind« aus, in dem unsere
negativen Glaubenssätze und die daraus resultierenden
belastenden Gefühle abgespeichert sind. Wenn wir
Freundschaft mit ihm schließen, lässt sich das »Sonnen
kind« befreien - unser lebenszugewandter, freudiger
und starker Wesenskern, der glückliche Beziehungen
und ein Leben in Fülle erst möglich macht.

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sondern eine Frage der persönlichen Entscheidung.«
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Überzeugend und lebensnah zeigt Stefanie Stahl mithilfe des


inneren Kindes, wie das möglich ist. Vor allen Dingen gilt es den
Selbstwert zu stärken sowie die Balance zwischen Anpassung
und Selbstbehauptung zu finden. Wenn wir diese Mechanismen
verstehen, müssen wir nicht mehr darauf warten, dass sich
unser Partner verändert oder Mr oder Mrs Right anklopft, son
dern können unser Glück selbst in die Hand nehmen.

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Mo. Pi. Po. fr. 5ft- 5o.


SONNENKIND
ßeüfiel m Michciel

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bfflpben. rat fflcinchffld! ^
hcit lecter gebebt, ichön mit mir ^e^pielt. ^ Jl/a
bnnte weh ^ehr lieb ieifi.

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Ndtuf ichöne Wohriufi^
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Wbine Ich bebtnine reichlic Lecher Im
Ich bin lAiichti^

M Ich höYe idbine zu und übe


Ich übernehme die i/olle veroinbortun^ -für mich in Ernpdthie
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Ich iiebe öfler ncich und
Ich ertdppe mich und whiine wehe
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