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BGH 2 StR 434/19 - Beschluss vom 26.

Mai 2020 (LG Darmstadt)


Körperverletzung (ärztlicher Heileingriff; Grundsätze der Rechtfertigung von Maßnahmen zur
Ermöglichung eines schmerzfreien Todes: Übertragung auf Nichtarzt; indirekte Sterbehilfe);
mutmaßliche Einwilligung (Bestimmung des Patientenwillens aus Indizien; ausnahmsweise
Missachtung ärztlicher Anordnungen bei der Schmerzbekämpfung; subjektives
Rechtfertigungselement: Motivbündel).

§ 223 Abs. 1 StGB; § 34 StGB; § 29 Abs. 1 Nr. 6 Buchst. b) BtMG

Leitsätze des Bearbeiters

1. Ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist als Körperverletzung zu bewerten, auch
wenn er in heilender Absicht erfolgt. Selbst ein im Einklang mit den Regeln der ärztlichen Kunst
vorgenommener Eingriff erfüllt den Straftatbestand. Er kann nur durch wirksam erklärte oder
mutmaßliche Einwilligung des Patienten gerechtfertigt werden.

2. Die Grundsätze der Rechtfertigung von Maßnahmen zur Ermöglichung eines schmerzfreien
Todes sind nicht ausnahmslos auf Handlungen durch einen Arzt oder aufgrund ärztlicher
Anordnung beschränkt. Im Ausnahmefall kann auch ein Nichtarzt medizinische Maßnahmen
zur Leidensminderung durchführen, wenn sie der Sache nach den Regeln der ärztlichen Kunst
entsprechen und sich im Rahmen einer mutmaßlichen Einwilligung des Patienten bewegen.
Dies gilt auch deshalb, weil das Unterlassen einer vom Patienten erwünschten
Schmerzbekämpfung durch einen Garanten eine Körperverletzung sein kann.

3. Beim Sterben eines unheilbar Kranken, dem unmittelbar vor dem Tod nur noch durch
Schmerzbekämpfung geholfen werden kann, besteht eine besondere Ausnahmesituation. Tritt
deshalb der Gesichtspunkt des Handelns aufgrund einer ärztlichen Verordnung in den
Hintergrund, schließt die Eigenschaft des Handelnden als Nichtarzt oder sein Handeln unter
Abweichung von einer ärztlichen Anordnung die Rechtfertigung einer Körperverletzung durch
mutmaßliche Einwilligung nicht zwingend aus.

4. Im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des Patienten ist der Inhalt seines Willens aus
seinen persönlichen Umständen, individuellen Interessen, Wünschen, Bedürfnissen und
Wertvorstellungen zu ermitteln. Hinweise dafür können etwa Gespräche des Geschädigten mit
seinem Betreuer liefern. Weitere Indizien können sich aus dem Verhalten des Patienten in dem
Pflegeheim ergeben.

5. Die Beachtung ärztlicher Anordnungen gehört zwar im Regelfall ebenfalls zu dem, was als
gemeinhin vernünftig anzusehen ist. Jedoch kann beim eigentlichen Sterbevorgang
unmittelbar vor dem Tod auch die Schmerzbekämpfung mit allen verfügbaren und den Regeln
der ärztlichen Kunst entsprechenden Mitteln als vernünftig und deshalb dem mutmaßlichen
Patientenwillen entsprechend anzusehen sein. Das gilt insbesondere dann, wenn die ärztlich
verordnete Schmerzmedikation an der Untergrenze des medizinisch Angemessenen gelegen
hat. Bei der Gesamtwürdigung ist überdies in den Blick zu nehmen, wie nahe der Patient dem
Tode war.
6. Tritt ein anderes Motiv zu einem auch vorhandenen Willen, im Einklang mit dem
mutmaßlichen Patientenwillen zu handeln hinzu, steht dieser neue Beweggrund der Annahme
eines subjektiven Rechtfertigungswillens nur dann entgegen, wenn dieses hierdurch völlig in
den Hintergrund gedrängt wird.

Entscheidungstenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 29. Mai 2019
mit den Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels,
an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.
Gründe

1
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen (vorsätzlicher) Körperverletzung zu einer
Freiheitsstrafe von zehn Monaten verurteilt und deren Vollstreckung zur Bewährung
ausgesetzt. Die Revision des Angeklagten, mit der er die Verletzung sachlichen Rechts rügt,
hat Erfolg.

2
1. Das Landgericht hat folgende Feststellungen und Wertungen getroffen:

3
a) Der Angeklagte war seit September 2017 als examinierte Pflegekraft in dem
Altenpflegeheim G. tätig. Dort wurde Ende Februar 2018 der 63-jährige, unter gesetzlicher
Betreuung stehende, M. aufgenommen, der an Lungenkrebs im Endstadium litt. Sein
Gesundheitszustand verschlechterte sich zum 15. März 2018 zunehmend. Eine Heilung des
Krebsleidens war ausgeschlossen. Sein Zustand war präfinal; sein Arzt rechnete mit seinem
Ableben in den nächsten Stunden und Tagen. Bereits bei einfachen pflegerischen
Maßnahmen litt M. unter starken Schmerzen. Er aß nicht mehr, konnte kaum noch
schlucken und nur noch durch leichte Kopfbewegungen oder mittels kurzer, einfacher
Worte kommunizieren.

4
Aufgrund seiner Schmerzen verordnete sein Arzt „erhebliche Dosen schmerzstillender
Medikamente“, darunter auch „Morphin 5 mg, subkutan (maximal alle 4 Stunden)“. Das
Morphin hatte der Arzt in Abstimmung mit dem Palliativteam nur vorsorglich verordnet. Es
sollte nur dann verabreicht werden, wenn die übrigen Medikamente, keine ausreichende
schmerzstillende Wirkung mehr zeigten, insbesondere dann, wenn M. wegen seiner
Schluckbeschwerden keine Tabletten und kein Nasenspray mehr einnehmen konnte.

5
Bei Morphin handelt es sich um ein verschreibungspflichtiges, in der Palliativmedizin
gebräuchliches Mittel. Krebspatienten können Dosen zwischen fünf und dreißig Milligramm
Morphin in einem zeitlichen Abstand von vier bis sechs Stunden „regelkonform“ verabreicht
werden. Injiziertes Morphin wirkt nach etwa 20 Minuten schmerzlindernd. Es beruhigt,
bewirkt bei dem Schwerkranken eine gewisse Entspannung, führt aber auch zu einer
Verflachung der Atmung bis hin zu Atemaussetzern.

6
In der Nacht vom 15. auf den 16. März 2018 hatte der Angeklagte Dienst, zusammen mit der
Zeugin A., einer ungelernten Pflegekraft, in die er sich - unerwidert - verliebt hatte und deren
Aufmerksamkeit er zu erregen suchte. Gegen 22.30 Uhr stellte die Zeugin A. fest, dass M.
unruhig war und über starke Schmerzen klagte. Sie informierte den Angeklagten, der M.
fragte, ob er eine schmerzstillende Spritze wolle. Er bejahte, und der Angeklagte entschied,
dem Patienten - der ärztlichen Verordnung entsprechend - fünf Milligramm Morphin
subkutan zu injizieren. Aus einer Ampulle zu zehn Milligramm Morphin zog er eine Spritze
mit fünf Milligramm Morphin auf. „Den Rest, also die halbvolle Ampulle, zeigte er der Zeugin
A. und fragte scheinheilig, was er den(n) nun damit machen solle“, womit er der Zeugin
zeigen wollte, „dass er bereit war, das übrig gebliebene Morphin dem Geschädigten zu
verabreichen und ihm damit zu helfen, obwohl dies von der ärztlichen Verordnung nicht
gedeckt war und obwohl M. - wie der Angeklagte wusste - vorher noch kein Morphin
bekommen hatte“. Da die Zeugin auf seine Frage nicht weiter einging, entsorgte er das übrig
gebliebene Morphin und verabreichte M. erstmalig Morphin, wie von der ärztlichen
Verordnung vorgesehen, was er auch dokumentierte.

7
Die verabreichte Menge von fünf Milligramm wirkte wie beabsichtigt. Im Laufe der Nacht, in
Abständen zwischen einer und anderthalb Stunden, sah die Zeugin A. nach M. Gegen 5.20
Uhr bejahte er durch Kopfbewegungen deren Frage, ob er wieder starke Schmerzen in den
Beinen habe. Sie unterrichtete davon den Angeklagten, der ihren Eindruck bei einer
Nachschau um 5.30 Uhr allerdings nicht bestätigen konnte, da M. zu diesem Zeitpunkt nicht
ansprechbar war.

8
Gegen 6.00 Uhr - kurz vor Ende seiner Schicht - entschied sich der Angeklagte, noch einmal
bei M. vorbeizuschauen; er stellte fest, dass der Patient wach war, auf Ansprache reagierte
und Schmerzen bejahte. Der Angeklagte entschied sich, erneut eine Spritze mit Morphin zu
verabreichen. Bei der Vorbereitung der Spritze war wieder die Zeugin A. zugegen. „Beiden
tat der Geschädigte unglaublich leid. Beide wollten nicht sehen, wie er sich quälte und litt.
Seinen offensichtlich schlechten Zustand und seine Schmerzen fanden sie - trotz ihrer
Erfahrungen in der Pflege - schwer erträglich. Um in dieser belastenden Situation zu zeigen,
dass er Verantwortung übernehme und um die Zeugin A. damit zu beeindrucken, fragte der
Angeklagte, ob er die ganze Ampulle verabreichen solle. Die Zeugin A. antwortete nicht. Weil
sie nicht ‚nein‘ gesagt hatte, entschied der Angeklagte, die gesamte Ampulle Morphin - also
10 mg - zu verabreichen.“ Ihm war dabei bewusst, dass M. auf die zuvor verabreichte Dosis
von fünf Milligramm wie beabsichtigt reagiert hatte; ihm war ebenfalls bewusst, dass von
der ärztlichen Verordnung lediglich die Verabreichung von fünf Milligramm Morphin
umfasst war, er aber jederzeit einen Arzt hätte anrufen können, der - soweit notwendig - die
Dosis hätte erhöhen können. Der Angeklagte wollte jedoch „nun selbst handeln, um die
Zeugin A. in dieser Situation mit seiner Tatkraft zu beeindrucken. Dementsprechend war
der Wille des Geschädigten für den Angeklagten nicht entscheidend. Er fragte diesmal nicht,
ob er eine Spritze wolle. Erst recht fragte er nicht, ob er eine Spritze mit der doppelten
Dosierung wolle. Auch den gesetzlichen Betreuer des Geschädigten befragte der Angeklagte
nicht.“ Der Angeklagte injizierte sodann dem nicht an Morphin gewöhnten Geschädigten
zehn Milligramm Morphin. Das Schmerzempfinden des Geschädigten ging stärker zurück
als es bei der Verabreichung von fünf Milligramm der Fall gewesen wäre; aber auch die
Atmung des Geschädigten wurde stärker beeinträchtigt, was der Angeklagte wusste und
wollte. Gegenüber der Zeugin A. sagte er, „dass sie ihn nicht verpetzen solle und er ihn, also
den Geschädigten, nun ‚weggespritzt‘ habe.“ Sowohl in der Pflegedokumentation als auch
im Betäubungsmittelbuch gab der Angeklagte wahrheitswidrig an, dem Geschädigten eine
halbe Ampulle Morphin verabreicht und die restliche halbe Ampulle entsorgt zu haben.

9
Am 16. März 2018 gegen 9.30 Uhr, als das verabreichte Morphin in seiner Wirkung bereits
nachließ, verstarb der Geschädigte an seinem Krebsleiden; die Morphininjektion um 6.00
Uhr war nicht todesursächlich.

10
b) Das Landgericht hat in der Handlung des Angeklagten eine Körperverletzung im Sinne
von § 223 Abs. 1 StGB gesehen. Durch die Injektion des Morphins habe er „jedenfalls einen
pathologischen Zustand herbeigeführt oder gesteigert.“ Diese Körperverletzung sei „nicht
gerechtfertigt, weil die Verabreichung der Spritze mit 10 mg Morphin nicht der ärztlichen
Anordnung entsprach und weder eine wirksame, ausdrücklich oder stillschweigend erklärte
Einwilligung noch eine mutmaßliche Einwilligung des Tatopfers vorlag. Ohnehin sei „eine
Einwilligung nur in eine fachgerechte ärztliche Heilbehandlung möglich und nicht in eine
Maßnahme einer Pflegekraft, die bewusst eine ärztliche Anordnung umgeht bzw.
eigenmächtig erweitert.“ 2. Die Revision ist begründet. Die bisher getroffenen
Feststellungen und Wertungen tragen den Schuldspruch wegen Körperverletzung nicht.

11
a) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist ein Eingriff in die körperliche
Unversehrtheit als Körperverletzung zu bewerten, auch wenn er in heilender Absicht
erfolgt. Selbst ein im Einklang mit den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommener Eingriff
erfüllt den Straftatbestand. Er kann nur durch wirksam erklärte oder mutmaßliche
Einwilligung des Patienten gerechtfertigt werden (st. Rspr.; Senat, Urteil vom 30. Januar
2019 - 2 StR 325/17, BGHSt 64, 69, 73 mwN).

12
b) Durchgreifend rechtsfehlerhaft ist hier jedenfalls die Verneinung einer Rechtfertigung der
Handlung des Angeklagten. Das Landgericht hat fehlerhaft die Prüfung einer mutmaßlichen
Einwilligung unterlassen, weil es aus der bewussten Umgehung bzw. eigenmächtigen
Erweiterung einer ärztlichen Verordnung durch den Angeklagten als Nichtarzt eine
generelle Unmöglichkeit der Rechtfertigung der Körperverletzung durch (mutmaßliche)
Einwilligung abgeleitet hat.

13
aa) Nach den Urteilsfeststellungen ist eine Einwilligung in die konkrete Handlung des
Angeklagten nicht erklärt worden. Ob von einer mutmaßlichen Einwilligung, die in Betracht
kommt, wenn eine ausdrückliche Einwilligung aufgrund vorübergehender
Einwilligungsunfähigkeit nicht oder nicht rechtzeitig eingeholt werden kann, auszugehen
ist, wäre jedoch durch Gesamtschau aller Umstände zu prüfen gewesen (vgl. auch Senat,
Urteil vom 30. Januar 2019 - 2 StR 325/17, BGHSt 64, 69, 78).

14
(1) Die Grundsätze der Rechtfertigung von Maßnahmen zur Ermöglichung eines
schmerzfreien Todes sind nicht ausnahmslos auf Handlungen durch einen Arzt oder
aufgrund ärztlicher Anordnung beschränkt (Senat, Urteil vom 30. Januar 2019 - 2 StR
325/17, BGHSt 64, 69, 78; Urteil vom 25. Juni 2010 - 2 StR 454/09, BGHSt 55, 191, 205 f.;
Rissing-van Saan, ZIS 2011, 544, 550). Im Ausnahmefall kann auch ein Nichtarzt
medizinische Maßnahmen zur Leidensminderung durchführen, wenn sie der Sache nach
den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechen und sich im Rahmen einer mutmaßlichen
Einwilligung des Patienten bewegen. Dies gilt auch deshalb, weil das Unterlassen einer vom
Patienten erwünschten Schmerzbekämpfung durch einen Garanten eine Körperverletzung
sein kann (Senat, Urteil vom 30. Januar 2019 - 2 StR 325/17, BGHSt 64, 69, 78 mwN; Urteil
vom 30. September 1955 - 2 StR 206/55, BeckRS 1955, 31192233).

15
(2) Beim Sterben eines unheilbar Kranken, dem unmittelbar vor dem Tod nur noch durch
Schmerzbekämpfung geholfen werden kann, besteht eine besondere Ausnahmesituation
(vgl. auch Senat, Urteil vom 30. Januar 2019 - 2 StR 325/17, BGHSt 64, 69, 79 mwN). Tritt
deshalb der Gesichtspunkt des Handelns aufgrund einer ärztlichen Verordnung in den
Hintergrund, schließt die Eigenschaft des Handelnden als Nichtarzt oder sein Handeln unter
Abweichung von einer ärztlichen Anordnung die Rechtfertigung einer Körperverletzung
durch mutmaßliche Einwilligung nicht zwingend aus, wie es das Landgericht jedoch
rechtsfehlerhaft vorausgesetzt hat.

16
bb) Die Strafkammer hätte daher eine Gesamtwürdigung aller Umstände vornehmen
müssen, die für den mutmaßlichen Patientenwillen von Bedeutung sein können. Dabei
wäre zu berücksichtigen gewesen, dass im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des
Patienten der Inhalt seines Willens aus seinen persönlichen Umständen, individuellen
Interessen, Wünschen, Bedürfnissen und Wertvorstellungen zu ermitteln ist (Senat,
Beschluss vom 25. März 1988 - 2 StR 93/88, BGHSt 35, 246, 249 f.; BGH, Urteil vom 13.
September 1994 - 1 StR 357/94, BGHSt 40, 257, 263). Hinweise dafür können etwa Gespräche
des Geschädigten mit seinem Betreuer „über eine mögliche Patientenverfügung, die er
jedoch nicht (bzw. nicht mehr) unterzeichnete“, liefern. Weitere Indizien können sich aus
dem Verhalten des Patienten in dem Pflegeheim ergeben. Welche Äußerungen M. dort
gemacht hat, insbesondere gegenüber dem Angeklagten, mit dem er sich nach seiner
Aufnahme in das Pflegeheim sofort „verstanden“ habe, teilt das angefochtene Urteil nicht
mit.

17
Die Beachtung ärztlicher Anordnungen gehört zwar im Regelfall ebenfalls zu dem, was als
gemeinhin vernünftig anzusehen ist. Jedoch kann beim eigentlichen Sterbevorgang
unmittelbar vor dem Tod auch die Schmerzbekämpfung mit allen verfügbaren und den
Regeln der ärztlichen Kunst entsprechenden Mitteln als vernünftig und deshalb dem
mutmaßlichen Patientenwillen entsprechend anzusehen sein (Senat, Urteil vom 30. Januar
2019 - 2 StR 325/17, BGHSt 64, 69, 80 mwN). Das gilt insbesondere dann, wenn - wie hier
festgestellt - die ärztlich verordnete Schmerzmedikation an der Untergrenze des
medizinisch Angemessenen gelegen hat. Bei der Gesamtwürdigung ist überdies in den Blick
zu nehmen, wie nahe der Patient dem Tode war (BGH, Urteil vom 13. September 1994 - 1
StR 357/94, BGHSt 40, 257, 263). An einer Gesamtwürdigung aller wesentlichen Umstände
fehlt es jedoch im angefochtenen Urteil.

18
cc) Eine mutmaßliche Einwilligung scheidet im Übrigen nicht schon dann ohne Weiteres
aus, wenn der Angeklagte - auch - aus einem anderen Motiv gehandelt hat, nämlich um die
Zeugin A. durch seine Entschlossenheit zu beeindrucken. Tritt ein anderes Motiv zu einem
auch vorhandenen Willen, im Einklang mit dem mutmaßlichen Patientenwillen zu handeln
hinzu, steht dieser neue Beweggrund der Annahme eines subjektiven
Rechtfertigungswillens nur dann entgegen, wenn dieses hierdurch völlig in den Hintergrund
gedrängt wird (vgl. BGH, Beschlüsse vom 17. Januar 2001 - 1 StR 487/00, BGHR StGB § 32
Abs. 2 Verteidigung 14; vom 5. November 1982 - 3 StR 375/82, juris Rn. 7; jeweils mwN).

19
3. Der neu zur Entscheidung berufene Tatrichter wird sich mit Blick auf das Urteil des Senats
vom 30. Januar 2019 (2 StR 325/17, BGHSt 64, 69 ff.) gegebenenfalls näher als bisher
geschehen mit der Frage der Tatbestandsverwirklichung des § 223 Abs. 1 StGB und des § 29
Abs. 1 Nr. 6 Buchst. b) BtMG zu befassen haben.
BVerfG 1 BvR 2805/19 (2. Kammer des Ersten Senats) -
Beschluss vom 16. Oktober 2020 (LG Landshut / AG Erding)
Schutz der Meinungsfreiheit und Strafbarkeit wegen Beleidigung (ehrbeeinträchtigende
Äußerung über einen Bundespolizeibeamten bei einer Einreisekotrolle; grundsätzliches
Erfordernis einer kontextbezogenen Abwägung zwischen Meinungsfreiheit und
Persönlichkeitsrecht; Absehen von einer Abwägung nur in eng begrenzten Ausnahmefällen;
Schmähung nur bei grundlosem Verächtlichmachen ohne Sachbezug; besonderes
Schutzbedürfnis der Machtkritik; Berücksichtigung von Form und Begleitumständen der
Äußerung).

Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG; § 185 StGB; § 193 StGB

Leitsätze des Bearbeiters

1. Die Verurteilung eines Bürgers wegen Beleidigung, der einen Beamten der Bundespolizei aus
Verärgerung über eine Einreisekontrolle gefragt hatte, ob dieser kein Deutsch verstehe und
nicht in der Lage sei, einfachste Sachverhalte zu erfassen, ist verfassungsrechtlich nicht
haltbar, wenn die Strafgerichte die gebotene Abwägung zwischen Meinungsfreiheit und
Persönlichkeitsrecht nicht vornehmen und außer Acht lassen, dass die Äußerung spontan in
einem hitzigen Wortwechsel gefallen und wegen ihres noch erkennbaren Bezuges zum
beruflichen Tätigwerden des Beamten nicht als Schmähkritik einzustufen ist.

2. Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit findet seine Schranken in den allgemeinen Gesetzen,
zu denen auch die Strafvorschrift des § 185 StGB gehört. Bei dessen Anwendung ist
grundsätzlich eine die konkreten Umstände des Falles berücksichtigende Abwägung zwischen
der Beeinträchtigung erforderlich, die der Meinungsfreiheit des sich Äußernden einerseits und
der persönlichen Ehre des von der Äußerung Betroffenen andererseits droht.

3. Eine Verurteilung wegen Beleidigung kann ausnahmsweise auch ohne Abwägung


gerechtfertigt sein, wenn sich die Äußerung als Angriff auf die Menschenwürde, als
Formalbeleidigung oder als Schmähung darstellt. An diese Fallkonstellationen sind jedoch
jeweils strenge Kriterien anzulegen.

4. Bei der Gewichtung der grundrechtlichen Interessen ist dem besonderen Schutzbedürfnis
der Machtkritik Rechnung zu tragen, wobei diese allerdings in eine Abwägung eingebunden
bleibt. Mit Blick auf Form und Begleitumstände einer Äußerung kann von Bedeutung sein, ob
sie spontan in einer hitzigen Situation oder mit längerem Vorbedacht gefallen ist und ob sie von
einem größeren Personenkreis wahrgenommen werden konnte.

Entscheidungstenor

1. Das Urteil des Amtsgerichts Erding vom 26. Juni 2019 - 2 Cs 303 Js 3598/19 - und der Beschluss
des Landgerichts Landshut vom 11. November 2019 - 5 Ns 303 Js 3598/19 - verletzen den
Beschwerdeführer in seinem Grundrecht aus Artikel 5 Absatz 1 Satz 1 des Grundgesetzes. 2. Die
Entscheidungen werden aufgehoben. Die Sache wird zur erneuten Entscheidung an das
Amtsgericht Erding zurückverwiesen. 3. Der Freistaat Bayern hat dem Beschwerdeführer die
notwendigen Auslagen zu erstatten. 4. Der Wert des Gegenstands der anwaltlichen Tätigkeit im
Verfassungsbeschwerdeverfahren wird auf 25.000 Euro (in Worten: fünfundzwanzigtausend
Euro) festgesetzt.
Gründe

I.

1
Der Beschwerdeführer wendet sich gegen eine strafgerichtliche Verurteilung wegen
Beleidigung aufgrund von Äußerungen gegenüber einem Bundespolizeibeamten im
Zusammenhang mit einer Einreisekontrolle.

2
1. Der Beschwerdeführer reiste im Oktober 2018 über den Flughafen München nach
Deutschland ein. Nach seiner Darstellung im fachgerichtlichen Verfahren wartete er dabei
zusammen mit seiner Arbeitskollegin, einer Nicht-EU-Bürgerin, in der Schlange für die
Ausweiskontrolle für Nicht-EU-Bürger. Dabei habe er sich über die Abfertigung geärgert,
weil diese seiner Meinung nach zu lange gedauert habe, aufgrund längerer
Einzelbefragungen gegen die „Schengen-Regeln“ verstoßen habe und keine Toiletten
verfügbar gewesen seien. Nach Passieren der Kontrollstelle forderte der Beschwerdeführer
nach übereinstimmenden Zeugenaussagen zunächst von einem beistehenden
Praktikanten der Bundespolizei die Angabe seines Namens und seiner Dienstnummer, um
Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen zu können. Da der Angesprochene nur in
beobachtender Funktion anwesend war, verwies er den Beschwerdeführer an einen der
diensthabenden Grenzbeamten. Dieser Polizeibeamte, der nach eigener Aussage den
Beschwerdeführer nicht selbst kontrolliert hatte, gab die geforderten Informationen nicht
sofort heraus, sondern versuchte, wie von ihm selbst im Verfahren bestätigt, den Grund der
Erregung des Beschwerdeführers zu erfahren. In dem darauffolgenden Wortwechsel fragte
der Beschwerdeführer nach den Feststellungen des Amtsgerichts den Beamten, ob dieser
der deutschen Sprache mächtig sei, und stellte infrage, ob beziehungsweise dass dieser in
der Lage sei, einfachste Sachverhalte zu erfassen und zu bewältigen. Hierdurch hat er nach
den Feststellungen des Amtsgerichts den Betroffenen in seiner Ehre herabwürdigen wollen.
Im Rahmen des nach übereinstimmenden Zeugenaussagen zwischen fünf- und
zehnminütigen Wortwechsels händigte der Beamte dem Beschwerdeführer eine Karte mit
Namen und Dienstnummer schließlich aus. Nachdem später tatsächlich eine
Dienstaufsichtsbeschwerde des Beschwerdeführers eingegangen war, stellte der
Dienstvorgesetzte Strafantrag.

3
2. Das Amtsgericht verurteilte den Beschwerdeführer deshalb wegen Beleidigung gemäß
§ 185 StGB zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen je 50 Euro. Die nur als rhetorisch
gemeinte Frage, ob er kein Deutsch verstehe, enthalte als Tatsachenkern die Behauptung,
der Geschädigte sei intellektuell nicht in der Lage, die einfachen deutsch gesprochenen
Sätze des Beschwerdeführers zu verstehen. Eine solche Behauptung stelle eine Kundgabe
der Miss- oder Nichtachtung dar, ebenso wie die im selben Zusammenhang geäußerte
weitere rhetorische Frage, ob der Geschädigte nicht in der Lage sei, die einfachsten
Sachverhalte zu begreifen. Die Äußerungen seien nicht nach § 193 StGB gerechtfertigt, da
jedenfalls die Form der Äußerungen diese zu Beleidigungen gemacht habe. Es sei nicht Ziel
des Beschwerdeführers gewesen, den Betroffenen in möglicherweise überspitzter Form auf
ein Fehlverhalten hinzuweisen. Die Formulierung zeige vielmehr, dass es dem Angeklagten
um die Diffamierung der Person des Betroffenen gegangen sei, dessen Verhalten er
überhaupt nicht nachzuvollziehen versucht habe, sondern den er durch Infragestellung
seiner intellektuellen Fähigkeiten in seiner Person herabgewürdigt habe. Für die
Strafzumessung sei zu berücksichtigen, dass der Beschwerdeführer sich durch das aus
seiner Sicht verzögernde Verhalten des Betroffenen provoziert gefühlt habe und schon
vorher aufgrund der langanhaltenden Grenzkontrolle verärgert gewesen sei sowie, dass
sich die gewählten beleidigenden Worte am unteren Rand des tatbestandlichen Spektrums
bewegten.

4
3. Das Landgericht verwarf die Berufung des Beschwerdeführers als offensichtlich
unbegründet. Das Amtsgericht habe dezidiert und prägnant ausgeführt, weshalb es in der
konkreten Fallkonstellation von der Tatbestandsverwirklichung des § 185 StGB
ausgegangen sei.

5
4. Mit seiner Verfassungsbeschwerde rügt der Beschwerdeführer die Verletzung seines
Grundrechts auf Meinungsfreiheit aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG.

6
5. Das Bayerische Staatsministerium der Justiz hat von einer Stellungnahme abgesehen.
Die Verfahrensakten haben der Kammer bei ihrer Entscheidung vorgelegen.

II.

7
1. Die Verfassungsbeschwerde wird gemäß § 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG zur
Entscheidung angenommen, weil dies zur Durchsetzung der Grundrechte des
Beschwerdeführers angezeigt ist. Das Bundesverfassungsgericht hat die maßgeblichen
verfassungsrechtlichen Fragen bereits entschieden (vgl. BVerfGE 61, 1 <7 ff.>; 90, 241 <246
ff.>; 93, 266 <292 ff.>). Dies gilt namentlich für den Einfluss des Grundrechts auf
Meinungsfreiheit auf die Auslegung und Anwendung der grundrechtsbeschränkenden
Vorschriften der §§ 185 ff. StGB (vgl. BVerfGE 82, 43 <50 ff.>; 85, 23 <30 ff.>; 93, 266 <292 ff.>).

8
2. Die zulässige Verfassungsbeschwerde fällt in die Entscheidungszuständigkeit der
Kammer (§ 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG) und ist offensichtlich begründet. Die Entscheidungen
verletzen den Beschwerdeführer in seinem Grundrecht auf Meinungsfreiheit aus Art. 5
Abs. 1 Satz 1 GG.

9
a) Die strafgerichtliche Verurteilung des Beschwerdeführers wegen Beleidigung greift in
dessen Grundrecht auf Meinungsfreiheit ein.
10
Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG gibt jedem das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu
äußern und zu verbreiten. Grundrechtlich geschützt sind insbesondere Werturteile, also
Äußerungen, die durch ein Element der Stellungnahme gekennzeichnet sind. Dies gilt
ungeachtet des womöglich ehrschmälernden Gehalts einer Äußerung. Dass eine Aussage
polemisch oder verletzend formuliert ist, entzieht sie nicht dem Schutzbereich des
Grundrechts (vgl. BVerfGE 54, 129 <138 f.>; 61, 1 <7 f.>; 93, 266 <289 f.>; stRspr).

11
Die strafrechtliche Sanktionierung knüpft an die in erster Linie wertenden, den
Grenzbeamten in seiner Ehre herabsetzenden Äußerungen des Beschwerdeführers an und
schränkt damit seine Meinungsfreiheit ein.

12
b) Dieser Eingriff in das Grundrecht des Beschwerdeführers aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ist
verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt.

13
aa) Nach Art. 5 Abs. 2 GG findet das Grundrecht der Meinungsfreiheit seine Schranken unter
anderem in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze und dem Recht der persönlichen
Ehre. Dazu gehört auch § 185 StGB (vgl. BVerfGE 93, 266 <290 ff.>), auf den sich die
angegriffenen Entscheidungen stützen.

14
(1) Aufbauend auf eine der Meinungsfreiheit gerecht werdende Ermittlung des Sinns der
infrage stehenden Äußerung erfordert das Grundrecht der Meinungsfreiheit als
Voraussetzung einer strafgerichtlichen Verurteilung nach § 185 StGB im Normalfall eine
abwägende Gewichtung der Beeinträchtigungen, die der persönlichen Ehre auf der einen
und der Meinungsfreiheit auf der anderen Seite drohen (vgl. BVerfGE 7, 198 <212>; 85, 1
<16>; 93, 266 <293>; stRspr). Diese grundrechtlich angeleitete Abwägung knüpft an die
wertungsoffenen Tatbestandsmerkmale und Rechtfertigungsgründe des Strafgesetzbuchs
an, insbesondere die Begriffe der „Beleidigung“ und der „Wahrnehmung berechtigter
Interessen“ (vgl. BVerfGE 12, 113 <124 ff.>; 90, 241 <248>; 93, 266 <290>). Sie erfordert - auf
Grundlage entsprechend gehaltvoller tatgerichtlicher Sachverhaltsfeststellungen - eine
umfassende Auseinandersetzung mit den konkreten Umständen des Falles und der
Situation, in der eine Äußerung gefallen ist (vgl. näher BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des
Ersten Senats vom 19. Mai 2020 - 1 BvR 2397/19 -, Rn. 15 ff.). Das Ergebnis dieser Abwägung
ist verfassungsrechtlich nicht vorgegeben (vgl. BVerfGE 85, 1 <16>; 99, 185 <196 f.>; stRspr).
Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts ist es lediglich zu überprüfen, ob die Fachgerichte
Bedeutung und Tragweite der durch die strafrechtliche Sanktion betroffenen
Meinungsfreiheit ausreichend berücksichtigt und innerhalb des ihnen zustehenden
Wertungsrahmens die jeweils für den Fall erheblichen Abwägungsgesichtspunkte
identifiziert und ausreichend in Rechnung gestellt haben.

15
(2) Abweichend davon tritt ausnahmsweise bei herabsetzenden Äußerungen, die die
Menschenwürde konkreter Personen antasten oder sich als Formalbeleidigung oder
Schmähung darstellen, die Meinungsfreiheit hinter den Ehrenschutz zurück, ohne dass es
einer Einzelfallabwägung bedarf (vgl. BVerfGE 82, 43 <51>; 85, 1 <16>; 90, 241 <248>; 93, 266
<293 f.>; 99, 185 <196>; stRspr). Bei diesen Ausnahmen vom grundsätzlichen
Abwägungserfordernis handelt es sich um verschiedene Fallkonstellationen, an die jeweils
strenge Kriterien anzulegen sind (vgl. dazu BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten
Senats vom 19. Mai 2020 - 1 BvR 2397/19 -, Rn. 18 bis 22) und deren fachgerichtliche
Feststellung eine tragfähige, auf objektiv feststellbare Umstände gestützte Begründung in
Ansehung der konkreten Umstände erfordert (siehe näher dazu BVerfG, Beschluss der 2.
Kammer des Ersten Senats vom 19. Mai 2020 - 1 BvR 2397/19 -, Rn. 23 bis 25).

16
(3) Bei der danach im Regelfall gebotenen abwägenden Gewichtung der durch eine
Äußerung berührten grundrechtlichen Interessen ist je nach Umständen des Falles der
Aspekt der Machtkritik zu berücksichtigen, wobei dieser in eine Abwägung eingebunden
bleibt (vgl. dazu näher BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 19. Mai 2020
- 1 BvR 2397/19 -, Rn. 30 bis 32). Mit Blick auf Form und Begleitumstände einer Äußerung
kann für deren Würdigung als strafbare Beleidigung auch erheblich sein, ob sie spontan in
einer hitzigen Situation oder mit längerem Vorbedacht gefallen ist und ob sie von einem
größeren Kreis von Personen wahrgenommen werden konnte (vgl. dazu näher BVerfG,
Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 19. Mai 2020 - 1 BvR 2397/19 -, Rn. 33 f.).

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bb) Diesen verfassungsrechtlichen Anforderungen genügen die angegriffenen
Entscheidungen nicht.

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(1) Verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden ist allerdings die Einordnung der
Äußerungen als ehrkränkend. Die dieser Einordnung vorausliegende tatgerichtliche
Würdigung des Geschehens, wonach der Beschwerdeführer sich nicht ernsthaft über die
Sprach- und intellektuellen Kompetenzen seines Gegenübers erkundigen, sondern seinen
Unwillen und Kritik äußern wollte, lässt verfassungsrechtliche Mängel nicht erkennen. Dass
die öffentlich und unter namentlicher Nennung des Betroffenen zum Ausdruck gebrachten
Zweifel des Beschwerdeführers an den Deutschkenntnissen des Beamten und seiner
Fähigkeit, mit einfachen Sachverhalten umzugehen, diesen in seiner beruflichen Geltung
und Eignung in Frage stellten, bedurfte vorliegend keiner weiteren Darlegung.

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(2) Die angegriffenen Entscheidungen stützen die Verurteilung jedoch nicht auf eine den
verfassungsrechtlichen Anforderungen genügende, kontextspezifische Abwägung
zwischen dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des betroffenen Polizeibeamten und der
Meinungsfreiheit des Beschwerdeführers.

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(a) Eine solche die Meinungsfreiheit des Beschwerdeführers berücksichtigende Abwägung
war hier nicht unter dem Gesichtspunkt der Schmähung oder Formalbeleidigung
entbehrlich. Zwar ordnet das Amtsgericht die Äußerungen „aufgrund ihrer Form“ als
Beleidigung ein, da es dem Beschwerdeführer nur um eine Diffamierung der Person des
Betroffenen gegangen sei. Damit wird der Sache nach eine Einordnung als Schmähkritik
zumindest angedeutet. Dass es dem Beschwerdeführer nicht um eine Äußerung in der
Sache, sondern allein um eine Herabsetzung des Betroffenen gegangen sei, wird jedoch
nicht in der erforderlichen, die konkreten, objektiv feststellbaren Umstände des Falles in
den Blick nehmenden Weise begründet (vgl. zu diesem Erfordernis BVerfG, Beschluss der 2.
Kammer des Ersten Senats vom 19. Mai 2020 - 1 BvR 2397/19 -, Rn. 23), sondern ohne nähere
Ausführungen behauptet. Dabei lässt das Amtsgericht in seiner Einordnung der Äußerungen
als Schmähung ohne Begründung außer Acht, dass der Beschwerdeführer diese aus Anlass
der aus seiner Sicht problematischen Abfertigung am Flughafen tätigte, er sich über das
Kontrollgeschehen nachträglich beschweren wollte und die Äußerung mit dem Gegenstand
des Wortwechsels mit dem Grenzbeamten - der zögerlichen Herausgabe seines Namens
und seiner Dienstnummer zum Zweck einer Beschwerdeerhebung - in noch
nachvollziehbarem Zusammenhang stand. Ebenso wäre als objektivierbarer Umstand zu
berücksichtigen gewesen, dass die Äußerungen spontan während einer mündlichen
Auseinandersetzung fielen. Eine alleinige, von dem Gesamtgeschehen gelöste Zielrichtung
der Äußerung, den Grenzbeamten in seiner Ehre herabzuwürdigen, lässt sich auf dieser
Grundlage nicht objektiv ausmachen. Die Äußerungen fielen vielmehr bei der für eine
Einordnung als Schmähkritik maßgeblichen Gesamtbetrachtung ersichtlich im Kontext
einer hoheitlichen Maßnahme (Einreisekontrolle), der Kritik an deren Durchführungsweise
und angesichts des Umgangs eines Hoheitsträgers mit dieser Kritik. Insofern entbehrten sie
nicht jedes sachlichen Bezugs. Die Äußerungen können daher - mit der gegebenen
Begründung - nicht aus diesem Kontext herausgelöst als allein auf die Diffamierung der
Person des Beamten gerichtet verstanden werden. Weder zeichnen sich die Äußerungen
durch eine besonders gehässige Form aus, noch verwendete der Beschwerdeführer
schwerwiegende Schimpfwörter, die als Formalbeleidigung eingestuft werden könnten.

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(b) Um zu einer verfassungsrechtlich tragfähigen Verurteilung gemäß § 185 StGB zu
gelangen, wäre daher eine Abwägung zwischen der Meinungsfreiheit des
Beschwerdeführers und dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht des Grenzbeamten in den
konkreten Umständen des Falles erforderlich gewesen. Dabei wären bereits bei der
Einstufung der inkriminierten Äußerungen als ehrherabsetzender und rechtswidriger
Ausdruck der Missachtung des Betroffenen - und nicht erst auf Ebene der Strafzumessung -
die besonderen Umstände des Falles, insbesondere die Veranlassung durch die verbale,
mehrminütige Auseinandersetzung im weiteren Kontext einer hoheitlichen
Einreisekontrolle, die Spontaneität der Äußerung, deren flüchtiger Charakter und der vom
Amtsgericht selbst als relativ geringfügig bewertete ehrschmälernde Gehalt, die
Öffentlichkeitswirksamkeit der Äußerungen und die Betroffenheit des Beschwerdeführers
durch die Amtsausübung des Beamten zu berücksichtigen gewesen. Eine solche Abwägung
kommt in den angegriffenen Entscheidungen nicht zum Ausdruck. Vielmehr fehlt es bereits
an gehaltvollen tatgerichtlichen Feststellungen, die Voraussetzung einer solchen
kontextspezifischen Würdigung sind und ohne die sich die tatgerichtliche Einordnung der
Äußerungen einer insbesondere verfassungsrechtlichen Überprüfung weitgehend entzieht.