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Erich Auerbach

Mimesis
Dargestellte Wirklichkeit
in der abendländischen Literatur

francke
VERLAG
SAMMLUNG DALP
ERICH AUERBACH

Mimesis
Dargestellte Wirklichkeit
in der abendländischen Literatur

Had we but world enough and time ...


A N D R E W M A RV E L L

ELFTE AUFLAGE

A. FRANCKE VERLAG TÜBINGEN


Geschrieben zwischen Mai 1942 und April 1945
Das XIV. Kapitel wurde später (1949) verfasst.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen


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11. Auflage 2015

© 1946 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

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Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen


Printed in Germany

ISBN 978-3-7720-8565-9
DIE NARBE DES ODYSSEUS

DIE Leser der Odyssee erinnern sich der wohlvorbereiteten und er-
greifenden Szene im 19. Gesange, in der die alte Schaffnerin Eurykleia
den heimgekehrten Odysseus, dessen Amme sie einst war, an einer
Narbe am Schenkel wiedererkennt. Der Fremdling hat Penelopes
Wohlwollen gewonnen; nach seinem Wunsch befiehlt sie der Schaff-
nerin, ihm die Füße zu waschen, wie dies in allen alten Geschichten
als erste Pflicht der Gastlichkeit gegenüber dem müden Wanderer üb-
lich ist; Eurykleia macht sich daran, das Wasser zu holen und kaltes
mit warmem zu mischen, indes sie traurig von dem verschollenen
Herren spricht, der wohl das gleiche Alter haben möge wie der Gast,
der jetzt vielleicht auch, wie er, irgendwo als armer Fremdling umher-
irre — dabei bemerkt sie, wie erstaunlich ähnlich ihm der Gast sehe —
indes Odysseus sich seiner Narbe erinnert und abseits ins Dunkle
rückt, um die nun nicht mehr vermeidbare, ihm aber noch nicht er-
wünschte Wiedererkennung wenigstens vor Penelope zu verbergen.
Kaum hat die Alte die Narbe ertastet, läßt sie in freudigem Schreck
den Fuß ins Becken zurückfallen; das Wasser fließt über, sie will in
Jubel ausbrechen; mit leisen Schmeichel- und Drohworten hält Odys-
seus sie zurück; sie faßt sich und unterdrückt ihre Bewegung. Penelo-
pe, deren Aufmerksamkeit zudem durch Athenes Vorsorge von dem
Vorgang abgelenkt wurde, hat nichts gemerkt.
Dies alles wird genau ausgeformt und mit Muße erzählt. In aus-
führlicher, fließender, direkter Rede geben die beiden Frauen ihre Ge-
fühle kund; obgleich es Gefühle sind, ein wenig nur mit allgemeinster
Betrachtung des Menschenschicksals vermischt, ist die syntaktische
Verbindung zwischen ihren Teilen vollkommen klar; kein Umriß ver-
schwimmt. Auch für wohlgeordnete, jedes Gelenk zeigende, gleich-
mäßig beleuchtende Beschreibung der Geräte, Handreichungen und
Gesten ist Raum und Zeit reichlich vorhanden; selbst in dem drama-
tischen Augenblick des Wiedererkennens wird nicht versäumt, dem
Leser mitzuteilen, daß es die rechte Hand ist, mit der Odysseus die
Alte an der Kehle faßt, um sie am Sprechen zu verhindern, indes er sie
mit der anderen näher an sich heranzieht. Klar umschrieben, hell und
gleichmäßig belichtet, stehen oder bewegen sich Menschen und Dinge
innerhalb eines überschaubaren Raumes; und nicht minder klar, rest-
los ausgedrückt, auch im Affekt wohlgeordnet, sind die Gefühle und
Gedanken.
6 DIE NARBE DES ODYSSEUS

Bei meiner Wiedergabe des Vorganges habe ich bisher den Inhalt
einer ganzen Reihe von Versen verschwiegen, die ihn mitten unter-
brechen. Es sind mehr als siebzig — während der Vorgang selbst je
etwa vierzig vor und vierzig nach der Unterbrechung umfaßt. Die
Unterbrechung, die gerade an der Stelle erfolgt, wo die Schaffnerin
die Narbe erkennt, also im Augenblick der Krise, schildert die Ent-
stehung der Narbe, einen Jagdunfall aus Odysseus' Jugendzeit, bei
einer Eberjagd, als er zu Besuch bei seinem Großvater Autolykos weil-
te. Dies gibt zunächst Anlaß, den Leser über Autolykos zu unterrich-
ten, über seinen Wohnort, die genaue Art der Verwandtschaft, seinen
Charakter, und, ebenso ausführlich wie entzückend, über sein Beneh-
men nach der Geburt des Enkels; dann folgt der Besuch des zum
Jüngling herangewachsenen Odysseus; die Begrüßung, das Gastmahl
zum Empfang, Schlaf und Erwachen, der morgendliche Aufbruch
zur Jagd, das Aufspüren des Tieres, der Kampf, die Verwundung
Odysseus' durch einen Hauer, das Verbinden der Wunde, die Gene-
sung, die Rückkehr nach Ithaka, das besorgte Ausfragen der Eltern;
alles wird erzählt, wiederum mit vollkommener, nichts im Dunkeln
lassender Ausformung aller Dinge und aller sie verbindenden Glieder.
Und dann erst kehrt der Erzähler in Penelopes Gemach zurück, und
Eurykleia, die vor der Unterbrechung die Narbe erkannt hat, läßt
erst jetzt, nach derselben, vor Schreck den hochgehobenen Fuß ins
Becken zurückfallen.
Der für einen modernen Leser naheliegende Gedanke, es sei hier
auf Erhöhung der Spannung abgesehen, ist, wo nicht ganz falsch, so
doch jedenfalls nicht entscheidend zur Erklärung des homerischen
Verfahrens. Denn das Element der Spannung ist in den homerischen
Gedichten nur sehr schwach; sie sind, in ihrem ganzen Stil, nicht dar-
auf angelegt, den Leser oder Hörer in Atem zu halten. Dazu würde ja
vor allem gehören, daß er durch das Mittel, welches ihn «spannen»
soll, nicht «entspannt» wird — und gerade dies geschieht sehr oft;
auch in dem hier vorliegenden Falle geschieht es. Die breit erzählte,
liebliche und subtil geformte Jagdgeschichte mit all ihrem eleganten
Behagen, mit dem Reichtum ihrer idyllischen Bilder legt es darauf an,
den Hörer ganz für sich zu. gewinnen solange er sie hört — ihn verges-
sen zu lassen, was eben vorher bei der Fußwaschung geschah. Zu ei-
nem Einschub, der retardierend die Spannung erhöht, gehört, daß er
nicht die Gegenwart ganz ausfüllt, daß er nicht die Krise, auf deren
Lösung mit Spannung gewartet werden soll, dem Bewußtsein ent-
fremdet und so auch die «gespannte» Stimmung zerstört; die Krise
und die Spannung müssen erhalten, müssen im Hintergrund bewußt
bleiben. Allein Homer, und darauf werden wir noch zurückzukom-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 7
men haben, kennt keinen Hintergrund. Was er erzählt, ist jeweils al-
lein Gegenwart, und füllt Schauplatz und Bewußtsein ganz aus. So ist
es auch hier. Wenn die junge Eurykleia (V.401 ff.) dem Großvater
Autolykos den neugeborenen Odysseus nach dem Festmahl auf die
Knie setzt, ist die alte, die wenige Verse zuvor den Fuß des Wande-
rers betastet hat, ganz vom Schauplatz und ganz aus dem Bewußtsein
verschwunden.
Goethe und Schiller, die Ende April 1797 zwar nicht über die hier
in Rede stehende Episode, sondern über das «Retardierende» in den
homerischen Gedichten überhaupt korrespondierten, setzen es ge-
radezu in Gegensatz zum Spannenden — dieser letztere Ausdruck wird
zwar nicht gebraucht, aber deutlich gemeint, wenn das retardierende
Verfahren als eigentlich episches in Gegensatz zum tragischen gesetzt
wird (Briefe vom 19., 21. und 22. April). Das Retardierende, das
«Vor- und Zurückgehen» durch Einschübe scheint auch mir in den
homerischen Gedichten im Gegensatz zu stehen zu dem gespannten
Streben nach einem Ziel, und zweifellos hat Schiller für Homer recht,
wenn er meint, er schildere «uns bloß das ruhige Dasein und Wirken
der Dinge nach ihren Naturen»; sein Zweck liege «schon in jedem
Punkt seiner Bewegung». Allein beide, Schiller wie Goethe, erheben
das homerische Verfahren zu einem Gesetz für die epische Dichtung
überhaupt, und die oben zitierten Worte Schillers sollen für den epi-
schen Dichter überhaupt gelten, im Gegensatz zum tragischen. Je-
doch gibt es, in alter wie in neuer Zeit, bedeutende epische Werke, die
durchaus nicht retardierend in diesem Sinne, sondern durchaus span-
nend geschrieben sind, die uns durchaus «unsere Gemütsfreiheit rau-
ben», was Schiller allein dem tragischen Dichter zugestehen will. Und
außerdem scheint es mir unbeweisbar und nicht wahrscheinlich, daß
bei dem gedachten Verfahren der homerischen Gedichte ästhetische
Erwägungen oder auch nur ein ästhetisches Gefühl der von Goethe
und Schiller angenommenen Art führend gewesen sei. Die Wirkung
ist freilich ganz genau die, welche sie beschreiben, und hieraus leitet
sich auch tatsächlich der Begriff vom Epischen, den sie selbst und
auch sonst alle von der klassischen Antike entscheidend beeinflußten
Schriftsteller besitzen. Aber die Ursache der Erscheinung des Retar-
dierens scheint mir in etwas anderem zu liegen, nämlich in dem Be-
dürfnis des homerischen Stils, nichts von dem was überhaupt erwähnt
wird, halb im Dunkel und unausgeformt zu lassen. Der Exkurs über
die Entstehung der Narbe unterscheidet sich nicht grundsätzlich von
den vielen Stellen, wo eine neu eingeführte Person, oder sonst ein neu
erscheinendes Ding oder Gerät sogleich, und wäre es mitten im drän-
gendsten Kampfgewühl, nach Art und Herkunft beschrieben wird;
8 DIE NARBE DES ODYSSEUS

oder wo von einem Gott, der erscheint, berichtet wird, wo er sich zu-
letzt aufgehalten, was er dort getrieben hat und auf welchem Wege er
angekommen ist; ja selbst die Epitheta scheinen mir letzten Endes auf
das gleiche Bedürfnis nach sinnlicher Ausformung der Erscheinungen
zurückführbar zu sein. Hier ist es die Narbe, welche im Zuge der
Handlung hervortritt; und es ist, für das homerische Gefühl, nicht er-
träglich, sie nur einfach aus einem unaufgehellten Dunkel der Ver-
gangenheit hervortauchen zu sehen; sie muß hell ans Licht, und mit
ihr ein Stück Jugendlandschaft des Helden — nicht anders als in der
Ilias, wenn das erste Schiff schon brennt und die Myrmidonen endlich
sich anschicken zu Hilfe zu eilen, noch Zeit genug sich findet nicht
nur für den herrlichen Vergleich mit den Wölfen, nicht nur für die
Ordnung der Myrmidonenscharen, sondern auch noch für genaue
Darstellung der Herkunft einiger Unterführer (11.16, 155 ff.). Freilich
muß die damit erzielte ästhetische Wirkung sehr bald bemerkt und
dann auch gesucht worden sein; allein das Ursprünglichere dürfte
doch wohl in dem Grundimpuls des homerischen Stils liegen: die Er-
scheinungen ausgeformt, in allen Teilen tastbar und sichtbar, in ihren
räumlichen und zeitlichen Verhältnissen genau bestimmt zu vergegen-
wärtigen. Es verhält sich nicht anders mit den inneren Vorgängen:
auch von ihnen darf nichts verborgen und unausgesprochen bleiben.
Ohne Rest, auch im Affekt wohldisponiert, geben die Menschen Ho-
mers ihr Inneres in der Rede kund; was sie nicht zu anderen sagen,
das sprechen sie im eigenen Herzen, so daß es der Leser erfährt. Es
geschieht viel Schreckliches in den homerischen Gedichten, doch nie-
mals geschieht es stumm; Polyphem spricht mit Odysseus; dieser
spricht mit den Freiem, wenn er beginnt sie zu töten; ausführlich
sprechen Hektor und Achill, vor dem Kampf und nachher; und keine
Rede ist so angst- oder zornerfüllt, daß in ihr die Instrumente der
sprachlich-logischen Gliederung fehlten oder in Unordnung geraten
wären. Dies letztere gilt natürlich nicht nur von den Reden, sondern
von der Darstellung überhaupt. Die einzelnen Erscheinungsglieder
werden überall auf das klarste miteinander in Beziehung gesetzt; eine
große Anzahl von Konjunktionen, Adverbien, Partikeln und anderen
syntaktischen Werkzeugen, alle in ihrer Bedeutung klar umschrieben
und fein abgestuft, grenzen die Personen, Dinge und Ereignisteile ge-
geneinander ab, und bringen sie zugleich miteinander in ununterbro-
chene, mühelos fließende Verbindung; wie die einzelnen Erscheinun-
gen selbst, so treten auch ihre Verhältnisse, die zeitlichen, örtlichen,
kausalen, finalen, konsekutiven, vergleichenden, konzessiven, anti-
thetischen und bedingenden Verschränkungen in vollendeter Bildung
ans Licht; so daß ein ununterbrochenes, rhythmisch bewegtes Vor-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 9
überziehen der Erscheinungen stattfindet, und sich nirgends eine
Fragment gebliebene oder nur halb beleuchtete Form, nirgends eine
Lücke, ein Auseinanderklaffen, ein Blick in unerforschte Tiefen zeigt.
Und dies Vorüberziehen der Erscheinungen geschieht im Vorder-
grund, das heißt stets in voller örtlicher und zeitlicher Gegenwart.
Man sollte denken, daß die vielen Einschübe, das viele Vor- und Zu-
rückgehen, eine Art Zeit- unß Ortsperspektive schaffen müßten; al-
lein der homerische Stil gibt diesen Eindruck niemals. Die Art, wie
der perspektivische Eindruck vermieden wird, läßt sich genau in dem
Verfahren der Einführung der Einschübe beobachten, einer syntakti-
schen Bildung, die jedem Homerleser geläufig ist; sie wird auch in un-
serer Stelle angewendet, ist aber ebenso bei viel kürzeren Einschüben
zu finden. An das Wort «Narbe» (V.393) schließt sich zunächst ein
Relativsatz (die ihm einst ein Wildschwein ...), welcher sich zu einer
umfangreichen syntaktischen Klammer ausweitet; in diese schiebt
sich unvermutet ein Hauptsatz (V.396: ein Gott selbst gab ihm ...),
der sich aus der syntaktischen Unterordnung leise herauswindet, bis
mit Vers 399 ein auch syntaktisch völlig freies Schalten der neuen In-
halte, eine neue Gegenwart beginnt, welche allein herrscht, bis mit
Vers 467 (diese betastete jetzt die Alte ...) auf das vorher Abgebro-
chene zurückgegriffen wird. Bei so langen Einschüben wie dem hier
vorliegenden wäre freilich eine syntaktische Einordnung ohnehin
kaum durchführbar gewesen ; um so leichter wäre ein perspektivisches
Einordnen in die Haupthandlung durch eine darauf zielende Disposi-
tion der Inhalte; wenn man nämlich die ganze Narbenerzählung als
Erinnerung des Odysseus vortrüge, wie sie in diesem Augenblick in
seinem Bewußtsein erwacht; das wäre ganz leicht gewesen, es hätte
lediglich die Narbengeschichte zwei Verse früher, bei der ersten Er-
wähnung des Wortes «Narbe», eingesetzt werden müssen, wo schon
die Motive «Odysseus» und «Erinnerung» dafür bereitstehen. Aber
solch subjektivistisch-perspektivisches Verfahren, welches Vorder-
grund und Hintergrund schafft, so daß die Gegenwart sich nach der
Vergangenheitstiefe öffnet, ist dem homerischen Stil völlig fremd; er
kennt nur Vordergrund, nur gleichmäßig beleuchtete, gleichmäßig
objektive Gegenwart; und so setzt der Exkurs erst zwei Verse später
ein, als Eurykleia die Narbe entdeckt hat — nun ist die Möglichkeit
perspektivischer Einordnung nicht mehr gegeben, und die Geschichte
von der Narbe wird selbständige und volle Gegenwart.
Die Eigentümlichkeit des homerischen Stils wird noch deutlicher,
wenn man einen ebenfalls antiken, ebenfalls epischen Text aus einer
anderen Formenwelt ihm gegenüberstellt. Ich versuche es mit dem
Opfer Isaaks, einer einheitlich von dem sogenannten Elohisten redi-
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gierten Erzählung. Luther übersetzt den Anfang folgendermaßen:


Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham, und sprach zu
ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich! — Schon dieser An-
fang läßt uns stutzen, wenn wir von Homer kommen. Wo befinden
sich die beiden Unterredner? Das wird nicht gesagt. Wohl aber weiß
der Leser, daß sie sich nicht jederzeit am gleichen irdischen Ort be-
finden, daß der eine derselben, Gott, von irgendwo ankommen, aus
irgendwelchen Höhen oder Tiefen ins Irdische hineinbrechen muß,
um zu Abraham zu sprechen. Woher kommt er, von woher wendet er
sich an Abraham? Davon wird nichts gesagt. Er kommt nicht, wie
Zeus oder Poseidon, von den Äthiopen, wo er sich am Opfermahl er-
freut hat. Es wird auch nichts von der Ursache gesagt, die ihn bewo-
gen hat, Abraham so schrecklich zu versuchen. Er hat sie nicht, wie
Zeus, mit anderen Göttern auf der Ratsversammlung in geordneter
Rede besprochen; auch was er im eigenen Herzen erwog wird uns
nicht mitgeteilt; unvermutet und rätselhaft fährt er aus unbekannten
Höhen oder Tiefen in die Szene hinein und ruft: Abraham! Man wird
nun sogleich sagen, daß sich dies aus der besonderen Gottesvorstel-
lung der Juden erklärt, die von der der Griechen so ganz verschieden
war. Das ist richtig, aber kein Einwand. Denn wie erklärt sich die
Gottesvorstellung der Juden? Schon ihr einstiger Wüstengott war
nicht festgelegt nach Gestalt und Aufenthalt, und war einsam; seine
Gestaltlosigkeit, Ortlosigkeit und Einsamkeit hat sich im Kampf mit
den vergleichsweise weit anschaulicheren Göttern der vorderasiati-
schen Umwelt schließlich nicht nur behauptet, sondern sogar noch
schärfer herausgebildet. Die Gottesvorstellung der Juden ist nicht so-
wohl Ursache als vielmehr Symptom ihrer Auffassungs- und Darstel-
lungsweise. Das wird noch klarer, wenn wir uns jetzt zu dem anderen
Gesprächspartner, zu Abraham wenden. Wo befindet er sich? Das
wissen wir nicht. Er sagt zwar: Hier bin ich — aber das hebräische
Wort bedeutet nur etwa: «siehe mich», oder, wie Gunkel übersetzt:
«ich höre» und will jedenfalls nicht den wirklichen Ort bedeuten, an
dem Abraham steht, sondern seinen moralischen Ort im Verhältnis zu
Gott, der ihn gerufen hat: ich bin hier deines Gebots gewärtig. Wo er
sich aber praktisch aufhält, ob zu Beerseba oder anderswo, ob im
Haus oder unter freiem Himmel, das wird nicht mitgeteilt; es interes-
siert den Erzähler nicht, der Leser erfährt es nicht, und auch die Be-
schäftigung, der er sich gerade hingab, als Gott ihn rief, bleibt im
Dunklen. Man denke, um des Unterschieds inne zu werden, etwa an
Hermes' Besuch bei Kalypso, wo Auftrag, Reise, Ankunft und Emp-
fang des Besuchers, Lage und Beschäftigung der Besuchten in vielen
Versen ausgebreitet werden; und selbst da, wo Götter plötzlich für
DIE NARBE DES ODYSSEUS 11

kurze Zeit erscheinen, sei es um einem ihrer Lieblinge zu helfen, sei


es, um einen ihnen verhaßten Sterblichen zu täuschen oder zu verder-
ben, da wird stets ihre Gestalt, meist auch die Art ihrer Ankunft und
ihres Verschwindens genau angegeben. Hier aber erscheint Gott ge-
staltlos (und doch «erscheint» er), von irgendwoher, nur seine Stim-
me vernehmen wir, und diese ruft nichts als den Namen: ohne Ad-
jektiv, ohne beschreibende Umtastung der angeredeten Person, wie
sie zu jeder homerischen Anrede gehört; und von Abraham wird
auch sonst nichts sinnfällig gemacht als die Worte, die er Gott entge-
gensetzt: Hinne-ni, hier siehe mich — womit freilich eine überaus ein-
dringlicne Geste suggeriert wird, die Gehorsam und Bereitschaft aus-
drückt — deren Ausmalung aber dem Leser überlassen bleibt. Von
beiden Unterrednern wird also nichts sinnfällig als die kurzen, abge-
rissenen, durch nichts vorbereiteten und hart aufeinanderstoßenden
Worte; allenfalls die Vorstellung einer Geste der Hingabe; alles übrige
bleibt im Dunklen. Und dazu kommt noch, daß die beiden Unter-
redner nicht auf dem gleichen Grunde stehen: denkt man sich Abra-
ham im Vordergrunde, wo etwa seine niedergeworfene oder knieende
oder mit ausgebreiteten Armen sich neigende oder nach oben auf-
schauende Gestalt vorstellbar wäre, so ist doch Gott nicht dort: Abra-
hams Worte und Gesten richten sich nach dem Innern des Bildes oder
in die Höhe, nach einem unbestimmten, dunklen, auf jeden Fall nicht
vordergründigen Ort, von dem die Stimme zu ihm dringt.
Nach diesem Beginn gibt Gott seinen Befehl, und es beginnt die
Erzählung selbst ; ein jeder kennt sie; ohne jede Einschaltung, in weni-
gen Hauptsätzen, deren syntaktische Verbindung miteinander äußerst
arm ist, rollt sie ab. Undenkbar wäre es hier, ein Gerät, das gebraucht
wird, eine Landschaft, die man durchquert, die Knechte oder den
Esel, die den Zug begleiten, zu beschreiben, etwa die Gelegenheit bei
der sie erworben wurden, ihre Herkunft, ihr Material, ihr Aussehen
oder ihre Brauchbarkeit rühmend zu schildern; nicht einmal ein Ad-
jektiv ertragen sie; es sind Knechte, Esel, Holz und Messer, weiter
nichts, ohne Epitheton ; sie haben dem von Gott befohlenen Zweck
zu dienen; was sie sonst sind, waren oder sein werden bleibt im Dun-
kel. Es wird ein Weg zurückgelegt, denn Gott hat den Ort angegeben,
an dem das Opfer sich vollziehen soll; aber von dem Weg wird nichts
gesagt, als daß er drei Tage dauerte, und auch dies in einer rätselvol-
len Weise: Abraham mit seinem Zuge machte sich «des Morgens
früh» auf und ging hin zu dem Ort, von dem ihm Gott gesprochen
hatte; am dritten Tage hob er seine Augen auf, und sah die Stätte von
ferne. Dies Augenaufheben ist die einzige Geste, ja überhaupt das
einzige, was von der Reise berichtet wird, und obgleich sie wohl darin
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ihre Begründung findet, daß der Ort hoch liegt, so erhöht sie doch
durch ihre Einzigkeit den Eindruck der Leere des Reiseweges; es ist,
als ob auf der Reise Abraham vorher nicht nach rechts und nach
links geschaut, alle Lebensäußerungen bei sich und seinen Reisege-
fährten unterdrückt habe, ausgenommen nur das Schreiten ihrer Fü-
ße. So ist die Reise wie ein schweigendes Schreiten durchs Unbe-
stimmte und Vorläufige, ein Atemanhalten, ein Vorgang, der keine
Gegenwart hat und zwischen dem Vergangenen und dem Bevorste-
henden eingelagert ist wie eine unausgefüllte Dauer, die aber doch
gemessen ist: drei Tage! Solche drei Tage rufen die symbolische Aus-
deutung, die sie später gefunden haben, geradezu herbei. Begonnen
haben sie «des Morgens früh». Aber zu welcher Zeit am dritten Tage
hob Abraham seine Augen auf und sah das Ziel? Darüber steht nichts
im Text. Offenbar nicht «des Abends spät», denn es blieb, wie es
scheint, noch Zeit für den Weg auf den Berg und die Opferhandlung.
Also ist «des Morgens früh» nicht um der Zeitabgrenzung willen ge-
setzt, sondern um der moralischen Bedeutung willen; es soll das Un-
verzügliche, Pünktliche und Genaue im Gehorsam des so schwer ge-
troffenen Abraham ausdrücken. Bitter ist ihm die Morgenfrühe, in
der er seinen Esel gürtet, seine Knechte und seinen Sohn Isaak ruft
und sich aufmacht; aber er gehorcht, er schreitet bis zum dritten Ta-
ge, an diesem hebt er die Augen auf und sieht die Stätte. Von wo er
kommt, das wissen wir nicht, aber das Ziel ist genau angegeben: Je-
ruel im Lande Moria. Was für ein Ort damit gemeint war, steht nicht
fest, zumal «Moria» vielleicht später für ein anderes Wort hineinkor-
rigiert worden ist — aber jedenfalls war er angegeben, und jedenfalls
handelte es sich um eine Kultstätte, der durch die Verknüpfung mit
dem Abrahamsopfer eine besondere Weihe verliehen werden sollte.
Ebenso wenig wie «des Morgens früh» einer zeitlichen Grenzsetzung
dient, ebensowenig dient «Jeruel im Lande Moria » einer örtlichen; ist
ja doch in beiden Fällen die Gegengrenze nicht angegeben, denn eben-
sowenig wie die Tageszeit des Augenaufhebens kennen wir den Ort,
von dem Abraham auszog — Jeruel ist bedeutend nicht sowohl als Ziel
einer irdischen Reise, in seinem geographischen Verhältnis zu ande-
ren Orten, als durch seine besondere Auserwählung, durch sein Ver-
hältnis zu Gott, der es zum Schauplatz dieser Handlung bestimmte,
und darum muß es genannt werden.
In der Erzählung selbst erscheint eine dritte Hauptperson: Isaak.
Während Gott und Abraham, Knechte, Esel und Gerät einfach beim
Namen genannt werden, ohne Erwähnung einer Eigenschaft oder
sonstigen Bezeichnung, erhält Isaak einmal eine Apposition; Gott
sagt: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast. Dies aber
DIE NARBE DES ODYSSEUS 13
ist keine Bezeichnung Isaaks, wie er überhaupt ist, auch außerhalb
der Beziehung zu seinem Vater, und außerhalb dieser Erzählung; es
ist keine beschreibende Ablenkung und Unterbrechung, denn es ist
keine Isaak umgrenzende, auf seine sonstige Existenz hinweisende
Charakterisierung; er mag schön oder häßlich, klug oder dumm, groß
oder klein, gefällig oder abstoßend sein — das wird hier nicht gesagt.
Nur dasjenige, was jetzt und hier, innerhalb der Handlung von ihm
bekannt sein muß, wird beleuchtet — damit hervortrete, wie schreck-
lich die Versuchung Abrahams ist, und daß Gott sich dessen wohl be-
wußt ist. Man sieht an diesem Gegenbeispiel, welche Bedeutung die
beschreibenden Adjektive und Abschweifungen der homerischen Ge-
dichte haben; mit ihrem Hinweis auf die sonstige, von der gegenwär-
tigen Lage nicht voll ergriffene, gleichsam absolute Existenz des Be-
schriebenen verhindern sie die einseitige Konzentration des Lesers
auf eine gegenwärtige Krise; sie verhindern, selbst im schrecklichsten
Ereignis, das Auf kommen einer drückenden Spannung. Hier aber,
beim Abrahamsopfer, ist die drückende Spannung da; was Schiller
dem tragischen Dichter vorbehalten wollte — uns unsere Gemütsfrei-
heit zu rauben, unsere inneren Kräfte (Schiller sagt «unsere Tätig-
keit ») nach einer einzigen Seite zu richten und zu konzentrieren —, das
wird in dieser biblischen Geschichte, die man doch wohl episch nen-
nen muß, geleistet.
Denselben Gegensatz finden wir, wenn wir die Verwendung der di-
rekten Rede vergleichen. Auch in der biblischen Erzählung wird ge-
sprochen; doch dient die Rede nicht wie beim Homer der ausgeform-
ten Kundgabe des innerlich Gemeinten, sondern garadezu im Gegen-
teil: dem Hinweis auf ein Gemeintes, welches unausgesprochen bleibt.
Gott gibt seinen Befehl in direkter Rede, doch er verschweigt sein
Motiv und seine Absicht; Abraham, als er den Befehl empfängt, ver-
stummt, und handelt, wie ihm befohlen ist. Das Gespräch zwischen
Abraham und Isaak auf dem Weg zur Opferstätte ist nur eine Unter-
brechung des schweren Schweigens, wodurch dieses noch lastender
wird. Die beiden, Isaak mit dem Holz, und Abraham mit Feuergerät
und Messer, «gingen miteinander». Zögernd wagt sich Isaak hervor
mit der Frage nach dem Schaf, und Abraham gibt die Antwort, die
man kennt. Dann wiederholt der Text: «Und gingen die beiden mit-
einander.» Alles bleibt unausgesprochen.
Nicht leicht also lassen sich größere Stilgegensätze vorstellen als
zwischen diesen beiden, gleichermaßen antiken und epischen Texten.
Auf der einen Seite ausgeformte, gleichmäßig belichtete, ort- und
zeitbestimmte, lückenlos im Vordergrund miteinander verbundene
Erscheinungen; ausgesprochene Gedanken und Gefühle; mußevoll
14 DIE NARBE DES ODYSSEUS

und spannungsarm sich vollziehende Ereignisse. Auf der anderen


Seite wird nur dasjenige an den Erscheinungen herausgearbeitet, was
für das Ziel der Handlung wichtig ist, der Rest bleibt im Dunkel; die
entscheidenden Höhepunkte der Handlung werden allein betont, das
Dazwischenliegende ist wesenlos; Ort und Zeit sind unbestimmt und
deutungsbedürftig; die Gedanken und Gefühle bleiben unausgespro-
chen, sie werden nur aus dem Schweigen und fragmentarischen Reden
suggeriert; das Ganze, in höchster und ununterbrochener Spannung
auf eh Ziel gerichtet, und insofern viel einheitlicher, bleibt rätselvoll
und hintergründig. Auf dieses letztere Wort will ich noch näher ein-
gehen, damit es nicht mißverstanden wird. Ich nannte oben den home-
rischen Stil vordergründig, weil er trotz vielen Vor- und Zurück-
springens doch stets das jeweils Erzählte als alleinige Gegenwart un-
vermischt und ohne Perspektive wirken läßt. Die Betrachtung des
elohistischen Textes lehrt uns, daß das Wort sich noch weiter und tie-
fer anwenden läßt. Es zeigt sich, daß sogar die einzelne Person «hin-
tergründig» dargestellt sein kann: Gott ist es immer in der Bibel,
denn er ist nicht in seiner Gegenwart umgreif bar wie Zeus; es er-
scheint immer nur «etwas» von ihm, er reicht immer in die Tiefe.
Aber selbst die Menschen der biblischen Erzählungen sind «hinter-
gründiger» als die homerischen; sie haben mehr Zeiten-, Schicksals-
und Bewußtseinstiefe; sie sind, obgleich fast immer in einem sie ganz
in Anspruch nehmenden Ereignis befangen, ihm doch nicht so ganz
gegenwärtig hingegeben, daß sie sich nicht dessen, was früher und
anderswo mit ihnen geschah, dauernd bewußt blieben; ihre Gedanken
und Empfindungen sind vielschichtiger und verwickelter. Abrahams
Handlungsweise erklärt sich nicht nur aus dem, was ihm augenblick-
lich geschieht, auch nicht nur aus seinem Charakter (wie die Achills
aus seiner Kühnheit und seinem Stolz, die Odysseus' aus seiner Ge-
wandtheit und klugen Berechnung), sondern aus seiner früheren Ge-
schichte; er erinnert sich, es ist ihm dauernd bewußt, was Gott ihm
verheißen und was er an ihm schon erfüllt hat — sein Inneres ist tief
erregt zwischen verzweifelnder Empörung und hoffender Erwartung;
sein schweigender Gehorsam ist vielschichtig und hintergründig — in
so problematische innere Lagen können die homerischen Gestalten,
deren Schicksal eindeutig festgelegt ist, und die jeden Tag erwachen,
als wäre es ihr erster, gar nicht geraten; ihre Affekte sind zwar heftig,
aber einfach, und brechen sofort hervor. Wie hintergründig sind da-
gegen Charaktere wie Saul oder David, wie verwickelt und geschich-
tet solche menschlichen Verhältnisse wie die zwischen David und Ab-
salom, zwischen David und Joab! Undenkbar wäre bei Homer eine
solche «Hintergründigkeit» der psychologischen Lage, wie sie in der
DIE NARBE DES ODYSSEUS 15
Geschichte vom Tode Absaloms und ihrem Nachspiel (2. Sam. 18 und
19, vom sog. Jahwisten) mehr angedeutet als ausgesprochen wird.
Hier handelt es sich nicht nur um seelische Vorgänge hintergründigen
oder sogar abgründigen Charakters, sondern auch um einen rein ört-
lichen Hintergrund. Denn David ist abwesend von dem Schlachtfeld;
aber die Ausstrahlung seines Willens und seiner Empfindungen sind
dauernd wirksam, sie wirken selbst auf den widerstrebenden und
rücksichtslos handelnden Joab ; in der großartigen Szene mit den bei-
den Boten wird das örtlich wie seelisch Hintergründige vollkommen
zum Ausdruck gebracht, ohne daß doch das letztere ausgesprochen
wird. Dagegen halte man etwa, wie Achill, der Patroklos erst auf
Kundschaft und dann in den Kampf sendet, fast jede Gegenwart ver-
liert, solange er nicht körperlich gegenwärtig ist. Aber das Wichtigste
ist das Vielschichtige innerhalb des einzelnen Menschen; dies ist bei
Homer kaum anzutreffen, höchstens in der Form des bewußten Zwei-
fels zwischen zwei möglichen Handlungsweisen; im übrigen zeigt sich
bei ihm die Vielfalt des seelischen Lebens nur im Nacheinander, im
Sichablösen der Affekte; indes es den jüdischen Schriftstellern gelingt,
die gleichzeitig übereinander gelagerten Schichten des Bewußtseins
und den Konflikt derselben zum Ausdruck zu bringen.
Die homerischen Gedichte, deren sinnliche, sprachliche und vor al-
lem syntaktische Kultur so viel höher ausgebildet erscheint, sind doch
in ihrem Bild vom Menschen vergleichsweise einfach; und sie sind es
auch in ihrem Verhältnis zu der Wirklichkeit des Lebens, welches sie
schildern, überhaupt. Die Freude am sinnlichen Dasein ist ihnen al-
les, und es uns gegenwärtig zu machen ihr höchstes Streben. Zwischen
Kämpfen und Leidenschaften, Abenteuern und Gefahren zeigen sie
uns Jagden und Gastmähler, Paläste und Hirtenwohnungen, Wett-
spiele und Waschtage — damit wir die Helden auch recht eigentlich in
ihrem Lebensgehaben betrachten und betrachtend uns freuen kön-
nen, wie sie ihre würzige, in Sitte, Landschaft und tägliches Bedürfnis
schön eingebettete Gegenwart genießen. Und so bezaubern sie uns
und schmeicheln sich bei uns ein, so daß wir in der Wirklichkeit ihres
Lebens mitleben — es ist, solange wir diese Gedichte hören oder lesen,
ganz gleichgültig, ob wir wissen, daß alles nur Sage, daß alles «erlo-
gen» ist. Der Vorwurf, den man oft erhoben hat, Homer sei ein Lüg-
ner, nimmt seiner Wirkung nichts; er hat es nicht nötig, auf die ge-
schichtliche Wahrheit seiner Erzählung zu pochen, seine Wirklichkeit
ist stark genug; er umgarnt uns, er spinnt uns in sie ein, und das ist
ihm genug. In dieser «wirklichen», für sich selbst bestehenden Welt,
in die wir hineingezaubert werden, ist auch nichts weiter enthalten als
sie selbst; die homerischen Gedichte verbergen nichts, in ihnen ist
16 DIE NARBE DES ODYSSEUS

keine Lehre und kein geheimer zweiter Sinn. Man kann Homer analy-
sieren, wie wir es hier versucht haben, aber man kann ihn nicht deu-
ten. Spätere, auf das Allegorische gerichtete Strömungen haben ihre
Deutungskünste auch an ihm versucht, aber das hat zu nichts geführt.
Er widersteht solcher Behandlung; die Deutungen sind gezwungen
und seltsam, und sie kristallisieren sich nicht zu einer einheitlichen
Lehre. Die allgemeinen Betrachtungen, die sich gelegentlich finden —
in unserer Episode zum Beispiel der Vers 360: denn im Unglück al-
tern die Menschen schnell — verraten ein ruhiges Hinnehmen der Ge-
gebenheiten des menschlichen Daseins, nicht aber das Bedürfnis, dar-
über zu grübeln, noch weniger einen leidenschaftlichen Impuls, sei es,
sich dagegen aufzulehnen, sei es, sich ihnen in ekstatischer Hingabe
zu unterwerfen.
Das alles ist ganz anders in den biblischen Geschichten. Der sinn-
liche Zauber ist nicht ihre Absicht, und wenn sie trotzdem auch im
Sinnlichen sehr lebensvoll wirken, so geschieht dies, weil die ethi-
schen, religiösen, innerlichen Vorgänge, auf die allein sie es absehen,
sich im sinnlichen Material des Lebens konkretisieren. Die religiöse
Absicht bedingt aber einen absoluten Anspruch auf geschichtliche
Wahrheit. Die Geschichte von Abraham und Isaak ist nicht besser
bezeugt als die von Odysseus, Penelope und Eurykleia ; beides ist Sa-
ge. Allein, der biblische Erzähler, der Elohist, mußte an die objektive
Wahrheit der Erzählung vom Abrahamsopfer glauben — das Bestehen
der heiligen Ordnungen des Lebens beruhte auf der Wahrheit dieser
und ähnlicher Geschichten. Er mußte mit Leidenschaft an sie glauben
— oder aber er mußte, wie manche aufklärerische Interpreten annah-
men oder vielleicht auch noch annehmen, ein bewußter Lügner sein,
kein harmloser Lügner wie Homer, der log, um zu gefallen, sondern
ein zielbewußter politischer Lügner, der im Interesse eines Herrschafts-
anspruchs log. Mir scheint die aufklärerische Ansicht psychologisch
absurd, aber selbst wenn wir auch sie in Betracht ziehen, so bleibt
doch sein Verhältnis zur Wahrheit seiner Geschichte ein weit leiden-
schaftlicheres, eindeutiger bestimmtes als dasjenige Homers. Er
mußte genau das schreiben, was sein Glaube an die Wahrheit der
Überlieferung, oder, vom aufklärerischen Standpunkt, sein Interesse
an der Wahrheit derselben von ihm forderte — in jedem Fall waren
seiner freien, erfindenden oder ausmalenden Phantasie enge Schran-
ken gesetzt; seine Tätigkeit mußte sich darauf beschränken, die from-
me Überlieferung wirksam zu redigieren. Was er hervorbrachte, zielte
also zunächst nicht auf «Wirklichkeit» — wenn ihm auch diese gelang,
so war dies doch nur Mittel, nicht Zweck —, sondern auf Wahrheit.
Wehe dem, der nicht an sie glaubte! Man kann sehr wohl historisch-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 17
kritische Bedenken gegen den Trojanischen Krieg und gegen Odys-
seus' Irrfahrten hegen und doch beim Lesen Homers diejenige Wir-
kung empfinden, die er beabsichtigte; wer an Abrahams Opfer nicht
glaubt, kann von der Erzählung nicht den Gebrauch machen, für den
sie geschrieben wurde. Ja, man muß noch weiter gehen. Der Wahr-
heitsanspruch der Bibel ist nicht nur weit dringender als der Homers,
er ist auch tyrannisch; er schließt alle anderen Ansprüche aus. Die
Welt der Geschichten der Heiligen Schrift begnügt sich nicht mit dem
Anspruch, eine geschichtlich wahre Wirklichkeit zu sein — sie behaup-
tet, die einzige wahre, die zur Alleinherrschaft bestimmte Welt zu
sein. Alle anderen Schauplätze, Abläufe und Ordnungen haben keine
Berechtigung, von ihr unabhängig aufzutreten, und es ist verheißen,
daß sie alle, die Geschichte aller Menschen überhaupt, sich in ihren
Rahmen einordnen und sich ihr unterordnen werden. Die Geschich-
ten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere
Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezau-
bern — sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so
sind wir Rebellen. Man möge nicht einwenden, daß dies zu weit gehe,
daß nicht die Geschichte, sondern die religiöse Lehre den Herrschafts-
anspruch erhebe; denn die Geschichten sind eben nicht, wie die Ho-
mers, bloß erzählte «Wirklichkeit». In ihnen inkarniert sich Lehre
und Verheißung, unscheidbar sind diese letzteren in sie hineinge-
schmolzen; eben darum sind sie hintergründig und dunkel, sie enthal-
ten zweiten, verborgenen Sinn. In der Isaakgeschichte ist es nicht al-
lein das Eingreifen Gottes am Anfang und am Schluß, sondern auch
dazwischen sowohl das Tatsächliche wie das Psychologische, welches
dunkel, nur angerührt, hintergründig ist; und darum verlangt es nach
grübelnder Vertiefung und Ausdeutung, es ruft sie herbei. Daß Gott
auch den Frömmsten aufs schrecklichste versucht, daß unbedingter
Gehorsam die einzige Haltung vor ihm ist, daß seine Verheißung aber
unverrückbar feststeht, mag auch sein Ratschluß noch so sehr dazu
angetan sein, Zweifel und Verzweiflung zu erregen — das sind wohl
die wichtigsten in der Isaakgeschichte enthaltenen Lehren — aber
durch sie wird der Text so schwer, so inhaltsbeladen, er enthält in sich
noch so viel Andeutung über Gottes Wesen und über die Haltung des
Frommen, daß der Gläubige veranlaßt wird, sich immer aufs neue in
ihn zu versenken und in allen Einzelheiten die Erleuchtung zu suchen,
die in ihnen verborgen sein mag. Und da ja in der Tat so vieles daran
dunkel und unausgeführt ist, und da er weiß, daß Gott ein verborge-
ner Gott ist, so findet sein deutendes Bestreben immer neue Nahrung.
Die Lehre und das Streben nach Erleuchtung sind unlösbar mit der
Sinnlichkeit der Erzählung verbunden — diese ist mehF als bloße
2
18 DIE NARBE DES ODYSSEUS

«Wirklichkeit» — freilich auch ständig in Gefahr, die eigne Wirklich-


keit zu verlieren, wie es alsbald geschah, als die Deutung so überwu-
cherte, daß sich das Wirkliche zersetzte.
Ist so der biblische Erzählungstext aus seinem eigenen Inhalt heraus
deutungsbedürftig, so treibt ihn sein Herrschaftsanspruch noch viel
weiter auf diesem Weg. Er will uns ja nicht nur für einige Stunden
unsere eigene Wirklichkeit vergessen lassen wie Homer, sondern er
will sie sich unterwerfen; wir sollen unser eigenes Leben in seine Welt
einfügen, uns als Glieder seines weltgeschichtlichen Aufbaus fühlen.
Dies wird immer schwerer, je weiter unsere Lebenswelt sich von der
der biblischen Schriften entfernt, und wenn diese trotzdem ihren
Herrschaftsanspruch aufrecht erhält, so ist es unabweislich, daß sie
selbst sich, durch ausdeutende Umformung, anpassen muß; das ist
lange vergleichsweise leicht gewesen; noch im europäischen Mittel-
alter war es möglich, das biblische Geschehen als alltägliche Vorgänge
der damaligen Gegenwart darzustellen, wozu die Methode des Deu-
tens die Grundlage lieferte. Wird dies aber durch allzustarke Verän-
derung der Lebenswelt und durch Erwachen des kritischen Bewußt-
seins untunlich, so gerät der Herrschaftsanspruch in Gefahr; die Me-
thode des Deutens wird verachtet und aufgegeben, die biblischen Ge-
schichten werden zu alten Sagen, und die von ihnen losgelöste Lehre
wird zdeinem körperlosen Gebilde, das entweder gar nicht mehr ins
Sinnlich-Lebendige dringt oder aber ins Persönlich-Schwärmerische
sich verflüchtigt.
Infolge des Herrschaftsanspruchs erstreckte sich die Methode der
Deutung auch auf andere Überlieferungen als die jüdische. Die home-
rischen Gedichte geben einen bestimmten, örtlich und zeitlich be-
grenzten Ereigniszusammenhang; vor, neben und nach demselben
sind andere, von ihm unabhängige Ereigniszusammenhänge ohne
Konflikt und Schwierigkeit denkbar. Das Alte Testament hingegen
gibt Weltgeschichte; sie beginnt mit dem Beginn der Zeit, mit der
Weltschöpfung, und will enden mit der Endzeit, der Erfüllung der
Verheißung, mit der die Welt ihr Ende finden soll. Alles andere, was
noch in der Welt geschieht, kann nur vorgestellt werden als Glied
dieses Zusammenhangs; alles, was davon bekannt wird oder gar in die
Geschichte der Juden eingreift, muß in ihn eingebaut werden, als Be-
standteil des göttlichen Planes; und da auch dies nur durch Ausdeu-
tung des neu einströmenden Materials möglich wird, so erstreckt sich
das Deutungsbedürfnis auch auf außerhalb des ursprünglich Jüdisch-
Israelitischen liegende Wirklichkeitsbereiche, etwa auf die assyrische,
babylonische, persische, römische Geschichte; das Deuten in einem
bestimmten Sinne wird zu einer allgemeinen Methode der Wirklich-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 19
keitsauffassung ; die jeweils neu in den Gesichtskreis tretende fremde
Welt, die sich meist so, wie sie sich unmittelbar bietet, als ganz un-
brauchbar für die Verwendung innerhalb des jüdisch-religiösen Rah-
mens erweist, muß so gedeutet werden, daß sie sich in diesen einfügt.
Aber fast immer wirkt dies auch auf den Rahmen zurück, der der Er-
weiterung und Modifizierung bedarf; die eindrucksvollste Deutungs-
arbeit dieser Art geschah in den ersten Jahrhunderten des Christen-
tums, infolge der Heidenmission, durch Paulus und die Kirchenvä-
ter; sie deuteten die gesamte jüdische Überlieferung um in eine Reihe
von vorbeugenden Figuren des Erscheinens Christi, und wiesen dem
Römischen Reich seinen Platz an innerhalb des göttlichen Heilsplanes.
Während also einerseits die Wirklichkeit des Alten Testaments als
volle Wahrheit mit dem Anspruch auf Alleinherrschaft auftritt,
zwingt sie eben dieser Anspruch zu einer ständigen deutenden Verän-
derung des eigenen Inhalts; dieser lebt Jahrtausende lang in unausge-
setzter, bewegter Entwicklung in dem Leben der Menschen in Europa.
Der weltgeschichtliche Anspruch und das ständig bohrende, stän-
dig in Konflikten sich auseinandersetzende Verhältnis zu einem einzi-
gen, verborgenen und doch erscheinenden Gott, welcher verheißend
und fordernd die Weltgeschichte lenkt, verleiht den Erzählungen des
Alten Testaments eine ganz andere Perspektive als sie Homer besitzen
kann. Das Alte Testament ist in seiner Komposition unvergleichlich
weniger einheitlich als die homerischen Gedichte, es ist viel auffälli-
ger zusammengestückt — aber die einzelnen Stücke gehören alle in
einen weltgeschichtlichen und weltgeschichtsdeutenden Zusammen-
hang. Mögen sich auch einzelne, nicht ohne weiteres sich einfügende
Elemente erhalten haben, sie werden doch von der Deutung ergriffen;
und so fühlt der Leser jeden Augenblick die religiös-weltgeschicht-
liche Perspektive, die den einzelnen Erzählungen ihren Gesamtsinn
und ihr Gesamtziel gibt. So viel vereinzelter, horizontal unverbunde-
ner die Erzählungen und Erzählungsgruppen nebeneinander stehen als
die der Ilias und Odyssee, so viel stärker ist ihre gemeinsame vertikale
Bindung, die sie alle unter einem Zeichen zusammenhält, und die Ho-
mer gänzlich fehlt. In jeder einzelnen der großen Gestalten des Alten
Testaments, von Adam bis zu den Propheten, ist ein Moment der ge-
dachten vertikalen Verbindung verkörpert. Gott hat sich diese Per-
sonen für den Zweck der Verkörperung seines Wesens und Willens
auserwählt und geformt — doch fallen Auserwählung und Formung
nicht zusammen; denn die letztere vollzieht sich allmählich, in ge-
schichtlicher Weise, während des irdischen Lebens des von der Aus-
erwählung Betroffenen. Wie dies vor sich geht, welch erschreckende
Prüfungen solche Formung verhängt, sieht man an unserer Geschichte
20 DIE NARBE DES ODYSSEUS

vom Abrahamsopfer. Daher rührt es, daß die großen Figuren des
Alten Testaments so viel entwicklungsvoller, von der eigenen Lebens-
geschichte beladener und individuell ausgeprägter sind als die home-
rischen Helden. Achill und Odysseus sind durch viele schön geformte
Worte aufs herrlichste beschrieben, Epitheta haften an ihnen, ihre
Affekte offenbaren sich restlos in ihren Reden und Gesten — aber sie
haben keine Entwicklung und das Lebensgeschichtliche an ihnen ist
eindeutig festgelegt. Die homerischen Helden sind so wenig in ihrem
Werden und Gewordensein vorgestellt, daß sie zumeist — Nestor,
Agamemnon, Achill — in einem von vornherein festliegenden Lebens-
alter erscheinen. Selbst Odysseus, der durch den langen Zeitablauf
und die vielen darin stattgehabten Ereignisse so viel Anlaß für lebens-
geschichtliche Entwicklung bietet, zeigt fast nichts davon. Telemach
freilich ist inzwischen erwachsen geworden, wie jedes Kind zum Jüng-
ling wird, und idyllisch wird auch, in dem Exkurs über die Narbe, von
Odysseus' Kindheit und erster Jünglingszeit erzählt. Aber schon Pene-
lope hat sich in zwanzig Jahren kaum verändert; bei Odysseus selbst
wird das rein körperliche Altern verschleiert durch das häufige Ein-
greifen Athenes, die ihn alt oder jung erscheinen läßt, wie es jeweils
die Lage erfordert. Über das Körperliche hinaus ist vollends nichts
auch nur angedeutet, und im Grunde ist Odysseus bei der Heimkehr
ganz derselbe, der, zwei Jahrzehnte vorher, Ithaka verließ. Aber welch
ein Weg, welch ein Schicksal liegt zwischen dem Jakob, der sich den
Erstgeburtssegen erschlich, und dem Alten, dessen Lieblingssohn ein
wildes Tier zerrissen hat — zwischen David dem Harfenspieler, den
der Liebeshaß seines Herrn verfolgt, und dem alten, von leidenschaft-
lichen Intrigen umgebenen König, den Abisag von Sunem auf seinem
Lager wärmt, ohne daß er sie erkennt! Der alte Mensch, bei dem wir
wissen, wie er so geworden ist wie er wurde, ist stärker einprägsam,
stärker eigentümlich als der junge; denn nur im Laufe eines schick-
salsreichen Lebens differenzieren sich die Menschen zu voller Eigent-
lichkeit; und dies Personengeschichtliche bietet das Alte Testament
als Formung der durch Gott zu exemplarischer Rolle Auserwählten.
Schwer von ihrem Gewordensein, zuweilen bis zur Verwitterung ge-
altert, zeigen sie eine individuelle Ausprägung, die den homerischen
Helden ganz fremd ist. Diesen kann die Zeit nur rein äußerlich etwas
anhaben, und auch das wird sowenig wie möglich zur Anschauung
gebracht; wogegen die alttestamentlichen Gestalten ständig unter
dem harten Zugriff Gottes stehen, der sie nicht nur einmal geschaffen
und auserwählt hat, sondern dauernd an ihnen weiterbildet, sie biegt
und knetet und, ohne doch sie im Wesen zu zerstören, aus ihnen For-
men hervorholt, die ihre Jugend kaum vorausahnen ließ. Der Ein-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 21
wand, daß das Lebensgeschichtliche des Alten Testaments vielfach
durch Zusammenwachsen verschiedener Sagenpersonen entstanden
ist, trifft uns nicht; denn dies Zusammenwachsen gehört mit zur Ent-
stehung des Textes. Und wieviel weiter als bei den homerischen Hel-
den ist der Pendelausschlag ihres Schicksals! Denn sie sind die Träger
des göttlichen Willens, und doch sind sie fehlbar, dem Unglück und
der Erniedrigung unterworfen — und mitten im Unglück und in der
Erniedrigung offenbart sich durch ihr Tun und Reden die Erhaben-
heit Gottes. Kaum einer von ihnen, der nicht, wie Adam, der tiefsten
Erniedrigung verfällt — und kaum einer, der nicht des persönlichen
Umgangs und der persönlichen Inspiration Gottes gewürdigt wird.
Erniedrigung und Erhöhung gehen viel tiefer und höher als bei Ho-
mer, und sie gehören grundsätzlich zusammen. Der arme Bettler
Odysseus ist nur verkleidet, aber Adam ist wirklich ganz verstoßen,
Jakob wirklich ein Flüchtling, Joseph wirklich in der Grube und dann
ein käuflicher Sklave. Aber ihre Größe, aus Erniedrigung emporge-
stiegen, ist nahe am übermenschlichen und ein Abbild der Größe
Gottes. Man empfindet gewiß, wie die Weite des Pendelausschlags
mit der Intensität des Personengeschichtlichen zusammenhängt — ge-
rade die äußersten Zustände, in denen wir über jedes Maß verlassen
und verzweifelt, oder über jedes Maß glücklich und erhoben sind,
verleihen uns, wenn wir sie überstehen, eine persönliche Ausprägung,
welche man als Ergebnis eines reichen Gewordenseins, einer reichen
Entwicklung erkennt. Und dies Entwicklungsmäßige gibt den altte-
stamentlichen Erzählungen sehr häufig, fast überall, einen geschicht-
lichen Charakter, selbst da, wo es sich um rein sagenhafte Überliefe-
rung handelt.
Homer bleibt mit seinem ganzen Stoff im Sagenhaften, indes der
Stoff des Alten Testaments, je weiter die Erzählung fortschreitet, sich
immer mehr dem Geschichtlichen nähert; in den Daviderzählungen
überwiegt schon der geschichtliche Bericht. Auch dort ist noch viel
Sagenhaftes enthalten, wie zum Beispiel die David-Goliath-Erzählun-
gen; allein vieles, ja das Wesentlichste besteht doch aus Dingen, die
die Berichtenden aus eigenem Miterleben oder aus unmittelbaren
Zeugnissen kennen. Nun ist der Unterschied zwischen Sage und Ge-
schichte für einen etwas erfahrenen Leser in den meisten Fällen leicht
zu entdecken. So schwer es ist, und so sorgfältiger historisch-philolo-
gischer Ausbildung es bedarf, um innerhalb eines geschichtlichen Be-
richts das Wahre vom Gefälschten oder einseitig Beleuchteten zu un-
terscheiden, so leicht ist es im allgemeinen, Sage und Geschichte über-
haupt auseinanderzuhalten. Ihre Struktur ist verschieden. Selbst da,
wo sich die Sage nicht sogleich durch Elemente des Wunderbaren,
22 DIE NARBE DES ODYSSEUS

durch Wiederholung bekannter Motive, durch Vernachlässigung ört-


licher und zeitlicher Bedingungen oder Ähnliches sofort verrät, ist sie
doch meist an ihrem Auf bau schnell zu erkennen. Sie verläuft über-
mäßig glatt. Alles Querlaufende, aller Reibungswiderstand, alles Son-
stige, Sekundäre, welches in die Hauptereignisse und Hauptmotive
hineinspielt, alles Unentschiedene, Gebrochene und Schwankende,
welches den klaren Gang der Handlung und die einfache Richtung
der handelnden Personen verwirrt, ist ausgewaschen. Die Geschichte,
welche wir miterleben oder aus Zeugnissen Miterlebender erfahren,
verläuft sehr viel uneinheitlicher, widerspruchsvoller und wirrer; erst
wenn sie in einem bestimmten Bezirk Ergebnisse gezeitigt hat, ver-
mögen wir sie mit deren Hilfe einigermaßen zu ordnen, und wie oft
wird uns die Ordnung, die wir so gewonnen zu haben glauben, wieder
zweifelhaft, wie oft fragen wir uns, ob die vorliegenden Ergebnisse
uns nicht zu einer allzu einfachen Anordnung des ursprünglich Ge-
schehenen verleitet haben! Die Sage ordnet den Stoff in eindeutiger
und entschiedener Weise, sie schneidet ihn aus dem sonstigen Welt-
zusammenhang heraus, so daß dieser nicht verwirrend eingreifen
kann, und sie kennt nur eindeutig festgelegte, von wenigen, einfachen
Motiven bestimmte Menschen, die in der Ungebrochenheit ihres Füh-
lens und Handelns nicht beeinträchtigt werden. In der Märtyrersage
etwa stehen hartnäckige fanatische Verfolgte einem ebenso hartnäcki-
gen fanatischen Verfolger gegenüber; eine so komplizierte, das heißt
wirklich geschichtliche Lage, wie die, in der sich der «Verfolger» Pli-
nius in seinem berühmten Brief über die Christen an Trajan befindet,
ist für keine Sage zu brauchen. Und das ist noch ein vergleichsweise
einfache,r Fall. Man danke an die Geschichte, welcher wir selbst bei-
wohnen; wer etwa das Verhalten der einzelnen Menschen und Men-
schengruppen beim Auf kommen des Nationalsozialismus in Deutsch-
land, oder das Verhalten der einzelnen Völker und Staaten vor und
während des gegenwärtigen (1942) Krieges erwägt, der wird fühlen,
wie schwer darstellbar geschichtliche Gegenstände überhaupt, und
wie unbrauchbar sie für die Sage sind; das Geschichtliche enthält eine
Fülle widersprechender Motive in jedem Einzelnen, ein Schwanken
und zweideutiges Tasten bei den Gruppen; nur selten kommt (wie
jetzt durch den Krieg) eine allenfalls eindeutige, vergleichsweise ein-
fach beschreibbare Lage zustande, und auch diese ist unterirdisch
vielfach abgestuft, ja sogar fast dauernd in ihrer Eindeutigkeit gefähr-
det; und bei allen Beteiligten sind die Motive so vielschichtig, daß die
Schlagworte der Propaganda nur durch roheste Vereinfachung zu-
stande kommen — was zur Folge hat, daß Freund und Feind vielfach
die gleichen verwenden können. Geschichte zu schreiben ist so
DIE NARBE DES ODYSSEUS 23

schwierig, daß die meisten Geschichtsschreiber genötigt sind, Kon-


zessionen an die Sagentechnik zu machen.
Es ist klar, daß ein guter Teil der Samuelbücher Geschichte enthält
und nicht Sage. In der Empörung Absaloms etwa oder in den Szenen
aus Davids letzten Lebenstagen ist das Widerspruchsvolle, sich Kreu-
zende der Motive bei den Einzelnen und des Gesamtspiels so konkret
geworden, daß an dem echt Geschichtlichen des Berichts nicht ge-
zweifelt werden kann. Wie weit die Vorgänge etwa dabei parteiisch
entstellt sein mögen, ist eine andere Frage, die uns hier nicht beschäf-
tigt ; jedenfalls beginnt hier der Übergang aus dem Sagenhaften in
den geschichtlichen Bericht, und es setzt dieser letztere ein, der in den
homerischen Gedichten gänzlich fehlt. Nun sind die Personen, die die
geschichtlichen Teile der Samuelbücher verfaßten, vielfach dieselben,
die auch die älteren Sagen redigierten; ohnehin trieb sie die ihnen
eigentümliche religiöse Auffassung vom Menschen in der Geschichte,
die wir oben zu beschreiben versuchten, keineswegs zur sagenhaften
Vereinfachung des Geschehens; und so ist es nur natürlich, daß viel-
fach auch in den sagenhaften Stücken des Alten Testaments sich ge-
schichtliche Struktur zeigt; selbstverständlich nicht in dem Sinne, daß
die Überlieferung in wissenschaftlich-kritischer Weise auf Glaubwür-
digkeit geprüft wurde; sondern lediglich in der Art, daß die Tendenz
zur glättenden Harmonisierung des Geschehens, zur Vereinfachung
der Motive und zur statischen, Konflikt, Schwankung und Entwick-
lung vermeidenden Festlegung der Charaktere, wie sie der sagenhaf-
ten Struktur eigentümlich sind, in der alttestamentlichen Sagenwelt
nicht herrschend ist. Abraham, Jakob oder gar Moses wirken konkre-
ter, näher und geschichtlicher als die Gestalten der homerischen Welt,
nicht etwa, weil sie sinnlich besser beschrieben wären - das Gegenteil
ist der Fall -, sondern weil die wirre, widerspruchsvolle, hemmungs-
reiche Mannigfaltigkeit des inneren und äußeren Geschehens, die die
echte Geschichte zeigt, in ihrer Darstellung nicht ausgewaschen, son-
dern noch deutlich erhalten ist; das liegt zunächst an der jüdischen
Auffassung vom Menschen, wohl aber auch daran, daß die Redak-
toren nicht Sagendichter, sondern Geschichtsschreiber waren, deren
Vorstellung von der Struktur des menschlichen Lebens am Geschicht-
lichen geschult war. Es wird dabei auch sehr deutlich, wie infolge der
Einheitlichkeit des religiös-vertikalen Aufbaus eine bewußte Schei-
dung der literarischen Gattungen gar nicht entstehen konnte. Sie ge-
hören alle in die gleiche Gesamtordnung; was nicht, zumindest durch
Deutung, in diese eingefügt werden konnte, hatte überhaupt keinen
Platz. Hier interessiert uns vor allem, wie in den Daviderzählungen
das Sagenhafte unvermerl't, erst späterer wissenschaftlicher Kritik er-
24 DIE NARBE DES ODYSSEUS

kennbar, ins Geschichtliche übergeht; und wie, schon im Sagenhaf-


ten, das Problem der Ordnung und Deutung des menschlichen Ge-
schehens leidenschaftlich ergriffen wird, ein Problem, welches später
den Rahmen der Geschichtsschreibung sprengt und in der Prophetie
sie völlig überwuchert; so ragt das Alte Testament, insofern es sich
mit dem menschlichen Geschehen beschäftigt, durch alle drei Be-
zirke: Sage, Geschichtsbericht und deutende Geschichtstheologie.
Mit dem eben Auseinandergesetzten hängt zusammen, daß auch in
bezug auf den Kreis der handelnden Personen und ihre politische Be-
wegung der griechische Text beschränkter und statischer erscheint. In
dem Erkennungsvorgang, von dem wir ausgingen, tritt, außer Odys-
seus und Penelope, die Schaffnerin Eurykleia auf, eine Sklavin, die
der Vater des Odysseus, Laertes, einst gekauft hat. Sie hat, ebenso wie
der Sauhirt Eumaios, ihr Leben im Dienst der Laertiadischen Familie
verbracht; sie ist, ebenso wie Eumaios, eng mit deren Schicksal ver-
bunden, liebt sie und teilt ihre Interessen und Gefühle. Aber ein eige-
nes Leben, eigene Gefühle besitzt sie nicht; sie hat nur die ihrer Her-
ren. Auch Eumaios, obgleich er sich noch erinnert, freigeboren, ja aus
edlem Hause zu sein (er ist als Kind geraubt worden) hat nicht nur
praktisch, sondern auch in seinen Empfindungen, kein eigenes Leben
mehr, er ist ganz an das seiner Herren gebunden. Diese beiden Per-
sonen sind aber die einzigen, die uns Homer lebendig macht, welche
nicht zur Herrenschicht gehören. Dabei wird man sich bewußt, daß
sich das Leben in den homerischen Gedichten nur in der Herren-
schicht abspielt — was etwa sonst noch lebt, hat nur dienend Teil dar-
an. Die Herrenschicht ist noch so stark patriarchalisch, und noch so
sehr selbst vertraut mit den alltäglichen Tätigkeiten des wirtschaft-
lichen Lebens, daß man das Ständische an ihr zuweilen vergißt. Allein
sie ist doch unverkennbar eine Art Feudalaristokratie, deren Männer
ihr Leben zwischen Kampf, Jagd, Marktberatung und Gelage teilen,
indes die Frauen im Haus die Mägde beaufsichtigen. Als soziales Ge-
bilde ist diese Welt völlig unbewegt; die Kämpfe spielen sich nur zwi-
schen verschiedenen Gruppen von Herrenschichten ab; von unten
her dringt nichts. Selbst wenn man die Vorgänge im zweiten Gesang
der Ilias, die mit der Thersitesepisode enden, als eine Volksbewegung
ansieht — ich zweifle, ob man das im soziologischen Sinne tun kann,
denn es handelt sich um ratsfähige Krieger, also um Leute, die selbst,
wenn auch geringere, Mitglieder der Herrenschicht sind — so zeigen
sie doch nur die Unselbständigkeit und die Unfähigkeit zu eigener
Initiative bei dem versammelten Volk. In den Vätergeschichten des
Alten Testaments herrscht ebenfalls die patriarchalische Verfassung,
aber da es sich um einzelne, nomadische oder halbnomadische Stam-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 25
meshäupter handelt, wirkt das soziale Bild viel weniger stabil; man
fühlt die Klassenbildung nicht. Sobald vollends das Volk auftritt, das
heißt seit dem Auszug aus Ägypten, ist es ständig in seiner Bewegung
spürbar, oft unruhig brodelnd, und greift sowohl als Ganzes, wie in
einzelnen Gruppen, wie in einzelnen sich herausstellenden Personen
häufig in die Ereignisse ein; die Ursprünge der Prophetie scheinen in
der unbändigen politisch-religiösen Spontaneität des Volkes zu lie-
gen. Man gewinnt den Eindruck, daß die Tiefenbewegung des Volkes
in Israel-Juda ganz anderer Art und viel elementarer gewesen sein
muß als selbst in den späteren antiken Demokratien.
Mit der tieferen Geschichtlichkeit und der tieferen sozialen Bewegt-
heit der alttestamentlichen Texte hängt schließlich noch ein letzter
bedeutender Unterschied zusammen: daß sich nämlich aus ihnen ein
anderer Begriff vom hohen Stil und vom Erhabenen gewinnen läßt
als aus Homer. Dieser scheut sich zwar durchaus nicht, das Alltäg-
lich-Realistische in das Erhaben-Tragische hineinspielen zu lassen,
eine solche Scheu ist seinem Stil fremd und mit ihm unvereinbar; man
sieht es in unserer Episode von der Narbe, wie die friedlich ausge-
malte häusliche Szene der Fußwaschung in die große, bedeutende, er-
habene Handlung der Heimkehr eingewoben ist. Von jener Stiltren-
nungsregel, welche sich später fast allgemein durchsetzte, daß nämlich
realistische Ausmalung des Alltäglichen unvereinbar sei mit dem Er-
habenen und nur im Komischen ihren Platz habe, allenfalls, sorgfältig
stilisiert, im Idyllischen — von jener Stiltrennungsregel ist er noch weit
entfernt. Und doch steht er ihr näher als das Alte Testament. Denn
die großen und erhabenen Vorgänge vollziehen sich in den homeri-
schen Gedichten viel ausschließlicher und unverkennbarer zwischen
den Angehörigen einer Herrenschicht; diese sind weit intakter in ih-
rer heldenhaften Erhabenheit als die alttestamentlichen Gestalten, die
in ihrer Würde weit tiefer fallen können — man denke etwa an Adam,
an Noah, an David, an Hiob —; und schließlich bleibt der häusliche
Realismus, die Darstellung des alltäglichen Lebens, bei Homer stets
im Idyllisch-Friedlichen — während schon von Anfang an in den Er-
zählungen des Alten Testaments das Erhabene, Tragische und Pro-
blematische sich gerade im Häuslichen und Alltäglichen gestaltet:
Vorgänge wie die zwischen Kain und Abel, zwischen Noah und sei-
nen Söhnen, zwischen Abraham, Sara und Hagar, zwischen Rebekka,
Jakob und Esau und so fort, sind im homerischen Stil nicht vorstell-
bar. Das ergibt sich schon aus der so ganz verschiedenen Art der
Konfliktsbildung. In den alttestamentlichen Erzählungen wird die
Ruhe des täglichen Fortgangs im Hause, auf dem Felde und bei den
Herden ständig unterwühlt durch die Eifersucht um die Erwählung
26 DIE NARBE DES ODYSSEUS

und die Segensverheißung, und es entstehen Verwicklungen, die den


homerischen Helden ganz unfaßbar wären. Bei diesen bedarf es eines
handfesten, deutlich ausdrückbaren Grundes, damit Konflikt und
Feindschaft entstehen, und sie wirken sich in freien Kämpfen aus;
während bei jenen die ständig schwelende Eifersucht und die Ver-
knüpfung des Wirtschaftlichen mit dem Geistlichen, des Vatersegens
mit dem Gottessegen zu einer Durchtränkung des alltäglichen Lebens
mit Konfliktsstoff und häufig zu einer Vergiftung desselben führen.
Die erhabene Wirkung Gottes greift hier so tief in das Alltägliche ein,
daß die beiden Bezirke des Erhabenen und des Alltäglichen nicht nur
tatsächi;ch ungetrennt, sondern grundsätzlich untrennbar sind.

Wir haben die beiden Texte, und im Anschluß daran die beiden
Stilarten, die sie verkörpern, miteinander verglichen, um einen Aus-
gangspunkt für Versuche über die literarische Darstellung des Wirk-
lichen in der europäischen Kultur zu gewinnen. Die beiden Stile stel-
len in ihrer Gegensätzlichkeit Grundtypen dar: auf der einen Seite
ausformende Beschreibung, gleichmäßige Beleuchtung, lückenlose
Verbindung, freie Aussprache, Vordergründlichkeit, Eindeutigkeit,
Beschränkung im Geschichtlich-Entwickelnden und im Menschlich-
Problematischen; auf der anderen Hervorarbeitung einiger, Verdun-
kelung anderer Teile, Abgerissenheit, suggestive Wirkung des Un-
ausgesprochenen, Hintergründlichkeit, Vieldeutigkeit und Deutungs-
bedürftigkeit, weltgeschichtlicher Anspruch, Ausbildung der Vor-
stellung vom geschichtlich Werdenden und Vertiefung des Problema-
tischen.
Der homerische Realismus ist zwar nicht mit dem klassisch-antiken
überhaupt gleichzusetzen; denn die Stiltrennung, welche sich erst spä-
ter ausbildete, gestattete im Rahmen des Erhabenen keine so muße-
voll ausformende Beschreibung alltäglicher Vorgänge; in der Tragö-
die zumal war kein Raum dafür; ferner traf die griechische Bildung
sehr bald auf die Phänomene des geschichtlichen Werdens und der
Vielschichtigkeit menschlicher Problematik, und setzte sich auf ihre
Weise damit auseinander; im römischen Realismus schließlich treten
neue eigentümliche Auffassungsweisen hinzu. Wir werden auf die
späteren Veränderungen der antiken Wirklichkeitsdarstellung einge-
hen, wo die Gelegenheit es fordert; im ganzen blieben, trotz ihrer, die
Grundtendenzen des homerischen Stils, die wir herauszuarbeiten ver-
suchten, bis in die Spätantike wirksam und bestimmend.
Da wir die beiden Stile, den homerischen und den alttestament-
lichen, als Ausgangspunkte benutzen, so haben wir sie als fertige ge-
nommen, wie sie in den Texten sich bieten; wir haben von allem ab-
DIE NARBE DES ODYSSEUS 27
gesehen, was sich auf ihre Ursprünge bezieht und haben also die
Frage, ob ihre Eigentümlichkeiten ihnen ursprünglich zugehören,
oder ob sie ganz oder teilweise auf fremde Einwirkungen zurückzu-
führen sind, und auf welche, ganz beiseite gelassen. Im Rahmen un-
serer Absicht ist die Berücksichtigung dieser Frage nicht erforderlich;
denn so, wie sie sich schon in früher Zeit fertig ausbildeten, haben die
beiden Stile ihre konstitutive Wirkung auf die europäische Wirklich-
keitsdarstellung ausgeübt.
II

FORTUNATA

Non potui amplius quicauam gustare, sed conversus ad eum, ut quam


plurima exciperem, longe accersere fabulas coepi sciscitarique, quae esset
mulier illa, quae huc atque illuc discurreret. Uxor, inquit, Trimalchionis,
Fortunata appellatur, quae nummos modio metitur. Et modo, modo quid
fuit? Ignoscet mihi genius tuus, noluisses de manu illius panem accipere.
Nunc, nec Quid nec quare, in caelum abiit et Trimalchionis topanta est.
Ad summam, mero meridie si dixerit illi tenebras esse, credet. Ipse nescit
Quid habest, adeo saplutus est; sed haec lupatria providet omnia et ubi
non putes. Est sicca, sobria, bonorum consiliorum, est tarnen malae lin-
guae, pica pulvinaris. Quem amat, amat; allem non amat, non amat. Ipse
Trimalchio fundos habet qua milvi volant, nummorum nummos. Argen-
tum in ostiarii illius cella plus iacet quam quistwam in fortunis habet.
Familia vero babae babae, non mehercules puto decumam partem esse
quae dominum suum noverit. Ad summam, quemvis ex istis babaecalis in
rutae folium coniciet. Nec est quod putes illum quicquam emere. Omnia
domi nascuntur: lana, credrae, piper, lacte gallinaceum si quaesieris, in-
venies. Ad summam, parum illi bona lana nascebatur; arietes a Tarento
emit, et eo$'culavit in gregem ... Vides tot culcitras: nulla non aut cochy-
liatum aut coccineum tomentum habet. Tanta est animi beatitudo. Reli-
(Rios autem collibertos eius cave contemnas; valde succossi sunt. Vides
illum Qui in imo imus recumbit ; hodie sua octingenta possidet. De nihilo
crevit. Modo solebat collo suo ligna portare. Sed quomodo dicunt — ego
nihil scio, sed audivi — quom Incuboni pilleum rapuisset, thesaurum in-
venit. Ego nemini invideo, si Quid deus dedit. Est tarnen subalapo et non
vult sibi male. Itaque proxime casam hoc titulo proscripsit: C. Pompeius
Diogenes ex Calendis Iuliis cenaculum locat; ipse enim domum emit.
Quid ille qui libertini loco iacet, quam bene se habuit! Non impropero
illi. Sestertium suum vidit decies, sed male vacillavit. Non puto illum
capillos liberos habere
DIESER Absatz stammt aus dem Roman des Petronius, von dem nur
eine Episode, das Gastmahl bei dem reichen Freigelassenen Trimal-
chio, vollständig erhalten ist. Das hier Abgedruckte ist Kapitel 37
und ein Teil von 38. Der Erzähler, Encolpius, erkundigt sich während
des Mahles bei seinem Tischnachbarn, wer denn die Frau sei, die
durch den Saal hin und her laufe, und erhält Antwort, die ich im fol-
genden, möglichst stilgerecht, deutsch wiederzugeben versuche:
Das ist Fortunata, Trimalchios Frau, die das Geld mit dem Scheffel
mißt. Und früher, was glauben Sie wohl, was die gewesen ist? Nehmen
Sie es mir nicht übel, Sie hätten aus ihrer Hand kein Stück Brot genom-
men. Aber jetzt ist sie mir nichts dir nichts ins Paradies abgeschwommen,
FORTUNATA 29
und ist dem Trimalchio sein ein und alles. Also ich sage Ihnen, wenn die
ihm am hellen Mittag sagt, es ist dunkel, er glaubt es. Der weiß gar nicht,
wieviel er hat, so steinreich ist er; aber sie, das Luder, paßt auf, auch wo
man es gar nicht vermuten sollte. Sie trinkt nicht, ist sparsam, und weiß
immer Rat; dabei aber ein Schandmaul, eine richtige Elster. Wen sie mag,
den mag sie, und wen sie nicht mag, den mag sie nicht. Der Trimalchio
hat Grundstücke, so weit die Falken fliegen, unzählige Millionen. Im Kel-
ler von seinem Portier liegt mehr Geld als andere Leute überhaupt im
Vermögen haben. Und das Sklavenpersonal! Ich glaube nicht, daß auch
nur der zehnte Teil davon je seinen Herren zu sehen kriegt. Also ich sage
Ihnen, neben dem kann jeder von den Maulaffen hier einpacken. Und
glauben Sie nicht, daß der irgend was zu kaufen braucht; alles ist eigene
Produktion: Wolle, Wachs, Pfeffer — und wenn Sie Hühnermilch haben
wollten, sie wäre da. Also ich sage Ihnen, er hatte nicht genug eigene
Produktion an guter Wolle; da hat er sich Widder aus Tarent gekauft,
und sie in seine Herde gesteißt ... Sie sehen, wieviel Kissen hier herum-
liegen; da ist keines dabei, das nicht mit Purpur- oder mit Scharlachwolle
gefüllt wäre: da können Sie sehen, was für ein glücklicher Mann das ist.
Auch seine Mitfreigelassenen sind nicht zu verachten. Die haben ihr
Schäfchen im Trocknen. Sehen Sie den letzten da hinten? Der hat heute
seine Achtmalhunderttausend. Er hat mit nichts angefangen. Es ist noch
gar nicht lange her, da schleppte er Holz. Aber wie die Leute erzählen
— ich weiß es nur vom Hörensagen — er hat einem Heinzelmännchen die
Kappe stiebitzt, und dann hat er einen Schatz gefunden. Na, ich bin nicht
neidisch, wenn Gott es einem gibt. — Er ist übrigens erst eben freigelassen
und hat noch große Rosinen im Kopf (?). Neulich hat er in einer Anzeige
seine Wohnung zum Vermieten angeboten: «C. Pomneius Diogenes ver-
mietet zum 1. Juli seine-Wohnung; er hat sich nämlich ein Haus (vielleicht
auch: eine elegante Wohnung) gekauft.» Und der da auf dem Platz des
Freigelassenen, wie gut ist es dem früher gegangen! Ich will nichts Böses
von ihm sagen, er hat mal eine Million gehabt, aber dann ist es schief
gegangen, und letzt gehören ihm, glaube ich, nicht mal mehr die Haare
auf seinem Kopf ...
Die Antwort, die in der gleichen Art noch eine Weile fortgeht, ist
also recht ausführlich geworden. Nicht nur die Frau, nach der sich
Encolpius erkundigt hat, sondern auch der Gastgeber und mehrere
Gäste werden behandelt, und überdies schildert der Sprecher auch
sich selbst — seine Sprache und die Bewertungsmaßstäbe, die er an-
legt, geben einen deutlichen Begriff von seiner Persönlichkeit. Die
Sprache ist der ordinäre, etwas breiige Jargon eines ungebildeten städ-
tischen Geschäftsmanns, voll von Klischees (nummos modio metitur,
ignoscet mild genius tuus, noluisses de manu illius panem accipere, in
caelum abiit, topanta est, ad summam — man müßte beinah alles ab-
schreiben) — und sie wird vorgetragen mit jenem sanguinischen
zent, der lebhafte, aber triviale Affekte ausdrückt: Staunen, Bewun-
30 FORTUNATA

derung, Beteuerung, Achselzucken, Wichtigtuerei - kurz, in ihrer


sprachlichen Form verraten die tam dulces fabulae, wie sie gleich dar-
auf genannt werden, unverkennbar das, was sie sind, nämlich ordi-
närer Klatsch, obgleich ein guter Teil ihres Inhalts wahr sein mag;
und sie verraten zugleich, wer der Mann ist, der sie ausspricht, näm-
lich jemand, der vollkommen in das Milieu hineinpaßt, das er schil-
dert. Dafür zeugen auch seine Bewertungsmaßstäbe. Denn ganz
selbstverständlich liegt all seinen Worten die Überzeugung zugrunde,
daß Reichtum das höchste Gut ist, je mehr desto besser (tanta est
animi beatitudo), daß die Güter des Lebens nichts sind als Überfluß
an Waren bester Qualität und gemeinster Genuß derselben, und daß
jeder Mensch ganz selbstverständlich in diesem Sinne nach seinem
materiellen Vorteil handelt. Und bei alledem ist er selbst wohl nur ein
kleiner oder mittlerer Mann, der die ganz Reichen ehrlich bewundert.
So schildert der Gute nicht nur Fortunata, Trimalchio und ihre Tisch-
genossen, sondern zugleich, ohne es zu wissen, sich selbst. Er hat
zwar, wie wir sehen, einen etwas einseitigen Standpunkt, spricht auch
mehr gefühlsmäßig und in Assoziationen als logisch, aber er spricht
ausführlich und sozusagen plastisch - er macht aus seinem Herzen
keine Mördergrube, und sagt alles, was zur Sache gehört. Er läßt
nichts im Dunkel, er schwatzt sich aus, wie bei Homer ergießt sich
helles, gleichmäßiges Licht über die Menschen und Gegenstände, die
er behandelt; er hat, wie Homer, Muße genug zur Ausformung; was
er sagt, ist eindeutig, und es bleibt nichts Hintergründig-Verborgenes
ungesagt.
Freilich bestehen auch bedeutende Unterschiede gegen die Art Ho-
mers. Zunächst ist die Ausformung ganz subjektiv; denn was uns vor-
geführt wird, ist nicht etwa der Kreis Trimalchios als objektive Wirk-
lichkeit, sondern als subjektives Bild, so wie es sich im Kopf jenes
redenden Tischnachbarn, der aber auch selbst zu dem Kreise gehört,
darstellt. Petronius sagt nicht: dies ist so - sondern er läßt einen Ich,
der weder mit ihm, noch auch nur mit dem fingierten Erzähler Encol-
pius identisch ist, den Scheinwerfer seines Blicks auf die Tischgesell-
schaft werfen - ein höchst kunstvolles, perspektivisches Verfahren,
eine Art doppelte Spiegelung, die in der erhaltenen antiken Literatur,
ich wage nicht zu sagen einzig, aber doch jedenfalls sehr selten ist. Die
äußere Form dieses perspektivischen Verfahrens ist zwar keineswegs
neu, denn selbstverständlich sprechen überall in der antiken Literatur
die Personen über ihre Erlebnisse und Eindrücke. Aber das ist ent-
weder, wie in den Erzählungen des Odysseus bei den Phäaken oder
des Äneas bei Dido, nur eine Form der Exposition und durchaus ob-
jektiv behandelt - oder aber es handelt sich um die Stellungnahme
FORTUNATA 31
einer Person gegenüber Menschen oder Ereignissen, von denen sie,
im Rahmen einer Handlung, gerade betroffen wird, und wo also das
Subjektive unvermeidlich und auch ganz kunstlos natürlich ist. Hier
aber handelt es sich um schärfsten Subjektivismus, der noch durch
die Individualsprache hervorgehoben wird, einerseits — und um eine
objektive Absicht andererseits, denn die Absicht zielt auf objektive
Schilderung der Tischgesellschaft, den Sprecher eingeschlossen, ver-
mittels des subjektivistischen Verfahrens. Das Verfahren führt zu
einer sinnlicheren und konkreteren Lebensillusion — indem der Tisch-
nachbar die Tischgesellschaft schildert, zu der er, innerlich und äußer-
lich, selbst gehört, wird der Blickpunkt ins Bild hinein versetzt, dieses
gewinnt Tiefe, und von einem seiner Orte selbst scheint das Licht aus-
zugehen, von welchem es beleuchtet wird. Nicht anders arbeiten mo-
derne Schriftsteller, etwa Proust, nur viel konsequenter auch inner-
halb des Tragischen und Problematischen, wovon wir alsbald spre-
chen werden. Das Verfahren Petrons ist also im höchsten Maße
kunstvoll, und, wenn er keine Vorgänger gehabt hat, genial — die
Tischgesellschaft wird mit ihren eigenen Maßstäben gemessen, diese
Maßstäbe richten sich durch ihr bloßes Lautwerden, zudem wird das
Pöbelhafte dieser Neureichen schon durch die Tatsache, daß an ih-
rem eigenen Tisch so von ihnen gesprochen wird, aufs schärfste be-
leuchtet. Es finden sich wohl Ansätze zu ähnlicher Technik auch sonst
in der satirischen Literatur der Antike — ein ähnlich durchdachtes und
durchgeführtes Beispiel kenne ich aber sonst nicht.
Ein anderer bedeutender Unterschied gegenüber dem homerischen
Vorgehen besteht in folgendem. Dem Tischnachbarn ist es bei seiner
Schilderung besonders wichtig, zu betonen, was all diese Leute einst
waren, im Gegensatz zu dem, was sie jetzt sind. Et modo, modo quid
fuit, so sagt er bei Fortunata; de nihilo crevit, und quam bene se ha-
buit, bei den beiden Tischgenossen. Auch Homer liebt es, wie wir frü-
her bemerkten, die Abkunft, Geburt und Vorgeschichte seiner Per-
sonen einzuschalten. Aber seine Angaben sind ganz anderer Art. Sie
führen uns nicht ins Werdende und sich Wandelnde, im Gegenteil, sie
führen uns zu einem festen Anhaltspunkt. Der mythologisch-genea-
logisch geschulte griechische Hörer soll Abstammung und Familie
der in Rede stehenden Person erkennen, er soll sie in dieser Weise ein-
ordnen, genau wie man in der modernen Zeit in einem geschlossenen
aristokratischen oder altbürgerlichen Kreis einen neu Erschienenen
durch Angaben über seine väterliche und mütterliche Familie be-
stimmt. Dadurch soll weniger der Eindruck der geschichtlichen Wand-
lung als vielmehr die Illusion eines unwandelbaren Festbegründet-
seins der gesellschaftlichen Verfassung hervorgerufen werden, neben
32 FORTUNATA

der der Wechsel der Personen und ihrer persönlichen Schicksale ver-
gleichsweise unbeträchtlich erscheint. Unser Tischnachbar aber (und
darin fühlt er, wie in allem, was er sagt, genau wie seinesgleichen) hat
wirklich das geschichtlich sich Wandelnde, den Glückswechsel im
Sinn. Ihm ist die Welt in ständiger Bewegung begriffen, nichts ist
sicher, vor allem aber Wohlstand und gesellschaftliche Stellung sind
äußerst unbeständig. Sein geschichtlicher Sinn ist einseitig, denn es
dreht sich nur ums Geldhaben, aber er ist echt. (Auch die andern
Tischgenossen kommen immer wieder auf die Unbeständigkeit des
Lebens zu sprechen.) Das Hinundherfluten des Besitzes ist das, was
ihn am Dasein interessiert, und was ihn gelehrt hat, ihn und seines-
gleichen, aller Stabilität zu mißtrauen. Eben war man noch Sklave,
Lastträger, Lustknabe — eben konnte man noch verprügelt, verkauft,
verschickt werden — mit einem Male ist man als reicher Großgrund-
besitzer und Spekulant im tollsten Luxus — und morgen konnte es
wieder aus damit sein. Selbstverständlich fragt er: et modo, modo
quid fuit? Das ist nicht, oder nicht nur, Neid und Mißgunst, was aus
ihm spricht — er ist im Grunde wohl ganz gutmütig —, sondern sein
wahres und tiefstes Interesse. Nun ist es bekannt, daß der Glücks-
wechsel in der antiken Literatur überhaupt einen sehr bedeutenden
Platz hat und auch die philosophische Ethik sich vielfach auf ihm
auf baut. Aber, seltsam genug, er vermittelt anderswo nur selten den
Eindruck geschichtlichen Lebens. Er erscheint entweder in der Tra-
gödie, als ein einmaliges ungeheures Schicksal, oder in der Komödie,
als Ergebnis eines ganz außerordentlichen Zusammentreffens beson-
derer Umstände; ob es sich um König Ödipus handelt, den der längst
vorausgesagte Fluch getroffen und ins entsetzlichste Elend gestoßen
hat, oder um das arme Mädchen oder den Sklaven, die sich als die
einst geraubten oder nach einem Schiffbruch vermißten Kinder eines
reichen Mannes entpuppen, so daß sie sogleich die von ihnen er-
wünschte Ehe eingehen können, in beiden Fällen geschieht etwas
Außerordentliches, besonders Präpariertes, was aus dem gewohnten
Lauf der Dinge herausfällt und was nur einen oder wenige trifft, indes
die übrige Welt in Unbewegtheit zu verharren und bei dem außer-
ordentlichen Ereignis gleichsam zuzuschauen scheint. In der litera-
risch nachahmenden Kunst der Antike hat der Glückswechsel fast
immer die Form eines von außen in einen bestimmten Bezirk hinein-
brechenden, nicht den eines sich aus der inneren Bewegung der ge-
schichtlichen Welt sich ergebenden Schicksals — während freilich die
populär-philosophische Sentenzenliteratur den Glückswechsel bei
jedermann und in jeder Lage im Auge hat, aber dies nur in theoreti-
scher Form vorträgt. Die sentenziösen Betrachtungen über den Wech-
FORTUNATA 33
sel des irdischen Geschicks finden sich auch im Gastmahl des Trimal-
chio sehr häufig, und andererseits geistert in der Incubusanspielung
des Tischnachbars noch etwas von der Neigung fort, den Glückswech-
sel besonderen Eingriffen von außen zuschreiben zu wollen. Aber vor-
herrschend ist in dem Werk des Petronius doch die höchst praktisch-
irdische, und also durchaus innergeschichtliche Anschauung der
Schicksalswendungen — höchst praktisch-irdisch berichtet Trimalchio
die Entstehung seines Vermögens, und auch sonst findet sich Ähn-
liches; vor allem aber ist es das Serienhafte, was hier den Eindruck
des Innergeschichtlichen vermittelt. Nicht einer oder wenige werden
von einem einmaligen außerordentlichen Schicksal betroffen, wäh-
rend die übrige Welt in Ruhe verharrt; sondern es sind allein in der
Rede des Tischnachbarn vier Personen, die alle in dem gleichen Was-
ser schwimmen, alle der gleichen Art wechselvoller Glücksjägerei ob-
liegen, wobei sie zwar alle ein ähnliches, aber doch jeder ein verschie-
denes und bei aller Bewegtheit höchst gewöhnliches, ja ordinäres
Schicksal haben — und hinter den vier beschriebenen Personen sieht
man die ganze Tafelrunde, bei der man vermuten kann, daß jedes
ihrer Mitglieder ein ähnliches und ähnlich beschreibbares Leben führt
— und dahinter wiederum stellt sich die Phantasie eine ganze Welt von
ähnlichen Existenzen vor, so daß ein überaus lebhaftes,wirtschaftlich-
geschichtliches Bild entsteht, ein von innen ständig bewegtes Auf und
Ab der nach Reichtum und dummem Lebensgenuß haschenden
Glücksjäger. Es ist leicht zu verstehen, daß eine Gesellschaft von Ge-
schäftsmännern niedrigster Abkunft sich ganz besonders für diese
Darstellungsweise, für diesen Blick auf die Dinge eignet — in ihr spie-
gelt sich am klarsten das Auf und Ab des Geschehens, ohne daß ir-
gend etwas Festes ihm die Waage hielte; denn sie besitzen weder in-
nerlich eine Überlieferung noch äußerlich einen Halt; sie sind nichts
ohne Geld. Es gibt in diesem Sinne in der antiken Literatur kaum ein
Stück, das so stark wie dieses innere Geschichtsbewegung zeigte.
Und hier kommen wir zu einem dritten, wohl dem wichtigsten Un-
terschied gegenüber dem homerischen Stil und zu der wohl bedeu-
tendsten Eigentümlichkeit des petronischen Gastmahls: es kommt der
modernen Vorstellung von realistischer Darstellungsweise näher als
was uns sonst aus der Antike erhalten ist; und zwar nicht etwa in
erster Linie wegen der gemeinen Niedrigkeit des Stoffes, sondern vor
allem wegen der genauen, ganz unschematischen Festlegung des ge-
sellschaftlichen Milieus. Die Leute, die bei Trimalchio sich versam-
meln, sind süditalische freigelassene Parvenus des ersten Jahrhun-
derts; sie haben deren Anschauungen und sprechen fast ohne litera-
rische Stilisierung deren Sprache. Das findet man sonst kaum. Die
3
34 FORTUNATA

Komödie gibt das gesellschaftliche Milieu in viel allgemeinerer und


mehr schematischer, örtlich und zeitlich unbestimmterer Weise; sie
zeigt kaum Ansätze zur Individualsprache der Personen; in der Satire
ist wohl manches in die gleiche Richtung Weisendes erhalten, doch
ist die Darstellung nicht so breit angelegt, sondern eher moralistisch
und auf die Kritik irgendeiner bestimmten lasterhaften oder lächer-
lichen Eigenschaft abgestellt; der Roman schließlich, fabula milesia-
ca, zu welcher Gattung ja das Werk Petrons wohl auch gehörte, ist in
den uns sonst erhaltenen Werken und Fragmenten so stark mit zau-
berhaften, abenteuerlichen, mythologischen und so unmäßig mit eroti-
schen Dingen angefüllt, daß er unmöglich als eine Nachahmung des
damals alltäglichen Daseins angesprochen werden kann — von der un-
realistischen, rhetorischen Stilisierung der Sprache ganz zu schwei-
gen. Am nächsten kommt der breiten, wirklich alltäglichen Darstel-
lung manches aus der alexandrinischen Literatur; etwa die beiden
Frauen beim Adonisfest, von Theokrit, oder der Prozeß des Bordell-
wirts, von Herodas. Aber auch diese beiden Stücke — Versdichtungen
— sind in bezug auf die Realistik, den soziologischen Unterbau, spie-
lerischer und auch stärker sprachlich stilisiert als Petronius. Dieser
setzt, wie ein moderner Realist, seinen künstlerischen Ehrgeiz daran,
ein beliebiges, alltägliches, zeitgenössisches Milieu mit seinem gesell-
schaftlichen Unterbau ohne Stilisierung nachzuahmen und die Per-
sonen ihren Jargon sprechen zu lassen. Damit hat er die äußerste
Grenze erreicht, bis zu der der antike Realismus vorgedrungen ist; ob
er der erste und einzige war, der derartiges unternahm — wie weit
etwa der römische Mimus ihm vorgearbeitet hat — kann hier außer
Betracht bleiben.
Wenn nun Petronius die äußerste Grenze zeigt, bis zu der der antike
Realismus vorgedrungen ist — so läßt sich an seinem Werk auch er-
kennen, was dieser Realismus nicht geben konnte oder mochte. Das
Gastmahl ist ein Werk rein komischen Charakters. Die darin auftre-
tenden Personen im Einzelnen sowie die Verbindungen des Ganzen
sind bewußt und einheitlich im niedrigsten Stil gehalten, sowohl im
sprachlichen Ausdruck wie in der Behandlung; und damit ist not-
wendig verbunden, daß alles Problematische, was, sei es psycholo-
gisch, sei es soziologisch, an ernsthafte oder gar tragische Verwick-
lungen erinnert, fernbleiben muß — es würde den Stil durch allzu-
schweres Gewicht zerstören. Denken wir hier einen Augenblick an
die realistischen Autoren des 19. Jahrhunderts, an Balzac oder Flau-
bert, an Tolstoj oder Dostojewski. Der alte Grandet (Eug6nie Gran-
det) oder Fedor Pawlowitsch Karamasoff sind keine bloßen Karika-
turen wie Trimalchio, sondern fürchterliche Wirklichkeit, sehr ernst
FORTUNATA 35
zu nehmen, in tragische Verwicklungen verwoben, ja sogar selbst tra-
gisch, obgleich sie doch auch grotesk sind. In der modernen Literatur
kann jede Person, gleichviel welchen Charakters und welcher sozialen
Stellung, jedes Ereignis, gleichviel ob sagenhaft, hochpolitisch oder
beschränkt häuslich, durch die nachahmende Kunst ernsthaft, pro-
blematisch und tragisch gefaßt werden, und wird es zumeist. Das aber
ist in der Antike ganz ausgeschlossen. Es gibt zwar in der Hirten- und
Liebespoesie einige Zwischenformen, aber im ganzen gilt die Stiltren-
nungsregel, die wir schon im ersten Kapitel dieser Untersuchung be-
rührten: alles gemein Realistische, alles Alltägliche darf nur komisch,
ohne problematische Vertiefung vorgeführt werden. Das setzt aber
dem Realismus enge Grenzen; und wenn man das Wort Realismus
etwas schärfer faßt, so muß man sagen: jedes literarische Ernstneh-
men der alltäglichen Berufe und Stände - Kaufleute, Handwerker,
Bauern, Sklaven - der alltäglichen Schauplätze - Haus, Werkstatt,
Laden, Feld - der alltäglichen Lebensgewohnheiten - Ehe, Kinder,
Arbeit, Ernährung - kurzum des Volkes und seines Lebens fiel fort.
Damit hängt dann auch zusammen, daß in der antiken Realistik die
den jeweils dargestellten Verhältnissen zugrunde liegenden gesellschaft-
lichen Kräfte nicht deutlich gemacht werden; das könnte ja nur im
Rahmen des Ernsthaft-Problematischen geschehen; da aber die Per-
sonen den Bezirk des Komischen nicht verlassen, ist ihr Verhältnis
zur Allgemeinheit entweder geschickte Anpassung oder grotesk-ta-
delnswerte Absonderung; das realistisch dargestellte Individuum hat
im letzteren Fall der Gesellschaft gegenüber stets unrecht, und diese
erscheint als gegebene, in ihrer Entstehung und Auswirkung nicht er-
klärungsbedürftige, im Hintergrund des jeweiligen Ereignisses unver-
änderlich ruhende Institution. Auch das ist in neuerer Zeit sehr an-
ders geworden. Für die antike realistische Literatur existiert die Ge-
sellschaft nicht als geschichtliches Problem, sondern allenfalls als mo-
ralistisches, und überdies bezieht sich der Moralismus mehr auf die
Individuen als auf die Gesellschaft. Die Kritik der Laster und Aus-
wüchse, mögen auch noch so viel Personen als lasterhaft und lächer-
lich dargestellt werden, stellt das Problem individualistisch, so daß
die Kritik der Gesellschaft nie zu einer Aufdeckung der Sie bewegen-
den Kräfte führt. Es ist daher auch hinter dem ganzen Getriebe, das
Petronius uns vorführt, nichts spürbar, was uns die Dinge aus ihrem
ökonomisch-politischen Zusammenhang begreiflich machte, und die
geschichtliche Bewegung, von der wir oben sprachen, ist nur eine Be-
wegung der Oberfläche. Natürlich meinen wir nicht, daß Petronius in
sein Gastmahl eine volkswirtschaftliche Studie hätte einflechten sol-
len. Er hätte nicht einmal so weit zu gehen brauchen wie Balzac, der
36 FORTUNATA

in seinem eben schon erwähnten Roman Eug6nie Grandet die Ent-


stehung von Grandets Vermögen in einer Weise beschreibt, daß die
gesamte französische Geschichte von der Revolution bis zur Restaura-
tion in ihr sich widerspiegelt. Eine ganz unsystematische, aber ständi-
ge und bewußte Verbindung mit Zeitereignissen und Zeitverhältnissen
hätte genügt. Die modernen Petrone knüpften die Schilderung von
Schiebern etwa an die Inflation nach dem ersten Weltkrieg oder an
sonstige bekannte Krisenzeiten; schon Thackeray, obgleich noch eher
moralistisch als eigentlich historisch entwickelnd, bindet seinen gro-
ßen Roman an den Hintergrund der napoleonischen und nachnapo-
leonischen Epoche — bei Petron findet sich nichts davon. Wenn etwa
von den Lebensmittelpreisen (44), von sonstigen städtischen Verhält-
nissen (44, 45 und passim), von der Lebens- und Vermögensge-
schichte der Tischgenossen (außer unserer Stelle besonders 57 und
75 f.) die Rede ist, so fehlt jede Anspielung auf einen bestimmten Ort,
eine bestimmte Zeit, eine bestimmte politisch-wirtschaftliche Lage.
Zwar handelt es sich deutlich um eine süditalienische Stadt in der er-
sten Kaiserzeit, wir stellen das leicht fest, der moderne Wirtschafts-
historiker kann die Angaben als Material verwerten, und die Zeitge-
nossen erkannten das selbstverständlich ebenfalls, sogar vermutlich
noch genauer als wir — aber Petronius legt auf die zeitgeschichtliche
Seite seines Werkes keinen Wert. Hätte er es getan, hätte er die ein-
zelnen Verhältnisse und Ereignisse mit bestimmten politisch-ökono-
mischen Lagen der ersten Kaiserzeit verknüpft, so wäre vor dem
Auge des Lesers ein geschichtlicher Hintergrund entstanden, den die
Erinnerung ergänzt hätte — es hätte sich eine geschichtliche Tiefe er-
geben, neben der der Perspektivismus Petrons, von dem wir oben
sprachen, als bloße Oberfläche erscheint, und dann hätte man wirk-
lich, und nicht nur vergleichsweise, von geschichtlicher Bewegung
sprechen können. Aber das hätte den Stil gesprengt, in dem sich Pe-
tronius zu halten gedachte, und wäre nicht möglich gewesen ohne
eine Vorstellung, die ihm nicht zugänglich war, der Vorstellung näm-
lich von geschichtlichen «Kräften». So wie es ist, bleibt die Bewegung,
trotz aller Lebhaftigkeit, nur im Bilde selbst, dahinter bewegt sich
nichts, die Welt steht still. Es ist zwar deutlich ein Zeitgemälde, aber die
Zeit gibt sich, als hätte sie immer unverändert so bestanden, wie jetzt
und hier, mit Herren, die den Sklaven, die ihnen geschlechtlich zu Wil-
len sind, große Teile ihres Vermögens hinterlassen, mit riesigen Ver-
diensten, die man im Handel machen kann, und so fort — die Zeitbe-
dingtheit oder Geschichtlichkeit all dieser Umstände interessiert als
solche weder Petronius noch seinen antiken Leser, erst wir konstatieren
sie und moderne Wirtschaftshistoriker ziehen daraus ihre Schlüsse.
FORTUNATA 37
Hier aber stoßen wir unausweichlich auf eine grundsätzliche und
sehr schwierige Frage. Wenn die antike Literatur das alltägliche Leben
nicht ernsthaft, nicht problematisch und nicht in seinem geschicht-
lichen Hintergrund, sondern nur im niederen Stil, komisch oder allen-
falls idyllisch, geschichtslos und statisch darzustellen vermochte, so
liegt darin nicht nur eine Grenze ihres Realismus, sondern auch, und
vor allem, eine Grenze ihres Geschichtsbewußtseins. Denn gerade in
den geistigen und ökonomischen Verhältnissen des alltäglichen Le-
bens offenbaren sich die Kräfte, die den geschichtlichen Bewegungen
zugrunde liegen ; diese letzteren, seien sie kriegerisch oder diplomatisch
oder auf die innere Verfassung des Staates bezüglich, sind nur das Er-
gebnis oder letzte Resultat von Veränderungen der alltäglichen Tiefe.
Betrachten wir in diesem Zusammenhang einen Text aus der anti-
ken Geschichtsschreibung; und zwar wähle ich einen zeitlich dem
Gastmahl nicht allzu fernstehenden Text, der selbst eine revolutio-
näre Tiefenbewegung darstellt, den Anfang des Aufstands der germa-
nischen Legionen nach Augustus' Tode in Tacitus' Annalen, Kap. 16
und folgende des ersten Buches. Er lautet folgendermaßen:

Hic rerum urbanarum status erat, cum Pannonicas legiones seditio in-
cessit, nullis novis causis, nisi quod mutatus princeps licentiam turbarum
et ex civili bello spem praemiorum ostendebat. Castris aestivis tres simul
legiones habebantur, praesidente Iunio Blaeso, qui fine Augusti et initiis
Tiberii auditis ob iustitium aut gaudium intermiserat solita munia. Eo
principio lascivire miles, discordare, pessimi cuiusque sermonibus prae-
bere aures, denbaue luxum et otium cupere, disciplinam et laborem asper-
nari. Erat in castris Percennius quidam, dux olim theatralium operarum,
dein gregarius miles, procax lingua et miscere coetus histrionali studio
doctus. Is imperitos animos et, quaenam post Augustum militiae condi-
cio, ambigentes impellere paulatim nocturnis conloquiis aut flexo in ves-
peram die et dilapsis melioribus deterrimum quemque congregare. Po-
stremo promptis iam et aliis seditionis ministris, velut contionabundus
interrogabat, cur paucis centurionibus, paucioribus tribunis in modum
servorum oboedirent. Quando ausuros exposcere remedia, nisi novum et
adhuc nutantem principem precibus vel armis adirent? Satis per tot annos
ignavia peccatum, quod tricena aut quadragena stipendia senes et ple-
rique truncato ex vulneribus corpore tolerent. Ne dimissis quidem finem
esse militiae, sed aput vexillum tendentes alio vocabulo eosdem labores
perferre. Ac si quis tot casus vita superaverit, trahi adhuc diversas in ter-
ras, ubi per nomen agrorum uligines paludum vel inculta montium acci-
piant. Enimvero militiam ipsam Bravem, infructuosam: denis in diem assi-
bus animam et corpus aestimari : hinc vestem arma tentoria, hinc saevi-
tiam centurionum et vacationes munerum redimi. At Hercule verbera et
vulnera, duram hiemem, exercitas aestates, bellum atrox aut sterilem
pacem sempiterna. Nec aliud levamentum, quam si certis sub legibus
38 FORTUNATA
militia iniretur : ut singulos denarios mererent, sextus decumus stipendii
annus finem adferret; ne ultra sub vexillis tenerentur, set isdem in castris
praemium pecunia solveretur. An praetorias cohortes, quae binos dena-
rios acceperint, quae post sedecim annos penatibus suis reddantur, plus
periculorum suscipere? Non obtrectari a se urbanas excubias; sibi tarnen
aput horridas gentes e contuberniis hostem aspici. — Adstrepebat vulgus,
diversis incitamentis. hi verberum notas, illi canitiem, plurimi detrita
tegmina et nudum corpus exprobrantes

So lagen die Dinge in Rom, als bei den pannonischen Legionen eine
Meuterei ausbrach, nicht aus irgendwelchen neuen Ursachen, sondern
weil der Thronwechsel Gelegenheit zum Aufstand und ein möglicher Bür-
gerkrieg Hoffnung auf Gewinn zu versprechen schien. Dort lagen im glei-
chen Sommerquartier drei Legionen, deren Kommandant, Junius Blae-
sus, auf die Nachricht vom Tode des Augustus und der Übernahme des
Prinzipats durch Tiberius wegen der Trauer- und Festtage den gewöhn-
lichen Arbeitsdienst hatte unterbrechen lassen. Dadurch kam die Truppe
aus der Ordnung und dem Gehorsam; sie fing an, aufsässigen Reden Ge-
hör zu schenken, ein bequemes und müßiges Leben zu wünschen, sich
gegen Disziplin und Arbeit aufzulehnen. Es befand sich im Lager ein ge-
wisser Percennius, der früher Chef einer Theaterclaque gewesen war, jetzt
gemeiner Soldat; er besaß ein freches Mundwerk und aus seinem früheren
Beruf ein gewisses Geschick, Versammlungen zu lenken. Dieser begann
die unerfahrenen Leute, die sich über die Lage des Soldatenberufs nach
dem Tode des Augustus Sorgen machten, allmählich in nächtlichen Zu-
sammenkünften aufzuhetzen, oder auch gegen Abend, wenn die Verstän-
digeren sich schon verlaufen hatten, die Übelsten um sich zu versammeln.
Zuletzt, als sich schon eine Anzahl weiterer Agenten des Aufstandes ge-
funden hatten, berief er wie ein Oberkommandierender eine Versamm-
lung und richtete an die Soldaten folgende Fragen: warum sie einer gerin-
gen Zahl von Centurionen und einer noch geringeren von Tribunen ge-
horchten wie Sklaven? wann sie wohl wagen würden, eine Verbesserung
ihrer Lage durchzusetzen, wenn sie nicht jetzt auf den neuen und in seiner
Stellung noch unsicheren Princeps durch Forderungen und bewaffnete
Drohung einen Druck ausüben wollten? Viel zu lange habe man es aus
Feigheit geduldet, daß man dreißig oder vierzig Jahre, bis ins Greisen-
alter. und meist noch mit einem durch Wunden verstümmelten Körper,
Dienst machen müsse. Selbst nach der Entlassung sei es mit dem Dienst
nicht zu Ende, sondern sie kämen dann zur Reserve und müßten unter
einem andern Namen die gleiche Arbeit leisten. Und selbst wenn einer so
viel Mühsal überstände, so würde er schließlich in entlegene Länder ver-
schickt, wo man ihm Sümpfe oder unbebautes Bergland als Acker an-
wiese. Auch der Dienst selbst sei drückend und zu schlecht bezahlt: auf
täglich zehn Aß werde Seele und Körper geschätzt; davon habe man noch
Kleidung, Waffen. Zelte zu bezahlen, und Bestechungsgelder zu leisten,
um sich vor den Schikanen der Centurionen zu schützen und Arbeits-
ferien zu erlangen. Dabei gebe es in ewigem Wechsel Schläge und Wun-
FORTUNATA 39
Es scheint zunächst, als sei in diesem Text eine Bewegung tieferer
Schichten mit genauer Darstellung der praktisch- alltäglichen Motive,
der wirtschaftlichen Hintergründe und der wirklichen Vorgänge bei
ihrem Ausbruch in höchst ernsthafter Weise zum Ausdruck gekom-
men. Die Klagen der Soldaten, wie sie in Percennius' Rede auseinan-
dergesetzt werden — zu langer und zu harter Dienst, unzureichender
Lohn, schlechte Versorgung für das Alter, Korruption, Neid auf die
besser gestellten hauptstädtischen Truppen — werden mit einer Leb-
haftigkeit und Plastik vorgetragen, wie sie selbst bei einem modernen
Historiker selten sein dürften — Tacitus ist ein großer Künstler, dem
die Dinge unter den Händen eindringlich und lebendig werden. Der
gedachte moderne Historiker wäre viel theoretischer (und möglicher-
weise papierener) vorgegangen; er hätte bei dieser Gelegenheit nicht
Percennius sprechen lassen, sondern eine sachlich-objektive, doku-
mentierte Untersuchung der Besoldungs- und Versorgungsverhält-
nisse gegeben, beziehungsweise auf eine solche, die anderswo in sei-
nem oder in dem Werk eines Fachgenossen sich findet, verwiesen; er
hätte im Anschluß daran die Berechtigung der Forderungen disku-
tiert, einen Rückblick auf die frühere und einen Ausblick auf die spä-
tere Politik der Regierung auf diesem Gebiet gegeben und so fort.
Das alles tut Tacitus nicht, und der heutige Althistoriker ist genötigt,
den Stoff, den ihm die antiken Geschichtsschreiber bieten, ganz bin-
zuordnen, ihn durch Inschriften, Bodenfunde und allerhand sonstige
mittelbare Zeugnisse zu ergänzen, um seine Betrachtungsweise in An-
wendung bringen zu können. Tacitus bringt die Klagen u,.(1 Forde-
rungen der Soldaten, die ein Licht auf ihre sachlich-alltägliche Lage
werfen, nur als Äußerung des Rädelsführers Percennius; er findet es
nicht nötig, sie zu diskutieren, zu fragen, ob und wie weit sie berech-

den, harte Winter und mühselige Sommer, grausamen Krieg und frucht-
losen Frieden. Und es gebe keine andere -Abhilfe als feste Bedingungen
für den Militärdienst: der Tagessold müsse einen Denar betragen, die
Dienstzeit auf sechzehn Jahre beschränkt werden; sie dürften darüber
hinaus nicht mehr bei der Reserve gehalten werden, sondern im Lager
selbst sei die Versorgung bar zu zahlen. Ob die praetorianischen Kohor-
ten, denen man zwei Denare Sold zugebilligt habe und die nach sechzehn
Jahren vom Dienst freikämen, etwa mehr Gefahren zu bestehen hätten?
Es läge ihm natürlich ganz fern, die gewaltige Bedeutung des Postenste-
hens in Rom verkleinern zu wollen; immerhin lebe er unter wilden Völ-
kern und könne von seinem Quartier den Feind sehen.
Die Menge zollte lärmend Beifall; iedem fielen seine Beschwerden ein;
dieser wies auf die Spuren von Rutenhieben, jener auf sein graues Haar,
die meisten auf ihre zerschlissene Kleidung und ihren nackten Körper ...
40 FORTUNATA

tigt waren; zu erklären, wie die Lage der römischen Soldaten sich et-
wa seit der Republik verändert hatte, und ähnliches; das alles scheint
ihm nicht behandelnswert, und offenbar konnte er darauf rechnen,
daß auch seine Leser etwas der Art nicht vermissen würden. Mehr
noch. Er hat die sachlichen Angaben über die Ursachen des Aufstan-
des, die er als Rede eines Rädelsführers gibt und später nicht mehr
diskutiert, schon im voraus entwertet, indem er gleich zu Anfang sei-
nerseits die wahre Ursache des Aufstands in rein moralistischer Weise
gibt: nullis novis causis, nisi quod mutatus princeps licentiam turba-
rum et ex civili bello spem praemiorum ostendebat. Man kann es nicht
abschätziger sagen. Seiner Ansicht nach ist das Ganze nur pöbelhafte
Anmaßung und Mangel an Disziplin; schuld ist die Unterbrechung
des gewohnten Dienstes (sie gehen müßig, darum schreien sie, sagt
Pharao von den Juden); man muß sich hüten, aus dem Wort novis
etwa eine Anerkennung der Berechtigung alter Klagen herauslesen zu
wollen; nichts liegt Tacitus ferner; immer wieder betont er, daß es nur
die übelsten Burschen sind, die sich zuerst zur Aufsässigkeit bereit
finden; für den Führer Percennius, den gewesenen Theaterclaquen-
chef mit seinem histrionale studium, der tut als wäre er General (velut
contionabundus), hat er die tiefste Verachtung.
Es zeigt sich also, daß Tacitus' große Lebhaftigkeit im Vortrag der
soldatischen Klagen und Forderungen durchaus nicht auf dem Ver-
ständnis für diese Forderungen beruht. Das könnte man natürlich aus
seiner besonderen, konservativ-aristokratischen Gesinnung erklären;
eine revoltierende Legion ist für ihn nichts als ein gesetzloser Haufen,
ein gemeiner Soldat als Rebellenführer entzieht sich überhaupt jeder
staatsrechtlichen Einordnung, zumal ja selbst in den revolutionären
Zeiten der römischen Geschichte die radikalsten Empörer ihre Ziele
nur durch Einordnung in die Beamtenlauf bahn verfolgen konnten;
zudem dürfte ihm die wachsende Macht der Truppen, die schon in
den Bürgerkriegen bedrohlich geworden war, und die späterhin die
ganze Struktur des Staates zerstörte, mit Besorgnis erfüllt haben.
Aber diese Erklärung genügt nicht. Denn er hat ja nicht nur kein Ver-
ständnis, sondern überhaupt kein sachliches Interesse für die Forde-
rungen; er polemisiert nicht sachlich gegen sie, er nimmt sich gar
nicht die Mühe, zu beweisen, sie seien unberechtigt, sondern einige
rein moralische Erwägungen (licentia, spes praemiorum, pessimus
quisque, inexperti animi) genügen, um sie von vornherein zu entkräf-
ten. Hätte es nun zu seiner Zeit andere, gegnerische Gesinnungen ge-
geben, die die Handlungen der Menschen stärker sozial- und entwick-
lungsgeschichtlich angesehen hätten, so wäre er genötigt gewesen, auf
deren Problemstellungen einzugehen — so wie in der jüngst vergange-
FORTUNATA 41
nen Epoche unserer Zeit auch der konservativste Politiker genötigt
war, auf die politischen Problemstellungen seiner sozialistischen Geg-
ner Rücksicht zu nehmen, sie zumindest polemisch zu behandeln,
was oft ein sehr genaues Eingehen auf sie erforderte. Tacitus hat das
nicht nötig, denn es konnte solche Gegner nicht geben; eine tiefenge-
schichtliche, die Entwicklung der sozialen und ebenso auch die der
geistigen Bewegungen methodisch behandelnde Forschung gibt es in
der Antike nicht. Das ist oft von modernen Forschern beiläufig be-
merkt worden; so schreibt Norden in seiner Antiken Kunstprosa (II,
647): «... wir müssen bedenken, daß eine Darstellung der allgemei-
nen, die Welt bewegenden Ideen von der antiken Geschichtsschrei-
bung überhaupt nie erreicht, ja nicht einmal angestrebt worden ist» —
und Rostovtzeff in seinem Werk über Gesellschaft und Wirtschaft im
römischen Kaiserreich (deutsche Ausgabe I,78): «Die Historiker in-
teressierten sich nicht für das Wirtschaftsleben des Reiches.» Diese
beiden, zufällig herausgegriffenen Äußerungen scheinen auf den er-
sten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben, aber was sie aussa-
gen, geht auf dieselbe Eigentümlichkeit der antiken Geschehensan-
schauung zurück: sie sieht nicht Kräfte, sondern Laster und Tugen-
den, Erfolge und Irrtümer; ihre Fragestellung ist weder im Geistigen
noch im Materiellen entwicklungsgeschichtlich, sondern moralistisch.
Dies aber hängt aufs genaueste mit der allgemeinen Anschauung zu-
sammen, die sich in der Stiltrennung zwischen dem Tragisch-Proble-
matischen und dem Realismus offenbart; beides beruht auf einer ari-
stokratischen Scheu vor dem in der Tiefe sich vollziehenden Werden,
welches sowohl als niedrig wie als gesetzlos-orgiastisch empfunden
wird. Doch müssen wir, durch die Grenzen unseres Themas und un-
serer Kenntnis beschränkt, uns mit einigen geisteswissenschaftlichen
Bemerkungen begnügen, die hier für unsere Absicht wichtig sind. Die
moralistische und zudem meist streng chronologische Art der Ge-
schichtsschreibung, die mit unveränderlichen Ordnungskategorien
arbeitet, kann synthetisch-dynamische Begriffsbildungen, wie wir sie
heute gebrauchen, nicht hervorbringen. Begriffe wie «Industriekapi-
talismus», oder «Plantagenwirtschaft», welche Synthesen von Sach-
merkmalen, aber auch auf bestimmte Epochen besonders anwendbar
sind, und andererseits auch solche wie Renaissance, Aufklärung, Ro-
mantik, die zunächst Epochen bedeuten, aber doch auch Sachsynthe-
sen und zuweilen auch auf andere als die ursprünglich bezeichnete
Epoche anwendbar sind, formen die Erscheinungen in ihrer Bewe-
gung; ihre Merkmale werden in ihrem zuerst vereinzelten, alsdann in
immer dichterer Streuung sich zusammenballenden Auftreten,
schließlich in ihrem Abebben, Sich-wandeln und Verschwinden ver-
42 FORTUNATA

folgt, und es ist für all diese Begriffsbildungen wesentlich, daß in


ihnen ihr Werden und Sich-wandeln, daß also in ihnen eine Entwick-
lungsvorstellung schon mitgedacht ist. Dagegen sind die moralisti-
schen oder selbst die politischen Begriffsbildungen (Aristokratie,
Demokratie usf.) der Antike festgelegte apriorische Modellvorstel-
lungen, und von Vico bis zu Rostovtzeff sind alle modernen Forscher
bemüht, dieselben aufzulösen, auf die praktische, für unser Denken
faßbare Gestalt zu gelangen, die sich jeweils dahinter verbirgt, und
die wir nur durch Aufspüren und Neuordnen der Merkmale zuge-
winnen vermögen. Auf der Seite des Rostovtzeffschen Werkes, die ich
zur Kontrolle des obigen Zitats aufgeschlagen habe, lautet der erste
Satz: «Indessen erhebt sich die Frage, wie wir das Vorhandensein ei-
ner verhältnismäßig großen Zahl von Proletariern in Italien zu erklä-
ren haben.» Ein solcher Satz, eine solche Fragestellung, wäre bei ei-
nem antiken Autor unvorstellbar. Sie greift hinter die Bewegungen
des Vordergrundes und sucht die für sie wichtigen Veränderungen in
entwicklungsgeschichtlichen Vorgängen, die kein antiker Autor be-
merkt oder gar in einen systematischen Zusammenhang gebracht hat.
Schlagen wir dagegen Thukydides auf, so finden wir, neben dem
fortlaufenden Bericht über die Vordergrundsereignisse, nur Er-
wägungen statisch-apriorisch-moralistischen Inhalts, etwa über den
menschlichen Charakter, oder das Schicksal, welche zwar jeweils
auf eine bestimmte Lage angewandt werden, aber doch in sich abso-
lut gelten.
Kehren wir zu unserem Tacitustext zurück. Wenn er sich für die
Forderungen der Soldaten überhaupt nicht interessierte und gar nicht
die Absicht hatte, sich sachlich mit ihnen auseinanderzusetzen, war-
um bringt er sie in der Rede von Percennius so lebendig zum Aus-
druck? Das hat rein ästhetische Gründe. Zum Stil der großen Ge-
schichtsschreibung gehören die großen Reden, die meist fingiert sind ;
sie dienen der anschaulichen Dramatisierung (illustratio) des Vor-
gangs, zuweilen auch der Darlegung großer politischer und morali-
scher Gedanken : in jedem Fall sollen sie die rhetorischen Glanzstücke
der Darstellung sein. Ein Sicheinfühlen in die Gedanken des als re-
dend Vorgestellten, auch ein gewisser Realismus ist ihnen gestattet,
doch im Wesen sind sie Erzeugnisse einer bestimmten Stiltradition,
die auf den Rhetorenschulen gepflegt wurde; Reden zu verfassen, die
dieser oder jener bei dieser oder jener großen historischen Gelegen-
heit gehalten habe, war eine beliebte Übung. Tacitus ist ein Meister,
und seine Reden sind nicht bloßer Prunk, sondern wirklich erfüllt von
dem Charakter und der Lage des Menschen, der als redend fingiert
wird; aber auch sie sind vor allem Rhetorik. Percennius redet nicht
FORTUNATA 43
seine eigene Sprache, sondern taciteisch, das heißt aufs äußerste zu-
sammengedrängt, vorzüglich disponiert und hochpathetisch. Ohne
Zweifel zittert in seinen Worten, die übrigens indirekt gefaßt sind,
die wirkliche Erregung der rebellischen Soldaten und ihres Führers;
allein selbst wenn wir annehmen, daß Percennius ein begabter Volks-
redner war, so kurz, scharf, geordnet geht es in keiner revolutionären
Propagandarede zu, und von Soldatenslang ist nichts zu spüren (einen
populären Spitznamen, Cedo alteram, erwähnt Tacitus im Kap. 23).
Das gleiche gilt von den Worten des Soldaten Vibulenus in Kap. 22,
die schon im nächsten Kapitel als Lüge entwertet werden; sie sind
überaus ergreifend, aber doch im allerhöchsten Maße rhetorisch stili-
siert; mag auch, wie J. B. Hofmann in seinem Buch über die lateini-
sche Umgangssprache (Heidelberg 1926, § 63) bemerkt, die hier viel
verwendete Anapher (quis fratri meo vitam, quis fratrem mihi reddit)
volkstümlich viel gebraucht worden sein, so handelt es sich doch auch
hier um eine rhetorische Bewegung des hohen Stils und nicht um Sol-
datensprache. Und dies ist das zweite unterscheidende Merkmal der
antiken Geschichtsschreibung: sie ist rhetorisch. Moralismus und
Rhetorik verleihen ihr einen hohen Grad von Ordnung, von Klarheit
und von dramatischer Wirksamkeit; bei den Römern kommt dazu
der große, einheitlich gefaßte Überblick über einen weiten Schau-
platz, auf welchem sich die politischen und militärischen Vorgänge
abspielen; zu diesen Eigenschaften gesellt sich, bei den großen Auto-
ren, eine realistische, auf Erfahrung beruhende, nüchterne und doch
nie kleinliche Kenntnis des menschlichen Herzens; zuweilen finden
sich sogar Ansätze zu einer personengeschichtlichen Erklärung der
Charaktere, wie in der Charakteristik Catilinas durch Sallust, und
vor allem in der des Tiberius bei Tacitus. Aber hier ist die Grenze.
Moralismus und Rhetorik sind unvereinbar mit der Erfassung der
Wirklichkeit als Entwicklung von Kräften; die antike Historiogra-
phie gibt uns weder Volksgeschichte noch Wirtschaftsgeschichte noch
Geistesgeschichte, und nur mittelbar lassen sich diese aus den über-
lieferten Tatsachen gewinnen. Und so ungeheuer verschieden die bei-
den hier betrachteten Texte, die Rede des Tischnachbarn bei Petro-
nius und der pannonische Soldatenaufstand bei Tacitus, auch sind,
sie offenbaren beide die Grenzen des antiken Realismus und damit
auch die des antiken Geschichtsbewußtseins.
Man wird nun vermuten, daß ich, um ein Gegenbeispiel zu finden,
in welchem diese Grenzen weiter gesteckt sind, zu einem modernen
Text greifen müßte. Allein auch hier stehen mir die mit Petronius und
Tacitus annähernd zeitgenössischen Texte der jüdisch-christlichen
Literatur zur Verfügung. Ich wähle die Geschichte von der Verleug-
44 FORTUNATA

nung des Petrus, und zwar folge ich der Fassung bei Marcus; die
Unterschiede bei den Synoptikern sind übrigens nur unbedeutend.
Petrus ist nach der Verhaftung Jesu — man hat nur diesen verhaftet
und seine Umgebung flüchten lassen — in weitem Abstand den Jesus
fortführenden Bewaffneten nachgefolgt und hat sich bis in den Hof
des hohepriesterlichen Palastes gewagt, wo er, als wäre er ein unbe-
teiligter Neugieriger, mit den Knechten am Feuer steht. Damit hat er
mehr Mut gezeigt als die übrigen; denn da er zur nächsten Umgebung
des Verhafteten gehörte, war die Gefahr, daß man ihn erkannte, sehr
groß; und tatsächlich, wie er am Feuer steht, sagt ihm eine Magd auf
den Kopf zu, er habe zu der Gruppe Jesu gehört. Er leugnet und ver-
sucht unauffällig aus dem Bereich des Feuers zu verschwinden; wahr-
scheinlich aber hat die Magd dies beobachtet, sie folgt ihm in den Vor-
hof und wiederholt ihre Beschuldigung, so daß die Umstehenden es
hören; er leugnet abermals, doch nun ist man auch auf seinen gali-
läischen Dialekt aufmerksam geworden, und die Lage beginnt für ihn
überaus gefährlich zu werden. Wie er aus ihr entrann, ist nicht er-
zählt; es ist nicht wahrscheinlich, daß man seiner dritten Beteuerung
mehr Glauben schenkte als den früheren; vielleicht wurde die Auf-
merksamkeit der Umgebung durch irgendeinen Umstand abgelenkt;
vielleicht auch bestand der Befehl, die Anhänger des Verhafteten, so-
weit sie keinen Widerstand leisteten, unbeachtet zu lassen, so daß
man sich mit der Vertreibung des Verdächtigen begnügte.
Auf den ersten Blick erkennt man, daß von der Stiltrennungsregel
keine Rede sein kann. Die nach Schauplatz und handelnden Personen
— man beachte insbesondere ihren niedrigen sozialen Rang — durch-
aus realistische Szene ist von tiefster Problematik und Tragik. Petrus
ist nicht eine nur zur «illustratio» dienende Staffagefigur wie die Sol-
daten Vibulenus und Percennius, die als bloße Lumpen und Schwind-
ler hingestellt werden, sondern im höchsten und tiefsten, im tragisch-
sten Sinne ein Bild des Menschen. Selbstverständlich besteht bei die-
ser Mischung der Stilbezirke durchaus keine Kunstabsicht, aber sie
ist im Charakter der jüdisch-christlichen Schriften von Anfang an be-
gründet, wurde durch die Inkarnation Gottes in einen Menschen
niedrigsten gesellschaftlichen Ranges, seinen Wandel auf Erden zwi-
schen niedrig alltäglichen Menschen und Verhältnissen, und seine
nach irdischen Begriffen schmachvolle Passion noch augenfälliger
und greller herausgestellt, und hat selbstverständlich, bei der großen
Verbreitung und Wirkung, die diese Schriften in der späteren Zeit
fanden, die Vorstellung vom Tragischen und Erhabenen aufs ent-
scheidendste beeinflußt. Petrus, auf dessen eigenen Bericht die Erzäh-
lung zurückgehen dürfte, war ein Fischer aus Galiläa, einfachster
FORTUNATA 45
Herkunft und einfachster Bildung; die übrigen Personen des nächt-
lichen Auftritts im Hof des Hohepriesterhauses sind Mägde und
Kriegsknechte. Aus der beliebigen Alltäglichkeit seines Lebens wird
Petrus zu der ungeheuersten Rolle aufgerufen; hier ist sein Auftreten,
wie überhaupt alles, was mit der Verhaftung Jesu zusammenhängt,
im weltgeschichtlichen Zusammenhang des Römischen Reichs noch
nicht mehr als ein provinzieller Zwischenfall, ein lokales Ereignis
ohne jede Bedeutung, von dem niemand außer den Nächstbeteiligten
Notiz nimmt; allein wie gewaltig ist es schon, im Verhältnis zu dem
Leben, das ein Fischer vom See Genezareth normalerweise führte,
und welch ungeheurer Pendelausschlag (dieses selbe Wort hat Har-
nack einmal gebraucht, als er von der Verleugnungsszene sprach)
vollzieht sich in ihm! Er hat Heimat und Beruf verlassen, er ist seinem
Meister nach Jerusalem gefolgt, er als erster hat ihn als Messias er-
kannt; als die Katastrophe hereinbrach, ist er mutiger gewesen als die
anderen, er hat nicht nur zu denen gehört, die Widerstand zu leisten
versuchten, sondern auch noch als das Wunder, das er gewiß erwar-
tete, ausblieb, hat er einen Ansatz dazu gemacht, Jesus auch diesmal
nachzufolgen. Allein es ist nur ein Ansatz, ein halbes, furchtsames
Nachfolgen, vielleicht veranlaßt von der wirren Hoffnung, das Wun-
der, durch das der Messias seine Feinde niederschmettern würde,
könne sich noch jetzt ereignen. Und da sein Nachfolgen nur ein hal-
bes, schon zweifelndes Unternehmen ist, ängstlich und heimlich, so
fällt er tiefer als alle andern, die wenigstens nicht in die Lage kamen,
Jesus ausdrücklich zu verleugnen; ihm geschieht, weil er tiefer glaub-
te, aber doch nicht tief genug, das Ärgste, was einem eben noch be-
geistert Gläubigen geschehen kann; er zittert um sein armes Leben.
Und es ist durchaus glaublich, daß eben aus dieser schrecklichen
Selbsterfahrung sich ein neues Ausschlagen des Pendels ergab — dies-
mal nach der anderen Seite, und noch weit stärker: aus der Verzweif-
lung und der Reue über sein verzweifeltes Versagen entstand die Be-
reitschaft für die Visionen, die zur Konstituierung des Christentums
entscheidend beitrugen; erst aus dieser Erfahrung eröffnet sich Petrus
der Sinn des Erscheinens und der Passion Christi.
Eine tragische Figur solcher Herkunft, ein Held von solcher Schwä-
che, der aber eben aus seiner Schwäche die höchste Kraft gewinnt,
ein solches Hin- und Herschlagen des Pendels ist unvereinbar mit
dem erhabenen Stil der klassisch-antiken Literatur. Aber auch Art
und Schauplatz des Konflikts stehen völlig außerhalb des Rahmens
der klassischen Antike. Es handelt sich, äußerlich gesehen, um eine
Polizeiaktion und ihre Folgen — sie spielt sich ganz und gar zwischen
alltäglichen Personen aus dem Volk ab — etwas der Art ließ sich antik
46 FORTUNATA

höchstens als Posse oder Komödie denken. Warum aber ist es dies
nicht, warum erregt es die ernsteste und bedeutendste Teilnahme?
Weil es etwas darstellt, was weder die antike Dichtung noch die an-
tike Geschichtsschreibung je dargestellt hat: die Entstehung einer gei-
stigen Bewegung in der Tiefe des alltäglichen Volkes, mitten aus dem
zeitgenössischen alltäglichen Geschehen heraus, das damit eine Be-
deutung gewinnt, die ihm innerhalb der antiken Literatur niemals zu-
kam. Es erwacht vor unseren Augen «ein neues Herz und ein neuer
Geist». Was hier gesagt wird, bezieht sich nicht nur auf die Verleug-
nung des Petrus, sondern auf alle Vorgänge, die in den Schriften des
Neuen Testaments erzählt werden; es handelt sich in ihnen immer um
dieselbe Frage, immer um denselben Konflikt, der ja grundsätzlich an
jeden Menschen herantritt, und somit ein offener und unendlicher ist
— die Welt der Menschen im ganzen gerät durch ihn in Bewegung; in-
des die Verstrickungen durch Schicksal und Leidenschaft, die die
griechisch-römische Antike kennt, unmittelbar immer nur den Ein-
zelnen, den Betroffenen angehen; nur aus dem allgemeinsten Bezug,
nämlich weil auch wir Menschen sind, also dem Schicksal und den
Leidenschaften unterworfen, empfinden wir «Furcht und Mitleid'>.
Petrus aber und die anderen Personen aus den neutestamentlichen
Schriften stehen mitten in einer allgemeinen Bewegung der Tiefe, die
vorläufig noch fast ganz auf diese beschränkt ist, und erst ganz all-
mählich (in der Apostelgeschichte zeigen sich schon die Anfänge da-
von) in den geschichtlichen Vordergrund dringt — die aber schon jetzt,
gleich von Anfang an, eine offene, unmittelbar jedermann betreffende
zu sein beansprucht, und die alle nur persönlichen Konflikte in sich
aufsaugt. Es erscheint hier eine Welt, die einerseits durchaus wirklich,
alltäglich, nach Ort, Zeit, Umständen erkennbar ist; andererseits in
ihren Grundfesten bewegt, vor unseren Augen sich wandelnd und er-
neuernd. Dies mitten im Alltäglichen sich abspielende Zeitgeschehen
ist für die Verfasser der neutestamentlichen Schriften revolutionäres
Weltgeschehen und wird es späterhin auch für jedermann. Es wird als
Bewegung, als geschichtlich wirkende Kraft daran deutlich, daß im-
mer wieder an beliebigen Personen die Wirkung von Jesu Lehre, Per-
son und Schicksal beschrieben wird. Während noch gar nicht ganz
faßbar und ausdrückbar ist, anf was die Bewegung eigentlich zielt (ist
sie doch ihrem Wesen nach nicht leicht begrenzbar und erklärbar),
wird an zahlreichen Beispielen schon ihr treibendes Wirken, ihr Hin-
und Herfluten im Volk geschildert, was rein als Gegenstand so aus-
führlich zu behandeln einem griechischen oder römischen Schriftstel-
ler nie in den Sinn gekommen wäre. Ein solcher beschreibt eine Volks-
bewegung nur als Verhalten zu einem bestimmten praktischen Ereig-
FORTUNATA 47
niszusammenhang, wie etwa Thukydides das der Athener zu dem Plan
einer Expedition nach Sizilien; es wird dabei im ganzen als billigend,
ablehnend, schwankend, etwa auch als tumultuarisch bezeichnet, so
wie es der Beschauer gleichsam von oben sieht, aber nie könnte es
vorkommen, daß Reaktionen so mannigfacher Art und bei so vielen
Personen aus dem Volk zu einem Hauptgegenstand der Darstellung
werden. Dasjenige, was die Evangelien und die Apostelgeschichte auf
weiten Strecken ihres Inhalts beschreiben, was sich sehr oft auch in
den Paulusbriefen spiegelt, ist ganz unverkennbar das Entstehen einer
Tiefenbewegung, das Sichentfalten geschichtlicher Kräfte. Daß dabei
beliebige Personen in großer Zahl auftreten, ist sehr wesentlich; denn
nur an vielen beliebigen Personen können solche geschichtlichen
Kräfte in ihrer hin- und herflutenden Wirksamkeit lebendig gemacht
werden; als beliebig werden dabei solche Personen bezeichnet, die,
aus allen möglichen Ständen, Berufen und Lebenslagen stammend,
ihren Platz in der Darstellung nur dem Umstand verdanken, daß sie
gleichsam zufällig von der geschichtlichen Bewegung getroffen wer-
den und nun genötigt sind, sich in irgendeiner Weise dazu zu verhal-
ten. Dabei fällt die antike Stilkonvention von selbst fort, denn das
Verhalten der jeweils betroffenen Person kann unmöglich anders dar-
gestellt werden als mit dem höchsten Ernst; der beliebige Fischer oder
Zöllner oder reiche Jüngling, die beliebige Samariterin oder Ehebre-
cherin wird aus ihrer alltäglich-beliebigen Lebenslage unmittelbar vor
die Erscheinung Jesu gestellt, und wie sich die Person in diesem Au-
genblick verhält, ist notwendig tiefer Ernst und sehr oft tragisch. Die
antike Stilregel, in der das realistisch Nachahmende, die Beschrei-
bung der beliebigen Alltäglichkeit nicht anders als komisch (oder al-
lenfalls idyllisch) sein konnte, ist also unvereinbar mit der Darstellung
geschichtlicher Kräfte, sobald diese versucht, die Dinge konkret zu
gestalten; denn dann ist sie gezwungen, in die alltäglich-beliebigen
Tiefen des Volkslebens hineinzusteigen, und muß das, was sie dort
vorfindet, ernst nehmen — und umgekehrt kann die Stilregel nur da
bestehen, wo man auf das Konkretmachen geschichtlicher Kräfte
verzichtet, oder gar nicht das Bedürfnis danach empfindet. Das Be-
wußtmachen geschichtlicher Kräfte in den evangelischen Schriften ist
freilich, wie sich von selbst versteht, durchaus « unwissenschaftlich »;*
es verharrt im Konkreten und geht nicht dazu über, die Erfahrungen
systematisch in Begriffsbildungen zu ordnen; aber es bilden sich doch
schon ganz spontan Ordnungsbegriffe sowohl für Epochen wie für
innere Zustände, die weit bewegter, in sich dynamischer sind als die
Kategorien der griechisch-römischen Geschichtsschreibung; so zum
Beispiel die Einteilung der Zeiten; in die des Gesetzes oder der Sünde,
48 FORTUNATA

und die der Gnade, des Glaubens und der Gerechtigkeit; die Begriffe
«Liebe», «Kraft», «Geist» und ähnliche; und es ist sogar in die ab-
strakten und statischen Begriffe wie etwa den der Wahrheit oder den
der Gerechtigkeit, eine dialektische Bewegung gekommen (Joh.14,6;
Röm. 3,21 ff.), die sie völlig erneuert; damit hängt zusammen alles
das, was von der inneren Erneuerung und Wandlung handelt, wobei
die Worte Sünde, Tod, Gerechtigkeit und so fort nicht mehr bloß
Handlung, Ereignis, Eigenschaft ausdrücken, sondern Stadien einer
innergeschichtlichen Wandlung. Freilich darf man dabei nicht ver-
gessen, daß der Weg dieser Wandlung aus der Geschichte heraus, in
die Endzeit oder die Jederzeitlichkeit führt, also nach oben, und nicht,
wie die entwicklungsgeschichtlichen Begriffsbildungen der Wissen-
schaft, im Horizontal-Geschichtlichen verbleibt; das ist ein entschei-
dender Unterschied; und doch, welcher Art die Bewegung auch sei,
die die evangelischen Schriften in die Geschehensbetrachtung einge-
führt haben, das Wesentliche ist doch dieses: daß überhaupt die bei
den antiken Betrachtern ruhenden Tiefenschichten in Bewegung ge-
rieten.
In dieser Betrachtungsweise können weder Moralismus noch Rhe-
torik im klassischen Sinne einen Platz finden. Ein Vorgang wie die
Verleugnung des Petrus entzieht sich schon durch den gewaltigen
Pendelausschlag im Herzen desselben Menschen einer mit ruhenden
Kategorien arbeitenden Beurteilung, und für eine Gesinnung, die die
Rechtfertigung nicht in den Werken, sondern im Glauben sucht, hat
die Moralistik ihre führende Stellung verloren. Und es steht mit der
Rhetorik ebenso. Selbstverständlich sind die neutestamentlichen
Schriften im höchsten Grade wirksam geschrieben; die Tradition der
Propheten und der Psalmen wirkt in ihnen, und bei einigen, die von
mehr oder weniger hellenistisch gebildeten Verfassern stammen, läßt
sich auch die Verwendung griechischer Redefiguren nachweisen. Aber
der Geist der Rhetorik, der die Gegenstände nach Arten, genera, ein-
teilte und jedem Gegenstand seine Stilform gleichsam als das ihm
seinem Wesen nach zukommende Gewand überwarf, konnte schon
deshalb sie nicht beherrschen, weil sich der Gegenstand in keine der
bekann*en Arten einordnen ließ. Eine Szene wie die Verleugnung des
Petrus paßt in kein antikes genus; zu ernst für die Komödie, zu all-
täglich-zeitgenössisch für die Tragödie, politisch viel zu unbedeutend
für die Geschichtsschreibung — und sie hat eine Form von Unmittel-
barkeit bekommen, die es in der antiken Literatur nicht gibt. Das
möge man an einem Symptom ermessen, das vielleicht auf den ersten
Blick unbedeutend scheint: an der Verwendung der direkten Rede.
Die Magd sagt: Du warst ja auch einer von denen um Jesus von Na-
FORTUNATA 49
zareth! Er antwortet: Ich weiß von nichts und verstehe nicht, was du
meinst. Dann sagt die Magd es zu den Umstehenden: das ist auch
einer von der Gesellschaft. Und auf sein erneutes Leugnen mischen
sich die Umstehenden ein: ja natürlich bist du einer von denen; du
sprichst ja ganz galiläisch ! — Ich glaube nicht, daß es in einem antiken
Historiker eine Stelle gibt, wo die direkte Rede in dieser Art zu einem
kurzen, direkten Zwiegespräch verwendet würde. Gespräche zwischen
wenigen sind dort überhaupt selten, allenfalls erscheinen sie in der
biographisch-anekdotischen Geschichtsschreibung, und da handelt es
sich fast immer um berühmte pointierte Antworten, deren Wert nicht
im Realistisch-Konkreten, sondern im Rhetorisch-Moralischen liegt,
was man später, in der italienischen Novellistik des 13. Jahrhunderts,
ein bel parlare nannte: wie dies etwa in den berühmten Anekdoten
von Krösus und Solon der Fall ist. Im allgemeinen aber beschränkt
sich die direkte Rede bei den antiken Geschichtsschreibern auf große
zusammenhängende Ansprachen, die einer im Senat, an das Volk, an
die Soldaten richtet — man erinnere sich an das oben über die Rede
des Percennius Gesagte. Hier aber ist das Dramatische des Augen-
blicks, wo man sich Auge in Auge gegenübersteht, mit einer Unmittel-
barkeit herausgekommen, neben der sich selbst das Zwiegespräch der
antiken Tragödie (Stichomythie!) sehr stilisiert ausnimmt — Komödie,
Satire und Verwandtes darf man zum Vergleich nicht heranziehen,
und selbst dort wird man wohl suchen müssen, um etwas ähnlich Un-
mittelbares zu finden. Aber in den Evangelien findet man manches
Zwiegespräch Auge in Auge. Ich hoffe, daß dies Symptom, die Ver-
wendung der direkten Rede zu lebendigem Gespräch, das Verhältnis
der evangelischen Schriften zur antiken Rhetorik für unseren Zweck
ausreichend charakterisiert, so daß ich auf das Problem im ganzen,
das sehr oft behandelt worden ist (ich verweise auf das schon erwähn-
te Buch Nordens über die Antike Kunstprosa) nicht weiter einzuge-
hen brauche.
Letzten Endes beruhen die Stilunterschiede zwischen den antiken
und den ersten christlichen Schriften darauf, daß sie von einem ande-
ren Blickpunkt und für andere Menschen geschrieben wurden. So
verschieden sie auch sonst sind, Petronius und Tacitus haben den-
selben Blickpunkt, nämlich von oben. Tacitus schreibt aus einer
Überschau über die Fülle der Ereignisse und Geschäfte, er ordnet und
beurteilt sie als ein Mann höchsten Standes und höchster Bildung:
daß er dabei nicht ins Trockene, Unanschauliche verfällt, liegt nicht
nur an seinem Genie, sondern an der unvergleichlichen Kultur des
Sinnlich-Anschaulichen in der Antike überhaupt — aber die Welt von
seinesgleichen, für die er schrieb, verlangte das Sinnlich-Anschauliche
4
50 FORTUNATA

in den Grenzen des durch lange Tradition festgelegten Geschmacks —


wobei sich übrigens bei ihm schon Anzeichen einer Wandlung dieses
Geschmacks finden, in der Richtung einer Herausarbeitung des dü-
ster Grausigen, worauf wir noch zurückzukommen haben. Auch Pe-
tronius sieht die Welt, die er malt, von oben: sein Buch ist ein Erzeug-
nis höchster Kultur, und er erwartet Leser, die auf einer solchen Höhe
gesellschaftlicher und literarischer Bildung stehen, daß ihnen alle
Nüancen der gesellschaftlichen Verstöße, der sprachlichen und ge-
schmacklichen Niedrigkeit sofort und selbstverständlich einleuchten.
So gemein und so grotesk der Gegenstand ist, die Darstellung hat
doch nichts von der groben Komik der Volksposse; Szenen, wie die
Rede des Tischnachbars oder der Streit zwischen Trimalchio und
Fortunata zeigen zwar niedrigstes und gemeinstes Denken, doch mit
einem solchen Raffinement sich kreuzender Motive, mit so viel sozio-
logischen und psychologischen Voraussetzungen, wie es kein Volks-
publikum ertrüge. Und der niedere Stil der Sprache ist nicht etwa für
das Lachen einer großen Menge bestimmt, sondern eine elegante
Würze für den Geschmack einer die Dinge gelassen und genießend
von oben betrachtenden gesellschaftlich-literarischen Elite; zu ver-
gleichen etwa mit dem Geschwätz des Hotelmanagers Aim6 und ähn-
licher Personen in Prousts Roman von der verlorenen Zeit, obzwar
solche Vergleiche mit modernen realistischen Werken nie ganz stim-
men, weil in diesen doch weit mehr ernsthafte Problematik enthalten
ist. Also auch Petronius schreibt von oben, und für die Schicht der
Hochgebildeten — eine Schicht, die freilich in der ersten Kaiserzeit
recht breit gewesen sein mag, die aber später zusammenschmo'z. Hin-
gegen ist die Erzählung von der Verleugnung Petri und überhaupt
fast das ganze neutestamentliche Werk mitten aus den werdenden
Dingen heraus und unmittelbar für jedermann geschrieben; es gibt
hier weder rational ordnende überschau noch Kunstabsicht. Das
Sinnlich-Anschauliche, welches hier erscheint, ist nicht bewußte
Nachahmung, ist deshalb auch selten vollständig ausgeführt; es er-
scheint, weil es an den zu berichtenden Ereignissen haftet, sich in den
Gesten und Worten der innerlich bewegten Menschen offenbart, ohne
daß die geringste Mühe an die Aufgabe seiner Ausformung verwen-
det würde. Selbst -der so absichtlich gedrängt zusammenfassende Ta-
citus beschreibt Menschen äußerlich und innerlich, er malt Situatio-
nen aus — dem Verfasser des Markusevangeliums fehlt jeder Blick-
punkt für eine sachliche, objektive Darstellung etwa des Charakters
Petri. Er steckt mitten drin im bedeutenden Ereignis, nur das im Zu-
sammenhang mit dem Erscheinen und Wirken Christi Bedeutende
beachtet und verkündet er, so daß er im vorliegenden Fall nicht ein-
FORTUNATA 51
mal daran denkt, uns mitzuteilen, wie die Sache auslief, das heißt wie
Petrus davonkam. Tacitus und Petronius wollen uns, der eine ge-
schichtliche Vorgänge, der andere eine bestimmte Gesellschaftsschicht
sinnlich anschaulich machen, und zwar in den Grenzen einer be-
stimmten ästhetischen Tradition; der Verfasser des Markusevange-
liums hat weder diese Absicht, noch kennt er eine solche Tradition,
und gleichsam ohne sein Zutun, rein aus der inneren Bewegung des
von ihm Berichteten, wird dies Berichtete zur Anschauung. Und der
Bericht wendet sich an jedermann; jedermann ist aufgefordert, ja ge-
nötigt, sich für oder gegen den Bericht zu entscheiden; schon die
bloße Nichtbeachtung ist eine Stellungnahme. Zwar standen seiner
Wirksamkeit zunächst noch praktische Hindernisse entgegen; zu-
nächst eignete sich die Verkündigung, nach ihrer sprachlichen Form
und nach ihren besonderen Glaubens- und Lebensvoraussetzungen,
nur für Juden. Doch die Ablehnung, die sie bei den führenden Krei-
sen in Jerusalem und bei der Mehrzahl des Volkes erfuhr, trieb die
Bewegung in das gewaltige Unternehmen der Heidenmission, die be-
zeichnenderweise von einem Diasporajuden, dem Apostel Paulus,
begonnen wurde. Dadurch aber wurde eine Anpassung der Verkün-
digung an die Voraussetzungen eines viel weiteren Kreises von Adres-
saten, eine Loslösung von den besonderen Voraussetzungen des Ju-
dentums erforderlich, und sie geschah mit der schon durch die jüdi-
sche Tradition gegebenen, diesmal aber unvergleichlich kühner ange-
wandten Methode der umdeutenden Interpretation; das Alte Testa-
ment wurde als Volksgeschichte und Gesetz der Juden entwertet, und
verwandelte sich in eine Reihe von «Figuren», das heißt Vorverkün-
digungen und Vorandeutungen des Erscheinens Jesu und der damit
zusammenhängenden Ereignisse. Wir haben hiervon schon in unse-
rem ersten Kapitel kurz gesprochen. Der gesamte Inhalt der heiligen
Schriften wurde in einen Deutungszusammenhang gestellt, der oft das
erzählte Geschehen sehr weit von seiner sinnlichen Grundlage ent-
fernte, indem der Leser oder Hörer genötigt wurde, seine Aufmerk-
samkeit von dem sinnlichen Vorgang ab- und der Bedeutung zuzu-
wenden. Es war also die Gefahr gegeben, daß die Anschaulichkeit der
Vorgänge unter dem dichten Netz der Bedeutungen erstarrte und er-
starb. Hierzu ein Beispiel für viele. Es ist ein sinnlich anschaulicher
Vorgang, wenn Gott aus der Rippe des schlafenden Adam das erste
Weib, Eva, schuf; ebenso auch, wenn ein Soldat dem toten Jesus am
Kreuz die Lanze in die Seite stieß, so daß Blut und Wasser herausfloß.
Wenn man aber diese beiden Vorgänge deutend in Beziehung mitein-
ander bringt, indem man lehrt: der Schlaf Adams ist eine Figur des
Todesschlafs Christi; so wie aus der Seitenwunde Adams die Urmut-
52 FORTUNATA

ter der Menschen nach dem Fleisch, Eva, geboren wurde, so aus
Christi Seitenwunde die Mutter der Lebenden nach dem Geist, die
Kirche — Blut und Wasser sind Sakramentssymbole —, so verflüchtigt
sich der sinnliche Vorgang, überwältigt von der figuralen Bedeutung;
was der Hörer oder Leser, und sogar in der bildenden Kunst der Be-
schauer, in sich aufnimmt, ist als sinnlicher Eindruck nur schwach,
und all sein Interesse wird auf den Bedeutungszusammenhang ge-
lenkt. Demgegenüber sind die griechisch-römischen realistischen Dar-
stellungen zwar nicht so ernsthaft und problematisch, und weit be-
grenzter in ihrer Auffassung geschichtlicher Bewegung; aber sie sind
gesichert in ihrem sinnlichen Bestande; sie kennen den Kampf zwi-
schen sinnlicher Erscheinung und Bedeutung nicht, der die frühchrist-
liche, ja überhaupt die christliche Wirklichkeitsansicht erfüllt.
III

DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

AMMIANUS Marcellinus, ein hoher Offizier und Geschichtsschreiber


des vierten nachchristlichen Jahrhunderts, der in den uns erhaltenen
Teilen seines Werkes die Ereignisse zwischen 350 und 380 berichtet,
erzählt im 7. Kapitel des 15. Buches einen Tumult des Pöbels in Rom.
Der Text lautet:
Dum has exitiorum communium clades suscitat turba feralis, urbem
aeternam Leontius regens, multa spectati judicis documenta praebebat, in
audiendo celer, in disceptando justissimus, natura benevolus, licet autori-
tatis causa servandae acer quibusdam videbatur, et inclinatior ad aman-
dum. Prima igitur causa seditionis in eum concitandae vilissima fuit et
levis. Philocomum enim aurigam rapi praeceptum, secuta plebs omnis ve-
lut defensura proprium pignus, terribili impetu praefectum incessebat ut
timidum: sed ille stabilis et erectus immissis adparitoribus, correptos ali-
quot vexatosque tormentis, nec strepente ullo nec obsistente, insulari
poena multavit. Diebusque paucis secutis, cum itidem Diebs excita calore
quo consuevit, vini causando inopiam, ad Septemzodium convenisset, ce-
lebrem locum, ubi operis ambitiosi Nymphaeum Marcus condidit impe-
rator, illuc de industria pergens praefectus, ab omni toga adparitioneque
rogabatur enixius ne in multitudinem se arrogantem immitteret et mina-
cern, ex commotione pristina saevientem: difficilisque ad pavorem recte
tetendit, adeo ut eum obsequentium pars desereret, licet in periculum
festinantem abruptum. Insidens itaque vehiculo, cum speciosa fiducia
contuebatur acribus oculis tumultuantium undique cuneorum veluti ser-
pentium vultus: perpessusque multa dici probrosa, agnitum quemdam in-
ter alios eminentem, vasti corporis rutilique capilli, interrogavit an ipse
esset Petrus Valvomeres, ut audierat, cognomento ; eurnque, cum esse
sono respondisset objurgatorio, ut seditiosorum antesignanum olim sibi
compertum, reclamantibus multis, post terga manibus vinctis suspendi
praecepit. Quo viso sublimi tribuliumque adjumentum nequicquam im-
plorante, vultus omne paulo ante confertum per varia urbis membra dif-
fusum ita evanuit, ut turbarum acerrimus concitor tamquam in judiciali
secreto exaratis lateribus ad Picenum ejiceretur; ubi postea ausus eripere
virginis non obscurae pudorem, Patruini consularis sententia supplicio
est capitali addictus.
Ich will eine Übersetzung geben, die den seltsam barocken Stil des
Originals nachzuahmen versucht:
«Indes die Schar der Aasgeier diese Katastrophen allgemeinen Verder-
bens heraufbeschwört. zeigte Leontius, Gouverneur der Ewigen Stadt,
viele Eigenschaften eines bewährten Richters, im Verhör schnell, im Ur-
54 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES
teil sehr gerecht, von Natur wohlwollend, schien er gleich manchen scharf
in der Wahrung seiner Autorität, und allzu geneigt zu sinnlicher Liebe.
Die erste Ursache zu einem gegen ihn ausbrechenden Aufruhr war nun
sehr unbedeutend und albern. Dem Philocomus nämlich, einem auf sei-
nen Befehl verhafteten Wettfahrer, folgte der ganze Pöbel, als gelte es, den
teuersten Schatz zu verteidigen und drang mit wildem Tumult auf den
Präfekten, um ihn einzuschüchtern; doch er, unerschüttert und hochge-
reckt, befahl der Polizei einzugreifen, ließ einige verhaften und auspeit-
schen, und bestrafte sie, indes niemand zu murren noch zu widerstehen
wagte, mit Deportation. Als wenige Tage darauf der Pöbel, aufs neue zu
gewohnter Hitze erregt, die Weinknappheit zum Anlaß nehmend, beim
Septemzodium zusammenströmte, einem belebten Platz, wo der Kaiser
Marcus das prunkvolle Bauwerk des Nymphaeums errichtet hatte; da
wurde der Präfekt, sogleich gerade dahin aufbrechend, von dem gesamten
Beamten- und Offizierspersonal inständigst gebeten, er möge sich nicht in
die freche Menge hineinwagen, die drohende, noch vom letzten Tumult
her wütende; nicht leicht zur Furcht zu bewegen, ging er geradezu seinen
Weg, so daß ein Teil des Gefolges ihn im Stich ließ, obgleich er sich in
dringende Gefahr stürzte. Auf seinem Wagen nun sitzend, betrachtete er
mit imponierender Sicherheit, funkelnden Auges die schlangengleichen
Blicke der von allen Seiten tobenden Haufen; viele Schimpfreden hörte er
ruhig an; dann fragte er einen, den er erkannte, der mit mächtigem Wuchs
und rotem Haar über die anderen hervorragte, ob er nicht Petrus sei, mit
Beinamen Valvomeres, wie er gehört hatte; und als iener unverschämten
Tones antwortete, er sei es, befahl er ihn als einen ihm längst bekannten
Rädelsführer der Aufständischen, während viele laut schreiend prote-
stierten, mit auf den Rücken gebundenen Händen zur Prügelstrafe hoch-
zuhängen. Als man ihn sah, hochgehoben. vergeblich die Hilfe der Spieß-
gesellen erflehend, da verzog sich die eben noch dichtgedrängte Menge
durch die verschiedenen Adern der Stadt, in dem Grade, daß dem wilde-
sten Aufwiegler dei• Massen wie in einem geschlossenen Vollzugsraum die
Flanken aufgepflügt wurden, worauf man ihn ins Picenische Gebiet ver-
brachte; dort wurde er später, da er einer nicht geringem Hause entstam-
menden Jungfrau die Scham zu rauben gewagt hatte, nach dem Urteil des
Konsulars Patruinus hingerichtet.»

Manches von dem, was wir im vorhergehenden Kapitel über die


taciteische Beschreibung des Soldatenaufstands sagten, gilt auch von
diesem Stück; es zeigt sich sogar hier viel krasser. Noch weit weniger
als Tacitus denkt Ammian daran, die Ursachen des Aufstands und die
Lage der römischen Bevölkerung ernsthaft und sachlich-problema-
tisch darzustellen. Dumme Unverschämtheit ist es allein, so scheint
ihm, die den römischen Pöbel zu Unruhen treibt. Selbst wenn er da-
mit recht hat — und das ist sehr wohl möglich, da diese seit Jahrhun-
derten von allen Regierungen verdorbene und zum Nichtstun erzo-
gene großstädtische Masse in der Tat nicht viel getaugt haben kann —
DIE VERHA1TUNG DES PETRUS VALVOMERES 55
so hätte doch ein moderner Historiker die Frage, wie es denn zu ei-
nem solchen Zustand der Pöbelverderbnis gekommen sei, als Problem
erörtert oder doch wenigstens gestreift. Aber das interessiert Ammian
überhaupt nicht, und er geht in dieser Haltung weit über Tacitus hin-
aus. Für diesen besteht doch immerhin ein rationales, verständliches
Gebilde von Forderungen, die die Soldaten vorbringen, und zu denen
die Befehlshaber und Behörden Stellung nehmen; es wird darüber
verhandelt, und es besteht ein sachliches, ja sogar ein menschliches
Verhältnis zwischen beiden Parteien; man sieht das etwa an der An-
sprache des Blaesus am Ende des 18. Kapitels oder der Szene bei der
Abreise Agrippinas im Kapitel 41. So unbeständig und abergläubisch
Tacitus die Soldaten auch schildert, es ist keinen Augenblick zweifel-
haft, daß es Menschen sind, denen Gesittung und Ehrgefühl nicht
fremd ist. In der Szene Ammians hingegen gibt es überhaupt keine
sachlich-rationale, geschweige eine auf gegenseitiger Achtung beru-
hende menschliche Beziehung zwischen Behörde und Aufständischen :
das Verhältnis ist nur sinnlich, magisch und gewaltsam. Auf der einen
Seite eine reine Zusammenballung der Leiber, albern und unver-
schämt, wie ein Haufen verwahrloster Halbwüchsiger; auf der ande-
ren suggestive Autorität, Unerschrockenheit, Zupacken, Prügel. Und
sobald der Pöbel sieht, daß man einen von ihnen so behandelt, wie es
alle zu verdienen scheinen, wird er kleinlaut und verschwindet. Am-
mian gibt ebensowenig wie Tacitus irgendwelche Auskunft über das
Leben dieses Volkes — noch weniger, da ja etwas der Rede des Percen-
nius Entsprechendes fehlt; nichts ist hier gegeben, was uns'ein inneres
Verhältnis erschließen könnte. Er läßt das Volk nicht sprechen (nur
einen Spitznamen erwähnt er, Valvomeres, so wie Tacitus Cedo alte-
ram), sondern kleidet das Ganze in den düsteren Prunk seiner Rheto-
rik, die so unvolksmäßig ist wie möglich. Trotzdem ist der Vorgang
so geformt, daß er einen sehr stark sinnlichen Eindruck hinterläßt, ja
vielleicht sogar auf manche Leser unangenehm sinnlich wirkt. Am-
mian hat ihn ganz auf Gesten abgestellt: das Gegeneinander der zu-
sammengeballten Masse und des sie suggestiv beherrschenden Präfek-
ten. Das Sinnlich-Gestenhafte wird von Anfang an vorbereitet— durch
die Wahl der Worte und Bilder, auf die wir noch zurückkommen — und
erreicht seinen Höhepunkt mit der Szene am Septemzodium, dem
Gegenüber des mit funkelnden Augen in seinem Wagen sitzenden,
einem Tierbändiger vergleichbaren Leontius und der «schlangen-
gleich» anzischenden Masse, die dann so schnell sich verflüchtigt. Ein
Tumult, ein Einzelner, der ihn mit den Augen zu zähmen sucht, dann
mitten hineingreift — ein paar scharfe Worte, der mächtige, hochge-
hobene Körper eines Rädelsführers, schließlich Peitschenschläge:
56 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVum RES

dann ist Ruhe, und als Abschluß bekommt man noch eine Vergewal-
tigung mit nachfolgender Hinrichtung aufgetischt.
Ein Vergleich mit Tacitus zeigt, wie viel schwächer sowohl das
Menschliche wie das Sachlich-Rationale geworden ist, und wie viel
stärker das Magische und das Sinnliche. Etwas Drückend-Schweres,
eine Verfinsterung der Lebensatmosphäre zeigt sich schon seit dem
Ende des ersten Jahrhunderts der Kaiserzeit, bei Seneca ist es unver-
kennbar, und über das Düstere der taciteischen Geschichtsschreibung
ist oft gesprochen worden. Hier bei Ammian aber ist es zu einer magi-
schen und sinnlichen Entmenschlichung gekommen; daß die sinn-
liche Evidenz der Vorgänge von solcher Erstarrung des Menschlichen
Nutzen zieht, ist überaus merkwürdig. Vielleicht könnte man bean-
standen, daß ich der taciteischen Szene einen Pöbelaufstand, nicht
eine Soldatenrevolte gegenübergestellt habe. Allein die wohl einzig
dafür in Frage kommende Stelle, die Soldatenerhebung zu Beginn des
20. Buches, die zur Proklamation Julians als Augustus führt, ist mir
sehr verdächtig; dort scheint es sich gar nicht um eine spontane Be-
wegung der Soldaten zu handeln, sondern um eine absichtlich provo-
zierte, die Instinkte der Truppe geschickt ausnützende Massende-
monstration, wie wir sie aus der neuesten Geschichte allzu gut ken-
nen. Eine solche Stelle war für meinen Zweck nicht zu brauchen, und
so mußte ich den römischen Volksaufstand wählen. Aber die Merk-
male seines Stils, die wir auf den ersten Blick darin gefunden haben,
lassen sich überall bei Ammian nachweisen; überall tritt das Empfin-
dend-Menschliche und das Rationale zurück, und überall das magisch
und düster Sinnliche, starr Bild- und Gestenhafte hervor. Gewiß ist
der taciteische Tiberius düster genug, aber er bewahrt doch noch viel
von innerer Menschlichkeit und Würde. Bei Ammian ist allein das
Magische, Groteske und dabei Schaurig-Pathetische übrig geblieben,
und man erstaunt, welch ein Genie in dieser Richtung ein sachlich
tätiger, ernsthafter hoher Offizier entwickelt; wie stark muß die At-
mosphäre gewesen sein, wenn sie bei Menschen dieses Ranges und
dieser Lebensführung (er hat offenbar einen großen Teil seines Le-
bens in harten und strapazenreichen Feldzügen zugebracht) solche
Talente zur Entfaltung bringt! Man lese etwa die Todesreise des Gal-
lus (14, 11), oder die Fahrt der Leiche Julians (21, 16), oder die Pro-
klamation Prokops zum Kaiser (26,6): «Wie ein Halbverwester, dem
Grabe Entstiegener, stand er da, ohne Mantel (den kaiserlichen hatte
man nicht finden können), die Tunika mit Gold bestickt wie ein Pa-
lastdiener, von der Scham abwärts bekleidet wie ein Schuljunge ...; in
der rechten Hand hielt er eine Lanze, in der linken schwenkte er ein
Stück Purpurtuch ... man hätte glauben können, es sei plötzlich eine
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 57
Figur aus dem Gemälde eines Theatervorhangs oder eine groteske
Komödienrolle leibhaftig geworden ... er versprach in knechtischer
Schmeichelei den Drahtziehern seiner Erhebung Riesenreichtümer
und Ämter ... Als er auf die Rednertribüne gestiegen war, und alle,
vor Staunen erstarrt, finster schwiegen, glaubte er, wie er vorher ge-
fürchtet hatte, seine letzte Stunde sei gekommen; er zitterte so, daß er
lange nicht sprechen konnte; endlich begann er mit stockender Stim-
me, wie ein Sterbender einige Worte vorzubringen: daß er, nach sei-
ner Abstammung, auf den Kaiserthron Anspruch habe ...» Wieder ist
es das Gesten- und Bildhafte, welches hervortritt. Aus Ammians
Werk läßt sich eine ganze Sammlung schaurig-grotesker, überaus
sinnlich-bildhafter Porträts zusammenstellen: Kaiser Konstantinus,
der nie den Kopf wendet, nie sich schnaubt oder ausspeit, tamquam
figmentum hominis (16,10 und 21,16); Julian, der große Alamannen-
sieger, mit dem Ziegenbart, der sich immer den Kopf kratzt, seine zu
enge Brust herausstreckt, damit sie breiter erscheine, und für seine
kleine Gestalt viel zu lange Schritte macht (17,11 und 21,14); der
vergnügt blickende Jovian, dessen Körperumfang so ungeheuerlich
ist (vasta proceritate et ardua), daß man Mühe hat, bei seiner uner-
warteten Wahl zum Kaiser, während eines Feldzuges, kaiserliche
Kleidungsstücke für ihn zu finden, und der sehr bald nach seiner
Wahl, mit 33 Jahren, auf unaufgeklärte Weise stirbt (25,10); der fin-
stere, melancholische, immer zu Boden blickende Verschwörer Pro-
kop, der, aus vornehmster Familie stammend, unschuldig verdäch-
tigt, sich lange zwischen der Hefe des Volkes verbirgt, und, wie viele
andere Personen Ammians, nur deshalb sich zum Kaiser zu machen
versucht, weil er keinen anderen Weg sieht sein Leben zu retten, was
ihm freilich auch auf diese Art nicht gelingt (26,6-9); der Geheim-
schreiber, spätere kaiserliche Kanzleivorsteher Leo, «ein pannoni-
scher Leichenfledderer und Räuber, ein Blutsäufer, dessen tierisches
Maul von Grausamkeit trieft (efflantem ferino rictu crudelitatem)»
(28,1); der Wahrsager oder «Mathematiker» Heliodor, ein Berufs-
denunziant, der ungeheuer Karriere gemacht hat: er ist nun ein Fein-
schmecker, reichlich mit Geld für seine Dirnen versehen; er trägt seine
finstere Miene durch die Stadt spazieren, wo jedermann ihn fürchtet;
er besucht eifrig und öffentlich die Freudenhäuser — ist er doch Vor-
steher des kaiserlichen Schlafgemachs, cubiculariis officiis praeposi-
tus — und verkündet, daß die Verfügungen des geliebten Landesvaters
noch vielen zum Verderben gereichen werden; die greuliche Ironie
dieser Worte erinnert ein wenig an den «Tiberiolus meus», Tacitus,
Ann. 6,5, ist aber noch viel abscheulicher; als Heliodor dann plötz-
lich stirbt, wird der ganze Hof genötigt, an seiner feierlichen Beerdi-
58 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

gung teilzunehmen, barhaupt, barfuß, und mit gefalteten Händen


(29,2); Kaiser Valentinian, ein bedeutender und gut aussehender
Fürst, freilich schiefen und finsteren Blickes; in düsterer Laune be-
fiehlt er, einem Reitknecht die rechte Hand abzuschlagen, weil er ihm
beim Besteigen eines scheu gewordenen Pferdes ungeschickt geholfen
hat (30,9); Kaiser Valens, der Gotenkämpfer, schwarz, mit einem
von weißer Haut bedeckten Auge, etwas hervorstehendem Bauch und
krummbeinig (31,14). Man könnte diese Liste von Porträts noch
lange fortsetzen, sie auch durch Ereignisse und Sittenschilderungen
nicht minder grotesk-schauriger Art ergänzen; und der Hintergrund
von alldem ist dieser: daß all die Menschen, von denen die Rede ist,
ständig zwischen Blutrausch und Todesangst leben. Grotesk und sa-
distisch, gespenstisch und abergläubisch, machtgierig und dabei un-
ausgesetzt das Zähneklappern verbergend, so sieht die Welt der füh-
renden Schicht bei Ammian aus. Sein seltsamer Humor wäre noch
erwähnenswert — man lese etwa die Schilderung der Vornehmen, die
aus Hochmut den üblichen Begrüßungskuß verweigern, osculanda
capita in modum taurorum minacium obiiquantes (welche Geste!),
adulatoribus offerunt genua suavianda vel manus, id illis sufficere ad
beate vivendum existimantes : et abundare omm cultu humanitatis
peregrinum putantes, cuius forte etiam gratia sunt obligati, interro-
gatum quibus thermis utatur aut aquis, aut ad quam successerit do-
mum (28,4) — oder seine Bemerkung über die Dogmenkämpfe in der
christlichen Kirche: Haufen von Geistlichen reisten ständig hin und
her zu den sogenannten Synoden, und während jeder versucht, dem
anderen seine Deutung des Glaubens aufzuzwingen, erreichen sie
nichts als völlige Erschöpfung und Lahmlegung der Verkehrsmittel
(21,16). In diesem Humor ist immer etwas Bitteres, Groteskes, sehr
oft etwas Grotesk-Schauriges und Unmenschlich-Krampfiges enthal-
ten. Die Welt Ammians ist finster: Aberglaube, Blutrausch, über-
müdung, Todesangst, grimmige und auf eine magische Weise starre
Gesten erfüllen sie; und als Gegengewicht zeigt sich nichts als die gleich-
falls finstere, pathetische Entschlossenheit zur Erfüllung einer immer
schwieriger, immer hoffnungsloser werdenden Aufgabe: das von außen
bedrohte, von innen zerfallende Reich zu schützen. Diese Entschlos-
senheit verleiht den Stärksten unter den handelnden Personen eine star-
re, krampf hafte, keiner Entspannung Raum lassende übermenschlich-
keit, wie sie sich etwa in Julians moriar stando ausdrückt: ut impera-
torem decet, ego solus confecto tantorum munerum cursu moriar stan-
do, contempturus animam, quam mihi febricula eripiet una (24,17).
Ammian, so viel hoffen wir gezeigt zu haben, besitzt eine sehr starke
sinnliche Ausdruckskraft; wäre sein Latein nicht so schwer verständ-
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 59
lich und so unübersetzbar, er wäre vielleicht einer der wirksamsten
Schriftsteller der antiken Literatur. Doch ist sein Verfahren keines-
wegs nachahmend in dem Sinne, daß er etwa die Menschen vor unse-
ren Augen und Ohren aus ihren eigenen Voraussetzungen aufbaute,
sie gleichsam aus ihrem Wesen heraus denken, fühlen, handeln und
reden ließe; er läßt sie überhaupt nicht in ihrer eigenen natürlichen
Sprache reden; sondern er gehört durchaus in die Tradition der von
oben her betrachtenden, moralisch urteilenden antiken Historiker
hohen Stils, die die Kunstmittel der realistischen Nachahmung nie-
mals absichtlich und bewußt anwenden, weil sie sie als niederen, ko-
mischen Stil verschmähen; die wie es scheint speziell spätrömisch be-
sonders bevorzugte Ausprägung dieser Tradition, schon in Sallust,
besonders aber in Tacitus verkörpert, sehr stark stoisch in ihrem
Stimmungsgehalt liebt es besonders düstere Gegenstände zu wählen,
die ein hohes Maß von Sittenverderbnis zeigen, und diese alsdann ge-
gen ein ihr vorschwebendes Ideal ursprünglicher Einfachheit, Rein-
heit und Tugend grell abstechen zu lassen. In diesen Rahmen wünscht
Ammian augenscheinlich sich einzufügen, wie sich aus vielen Stellen
seines Werkes ergibt, in denen er Taten und Worte früherer Zeiten als
moralisches Gegenbild anführt. Aber es ist von Anfang an in dieser
Tradition zu spüren, und ist bei Ammian unverkennbar geworden,
daß der Stoff mehr und mehr über die stilistische Absicht Herr wird,
und den nach zurückhaltender Vornehmheit strebenden Stil zwingt,
sich dem Inhalt anzupassen, so daß sich Wortwahl und Syntax, von
der düsteren Realistik des Inhalts und dem unrealistisch-vornehmen
Stilwillen in widerspruchsvoller Weise bedrängt, zu verändern und
unharmonisch, überlastet und grell zu werden beginnen; die Wort-
wahl wird manieriert, und die Sätze beginnen gleichsam sich zu ver-
zerren und zu krümmen; das Gleichmaß der Eleganz wird gestört, die
vornehme Zurückhaltung wird zu einem düsteren Prunk, und gleich-
sam wider seinen Willen gibt der Ausdruck mehr Sinnlichkeit her als
ursprünglich mit der gravitas vereinbar gewesen wäre, indes die gravi-
tas selbst sich doch keineswegs verliert, sondern ganz im Gegenteil
steigert; der hohe Stil wird hochpathetisch-grausig und ausmalend
sinnlich. Die ersten Spuren davon finden sich schon bei Sallust; einen
bedeutenden Einfluß in dieser Richtung übte der zwar nicht in die
Historikertradition gehörige, aber wohl allgemein sehr wirksame Se-
neca; auch Lucan ist hier zu nennen. Bei Tacitus ist das Schwere, Fin-
stere des Geschichtsstils, welches von der Finsternis der berichteten
Ereignisse genährt wird, schon dermaßen geladen mit sinnlicher An-
schauung, wie sie das Entsetzliche suggestiv hervorzwingt, daß sie
sehr häufig hervorbricht; freilich schnell wieder eingefangen von der
60 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

vornehmen und scharfen Kürze des Stils, der solchen Ausbrüchen


nicht zu wuchern gestattet (ein Beispiel von vielen: die Hinrichtung
der Kinder Sejans, Ann. V,9).
Bei Ammian überwuchert das Sinnlich-Anschauliche, und hat sich
in den hohen Stil hinein Bahn gebrochen, nicht indem es ihn volks-
mäßig oder komödienhaft vulgarisiert, sondern indem es ihn ins Maß-
lose übersteigert: die Sprache beginnt mit funkelnden Worten und
prunkhaften Satzverzerrungen die verzerrte und blutig-gespenstische
Wirklichkeit zu malen. An Stelle der vornehmen, ruhigen, das Sinn-
liche nur kurz mitteilenden oder sogar nur moralisch andeutenden
Worte treten gestenhaft ausmalende: so in der Schilderung der römi-
schen Unruhen an Stelle von einem moralischen Ausdruck für Uner-
schütterlichkeit: stabilis, erectus, cum speciosa fiducia intuebatur acri-
bus oculis ; an Stelle von «iter non intermisit»: recte tetendit; für
«Auspeitschen» das zugleich prunkhaft umschreibende und sinnliche
latera exarare; ähnlich wirkt pudorem eripere; und wo Tacitus etwa
sagt accusatorum maior in dies et infestior vis grassabatur (Ann. 4,
66), da heißt es hier: dum has exitiorum communium clades suscitat
turba feralis. Alle diese (und sehr viele ähnliche) Beispiele zeigen, daß
die Manier, der sogenannte Schwulst, nicht nur der Neigung zum
Ungewöhnlichen entspringt, sondern zugleich, ja vor allem der sinn-
lichen Evidenz dient. Man wird gezwungen sich den Vorgang auszu-
malen. Dazu kommen die vielen Vergleiche von Menschen mit Tieren
(Schlange und Stier sind besonders beliebt), oder von Vorgängen des
Lebens mit solchen des Theaters oder der Totenwelt. Überall ist die
Wortwahl gesucht, aber ganz im Gegensatz zu der klassischen
Übung, die das Gewählte und Gesuchte in vornehm-allgemeiner Um-
schreibung des Sinnlichen fand und die Ausmalung desselben nur
dem Dichter gestattete (der sich aber dem wirklich-gegenwärtigen
Leben fernzuhalten hatte, wenn er den niederen Stil der Satire oder
Komödie vermeiden wollte) - ganz im Gegensatz dazu dient jetzt das
Gesuchte im hohen Stil der Geschichtsschreibung der Ausmalung ge-
genwärtig geschehender Dinge; dies Ausmalende ist jedoch nicht ei-
gentlich nachahmend, sondern es bleibt immer der moralistisch urtei-
lende Geschichtsschreiber, welcher im hohen Stil spricht und die Nie-
derungen des nachahmenden Realismus vermeidet; nur verwendet er
ständig die grellsten Farben. - Bei der Syntax Ammians ist das gleiche
festzustellen wie bei seiner Wortwahl; wenn hier auch manches dem
Bedürfnis nach rhythmischem Satzschluß und dem stark Gräzisieren-
den seines Stils zuzuschreiben sein mag (Norden, Antike Kunstprosa,
646ff.), so bleibt doch genug übrig, was sich nur in unserem Sinne zu-
reichend interpretieren läßt. In seiner Stellung der Substantiva, insbe-
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 61
sondere des Nominativsubjekts, in seiner weitausladenden Verwen-
dung von Adjektiven und Partizipien als Apposition, und in seiner
Neigung die aufgehäuften Appositionen gegeneinander durch die
Wortstellung abzugrenzen zeigt sich Ammians Bemühung überall
monumentale, auffallende und zumeist gestenhafte Anschauung zu
suggerieren. Man beobachte die Herausarbeitung der Subjekte turba
feralis, Leontius regens, ille, Marcus imperator, praefectus, acerrimus
concitor ; der Objekte urbem aeternam, Philocomum aurigam, multi-
tudinem, vultus, agnitum quendam, eumque; die Fülle von Apposi-
tionen — Jespersen würde sagen «Extrapositionen» — und apposi-
tionsähnlichen Formen, jede möglichst selbständig herausgestellt: zu
Leontius gehört regens, ferner celer, justissimus, benevolus, dann in
besonderer syntaktischer Einkleidung acer, und nochmals herausge-
hoben inclinatior ad amandum; zu causa gehört, mit kunstvoller Dif-
ferenzierung, vilissima und levis; zu plebs, gleichermaßen differen-
ziert, secuta und defensura proprium pignus; zu ille gehört stabilis
und erectus; zu multitudinem zuerst arrogantem, und alsdann, dage-
gen und untereinander abgehoben minacem und saevientem ; dann
folgt, auf den Präfekten bezüglich, das «pergens» fortsetzend, scharf
hervorgehoben, difficilis ad pavorem, insidens vehiculo, perpessus;
an agnitum quendam schließen sich eminentem, vasti corporis, rutili
capilli, später sublimi, implorante; und der Name selbst, Petrus Val-
vomeres, ist als Apposition gebracht und extrem betont. Auch andere
ausmalende Satzglieder werden hervorgehoben, etwa ut timidum, nec
strepente ullo nec obsistente, operis ambitiosi, enixius und so fort;
und der Eindruck verstärkt sich, wenn man etwas größere Wortgrup-
pen betrachtet. Urbem aeternam Leontius regens, von einem Appo-
sitionsschweif gefolgt, ist absichtlich monumental, ebenso Marcus
condidit imperator; dramatisch und monumental, als Bild und Geste,
ist der Satzanfang insidens itaque vehiculo; völlig malend ist die Vor-
wegnahme von contuebatur acribus oculis vor dem prunkvoll beweg-
ten und rauschenden Objekt tumultuantium undique cuneorum veluti
serpentium vultus; ebenso das sich nach dem farblosen agnitum quen-
dam ausbreitende inter alios eminentem, vasti corporis, rutilique ca-
pilli. Einen Satz wie diesen: Quo viso sublimi tribuliumque adiumen-
tum nequidquam implorante— dessen Besonderheit in der Überlastung
mit Appositionen besteht, denn zu dem quo viso steht die mehrgliedrige
und im zweiten Glied überladene Apposition in einem ganz unklassi-
schen Verhältnis — hätte wohl Tacitus noch kaum geschrieben ; aber wie
anschaulich ist er! Man sieht den Petrus zappeln und hört ihn brüllen.
Für ein klassisches Empfinden ist der Stil sowohl in der Wortwahl
wie in der Satzbildung zugleich übertrieben raffiniert und übertrieben
62 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

sinnlich; er wirkt sehr stark, aber er wirkt verzerrt. Er wirkt ebenso


verzerrt wie die Wirklichkeit, die er darstellt. Die Welt Ammians ist
sehr oft wie ein Zerrspiegel der gewohnten menschlichen Umgebung,
in der wir uns bewegen, sie ist sehr oft wie ein böser Traum. Sie ist
dies nicht einfach deshalb, weil darin schreckliche Dinge geschehen,
wie Verrat, Mord, Folter, heimtückische Nachstellung und Denun-
ziation; solche Dinge geschehen fast immer und überall, und die Epo-
chen etwas erträglicheren Lebens sind nicht allzu häufig. Das Be-
drückende an der Welt Ammians ist vielmehr das Fehlen eines Ge-
gengewichts; denn so wahr es ist, daß Menschen zu allem Schreck-
lichen fähig sind, so wahr ist es auch, daß das Schreckliche ständig
Gegenkräfte erzeugt, und daß sich in den meisten Epochen entsetz-
lichen Geschehens auch die großen Lebenskräfte der Seele offenba-
ren : Liebe und Aufopferung, bekennendes Heldentum und bohren-
des Forschen nach den Möglichkeiten eines reineren Daseins. Davon
findet sich nichts bei Ammian. Grell nur im Sinnlichen, trotz des star-
ren Pathos resigniert und gleichsam gelähmt, zeigt seine Geschichts-
schreibung nirgends etwas Erlösendes, nirgends etwas in eine bessere
Zukunft Weisendes, nirgends eine Gestalt oder Handlung, die ein
freierer, menschlicherer Wind kühlend umwehte. Das fängt schon bei
Tacitus an, wenngleich längst nicht in demselben Maße; und die Ur-
sache hiervon liegt wohl in der hoffnungslos defensiven Lage, in wel-
che die antike Kultur mehr und mehr hineingeriet; nicht mehr fähig,
aus sich selbst neue Hoffnung und neues Leben zu gebären, mußte sie
sich auf Maßnahmen beschränken, die bestenfalls den Verfall aufhal-
ten, das Bestehende erhalten konnten; und auch diese Maßnahmen
wurden immer greisenhafter, und ihre Durchführung immer schwie-
riger. Das ist bekannt, und ich brauche nicht weiter darauf einzuge-
hen; hinzufügen möchte ich nur noch, daß auch das Christentum,
dem Ammian nicht unfreundlich gegenüberzustehen scheint, für ihn
jedenfalls nichts bedeutet, was den Zustand finsterer Zukunftslosig-
keit durchbräche.
Es ist deutlich, daß Ammians Darstellungsweise etwas zur vollen
Entfaltung bringt, was sich seit Seneca und Tacitus ankündigt, näm-
lich einen hochpathetischen Stil, in welchen das grauenhafte Sinnliche
sich Bahn gebrochen hat: einen finsteren, hochpathetischen Realis-
mus, der der klassischen Antike ganz fremd ist. Die Mischung von
rhetorischen Künsten raffiniertester Art und grellem, stark verzerrtem
Realismus kann man schon weit früher, und in weit niedrigeren Stil-
lagen studieren: bei Apuleius etwa, von dessen Stil Norden in der
schon mehrfach erwähnten «Antiken Kunstprosa» eine glänzende
Analyse gibt. Die Stillage eines milesischen Romans ist selbstver-
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 63
ständlich eine ganz andere als die eines Geschichtswerkes, aber trotz
aller spielerischen, verbuhlten und oft albernen Leichtfertigkeit zei-
gen die Metamorphosen nicht nur eine ähnliche Mischung von Rhe-
torik und Realismus, sondern auch — und darauf hat Norden nicht
hingewiesen — die gleiche Neigung zur gespenstisch-grauenhaften Ver-
zerrung der Wirklichkeit. Ich meine damit nicht nur die Fülle der
Verwandlungs- und Gespenstergeschichten, die sich alle auf der
Grenze des Grauenhaften und des Grotesken bewegen, sondern auch
noch manches andere, so etwa die Art der Erotik; bei äußerster Beto-
nung der Begierde, die mit allen Würzen rhetorisch-realistischer
Kunst auch beim Leser wachgerufen werden soll, fehlt das Seelische
und Menschlich-Vertrauliche vollkommen, und etwas Gespenstisch-
Sadistisches mischt sich ständig ein; die Begierde ist mit Angst und
Grauen gemischt; freilich ist auch viel Albernheit dabei. Und das
geht durch den ganzen Roman: Angst, Begierde und Albernheit er-
füllen ihn. Wäre das Gefühl der Albernheit des Ganzen, wenigstens
bei einem heutigen Leser, nicht so stark, so wäre man versucht, an
gewisse moderne Schriftsteller, etwa an Kafka, zu denken, deren
Welt durch ihre grauenhafte Verzerrung an überaus konsequenten
Irrsinn erinnert. Ich will das, was ich meine, durch eine sehr unschein-
bare Stelle aus den Metamorphosen verdeutlichen. Sie steht am Ende
des ersten Buches (I, 24), und berichtet von einem Markteinkauf, den
der Erzähler Lucius in einer fremden (thessalischen) Stadt unter-
nimmt. Sie lautet folgendermaßen:
rebus meis in cubiculo conditis, pergens ipse ad balneas, ut prius
aliquid nobis cibatui prospicerem, forum cuppedinis peto; inque eo pisca-
tum opiparem expositum video. Et percontato pretio, quod centum num-
mis indicaret, aspernatus viginti denariis praestinavi. Inde me commo-
dum egredientem continuatur Pythias. condiscipulus apud Athenas Atti-
cas meus; qui me post aliquantum temporis amanter agnitum invadit, am-
plexusque et comiter deosculatus, Mi Luci, ait, sat pol diu est quod inter-
visimus te, at hercules exinde cum a Clytio magistro digressi sumus. Quae
autem tibi causa peregrinationis huius? Crastino die scies, inquam. Sed
quid istud? Voti Baudeo. Nam et lixas et virgas et habitum prorsus ma-
gistratui congruentem in te video. Annonam curamus, ait, et aedilem
gerimus ; et si quid obsonare cupis. utique commodabimus. Abnuebam,
auinne qui iam cenae affatim piscatum prospexeramus. Sed enim Pythias,
visa sportula succussisque in aspectum planiorem piscibus: At has quis-
quilias quanti parasti? Vix, inquam, piscatori extorsimus accipere viginti
denarios. Quo audito statim arrepta dextra postliminio me in forum cup-
pedinis reducens : Et a quo, inquit, istorum nugamenta haec comparasti?
Demonstro seniculum; in angulo sedebat. Quem confestim pro aedilitatis
imperio voce asperrima increpans : Iam iam, inquit, nec amicis quidem
nostris vel omnino ullis hospitibus parcitis, qui tam magnis pretiis pisces
64 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES
frivolos indicatis et florem Thessalicae regionis ad instar solitudinis et
scopuli edulium caritate deducitis! Sed non impune. Iam enim faxo
scias, quemadmodum sub meo imperio mali debeant coerceri. Et pro-
fusa in medium sportula iubet officialem suum insuper pisces inscen-
dere ac pedibus suis totos obterere. Qua contentus morum severitudine
meus Pythias, ac mihi ut abirem suadens: Sufficit mihi, o Luci, inquit,
seniculi tanta haec contumelia. His actis consternatus ac prorsus obstu-
pidus ad balneas me refero, prudentis condiscipuli valido consilio et num-
mis simul privatus et cena

Ich räume meine Sachen im Schlafzimmer ein, will in die Badeanstalt


und gehe vorher auf den Lebensmittelmarkt, um mir etwas zum Essen zu
besorgen; dort sehe ich vorzügliche Fische ausliegen, frage nach dem Preis
und handle ihn von hundert Denaren auf zwanzig herunter. Wie ich ge-
rade von dort weggehe, läuft mir Pythias über den Weg, mein Mitschüler
im attischen Athen. Sobald er mich nach einigem Zögern erkennt, kommt
er liebevoll auf mich zu, umarmt und küßt mich freundlich und ruft: «Lu-
cius, wie lange ist es her, seit ich dich gesehen habe! Ich glaube, seit wir
von unserem Lehrer Clytius fort sind! Aber wie kommst denn du hier-
her?» «Das sollst du morgen erfahren», antwortete ich, «aber was ist
denn das? Ich muß dir ja gratulieren, ich sehe Gerichtsdiener und Ruten,
und dich selbst in Amt und Würden!» «Ich verwalte die Marktpolizei»,
sagt er, «ich bin Ädil; und wenn du etwas einkaufen willst, bin ich dir
gern behilflich.» Ich lehnte ab, denn ich hatte ja schon genügend Fisch für
mein Abendessen besorgt. Aber Pythias sah mein Körbchen, schüttelte
die Fische, um sie besser zu sehen und sagte: «Und wieviel hast du für das
Zeug bezahlt?» «Mit Mühe», antwortete ich, «habe ich den Fischer be-
wogen, zwanzig Denare anzunehmen.» Darauf faßt er mich bei der Hand
und zieht mich wieder auf den Markt zurück: «Und von welchem dieser
Händler», fragte er, «hast du den Kram gekauft?» Ich zeige auf einen
kleinen Alten, der in einer Ecke saß. Sofort beginnt er auf Grund seiner
ädilischen Befugnis mit scharfer Stimme ihn herunterzumachen: «Jetzt
geht ihr schon so weit», sagte er, «daß ihr nicht einmal meine Freunde
und überhaupt fremde Gäste anständig behandelt; so billige Fische für
solch einen Preis zu verkaufen! Ihr macht durch die hohen Lebensmittel-
preise diese blühendste Stadt Thessaliens zu einer Steinwüste, die niemand
besuchen will! Aber das soll nicht ungestraft bleiben. Ich werde dir schon
zeigen, wie unter meiner Verwaltung die Gauner bestraft werden!»
Darauf schüttet er den Inhalt des Körbchens aus und befiehlt einem
seiner Unterbeamten auf die Fische zu treten und sie mit den Füßen
vollständig zu zertrampeln. Befriedigt von seiner Strenge rät mir Py-
thias alsdann, fortzugehen, indem er sagte: «Lieber Lucius, das ist eine
große Schande, die ich dem Alten angetan habe; dabei lasse ich es be-
wenden.» Verblüfft und geradezu bestürzt von diesen Vorgängen, be-
gebe ich mich ins Bad; durch die energische Maßnahme meines klugen
Studiengenossen war ich zugleich um mein Geld und um mein Abend-
essen gekommen ...
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 65
Es gab und gibt zweifellos Leser, die über diese Geschichte einfach
lachen und sie für eine Farce halten, für einen bloßen Spaß. Aber das
scheint mir nicht ausreichend. Das Benehmen des eben wiedergefun-
denen Freundes, von dem sonst nichts weiter gesagt wird, ist entwe-
der absichtlich boshaft (aber dafür fehlt jede Begründung), oder irr-
sinnig — aber es wird nirgends bemerkt, daß er geistesgestört sei. Der
Eindruck einer halb albernen, halb gespenstischen Verzerrung der
gewöhnlichen und durchschnittlichen Lebensvorgänge ist unabweis-
bar. Der Freund hat sich über das unverhoffte Wiedersehen gefreut,
er hat seine Dienste angeboten, ja aufgedrängt: und ohne sich im
mindesten um die Folgen seiner Handlungsweise zu kümmern, be-
raubt er Lucius seines Abendessens und seines Geldes; von einer Be-
strafung des Verkäufers, der ja sein Geld behält, kann gar nicht die
Rede sein; und wenn ich recht verstehe, rät Pythias dem Lucius des-
halb zum Verlassen des Marktes, weil ihm die Händler nach diesem
Auftritt nichts mehr verkaufen oder gar sich sonst an ihm rächen
werden. Das Ganze ist bei aller Albernheit raffiniert ausgeklügelt, um
Lucius zu übertölpeln und ihm einen bösen Streich zu spielen — aber
aus welchem Grunde, zu welchem Zweck? Ist es Albernheit, ist es
Bosheit, ist es Irrsinn? Die Albernheit hindert den Leser nicht sich
betroffen und beunruhigt zu fühlen. Und welch eine sonderbar pein-
liche, schmutzige und ein wenig sadistische Vorstellung, die Fische,
die von Amts wegen auf dem Pflaster des Marktplatzes zertreten
werden!
Der Einbruch des grell ausmalenden Realismus in den hohen Stil,
den wir bei Ammian trafen, und der die klassische Trennung der Stile
allmählich unterhöhlt, macht sich auch bei den christlichen Autoren
geltend; in der jüdisch-christlichen Tradition gab es, wie wir früher
gezeigt haben, eine Trennung von hohem Stil und Realismus über-
haupt nicht, und andererseits wurde der Einfluß der antiken Rhetorik
auf die Kirchenväter — der sehr stark war, wie man weiß, um so stär-
ker als viele der Kirchenväter hochgebildete, philosophisch und rhe-
torisch geschulte Männer waren — erst zu einer Zeit wirksam, wo der
eben erwähnte Unterhöhlungsprozeß schon weit fortgeschritten war,
nicht nur in bezug auf die Stiltrennung, sondern überhaupt in der Be-
wahrung von Maß und Harmonie des Ausdrucks. Auch bei den Kir-
chenvätern findet sich daher nicht selten die Mischung von rhetori-
schem Prunk und greller Ausmalung der Wirklichkeit; besonders Hie-
ronymus leistet darin das Äußerste. Seine Horaz und Juvenal weit
übertrumpfenden satirischen Zerrbilder sind sehr stark malend; noch
mehr sind es gewisse Stellen, wo er, bis in die kleinsten Einzelheiten
und ohne sich irgendwelche Zurückhaltung des Anstands aufzuerle-
5
66 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

gen, asketische Ratschläge gibt, die sich auf Essen und Trinken, Pflege
oder vielmehr Vernachlässigung des Körpers und Keuschheit bezie-
hen. Bis zu welch äußerster Anschaulichkeit des Grausigen im Prunk-
stil er sich versteigen kann, zeigt eine Stelle aus seinen Briefen (66, 5;
Patrologia lat. 22, 641), die vielleicht die wirksamste, aber keineswegs
die einzige ihrer Art ist. Eine Frau aus vornehmem Hause, Paulina,
ist gestorben, und der überlebende Gatte, Pammachius, hat sich ent-
schlossen, sein Gut den Armen zu überlassen und selbst Mönch zu
werden. In der preisenden und mahnenden Epistel, die Hieronymus
aus diesem Anlaß schreibt, lautet ein Absatz folgendermaßen:
Ardentes gemmae, quibus ante collum et facies ornabantur, egentium
ventres saturant. Vestes sericae, et aurum in fila lentescens, in mollia lana-
rum vestimenta mutata sunt, quibus repellatur frigus, non quibus nudetur
ambitio. Deliciarum quondam suppelectilem virtus insumit. Ille caecus
extendens manum, et saepe ubi nemo est clamitans, heres Paulinae, cohe-
res Pammachii est. Illum truncum pedibus, et toto corpore se trahentem,
tenerae puellae sustentant manus. Fores quae prius salutantium turbas
vomebant, nunc a miseris obsidentur. Alius tumenti aqualiculo mortem
parturit ; alius elinguis et mutus, et ne hoc quidem habens unde roget, ma-
gis rogat dum rogare non potest. Ilic debilitatus a parvo non Bibi mendicat
stipem; ille putrefactus morbo regio supravivit cadaveri suo.
Non mihi si linguae centum sint. ()miaue centum,
Omnia poenarum percurrere nomina possim. (Aen. VI, 625, 627)
Hoc exercitu comitatus incedit, in his Christum confovet, horum sordibus
dealbatur. Munerarius pauperum et egentium candidatus sic festinat ad
coelum. Ceteri mariti super tumulos conjugum spargunt violas, rosas,
floresque purpureos, et do!orem pectoris his officiis consolantur. Pamma-
chius noster sanctam favillam ossaque veneranda eleemosynae balsamis
rigat

Die strahlenden Edelsteine, die einst Hals und Gesicht schmückten,


sättigen nun die Bäuche der Darbenden. Die seidenen Gewänder und die
eingewebten Goldfäden sind in weiche Wollkleider verwandelt, um vor
der Kälte zu schützen, nicht um die Prunksucht aufzudecken. Was einst
das Geräte des Luxus war, das übernimmt nun die Tugend. Jener Blinde.
der die Hand ausstreckt und oft ruft wo niemand ist, wird zum Erben der
Paulina, zum Miterben des Pammachius. Jenen an den Füßen Verstüm-
melten. der sich mit seinem ganzen Körper vorwärts schleppt, stützen die
Hände eines zarten Mädchens. Die Tore, die sonst die Scharen aufwar-
tender Besucher ausspieen, werden nun von den Armen belagert. Der
eine, mit geschwollenem Leib, geht schwanger mit seinem Tode; ein an-
derer, ohne Zunge und stumm, der nicht einmal etwas hat womit er flehen
könnte, fleht um so eindringlicher, weil er nicht flehen kann. Dieser hier,
von Kindheit an verkümmert, braucht seine Spende nicht mehr zu erbet-
teln (?); jener, von Krankheit (Gelbsucht?) schon verfault, überlebt seine
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 67
Die Kranken- und Bettlerprozession beruht selbstverständlich so-
wohl in ihrem Inhalt wie in ihrer Gesinnung auf der Bibel; das Buch
Hiob, die Krankenheilungen und die Ethik aufopfernder Demut im
Neuen Testament bilden die Grundlage zu solcher Ausbreitung kör-
perlicher Abscheulichkeiten. Schon in sehr früher Zeit gilt die Auf-
opferung für abstoßende Kranke (spirans cadaver, sagt Hieronymus
an einer anderen Stelle) und insbesondere der körperliche Kontakt
mit ihnen bei der Pflege als eines der wichtigsten Merkmale, an denen
christliche Demut und Streben nach Heiligkeit sich erweisen. Aber es
ist deutlich, daß zu der grellen Wirkung unseres Textes auch die rhe-
torischen Künste der Spätantike ihr Teil beigetragen haben — ich
möchte glauben, den Hauptteil. Die prunkhafte Malerei dieser Rhe-
torik zeigt sich gleich zu Anfang in den Ausdrücken des Gegensatzes
zwischen höchstem Luxus und jammervollster Armut, wo in der
Wortwahl mit den äußersten Stilpolen geprunkt wird: ardentes gern-
mae gegen egentium ventres! Es zeigt sich ferner in dem Antithesen-
spiel der Worte und Begriffe (lanarum vestimenta quibus repellatur
frigus gegen die vestes sericae usw. quibus nudetur ambitio — ubi
nemo est clamitans — ne hoc quidem habens unde roget etc. — supra-
vivit cadaveri suo — sordibus dealbatur — und so fort), in der Vorliebe
für prunkende Adjektiva und Bilder, in dem pathetischen Gebrauch
der Anapher (hoc, his, horum). Zwar unterscheidet sich Hieronymus
von seinem Zeitgenossen Ammian dadurch, daß die Flammen seines
Prunks, ardentes gemmae, von Liebesglut und Begeisterung genährt
werden — der lyrische Schwung der letzten Sätze mit dem gen Himmel
eilig aufsteigenden und die Asche der Geliebten mit dem Balsam der
Barmherzigkeit beträufelnden Pammachius ist herrlich, doppelt wirk-
sam nach der Krankenprozession, und die Blumen, die nicht gestreut,
aber aufgezählt werden, duften mit. Es ist ein herrliches Stück, ein
Entzücken für Liebhaber dessen, was man später Barock nennt, und
Ammians weit mehr starre und innerlich gefrorene Pracht hat dem
nichts an die Steite zu stellen. Aber auch Hieronymus' Hoffnung, die

eigene Leiche. «Und wenn ich hundert Zungen hätte und hundert Mün-
der, ich könnte nicht alle Namen der Martern aufzählen.» Von dieser
Schar begleitet, schreitet er vorwärts, in ihnen pflegt er Christus. in ihrem
Schmutz wird er weiß gewaschen: so eilt der Kassenführer der Armen,
der candidatus (zugleich etwa «liebender Bewerber» und «mit weißer
Toga Bekleideter») der Darbenden zum Himmel. Andere Gatten streuen
auf die Gräber ihrer Frauen Veilchen, Rosen, Lilien und Purpurblumen.
und sie trösten den Schmerz ihrer Brust mit diesen Darbietungen; unser
Pammachius beträufelt die heilige Asche und die verehrungswürdigen Ge-
beine mit dem Balsam der Barmherzigkeit ...
68 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

ihn so ergreifend ins Lyrische aufsteigen läßt, bezieht sich ganz und
gar nicht auf diese Welt; seine ganz ausdrücklich auf das asketisch-
jungfräuliche Ideal gerichtete Propaganda ist zeugungsfeindlich und
geht auf die Vernichtung des Irdischen; nur mühsam und teilweise
läßt er sich von dem schon damals einsetzenden Widerstand zu hal-
ben Konzessionen bewegen. Auch seine Flamme ist düster, und der
Gegensatz zwischen dem malenden Prunk der Rede und dem finster-
selbstmörderischen Ethos, das Eintauchen in das Gräßliche, Lebens-
verzerrende und Lebensfeindliche ist auch bei ihm oft nahezu uner-
träglich. Nicht zum letzten Mal begegnet bei ihm asketisch-weltmor-
dende Gesinnung in überreich malendem Stil; das bleibt eine christ-
liche Tradition; doch wirkt es bei ihm um so düsterer, weil die weltlich-
frohen Gegenstimmen, die im späteren Barock überall, selbst in der
tiefsten ekstatischen Frömmigkeit, noch mitklingen, bei ihm ganz feh-
len; die finstere, verzweifelte Defensive der untergehenden Antike ver-
mochte solche Stimmen, wie es scheint, nicht mehr hervorzubringen.
Allein es gibt selbst bei den Kirchenvätern Texte, die ein ganz an-
deres, weit mehr dramatisch kämpfendes Verhältnis zur Wirklichkeit
ihrer Zeit verraten — und zugleich auch eine ganz andere, weit weniger
barocke, weit mehr von der klassischen Überlieferung beeinflußte
Ausdrucksform. Der folgende Text, an dem ich dies erweisen will, ist
das achte Kapitel des sechsten Buches von Augustins Confessionen ;
die Person, von der gesprochen wird, ist Augustins Jugendfreund und
Schüler Alypius; die angeredete Person (tu) ist Gott.
Non saue relinquens incantatam sibi a parentibus terrenam viam, Ro-
man praecesserat, ut ius disceret; et ibi gladiatorii spectacuti hiatu incre-
dibili et incredibiliter abreptus est. Cum enim aversaretur et detestaretur
talia, quidam eius amici et condiscipuli, cum forte de prandio redeuntibus
per viam obvius esset, recusantem vehementer et resistentem familiari vio-
lentia duxerunt in amphitheatrum, crudelium et funestorum ludorum die-
bus. haec dicentem: si corpus meum in illum locum trahitis, et ibi consti-
tuitis, numquid et animum et oculos meos in illa spectacula potestis in-
tendere? Adero itaque absens, ac sic et vos et illa superabo. Quibus au-
ditis illi nihilo segnius eum adduxerunt secum. idipsum forte explorare
cupientes, utrum posset efficere. Quo ubi ventum est, et sedibus, quibus
potuerunt, locati sunt, fervebant omnia imanissimis voluptatibus. Ille au-
tem clausis foribus oculorum interdixit animo, ne in tanta mala procede-
ret, atque utinam et aures obturavisset. Nam quodam pugnae casu, cum
clamor ingens totius populi vehementer eum pulsasset, curiositate victus
et quasi paratus quicquid illud esset etiam visu contemnere et vincere,
aperuit oculos; et percussus est graviore vulnere in anima. (warn ille in
corpore, quem cernere concupivit, ceciditque miserabilius, quam ille quo
cadente factus est clamor : qui per eius aures intravit, et reseravit eius
lumina, ut esset, qua feriretur et deiiceretur, audax adhuc potius quam
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 69
fortis animus; et eo infirmior, quod de se etiam praesumpserat quod de-
buit tibi. Ut enim vidit illum sanguinem, immanitatem simul ebibit, et non
se avertit, sed fixit adspectum, et hauriebat furias, et nesciebat; et delecta-
batur scelere certaminis, et cruenta voluptate inebriabatur. Et non erat
iam ille qui ver.erat, sed unus de turba ad quam venerat, et verus eorum
socius a quibus adductus erat. Quid plura? Spectavit, clamavit, exarsit,
abstulit inde secum insaniam qua stimularetur redire: non tantum cum
illis a quibus prius abstractus est, sed etiam prae illis, et alios trahens. Et
inde tarnen manu validissima et miserizordissima eruisti eum tu, et do-
cuisti eum non sui habere, sed tui fiduciam; sed Longe postea."

Er verließ freilich nicht die ihm von seinen Eltern gepriesene weltliche
Lauf bahn und war nach Rom gegangen, um Rechtswissenschaft zu stu-
dieren. Und dort wurde er in einem unglaublichen Maße und auf eine un-
glaubliche Art und Weise von der Leidenschaft für die Gladiatorenspiele
ergriffen. Während er nämlich noch alles Derartige mißbilligte und verab-
scheute, traf er einmal zufällig einige vom Mahl zurückkehrende Freunde
und Studiengenossen, die ihn trotz seines Widerspruchs und seines Sträu-
bens mit kameradschaftlicher Gewalt ins Amphitheater schleppten, gera-
de in den Tagen, wo dort die grausamen und unheilvollen Spiele stattfin-
den. Er aber sagte zu ihnen: «Wenn ihr auch meinen Körper dorthin
schleppt und zu verweilen zwingt, könnt ihr vielleicht meinen Geist und
meine Augen auf die Spiele lenken? Ich werde als ein Abwesender da sein
und auf diese Art meine Überlegenheit über euch und über jene Schau-
stellung beweisen.» Auf diese Worte ließen sie erst recht nicht ab ihn mit-
zuziehen; vielleicht gerade weil sie Lust hatten, auszuprobieren, ob er das
wohl schaffen würde. Am Ort selbst, wo sie schließlich ankamen und Platz
fanden, raste die Menschenmenge in einem Taumel gräßlichen Entzückens.
Alypius schloß das Tor seiner Augen und verbot seinem Ge;ste, sich mit so
üblen Dingen abzugeben; hätte er doch auch seine Ohren vzrstopft! Denn
bei einer Wendung des Kampfes traf ihn gewaltig das rasende Gebrüll der
Menge; ihn packte die Neugier, und in der Überzeugung, er sei fähig, auch
das Schlimmste mit dem Blick zu besiegen und zu verachten, öffnete er die
Augen; und da wurde seine Seele von einer schlimmeren Wunde durch-
bohrt als der Leib dessen, den er zu sehen wünschte, und er fiel jammer-
voller als jener, bei dessen Fall das Geschrei entstanden war: dies Geschrei
drang durch seine Ohren ein und öffnete seine Augen um den Weg zu fin-
den seinen damals noch mehr tollkühnen als starken Geist zu verwunden
und umzuwerfen; der war um so schwächer, als er sich selbst zugetraut
hatte, was er nur von dem Vertrauen auf dich erwarten durfte. Denn als er
das Blut sah, trank er zugleich das Gift des Bestialischen; und er wandte
sich nicht ab. sondern heftete seinen Blick auf das Schauspiel; er sog das
Gräßliche in sich, und ohne es zu wissen, begann er an dem verbrecheri-
schen Kampf Vergnügen zu finden, und wurde von blutiger Wollust trun-
ken. Und schon war er nicht mehr derselbe, der dorthin gekommen war,
sondern einer aus der Menge, zu der er gekommen war, und wirklich ein
Genosse derer, die ihn dorthin gebracht hatten. Was soll ich noch sagen?
70 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

Auch hier sind die Kräfte der Zeit wirksam: Sadismus, Blutrausch,
und das Überwiegen des Magisch-Sinnlichen über das Rationale und
Ethische. Aber es wird gekämpft, der Feind wird erkannt, und die
Gegenkräfte der Seele werden mobilisiert ihm zu begegnen. Der
Feind zeigt sich hier in der großen Massensuggestion des Blutrauschs,
der alle Sinne zugleich angreift; wenn die Verteidigung ihm den Ein-
gang der Augen versperrt, bahnt er sich durch die Ohren seinen Weg
und erzwingt damit auch das Öffnen der Augen. Noch immer verläßt
sich die Verteidigung auf ihr innerstes Zentrum, auf die Kraft ihrer
inneren Entschlossenheit, auf ihren bewußten Willen zur Ablehnung.
Aber dies innerste Bewußtsein hält keinen Augenblick stand; es
schlägt sofort um, und die bis dahin durch mühsame Willensanspan-
nung zurückgedämmten Kräfte, die bisher der Verteidigung dienten,
gehen zum Feinde über. Man wolle sich Rechenschaft ablegen, was
das bedeutet. Gegen die pöbelhafte Vermassung, gegen irrationale
und maßlose Begierde, gegen den Zauber der magischen Kräfte besaß
die aufgeklärte klassische Kultur die Waffe der individualistischen,
aristokratischen, maßvollen und rationalen Selbstbeherrschung; die
verschiedenen ethischen Lehrsysteme waren darin einig, daß ein wohl-
gebildeter, seiner selbst bewußter Mensch durch eigene Kraft fähig
sei, sich vom Unmaß abzuwenden, und daß es gegen seinen Willen
keinen Einlaß bei ihm finden könne. Auch die manichäische Lehre,
der Alypius damals schon nahestand, vertraut auf die Erkenntnis des
Guten und des Bösen. Darum läßt er sich ohne allzu große Besorgnis
familiari violentia in das Amphitheater schleppen; er verläßt sich auf
seine geschlossenen Augen und auf seinen entschlossenen Willen.
Aber sein individualistisches, stolzes Selbstbewußtsein wird im Nu
überrannt; und es ist nicht nur ein beliebiger Alypius, dessen Stolz, ja
dessen innerstes Wesen hier niedergeschmettert wird, sondern die ge-
samte rational-individualistische Kultur der klassischen Antike: Plato
und Aristoteles, die Stoa und Epikur. Die heiße Begier hat sie wegge-
fegt, in einem einzigen gewaltigen Sturm: et non erat iam ille qui ve-
nerat, sed unus de turba ad quam venerat. Der vornehm sich selbst
vertrauende, individuell wählende, das Unmaß verabscheuende Ein-
zelne ist einer aus der Masse geworden, und nicht allein dieses: die-
selben Kräfte, die ihm ermöglichten, länger und entschlossener als
Er schaute zu, er schrie, er geriet in wilde Erregung, er nahm von dort mit
sich den wahnsinnigen Drang wieder zurückzukehren, nicht nur mit den
anderen, die ihn verschleppt hatten, sondern noch ihnen voraus und an-
dere nach sich ziehend. Aber du zogst ihn mit deiner starken und barm-
herzigen Hand dort heraus, und lehrtest ihn nicht auf sich, sondern auf
dich zu vertrauen. Doch das geschah erst viel später.
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 71
andere sich von der Massensuggestion fernzuhalten, dieselbe Energie,
die ihn bisher zu einem eigenen, stolzen Leben befähigte, diese selben
Kräfte stellt er nun der Masse und ihrem triebhaften Wesen zur Ver-
fügung; er wird nicht nur verführt, er wird zum Verführer; das, was
er bisher verabscheute, liebt er nun; nicht nur mit den anderen rast er,
sondern vor allen anderen: non tantum cum illis, sed prae illis, et alios
trahens. Wie es bei einem jungen Menschen von großer, leidenschaft-
licher Lebenskraft nur zu natürlich ist, gibt er nicht etwa langsam ein
wenig nach, sondern stürzt sich in die extreme Gegenposition; der
Umschlag ist ein vollkommener; und solch ein Umschlag von einem
Äußersten zum Entgegengesetzten ist zugleich sehr christlich; so wie
Petrus in der Szene der Verleumdung (und umgekehrt wie Paulus auf
dem Weg nach Damaskus), fällt er um so tiefer, je höher er vorher
stand — und wie Petrus, wird er sich wieder erheben. Denn seine Nie-
derlage ist keine endgültige; wenn ihn Gott gelehrt haben wird, auf
ihn zu vertrauen und nicht auf sich selbst — und auf dem Weg zu die-
ser Lehre ist gerade seine Niederlage der erste Schritt — dann wird er
triumphieren. Dem Christentum stehen im Kampf gegen die magi-
sche Trunkenheit andere Waffen zu Gebot als die der rational-indivi-
duellen antiken Hochbildung: Ist es doch selbst eine Bewegung aus
der Tiefe, sowohl aus der Tiefe der Vielen als auch aus der Tiefe des
unmittelbaren Gefühls; es vermag den Feind mit seinen eigenen Waf-
fen zu bekämpfen. Seine Magie ist nicht minder Magie als der Blut-
rausch, und sie ist stärker, weil sie geordneter, menschlicher und hoff-
nungsreicher ist.
Ein solcher Text, so viel er auch von den finstern Zügen der Zeit-
wirklichkeit verrät, zeigt einen ganz anderen Charakter als Ammian
und auch als die angeführte Hieronymusstelle. Was ihn auf den ersten
Blick von den anderen Texten unterscheidet, ist die Wärme des dra-
matisch-menschlichen Kampfs; Alypius lebt und kämpft; neben ihm
sind nicht nur die Personen Ammians, sondern auch der Pammachius
in dem Hieronymustext starre Schemen, deren Inneres sich nicht öff-
net. Dies ist das Entscheidende, was Augustin völlig aus dem Stil sei-
ner Zeit, so weit ich ihn kenne, heraushebt: er fühlt und gibt unmit-
telbar menschliches Leben, welches vor unseren Augen lebt. Die rhe-
torischen Stilmittel, die er durchaus nicht verschmäht, weder in die-
sem Text noch sonst, scheinen mir im ganzen der älteren klassischen,
ciceronianischen Art näher zu stehen als was wir bei Ammian und bei
Hieronymus gefunden haben; das äußerst dramatische « spectavit,
clamavit, exarsit, abstulit inde etc.» erinnert an die Figur aus der
zweiten catilinarischen Rede «abiit, excessit, evasit, erupit», der es
übrigens durch das wirklich Inhaltsvolle der Steigerung und den an-
72 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

schließenden Übergang ins Sachliche weit überlegen ist — und auch


sonst gibt es, zumal im zweiten Teil des Textes, eine ganze Anzahl von
Wortfiguren, Antithesen und Satzparallelismen. Das Rhetorische
wirkt klassischer als bei Ammian oder Hieronymus; aber es ist doch
auch deutlich und auf den ersten Blick zu erkennen, daß es sich nicht
um einen klassischen Text handelt; im Ton ist etwas eindringlich
Treibendes, menschlich Dramatisches, und in der Form ein Vorwie-
gen der Parataxe, was beides, sowohl jedes für sich als auch im Zu-
sammenwirken, ganz unklassisch erscheint. Wenn man etwa den Satz
nam quodam pugnae casu etc. betrachtet, der eine ganze Anzahl hy-
potaktisch eingefügter Glieder enthält, so ergibt sich, daß er in einer
zugleich dramatischen und parataktischen Bewegung gipfelt: aperuit
oculos, et percussus est etc.— und man fühlt sich, wenn man dem Ein-
druck nachzuspüren sucht, an gewisse biblische Stellen erinnert, die
sich in der Vulgata folgendermaßen spiegeln: Dixitque Deus: fiat lux,
et facta est lux; oder: ad te clamaverunt, et salvi facti sunt; in te spe-
raverunt, et non sunt confusi (Ps. 22, 6); oder: Flavit spiritus tuus, et
operuit eos mare (Exod. 15, 10); oder: aperuit Dominus os asinae, et
locuta est (Num. 22, 28); wo überall anstelle der kausalen oder min-
destens temporalen Hypotaxe, die man im klassischen Latein erwar-
ten würde (sei es durch cum oder postquam, sei es durch absoluten
Ablativ oder eine Partizipialkonstruktion) die Parataxe mit et getre-
ten ist; was durchaus nicht etwa den Zusammenhang der beiden Vor-
gänge abschwächt, sondern im Gegenteil diesen Zusammenhang em-
phatisch herausarbeitet; genau wie es im Deutschen dramatisch wirk-
samer ist zu sagen: er öffnete seine Augen, und da traf ihn ... als zu
formulieren: als er seine Augen öffnete, oder: beim Öffnen seiner
Augen traf ihn ... Diese Beobachtung an dem Satzgipfel aperuit ocu-
los, et percussus est ist nur ein Symptom eines viel allgemeineren Tat-
bestandes: Augustin verwendet wohl den klassischen Periodenstil und
seine Redefiguren (ganz bewußt, wie sich aus seinen Ausführungen
im vierten Buch der Schrift De doctrina christiana ergibt), aber er
läßt sich nicht von ihm beherrschen; das Treibende, Eindringliche
seines Wesens schließt ein Sicheinfügen in das vergleichsweise kühle,
vernünftige, die Dinge von oben anordnende Vorgehen des klassi-
schen und speziell des römischen Stils aus; wie oft er, zumal wo es
sich um dramatische Entwicklung handelt, ein Satzglied neben das
andere setzt, läßt sich in unserem Text überall beobachten: Trahitis,
et ibi constituitis; adero ac superabo ; interdixit, atque utinam obtu-
ravisset (eine auch sonst nicht seltene, doch hier sehr eigentümlich
augustinische Bewegung); aperuit, et percussus est, ceciditque; intra-
vit et reseravit ; ebibit, et non se avertit, sed fixit, et nesciebat, et delec-
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 73
tabatur, et inebriabatur, et non erat iam ille. Das wäre im klassischen
Stil unmöglich, es ist zweifellos biblische Parataxe, wie auch der In-
halt selbst, nämlich die dramatische Vergegenwärtigung eines inneren
Vorgangs, eines inneren Umschlags, ganz ausgesprochen christlich
ist. Et non erat iam ille qui venerat, sed unus de turba ad quam vene-
rat: das ist ein Satz, der, sowohl in der Form wie im Inhalt, klassisch
antik nicht vorstellbar wäre; das ist christlich, und ganz speziell au-
gustinisch, denn niemand hat das Phänomen des Widerstreits und des
Zusammen der inneren Kräfte, den Wechsel ihrer antithetischen und
synthetischen Beziehung und Wirkung mit leidenschaftlicherer Un-
tersuchung verfolgt als er; keineswegs nur in einem praktischen Fall
wie hier, sondern auch bei rein theoretischen Problemen, die unter
seinen Händen zum Drama werden; dafür zeugt am eindringlichsten
seine Schrift über die Trinität, und wenn man an einem weiteren klei-
nen, aber charakteristischen Beispiel erproben will, wie problema-
tisch und doch zugleich wie deutlich ihm Werden und Entwicklung
ist, so lese man die ersten Sätze von Conf. I, 8, wo vom Übergang aus
der Kindheit ins Knabenalter die Rede ist; eine solche Stelle wäre vor
Augustin undenkbar. Die Parataxe dient Augustin zum Ausdruck
des Treibend-Dramatischen, wobei es sich zumeist um innere Vor-
gänge handelt; dagegen fehlt fast vollkommen das, worauf es Am-
mian und andere Autoren der Zeit, sogar christliche, absehen, näm-
lich das sinnliche Ausmalen des äußeren Geschehens, zumal des Ma-
gischen, Krankhaften und Grausigen. In unserem Text, der Anlaß
genug zur Ausmalung böte, wird es mit ein paar kräftigen, aber ganz
allgemeinen Worten abgetan.
Trotzdem ist auch hier der innere, tragische und problematische
Vorgang in die konkrete zeitgenössische Wirklichkeit eingebaut; es
ist zu Ende mit der Trennung der Stilbezirke. Auch bei den heidni-
schen Autoren schlich sich, wie wir sahen, die Ausmalung der Wirk-
lichkeit in den hohen Stil ein, und in einer weit reineren (erst durch
die Begegnung mit dem spätantiken Prunkstil zuweilen verzerrten)
Form drang die Stilmischung aus der jüdisch-christlichen Überliefe-
rung in das Schrifttum der Kirchenväter. Der eigentliche Mittelpunkt
der christlichen Lehre, Inkarnation und Passion, war, wie wir schon
oben (S.44ff.) angedeutet haben, mit dem Stiltrennungsprinzip ganz
unvereinbar. Christus war nicht als ein Held und König, sondern als
ein Mensch niedrigster sozialer Stufe erschienen; seine ersten Schüler
waren Fischer und Handwerker, er bewegte sich zwischen der alltäg-
lichen Umwelt des kleinen Volks in Palästina, sprach mit Zöllnern
und Dirnen, mit Armen und Kranken und Kindern; und jede seiner
Handlungen und Worte war nichtsdestoweniger von höchster und
74 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

tiefster Würde, bedeutender als alles, was je sonst geschah; der Stil, in
dem es erzählt wurde, besaß gar keine oder doch nur eine sehr geringe
Redekultur im antiken Sinne, es war «sermo piscatorius», und trotz-
dem überaus ergreifend und wirksamer als das höchste rhetorisch-
tragische Kunstwerk; und das Ergreifendste an jenen Erzählungen
war die Passion. Daß der König der Könige wie ein gemeiner Verbre-
cher verhöhnt, bespien, gepeitscht und ans Kreuz geschlagen wurde —
diese Erzählung vernichtet, sobald sie das Bewußtsein der Menschen
beherrschte, die Ästhetik der Stiltrennung vollkommen; sie erzeugt
einen neuen hohen Stil, der das Alltägliche keineswegs verschmäht,
und der das sinnlich Realistische, ja das Häßliche, Unwürdige, kör-
perlich Niedrige in sich aufnimmt; oder, wenn man es lieber umge-
kehrt ausdrücken will, es entsteht ein neuer « sermo humilis», ein nie-
derer Stil, wie er eigentlich nur für Komödie und Satire 'anwendbar
wäre, der aber nun weit über seinen ursprünglichen Bereich ins Tief-
ste und Höchste, ins Erhabene und Ewige übergreift. Ich bin auf
diese Zusammenhänge schon früher eingegangen und habe dabei ein-
mal (Sacrae Scripturae sermo humilis, Neuphil. Mitteil., Helsinki,
1941, 57) auf die besondere Rolle Augustins hingewiesen; ihm, der
ebenso in der klassisch-rhetorischen wie in der jüdisch-christlichen
Welt zu Hause war, ih vielleicht als erstem das Problem des Stilge-
gensatzes beider Welten bewußt geworden; er hat es auf eine sehr ein-
dringliche Weise in der Schrift De doctrina christiana (4, 18) formu-
liert, und zwar aus Anlaß des Bechers mit kaltem Wasser bei
Matth. 10, 42.
Die christliche Stilmischung tritt in dieser frühen Epoche deshalb
nicht so sehr in Erscheinung (für das Mittelalter ist sie viel deutlicher
zu beobachten), weil die Kirchenväter nur selten Gelegenheit nehmen
sich mit der gegenwärtigen Wirklichkeit praktisch nachahmend zu be-
schäftigen. Sie sind nicht Dichter und nicht Romanschreiber und
auch im allgemeinen nicht Gegenwartshistoriker; theologische, be-
sonders apologetische und polemische Tätigkeit füllt sie aus und er-
füllt auch ihre Schriften; Stellen, wie die hier zitierten aus Hierony-
mus und Augustin, die gegenwärtige Wirklichkeit schildern, sind
nicht sehr häufig. Um so häufiger findet sich bei ihnen die wirklich-
keitsdeutende Tätigkeit — Ausdeutung vor allem der Heiligen Schrift,
aber auch der großen Geschichtszusammenhänge, insbesondere der
römischen Geschichte, um diese mit der jüdisch-christlichen Ge-
schichtsansicht in Übereinstimmung zu bringen. Dabei wird fast
durchgehend die figurale Methode verwendet, von der hier schon
mehrfach gesprochen wurde (S. 18 und 51 f.), und über deren Bedeu-
tung und Einfluß ich an anderer Stelle (Figura, Arch. Roman., 22,
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 75
436) einige Klarheit zu gewinnen versucht habe. Die Figuraldeutung
«stellt einen Zusammenhang zwischen zwei Geschehnissen oder Per-
sonen her, in dem eines von ihnen nicht nur sich selbst, sondern auch
das andere bedeutet, das andere dagegen das eine einschließt oder er-
füllt. Beide Pole der Figur sind zeitlich getrennt, liegen aber beide, als
wirkliche Vorgänge oder Gestalten, innerhalb der Zeit; sie sind beide
in dem fließenden Strom enthalten, welcher das geschichtliche Leben
ist, und nur das Verständnis, der intellectus spiritualis, ihres Zusam-
menhangs ist ein geistiger Akt.» Praktisch handelt es sich zunächst
fast immer um Interpretation des Alten Testaments, dessen einzelne
Episoden als Figuren oder Realprophezeiungen der Ereignisse des
Neuen gedeutet werden; ein Beispiel findet sich oben S. 51 f., und eine
große Anzahl von kommentierten Beispielen in dem erwähnten Auf-
satz. Diese Art der Deutung bringt, wie man leicht einsieht, ein ganz
neues und fremdes Element in die antike Geschichtsbetrachtung.
Wenn zum Beispiel ein Vorgang wie das Opfer Isaacs interpretiert
wird als Präfiguration des Opfers Christi, so daß also in dem ersteren
das letztere gleichsam angekündigt und versprochen wird, und das
letztere das erstere «erfüllt» — figuram implere ist der Ausdruck da-
für —, so wird ein Zusammenhang zwischen zwei Ereignissen herge-
stellt, die weder zeitlich noch kausal verbunden sind — ein Zusammen-
hang, der auf vernünftige Weise in dem horizontalen Ablauf, wenn
man dies Wort für eine zeitliche Ausdehnung gestattet, gar nicht her-
zustellen ist. Herzustellen ist er lediglich, indem man beide Ereignisse
vertikal mit der göttlichen Vorsehung verbindet, die allein auf diese
Art Geschichte planen und allein den Schlüssel zu ihrem Verständnis
liefern kann. Die zeitlich-horizontale und kausale Verbindung der
Ereignisse wird gelöst, das Jetzt und Hier ist nicht mehr Glied eines
irdischen Ablaufs, sondern es ist zugleich ein schon immer Gewesenes
und ein sich in Zukunft Erfüllendes; und eigentlich, vor Gottes Auge,
ist es ein Ewiges, Jederzeitliches, im fragmentarischen Erdgeschehen
schon Vollendetes. Diese Geschichtskonzeption ist von einer großar-
tigen Einheitlichkeit, aber sie war dem klassisch-antiken Wesen völlig
fremd, sie zerstörte es bis in die Struktur seiner Sprache hinein, zu-
mindest seiner Literatursprache, die mit ihren klugen, fein abgestuf-
ten Konjunktionen, mit ihren reichen syntaktischen Ordnungsinstru-
menten, mit dem sorgfältig ausgearbeiteten System der Zeitbestim-
mungen, ganz überflüssig wurde, wenn es auf irdische Ort-, Zeit- und
Kausalbeziehungen gar nicht mehr ankam; wenn ein vertikaler Zu-
sammenhang, von allem Geschehen nach oben aufsteigend, in Gott
konvergierend, allein bedeutend wurde. Notwendig mußte, wo beide
Betrachtungsweisen zusammentrafen, Konflikt und Versuch eines
76 DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES

Ausgleichs entstehen: zwischen sorgfältig die Glieder des Geschehens


untereinander verbindender, Zeit- und Kausalfolge einhaltender, im
Bezirk des irdischen Vordergrundes verbleibender Darstellung auf
der einen — und abgerissen-sprunghafter, überall eine Deutung von
oben erfragender auf der anderen Seite. Je gebildeter im antiken Sin-
ne, je tiefer in der antiken Kultur die christlichen Schriftsteller der
Väterzeit waren, desto mehr mußten sie das Bedürfnis empfinden,
den Gehalt des Christentums in eine Form zu gießen, die nicht nur
eine bloße Übersetzung, sondern eine Anpassung an die eigene Auf-
fassungs- und Ausdrucksüberlieferung war. Auch hier bietet sich Au-
gustin als Beispiel; große Teile seiner Civitas Dei, besonders die Bü-
cher 15 bis 18, wo vom Fortschritt (procursus) des Gottesstaats auf
Erden die Rede ist, zeigen die ständige Bemühung die figural-verti-
kale Deutung durch die Darstellung innergeschichtlich aufeinander
folgender Abläufe zu ergänzen. Man wolle als Beispiel ein beliebiges
Kapitel lesen, wo er eine biblische Erzählung kommentiert, etwa 16,
12; dort ist von dem Geschlecht Tharas, des Vaters Abrahams, die Re-
de, also von Gen. 11, 26, was Augustin durch andere Bibelstellen, zum
Beispiel Jos. 24, 2 ergänzt. Der Gegenstand des Kapitels ist jüdisch-
christlich, und auch die Deutung ist es; das Ganze steht unter dem
Zeichen der civitas Dei, die, seit Adam präfiguriert, jetzt durch Chri-
stus erfüllt ist; es wird die Epoche Thara-Abraham als ein Glied des
göttlichen Heilsplans, als eine der Stationen der figuralen Folge von
vorläufig-fragmentarischen, ankündigenden Vorbildungen der civitas
Dei gedeutet, und sie wird in diesem Sinne mit der weit zurückliegen-
den Epoche Noahs verglichen. Aber innerhalb dieses Rahmens zeigt
sich die ständige Bemühung, die Lücken der biblischen Darstellung
auszufüllen, sie durch andere Bibelstellen und eigene Erwägungen zu
ergänzen, einen fließenden Zusammenhang der Ereignisse herzustel-
len und überhaupt die an sich irrationale Interpretation bis an die
äußerste Grenze vernunfteinleuchtend zu gestalten; fast alles, was er
zu dem biblischen Bericht hinzufügt, dient dazu, die geschichtliche
Lage rational zu klären und die Figuraldeutung mit der Vorstellung
der ununterbrochenen geschichtlichen Ablaufsfolge in Einklang zu
bringen. Das Antikisch-Klassische, welches hier einfließt, zeigt sich
auch in der Sprache, ja darin vor allem: es sind Perioden, die zwar
eilig gebaut und nicht sehr kunstvoll wirken (Übermaß an Relativ-
anknüpfungen), aber doch mit ihrer reichen Ausbildung der verbin-
denden Partikel, mit genau abgestuften temporalen, vergleichenden
und einräumenden Hypotaxen, mit Partizipialkonstruktionen im
schärfsten Gegensatz: stehen zu dem angeführten Bibelzitat mit seiner
Parataxe und seinem Mangel an Verbindungsgliedern. Dieser Gegen-
DIE VERHAFTUNG DES PETRUS VALVOMERES 77
satz zwischen Text und Bibelzitaten läßt sich sehr häufig bei den Kir-
chenvätern und fast überall bei Augustin feststellen; denn die latei-
nische Übersetzung der Bibel hatte den parataktischen Charakter des
Originals bewahrt. Man erkennt an einer solchen Stelle aus der Ci-
vitas Dei sehr deutlich das Ringen, das, sprachlich und sachlich, zwi-
schen den beiden Welten stattfand, und das wohl auch zu einer weit-
reichenden Rationalisierung und syntaktischen Durchgliederung der
jüdisch-christlichen Überlieferung hätte führen können; allein dazu
kam es nicht. Die antike Gesinnung war schon allzu brüchig; das
wichtigste und einflußreichste Schriftwerk, die Bibelübersetzung, war
darauf angewiesen den parataktischen Stil des Originals nachzuah-
men und kam damit den Tendenzen der Volkssprache entgegen, indes
die Literatursprache verfiel; und schließlich erfolgte der Einbruch der
Germanen, die, bei allem scheuen Respekt vor der antiken Bildung,
gerade das Rationale und syntaktisch Feinmaschige derselben aufzu-
nehmen nicht imstande waren.
So blieb die figurale Geschehensdeutung uneingeschränkt sieg-
reich; aber sie bot doch keinen vollen Ersatz für die verlorene Ein-
sicht in den rationalen, fließenden, irdischen Zusammenhang der
Dinge, denn sie konnte nicht auf jedes beliebige Ereignis ohne wei-
teres angewandt werden, obgleich natürlich Versuche, alles was ge-
schah, unmittelbar von oben zu interpretieren, nicht fehlten. Diese
Versuche mußten sich an der Vielfalt der Ereignisse und an der Un-
erkennbarkeit des göttlichen Ratschlusses erschöpfen, und so blieben
weite Bezirke des Geschehens ohne jedes Prinzip, nach welchem man
sie hätte einordnen und verstehen können — insbesondere als das Rö-
mische Reich, welches als Staatsgedanke wenigstens der politischen
Geschehensauffassung eine Richtung gegeben hatte, zusammenge-
brochen war. Übrig blieb das Mitansehen, Erdulden oder Ausnutzen
des jeweils praktisch Geschehenden; es war Rohmaterial, das in der
rohesten Form entgegengenommen wurde. Es hat lange gedauert, bis
die im Christentum enthaltenen Keime (Stilmischung, Tiefensicht in
das Werdende), unterstützt von der Sinnlichkeit noch unzermürbter
Völker, ihre Kraft entfalten konnten.
IV

SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

DIE folgende Erzählung steht in Gregor von Tours' Frankenge-


schichte, VII, 47 und IX,19.
Gravia tunt inter Toronicos cives bella civilia surrexerunt. Nam Sicha-
rius, Johannis quondam filius, dum ad natalis dominici solemnia apud
Montalomagensem vicum cum Austrighysilo reliquosque pagensis cele-
braret, presbiter loci misit puerum ad aliquorum hominum invitacionem,
ut ad domum eius bibendi gracia venire deberint. Veniente vero puero,
unus ex his qui invitabantur, extracto gladio, eum ferire non metuit. Qu i
statim cecidit et mortuos est. Quod cum Sicharius audisset, qui amicitias
cum presbitero retinebat, quod scilicet puer eius fuerit interfectus, arrepta
arma ad eclesiam petit, Austrighyselum opperiens. Ilk autem hec audiens,
adprehenso armorum aparatu, contra eum diregit. Mixtisque omnibus,
cum se pars utraque conliderit, Sicharius inter clericos ereptus ad villam
suam effugit, relictis in domo presbiteri cum argento et vestimentis qua-
tuor pueris sauciatis. Quo fugiente, Austrighiselus iterum inruens, inter-
fectis pueris aurum argentumque cum reliquis rebus abstulit. Dehinc cum
in iudicio civium convenissent, et preceptum esset ut Austrighiselus, qui
homicida erat et, interfectis pueris, res sine audienciam diripuerat, cen-
sura legali condempnaretur. Inito placito, paucis infra diebus Sicharius
audiens quod res, quas Austrighiselus deripuerat, cum Aunone et filio
adque eius fratre Eberulfo retinerentur, postposito placito, coniunctus
Audino, mota sedicione, cum armatis viris inruit super eos nocte, elisum-
que hospicium, in quo dormiebant, patrem cum fratre et filio interemit,
resque eorum cum pecoribus, interfectisque servis, abduxit. Quod nos au-
dientes, vehimenter ex hoc molesti, adiuncto iudice, legacionem ad eos
mittemus, ut in nostra presencia venientes, accepta racione, cum pace dis-
cederent, ne iurgium in amplius pulularet. Quibus venientibus coniunc-
tisque civibus, ego aio : «Nolite, o viri, in sceleribus proficere, ne malum
longius extendatur. Perdedimus enim eclesie filius ; metuemus nunc, ne et
alius in hac intencione careamus. Estote, queso, pacifici; et qui malum
gessit, stante caritate, conponat, ut sitis filii pacifici, qui digni sitis regno
Dei, ipso Domino tribuente, percipere. Sie enim ipse ait: Beati pacifici,
quoniam filii Dei vocabuntur. Ecce enim, etsi illi, qui noxe subditur, mi-
nor est facultas, argento eclesie redemitur ; interim anima viri non pereat.»
Et hec dicens, optuli argentum eclesie; sed pars Chramnesindi, qui mor-
tem patris fratresque et patrui requerebat, accepere noluit. His disceden-
tibus, Sicharius iter, ut ad regem ambularet, preparat, et ob hoc Pectavum
ad uxorem cernendam proficiscitur. Cumque servum, ut exerceret opera,
commoneret elevatamque virgam ictibus verberaret, ille, extracto baltei
gladio, dominum sauciare non metuit. Quo in terram ruente, currentes
amici adprehensum servum crudeliter cesum, truncatis manibus et pedi-
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 79
bus, patibolo damnaverunt. Interim sonus in Toronicum exiit, Sicharium
fuisse defunctum. Cum autem hec Chramnesindus audisset, commonitis
parentibus et amicis, ad domum eius properat. Quibus spoliatis, interemp-
tis nonnullis servorum, domus omnes tam Sicharii quam reliquorum, qui
participes huius ville erant, incendio concremavit, abducens secum pecora
vel quecumque movere potuit. Tunc partes a iudice ad civitatem deducte,
causas proprias prolocuntur ; inventumque est a iudicibus, ut, qui nollens
accepere prius conposicionem domus incendiis tradedit, medietatem precii,
quod ei fuerat iudicatum, amitteret — et hoc contra legis actum, ut tantum
pacifici redderentur — alia vero medietatem conposiciones Sicharius red-
dered. Tunc datum ab eclesia argentum, que iudicaverunt accepta securitate
conposuit, datis sibi partes invicem sacramentis, ut nullo umauam tem-
pore contra alteram pars alia musitaret. Et sic altercacio terminum fecit.
(IX,19) Bellum vero illud, quod inter cives Toronicus superius diximus
terminatum, in rediviva rursum insania surgit. Nam Sicharius, cum post
interfectionem parentum Cramsindi magnam cum eo amiciciam patravis-
sed, et in tantum se caritate mutua diligerent, ut plerumque simul cibum
caperent, ac in uno pariter stratu recumberent, quandam die cenam sub
nocturno tempore preparat Chramsindus, invitans Sicharium ad epulum
suum. Quo veniente, resident pariter ad convivium. Cumque Sicharius
crapulatus a vino multa iactaret in Cramsindo, ad extremum dixisse fer-
tur : « Magnas mihi debes referre grates, o dulcissime frater, eo quod inter-
ficerem parentes tuos, de quibus accepta composicione, aurum argentum-
que superabundat in domum tuam, et nudus essis et egens, nisi hec te
causa paululum roborassit.» Hec ille audiens, amare suscepit anirrt° dicta
Sichari, dixitque in corde suo : « Nisi ulciscar interitum parentum meorum,,
amitteri nomen viri debeo et mulier infirma vocare.» Et statim extinctis
luminaribus, caput Sichari seca dividit. Qui parvolam in ipso vitae termi-
num vocem emittens, cecidit et mortuus est. Pueri vero, qui cum eo vene-
rant, dilabuntur. Cramsindus exanimum corpus nudatum vestibus ad-
pendit in sepis stipite, ascensisque aequitibus eius, ad regem petiit

1 Schwere heimische Kämpfe erhoben sich damals zwischen Bewohnern


des Gebietes von Tours. Sichar nämlich, weiland Johannes' Sohn, feierte
das Fest der Geburt des Herrn mit Austregisil und den anderen Gauge-
nossen in dem Dorfe Manthelan, und der Priester des Ortes sandte einen
Knecht aus, um einige Leute einzuladen, daß sie in sein Haus kämen, bei
ihm zu zechen. Da aber der Knecht kam, zog einer von denen, die einge-
laden wurden, sein Schwert und vermaß sich auf ihn einzuhauen, und also-
bald sank der Knecht hin und starb. Als dies Sichar, der mit dem Priester
in Freundschaft lebte, hörte, daß nämlich ein Knecht desselben ermordet
worden sei, nahm er seine Waffen. ging in die Kirche und erwartete Austre-
gisil. Dieser aber rüstete sich, da er solches vernahm, auch mit seinen
Waffen und ging ihm entgegen. Und da sie alle ins Gemenge gerieten, und
ein Teil wie der andere zu Schaden kam, stahl sich Sichar unbemerkt unter
dem Schutz der Geistlichkeit fort und entfloh auf seinen Hof, ließ aber
sein Silber, seine Kleider und vier seiner Knechte, die verwundet waren,
80 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

Man wird beim Lesen wohl zunächst den Eindruck haben, daß hier
eine an sich höchst verworrene Geschichte sehr unklar erzählt wird.
Auch wer sich durch die Unordnung der Rechtschreibung und der
Flexionsendungen nicht verblüffen läßt, wird einige Mühe haben, sich
den Tatbestand genau klarzumachen. «Damals brachen zwischen den
Einwohnern von Tours schwere innere Unruhen aus. Denn ...» Nun

im Hause des Priesters zurück. Nach seiner Flucht brach Austregisil in


dieses Haus ein, tötete die Knechte und nahm das Gold, Silber und die
übrigen Sachen Sichars mit sich. Danach, als sie im Gericht der Bürger
erschienen, wurde entschieden, daß Austregisil wegen Totschlages zu der
gesetzlichen Buße zu verurteilen sei, und weil er, nachdem er die Knechte
getötet, die Sachen an sich gebracht hatte ohne ein Urteil abzuwarten.
Sichar hatte sich auf diese Abmachungen eingelassen, hörte aber nach
einigen Tagen, daß die Sachen. welche Austregisil ihm entwendet hatte,
bei Anno, bei seinem Sohne und seinem Bruder Eberulf aufbewahrt wä-
ren, und, ohne die Abmachung zu beachten, tat er sich mit dem Audin
zusammen, brach den Frieden und überfiel sie mit Bewaffneten bei Nacht.
Er erbrach das Haus. wo sie schliefen, tötete Vater, Bruder und Sohn, er-
schlug die Knechte und nahm alle ihre Sachen und Herden mit sich fort.
Da wir dies hörten, wurden wir sehr betrübt, verbanden uns mit dem
Richter des Ortes und schickten Botschaft an sie, sie möchten vor uns er-
scheinen, ihre Sache austragen und in Frieden auseinandergehen, damit
der Hader nicht noch weiter um sich greife. Als sie aber kamen, und die
Bürger beieinander waren, redete ich sie also an: «Lasset ab, ihr Männer,
von weiteren Freveln, daß dies Übel nicht noch mehr um sich fresse. Wir
haben schon Söhne der Kirche in diesem Streite verloren und besorgen.
daß wir noch andere einbüßen. Verhaltet euch also, ich bitte euch, fried-
fertig, und wer Unrecht getan hat, büße es, um der Liebe willen, daß ihr
Kinder des Friedens seid, würdig durch die Gnade des Herrn Gottes
Reich zu empfangen. Denn er spricht: Selig sind die Friedfertigen, denn
sie werden Gottes Kinder heißen. Und sehet, wenn er, welcher die Schuld
trägt, zu arm sein sollte, die Buße zu zahlen, so soll er mit dem Geld der
Kirche ausgelöst werden, nur daß seine Seele nicht verloren gehe.» So bot
ich ihnen das Geld der Kirche an. Die Partei des Chramnesind aber, wel-
che den Tod seines Vaters, seines Bruders und seines Oheims rächen woll-
te, weigerte sich, die Buße anzunehmen. Also gingen sie fort, und Sichar
schickte sich zu einer Reise an, um zum König zu ziehen. Er begab sich
deshalb in das Gebiet von Poitiers, um dort sein Weib zu besuchen. Und
als er dort einen Knecht antrieb, seine Arbeit zu tun, den Stock erhob und
ihn schlug, zog dieser das Schwert, das er am Gürtel hängen hatte, und
ließ es sich beikommen, seinen Herrn zu verwunden. Da Sichar zu Boden
stürzte, liefen seine Freunde herbei, ergriffen den Knecht, richteten ihn
fürchterlich zu, schnitten ihm Hände und Füße ab und überlieferten ihn
dem Galgen. Inzwischen verbreitete sich das Gerücht zu Tours, Sichar sei
umgekommen, und als dies Chramnesind vernahm, entbot er seine Ver-
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 81
sollte die Ursache der Unruhen folgen, aber es folgt zunächst, von
dem nam abhängig, ein Stück der Vorgeschichte, daß nämlich in einem
Dorf, wo viele Leute zu einer Weihnachtsfeier versammelt waren, der
Dorfgeistliche einen Knecht aussandte, um einige von den Versam-

wandten und Gefolgsleute und stürmte nach Sichars Hause. Nachdem er


es ausgeplündert und mehrere Knechte getötet hatte, steckte er alle Häu-
ser, sowohl die des Sichar als die der anderen, die am Hofe Anteil hatten,
in Brand und nahm die Herden und alles, was fortzubringen war, mit sich.
Darauf wurden die Parteien vom Richter nach der Stadt vorgefordert. Sie
vertraten hier ihre Sache, und die Richter fanden das Urteil, daß der, wel-
cher früher die Buße nicht habe annehmen wollen und Feuer in den Häu-
sern angelegt habe, die Hälfte des Wergelds, das ihm früher zuerkannt
war, verlieren sollte — dies war eigentlich gegen die Gesetze und geschah
nur, um sie zu beruhigen — die andere Hälfte der Buße aber Sichar erlegen
sollte. Darauf gab die Kirche das Geld her, die Buße wurde nach dem
Urteilsspruch gezahlt, die Parteien versöhnten sich und schwuren sich ge-
genseitig, daß kein Teil mehr zu irgendeiner Zeit sich gegen den andern
erheben wollte. So nahm der Hader ein Ende.
Der Kampf zwischen den Einwohnern von Tours, von dessen Beendi-
gung wir oben erzählt haben, erhob sich wiederum mit erneuter Wut. Si-
char hatte nämlich mit Chramnesind, obwohl er ihm seine Verwandten
erschlagen, innige Freundschaft geschlossen, und sie liebten einander so
herzlich, daß sie oftmals zusammen ihr Mahl verzehrten und auf einem
Lager beisammen schliefen. Als daher einst Chramnesind ein Nachtmahl
anstellte, lud er Sichar zu diesem Gelage ein. Sichar kam, und sie saßen
zusammen bei Tische. Sichar erlaubte sich aber, vom Wein erhitzt, gegen
Chramnesind viele herausfordernde Reden und brach zuletzt, wie man
erzählt, in folgende Worte aus: «Großen Dank, mein herzliebster Bruder,
habe ich von dir dafür verdient, daß ich dir deine Verwandten erschlagen
habe; denn du hast das Wergeld für sie empfangen, und nun ist in deinem
Hause Gold und Silber in Fülle; arm und dürftig würdest du jetzt leben,
hätte dies dich nicht etwas zu Kräften gebracht.» Dies hörte jener, die
Worte erfüllten ihm den Sinn mit Bitterkeit, und er sprach in seinem Her-
zen: «Wenn ich den Tod meiner Verwandten nicht räche, so bin ich nicht
wert, ferner ein Mann zu heißen; ein feiges Weib muß man mich nennen.»
Sofort löschte er die Lichter aus und spaltete jenem mit seiner Klinge den
Kopf. Sichar stieß im letzten Augenblick noch einen schwachen Schrei
aus, dann sank er nieder und starb. Die Diener aber, die mit ihm gekom-
men waren, entflohen. Chramnesind riß darauf dem Leichnam die Klei-
der ab und hing ihn so an den Pfahl einer Zaunhecke, dann bestieg er sein
Pferd und eilte zum Könige ...
(Diese Übersetzung ist dem neunten Bande der «Geschichtsschreiber
der deutschen Vorzeit», 2. Ausgabe, 1913, entnommen. Sie bemüht sich.
den Vorgang verständlich zu machen, nicht aber eine Vorstellung von
Gregors Schreibweise zu vermitteln.)
6
82 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

melten zu einem Trinkgelage einzuladen. Das ist doch aber nicht die
Ursache der Unruhen. Es erinnert an die Erzählungsweise, der man
häufig in der gesprochenen Sprache begegnet, besonders bei ungebil-
deten oder hastigen oder nachlässigen Sprechern, etwa an folgenden
Typus: «Ich bin gestern später aus dem Büro gekommen. Denn Di-
rektor Schulze war beim Chef, und da haben sie über die Angelegen-
heit X gesprochen. Und wie es beinah fünf war, kommt der Chef und
sagt : Ach Herr Müller, könnten Sie nicht noch schnell die Aufstellung
machen, damit wir Herrn Schulze das ganze Material gleich mitgeben
können usw.» Ebensowenig wie die Einladung des Geistlichen gibt
die Anwesenheit Schulzes beim Chef die unmittelbare Ursache für
den Ausbruch der Unruhen beziehungsweise für die Verspätung Mül-
lers, sondern nur den ersten Teil eines mehrgliedrigen Tatbestandes,
den der Erzähler syntaktisch zusammenzufassen nicht imstande ist:
er hat die Absicht, nun die Ursache des im ersten Hauptsatz vorweg-
genommenen Resultats zu geben, wird aber von der Menge der dazu
erforderlichen Angaben in Verwirrung gebracht: weder hat er die
Energie, sie in einer einzigen Periode, mit Hilfe eines Systems von
Nebensätzen, zu organisieren, noch die Voraussicht, sich in Erkennt-
nis dessen mit einem ordnenden Einleitungssatz (etwa : «das kam so»)
aus der Schwierigkeit zu befreien. So wie es dasteht, ist das nam un-
scharf und unberechtigt, genau wie in dem ganz ähnlich konzipierten
späteren Satz: nam Sicharius cum post interfectionem etc., denn auch
dort wird von dem nam nicht die Ursache des neuen Ausbruchs der
Unruhen eingeleitet, sondern nur das erste Stück eines vielteiligen
Tatbestandes: und in beiden Fällen wird der Eindruck der Unord-
nung noch erheblich verstärkt durch den Subjektwechsel — in beiden
Fällen fängt der Satz mit Sicharius als Subjekt an, den Gregor offen-
bar beide Male als Hauptperson im Sinne hat, und in beiden Fällen
ist er genötigt, nachträglich das Subjekt desjenigen Teilbestandes ein-
zuschieben, den allein er in einem einzigen Satz unterzubringen fähig
ist, so daß die Sätze grammatische Ungeheuer werden. Nun haben
zwar die Kommentatoren (Bonnet, auch Löfsted in seinem Kommen-
tar zur Peregrinatio Aetheriae) uns belehrt, daß nam im Vulgärlatein,
wie so viele der einst so klaren und scharfen Verbindungspartikel des
Lateinischen, seine ursprüngliche Ausdruckskraft eingebüßt hat; daß
es gar nicht mehr kausal ist, sondern nur noch eine farblose Weiter-
führung oder Überleitung anzeigt. Aber so verhält es sich an unseren
beiden Gregorstellen durchaus noch nicht. Im Gegenteil, Gregor
empfindet die kausale Bedeutung noch, er wendet sie an, nur in ver-
worrener und unscharfer Weise. Man kann vielleicht an solchen Bei-
spielen erkennen, wie nam durch viele so laxe Anwendungen allmäh-
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 83
lieh als Kausalpartikel erschlaffte — hier ist der Erschlaffungsprozeß
noch im Gange, noch nicht vollendet. Bemerkenswert ist es, daß sol-
che Vorgänge, die in der gesprochenen Sprache wohl jederzeit statt-
finden, hier in die Schriftsprache eines Mannes wie Gregor von Tours
eindringen, der aus vornehmer Familie stammt und innerhalb seiner
Zeit und seines Landes eine bedeutende Erscheinung ist.
Gehen wir weiter. Der die Einladung überbringende Knecht wird
«von einem der Eingeladenen» totgeschlagen: warum? Das wird
nicht gesagt. Daß der Totschläger Austrighiselus oder einer aus seiner
Gruppe gewesen sein muß, kann man nur aus dem Folgenden er-
schließen, da ja Sicharius sich an ihm für die Tat rächen will; gesagt
wird es nicht; und auch das unvermittelte Einführen der verschiede-
nen Gebäude, in denen die Kampfhandlungen sich abspielen — die
Kirche, das Haus des Geistlichen — und die Worte «inter clericos
ereptus» geben nur eine sehr verworrene Vorstellung von den Ereig-
nissen; man vermißt erklärende Zwischenglieder. Dafür erscheint an-
deres übermäßig ausführlich. Warum sagt Gregor nicht einfach: einer
von den Eingeladenen tötete den Knecht? Er sagt:... extracto gladio,
eum ferire non metuit. Qui statim cecidit et mortuus est — so ausführ-
lich behandelt er diesen, doch nur im Ergebnis wichtigen Zwischen-
fall, dessen Motiv er uns verschweigt; das wäre doch wohl wichtiger
gewesen, als zu erwähnen, daß der Knecht hinfiel, bevor er starb! Im
nächsten Satz fürchtet er, der Leser könne den Zusammenhang schon
verloren haben, denn er hält es für nötig, hinzuzufügen «quod scilicet
puer eius fuerit interfectus» — das kann doch nur ein Leser von sehr
geringer Fassungskraft schon vergessen haben! Dagegen mutet er
mit dem «Austrighiselum opperiens» demselben Leser ziemlich viel
Kombinationsgabe zu, denn er hat unterlassen, uns mitzuteilen, daß
Austrighiselus irgendwie mit dem Totschlag in Verbindung steht — ja
überhaupt, daß sich die ganze Festgesellschaft nicht an einem Orte
zusammen aufhält, wie man eigentlich annehmen müßte. In dersel-
ben Art geht es fort. Der Satz, der von dem ersten Gerichtsverfahren
handelt (dehinc cum in iudicio ...), enthält überhaupt kein regierendes
Verbum; der folgende ist ein Monstrum durch seine übereinanderge-
schichteten, grammatisch völlig systemlosen Partizipialgebilde: inito
placito, postposito placito, coniunctus Audino, mota sedicione, eli-
sumque hospicium; Übersetzung und geschichtlich-juristische Inter-
pretation beider Sätze sind äußerst schwierig (wie überhaupt der
ganze juristische Vorgang Anlaß zu einer einst viel besprochenen
Kontroverse zwischen Gabriel Monod und Fustel de Coulanges, Re-
vue historique XXXI, 1886 und Revue des questions historiques XLI,
1887, gegeben hat); das liegt nicht nur an der Vieldeutigkeit des Wor-
84 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

tes placitum, sondern auch an der Unübersichtlichkeit der Sprach-


struktur im ganzen; und diese wiederum verrät, daß Gregor die Er-
eignisse selbst nicht übersichtlich zu ordnen vermag.
Austrighiselus verschwindet, ohne daß man erfährt, was aus ihm
geworden ist; neue Personen werden überraschend eingeführt, und
nur gelegentlich und unvollständig hören wir, wie sie mit den Ereig-
nissen in Verbindung stehen; die Rede, die Gregor zur Besänftigung
der Gemüter hält, ist wiederum nur bei einiger Kombinationsgabe
verständlich, denn wer ist illi, qui noxe subditur, und wer der vir, des-
sen Seele nicht umkommen soll? Dafür ist die im Zusammenhang des
Ganzen nebensächliche Geschichte von Sicharius' Reise nach Poitiers
und seiner Verwundung durch einen Knecht — deren Interesse für das
Ganze der Handlung doch nur darin besteht, daß sich auf Grund
ihrer das falsche Gerücht von seinem Tode verbreitete — mit einer
Menge von Einzelheiten geschildert. Beim zweiten Gerichts- oder Aus-
gleichsverfahren muß man sich wieder recht anstrengen, um sich klar-
zumachen, um welche Partei und um welches Geld es sich jeweils
handelt. Und in dem ganzen ersten (aus dem siebenten Buch stam-
menden) Stück kommen zwar sehr viele, oft sehr ungeschickte Satz-
unterordnungen vor — das Bemühen periodisch zu schreiben ist un-
verkennbar — aber überhaupt keine klaren kausalen oder konzessiven
Konjunktionen, mit Ausnahme des quoniam in dem Bibelzitat, und
des etsi, dessen Bedeutung mir nicht ganz klar ist; es ist aber wohl
eher konditional (= si) als kausal oder konzessiv. Der zweite Teil
(der aus dem neunten Buch stammt) bietet nicht ganz denselben Ein-
druck, da er sich sehr bald auf eine einzige Szene konzentriert, bei der
es weniger auf Ordnung als auf Sinnfälligkeit ankommt. Doch auch
hier ist der die Exposition gebende Satz «Nam Sicharius», von dem
wir schon oben gesprochen haben, ein monströses Gebilde.
Selbstverständlich hätte ein klassischer Autor den Vorgang viel
klarer geordnet — vorausgesetzt daß er ihn überhaupt dargestellt hätte.
Sobald man sich nämlich die Frage vorlegt, wie Cäsar oder Livius
oder Tacitus oder selbst Ammian diese Geschichte erzählt hätten,
wird einem sogleich und zunächst sehr deutlich: sie hätten sie über-
haupt nicht erzählt. Für sie und ihr Publikum hätte solch eine Ge-
schichte nicht das mindeste Interesse gehabt. Wer sind Austrighiselus,
Sicharius und Chramnesindus ? Nicht einmal Stammesfürsten sind
sie, und ihre blutigen Raufereien hätten in der Blütezeit des Impe-
riums dem leitenden Beamten der Provinz wohl nicht einmal Anlaß
zu einem Sonderbericht nach Rom gegeben. Bei dieser Erwägung
wird klar, wie klein Gregors Horizont ist, wie wenig Übersicht über
ein großes zusammenhängendes Ganzes er besitzt, wie wenig er in der
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 85
Lage war, seinen Stoff nach den einst gültigen Gesichtspunkten zu
ordnen. Das Imperium existiert nicht mehr; Gregor sitzt nicht mehr
an einer Stelle, wo alle Nachrichten aus dem orbis terrarum zusam-
menfließen, ausgewählt und vorgeordnet nach ihrer Bedeutung für
das Reich; weder verfügt er über die Nachrichtenquellen, die man
einst besaß, noch über die Gesinnung, in der die Nachrichten redigiert
wurden. Er übersieht kaum Gallien; ein großer Teil seines Werkes,
der wertvollste ohne Zweifel, besteht aus dem, was er selbst in seiner
Diözese erlebt hat, oder was ihm aus den benachbarten Gegenden
berichtet wurde; sein Material beschränkt sich im wesentlichen auf
das, was ihm selbst anschaulich geworden ist. Einen politischen Ge-
sichtspunkt im alten Sinne besitzt er nicht, und wenn sich bei ihm
überhaupt von einem solchen sprechen läßt, so wäre es das Interesse
der Kirche; aber auch das übersieht er nur auf einem beschränkten
Gebiet; das Ganze der Kirche erfaßt er auch gedanklich nicht so, daß
es einprägsam aus seinem Werke hervorleuchtete; es bleibt alles lokal
beschränkt, sowohl materiell wie gedanklich. Dagegen hat er, im Ge-
gensatz zu seinen antiken Vorgängern, die oft nach mittelbaren und
durchrationalisierten Berichten arbeiteten, das meiste, was er in der
Frankengeschichte erzählt, selbst mitangesehen oder aus unmittelba-
rer mündlicher Berichterstattung der Miterlebenden geschöpft; das
kommt seinem natürlichen Instinkt entgegen; denn ihn interessiert
unmittelbar, was die Menschen tun, sie werden ihm interessant, wie
sie sich um ihn herum bewegen, ohne Rücksicht auf das Politische in
einem weiteren Zusammenhang; auch das Politische, so weit es vor-
kommt, hat er ausgesprochen menschlich-anekdotisch behandelt; so
bekommt sein Werk einen Charakter, der dem persönlicher Memoiren
weit näher steht als das irgendeines römischen Historikers — wie ver-
schieden derFall Cäsars liegt, braucht wohl nicht ausgeführt zu werden.
Ein früherer antiker Autor hätte also diese Geschichte überhaupt
nicht behandelt; wäre sie zum Verständnis irgendeines größeren po-
litischen Zusammenhangs unentbehrlich, so hätte er sie in drei Zeilen
abgetan. Wo eine Reihe von Gewalthandlungen selbst politisch be-
deutsam werden — man denke etwa an Jugurtha und seine Vettern bei
Sallust —, da wird vorher, aufs genaueste durchrationalisiert und rhe-
torisch aufgehöht, das System der politischen Motive ausgebreitet;
szenische Einzelheiten ohne politisches Interesse werden höchstens
gelegentlich kurz angedeutet, wie dies etwa der Fall ist in den Worten
occultans sese tugurio muliebris ancillae bei der Ermordung Hiemp-
sals (Jugurtha 12). Gregor aber bemüht sich, zuweilen ungeschickt
und weitschweifig, oft aber sehr wirkungsvoll, die Vorgänge anschau-
lich zu machen. «... der Geistliche des Ortes sandte einen Knecht, um
86 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

gewisse Leute einzuladen, sie sollten zum Trinken in sein Haus kom-
men. Wie nun der Knecht ankam, zog einer der Eingeladenen sein
Schwert und scheute sich nicht, ihn zu verwunden. Der fiel gleich um
und war tot.» Das ist, wenn auch auf eine sehr einfache Art, anschau-
liche Erzählung; weder daß der Knecht ankam, noch daß er umfiel,
wäre sonst der Erwähnung würdig. Ebenso ist es mit dem Rachean-
griff auf Austrighiselus; er ist zwar nicht sehr klar in den topogra-
phischen Angaben, aber man fühlt wiederum die Bemühung, alle auf-
einanderfolgenden Stadien des Vorgangs anschaulich zu machen;
und dasselbe gilt bei der für den Fortgang der Handlung ganz unbe-
deutenden Auseinandersetzung zwischen Sicharius und seinem
Knecht. Das eigentümlichste und schlagendste Beispiel für Gregors
Bemühung um Anschaulichkeit ist aber in unserem Text der Mord an
Sicharius. Wie die beiden, deren einer noch vor gar nicht langer Zeit
die nächsten Verwandten des anderen umgebracht hatte, sich so herz-
lich miteinander anfreundeten, und so unzertrennlich wurden, daß
sie sogar miteinander aßen und schliefen, wie wieder einmal Chram-
nesindus den Sicharius zum Mahle einlud, wie dabei der betrunkene
Sicharius durch seine wüsten Reden den anderen aufreizt, sich für
alles auf einmal zu rächen, und schließlich der Mord selbst — das alles
ist von einer Anschaulichkeit und einer Bemühung um unmittelbare
Nachahmung des Vorgefallenen, wie sie die römische Geschichts-
schreibung nie erstrebt hat (auch Ammians ausmalender Prunkstil ist
nicht nachahmend), und wie man sie in der gesamten antiken Litera-
tur ernsten Inhalts kaum finden dürfte; es ist überdies psychologisch
großartig, eine höchst packende Szene zwischen zwei Menschen, und
ganz erfüllt mit der seltsamen Luft der Merovingerepoche : das un-
verhüllt Gewaltsame, Plötzliche, was jede Erinnerung an die Vergan-
genheit löscht und jede Berechnung der Zukunft ausschließt, und an-
dererseits die geringste Wirksamkeit der christlichen Moral, die, in
der primitivsten Form vorgetragen, den rohen Gemütern doch nicht
eingeht — dies alles tritt scharf in der Szene hervor. Die naheliegende
Vermutung, daß Chramnesindus den Sicharius bewußt in eine Falle
gelockt hat — daß die Freundschaft von seiner Seite nur erheuchelt
war, um den Feind in Sicherheit zu wiegen — zieht Gregor gar nicht in
Erwägung, und er wird wohl recht haben, denn er kannte die Leute,
zwischen denen er lebte; auch lesen wir überall in seinem Werk von
ähnlich besinnungslosen Taten. Es scheint wirklich so, daß die beiden
sich ganz ehrlich so nah befreundeten, daß ihrem nur dem Augen-
blick lebenden Bewußtsein es gar nicht aufdämmerte, wie unnatürlich
und gefährlich solch eine Freundschaft sei; daß dann ein paar takt-
lose, trunkene Worte plötzlich die Erinnerung wieder an die Ober-
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 87
fläche trieben, den vergessenen Haß wieder auflodern ließen, und daß
also der Mord der Entschluß eines Augenblicks war; was um so
wahrscheinlicher ist, als Chramnesindus, wie aus dem Folgenden her-
vorgeht, sich durch seine Tat in eine schlimme Lage brachte, denn
Sicharius hatte eine mächtige Beschützerin in der Königin Frede-
gunde ; hätte Chramnesindus sich Zeit zur Besinnung gelassen, so hätte
er wohl anders gehandelt. Gregor erzählt das alles ohne jeden eigenen
Kommentar, rein dramatisch, indem er das Tempus wechselt und ins
Präsens fällt, sobald er dem entscheidenden Ereignis näherkommt;
und dann gibt er direkte Rede, sowohl für das Schwadronieren des
betrunkenen Sicharius als auch für den inneren Vorgang in Chramne-
sindus. Beide direkten Reden sind rein unmittelbare Nachahmung
des wirklich Gesprochenen beziehungsweise Gefühlten, ohne jede
rhetorische Reaktion; die Worte des Sicharius klingen, als wären sie
aus der Vulgärsprache, in der sie gesprochen wurden («wie man
sagt», dixisse fertur), in das ungeschickte Latein Gregors rücküber-
setzt; deutsch kann man es sich ungefähr folgenderart rekonstruieren:
«Eigentlich mußt du mir sehr dankbar sein, Brüderchen, daß ich
deine Verwandten umgebracht habe; durch die Entschädigung, die
du eingesteckt hast, bist du ein wohlhabender Mann geworden, du
hättest jetzt nichts zu beißen und zu brechen, wenn dich diese Affäre
nicht einigermaßen gesund gemacht hätte.» Und sehr eindringlich,
bei aller Unbehilflichkeit, wird die Reaktion des Chramnesindus in
einem inneren Monolog dargestellt: «Ich wäre nicht wert, ein Mann
zu heißen, man müßte mich ein hilfloses Weib nennen, wenn ich nicht
den Untergang meiner Verwandten räche» — und sofort wird das
Licht ausgelöscht, Sicharius wird umgebracht, auch sein Todesrö-
cheln wird nicht vergessen, und auch hier heißt es cecidit et mortuus
est ; den fallenden Körper läßt sich Gregor nicht entgehen.
Eine Szene also, die ein antiker Historiker nie der Darstellung für
würdig gehalten hätte, erzählt Gregor aufs anschaulichste; und wahr-
scheinlich hat ihn gerade die Anschaulichkeit zur Darstellung gereizt.
Wenn man etwa die Geschichte von der Flucht des Geisels Attalus
liest (3, 15 ; sie hat Grillparzer den Stoff für «Weh dem der lügt» ge-
liefert), so trifft man auf die Szene, wo sich die Flüchtlinge vor den
berittenen Verfolgern hinter einem Brombeergesträuch verstecken;
und gerade vor diesem halten die Reiter: dixitque unus, dum equi
urinam proiecerint ... Welcher antike Autor hätte ein solches Detail
gegeben! Man sieht, wie Gregor, um den Dingen Atem zu verleihen,
ganz spontan, aus dem Bedürfnis seiner eigenen Einbildungskraft
heraus, solche Dinge erfindet — er war ja nicht dabei! Was er erzählt,
das bemüht er sich sichtbar, tastbar, mit allen Sinnen erfaßbar zu ma-
88 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

chen. Dazu dient ihm auch das eigentümlichste Merkmal seines Stils,
die vielen kurzen direkten Reden, deren er sich bedient, wo immer er
einen Anlaß dazu findet — er macht auf diese Art, wo er kann, aus
jeder Erzählung eine Szene. über die Rolle der direkten Rede in der
antiken Historiographie haben wir schon bei früheren Gelegenheiten
(S. 42 und 48) gesprochen: sie wird dort fast nur für große Anspra-
chen rhetorischen Charakters verwendet; das Gefühlsmäßige und
Dramatische an ihnen ist rein rhetorisch; sie ordnen und beherrschen
die Tatbestände, aber sie konkretisieren sie nicht. Gregor dagegen
gibt Zwiegespräche und ähnliche kurze Äußerungen der Handelnden,
die in einem Augenblick hervorbrechen und den Augenblick zur
Szene machen. Die lange Reihe von Szenen, in denen er in seinem holp-
rigen, ihn manchmal behindernden Latein, das so gern literarisch
sein möchte, und aus dem doch immer wieder die konkrete Kraft der
Vulgärsprache hervorzubrechen scheint, einen oder zwei Menschen
sprechen läßt, kann ich hier nicht aufzählen. Einige Beispiele (eines
liefert ja schon die eben besprochene Mordszene) will ich wenigstens
erwähnen: in der Attalusgeschichte das Gespräch zwischen dem Koch
und seinem Herrn (rogo ut facias mihi prandium quod admirentur et
dicant quia in domu regia melius non aspeximus, III 15 ; dort auch die
nächtliche Unterhaltung zwischen dem Koch und dem Schwiegersohn) ;
in dem Kampf um die Bischofswürde in Clermont, die Drohungen des
Presbiters Cato gegen den Archidiakon Cautinus (Ego te removebo, ego
te humiliabo, ego tibi multas neces impendi praecipiam, IV, 7) ; die Aus-
einandersetzung zwischen König Chilperich und Gregor über die Tri-
nität (Zorn und Hohn des Königs in seinen Antworten, zum Beispiel
manifestum est mihi in hac causa Hilarium Eusebiumque validos inimi-
cos habere, oder sapientioribus a te hoc pandam qui mihi consentiant,
V, 44) ; Fredegundis am Krankenbett des Bischofs Praetextatus, mit der
ganzen vorhergehenden und nachfolgenden Szene (VIII, 31); die Ant-
wort des Bischofs Bertramnus von Bordeaux in der Angelegenheit sei-
ner Schwester (requirat nunc eam revocetque quo voluerit, me obvium
non habebit, IX, 33); die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen
Prinzessin Rigundis und ihrer Mutter (IX, 34); Guntchram Boso und
der Bischof von Trier (IX, 10) ; und ganz besonders packend, der Unter-
gang des Mundericus, wo am Schluß, wenn Mundericus an der Hand
des Verräters Aregyselus aus dem Tor seiner Burg tritt, der Augenblick
der Spannung vor dem Mord durch ein paar Worte direkter Rede ganz
scharf und szenenhaft herausgehoben wird : Quid adspicitis tam intenti,
populi? An numquid non vidistis prius Mundericum? (III, 14)
In all diesen Gesprächen und Ausrufen sind kurze, spontane, zwi-
schenmenschliche Vorgänge auf das konkreteste dramatisiert: Auge
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 89
in Auge, Rede gegen Rede stehen sich die Handelnden atmend gegen-
über, ein in der antiken Geschichtsschreibung kaum anzutreffendes
Verfahren — selbst der Dialog des klassischen Theaters ist stärker ra-
tional und rhetorisch geformt. Wohl aber findet sich das spontane
kurze Zwiegespräch in den biblischen Schriften — man vergleiche, was
wir oben Seite 49 darüber gesagt haben. Ohne Zweifel sind Rhythmus
und Atmosphäre der Bibel, zumal der Evangelien, Gregor jederzeit
gegenwärtig, und für seinen Stil mitbestimmend. Und sie entbinden
Kräfte, die ohnehin in Gregor und seiner Epoche bereitstehen. Denn
es ist überall die vulgäre gesprochene Sprache, die zwar längst noch
nicht schreibbar ist, aber doch dauernd in Gregors Bewußtsein mit-
klingt, unverkennbar durchzufühlen. Das Schriftlatein Gregors ist
nicht nur grammatisch und syntaktisch verfallen, es wird auch in sei-
nem Werk zu einem Gebrauche verwendet, für den es ursprünglich,
oder doch wenigstens in seiner Blütezeit, wenig geeignet schien, näm-
lich konkrete Wirklichkeit nachzuahmen. Denn das Schriftlatein der
Blütezeit, zumal die Prosa, ist eine fast übermäßig ordnende Sprache,
in der das Stofflich-Sinnliche der Tatbestände mehr von oben über-
sehen und angeordnet als in seiner stofflichen Sinnlichkeit anschau-
lich gemacht wird. Neben der rhetorischen Tradition spielt hierbei
auch der juristisch-administrative Geist des Römertums mit: es
herrscht in der römischen Prosa der Blütezeit (selbst in den Briefen
Ciceros, in diesen zuweilen sogar sehr stark; man lese etwa den be-
rühmten Rechtfertigungsbrief an P. Lentulus Spinther, ad fam. L 9,
besonders etwa § 21) die Neigung vor, das Tatsächliche nur einfach
zu berichten, ja wenn möglich es nur mit ganz allgemeinen Worten
anzudeuten, nur darauf anzuspielen, Distanz von ihm zu bewahren —
dagegen alle Schärfe und Kraft der Sprache in das Syntaktisch-Ver-
bindende zu legen: so daß der Stil gleichsam einen strategischen Cha-
rakter gewinnt, mit überaus klaren Gelenken, indes der zwischen ih-
nen liegende Stoff des Geschehens zwar beherrscht, aber nicht eigent-
lich sinnlich erschlossen wird. Die Werkzeuge der syntaktischen Ver-
bindung gelangen auf diese Weise zu äußerster Schärfe, Genauigkeit
und Vielfalt; es handelt sich dabei nicht nur um Konjunktionen und.
andere Unterordnungsmittel, sondern auch der Gebrauch der Tem-
pora, die Wortstellung, die Antithese und vieles andere Rhetorische
muß dem gleichen Zweck dienen: dem der genauen, scharfen, dabei
elastischen und nüancenreichen Anordnung. Dieser Reichtum an Ge-
lenken und Anordnungsinstrumenten ermöglicht eine sehr große
Vielfalt subjektiver Darstellung, eine erstaunliche Wendigkeit des
Räsonnements über die Tatbestände, und eine lange Zeit nicht wieder
in diesem Maße erreichte Freiheit, einiges aus den Tatbeständen zu
90 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

unterschlagen und anderes, Zweifelhaftes anzudeuten, ohne es ver-


antwortlich auszusprechen. Mit Gregors Sprache hingegen liegt es so,
daß sie die Tatbestände nur sehr unvollkommen zu ordnen vermag;
einen Ereigniszusammenhang, der nicht sehr einfach ist, vermag er
nicht übersichtlich darzustellen. Seine Sprache ordnet schlecht oder
überhaupt nicht. Aber sie lebt in dem Konkreten der Ereignisse, sie
spricht mit und in den Menschen, die sich darin bewegen, und kann
(während das Urteil, das Gregor gelegentlich über sie fällt, meist nur
summarisch und ohne Feinheit ist, etwa IX, 19, gegen Ende, über Si-
charius) doch aufs vielfältigste ihre Lust, ihren Schmerz, ihren Hohn
und Zorn, und was sonst für Leidenschaften in ihnen toben, zu kräf-
tigem Ausdruck bringen. Wieviel unmittelbarer sein sinnliches Mit-
leben ist als das eines antiken Autors, mag ein Vergleich mit dem rea-
listischsten von ihnen, mit Petron, lehren. Dieser ahmt die Sprache
seiner reichgewordenen Freigelassenen nach, er läßt sie ihren verdor-
benen und widrigen Jargon sprechen, weit bewußter und genauer
nachahmend als Gregor; aber es ist klar, daß er diesen Stil als ein
Kunstmittel handhabt, und daß er einen Bericht oder ein geschicht-
liches Werk ganz anders schreiben würde. Er ist ein gebildeter und
großer Herr, der seinesgleichen mit allem Raffinement eine Posse vor-
führt; was er macht, ist bewußte komische Kunst, und er kann auf
viele andere Arten schreiben, wenn er will. Gregor hat aber gar nichts
anderes zur Verfügung als sein grammatisch verworrenes, syntaktisch
armes und auf diese Weise fast schülerhaft gewordenes Latein; er hat
keine Register, die er ziehen, und auch kein Publikum, auf das er mit
einer ungewohnten Würze, einer neuen Stilvariante wirken könnte.
Aber er hat die konkreten Ereignisse, die um ihn herum geschehen, die
sich vor ihm abwickeln oder ihm «brühwarm» berichtet werden, und
zwar in einer Sprechsprache, von der wir uns zwar keine ganz genaue
Vorstellung machen können, die ihm aber augenscheinlich als Urstoff
seines Berichts dauernd in den Ohren klingt, während er sich bemüht,
sie in sein halbliterarisches Latein rückzuübersetzen. Was er erzählt, ist
seine eigene, seine einzige Welt; er hat keine andere, und er lebt in ihr.
Auch die Struktur der Ereignisse, die er zu berichten hat, kommt
seinem Stil entgegen. Es sind alles, im Vergleich zu dem, was frühere
römische Historiker zu berichten hatten, Lokalereignisse, und sie
spielen sich ab innerhalb einer Schicht von Menschen, deren leiden-
schaftlich-sinnliche Triebe sehr heftig und deren rationale Erwägun-
gen sehr roh und wenig ausgebildet waren. Wir erfahren aus Gregors
Werk zwar nur sehr undeutlich den Zusammenhang der politischen
Vorgänge, aber wir riechen gleichsam die Luft des ersten Jahrhun-
derts der Frankenherrschaft in Gallien. Es herrscht eine fürchterliche
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 91
Verrohung; nicht nur, daß Gewalt überall im einzelnen Bezirk her-
vorbricht, daß also die Regierungen nicht die Macht haben, sie allein
anzuwenden — sondern auch List und Politik haben jede Form ver-
loren, sie sind ganz primitiv und plump geworden. Die Verhüllung
und Umschreibung im zwischenmenschlichen Verkehr, wie sie zu je-
der Hochkultur gehören, nämlich Höflichkeit, rhetorische Verklei-
dung, indirektes Verfahren, Regeln des äußeren Anstands und juristi-
sche Formalien selbst im Verfolg eines politischen oder geschäftlichen
Raubes und so fort verkümmern oder werden da, wo sich noch Trüm-
mer erhalten, zur plumpen Fratze. Dabei aber werden die Begierden
jeder verhüllenden Form beraubt, sie treten nackt und unmittelbar
zum Greifen hervor; dies rohe Leben wird sinnlich und bietet sich
dem, der es darstellen will, ungeordnet, schwer zu ordnen, aber greif-
bar, würzig, atmend. Gregor ist ein Bischof, also einer von denen, de-
ren Aufgabe es war, christliche Gesittung aufzubauen: eine ganz
praktisch sorgende Tätigkeit, in der die Seelsorge sich in jedem Au-
genblick mit politischen und wirtschaftlichen Fragen verquickte. In
der vorangegangenen Periode hatte das Hauptgewicht der kirchlichen
Tätigkeit noch der Festlegung des Dogmas gegolten, wobei Geist und
Scharfsinn sich in oft übermäßiger Weise entfaltet hatten; im sechsten
Jahrhundert wendet sie sich, zumindest im Westen, ganz dem Prak-
tischen und Organisatorischen zu. Von dieser Wendung gibt unser
Gregor ein lebendiges Beispiel. Auf rhetorische Bildung erhebt er kei-
nen Anspruch, für die Streitfragen des Dogmas hat er kein Interesse;
es steht ihm fest, wie es die Konzilien beschlossen haben. Aber für all
das, was das Volk beeindrucken kann — Heiligenlegenden, Reliquien
und Wunder für die Phantasie, Schutz gegen Gewalttat und Bedrük-
kung, einfache und mit Versprechen des künftigen Lohns gewürzte
Morallehren — ist Raum in seinem Herzen. Die Menschen, zwischen
denen er lebte, verstanden vom Dogma nichts und hatten von den
Mysterien des Glaubens nur eine sehr rohe Vorstellung. Sie hatten
Begierden und materielle Interessen, gemildert durch Furcht vorein-
ander und Furcht vor überirdischen Kräften. Gregor scheint ganz der
Mann für diese Verhältnisse gewesen zu sein. Er war wenig über drei-
ßig Jahre alt, als er Bischof von Tours wurde; wenn man vom Schrift-
steller auf den Menschen schließen darf, muß er Mut und Tempera-
ment besessen haben, und gewiß hat ihn nicht leicht irgend etwas, was
er sah, aus der Fassung gebracht. Er ist eines der ersten Beispiele jenes
praktisch-aktiven Wirklichkeitssinnes in der Kirche, der aus der
christlichen Lehre etwas innerhalb des irdischen Lebens Funktionie-
rendes gemacht hat, und den man vielfach in der katholischen Kirche
bewundern kann. Gregor ist nichts Menschliches fremd, in jede Tiefe
92 SICHARIUS UND CHRAMNES1NDUS

leuchtet er hinein, er nennt die Dinge bei ihrem Namen, und bewahrt
doch seine Würde und einige Salbung im Ton; auch verschmäht er es
durchaus nicht, weltliche Mittel neben geistlichen anzuwenden. Er
weiß, daß die Kirche reich und mächtig sein muß, wenn sie in dieser
Welt auf die Dauer etwas Moralisches erreichen will, und daß man
die, deren Herz man auf die Dauer gewinnen will, auch durch prakti-
sche Interessen an sich binden muß. überdies wurde die Kirche ja auf
vielerlei Art, durch das Almosenwesen, bei der Schlichtung von Strei-
tigkeiten, durch die Verwaltung ihres sich mächtig entwickelnden
Grundbesitzes und durch viele politische Verstrickungen in das prak-
tisch Wirkende hineingetrieben. Realistisch in einem höheren, weni-
ger praktischen Sinne war das Christentum von Anfang an gewesen;
wir haben oben davon gesprochen, wie das Leben Jesu zwischen dem
niederen Volk und seine zugleich erhabene und schmachvolle Passion
die antike Vorstellung vom Tragisch-Erhabenen erschütterte. Aber
der kirchliche Realismus, wie er bei Gregor von Tours vielleicht zum
ersten Male literarisch in Erscheinung tritt, ist darüber hinaus mitten
im Praktischen selbst praktisch tätig, gespeist von der alltäglichen
Erfahrung, und handfest. Gregor hat von Berufs wegen mit all den
Leuten und Verhältnissen zu tun, von denen er berichtet, von Berufs
wegen interessiert ihn das einzelne des Moralischen, es ist ihm das
gegenwärtige Feld seiner Tätigkeit. Aus seiner Tätigkeit erwächst
ihm seine Beobachtung und seine Lust, sie aufzuzeichnen, und sein
sicher sehr persönliches Talent zum Konkreten ist ihm ganz natür-
lich aus seinem Amt erwachsen. Ganz selbstverständlich kann bei
ihm von einer ästhetischen Trennung der Bezirke des Erhaben-Tragi-
schen und des Alltäglich-Realistischen nicht die Rede sein; wer prak-
tisch, als Kirchenmann, mit Menschen zu tun hat, kann diese Bezirke
nicht trennen; das menschlich Tragische begegnet ihm jeden Tag im
gemischten, unausgewählten Material des Lebens. Freilich führt den
Bischof Gregor sein Talent und sein Temperament weit über das bloß
Seelsorgerische und kirchlich Praktische hinaus; er wird halb unbe-
wußt zum formenden, das Lebendige greifenden Schriftsteller. Das
hätte nicht jeder Geistliche werden können; doch wohl nur ein Geist-
licher konnte es in dieser Zeit werden. Darin unterscheidet sich die
Christianisierung von der ursprünglichen Romanisierung, daß ihre
Agenten nicht bloß von oben die Verwaltung ordnen und das übrige
der Entwicklung überlassen, sondern, daß sie verpflichtet sind, sich
um das einzelne der alltäglichen Vorfälle zu kümmern; sie wendet
sich unmittelbar an den einzelnen und an das einzelne. Es scheint
übrigens, daß Gregor sich der Bedeutung und sogar der Eigenart sei-
ner Schriftstellerei bewußt war. Denn obgleich er sich oft entschul-
SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS 93
digt, daß er als literarisch unzureichend gebildeter Mann zu schreiben
wagt (das ist übrigens eine herkömmliche rhetorische Formel), so
fügt er doch das eine Mal (IX, 31) die feierlich beschwörende Bitte
hinzu, es möge niemand der Späteren etwas an seinem Text ändern:
ut numquam libros hos aboleri faciatis auf rescribi, quasi quaedam
eligentes et quaedam praetermittentes, sed ita omnia vobiscum inte-
gra inlibataque permaneant sicut a nobis relicta sunt ; und noch deut-
licher wird es in den folgenden Zeilen, die auf die Schulrhetorik an-
spielen und deren weitere Entwicklung im mittelalterlichen Latein
gleichsam vorauszuahnen scheinen: «wenn du, Priester Gottes, wer
du auch seiest (so redet er die Späteren an), noch so gebildet bist -
wobei er alle Wissenschaften und literarischen Kenntnisse aufzählt -
so daß dir mein Stil bäurisch vorkommt (ut tibi stilus noster sit rusti-
cus) - selbst dann, ich beschwöre dich, zerstöre nicht, was ich ge-
schrieben habe.» Heutzutage, wo vielen Gregor, selbst als Stilist,
wertvoller scheint als selbst ein großer Teil der elegantesten Humani-
sten, liest man solch eine Apostrophe nicht ohne Bewegung. Ein an-
deres Mal läßt er im Traum seine Mutter, die ihn zum Schreiben
mahnt, auf seine Bedenken, ihm fehle die literarische Kultur, folgen-
dermaßen antworten: Et nescis, quia nobiscum propter intelligen-
tiam populorum magis, sicut tu loqui potens es, habetur praeclarum?
Und darum geht er mutig an seine Arbeit, um den Durst des Volkes
zu stillen: sed quid timeo rusticitatem meam, cum dominus Redemp-
tor et deus noster ad distruendam mundanae sapientiae vanitatem
non oratores sed piscatores, nec philosophos sed rusticos praelegit?
Diese ganze Stelle, mit der Erscheinung der Mutter im Traum, ist
zwar nicht aus der Frankengeschichte, sondern aus der Vorrede zum
Martinusleben und bezieht sich unmittelbar auf die Wundertaten die-
ses Heiligen; aber man kann sie ohne Bedenken auf alles, was Gregor
geschrieben hat, beziehen: er schreibt überall für das allgemeine, un-
mittelbare, sinnlich-konkrete Verständnis, wie es seinem Talent, sei-
nem Temperament, seinem Amt entspricht: sicut tu loqui potens es.
Sein Stil ist ganz und gar verschieden von dem der spätantiken
Autoren, selbst der christlichen - eine vollkommene Wandlung ist
eingetreten seit der Epoche Ammians und Augustins. Freilich ist es,
wie man oft festgestellt hat, eine Entartung, ein Verfall der Bildung
und der sprachlichen Ordnung; aber es ist doch nicht nur dieses al-
lein. Es ist ein Neuerwachen des unmittelbar Sinnlichen. Der Stil wie
die Formung des Inhalts war in der Spätantike krampfhaft geworden;
das Übermaß der rhetorischen Mittel und die Düsterkeit der Atmo-
sphäre, die sich über die Ereignisse gebreitet hatte, geben den spät-
antiken Autoren, von Tacitus und Seneca bis zu Ammian, etwas
94 SICHARIUS UND CHRAMNESINDUS

Mühsames, Gewaltsames, überanstrengtes; bei Gregor ist der


Krampf gelöst. Er hat viel Abscheuliches zu erzählen; Verrat, Ge-
walttat, Totschlag sind ganz alltägliche Vorkommnisse; aber die ein-
fache und praktische Lebhaftigkeit, mit der er sie erzählt, läßt doch
nicht die schwere Dumpfheit aufkommen, die wir bei den spätrömi-
schen Autoren finden, und der sich auch die christlichen Autoren
kaum zu entziehen vermögen. Wenn Gregor schreibt, ist die Kata-
strophe geschehen, das Reich ist gestürzt, die Organisation zusam-
mengebrochen, die antike Bildung zerstört — aber die Spannung ist
gelöst, und freier, unmittelbarer, von keiner unlösbaren Aufgabe
mehr bedrängt, von keinen unerfüllbaren Ansprüchen mehr gepei-
nigt, steht sein Gemüt der lebendigen Wirklichkeit gegenüber, bereit,
sie lebendig zu fassen und praktisch in ihr zu wirken. Man wolle noch
einmal einen Blick auf den Satz werfen, mit dem Ammian die im
vorigen Kapitel besprochene Erzählung beginnt: Dum has exitiorum
communium clades etc. Ein solcher Satz beherrscht übersichtlich eine
vielteilige Wirklichkeitslage, und gibt dazu noch eine genaue Verbin-
dung zwischen dem Voraufgegangenen und dem Folgenden. Aber
wie mühsam, wie krampfhaft ist er! Ist es nicht eine Erholung, da-
nach Gregors Anfang zu lesen: Gravia tunc inter Toronicos bella ci-
vilia surrexerunt ...? Freilich ist das tunc nur eine lockere und un-
scharfe Verbindung, und der ganze Ausdruck ist roh, denn «bella
civilia» ist gewiß nicht das genaue Wort für die unordentlichen Prü-
geleien, Räubereien und Totschläge, um die es sich handelt. Aber die
Dinge bieten sich Gregor unmittelbar, er braucht sie nicht mehr in
den Panzer des erhabenen' Stils zu zwingen, und sie selbst wachsen
oder wuchern frei, nicht mehr eingeschnürt in den Apparat der dio-
kletianisch-konstantinischen Reform, die nur ein Zwang und nicht
mehr eine Neubelebung war. Das Wirklich-Sinnliche, welches bei
Ammian, beschwert von den Fesseln der hierarchischen Zwangsherr-
schaft und der Periodensprache, nur gespenstisch und metaphorisch
hervorbricht, kann bei Gregor sich frei entfalten. Ein Rest von Zwang
liegt freilich in seinem Ehrgeiz, doch noch literarisches Latein schrei-
ben zu wollen; die Vulgärsprache ist noch kein literarisch brauchba-
res Werkzeug, sie genügt offenbar auch den bescheidensten literari-
schen Ausdrucksansprüchen noch nicht. Aber sie ist doch schon als
gesprochene, das alltäglich Wirkliche ergreifende Sprache vorhanden,
und als solche bei Gregor durchzufühlen. Sein Stil zeigt uns eine erste
frühe Spur des neuerwachenden sinnlichen Zugriffs auf die gesche-
henden Dinge, und diese Spur ist uns um so wertvoller, als aus seiner
Epoche, ja aus der ganzen zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends, so
wenig für unsere Untersuchung brauchbare Texte erhalten sind.
V

ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER


DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES

LVIII 737 Tresvait la noit e apert la eiere albe


Par mi cel host (sonent menut cil graisle).
Li emperere mult fierement chevalchet.
740 «Seignurs barons», dist li emperere Carles,
«Veez les porz e les destreiz passages:
Kar me jugez ki ert en la rereguarde.»
Guenes respunt: «Rollant, cist miens fillastre:
N'avez baron de si grant vasselage.»
745 Quant 1'or li reis, fierement le reguardet,
Si li ad dit: «Vos estes vifs diables.
El cors vos est entree mortel rage.
E ki serat devant mei en 1'ansguarde?»
Guenes respunt: «Oger de Denemarche:
750 N'avez barun ki mielz de lui la facet.»

LIX Li quens Rollant. quant il s'oit juger,


Dunc ad parled a lei de chevaler:
«Sire parastre, mult vos dei aveir eher:
La rereguarde avez sur mei jugiet!
755 N'i perdrat Carles, Ij reis ki France tient,
Men escientre palefreid ne destrer,
Ne mul ne mule que deiet chevalcher,
Ne n'i perdrat ne runcin ne sumer
Que as espees ne seit einz eslegiet.»
760 Guenes respunt: «Veir dites, jol sai bien.»

LX Quant ot Rollant qu'il ert en la rereguarde.


Ireement parlat a sun parastre:
«Ahi! culvert, malvais hom de put aire.
Quias le guant me caist en la place,
765 Cume fist a tei le bastun devant Carle?»

LXI «Dreiz emperere», dist Rollant le barun,


«Dunez mei I'arc que vos tenez el poign.
Men escientre nel me reproverunt
Que il me chedet cum fist a Guenelun
770 De sa main destre, quant recut le bastun.»
Li empereres en tint sun chef enbrunc,
Si duist sa barbe e detoerst sun gernun,
Ne poet muer que des oilz ne plurt.
96 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER
LXII Anpres iQO i est Neimes venud,
775 Meillor vassal n'out en la curt de lui,
E dist al rei: «Ben l'avez entendut;
Li quens Rollant, il est mult irascut.
La rereguarde est jugee sur lui:
N'avez baron ki jamais la remut.
780 Dunez li l'arc que vos avez tendut,
Si li truvez ki tres bien li aiut!»
Li reis li dunet e Rollant l'a recut.'

DIE abgedruckten Verse sind aus der Oxforder Handschrift des Ro-
landsliedes ; sie berichten von der Wahl Rolands zu einem gefähr-
lichen Amt, nämlich zum Befehlshaber der Nachhut des fränkischen
Heeres, das nach dem Feldzug in Spanien auf dem Rückmarsch durch
die Pyrenäen begriffen ist. Die Wahl geschieht auf den Vorschlag von

Die Nacht vergeht, der klare Morgen erscheint ... Der Kaiser sitzt
stolz zu Pferde. Ihr Herrn Barone, sagt der Kaiser Karl, seht die Gebirgs-
pässe und die engen Straßen: wählt mir einen für die Nachhut! Ganelon
antwortet: Roland, meinen Stiefsohn! Ihr habt keinen Baron von gleicher
Tapferkeit. Als der König dies hört, sieht er ihn drohend an und hat zu
ihm gesagt: Ihr seid der Teufel selbst; wilde Wut ist in euch eingedrun-
gen! und wer soll vor mir bei der Vorhut sein? Ganelon antwortet: Ogier
von Dänemark! Ihr habt keinen Baron, der sie besser führen könnte.
Der Graf Roland, als er sich wählen hört, da hat er gesprochen wie es
einem Ritter ziemt: Herr Stiefvater, ich bin euch großen Dank schuldig:
ihr habt mich für die Nachhut vorgeschlagen! Karl der König, der das
Frankenreich besitzt, wird, so viel an mir liegt, nichts dabei verlieren: we-
der Zelter noch Schlachtroß noch Maultier, das er reiten soll, noch Last-
pferd oder Saumtier, ohne daß zuvor mit dem Schwerte darum gekämpft
würde! Ganelon antwortet: Ihr sprecht die Wahrheit, ich weiß es wohl.
Als Roland hört, daß er zur Nachhut kommen soll, da sprach er zornig
zu seinem Stiefvater: Ha, du Schuft, du elender Bastard, du hast wohl ge-
glaubt, mir würde der Handschuh zu Boden fallen, wie dir der Stab, als du
vor Karl standest?
Gerechter Kaiser, sprach Roland der Baron, gebt mir den Bogen, den
ihr in der Hand haltet! Ich denke, man wird mir nicht vorwerfen können,
daß er mir hinfiel, wie Ganelon der Stab aus seiner Rechten fiel! Der Kai-
ser hielt sein Haupt gesenkt, er strich sich den Bart und drehte an seinem
Schnurrbart; er kann die Tränen nicht zurückhalten.
Danach ist Naimes gekommen; es gab keinen besseren Ritter als ihn
am Hofe; er sagte zum König: Ihr habt es wohl gehört; der Graf Roland
ist sehr erzürnt: die Nachhut ist ihm bestimmt worden; kein anderer Ba-
ron könnte mehr für ihn eintreten; gebt ihm den Bogen, den ihr gespannt
habt; und findet sehr gute Hilfe für ihn! Der König gibt ihm den Bogen,
und Roland hat ihn entgegengenommen.
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 97
Rolands Stiefvater Ganelon; sie entspricht in ihrem Verlauf einem
früheren Vorgang, der Wahl Ganelons zum Gesandten Kaiser Karls
bei dem Sarazenenkönig Marsilius auf Vorschlag Rolands (Vers
274 ff.). Beiden Vorgängen liegt zugrunde eine alte, auf Vermögens-
streitigkeiten beruhende (V.3758) Feindschaft zwischen den beiden
Baronen: sie suchen sich gegenseitig zu verderben. Die Gesandtschaft
an Marsilius war, das wußte man aus früheren Erfahrungen, höchst
lebensgefährlich; ihr Verlauf zeigt, daß sie auch Ganelon das Leben
gekostet hätte, hätte er nicht dem Sarazenenkönig den verräterischen
Handel angeboten, der zugleich auch seinem eigenen Haß und Rache-
durst Befriedigung verschaffen soll: er verspricht dem König, ihm die
Nachhut des fränkischen Heeres mit Roland und seinen nächsten
Freunden, den zwölf Pairs, die er (mit Recht) als die Kriegspartei am
fränkischen Hof darstellt, in die Hände zu liefern. Nun ist er mit di,n
unaufrichtigen Friedens- und Unterwerfungsangeboten des Marsilius
ins fränkische. Lager zurückgekehrt, die Heimkehr des Heeres na, ;h
Frankreich wird angetreten, und Ganelon muß, um den mit Marsilius
verabredeten Plan zu verwirklichen, noch dafür sorgen, daß Roland
zur Nachhut kommt. Dies geschieht in den oben abgedruckten Versei.
Der Vorgang ist in fünf Strophen (Laissen) erzählt. Die erste ent-
hält den Vorschlag Ganelons und Karls unmittelbare Reaktion; die
zweite, dritte und vierte beschäftigt sich mit der Haltung Rolands
gegenüber dem Vorschlag; die fünfte bringt das Eingreifen Naimes'
und die endgültige Betrauung Rolands durch den Kaiser. Die erste
Laisse zeigt zunächst eine Einleitung von drei Versen, drei paratak-
tisch nebeneinandergestellten Hauptsätzen, die den morgendlichen
Aufbruch des Heeres schildern (es ist vorher von der letzten Nacht
und einem Traum des Kaisers die Rede gewesen). Alsdann folgt die
Szene des Vorschlags, die als zweimaliger Wechsel von Rede und Ge-
genrede gefaßt ist: Aufforderung zur Wahl, Antwort mit dem Vor-
schlag, Gegenfrage und Gegenantwort; beide Redepaare sind mit
äußerster, stereotyper Einfachheit gerahmt (dist, respunt, dit, res-
punt); sie werden nach dem ersten Paar unterbrochen durch den Vers
745, den einzigen, der eine kurze temporale Hypotaxe enthält; alles
übrige ist in Hauptsätzen gegeben, die wie Blöcke nebeneinander und
gegeneinander stehen, und deren parataktische Unabhängigkeit noch
durch die jedesmalige Nennung des sprechenden Subjekts hervorge-
hoben wird (besonders deutlich 7401i emperere Carles, obgleich die-
ser auch Subjekt des vorhergehenden Satzes ist). Betrachten wir nun
die einzelnen Reden. Die Aufforderung Karls enthält einen kausalen
Gedankengang: da wir durch schwieriges Gelände ziehen müssen, so
wählt mir...; aber der hochgemuten Haltung des Kaisers entspre-
7
98 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

chend, mult fierement, ist er parataktisch in zwei Hauptsätzen gege-


ben, einem hinweisenden (hier seht das schwierige Gelände) und ei-
nem befehlenden. Als Antwort erfolgt, wie ein hingeworfener Fehde-
handschuh, Ganelons Vorschlag, wiederum parataktisch, in drei Glie-
dern: zuerst der Name, sodann die von triumphierender Rache er-
füllte Erwähnung der Verwandtschaft (eist miens fillastre, in Erinne-
rung an das entsprechende mis parastre, V. 277 und 287, co set hom
ben que jo sui tis parastres), schließlich die gewiß grimmig-ironisch
intonierte, formelhaft lobende Begründung. Hierauf folgt die kurze
dramatische Pause mit Karls finsterem Blick. Seine ebenfalls rein pa-
rataktisch geordnete Gegenäußerung beginnt mit heftigen Worten,
welche zeigen, daß er Ganelons Plan durchschaut, aber auch, daß er,
wie Naimes nachher bestätigt, kein wirksames Mittel zur Verfügung
hat, den Vorschlag zurückzuweisen; vielleicht kann die Frage, mit der
er schließt, als eine Art Gegenangriffsversuch gedeutet werden: ich
brauche Roland für die Vorhut! Wenn diese Deutung richtig ist, so
chlägt jedenfalls Ganelon den Gegenangriff sofort zurück, und die
seiner ersten Rede genau gleiche Struktur der zweiten betont das
Schneidende seines Auftretens; offenbar befindet er sich in einer sehr
starken Position und ist seines Sieges vollkommen sicher. Es geht in
dieser Laisse, auch syntaktisch, hart auf hart.
Zu der Schärfe und Bestimmtheit des Ausdrucks steht in einem ge-
wissen Gegensatz die Tatsache, daß manches in der Szene nicht sehr
klar ist. Man kann doch kaum annehmen, daß der Kaiser an den Vor-
schlag eines einzigen seiner Barone fest gebunden ist; tatsächlich wird
in anderen, ähnlichen Fällen (zum Beispiel vorher bei der Wahl Ga-
nelons, V. 278/9 und 321/2, vgl. auch V. 243) die Zustimmung des Hee-
res ausdrücklich erwähnt. Man mag vermuten, daß sie auch hier er-
folgt, ohne daß es gesagt wird, oder daß der Kaiser weiß, daß an ihr
nicht zu zweifeln ist; aber selbst wenn dem so ist, wenn also unsere
Fassung etwas von der Überlieferung verschleiert, nämlich daß Ro-
land unter den Franken auch Feinde hat, die ihm einen gefährlichen
Auftrag und eine Entfernung aus der Umgebung des Kaisers wün-
schen, etwa aus Furcht, es möchte durch seinen Einfluß der Entschluß
zum Abbruch des Krieges noch rückgängig gemacht werden — selbst
dann bleibt es rätselhaft, daß der Kaiser, ohne für eine ihm genehme
Lösung Vorsorge getroffen zu haben, sich durch seine Aufforderung
zur Wahl in eine Lage begibt, aus der er keinen Ausweg weiß; er muß
doch die Strömungen in seiner Umgebung kennen, und er ist überdies
durch einen Traum gewarnt. Damit ist ein zweites Rätsel berührt: wie
weit durchschaut er Ganelon, wie weit weiß er voraus, was geschehen
wird? Man kann doch nicht annehmen, daß er über Ganelons Plan
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 99
genau unterrichtet ist; ist er es aber nicht, so scheint seine Reaktion
auf den Vorschlag (vos estes vifs diables usw.) übertrieben. Die ganze
Stellung des Kaisers ist undeutlich, und er ist bei aller zuweilen her-
vortretenden autoritativen Bestimmtheit gleichsam traumhaft ge-
lähmt. Die bedeutende, symbolische, einem Gottesfürsten ähnliche
Stellung, die ihn als Haupt der gesamten Christenheit und als Vorbild
ritterlicher Vollendung erscheinen läßt, steht im seltsamsten Gegen-
satz zu seiner Machtlosigkeit; obgleich er zögert und sogar Tränen
vergießt, obgleich er das kommende Unglück in einem nicht genau
bestimmbaren Grade vorausahnt, kann er es nicht verhindern; er ist
von seinen Baronen abhängig, und unter ihnen findet sich keiner, der
etwas ari der Lage ändern könnte (oder wollte? das hängt von der In-
terpretation des Verses 779 ab); ebenso wie er später, bei dem Prozeß
Ganelons, den Tod seines Neffen Roland ungerächt lassen müßte,
wenn nicht schließlich ein einziger Ritter sich fände, der bereit ist, für
seine Sache einzutreten. Man kann für all das einige Erklärungen an-
führen; so zum Beispiel die schwache Stellung der Zentralgewalt im
lehensrechtlichen Gesellschaftsaufbau, wie sie sich zwar kaum zur
Zeit Karls des Großen, wohl aber später, zur Zeit der Entstehung des
Rolandsliedes, vielfach herausgebildet hatte; daneben, halb religiöse,
halb sagenhafte Vorstellungen, wie sie sich denn auch bei manchen
Königsgestalten des höfischen Romans finden, Vorstellungen, die mit
der Erscheinung des großen Kaisers zugleich leidende, märtyrerhafte,
traumhaft gelähmte Züge verbinden. Bestimmt ist auch Christuspar-
allele (12 Jünger, Judas, Vorauswissen und Nichtverhindern) wirk-
sam.
Das Gedicht selbst gibt jedenfalls keinerlei Analysen oder Erklä-
rungen für das Rätselhafte dieses und anderer Vorgänge; wir müssen
sie erst herantragen, und sie sind der ästhetischen Aufnahme eher
schädlich. Der Dichter erklärt nichts; und doch wird das tatsächlich
sich Vollziehende mit einer parataktischen Schärfe ausgesprochen,
welche ausdrückt, es müsse alles so geschehen wie es geschieht, es
könne gar nicht anders sein, und es bedürfe keiner erklärenden Ver-
bindungsglieder. Dies bezieht sich, wie man weiß, nicht nur auf die
Ereignisse, sondern auch auf die Anschauungen und Grundsätze, auf
welchen das Handeln der Personen beruht. Der ritterliche Kampfes-
wille, der Ehrbegriff, die gegenseitige waffenbrüderliche Treue, die
Sippengemeinschaft, das christliche Dogma, die Verteilung von Recht
und Unrecht zwischen Gläubigen und Ungläubigen sind wohl die
wichtigsten dieser Anschauungen; es sind wenige; sie geben ein enges
Bild, in der nur eine einzige Gesellschaftsschicht erscheint, und auch
diese in einer sehr vereinfachten Form; sie werden begründungslos
100 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

gesetzt, als reine Thesis : so ist es. Keinerlei Begründung, keinerlei er-
klärende Ausführung ist erforderlich, wenn etwa der Satz ausgespro-
chen wird: paien unt tort et chrestiens unt dreit (V.1015) — obgleich
augenscheinlich das Leben der heidnischen Ritter, die Verschieden-
heit der Gottesnamen ausgenommen, kaum verschieden ist von dem
der Christen; sie werden zwar häufig, zum Teil in phantastischer und
symbolischer Art, als verworfen und abschreckend hingestellt, doch
sind auch sie Ritter, und die soziale Struktur scheint bei ihnen genau
die gleiche zu sein wie bei den Christen; dieser Parallelismus geht bis
in die Einzelheiten und trägt dazu bei, die Enge des dargestellten Le-
bensraumes noch augenfälliger zu machen. Das Christentum der
Christen ist ein rein gesetztes; es erschöpft sich in dem Bekenntnis
und den dazu gehörigen liturgischen Formeln; es ist überdies auf eine
extreme Weise in den Dienst des ritterlichen Kampfeswillens und der
politischen Expansion gestellt. Als Buße wird den betenden, vor dem
Kampf die Absolution empfangenden Franken aufgegeben, kräftig
dreinzuschlagen; wer in solchem Kampf fällt, ist ein Märtyrer und
hat sichere Anwartschaft auf einen Platz im Paradies; Bekehrungen
mit Gewalt, wobei die Widerstrebenden getötet werden, sind ein gott-
gefälliges Werk. Diese Gesinnung, die als eine christliche erstaunlich
wirkt, und als christliche vorher nicht existierte, hat hier im Rolands-
lied nicht, wie in Spanien, ihre Begründung in einer gegebenen ge-
schichtlichen Lage; es wird ihr auch sonst keine Begründung gege-
ben; sondern es ist wie es ist, als ein parataktisches Gebilde von sehr
einfachen, dabei doch oft in sich widerspruchsvollen, äußerst engräu-
migen Setzungen.
Gehen wir nun zum zweiten Teil des Vorgangs über, der Reaktion
Rolands. Mit ihr beschäftigen sich drei Laissen; in den beiden ersten
spricht er zu Ganelon, in der dritten zum Kaiser. Seine Reden enthal-
ten drei Motive, in verschiedener Stärke, und auf verschiedene Weise
ineinander verschränkt; ein ungeheuer auftrumpfendes, wildes Selbst-
bewußtsein, sodann Haß gegen Ganelon, und schließlich, weit schwä-
cher, Ergebenheit und Dienstbereitschaft gegenüber dem Kaiser. Die
beiden ersten Motive verschränken sich in der Art, daß zunächst das
erste mit Macht hervortritt, aber auch schon hier mit dem zweiten,
und auch mit dem dritten durchtränkt ist. Roland liebt Gefahr und
sucht sie auf, man kann ihn nicht erschrecken; überdies legt er großen
Wert auf sein Prestige; er will Ganelon auch nicht einen Augenblick
des Triumphes gönnen; und so legt er es zunächst darauf an, vor aller
Augen mit Nachdruck zu zeigen, daß er durchaus nicht, wie Ganelon
in der entsprechenden Lage (V.332 ff.) die Fassung verloren hat; da-
her der Dank an Ganelon, der bei der allen Umstehenden bekannten
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 101
Feindschaft zwischen beiden nur ironisch und höhnisch wirken kann;
daher auch das Aufzählen der verschiedenen Reit- und Lasttiere, von
denen er auch nicht ein einziges kampflos preisgeben wird — ein mäch-
tiges, demonstratives und auch erfolgreiches Auftrumpfen seiner
selbstbewußten Tapferkeit, das auch Ganelon zur Anerkennung
zwingt, einer Anerkennung, die freilich auch wohl hinterhältig ist —
rechnet er doch gerade auf Rolands tollkühnes Selbstvertrauen, um
ihn zu verderben! Aber Ganelons Augenblickstriumph ist jedenfalls
zerstört; denn nachdem Roland seine Haltung zur Genüge kundge-
geben hat, kann er seinem verachtungsvollen Haß freien Lauf lassen,
und dieser nimmt nun die Form eines höhnischen Triumphs von sei-
ner Seite an: siehst du, du Lump, ich habe mich nicht so benommen
wie du seinerzeit — und noch wenn er vor Karl steht, um den Bogen
entgegenzunehmen, mischt sich in den Ausdruck seiner Dienstbereit-
schaft — der so gefaßt ist, daß er Ungeduld verrät — noch einmal der
höhnisch triumphierende Vergleich zwischen seiner Haltung und der
Ganelons. Diese ganze Szene — Rolands selbstbewußte Demonstra-
tion gefolgt von dem langanhaltenden, wiederhohen, triumphieren-
den Hohn- und Haßausbruch — ist über drei Laissen verteilt, und da
die beiden ersten sich an Ganelon wenden, mit ganz ähnlichen Ein-
gangsformeln, unterschieden nur durch die adverbialen Bestimmun-
gen, das eine Mal a lei de chevaler, das andere Mal ireement — da sie
ferner bei flüchtiger und rein rationaler Betrachtung inhaltlich nicht
zusammenstimmen, indem die erste freundlich, die zweite erzürnt zu
sein scheint — so haben manche Herausgeber und Kritiker an der
Echtheit des Textes gezweifelt, und eine der beiden Laissen, meist die
zweite, gestrichen. Daß dies nicht richtig sein kann, hat schon lkdier
in seinem Kommentar (Paris, Piazza, 1927, Seite 151) gezeigt, und dies
ist, wie aus der eben gegebenen Analyse hervorgeht, auch meine Mei-
nung: die zweite Laisse hat die erste zur Voraussetzung; die in der
ersten Laisse gezeigte Haltung, die in scharfem Gegensatz steht zur
Haltung Ganelons bei jenem früheren Vorgang, gibt die Begründung
für den Haßtriumph der zweiten. Ich möchte dies Ergebnis auch noch
durch eine andere, stilistische Erwägung stützen. Das hier vorliegende
mehrmalige Wiederaufnehmen der gleichen Situation in aufeinander-
folgenden Laissen, in der Art, daß man zunächst zweifeln kann, ob es
sich um einen neuen Vorgang oder um eine ergänzende Darstellung
des ersten handelt, ist sehr häufig im Rolandslied (und auch sonst in
den Chansons de geste); es ergeben sich dabei auch an anderen Stel-
len, wie an der hier besprochenen, überraschende Wendungen bei den
Wiederaufnahmen. In der 40., 41. und 42. Laisse gibt Ganelon auf die
dreimal fast gleichlautend wiederholte Frage des Königs Marsilius
102 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

(wann Karl, der doch schon so alt ist, endlich kriegsmüde werden
wird) drei Antworten, deren erste die späteren nicht vorausahnen
läßt: in der ersten spricht er nur zum Lobe Karls, und erst in der
zweiten und dritten nennt er Roland und seine Genossen als Kriegs-
treiber, womit die Wendung zum Verrat beginnt; und erst in der dar-
auffolgenden, der 43. Laisse, wird er ganz deutlich, wobei auch von
Karl durchaus nicht mehr in freundlichem Ton gesprochen wird.
Schon vorher ist die Haltung Ganelons bei Marsilius einer rein ratio-
nalen Analyse nicht verständlich; er benimmt sich zunächst so feind-
lich und hochfahrend, als wolle er den König mit Gewalt reizen, und
als sei von Verhandlung und Verrat keine Rede. In anderen Fällen
(Laissen 5 und 6; 79 bis 81; 83 bis 86; 129 und 130; 133 bis 135; 137
bis 139; 146 und 147; usw.) ist zwar kein eigentlicher Widerspruch
zwischen den Inhalten der einzelnen Laissen festzustellen, allein auch
da wird häufig vom gleichen Ausgangspunkt in verschiedener Rich-
tung oder verschieden weit vorgestoßen. Wenn in der 80. Laisse Oli-
vier auf eine Anhöhe gestiegen ist und das anrückende Sarazenenheer
sieht, ruft er Roland heran und spricht mit ihm über Ganelons Ver-
rat; in der 81., die ebenfalls mit der Besteigung der Anhöhe beginnt,
ist von Roland nicht die Rede, sondern Olivier steigt so schnell als
möglich hinab, um den Franken Bericht zu geben. In den Laissen 83
bis 85, in denen Olivier Roland dreimal bittet, ins Horn zu stoßen und
dreimal die gleiche abweisende Antwort erhält, ist die Absicht der
Wiederholung ein Intensivieren des Vorgangs; wie überhaupt im Ro-
landslied sowohl das Dringend-Intensive wie auch das Mehrfach-
Gleichzeitige von Vorgängen durch Wiederholen und Addieren vie-
ler, oft kunstvoll variierter Einzelvorgänge dargestellt wird; dahin ge-
hören auch die Serien von auftretenden Rittern und von Kampfessze-
nen. Die Laissen 129 bis 131, in denen nun Roland seinerseits vor-
schlägt, ins Horn zu stoßen (vorbereitet schon durch 128, und über-
aus kunstvoll im Ausdruck von Rolands reuiger Verlegenheit), ent-
sprechen der früheren Szene, nur sind die Rollen vertauscht; jetzt ist
es Olivier, der dreimal abweisend antwortet. Von seinen drei Antwor-
ten, die mit großer psychologischer Einsicht aufgebaut sind, enthält
die erste ein verstockt-ironisches Wiederholen von Rolands früheren
Gegenargumenten, plötzlich umgebogen zu einem spontanen Aus-
bruch der Teilnahme (oder der Bewunderung) beim Anblick von Ro-
lands blutbedeckten Armen; noch die zweite beginnt mit Ironie, und
endet mit einem Zornesausbruch; erst die dritte formuliert seine Vor-
würfe und seinen Schmerz in geordneter Weise. In den drei Laissen
vom Hornruf, 133 bis 135, wo es sich vermutlich um dreimaligen
Hornruf handelt, ist die Wirkung des Hornes auf die Franken jedes-
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 103
mal auf verschiedene Weise entwickelt; die drei Wirkungen geben
zwar auch im Ganzen eine Entwicklung, nämlich vom ersten Stutzen
bis zur vollen Erkenntnis der Lage (welche Ganelon zu verhindern
sucht), doch ist diese Entwicklung nicht gleichförmig vorwärtsschrei-
tend, sondern stoßweise, mit Vor- und Rückstößen, wie Zeugung oder
Geburt. Die variierende Wiederholung des gleichen Themas ist eine
Technik, die aus der mittellateinischen Poetik stammt, und diese wie-
derum entnimmt sie der antiken Rhetorik; darauf haben zuletzt be-
sonders Faral und E.R.Curtius hingewiesen; aber damit ist die Form
und Stilwirkung der «Regressionen» im Rolandslied weder erklärt
noch auch nur beschrieben. Offenbar sind sowohl die Serien gleich-
artiger Vorgänge wie auch die Wiederaufnahmen Phänomene, deren
Charakter dem der Parataxe in der Satzform nahesteht. Ob nun an-
stelle einer Massendarstellung die immer neu anhebende Aufzählung
ähnlich gestalteter und verlaufender Einzelszenen tritt; oder ob an-
stelle einer intensiven Handlung das mehrfache, immer wieder vom
Ausgangspunkt anhebende Wiederholen der gleichen Handlung ge-
geben wird; oder ob schließlich anstelle eines vielgliedrig sich entwik-
kelnden Vorgangs ein mehrfaches Zurückgehen zum Ausgangspunkt
mit jeweilig daran sich anschließender Ausführung verschiedener
Glieder oder Motive erfolgt: immer handelt es sich um ein Vermeiden
der rational gegliederten Zusammenfassung und ein Bevorzugen des
stockenden, stoßweisen, nebeneinandersetzenden, vor- und zurück-
gehenden Verfahrens, wobei die kausalen, modalen, ja sogar die tem-
poralen Beziehungen verschwimmen. (Schon in der ersten Laisse des
Gedichts greift der letzte Vers, nes poet guarder que mals ne atei-
gnet, zeitlich weit voraus.) Immer wieder wird Anlauf genommen,
jede einzelne Wiederaufnahme ist in sich geschlossen und unabhän-
gig, die nächste tritt neben sie, und es bleibt oft in der Schwebe, wie
sie zusammenhängen. Auch dies ist eine Form des epischen Retardie-
rens im Goethe-Schillerschen Sinne (s. oben S. 7f.), aber nicht durch
Einschübe und Episoden, sondern durch Vor- und Zurückgehen in-
nerhalb der Haupthandlung selbst. Das Verfahren ist sehr ausgespro-
chen episch, ja sogar vortragsepisch, indem der etwa während des
Vortrags hinzutretende Hörer sogleich einen geschlossenen Eindruck
empfängt; es ist zugleich eine Aufteilung des Geschehens in lauter
kleine, starre, mit stereotypen Wendungen gegeneinander befestigte
Parzellen.
Die drei Reden Rolands sind nicht so kurz wie die des Kaisers und
Ganelons in der ersten Laisse, aber auch sie geben kein periodisches
Fließen; der lange Satz der Laisse 59 ist nur ein mehrfach abgesetztes
Aufzählen; in allen drei Laissen sind die Nebensätze von einfachster
104 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

Art und in hohem Maße selbständig; ein eigentlicher Redefluß ent-


steht nicht. Der Rhythmus des Rolandsliedes ist niemals fließend wie
der des antiken Epos; jede Zeile hebt von neuem an, jede Strophe
stößt von neuem vor. Außer der vorwiegenden Parataxe trägt zu die-
ser Wirkung bei die meist holprige, ungrammatische Fügung, wenn
irgendwo doch einmal etwas verwickeltere Hypotaxen versucht wer-
den; ferner auch die Strophenbildung mit den Assonanzen, die jede
Zeile als selbständiges Gebilde und die ganze Strophe als ein Bündel
selbständiger Glieder erscheinen lassen, gleich als wären Stäbe oder
Speere von gleicher Länge und mit ähnlich geformter Spitze zusam-
mengebündelt. Man betrachte etwa die Rede Ganelons zugunsten der
Annahme des Friedensangebotes von Marsilius (V. 220ff.), die einen
langen Satz enthält:
222 Quant co vos mandet li reis Marsiliun
Qu'il devendrat iointes ses mains tis hum
E tute Espaigne tendrat par vostre dun,
225 Puis recevrat la lei que nus tenum,
Ki co vos lodet que cest plait degetuns,
Ne li chalt, sire, dc quel mort nus muriuns.'
Der Hauptsatz (ne li chalt ...) steht am Ende; aber der Anfang der
Periode nimmt keine Rücksicht auf die Art seiner Fügung, so daß,
nach der Entfaltung des Inhalts der Botschaft Marsilius', die Kon-
struktion gewechselt Werden muß: der Quant-Satz mit den von ihm
abhängigen Inhaltsanzeigen (que e puis ...), der selbst schon auf
halbem Wege seine Struktur vergißt (puis recevrat ... fängt schon an,
sich aus der Umklammerung durch que loszulösen) bleibt Anakoluth,
und es beginnt mit dem emphatisch vorweggenommenen Ki-Satz eine
neue Fügung; zu dieser nur äußerlich hypotaktischen, in Wahrheit
ganz parataktischen Struktur kommt nun noch die Sinnesgliederung
nach den einzelnen Zeilen, die harten Einschnitte der u-Assonanz,
und die nicht ganz so starken, aber gewiß fühlbaren Zäsuren der
Versmitte, die auch überall Sinneskommata ausprägen: von Rede-
fluß und Periodik ist in diesem Stil nichts zu spüren. Er ist von bewun-
derungswürdiger Einheitlichkeit, indem nämlich die Haltung der Per-
sonen durch den engen Rahmen festgelegter Ordnungen, in denen sie
sich bewegen, so streng begrenzt und gefügt ist, daß ihre Gedanken,
Gefühle ind Leidenschaften in solchen Versen Platz finden; ausführ-
Wenn der König Marsilius euch dies sagen läßt, daß er mit gefalteten
Händen dein Lehnsmann werden will und ganz Spanien als euer Lehen
besitzen, sodann auch den Glauben, den wir halten, annehmen: wer euch
das anrät, daß wir diesen Vorschlag verwerfen, den kümmert es nicht,
Herr, welchen Tod wir sterben. Vgl. Kudrun 242.
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 105
liches, verbindendes Raisonnement, wie es die homerischen Helden
lieben, kennen sie nicht, und ebensowenig gibt es bei ihnen frei aus-
strömende, treibende und drängende Ausdrucksbewegungen. Man
hat schon öfter die Worte Kaiser Karls, wenn er den Hornruf hört
(V. 1768/9)
Ce dist li reis: «Jo oi le corn Rollant!
Unc nel sunast se ne fust cumbatant »1

mit den entsprechenden Versen aus Vignys Gedicht Le Cor


Malheur! C'est mon neveu! malheur! car si Roland
Appelle ä son secours, ce doit 'etre en mourant

verglichen, was in dieser Hinsicht sehr lehrreich ist. Aber es bedarf


keines romantischen Gegenbeispiels, auch antike und spätere euro-
päische Texte aus vorromantischen Epochen tun den gleichen Dienst.
Man betrachte das Todesgebet Rolands (V.2384 ff.) oder das ganz
ähnlich geformte Gebet des Kaisers vor der Schlacht gegen Baligant
(V. 3100 ff.); sie beruhen auf liturgischen Vorbildern und zeigen infol-
gedessen vergleichsweise langen Atem in der Satzbildung. Das Gebet
Rolands lautet:
2384 «Veire Paterne, ki unkes ne mentis,
Seint Lazaron de mori resurrexis
E Daniel des leons guaresis,
Guaris de mei 1'anme de tuz perilz
Pur les pecchez que en ma vie fis!» 2
und dasjenige Karls
3100 «Veire Paterne, hoi cest ior me defend,
Ki guaresis Jonas tut veirement
De la baleine ki en sun cors l'aveit,
E esparignas le rei de Niniven
E Daniel del merveillus turment
3105 Enz en la fosse des leons o fut enz,
Les .111. enfanz tut en un fou ardant !
La tue amurs me seit hoi en present!
Par ta mercit, se te plaist, me cunsent
Que mun nevold poisse venger Rollant!» 3

.1 Dies sagt der König: Ich höre Rolands Horn! Nie würde er es blasen,
stünde er nicht im Kampf!
2 Wahrer Vater, der niemals log, der den heiligen Lazarus vom Tode
auferweckte, der Daniel vor den Löwen rettete, rette meine Seele vor allen
Gefahren, der Sünden wegen, die ich in meinem Leben beging.
3 Wahrer Vater, hilf mir heute, an diesem Tage, du, der Jonas wahrhaf-
tig von dem Walfisch gerettet hast, der ihn in seinem Bauch hatte, der den
106 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER
Es liegt in der formelhaften Festlegung der Erlösungsfiguren (wel-
che sich, wie die mystische Literatur zeigt, auch in ganz anders be-
wegter Weise verwenden lassen) und in der fast schwingungslosen,
immer wieder neu einsetzenden Art der apostrophierenden Bitte zwar
ein starkes Pathos, aber auch die engumgrenzte Sicherheit eines raum-
armen, eindeutig bestimmten Bildes von Gott, Welt und Schicksal.
Hält man dagegen ein beliebiges Gebet aus der Ilias — ich wähle Z
305 ff.
Tr6-t-vt"Avotim epuairroXt, Ua. ,9sc'cwv,
gov gyxc4 Atop.AUog ee xoti ocirrev
rrplivea 8ds nccreccv Exatc7)v npondtpotes rradtc»v
mit seiner stürmisch sich auf bäumenden Bittbewegung (ee xat otüTäv
Trprice Mg rrecristv), so erfährt man, wieviel freier strömende, stärker
treibende und flehende Bewegungen im Homer möglich sind, und daß
seine Welt, obwohl sie gewiß umgrenzt ist, längst nicht so starre Fü-
gung zeigt. Natürlich kommt es bei diesem Beispiel nicht auf das
überschreiten des Versendes an, welches ja in der antiken Metrik
überhaupt häufig ist, sondern auf die langgeschwungene, nuancen-
reiche Satzbewegung. Diese kann sich auch in gereimten Versgebil-
den zeigen, in denen kein Enjambement vorfällt, sowohl bei kurzen
wie bei langen Versen, und sie zeigt sich auch schon im Altfranzösi-
schen sehr bald, schon im 12. Jahrhundert, nämlich in dem achtsilbi-
gen gereimten Vers des höfischen Romans oder der kürzeren Vers-
erzählung. Wenn man den Achtsilber eines alten Heldenepos, des
Fragments von Gormund et Isembard, das wie eine Reihe von einzel-
nen, scharf taktierten Fanfarenstößen klingt («criant 1'enseigne al rei
baron,/ la Loovis, le fiz Charlun»), mit den fließenden, zuweilen
schwatzhaften, zuweilen lyrischen Achtsilbern des höfischen Romans
vergleicht, so wird man des Unterschiedes zwischen starrer und flie-
ßend-verbindender Fügung schnell innewerden. Und alsbald ist im
höfischen Stil auch schon weitgeschwungene rhetorische Bewegung
da. Aus der Folie Tristan (nach Bartsch, Chrestomathie de l'ancien
Francais, 12e ed., piece 24) stammen die Verse

König von Ninive schontest und Daniel bewahrtest vor der schrecklichen
Marter in der Löwengrube, in der er sich befand, und die drei Männer im
Feuerofen: deine Liebe sei mir heut zum Beistand! Durch deine Gnade,
wenn es dir gefällt, gewähre mir, daß ich meinen Neffen Roland rächen
möge!
1 Mächtige Athene, Stadtschirmerin, erhabene Göttin. lenke doch Dio-
medes' Lanze. und laß ihn selbst kopfüber stürzen vor den skäischen
Toren!
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 107
31 en ki me purreie fier,
quant Ysolt ne me deingne amer,
quant Ysolt a si vil me tient
k'ore de mei ne li suvient?'
Das ist eine drängend-schmerzliche Bewegung in der Form einer rhe-
torischen Frage mit zwei von ihr abhängigen, parallel gebauten Ne-
bensätzen, deren zweiter sich breiter entfaltet, das Ganze in steigen-
dem Rhythmus; im Grundriß ganz ähnlich, nur viel einfacher, wie die
berühmten Verse aus Racines Berenice (fünfte Szene des vierten Ak-
tes): Dans un mois, dans un an, comment souffrirons-nous
Seigneur, que tant de mers me separent de vous:
Que le iour recommence et que le iour finisse.
Sans que iamais Titus puisse voir Berenice,
Sans que, de tout le iour, ie puisse voir Titus?
Beenden wir kurz die Analyse unseres Textes. Am Ende der Laisse
61 kann sich der Kaiser immer noch nicht entschließen, Roland, der
vor ihm steht, den Bogen zu übergeben und ihm damit endgültig den
Auftrag zu erteilen; er neigt das Haupt, er faßt an seinen Bart, und er
weint. Die Einmischung Naimes', die die Szene beendet, ist wiederum
ganz parataktisch gebaut; die modalen Beziehungen, die in seinen
Worten liegen, werden grammatisch nicht ausgedrückt; der Satz wür-
de sonst so lauten: «Du hast ja gehört, wie erzürnt Roland ist, weil
man ihn zur Nachhut bestimmt hat; aber da es keinen Baron gibt, der
für ihn eintreten könnte (oder: wollte?), so gib ihm den Bogen, aber
sorge wenigstens dafür, daß er genügend gute Hilfskräfte hat.» Und
auch der schöne Schlußvers ist parataktisch.
Die parataktische Fügung ist in den antiken Sprachen niederen
Stils, sie ist mehr gesprochenen als geschriebenen, mehr komisch-rea-
listischen als erhabenen Charakters. Aber hier ist sie hohen Stils; es
ist eine neue Form desselben, die nicht auf Periodik und Redefiguren,
sondern auf der Wucht nebeneinandergesetzter selbständiger Sprach-
blöcke beruht. Ein hoher Stil aus parataktischen Gliedern ist an sich
in Europa nichts Neues, schon der biblische Stil hat diesen Charakter
(vgl. unser erstes Kapitel). Man erinnere sich der Diskussion über die
Erhabenheit des Satzes Genesis 1,3 (dixitque Deus: fiat lux, et facta
est lux), die im Anschluß an die Schrift rept ücliouS im 17. Jahrhundert
zwischen Boileau und Huet geführt wurde. Das Erhabene jenes Satzes
aus der Genesis liegt nicht im großartig Rollenden der Periodisierung

In wen soll ich mein Vertrauen setzen, wenn Ysolt mich nicht mehr
ihrer Liebe würdigt, wenn Ysolt mich so sehr verachtet, daß sie sich mei-
ner jetzt nicht mehr erinnert?
108 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

und im Schmuck reichlicher Redefiguren, sondern in der eindrucks-


vollen Kürze, die im Gegensatz steht zu dem gewaltigen Inhalt, und
die eben dadurch etwas Dunkles, den Hörer mit Schauern der Ehr-
furcht Erfüllendes hat. Gerade das Fortlassen der Kausalverbindung,
der bloße Bericht des sich Vollziehenden, der anstelle des Verbindens
und Verstehens ein staunendes Beschauen setzt, welches nicht einmal
wagt, verstehen zu wollen, gibt dem Satz seine Größe. Aber der Fall
liegt bei der Chanson de geste ganz anders. Ihr Gegenstand ist nicht
das ungeheure Rätsel der Schöpfung und des Schöpfers, nicht das
Verhältnis des Geschöpfes Mensch zu beiden. Der Gegenstand des
Rolandsliedes ist eng, und für seine Menschen ist nichts Grundsätz-
liches fraglich. Alle Ordnungen des Lebens, und auch die Ordnung
des Jenseitigen, sind eindeutig, unverrückbar, formelhaft festgelegt.
Sie sind zwar der rationalen Einsicht nicht ohne weiteres zugänglich,
aber das ist eine Feststellung, die erst wir treffen; das Gedicht und
seine zeitgenössischen Hörer bekümmert das nicht, sie leben in siche-
rem Vertrauen innerhalb der starr gefügten, engräumigen Setzung, in
der die Pflichten des Lebens, ihre Verteilung nach Ständen (vgl. die
Arbeitsteilung zwischen Rittern und Mönchen, V.1877 ff.), das We-
sen der überirdischen Kräfte und das Verhältnis der Menschen zu
ihnen in einfachster Weise geregelt sind. Im Innern dieses Rahmens
gibt es Reichtum und Zartheit des Gefühls, und auch eine gewisse
Buntheit der äußeren Erscheinungen; aber der Rahmen ist so eng und
starr, daß Problematik oder gar Tragik kaum entstehen können; es
gibt keine Konflikte, die den Namen des Tragischen verdienen.
Auch die uns erhaltenen altgermanischen epischen Texte zeigen pa-
rataktische Fügung; auch in ihnen herrscht die kriegerische Adels-
ethik mit ihrer strengen Festlegung von Ehre, Sitte und Kampf als
Gottesgericht. Und doch entsteht ein ganz anderer Eindruck. Die
Sprachblöcke sind lockerer aneinandergelehnt, der Raum um die
Geschehnisse und der Himmel über ihnen sind unvergleichlich weiter,
das Schicksal ist rätselvoller und die soziale Struktur längst nicht so
fest gefügt. Schon daß die berühmtesten germanischen Heldenepen,
vom Hildebrandslied bis zu den Nibelungen, ihre geschichtliche At-
mosphäre aus der wilden und weiträumigen Völkerwanderungszeit
holen, nicht aus dem schon fest strukturierten Auf bau des Hochfeu-
dalismus, gibt ihnen mehr Weite und Freiheit; auf galloromanisches
Gebiet sind die germanischen Stoffe der Völkerwanderungszeit nicht
gedrungen, oder haben doch nicht Wurzel schlagen können; und das
Christentum ist für das germanische Heldenepos fast bedeutungslos.
Die freien, unmittelbaren, noch in keine gesetzte Form gebrachten
Kräfte sind stärker, und die menschlichen Wurzeln, so scheint mir
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 109
wenigstens, sind tiefer. Von den germanischen Dichtungen des hel-
denepischen Kreises kann man nicht sagen, wie vom Rolandslied, daß
ihnen das Problematische und Tragische fehle: Hildebrand ist unmit-
telbarer menschlich und tragisch als Roland, und wieviel tiefer sind
die Konflikte in der Nibelungensage begründet als der Haß zwischen
Roland und Ganelon!
Wohl aber findet sich die gleiche Enge und Festlegung des Lebens-
raumes, wenn wir einen romanischen religiösen Text aus der Frühzeit
heranziehen. Wir haben davon mehrere, die dem Rolandslied zeitlich
vorausgehen. Der bedeutendste ist das Alexiuslied, eine Heiligen-
legende, die im elften Jahrhundert eine uns in mehreren Handschrif-
ten überlieferte altfranzösische Gestalt gewann. Alexius ist nach der
Legende der spätgeborene einzige Sohn eines vornehmen römischen
Hauses; er wird sorgfältig erzogen, tritt in kaiserlichen Dienst und
soll sich auf den Wunsch seines Vaters mit einer Jungfrau gleichen
Standes verheiraten; zwar fügt er sich, doch verläßt er in der Hoch-
zeitsnacht seine Braut, ohne sie berührt zu haben und lebt siebzehn
Jahre als armer Bettler in der Fremde (in Edessa im nordöstlichen
Syrien, heute das türkische Urfa), um nur Gott zu dienen; dann wird
er, als er seinen Aufenthalt verläßt, um sich der Verehrung als Heili-
ger zu entziehen, von einem Sturm nach Rom zurückverschlagen, wo
er weitere siebzehn Jahre wiederum als unerkannter und verachteter
Bettler unter den Treppenstufen des väterlichen Hauses lebt, uner-
schüttert von dem Schmerz seiner Eltern und seiner Braut, die er oft
klagen hört, ohne sich ihnen zu erkennen zu geben. Erst nach seinem
Tode wird er auf wunderbare Weise erkannt und von nun an als Hei-
liger verehrt. Wie man sieht, ist die aus diesem Text sprechende Ge-
sinnung völlig anders als die des Rolandsliedes; aber er zeigt die glei-
che parataktische und geschlossene Ausdrucksform, die gleiche starre
Verengung und unbezweifelbare Setzung aller Ordnungen. Es steht
alles fest, weiß und schwarz, gut und böse, und bedarf keiner Erfor-
schung oder Begründung mehr; es gibt wohl Versuchung, aber keine
Problematik. Auf der einen Seite steht der Dienst Gottes, der von der
Welt fort und zur ewigen Seligkeit — auf der anderen das natürliche
Leben in der Welt, das «zu großer Trauer» führt. Das Bewußtsein
kennt keine anderen Lagen, und die äußere Wirklichkeit, all das viele
Sonstige, was die Welt bietet, und in welches das erzählte Geschehen
doch irgendwie eingebettet werden muß, wird so sehr reduziert, daß
nichts davon übrig bleibt als ein wesenloser Hintergrund für das Le-
ben des Heiligen; um ihn herum stehen, seine Taten mit ihren Gesten
begleitend, Vater, Mutter und Braut; noch vager und schattenhafter
zeichnen einige andere für die Handlung erforderliche Personen sich
110 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

ab; der Rest ist völlig schematisch, sowohl vom soziologischen wie
vom geographischen Standpunkt; dies ist um so auffallender, als der
Schauplatz doch die ganze weite Vielfalt des Römischen Reiches zu
umspannen scheint; von Ost und West ist nichts übrig geblieben als
Kirchen, Stimmen vom Himmel, betendes Volk — nichts als die über-
all gleiche Umgebung eines Heiligenlebens; ebenso, oder vielmehr
noch weit ausgeprägter als im Rolandslied, wo auch überall, bei den
Heiden wie bei den Christen, die gleiche soziale, nämlich die feudale
Struktur und das gleiche Ethos herrscht. Die Welt ist ganz klein und
eng geworden, und in ihr geht es, ganz starr und unverrückbar, um
eine einzige, schon im voraus beantwortete Frage, auf die der Mensch
nur die richtige Antwort zu geben braucht; er weiß, auf welchem
Wege er zu gehen hat, oder vielmehr es ist nur ein Weg offen, andere
gibt es gar nicht; er weiß auch, daß ihm ein Kreuzweg begegnen wird;
er weiß schließlich, daß er dann rechts zu gehen hat, obgleich der Ver-
sucher ihn nach links verlocken wird. Alles übrige, Sonstige, die un-
endliche Weite der äußeren und inneren Welt mit ihrer Unzahl von
Möglichkeiten, Bildern und Schichten ist versunken. Dies ist, ohne
Zweifel, nicht germanisch; es ist, wie mir scheint, auch nicht christ-
lich, wenigstens ist es nicht die notwendige und ursprüngliche Form
des Christlichen; dieses, aus sehr vielfältigen Voraussetzungen er-
wachsen, mit sehr vielfältigen Wirklichkeiten sich auseinanderset-
zend, hat sich vorher wie nachher unvergleichlich elastischer, reicher
und vielschichtiger erwiesen. Diese Enge kann überhaupt kaum etwas
Ursprüngliches sein; dazu enthält sie viel zu viele, sehr verschiedene,
ererbte Elemente; es ist keine- Enge, sondern eine Verengung. Es ist
der Erstarrungs- und Reduktionsprozeß der Spätantike, der schon in
unseren vorhergehenden Abschnitten in Erscheinung getreten ist.
Freilich hat innerhalb desselben die simplistisch reduzierte Form, die
das Christentum im Zusammenprall mit teils ermüdeten, teils barba-
rischen Völkern annahm, eine bedeutende Rolle gespielt.
Im altfranzösischen Alexiuslied lautet die Szene der Hochzeits-
nacht (Strophe 11-15, Text nach Bartschs Chrestomathie, 12e ed.),
die einer der Höhepunkte des Gedichts ist, folgendermaßen:
11 Quant li jorz passet ed il fut anoitiet,
et) dist li pedre: «filz, euer t'en va colchier,
avuec ta spouse, al comant Deu del ciel.»
ne volst li enfes son pedre corrocier,
vait en la chambre o sa gentil moillier.
12 Com vit le lit, esguardat la pulcele.
donc li remembret de son seignour celeste
aue plus ad chier aue tote rien terrestre;
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 111

«e! Deus», dist il, «si forz pechiez m'apresset!


s'or ne m'en fui, molt criem que ne t'en perde.»
13 Quant en la chambre furent tuit soul remes,
danz Alexis la prist ad apeler:
la mortel vide li prist molt a blasmer,
de la celeste Ii mostrat veritet;
mais lui ert tart qued il s'en Tust tornez.
14 «Oz mei, pulcele, celui tien ad espous
Qui nos redemst de son sanc precious.
en icest siecle nen at parfite amour:
la vide est fraile, n'i at durable onour;
ceste ledece revert a grant tristour.»
15 Quant sa raison li at tote mostrede,
donc li comandet les renges de sa spede,
ed un anel dont il 1'out esposede.
donc en ist fors de la chambre son pedre;
en mie nuit s'en fuit de la contrede.1
So verschieden die Gesinnung beider Gedichte auch ist, die Stilähn-
lichkeit mit dem Rolandslied ist sehr auffallend. Das Parataktische
geht, hier wie dort, weit über die bloße Technik des Satzbaus hinaus:
es ist das gleiche immerneuanheben, das gleiche stoßweise Vor- und
Zurückgehen, die gleiche Selbständigkeit der einzelnen Vorgänge und
Vorgangsteile. Die Strophe 13 nimmt die Lage zu Beginn der Strophe
12 wieder auf, führt die Handlung aber anders und weiter fort; die

Als der Tag vorbei und es Nacht geworden war, sprach der Vater:
Sohn, nun geh dich legen mit deiner Angetrauten, nach dem Befehl Got-
tes im Himmel! Der Jüngling wollte seinen Vater nicht erzürnen; er geht
in das Zimmer zu seiner edlen Gattin.
Als er das Bett erblickt, sah er die Jungfrau; da erinnert er sich seines
himmlischen Herrn, den er mehr liebt als irgendein irdisches Ding. 0
Gott, sagte er, wie sehr bedrängt mich Sünde! Wenn ich jetzt nicht fliehe,
fürchte ich sehr, daß ich dich darüber verliere.
Als sie ganz allein im Zimmer zurückgeblieben waren, begann Herr
Alexis sie anzureden; er begann ihr das irdische Leben sehr zu verdam-
men, über das himmlische zeigte er ihr die Wahrheit; schon sehnte er sich,
von dort wegzukommen.
Höre mich, Jungfrau, nimm den zum Gatten, der uns erlöste mit sei-
nem kostbaren Blut! In dieser Welt gibt es keine vollkommene Liebe; das
Leben ist hinfällig, es gibt in ihm keine dauernde Ehre; diese Freude
schlägt um in große Trauer!
Als er ihr seine Meinung ganz erklärt hat, da übergibt er ihr die Gürtel-
schnalle seines Schwertes, und einen Ring, durch den er sich ihr angetraut
hatte; dann ging er fort aus dem Hause seines Vaters: mitten in der Nacht
flieht er aus dem Lande.
112 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

Strophe 14 gibt das in 13 Geäußerte (was aber dort im letzten Vers


schon überschritten war) in direkter Rede und konkreter aufs neue.
Statt also zu konstruieren: «Als sie allein im Zimmer waren, erinnerte
er sich ..., und sagte: höre ...», wird hier folgendermaßen angeordnet:
1. «Als er im Zimmer war, erinnerte er sich ...» 2. «Als sie im Zimmer
waren, sagte er, daß ...» (indirekte Rede). 3. «Höre, (sagte er,) ...»
Jede der Strophen gibt ein vollständiges, in sich abgeschlossenes Bild;
der Eindruck des einheitlichen, fortschreitenden, die Glieder im Zuge
nach vorwärts verbindenden Vorgangs ist weit schwächer als der des
Nebeneinanders dreier sehr ähnlicher, gegeneinander abgegrenzter
Bilder. Man kann diesen Eindruck verallgemeinern: das Alexiuslied
ist eine Reihe von in sich geschlossenen, miteinander locker verbun-
denen Vorgängen, eine Serie von gegeneinander stark unabhängigen
Bildern aus einem Heiligenleben, deren jedes eine ausdrucksvolle und
dabei einfache Geste enthält. Der Vater, der Alexius befiehlt, in die
Kammer zu seiner Braut zu gehen; Alexius vor dem Bett, zu seiner
Braut sprechend; Alexius in Edessa, seine Habe an die Armen vertei-
lend; Alexius als Bettler; die ausgesandten Diener, die ihn nicht er-
kennen und ihm eine Gabe reichen; die Klage der Mutter; das Ge-
spräch zwischen Mutter und Braut; und so fort; es ist ein Bilder-
zyklus; jeder dieser Vorgänge enthält eine bestimmende Geste, bei nur
lockerem zeitlichem und kausalem Zusammenhang mit den anderen,
nachfolgenden und vorhergehenden; viele von ihnen (die Klage der
Mutter zum Beispiel) werden noch in mehrere ähnliche, jedes für sich
selbständige Bilder zerlegt; jedes Bild ist gleichsam für sich selbstän-
dig gerahmt; es ist jedes in der Weise für sich, daß in ihm nichts Neues
oder Unerwartetes geschieht, und daß in ihm keine treibende Kraft
das nächste verlangt; und in den Zwischenräumen ist Leere, keine
dunkle und tiefe, in der vieles geschieht und sich vorbereitet, in der
man den Atem anhält vor schauernder Erwartung, wie zuweilen im
biblischen Stil, mit seinen Pausen, über die gegrübelt wird — sondern
eine flache, blasse, wesenlose Dauer, zuweilen nur ein Augenblick, zu-
weilen siebzehn Jahre, zuweilen ganz unbestimmbar. Das Geschehen
ist somit aufgelöst in eine Reihe von Bildern; es ist gleichsam parzel-
liert. Im Rolandslied ist das Ganze gedrängter, der Zusammenhang
schärfer, das einzelne Bild in sich zuweilen bewegter; aber die Tech-
nik der Darstellung — und dies bedeutet mehr als ein bloß technisches
Verfahren, es schließt in sich die Strukturvorstellung, die Dichter und
Hörer an das Geschehen herantragen — ist doch noch ganz die gleiche:
es ist ein Aufreihen von selbständigen Bildern. Die Zwischenräume
sind im Rolandslied zuweilen nicht so leer und flach, es schiebt sich
etwa die Landschaft ein, man sieht oder hört die Heere durch Täler
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 113

und Bergschluchten reiten — aber die Vorgänge werden doch einer an


den anderen gereiht, so daß jeweils ganz in sich geschlossene, für sich
selbst bestehende Szenen sich bilden. Die Zahl der handelnden Per-
sonen ist auch im Rolandslied sehr klein, alle übrigen treten, wenn
auch weit bunter als im Alexius, doch nur serienhaft auf; die Handeln-
den in den einzelnen Szenen sind festgelegt, sehr selten tritt ein neuer
hinzu, und wo es geschieht (Naimes oder Turpin in ausgleichend-ab-
schließender Funktion), da wird ein scharfer Einschnitt gemacht. Das
wechselvoll Verschlungene und Abenteuerreiche zwischen einer gro-
ßen Zahl von handelnden Personen, was sonst im Epischen so häufig
ist, fehlt hier vollkommen. Um so stärker ist das gestenhaft Einpräg-
same, im Alexius- wie im Rolandslied. Das Bedürfnis nach Verbin-
dung und Entwicklung ist schwach, selbst innerhalb der einzelnen
Szene ist die Entwicklung, wenn überhaupt eine solche stattfindet,
mühsam und stockend, aber die Gesten des szenischen Augenblicks
sind von schärfster, bildhafter Eindringlichkeit. Auf diese Eindring-
lichkeit der Gesten und Haltungen zielt augenscheinlich die Darstel-
lung, wenn sie das Geschehen in lauter Bildparzellen aufteilt. Der sze-
nische Augenblick mit seinen Gesten erhält so viel Wucht, daß er wie
ein moralisches Modell wirkt; die verschiedenen Stadien der Ge-
schichte des Helden oder des Verräters oder des Heiligen werden der-
maßen in Gesten konkretisiert, daß die Bilderszenen in ihrer Wirkung
dem Charakter von Symbolen oder Figuren ganz nahe kommen, auch
da, wo sich keinerlei symbolische oder figurale Bedeutung nachwei-
sen läßt. Sehr oft läßt sich eine solche nachweisen: im R.olandslied bei
der Gestalt Karls des Großen, bei der Schilderung mancher Eigen•
tümlichkeiten der heidnischen Ritter, und selbstverständlich in den
Gebetstexten; und für das Alexiuslied läuft die vorzügliche Interpre-
tation von E.R. Curtius (Zeitschr. f. roman. Philologie 56,113 ff., be-
sonders Seite 122,124) ganz auf das Figurale der Erfüllung im Jenseits
hinaus; diese figurale Überlieferung hat nicht wenig dazu beigetra-
gen, den horizontalen, geschichtsmäßigen Zusammenhang der Ge-
schehnisse zu entwerten und die Erstarrung aller Ordnungen zu för-
dern. So zeigen die Gebete, die wir oben wiedergegeben haben, die
völlige Erstarrung der Erlösungsfiguren; das Parzellieren der Ereig-
nisse des Alten Testaments, die einzeln, außer ihrem geschichtlichen
Zusammenhang, figural gedeutet werden, ist formelhaft geworden:
die Figuren werden, wie auf den spätantiken Sarkophagen, paratak-
tisch nebeneinandergesetzt ; sie haben keine Wirklichkeit mehr, son-
dern nur noch Bedeutung. Gegenüber dem irdischen Geschehen
herrscht eine ähnliche Neigung: es aus seinem horizontalen Zusam-
menhang herauszulösen, die einzelnen Stücke zu isolieren, sie in einen
8
114 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

starren Rahmen zu spannen, sie darin gestenhaft eindringlich zu ma-


chen, daß sie exemplarisch, modellhaft, bedeutend erscheinen, und
alles «sonstige» im Wesenlosen zu lassen. Daß dabei nur ein sehr
kleiner, überaus enger, von der Formelhaftigkeit der Ordnungen um-
schnürter Teil des Wirklichen zur Anschauung kommen kann, ist ein-
leuchtend. Aber er kommt zur Anschauung, und darin zeigt sich, daß
der Höhepunkt des Erstarrungsprozesses schon überschritten ist; ge-
rade in den isolierten Bildern finden sich die Keime der Belebung.
Der lateinische Text, der dem französischen Alexiuslied als Quelle
gedient haben dürfte — man findet ihn in den Acta Sanctorum vom
17. Juli, wir geben ihn nach einem Abdruck in Förster-Koschwitz'
Altfranzösischem Übungsbuch, 6. Aufl., 1921, Seite 299 ff. — ist viel-
leicht gar nicht so sehr viel älter als der französische, da die aus Syrien
stammende Legende sich erst ziemlich spät im Westen nachweisen
läßt; aber er zeigt die Form der spätantiken Heiligenlegende noch
weit reiner. In ihm wird die Hochzeitsnacht in einer Weise dargestellt,
die von der altfranzösischen Fassung in sehr charakteristischer Weise
abweicht:
Vespere autem facto dixit Euphemianus filio suo : «Intra, fili, in cubicu-
lum et visita sponsam tuam.» Ut autem intravit, coepit nobilissimus luve-
nis et in Christo sapientissimus instruere sponsam suam et plura ei sacrat
menta disserere, deide tradidit ei annulum suum aureum et rendam, id es_
caput baltei,quo cingebatur, involuta in prandeo et purpureo sudario, dixit_
que ei: «Suscipe haec et conserva, usque dum Domino placueriL et Domi_
nus sit inter nos.» Post haec accepit de substantia sua et discessit ad mare
Wie man sieht, ist auch der lateinische Text fast völlig parataktisch ;
aber er nutzt die Möglichkeiten der Parataxe nicht aus, er kennt sie
noch nicht. Er hat das Ganze völlig gleichmäßig eingeebnet und abge-
flacht: ganz ohne Auf und Ab, ohne Tonbewegung, «monoton» wird
erzählt, so daß nicht nur der Rahmen, sondern das Bild selbst unbe-
wegt bleibt; es ist starr und ohne Kraft. Der innere Kampf, den die
Versuchung bei Alexius auslöst, für den die altfranzösische Fassung
den einfachsten und schönsten Ausdruck gefunden hat, wird nicht er-
wähnt; es scheint gar keine Versuchung vorzuliegen; und die große

Als es Abend geworden war, sagte Eufemian zu seinem Sohn: Sohn,


geh in das Schlafgemach und besuche deine Gattin. Als er aber eintrat,
begann der edle und von der Weisheit Christi erfüllte Jüngling seine Gat-
tin zu unterweisen und ihr viele heilige Lehren zu erläutern; dann übergab
er ihr seinen goldenen Ring und die Gürtelschnalle seines Schwertes, ein-
gewickelt in ein purpurnes Tuch und sprach zu ihr: Nimm dies und be-
wahre es auf, solange es dem Herrn gefällt, und der Herr sei zwischen uns.
Darauf nahm er etwas von seinem Vermögen und begab sich zum Meere...
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 115
Bewegung der direkten Rede an die Braut (Oz mei, pulcele ...), eine
der stärksten Bewegungen des altfranzösischen Gedichts, in der sich
Alexius zu seiner vollen Höhe erhebt und die der erste Ausbruch sei-
nes wahren Wesens ist, hat ganz augenscheinlich erst der französische
Dichter aus den blassen lateinischen Worten seiner Vorlage geschaf-
fen. Auch die Flucht selbst wird erst im französischen Text drama-
tisch. Die lateinische Fassung ist viel glatter und gleichmäßiger vor-
wärtsschreitend; aber die menschliche Bewegung ist ganz schwach,
kaum angedeutet, als habe man es mit einem Geist, nicht mit einem
Lebenden zu tun. Der Eindruck bleibt der gleiche, wenn man weiter
liest; eine eigentlich menschliche Formung gibt erst der vulgärsprach-
liche Text; er erfindet, um die wichtigsten Punkte zu nennen, die Kla-
ge der Mutter in dem verlassenen Zimmer und später den inneren
Kampf des Heiligen, als er nach Rom zurückverschlagen wird. In ihm
zögert Alexius, bevor er die allerschwerste Prüfung auf sich nimmt,
das Leben als unbekannter Bettler im väterlichen Hause, mit dem
täglichen Anblick seiner nächsten Angehörigen, die uni ihn trauern;
er wünschte, dieser Kelch ginge an ihm vorüber; und doch nimmt er
es auf sich. Die lateinische Fassung kennt kein Zögern und keinen
Kampf, ebensowenig wie in der Brautnacht; Alexius geht in das Haus
seines Vaters, weil er keinem anderen zur Last fallen will.
Erst die volkssprachliche Dichtung, so scheint es aus dieser Gegen-
überstellung hervorzugehen, ließ die einzelnen Bilder hervortreten, so
daß die Personen menschliche Rundung und Leben gewannen; ein
Leben, das freilich beschränkt ist durch die Starre und Enge der Ord-
nungen, welche unverrückbar fortbestehen; das auch leicht wieder
abgebrochen wird durch den Mangel an weiterschwingender Bewe-
gung; das aber gerade durch den Widerstreit, welchen der Rahmen
der festen Ordnungen bietet, an Wirksamkeit und Gewalt gewinnt.
Erst die volkssprachlichen Dichter sahen den lebenden Menschen und
fanden die Form, in welcher die Parataxe dichterische Kraft besitzt;
an Stelle des dünnen, fortsickernden, monotonen Aneinanderreihens
erscheint nun die stoßweise, vor- und zurückgreifende, überall energi-
sche Ansätze schaffende Laissenform, welche ein neuer hoher Stil ist;
wenn das Leben, welches sich in ihren Werken greifen läßt, eng be-
grenzt und ohne Vielfalt ist, so ist es doch ein volles, menschlich be-
wegtes und starkes Leben, eine Erlösung von dem blassen und griff-
losen Stil der spätantiken Legende. Die volkssprachlichen Dichter
verstanden es auch, die direkte Rede als Ton und Geste auszuwerten.
Von der Anrede des Alexius an seine Braut und der Klage der Mutter
haben wir schon gesprochen; man kann dazu auch noch etwa die
Worte anführen, mit denen der nach Rom zurückgekehrte Heilige
116 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

seinen Vater um Herberge und Nahrung anspricht; sie haben in der


französischen Fassung eine konkrete und unmittelbare Gewalt, die
dem lateinischen Text ganz unerreichbar wäre. Die franzö sische Fas-
sung lautet: Eufemiiens, bels sire, riches om,
quer me herberge por Deu en ta maison;
soz ton degret me fai un grabaton
empor ton fil dont tu as tel dolour;
toz sui enfers, sim pais por soue amour ...1
und die lateinische:
Serve Del, respice in me et fac mecum misericordiam, quia pauper sum
et peregrinus, et Tube me suscipi in domo tua, ut Aascar de micis mensae
tuae et Deus benedicat annos tuos et ei quem habes in peregre misereatur. 2
Wir deuteten schon an, daß es ein Irrtum wäre, wollte man die Er-
starrung und Verengung, die sich in der spätantiken Legende zeigt
und aus der sich die vulgärsprachlichen Texte nur langsam befreien,
einfach dem Christentum in Rechnung setzen. In unseren früheren
Abschnitten haben wir nachzuweisen versucht, daß die ursprüngliche
Wirkung der jüdisch-christlichen Gestaltung des Geschehens alles
andere war als Erstarrung und Verengung; die Verborgenheit Gottes
und zuletzt seine Parusie, die Inkarnation in ein beliebig-alltägliches
Leben, hatte, so versuchten wir zu zeigen, eine dynamische Bewegung
der Lebensanschauung, einen Pendelausschlag im Moralischen und
im Soziologischen hervorgerufen, die weit über das Maß klassisch-
antiker Werdens- und Lebensnachahmung hinausgingen. Noch die
Kirchenväter, zumal Augustin, sind uns durchaus nicht als schema-
tische, starr einen vorgezeichneten Weg verfolgende Gestalten über-
liefert, und Augustins Jugendfreund Alypius, dessen innere Erschüt-
terung bei den Gladiatorenkämpfen wir oben besprochen haben, ist
eine überaus lebendige Erscheinung, welche kämpft, unterliegt und
sich wieder erhebt. Die starre, enge und unproblematische Schemati-
sierung ist dem christlichen Wirklichkeitsbewußtsein ursprünglich
sehr fremd. Freilich hat die figurale Interpretation des Geschehens,
die bei der Entstehung und Ausbreitung des Christentums immer
stärkeren Einfluß gewann, die den Geschehnissen ihren Wirklich-

1 Eufemian, edler Herr, du reicher Mann. beherberge mich um Gottes


Lohn in deinem Hause; unter deiner Treppe mach mir ein Siechenlager.
wegen deines Sohnes, um den du soviel Leid trägst; ich bin sehr krank,
ernähre mich um der Liebe zu ihm willen ...
2 Knecht Gottes, schau mich an und tu an mir Barmherzigkeit, denn
ich bin arm und fremd, und befiehl, daß man mich in deinem Hause auf-
nimmt, damit ich mich von den Brosamen deines Tisches nähre, und Gott
segne deine Jahre und erbarme sich dessen, den du in der Fremde hast ...
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 117
keitsgehalt auslaugte und ihnen nur noch Bedeutungsgehalt ließ, sehr
viel teil an der Erstarrung. Sie mußte, als das Dogma festgelegt war,
als die Aufgaben der Kirche immer mehr organisatorische wurden,
als es sich darum handelte, völlig unvorbereitete, den Voraussetzun-
gen des Christentums ganz fremde Völker zu gewinnen, zu einem
simplistischen und starren Schema werden. Aber das Problem der Er-
starrung im ganzen reicht weiter, es ist gebunden an den Reduktions-
prozeß der antiken Kultur; nicht das Christentum erzeugte die Er-
starrung, sondern es wurde von ihr miterfaßt. Beim Zusammenbruch
des weströmischen Reiches und des in ihm lebenden Ordnungsgedan-
kens, der selbst schon seit langem manche Züge greisenhafter Erstar-
rung zeigte, zerfiel auch der innere Zusammenhang des orbis terra-
rum, und eine neue Welt konnte sich erst wieder aus kleinen Parzellen
aufbauen; wobei überall das staatlich wie menschlich noch roh ge-
formte Wesen der neu auftretenden Völker zusammenprallte mit den
sich noch erhaltenden römischen Institutionen und den großen, selbst
in Verfall und Erstarrung ein ungeheures Prestige bewahrenden Re-
sten der antiken Kultur; ein Zusammenprall vorl ganz jung und uralt,
wodurch zunächst auch das ganz Junge gelähmt wurde, bis es sich
mit jenem Überkommenen auseinandergesetzt, es mit seinem Leben
erfüllt und neu zum Blühen gebracht hatte. Der Erstarrungsprozeß
war offenbar am schwächsten in den Ländern, in denen die spätan-
tike Kultur niemals dominiert hatte, den innergermanischen ; er war
weit stärker in den romanischen, wo wirklich ein Zusammenprall
stattfand, und es ist vielleicht nicht zufällig, daß Frankreich, welches
unter diesen Ländern den stärksten germanischen Einschlag enthielt,
sich am frühesten von ihm zu befreien begann.
Der erste hohe Stil des europäischen Mittelalters scheint mir in dem
Augenblick zu entstehen, in dem der einzelne Vorgang sich mit Leben
erfüllt; er ist deshalb so reich an einzelnen, überaus wirksamen Sze-
nen, in denen nur wenig Menschen einander gegenüberstehen, in de-
nen Gesten und Reden eines kurzen Vorgangs scharf hervortreten;
die Personen, eng aneinander und gegeneinander stehend, ohne viel
Raum zur Bewegung, stehen doch jeder für sich, vom anderen abge-
setzt; das von ihnen Gesagte wird nie zum Gespräch, sondern bleibt
ein feierliches Kundgeben, in der jede Anrede, jeder Satz, ja jedes
Wort einen Wert für sich hat, aspiratorisch und emphatisch, ohne
jede Geschmeidigkeit und ohne lässiges Fließen. Dieser Stil ist, der
Wirklichkeit des Lebens gegenüber, nicht fähig und auch nicht wil-
lens, ins Breite oder ins Tiefe zu gehen; er ist zeitlich, örtlich, stän-
disch beschränkt; er vereinfacht bildhaft und idealisierend Ereignisse
der Vergangenheit; das Gefühl, das er beim Hörer hervorrufen will,
118 ROLANDS ERNENNUNG ZUM FÜHRER

ist Staunen und Bewunderung für eine ferne Weit, deren Instinkte
und Ideale zwar gewiß auch noch die seinen sind, die aber in einer
Reinheit, Ungebrochenheit und Freiheit gegenüber den Reibungswi-
derständen des Lebens sich ausfalten, wie sie seiner praktischen Exi-
stenz unerreichbar sind. Menschliche Bewegungen, große, modellhaft
ragende Gestalten treten wirksam hervor; sein eigenes Leben ist darin
nicht enthalten. Zwar ist gerade im Ton des Rolandsliedes sehr viel
Gegenwart; es setzt nicht ein mit einer Ankündigung, die die Ereig-
nisse weit abrückt («vorzeiten geschah es, von alten Geschehnissen
will ich erzählen»), sondern mit einem kräftig unmittelbaren Ton, als
ob König Karl, unser großer Kaiser, beinah noch ein Lebender wäre;
die naive Übertragung der drei Jahrhunderte zurückliegenden Ereig-
nisse in die Gesinnung der hochfeudalen Gesellschaft der beginnen-
den Kreuzzugsepoche, das Nutzbarmachen des Gegenstandes für
kirchliche und feudale Propaganda gibt dem Gedicht etwas Gegen-
wärtig-Lebendiges ; ja sogar schon etwas wie ein keimendes National-
gefühl ist in ihm spürbar; und auch in allerhand einzelnem scheint
Gegenwart zu leben; wenn man, um ein unscheinbares Beispiel her-
auszugreifen, den Vers liest, mit dem Roland den bevorstehenden An-
griff der fränkischen Ritter zu ordnen sucht (1165):
Seignurs barons, suef, le nas tenant!
so klingt in ihm eine gegenwärtige Szene zeitgenössischer Kampf-
übung feudaler Kavallerie auf. Aber das sind auf blitzende Einzelhei-
ten; die ständige Beschränkung, die Idealisierung und Vereinfachung,
der Schimmer märchenhafter Verschleierung überwiegen.
Der Stil des französischen Heldenliedes ist also ein hoher Stil, in
dem die Strukturvorstellung des Geschehens noch sehr starr ist und
der nur einen durch zeitliche Ferne, perspektivische Vereinfachung
und ständische Beschränkung sehr eingeengten Teil des gegenständ-
lichen Lebens zur Darstellung bringt. Es ist nichts Neues, sondern nur
eine andere Formulierung des schon mehrfach Gesagten, wenn wir
hinzufügen, daß ihm die Trennung der Bezirke des heldenhaft Erha-
benen und des alltäglich Praktischen völlig selbstverständlich ist; an-
dere Schichten als die hochfeudale treten überhaupt nicht auf, die
wirtschaftlichen Grundlagen des Lebens werden nie erwähnt; das ist
viel weiter getrieben als in der germanischen oder mittelhochdeut-
schen Heldendichtung und bietet auch einen sehr auffallenden Unter-
schied gegenüber der nur wenig später auftretenden spanischen Hel-
denepik. Dennoch war die Chanson de geste, zumal das Rolandslied,
offenbar volkstümlich; diese Dichtung handelt zwar ausschließlich
von den Taten der feudalen Oberschicht, aber sie wendet sich ohne
DER NACHHUT DES FRÄNKISCHEN HEERES 119
Zweifel auch an das Volk. Das ist offenbar so zu erklären, daß trotz
der bedeutenden materiellen und rechtlichen Unterschiede, die zwi-
schen den verschiedenen Schichten der Laienbevölkerung bestanden,
es doch noch keine grundsätzliche Verschiedenheit in ihrem Bildungs-
stand gab; ja mehr als das, daß auch die Idealvorstellungen noch ein-
heitlich waren, oder zum mindesten, daß andere irdische Idealvor-
stellungen als ritterlich-heldenhafte noch nicht Wort und Gestalt ge-
winnen konnten. Von der Kraft und Wirksamkeit der Chanson de
geste in allen Schichten zeugt die Tatsache, daß die Geistlichkeit, die
vorher der vulgärsprachlichen Profandichtung nicht wohlwollend ge-
genübergestanden hatte, die Heldenepik seit dem Ende des 11. Jahr-
hunderts für ihre Absichten nutzbar zu machen suchte; die Jahrhun-
derte lange Lebensdauer der Stoffe, die immer neu bearbeitet wurden
und bald zu Jahrmarktsvolksgut absanken, beweist ihre nachhaltige
Beliebtheit gerade in den niederen Schichten der Bevölkerung. Für
die Hörer des 11., 12. und 13. Jahrhunderts war das Heldenepos Ge-
schichte; in ihm lebte die geschichtliche Überlieferung der Vorzeit;
eine andere, den Hörern zugängliche gab es nicht. Erst gegen 1200
entstehen die ersten vulgärsprachlichen Chroniken, die aber nicht
Vergangenheit, sondern selbsterlebte Gegenwart erzählen, wobei sie
übrigens noch sehr vom epischen Stil beeinflußt sind. Das Helden-
epos ist auch in der Tat wenigstens insofern Geschichte, als es an
wirkliche geschichtliche Verhältnisse erinnert, wenn es sie auch ent-
stellt und vereinfacht, und als seine Gestalten stets eine geschichtlich-
politische Funktion erfüllen. Dies geschichtlich-politische Wesen gibt
der höfische Roman auf und steht infolgedessen zur gegenständlich-
wirklichen Welt in einem völlig anderen Verhältnis.
VI

DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

Im Anfang von Chretien de Troyes' Yvain, eines höfischen Romans


aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, erzählt einer der Ritter
vom Hofe des Königs Artus ein Abenteuer, das ihm zugestoßen ist.
Seine Erzählung beginnt folgendermaßen:

175 Il avint, pres ade set anz


Que je seus come paisanz
Aloie querant avantures,
Armez de totes armeüres
Si come chevaliers doit estre,
180 Et trovai un chemin a destre
Parmi une forest espesse.
Mout i ot voie felenesse,
De ronces et d'espines plainne;
A quelqu'enui, a quelque painne
185 Ting cele voie et cel santier.
A bien pres tot le ior antier
m'an alai chevauchant einsi
Tant que de la forest issi,
Et ce fu an Broceliande.
190 De la forest an une lande
Antrai et vi une bretesche
A demie liue galesche;
Si tant i ot, plus n'i ot pas.
Celle Part ving plus que le pas
195 Et vi le baille et le fosse
Tot anviron parfont et le,
Et sor le pont an piez estoit
Cil cui la forteresce estoit,
Sor son poing un ostor mue.
200 Ne l'oi mie bien salue,
Quant il me vint a l'estrier prandre,
Si me comanda a descandre.
Je descandi; il n'i ot el,
Que mestier avoie d'ostel;
205 Et il me dist tot maintenant
Plus de cant foiz an un tenant,
Que beneoite fust la voie,
Par ou leanz venuz estoie.
A tant an la cort an antrames,
210 Le pont et la porte passames.
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 121
Anmi la cort au vavassor,
Cui Des doint et ioie et enor
Tant come il fist moi cele nuit,
Pandoit une table; je cuit
215 Ou'il n'i avoit ne fer ne fust
Ne rien Q1.11 de cuivre ne fust.
Sur cele table d'un manch
Qui panduz iere a un postel,
Feri li vavassors trois cos.
220 Cil qui amont ierent anelos
Oirent la voiz et le son,
S'issirent fors de la meison
Et vindrent an la cort aval.
Li un seisirent mon cheval,
225 Que li buens vavassors tenoit.
Et je vis que vers moi venoit
Une pucele bele et jante.
An li esgarder mis m'antante:
Ele fu longue et gresle et droite.
230 De moi desarmer fu adroite;
Qu'ele le fist et bien et bel.
Puis m'afubla un cort mantel,
Ver d'escarlate peonace,
Et tuit nos guerpirent la place,
235 Que avuec moi ne avuec li
Ne remest nus, ce m'abeli;
Que plus n'i queroie veoir.
Et ele me mena seoir
El plus bel praelet del monde
240 Clos de bas mur a la reonde.
La la trovai si afeitiee,
Si bien variant et anseigniee,
De tel sanblant et de tel estre,
Que mout m'i delitoit a estre,
245 Ne ja mes por nul estovoir
Ne m'an queisse removoir.
Mes tant me fist la nuit de guerre
Li vavassors, qu'il me vint guerre,
Quant de soper fu tans et ore.
250 N'i poi plus feire de demore,
Si fis lues son comandemant.
Del soper vos dirai briemant,
Qu'il fu dei tot a ma devise,
Des que devant moi fu assise
255 La pucele qui s'i assist.
Apres soper itant me dist
Li vavassors, qu'il ne savoit
122 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

Le terme, puis que il avoit


Herbergie chevalier errant,
260 Qui avanture alast querant,
S'an avoit ii maint herbergii.
Apres ce me pria que gie
Par son ostel m'an revenisse
An guerredon, se je poisse.
265 Et je li dis: «Volantiers, sire!»
Que honte fust de 1'escondire.
Petit por mon oste feisse,
Se cest don li escondeisse,
Mout fu bien la nuit ostelez,
270 Et mes chevaus fu anselez
Lues que 1'an pot le ior veoir;
Car ran oi mout proiie le soir;
Si fu bien feite ma proiiere
Mon buen oste et sa fille chiere
275 Au samt Esperit comandai,
A trestoz congie demandai,
Si m'an alai lues que je poi ...'

Es geschah vor bald sieben Jahren, daß ich, allein wie ein Bauer, auf
die Suche nach Abenteuern ging, bewaffnet mit allen Waffen, wie ein Rit-
ter es sein soll; und ich fand einen Weg zur Rechten durch einen dichten
Wald. Der Weg war ganz abscheulich, voll von Gestrüpp und Dornen;
trotz aller Anstrengung und Mühe hielt ich mich an diesen Weg und die-
sen Pfad. Fast den ganzen Tag ritt ich so fort, bis daß ich aus dem Walde
hinauskam, und zwar war das in Broceliande. Aus dem Wald gelangte ich
auf eine Heide und sah einen Turm auf eine halbe walisische Meile Ent-
fernung; mehr war es jedenfalls nicht. Ich ritt geschwind in dieser Rich-
tung und sah rund herum Wall und Graben tief und breit; und auf der
Brücke stand der, dem die Burg gehörte, auf der Faust einen gemauserten
Jagdfalken. Ich hatte ihn noch gar nicht recht begrüßt, als er schon kam,
meinen Steigbügel zu ergreifen und mich aufforderte, abzusteigen. Ich stieg
ab; etwas anderes war nicht zu tun, denn ich brauchte Unterkunft; und er
sagte mir sogleich, mehr als hundert Mal in einem Zuge, daß der Weg ge-
segnet sein möge, auf dem ich dort hingekommen sei. Inzwischen traten
wir in den Hof ein, schritten über die Brücke und durch das Tor. Mitten
im Hof des Ritters (dem Gott Freude und Ehre geben möge, so wie er sie
mir jene Nacht antat) hing eine Platte; ich glaube, es war nichts daran
Eisen oder Holz, sondern sie war ganz aus Kupfer. Auf diese Platte tat der
Ritter drei Schläge mit einem Hammer, der an einem Pfosten hing. Die
oben im Hause hörten Schall und Ton, kamen heraus und in den Hof hin-
unter. Einige ergriffen mein Pferd, das der gute Ritter hielt, und ich sah,
daß ein schönes und liebliches Mädchen sich mir näherte. Ich betrachtete
sie genau; sie war groß und schlank und gerade. Sie verstand sich wohl
darauf, mich zu entwaffnen, sie tat es richtig und schön. Dann hing sie mir
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 123
Im weiteren Verlauf seiner Erzählung berichtet der Ritter — er heißt
Calogrenant —, wie er einer Herde von Stieren begegnet und durch
deren Hirten, einen grotesk häßlichen und riesenhaften « vilain »,
Kunde erhält von einer nicht weit entfernten Zauberquelle: sie fließt
unter einem herrlichen Baum, an ihr hängt ein goldenes Becken, und
wenn man mit diesem Becken ihr Wasser auf eine daneben befindliche
smaragdene Platte gießt, entsteht im Walde ungeheurer Sturm und Ge-
witter,woraus noch niemand heil entkommen ist. Calogrenant versucht
das Abenteuer, er übersteht das Gewitter und genießt mit Freude die
darauf einsetzende, durch den Gesang vieler Vögel belebte Auf heite-
rung ; allein ein Ritter erscheint, wirft ihm den durch den Sturm auf sei-
nem Eigentum angerichteten Schaden vor und besiegt ihn, so daß er zu
Fuß und ohne Waffen zu seinem Gastfreund zurückkehren muß. Dort
wird er wiederum sehr gut aufgenommen und man bestätigt ihm, er sei
der erste, der aus jenem Abenteuer heil entkommen sei. Calogrenants
Erzählung macht großen Eindruck auf die Ritter an Artus' Hof; der Kö-
nig beschließt selbst mit großem Gefolge zu derZauberquelle zu ziehen ;
doch einer der Ritter, Calogrenants Vetter Yvain, kommt ihm zuvor,
besiegt und tötet den Ritter der Quelle und gewinnt auf eine teils wun-
derbare, teils aber auch sehr natürliche Weise die Liebe seiner Witwe.
einen kurzen, mit Scharlachstoff besetzten Mantel um, und alle anderen
zogen sich zurück; nur ich und sie blieben zurück, das machte mir viel
Freude, denn ich wollte gar niemand anderen sehen. Und sie führte mich
auf die schönste kleine Wiese, die man sich vorstellen kann, um dort zu
sitzen, rund von einer niedrigen Mauer umschlossen. Dort fand ich sie so
liebenswürdig, so angenehm redend und so fein gebildet, von solchem An-
schein und solchem Wesen, daß es mich sehr entzückte, dort zu sein, und
daß ich um keinen Preis mich hätte entfernen wollen. Aber der Einbruch
der Dunkelheit war meinen Wünschen entgegen; der Ritter kam mich
holen, als es Zeit zum Abendessen war. Ich konnte nicht länger verweilen
und folgte sogleich seiner Einladung. Vom Abendessen will ich euch kurz
berichten, daß es ganz nach meinem Geschmack war, denn vor mir saß
die Jungfrau, die am Tisch Platz genommen hatte. Nach dem Essen sagte
mir der Ritter, daß er sich nicht mehr erinnern könne, seit wie langer Zeit
er Abenteuer suchende Ritter beherberge; manch einen davon habe er
beherbergt. Danach bat er mich, zum Lohn wieder über sein Schloß zu-
rückzukommen, wenn es mir möglich wäre. Und ich sagte ihm: Gern,
Herr. Denn es wäre eine Schande gewesen, es ihm abzuschlagen; wenig
hätte ich für meinen Wirt getan, wenn ich dies Geschenk ihm abgeschla-
gen hätte. Die Nacht war ich sehr gut untergebracht, und mein Pferd war
gesattelt, sobald man die Sonne aufgehen sah; denn darum hatte ich am
Abend dringend gebeten, und meine Bitte wurde genau erfüllt. Ich emp-
fahl meinen guten Wirt und seine liebe Tochter dem Heiligen Geist,
nahm von allen Abschied und brach auf, sobald ich konnte ...
124 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

Obgleich nur etwa siebzig Jahre zwischen diesem und dem vorher-
gehenden Text liegen, und obgleich es sich auch hier um ein episches
Werk der feudalen Epoche handelt, so zeigt doch der erste Blick eine
völlig veränderte Stilbewegung. Es wird flüssig, leicht und fast behag-
lich erzählt; die Erzählung schreitet zwar ohne Hast, aber doch be-
ständig vorwärts; ihre einzelnen Glieder sind lückenlos miteinander
verbunden. Zwar gibt es auch hier keine straff organisierten Perioden,
es geht locker und ohne genaue Planung von einem Glied des Vor-
gangs zum nächsten; auch sind die Konjunktionen noch nicht sehr
scharf in ihrer Bedeutung festgelegt, insbesondere que hat allzu viele
Funktionen zu erfüllen, so daß manche kausale Verzahnungen (etwa
V.231, 235 oder 237) etwas unbestimmt wirken. Aber das fortschrei-
tende Weitererzählen wird davon nicht beeinträchtigt, im Gegenteil,
die Lockerheit des Gefüges gibt einen sehr natürlichen Erzählerstil,
und der Reim, sehr frei und unabhängig vom Sinngefüge, darf nie-
mals scharf unterbrechen; er gibt dem Dichter gelegentlich Anlaß zu
Füllversen oder umständlichen Umschreibungen (etwa Vers 193 oder
211-216), die sich mühelos in seinen Stil einfügen und den Eindruck
naiver, frischer, behaglicher Breite noch erhöhen. Wieviel biegsamer
und bewegungsfreier diese Sprache ist als die der Chanson de geste,
wieviel behender sie die zwar noch sehr naiven, aber doch schon recht
wechselvoll spielenden Bewegungen der Erzählung ausschwatzen
kann, das läßt sich fast an jedem Satz beobachten; nehmen wir als
Beispiel die Verse 241-246: La la trovai si afeitiee, sie bien parlant et
anseigniee, de tel sanblant et de tel estre, que mout m'i delitoit a estre,
ne ja mes por nul estovoir ne m'an queisse removoir ; der Satz, an den
vorhergehenden durch la angeknüpft, zeigt eine Konsekutivperiode;
ihr ansteigender Teil ist dreimal gestuft, die dritte Stufe enthält eine
antithetisch geformte Zusammenfassung (sanblant-estre), welche eine
hohe und bereits selbstverständlich gewordene analytische Bildung in
der Beurteilung von Personen verrät; der fallende Teil ist zweiglied-
rig, wobei sich die Glieder sorgfältig gegeneinander absetzen: das
erste, den Tatbestand des Entzückens ausdrückend, im Indikativ, das
zweite, hypothetisch, im Konjunktiv — so raffinierte Gebilde, mitten
in einer Erzählung mühelos und fließend eingeschaltet, dürften sich in
einer Vulgärsprache vor dem höfischen Roman kaum nachweisen
lassen; ich benutze den Anlaß, um zu bemerken, daß bei der allmähli-
chen Entstehung einer hypotaktisch reicheren und periodisierenden
Fügung die Konsekutivverbindung bis zu Dante führend gewesen zu
sein scheint (auch der Seite 107 aus der Folie Tristan angeführte Satz
gipfelt in einer Konsekutivbewegung). Während andere modale Ver-
bindungen noch wenig entwickelt waren, blühte diese auf und ge-
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 125
wann eigentümliche Ausdrucksfunktionen, die später wieder verloren
gingen; darüber gibt es neuerdings eine interessante Arbeit von A.
G. Hatcher (Revue des Etudes Indo-europeennes II, 30).
Calogrenant erzählt der Tafelrunde des Königs, er sei vor sieben
Jahren ausgeritten, allein, auf der Suche nach Abenteuern, bewaffnet,
wie es einem Ritter geziemt, und da fand er einen Weg zur Rechten,
quer durch einen dichten Wald. Hier stutzen wir. Zur Rechten? Das
ist eine seltsame Ortsbezeichnung, wenn sie, wie es hier der Fall ist,
absolut verwendet wird. Sie kann, in einer irdischen Topographie,
nur bei relativer Verwendung einen Sinn haben. Folglich hat sie hier
einen moralischen Sinn; offenbar handelt es sich um «den rechten
Weg», den Calogrenant fand; und das wird sogleich bestätigt, denn
der Weg ist mühsam, wie rechte Wege es zu sein pflegen, er führt den
ganzen Tag durch einen dichten Wald voll Dornen und Gestrüpp,
und am Abend führt er zum rechten Ziel : einer Burg, wo Calogrenant'
mit Freude aufgenommen wird, als sei er ein längst erwarteter Gast.
Erst am Abend, als er aus dem Wald heraustritt, scheint er zu entdek-
ken, wo er sich befindet: auf einer Heide in Broceliande nämlich.
Broceliande in Aremorika, auf dem Festland, ist ein in der bretoni-
schen Sage berühmtes Feenland, mit Zauberquelle und Märchen-
wald. Wie Calogrenant, der doch vermutlich aus der britannischen
Insel, von König Artus' Hof aufgebrochen ist, aufs Festland der Bre-
tagne gelangt ist, wird nicht angegeben; von Überquerung des Meeres
hören wir nichts, ebensowenig wie später (Vers 760 ff.) bei Yvain, der
seinerseits ganz zweifelsohne von Carduel in Wales auf bricht, dessen
Reise zu dem «rechten Weg» in Broceliande jedoch ganz unbestimmt
und märchenhaft beschrieben wird. Kaum hat Calogrenant entdeckt,
wo er ist, so sieht er auch schon die gastliche Burg; auf ihrer Brücke
steht der Burgherr, den Jagdfalken auf der Hand, und empfängt ihn
mit einer Freude, die über den Ausdruck gastlicher Bereitschaft weit
hinausgeht, und die uns noch einmal bestätigt, daß es sich oben um
einen «rechten Weg» gehandelt hat: et il me dist tot maintenant plus
de 9ant fois an un tenant, que beneoite fust la voie, par ou leanz
venuz estoie. Die weitere Aufnahme vollzieht sich nach ritterlichem
Zeremoniell, dessen zierliche Formen längst festgelegt zu sein schei-
nen: der Wirt ruft durch drei Schläge auf die Kupferplatte sein Ge-
sinde zusammen, man führt das Pferd des Angekommenen fort; es
erscheint eine schöne Jungfrau, die Tochter des Burgherrn; ihre Auf-
gabe ist es, den Gast von seiner Rüstung zu befreien, ihm an deren
Stelle einen bequemen und eleganten Mantel umzuhängen, und ihm
aldann, allein mit ihm in einem schönen Garten, durch ihre Gesell-
schaft auf erfreuliche Weise die Zeit zu vertreiben, bis die Abend-
126 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

mahlzeit bereitet ist. Nach derselben erzählt der Burgherr seinem


Gast, daß er schon seit sehr langer Zeit fahrende Ritter beherberge,
die auf der Suche nach Abenteuern umherziehen; er ladet ihn drin-
gend ein, auf der Rückkehr wiederum seine Burg zu besuchen; er sagt
ihm aber seltsamerweise nichts von dem Quellenabenteuer, obgleich
er es kennt, und obgleich er weiß, daß die Gefahren, die seinen Gast
dort erwarten, aller Wahrscheinlichkeit nach die in Aussicht genom-
mene Rückkehr verhindern werden. Das scheint aber ganz in der
Ordnung zu sein; wenigstens beeinträchtigt es in keiner Weise das
Lob, das Calogrenant, und ebenso später Yvain, der Gastfreundschaft
und ritterlichen Tugend ihres Wirtes zollen. Calogrenant also reitet
des Morgens fort und erfährt erst von dem waldschrathaften vilain
etwas von der Zauberquelle; der vilain weiß zwar nicht, was avanture
ist — denn er ist ja kein Ritter — aber er kennt die Wundereigenschaf-
ten der Quelle und hält mit seiner Kenntnis nicht zurück.
Ganz augenscheinlich befinden wir uns mitten im Zaubermärchen.
Der rechte Weg durch den dornigen Wald, das wie aus dem Boden
gewachsene Schloß, die Art des Empfanges, das schöne Fräulein, das
seltsame Schweigen des Burgherrn, der Waldschrat, die Zauberquelle
— das alles ist Märchenluft. Nicht minder märchenhaft als die ört-
lichen Angaben sind auch die zeitlichen. Sieben Jahre hat Calogre-
narit von seinem Abenteuer geschwiegen. Sieben ist eine Märchen-
zahl, und ein wenig Sagenatmosphäre geben die sieben Jahre auch
dem Anfang des Rolandsliedes, wo sie ebenfalls in Erscheinung tre-
ten: sieben Jahre, set anz tuz pleins, hat Kaiser Karl in Spanien ver-
bracht. Allein im Rolandslied sind es wirklich «volle» Jahre; sie sind
tuz pleins, denn sie haben dem Kaiser dazu gedient, das ganze Land
bis zum Meere zu unterwerfen, all seine Burgen und Städte zu erobern
mit Ausnahme von Saragossa — in den sieben Jahren zwischen Calo-
grenants Abenteuer an der Quelle und seiner Erzählung scheint nichts
geschehen zu sein, wenigstens erfahren wir nichts davon; als Yvain
sich anschickt, dasselbe Abenteuer zu bestehen, findet er noch alles so
vor, wie es Calogrenant geschildert hat, den Burgherrn und das Burg-
fräulein, die Stiere mit ihrem riesenhaften, greulich häßlichen Hirten,
die Zauberquelle und den Ritter, der sie verteidigt; nichts hat sich
verändert, die sieben Jahre sind spurlos vorübergegangen, alles ist
wie es war, ganz wie es im Märchen zu geschehen pflegt. Es ist eine
märchenhaft verzauberte Landschaft, wir sind vom Geheimnis um-
wittert, es raunt und flüstert um uns herum. All die vielen Schlösser
und Burgen, Kämpfe und Abenteuer der höfischen Romane, insbe-
sondere der bretonischen, sind Märchenland, denn sie erscheinen vor
uns jedesmal wie aus dem Boden gewachsen; ihr geographisches Ver-
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 127
hältnis zur bekannten Erde, ihre soziologischen und wirtschaftlichen
Grundlagen bleiben unaufgeklärt; selbst ihre moralische oder sym-
bolische Bedeutung ist nur selten mit einiger Sicherheit zu ermitteln.
Hat das Abenteuer an der Zauberquelle irgendeinen verborgenen
Sinn? Es gehört offenbar zu denen, die die Ritter vom Artushof zu
bestehen haben, doch eine moralische Begründung der Rechtmäßig-
keit des Kampfes gegen den Ritter der Zauberquelle wird nirgends
gegeben. In anderen Episoden der höfischen Romane lassen sich zu-
weilen symbolische, mythologische, religiöse Motive erkennen; so die
Unterweltsfahrt im Lanzelot, das Motiv der Befreiung und Erlösung
überhaupt an sehr vielen Stellen, und vor allem das Thema der christ-
lichen Gnade in der Graalssage — allein fast niemals lassen sich die
Bedeutungen scharf festlegen, wenigstens noch nicht in den eigentlich
höfischen Romanen. Das Geheimnisvolle, aus dem Boden Gewach-
sene, seine Wurzeln Verbergende, keiner rationalen Erklärung Zu-
gängliche hat der höfische Roman der bretonischen Volkssage ent-
nommen, die er rezipiert und der Ausbildung des ritterlichen Ideals
dienstbar gemacht hat; die matire de Bretagne erwies sich offenbar
als das geeignetste Medium zur Entfaltung dieses Ideals — geeigneter
noch als die etwa gleichzeitig in Aufnahme kommenden, aber bald
wieder zurücktretenden antiken Stoffe.
Die Selbstdarstellung des feudalen Rittertums in seinen Lebensfor-
men und Idealvorstellungen ist die eigentliche Absicht des höfischen
Romans; auch die äußeren Lebensformen werden mit Muße darge-
stellt, und bei solchen Gelegenheiten verläßt die Darstellung die Ne-
belferne des Märchens, um durchaus gegenwärtige Bilder zeitgenössi-
scher Sitte zu geben. Andere Episoden des höfischen Romans geben
solche Bilder noch weit bunter und ausführlicher als unsere Stelle, al-
lein auch aus ihr läßt sich das Wesentliche ihres Wirklichkeitscharak-
ters beobachten. Der Burgherr mit dem Jagdfalken, das durch die
Schläge auf die Kupferplatte herbeigerufene Gesinde, das schöne
Burgfräulein, welches ihm die Rüstung abnimmt, ihm ein bequemes
Gewand anlegt und ihn bis zur Stunde des Abendessens aufs lieblich-
ste unterhält — alles das sind zierliche Bilder einer festgelegten Sitte,
eines Rituals beinahe, welches die höfische Gesellschaft in der Um-
rahmung eines wohlausgebildeten Lebensstiles zeigt. Die Umrahmung
ist ebenso fest und isolierend, ebenso abgesetzt gegen Lebensformen
anderer Schichten wie die der Chansons de geste, allein sie ist weit
hochgezüchteter und weit eleganter; die Frauen spielen darin eine
bedeutende Rolle, das vornehme Behagen des geselligen Lebens einer
Kulturschicht hat sich entwickelt. Und zwar hat es einen Charakter
angenommen, der lange eines der eigentümlichsten Merkmale des
128 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

französischen Geschmacks bleiben wird: den des Zierlichen, fast ein


wenig allzu Gedrechselten. Die Szene mit dem Schloßfräulein — wie
sie erscheint, wie er sie anschaut, die Entwaffnung, die Unterhaltung
auf der Wiese — obgleich es sich hier nur um ein wenig ausgebildetes
Beispiel handelt, gibt zur Genüge den Eindruck der lieblich-zierli-
chen, klaren und lächelnden, frischen und elegant-naiven Koketterie,
in welcher gerade Chretien ein Meister ist. Stilbilder dieser Art finden
sich im Französischen schon sehr früh — in den chansons de toile, und
selbst einmal im Rolandslied, in der Laisse über Margariz von Sevilla
(V. 955 ff.); aber erst die höfische Kultur hat sie ausgebildet, und ins-
besondere Chretiens großer Charme beruht zum guten Teil auf seiner
Gabe, diesen Ton auf das mannigfaltigste zu entwickeln. In seinem
vollen Glanz erscheint dieser Stil da, wo es sich um wirkliches Liebes-
spiel handelt; zwischen den Szenen dieses Spiels gibt es alsdann ein
antithetisches Raisonnement über das Gefühl, scheinbar naiv, doch
von höchst kunstvoller Lieblichkeit; das berühmteste Beispiel findet
sich zu Anfang des Cliges, wo die erwachende Liebe zwischen Alixan-
dre und Soredamors, mit der anfänglichen Scheu des gegenseitigen
Versteckens und dem schließlichen Auf brechen des Gefühls, in einer
Reihe von bezaubernden Szenen und analysierenden Selbstgesprä-
chen dargestellt wird. Das Zierliche und Liebliche dieses Stils, dessen
Reiz die Frische und dessen Gefahr das Kleinliche, albern Kokette
und Kalte ist, findet sich in solcher Reinheit in der antiken Dichtung
kaum, es ist eine Schöpfung des französischen Mittelalters; übrigens
ist der Stil keineswegs auf Liebesepisoden beschränkt. Das ganze Bild
des Lebensmäßigen der feudalen Gesellschaft ist, bei Chretien so-
wohl wie beim späteren Abenteuerroman und der kürzeren Verser-
zählung, auf den gleichen Ton gestimmt, im 12. und auch noch im 13.
Jahrhundert. In zierlichen, lieblichen, überaus fein gepinselten und
wasserhellen Versen führt sich die ritterliche Gesellschaft vor, Tau-
sende von kleinen Szenen und Bildern schildern uns ihre Gewohnhei-
ten, ihre Anschauungen und den Ton ihres gesellschaftlichen Ver-
kehrs. Sehr viel Glanz, realistische Würze, psychologische Feinheit
und auch viel Humor stecken in diesen Bildern; es ist eine sehr viel
reichere, abwechslungsvollere, gefülltere Welt als die der Chansons
de geste, obgleich auch sie nur die Welt eines einzigen Standes ist.
Zuweilen scheint Chretien sogar diese ständische Beschränkung zu
durchbrechen, wie in dem Arbeitssaal der dreihundert Jungfrauen im
Chastel de Pesme Avanture (Yvain 5107 ff.) oder in der Darstellung
jener reichen Stadt, deren Bürgerschaft (quemune) das Schloß, in dem
sich Gauvain befindet, zu stürmen sucht (Perceval 5710 ff.) — aber sol-
che Episoden sind doch nur ein bunter Schauplatz für das ritterliche
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 129
Leben. Die höfische Realistik gibt ein sehr reiches und würziges Le-
bensbild eines einzigen Standes; einer Schicht, die sich von anderen
Schichten der Mitlebenden absondert, sie gelegentlich als bunte,
meist als komische oder groteske Staffage auftreten läßt; so daß die
ständische Trennung zwischen dem Bedeutenden, Bedeutungsvollen
und Hohen einerseits und dem Niedrig-Grotesk-Komischen anderer-
seits inhaltlich ganz streng aufrechterhalten bleibt; zum ersteren Be-
zirk hat nur die feudale Schicht Zutritt. Von einer eigentlichen Stil-
trennung kann man allerdings insofern nicht sprechen, als der höfi-
sche Roman einen «hohen Stil», das heißt einen Gradunterschied in
der Höhenlage der Ausdrucksform nicht kennt; der behagliche, be-
hende und elastische gereimte Achtsilber paßt sich jedem Gegenstand
und jeder Höhenlage des Gefühls oder des Gedankens mühelos an;
hat er ja auch sonst für die verschiedensten Zwecke dienen können,
für Schwänke so gut wie für Heiligenlegenden; wo er sehr ernste oder
schreckliche Dinge behandelt, hat er, zumindest für unser Gefühl,
sehr leicht etwas rührend Naives, Kindliches, und in der Tat liegt in
der sinnlichen Frische, die ein doch schon so reich differenziertes Le-
ben mit einer noch so jungen, kaum von Theorie belasteten, noch
nicht aus der dialektalen Vielfalt losgelösten Literatursprache zu be-
herrschen sucht, ein kindlicher Mut. Das Problem der Höhenlagen
des Stils wird den Vulgärsprachen erst viel später, erst seit Dante,te-
wußt.
Eine noch stärkere Beschränkung als die ständische ergibt sich für
den Realismus des höfischen Romans aus seiner Märchenatmosphä-
re; sie bringt es mit sich, daß all die bunten und lebendigen Bilder
zeitgenössischer Wirklichkeit wie aus dem Boden gewachsen erschei-
nen, aus dem Märchenboden nämlich, so daß sie, wie wir schon sag-
ten, jeder wirklich-politischen Grundlage entbehren; die geographi-
schen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Verhältnisse, auf denen sie
beruhen, werden niemals aufgeklärt; sie wachsen unvermittelt aus
Märchen und Abenteuer; der so verblüffend realistische Arbeitssaal
im Yvain, den ich eben erwähnte, in dem sogar von Arbeitsbedingun-
gen und Geldlohn die Rede ist, ist nicht etwa durch konkrete wirt-
schaftliche Verhältnisse zustande gekommen, sondern dadurch, daß
der junge König der Jungfraueninsel, der zwei bösartigen, koboldhaf-
ten Brüdern in die Hände gefallen war, sich durch das Versprechen,
jährlich dreißig seiner Jungfrauen zur Zwangsarbeit abzuliefern, von
ihnen losgekauft hat. Die Märchenatmosphäre ist die eigentliche Le-
bensluft des höfischen Romans, der ja nicht nur die äußeren Lebens-
formen, sondern auch, und vor allem, die Idealvorstellungen der feu-
dalen Gesellschaft des ausgehenden 12. Jahrhunderts zum Ausdruck
9
130 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

bringen will. Damit kommen wir zum Kern seines Wesens, insofern
dieses für die Geschichte der literarischen Erfassung des Wirklichen
bedeutend wurde.
Calogrenant reitet aus ohne Auftrag und ohne Amt; er sucht Aben-
teuer, das heißt gefährliche Begegnungen, an denen er sich erproben
kann. So etwas gibt es in der Chanson de geste nicht. Die Ritter, die
dort reiten, haben ein Amt und stehen in einem politisch-geschicht-
lichen Zusammenhang; es ist zwar dieser Zusammenhang sagenhaft
vereinfacht und entstellt, aber er ist doch insofern erhalten, als die
Personen, die sich handelnd bewegen, eine Funktion in der wirklichen
Welt haben, nämlich etwa Karls Reich gegen die Ungläubigen zu ver-
teidigen, die Ungläubigen zu unterwerfen und zu bekehren, und ähn-
liches. Solchen politisch-geschichtlichen Zwecken dient das Ethos des
feudalen Standes, eben das Kriegerethos, zu dem sich die Ritter be-
kennen. Calogrenant hingegen hat keinerlei politisch-geschichtliche
Aufgabe, ebensowenig wie irgendein anderer Ritter vom Artushof;
das feudale Ethos dient keiner politischen Funktion und überhaupt
keiner praktischen Wirklichkeit mehr; es ist absolut geworden. Es hat
keinen anderen Zweck mehr als die Selbstverwirklichung. Dadurch
verändert es sich vollkommen. Sogar das Wort, welches sich dafür
im Rolandslied am häufigsten und in allgemeinster Bedeutung findet
— vasselage — scheint allmählich aus der Mode zu kommen; Chritien
verwendet es im Erec noch dreimal, im Cliges und im Lancelot findet
man es an je einer Stelle, und später überhaupt nicht mehr. Das neue
Wort, das er bevorzugt, ist corteisie, ein Wort, dessen bedeutende und
lange Geschichte für die ständisch-menschliche Idealvorstellung in
Europa die vollständigste Interpretation liefert. Im Rolandslied findet
sich dies Wort noch nicht; nur das Adjektiv curteis erscheint dreimal,
davon zweimal für Olivier in der Verbindung li proz e Ii curteis; au-
genscheinlich ist corteisie erst in der höfischen Kultur, die ja daher
ihren Namen trägt, zu seiner synthetischen Bedeutung gekommen.
Die in ihm ausgedrückten, gegenüber der Chanson de geste sehr stark
veränderten und sublimierten Inhalte — Verfeinerung der Kampfes-
regeln, höfische Verkehrssitte, Frauendienst — zielen alle nach einem
persönlichen und absoluten Ideal; absolut sowohl in bezug auf ideale
Vollendung als auch in bezug auf irdisch-praktische Zwecklosigkeit.
Das Persönliche der höfischen Tugenden ist nicht einfach naturgege-
ben, auch nicht einfach durch Geburt erworben, in der Art, daß die
durch die Geburt innerhalb des Standes gegebene praktische Lage
bestimmte praktische Anforderungen stellte, in denen sich jene Tu-
genden normalerweise spontan entwickelten; sondern es bedarf nun-
mehr, außer der Geburt, auch noch der Erziehung, um sie einzupflan-
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 131

zen, und der ständigen, freiwillig und unablässig zu erneuernden Er-


probung, um sie zu bewähren. Das Mittel der Erprobung und Bewäh-
rung ist das Abenteuer, aventure, eine überaus eigentümliche und
seltsame Form des Geschehens, welche die höfische Kultur ausbil-
dete. Wohl gibt es lange vorher die phantasiereiche Ausmalung der
Wunder und Gefahren, die denjenigen erwarten, der über die Gren-
zen der bekannten Welt in ferne, unerforschte Gegenden verschlagen
wird — und nicht minder phantasiereiche Vorstellungen und Erzäh-
lungen von den geheimnisvollen Gefahren, die selbst innerhalb der
geographisch bekannten Welt durch das Wirken von Göttern, Gei-
stern, Dämonen und anderen zauberkundigen Gewalten den Men-
schen bedrohen; es gibt auch längst vor der höfischen Kultur den
furchtlosen Helden, der durch Kraft, Tugend, List und göttliche
Hilfe solche Gefahren überwhidet und andere daraus erlöst. Aber daß
ein ganzer Stand, der in voller zeitgenössischer Blüte steht, das Beste-
hen solcher Gefahren als seinen eigentlichen und in der Idealvorstel-
lung ausschließlichen Beruf ansieht — daß die verschiedensten Sagen-
überlieferungen, vor allem die bretonische, aber auch andere, von
ihm rezipiert werden, um eine eigens dafür präparierte ritterliche
Wunderwelt zu schaffen, in der die phantastischen Begegnungen und
Gefahren gleichsam am laufenden Bande dem Ritter entgegentreten —
diese Geschehensanordnung ist eine Neuschöpfung des höfischen Ro-
mans. Obgleich nun die gefahrvollen Begegnungen, aventures ge-
nannt, durchaus keine erfahrungsmäßige Grundlage besitzen, ob-
gleich sie in kein bestehendes oder praktisch vorstellbares politisches
System einzuordnen sind, obgleich sie meist ohne rationalen Zusam-
menhang, serienweise, in langen Reihen hintereinander auftreten, so
darf man doch sich nicht von der modernen Bedeutung des Wortes
Abenteuer dazu verleiten lassen, sie als rein «zufällige» anzusehen:
das Lockere, Periphere, Ordnungslose, oder, wie Simmel einmal sag-
te, außerhalb des eigentlichen Sinnes der Existenz Stehende, was man
gegenwärtig mit dem Wort Abenteuer verbindet, ist im höfischen Ro-
man eben nicht gemeint; vielmehr ist die Erprobung durch das Aben-
teuer der eigentliche Sinn der ritterlichen Idealexistenz. Daß sich das
Eigentlichste des ritterlichen Menschen am Abenteuer erweist, hat
für die Lais der Marie de France vor einigen Jahren E. Eberwein (Zur
Deutung mittelalterlicher Existenz, Bonn und Köln 1933, Seite 27 ff.)
zu zeigen versucht; es läßt sich auch am höfischen Roman nachwei-
sen. Calogrenant sucht den rechten Weg und findet ihn, wie wir oben
festgestellt haben; es ist der rechte Weg zum Abenteuer, und schon
dies Suchen und Finden des rechten Weges offenbart ihn als einen der
Auserwählten, als einen der echten Ritter von Artus' Tafelrunde; als
132 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

ein echter und des Abenteuers würdiger Ritter wird er von seinem
Gastfreund, der selbst ein Ritter ist, mit Freude und mit Segenswün-
schen über den gefundenen rechten Weg aufgenommen. Beide, Wirt
und Gast, gehören zu einer ordenshaften Gemeinschaft, in die man
durch eine Erwählungszeremonie aufgenommen wird, und deren Mit-
glieder zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet sind; es scheint der eigent-
liche Beruf des Wirtes, der einzige Sinn seines Wohnsitzes an dieser
Stelle zu sein, den abenteuersuchenden Rittern ritterliche Gastfreund-
schaft zu gewähren. Aber die Hilfe, die er dem Gast bietet, ist ge-
heimnisvoll durch sein Schweigen über das, was Calogrenant bevor-
steht; offenbar gehört das Geheimnis zu seinen ritterlichen Pflichten,
ganz im Gegensatz zu dem vilain, der nichts verschweigt, was er
weiß; und das, was er weiß, sind die materiellen Umstände des Aben-
teuers; was aber «Abenteuer» ist, das weiß er nicht, denn ritterliche
Gesittung ist ihm fremd. Calogrenant ist also ein echter Ritter, ein
Auserwählter; aber es gibt viele Grade der Auserwählung; nicht er ist
fähig, das Abenteuer zu bestehen, sondern erst Yvain. Die Grade der
Auserwählung und die besondere Erwählung für ein besonderes
Abenteuer werden im Lancelot und im Perceval zuweilen noch deut-
licher und stärker betont als im Yvain, doch erkennbar ist das Motiv
überall, wo höfische Dichtung auftritt. Damit rückt die Reihe der
Abenteuer in den Rang einer schicksalsbestimmten, stufenweisen
Bewährung eines Auserwähltseins ; sie wird auf diese Weise zur
Grundlage einer Lehre von persönlicher Vollendung durch eine vom
Schicksal aufgegebene Entwicklung, einer Lehre, die später die stän-
dischen Schranken der höfischen Kultur durchbrach. Freilich darf
man nicht vergessen, daß gleichzeitig mit der höfischen Kultur eine
andere Bewegung die Phänomene der stufenweisen Bewährung eines
Erwähltseins, und auch die Liebestheorie mit weit größerer Strenge
und Klarheit zum Ausdruck brachte, nämlich die viktorinische und
zisterziensische Mystik. Sie war nicht ständisch gebunden und be-
durfte des Abenteuers nicht.
Die Welt der ritterlichen Bewährung ist eine Welt der Abenteuer;
sie enthält nicht nur eine fast ununterbrochene Reihe von Abenteu-
ern, sie enthält auch vor allem nichts anderes als das, was zum Aben-
teuer gehört; nichts, was nicht Schauplatz oder Vorbereitung eines sol-
chen wäre, wird in ihr angetroffen; es ist eine eigens für die Bewäh-
rung des Ritters geschaffene und präparierte Welt. Die Szene des Auf-
bruchs von Calogrenant zeigt das mit voller Deutlichkeit; er reitet
den ganzen Tag, und trifft nichts an als das zu seiner Aufnahme be-
reite Schloß; von allen praktischen Bedingungen und Umständen, die
die Existenz eines solchen Schlosses in völliger Einsamkeit möglich
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 133
und mit der gewöhnlichen Erfahrung vereinbar machen könnten,
wird nichts gesagt. Eine solche Idealisierung führt weit fort von der
Nachahmung des Wirklichen; im höfischen Roman ist das Funktio-
nelle, geschichtlich Wirkliche des Standes verschwiegen, und es läßt
sich aus dieser Dichtung zwar eine Fülle von kulturgeschichtlichen
Einzelheiten über Verkehrssitte und überhaupt über äußere Lebens-
form, aber keine vertiefte Anschauung von der Zeitwirklichkeit auch
nur des Ritterstandes gewinnen; wo sie die Wirklichkeit schildert, da
schildert sie nur die bunte Oberfläche, und wo sie nicht oberflächlich
ist, da hat sie andere Gegenstände und andere Absichten als die Zeit-
wirklichkeit. Dennoch enthält sie eine Standesethik, die als solche in
der wirklichen irdischen Welt Geltung beanspruchte und sie auch ge-
wann. Denn sie besitzt einen großen Zauber, der, wenn ich recht sehe,
vor allem auf zwei Eigenschaften beruht, die sie auszeichnen; sie ist
absolut, über aller irdischen Kontingenz schwebend, und sie gibt
dem, der ihr unterworfen ist, das Gefühl einer Gemeinschaft von
Auserwählten anzugehören — einem von der Masse der Menschen ab-
gegrenzten Solidaritätskreis (dieser Ausdruck stammt von dem Orien-
talisten Hellmut Ritter). Die feudale Ethik, die ideale Vorstellung des
vollkommenen Ritters hat sich daher eine sehr große und sehr lang-
lebige Wirkung erworben; die mit ihm verwachsenen Vorstellungen
von Tapferkeit, Ehre, Treue, gegenseitiger Achtung, edler Sitte und
Frauendienst bezauberten noch Menschen gänzlich veränderter Kul-
turperioden; später emporgekommene Schichten städtischer und bür-
gerlicher Herkunft übernahmen dies Ideal, obwohl es nicht nur stän-
disch und exklusiv, sondern auch völlig wirklichkeitsleer ist; sobald
es über die bloße Verkehrssitte hinausgreift und mit den praktischen
Geschäften der Welt zu tun bekommt, wird es unzureichend und be-
darf einer Ergänzung, die zu ihm selbst oft in höchst ärgerlichem Ge-
gensatz steht; aber gerade weil es so wirklichkeitsfern ist, ließ es sich,
als Ideal, jeder beliebigen Lage anpassen, mindestens solange es über-
haupt herrschende Stände gab. So hat das ritterliche Ideal alle Kata-
strophen, die den Feudalismus im Lauf der Jahrhunderte trafen, über-
lebt. Es überlebte selbst den Don Quijote des Cervantes, der das Pro-
blem in der vollendetsten Weise interpretierte. Der erste Auszug Don
Quijotes, mit der abendlichen Ankunft in der Schenke, die er für eine
Burg hält, ist eine vollkommene Parodie des Auszugs von Calogre-
nant — und zwar dadurch, daß Don Quijote nicht auf eine besonders
für die ritterliche Bewährung präparierte, sondern auf eine beliebig
alltägliche, wirkliche Welt stößt. Durch die genaue Beschreibung der
Lebensumstände seines Helden hat es Cervantes gleich zu Anfang
seines Werkes deutlich gemacht, wo die Wurzel von Don Quijotes
134 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

Verwirrung liegt: er ist das Opfer einer sozialen Schichtung, in der er


zu einem Stande ohne Funktion gehört; er gehört zu diesem Stande,
er kann sich aus ihm nicht befreien, aber er hat, als bloßer Standesan-
gehöriger, ohne Reichtum und ohne hohe Verbindungen, keinerlei
Tätigkeit oder Aufgabe; er fühlt sein Leben sinnlos verrinnen, als
wäre er ein Gelähmter. Nur auf einen Menschen wie er, der kaum an-
ders lebt als ein Bauer, aber Bildung besitzt und nicht arbeiten kann
noch darf wie ein solcher, konnten die Ritterromane eine so verwir-
rende Wirkung ausüben; sein Auszug ist die Flucht aus einem uner-
träglichen, viel zu lange ertragenen Zustand; er will sich die seinem
Stande angemessene Funktion erzwingen. Selbstverständlich ist die
Lage, dreieinhalb Jahrhunderte früher und in Frankreich eine ganz
andere; das feudale Rittertum hat noch entscheidende Bedeutung im
Militärwesen, die Entwicklung des städtischen Bürgertums und die
des zentralistisch organisierenden Absolutismus stehen noch in ihren
ersten Anfängen. Aber wäre Calogrenant wirklich so ausgezogen, wie
er es schildert, so wären ihm schon damals ganz andere Dinge begeg-
net als diejenigen, die er berichtet; im zweiten oder im dritten Kreuz-
zug, in der Welt Heinrichs II., Ludwigs VII. oder Philippe-Augustes
ging es ganz anders zu als im höfischen Roman; dieser ist nicht dich-
terisch gestaltete Wirklichkeit, sondern ein Ausweichen ins Märchen.
Gleich zu Beginn, in der vollen Blüte ihrer Kultur, gab sich diese
herrschende Schicht ein Ethos und ein Ideal, das ihre wirkliche Funk-
tion verdeckte, und schildert ihre eigene Existenz außergeschichtlich,
zweckfrei, als absolutes ästhetisches Gebilde. Gewiß liegt in der quel-
lenden Einbildungskraft und dem spontan aus der Wirklichkeit ins
Absolute hochstoßenden Schwung dieses großen Jahrhunderts eine
Erklärung für ein so seltsames Phänomen. Aber sie ist zu allgemein,
um ausreichend zu sein, zumal die höfische Epik ja nicht nur Aben-
teuer und absolute Idealisierung, sondern auch zierliche Sitte und
prunkhaftes Zeremoniell zeigt. Die Vermutung liegt nahe, daß die
lange Funktionskrise des feudalen Standes schon damals fühlbar
wurde — schon zu der Zeit der Blüte höfischer Dichtung. Chr6tien de
Troyes, der erst in der Champagne lebte, wo gerade zu seiner Zeit die
Handelsmessen führende europäische Bedeutung gewannen, und spä-
ter in Flandern, dessen Bürgertum, früher als anderswo nördlich der
Alpen, zu wirtschaftlicher und politischer Bedeutung gelangte, moch-
te schon spüren, daß der feudale Stand nicht mehr die einzige herr-
schende Schicht war.
Die weite und langdauernde Ausstrahlung des höfisch-ritterlichen
Romans hat auf den literarischen Realismus einen bedeutenden, und
zwar einen einschränkenden Einfluß geübt, noch bevor die antike
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 135
Lehre von den verschiedenen Höhenlagen des Stils in der gleichen
einschränkenden Richtung wirksam wurde; schließlich vereinigten
sich beide in der Vorstellung vom hohen Stil, die sich während der
Renaissance allmählich ausbildete. Darauf werden wir in einem spä-
teren Abschnitt zurückzukommen haben. Hier sollen nur noch die-
jenigen, der vollen Erfassung der gegebenen Wirklichkeit hinderlichen
Einflüsse zur Sprache kommen, die für das ritterliche Ideal charakte-
ristisch sind. Es handelt sich dabei, wie schon früher erwähnt wurde,
noch nicht um Stilistisches im engeren Sinne; einen hohen Stil der
dichterischen Sprache hat das höfische Epos noch nicht geschaffen,
im Gegenteil, es hat die Elemente des Erhabenen, welche in der para-
taktischen Form des Heldenepos lagen, nicht ausgenutzt; sein Stil ist
eher behaglich erzählend als erhaben, er ist für jeden Inhalt verwend-
bar. Die erst später einsetzenden Tendenzen einer sprachlichen Stil-
trennung gehen ganz und gar auf den antiken, nicht auf den höfisch-
ritterlichen Einfluß zurück. Um so stärker sind die inhaltlichen Ein-
schränkungen.
Sie sind ständischer Art; nur ritterlich-höfische Menschen sind des
Abenteuers würdig, nur ihnen also kann Ernstes und Bedeutendes
widerfahren; wer nicht zu diesem Stande gehört, kann nur als Staf-
fage, und zwar meist in komischer, grotesker oder verächtlicher Rolle
auftreten; weder in der Antike noch im älteren Heldenepos des Mit-
telalters tritt diese Lage so auffällig in Erscheinung wie hier, wo es
sich um bewußte Abschließung und Hochzucht innerhalb einer stän-
dischen Solidaritätsgemeinschaft handelt. Nun haben sich zwar in
der Folgezeit sehr bald Tendenzen gezeigt, die die Solidaritätsgemein-
schaft nicht auf die Abkunft, sondern auf das Persönliche, auf edle
Art und Sitte gründen wollten ; ein Ansatz dazu liegt schon in den be-
deutendsten Werken der höfischen Epik selbst, die ein sehr verinner-
lichtes und auf die persönliche Erwählung und Formung gegründetes
Bild vom ritterlichen Menschen geben. Später, als Kulturschichten
städtischer Abkunft, besonders in Italien, das höfische Ideal übernah-
men und umbildeten, wurde die Vorstellung vom edlen Wesen immer
stärker eine persönliche, und sie wurde als solche sogar vielfach dem
nur auf die Abkunft gegründeten Adelsbegriff polemisch gegenüber-
gestellt. Aber sie wurde dadurch nicht weniger exklusiv; sie behielt
immer den Charakter einer Schicht der Auserwählten, zuweilen ge-
radezu den eines Geheimbundes; ständische, mystische, politische,
gesellschaftliche, erzieherische Motive verschränkten sich dabei auf
die mannigfachste Weise. Vor allem aber brachte die Verinnerlichung
keineswegs eine Annäherung an die irdische Wirklichkeit mit sich, im
Gegenteil; daß die Berührungen mit der Weltwirklichkeit immer fik-
136 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

tiver und immer zweckfreier wurden, war zum Teil gerade durch die
Verinnerlichung des ritterlichen Ideals bedingt. Dies Fiktive und
Zweckfreie, welches, wie wir ausreichend gezeigt zu haben hoffen, von
Anfang an im höfischen Ideal liegt, bestimmt sein Verhältnis zur
Wirklichkeit; es ergibt sich aus der höfischen Kultur die in Europa
lange Zeit überaus wirksame Vorstellung, daß das Edle, Große und
Bedeutende in der gemeinen Wirklichkeit nichts zu suchen habe —
eine weit pathetischere und die Gemüter weit stärker mitreißende Ge-
sinnung als die antiken Formen der Abwendung vom Wirklichen,
wie sie etwa die stoische Ethik bietet. Freilich gibt es eine antike Form
der Abwendung vom Wirklichen, die weit hinreißender ist, der Pla-
tonismus nämlich; man hat mehrfach versucht, platonische Strömun-
gen als mitwirkend bei der Bildung des höfischen Ideals nachzuwei-
sen; und in der Folgezeit haben sich höfisches Ideal und Platonismus
ausgezeichnet ergänzt — der Cortegiano des Grafen Castiglione ist
hierfür wohl das berühmteste Beispiel. Aber die besondere Form der
Abwendung vom Wirklichen, die die höfische Kultur schuf, mit dem
Auf bau einer Scheinwelt der ständischen oder ständisch-persönlichen
Erprobung und Bewährung, ist doch ganz und gar, trotz des über ihr
liegenden platonischen Schimmers, ein eigentümliches, und zwar ein
mittelalterliches Gebilde.
Mit all dem hängt eng zusammen die besondere Auswahl von Ge-
genständen, die die höfische Epik trifft, eine Auswahl, Oie auf die
europäische Dichtung lange Zeit bestimmenden Einfluß übte. Es sind
ihrer nur zwei, die eines Ritters würdig erachtet werden: Waffentaten
und Liebe. Ariost, der aus dieser Scheinwelt eine Welt des heiteren
Scheines aufbaute, hat es in seinen ersten Versen vollkommen ausge-
drückt:
Le donne, i cavalier, l'arme, gli amori,
Le cortesie, l'audaci imprese io canto
Anderes als Waffentaten und Liebe kann in der höfischen Welt gar
nicht geschehen, und auch diese beiden sind von einer besonderen
Art — sie sind nicht Ereignisse oder Empfindungen, welche etwa auch
zeitweise fortbleiben können, sondern sie sind mit der Person des voll-
kommenen Ritters dauernd verbunden, sie gehören zu seiner Defini-
tion, so daß er keinen Augenblick ohne Waffenabenteuer und keinen
Augenblick ohne Liebesverstrickung sein kann — würde er es, so ver-
löre er sich selbst und wäre kein Ritter mehr. Wieder ist es die heitere
Wendung oder die Parodie, Ariost oder Cervantes, die diese fiktive
Lebensform am deutlichsten interpretieren. Ober die Waffentaten
habe ich nichts mehr hinzuzufügen — der Leser wird verstehen, daß
ich, nach Ariosts Vorbild, dieses Wort wähle, nicht Krieg, denn es
DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS 137
handelt sich um kreuz und quer vollbrachte, in keinen politisch-
zweckhaften Zusammenhang gehörige Taten. über die höfische Lie-
be, die eines der meistbehandelten Themen der Literaturgeschichte
des Mittelalters ist, brauche ich ebenfalls nur das zu sagen, was für
meine Absicht erforderlich ist. Es ist zunächst zu erinnern, daß die
sozusagen klassische Form, an die man sogleich denkt, wenn man
von höfischer Liebe spricht — die Geliebte als Herrin, um deren Gunst
der Ritter durch kühne Taten und vollkommene, ja sklavische Erge-
benheit wirbt — keineswegs die einzige oder auch nur die vorwiegende
Form der Liebe ist, welche in der Blütezeit der höfischen Epik auf-
tritt. Man denke nur an Tristan und Iseut, an Erec und Enide, an
Alixandre und Soredamors, an Perceval und Blancheflor, an Aucas-
sin und Nicolete — keines dieser unter den berühmtesten Liebespaaren
herausgegriffenen Beispiele paßt ganz in das bekannte Schema, und
einige davon passen gar nicht. Tatsächlich zeigt die höfische Epik zu-
nächst eine Fülle von ganz verschiedenen, überaus konkreten und
wirklichkeitsdurchtränkten Liebesgeschichten; sie lassen den Leser
das Fiktive der Welt, in der sie sich abspielen, zuweilen völlig verges-
sen. Das platonisierende Schema der unerreichbaren, vergeblich um-
worbenen, aus der Ferne den Helden inspirierenden Herrin, das aus
der provenzalischen Lyrik stammt und sich im italienischen Neuen
Stil vollendete, ist in der höfischen Epik zunächst nicht herrschend.
Auch die Beschreibungen des verliebten Zustands, die Gespräche der
Liebenden, die Schilderung ihrer Schönheit und was sonst zur Um-
rahmung der Liebesepisoden gehört, zeigt zwar, besonders bei Chr.&
tien, viel zierlich-sinnliche Kunst, aber noch kaum hyperbolische Ga-
lanterie; diese bedarf einer ganz anderen Höhenlage des Stils, als sie
die höfische Epik bietet. Das Fiktive und Unwirkliche der Liebesge-
schichten liegt noch kaum in ihnen selbst; es liegt vielmehr in ihrer
Funktion innerhalb des Gesamtaufbaus der Gedichte. Schon im hö-
fischen Roman ist die Liebe sehr oft der unmittelbare Anlaß zu den
Heldentaten; dies lag, bei dem völligen Mangel einer praktischen Mo-
tivierung des Handelns durch einen politisch-geschichtlichen Zusam-
menhang, sehr nahe; die Liebe, als wesentlicher und obligater Be-
standteil der ritterlichen Vollkommenheit, wirkt als Ersatz für andere,
hier fehlende Motivierungsmöglichkeiten. Damit ist die fiktive Ge-
schehensanordnung, in welcher die bedeutendsten Taten hauptsäch-
lich um der Gunst einer Dame willen geschehen, bereits in ihren
Grundlinien gegeben; zugleich auch die für die europäische Dichtung
so bedeutsam gewordene Rangerhöhung der Liebe als poetischer Ge-
genstand. Die antike Dichtung erkannte ihr zumeist nur mittlere
Würde zu; weder in der Tragödie noch im großen Epos ist sie als Ge-
138 DER AUSZUG DES HÖFISCHEN RITTERS

genstand herrschend. Ihre zentrale Stellung in der höfischen Kultur


wurde für den allmählich sich formenden hohen Stil der europäischen
Vulgärsprachen vorbildlich; die Liebe wurde ein Gegenstand hohen
Stils (wie es Dante in der Schrift de Vulgari Eloquentia II 2 bestätigt)
und war oft der bedeutendste Gegenstand desselben. Damit ging
Hand in Hand ein Sublimierungsprozeß der Liebe, der zur Mystik
oder zur Galanterie führt; und in beiden Fällen führt er weit fort von
der konkreten Wirklichkeit der Welt. Zu der Sublimierung der Liebe
haben die Provenzalen und der italienische Neue Stil entscheidender
beigetragen als die höfische Epik; doch auch diese hat bedeutenden
Anteil an der Rangerhöhung der Liebe, indem sie sie in das Stän-
disch-Heldenhafte einführte und es mit ihm verschmolz.
So bleibt als Ergebnis unserer Interpretation und der sich an sie
schließenden Erwägungen, daß die höfische Kultur der Entwicklung
einer literarischen Kunst, die die Wirklichkeit in ihrer vollen Breite
und Tiefe erfaßte, entschieden ungünstig war; doch es lebten noch
andere Kräfte im 12. und 13. Jahrhundert, die einer solchen Entwick-
lung Nahrung zu geben vermochten.
VII

ADAM UND EVA

... Adam vero veniet ad Evam, moleste ferens quod cum ea locutus sit Dia-
bolus, et dicet ei:
Di moi, muiller, laue te querroit
Li mal Satan? que te voleit?
EVA: 11 me parla de nostre honor.
280 ADAM: Ne creire ja le traitor!
11 est traitre, bien le sai.
EVA: Et tu coment?
ADAM: Car l'esaiai!
EVA: De co que chalt me del veer?
11 te fera changer saver.
ADAM: Nel fera pas, car nel crerai
De nute rien tant que l'asai.
Nel laisser mais venir sor toi
Car il est mult de pute foi.
11 volt trair ja son seignor,
290 E soi poser al des halzor.
Tel paltonier qui co ad fait
Ne voil vers vus ait nul retrait.
Tunc serpens artificiose compositus ascend et juxta stipitem arboris vetite.
Cui Eva propius adhibebit aurem, quasi ipsius ascultans consilium. De-
hinc accipiet Eva pomum, porriget Ade. Ipse vero nondum eum accipiet,
et Eva dicet ei:
Manjue, Adam, ne sez que est;
Pernum co bien que nus est prest.
ADAM: Est il tant bon?
EVA: Tu le saveras;
Nel poez saver sin gusteras.
ADAM: J'en duit!
EVA: Fai le!
ADAM: Nen frai pas.
EVA: Del demorer fai tu que las.
ADAM: Et jo le prendrai.
EVA: Maniue, ten!
300 Par co saveras e mal e bien.
Jo en manjerai premirement.
ADAM: E jo apres.
EVA: Seurement.
Tunc commedet Eva partem pomi, et dicet Ade:
Guste en ai. Deus! quele savor!
Unc ne tastai d'itel dolcor,
D'itel savor est ceste pome!
140 ADAM UND EVA

ADAM:De quel?
EVA: D'itel nen gusta home.
Or sunt mes oil tant cler veant,
Jo semble Deu le tuit puissant.
Quanque fu, quanque doit estre
310 Sai jo trestut, bien en sui maistre.
Manjue, Adam, ne faz demore;
Tu le prendras en mult bon'ore.
Tunc accipiet Adam pomum de manu Eve, dicens:
Jo t'en crerrai, tu es ma per.
EVA: Manjue, nen poez doter.
Tunc commedat Adam partem pomi ...1

1 Adam soll dann zu Eva kommen, ärgerlich darüber, daß der Teufel mit
ihr gesprochen hat, und soll ihr sagen:
Sag mir Frau, was suchte denn der böse Satan bei dir? Was wollte
er von dir?
Eva: Er sprach mir von unserem Vorteil.
ADAM: Glaub doch dem Verräter nicht! Er ist ein Verräter, ich weiß das
wohl.
EVA: Woher denn?
ADAM: Ich habe es erprobt!
EVA: Warum soll mich denn das hindern, ihn zu sehn? Dir wird er auch
schon noch ein anderes Wissen beibringen.
ADAM: Das wird ihm nicht gelingen, denn ich werde ihm nichts unge-
prüft glauben. Laß ihn nicht mehr an dich herankommen, denn
er ist ein ganz gemeiner Kerl. Er wollte seinen Herrn verraten und
sich selbst auf Gottes Höhe stellen. Ich will nicht, daß solch ein
Schuft irgend etwas mit dir zu schaffen hat!
Hier soll eine geschickt verfertigte Schlange den Stamm des Baums ent-
lang hochkriechen. Eva soll ihr Ohr der Schlange nähern, als ob sie ihrem
Rat zuhörte; dann soll sie den Apfel nehmen und ihn Adam reichen. Der
aber soll ihn zuerst noch nicht nehmen wollen, und Eva soll zu ihm sagen:
Iß, Adam, du weißt nicht, was das ist! Nehmen wir dies Gut, das
für uns bereit ist!
ADAM: Ist es so gut?
EVA: Du wirst es bald erfahren! Du kannst es nicht erfahren ohne zu
kosten.
ADAM: Ich fürchte mich daVor!
EVA: Tu es doch endlich!
ADAM: Nein, das tu ich nicht!
EVA: Was ist das für ein feiges Zögern!
ADAM: Also gut, ich werde ihn nehmen.
EVA: iß, nimm!
Dadurch wirst du Gut und Böse erkennen. Ich werde zuerst essen.
ADAM: Und ich nach dir.
ADAM UND EVA 141
DIES Gespräch stammt aus dem Mystere d'Adam, einem Weihnachts-
spiel aus dem Ende des 12. Jahrhunderts, das sich in einem einzigen
Manuskript erhalten hat; aus den frühesten Zeiten des liturgischen
oder aus der Liturgie erwachsenen Dramas ist uns nur sehr wenig
übriggeblieben, und von diesem wenigen ist das Mystere d'Adam
eines der ältesten vulgärsprachlichen Stücke. Der Sündenfall, der dar-
in den breitesten Raum einnimmt (nachher wird noch der Mord
Abels und die Prozession der Christi Erscheinen ankündigenden Pro-
pheten dargestellt), beginnt mit einem vergeblichen Versuch des Teu-
fels, Adam zu verführen; der Teufel macht sich hierauf an Eva, wobei
er mehr Glück hat; er läuft alsdann fort, in die Hölle, wobei ihn
Adam gerade noch erblickt; nach seinem Verschwinden beginnt die
oben abgedruckte Szene. Eine solche Szene als Gespräch gibt es in
der Genesis nicht, ebensowenig wie einen voraufgegangenen Versuch
des Teufels, Adam zu verführen; als Gespräch bringt die Genesis nur
den Vorgang zwischen Eva und der Schlange, die nach sehr alter
Überlieferung mit dem Teufel identisch ist (vgl. Apoc. 12, 9); die Fort-
setzung ist rein berichtend: vidit igitur mulier quod bonum esset
lignum ad vescendum, et pulchrum oculis, aspectuque delectabile; et
tulit de fructu illius, et comedit; deditque viro suo, qui comedit. Aus
diesen letzten Worten ist unsere Szene entstanden.
Sie zerfällt in zwei Teile, einen ersten, der ein Gespräch zwischen
Adam und Eva über die Wünschbarkeit eines Verkehrs mit dem Teu-
fel enthält, wobei der Apfel noch nicht erwähnt wird, und einen zwei-
ten, in welchem Eva den Apfel vom Baum bricht und Adam verführt,
davon zu essen. Getrennt sind beide Teile durch das Eingreifen der
Schlange, des serpens artificiose compositus, die Eva etwas ins Ohr
sagt; was es ist, das wird nicht ausgesprochen, aber wir können es uns
EVA: Gewiß.
Hier soll Eva ein Stück Apfel essen und zu Adam sagen:
Ich habe davon gekostet. Gott, welch ein Geschmack! Nie habe
ich etwas so Süßes gegessen. Solch einen Geschmack hat dieser
Apfel!
ADAM: Was für einen denn?
EVA: Solch einen hat noch nie ein Mensch gekostet. Jetzt sind meine
Augen so hellsichtig geworden, ich komme mir vor wie der all-
mächtige Gott, Alles was war, und alles was geschehen soll, weiß
ich ganz, und bin dessen Herr. Iß, Adam, zögere nicht, das ist ge-
rade der richtige Augenblick!
Hier soll Adam den Apfel aus der Hand Evas nehmen, und dazu sagen:
Ich will dir glauben, du bist meinesgleichen.
EVA: Iß, hab keine Angst!
Hier soll Adam ein Stück Apfel essen ...
142 ADAM UND EVA

denken, denn unmittelbar darauf greift Eva nach dem Apfel, bietet
ihn dem abwehrenden Adam und sagt, was dann ihr immer wieder-
holtes Hauptmotiv wird: Manjue, Adam! Sie bricht also die erste Un-
terhaltung über den Verkehr mit dem Teufel unerledigt ab, sie ant-
wortet auf Adams letzte Rede nicht mehr, sondern schafft eine ganz
neue Lage, eine vollendete Tatsache, die auf Adam um so überra-
schender wirken muß, als bisher zwischen ihm und Eva vom Apfel
noch nicht die Rede war. Offenbar geschieht das auf den Rat der
Schlange, und dies erklärt auch das Eingreifen derselben gerade in
diesem Augenblick: denn Eva für sich und ihren Plan überhaupt zu
gewinnen wäre jetzt nicht mehr nötig; das war schon in der vorher-
gegangenen Szene zwischen Eva und dem Teufel geschehen, die mit
Evas Entschluß, vom Apfel zu essen und Adam davon zu geben, ge-
endet hatte; das Eingreifen der Schlange mitten in das Gespräch zwi-
schen Adam und Eva kann nur dem Zweck dienen, Eva eine in die-
sem Augenblick erforderliche Verhaltungsmaßregel zu geben: näm-
lich das vom Standpunkt des Teufels nutzlose und gefährliche Ge-
spräch abzubrechen und sogleich zur Tat überzugehen. Nutzlos und
gefährlich aber ist das Gespräch für den Teufel und seinen Plan, weil
es augenscheinlich nicht dazu führt, Adam zu überzeugen, und sogar
die Gefahr besteht, daß Eva selbst wieder schwankend werden könnte.
Betrachten wir nun den ersten Teil der Szene, das Gespräch über
die Wünschbarkeit eines Verkehrs mit dem Teufel. Adam stellt seine
Frau zur Rede wie ein französischer Bauer oder Bürgersmann es ge-
tan haben mag, der heimkommend etwas sieht, was ihm nicht gefällt:
seine Frau im Gespräch mit einem Kerl, mit dem er schon üble Erfah-
rungen gemacht hat, und .mit dem er nichts zu schaffen haben will.
Frau, muiller, sagt er zu ihr, was wollte denn der von dir? was hat er
denn mit dir zu tun? Eva gibt ihm eine Antwort, die auf ihn Eindruck
machen soll: «Er hat von unserem Interesse, unserem Vorteil gespro-
chen!» (denn «Interesse, Vorteil» dürfte hier der Sinn von honor
sein; das Wort hat schon in der Chanson de geste eine stark materielle
Bedeutung). «Glaub ihm ja nicht, sagt Adam energisch, er ist ein
Verräter, ich weiß darüber genau Bescheid.» Eva weiß freilich auch
genau Bescheid, aber es ist ihr nicht zum Bewußtsein gekommen, daß
so etwas Verrat ist; ein moralisches Bewußtsein wie Adam hat sie
nicht, sondern eine naive, kindlich mutige, spielerisch sündige Neu-
gier. Adams klare Einordnung und Beurteilung des Teufels und seiner
Anschläge bringt sie in Verlegenheit, und sie hilft sich durch eine un-
aufrichtige, frech-verlegene Frage, wie sie tausendmal in ähnlicher
Lage von kindlichen, sprunghaften, instinktgebundenen Menschen
gegeben worden ist: «Woher weißt du denn das?» Die Frage nützt ihr
ADAM UND EVA 143
nichts, Adam weiß zu genau, wie sehr er recht hat: «Aus eigenster
Erfahrung weiß ich das!» Diese Worte kann nicht, wie kürzlich von
einem Textkritiker angenommen wurde (wir kommen noch darauf
zurück), Eva sprechen; denn nur Adam hat die gedachte Erfahrung
bewußt gemacht, sein Ton klingt in der energischen Replik; Eva hin-
gegen hat das Gespräch mit dem Teufel durchaus nicht als Erfahrung
seiner Verräterei gedeutet, ihre spielerische Neugier hat das morali-
sche Problem nicht erfaßt; sie hat es auch jetzt nicht begriffen, denn
sie will es nicht begreifen; sie ist schon längst entschlossen, es einmal
mit der anderen Seite, mit dem Teufel, zu versuchen. Aber sie fühlt,
daß sie Adam nicht ernsthaft widersprechen kann, wenn er sagt, daß
der Teufel ein Verräter ist; sie setzt also den Weg, den sie mit der
Frage «Woher weißt du denn das?» eingeschlagen hatte, nicht fort,
sondern wagt sich nun, halb frech, halb ängstlich, ein wenig mit ihren
wirklichen Gedanken hervor: «Warum soll mich denn das hindern,
ihn zu sehen? Dich wird er auch schon noch auf andere Gedanken
bringen!» (changer saver bezieht sich auf das bien le sai, das Wissen
um des Teufels Verräterei, das nur Adam besitzt). Damit ist sie aber
ganz an den Unrechten gekommen, denn nun wird Adam ernsthaft
böse: «Das wird ihm nicht gelingen, denn ich werde ihm niemals ein
Wort glauben!» Und mit der Autorität eines Mannes, der sich als
Herr in seinem Hause und sachlich völlig im Recht fühlt, seinen
Standpunkt klar begründend, verbietet er Eva den Verkehr mit dem
Teufel («mit einem Lumpen, der so etwas getan hat, darfst du keinen
Umgang haben»); eingedenk der Rolle, die ihm Gott der Frau gegen-
über zugewiesen hat: Tu la governe par raison (V. 21). Hier nun findet
der Teufel, daß seine Sache schief geht, und greift ein.
Ich habe diese Stelle ausführlich besprochen, weil der Text der
Handschrift, was die Verteilung der Worte auf die beiden Unterred-
ner betrifft, ein wenig in Unordnung geraten ist; und weil S. Etienne
(Romania 1922, p. 592-595) eine Lesart für die Verse 280-287 vorge-
schlagen hat, der auch die Ausgabe von Chamard (Paris 1925) gefolgt
ist, und die mir nicht einleuchtet. Sie sieht folgendermaßen aus:
280 ADAM: Ne creire ja le traitor!
II est traitre.
EVA: Bien le sai.
ADAM: E tu coment?
EVA: Car 1'asaiai.
De co que chalt me del veer?
ADAM: Il te ferra changer saver.
EVA: Nel fera Das, car nel crerai
De nule rien tant que 1'asai.
ADAM: Nel laisser mais
144 ADAM UND EVA

Mir scheint das unmöglich; der so verschiedene Ton beider Personen


wird völlig durcheinandergemischt ; weder kann Eva sagen: bien le sai,
noch Adam sich erkundigen, woher sie denn das wisse, noch Eva sich
auf ihre Erfahrung berufen; und die energische Antwort Adams : «Das
wird dem Teufel nie gelingen» aus dem Gespräch herauszumerzen,
indem man sie als beruhigende Versicherung Evas auf Adams Be-
fürchtungen deutet, scheint mir vollends abwegig. Als Begründung
seiner Auffassung führt Etienne an, die Antwort Evas: De eo que
chalt me del veer auf ein von Adam ausgesprochenes «ich weiß es aus
eigener Erfahrung» (wie es die früheren Herausgeber, und auch ich,
verstanden haben), sei « d'une maladresse inconcevable»; sie gebe ja
dadurch dem Adam zu, daß sie mit dem Teufel im Bunde sei; ayant
ainsi convaincu Adam de sa complicite avec le tentateur elle reussirait
des la scene suivante ä le persuader d'accepter d'elle ce qu'il avait
refuse de son compere! Das sei ganz unwahrscheinlich. Unwahr-
scheinlich sei auch, daß Eva ausspricht: Satan wird dich schon noch
auf andere Gedanken bringen — denn Satan n'intervient plus! Eva sei
es doch, die Adam verführe! Etienne versteht daher Eva als eine
höchst geschickte, diplomatische Person, deren Bestreben es ist, Adam
zu beruhigen und ihn den Verführer Satan, gegen den er nun einmal
ein Vorurteil hat, vergessen zu lassen; oder ihm doch wenigstens zu
verstehen zu geben, daß sie sich nicht blind auf Satan verläßt, sondern
erst abwarten will, ob sich seine Versprechungen auch bewähren.
Ganz abgesehen davon, daß solche Äußerungen kaum geeignet
sind, Adam zu beruhigen — ganz abgesehen auch davon, daß der Um-
stand, daß Satan nicht mehr auftritt, nicht das mindeste besagt gegen
eine Bemerkung Evas, er werde Adam schon noch auf andere Gedan-
ken bringen — ganz abgesehen von diesen kleinen Schönheitsfehlern
zeigt Etiennes Auffassung, daß er die Bedeutung des Eingreifens der
Schlange und die ungeheure Erschütterung Adams durch die Befol-
gung ihres Rates (nämlich den Apfel vom Baum zu brechen) nicht
verstanden hat — obgleich sie den Schlüssel zu der ganzen Szene lie-
fern. Warum greift die Schlange ein? Weil sie fühlt, so kommt ihre
Sache nicht weiter. Eva ist in der Tat ungeschickt, sehr ungeschickt,
wenn auch diese Ungeschicklichkeit durchaus nicht unbegreiflich ist;
denn ohne besondere Hilfe des Teufels ist sie ein zwar neugierig-sün-
diges, aber schwaches, von ihrem Manne lenkbares, ihm weit unter-
legenes Wesen — so wie Gott sie aus der Rippe des Mannes geschaffen
hat; ausdrücklich hat er Adam befohlen, sie zu lenken, und Eva, ihm
zu dienen und zu gehorchen. Eva ist ihm gegenüber ängstlich, unter-
würfig, befangen; sie fühlt, daß sie gegen seinen klaren, vernünftigen
männlichen Willen nicht auf kommen kann. Erst durch die Schlange
ADAM UND EVA 145
wird das anders; sie stellt die von Gott eingerichtete Ordnung auf den
Kopf, macht die Frau zum Herrn des Mannes und führt so beide ins
Verderben.
Sie bringt dies fertig, indem sie Eva rät, das theoretische Gespräch
nicht weiterzuführen und Adam vor eine vollendete, ihm ganz uner-
wartete Tatsache zu stellen. Schon früher, als der Teufel mit Eva
sprach, hatte er ihr die Verhaltungsmaßregel gegeben: primes le pren,
Adam le done! Diese Maßregel ruft ihr die Schlange jetzt ins Gedächt-
nis. Adam darf nicht da angegriffen werden, wo er stark, sondern da,
wo er schwach ist. Er ist ein braver Mann, ein französischer Bürger
oder Bauer. Im normalen Gang des Lebens ist er zuverlässig und sei-
ner selbst sicher; er weiß, was er zu tun und zu lassen hat, Gott hat
ihm das klar befohlen, und seine Anständigkeit beruht auf dieser Si-
cherheit, die ihn vor unabsehbaren Verwicklungen bewahrt. Er weiß
auch, daß er seine Frau in der Hand hat; er hat keine Angst vor ihren
gelegentlichen Launen, die ihm kindlich und nicht gefährlich schei-
nen. Mit einemmal geschieht etwas Unerhörtes, was sein ganzes Le-
benssystem erschüttert. Die Frau, die eben noch so kindisch unbe-
dacht, so vernunftlos und sprunghaft geschwatzt hatte, die er eben
noch mit ein paar ernsthaften Worten, auf die es keine Antwort gibt,
zurechtgewiesen hat, offenbart mit einemmale einen ganz eigeneti,
von dem seinen völlig unabhängigen Willen; offenbart ihn in einer
Handlung, die ihm als etwas Ungeheuerliches erscheint; sie bricht
den Apfel vom Baum, als sei es die leichteste, selbstverständlichste
Handlung von der Welt, und dringt auf ihn ein mit ihrem viermal
wiederholten: manjue, Adam! Das abwehrende Entsetzen, welches
die lateinische Regiebemerkung in den Worten «Ipse autem nondum
eum accipiet» ausdrückt, kann gar nicht stark genug vorgestellt wer-
den. Aber es ist nicht mehr die ruhige Sicherheit von früher; die Er-
schütterung ist zu stark für ihn; die Rollen sind getauscht; Eva ist
Herrin der Lage. Die wenigen, abgebrochenen Worte, die er noch
spricht, zeigen ihn völlig verstört; er taumelt zwischen Angst und Ver-
langen — nicht eigentlich Verlangen nach dem Apfel, sondern nach
Selbstbewährung: soll er als Mann sich vor etwas fürchten, was die
Frau fertiggebracht hat! Und als er schließlich seine Angst überwin-
det und den Apfel nimmt, da tut er es mit einer überaus rührenden
Bewegung: was seine Frau tut, das will er auch tun, ihr will er ver-
trauen: jo t'en crerrai, tu es ma per; perniciose misericors, wie es
Bernhard von Clairvaux einmal ausgedrückt hat (PL 183,460). Man
sieht hier, wie verkehrt Etienne (siehe vorige Seite) formuliert, wenn
er sich wundert, daß die mit dem Teufel im Bunde stehende Eva es
fertigbringt, Adam zu verführen, obgleich es dem Teufel selbst nicht
10
146 ADAM UND EVA

geglückt ist — nur ihr konnte das gelingen (mit Hilfe des Teufels),
denn nur sie ist auf eine so eigentliche Art mit ihm verbunden, daß
ihre Handlungen spontan Wirkung in ihm erzeugen und ihn erschüt-
tern; sie ist sa per, der Teufel nicht — ganz abgesehen davon, daß zu
der Verführung die vollendete Tatsache der abgebrochenen, dem Adam
dargebotenen Frucht gehört; und diese Tatsache durfte nur durch
einen Menschen, nicht durch den Teufel geschehen. Während nun in
diesem zweiten Teil der Szene Adam verstört und aus der Fassung
gebracht scheint, ist Eva, wie man in der Sportsprache sagt, in großer
Form; der Teufel hat sie gelehrt, auf welche Art sie ihren Mann be-
herrschen kann, worin sie ihm über ist: in der Bedenkenlosigkeit des
Handelns, in dem Mangel eines eigenen moralischen Sinnes, so daß
sie mit der Tollkühnheit des Unmündigen die gesetzten Grenzen
überschreitet, sobald sie der Mann nicht mehr in seiner Gewalt, en sa
discipline hält (V. 36). So steht sie da, verführerisch, den Apfel in der
Hand, und spielt mit dem verwirrten, aus seiner Bahn gerissenen
Adam; drängend, versprechend, seine Furcht verspottend, zieht sie
ihn immer weiter, und zuletzt hat sie noch eine geniale Idee: sie wird
zuerst essen! Sie tut es auch wirklich, und wie sie alsdann, den Ge-
schmack und die Wirkung der Frucht begeistert rühmend, sich noch-
mals an ihn wendet: manjue, Adam — da kann er nicht mehr zurück;
er nimmt den Apfel mit den rührenden Worten, die wir oben zitiert
haben; wieder sagt sie, zum letzten Male: iß doch, hab keine Angst —
und dann ist es geschehen.
Der Vorgang, der uns hier dramatisch dargestellt wird, ist der Aus-
gangspunkt des christlichen Erlösungsdramas, also für den Dichter
und seine Hörer ein Gegenstand höchster Bedeutung und höchster
Erhabenheit. Allein der Zweck der Darstellung ist volkstümlich: der
uralte, erhabene Vorgang soll gegenwärtig sein, er soll zu einem ge-
genwärtigen, jederzeit möglichen, jedem Hörer vorstellbaren und ver-
trauten Geschehen werden; er soll tief in das Leben und Fühlen eines
beliebigen französischen Zeitgenossen hineinwachsen. Adam spricht
und handelt nicht anders als es irgendein Hörer aus dem eigenen
Hause oder dem des Nachbarn gewohnt ist; nicht anders konnte es in
irgendeinem bürgerlichen Hause oder auf irgendeinem bäuerlichen
Hofe zugehen, wenn irgendein beschränkt redlicher Mann von seiner
eitlen und ehrgeizigen, durch die Versprechungen eines Schwindlers
verführten Frau zu einer törichten und verhängnisvollen Handlung
verleitet wurde. Das Gespräch zwischen Adam und Eva, dies erste
weltgeschichtliche Gespräch zwischen Mann und Frau, wird zu einem
Vorgang einfachster, alltäglicher Wirklichkeit; es wird, so erhaben es
ist, zu einem Vorgang einfachen, niederen Stils.
ADAM UND EVA 147
In der antiken Theorie hieß der hohe, erhabene Sprachstil sermo
gravis oder sublimis; der niedere sermo remissus oder humilis; beide
mußten streng getrennt bleiben. Im Christlichen dagegen ist von
vornhinein beides verschmolzen, insbesondere in der Inkarnation und
Passion Christi, in denen sowohl sublimitas wie humilitas, und beide
im Übermaße, verwirklicht und vereinigt sind.
Das ist ein sehr altes, christliches Motiv (siehe oben Seite 73f.), und
es erwacht in der theologischen und insbesondere mystischen Litera-
tur des 12. Jahrhunderts zu neuem Leben; bei Bernhard von Clair-
vaux oder bei den Viktorinern ist es sehr häufig anzutreffen, wobei
humilitas und sublimitas sowohl mit Beziehung auf Christus als auch
absolut' häufig in antithetischem Gegenspiel auftreten. Humilitas
virtutum magistra, singularis filia summi regis (so sagt Bernhard .
Epist. CDLXIX, 2, PL 182, 674), a surruno coelo cum coelorum do-
mino descendens ... Sola est humilitas quae virtutes beatificat et per-
ennat, quae vim facit regno coelorum, quae dominum majestatis hu-
miliavit usque ad mortem, mortem autem crucis. Verbum enim Dei
in sublimi constitutum ut ad nos descenderet, prior humilitas invita-
vit. Auch in seinen Predigten erscheint der Gegensatz humilitas-subli-
mitas immer wieder: sowohl für die Inkarnation Jesu, wenn er zu Lu-
kas 3,23 («und ward gehalten für einen Sohn Josephs») ausruft: 0
humilitas virtus Christi! o humilitatis sublimitas! quantum confundis
superbiam nostrae vanitatis! (In epiph. Domini sermo, 1,7; PL 183,
146) — als auch für die Passion und für die Erscheinung Christi im
ganzen, als Gegenstand der Nachahmung : Propterea, dilectissimi, per-
severate in disciplina quam suscepistis, ut per humilitatem ad sublimi-
tatem ascendatis, quia haec est via et non est alia praeter ipsam. Qui
aliter vadit, cadit potius quam ascendit, quia sola est humilitas quae
ex altat, sola quae ducit ad vitam. Christus enim, cum per naturam
divinitatis non haberet quo cresceret vel ascenderet, quia ultra deum
nihil est, per descens um quomodo cresceret invenit, veniens incarnari,
pati, mori, ne more remur in aeternum ... (In ascens. Dom. 2, 6; PL
183, 304). Die schönste, und für den Stil der Mystik Bernhards am
meisten charakteristische Stelle dieser Art dürfte die folgende, aus
dem Kommentar zum Hohenlied sein: 0 humilitas, o sublimitas! Et
tabernaculum Cedar, et sanctuarium Dei; et terrenum habitaculum,
et coeleste palatium ; et domus lutea, et aula regia ; et corpus mortis, et
templum lucis ; et despectio denique superbis, et spons a Christi. Nigra
est, sed formosa, filiae Jerusalem: quam etsi labor et dolor longi exilii
decolorat, species tarnen coelestis exornat, exornant pelles Salomonis.
Si horretis nigram, miremini et formosam; si despicitis humilem, subli-
mem suspicite. Hoc ipsum quam cautum, quam plenum consilii, ple-
148 ADAM UND EVA

num discretionis et congruentiae est, quod in sponsa dejectio ista, et


ista celsitudo secundum tempus quidem eo moderamine sibi pariter
contemperantur, ut inter mundi huius varietates et sublimitas erigat
humilem, ne deficiat in adversis; et sublimem humilitas reprimat, ne
evanescat in prosperis? Pulchre omnino ambae res, cum ad invicem
contrariae sint, sponsae tarnen pariter cooperantur in bonum, sub-
serviunt in salutem.
Diese bedeutenden Stellen handeln von der Sache selbst, nicht von
ihrer literarischen Darstellung; sublimitas und humilitas sind hier
überall ethisch-theologische, nicht ästhetisch-stilistische Kategorien;
doch auch in diesem letzteren Sinne, im stilistischen, ist die antitheti-
sche Verschmelzung beider als Eigentümlichkeit der heiligen Schrift
schon zur Zeit der Kirchenväter hervorgehoben worden, besonders
von Augustin (siehe oben Seite 73f.). Ausgegangen wurde dabei von
dem Schriftwort, daß Gott es den Weisen und Klugen verborgen und
den Unmündigen offenbart hat (Mt.11, 25; Luc.10,25), sowie von
der Tatsache, daß Christus zu seinen ersten Jüngern nicht Männer
von Rang und Bildung, sondern Fischer und Zöllner und ähnlich ge-
ringes Volk berufen hat (vgl. auch 1. Kor. 1, 26ff.); und aktuell wurde
die stilistische Frage, als bei der Ausbreitung des Christentums die
heiligen Schriften und überhaupt die christliche Literatur der ästheti-
schen Kritik seitens der hochgebildeten Heiden begegneten; welche
sich darüber entsetzten, daß Schriften, die nach ihrem Urteil in einer
unmöglichen, ungebildeten Sprache und ohne jede Kenntnis der Stil-
kategorien geschrieben waren, die höchste Wahrheit enthalten soll-
ten. Diese Kritik hat nicht geringen Erfolg gehabt, insofern die Kir-
chenväter sich meist weit mehr als die ältesten christlichen Schriften
um Angleichung an die antike Stilüberlieferung bemühten; sie hat
aber zugleich ihre Augen geöffnet für die wahre und eigentümliche
Größe der Heiligen Schrift: daß diese nämlich eine ganz neue Art des
Erhabenen geschaffen habe, in welcher das Alltägliche und Niedrige
nicht ausgeschlossen, sondern mitenthalten sei, so daß in ihrem Stil,
wie in ihrem Inhalt, eine unmittelbare Verbindung vom Niedrigsten
zum Höchsten verwirklicht werde. Verknüpft wurde hiermit ein an-
derer Gedankengang, der sich auf das schwer Deutbare, Verborgene
vieler Stellen der heiligen Schrift bezog: während sie einerseits ganz
einfach spricht, wie für Kinder, enthält sie andererseits Rätsel und
Geheimnisse, die sich nur wenigen erschließen; aber auch diese sind
nicht in einem stolzen, gebildeten Stil geschrieben, so daß sich etwa
ihr Verständnis nur den Hochgebildeten und durch ihr Wissen hoch-
mütig Gewordenen offenbart, sondern allen, die demütig und gläubig
sind. Augustin, der seinen eigenen Aufstieg zum Verständnis der Hei-
ADAM UND EVA 149
ligen Schrift in den Confessionen (besonders III, 5 und VI, 5) beschrie-
ben hat, drückt dies in einem Brief an Volusianus (CXXXVII, 18) fol-
gendermaßen aus : ea vero quae (sacra scriptura) in mysteriis occultat,
nec ipsa eloquio superbo erigit, quo non audeat accedere mens tar-
diuscula et inerudita quasi pauper ad divitem ; sed invitat omnes hu-
mili sermone, quos non solum manifesta pascat, sed etiam secreta
exerceat veritate, hoc in promptis quod in reconditis habens; oder in
dem ersten Kapitel de Trinitate : sacra scriptura parvulis congruens
nullius generis rerum verba vitavit (eine deutliche Anspielung auf die
antike Stiltrennung), ex quibus quasi gradatim ad divina atque subli-
mia noster intellectus velut nutritus assurgeret. Unter den vielen ähn-
lichen, das Thema vielfältig variierenden Stellen Augustins will ich
noch eine erwähnen, weil sie die Art des den demütig Einfachen zu-
gänglichen Verständnisses beschreibt; sie stammt aus den Enarratio-
nes in Psalmos und bezieht sich auf die Worte suscipiens mansuetos
Dominus im 146. Psalm : Conticescant humanae voces, requiescant
humanae cogitationes; ad incomprehensibilia non se extendant quasi
comprehensuri, sed tamquam participaturi — worin sich das konkret-
sinnliche Mitbesitzen und das Mystische auf das schönste vereinigen,
natürlich mit polemischer Absicht gegen das «hochmütig» intellek-
tuelle Verstehenwollen. Petrus Lombardus, der Sentenzenmeister,
schreibt die Stelle in seinem Psalmenkommentar, etwa Mitte des 12.
Jahrhunderts, fast wörtlich aus; und die vollkommene Wendung zur
Mystik findet sich bei Bernhard, der das Verständnis ganz auf die
Meditation des Lebens und der Passion Christi gründet: Beati qui
noverunt gustu felicis experientiae, quam dulciter, quam mirabiliter
in oratione et meditatione scripturas dignetur Dominus revelare (in
feria II Paschatis sermo, 20).
Es handelt sich um mehrere Gedanken, die, vielfältig miteinander
zusammenhängend, in diesen Stellen zum Ausdruck kommen: daß
die Heilige Schrift denen entgegenkommt, die einfachen und gläubi-
gen Herzens sind; daß es eines solchen bedarf, um «teilzuhaben» an
ihr, denn Teilhaben, nicht rein rationales Verständnis ist das, was sie
geben will; daß das Verborgene und Dunkle, was sie enthält, eben-
falls nicht in einem «hohen Stil» (eloquio superbo) verfaßt ist, son-
dern in einfachen Worten, so daß ein jeder quasi gradatim vom Ein-
fachsten zum Göttlichen und Erhabenen aufsteigen kann — oder, wie
Augustin es in den Confessionen ausdrückt, daß man sie lesen müsse
wie ein Kind : verum tarnen illa erat, quae cresceret cum parvulis. Und
der Gedanke, daß sie sich in all diesem von den großen Profanschrift-
stellern des Altertums unterscheide, ist ebenfalls das ganze Mittelalter
hindurch lebendig geblieben; noch in der zweiten Hälfte des 14. Jahr-
150 ADAM UND EVA

hunderts kommentiert Benvenuto von Imola den Dantevers, in dem


von Beatrices Ausdrucksweise die Rede ist (Inf. 2,56: e comminciom-
mi a dir soave e piana) mit den Worten: et bene dicit, quia sermo divi-
nus est suavis et planus, non altus et superbus sicut sermo Virgilii et
poetarum — obgleich doch Beatrice als Verkünderin der göttlichen
Weisheit sehr viel Dunkles und Schwieriges zu sagen hat.
Das mittelalterliche christliche Theater steht vollkommen in dieser
Tradition: als lebendige Darstellung des biblischen Geschehens, wie
es, von vornherein mit dramatischen Elementen, in der Liturgie ent-
halten war, breitet es einladend die Hände aus, um die Ungebildeten
und Einfachen aufzunehmen und sie vom Konkreten, Alltäglichen
zum Verborgenen und Wahren zu führen — nicht anders als die große
Plastik der mittelalterlichen Kirchen, die, nach E. Mäles bekannter
Theorie, sogar von den Mysterien, das heißt vom religiösen Drama,
entscheidende Anregungen empfangen haben soll. Über die Absicht
des liturgischen oder im weiteren Sinne christlichen Theaters besitzen
wir Zeugnisse schon aus sehr früher Zeit; im 10. Jahrhundert be-
schreibt St. Ethelwold, Bischof von Winchester, eine dramatische
Osterzeremonie, wie sie bei einigen Geistlichen «ad fidem indocti
vulgi ac neofitorum corroborandam» im Gebrauch sei, und empfiehlt
sie zur Nachahmung (zitiert nach E. K. Chambers, The mediaeval
stage, II, 308); und im 12. Jahrhundert sagt es Suger von Saint-Denis
tiefer und allgemeiner in dem häufig zitierten Vers: Mens hebes ad
verum per materialia surgit.
Kehren wir nun zu unserem Text, der Szene zwischen Adam und
Eva zurück. Sie wendet sich humili sermone an die Einfachen und
geistig Armen, sie bettet das erhabene Geschehen in ihr tägliches Le-
ben ein, so daß es ihnen spontan gegenwärtig wird; allein sie vergißt
nicht, daß es ein erhabener Gegenstand ist, sie führt von der einfach-
sten Wirklichkeit unmittelbar zur höchsten, verborgenen und gött-
lichen Wahrheit. Das Mystere d'Adam wird eingeleitet durch die
liturgische Bibellesung aus der Genesis, mit Lektor und respondie-
rendem Chor; alsdann folgen die dramatisierten Geschehnisse des
Sündenfalls, wobei Gott selbst auftritt; sie werden fortgeführt bis zu
dem Mord an Abel; das Ganze schließt mit der Prozession der alt-
testamentlichen Propheten, welche Christi Erscheinen ankündigen.
Die Szenen, in denen alltäglich-zeitgenössisches Leben hervortritt (die
schönsten sind die zwischen dem Teufel und Eva, und die unsrige,
zwei Stücke von beispielhafter Reinheit, den vollendetsten plastischen
Werken in Chartres, Paris, Reims oder Amiens ebenbürtig), sind also
eingefaßt in einen biblisch-weltgeschichtlichen Rahmen, der Geist
dieses Rahmens durchdringt sie; und der Geist des sie umgebenden
ADAM UND EVA 151
Rahmens ist der der figuralen Geschehensdeutung. Das besagt, daß
jedes Geschehen in all seiner alltäglichen Wirklichkeit zugleich Glied
ist in einem weltgeschichtlichen Zusammenhang, wobei alle Glieder
aufeinander Bezug haben, und somit auch als jederzeitlich oder über-
zeitlich aufzufassen sind. Beginnen wir mit Gott selbst, der nach der
Schöpfung der Welt und des Menschen auftritt, um Adam und Eva
ins Paradies einzuführen und ihnen seinen Willen kundzutun. Er wird
figura genannt; man kann dies Wort einfach auf den Geistlichen deu-
ten, der diese Gestalt darzustellen (zu «figurieren») hatte, und den
man sich scheute «Deus » zu nennen wie man die anderen Darsteller
einfach Adam, Eva und so fort nannte; man kann es aber mit größe-
rer Wahrscheinlichkeit auch wirklich figura] erklären; denn obgleich
Gott im wirklichen Geschehen des Adamsspiels nur die Rolle des Ge-
setzgebers und des die Übertretung strafenden Richters hat, so ist doch
in ihm schon der erlösende Heiland figural gegenwärtig; die Regiebe-
merkung, die sein Erscheinen mitteilt, lautet folgendermaßen: Tunc
veniet Salvator indutus dalmatica, et statuantur choram eo Adam et
Eva ... Et stent ambo coram Figura ... Gott wird also zunächst Sal-
vator genannt, dann erst Figura; so daß man wohl berechtigt sein
dürfte, zu ergänzen: figura salvatoris. Diese überzeitlich figurale Auf-
fassung wird später wieder aufgenommen; wenn Adam von dem Ap-
fel gegessen hat, überfällt ihn sogleich die tiefste Reue; er bricht in
verzweiflungsvolle Selbstanklagen aus, die sich zuletzt auch gegen
Eva richten, und die folgendermaßen schließen:
375 Par ton conseil sui mis a mal,
De grant haltesce sui mis a val.
N'en serrai trait por home
Si Deu nen est de maieste.
Que di jo, las? por quoi le nomai?
380 Il me aidera? Coroce l'ai.
Ne me ferat ja nul ale,
For le filz que istra de Marie.
Ne sai de nus prendre conroi.
Quant a Deu ne portames foi.
385 Or en soit tot a Deu plaisir!
N'i ad conseil que del morir.'

1 Durch deinen Rat bin ich ins Unglück gekommen, von großer Höhe
in die Tiefe gefallen. Aus ihr kann mich kein sterblicher Mensch ziehen,
wenn es nicht Gott in seiner Erhabenheit selbst ist. Ach, was sage ich?
Warum habe ich ihn genannt? Wird er mir denn helfen? Ich habe ihn er-
zürnt, Es wird mir niemand helfen als der Sohn. der aus Maria hervorge-
hen wird. Von niemand kann ich Schutz erhalten, da wir ja an Gott keinen
152 ADAM UND EVA

Aus diesem Text, zumal aus den Worten for le filz que istra de Marie
wird deutlich, daß Adam schon die ganze christliche Weltgeschichte
voraus weiß, oder doch zumindest das Erscheinen Christi, die Erlö-
sung von der Erbsünde, die er eben begangen hat; schon in der vollen
Verzweiflung weiß er von der einst sich erfüllenden Gnade; diese ist,
obgleich Zukunft, und sogar ein bestimmter, geschichtlich festlegba-
rer Teil derselben, doch auch schon jederzeit mitgewußte Gegenwart;
gibt es doch in Gott keinen Unterschied der Zeiten, da alles für ihn
zugleich Gegenwart ist, so daß er, wie Augustin es einmal ausdrückt,
nicht Vorauswissen, sondern einfach Wissen besitzt. Man muß sich
also sehr hüten in solchen Zeitüberschreitungen, wo die Zukunft
schon in die Gegenwart hineinzuragen scheint, nur etwas wie mittel-
alterliche Naivität sehen zu wollen; zwar ist das nicht falsch, denn in
der Tat geben sie eine stark vereinfachende, dem einfachen Verständ-
nis angepaßte Zusammenschau — aber die Zusammenschau ist doch
zugleich Ausdruck einer höchst eigentümlichen, hohen und verbor-
genen Wahrheit, eben des figuralen Aufbaus der Weltgeschichte. Ein
jedes Stück des mittelalterlichen, aus der Liturgie erwachsenen dra-
matischen Spieles ist Teil eines, und zwar stets desselben, Zusammen-
hangs: eines einzigen großen Dramas, dessen Beginn Weltschöpfung
und Sündenfall, dessen Höhepunkt Inkarnation und Passion, dessen
noch ausstehendes und erwartetes Ende Christi Wiederkunft und
Jüngstes Gericht sind. Die Strecken zwischen den Handlungspolen
werden ausgefüllt teils durch Figuration, teils durch Nachahmung
Christi; vor dessen Erscheinen sind es die Gestalten und Ereignisse
des Alten Testaments, der Zeit des Gesetzes, in denen die Ankunft des
Heilands in figürlicher Weise sich ankündigt; dies ist der Sinn der
Prophetenprozession ; nach seiner Inkarnation und Passion sind es
die Heiligen, die ihm nachzuleben bemüht sind, und die Christenheit
überhaupt, Christi versprochene Braut, die die Wiederkunft des Bräu-
tigams erwartet. In diesem großen Drama sind alle Ereignisse des
Weltgeschehens grundsätzlich mitenthalten, und alle Höhen- und
Tiefenlagen menschlichen Verhaltens sowie alle Höhen- und Tiefen-
lagen seines stilistischen Ausdrucks haben darin ihre moralisch wie
ästhetisch wohlbegründete Daseinsberechtigung; so daß kein Grund
für eine Trennung des Erhabenen vom Niedrig-Alltäglichen besteht,
welche ja in Christi Leben und Leiden selbst schon unlösbar verbun-
den vorliegen; und auch kein Grund besteht für eine Bemühung um
Einheit des Ortes, der Zeit oder der Handlung, denn es gibt nur einen

Glauben hatten. Möge nun alles nach Gottes Willen geschehen; es gibt
keinen anderen Rat, als zu sterben.
ADAM UND EVA 153
Ort: die Welt; nur eine Zeit: das Jetzt, welches von Anbeginn jeder-
zeitlich ist; und eine einzige Handlung: Fall und Erlösung des Men-
schen. Es wird freilich nicht jedesmal der ganze weltgeschichtliche Ab-
lauf dargestellt; in der frühen Zeit gibt es nur Teilstücke, meist Oster-
oder Weihnachtsspiele, wie sie aus der Liturgie erwachsen waren; allein
mitgedacht und figürlich ausgedrückt ik stets das Ganze; seit dem
14. Jahrhundert erscheint der gesamte Zyklus in den Mysterien.
Das Alltäglich-Realistische ist also ein wesentliches Element der
mittelalterlich-christlichen Kunst und besonders des christlichen dra-
matischen Spiels; ganz im Gegensatz zu der feudalen Dichtung des
höfischen Romans, der aus der Wirklichkeit der ständischen Lage
heraus in die Sage und ins Abenteuer führt, geschieht hier eine umge-
kehrte Bewegung, aus der fernen Legende und ihrer figürlichen Aus-
deutung in die alltäglich-zeitgenössische Wirklichkeit hinein. In unse-
rem Text hält sich das Realistische noch in dem Rahmen der Aktuali-
sierung häuslicher Vorgänge, eines Gesprächs zwischen der Frau und
dem schmeichelnden Verführer, und eines zweiten zwischen Mann
und Frau; es gibt noch keine grob-realistischen oder possenhaften
Elemente; allenfalls mag das Umherlaufen der Höllengeister (« interea
Demones discurrant per plateas, gestum facientes competentem »)
Anlaß zu einigen groben Späßen gegeben haben; aber später wird das
anders, der Realismus gröberen Kornes beginnt zu wuchern und es
entstehen Formen der Stilmischung, des unvermittelten Nebeneinan-
ders von Passion und roher Posse, die uns seltsam und ungehörig er-
scheinen. Wann das eigentlich begonnen hat, ist nicht klar festzustel-
len, wahrscheinlich schon weit früher als die uns erhaltenen dramati-
schen Texte erkennen lassen; denn Klagen über die Verrohung der
liturgischen Spiele (nicht zu verwechseln mit Verdammungen dersel-
ben überhaupt; das ist ein anderes, in unserem Zusammenhang nicht
zu behandelndes Problem) finden sich schon im 12. Jahrhundert, bei
Herrad von Landsberg zum Beispiel (zitiert in Chambers' Buch über
das mittelalterliche Theater, II 98, Anm. 2). Es ist recht wahrschein-
lich, daß schon in dieser Zeit allerhand davon sich geltend machte,
denn es ist überhaupt die Zeit des wiedererwachenden volkstümlichen
Realismus; die unterliterarisch fortlebende Tradition des antiken Mi-
mus und das bewußte, stärker kritische und griffigere Beobachten des
Lebens, das offenbar seit dem 12. Jahrhundert auch in den niederen
Schichten einsetzte, führte damals zu einer Blüte des Volksschwanks,
dessen Geist sich bald auch ins religiöse Drama Eingang verschafft
haben mag; war doch das Publikum das gleiche; auch die niedere
Geistlichkeit scheint vielfach den Geschmack des Volkes in dieser
Hinsicht geteilt zu haben. Aus der erhaltenen christlich-dramatischen
154 ADAM UND EVA

Literatur geht jedenfalls hervor, daß das realistische und besonders


das groteske und possenhafte Element immer stärker sich geltend
machte, daß es im 15. Jahrhundert einen Höhepunkt erreichte und
damit der vom humanistischen Geschmack und der strengeren Ge-
sinnung der Reformation (schon seit Wiclef) ausgehenden Gegenbe-
wegung, die die christlichen Mysterien als geschmacklos und unge-
hörig empfand, genügend Argumente für ihre, zuletzt erfolgreichen
Angriffe bot.
Vom Volksschwank wollen wir hier nicht sprechen, da sein Realis-
mus in den Grenzen des nur Komischen und Problemlosen bleibt;
aber wir wollen einige Szenen der Mysterien aufzählen, die Anlaß zu
einer besonders auffälligen realistischen Entwicklung geliefert haben.
Es beginnt mit der Geburt im Stall von Bethlehem, wo nicht nur Ochs
und Esel, sondern zuweilen auch Hebammen und Gevatterinnen
(nebst den dazugehörigen Gesprächen) auftreten, wo es zuweilen
auch höchst drastische Vorgänge zwischen Joseph und den Mägden
gibt; auch die Verkündigung an die Hirten, die Ankunft der heiligen
drei Könige, der Kindermord, werden realistisch ausgeschmückt;
noch auffälliger und für den späteren Geschmack ungehöriger sind
die drastischen Szenen in Verbindung mit der Passion : die rohen und
zuweilen possenhaften Gespräche der Soldaten während der Dornen-
krönung, der Geißelung, der Kreuztragung und schließlich bei der
Kreuzigung selbst (das Würfeln um die Kleider, die Longinusszene
usf.); unter den mit der Auferstehung zusammenhängenden Vorgän-
gen ist es besonders der Besuch der drei Marien beim Krämer (un-
guentarius), um Salben für den Leib Christi zu kaufen, die zu einer
Marktszene, und der Wettlauf der Jünger zum Grabe (nach Joh. 20,
3.4), der zu einem großen Jux wird. Die Darstellung der Magdalena
in der Blüte ihrer Sünden ist zuweilen ausführlich und genau, und in
der Prozession der Propheten finden sich auch einige Gestalten, die
zu groteskem Auftritt Gelegenheit bieten (Bileam mit dem Esel !). Die
Aufzählung ist ganz unvollständig; es gibt Unterhaltungen von Hand-
werkern, die (etwa beim Turmbau zu Babel) über ihre Arbeit und
über die schlechten Zeiten reden, es gibt laute und derbe Szenen im
Wirtshaus, es gibt possenhafte Späße und Zoten im Überfluß. Das
alles führt schließlich zu Mißbrauch und Unordnung; es ist auch rich-
tig, daß die bunte Welt des zeitgenössischen Lebens einen immer brei-
teren Raum einnimmt; und doch ist es mißverständlich, wenn man
von einer fortschreitenden Verweltlichung des christlichen Passions-
dramas spricht, wie es gewöhnlich geschieht. Denn die «Welt» ist von
Anfang an und grundsätzlich in diesem Drama einbeschlossen, und
auf das Mehr oder Weniger kommt es grundsätzlich nicht an; eine
ADAM UND EVA 155

wirkliche Verweltlichung tritt erst ein, wenn der Rahmen zerstört


wird, wenn die weltliche Handlung selbständig wird; das heißt, wenn
menschliche Handlungen außerhalb der von Sündenfall, Passion und
Jüngstem Gericht bestimmten christlichen Weltgeschichte in ernster
Weise dargestellt werden; wenn es andere Auffassungs- und Darstel-
lungsmöglichkeiten menschlichen Geschehens gibt neben dieser, wel-
che den Anspruch erhebt, die einzig wahre und gültige zu sein. Auch
das für unser Gefühl anachronistische Übertragen der Ereignisse in
eine zeitgenössische Umwelt und in zeitgenössische Lebensverhält-
nisse ist durchaus in der Ordnung. Auch das ist im Adamsspiel nur
insofern angedeutet, als Adam und Eva sprechen wie einfache Leute
aus dem Frankreich des 12. Jahrhunderts (« tel paltonier qui co ad
fait »); anderswo und später ist das viel auffälliger. In einem ebenfalls
nur in einer einzigen Handschrift erhaltenen Fragment eines franzö-
sischen Osterspiels aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts (ich benutze
den Text in Förster-Koschwitz, Altfranzösisches Übungsbuch, 6. Auf-
lage, 1921, Seiten 214 ff.), in dem es sich um die Szenen mit Joseph
von Arimathia und mit dem blinden, vom Blut Christi geheilten Lon-
ginus handelt, werden die Kriegsknechte des Pilatus chivalers ge-
nannt oder mit vaissal angeredet, und der ganze Verkehrston zwi-
schen den Personen, etwa zwischen Pilatus und Joseph, oder zwischen
Joseph und Nicodemus ist auf eine ganz unverkennbare und rührende
Weise der Verkehrston der Umwelt des französischen 13. Jahrhun-
derts ; dabei kommt die figürliche Jederzeitlichkeit der Ereignisse dem
Zweck einer Einbettung derselben in das vertraute alltägliche Leben
des Volkes aufs schönste entgegen. Ganz bescheidene und naive An-
sätze zur Stiltrennung finden sich freilich auch; sie ergeben sich schon
im ältesten liturgischen Spiel, ja schon in der für die Entstehung des-
selben oft herangezogenen Sequenz Victimae paschali, wenn nach den
mehr dogmatischen Eingangsversen fast unvermittelt der Dialog ein-
setzt: Dic nobis Maria ... ; etwas Entsprechendes liegt in dem Wech-
sel zwischen Latein und Altfranzösich in einigen Stücken aus dem
Anfang des 12. Jahrhunderts, etwa dem Sponsus (Romania 22, 177 ff.);
unser Adamsspiel gibt einige besonders feierliche Stellen in vierzeili-
gen durchgereimten Strophen von Zehnsilbern, die gewichtiger klin-
gen als der sonst verwandte, paarweise gereimte Achtsilber; aus weit
späterer Zeit, aus dem Mistere du vieil Testament, stammen einige
Stellen, die Ferdinand Brunot in seiner Histoire de la langue fran-
caise, I 526 ff. zitiert, in denen Gott und die Engel ein stark latinisie-
rendes Französisch sprechen, einige Handwerker und Spitzbuben da-
gegen, insbesondere aber auch Bileam im Gespräch mit seinem Esel.
sich in einer recht würzigen Alltagssprache ausdrücken. Dies alles
156 ADAM UND EVA

aber steht viel zu nahe beieinander, um wirklich als Stiltrennung zu


wirken, im Gegenteil, es trägt dazu bei, die beiden Sphären ganz dicht
aneinanderzurücken. Das stilmischende Dichtaneinander beider
Sphären beschränkt sich nicht auf die christliche dramatische Litera-
tur, es findet sich überall in der christlichen Literatur des Mittelalters
(in manchen Ländern, besonders in Spanien, auch noch später), so-
bald sie für einen größeren Kreis bestimmt ist. Besonders deutlich
müßte sich das in der volkstümlichen Predigt zeigen, von der wir aber
etwas reichlichere Beispiele erst aus sehr später Zeit zur Verfügung
haben; in ihnen zeigt sich das Nebeneinander von figürlicher Schrift-
verwendung und drastischem Realismus in einer auf den späteren
Geschmack grotesk wirkenden Weise. Man kann dazu den sehr lehr-
reichen Aufsatz von E. Gilson über la Technique du sermon medi6val
(in der Sammlung seiner Aufsätze «Les idees et les lettres », Paris
1932, Seiten 93 ff.) einsehen.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts erscheint in Italien eine Gestalt, in
der sich die hier in Rede stehende Mischung von sublimitas und hu-
militas, von ekstatischer, erhabener Gottverbundenheit und demütig-
konkreter Alltäglichkeit auf beispielhafte Weise verkörpert, wobei
sich Handlung und Ausdruck, Inhalt und Form nicht mehr trennen
lassen; das ist Franz von Assisi. Der Kern seines Wesens und die
Wucht seines Auftretens beruht auf dem Willen zur radikalen und
praktischen Nachahmung Christi; diese hatte in Europa, seit es keine
Märtyrer des Glaubens mehr gab, eine vorwiegend mystisch-kontem-
plative Form angenommen; er gab ihr eine Wendung zum Prakti-
schen, Alltäglichen, Öffentlichen und Volkstümlichen. So sehr er
selbst ein sich hingebender, kontemplativer Mystiker war, so ent-
scheidend war für ihn und seine Gefährten das Leben zwischen dem
Volk, unter den Geringsten, als die Geringsten und Verachtetsten von
allen: sint minores et subditi omnibus. Er war nicht Theologe, und
seine Bildung, obgleich durchaus nicht gering und durch seine dichte-
rische Kraft geadelt, war eine volkstümliche, unmittelbar und sinn-
lich zugängliche; seine Demut war durchaus nicht der Art, daß sie ein
öffentliches Auftreten oder sogar ein öffentliches Schauspiel fürch-
tete. Er trieb seinen inneren Impuls in die äußere Erscheinung, sein
Wesen und sein Erleben wurde zum öffentlichen Ereignis, und von
dem Tage, an dem er dem scheltenden Vater vor den Augen des Bi-
schofs und der ganzen Stadt Assisi seine Kleider zurückgab, um sich
von allem Irdischen loszusagen, bis zu jenem, an dem er sich, ster-
bend, nackt auf die nackte Erde legen ließ (ut hora illa extrema, in
qua poterat adhuc hostis irasci, nudus luctaretur cum nudo, sagt
Thomas von Celano, Legenda secunda, 214), war alles, was er tat,
ADAM UND EVA 157

eine Szene; und seine Szenen waren von solcher Gewalt, daß er alle
Menschen, die es sahen oder auch nur davon hörten, mit sich fortriß.
Auch der große Heilige des 12. Jahrhunderts, Bernhard von Clair-
vaux, war ein Menschenfischer, und seine Beredsamkeit war hinrei-
ßend; auch er war ein Gegner der menschlichen Vernunftweisheit,
der sapientia secundum camem; und doch, wieviel aristokratischer,
wieviel gelehrt rhetorischer ist seine Ausdrucksform! Ich will das an
einem Beispiel zeigen, und wähle dazu zwei Briefe verwandten Inhalts.
In dem Brief 322 (PL 182, 527/8) beglückwünscht Bernhard einen jun-
gen Adligen, der die Welt freiwillig verlassen hat und in ein Kloster
gegangen ist; er preist seine Weisheit, die vom Himmel ist, er dankt
Gott, •der sie ihm verliehen hat, er ermutigt ihn und stärkt ihn gegen
künftige Versuchung durch den Hinweis auf Christi Hilfe:
Si tentationis sentis aculeos, exaltatum in ligno serpentem aeneum
intuere (Num. 21, 8; Ioan. 3,14); et suge non tam vulnera quam ubera
Crucifixi. Ipse tibi erit in matrem, et tu eris ei in filium; nec pariter Cruci-
fixum laedere aliquatenus poterunt clavi, quin per manus eius et pedes ad
tuos usaue perveniant. Sed inimici hominis domestici eius (Mich. 7, 6).
Ipsi sunt qui non te diligunt, sed gaudium suum ex te. Alioquin audiant
ex puero nostro : si diligeretis me, gauderetis utique, quia vado ad patrem
(Ioan.14, 28). «Si prostratus», ait beatus Hieronymus, «jaceat in limine
pater, si nudato sinu, quibus te lactavit, ubera mater ostendat, si parvulus
a colle pendeat nepos, per calcatum transi patrem, per calcatam transi
matrem, et siccis oculis ad vexillum crucis evola. Summum pietatis est ge-
nus, in hac parte pro Christo esse crudelem.» Phreneticorum lacrymis ne
movearis, qui te plangunt de gehennae filio factum filium Dei. Heu! Quae-
nam miseris tam dira cupido (Verg. Aen. 6,721)? Quis tam crudelis amor,
quae tam iniqua dilectio? Corrumpunt bonos mores colloquia mala (1
Cor. 15, 33). Propterea. Quantum poteris, fili, confabulationem hospitum
declinato, quae, dum aures implent, evacuant mentem. Disce orare Deum,
disce levare cor cum manibus; disce oculos supplices in caelum erigere. et
Patri misericordiarum miserabilem faciem repraesentare in omni necessi-
tate tua. Impium est sentire de Deo, quod continere possit super te viscera
sua, et avertere aurem a singultu tuo vel clamore. De caetero spiritualium
patrum consiliis haud secus quam majestatis divinae praeceptis acquies-
cendum in omnibus esse memento. Hoc fac, et vives; hoc fac, et veniet
super te benedictio, ut pro singulis quae reliquisti centuplum recipias,
etiam in praesenti vita. Nec vero credas spiritui suadenti nimis id festina-
tum, et in maturiorem aetatem differendum fuisse. Ei potius crede qui
dixit : Bonum est homini, cum portaverit iugum ab adolescentia sua. Se-
debit solitarius, levavit enim se supra se (Thren. 3.27/8). Bene vale, stu-
deto perseverantiae, quae sola coronatur.'

1 Wenn du die Stacheln der Versuchung fühlst, so richte deinen Blick


auf die ans Kreuz erhöhte eherne Schlange; und nähre dich von den Wun-
158 ADAM UND EVA

Das ist gewiß ein lebendiger und hinreißender Text, und einige sei-
ner Gedanken und Formulierungen — etwa der von den Verwandten,
die nicht dich lieben, sondern gaudium suum ex te, oder die Zusiche-
rung, daß die hundertfältige Belohnung schon in diesem Leben sich
einstellen wird — sind, wenn ich nicht irre, ganz eigentümlich bern-
hardinisch. Aber wie bewußt ist das Ganze komponiert, wie vieler
Voraussetzungen bedarf es zu seinem Verständnis, wieviel rhetorische
Formen enthält es! Man muß zwar in Rechnung stellen, daß die figür-
lichen Anspielungen auf Schriftstellen (die eherne Schlange als Chri-
stusfigur, das Blut aus Christi Wunden als nährende Milch, die Teil-

den oder vielmehr Brüsten des Gekreuzigten. Er selbst wird dir zur Mut-
ter werden, und du ihm zum Sohn; und die Nägel können den Gekreuzig-
ten nicht anders verwunden als daß sie durch seine Hände und Füße bis
zu den deinen gelangen. Doch die Feinde des Menschen sind seine Haus-
genossen. Sie sind es die nicht dich lieben, sondern ihre eigene Freude, die
von dir kommt. Sonst würden sie den Worten unseres Jünglings Gehör
schenken: «Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, denn ich
gehe zum Vater.» Wenn quer über die Schwelle (so spricht der heilige Hie-
ronymus) sich dein Vater geworfen hat, wenn die Mutter mit entblößtem
Busen dir die Brüste zeigt, an denen sie dich genährt hat, wenn dein klei-
ner Neffe an deinem Halse hängt, so tritt mit den Füßen über deinen Va-
ter, tritt mit den Füßen über deine Mutter, und eile mit trockenen Augen
zur Fahne des Kreuzes. Das ist die höchste Barmherzigkeit, in solchem
Falle um Christi willen grausam zu sein. Laß dich nicht von den Tränen
der Narren rühren, die darüber weinen, daß du aus einem Sohn der Hölle
ein Sohn Gottes geworden bist. Ach, was haben diese Elenden für eine
unsinnige Leidenschaft! Was Ist das für eine grausame Liebe, was für eine
unbillige Zuneigung! Böse Geschwätze verderben gute Sitten. Darum ver-
meide soviel du kannst, mein Sohn, die Gespräche mit deinen Wirten,
denn während sie die Ohren anfüllen, machen sie den Geist leer. Lerne zu
Gott zu beten, lerne dein Herz mit den Händen zu erheben, lerne deine
Augen flehend auf den Himmel zu richten und in jeder Not, die dich be-
fällt. dem Vater der Barmherzigkeit dein erbärmliches Antlitz darzustel-
len. Es ist unfromm, von Gott zu glauben, er könne sein Herz vor dir ver-
schließen und sein Ohr abwenden von deinem Seufzen und Schreien. Im
übrigen denke daran, in allen Dingen den Ratschlägen deiner geistlichen
Väter zu gehorchen, nicht anders als den Vorschriften der göttlichen Ma-
jestät. Dies tu und du wirst leben; dies tu und über dich wird der Segen
kommen, so daß du für jedes Ding, das du verlassen hast, hundertfältig
empfangen wirst, sogar schon in diesem Leben. Und glaube nicht dem
Geist, der dir rät, dies sei übereilt, und du hättest es auf ein reiferes Le-
bensalter verschieben sollen. Glaube vielmehr dem der gesagt hat: es ist
ein köstlich Ding einem Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trage; er
wird einsam sein, denn er wird sich über sich selbst erheben. Lebe recht
wohl, strebe nach Beständigkeit, die allein gekrönt wird.
ADAM UND EVA 159
nahme an der Kreuzesqual, an den Nägeln, die Christi Hände und
Füße durchbohren, als ekstatischer Liebestrost in der unio passiona-
lis) im zisterziensischen Kreise sogleich verstanden wurden; diese
Deutungs- und Denkweise muß selbst im Volk sich eingewurzelt ha-
ben, denn alle Predigten sind voll davon. Aber die Fülle der Schrift-
worte, ihre Verkettung, das Hieronymus- und das Vergilzitat, geben
diesem persönlichen Brief doch ein überaus literarisches Aussehen;
und in der Verwendung von rhetorischen Fragen, von Antithesen und
Anaphern steht Bernhard nicht hinter Hieronymus zurück; im Ge-
genteil, er überbietet ihn noch, indem er die rhetorischen Figuren des
Originals schärfer herausarbeitet (vgl. CSEL vol. 54, p.46-47, und
hier oben S. 66ff.). Ich will die auffälligsten Antithesen und Anaphern
aufzählen. Von Antithesen findet sich: non tam vulnera quam ubera;
ipse tibi in matrem, tu ei in filium; seine und deine Hände und Füße;
non te, sed gaudium suum ex te; aus der Hieronymusstelle pietas-
crudelis ; dann filius gehennae, filius Dei; crudelis amor, iniqua dilec-
tio ; dum aures implent, evacuant mentem. Von Anaphern: sie begin-
nen mit der in ihrer Art herrlichen Hieronymusstelle: si prostratus, si
nudato, si parvulus — per calcatum, per calcatam, et siccis oculis
und dann kommt Bernhard selbst: quis tam crudelis amor, quae .,.;
disce orare, disce levare, disce edgere, hoc fac et vives, hoc fac et.ve-
niet. Dazu kommen dann noch Wortspiele wie patri misericordiarum
miserabilem faciem repraesentare.
Und nun hören wir Franz von Assisi. Es gibt nur zwei persönliche
Briefe, die mit einiger Sicherheit ihm zugeschrieben werden können;
einen «ad quendam ministrum» aus dem Jahre 1223, den anderen an
seinen Lieblingsjünger aus den letzten Jahren, Bruder Leo (Pecorella)
aus Assisi; beide stammen also aus seiner letzten Lebenszeit, denn
Franz starb 1225. Ich wähle den ersteren, in dem von einem Konflikt
innerhalb des Ordens über die Behandlung der Brüder, die eine Tod-
sünde begangen hatten, die Rede ist; und zwar drucke ich nur den
ersten, allgemeineren Teil des Briefes ab (nach den Analekten zur Ge-
schichte des Franciscus von Assisi, herausgegeben von H. Boehmer,
Tübingen und Leipzig 1904, Seite 28):

Fratri N. ministro. Dominus te benedicat. Dico tibi sicut possum de facto


anime tue, quod ea,Clue te impediunt amare Dominum Deum,et quicumque
tibi impedimentum fecerint sive fratres sive alii, etiamsi te verberarent, om-
nia debes habere pro gratia. Et ita velis et non aliud. Et hoc sit tibi per veram
obedientiam Domini Dei et meam, quia firmiter scio, quod illa est vera obe-
dientia. Et dilige eos, qui ista faciunt tibi, et non velis aliud de eis, nisi
Quantum Dominus dederit tibi. Et in hoc dilige eos et non velis quod (pro
te? nur in einer der sechs erhaltenen Hss.) sint meliores christiani. Et
160 ADAM UND EVA

istud sit tibi plus quam heremitorium. Et in hoc volo cognoscere, si diligis
Deum et me servum suum et tuum. si feceris istud, scilicet quod non sit
aliquis frater in mundo, qui peccaverit, quantumcumque potuerit peccare,
quod, postquam viderit occulos tuos, unquam recedat sine misericordia
tua, si querit misericordiam, et si non quereret misericordiam, tu queras
ab eo, si vult misericordiam. Et, si millies postea appareret coram occulis
tuis, dilige eum plus quam me ad hoc, ut trahas eum ad Dominum, et
semper miserearis talibus
In diesem Stück gibt es weder Schriftausdeutung noch Redefiguren;
der Satzbau ist hastig, ungeschickt und ohne berechnende Einteilung
des Ganzen; alle Sätze beginnen mit et. Aber der Mensch, der diese
hastigen Zeilen schrieb, ist augenscheinlich so hingerissen von seinem
Gegenstand, derselbe erfüllt ihn so vollkommen, und das Bedürfnis,
sich mitzuteilen und verstanden zu werden ist so überwältigend, daß
die Parataxe zu einer Waffe der Beredsamkeit wird; wie die immer
neu sich bildenden gewaltigen Wellen einer starken Brandung schla-
gen die Et-Sätze aus dem Herzen des Heiligen gegen das des Adressa-
ten, wie es gleich zu Anfang mit sicut possum und de facto anime tue
ausgedrückt ist. Denn das sicut possum drückt zugleich mit Demut
(so gut ich kann) auch vollkommene Hingabe aller Kräfte aus, und de
facto anime tue besagt, daß es in der sachlichen Frage zugleich um
das Seelenheil dessen geht, der sie zu entscheiden hat; und daß es eine
Sache «zwischen mir und dir» ist, hat Franciscus während des ganzen
Briefes keinen Augenblick vergessen; er weiß, der andere liebt und

1 An einen unbekannten Minister (des Ordens). Gott segne dich. Ich


spreche zu dir so gut ich kann über deine Seele: alles was dich hindern
will, Gott den Herrn zu lieben, und wer immer dir Hindernisse in den
Weg legt, Brüder oder andere, und wenn sie selbst dich schlagen, das sollst
du alles als eine Gnade betrachten. Und wolle es so und nicht anders. Und
das gelte dir als der wahre Gehorsam gegen Gott den Herrn und mich,
denn ich weiß gewiß, daß dies der wahre Gehorsam ist. Und liebe die, die
dir solches tun, und wolle nichts anderes von ihnen außer was Gott dir
gewähren mag. Und liebe sie um dessen willen, und wolle nicht, daß sie
bessere Christen seien. Und dies gelte dir mehr als das Eremitorium. Und
daran will ich erkennen, ob du den Herrn liebst und mich, seinen und dei-
nen Knecht, daß du dies tust, nämlich, daß es keinen Bruder auf der Welt
geben soll, der gesündigt hat, soviel er nur sündigen konnte, und der,
wenn er dein Angesicht gesehen hat, je von dir ginge ohne Erbarmen ge-
funden zu haben, wenn er Erbarmen sucht, und wenn er keines sucht, daß
du bei ihm versuchst, ob er Erbarmen wünscht. Und wenn er nachher tau-
sendmal vor deinem Angesicht erschiene, so liebe ihn mehr als du mich
jetzt liebst, damit du ihn zum Herrn ziehst, und habe immer Erbarmen
mit solchen ...
ADAM UND EVA 161
bewundert ihn, und er nutzt diese Liebe jeden Augenblick aus, um ihn
auf den rechten Weg zu ziehen (ut trahat eum ad Dominum): et in
hoc volo cognoscere si diligis Deum et me servum suum et tuum, so
beschwört er ihn; er befiehlt ihm, den rückfälligen Sünder, auch wenn
er tausendmal wieder vor seinen Augen erscheint, mehr zu lieben «als
du mich selbst in diesem Augenblick liebst». Der Inhalt des Briefes
ist eine bis zu dem äußersten Grenzfall hochgetriebene Lehre, dem
Übel nicht auszuweichen und ihm sich nicht zu widersetzen; eine Be-
schwörung, nicht etwa die Welt zu verlassen, sondern sich mitten in
ihre Qual zu mischen und das Böse leidenschaftlich zu leiden; ja er
soll es sich nicht anders wünschen: et ita velis et non aliud. Franz
geht dabei bis zu einem moraltheologisch schon beinah bedenklichen
Extrem, wenn er schreibt: et in hoc dilige eos et non velis quod sint
meliores Christiani — denn darf man, der eigenen Prüfung durch Lei-
den zuliebe, den Wunsch, der Nächste möchte ein besserer Christ
sein, unterdrücken? Nur in der Unterwerfung unter das Böse kann
nach seiner Überzeugung sich die Kraft der Liebe und des Gehorsams
erweisen: quia firmiter scio quod illa est vera obedientia. Das ist mehr
als die einsame Meditation fern von der Welt: et istud sit tibi plus
quam heremitorium. Das Extreme dieser Auffassung drückt sich
auch sprachlich aus: in den vielen Demonstrativen, welche den Sinn
haben: gerade dies und nichts anderes; oder in den mit quicumque,
etiamsi, quantumcumque, et si millies eingeleiteten Bewegungen, die
alle bedeuten: ja selbst wenn ...
Die ganz unliterarische, der gesprochenen Sprache nah verwandte
Unmittelbarkeit des Ausdrucks unterstützt also einen sehr radikalen
Inhalt. Zwar ist dieser nicht neu, denn von Anfang an ist das In-der-
Welt-Leiden und Sich-dem-Bösen-Unterwerfen eines der christlichen
Hauptmotive; aber die Akzente werden neu gesetzt; das Leiden und
Sich-Unterwerfen ist nicht mehr ein pathetisches Märtyrertum, son-
dern ein unablässiges Sich-Demütigen im alltäglichen Lauf der Dinge.
Während Bernhard die Weltgeschäfte als ein großer Politiker der Kir-
che betrieb und sich von ihnen in die Einsamkeit der Kontemplation
zurückzog, sieht Franz in den Weltgeschäften den eigentlichen Schau-
platz der Nachahmung; wobei freilich die Weltgeschäfte nicht die
großen politischen Vorgänge sind, in denen Bernhard eine leitende
Rolle spielte, sondern das alltägliche Getriebe zwischen beliebigen
Personen, sei es innerhalb eines Ordens, sei es mitten zwischen dem
Volk; die ganze Struktur der Bettelorden, und insbesondere die der
franziskanischen Gründung, trieb die Brüder in die alltägliche Öffent-
lichkeit, unter das Volk, und wenn auch gewiß die einsame Medita-
tion ihre große religiöse Bedeutung weder bei Franz von Assisi noch
XI
162 ADAM UND EVA

bei seinen Nachfolgern verlor, so konnte sie doch nicht dem Orden
seinen ganz ausgesprochen populären Charakter rauben.
Das öffentliche Auftreten des Heiligen hat nun, wie wir schon oben
sagten, stets etwas sehr Eindringliches, Sinnfälliges, ja Szenenhaftes;
die Anekdoten, die davon berichten, sind sehr zahlreich, und es finden
sich darunter solche, die auf ein späteres Empfinden nahezu grotesk
oder sogar possenhaft wirken; so wenn berichtet wird, daß er bei dem
Weihnachtsfest im Stall von Greccio, mit Ochs und Esel, dem praese-
pium, singend und predigend in der Aussprache des Wortes Bethle-
hem das Blöken eines Lammes nachahmte; oder daß er nach einer
Krankheit, in der er gepflegtere Nahrung zu sich genommen hatte,
bei seiner Rückkehr nach Assisi einem Bruder befahl, ihn wie einen
Verbrecher am Strick durch die Stadt zu führen und dabei laut zu
rufen: hier seht den Vielfraß, der sich ohne euer Wissen mit Hühner-
fleisch vollgestopft hat! Aber solche Auftritte wirkten zu ihrer Zeit
und an ihrem Ort nicht possenhaft; das Auffällige, übertriebene und
Grelle erschien nicht anstößig, sondern als sinnfällige, beispielhafte
Bekundung eines heiligen Lebens, unmittelbar einleuchtend, jedem
verständlich und jeden zu vergleichender Selbstprüfung und zum Mit-
erleben auffordernd. Neben so auffälligen und ins Breite wirkenden
Szenen gibt es andere Anekdoten, die von großer Zartheit und Lie-
benswürdigkeit zeugen, und die eine bedeutende, rein instinktive psy-
chologische Begabung verraten; Franciscus weiß in entscheidenden
Augenblicken stets, was im Herzen des anderen vorgeht, und sein
Eingreifen trifft darum stets die entscheidende Stelle; es bewegt und
erschüttert. überall ist es die überraschende, sinnfällige Unmittelbar-
keit seines Wesens, die so stark, so beispielhaft und so unvergeßlich
wirkt. Ich will hier noch eine Anekdote anführen, die sein Auftreten
(bei einem vergleichsweise unbedeutenden und alltäglichen Anlaß)
vorzüglich charakterisiert; sie stammt aus der «Legenda secunda»
von Thomas de Celano (S. Francisci Assisiensis vita et miracula
auctore Fr. Thoma de Celano recensuit P. Eduardus Alenconien-
sis. Romae 1906, p.217/8).

Factum est quodam die Paschae, ut fratres in eremo Graecii mensam


accuratius solito albis et vitreis praepararent. Descendens autem pater de
cella venit ad mensam, conspicit alto sitam vaneque ornatam; sed ridenti
mensae nequaquam arridet. Furtim et pedetentim retrahit gressum, capel-
lum cuiusdam pauperis qui tune aderat capiti suo imponit, et baculum
gestans egreditur foras. Exspectat foris ad ostium donec incipiant fratres;
siquidem soliti erant non exspectare ipsum, quando non veniret ad
signum. Iltis incipientibus manducare, clamat verus pauper ad ostium:
Amore domini Dei, facite, inquit, eleemosynam isti peregrino pauperi et
ADAM UND EVA 163
infirmo. Respondent fratres: Intra huc, homo, illius amore quem invo-
casti. Repente igitur ingreditur, et sese comedentibus offert. Sed quantum
stuporem credis peregrinum civibus intulisse? Datur petenti scutella, et
solo solus recumbens discum ponit in cinere. Modo sedeo, ait, ut frater
Minor ...1
Der Anlaß, wie gesagt, ist unbedeutend, aber welch ein genialer
szenischer Einfall ist es, Hut und Stab eines Armen zu nehmen und
bei den Bettlern betteln zu gehen! Man kann sich die Verblüffung und
Beschämung der Brüder gut vorstellen, wenn er sich mit dem Teller in
die Asche setzt und sagt: jetzt sitze ich wie ein Minoritenbruder
Die Lebens- und Ausdrucksform des Heiligen hat sich auf den Or-
den übertragen und eine ganz eigentümliche Atmosphäre geschaffen;
er wurde, im guten wie im schlechten Sinne, ungeheuer volkstümlich.
Das Übermaß drastischer Ausdruckskraft machte die Brüder zu
Schöpfern und alsbald auch zum Gegenstand szenenhafter, witziger,
sehr oft grober und obszöner Anekdoten; der gröbere Realismus des
späteren Mittelalters knüpft sich vielfach an das Wirken und Auftre-
ten der Franziskaner; ihr Einfluß in dieser Richtung läßt sich bis in
die Renaissance verfolgen; auch dies ist vor einigen Jahren durch
einen Aufsatz von Etienne Gilson sehr deutlich gemacht worden (Ra-
belais franciscain, in dem schon erwähnten Bande Les id6es et les
lettres, p. 197ff.); wir werden darauf noch zurückzukommen haben.
Auf der anderen Seite hat die franziskanische Ausdruckskraft zu einer
noch mehr unmittelbaren und heißeren Darstellung menschlicher
Vorgänge geführt; sie macht sich in der volkstümlichen religiösen
Dichtung geltend, die im Lauf des 13. Jahrhunderts unter dem Ein-
fluß der franziskanischen und anderer volkstümlich ekstatischer Be-

1 Es geschah an einem Ostertage, daß die Brüder in der Einsiedelei bei


Greccio den Tisch feiner als sonst mit Tischtüchern und Gläsern deckten.
Als der Vater aus der Zelle zu Tisch herunterkommt, sieht er die Tafel in
ihrem eitlen Schmuck prangen; aber ihm gefällt der gefällige Tisch keines-
wegs. Heimlich und leise entfernt er sich, tut den Hut eines Armen, der
gerade dort war, auf den Kopf, nimmt den Stab in die Hand und geht aus
dem Hause. Draußen wartet er vor der Tür, bis die Brüder anfangen ; denn
sie waren daran gewöhnt, nicht auf ihn zu warten, wenn er auf den Ruf
zum Essen nicht kam. Als sie nun anfangen zu speisen, ruft der wahre
Arme vor der Tür: «Um der Liebe Gottes willen, gebt mir armem und
krankem Pilger ein Almosen !» Die Brüder antworten : «Tritt ein. Mensch,
um der Liebe dessen willen, den du angerufen hast!» Schnell geht er hin-
ein und tritt vor die Essenden. Welch eine Verblüffung ergriff die Bewoh-
ner vor diesem Fremden! Auf sein Verlangen wird ihm eine Schüssel ge-
reicht, er allein setzt sich auf den Fußboden und stellt den Teller in die
Asche: «Jetzt», sagt er, «sitze ich da wie ein Minoritenbruder ...»
164 ADAM UND EVA

wegungen besonders die Szene der Passion (Maria am Kreuz) als


lebendig-dramatischen und menschlichen Vorgang gestaltet. Das be-
rühmteste, in vielen Anthologien abgedruckte Stück stammt von Ja-
copone da Todi, einem sehr ausdrucksvollen Mystiker und Dichter
aus der unmittelbar vordanteschen Zeit (geb. 1230), der in seinem spä-
teren Leben dem franziskanischen Orden, und zwar dem radikalen
Flügel, den Spiritualen angehörte. Das Passionsgedicht hat Dialog-
form, es sprechen ein Bote, die Jungfrau Maria, die «Menge» und
zuletzt auch Christus selbst. Ich gebe den Anfang des Textes nach der
Crestomazia italiana dei primi secoli von E. Monaci (Cittä di Ca-
stello 1912, p.479):
NUNZIO: Donna del paradiso,
lo tuo figliolo e priso / Jesu Christo beato.
Accurre. donna e vide / che la gente l'allide,
credo che llo s'occide / tanto I'on flagellato.
VERGINE: Como essere purria, / che non fe mai follia
Christo la spene mia, / hom 1'avesse pilgliato?
NUNZIO: Madonna. eire traduto, / Juda sl l'ä venduto,
Trenta dinar n'ä 'uto, / facto n'ä gran mercato.
VERGINE: Succurri, Magdalena; / jonta m'e adosso pena;
Christo figlio se mena / como m'e annuntiato.
NUNZIO: Succurri, donna, ajuta, / ch'al tuo figlio se sputa
e la gente llo muta, / onlo dato a Pilato.
VERGINE: 0 Pilato, non fare / I figlio mio tormentare;
ch'io te posso mostrare / como a torto e accusato.
TURBA: Crucif I, crucifige / homo che si fa rege
secondo nostra lege / contradice al senato.
VERGINE: Prego che m'entennate, / nel mio dolor pensate,
forsa mo ve mutate / da quel ch'ete parlato.
NUNZIO: Tragon fuor li ladroni, / che sian sui compagnoni.
TURBA: De spine si coroni, / ch6 rege s'6 chiamato!
VERGINE: 0 filglio, filglio, filglio! / filglio, amoroso gilglio,
filglio, chi dä consilglio / al cor mio angustiato?
0 filglio, occhi jocundi, / filglio, co non respundi?
filglio, perch6 t'ascundi / dal petto o se' lactato?
NUNZIO: Madonna. ecco la croce / che la gente I'aduce,
ove la vera luce / dei' essere levato
Der Text gibt, nicht anders als der eingangs besprochene altfran-
zösische, eine vollkommene Einbettung des erhabenen und heiligen
Vorgangs in die zugleich zeitgenössisch-italienische und jederzeitliche
BOTE: Herrin des Paradieses, dein Sohn ist gefangen, Jesus Christus
der glückselige. Eile herbei, Herrin, und sieh, wie die Leute
ihn mißhandeln; ich glaube, sie bringen ihn um, dermaßen
haben sie ihn gegeißelt. —
ADAM UND EVA 165
Wirklichkeit; das Volkstümliche daran zeigt sich zunächst im Sprach-
lichen, womit ich nicht nur die dialektalen Formen, sondern auch das
im soziologischen Sinne Populäre des Ausdrucks (etwa jonta
adosso pena im Munde der Heiligen Jungfrau) meine; es zeigt sich fer-
ner in der freien Ausgestaltung des biblischen Vorgangs, die Maria
eine weit größere und aktivere Rolle zuweist als selbst das Johannes-
evangelium, so daß Gelegenheit zu dramatischer Entfaltung ihrer
Angst, ihres Schmerzes und ihrer Klage gewonnen wird, damit hängt
eng zusammen das nahe Aneinanderrücken der Szenen und Personen,
so daß Maria sich unmittelbar an Pilatus wenden kann, und noch im
selben Bilde das Kreuz hineingetragen wird; Magdalena, die um Hilfe
angerufen wird, und Johannes, dem Christus im weiteren Verlauf
seine Mutter anvertraut, erscheinen mit Maria verbunden wie eine
Gruppe von Freunden und Nachbarn; das Volkstümliche zeigt sich
schließlich auch in dem unlogisch Anachronistischen der Auffassung,
wovon wir oben, bei der altfranzösischen Darstellung des Sünden-
falls, schon ausführlich gesprochen haben: einerseits ist Maria eine
angstvolle und hilflos klagende Mutter, die keine Rettung weiß und

JUNGFRAU: Wie könnte es geschehen (denn nie tat Unrecht Christus


meine Hoffnung), daß man ihn gefangen genommen hat? -
BOTE: Herrin, er ward verraten, Judas hat ihn verkauft, dreißig De-
nare hat er dafür bekommen, einen großen Handel hat er
daraus gemacht. -
JUNGFRAU: Hilf mir, Magdalena, Unheil ist über mich gekommen, Chri-
stus mein Sohn wird davongeführt, wie man mir gemeldet
hat. -
BOTE: Hilf, Herrin, steh uns bei, denn sie speien auf deinen Sohn
und die Leute bringen ihn fort, sie haben ihn Pilatus über-
geben. -
JUNGFRAU: 0 Pilatus, tu das nicht, foltere meinen Sohn nicht, denn ich
kann dir zeigen, wie sehr zu Unrecht er angeklagt ist. -
MENGE: Kreuzige, kreuzige den Mann, der sich zum König macht;
nach unserem Gesetz empört er sich gegen den Senat. -
JUNGFRAU: Bitte hört mich an, denkt an meinen Schmerz; vielleicht än-
dert ihr bald die Meinung, die ihr ausgesprochen habt. -
BOTE: Sie bringen die Räuber heraus, die seine Gefährten sein sol-
len. -
MENGE: Krönt ihn mit Dornen, der sich König genannt hat! -
JUNGFRAU : 0 Sohn, Sohn, Sohn, Sohn, liebliche Lilie, Sohn, wer wird
meinem angstvollen Herzen Rat geben? 0 Sohn, freudevolle
Augen, Sohn, warum antwortest du nicht? Sohn, warum ver-
birgst du dich vor der Brust, an der du genährt wurdest? -
BOTE: Herrin, hier ist das Kreuz, die Leute bringen es, an dem das
wahre Licht erhöht werden soll ...
166 ADAM UND EVA

sich aufs Bitten verlegt, andererseits wird sie vom Boten donna del
paradiso genannt, und es ist ihr alles schon vorausgesagt worden.
In all diesen, die Einbettung in die volkstümliche Alltäglichkeit be-
treffenden Dingen sind die beiden etwa um ein Jahrhundert ausein-
anderliegenden Texte nah verwandt; allein es ist augenscheinlich, daß
sie auch einen bedeutenden und grundsätzlichen Stilunterschied zei-
gen. Das Gedicht Jacopones besitzt kaum noch etwas von der bezau-
bernden, klaren Frische des Adamsspieles; dafür ist es heißer, unmit-
telbarer, tragischer. Das liegt nicht an der Verschiedenheit des Ge-
genstandes, an dem Umstand, daß Jacopones Thema die Klage einer
Mutter ist; oder vielmehr, es ist nicht zufällig, daß die italienische reli-
giöse Volkspoesie des 13. Jahrhunderts ihre schönsten Werke in der
Gestaltung dieser Szene hervorbrachte. Das freie Ausströmen und
sogar dramatische Aufschreien des Schmerzes, der Angst und des
Flehens, wie es sich bei Jacopone in den gehäuften Vokativen, Impe-
rativen und drängenden Fragen Raum schafft, dürfte, wenn ich nicht
irre, im 13. Jahrhundert noch kaum in einer anderen europäischen
Vulgärsprache möglich sein. Es verrät eine szenische Freiheit von
Hemmungen, ein süßes und heißes Sich-dem-Gefühl-Überlassen, eine
Loslösung von aller Scheu im öffentlichen Ausdruck, neben welchen
sich die früheren und auch die meisten gleichzeitigen Werke des Mit-
telalters noch linkisch und behindert ausnehmen; ja selbst das Pro-
venzalische, das fast von Anfang an, seit Guilhem de Peitieu, eine
große Freiheit des Ausdrucks besitzt, tritt neben einem solchen Stück
zurück, schon weil es keine so großen tragischen Themen kennt. Es
wäre vielleicht unvorsichtig, zu behaupten, daß das Italienische diese
dramatische Ausdrucksfreiheit dem heiligen Franz verdankt, denn
zweifellos war sie im Charakter des Volkes angelegt; aber so viel kann
man sagen, daß er, der auch ein großer Dichter und ein instinktiv mei-
sterhafter Schauspieler seines Wesens war, die dramatischen Kräfte
des italienischen Gefühls und der italienischen Sprache als erster
wachrief.
VIII

FARINATA UND CAVALCANTE

«0 Tosco che per la cittä del foco


vivo ten vai cosi parlando onesto,
24 piacciati di restare in questo loco.
La tua loquela ti fa manifesto
di quella nobil patria natio
27 a la qual forse fui troppo molesto.»
Subitamente questo suono uscio
d'una de l'arche; perö m'accostai,
30 temendo, un poco piü al duca mio.
Ed el mi disse: «Volgiti: che fai?
Vedi lä Farinata che s'0 dritto:
33 da la cintola in su tutto '1 vedrai.»
I' avea giä il mio viso nel suo fitto;
edel s'ergea col petto e con la fronte
36 com'avesse l'inferno in gran dispitto.
E l'animose man del duca e pronte
mi pinser tra le sepulture a lui,
39 dicendo: «Le parole tue sien conte».
Com'io al pi0 de la sua tomba fui,
guardommi un poco, e poi, quasi sdegnoso,
42 mi dimandö: «Chi fur li maggior tui?»
Io ch'era d'ubidir disideroso,
non gliel celai, ma tutto gliel'apersi;
45 ond'ei levö le ciglia un poco in soso.
Poi disse: «Fieramente furo avversi
a me e a miei primi e a mia parte,
48 si che per due fiate li dispersi.»

«S'ei fur cacciati, ei tornar d'ogni parte»
rispuosi lui «l'una e l'altra fiata;
51 ma i vostri non appreser ben quell'arte.»
Allor surse a la vista scoperchiata
un' ombra lungo questa infino al mento:
54 credo che s'era in ginocchie levata.
Dintorno mi guardö, come talento
avesse di veder.s'altri era meco;
57 e poi che il sospecciar fu tutto spento
168 FARINATA UND CAVALCANTE

piangendo disse: «Se per questo cieco


carcere vai per altezza d'ingegno,
60 mio figlio ov'ä? perchä non ä ei teco?»
E io a lui: «Dame stesso non vegno:
colui ch'attende lä, per qui mi mena,
63 Forse cui Guido vestro ebbe a disdegno.»
Le sue parole e '1 modo de la pena
m'avean di costui giä letto il nome;
66 perö fu la risposta cosi piena.
Di subito drizzato gridö «Come
dicesti? elli ebbe? non viv'elli ancora?
69 non fiere li occhi suoi il dolce lome?»
Quando s'accorse d'alcuna dimora
ch'io facea dinanzi a la risposta
72 supin ricadde, e piü non parve fora.
Ma quell'altro magnanimo a cui posta
restato m'era, non muto aspetto,
75 nä mosse collo, ne piegö sua costa;
E, «Se». continuando al primo detto,
«egli han quell'arte», disse, «mal appresa,
78 ciö mi tormenta piü che questo letto ...1

1 «0 Tusker, der durch die Stadt des Feuers noch lebend gehst und so
schöne Rede führst, gefalle es dir an diesem Orte zu verweilen. Deine Re-
deweise zeigt, daß du aus jener edlen Vaterstadt gebürtig bist, der ich viel-
leicht allzu beschwerlich gefallen bin.» Plötzlich drangen diese Laute aus
einem der Särge; darum drängte ich mich, aus Furcht, ein wenig näher
an meinen Führer. Und er sagte mir: «Dreh dich doch um! Was hast du
denn? Da ist Farinata, der sich aufgerichtet hat; vom Gürtel aufwärts
kannst du ihn ganz sehen.» Ich hatte schon meinen Blick in den seinen
gesenkt; und er reckte sich hoch, mit Brust und Stirn, als ob er die Hölle
aufs tiefste verachtete. Und die energischen und raschen Hände des Füh-
rers stießen mich zwischen den Gräbern zu ihm, indes er sagte: «Deine
Worte seien kurz.» Als ich am Fuß seines Sarges war, sah er mich ein we-
nig an und fragte dann, etwas abschätzig: «Wer waren deine Vorfahren ?»
Ich war bereit, zu gehorchen, verschwieg ihm nichts, sondern enthüllte
ihm alles; da zog er die Brauen ein wenig in die Höhe und sagte: «Erbit-
terte Gegner waren sie mir, meinen Vorfahren und meiner Partei; so daß
ich sie zweimal in die Verbannung trieb.» «Wenn sie vertrieben wurden,
so kehrten sie doch wieder zurück», antwortete ich ihm, «das eine wie das
andere Mal; aber diese Kunst haben die Eurigen nicht gut gelernt.» Da
stieg, an ihm entlang, ihm bis zum Kinne reichend, ein anderer Schatten
empor; ich glaube, er hatte sich auf die Knie erhoben; blickte um mich
herum, als ob er wünschte zu sehen, ob noch jemand anders mit mir sei;
FARINATA UND CAVALCANTE 169
Zu BEGINN dieses Vorgangs, der aus dem zehnten Gesang der Hölle
stammt, gehen Vergil und Dante auf einem schmalen Weg zwischen
brennenden, offenstehenden Särgen. Sie sind im Gespräch; Vergil er-
klärt, daß in den Gräbern Ketzer und Gottlose liegen und verspricht
Dante Erfüllung seines nur halb ausgesprochenen Wunsches, mit ei-
nem der Insassen in Verbindung zu treten. Dante ist gerade dabei zu
antworten, als von unten, aus einem der Särge, mit den dumpfen o-
Lauten von 0 Tosco beginnend, eine Stimme heraufdringt, so daß er
erschreckt zurückfährt. Einer der Verdammten hat sich in seinem
Sarge hoch aufgerichtet und spricht die Vorübergehenden an; Vergil
nennt seinen Namen, es ist Farinata degli Uberti, ein ghibellinischer
Parteiführer und Feldhauptmann aus Florenz, der kurz vor Dantes
Geburt starb. Dante tritt an das Fußende seines Sarges, und es be-
ginnt ein Gespräch, das jedoch nach wenigen Zeilen (V. 52) ebenso
unvermittelt unterbrochen wird wie vorher das Gespräch zwischen
Dante und Vergil: und zwar durch das Dazwischenfahren eines an-
deren Sargbewohners, den Dante an seiner Lage und seinen Worten
sogleich erkennt: der Unterbrechende ist Cavalcante de' Cavalcanti,
Vater seines Jugendfreundes, des Dichters Guido Cavalcanti. Die nun
zwischen Cavalcante und Dante sich abspielende Szene ist nur kurz
(21 Zeilen); sobald sie durch das Zurücksinken Cavalcantes ihr Ende
gefunden hat, setzt Farinata das unterbrochene Gespräch fort.
Im engen Raum von etwa siebzig Versen vollzieht sich also ein drei-
maliger Geschehenswechsel; es sind vier Auftritte, alle voll Wucht
und Inhalt, die eng aneinanderstoßen; keiner von ihnen hat lediglich
vorbereitenden Inhalt, nicht einmal der erste, das vergleichsweise
ruhige Gespräch zwischen Dante und Vergil, das wir hier nicht mit-
abgedruckt haben; es wird darin zwar dem Leser und auch Dante der

doch als er merkte, daß seine Vermutung ihn getrogen hatte, sprach er
weinend: «Wenn du. dank der Kraft deines Geistes, durch diesen blinden
Kerker gehst, wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht mit dir?» Und ich zu
ihm: «Nicht aus eigener Kraft komme ich; der dort hinten wartet, führt
mich hier hindurch; vielleicht daß euer Guido ihn verachtete.» Seine
Worte und die Art der Strafe hatten mir schon seinen Namen enthüllt;
daher war meine Antwort so erschöpfend. Jäh auffahrend schrie er: «Was
hast du gesagt? Verachtete? Lebt er nicht mehr? Trifft seine Augen nicht
mehr das süße Licht?» Als er merkte, daß ich ein wenig zögerte zu ant-
worten, fiel er zurück und kam nicht mehr nach oben. Aber jene andere
gewaltige Seele, um derentwillen ich stehen geblieben war, wechselte nicht
den Ausdruck, bewegte den Hals nicht und wandte nicht die Hüfte; und
«Wenn», seine erste Rede fortsetzbild, «sie diese Kunst», sagte er, «nicht
gut gelernt haben, so quält mich das mehr als dieses Bett ...»
'170 FARINATA UND CAVALCANTE

neue Schauplatz, der sich vor ihnen auftut, der des sechsten Höllen-
kreises, einführend vorgestellt, aber es enthält auch einen eigenen,
für sich bestehenden psychologischen Vorgang zwischen den beiden
Unterrednern. Zu der theoretischen Ruhe und seelischen Zartheit die-
ses Vorspiels steht in schärfstem Gegensatz der überaus dramatische
zweite Auftritt, eingeleitet durch die plötzlich erklingende Stimme
und das jähe Erscheinen des im Sarge hochaufgerichteten Körpers,
durch Dantes Erschrecken und Vergils ermutigende Worte und Ge-
sten. In ihm entwickelt sich, ebenso hoch und jäh wie sein Körper,
die gleichsam überlebensgroße moralische Gestalt Farinatas, die Tod
und Höllenqual nicht haben antasten können; er ist noch derselbe,
als der er lebte. Es sind die toskanischen Laute aus Dantes Munde,
die ihn bewogen haben, sich aufzurichten und mit stolzer, gemessener
Höflichkeit den Vorübergehenden anzuhalten; als sich dieser ihm
nähert, fragt er ihn zunächst nach seiner Herkunft, um sich zu verge-
wissern, mit wem er es zu tun hat, ob mit einem Mann von bedeuten-
der Familie, ob mit Freund oder Feind; und als er hört, Dante sei der
Sproß eines gelfischen Geschlechts, äußert er mit strenger Befriedi-
gung, daß er diese ihm feindliche Partei zweimal aus der Stadt ver-
trieben habe; noch ist das Schicksal der Stadt Florenz und der ghibel-
linischen Partei sein einziger Gedanke. Dantes Antwort, das Vertrei-
ben der Gelfen habe den Ghibellinen auf die Dauer nichts genützt,
und es seien schließlich sie die Verbannten geblieben, wird unterbro-
chen durch das Emportauchen Cavalcantes, der Dantes Worte gehört
und ihn erkannt hat; sein spähendes Haupt wird sichtbar, zu einem
weit kleineren Körper gehörig als dem Farinatas; er sucht seinen
Sohn in Dantes Begleitung, und als er ihn nicht erblickt, bricht er in
angstvolle Fragen aus; aus denen sich ergibt, daß auch er noch den
gleichen Charakter und die gleichen Leidenschaften besitzt wie einst
im Leben, freilich ganz andere als Farinata: Liebe zum irdischen Le-
ben, Glaube an die freie Größe des menschlichen Geistes, und vor
allem Liebe und Bewunderung für seinen Sohn Guido. Erregt, fast
flehend, und damit sich scharf abhebend von der gewichtigen und
selbstbeherrschten Größe Farinatas, stellt er seine drängenden
Fragen, und als er (zu Unrecht) glaubt, aus Dantes Worten schlie-
ßen zu müssen, sein Sohn sei nicht mehr am Leben, bricht er zu-
sammen; worauf, ungerührt und ohne den Zwischenfall zu beachten,
Farinata auf Dantes letzte an ihn gerichtete Äußerung eine Ant-
wort gibt, die sein Wesen vollkommen kennzeichnet: wenn, wie du
sagst, es den verbannten Ghibellinen nicht gelungen ist, in die Stadt
zurückzukehren, so ist dies für mich eine größere Qual als das Bett in
dem ich liege.
FARINATA UND CAVALCANTE 171
Es ist hier mehr zusammengedrängt als in irgendeiner der Stellen,
die wir bisher in diesem Buche behandelt haben, und es ist nicht nur
mehr, nicht nur gewichtiger und dramatischer auf so engem Raum,
sondern es ist auch in sich viel mannigfaltiger; es handelt sich nicht
um die Erzählung eines, Vorgangs, sondern um drei verschiedene, de-
ren zweiter, die Farinataszene, durch den dritten unterbrochen und in
zwei Teile gespalten wird. Es besteht also keine Handlungseinheit im
gewöhnlichen Sinne; es ist auch nicht wie in der in unserem ersten
Kapitel besprochenen Homerszene, wo die Erwähnung der Narbe des
Odysseus zu einer langen, ausführlichen, weit wegführenden Zwi-
schenerzählung Anlaß gibt, sondern schnell hintereinander und ab-
rupt wechselt der Gegenstand; die Worte Farinatas unterbrechen su-
bitamente das Gespräch zwischen Vergil und Dante, das Allor surse
des Verses 52 reißt ohne Verbindung den Farinata-Auftritt auseinan-
der, und mit ma quell'altro magnanimo wird er ebenso unvermittelt
wieder aufgenommen. Die Einheit des Ganzen beruht auf dem Schau-
platz, der physisch-moralischen Landschaft des Höllenkreises der
Ketzer und Ungläubigen; und das schnelle Wechseln in sich selb-
ständiger, miteinander als einzelne Szenen unverbundener Vorgänge
beruht auf der Gesamtstruktur der Komödie; sie zeigt die Wanderung
eines Einzelnen mit seinem Führer durch eine Welt, deren Insassen
an ihrem angewiesenen Orte verweilen. Trotz dieses schnellen Wech-
sels der Auftritte kann jedoch von einer parataktischen Fügung des
Sprachstiles nicht die Rede sein; in sich zeigt jede Szene großen
Reichtum syntaktischer Verbindungsmittel, und wo die Szenen, wie
hier, scharf und unverbunden gegeneinandergestellt sind, da werden für
die Gegenüberstellung mannigfaltige und kunstvolle Ausdrucksfor-
men verwendet, die eher als Umschaltungen denn als Parataxen zu
werten sind; die Auftritte werden nicht steif und auf gleicher Tonart
nebeneinander aufgereiht — man denke an die lateinische Alexius-
legende (Seite 114f.) und selbst an das Rolandslied —, sondern in ge-
formter Eigentümlichkeit des jeweiligen Tones heben sie sich aus der
Tiefe und stehen zueinarider im Gegenspiel. Um dies deutlicher er-
scheinen zu lassen, wollen wir die Stellen, an denen die Szene wech-
selt, etwas näher ins Auge fassen. Farinata unterbricht die im Ge-
spräch Vorübergehenden mit den Worten: 0 Tosco, che per la cittä
del foco vivo ten vai ... Das ist ein Anruf, ein von o eingeleiteter Vo-
kativ, gefolgt von einem im Verhältnis zum Anruf recht schweren und
inhaltsvollen Relativsatz, dem dann erst der gleichfalls durch gewich-
tige, reservierte Höflichkeit beladene Wunschsatz folgt; es heißt
nicht: Tusker, bleib stehn ; sondern: o Tusker, der du ..., möge es dir
gefallen, an diesem Orte zu verweilen. Die Wendung «o du der du»,
172 FARINATA UND CAVALCANTE

im Deutschen ein wenig komisch wegen der d-Alliteration, ist über-


aus feierlich und stammt aus dem hohen Stil des antiken Epos; Dante
hat ihren Klang im Ohr wie ihm so vieles aus Vergil oder Lucan oder
Statius im Ohr geblieben ist; ich glaube nicht, daß sie schon vor ihm
in einer mittelalterlichen Vulgärsprache verwendet worden ist. Aber
er verwendet sie auf seine Weise: überaus stark beschwörend, wie in
der Antike höchstens als Gebetsform, und im Relativsatz so gedrängt
im Inhalt, wie nur er es vermag; Farinatas Empfindung und Lage
gegenüber dem Vorbeigehenden ist durch die drei Bestimmungen per
la cittä del foco ten vai, vivo, cosi parlando onesto auf eine so dyna-
mische Weise zusammengegriffen, daß der Meister Vergil, hätte er
wirklich diese Worte gehört, wohl heftiger erschrocken wäre als
Dante im Gedicht; seine an einen Vokativ geknüpften Relativsätze
sind zwar vollkommen schön und harmonisch, aber längst nicht so
scharf zusammengefaßt und packend (etwa Aeneis 1,436: o fortunati
quibus iam moenia surgunt! oder, noch interessanter durch die rhe-
torisch sich ausbreitende Fülle, II, 638: vos o quibus integer aevi /
sanguis, ait, solidaeque suo stant robore vires, / vos agitate fugam).
Man wolle auch beachten, wie die Antithese «durch die Stadt des
Feuers» und «lebend» ausschließlich, aber um so wirksamer, durch
die Stellung des Wortes «vivo » zum Ausdruck kommt. Nach dieser
dreizeiligen Anrede folgt die Terzine, in der sich Farinata als Lands-
mann zu erkennen gibt, und dann erst, als er aufgehört hat zu spre-
chen, der Satz: plötzlich stieg diese Stimme usw., ein Satz, den man
sonst eher als Einleitung eines überraschenden Ereignisses erwarten
würde, der aber hier, nach dem Vorhergegangenen, als vergleichs-
weise ruhig, als Erklärung des Geschehenden wirkt und von einem
Rezitator mit schwächerer Stimme zu lesen wäre. Von einer gleich-
mäßig parataktischen Anreihung der Farinataszene an die Unterhal-
tung der beiden Wanderer kann also nicht die Rede sein; einerseits
ist sie, was man nicht vergessen darf, schon während der Unterhal-
tung von Vergil leise angekündigt worden (Vers 16-18), und anderer-
seits ist sie ein so starkes, gewaltsames, übermächtiges Einbrechen
eines anderen Bezirkes, im örtlichen, im moralischen, im psychologi-
schen und im ästhetischen Sinne, daß sie zum Vorhergehenden nicht
in der Verknüpfung des bloßen Nacheinander, sondern in der leben-
digen Beziehung des Gegenspieles, des jähen Ausbruchs von etwas
schon leise Geahntem steht; die Ereignisse sind nicht, wie wir bei Ge-
legenheit des Rolandsliedes und der Alexiuslegende sagten, in kleine
Parzellen aufgeteilt, sondern leben, auch im Gegensatz und gerade
durch ihn, miteinander. — Der zweite Szenenwechsel geschieht durch
die Worte: Allor surse ... des Verses 52; er erscheint einfacher und
FARINATA UND CAVALCANTE 173
weniger bemerkenswert als der erste; denn was kann natürlicher sein
als ein plötzlich eintretendes Ereignis mit den Worten: da geschah
es ... einzuführen? Aber wenn man sich die Frage stellt, wo eine ähn-
liche Sprachbewegung, die eine im Gang befindliche Handlung so
scharf und dramatisch mit einem «da» unterbricht, in den mittelal-
terlichen Vulgärsprachen vor Dante anzutreffen wäre, so wird man
wohl lange suchen müssen; ich weiß keine. Allora zu Beginn des Sat-
zes findet sich zwar recht häufig im vordanteschen Italienisch, etwa in
den Erzählungen des Novellino, aber in sehr viel schwächerer Bedeu-
tung; so scharf greifende Einschnitte liegen nicht im Stil und nicht im
Zeitbewußtsein des Erzählens vor Dante, auch nicht in dem der fran-
zösischen Epik, wo sich in einem ähnlichen, aber weit schwächeren
Sinne ez vos oder atant ez vos findet (etwa Roland 413 und öfter);
wieviel umständlicher und steifer selbst ganz hochdramatische Wen-
dungen des Geschehens dargestellt wurden, kann man etwa bei Ville-
hardouin sehen, der das Eingreifen des uralten und blinden Dogen
von Venedig beim Sturm auf Konstantinopel, als er seinen vor der
Landung zögernden Leuten bei Todesstrafe befiehlt, ihn mit der Mar-
cusfahne als ersten ans Land zu setzen, einleitet mit den Worten: or
porrez oir estrange proece — gerade als wenn Dante statt des allora
geschrieben hätte: da geschah etwas Wunderbares. Das ez vos des
Altfranzösischen bringt uns auf die richtige Spur, wenn wir den latei-
nischen Ausdruck für dieses jäh unterbrechende, plötzliche «da ...»
suchen; es ist nämlich nicht tum oder tunc, eher schon in manchen
Fällen sed oder iam; aber die eigentliche Entsprechung, die volle
Kraft besitzt, ist ecce oder noch besser et ecce; es findet sich aber we-
niger im hohen Stil, als bei Plautus, in den Cicerobriefen, bei Apu-
leius und so fort, und vor allem in der Vulgata ; wenn Abraham das
Messer ergreift, um seinen Sohn Isaac zu opfern, da heißt es: et ecce
Angelus Domini de caelo clamavit, dicens : Abraham, Abraham. Mir
scheint es, daß diese scharf unterbrechende Sprachbewegung zu hart
ist, um dem hohen Stil des klassischen Lateins zu entstammen; dem
hohen Stil des Biblischen dagegen entspricht sie vollkommen; über-
dies verwendet Dante das biblische et ecce wörtlich bei einer anderen
Gelegenheit, wo eine Lage plötzlich, wenn auch nicht ganz so drama-
tisch durch ein Ereignis unterbrochen wird (Purg. 21,7: ed ecco, si
come ne scrive Luca ... ci apparve ..., nach Lucas 24,13 et ecce duo
ex illis ...). Ich will dennoch nicht mit Sicherheit behaupten, daß
Dante die sprachliche Bewegung des jäh unterbrechenden «da» in
den hohen Stil einführte, und daß ihm diese Bewegung durch die Bibel
ins Ohr drang; aber soviel dürfte doch deutlich sein, daß das drama-
tisch packende «da» zur Zeit als er schrieb keineswegs so selbstver-
174 FARINATA UND CAVALCANTE

ständlich und jedermann zur Hand war wie heute; und daß er es radi-
kaler verwandte als irgendwer sonst im Mittelalter vor ihm. Dabei ist
auch noch Bedeutung und Klang des surse zu berücksichtigen, das
Dante auch noch an einer anderen Stelle mit größter klanglicher Wir-
kung für ein plötzliches Sichhochrichten verwendet (Purg. 6, 72/73 e
1'ombra tutta in se romita / surse vAr lui ...). Das allor surse des Ver-
ses 52 hat also kaum weniger Gewicht als die Worte Farinatas, die die
erste Unterbrechung herbeiführen; dies allor gehört zu denjenigen
parataktischen Formen, die die durch sie verbundenen Glieder zuein-
ander in ein dynamisches Verhältnis setzen; das Gespräch mit Fari-
nata wird unterbrochen, Cavalcante vermag nach den letzten Wor-
ten, die er gehört hat, sein Ende nicht abzuwarten, seine Selbstbe-
herrschung verläßt ihn; sein Auftreten mit den spähenden Gesten,
den weinenden Worten und der voreiligen Verzweiflung im Zurück-
sinken bildet einen grellen Gegensatz zu dem ruhigen Gewicht Fari-
natas, der mit dem dritten Wechsel (V.73 ff.) wieder zu Worte kommt.
Der dritte Wechsel, ma quell'altro magnanimo etc., ist weit weniger
dramatisch als die ersten; er ist ruhig, stolz und gewichtig; Farinata
allein beherrscht die Szene. Aber der Gegensatz zum Vorhergegange-
nen wird dadurch um so stärker; Dante nennt ihn magnanimo, mit
einem aristotelischen Terminus, der ihm aus Thomas von Aquin oder
noch wahrscheinlicher aus Brunetto Latini lebendig geworden sein
mochte, und mit dem er an einer früheren Stelle Vergil bezeichnet;
ohne Zweifel in bewußtem Gegensatz zu Cavalcante (costui); und die
drei gleichgebauten Satzkola, die Farinatas Unbewegtheit ausdrük-
ken (non mutö aspetto, ne mosse collo, ne piegä sua costa), sollen
nicht nur Farinata für sieh schildern, sondern seine Haltung in Ge-
gensatz bringen zu der Cavalcantes; dies klingt auch für den Hörer
aus den gleichmäßig gebauten Sätzen, da er noch die ungleichmäßi-
gen und klagend ansteigenden Fragen des anderen im Bewußtsein hat
(für die Formung dieser Fragen, V. 58-60 und 67-69 hat Dante wohl
das Auftreten Andromaches Aen. III 310, also die Klagen einer Frau,
zum Vorbild gehabt).
So abrupt die Vorgänge also einander ablösen, von einer paratakti-
schen Stilfügung kann nicht die Rede sein; die lebendigste Bewegung
schwingt ununterbrochen durch das Ganze; Dante verfügt über Stil-
mittel von einem Reichtum, wie sie keine europäische Vulgärsprache
vor ihm kannte; und er verwendet sie nicht bloß einzeln, sondern
setzt sie in ununterbrochenes Verhältnis miteinander. Die ermuti-
gende Rede Vergils 31-33 enthält nur Hauptsätze, ohne jede äußere
Verbindung durch Konjunktionen: einen kurzen Imperativ, eine
kurze Frage, noch einen Imperativ mit Objekt und relativischer Er-
FARINATA UND CAVALCANTE 175
klärung und einen futurischen, dem Sinne nach auffordernden Satz
mit adverbialer Bestimmung. Aber die schnelle Aufeinanderfolge, die
scharfe Fassung der einzelnen Teile und ihr Abgestimmtsein aufein-
ander schaffen den vollkommenen Schwung einer lebhaft gesproche-
nen Rede: Dreh dich doch um! was fällt dir ein und so fort. Daneben
gibt es gedankliche Gliederungen von subtilster Art; neben der ge-
wöhnlichen kausalen (perö) erscheint das zwischen temporalem Wert
schwebende onde und das hypothetisch kausale, nach der Ansicht ei-
niger alter Kommentatoren höflich abschwächende forse che; es gibt
die verschiedensten temporalen, komparativen, abgestuft hypotheti-
schen Verbindungen, unterstützt von der größten Elastizität im Ein-
satz der Verbformen und in der Verwendung der Wortstellung. Man
beachte etwa, mit welcher Leichtigkeit Dante die Szene des Erschei-
nens Cavalcantes syntaktisch in der Hand behält, so daß sie in einem
Zuge durch drei Terzinen bis zum Ende seiner ersten Rede (V. 60)
läuft. Die Einheit des Gebildes beruht auf den drei Verbpfeilern surse,
guardö, disse; auf den ersten stützen sich das Subjekt, die adverbialen
Bestimmungen und auch noch die erklärende Klammer credo che;
auf das guardö die beiden ersten Zeilen der zweiten Terzine mit dem
«als ob»-Satz, während die dritte Zeile schon auf das disse und die
direkte Rede Cavalcantes zustrebt, in welcher die ganze, stark begin-
nende, dann abschwellende und von Vers 57 an wieder ansteigende
Bewegung gipfelt. Sollten sich Leser dieser Untersuchung finden, de-
nen das mittelalterliche Schrifttum in den Vulgärsprachen weniger
geläufig ist, so werden sie sich vielleicht wundern, daß ich hier Satz-
strukturen hervorhebe und als etwas Außerordentliches rühme, die
heut jeder einigermaßen begabte Schriftsteller, ja sogar viele Brief-
schreiber von einiger Sprachkultur mühelos verwenden. Aber wenn
man von den Früheren ausgeht, so ist Dantes Sprache nahezu ein un-
begreifliches Wunder. Gegenüber all den Früheren, unter denen doch
große Dichter waren, besitzt sein Ausdruck so unvergleichlich mehr
Reichtum, Gegenwart, Kraft und Biegsamkeit, er kennt und verwen-
det so unvergleichlich mehr Formen, er faßt die verschiedensten Er-
scheinungen und Inhalte mit so unvergleichlich sichererem und feste-
rem Griff, daß man zu der Überzeugung gelangt, dieser Mensch habe
die Welt durch seine Sprache neu entdeckt. Sehr oft läßt sich nach-
weisen oder vermuten, woher er diese oder jene Ausdrucksform
geschöpft hat; allein der Quellen sind so viele, er hört und verwendet
sie auf eine so genaue, ursprüngliche und doch so eigentümliche Wei-
se, daß solches Nachweisen oder Vermuten die Bewunderung für die
Macht seines sprachlichen Genies nur noch erhöht. In einem Text
wie dem unseren kann man überall hingreifen, man wird überall Er-
176 FARINATA UND CAVALCANTE

staunliches, in den Vulgärliteraturen bis dahin Unvorstellbares fin-


den. Nehmen wir etwas so Unscheinbares wie den Satz: da me stesso
non vegno; kann man sich eine so kurze und vollständige Fassung
eines solchen Gedankens, kann man sich überhaupt ein so scharfes
Gedankengebilde und ein da in diesem Sinne in der Dichtung eines
früheren vulgärsprachlichen Autors vorstellen? Dante verwendet da
in diesem Sinne noch mehrfach (Purg. 1, 52 da me non venni; ferner
Purg.19, 143 buona da se und Par. 2,58 ma dimmi quel che tu da te ne
pensi). Die Bedeutung «aus eigener Kraft», «aus eigenem Antrieb»,
«von sich aus» dürfte sich aus der Bedeutung «von ... her» entwik-
kelt haben; Guido Cavalcanti schreibt in der Canzone Donna mi pre-
ga: (Amore) non e vertute ma da quella vene. Man kann natürlich
nicht behaupten, daß Dante die neue Sinneswendung geschaffen hat,
denn selbst wenn sich in den älteren Texten keine einzige Stelle dieser
Art finden sollte, so könnte sie doch verloren sein, und selbst wenn
ähnliches nie vor ihm geschrieben wurde, so könnte es doch in der
Umgangssprache gelebt haben; und so ist es auch, wie eine karikie-
rende Stelle bei Liutprand von Cremona zeigt. Aber sicher ist, daß
Dante, als er diese kurze Wendung schuf oder aufnahm, ihr eine vor-
her nicht vorstellbare Schlagkraft und Tiefe verlieh; wozu an unserer
Stelle der doppelte Gegensatz (einerseits zu per altezza d'ingegno, an-
dererseits zu colui ch'attende lä, beides rhetorische Umschreibungen,
die eine hochmütig, die andere respektvoll den Namen vermeidend)
bedeutend beiträgt.
Das da me stesso stammt vielleicht aus der Umgangssprache, und
auch sonst zeigt es sich, daß Dante umgangssprachliche Wendungen
durchaus nicht verschmäht. Das Volgiti! che fai?, noch dazu in Ver-
gils Munde, und nach der feierlichen Formung von Farinatas Anruf,
wirkt ganz stark als spontane, unstilisierte Rede, wie sie jeden Augen-
blick im Umgang der alltäglich Redenden auftritt; nicht viel anders
ist es mit der harten und jeden umschreibenden Schmuckes baren
Frage chi fur li maggior tui, oder mit Cavalcantes Come dicesti? egli
ebbe? etc. Wenn man den Gesang weiter liest, so trifft man, gegen
Ende, auf die Stelle, wo Vergil fragt: perche sei tu si smarrito? (V.
125). All diese Stellen wären, wenn man sie aus ihrem Zusammen-
hang löst, in jeder gewöhnlichen Unterhaltung niederer Stillage denk-
bar. Daneben stehen Formungen von höchstem Pathos, auch sprach-
lich durchaus erhaben im antiken Sinne; die Stilabsicht im ganzen
geht ohne Zweifel auf das Erhabene, man fühlt es auch dann, wenn
man es nicht aus Dantes ausdrücklichen Äußerungen wüßte, unmit-
telbar aus jeder Zeile des Gedichtes, wäre sie auch noch so umgangs-
sprachlich — die Schwere, gravitas, von Dantes Ton ist so unausge-
FARINATA UND CAVALCANTE 177
setzt durchgehalten, daß man keinen Augenblick im Zweifel sein
kann, in welcher Höhenlage des Stils man sich befindet. Ohne Zweifel
auch sind es die antiken Dichter gewesen, die Dante das Vorbild des
hohen Stils gaben, ihm als erstem; er sagt es an vielen Stellen selbst,
in der Komödie und in der Schrift De vulgari eloquentia, wieviel er
ihnen für den hohen Stil der Vulgärsprache verdankt; er sagt es sogar
wohl auch an unserer Stelle, denn der vielumstrittene Vers, vielleicht
habe Guido Cavalcanti Vergil verachtet, birgt unter vielen Bedeutun-
gen auch diese; fast alle alten Kommentatoren haben ihn im ästheti-
schen Sinne verstanden. Aber zugleich ist es unleugbar, daß sich Dan-
tes Begriff vom Erhabenen ganz wesentlich von dem seiner antiken
Vorbilder unterscheidet, im Gegenständlichen nicht minder als in der
sprachlichen Formung. Die Gegenstände, die die Komödie vorführt,
sind in einer nach antikischem Maß ungeheuerlichen Weise aus Erha-
benem und Niedrigem gemischt: es befinden sich unter ihnen Perso-
nen der kaum vergangenen, ja noch der zeitgenössischen Geschichte,
dabei, trotz Par. 17, 136-38, sehr beliebige und unberühmte; sie wer-
den sehr häufig in ihrer vollen, niedrig-realistischen Lebenssphäre
rückhaltlos dargestellt, und überhaupt kennt Dante, wie jeder Leser
weiß, keine Schranken in der genauen und unumschriebenen Nach-
ahmung des Alltäglichen, des Grotesken und des Widrigen; Dinge,
die an sich durchaus nicht als erhaben im antikischen Sinne gelten
können, werden es erst durch die Art, wie er sie einordnet und formt.
Von der sprachlichen Mischung seines Stiles ist schon die Rede ge-
wesen; man denke etwa noch an den Vers: «laß sie nur sich kratzen
wo es sie juckt» an einer der feierlichsten Stellen des Paradiso (17,
129), um sich des ganzen Abstandes etwa von Vergil bewußt zu wer-
den. Vielen bedeutenden Kritikern, ja ganzen Zeitaltern klassizisti-
schen Geschmackes ist es bei dieser allzu harten Gegenwartsnähe im
Erhabenen, bei Dantes «widerwärtiger, oft abscheulicher Großheit»
(dies sind Worte Goethes aus den Annalen von 1821) nicht wohl ge-
wesen, und das ist sehr verständlich. Denn nirgends wird das Wider-
einander der beiden Traditionen, der antik stiltrennenden und der
christlich stilmischenden, so deutlich wie in diesem mächtigen Tem-
perament, dem beide, auch die antike, der er zustrebt, ohne die an-
dere aufgeben zu können, wieder bewußt werden; nirgends kommt
die Stilmischung so nahe an den Stilbruch. Als Stilbruch empfanden
die Gebildeten in der Spätantike auch die biblischen Schriften; genau
so mußten die späteren Humanisten das Werk ihres größten Vorgän-
gers empfinden, dessen, der zuerst wieder die antiken Dichter um
ihrer Kunst willen las und ihren Ton in sich aufnahm, dessen, der als
erster den Gedanken des Volgare illustre, der großen Dichtung in der
12
178 FARINATA UND CAVALCANTE

Muttersprache faßte und verwirklichte; und zwar gerade, weil er dies


alles tat. Den früheren stilmischenden Dichtungen des Mittelalters,
dem christlichen Theater etwa, war die Stilmischung um seiner Nai-
vität willen zu verzeihen; es schien keinen Anspruch auf hohe dichte-
rische Würde zu erheben, es war durch seinen volkstümlichen Zweck
und Charakter gerechtfertigt oder doch wenigstens entschuldigt; es
trat gar nicht in den Bezirk dessen, was zu beachten und ernsthaft zu
beurteilen war. Hier aber konnte von Naivität oder mangelndem An-
spruch nicht die Rede sein: viele ausdrückliche Worte Dantes, all die
Berufungen auf das vergilische Vorbild, die Anrufungen der Musen,
Apolls, Gottes, das aus vielen Stellen hervorleuchtende, spannungs-
reiche und dramatische Verhältnis zu dem eigenen Werk, und mehr
als das alles der Ton jeder einzelnen Zeile des Werkes selbst zeugen
von dem höchsten Anspruch. Es ist nicht erstaunlich, daß die unge-
heure Tatsache dieses Werkes vielen späteren Humanisten und hu-
manistisch Erzogenen unerfreulich war.
Dante selbst zeigt in seinen theoretischen Äußerungen eine gewisse
Unsicherheit in der Frage der stilistischen Einordnung der Komödie.
In der Schrift De vulgari eloquentia, in der es sich um Kanzonendich-
tung handelt, und auf die die Komödie noch keinen Schatten geworfen
zu haben scheint, stellt Dante an den hohen und tragischen Stil ganz
andere Anforderungen als die, die er später in der Komödie erfüllt:
viel enger in bezug auf die Auswahl des Gegenstandes, viel puristi-
scher und auf Stiltrennung angelegter für die Form- und Wortwahl.
Er stand damals unter dem Eindruck der übermäßig kunstvollen und
nur für einen auserlesenen Kreis Eingeweihter bestimmten Dichtung
der späteren Provenzalen und des italienischen Neuen Stils, und er
verband damit die antike Stiltrennungslehre, wie sie bei den mittel-
alterlichen Theoretikern der rhetorischen Kunst fortgeisterte. Ganz
freigemacht hat er sich von diesen Anschauungen niemals; sonst hätte
er sein großes Gedicht nicht Komödie genannt, in deutlichem Gegen-
satz zu der Bezeichnung von Vergils Aeneis als alta tragedia (Inf. 20,
113); er scheint also für sein großes Gedicht nicht die Würde des
hohen tragischen Stiles in Anspruch zu nehmen; und dazu kommt
noch die Begründung, die er im zehnten Abschnitt des Briefes an
Cangrande für den Namen Komödie gibt. Tragödie und Komödie
unterscheiden sich, so sagt er dort, einmal durch den Gang der Hand-
lung, der in der Tragödie von ruhigem und edlem Anfang zu schreck-
lichem Ende führe, in der Komödie umgekehrt von bitterem Anfang
zu glücklichem Ende; sodann, und das ist für uns das Wichtigere,
durch den Stil, den modus loquendi : elate et sublime tragedia; come-
dia vero remisse et humiliter ; und darum müsse sein Gedicht Komö-
FARINATA UND CAVALCANTE 179
die genannt werden, einerseits wegen des schlimmen Anfangs und
glücklichen Endes, andererseits wegen des modus loquendi: remissus
est modus et humilis, quia locutio vulgaris in qua et muliercule com-
municant. Man muß zunächst glauben, dies beziehe sich auf den
Gebrauch der italienischen Sprache; dann wäre also der Stil einfach
deshalb ein niederer, weil die Komödie italienisch geschrieben ist und
nicht lateinisch; aber eine solche Äußerung wäre Dante, der die edle
Würde der Vulgärsprache seit dem eloquentia-Buche verteidigt hat,
der selbst in seinen Kanzonen den hohen Stil der Vulgärsprache be-
gründete, und der zur Zeit des Briefes an Cangrande die Komödie
bereits vollendet hatte, kaum zuzutrauen, und darum haben verschie-
dene moderne Forscher locutio nicht als Sprache, sondern als Aus-
drucksvkise verstanden, so daß also Dante habe sagen wollen, die
Ausdrucksweise des Werkes sei nicht die des erhabenen Italienisch;
des vulgare illustre, cardinale, aulicum et curiale, um seine eigenen
Worte (De vulg el. 1, 17) zu gebrauchen, sondern die der beliebig-
alltäglichen Volkssprache. In jedem Fall aber nimmt er auch hier
nicht hohen tragischen Stil für sein Werk in Anspruch, sondern höch-
stens einen mittleren, und auch dies bringt er nur undeutlich zum
Ausdruck, indem er nämlich die Stelle aus Horazens Ars poetica
(93 ff.) zitiert, in der gesagt wird, daß die Komödie zuweilen auch tra-
gische Töne verwendet und umgekehrt. Im ganzen erklärt er sein
Werk für niederen Stiles; nachdem er kurz zuvor von seiner Vielsin-
nigkeit gesprochen hat — was doch gar nicht zum niederen Stil paßt —,
und obwohl er den Teil, den er gleichzeitig mit dem Brief Cangrande
widmet, das Paradies, mehrfach als cantica sublimis, und seine ma-
teria als admirabilis bezeichnet. In der Komödie selbst besteht die
Unsicherheit fort, doch hier überwiegt das Bewußtsein, daß Gegen-
stand und Form höchste dichterische Würde beanspruchen dürfen.
Wir haben schon oben alles aufgezählt, was für sein volles Bewußt-
sein ihres stilistischen Wesens und Ranges spricht. Aber obwohl er
Vergil zum Führer wählt, obwohl er Apoll und die Musen anruft, so
vermeidet er doch jede Bezeichnung seines Gedichts als eines im anti-
ken Sinne erhabenen; um seine eigentümliche Erhabenheit auszu-
drücken, formt er ein besonderes Wort: il poema sacro, al quale ha
posto mano e cielo e terra (Par. 25,2/3). Es fällt schwer zu glauben,
daß er, nachdem er dieses Wort gefunden und die Komödie vollendet
hatte, sich noch so schulmäßig über ihr Wesen geäußert haben soll
wie an der eben besprochenen Stelle des Briefes an Cangrande, an
dessen Echtheit man ja vielfach gezweifelt hat; allein das Ansehen der
damals noch durch pedantische Systematisierung verdunkelten anti-
ken Überlieferung und die Neigung zu festen, für unser Urteil absurd
180 FARINATA UND CAVALCANTE
theoretischen Einstellungen, waren so groß, daß es gleichwohl wahr-
scheinlich ist. Die zeitgenössischen oder vielmehr unmittelbar nach-
folgenden Kommentatoren haben sich ebenfalls in rein schulmäßi-
gem Sinne zu der Stilfrage geäußert, wobei es freilich einige Ausnah-
men gibt; Boccaccio zum Beispiel, dessen geistvolle und von schon
echter, humanistischer Kenntnis der Antike zeugende Ausführungen
doch nicht befriedigen, da sie dem Problem aus dem Wege gehen;
und vor allem der äußerst lebendige Benvenuto da Imola, der, nach-
dem er die klassische Dreiteilung der Stile erklärt hat (den hohen tra-
gischen, den mittleren polemisch-satirischen, den niederen komi-
schen), folgendermaßen fortfährt:
Modo est hic attente notandum quod sicut in isto libro est omnis pars
philosophiae («jede Art von Philosophie»), ut dictum est, ita est omnis
pars poetriae. Unde si cmis velit subtiliter investigare, hic est tragoedia,
satyra et comoedia. Tragoedia quidem, quia describit gesta pontificum,
principum, regum, baronum, et aliorum magnatum et nobilium, sicut pa-
tet in toto libro. Satyra, it est reprehensoria; reprehendit enim mirabiliter
et audacter omnia genera viciorum, nee parcit dignitati, potestati vel no-
bilitati alicuius. Ideo convenientius posset intitulari satyra (vielleicht
schwingt hier der Gedanke an das Sirventes mit) quam tragoedia vel co-
moedia. Potest etiam dici quod sit comoedia, nam secundum Isidorum
comoedia incipit a tristibus et terminatur ad laeta. Et ita liber iste incipit
a tristi materia, scilicet ab Inferno, et terminatur ad laetam, scilicet ad Pa-
radisum, sive ad divinam essentiam. Sed dices forsan, lector: cur vis mihi
baptizare librum de novo, cum autor nominaverit ipsum Comoediam?
Dico quod autor voluit vocare librum Comoediam a stylo infimo et vul-
gari, quia de rei veritate est humilis respectu litteralis (sie), quamvis in
genere suo sit sublimis et excellens (Benvenuti de Rambaldis de Imola
Comentum super D. A. Comoediam curante Jacobo Philippo Lacaita.
Tomus Primus, Florentiae 1887, p. 19).
Benvenutos Temperament bahnt sich einen geraden Weg durch das
Dickicht der Schultheorie: dies Buch enthält jede Art von Dichtung,
so wie es jede Art von Wissen enthält; sein Autor hat es Komödie
genannt, weil sein Stil ein niederer und volkssprachlicher ist; aber es
gehört dennoch, auf seine besondere Weise, zur erhabenen Dich-
tungsart.
Schon durch die Fülle der behandelten Gegenstände stellt sich das
Problem des hohen Stils für die Komödie auf eine ganz neue Art. Für
die Provenzalen und die Dichter des Neuen Stils war die hohe Minne
das einzige große Thema; wenn Dante im Eloquentia-Buche deren
drei aufzählt (salus, venus, virtus, das heißt Waffentaten, Liebe und
Tugend), so sind doch die beiden anderen in fast allen großen Kan-
zonen dem der Liebe untergeordnet oder in eine Liebesallegorie ein-
FARINATA UND CAVALCANTE 181
gekleidet. Noch in der Komödie ist dieser Rahmen durch die Gestalt
und Wirksamkeit Beatricens gewahrt; allein der Rahmen umspannt
ein ungeheures Gebiet. Die Komödie ist, unter anderem, ein enzyklo-
pädisches Lehrgedicht, in dem die physikalisch-kosmologische, die
ethische und die geschichtlich-politische Weltordnung insgesamt vor-
gestellt wird; sie ist ferner ein wirklichkeitsnachahmendes Kunst-
werk, in der alle denkbaren Bezirke des Wirklichen auftreten: Ver-
gangenheit und Gegenwart, erhabene Größe und verächtliche Ge-
meinheit, Geschichte und Sage, Tragik und Komik, Mensch und
Landschaft; sie ist schließlich die Entwicklungs- und Heilsgeschichte
eines einzelnen Menschen, Dantes, und als solche eine Figuration der
Heilsgeschichte der Menschheit überhaupt. In ihr erscheinen Gestal-
ten der antiken Mythologie, zuweilen, aber nicht immer, phantastisch
dämonisiert; allegorische Personifikationen und symbolische Tiere
spätantiker und mittelalterlicher Herkunft; Engel, Heilige und Selige
als Träger einer Bedeutung, aus der Welt des Christentums; es er-
scheinen Apollo, Lucifer und Christus, Fortuna und die Frau Armut,
Medusa als Emblem der tieferen Höllenkreise und Cato von Utica als
Wächter des Purgatorio. Doch nichts von all dem ist im Rahmen
einer Bemühung um hohen Stil so neu und so problematisch wie der
unmittelbare Griff auf die gegenwärtige, nicht nach ästhetischen
Maßstäben ausgewählte und vorgeordnete Wirklichkeit des Lebens,
und durch ihn entstehen ja auch all die unmittelbaren, im hohen Stil
ungewohnten sprachlichen Formen, an deren Härte der klassizisti-
sche Geschmack Anstoß nahm. Und all dieser Realismus bewegt sich
nicht innerhalb einer einzigen Handlung, sondern eine Fülle von
Handlungen, in verschiedenster Höhenlage des Tones, lösen einan-
der ab.
Dennoch ist die Einheit des Gedichts überzeugend. Sie beruht auf
dem Gesamtgegenstand, dem status animarum post mortem; dieser
muß, als Gottes endgültiges Urteil, eine vollendet geordnete Einheit
sein, sowohl als theoretisches System wie als praktische Wirklichkeit
und also auch als ästhetisches Gebilde; er muß die Einheit der gött-
lichen Ordnung sogar in einer reineren und aktuelleren Form dar-
stellen als die irdische Welt oder etwas in ihr Stattfindendes, da das
Jenseits, wenn auch bis zum Jüngsten Gericht noch unvollendet, doch
längst nicht in dem Maße wie die irdische Welt Entwicklung, Potenz
und Vorläufigkeit zeigt, sondern den erfüllten Akt des göttlichen Pla-
nes. Die einheitliche Ordnung des Jenseits, so wie Dante sie uns vor-
stellt, ist am unmittelbarsten greif bar als moralisches System, in der
Verteilung der Seelen auf die drei Reiche und ihre Unterabteilungen:
das System folgt im ganzen der aristotelisch-thomistischen Ethik; es
182 FARINATA UND CAVALCANTE

verteilt die Sünder im Inferno zunächst nach dem Maß ihres bösen
Willens, und innerhalb dieser Einteilung nach der Schwere ihrer Ta-
ten; die Büßenden des Purgatorio nach den bösen Trieben, von denen
sie sich reinigen müssen; und die Seligen des Paradiso nach dem Maß
der Gottesschau, dessen sie teilhaftig sind. In dies moralische System
sind jedoch andere, physikalisch-kosmologische und historisch-poli-
tische Ordnungssysteme hineingewebt. Die Lage von Hölle, Läute-
rungsberg und Himmelsgewölben gibt mit dem moralischen zugleich
ein physikalisches Weltbild; die Seelenlehre, die der moralischen Ord-
nung zugrunde liegt, ist zugleich auch eine physiologische und psy-
chologische Anthropologie, und noch auf viele andere Weise ist die
moralische Ordnung grundsätzlich mit der physischen verbunden.
Ebenso steht es mit der historisch-politischen Ordnung; die Gemein-
schaft der Seligen in der weißen Rose des Empireo ist zugleich auch
das Ziel der Heilsgeschichte, nach welchem sich alle historisch-poli-
tischen Theorien ausrichten, und nach dem alle historisch-politischen
Ereignisse zu beurteilen sind; dies kommt während des Gedichtes
ständig zum Ausdruck, zuweilen ganz ausführlich (etwa in den sym-
bolischen Vorgängen auf dem Gipfel des Purgatorio, im irdischen
Paradies); so daß, jederzeit gegenwärtig und jederzeit nachweisbar,
die drei Systeme der Ordnung, das moralische, das physische und das
historisch-politische, als ein einziges Gebilde erscheinen.
Um nun praktisch zu erfassen, wie sich die Einheit der jenseitigen
Ordnung als Einheit des hohen Stils auswirkt, kehren wir zu unserem
Text zurück. Farinatas und Cavalcantes irdisches Leben ist zu Ende;
der Wechsel ihres Geschickes hat aufgehört; sie befinden sich in ei-
nem endgültigen und wechsellosen Zustand, in welchem nur noch
eine einzige Veränderung stattfinden wird, nämlich die Rückgewin-
nung ihrer Leiber bei der Wiederauferstehung des Jüngsten Gerichts.
So wie sie hier angetroffen werden, sind sie also vom Leibe getrennte
Seelen, denen Dante jedoch eine Art Schattenleib gibt, so daß sie er-
kennbar erscheinen, sich ausdrücken und leiden können (dazu Purg.3,
31 ff.). Zum irdischen Leben stehen sie nur noch in dem Verhältnis
der Erinnerung; darüber hinaus haben sie, wie Dante gerade in un-
serem Gesang auseinandersetzt, gewisse über das irdische Maß hin-
ausreichende Kenntnisse von Vergangenheit und Zukunft; sie sehen,
wie Weitsichtige, die auf Erden geschehenden, in etwas entfernter
Vergangenheit oder Zukunft liegenden Ereignisse mit Deutlichkeit,
können also die Zukunft voraussagen, während sie für die irdische
Gegenwart' blind sind; das ist der Grund von Dantes Stutzen bei Ca-
valcantes Frage, ob sein Sohn noch lebt; er wundert sich über Caval-
cantes Unkenntnis, um so mehr, als ihm schon vorher andere Seelen
FARINATA UND CAVALCANTE 183
Zukünftiges prophezeit haben. Ihr eigenes irdisches Leben besitzen
sie also in der Erinnerung vollständig, obgleich es aufgehört hat; und
obgleich sie sich in einer Lage befinden, die nicht nur praktisch (sie
liegen in brennenden Särgen), sondern auch grundsätzlich, durch ihre
ortzeitliche Wechsellosigkeit, von jeder denkbaren irdischen Lage
verschieden ist, wirken sie nicht tot, was sie doch sind, sondern leben-
dig. Hier kommen wir auf das Erstaunliche, ja Paradoxe dessen, was
man den Realismus Dantes nennt. Nachahmung der Wirklichkeit ist
Nachahmung der sinnlichen Erfahrung des irdischen Lebens, zu des-
sen wesentlichsten Merkmalen doch seine Geschichtlichkeit, sein Sich-
Verändern und Sich-Entwickeln zu gehören scheint; mag man dem
nachahmenden Dichter noch so viel Freiheit in der Gestaltung ein-
räumen, diese Eigenschaft, die ihr Wesen selbst ist, darf er der Wirk-
lichkeit nicht nehmen. Dantes Bewohner der drei Reiche aber befin-
den sich in einem wechsellosen Dasein (dies Wort braucht Hegel auf
einer der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden, in
den Vorlesungen über die Ästhetik), und dennoch senkt Dante «die
lebendige Welt menschlichen Handelns und Leidens, und näher der
individuellen Taten und Schicksale in dies wechsellose Dasein hin-
ein». Wir fragen uns, an Hand unseres Textes, wie dies zustande
kommt. Das Dasein der beiden Sargbewohner und der Schauplatz, an
dem es seinen Ort hat, sind zwar endgültig und ewig, aber sie sind
nicht geschichtslos. In die Hölle sind Aeneas und Paulus, und auch
Christus hinabgestiegen; in ihr gehen Vergil und Dante; in ihr sind
Landschaften, und in den Landschaften bewegen sich höllische Gei-
ster; Vorgänge, Geschehnisse, sogar Verwandlungen vollziehen sich
vor unseren Augen. Die Seelen der Verdammten, in ihrem Schatten-
leib, haben an ihrem ewigen Ort Erscheinung, Freiheit zu Wort und
Geste, zu einiger Bewegung, und somit, innerhalb der Wechsellosig-
keit, Freiheit zu einigem Wechsel; wir haben die irdische Welt ver-
lassen, wir sind an einem ewigen Ort, und dennoch treffen wir an ihm
konkrete Erscheinung und konkretes Geschehen. Dies ist verschieden
von dem, was auf Erden erscheint und geschieht, und doch steht es
augenscheinlich damit in notwendiger und fest bestimmter Bezie-
hung. Die Wirklichkeit der Erscheinungen Farinatas und Cavalcantes
wird wahrgenommen in der Lage, in der sie sich befinden, und in
ihren Äußerungen. In ihrer Lage als Bewohner der brennenden Särge
drückt sich das Urteil aus, das Gott über die ganze Kategorie von
Sündern, zu der sie gehören, über die Ketzer und Ungläubigen ge-
fällt hat; in ihren Äußerungen aber erscheint ihr persönliches Wesen
in voller Kraft. Das ist gerade für Farinata und Cavalcante besonders
deutlich, da sie Sünder der gleichen Kategorie sind und sich in der
184 FARINATA UND CAVALCANTE

gleichen Lage befinden; sie sind, als Individuen verschiedenen Cha-


rakters, verschiedenen Schicksals im einstigen Leben, und verschie-
dener Neigungen auf das energischste gegeneinander abgesetzt. Ihr
ewiges, wechselloses Schicksal ist das gleiche; doch nur in dem Sinne,
daß sie die gleiche Strafe zu erleiden haben, nur im objektiven Sinne;
denn sie nehmen sie ganz verschieden auf; Farinata schenkt seiner
Lage nicht die mindeste Aufmerksamkeit, Cavalcante klagt in dem
blinden Kerker um das schöne Licht; und beide zeigen in voller Aus-
bildung, durch Gesten und Worte, ein jedem von ihnen eigentüm-
liches Wesen, das kein anderes sein kann und auch kein anderes ist
als das, welches sie einst in ihrem irdischen Leben besaßen. Mehr als
das: dadurch, daß das irdische Leben angehalten ist, so daß an ihm
nichts mehr sich entwickeln und ändern läßt, während die Leiden-
schaften und Neigungen, die es bewegten, doch fortdauern, ohne sich
handelnd zu entladen, entsteht gleichsam eine ungeheure Aufspei-
cherung derselben; eine sehr gesteigerte, für die Ewigkeit in unge-
heuren Maßen festgelegte Gestalt des jeweils eigenen Wesens wird
sichtbar, wie sie in dieser Reinheit und Ausprägung in keinem Augen-
blick des einstigen irdischen Lebens anzutreffen gewesen wäre. Es ist
kein Zweifel, daß auch dies zu dem Urteil gehört, das Gott über sie
gefällt hat; er hat die Seelen nicht nur nach Kategorien geordnet und
sie danach auf die Bezirke der drei Reiche verteilt, sondern er hat je-
der von ihnen eine besondere ewige Lage zugedacht, indem er die
jeweilige individuelle Form nicht zerstörte, sondern im Gegenteil sie
im ewigen Urteil festlegte, ja sie erst durch dieses völlig vollendete
und den Blick auf sie freigab. Farinata ist mitten in der Hölle größer,
mächtiger und edler als je, denn nie in seinem irdischen Leben hatte
er solche Gelegenheit, die Kraft seines Herzens zu erweisen; und
wenn seine Gedanken und Wünsche noch unverändert um Florenz
und die Ghibellinen, um die Verdienste und Fehler seiner einstigen
Wirksamkeit kreisen, so gehört diese Fortdauer seines irdischen We-
sens in ihrer Größe und ihrer hoffnungslosen Vergeblichkeit ohne
Zweifel zu dem Urteil, welches Gott über ihn verhängt hat. Dieselbe
hoffnungslose Vergeblichkeit in der Fortdauer des irdischen Wesens
zeigt Cavalcante; wohl niemals während seines Lebens hat er seinen
Glauben an den Geist des Menschen, seine Liebe zum süßen Licht
und zu seinem Sohn Guido so stark empfunden und so packend zum
Ausdruck gebracht wie jetzt, wo dies alles umsonst ist. Es ist dabei
auch daran zu denken, daß für die Seelen der Toten Dantes Wande-
rung für alle Ewigkeit die einzige und letzte Gelegenheit ist, zu einem
Lebenden zu sprechen; ein Umstand, der viele zu intensivstem Aus-
druck treibt, und der in die Wechsellosigkeit ihres ewigen Geschickes
FARINATA UND CAVALCANTE 185

einen Augenblick dramatischer Geschichtlichkeit einführt. Zu der be-


sonderen Lage der Höllenbewohner gehört schließlich auch noch der
auf besondere Art eingeschränkte und erweiterte Bezirk ihres Wis-
sens; sie haben die Anschauung Gottes, die allen Wesen auf Erden,
im Purgatorio und im Paradiese in verschiedener Gradabstufung zu-
teil geworden ist, verloren, und damit jede Hoffnung; sie kennen Ver-
gangenheit und Zukunft des irdischen Verlaufs, und damit die Ver-
geblichkeit ihrer ihnen ohne Ausmündung in die göttliche Gemein-
schaft erhaltenen persönlichen Form; und sie haben leidenschaft-
liches Interesse an dem gegenwärtigen Stand der Dinge auf Erden,
der ihnen verborgen ist. (Sehr eindrucksvoll in dieser Hinsicht ist ne-
ben Cavalcante und manchen anderen der mühsam durch die Flam-
menspitze seines Hauptes redende Guido da Montefeltro im 27. Ge-
sange, dessen lange, flehende, mit Erinnerung und Klage durchtränkte
Beschwörung, Vergil möge einhalten und ihm Rede stehen, gipfelt
in den Worten des Verses 28: dimmi se i Romagnuoli han pace o
guerra!)
Dante hat also die irdische Geschichtlichkeit in sein Jenseits mit
hinübergenommen; seine Toten sind zwar der irdischen Gegenwart
und ihrem Wechsel entzogen, aber Erinnerung und intensivste Teil-
nahme daran bewegt sie noch so sehr, daß die jenseitige Landschaft
ganz erfüllt davon ist; es ist dies nicht ganz so stark auf dem Läute-
rungsberg und im Paradies, weil dort der Blick nicht wie in der Hölle
nur rückwärts auf das irdische Leben gerichtet ist, sondern vorwärts
und aufwärts, so daß er, je höher wir steigen, desto deutlicher die irdi-
sche Existenz zusammensieht mit ihrem göttlichen Ziel; aber erhalten
ist die irdische Existenz stets, denn überall ist sie die Grundlage des
göttlichen Urteils und damit der ewigen Lage, in der die Seele sich be-
findet; und überall ist diese Lage nicht nur ein Eingeordnetsein in
eine bestimmte Gruppe von Büßenden oder Seligen, sondern eine be-
wußte Ausprägung des einstmals irdischen Wesens und des besonde-
ren Ortes, der ihm im göttlichen Ordnungsplan zukommt; eben in der
vollkommenen Aktualisierung des einstmals irdischen Charakters an
seinem ihm endgültig zukommenden Ort besteht das göttliche Urteil.
Und überall haben die Seelen der Toten Freiheit genug, ihr jeweils
eigenes und besonderes Wesen kundzugeben; manchmal freilich nur
mit Mühe, denn manchmal erschwert ihnen ihre Strafe oder ihre Buße
oder selbst der Lichtglanz ihrer Seligkeit das Erscheinen und die Äu-
ßerung; aber um so wirksamer bricht diese gleichwohl, das Hindernis
überwindend, hervor.
Diese Gedanken finden sich auf der Seite Hegels, die ich oben er-
wähnte, und ich habe sie zur Grundlage einer Untersuchung über
186 FARINATA UND CAVALCANTE

Dantes Realismus gemacht, die ich vor 15 Jahren veröffentlichte


(Dante als Dichter der irdischen Welt, 1929). Ich habe mich inzwi-
schen gefragt, auf welcher Anschauung von der Struktur des Ge-
schehens, auf welcher Geschichtsanschauung also, dieser in die wech-
sellose Ewigkeit projizierte Realismus Dantes beruht; ich habe dabei
zugleich etwas Schärferes über die Grundlage von Dantes hohem Stil
zu erfahren gehofft, denn sein hoher Stil besteht ja gerade in der Ein-
ordnung des charakteristisch Individuellen, zuweilen Grausigen, Häß-
lichen, Grotesken und Alltäglichen, in die jede irdische Erhabenheit
übersteigende Würde des göttlichen Urteils. Augenscheinlich ist seine
Auffassung vom Geschehen nicht identisch mit der in der heutigen
Welt allgemein verbreiteten; und zwar sieht er es nicht lediglich als
irdische Entwicklung, als System von Vorgängen auf Erden, sondern
in ständigem Zusammenhang mit einem göttlichen Geschehensplan,
auf dessen Ziel das irdische Geschehen ständig sich hinbewegt. Dies
ist nicht nur so zu verstehen, daß die menschliche Gesellschaft im
ganzen in fortschreitender Bewegung sich dem Weltende und der
Vollendung des Gottesreiches nähert, wobei also alles Geschehen ho-
rizontal in die Zukunft ausgerichtet wäre, sondern auch im Sinne
einer jederzeitlichen, von aller fortschreitenden Bewegung unabhän-
gigen Verbindung eines jeden irdischen Ereignisses und einer jeden
irdischen Erscheinung mit dem göttlichen Plan; es ist also jede irdi-
sche Erscheinung, durch eine Fülle vertikaler Verbindungen; unmit-
telbar auf den Heilsplan der Vorsehung bezogen. Denn die gesamte
Schöpfung ist eine ständige Vervielfältigung und Ausstrahlung der
göttlichen Liebesbewegung (non e se non splendor di quella idea che
partorisce amando il nostro Sire, Par. 13,53/4), und diese Liebesbe-
wegung ist zeitlos und wirkt in allen Erscheinungen jederzeitlich. Das
Ziel der Heilsgeschichte, die weiße Rose im Empyreum, die Gemein-
schaft der Auserwählten in dem nicht mehr verschleierten Anblick
Gottes, ist nicht nur eine sichere Hoffnung für die Zukunft, sondern
sie ist von jeher schon in Gott vollendet und für die Menschen vor-
figuriert so wie Christus in Adam; ohne Zeit oder jederzeit geschieht
im Paradies der Triumph Christi und die Krönung Mariae, und jeder-
zeit geht die Seele, deren Liebe nicht auf ein falsches Ziel gelenkt ist,
zu ihrem Geliebten, Christus, der sich ihr durch sein Blut verlobte.
Es finden sich in der Komödie mehrere irdische Erscheinungen,
deren Bezug auf den göttlichen Heilsplan auch theoretisch genau aus-
geführt ist; darunter ist die politisch-historisch wichtigste und zu-
gleich die in diesem Zusammenhang für einen modernen Betrachter
erstaunlichste, die römische Weltmonarchie; sie ist, nach Dantes Auf-
fassung, die konkret-irdische Vorankündigung des Gottesreiches.
FARINATA UND CAVALCANTE 187
Schon Aeneas' Unterweltsfahrt wird verstattet im Hinblick auf Roms
weltlichen und geistlichen Sieg (Inf. 2,13 ff.); Rom ist von Anbeginn
zur Weltherrschaft bestimmt; Christus erscheint, wenn die Zeit er-
füllt ist, wenn nämlich die bewohnte Welt in Frieden in Augustus'
Händen liegt; Brutus und Cassius, die Cäsarmörder, büßen neben
Judas im Rachen Lucifers; der dritte Cäsar Tiberius ist als legitimer
Richter des Menschen Christus der ausführende Rächer der Ursünde;
Titus ist der legitime Vollstrecker der Rache an den Juden; der römi-
sche Adler ist der Vogel Gottes, und das Paradies wird einmal ge-
nannt quella Roma onde Cristo e Romano (vgl. Par. 6; Purg. 21,82ff. ;
Inf. 34, 61 ff.; Purg. 32, 102; usw., auch viele Stellen der Monarchia);
und überdies ist Vergils Rolle im Gedicht nur aus dieser Vorausset-
zung zu verstehen. Das erinnert an die Figur vom irdischen und vom
himmlischen Jerusalem, und ist überhaupt ganz figural gedacht; so
wie in der jüdisch-christlichen, von Paulus und den Kirchenvätern ge-
genüber dem Alten Testament konsequent durchgeführten Interpre-
tationsmethode Adam eine Figur Christi, Eva eine Figur der Kirche
ist, so wie überhaupt eine jede Erscheinung und ein jedes Ereignis des
Alten Testaments aufgefaßt wird als eine Figur, die durch die Erschei-
nungen und Ereignisse der Inkarnation Christi erst voll verwirklicht,
oder wie der gebräuchliche Ausdruck lautet, erfüllt wird, so erscheint
hier das römische Weltkaisertum als irdische Figur der himmlischen
Erfüllung im Reich Gottes. In meinem schon früher (Seite 74) er-
wähnten Aufsatz über Figura habe ich nun, wie ich hoffe, überzeu-
gend nachgewiesen, daß die Komödie überhaupt auf figurale An-
schauung sich gründet; ich habe an drei ihrer bedeutendsten Gestal-
ten, an Cato von Utica, Vergil und Beatrice zu zeigen versucht, daß
ihre Erscheinung im Jenseits eine Erfüllung ihrer irdischen Erschei-
nung, diese dagegen eine Figur der jenseitigen ist; und ich habe her-
vorgehoben, daß die figurale Struktur ihren beiden Polen, der Figur
wie der Erfüllung, den konkreten, geschichtlichen Wirklichkeitscha-
rakter beläßt, ungleich darin den symbolischen oder allegorischen
Formen; so daß sich Figur und Erfüllung zwar gegenseitig «bedeu-
ten», daß aber ihr Bedeutungsgehalt keineswegs ihre Wirklichkeit
ausschließt; ein figürlich zu deutendes Ereignis bewahrt seinen wört-
lichen, historischen Sinn, es wird nicht zum bloßen Zeichen, es bleibt
Ereignis; schon die Kirchenväter, besonders Tertullian, Hieronymus
und Augustin, haben den figuralen Realismus, das heißt die grund-
sätzliche Aufrechterhaltung des geschichtlichen Wirklichkeitscharak-
ters der Figuren, gegen spiritualistisch-allegorische Strömungen sieg-
reich verteidigt. Solche Strömungen, die den Wirklichkeitscharakter
des Geschehens gleichsam aushöhlen und in ihm nur noch außerge-
188 FARINATA UND CAVALCANTE

schichtliches Zeichen und Bedeutung sehen, sind aus der Spätantike


auch ins Mittelalter hinübergeflossen; der mittelalterliche Symbolis-
mus und Allegorismus ist, wie man weiß, zuweilen überaus abstrakt,
und auch in der Komödie finden sich viele Spuren davon. Aber das
weitaus überwiegende im christlichen Leben des hohen Mittelalters
ist der figurale Realismus, den man in den Predigten, den Hymnen,
in der bildenden Kunst und im Mysterienspiel (vgl. das vorhergehende
Kapitel) in voller Blüte antrifft; und er ist es auch, der Dantes An-
schauung beherrscht. Das Jenseits ist, wie wir oben einmal sagten, der
erfüllte Akt des göttlichen Planes; im Verhältnis zu ihm sind die irdi-
schen Erscheinungen im ganzen figural, potentiell und erfüllungsbe-
dürftig; dies gilt auch von den einzelnen Seelen der Toten; erst hier,
im Jenseits, gewinnen sie die Erfüllung, die wahre Wirklichkeit ihrer
Gestalt; ihr Auftreten auf Erden war nur die Figur dieser Erfüllung;
und in der Erfüllung selbst finden sie Strafe, Buße oder Lohn. Die
Vorstellung der Vorläufigkeit und jenseitigen Ergänzungsbedürftig-
keit der menschlichen Gestalt auf Erden entspricht auch der thomi-
stischen Anthropologie, wenn es vollkommen zutrifft, was E. Gilson
einmal von dieser schreibt; une sorte de marge nous tient quelque peu
en decä de notre propre definition ; aucun de nous ne realise pleniere-
ment 1'essence humaine ni m'eme la notion complete de sa propre in-
dividualite (Le thotnisme, 3e ed., Paris 1927, p. 300). Gerade dieses: la
notion complete de leur propre individualite gewinnen die Seelen in
Dantes Jenseits durch das göttliche Urteil, und zwar, was sowohl der
Figuralanschauung wie dem aristotelisch-thomischen Formbegriff
entspricht, als aktuale Wirklichkeit. Das Verhältnis der erfüllten Fi-
gur, in welchem die Toten Dantes zu der eigenen irdischen Vergan-
genheit stehen, läßt sich in denjenigen Fällen am leichtesten nachwei-
sen, in welchen sich nicht nur Charakter und Wesen, sondern auch
eine schon in der irdischen Figur erkennbare Bedeutung erfüllt: so
etwa im Falle Catos von Utica, der seine Rolle als Hüter der irdisch-
politischen Freiheit, die nur figural war, am Fuße des Purgatorio als
Hüter der ewigen Freiheit der Auserwählten erfüllt (Purg. I, 71 ff.:
libertä va cercando, dazu Archiv. Roman. XXII, 478-81); hier löst die
Figuraldeutung das Rätsel von Catos Auftreten an einem Platz, wo
man erstaunt ist, einen Heiden zu finden. Solch ein Nachweis läßt
sich nur selten liefern; allein es läßt sich aus den Fällen, in denen er
erbracht werden kann, die grundsätzliche Vorstellung Dantes vom
Individuum im Diesseits und im Jenseits erkennen. Charakter und
Funktion des Menschen haben ihren bestimmten Ort im göttlichen
Ordnungsgedanken, wie er auf Erden figuriert und im Jenseits erfüllt
wird.
FARINATA UND CAVALCANTE 189
Figur und Erfüllung haben beide, wie wir sagten, das Wesen von
wirklich-geschichtlichen Erscheinungen und Ereignissen; die Erfül-
lung hat es in noch höherem und intensiverem Grade, denn sie ist ge-
genüber der Figur forma perfectior. Hieraus erklärt sich die überwäl-
tigende Realistik des Danteschen Jenseits. Wenn wir sagen: «hieraus
erklärt sich», so vergessen wir natürlich nicht das Genie des Dichters,
das solche Gestaltungen hervorzubringen vermochte; um es mit den
Worten der alten Kommentatoren zu sagen, die (nach Boethius) zwi-
schen causa efficiens, materialis, formalis und finalis des Gedichts un-
terschieden : causa efficiens in hoc opere, velut in domo facienda aedi-
ficator, est Dantes Allegherii de Florentia, gloriosus theologus, philo-
sophus et poeta (Pietro Alighieri, ähnlich auch Jacopo della Lana);
aber die besondere Art, in der sein realistisches Genie Gestalt ge-
wann, erklären wir aus der figuralen Anschauung; sie gestattet es zü
verstehen, daß das Jenseits ewig ist und doch Erscheinung, wechsel-
los-jederzeitlich und doch erfüllt von Geschichte. Sie gestattet auch,
sich zu verdeutlichen, wie diese Jenseitsrealistik sich von jeder rein
irdischen unterscheidet. Im Jenseits ist der Mensch nicht mehr in
irgendeiner irdischen Handlung oder Verstrickung befangen, wie in
jeder rein irdischen Nachahmung menschlicher Geschehnisse; befan-
gen ist er vielmehr in einer ewigen Lage, die die Summe und Resul-
tante aller seiner Handlungen ist, und die ihm zugleich offenbart, was
das Entscheidende in seinem Leben und Wesen war; wodurch seine
Erinnerung auf einen zwar für die Höllenbewohner unerfreulichen
und fruchtlosen, aber überall auf den richtigen, das Entscheidende
seines Lebens enthüllenden Weg geführt wird. In solcher Lage bieten
sich die Toten dem lebenden Dante; die Spannung der noch unent-
hüllten Zukunft, die für jede irdische Lage und ihre künstlerische
Nachahmung, besonders für die dramatische, ernste, problematische,
wesentlich ist, hat aufgehört; Dante allein kann in der Komödie sol-
che Spannung empfinden. Die vielen ausgespielten Dramen vereini-
gen sich alle zu einem einzigen großen Spiel, in dem es um ihn selbst
und um die Menschheit geht; sie alle sind nur Beispiele, exempla, für
Gewinn oder Verlust der ewigen Seligkeit. Aber die Leidenschaften,
Qualen und Freuden sind erhalten geblieben, sie finden Ausdruck in
Lage, Geste und Wort der Toten; vor Dante werden all die Dramen
noch einmal gespielt, ungeheuer konzentriert, manchmal in wenigen
Zeilen wie das der Pia de' Tolomei (Purg. 5, 130), und in ihnen entfal-
tet sich, scheinbar verstreut und zerstückelt, und doch überall inner-
halb eines Planes, die florentinische, die italienische und die Weltge-
schichte. Spannung und Entwicklung, die Merkmale des irdischen
Geschehens, haben aufgehört, und dennoch schlagen die Wellen der
190 FARINATA UND CAVALCANTE

Geschichte bis ins Jenseits; teils als Erinnerung an irdische Vergan-


genheit, teils als Teilnahme an irdischer Gegenwart, teils als Sorge
um irdische Zukunft; überall als figura] im Zeitlos-Ewigen erhaltene
Zeitlichkeit. Jeder Tote empfindet seine Lage im Jenseits als den noch
fortspielenden, jederzeitlichen letzten Akt seines irdischen Dramas.
Dante sagt zu Vergil im ersten Gesang des Gedichts: du allein bist
es, dem ich den schönen Stil verdanke, der mir Ruhm gebracht hat.
Das ist gewiß richtig, und zwar noch weit mehr für die Komödie als
für die früheren Werke und für die Kanzonen. Das Motiv der Unter-
weltfahrt, eine sehr große Zahl von Einzelmotiven, viele sprachliche
Bewegungen verdankt er Vergil; sogar die Wandlung seiner Stilan-
schauung gegenüber dem Traktat De vulgari eloquentia, die ihn vom
nur Lyrisch-Philosophischen zum großen Epos, und damit zur großen
Darstellung menschlichen Geschehens führte, kann sich nur auf
Grund der antiken Vorbilder und insbesondere Vergils vollzogen ha-
ben. Er besaß als erster von denen, die wir kennen, unmittelbaren Zu-
gang zu dem Dichter Vergil; an ihm, weit mehr als an der mittelalter-
lichen Theorie, bildet sich sein Stilgefühl und seine Vorstellung vom
Erhabenen; durch ihn vermochte er den noch zu engen Rahmen der
provenzalischen und zeitgenössisch-italienischen « suprema construc-
tio» zu sprengen. Aber indem er an das hohe Werk ging, das unter
dem Zeichen Vergils steht, war es doch die andere, gegenwärtigere,
lebendigere Tradition, die ihn überwältigte: sein hohes Gedicht wurde
stilmischend und figural; und zwar stilmischend auf Grund der Figu-
ralanschauung ; es wurde eine Komödie, und es wurde, auch als sti-
listisches Gebilde, christlich. Nach allem, was wir im Laufe dieser In-
terpretationen darüber gesägt haben, bedarf es keiner erneuten Erklä-
rung, daß und warum die stilmischende Erfassung des gesamten irdi-
schen Geschehens, ohne ästhetische Beschränkung im Gegenstand
oder im Ausdruck, als erhaben figurales Gebilde, christlichen Geistes
und christlichen Ursprungs ist. Dazu gehört auch die Einheit des gan-
zen Gedichts, die eine Fülle von Stoffen und Handlungen in einen
einzigen, Himmel und Erde vereinenden, universalen Zusammenhang
stellt: il poema sacro, al quale ha posto mano e cielo e terra. Und
wiederum andererseits war er der erste, der die eigentümlich antike
gravitas des hohen Stils fühlte und verwirklichte, ja sie noch überstei-
gerte. Er kann sagen was er will, es mag noch so niedrig, grotesk,
gräßlich oder höhnisch sein: es bleibt im hohen Ton; niemals könnte
der Realismus der Komödie, wie der des christlichen Theaters, ins
Possenhafte fallen und zur volkstümlichen Belustigung dienen. Dan-
tes Höhe des Tones ist in früheren mittelalterlichen epischen Werken
undenkbar, und sie ist, wie sich an vielen Beispielen nachweisen läßt,
PARINATA UND CAVALCANTE 191
an antiken Vorbildern geschult (ein schönes Beispiel, seine Beschwö-
rungsformel mit se aus der klassischen Wendung mit sie, worüber zu-
letzt G. Bonfante in den Publications of the Mod. Lang. Assoc., LVII,
930). Die vordantesche Dichtung in den Volkssprachen, zumal die
christliche, ist in der Stilfrage trotz des Einflusses der Schulrhetorik,
auf die man in letzter Zeit so häufig hingewiesen hat, im ganzen recht
naiv; Dante aber, obgleich er sein Material aus der lebendigsten
Volkssprache, zuweilen selbst aus der niedrigsten, nimmt, ist die Nai-
vität abhanden gekommen; er zwingt jede Wendung in die Schwere
seines Tones, und wenn er die göttliche Weltordnung besingt, so stellt
er in den Dienst dieser Aufgabe Periodenfügungen und Instrumente
der Satzverbindung, die riesige Gedankenmassen und Ereigniszusam-
menhänge beherrschen; seit der Antike hat es Ähnliches in der Dich-
tung nicht gegeben (ein Beispiel für viele Inf. 2,13-36). Ist Dantes Stil
noch ein sermo remissus et humilis, wie er selbst es sagt, und wie es
der christliche Stil auch im Erhabenen sein soll? Man könnte die
Frage vielleicht bejahen; auch die Kirchenväter haben die bewußte
Kunst der Rede nicht verschmäht, selbst Augustin nicht; entschei-
dend ist, welcher Sache und welcher Gesinnung die Kunstmittel die-
nen.
In unserem Abschnitt sind es zwei Verdammte, die im hohen Stil ein-
geführt werden, und deren irdisches Wesen in voller Wirklichkeit än
ihrem jenseitigen Ort erhalten ist. Farinata ist groß und stolz wie je, und
Cavalcante liebt das Licht der Welt und seinen Sohn Guido nicht min-
der, ja in der Verzweiflung heißer noch als einst auf Erden. So hat es
Gott gewollt, und so fügt es sich in den figuralen Realismus der christli-
chen Tradition. Allein nie zuvor ist dieser so weit getrieben worden; nie
ist so viel Kunst und Ausdruckskraft verwendet worden, selbst in der
Antike kaum, um die irdische Form der menschlichen Gestalt bis zu
einer fast schmerzhaft eindringlichen Anschauung zu bringen. Gerade
die christliche Unzerstörbarkeit des ganzen Menschen gestattete ihm
dies; und gerade dadurch, daß er es mit solcher Gewalt und mit so viel
Wirklichkeit ausführte, brach er der Neigung des irdischen Wesens zur
Autonomie Bahn; er schuf mitten im Jenseits eine Welt der irdischen Ge-
stalten und Leidenschaften, die in ihrer Wirkung aus dem Rahmen her-
austritt und selbständig wird; die Figur übertrifft die Erfüllung, oder
noch eigentlicher: die Erfüllung dient dazu, die Figur noch wirkungs-
voller hervortreten zu lassen. Man muß Farinata bewundern, und mit
Cavalcante weinen; was uns eigentlich bewegt, ist nicht, daß Gott sie
verdammt hat, sondern, daß der eine ungebrochen ist, und daß der
andere so schneidend um seinen Sohn und um das süße Licht klagt;
die schreckliche Lage ihrer Verdammnis dient gleichsam nur als Mit-
192 FARINATA UND CAVALCANTE

tel, die Wirkung dieser ganz irdischen Bewegungen zu steigern. Das


Problem ist, wie mir scheint, jedoch zu eng gefaßt, wenn man es, wie
dies häufig geschehen ist, nur auf Dantes Bewunderung oder Mitge-
fühl für einige Höllenbewohner abstellt; das Wesentliche, was wir
meinen, ist nicht auf die Hölle und andererseits nicht auf Dantes Sym-
pathie oder Bewunderung beschränkt; überall gibt es Beispiele, in
denen die Wirkung der irdischen Gestalt und des irdischen Schicksals
die der ewigen Lage übertrifft oder sie sich dienstbar gemacht hat.
Gewiß sind die edlen Verdammten wie Francesca von Rimini, Fari-
nata, Brunetto Latini oder Pier della Vigna gute Beispiele auch für
meinen Gedanken; aber man setzt, scheint mir, den Akzent falsch,
wenn man sie allein heranzieht, denn für eine Heilslehre, die das ewige
Schicksal von Gnade und Reue abhängig macht, sind solche Gestal-
ten in der Hölle ebenso unumgänglich wie die tugendhaften Heiden
im Limbo. Sowie man aber fragt, warum Dante das Tragische solcher
Gestalten als erster so stark gefühlt und in all seiner überwältigenden
Kraft zum Ausdruck gebracht hat, so erweitert sich der Kreis der Be-
trachtung sogleich; denn Dante hat alles Irdische, dessen er habhaft
wurde, mit der gleichen Kraft behandelt. Cavalcante ist nicht groß,
und Personen wie den Schlemmer Ciacco oder den wutverzerrten Fi-
lippo Argenti behandelt er, sei es mit mitleidiger Verachtung, sei es
mit Abscheu; das hindert nicht, daß auch in diesen Fällen das Bild
der irdischen Leidenschaften in ihrer jenseitigen ganz individuellen
Erfüllung das der kollektiven Strafe weitaus übertrifft, und diese sehr
oft nur der Wirkung jener dient. Das gilt selbst für die Erwählten in
Purgatorio und Paradies. Der eine Kanzone Dantes singende Casella,
und seine Zuhörer (Purg. 2), der seinen Tod und das Schicksal seines
Leibes erzählende Buonconte (Purg. 5), der vor seinem Meister Vergil
niederkniende Statius (Purg. 21), der so bezaubernd seine Zuneigung
zu Dante bekundende junge Ungarnkönig Karl Martell von Anjou
(Par. 8), Dantes stolzer, altväterischer,von Florentiner Stadtgeschichte
erfüllter Ahnherr Cacciaguida (Par. 15-17), ja selbst noch der Apostel
Petrus (Par. 27), und wie viele andere noch entfalten vor uns eine Welt
irdisch-geschichtlichen Lebens, irdischer Taten, Bestrebungen, Ge-
fühle und Leidenschaften, wie der irdische Schauplatz selbst sie kaum
in solcher Fülle und Kraft bieten könnte. Gewiß sind sie alle fest ein-
gefügt in die göttliche Ordnung, gewiß hat ein großer, christlicher
Dichter das Recht, das irdische Menschentum im Jenseits, die Figur
in der Erfüllung zu erhalten und nach seinen Kräften zu vollenden.
Aber Dantes große Kunst treibt es so weit, daß die Wirkung ins Irdi-
sche umschlägt, und in der Erfüllung die Figur den Hörenden allzu-
sehr ergreift; das Jenseits wird zum Theater des Menschen und seiner
FARINATA UND CAVALCANTE 193
Leidenschaften. Man denke an frühere figurale Kunst, an die Myste-
rien, an die kirchliche Plastik, die sich gar nicht oder doch nur ganz
zaghaft über das von der biblischen Geschichte unmittelbar Gege-
bene herauswagten; die Wirklichkeit und Individuum nur für die Be-
lebung biblischen Geschehens nachzuahmen begannen; und halte
daneben Dante, der die ganze geschichtliche Welt, und innerhalb der-
selben grundsätzlich jeden Menscheh, der ihm in den Wurf kommt,
in dem figuralen Rahmen lebendig werden läßt! Das ist zwar nur die
Forderung der jüdisch-christlichen Geschehensdeutung von Anfang
an; sie beansprucht universale Geltung; aber die Fülle des in die
Deutung eingebauten Lebens ist so reich und stark, daß seine Erschei-
nungen auch unabhängig von aller Deutung sich ihren Platz in der
Seele des Hörers erobern. Wer Cavalcantes Aufschrei hört: non fiere
li occhi suoi il dolce lome? — oder wer den schönen, sanften, und auf
eine so bezaubernde Art frauenhaften Vers liest, den Pia de' Tolomei
sagt, bevor sie Dante bittet, auf Erden ihrer zu gedenken (e riposato
de la lunga via, Purg. 5,131) — dessen innere Bewegung gilt den Men-
schen und nicht unmittelbar der göttlichen Ordnung. in der sie ihre
Erfüllung gefunden haben; ihre ewige Lage in der göttlichen Ordnung
wird nur bewußt als ein Schauplatz, dessen Unwiderruflichkeit die
Wirkung ihres in all seiner Kraft erhaltenen Menschenturns noch
steigert. Es kommt zu einer alles andere überwältigenden, unmittel-
baren Erfahrung des Lebens, zu einer ebenso mannigfaltig sich aus-
breitenden wie tief bis an die Wurzeln des Gefühls greifenden Erfas-
sung des Menschen, einer Erleuchtung seiner Bewegungen und Lei-
denschaften, die ohne jede Hemmung zur heißen Teilnahme an ihnen,
ja zur Bewunderung ihrer Vielfalt und ihrer Größe führt. Und in die-
ser unmittelbaren und bewundernden Teilnahme am Menschen wen-
det sich die in der göttlichen Ordnung gegründete Unzerstörbarkeit
des ganzen, geschichtlichen und individuellen Menschen gegen die
göttliche Ordnung; sie macht sie sich dienstbar und verdunkelt sie;
das Bild des Menschen tritt vor das Bild Gottes. Dantes Werk ver-
wirklichte das christlich-figurale Wesen des Menschen und zerstörte
es in der Verwirklichung selbst; der gewaltige Rahmen zerbrach
durch die Übermacht der Bilder, die er umspannte. Die groben Un-
ordnungen, zu denen der possenhafte Realismus der Mysterienspiele
im späteren Mittelalter führte, sind dem Bestand einer figural-christ-
liehen Geschehensauffassung längst nicht so gefährlich wie der hohe
Stil eines solchen Dichters, in dem die Menschen sich selbst sehen und
erkennen; in dieser Erfüllung wird die Figur selbständig, so daß es
noch in der Hölle große Seelen gibt und im Purgatorio einige Seelen
über der Süße eines Gedichts, eines Menschenwerks den Weg zur
13
194 FARINATA UND CAVALCANTE

Reinigung einige Augenblicke vergessen. Und es setzt sich, infolge


der besonderen Bedingungen der Selbsterfüllung im Jenseits, die
menschliche Gestalt noch stärker, konkreter und eigentümlicher
durch als etwa in der antiken Dichtung. Denn zu der Selbsterfüllung,
die das ganze vergangene Leben sowohl objektiv als auch in der Erin-
nerung einbegreift, gehört eine individualgeschichtliche Entwicklung,
eine jeweils eigene Werdensgeschichte, deren Resultat uns zwar als
ein fertiges vorliegt, deren Stadien aber in vielen Fällen ausführlich
dargestellt werden; niemals bleibt sie uns ganz verborgen; wir erfah-
ren, weit genauer als antike Dichtung es darzustellen vermochte, im
zeitlosen Sein das innergeschichtliche Werden.
IX

FRATE ALBERTO

I N einer berühmten Novelle des Decamerone (4,2) erzählt Boccaccio


von einem Manne aus Imola, der in seiner Heimatstadt sich durch
lasterhaftes Leben und Betrügereien unmöglich machte, so daß er
vorzog, sie zu verlassen. Er begab sich nach Venedig, wurde dort
Franziskanermönch und sogar Priester, nannte sich Frate Alberto
und verstand sich durch augenfällige Bußübungen und fromme Ge-
sten und Predigten so in Szene zu setzen, daß er für einen gottgefälli-
gen und vertrauenswürdigen Menschen galt. Eines Tages nun erzählt
er einem seiner Beichtkinder, einer besonders dummen und aufgebla-
senen Person, der Frau eines auf Reisen abwesenden Kaufmanns, der
Engel Gabriel sei in ihre Schönheit verliebt und wünsche sie nachts
zu besuchen; er besucht sie selbst als Engel Gabriel und vergnügt sich
mit ihr. Das geht so eine Weile, aber nimmt zuletzt ein böses Ende,
und zwar auf folgende Weise:
Pure avenne un giorno che, essendo madonna Lisetta con una sua co-
mare, et insieme di bellezze quistionando, per porre la sua innanzi ad ogni
altra, si come colei che poco sale aveva ir. zucca, disse: Se voi sapeste a cui
la mia bellezza piace, in veritä voi tacereste dell'altre. La comare vaga
d'udire, si come colei che ben la conoscea, disse: Madonna, voi potreste
dir vero, ma tuttavia non sappiendo chi questo si sia, altri non si rivol-
gerebbe cosi di leggiero. Allora la donna, che piccola levatura avea, disse:
Comare, egli non si vuol dire, ma 1'intendimento mio e l'agnolo Gabriello,
il quale piü che se m'ama, si come la piü bella donna, per quello che egli
mi dica, che sia nel mondo o in maremma. La comare allora ebbe voglia
di ridere, ma pur si tenne per farla piü avanti parlare, e disse: In fe di Dio,
madonna, se l'agnolo Gabriello e vostro intendimento, e dicevi questo,
egli dee ben esser cosi; ma io non credeva che gli agnoli facesson queste
cose. Disse la donna: Comare, voi riete errata; per le piaghe di Dio egli il
fa meglio che mio marido ; e dicemi che egli si fa anche colassü; ma per-
ciocche io gli paio piü bella che niuna che ne sia in cielo, s'e egli innamo-
rato di me, e viensene a star meco ben spesso: mo vedi vu ? La comare
partita da madonna Lisetta, le parve mille anni che ella fosse in parte ove
ella potesse queste cose ridire; e ragunatasi ad una festa con una gran bri-
gata di donne, loro ordinatamente raccontä la novella. Queste donne il
dissero a' mariti et ad altre donne; e quelle a quell' altre, e cosi in meno
di due di ne fu tutta ripiena Vinegia. Ma tra gli altri, a' quali questa cosa
venne agli orecchi, furono i cognati di lei, li quali, senza alcuna cosa dirle,
si posero in cuore di trovare questo agnolo, e di sapere se egli sapesse
volare; e piü notti stettero in posta. Avvenne che di questo fatto alcuna
196 FRATE ALBERTO

novelluzza ne venne a frate Alberto agli orecchi, il quale, per riprender la


donna, una notte andatovi, appena spogliato s'era, che i cognati di lei, che
veduto l'avean venire, furono all'uscio della sua camera per aprirlo. II che
frate Alberto sentendo, e avvisato ciö che era, levatosi, non avendo altro
rifugio, aperse una finestra, la qual sopra il maggior canal rispondea, e
quindi si gittö nell'aqua. II fondo v'era Brande, et egli sapeva ben notare,
si che male alcun non si fece: e notato dall'altra parte del canale, in una
casa, che aperta v'era, prestamente se n'entrö, pregando un buono uomo,
che dentro v'era, che per l'amor di Dio gli scampasse la vita, sue favole
dicendo, perche quivi a quella ora et ignudo fosse. II buono uomo mosso
a pietä, convenendogli andare a far sue bisogne, nel suo letto il mise, e
dissegli che quivi infino alla sua tornata si stesse; e dentro serratolo, andö
a fare i fatti suoi. I cognati della donna entrati nella camera trovarono che
I'agnolo Gabriello, quivi avendo lasciate se n'era volato: di che
(quasi scornati, grandissima villania dissero alla donna, e lei ultimamente
sconsolata lasciarono stare, et a casa lor tornarsi con gli arnesi dell'agnolo.'

1 Nun geschah es eines Tages, daß Madonna Lisetta, als sie mit einer
Gevatterin zusammen war und sie miteinander über Schönheit stritten, in
der Absicht, die eigene vor jeder anderen herauszustreichen, als die dum-
me Trine, die sie war, folgendes sagte: Wenn Ihr wüßtet, wem meine
Schönheit gefällt, Ihr würdet bestimmt von allen anderen ganz still sein.
Da wurde die Gevatterin neugierig, und da sie sie gut kannte, sagte sie:
Madonna, das mag ja vielleicht wahr sein, aber wenn man nicht weiß, wer
das ist, so kann man seine Meinung so leicht nicht ändern. Da sagte die
Frau in ihrer Dummheit: Gevatterin, ich sollte es ja nicht sagen, aber
mein Liebster ist der Engel Gabriel, der mich mehr liebt als sich selbst,
weil ich, wie er mir sagt, die schönste Frau auf Gottes Erdboden bin. Die
Gevatterin bekam große Lust zu lachen, hielt sich aber zurück, um noch
mehr aus ihr herauszuholen, und sagte: Bei Gott, Madonna, wenn der
Engel Gabriel euer Liebster ist und euch das sagt, dann muß es wohl wahr
sein: aber ich hätte nie geglaubt, daß die Engel auch solche Sachen trei-
ben. Da sagte die Frau: Gevatterin, da seid Ihr aber sehr im Irrtum; bei
den Wundmalen Christi, er macht es besser als mein Mann; und er sagt,
daß sie es da oben auch machen; aber weil er mich für schöner hält als
irgendeine im Himmel, darum hat er sich in mich verliebt und kommt sehr
oft mich besuchen. Na, was sagt ihr nun? Die Gevatterin war kaum von
Madonna Lisetta weggekommen, als es ihr schon eine Ewigkeit schien,
bis sie an einen Ort gelangte, wo sie diese Geschichte weitererzählen konn-
te; und als sie bei einem Fest mit einer Gesellschaft von Frauen zusam-
mentraf, erzählte sie ihnen die Neuigkeit haarklein. Die Frauen erzählten
es ihren Männern und anderen Frauen, und diese wiederum anderen, so
daß in weniger als zwei Tagen ganz Venedig voll davon war. Aber unter
denen, denen es zu Ohren kam, waren auch die Schwäger Lisettas, und
diese faßten, ohne ihr etwas zu sagen, den Entschluß, den Engel aufzustö-
bern und zu sehen, ob er fliegen könne; und darum legten sie sich mehrere
Nächte auf die Lauer. Nun geschah es, daß auch dem Bruder Alberto et-
FRATE ALBERTO 197
Die Geschichte endet, wie gesagt, sehr böse für Frate Alberto; sein
Wirt erfährt auf dem Rialto, was sich nachts in Madonna Lisettas
Hause begeben hat und errät, wen er beherbergt; er erpreßt von Frate
Alberto eine große Geldsumme und verrät ihn dann doch, und zwar
auf eine so abscheuliche Weise, daß der Bruder zum Mittelpunkt ei-
ner öffentlichen Szene wird, von deren moralischen und praktischen
Folgen er sich nicht wieder erholt. Man fühlt fast Mitleid mit ihm, ins-
besondere wenn man bedenkt, mit wieviel Fröhlichkeit und Billigung
Boccaccio andere erotische Streiche von Geistlichen erzählt, die nicht
besser sind als dieser (etwa 3,4 die Geschichte des Mönchs Don Fe-
lice, der den Ehemann seiner Geliebten zu einer lächerlichen Buß-
übung beredet, so daß er nachts außen bleibt, oder 3, 8 die von einem
Abt, der den Ehemann der seinigen für einige Zeit ins Purgatorio be-
fördert und dort auch noch büßen läßt).
Der Ausschnitt, den ich abgedruckt habe, bringt die Krisis der No-
velle; er besteht aus dem Gespräch der Madonna Lisetta mit ihrer
Gevatterin und den Folgen dieses Gespräches: Verbreitung des son-
derbaren Gerüchts in der Stadt, Entschluß der Verwandten, denen es
auch zu Ohren gekommen ist, den Engel abzufangen, und nächtliche
Szene, in der sich der Bruder durch den kühnen Sprung in den Kanal
aus der Gefahr des Augenblicks rettet. Das Gespräch zwischen den
beiden Frauen ist eine psychologisch wie stilistisch vorzüglich ge-

was von diesem Gerede zu Ohren kam, und deswegen ging er eines Nachts
zu der Frau, um sie auszuschelten. Kaum hatte er sich aber ausgezogen,
als ihre Schwäger, die ihn hatten kommen sehn, auch schon an der Tür
des Zimmers waren, um sie zu öffnen. Als Bruder Alberto das merkte,
wußte er sofort, was los war, sprang auf, öffnete, da er keine andere Mög-
lichkeit hatte zu entkommen, ein Fenster, das auf den Großen Kanal hin-
ausging. und warf sich ins Wasser. Es war an dieser Stelle tief, und er
konnte gut schwimmen, so daß er sich keinen Schaden tat; er schwamm
auf die andere Seite des Kanals, ging schnell in ein Haus, das dort offen
stand, und bat einen Mann, den er darin traf, er möge ihm um Gottes wil-
len das Leben retten, indem er ein Märchen erfand, wieso er zu dieser
Stunde und nackt hier sei. Der brave Mann bekam Mitleid. und da er ge-
rade in seinen eigenen Angelegenheiten fortgehen mußte, so legte er ihn in
sein Bett und sagte ihm, er solle bis zu seiner Rückkehr dort bleiben; dann
schloß er ihn ein und ging seinen Geschäften nach. Als die Schwäger der
Frau in das Zimmer eingedrungen waren, fanden sie, daß der Engel Ga-
briel fortgeflogen war ohne seine Flügel mitzunehmen; sie fühlten sich
daher um ihre Beute geprellt, sagten der Frau die ärgsten Grobheiten, lie-
ßen sie schließlich in einem jammervollen Zustand zurück und gingen mit
der Ausstattung des Engels nach Hause. (Teilweise nach der Übersetzung
A. Wesselskis.)
198 FRATE ALBERTO

formte, sehr lebendige Alltagsszene; sowohl die Gevatterin, die mit


heimtückischer Höflichkeit, ihr Lachen verbeißend, einige Zweifel
äußert, um Lisetta immer mehr ins Schwatzen zu bringen, als auch
diese selbst, die sich durch Prahlsucht noch über die Grenzen ihrer
angeborenen Dummheit hinaus verlocken läßt, wirken durchaus echt
und natürlich. Dennoch sind die Stilmittel, die Boccaccio verwendet,
keineswegs rein volkstümlich; seine an antiken Vorbildern und mittel-
alterlichen rhetorischen Vorschriften geschulte Prosa läßt all ihre
Künste spielen: Zusammenfassung vieler Tatbestände zur Periode,
Wechsel und Überschneidung der Wortstellung im Dienst der Her-
vorhebung des Wichtigen, des schnelleren oder langsameren Tempos
im Fortgang, der rhythmisch-melodischen Wirkung. Schon der Ein-
leitungssatz ist eine reiche Periode, und die beiden Gerundien essendo
und quistionando, das eine zu Anfang und das andere am Schluß,
mit dem behaglichen Raum dazwischen, sind ebenso wohlberechnet
wie die syntaktische Hervorhebung von la sua als Schluß der ersten
von zwei rhythmisch ganz ähnlich gebauten Klauseln, deren zweite
mit ogni altra schließt. Wenn es dann zum Reden kommt, da beginnt
die gute Lisetta vor lauter Selbstbegeisterung beinahe zu singen; se
voi sapeste a cui la mia bellezza piace ... Noch schöner ist ihre zweite
Rede, mit den vielen kurzen, beinah gleichsilbigen Satzteilen, in denen
der sogenannte cursus velox vorherrscht; der schönste von ihnen: ma
l'intendimento mio / e l'ägnolo Gabriello klingt als Echo in der Ant-
wort der Gevatterin wieder: se l'ägnolo Gabriello / e vöstro intendi-
11:eito. In dieser zweiten Rede treten zuerst Vulgarismen auf: inten-
dimento, wohl eher sozialen als lokalen Kolorits, dürfte in dieser Be-
deutung (etwa desiderium, im Libro de buen amor «entendedera»,
deutsch «Schatz») kaum der vornehmen Sprache angehören, ebenso-
wenig wie die (ebenfalls eine schöne Klausel liefernde) Redensart nel
mondo o in maremma. Je mehr sie sich ereifert, desto häufiger wer-
den die volkstümlichen und nun sogar dialektalen Formen: das vene-
zianische marido in dem bezaubernden Satz, der den Preis der eroti-
schen Leistungen des Engels Gabriel mit der Beschwörungsformel
per le piaghe di Dio bekräftigt, und der ebenfalls venezianische
Schlußeffekt mo vedi vu, dessen ordinäres Auftrumpfen um so komi-
scher wirkt, als sie eben noch wieder süß gesungen hat:...ma percioc-
ehe io gli paio piü bella che niuna che ne sia in cielo, s'e egli innamorato
di me ... Die beiden folgenden Perioden fassen die Verbreitung des
Gerüchts in der Stadt in zwei Etappen zusammen; die erste führt von
la comare bis zu der brigata di donne, die zweite von queste donne zu
Vinegia; oder, wenn man will, die erste von partita bis raccontö, die
zweite von dissero bis zu fu tutta ripiena; beide sind in sich bewegt:
FRATE ALBERTO 199
die erste durch die Ungeduld der Gevatterin, ihre Geschichte loszu-
werden, eine Ungeduld, deren Drängen und endliches Zurruhekom-
men in einer entsprechenden Bewegung der Verben (partita le parve
mille anni che ella fosse dove potesse e ragunatasi ordinata-
mente raccontö) vorzüglich herauskommt; die zweite durch die ge-
staffelte, parataktisch ausgedrückte Ausdehnung des Verbreitungs-
feldes. Von nun an wird die Erzählung schneller und dramatischer.
Schon der nächste Satz reicht von dem Augenblick, wo das Gerücht
den Verwandten zu Ohren dringt, bis zu ihrem nächtlichen Auflauern,
obgleich auch noch einige teils sachliche, teils psychologisch ausma-
lende Einzelheiten in ihm zur Sprache kommen; er scheint aber noch
vergleichsweise leer und ruhig neben den beiden darauffolgenden, die
die ganze nächtliche Szene im Hause Lisettas, bis zu Frate Albertos
kühnem Sprung, in zwei Perioden, die aber zusammen nur eine ein-
zige Bewegung sind, ablaufen lassen. Dies geschieht durch Schachte-
lung hypotaktischer Formen, wobei die von Boccaccio überhaupt
sehr viel verwendeten Partizipialkonstruktionen die Hauptrolle spie-
len. Der erste Satz beginnt noch ruhig mit seinem Hauptverbum
avenne und dem dazu gehörigen Subjektsatz che venne ...; aber in
dem daran sich anschließenden Relativsatz il quale, also einem Ne-
bensatz zweiten Grades, bricht die Katastrophe los: ... andatovi, ap-
pena spogliato s'era, che i cognati furono all'uscio. Und nun folgt
ein Sturm von sich jagenden Verbformen: sentendo, e avvisato, leva-
tosi, non avendo, aperse, e si gittä. Das wirkt, schon durch die Kürze
der sich drängenden Satzabschnitte, überaus schnell und dramatisch
sich überstürzend; es wirkt eben dadurch, trotz des gelehrt antiki-
sehen Ursprungs der verwendeten Stilformen, durchaus nicht schrift-
sprachlich, sondern bleibt im Ton der Erzählung, um so mehr als die
Stellung der Verben, und damit die Länge und das Tempo der zwi-
schen ihnen liegenden ruhigeren Satzstrecken, auf eine kunstvoll
spontane Weise ständig wechseln: sentendo und avvisato liegen dicht
beieinander, ebenso levatosi und non avendo, sehr bald folgt aperse,
aber erst nach dem auf das Fenster bezüglichen Relativsatz erscheint
das abschließende si gittä. Es ist mir übrigens nicht recht deutlich,
warum Boccaccio den Frate etwas von den umlaufenden Gerüchten
gehört haben läßt; ein so gewitzter Bursche wie er würde sich doch
wohl kaum in diese Gefahr begeben, bloß um Lisetta Vorwürfe zu
machen, wenn er etwas von der Gefahr ahnte; viel natürlicher wäre
es, so scheint mir, wenn er nichts ahnte; für seine schnelle und kühne
Flucht ist eine besondere Begründung durch einen schon vorher ge-
faßten Verdacht nicht erforderlich. Oder hatte Boccaccio einen ande-
ren Grund für diese Bemerkung? Ich sehe keinen. — Während der
200 FRATE ALBERTO
Bruder den Kanal durchschwimmt, wird die Erzählung einen Augen-
blick ruhiger, entspannter, langsamer; es treten Hauptverben im be-
schreibenden Imperfekt in parataktischer Ordnung auf; aber kaum
ist er drüben auf der anderen Seite angelangt, so geht das hastige Ge-
triebe der Verben wieder an, besonders bei seinem Eintritt in das
fremde Haus: prestamente se n'entrö, pregando che per l'amor di
Dio gli scampasse la vita, sue favole dicendo, perch fosse. Auch
die zwischen den Verben liegenden Strecken sind kurz oder drän-
gend; überaus konzentriert und eilig ist quivi a quella ora e ignudo.
Dann ebbt es ab; die folgenden Sätze sind zwar noch sehr vollgefüllt
mit tatsächlichen Angaben und somit auch mit Partizipialhypotaxen,
aber doch beherrscht von allmählich gleichmäßiger fortschreitenden,
durch «und» verbundenen Hauptsätzen: mise, et dissegli, e andä ;
recht dramatisch noch entrati trovarono che se n'era volato; all-
mählich sich entspannend in der parataktischen Folge dissero, e ulti-
mamente lasciarono stare, e tornarsi.
Von solchen Künsten ist in den älteren Erzählungen nichts zu fin-
den. Nehmen wir zunächst ein beliebiges Beispiel aus den altfranzö-
sischen Versschwänken, die zum großen Teil etwa ein Jahrhundert
vor Boccaccio entstanden sind. Ich wähle ein Stück aus dem fablel
Du prestre qui ot mere a force (aus der Berliner Handschrift Hamil-
ton 257, nach dem Text von G. Rohlfs, Sechs altfranzösische Fablels,
Halle 1925, Seite 12). Es ist dort von einem Priester die Rede, der
eine sehr bösartige, häßliche und geizige Mutter hat, die er von sei-
nem Hause fernhält, während er seine Geliebte sehr verwöhnt, insbe-
sondere mit Kleidungsstücken. Die zänkische Alte beklagt sich dar-
über, worauf er antwortet:
«Tesiez», dist il, «vos estes sote;
25 De quoi me menez vos dangier,
Se du pein avez a mengier,
De mon potage et de mes pois:
Encor est ce desor mon pois,
Car vos m'avez dit mainte honte.»
30 La vieille dit: «Rien ne vos monte
Que ie vodre d'ore en avant
Que vos me teigniez par covent
A grant honor com vostre mere.»
Li prestre a dit: «Par seint pere,
35 James du mien ne mengera.
Or face au pis qu'ele porra
Ou au mieus tant com ii li bist!»
«Si ferai, mes que bien vos poist»,
Fet cele, «car ie m'en irai
FRATE ALBERTO 201
40 A l'evesque et li conterai
Vostre errement et vostre vie,
Com vostre meschine est servie.
A mengier a ases et robes,
Et moi volez pestre de lobes;
45 De vostre avoir n'ai bien ne part.»
A cest mot la vieille s'en Part
Tote dolente et tot iree.
Droit a l'evesque en est allee.
A li s'en vient et si se claime
50 De son fiuz qui noient ne l'aime,
Ne plus que il feroit un chien,
Ne li veut il fere nul bien.
«De tot en tot tient sa meschine
Qu'il eime plus que sa cosine:
55 Cele a des robes a plente.»
Quant la vieille ot tot tonte
A l'evesque ce que li pot,
Il li respont a un seul mot,
A tant ne vot plus respondre,
60 Que il fera son fiz semondre,
Qu'il vieigne a court le jour nomme.
La vieille l'en a encline,
Si s'en Part sanz autre response.
Et l'evesque fist sa semonse
65 A son fil que il vieigne a court;
II le voudra tenir si court,
S'il ne fet reson a sa mere.
Je criem trop que il le compere.
Quant le termes et le jor vint,
70 Que li evesques ses plet tint,
Mout i ot eters et autres Benz,
Des proverres plus de deus cens.
La vieille ne s'est pas tue.
Droit a l'evesque en est venue
75 Si li reconte sa besoigne.
L'evesque dit qu'el ne s'esloigne,
Car tantost com ses fiz vendra,
Sache bien qu'il le soupendra
Et toudra tot son benefice ...1

1 Seid still, sagte er, Ihr habt ia den Verstand verloren! Worüber be-
klagt Ihr Euch eigentlich, wo Ihr doch Brot zu essen habt, und von meiner
Suppe und von meinen Erbsen? Und das tue ich auch schon sehr ungern,
denn Ihr führt immer böse Reden gegen inich.— Das nützt Euch alles
nichts, sagt die Alte; ich will, daß Ihr von nun an Euch verpflichtet, mich
als Eure Mutter recht in Ehren zu halten. — Der Pfarrer sagte: Beim hei-
202 FRATE ALBERTO

Das Wort soupendra versteht die Alte falsch; sie glaubt, ihr Sohn
soll gehängt werden. Sie bereut nun, ihn verklagt zu haben, und in
ihrer Angst bezeichnet sie den ersten besten eintretenden Priester als
ihren Sohn. Diesen Ahnungslosen fährt der Bischof dermaßen scharf
an, daß er gar nicht recht zu Worte kommt; er befiehlt ihm, seine alte
Mutter sofort mit sich zu nehmen und fortan anständig, wie es sich
gehört, zu behandeln; wehe, wenn ihm noch einmal Klagen kommen!
Der verdutzte Mann nimmt die Alte mit sich aufs Pferd und begegnet
auf dem Heimweg dem wirklichen Sohn der Alten, dem er sein Aben-
teuer erzählt, während die Alte ihrem Sohn Zeichen macht, er solle
sich nicht verraten. Der andere schließt seine Erzählung mit der Be-
teuerung, er wolle dem, der ihn von der unerwünschten Belastung be-
freit, gern vierzig livres geben. Gut, sagt der Sohn, das Geschäft ist
gemacht; gebt mir das Geld, ich nehme euch die Alte ab. Und so ge-
schieht es.
Auch hier beginnt das abgedruckte Stück der Erzählung mit einem
realistischen Gespräch, einer Alltagsszene, dem Zank zwischen Mut-
ter und Sohn, und auch hier enthält das Gespräch eine sehr lebendige

ligen Vater, die kriegt aber nichts mehr von dem Meinigen zu essen ; soll
sie nur das Schlimmste tun, was sie vermag, oder auch das Beste, wie es
ihr beliebt. — Ja das werde ich auch tun, sagt die Alte, so daß Ihr es be-
reuen sollt; denn ich werde zum Bischof gehen und ihm erzählen, was Ihr
für ein liederliches Leben führt, wie gut es Eure Geliebte hat; die hat zu
essen und Kleider genug, und mich wollt Ihr mit Redensarten abspeisen;
ich habe nicht den geringsten Teil an Eurem Wohlstand. — Mit diesen
Worten läuft die Alte davon, ganz verärgert und wütend. Sie ist gerade-
wegs zum Bischof gegangen; zu ihm kommt sie und beklagt sich über
ihren Sohn, der sie lieblos behandelt, gerade wie einen Hund, und ihr
nichts Gutes antun will: ihm geht seine Geliebte über alles, die liebt er
mehr als seine Verwandten, die hat Kleider in Hülle und Fülle. — Als die
Alte dem Bischof alles erzählt hat, so viel sie nur konnte, da antwortet er
ihr nur ein kurzes Wort (mehr wollte er ihr zunächst nicht antworten),
daß er ihren Sohn vorladen werde, er solle an einem bestimmten Tage vor
seinem Gerichte erscheinen. Die Alte hat sich dankend verbeugt, und geht
davon ohne weitere Antwort. Und der Bischof sandte seine Vorladung an
ihren Sohn, er solle an seinen Hof kommen; er wird ihm die Zügel schon
fest anziehen, wenn er seiner Mutter nicht ihr Recht werden läßt; ich
fürchte sehr, er wird es teuer bezahlen. Als nun der bestimmte Tag kam,
an dem der Bischof sein Gericht hielt, da gab es dort viele Geistliche und
andere Leute, und mehr als zweihundert Pfarrer. Die Alte hat nicht ge-
schwiegen, sie ist gerade zum Bischof gegangen und erzählt ihm nochmals
ihr Anliegen. Der Bischof sagt, sie solle sich nicht entfernen, denn gleich,
wenn ihr Sohn kommen wird, solle sie wissen, daß er ihn suspendieren
wird und ihm seine ganze Pfründe entziehen ...
FRATE ALBERTO 203
Steigerung: so wie dort die Gevatterin durch ihre heimtückisch lie-
benswürdigen Einwendungen Lisetta immer mehr ins Schwatzen
bringt, bis ihr Geheimnis heraus ist, so bringt hier die Alte ihren Sohn
durch zänkische Reden so auf, bis dieser in Wut gerät und ihr nun
auch seine Unterstützung durch Lebensmittel zu entziehen droht,
worauf die Mutter, ebenfalls in heller Wut, zum Bischof läuft. Ob-
gleich die Mundart des Stückes nicht leicht zu bestimmen ist (Rohlfs
hält die der Ile-de-France für wahrscheinlich), so ist doch der Ton des
Gesprächs weit unstilisierter volkstümlich als bei Boccaccio ; es ist
einheitlich so, wie das Volk, zu dem auch die niedere Geistlichkeit
gehört, zu sprechen pflegt: durchgehend parataktisch, mit lebhaften
Fragen und Ausrufen, voll von populären Wendungen und überaus
geradezu. Auch der Ton des Erzählers selbst ist nicht wesentlich ver-
schieden von dem seiner Personen; auch er erzählt in demselben ein-
fachen und lebhaft-sinnlichen Ton, mit den bescheidensten Mitteln
und den alltäglichsten Worten die Lage ausmalend. Die einzige Stili-
sierung, die er vornimmt, ist die Versform, der paarweis gereimte
Achtsilber, der ganz einfache und kurze Satzkonstruktionen begün-
stigt und noch nichts ahnt von der rhythmischen Mannigfaltigkeit
späterer erzählender Versarten, wie der Ariosts oder Lafontaines. Die
Ordnung der auf das Gespräch folgenden Erzählung wird auf diese
Art ganz kunstlos, wenn sie auch durch ihre Frische erfreulich ist; im
parataktischen Nacheinander, ohne Schürzung und Entwirrung, ohne
jede Zusammenfassung des Nebensächlichen, ohne jeden Wechsel des
Tempos läuft oder stolpert die Geschichte weiter; um die Pointe mit
soupendre anzubringen, muß die Szene der Alten vor dem Bischof
wiederholt werden, und der Bischof selbst muß dreimal Stellung neh-
men. Kein Zweifel, daß dadurch und überhaupt durch die vielen Ein-
zelheiten und Füllverse, die zur Überwindung von Reimschwierigkei-
ten eingeschaltet werden, die Erzählung eine angenehm behagliche
Breite gewinnt; aber ihre Komposition ist roh, und ihr Charakter ist
rein volkstümlich, in dem Sinne, daß der Erzähler selbst zu dem Volk
gehört, von dem er spricht, und auch natürlich zu dem, für das er
spricht; sein eigener Gesichtskreis ist, sozial und moralisch, nicht
größer als der seiner Personen und als der der Zuhörer, die er mit sei-
ner Geschichte zum Lachen bringen will; Erzähler, Erzählung und
Zuhörer gehören derselben Welt an, der des kleinen, ungebildeten,
ästhetisch und moralisch anspruchslosen Volkes. Damit hängt auch
die zwar lebhafte und anschauliche, aber vergleichsweise rohe und
unabgetönte Charakterisierung der Personen und ihrer Handlungs-
weise zusammen: es sind volkstümliche Typen wie sie jeder damals
kannte, ein weltlichen Genüssen aller Art zugänglicher, bäurische
204 FRATE ALBERTO

Priester und eine zänkische Alte; die Nebenpersonen sind gar nicht als
besondere Wesen gezeichnet, sondern nur ihr Verhalten, wie es sich
aus der Situation ergibt.
Von Frate Alberto hingegen wird die Vorgeschichte erzählt, aus der
die ganz eigentümliche Art seiner bösartigen und witzigen Schlauheit
sich erklärt; Madonna Lisettas Beschränktheit und ihr dummes Auf-
trumpfen auf ihre weiblichen Reize sind in dieser Mischung einzig in
ihrer Art. Nicht anders ist es mit den Nebenpersonen; die Gevatterin
oder der buono uomo, zu dem Frate Alberto sich rettet, besitzen ein
zwar nur flüchtig angedeutetes, aber doch deutlich erkennbares eige-
nes Leben und Wesen; ja selbst von der Art und Stimmung der Ver-
wandten Madonna Lisettas wird uns etwas ganz scharf Charakteri-
sierendes verraten in dem grimmigen Witz si posero in cuore di tro-
vare questo agnolo e di sapere se egli sapesse volare; die letzten Worte
nähern sich der Form, die man neuerdings erlebte Rede nennt. Zu all
dem kommt noch, daß der Schauplatz des ganzen Ereignisses viel
schärfer bestimmt ist als in dem fablel; dies kann überall in französi-
schen bäurischen Bezirken spielen, und seine dialektale Eigentümlich-
keit, selbst wenn sie sich genauer bestimmen ließe, wäre ganz zufällig
und ohne Bedeutung; Boccaccios Erzählung ist ausgesprochen vene-
zianisch. Dabei erinnert man sich, daß das französische fablel ganz
allgemein an ein bestimmtes Milieu von Bauern und kleinen Bürgers-
leuten gebunden ist, dessen lokale Verschiedenheiten, soweit über-
haupt solche bemerkbar sind, lediglich durch den Zufall des Entste-
hungsortes des betreffenden Stückes bedingt sind; bei Boccaccio aber
haben wir es mit einem Autor zu tun, der neben diesem venezianischen
Schauplatz noch viele andere Schauplätze für seine Schwänke gewählt
hat: etwa Neapel in der Novelle von Andreuccio da Perugia (2,5),
Palermo in der von Sabaetto (8,10), Florenz und seine Umgebung in
einer langen Reihe von Schwänken; und was von den Schauplätzen
gilt, das gilt ebenso vom gesellschaftlichen Milieu: Boccaccio über-
sieht und schildert auf das Konkreteste alle Gesellschaftsschichten,
Berufe und Stände seiner Zeit. Der Abstand zwischen der Kunst des
fablels und der Boccaccios zeigt sich durchaus nicht nur im Stilisti-
schen: Charakterisierung der Personen, lokaler und sozialer Schau-
platz sind zugleich viel schärfer individualisiert und viel weiträumi-
ger; der bewußte Kunstverstand eines Mannes, der über seinen Ge-
genständen steht und nur in dem Maße, als es ihm selbst gefällt, sich
in sie hineinversenkt, formt die Erzählungsgebilde nach seinem Willen.
Was die italienischen Erzählungen betrifft, die aus der Zeit vor Boc-
caccio bekannt sind, so haben sie eher den Charakter von morali-
schen oder witzigen Anekdoten; für die eigentümliche Darstellung
FRATE ALBERTO 205
der Personen oder Schauplätze sind sowohl ihre sprachlichen Mittel
wie der Kreis ihrer Anschauungen und Vorstellungen zu beschränkt.
Sie haben vielfach eine gewisse spröde Eleganz des Ausdrucks, ste-
hen aber an sinnlicher Schlagkraft weit hinter den fablels zurück.
Hier ein Beispiel :
Uno s'andö a confessare al prete suo, ed intra l'altre tose disse: Io ho
una mia cognata, e'l mio fratello e lontano; e quando io ritorno a casa,
per Brande domistichezza, ella mi si pone a sedere in grembo. Come debbo
fare? Rispose il prete: A me il facesse ella, ch'io la ne pagherei bene!'
(Aus dem Novellino, ed. Letterio di Francia, Torino 1930. Novella 87,
p.146.)
In diesem kleinen Stück kommt es lediglich auf die komisch dop-
peldeutige Antwort des Priesters an, alles übrige ist nur Vorbereitung
und wird in etwas dünner Parataxe, ohne jede sinnliche Vergegenwär-
tigung, geradlinig berichtet; sehr viele Geschichten des Novellino
sind ähnlich kurze Anekdoten, die einen witzigen Ausspruch zum Ge-
genstand haben; einer der Nebentitel des Buches lautet dementspre-
chend Libro di Novelle e di bel parlar gentile. Es enthält auch längere
Stücke; diese sind zumeist keine Schwänke, sondern moralisch-didak-
tische Erzählungen; der Stil ist aber überall der gleiche: dünn para-
taktisch, die Vorgänge wie an einem Faden aufreihend, ohne sinnliche
Breite und ohne Lebensraum der Personen. Der unleugbare Kunst-
verstand des Novellino bemüht sich hauptsächlich um kurze und
deutliche Formulierung der Hauptdaten des jeweils erzählten Ereig-
nisses; er folgt darin dem Beispiel der mittelalterlichen Sammlungen
von moralischen Beispielen in lateinischer Sprache, der exempla, und
er übertrifft sie durch Ordnung, Eleganz und Frische des Ausdrucks;
um sinnliche Vergegenwärtigung bemüht er sich kaum, aber es ist
klar, daß diese Beschränkung bei ihm und seinen italienischen Zeit-
genossen bedingt ist durch die sprachliche und geistige Lage, in der
sie sich befanden. Das italienische Vulgare war noch zu arm und un-
gelenk, der Horizont der Anschauungen und Urteile war noch zu eng
und unfrei, um ein lockeres Schalten mit den Tatbeständen und ein
sinnliches Gestalten mannigfaltiger Phänomene zu ermöglichen; die
gesamte sinnliche Gestaltungskraft konzentriert sich auf eine Pointe,
wie in unserem Beispiel auf die Antwort des Priesters. Wenn man aus
einem einzigen Fall, dem des lateinisch schreibenden Chronisten Fra
1 Einer ging zu seinem Priester zur Beichte und sagte ihm unter ande-
rem: Ich habe eine Schwägerin, und mein Bruder ist auf Reisen; und wenn
ich nach Hause komme, da ist sie so zutraulich und setzt sich auf meinen
Schoß. Was soll ich da machen? Der Priester antwortete: Das sollte die
mal mit mir probieren, da würde sie schon sehen, was ihr passiert!
206 FRATE ALBERTO

Salimbene de Adam, eines Franziskaners und überaus begabten


Schriftstellers, einen Schluß ziehen darf, so scheint am Ende des 13.
Jahrhunderts das Lateinische, sobald man es wie Salimbene kräftig
mit italienischen Vulgarismen durchsetzte, weit mehr sinnliche Kraft
hergegeben zu haben als das geschriebene Italienisch. Salimbenes
Chronik ist voll von Anekdoten; eine derselben, die von anderen und
von mir selbst mehrfach zitiert worden ist, will ich hierher setzen. Sie
handelt von einem Franziskaner namens Detesalve und erzählt von
ihm folgendes:
Cum autem quadam die tempore yemali per civitatem Florentie ambu-
laret, contigit, ut ex lapsu glatiei totaliter caderet. Videntes hoc Floren-
tini, qui trufatores maximi sunt, ridere ceperunt. Quorum unus quesivit a
fratre qui ceciderat, utrum plus vellet habere sub se? Cui frater respondit
quod sic, scilicet interrogantis uxorem. Audientes hoc Florentini non ha-
buerunt malum exemplum, sed commendaverunt fratrem dicentes: Bene-
dicatur ipse, quia de nostris est! — Aliqui dixerunt quod alius Florentinus
fuit, qui dixit hoc verbum, qui vocabatur frater Paulus Millemusce ex or-
dine Minorum. (Chronica, ad annum 1233: Ausgabe der Monumenta
Germaniae historica, Scriptores XXXII, p.79.)
Auch hier handelt es sich um eine witzige Antwort, um ein bel par-
lare ; aber es ist zugleich eine wirkliche Szene; eine Winterlandschaft,
der ausgeglittene Mönch, der daliegt, die Florentiner, die um ihn her-
umstehen und ihre Witze machen. Die Charakterisierung der Perso-
nen ist viel lebhafter, und neben der Hauptpointe (interrogantis uxo-
rem) finden sich noch andere Witzworte und Vulgarismen (utrum
plus vellet habere sub se; benedicatur ipse quia de nostris est; frater
Paulus Mille-musce ; vorher schon trufatores), die wegen ihres durch-
scheinenden lateinischen GeWandes doppelt komisch und würzig an-
muten. Sinnliche Anschauung und Freiheit des Ausdrucks sind hier
weit entwickelter als im Novellino.
Aber was man auch aus der früheren Zeit heranziehen mag, die
bäurisch-rohe, sinnliche Breite der Fabliaux, oder die dünne, sinnlich
arme Eleganz des Novellino, oder den lebhaften, anschauungsreichen

1 Als er eines Tages im Winter in Florenz spazieren ging, geschah es,


daß er auf dem glatt gefrorenen Boden lang hinschlug. Als die Florentiner,
die große Spaßvögel sind, das sahen, fingen sie an zu lachen, und einer
fragte den Frater, ob man ihm nicht etwas unterlegen solle? Der Frater
antwortete ihm, ja, nämlich die Frau des Fragenden. Als sie das hörten,
nahmen es die Florentiner nicht übel, sondern priesen den Bruder und
sagten: Bravo, der paßt zu uns! — Manche behaupten, das Wort stamme
von einem anderen Florentiner, namens Frater Paul Tausendfliegen vom
Minoritenorden.
FRATE ALBERTO 207
Witz Salimbenes, so läßt sich doch nichts davon mit Boccaccio ver-
gleichen; bei ihm erst wird die Welt der sinnlichen Erscheinungen im
Ganzen beherrscht, nach einer bewußten Kunstgesinnung geordnet
und von der Sprache ergriffen. Erst sein Decamerone fixiert zum er-
stenmal seit der Antike eine bestimmte Höhenlage des Stils, in wel-
cher die Erzählung von wirklichen Vorkommnissen des gegenwärti-
gen Lebens zu einer gebildeten Unterhaltung werden kann; sie dient
nicht mehr als moralisches Exemplum, sie dient auch nicht mehr der
anspruchslosen Lachlust des Volkes, sondern der Erheiterung eines
Kreises von vornehmen und wohlgebildeten jungen Menschen, Her-
ren und Damen, die sich am sinnlichen Spiel des Lebens ergötzen, die
feines Gefühl, Geschmack und Urteil besitzen; diese Absicht seines
Erzählens zu bekunden hat er den Rahmen geschaffen. Die Stillage
des Decameron erinnert sehr stark an das entsprechende antike genus,
an den antiken Liebesroman, die fabula milesiaca. Das ist nicht ver-
wunderlich, da die Einstellung des Schriftstellers zu seinem Gegen-
stand, und die Publikumsschicht, für die das Werk bestimmt ist, sich
in beiden Epochen ziemlich genau entsprechen, und da auch für Boc-
caccio der Begriff der schriftstellerischen Kunst sich mit dem der
Rhetorik verband. Ganz wie in den antiken Romanen beruht Boc-
caccios Sprachkunst auf einer rhetorischen Formung der Prosa, ganz
wie bei ihnen ist der Stil zuweilen an der Grenze des Poetischen; auch
er gibt zuweilen dem Gespräch die Form einer wohlgesetzten Rede;
und das Gesamtbild eines «mittleren» oder gemischten Stils, der Rea-
listik und Erotik mit eleganter Sprachformung verbindet, ist ganz
ähnlich. Doch während der antike Roman eine Spätform ist, die sich
in Sprachen verkörpert, die lange vorher ihr Bestes gegeben haben,
findet Boccaccios Stilwille eine noch kaum geborene, fast noch unge-
formte Literatursprache vor; die rhetorische Überlieferung, in der
mittelalterlichen Praxis zu einem fast gespenstisch greisenhaften Me-
chanismus erstarrt, gerade eben in der Dantezeit von den ersten
Übersetzern antiker Autoren noch schüchtern und spröde am italie-
nischen Volgare erprobt, wird in seinen Händen zu einem Wunder-
werkzeug, welches die italienische Kunstprosa, die erste literarische
Prosa des nachantiken Europa, mit einem Schlage entstehen läßt. Sie
ist in dem Jahrzehnt entstanden, das zwischen seinen ersten Jugend-
werken und dem Decamerone liegt.
Boccaccios Anlage ist auf spontane Art sinnlich, zu lieblich fließen-
der, von Sinnlichkeit durchtränkter und eleganter Formung geneigt;
er ist von vornherein nicht für den hohen, sondern für den mittleren
Stil geschaffen; und die Gesellschaft des Hofes der Anjou in Neapel,
wo mehr als im übrigen Italien die spielerisch eleganten Spätformen
208 FRATE ALBERTO

der nordfranzösisch ritterlichen Kultur Geltung hatten, und wo er


seine Jugend verlebte, hat seiner Anlage reiche Nahrung gegeben.
Seine ersten Werke sind Bearbeitungen von französischen, abenteuer-
lich-ritterlichen Liebesromanen des späthöfischen Stils, und in ihrer
Art ist, so scheint mir, etwas Französisches zu fühlen: das breiter Zu-
ständliche seiner Schilderungen, das naive Raffinement und die zar-
ten Abtönungen des Liebesspieles, das spätfeudal Mondäne seiner
gesellschaftlichen Schilderungen, das Maliziöse seines Witzes; doch
je reifer er wird, desto stärker wird daneben das Bürgerliche, Huma-
nistische und vor allem die Beherrschung des kräftig Volkstümlichen.
Jedenfalls dient die Neigung zu rhetorischer Überhöhung, die auch für
ihn eine Gefahr bedeutete, in seinen Jugendwerken ausschließlich der
Darstellung sinnlicher Liebe, und ihr dient auch das Übermaß an
mythologischer Gelehrsamkeit und der konventionelle Allegorismus,
die in einigen der Jugendwerke sich geltend machen; damit bleibt er,
auch wenn er zuweilen darüber hinausstrebt (Teseida), in den Gren-
zen des mittleren Stiles, der, das Idyllische und das Realistische ver-
einend, zur Darstellung der sinnlichen Liebe bestimmt ist. Mittleren,
idyllischen Stiles ist auch das letzte, weitaus schönste seiner Jugend-
werke, das Ninfale fiesolano ; und mittleren Stiles ist das große Buch
der hundert Novellen. Für die Bestimmung der Stillage ist es nicht
von Bedeutung, welche von den Jugendwerken ganz oder teilweise in
Versen, und welche in Prosa geschrieben sind; überall ist die Atmo-
sphäre die gleiche.
Innerhalb der mittleren Stillage sind freilich die Abtönungen des
Decamerone sehr mannigfaltig, und die Grenzen sind weit gesteckt;
doch selbst wo sich die Erzählungen dem Tragischen nähern, bleiben
Ton und Atmosphäre im Gefühlvoll-Sinnlichen, und vermeiden das
Erhabene und Schwere; und auch wo sie noch weit mehr als in unse-
rem Beispiel Motive der groben Farce verwerten, bleiben Sprachform
und Darbietung insofern vornehm, als stets unverkennbar Erzähler
und Zuhörer weit über dem Gegenstand stehen, und an ihm, von oben
her kritisch betrachtend, sich auf leichte und elegante Weise ergötzen.
Gerade an den mehr volkstümlich-realistischen und sogar grob far-
cenhaften Gegenständen ist die Eigentümlichkeit des mittleren ele-
ganten Stiles am besten zu erkennen; denn aus der Formung solcher
Erzählungen läßt sich entnehmen, daß es eine Schicht gibt, die, selbst
über den niederen Bezirken des alltäglichen Lebens stehend, an ihrer
lebendigen Darstellung Freude hat, und zwar eine Freude, die auf das
individuell Menschliche und Sinnliche ausgeht, nicht auf den ständi-
schen Typus; all die Calandrinos, Cipollas und Pietros, die Peronel-
las, Caterinas und Belcolores sind ebenso wie Frate Alberto und Li-
FRATE ALBERTO 209
setta ganz anders lebendig individualisierte Menschen als der villain
oder die Hirtin, die gelegentlich in der höfischen Poesie Zutritt hat-
ten; sie sind sogar noch weit lebendiger, und in ihrer eigentümlichen
Form genauer als die Figuren der volkstümlichen Farce, wie wir das
oben gesehen haben; obgleich doch das Publikum, dem sie gefallen
sollen, ganz anderen Standes ist als sie. Es gibt offenbar zur Zeit Boc-
caccios eine Schicht, die, selbst hohen Standes, freilich nicht feudal,
sondern der städtischen Aristokratie angehörig, an der bunten Wirk-
lichkeit des Lebens, wo auch immer sie erscheint, ein gebildetes Ver-
gnügen empfindet. Es ist zwar insofern die Trennung der Bezirke ge-
wahrt, als die grob realistischen Stücke meist in sozial niederen
Schichten, die gefühlvoll sich dem Tragischen nähernden meist in
höheren spielen; allein auch das wird nicht streng eingehalten, da das
Bürgerliche und das sentimental Idyllische leicht Grenzfälle ergeben;
auch sonst ist in dieser Hinsicht die Mischung häufig (z. B. die Novelle
von Griselda, 10,10).
Die gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Entstehung eines im
antiken Sinne mittleren Stiles waren in Italien seit der ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts gegeben; es war in den Städten eine gehobene
Schicht von patrizischen Bürgern aufgekommen, deren Gesittung
zwar noch vielfach an die Formen und Vorstellungen der feudal-höfi-
schen Kultur anknüpfte, die ihr aber bald, infolge der ganz verschie-
denen gesellschaftlichen Struktur und unter dem Einfluß frühhumani-
stischer Strömungen, ein neues, weniger ständisches, stärker persön-
liches und realistisches Gepräge gaben. Die innere und die äußere
Anschauung erweiterte sich, sie warf die Fesseln der ständischen Be-
schränkung ab, sie brach sogar'ein in das vorher den geistlichen Fach-
leuten reservierte Gebiet des Wissens und gab ihm allmählich die an-
genehme, freundliche, dem gesellschaftlichen Verkehr dienende Form
der Bildung. Die eben noch so spröde und ungelenke Sprache wurde
biegsam, reich, abgetönt und blühend und erwies sich den Bedürfnis-
sen des gewählten und von eleganter Sinnlichkeit erfüllten gesell-
schaftlichen Lebens gefällig; die gesellschaftliche Literatur gewann,
was sie bis dahin nicht besessen hatte: wirkliche gegenwärtige Welt.
Ohne Zweifel steht nun dieser Gewinn in genauer Verbindung mit
dem weit bedeutenderen, auf einer höheren Stilebene erworbenen
Weltgewinn, den eine Generation vorher Dante gemacht hatte; und
diese Verbindung wollen wir jetzt zu analysieren versuchen. Dazu
kehren wir zu unserem Text zurück.
Das augenfällig Eigentümlichste an ihm, wenn man ihn älteren Er-
zählungen gegenüberstellt, ist die Sicherheit, mit der er vielteilige Tat-
bestände in der Anschauung und der syntaktischen Gliederung be-
14
210 FRATE ALBERTO

herrscht, und die Geschmeidigkeit, mit der er Tonlage und Tempo


der Erzählung der inneren und äußeren Bewegung des Geschehens
anpaßt; wir haben das oben im einzelnen zu zeigen versucht. Das Ge-
spräch der beiden Frauen, die Verbreitung des Gerüchts in der Stadt
und die dramatische nächtliche Szene im Hause Lisettas sind zu ei-
nem klar übersehbaren Zusammenhang gestaltet, in dem jeder Teil
seine selbständige, reiche und frei schwingende Eigenbewegung hat.
Daß Dante dieselbe Fähigkeit der Beherrschung einer noch so viel-
teiligen und verschieden getönten Wirklichkeit besitzt, wie kein an-
derer uns bekannter Schriftsteller des Mittelalters auch nur entfernt
in dem gleichen Maße, das habe ich im vorhergehenden Kapitel an
dem Beispiel der Ereignisse zu Beginn des 10. Gesanges der Hölle ge-
nau zu zeigen versucht. Der Zusammenschluß des Ganzen, der Wech-
sel des Tones und des rhythmischen Schwunges etwa zwischen dem
Anfangsgespräch und dem Erscheinen Farinatas, oder beim Empor-
tauchen Cavalcantes und in seinen Reden, das souveräne Verfügen
über die syntaktischen Werkzeuge der Sprache ist dort so genau es
mir möglich war analysiert worden. Dantes Beherrschung der Er-
scheinungen wirkt weit ungeschmeidiger, aber auch weit bedeutender
als die gleiche Fähigkeit Boccaccios ; schon der schwere Takt der Ter-
zinen mit ihrem strengen Reimgefüge erlaubt ihm nicht eine so freie
und leichte Bewegung wie sie sich Boccaccio gestattet, und er würde
sie überdies verachtet haben. Aber es ist unverkennbar, daß Dantes
Werk den Blick auf die allgemeine und vielfältige Welt der mensch-
lichen Wirklichkeit zum ersten Male geöffnet hat. Zum erstenmal seit
der Antike zeigt sie sich frei und allseitig, ohne ständische Beschrän-
kung, ohne Einengung des Gesichtsfeldes, in einer Anschauung, die
sich unbehindert überallhin wendet, einem Geiste, der alle Erschei-
nungen lebendig ordnet, und einer Sprache, die sowohl der Sinnlich-
keit der Erscheinungen wie ihrem vielfältig geordneten Ineinander-
greifen Genüge tut. Ohne die Komödie hätte der Decamerone nie
geschrieben werden können. Das leuchtet ein, und es ist auch deut-
lich, daß die reiche Welt Dantes bei Boccaccio in eine tiefere Stillage
transponiert ist; letzteres wird besonders anschaulich, wenn man
zwei ähnliche Bewegungen vergleicht, wie in unserem Text den Satz
Lisettas: Comare, egli non si vuol dire, ma l'intendimento mio 6
l'agnolo Gabriello, mit Inf. 18, 52, wo Venedico Caccianimico sagt:
Mal volentier lo dico; / ma sforzami la tua chiara favella, / Che mi fa
sovvenir del mondo antico. Es sind selbstverständlich nicht Beobach-
tungsgabe und Ausdruckskraft, die Boccaccio Dante verdankt; diese
Eigenschaften besaß er von sich aus, und zwar in einer ganz anderen
Weise als Dante; sein Interesse richtet sich auf Erscheinungen und
FRATE ALBERTO 211
Gefühle, die Dante zu behandeln verschmäht haben würde. Was er
Dante verdankt, ist die Möglichkeit von seinem Talent einen so freien
Gebrauch zu machen; den Standort zu gewinnen, von dem aus die
ganze gegenwärtige Welt der Erscheinungen übersehen, in all ihrer
Vielfältigkeit ergriffen und von einer biegsamen und ausdrucksreichen
Sprache wiedergegeben werden kann. Durch die Kraft Dantes, die es
vermochte, all den verschiedenen menschlichen Erscheinungen seines
Werkes, Farinata und Brunetto, Pia de' Tolomei und Sordello, Franz
von Assisi und Cacciaguida gerecht zu werden, sie aus ihren eigenen
Bedingungen erstehen und in ihrer eigenen Sprache reden zu lassen,
wurde es möglich, daß Boccaccio das gleiche gelang für Andreuccio
und Frate Cipolla oder seinen Diener, für Ciappelletto und den Bäk-
ker Cisti, für Madonna Lisetta und Griselda. Zu dieser Kraft der syn-
thetischen Welt-Anschauung gehört auch ein zwar festes, aber trotz-
dem elastisch-perspektivisches kritisches Bewußtsein, welches ohne
abstrakte Moralisierung den Erscheinungen ihren eigentümlichen,
genau abgetönten moralischen Wert zuteilt, ja ihn aus ihnen selbst
hervorleuchten läßt. Boccaccio fährt in unserer Erzählung, als die
Schwäger con gli arnesi del agnolo nach Hause zurückgekehrt sind,
folgendermaßen fort: In questo mezzo, fattosi il di chiaro, essendo il
buono uomo in sul Rialto, udi dire come l'agnolo Gabriello era la
notte andato a giacere con Madonna Lisetta, e da cognati trovatovi,
s'era per paura gittato nel canale, ne si sapeva che divenuto se ne
fosse'. Der Ton scheinbaren Ernstes, der nicht einmal ausspricht, daß
sich die Venezianer auf dem Rialto totlachen, insinuiert, ohne ein
moralisches oder ästhetisches oder sonstwie kritisches Wort laut wer-
den zu lassen, mit voller Deutlichkeit die Wertung des Ereignisses
und die Stimmung der Venezianer; hätte Boccaccio statt dessen ge-
sagt, wie hinterlistig Frate Alberto, wie dumm und leichtgläubig Ma-
donna Lisetta gehandelt habe, wie lächerlich und absurd das Ganze
sei, und wie sehr die Venezianer auf dem Rialto darüber sich amüsie-
ren, so wäre dies Vorgehen nicht nur viel schwerfälliger gewesen, son-
dern es hätte die moralische Atmosphäre, die mit noch so vielen Ad-
jektiven nicht zu erschöpfen ist, längst nicht mit der gleichen Schlag-
kraft verdeutlicht. Das Stilmittel, das Boccaccio verwendet, ist in der
Antike sehr hoch geschätzt worden und wurde damals schon «Ironie»

Inzwischen war es heller Tag geworden, und der gute Mann hörte auf
dem Rialto erzählen, wie der Engel Gabriel heut nacht zu Madonna Li-
setta gekommen sei, um mit ihr zu schlafen, und wie er, von ihren Ver-
wandten entdeckt, sich aus Furcht in den Kanal geworfen habe; und daß
man nicht wisse, was aus ihm geworden sei.
212 FRATE ALBERTO

genannt; eine solche mittelbare, indirekt insinuierende Redeform hat


zur Voraussetzung ein komplexes und vielfältiges System von Wer-
tungsmöglichkeiten und auch ein perspektivisches Bewußtsein, wel-
ches mit dem Ereignis zugleich seine Wirkung insinuiert; daneben
wirkt Salimbene, der in seine oben zitierte Anekdote den Satz: viden-
tes hoc Florentini, qui trufatores maximi sunt, ridere coeperunt ein-
schaltet, noch sehr naiv. Die hier bei Boccaccio vorliegende Tönung,
die der maliziösen Ironie, ist ihm eigentümlich; sie findet sich nicht in
der Komödie; Dante ist nicht maliziös. Aber die Weite des Ausblicks,
die Schärfe in der Wiedergabe einer genau bestimmten, komplexen
Wertung durch indirekt insinuierende Mittel, das perspektivische Be-
wußtsein in der Zusammenfassung von Ereignis und Wirkung hat er
geschaffen. Er sagt uns nicht, wer Cavalcante ist, was er fühlt und wie
das alles zu beurteilen sei; er läßt ihn emportauchen und sprechen
und fügt nur hinzu: le sue parole eil modo de la pena m'avean di
costui giä letto il nome. Noch lange bevor wir etwas Einzelnes erfah-
ren, fixiert er die moralische Tönung der Brunetto-Episode (Inf. 15):
Cosi adocchiato da total famiglia
fui conosciuto da un che mi prese
per lo lembo e gridä: Qual maraviglia!
E io, quando '1 suo braccio a me distese,
ficcai ii occhi per lo cotto aspetto,
si che '1 viso abbrucciato non difese
la conoscenza sua al mio intelletto;
e chinando la mia a la sua faccia
rispuosi: Siete voi qui, ser Brunetto?
E quelli: 0 figliuol mio ...1
Ohne ein Wort des Kommentars gibt er uns die ganze Pia de' Tolo-
mei in ihren eigenen Worten (Purg. 5, vgl. oben Seite 193):
Deh, quando tu sarai tornato al mondo
e riposato de la lunga via
(seguitö il terzo spirito al secondo),
ricorditi di me che son la Pia ...2

Also angeäugt von dieser Gesellschaft, ward ich erkannt von einem,
der mich beim Saum faßte und rief: «Welch ein Wunder!» Und ich, als
er den Arm nach mir ausstreckte, drang mit den Augen durch die glut-
zerfressene Erscheinung, bis daß die Verbrennung des Antlitzes meinem
Geist nicht mehr verwehrte, es wiederzuerkennen; und mein Gesicht zu
dem seinen neigend, antwortete ich: «Seid ihr hier, Herr Brunetto?» Und
jener: «0 mein Sohn ...»
2 «Oh, wenn du wieder in die Welt zurückgekehrt bist und ausgeruht
hast von dem langen Wege» (so folgte der dritte Geist dem zweiten), «er-
innere dich meiner: ich bin Pia ...»
FRATE ALBERTO 213
Und aus der Fülle von Beispielen, in denen Dante die Wirkung von
Erscheinungen, oder auch die Erscheinungen aus ihrer Wirkung illu-
striert, wähle ich den berühmten Vergleich mit den Schafen, die aus
der Umzäunung herausdrängen, mit dem er die langsame Lösung des
Staunens der Gruppe im Vorpurgatorio beim Anblick Vergils und
Dantes beschreibt (Purg. 3). Gegenüber solchen mit genauester An-
schauung des Individuellen und mit den vielfältigsten und subtilsten
Mitteln der Sprache vorgehenden Charakterisierungsmethoden wirkt
alles Frühere eng und grob und auch ohne rechte Ordnung, sobald es
den Erscheinungen nahe zu kommen sucht; man denke etwa an die
Verse, mit denen der Dichter des oben zitierten Fablels die alte Mut-
ter seines Priesters beschreibt:
Qui avoit une vieille mere
Mout felonnesse et mout avere;
Bochue estoit, noire et hideuse
Et de touz biens contralieuse.
Tout li mont l'avoit contre cuer,
Li prestres meisme a nul fuer
Ne vosist pour sa desreson
Qu'el entrast ja en sa meson ;
Trop ert parlant et de pute ere ...1
Das ist keineswegs unanschaulich, und der Übergang von der allge-
meinen Charakteristik zur Wirkung auf die Umwelt, sodann die «ja
sogar»-Steigerung zum Verhalten des Sohnes zeigt eine natürliche
und lebendige Folge; aber es ist alles aufs gröbste und roheste gesagt,
ohne jede persönliche und genaue Erfassung; die Adjektive, die doch
die Hauptarbeit der Charakterisierung zu leisten haben, scheinen
wahllos in die Verse hineingestreut zu sein, wie es Silbenzahl und
Reim erlaubten, moralische und körperliche Eigenschaften bunt
durcheinander. Selbstverständlich ist die ganze Charakterisierung
direkt gegeben. Freilich verschmäht Dante das unmittelbare Charak-
terisieren durch Adjektive keineswegs, zuweilen durch Adjektive all-
gemeinsten Inhalts; das sieht aber dann etwa so aus:
La mia sorella che tra bella e buona
non so Qual fosse piü ...2 (Purg. 24, 13/4)

1 Er hatte eine alte Mutter, die eine gräßliche Person und sehr habsüch-
tig war; bucklig war sie, schwarz und garstig, allem Guten abgeneigt; nie-
mand mochte sie leiden; sogar der Pfarrer wollte, wegen ihrer Verrückt-
heit, unter keinen Umständen zulassen, daß sie in sein Haus kam; sie war
allzu geschwätzig und widerwärtig ...
Meine Schwester, ich weiß nicht, war sie mehr schön oder mehr gut ...
214 FRATE ALBERTO

Ebensowenig verschmäht Boccaccio die unmittelbare Methode des


Charakterisierens. In unserem Text finden sich gleich zu Anfang zwei
populäre Redensarten zur direkten Veranschaulichung der Dummheit
Madonna Lisettas: che poco sale avea in zucca und che piccola leva-
tura avea. Liest man den Anfang der Novelle, so findet sich noch eine
ganze Sammlung ähnlicher Art und gleicher Absicht: una giovane
donna bamba e sciocca ; sentiva dello scemo; donna mestola ; donna
zucca al vento, la quale era anzi che no un poco dolce di sale; madonna
baderla ; donna poco fila. Diese kleine Kollektion ist wie ein lustiges
Spiel, das Boccaccio mit seiner Kenntnis volkstümlicher Scherzaus-
drücke treibt, und dient vielleicht auch dazu, die lebhafte Laune der
Erzählerin Pampinea zu schildern, die mit dieser Novelle die durch
die vorhergehende Geschichte bis zu Tränen gerührte Gesellschaft
wieder erheitern will. Jedenfalls liebt Boccaccio solch ein Spiel mit
mannigfaltigen Redewendungen, die der energischen und erfindungs-
reichen Sprachkraft des Volkes entstammen; man denke etwa an die
Art, wie in der 10. Novelle des 6. Tages der Diener von Frate Cipolla,
Guccio, charakterisiert wird, teils direkt, teils durch seinen Herrn; ein
Musterbeispiel der Boccaccio eigentümlichen Mischung von Volks-
tümlichkeit und subtiler Malice, ausklingend in einer der schönsten
und weitgespanntesten Perioden, die Boccaccio geschrieben hat (ma
Guccio Imbratta il quale era etc.), in der die Stillage von der bezau-
berndsten lyrischen Bewegung ( piü vago di stare in cucina che sopra
i verdi rami l'usignolo) über den krassesten Realismus (grassa e
grossa e piccola e mal fatta e con un paio di poppe che parevan due
ceston da letame etc.) bis zu einem Anklang an das pathetisch Gräß-
liche (non altramenti che si gitta l'avoltoio alla carogna) wechselt, zu
einem Ganzen gefügt von der überall durchscheinenden Malice des
Schriftstellers.
Ohne Dante wäre ein solcher Reichtum an Tönungen und Perspek-
tiven kaum möglich gewesen. Aber von der figural-christlichen An-
schauungsart, die Dantes Nachahmung der irdisch-menschlichen
Welt erfüllte, und die ihr Kraft und Tiefe gegeben hatte, ist in Boc-
caccios Buch nichts mehr zu spüren. Seine Gestalten leben auf der
Erde und nur auf der Erde; er sieht die Fülle der Erscheinungen un-
mittelbar als reiche Welt der irdischen Formen. Dazu war er berech-
tigt, da er ja kein großes, schweres, erhabenes Werk schreiben wollte;
mit sehr viel mehr Berechtigung als Dante nennt er den Stil seines
Buches « umilissimo e rimesso» (Einleitung zum vierten Tage), denn
er schreibt wirklich zur Unterhaltung der Ungelehrten, zum Trost
und zur Erheiterung der nobilissime donne, die nicht nach Athen oder
Rom oder Bologna gehen, um zu studieren. Mit sehr viel Witz und
FRATE ALBERTO 215
Anmut verteidigt er sich in seinem Schlußwort gegen die, welche sa-
gen, es stehe einem gewichtigen und ernsten Manne (ad un uom pe-
sato e grave) schlecht an, ein Buch mit soviel Späßen und Possen zu
schreiben:
Io confesso d'essere pesato, e molte volte de' miei dl esser stato; e per-
ciö, parlando a quelle che pesato non m'hanno, affermo che io non son
grave, anzi son io si lieve che io sto a Balla nell'acqua: e considerato che
le prediche fatte da' frati, per rimorder delle lor colpe gli uomini, il piü
oggi piene di motti e di ciance e di scede si veggono, estimai che quegli
medesimi non stesser male nelle mie novelle, scritte per cacciar la malin-
conia delle femmine.'
Boccaccio hat wohl recht mit dieser kleinen Malice gegen die Prediger
(sie steht übrigens fast mit den gleichen Worten, aber in ganz anderer
Tonhöhe, bei Dante, Par. 29,115); aber er vergißt oder ist sich nicht
bewußt, daß die vulgäre und naive Possenhaftigkeit der Predigten
eine freilich schon etwas verdorbene und anrüchig gewordene Form
des christlich-figuralen Realismus ist (s. oben S. 153-156); davon ist
bei ihm nicht die Rede; und gerade das, was von seinem Standpunkt
ihn rechtfertigt («wenn sogar die Prediger Possen und Witze machen,
warum soll ich das nicht in einem der Unterhaltung dienenden Buche
tun»), gerade das läßt sein Unternehmen, vom christlich-mittelalter-
lichen Standpunkt, bedenklich erscheinen; was die Predigt, im Zei-
chen der christlichen Figuralität, sehr wohl tun darf (Übertreibungen
können anstößig werden, aber das grundsätzliche Recht ist unbe-
streitbar), das darf ein profaner Autor nicht tun; um so weniger, als
sein Werk doch letzten Endes nicht ganz so leichten Gewichts ist, wie
er sagt; es ist eben doch nicht so naiv und ohne grundsätzliche Gesin-
nung wie die Volksschwänke. Wäre es das, so könnte man es, vom
christlich-mittelalterlichen Standpunkt, als eine läßliche Unordnung
ansehen, wie sie das Triebleben und das Unterhaltungsbedürfnis der
Menschen hervorbringt, als ein Zeichen ihrer Unvollkommenheit und
Schwäche; aber so verhält es sich nicht mit dem Decamerone. Boc-
caccios Buch ist mittleren Stils, und es hat, bei aller Leichtigkeit und

1 Ich gestehe es, ich bin gewichtig und bin es oft in meinem Leben ge-
wesen; und deshalb, wenn ich mit solchen spreche, die mich nicht gewo-
gen haben, so versichere ich, daß ich nicht schwer bin, sondern so leicht,
daß ich wie Kork auf dem Wasser schwimme; und wenn ich bedenke, daß
die Predigten, die die Mönche halten, um den Menschen wegen ihrer Sün-
den ins Gewissen zu reden, heutzutage meist voll sind von Witzeleien,
Possen und Schnurren, da meine, ich, daß solche Sachen gut am Platze
sind in meinen Novellen, die ja geschrieben sind, um den Weibern die
Grillen zu vertreiben.
216 FRATE ALBERTO

Anmut, eine ganz bestimmte, und zwar durchaus keine christliche


Gesinnung. Dabei denke ich nicht so sehr an die Verspottung des
Aberglaubens und der Reliquien, auch nicht an solche blasphemi-
schen Späße wie etwa der Ausdruck la resurrezion della carne für die
geschlechtliche Erregung beim Manne (3, 10); solche Dinge gehören
zum mittelalterlichen Schwankrepertoire und brauchen nicht not-
wendig grundsätzliche Bedeutung zu haben, obgleich sie natürlich,
sobald erst einmal eine antichristliche oder antikirchliche Bewegung
sich gebildet hatte, große propagandistische Wirksamkeit gewannen;
Rabelais zum Beispiel verwendet sie unverkennbar als Waffe (ein ähn-
lich blasphemischer Witz findet sich bei ihm am Ende des 60. Kapitels
von Gargantua, wo Worte aus dem 24. Psalm, ad te levavi, in einer
entsprechenden Bedeutung verwendet werden, woraus aber doch
auch wieder das Traditionelle und Repertoiremäßige dieser Art von
Späßen hervorgeht; vgl. z.B. auch tiers livre, 31, gegen Ende). Das
eigentlich Wichtige in der Gesinnung des Decamerone, was der mit-
telalterlich-christlichen Ethik unbedingt zuwiderläuft, ist die zwar
meist in leichtem Ton vorgetragene, aber doch ihrer selbst sehr sichere
Liebes- und Naturlehre. Es liegt in der Entstehungsgeschichte und im
Wesen des Christentums begründet, daß die moderne Auflehnung
gegen seine Lehren und Lebensformen ihre praktische Kraft und ihre
propagandistische Wirksamkeit mit viel Erfolg auf dem Gebiet der
Geschlechtsmoral erproben konnte; hier wurde der Konflikt zwi-
schen weltlichem Lebenswillen und christlicher Lebensduldung akut,
sobald der erstere zum Bewußtsein seiner selbst gelangte. Naturleh-
ren, die das geschlechtliche Triebleben priesen und seine Freiheit for-
derten, hatten schon in Verbindung mit der theologischen Krise in
Paris, in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts, eine bedeutende
Rolle gespielt; sie haben auch vulgärsprachlich, im zweiten Teil des
Rosenromans von Jean de Meun, literarischen Ausdruck gefunden.
Boccaccio hat damit unmittelbar nichts zu tun; er kümmert sich nicht
um diese viele Jahrzehnte zurückliegenden theologischen Kontrover-
sen; er ist kein halbscholastischer Schulmeister wie Jean de Meun.
Seine Liebesmoral ist eine Umbildung der hohen Minne, in der Stil-
höhe um einige Stufen tiefer gestimmt und rein auf das Sinnlich-
Wirkliche gerichtet; es geht nun unbezweifelbar um die irdische Lie-
be. Es liegt noch ein Schimmer von dem Zauber der hohen Minne auf
einigen der Novellen, in denen Boccaccio seine Gesinnung am deut-
lichsten zum Ausdruck bringt; so zeigt die Geschichte von Cimone
(5,1), wo, wie schon im Ameto, das zentrale Thema von der Erzie-
hung durch Liebe behandelt wird, deutlich ihre Abkunft von der hö-
fischen Epik. Die Lehre, daß die Liebe die Mutter aller Tugenden und
FRATE ALBERTO 217
aller edlen Art ist, daß sie Mut, Selbstbewußtsein, Aufopferungsfähig-
keit verleiht, daß sie Intelligenz und Gesittung bildet, ist ein Erbteil
der höfischen Kultur und des Neuen Stils; hier aber wird sie als prak-
tische Moral gegeben, für alle Stände gültig, und die Geliebte ist
nicht mehr die unnahbare Herrin oder eine Inkarnation des gött-
lichen Gedankens, sondern der Gegenstand des geschlechtlichen
Verlangens. Selbst im einzelnen bildet sich, freilich nicht ganz konse-
quent, eine Art Liebesmoral; etwa der Art, daß gegen den Drit-
ten, etwa gegen den Eifersüchtigen oder die Eltern, oder sonstige lie-
besfeindliche Mächte jede List und jeder Betrug erlaubt ist, nicht
aber zwischen den Liebenden; wenn Frate Alberto sich so wenig der
Sympathie Boccaccios erfreut, so darum, weil er ein Heuchler ist, und
weil er die Liebe Madonna Lisettas nicht ehrlich gewonnen, sondern
heimtückisch erschlichen hat. Es entwickelt sich im Decamerone eine
bestimmte ethische, auf dem Recht zur Liebe beruhende, durchaus
praktisch-irdische Moral, die ihrem Wesen nach widerchristlich ist.
Sie wird mit viel Anmut und ohne energischen Anspruch auf Lehr-
geltung vorgetragen; das Buch verläßt nur selten die Stilhöhe der
leichten Unterhaltung; zuweilen aber doch, wenn nämlich Boccaccio
sich gegen Angriffe verteidigt. Dies geschieht in der Einleitung zum
vierten Tage, wo er, an die Frauen sich wendend, folgendes schreibt:
E, se mai con tutta la mia forza a dovervi in cosa alcuna compiacere mi
disposi, ora piü che mai mi vi disporrö ; perciocche io conosco che altra
cosa dir non poträ alcun con ragione, se non che gli altri et io, che vi
amiamo, naturalmente operiamo. Alle cui leggi, cioe della natura, voler
contrastare, troppe gran forze bisognano, e spesse volte non solamente
in vano, ma con grandissimo danno del faticante s'adoperano. Le quali
forze io confesso che io non l'ho ne d'averle disidero in questo ; e se io
l'avessi, piü tosto ad altrui le presterei, che io per me 1'adoperassi. Per che
tacciansi i morditori, e, se essi riscaldar non si possono, assiderati si vi-
vano ; e ne' lor diletti, anzi appetiti corrotti standosi, me nel mio, questa
brieve vita, che posta n'e, lascino stare.'

Und wenn ich bis jetzt mit all meiner Kraft mich bemüht habe, euch
zu gefallen, so will ich es in Zukunft mehr als je tun; denn ich erkenne, daß
man vernünftigerweise nichts anderes darüber sagen kann, als daß ich und
alle, die euch lieben, der Natur gemäß handeln. Wenn man ihren Geset-
zen, nämlich denen der Natur, widerstreben wollte, brauchte es allzu
große Kräfte, und meist würde man sie auch noch vergeblich, zu großem
Schaden des Widerstrebenden, aufbieten. Ich gestehe, daß ich solche
Kräfte nicht besitze, und sie für diesen Zweck auch nicht zu besitzen wün-
sche; besäße ich sie, so würde ich sie lieber einem anderen leihen als sie für
mich selbst in Anwendung bringen. Darum mögen die Nörgler schweigen,
218 FRATE ALBERTO

Das ist, glaube ich, eine der schärfsten und energischsten Stellen,
die Boccaccio zur Verteidigung seiner Liebesmoral geschrieben hat.
Die Meinung, die er zum Ausdruck bringen will, ist nicht mißzuver-
stehen ; unverkennbar ist aber auch, daß sie kein Gewicht hat. Mit ein
paar Worten über die Unwiderstehlichkeit der Natur und einigen bös-
artigen Anspielungen auf persönliche Laster seiner Gegner ist ein sol-
cher Kampf nicht ernsthaft zu führen, und das wollte Boccaccio auch
gar nicht. Man tut ihm Unrecht und legt einen falschen Maßstab an,
wenn man die Lebensordnung, die aus seinem Werk spricht, an der
Dantes oder an den späteren Werken der voll entwickelten Renais-
sance mißt. Die figurale Einheit der irdischen Welt ist in dem Augen-
blick zerbrochen, wo sie, bei Dante, volle Beherrschung der irdischen
Wirklichkeit gewonnen hatte; die Beherrschung der Wirklichkeit in
ihrer sinnlichen Vielfalt blieb errungen, aber die Ordnung, in die sie
gefaßt war, ist nun verloren, und es trat zunächst nichts an ihre Stelle.
Das soll, wie schon gesagt, keine Kritik an Boccaccio sein, aber es
muß doch als geschichtliche Tatsache, die über seine Person hinaus-
greift, festgehalten werden: der frühe Humanismus besitzt, der Wirk-
lichkeit des Lebens gegenüber, keine konstruktiv ethische Kraft; er
senkt die Realistik wieder in die mittlere, unproblematische und un-
tragische Stillage, die ihr in der klassischen Antike als äußerste
Grenze nach oben zugeordnet War, und setzt, genau wie dort auch,
als ihr Hauptthema, ja fast als einziges, die Erotik. Allerdings liegt in
dieser jetzt, wovon in einer antiken Kultur nicht die Rede sein konn-
te, ein äußerst entwicklungsfähiger Keim von Problem und Konflikt,
ein praktischer Ansatzpunkt für die sich vorbereitende Bewegung ge-
gen die mittelalterlich-christliche Kultur; aber zunächst, und allein
für sich, ist auch jetzt die Erotik noch nicht stark genug, um die Wirk-
lichkeit problematisch oder gar tragisch zu gestalten. Boccaccio ver-
zichtet, sobald er die gesamte vielfältige Wirklichkeit des gegenwär-
tigen Lebens darstellen will, auf Einheit des Ganzen: er schreibt ein
Novellenbuch, in dem vieles nebeneinander steht, zusammengehalten
nur durch den gemeinsamen Zweck der gebildeten Unterhaltung. Po-
litische, gesellschaftliche, geschichtliche Probleme, die Dantes Figu-
ralismus vollkommen durchdrang und in die alltäglichste Wirklich-
keit einschmolz, fallen ganz fort; wie es mit der metaphysischen und
mit der erotischen Problematik steht, welchen Grad von Stilhöhe und

und wenn sie sich nicht erwärmen können, gefroren weiterleben; sie mö-
gen bei ihren Freuden, oder Vielmehr verdorbenen Gelüsten, verharren,
und mich bei der meinen, für das kurze Leben, das uns vergönnt ist, un-
geschoren lassen.
FRATE ALBERTO 219
menschlicher Vertiefung sie in Boccaccios Werk erreichen, das läßt
sich durch Gegenüberstellungen mit Dante leicht feststellen.
Es finden sich in der Hölle mehrere Stellen, an denen verdammte
Seelen Gott herausfordern, verspotten oder verfluchen; so zum Bei-
spiel die bedeutende Szene im 14. Gesang, in der Capaneus, einer der
Sieben gegen Theben, mitten im Feuerregen Gott herausfordert und
dabei ausruft: Qual io fui vivo, tal son morto — oder die höhnische
Geste des eben von der greulichen Verwandlung durch den Schlan-
genbiß wiederauferstandenen Kirchenräubers Vanni Fucci im 25. Ge-
sang. In beiden Fällen handelt es sich um eine bewußte Auflehnung,
wie sie der Geschichte, dem Charakter, der Lage der beiden Ver-
dammten angemessen ist; bei Capaneo ist es der unbesiegte Trotz der
prometheischen Empörung, das gottesfeindliche übermenschentum;
bei Vanni Fucci eine durch Verzweiflung ins Maßlose gesteigerte Bos-
heit. Boccaccios erste Novelle (1,1) erzählt die Geschichte des laster-
haften und betrügerischen Notars Ser Ciappelletto, der in der Frem-
de, im Haus zweier florentinischer Wucherer, tödlich erkrankt; seine
Gastfreunde, die sein böses Leben kennen, befürchten für sich selbst
schlimme Folgen, falls er in ihrem Hause ohne Beichte und ohne Ab-
solution stirbt; daß diese ihm verweigert wird, wenn er wahrheitsge-
mäß beichtet, halten sie für sicher. Um nun seine Gastfreunde aus
dieser Verlegenheit zu befreien, betrügt der todkranke alte Mann
einen naiven Beichtvater mit einer erlogenen, lächerlich überfrom-
men Beichte, in der er sich selbst als jungfräulichen, fast sündenlosen
und dennoch von übertriebenen Skrupeln geplagten Tugendbold dar-
stellt; er erreicht auf diese Weise nicht nur die Absolution, sondern
wird nach seinem Tode, auf die Aussage des Beichtvaters, wie ein
Heiliger verehrt. Die Verhöhnung der Beichte angesichts des Todes,
die, wie man denken sollte, ohne grundsätzlich widerchristliche Ge-
sinnung dessen, der sie begeht und ohne grundsätzliche Stellungnah-
me des Schriftstellers zu dem Problem, sei sie nun christlich verdam-
mend oder widerchristlich billigend, kaum darstellbar ist, dient hier
lediglich zur Herausarbeitung von zwei farcenhaft komischen Auf-
tritten: der grotesken Beichte und der feierlichen Beerdigung des ver-
meintlichen Heiligen. Das Problem wird kaum gestellt. Ser Ciappel-
letto entschließt sich ganz leichtfertig zu seiner Handlungsweise, nur
um mit einem letzten, seiner Vergangenheit würdigen, schlauen Trick
seine Wirte von der drohenden Gefahr zu befreien; er gibt dazu eine
Begründung, die in ihrer dummen Leichtfertigkeit zeigt, daß er nie
über sich selbst und Gott ernsthaft nachgedacht hat («ich habe Gott
während meines Lebens schon so viel beleidigt, daß es auf etwas mehr
oder weniger, angesichts des Todes, nicht mehr ankommt»), und
220 FRATE ALBERTO

ebenso leichtfertig, nur den Augenblick bedenkend, sind die beiden


Florentiner Eigentümer des Hauses, die die Beichte belauschen und
dabei zwar zueinander sagen: was ist das für ein Mensch, der, alt und
krank und dem Tode nahe und unmittelbar gewärtig, vor Gottes Ge-
richt zu treten, noch immer nicht von seinen üblen Streichen läßt,
und ebenso sterben will, wie er gelebt hat — aber alsdann, da sie sehen,
daß der Zweck, nämlich ein kirchliches Begräbnis, erreicht ist, sich
nicht weiter darum kümmern. Nun ist es zwar durchaus wahr und
der Erfahrung entsprechend, daß sehr viele Menschen die schwerwie-
gendsten Handlungen ohne eine den Handlungen entsprechende volle
Überzeugung, einfach aus der Lage des Augenblicks, dem Gefälle
ihrer Gewohnheiten, einem flüchtigen Impuls begehen; aber wenig-
stens vom Schriftsteller, der etwas dieser Art berichtet, erwartet man
eine ordnende Entscheidung. Boccaccio läßt auch tatsächlich den Er-
zähler Panfilo am Schluß mit einigen Worten Stellung nehmen; allein
diese Worte sind lahm, unentschieden und ohne Gewicht; weder
atheistisch noch in der entschiedenen Weise christlich, wie es der Ge-
genstand fordert; es ist unleugbar, daß Boccaccio das ungeheuerliche
Abenteuer nur wegen der komischen Wirkung der beiden oben er-
wähnten Szenen erzählt hat und jede ernsthafte Einordnung oder
Stellungnahme vermeidet.
In der Geschichte Francescas von Rimini hatte Dante, seiner Art
und dem Stand seiner Entwicklung gemäß, das Große und Wirkliche
gegeben; es ist, zum erstenmal im Mittelalter, keine aventure, kein
Zaubermärchen, frei von der lieblich-spitzen Koketterie und dem
ständischen Liebeszeremoniell der höfischen Kultur, auch nicht un-
erkennbar hinter dem Schleier der geheimen Bedeutung verborgen
wie im Neuen Stil; sondern eine wirklich gegenwärtige Handlung,
höchsten Tones, ebenso unmittelbar wirklich als Erinnerung an ein
irdisches Geschick wie als Begegnung im Jenseits. In den Liebesge-
schichten, die Boccaccio tragisch oder edel gestalten will (sie finden
sich meist unter den Novellen des vierten Tages), überwiegt das Aben-
teuerliche und das Sentimentale; wobei das Abenteuer nun nicht
mehr, wie in der höfischen Epik der Blütezeit, die in die ständische
Idealvorstellung verschmolzene, innerlich notwendige Erprobung von
Auserwählten ist (vgl. oben Seite 130-132), sondern tatsächlich nur
das Zufällige, fortdauernd Unerwartete des schnellen und heftigen
Ereigniswechsels. Das Herausarbeiten des zufälligen Abenteuers läßt
sich selbst bei vergleichsweise ereignisarmen Novellen zeigen, wie der
ersten des vierten Tages, von Guiscardo und Ghismonda. Dante hat
es verschmäht die Umstände zu erwähnen, unter denen Francesca
und Paolo von dem Gatten entdeckt wurden; er verschmäht bei sol-
FRATE ALBERTO 221
chem Gegenstand jede ausgefeilte Zufälligkeit, und die Szene, die er
schildert, die der gemeinsamen Lektüre des Buches, ist die alltäglich-
ste von der Welt, interessant nur durch das, was sie auslöst. Boccaccio
verwendet einen guten Teil seines Textes auf das kompliziert aben-
teuerliche Verfahren, welches die Liebenden anwenden müssen, um
ungestört beieinander zu sein, und auf das zufällige Zusammentreffen
von Umständen, das zu ihrer Entdeckung durch den Vater Tancredi
führt. Es sind Abenteuer wie im höfischen Roman, etwa wie die Lie-
besgeschichte zwischen Cliges und Fenice in dem Roman Chretien de
Troyes' ; aber die Märchenluft der höfischen Epik ist verflogen, und
die Ethik der ritterlichen Erprobung ist zu einer allgemeinen Natur-
und Liebesmoral geworden, die sich überaus sentimental äußert. Das
SentiMentale seinerseits, oft an sinnliche Gegenstände gebunden (das
Herz des Geliebten, der Falke), was an Märchenmotive erinnert, wird
in der Mehrzahl der Fälle mit einem Überfluß an Rhetorik ausgestat-
tet; man denke etwa an die lange Verteidigungsrede Ghismondas. All
diese Novellen haben keine entschiedene Stileinheit; sie sind zu aben-
teuerlich und zu märchenhaft, um wirklich, zu entzaubert und zu rhe-
torisch, um märchenhaft, und viel zu sentimental, um tragisch zu
sein. Die auf das Tragische abzielenden Novellen sind weder im Wirk-
lichen noch im Gefühl unmittelbar; sie sind allenfalls das, was man
rührend nennt.
Gerade an den Stellen, wo Boccaccio versucht ins Problematische
oder Tragische zu dringen, wird das Unklare und Unsichere seiner
frühhumanistischen Gesinnung erkennbar. Seine Realistik, frei, reich
und meisterhaft in der Beherrschung der Erscheinungen, vollkommen
natürlich in den Grenzen des mittleren Stils, wird flau und oberfläch-
lich, sobald Problematik oder Tragik gestreift werden. In Dantes
Komödie hatte die christliche Figuraldeutung den menschlich-tragi-
schen Realismus verwirklicht, und war dabei selbst zerstört worden;
doch auch der tragische Realismus ging sogleich wieder verloren; die
Weltlichkeit von Männern wie Boccaccio war noch zu unsicher und
haltlos, um eine Grundlage zu bieten, welche, wie jene Deutung, die
Welt im ganzen als wirkliche zu ordnen, zu interpretieren und dar-
zustellen gestattete.
X
MADAME DU CHASTEL

A NTOINE DE LA SALE, ein aus der Provence stammender Ritter des


spätfeudalen Typus, Soldat, Hof beamter, Prinzenerzieher, Sachver-
ständiger für Heraldik und Turnierwesen, wurde gegen 1390 geboren
und starb nach 1461. Er stand den größten Teil seines Lebens im
Dienste der Anjou, die bis gegen 1440 um ihr Königreich Neapel
kämpften, zugleich aber auch in Frankreich großen Besitz hatten; er
verließ sie 1448, um die Söhne des Grafen von Saint-Pol, Louis de
Luxembourg, zu erziehen; Louis de Luxembourg spielte eine bedeu-
tende Rolle in den wechselvollen Beziehungen zwischen den franzö-
sischen Königen und den Herzögen von Burgund. Antoine de la Sale
hat in seiner Jugend eine portugiesische Expedition nach Nordafrika
mitgemacht, er war oft mit den Anjou in Italien, er kannte die Höfe
von Frankreich und Burgund. Wie es scheint, begann er seine schrift-
stellerische Tätigkeit mit Kompendien für seine prinzlichen Zöglinge;
vielleicht entdeckte er dabei Talent und Neigung zum Erzählen. Sein
bekanntestes Werk ist ein Liebes- und Erziehungsroman, l'Hystoyre
et plaisante Cronique du Petit Jehan de Saintre, wohl das lebendigste
literarische Dokument des französischen Spätfeudalismus. Eine Zeit-
lang hat man ihm auch anderes zugeschrieben, die Quinze Joyes de
Mariage und die Cent Nouvelles Nouvelles, obgleich beide Werke
nichts von dem sehr eigentümlichen, sehr deutlich faßbaren Wesen
La Sales besitzen; neuerdingsscheint die Mehrzahl der Forscher (seit
W. Söderhjelms Buch über die französische Novelle im 15. Jahrhun-
dert, Paris 1910) davon abgekommen zu sein.
Er war schon etwa 70 Jahre alt, als er eine Trostschrift für eine
Dame verfaßte, die ihr erstes Kind verloren hatte. Diese Schrift, le
Riconfort de Madame du Fresne, ist von J. Neve in seinem Buch über
Antoine de la Sale (Paris et Bruxelles, 1903, Seiten 101-155) veröffent-
licht worden. Sie beginnt mit einer sehr herzlich gehaltenen Einlei-
tung, die außer frommen Mahnungen Zitate aus der Bibel, aus Seneca
und aus Bernhard von Clairvaux auch noch das Märchen vom Toten-
hemd und den Preis eines zeitgenössischen, kurz zuvor verstorbenen
Heiligen enthält; dann folgen zwei Erzählungen von tapferen Müt-
tern. Von den Erzählungen ist die erste die weitaus bedeutendere. Sie
berichtet, übrigens mit vielen Irrtümern und Verwechslungen, eine
Episode aus dem Hundertjährigen Krieg.
Die Engländer, unter dem schwarzen Prinzen, belagern die Festung
MADAME DU CHASTEL 223
Brest, und der darin kommandierende Seigneur du Chastel sieht sich
schließlich gezwungen, ein Abkommen zu schließen des Inhalts, er
werde die Festung dem Prinzen zu einem bestimmten Termin über-
geben, wenn er bis dahin keine Hilfe erhalte; als Geisel gibt er seinen
dreizehnjährigen einzigen Sohn; unter diesen Bedingungen gewährt
der Prinz Waffenstillstand. Am vierten Tage vor dem Termin gelangt
ein Schiff mit Lebensmitteln in den Hafen; es herrscht große Freude,
und der Kommandant schickt einen Herold zum Prinzen, mit der
Aufforderung, ihm den Geisel zurückzugeben, da Hilfe gekommen
sei, indem er zugleich, nach ritterlicher Sitte, ihn bittet, sich nach
Wunsch von den angekommenen Vorräten zu bedienen. Der Prinz,
voll Ärger, daß ihm die langersehnte, schon sicher geglaubte Beute
entgeht, erkennt die Ankunft von Lebensmitteln nicht als Hilfe im
Sinne des Vertrages an und verlangt übergabe der Festung zum be-
stimmten Termin; sonst sei der Geisel verfallen. Sehr eindringlich,
ein wenig umständlich, mit genauer Wiedergabe des zeremoniellen
Auftretens der die verschiedenen Botschaften überbringenden Herol-
de, werden die einzelnen Etappen des Vorgangs erzählt: wie der Prinz
zunächst eine abweisende, aber noch nicht ganz klare Antwort sen-
det; wie der Herr du Chastel, Böses ahnend, seine Verwandten und
Freunde zur Beratung versammelt, die zuerst nur schweigend einan-,
der ansehen; keiner will als erster sprechen; keiner will recht glaubee,
daß es der Prinz ernst meint; keiner will einen Rat geben, wenn es
doch der Fall sein sollte: Touteffoiz, conclurent que rendre la place,
sans entier deshonneur, ä loyalement conseillier, n'en veoient point la
fachon. Alsdann wird erzählt, wie in der Nacht die Frau des Kom-
mandanten ihm seinen Kummer anmerkt und schließlich die Wahr-
heit von ihm erfährt; wie sie darauf einen Ohnmachtsanfall erleidet;
wie am Tage vor dem Übergabetermin die Herolde des Prinzen mit
der unzweideutigen Forderung auf Erfüllung des Vertrages erschei-
nen; wie sie mit Zeremoniell und Höflichkeit, die zu dem feindseligen
Inhalt der gewechselten Worte im Gegensatz steht, empfangen und
entlassen werden; wie der Herr du Chastel seinen Verwandten und
Freunden ein heiteres und entschlossenes Gesicht zeigt; wie er aber
in der Nacht, allein mit seiner Frau, im Bett, die Fassung verliert und
sich völlig der Verzweiflung überläßt. Hier ist der Höhepunkt der
Erzählung:
Madame, qui de l'autre lez son trs Brand dueil faisoit, voyant perdre
de son seigneur l'onneur ou son trs bel et gracieux filz, que au dist de
chascun, de l'aaiie de XIII ans ne s'en trouvoit ung tel, doubta que son
seigneur n'en preist la mort. Lors en son cuer se appensa et en soy meis-
mes dist: Helasse moy dollente! se il se muert, or as-tu bien tout perdu.
224 MADAME DU CHASTEL

Et en ce penssement elle l'appella. Mais il riens n'entendit. Alors elle, en


s'escriant, lui dist: «Ha! Monseigneur, pour Dieu, aiez pitie de moy,
vostre povre femme, qui sans nul service reprouchier, vous ay sy loyalment
am& servy et honnoure, vous ä jointes mains priant que ne veuillez pas
vous, nostre filz et moy perdre a ung seul cop ainssy.» Et quant le sire en-
tend de Madame son parier, ä chief de pie,ce luy respondit: «Helasse,
m'amye, et que est cecy? 0ü est le euer qui plus ne amast la mort que
vivre ainssi oü je me voy en ce tres dur party?» Alors, Madame, comme
tres saige et prudente, pour le resconfforter, tout-ä-cop changa son cruel
dueil en tres vertueulx parier et lui dist: «Monseigneur, je ne diz pas que
vous ne ayez raison, mais puisque ainssi est le voulloir de Dieu, jl vuelt et
commande que de tous les malvaiz partis le mains eire en soit prins.»
Alors, le seigneur lui dist: «Doncques, m'amye, conseilliez moy de tous
deux le mains pire ä vostre advis.» — «A ! Monseigneur, dist-elle, jiyabien
grant choiz. Mais de ceste chose, ä jointes mains vous supplie, pardonnez
moy, car telles choses doivent partir des nobles cuers des vertueulx hommes
et non pas des femelins euers des femmes qui, par l'ordonnance de Dieu,
sommes ä vous, hommes, subgettes, especialement les espouseez et qui
sont meres des enffants, ainssi que je vous suis et ä nostre filz. Sy vous
supplie, Monseigneur, que de ce la congnoissance ne s'estende point ä
moy.» — «Ha, m'amye, dist-il, amour et devoir vuellent que de tous mes
principaulx affaires, comme ung euer selon Dieu en deux corps, vous en
doye deppartir, ainssi que j'ay toujours fait. pour les biens que j'ay trou-
vez en vous. Car vous dictes qu'il y a bien choiz. Vous estes la mere et je
suis vostre mary. Pourquoy vous prie ä peu de parolles que le choiz m'en
declairiez.» Alors, la tres desconffortee dame, pour obeir luy dit: «Mon-
seigneur, puisque tant voullez que le chois vous en die» — alors renfforca
la prudence de son euer par la tres Brande amour que elle ä lui avoit, et lui
dist: «Monseigneur, quoy laue je dye, jl me soit pardonne; des deux con-
saulx que je vous vueil donner, Dieux avant, Nostre Dame et monsei-
gneur samt Michiel, que soient en ma pensee et en mon parier. Dont le
premier est que vous laissiez tous vos dueilz, vos desplaisirs et vos pens-
sers, et ainssy feray-je. Et les remettons tous es mains de nostre vray Dieu,
qui fait tout pour le mieulx. Le IIme et derrain est que vous, Monseigneur,
et chascun homme et femme vivant. savez que, selon droit de nature et
experience des yeulx, est chose plus apparante que les enffans sont filz ou
filles de leurs meres qui en leurs Hans les ont portez et enffantez que ne
sont de leurs maris, ne de ceulx ä qui ont les donne. Laquelle chose, Mon-
seigneur, je dis pour ce que ainssi nostre filz est plus apparant mon vray
filz qu'il n'est le vostre. nonobstant que vous en soyez le vray pere naturel.
Et de ce j'en appelle nostre vray Dieu ä tesmoing au tres espouventable
jour du jugement. Et car pour ce il est mon vray filz, qui moult chier m'a
couste ä porter l'espasse de IX mois en mes Hans, dont en ay receu main-
tes dures angoisses et par mains jours, et puis comme morte ä l'enffanter,
lequel j'ay sy chierement nourry, ame et tenu chier jusques au jour et
heure que jl fut livre. Touttefoiz ores, pour toujours mais, je l'abandonne
es mains de Dieu et vueil que jamais jl ne me soit plus riens, ainssi que se
MADAME DU CHASTEL 225
jamaiz je ne le avoye veu, ains liberalement de cuer et franchement, sans
force, contrainte, ne viollence aucune, vous donne, cede et transporte
toute la naturelle amour, l'affection et le droit que mere puelt et doit avoir
ä son seul et tres ame filz. Et de ce j'en appelle ä tesmoing le trestout vray
et puissant Dieu, qui le nous a preste le espasse de XIII ans, pour la tin-
cion et Barde de vostre seul honneur, ä tous jours mais perdu se aultre-
ment est. Vous ne avez que ung honneur lequel apres Dieu, sur femme,
sur enffans et sur toutes choses devez plus amer. Et sy ne avez que ung
seul filz. Or advisez duquel vous avez la plus Brande perte. Et vrayement,
Monseigneur, il y a grant choiz. Nous sommes assez en aaige pour en
avoir, se ä Dieu plaist ; mais vostre honneur une foiz perdu, lasse, jamais
plus ne le recouvrerez. Et quant mon conseil vous tendrez, les gens diront
de vous, mort ou vif que soiez: C'est le preudomme et tres loyal chevallier.
Et pour ce, Monseigneur, sy tres humblement que je scay, vous supPlie,
fetes comme moy, et en lui plus ne pensses (tue se ne l'euissiez jamaiz eu ;
ains vous resconffortez, et remerciez Dieu de tout, qui le vous a donne
pour votre honneur rachetter.»
Et quant le cappitaine oist Madame si haultement parier, avec un con-
templatif souspir, remercia Jhesus-Crist, le tres hault et puissant Dieu,
quant du euer de une femeline et piteuse creature partoient sy haultes et sy
vertueuses parolles comme celles que Madame disoit, ayant ainssy du
tout abandonne la grant amour de son seul et tres aime filz, et tout pour
l'amour de lui. Lors en briefves parolles luy dist: « M'amye, tant que
l'amour de mon euer se puelt estendre, plus que oncques mais vous rer
mercie du tres hault et piteux don que m'avez maintenant fait. J'ay ores
oy la guette du jour corner, et ja soit que ne dormissions ä nuit, sy me
fault-il lever ; et vous aucum peu reposerez.» — «Reposer, dist-elle, hellas,
Monseigneur, je n'ay cuer, ceul, ne membre sur mon corps qui en soit
d'accord. Mais je me leveray et yrons ä messe tous deux remerchier Nostre
Seigneur de tont.»

Madame, die auf der anderen Seite sich ihrem großen Kummer hin-
gab, während sie bedachte, daß nun entweder die Ehre ihres Gemahls
oder ihr allerschönster und liebster Sohn verloren sei (von dem alle Welt
sagte, daß seinesgleichen im Alter von dreizehn Jahren nirgends zu finden
sei), fürchtete, ihr Gemahl könnte die Qual nicht überleben. Da bedachte
sie sich in ihrem Herzen und sprach zu sich selbst: Ach ich Elende! wenn
auch er stirbt, dann habe ich wahrhaftig alles verloren. Und aus diesen
Gedanken rief sie ihn an. Aber er hörte nicht. Da erhob sie ihre Stimme
und sagte zu ihm: «0 Herr, um Gottes willen, habt Mitleid mit mir, eurem
armen Weibe, die euch ohne Klage treu geliebt, gedient und geehrt hat:
ich bitte euch mit gefalteten Händen, richtet nicht euch, unseren Sohn und
mich mit einem Schlage zugrunde.» Und als der Herr die Rede Madames
hört, da antwortete er ihr schließlich: «Ach, liebe Frau, was soll das alles?
Welches Herz möchte nicht lieber sterben als in einer so traurigen Zwangs-
lage wie der meinen leben?» Da hörte Madame. die sehr weise und klug
war, sogleich auf zu klagen, um ihm eine Stütze zu sein, nahm ihren Mut
15
226 MADAME DU CHASTEL

Nach dieser Szene zieht sich die Erzählung noch lange hin; noch
einmal erscheinen die Herolde des Prinzen, um zur Übergabe aufzu-
fordern und mit der Hinrichtung des Knaben zu drohen, und werden
abgewiesen; alsdann beschließt der Kommandant einen Ausfall zu
unternehmen, um einen gewaltsamen Versuch zur Rettung zu ma-
chen; dann springt die Erzählung ins feindliche Lager, wo der Prinz
das Kind in Ketten zur Hinrichtung führen läßt, und den Herold des
Herrn du Chastel (der ebenfalls Chastel heißt) trotz seines Sträubens

zusammen und sprach: «Herr, ich sage nicht, daß ihr Unrecht habt, aber
da es so Gottes Wille ist, verlangt und gebietet er, daß man von den Übeln
das geringere wähle.» Da sagte der Herr zu ihr: «So ratet mir also, liebe
Frau, welches von den beiden Übeln ihr für das geringere haltet.» — «Ach
Herr, sagte sie, das ist eine schwere Wahl. Doch vor dieser Entscheidung,
mit gefalteten Händen flehe ich euch an, befreit mich! Denn solche Ent-
scheidungen müssen aus den edlen Herzen tapferer Männer entspringen
und nicht aus den weiblichen Herzen der Frauen, die, nach Gottes Rat-
schluß, euch Männern untertan sind, besonders wenn sie Gattinnen sind
und Mütter von Kindern, wie ich von euch und unserem Sohn. Darum
flehe ich euch an, Herr, daß diese Entscheidung von mir fern bleibe!» —
«Ach, liebe Frau», sagte er, «Liebe und Pflicht gebieten, da wir ia nach
Gottes Gebot ein Herz in zwei Leibern sind, daß ich euch an all meinen
wichtigen Geschäften teilhaben lasse, so wie ich es auch immer gehalten
habe, um des Guten willen, das ich in euch gefunden habe. Ihr sagt eben.
es gebe eine Wahl. Ihr seid die Mutter und ich bin euer Gatte. Darum
bitte ich euch, sagt mir mit wenig Worten, was ihr wählen wollt.» Da
sprach die unglückliche Frau, um ihm zu gehorchen: «Herr, wenn ihr also
wollt, daß ich euch die Wahl sage —» und hier nahm sie alle Klugheit ihres
Herzens zusammen, um der großen Liebe willen, die sie zu ihm hegte, und
sagte ihm: «Herr, möge mir vergeben werden, was ich sage; und mögen
bei den beiden Ratschlägen, die ich euch geben will. Gott vor allem, und
unsere liebe Frau, und der heilige Michael in meinen Gedanken und mei-
nen Worten sein. Der erste Rat ist, daß ihr eure Trauer, euren Kummer
und eure Sorgen fahren laßt, und so will auch ich tun. Und legen wir alles
in die Hände unseres wahrhaftigen Gottes, der alles zum besten wendet.
Der andere und letzte ist, daß ihr, Herr, wie alle Welt. wißt, daß nach na-
türlichem Recht und Erfahrung unserer Augen die Kinder weit offenkun-
diger Söhne und Töchter ihrer Mütter sind, die sie in ihrem Leibe getra-
gen und geboren haben, als die ihrer Gatten noch anderer (?), denen man
sie schenkt. Und dies sage ich. Herr, weil auf diese Art unser Sohn weit
offenbarer mein wahrer Sohn ist als der eure, ob ihr gleich sein wahrer
natürlicher Vater seid. Und dafür rufe ich unseren wahren Gott zum Zeu-
gen an am schrecklichen Tage des Gerichts. Und darum ist er mein wah-
rer Sohn, den ich mit vielen Schmerzen neun Monate in meinem Leibe
getragen habe, indes ich viele Tage schwere Beängstigung litt, den zu ge-
bären ich fast gestorben wäre, und den ich mit soviel Sorgfalt aufgezogen,
MADAME DU CHASTEL 227
zwingt, sich dem Zuge anzuschließen; hierauf wird berichtet, wie in
der Festung die Frau des Kommandanten ihn von dem Ausfallsver-
such zurückhält und ohnmächtig wird, während die Wachen schon
die Rückkehr der feindlichen Abteilungen, die das Kind zur Hinrich-
tung geführt haben, beobachten, so daß es ohnehin für die geplante
Aktion zu spät ist; wie der Kommandant seine Frau ins Bett bringen
läßt und sie tröstet; wie der Herold Chastel in die Festung zurück-
kehrt und dem Kommandanten von dem Geschehenen berichtet, wo-

geliebt und gehegt habe, bis zu dem Tag und der Stunde, zu der er ausge-
liefert wurde. Aber jetzt, und von nun an für alle Zeit, übergebe ich ihn
den Händen Gottes und will, daß er mir nie mehr etwas gelten soll, gleich
als hätte ich ihn nie gesehen; und aus freiem Entschluß, ohne Zwang, Nö-
tigung und Gewalt, trete ich euch ab. überlasse und schenke ich euch alle
natürliche Liebe und Zuneigung und das Recht, das einer Mutter an
ihrem einzigen sehr geliebten Sohn zustehen kann und soll. Dafür rufe ich
zum Zeugen an den wahren und allmächtigen Gott, der ihn uns geliehen
hat für den Zeitraum von dreizehn Jahren zur Erhaltung und Bewahrung
eurer einzigen Ehre, die sonst für alle Zeit verloren wäre. Ihr habt nur eine
Ehre, die ihr, nächst Gott, am meisten lieben sollt, mehr als Frau und
Kinder und alle anderen Dinge. Freilich. habt ihr auch nur einen einzigen
Sohn; überlegt wohl, welcher Verlust für euch der größere ist. Und wahr-
haftig, Herr, hier lohnt es wohl, eine Wahl zu treffen. Wir sind noch in
dem Alter, um Kinder zu bekommen, wenn es Gott gefällt; aber wenn
eure Ehre einmal verloren ist, ach, so könnt ihr sie nie wiedergewinnen.
Und wenn ihr meinem Rat folgt, so werden die Leute, ob ihr lebt oder tot
seid, von euch sprechen: das ist ein Ehrenmann und ein echter Ritter.
Und darum, Herr, bitte ich euch in aller Demut, tut wie ich und hört auf,
an ihn zu denken, gleich als hättet ihr ihn nie besessen; sondern schöpft
Mut und dankt für alles Gott, der ihn euch gegeben hat, um eure Ehre zu
retten.»
Und als der Kommandant Madame mit so edlem Mut reden hörte, da
dankte er mit einem frommen Seufzer Jesus Christus, dem hohen und
mächtigen Gott, daß aus dem Herzen eines schwachen weiblichen Ge-
schöpfs so hohe und tugendhafte Worte kamen wie die, welche Madame
gesprochen hatte, die ganz und gar die Liebe zu ihrem einzigen sehr ge-
liebten Sohn geopfert hatte, und all dies aus Liebe zu ihm. Dann sagte er
ihr mit kurzen Worten: «Liebe Frau, mit aller Kraft der Liebe meines
Herzens danke ich euch, mehr als je für irgend etwas, für das höchste und
schmerzlichste Geschenk, das ihr mir jetzt gemacht habt. Ich habe eben
das Horn gehört; es ist Tag; und obwohl wir diese Nacht nicht geschlafen
haben, so muß ich doch aufstehen; aber ihr könnt noch ein wenig ruhen.»
— «Ruhen», sagte sie, «ach Herr. ich habe weder Herz noch Auge noch
Glieder an meinem Körper, die das vermöchten. Aber ich werde aufste-
hen, und wir werden zusammen zur Messe gehn, um dem Herrn für alles
zu danken.»
228 MADAME DU CHASTEL

bei vieles wiederholt wird, was in etwas anderer Form schon vorher
gesagt war; doch will ich die Schilderung von dem Tode des Knaben,
wie sie der Herold gibt, noch wörtlich hierhersetzen:
Mais l'enffant qui, au resconffort des gardes, cuidoit (tue an le menast
vers le chastel, quand il vist que vers le mont Reont alloient, lors s'esba-
hist plus que oncques mais. Lors tant se prist ä plourer et desconfforter,
disant ä Thomas, le chief des gardes: «Ha! Thomas, mon amy, vous me
menez morir, vous me menez morir; hellas! vous me menez morir! Tho-
mas,vous me menez morir! hellas! monsieur mon pere, je vois morir! hellas !
madame ma mere, je vois morir, je vois morir! hellas, hellas, hellas, je vois
morir, morir, morir. morir!» Dont en criant et en plourant, regardant de-
vant et derriere et entour lui, ä vostre coste d'arme que je portoye, lasse
my! et il me vist, et Quant il me vist, ä haute voix s'escria, tant qu'il peust.
Et lors me dist: «Ha! Chastel, mon amy, je voiz morir! hellas! mon ami,
je voiz morir!» Et Quant je ainssi le oys crier, alors, comme mort, ä terre
je cheys. Et convint, par l'ordonnance, que je fusse emporte apres luy, et
lä, ä force de gens, tant soustenu que jl eust prins fin. Et Quant jl fust sur
le mont descendu, lä fust un frere qui, par belles parolles esperant en la
gräte de Dieu, peu ä peu le eust confesse et donne l'absolucion de ses me-
nus pechiez. Et car il ne povoit prendre la mort en gre, lui convint tenir le
chief, les bras et les jambes lyez, tant se estoit jusques aux os des fers les
jambes eschiees, ainsi que depuis tout me fut dit. Et quand teste sy tres
cruelle justice fut faitte, et ä chief de piece aue je fus de pasmoison revenu,
Tors je despouillay vostre coste d'armes, et sur son corps la mis

Aber das Kind, welches glaubte, man führe es vor die Festung (denn
das hatten ihm die Wachen vorgeredet, um es zu trösten), sah nun, daß es
zum Mont Reont ging und. erschrak über die Maßen. Es fing nun an zu
weinen und sich zu entsetzen und sprach zu Thomas, dem Führer seiner
Wachen: «Ach, lieber Thomas, ihr führt mich zum Sterben; ach, ihr führt
mich zum Sterben, Thomas, ihr führt mich zum Sterben! Ach, lieber Herr
Vater, ich soll sterben! ach, liebe Frau Mutter, ich soll sterben, ich soll
sterben! ach, ach, ach, ich soll sterben, sterben, sterben, sterben!» Und
wie er so schrie und weinte und sich umsah, nach vorn, nach hinten, nach
allen Seiten, da sah er auch mich Unseligen mit eurem Waffenrock, den
ich trug, und als er mich sah, schrie er aus Leibeskräften und sprach zu
mir: «0 lieber Chastel, ich soll sterben! lieber Chastel, ich soll sterben!
ach, Lieber, ich soll sterben!» Und als ich ihn so schreien hörte, da fiel ich
zu Boden wie tot. Aber es war befohlen, daß ich hinter ihm her geschleppt
würde, und so wurde ich von vielen Leuten so lange aufrecht gehalten, bis
alles zu Ende war. Und auf dem Berge war ein Mönch, der ihm mit Wor-
ten der Hoffnung auf die Gnade Gottes Trost zusprach, ihm allmählich
die Beichte abnahm und ihm die Absolution erteilte für seine kleinen Sün-
den. Und weil er so ganz und gar nicht sterben wollte, mußte man ihm
den Kopf festhalten und die Arme und Beine binden, so daß die Beine bis
zu den Knochen durchgescheuert waren, was man mir alles nachher er-
MADAME DU CHASTEL 229
Der Herold schließt seinen Bericht mit den bitteren Worten, die
zwischen ihm und dem Prinzen gewechselt wurden, als er den Leich-
nam des Knaben erbat und erhielt. Nun wird geschildert, wie der Sei-
gneur, als er alles gehört hat, ein Gebet spricht:
Beaux sires Dieux, qui le me avez jusques ä aujourd'uy preste, vueillez
en avoir l'äme et lui pardonner de ce oue il a la mort mal prinse en gre, et
ä moi aussi, quant pour bien faire l'ay mis en ce party. Hellasse! povre
mere, que diras-tu quant tu saras la piteuse mort de ton chier filz, combien
que pour moy tu le avoyes de tour poins abandonne pour acquittier mon
honneur. Et, beau sires Dieux, soiez en ma bouche pour 1'en resconfor-
ter.» 1
Dann folgt das feierliche Begräbnis, und die Szene, wie er der Frau,
der er bis dahin das Geschehene verborgen hat, vor vielen Leuten, bei
der Tafel, von dem Tode des Kindes Mitteilung macht; sie bleibt ge-
faßt. Einige Tage später muß der Prinz die Belagerung aufheben;
der Kommandant findet noch Gelegenheit zu einem erfolgreichen
überfall, wobei eine erhebliche Anzahl von Gefangenen gemacht
werden. Von diesen läßt er die zwölf vornehmsten, die sich um hohe
Summen loskaufen wollen, an einem hohen, weithin sichtbaren Gal-
gen aufhängen; den übrigen wird das rechte Auge ausgestochen,
das rechte Ohr und die rechte Hand abgehauen, worauf er sie zu-
rückschickt:
«Allez ä vostre seigneur Herodes. et luy dittes de par vous grant mercis
des autres yeulx, oreilles et poings senestres que je vous laisse, pour ce que
il donna le corps mort et innocent de mon filz ä Chastel mon herault.»
Der Text, den ich etwas ausführlicher dargestellt habe — teils weil
in der Ausführlichkeit ein bedeutender Teil seines Wesens liegt, teils
auch, weil er der Mehrzahl der Leser nicht so bequem zugänglich sein

zählt hat. Und als dieser sehr grausame Richterspruch vollstreckt war,
und ich zuletzt auch die Besinnung wiedererlangt hatte, da zog ich euren
Waffenrock aus und legte ihn auf seine Leiche.
1 Edler Herr Gott. Ihr habt ihn mir bis zum heutigen Tage geliehen,
nehmt seine Seele auf und verzeiht ihm, daß er sich gegen den Tod ge-
sträubt hat, und verzeiht auch mir, daß ich, um recht zu handeln, ihn in
diese Lage gebracht habe. Ach arme Mutter, was wirst du sagen, wenn du
von dem kläglichen Tode deines lieben Sohnes erfahren wirst, obwohl du
ihn mir zu Liebe ganz aufgegeben hattest, um meine Ehre zu retten. Ach
edler Herr Gott, seid mit meinen Worten um sie dessen zu trösten.
2 Geht zu eurem Herrn Herodes und sagt ihm euren großen Dank für

euer linkes Auge, euer linkes Ohr und eure linke Hand, die ich euch lasse,
weil er den toten und unschuldigen Leib meines Sohnes meinem Herold
Chastel herausgegeben hat.
230 MADAME DU CHASTEL

dürfte wie die bisher besprochenen — ist um mehr als ein Jahrhundert
jünger als Boccaccios Decamerone ; er wirkt aber unvergleichlich mit-
telalterlicher und unmoderner. Dieser Gesamteindruck ist beim Leser
spontan und sehr stark; ich will versuchen, die einzelnen Elemente,
die ihn hervorbringen, deutlich zu machen.
Was die Form betrifft, so zeigen sowohl Satzbau wie Komposition
des Ganzen nichts von der antikisch-humanistischen Biegsamkeit,
Mannigfaltigkeit, Klarheit und Ordnung. Die Sätze sind zwar nicht
überwiegend parataktisch gebaut, aber die Hypotaxe ist oft unge-
schickt, voll schwerfälliger Emphase und zuweilen in den verbinden-
den Gliedern unklar. Ein Satz wie der folgende aus der Rede der Frau :
Et car pour ce il est mon vray filz, qui moult chier m'a couste ä porter
l'espasse de IX mois en mes Hans, dont en ay receu maintes dures
angoisses et par maints jours, et puis comme morte ä l'enffanter, le-
quel j'ay si chierement nourry, ame et tenu chier jusques au jour et
heure que il fut livre — zeigt schon in der Kette der relativen Verknüp-
fungen einige Unklarheit der Zugehörigkeitsverhältnisse; die Worte
et puis comme morte ä l'enffanter fallen ganz aus der syntaktischen
Ordnung; während doch das Ganze keineswegs als affektisch-unge-
ordnete Äußerung, sondern als sorgsam feierliche Rede gedacht ist.
Das umständlich Feierliche, prunkhaft Zeremonielle dieses Stils be-
ruht zwar letiten Endes auch auf antiken rhetorischen Überlieferun-
gen, aber doch ganz auf deren mittelalterlich-pedantischer Umbil-
dung, nicht auf humanistischer Erneuerung ihres ursprünglichen Cha-
rakters. Dazu gehört auch das feierlich beschwörende Auf häufen
von synonymen oder beinah synonymen Ausdrücken wie nourry, ame
et tenu chier, die auf Schritt und Tritt begegnen, so zum Beispiel
gleich in einem der nächsten Sätze: liberalement de cuer et franche-
ment, sans forte, contrainte ne viollence aucune, vous donne, cede et
transporte toute la naturelle amour, l'affection et le droit ... Das er-
innert an den Prunkstil der Rechts- und Staatsurkunden, wozu auch
die vielen Beschwörungen bei Gott, der Jungfrau und den Heiligen
vorzüglich passen. Wie in solchen feierlichen Urkunden wird das
Eigentliche häufig durch eine Fülle von Formeln, Anreden, adverbia-
len Bestimmungen und zuweilen selbst von einer ganzen Parade vor-
bereitender Sätze eingeleitet, so daß es auftritt wie ein Fürst oder Kö-
nig, dem die Herolde, die Leibwachen, Hofchargen und Bannerträger
voraufziehen. Das nächtliche Gespräch liefert genug Beispiele dafür.,
sie finden sich fortwährend, wenn die Herolde ihre Botschaften über-
bringen, und obgleich das Verfahren in dem letzteren Falle sich aus
dem Gegenstand notwepdig ergibt, so ist es doch unmöglich zu über-
sehen, mit welcher Hingabe La Sale es auskostet, wo er nur Gelegen-
MADAME DU CHASTEL 231
heit dazu findet. Wenn man liest: Monseigneur le cappitaine de ceste
place, nous, comme officiers d'armes et personnes publicques, de par
le prince de Galles, nostre tres redoubt8 seigneur, ceste foiz pour
toutes ä vous nous mande, de par sa clemence de prince, vous signif-
fier, adviser et sommer ..., so ist unverkennbar, daß selbst in einem
Augenblick, wo er erschüttert und über die Grausamkeit des Prinzen
tief empört ist, La Sale mit Entzücken diesen emphatischen, aber syn-
taktisch verworrenen ständischen Prunk niederschreibt. Damit ist es
gesagt: seine Sprache ist ständisch; und alles Ständische ist unhuma-
nistisch. Die feste ständische Ordnung des Lebens, in der alles seinen
Platz und seine Form hat und bewahrt, spiegelt sich in der feierlichen,
umständlichen, formelhaften, an Gesten und Beschwörungen über-
reichen Rhetorik. Jede Person hat eine Anrede, die ihr zukommt;
Madame du Chastel nennt ihren Mann Monseigneur, er sagt zu ihr
m'amye; jede Person macht die Geste, die ihrem Stand und den Um-
ständen angemessen ist, wie nach einem ewigen, für immer festgeleg-
ten Modell (ä jointes mains vous supplie); wenn der Prinz den Herold
des Kommandanten zwingt, der Hinrichtung des Kindes beizuwoh-
nen (die Szene wird zweimal berichtet), so klingt das folgendermaßen :
alors, en genoulx et mains jointes je me mis et lui dis: «A! tres re-
dout8 prince, pour Dieu, souffrez que la clart8 de mes malheureux
yeux ne portent pas ä mon tres dollent cuer la tres piteuse nouvelle de
la mort de l'innocent filz de mon maistre et seigneur; il souffist bien
trop se ma langue, au rapport de mes oreilles, le fait ä icelui monsei-
gneur vrayement.» Lors dist le prince: «Vous yrez, veuilliez ou non.»
Die Tradition, in der man hier steht, wird am deutlichsten fühlbar an
besonders feierlichen Stellen, wo, wie wir eben sagten, das Eigentliche
der Aussage von einem Festungsgürtel feierlich einleitender Formeln
umgeben ist. An solchen Stellen wird deutlich, daß es sich um Bildun-
gen der spätantiken Verfallzeit handelt, die seit dem frühen Mittel-
alter in den ständischen Kulturen aufgenommen und ausgebaut wur-
den; in den Vulgärsprachen reicht die Überlieferung von der wuchti-
gen und großartigen Rhetorik der Straßburger Eide bis zu den Prä-
ambeln der königlichen Erlasse (Louis par la gräce de Dieu usw.).
Was den Auf bau der Erzählung betrifft, so kann man von einer be-
wußten Ordnung kaum sprechen; der Versuch chronologisch zu be-
richten führt zu viel Verwirrung und Wiederholung; und wenn man
auch berücksichtigen mag, daß der Verfasser ein alter Mann war (es
ist etwas von greisenhafter Umständlichkeit im Stil des Werkes), so
ist das Parataktische und ein wenig Verworrene der Komposition
doch auch schon in dem Roman vom kleinen Jehan de Saintri fest-
zustellen, der einige Jahre früher geschrieben wurde; es ist Chronik-
232 MADAME DU CHASTEL

stil, der nacheinander, häufig und ein wenig unvermittelt von einem
Schauplatz zum andern springend, die Ereignisse aufzählt; die Naivi-
tät dieses Verfahrens wird noch hervorgehoben durch die Formel,
mit der er jeden derartigen Wechsel einleitet: und nun hören wir auf
von diesem Gegenstand zu erzählen, und wenden uns zu jenem. Die
Mischung von schwerem Prunk der Sprache und aufzählender Naivi-
tät in der Komposition ergibt einen Eindruck von schleppend-ge-
wichtiger Einförmigkeit des Tempos, der nicht ohne Großartigkeit
ist; es ist eine Art von hohem Stil; aber er ist ständisch, unhumani-
stisch, unklassisch, und durchaus mittelalterlich.
Derselbe Eindruck von ständisch-mittelalterlicher Anschauung er-
gibt sich auch aus dem Inhaltlichen der Erzählung, und hier will ich
besonders darauf hinweisen, wie auffallend es für einen modernen
Leser ist, daß ein politisch-militärischer Vorgang, der in einem uns
bekannten geschichtlichen Zusammenhang steht, lediglich als ständi-
sches Problem gesehen wird. Nie wird davon gesprochen, welche
sachliche Bedeutung die Festung hat, welche nachteiligen Folgen ihr
Fall für die Sache Frankreichs und des Königs haben würde; sondern
es handelt sich lediglich um die ritterliche Ehre des Herren du Chastel,
um gegebenes Wort und seine Interpretation, um Vasallentreue, Eid
und persönliches Einstehen; der Kommandant bietet einmal sogar
dem Prinzen ritterlichen Zweikampf an, um über die entstandene Dif-
ferenz in der Auslegung des Vertrages zu entscheiden. Alles Sachliche
wird von feierlich-ritterlichen Zeremonien überwuchert, was nicht
hindert, daß eine rohe Grausamkeit herrscht, die noch keineswegs
modern, zweckgebunden und sozusagen rationalisiert, sondern noch
ganz persönlich und affektisch ist. Die Hinrichtung des Kindes ist
eine vollkommen sinnlose Barbarei, und eine ebenso sinnlose Bar-
barei ist die Rache des Kommandanten an mehr als hundert Un-
schuldigen, die gehängt oder verstümmelt werden — und die sonst,
ohne das persönliche Rachebedürfnis des Kommandanten, gegen
Lösegeld zurückgesandt worden wären. Das alles macht den Ein-
druck, als ob die politisch-militärische Kriegführung noch völlig un-
rationalisiert ist, als ob eine wirksame zentrale Leitung der Operatio-
nen überhaupt nicht besteht, so daß die Maßnahmen, die getroffen
werden, in sehr hohem Maße von den persönlichen Verhältnissen,
den Affekten und ritterlichen Ehrbegriffen der jeweils in einer Teil-
aktion sich gegenüberstehenden Kommandanten abhängen. Das ist
wohl tatsächlich im Hundertjährigen Kriege noch so gewesen; noch
weit später, selbst in den Epochen des vollausgebildeten Absolutis-
mus, finden sich gerade im Kriegswesen, wo die Konventionen des
ritterlichen Geistes sich ja am längsten bewahrt haben, noch deutliche
MADAME DU CHASTEL 233
Spuren der ganz persönlich-ritterlichen Beziehungen zwischen Freund
und Feind. Immerhin beginnt gerade im 15. Jahrhundert, der Epoche
La Sales, der Umschwung sich anzukündigen; die politischen und mi-
litärischen Methoden des Rittertums versagen, sein Ethos wird brü-
chig und seine Rolle wird allmählich rein dekorativ; La Sales Roman
vom kleinen Jehan de Saintr6 legt, freilich ohne es zu beabsichtigen,
beredtes Zeugnis ab für die paradehafte und parasitäre Sinnlosigkeit
ritterlicher Waffentaten in dieser Epoche. Von dem sich vorbereiten-
den Umschwung aber will La Sale nichts wissen; er lebt eingehüllt in
die ständische Atmosphäre, ihre Ehrbegriffe, ihre Zeremonien und
ihren heraldischen Prunk; selbst seine Gelehrsamkeit, die in seinen
übrigen Werken stärker hervortritt als im Reconfort, ist ein Mosaik
von moralischen Zitaten, ihrem Geist nach spätscholastisch, und
zwar eine ständische, der feudal-ritterlichen Erziehung dienende scho-
lastische Kompilation.
Für La Sale ist also jene Bewegung, die die großen italienischen
Schriftsteller des 14. Jahrhunderts zur Erfassung der gesamten zeitge-
nössischen Wirklichkeit führte, noch nicht wirksam geworden; seine
Sprache und seine Kunst überhaupt sind ständisch, sein Horizont ist
eng, obgleich er so viel herumgekommen ist; er hat überall zwar viel
Merkwürdiges, aber an allem, was er sah, nur das Höfische und das
Ritterliche gesehen. In diesem Geist ist auch der Riconfort geschrie-
ben; aber mitten in seinem hochfeudalen, schon ein wenig brüchigen
Prunkstil findet sich, wie der oben gegebene Text zeigt, ein echt tra-
gischer Vorgang von höchster Würde, der uns zwar ein wenig zere-
moniell und umständlich, aber doch mit großer Wärme und Einfach-
heit des Herzens, so wie es ihm zukommt, berichtet wird. In der mit-
telalterlichen Literatur findet sich kaum ein zweites Beispiel eines so
einfachen, so überaus wirklichen, so modellhaft tragischen Konflikts,
und ich habe mich oft gewundert, daß das schöne Stück so wenig be-
kannt ist. Der Konflikt ist ganz unschematisch, er hat mit keinem der
überlieferten Motive höfischer Dichtung etwas zu tun; und er betrifft
eine Frau, aber nicht eine Geliebte, sondern eine Mutter; er ist nicht
romantisch-rührend, wie die Geschichte von Griseldis, sondern ein
praktisches, in seiner Wirklichkeit greif bares Ereignis. Der ritterlich-
zeremonielle Hintergrund tut seiner einfachen Größe keinen Ab-
bruch, denn man billigt einer Frau, zumal in dieser Zeit, ohne weite-
res zu, daß sie sich in die ihr gegebenen Umstände einordnet; ja das
Gebundene, Demütige, unter den Willen des Mannes gehorsam sich
Beugende zeigt die reine Kraft und Freiheit ihres Wesens, welches
sich in der Not erhebt, um so wirksamer. Der Konflikt betrifft im
Grunde sie allein, denn obgleich er sich unentschlossen zeigt und
234 MADAME DU CHASTEL

klagt, so ist es doch nicht zweifelhaft, wie er sich entscheiden muß;


von ihrer Haltung dagegen hängt es ab, ob und wie er diese Erschüt-
terung übersteht; und mit einer sehr gut empfundenen, schnellen und
klaren Anpassung an die Lage gewinnt sie ihre Selbstbeherrschung
wieder durch die Überlegung: seil se muert, or as-tu bien tout perdu.
Und sofort entschließt sie sich ihn aus der nutzlosen Selbstquälerei
herauszulösen; ihm den Weg zu zeigen, den, wie sie weiß, er doch ge-
hen muß, indem sie voraufgeht. Sobald es ihr gelungen ist, seine Auf-
merksamkeit auf sich zu lenken, gibt sie ihm zunächst das, wessen er
am dringendsten bedürftig ist, nämlich Ordnung in seinen Gedanken,
Bewußtsein der Aufgabe, die er zu lösen hat: es ist zwischen zwei
Übeln zu entscheiden, er hat das geringere zu wählen. Als er, noch
ratlos, fragt, welches denn das geringere sei, entzieht sie sich zunächst
der Antwort: das sei nicht von einer schwachen Frau, das sei von
männlicher Tugend und männlichem Mut zu entscheiden; wodurch
sie ihn nötigt, ihr gleichsam zu befehlen, sie möge ihre Gedanken aus-
sprechen, und ihn damit, wenn auch nur äußerlich, in die ihm ge-
wohnte Lage des Führenden und Entscheidenden zurückversetzt;
schon dadurch hat sie ihn aus dem haltlosen, seine Kraft und sein
Selbstbewußtsein untergrabenden Gejammer herausgeholt. Und
dann gibt sie ihm das Beispiel, dem er zu folgen hat: die Kinder, so
sagt sie, sind mehr Kinder der Mütter, die sie getragen, geboren und
genährt haben, als Kinder der Väter; unser Sohn ist mehr mein Sohn
als der eurige; und dennoch sage ich mich jetzt von meiner Liebe zu
ihm los als hätte ich ihn nie gehabt; ich opfere meine Liebe zu ihm;
denn wir können wohl andere Kinder bekommen, aber wenn eure
Ehre verloren ist, so kann sie nie wiedergewonnen werden. Und wenn
ihr meinem Rat folgt, so werden die Leute euch rühmen: c'est le
preudomme et tres loyal chevalier ... Es ist schwer zu entscheiden,
was an dieser Rede am höchsten zu rühmen ist; die Selbstverleugnung
oder die Selbstbeherrschung, die Güte oder die Klarheit. Daß eine
Frau in solchem Jammer sich nicht fallen läßt, sondern die wirklich
gegebene Lage scharf erfaßt; daß sie einsieht, es könne von Übergabe
der Festung keine Rede sein, das Kind sei also unter allen Umständen
verloren, wenn der Prinz ernst machen will; daß sie dem Mann durch
ihr Eingreifen die innere Haltung, durch ihr Beispiel den Mut zur
Entscheidung, und durch den Hinweis auf den Ruhm, den er sich er-
werben wird, sogar noch einigen Trost und gewiß ein stolzes Selbst-
bewußtsein, welches ihm sein ganzes Auftreten erleichtert, zu verlei-
hen vermag; das alles zusammen ist von so einfacher Schönheit und
Größe wie nur irgendein klassischer Text. Und sehr schön ist auch
der Abschluß, wie er, ganz entspannt, beten und ihr danken kann, ja
MADAME DU CHASTEL 235
sogar sie auffordern, noch ein wenig zu ruhen: Reposer, dist-elle,
hellas, Monseigneur, je n'ay cuer, ceul, ne membre sur mon corps qui
en soit d'accord
Es zeigt sich, daß der spätfeudale Prunkstil solch eine echt tragi-
sche und echt wirkliche Szene zur Anschauung bringen kann; so
oberflächlich er im Politischen und Militärischen auch sein mag, wo
er die wirklichen Verhältnisse und Zusammenhänge nirgends mehr
faßt: an einer ganz einfachen, unmittelbar menschlichen Handlung
bewährt er sich. Das ist um so bemerkenswerter, als es sich in unse-
rem Falle um einen sehr häuslich-alltäglichen Schauplatz handelt,
um zwei Eheleute, die nachts, im Bett, über ihre Sorgen beraten; das
wäre, nach klassisch-antiker Vorstellung, durchaus kein Ort für eine
tragische Handlung hohen Stils. Das Tragische und Ernsthaft-Pro-
blematische zeigt sich hier mitten in dem alltäglichen Wesen einer
Familie, und obgleich es sich um hochadlige, streng in feudalen For-
men und Überlieferungen lebende Personen handelt, so ist doch die
Lage, in welcher sie angetroffen werden, nämlich nachts, im Bett,
nicht als Liebende, sondern als Eheleute, in großer Not klagend und
einander zu helfen bemüht, von der Art, daß sie weit eher bürgerlich
oder vielmehr menschlich, kreatürlich wirkt als feudal. Trotz der
feierlich-zeremoniellen Sprache geht es sehr einfach und sehr naiv zu;
wenige, einfache Gedanken und Empfindungen treten miteinander
oder gegeneinander auf; von Stiltrennung zwischen Tragik und all-
täglicher Realistik ist nicht die Rede. In ihrer Blütezeit, im 12. Jahr-
hundert, hat uns die feudale Literatur nichts derart Wirkliches und
Kreatürliches hinterlassen; Eheleute im Bett, das wäre höchstens im
Volksschwank vorgekommen. Und was soll man erst zu der Darstel-
lung des weinenden und schreienden Knaben sagen, der zum Tode
geführt wird! Ich will sie nicht rühmen; weder für den Leser noch für
den armen Vater, an den sich ja der Bericht des Herolds wendet, ist es
erforderlich, die Einzelheiten des Vorgangs mit soviel sinnlicher Evi-
denz auszumalen. Um so auffallender ist es, welch ein Maß von hül-
lenloser kreatürlicher Realistik mitten in diesem heraldischen Prunk-
stil mit einem tragischen Vorgang vereinbar ist. Alles ist darauf ange-
legt, den Gegensatz zwischen der Unschuld des Kindes und dem
gräßlichen Vollzug, zwischen seinem bis dahin wohlbehüteten Leben
und der plötzlich auf es hineinbrechenden erbarmungslosen Wirk-
lichkeit anschaulich zu machen: das Mitleid der Wachen, die mit dem
Jungen sich schon während seiner kurzen Geiselhaft angefreundet
haben, sein kindlich fassungsloses, zweimal auf den Hörer einströ-
mendes Jammergeschrei, das, immer dieselben Worte wiederholend,
sich an alle anwesenden und abwesenden Beschützer anklammert,
236 MADAME DU CHASTEL

sein Sträuben gegen den Tod bis zum letzten Augenblick, trotz des
tröstenden und die Beichte abnehmenden Mönchs, so daß von dem
verzweifelten Sich-Anstemmen die gefesselten Füße bis auf die Kno-
chen aufgescheuert sind; es wird dem Herren du Chastel und dem
Leser nichts erspart.
Was wir hier festgestellt haben, das Zusammenspiel von ritterlich-
zeremoniellem Prunkstil und stark kreatürlicher, vor einer krassen
Wirkung nicht zurückschreckender, ja augenscheinlich sie gern aus-
kostender Realistik, ist nichts Neues. Seit der Romantik gehört diese
Kombination zu der geläufigen Vorstellung vom Mittelalter; die
exaktere Forschung hat festgestellt, daß es das Ende des Mittelalters,
das 14. und vor allem das 15. Jahrhundert ist, während deren sie sich
besonders herausbildet und sehr scharf charakteristisch hervortritt;
seit mehr als zwanzig Jahren besitzen wir eine vorzügliche und weit-
verbreitete Untersuchung über diese Epoche, Huizingas Herbst des
Mittelalters, in dem das Phänomen mehrfach, in verschiedenem Zu-
sammenhang analysiert wird. Das Gemeinsame, welches beide Ele-
mente verbindet, ist das Schwere und Dunkle, im Tempo Schleppende
und in der Farbe stark Auftragende des sinnlichen Geschmacks jener
Epoche; so daß sein Prunkstil häufig etwas allzu eindringlich Sinn-
liches, seine Realistik zuweilen etwas Formenschweres, zugleich un-
mittelbar Kreatürliches und Traditionsbeladenes besitzt; manche
realistischen Formen, wie der Totentanz, haben den Charakter einer
Prozession oder eines Festzuges. Die Traditionsbeladenheit des ern-
sten, kreatürlichen Realismus dieser Epoche erklärt sich aus seinem
Ursprung: er stammt aus der christlichen Figuralanschauung, und
entlehnt aus dem Christlichen fast alle seine gedanklichen und künst-
lerischen Motive. Die leidende Kreatur ist ihm gegenwärtig in der
Passion Christi, deren Ausmalung immer krasser und deren sinnlich-
mystische Suggestion immer stärker wird, oder in den Passionen der
Märtyrer; die häusliche Intimität, das ernste Interieur («ernst» im
Gegensatz zu dem Interieur der Farcen) erwächst ihm aus der Ver-
kündigung und den anderen häuslichen Szenen, die aus der Heiligen
Schrift zu gewinnen waren. Es hat im 15. Jahrhundert die Einbettung
der Ereignisse der Heilsgeschichte in das gegenwärtige tägliche Leben
des Volkes einen so hohen Grad erreicht, daß der religiöse Realismus
Zeichen von Übersteigerung und von roher Verkommenheit bietet;
wir haben das an einer früheren Stelle (Seite 153ff.) erwähnt, und es
ist oft dargestellt worden, zum Beispiel sehr scharf und eingehend
von Huizinga, so daß wir darauf nicht mehr einzugehen brauchen.
Doch ist in unserem Zusammenhang für den Realismus des aus-
gehenden Mittelalters einiges andere hervorzuheben; und zwar zu-
MADAME DU CHASTEL 237
nächst, daß das Bild vom wirklich lebenden Menschen, welches die
christliche Stilmischung geschaffen hatte, nämlich das kreatürliche,
nun auch außerhalb der im engeren Sinne christlichen Sphäre auf-
taucht; wir treffen es in unserer Erzählung an, die einen feudal-mili-
tärischen Vorgang berichtet. Ferner ist darauf hinzuweisen, daß die
Darstellung wirklich-gegenwärtigen Lebens sich nun mit besonderer
Liebe und großer Kunst dem Intimen, Häuslichen und Alltäglichen
des Familienlebens zuwendet. Auch dies stammt, wie wir eben sag-
ten, aus der christlichen Stilmischung, und in den Motiven, die mit
der Geburt Mariae und derjenigen Christi zusammenhängen, sind die
Modellvorstellungen für eine solche Entwicklung gegeben. übrigens
bleibt der typologische Symbolismus in diesen «realistischen» Dar-
stellungen noch lange wirksam.
Die realistische Entwicklung wurde auch durch die Entstehung der
großbürgerlichen Kultur befördert, die sich gegen Ende des Mittel-
alters, zumal in Nordfrankreich und Burgund, kräftig bemerkbar
machte; sie war zwar ihrer selbst nicht ganz bewußt (es hat sehr lange
gedauert, bis sich eine den wirklichen Verhältnissen entsprechende
Gliederung des «dritten Standes» in der Theorie herausbildete), sie
blieb auch noch sehr lange in ihrer Haltung und ihrem Lebensstil,
trotz ihres bedeutenden Wohlstandes und ihrer wachsenden Macht,
eher klein- als großbürgerlich; aber sie lieferte Motive für die nach-
ahmenden Künste, und zwar eben intim-häusliche: sowohl als bild-
haftes Interieur wie als Darstellung häuslicher und wirtschaftlicher
Lagen und Probleme. Das Häusliche, Intime, Alltägliche des persön-
lichen Lebens greift zuweilen selbst in den Fällen durch, wo es sich
um feudal-adlige oder sogar fürstliche Kreise handelt; auch dort wer-
den weit häufiger, genauer und alltäglicher als früher intime Vor-
gänge dargestellt, wie dies in unserem Text und auch sehr oft bei den
Chronisten (Froissart, Chastellain usw.) der Fall ist; so daß die Kunst
und die Literatur, trotz ihrer Vorliebe für feudal-heraldisches Ge-
pränge, im ganzen einen weit bürgerlicheren Charakter hat als im frü-
heren Mittelalter. Schließlich muß noch etwas Drittes, für die Reali-
stik des späten Mittelalters Wesentliches hervorgehoben werden, eben
dasjenige, was mich veranlaßt hat, in diesem Kapitel den bisher nicht
verwandten Ausdruck «kreatürlich» einzuführen. Es ist von Anfang
an der christlichen Anthropologie eigentümlich, daß sie das dem Lei-
den und der Vergänglichkeit Unterworfene am Menschen stark her-
aushebt; das war durch die mit der Heilsgeschichte verknüpfte Mo-
dellvorstellung von Christi Passion zwingend gegeben. Doch war im
12. und 13. Jahrhundert damit noch keine so starke Entwertung und
Entwürdigung des irdischen Lebens verbunden wie sie sich nunmehr
238 MADAME DU CHASTEL

geltend macht. In den früheren Jahrhunderten des Mittelalters war


die Vorstellung noch sehr lebendig, daß die irdische Gesellschaft
Wert und Ziel besitzt; sie hatte bestimmte Aufgaben zu erfüllen, sie
hatte auf Erden eine bestimmte ideale Form zu verwirklichen, um die
Menschen für das Gottesreich vorzubereiten; im Rahmen dieser Un-
tersuchung bietet Dante ein Beispiel, an dem man erkennen kann, wie
bedeutend, ethisch relevant, und für das ewige Heil entscheidend die
irdisch planende und politische Tätigkeit der einzelnen Menschen und
der Gesellschaft ihm und vielen seiner Zeitgenossen erschien. Sei es
nun, daß die gesellschaftlichen Idealvorstellungen jener früheren Jahr-
hunderte an Kraft und Ansehen verloren hatten, weil die Ereignisse
ihnen so hartnäckig unrecht gaben, und daß sich neue Entwicklun-
gen anbahnten, die sich in keiner Weise mit ihnen vereinigen ließen;
sei es, daß die Menschen jene neuen, politischen und ökonomischen
Lebensformen, die sich anbahnten, nicht zu interpretieren und einzu-
ordnen vermochten; sei es auch, daß die populär-ekstatischen Strö-
mungen, die immer leidenschaftlich-realistischer werdende Passions-
mystik, die immer mehr in Aberglaube und Fetischismus ausartende
Frömmigkeit den Willen zu theoretischer Erfassung des praktischen
irdischen Lebens lähmten: es macht sich jedenfalls in den letzten Jahr-
hunderten des Mittelalters eine Ermüdung und Unfruchtbarkeit im
konstruktiv-theoretischen Denken geltend, insbesondere insofern es
die Ordnung des praktischen Lebens betrifft, so daß jene « kreatür-
liehe » Seite der christlichen Anthropologie, sein Unterworfensein
dem Leiden und der Vergänglichkeit, kraß und ungemildert hervor-
tritt. Das Eigentümliche dieses radikal kreatürlichen Bildes vom Men-
schen, das zum antik-humanistischen in besonders scharfem Gegen-
satz steht, liegt darin, daß es, bei sehr viel Respekt vor dem irdischen
Standeskleid, welches er trägt, gar keinen Respekt hat vor ihm selbst,
sobald er es auszieht; unter diesem Kleid steckt nichts als das Fleisch,
welches Alter und Krankheit schänden, Tod und Verwesung zerstö-
ren werden. Es ist, wenn man so will, eine radikale Theorie der Gleich-
heit aller Menschen, doch nicht im aktiv-politischen Sinne, sondern
als unmittelbar einen jeden packende Entwertung seines Lebens:
was er tut und treibt ist eitel; obgleich seine Instinkte ihn nötigen, zu
handeln und sich ans irdische Leben zu klammern, hat es doch keinen
Wert und keine Würde. Nicht im Verhältnis zueinander oder gar
«vor dem Gesetz» sind alle Menschen gleich, im Gegenteil, Gott hat
es so eingerichtet, daß sie im irdischen Leben ungleich seien; gleich
sind sie vor dem Tode, vor dem kreatürlichen Verfall, vor Gott. Zwar
wurden auch damals schon vereinzelt (in England sogar sehr ener-
gisch) politisch-wirtschaftliche Folgerungen aus dieser Gleichheits-
MADAME DU CHASTEL 239
lehre gezogen, doch weitaus vorherrschend ist die Gesinnung, die aus
der Kreatürlichkeit des Menschen nur die Vergeblichkeit und Eitel-
keit aller irdischen Bemühungen herauslas. Für sehr viele Menschen
in den Ländern nördlich der Alpen wirkt das Bewußtsein des notwen-
digen Verfalls ihrer selbst und all ihrer Werke lähmend auf die Ge-
dankenbildung, die praktische Planung des irdischen Lebens zum Ziel
hat; eine auf die Zukunft des Diesseits gerichtete Tätigkeit scheint
ihnen ohne Wert und Würde, ein bloßes Spiel der Instinkte und Lei-
denschaften; und ihr Verhältnis zur irdischen Wirklichkeit setzt sich
zusammen aus Anerkennung ihrer bestehenden Gestalt als eines sinn-
lich ausdrucksvollen Theaters, und radikaler Enthüllung desselben
als vergänglich und eitel, wobei der Gegensatz zwischen Leben und
Tod, Jugend und Alter, Gesundheit und Krankheit, triumphierend-
eitlem Prunken mit der irdischen Rolle und jammervoll-klagendem
Sich-Wehren gegen die unerbittliche Zerstörung mit den äußersten
Mitteln herausgearbeitet wird. Grämlich oder leidenschaftlich kla-
gend, fromm oder zynisch oder auch beides zugleich, werden diese
einfachen Themen immer wieder variiert; oft mit packender Kraft;
das mittlere alltägliche Leben, mit seinen sinnlichen Freuden, seinen
Plagen, seinem Verfall durch Alter und Krankheit, seinem Ende ist
selten so eindringlich dargestellt worden wie in dieser Epoche, und
die Darstellungen haben einen Stilcharakter, der sich nicht nur, wie
es selbstverständlich ist, vom antiken, sondern auch von dem der
realistischen Kunst des früheren Mittelalters deutlich abhebt.
Es gibt in dieser Epoche eine ganze Anzahl von literarischen Dar-
stellungen eines nächtlichen Gesprächs zwischen Eheleuten. Von de-
nen, die ich kenne, ist besonders charakteristisch die Szene aus der
ersten der Quinze Joyes de Mariage, in welcher die Frau ein neues
Kleid haben will. Ich zitiere sie nach der Ausgabe der Bibliotheque
elzevirienne (seconde ed., Paris 1857, p.9 ss.):
Lors regarde lieu et temps et heure de parier de la matiere ä son mary;
et voulentiers elles devroient parier de leurs choses especialles lä oü leurs
mariz sont plus subjets et doivent estre plus enclins pour octrier: c'est ou
lit, ouquel le compagnon dont j'ay parte veult atendre ä ses delitz et plai-
sirs, et lui semble qu'il n'a aultre chouse ä faire. Lors commence et dit
ainsi la Dame: «Mon amy, lessez-moy, car je suis ä Brand mal-aise. —
M'amie, dit-il, et de quoy? — Certes, fait-eile, je le doy bien estre, mais je
ne vous en diray jä rien, car vous ne faites compte de chose que je vous
dye. — M'amie, fait-il, dites-moy pour quoy vous me dites telles paroles? —
Par Dieu, fait-elle, sire, il n'est jä mestier que ie le vous dye: car c'est une
chose, puis que je la vous auroye dite, vous n'en feriez compte, et il vous
sembleroit que je le feisse pour autre chose. — Vrayement, fait-il, vous me
le direz.» Lors elle dit: «Puis qu'il vous plest, je le vous diray: Mon amy,
240 MADAME DU CHASTEL
fait-elle, vous savez que je fuz l'autre jour ä teile feste, oü vous m'envoi-
astes, qui ne me plaisoit eueres; mais quand je fus lä, je croy qu'il n'y
avoit femme (taut fust-elle de petit estat) qui fust si mal abillee comme je
estoye: combien que je ne le dy pas pour moy louer, mais, Dieu merci, je
suis d'aussi bon lieu comme dame, damoiselle ou bourgeoise qui y fust; je
m'en rapporte ä ceuix qui scevent les lignes. Je ne le dy pas pour mon
estat, car il ne m'en chaut comme je soye; mais je en ay honte pour 1'a-
mour de vous et de mes amis. — Avoy! dist-il, m'amie, quel estat avoient-
elles ä ceste feste? — Par ma foy, fait-elle, il n'y avoit si petite de l'estat
dont je suis qui n'eust robe d'ecarlate, ou de Malignes, ou de fin vert, four-
ree de bon gris ou de menu-ver, ä grands manches, et chaperon ä l'ave-
nant, ä grant cruche, avecques un tessu de soye rouge ou vert, traynant
jusques ä terre, et tout fait ä la nouvelle guise. Et avoie encor la robe de
mes nopces, laquelle est bien usee et bien courte, pour ce que je suis creue
depuis qu'elle fut falte; car je estoie encore jeune fille quand je vous fus
donnee, et si suy desja si gastee, tant ay eu de peine, que je sembleroye
bien estre mere de teile ä qui je seroye bien fille. Et certes je avoye si grant
honte quand je estoye entre elles, que je n'ousoie ne savoye faire conte-
nance. Et encore me fit plus grand mal que la Dame de tel Heu, et la
femme de tel, me disrent devant tous que c'estoit grand'honte que je n'es-
toye mielx abillee. Et par ma foy, elles n'ont garde de m'y trouver mes en
piece. — Avoy! m'amie. fait le proudomme, je vous diray : vous savez bien,
m'amie, que nous avons assez affaire, et savez, m'amie, que quant nous
entrames en nostre menage nous n'avions gueres de meubles, et nous a
convenu achapter Hz. couchez, chambres, et moult d'autres choses, et
n'avons pas graut argent ä present; et savez bien qu'il fault achapter deux
beufs pour notre mestoier de tel lieu. Et encore chaist l'autre jour le pignon
de nostre grange par faulte de couverture, qu'il faut reffaire la premiere
chouse: Et si me fault aller ä l'assise de tel lieu, pour le plait que j'ay de
vostre terre mesme de tel Heu, dont je n'ay riens eu ou au moins bien pe-
tit, et m'y fault faire grand despence. — Haa! sire, je savoye bien que vous
ne me sauriez aultre chose retraire (nie ma terre.» Lors elle se tourne de
Paultre part, et dit: «Pour Dieu, lesses moi ester, car je n'en parleray ja
mais. — Quoy dea, dit le proudomme, vous vous courroucez sans cause. —
Non fais, sire, car si vous n'en avez rien eu, ou peu, je n'en puis
mais. Car vous savez bien que j'estoye parlie de marier ä tel, ou ä tel, et
en plus de vingt aultres lieux, qui ne demendoyent seullement que mon
corps ; et savez bien que vous alliez et veniez si souvent que ie ne vouloie
que vous; dont je fu bien mal de Monseigneur mon pere, et suis encor, dont
je me doy bien hair; car je croy que je suy la plus maleuree femme qui fust
oncques. Et je vous demande, sire, fait-eile, si les femmes de tel et de tel,
qui me cuiderent bien avoir, sont en tel estat comme je suy. Si ne sont-
elles pas du lieu dont je suy. Par Sainct Jehan, mieulx vallent les robes que
elles lessent ä leurs chamberieres que celles que je Porte aux dimanches.
Ne je ne scey que c'est ä dire dont il meurt tant de bonnes gens, dont c'est
grand dommage: ä Dieu plaise que je ne vive gueres! Au moins fusses
vous quite de moy, et n'eusses plus de desplesir de moy. — Par ma foy,
MADAME DU CHASTEL 241
fait-il, m'amie, ce n'est pas bien dit, car il n'est chose que je ne feisse pour
vous; mais vous devez regarder ä nostre fait: tournez vous vers moy, et je
feray ce que vous vouldrez. — Pour Dieu, fait-elle, lesses moi ester, car,
par ma foy, il ne m'en tient point. Pleust ä Dieu qu'il ne vous en tenist
james plus (tue il fait ä moy; par ma foy vous ne me toucheriez james. —
Non? fait-il. — Certes, fait-elle, non.» Lors, pour l'essaier bien, ce lui
semble, il lui dit: «Si je estoie trespasse, vous seriez tantoust mariee ä ung
aultre. — Seroye! fait-eile: ce seroit pour le plaisir que g'y ay eu! Par le
sacrement Dieu, james bouche de homme ne toucheroit ä la moye; et si je
savoye que je deusse demourer apres vous, je feroye chouse que je m'en
iroye la premiere.» Et commence ä plorer ...1

1 Da überlegt sie sich Ort und Zeit und Stunde, um mit ihrem Mann
über die Sache zu sprechen; und sehr gern sprechen sie von ihren persön-
lichen Anliegen da, wo ihre Männer am schwächsten sind und am ehesten
geneigt, ihnen nachzugeben: nämlich im Bett, wo der Gefährte, von dem
ich gesprochen habe, sich seinen Freuden und Vergnügungen überlassen
will und denkt, etwas anderes habe er jetzt nicht zu tun. Da beginnt denn
die Dame und sagt: «Laßt mich doch, denn ich bin sehr bekümmert.» —
«Ja aber warum denn?» sagt er. — «Ich habe schon meine Gründe», ant-
wortet sie, «aber ich sage euch nichts davon, denn ihr kümmert euch ja
niemals um das, was ich euch sage.» — «Frau». gibt er zurück, «sagt mir,
warum ihr so zu mir sprecht.» — «Weiß Gott», sagt sie, «es hat keinen
Sinn, daß ich es euch sage; denn ihr würdet euch doch nicht darum küm-
mern, wenn ich es euch sagte, und ihr würdet meine Absicht auch ganz
mißverstehen.» — «Also nun im Ernst», antwortet er. «ihr werdet es mir
sagen.» — Und dann fängt sie an: «Also wenn ihr durchaus wollt, so
werde ich es euch sagen. Ihr wißt, daß ich neulich bei jenem Fest war, wo
ihr mich hingeschickt habt; denn mir machte es wenig Spaß; aber als ich
da war, da gab es, glaube ich. keine einzige Frau, und wäre sie noch so
geringen Standes, die so schlecht angezogen war wie ich; ich sage es nicht,
um mich zu loben, aber Gott sei Dank bin ich von ebenso gutem Herkom-
men wie irgendeine der adligen Damen oder Bürgersfrauen, die dort wa-
ren; ich berufe mich auf diejenigen, die mit den Stammbäumen Bescheid
wissen. Ich sage es nicht um meinetwillen, denn es ist mir ganz gleich, wie
ich angezogen bin; aber ich habe mich für euch und für meine Freunde
geschämt.» — «So», sagt er, «und was trugen denn die Frauen auf dem
Fest?» — «Ich versichere euch», antwortet sie, «es gab aus meinem Stande
keine noch so unbedeutende Person, die nicht ein Kleid aus Scharlach-
stoff, oder aus Tuch von Mecheln, oder aus fin vert gehabt hätte, besetzt
mit Grauwerk oder Buntpelz, mit großen Ärmeln, und den Hut dazu pas-
send .... mit rotem oder grünem Seidenschleier bis zur Erde. und alles
nach der neuesien Mode. Und ich hatte noch mein Hochzeitskleid an. das
ganz abgetragen ist und viel zu kurz, weil ich gewachsen bin seit es ge-
macht wurde, denn ich war noch ein ganz junges Mädchen, als ich euch
übergeben wurde, und dabei bin ich schon so mitgenommen von all der
Mühe, die ich gehabt habe, daß ich aussehe wie die Mutter von mancher,
is
242 MADAME DU CHASTEL
Dieser Text, der einige Jahrzehnte vor dem Reconfort geschrieben
sein dürfte, ist augenscheinlich aus einem ganz anderen Bezirk des
Geschehens, und darum auch in einer ganz anderen Stillage geschrie-
ben als die Szene zwischen dem Herrn und der Frau du Chastel. In
dieser handelt es sich um das Leben des einzigen Kindes, in den
Quinze Joyes um ein neues Kleid; im Reconfort sind Mann und Frau
in gutem Einvernehmen und in wirklicher Gemeinschaft, in den
Quinze Joyes ist kein Vertrauen zwischen ihnen, sondern jeder folgt
seinen eigenen Instinkten, indem er zugleich die des anderen beob-
achtet, nicht um sie zu verstehen und ihnen entgegenzukommen, son-
dern um sie für sich auszunützen; die Frau tut dies mit großem, wenn
auch kindlich-törichtem Geschick, der Mann sehr viel roher und un-
bewußter; aber auch bei ihm fehlt das Gefühl, das zur echten Liebe
gehört, nämlich das Gefühl für das, was dem anderen Freude machen
kann; über die Art, wie er ihre Kleidersorgen aufnimmt, könnte sich
auch eine weniger törichte Frau ärgern, mag er noch so sehr sachlich
recht haben. Schließlich ist in der Geschichte des Ehepaares du Cha-
stel die Frau die Heldin; in den Quinze Joyes ist sie es auch, aber

deren Tochter ich sein könnte. Und wahrhaftig, ich habe mich so ge-
schämt als ich da unter ihnen stand, daß ich ganz ängstlich wurde und
nicht wußte, wie ich mich benehmen sollte. Und dann hat es mich noch
schrecklich geärgert, daß die Baronin von Xdorf und Frau Y mir vor allen
Leuten sagten, es sei eine Schande, daß ich nicht besser angezogen sei.
Aber so viel ist sicher, die finden mich dort so bald nicht wieder» (?). —
«Ja, aber liebe Frau», sagt der Mann, «da muß ich doch dir etwas sagen:
ihr wißt doch, liebe Frau, wir haben Sorgen genug, und ihr wißt auch, daß
wir fast gar keine Möbel hatten, als wir unseren Hausstand begründeten,
und daß wir Betten, Bettstellen, Zimmereinrichtungen (?) und viele andere
Sachen kaufen mußten. und so haben wir jetzt nicht viel Bargeld; und ihr
wißt auch, daß wir zwei Ochsen kaufen müssen für unseren Pächter in X.
Und dann ist neulich der Giebel von unserer Scheune heruntergefallen,
weil die Abdachung nicht in Ordnung war, und das muß zuallererst repa-
riert werden. Und dann muß ich zum Gericht in Y fahren, für den Pro-
zeß, den ich gerade wegen eures Landguts in Z habe, das mir noch gar
nichts eingebracht hat, oder doch nur sehr wenig, und das macht mir
große Ausgaben.» — «Ha, Herr, das wußte ich doch, daß ihr mir mit nichts
anderem kommen würdet als wieder einmal mit meinem Landgut.» Dann
dreht sie sich nach der anderen Seite und sagt: «Laßt mich um Gottes wil-
len nun bloß in Ruhe, ich werde nie wieder davon sprechen.» — «Na aber»,
sagt der Mann, «ihr ärgert euch ohne Grund.» — «Aber nein», sagt sie.
«denn wenn das Gut euch nichts gebracht hat, so kann ich nichts dafür;
ihr wißt doch, daß ich diesen oder jenen hätte heiraten können und noch
zwanzig andere Partien machen, die alle nichts begehrten als meine Per-
son; und ihr wißt auch, daß ihr so oft ins Haus gekommen seid. daß ich
MADAME DU CHASTEL 243
nicht durch die Größe und Reinheit ihres Herzens, sondern durch die
Überlegenheit ihrer Tücke und ihrer Kraft in dem ewigen Kampf, als
welcher die Ehe dargestellt wird. Dem entsprechend ist auch die Hö-
henlage des Stiles ganz verschieden: den Quinze Joyes fehlt jeder An-
spruch auf gehobenen Ton; die Unterhaltung zwischen Mann und
Frau will nichts anderes als den Ton des alltäglichen Gesprächs wie-
dergeben, und lediglich in den einführenden Worten findet sich etwas
lehrhafter Moralismus, der jedoch, weit mehr als zumeist im mittel-
alterlichen Moralismus, von praktisch-psychologischer, konkreter
Erfahrung genährt ist. Das Zeremonielle, prunkhaft Gehobene, wel-
ches den ständischen Charakter des Reconfort ausmacht, steht in
einem deutlichen Gegensatz zu der unverhüllt mittleren, bürgerlichen
Ausdrucks- und Umgangsweise des Gesprächs über das neue Kleid.
Und dennoch zeigt eine historische Überlegung, daß hier zwei Stil-
arten einander näherrücken. Wir sagten schon oben, daß die feudale
Literatur in ihrer Blütezeit nichts so Wirkliches und Häuslich-Intimes
aufzuweisen hat wie die Szene zwischen Herrn und Frau du Chastel;
ein tragisches Problem, dargestellt im nächtlichen Gespräch zwischen
Mann und Frau, ist etwas so Unmittelbares, daß der altfränkisch-
niemand haben wollte als euch; und darum habe ich mich mit meinem
Herrn Vater überworfen, und bin immer noch nicht gut mit ihm, worüber
ich mir schweren Vorwurf machen muß; ich glaube, ich bin die unglück-
lichste Frau, die je gelebt hat. Und ich frage euch, Herr, fährt sie fort, ob
die Frau von diesem und von jenem, die mich haben wollten, in einem
solchen Zustand leben wie ich. Und dabei sind sie nicht aus so gutem
Hause wie ich. Bei Sankt Johann, die Kleider, die sie ihren Zofen schen-
ken, sind besser als die, die ich sonntags trage. Und ich weiß nicht, warum
so viel brave Leute sterben, um die es sehr schade ist; wenn es doch Gott
gefiele, daß ich nicht mehr zu leben brauchte. Dann wäret ihr mich we-
nigstens los und hättet keinen Ärger mehr mit mir.» —« Meiner Treu», sagt
er, «liebe Frau, das ist nicht recht, so zu reden, denn es gibt nichts, was
ich nicht für euch täte; aber ihr müßt auch an unser Interesse denken.
Aber nun dreht euch zu mir, und ich werde tun, was ihr wollt.» — «Ach
Gott», sagt sie, «laßt mich nur in Ruhe, denn mir ist wahrhaftig gar nicht
danach. Wollte Gott, daß euch ebenso wenig daran läge wie mir; wahr-
haftig, dann würdet ihr mich niemals berühren.» — «Wirklich nicht?» sagt
er.— «Ganz bestimmt nicht», sagt sie. — Dann sagt er, weil ihm scheint, er
könne sie auf die Weise recht auf die Probe stellen: «Wenn ich tot wäre,
so wäret ihr bald an einen anderen verheiratet.» — «Meint ihr», sagt sie;
«das wäre wohl wegen des Vergnügens, das ich darin gefunden habe! Ich
schwöre bei Gott, nie würde der Mund eines Mannes wieder den meinen
berühren; und wenn ich wüßte, daß ich euch überleben sollte, dann täte
ich etwas, um als erste zu verschwinden.» Und dann fängt sie an zu
weinen ...
244 MADAME DU CHASTEL

ständische Prunk der Sprache den Eindruck des Menschlichen und


Kreatürlichen eher auf eine rührende Weise erhöht als abschwächt.
Andererseits ist der Gegenstand, den unsere Szene aus den Quinze
Joyes behandelt — eine Frau, die dem Mann nachts im Bett ein neues
Kleid abschwatzt — eigentlich ein Schwankstoff; hier aber wird das
Thema ernst genommen, und zwar nicht nur im Groben und Allge-
meinen, als Illustration oder Exemplum, sondern in einer konkreten,
die Abtönungen und Besonderheiten der materiellen und seelischen
Lage genau wiedergebenden Darstellung. Denn obgleich der Verfas-
ser sein Werk als eine Sammlung von Beispielen komponiert hat, so
hat es doch nichts mit den früheren, ganz unrealistischen, lediglich
lehrhaften Exemplasammlungen in der Art der Sieben weisen Meister
oder der Disciplina Clericalis zu tun; dazu ist es viel zu konkret; und
auch nichts mit den Schwänken; dazu ist es viel zu ernsthaft. Die
kleine Schrift, deren Verfasser wir nicht kennen, ist ein sehr bedeu-
tendes Dokument in der Vorgeschichte des modernen Realismus; sie
gibt das alltägliche Leben, oder dpch zumindest einen der wichtigsten
Bezirke desselben, Ehe und Familie, in all seiner wirklichen sinnlichen
Gestalt, und sie nimmt diesen alltäglichen Gegenstand ernst, ja pro-
blematisch. Zwar ist es eine besondere Art von Ernst; schon vorher
hatte die frauen- und ehefeindliche Tendenz des geistlichen Moralis-
mus eine Art von realistischer Literatur hervorgebracht, die mit
grämlich-mürrischer Lehrhaftigkeit, ihre Darstellungen durch Alle-
gorien und Beispiele ausschmückend, die Mühseligkeiten und Gefah-
ren des Ehelebens, des Haushalts, der Kindererziehung usw. aufzähl-
te; besonders eindringlich und zuweilen sehr konkret hatte diese The-
men Eustache Deschamps behandelt, der zu Anfang des 15. Jahrhun-
derts gestorben war; aus dieser Tradition bezog der Verfasser der
Quinze Joyes nicht nur fast alle einzelnen Motive seines Werkes, son-
dern auch die noch halb moralistische, satirische und eher grämliche
als im tragischen Sinne ernste Einstellung zu seinem Gegenstand.
Allein selbst Eustache Deschamps (man vergleiche etwa das 15.,
17., 19., 38. oder 40. Stück seines Miroir de Mariage) hat es nicht zu
einer wirklichen Szene zwischen Mann und Frau gebracht, in der das
ineinandergreifende, die Tiefen des Bewußtseins bewegende Spiel zu
zweien, welches eine Ehe ist, Gestalt gewonnen hätte; das Realisti-
sche bleibt bei ihm oberflächlich, etwa in der Art, die man im 19. Jahr-
hundert mit «Genreszene» bezeichnete. Die Motive des oben abge-
druckten Stückes finden sich fast alle auch bei ihm. Auch dort will die
Frau neue Kleider haben, auch dort beruft sie sich darauf, daß andere
besser angezogen sind, obgleich sie nicht aus so gutem Hause stam-
men wie sie selbst. Aber das Ganze spielt sich nicht nachts ab, im
MADAME DU CHASTEL 245

Bett, nicht in Verbindung mit dem Spiel der geschlechtlichen Bezie-


hungen, mit dem Motiv des Wiederverheiratens nach dem Tode des
Mannes, mit all den Anspielungen auf das Zustandekommen der Ehe
und auf das Gut, das sie ihm in die Ehe eingebracht hat und das bis-
her noch kaum Einkommen abgeworfen, dafür aber einen kostspie-
ligen Prozeß verursacht hat. Deschamps zählt die Motive auf, zuwei-
len ganz lebendig, meist viel zu geschwätzig; der Verfasser der Quinze
Joyes weiß was eine Ehe ist, er weiß es im Bösen und auch im Guten,
denn in der Quatorziesme Joye (S.116) steht der Satz: car ilz sont
deux en une chose, et nature y a ouvr6 tant par la douceur de sa forse,
que si l'un avoit mal, l'autre le sentiroit. Er läßt die Eheleute wirklich
miteinander leben, er kombiniert die Motive so, daß das «deux en
une chose» Gestalt gewinnt, und zwar meist im Bösen, als Möglich-
keit sich aufs tiefste gegenseitig zu verletzen, als ewiger Kampf der
Zusammengeschmiedeten, als Betrug und Verrat an der Gemein-
schaft. Dadurch gewinnt sein Buch einen Charakter von Tragik;
nicht einer sehr erhabenen, und auch nicht durchgehends; dazu ist
das Einzelne der Probleme zu eng und kleinlich, dazu ist vor allem
der Charakter des Opfers, also des Mannes, zu unfrei; er hat weder
Güte noch Würde, weder Humor noch Selbstbeherrschung; er ist
nichts als ein geplagter Familienvater, und seine Liebe zu der Frau ist
vollkommen egoistisch, ohne jedes Verständnis für ihr eigenes We-
sen; er betrachtet sich selbst lediglich als ihr dauernd im Besitz gefähr-
deter Eigentümer. Wenn man also das Wort tragisch vermeiden will,
so muß man doch anerkennen, daß hier die praktische Not des Men-
schen in seiner alltäglichen Lage einen literarischen Ausdruck gefun-
den hat, den es vordem nicht gab; und es besteht tatsächlich eine
Annäherung zwischen der Höhenlage des Riconfort, der aus der feu-
dalen Überlieferung geschrieben ist, und der der Quinze Joyes, die
aus den Farcen und dem niederen klerikalen Moralismus ihre Motive
schöpfen: es entsteht eine Stillage, in der der alltägliche Schauplatz
des ablaufenden Lebens genauer und ernsthafter Darstellung gewür-
digt wird, zuweilen nach oben bis an das Tragische reichend, zuweilen
nach unten fast das Satirisch-Moralistische berührend, sehr viel ein-
gehender als zuvor das Unmittelbare der menschlichen Existenz be-
handelnd, das Körperlich-Sinnliche, das Häusliche, den täglichen Ge-
nuß des Lebens, seinen Verfall und sein Ende; wobei auch vor grel-
len Wirkungen keine Scheu besteht.
Die sinnliche Gegenwart, die dabei zur Erscheinung kommt, be-
wegt sich durchaus in den ständischen Formen der Zeit, offenbart sich
aber doch überall als eine allgemeine, durch die gemeinsamen krea-
türlichen Lebensbedingungen («la condition de 1'homme», wie man
246 MADAME DU CHASTEL

später sagen wird) alle Menschen verbindende Wirklichkeit. Schon


seit dem 14. Jahrhundert findet man Beispiele für diese unmittelba-
rere, sinnlichere, genauere Realistik. Bei Eustache Deschamps sind
sie zahlreich, und Froissart erzählt Episoden, wo es sich um Leben
und Tod handelt, mit einer sinnlichen Ausführlichkeit, die nicht sehr
verschieden ist von der Art, in der La Sale den Tod des jungen du
Chastel berichtet. Wenn die sechs vornehmsten Bürger von Calais,
nur mit Hemd und Hose bekleidet, einen Strick um den Hals, die
Schlüssel der Stadt in den Händen, vor dem englischen König knien,
der sie hinrichten lassen will, so hört man seine Zähne knirschen; die
Königin, die sich ihm, um Gnade für die Gefangenen flehend, zu Fü-
ßen wirft, ist hochschwanger, und er gewährt ihr die Gnade, aus
Angst, sie könne in ihrem Zustand sonst Schaden leiden, mit den
Worten: «Ha! dame, j'aimasse trop mieux que vous fussiez autre
part que ci!» (Chroniques 1,321). Noch ausgeprägter in ihrer genauen
Realistik sind die Episoden des dritten Buches, die von dem Tode des
jungen Gaston de Foix handeln, die Rilke bewunderte, und denen
Huizinga (Herbst des Mittelalters, S. 404) «eine fast tragische Kraft»
zuerkennt: es wird dort eine Familientragödie an einem südfranzö-
sischen Fürstenhof berichtet, in einer Reihe von überaus anschau-
lichen, klaren, in allen Einzelheiten ausgemalten Szenen; der grelle
Vorgang zwischen Vater und Sohn gewinnt in den höfischen Sitten-
bildern (die beiden spielenden und sich raufenden Prinzen, der Fürst
mit dem Windspiel beim Mahle u. a.) vollkommene Unmittelbar-
keit. Während des 15. Jahrhunderts wird die Realistik noch sinnlicher,
die Farben werden noch greller; doch bleibt die Darstellung immer in
den Grenzen des mittelalterlich Ständischen und des Christlichen. Die
äußerste Vollendung eines kreatürlichen Realismus, der ganz im Sinn-
lichen bleibt und bei allem Radikalismus des Gefühls und des Aus-
drucks keinerlei Spur von gedanklich ordnender oder gar revolu-
tionärer Kraft zeigt, ja überhaupt keinen Willen die irdische Welt
anders zu gestalten als sie ist, bietet Franeois Villon.
Es handelt sich auch hier noch, das ist gerade bei Villon deutlich zu
erkennen, um die Auswirkungen der christlichen Stilmischung; ohne
diese wäre die Art der Realistik, die wir als kreatürlich bezeichnet
haben, nicht vorstellbar. Aber sie hat sich schon von dem Dienst am
christlich-universellen Ordnungsgedanken gelöst; sie dient überhaupt
keinem Ordnungsgedanken mehr; sie ist selbständig, sie ist Selbst-
zweck geworden. Wir sind schon früher im Laufe dieser Untersuchung
einem Ehepaar begegnet, Adam und Eva, im Adamsspiel. Dort
diente die unmittelbare Nachahmung zeitgenössischer Wirklichkeit
einer zeitlosen und universalen Absicht, nämlich der Veranschau-
MADAME DU CHASTEL 247
lichung der Heilsgeschichte, und ging nicht darüber hinaus. Auch
jetzt ist das Band zwischen hier und dort, zwischen irdischer Welt und
ewigem Heil, keineswegs zerrissen; die «Kreatürlichkeit» schließt
eine solche Bezugnahme auf die göttliche Ordnung notwendig ein, es
wird ständig auf sie hingewiesen, und überdies ist ja gerade das 15.
Jahrhundert die große Epoche der Passionsspiele, und steht unter
dem Eindruck einer in kreatürlich-realistischen Bildern schwelgenden
Mystik ; allein der Akzent hat sich verschoben, er fällt weit stärker auf
das irdische Leben, und dieses wird weit auffälliger, weit wirksamer
gegen den irdischen Verfall und den irdischen Tod abgesetzt als gegen
das ewige Heil. Die Veranschaulichung dient nun weit unmittelbarer
den irdischen Vorgängen, sie bohrt sich ein in ihren sinnlichen Gehalt;
sie sucht ihren Saft und ihre Würze, sie sucht Freude und Qual, die
dem irdischen Leben selbst unmittelbar entströmen. Damit hat die
realistische Kunst einen unbeschränkten Kreis von Stoffen, und sehr
viel subtilere Ausdrucksmöglichkeiten gewonnen. Aber ihre Entwick-
lung in dieser Epoche beschränkt sich auf das Sinnliche; es ist, wäh-
rend die alten Ordnungen sich langsam zersetzen, in der französisch-
burgundischen Realistik kein Ansatz da für den Auf bau einer neuen;
die Realistik ist arm an Gedanken, unfähig zu einer konstruktiven
Gesinnung, sie hat auch nicht den Willen dazu; sie schöpft die Wirk-
lichkeit des Bestehenden und im Bestehen selbst Vergehenden aus, sie
schöpft sie aus bis auf den Grund, so daß die Sinne und das von ihnen
erregte Gefühl das unmittelbare Leben zu kosten bekommen, und
will nichts weiter. Ja selbst die Sinnlichkeit ist bei aller Intensität des
Ausdrucks eng, ihr Horizont ist beschränkt; keiner der Schriftsteller
dieses Kulturkreises übersieht und beherrscht die gesamte Weltwirk-
lichkeit seiner Zeit so wie Dante oder selbst wie Boccaccio; jeder
kennt nur seinen eigenen Bezirk, und der ist eng, selbst bei denen, die,
wie Antoine de la Sale, in ihrem Leben weit herumgekommen sind.
Es bedarf einer Gesinnung, eines aktiven Willens der Welt eine Form
zu geben, damit die Fähigkeit, die Erscheinungen des Lebens zu ver-
stehen und wiederzugeben. die Kraft gewinnt, den engsten Bezirk des
eigenen Lebens zu überschreiten. Der Tod des kleinen du Chastel
oder der des Prinzen Gaston de Foix bietet nichts als die sehr konkrete
Erfahrung von Jugend, Verstrickung und qualvollem Tod; wenn es
vorüber ist, bleibt dem Leser nichts als das sinnliche, gleichsam
fleischliche Entsetzen vor dem Erlebnis der Vergänglichkeit; sonst
bieten die Erzähler nichts; kein Urteil, das Gewicht hätte, keine Per-
spektive, keine Gesinnung; ja selbst ihre oft sehr eindringliche, auf
das Unmittelbare und Eigentliche gerichtete Psychologie — man erin-
nere sich des Gesprächs zwischen Mann und Frau in den Quinze
248 MADAME DU CHASTEL
Joyes — ist weit mehr kreatürlich als individuell. Es ist augenschein-
lich, daß sie der sinnlichen Erfahrung bedurften, die ihnen ihr Lebens-
kreis bot, und daß sie andererseits nicht darüber hinausstrebten, da
jeder Lebenskreis genügend Material an kreatürlichem Schicksal lie-
fert. Boccaccio war, zumal durch die Übersetzung von Laurent de
Premierfait (1414) in Frankreich bekannt, und etwa gleichzeitig mit
dem R4confort entstand im burgundischen Kreis eine Sammlung von
Erzählungen nach dem Muster des Decamerone, die Cent Nouvelles
Nouvelles (Ausgabe von Th. Wright, Paris 1857/58). Aber die Eigen-
tümlichkeit Boccaccios wird nicht nachgeahmt, ja wahrscheinlich
nicht einmal erkannt. Die Cent Nouvelles sind eine Sammlung von
kräftigen Geschichten, die in einer Herrengesellschaft aufgetischt
werden, und diese Herren, obwohl höfischen und hochfeudalen, zum
Teil fürstlichen Standes, fühlen sich durchaus behaglich in der Atmo-
sphäre des volkstümlichen Schwankstils; von dem elegant-humani-
stischen «mittleren Stil» Boccaccios, von seiner Liebeslehre, seinem
Dienst an den Frauen, von der menschlichen, kritischen, ein weites
Feld beherrschenden Perspektive des Decamerone, der Mannigfaltig-
keit seiner Schauplätze und Lebensberichte ist nichts übriggeblieben;
selbstverständlich ist auch die Sprache zwar würzig und ausdrucks-
voll, aber frei von jeder humanistischen Durchformung und alles an-
dere als dichterisch; die Prosa des etwa zwei Jahrzehnte vorher ver-
storbenen Alain Chartier ist weit eleganter und rhythmisch gepfleg-
ter. Es finden sich unter den Geschichten eine ganze Anzahl, die Mo-
tive behandeln, welche auch im Decamerone erscheinen; das Motiv
vom Engel Gabriel findet sich (als 14. Novelle) in der Form, daß ein
Eremit einer frommen Witwe mehrmals nächtlich, mit Hilfe eines
ausgehöhlten Stockes, den er durch die Hauswand steckt, den göttli-
chen Befehl einbläst, sie möge ihre Tochter dem Eremiten zuführen;
aus der Verbindung würde ein zur Papstwürde und zur Reform der
Kirche ausersehenes Kind hervorgehen; Frau und Tochter folgen
dem Befehl, der Eremit läßt sich seine Einwilligung mit Mühe ab-
zwingen; aber als er sich eine Weile mit der Tochter vergnügt hat,
wird sie schwanger und gebärt ein Mädchen! Die Novelle ist ganz
grob komponiert (dreimaliger nächtlicher Befehl, dreimaliger Besuch
beim Eremiten); die Charakterisierung von Frau, Tochter und Ere-
mit, verglichen mit der von Frate Alberto und Madonna Lisetta, ist
rein «kreatürlich», das heißt durchaus nicht unlebendig, vielmehr
ganz echt, aber ohne jede Individualisierung; die ganze Geschichte
ist als sinnliche Wiedergabe eines komischen Vorgangs wirkungsvoll,
sie enthält viel volkstümlich-redensartlichen Humor (la vieille, de
joye emprise, cuidant Dieu tenir par les piez), sie ist aber unvergleich-
MADAME DU CHASTEL 249
lich roher, enger, in Gesinnung und Formung tiefer gelagert als Boc-
caccio.
Die Realistik der französisch-burgundischen Kultur des 15. Jahr-
hunderts ist also eng und mittelalterlich; sie hat keinerlei neue, die
irdische Welt gestaltende Gesinnung, und erkennt kaum, daß die mit-
telalterlichen Ordnungen ihre konstruktive Kraft allmählich einbü-
ßen; sie bemerkt kaum, wie bedeutende Veränderungen sich in der
Struktur des Lebens vollziehen, und sie steht, an Weite des Horizonts,
Kultur der Sprache und formender Kraft sehr zurück hinter dem,
was die italienische spätmittelalterliche und frühhumanistische Blüte-
zeit, schon ein Jahrhundert zuvor, durch Dante und Boccaccio ge-
schaffen hatte. Allein es prägte sich in ihr eine Vertiefung des Sinn-
lich-Kreatürlichen aus, und dies christliche Erbe hat sie in die Renais-
sance hinübergerettet. In Italien empfanden Boccaccio und der Früh-
humanismus jenen kreatürlichen Ernst in der Erfahrung des Lebens
nicht mehr; in Frankreich selbst, und überhaupt nördlich der Alpen,
drohte jeder ernsten Realistik der Erstickungstod unter der Schling-
pflanze der Allegorie; aber die spontane Kraft des Sinnlichen war
stärker, und auf diese Art gelangte der mittelalterlich-kreatürliche
Realismus ins 16. Jahrhundert; er gab der Renaissance ein starkes
Gegengewicht gegen die stiltrennenden Kräfte, die aus der humanisti-
schen Nachahmung der Antike erwuchsen.
XI

DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

IM 32. Kapitel seines zweiten Buches (das aber als erstes geschrieben
und veröffentlicht wurde) erzählt Rabelais, wie die Armee Panta-
gruels auf dem Feldzug gegen das Volk der Almyrodes (der «Salzi-
gen») unterwegs von einem Regenguß überrascht wird; wie Panta-
gruel den Befehl gibt, sie sollten sich eng zusammenstellen, er sehe
über den Wolken, es sei nur eine kurze Husche; er wolle ihnen inzwi-
schen ein Obdach geben. Hierauf steckt er seine Zunge heraus (seu-
lement ä demi), und bedeckt sie wie eine Henne ihre Küchlein. Nur
der Verfasser selbst (je, qui vous fais ces tant veritables contes), der
sich schon vorher anderswo Deckung verschafft hatte und nun aus
dieser hervorkommt, findet keinen Platz mehr unter dem Zungendach :

Doncques, le mieulx que je peuz, montay par dessus, et cheminay bien


deux lieues sus sa langue tant que entray dedans sa bouche. Mais, ö Dieux
et Deesses, que veiz je lä? Jupiter me confonde de sa fouldre trisulque si
j'en mens. Je y cheminoys comme l'on faict en Sophie ä Constantinoble,
et y veiz de grans rochiers comme les mons des Dannoys, je croys que
c'estoient ses dentz, et de Brands prez, de grandes forestz, de fortes et
grosses villes, non moins grandes que Lyon ou Poictiers. Le premier que
y trouvay, ce fut un homme qui plantoit des choulx. Dont tout esbahy luy
demanday: «Mon amy, que fais tu icy? — Je plante, dist-il, des choulx. —
Et ä quoy ny comment, dis-ie? — Ha, Monsieur, dist-il, chascun ne peut
avoir les couillons aussi pesant qu'un mortier, et ne pouvons estre tous
riches. Je gaigne ainsi ma vie, et les Porte vendre au marche en la cite qui
est icy derriere. — Jesus, dis-je, il y a icy un nouveau monde? — Certes,
dist-il, il n'est mie nouveau, mais l'on dist bien que hors d'icy y a une terre
neufve oü ilz ont et soleil et lune et tout plein de belles besoignes; mais
cestuy cy est plus ancien. — Voire mais, dis-je, comment a nom ceste ville
oü tu Portes vendre tes choulx? — Elle a, dist il, nom Aspharage, et sont
christians, gens de bien, et vous feront Brande chere.» Bref, je deliberay
d'y aller. Or, en mon chemin, je trouvay un compaignon qui tendoit aux
pigeons, auquel je demanday: «Mon amy, d'ont vous viennent ces pi-
geons icy? — Cyre, dist il, ils viennent de l'aultre monde.» Lors je pensay
que, quand Pantagruel basloit, les pigeons ä pleines volees entroyent de-
dans sa gorge, pensans que feust un colombier. Puis entray en la ville, la-
quelle je trouvay belle, bien forte et en bel air ; mais ä l'entree les Portiers
me demanderent mon bulletin, de quoy je fuz fort esbahy, et leur deman-
day: «Messieurs, y a il icy dangier de peste? — 0, Seigneur, dirent ilz, l'on
se meurt icy aupres tant que le charriot court par les rues. — Vray Dieu,
dis je, et oü?» A quoy me dirent que c'estoit en Laryngues et Pharyngues,
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 251
qui sont deux grosses villes telles que Rouen et Nantes, riches et bien mar-
chandes, et la cause de la peste a este pour une puante et infecte exhala-
tion qui est sortie des abysmes des puis n'a gueres, dont ilz sont mors plus
de vingt et deux cens soixante mille et seize personnes despuis huict jours.
Lors je pense et calcule, et trouve que c'estoit une puante halaine qui
estoit venue de l'estomach de Pantagruel alors mangea tant d'aillade,
comme nous avons dict dessus. De lä partant, passay entre les rochiers,
qui estoient ses dentz, et feis tant que je montay sus une, et lä trouvay les
plus beaux lieux du monde, beaux Brands jeux de paulme, belles galeries,
belles praries, force.vignes et une infinite de cassines ä la mode italicque,
par les champs pleins de delices, et lä demouray bien quatre moys, et ne
feis oncques teile chere pour Tors. Puis descendis par les dentz du derriere
pour venir aux baulievres; mais en passant je fuz destrousse des brigans
par une Brande forest que est vers la partie des aureilles. Puis trouvay une
petite bourgade ä la devallee, j'ay oublie son nom, oü je feiz encore meil-
leure chere que jamais, et gaignay auelque peu d'argent pour vivre. Sca-
vez-vous comment? A dormir; car l'on loue les gens ä journee pour dor-
mir, et gaignent sing et six solz par jour; mais ceulx qui ronflent bien fort
gaignent bien sept solz et demy. Et contois aux senateurs comment an
m'avoit destrousse par la valee, lesquelz me dirent que pour tout vray les
gens de delä estoient mal vivans et brigans de nature, ä quoy je sogneu
que, ainsi comme nous avons les contrees de decä et delä les montz, aussi
ont ilz decä et delä les dentz; mais il fait beaucoup meilleur decä, et y a
meilleur air. Lä commencay penser qu'il est bien vray ce que l'on dit que
la moytie du monde ne scait comment l'autre vit, veu que nui avoit en-
cores escrit de ce pais lä, auquel sont plus de XXV royaulmes habitez,
sans les desers et un gros bras de mer. mais j'en ay compose un grand livre
intitule 1'Histoire des Gorgias, car ainsi les ay-je nommez parce qu'ilz de-
mourent en la gorge de mon maistre Pantagruel. Finablement vouluz re-
tourner, et passant par sa barbe, me gettay sus ses epaulles, et de lä me
devalle en terre et tumbe devant luy. Quand il me apperceut, il me deman-
da: «D'ont viens tu, Alcofrybas? — Je luy responds: De vostre gorge,
Monsieur. — Et depuis quand y es tu, dist il? — Despuis, dis je, que vous
alliez contre les Almyrodes.— II y a, dist il, plus de six moys. Et de quoy
vivois tu? Que beuvoys tu? — Je responds: Seigneur, de mesme vous, et
des plus frians morceaulx qui passoient par vostre gorge j'en prenois le
barraige. — Voire mais, dist il, oü chioys tu? — En vostre gorge, Monsieur,
dis-je. — Ha, ha, tu es gentil compaignon, dist il. Nous avons, avecques
l'ayde de Dieu, conqueste tout le pays des Dipsodes; je te donne la chatel-
lenie de Salmigondin. — Grand mercy, dis je, Monsieur. Vous me faictes
du bien plus que n'ay deservy envers vous.»l-

Also stieg ich, so gut ich konnt an ihm hinan und wandert wohl
zween Meilen weit auf seiner Zung hin, bis ich ihm endlich in den Mund
kam. Aber, o ihr Götter und Göttinnen, was erblickt ich da! Jupiter er-
schlag mich gleich mit seinem dreyspitzigen Donnerkeil, wo ich auch nur
ein Wörtlein lüge. Ich spaziert darinn umher, wie in Sanct Sophien zu
252 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

Das Motiv dieses lustigen Abenteuers hat Rabelais nicht selbst er-
funden. In dem Volksbuch vom Riesen Gargantua (mir liegt der Ab-
druck eines Dresdner Exemplares in W. Weigands Ausgabe der Re-
gisschen Rabelaisübersetzung vor, 3. Auflage Berlin 1923, Band 2,
Seite 398 ff., vgl. übrigens die Anmerkung 7 in der edition critique
von Abel Lefranc, IV, 330) wird erzählt, wie die 2943 Gewappneten,

Konstantinopel, und sah da mächtige Felsenblöck, groß wie die Berg in


Dänemark; ich glaub, 's sind seine Zähn gewesen: große Wiesen, dichte
Wälder, auch feste, wohlverschanzte Städt, nicht kleiner denn Poictiers
oder Lyon. Der Erst, den ich da antraf, war ein guter Gesell, der bauet'
Kraut auf seinem Acker; den befrug ich, schier ganz verwundert; Ey,
mein Freund, was schaffst du hier? — Ich bau halt Kraut, antwortet' er. —
Ey wie dann so? und zu was End? — Hum, sprach er, Herr, nicht jedem
wächst der Sack mörselsdick ; wir können eben all nit reich seyn. Hiemit
verdien ich mir mein Brot, und trags zu Markt in die Stadt seit hinten. —
Jesus! sag ich, ist hie wohl gar eine neue Welt? — Ist weiter iust nix neues
dran, antwortet' er; doch sprechens, da draußen wär auch eine Welt, und
hätt auch Sonn und Mond, und alles vollauf zu leben drein; die hie ist
aber doch älter. — Schon gut, mein Freund, sag ich zu ihm, und wie heißt
die Stadt, da du dein Kraut zu Markt hinführest? — Aspharagus, Herr;
recht wackre Leut, und lauter gute Christen drinn, die euch gar trefflich
gastiren werden. — Kurz, ich ward schlüssig, hin zu gehen. Jetzt, wie ich
nun so weiter zieh, treff' ich auf einen Buben am Weg, welcher den Tau-
ben Netze stellet'. Den frag ich: Freund, von wannen kommen euch diese
Tauben? — Herr, die kommen von der andern Welt, antwortet' er. — Da
dacht ich mir wie, wenn Pantagruel etwann jähnt', die Tauben wohl zu
ganzen Flügen, in Meinung, es wär ein Taubenschlag, ihm in das Maul
ziehn möchten. Also ging ich dann vollends in die Stadt, die ich gar schön
und fest befand; war auch ein guter Luft daselbst. Aber die Pförtner vor
dem Thor wollten mir nach dem Laufpaß sehen. Darob ich sehr betroffen
frug: Wie meine Herren, hats irgend hie wegen der Pest Gefahr? — Ach
Gnädigster! versetzten sie, unweit von hie sterben euch die Leut, daß der
Leichenwagen immerfort die Gassen entlang fährt. — Ey heiliger Gott,
sprech ich, und wo dann? — Darauf sagten sie mir, es wäre in Laringen und
Pharingen, welches zwey große und reiche Handelsstädte wie Rouen und
wie Nantes sind: und wär der erste Ursprung der Pest ein fauler und gif-
tiger Brodem gewesen, unljngst vom Abgrund aufgestiegen, daran über
zweyundzwanzighundertsechzigtausend und sechzehn Köpf seit nun
acht Tagen verblichen wären. Da überschlug, erwog und befand ich, daß
dies aus des Pantagruel Magen ein stinkender Othem gewesen war, als er
den vielen Knoblauch aß, wie oben ist ermeldet worden. Von dannen
schlug ich mich ins Gebirg, welches seine Backzähn waren, und triebs so
lang bis ich auf einen zu stehen kam: da fand ich euch die allerbesten Ort
der Welt; viel schöne große Ballenspiel, schmucke Laubengäng, schöne
Triften, Rebenhügel im Überfluß, und eine unzählbare Meng kleiner ar-
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 253
die Gargantua im Schlaf erwürgen sollen, in sein offenes Maul gera-
ten, dessen Zähne sie für große Felsen halten, und wie sie später, als
er nach dem Erwachen seinen Durst löscht, alle bis auf drei ertrinken;
diese retten sich in einen hohlen Zahn. In einem hohlen Zahn gibt
auch an einer späteren Stelle des Volksbuchs Gargantua fünfzig Ge-
fangenen vorläufiges Quartier; sie finden dort sogar einen Saal für

tiger Häuslein nach welscher Manier in den Auen belegen, und alles rings
voll Fröhlichkeit. Daselbst verblieb ich wohl an die vier Monat, und hab
mein Lebtag seit der Zeit nicht wieder so flott wie damals gelebt. Stieg
dann an den hintersten Zähnen nach den unteren Lefzen hinunter; aber
als ich durch einen tiefen Wald kam, unweit der Ohren, ward ich von
Räubern ausgezogen. Fand dann im Grund einen kleinen Flecken (der
Nam ist mir entfallen davon) wo ich noch flotter als jemals lebt, auch ein
klein Zehrgeld mir verdienet; und wißt ihr wie? Mit Schlafen: denn dort
dingt man die Leut zum Schlafen tagweis: verdienen den Tag ihre fünf,
auch wohl sechs Sol damit; die aber recht laut schnarchen können, stehen
sich bis sieben und achtehalben. Da erzählt ichs denen Ratsherrn wie ich
im Thal wär geplündert worden; die sagten mirs dann für gewiß daß dies
Volk dahinten in alle Weg ein bös Gesindel und von Natur erzräuberisch
wär. Daraus ich mir dann abstrahirt: wie wir das Land bey uns zu Haus in
vor und hintern Bergen theilen, so heißts dort: vor und hintern Zähnen;
ist aber weit besser Leben vorn, und auch ein weit gesünderer Luft. Und
dacht daneben auch wie wahr doch das Sprichwort sagt: die eine Welt-
Hälft weiß weder Kix noch Kax von der andern. Masen noch keiner dies
Land beschrieben, welches doch mehr denn fünfundzwanzig bewohnte
Königreich in sich faßt, die Wüsten und ein breiter Meerstrich nicht mit-
gerechnet. Aber ich hab ein großes Buch darüber geschrieben, der Mau-
linger Geschieht betitult; denn also hab ichs zubenannt, weil sie im Maul
meines Herrn und Meisters Pantagruel wohnen. Endlich wollt ich auch
wieder heim; da stieg ich dann an seinem Bart hinab, und schwang mich
ihm auf die Schultern, von wo ich weiter zu Tal abglitt und vor ihm platt
auf die Erde hin fiel. Als er mich sahe, frug er mich: Ey, mein Alcofribas,
woher kommst du? — Aus eurem Maul, Herr, antwort ich. — Und wie
lang, sprach er, war'st du darinnen? — Seit ihr, sprach ich, den Feldzug in
Halmyrodien thätet. — Das ist schon über sechs Monat her, sagt' er: und
wovon lebtest du, was trankest du? — Herr, sag ich, dasselbe da ihr von
lebet, und von den leckeren Mundbißlein, die euch durch euern Schlund
passierten, erhub ich mir den Transito. — Wohl, sprach er, doch wohin
schissest du? — In euren Hals, Herr. — Ha, Ha, ha! du bist fürwahr ein
artiger Knab. Wir han itzund mit Gottes Hülf das ganze Dipsodierland
bezwungen; ich schenk dir die Burgvogtei Salmigundien. — Vergelts Gott,
Herr! sprach ich zu ihm, ihr tut mir weit mehr Liebs und Guts als ich um
euch verdienet hab.
(Nach der Übersetzung von Gottlob Regis, hrsg. von W. Weigand,
3. Aufl., Berlin 1923; mit einigen Abänderungen.)
254 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

das Ballspiel, ein jeu de paume, zu ihrer Unterhaltung. (Den hohlen


Zahn verwendet Rabelais an einer anderen Stelle, im 38. Kapitel des
ersten Buches, wo Gargantua sechs Pilger mit einem Salatkopf ver-
schluckt.) Außer dieser französischen Quelle erinnert er sich an unse-
rer Stelle eines antiken Autors, den er sehr zu schätzen wußte, Lu-
kians, der in seinen «Wahrhaftigen Geschichten» (I,30 ff.) von einem
Meerungeheuer berichtet, das ein Schiff mit sämtlichen Insassen ver-
schlingt; in seinem Rachen finden sie Wälder, Berge und Seen, es
wohnen darin verschiedene halbtierische Völker, und auch zwei Men-
schen, Vater und Sohn, die durch Schiffbruch vor 27 Jahren dahin
verschlagen wurden; auch sie bauen Kohl und haben dem Poseidon
ein Heiligtum errichtet. Diese beiden Vorbilder hat Rabelais auf seine
Weise verschmolzen, indem er in den Mund des Riesen aus dem
Volksbuch, der trotz seiner ungeheuren Größe doch nicht ganz den
Charakter eines Mundes verliert, das lukianische Landschafts- und
Gesellschaftsbild eingebaut hat; ja er übertreibt dieses noch (25 Kö-
nigreiche mit großen Städten, während es sich bei Lukian nur um
etwas über tausend Fabelwesen handelt), ohne sich übrigens mit der
Zusammenfügung beider Motive viel Mühe zu machen: zu den Grö-
ßenverhältnissen, die ein so reich bevölkerter Mund voraussetzt, steht
die Geschwindigkeit der Rückreise in keinem Verhältnis; noch weni-
ger die Tatsache, daß der Riese ihn nach seiner Rückkehr bemerkt
und anredet, und am allerwenigsten die Auskünfte über seine Ernäh-
rung und Verdauung während des Aufenthaltes im Innern des Mun-
des, die das ausgebildete Ackerbau- und Wirtschaftswesen, das er
dort angetroffen hat, sei es vergessen haben sei es absichtlich ver-
schwiegen; augenscheinlich dient die Unterhaltung mit dem Riesen,
die die Szene abschließt, lediglich einer lustigen Charakterisierung
des gemütlichen Pantagruel, der für das leibliche Wohl seiner Freun-
de, insbesondere für ihre Versorgung mit gutem Getränk, eifriges In-
teresse zeigt, und der das unerschrockene Bekenntnis über die Verdau-
ung gutlaunig mit der Verleihung einer Schloßherrschaft belohnt —
obgleich doch der brave Alcofrybas während des Krieges sich sozusa-
gen einen Druckposten ausgesucht hatte. Die Art, wie der Beschenkte
sich bedankt (das habe ich doch gar nicht verdient) ist in diesem Fall
keine bloße Redensart, sondern entspricht durchaus den Umständen.
Trotz der Erinnerung an literarische Vorbilder hat Rabelais die
Welt im Munde ganz nach seiner eigenen Weise geformt. Nicht halb-
tierische Fabelwesen und einige wenige, dürftig sich den Umständen
anpassende Menschen findet Alcofrybas vor, sondern eine ausgebil-
dete Gesellschaft und Wirtschaft, in der alles so zugeht wie bei ihm zu
Hause in Frankreich. Er staunt zunächst, daß dort überhaupt Men-
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 255
schen leben; vor allem aber auch über die Tatsache, daß es nicht etwa
ganz fremd und anders, sondern genau ebenso ist wie in seiner ge-
wohnten Welt. Das fängt gleich mit der ersten Begegnung an; ver-
blüffend ist für ihn nicht nur, daß er an diesem Ort einen Menschen
findet (er hat ja schon vorher die Städte von weitem gesehen), son-
dem daß der Mensch ganz ruhig Kohl pflanzt, als ob man in der Tou-
raine wäre. Deshalb fragt er ihn « tout esbahy»: Freund, was machst
du denn da, und bekommt eine Antwort, wie er sie auch von einem
Tourainer Bauern bekommen hätte, behaglich und dummschlau, so
wie sehr viele Typen bei Rabelais sich darzustellen pflegen: Je plante,
dist il, des choulx. Das erinnert mich an den Ausspruch eines kleinen
Jungen, den ich einmal mitanhörte; zum ersten Male am Fernspre-
cher, damit die in einer anderen Stadt lebende Großmutter seine
Stimme hören könnte, gab er auf die Frage nach seinem Befinden:
was machst du denn, mein Junge? die stolze und sachliche Antwort:
ich telephoniere. Hier liegt es ein wenig anders; der Bauer ist nicht
nur naiv und beschränkt, er hat auch den etwas hinterhältigen Hu-
mor, der sehr französisch und insbesondere rabelaisisch ist. Er ahnt
wohl, daß der Gast aus jener anderen Welt ist, von der er auch schon
etwas hat läuten hören; aber er gibt sich den Anschein, als merke er
nichts, und antwortet auf die neue Frage, die auch nur ein Ausruf des
Erstaunens ist (etwa: aber warum denn bloß? wie geht denn das zu?),
wieder ganz naiv, mit einem saftig-redensartlichen Bauernausdruck,
der besagt, daß er nicht reich ist; durch den Kohl, den er in der be-
nachbarten Stadt verkauft, verdiene er sein Leben. Nun endlich be-
ginnt der Besucher die Lage zu erfassen; Jesus, ruft er aus, hier ist ja
eine neue Welt! Nein, neu ist sie nicht, sagt der Bauer, aber die Leute
sagen, es gebe da draußen ein neues Land, wo sie Sonne und Mond
und überhaupt lauter gute Sachen haben; aber die hier ist doch älter.
— Der Mann spricht von der «neuen Welt» wie die Leute in der Tou-
raine oder sonstwo in West- und Mitteleuropa damals von den neu-
entdeckten Ländern, von Amerika oder Indien gesprochen haben
mögen; aber er ist doch schlau genug, in dem Fremden einen Bewoh-
ner jener anderen Welt zu vermuten, denn er beruhigt ihn über die
Menschen in der Stadt: es sind gute Christen und werden euch nicht
schlecht aufnehmen; dabei nimmt er als selbstverständlich an, womit
er ja in diesem Falle recht hat, daß die Bezeichnung «gute Christen»
auch für den Gast den Wert einer beruhigenden Garantie besitzt.
Kurz, dieser Bewohner der Umgegend von Aspharage benimmt sich
genau wie seinesgleichen in der Touraine es getan haben würde, und
in derselben Weise geht es weiter, häufig unterbrochen durch gro-
teske Erklärungen, die wiederum keineswegs die Proportionen wah-
256 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

ren ; denn wenn Pantagruel den Mund öffnet, der so viel Reiche und
Städte beherbergt, so dürften die Dimensionen der Öffnung schwer-
lich die Verwechslung mit einem Taubenschlag gestatten. Aber das
Motiv «alles wie bei uns» bleibt unverändert. Wenn man am Tor der
Stadt nach seinem Gesundheitszeugnis gefragt wird, weil in den gro-
ßen Hauptstädten des Landes die Pest herrscht, so ist das eine An-
spielung auf die Seuche, die während der Jahre 1532 und 1533 in den
nordfranzösischen Städten wütete (vgl. die Einleitung A. Lefrancs zu
seiner kritischen Ausgabe, Seite XXXI); die schöne Gebirgsland-
schaft der Zähne zeigt das Bild westeuropäischer Kulturen, und die
Landhäuser sind im italienischen Geschmack gebaut, der damals
aber auch in Frankreich Mode zu werden begann; und in dem klei-
nen Nest, in welchem er die letzte Zeit seines Aufenthalts im Munde
Pantagruels verbringt, geht es ebenfalls, abgesehen von der grotesken
Art des Geldverdienens durch Schlafen, zu fünf bis sechs sous pro
Tag, für kräftige Schnarcher Extrazulage (eine Erinnerung an die
Schlaraffenlandmärchen) sehr europäisch zu; wenn die Senatoren ihn
bemitleiden, weil er unterwegs im Waldgebirge beraubt worden ist, so
geben sie ihm zu verstehen, daß die Leute «von jenseits» eigentlich
kulturlose Barbaren sind, die nicht zu leben wissen, woraus er er-
sieht, daß es im Rachen Pantagruels Länder diesseits und jenseits der
Zähne gibt, so wie bei uns Länder diesseits und jenseits der Berge.
Während Lukian in allem Wesentlichen ein phantastisches Reise-
abenteuer gibt und es das Volksbuch lediglich auf die groteske Stei-
gerung der Proportionen abgesehen hat, läßt Rabelais ständig ver-
schiedene Schauplätze, verschiedene Erlebnismotive und auch ver-
schiedene Stilbezirke durcheinanderspielen. Indes Alcofrybas, der
Abstractor der Quintessenz, seine Entdeckungsreise im Munde Pan-
tagruels unternimmt, führt dieser mit seiner Armee den Krieg gegen
Almyroden und Dipsoden weiter; und in der Entdeckungsreise selbst
mischen sich zumindest drei verschiedene Erlebniskategorien. Den
Rahmen liefert das groteske Motiv der ungeheuerlichen Proportio-
nen, das keinen Augenblick aus den Augen gelassen und durch im-
mer neue absurd-komische Einfälle zurückgerufen wird; durch die
ins Maul fliegenden Tauben, wenn der Riese gähnt, durch die Erklä-
rung der Pest mit der Knoblauchmahlzeit, die giftige Dämpfe aus
Pantagruels Magen hochsteigen läßt, durch die Verwandlung der
Zähne in eine Gebirgslandschaft, durch die Art der Rückreise und
durch das abschließende Gespräch. Dazwischen aber klingt ein ganz
anderes, ganz neues und damals höchst aktuelles Thema auf, das der
Entdeckung einer neuen Welt, mit all dem Erstaunen, den Verschie-
bungen des Horizontes und Veränderungen des Weltbildes, die solche
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 257
Entdeckung im Gefolge hat. Das ist eines der großen Themen der
Renaissance und der beiden nächsten Jahrhunderte, eines der Hebel-
motive für politische, religiöse, wirtschaftliche und philosophische
Revolution. Immer wieder tritt es in Erscheinung; sei es, daß die
Schriftsteller eine Handlung in jener noch neuen und halbunbekann-
ten Welt spielen lassen, indem sie dort einen reineren und ursprüng-
licheren Zustand konstruieren als den europäischen, was ihnen eine
wirksame und zugleich ein wenig reizvoll verschleierte Form der Kri-
tik an den heimischen Zuständen ermöglicht; sei es, daß sie einen Be-
wohner jener fremden Länder in die europäische Welt einführen und
ihre Kritik am Europäisch-Bestehenden aus seinem naiven Erstaunen
und überhaupt aus seinen Reaktionen auf das, was er hier zu sehen
bekommt, hervorspringen lassen; in beiden Fällen hat das Motiv eine
revolutionäre, das Bestehende auflockernde, es in einen weiteren Zu-
sammenhang stellende und damit relativierende Kraft. Rabelais hat
es an unserer Stelle nur anklingen lassen, er hat es nicht ausgeführt;
das Erstaunen Alcofrybas' beim Anblick des ersten Mundbewohners
gehört in diese Erlebniskategorie, und vor allem die Überlegung, die
er am Ende seiner Reise anstellt: da wurde mir klar, wie richtig es ist,
was man sagt: daß die eine Hälfte der Welt nicht weiß wie die andere
lebt. Er überdeckt das Motiv sogleich wieder mit grotesken Späßen,
so daß es in der ganzen Episode nicht eigentlich herrschend ist. Aber
man erinnere sich, daß Rabelais das Land seiner Riesen anfangs Uto-
pie nannte, mit einem Namen, den er dem sechzehn Jahre zuvor er-
schienenen Werke des Thomas Morus entlehnt, des Mannes, dem er
von allen seinen Zeitgenossen vielleicht am meisten verdankte, und
der als einer der ersten das Motiv des fernen Landes in der oben be-
schriebenen modellhaft-reformatorischen Weise verwendet hat. Es ist
nicht nur der Name: das Land Gargantuas und Pantagruels, mit sei-
nen politischen, religiösen, pädagogischen Lebensformen, heißt nicht
nur, es ist auch Utopien; ein fernes, noch kaum entdecktes Land, das
wie die Utopia des Morus irgendwo im Fernen Osten liegt, obgleich
es freilich auch zuweilen mitten in Frankreich auffindbar zu sein
scheint. Wir kommen darauf zurück. Soviel von dem zweiten der in
unserer Stelle sich verschränkenden Motive; es kann sich hier nicht
frei entwickeln, teils weil ihm die grotesken Späße des ersten ständig
in die Quere kommen, teils weil es sofort von dem dritten gleichsam
abgefangen und lahmgelegt wird: dem Motiv «tout comme chez
nous». Das allererstaunlichste und absurdeste an dieser gorgiasischen
Welt ist eben, daß sie nicht ganz anders, sondern aufs Tüpfelchen
genau so ist wie unsere — insofern der unseren überlegen, als sie
Kenntnis hat von ihr, während wir keine Kenntnis haben von jener —
17
258 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

aber im übrigen ganz gleich. Dadurch gewinnt Rabelais Gelegenheit,


die Rollen zu vertauschen, den kohlpflanzenden Bauern nämlich als
einheimischen Europäer auftreten zu lassen, der den Fremden aus der
anderen Welt mit europäischer Naivität empfängt; er gewinnt vor
allem die Möglichkeit, eine alltäglich-realistische Szene zu entwik-
keln, ein drittes Motiv also, das zu den beiden anderen, der grotesken
Riesenfarce und der Entdeckung einer neuen Welt, gar nicht paßt und
in absichtlich absurdem Widerspruch zu ihnen steht; so daß die
ganze Maschinerie der ungeheuren Proportionen und der kühnen
Entdeckungsreise nur in Gang gesetzt worden zu sein scheint, um uns
einen Bauern aus der Touraine beim Kohlpflanzen vorzuführen. So
wie die Schauplatzebenen und die Motive, so wechseln auch die Stile;
herrschend ist die dem grotesken Rahmenmotiv entsprechende gro-
tesk-komische und niedrige Stillage, und zwar in ihrer energischsten
Form, in der die kräftigsten Ausdrücke paradieren; daneben und dar-
ein verflochten erscheint sachlicher Bericht, philosophische Gedan-
ken blitzen auf und mitten in all dem grotesken Getriebe erhebt sich
das kreatürliche Schreckbild der Pest, in der die Toten karrenweise
aus den Häuserh gefahren werden. Diese Art der Stilmischung hat
Rabelais nicht erfunden; er hat sie zwar seinem Temperament und
seinem Zweck dienstbar gemacht, aber stammen tut sie, paradoxer-
weise, aus der spätmittelalterlichen Predigt, in der sich die christliche
Überlieferung der Stilmischung aufs äußerste gesteigert hatte (vgl.
S.156): diese Predigten sind zugleich auf die roheste Weise volkstüm-
lich, auf kreatürliche Weise realistisch und auf biblisch-figural-inter-
pretierende Weise gelehrt und erbaulich. Aus dem Geist der spät-
mittelalterlichen Predigt, und vor allem aus der Atmosphäre, die die
im guten wie im bösen Sinne volkstümlichen Bettelorden umgab,
übernahmen diese Stilmischung die Humanisten, besonders für ihre
antikirchlichen, polemisch-satirischen Schriften; aus derselben Quelle
schöpfte sie «reiner» als sie alle Rabelais, der in seiner Jugend Fran-
ziskaner gewesen war; er hat diese Lebens- und Ausdrucksform an
der Quelle studiert und sie sich auf seine Weise zu eigen gemacht; er
kann sich nicht mehr von ihr trennen; so sehr er die Bettelorden haßte,
so sehr entsprach ihre würzig-kreatürliche und bis zum Possenhaften
anschauliche Stilart seinem Temperament und seiner Absicht, und
niemand hat aus ihr soviel hervorzuzaubern gewußt wie er. Diese Fi-
liation hat E. Gilson für alle, denen sie nicht schon vorher deutlich
war, in seinem schönen Aufsatz «Rabelais franciscain » (vgl. S. 163)
nachgewiesen; wir kommen auch auf die Stilfrage noch zurück.
Die Stelle, die wir hier besprochen haben, ist verhältnismäßig ein-
fach. Das Ineinanderspielen der Schauplätze, der Motive und Stilla-
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 259
gen ist vergleichsweise leicht zu übersehen, und die Analyse verlangt
keine umständlichen Untersuchungen. Andere Stellen sind viel kom-
plizierter, etwa solche, an denen sich Rabelais' Gelehrsamkeit, seine
abertausend Anspielungen auf zeitgenössische Dinge und Personen,
und seine Wortbildungsorkane austoben. Unsere Analyse hat uns mit
geringen Mitteln gestattet, ein für seine Art, die Welt zu sehen und zu
greifen, wesentliches Prinzip zu erkennen: das Prinzip des Durchein-
anderwirbelns der Kategorien des Geschehens, des Erlebens, der Wis-
sensbezirke, der Proportionen und der Stile. Man kann die Beispiele,
für das Ganze wie für das Einzelne seines Werkes, beliebig vermeh-
ren. Abel Lefranc hat gezeigt, daß sich die Ereignisse des ersten Bu-
ches, insbesondere der Krieg gegen Picrochole, auf den wenigen Qua-
dratmeilen eines Gebietes abspielen, das um La Deviniere, ein Besitz-
tum von Rabelais' väterlicher Familie, herumgelagert ist; und auch
für den, der das nicht so bis ins einzelne genau weiß oder wußte, sug-
gerieren die Ortsnamen und einige gemütlich lokale Vorgänge, die
vor und während des Krieges sich abspielen, einen provinziellen und
engen Bezirk. Dabei marschieren Heere von Hunderttausenden auf,
und Riesen, denen die Stückkugeln wie Ungeziefer in den Haaren
stecken bleiben, nehmen am Kampfe teil; Ausrüstungs- und Lebens-
mittelquantitäten werden aufgezählt, die in jener Zeit ein großes
Reich nicht hätte auf bringen können; allein die Zahl der Soldaten,
die in den Weingarten des Klosters Seuille eindringen und dort von
Frere Jean niedergernacht werden, wird mit 13622 angegeben —
Frauen und kleine Kinder nicht mitgerechnet. Das Motiv der riesigen
Ausmaße dient Rabelais zu perspektivischen Kontrastwirkungen, die
das Gleichgewicht des Lesers in einer hinterhältig-humoristischen
Weise erschüttern; er wird ständig zwischen provinziell würzigen und
gemütlichen Lebensformen, ungeheuren und grotesk überwirklichen
Ereignissen und utopisch-humanitären Gedanken hin- und hergewor-
fen ; er darf niemals auf einer gewohnten Ebene des Geschehens zur
Ruhe kommen. Auch das kräftig Realistische oder Obszöne wird
durch das Tempo des Vortrags und die sich jagenden Anspielungen
zu einem geistigen Wirbel; das stürmische Gelächter, das solche Stel-
len hervorrufen, erschüttert alle damaligen Begriffe gewohnter Ord-
nung. Wenn man einen kurzen Text liest wie etwa die Ansprache des
Bruders Jean des Entommeures zu Anfang des 42. Kapitels im ersten
Buch, so findet man darin zwei kräftige Späße. Der erste betrifft den
Segen, der vor der schweren Artillerie schützt; Frere Jean sagt nicht
etwa nur, daß er nicht an diesen Segen glaubt, sondern er wechselt
spielend die Betrachtungsebene, stellt sich auf die der Kirche, die den
Glauben als Bedingung der göttlichen Hilfe fordert, und sagt, aus die-
260 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

ser Perspektive: der Segen wird mir nichts helfen, denn ich glaube
nicht daran. Der zweite Spaß betrifft die Wirkung der Mönchskutte;
Frere Jean beginnt mit der Drohung, er werde dem, der sich als Feig-
ling erweist, seine Kutte umhängen. Natürlich meint man zunächst,
dies sei als Strafe und Demütigung gemeint; es werden dem so Be-
kleideten gleichsam die Qualitäten eines rechten Mannes aberkannt.
Aber nein, im Nu wechselt er die Betrachtungsart: die Kutte ist eine
Arzenei für unmännliche Männer; sie werden Männer, sobald sie sie
anhaben; er meint damit, daß die durch die Gelübde und die vorge-
schriebene Lebensweise erzwungene Privation die männlichen Fähig-
keiten, sowohl Mut wie sexuelle Potenz, besonders steigert; und er
beschließt seine Ansprache mit der Anekdote von dem kreuzlahmen
Windhund des Herrn de Meurle, dem man eine Kutte umhing; von
Stund an entging ihm kein Fuchs und kein Hase, und er belegte alle
Hündinnen der Umgegend, obgleich er vorher zu den «frigidis et
maleficiatis» (das ist ein Dekretalientitel) gehört hatte. Oder man lese
die langausgesponnene Darstellung der Gegenstände, die zur Säube-
rung des Afters dienen können, welche der junge Gargantua im 13.
Kapitel zum besten gibt: welch ein Reichtum an Improvisationen!
Da gibt es Gedichte und Syllogismen, Medizin, Zoologie und Bota-
nik, Zeitsatire und Kostümkunde; am Schluß wird das Entzücken,
welches die Eingeweide dem ganzen Körper mitteilen, wenn man die
gedachte Prozedur mit einem jungen, lebenden, weichgefiederten
Gänslein vornimmt, mit der Seligkeit der Heroen und Halbgötter in
den elysäischen Gefilden in Zusammenhang gebracht, und Grand-
gousier vergleicht den bei dieser Gelegenheit bewiesenen Scharfsinn
seines Sohnes mit dem des jungen Alexander in der bekannten Plu-
tarchanekdote, welche berichtet, wie er als einziger die Ursache der
Wildheit eines Pferdes — nämlich die Angst vor dem eigenen Schat-
ten — erkannte. Betrachten wir einige beliebige Stellen aus den späte-
ren Büchern. Im 31. Kapitel des dritten Buches gibt der Arzt Rondi-
bilis, von Panurge wegen seiner Heiratspläne befragt, die Mittel an,
die den allzu heftigen Geschlechtstrieb dämpfen: erstens übermäßi-
ger Weingenuß, zweitens bestimmte Medikamente, drittens anhalten-
de körperliche Arbeit, viertens eifriges geistiges Studium — jedes die-
ser vier Mittel wird mit einem Unmaß von medizinischer und huma-
nistischer Gelehrsamkeit seitenlang erläutert, wobei die Aufzählun-
gen, Zitate und Anekdoten wie ein Sprühregen niedergehen —; fünf-
tens, fährt Rondibilis fort, der Geschlechtsakt ... Halt, sagt Panurge,
darauf habe ich gewartet, dies Mittel paßt für mich, die anderen be-
nutze, wer Lust dazu hat. Ja, sagt Frere Jean, der zugehört hat, dies
Mittel nannte Bruder Scyllino, der Prior von Sankt Victor bei Mar-
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 261
seille, die Abtötung des Fleisches ... Das Ganze ist ein toller Jux, aber
Rabelais hat ihn vollgestopft mit seinen ständig wechselnden, ab-
sichtlich die Stil- und Wissensbezirke durcheinanderschüttelnden
Einfällen. Nicht anders verhält es sich mit der grotesken Verteidigung
des Richters Bridoye (Kap. 39-42 des gleichen Buches), der seine
Prozesse sorgfältig durcharbeitete, sie lange anstehen ließ und sie als-
dann nach dem Los der Würfel entschied; und der dabei vierzig Jahre
lang lauter weise und gerechte Urteile fällte. In dieser Rede mischen
sich seniles Gefasel und hinterhältig-ironische Lebensweisheit, es
werden die schönsten Anekdoten erzählt, die ganze juristische Fach-
terminologie ergießt sich in grotesken Wortkaskaden auf den Leser,
zu jeder selbstverständlichen oder absurden Behauptung wird ein
Haufen von komischen Zitaten aus dem römischen Recht und den
Glossatoren angeführt; es ist ein Feuerwerk von Witz, juristischer
und menschlicher Erfahrung, von Zeitsatire und Sittengeschichte,
eine Erziehung zum Lachen, zum raschen Wechsel des Standpunkts,
zum Reichtum der Betrachtungsweisen.
Wählen wir schließlich aus dem vierten Buch die Szene auf dem
Schiff, wo Panurge mit dem Kaufmann Dindenault um einen Ham-
mel feilscht (Kap. 6-8). Das ist vielleicht im ganzen Rabelais die
stärkste Szene, die ein Spiel zwischen zwei Menschen gibt. Der Eigen-
tümer der Hammelherde, der Kaufmann Dindenault aus der Sain-
tonge, ist ein cholerischer und aufgeblasener Mensch, dabei von dem
einfallsreichen, redensartlichen und hinterhältigen Witz, der fast allen
Figuren Rabelais' eigentümlich ist; er hat gleich bei der ersten Begeg-
nung den Eulenspiegel Panurge auf das gröbste angepflaumt, und
ohne das Dazwischentreten des Schiffspatrons und Pantagruels wäre
es zu einer ernsthaften Prügelei gekommen. Danach sitzen sie, schein-
bar versöhnt, mit den anderen zusammen beim Wein, als Panurge ihn
bittet, ihm doch einen seiner Hammel zu verkaufen. Nun beginnt
Dindenault viele Seiten lang seine Ware zu rühmen, und verfällt dabei
noch mehr als zuvor in das verletzend Großspurige gegenüber Pa-
nurge, den er mit einer Mischung von Mißtrauen, Frechheit, Gemüt-
lichkeit und Herablassung behandelt, wie einen Narren oder Betrü-
ger, der solcher Königsware gar nicht würdig sei. Panurge hingegen
bleibt jetzt still und höflich, immer nur die Bitte um einen Hammel
wiederholend. Schließlich nennt Dindenault, auf das Drängen der
Umstehenden, einen gepfefferten Preis; als ihn Panurge warnt, es sei
manchem fehlgeraten, wenn er allzuschnell reich werden wollte, be-
kommt er einen Wut- und Schimpfanfall. Schon gut, sagt Panurge;
er zahlt das Geld, wählt sich einen schönen und großen Hammel, und
während Dindenault noch über ihn spottet, wirft er das Tier plötzlich
262 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

ins Meer. Die ganze Herde springt nach; der verzweifelte Dindenault
versucht vergeblich sie zurückzuhalten; er wird von einem starken
Widder mitgerissen und ertrinkt in der gleichen Stellung, in der einst
Odysseus aus der Höhle Polyphems entfloh; ebenso geht es seinen
Hirten und Viehknechten. Panurge aber verhindert mit einem langen
Ruder diejenigen, die sich aus dem Wasser retten wollen, das Schiff
zu erreichen, und hält dabei den Ertrinkenden eine schöne Rede über
die Seligkeit des ewigen und das Elend des irdischen Lebens. So endet
der Schwank grimmig und fast ein wenig beängstigend, wenn man
den Grad des Rachebedürfnisses des immer heiteren Panurge bedenkt.
Aber es bleibt doch ein Schwank, in den Rabelais, wie gewöhnlich,
eine Menge bunter und grotesker Gelehrsamkeit gestopft hat; über
die Hammel diesmal, ihre Wolle, ihre Haut, ihre Därme, ihr Fleisch
und noch allerhand andere Teile, verbrämt wie gewöhnlich mit My-
thologie, Medizin und seltsamem chemischem Zauberwesen. Doch dies
bunte Getriebe von Einfällen, die Dindenault bei seiner Anpreisung
der Hammel vorbringt, ist diesmal doch nicht die Hauptsache, son-
dern die breite Selbstdarstellung seines Wesens, die die Art seines Un-
tergangs begründet : er wird hineingelegt und kommt um, weil er sich
nicht einstellen und umstellen kann, sondern in seiner eingleisigen
Torheit und Großtuerei, wie Picrochole oder der &olier limousin,
beschränkt und weltblind vorwärts rennt; er kommt nicht auf den
Gedanken, daß Panurge klüger sein könnte als er, daß er einiges Geld
opfern könnte, um sich zu rächen. Beschränktheit, Unfähigkeit zur
Anpassung, eingleisige Anmaßung, welche den Blick für die Vielfalt
der wirklichen Lage versperrt, sind Laster für Rabelais. Dies ist die
Form der Dummheit, die er verspottet und verfolgt.
Fast alle Elemente, die sich in Rabelais' Stil vereinen, sind aus dem
späten Mittelalter bekannt. Die groben Schwänke, die kreatürliche
Anschauung des menschlichen Körpers, der Mangel an Scham und
Zurückhaltung im Geschlechtlichen, die Vermischung solcher Rea-
listik mit satirischen oder didaktischen Inhalten, die formlos aufge-
häufte und zuweilen abstruse Gelehrsamkeit, die Verwendung alle-
gorischer Figuren in den späteren Büchern: dies alles und manches
andere findet sich auch im späten Mittelalter, und man wäre versucht,
zu glauben, das Neue bestehe hier nur in der ungewohnten Steigerung
und Zusammenballung. Allein das würde am Wesentlichen vorbei-
gehen; die Art, wie die gedachten Elemente gesteigert und durchein-
andergewirbelt sind, gibt eine ganz neue Mischung, und die Absicht,
die Rabelais verfolgt, ist mittelalterlicher Gesinnung, wie man weiß,
geradezu entgegengesetzt; dies gibt auch den einzelnen Elementen
einen anderen Sinn. Die spätmittelalterlichen Werke sind ständisch,
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 263
geographisch, kosmologisch, religiös und moralisch fest gerahmt; sie
geben von den Dingen jeweils nur einen einzigen Aspekt; wo sie mit
einer Vielfalt von Dingen und Aspekten zu tun haben, da sind sie be-
müht, sie in den festen Rahmen einer Gesamtordnung zu spannen.
Rabelais' ganzes Bestreben aber geht dahin, mit den Dingen und der
Vielfalt möglicher Anschauungen zu spielen und den an bestimmte
Betrachtungsweisen gewohnten Leser durch den Wirbel der Erschei-
nungen auf das große Meer der Welt zu locken, in dem man frei, und
auch auf jede Gefahr, schwimmen kann. Es scheint mir nicht ganz das
Wesentliche zu treffen, wenn manche Kritiker entscheidenden Wert
auf Rabelais' Trennung vom christlichen Dogma legen; wohl ist er
gewiß nicht mehr im kirchlichen Sinne gläubig; aber er ist sehr weit
entfernt davon, sich so wie ein Aufklärer der späteren Zeit auf be-
stimmte Formen des Unglaubens festzulegen; man darf auch aus sei-
ner Satire über christliche Gegenstände keine allzu weitgehenden
Schlüsse ziehen, denn in dieser Hinsicht bietet schon das Mittelalter
Beispiele, die sich von seinen blasphemischen Späßen nicht wesentlich
unterscheiden. Das Revolutionäre seiner Gesinnung liegt nicht ei-
gentlich im Antichristlichen, sondern in der Auflockerung des Se-
hens, Fühlens und Denkens, welche sein beständiges Spiel mit den
Dingen erzeugt, und die den Leser einlädt, sich unmittelbar mit der
Welt und dem Reichtum ihrer Erscheinungen einzulassen. In einem
Punkte freilich hat sich Rabelais festgelegt, und zwar in einer grund-
sätzlich widerchristlichen Weise: für ihn ist der Mensch, der seiner
Natur folgt, und das natürliche Leben, sei es der Menschen oder der
Dinge, gut; man bedürfte nicht einmal der ausdrücklichen Bekräfti-
gung dieser seiner Überzeugung, die er durch die Gründung der ab-
baye de Theleme gibt; denn sie spricht aus jeder Zeile seines Werkes.
Damit hängt zusammen, daß seine kreatürliche Behandlung des Men-
schen nicht mehr, wie die entsprechende Realistik des ausgehenden
Mittelalters, die Kläglichkeit und Vergänglichkeit des Leibes und des
Irdischen überhaupt zum Grundton hat; der kreatürliche Realismus
hat bei Rabelais einen ganz neuen, dem mittelalterlichen schroff ent-
gegengesetzten Sinn bekommen, den des vitalistisch-dynamischen
Triumphs der Leiblichkeit und ihrer Funktionen. Bei Rabelais gibt es
keine Erbsünde und kein Jüngstes Gericht mehr, und also auch keine
metaphysische Todesfurcht. Als ein Teil der Natur freut sich der
Mensch seines atmenden Lebens, der Funktionen seines Körpers und
der Kräfte seines Geistes, und wie die anderen Schöpfungen der Na-
tur verfällt er der natürlichen Auflösung. Dem atmenden Leben des
Menschen und der Natur gehört Rabelais' Liebe, sein Wissensdurst
und seine Kraft sprachlicher Nachahmung; an ihm wird er zum
264 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

Dichter, denn das ist er, sogar ein lyrischer Dichter, wenn auch nicht
gefühlvoll. Dem triumphierenden irdischen Leben gilt seine realisti-
sche Nachahmung, und das ist durchaus widerchristlich; es ist auch
der Gesinnung, die aus dem kreatürlichen Realismus des späten Mit-
telalters herausklingt, so sehr entgegengesetzt, daß gerade in den mit-
telalterlichen Zügen seines Stils sich seine Abwendung vom Mittel-
alter am schlagendsten offenbart; sie haben Absicht und Funktion
vollkommen verändert.
Das Aufgehen und Einswerden des Menschen in der natürlichen
Welt, das Triumphieren des Animalisch-Kreatürlichen gestattet auch
genauer zu bemerken, wie vieldeutig und darum mißverständlich das
Wort Individualismus ist, das sehr oft, und gewiß nicht ohne Berech-
tigung, in Verbindung mit der Renaissance gebraucht wird. Ohne
Zweifel ist der Mensch in Rabelais' allen Möglichkeiten offener, mit
allen Aspekten spielender Weltansicht freier als zuvor in seinen Ge-
danken, im Geltendmachen seiner Instinkte und Wünsche. Ist er dar:
um stärker individuell? Das ist nicht leicht zu entscheiden. Zumindest
hängt er weniger fest in seinem eigentümlichen Wesen, er ist prote-
ischer, eher geneigt in eine andere Haut zu schlüpfen; und die gemein-
samen, überindi.viduellen Züge, zumal die animalischen, instinktiven,
werden sehr stark hervorgehoben. Rabelais hat sehr energisch ausge-
prägte und eindeutige Typen geschaffen, aber er ist nicht immer ge-
neigt, sie eindeutig festzuhalten; sie beginnen leicht zu schillern, eine
andere Person schaut unversehens aus ihnen hervor, je nach Lage und
Laune. Wie stark verändern sich Pantagruel und Panurge im Laufe
des Werkes! Und auch im einzelnen Augenblick bekümmert er sich
nicht viel um die Einheit der Person, wenn er behagliche Pfiffigkeit,
Geist, Humanismus und eine immer wieder durchscheinende, natur-
haft-mitleidslose Grausamkeit durcheinandermischt. Wenn man gar
die groteske Unterwelt, die er im 30. Kapitel des zweiten Buches vor-
führt (in der die irdische Lage und Rolle der Personen auf den Kopf
gestellt wird) mit Dantes Jenseits vergleicht, so sieht man, wie sum-
marisch Rabelais mit der menschlichen Individualität verfährt; er fin-
det Freude daran, sie umzustülpen. In der Tat führte die christliche
Einheit des Weltbildes und die figurale Erhaltung des irdischen We-
sens im göttlichen Urteil zu einer sehr starken und unzerstörbaren
Permanenz des Persönlichen, was sich am stärksten bei Dante, aber
auch sonst erweisen läßt; und diese geriet zunächst in Gefahr, als die
christliche Einheit und Unsterblichkeit nicht mehr das Bild vom
Menschen beherrschte.
Die erwähnte Unterweltsbeschreibung ist ebenfalls von einem Dia-
log Lukians inspiriert (Menippus seu Necyomantia), aber Rabelais
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 265
hat das Spiel viel weiter und auch viel bunter getrieben, weit über die
Grenzen eines maßvollen Geschmacks. Sein humanistisches Verhält-
nis zur antiken Literatur zeigt sich in seiner bedeutenden Kenntnis
der Autoren, die ihm Motive, Zitate, Anekdoten, Beispiele und Ver-
gleiche liefern; in seiner Gesinnung in politischen, philosophischen,
pädagogischen Fragen, die wie die der übrigen Humanisten unter
dem Einfluß antiker Gedanken steht; und insbesondere in seiner von
den christlichen und ständischen Rahmenvorstellungen des Mittelal-
ters befreiten Ansicht vom Menschen. Doch fügt er sich darum keines-
wegs in den Rahmen antiker Vorstellungen; die Antike bedeutet ihm
Befreiung und Erweiterung des Horizontes, keineswegs aber eine
neue Umgrenzung oder Bindung; nichts liegt ihm ferner als die-an-
tike Trennung der Stilgattungen, die in Italien schon zu seiner Zeit,
und bald darauf auch in Frankreich, zum Purismus und zum «Klassi-
zismus» führte. Bei ihm gibt es kein ästhetisches Maß; alles verträgt
sich mit allem. Das alltäglich Wirkliche ist eingebaut in die unwahr-
scheinlichste Phantastik, der gröbste Schwank ist angefüllt mit Ge-
lehrsamkeit, und philosophisch-moralische Erleuchtung quillt aus ob-
szönen Worten und Geschichten. Das ist alles weit mehr spätmittel-
alterlich als antikisch, zumindest hat in der Antike das «lachende Sagen
der Wahrheit» nicht solche Weite des Ausschlags nach beiden Seiten
gekannt; dazu bedurfte es der spätmittelalterlichen Stilmischung.
Aber Rabelais' Stil ist doch nicht nur ungeheuer gesteigertes Mittel-
alter. Wenn er, wie ein spätmittelalterlicher Prediger, formlos aufge-
häufte Gelehrsamkeit mit grober Volkstümlichkeit mischt, so hat die
Gelehrsamkeit nicht mehr die Funktion, eine dogmatische oder mo-
ralische Lehre durch Autorität zu stützen, sondern dient dem gro-
tesken Spiel, welches das jeweils Vorgebrachte entweder absurd und
widersinnig erscheinen läßt, oder doch zum mindesten den Grad von
Ernst, mit dem es gemeint ist, in Frage stellt. Und auch seine Volks-
tümlichkeit unterscheidet sich von der mittelalterlichen. Zweifellos ist
Rabelais volkstümlich, da man jederzeit einem ungebildeten Publi-
kum, sofern es seine Sprache versteht, mit seinen Geschichten große
Freude machen kann; aber die eigentlichen Adressaten seines Werkes
sind die Angehörigen einer geistigen Elite, nicht das Volk. Die Predi-
ger wandten sich in lebendiger Rede an dieses, die Predigten waren
zum unmittelbaren Vortrag bestimmt; Rabelais' Werk hingegen für
den Druck, also für die Lektüre, und das bedeutet im 16. Jahrhundert
noch immer, für eine sehr kleine Minorität; und selbst innerhalb dieser
ist es nicht dieselbe Schicht, für die die Volksbücher bestimmt waren.
Rabelais selbst hat sich über die Höhenlage des Stils seines Werkes
geäußert, und hat dabei nicht ein mittelalterliches, sondern ein antikes
266 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

Vorbild herangezogen, nämlich Sokrates. Der Text ist einer der schön-
sten und reifsten seines Werkes, der Prolog zum Gargantua, zum er-
sten Buch also, welches aber, wie schon eingangs erwähnt, erst nach
dem zweiten geschrieben und veröffentlicht wurde. Beuveurs tres
illustres, et vous, Verolez tres precieux — car ä vous, non a aultres,
sont dediez mes escriptz — so beginnt dieser berühmte, in seinem viel-
stimmigen Reichtum und im Anklingen der Hauptthemen des Wer-
kes einer musikalischen Ouvertüre vergleichbare Text. Kaum hat je
vorher ein Autor seine Leser auf diese Weise angeredet, und die An-
rede wird noch ungeheuerlicher durch das plötzliche Auftreten eines
Gegenstandes, den man, nach solchem Auftakt, am wenigsten erwar-
tet hätte: Alcibiades ou dialoge de Platon intitule Le Bancquet, lou-
ant son precepteur Socrates, sans controverse prince des philosophes,
entre aultres parolles le dict estre semblable es Silenes ... Platos Sym-
posion war für die platonisierenden Mystiker der Renaissance, für die
libertins spirituels in Italien, Deutschland und Frankreich etwas wie
eine heilige Schrift; von ihr gedenkt er den trefflichen Zechern und
kostbaren Venusseuchlingen, wie Regis drollig übersetzt, etwas zu
erzählen; gleich mit dem ersten Satz gibt er den Ton, den der unge-
heuerlichsten und maßlosesten Vermischung der Bezirke. Alsdann
folgt eine übermütige und groteske Paraphrase jener Stelle, an der
Alcibiades den Sokrates mit den Silenstatuen vergleicht, in deren In-
nerm sich kleine Bildsäulen der Götter befinden : denn er sei wie diese
äußerlich häßlich, lächerlich, unscheinbar, arm, ungeschickt, eine
groteske Figur und ein bloßer volkstümlicher Spaßmacher (diesen
Teil des Vergleichs, den Alcibiades bei Plato nur kurz andeutet, hat
Rabelais breit ausgeführt); aber in seinem Innern fänden sich die
herrlichsten Schätze: übermenschliche Einsicht, bewunderungswür-
dige Tugend, unüberwindlicher Mut, unvergleichliche Genügsamkeit,
beständige Zufriedenheit, vollkommene Festigkeit, unglaubliche Ver-
achtung alles dessen wofür die Menschen soviel wachen, rennen, sich
mühen, kämpfen und reisen. Und was beabsichtige ich wohl, so etwa
fährt Rabelais fort, mit diesem Vorspiel? Daß ihr, wenn ihr all die
lustigen Titel dessen lest, was ich geschrieben habe (folgt eine Parade
von grotesken Büchertiteln), euch nicht einbildet, es finde sich darin
nur vergnügliche Narrheit, nur Zeug zum Lachen und Spotten. So
leicht, nur nach dem äußeren Eindruck, dürft ihr nicht urteilen. Das
Kleid macht nicht den Mönch. Ihr müßt das Buch öffnen und sorg-
fältig abwägen, was darin ausgeführt wird; ihr werdet sehen, der In-
halt besitzt ganz anderen Wert als die Schachtel versprach, die behan-
delten Gegenstände sind durchaus nicht so närrisch wie der Titel ver-
muten ließ. Und selbst wenn ihr im wörtlichen Sinn des Inhalts noch
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 267
genug Stoff zum Lachen findet, von der Art, wie es dem Titel ent-
spricht, so dürft ihr euch doch nicht damit begnügen: ihr müßt es tie-
fer deuten. Habt ihr je einen Hund gesehen, der einen Markknochen
findet? Da habt ihr beobachten können, wie andächtig er ihn ins Auge
faßt, wie inbrünstig er ihn ergreift, wie vorsichtig er sich daran macht,
wie leidenschaftlich er ihn zerbricht, wie sorgfältig er ihn aussaugt.
Warum tut er dies alles, was erhofft er sich von soviel Mühe? Nur ein
wenig Mark. Aber freilich ist dies Wenige die köstlichste, vollkom-
menste Nahrung. Nach seinem Beispiel müßt ihr eine feine Nase ha-
ben, um diese schönen Bücher (ces beaulx livres de haulte gresse) auf-
zuspüren, ihren Inhalt zu wittern und zu schätzen; alsdann müßt ihr,
durch sorgfältiges Lesen und häufige Meditation, den Knochen zer-
brechen und das substanzhaltige Mark darausschlürfen — dasjenige
nämlich, was ich mit meinen pythagoreischen Symbolen meine — in
der sicheren Hoffnung, daß ihr durch solche Lektüre Klugheit und
Mut erwerbt; denn ihr werdet darin einen weit schöneren Geschmack
und eine verborgene Lehre finden, die euch tiefe Geheimnisse und
schaudervolle Mysterien enthüllen wird, sowohl unsere Religion wie
Politik und Wirtschaftswesen betreffend.
In den abschließenden Sätzen des Prologs zieht er freilich wieder
alle tiefsinnige Interpretation ins Komische, aber es kann doch kein
Zweifel darüber bestehen, daß er mit dem Beispiel des Sokrates, dem
Vergleich seiner Leser mit dem Hund, der den Knochen aufbricht,
und der Bezeichnung seiner Werke als «livres de haulte gresse» etwas
über seine Absicht hat aussagen wollen, was ihm am Herzen lag. Der
Vergleich des Sokrates mit den Silenfiguren, den ja auch Xenophon
erwähnt, scheint in der Renaissance bedeutenden Eindruck gemacht
zu haben (Erasmus bringt ihn in den Adagia, und dies ist vielleicht
Rabelais' unmittelbare Quelle); er vermittelt eine Vorstellung von So-
krates' Persönlichkeit und Stil, die die aus dem Mittelalter ererbte
Mischung der Bezirke durch die Autorität der eindrucksvollsten Ge-
stalt unter den griechischen Philosophen zu rechtfertigen scheint.
Auch bei Montaigne wird Sokrates in dem gleichen Sinne als Kron-
zeuge angerufen, im dritten Buch, zu Anfang des 12. Essais ; die Ton-
lage der Stelle ist ganz anders als bei Rabelais, aber es läuft auf das
gleiche, auf die Stilmischung heraus:
Socrates faict mouvoir son ame, d'un mouvement naturel et commun.
Ainci dict un paisan, ainsi dict une femme. Il n'a jamais en la bouche que
cochers, menuisiers, savetiers et macons. Ce sont inductjons et simili-
tudes tirees des plus vulgaires et cogneues actions des hommes: chacun
I'entend. Sous une si vile forme nous n'eussions jamais choisi la noblesse
et splendeur de ses conceptions admirables
268 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND

Wie weit Montaigne oder gar Rabelais recht hatten, sich auf So-
krates zu berufen, wenn sie ihre Neigung zu einem kräftigen und
volkstümlichen Stil kundgaben, kann hier außer Betracht bleiben; es
genügt für uns, daß sie sich unter einem «sokratischen » Stil etwas
Freies, Ungezwungenes, dem täglichen Leben Nahestehendes vor-
stellten, Rabelais sogar etwas, was der bouffonnerie nahekommt (ridi-
cule en son maintien, le nez pointu, le reguard d'un taureau, le visaige
d'un fol tousjours riant, tousjours beuvant d'autant ä un chascun,
tousjours se guabelant ...); in welchem sich gleichwohl göttliche Weis-
heit und vollkommene Tugend verbirgt. Es ist ein Lebensstil so gut
wie ein literarischer; es ist, wie bei Sokrates (und auch bei Mon-
taigne), der Ausdruck des Menschen. Als Stillage eignete sich diese
Mischung schon aus einem praktischen Grunde vorzüglich für Rabe-
lais: sie gestattete ihm das den reaktionären Gewalten der Zeit An-
stößige in einem Zwielicht zwischen Spaß und Ernst vorzubringen,
was ihm im Notfall erleichterte, sich der vollen Verantwortung zu
entziehen. Sie entspricht ferner in vollkommenster Weise seinem Tem-
perament, aus welchem sie, trotz aller ihm bewußten oder unbewuß-
ten Tradition, als ganz eigentümliche Erscheinung entsprang. Und
vor allem diente sie genau seiner Absicht: nämlich einer produktiven
Ironie, die die gewohnten Aspekte und Proportionen verwirrt, die das
Wirkliche im überwirklichen, das Weise im Närrischen, die Empö-
rung in der behaglich-würzigen Lebensfreude erschzinen und im Spiel
der Möglichkeiten die Möglichkeit der Freiheit aufleuchten läßt. Ich
halte es nicht für glücklich, in dem geheimen Sinn, also dem Mark des
Knochens, etwas Bestimmtes, fest Umschreibbares zu suchen; das
was sich in dem Werke verbirgt, aber sich doch auf tausend Arten
mitteilt, das ist eine Geisteshaltung, die er selbst Pantagruelismus
nennt; einen Griff auf das Leben, welcher das Geistige und das Sinn-
liche auf einmal faßt, welcher keine Möglichkeit, die es bietet, sich
entwischen läßt. Sie noch näher zu beschreiben empfiehlt sich nicht,
da man sonst genötigt wäre, mit ihm in Konkurrenz zu treten; er
selbst beschreibt sie fortwährend, und er kann es besser als wir. Nur
eines möchte ich noch hinzufügen, nämlich daß der Rausch des viel-
fältigen Spieles bei ihm niemals ins formlos Rasende und damit Le-
bensfeindliche ausartet; so wild es zuweilen in dem Buche tobt, es hat
sich in jeder Zeile, in jedem Wort fest in der Hand.
Der Reichtum seines Stils ist nicht unbegrenzt; die Tiefe des Ge-
fühls oder die große Tragik sind schon durch den grotesken Rahmen
ausgeschlossen, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie ihm erreich-
bar gewesen wären. Man könnte daher zweifeln, ob er in unserer Un-
tersuchung mit Recht einen Platz gefunden hat, da wir ja die Vereini-
DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND 269
gung von Alltäglichkeit und tragischem Ernst verfolgen. Die Alltäg-
lichkeit wird man ihm gewiß nicht absprechen können, da er sie fort-
während, in seiner überwirklichen Welt eingebettet, erscheinen läßt
und an ihr zum Dichter geworden ist. Daß er, neben vielem anderem,
ein lyrischer Dichter war, ein vielstimmiger Dichter wirklicher Lagen,
das hat man oft bemerkt und viele Stellen dafür angeführt, etwa aus
dem ersten Buch den herrlichen Satz zu Ende des 4. Kapitels, der den
Tanz auf dem Rasen beschreibt. Wir wollen uns nicht versagen, hier
wenigstens ein Beispiel seiner lyrisch-alltäglichen Vielstimmigkeit ein-
zurücken, das Hammelgedicht nämlich, welches er in den kurzen
Augenblick zwischen der Szene des Feilschens und dem unvermute-
ten Wurf ins Meer eingeschoben hat, während Dindenault breit, wit-
zig, dumm, unverschämt und ahnungslos über Panurge spöttelt (Ende
von IV, 7):
Panurge, ayant paye le marchant, choisit de tout le troupeau un beau et
grand mouton, et l'emportoit cryant et bellant, oyans tous les aultres et
ensemblement bellans et regardans quelle Part an menoit leur compai-
gnon.'
Das Sätzchen mit den vielen Partizipien ist ein Bild und ein Ge-
dicht. Danach wird Ton und Thema gewechselt:
Ce pendant le marchant disoit ä ses moutonniers: «0 qu'il a bien sceu
choisir, le challant ! Il se y en tend, le paillard !Vrayement, le bon vrayement,
ie le reservoys pour le seigneur de Cancale, comme bien congnoissant son
naturel. Car, de sa nature, il est tont joyeulx et esbaudy quand il tient une
espaule de mouton en main bien seante et advenente, comme une ra-
quette Sauschiere, et, avecques un cousteau bien tranchant, Dieu seait
comment il s'en escrime!»
Diese Darstellung der Natur des Herrn von Cancale bietet ein ganz
anderes, aber nicht weniger eindrucksvolles Bild, sinnlich und drollig
im höchsten Grade, und zugleich sich vorzüglich einfügend, weil die
breite Beschreibung eines allen Anwesenden Unbekannten und seiner

Nachdem Panurg den Kaufmann bezahlt, erkor er aus der ganzen


Heerd einen schönen und großen Hammel. und trug ihn schreyend und
blökend davon, daß all die andern ihn blöken hörten und gleichfalls wie-
der blökend zusah'n wohin man ihren Camrad trüg.
Unterdessen sprach der Kaufmann zu seinen Hirten: Ey wie schlau
der Kund gewählt hat! Er versteht sich meiner Treu darauf, der Huren-
sohn. Bey meiner höchsten Seel, ich dacht ihn dem Herrn von Cancale zu;
denn ich kenne wohl sein Naturell: er ist nicht froher und aufgeräumter
von Natur als wenn er euch eine Hammel-Keul in der linken Hand fein
leicht und maulrecht schwenken kann, wie eine Ballpritsch : gebt ihm dazu
ein scharfes Messer, und Gott weiß, wie er alsdann scharmüzzelt.
270 DIE WELT IN PANTAGRUELS MUND
Beziehungen zu ihm die breite und dabei witzige Aufgeblasenheit Din-
denaults (vrayement, le bon vrayement) gut ausprägt. Dann wird der
gekaufte Hammel ins Meer geworfen, und sogleich klingt das lyrische
Thema «criant et bellant» wieder auf (Anfang des 8. Kapitels):
Soubdain, je ne scay comment, le cas feut subit, je ne eus loisir le con-
syderer, Panurge, sans aultre chose dire. jette en pleine mer son mouton
criant et bellant. Tous les aultres moutons, crians et bellans en pareille in-
tonation, commencerent soy jecter et saulter en mer apres, ä la file. La
foulle estoit ä qui Premier y saulteroit apres leur compaignon. Possible
n'estoit les en garder 1.
und nun eine plötzliche Wendung ins grotesk Gelehrte:
comme vous scavez estre du mouton le naturel, tous jours suyvre le Pre-
mier, quelaue part qu'il aille. Aussi le dict Aristoteles, lib. IX, de Histo.
animal.. estre le plus sot et inepte animant du monde. 2
Soviel vom Alltäglichen. Der Ernst aber liegt in der mit allen Mög-
lichkeiten schwangeren, jedes wirkliche und überwirkliche Experi-
ment wagenden Entdeckerfreude, die seiner Zeit, der ersten Hälfte
des Renaissancejahrhunderts, eigentümlich war, und die niemand so
ins Sinnliche umgesetzt hat wie er mit seiner Sprache. Darum kann
man seine Stilmischung, seine sokratische Bouffonnerie wohl einen
hohen Stil nennen. Er selbst hat für den hohen Stil seiner Bücher ein
bezauberndes Wort gefunden, das selbst ein Musterstück dieses Stils
ist. Es ist der Mastviehzucht entnommen, wir haben es schon oben
angeführt: ces beaulx livres de haulte gresse.

1 Auf einmal, ich weiß selbst nicht wie, die Sach ging fix, ich konnt so
schnell nicht Achtung geben, schmeißt Panurg ohn ein Wort zu sagen, sei-
nen schreyenden, blökenden Hammel Knall und Fall ins hohe Meer. Die
andern Hammel, all miteinander, schreyend und blökend aus einer Skal,
ihm nach, und schnurgrad ins Meer. Es war ein Drängen in die Wett, wer
seinem Camrad der erste nachspräng. Und war nicht möglich, sie aufzu-
halten.
2 Wie ihr denn wohl der Hammel Art kennt, daß sie stets ihrem Vor-
dermann, wohin er geht, nachlaufen und treten. Auch nennt sie Aristote-
les lib.IX,Histor. Animal. das dümmste und albernste Thier der Welt.
(Nach Gottlob Regis.)
XII

L'HUMAINE CONDITION

Les autres forment 1'homme: je le recite; et en represente un particulier


bien mal form& et lequel si j'avoy ä faconner de nouveau, je ferois vray-
ment bien autre qu'il n'est. Meshuy, c'est fait. Or, les traits de ma peinture
ne fourvoyent point, se changent et diversifient. Le monde
n'est qu'une branloire perenne. Toutes choses y branlent sans cesse: la
terre, les rochers du Caucase, les pyramides d'Aegypte, et du branle pu-
blic et du leur. La constance mesme n'est autre chose qu'un branle plus
languissant. Je ne puis asseurer mon object ; il va troubie et chancelant,
d'une yvresse naturelle. Je le prens en ce poinct, comme il est, en l'instant
que je m'amuse ä luy: je ne peinds pas l'estre, je peinds le passage; non un
passage d'aage en autre, ou, comme dict le peuple, de sept en sept ans,
mais de jour en jour, de minute en minute. II faut accomoder mon histoire
ä l'heure; ie pourray tantost changer, non de fortune seulement, mais
aussi d'intention. C'est un contrerolle de divers et muables accidens, et
d'imaginations irresolues, et, quand il y eschet, contraires; soit que je soys
autre moy-mesmes, soit que je saisisse les subjects par autres circonstances
et considerations. Tant y a que je me contredis bien ä l'adventure, mais la
verite, comme disoit Demades, ie ne la contredis point. Si mon ame pe-
voit prendre pied, je ne m'essaierois pas, je me resoudrois ; elle est tous-
jours en apprentissage et en espreuve.
Je propose une vie basse et sans lustre : c'est tout un; an attache aussi
bien toute la philosophie morale ä une vie populaire et privee, que ä une
vie de plus riche estoffe: chaque homme porte la forme entiere de l'hu-
maine condition. Les autheurs Se communiquent au peuple par quelque
marque particuliere et estrangiere; moy le premier par mon estre univer-
sel, comme Michel de Montaigne, non comme grammairien, ou poete, ou
iurisconsulte. Si le monde se plaint de quoy je parle trop de moy, je me
plains de quoy il ne pense seulement pas ä soy. Mais est-ce raison que, si
particulier en usage, je pretende me rendre public en cognoissance? est-il
aussi raison laue je produise au monde, oü la facon et l'art ont tant de cre-
dit et de commandement, des effets de nature et crus et simples, et d'une
nature encore bien foiblette? est-ce pas faire une muraille sans pierre, ou
chose semblable, que de bastir des livres sans science et sans art? Les fan-
tasies de la musique sont conduictes par art, les miennes par sort. Au
moins j'ay cecy selon la discipline, que jamais homme ne traicta subject
qu'il entendist ne congneust mieux que je fay celuy que j'ay entrepris, et
qu'en celuy-lä je suis le plus scavant homme qui vive; secondement, eitle
jamais aucun ne penetra en sa matiere plus avant, ni en esplucha plus par-
ticulierement les membres et suites, et n'arriva plus exactement et plus
plainement ä la fin qu'il s'estoit propose ä sa besoingne. Pour la parfaire. je
n'ay besoing d'y apporter que la fidelite celle-lä y est, la plus sincere et
272 L'HUMAINE CONDITION
pure qui se trouve. Je dis vrai, non pas tout mon saoul, mais autant que je
l'ose dire; et l'ose un peu plus en vieillissant; car il semble que la coustume
concede ä cet aage plus de liberte de bavasser et d'indiscretion ä parier de
soy. II ne peut advenir icy, ce que je veoy advenir souvent, que l'artizan et
sa besoigne se contrarient Un personnage scavant n'est pas scavant par-
tout; mais le suffisant est partout suffisant, et ä ignorer mesme ; icy, nous
allons conformement, et tout d'un train, mon livre et moy. Ailleurs, an
peut recommander et accuser Pouvrage, ä part de l'ouvrier ; icy, non; qui
touche l'un, touche l'autre.'

1 Die andern formen den Menschen, ich erzähle von ihm und stelle
einen einzelnen dar, der recht schlecht geformt ist; hätte ich ihn neu zu
bilden, so würde ich ihn weiß Gott anders machen als er ist; dafür ist es
nun zu spät. Aber die Züge meines Bildes sind getreu, ob sie sich gleich
wandeln und verschieben. Die Welt ist ein ständiges Schwanken; alle
Dinge darin schwanken ohne Unterlaß. die Erde, die Felsen des Kaukasus,
die Pyramiden Ägyptens, durch eine allgemeine schwankende Bewegung
sowohl als auch jedes durch eine ihm eigentümliche. Die Beständigkeit
selbst ist nur ein langsameres Schwanken. Ich kann meinen Gegenstand
nicht fixieren; er bewegt sich verworren und wankend, in einer natürli-
chen Trunkenheit. Ich greife ihn an irgendeiner Stelle, so wie er gerade ist,
in dem Augenblick. in dem ich mich mit ihm abgebe. Ich male nicht das
Sein, ich male den Wechsel; nicht den Wechsel von einem Lebensalter zum
anderen, oder, wie das Volk sagt, von sieben zu sieben Jahren, sondern
von Tag zu Tag, von Minute zu Minute. Ich muß meine Geschichte der
jeweiligen Stunde anpassen; sehr bald könnte ich mich verändern; nicht
nur mein Schicksal, sondern auch meine Gesinnung. Es ist ein Bericht
über verschiedenartige und veränderliche Vorgänge, über unbestimmte
und gelegentlich sogar widerspruchsvolle Einfälle; sei es weil ich nicht
selbst immer derselbe bin, sei es, daß ich die Gegenstände mit einer ande-
ren Betrachtungsweise, von einem anderen Gesichtspunkt ergreife. So viel
ist ausgemacht: ich widerspreche wohl mir selbst gelegentlich, aber der
Wahrheit, wie Demades sagte, widerspreche ich niemals. Wenn meine
Seele festen Fuß fassen könnte, so würde ich nicht Versuche mit mir an-
stellen, sondern die Ergebnisse berichten; aber sie ist immer noch in der
Lehre und auf der Probe.
Ich schildere ein niedriges und glanzloses Leben; das schadet nichts.
Man kann die ganze Moralphilosophie ebensogut aus einem gewöhnli-
chen und privaten Leben herausholen wie aus einem Leben reicheren Ma-
terials. Jeder Mensch trägt in sich das gesamte Wesen des menschlichen
Lebens. Die Schriftsteller teilen sich dem Publikum in einer speziellen, er-
worbenen Fähigkeit mit: ich als erster in meinem gesamten Wesen, als
Michel de Montaigne, nicht als Grammatiker oder Dichter oder Jurist.
Wenn die Welt sich darüber beschwert, daß ich zu viel von mir spreche, so
beschwere ich mich darüber, daß sie nicht einmal an sich denkt. Ist es aber
berechtigt, daß eine praktisch so begrenzte Figur wie ich sich als theoreti-
schen Gegenstand vor die Öffentlichkeit zu bringen wagt? Ist es ferner be-
L'HUMAINE CONDITION 273
DIES ist der Anfang des 2. Kapitels des dritten Buches der Essais von
Montaigne; in der Ausgabe von Villey (Paris, Alcan, 1930), deren
Seitenzahlen wir auch in Zukunft bei Zitaten angeben werden, steht
er im dritten Bande, Seite 39. Es ist eine der zahlreichen Stellen, an
denen Montaigne von dem Gegenstand der Essais spricht, von seiner
Absicht, sich selbst darzustellen. Zunächst hebt er das Schwankende,
Unbeständige, Wechselnde seines Gegenstandes hervor; hierauf be-
schreibt er das Verfahren, das er bei der Behandlung eines so schwan-
kenden Gegenstandes anwendet; schließlich erörtert er die Frage nach
der Nützlichkeit seines Unternehmens. Die Gedankenführung des
ersten Absatzes läßt sich bequem in einen Syllogismus fassen: ich
schildere mich selbst; ich bin ein Wesen, das sich ständig verändert;
also muß sich auch die Schilderung dem anpassen und sich ständig
verändern. Wir wollen versuchen zu analysieren, wie jedes Glied im
Text zum Ausdruck kommt.
«Ich schildere mich selbst.» Das sagt Montaigne nicht unmittelbar.
Er bringt es durch den Gegensatz gegen «andere» weit energischer,

rechtigt, daß ich einer Welt, in der Form und Kunst so viel gelten und ver-
mögen, ganz rohe und simple Vorgänge aus meinem natürlichen Wesen
vorsetze, wo noch dazu mein natürliches Wesen recht schwächlich ist?
Heißt es nicht Mauern ohne Steine bauen, oder so etwas ähnliches, wenn
man Bücher ohne Kunstverstand verfertigt? Die Phantasien der Musik
werden durch Kunstregeln gelenkt, die meinen durch den Zufall. Immer-
hin gibt es einige Punkte, in denen ich den wissenschaftlichen Ansprüchen
gerecht werde: noch nie hat ein Mensch einen Gegenstand besser verstan-
den und gekannt als ich diesen, den ich zu behandeln unternommen habe;
in ihm bin ich der gelehrteste Mensch, der lebt. Zweitens ist noch niemals
ein Mensch in seinen Stoff tiefer eingedrungen, und hat seine Glieder und
Zusammenhänge deutlicher herausgearbeitet, und ist genauer und voll-
kommener zu dem Ziel gelangt, das er sich vorgesetzt hatte. Um es zu er-
reichen, habe ich nichts beizutragen als Treue, und die ist vorhanden, die
aufrichtigste und reinste, die sich finden läßt. Ich sage die Wahrheit, nicht
ganzso offen wie ich wünschte, aber doch soweit ich es wagen darf; und ich
wage mehr, je älter ich werde, denn die Sitte gestattet, wie es scheint, dem
höheren Alter mehr Freiheit zu schwatzen und weniger Zurückhaltung im
Reden über sich selbst. Hier kann nichts geschehen, was ich so oft gesche-
hen sehe: daß der Verfasser und sein Werk nicht miteinander übereinstim-
men ... Eine gelehrte Person ist nicht in allen Fächern gelehrt; aber ein
dem Leben genügender Mensch genügt zu allem, auch zum Nichtwissen.
Hier gehen wir zusammen, ganz im gleichen Rhythmus, mein Buch und
ich. Anderswo mag man das Werk kritisieren oder empfehlen, ganz unab-
hängig von dem, der es gemacht hat; hier geht das nicht; wer vom einen
spricht, spricht vom anderen.
18
274 L'HUMAINE CONDITION
und wie sich gleich zeigen wird, auch weit nuancenreicher heraus als
es durch die bloße Aussage hätte geschehen können. Les autres for-
ment l'homme, moy ...: hier stellt sich heraus, daß der Gegensatz ein
doppelter ist. Die andern bilden, ich erzähle (vgl. etwas weiter unten:
je n'enseigne pas, je raconte); die andern bilden «den Menschen», ich
erzähle «einen Menschen». Das gibt zwei Stufen des Gegensatzes:
forment—recite, l'homme—un particulier. Dieser particulier ist er
selbst; aber auch das sagt er nicht unmittelbar, sondern paraphrasiert
es mit seiner hinterhältigen, ironischen und ein ganz klein wenig
selbstgefälligen Bescheidenheit. Die Paraphrase ist dreigliedrig, und
ihr zweites Glied besteht aus Haupt- und Nebensatz: bien mal forme;
si j'avoy ..., je ferois ...; meshuy c'est fait. Der Obersatz des Syllogis-
mus enthält also, in seiner Redaktion, mindestens drei Gedanken-
gruppen, die, in verschiedener Bewegung, mit- und gegeneinander,
ihn auf bauen und kommentieren: 1. die andern formen, ich erzähle;
2. die andern formen den Menschen, ich berichte von einem Men-
schen; 3. dieser eine Mensch (ich) ist «leider» schon forme. Dies alles
ist in einer einzigen rhythmischen Bewegung zusammengefaßt, ohne
die geringste Möglichkeit von Verwirrung; und zwar fast völlig ohne
syntaktische Verklammerungen, ohne Konjunktionen oder kon-
junktionsähnliche Bindungen; der bloße Zusammenhang, das geistige
Band, gewoben aus Sinneinheit und Satzrhythmus, genügt. Ich will,
zur Verdeutlichung des Gesagten, hier einige Verklammerungen hin-
zufügen: (Tandis que) les autres forment l'homme, je le recite ; (en-
core faut-il ajouter que) je represente un particulier; (ce particulier,
c'est moi-meme qui suis, je le sais,) bien mal forme; (soyez sürs que)
si j'avais ä le faconner de nouveau, je le ferais vrayment bien autre
qu'il n'est. (Mais, malheureusement) meshuy c'est fait. Natürlich hat
das, was ich hinzufüge, nur Annäherungswert; die Abtönungen, die
Montaigne ausdrückt, indem er sie fortläßt, sind nicht ganz faßbar.
Den Untersatz des Syllogismus (ich bin ein Wesen, das sich ständig
verändert) drückt Montaigne zunächst noch nicht aus; er läßt den lo-
gischen Fortgang in der Schwebe und bringt zunächst den Schluß als
überraschende Behauptung: Or les traits de ma peinture ne four-
voyent pas, quoy qu'ils se changent et diversifient. Das Wort Or zeigt
an, daß der Fortgang unterbrochen und daß neu angehoben wird; es
mildert zugleich das Plötzliche und überraschende der Behauptung;
das Wort quoique, hier scharf als syntaktische Verklammerung ge-
setzt, hebt das Problem energisch heraus.
Nun erst folgt der Untersatz, und auch nicht unmittelbar, sondern
als Schluß eines untergeordneten Syllogismus, der folgendermaßen
lautet: die Welt verändert sich beständig, ich bin ein Stück Welt, also
L'HUMAINE CONDITION 275
verändere ich mich beständig. Der Obersatz wird mit Beispielen aus-
gestattet und die Art der Veränderung der Welt wird als doppelte
analysiert: jedes Ding erfährt den allgemeinen und dazu noch seinen
eigenen Wandel; alsdann folgt eine vielstimmige Bewegung, einge-
leitet durch die paradoxe Behauptung über die Beständigkeit, die
auch nur eine Art langsameren Schwankens sei. In der gedachten
vielstimmigen Bewegung, welche den ganzen Rest des Absatzes aus-
füllt, klingt der Untersatz des zweiten Syllogismus, als selbstver-
ständlich, nur ganz schwach an; die beiden Themen, die sich ver-
schlingen, sind Untersatz und Schluß des Hauptgedankens: ich bin
ein Wesen, das sich ständig verändert, also muß ich auch die Darstel-
lung dem anpassen. Hier ist er im Mittelpunkt seines eigensten Ge-
bietes, dem Spiel zwischen ich und ich, zwischen Montaigne dem
Schriftsteller und Montaigne dem Gegenstand; es quellen die sinn-
und klangvollen Wendungen, teils auf den einen, teils auf den andern,
meist auf beide bezüglich; man hat die Auswahl, welche man am
schärfsten, am eigentümlichsten, am wahrsten finden und also am
meisten bewundern mag; die über die natürliche Trunkenheit, die
über das Malen des Wechsels, die über äußere (fortune) und innere
(intention) Veränderung, das Zitat Demades', den Gegensatz zwi-
schen s'essayer und se r6soudre mit dem schönen Bild si mon äme
pouvait prendre pied ; von jeder gilt, wie im ganzen, was Horaz von
den vollkommen geglückten Werken sagt: decies repetita placebit.
Ich hoffe, daß man die Auflösung des Absatzes in Syllogismen nicht
allzu pedantisch findet. Sie zeigt, daß der Auf bau des Gedankens in
diesem lebendigen, an unvermutet aufspringenden Bewegungen so
reichen Stück scharf und logisch ist; daß die große Zahl der ergänzen-
den, einteilenden, vertiefenden und sogar zum Teil einräumend ge-
genlaufenden Bewegungen dazu dienen, den Gedanken gleichsam in
seiner praktischen Wirksamkeit vorzuführen; daß ferner mehrfach
die Ordnung durchbrochen, einzelne Glieder vorweggenommen, an-
dere überhaupt fortgelassen werden, damit sie der Leser ergänzt. Der
Leser hat mitzuarbeiten; er wird in die Bewegung des Gedankens mit-
hineingezogen, doch wird jeden Augenblick von ihm erwartet, daß er
stutzt, prüft und ergänzt. Wer les autres sind, muß er erraten; wer der
particulier ist, ebenfalls; der Satz mit or scheint ihn weit wegzufüh-
ren, und erst nach einiger Zeit kann er allmählich erkennen, auf was
es hinausläuft; dann freilich wird ihm das Wesentliche in einer rei-
chen Fülle von Formulierungen dargeboten, die seine Einbildungs-
kraft fortreißen; doch immer noch so, daß er tätig bleiben muß, denn
jede der Formulierungen ist so eigentümlich, daß sie verarbeitet zu
werden verlangt; keine paßt in ein fertiges Denk- oder Redeschema.
276 L'HUMAINE CONDITION
Obgleich der Inhalt des Absatzes gedanklich und sogar streng lo-
gisch ist, obgleich es sich um scharfe, das Problem der Selbstbetrach-
tung eigentümlich vertiefende Denkarbeit handelt, ist die Lebhaftig-
keit des Ausdruckswillens so stark, daß der Stil den Rahmen einer
theoretischen Abhandlung sprengt. Ich vermute, daß jeder, der sich in
Montaigne eingelesen hat, die gleiche Erfahrung macht wie ich: nach-
dem ich ihn einige Zeit gelesen und einige Vertrautheit mit seiner Art
erworben hatte, meinte ich ihn sprechen zu hören und seine Gesten zu
sehen. Das ist eine Erfahrung, die man bei älteren theoretischen
Schriftstellern sehr selten macht; in dem Maße wie bei Montaigne
wohl bei keinem. Er läßt oft die Konjunktionen und sonstigen Satz-
verbindungen fort, aber er suggeriert sie; er überspringt Glieder des
Gedankens, aber ersetzt das Fehlende durch eine Art von unwillkür-
lich sich herstellendem Kontakt zwischen den logisch nicht streng
verbundenen Gliedern; zwischen den Sätzen «la constance mesme
n'est autre chose ...» und dem folgenden «je ne puis asseurer mon
object ...» fehlt augenscheinlich ein Glied, welches auszusagen hätte,
daß ich, Gegenstand meiner Betrachtung, als Stück der Welt ebenfalls
dem doppelten Wandel unterliege; er sagt das später ausführlich;
aber schon hier hat er die Atmosphäre geschaffen, die den Kontakt
vorläufig herstellt und doch den Leser in tätiger Spannung läßt. Er
wiederholt zuweilen Gedanken, die ihm wichtig sind, viele Male in
immer neuen Formulierungen, jedesmal einen neuen Gesichtspunkt,
eine neue Besonderheit, ein neues Bild ausarbeitend, so daß der Ge-
danke nach allen Seiten ausstrahlt. Das alles sind Eigentümlichkei-
ten, die man weit eher in der Unterhaltung (freilich nur mit ganz be-
sonders gedanken- und ausdrucksreichen Menschen) zu finden ge-
wohnt ist als in einer gedruckten Schrift theoretischen Inhalts; man
meint, für eine solche Wirkung sei Tonfall, Geste und die gegenseitige
Erwärmung, die eine erfreuliche Unterhaltung mit sich bringt, uner-
läßlich. Aber Montaigne, der mit sich allein ist, findet in seinem Den-
ken genug Leben und gleichsam körperliche Wärme, um zu schrei-
ben, als ob er spräche.
Dies hängt zusammen mit der Art, in der er seinen Gegenstand,
sich selbst, zu fassen bemüht ist; die Art, die er eben in unserem Ab-
satz beschreibt. Sie ist ein beständiges Anhören der wechselnden
Stimmen, die in ihm klingen, und sie schwankt, in ihrer Höhenlage,
zwischen hinterhältiger, ein ganz klein wenig selbstgefälliger Ironie
und einer sehr nachdrücklichen, auf den Grund der Existenz dringen-
den Ernsthaftigkeit. In der Ironie, die er zur Schau trägt, mischen
sich wiederum mehrere Motive: eine höchst aufrichtige Abneigung,
den Menschen tragisch zu nehmen (der Mensch ist «un subject mer-
L'HUMAINE CONDITION 277
veilleusement vain, divers et ondoyant, 1, 1, p.10; «autant ridicule
que risible», 1, 50, p.582; « le badin de la farce», 3, 9, p.434); ein lei-
ser Anklang von hochmütiger Verachtung eines großen Herrn gegen-
über schriftstellerischer Tätigkeit («si j'etais faiseur de livres», 1, 20,
p.162 und noch einmal 2, 37, p.902); schließlich, und das ist die
Hauptsache, eine Neigung, seine eigene Art der Betrachtung herab-
zusetzen. Er nennt sein Buch «ce fagotage de tant de diverses pieces»
(2, 37, p.850), «cette fricassee que je barbouille icy» (3, 13, p.590),
und einmal vergleicht er es sogar mit der Verdauung eines alten Herrn :
«ce sont icy ... des excremens d'un vieil esprit, dur tantost, tantost
lasche, et toujours indigeste» (3, 9, p.324). Er wird nicht müde, das
Kunstlose, Private, Natürliche und Unmittelbare seiner Schreibweise
in einer Weise hervorzuheben, als ob er sich deshalb entschuldigen
müsse, und nicht immer enthüllt sich das Ironische solcher Beschei-
denheit ebenso vollständig und ebenso deutlich wie im zweiten Ab-
satz unseres Textes, den wir weiter unten analysieren werden. Soviel
vorläufig von der Ironie. Sie ist eine überaus bezaubernde und auch
durchaus dem Gegenstand angemessene Würze seines Stils, aber man
darf sich nicht allzusehr von ihr umstricken lassen. Er meint es ernst
und nachdrücklich, wenn er sagt, daß seine Darstellung, so wechsel-
voll und mannigfaltig sie sei, sich doch niemals verirre, und daß er
zwar vielleicht zuweilen sich selbst widerspreche, aber doch niemals
der Wahrheit. Es spricht aus solchen Worten eine sehr realistische,
der Erfahrung und insbesondere der Selbsterfahrung entstammende
Auffassung vom Menschen: eben diese, daß er ein schwankendes, den
Veränderungen der Umwelt, seines Schicksals, seiner inneren Bewe-
gungen unterworfenes Wesen sei; so daß die anscheinend so launen-
hafte und von keinem Plan gelenkte Arbeitsweise Montaignes, die
dem Wandel seines Wesens elastisch folgt, im Grunde eine strenge
experimentelle Methode ist, die einzige, die einem solchen Gegen-
stand entspricht. Wer einen sich ständig verändernden Gegenstand
genau und sachlich beschreiben will, muß den Veränderungen dessel-
ben genau und sachlich folgen; er muß in einer möglichst großen
Zahl von Experimenten den Gegenstand beschreiben, so wie er ihn
jeweils angetroffen hat, und kann auf diese Weise hoffen, den Um-
kreis der möglichen Veränderungen zu bestimmen und so schließlich
ein Gesamtbild zu erhalten. Das ist eine strenge, sogar im modernen
Sinne wissenschaftliche Methode, und eben sie sucht Montaigne ein-
zuhalten. Er hätte sich vielleicht gegen das allzu wissenschaftlich-
anspruchsvolle Wort «Methode» gesträubt, aber es ist eine Methode,
und zwei moderne Kritiker, Villey (Les sources et Pevolution des
Essais de Montaigne, 2e ed., Paris 1933, II 321) und Lanson (Les
278 L'HUMAINE CONDITION
Essais de Montaigne, Paris s. d., 265) haben das Wort auf seine Tätig-
keit angewandt, wenn auch nicht ganz in dem hier gemeinten Sinne.
Montaigne hat die Methode genau beschrieben; außer unserer Stelle
sind noch einige andere bemerkenswert. Unser Absatz zeigt sehr
deutlich, daß und warum er zu seinem Vorgehen genötigt ist, eben
um sich seinem Gegenstande anzupassen; er erklärt ferner den Sinn
des Titels Essais, der treffend, aber freilich nicht sehr schön, mit «Ver-
suchen an sich selbst» oder «Selbstversuchen» wiederzugeben wäre.
Eine andere Stelle (2, 37, p. 850) hebt den mit seinem Verfahren inten-
dierten Entwicklungsgedanken heraus, mit einem für Montaigne
überaus charakteristischen Schluß, der durchaus nicht nur ironisch
ist: «Je veux representer le progrez de mes humeurs, et qu'on voye
chaque piece en sa naissance. Je prendrois plaisir d'auoir commencö
plus tost, et ä recognoistre le train de mes mutations ... Je me suis
envieilly de Sept ou huict ans depuis que je commen9ay. Ce n'a pas
este sans quelque nouvel acquest. J'y ay pratique la colique, par la
liberalit6 des ans: leur commerce et longue conversation ne se passe
aysement sans quelque tel fruit ...» Eine noch bedeutendere Stelle (2,
6, p. 93/4) sagt ganz ohne Ironie, mit dem ruhigen und doch lebhaften
Nachdruck, der Montaignes äußerste Stilgrenze nach oben ist — hö-
her erhebt er den Ton niemals —, eine wie hohe Meinung er von sei-
nem Unternehmen hat : «C'est une espineuse entreprinse, et plus qu'il
ne semble, de suyvre une allure si vagabonde que celle de nostre es-
prit ; de penetrer dans les profondeurs opaques de ses replis internes;
de choisir et arrester tant de menus airs de ses agitations; et est un
amusement nouveau et extraordinaire qui nous retire des occupations
communes du monde, ouy, et des plus recommandees. Il y a plusieurs
annees que je n'ay que moy pour visee ä mes pensees, que je ne con-
trerolle et estudie que moy; et si j'estudie autre chose, c'est pour sou-
dain le coucher sur moy, ou en moy ...» Diese Sätze sind bedeutend
auch deshalb, weil sie die Grenze seines Unternehmens abstecken,
weil sie nicht nur sagen, was er tun, sondern auch was er nicht tun
will, nämlich die Außenwelt untersuchen; sie interessiert ihn nur als
Schauplatz und Anlaß seiner eigenen Bewegungen. Hier gelangen wir
zu einer anderen Form seiner trügerischen und hinterhältigen Ironie:
zu den häufigen Beteuerurigen seiner Unwissenheit und Unverant-
wortlichkeit in bezug auf alles, was die Außenwelt betrifft, die er am
liebsten mit dem Wort «les choses » bezeichnet: «A peine respon-
droys-je ä autruy de mes discours qui ne m'en responds pas ä moy
ce sont icy mes fantasies, par lesquelles je ne tasche point ä donner ä
connoistre les choses, mais moy ...» (2, 10, p. 152). Die «Dinge» sind
für ihn nur ein Mittel der Selbsterprobung; sie dienen ihm nur «ä es-
L'HUMAINE CONDITION 279
sayer ses facultes naturelles» (ibid.), und er fühlt sich ihnen gegenüber
zu keiner verantwortlichen Stellungnahme verpflichtet. Auch das läßt
sich am besten mit seinen eigenen Worten sagen: «De cent membres
et visages qu'a chaque chose, j'en prens un J'y donne une poincte,
non pas le plus largement, mais le plus profondement que je scay
sans dessein, sans promesse, je ne suis pas tenu d'en faire bon, ny de
m'y tenir moy mesme, sans varier quand il me plaist, et me rendre au
doubte et ä Pincertitude, et ä ma maistresse forme qui est l'ignorance
...» (1, 50, p. 578). Man sieht hier schon ganz deutlich, was es mit die-
ser Unwissenheit auf sich hat; hinter Selbstironie und Bescheidenheit
verbirgt sich eine ganz bestimmte, auf seine Hauptabsicht gerichtete
Haltung, die er mit der ihm eigenen liebenswürdig-elastischen Zähig-
keit festhält. Übrigens verrät er uns noch genauer, was die Unwissen-
heit, seine maistresse forme, ihm bedeutet. Er kennt nämlich eine
«ignorance forte et genereuse» (3, 11, p. 493), die er höher schätzt als
alles Sachwissen, zu deren Erwerb mehr Wissen gehört als zum Er-
werb der Wissenschaft. Sie ist nicht nur ein Mittel, ihm den Weg frei
zu machen für die Erkenntnis, auf die es ihm ankommt, die Selbster-
kenntnis, sondern sogar ein unmittelbarer Weg, das zu erreichen, was
das letzte Ziel seiner Untersuchung ist, nämlich richtig zu leben: «le
grand et glorieux chef d'ceuvre de l'homme, c'est vivre ä propos» (3,
13, p. 651); und es steckt in diesem lebhaften Menschen eine so voll-
kommene Hingabe an Natur und Schicksal, daß er es für unnütz hält,
mehr von ihnen erkennen zu wollen, als sie uns fühlen lassen: «Le
plus simplement se commettre ä nature, c'est s'y commettre le plus
sagement. Oh! que c'est un doux et mol chevet, et sain, que l'ignorance
et Pincuriosite, ä reposer une teste bien faicte!» (3, 13, p.580); und
kurz zuvor sagt er : «... je me laisse ignoramment et negligemment aller
ä la loy generale du monde ; je la scauray assez quand je la sentiray»
Die vorsätzliche Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegenüber den
«Dingen» gehört zu seiner Methode; er sucht in ihnen nur sich selbst.
In unzähligen, zu beliebigen Augenblicken unternommenen Versu-
chen prüft er diesen seinen Gegenstand, er beleuchtet ihn von allen
Seiten, er kreist ihn gleichsam ein; das Ergebnis ist aber nicht ein
Haufen von beziehungslosen Momentaufnahmen, sondern die spon-
tan erfaßte, aus der Vielfalt der Beobachtungen sich zusammenfü-
gende Einheit seiner Person. Es kommt schließlich doch auf die Ein-
heit und Wahrheit hinaus; es ist schließlich doch das Wesen, welches
hervortritt, indem er den Wechsel darstellt. Auf der Jagd nach sich
selbst sein, mit einer solchen Methode, das ist schon ein Weg zum
Selbstbesitz: «l'entreprise se sent de la qualite de la chose qu'elle re-
garde; car c'est une bonne portioh de l'effect, et consubstantielle» (1,
280 L'HUMAINE CONDITION
20, p.148). Montaigne besitzt in jedem Augenblick des Wechsels den
Zusammenhang seiner Person, und er weiß das auch: «11 n'est per-
sonne, s'il s'escoute, qui ne descouvre en soy une forme sienne, une
forme maistresse» (3, 2, p.52); oder, an einer anderen Stelle: «les
plus fermes imaginations que j'aye, et generalles, sont celles qui, par
maniere de dire, nasquirent avec moy; elles sont naturelles et toutes
miennes» (2, 17, p. 652/3). Freilich ist diese forme sienne nicht mit
einigen präzisen Worten zu umschreiben; sie ist zu vielfältig und zu
wirklich, um in einer Definition ganz aufzugehen. Doch auch für
Montaigne ist die Wahrheit eine, so vielfältig auch ihre Erscheinun-
gen sind; er widerspricht sich wohl selbst, aber nicht der Wahrheit.
Zu der Methode Montaignes gehört auch die eigentümliche Form
der Essais. Sie sind weder eine Autobiographie noch ein Tagebuch.
Kein kunstvoller Plan liegt ihnen zugrunde, und sie folgen auch
nicht einer chronologischen Ordnung. Sie folgen dem Zufall — «les
fantasies de la musique sont conduictes par art, les miennes par sort ».
Wenn man es genau nimmt, so sind es doch die Dinge, die ihn leiten—
er bewegt sich zwischen den Dingen, er lebt in ihnen, er ist immer in
ihnen anzutreffen, denn er ist, mit sehr offenen Augen und immer ein-
drucksbereitem Geist, mitten in der Welt; nur folgt er nicht ihrem
Ablauf in der Zeit, auch nicht einer Methode, die die Kenntnis eines
bestimmten Dinges oder einer Gruppe von Dingen zum Ziel hat, son-
dern seinem eigenen inneren Rhythmus, der zwar von den Dingen
immer aufs neue bewegt und genährt wird, aber sich nicht an sie bin-
det, sondern frei vom einen zum andern überspringt. Er bevorzugt
«une alleure poetique, ä sauts et ä gambades» (3, 9, p.421). Villey hat
gezeigt (Les Sources usw., II, p. 3 ff.), daß die Form der Essais von den
Beispiel-, Zitaten- und Spruchsammlungen herstammt, einer Art von
Schrifttum, das schon in der Spätantike und im Mittelalter sehr be-
liebt war, und das im 16. Jahrhundert zur Verbreitung des humanisti-
schen Stoffes diente. Montaigne hatte auf diese Art begonnen; sein
Buch war ursprünglich eine Sammlung von Lesefrüchten mit beglei-
tenden Bemerkungen. Der Rahmen wurde bald gesprengt; die be-
gleitenden Bemerkungen überwogen, und als Stoff öder Anlaß diente
nicht nur das Gelesene, sondern auch das Gelebte; sei es was er selbst
erlebte, sei es was er von anderen hörte oder was um ihn herum ge-
schah. Aber das Prinzip, sich an die konkreten Dinge, an das Ge-
schehene zu halten, hat er nie aufgegeben, ebensowenig wie seine
Freiheit, sich nicht an eine sacherforschende Methode oder an den
Ablauf der Geschehnisse in der Zeit zu binden; er nimmt von den
Dingen die Lebendigkeit, die ihn davor bewahrt, abstrakte Psycholo-
gie oder substanzloses Bohren in sich selbst zu treiben; aber er hütet
L'HUMAINE CONDITION 281
sich davor, dem Gesetz irgendeines Dinges unterworfen zu sein, um
nicht den Rhythmus der eigenen inneren Bewegung zu übertäuben
und schließlich zu verlieren. Er rühmt dies Verfahren sehr hoch, be-
sonders im 9. Essai des dritten Buches, aus der wir eben einige Worte
angeführt haben, und er beruft sich auf Plato und andere antike Au-
toren als Vorbilder. Die Berufung auf manche platonischen Dialoge,
deren Auf bau anscheinend locker ist, und deren Thema nicht ab-
strakt losgelöst, sondern in die menschliche Art und Lage der Unter-
redner eingebettet erscheint, ist gewiß nicht ganz unberechtigt; aber
doch auch nicht wirklich treffend. Montaigne ist etwas Neues: die
Würze des Persönlichen, und zwar einer einzigen Person, bietet sich
weit eindringlicher, und die Ausdrucksweise ist noch viel spontaner
und alltäglich gesprochener Rede näher, obgleich es sich doch hier
nicht um Dialoge handelt. Auch die Beschreibung des sokratischen Sti-
les an einer anderen Stelle im 12. Essai, die wir in unserem Rabelaiskapi-
tel zitiert haben (Seite 267), zeigt einen stark montaignisch gefärbten
Sokrates. So sehr aus dem Wollen der eigenen konkreten Existenz
heraus, so saftig, körperlich und spontan hat kein antiker Philosoph
geschrieben, selbst Plato nicht, wenn er den redenden Sokrates dar-
stellt. Im Grunde weiß Montaigne das auch. An einer Stelle, wo er
sich gegen das Lob seiner Sprache wehrt, und den Leser auf Sinn und
Gegenstand allein verweist (1, 40, p.483), fügt er hinzu: «Si suis je
trompe, si gueres d'autres donnent plus ä prendre en la matiere; et
comment que ce soit, mal ou bien, si nul escrivain l'a semee ny gueres
plus materielle, ny au moins plus drue en son papier.»
Der zweite Teil des eingangs abgedruckten Textes erörtert die Fra-
ge, ob sein Unternehmen berechtigt und nützlich sei; die Frage, die
Pascal, wie man weiß, so energisch verneint hat (le sot projet qu'il a
de se peindre!). Wieder ist seine Anordnung und sein Ausdruck voll
hinterhältig-ironischer Bescheidenheit. Es scheint, als wage er selbst
nicht die Frage mit einem klaren Ja zu beantworten, als wolle er eher
sich entschuldigen und mildernde Umstände anführen. Der Schein
trügt; er hat die Frage schon mit seinem ersten Satz entschieden, lange
bevor er sie eigentlich stellt; und das, was nachher fast wie eine Ent-
schuldigung klingt («au moins j'ay ...»), verwandelt sich unversehens
in eine so feste, grundsätzliche und seine Eigenheit so bewußt bie-
tende Selbstbehauptung, daß von Bescheidenheit und Entschuldigung
nicht mehr die Rede sein kann. Die Reihenfolge, in der er seine Ge-
danken gibt, ist diese:
1. Ich schildere ein niedriges und glanzloses Leben; aber das macht
nichts aus; auch im niedrigsten Leben steckt das Ganze des Mensch-
lichen.
282 L'HUMAINE CONDITION

2. Ich schildere nicht, wie die anderen, ein Fachwissen oder eine
besondere Fähigkeit, die ich erworben habe; ich als erster gebe mich,
Montaigne, in meiner ganzen Person.
3. Wenn man mir vorwirft, ich redete zu viel von mir selbst, so ent-
gegne ich mit dem Vorwurf: ihr denkt ja nicht einmal an euch selbst.
4. Jetzt erst formuliert er die Frage: ist es nicht anmaßend, einen so
beschränkten Einzelfall zu allgemeiner und öffentlicher Kenntnis
bringen zu wollen? Ist es vernünftig, einer Welt, die nur Form und
Kunst zu schätzen weiß, ein so unverarbeitetes und einfaches Natur-
produkt zu bieten, noch dazu ein so unbedeutendes Naturprodukt?
5. Statt einer Antwort folgen nun «mildernde Umstände»: a) nie-
mand war je in seinem Gegenstand so sachverständig wie ich in dem
meinigen; b) niemand hat je seinen Gegenstand so vertieft und so bis
in all seine Gliederungen und Verästelungen verfolgt; niemand hat je
seine Absicht so genau und so vollkommen ausgeführt.
6. Um das zu erreichen, brauche ich nichts als rückhaltlose Auf-
richtigkeit, und daran fehlt es mir nicht. Die Konventionen hindern
mich ein wenig, ich ginge zuweilen gern noch etwas weiter; aber, seit
ich älter werde, gestatte ich mir in dieser Hinsicht manche Freiheit,
die man einem älteren Manne eher nachsieht.
7. Mir kann es nicht passieren, was manchem Fachmann passiert:
daß Mensch und Werk nicht miteinander zusammenstimmen, daß
man das Werk bewundert, aber den Autor im Umgang recht mittel-
mäßig findet, oder umgekehrt. Ein gelehrter Mensch ist nicht überall
gelehrt; aber ein ganzer Mensch ist überall ganz, auch da, wo er un-
wissend ist. Mein Buch und ich sind zusammen ein Ding; wer vom
einen spricht, spricht zugleich vom anderen.
Diese Zusammenstellung zeigt, wie hintergründig seine Beschei-
denheit ist; sie zeigt es fast noch deutlicher als das Original, eben weil
sie, abgerissen und trocken, nicht die fließende Liebenswürdigkeit des
Ausdrucks besitzt. Aber auch das Original ist entschieden genug; der
Gegensatz «ich — die anderen», die Malice gegen die Fachleute, und
vor allem die Motive «ich als erster» und «niemand hat je» sind nicht
zu überhören und treten bei wiederholtem Lesen immer schärfer her-
vor. Wir wollen nun versuchen, die sieben aufgezählten Gedanken
einzeln zu besprechen; das ist freilich nur ein etwas ärmliches Aus-
kunftsmittel, schon weil sie schwer auseinanderzuhalten sind und sich
fortwährend ineinander verschlingen; trotzdem ist es notwendig,
wenn man versuchen will, alles herauszuholen, was in dem Text
steckt.
Die Beteuerung, daß er ein niederes und glanzloses Leben schil-
dere, ist arg übertrieben; Montaigne war ein großer Herr, angesehen
L'HUMAINE CONDITION 283
und einflußreich, und es lag.lediglich an ihm, wenn er von seiner Per-
son nur sehr maßvoll und widerwillig politischen Gebrauch machte.
Aber die bescheidene Übertreibung, die er häufig wiederholt, dient
ihm dazu, den Hauptgedanken plastischer hervorzutreiben: ein ganz
beliebiges Menschenschicksal, une vie populaire et priv6e, genügt ihm
für seinen Zweck. «La vie de Cesar», so sagt er anderswo (3,13, p.580),
«n'a point plus d'exemple que la nostre pour nous : et emperiere et
populaire, c'est tousjours une vie que tous accidens humains re-
gardent. Escoutons y seulement ...» Und dann kommt der berühmte
Satz über die humaine condition, die jeder beliebige Mensch verwirk-
licht. Augenscheinlich hat er mit diesem Satz die Frage nach Sinn und
Nutzen seines Unternehmens schon beantwortet; wenn jeder Mensch
ausreichend Anlaß und Stoff für die Darstellung der gesamten Moral-
philosophie bietet, so ist die genaue und aufrichtige Selbstuntersu-
chung eines beliebigen Menschen ohne weiteres gerechtfertigt; ja man
kann noch einen Schritt weitergehen: sie ist sogar erforderlich, denn
sie ist der einzige Weg, den, nach Montaigne, die Wissenschaft vom
Menschen als moralisches Wesen gehen kann. Die Methode des Hor-
chens («escoutons y») läßt sich mit einiger Genauigkeit nur an der
eigenen Person anwenden; es ist eigentlich eine Methode des Sich-
selbst-Behorchens, des Beobachtens der eigenen inneren Bewegungen.
Einen anderen kann man so genau nicht prüfen: «Il n'y a que vous
qui s9ache si vous estes lasche et cruel ou loyal et devotieux; les autres
ne vous voyent point, ils vous devinent par conjectures incertaines ...»
(3, 2, p. 45/6). Und das eigene Leben, auf dessen Bewegungen man zu
horchen hat, ist stets ein beliebiges; denn jedes Leben ist nur eine der
Millionen von Varianten menschlicher Lebensmöglichkeiten über-
haupt. Die obligatorische Grundlage der Methode Montaignes ist das
beliebige eigene Leben.
Und zwar muß dieses beliebige eigene Leben als Ganzes genom-
men werden. Dies ist der oben als zweiter bezeichnete Teil seiner Aus-
sage. Die Forderung ist einleuchtend; jede Spezialisierung verfälscht
das moralische Bild, sie gibt uns nur in einer unserer Rollen, sie läßt
bewußt weite Bezirke unseres Lebens und unseres Schicksals im Dun-
keln. Aus einem Buch über griechische Grammatik oder Staatsrecht
läßt sich die eigene Existenz des Verfassers nicht erkennen, oder doch
nur in den wenigen Fällen, wo sein Temperament so stark und eigen-
tümlich ist, daß es aus jeder Lebensäußerung unwillkürlich hervor-
bricht. Montaignes soziale und wirtschaftliche Lage erleichterte es
ihm, sich als Ganzes auszubilden und zu bewahren; seine Zeit, die für
die höheren Schichten der Gesellschaft Pflicht, Technik und Ethos der
spezialisierten Arbeit noch nicht voll ausgebildet hatte, sondern, ganz
284 L'HUMAINE CONDITION
im Gegenteil, unter dem Eindruck der antiken oligarchischen Zivili-
sation nach allgemeinster und menschlichster Bildung strebte, kam
seinen Bedürfnissen entgegen. Dennoch hat keiner seiner bekannten
Zeitgenossen es darin so weit gebracht wie er. Mit ihm verglichen,
sind sie alle Spezialisten: Theologen, Philologen, Philosophen, Staats-
männer, Ärzte, Dichter, Künstler; alle zeigen sie sich der Welt «par
quelque marque particuliere et estrangiere». Auch Montaigne war ge-
legentlich, wenn ihn die Umstände dazu nötigten, Jurist, Soldat, Poli-
tiker; er war eine Reihe von Jahren maire von Bordeaux. Aber er lie-
ferte sich selbst diesen Geschäften nicht aus; er lieh sich nur, auf Zeit
und auf Widerruf, und er versprach denen, die ihm Geschäfte auftru-
gen, «de les prendre en main, non pas au poulmon et au foye» (3,10,
p.438). Die Methode, das beliebige eigene Leben als Ganzes zum
Ausgangspunkt der Moralphilosophie, der Erforschung der humaine
condition zu machen, steht in betontem Gegensatz zu all den Metho-
den, die eine große Anzahl von Menschen nach einem bestimmten
Plan, etwa auf den Besitz oder das Fehlen gewisser Eigenschaften,
oder auf ihr Verhalten in gewissen Lagen hin untersuchen; all diese
Verfahrensweisen erscheinen Montaigne als schulmäßige und leere
Abstraktionen; er erkennt den Menschen, das heißt sich selbst, in
ihnen nicht wieder, sie verkleiden, vereinfachen, versystematisieren
ihn, so daß seine Wirklichkeit verlorengeht. Montaigne beschränkt
sich auf die genaue Untersuchung und Beschreibung eines einzigen
Exemplars, seiner selbst, und auch bei dieser Untersuchung ist er
weit entfernt, den Gegenstand in irgendeiner Weise zu isolieren, ihn
von den zufälligen Lagen und Bedingungen, in denen er sich jeweils
befindet, loszulösen, um etwa auf diese Weise sein eigentliches,
dauerndes und absolutes Wesen zu gewinnen; ein solcher Versuch
einer Wesensgewinnung durch Isolierung von den jeweiligen zufälli-
gen Kontingenzen würde ihm sinnlos erscheinen, da seiner Überzeu-
gung nach das Wesen sogleich verlorengeht, sobald man es aus der
jeweiligen Zufälligkeit loslöst. Eben darum muß er auf eine letzte De-
finition seiner selbst oder des Menschen, die notwendig abstrakt sein
müßte, verzichten; er muß sich darauf beschränken, immer aufs neue
sich zu versuchen, und auf das se resoudre verzichten. Aber er gehört
zu den Menschen, denen dieser Verzicht nicht schwer fällt; denn er
ist überzeugt, daß das Ganze der Erkenntnis sich dem Ausdruck ent-
zieht. Ferner ist seine Methode, trotz ihrer scheinbaren Sprunghaftig-
keit, sehr streng insofern, als sie sich auf Beobachtung beschränkt;
sie treibt keine allgemeine Ursachenforschung; wo Montaigne Ursa-
chen angibt, da sind es naheliegende, die selbst der Beobachtung zu-
gänglich sind. Darüber gibt es eine polemische Stelle, die auch heut
L'HUMAINE CONDITION 285
noch aktuell ist: «Ils laissent lä les choses et s'amusent ä traicter les
causes: plaisans causeurs! La cognoissance des causes appartient
seulement ä celuy qui a la conduite des choses, non ä nous qui n'en
avons que la souffrance, et qui en avons l'usage parfaictement plein
selon notre nature, sann en penetrer l'origine et l'essence Ils com-
mencent ordinairement ainsi: Comment est ce que cela se faict? Mais
se faict il? faudroit il dire ...» (3,11, p.485). Wir haben es absichtlich
unterlassen, in all diesen Bemerkungen über seine Methode die sich
aufdrängenden Fachausdrücke für moderne philosophische Metho-
den zu nennen, die zu der seinen in der Beziehung der Verwandt-
schaft oder des Gegensatzes stehen. Der sachverständige Leser wird
sie ergänzen; wir nehmen davon Abstand, da die Rechnung nirgends
glatt aufgeht, und eine genauere Klärung uns von unserer Hauptab-
sicht allzu weit entfernen würde.
Noch haben wir einige Worte nicht besprochen, die er in Verbin-
dung mit der Darstellung seiner Methode, das beliebige eigene Leben
als Ganzes zum Zweck der Erforschung der humaine condition dar-
zustellen, an syntaktisch ausgezeichneter Stelle geschrieben hat. Es
sind die Worte «moy le premier», und sie stellen uns zwei Fragen:
meint er diese Behauptung ernst, und hat er recht mit ihr? Die erste
Frage ist schnell beantwortet, er meint sie ernst, denn er wiederholt
sie oft; das Thema «niemand hat je» etwas weiter unten in unserem
Text ist nur eine Variante dazu, und eine andere Stelle, von der wir
schon einen Teil weiter oben, auf Seite 278, zitiert haben, die Stelle
über das «amusement nouveau et extraordinaire» «de penetrer dans
les profondeurs de ses replis internes», leitet er auf folgende Weise
ein: «Nous n'avons nouvelles que de deux ou trois anciens qui ayent
battu ce chemin; et si ne pouvons dire si c'est du tout en pareille ma-
niere ä cette-ci, n'en connoissant que leurs noms. Nul depuis ne s'est
jeti sur leur trace ...» (2, 6, p.93). Es ist also kein Zweifel, daß Mon-
taigne, trotz aller Bescheidenheit und Selbstironie, seine Behauptung
ernst gemeint hat. Aber hat er recht damit? Besitzen wir wirklich kein
einziges Werk ähnlicher Art aus älterer Zeit? Mir fällt der Name Au-
gustins ein. Montaigne erwähnt die Bekenntnisse nirgends, und Villey
(Les Sources, I, 75) vermutet, er habe sie nicht gut gekannt. Aber es
ist ausgeschlossen, daß er nicht wenigstens über die Existenz und den
Charakter dieses berühmten Buches unterrichtet war. Vielleicht hatte
er eine gewisse Scheu vor diesem Vergleich, und vielleicht ist es eine
ganz echte und unironische Bescheidenheit, die ihn davor zurückhält,
sich und seine Methode mit dem bedeutendsten der Kirchenväter in
Beziehung zu setzen; er hat auch recht, wenn er meinte, es sei durch-
aus nicht «en pareille maniere»; Absicht und Einstellung sind sehr
286 L'HUMAINE CONDITION

verschieden; und doch findet sich von keinem anderen früheren Autor
etwas so Grundsätzliches in Montaignes Methode erhalten wie die
konsequente und rückhaltlose Selbsterforschung Augustins.
Zu dem dritten Glied seiner Aussage (dem Gegenvorwurf: ihr
denkt ja nicht einmal an euch selbst) ist zu bemerken, daß ihm die be-
sondere Montaignesche Vorstellung von «ich selbst» unausgespro-
chen zugrunde liegt. Die auf solche Art Angeredeten denken, im ge-
wöhnlichen Sinne, sehr viel an sich selbst, zu viel sogar; sie denken an
ihre Interessen, ihre Begierden, ihre Sorgen, ihre Kenntnisse, ihreTä-
tigkeit, ihre Familie und ihre Freunde. Des alles ist, für Montaigne,
nicht «sie selbst». Dies alles ist nur ein Teil von «ich selbst», und es
kann sogar, wie es meist geschieht, zur Verdunkelung und zum Ver-
lust des Selbst führen, wenn man nämlich sich einem oder dem an-
deren oder mehreren dieser Dinge so sehr hingibt, daß das gegenwär-
tige Bewußtsein der eigenen Existenz im ganzen, das volle Bewußtsein
des eigenen Lebens dabei zerrinnt. Zu dem vollen Bewußtsein des
eigenen Lebens gehört für ihn auch das des eigenen Todes. «Ils vont,
ils viennent, ils trottent, ils dansent ; de mort, nulles nouvelles» (1,20,
p.154/5).
Den vierten und fünften Teil der Aussage, den Zweifel, ob die Ver-
öffentlichung eines solchen Werkes gerechtfertigt sei, und die Ent-
schuldigungen, mit denen er dem Zweifel begegnet, können wir zu-
sammen behandeln. Die wahre Antwort auf die Frage hat er schon
im voraus gegeben; er stellt sie jetzt nur, um in einigen vorzüglich ge-
formten Antithesen (z.B. particulier en usage gegen public en co-
gnoissance, oder par ad gegen par sort) die Eigentümlichkeit seines
Unternehmens noch einmal scharf hervorzuheben. Der Text ist ferner
bedeutend durch die unvermutete Wendung der entschuldigend ge-
formten Worte zu einem entschiedenen Bekenntnis des Gefühls seiner
eigenen Bedeutung. Dies Bekenntnis, eingeleitet durch das Motiv «ja-
mais homme» oder «jamais aucun » zeigt eine neue Seite seiner Me-
thode. Nie, so sagt er etwa, hat ein Mensch seinen Gegenstand so voll-
kommen beherrscht, nie ihn so tief in all seine Einzelheiten und Ver-
ästelungen verfolgt, nie so restlos seine Absicht erreicht. Trotz der
leisen Selbstironie, die etwa in der Formulierung «en celuy-lä je suis
le plus scavant homme qui vive» liegen mag, sind diese Sätze ein er-
staunlich offenes, klares, nachdrückliches Unterstreichen der Einzig-
artigkeit seines Buches; und sie gehen über das vorher besprochene
«moy le premier» insofern noch hinaus, als sie Montaignes Überzeu-
gung verraten, es gebe überhaupt keine Kenntnis oder Wissenschaft,
deren Erwerb mit solcher Vollkommenheit und Genauigkeit möglich
sei als die Selbsterkenntnis. Für ihn ist das Erkenne-dich-selbst nicht
L'HUMAINE CONDITION 287
nur eine praktische und moralische Forderung, sondern auch eine
erkenntnistheoretische. Eben darum hat er auch wenig Interesse für
naturwissenschaftliche Kenntnisse, und kein Vertrauen zu ihnen; das
moralisch Menschliche allein fesselt ihn; wie Sokrates könnte er sa-
gen, daß die Bäume ihn nichts lehren, sondern nur die Menschen in
der Stadt. Er gibt dem Gedanken sogar eine polemische Spitze, wenn
er von den Leuten spricht, die sich ihrer naturwissenschaftlichen
Kenntnisse rühmen: «Puisque ces gens lä n'ont pas peu se resoudre
de la cognoissance d'eux mesmes et de leur propre condition, qui est
continuellement presente ä leurs yeux, qui est dans eux comment
les croirois je de la cause du flux et du reflux de la riviere du Nil?»
(2,17, p. 605). Eine positiv erkenntnistheoretische Bedeutung gewinnt
der Primat der Selbsterkenntnis jedoch nur für die moralische Erfor-
schung des Menschen; denn Montaigne zielt bei seiner Untersuchung
des beliebigen eigenen Lebens im ganzen auf die Erforschung der hu-
maine condition überhaupt, und er offenbart damit das heuristische
Prinzip, dessen wir uns, bewußt oder unbewußt, in verständiger oder
unverständiger Weise dauernd bedienen, wenn wir die Handlungen
anderer Menschen zu verstehen und zu beurteilen bemüht sind, seien
es die Handlungen unserer nächsten Umgebung oder ferner liegende,
politische und geschichtliche: wir legen an sie die Maßstäbe, die uns
unser eigenes Leben und unsere eigene innere Erfahrung bieten; so
daß unsere Menschen- und Geschichtserkenntnis abhängig ist von
der Tiefe unserer Selbsterkenntnis und der Weite unseres moralischen
Horizonts.
Montaigne hat sich immer auf das lebhafteste für das Leben der
anderen interessiert. Freilich hat.er ein gewisses Mißtrauen gegen die
Historiker. Er findet, daß sie die Menschen allzu ausschließlich in
außergewöhnlichen und heroischen Lagen vorführen, und daß sie all-
zu schnell geneigt sind, von den Charakteren ein festes und einheit-
liches Bild zu geben: «les bons autheurs mesmes ont tort de s'opinias-
trer ä former de nous une constante et solide contexture» (2,1, p. 9).
Es scheint ihm verkehrt, sich aus einem oder aus wenigen Höhepunk-
ten eines Lebens eine Vorstellung des gesamten Menschen zu ma-
chen; Schwankung und Wechsel des inneren Zustandes seien längst
nicht genügend berücksichtigt: «pour juger d'un homme, il faut sui-
vre longuement et curieusement sa trace» (2,1, p.18). Er wünscht das
alltägliche, gewöhnliche und spontane Verhalten der Menschen zu
erfahren, und dazu ist ihm seine Umgebung, die er durch eigene Er-
fahrung beobachten kann, ebenso wertvoll wie das Material der Ge-
schichte: «moy ... qui estime ce siecle comme un autre passe, j'allegue '
aussi volontiers un mien amy que Aulu Gelle et que Macrobe ...» (3,
288 L'HUMAINE CONDITION
13, p. 595). Private und persönliche Vorgänge interessieren ihn eben-
sosehr oder vielleicht noch mehr als Staatsaktionen, und es ist nicht
einmal erforderlich, daß sie wirklich vorgefallen sind: «... en l'estude
que je traitte de noz meeurs et mouvemens, les temoignages fabuleux,
pourvu qu'ils soient possibles, y servent comme les vrais : advenu ou
non advenu, ä Paris ou ä Rome, ä Jean ou ä Pierre, c'est toujours un
tour de l'humaine capacite» (1,21, p.194). All diese Bemühung um
die Erfahrung des Lebens der anderen geht durch den Filter der
Selbsterfahrung. Man darf sich nicht durch manche Äußerungen
Montaignes beirren lassen, wo er etwa davor warnt, die anderen nach
sich selbst zu beurteilen, oder für unmöglich zu halten, was man sich
nicht vorstellen könne oder was zu unseren Sitten im Widerspruch
steht. Das kann sich nur auf Menschen beziehen, deren Selbsterfah-
rung zu eng und zu flach ist, und die Lehre, die aus solchen Äußerun-
gen zu ziehen wäre, ist die Forderung, unserem inneren Bewußtsein
mehr Elastizität und Weite zu geben. Denn ein anderes heuristisches
Prinzip für die historisch-moralische Erkenntnis als die Selbsterfah-
rung wüßte Montaigne nicht anzugeben, und es gibt mehrere Stellen,
in denen er seine Methode unter diesem Gesichtspunkt beschreibt,
zum Beispiel folgende: «Cette longue attention que j'employe ä me
considerer me dresse ä juger aussi passablement des autres Pour
m'estre, des mon enfance, dresse ä mirer ma vie dans celle d'autruy,
j'ay acquis une complexion studieuse en cela» (3,13, p. 585). Mirer sa
vie dans celle d'autrui : in diesen Worten liegt die ganze Methode der
Tätigkeiten, die sich das Verstehen fremder Handlungen oder Gedan-
ken zum Ziel setzen; alles übrige, das Sammeln der Quellen und Zeug-
nisse, die äußere Kritik und Ordnung des überlieferten, ist nur Hilfs-
und Vorarbeit.
Der oben als sechster bezeichnete Teil der Aussage handelt von
seiner Aufrichtigkeit: ihrer allein bedarf er, um seine Absicht auszu-
führen, und sie besitzt er auch; er sagt es selbst, und es ist wahr. Er ist
überaus aufrichtig in allem was ihn selbst betrifft, und er wäre gern,
wie er es hier und an mehreren anderen Stellen der Essais (schon im
Vorwort) sagt, noch ein wenig offenherziger; die Regeln des Anstan-
des legen ihm einige Beschränkung auf. Seine Kritiker haben jedoch
höchstens das Übermaß, niemals einen Mangel an Aufrichtigkeit be-
anstandet. Er spricht sehr viel von sich selbst, und sein Leser wird mit
allen Einzelheiten nicht nur seiner geistigen und seelischen, sondern
auch seiner körperlichen Existenz bekannt gemacht. Eine große Zahl
von Mitteilungen über seine persönlichsten Eigenschaften und Ge-
wohnheiten, seine Krankheiten, seine Ernährung und seine ge-
schlechtlichen Eigentümlichkeiten finden sich in den Essais verstreut.
L'HUMAINE CONDITION 289
Das geschieht gewiß nicht ganz ohne ein wenig Selbstgefälligkeit;
Montaigne hat Freude an sich selbst, er weiß, daß er in jeder Hinsicht
ein freier, reicher, ganzer, vorzüglich geglückter Mensch ist, und er
kann, trotz aller Selbstironie, diese Freude an der eigenen Person
nicht verbergen. Aber sie ist ein ruhiges, in sich gegründetes Bewußt-
sein seiner selbst, frei von Kleinlichkeit, Anmaßung, Unsicherheit
oder Koketterie. Er ist stolz auf seine «forme toute sienne». Doch die
Freude an sich selbst ist nicht das wichtigste und eigentliche Motiv
seiner Aufrichtigkeit, die sich gleichmäßig auf Geist und Körper be-
zieht; die Aufrichtigkeit ist ein wesentlicher Teil seiner Methode der
Darstellung des beliebigen eigenen Lebens im ganzen; Montaigne ist
der Überzeugung, daß für eine solche Darstellung Geist und Körper
nicht getrennt werden dürfen, und er hat dieser Überzeugung in aller
Ruhe, ohne seine Selbstdarstellung mit krampfhaften Bewegungen
zu begleiten, eine rückhaltlose praktische Form gegeben, so rückhalt-
los und wirklich, wie kaum jemand vor ihm und wenige nach ihm. Er
spricht ausführlich von seinem Körper und seinem körperlichen We-
sen, weil es ein wesentlicher Bestandteil seiner selbst ist, und er hat es
fertiggebracht, sein Buch mit der körperlichen Würze seiner Person
zu durchdringen, ohne je Überdruß zu erregen. Seine körperlichen
Funktionen, seine Krankheiten und sein eigener körperlicher Tod,
von dem er viel spricht, um sich selbst an den Gedanken des Todes
zu gewöhnen, sind dermaßen in ihrer konkreten sinnlichen Wirksam-
keit mit dem moralisch-geistigen Gehalt seines Buches verschmolzen,
daß jeder Versuch einer Trennung sinnlos wäre.
Damit hängt wiederum seine Abneigung gegen die schulmäßigen
Systeme der Moralphilosophie 'zusammen, von der wir schon spra-
chen: was er ihnen vorwirft, das Abstrakte, die Wirklichkeit des Le-
bens Verkleidende ihrer Methoden und das Aufgeblasene ihrer Ter-
minologie, läßt sich alles zuletzt darauf zurückführen, daß sie teils
schon in der Theorie, teils zumindest in der Lehrpraxis Geist und
Körper trennen und den letzteren nicht zu Wort kommen lassen. Sie
haben alle, nach Montaigne, eine zu hochmütige Meinung vom Men-
schen, sie sprechen von ihm, als sei er nur Geist und verfälschen da-
mit die Wirklichkeit des Lebens: «Ces exquises subtilitez ne sont
propres qu'au presche; ce sont discours qui nous veulent envoyer
touts bastez en l'autre monde. La vie est un mouvement materiel et
corporel, action imparfaicte de sa propre essence, et desregl6e ; je
m'emploie ä la servir selon elle ...» (3,9, p.409/10).
Die Stellen, an denen er von der Einheit von Geist und Körper
spricht, sind sehr zahlreich und geben sehr viel verschiedene Aspekte
seiner Anschauung. Zuweilen überwiegt die ironische Bescheiden-
19
290 L'HUMAINE CONDITION
heit : «... moy, d'une condition mixte, grossier si simple que je me
laisse tout lourdement aller aux plaisirs presents de la loy humaine et
generale, intellectuellement sensibles, sensiblement intellectuels.» (3,
13, p.649.) Eine andere überaus interessante Stelle beleuchtet sein
Verhältnis zum Platonismus und damit zugleich zur antiken Moral-
philosophie überhaupt: «Platon craint nostre engagement aspre ä la
douleur et ä la volupte, d'autant que (weil) il oblige et attache par
trop l'äme au corps; moy plutost au rebours, d'autant qu'il l'en des-
prend et descloue» (1,40, p. 100/1). Denn für Plato ist der Körper ein
Feind des Maßes, der die Seele verführt und mit sich reißt; für Mon-
taigne besitzt der Körper, als natürliche Anlage, «un juste et modere
temperament envers la volupte et envers la douleur», während «ce
qui aiguise en nous la douleur et la volupte, c'est la poincte de nostre
esprit». Die in unserem Zusammenhang bedeutendsten Stellen über
diesen Gegenstand sind jedoch diejenigen, die die christlich-kreatür-
lichen Quellen seiner Anschauung zeigen. In dem Kapitel de la pre-
somption (2,17, p. 615) schreibt er:
«Le corps a une grand' Part ä nostre estre, il y tient un grand rang;
ainsi sa structure et composition sont de bien juste consideration. Ceux
qui veulent desprendre nos deux pieces principales, et les sequestrer 1'un
de 1'autre, ils ont tort; au rebours, il les faut r'accupler et rejoindre; il faut
ordonner ä l'äme non de se tirer ä Quartier, de s'entretenir ä part, de mes-
priser et abandonner le corps (aussi ne le scauroit elle faire que par auel-
aue singerie contrefaicte), mais de se r'allier ä luy, de l'embrasser 1'es-
pouser en somme, et luy servir de mary, ä ce que leurs effects ne paraissent
pas divers et contraires, ains accordans et uniformes. Les Chrestiens ont
une particuliere instruction de cette Liaison; ils scavent que la iustice divine
embrasse cette societe et joincture du corps et de l'äme, jusaues ä rendre
le corps capable des recompenses eternelles ; et que Dieu regarde agir tout
l'homme, et veut qu'entier il recoive le chastiment, ou le loyer, selon ses
merites.»
Und er schließt mit einem Preis der aristotelischen Philosophie:
«La secte Peripatetique, de toutes sectes la plus sociable, attribue ä la
sagesse ce seul soing, de pourvoir et procurer en commun le bien de ces
deux parties associees; et montre les autres sectes, pour ne s'estre assez
attachez ä la consideration de ce meslange, s'estre partialisees, cette-cy
pour le corps, cette autre pour l'äme, d'une pareille erreur; et avoir es-
carte leur subject, qui est 1'homme; et leur guide, qu'ils advouent en
general estre Nature.»
Eine andere, im gleichen Sinne bedeutende Stelle, steht am Ende
des dritten Buches, in dem Schlußkapitel de l'experience (3,13, p.663):
«A quoy faire demembrons nous en divorce un bastiment tissu d'une si
joincte et fraternelle correspondance? Au rebours, renouons le par mu-
tuels offices ; que l'esprit esveille et vivifie la pesanteur du corps, le corps
L'HUMAINE CONDITION 291
arreste la legerete de 1'esprit et la fixe. Qui velut summum bonum laudat
animae naturam, et tamquam malum naturam carnis accusat, profecto et
animam carnaliter appetit, et carnem carnaliter fugit; quoniam id vani-
tate sentit humana, non veritate divina (aus Augustin, De civitate Dei
14,5). 11 n'y a piece indigne de notre soin, en ce present que Dieu nous a
faict; nous en devons conte jusques ä un poil; et n'est pas une commission
par acquit (etwa: nebensächlich) ä l'homme de conduire 1'homme selon
sa condition ; elle est expresse, naifve et tresprincipale, et nous i'a le Createur
donnee serieusement et severement (Diejenigen, die sich von ihrem Kör-
per lossagen wollen) veulent se met tre hors d'eux, et eschapper ä 1'homme;
c'est fol ie; au lieu de se transformer en anges,ils se transforment en bestes ;au
lieu de se hausser, ils s'abattent. Ces humeurs transcendentes m'effrayent...»
Daß Montaignes Körper-Geist-Einheit in der christlich-kreatür-
lichen Anthropologie ihre Wurzeln hat, das wäre auch ohne diese
Zeugnisse zu erweisen; auf ihr beruht seine realistische Introspektion,
und ohne sie wäre diese unvorstellbar. Aber solche Stellen (man
könnte noch eine andere [3, 5, p.219] hinzufügen, in der sich eine
wichtige Bemerkung über die Askese der Heiligen findet) zeigen, wie
bewußt er sich des Zusammenhangs war. Er beruft sich auf das Dog-
ma der Auferstehung des Fleisches und auf Bibelstellen; er lobt ge-
rade in diesem Zusammenhang die aristotelische Philosophie, für die
er eigentlich sonst nicht viel übrig hat («Je ne recognois, chez Ahs-
tote, la plus part de mes mouvements ordinaires»); er zitiert eine der
vielen Stellen, in denen Augustin gegen dualistische und spiritualisti-
sche Tendenzen seiner Zeit ankämpft; er bedient sich des Gegensat-
zes ange-bete, den Pascal von ihm übernahm. Er hätte die christlichen
Zeugnisse für seine Anschauung noch bedeutend vermehren können;
er hätte vor allem die Fleischwerdung des Wortes selbst zu Hilfe rufen
können. Das hat er nicht getan, obgleich der Gedanke ihm ohne
Zweifel aufgestiegen ist; bei einem christlich erzogenen Menschen
seiner Zeit mußte er sich bei diesem Anlaß aufdrängen. Er hat die
Anspielung vermieden, absichtlich offenbar, denn das hätte seinen
Ausführungen unwillkürlich den Charakter eines christlichen Be-
kenntnisses gegeben, was ihm ganz fern lag. Er geht so heiklen Ge-
genständen gern aus dem Wege. Aber die Frage nach seinem religiö-
sen Bekenntnis, die ich übrigens für müßig halte, hat mit der Feststel-
lung, daß die Wurzeln seiner realistischen Anschauung des Menschen
im Christlich-Kreatürlichen liegen, nichts zu tun.
Wir kommen nun zum letzten Teil unseres Textes. Er handelt von
der Einheit, die bei ihm zwischen Werk und Autor besteht; anders
als bei den Spezialisten, die ein mit ihrer Person nur lose zusammen-
hängendes Fachwissen zeigen. Er hat dasselbe, mit einigen anderen
Abtönungen, noch an einer anderen Stelle gesagt (2,18, p. 666): «Je
292 L'HUMAINE CONDITION
n'ay pas plus faict mon livre que mon livre m'a faict: livre consubs-
tantiel ä son autheur, d'une occupation propre, membre de ma vie,
non d'une occupation et fin tierce et estrangiere, comme tous autres
livres.» Dem ist nichts hinzuzufügen. Doch bedarf die Malice gegen
den gelehrten Fachmann und gegen die Spezialisierung noch einer Er-
läuterung, die den geschichtlichen Ort solcher Äußerungen zu zeigen
versucht. Das Ideal eines allseitig ausgebildeten, nicht spezialisierten
Menschen verdankt der Humanismus der antiken Theorie und auch
dem antiken Beispiel, doch ließ die soziale Struktur des 16. Jahrhun-
derts seine volle Verwirklichung nicht zu,;.übgrdies schuf gerade die
große Arbeitsleistung, die die Neuentdeckung des antiken Erbes er-
forderte, einen neuen Typ des humanistischen Fachgelehrten. Noch
Rabelais hat vielleicht daran geglaubt, daß die vollkommene Bildung
der Selbstbesitz aller Wissenschaft sein müsse, daß also Universalität
die Summe aller Spezialkenntnisse sei; vielleicht ist sein surrealisti-
sches Erziehungsprogramm für Gargantua in diesem Sinne ernst ge-
meint. Jedenfalls ließ sich das nicht verwirklichen, und für die zu lei-
stende wissenschaftliche Arbeit beginnt sich nun, weit mehr als im
Mittelalter, die Spezialisierung durchzusetzen. Dem steht die Ideal-
vorstellung eines allseitig und gleichmäßig vollkommenen Menschen
geradeswegs entgegen; sie war um so wirksamer, als sie nicht nur
vom Humanismus allein getragen wurde; auch die spätfeudale, vom
Absolutismus wiederaufgenommene, durch platonisierende Tenden-
zen bereicherte Vorstellung vom vollkommenen Hofmann kam ihr
zu Hilfe; und die durch wachsenden Wohlstand und größere Verbrei-
tung elementarer Kenntnisse sehr stark vermehrte Zahl derjenigen,
die nach Teilnahme am geistigen Leben verlangten — teils dem Adel,
teils dem städtischen Bürgertum angehörig — bedurfte einer Form des
Wissens, die nicht spezialisierte Gelehrsamkeit war. So entstand eine
nicht auf Berufszwecke abgestellte, sehr stark gesellschaftliche und
sogar modische Form des Allgemeinwissens; sie war ihrem Umfang
nach selbstverständlich nicht enzyklopädisch, obwohl sie gleichsam
einen Extrakt alles Wissens darstellt, unter Bevorzugung des Litera-
rischen und überhaupt Geschmacklichen: gerade der Humanismus
war in der Lage, den größten Teil des Materials beizusteuern. Es ent-
stand die Schicht derjenigen, die man später «die Gebildeten» nann-
te. Da sie sich aus den sozial und wirtschaftlich einflußreichsten Krei-
sen rekrutierte, denen die im modischen Sinne gute Erziehung und
Haltung, die Liebenswürdigkeit im Umgang, die Gewandtheit der
Menschenbehandlung, die Geistesgegenwart wichtiger war als irgend-
eine fachliche Zuständigkeit; da in den gedachten Kreisen, auch
wenn sie bürgerlicher Herkunft waren, noch adlig-ritterliche Wertbe-
L'HUMAINE CONDITION 293
griffe herrschten; da diese von den antikischen Idealen des Humanis-
mus insofern noch unterstützt wurden, als auch in der Antike die füh-
renden Schichten die Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft
nicht als Beruf, sondern als « otium», als einen für den zu allgemein-
ster Existenz und zur politisch-führenden Tätigkeit bestimmten Men-
schen erforderlichen Schmuck betrachteten, so ergab sich schnell eine
Art von Mißachtung der fachlichen Spezialisierung; der fachlich fest-
gelegte Gelehrte und überhaupt der beruflich festgelegte Mensch, der
in seinem speziellen Sachwissen aufging und dies auch in seinem Auf-
treten und seinem Gespräch fühlen ließ, galt als komisch, minder-
wertig und plebejisch. Diese Gesinnung gelangte im französischen
Absolutismus des 17. Jahrhunderts zu voller Blüte, und wir werden
davon noch zu handeln haben, da sie nicht wenig zu dem Stiltren-
nungsideal, das den französischen Klassizismus beherrscht, beigetra-
gen hat. Denn je allgemeiner die Bildung ist, je weniger sie ein spezia-
lisiertes Wissen und ein spezialisiertes Arbeiten wenigstens als Aus-
gangspunkt eines allgemeineren Überblicks anerkennt, desto mehr
entfernt sich die erstrebte allseitige Vollkommenheit vom Konkreten,
Lebensmäßigen und Praktischen.
In dieser Entwicklung, obgleich sie gewiß nicht nach seinem Ge-
schmack gewesen wäre, hat Montaigne einen bedeutenden Platz; sein
homme suffisant, der stets suffisant ist, meine ä ignorer, ist ohne Zwei-
fel ein Vorgänger jenes honnete homme, der wie die Marquis bei Mo-
liere nichts Spezielles gelernt zu haben braucht, um über alles ein mo-
disch sicheres Urteil abzugeben. Ist doch Montaigne der erste Schrift-
steller, der für die eben dargestellte Schicht der Gebildeten schrieb; an
dem Erfolg der Essais erwies das gebildete Publikum zum erstenmal
seine Existenz. Montaigne schreibt nicht für einen bestimmten Stand,
nicht für ein bestimmtes Fachgebiet, nicht für «das Volk», nicht für
die Christen; er schreibt für keine Partei; er fühlt sich nicht als Dich-
ter; er schreibt das erste Buch der laienhaften Selbstbesinnung, und
siehe da, es gab Menschen, Männer und Frauen, die sich als Adressa-
ten empfanden. Einige humanistische Übersetzer, besonders Amyot,
dessen Montaigne auch in diesem Sinne rühmend gedenkt, hatten
ihm vorgearbeitet; doch als selbständig Schreibender ist er der erste.
So ist es ganz natürlich, daß er diejenigen Vorstellungen von Bildung
hat, die jener ersten noch überaus aristokratischen, noch nicht zu spe-
zialisierter Arbeit genötigten Schicht von Gebildeten angemessen
sind. Freilich hat das für ihn durchaus nicht zur Folge, daß seine Bil-
dung und Lebensform abstrakt, wirklichkeitsleer, dem Beliebig-All-
täglichen abgewandt und «stiltrennend» geworden wäre. Gerade das
Gegenteil ist der Fall. Seine glückliche und reiche Natur bedurfte kei-
294 L'HUMAINE CONDITION
ner praktischen Arbeit und keiner an einem Gegenstand spezialisier-
ten Geistestätigkeit, um der Wirklichkeit nahe zu bleiben; sie spezia-
lisierte sich gleichsam jeden Augenblick auf etwas anderes, sie bohrte
sich jeden Augenblick in einen neuen Eindruck und vertiefte ihn in so
konkreter Weise, wie man sie im Jahrhundert des honnete homme
gewiß als ungehörig empfunden hätte; oder man kann auch sagen: er
spezialisierte sich auf sich selbst, auf das beliebige eigene Leben im
ganzen. So ist sein homme suffisant doch noch nicht der honnele
homme, sondern «ein ganzer Mensch». überdies lebte er in einer
Zeit, in der der Absolutismus, der mit seiner ausgleichenden Wirkung
die Lebensform des honnEte homme standardisierte, noch nicht voll
entwickelt war. Darum hat er zwar einen bedeutenden Platz in der
Vorgeschichte dieser Lebensform, aber er gehört ihr noch nicht an.
Der von uns analysierte Text ist ein guter Ausgangspunkt, um mög-
lichst viele von den Inhalten und Gesichtspunkten des Montaigne-
schen Unternehmens, der Darstellung des beliebigen eigenen Lebens
im ganzen, zum Bewußtsein zu bringen. Er zeigt sich selbst in vollem
Ernst, um die allgemeinen Bedingungen der menschlichen Existenz
zu erhellen; er zeigt sich eingebettet in die beliebigen zufälligen Lagen
seines Lebens, befaßt sich mit den wechselnden, ohne Wahl aufgegrif-
fenen Bewegungen seines Bewußtseins, und gerade in dieser Beliebig-
keit und Wahllosigkeit besteht seine Methode. Er spricht von tausend
Dingen, und eines geht leicht in das andere über; ob er eine Anekdote
erzählt, von seinen Tagesbeschäftigungen spricht, eine antike Moral-
lehre erwägt oder das Vorgefühl des eigenen Todes auskostet, es gilt
ihm gleich; er ändert kaum den Ton. Dieser ist im ganzen der eines
mit Lebhaftigkeit, aber ohne Erregung geführten, sehr abtönungs-
reichen Gesprächs; man kann es kaum ein Selbstgespräch nennen,
denn er scheint sich ständig an jemand zu wenden. Etwas Ironie ist
fast immer zu spüren, oft tritt sie stark hervor, doch tut sie der aus
jeder Zeile leuchtenden, spontanen Aufrichtigkeit nicht den gering-
sten Abbruch. Niemals ist er getragen oder pathetisch, niemals ver-
zichtet er der Würde des Gegenstandes zuliebe auf eine kräftig-volks-
tümliche Ausdrucksweise oder ein dem alltäglichen Leben entnom-
menes Bild; die höchste Grenze seines Stils ist, wie wir schon oben
sagten, jener Nachdruck, der unseren Text, besonders den zweiten
Absatz, fast durchgehend beherrscht. Er äußert sich hier, wie sehr
häufig, durch energisch gegeneinander abgesetzte, meist antithetische
Satzgliederung mit scharfen und griffigen Formulierungen; zuweilen
aber klingt auch eine fast dichterische Bewegung auf, wie in den Sät-
zen aus 2,6, die oben Seite 278 zitiert wurden; die profondeurs opa-
ques sind fast lyrisch, doch alsbald unterbricht er den großen poeti-
L'HUMAINE CONDITION 295
schen Schwung durch das kräftige, gesprächshafte « ouy». Einen ei-
gentlich hohen Ton kennt er nicht und will er nicht; er findet sein
«urkräftiges Behagen» in einer Tonlage, die er selbst als « stile co-
mique et prive» (1,40, p.485) bezeichnet. Das ist eine unverkennbare
Anspielung auf den realistischen Stil der antiken Komödie, den ser-
mo pedester oder humilis, und ähnliche Anspielungen finden sich in
Menge. Aber was er als Inhalt bietet, ist keineswegs komisch; es ist
die condition humaine, mit all ihren Belastungen, Problemen und
Abgründen, mit all ihrer grundsätzlichen Ungewißheit, mit all den
kreatürlichen Bindungen, die ihr auferlegt sind. Erschreckend greif-
bar, suggestiv und Schauder erregend tritt das animalische Leben und
der darin beschlossene Tod hervor; ohne Zweifel wäre solch ein krea-
türlicher Realismus ohne die vorausgehende christliche, insbesondere
die spätmittelalterliche Vorstellung vom Menschen nicht denkbar,
und Montaigne fühlt das auch; er fühlt, daß seine so überaus kon-
krete Geist-Körper-Verbindung mit christlichen Auffassungen vom
Menschen verwandt ist. Aber freilich hat sein kreatürlicher Realismus
den christlichen Rahmen, in dem er einst entstand, verlassen. Das
irdische Leben ist nicht mehr die Figur des jenseitigen, er kann es sich
nicht mehr gestatten, das Hier um eines Dort willen zu verachten und
zu vernachlässigen. Das irdische Leben ist das einzige, welches er be-
sitzt; er will es auskosten; «car enfin c'est nostre estre, c'est nostre
tout» (2,3, p. 47). Hier zu leben ist sein Ziel und seine Kunst, und er
meint das auf eine sehr einfache, aber sehr untriviale Art; es gehört
dazu vor allem, sich frei zu machen von dem, was den Genuß des Da-
seins verzettelt, beschwert, und was den Lebenden von sich selbst ab-
lenkt. Denn « c'est chose tendre que la vie, et ayse ä troubler » (3, 9,
p. 334). Es ist notwendig, sich frei zu bewahren, sich dem eigenen Da-
sein zu erhalten; sich den allzu starken Verpflichtungen des Getriebes
zu entziehen, sich nicht an dies oder jenes zu binden; «la plus grande
chose du monde c'est de scavoir estre ä soy » (1, 39, p. 464/5). Das al-
les ist ernsthaft und grundsätzlich genug, viel zu hoch für den sermo
humilis, wie ihn die antike Theorie verstand, und wäre doch in einem
hohen und pathetischen Stil, ohne konkrete Darstellun