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Hat sich Kanzler Kurz


WIENER STAATSAFFÄRE

seinen Aufstieg erkauft?


So sterben
R A D I K A L , B R U TA L , V I S I O N Ä R

Deutschlands Wälder
DÜRRE UND SCHÄDLINGE
Warum Elon Musk vergöttert und verteufelt wird

INFLATION

teurer wird
Warum alles
DEUTSCHLAND

DER AUSSERIRDISCHE
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Nr. 41 | 9.10.2021
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HAUSMITTEILUNG

Titel | Seite 8

Geduld gehört nicht zu Elon Musks Eigenschaften. Es


wundert daher nicht, dass der Tesla-Gründer an diesem
Samstag mit Tausenden Besuchern eine Eröffnungs­party
für seine neue Gigafactory in Grünheide bei Berlin ver-
anstaltet, obwohl der Produktionsstart noch auf sich war-
ten lässt. Die Eröffnung war für ein SPIEGEL-Team der
Anlass, um den Mann zu porträtieren, der Elektroautos,
Weltraumraketen und Megatunnel baut, der Menschen
zum Mars schicken und ihre Gehirne mit dem Computer
verbinden will. Die Redakteure Guido Mingels und
­Simon Hage sowie die Mitarbeiterin Helene Laube ha-
ben in den vergangenen Monaten zahlreiche Gespräche
mit Musks Entwicklern, Verwandten und Weggefährten
geführt. Am Hauptsitz der Raketenfirma SpaceX bei Los Angeles traf Mingels den deutschen Raum­
fahrtingenieur Hans Königsmann, der 18 Jahre lang unter Musk in leitender Position arbeitete
und der sagt: »Ich bin der Einzige, der das so lange geschafft hat.« Das neue
AfD-Wähler | Seite 60 Kulturmagazin
Zwei Tage nach der Bundestagswahl machte sich
Redakteur Janko Tietz auf den Weg nach Dorf-
chemnitz, einem Ort im Erzgebirge. Die Gegend
kennt er aus Kindheit und Jugend, jedes Jahr fährt
er mehrmals hin, um Freunde und Verwandte Themen im Oktober:
zu besuchen. Diesmal aber kam er nicht privat,
­sondern beruflich. In Dorfchemnitz hatte die AfD
Sven Döring / DER SPIEGEL

52,3 Prozent der Erststimmen geholt, nirgends


Ist Weiblichkeit eine Falle?
sonst in Deutschland schnitt die Partei so erfolg- Die Feministin Alice Schwarzer
reich ab. Tietz verfolgt die Entwicklung dort seit rezensiert die Feministin
Längerem mit Verwunderung, nun wollte er heraus-
finden, was eine Mehrheit dazu bringt, rechts zu Simone de Beauvoir
wählen. Vor Ort sprach er unter anderem mit Bür-
germeister Thomas Schurig und der Ärztin Claudia Eger, um tiefere Einblicke in die Beweg­gründe
zu bekommen. Doch anders als früher fühlte er sich weniger willkommen und argwöhnisch ­beäugt. Wann haben Sie das
»Für viele bin ich nicht mehr jemand, der von hier stammt«, sagt Tietz. »Einige sehen in mir vor letzte Mal gebeichtet?
allem den Journalisten aus Westdeutschland, der es übel mit ihnen meinen könnte.«
Der Entertainer Hape Kerkeling
Österreich | Seite 80 beantwortet den SPIEGEL
BESTSELLER-Fragebogen
Eine Staatsaffäre erschüttert Österreich, seit am Mittwoch in Wien unter anderem Büros des Kanz-
leramts und der Regierungspartei ÖVP durchsucht wurden. Im Zentrum steht Bundeskanzler
­Sebastian Kurz, gegen ihn, sein Umfeld und führende Medienmacher wird wegen Korruption
­ermittelt. SPIEGEL-Korrespondent Walter Mayr und Mitarbeiter Oliver Das Gupta beschreiben Ist die eigene Geschichte
die Hintergründe des Skandals, der Kurz die Kanzlerschaft kosten könnte. In Österreich erscheint der beste Romanstoff?
dieses Heft mit einem eigens gestalteten Cover. Über die Affäre und weitere Nachrichten aus Die Schriftstellerin Julia Franck
­Österreich informiert der SPIEGEL zusammen mit seinem Partnermedium »Der Standard« künf-
tig in einem wöchentlichen Newsletter, der unter spiegel.de/newsletter abonniert werden kann. und ihr neues Buch »Welten
auseinander«
»Dein SPIEGEL«
Für viele Kinder ist der Alltag zwischen Schulklasse, Pausenhof und Videokon-
ferenz eine Herausforderung: Warum kommt man mit manchen Lehrerinnen
und Lehrern zurecht, mit anderen aber nicht? Wie schafft man es, sich zu mo-
tivieren? Im Kinder-Nachrichten-Magazin »Dein SPIEGEL« erfahren die Lese-
rinnen und Leser, was gegen Lustlosigkeit, gemeine Sprüche und Prüfungsangst
hilft. Mit einem Test können die Kinder herausfinden, welche Lernmethode Nächste Woche als
ihrem Typ am besten entspricht. Auch im Heft: Fußball-Nationaltorhüterin
­Almuth Schult im Interview. Die neue Ausgabe erscheint am Dienstag. Beilage im SPIEGEL
Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 3
INHALT TITEL

8 | Weltverbesserer  Elon Musk


revolutioniert mehrere Branchen
gleichzeitig – zum Nutzen der
DER SPIEGEL 75. Jahrgang | Heft 41 | 9.10.2021
Menschheit?

DEUTSCHLAND

6 | Leitartikel  Eine Ampel­


regierung könnte Deutschland
wieder modern machen

20 | Rechtsextremisten im Bun-
deswehr-Wachbataillon / Stu-
denten droht Wohnungsnot im
Wintersemester / Ärger über
Umbau der Düsseldorfer Staats-
kanzlei / Die Gegendarstellung /
So gesehen: Ja, sie wollen

24 | Karrieren  Der holprige


politische Weg von Olaf Scholz

Hannibal Hanschke / Getty Images


30 | Linke  Parteichefin Janine
Wissler über die Konsequenzen
des Wahldebakels

32 | Union  Wie Markus Söder


seine Macht weiter ausbaut

34 | Menschenrechte  Die Zu­


sammenstellung der Schutzliste

Der Unberechenbare für Afghanen glich einer Lotterie

36 | Gewalt  Immer mehr An­


griffe auf Menschen, die Corona­
WELTVERBESSERER  Elon Musk treibt mit radikalen Ideen und Visionen ganze maßnahmen durchsetzen sollen
­Branchen vor sich her. Er baut Elektroautos, Raketen und monströse
40 | Waffen  Bedrohung durch
Tunnel. Er gibt vor, den Planeten retten zu wollen und, wenn das nicht klappt, Pistolen aus dem 3-D-Drucker
die Menschheit zum Mars zu fliegen. Ist das irre oder genial? | 8
44 | Sozialpolitik  In Berlin gibt
es Pläne, allen Wohnungslosen
eine eigene Bleibe zu verschaffen

48 | Natur  Warum wir den Wald


retten müssen, damit er uns vor
dem Klimawandel retten kann

DEBAT TE

56 | Deutschland nach der Wahl


Axelle / Bauer-Griffin / FilmMagic

Robert Habeck über eine Regie­


rung, die ins ­Risiko gehen muss
Dominik Butzmann

REPORTER
Privat

58 | Familienalbum / Kommt
der Schlips zurück?
Keine Angst Aus dem Arrest Gute Geschäfte
Grünenchef Robert Habeck Die Nawalny-Sprecherin Kira Reese Witherspoon verbindet 59 | Eine Meldung und ihre
schreibt über seine Idee von Jarmysch und ihr Roman über höchst erfolgreich Feminismus Geschichte    Harald Glööckler
Politik: Aufbruch mit Risiko. | 56 die Unfreiheit in Russland. | 122 und Kommerz. | 127 erfindet sich ständig neu

4 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021 Österreich: Titelfotos: Dominik Butzmann / laif; Michele Tantussi / Reuters
60 | Bundestagswahl  101 | Sponsoring  Sollen
52 Prozent für die AfD – Schachspielerinnen für Brust­
was ist im sächsischen Dorf­ operationen werben?
chemnitz los?

65 | Homestory  Älterwerden WISSEN


und Alkohol
104 | Warum derzeit so viele
Kinder unter Atemwegser­kran­
WIRTSCHAF T kungen leiden / Analyse:
Schwere Vorwürfe gegen die
66 | Teurer Ladestrom für Raumfahrtfirma von Jeff Bezos

Daniel Biskup / laif


E-Autos / »Wildwuchs« bei
Schattenhaushalten 106 | Künstliche Intelligenz 
Ein Computer hat Beethovens
68 | Inflation  Müssen die unvollendete 10. Sinfonie zu
­Notenbanken den Preisanstieg Ende komponiert Sebastian Kurz unter Korruptionsverdacht
bekämpfen?
Muss die Geschichte des österreichischen Bundeskanzlers neu
110 | Nobelpreise  spiegel-
­geschrieben werden? Gekaufte Medien sollen seinen Aufstieg
71 | Landwirtschaft  Die EU Gespräch mit dem Physiker Klaus
begünstigt haben. | 80
will vermeiden, dass Spekulanten Hasselmann über sein Leben
Agrarsubventionen abgreifen als Klimaforscher und seinen opti­
mistischen Blick auf die Zukunft
72 | Internetkonzerne  Face­
book hat sich moralisch ins Aus 112 | Medizin  Die schwierige
­manövriert Suche nach einer Pille gegen
Corona
76 | Klimaschutz  Dänemark
baut eine künstliche Insel für

David Paul Morris / Bloomberg / Getty Images


Windenergie KULTUR

116 | Ein Thriller von Hillary


AUSLAND Clinton und Louise Penny /
Funk-Sounds von Kalabrese /
78 | China provoziert Taiwan Eine Schau über den
mit Kampfjets / ­Absturz Regisseur Heinz Emigholz
der »Sterne« bei Italiens
Kommunalwahlen 118 | Zeitgeist  spiegel-Ge­
spräch mit den Soziologen
80 | Österreich  Übersteht Andreas Reckwitz und Hartmut Eine Firma ohne Freunde
­Bundeskanzler Sebastian Kurz Rosa über die Wahl und
Facebook wird immer größer, verdient immer mehr Geld. Doch weil
seine Korruptionsaffäre? ­Deutschland im Krisenmodus
sich der Konzern zu wenig um Hass im Netz kümmerte, hat er
­politisch kaum noch Verbündete. Ihm droht die Zerschlagung. | 72
86 | USA  Die zerstrittene 122 | Russland  Alexej Nawalnys
­Demokratische Partei gefährdet Sprecherin Kira Jarmysch hat
Joe Bidens Präsidentschaft ihre Hafterfahrung in einem Buch
verarbeitet
88 | Migration  Wer steckt hin­
ter der Schatten­armee, die Flücht­ 124 | Literatur  Der neue Roman
linge an der EU-Grenze jagt? von Dave Eggers ist das
Buch zum Facebook-Ausfall
94 | Afghanistan  Wie es dem
­früheren Bundeswehrstandort 127 | Hollywood  Die Schau­
Kunduz unter den Taliban geht spielerin Reese Witherspoon ist
als Unternehmerin erfolgreich

SPORT 128 | Künstler  Wie sich der


Bildhauer Carl Paul Jennewein
97 | Deutsche Basketballer dem NS-Regime andiente
in der NBA / Warum nehmen
Übergewichtige beim Sport 131 | Filmkritik  Ridley 1984
Privat

kaum ab? Scotts cleveres Ritterdrama


»The Last Duel«
98 | Talente  Bei Olympia Wer ist Olaf Scholz?
in Tokio erlebten Deutschlands SPIEGEL-TV-Programm | 114 Bestseller | 126 Der SPD-Politiker will Deutschland regieren, er macht seit fast
Impressum, Leserservice | 132
Sportler eine Pleite – Nachrufe | 133 Personalien | 134
fünf Jahrzehnten Politik. Doch der Mensch Olaf Scholz ist den meisten
was sich jetzt ändern soll Briefe | 136 Hohlspiegel / Rückspiegel | 138 unbekannt. Was hat ihn geprägt, und was treibt ihn an? | 24

Deutschland: Titelfotos [M]: Michele Tantussi / Reuters; Scipio / Science Photo Library / Getty Images; Tony Gray / Kevin O’Connell / NASA; Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 5
Nasa / picture alliance / dpa; John Raoux / AP; UPI / laif; Dominik Butzmann / laif.
Einmal renovieren, bitte!
LEITARTIKEL  Eine Ampelkoalition könnte zum großen Modernisierungsbündnis für Deutschland werden. Wenn
sie den gemeinsamen Erfolg für wichtiger erachtet als kleinkarierte Geländegewinne.

gewaltigen Modernisierungsschub – vor allem beim Kli-


maschutz, bei der Infrastruktur, bei der Bildung. Dort,
wo es ganz besonders um die Freiheitsrechte und Ent-
wicklungsmöglichkeiten jüngerer Menschen geht. Und
gesellschaftspolitisch müsste auch mal wieder das Fenster
geöffnet werden. Wenn die Union in dieser Legislatur von
der Oppositionsbank aus zugucken müsste, wäre das nur
gerecht. Weil sie die Hauptverantwortung dafür trägt,
dass Deutschland so renovierungsbedürftig ist.
Die Ampelparteien müssen nun einen Unterschied
machen. Das geht nur, wenn sie den gemeinsamen Erfolg
für wichtiger erachten als die kleinen bis kleinkarierten
Geländegewinne untereinander. Die größte und drän-
gendste Aufgabe ist, Deutschland klimaneutral zu ma-
chen. Es hat einen gewissen Reiz, dass sich mit Grünen
Kay Niet feld / dpa und der FDP die größten Antagonisten in der Klima­
debatte gegenüberstehen (von den ernst zu nehmenden
Parteien jedenfalls). Dabei haben sie – zumindest auf dem
Papier – die ambitioniertesten Klimaziele. Die Infrastruk-
tur, besonders die digitale, ist die zweite große Aufgabe.

S
Parteivorsitzende ollte Deutschland bald von einer Ampelkoalition Es braucht endlich Dynamik, eine Lust am Verbessern,
Lindner, Baerbock, aus SPD, Grünen und FDP regiert werden, wäre vielleicht sogar etwas jugendlichen Leichtsinn.
Kanzlerkandidat
Scholz dies logisch und richtig. In normalen Zeiten wäre Auch gesellschaftspolitisch muss Deutschland moder-
ein Jamaikabündnis unter Führung der Union eine res- ner werden. Die wenigen Fortschritte der Vergangenheit,
pektable Alternative gewesen. Aber bei der sogenannten etwa die Ehe für alle, mussten der Union mühsam ab-
Union ist nichts mehr normal. Sie präsentiert sich aktuell genötigt werden. Dass Schwule aber weiter diskriminiert
als größte Schlangengrube Deutschlands, ihre Umfrage- werden, zum Beispiel bei der Blutspende, passt nicht zu
werte sinken quasi täglich weiter. In dieser Verfassung einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft. Dass es Ärz-
sollte man ihr jedenfalls keine Regierung anvertrauen. ten nach wie vor verboten ist, eigenständig und öffentlich
Trotzdem muss die Ampel keine Notlösung sein. Gera- über ihre Methode der Abtreibung zu informieren, eben-
de die vielen jüngeren Wählerinnen und Wähler haben mit so wenig. Hier könnten Grüne, FDP und SPD nach der
ih­rer Stimme für Grüne oder FDP einen drängenden und Ära Merkel einmal ordentlich durchlüften. Das war schon
umfassenden Modernisierungswunsch hinterlegt. Um dem nach der Ära Adenauer und der Ära Kohl nötig und er-
gerecht zu werden, sollten sich alle drei Parteien auf das folgte dann auch.
konzentrieren, was am wichtigsten ist – und ausklammern, Wenn die Ampel sich auf diese wesentlichen Felder
was sie naturgemäß voneinander unterscheidet. Grund- konzentriert, könnte sie Deutschland zurück auf die Höhe
legende Änderungen im Steuersystem etwa wird man von der Zeit bringen. Als Kanzler müsste Olaf Scholz bewei-
einer Ampel ebenso wenig erwarten können wie einschnei- sen, dass er forscher ist als seine Vorgängerin – obwohl
dende Reformen in der Gesundheits- oder Arbeitsmarkt- er paradoxerweise damit geworben hatte, der merkeligs-
politik. Hier neutralisieren sich die Positionen von SPD te aller Kandidaten zu sein, und sich damit in die Tradition
und Grünen auf der einen und FDP auf der anderen Seite, ihrer Ambitionslosigkeit stellte. Aber vielleicht war das
weil sie auf verschiedenen Menschen- und Weltbildern ja nur eine geschickte Inszenierung im Wahlkampf. In all
basieren. Jenseits dessen aber gibt es genügend zu tun. den Jahrzehnten in der Spitzenpolitik ist Scholz jedenfalls
Der Putz Wäre die Bundesrepublik ein Einfamilienhaus, fiele selten als Motor der Innovation in Erscheinung getreten.
­bröckelt, die der Befund in etwa so aus: Die Mauern halten, es besteht Und dass er sich an der Seite von Andreas Scheuer noch
Treppe knarzt. keine akute Einsturzgefahr. Das Dach schützt noch vor
der Witterung. Blickt man aber genauer hin, erscheint
vor Kurzem gegen einen höheren Benzinpreis aussprach,
ist ebenfalls nicht ermutigend. Es verblüfft zumindest,
Und mit der vieles abgeranzt, in die Jahre gekommen. Die Fenster wie Scholz sich plötzlich als Anwalt von Aufbruch und
Außenwelt ist könnten neu gemacht werden, die Gas- und Wasser­ Fortschritt präsentiert.
leitungen ebenfalls. Der Putz bröckelt, die Treppe knarzt, Die treibende Kraft einer Ampel werden Grüne und
man per Kup- die Möbel haben Kratzer und Flecken. Mit der Außenwelt FDP sein müssen. Sie sollten der SPD nun die Bedingun-
ferkabel ver- ist man per Kupferkabel verbunden, nicht via Glasfaser. gen diktieren, unter denen Olaf Scholz Kanzler werden
Und etwas muffig riecht’s drinnen auch. kann. Ganz freundlich, aber bestimmt. Es wäre im Sinne
bunden, nicht Instandsetzung müsste die Überschrift einer Ampel- eines moderneren, nachhaltigeren Landes.
via Glasfaser. regierung sein. Das Land braucht darüber hinaus einen Markus Feldenkirchen  n

6 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


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TITEL

Der
Überflieger
WELTVERBESSERER  Elon Musk baut Elektroautos,
Raketen und Megatunnel, will Menschen zum Mars
schicken und ihre Gehirne mit dem Computer
verbinden. Er glaubt fanatisch an den technologi-
Mar tin Schoeller / AUGUST

schen Fortschritt – und ist reich genug, um ihn über


alle Grenzen hinweg voranzutreiben. Wie tickt dieser
Mann, der die Zukunft der Menschheit prägen will?

8 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


TITEL

E
s gibt wohl nicht viele Wirtschafts- noch«, sagt Maye Musk. »Jetzt lasse ich ihn schichte der Digitalisierung« auch mit Elon
führer auf der Welt, deren Mutter einfach, weil ich weiß, er entwirft gerade eine Musk beschäftigt, brachte die Hinwendung
man anrufen kann. Mit einem brei- Rakete oder so was.« des jungen Musk zur digitalen Maschine eine
ten Lächeln im Gesicht erscheint Doch Musks Kindheit war nicht nur ver- »strukturelle Weltfremdheit« mit sich: Von
Maye Musk auf dem Bildschirm träumt, sondern auch Albtraum. Zwar war Anfang an unterwirft Musk alles der Logik
zum Gespräch. Musk, 73, ist im Fahrwasser die Familie finanziell gut gestellt, doch als des Computers und beginnt damit, wie Burck-
ihres Sohnes selbst weltberühmt geworden, Nerd und Bücherwurm wurde Musk in Pre- hardt sagt, »die Rationalität des Computers
sie arbeitet als Model, ihre Fotos schmücken toria zum beliebten Opfer prügelnder Gangs in die Realwirtschaft zu überführen«. Viel
Zeitschriftencover, sie trat in einem Beyoncé- an der Schule. »Es gab einen Grad der Gewalt, später, als Konsequenz dieser Denkweise,
Videoclip auf. Und ab und zu hält sie Vor- als ich aufwuchs, der an keiner amerikani- steht ein Auto, das im Grunde ein fahrendes
träge über gesunde Ernährung. schen Schule toleriert werden würde«, sagte Betriebssystem ist.
»Ich sagte zu meinen Freunden früh, der Musk einmal. Nach der Scheidung der Eltern Er kam genau zur richtigen Zeit ins Silicon
Junge ist ein Genie, und die meinten bloß, das zogen Elon und Kimbal zum Vater. Errol Valley, im Jahr 1994. Musk zufolge wusste
sage doch jede Mutter über ihren Sohn.« Drei Musk, ein Ingenieur und laut Sohn Elon of- damals die Hälfte der Risikokapitalgeber, die
Kinder hat Maye Musk, zwei Söhne und eine fenbar ein schwieriger Mensch, »war gut da- er und Kimbal um Kapital angingen, nicht,
Tochter, sie sagt: »Mein ältester Sohn Elon rin, das Leben miserabel zu machen«. was das Internet war. Das änderte sich erst
baut umweltfreundliche Elektroautos und Das begabte Kind flüchtete sich in Science- nach dem Börsengang von Netscape. »Jetzt
schießt Raketen ins All. Mein mittleres Kind, Fiction-Bücher und in den Computer. Mit hatte jemand mit dem Internet Kohle ge-
Kimbal, hat mehrere Restaurants eröffnet, die zwölf Jahren programmierte er auf einem macht«, erinnert sich Musk. »Als wir uns spä-
nur lokale, frisch zubereitete Lebensmittel Commodore VIC-20 sein erstes Computer- ter ein zweites Mal auf die Suche nach Kapi-
anbieten. Und meine Jüngste, Tosca, hat ihre spiel namens Blastar. Die Maschine schien tal machten, waren alle interessiert.« 1996
eigene Unterhaltungsfirma.« Die Karrieren dem Jungen eine verlässlichere Heimat zu sammelten sie drei Millionen Dollar von
ihrer Sprösslinge scheint sie als ebenbürtig bieten als Eltern und Schule. Für den deut- einem Wagniskapitalgeber ein. 1999 zahlte
zu betrachten, bloß ist ihr Ältester zufällig schen Kulturtheoretiker Martin Burckhardt, der Computerkonzern Compaq dann rund
der aktuell reichste Mensch der Welt mit der sich in seinem Buch über die »kurze Ge- 305 Millionen Dollar für Musks erstes Unter-
einem geschätzten Vermögen von 201 Mil- nehmen Zip2, eine Art elektronisches Bran-
liarden Dollar. chenbuch. Musk war 27 Jahre alt und erhielt
Der 50-jährige Südafrikaner ist der Revo- Musks Imperium für seinen Sieben-Prozent-Anteil 22 Millionen
lutionär des Elektroautos, ist Raketenbauer Dollar. Mit dem Kapital wollte er nun ein neu-
mit Mars-Ambitionen, ist Twitter-Alleinunter- Marktwert seiner Unternehmen, es Unternehmen aufbauen, eines, mit dem er
in Mrd. Dollar
halter für Millionen Follower, Bitcoin-Impre- das Internet »wirklich nach vorn« bringen
sario und Börsenrebell, er ist ein globaler würde: eine papierlose Bank, die zunächst
Wirtschaftspopstar, der wohl bekannteste X.com hieß, später PayPal. 2002 zahlte Ebay
Unternehmer der Welt. Er ist die personifi- 1,5 Milliarden für PayPal. Musks Erlös soll
zierte Wiederentdeckung des Fortschritts, in
einer Zeit, in der die Menschheit daran zwei-
felt, ob es so etwas wie eine bessere Zukunft 74 201
Elon Musks en*
180 Millionen Dollar betragen ­haben.
Nun war Musk bei Kasse und wandte sich
seinen wahren Leidenschaften zu: der Raum-
überhaupt noch geben kann. Ein Universal- SpaceX Privatvermög fahrt und dem Stromauto. Noch im selben
genie der Technik, vergleichbar vielleicht mit Jahr, 2002, gründete er sein nächstes Start-up:
Leonardo da Vinci oder Thomas Edison. Ein SpaceX. 100 Millionen Dollar investierte er
Einstein des 21. Jahrhunderts, aber einer mit nach eigenen Angaben in das kalifornische
Geschäftsmodell. Es muss großartig sein, Elon Weltraumunternehmen. Und mit ein paar
Musk zu sein. weiteren Millionen kaufte er sich bei Tesla

775
Doch wer ist dieser Elon Musk? Wie ist er ein.
geworden, was er ist? Welche Träume bedient
er? Vor allem: Wie schafft er das, was er 1. Die Anfänge von Tesla, warum Musk als
schafft, und warum scheint der Tag für ihn Tesla schwierig gilt und weshalb crazy Ideen bei
mehr als 24 Stunden zu haben? Das fragte ihn ihm gut aufgehoben sind
einmal auch der populäre amerikanische Pod- 1 Boring Company** 0,5 Neuralink** Marc Tarpenning, 57, mit alterslosem Gesicht,
caster Joe Rogan während eines zweieinhalb sitzt beim Gespräch in einer Maschine, von
zum Vergleich
Stunden langen Liveinterviews, das berühmt der noch vor 20 Jahren, als Tarpenning und
wurde, weil Musk während des Gesprächs Musk sich kennenlernten, kaum jemand an-

61
Whiskey trank und einen Joint rauchte. genommen hätte, dass sie jemals existieren,
»Wenn ich sehe, wie du all dieses Zeug geschweige denn massenhaft produziert wer-
machst, denke ich: Woher nimmt dieser Mo­ BMW den würde: einem Auto ohne Verbrennungs-
therfucker all die Zeit, all die Energie, all die motor, ohne Benzin, das nur mit Elektrizität
Ideen?« Musk antwortete: »Weil ich ein fährt. Einem Tesla.
Außerirdischer bin.«
Als Kind verfiel Musk oft in tranceähnliche
Zustände, war unansprechbar, nahm seine
270 Tarpenning, gut gelaunte Stimme, spricht
per Zoom, schließlich ist Pandemie, und der
Kalifornier steht mit dem Wagen, an dessen
Toyota
Umwelt nicht mehr wahr. »Er geht in sein Erfindung er wesentlichen Anteil hatte, auf
Gehirn, und man sieht, dass er in einer ande-
ren Welt ist«, so beschreibt es seine Mutter
132 dem Parkplatz eines Fußballplatzes im Silicon
Valley, wohin er seinen Sohn zum Training
gegenüber dem Musk-Biografen Ashlee VW gefahren hat. »Moment mal«, sagt Tarpen-
­Vance. Das ging so weit, dass die Eltern den ning entschuldigend in die Auto-eigene Ka-
Jungen auf Taubheit untersuchten und sogar * inklusive weiterer Vermögenswerte wie Aktienoptionen; mera und fummelt am Gerät herum, »bin
** geschätzt
einen medizinischen Eingriff vornehmen gleich wieder da.« Der Tesla ist mit einem
S Quellen: Bloomberg, Forbes, Manager Magazin,
­ließen, der nichts änderte. »Er tut das immer großen Tabletbildschirm ausgerüstet, doch


Refinitiv Datastream; Stand: 6. Oktober

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 9


TITEL

wenn der Wagen den Schlafmodus Statement« der Firma, Elon Musks verkauft mehr als 500 000 Fahrzeuge
aktiviert, kappt er die Verbindung.
Musk hat unbescheidener Selbstanspruch: im Jahr, ist führend im Elektroauto-
Der Mann ist einer von vielen Weg- um Tesla »Den Übergang der Welt zu nach- markt, beschäftigt gut 70 000 Mit-
gefährten Musks, die an wichtigen einen Kult haltiger Energie beschleunigen«. Hier arbeiter, betreibt Fabriken in den Ver-
Stellen großen Einfluss auf dessen Ge- werden nicht nur Autos gebaut, hier einigten Staaten, in China und bald
schicke und Firmen hatten und die auf­gebaut, soll der Planet gerettet werden. auch in Deutschland. Und in Grün-
dann in Vergessenheit gerieten, weil der an eine In der Halle hat Tesla ein paar Ben- heide bei Berlin findet am 9. Oktober
Musks Name alles und alle überstrahlt.
Er erinnert sich gut an seine frühen
Religion zinzapfsäulen aufgereiht, stille Zeit-
zeugen der Ära fossiler Brennstoffe,
mit Tausenden Gästen eine Art Eröff­
nungsparty der neusten Gigafactory
Begegnungen mit Elon Musk. Mit sei- erinnert. die nach Musks Dafürhalten bald zu statt, auch wenn der Produktionsstart
nem alten Freund Martin Eberhard Ende geht. Daneben steht ein soge- noch aussteht. Elon Musk hat ange-
hatte er Tesla Motors 2003 gegründet nannter Supercharger, eine elektri- kündigt, persönlich dabei zu sein.
– nun, drei Jahre später, waren sie auf sche Schnellladesäule, von der Tesla Seine Fans vergleichen Musk längst
der Suche nach einem Hauptinvestor weltweit bereits mehr als 25 000 auf- mit Henry Ford, dem Pionier der
für ihre maximal ehrgeizige Idee: mal gestellt hat. schlanken Fließbandproduktion. Der
eben einen neuen Wettbewerber in Marc Tarpenning, der am Anfang Tesla-Boss geht sogar noch weiter: Er
der unter wenigen Konzernen auf- bei Tesla für die Elektrotechnik zu- will die gesamte Wertschöpfungsket-
geteilten Autobranche aufzubauen. ständig und die ersten Jahre zusätzlich te umkrempeln, von der Produktion
»Damals klang unsere Idee ziem- Finanzchef war, ist schon lang nicht über die Ladeinfrastruktur bis hin zur
lich crazy«, sagt Tarpenning. Einer mehr dabei. Er verließ den Autobauer, Energieerzeugung. Auch für Letzteres
jedoch, der viel Fantasie, viel Geld bevor Tesla 2008 den ersten Roadster hat er schon lange eine eigene Firma:
und großes Interesse an nachhaltiger auslieferte und als Musk, damals Ver- Solarcity unterstützt Kunden bei der
Mobilität hatte, war eben Musk. waltungsratsvorsitzender, sich zum Installation und Finanzierung von So-
Die drei Männer hatten sich schon CEO küren ließ. Heute unterhalte er larzellen. Die Tesla-Tochter residiert
2001 an der Stanford University auf keine Geschäftsbeziehungen mehr zu wenige Autominuten von der Groß-
einer Konferenz der Mars Society Musk, sagt Tarpenning, er besitze fabrik in Fremont entfernt.
kennengelernt, eines Vereins für Leu- zum Glück aber noch einige Tesla- Bei Tesla, wie Musk es schuf, zeig-
te, die sich für die Idee einer dauer- Aktien, die sich »sehr, sehr gut ent- te sich aber bald auch der Ungeist der
haften Besiedlung anderer Planeten wickelt haben«. Zwischendurch tau- Silicon-Valley-Philosophie, die Musk
begeistern. schen sich die beiden per E-Mail aus, und seine Firmen trotz seiner Welt-
Eberhard und Tarpenning beka- Teslas dabei geht es hauptsächlich um rettungsrhetorik auszeichnen: eine
men einen Termin bei Musk, und Vorsprung ­SpaceX, nach Tar­pennings Dafürhal- Mischung aus Libertarismus und
schon bald saßen die beiden Pioniere ten eines der bemerkenswertesten ­Anything-goes, die oft wenig Rück-
der modernen Elektromobilität dem Die größten Unternehmen Amerikas. sicht nimmt auf menschliche Konse-
angehenden Weltraumeroberer in Hersteller von Er bezeichnet Musk als detailver- quenzen.
E-Autos* weltweit,
einem gläsernen Konferenzraum in nach Neu- sessenen Menschen, der sich unver- Er habe um Tesla einen Kult ge-
der riesigen SpaceX-Halle im süd­ zulassungen 2020, mittelt in Dinge einmische, was schaffen, der religiöse Züge trage, sagt
kalifornischen El Segundo gegenüber. in Tausend »superlästig« sein könne für Entwick- ein ehemaliger führender Kollege. Es
Es war 2006, Musks Weltraumunter- Tesla USA
ler oder Designer. »Ich weiß nicht, ob sei ihm jedoch nicht gelungen, eine
nehmen war noch weit davon ent- das ein guter Managementstil ist oder Kultur aufzubauen, in der sich Mit-
500
fernt, Raketen erfolgreich ins All zu nicht, aber es kann interessante Pro- arbeiterinnen und Mitarbeiter dauer-
schießen. »Wir saßen in diesem Glas- VW Deutschland dukte hervorbringen.« Als positives haft wohlfühlten.
würfel, und direkt hinter Elon bauten 422 Beispiel fällt ihm der mittlerweile Sein Welt- und Menschenbild lässt
sie an einem Raketenmotor«, erinnert vielfach kopierte versenkte Türgriff sich nur schwer mit den Grundsätzen
SAIC China
sich Tarpenning. In seiner Stimme des Tesla Model S ein, der beim Ein- einer liberalen Demokratie verein-
schwingt heute noch Unglauben mit. 254 steigen erst ausfährt, wenn sich der baren. Musk hält seine Ideen für der-
»Und wenn man jemandem seine Ge- BMW Deutschland Fahrer nähert. Das mag optische und art groß und wichtig, dass er sie bis-
schäftsidee vorstellt, der direkt hinter 193 aerodynamische Vorteile haben, war weilen über die Bedürfnisse des Indi-
sich Raketen bauen lässt, ist klar, dass aber kein Muss für die Funktionalität viduums stellt. Diese in der Tendenz
der nicht sagen wird: ›Elektroautos BYD China des Tesla, Musk bestand trotz der zu- totalitäre Denkweise zeigt sich, wenn
– das ist die hirnrissigste Idee, von 180 sätzlichen Kosten darauf. »Elon kann er einen Todesfall im Tesla-Autopilo-
der ich jemals gehört habe.‹« Daimler Deutschland schwierig sein«, sagt Tarpenning, ten indirekt damit rechtfertigt, dass
Musk stieg ein – und was aus Tes- 163 »aber viele Leute, mit denen ich zu­ Hunderttausende Menschen durch
la in der Zwischenzeit geworden ist, sammenar­beite, sind schwierig.« die Technik gerettet werden könnten.
kann man sich eine kurze Autofahrt Hyundai Südkorea Mitten im Internethype der Nuller-
entfernt von dem Fußballplatz an- 148 und frühen Zehnerjahre also, in der 2. Eine Million Ideen, Raketen als Pe-
schauen, vor dem Tarpenning gerade Renault Frankreich Ära von Google, Amazon und Face- nisse und warum Musks Projekte vor
parkt, auf der anderen Seite der Bucht book, setzte Musk Milliarden auf Pro- allem die Elite faszinieren
131
von San Francisco, in Fremont. Das dukte aus Blech. Während Traditions- »Viele Leute wären wohl gern Elon
Tesla-Werk, das sich hier in beein- Geely China hersteller wie General Motors und Musk. Aber sie können es nicht«,
druckender Länge aus der Ebene 126 Ford Werke dichtmachten und ums ­sagte der Podcaster Joe Rogan im
hebt, will keine gewöhnliche Auto- Überleben kämpften, rüstete der Tes- Interview zu Musk. Der antwortete:
PSA Frankreich
fabrik sein, sondern eine »bahnbre- la-Boss hier in Fremont eine alte To- »Ich glaube nicht, dass die Leute so
100
chende Anlage«, in der »revolutionä- yota-Fabrik zur ersten Massenferti- viel Spaß daran hätten, ich zu sein.«
re Autos« hergestellt werden. So gungsanlage für E-Autos hoch. Heute Rogan fragte nach, was das Schwie-
* reine Batteriefahrzeuge
jedenfalls lautet das Versprechen des und Plug-in-Hybride ist Tesla an der Börse mehr wert als rigste daran sei, Elon Musk zu sein.
Konzerns. Gleich am Eingang prangt S Quelle: ZSW GM, Ford, Toyota, Volkswagen, Musk: »Es ist sehr schwierig, es ab-


in silbernen Lettern das »Mission BMW und Daimler zusammen. Tesla zuschalten.«

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TITEL

2
1
DER MUSK-CLAN
1 | Mutter Maye Musk mit ihren
drei Kindern Elon (hinten),
Kimbal und Tosca (auf dem
Schoß), Südafrika,
Mitte der ­Siebzigerjahre
2 | Musks Faible für Computer
zeigt sich früh
3 | Musk (2. v. l.) mit Schwester
Tosca, Mutter Maye und Bruder
Kimbal
4 | Musk mit seinen fünf Söhnen
aus der Ehe mit Justine Musk,
Hawthorne, Kalifornien, 2009
5 | Onkel Scott Haldeman, Santa
Ana, Kalifornien, 2021

3 4 5

Er kann »es« nicht abschalten. Eine Million Als er nur Monate später ­SpaceX gründe- »Und das hier ist der Fischtank«, sagt Kö-
Ideen sind permanent in seinem Kopf. Wohin te, rief Musk den Deutschen an und machte nigsmann und weist auf einen großen ver-
die so führen, kann man nachvollziehen, ihn zum Angestellten Nummer sieben. glasten Raum, von wo aus SpaceX seine Starts
Fotos Privat; aus: Maye Musk, „Eine Frau ein Plan“, Benevento Publishing; Mar tin Schoeller / AUGUST; Roger Kisby / DER SPIEGEL

wenn man sich einen Google-Alarm mit sei- Königsmann, heute 58 Jahre alt, wusste koordiniert – die Kommandozentrale: Königs-
nem Namen einrichtet. An jedem einzelnen damals, »dass Elon 300 Millionen Kapital manns Reich. Direkt nebenan liegt die Kan-
Tag wird man mit Neuigkeiten versorgt. hatte, und ich dachte, das müsste für drei Jah- tine, und man kann, während man sich am
Elon Musk will seine eigene Stadt namens re reichen«. Ihn reizte die Idee, eine Rakete Büfett einen Salat zusammenmischt oder in
Starbase bauen. in einer Firma mit 200 Leuten zu bauen, einen fleischlosen Burger beißt, dem Treiben
Elon Musk will ab 2026 Menschen zum »quasi in einer Garage«, statt mit 20 000 An- der Raumfahrtkontrolleure zusehen, die im
Mars schicken. gestellten wie bei der Nasa. Fischtank in langen Reihen vor Monitoren
Elon Musk will umweltfreundlichere Bit- Königsmann, der bei Frankfurt am Main sitzen und auf ihre Datenreihen starren. Alles
coins. aufgewachsen ist und in Berlin und Bremen wirkt sehr ereignislos, doch »da drin wird ge-
Elon Musk will eine Gehirn-Computer- Luft- und Raumfahrttechnik studiert hat, war rade Starlink 22 vorbereitet«, sagt Königs-
Schnittstelle entwickeln. in den Neunzigerjahren in die USA ausge- mann. Die 22. Mission von Musks Satelliten-
Elon Musk will die Bildung revolutionie- wandert und arbeitete zunächst für die kali- Internet-Unternehmen Starlink, bei der an
ren. fornische Raumfahrtfirma Microcosm. Als diesem Tag 60 Satelliten mit einer »Falcon 9«
Elon Musk will Fahrzeuge via Satellit mit Chefingenieur für Raketenstarts bei SpaceX in den Orbit befördert werden. Die Rakete
dem Internet verbinden. hat er mittlerweile »etwa 100 Starts ge- wird danach wieder zur Erde zurückkehren,
Elon Musk will mit Dogecoin-Schürfen macht«, wie er erzählt. um senkrecht auf einer unbemannten schwim-
Hot-Tubs beheizen. Das SpaceX-Hauptquartier liegt in Haw- menden Landeplattform im Meer aufzuset-
Hans Königsmann, deutscher Raumfahrt- thorne, mitten in Los Angeles und in unmit- zen, die den Namen OCISLY trägt. Die Ab-
ingenieur, hat Elon Musk vor bald 20 Jahren telbarer Nähe des Flughafens. Ein riesiges »X« kürzung – typisch Musk – steht für »Of
kennengelernt, bei einem Treffen von interes- prangt auf dem Dach der Produktionshalle. Course I Still Love You« (»Natürlich liebe ich
sierten Raketenfreunden in der kühlen Moja- Vor dem Eingang ragt eine »Falcon 9« in den dich noch«), eine Hommage an den schotti-
ve-Hochwüste in Südkalifornien. Musk war Himmel, die erste SpaceX-Rakete, die nach schen Science-Fiction-Autor Iain Banks, in
offenbar schlecht vorbereitet auf die tiefen ihrem Flug erfolgreich wieder auf der Erde dessen Buch »Das Spiel Azad« ein planeten-
Februartemperaturen in der Wüste und er- landete, im Dezember 2015. Hans Königs- großes Raumschiff diesen Namen trägt.
schien mit ungeeignetem Schuhwerk und einer mann führt in die Haupthalle, wo über den Starlink übrigens, das zu SpaceX gehört,
dünnen Lederjacke. Aber er traf dort mehrere Köpfen eine Dragonkapsel von der Decke halten manche Beobachter für Musks meist-
Ingenieure, die schon bald zu den ersten Mit- hängt, das erste SpaceX-Raumschiff, das in unterschätzte Firma. Die Satellitenschüsseln
arbeitern seiner Raketenfirma gehören sollten. die Erdumlaufbahn flog. für den Internetempfang aus dem All für je-

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TITEL

1 2
ALLE SEINE FIRMEN
1 | Weltraumfirma SpaceX: Start einer
»Starship«-Rakete in Boca Chica 2020
2 | Produktion in der E-Auto-Fabrik Tesla
in Fremont, Kalifornien, 2018
3 | Solarhersteller SolarCity (inzwischen
Teil von Tesla): Arbeiter bei
Solarpanel-­Installation in Camarillo,
Kalifornien, 2014
4 | Tunnelbaufirma The Boring ­Company:
Tunnelprojekt in Las Vegas, Nevada, 2021
5 | Neurotech-Unternehmen Neuralink:
Versuchsaffe mit Elektroden im Gehirn
bei Computerspiel 2021

3 4 5

UPI / laif / ddp images; Justin Kaneps / The New York Times / Redux Pictures / laif; Thor Swift / The New York Times / Redux Pictures / laif; Ethan Miller / Getty Images; Neuralink / Ferrari Press / ddp images
dermann sind zwar schon erhältlich, aber »es Und: »Wir denken beide sehr technisch.« blickt – Musks Welt. Mit der Boring Compa-
braucht noch mindestens ein Jahr, bis das Mehr als auf alle anderen Mitarbeiter höre ny will er Metropolen wie L. A. oder Las Ve-
Ding durchstartet«, glaubt Königsmann – Musk auf die In­genieure. Man müsse, sagt gas untertunneln und sie vom Verkehrskollaps
dann aber werde Starlink »Milliarden ein- Königsmann, denken wie eine Maschine, befreien, mit Hyperloop sollen Städte mit
fahren für die Mars-Mission-Finanzierung«. dann erreiche man ihn, »denn er funktioniert Superschnellzügen miteinander verbunden
Nicht nur könnte die Technologie, wenn aus- selbst wie eine Maschine«. werden – eine halbe Stunde von Washington,
gereift, dem heutigen terrestrischen Empfang Wie gelang es Musk, anderen Raumfahrt- D. C., nach New York. Beide Projekte sind
überlegen sein. Sie könnte Musk womöglich unternehmen und sogar staatlichen Akteuren bislang eher angewandte Visionen als anwen-
auch im E-Automarkt von Nutzen sein und in der Branche den Rang abzulaufen? »Wir dungsreif.
Tesla dank lückenloser Internetversorgung gehen viel höhere Risiken ein«, sagt Königs- Dass die SpaceX-Hallen in Los Angeles
im Auto Vorteile bei der Fortentwicklung des mann. »Wir haben immer gesagt: Wir probie- existieren, dass die hier gebauten Raketen
autonomen Fahrens verschaffen. Dass Ama- ren das mal aus, und wenn die Landung tatsächlich abheben, fliegen und wieder lan-
zon mit Kuiper ein Konkurrenzprojekt lan- schiefgeht, machen wir es halt noch mal.« Ein den, all das ist im Grunde ein Wunder. »Lan-
ciert hat und Musk als Internetprovider ins solches Denken sei aber der Nasa oder auch ge hat man uns nur belächelt«, sagt Hans Kö-
All nachfolgt, unterstreicht die Bedeutung ihrem europäischen Pendant Esa fremd. nigsmann. »Als wir mit der ›Falcon 9‹ Erfolg
von Starlink. »Dort werden erst mal fünf Jahre lang Mach- hatten, hieß es, die haben einfach Glück ge-
Königsmann ist in diesem Jahr von seinem barkeitsstudien gemacht, und am Ende wird habt. Nach der zweiten und dritten Rakete
Job zurückgetreten, er ist jetzt nur noch Be- gar nicht gestartet«, sagt Königsmann, ver- immer noch.« Inzwischen ist dem Letzten
rater. »Mehr als 18 Jahre habe ich unter Elon ächtlich. Für SpaceX hingegen sei eine Rake- klar, dass Musk es ernst meint mit SpaceX,
Musk in leitender Funktion gearbeitet. Ich te, die kaputtgeht, »kein größeres Problem«, mit dem Mars. Dass er wirklich glaubt, die
bin der Einzige, der das so lange geschafft solange man daraus neue Erkenntnisse ge- Menschheit müsse auf mehr als einem Plane-
hat«, sagt er, mit erschöpftem Stolz. Er habe winnen könne. ten existieren. Mit dem wiederverwertbaren
sich so gut mit Musk verstanden, weil sein Auf dem Gelände in Hawthorne, Los An- »Starship«, einer Kombination aus Rakete
Chef eine ziemlich unamerikanische, dafür geles, ist nicht nur Musks Weltraumfirma be- und Raumkapsel, ist er sich sicher, diesem
umso deutschere Kommunikationsweise pfle- heimatet, auch das Tesla Design Center ist Traum einen Schritt näher gekommen zu sein.
ge. »Kein Drumherum, nichts schönreden, hier, und gleich gegenüber liegt der Eingang Inzwischen glaubt sogar die Nasa daran: Sie
immer direkt auf den wunden Punkt«, sagt zum knapp zwei Kilometer langen Prototyp gab SpaceX einen 2,9-Milliarden-Dollar-Auf-
Königsmann, »Elon will wissen, was schief- seiner Tunnelbaufirma The Boring Company, trag, um »Starship« so weiterzuentwickeln,
läuft.« Damit kämen viele Amerikaner der auch die Teststrecke für Hyperloop ist, dass es mit amerikanischen Astronauten an
schlecht klar, ihm aber liege es in der Natur. einem weiteren Musk-Projekt. Wo man hin- Bord auf dem Mond landen kann – zum ers-

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TITEL

ten Mal seit dem »Apollo«-Pro- auf Twitter platzierte, antwortete möglichst schon von 2021 an, am
gramm. 2024 soll es so weit sein, sagt Musk kurz und humorlos mit »Sie Ende sollen es dann jährlich 500­ 000
Musk. Bis zum Ende des Jahrzehnts sind ein Idiot«. Fahrzeuge sein. Nebenan plant der
soll die Landung auf dem Mars folgen. Tesla-Chef seine weltgrößte Batterie-
Warum Superunternehmern wie 3. Die Rettung der Welt, zu wenig Was- fabrik. Bähler hält das für problema-
Jeff Bezos, Richard Branson oder ser und warum Tesla in Deutschland tisch: »Unsere Wasserreserven rei-
Elon Musk die Erde nicht genug ist mehr darf als andere chen nicht aus, um das Werk in der
für ihre raumgreifenden Geschäfts- Elon Musk ist vor allem eines: der angedachten Endausbaustufe zu ver-
modelle, warum sie darüber hinaus Dealer unserer Hoffnungen. Weil er sorgen.«
den Weltraum mit Raketen erobern Dinge baut, die eine bessere Zukunft Als Bähler zum ersten Mal von
wollen, ist für den Silicon-Valley-His- möglich erscheinen lassen. In einer Teslas Plänen hörte, glaubte er nicht
toriker und Stanford-Professor Fred Welt, die vom Ende alter Gewiss­ daran, dass Musk sich wirklich für
Turner eine klare Sache: »Raketen heiten geprägt ist, von Ängsten um Grünheide entscheiden würde. In
sind Penisse.« die Erwärmung des Planeten, um die vertraulichen Sondierungsgesprächen
Er sieht darin nicht mehr als ein Energiesicherheit, vor dem Verkehrs- mit Behördenvertretern, Landespoli-
Egoprojekt und männlichen Größen- infarkt in Städten, vor wild geworde- tikern und Tesla-Managern, die im
wahn. Turner, der in seinem einfluss- ner künstlicher Intelligenz. In diesem September 2019 begannen, warnte
reichen Buch »From Counterculture allgemeinen Unbehagen in der Kultur Bähler ausdrücklich vor einem Ver-
to Cyberculture« die Geburt der ka- sagt Elon Musk zu den Menschen mit sorgungsengpass in der Region. Bevor
lifornischen Digitalgiganten aus dem seinem Schelmengrinsen: Leute, wir ein neues Werk gebaut werde, müsse
Geist der Hippiebewegung nach­ kriegen das hin – und ich habe auch erst die nötige Infrastruktur geschaf-
gezeichnet hat, ist eigentlich ein Fan schon eine Firma dafür. fen werden. Doch seine Einwände
Elon Musks: »Im Gegensatz zu Ama- Wir können die Abhängigkeit von fanden kein Gehör. Der politische
zon, Google oder Facebook, die unter fossilen Brennstoffen beenden und Wunsch, den Weltmarktführer für
dem Strich der Gesellschaft meiner mit Elektroautos fahren (Tesla). Wir E-Mobilität nach Deutschland zu ho-
Meinung nach mehr schaden als nüt- können den Strom dazu aus Solar- len, war offensichtlich größer. Politi-
zen, hat insbesondere Tesla tatsäch- zellen schöpfen (SolarCity) und diese ker und die zuständigen Behörden
lich das Potenzial, die Welt zu ver- in Batterien speichern (Tesla Energy). betonten immer wieder, alle Proble-
bessern.« Für SpaceX allerdings hat Wir können uns in einem allumfas- me seien lösbar. »Eine dramatische
er nichts übrig und möchte »definitiv senden Internet via Satelliten verbin- Fehleinschätzung«, sagt Bähler, der
niemals auf den Mars umziehen«. den (Starlink). Wir können unsere sich später als Bedenkenträger be-
Ihm wäre es lieber, Musk würde seine Städte per Luftröhren-High-Speed- schimpfen lassen musste.
Energie auf die Erde konzentrieren. Transportsystem verbinden (Hyper- Dennoch ließ Bähler nicht locker.
Die Sache mit dem Mars sei »einfach loop). Und sie bei Bedarf untertun- Nachdem er sich intern nicht hatte
nur crazy«. neln (Boring Company). Wir können durchsetzen können, ging er an die
Doch weil Elon Musk schon mehr- uns Computerchips ins Gehirn im- Öffentlichkeit. Die Trinkwasserver-
fach anscheinend Unmögliches mög- plantieren, um gegen die drohende sorgung, kritisierte er in einem Bei-
lich gemacht hat, genießt er inzwi- Überlegenheit der Maschinen anzu- trag des ZDF-Magazins »Frontal«,
schen eine umfassende Narrenfrei- kommen (Neuralink). Und wenn alles werde »geopfert auf dem Gabentisch
heit. Er kann mittlerweile die ver- SpaceX schiefgeht auf Erden, flüchten wir halt der Wirtschaftspolitik«. Das Inter-
rücktesten Dinge vorschlagen und mit Raketen zum Mars oder in ein view machte ihn über Nacht zum Hel-
wird damit ernst genommen. Kritiker, anderes Sonnensystem (SpaceX). den der Tesla-Kritiker – und zum
die in Musks grandiosen Visionen vor Das Problem ist nur: Stimmt diese Sündenbock der E-Auto-Fans. Musk
allem Blendwerk sehen, sind selten 9500 Erzählung? Ist das so simpel: Welt- twitterte knapp: »Wow, Shame on
Mitarbeiter
geworden. 2020 rettung, designed by Elon Musk? ZDF Info«, der Sender solle sich
Jarrett Walker ist einer davon. Der André Bähler hat mit Musk einiges ­schämen.
Experte für öffentlichen Verkehr hält gemein. Er ist Ingenieur und glaubt Dabei ist Bähler alles andere als
manche Ideen Musks für perfekte daran, dass sich die großen Probleme ein Querulant. Seine Vita bietet we-
Beispiele von »Elite-Projektion«: 1,2 der Welt technologisch lösen lassen. nig Rebellisches. Aufgewachsen ist er
Mrd. Dollar*
»Das sind Konzepte, die einer wohl- Umsatz Schon vor Jahren hat der Wasserver- ganz in der Nähe seiner heutigen Wir-
habenden und einflussreichen Elite 2020 band Strausberg-Erkner, den Bähler kungsstätte, in Frankfurt (Oder).
attraktiv erscheinen, weshalb diese leitet, seine Fahrzeugflotte auf E- Nach dem Umwelttechnikstudium in
Leute glauben, sie seien gut für die Autos umgestellt. »Wir müssen den Cottbus arbeitete er zunächst als Bau-
ganze Gesellschaft.« Musks Idee nachfolgenden Generationen eine leiter in einer Rohrleitungsfirma und
etwa, mit der Boring Company Tun- 1700 intakte, lebenswerte Natur hinterlas- in einem Ingenieurbüro. Heute ist er
nel unter Städten zu bauen, in denen »Starlink«- sen«, sagt Bähler. Das klingt fast wie Verbandsvorsteher und fühlt sich der
Autos auf Schienenfahrzeuge geladen Satelliten ein Satz aus Teslas »Mission State- »Daseinsvorsorge« verpflichtet, wie
im Orbit**
und dann mit großer Geschwindigkeit ment«. Und doch hat sich Bähler zu er oft betont.
und mit möglichst wenigen Stopps
von A nach B gebracht werden, be-
40.000 einem der größten Herausforderer
entwickelt, die Musk in Deutschland
Bähler ist kein Tesla-Gegner, im
Gegenteil. Der Ingenieur lobt Musks
insgesamt
trachtet Walker als völlig abwegig: geplant hat. technische Errungenschaften, ebenso
»Es löst kein einziges Problem des Im Herbst 2019 kündigte Musk an, den konstruktiven Austausch mit sei-
urbanen Transports.« Und elektrische eine Großfabrik in Grünheide zu er- nen Statthaltern vor Ort. Doch weder
Fahrzeuge mögen gut sein für die Um- richten – mitten im Trinkwasser- die Region noch ihre Behörden seien
weltbilanz, aber sie helfen nicht da- * geschätzt; schutzgebiet. Auf dem rund 300 Hek- auf die Auto- und Batteriefabrik und
gegen, dass es in Städten keinen Platz ** Stand: Oktober
Quellen: spacexstats.xyz,
tar großen Grundstück sollen dort in ihren großen Wasserbedarf vorberei-
gibt für all die Autos. Als Walker ein- SpaceX, Trefis der ersten Ausbaustufe zunächst tet. Musks Gigafabrik, rechnet Bähler
mal eine Musk-kritische Bemerkung 100 000 E-Autos vom Band rollen, vor, würde 1,4 Millionen Kubikmeter

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Wasser pro Jahr benötigen, allein in sen nicht zum Tempo eines risiko­ Einigen der gut 1000 Roboter und
der ersten Ausbaustufe. Diese Menge freudigen amerikanischen Großkon- Montagemaschinen in der Fabrikhal-
könne sein Verband gerade noch lie- zerns.« le in Fremont hat Musk die Namen
fern. Später werde Teslas Bedarf je- bekannter Comicfiguren verliehen.
doch auf 3,6 Millionen Kubikmeter 4. Der gefährliche Personenkult, ei­ne Sie heißen Iceman, Thunderbird oder
ansteigen. Das entspräche dem jähr- Roboterarmee und warum Musk Cyclops, Geschöpfe aus der Comic-
lichen Trinkwasserbedarf von min- beim autonomen Fahren falschliegen Reihe »X-Men«. In dem Epos kämp-
destens 100 000 Menschen. Da sein ­könnte fen Hightechmutanten mit Menschen
Verband schon heute 170 000 Men- Musk sagt über Musk, die Leute wür- um die Weltherrschaft. Die Namen
schen versorgen muss, aber kaum den nicht verstehen, wie er seine Zeit dieser Superhelden stehen auf Käfi-
Reserven hat, drohe »eine Mangel- verbringe, was er eigentlich tue. »Sie gen aus Plexiglas, in denen die aus-
situation in bislang nie da gewesenem denken, ich sei eine Art Geschäfts- ladenden Greifarme ihre Arbeit ver-
Umfang«. mann oder so was.« Er aber sei in richten. Musk träumt von Fabrikhal-
Trinkwasserreserven? Schmutz- Wahrheit: ein Ingenieur. Er beschäf- len, in denen hochintelligente, digital
wasseraufbereitung? Das sind büro- tige sich mit »Hardcore-Enginee- vernetzte Robotersysteme im Sekun-
kratische Beamtenbegriffe, die für ring«, mit elektronischen, digitalen dentempo Fahrzeuge ausspucken. Er
Musk offenbar nur klingen wie lästi- oder raumfahrttechnischen Erfindun- spricht gern von der »machine that
ge Störgeräusche aus der Provinz. gen. »Ich entwerfe Dinge«, sagt Elon makes the machine«: die Maschine,
Bei einem Baustellenbesuch in Musk. Und er wolle »Dinge bauen, die Maschinen baut und damit die
Grünheide Mitte August lachte er die die Leute lieben«. Effizienz um ein Vielfaches steigert.
schallend los, als eine Reporterin ihn Die vielen Firmen, die er gegrün- Sein Faible für Roboter und künst-
nach dem drohenden Wassermangel det oder übernommen hat, drohen liche Intelligenz fand sich auch in den
fragte. »Diese Region hat so viel manchmal fast zu verschwinden hin- Modellen wieder. Musk gelang es, die
­Wasser«, erklärte Musk glucksend, ter seiner öffentlichen Person. Es gibt Autos in rollende Computer zu ver-
»schauen Sie sich um.« Die Angaben nicht viele Unternehmen, deren wandeln, die teilautonom fahren kön-
des lokalen Wasserversorgers seien CEOs bekannter sind als der Marken- nen und sich wie Smartphones up-
»komplett falsch« und »lächerlich«, name. Musk ist Tesla, er ist SpaceX, daten lassen. Die Vernetzung mit dem
so der Tesla-Chef: »Kommt Ihnen das und all die anderen ist er auch. Internet schafft Tesla bis heute besser
hier wie eine Wüste vor?« Verglichen Seit 2006 setzte Musk bei Tesla als die meisten Wettbewerber.
mit Nevada, wo Musk seine erste gro- vor allem eine Person in Szene: sich Die menschlichen Mitarbeiter in
ße Batteriefabrik erbaut hat, mag selbst. Zuvor war er noch Großinves- Fremont werden derweil auf großen
Brandenburg tatsächlich wie eine tor und Chairman, als Vorstandsboss Hinweisschildern an ihre Pflichten er-
Oase wirken. amtierte Mitgründer Martin Eber- innert. Exzellenz sei keine Handlung,
Vielen Anwohnern und Umwelt- hard. Musk schien sich zunächst eher sondern eine Haltung (»Excellence is
verbänden geht der Bau des Tesla- für SpaceX zu interessieren, bei Tesla not an act, it’s a habit«). Aufgabe der
Werks viel zu schnell. Sie fürchten, ließ er sich nur ab und zu blicken. Das Mitarbeiter sei es, die Zukunft zu er-
die Naturidylle aus Seen, Wäldern änderte sich schlagartig mit dem Start schaffen (»Building the Future«). Das
und Vogelschutzgebieten könnte ge- Teslas des ersten Modells, dem E-Sport­ erinnert ein wenig an die erzieheri-
fährdet werden – ausgerechnet von Gigawerke wagen Roadster. Über Nacht wurde schen Appelle, wie man sie aus sozia-
einem Unternehmen, das der Welt Tesla berühmt. Und Musk wollte listischen Regimes kennt. Musks Groß-
Nachhaltigkeit und saubere Mobilität nicht länger im Schatten seines Füh- fabrik verdeutlicht die Eigenschaften,
verspricht. Musk sieht das freilich rungsteams stehen. die ihn als Unternehmer auszeichnen:
Sparks
­anders. »Ich glaube an Geschwindig- USA Einer, der in dieser Zeit sehr nah Wagemut und radikales Effizienzstre-
keit«, sagt er. Je schneller das Werk Produkt: an allem dran war, ist Mike Harrigan. ben. Die Kombination aus beidem hat
fertiggebaut sei, behauptet er, desto Batterien »Elon realisierte, dass das Unterneh- ihm beispiellose Erfolge beschert, aber
stärker profitiere das Klima. Dabei men viel Aufmerksamkeit bekam, auch große Probleme.
zeigt sich erneut, wie rigoros Musk und er wollte sichtbarer werden«, Seine Roboterarmee kam viel
seine Interessen durchsetzt. Austin sagt Harrigan, der bei Tesla damals langsamer in Fahrt als erhofft, Tau-
Den Tesla-Chef stört, dass er bis USA für Marketing und Kundenservice zu- sende Arbeiter gingen dafür an den
heute keine endgültige behördliche Pkw ständig war, per Zoom. Musk habe Rand ihrer physischen Belastbarkeit.
im Bau
Erlaubnis für sein Milliardenprojekt ihm den Auftrag erteilt, ihn bekannter Mitarbeiter hätten teilweise Zwölf-
hat. Seine Bautrupps arbeiten allein zu machen – verbunden mit einem Stunden-Schichten schieben und im
auf Basis vorzeitiger Zulassungen, ein unmissverständlichen Hinweis: Auto schlafen müssen, um am nächs-
Buffalo
gewaltiges Risiko: Noch bis Mitte USA »Wenn du das nicht hinkriegst, wer- ten Tag wieder rechtzeitig präsent zu
­Oktober können Anwohner und Um- Solarmodule den wir jemand anderen dafür fin- sein, berichten Beteiligte. Es entstand
weltverbände Einwände gegen die den.« Das war der Beginn des Auf- ein Chaos, das Musk selbst als »Pro-
Gigafactory online einreichen, da- stiegs von Elon Musk zur Weltmarke. duktionshölle« bezeichnete.
nach soll die Entscheidung über eine Shanghai Musk habe es geliebt, Auszeich- Am Ende brachten nicht Maschi-
endgültige Genehmigung fallen. China nungen anzunehmen, so Harrigan. Er nen, sondern menschliche Ingenieure
Überwiegen die Bedenken, müsste er Pkw traf den ehemaligen Sowjetführer Mi- die Linien ordentlich ins Laufen. Sie
die modernen Werkshallen am Ende chail Gorbatschow, als dessen Non- entfernten ein viel zu kompliziertes
theoretisch wieder abreißen. Zumin- Profit-Organisation Green Cross Fördersystem für Einzelteile, das je-
dest aber wird Musk wohl strengere Grünheide International Tesla einen Preis ver- nen auf Flughäfen ähnelte. Und über-
Auflagen befolgen müssen, auch beim Deutschland leihen wollte. Zu den ersten Käufern trugen wichtige Kernaufgaben, etwa
Pkw
Wasserschutz. (Batterien des Roadsters zählten Hollywood- in der Endmontage, wieder an Me-
»Hier treffen zwei Weltanschau- geplant) stars wie George Clooney. chaniker und Techniker. Musk, so
ungen aufeinander«, sagt er. »Die im Bau Auch in der Tesla-Fabrik gibt es schien es, hatte zu viel Vertrauen in
Planungszyklen in Deutschland pas- Stars, aber es sind keine Menschen. robotisierte Abläufe, zu wenig in die

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tenzsystems »Full-Self-Driving« (FSD) hatte


1 Tesla da bereits an ausgewählte Kunden und
Mitarbeiter ausgerollt. Kundinnen und Kun-
den in den USA können es seit Ende Septem-
ber herunterladen, auch ein baldiger Markt-
start in Deutschland ist vorgesehen. Das
selbstfahrende Auto ist der logische Endpunkt
in Musks Machbarkeitsideologie, in der der
Mensch eher stört.
Doch seine eigenen Experten zweifelten
an den Versprechen ihres Chefs. Das beweist
ein Memo der kalifornischen Kontrollbehör-
de Department of Motor Vehicles (DMV) vom
März.
Musks Aussagen entsprächen nicht der
technischen Realität, sagte demnach ein zu-
ständiger Tesla-Ingenieur aus. Momentan sei
der Autohersteller nur in der Lage, ein Fahrer­
assistenzsystem des Levels 2 anzubieten. Das
bedeutet: Teslas können aktuell teilautoma-
tisch die Autobahnspur halten, bremsen und
beschleunigen. Auch hilft das System beim
Überholen. Allerdings trägt der Fahrer wei-
terhin die volle Verantwortung. Er muss über-
nehmen, sobald der Computer Fehler macht.
MUSK IN DEUTSCHLAND Auf diesem Stand sind auch Rivalen wie
BMW oder Daimler. Ob Tesla bis Jahresende
1 | Modell der Gigafactory in
Grünheide bei Berlin
tatsächlich Vollautonomie auf Level 5 errei-
2 | Teilnehmer einer Protestaktion che, konnten die Ingenieure laut DMV-Memo
gegen den Bau der nicht bestätigen. Tesla sei bewusst, so schreibt
Tesla-Fabrik Grünheide 2020 die Behörde, dass ein »öffentliches Missver-
ständnis der Grenzen dieser Technologie und
ihres Missbrauchs tragische Konsequenzen
haben kann«.
2
Seit dem Marktstart des »Autopiloten« im
Jahr 2016 geriet Tesla immer wieder mit Un-
fällen in die Schlagzeilen. Viele Fahrer glaub-
ten offenbar, die Hände vom Lenkrad nehmen
Menschen. Das klingt wie ein Echo aus seiner mehrere Jahre lang mit ihm zusammenge- und sich anderweitig beschäftigen zu können.
Kindheit, als er sich in Computerwelten flüch- arbeitet hat. Musk gilt als beratungsresistent, Seit 2016 hat die US-Verkehrssicherheitsbe-
tete, um den Menschen zu entkommen. er beansprucht für sich die alleinige Hoheit hörde NHTSA 33 Untersuchungen zu Tesla-
Die Arbeitsbedingungen im Werk stoßen über seine Außendarstellung. Auffällig ist Unfällen eingeleitet, bei denen elf Menschen
immer wieder auf heftige Kritik. Laut der auch, wie viele Spitzenkräfte der Tesla-Boss ums Leben gekommen sind. In allen Fällen
US-Arbeitsschutzorganisation Worksafe in den vergangenen Jahren verschlissen hat. besteht der Verdacht, dass das Fahrerassis-
übertrifft die Zahl der Arbeitsunfälle und Chefentwickler Doug Field und Antriebsleiter tenzsystem die Ursache gewesen sein könnte.
chronischen Erkrankungen den Branchen- Michael Schwekutsch liefen zu Apple über. Zudem hat die Behörde eine Sicherheitsunter-
durchschnitt deutlich. Arbeitnehmervertreter Ehemalige Mitstreiter führen außerdem Lucid suchung eingeleitet, weil zwölfmal Tesla-Mo-
berichten von einem gewerkschaftsfeindli- Motors, ein Elektroauto-Start-up, das als aus- delle mit Rettungsfahrzeugen crashten.
chen Klima und mäßiger Bezahlung. Die sichtsreicher Tesla-Herausforderer gilt. Im Dabei ist Teslas Ansatz in der Branche sehr
Fluktuation im Werk sei hoch. Tesla hat sol- Juni verabschiedete sich auch Jérôme Guillen, umstritten. Anders als konkurrierende An-
che Vorwürfe stets zurückgewiesen. Vor we- ein früherer Daimler-Manager, der zwischen- bieter wie die Ford-Tochter Argo AI oder die
nigen Tagen wurde nun bekannt, dass Tesla zeitlich das ganze Autogeschäft verantwortet Google-Schwester Waymo verzichtet Tesla
von einem US-Gericht zur Zahlung von mehr hatte. auf Lidar. Die teure Laserradartechnik ermög-
als 130 Millionen Dollar Schadensersatz an Die häufigen Wechsel werfen Fragen nach licht es Roboterautos, die gesamte Umgebung
einen ehemaligen Mitarbeiter verdonnert der Führungskultur bei Tesla auf. Ist das in einem 360-Grad-Winkel präzise abzutas-
wurde, weil die Firma den Mann ungenügend Unternehmen zu sehr auf Musk zugeschnit- ten. Musk hingegen setzt vor allem auf Ka-
vor rassistischen Diskriminierungen am ten? Traut sich überhaupt noch jemand, dem merasensoren. Lidar bezeichnet er als »teuer
Arbeitsplatz geschützt habe. Chef zu widersprechen? Dem Mann, der Zau- und unnötig«. Sein ehemaliger Mitstreiter
Nach Ausbruch der Pandemie im vergan- derer verachtet und alles umsetzen will, was Sterling Anderson sieht das anders. Als
genen Jahr erweckte Musk den Eindruck, sich physikalisch möglich ist? ­früherer Chef des autonomen Fahrens bei
mehr um die Einhaltung seiner Produktions- Ein Vorfall aus diesem Frühjahr zeigt, wie Tesla hat er einst geholfen, den »Autopiloten«
ziele als um die Gesundheit seiner Mitarbeiter schwer sich Teslas Ingenieure teils mit den auszurollen. Heute sagt er, dass jeder, der
dpa; Christian Ditsch / IMAGO

zu sorgen. Die »Coronavirus-Panik« bezeich- ehrgeizigen Vorgaben ihres Bosses tun. Vor ­etwas von der Technologie verstehe, Lidar
nete er auf seinem Lieblingskanal Twitter als allem, wenn es dabei um die Sicherheit der verwende.
»dumm«, Schließungsmaßnahmen der kali- Insassen geht. Womöglich ist Musks und Teslas größtes
fornischen Behörden gar als »faschistisch«. Zu Jahresbeginn verkündete Musk, bis Risiko: er selbst. Musk hat das ganze Unter-
Der Tesla-Boss könne alles verändern – Ende 2021 werde es komplett selbstfahrende nehmen auf sich zugeschnitten und die Mar-
außer sich selbst, sagt ein Topingenieur, der Autos geben. Eine Betaversion des Fahrassis- ke über seine Person aufgeladen. Das Wohl

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des ganzen Konzerns hängt damit an Einflussreiche ist ruppig, laut und manchmal schräg, Doch Musks Netzwerk ist inzwi-
seiner Popularität, und – je mehr Füh- Weggefährten er kümmert sich wenig darum, was schen längst weit über die unmittel-
rungskräfte gehen – auch an seiner die Öffentlichkeit denkt. Hinter die- bare Verwandtschaft hinaus eine
Expertise. Die Emanzipation vom ser Fassade verschwindet der Mensch treibende Kraft im Silicon Valley.
übermächtigen Boss und Mitgründer Musk. Zahlreiche ehemalige Tesla-Manager
wird damit immer schwieriger. Im Leider spricht Musk trotz seiner gehören zu einer ständig größer wer-
Sommer 2019 verließ Musks treuester Allgegenwart nur dann, wenn er denden Gruppe von früheren Weg-
Wegbegleiter Tesla: Mitgründer Jeff- selbst will. Interviewanfragen der gefährten Musks, die neue Unter­
rey Brian Straubel, 15 Jahre lang Presse, auch des SPIEGEL, bleiben un- nehmen gründen und finanzieren.
Chefentwickler, wollte lieber ein neu- beantwortet, respektive man kann sie Sie bilden ein engmaschiges Bezie-
es Start-up gründen. Musk sei groß- seit vergangenem Jahr nicht mal mehr hungsgeflecht von Ehemaligen, die
artig als Innovator und Führungsper- irgendwo hinschicken: Musk hat sei- Kapital, Kontakte und Know-how
son, sagte Straubel am Rande eines ne ohnehin sehr schlanke PR-Abtei- zusammenbringen.
SPIEGEL-Interviews über seine neue J. B. Straubel, lung aufgelöst. Es gibt keine Presse- Es sind Männer – nur Männer –,
Ex-Tesla-
Firma Redwood Materials. Aber auf Chefentwickler stelle. Wenn der Weltenretter irgend- die die E-Auto-Entwicklung und Bat-
Dauer müsse es innovativen Unter- wo auftreten will, wie bei »Saturday terietechnologien vorantreiben. Zu
nehmen wie Tesla oder Apple gelin- Night Live« oder bei Joe Rogan, lädt ihnen gehören nicht nur frühere
gen, eigenständig zu funktionieren. er sich mutmaßlich selbst ein. Es ist ­Tesla-Spitzenkräfte wie Aurora-Mit-
»Erfolg­reiche Führungspersonen er- eine Kommunikationsmethode, die gründer Sterling Anderson, Redwood-
schaffen eine Firmenkultur, die sie an die von Donald Trump erinnert, Materials-Gründer J. B. Straubel, der
selbst überlebt«, sagt Straubel. als er noch Präsident und auf Twitter auch im Verwaltungsrat des kaliforni-
»Ideen, Produkte und die Mission war. Man kann nur die Leute fragen, schen Festkörperakku-Spezialisten
sind wichtiger als das Individuum.« die nah an ihm dran sind, wie seine QuantumScape sitzt, oder Henrik Fis-
Mutter Maye oder seinen Onkel Scott ker, der Verwaltungsratsmitglied des
5. Ein redseliger Onkel, das große Haldeman. kanadischen Kobalt-Unternehmens
Schweigen und immer noch die Frage: Der hat ein Problem, ein genea- First Cobalt ist. Der frühere Chefent-
Wie tickt Elon Musk? Peter Thiel, logisches, er kann nämlich den ersten wickler Peter Rawlinson ist Chef des
PayPal-Mitgründer
Bei seinen öffentlichen Auftritten Haldeman nicht finden. Den Urahn unweit von Tesla beheimateten nord-
kommt Musk rüber als cooler Nerd, von Musk, den ersten, der nach Ame- kalifornischen E
­ -Auto-Start-ups Lucid
als großer Junge, der über seine eige- rika auswanderte, hat er lange ge- Motors. Einer der ersten Tesla-Bat­
nen Einfälle staunt. Musk ist ein Vi- sucht. Haldeman, 78, ein Bruder von terieexperten, Gene Berdichevsky,
sionär zum Anfassen, zumindest Maye Musk, Mediziner und Kory- startete nahe San Francisco den Bat-
scheint es so. Er ist kein unzugängli- phäe für Wirbelsäulenforschung, lebt teriematerial-Spezialisten Sila Nano-
cher, geheimnisumwitterter, übersou- in Südkalifornien und interessiert sich technologies.
veräner Guru, wie Steve Jobs es war, sehr für die Familiengeschichte. »Es Musk ist auch Teil eines weiteren
der mit Apple unser digitales Leben gab Haldemans auf beiden Seiten im Old Boys’ Club, der (manchmal tat-
mit Sehnsuchtsprodukten neu konfi- amerikanischen Bürgerkrieg«, sagt er sächlich sogenannten) »PayPal Ma-
gurierte, mit Luxus für die Massen, am Telefon mit rostiger Stimme. fia«. Im Zentrum dieser Gruppe ste-
und der dabei möglichst wenige Wor- Peter Rawlinson, Doch vom ersten Haldeman, der ver- hen die drei Gründer des Internet­
te verlor. Er ist kein heimlicher Er- Modell-S-Mit­ mutlich »Haldimann« hieß und aus bezahldienstes: Musk sowie der Groß-
oberer wie Jeff Bezos, der mit Ama- entwickler, heute der Schweiz herzog, wo der Name investor, Milliardär und libertäre
Lucid-Motors-Chef
zon schleichend immer neue Bereiche noch heute verbreitet ist, konnte Scott Demokratieverächter Peter Thiel und
der gesellschaftlichen Infrastruktur Haldeman keine Spuren entdecken. Max Levchin, der nach PayPal Firmen
unterwandert und übernimmt, bis wir Der Clan, zumindest die Cousins wie das Bewertungsportal Yelp mit-
als Kunden fast vollständig in seinem und Geschwister von Maye Musk, gründete.
Netz gefangen sind. treffe sich einigermaßen regelmäßig Bei den jährlichen Musk-Familien-

Max Whittaker; John Lamparski / Getty Images; Andrew Kelly / REUTERS; Drew Angerer / Getty Images
Musk versteckt sich nicht, im einmal im Jahr, sagt Haldeman. Man treffen, von denen Scott Haldeman
Gegenteil, er spricht fast ununterbro- kommt für ein Wochenende zusam- erzählt, sind all diese Leute nicht da-
chen zum Weltpublikum, macht sich men, in einem Hotel irgendwo auf bei, dafür Musks zahlreiche Söhne
nicht rar, ist omnipräsent. Wie ein der Welt, mal in Costa Rica, mal in und die anderen Kindeskinder des
Kumpel, mit dem man bei Bedarf Tag Spanien, mal in Kalifornien. Es gebe Clans. Haldeman kann sie schwer aus-
und Nacht chatten kann, was natür- etwa zehn Cousins, sagt Haldeman, einanderhalten: »Elon hat ja fünf
Reid Hoffman,
lich eine Illusion ist. Meist äußert er Mitglied der die meisten sind Unternehmer, »und Jungs oder sechs inzwischen, aber ich
sich über seine Tweets, oft aber auch sogenannten dann wird den ganzen Tag über Busi- kann mir leider ihre Namen nicht mer-
mit Auftritten bei Produktpräsenta- PayPal-Mafia, ness und Innovation und Strategien ken.« Beim jüngsten Spross, dem ge-
tionen, bei Clubhouse, auf YouTube LinkedIn-Mit­ diskutiert«. meinsamen Kind von Elon Musk und
gründer
oder wie vor ein paar Monaten als Elons Bruder Kimbal, 49, betreibt seiner aktuellen Partnerin, der kana-
Gastmoderator der amerikanischen heute eine vegane Restaurantkette dischen Musikerin Grimes, ist das
Comedy-TV-Sendung »Saturday und sitzt außerdem im Tesla-Auf- auch nicht so einfach: Das Kind, 2020
Night Live«. Als er dort auf der Büh- sichtsrat. Tosca Musk, 47, ist Film- geboren, hört bekanntlich auf den Na-
ne nebenbei offenbarte, vom Asper- produzentin und hat die Filmroman- men »X AE A-XII«; die korrekte Aus-
ger-Syndrom betroffen zu sein, über- zen-Streaming-Plattform Passionflix sprache ist umstritten – offenbar sogar
raschte das niemanden wirklich. gegründet. Lyndon und Peter Rive, unter den Eltern. Die älteren, aus der
Doch die Frage, wem der Unter- Söhne von Maye Musks Zwillings- ersten Ehe mit Justine Musk stam-
nehmenslenker und Großkapitalist schwester Kaye, haben zusammen menden Kinder heißen Xavier, Griffin,
und zeitweilig reichste Mensch der Elon Musks Solarfirma SolarCity ge- Damian, Saxon und Kai. Dazwischen
Welt eigentlich vertraut, wie er so lebt leitet, bis diese 2016 in Tesla inte­ war Musk noch kurzfristig zweimal
und tickt, bleibt unbeantwortet. Er griert wurde. Familienbande. mit der britischen Schauspielerin

16 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


TITEL
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Und diese Fragen werden zum Glück ge- ]³Îç½áá�ĘČü¹½�æÑü�Þá¥ü��¹¥ĀĀ�ѳÎ�¹¥Ā�ÎÑçć½ǜ


Āć½ááć���ėíç�;Ñç¹½üç�Čç¹��üĘ¥³ÎĀ½ç½ç˙�Dí³Î� fragen und ein Vorbild für andere Menschen
çѽ�ĘČü¹½�²½Ñ�'ííÉá½�½ćĘ¥�Āí�íř��祳Î�¹½ç� sein möchte – genau das Vorbild, das ich mir
cνæ½ç�sѽáÈ¥áć�Čç¹��Ñė½üĀÑć©ć�ɽĀČ³Îć�Ęѽ� ÈüĐνü�Ā½á²Āć�ɽĘĐçĀ³Îć�ΩŞ�½˙��ç¹½üĀĀ½Ñç�
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¹¥Ā�½ü�ĀѳÎ�Ā½á²Āć�ɽĘĐçĀ³Îć�ΩŞ�½˙ Nummer eins ist, ist ein Stich ins Herz und
völlig inakzeptabel.
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Als Entertainer und Aktivist versuche ich
Unterhaltung und Engagement jeden Tag tѽ�¥áá½�;ČçĀćĀ³Î¥Ō�½ç¹½ç�Āć½áá½�ѳÎ�æÑü�ç¥̀ Riccardo Simonetti, Entertainer & LGBTQI+
bestmöglich zu verbinden. Für mich ist es ćĐüáѳÎ�²½Ñ�¥áá½æ��Ę¥Ā�ѳÎ�ćČ½��¹Ñ½�&ü¥É½��í²� Sonderbotschafter des Europäischen
eine Herzensangelegenheit, Menschen auf ѳÎ�¹¥Ā�ĘÑüÞáѳÎ�ćČç�æñ³Îć½���í¹½ü�ѳÎ�æÑü� Parlaments, setzt sich für mehr Toleranz ein
Čçć½üÎ¥áćĀ¥æ½��Ŝ��Čç¹�t½ÑĀ½��ČÉ¥çÉ�ģČ�cν̀ ėѽáá½Ñ³Îć�Ñç�½Ñç½æ�Cíæ½çć�½ÑçÈ¥³Î�¹½ç��ù̀
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sich Verletzlichkeit einzugestehen – das
ĀíçĀć�ėѽáá½Ñ³Îć�É¥ü�çѳÎć�íŌ�½ç�Ę©ü½ç˙��¥�ѳÎ� ²½Ñ�ĀѳÎ�Ā½á²Āć�ģČ�²á½Ñ²½ç˙�C½Ñç½��íææČçÑ̀
macht authentisch und menschlich.
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fach. Schon mit vier stand ich auf der Bühne �¥Ā�²Ñç�ѳÎ�¥²½ü�É¥ü�çѳÎć�Čç¹�ç¥ćĐüáѳÎ�ė½ǜ ]³ÎáѽĆáѳÎ�νáȽç�&ü¥É½ç�¹¥²½Ñ��]³ÎČ²á¥̀
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Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 17


TITEL

1 2
DIE GROSSE ELON-MUSK-SHOW

1 | Ein Privatanwesen Musks


südlich von San Francisco stand für
37,5 Millionen Dollar zum Verkauf
2 | Auftritt in der US-Comedyshow
»Saturday Night Live« 2021
3 | Mit Partnerin Grimes in New
York 2018
4 | Bei der Präsentation des Tesla-
Modells 3, Fremont 2017

3
4

­ alulah Riley verheiratet. Der Mann scheint


T Manchmal wird Musk in Boca Chica Vil- Twitter-Fans und Teslaratis, sie staunen ehr-

Planet Photos / ddp images; SNL / NBC / Ferarri Press / ddp images; Kevin Mazur / Getty Images; Andrej Sokolow / picture alliance / dpa
auch Eheschließungen wie Start-ups anzu- lage gesichtet, dem SpaceX-Testgelände nahe fürchtig und fühlen sich bestens unterhalten
gehen: schnell gründen, und wenn’s läuft, der texanisch-mexikanischen Grenze. Nach- von der großen, globalen, ja interplanetaren
schnell skalieren, bei Nichterfolg schnell wie- barn zufolge wohnt der umtriebige Entre- Musk-Science-Fiction-Show. Sieht man sei-
der dichtmachen. Von seiner aktuellen Part- preneur zeitweise in einem bescheidenen nem Wirken zu, ist es manchmal, als würde
nerin, Grimes, sagte Musk kürzlich, sei er Haus im Ranchstil. SpaceX kaufte das Haus man die Geschichte im Schnelldurchlauf be-
inzwischen »halb getrennt« – was immer das 2019. Manchmal sehe man Musk mit zwei obachten, »Sprunginnovation« heißt so was
heißen mag. Männern durch die Gegend bummeln, die im Jargon der Wirtschaftsförderung, und na-
Wie aber wohnt und lebt ein Außerirdischer wohl zu seiner Personenschutzgruppe gehö- türlich weiß man dabei oft nicht, wo man lan-
auf Erden? Musk verbreitet gern das Image ren, mutmaßen die Nachbarn. den wird. Musks Elan ist jedenfalls ungebro-
eines Nomaden. Im Mai vergangenen Jahres Musk mag 85 bis 100 Stunden die Woche chen. Aber brauchen wir wirklich den elekt-
verkündete er, dass er »fast alle materiellen arbeiten, nie Urlaub machen und demzufolge rischen Privatwagen für alle? Sollten wir nicht
Güter« verkaufen werde, er werde »kein Haus wenig Zeit für Familie und ein Privatleben besser mit derselben Begeisterung den öffent-
mehr besitzen«. Seitdem hat er sein Immobi- haben – aber nichts hasst er mehr, als allein lichen Verkehr neu denken? Und was, zum
lienportfolio verschlankt. Von seinen sieben zu sein. Allein in einem großen Haus, niemand Teufel, sollen wir auf dem Mars?
auf Immobilienplattformen geposteten Ob- auf dem Kissen neben ihm – das sei nichts für Andererseits hat er alles das, was den
jekten im Gesamtwert von 137 Millionen Dol- ihn, gestand er einmal einem Journalisten des Deutschen oft fehlt, im Übermaß: Risikofreu-
lar konnte er bis Ende vergangenen Jahres vier »Rolling Stone«. Um sein Superheldenleben de, Zukunftsglaube, Optimismus – auch den
verkaufen. zu meistern, pflegt er eine strikte Effizienz. Mut, mal anzuecken. Einfach mal machen,
Ohnehin hat sich der Südafrikaner mit dem Seinen Kalender teilt Musk in Fünf-Minuten- hierzulande meist nur wohlfeile Phrase, ist
US-Pass im vergangenen Jahr von seinem Blöcke ein. Er gilt als Meister des Multitasking. sein Lebensprogramm.
Wahlbundesstaat Kalifornien losgesagt, weil In Konferenzen ist er zugleich auf dem Handy Für ein Fazit zu Elon Musk ist es ein paar
dieser zu »selbstgefällig« geworden sei. Musk zugange, und wenn er mit seinen Söhnen zu- Jahrzehnte zu früh. Sein Werk ist erst im Ent-
ist nach Texas übergesiedelt, einem US-Bun- sammen ist, arbeitet er parallel E-Mails ab. stehen begriffen, der Mann ist gerade mal 50
desstaat, der praktischerweise keine private »Batching« nennt Musk das, ein Begriff aus und kein bisschen müde. Nur Scott Halde-
Einkommensteuer oder Kapitalertragsteuer der Programmierwelt, der so viel wie »stapel- man, sein Onkel, hat sich schon eine Meinung
erhebt. Laut Bloomberg hat Musk auch seine weise verarbeiten« heißt. Seine Söhne schlep- gebildet. Wenn er, der Arzt, sich mit seinem
private Stiftung The Musk Foundation von pe er häufiger zu Anlässen mit. Sie seien aber, Neffen Elon vergleichen will, dann sagt er:
Kalifornien in die texanische Stadt Austin ver- so Musk, »auffallend unbeeindruckt« von »Ich kümmere mich um Menschen. Er küm-
legt, aber bisher ist nicht bekannt, ob er tat- Papas vielen Unternehmungen. Alle anderen mert sich um die Menschheit.«
sächlich in Texas wohnt. aber, die Politik und die Öffentlichkeit, seine Simon Hage, Helene Laube, Guido Mingels n

18 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Rober t Michael / Zentralbild / dpa


Ein Schatz im Erzgebirge wartet darauf, gehoben zu werden: 125 000 Tonnen Lithium könnten unter dem Ort Zinnwald unmittelbar am Kamm des
Erzgebirges an der deutsch-tschechischen Grenze im Untergrund ruhen – laut Sächsischem Oberbergamt eines der größten Vorkommen in Europa.
Am Montag ließ sich Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) im Besucherbergwerk »Vereinigt Zwitterfeld zu Zinnwald« zeigen, wo das
Unternehmen Deutsche Lithium demnächst den weltweit begehrten Rohstoff abbauen will. Gebraucht wird Lithium unter anderem für die Akkus
von E-Autos. Wie passend: Dieses Jahr könnte etwa jedes vierte in Europa gebaute E-Mobil aus Sachsen stammen.

Zapfenstreich mit Rechtsextremisten


BUNDESWEHR  Bei Staatsbesuchen stellt das Wachbataillon den protokollarischen
Ehrendienst, doch es häufen sich Meldungen über unehrenhafte Umtriebe in dem Vorzeigeverband.

A usgerechnet in einem Vorzeigeverband der Bundeswehr,


dem Wachbataillon, gibt es offenbar ein gravierendes Hal­
tungsproblem. Interne Ermittler der Truppe recherchieren
aktuell eine Häufung von Meldungen über rechtsextreme Umtrie­
eine neue Meldung mit Vorwürfen gegen sieben weitere Soldaten
des Wachbataillons hinzu. Das Ministerium betrachtet die Häu­
fung der Vorfälle in dem Verband, der öffentlich sehr präsent und
damit eine Art Aushängeschild der Bundeswehr ist, mit großer
be. Weitere Ermittlungen zielen auf mögliche Verstöße gegen die Sorge. Derzeit befragen interne Ermittler sowohl die betroffenen
sexuelle Selbstbestimmung. Der Verband stellt den protokolla­ Soldaten als auch mögliche Zeugen und prüfen dabei, ob die
rischen Ehrendienst bei offiziellen Besuchen ausländischer Staats­ ­Vorwürfe nicht nur disziplinarisch, sondern auch strafrechtlich
gäste und bei den feierlichen Zapfenstreichen der Bundeswehr. ­relevant sind.
Allein in den vergangenen zweieinhalb Monaten gingen im Ver­ Ein Sprecher von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-
teidigungsministerium nun gleich sieben Meldungen über mögliche Karrenbauer (CDU) wollte sich wegen der noch laufenden Ermitt­
ähnliche Dienstvergehen im Wachbataillon ein. Die meisten be­ lungen nicht zu Details der Vorfälle im Wachbataillon äußern; es
treffen die zweite Kompanie des recht kleinen Verbands von rund gelte, die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren. Grund­
1000 Soldatinnen und Soldaten. In vier Fällen waren Soldaten sätzlich aber gehe man jedem Verdachtsfall entschieden nach, jegli­
­wegen rechtsextremer Äußerungen oder dem Tragen von einschlä­ che Form von Extremismus in der Truppe sei nicht akzeptabel, so
giger Kleidung in ihrer Freizeit aufgefallen. In dieser Woche kam das Ministerium. MGB

20 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


Misstrauische so negativ auf die Impfquote
DIE GEGENDARSTELLUNG
aus wie in anderen Ländern.
Impfgegner
Sprengmeister Kühnert
Allerdings mochten viele Unge-
SOZIALFORSCHUNG   Die deut- impfte erst gar keine solchen
sche Corona-Impfkampagne Angaben, etwa über ihr Haus-
kommt auch deshalb nur schlep- haltseinkommen, machen. »Das
pend voran, weil viele Unge- kann für Misstrauen gegenüber Von Alexander Neubacher schwierig, aber wir werden
impfte kritisch gegenüber Staat wissenschaftlichen Erhebungen auch viel Spaß mit ihr haben.«
und Wissenschaft eingestellt
sind. Das ergaben neue For-
schungen des Münchner Max-
Planck-Instituts für Sozialrecht
ebenso sprechen wie auch
gegenüber staatlichen Maßnah-
men«, sagt Michael Bergmann,
Forscher am MPISOC. Er
S ollten Sie sich für Politik Er wird SPD-Vize.
interessieren, für Politik
in ihrer reinen, von
keinem Sachthema getrübten
Bei anderen Szenen fragt
man sich, warum Kühnert sich
das alles antut. Oft sieht man
und Sozialpolitik (MPISOC). plädiert dafür, Zauderer und Form, dann kann ich Ihnen ihn rauchen, tippen, genervt
Eine Gruppe von Wissenschaft- Impfgegner stärker persönlich eine Doku aus der ARD-Me- von schlechten News. Bei der
lern wertete die Daten einer anzusprechen, zum Beispiel diathek empfehlen. Sie heißt Verkündigung von Scholz’
europaweiten Sozialstudie aus, mit einem Brief, in dem man die »Kevin Kühnert und die SPD«, Kanzlerkandidatur wurde er
für die im Sommer 47 000 Men- Vorteile und die Grenzen der dauert dreieinhalb Stunden nicht eingebunden, sie er-
schen ab 50 Jahren telefonisch Impfung aufzeige: »Sinnvoll in sechs Folgen und handelt wischt ihn kalt. Eine Demüti-
befragt wurden. Ergebnis: könnte es sein, den solidari- vom Aufstieg des wohl begab- gung. Er sei »extrem ent-
Faktoren wie niedrige Bildung schen Effekt einer Immunisie- testen deutschen Nachwuchs- täuscht«. Der Stress im Wahl-
und niedriges Einkommen rung zu betonen, die das eigene politikers. Sie ist eine War- kampf setzt ihm zu, am Ende
wirken sich hierzulande nicht Umfeld schützen hilft.« FRI nung an alle, die glauben, das des Films ist er dünner als
Land werde demnächst von am Anfang. »Hab mir ’nen
einem starken Bundeskanzler Hörsturz letztes Wochenende
Teure Baustelle Ein Regierungsbericht für den Olaf Scholz und einer stabilen geholt, die Woche alles ab-
Haushaltsausschuss beziffert die SPD regiert. Zieh dich warm gesagt, mich jetzt nur hierhin-
NRW  Mit Armin Laschets Kosten auf mindestens 17,5 Mil- an, Genosse Olaf, hier kommt
Abschied als Ministerpräsident lionen Euro. Laut Staatskanzlei Alpha-Kevin mit seinem Er schärft Esken und
wird in Düsseldorf Kritik an würden die von ihr zu bezah- Sprengkommando.
seinem Umgang mit der Staats- lenden Maßnahmen »im Wege Über einen Zeitraum von
Walter-Borjans
kanzlei laut. 2017 entschied der Mietanpassung finanziert«, drei Jahren hat sich Kühnert ein, was sie sagen
er sich für den Umzug der Regie- sagt eine Sprecherin. Mitarbei- von den NDR-Filmemachern sollen. Er ist
rungszentrale in einen »bür-
gernahen und repräsentativen
ter der Staatskanzlei beklagen
indes, ihre Büros seien »dys-
Katharina Schiele und Lucas
Stratmann verkabeln und mit
eindeutig der Chef.
Amtssitz« (Laschet). Seither funktional«. Bei der Sanierung, der Kamera begleiten lassen, gequält«, erzählt er einer Par-
sitzt die Staatskanzlei als Mie- die bis Ende 2022 dauern soll, auch in internen Besprechun- teifreundin. Die antwortet
terin im Landeshaus, dessen sei in ihre Arbeitsplätze kaum gen. Kein deutscher Politiker mitleidlos, erinnert an eine
Eigentümer der Bau- und Lie- investiert worden. Laschet, der vor ihm hat sich das in dieser Verabredung: »Bist nur bei mir
genschaftsbetrieb NRW ist. Seit wohl bald sein Bundestagsman- Form getraut. Nach ihm, so im Plan drin.« Kühnert reißt
anderthalb Jahren wird dort um- dat antreten wird, hinterlasse meine Vermutung, wird es sich zusammen. Er gewinnt
gebaut, auch nach Laschets Vor- »Ernüchterung« und eine »teu- auch nicht viele geben. Sein seinen Wahlkreis Berlin-Tem-
stellungen: Der Kabinettssaal re Baustelle«. Laschet habe Auftritt ist ebenso faszinierend pelhof-Schöneberg und
wurde größer, Eingänge umge- mit dem Umzug sein »Geltungs- wie abschreckend. kommt in den Bundestag, im
staltet, Flure in Terrakotta und bedürfnis befriedigen« wollen, In einer Szene bereitet Windschatten eines Kanzler-
Taubenblau gestrichen, ein Auf- kritisiert der SPD-Landtags- Kühnert als Juso-Chef die von kandidaten, den er bekämpft
zug für Staatsgäste eingeplant. abgeordnete Stefan Zimkeit. LE ihm favorisierten Kandidaten hat. Damit endet der Film.
für den SPD-Vorsitz, Saskia Mit Kühnert sind 48 weite-
Esken und Norbert Walter- re Jusos in den Bundestag
Borjans, auf eine Rede vor. eingezogen, also hat er fast
»Ihr habt Lust drauf«, schärft ein Viertel der neuen SPD-
Nachgezählt er ihnen ein, »ihr habt Lust, Fraktion schon hinter sich.
Lust, Lust.« Esken schreibt Vielleicht nicht genug, um zu
Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung 2020 mit, Walter-Borjans nickt brav gestalten, aber fürs Scholz-
in Deutschland in Rente gegangen sind
und murmelt, was er sich mer- Quälen müsste es reichen.
ken soll. Kühnert ist eindeutig Einige in der SPD sagen, man
der Chef. Später erleben wir solle ihn zum Generalsekretär
43.369 29.249 ihn in prächtiger Stimmung,
als seine beiden Alten den
machen, um ihn einzubinden.
Andere halten das für naiv,
Frauen Männer Gegner Scholz aus dem Feld halten ihn für einen zweiten
geschlagen haben. Dann sieht Oskar Lafontaine. Ich glaube,
Kühnert Esken im Fernsehen. für Kühnert gibt es zwei Mög-
Das sind 42 % Zurückgelehnt im Stuhl lichkeiten. Entweder er jagt
aller Erwerbs- spricht er aus, was er von ihr die SPD in die Luft oder
minderungs- hält: »Es wird alles sehr er wird irgendwann Kanzler.
renten. 1993 lag
der Anteil der
72.618 Betroffene psychischen An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher
Erkrankungen und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
S Quellen: Bundesregierung, Deutsche Rentenversicherung bei 15 %.


Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 21


CHAPPATTES WELT Havanna in Berlin
GEHEIMDIENSTE  Die mysteriö-
sen Gesundheitsstörungen, an
denen weltweit US-Diplo­maten
und Mitarbeiter des
­Geheimdienstes CIA erkranken,
beschäftigen nun auch deutsche
Behörden. Nach SPIEGEL -­
Informationen hat das Berliner
Landeskriminalamt bereits im
August im Zusammenhang mit
dem sogenannten Havanna-
Syndrom ein Ermittlungsverfah-
ren wegen des Verdachts auf
­gefährliche Körperverletzung
gegen unbekannt eingeleitet.
Das bestätigte ein Polizeispre-
cher auf Anfrage. Hintergrund
waren akute Symptome bei
mehreren Angehörigen der US-
Botschaft in Berlin, die dem
Muster des Syndroms entspra-
chen. Das Phänomen war 2016
bekannt geworden, nachdem
Dutzende Diplomaten der US-
Vertretung in Havanna (Kuba)
über plötzlichen Schwindel,
Kopfschmerzen und seltsame
Geräusche im Ohr geklagt hat-
Besser in der Schule dabei berücksichtigt, ob sie die ­ utorinnen der Untersuchung:
A ten. Als wahrscheinlichste Ursa-
Staatsbürgerschaft erwerben »Liberalere Einbürgerungs­ che gelten Angriffe mit Mikro-
INTEGR ATION  Schulkinder mit konnten. Sie stellten fest, dass regeln könnten sich positiv aus- wellen. Die meisten der inzwi-
familiärer Migrations­geschichte, eingebürgerte Kinder seltener wirken – auf die betroffenen schen rund 200 weltweit be­
die in Deutschland eingebürgert sitzen blieben und häufiger die Kinder, aber auch auf Wirt- troffenen US-Diplomaten und
wurden, scheinen mehr Erfolg Oberstufe besuchten. Die Er- schaft und Gesellschaft.« Als CIA-Mitarbeiter waren mit
in der Schule zu ­haben als Mig- gebnisse deuteten auf einen mögliche Ursache für die besse- Russlandthemen betraut. US-­
rantenkinder ohne deutschen möglicherweise positiven Effekt ren Leistungen vermuten die Sicherheitskreise verdächtigen
Pass. Das geht aus einer bisher der Staatsbürgerschaft auf die Forscherinnen einen Motiva- daher den russischen Militärge-
unveröffentlichten Studie des schulische Integration hin – und tionsschub bei den eingebürger- heimdienst als Urheber. Grund-
RWI – Leibniz-Institut für Wirt- legten politische Schlussfolge- ten Kindern und Jugendlichen. lage der deutschen Ermittlungen
schaftsforschung in Essen her- rungen nahe, sagt Christina Eine weitere Erklärung könne soll Material sein, das die US-
vor, die dem SPIEGEL vorliegt. Gathmann, Leiterin der Arbeits- sein, dass Lehrkräfte die einge- Regierung nach einem Bericht
Die Forscherinnen hatten Daten markt-Abteilung am Luxem- bürgerten Kinder positiver be- des SPIEGEL über die Berliner
von mehr als 3000 Kindern und bourg Institute of Socio-Econo- werten als Gleichaltrige ohne Vorfälle den deutschen Behörden
Jugend­lichen ausgewertet und mic Research und eine der deutsche Staatsbürgerschaft. HIM übergeben hat. FIS, MGB, ROL, SRÖ

Ja, sie wollen


Geben Sie es zu: Sie haben auch die andere zu heiraten. In der auch mal drei Parteien ganz
den Überblick verloren. Ver- Politik ist das der Wahlkampf. doll lieb haben, unterschreiben
handeln SPD, Grüne und FDP Weiter im Leben, man steht sie einen Koalitionsvertrag.
jetzt schon über eine Koali­tion an der Bar und startet einen Früher nannte man das Verlo-
SO GESEHEN  Regie-
oder sondieren die noch – kleinen Flirt. Das sind die bung. Zur Hochzeit sind alle
rungsbildung nach den und was ist da überhaupt der ­ orsondierungen. Der Flirt war
V eingeladen, danach sollen sie
Gesetzen der Liebe Unterschied? Das versteht vielversprechend, aber kann für immer schweigen. Das ist
doch kein Mensch. Darum klä- man sich mit dieser Person die Kanzlerwahl im Parlament.
ren wir das jetzt ein für alle auch länger unterhalten? Das Der Priester gibt anschließend
Mal: Es ist wie in der Liebe. klärt sich beim ersten Date: der seinen Segen: die Ernennung
Etwa auf dem Schulhof: Da Sondierung. Das Date war durch den Bundespräsidenten.
wird geneckt und an Zöpfen schön, man sieht sich nun öfter, Und dann folgt die gemein-
­gezogen, man findet sich gegen- man zeigt sich jetzt auch öf- same Regierungszeit, jeden Tag,
seitig furchtbar doof. Manche fentlich als Paar. Das sind die Jahr um Jahr. Es ist ein stets
tauschen aber auch geheime Koalitionsverhandlungen. Eins glückliches und harmonisches
Botschaften aus. Denn ganz kommt zum anderen, und und rundum märchenhaftes
heimlich können sie sich doch wenn sich die beiden, oder ­Leben. Genau wie in der Ehe.
vorstellen, mal den einen oder heutzutage (ist ja nichts dabei) Stefan Kuzmany

22 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


Fehlende Zimmer ze eingetragen, in Berlin 4000,
in Frankfurt am Main 3000, in
HOCHSCHULEN  Vor einer kriti­ Heidelberg 2300. »Bund und
schen Wohnsituation für Stu- Länder haben viele zusätzliche
dierende warnt das Deutsche Studienplätze geschaffen, aber
Studentenwerk (DSW) mit Blick leider zu wenig Wohnheimplät-
auf das beginnende Winter- ze. Das rächt sich nun«, sagt
semester. In Hochschulstädten DSW-Generalsekretär Matthias
fehlten Zehntausende günstige Anbuhl und fordert eine Bund-
Wohnungen und Zimmer. Das Länder-Offensive für mehr
geht aus bisher unveröffent- bezahlbaren Wohnraum für
lichten Zahlen des DSW hervor, Studierende. Bisher bieten die

Frank Molter / DER SPIEGEL


die dem SPIEGEL vorliegen. Studentenwerke 196 000 Wohn-
Demnach haben sich in Mün- heimplätze an – das reicht für
chen 15 000 Studierende auf nicht einmal zehn Prozent der
Wartelisten für Wohnheimplät- Studierenden. HIM

Immer zwei Opfer


»Morgens nicht krähen«
kommt, als Bedrohung wahr-
nehmen, gegen die er sich weh-
Der Bochumer Kriminologe ren muss. In so einer Stress­
Thomas Feltes, 70, hat sich situation mit jemandem ins
DER AUGENZEUGE  Wenn Nachbarn streiten, bemüht
mit tödlichen Polizeieinsätzen ­Gespräch zu kommen, der mit
beschäftigt. einem Messer herumfuchtelt er sich um Lösungen: Volker Maly, 78, arbeitet als
und schreit, erfordert Wissen ehrenamtlicher Schiedsmann in Kiel.
SPIEGEL: Herr Feltes, in dieser und Übung. Mancher Polizist
Woche wurden gleich zwei Men- hat da auch Probleme mit »Wer findet, dass die Pflanzen Ich bin kein Ermittler. Alle
schen bei oder nach Polizeiein- ­seinem Selbstverständnis. des Nachbarn zu weit über den Argumente und Beweise müs-
sätzen ­getötet. Offenbar litten SPIEGEL: Wie meinen Sie das? Zaun wuchern oder die Kinder sen die Parteien selbst vorbrin-
beide unter psychischen Störun- Feltes: Die Vernunft würde von nebenan zu laut spielen, gen. Ich moderiere die Diskus-
gen: In einem Asylbewerberheim ­sagen: Geh drei Schritte zurück kann sich bei mir melden. Mei- sion und zeige Lösungsoptio-
bei Stade erschoss ein Polizist und bewerte die Situation neu. ne Aufgabe als Schiedsperson nen auf. Häufig können beide
einen Sudanesen. Ein 39-Jähriger Der polizeiliche Gestus ist aber: ist es dann, zwischen den strei- Seiten Aspekte nennen, die sie
in Hannover, der selbst den Not- Ich muss die Situation lösen, tenden Parteien zu vermitteln. schon immer gestört haben. Da
ruf gewählt hatte, starb, nachdem und zwar sofort. Beide Seiten werden von mir kann man dann wunderbar
Beamte einen Taser gegen ihn SPIEGEL: Der getötete Sudanese offiziell eingeladen. Sie können Kompromisse finden.
eingesetzt hatten. hatte zuerst Mitbewohner in der das Schiedsverfahren nicht ab- Am Ende des Verfahrens
Feltes: Leider sind das Situatio- Unterkunft und dann die Poli- lehnen. Wir treffen uns bei mir steht ein Vertrag, den beide
nen, die wir häufiger erleben. zisten mit dem Messer bedroht. zu Hause oder im Gemeinde- ­Seiten unterschreiben. Er gilt
Bei drei von vier Menschen, die Feltes: Wenn eine konkrete Ge- haus. Wenn eine Partei nicht zu 30 Jahre lang und ist rechtlich
von der Polizei getötet werden, fahr besteht, muss ich natürlich dem Termin erscheint, folgt bindend. Ich hatte einen Fall, in
handelt es sich um psychisch intervenieren – aber nur dann. eine zweite Einladung. Danach dem sich eine Person vom mor-
Kranke. Oft leiden sie unter Wenn jemand nur aus seiner kann ein Ordnungsgeld ver- gendlichen Krähen des Hahns
Psychosen oder Wahnvorstel- Wohnung geholt und zum Amts- hängt werden. im Nachbargarten gestört fühl-
lungen. In der Polizeiausbildung arzt gebracht werden soll, dann Schiedspersonen sind eine te. Schließlich einigten sich die
wird das thematisiert, aber sollte immer ein Psychologe vorgerichtliche Instanz. Das Parteien darauf, dass der Hahn
wichtiger wären Fortbildungen, hinzugezogen werden. In Bre- Konzept gibt es schon seit zu bestimmten Uhrzeiten nicht
wenn die Beamten bereits Pra- men ist in so einem Fall ein Be- dem Mittelalter. Ziel ist es, eine krähen darf. Wie der Tierbesit-
xiserfahrungen haben. troffener, der ein Küchenmesser Eini­gung herbeizuführen, ohne zer das hinbekommt, ist seine
SPIEGEL: Was müssten Beamte in der Hand hielt, von einem jemanden zu verurteilen. Es Sache. Hält sich eine Partei
beim Umgang mit psychisch 22-jährigen Beamten erschossen geht also nicht um die Schuld- nicht an die Einigung, wird sie
Kranken wissen? worden. Nach einem solchen frage, sondern vielmehr darum, von einem Gerichtsvollzieher
Feltes: Zum Beispiel dass beim Vorfall haben wir immer zwei einen Ausgleich zu finden. Ein durchgesetzt.
Taser-Einsatz aufgrund beson- Opfer: den Menschen, der ver- weiterer Vorteil: Verfahren vor Bei den Streitigkeiten geht
derer Erregungszustände bei storben ist, und den Polizisten, Gericht sind oft sehr teuer, es häufig um verletzte Gefühle
psychisch Kranken andere Schä- der unter den Folgen leidet. Schiedsverfahren hingegen kos- und weniger um die Sache
den eintreten kön- SPIEGEL: Welche ten meist weniger als 100 Euro. selbst. Im Grunde ist es wie bei
nen als bei einem ­Erkenntnis ziehen Häufig erfahren die Leute einer psychologischen Bera-
Gesunden. Oft wis- Sie daraus? erst durch mein Einladungs- tung: Ich versuche herauszufin-
sen die Beamten Feltes: Ich würde schreiben, dass die Nachbarn den, wo die Probleme liegen.
aber vorher nicht, mir mehr Zurück- sich von ihnen gestört fühlen. Wichtig ist, dass ich neutral blei-
dass der Einsatz haltung bei solchen Der Großteil der Menschheit be, sonst ist das Verfahren ver-
einen psychisch Einsätzen wünschen schluckt nervige Dinge hinun­ter brannt. Mich freut es, wenn ich
Kranken betrifft. und – auch im eige- und hofft, dass sich das Problem Krach zwischen Personen güt-
Katja Marquard / dpa

So jemand kann nen Interesse der von selbst löst. Aber oft ist es lich regeln kann.«
einen Polizeibeam- Beamten – immer doch so: Je länger man wartet, Aufgezeichnet
ten, der – auch eine psychologische desto größer wird der Ärger. von Jonas Schulze Pals
ohne Waffe – näher Begleitung. ANI

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 23


DEUTSCHLAND

schon abgeschrieben. Der »Olaf Scholz


von heute ist auch über die Brüche in
seiner Karriere zu verstehen«, sagt
der Hamburger Kultursenator Carsten

Langer Atem
Brosda, auch Sozialdemokrat, ein
­enger Vertrauter.
In der Politik, so sieht es Scholz,
braucht es Rückgrat und Hartnäckig-
keit. Er macht nach Niederlagen wei-
KARRIEREN  Seit fast einem halben Jahrhundert macht Olaf Scholz Politik, ter, er will lernen, er fragt: Was habe
ich falsch gemacht? Was muss ich an-
aber über ihn persönlich ist wenig bekannt. Wer ist der Mann, ders machen? Er arbeitet an sich. Und
der bald Deutschland regieren könnte – und was treibt ihn an? Die Geschichte steht nun kurz vor dem Ziel.
einer Karriere voller Niederlagen und überraschender Wandlungen Das Foto von der Friedensdemo
hat Axel Sellmer aufgenommen, er
bewahrt es bis heute auf. Der SPD-

D
er junge Mann mit dem Lo- in Norddeutschland leben, die Brüder Lokalpolitiker sitzt am Mittwoch
ckenkopf grinst in die Kamera. Jens und Ingo, der eine Arzt und Vor- ­gemeinsam mit seinem Genossen
Er trägt Lederjacke, Pullover, standschef des Universitätsklinikums Günter Frank in einem Café in Ham-
Hemd, seine Hände stecken in den Schleswig-Holstein, der andere Be- burg-Rahlstedt. Es ist der Stadtteil im
Taschen. Er läuft neben einem Trans- reichsleiter einer IT-Firma in Ham- Nordosten der Hansestadt, in dem
parent her, darauf das Logo der So- burg. Auch Ehefrau Britta Ernst, Scholz aufgewachsen ist. Frank und
zialistischen Internationale: eine selbst Politikerin, lässt sich nicht auf Sellmer waren seine engsten Mitstrei-
Faust, die eine Rose umschließt. Gespräche jenseits ihrer Tätigkeit als ter in der Partei, so erzählen sie es.
Es ist ein Schnappschuss aus dem Ministerin in Brandenburg ein. Scholz wird in Osnabrück gebo-
Oktober 1983, von einer der größten Scholz ist ein Politiker, der für das ren, die Familie zieht aber bald nach
Demonstrationen in der Geschichte Fehlen von Charisma bekannt ist, ein Hamburg, Scholz wächst im Rahl-
der Bundesrepublik. Hunderttausende spröder Norddeutscher, ein Mann der stedter Ortsteil Großlohe auf. Das
gehen damals in Bonn auf die Straße, kleinen Gesten und leisen Reden. Viertel wurde überwiegend in den
um gegen die Nachrüstung zu demons- Niemand hält ihn für interessant ge- Sechzigerjahren gebaut: mehrere
trieren, gegen den Nato-Doppelbe- nug, um sein Leben zwischen zwei Mietskasernen, die hier wie hinge-
schluss, den die Regierung von SPD- Buchdeckel zu pressen. Kaum jemand würfelt stehen, darunter einige Hoch-
Kanzler Helmut Schmidt beschlossen glaubte wohl, dass Scholz einmal häuser. Ein sozialer Brennpunkt. Am
hat und den sein CDU-Nachfolger Deutschland regieren könnte. Rand der Siedlung führt ein kleiner
Helmut Kohl nun umsetzt. Es ist der Seine Karriere ist eine Geschichte Weg ab, der flankiert ist von Reihen-
SPD-Politiker Scholz:
Höhepunkt der Friedensbewegung. Was habe ich falsch
des langen Atems, ein Weg voller häusern. Hier wohnte Familie Scholz.
Und mittendrin der Mann mit gemacht? Was muss Rückschläge und Niederlagen. Mehr- Ein bescheidenes Flachdachhaus
­Lederjoppe und Brille: Olaf Scholz. ich anders machen? fach war Scholz in der SPD eigentlich mit kleinem Garten, und doch ein
Schon auf dem Foto scheint da einer großer Unterschied zu den meisten
zu rufen: Seht her, ich bin selbst­ anderen Wohnverhältnissen im Vier-
bewusst, ich habe etwas zu sagen. tel. »Die Leute aus den Reihenhäu-
Vier Jahrzehnte später ist der Mann sern gehörten damals einer anderen
von der Demo auf dem Weg ins Kanz- sozialen Schicht an«, sagt Frank.
leramt. In dieser Woche haben die Das Haus, in dem Olaf Scholz auf-
Sondierungen für eine Ampelkoalition wuchs, sieht aus wie die anderen in
unter Führung eines Bundeskanzlers unmittelbarer Nachbarschaft: roter
Olaf Scholz begonnen. Wer ist der Klinker, ein Dach wie ein Deckel,
Mann, der bald wohl der mächtigste gegenüber der Eingangstür eine gro-
Politiker Deutschlands sein wird? Was ße Hecke. Heute habe der Bungalow
hat ihn geprägt, politisch und privat? 90 Quadratmeter Wohnfläche, hinzu
Scholz hat eine lange Laufbahn komme ein ausgebauter Keller mit
hinter sich. Seit fast einem halben noch einmal 90 Quadratmetern, er-
Jahrhundert macht er Politik. Mit zählt der jetzige Besitzer.
63 Jahren wäre er einer der ältes­ten Die Nachbarschaft, vermutet Frank,
­Neukanzler der Bundesrepublik. Nur habe Scholz geprägt. »Soziale Gerech-
Konrad Adenauer und Ludwig Erhard tigkeit war ihm sehr wichtig.« Es sei
waren bei Amtsantritt älter. ihm stets darum gegangen, »das Leben
Trotzdem ist erstaunlich wenig der Menschen besser zu machen«.
über Scholz bekannt, vor allem über Der Vater von Scholz sei als Han-
sein Leben jenseits der Politik. Er war delsvertreter viel unterwegs gewesen,
Generalsekretär der SPD, Senator so erinnern sich Sellmer und Frank.
Andreas Chudowski / DER SPIEGEL

in Hamburg, Bundesminister, Erster Die Mutter habe den Alltag ge­


Bürgermeister, Vizekanzler. Aber es managt. Irgendwann trennt sich das
gibt kein Buch über Scholz, keine ein- Paar, die Mutter bleibt. Ende der
zige Biografie. Neunzigerjahre verkauft sie das Haus.
Das mag auch daran liegen, dass Bis heute birgt es eine Erinnerung
er sein Privatleben hermetisch ab- an Scholz. Im Flur steht ein Schrank
schirmt: seine Familie, die Eltern, die für den Staubsauger. Innen hängt eine

24 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Axel Sellmer
Juso*: Er gehört zum ultralinken Stamokap-Flügel, kämpft für die »Überwindung der kapitalistischen Ökonomie«
und gegen den Nato-Doppelbeschluss.

Kinderzeichnung: ein Mann in Uniform auf Demonstrieren gegen die Sparkasse, weil die Scholz ist kein Menschenfänger wie Ger-
einem Fahrrad. »Postbote aus dem Kinder- Kontogebühren steigen sollen. Gründen ein hard Schröder, der bis 1980 den Juso-Vorsitz
land«, steht in Kinderschrift darunter. »Ge- Jugendzentrum. Die Jusos duzen demons­ innehat, keiner, der bei abendlichen Bier- und
zeichnet Olaf, Ingo, Scholz«. trativ die Senatoren der eigenen Partei, auch Kungelrunden die großen Reden schwingt.
Scholz tritt 1975 in die SPD ein, als 17-Jäh- wenn das zu jener Zeit nicht üblich ist. Schon vom Aussehen unterscheidet er sich
riger. Sellmer bringt ihm das Parteibuch vor- Scholz rückt schnell in den Vorstand des vom typischen Juso mit Schlabberpulli, so
bei. Und ist verblüfft, so erinnert er sich. »Olaf Ortsvereins auf. Und will mehr. Engagiert sich erzählen es Mitstreiter. Scholz ist stets korrekt
fragte gleich: Wo kann man überall mit­ bei den Jusos auf Landesebene, im Bundes- gekleidet, trägt Jackett und gebügelte Hem-
machen?« Hamburg ist die Heimat des dama- vorstand. Es ist die Zeit des Ost-West-Kon- den und gibt, trotz Lockenmähne, ein eher
ligen SPD-Kanzlers Helmut Schmidt. Die flikts, der großen ideologischen Auseinander- bürgerliches Erscheinungsbild ab.
Flügelkämpfe zwischen links und rechts wer- setzungen. Ein Teil der Linken in der SPD Im Januar 1984 ist er Teil einer Juso-Dele-
den erbittert geführt. Im Distrikt Rahlstedt, diskutiert in Stamokap-Gruppen, trifft sich gation, die in Ost-Berlin vom Sekretär des Zen-
im Ortsverein, den Frank führt, dominieren regelmäßig in einer Hamburger Kneipe. tralkomitees der SED Egon Krenz empfangen
die Linken. In der Juso-Gruppe auch. Scholz ist dabei, als einer der wenigen aus wird. Der Juso-Vorsitzende Rudolf Hartung
Einmal in der Woche treffen sich die Jusos. Rahlstedt. Viel linker geht es nicht. informiert die DDR-Führung laut einem Bericht
Und Scholz macht schnell von sich reden. »Er Als Kritiker des staatsmonopolistischen des »Neuen Deutschland« über die Position des
hat das Wort geführt«, erzählt Frank. »Olaf Kapitalismus wirbt er für die »Überwindung Nachwuchsverbands »im Kampf für Rüstungs-
war ein guter Redner, intelligent, eloquent, der kapitalistischen Ökonomie«, kritisiert die begrenzung und Abgrenzung«. Die Jusos, ver-
engagiert.« Er habe »nie Unsinn geredet«, »aggressiv-imperialistische Nato« und be- sichert er, unterstützten die Aktionen der Frie-
immer »genau aufgepasst, was er sagt«. schimpft die Bundesrepublik als »europäische densbewegung gegen die Stationierung von
»Dass er ein politisches Talent war, konnte Hochburg des Großkapitals«. Pershing II und Cruise Missiles in Westeuropa.
man sehen«, sagt auch Ekkehard Wysocki, der 1978 nimmt Scholz in Hamburg ein Jura- Schon zuvor hat sich Scholz als scharfer
eine Zeit lang mit Scholz in der Juso-Gruppe studium auf. Bei den Jusos ist er ehrgeizig, Kritiker der sozialliberalen Koalition unter
war und heute in der Bürgerschaft sitzt. steigt 1982 zum stellvertretenden Vorsitzen- Helmut Schmidt hervorgetan. Sie stelle, so
Viele Jusos in Rahlstedt wollen die Ge­ den auf. Bundesvorsitzender wird er nie, im der heutige Ampelverhandler damals, »den
sellschaft verändern. Einmal rufen sie den Verband haben nicht die Stamokaps die nackten Machterhalt über jede Form der in-
­Stadtteil zur »atomwaffenfreien Zone« aus. Mehrheit, sondern die gemäßigteren Reform- haltlichen Auseinandersetzung«.
sozialisten. Es wird das einzige Mal bleiben, Scholz galt bei den Jusos nie als großer Theo-
* 1983 auf der Friedensdemo im Bonner Hofgarten. dass Scholz für ein Amt als zu links gilt. retiker, erinnern sich Weggefährten. Wichtiger

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 25


DEUTSCHLAND

als ewige Debatten über Wirtschaftstheorien hätten von diesem Thema«, wirft er dem Bundestags, er steckt die Niederlage weg. Er
ist, dass er in dieser Zeit sein Verhandlungs­ Kanzler an den Kopf, durchaus typisch für beklagt sich nicht, er schreibt ein Buch, ordnet
geschick entwickelt. Es zeigt sich ein Talent, Scholz, der seine Gesprächspartner gern seine Gedanken zur Arbeitspolitik, zur Fami­
Gruppen mit unterschiedlichen Interessen ­wissen lässt, dass er sich selbst für klüger hält. lienpolitik, es wird nie veröffentlicht.
­zusammenzubringen und Kompromisse zu Doch Schröder gefällt die Chuzpe, auch Stattdessen gibt Franz Müntefering ihm
schmieden. Scholz’ Auftreten in der Fraktion soll ihn be­ die Chance zur Rehabilitation. Er macht
Nach dem Zivildienst in einem Altenpfle­ eindruckt haben. Er holt Scholz in den Partei­ Scholz 2004 zum Obmann im Visa-Unter­
geheim wird Scholz 1985 als Anwalt zugelas­ vorstand und macht ihn nach der Bundestags­ suchungsausschuss, und nach der vorgezoge­
sen. Fünf Jahre später gründet er mit einer wahl 2002 zu seinem Generalsekretär. nen Bundestagswahl wird Scholz Erster Par­
Kollegin eine Kanzlei, fortan arbeitet er als Für Scholz beginnt die wohl schwierigste lamentarischer Geschäftsführer der Fraktion.
Arbeitsrechtler. In Ostdeutschland berät er Zeit seiner politischen Karriere. Er muss Als sich Müntefering 2007 aus der Politik
Betriebsräte in Verhandlungen mit Firmen­ Schröders Agenda 2010 vertreten, den Um­ zurückzieht, um seine kranke Frau zu pflegen,
chefs und der Treuhand. Häufig sei es darum bau des Sozialsystems, der die SPD in eine folgt Scholz ihm als Arbeitsminister im ersten
gegangen, den Abbau von Arbeitsplätzen tiefe Krise stürzen wird. Scholz ist loyal, er Kabinett von Angela Merkel. Seine große
­sozialverträglich zu gestalten. Vielleicht ver­ verteidigt die Reform, aber er tut das mit den Stunde kommt mit der Finanzkrise, sie bietet
liert er in dieser Zeit auch seine Illusionen immer gleichen Floskeln, die »Zeit« verleiht ihm die Gelegenheit, sich als Krisenmanager
über den real existierenden Sozialismus. ihm den Spitznamen »Scholzomat«. Ein Ma­ zu profilieren. Dank der Kurzarbeit übersteht
Jedenfalls spricht Scholz heute nur selten kel, der sein Image bis heute prägt und den der deutsche Arbeitsmarkt den Wirtschafts­
über seine Zeit als Jungsozialist. Und wenn, er lange als ungerecht empfindet. einbruch einigermaßen glimpflich.
klingt es sehr distanziert. Er habe sich »ent­ Aber nicht nur unter Parteilinken, auch im Doch die nächste Niederlage für Scholz
giftet«, sagte er dem SPIEGEL über seinen Willy-Brandt-Haus wächst der Unmut über folgt schon 2009. Bei der Bundestagswahl
Abschied von den Jusos Ende der Achtziger­ den Generalsekretär. Auf seinem Schreibtisch stürzt die SPD auf 23 Prozent ab und fliegt
jahre. In seiner Anwaltszeit wird Scholz zum stapeln sich die ungelesenen Akten, manch aus der Regierung. Wieder bleibt Scholz zu­
Pragmatiker: »Die Praxis wurde für mich ein Mitarbeiter wundert sich, dass Scholz sich nächst einfacher Abgeordneter, wird einer
wichtiger als die Rituale einer politischen Or­ fast jeden Abend von Berlin nach Hamburg von neun stellvertretenden Fraktionschefs
ganisation.« Fortan wird ihm die Machbarkeit fahren lässt. Und dann will der einstige Sta­ und übernimmt den SPD-Vorsitz in Hamburg.
wichtiger sein als das Prinzip. mokap-Mann auch noch den Begriff des Nun bereitet er einen Neustart seiner Kar­riere
Lange währt die Auszeit von der Politik »demokratischen Sozialismus« aus dem in der Hansestadt vor.
nicht. Scholz wird Beisitzer im Vorstand sei­ Grundsatzprogramm tilgen. Weite Teile der Immer wenn Christoph Holstein im Büro
nes SPD-Ortsvereins, 1994 übernimmt er den wunden SPD sehen das als Bedrohung ihrer vom Schreibtisch aufblickt, muss er an seinen
Vorsitz des Kreisverbands Altona, wo er in­ Identität. Scholz scheitert. Der »demokrati­ früheren Chef denken. Holstein ist Staatsrat
zwischen wohnt. Bei der Bundestagswahl sche Sozialismus« bleibt SPD-Programmatik. in der Hamburger Innenbehörde, bis 2015
1998 holt er das Direktmandat und wird Bun­ Beim Bochumer Parteitag Ende 2003 wird diente er Olaf Scholz, der damals Erster Bür­
destagsabgeordneter. Gerhard Schröder bildet der Generalsekretär abgestraft, er fällt fast germeister war, als Senatssprecher.
eine rot-grüne Regierungskoalition. durch, bekommt gerade einmal 52,6 Prozent. Holstein hat unter den Fernseher ein
Nun nimmt Scholz’ politische Karriere Als Schröder wenig später den Parteivorsitz Din-A4-Blatt gehängt. Darauf steht: »Das ers­
Fahrt auf. Schon im Jahr 2000 wird er SPD- abgibt, muss auch sein Generalsekretär ­gehen. te Scholz’sche Gesetz: Wir sind nie belei­digt –
Landesvorsitzender in Hamburg. Der Bun­ Scholz scheint politisch gescheitert, er be­ wir sind nie hysterisch«. Scholz habe Leute
deskanzler wird auf ihn aufmerksam. Bei zahlt für seine Loyalität zu Schröder, gibt auch verachtet, die sich künstlich echauffieren.
einer Diskussion über Arbeitsmarktpolitik den Landesvorsitz in Hamburg ab. In der »Coolness ist ihm immer wichtig gewesen.«
ärgert sich Scholz über eine Einlassung Schrö­ Bundespolitik macht Scholz aber weiter – als Es ist ein Leitmotiv für die Art, in der
ders. »Es würde helfen, wenn Sie Ahnung einfaches Mitglied im Rechtsausschuss des Scholz Hamburg regiert hat. Er verlangt viel
von sich und anderen. »Er hat einen hohen
Anspruch an sich und seine Leute«, sagt Hol­
stein, der mit Scholz zeitweise so eng zusam­
mengearbeitet hat wie wenige andere.
Als Scholz 2011 Erster Bürgermeister wur­
de, plagten Hamburg große Probleme. Die
Elbphilharmonie drohte als Ruine zu enden,
die staatliche HSH Nordbank verbrannte Mil­
liarden Euro Steuergeld, der Stadt fehlte es
an Wohnungen.
Scholz machte vieles zur Chefsache, ver­
handelte zum Beispiel selbst die Verträge für
die Elbphilharmonie. Stadt und Partei, zuvor
in Grabenkämpfen zerstritten, erholten sich.
»Wer Führung bestellt, der bekommt sie
auch«, sagte Scholz. »In seinen Augen ist Poli­
tik nichts für Feiglinge und Selbstdarsteller,
sondern ein ernstes Geschäft«, sagt Ex-Mit­
arbeiter Holstein.
Scholz’ Hang zum Autoritären rief Kritik
hervor. Er habe »Jasager als Senatoren ge­
Privat

wollt«, sagt einer aus der SPD, der ihn gut


kennt. Widerrede sei nicht erwünscht gewe­
Schüler: Der Vater sei als Handelsvertreter viel unterwegs gewesen, erinnern sen, »OWD« ein geflügeltes Kürzel: »Olaf
sich Genossen. Die Mutter habe den Alltag gemanagt. will das«. Ein Bastawort. Scholz habe alles
besser gewusst. Im Gespräch mit Mitarbeitern

26 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


Achim Melde / MELDE-PRESS
DEUTSCHLAND

HC Plambeck / laif
Frank Ossenbrink
Abgeordneter: Rascher Aufstieg in Innensenator in Hamburg: Komplizier- General: Die schwierigste Zeit in
Berlin. Kanzler Schröder gefällt tes Verhältnis zur Partei; Scholz gilt Scholz’ politischer Karriere. Er muss
die Chuzpe des jungen Abgeordneten. Er als Machtpolitiker, der unbeliebte Schröders Agenda-Politik verteidigen
holt ihn in den Parteivorstand. Kompromisse schließt, um zu regieren. und wird zum Scholzomaten.

Stefan Boness / Ipon


Ronald Sawatzki
Christian Thiel

Arbeitsminister: Die große Stunde Bürgermeister: »Wer Führung bestellt, Finanzminister: Scholz ist als Vize-
kommt mit der Finanzkrise. der bekommt sie auch«, das ist Scholz’ kanzler fast ganz oben – als Vorsitzen-
Scholz kann sich mit der Kurzarbeit als Ansage in Hamburg. Er holt die absolute den will ihn die SPD aber nicht. In der
Krisenmanager bewähren. Mehrheit. Coronakrise kann er sich profilieren.

sei Scholz nie laut geworden, nie aus der Der zwölf Jahre jüngere Schmidt wird zum positiv umzudeuten: langweilig, aber zuver-
Rolle gefallen, berichtet Holstein. Ein Typ für engsten Vertrauten von Olaf Scholz, Berater, lässig. Am Ende wird genau das zum Wahlsieg
Lobeshymnen sei er allerdings nie gewesen. Beschützer, Alter Ego. Schmidt ist ein um- der SPD beitragen.
»Wenn er zu mir gesagt hat: ›Der Text ist gut‹, triebiger, kumpelhafter Typ, der seinen sprö- Scholz’ Leben ist die Politik, er habe, sagen
dann wusste ich: Viel mehr geht nicht.« den Chef kongenial ergänzt, dessen Defizite Vertraute, sein Hobby zum Beruf gemacht
Im Laufe seiner Karriere sammelt Scholz ausgleicht, und ihn zugleich, falls erforderlich, und sehe das als Privileg. Das Private ist bei
ein paar Vertraute um sich. Er verlässt sich mit der nötigen Härte verteidigt. Wenn es Scholz politisch in einem Maß, wie es selbst
nur auf diesen engen Kreis von Leuten, fast darum geht, etwas abzuräumen, was Scholz unter Berliner Berufspolitikern selten anzu-
ausschließlich Männer, die heute bei ihm im unangenehm oder gefährlich werden könnte, treffen ist. Da ist die Ehe mit einer Politikerin,
Finanzministerium arbeiten, eine verschwo- ist Schmidt nicht zimperlich. Britta Ernst, 60. Sie ist Bildungsministerin in
rene Gemeinschaft, aus der nur nach außen In Hamburg gilt Carsten Brosda als engster Brandenburg. Auch die beiden kennen sich
dringt, was nach außen dringen soll. Über Vertrauter von Scholz, auch die beiden aus Altonaer WG-Zeiten, 1998 heiraten sie.
Olaf Scholz nur Gutes natürlich. ­kennen sich schon seit fast 20 Jahren. Brosda, Die Ehe bleibt ohne Kinder, die Zeit und
Im Zentrum des Netzwerks steht Scholz’ 47, begann seine politische Karriere 2003 Energie auf Kosten der politischen Karriere
Staatssekretär Wolfgang Schmidt, 51. Die bei- als Redenschreiber von Franz Müntefering. beanspruchen könnten. Auch die Freunde,
den kennen sich schon seit den Neunziger- Seit Februar 2017 ist er in Hamburg Kultur- von denen Vertraute berichten, kommen aus
jahren, als sich Scholz mit Andreas Rieckhof senator, viele glauben, dass er in einem dem politischen Bereich.
eine WG in der Altonaer Schillerstraße teilt, ­Ampelkabinett Kulturstaatsminister werden Mit Mitte vierzig beginnt Scholz zu joggen,
heute ist Rieckhof Staatsrat in der Hamburger könnte. bis dahin hat er nichts von Sport gehalten,
Wirtschaftsbehörde. Brosda nennt Scholz einen »Freund«. Er aber seine Frau überredet ihn dazu. Später
Schmidt, damals bei den Jusos, taucht in beschreibt ihn als intellektuellen Politiker, kommt das Rudern hinzu. Scholz hält sich fit,
der WG auf, um mit Rieckhofs damaliger dem es in Gesprächen darum gehe, »die Ge- um fit für die Politik zu sein. Als der Bundes-
Freundin, einer Grünen, gemeinsame Kund- sellschaft auszuleuchten, eine Idee von Ge- tagswahlkampf 2021 näherrückt, ist ihm klar,
gebungen zu planen. Scholz und er mögen sellschaft zu entwickeln und daraus eine Er- dass eine Langstrecke vor ihm liegt. Nicht nur
sich, man sitzt zusammen, trinkt gepflegt zählung«. Auf Scholz treffe, so Brosda, der mental, sondern auch physisch. Und er weiß,
Wein und diskutiert. Als Scholz 2002 Gene- Begriff vom »Pathos der Nüchternheit« zu. dass eine Kanzlerschaft auch eine körperliche
ralsekretär wird, nimmt er Schmidt mit nach Scholz hat in Bezug auf sich selbst einmal vom Strapaze ist, eine Langstrecke nach der Lang-
Berlin, zuerst als Referenten, dann wird er »Charisma des Realismus« gesprochen. Es ist strecke. Er bereitet sich auch körperlich
Büroleiter. der Versuch, das Image des Scholzomaten ­darauf vor, joggt mehrmals in der Woche,

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 27


DEUTSCHLAND

­ erzichtet auf Alkohol und Süßigkeiten, er


v Scholz beteuert, keinen Einfluss auf die
nimmt ab. Aus dem rundlichen Generalsekre- Entscheidung genommen zu haben, kann sich
tär von einst wird ein asketischer Kanzler- aber leider nicht an den Inhalt von Gesprä-
kandidat. chen mit den Warburg-Bankern Christian
In seiner Freizeit, wenn er nicht Politik Olearius und Max Warburg im verdächtigen
macht, liest Scholz. Auch seine Lektüre ist Zeitraum erinnern, wie er sagt. Eine Vertei-
vor allem politisch. digung, die Fragen aufwirft. Schließlich rühmt
In seiner Zeit als Arbeitsminister in Berlin Scholz sich sonst gern, in allen Details firm
pendelt Scholz häufig zwischen der Haupt- zu sein. Auch ist er nicht für ein schlechtes
stadt und der Hansestadt, wo seine Frau Mit- Gedächtnis bekannt.
glied der Bürgerschaft ist. Er fährt abends Scholz und die SPD, das ist wie bei Schmidt
noch nach Hamburg, um bei ihr zu sein, und und Schröder eine schwierige Beziehung. Die
nimmt dann morgens einen der ersten Züge Partei respektiert ihn, aber sie liebt ihn nicht.
zurück nach Berlin. Selbst als er in Hamburg als Erster Bürger-
Einmal fällt ihm im ICE ein Mann auf, der meister die absolute Mehrheit holt, straft ihn
ihm bekannt vorkommt. Scholz spricht ihn die Bundes-SPD mit schlechten Ergebnissen
an: Sind Sie nicht der Autor des Buches, das bei Parteitagen ab. Scholz ist für viele an der
ich gerade lese? Es ist Volker Gerhardt, Pro- Basis der ungeliebte Realpolitiker, der in der
fessor für Philosophie an der Humboldt-Uni- Regierung die faulen Kompromisse der
versität, der gerade sein Buch »Partizipation Machtpolitik eingeht und damit die reine
– das Prinzip der Politik« veröffentlicht hat. ­Lehre der Sozialdemokratie verrät.
Scholz ist begeistert von dem Buch, einem In der zweiten Jahreshälfte 2019 eskaliert
500 Seiten starken wissenschaftlichen Werk der Konflikt. Nach dem Rücktritt von Andrea
über die Bedingungen von Politik im Lichte Nahles als Parteichefin will sich Scholz zu-
von 2500 Jahren Philosophiegeschichte. Die nächst nicht um ihre Nachfolge bewerben.
beiden kommen ins Gespräch, bleiben es seit- Doch dann sagen nacheinander alle Partei-
her, tauschen sich in großen Abständen immer freunde aus der ersten Reihe ab. Schließlich
IMAGO

wieder aus über Philosophie, Politik, Lektü- stellt sich Scholz zusammen mit Klara
ren. »Er liest viel und intensiv, was er liest, ­Geywitz zur Wahl.
beschäftigt ihn wirklich«, sagt Gerhardt, der Asket: Scholz hält sich fit, um fit für Das Mitgliedervotum wird zur Anti-
selbst SPD-Mitglied ist. Als Scholz 2008 in die Politik zu sein. Im Wahlkampf heißt Scholz-Wahl. Nach einem wochenlangen
einer ehemaligen Fabrik in Altona seinen das: kein Alkohol, keine Süßigkeiten. ­internen Wahlkampf entscheiden sich die
50. Geburtstag feiert, hält Gerhardt die Rede. ­Sozialdemokraten gegen den Vizekanzler und
Scholz spricht oft über seine Lektüre, die für das Außenseiterduo Saskia Esken und
Bücher des Soziologen Andreas Reckwitz, Nach der Bundestagswahl wird Scholz Norbert Walter-Borjans. Mit versteinerter
Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«, Mi- ­ izekanzler und Finanzminister. Drei Jahre
V Miene betritt Scholz am 30. November die
chael Sandels »The Tyranny of Merit«. Es sind später zeigt der Skandal um den Zahlungs- Bühne im Willy-Brandt-Haus. Nur 45 Prozent
vor allem Sachbücher, oft mit Bezug zu dem, dienstleister Wirecard einen Ressortchef, der der Mitglieder wollten ihn und Geywitz, es
was ihn politisch umtreibt. Er fragt sich, wie Warnhinweise übersieht und erst reagiert, als ist eine brutale Niederlage, eine Demütigung.
man verhindern kann, dass die Populisten es längst zu spät ist. Obwohl die »Financial Zum ersten Mal nach einer Niederlage
sich Abstiegsängste zunutze machen, wie die Times« früh über die Missstände berichtet, ­hadert Scholz grundsätzlich mit der Politik,
SPD ihre einstigen Wähler wieder zurück- schöpft die Scholz’ Ministerium unterstellte erzählen Vertraute. Die Ablehnung trifft ihn
gewinnen könne. Er hält die SPD für die ein- Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsauf- tief. Er braucht Zeit, fährt in den Urlaub, be-
zige Partei, »die nicht auf die Leute herab- sicht (Bafin) keinen Verdacht. Erst nach der rät sich mit Vertrauten. Scholz fragt sich: Wie
schaut«. Aus seinen Lektüren und dem Nach- Pleite des Unternehmens reagiert Scholz, geht das weiter? Bin ich jetzt auch als Finanz-
denken darüber entwickelt er »Respekt« zum tauscht den Bafin-Chef aus und reformiert die minister beschädigt? Steht die Fraktion noch
zentralen Begriff seines Wahlkampfs. Finanzaufsicht. Die Verantwortung für das hinter mir? Es dauert, bis er »sich innerlich
Scholz pflegt sein Image als Macher, als Versagen, das Tausende Kleinanleger schä- dazu ermuntert weiterzumachen«.
einer, der »anpackt«, die Dinge durchdringt, digt, übernimmt er nicht. Doch schon zum Jahreswechsel 2020 ist
sich in den Details auskennt und die Probleme Auch mit den Problemen bei der Anti- der alte Scholz wieder da. Was er zu diesem
in den Griff bekommt. Das funktioniert aber Geldwäsche-Einheit FIU, die ebenfalls seinem Zeitpunkt noch nicht weiß: Seine letzte,
keineswegs immer, zu seiner Bilanz gehören Finanzministerium untersteht, will er nichts schwerste Niederlage wird sich am Ende als
Skandale und Affären, die an seinen Fähig- zu tun haben. Gegen Mitarbeiter der Behör- Vorteil erweisen. Scholz schließt einen Pakt
keiten als politischer Manager zweifeln lassen. de wird ermittelt, sie sollen Hinweise auf Ter- mit der neuen Parteiführung. Nun steht er
Als 2017 der G-20-Gipfel in Hamburg statt- rorfinanzierung nicht rechtzeitig an Justiz und nicht mehr im Feuer, denn die Partei ist über
findet, schätzt Scholz die Sicherheitslage von Polizei weitergeleitet haben. Scholz sitzt die die Vorsitzenden eingebunden. Die Linke um
Anfang an falsch ein. Als Erster Bürgermeis- Berichte über Missstände aus. die zentrale Figur des ehemaligen Juso-Chefs
ter geht er davon aus, das Riesenereignis ohne Gefährlicher könnte dem möglichen Nach- Kevin Kühnert hält still. Zum ersten Mal seit
Probleme mitten in der Millionenstadt ab- folger Merkels die Cum-Ex-Affäre werden, Langem steht die SPD geschlossen da.
halten zu können. »Wir richten ja auch jähr- denn hier geht es nicht nur um Verantwor- Scholz formt ein Team mit den beiden Vor-
lich den Hafengeburtstag aus«, sagt Scholz tung qua Amt, sondern um Scholz’ mutmaß- sitzenden, Fraktionschef Rolf Mützenich und
wenige Tage vor dem Gipfel. liche Verwicklung in ein Geschenk der Stadt Generalsekretär Lars Klingbeil. Er hat die
Doch dann kommt es zu gefährlichen Aus- Hamburg an die Bank Warburg. Das Geld- Niederlage verdaut und macht weiter. Wie
schreitungen von Linksextremen, Autos bren- haus hatte sich mit dubiosen Aktiendeals immer. Er will Kanzlerkandidat werden. Und
nen, Hunderte Polizisten werden verletzt, 186 Steuergutschriften von rund 47 Millionen dann Kanzler. Am Ende könnte ihn seine
Demonstranten festgenommen. Scholz muss Euro verschafft, doch das Hamburger Finanz- ­letzte Niederlage ins Kanzleramt tragen.
in der Hamburger Bürgerschaft um Entschul- amt verzichtete darauf, das Geld zurück­ Susanne Beyer, Christiane Hoffmann,
digung bitten, sein Ruf in Hamburg leidet. zufordern. Ansgar Siemens, Christian Teevs n

28 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


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Freiheit. Der ultimative Luxus


Frei, einen bestimmten Weg zu wählen oder einfach dem eigenen Instinkt zu folgen und sich von der Straße inspirieren
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DEUTSCHLAND

den letzten Jahren gezeigt, bei denen Zudem sind Geschlechtergerechtig-


wir an Stimmen verloren haben. Aber keit und Klimaschutz doch auch so-
ich habe mir natürlich den Kopf ziale Fragen. Wir haben in diesem
­darüber zerbrochen, was wir besser Sommer gesehen, dass der Klimawan-

»Wir waren
machen können. Wahlerfolge und del Lebensgrundlagen zerstört. Wir
-niederlagen sind in der Regel nicht wollen einen sozialen und ökologi-
das Werk von einzelnen Personen. schen Umbau. Das müssen wir ver-

zu vielstimmig«
SPIEGEL: Wie sehr hat das Ehepaar mitteln.
Sahra Wagenknecht und Oskar La- SPIEGEL: Im Bund deutet sich eine
fontaine in diesem Wahlkampf der Ampelkoalition an. Was wollen Sie
Linken geschadet? machen, wenn die neue Regierung
Wissler: Es wäre falsch, diese Wahl- den Zwölf-Euro-Mindestlohn durch-
LINKE  Die Parteivorsitzende Janine Wissler niederlage an einzelnen Personen setzt und Hartz IV reformiert?
festzumachen. Wissler: Dass Olaf Scholz und Chris-
über das Wahldebakel und die Ampelkoalition SPIEGEL: Wagenknecht brachte vor tian Lindner Hartz IV grundlegend
als Chance, sich neu zu profilieren fünf Monaten ein Buch heraus, das reformieren, möchte ich erst mal se-
sich seither in den Bestsellerlisten be- hen. Zuletzt hat die Große Koalition
findet. Sie kritisiert darin Ihre Partei. Hartz IV um drei Euro erhöht, was
SPIEGEL: Frau Wissler, 4,9 Prozent ist Wissler: Natürlich hat uns das Buch inflationsbereinigt eine Kürzung ist.
das schlechteste Bundestagswahl- und die ganze Debatte darum nicht Diese neue Koalition wird keine so-
ergebnis Ihrer Partei seit dem Zusam- geholfen. ziale Politik machen, das hat Lindner
mengehen von PDS und WASG 2005. SPIEGEL: Hat sich die Linke zu sehr ja schon mehrfach klargestellt. Sie
Als Sie im Februar Parteivorsitzende mit Gendern und mit Klimapolitik sagen, sie wollen Deutschland mo-
wurden, stand die Linke noch stabil beschäftigt und die soziale Frage dernisieren, aber gleichzeitig sagt die
bei 7 bis 8 Prozent. Was haben Sie außer Acht gelassen? FDP: keine Steuererhöhungen, Ein-
falsch gemacht in den vergangenen Wissler: Ich kann diese Beobachtun- haltung der Schuldenbremse. Wo soll
Monaten? gen nicht teilen, dass wir die soziale da das Geld für Klimaschutz, Woh-
Wissler: Es gibt ein paar objektive Frage außer Acht gelassen hätten. nen, Bildung und Gesundheit her-
Faktoren, die es uns schwergemacht Wenn ich mir die Arbeit der Bundes- kommen?
haben. Es war die erste Wahl seit tagsfraktion anschaue, da geht es bei SPIEGEL: Sie sehen also eine Chance
2005, bei der nicht schon vor der 80 bis 90 Prozent der Anträge um für Ihre eigene Partei in einer Ampel-
Wahl klar war, wer die künftige Kanz- soziale Gerechtigkeit. Die Partei hat zeit?
lerin sein wird. Zuvor war immer Kampagnen zu Pflege und Wohnen Wissler: Wir sehen doch am Volks-
­relativ früh klar, dass Merkel bleibt. gemacht. Wir waren bei vielen entscheid in Berlin zur Enteignung
Linken-Co-Chefin
An den Infoständen haben wir immer Wissler: »Natürlich
Streiks, bei den Beschäftigten der der Immobilienkonzerne, dass linke
wieder gehört: Eigentlich wähle ich trage ich Krankenhäuser, bieten Hartz-IV-Be- Positionen durchaus Mehrheiten fin-
euch, aber ich will nicht, dass Laschet ­Verantwortung« ratung in vielen unserer Büros an. den können. Wir müssen jetzt unser
Kanzler wird, deswegen wähle ich Profil schärfen, um dieses Potenzial
diesmal SPD. Das hat uns am Ende heben zu können, und die Stimmen,
unter die fünf Prozent gedrückt. die wir an SPD und Grüne verloren
SPIEGEL: Aber der Trend zum Um- haben, zurückzuholen.
fragetief der Linken kam nicht erst in SPIEGEL: Sollen die Linken auch grü-
der heißen Wahlkampfphase. ner werden?
Wissler: Ja. Die Probleme liegen tie- Wissler: Wir müssen deutlich ma-
fer, das hat sich bei den Wahlen in den chen, dass die ökologische Frage eine
letzten Jahren bereits gezeigt. Wir soziale Frage ist. Wer wohnt denn an
waren bei vielen Themen zu viel­ den stark befahrenen Straßen in den
stimmig. Durch Corona mussten wir Innenstädten und bekommt die meis-
zudem unseren Parteitag zweimal ten Abgase und den meisten Lärm
verschieben, und als Susanne Hennig- ab? Das sind die Menschen, die sich
Wellsow und ich im Februar angetre- das Haus im Grünen nicht leisten kön-
ten sind, hatten wir kaum noch Zeit nen. Wenn der Klimawandel voran-
bis zur Bundestagswahl. schreitet, dann werden Landwirte
SPIEGEL: Sie sind Vorsitzende und ihre Existenzen verlieren. Wir haben
waren Spitzenkandidatin in diesem im letzten Sommer die Waldbrände
Wahlkampf. Sie tragen keine Verant- in Griechenland gesehen, die Über-
wortung? schwemmungen hierzulande. Ich
Wissler: Natürlich trage ich Verant- würde mir wünschen, dass die Linke
wortung. Ich glaube, wir sind als Par- für die Klimabewegung politische
tei jetzt alle aufgefordert, selbstkri- Heimat oder zumindest wichtiger
tisch zu hinterfragen, woran es gele- ­Ansprechpartner ist. Denn wir sind
gen hat. konsequenter als die Grünen. Hier in
Markus Hintzen / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Haben Sie in den vergange- Hessen regieren die Grünen, da wird
nen Tagen über persönliche Konse- gerade der Flughafen in Frankfurt
quenzen nachgedacht? ausgebaut. Wir demonstrieren ge-
Wissler: Nein, wir sind erst seit Kur- meinsam mit den Gegnern gegen die-
zem im Amt, und die Entwicklung hat ses Projekt.
sich ja bereits bei vielen Wahlen in Interview: Timo Lehmann  n

30 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


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DEUTSCHLAND

an dem erst einmal niemand vorbeikommt.


Und er schmiedet bereits Pläne für die nächs-
ten Jahre – was die Ausrichtung der Union
angeht, aber auch seine eigene Zukunft.
Schon jetzt ist die Statik der Union ver-
schoben, zugunsten der CSU, zulasten der
CDU. Die Machtverhältnisse zwischen den
Schwesterparteien entsprachen noch nie de-
ren Größenverhältnissen, die Bayern be­
kamen schon immer mehr Macht und Mit-
sprache, als ihnen zahlenmäßig zugestanden
hätte – aber zuletzt hatte das Missverhältnis
auch in der öffentlichen Wahrnehmung gro-
teske Ausmaße angenommen. Wie mag es
nun erst werden, da das Machtvakuum an der
Spitze der CDU offen zutage liegt?
Bereits im Wahlkampf konnte sich der
Kandidat Laschet selten positionieren, ohne
dass seine Beiträge aus München eingeordnet
oder bei Bedarf korrigiert wurden. Nach der
Wahl wirkte es teilweise, als steuerte die klei-
nere Schwester den Kurs der gesamten Union.
Nach einem ersten Gespräch zwischen Union
und FDP traten die Generalsekretäre Paul
Ziemiak (CDU) und Markus Blume (CSU)
zwar gemeinsam vor die Presse – aber hängen
blieb nur die Formulierung des Bayern: Das
Gespräch habe »Lust auf mehr« gemacht.
War nicht längst klar, wie es für Laschet

Michael Kappeler / dpa


enden würde? Dass die Autorität schwinden
würde, bis zum letzten Rest?
Mittwoch, 13 Uhr, Grüne und FDP haben
am Vormittag ihre Entscheidung für Ampel-
CSU-Chef Söder: Profilierung mit Opposition gegen die Ampel
Sondierungen verkündet, nun steht Söder in
der CSU-Zentrale in München, blaue Lein-
wand, ein Pult, Phoenix überträgt live. Ja-
maika sei »de facto« vom Tisch, verkündet

Nürnberger Supernova
er. Die Union werde nicht in »Dauerlauerstel-
lung« die Ampelgespräche begleiten, sondern
sich schon aus »Selbstachtung« auf neue Zei-
ten vorbereiten. Söder braucht knapp vier
Minuten, um eine Regierungsbeteiligung für
UNION  Nach Armin Laschets Rückzugsankündigung beansprucht erledigt zu erklären und die Union in die Op-
position zu schicken. Seine Sätze laufen schon
Markus Söder die Macht in der Union. Für das Verhältnis zwischen CDU nach wenigen Minuten auf allen Sendern.
und CSU verheißt das nichts Gutes. Mittwoch, genau zehn Minuten vor Söders
Auftritt, Armin Laschet steht in einem Flur
des Düsseldorfer Landtags, keine Leinwand,

E
s gibt Momente, da fühlt sich Markus tiker Dennis Radtke. Er blieb Laschet bis zu- kein Pult. Die Union stehe »zu weiteren Ge-
Söder ungerecht behandelt. Er sei ja, letzt treu und hegt schon lange einen Groll sprächen bereit«, sagt Laschet. Er braucht
klagte der bayerische Ministerpräsident auf Söder. Laschets Rückzugsankündigung knapp 70 Sekunden, um zu zeigen, dass
kürzlich im kleinen Kreis, sowieso immer an hat ihn nicht milder gestimmt, im Gegenteil. er übrigens auch noch da ist, immer noch.
allem schuld. Doch ganz so einfach ist es nicht. Söder Man muss hinterher eine Weile suchen, um
»Und wenn in 3000 Lichtjahren Entfer- hat im Wahlkampf gestichelt, aber gescheitert den Schnipsel im Netz zu finden. Laschets
nung eine Supernova explodiert, dann war ist Laschet vor allem an sich selbst und seiner Auftritt geht unter, obwohl er ausnahmswei-
ich’s natürlich auch, ist doch klar.« Er soll ein Partei. Und Söder wird noch da sein, wenn se sogar früher vor der Kamera stand als
bisschen resigniert geklungen haben. Laschet schon weg ist, den Weg freigemacht ­Söder. Es nützt ihm nichts, es ist zu spät. Am
Am späten Donnerstagnachmittag gab hat für einen Nachfolger oder eine Nachfol- Tag danach kündigt er seinen Rückzug an,
es im Berliner Regierungsviertel zwar keine gerin. Wer auch immer nach Laschet kommt bald soll ein Parteitag über die Nachfolge ent-
Supernova, doch es passierte etwas, worauf – er oder sie wird sich in den nächsten Jahren scheiden.
die Republik seit Tagen gewartet hatte: Armin mit Söder auseinandersetzen und arrangieren In Düsseldorf steht schon Laschets Nach-
Laschet kündigte seinen Rückzug an, pers- müssen, mit seinem Machtanspruch, seiner folger als Ministerpräsident fest, Jamaika wäre
pektivisch, auf Raten. Und wieder blickten Dominanz, seiner Rücksichtslosigkeit. Es gibt für ihn die einzige, die letzte Karriereoption
viele nach München, vor allem aus der CDU. angenehmere Aufgaben, zumal die CDU vor gewesen. Deshalb hielt er so lange daran fest,
Für sie ist Söder schuld, mal wieder. dem größten Umbruch seit zwei Jahrzehnten deshalb hält er die Option selbst am Donners-
Der CSU-Chef sei ein »fränkischer Bull- steht. Und vor dem Gang in die Opposition. tag noch offen, als er bereits sein eigenes poli-
dog, der jeglichen politischen Anstand ver- Ganz gleich, was jetzt kommt, Söder ist tisches Ende ankündigt: Die Personalfragen
missen lässt«, schimpft der CDU-Europapoli- die Konstante in CDU und CSU, der Faktor, innerhalb einer Koalition würden erst geklärt,

32 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

wenn diese stehe. Es ist sein letzter, Söder steht für ein Politikmodell, »Söder ist ein CDU auf die Höhe der Zeit zu brin­
allerletzter Rückzugsposten. wie es in Österreich Sebastian Kurz gen, konservative Antworten auf die
Für Söder wäre Jamaika wohl nur perfektioniert hat, der junge Bundes­ fränkischer Fragen der Gegenwart zu entwickeln.
mit ihm als Kanzler interessant. Doch kanzler, der gerade wegen Korrup­ Bulldog, der Es könnte eine gute, passende Ergän­
geht die Union nun in die Opposition,
bietet auch das für ihn Vorteile. Er
tionsvorwürfen in Bedrängnis ist. Es
geht nicht mehr um die Partei, son­
jeglichen zung zu Söders Instinktpolitik sein.
Was aus Söders Sicht außerdem für
selbst regiert in Bayern ja weiter und dern um die Person, es zählen nicht politischen Röttgen spricht: Ihm fehlt das poli­
wird sich vor der Landtagswahl in mehr Anträge und Beschlüsse, son­ Anstand tische Gewicht, um Söders Stellung
zwei Jahren gegen die Ampel im dern Gespür und Stimmung. als Alphatier der gesamten Union
Bund profilieren können. Das Dop­ Söders Stärke wird sich auch auf vermissen ernsthaft zu gefährden.
pelspiel aus Regierung und Opposi­ den Stil der CDU auswirken, auf die lässt.« Die ist derzeit unbestritten. In den
tion gehört zum Gencode der CSU, Frage, wen sie an ihre Spitze stellt. Dennis Radtke, CDU Vorsondierungen mit Grünen und
Söder hat die nötige Ruchlosigkeit, Im Kampf um die Kanzlerkandidatur FDP trat Söder dem Vernehmen nach
um es zu perfektionieren. Und er hat Söder gezeigt, dass er von Partei­ wie der eigentliche Anführer auf. Er
kann frei agieren, bei ihm sitzen we­ gremien wenig hält, zumindest dann fuhr Laschet zwar nicht in die Parade,
der SPD noch Grüne oder FDP mit nicht, wenn sie ihm und seinen Am­ er stimmte sich mit ihm rund um die
am Kabinettstisch. bitionen im Weg stehen. Sein Grad­ Sitzungen ab, doch das Verhältnis
Von der Frage, ob und wie er wie­ messer ist die Popularität. Wird sich der beiden war da bereits schwer an­
dergewählt wird, hängt für Söder viel die CDU für ein ähnliches Modell gespannt.
ab. Seine Breitbeinigkeit täuscht da­ entscheiden? In den Gesprächen wurde auch
rüber hinweg, dass er als Minister­ In der CDU verkörpert am ehesten deutlich, wie nah Söder mittlerweile
präsident und CSU-Chef bislang aus­ Jens Spahn diesen Typ. Auch er ist den Grünen in vielen Fragen steht.
schließlich schlechte Wahlergebnisse höchst flexibel und kann mehrere Mit ihnen verstand er sich Berichten
zu verantworten hat. Glänzen konn­ ­Milieus bedienen, je nachdem, was zufolge ziemlich gut – mit der FDP
te er immer nur in Umfragen. gerade gefragt ist. Mal gibt Spahn den hingegen, einst Wunschpartner der
Bei der Landtagswahl 2018 kam die liberalen, weltoffenen Großstadtpoli­ Union, sei es zumindest am Ende
CSU aus einer Position der absoluten tiker, dann wieder den konservativen schwieriger gewesen. Söder, heißt es
Mehrheit gerade noch auf 37,2 Prozent Münsterländer, der sich darüber be­ in der Union, habe das Auftreten der
und musste mit den Freien Wählern schwert, dass er in Berliner Cafés auf Liberalen als »falsch« empfunden:
koalieren. Bei der Bundestagswahl vor Englisch bedient wird. Spahn hat die Vorn herum hätten sie sich freundlich
zwei Wochen sackte die Partei in Beliebigkeit, die ein Oppositionsfüh­ gegeben, dann aber nichts mehr von
­Bayern auf 31,7 Prozent ab, was zwar rer manchmal braucht. Und er ver­ sich hören lassen.
deutlich über dem Ergebnis der CDU steht sich halbwegs ordentlich mit Söders Ärger dürfte auch mit sei­
lag, für bayerische Verhältnisse aber Söder. Wirklich schwierig würde es nen eigenen geplatzten Überlegungen
einem Volksaufstand nahekam. Will zwischen ihnen womöglich erst, wenn zu tun haben. Eine große Chance für
sich Söder als starker Mann der Union sich beide für die Kanzlerkandidatur Jamaika hatte er nach der Wahl zwar
behaupten und eine Chance auf die interessierten. nie gesehen. Aber wenn das Bündnis
nächste Kanzlerkandidatur haben, Das politische Gegenbild zu Söder eine Chance gehabt hätte, so sah er
muss er erst einmal die Landtagswahl wäre Friedrich Merz. Anders als es, dann doch wohl mit ihm an der
­gewinnen, mit einem Ergebnis, wie es Spahn ist Merz nicht flexibel, sondern Spitze.
die CSU erwartet: irgendwo um die hat seine Vorstellung von Konserva­ Vielleicht ja in vier Jahren? Söder
absolute Mehrheit herum. tismus seit zwei Jahrzehnten nicht winkt ab, wenn man ihn darauf an­
Er dürfte nun versuchen, auch die groß verändert. In Söders Augen ist spricht, alles Zukunftsmusik – aber
CDU inhaltlich zu prägen, Einfluss Merz aus der Zeit gefallen, in Merz’ Noch-CDU-Chef
die bayerische Landtagswahl liegt
auf ihre Ausrichtung zu nehmen. Der Augen ist Söder ein Großopportunist. Laschet: Wer auch günstig, um sie als Sprungbrett zu
Bayer will nicht noch einmal zusehen, Sollte Merz CDU-Chef werden, dürf­ immer nach ihm nutzen. Es hat schon einmal einen
wie die Schwesterpartei plan- und te das Verhältnis der Schwesterpar­ kommt – er oder sie machtbewussten Ministerpräsidenten
wird sich in den
richtungslos in einen Wahlkampf teien sich eher noch verschlechtern. nächsten Jahren
gegeben, der seine Wiederwahl zum
zieht – so zumindest hat er die Kam­ Irgendwo dazwischen liegt Nor­ mit Söder arrangieren Plebiszit über die Kanzlerkandidatur
pagne in diesem Jahr wahrgenom­ bert Röttgen, er hat den Ehrgeiz, die müssen erklärte: Gerhard Schröder.
men. Wie sieht die CDU aus, die er Anfang März 1998, ein halbes Jahr
sich wünscht? vor der Bundestagswahl, wurde in
Söder hat seine eigene Partei offe­ Niedersachsen der Landtag gewählt,
ner gemacht, ihr einen grünen An­ und Schröder, dessen bundespoli­
strich gegeben. Er hat erkannt, dass tische Ambitionen längst bekannt
die Klimafrage die nächsten Jahre waren, gab ein ehrgeiziges Ziel aus:
dominieren wird, dass man sie nicht Wenn er klar unter dem letzten Er­
den Grünen überlassen darf. In der gebnis von rund 44 Prozent liege,
Endphase des Wahlkampfs, als sich habe sich die SPD-Kanzlerkandidatur
der Absturz abzeichnete, machte er für ihn erledigt.
dann Witze übers Gendern, das war Er holte knapp 48 Prozent, es war
wieder die alte CSU, ein bisschen die absolute Mehrheit, sein Rivale
Stammtisch, ein bisschen Ressenti­ Oskar Lafontaine überließ ihm die
Michael Kappeler / dpa

ment. Söder beherrscht beides, die Kanzlerkandidatur. Der Rest ist Ge­
Zukunft der Union sieht er trotzdem schichte. Markus Söder dürfte sie ge­
als ökologisch profilierte Volkspartei. nau auf dem Schirm haben.
Für alles andere, glaubt er, gibt es kei­ Anna Clauß, Christoph Hickmann,
ne Mehrheit mehr. Veit Medick  n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 33


DEUTSCHLAND

der Machtübernahme durch die Tali­


ban ein modernes Land am Hindu-
kusch aufbauen wollten. Und seine
letzte Hoffnung heißt jetzt Deutsch-
land. Dort hat er eine Schwester.
Doch um zu ihr zu kommen, hätte
er auf die Liste gemusst. Die Liste
der Deutschen.
Es geht nicht um die große Liste,
jene für Afghaninnen und Afghanen,
die für Bundesregierung und Bun-
deswehr am Hindukusch gearbeitet
haben. Auf ihr stehen rund 14 000
Namen, Ortskräfte und ihre Ange-
hörigen, und noch immer liefern
deutsche Stellen weitere nach. Es
gibt beim Auswärtigen Amt (AA)
aber noch eine zweite, kleinere
Schutzliste. Für Afghanen, die sich
für westliche Werte, für Demokratie,
Meinungsfreiheit und Menschen-
rechte starkgemacht haben – und
die deshalb nun in Angst leben.
2640 Namen stehen darauf, mit
denen von rund 6200 Angehörigen;
viel mehr werden es auch nicht wer-
den. Anmeldeschluss war offiziell
der 31. August. Wer zu spät kam, den
bestraft nun das Leben. Im schlimms-
ten Fall könnte es damit enden, dass
einige dafür mit dem Leben zahlen.
Die sogenannte Menschenrechts-
liste des Auswärtigen Amts wirft des-
halb eine Menge Fragen auf: Wer
steht darauf, warum, wie viel Zufall
steckt in dieser Liste? Und war es
nötig, das Schicksal Verfolgter von
REUTERS

einer Art Stichtagslotto abhängig zu


machen?
Geflüchtete Afghanen in Bundeswehrmaschine Mitte August: Künftig per Charterflug in Sicherheit?
Die meisten Namen lieferte die
deutsche Botschaft in Kabul, die über
Jahre mit afghanischen Menschen-
rechtlerinnen und Menschenrecht-

Zwei Tage zu spät


lern zusammengearbeitet hatte.
Außerdem benannten Hilfsorganisa-
tionen ihre Kontaktleute, die sie in
Sicherheit bringen wollten. Einzelne
deutsche Behördenmitarbeiter, die
MENSCHENRECHTE  Deutschland will afghanische Aktivisten retten. Doch der mit Afghanen zu tun hatten, versuch-
Weg auf die Namensliste glich einer Lotterie, und selbst wer es darauf geschafft ten ebenso, Namen einzuspeisen.
Und auch Privatpersonen machten
hat, kommt zurzeit kaum aus dem Land. Vorschläge, die im AA landeten.
Es handelt sich um eine Liste des

D
as Foto stammt aus einer Zeit,
als Mahdi M. noch an seine
Zukunft in Afghanistan glaub-
Nun aber ist er von der Bildfläche
verschwunden. Untergetaucht in Ka-
bul. Das Foto, das er per WhatsApp
2640 guten Willens, die nicht in ein Asyl-
verfahren beim Bundesamt für Mi­
gration und Flüchtlinge führt, son-
te. Und an eine Zukunft für Afgha- schickt, zeigt einen blauen Pick-up, dern wie bei Ortskräften direkt zu
nistan. 2014 war das, er arbeitete als aus dem anscheinend Taliban aus- Namen von einem Aufenthaltstitel in Deutsch-
Direktor im afghanischen Flücht- steigen: angeblich vor seinem Haus. land, gewährt nach Großzügigkeit.
lingsministerium, auf dem Bild steht Die Taliban hätten bei seiner Familie
Aktivisten Den nötigen Rahmen dafür bietet
er nur einen Meter entfernt vom angeklopft, um ihn zu finden, stehen auf der Paragraf 22 im Aufenthaltsgesetz, in
­Minister. Es gibt auch ein Bild mit schreibt er dem SPIEGEL. Zum Glück sogenannten dem von »politischen Interessen der
ihm bei einer internationalen Kon- habe er sich rechtzeitig woanders Bundesrepublik Deutschland« die
ferenz. Oder Artikel mit seinem Bild, versteckt. Menschen- Rede ist. Entsprechend unklar sind
die er als Journalist geschrieben hat. Einiges davon lässt sich überprü- rechtsliste des die Kriterien. Hilfsorganisationen,
Außerdem ein Bild auf dem Ausweis
einer Universität in Kabul, an der er
fen, anderes nicht. Klar ist: Mahdi
M., 46, will raus aus Afghanistan, so
Auswärtigen die in Berlin Namen für die Liste
nennen konnten, wissen nicht, wer
Vorlesungen gab. wie viele seiner Landsleute, die vor Amts. es tatsächlich darauf geschafft hat.

34 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Selbst ein Behördenmitarbeiter, der sich für


einige Afghanen eingesetzt hat, kann heute Flexibel bleiben.
nicht sagen, ob das etwas gebracht hat.
Noch mehr als die Geheimniskrämerei
löst aber der Stichtag 31. August Kopfschüt-
Lesen Sie den SPIEGEL,
teln aus. Etwa bei »Reporter ohne Grenzen«:
157 afghanische Kolleginnen und Kollegen solange Sie möchten.
hat die Journalistenorganisation rechtzeitig
beim AA gemeldet. In knapp 100 Fällen Frei Haus.
schaffte sie es nicht. Betroffen ist auch die Der SPIEGEL jede Woche direkt nach Hause
Herausgeberin einer Zeitschrift für Frauen,
die mit ihrer Arbeit für alles steht, was ins Über 3 % sparen.
Feindbild der Taliban passt; ihre verzweifel- Für nur € 5,60 pro Ausgabe statt € 5,80 im Einzelkauf
te Bitt-Mail schickte sie erst am 3. September Ohne Risiko.
ab. Dass das zu spät war, konnte sie nicht
ahnen. So wenig wie Hilfsorganisationen Jederzeit kündbar, Urlaubsservice möglich
ahnen konnten, dass der 31. August – im Fall Vergünstigte Tickets.
von »Reporter ohne Grenzen« der 1. Sep- Für ausgewählte SPIEGEL-Veranstaltungen
tember – rückwirkend vom Bund zum Stich- auf www.spiegel-live.de
tag erklärt werden würde. Mit dem Wissen
von heute zog sich deshalb auch die Vor-
prüfung mancher Anträge bei »Reporter
ohne Grenzen« zu lange hin. »Hätten wir
von dem Stichtag gewusst, hätten wir nicht
600, sondern 800 Überstunden gemacht«,
sagt Geschäftsführer Christian Mihr.
Kalt erwischt wurde auch Amnesty Inter-
Einfach jetzt anfordern:
national. Die Menschenrechtsorganisation
hatte dem Auswärtigen Amt bis Ende August abo.spiegel.de/flexibel
nur Aktivisten gemeldet, die sich schnell zum
Flughafen bringen ließen, also Menschen, oder telefonisch unter 040 3007-2700
die schon in Kabul waren. Wer in den Pro- (Bitte Aktionsnummer angeben: SP-FLEX)
vinzen festsaß, sollte auf seine Chance war-
ten. Und hat deshalb nun nach offiziellen Keine
deutschen Angaben keine Chance mehr.
»Wir hätten nie gedacht, dass es einen Stich- Mindest-
tag geben könnte, sonst hätten wir anders,
systematischer geschaut«, sagt Amnesty- laufzeit
International-Expertin Julia Duchrow.
»Dass die Menschenrechtsliste ohne Vor-
warnung einfach geschlossen wurde, obwohl
noch Tausende ausgeflogen werden müssen,
ist ein Beweis für die Engherzigkeit der
Regierung«, empört sich auch Wenzel Mi­
chalski, Deutschland-Direktor von »Human
Rights Watch«. Tatsächlich hat das Aus­
wärtige Amt inzwischen doch noch mehre-
re Dutzend Namen hinzugefügt, meist wur-
den sie informell von Bundestagsabgeord-
neten oder Journalisten ans Amt herange-
tragen. Generell öffnen will man die Liste
allerdings nicht mehr, aus Angst, in Anträgen
unterzugehen. Wer in ganz speziellen Aus-
nahmefällen und dank guter Beziehungen
noch auf Rettung hoffen darf, bleibt daher
nebulös.
Unklar ist auch die Frage, ob Aktivisten
einen Bezug zu Deutschland haben mussten,
um auf die Liste zu kommen, etwa als freie
Mitarbeiter für deutsche Medien. »Reporter
ohne Grenzen«-Geschäftsführer Mihr sagt,
mehr als die Hälfte der Journalisten, die sie
auf die Liste befördern konnten, hätten kei-
ne Verbindung zu Deutschland. Dagegen be-
tonte eine AA-Sprecherin in der Regierungs-
pressekonferenz, es gehe um Menschen, die
mit Deutschen gearbeitet oder sich für »deut-
sche Belange« eingesetzt hätten. Selbst für

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 35


DEUTSCHLAND

die 2640, die es auf die Liste geschafft haben,


wird es schwer genug, aus Afghanistan her-
auszukommen. Zwar landete am Donnerstag
in Hannover eine Chartermaschine aus dem
pakistanischen Islamabad mit 200 Geflüch-
teten, unter ihnen einige von der Menschen-
rechtsliste. Sie wurden mit Lunchpaketen
empfangen und sollen auf neun Bundeslän-
der verteilt werden. »Die Liste hilft derzeit
aber nur denen tatsächlich, die es schon
selbst aus Afghanistan rausgeschafft haben«,
sagt Amnesty-International-Expertin Duch-
row. Seit Kurzem ist nämlich der Weg nach
Pakistan und damit die wichtigste Flucht-
route über Land weitgehend geschlossen.
Erst vergangene Woche musste ein Bus von
»Reporter ohne Grenzen« an der Grenze
wieder umdrehen.
Der Grund: Die Pakistaner haben spontan
M. Golejewski / AdoraPress

ihre Einreisebestimmungen geändert. In letz-

Stefan Boness/Ipon
ter Zeit hatte das Auswärtige Amt das Pro-
blem, dass viele Afghanen keinen Reisepass
haben, mit sogenannten Verbalnoten gelöst.
Darin versicherten die Deutschen, dass die
Afghanen aus Pakistan in die Bundesrepu­ »Querdenker« in Leipzig im Novembern 2020: Maske als Symbol der Unterdrückung
blik weiterfliegen dürften. Nun aber hat Pa-
kistan die Praxis gekippt. Ohne Pass keine
Einreise mehr.

Total enthemmt
Deshalb peilen die Krisenmanager in Ber-
lin eine andere Lösung an. Nach schier end-
losen Planungsrunden sind sie mittlerweile
zuversichtlich, Afghanen in den kommenden
Wochen mit Charterflügen von Kabul nach
Islamabad oder ins Golf-Emirat Katar aus- GEWALT  Nach der Tat von Idar-Oberstein rücken diejenigen in den Blick,
fliegen zu können. Die Identitätsprüfung am die die Coronamaßnahmen durchsetzen sollen – und dafür oft
Flughafen in Kabul soll eine private Sicher-
heitsfirma übernehmen, weil es derzeit kei- angegriffen werden. Wie ein 21-jähriger Lehramtsstudent aus Hessen.
ne deutschen Diplomaten im Land gibt, die

Z
das erledigen könnten. wei Wochen nachdem es passiert war, einem Unbeteilig­ten in die Brust. Der Täter
Klappt die heikle Mission – und das hängt ging er einfach wieder hin. Setzte sich lud dann die Getränkekisten in seinen Wagen
Tag für Tag vom Wohlwollen der Taliban ab – an die Kasse des Getränkemarkts im und fuhr davon. Stunden später ­wurde er an
dann könnten mit jedem Flug 200 Menschen hessischen Nauheim. Er habe nicht sein wei- seinem nahe gelegenen Wohnort festgenom-
herausgeholt werden. Auch gut 400 deutsche teres Leben in Angst verbringen wollen, sagt men, so steht es in der Anklage gegen ihn.
Staatsbürger mit ihren Angehörigen, die Connor G. in einem Videochat. Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass der
noch in Afghanistan ausharren und Vorrang Am 28. November 2020 hatte der 21-jäh- Angeklagte bei der Messerattacke auf dem
haben. Selbst mit Charterflügen wird es aber rige Lehramtsstudent an der Kasse gearbeitet, Parkplatz den »Eintritt tödlicher Verletzun-
wohl Monate dauern, bis alle Gelisteten – am als ein Mann »dem anderen Kunden richtig gen billigend in Kauf genommen« habe. Bei
Ende vermutlich rund 25 000 Ortskräfte, auf die Pelle gerückt« sei, so schildert Connor seiner Festnahme einige Stunden nach der
Aktivisten und ihre Angehörigen – in G. es. Als der andere Kunde um mehr Abstand Tat war er mit mehreren Messern bewaffnet
Deutschland ankämen. bat, habe der Mann losgeschimpft. Wenn die- und biss einen Polizisten in den Unterarm.
Bleibt die Frage, ob bedrohte Aktivisten ser nicht seine »Fresse« halte, würde seine Die Tatwaffe hatte er nicht bei sich.
noch so viel Zeit haben. Ein ganzes Team »Kniescheibe kaputt« sein. Daraufhin, so Con- Der mutmaßliche Täter Florian A. steht
von Reportern des Wochenmagazins »Jade- nor G., habe er den Mann gebeten, freundlich mittlerweile vor dem Darm­städter Landge-
Abresham Weekly«, in dem auch der in zu bleiben und den Abstand zu wahren. richt, dem 39-Jährigen werden unter anderem
Kabul untergetauchte Mahdi M. politische Augenblicke später sind Kassierer und versuchter Totschlag und gefährliche Körper-
Analysen veröffentlicht hatte, konnte sich Kunde allein im Getränkemarkt, G. fühlt sich verletzung vorgeworfen.
nach eigenen Angaben in die pakistanische bedroht, greift zum Telefon, um die 110 zu Für Connor G. und seinen Anwalt steht
Grenzstadt Quetta durchschlagen. Auch in wählen. Doch bevor er dazu gekommen sei, fest, dass es nur einen einzigen Grund für den
Quetta liefen jedoch überall Taliban durch habe sich der Mann schon auf ihn gestürzt, Gewaltexzess gab: Der Kassierer tat, wozu
die Straßen. ihn in die Getränkeflaschen geworfen und er verpflichtet war, er überwachte das Ein-
»Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie uns gewürgt. Danach habe der Mann ihn getreten. halten von Coronaregeln. Wie so viele ande-
finden werden; unser Leben ist in Gefahr«, »Er stampfte richtig auf mich ein.« Es sei das re, die in Geschäften, im öffent­lichen Nah-
schrieb einer von ihnen dem SPIEGEL in die- Brutalste gewesen, was er je erlebt habe. verkehr oder in der Gas­tronomie arbeiten.
ser Woche. »Bitte helfen Sie uns und holen Ein Kollege, der im Lagerraum arbeitete, Und wie der 20-jährige Student aus Idar-
uns aus Pakistan raus. Wir brauchen drin- hörte die Schreie von Connor G. und eilte Oberstein, der an einer Tankstelle jobbte und
gend Ihre Unterstützung.« herbei. Er konnte G. befreien, sie flüchteten dort am 18. September erschossen wurde,
Jürgen Dahlkamp, Matthias Gebauer, aus dem Laden, riefen um Hilfe. Der Angrei- weil er den mutmaßlichen Schützen zuvor
Roman Lehberger  n fer ging auf den Parkplatz und stach dort auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.

36 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Der Umgang mit den Corona­ stein. »Aber im Grunde hatten wir In einem gung, die Politisierung des banalen
regeln hat sich in den anderthalb hier dieselbe Situation.« Die Corona- Alltagsbereiches«.
Jahren der Pandemie ideologisch auf­ schutzmaßnahmen, die der Staat er- Kassierer Die »Querdenker«-Szene verliert
geladen. Für eine kleine, aber laut- lassen hat, damit die Bevölkerung wird kein laut Sicherheitsbehörden gerade an
starke Gruppe ist die Maske ein Poli-
tikum. »Sie wurde zu einem Symbol
durch die Pandemie kommt, seien
vernünftig gewesen. »Aber was völlig
Mensch mehr Zulauf, weil sich die Coronasituation
aktuell entspannt. Die Militanten
von Unterdrückung, ihr Nichttragen vergessen worden ist: Wie und von ge­sehen, nur unter ihnen bleiben laut Zick aber
zu einem Symbol von Freiheit«, sagt wem werden diese Regelungen durch- »der Vollstre- »eine substanziell große Gruppe«.
Andreas Zick, Leiter des Instituts für gesetzt?« Auf dem Höhepunkt hätten ungefähr
interdisziplinäre Konflikt- und Ge- Als Connor G. angegriffen wurde,
cker eines 300 000 Menschen gegen die Coro-
waltforschung an der Universität Bie- gab es noch keine Impfstoffe gegen korrupten namaßnahmen demonstriert, in je-
lefeld. Täter wie der in Idar-Oberstein das Coronavirus, die sogenannten Systems«. der zweiten Familie gebe es »min-
sähen sich, so Zick, in einem »Modus AHA-Regeln waren die einzige prak- destens eine Person mit einer sehr
des Widerstandes«, in dem staatliche tikable Möglichkeit, sich vor einer speziellen Ansicht zu Corona und
Coronamaßnahmen als »illegitime Infektion zu schützen. Anfang des den dazu gültigen Regeln«. Zick geht
Freiheitseinschränkungen« angese- Monats hatte der Teilshutdown be- von mehreren Tausend Gewaltberei-
hen werden, gegen die angekämpft gonnen, nur Angehörige von zwei ten aus, die auch dann nicht ver-
werden müsse. Haushalten durften sich treffen. Acht schwänden, wenn Corona kein The-
Und ein solches Gefühl, Wider- Tage vor der Tat hatte das Robert ma mehr sei. Viel Potenzial für
stand leisten zu müssen, kann offen- Koch-Institut mit 23 684 Fällen einen »Querdenkertum« sieht er bei der
bar zu totaler Enthemmung führen. neuen Höchststand an Neuinfektio- Klimakrise. In der Gesellschaft hät-
Das zeigt ein Blick in die Polizeimel- nen vermeldet. ten sich mobilisierungsfähige Pa­
dungen der vergangenen Wochen: Der mutmaßliche Täter wohnte rallelmilieus gebildet.
‣ Am 23. September sprüht ein Kun- Nachbarn zufolge ab ungefähr 2010 Am vergangenen Montag wurde
de in einem Erfurter Getränkemarkt in einer Eigentumswohnung in einem im Landgericht Darmstadt wieder
mit Pfefferspray um sich. gepflegten Mehr­familienhaus. Zu- verhandelt, es war ein kurzer Ter-
‣ Ebenfalls am 23. September tritt nächst sei er normal und unauffällig min, der Angeklagte schweigt. Seine
eine Frau eine Mitreisende in einer gewesen. Kurz nach seinem Einzug Verteidiger erklären, sie könnten
Regionalbahn in Bad Kreuznach, be- sei er dann für mehrere Monate ver- zum Motiv nichts sagen, sie würden
schimpft das Opfer und schließt mit schwunden, sagt eine Nachbarin. es selbst nicht kennen. Coronaleug-
den Worten: »Sie wissen ja, was in Danach sei er komplett verändert nung sei als Tatmotiv aber auszu-
Idar-Oberstein passiert ist, Sie gehö- gewesen, aggressiver, ablehnend al- schließen. Ihr Mandant könne sich
ren ebenfalls abgeknallt.« len anderen gegenüber. Gäste habe an die Tat nicht erinnern. Auch aus
‣ Zwei Tage später kommt es zu einer er nie empfangen, abgesehen von der Staatsanwaltschaft heißt es, man
Prügelei in einem Hagener Super- gelegentlichen Besuchen seiner Mut- habe bisher keine weiteren Hinwei-
markt. ter. »Er war völlig isoliert.« Mindes- se auf eine Abwehrhaltung gegen
‣ Am 29. September attackiert ein tens einmal habe er einen Nachbarn Coronamaßnahmen bei ihm ent-
Kunde den Betreiber eines Dortmun- aus dem Haus bedroht. Ein weiteres deckt. Ein psychiatrisches Gutachten
der Kiosks. Mal habe die Polizei das Haus um- soll klären, ob A. vermindert schuld-
‣ Ebenfalls am 29. September greift stellt und ihn mitgenommen. A. ist fähig ist. Laut Nebenklägeranwalt
eine Frau eine Fahrkartenkontrol- mehrfach vorbestraft wegen Körper- Brill haben Ermittler und Gericht
leurin in einer Nürnberger U-Bahn an. verletzung und Beleidigung. bislang allerdings zu wenig unter-
In allen Fällen waren die mutmaß- Der Konfliktforscher Zick erklärt sucht, ob der Mann sich in Kreisen
lichen Täterinnen und Täter zuvor auf solche Angriffe so: In einem Kassie- von Coronaleugnern bewegte. Brill
einen fehlenden Mund-Nasen-Schutz rer werde kein Mensch mehr gese- Angeklagter A. sagt, er habe den Eindruck, dass das
angesprochen worden. Verfassungs- hen, der seinen Job mache, sondern (M.) vor Gericht versuche, die politische Di-
schützer warnen inzwischen vor einer ein »Vollstrecker eines korrupten dem Darmstädter mension des Falls auszublenden.
Landgericht:
weiteren Radikalisierung in der Systems. Er oder sie wird dehuma- »Eintritt tödlicher
Nach der Tat von Idar-Oberstein
»Querdenker«-Szene und in der Fol- nisiert. Und das ist die große Gefahr Verletzungen in hat das Interesse an dem Prozess in
ge vor schweren Straftaten. der Radikalität dieser neuen Bewe- Kauf genommen« Darmstadt zugenommen. Es scheint,
Connor G., ruhige Stimme, eher als habe der tödliche Schuss an der
schmal gebaut, ist in den vergangenen Tankstelle die Aufmerksamkeit auf
beiden Monaten mehrfach im Darm- ein Problem gelenkt, mit dem die Be-
städter Landgericht gewesen, um als troffenen lange Zeit alleingelassen
Nebenkläger an dem Prozess teilzu- wurden.
nehmen, in dem die Attacke gegen Connor G. hatte im Mai 2021 sei-
ihn und einen weiteren Mann ver- ne letzte Schicht im Getränkemarkt.
handelt wird. Nicht verhandelt wird Er gibt mittlerweile seine ersten
dort eine Frage, die sich spätestens Unterrichtsstunden in Kunst und
nach dem tödlichen Schuss von Idar- Musik. Er ist froh, sich damals wie-
Oberstein stellt: Wie werden eigent- der an die Kasse gesetzt zu haben.
lich diejenigen geschützt, die die »Das hat mir geholfen.« Was er heu-
Walter Scheele / DER SPIEGEL

Corona­regeln durchsetzen müssen? te anders machen würde? »Ich wür-


Niko Brill ist der Anwalt von Con- de früher den Notknopf drücken.«
nor G., in seinem Mainzer Büro er- Damals habe er zu lange gezögert.
klärt er, dass sein Mandant einfach Und als er den Knopf brauchte, kam
mehr Glück gehabt habe als der Kas- er nicht mehr an ihn ran.
sierer der Tankstelle in Idar-Ober- Tobias Großekemper  n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 37


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DEUTSCHLAND

Gefahr aus dem Hobbykeller


WAFFEN  Es wird immer einfacher, Pistolen und Gewehre mit Anleitungen aus dem Internet und 3-D-Druckern
herzustellen. Auch der Attentäter von Halle baute die meisten Waffen selbst. Held dieser
Szene war ein Mann namens JStark. Der SPIEGEL hat mit ihm gesprochen – kurz vor seinem Tod.

I »Die meisten
n einem kargen Raum steht ein eine mit Teilen aus dem 3-D-Drucker Mit Waffen aus dem Drucker will
3-D-Drucker auf dem Tisch, da- hatte er dabei. Es war sein erklärtes die Community vor allem die stren-
vor posiert ein Mann im Kampf- Kontroll­ Ziel, die Zuverlässigkeit dieser Pisto- gen deutschen Gesetze umgehen. In
anzug, das Gesicht hinter einer methoden len unter Beweis zu stellen und ande- Deutschland ist genau geregelt, wer
Sturmhaube, die Augen von einer re zum Nachbau zu motivieren. Schusswaffen erwerben darf: Sport-
verspiegelten Sonnenbrille verbor- sind zum Seit Jahren wächst der kaum zu schützen oder Jäger mit waffenrecht-
gen. In der Hand hält er eine Maschi- Scheitern kontrollierende Markt von selbst ge- licher Erlaubnis. Nur lizenzierte
nenpistole, immer und immer wieder
tauscht er das Magazin, die Geräu-
verurteilt.« bauten und gedruckten Waffen, weit-
gehend unter Ausschluss der Öffent-
Büchsenmacher und industrielle Her-
steller dürfen Schusswaffen bauen.
sche vermischen sich mit der Techno- Nic-Jenzen Jones, lichkeit, angeleitet durch Videotuto- Wer sich nicht daran hält, dem drohen
Waffenexperte
musik, mit der das Video unterlegt von Armament rials und akribische Bauanleitungen. bis zu zehn Jahre Haft.
ist. Dann gibt er mehrere Schüsse Research Services Für Sicherheitsbehörden ist das ein Mittlerweile sind es Zehntausende,
ab – die Zuschauenden sollen sehen: Albtraum. Denn die Entwicklung im- die sich in Foren im Internet austau-
Die Waffe aus dem 3-D-Drucker ist mer besserer Werkstoffe und die schen, an Bauplänen arbeiten und
funktionstüchtig. wachsende Vernetzung der Online- Schießübungen mit neuen Waffen-
Für seine Fans ist dieser Mann ein nutzer eröffnen dem Verbrechen typen posten. Die Szene ist inter­
Pionier, ein Innovator – eine Art Elon ständig neue Möglichkeiten. national vernetzt und vielfältig. Die
Musk der Waffennarren. Im Netz tritt Eine Schlüsselfigur dieser Szene Konstrukteure der Waffen wollen das
er unter dem Pseudonym JStark auf, war JStark. Gemeinsam mit einem staatliche Machtmonopol aufbre-
als Anführer der größten 3-D-Waffen- Komplizen hatte er die Maschinen- chen. Waffenbesitz ist für sie ein
Gemeinde. Manche seiner Anhänger pistole aus dem Videoclip entwickelt. ­Menschenrecht, um sich im Notfall
bezeichnen ihn in internen Chats als Sie soll alles übertreffen, was es bislang gegen wen auch immer mit Gewalt
Vater der Community und als Helden. auf dem Markt der Waffen aus dem verteidigen zu können. Auch gegen
Seine Stimme klingt jung. Er spricht 3-D-Drucker gab, sowohl bei der Ziel- den Staat.
fließend Englisch mit leichtem Ak- genauigkeit als auch bei der Zuver- Doch warum machen sich Men-
zent. JStark gefällt sich in der Rolle lässigkeit. Die Waffe, Kaliber neun schen weltweit die Mühe, Schuss­
eines Vorkämpfers. Ein Phantom, Mil­limeter, wiegt nur 2,1 Kilogramm. waffen selbst zu Hause zu bauen?
dem es angeblich nur um seine Idea- Es reichen ein paar Klicks im Internet, Gewehre und Pistolen gibt es im
le geht. Ein Mann auf der Seite der um sich die Pläne zu besorgen, ein Überfluss, etwa eine Milliarde sind
Entrechteten, die in der Lage sein günstiger 3-D-Drucker, um sie zu dru- es weltweit, so eine grobe Schätzung
wollen, sich bei Bedarf mit Waffen- cken, und eine Einkaufstour im Bau- der Experten von Small Arms Survey
gewalt gegen den Staat zu wehren. Attentäter von Halle markt oder auf Plattformen wie Ebay, aus Genf.
im Magdeburger
»Selbst wenn es viel Bluvergießen er- Landgericht 2020:
um sie zu vervollständigen. So lässt An vielen Orten ist der Zugang zu
fordern würde, um das Recht zu er- Waffen im Bett­kasten sich zu Hause eine Maschinenpistole Schusswaffen allerdings nicht so
halten, Waffen zu tragen, würde ich des Kinderzimmers bauen, die viele Menschen töten kann. leicht. Oder sie sind zu teuer. In bür-
es tun«, sagte er in einem Gespräch gerkriegsgebeutelten Ländern Afri-
mit dem SPIEGEL im vergangenen kas, auf den Philippinen oder in der
Jahr. Inzwischen lebt er nicht mehr. brasilianischen Unterwelt sind impro-
Auch der Attentäter von Halle hat- visiert zusammengeschraubte Schuss-
te sich eine Waffenbauanleitung von waffen aus Metall schon lange ver-
JStark und seinem Komplizen im breitet. Auch in Europa, etwa in Por-
Internet angeschaut. Der Terroran- tugal, werden von Kriminellen häufig
schlag jährt sich am 9. Oktober zum Flinten Marke Eigenbau verwendet.
zweiten Mal. Der Rechtsextremist Andere suchen sich Waffen im
wollte am höchsten jüdischen Feiertag Darknet, zum Beispiel der Rechts-
Jom Kippur eine Synagoge in Halle an extremist, der 2016 im und am Olym-
der Saale stürmen und möglichst vie- pia-Einkaufszentrum in München
le Juden ermorden. Als er an der Tür neun Menschen erschoss und weitere
Ronny Har tmann / dpa

und am Tor gescheitert war, schoss er verletzte. Die Anonymität ist im


auf Menschen, die sich zufällig in der dunklen Teil des Netzes zwar groß,
Nähe aufhielten. Zwei starben, weite- doch ebenso die Gefahr, auf Betrüger
re wurden verletzt. Der Attentäter oder verdeckte Ermittler der Polizei
setzte selbst gebaute Waffen ein, auch hereinzufallen.

40 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Selbst gebaute Maschinenpistole

Druckempfindliche
Bauteile wie der
Lauf sind aus Metall.
In Onlinegruppen entwickeln Die Waffen bestehen Das hier abgebildete
Zehntausende international zum Großteil aus Modell ist besonders
vernetzte Bastler immer zuver­ Plastik aus dem verbreitet. Weltweit
[M] DER SPIEGEL

lässigere Prototypen und 3-D-Drucker. Selbst wird die Waffe immer


tauschen detaillierte Bauanlei­ das Magazin kann häufiger bei Razzien
tungen zu 3-D-Waffen aus. ausgedruckt werden. sichergestellt.

Der große Vorteil des 3-D-Drucks für Waf- Bei der Mischung des Sprengstoffs und der offen rassistisch sind«, sagte JStark. Tatsäch-
fennarren ist, dass sie die Plastikeinzelteile Treibladung für die Munition half ihm sein lich finden sich in den Chats, die Ivan und
schnell und billig Schicht für Schicht drucken abgebrochenes Chemiestudium, abgesehen JStark zur Entwicklung und Verbreitung
und zusammenbauen können. So einfach war davon besaß er keinerlei handwerkliche Vor- ihrer 3-D-Modelle eingerichtet haben, kaum
es noch nie, Schusswaffen herzustellen. Und kenntnisse. Hatte er eine Waffe in der Werk- politische Äußerungen. Die meisten Nach-
das in der Sicherheit und Anonymität der statt des Vaters fertiggestellt, nahm er sie mit richten beziehen sich ausschließlich auf
eigenen vier Wände. in das Haus seiner Mutter, wo er sie im Bett- den Eigenbau von Schusswaffen mit dem
Das war auch das Kalkül des Attentäters kasten seines Kinderzimmers versteckte. So 3-D-Drucker.
von Halle. Nur weil seine Schusswaffen nicht ging es über Jahre. Wer dennoch über Politik reden möchte,
gut funktionierten und ständig Ladehem- Bei der Tat hatte der Mann neben mehr wird ermahnt: »Wir sollten solche Unterhal-
mung hatten, gab es nicht mehr Opfer. Im als 1000 Schuss Munition und rund vier Kilo- tungen hier lieber unterlassen.« Oder: »Leu-
Video, das der Täter im Internet streamte, gramm Sprengstoff sieben selbst gebaute te, keine Politik hier bitte!« Das Halle-Atten-
sieht man, wie er immer wieder auf wehr- Schusswaffen bei sich. Drei dieser Waffen tat habe in der digitalen Waffenbauszene nur
lose Passanten zielt und abdrückt, ohne dass setzte er ein. Kurz bevor er aufbrach, lud für »wenig Diskussion« gesorgt, niemand
sich eine Kugel löst. er seine Anleitungen und 3-D-Modelle ins habe den Täter oder seine Waffenmodelle auf
Ermittlungsakten, die dem SPIEGEL vor- ­Internet. dem Schirm gehabt, sagte JStark. Seine Hal-
liegen, zeigen, wie akribisch der Mörder die »Er hat seine Munition mit irgendeiner tung fasste er in diesem Satz zusammen:
Tat vorbereitete und welche Schlupflöcher er seltsamen, schwachen Treibladung aus­ »Auch wenn durch selbst gebaute Waffen
nutzte, um in der Werkstatt seines Vaters gestattet«, sagte JStark dem SPIEGEL über Menschen zu Schaden kommen: Besser alle,
­jahrelang ein Sprengstoff- und Schusswaffen- die Produkte des Attentäters von Halle. auch Kriminelle und Gangster, dürfen Waffen
arsenal aufzubauen – unter dem Radar der »Das mag jetzt schrecklich klingen, aber besitzen als keiner.«
Sicherheitsbehörden. Lange vor seiner Tat ­hätte er mit uns zusammengearbeitet, hät­ Die Community der beiden ist mit mehr
begann er, sich hochzurüsten, aus Hass auf ­ten seine Waffen immerhin halbwegs gut als 10 000 Mitgliedern wohl die bekannteste
Migranten, Juden und den deutschen Staat, funk­tioniert«, pflichtete ihm sein Mitstrei- und größte der Szene. Auch in anderen Netz-
der angeblich alles kontrolliere – auch wer ter Ivan bei. werken findet man Schrauber, die gern an
Pistolen und Gewehre besitzen darf. Die Bau- Die beiden Waffenentwickler hatten sich Pistolen und Gewehren basteln und das in
anleitungen entwickelte der Attentäter größ- zu einem Interview bereit erklärt unter der Staaten wie den USA oft legal dürfen. Oder
tenteils selbst. Zusätzlich nutzte er Vorlagen Bedingung, anonym zu bleiben. Ein persön- Extremisten, die versuchen, unter dem Radar
populärer Modelle, deren Konstruktionsplä- liches Treffen lehnten sie ab, weshalb das Ge- der Sicherheitsbehörden illegal an Waffen für
ne im Internet frei zugänglich sind. spräch über Skype geführt wurde. Sonst sei Anschläge zu kommen.
Was der Täter für seine Mordinstrumente die Gefahr zu groß, dass ihnen Strafverfolger Im Internet kann man in den USA bereits
brauchte, kaufte er sich legal im Internet und auf die Spur kämen. »Das wäre extrem ris- gedruckte Bastelsets kaufen, die sich leicht
in Baumärkten, darunter Chemikalien für die kant«, sagte JStark. montieren lassen. In Waffenforen und auf Te-
Bomben und die Munition sowie das Material Der Blick der beiden auf die Morde von legram bieten Käufer fertig gebaute Schuss-
für die Schusswaffen. Für rund 100 Euro er- Halle war ein kühler, technischer. Sie be­ waffen des besonders beliebten Modells von
warb er einen 3-D-Drucker aus China, um teuerten, Extremisten seien bei ihnen nicht JStark an, das bei Razzien weltweit immer
eine Plastikmaschinenpistole herzustellen. gern gesehen. »Wir werfen Leute raus, die häufiger sichergestellt wird – gerade in Län-

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 41


DEUTSCHLAND

Digitale Waffen- Stütz-


schmiede elemente
werden
entfernt …
Wie ein 3-D-Drucker
Waffenteile aus einer
Computervorlage
umsetzt

… und Hohlräu-
me ausgebohrt.
Der Bauplan 1 2 3
wird eingelesen. Ein Draht aus Kunst- Die bewegliche Düse und Dem Druck folgt die Nachbearbeitung
stoff wird in der Heizdüse die Grundplatte bauen das per Hand. Ergänzt durch handels-
geschmolzen und auf der Werkstück schichtweise übliche Metallteile entsteht aus den
S Grafik Grundplatte aufgetragen. nach Plan auf. Einzelteilen eine Waffe.


dern, in denen strenge Waffengesetze


herrschen.
Kunststoff herzustellen. Das einzige
Element aus Metall war der Schlag-
»Selbst wenn Wie aus einem vertraulichen Ver-
merk des Bundeskriminalamts her-
Im Mai 2021 nahm die Polizei in bolzen, der auf die Patrone schlägt, es viel Blut- vorgeht, erreichte deutsche Fahnder
Keighley, West Yorkshire, vier mut- um sie abzufeuern. Das erledigte vergießen im Dezember vergangenen Jahres
maßliche britische Rechtsextremisten ein gewöhnlicher Nagel. Sicherheits­ eine Nachricht aus England. Ein bri-
in Gewahrsam. Sie sollen nicht nur behörden weltweit waren alarmiert. erfordern tischer Finanzdienstleister lieferte
terroristische Propaganda verbreitet Seitdem hat sich viel verändert. würde, um einen Hinweis auf einen Mann aus
und Waffenbaupläne geteilt, sondern
auch eine 3-D-Druckwerkstatt betrie-
Schlechte Liberator-Konstruktionen
konnten noch explodieren und die
das Recht zu Deutschland, der womöglich daran
beteiligt war, 3-D-Schusswaffen
ben haben. Hand und Augen des Schützen ver- erhalten, ­herzustellen und zu verbreiten. Die
Im September 2020 löste die spani- letzen. Doch in den vergangenen acht Waffen zu Spuren führten die Ermittler zu ­Jacob
sche Polizei auf Teneriffa eine illegale Jahren arbeitete die Szene unentwegt D., einem 28-Jährigen aus Hannover.
3-D-Waffendruckwerkstatt auf und an neuen, stabileren Modellen. »Für
tragen, würde Beteiligte Kriminalisten beschrei-
verhaftete einen 55-jährigen Mann, bei manche komplexere Metall-Kunst- ich es tun.« ben D. als Sonderling, der vor zwei
dem sie NS-Memorabilia und Chemi- stoff-Hybride braucht man etwas Jacob D., Jahren seinen türkischen Vor- und
kalien zur Herstellung von Sprengstoff mehr Geschick, aber auch das wird Waffenbastler Zunamen hatte ändern lassen. Im
fand. Die Beamten stießen auf 19 ge- mit jedem Jahr einfacher«, sagt Jen- Sommer vergangenen Jahres zog er
druckte Pistolenrahmen, 9 Magazine zen-Jones. von Hannover in eine kleine Woh-
und 2 Schalldämpfer. Auch in den USA Von JStark wird es keine neuen nung im saarländischen Völklingen.
und in Australien, wo in manchen Bun- Modelle mehr geben. Einige Monate Neuer Name, neue Stadt – was D. zu
destaaten bereits der Besitz von 3-D- nach dem Gespräch mit dem SPIEGEL seinem Neustart bewog, bleibt unklar.
Druckdaten zum Waffenbau unter ist er plötzlich abgetaucht. In den Wie ein »Einsiedler« habe D. im Saar-
Strafe steht, fand man in den vergan- ­einschlägigen Foren spekuliert die land gelebt, allein und abgeschieden,
genen Jahren mehrmals Waffen des Szene, was mit ihrem Helden passiert sagt ein Beamter. Nach monatelangen
neuen Modells von JStark. ist. Letzte Spuren seiner Onlineakti­ Ermittlungen schlugen die Behörden
»In den vergangenen zwei, drei Jah- vitäten fanden sich im April dieses Ende Juni zu. Ein Spezialeinsatzkom-
ren hat die Entwicklung von Schuss- Jahres. Seine Profile in sozialen mando stürmte seine Wohnung. Bei
waffen mithilfe des 3-D-Drucks enor- ­Netzwerken, Messengern und Foren der Durchsuchung fanden die Ermitt-
me Sprünge gemacht«, sagt Nic Jen- sind mittlerweile gelöscht. Wurde ihm ler einen 3-D-Drucker, mehrere Han-
zen-Jones von Armament Research die Sache zu heiß? Recherchen des Szeneheld D.
dys, Festplatten und einen Laptop,
Services, einer privaten Organisation ­ PIEGEL offenbaren das Schicksal des
S alias JStark 2020: aber keine Waffen. Jacob D. blieb auf
aus Australien, die weltweit Daten zu Waffennarren – und dass die Polizei Gelebt wie freiem Fuß.
Waffen sammelt und analysiert. »Die JStark schon lange auf den Fersen war. ein Einsiedler Zwei Tage nach der Polizeiaktion
neuesten Hybridmodelle aus Metall fanden Verwandte seinen Leichnam
und Plastik sind deutlich leistungsfähi- in einem Auto vor der elterlichen
ger als die Schusswaffen, die der Halle- Wohnung in Hannover. Fremdver-
Täter benutzte.« Sogar gezogene Läu- schulden und Suizid konnte die
fe, die die Zielgenauigkeit einer Waffe Rechtsmedizin ausschließen. Eine
erhöhen, lassen sich mittlerweile mit- eindeutige Todesursache ergab die
hilfe elektrochemischer Verfahren re- Obduktion nicht. Ermittler fürchten
lativ einfach herstellen. nun, Jacob D. könnte für die Netz-
Seit etwa 2013 hat Jenzen-Jones krieger zum Märtyrer werden. Die
die Szene im Blick. Damals stieß der Todesumstände könnten Verschwö-
US-amerikanische Jurastudent Cody rungsmythen befeuern, sagt ein Er-
Wilson eine Entwicklung an, die Waf- mittler. Dabei sei Jacob D. ohne Zwei-
fengegner bis heute beunruhigt. Der fel eines natürlichen Todes gestorben.
von ihm entwickelte Liberator leitete Seit Geburt habe D. an einer Herz-
eine neue Ära der Selbstbauwaffen schwäche gelitten, die zum Tod ge-
ein. Erstmals war es möglich, ohne führt haben könnte. »Vielleicht war
Expertise und hohe Kosten mit einem die Aufregung einfach zu viel«, meint
3-D-Drucker eine Schusswaffe aus der Beamte.

42 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

Die digitalen Waffenbauer machen weiter –


auch ohne JStark. Aber die Munition bleibt
eine Herausforderung für die Community in
Deutschland. Ohne Sprengstofferlaubnis
kommt sie nicht an das Pulver. Die Lösung der
illegalen Waffenbauer: selber mischen. Was
simpel klingt, war bislang immer das größte
Problem. »Die Abbrandgeschwindigkeit des
Treibladungspulvers muss genau auf die
­Patronen-Waffen-Kombination abgestimmt
sein«, sagt Waffenexperte Niels Heinrich. Der
Kriminaloberrat unterrichtet unter anderem
Waffen- und Sprengstoffrecht an polizeilichen
Hochschulen. »Selbst gemischte Treibladungs-
mittel funktionieren in der Regel nicht. Ent-
steht zu viel Druck, kann dieser die Waffe
sprengen.« Im schlimmsten Fall würden die
Bastler erblinden und Finger verlieren.
Auch dafür scheinen die illegalen Waffen-
bauer inzwischen ein Schlupfloch gefunden zu
haben. Sie machen sich zunutze, dass M ­ unition
für spezielles pulverbetriebenes Werkzeug frei
käuflich ist. Bricht man die Hülsen vorsichtig
auf und füllt das Pulver in bereits abgeschos-
sene Hülsen, lässt sich neue Munition herstel-
len. Risikofrei ist das zwar nicht, doch glaubt
man den Waffenbastlern, lassen sich so relativ
zuverlässige Ergebnisse erzielen.
Die Sicherheitsbehörden scheinen macht-
los gegen die Szene. Zwar gehört Deutschland
zu den Staaten mit den strengsten Waffen-
gesetzen, trotzdem finden sich immer wieder
Lücken. »In dem Moment, in dem ein poten-
zielles Tatmittel verboten wird, weichen T ­ äter
aus und nehmen ein anderes«, sagt Heinrich.
Pessimistisch ist er trotzdem nicht: »Wir
­haben ausgesprochen strenge Gesetze, und
wenn man bedenkt, mit welch einem Auf-
wand der Attentäter von Halle versucht hat,
sich Waffen zu basteln, und mit welch schlech-
tem Ergebnis, dann ist das ein Zeichen, dass
wir eigentlich ganz gut liegen.«
Jenzen-Jones hält dagegen: »Die meisten
Kontrollmethoden sind zum Scheitern ver-
urteilt.« Zahlreiche Komponenten wie Rohre,
die hohem Druck standhalten, würden für
Jetzt
im Handel
viele legale Zwecke genutzt. Wie könne man
das also verbieten? Für ihn ist klar: »Wenn
Menschen unbedingt eine Schusswaffe haben
Zufriedener
wollen und es legal nicht schaffen, werden sie
sich illegal eine bauen, egal ob aus Metall oder
Plastik.«
arbeiten
Das Bundesinnenministerium hat nicht
mal Zahlen zu Waffen aus 3-D-Druckern, teilt Homeoffice gestalten
es auf Anfrage mit. Auch eine Verschärfung
der Waffengesetze sei nicht geplant, sagt eine
Sprecherin: »Die Bundesregierung sieht
Veränderungen meistern
­keinen Bedarf, das Waffenrecht anzupassen,
da ausreichende rechtliche Regelungen be- Blockaden überwinden
stehen.«
Den einstigen Gefährten von JStark sind Konflikte lösen
Waffengesetze ohnehin egal, und sie beschrän-
ken sich längst nicht mehr auf die Entwicklung Sinn finden
und den Bau von 3-D-Pistolen und passender
Munition: Sie basteln an Raketenwerfern und Stärken erkennen
experimentieren mit bewaffneten Drohnen.
Maik Baumgärtner, Alexander Epp,
Roman Höfner, Roman Lehberger n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 43


DEUTSCHLAND

Tabak aus Zigarettenkippen, die am


Boden lagen.
Es sei gar nicht so anders gewesen,
als das Leben vorher. »Ich dachte mir

»Leute wie ich werden –


erst, ich mache einfach das, was ich
schon lange gemacht hatte, mit dem
Unterschied, dass ich jetzt im Park

zack – einfach aussortiert«


penne.« Abends habe er sich auf eine
Bank gelegt.
Doch tatsächlich, sagt Ludwig, war
es ein gewaltiger Unterschied. »Ich
hatte das Gefühl: Jetzt bin ich ganz
SOZIALPOLITIK  In Berlin leben mehr als 52 000 Menschen, die keine eigene unten angekommen.« Er habe mal
einen Film gesehen, »da hat sich je-
Wohnung haben. Es gibt Pläne, dass sie alle bis 2030 ein eigenes mand umgebracht, und wurde dann
Dach über dem Kopf bekommen sollen, an keine Bedingungen geknüpft. dazu verurteilt, auf ewig auf der Erde
Kann das wirklich funktionieren? herumlaufen zu müssen. So habe ich
mich gefühlt: wie ein Untoter«.
Als obdachlos zählen Menschen,

I Er gab seine
m Süden Berlins, im zweiten Sebastian Ludwig hatte sich zu- die wie Ludwig kein Dach mehr über
Stock eines Hochhauses, sitzt ein nächst behandeln lassen wegen einer dem Kopf haben und auf der Straße
Mann auf einer Klappleiter in Schlüssel ab, Angststörung, so berichtet er, Ende schlafen. Niemand weiß sicher, wie
einer leeren Wohnung, und erzählt nahm eine 2018 habe er sich sogar selbst in eine viele Obdachlose in Deutschland le-
die Geschichte seiner zwei Leben. Psychiatrie einweisen lassen. Doch ben, eine der letzten Schätzungen
44 Jahre ist er alt, das graue Haar Plastiktüte am Ende hatte die Krankheit ihn ver- stammt von 2018. Damals ging die
trägt er kurz geschnitten. Er hat mit und eine schlungen. Bundesarbeitsgemeinschaft Woh-
freundliche graubraune Augen. Seine dünne Jacke, Er erinnert sich, wie er dem Ge- nungslosenhilfe von bundesweit
Jeans sind ihm ein bisschen zu groß. richtsvollzieher seinen Briefkasten- knapp 41 000 Menschen aus. Im kom-
Seinen wahren Namen will er nicht dann ging er. schlüssel gab, damit der den Räu- menden Jahr will die Bundesregie-
in der Zeitung lesen. »Geben Sie mir mungsbescheid aus dem Briefkasten rung zum ersten Mal einen Bericht zu
einen Namen aus den Siebzigern«, holen konnte, den er selbst Ludwig Wohnungs- und Obdachlosigkeit ver-
sagt er. Nicht Kevin, das wäre zu jung, zugeschickt hatte. öffentlichen. Wohl alle deutschen
nicht Karl-Otto, so alt sei er nun auch Ludwig sagte: »Ich putze mir jetzt Großstädte kennen dieses Problem,
nicht, »sondern Sebastian Ludwig«. noch die Zähne.« einige setzen auf restriktive Politik,
»Ja, ja, machen Sie das«, habe der lösen Camps auf und fordern Ob-
Das Ende Gerichtsvollzieher geantwortet. dachlose aus anderen EU-Ländern
Das erste Leben von Sebastian Lud- Danach gab er seine Schlüssel ab, auf, in ihr Heimatland zurückzurei-
wig endete im Juli 2020 mit vier Män- er nahm eine Plastiktüte mit und eine sen. Die Stadt Berlin hat Anfang 2020
nern vor seiner Tür. Ein Gerichtsvoll- dünne Jacke. Dann ging er. knapp 2000 Obdachlose gezählt. Sie
zieher, ein Rechtsanwalt, der Haus- gehören zum Stadtbild, Berlin gilt als
meister und ein Schlosser. »Für den Die Straße »Hauptstadt der Obdachlosen«.
Fall, dass ich die Tür nicht aufmache.« Als er draußen stand, habe er sich frei Nach einigen Tagen auf der Straße
Ludwig erinnert sich noch gut an die- gefühlt, sagt Ludwig. »Weil ich ge- bekam Sebastian Ludwig einen Tipp.
sen Tag, von dem er heute, ein knap- dacht habe, jetzt musst du nicht mehr Er traf einen Mann auf einer Park-
pes Jahr danach, erzählt. warten, bis der Gerichtsvollzieher bank. »Der sah völlig manierlich
Er hörte es klopfen. kommt.« aus«, sagt Ludwig – sauber gekleidet,
»Machen Sie auf!« Mieter Ludwig kurz Ludwig hatte noch ein klappriges gut frisiert, er stank nicht. Der Mann
nach dem Einzug in
Einer schaute durch den Brief- die eigene Wohnung:
Fahrrad. Das schob er durch Berlins empfahl ihm eine Arztpraxis. Man
schlitz. »Man verliert Kraft in Straßen, sammelte Flaschen. An Bus- könne dort duschen, sich neu ein­
»Der ist da.« diesen Einrichtungen« haltestellen pulte er den restlichen kleiden.
Ludwig hörte, wie der Schlosser Ludwig ging hin. Als er dort war,
auf der anderen Seite der Tür sein riefen die Mitarbeiter in einer Ge-
Werkzeug rausholte. meinschaftsunterkunft an. Ludwig
»Da habe ich gedacht, Alter, jetzt hatte Glück: Er bekam ein freies
komm, mach die Tür auf«, beschreibt ­Zimmer.
Ludwig seine Gedanken. So war Ludwig zwar kein Obdach-
Er öffnete. Seine Haare waren loser mehr, aber immer noch ein
schulterlang, sein Bart ging ihm bis Wohnungsloser.
zum Bauchansatz. Als sie kamen, hat- Als wohnungslos zählen Men-
te er tagelang nicht geduscht. »Ich sah schen, die keinen eigenen Miet­
aus wie aus dem Wald.« vertrag haben. Sie schlafen bei Freun-
Die Miete hatte er seit Monaten den auf der Couch oder wohnen in
nicht gezahlt, bei seiner Arbeit war Unterkünften, die die Bezirke zur
er schon zwei Jahre nicht mehr ge- Verfügung stellen. Auch Geflüchtete
HousingFirstBerlin.de

wesen. In der Küche stapelte sich das zählen dazu, die einen anerkannten
schmutzige Geschirr. Sein Briefkasten Status haben und in Deutschland
quoll über, mit Rechnungen, Zah- bleiben können, aber noch in ihrer
lungsaufforderungen, Mahnungen. Flüchtlingsunterkunft leben. In Ber-

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DEUTSCHLAND

Rolf Zöllner / IMAGO


Obdachloser in einem Berliner U-Bahnhof: »Das sind drei bessere Jahre als auf der Straße«

lin leben allein rund 50 000 Wohnungslose Grünen und Linken weiterregieren. Dann Housing First wurde in den Neunziger-
in Unterkünften der Stadt und der Bezirke. wäre Breitenbach ihren Job los. jahren in den USA erdacht, und hat sich seit-
Lehrende der Fachhochschule Dortmund Es war allerdings nicht nur ihre Idee, die her verbreitet. Am konsequentesten setzt es
haben in diesem Jahr eine Studie veröffent- Obdachlosigkeit zu beenden. Die EU hat es Finnland um. Dort gibt es keine Gemein-
licht, die zeigt, dass es selten finanzielle Pro- als Ziel ausgegeben. »Wir sind nur die einzige schaftsunterkünfte mehr. Die finnische Regie-
bleme sind, die dazu führen, dass jemand Stadt in Deutschland, die das wirklich ernst rung hat das Ziel ausgerufen, bis 2027 Ob-
seine Wohnung verliert. Oft ist das die letzte nimmt«, behauptet Breitenbach. dachlosigkeit komplett abzuschaffen. Anstatt
Konsequenz einer Abwärtsspirale, zu der Niemand wisse genau, wie viele Unter- Anbieter für teure Notunterkünfte zu bezah-
auch psychische Erkrankungen und Sucht- künfte für Obdach- und Wohnungslose es in len, baute der Staat selbst Wohnungen, was
probleme gehören. Die Trennung von der Berlin gebe, sagt Breitenbach. »Die Bezirke deutlich günstiger war.
Partnerin führt etwa zu einer Alkoholabhän- müssen die Menschen unterbringen, sie kön- Auch in Düsseldorf und Hamburg gibt es
gigkeit, der Betroffene verliert deswegen sei- nen dafür Verträge mit allen möglichen An- Housing-First-Projekte. In Berlin läuft seit
ne Arbeit, dann die Tagesstruktur und hört bietern schließen, das können auch Hotels Ende 2018 ein Modellprojekt. Drei Jahre lang
irgendwann auf, die Miete zu bezahlen. Eine oder Hostels sein.« Das ist teuer. Eine Person wollte man das Modell testen. Es gilt als Er-
psychische Krankheit, die den Einzelnen so dort zu versorgen kostet manchmal mehr als folg. Die Anzahl der Menschen, für die Woh-
überfordert, dass er seinen Alltag nicht mehr 70 Euro pro Tag. Das Geld dafür kommt vom nungen gefunden wurden: 36. Ein weiteres
bewältigen kann, wie bei Sebastian Ludwig, Land, aber auch vom Bund. Projekt, das nur Frauen unterbringt, hat 40
kann ebenfalls in die Obdachlosigkeit führen. Diese Unterkünfte waren ursprünglich nur weitere Wohnungen gefunden.
Es ist ein Gebot der Solidarität und der als Auffangzentrum gedacht – Menschen soll- Spricht man Breitenbach darauf an, dass 76
Menschenwürde, dass niemand unfreiwillig ten von dort so schnell wie möglich in eigene Personen in drei Jahren keine gute Quote sind,
auf der Straße leben sollte. Darüber hinaus Wohnungen vermittelt werden. Doch zum wenn man 52 000 Menschen in neun Jahren
ist Obdachlosigkeit für die Gesellschaft teuer. Teil leben die Menschen jahrelang dort. unterbringen will, fängt sie an zu rechnen.
Denn das Leben auf der Straße macht die »Würden Sie jemandem eine Wohnung Etwa 16 000 Wohnungen der landeseige-
Menschen krank und verursacht hohe Folge- vermieten, der schon mal auf der Straße ge- nen Wohnungsbaugesellschaften würden je-
kosten für medizinische Behandlungen, Dro- lebt hat?«, fragt Breitenbach. »Nein? Und des Jahr frei, weil Menschen umziehen. Zehn
genentzug, Wohnprogramme und weitere genau das ist das Problem.« Ihre Idee sieht Prozent davon – 1600 – sollten für Woh-
soziale Maßnahmen. vor, dass alle obdach- und wohnungslosen nungs- und Obdachlose reserviert werden.
Menschen in Berlin eine Wohnung bekom- Von den rund 4000 Wohnungen, die die Stadt
Der Plan men, bedingungslos, mit eigenem Mietver- jedes Jahr neu bauen will, sollen ebenfalls
Die Linke Elke Breitenbach hat sich daher trag. »Housing First« heißt das Konzept. zehn Prozent für Wohnungslose reserviert
vorgenommen, dass es bis 2030 in Berlin kei- Das könnte auch den klammen Finanzen werden. Hinzu kommen noch mal 6400 so-
ne Obdach- und Wohnungslosen mehr geben der Stadt helfen: Das System der Not- und genannte Mikroapartments, kleine Mietwoh-
soll. Für alle der mehr als 52 000 Menschen Gemeinschaftsunterkünfte kostet Berlin laut nungen, die der Stadt gehören. Nach zehn
möchte die noch amtierende Sozialsenatorin der Sozialsenatorin weit über 300 Millionen Jahren wären knapp die Hälfte der Menschen
eine Wohnung finden. Ob sie das umsetzen Euro im Jahr. Es wäre wohl deutlich günstiger, untergebracht. Um den Rest unterzubringen,
kann, ist allerdings fraglich. Die Siegerin der Wohnungslosen die Miete zu bezahlen, bis schlägt Breitenbach vor, alle Gemeinschafts-
Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, Fran- sie wieder aus eigener Kraft ihren Lebens- unterkünfte in Wohnhäuser umzuwandeln.
ziska Giffey (SPD), wird womöglich nicht mit unterhalt finanzieren können. Um zu verhindern, dass immer mehr Woh-

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 45


DEUTSCHLAND

nungslose nachrücken, will Breitenbach in Ludwig blieb neun Monate in der Unter- Die Rettung
Prävention investieren. kunft. »Man verliert Kraft in diesen Einrich- Ein Sozialarbeiter gab Ludwig die Nummer
Der Plan ist ehrgeizig, die Umsetzung noch tungen.« Wenn er aufs Klo auf dem Flur ging, des Housing-First-Projekts in Berlin. »Ich rief
vage. Was das kosten soll? Das müsse eine Ko- schloss er sein Zimmer ab. Wenn er den Herd an, und sagte, dass ich eine Wohnung suche.
alition entscheiden, sagt Breitenbach. Die Trä- benutzte, habe er alle sechs Minuten einen Die sagten dann: Alles klar, rufen Sie in sechs
ger der Unterkünfte sollen beim Land Darlehen Knopf drücken müssen, damit der Herd nicht Wochen noch mal an. So ging das ein paar-
beantragen, um den Um- oder Neubau zu be- automatisch wieder ausging. mal.« Die Mitarbeiter möchten sichergehen,
zahlen. Auch ob tatsächlich zehn Prozent aller Als er sich um eine Wohnung bewarb, be- dass die Leute es ernst meinen mit der Woh-
Landeswohnungen für Wohnungslose reserviert kam er zwar einen Besichtigungstermin. Doch nung. Dann luden sie Ludwig ein, im dritten
werden, steht noch nicht fest. Auch das sei Auf- als er seine Unterlagen einsandte, kam eine Gespräch fragten sie ihn, was er sich für eine
gabe einer neuen Koalition, sagt Breitenbach. Absage. Ludwig vermutet, dass es an seiner Wohnung vorstelle. »Im Süden«, sagte er,
Mietschuldenfreiheitsbescheinigung lag. Die- »nah am Grünen.«
Die Unterkunft se Bescheinigung verlangt fast jeder Vermie- Am nächsten Tag klingelte das Telefon.
Sebastian Ludwig bekam in einer Unterkunft ter in Berlin. Der Vermieter versichert darin, »Wir haben da etwas für Sie«, sagte die Frau
am S-Bahnhof Sonnenallee in Neukölln ein dass der Mieter seine Miete pünktlich bezahlt am anderen Ende der Leitung.
Einzelzimmer: Bett, Tisch, Schrank, Stuhl. hat. Ludwigs Bescheinigung hatte die Ge- »Das war meine Rettung«, sagt Ludwig.
Nach drei Wochen dort ging Ludwig zum Fri- meinschaftsunterkunft ausgestellt. Breitenbach sagt, sie hoffe darauf, dass ihr
seur, rasierte sich den Bart ab. Als er wieder- Als Ludwig in den Neunzigerjahren aus Nachfolger oder ihre Nachfolgerin überneh-
kam, fragte der Sicherheitsmann, wer er sei. dem Ruhrgebiet nach Berlin kam, standen in me, falls sie nicht weitermachen könne. »Ich
Als Ludwigs Sozialarbeiter beim Gerichts- der Zeitung noch spaltenweise Wohnungs- kann das nicht allein schaffen«, sagt sie.
vollzieher anrief, erfuhr er, dass Ludwig noch anzeigen, erzählt er. Er sei bei Besichtigungen
mal in seine alte Wohnung könne. Aber er gewesen, bei denen ihm die Vermieter die Die Probleme
müsse vorher wissen, was er mitnehmen wol- Wohnung förmlich aufgedrängt hätten. »Auch Das Konzept von Housing First ist nicht un-
le. Alles andere würde vernichtet. Also in den geilen Bezirken.« umstritten: Viele der Frauen und Männer, die
schrieb Ludwig eine Liste: das Bügeleisen, Heute sind in Berlin die Wohnungen das Berliner Housing-First-Projekt vermittelt,
das Telefon, den Router, das Fernglas, das er knapp. Ludwig konkurriert bei Bewerbungen sind drogenabhängig.
in der Grundschule von seinen Eltern zu um eine kleine Wohnung mit Studentinnen Es ist keine Bedingung für eine Teilnahme
Weihnachten bekommen hatte. und Studenten, die eine Bürgschaft ihrer El- an dem Programm, einen Entzug zu machen.
Alles, was er noch aus seinem alten Leben tern vorlegen können oder ihren ersten Job Bisher müssen Obdach- und Wohnungslose
wollte, passte auf zwei Seiten, DIN A4. nach dem Studium machen. oft Bedingungen erfüllen, um den Weg zur
Er packte die Sachen in seinen Rucksack »Bei der Situation in der Stadt«, sagt Lud- eigenen Wohnung zu ebnen, etwa ihre Alko-
und zwei Reisetaschen. So bepackt, fuhr Lud- wig, »werden Leute wie ich einfach – zack hol- oder Drogensucht überwinden. Viele
wig mit S- und U-Bahn zurück. – aussortiert.« scheitern daran. Projektmitarbeiter Stefan

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Laurer sagt: »Es ist besser, wenn jemand unter fristig dabei, einen Job zu finden, und die Der Anfang
normalen hygienischen Bedingungen Drogen Gesundheit der Betroffenen besserte sich Sebastian Ludwig kam nach dem Abitur nach
konsumieren kann, ein Bad hat, sich die Hän- nicht dauerhaft. Berlin, erzählt er, er studierte hier Geschich-
de waschen kann und geschützt ist vor Über- Senatorin Breitenbach sagt, das stelle das te, fand Arbeit, eine Wohnung, es sah aus, als
griffen.« Konzept nicht infrage, es gehe ihr um die hätte er sein Leben im Griff. Bis die Angst-
Auf der Warteliste des Projekts stünden Würde der Menschen. störung immer mehr von ihm Besitz ergriff.
mehrere Hundert Interessenten, sagt er. »Die Einer der Autoren der Studie ist der Öko- In Ludwigs Wohnung riecht es Anfang Juni
Wartezeit für eine Wohnung ist mindestens nom Daniel Kühnle von der Universität Duis- frisch gestrichen, die Wohnung ist fast leer,
ein Jahr.« Sie wählten diejenigen aus, die auf burg-Essen. Sprechen die Ergebnisse der einen Stuhl hat er an die Wand gelehnt, seine
dem freien Wohnungsmarkt keinerlei Chan- Studie gegen Housing First? »Nein«, antwor- Sachen in prallen Plastiktüten. Beim Kochen
ce hätten. Einer ihrer Klienten leide an einer tet Kühnle. »Die drei Jahre, die die Leute in wird er nach sechs Minuten nervös, weil er
schweren Depression, sie könnten mit ihm der Wohnung verbracht haben, waren drei denkt, er müsse einen Knopf drücken, damit
nur kommunizieren, indem sie Zettel unter bessere Jahre als auf der Straße.« der Herd nicht ausgeht. Doch der Herd bleibt
seiner Wohnungstür durchschöben. Housing First helfe, den Menschen Wohn- an. Ludwig hat noch keinen Job, demnächst
Eine Studie der Universitäten Melbourne raum zu vermitteln. »Aber man sollte sich hat er Gespräche mit dem Jobcenter, sagt er.
und Duisburg-Essen hat ein Housing-First- nicht erhoffen, dass man damit alle Probleme Einige Monate später, Anfang September,
Projekt in Australien über sechs Jahre beob- der Menschen löst. Dafür ist Wohnungs- und erzählt Ludwig am Telefon, dass er gerade
achtet. Die Untersuchung weckt Zweifel, ob Obdachlosigkeit zu komplex.« vom Tischtennisspielen komme, das mache
das Konzept überhaupt funktioniert: Obdach- Kühnle hat eine relativ kleine Gruppe er jetzt regelmäßig. Er sagt, dass er inzwi-
lose erhielten eine Wohnung und wurden drei untersucht, 104 Personen mit besonderen schen eine Couch habe, Vorhänge am Fenster,
Jahre lang betreut, etwa durch Sozialarbeite- Problemen. »Wir haben uns chronisch Ob- ein Bett. Dass er wieder Kontakte aufbaue zu
rinnen und Psychologen. Anschließend be- dachlose angeschaut: Leute, die teilweise am Freunden und an einem Workshop teilgenom-
obachteten die Autorinnen und Autoren die Hauptbahnhof betteln und unter Brücken men habe, bei dem es darum ging, Wohnungs-
Menschen noch einmal drei Jahre. Außerdem schlafen.« Das seien Menschen, die zum Teil lose an den Arbeitsmarkt heranzuführen.
verglichen sie die Menschen im Projekt mit schwere psychische Erkrankungen haben, und »Wenn sich ein kleiner Job ergibt, das würde
einer Vergleichsgruppe anderer Obdachloser. schon in der Kindheit körperliche und psy- mir ganz guttun.« Dass er plane, jemanden
Es zeigte sich: Nach sechs Jahren war das chische Gewalt erlitten hätten. »Das ist eine zum Abendessen einzuladen, sobald er die
Ergebnis ähnlich, egal ob man den Menschen Kette von sozialen und wirtschaftlichen Nach- Wohnung fertig eingerichtet habe.
eine Wohnung gegeben hatte oder nicht. Ei- teilen, die früh im Leben beginnen.« Noch ist es nicht so weit. Aber es ist seine
nige, die eine Wohnung bekommen hatten, Allerdings gehörten nur 10 bis 20 Prozent Wohnung, mit seinem Namen an der Tür.
waren wieder wohnungslos geworden. An- der Obdachlosen zu dieser Gruppe. Man kön- Wenn man ihn fragt, was ihm das bedeutet,
dere Wohnungslose hatten selbst etwas ge- ne deshalb nicht sagen, dass Housing First sagt er: »Ein neues Leben.«
funden. Auch half eine Wohnung nicht lang- grundsätzlich nicht funktioniere. Hannes Schrader  n

Wenn wir wieder


füreinander da sein können.
#andeinerseite

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In welchem Ausmaß der deutsche Wald


unter den Folgen dieser Dürre leidet, ist
im jährlichen Waldzustandsbericht des Bun-
deslandwirtschaftsministeriums nachzulesen.

Ein Wald für die Zukunft


79 Prozent aller Bäume zeigen eine »Kro-
nenverlichtung«, der sperrige Begriff gilt als
Maßstab des Schreckens: Je lichter die Kro-
ne, je weniger Blätter oder Nadeln, desto
schlimmer steht es um den Baum.
NATUR  Alle wollen die heimischen Bäume schützen, die unter dem Und so schlimm wie 2020 stand es seit Be-
ginn der Erhebungen noch nie (siehe Grafik).
Klimawandel leiden. Nur wie? Die Fachleute sind uneins. Expedition in Auch die Zahl abgestorbener Bäume war
ein Ökosystem, das wir retten müssen, damit es uns retten kann. ­höher denn je. »Vor allem unsere alten Wälder
leiden«, sagte Bundeslandwirtschaftsministe-
rin Julia Klöckner (CDU), als sie den Bericht

J
ohannes Röhl hat heiße Sommer erlebt, im Februar vorstellte. »Die Auswirkungen des
trockene Winter, Stürme wie Kyrill 2007. Tote Riesen Klimawandels spüren wir mit aller Härte.«
Er weiß, was Bäumen widerfahren kann. Die Lage ist so ernst, dass sich etwas än-
Abgestorbene Bäume in Deutschland,
Der Förster steht auf einer Anhöhe bei Bad Anteil in Prozent* dern muss – es findet sich kaum einer, der da
Berleburg, seinen Hund an der Leine, den widersprechen würde: nicht in den Reihen
jagdgrünen Anorak hochgeschlossen, die alle Baumarten Buche Eiche Fichte der Förster, nicht in der Riege der Politiker,
Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Als die Kiefer Jäger, Wanderer und anderer Erholungs­
Steirische Rauhhaarbracke bellt, wirkt die suchender. Und schon gar nicht unter den
4%
Szenerie wie aus einem Heimatfilm. Naturschützern. Doch alle streiten sie, un-
Doch was der 62-Jährige sieht, ist kein grü- erbittlich und oft hässlich, wie der Umbau des
nes Idyll. Es sind Hunderte Bäume ohne Na- Waldes vonstattengehen soll.
3
deln, ohne Laub, zerstört von Schädlingen Die Aufgabe ist so komplex, wie es Fragen
wie dem Borkenkäfer. Und große kahle Flä- der Biologie, Chemie und Physik nun einmal
chen, auf denen bereits gefällt wurde. 2
sind. Vernunft und Faktentreue wären gute
Röhl ist Forstdirektor des Fürsten zu Sayn- Ratgeber. Stattdessen beherrschen Unver-
Wittgenstein, das Schloss der Familie steht ständnis, Empörung, jede Menge Weltan-
im Zentrum Bad Berleburgs. Mehr als 11 000 1
schauung und gegenseitige Verachtung die
Hektar Wald gehören dem Adelsgeschlecht Debatten. Einen Spinner wie den Forstmann
hier im Wittgensteiner Land, an der Grenze Peter Wohlleben, der mit seinen Büchern über
zwischen Nordrhein-Westfalen und Hessen 0 die Geheimnisse der Bäume zum bekanntes-
– eigentlich ein immenser Reichtum. Doch ten deutschen Walderklärer wurde, könne
1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020
seit drei Jahren, sagt Röhl, »ernten wir nur man vergessen, schimpfen die einen. Im Forst-
noch vom Käfer befallenes Holz«. * Die Absterberate ist der Anteil der Bäume in der Stich-
probe, die zur Zeit der Erhebung noch stehen, jedoch
ministerium säßen Hardliner, mit denen sich
Die Dürren von 2018, 2019 und 2020, die seit der vorhergehenden Erhebung abgestorben sind. nicht diskutieren lasse, behaupten die ande-
zahlreichen Stürme und Schädlinge haben im S Quellen: Bundeslandwirtschaftsministerium,
Thünen-Institut für Waldökosysteme, 2021
ren. Grob vereinfacht, geht es in all den Aus-
Wald von Bad Berleburg einen Schaden von einandersetzungen immer wieder um eine
55,5 Millionen Euro verursacht – und Röhl große, eine grundsätzliche Frage: Braucht es
und seinen Kollegen aus den staatlichen Forst- den Menschen, um den Wald zu retten, nach-
ämtern eine gewaltige Aufgabe hinterlassen. Kranke Kronen dem er ihn in Teilen selbst hingerichtet hat?
Klaus Daum ist mit auf die Anhöhe gekom- Kronenverlichtung des deutschen Oder sollten wir diese Mammutaufgabe lieber
men, er ist zuständig für 680 Hektar in städ- Baumbestands*, Angaben in Prozent der Natur überlassen?
tischem Besitz. »Darunter sind Waldstücke, Intakte Wälder sind überlebenswichtig.
da steht nichts mehr«, sagt er. »Um diese Flä- deutlich schwach keine »Wir brauchen natürliche CO2-Senken, um
chen muss sich intensiv gekümmert werden.« Klimaneutralität zu erreichen«, sagt der Nie-
100%
Nun müssen Daum und Röhl einen neuen, derländer Gert-Jan Nabuurs, Leitautor des
einen anderen Wald entstehen lassen. Er soll sechsten Sachstandsberichts des Weltklima-
Extremwetterlagen und dem veränderten Kli- rats IPCC. Nur auf technischem Wege werde
80
ma trotzen. Ob ihr Umbau der Natur funk- man die Emissionen nicht auf null reduzieren
tioniert, werden sie nie erfahren – das wird können. »Wir brauchen zum Ausgleich Wäl-
sich erst in Jahrzehnten zeigen. Es ist ein Ge- der oder Moore – und dieser Ausgleich ist
60
nerationenprojekt, das überall ansteht. durch den Klimawandel in Gefahr.«
Denn wie im Wittgensteiner Land rund um Der Wald kommt ohne den Menschen aus,
Bad Berleburg sieht der Wald in zahlreichen 40
aber der Mensch nicht ohne den Wald. Er
Regionen aus: ein Mittelgebirge, überwiegend braucht ihn nicht nur als Verbündeten gegen
bepflanzt mit Fichten, die unter Forstwirten die Erderwärmung, sondern vom ersten Le-
beliebt sind, weil sie schnell und gerade wach- 20
benstag an zum Atmen. Zum Bauen, zum
sen. Die Nadelholzart stammt ursprünglich Heizen. Und als Rückzugsort fürs Seelenheil.
aus kühleren Gebieten oder Höhenlagen, sie Schon lange verbindet die Deutschen ein
Peter Jülich / DER SPIEGEL

verträgt keine längere Trockenheit. Weil es inniges, vielleicht einmaliges Verhältnis mit
in den Sommern der vergangenen drei Jahre ihrem Wald. Jahrhundertelang nutzten sie ihn
zu wenig regnete, gerieten die Fichten in 1990 2000 2010 2020 vor allem als Vorratskammer für Holz, Wild-
* bis 1989 ohne neue Bundesländer
Stress. Ihr Abwehrsystem wurde geschwächt, fleisch, Beeren und Pilze, spätestens seit gut
S Quelle: Bundeslandwirtschaftsministerium
Borkenkäfer breiteten sich aus. 200 Jahren aber ist er eine Art nationales
•

48 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


»
DEUTSCHLAND

Da sind Waldstücke, da steht


nichts mehr.«
Forstdirektor Röhl

Zitat groß
Marginalie
hier wären
fünf Zeilen
sehr schön
Zitat Autor

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 49


DEUTSCHLAND

Symbol. Die Anhänger der Nationalbewe- erinnert sich der Co-Inhaber einer Forstbaum- türlich gewachsenen. Als Mittel der Wahl gilt
gung feierten die dicht an dicht stehenden schule in Pinneberg bei Hamburg, eines Fa- daher seit drei Jahrzehnten ein Waldumbau,
Bäume nach dem Sieg über Napoleon als milienunternehmens. »Heute schicken wir der Fichten- oder Kiefernreinbestände all-
Sinnbild von Geschlossenheit und Stärke, die einen einzigen Lkw zu mehreren Abnehmern mählich in Mischwälder verwandeln soll, mit
Bewohner der wachsenden Industriestädte los.« Damals waren es fast ausschließlich Fich- Laubbäumen wie Buchen oder Eichen. Mit
entdeckten den Wald als reinen Raum der ten, heute sind es zig verschiedene Baumarten. Folgen für die Forstbaumschulen: Seit Anfang
Natur. Der Dichter Joseph von Eichendorff Zwei seiner Mitarbeiter haben Esskasta- der Neunzigerjahre hat sich die Anbaufläche
erhob ihn zum Gegenentwurf der kalten »ge- nien auf einen Traktor geladen und fahren mehr als halbiert.
schäftgen« Welt. Caspar David Friedrich mal- damit über den Acker. Kastanien purzeln Mehr Abwechslung ist indes dringend not-
te hochragende Bäume vor dramatischen durch ein System von Rohren, landen in einer wendig, denn was in deutschen Wäldern steht,
Himmelskulissen. Romantik pur. Reihe auf dem Boden und werden sogleich so urteilt der Waldökologe Jörg Müller von
Heute ist knapp ein Drittel Deutschlands mit Erde bedeckt. Auf dem Feld lässt Vogt der Universität Würzburg, »ist mittelalt, mit-
als Wald ausgewiesen. Das ist viel, aber der außerdem Roterlen wachsen, Weißtannen, teldicht und ziemlich langweilig«. Und diese
Wald muss auch jede Menge leisten: Er ist Fichten, ein Feld weiter Rotbuchen. Einfalt bringt in Zeiten des Klimawandels
Sauerstoffspender, Trinkwasserfilter, Zu- Hätte der Mensch der Natur freien Lauf Risiken mit sich. Wissenschaftler prognosti-
fluchtsort für gestresste Städter, Arena für gelassen, stünden in weiten Teilen Deutsch- zieren für die kommenden Jahrzehnte höhe-
Bewegungswillige, Revier für Jäger, Mekka lands Laubwälder, vor allem Buchen und re Temperaturen, mehr Regen im Winter und
für Naturschützer, Ressource für die Holz- Eichen. Stattdessen ist die Fichte, ein Nadel- weniger Niederschlag im Sommer. Selbst
industrie. Und außerdem ist er auch noch baum, mit 25 Prozent der Waldfläche die häu- wenn sich das Wachstum der Bäume dadurch
Eigentum. Rund 48 Prozent des deutschen figste Baumart. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigen könnte, drohen nun mehr Ex-
Waldes sind in privatem Besitz. waren große Waldflächen kahl geschlagen tremwetter mit Dürre und Waldbränden.

Johannes Arlt / DER SPIEGEL; Peter Jülich / DER SPIEGEL


Was daraus folgt? So wie in den Städten worden – um Reparationen zu leisten und Armin Vogt hat es geschafft, sein Ge-
um den öffentlichen Raum gekämpft wird, Rohstoff für den Wiederaufbau zu liefern. schäftsmodell an den Waldumbau anzupas-
um Radwege, Parkplätze und Busspuren, ist Und weil es Fichtensaatgut reichlich gab und sen. Und nun, nach Jahren der Dürre und
längst auch ein Kampf um den Wald entfacht. die Bäume trotz Frost zuverlässig wuchsen, Borkenkäferschäden, ist die Nachfrage eben-
Und dabei geht es um weit mehr als einen entstand vielerorts eine Monokultur. so groß wie die Unsicherheit. Gesucht werden
Forst, der einer Autobahntrasse oder einem Zwar neigen solche Reinbestände dazu, im Baumarten, sagt Vogt, »die mit Trockenheit
Braunkohlebagger weichen soll. Es geht ums Sturm umzukippen. Doch Forstleute, die das klarkommen«. Doch allein bei der Rotbuche
Ganze, um 11,4 Millionen Hektar. Wer hat Fichtenholz als Baustoff für Häuser oder den unterscheidet man 26 deutsche Herkunfts-
welche Rechte? Wer verzichtet, wer setzt sei- Bergbau gut vermarkten konnten, nahmen es regionen, jede hat ihre Eigenheiten. Welche
ne Interessen durch? leicht. »Die Fichte fällt ins Geld«, hieß es in von ihnen wird sich im Harz im Juli 2065
Ein SPIEGEL -Team hat sich erklären las- der Branche. Forstbaumschulen sorgten für wohlfühlen? Oder lieber die Douglasie, ein
sen, was der Umbau des Waldes bedeutet. Es Nachschub. Jene Fichten, die stehenblieben, anspruchsarmer Nadelbaum aus Nordameri-
hat mit Forstleuten und Naturschützern ge- wurden per Kahlschlag geerntet, die Flächen ka? Den einen gilt sie als Rettung, die anderen
sprochen, mit Kaufleuten und Politikern, Spa- anschließend wieder aufgeforstet. verschmähen sie als fremde Art.
ziergängern und Mental Coaches. Entstanden Nachdem die Luftverschmutzung in den Was Vogt in diesem Jahr aussät, kann er
ist eine Expedition in den Wald, den wir ret- Achtzigerjahren ein Waldsterben verursacht in zwei bis fünf Jahren verkaufen. Es sei denn,
ten müssen, damit er uns retten kann. hatte, erließen die Bundesländer Gesetze, um eine Art gerät außer Mode oder in Verruf –
großflächigen Kahlschlag einzudämmen. »Na- wie zuletzt die Baumhasel. »Es reichte ein
1. Der Baumschul-Unternehmer turnahe Forstwirtschaft« heißt nun die Alter- Artikel in einer Forstzeitschrift, wonach die
Die Veränderung des deutschen Waldes zeigt native. Statt junge Gewächse aus der Baum- türkische Baumhasel doch nicht geeignet sei,
sich für Armin Vogt, 61, in seinem Auftrags- schule zu pflanzen, setzen Förster auf den sondern nur die südfranzösische«, sagt Vogt.
buch. »Wenn wir früher bei meinem Vater eine Samen, den alte Bäume abwerfen – auch weil Danach war sein Sortiment unverkäuflich.
Bestellung abfertigten, waren das drei Last- gepflanzte Bäume in der Regel ein weniger »Die Produktion von zwei Jahren mussten
wagen mit Anhängern für einen Kunden«, kräftiges Wurzelwerk entwickeln als die na- wir wegschmeißen.«

2. Die Waldschützerin
Die Spur des Borkenkäfers Einen Wald »umbauen«? Allein die Idee fin-
det Susanne Ecker absurd. Sie ist Sprecherin
Holzeinschlag in deutschen Wäldern, in Millionen Kubikmeter der Bürgerinitiative »Schützt den Pfälzer-
wald«, eines der größten zusammenhängen-
Holzeinschlag insgesamt davon Schadholzeinschlag davon durch Insekten verursacht den Waldgebiete Deutschlands. Ecker ist auf
80
80,4
dem Weg in eine der Kernzonen, wo seit Jahr-
zehnten kein Holz mehr geschlagen wird.
»Dort kann man eine Idee davon bekommen,
60 wie ein richtiger Wald aussieht«, sagt Ecker.
60,1
»Alles andere ist Forst. Holzplantagen.«
Auf der Fahrt passiert Ecker, 60, eine so-
40 43,3 genannte Pflegezone des Biosphärenreservats
Pfälzerwald. Hier werden im Auftrag der Lan-
Zunahme des Schadholzeinschlags
gegenüber 2016: +673%
desforsten Rheinland-Pfalz weiterhin Bäume
20 geerntet. Während Ecker den schwarzen Jeep
über die kurvige Straße steuert, deutet sie mit
der Hand auf ein Waldstück. Wenige große,
0 alte Buchen, umringt von zahlreichen jungen
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 Bäumen. »Schirmschlag«, sagt sie anklagend.
Nach und nach seien hier zu viele Buchen
S Quelle: Destatis
gefällt worden, was das schattenspendende

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» Gesucht werden Baum-


arten, die mit Trockenheit
klarkommen.«
Baumschulbetreiber Vogt
» Ein Schwimmbad und ein
Theater machen auch keinen
Gewinn.«
Waldschützerin Ecker

Blätterdach zerstört habe. Nun falle zu viel gehört, dass mit dem vermehrten Gebrauch eingebrachten Schädlingen überrascht werde
Sonnenlicht in den Wald, dem die übrigen von großem Gerät die Zahl und Schwere der und allein die Anpassungsfähigkeit der Natur
alten Bäume schutzlos ausgeliefert seien. Sie Arbeitsunfälle im Wald zurückgegangen ist. nicht ausreiche, um die Probleme zu lösen.
erleiden eine Art Sonnenbrand, der am Ende Mehr als 150 000 Menschen haben die Pe- Bauhus, der die Bundesregierung berät,
für die Bäume tödlich sei. tition »Wälder sind keine Holzfabriken – es beklagt, dass viele Naturschützer »keine evi-
Es sind solche Praktiken, die Ecker vor reicht!!!« unterschrieben, die Ecker und ihre denzbasierte Sicht zulassen«. Die mancher-
zehn Jahren zur Waldschützerin gemacht ha- Mitstreiter verfasst haben. Das Vorwort ihres orts ideologisch geprägte Haltung erinnert
ben, weil sie im Widerspruch zum Waldöko- Manifests schrieb Bestsellerautor Peter Wohl- den Forstwissenschaftler »an das weit ver-
system stehen. Sie hatte eine Schulung zur leben (»Das geheime Leben der Bäume«). In breitete Faible für Homöopathie«.
Natur- und Landschaftsführerin gemacht. der Verachtung der profitorientierten Holz- Auch in den Landesforstbetrieben hält
»Aber den Wald, den wir in der Ausbildung wirtschaft ist man sich einig und findet dafür man die radikalen Ansätze der Waldschüt-
studiert hatten, gab es draußen gar nicht.« in der Bevölkerung jede Menge Beifall. Und zerinnen und -schützer für realitätsfern, so-
Susanne Ecker gründete mit anderen Teil- so manche Forderung der Waldschützer wohl in biologischer als auch in ökonomischer
nehmern ihres Kurses die Initiative im Pfäl- taucht mittlerweile im Wahlprogramm der Hinsicht. Einzelne Vertreter fanden sogar,
zerwald. 2017 schlossen sich Aktivistinnen Grünen auf, die in Berlin nun über eine Re- dass Eckers Engagement im Waldschutz mit
und Aktivisten dann bundesweit in der Bun- gierungsbeteiligung verhandeln. ihrer Tätigkeit als Naturführerin nicht verein-
desbürgerinitiative Waldschutz zusammen. Susanne Ecker parkt ihren Geländewagen bar sei. Ihre Lizenz durfte sie trotz des Kon-
Auf ihrer Website dokumentieren sie, wie alte an einem Aussichtsturm. Nun geht es zu Fuß flikts behalten. Sie wolle die Wälder nicht
Bäume gefällt und Waldwege von gewalti- über einen Pfad weiter zu jenem Ort, den sie stilllegen, sagt Eckert, aber sie fordere, dass
gem Gerät zerfurcht werden. Die Ernte- und einen »richtigen Wald« nennt. Es ist dunkel besonders in den Staatswäldern Naturschutz
Rücke­maschinen wurden in den vergangenen und feucht, umgekippte Bäume liegen quer vor Holzproduktion stehen müsse. Schließlich
Jahrzehnten immer größer. Mehr als 30 Ton- über dem Weg. Vereinzelt haben sich Weiß- gehöre der Wald den Bürgerinnen und Bür-
nen schwere Harvester zum Beispiel erzeugen tannen oder Eichen zwischen die Buchen ge- gern. »Ein Schwimmbad und ein Theater ma-
noch in 20 Zentimeter Bodentiefe einen enor- mischt. Ecker ist überzeugt, dass solche natur- chen auch keinen Gewinn«, argumentiert sie.
men Druck. Eigentlich soll Waldboden Hohl- belassenen Wälder Klimaveränderungen Der Zorn der Waldschützer ist auch des-
räume für Wasser und Luft bieten, sollen sich überstehen können, wenn man ihnen Ruhe halb so groß, weil die Bundesregierung 2007
Wurzeln verankern sowie Tausende verschie- und Zeit zur Anpassung gibt. Am Ende setz- eine »Nationale Strategie zur biologischen
dene Mikroorganismen und Tierarten aus- ten sich die am besten geeigneten Arten von Vielfalt« verkündet hatte. In den staatlichen
breiten. Doch wenn die Bodendichte zunimmt allein durch, sagt sie. Forstgebieten sollten natürliche und natur-
und das Porenvolumen sinkt, erschwert dies Diesen »Grundglauben an die Selbsthei- nahe Wälder eingerichtet werden. Doch das
das Wurzelwachstum. lungskräfte« hält Jürgen Bauhus, Professor Ziel, fünf Prozent des Waldes sich selbst zu
Naturschützer raten deshalb zum Einsatz für Waldbau an der Uni Freiburg, für »recht überlassen, wurde nur gut zur Hälfte erreicht.
von Rückepferden, was wiederum Tierschüt- naiv«. Man sehe ja, dass Mitteleuropa von Und auch die Gesellschaft, jede und jeden
zer alarmiert. Und ebenfalls zur Wahrheit Entwicklungen wie dem Klimawandel oder Einzelnen, sieht Susanne Ecker in der Pflicht:

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DEUTSCHLAND

Wer denn Anzeigenblätter brauche, die ohne-


hin ungelesen im Altpapier landeten? Ob man
wirklich mit Holz heizen und es nach China
oder in die USA exportieren müsse? Man sol-
le auf vieles verzichten, um das Ökosystem
Wald nicht zu überfordern.
Die Forderung der Waldschützer, sich auf
das Ökosystem Wald zu besinnen, ist nicht
neu. In der Geschichte der Forstwirtschaft

»
habe es immer wieder solche »Naturwald-
Wellen« gegeben, sagt der Professor für Wald-
wachstumskunde an der Technischen Uni-
versität München, Hans Pretzsch. »Meist
waren Krisen der Auslöser.« Im Jahr 1713
forderte der Forstfachmann Hans Carl von
Carlowitz, immer nur so viel Holz zu schla- In 20 bis 30 Jahren ist die
gen, wie auch nachwächst. Die von ihm pro-
pagierte »continuierliche beständige und Forstwirtschaft pleite.«
nachhaltende Nutzung« – eine Reaktion auf
den erhöhten Holzbedarf jener Zeit – gilt heu- Waldeigentümer Gaudecker
te als Grundidee der Nachhaltigkeit. Gut 200
Jahre später erweiterte der Forstwissenschaft-
ler Alfred Möller dieses Leitbild, er plädierte
1920 für einen Wald ohne Kahlschlag, den er
»Dauerwald« nannte. Der Förster solle stets
nur einzelne Bäume fällen und die Artenviel-
falt sichern. Nur wenige Waldbesitzer folgten
seinem Vorschlag.
Erst mit einer weiteren Krise, dem Wald-
sterben der Achtzigerjahre, verbreitete sich
die Idee. Ein Waldbaureferent aus Nieder-
sachsen schrieb 1991 Grundsätze fest, die zum
Leitbild wurden: Mischwald statt Monokultur,
natürliche Vermehrung statt Anpflanzung,
Einzelernte statt Kahlschlag. bis sie zu Geld gemacht werden können – so nuten Autofahrt entfernt von den toten Fich-
Waldschützerin Ecker schlägt vor, zerstör- lange gebe es keine Einnahmen, nur Kosten. ten hat er ein großes Stück roden, mit Schot-
te Wälder einfach sich selbst zu überlassen. Für die Grundsteuer, die Waldwege, die Pfle- ter bestreuen und stark verdichten lassen,
Aus sogenannten Pionierbaumarten würde ge der Bäume. »Viele Betriebe haben noch Arbeiter bauen dort gerade einen gelben Kran
sich irgendwann von allein ein neuer Wald gar nicht kapiert, wie schlecht es ihnen geht«, ab. Statt Bäumen ragt nun ein 240 Meter ho-
entwickeln. Viele Förster hingegen wollen das sagt Gaudecker. »In 20 bis 30 Jahren ist die hes Windrad in den Himmel. Es ist eine von
tote Holz nutzen und schnell neue Bäume Forstwirtschaft pleite.« vier Anlagen, die eine Windkraftfirma in Gau-
pflanzen. Der Streit um den richtigen Weg Für ihn ist der Wald Familiensache. Das deckers Wald errichtet hat.
zieht sich auch durch die Institutionen. Wäh- Land im Osthessischen hat der Großvater sei- Vier Hektar seines Eigentums hat er für
rend das Bundesumweltministerium im Wald ner Frau 1935 erworben, er war zuvor in Thü- die nächsten 25 Jahre verpachtet. Pro Wind-
großflächig nicht eingreifen will, unterstütz- ringen enteignet worden. »Der Wald ist das rad zahlen Windparkbetreiber jährlich zwi-
ten das Landwirtschaftsressort und die Bun- Erbe der Väter, aber das Lehen der Kinder schen 20 000 und 70 000 Euro, wie viel er
desländer das Aufräumen und Aufforsten mit und Enkelkinder«, so sagt es Gaudecker. Re- genau einnimmt, möchte der Grundbesitzer
Hunderten Millionen Euro Steuergeld. gelmäßig, erzählt er, gehe er mit einer Leiter nicht verraten. Es sei ein Vielfaches von dem,
in den Wald und säge bei Douglasien Äste ab, was sich mit Holz erwirtschaften lasse.
3. Der Waldeigentümer damit die Bäume wertvoller wachsen. »Davon »Unsere finanzielle Situation ist damit für
Deuthold von Gaudeckers Familie aus Hau- habe ich nichts mehr, und mein Sohn auch die nächsten 25 Jahre gesichert.« Menschen,
netal bei Bad Hersfeld zählt zu den rund 1,8 nicht, aber hoffentlich die Enkel.« die Windkraftanlagen in Wäldern grundsätz-
Millionen privaten Waldeigentümern. 96 Pro- Lange Zeithorizonte, der Gedanke an die lich ablehnen, trägt er eine einfache Formel
zent von ihnen besitzen 20 Hektar oder we- nächste Generation, wie ihn im Frühjahr das vor. Mit dieser Art von Energie leiste er einen
niger. Gaudeckers Familie gehören 400. Bundesverfassungsgericht in seinem Be- Beitrag zum Klimaschutz, mit den Pachtein-
Ein rotes, mit Sprühfarbe aufgemaltes K schluss zum Klimaschutz eingefordert hat, nahmen finanziere er den Waldumbau, und
leuchtet auf den Fichten am Rand eines Weges gehören für den ehemaligen Forstbeamten der wiederum helfe gegen den Klimawandel.
in seinem Wald. »K steht für Käfer«, sagt Gau- zum Selbstverständnis. Umso mehr empören 13 Jahre hat es gedauert, bis Gaudecker
decker. Es könnte auch für Katastrophe ste- ihn die Vorwürfe der Waldschützer. »Die Be- die Räder aufstellen konnte. Anfangs verzö-
hen, denn auf dem Waldstück, das sich einen hauptung, wir würden Plantagen bewirtschaf- gerten Mopsfledermäuse das Projekt, sie hat-
kleinen Abhang hinunterzieht, sind alle Fich- ten, ist völlig verkehrt.« Sein Schwiegervater ten 1100 Meter entfernt ein Sommerquartier
ten tot. Der Borkenkäfer war da. habe schon vor gut 50 Jahren damit begon- bezogen. Erst als die Landesregierung den
Gaudecker, 83, hat zwar vorgesorgt, unter nen, den Wald naturnah zu bestellen. Und er Mindestabstand von fünf auf einen Kilometer
den abgestorbenen Bäumen wachsen junge selbst baue den Besitz mithilfe von Buchen, reduzierte, trotz heftiger Proteste von Natur-
Fichten und Buchen nach. Aber wirtschaftlich Eichen, Douglasien und Lärchen aktiv zum schützern, ging es weiter. Es folgten Gutach-
sei auf der Fläche in den nächsten Jahrzehn- Mischwald um. ten zu den Flugrouten eines Rotmilans und
ten nichts zu holen, sagt er. Mindestens 80 Außerdem hat er für seinen Wald eine neue die Suche nach einem Schwarzstorch, außer-
bis 100 Jahre müssten die Bäume wachsen, Existenzgrundlage geschaffen. Ein paar Mi- dem mussten Haselmäuse umgesiedelt wer-

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Peter Jülich / DER SPIEGEL

den. Und in der Nachbargemeinde gründete Kahlflächen, die Kohlenstoff abgeben, statt Seit einigen Jahren erforschen auch in
sich eine »Interessengemeinschaft für Land- ihn zu speichern. Deutschland Wissenschaftlerinnen und Wis-
schaftsschutz«. Die Kommune zog durch Deuthold von Gaudecker, der Waldbesit- senschaftler, ob und wie sich der Wald the-
mehrere Instanzen gegen die Baugenehmi- zer aus Hessen, findet die Idee trotzdem rich- rapeutisch nutzen lässt. Dem Menschen sei
gung vor Gericht. tig. Schon vor 60 Jahren habe ihm sein da- es ge­geben, das Lebendige zu lieben, meinen
Langjährige Rechtsstreitigkeiten kalkulie- maliger Lehrchef im Forstamt gesagt, die Soziobiologen. Bediene man diese »Biophi-
ren Investoren meist ein. Windkraft im Wald Waldbesitzer müssten sich die außerbetrieb- lie«, stelle sich Zufriedenheit ein. Heute gilt
polarisiert. Wer den Profit hat, ob als Kom- lichen Leistungen des Waldes erstatten lassen. ein Besuch im Wald zudem als Gegenmittel
mune oder Privatmann, ist in der Regel dafür. »Das kommt jetzt in die Gänge, weil wir es für Stress und andere Leiden, die Urbanisie-
Doch selbst unter Waldeigentümern gab es anders wirtschaftlich nicht mehr schaffen.« rung, Verdichtung und Digitalisierung mit
schon Initiativen, die den Rotoren im Wald sich bringen. Und je präsenter Drohszena-
»die Hinrichtung unserer mythisch bezau- 4. Die Waldbaden-Kursleiterin rien wie »Klimakatastrophe« oder »bedroh-
bernden Landschaften« anlasteten. Katrin Dahmen begrüßt ihre Kundinnen mit te Natur« aufscheinen, desto wertvoller wird
Auch die Politik bewertet das Thema geschultertem Rucksack. Dabei sind vier äl- der Wald mit seinem Heilsversprechen – ein
unterschiedlich. Thüringen und Sachsen ha- tere Frauen, die sich regelmäßig treffen, um Umstand, der seit einigen Jahren offensiv
ben Windanlagen im Wald verboten. Nord- etwas zu unternehmen. Sie haben einen Vor- vermarktet wird. In Mecklenburg-Vorpom-
rhein-Westfalen grundsätzlich auch, lässt aber mittag im Wald gebucht. »Gehen wir ein paar mern hat das Ministerium für Landwirtschaft
Ausnahmen zu. Die Regierungen in Rhein- Schritte«, sagt die studierte Biologin und zeigt und Umwelt bereits 2017 auf der Insel Use-
land-Pfalz und Baden-Württemberg wollen auf einen leicht ansteigenden Weg hinter einer dom den ersten Kur- und Heilwald Europas
diese Art der Stromerzeugung hingegen for- rot-weißen Schranke. ausgewiesen.
cieren. Die grün-schwarze Koalition in Stutt- In den folgenden drei Stunden werden die Mittlerweile existieren ähnliche Projekte
gart plant bis zu 1000 Windräder im landes- Frauen den Wald neu kennenlernen. Sie wer- auch in anderen Gegenden Deutschlands. Die
eigenen Forst und auf weiteren Landesflä- den Wege verlassen, Bäume anfassen, an Rin- Zahl der »Gesundheitswanderführer« steigt
chen. Auch in Mainz ist die grüne Umwelt- de riechen und nach Spuren auf dem Boden kontinuierlich, vom Deutschen Wanderver-
ministerin Anne Spiegel überzeugt, dass der Ausschau zu halten. Alles so still wie möglich, band sind mittlerweile rund tausend Männer
Ausbau erneuerbarer Energien ohne die wegen der Tiere, aber auch, weil innere Ein- und Frauen ausgebildet worden. Dass jeder
Waldflächen nicht gelingen könne. In Rhein- kehr zum Programm gehört. Mann und jede Frau auch in Privatwäldern
land-Pfalz steht bereits jedes vierte Windrad Es gehe weder um Sport noch um Leistung, Ruhe und Erholung suchen darf, ist gesetzlich
im Wald. sagt Dahmen, man lege pro Stunde kaum verankert.
Wenn es nach den privaten Waldeigentü- mehr als einen Kilometer zurück. »Absichts- Katrin Dahmen erzählt, dass sie mit zwei
mern geht, sollen Erlöse aus Windkraft nicht loses Schlendern«, bei dem »alle Sinne ge- Gemeinden einen Nutzungsvertrag geschlos-
die einzige alternative Finanzquelle zur Holz- öffnet werden«, sei die Losung des Tages. sen habe, in Rheinland-Pfalz und in Nord-
produktion bleiben. Ihre Wälder seien eine Unter dem Begriff »Waldbaden« wird ein rhein-Westfalen. Andernorts haben es Kurs-
Kohlenstoffsenke, argumentieren sie, weil sie derartiges Naturerleben seit einigen Jahren leiter schwerer, dort sorgen sich Behörden-
Treibhausgas speicherten. Das müsse hono- vielerorts angeboten. Waldbaden berühre die mitarbeiter, die Waldbadenden könnten das
riert werden – so wie der Ausstoß von CO2 Seele, davon sind Kursleiter und -leiterinnen Wild aufschrecken oder Baumsprösslinge
beim Heizen und Autofahren mit 25 Euro pro wie Katrin Dahmen überzeugt. Sie halten die zertrampeln. Der Wald als umkämpftes Ter-
Tonne bepreist wird. langsamen Spaziergänge, in die sie Atem- rain, auch hier.
Die Rechnung geht so: Wachsen Bäume, übungen, Meditationen und andere Techni- Dahmen kramt Taschenspiegel aus ihrem
nehmen sie Kohlendioxid auf und spei- ken aus dem Repertoire der seelischen Ge- Rucksack, drückt sie den Frauen in die Hand.
chern den Kohlenstoff im Holz und Boden. sundheitsvorsorge einbauen, für besonders »Wenn Sie mögen, halten Sie den Spiegel
Auch wenn die Stämme zu Möbeln oder wirksam. Ursprünglich stammt die Idee aus doch einmal so, dass Sie die Unterseite der
Dach­stühlen verarbeitet werden, bleibt das Japan, wo sie als Medizin anerkannt ist – Baumkronen darin sehen.« Die Teilnehme-
so. Und sollte Holz energieintensive Mate- Studien ergaben, dass sich Waldbaden positiv rinnen laufen durch das Unterholz, die ge-
rialien ersetzen, etwa Stahl und Beton beim auf Herz, Kreislauf und Psyche auswirkt. spiegelten Kronen und Himmelsfetzen im
Hausbau, werden weitere Emissionen ver- Blick, es geht beim Waldbaden ja um neue
mieden. In den vergangenen Jahren hatten Perspektiven.
die Wälder damit eine Klimaschutzleistung Zum Abschluss eine gemeinsame Atem-
von rund 92 Millionen Tonnen Treibhaus- Watt aus dem Wald übung und eine Meditation: der Mensch ein
gasen jährlich, rund 11 Prozent der deutschen Bau von Windkraftanlagen in Wäldern
Baum, die Füße die Wurzeln, die Erde das
Emissionen. Fundament.
Die Forstbranche hat ausgerechnet, was möglich eingeschränkt nicht zulässig
sie für diesen Dienst an der Menschheit gerne 5. Die Jägerin
hätte: 112,50 Euro pro Hektar Wald. Steigt Der Waldumbau wäre um einiges einfacher,
der CO2-Preis, soll auch die Prämie steigen. wäre er nur eine Sache zwischen Menschen
Die deutsche Forstwirtschaft, die jährlich Wa- und Pflanzen. Ist er aber nicht. Es gibt da
ren und Dienstleistungen im Wert von durch- noch jene Vierbeiner, die sich zwischen den
schnittlich 8,2 Milliarden Euro produziert, Bäumen richtig wohlfühlen. Und es gibt zu
würde auf diese Weise mit rund 1,3 Milliarden viele davon. Für den Waldumbau bringt eine
Euro subventioniert. hohe Zahl von Rehen und anderem Wild jede
Ein faires Abkommen? Ohne seine Wälder Menge Probleme mit sich. Denn Rehe fressen
wird Deutschland bis 2045 die Klimaneutra- besonders gern jene Bäume wie Douglasie,
lität nicht erreichen. Andererseits rechnet das Ahorn oder Eiche, die der Klimaerwärmung
Umweltbundesamt damit, dass die Kohlen- trotzen würden.
stoffsenke der Forste in den kommenden Jah- »Die einzige Baumart, die man bei der
ren kleiner sein wird. Die deutschen Wälder Rehwilddichte hochbekommen könnte, wäre
werden älter und nehmen weniger CO2 auf, die Fichte«, sagt Jens Borchers, 54, Leiter des
S Quelle: Fachagentur Windenergie an Land, Stand: März 2021
die Holznutzung ändert sich. Dazu kommen Forstbetriebs Fürst zu Fürstenberg. Das Wild

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 53


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verschmäht die Fichte, auch so kann eine von geschädigten Bäumen – Holz von min- keinen klimabelastenden Umweg nehmen
Monokultur entstehen. derer Qualität und riesiger Quantität. müssen und wäre wohl schneller verfügbar
Es geht – beispielhaft – um ein Waldstück Bad Berleburg hat viel davon, zu viel. gewesen. »Also nehmen wir künftig doch lie-
im Schwarzwald. Neun Hektar sind dort in Bernd Fuhrmann, studierter Sozialpädagoge, ber die Bäume aus unserem Wald, ehe wir
den vergangenen Jahren von Stürmen und ehemaliger Zehnkampftrainer und seit 17 Jah- Käferholz importieren«, sagt Kuhmichel.
Borkenkäfern vernichtet worden. Wenn Bor- ren Bürgermeister der Stadt, hat deshalb ein Fuhrmann hebt den Daumen. Genau so
chers die Natur machen ließe, entstünde ein Bündnis geschmiedet: gegen den Borkenkäfer, stellt er sich sein Bündnis vor. »Das Holz der
neuer Fichtenwald, was niemand will. Doch gegen die Kahlflächen, gegen den Frust. kurzen Wege, das können wir sofort verab-
wenn er Laubbäume pflanzt, frisst das Wild Fuhrmann, 55, will dem Schadholz ein reden«, sagt Röhl. »Nachhaltiger geht es
die Sprösslinge, bevor sie zu einem jungen neues Image geben und zugleich zwei politi- nicht.«
Baum emporwachsen können. sche Ziele erreichen. »Spätestens 2040 soll
Der einzige Weg, den Wildverbiss einzu- Bad Berleburg CO2-neutral sein. Und wir wol- 7. Der Forstminister
dämmen, sagt Borchers, sei eine deutliche len eine wirtschaftlich gesunde Stadtgesell- Reinhold Jost ist einer von denen, die im Di-
Reduzierung des Tierbestands. Doch dazu schaft.« Ende September hat der Stadtrat über ckicht der Waldpolitik als Glückspilz gelten
brauchte es einen Pakt mit den lokalen Jägern die »Holz-Agenda« des Bürgermeisters ab- könnten. »Wir haben die Wälder, die andere
– noch so einer Gruppe mit sehr individuellen gestimmt. Alle öffentlichen Bauten sollen sich wünschen«, sagt der Umweltminister des
Ansprüchen und Interessen. künftig weitestmöglich aus lokalem Holz, Saarlands. »Mehr als 70 Prozent Laubholz-
Die deutsche Jägerlobby ist groß und auch Schadholz, errichtet werden. anteil.« Jost, 55, braucht keinen Waldumbau,
mächtig, auf dem Land genauso wie in Berlin. Die ersten Pilotprojekte laufen bereits. In jedenfalls keinen großflächigen.
Sie will den Status quo bewahren. Insbeson- der Lobby des Bürgerhauses stehen Sitzwür- Große Mischwälder vor allem aus Buchen
dere für private Jäger, die ihrem Hobby nach- fel aus Schadholz, ein Bushaltestelle-Häus- und Eichen ziehen sich über die Hügel des
gehen möchten, ist ein Wald, in dem man chen ist schon gebaut, für zwei Feuerwehr- kleinen Bundeslandes. Insbesondere die
garantiert Wild sieht, besser als einer, in dem gerätehäuser gibt es Förderzusagen. Auch ein Eichen haben die vergangenen Trockenjahre
man vergebens verharrt. Parkhaus aus Käferholz ist geplant, 350 Stell- besser überstanden als viele andere Arten.
Jahrelang sei in der Forstwirtschaft viel zu plätze, bei Bedarf soll das vierstöckige Ge- Jost profitiert von einem günstigen histo-
viel falsch gelaufen, klagen die Jäger. Sie soll- bäude in Büroräume umgebaut werden kön- rischen Erbe. Dabei betrieben saarländische
ten nun ausbaden, dass die Forstverwaltungen nen. Vorige Woche erhielt Fuhrmann die Fi- Förster Waldbau nicht aus Liebe zur Natur,
nicht genügend Personal hätten, um alle jun- nanzierung für eine Machbarkeitsstudie, die sondern um Holz zu ernten, so wie anderswo
gen Bäume mit Schafwolle zu umwickeln oder dem Bau vorausgehen muss. auch. Die wuchtigen Stämme stützten die
mit Tinkturen zu bestreichen, um sie vor Grundsätzlich, versichern Experten, seien Stollen im Bergbau. Aber weil Fichten auf
Wildverbiss zu schützen. die vom Borkenkäfer traktierten Fichten für den schweren, zum Teil staunassen Böden an
Vielerorts müssen Förster und Waldbesit- jede Art von Holzbau geeignet. Nur ein ver- der Saar nicht gut gedeihen, entschieden sich
zer Zäune errichten, um Flächen mit jungen änderter Farbton, gräulich-blau oder braun- die Förster für Eichen.
Bäumen und nachwachsendem Wald zu rot, der durch einen vom Käfer begünstigten Und es gibt noch einen Grund, warum man
schützen. Für Heike Grumann, Försterin in Pilzbefall hervorgerufen wird, kann die Her- mit Jost sprechen sollte, wenn man mehr über
Bayern, ist das allenfalls eine Notlösung. »In kunft verraten. »Aber es gibt eben dieses Igitt- Waldpolitik erfahren möchte. Als Umwelt-
Wahrheit nehmen wir den Tieren ihren Le- Gefühl, dass in dem Holz was Ekliges drin- minister mit SPD-Parteibuch muss er wenig
bensraum weg, während der Wald dann doch steckte«, sagt Fuhrmann. Klientelpolitik machen. Naturschützer wäh-
nur in eng umgrenzten Flächen wächst.« Der Bürgermeister steigt ins Auto, es gehe len wohl ohnehin eher Grün, Waldbesitzer
Grumann, 49, hat gerade die Bäume ihres zum »Kuhmichel«, da lasse sich viel über das und Jäger sind traditionell Unionsanhänger.
Reviers untersucht. Alle drei Jahre wird in Holzproblem lernen. Auch die beiden Förster Und weil das Saarland so klein ist, kennt jeder
Bayern erhoben, wo Rehe den jungen Spröss- Johannes Röhl und Klaus Daum kommen jeden, Josts Verhältnis zu den Umweltver-
lingen besonders zusetzen. Die Bestandsauf- zum Treffpunkt. Die Fahrt führt durch meh- bänden, sagt er, sei ebenso gut wie jenes zu
nahme ist eine Grundlage für die offiziellen rere Täler, an den Straßenrändern lagern ge- den Jägern und Forstleuten. »Bei Problemen
Abschusspläne, wie sie das bayerische Jagd- fällte Stämme zu Hunderten. redet man miteinander, auch wenn die Posi-
gesetz vorschreibt. »Wir finden dieses Vor- Kuhmichel, das sind zwei Zimmerleute, Va- tionen sehr unterschiedlich sind.«
gehen sehr sinnvoll«, sagt Grumann. ter und Sohn, Lothar und Nils, Bärte, rote Jost gibt sich als Vermittler, als Vertreter
Wir, damit meint sie den Ökologischen Anoraks, die Grobcordhosen ihrer Zunft. Als eines Sowohl-als-auch. Er wirbt für den »Ur-
Jagdverband, zu dessen Vorstand sie gehört. Fuhrmann vorfährt, sichten sie eine Holzlie- wald vor den Toren der Stadt«, ein stillgeleg-
Den Gegenverein zum traditionsreichen ferung aus Österreich. Fast einen Monat haben ter Wald bei Saarbrücken. Das Umweltminis-
Deutschen Jagdverband gibt es seit 30 Jahren, sie auf die verleimten Balken gewartet, von terium betreibt das Projekt seit 2002 gemein-
seine Mitgliederzahl ist im Vergleich ver- denen sie dachten, sie wären tadellos. Der sam mit dem Naturschutzbund und dem Saar-
schwindend gering. Ökologisch jagen, das Weltmarkt läuft seit Jahresbeginn leer. Schäd- forst Landesbetrieb als Naturschutzgebiet mit
heißt für Grumann, den Bestand an Rehen lingsbefall in Kanada, Waldbrände und das Wanderwegen und Kinder-Ferienprogramm.
von vornherein zu reduzieren. Eine kleinere Konjunkturprogramm von Präsident Joe Biden Wenn es um andere Teile der Staatswälder
Population sei auch gesünder für das einzelne in den USA haben einen enormen Bedarf aus- geht, sagt Jost aber: »Wir bekennen uns zur
Tier. »Wenn sie dicht auf dicht zusammen- gelöst, auch asiatische Staaten kauften große forstwirtschaftlichen Nutzung.«
leben, breiten sich Parasiten und Krankheiten Mengen Holz auf, die Preise sind explodiert. Ähnlich wie Rheinland-Pfalz hat das Saar-
schneller aus.« So einen ganzheitlichen An- »Aber noch verrückter ist es«, sagt der Se- land überdurchschnittlich viel Wald, davon
satz vermisst die Försterin bei vielen Jägern. nior, »dass in diesen importierten Balken Kä- sind 41 Prozent Landeseigentum. So war es
»Die denken viel zu wenig an die Bäume.« ferholz verarbeitet worden ist.« Genau die auch Jost, der 2019 gemeinsam mit seiner
Qualität, die in Deutschland vielerorts als Ministerkollegin aus Mainz erstmals eine
Peter Jülich / DER SPIEGEL (2)

6. Der Schadholz-Manager minderwertig gilt. Kuhmichel winkt den Bür- »Honorierung der Wald-Ökosystemleistun-
In den Sommern 2018, 2019 und 2020 haben germeister und die beiden Förster heran. Sie gen« ins Gespräch brachte. Sechs Millionen
Dürre, Stürme und Käferbefall mehr als 160 begutachten das Holz. »Stimmt«, sagt Daum, Euro pro Jahr verliert der Landesbetrieb
Millionen Kubikmeter sogenanntes Schad- »das ist typischer Graublaustich.« durch Leistungen, die nicht erstattet werden,
holz hinterlassen. 75 Prozent des eingeschla- Hätte der Zimmermann das Schadholz von hat sein Ministerium ausgerechnet, etwa
genen Holzes stammte im vergangenen Jahr ortsansässigen Betrieben gekauft, hätte es durch Bäume, die für seltene Tierarten stehen

54 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


DEUTSCHLAND

gelassen werden, anstatt sie zu fällen. In die-


sem und im nächsten Jahr rechnet der Minis-
ter mit einem Verlust von elf Millionen Euro
für den landeseigenen Forstbetrieb. Eine Öko-
prämie in Millionenhöhe, bezahlt aus der
CO2-Bepreisung, könnte den Staatsbetrieb
langfristig aber wohl profitabel machen.
Am Ende müssen Politik und Gesellschaft
entscheiden, was mit den Wäldern passieren
soll: bewirtschaften oder stilllegen? Prämien
zahlen oder nicht? Im Juni sprach sich Bun-
desforstministerin Klöckner für eine Klima-
schutzzahlung an Waldbesitzer aus. Wie die
genau aussehen soll, muss verhandelt werden.
Eine pauschale Flächenprämie, wie sie Lob-
byisten vorschlagen, trägt das Risiko in sich,
dass sich die Fehler aus der Landwirtschaft

»
wiederholen. Waldbesitzer bekämen üppige
Fördersummen, egal wie umweltverträglich
sie wirtschaften. Die Gefahr, falsche Anreize
zu setzen, ist erheblich.
Wer will, dass der Wald als grüne Lunge
Die denken viel zu wenig hilft, die Klimakrise abzuschwächen, muss
jetzt die Richtung vorgeben. Lange ging es in
an die Bäume.« der Agrarministerkonferenz um Milchpreise,
afrikanische Schweinepest und EU-Agrarsub-
Ökologische Jägerin Grumann ventionen, während der Zustand der Wälder
ein Tagesordnungspunkt unter vielen blieb.
»Man hat gehofft«, sagt Jost, »dass es schon
kein zweites Waldsterben geben würde.«

»
8. Chancen
Klima, Mobilität, Generationengerechtigkeit
– die drängenden Themen dieser Zeit sind
hochkomplex. Einfache Lösungen gibt es
nicht. Der Wald soll eine Vielzahl von Auf-
Dieses Igitt-Gefühl, dass gaben übernehmen und jeder Menge Interes­
in dem Holz was Ekliges sen dienen. Deshalb braucht es eine neue
Dialogbereitschaft, um die Frontstellung der
drinsteckte.« Lobbygruppen zu überwinden. Nicht zuletzt
auf den höchsten Ebenen in Berlin, wo sich
Bürgermeister Landwirtschaftsministerium und Umweltmi-
Fuhrmann nisterium seit Jahren gegenseitig blockieren.
Die nächste Bundesregierung wäre gut be-
raten, diese Starre aufzubrechen, Argumente
abzuwägen und Kompromisse zu vermitteln.
Wälder sind ein Ökosystem mit Wechsel-
wirkungen in Wirtschaft und Gesellschaft.
Der Handel mit Holz ist längst so global wie
die CO2-Bilanz des Planeten. An einen Stadt-
wald in Stuttgart stellen sich andere Anfor-
derungen als an einen Forst in der Eifel. Bö-
den und Klima im Spreewald lassen sich kaum
mit den Verhältnissen im Allgäu vergleichen.
Hinzu kommt, dass sich der Klimawandel re-
gional unterschiedlich auswirken wird.
300 Jahre ist es her, dass auf deutschem
Boden die nachhaltige Forstwirtschaft erfun-
den wurde. Die Förster waren dazu da, den
Wald vor den Menschen zu retten, die ihn
abholzen wollten. Klaus Daum vom Regional-
forstamt Siegen-Wittgenstein sagt, ihm kom-
me es vor, als hätten Förster noch immer die-
se Aufgabe: »Den Wald vor den Menschen
zu schützen, die alles gleichzeitig von ihm
haben wollen.«
Philipp Kollenbroich, Katja Thimm,
Alfred Weinzierl  n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 55


D E B AT T E D E U T S C H L A N D N A C H D E R W A H L

Erweitere die Möglichkeiten


Ein Lob der Politik. Von Robert Habeck

D
er politische Betrieb hat so Unterschieden das Beste! Und vor die Interessen der Gesellschaft
seine Phasen, und der Über­ allem: Kümmert euch um das, was ­vertreten und das Beste geben, um
gang von der Wahlkampf­ wirklich dringlich ist. ­dieses Vertrauen zu rechtfertigen –
phase zur Regierungsbildung ist ein Dieser Auftrag ist eine demo­ ist eine politische Kraft, die nur
plötzlicher. Wahlkampf heißt ja kratische Pflicht. Die Ideen und ­Demokratien aufbringen.
nicht umsonst »Kampf«. Parteien Hoffnungen von Menschen, die sich Aus dieser Bereitschaft zu ver­
treten in den demokratischen Wett­ in der Politik engagieren, sind trauen erwächst für ein Parlament
bewerb um möglichst viele Stim­ unterschiedlich und widersprüch­ und eine Regierung die Verant­
men, damit sie möglichst viel Ein­ lich. Aber diese Menschen sind sich wortung, sich zumindest zu bemü­
fluss – sprich »Macht« – erhalten, ihrer Verantwortung bewusst, sie hen, die großen Fragen unserer Zeit
um möglichst viel nach ihren Prin­ brennen für ihr Thema, wollen zu lösen. Behaupten sie es nur und
zipien und Vorstellungen gestalten ­etwas erreichen. Das wäre vielleicht werden dabei erwischt, stellt sich
zu können. Es ist eine Phase der noch mit Ehrgeiz oder vielleicht ­irgendwann ein Raunen ein, warum
Werbung für sich und die eigenen ­sogar ­Eitelkeit erklärbar, in dem wir sie eigentlich gewählt haben.
Ideen, also eine Zeit, in der die Par­ Sinn, dass man ja glauben muss, Und daraus wird dann schnell ein
teiidentität in den Vordergrund tritt, man selbst wäre am besten geeig­ Rumoren, dass nicht nur der Poli­
logischerweise treten muss. In der net, ­seine Stadt oder seinen Wahl­ tiker oder die Politikerin schlecht
Zuspitzung verengen sich Blick und kreis repräsentieren zu können. Das ist, sondern »die« Politik und sogar
Botschaften. Auch ich wiederhole aber reicht als Erklärung nicht aus. das demokratische System, weil
in Wahlkampfreden zum 100. Mal, Die Menschen, die sich einsetzen, ­demokratische Wahlen vermeintlich
was bei den ersten Malen gut funk­ ­fühlen sich verpflichtet. Sie wollen nicht die Lösungen bringen. Will
tioniert hat. Arbeite Unterschiede einer größeren Aufgabe dienen. Das heißen: Geht das Vertrauen struktu­
zum politischen Wettbewerber ist ja das Besondere, nahezu Ehr­ rell verloren, verkommt das Lob
­he­raus, um deutlich zu machen, wa­ furcht Auslösende an den formalen der Politik und der Demokratie zu
rum die eigene Partei die beste Wahl Akten der Demokratie, vom seinem Gegenteil.
ist. Aus dem Herausarbeiten wird Recht zu wählen über das Recht,

W
die eine oder andere Spitze, hier sich zur Wahl zu stellen, bis hin ie lässt sich das verhindern?
und da eins auf die Mütze, seht her, zum Amtseid von Ministerinnen Gerade dieser Wahlkampf
mit uns wird’s besser als mit denen. und Ministern: Diese Akte binden glich mitunter einer Reise
Und der Ausdruck »politischer einen, sie nehmen einen in die in die Vergangenheit, mit den alten
Wettbewerber« ist in dieser Phase Pflicht. Man wählt nicht nur für Debatten der Neunziger – Schulden
dann doch ein weichspülender sich, sondern auch für die Gesell­ machen oder sparen, Natur schüt­
­Begriff für Gegner. Kampfmodus schaft. Man ist Mandatsträger oder zen oder nutzen, Klima oder Wirt­
also – ist ja, wie gesagt, Wahlkampf. Ministerin nicht für seine Partei, schaft, Staat oder Freiheit. Ganz
Dann kommt der Morgen nach sondern für das Land. Diese Größe so, als wäre das Oder nicht schon
der Wahl. Die Stimmen sind aus­ der Politik ist schon zu spüren, längst aufgebraucht, ausgelaugt,
gezählt, man selbst ist durchge­ ­bevor Regierungsarbeit überhaupt antiquiert. Was dieser Wahlkampf
schüttelt, übermüdet, sammelt sich
und seine Sachen zusammen, kehrt
Wer Angst eingesetzt hat.
Es ist diese Verpflichtung, die aus
nicht vermocht hat, war, auf neue
Herausforderungen neue Antwor­
dem Kampfplatz den Rücken und davor hat, der Politik heraus auf die Menschen ten zu finden. Genug Stoff für Frust
hat mit dem Wahlergebnis eine dass eine wirkt, die den demokratischen und Abwendung. Weil es an den
neue Realität und mit ihr einen Auf­ Rechtsstaat und die liberale Demo­ Problemen der Zeit vorbeigeht. Um
trag vor sich: »Macht was draus.« falsche kratie stark und überlegen macht. Vertrauen in die Politik zu ­stärken,
Da wir ein personalisiertes Verhält­ ­Entscheidung Diktaturen scheitern irgendwann, muss eine neue Regierung Antwor­
niswahlrecht haben, das nicht nur
Sieg und Niederlage kennt, kein
das Ende der weil sie Ambivalenz nicht aushalten
und sich nicht selbst korrigieren
ten auf Höhe der Zeit geben, und
das bedeutet: Sie muss auch bereit
»The Winner Takes It All«, sondern politischen können. Demokratien gewinnen, sein, dafür ins Risiko zu gehen.
proportional die Stimmenanteile Laufbahn weil Korrektur zu ihren Grundfes­ In der Tat sind die wahren Be­
der Parteien widerspiegelt, bedeu­
tet dieser Auftrag: Macht es ge­
sein kann, ten gehört, solange Menschen sich
einbinden lassen. Das doppelte Ver­
währungsproben von Regierungen
fast immer unerwartete Krisen oder
meinsam, auch wenn ihr euch gera­ sollte jetzt trauen – dass erstens jede und jeder Ereignisse, vom Fall der Mauer bis
de noch bekämpft habt. Nehmt eure besser nicht einen Unterschied machen kann zur Pandemie. Es sind Situationen,
Verantwortung wahr, baut Brücken, und zweitens Menschen in einer in denen Entscheidungen getroffen
beharrt nicht auf Positionen, findet Minister*in ­repräsentativen Demokratie auf werden müssen, ohne jede Studie
das Gemeinsame, macht aus den werden. Grundlage der Mandatsübertragung oder Erfahrung zur Grundlage. Und

56 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


definiert werden, sondern wir – das
breite Wir der demokratischen Ge­
sellschaft – sollten sie definieren.
Keine Schattenjahre, sondern Jahre,
in denen Neues geschaffen wird.
Zu häufig richten sich die Ziele nach
Umständen aus – nach dem Motto:
Was in der Vergangenheit nicht
­gelang, kann auch in der Zukunft
nicht gelingen, von der Planungs­
geschwindigkeit bei Schienen­
trassen bis zum Abfluss der Digita­
lisierungsmittel, weil alles dauert,
dauert es. Angela Merkel brachte
es anlässlich des Klimaschutzgeset­
zes 2019 auf das Bonmot: »Politik
ist das, was möglich ist.« Genau
nicht. Damit Neues entsteht, müs­
sen die Möglichkeiten erweitert
werden. Das ist der Imperativ un­
serer Zeit: Erweitere die Möglich­
keiten. Hanna Arendts Satz, dass
der Sinn von Politik Freiheit sei,
­bezieht sich auf Bürgerrechte und
ein individuelles Leben in Würde
und ohne Gängelung. Jetzt wird er
strukturell bedeutsam. Wenn das
Bundesverfassungsgericht feststellt,
dass der Sinn von Klimaschutz
Angaben zum Autor ­Freiheit ist und der Staat die Vor­
Bildunterschrift in
der Marginalie
kehrungen treffen muss, um Freiheit
zu wahren, dann sagt es auch,
dass staatliches Handeln und Frei­
heit sich bedingen.
Die Herausforderung der Klima­
krise ist gigantisch und langfristig,
die Zeit auf der ökologischen Uhr
ist knapp geworden. Wir müssen
Dominik Butzmann / laif

schnell verschiedene Dinge pro­


bieren. Und es wird Fehler geben.
Nur wenn Politiker*innen bereit
sind, die jetzt zu machen, haben
wir überhaupt eine Chance, erfolg­
reich zu sein. Ins Risiko zu gehen
dann geht eben auch mal etwas wird heute sicher sagen können, ob Habeck, 1969 in schließt in diesem Verständnis
schief, werden Millionen ausge­ jeder Schritt übermorgen richtig Lübeck geboren, ist mit ein, dass eine Entscheidung das
einer der beiden
geben, die keine Wirkung entfalten, oder falsch gewesen sein wird. Aber Bundesvorsitzenden
Ende der politischen Laufbahn
oder es wird der wirksamste Impf­ die Unmöglichkeit, die Zukunft vor­ der Grünen und sein kann. Wer ­davor Angst hat,
stoff zu spät bestellt. Ich denke, es herzusehen, darf keine Entschuldi­ Schriftsteller. Er war sollte jetzt besser nicht Minister*in
täte der politischen Kultur gut, gung dafür sein, den Kopf in den stellvertretender werden. Am Ende ist es doch so,
Ministerpräsident
wenn das nicht immer gleich mit Sand zu stecken. von Schleswig-­
dass Mandate und politische Äm­
Geifer und Schaum vor dem Mund Holstein. Gerade ter auf Zeit ­verliehen werden.

V
beantwortet werden würde. Wer ermutlich ist das der große verhandelt er in Nicht auf Dauer. Ohne jede Garan­
weiß denn, ob man selbst besser Unterschied zwischen einer Berlin eine Re­ tie. Und das kann nur bedeuten,
gierungsbeteiligung
entschieden hätte? Etwas mehr politischen Ära und der seiner Partei.
einen möglichst ­großen Unter­
Duldsamkeit wäre sicher gut. Um­ nächsten. Die Ära Merkel endet schied machen zu wollen. Es geht
gekehrt folgt daraus aber auch, dass ja nun, aber was wird die neue brin­ nicht mehr, sich hinter vermeint­
die Entscheidungen verantwortet gen? Welche Partei oder politische lich Unüberwindbarem zurück­
werden müssen. Das bedeutet, be­ Persönlichkeit ihr ihren Stempel zuziehen, nicht mehr, auf die
reit zu sein, Fehler zu machen und aufdrücken wird, wissen wir noch ­Fehler der anderen zu verweisen.
zu ihnen zu stehen. Anders wird es nicht. Aber wir wissen schon jetzt, Es heißt, sich die Aufgaben zu
nichts werden. Das gilt nicht nur für wie sie sich unterscheiden muss: eigen zu machen, in voller Verant­
plötzlich hereinbrechende Situatio­ nicht mehr dadurch, nichts zu tun, wortung zu handeln und persön­
nen, sondern auch, wenn sich Pro­ bis die Krise eskaliert, um erst lich für das eigene Tun gerade­
bleme am Horizont abzeichnen und dann zu handeln, sondern dadurch, zustehen. Das soll das Signum der
man auf Grundlage der möglichen et­was zu riskieren, damit die Krise nächsten Ära werden: es gewesen
Prognosen nach bestem Wissen nicht entsteht. Die nächste Ära sein zu wollen. Solche Politik lob
Vorsorge treffen sollte. Niemand ­sollte nicht durch externe Faktoren ich mir.  n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 57


REPORTER

Befreiung, 1952
FAMILIENALBUM Monika Müller-Reimers, 75, aus Harsefeld

E in Bild meiner Einschulung, 1952 war


das. Ich war krank, mit Tuberkulose
infiziert, wahrscheinlich durch mei-
nen Vater, der während des Zweiten Welt-
wir, so war der Tagesablauf, nachmittags
durften wir für zwei Stunden spielen, mit
drei Spielzeugen. Und nur an Sonntagen
mit etwas Weichem, einem Teddy oder
kriegs im Lazarett gearbeitet hatte. Als einer Puppe. 1952 also die Einschulung in
meine Mutter nach meiner Geburt mit mir der Krankenhausschule, ich lag im Gips-
nach Hause kam, lag er im Bett mit einer bett. Als ich mit zehn Jahren das erste Mal
offenen Tuberkulose und einem Bluthusten. Weihnachten zu Hause feierte, wurde das
Der Winter 1946 war sehr kalt. Meine Mut- eine Katastrophe, weil ich so aufgeregt war.
ter musste sich entscheiden, ob ich im ge- Ich hatte schließlich bis zu diesem Zeit-
heizten Zimmer bei meinem Vater bleiben punkt noch nie ein Geschäft, noch nie Geld
sollte, mit der Gefahr, dass ich erkrankte, gesehen, ich wusste nicht, dass man Kar-
oder ob ich erfror. Ich bekam dann eine toffeln im Topf kochte. Mit zwölf Jahren
Miliartuberkulose, bei der sich die Bakte- besuchte ich zum ersten Mal eine normale
rien im ganzen Körper verteilen. Mit neun Schule. Ich machte meinen Hauptschul-
Monaten kam ich in ein Hamburger Kran- abschluss und arbeitete später als Stenoty-
kenhaus – so richtig zu Hause war ich erst pistin am Oberlandesgericht. Erst mit Mitte
wieder mit zehn Jahren. Ich erinnere mich vierzig habe ich verstanden, was so alles
an vieles: Weihnachten gab es eine große falsch gelaufen ist in meinem Leben. Mitt-
Tanne im Saal mit echten Kerzen, die lerweile bin ich 75 und zum zweiten Mal
Schwestern hatten sich als Engel und Christ- verheiratet. Das Foto meiner Einschulung
kind verkleidet, wir Kinder lagen in der liegt bei mir zu Hause in einem Ordner
Mitte auf dem Fußboden. Die meisten im Schrank, denn ich bin gerade dabei,
waren ans Bett angebunden, in einer Schale einen Prozess für eine Opferentschädigung
aus Gips, die dem eigenen Körper ange- zu führen. Es war vieles schwer und ist es
passt war. noch, ich habe noch heute oft und lange
Ich selbst durfte mich bis zu meinem Schmerzen. Aber wenn ich daran denke,
neunten Lebensjahr kaum bewegen. Ich dass eine Miliartuberkulose damals fast
wusste nicht, warum ich in dieser Wanne immer tödlich verlief, möchte ich doch eher
‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie uns Ihre
liegen musste; mit uns Kindern wurde gene- Geschichte erzählen möchten? Schreiben Sie an: sagen: Es geht mir hervorragend!
rell wenig gesprochen. Morgens sangen familienalbum@spiegel.de Aufgezeichnet von Barbara Hardinghaus

STIL SPIEGEL: Also hat Christian SPIEGEL: Hat die Coronazeit Fischer: Der Schlips ist grund-
»Kommt der Schlips Lindner alles richtig gemacht? das Modeempfinden verändert? sätzlich kein Problem, weil er in
Fischer: Ja, aber es hängt natür- Fischer: Auf jeden Fall. Im die Vertikale geht, nicht in die
zurück, Frau Fischer?« lich auch vom Körperbau ab, Onlinemeeting sieht man Horizontale. Aber ich glaube,
SPIEGEL: Zu den Sondierungs- welchen Schlips man tragen nur Oberkörper, das verändert dass das Homeoffice generell
gesprächen erschienen Vertreter sollte. Nehmen Sie Arnold die Proportionen. Dinge lässiger gemacht hat.
der FDP mit Krawatte. War die Schwarzenegger: Der sollte kei- Wenn man sonst etwas Wer trägt an seinem eigenen
nicht out? ne schmale Krawatte tragen, trägt, was sehr wuchtig Schreibtisch schon Krawatte?
Fischer: Es stimmt schon, das würde nicht proportioniert ist, Jacketts mit SPIEGEL: Warum ist sie jetzt
dass man heute einfach Chino- wirken. Aber wenn man breiten Schultern zum wieder da?
hose und offenes Hemd schmal ist, wirkt eine schmale Beispiel, wirkt es aus- Fischer: Wir brauchen gerade
popovaphoto / iStockphoto / Getty Images

tragen kann. Aber die Krawatte Krawatte hip und modern. gleichend, wenn man nach der Coronakrise eher je-
hat noch immer eine starke SPIEGEL: Und wenn nicht? Dann mit dem ganzen Körper manden, der sagt: ›Wir führen
Symbolkraft. Sie steht für Serio- lieber ohne? gesehen wird. Wenn euch da durch‹, statt einen,
sität, Stärke, Erfolg, Ernsthaftig- Fischer: Doch. Wenn ich Arnold man nur den Ober- der lahm und weich aussieht.
keit. Die Frage ist: Welcher Schwarzenegger bin, sollte ich körper sieht, wirkt Ich glaube, dass Politiker das
Schlips ist modern? Im Moment halt eher eine breite Krawatte das schnell unpropor- für sich nutzen. MAH
sind es schmale Krawatten tragen. Wenn man jünger tional.
in Kombination mit Slim-Fit- erscheinen will, geht schmaler. SPIEGEL: Was heißt das Caroline Fischer, 48, ist
Anzug. So wie James Bond das trägt. für den Schlips? Stilberaterin in Nürnberg.

58 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


»Es ist ja nie Stillstand«, sagt
­ lööckler. »Du siehst dann schnell,
G

Der perfekte Mensch


hoppla, da ist wieder was verrutscht.«
Er wollte dann irgendwann zurück
in die Provinz, weil er die Ruhe such­
te; in Kirchheim hört er am Morgen
den Hahn krähen. Er machte Sport,
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE  Warum der Modeschöpfer nahm 20 Kilogramm ab, stellte seine
Harald Glööckler sich immer wieder neu erfindet – und doch nie zufrieden ist Ernährung um, aß viel Gemüse, trank
viel Wasser, keine Cola, keine Säfte
mehr, ernährte sich beinahe vegan.

D
as Tor ist umwachsen von einer ner war als die, die er kannte. Er sah, Seit drei Jahren meditiert Glööck­
riesigen Hecke, die den Blick wie hart seine Eltern in der Gaststätte ler. Am Morgen sitzt er im Garten auf
auf die Villa versperrt. Als es in dem Dorf arbeiteten, der Vater, ein der Bank neben dem großen Buddha-
sich öffnet, erscheint eine Haushälte­ Metzger, war herrisch, cholerisch, ge­ Kopf, er verlasse das Körperliche,
rin, sie lässt die beiden Frauen hinein, walttätig gegenüber seiner Mutter. sagt er, die Hülle, um auch von innen
die gerade geklingelt haben. Sie Er wollte eine andere Welt, und er schön zu werden.
­wollen zum Ehemann von Harald wollte darin ein anderer sein, fanta­ Dann kam Corona, und alles
Glööckler, es sind seine Schwestern. sievoll, schöpferisch. Mit 18 ließ er ­wurde ruhig. Zu ruhig, jedenfalls für
Um den Modeschöpfer Glööckler sich die Augenbrauen tätowieren wie Glööckler. »Was, wenn die Leute dich
war es zuletzt ruhig geworden, er Tutanchamun, außerdem gab er sich vergessen?«, dachte er. Mittlerweile
wollte es so. Dann wurde es ihm of­ einen auffälligen Namen, »Glööck­ entwarf er auch Schmuck für Lidl,
fenbar zu ruhig, weshalb er im Janu­ ler« statt »Glöckler«. außerdem Servietten und Tapeten. Er
ar ins Dschungelcamp gehen wird. Er »Es fühlte sich gigantisch an«, sagt musste sich zeigen, weiterhin statt­
hat sich dafür schon Permanent- er. Er färbte sich die Haare in immer finden, eine Inszenierung ohne Pub­
Make-up ins Gesicht machen lassen, neuen Farben, grau, rot, blond, ra­ likum ist keine.
Lidschatten und neue Augenbrauen. sierte sie ab, kaufte Haarteile, trans­ Also beschloss er, ins Dschungel­
Das Tor schließt sich. plantierte welche. camp zu gehen. Sein Umbau dafür
Als es sich wieder öffnet, erscheint Mit 30 Jahren ließ er sich die Lip­ dauerte zwei Tage. Er ließ sich zwei­
Glööckler selbst, er trägt benietete pen aufspritzen und ab Anfang vier­ mal elf Stunden lang tätowieren, auch
Absatzstiefel und einen weißen An­ zig Fett absaugen, die Augenbrauen den Bart, auch den Kopf, um die ho­
zug mit Glitzerbrosche. Er bittet an liften und die Oberlider, die Zähne hen Haaransätze, so sagt er das, op­
den Tisch im Garten, der eingedeckt wurden mit Veneers verkleidet. Ein tisch nach vorn zu ziehen.
ist mit feinem Porzellan. ständiger Umbau, nie wurde er fertig. »Es sollte perfekt sein«, sagt
Alles an ihm ist perfekt. Die Nägel Je mehr er machte, desto mehr war ­Glööckler.
sind lang und pink, die Lippen sind zu tun. Er ließ sich das Gesicht lasern, An seinem Hinterkopf wandern
ebenfalls pink, alles um ihn herum ist spritzte mehr Botox, mehr Hyaluron, jetzt kleine schwarze Tintenpunkte
mit Bedacht platziert: rund geschnit­ ließ das Kinn nach vorn und die Wan­ den Nacken hinab, fast bis an die
tene Buchsbäume, Palmen, ein Spring­ gen hoch spritzen. Schultern. Er dreht sich, zeigt sie, lä­
brunnen, ein Pool, Skulpturen und Glööckler zeigt mit beiden Hän­ chelt. Sagt: »Das macht gleich jünger,
barocke Spiegel, die auf Kunstrasen den, wie die Wangen im Laufe des oder?« Er wacht jetzt morgens schon
stehen. Lebens absacken, das Altern macht fertig geschminkt auf.
Die Haushälterin bringt Kaffee das Optimieren schwerer. Eine Arbeit Glööckler, Screen- Wie lange das hält?
und Kokosgebäck, ohne Zucker. gegen die Zeit; eine künstlerische He­ shot von der Website »Bis die Lider wieder fallen«, sagt
Glööckler setzt sich, er tippt noch rausforderung. Mannheim24.de er. Es hört nie auf.
etwas in sein Handy und sagt: »Ich Früher ging Glööckler manchmal
bin gleich so weit.« selbst einkaufen, heute verzichtet er
Er ist mittlerweile 56 Jahre alt. Vor darauf, er fürchtet die Blicke der an­
sechs Jahren zog er aus Berlin zurück deren, ihre Kommentare. Nach Shoo­
in die Provinz, nach Kirchheim an der tings, sagt er, sortiere er immer gleich
Weinstraße, nicht weit von hier ist er die Bilder aus, von denen er findet,
aufgewachsen. In Berlin hatte er zu­ dass er darauf traurig aussehe.
letzt auf 1400 Quadratmetern gelebt, Es ist fast Mittag, als eine der
er gab Empfänge auf seiner Dach­ Schwestern seines Mannes aus dem
terrasse, in Hongkong richtete er Mo­ hinteren Teil des Gartens auftaucht.
denschauen aus. Schon damals erfand Sie ist Mitte siebzig, ihr Haar ist grau,
er sich ständig neu, ließ sein Gesicht ihr Gesicht zeigt Falten.
verändern, er war jemand, der sein Glööckler hat keine Falten. Er wird
Aussehen (und sich selbst) nicht als älter, aber er altert nicht. Er lebt das
Tatsache begriff, sondern als Projekt. Leben eines Mannes, der sich selbst
Jetzt, in seinem Garten, sagt er: ins Schaufenster gestellt hat, ein mo­
DER SPIEGEL

»Ich versuche, nicht mehr so körper­ derner Dorian Gray.


lich zu sein.« Ein rätselhafter Satz. Im Dschungelcamp werden ihn
Billy King, Glööcklers Hund, wedelt Millionen Zuschauer betrachten. Die
um ihn herum, auch er ist perfekt fri­ Frage wird sein, was sie zu sehen
siert, schwarz-weiß und flauschig. ­bekommen: nur die Schöpfung oder
Schon mit sechs Jahren habe er eine auch den Schöpfer?
Welt gewollt, sagt Glööckler, die schö­ Barbara Hardinghaus n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 59


REPORTER

Fahrt ins Blaue


BUNDESTAGSWAHL  In Dorfchemnitz in Sachsen gaben mehr als 52 Prozent der Wähler ihre Erststimme der AfD.
Was ist da los? Ein Ortsbesuch von Janko Tietz, der in der Gegend seine Kindheit verbracht hat.

Privat

Onkel und Tante des Autors vor ihrem Lebensmittelgeschäft 1993: Wahrscheinlich war er einer der ersten Lieferando-Fahrer der Republik

60 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


REPORTER

V
ier Kilometer schlängelt sich die
Hauptstraße durch Dorfchem-
nitz, der Ort liegt im Tal des
Chemnitzbachs, mitten im Erzgebir-
ge. Links und rechts Häuser, wie an
einer Kette aufgereiht, einige schmie-
gen sich an den Hang. Am Ortsein-
gang grüßt Carolin Bachmann von
der AfD, deren Porträt die Partei auf
einen Bauzaun gespannt hat.
Es ist der Ort, der bei der Bundes-
tagswahl vor zwei Wochen mit 52,3
Prozent der Erststimmen für die AfD
einen bundesweiten Rekord aufge-
stellt hat. Mit 24,6 Prozent der Zweit-
stimmen wurde die AfD in Sachsen
die stärkste Kraft, mit deutlichem Ab-
stand zur regierenden CDU. In nur
fünf Jahren färbte sich die politische
Landkarte in Sachsen von tiefschwarz
in flächendeckend blau.
Von allen Orten hat Dorfchemnitz

Jürgen Lösel
das Blau am dicksten aufgetragen. Im
Wahlkreis 161, in dem Dorfchemnitz
liegt, löste die 33-jährige Carolin
Bachmann die CDU-Politikerin Vero­ AfD-Wahlplakat te nach der Wiedervereinigung ein der Coronapolitik zu tun und der
nika Bellmann ab, die 19 Jahre lang mit Kandidatin kleines Lebensmittelgeschäft in dem ­aktuellen Diskussion um die Impfun-
Bachmann:
als Direktkandidatin für Mittelsach- »Angesehene Leute«
Dorf, weil er seinen Job verloren hat- gen.« Tatsächlich ist eine gewisse
sen im Bundestag saß. Dieser Wechsel te und keinen anderen fand. Der alte Korrelation zwischen der sächsischen
hat viel mit Dorfchemnitz zu tun, DDR-Konsum hatte zugemacht, er Impfquote und dem Wahlerfolg für
rund 1500 Einwohner, ungefähr zehn wollte nicht arbeitslos sein – ein per- die AfD zu erkennen. Nirgendwo in
Kilometer von der tschechischen fektes Match. Wahrscheinlich war er Deutschland sind weniger Menschen
Grenze entfernt. einer der ersten Lieferando-Fahrer geimpft als in Sachsen, nirgendwo
Als am Wahlabend ein Twitter-Ac- der Republik. Nachmittags versorgte holte die AfD mehr Stimmen. Die
count – ausgerechnet mit dem Namen er die Rentner im Ort mit Lebens- Partei ist die einzige im Bundestag,
des Kriegstheoretikers Clausewitz – mitteln, wenn sie zu gebrechlich wa- die die Maßnahmen zur Corona­
die ersten Ergebnisse aus Dorfchem- ren, um selbst noch einzukaufen. bekämpfung vehement kritisiert und
nitz postete, versehen mit dem freu- Nach ein paar Jahren gab er den La- deren Fraktionsvorsitzende Alice
digen Text: »Die 50 Prozent sind ge- den aus Altersgründen auf. Weidel stolz behauptet, sie sei nicht
knackt! Wahnsinn«, war die Empö- Es sind schöne Erinnerungen, die geimpft. Von den bundesweit 190 re-
rung groß – auch meine. Ich schrieb: ich mit dem Ort verbinde. Man fragt gistrierten Übergriffen auf Impfzen-
»Es macht mich fertig.« Viele andere sich also nach einem solchen Wahl- tren entfallen in diesem Jahr 54 poli-
offenbar auch. »Wie braun kann eine ergebnis: Wählt die Verwandtschaft zeilich relevante Fälle auf Sachsen.
Gegend sein?«, »Trauriger Rekord«, jetzt auch AfD? Und wenn ja, warum? Onkel Reinwald und seine Frau
»Das einzig Erhaltenswerte an Dorf- »Das wüsste ich auch gern«, sagt sind geimpft (»Ehrensache! Zu DDR-
chemnitz ist die Bäckerei«. Pauschale mein Großonkel Reinwald, der jahr- Zeiten gab es auch die Impfpflicht,
Urteile, die selten vorteilhaft für die zehntelang ein Malergeschäft betrieb, und keinen hat es geschert«), die AfD
Sachsen ausfallen. das nun in dritter Generation von sei- haben sie nicht gewählt. Aber, so sa-
In ganz Sachsen wählten von den nem Enkel weitergeführt wird. Sein gen sie, manche Entscheidungen der
rund 2,5 Millionen Einwohnerinnen Zweitstimmen für die Betrieb hat sich auf die Restaurierung Politik seien für die Leute hier schwer
und Einwohnern, die ihre Stimme ab- AfD in Sachsen, bei alter Kirchen im Erzgebirge speziali- nachvollziehbar. Zum Beispiel warum
der Bundestagswahl
gaben, rund 1,9 Millionen nicht die 2021, in Prozent siert. Immer, wenn irgendwo die Fres- das Impfzentrum ausgerechnet im
AfD. 632 875 Wahlberechtigte mit ken abblättern, wird seine Firma ge- Norden des Landkreises eröffnet wur-
unter 20
ihrer Erststimme aber doch, 404 da- rufen, um die jahrhundertealten de, der sich von der tschechischen
20 bis unter 25
von in Dorfchemnitz. »Es macht mich 25 bis unter 30
Kunstwerke zu erhalten. Grenze bis 30 Kilometer vor Leipzig
fertig«, das schrieb ich auch deshalb, 30 und mehr Zum Besuch empfangen er und erstreckt. Freiberg als Kreisstadt sei
weil ich eine biografische Beziehung seine Frau mit sächsischem Kuchen viel zentraler. »Wir mussten fast ein-
zu Dorfchemnitz habe. Mein Groß- Dorf- und geschmierten Brötchen mit Wurst einhalb Stunden bis Mittweida fah-
chemnitz
vater und alle seine fünf Geschwister 47,9 % und Käse. Vor der Wohnung in einem ren, viele Menschen hier sind Rent-
wurden in dem Ort geboren, gleich Mehrfamilienhaus steht noch ein gro- ner, die kommen da nicht ohne Wei-
im ersten Fachwerkhaus links am ßes Wahlplakat von Armin Laschet, teres hin«, sagt Onkel Reinwald. Und
Hang, gegenüber dem nördlichen jemand hat mit silberner Farbe »Ihr in Mittweida haben sie das Impf­
Ortseingangsschild. Ich verbrachte in tötet« draufgesprüht. zentrum auch noch im ersten Ober­
der Gegend viele Wochenenden mei- Dresden Onkel Reinwald hat keine Erklä- geschoss über einem Supermarkt
ner Kindheit, kam in meiner Jugend rung, nur Vermutungen, wie es zu untergebracht, ohne Aufzug. Nicht
immer wieder hierher zurück. S Quelle: Bundeswahlleiter; einem solch hohen Wahlergebnis für wenige Ältere standen mit Rollatoren
Statistisches Landesamt
Mein Onkel, ein studierter Trans- Sachsen; Stand: vorläufiges die AfD in seinem Heimatort gekom- davor und mussten wieder umdrehen,
port- und Logistikingenieur, eröffne- Endergebnis men ist. »Es hat bestimmt etwas mit weil sie die Treppen nicht hochka-

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REPORTER

Später stellte sich heraus, dass ein Großteil


des Mobs aus Neonazis bestand, die extra aus
Dresden angereist waren. Die meisten Claus-
nitzer waren durchaus hilfsbereit, versorgten
die Geflüchteten mit Kleidung und Essen,
integrierten sie in Sportvereine und taten al-
les, damit sie es im Ort einigermaßen gut hat-
ten. Einer der Jungen aus dem Bus ging sogar
beim Bürgermeister ein und aus, weil er sich
in dessen Tochter verliebt hatte. »Aber Frau
Slomka hatte vor Millionenpublikum eine
verbale Impulskontrollstörung nicht im Griff
und wir unseren Stempel auf alle Zeiten weg«,
sagt Eger. »Ihr Zitat und die Folgen haben auf
Jahre Vertrauen zerstört, weil die Leute hier
von niemandem verteidigt wurden.«
Ein Jahr später, bei der Bundestagswahl
2017, wählten sie in Dorfchemnitz mit 47 Pro-
zent die AfD erstmals zur stärksten Kraft.

Sven Döring / DER SPIEGEL


Schon damals waren die 47 Prozent bundes-
weiter Rekord möglicherweise auch deshalb
zustande gekommen, weil die frühere AfD-
Vorsitzende Frauke Petry die einzige Politi-
kerin war, die im Ort Wahlkampf machte und
die Empörung geschickt für ihre Partei zu
»Wir hatten unseren Stempel auf alle Zeiten weg.« nutzen wusste. Bei der Wahl vier Jahre zuvor
hatte die CDU in Dorfchemnitz noch knapp
Claudia Eger, Ärztin in Dorfchemnitz 70 Prozent der Erststimmen erhalten.
Sind die Bewohnerinnen und Bewohner
men. Irgendwann setzte der Landkreis Sol- Gegend ist abgeschieden, die Winter sind des Dorfes also auf einmal alle rechts gewor-
daten der Bundeswehr ein, die sie zum Imp- hart, und die Leute haben ihre ganz eigene den? Der Politikwissenschaftler Philip Ma-
fen nach oben trugen. Mentalität. »Niemand im Ort ist allein, die now von der Universität Bremen hat eine
Bis 2008 bestand der Landkreis Mittel- Menschen kümmern sich umeinander.« andere Erklärung. Anders als im Westen
sachsen aus drei Landkreisen, die Kreisge- Umso mehr würde es sie stören, wenn der Deutschlands gebe es im Osten weniger Iden-
bietsreform führte dazu, dass vieles zentrali- Rest der Republik voller Vorurteile auf das tifikation mit Parteien. Man wählt, wonach
siert wurde. Entsprechend verschwand Infra- Erzgebirge schaut. Die Impfquote zum Bei- einem gerade ist. Und wenn sich das wirt-
struktur auf dem Land. »Früher«, erzählt spiel sei nicht nur deshalb niedrig, weil es schaftlich starke Sachsen mit seinen Industrie-
Onkel Reinwald, »gab es in Dorfchemnitz viele Impfgegner gebe, sondern auch, weil arbeitsplätzen von der CDU und auch der
eine Grundschule, mindestens ein Lebens- bereits von einer hohen Durchseuchung mit SPD nicht ausreichend vertreten fühlt, dann
mittelgeschäft, zwei Gasthäuser, eine Spar- gutem Immunschutz auszugehen sei. »Hier wird das Kreuz eben bei der AfD gemacht.
kasse, regelmäßige Busverbindungen. Diese im Ort hatten viele Corona«, sagt Eger. Auf- Spricht man Thomas Schurig auf die Sym-
Grundversorgung gibt es nicht mehr – und grund der Nähe zu Tschechien und der Pen- pathien für die AfD an, schüttelt er energisch
dafür machen viele Leute die CDU verant- delei von Arbeitskräften hätten sich vor allem den Kopf und sagt: »Ich kenne 95 Prozent der
wortlich, die sie jahrelang gewählt haben und in der zweiten, aber auch in der dritten Wel- Leute hier und maße mir an zu sagen, dass
die jahrelang regierte.« le viele infiziert. Entsprechend medizinischer hier niemand rechts ist.«
Claudia Eger ist es zu verdanken, dass Vorgaben brauchen Genesene in der Regel Der Bürgermeister hat in sein Haus ein-
nicht auch noch ein weiterer Teil der Grund- aber sechs Monate nach einer Infektion nicht geladen. Eigentlich will er nicht mehr mit der
versorgung in Dorfchemnitz wegbricht. Ge- geimpft zu werden. »Fakt ist, dass Dorfchem- Presse reden. Vor vier Jahren, als Dorfchem-
rade hat sie den Mietvertrag für ihre Arzt- nitz seit Monaten Null-Inzidenz-Gebiet ist nitz zum ersten Mal bundesweit Schlagzeilen
praxis unterschrieben, die in der ersten Etage und man die noch nicht Geimpften kaum zur machte, seien die Journalisten mit ihren fer-
des Gemeindeamts von Dorfchemnitz unter- Impfung bewegt.« tigen Thesen angereist und wollten von ihm
gebracht ist. Eger führt durch das Haus, zeigt Dennoch steht Sachsen immer wieder pau- nur noch die passenden Zitate geliefert be-
in der Etage darüber das marode Dach, durch schal am Pranger: als hinterwäldlerisch, als kommen, sagt er. »Da war dann zu lesen, in
das es jahrelang reinregnete. Am Abluft- verpeilt, als wissenschaftsfeindlich. An Egers Dorfchemnitz seien sogar die Giebel der Häu-
schacht sind riesige Wasserflecken zu sehen, Praxistür hängt ein Werbeplakat mit Eckart ser braun gestrichen. Ehrlich gesagt, das stinkt
die Verschalung wellt sich, die Decke hängt von Hirschhausen als Impfbotschafter – nie- mich so was von an.« Hätte ich den Namen
durch. Es riecht muffig, der Bürgermeister, mand habe sich bisher daran gestört. meines Onkels Reinwald nicht genannt, wäre
der sonst hier saß, floh in den Keller. Auch ein anderes Erlebnis habe die Men- es wohl nicht zu einem Gespräch mit Schurig
Der bisherige Landarzt führte die Praxis schen hier aufgewühlt, sagt Eger, die Nachwe- gekommen.
im Stockwerk darunter vier Jahre über seine hen seien bis heute zu spüren. Als 20 Geflüch- Sein hellblau gestrichenes Haus liegt direkt
Rente hinaus. So lange, bis Eger ihre Fach- tete in einem Bus im Februar 2016 in Clausnitz, am Chemnitzbach, in der Garage steht ein
arztausbildung abgeschlossen hatte. »Ich ma- vier Kilometer von Dorfchemnitz entfernt, von E-Auto von Renault, hinten bellen seine Hus-
che das aus sozialer Verantwortung«, sagt sie. einem Mob aus etwa 100 Leuten bepöbelt wur- kys, Schurig fährt zu Schlittenhunderennen
Zu der Praxis gehört ein Stamm von etwa 900 den und die Menge »Wir sind das Volk« brüll- durch ganz Europa. Es ist sein Hobby, genau-
Patienten. In der Nähe, in Rechenberg-Bie- te, sagte Marietta Slomka am nächsten Abend so wie die sechs Schottischen Hochlandrinder,
nenmühle, hat gerade eine Praxis geschlossen, im ZDF-»heute journal«, die Clausnitzer seien die er züchtet. Hauptberuflich ist Schurig Bau-
sagt sie. »Wenn nun auch die in Dorfchemnitz »Leute, die nicht mal minimale Reflexe mensch- unternehmer. Bürgermeister ist er ehrenamt-
zugemacht hätte, sähe es schlimm aus.« Die lichen Anstands in sich verspüren«. lich für die Freien Wähler.

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REPORTER

»Dass die AfD-Kandidatin Frau Bachmann Fußball aus der Kreisstadt Freiberg abgeholt Politikern ausgewertet hat und »hinreichend
hier aus dem Ort kommt, dass ihre Eltern hier und nach dem Training wieder nach Hause gewichtige Anhaltspunkte« fand, dass die
eine Polsterei betreiben und angesehene Leu- gebracht, »weil er sich nicht allein ins Haus Partei rechtsextrem sein könnte. Obwohl de-
te sind, ist sicher eine Erklärung für das Ab- getraut hat« – aus Angst vor möglichen Über- ren Repräsentanten das Holocaust-Mahnmal
schneiden der AfD«, sagt Schurig. »Ich kann griffen. als »Denkmal der Schande« bezeichneten,
es den Leuten nicht verübeln, wenn sie sich Und dann sagt er doch, dass er ein ganz obwohl für sie die Zeit des Nationalsozialis-
von der Politik verarscht und alleingelassen kleines bisschen Verständnis dafür hätte, mus ein »Vogelschiss« der Geschichte ist, ob-
fühlen.« wenn man nicht zu viele Ausländer hier haben wohl einige während der Flüchtlingskrise er-
Nach dem Schockmoment 2017 sei auch wolle, »wenn ich das in Köln damals gesehen wogen, Grenzer sollten von Schusswaffen
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretsch- habe«. Er meint die Übergriffe auf der Dom- Gebrauch machen?
mer von der CDU einmal nach Dorfchemnitz platte in der Silvesternacht 2015/16, die Be- Ich hätte mich gern mit der AfD-Gewin­
gekommen und habe viele Versprechungen schuldigten waren überwiegend Migranten. nerin Carolin Bachmann aus Dorfchemnitz
gemacht. Tatsächlich wurde die Turnhalle sa- Oder wenn er als Gerücht höre, dass nicht darüber unterhalten. Doch sie reagierte nicht
niert, das Museum »Eisenhammer« mit Lan- nur afghanische Ortskräfte ausgeflogen wur- auf Anfragen. Das Wahlkreisbüro in Freiberg
desmitteln wieder flottgemacht. den, sondern mehr als 20 000 Afghanen, ist verschlossen. Ein Schild warnt »Vorsicht
Aber besserer Handyempfang? Schnellerer unter ihnen angeblich mehrere Hundert zuvor Videoüberwachung«, an der Tür klebt ein
Straßenbau? Stabileres Internet? »Wenn mein ausgewiesene Straftäter. »Dann frage ich Zettel: »Aus aktuellem Anlass bleibt das Büro
Vater ein Champions-League-Spiel schauen mich, wer seine Arbeit dort nicht ordentlich geschlossen«. Auch eine AfD-Wählerin oder
will, kommen 15 Sekunden Bild, dann steht gemacht hat.« Viele Männer aus der Gegend einen AfD-Wähler direkt zu befragen, scheint
es wieder für eine Minute«, sagt Schurig. seien als Soldaten in Afghanistan gewesen, ein Ding der Unmöglichkeit. Wird es konkret,
Nicht mal der Feuerwehrfunk funktioniere ihnen würde das Chaos des überstürzten Ab- ducken sie sich weg.
einwandfrei. Die Straße in die nächstgrößere zugs besonders zu schaffen machen. Dass es Selbst die unterlegene CDU-Kandidatin
Ortschaft Sayda ist schon seit Monaten wegen der CDU weniger um die Menschen hier gehe, Bellmann will nicht reden. Mails bleiben un-
Bauarbeiten gesperrt. sondern um sich und die eigenen Karrieren, beantwortet, auf telefonische Nachfrage sagt
Kinder aus Dorfchemnitz müssen wegen könne man ja derzeit auch sehr gut in Berlin ein Wahlkreismitarbeiter, Frau Bellmann sei
der ständigen Sperrungen weite Umwege mit besichtigen, wo Wahlverlierer Armin Laschet in Berlin.
dem Bus in Kauf nehmen, manche gehen gar unbedingt Bundeskanzler werden wolle. Dies sollte eigentlich kein Artikel über den
in Altenberg zur Schule, der Bus fährt andert- Schurig beharrt darauf, nicht rechts zu sein. Osten werden und auch keiner über die Sach-
halb Stunden hin und anderthalb Stunden Und seine Leute auch nicht. Rechts ist für ihn sen. Denn spricht man vom Naziland Sachsen,
zurück. »Es ist vielleicht nichts schlechter ge- die NPD. Rechts ist für ihn, wenn man mit denken viele meist auch die mit, die gar keine
worden, es ist aber auch nichts besser gewor- Springerstiefeln marschiert, den Hitlergruß Nazis sind und sich gegen rechte Tendenzen
den«, sagt Schurig. »Doch das ist versprochen zeigt, Naziparolen an die Wand schmiert. »Das stemmen. In Dorfchemnitz sind es immerhin
worden.« Es reiche nicht, einmal in vier Jah- macht hier niemand, sonst hätten sie die NPD mehr als die Hälfte der Wählerinnen und
ren vorbeizukommen, und die Region dann gewählt, die ja auch auf dem Wahlzettel stand«, Wähler. Doch je länger die Recherche dauert,
wieder zu vergessen. Auch in diesem Wahl- sagt Schurig. Die AfD sei eine demokratisch desto klarer wird, dass man bei aller Diffe-
kampf sei die AfD die einzige Partei gewesen, legitimierte Partei, sie sei nicht verboten. Für renzierung nicht umhinkommt, auch zu gene­
die Veranstaltungen im großen Saal des Ortes Dorfchemnitz’ Bürgermeister ist sie nicht die ralisieren.
gemacht habe. Alternative für Deutschland, sondern in ers- Für ein Wahlergebnis sind eben nicht nur
Die Parolen auf den Plakaten waren ge- ter Linie die Alternative zur CDU. persönliche Erfahrungen, Prägungen und
mäßigt, es ging um Familie, Kinder, Mittel- Warum wählt man eine Partei aus Protest? Sympathien verantwortlich, sondern auch
stand, man gab sich bürgerlich. So bürgerlich, Obwohl das Landesamt für Verfassungsschutz Strukturen. Lea Fränzle kennt sie sehr genau.
wie viele Menschen hier sind. »Die Leute zwei Jahre lang öffentliche Aussagen, Zei- Sie kandidierte für die Grünen im Wahlkreis
wissen, warum sie die Roten nicht wählen«, tungsartikel und Reden von sächsischen AfD- 161 gegen Bachmann und Bellmann. Doch sie
sagt Schurig und meint die Linken, die er als unterlag. In manchen Orten bekamen die
Erben der SED-Diktatur sieht. »Welche ande­ Grünen so wenige Stimmen, dass sie unter
re Wahl haben sie denn?« »Sonstige« geführt wurden. Fränzles Büro
Sind Schurigs Aufzählungen zum Internet, liegt in der Freiberger Kesselgasse, schräg
zum Straßenbau, zu den Schulen nicht viel- gegenüber vom AfD-Büro, »aber wir waren
leicht doch eine Chiffre für Ressentiments? zuerst da«, sagt sie. Die 24-Jährige sitzt für
Spielen Zugezogene eine Rolle? Kommt man die Grünen im Kreistag und bekommt regel-
vielleicht doch nicht damit klar, dass nun Mus- mäßig mit, dass mit der AfD als politische
lime in der Region wohnen, die von manchen Gestalterin eher nicht zu rechnen ist. Anträ-
auch als »Bible Belt« bezeichnet wird, weil ge der AfD würden immer wieder abgewie-
hier sehr viele Menschen sehr christlich sind? sen, weil sie nicht formgerecht ausgefüllt sei-
Im bislang letzten »Sachsen-Monitor« von en, sie nennt das »Schaufensteranträge« für
2018 sagten 56 Prozent der Befragten, dass die Kernwählerschaft. »Dennoch ist die AfD
Deutschland gefährlich »überfremdet« sei. hier inzwischen Volkspartei«, sagt Fränzle.
Bundesweit waren es 2018 laut der Leipziger Im Wahlkampf sei die AfD in jedem Wirts-
Sven Döring / DER SPIEGEL

Autoritarismus-Studie 36 Prozent. haus gewesen, an jedem Stammtisch. Sie ver-


»Das ist kein Ausländerproblem«, sagt spreche einfache Lösungen, überzeuge damit
Schurig. »Es gibt gar keine.« Und die, die er schneller als andere mit ihren komplexen
kenne, seien anständige Leute. Ein Iraker ­Klimathemen, AfD-Politiker argumentierten
habe beim Bäcker eine Ausbildung gemacht fast immer polemisch, sie könnten auf viele
und sich bestens integriert. »Wenn ich in ein Helfer und Unterstützer zählen. »Die haben
Land als Gast gehe, muss ich mich den Ge- »Das ist kein Ausländer­ inzwischen personelle Strukturen, die wir
pflogenheiten anpassen«, sagt Schurig. Der Grüne niemals haben werden.«
Iraker habe das vorbildlich getan. Ein Eri­treer problem. Es gibt gar keine.« Sie sagt, die CDU als die staatstragende
sei sein Freund, ihn habe er regelmäßig zum Thomas Schurig, Bürgermeister Partei in Sachsen verheddere sich immer tie-

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REPORTER

fer im Richtungsstreit zwischen konservativen uns durch das Wahlverhalten immer weiter »Mein Kalifat« lesen. Sie wissen, dass das für
Kräften und solchen, die die Partei noch wei- abkoppeln.« viele womöglich eine Provokation ist, erst
ter rechts positionieren wollen. Die AfD sei Zu den Silbermann-Tagen im Spätsommer recht nachdem Kazim auf Facebook geschrie-
nicht nur aus eigener Stärke stark, sondern lud Koch den iranischen Musiker Mahan Es- ben hatte: »And the Oscar for the most dep-
auch wegen der Schwäche der CDU, die Sach- fahani ein, um einen Cembalo-Abend in pertes Bundesland goes to …« – abgebildet
sen lange Zeit verwaltet habe »wie ein Erb- Clausnitz zu spielen. Das mag banal klingen, war das blau gefärbte Sachsen. »Wir müssen
pachtgebiet«. ist aber in der Gegend durchaus ein symbo- uns dem stellen«, sagt Domkantor Koch, »wir
Statt politisch zu gestalten, biedern sich lisches Zeichen. Das Konzert in Clausnitz war können das nicht aussitzen.« Mit Unterstüt-
Teile der CDU immer mehr den Rechten an. ein Erfolg, viele Leute kamen, Esfahani hatte zung der Stadt kann das Bündnis nicht rech-
»Da sind viele fragile Egos dabei«, sagt Fränz- das nicht erwartet nach allem, was er zuvor nen. Die Spitze, die eigentlich froh über ­dieses
le. Noch vor vier Jahren riefen örtliche CDU- über die Region gehört hatte – und was immer Engagement sein müsste, ignoriert »Freiberg
Politiker Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder passiert. für alle« seit Jahren.
zum Rücktritt vom Parteivorsitz auf, plädier- Erst in dieser Woche erhielt die Freiberger Auch Claudia Zentgraf hat sich gegen das
ten für Mitgliederbefragungen, um Koali­ Linkenpolitikerin Jana Pinka eine Morddro- Aussitzen entschieden – in Sachsen allerdings
tionen mit der AfD zu erreichen, machten hung. »Pinka töten, rote Sau.« hat sie es nicht mehr ausgehalten. Von Berlin
sich für ein Ende der Russlandsanktionen Am Mittwoch nach der Wahl treffen sich aus engagiert sie sich bei dem Bündnis »Wir
stark. am Abend 14 Mitglieder von »Freiberg für sind der Osten«, um dem Rest der Republik
Der stellvertretende Bürgermeister Frei- alle« in der Kneipe »Stadtwirtschaft«. Ein zu zeigen, dass die Mehrheit der Ostdeut-
bergs von der CDU kommentierte auf Face- Mikrobiologe von der Bergakademie Freiberg schen eigentlich ganz vernünftige Menschen
book unter einem Post zum 175. Geburtstag ist dabei, ein Theologe, eine Geowissenschaft- sind. Zentgraf wurde 1985 in der Nähe von
des Nationalhymnentextes: »Es ist eben nicht lerin, ein Ingenieur für Windkraftanlagen. Das Dresden geboren. Heute arbeitet sie als
nur Einigkeit und Recht und Freiheit, sondern Wahlergebnis habe sie nicht überrascht, sagen ­Redenschreiberin im Auswärtigen Amt. Der
das Lied der Deutschen, ein klares Bekennt- sie. Und sie halten sich auch nicht lange auf normale Ossi, sagt Zentgraf, komme einfach
nis zu unserem Vaterland und das mit allen damit. Stattdessen diskutieren und planen sie zu wenig vor in diesem Land. Von den 133
drei Strophen.« neue Aktionen, um mit Bürgerinnen und Bür- Topbeamten in den Bundesministerien kämen
Heute marschiert er regelmäßig bei den gern ins Gespräch zu kommen. Das Gefälle beispielsweise zuletzt nur 4 aus dem Osten
montäglichen »Coronaspaziergängen« mit. sei weniger eines zwischen rechts und links Deutschlands.
Die langjährige frühere CDU-Fraktionsvor- als zwischen Stadt und Land, sagt Albrecht »Wo sind die alle? Wir dürfen uns nicht
sitzende im Stadtrat trat seinetwegen nach Koch, der Domkantor. »Das Problem ist, dass länger verstecken.« Am vergangenen Wo-
fast 30 Jahren sogar aus der Partei aus, weil die Mehrheitsgesellschaft noch zu sehr chenende, so erzählt sie, habe sie die Rede
er »seit Jahren durch extreme rechte Positio- schweigt, die AfD zu wenig Widerspruch von Angela Merkels zum Tag der Deutschen Ein-
nen in Erscheinung getreten ist«, so die ehe- denen bekommt, die sie ablehnen.« heit angeschaut. Darin hat Merkel zum ersten
malige Abgeordnete. Mit ihrer Initiative wollen sie das ändern. Mal deutlich vernehmbar ihre eigene Ostbio-
Dieser CDU-Politiker ging 1989 auch auf Sie kooperieren mit der »Mitlaufgruppe«, die grafie thematisiert, zitierte aus einem Beitrag
die Straße, um für mehr Freiheit zu kämpfen. sich gründete, damit Bewohner des Flücht- der Konrad-Adenauer-Stiftung, in dem ihr
Unsere Familie hat das Land der Unfreiheit lingsheims gemeinsam mit den Einheimischen Leben in der DDR als »Ballast« bezeichnet
1984 sogar verlassen, wir siedelten nach Ba- joggen gehen können. Sie arbeiten mit Um- wurde. Als wäre es »eine Art Zumutung«.
den-Württemberg über. Das Zurückkommen weltverbänden zusammen, die 40 000 Bäume Merkel, sagt Zentgraf, sei bislang kaum als
fühlte sich seltsam an, von Jahr zu Jahr mehr. pflanzen wollen, jeder Freiberger einen. Es Ostdeutsche aufgefallen, weil sie das tat, was
Am Anfang überwog noch die Freude über soll ein großes Happening der Begegnung die meisten Ostdeutschen in Führungsposi-
den Aufbruch, doch je mehr Zeit verstrich, werden. Sie haben den früheren SPIEGEL- tionen tun: als Ostdeutsche nicht auffallen.
desto mehr verwandelte sich diese Freude in Journalisten Hasnain Kazim nach Freiberg »Und deswegen gibt es kaum positive Erzäh-
Frust. Frust bei den Menschen dort, weil vie- ins Kino eingeladen, er soll aus seinem Buch lungen über den Osten.«
le offenbar nicht verstehen, dass sie eine Dik- Diese Missachtung einerseits und das kol-
tatur überwunden haben und das heutige lektive Wegschauen andererseits seien Grün-
System sicher nicht perfekt, aber das Gegen- de, warum rechte Kräfte so erstarken konn-
teil einer Diktatur ist. Frust bei mir, weil ich ten. Die Mehrheit in Sachsen habe zu lange
bei allem Verständnis für die Probleme nicht geduldet, so Zentgraf, »dass es normaler ist,
nachvollziehen kann, wie man nach dem lan- in Dresden Menschen mit Thor-Steinar-Kla-
gen Kampf um Freiheit eine Partei der Un- motten zu begegnen als einer Frau mit Kopf-
freiheit wählen kann. Eine Partei, die Stim- tuch«. Die Rechten seien in der Minderheit,
mung macht gegen Migranten, gegen Homo- aber laut. Alles, was laut ist, sei vernehmbar.
sexuelle, gegen die Wissenschaft. Die aus der Aber das andere Sachsen zeige sich nicht,
EU austreten will, obwohl gerade in Sachsen beklagt Zentgraf.
offene Grenzen nötig sind. Tausende Jobs in Zu lange war die Maxime der Politik und
der Pflege oder der Gastronomie, für die in der meisten Menschen vor Ort: Wenn wir
Sachsen Personal fehlt, werden von Tsche- nicht drüber reden, ist das Problem nicht da.
Sven Döring / DER SPIEGEL

chen erledigt. Dadurch wurde rechtes Gedankengut – und


»Wir sind an einem Punkt, an dem es kri- auch die AfD – normalisiert. Für Zentgraf
tisch wird«, sagt Albrecht Koch. Er ist Orga- wird sich in drei Jahren zeigen, was das jahre-
nist an der berühmten Silbermann-Orgel am lange Schweigen gebracht hat. Dann nämlich
Dom zu Freiberg und engagiert sich bei »Frei- ist in Sachsen Landtagswahl. Dann könnte die
berg für alle«, einer Initiative für mehr Tole- AfD die stärkste Kraft werden und erstmals
ranz und Weltoffenheit. Die Gruppe gründe- Anspruch auf den Ministerpräsidentenposten
te sich vor zwei Jahren nach der Europawahl, »Wir können das nicht erheben. Doch keine Partei werde mit der
als die AfD in Sachsen erstmals die CDU AfD koalieren wollen, es drohe »eine politi-
überholte. »Wir haben die zunehmende Ver- aussitzen.« sche Verwüstung«, so Zentgraf. »Dann war
rohung beobachtet, haben gesehen, dass wir Albrecht Koch, Domkantor in Freiberg Dorfchemnitz nur der Vorgeschmack.« n

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REPORTER

Litern reinem Alkohol: einer legalen


Droge, gesellschaftlich akzeptiert und
überall zugänglich.
Ein Rausch fühlt sich eben herrlich
an. Dem Druck des Alltags zu ent-

Betreutes Trinken
fliehen, den Alltag durch Vergorenes
zu vergessen, das hat beim Menschen
seit Jahrtausenden Tradition. Es ist
schön, in aller Öffentlichkeit das Glas
zu heben, es hat etwas Kultiviertes.
HOMESTORY  Christina Pohl findet das Altern ernüchternd – Alkohol ist ein Zeichen von Gastlich-
und freut sich (beinahe) darüber. keit. Ich war schon lange nicht mehr
irgendwo zum Essen eingeladen, wo
nicht Wein, Bier oder Schnaps ser-

D
er schneeweiße Kopfkissenbe- viert wurde. Und natürlich bremst es
zug mit dem Emblem des Kran- den Genuss, wenn man ständig an
kenhauses ist blutig. Darauf ge- Grenzen in Millilitern denken muss.
bettet schaut mir der Kopf einer sehr Frauen, auch das las ich, sind be-
guten Freundin entgegen. Auf dem sonders gefährdet. Von einem be-
WhatsApp-Foto, das sie mir geschickt stimmten Abbau-Enzym in der Leber
hat, sieht sie aus, als hätte ein Preis- bilden wir weniger als Männer. Es
boxer vom Kiez ihr mal richtig einen drohen Brustkrebs, Hirnblutungen
eingeschenkt. Um das linke Auge he- und Herzerkrankungen. Eine gesund-
rum ist alles blau-lila-rot gefärbt, die heitlich unbedenkliche Dosis gibt es
linke Gesichtshälfte ist angeschwollen nicht. Aber manchmal will auch eine

Illustration: Thilo Rothacker / DER SPIEGEL


und deutlich größer als die rechte. Frau mal gleichberechtigt die Kon­
Meine Freundin ist nach einem trolle abgeben.
Whisky-Tasting gestürzt, im Treppen- Muss ich also bald wegen meines
haus, auf dem Weg in ihre Wohnung. Alters mit einem Reagenzglas die
Dort hat man sie gefunden. Sie kann ­Alkoholmengen genau abmessen?
sich an nichts erinnern, sie ist erst im Eigentlich hatte ich andere Pläne.
Krankenhaus wieder zu Bewusstsein Nach dem Ende meiner Erwerbstätig-
gekommen. Gehirnerschütterung. keit wollte ich eine Band gründen und
Ich verstehe das nicht. Wir haben in einem speziell ausgebauten Night-
beide die 50 längst überschritten, wir liner durch Altersheime touren: Sitze
wissen eigentlich ziemlich genau, wie mit Lordosenstütze, kardanisch auf-
viel wir vertragen. Neulich trafen wir te war abgesprungen. Und dann? Ich gehängte Betten – und eine gut ge-
uns, ein ganz normaler Abend. Wir weiß bis heute nicht, warum ich ge- füllte Maxi-Bar. Ja, große Flaschen,
tranken jeweils einen Aperol-Spritz stürzt bin. Hatte ich einen Filmriss? auch Eierlikör, waren in meiner Fan-
und zwei Gläser Wein, über fünf Vielleicht hat es doch etwas mit dem tasie dabei.
Stunden verteilt. Wir plauderten, die Alkohol zu tun. Wir werden die Buddeln wohl
Schwellung meiner Freundin war ver- Im Internet warnt die Bundeszen- schrumpfen müssen wie unsere Kör-
schwunden, es ging ihr prima. Warum trale für gesundheitliche Aufklärung perzellen. Kommt der Alkohol im
sie gestürzt ist, konnte sie sich nicht vor »Alkoholkonsum im Alter«. Aber Alter homöopathisch in Globuli-
erklären. ich gehöre doch noch gar nicht zu den Röhrchen? »Wir hatten doch schon
Beim Abschied rief ich ihr noch ein »älteren Menschen«, die dort ange- unsere zehn Gramm, Frau Pohl, mehr
»Pass auf dich auf!« hinterher. Dann sprochen werden. Doch da steht es gibt es heute nicht!«, ordnet dann
schwang ich mich auf mein Fahrrad, schwarz auf weiß: »Alkohol kann bei der junge Mann zum Mitreisen und
ich schaffte es nur bis zur nächsten älteren Menschen das Risiko für Stür- Pflegen an.
Straßenecke. Das Letzte, was ich sah, ze und andere Unfälle erhöhen.« Ich Vielleicht erfinde ich vor der Alko­
waren etwa zehn Fußgänger, die auf werde wohl doch älter. Meine Freun- holaskese doch noch einen Ganzkör-
mich zukamen. Das Nächste, an das din auch. Wir alle eigentlich. per-Airbag. Der wird zum Schutz vor
ich mich erinnern kann, ist ein Typ, Unsere schrumpfenden Körper der Fallsucht an den Mantel oder die
der sich über mich beugte und den können das Wasser nicht mehr so gut Jacke geknüpft und bläst sich bei Ge-
Kopf schüttelte. »Alles okay?«, fragte speichern. Die gleiche Menge Alko- fahr innerhalb einer Zehntelsekunde
er. Ich rappelte mich hoch, sah, hol verteilt sich also auf weniger Kör- auf, bevor die Person aus der Mitte
dass ich aus einer Schnittwunde am perflüssigkeit. Ab 65 Jahren empfiehlt der Gesellschaft auf dem Boden lan-
Fußknöchel blutete. Ich schaute ihn die Bundeszentrale weniger als ein det. Der Airbag würde mir nicht nur
fragend an. Er schüttelte immer noch Standardglas pro Tag. Und zwei Tage die Angst vor dem Sturz nehmen.
den Kopf und sagte: »Du bist einfach pro Woche gar nicht trinken. Das ist Christina Pohl: Er würde auch verhindern, dass
umgefallen. Zu tief ins Glas geschaut?« der ernüchternde Rat. Ein Standard- »Fuckin’ Fifty. ich mich vom jahrzehntelang prakti-
Wie man in die
Es klang nicht vorwurfsvoll. Eher mit- glas ist zum Beispiel 0,125 Liter Wein. Jahre kommt,
zierten Gruppenritual ausgeschlossen
leidig. »Kann nicht sein«, stammelte Wo gibt es denn so was? ohne peinlich zu fühle. Es ist einfach zu schön, am frü-
ich und versuchte zu lächeln. Er dreh- Natürlich weiß ich, dass Alkohol werden«. hen Abend, ab und an, mit Freunden
te sich dann um und ging weiter. gesundheitsschädlich ist. Alle wissen SPIEGEL-Buch bei einem Martini die Lampen anzu-
bei Penguin
Ich versuchte zu kombinieren, was das. Trotzdem liegt der Pro-Kopf-Ver- Random House;
schalten. Damit soll ich aufhören? Auf
geschehen war, vergebens: Mein brauch pro Jahr in Deutschland im- 208 Seiten; jeden Fall, sagt die Vernunft. Viel-
Fahrrad lag auf dem Boden, die Ket- mer noch bei durchschnittlich zehn 14 Euro. leicht, sagt die Sehnsucht. n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 65


WIRTSCHAFT

Schnellladesäule
von Audi

Frank Hoermann / Sven Simon / ddp images


Abzocke an der E-Tankstelle
MOBILITÄT  Mit der Zahl der Elektroautos steigt auch der Bedarf an Ladepunkten. Laut einer neuen Studie
zahlen die Verbraucher dort jedoch drauf – bis zu 140 Prozent mehr als bei Haushaltsstrom.

F ahrerinnen und Fahrer von Elektro-


autos müssen an Ladesäulen deutlich
überhöhte Preise zahlen. So ist der
Strom an einer Standardladesäule bis zu
ihr E-Auto an einen Ladepunkt stellen, mit
dessen Betreiber sie keinen Vertrag haben.
Diese sogenannten Drittanbieter verlangten
25 bis 100 Prozent, in Einzelfällen gar bis
Verkehrswende«, sagt Lichtblick-Sprecher
Ralph Kampwirth. Das Bundeskartellamt
führt aktuell eine Sektoruntersuchung
des Ladesäulenmarktes durch. Erste Zwi-
49 Prozent teurer als herkömmlicher Haus- zu 300 Prozent Preisaufschlag von den schenergebnisse möchte die Behörde schon
haltsstrom, an Schnellladepunkten gar Fremdkunden – häufig ohne dass diese über in der kommenden Woche vorstellen.
bis zu 140 Prozent. Das ist das Ergebnis den teuren Stromtanktarif informiert »Wir be­obachten die Entwicklung sehr ge-
einer Marktauswertung von Statista im ­würden. In vielen Regionen haben die Ver­ nau und kritisch«, sagt Andreas Mundt,
Auftrag des Hamburger Ökostromanbieters braucherinnen und Verbraucher jedoch Präsident des Bundeskartellamts. Auch die
Lichtblick. Demnach kostet die Ladung kaum eine Wahl. Zwar gibt es laut der Sta- Monopolkommission, welche die Bundes­
eines VW ID.3 für 100 Kilometer mit einem tista-Untersuchung bundesweit mittlerweile regierung berät, hatte sich die Struktur
durchschnittlichen Haushaltsstromtarif mehr als 1000 verschiedene Betreiber der E-Ladepunkte in Deutschland erst kürz-
etwa 4,48 Euro. An einer Ladesäule sind von Ladesäulen, regional aber sind bis zu lich an­gesehen. Angemessene Preise an
hierfür bis zu 6,68 Euro fällig, an einer 95 Prozent der Stromtankstellen in der Lade­säulen erforderten »Wahlmöglichkei-
Schnellladesäule in der Spitze gar bis zu Hand eines Anbieters. »Die Daten doku- ten der Ladekundinnen und -kunden«,
10,77 Euro. Besonders teuer wird es nach mentieren einen klaren Fall von Marktver- heißt es in dem Abschlussgutachten von
Angaben von Lichtblick für Kunden, die sagen, regionale Monopole behindern die Anfang September. SBO

66 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


N26 sammelt 700 zierungsrunde eine Bewertung
von bis zu 9,3 Milliarden Euro
Millionen Euro ein an­gepeilt. N26 bleibt hinter
BANKEN  Die Smartphone- dem schärfsten Konkurrenten
Bank N26 hat trotz heftiger zurück, der britischen Revolut
Auseinandersetzungen mit der (28,8 Mil­liarden Euro). Ein
Finanzaufsicht Bafin neues Konflikt mit der Bafin verun­
Geld von Investoren erhalten. sicherte die N26-Investoren.
In ­Finanzkreisen heißt es, das Die Aufsicht kritisiert seit mehr
Berliner Start-up habe von alten als zwei Jahren Defizite in der
und neuen Geldgebern rund Betrugs- und Geldwäsche­
700 Millionen Euro eingesam­ bekämpfung (Compliance) der
melt und werde nun mit rund Bank. Seit Mai überwacht ein
8 Milliarden Euro bewertet. Sonderbeauftragter der Bafin,
­Damit ist N26 vor der Handels­ ob N26 die Compliance wie
plattform Trade Republic versprochen verbessert. Ende

Wolfgang Kumm / dpa


(4,4 Milliarden Euro) das wert­ September drohte die Aufsicht
vollste deutsche Finanztechno­ an, das Neugeschäft der Bank
logieunternehmen (Fintech) und zu beschränken. N26 will das
teurer als die Commerzbank. neue Geld nutzen, um in den Stalf
Bislang war N26 auf 3,1 Mil­ Handel mit Wertpapieren und
liarden Euro taxiert worden. Al­ Kryptowährungen einzusteigen.
lerdings hatten die Gründer Die Bank tritt damit in Konkur­ gleich sollen mit den Mitteln die tenden Bedenken der Bafin aus­
­Va­lentin Stalf und Maximilian renz zu boomenden Plattfor­ Anti-Geldwäsche-Systeme ver­ zuräumen. N26 äußerte sich zu
Tayenthal in der neuen Finan­ men wie Trade Republic. Zu­ bessert ­werden, um die anhal­ den Themen nicht. BAZ, MHS, SSU

Forscher sehen für Kommunalinvestitionen. FDP und Grüne begründet werden. Außerdem
Insgesamt hat sich der Bund könnte ein Passus aufgenom­
»Wildwuchs« ­inzwischen 24 Extrabudgets zu­ ­wollen Streit um men werden, mit dem Gas­
STAATSFINANZEN  Der Bund gelegt. Allein im vergangenen Nord Stream beilegen versorger gezwungen ­werden,
hat mehr als 100 Milliarden Jahr wurden sie um knapp Mindestfüllstände in Gas­
Euro in Schattenhaushalten 28 Milliarden Euro aufgestockt. ENERGIE  Die umstrittene Gas­ speichern einzuhalten. In
­gebunkert. Das geht aus einer Das IW spricht von einem pipeline Nord Stream 2 soll ­diesem Sommer wurden sie
Analyse des Instituts der deut­ »Wildwuchs«, der »die Transpa­ aus den Koalitionsgesprächen zu wenig aufgefüllt, was ein
schen Wirtschaft (IW) hervor. renz des öffentlichen Finanz­ von SPD, Grünen und FDP Grund für hohe Preise ist.
Rund ein Viertel der Summe gebarens beeinträchtigen« und möglichst herausgehalten wer­ ­Während FDP und die Grünen
liegt danach im Energie- und die Etatplanung erschweren den. Die Leitung könnte bald Nord­Stream 2 ablehnen, unter­
Klimafonds, mit dem die Regie­ könne. Zudem reichen die Mit­ ihre endgültige Betriebsgeneh­ stützt die SPD das deutsch-­
rung ihr Klimaschutzprogramm tel nicht aus, den Finanzbedarf migung erhalten, ein behörd­ russische Pipelineprojekt. Der­
bis 2030 umsetzen will. Fast für die nächste Legislaturperio­ licher Akt, den die künftigen zeit steigen die Gaspreise stark,
50 Milliarden Euro bilden die de zu decken, den das IW Koali­tionäre offensichtlich nicht was unter anderem an redu­
Asyl-Rücklage, die jedoch bis auf über 250 Milliarden Euro ­behindern wollen. Stattdessen zierten Lieferungen aus Russ­
2024 weitgehend abgebaut wer­ schätzt. Die zusätzlichen Inves­ plant man, im Koalitionsvertrag land liegt. Einige Fachleute ver­
den soll. Weitere Milliardenbe­ titionen für Digitalisierung Formulierungen einzubauen, muten den russischen Präsiden­
träge hält der Bund in kleineren und Klimaschutz, die alle Son­ die den Bau neuer Gasleitungen ten Wla­dimir Putin dahinter,
Sondervermögen bereit, etwa dierungsparteien im Wahlkampf verhindern sollen. Dies könnte der damit politischen Druck
dem Wirtschaftsstabilisierungs­ ge­fordert haben, sind dabei mit Hinweis auf die Unab­ auf Deutschland ausüben will,
fonds oder einem Förderbudget nicht berücksichtigt; genauso hängigkeit der Energieversor­ die Inbetriebnahme der Pipe­
wenig wie die Tilgung der Coro­ gung in Deutschland und line möglichst schnell zu geneh­
naschulden. Allein dafür wären die an­gestrebte Klimaneutralität migen. GT
Schattenhaushalt pro Jahr durchschnittlich rund
24 Milliarden Euro nötig. Das
Sondervermögen des Bundes, Institut empfiehlt stattdessen,
Jahresbestände in Mrd. Euro
die Schattenhaushalte in einen
100 Investitionsfonds des Bundes
(»Deutschlandfonds«) von
450 Milliarden Euro für die
75
nächsten zehn Jahre einzubrin­
gen. Ein solcher Fonds könne
50 »mit seiner klaren mehrjährigen
Zwecksetzung Transparenz
Maxim Shemetov / REUTERS

25
über Mittelzuführung und
­Mittelabruf schaffen«, so IW-
Direktor Michael Hüther. Damit
ließen sich »die definierten
2012 2016 2020 ­Ziele verlässlich und effizient
S Quelle: IW Köln verfolgen«. MSA

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 67


WIRTSCHAFT

John Thys / AFP


EZB-Präsidentin
Lagarde

punkt könnte auch die Genesung der Wirt­


schaft im Euroraum gefährden und Arbeits­
plätze kosten.« Die prognostizierte Inflation
liege in der mittleren Frist weiterhin unter

Die unterschätzte Gefahr


zwei Prozent.
Doch die kritischen Stimmen mehren sich.
Deutlich zu vernehmen ist die von Larry
­Summers, einst US-Finanzminister und Wirt­
schaftsberater mehrerer Präsidenten. Er
INFLATION  Seit Monaten steigen die Preise deutlich. Die Gewerkschaften glaubt, »dass die Inflationsrisiken in den
fordern bereits höhere Löhne. Wie lange kann die EZB noch stillhalten? USA und global unterschätzt werden«. Auch
Volker Wieland, Wirtschaftsprofessor in
Frankfurt und Mitglied im Sachverständigen­

E
in Dämon kehrt zurück nach Europa, So weit sind die Amerikaner längst. Seit rat, warnt: »Es besteht durchaus ein Risiko,
und das mit Wucht: die Inflation. Mehr Juni liegt die Inflation dort über fünf Prozent. dass die Inflation in Deutschland das Ziel der
als ein Jahrzehnt lang schien sie ver­ Geldpolitiker diesseits und jenseits des At­ EZB von zwei Prozent auch in den kommen­
trieben, die Preise stiegen kaum. Doch seit lantiks, angeführt von EZB-Präsidentin Chris­ den Jahren überschießt.«
ein paar Monaten legen auch die Inflations­ tine Lagarde und Jerome Powell, Chef der Die Zeit niedriger Preissteigerung scheint
raten wieder zu, viel stärker als geahnt. US-Zentralbank Fed, üben sich noch in vorbei. Jahrelang kurvte die Inflation in vie­
In der Eurozone registrierten die Statisti­ demonstrativem Gleichmut. len Industrieländern nahe der Nulllinie. Aus
ker zuletzt einen Preisschub von 3,4 Prozent, Der Preisschub sei nur vorübergehend, Angst vor sinkenden Preisen, der sogenann­
den höchsten seit 2008. Tendenz weiter stei­ wiegeln sie ab. »Einige Einflussfaktoren dürf­ ten Deflation, drückten die Notenbanken ihre
gend. Verschärft zeigt sich die Inflation in ten bald wieder verschwinden, etwa die preis­ Leitzinsen auf null Prozent, manche gingen
Deutschland. Im September lagen die Preise treibenden Effekte, die sich aus gestörten in den Minusbereich. Zusätzlich fluteten sie
hierzulande um 4,1 Prozent höher als ein Jahr Lieferketten ergeben oder aus der Rücknahme die Finanzmärkte mit Billionen Dollar und
zuvor – der höchste Anstieg seit 1993. der Mehrwertsteuersenkung in Deutschland«, Euro, indem sie massenhaft Wertpapiere auf­
Die Geldentwertung nimmt Tempo auf. sagt Lagarde dem SPIEGEL . Auf diese Phä­ kauften.
Experten erwarten, dass die Preissteigerung nomene habe die Geldpolitik ohnehin keinen Doch jetzt legen die Preise den Turbo ein.
gegen Jahresende im Zwölfmonatsvergleich direkten Einfluss. Sie gehe davon aus, dass Das hat eine Reihe von Ursachen. Da ist zu­
sogar fünf Prozent erreicht. Im Durchschnitt die Effekte weitgehend vorübergehender Na­ nächst die rasante wirtschaftliche Erholung
des Jahres dürfte die Inflation bei mehr als tur seien und die Inflation 2022 wieder sinke. in vielen Teilen der Welt nach der Pandemie,
drei Prozent liegen, deutlich über der Ziel­ »Aus diesem Grund sollten wir jetzt nicht so auch in Deutschland. In den Monaten des
marke der Europäischen Zentralbank (EZB) überreagieren«, mahnt sie. »Eine voreilige Shutdowns konnten die Menschen ihr Geld
von zwei Prozent. Straffung der Geldpolitik zum jetzigen Zeit­ nicht wie gewohnt ausgeben. Nun haben sie

68 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WIRTSCHAFT

Nachholbedarf und schauen nicht


mehr so genau auf die Preise. Ihre
zukurbeln. Tatsächlich senkten viele
Geschäfte ihre Preise, zum Jahres­
»Natürlich und Arbeitnehmer höhere Preise er­
warten. Dann droht Inflation allein
Nachfrage stößt auf ein ausgedünntes wechsel setzten sie sie wieder herauf, beobachten aus dem Grund, weil die Menschen
Angebot. Vor allem viele Gastro­ was nun die Inflationsrate treibt. wir genau, mit Inflation rechnen.
nomiebetriebe überlebten die Pande­
mie nicht. Die Folge: Wer noch im
Würden Mehrwertsteuereffekt
und höhere Energiepreise aus den
wie sich die Der Mechanismus dahinter funk­
tioniert so: Die Gewerkschaften ver­
Geschäft ist, kann höhere Preise ver­ aktuellen Werten herausgerechnet, Löhne ent­ langen in den Tarifverhandlungen
langen. fiele die Preissteigerung tatsächlich wickeln.« höhere Löhne, weil sie für ihre Mit­
Hinzu kommt, dass immer mehr nur halb so hoch. Die entscheidende glieder eine Entschädigung für höhe­
Notenbankerin
Waren und Dienstleistungen knapp Frage ist also: Wie geht es weiter? Lagarde
re Preissteigerungsraten herausschla­
und damit teuer werden. Das fängt Manch einer verfällt schon in den gen wollen. Die Firmen nehmen ge­
bei Halbleitern an und endet bei Panikmodus. »Wir gehen dieses Jahr nau das vorweg und rechnen in ihre
Schiffscontainern. Deren Mietpreis Richtung vier Prozent Inflation, im Preise die Kosten für Lohnsteigerun­
stieg seit Mitte 2020 um das Mehr­ nächsten könnten es bereits fünf gen ein, um diese bezahlen zu kön­
fache. Weil Mikrochips fehlen, stell­ Prozent sein«, sagt der CDU-Wirt­ nen, was wiederum die Gewerk­
ten viele Autofabriken ihre Produk­ schaftsexperte Friedrich Merz. Diese schaften ermutigt, mehr zu verlangen.
tion ein. Die vorhandenen Gefährte Einschätzung indes hat der Ex-Auf­ Die Folge ist die sogenannte Lohn-
lassen sich nun teurer verkaufen. sichtsratschef der Beteiligungsgesell­ Preis-Spirale, die zu einem sich stän­
EZB-Chefin Lagarde findet: noch schaft Blackrock in Deutschland bis­ dig verstärkenden Inflationsschub
kein Grund zur Sorge. Die Schlüssel­ lang noch weitgehend exklusiv. Sein führen kann. Im Ökonomensprech
frage laute: »Wie lange werden diese ehemaliger Arbeitgeber sieht die Lage heißt das Phänomen auch »Zweitrun­
preistreibenden Effekte andauern?« im Einklang mit den meisten Auguren deneffekt«.
Sie erinnert in diesem Zusammen­ entspannter. Auf die Frage, ob die EZB-Chefin Lagarde gibt sich pro­
hang an die Situation in Japan nach Deutschen mit weiter steigenden Prei­ blembewusst. »Natürlich beobachten
dem Tsunami 2011. Damals seien sen rechnen müssten, antwortet der wir genau, wie sich die Löhne ent­
Autohersteller fast vollständig von Blackrock-Chefökonom für Deutsch­ wickeln und ob es Zweitrundeneffek­
Nachschub abgeschnitten gewesen, land Martin Lück mit »eher Nein«. te gibt«, kündigt sie an. Die EZB wer­
doch nach neun Monaten sei der Nor­ Die aktuelle Preisentwicklung nennt de sicherstellen, »dass die Inflations­
malzustand erreicht worden, die Lie­ er einen »Coronabuckel«, der nächs­ erwartungen bei zwei Prozent ver­
ferketten waren wieder intakt. »Ma­ tes Jahr schon wieder abflache. ankert werden«.
nager werden auch heute alles daran­ Tatsächlich spricht einiges dafür, Die Frage ist, ob das gelingt, wenn
setzen, ihre Geschäfte wieder ins dass sich die Entwicklung etwas be­ sie erst einmal in Bewegung geraten,
Laufen zu bringen«, glaubt sie. ruhigt. Vom kommenden Jahr an was seit einiger Zeit zu beobachten
Vor allem Energie kostet so viel schlägt der Anstieg der Mehrwert­ ist. »Zu Anfang des Jahres lagen die
wie schon lange nicht mehr. In der steuer statistisch nicht mehr zu Bu­ Inflationserwartungen für 2022 noch
Corona-Rezession brachen die Preise che, und auch die Ölpreise dürften bei gut anderthalb Prozent, derzeit
für Öl und Gas ein. Im Aufschwung zumindest prozentual nicht mehr so aber schon bei zwei Prozent«, hat der
sind beide Energieträger wieder ge­ stark steigen. Wirtschaftsweise Wieland beobach­
fragt. Der Ölpreis lag im August 64 Gefährlich wird die Entwicklung tet. »Das ist ein deutlicher Anstieg.«
Prozent über dem Vorjahresniveau, ohnehin erst, wenn Unternehmen Ermittelt werden die Erwartungen im
der für Gas 177 Prozent. EZB-Präsi­ Rahmen von Umfragen unter Exper­
dentin Lagarde beunruhigt diese
­Entwicklung noch nicht übermäßig.
Es wird teuer ten, aber auch an den Zinsen be­
stimmter Finanzmarktprodukte las­
»Viele vergessen, dass die Preise, zum Verbraucherpreise, sen sie sich ablesen.
Beispiel für Benzin, 2020 stark ge­ Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent Wieland erwartet kein Ende der
fallen sind und sich daraus Basis­ Entwicklung. »Im nächsten Jahr
Euroraum Deutschland USA
effekte ergeben, also der heutige An­ könnte die Preissteigerungsrate auch
stieg besonders steil ist.« Sie betont 4 merklich über der Zwei-Prozent-Mar­
allerdings, die Notenbank beobachte ke der EZB liegen.«
genau, wie sich die Veränderungen Die Folgen? »Zinsen und Löhne
der Wirtschaft durch die Pandemie 2 kommen unter Druck, weil Anleger
auf die Preise auswirken. und Arbeitnehmer eine Entschädi­
Sichtbar werden die Kapriolen im gung für die höhere Inflation verlan­
Energiesektor an den Tankstellen. 0 gen werden«, sagt er voraus.
Die Literpreise für Benzin rangieren An diesem Samstag beginnt die
auf Rekordniveau. Für den Kosten­ Tarifrunde im öffentlichen Dienst der
2018 2019 2020 2021
schub sind nicht nur die Marktkräfte Länder. Neben 1,1 Millionen Tarif­
verantwortlich, sondern auch die Neuverschuldung in Prozent des BIP beschäftigten werden von dem Er­
Politik. Weil zu Jahresbeginn eine gebnis auch knapp 1,2 Millionen
15
neue CO2-Abgabe auf den Spritpreis Beamte und 880 000 Versorgungs­
fällig wurde, stiegen die Preise je Liter 10 empfänger betroffen sein, auf die der
um rund zehn Cent. Abschluss übertragen wird – verhan­
Der Staat agiert auf breiter Front 5 delt werden also die Einkommen von
als Preistreiber. Seit Jahresbeginn 0 rund 3,2 Millionen Menschen.
kassiert er wieder den regulären Angesichts der jetzigen Teuerungs­
Mehrwertsteuersatz. Ab Juli vergan­ –5 rate von 4,1 Prozent fordert die
genen Jahres hatte die Regierung ihn 2018 2019 2020 2021 Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di
heruntergesetzt, um den Konsum an­ S Quellen: Eurostat, Bureau of Labor Statistics, EU-Kommission fünf Prozent mehr Lohn für 12 Mo­


Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 69


WIRTSCHAFT

nate. Ist das der Einstieg in eine Lohn-Preis- Inflationsraten unweigerlich zu Ende. Dafür
Spirale? Preistreiber Energie gibt es eine Reihe von Ursachen. Zum einen ist
Wer sich anschaut, wie Ver.di die Tarif- Ölpreis in Dollar je Barrel* da die wegen der Coronamaßnahmen explosiv
forderung begründet, kommt zu einem ande- + 401 % steigende Staatsverschuldung. »Der Blick in
ren Urteil. Für dieses Jahr rechnet Ver.di-Chef gegenüber die Geschichte lehrt, dass hohe Staatsschulden
Frank Werneke auf der Basis der Prognosen 80 dem Tiefpunkt häufig mit steigender Inflation einhergingen«,
verschiedener Wirtschaftsinstitute im Jahres- am 21. April sagt der Wirtschaftsweise Wieland. Die Noten-
durchschnitt mit »Preissteigerungsraten zwi- 2020 banken halten die Zinsen zu niedrig, damit
schen 3 und 3,5 Prozent«. Dazu kommt ein 60 die Staaten ihre Schulden tragen können. Da-
Anstieg der Arbeitsproduktivität von 0,7 bis durch fällt aber die Inflation höher aus.
1,6 Prozent. Damit liegt die Forderung nahe Zudem endet offenbar eine weitere wirt-
an dem Spielraum, den Ökonomen »vertei- 40 schaftshistorische Phase – die Globalisie-
lungsneutral« nennen – bei dem die Unter- rung –, und auch diese Entwicklung könnte
nehmen nicht mit zusätzlichen Kosten be- höhere Inflation verursachen. Schließlich hat-
lastet werden. ten viele Unternehmen ihre Produktion in den
20
Als Inflationstreiber taugt diese Tariffor- vergangenen Jahrzehnten dorthin verlagert,
derung nicht, weil sich die Gewerkschaften wo die Löhne billig sind. Asiatische Länder wie
in den Verhandlungen nicht komplett durch- ­China, Vietnam oder Indien entwickelten sich
0
setzen werden. Der Abschluss dürfte deutlich zu verlängerten Werkbänken der internatio-
unter dieser Marke landen. 2018 2019 2020 2021 nalen Multis aus Europa und Nordamerika.
Ver.di kommt es auf die Stabilisierung der * Sorte Brent Das alles drückte auf die Produktionspreise.
S Quelle: Refinitiv Datastream
Realeinkommen an, insbesondere bei Arbeit- Was in den alten Industrieländern erson-


nehmern mit geringem Einkommen. Kauf- nen wurde, ließ sich kostengünstig anderswo
kraftsicherung ist aber eine Reaktion auf In- tionserwartungen der Wirtschaftsakteure im herstellen. Den Nutzen hatten die Konsumen-
flation, sie beschleunigt sie nicht. Andere Zaum zu halten. Einige Entscheider der Fed ten, die mit billigen Computern, Spielekon-
Gewerkschaften gehen ähnlich vor. Im No- haben schon ihre Bereitschaft erkennen lassen solen oder Handys versorgt wurden. Dieser
vember wird die IG Bergbau Chemie, Energie gegenzusteuern. Jedes zweite der 18 Mitglie- Prozess ist seit einiger Zeit ins Stocken ge-
ihre Vorstellungen für die Lohnrunde in der der des Fed-Offenmarktausschusses, des raten. Das hat mehrere Gründe: Zum einen
chemischen Industrie nennen. Gewerk- höchsten Entscheidungsgremiums der Noten- stiegen auch in Entwicklungs- und Schwellen-
schaftschef Michael Vassiliadis machte bereits bank, spricht sich ab 2022 für steigende Zin- ländern die Löhne, Verlagerungen lohnten
vor wenigen Tagen deutlich, dass sich die sen aus. Auch Fed-Chef Powell, der als Zau- oft nicht mehr. Darüber hinaus geriet das Leit-
­Inflation auch in der künftigen Lohnentwick- derer gilt, scheint zu ahnen, dass die Risiken bild der Globalisierung unter Druck. Eine
lung widerspiegeln müsse: »Denn zur Ver- wachsen. Hohe Inflation könne unter Um- Welle protektionistischer Maßnahmen hat die
teuerung gesellt sich angesichts von Null­ ständen eine »Spannung« zwischen dem Weltwirtschaft erfasst. Sie schränken den Aus-
zinsen noch eine drastische Entwertung des ­Beschäftigungsziel und dem Preisstabilitäts- tausch von Waren, Ideen und Investitionen
Ersparten.« mandat der Fed schaffen, sagte er. zunehmend ein.
Die USA sind auch hier einen Schritt wei- Die EZB wartet noch ab, den Geldhahn Schließlich hat die Coronapandemie ge-
ter. Die Beschäftigten kassieren regelrechte zuzudrehen. »Als Erstes wird sie im nächsten zeigt, wie verletzlich die internationale
Lohnsprünge. Nach Berechnung von Gold- Jahr ihre Anleihekäufe drosseln müssen. Eine Arbeitsteilung ist. Viele Lieferketten rissen in
man Sachs haben allein die Niedrigverdiener Zinserhöhung könnte 2023 kommen«, sagt Zeiten des Lockdowns. Deshalb sind viele
im dritten Quartal ein Lohnplus von sechs der Wirtschaftsweise Wieland voraus. »Es Unternehmen dazu übergegangen, ihre Pro-
Prozent im Vergleich zum Vorjahr bekom- könnte sein, dass die EZB die Minuszinsen duktion aus dem Ausland zurückzuholen. So
men. Und das muss längst nicht das Ende der früher abschaffen kann als erwartet.« schmelzen die Preisvorteile der Globalisie-
Entwicklung sein, vermuten Expertinnen und Auch wenn die Notenbanken ihre geldpoli- rung dahin. Absehbar ist auch, dass der demo-
Experten. Die Inflationserwartungen sind so tischen Zügel straffen, geht die Ära niedriger grafische Wandel schon bald preistreibende
hoch wie schon lange nicht mehr. Wirkung entfalten dürfte, und das nicht nur
Es stellt sich die Frage, ob die USA bereits in Deutschland. Länder wie China und Süd-
am Anfang einer Lohn-Preis-Spirale stehen. korea altern noch viel schneller. Die Folge:
Die Inflation entpuppt sich jedenfalls als viel Auch dort werden Arbeitskräfte knapp, die
langlebiger, als Fed-Chef Jerome Powell in Löhne steigen – und dann auch die Preise.
Aussicht gestellt hatte. Bei ihrem letzten Tref- Schon jetzt macht sich hierzulande in vie-
fen im September korrigierte die Spitze der len Branchen der Fachkräftemangel bemerk-
Notenbank ihre Prognose bereits zum dritten bar, weil viel mehr alte Arbeitnehmer in den
Mal binnen einem Jahr nach oben. 2021 wer- Ruhestand gehen, als junge nachrücken. Wer
den die Verbraucherpreise um 3,7 Prozent auch in Zukunft ausreichend Personal an­
hochschnellen, im nächsten Jahr soll sich der locken will, muss höhere Löhne bieten. Fi-
Anstieg dann auf 2,3 Prozent verlangsamen. nanziert werden die durch höhere Produkt-
Viele Verantwortliche, aber auch unabhän- und Servicepreise. »Im Durchschnitt sind
gige Ökonomen beruhigen sich, ähnlich wie Lohnerhöhungen von fünf Prozent im Jahr
in Europa, mit dem Gedanken, dass es bislang realistisch«, sagt der Ökonom Gabriel Felber-
T.J. Kirkpatrick / Redux Pictres / laif

vor allem kurzfristige Sonderfaktoren sind, mayr voraus, bis vor Kurzem Chef des Insti-
die die Inflation treiben. Doch zunehmend tuts für Weltwirtschaft in Kiel. In Berufen, in
sind auch selbstkritische Töne zu vernehmen. denen akuter Mangel herrsche, könne das
Die Fed habe das Ausmaß der Lieferengpäs- Plus »noch höher ausfallen«.
se unterschätzt, räumte Powell vergangene Rosige Aussichten für Angestellte, aber
Woche vor dem Senat ein. schwierige Zeiten für Notenbanker.
Für den weiteren Verlauf kommt es darauf Fed-Chef Powell Tim Bartz, Markus Dettmer, Christian Reiermann,
an, ob es den Notenbanken gelingt, die Infla- Ines Zöttl n

70 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WIRTSCHAFT

6,4
Möbelunternehmen Steinhoff erhalten Förder-
gelder in Millionenhöhe, während viele Fami-
lienbetriebe aufgeben«, sagt Martin Schulz,
Bundesvorsitzender der alternativen Arbeits-
Milliarden Euro gemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).
Um die GAP zu reformieren, sei die Definition
der EU-­ des aktiven Landwirts allerdings »eher eine
Direktzahlungen Krücke«, sagt Schulz. Sinnvoller wäre es, die
Flächen­prämien ab einer bestimmten Größe
fließen an nur schlicht zu kappen, glaubt Hohlmeier. Man
0,5 Prozent der habe hierfür parteiübergreifend gekämpft, sei
indes am Rat der Agrarminister gescheitert.
Landwirtschafts­

M.i.S. Spor tpressefoto / picture alliance / dpa


Auch die deutsche Landwirtschaftsministerin
betriebe. Julia Klöckner (CDU) stellte sich quer und
feierte stattdessen die Ökoauflagen bei der
Quelle: Eurostat
Flächenförderung, die nicht allein Umwelt-
aktivisten für viel zu dürftig halten.
Klöckners Ministerium fürchtet, das Kon-
zept des »aktiven Landwirts« führe zu mehr
Verwaltungsaufwand, nicht hingegen zum
Ausschluss von Spekulanten. Tatsächlich wur-
Maisernte
de der Begriff bereits 2013 in die GAP einge-
führt, um Betrug zu unterbinden. Seine An-
wendung erwies sich als schwierig. Vorge-
schrieben war ein Mindestmaß an land­

Nur für echte Bauern


wirtschaftlicher Tätigkeit. Nur: Wie groß muss
dieses Maß sein? Und was soll mit Neben-
erwerbslandwirten passieren, die am Feier-
abend ihre Streuobstwiesen pflegen? Ant­
worten darauf liefert die Regelung bisher nicht.
LANDWIRTSCHAFT  Von den Agrarmilliarden der EU profitieren bisher Dass Betreiber von Flughäfen oder Golf-
plätzen über eine Negativliste von den För-
auch Spekulanten, Möbelkonzerne und Pferdezüchter. Nun soll dertöpfen ferngehalten werden sollen, darü-
strenger definiert werden, wer als »aktiver Landwirt« gilt – und wer nicht. ber bestand schnell Einigkeit. Aber ein Agrar-
unternehmen auszuschließen, nur weil es der
Stiftung eines Aldi-Erben gehört? Das ver-

W
er hat, dem wird gegeben, das wuss- gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) vor- letze wohl den Gleichbehandlungsgrundsatz,
te schon Matthäus. In Europas Land- legen, inklusive einer Landwirtdefinition. heißt es aus Ministeriumskreisen.
wirtschaftspolitik gilt diese Maxime Eine Allianz gegen das blinde Fördern gibt Während die Beamten über einer neuen Be-
bis heute. Je mehr Hektar, desto mehr Geld es schon länger. »Dass Oligarchen sich die griffsdefinition brüten, hat die AbL einen Vor-
bekommen Landwirte aus dem Agrartopf in Taschen vollstopfen und Land Spekulations- schlag vorgelegt, der helfen könnte. Bei natür-
Brüssel. 58 Milliarden Euro Steuergelder flos- gut von wenigen Großinvestoren wird, war lichen Personen sollen danach die Gesamtein-
sen 2020 in die Landwirtschaft, der größte nie Ziel der Agrarpolitik«, sagt Monika Hohl- künfte zählen: Machen die Direktzahlungen
Posten im EU-Haushalt. 80 Prozent der Sum- meier, CSU-Europaabgeordnete. Sie ist Vor- unter fünf Prozent der Einnahmen aus, könne
me gehen für Flächenzahlungen drauf. Wie sitzende des Haushaltskontrollausschusses im man nicht von einem aktiven Landwirt ausge-
auf den Böden gewirtschaftet und wie viel EU-Parlament und hat eine Studie über die hen. Bei den meisten »echten« Bauern stammen
Chemie eingesetzt wird, war lange weit­ 50 größten Subventionsempfänger beauftragt. 30 bis 60 Prozent der Einkünfte aus der Förde-
gehend egal. Und egal schien bislang auch, Auf der Liste taucht der umstrittene tsche- rung. Die Zahlungen sollen Preisschwankungen
wer überhaupt gefördert wird. In den Genuss chische Milliardär und Regierungschef Andrej und Wettbewerbsnachteile ausgleichen, die auf-
der EU-Milliarden kamen Spekulanten und Babiš auf. »Wir haben eineinhalb Jahre ge- grund hoher EU-Standards entstehen.
Adelssippen, Rennpferdezüchter und Möbel- braucht, um die Daten der über 200 Töchter Bei Agrarunternehmen sollen laut AbL-Vor-
konzerne, die zwar Land besitzen, es aber seiner Agrarholding herauszubekommen«, schlag nur kleine Firmen mit Geld bedacht wer-
selten aktiv bewirtschaften. Eine Förderung so Hohlmeier. Bis zu 30 Millionen Euro allein den. Als klein gelten solche mit einem Jahres-
bäuerlicher Landwirtschaft, wie Brüssel im- an Agrarförderung erhalte Babiš’ Konglome- umsatz bis zehn Millionen Euro und 50 An-
mer wieder als Ziel betont, sieht anders aus. rat, »auf Grundlage von Entscheidungen, an gestellten. »Alles d­ arüber sollte auf eigenen
Viele der Scheinbauern fürchten nun um denen er als Politiker selbst mitgewirkt hat«. Beinen stehen ­können«, sagt AbL-Chef Schulz.
ihre Pfründen. Sie müssen sich sorgen, dass Im Europäischen Parlament will man nun he- Der niedersächsische Landwirt ist indes
künftig strikter definiert wird, wer als »aktiver rausfinden, ob Teile der Fördergelder womög- skeptisch, ob der Vorschlag im Agrarministe-
Landwirt« gilt. Ab 2023 soll unter die Defi- lich in Babiš’ Briefkastenfirmen umgeleitet rium Gehör findet. Seine Umsetzung wäre
nition nur noch fallen, wer zumindest ein Mi- wurden, die durch die »Pandora Papers« ent- auch das Eingeständnis, zu lange eine auf
nimum an bäuerlicher Tätigkeit nachweisen hüllt worden waren. Wachstum und billige Lebensmittel fokussier-
kann. Nicht mehr unterstützen will die EU- Die Verwerfungen durch die Subventions- te Agrarindustrie gefördert zu haben. Selbst
Kommission Personen oder Unternehmen, milliarden sind enorm: In Ungarn haben die die Grünen, so Schulz, hätten während ihrer
deren Hauptgeschäftstätigkeit nichts mit Gelder die Kassen regierender Politiker gefüllt, Regierungszeit keine sozial gerechtere Ver-
Landwirtschaft zu tun hat. in der Slowakei einen mafiös anmutenden Aus- teilung der Direktzahlungen zustande ge-
Festzurren sollen das die EU-Mitgliedstaa- verkauf von Grund und Boden gefördert. Auch bracht. Die seien »vor allem dann unserer
ten. Bis Ende des Jahres müssen sie entspre- in Deutschland ist Land längst nicht mehr nur Meinung, wenn sie in der Opposition sind«.
chende Verordnungen zur Ausgestaltung der in Bauernhand. »Konzerne wie Aldi oder das Nils Klawitter n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 71


WIRTSCHAFT

Einzig die Politik, hoffen nun Kri-


tikerinnen und Kritiker, könnte den
Konzern zäumen – notfalls durch
eine Zerschlagung. Die Idee schien

Meister der Täuschung


lange aussichtslos, doch das ändert
sich gerade: zum einen durch die
jüngsten Enthüllungen. Zum anderen
weil die Demokratische Partei in den
USA ihre langjährige politische Lie-
INTERNETKONZERNE  Ein neuer Skandal um die Aussagen einer Ex-Managerin besbeziehung mit dem liberalen Sili-
erschüttert Facebook. Das Unternehmen nutzt seine Monopolstellung con Valley beendet hat.
Offensichtlich wurde das Zerwürf-
rücksichtslos aus, doch jetzt sollen es neue Gesetze zähmen – und womöglich nis im Sommer, als US-Präsident Joe
könnte es zerschlagen werden. Biden Facebook vorwarf, Mitschuld
an der schleppenden Impfkampagne

W
er sich dem Hauptquartier mithilfe gezielter Desinformation zu und damit auch am Tod vieler Men-
von Facebook nähert, auf manipulieren. Und das dubiose Poli- schen zu haben. Auf der Plattform
einer dreispurigen Schnell- tikberatungsunternehmen Cambridge wurden ungehindert Desinformatio-
straße entlang der Bucht von San Analytica missbrauchte illegal die nen über Vakzinen verbreitet.
Francisco, der sieht schon von Wei- Daten von 50 Millionen Facebook- Doch schon zuvor hatte Biden

Florian Gaer tner / IMAGO


tem einen scheinbar freundlichen und Nutzern mit dem Ziel, die amerika- deutlich signalisiert, dass die tradi-
fröhlichen Weltkonzern, mit bunten nischen Präsidentschaftswahlen zu tionelle Allianz mit den Techkonzer-
Gebäuden, Volleyballfeldern und beeinflussen – genauso ungestört von nen vorbei sei: Seit seinem Amts­
Open-Air-Kinos, mit jungen Men- der Facebook-Führung wie auch vie- antritt besetzt er die Wettbewerbs-
schen auf Skateboards, die nur das le Hassgruppen, die abwechselnd behörden mit Kandidatinnen und
Beste für die Welt im Sinn zu haben gegen Frauen oder Schwarze hetzen. Facebook-Chef
Kandidaten, die für ihre Abneigung
scheinen. Etliche Studien belegen, wie einfach Zuckerberg gegen »Big Tech« bekannt sind. Die
Das Unternehmen, das zeigt sich über das soziale Netzwerk Lügen ver- Kartellaufsicht FTC wird nun durch
in diesen Tagen in seltener Klarheit, breitet und verstärkt werden, wie im- die 32-jährige Rechtswissenschaftle-
war schon immer ein Meister der Täu- mer größere Filterblasen entstehen. rin Lina Khan geführt, die zuvor mit
schung. Anhaben konnte dieser Mangel an heftiger Kritik an der Marktmacht
»Wir wollen sicherstellen, dass Moral dem Unternehmen, zu dem von Amazon aufgefallen war. An
unsere Produkte nicht nur Spaß ma- neben Instagram auch Whatsapp ge- die Spitze der zuständigen Abteilung
chen, sondern gut für die Menschen hört, bislang nichts, zumindest nicht im Justizministerium soll Techkriti-
sind«, tönt Firmengründer Mark Zu- wirtschaftlich. Noch immer wachsen ker Jonathan Kanter rücken, der als
ckerberg regelmäßig. Dafür sei man Umsatz und Gewinne weiter, auf Rechtsanwalt Firmen im Kampf unter
im Zweifel auch bereit, Profite zu op- schwindelerregende Höhen: 2020 anderem gegen Google unterstützt
fern. In Wahrheit scheint Zuckerberg waren es trotz Pandemie fast 30 Mil- hatte. Und der Internetexperte Tim
bereit, sogar die Gesundheit seiner liarden Dollar Profit, rund 60 Prozent Wu, der einst den Begriff der Netz-
Nutzerinnen und Nutzer zu opfern, mehr als im Vorjahr. Der Aktienkurs neutralität prägte und schon seit
um sein Geschäftsmodell zu fördern. liegt deutlich höher als zu Jahres­ ­Jahrzehnten die Macht der Silicon-
Beispielsweise weiß der Konzern beginn. So dominant, so mächtig ist Valley-Riesen beklagt, dient als Son-
schon lange aus eigenen Untersuchun- Facebooks Stellung auf dem weltwei- derberater des Präsidenten für alle
gen, dass sein Onlinedienst Ins­tagram ten Markt für Onlinewerbung, dass Technologiefragen.
das Körperbild bei einer von drei selbst die größten Skandale einfach Wie zerrüttet das Verhältnis zwi-
Teen­agerinnen verschlechtert. Oder abperlen. schen Washington und den Techkon-
dass Facebook bei vielen Nutzern
Hass und Wut verstärkt. Und dass die
Plattform von Drogenkartellen und Übermächtiges Monopol
Menschenhändlern genutzt wird.
Diese Schlüsse legen Tausende Nutzer großer Social-Media-Plattformen, weltweit in Milliarden Meistgenutze Plattformen in
Teile des Facebook-Konzerns der Altersgruppe der 12- bis
Dokumente nahe, so berichtet in die- 34-Jährigen in den USA,
sen Tagen eine Whistleblowerin, erst Facebook YouTube WhatsApp Instagram Facebook TikTok Snapchat in Prozent
in Interviews und schließlich in einer Messenger
3 2,9
langen Anhörung vor dem amerika-
nischen Kongress. »Ich glaube, dass 20 13 sonstige
die Produkte von Facebook Kindern 2,3 14 TikTok
schaden, Spaltung anheizen und 2,0
9
2
unsere Demokratie schwächen«, sag- 9 15 Snapchat
te Francis Haugen, ehemals Manage- 4 WhatsApp
1,4
rin in einer Facebook-Abteilung, die 1,3
Lügen und Fake News auf der Platt- 1 33 Instagram
form unterbinden sollte. Die Abtei- 0,7
lung wurde aufgelöst. 0,5
Es ist nicht der erste Shitstorm, der 62 21 Facebook
sich über den Konzern ergießt. Jahre- 0
lang nutzten russische Agenten die 2017 2021 17 21 17 21 17 21 17 21 18 21 17 21 2017 2021
Plattform für ihre Versuche, Nutzer S Quellen: DataReportal; »The Infinite Dial 2021«, Telefonumfrage in den USA im Januar 2021, 1507 Befragte


72 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WIRTSCHAFT

zernen ist, zeigt sich insbesondere in Ökosystem; Facebook-Nutzer sind »Free Basics« heißt die Funktion dort,
einer Kartellklage gegen Facebook, eingeloggt, die Plattform weiß also, sie hat angeblich eine Milliarde Nut-
die in den kommenden Wochen und wer da gerade surft, und kann Wer- zer in Asien, Afrika und Lateiname-
Monaten nun zum zentralen Kriegs- bung zielgenau schalten. Für Werbe- rika. Um Facebooks Produkte führt
schauplatz zu werden scheint. Auf treibende ist das besonders wertvoll. mancherorts kein Weg mehr herum:
den Weg gebracht worden war die Doch egal wie rabiat der Konzern Im Libanon wird WhatsApp als Kom-
Klage noch im Dezember unter der agiert – ein schneller Abstieg deswe- munikationskanal der Regierung zu
Trump-Regierung. gen ist unwahrscheinlich. Zu sehr pro- Corona genutzt, auch Coronatests
Die Biden-Regierung zog sie nicht fitiert Facebook von sogenannten lassen sich auf der App bestellen.
zurück, sondern erweiterte und ver- Netzwerkeffekten: Je mehr Menschen Alles zusammen genommen zu
schärfte die Vorwürfe noch: Die Kar- eine Plattform nutzen, desto wert- viel Macht für einen Konzern, der
tellbehörde FTC zeichnet Zuckerberg voller wird die Plattform für ihre Nut- nicht verantwortungsvoll mit ihr um-
dabei als einen Monopolisten alter zer. Wer einmal groß ist, bleibt groß. gehe, findet Francis Haugen, die
Schule, vergleichbar mit Eisenbahn- Wie schwierig es ist, diese Effekte Whistleblowerin. Ihre Kernbotschaft:
oder Ölbaronen früherer Zeiten. auszugleichen, weiß jeder, der schon »Ohne Eingreifen wird Facebook
Facebook habe sich auf illegale Wei- einmal versucht hat, auf einen alter- ­weiterhin Entscheidungen treffen, die
se mit wettbewerbsfeindlichem Ver- nativen Messenger zu wechseln: Was gegen das Gemeinwohl gehen.« Ihr
halten ein gefährliches Monopol ge- bringen Vorteile wie besserer Daten- Ziel: neue Gesetze, die Facebook
schaffen. schutz, wenn man mit einem anderen zwingen, sein Geschäftsmodell um-
Die Forderung der Aufseher, mit Dienst keinen der Freunde erreichen zubauen.
der sie von den Generalstaatsanwalt- kann? Vor allem Plattformen, die auf Die 37-jährige Informatikerin mit
schaften fast aller US-Bundesstaaten sozialen Beziehungen basieren, wo einem MBA von der Harvard-Uni-
unterstützt werden: Die Übernahmen also Nutzer mit Bekannten oder Fa- versität arbeitete unter anderem für
von WhatsApp (2014) und Instagram milienangehörigen kommunizieren, Google und Pinterest, bevor sie 2019
(2012) seien nur erfolgt, um Wett­ begünstigen so die Monopolisierung zu Facebook wechselte. Dort wurde
bewerber zu zerstören, und sollten – »the winner takes it all«. die Expertin für Empfehlungsalgo-
rückabgewickelt werden. Der Kon- Whistleblowerin
Der Konzern wird zudem immer rithmen zunächst Produktmanagerin
zern müsse also de facto zerschlagen Haugen: »Ich glaube, mehr zum Herrscher über essenziel- in einer Abteilung, die gegen Des-
werden. dass die Produkte von le Infrastruktur: In Ländern, in denen information vorgehen sollte – und
WhatsApp und Instagram tragen Facebook Kindern Telefon- und Internetanschlüsse sel- musste nach eigenen Angaben mit-
schaden, Spaltung
inzwischen erheblich dazu bei, dass anheizen und
ten sind und viele Menschen nur mo- ansehen, wie das Unternehmen den
Facebook seine Marktmacht zemen- unsere Demokratie bile Daten nutzen, ermöglicht Face- Profit vor die öffentliche Sicherheit
tieren konnte. WhatsApp ist mit zwei ­schwächen« book kostenlosen Internetzugang. stellte. Im Mai dieses Jahres verließ
Milliarden Nutzern der beliebteste
Messenger weltweit. Instagram sorgt
nach Schätzungen für fast ein Drittel
von Facebooks Gesamtumsatz und
holt noch dazu eine Zielgruppe ab,
die Facebook langsam verloren hatte:
Fast zwei Drittel von Instagrams Nut-
zern in den USA sind zwischen 18 und
34 Jahre alt, bei Facebook sind es we-
niger als die Hälfte.
Instagram ist aber nicht nur Face-
books Jungbrunnen, sondern auch
ein Vehikel, um Konkurrenten aus-
zuschalten: Als Teenager Mitte der
2010er-Jahre zu Snapchat strömten,
einer App, bei der geteilte »Stories«
nach 24 Stunden verschwinden, ko-
pierte Instagram die Funktion kurzer-
hand bis hin zum Namen.
Allerdings wächst auch die ur-
sprüngliche Facebook-Plattform noch
immer – zumindest global gesehen.
Im zweiten Quartal dieses Jahres
nahm die Zahl der monatlich aktiven
Nutzer um sieben Prozent zu. 2,9 Mil-
liarden Menschen, mehr als ein Drit-
tel der Weltbevölkerung, nutzten die
Plattform aktiv.
Die ökonomische Macht, die dar-
Tom Williams / ddp images

aus erwächst, ist enorm. Zusammen


mit Google teilt sich der Konzern
mehr als die Hälfte aller digitalen
Werbeeinnahmen weltweit. In der
Werbebranche gilt Facebook als
»Walled Garden«, als geschlossenes

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 73


WIRTSCHAFT

sie Facebook wieder, entschlossen, Dieses eine Mal allerdings scheint sein
der Weltöffentlichkeit einige ihrer Nachfolger gleicher Meinung – auch
Ansicht nach schmutzigen Geheim- Biden hat erklärt, die Regelung kip-
nisse des Konzerns zu verraten. pen zu wollen.
In den Wochen vor ihrem Aus- Zudem hat der Kartellausschuss
scheiden sammelte sie interne Doku- des Repräsentantenhauses mit Stim-
mente, die ihre Eindrücke belegen men aus beiden Parteien bereits fünf
sollten: Berichte der eigenen For- Anti-Monopol-Gesetzesentwürfe ein-
schungsgruppen, Onlinediskussionen gebracht. Und im Senat machen sich
ihrer Kolleginnen und Kollegen, Ent- nicht nur Demokratinnen wie Eliza-
würfe für Präsentationen, die mit- beth Warren und Amy Klobuchar für

Stephen Lam / REUTERS


unter auch Mark Zuckerberg zu sehen solche Konzepte stark. Auch der erz-
bekommen sollte. Sie fand all das in konservative Senator Josh Hawley
Facebooks internem Kommunika- hat einen Entwurf zur Zerschlagung
tionssystem »Workplace«, das alle vorgelegt. Google und Facebook wür-
rund 60 000 Angestellten nutzen den »auf der Schlachtbank landen«,
können. Eigentlich wird automatisch wird Hawley zitiert.
protokolliert, wer worauf zugreift, Facebook-­ Konzern betonte zudem, Haugen Experten bezweifeln jedoch, dass
doch Haugen wurde beim Stöbern Entwicklerkonferenz habe weniger als zwei Jahre für den das schnell geht. »Im Kongress gibt
in San José,
nicht erwischt. ­Kalifornien: »Auf Konzern gearbeitet, nie ein wichtiges es Einigkeit, dass etwas getan werden
Sie übergab die Dokumente dem der Schlachtbank« Treffen mit der obersten Führungs- muss, aber keine Einigung darüber,
»Wall Street Journal« und zum Teil ebene gehabt und in ihrer Anhörung was getan werden muss«, sagt Wil-
auch dem US-Kongress. Die Zeitung mehr als sechsmal zugeben müssen, liam Kovacic, Professor an der George
begann Mitte September mit der Ver- nicht selbst an dem jeweils in Rede Washington University Law School
öffentlichung einer Artikelserie, die stehenden Thema der Befragung ge- und früherer Chef der Kartellbehörde
auch auf den Unterlagen Haugens arbeitet zu haben. FTC. Kovacic und viele andere Ex-
­beruhte: Instagram löse bei einigen Tatsächlich hat Haugen ihre an- perten halten dennoch Gesetzes­
Jugendlichen Suizidgedanken aus. geblichen Beweise bislang nicht öf- änderungen für den geeigneteren
Zuckerberg habe persönlich unter- fentlich gemacht. Auffallend ist auch, Weg als die Zerschlagungsklage der
bunden, dass Facebooks Empfeh- dass ihr Auftreten kampagnenhaft FTC. Denn diese »werde eine lange
lungsalgorithmen umgebaut werden, orchestriert ist. Allerdings hatte sich und schwierige Reise«.
um Falschinformationen und aufrüh- in den vergangenen Jahren immer Auch die EU könnte schon im
rerischen Inhalten weniger Reichwei- wieder gezeigt, dass die rasante An- kommenden Jahr neue Gesetze ver-
te zu geben. häufung von globalem Einfluss auch abschieden, um die Macht großer
Für die Whistleblowerin Haugen zu einer verzerrten Selbstwahrneh- Techkonzerne zu begrenzen und den
war das nur der Anfang einer detail- mung der Konzernspitze führte. »Die Wettbewerb zu stärken.
liert choreografierten Mission. Bei Idee, dass Fake News auf Facebook Neu ist dabei unter anderem die
der US-Börsenaufsicht SEC reichte die Wahl beeinflusst haben, ist eine sogenannte Ex-ante-Regulierung: Die
sie acht Beschwerden ein, in denen ziemlich verrückte Idee«, sagte Zu- EU-Kommission will schon vorab
sie sich auf die internen Dokumente ckerberg noch, als bereits die halbe durch einen Verbotskatalog verhin-
berief. Sie trat im Fernsehen auf und Welt und auch die eigenen Mitarbei- dern können, dass Konzerne ihre
gab eine Reihe von Interviews. ter darüber diskutierten, wie das so- Marktmacht missbrauchen. Bisher
Schließlich erschien sie vergangenen ziale Netzwerk die Wahl von Donald können die Wettbewerbshüter der
Dienstag im US-Senat zu einer drei- Trump befördert hatte. Kommission nur nachträglich eingrei-
stündigen öffentlichen Anhörung vor Haugen forderte bei der Anhörung fen. Ein anderes Gesetz würde zudem
Politikern, die schon lange auf der im Senat die Politik auf, Facebook den großen Onlineplattformen neue
Suche waren nach einer Kronzeugin nun endlich mit Gesetzen zu regulie- Pflichten zur Bekämpfung von illega-
für einen möglichen Feldzug gegen ren. Vor allem müssten die internen len Inhalten, Desinformation und ge-
Facebook. Systeme des Netzwerks für Wissen- fälschten Produkten auferlegen. Auch
»Hier ist meine Nachricht für Goldgrube schaftler zugänglich gemacht werden: personalisierte Werbung und eine ge-
Mark Zuckerberg: Die Zeit ist vorbei, »Der Kongress muss handeln.« wisse Kontrolle der Nutzerinnen und
in der Sie in unsere Privatsphäre ein- Facebooks Umsatz Zumindest vordergründig scheint Nutzer über die Algorithmen der
2020, in Mrd. Dollar
dringen, giftige Inhalte verbreiten die Bereitschaft in Washington da zu Plattformen stehen zur Debatte.
und Jagd auf Kinder und Teenager Facebook sein. Es kursieren bereits Gesetzes- Bei schwerwiegenden Verstößen
und Messenger
machen konnten«, sagte der demo- 56,5* vorschläge, mit denen Techkonzerne sieht das Gesetz hohe Strafen vor, im
kratische Senator Ed Markey. »Die gebremst werden könnten: Die einen Extremfall würde es der Kommission
Tech-Götter wurden entmystifiziert«, wollen den Wettbewerb stärken, an- sogar erlauben, einen Konzern zur
so der republikanische Senator Roger dere die Privatsphäre besser schützen. Aufspaltung zu zwingen, also etwa
Wicker. insg. Eine Idee gewinnt dabei zunehmend Facebook und Instagram zu trennen.
Facebook weist die Anschuldigun- 86 Unterstützer: Es müsse nur die so- Die Gesetze könnten Schablonen
gen Haugens zurück. »Die meisten Mrd. $ genannte Section-230-Klausel geän- für eine US-Regulierung werden.
von uns erkennen sich nicht wieder dert werden, nach der die Plattformen Europa sei den USA um Jahre voraus,
in diesem falschen Bild des Unterneh- nicht für Inhalte haftbar gemacht wer- sagt Monopolexperte Kovacic, und
mens, das hier gemalt wird«, sagt den können, die ihre Nutzer online daran werde sich erst einmal nichts
WhatsApp Instagram
­Zuckerberg. Viele der internen Do- 5,5* 24,0* stellen. Es war Trump, der gegen die ändern: »Die Debatte hat hier erst
kumente seien »veraltete Informatio- Klausel wetterte, weil sie Facebook begonnen.«
* Schätzungen
nen, die zusammengesetzt wurden, S Quellen: Facebook,
und Twitter weitgehende Freiheit bei Patrick Beuth, Janne Knödler,
um ein Narrativ zu erzeugen«. Der der Moderation der Beiträge gewährt.


Instagram Report, Forbes Thomas Schulz, Ines Zöttl n

74 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


Sicher, klimafreundlich und entspannt.
Geschäftsreisen macht man mit der Bahn.
bahn.de/businessreisen
Mehr zum Klimaschutz bei der DB, z.B. durch den Einsatz von Ökostrom im Fernverkehr, unter bahn.de/gruen.
WIRTSCHAFT

200
Windräder

28
Milliarden
sind vorerst
geplant.
Euro
sollen die
3Gigawatt
geplanten
zwei Energie- Leistung sind
Inseln kosten. für den Start
Quelle: Danish Energy
geplant.
Agency

Cover-Images / IMAGO
Inselmodell

Sozialdemokrat, der sich schon mal


mit Kochmütze und Schürze prä­
sentiert, um die Dänen zum Ver­
zehr fleischarmer Kost zu animie­

Dubai in Dänemark
ren. Jørgensen möchte sein Land in
eine grüne Supermacht verwandeln.
Künftig soll neben dem neuen Kom­
plex in der Nordsee, etwa 80 Kilo­
meter vor der Küste Jütlands gele­
KLIMASCHUTZ   Die Regierung in Kopenhagen will vor der Nordseeküste eine gen, auch die Ostseeinsel Bornholm
zu einem Verteilkreuz für Strom
­ igantische Insel mit Hunderten Windrädern bauen. Das 28-Milliarden-Euro-­
g aus erneuerbaren Quellen entwickelt
Gebilde soll auch Deutschlands Hunger auf Grünstrom stillen. werden. Mit den beiden »Energy Is­
lands« beginne »ein neues Zeitalter
der Windkraft«, verspricht der Mi­

D »Niemand
ie Dänen müssen ihre Land­ das soll erst der Anfang sein. Später nister: »Niemand hat so etwas zuvor
karte demnächst neu zeich­ wird die Kapazität voraussichtlich gemacht.«
nen. Das Königreich zwi­ hat zuvor auf zehn Gigawatt aufgestockt, er­ Die Energieinseln sind das größte
schen Nord- und Ostsee, das aktuell so etwas zeugt von dann 650 Anlagen. Die Infrastrukturprojekt in der Geschich­
1419 Inseln zählt, soll um ein Ei­
land w­achsen.
gemacht.« Insel würde noch mal um das min­
destens Dreifache vergrößert.
te Dänemarks, die Ausgaben werden
auf umgerechnet rund 28 Milliarden
Wo genau die Insel liegen wird, Dan Jørgensen, Projekte solcher Dimension ver­ Euro veranschlagt, viermal mehr,
Energieminister
woraus sie beschaffen sein kann, folgt üblicherweise China. Vielleicht als der Fehmarnbelt-Tunnel zwischen
wie sie überhaupt heißen soll, ist al­ noch Amerika. Deutschland und Dänemark kosten
les noch unklar. Sicher ist nur: Mitten Aber Dänemark, das heimelige soll. Von 2033 an, so das Ziel, soll der
in der Nordsee will die Kopenhage­ Hyggeland? Dan Jørgensen, den Strom fließen und die Megainvesti­
ner Regierung ein künstliches Ge­ ­zuständigen Minister, amüsiert die tion wieder einspielen.
bilde bauen, wie es die Welt noch Frage. »Wir waren weltweit die Es ist eine kühne Wette, die die
nicht g­ esehen hat – so groß wie 18 ­Ersten, die vor 30 Jahren eine Wind­ Dänen eingehen. Schon heute decken
Fußballfelder, eine Plattform, die die anlage im Meer installiert haben«, sie fast die Hälfte ihres Energiever­
Kraft von rund 200 Windrädern bün­ sagt er. »Jetzt werden wir wieder brauchs aus Windkraft. Mit den Insel­
delt. Drei Gigawatt soll die Turbinen- Vorreiter sein.« projekten eröffnen sie sich die Aus­
Armada leisten, genug Strom für Jørgensen, 46, ist Minister für sicht auf fossilfreie Energie im Über­
rund drei Millionen Haushalte. Und ­Klima, Energie und Versorgung, ein fluss – und auf ein neues Geschäfts­

76 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WIRTSCHAFT

modell: Sie wollen auch Kunden im Ausland Eine Serienproduktion von »Energy Is-
beliefern. Dann könnte Grünstrom aus Nord- Energieinseln lands« ist bislang freilich nicht mehr als
und Ostsee Dänemarks neuer Exportschlager eine Idee. Der größte Aufwand entfällt oh-
Dänische Offshore-Windkraftprojekte
werden – nach Teakholzschränken oder in Nord- und Ostsee nehin nicht auf den Inselbau, sondern auf
Schweinehälften. das ­Errichten der Windräder, das Verlegen
Der Bedarf ist immens, gerade in Deutsch- der Leitungen, die Installation von Maschi-
land. Stahl, Chemie, Automobilbau: Schlüs- geplante nen und Anlagen.
künstliche
selbranchen konkurrieren, damit sie die Insel Trotz des breiten politischen Konsenses
­Klimaziele erreichen, um den Zugang zu re­ werden in Dänemark inzwischen Stimmen
generativen Energiequellen, Konzerne wie laut, die das Milliardenprojekt mit Skepsis
Thyssenkrupp, BASF oder Volkswagen haben Born-
betrachten. Frede Hvelplund, Professor für
dazu erste Verträge geschlossen. Bislang Nordsee DÄNEMARK holm Energieplanung an der Universität Aalborg,
­bieten sich ihnen vor allem die Niederlande warnt davor, entscheidende Fragen zu ver-
Ostsee
als Windkraftversorger an. In diesem Markt nachlässigen: wie man die gewaltigen, schwan-
wollen die Dänen künftig eine zentrale Rolle kenden Energiemengen überhaupt bewälti-
spielen. gen könne und welche Infrastruktur es be-
Noch freilich befindet sich ihr Projekt in 100 km nötige, um sie beispielsweise in Fernwärme
der Nordsee ganz am Anfang. Bislang lassen oder ­synthetische Kraftstoffe zu verwandeln.
Animationen nur erahnen, wie die Retorten- S Quelle: Danish Energy Agency, Karte: OpenStreetMap Gehe man diese Aspekte nicht gleichermaßen


insel einmal aussehen könnte: mit Hafen, tatkräftig wie den Windkraftausbau an, so
Transformatoren und Riesenspeichern. Mit- könnten ihre Expertise in der Konstruktion Hvelplund, »enden wir womöglich mit einem
hilfe der Windkraft sollen CO2-freie Energie- von Meeresplattformen nutzen. Oder von teuren, gescheiterten Projekt und wachsen-
träger wie Wasserstoff oder Ammoniak her- Investoren wie Versicherungen und Versor- dem Widerstand gegen die grüne Wende«.
gestellt werden, für Schiffe, Flugzeuge und gungskassen: Die suchen angesichts eines Andere dänische Wissenschaftler zweifeln
die Schwerindustrie. überhitzten Immobilienmarkts nach alter- an den Berechnungen zur Rentabilität. Diese
In diesen Wochen beginnen die Vorbe­ nativen Kapitalanlagen, die einen steten Ein- seien unpräzise und allzu optimistisch, da der
reitungen für das Bieterverfahren. Der däni- nahmestrom versprechen. Erzeugerpreis für Windstrom tendenziell fällt.
sche Staat wird 51 Prozent an dem Eiland Das Milliardenvorhaben wird im Folke- Manche stört schlicht der gigantische Maßstab
besitzen, daneben konkurrieren zwei dä­­- ting, dem dänischen Parlament, von einer des Projekts in einem Land, das sonst eher
nisch dominierte Konsortien darum, wer die breiten Koalition getragen; auch Gewerk- bekannt ist für dezentrales Denken.
Insel mitfinanzieren, bauen und betreiben schaften und Umweltverbände unterstützen Minister Jørgensen weist die Kritik zu-
wird. es. Die Dänen machen Tempo, sie wollen sich rück. Das Vorhaben müsse so groß dimen-
In der einen Gruppe hat sich der Versorger gegenüber den Windparkaktivitäten anderer sioniert sein, erst dann lohne es sich, die
Ørsted, früher Dong Energy, weltweit die Nordseeanrainer positionieren. Ein Konsor- ­nötigen Anlagen und Leitungen aufzubauen.
Nummer eins für Offshore-Windkraft, mit tium um den niederländischen Netzbetreiber Zudem hätten Skeptiker schon vor 30 Jah-
dem Pensionsfonds ATP zusammengetan; Tennet plant ebenfalls den Aufbau von Ver- ren behauptet, mit Offshore-Windkraft las-
unterstützt wird sie unter anderem von einem teilkreuzen, die Realisierung ist allerdings erst se sich kein Geld verdienen – und damit
Konstruktionsbüro, das schon die künstliche für die kommende Dekade vorgesehen. Nach falsch gelegen.
Palm-Jumeirah-Insel vor Dubai geplant hat. dem Willen der EU-Kommission sollen bis Der Bedarf nach Grünstrom oder daraus
An der anderen Gruppe ist ein Management- 2050 in der Nordsee Windstromkapazitäten produzierten Kraftstoffen werde erheblich
team beteiligt, das Dong 2012 verlassen hatte, von 300 Gigawatt errichtet sein. wachsen, ist Jørgensen überzeugt, insbe­
um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Als Das dänische Konzept wird nach Meinung sondere in Deutschland. Die Bundes­regierung
»Copenhagen Infrastructure Partners« (CIP) von Energieminister Jørgensen sogar weltweit habe sich mit der Absicht, den Treibhausgas-
orchestriert es weltweit milliardenschwere exportfähig sein. Anfang September sondier- ausstoß bis 2030 um 65 Prozent gegenüber
Offshore-Projekte. te er im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu 1990 zu senken, ein ambitioniertes Ziel ge-
Wie die neue Insel in der Nordsee errichtet die Möglichkeiten für eine Windinsel im Golf setzt. »Deutschland wird alles an erneuer-
werden könnte, halten beiden Konsortien bis- von Mannar. »Wir wollen den globalen Stan- baren Energien brauchen, was es bekommen
her streng geheim. Unter Ingenieuren wird dard für solche Projekte setzen«, sagt Indus- kann.« Jørgensens Ressort und das Berliner
kontrovers diskutiert, welches Verfahren am triemann Ranis. Wirtschaftsministerium haben eine gemein-
besten geeignet ist. same Arbeitsgruppe eingerichtet, sie unter-
Einige schlagen vor, gigantische Mengen sucht Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.
Sand aufzuspülen und die Natur gewisser- Unterdessen haben die ersten Vorarbeiten
maßen zu imitieren. Dazu wäre allerdings in der Nordsee begonnen. Der dänische Netz-
eine aufwendige Befestigung nötig, die der betreiber Energinet hat Spezialschiffe aus-
Strömung in der oft rauen See standhält. An- gesandt, die Crews erkunden den Meeres-
dere favorisieren eine Konstruktion auf Stahl- grund mit Sonargerät und Miniunterseeboot.
pfählen oder eine Art großflächigen, stein- Gesucht wird ein Standort, der einige Voraus-
gefüllten Container. setzungen zu erfüllen hat: Der Wind muss
Welche Unternehmensgruppe den Zu- kräftig und kontinuierlich blasen. Die Umwelt
schlag bekommt, will die Regierung spätes- soll möglichst wenig beeinträchtigt werden.
tens 2023 entscheiden. Bis dahin dürfte die Und es darf kein Ort sein, der historisch
Zahl der Bieter wachsen: »Wir werden wei- vorbelastet ist. In den Gewässern vor Jütland
Ritzau Scanpix / IMAGO

tere Konsortien aus anderen Teilen der Welt trugen im Sommer 1916 deutsche und engli-
sehen«, erwartet Troels Ranis, Direktor beim sche Flottenverbände die größte Seeschlacht
Wirtschaftsverband Dansk Industri. des Ersten Weltkriegs aus. 25 Schiffe wurden
Ein solches Projekt dürfte insbesondere versenkt. Für mehr als 8500 Soldaten wurde
das Interesse von Öl- und Gaskonzernen we- das Meer dort zum Grab.
cken, die sich neu ausrichten wollen: Sie Projektbefürworter Jørgensen Alexander Jung n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 77


AUSLAND

John Moore / Getty Images


»Darién Gap« nennt sich der berüchtigte Urwald zwischen Panama und Kolumbien, durch den ein haitianischer Vater mit seiner Tochter irrt. Rund
eine Woche dauert die Flucht über das unwägbare, nie vollendete Teilstück der Panamericana. Die Odyssee endet für Flüchtende nicht selten
mit dem Tod, Banden lauern den Männern, Frauen und Kindern auf, rauben sie aus, vergewaltigen sie. Dennoch machten sich dieses Jahr mehr als
90 000 Menschen auf den Weg, darunter viele Haitianer, die seit dem Erdbeben 2010 in Südamerika ausharren und weiterwollen in die USA.

Signal der Härte


gen«. Muss man das schon als Kriegsdrohung interpretieren?
­ eking betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz. Die 24-Millio­
P
nen-Einwohner-Republik wird nur von wenigen Staaten welt­
weit anerkannt.
ANALYSE  Mit militärischen Drohgebärden gegen-
Allerdings hat die internationale Unterstützung für Taiwan
über Taiwan bekräftigt China seinen Anspruch in jüngerer Zeit zugenommen, was Peking alarmieren dürfte.
auf den Inselstaat – die Eskalationsgefahr steigt. US-Präsident Joe Biden knüpft nahtlos an die Politik seines Vor­
gängers Donald Trump an, der Taiwan ausgesprochen zugeneigt
Erst waren es 38, dann 39, dann sogar 56 Kampfflugzeuge täg­ war. Auch Taiwans Beziehungen zu europäischen Ländern wan­
lich, mit denen die chinesische Luftwaffe erst tagsüber und dann deln sich: EU-Spitzendiplomat Josep Borrell bekräftigte Ende
auch abends in Richtung Taiwan vordrang. So massiv wie seit September bei einem Treffen mit dem chinesischen Außenminis­
Anfang dieses Monats hat Peking die taiwanische Luftraumüber­ ter Wang Yi, dass die EU ihre Beziehungen zu Taiwan ausbauen
wachungszone noch nie verletzt. Zwar handelt es sich dabei nur wolle.
um eine einseitig erklärte Pufferzone, die mit dem kleineren na­ Peking muss erkennen, dass sich gegen sein geopolitisches
tionalen Luftraum nicht identisch ist. Dennoch besteht kein Machtstreben zunehmend Widerstand formiert, deutlich sicht­
Zweifel, dass China den Bewohnern der demokratischen Insel­ bar im amerikanisch-britisch-australischen Militärbündnis
republik ein aggressives Signal senden will. ­»Aukus«. Allein diese Entwicklungen könnten für die chinesi­
Weniger klar ist allerdings, was Peking mit solchen Manövern sche Regierung Anlass genug sein, ihren Anspruch auf Souverä­
bezweckt. Die Regierung hat sich dazu bisher nur kryptisch ge­ nität gegenüber Taiwan mit militärischen Drohgebärden zu
äußert: »Das Streben nach Unabhängigkeit Taiwans ist eine untermauern. Die Gefahr, dass Peking mit diesem Anspruch
Sackgasse«, hieß es aus dem chinesischen Außenministerium, eines ­Tages tatsächlich Ernst machen könnte und sich Taiwan
jeglicher Vorstoß in diese Richtung werde »mit Härte zerschla­ einverleibt, sollte niemand unterschätzen. Georg Fahrion

78 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


»Wir dürfen diese Menschen
nicht im Stich lassen«
ALBANIEN  Viele EU-Staaten sperren sich gegen die
Aufnahme von Afghanen – Albanien dagegen hat sich
dazu bereit erklärt, mehrere Tausend Flüchtende
aufzunehmen. Premier Edi Rama, 57, erklärt, wie es
dazu kam – und beklagt sich über die EU.

Andreas Solaro / AFP


SPIEGEL: Herr Pre- ge machen lassen, die die EU
mierminister, wie nicht haben will. Sonst wären
viele Afghaninnen wir zu Gehilfen einer Anti-­
und Afghanen hat Migrationspolitik reicherer Län- Conte, Raggi
Ihr Land bereits der geworden.
aufgenommen, und SPIEGEL: Albanien will schon Die Sterne verlieren breites Mitte-links-Bündnis wie
wie lange werden lange in die EU eintreten, es in Bologna unterstützten oder
sie vermutlich bleiben? geht aber nicht voran. Sind Sie ITALIEN  Mitte Oktober fällt in ob sie wie in Rom allein antra-
Edi Rama: Es sind derzeit un­ enttäuscht? Rom per Stichwahl die Ent- ten – verloren haben sie überall.
gefähr 1000 Menschen. Wir Rama: Wir sind realistischer ge- scheidung, wer künftig die Ihre Hoffnungen ruhen jetzt
können und werden bis zu worden. Wir lernen von Euro- Hauptstadt regiert. Ein Ergebnis auf Süditalien, wo die Bewe-
4000 aufnehmen. Diese Leute pa, wie wir einen transparenten, steht jetzt schon fest: Die Fünf- gung dank ihrer Sozialreformen
müssen sich vor den Taliban de­mokratischen Staat bauen Sterne-Bewegung ist es nicht. besser ankam. Am 10. und 11.
in Sicherheit bringen, wir dür- können. Das ist schon einmal Deren bisherige Bürgermeiste- Oktober folgen Kommunalwah-
fen sie nicht im Stich lassen. ein Wert an sich. Die Mitglied- rin Virginia Raggi landete im len auf Sardinien und Sizilien.
SPIEGEL: Warum hat sich Alba- schaft wird kommen, wenn ersten Wahlgang hinter Heraus- Dem neuen Parteichef und ehe-
nien entschieden, den Flüchten- sie kommt. forderern des rechten Lagers, maligen Premier Giuseppe
den zu helfen? SPIEGEL: Jetzt haben Sie vor al- der Sozialdemokraten und einer Conte stehen schwere Zeiten
Rama: Der albanische Ehren­ lem den USA einen Gefallen ge- kleinen Zentrumspartei nur bevor. »Jetzt ist der Moment
kodex ist aus dem Mittelalter tan. Was für ein Verhältnis noch auf Platz vier: eine Quit- der Saat«, machte er den M5S-
überliefert, Gastfreundschaft wünschen Sie sich zu den USA, tung für die chronische Vermül- Mitgliedern Mut, »wir stehen
spielt darin eine zentrale Rolle: eine besondere Partnerschaft lung und die desolate Verkehrs- am Beginn eines neuen Weges.«
Dein Haus gehört Gott und etwa? Viele Europäer, die es lage in ihrer Stadt. Auch in Wohin dieser Weg führen
­deinem Gast, heißt es da. Es ist schwer haben mit der EU, träu- ­Turin, bis vor Kurzem ebenfalls soll, ist ungewiss. Erst regierten
der Gast gemeint, der von sich men ja davon. eine Hochburg des Movimento die Fünf Sterne mit dem Rechts-
aus anklopft. Es ist für uns tra- Rama: In kommunistischen Zei- 5 Stelle (M5S), fand die Stich- populisten Matteo Salvini, dann
ditionell unmöglich, jemanden ten wurde uns eingebläut, dass wahl ohne die Sterne-Populis- mit den Sozialdemokraten,
zurückzuweisen. die USA der Inbegriff des Bö- ten statt. Quer durchs Land kas- jetzt unterstützten sie – trotz
SPIEGEL: Noch 2018 lehnte Al- sen sind. Aus Trotz wurden wir sierte die Bewegung, die Italien ihrer teils euroskeptischen Ver-
banien unter Ihrer Regierung es dann zu Amerikafans. Albaner vor einigen Jahren mit ihrer gangenheit – die Technokraten-
ab, für die Europäische Union sind proamerikanischer als Systemkritik im Sturm eroberte, regierung des EU-Fans Mario
Auffanglager für Kriegsflücht­ Texaner. Wir müssen uns zum Niederlagen: In Bologna lande- Draghi. »Vor zwölf Jahren
linge zu bauen. Warum sagten Glück nicht zwischen den te sie unter 5 Prozent, in Mai- haben wir das Unmögliche ge-
Sie damals Nein? USA und der EU entscheiden. land stürzte ihre Kandidatin auf macht. Jetzt müssen wir das
Rama: Wir wollten uns nicht Wir wollen einen guten Draht 2,7 Prozent. Dabei spielte es Nötige machen«, kommentierte
zum Abladeplatz für Flüchtlin- zu beiden. JPU keine Rolle, ob die Sterne ein M5S-Gründer Beppe Grillo. HOR

Machtkampf fenbar geht es auch anderen im Jahr 2016 ins Rennen eingestie- Duterte-Carpio es ihrem Vater
Land so: In mehreren Städten gen, nachdem er zuvor bestrit- gleichtun wird. Sie wäre dann
der Dynastien versuchen Plakate mit der Auf- ten hatte, sich bewerben zu wol- das zweite Kind eines früheren
PHILIPPINEN  Im Vorfeld der schrift »Run, Sara, run«, die len. Beobachter glauben, dass philippinischen Landesvaters im
Präsidentschaftswahl im kom- 43-jährige Juristin zur Kandida- Kampf um die Macht in dem
menden Jahr hofft Amtsinhaber tur zu bewegen. Umfragen se- 110-Millionen-Einwohner-Land:
Rodrigo Duterte, dass die Macht hen sie in der Wählergunst weit Der Sohn des früheren Dikta-
weiterhin in der Familie bleibt. vorn. Bisher dementierte Duter- tors Ferdinand Marcos hat sich
Duterte hatte vorige Woche sei- te-Carpio zwar vehement, Am- bereits offiziell beworben. Ferdi-
nen Rückzug aus der Politik an- bitionen auf das höchste Staats- nand Marcos Jr. ist unter dem
Lisa Marie David / REUTERS

gekündigt, er darf nach einer amt zu haben; stattdessen be- Spitznamen »Bongbong« be-
sechsjährigen Amtszeit nicht er- wirbt sie sich um eine weitere kannt. Das Regime seines Vaters
neut kandidieren. Bereits vor Amtszeit als Bürgermeisterin machte seinerzeit mit Mord, Fol-
vier Jahren sagte er, dass er sich der Millionenstadt Davao-City. ter und dem Verschwindenlas-
keine bessere Nachfolgerin als Ihre Kandidatur für das Präsi- sen politischer Gegner von sich
seine älteste Tochter Sara Duter- dentschaftsamt ist dennoch reden – sein Sohn hofft dennoch
te-Carpio vorstellen könne. Of- möglich: Auch ihr Vater war im Protestaktion in Manila auf die Gunst der Wähler. ASC

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 79


AUSLAND

Operation Kanzleramt
ÖSTERREICH  Er wurde als Wunderkind der europäischen Konservativen gefeiert, doch die Durchsuchungs­
beschlüsse der Ermittler lassen den Aufstieg von Sebastian Kurz in neuem Licht erscheinen:
Hat ein mafiöses System aus Politik und Medien mitgeholfen, ihn zum Kanzler zu machen? Von Walter Mayr

Bloomberg / Getty Images

Kanzler Kurz: Hat er getan, wovon Strache auf Ibiza nur geträumt hat?

80 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


AUSLAND

A
ls in Wien die Bombe platzt, Den zehn Beschuldigten unterstel-
sitzt Kanzler Sebastian Kurz len die Ermittler einen gemeinsamen
keine 20 Kilometer südlich der und geheimen Tatplan. »Alle Betei-
österreichischen Grenze. Und zwar ligten wussten«, so heißt es im
dort, wo er sich am wohlsten fühlt – Schriftsatz der WKStA, dass die Fi-
zwischen den ganz Großen, zwischen nanzen der Republik »in Höhe der
Angela Merkel, Emmanuel Macron, nur im Interesse von Sebastian Kurz
Mario Draghi. Der Westbalkangipfel aufgewendeten Kosten« geschädigt
auf Schloss Brdo in Slowenien bringt würden: Staatsgelder seien demnach
die Mächtigen der EU zusammen – eingesetzt worden, um das persön-
und wenn Kurz eines geschafft hat in liche Fortkommen von Kurz zu be-

Manfred Segerer / IMAGO


seiner Amtszeit, dann ist es das: den fördern. Da es sich um eine »jeden-
Eindruck zu erwecken, dass er und falls 300 000 Euro übersteigende«
sein Land in Europa zu den Machern Schadenssumme handelt, beträgt der
gehören, nicht zu den Kleinen. Strafrahmen im Falle einer Verurtei-
Die Uhr zeigt kurz nach zehn am lung bis zu zehn Jahre Gefängnis.
Mittwochmorgen, die europäischen Geständnisse, immerhin, wirken
Staats- und Regierungschefs sind ge- ten die Ermittler auf eine Spur, die sie Fellner-Zeitung strafmindernd.
rade in der Plenarsitzung, als sich die für Erfolg versprechend genug halten, »Österreich«: »Wenn die Vorwürfe stimmen,
Kostspielige Annon­
Meldung in Wien und auch in Brdo um gegen den Kanzler und seinen in- cen gegen günstige
dann ist im Vergleich dazu Ibiza nur
verbreitet: In den frühen Morgen- nersten Zirkel vorzugehen. Im Kern Berichterstattung eine kleine Insel im Mittelmeer«, sagt
stunden gab es Hausdurchsuchungen geht es um den Verdacht, Kurz habe der Politologe Peter Filzmaier und
im österreichischen Kanzleramt, in als Außenminister und später als spielt damit auf die von SPIEGEL und
der Bundeszentrale der Kanzlerpartei ­Regierungschef seinen Vertrauten »Süddeutscher Zeitung« 2019 aufge-
ÖVP, im Finanzministerium und in Thomas Schmid, Generalsekretär im deckte Ibiza-Affäre an. Das heimlich
einem der wichtigsten Verlagshäuser Finanzministerium, dazu angestiftet, aufgenommene Video, in dem der
des Landes. »Elektronische Daten mit Geldern der öffentlichen Hand FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache
und Datenträger, Server, Laptops, schmeichelhafte Berichterstattung in 2017 auf der Baleareninsel über Pos-
Handys, Wechseldatenträger« seien Organen der Mediengruppe »Öster- tenschacher und Verscherbelung von
sicherzustellen, so steht es in der reich« zu erkaufen. Das Verlagshaus Staatseigentum schwadronierte, löste
Durchsuchungsanordnung, die der wird von den Brüdern Wolfgang und eine Lawine von Ermittlungen aus,
SPIEGEL und die Tageszeitung »Stan- Helmuth Fellner kontrolliert. Den die das Land noch auf Jahre hinaus
dard« einsehen konnten. Fellner-Brüdern sei ihr Entgegenkom- beschäftigen werden. Aus einer
Es ist ein politisches Erdbeben, das men mit Inseraten des Finanzminis- »b’soffenen G’schicht« (Strache) wur-
die Hauptstadt erschüttert und der teriums im Gegenwert von 1,33 Mil- de ein Kriminalfall mit zahllosen Er-
wundersamen Karriere des 35-jähri- lionen Euro binnen zwei Jahren ver- mittlungssträngen, die zunehmend
gen Bundeskanzlers Kurz ein schmäh- golten worden. auch die Kanzlerpartei ÖVP ins Zwie-
liches Ende bereiten könnte. Einen Sämtliche Beschuldigte bestreiten licht rückten.
vergleichbaren Schlag gegen die Exe­ die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Es geht dabei um Postenschacher,
kutive gab es in Österreich seit dem Doch die Ermittler von der WKStA illegale Parteienfinanzierung – und
Ende des Zweiten Weltkriegs nicht. scheinen sich ihrer Sache sicher zu nun auch um Stimmenkauf durch In-
Schnell sickert noch am Mittwochvor- sein. Mithilfe teils »frisierter und so- serate. Was Strache im nicht mehr
mittag ebenfalls durch: Gegen den mit verfälschter«, teils von Kurz-Ver- nüchternen Zustand von sich gab,
Bundeskanzler und neun weitere Be- trauten vorformulierter Meinungs- droht sich bei nüchterner Betrachtung

222
schuldigte wird ermittelt. Es geht um umfragen, die vorwiegend im Gratis- mehr und mehr als Abbild der Wirk-
den Verdacht der Untreue und der blatt »Österreich« platziert wurden, lichkeit herauszustellen.
Beihilfe zur Bestechlichkeit, im Fall sei ab 2016 versucht worden, die Haben Sebastian Kurz und sein
zweier Medienmanager um Untreue Stimmung beim Wahlvolk zugunsten Millionen Umfeld Dinge getan, von denen Stra-
und Bestechung. Beschuldigt werden
darüber hinaus die Mediengruppe
von Sebastian Kurz zu wenden.
Durch »Scheinrechnungen« in der
Euro che auf Ibiza nur träumte? Was wuss-
te Sebastian Kurz in der laufenden
»Österreich« sowie die Bundesorga- Größenordnung von 144 000 Euro Affäre tatsächlich? Wird er, der popu-
nisation der Kanzlerpartei ÖVP. habe man die Kosten für die Image- zahlte die lärste Kanzler seit Jahrzehnten, tat-
Was Österreich erlebt, ist nichts pflege des angehenden Kanzlers aus öffentliche sächlich nur aufgrund auseinander-
weniger als eine Staatsaffäre. Es geht Mitteln des Finanzministeriums be- gerissener »SMS-Fetzen« verdäch-
um die Frage, ob die Erfolgsgeschich- stritten – mit Steuerzahlergeld also. Hand in Öster- tigt, wie er noch am Mittwoch klagte?
te vom Wunderknaben Sebastian Wenn die Vorwürfe zuträfen, be- reich 2020 Kurz bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Kurz neu geschrieben werden muss
und ob sein Aufstieg an die Partei-
deutete das: Die Truppe um Kurz
hätte mit Steuergeldern manipulierte
für Werbung. Die WKStA sieht das anders. »Se-
bastian Kurz ist die zentrale Person:
und Staatsspitze in Wahrheit auf Umfragen und positive Berichterstat- Das sind Sämtliche Tathandlungen werden
einem korrupten System beruht, das tung bei führenden Medien erkauft, 44 Millionen primär in seinem Interesse began-
sein Umfeld, seine Partei und die um an die Macht zu kommen – und gen«, heißt es in der Anordnung zu
mächtigsten Medienmacher des Lan- dort auch zu bleiben. Es ist ein un-
Euro mehr den Hausdurchsuchungen. Es sei klar
des umfasst. So legt es jedenfalls der geheuerlicher Vorwurf, eine Affäre, als 2019 und »ersichtlich, dass er in allen wichtigen
Durchsuchungsbeschluss der Wiener die selbst im skandalerprobten Öster- 43 Millionen Belangen die Grundsatzentscheidun-
Wirtschafts- und Korruptionsstaats- reich, wo »Freunderlwirtschaft« gen trifft«. Jene Entscheidungen, die
anwaltschaft (WKStA) nahe. nichts Neues ist, ihresgleichen sucht. mehr als 2016. er für notwendig hielt, um 2017 erst
Zufallsfunde auf bereits früher be- Vergleichbares findet sich in west- Quelle: »Wiener­ Parteichef und dann Kanzler werden
schlagnahmten Mobiltelefonen brach- europäischen Demokratien selten. zeitung« zu können. Dass Kurz in den »Tat-

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 81


AUSLAND

plan« nicht eingeweiht war, könne »ausge- den Kern einer hermetisch organisierten war noch nie Kanzler. Sie schon, Sie haben
schlossen werden«. Truppe, deren zentrales Prinzip Loyalität zum es nicht gepackt.« Und Sprechvorlagen, die
Bedeutet das, dass da einer, der ursprüng- Anführer Kurz ist. Es handelt sich dabei um sich fast lesen wie Gedichte: »Damit man et-
lich versprach, mit seiner »neuen Volkspartei« mehr als eine Arbeits-, eher schon um eine was spürt, braucht es Stärke / Wir werden
alles anders zu machen, am Ende sogar noch Glaubensgemeinschaft. Verschworen und mit Mut und Stärke brauchen / Österreich ist
das Niveau der alten Hinterzimmerdeals im einem soliden Korpsgeist ausgerüstet, der, ­keine Insel der Seligen mehr / Die Bedrohun-
notorisch affärenverseuchten Österreich über- wie sich nun zeigt, Machtversessenheit und gen nehmen zu / Terror und Islamismus, Mi-
traf? Dass er, nur um schnell genug an die Pflichtvergessenheit begünstigt. grationsdruck, kriegerische Konflikte«.
Macht zu kommen, die Steuerzahler für Als Kopf der Truppe gilt Stefan »the brain« Auch eine Fährte zur aktuellen Affäre wird
Falschinformationen und Lobhudeleien zur Steiner, 43 Jahre alt, ein promovierter Jurist, bereits gelegt: »Umfrage in Auftrag geben« –
Kasse bitten ließ? Die Staatsanwälte werden der in Istanbul aufwuchs. Steiner, ein konser- »Mit S. K. alles besser« (S. K. ist Sebastian
den Beweis dafür anzutreten haben. Der vativer Law-and-Border-Mann, berät Kurz in Kurz –Red.) – »Inserate beauftragen«.
Kanzler gibt sich derweil kampflustig. sämtlichen strategischen Fragen bis heute. Die personell wie programmatisch ausge-
Ob er wirklich im Amt bleiben wolle, wird Die WKStA wirft ihm nun vor, daran mitge- blutete ÖVP liegt damals in den Umfragen
er am Mittwochabend in der Nachrichten- wirkt zu haben, »die Umfrageergebnisse samt weit abgeschlagen hinter der fast doppelt so
sendung »ZiB2« des österreichischen Fern- ihren Veröffentlichungen für ausschließlich starken rechtspopulistischen FPÖ, auch hinter
sehens gefragt – obwohl gegen ihn der Ver- parteipolitische Zwecke zu nutzen«. der SPÖ. Dem ehrgeizigen Außenminister
dacht der Falschaussage, der Anstiftung zur Maßgeblich aus Steiners Feder stammt Kurz aber, der auf seine Chance lauert, fehlen
Untreue und der Beihilfe zur Bestechlichkeit bereits der Masterplan zu Kurz’ Machtüber- damals noch das Geld und der Rückhalt in
im Amt besteht? »Selbstverständlich«, ant- nahme in Partei und Regierung: Jenes an- der Partei, um einen Aufstand gegen Partei-
wortet Kurz, er sehe dem, was da kommt, fangs »Projekt Ballhausplatz« getaufte chef und Vizekanzler Mitterlehner zu wagen.
»sehr gelassen entgegen«. Sein gerötetes Ge- Papier, das akribisch die nötigen Schritte Und so erfindet man im Frühjahr das »Bein-
sicht verrät nicht, ob er ahnt, dass dieser Tag in Richtung Kanzleramt aufschlüsselt – es schab Österreich Tool« – einen Hebel, um
das endgültige Ende seines kometenhaften liegt dem SPIEGEL und dem »Standard« vor. mithilfe der Meinungsforscherin Sabine Bein-
Aufstiegs markieren könnte. Beschrieben wird darin, was zu tun wäre, schab und der Mediengruppe »Österreich«
um zuerst den glücklosen ÖVP-Chef Rudolf den Kronprinzen Kurz schnellstmöglich auf
Vom »wunderkind conservative« schwärmte Mitterlehner aus dem Amt zu kippen und den Thron zu hieven.
die »New York Times« noch im Herbst anschließend die Regierung, eine zerstrittene »Gute Umfrage, gute Umfrage«, schreibt
2019 – nachdem Sebastian Kurz wie schon Koalition mit der sozialdemokratischen der Außenminister in einer Kurznachricht
2017 einen triumphalen Wahlsieg errungen SPÖ, aus den Angeln zu heben. Das alles, vom Dezember 2016, als die Meinungs­
hatte. In Deutschland, auch im SPIEGEL, wur- wohlgemerkt, lange vor dem Sturz Mitter- forscherin für seine eigene Partei offensicht-
de der steile Aufstieg des »Wunderwuzzis« lehners. lich auftragsgemäß einen Minusrekordwert
aus Wien von Anfang an mit einer Mischung Das »Projekt Ballhausplatz« ist eine Art von 18 Prozent vermeldet. Klingt absurd?
aus Faszination und Skepsis begleitet. Mit Strategiepapier gewordenes »Ich will hier Nicht aus Sicht von Kurz. Fünf Monate später
24 Jahren war Kurz schon Staatssekretär, mit rein«. Heute ist es in Auszügen Teil des gibt der entnervte Mitterlehner auf und Kurz
27 Außenminister, mit 31 Bundeskanzler. Durchsuchungsbeschlusses gegen den Re­ lässt sich bald darauf vor mehr als 1000 ju-
Der österreichische Konservative weckte gierungschef. belnden Mitgliedern sowie sechs ehemaligen
auch im Nachbarland Sehnsüchte. Noch ver- Kurz und seine Strategen trauen sich da- Parteivorsitzenden in Linz als neuen ÖVP-
gangene Woche forderte der Junge-Union- mals das Kunststück zu, ihre Partei, die seit Chef feiern.
Vorsitzende Tilman Kuban: »Wir brauchen drei Jahrzehnten mit an der Regierung ist, so Die Umfragen in »Österreich«, die die Par-
einen deutschen Sebastian Kurz.« Er war in umzufärben, dass man ihr abnimmt, sie sei tei erst ungeheuer schlecht dastehen ließen
der Union nicht allein mit dem Wunsch des plötzlich »Anti-Establishment«. Ein kompe- und deren Werte nach Kurz’ Ernennung zum
»Hätten wir doch nur auch so einen«. Der tentes Zukunftsteam und bewunderungswil- Parteichef plötzlich durch die Decke gingen,
konservative Flügel der CDU pflegte enge lige »Jünger« an der Seite von Sebastian Kurz sollen teils manipuliert gewesen sein, sagen
Verbindungen nach Wien, am nächsten dran seien dafür nötig, so steht es im Papier. Es ist nun die Ermittler. Eine Datenauswertung
war Gesundheitsminister Jens Spahn, der teilweise nicht mehr als eine Stichwortsamm- des »Standard« zeigt Auffälligkeiten: Nach-
schon 2017 mit Kurz dessen Wahlsieg feierte. lung – so steht darin, man brauche »FPÖ- dem die neue Umfragefirma beauftragt wor-
Auch die »Bild«-Zeitung bekam nicht genug Themen‹, aber mit Zukunftsfokus«, was das den war, dümpelte die ÖVP bei rekordnied-
vom jungen österreichischen Kanzler. Prinzip Kurz recht gut beschreibt. Weitere rigen 18 Prozent – und stieg nach Kurz’ Er-
Was lange niemand ahnte: Die wundersa- Punkte: »Senkung Asyl-Obergrenze, Orien- nennung plötzlich auf 35 Prozent. Stets lie-
me Karriere des jungen Parteifunktionärs und tierung an der Schweiz«. Oder: »Respekt gen die Ergebnisse am äußersten Rand der
Studienabbrechers aus dem Wiener Arbeiter- vor Eltern/Großeltern/Aufbau: jetzt schlecht, Schwankungsbreite.
bezirk Meidling folgte quasi von Anfang an Vision, wo wir hin«. Die Rechnung von Kurz geht auf. Mitte
einer strengen Regieanweisung. Mitverant- Das Papier klingt wie eine Blaupause der September 2017, auf einem Flug von Wien
wortlich dafür war und ist der in der laufenden späteren Kanzlerschaft von Kurz. Sogar die nach New York, sitzt Kurz in der Economy
Inseratenaffäre mitbeschuldigte Stratege Ste- markanten, kantigen Sätze seines Spindok- Class, unterwegs zur UN-Generalversamm-
fan Steiner. Er war bereits an jenem Abend tors Gerald Fleischmann für mögliche TV- lung und platzt fast vor Optimismus. Die Um-
dabei, der mittlerweile als Geburtsstunde des Debatten sind bereits darin enthalten: »Ich fragen sehen ihn nun landesweit vorn. Würde
»Systems Kurz« gelten darf: Am 18. April er auch mit der rechten FPÖ koalieren? Ach,
2011, als im dritten Stock der ÖVP-Parteizen- wissen Sie, sagt Kurz, rechts und links, das
trale an der Wiener Lichtenfelsgasse bis in die seien doch »Schubladen des vergangenen
frühen Morgenstunden hinein darüber beraten Jahrhunderts«.
wurde, wie der Jungkonservative Kurz auf Drei Monate später zieht Kurz nach ge-
seinen neuen Posten als Staatssekretär für In- »Geniales Investment. Und wonnener Nationalratswahl als Chef einer
tegration vorbereitet werden könnte. Es ging Fellner ist ein Kapitalist. Koalition mit der Strache-FPÖ ins Kanzler-
um den Weg zur Macht. amt ein – mit jener Partei also, deren Themen
Viele, die damals bei Fertigpasta vom Lie- Wer zahlt, schafft an.« man sich laut »Projekt Ballhausplatz« zum
ferservice mitdiskutierten, bilden bis heute SMS des Kurz-Vertrauten Thomas Schmid Teil einverleiben wollte.

82 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


AUSLAND

Der »neue Stil«, den Kurz im Wahlkampf ver­


Unter Verdacht sprach, war auch als bewusste Absage an
Freunderlwirtschaft und Kungelei gedacht,
Vorwürfe im Umfeld der ÖVP an den mühsam austarierten Proporz zwi­
und der Fellner-Mediengruppe schen den Sozialpartnern und Interessenver­
tretern, an all das, was Nachkriegsösterreich
so berechenbar und sozialverträglich, aber
Sebastian Kurz auch satt gemacht hat.
Bundeskanzler und ÖVP-Parteichef Österreichs politische Landschaft sei voll
von »Sümpfen und sauren Wiesen«, befand
schon 1980 der damalige Bundespräsident
soll als Außenminister (ab 2013) Rudolf Kirchschläger. Dass Spezis aus der
und später als Bundeskanzler
(ab 2017) Schmid beauftragt eigenen Partei Posten und Pfründen zu­
haben, Umfragen und geschanzt werden, ist keine Erfindung von
Medienberichte zu seinen
sollen Gunsten zu organisieren Sebastian Kurz und seiner Truppe. Sie haben
Kooperation das bewährte System nur fortgeführt, profes­
mit den von
ihnen herausge- sionalisiert und auf die Spitze getrieben – in­
gebenen Medien dem der Ertrag, der an den Futtertrögen und
angeboten haben
Schalthebeln erwirtschaftet wird, nicht mehr
so sehr der Partei, sondern vor allem einer
Person zugutekommt. Nämlich Kurz selbst.
Thomas Das gilt auch für den Verdacht der Insera­
soll als Kabinettschef Schmid
und später als Generalsekretär Ex-Vorstand der tenkorruption im aktuellen Verfahren. Die
im Finanzministerium (2013 bis Österreichischen Sache an sich ist nichts Neues in Österreich,
2019) eine Vereinbarung zur Bericht- Beteiligungs AG aber die nun beschriebenen Ausmaße über­
erstattung abgeschlossen haben
steigen alles bisher Bekannte. »Mit den über­
bordenden Inseratenschaltungen hat das Ende
der 1990er-Jahre während der Kanzlerschaft
des Sozialdemokraten Viktor Klima begon­
Stefan Steiner nen«, sagt der Politologe und Anti-Korrup­
Kurz-Berater, davor ÖVP- tions-Kämpfer Hubert Sickinger. Der ÖVP-
Generalsekretär, davor
Zusammenarbeit mit Kurz Kanzler Wolfgang Schüssel habe diese Praxis
im Integrationsstaatssekre- dann übernommen: »Teilweise haarsträubend
tariat und Außenministerium
wurde die informelle Medienförderung schon
zu Zeiten der großen Koalition gehandhabt,
Johannes Frischmann aber unter Sebastian Kurz wurde es noch
Pressesprecher des schlimmer.«
Bundeskanzlers, 2014 bis
2017 Pressesprecher im Das Prinzip funktioniert so: Die Regierung
Finanzministerium oder staatseigene Betriebe schalten vor allem
Wolfgang und Helmuth Fellner in den auflagenstarken Boulevard- und Gra­
österreichische Medienunternehmer tiszeitungen kostspielige Annoncen und er­
Gerald Fleischmann
sollen von Schmid vor- Kanzlerbeauftragter für hoffen sich im Gegenzug günstige Bericht­
gegebene redaktionelle Medien, davor Zusammen- erstattung. Der sozialdemokratische Ex-
Inhalte veröffentlicht haben. arbeit mit Kurz im Integra-
Im Gegenzug sollen Inserate tionsstaatssekretariat und
Kanzler Werner Faymann hatte das System
geschaltet worden sein. Außenministerium in seiner Amtszeit als Infrastrukturminister
Angeblicher Wert:
über 1 Million Euro dermaßen entschlossen ausgenutzt, dass die
Staatsanwälte mehr als zwei Jahre lang gegen
Johannes Pasquali
Finanzministeriums-
ihn ermittelten. Am Ende wurde das Verfah­
Tageszeitung Sprecher ren eingestellt und ein verschärftes Gesetz für
»Österreich« soll Zahlungen aus Mitteln »Medienkooperationen« erlassen.
und Online- des Finanzministeriums
An dieser spezifisch österreichischen Form
Ableger angewiesen haben
oe24.at von »infusionsgesteuertem Journalismus«,
Ihr Unternehmen soll die wie der Ex-Abgeordnete Peter Pilz spottet,
Umfragen erstellt und
Scheinrechnungen hat sich seither dennoch wenig geändert. Was
dafür gestellt
sollen
die Bundesregierung unter Sebastian Kurz
haben.
geschönte angeht, sind die Ausgaben für Inserate vor
Umfragen in allem während der Coronakrise 2020 explo­
Auftrag gegeben
Sabine Beinschab und koordiniert haben diert. Den Rekordausgaben von 47,3 Millio­
Marktforscherin und nen Euro steht, Zufall oder nicht, ein Rekord­
langjährige Geschäfts- popularitätswert für die Kurz-ÖVP jenseits
partnerin von Karmasin
der 40 Prozent im April 2020 gegenüber.
Die Umfragen sollen als Doch diese staatlichen Inserate in Millio­
Studien für das Finanz- Sophie Karmasin
ministerium abgerechnet Marktforscherin, von 2013 bis nenhöhe kommen nicht allen Medien glei­
worden sein. 2017 parteilose Ministerin für
Familie und Jugend (von der
chermaßen zugute: Die Hauptprofiteure sind
ÖVP nominiert) die auflagenstärksten Blätter des Landes –
»Österreich«, »Heute« und die »Kronen Zei­
S Quelle: »Der Standard« tung«. Allesamt sind es Blätter, die der Re­

Joe Klamar / AFP; Hans Punz / APA / picture alliance / dpa (2); Roman Babirad / babiradpicture – abp; Michael Gruber / EXPA / picture alliance / dpa;
Eibner Europa / IMAGO; Helmut Fohringer / APA / picture alliance / dpa; Christian Forcher; Trend Wolfgang Wolak / picture alliance / dpa gierung Kurz zumeist wohlwollend gegen­

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 83


AUSLAND

überstehen. Der Verdacht, dass da staatliche dass es eine Gegenleistung gab, nämlich Be- gerichteten Vorwürfe. Ihnen drohen langjäh-
Millionen auch gegen wohlwollende Bericht- richterstattung und ein Inserat, das ist nämlich rige Haftstrafen.
erstattung fließen, stand deshalb schon vor der Preis, den man bezahlt.« Offenbarte hier Sollte Sebastian Kurz tatsächlich im Zen-
den Ermittlungen der Staatsanwälte im Raum. ein Politiker unter Druck, dass er es für selbst- trum dieser Affäre stehen, wie die Staatsan-
Die politisch Verantwortlichen kennen da, verständlich hält, dass man Berichterstattung wälte unterstellen, so richtet sich das Rampen-
wie man in Wien sagt, keinen Genierer. Der kaufen kann? licht dennoch – einmal mehr – auf einen der
Kanzlervertraute Wolfgang Sobotka, immer- Festzuhalten bleibt: Von den reichweiten- engsten Kanzlergetreuen: Thomas Schmid.
hin Nationalratspräsident, formulierte es im starken Zeitungen des Landes taucht in den Der 45 Jahre alte Spitzenbeamte aus Tirol
Gespräch mit dem nun beschuldigten Verleger Akten der WKStA bisher nur »Österreich« taucht in vielen Verfahrenssträngen auf, die
Wolfgang Fellner im vergangenen Dezember auf. Über mögliche Absprachen mit dem sich seit Veröffentlichung des Ibiza-Videos
so: »Na, Sie kennen das G’schäft, fürs Inserat Marktführer »Kronen-Zeitung« des Verleger- mit dem Umfeld der türkisen Kurz-ÖVP be-
gibt’s ein Gegengeschäft.« Neu daran ist die sohns Christoph Dichand oder mit dem Gra- schäftigen. Außer gegen den Bundeskanzler
Erkenntnis, dass das Ganze einem richtigen tisblatt »Heute« seiner Gattin Eva ist bisher sind derzeit Verfahren anhängig gegen Fi-
System folgen könnte. Dem System Kurz. noch nichts bekannt. nanzminister Gernot Blümel und zwei seiner
Der Unternehmer Fellner ist seit mehr als Amtsvorgänger; gegen die Justizsprecherin
einem halben Jahrhundert am österreichi- Wer schon immer der Meinung war, dass Jour- der ÖVP, außerdem gegen die ehemalige stell-
schen Medienmarkt unterwegs. Nur wenige nalisten »die größten Huren auf dem Plane- vertretende Parteivorsitzende, gegen einen
Spitzenpolitiker wagen es, ihm und seinem ten« sind, wie es Heinz-Christian Strache in Ex-Justizminister und den suspendierten Spit-
reichweitenstarken Verlag die kalte Schulter der mit Kameras bestückten und verwanzten zenbeamten im Justizministerium.
zu zeigen. Sebastian Kurz war noch am ver- Finca auf Ibiza ausdrückte, der mag sich durch Einigen der Beschuldigten wurde zum Ver-
gangenen Samstag zu Gast beim Fellner-Sohn die jüngsten Veröffentlichungen in Österreich hängnis, dass der mitteilsame Kurz-Vertraute
Niki im Fernsehsender oe24-tv. bestätigt fühlen. Mindestens ebenso verhee- Schmid seine Nachrichten nicht vollständig
Durch die WKStA ausgewertete Chats rend ist nach Ansicht der Staatsanwälte löschte. An die 300 000 Textnachrichten
zeichnen nun das Bild einer bemerkenswerten ­jedoch das Verhalten der Politiker und Staats- konnten die Ermittler rekonstruieren, unter
Symbiose zwischen Politikern, Staatsdienern diener, das nun im Strafakt 17 St 5/19d nach- anderem mithilfe einer Festplatte, einer Art
und Medienunternehmern. Der Kurz-Ver- gezeichnet ist. Zeitmaschine. Auf ihr waren Inhalte gespei-
traute Schmid, erst höchster Beamte im Fi- Die »objektive und fallspezifische Schwe- chert, die nun immer tiefer hineinführen ins
nanzministerium, dann befördert zum Chef re der vom Tatverdacht umfassten strafbaren Gestrüpp der konservativen Spezlwirtschaft.
der Staatsholding Öbag, bietet den Fellners Handlungen und deren Strafdrohung von bis Der Karrierebeamte Schmid arbeitete
ein vom Steuerzahler finanziertes »package« zu zehn Jahren« rechtfertigten die flächen- ­bereits für den konservativen Ex-Kanzler
an Inseraten an und schwärmt dann: »Genia- deckenden Hausdurchsuchungen beim Kanz- Wolfgang Schüssel und stieg 2015 als General-
les Investment. Und Fellner ist ein Kapitalist. ler und seinen Mitverdächtigen, schreiben die sekretär auf zum mächtigsten Mann im Fi-
Wer zahlt, schafft an. Ich liebe das.« Kanzler Ermittler in ihrer Anordnung: »Zu berück- nanzministerium. Steuergelder verstand er
Kurz bedankt sich bei Schmid, was dieser ser- sichtigen ist hier auch die besonders proble- offenkundig als Lehen, die er vergeben durf-
vil erwidert: »Immer zu deinen Diensten.« matische und das Herzstück einer Demokra- te. Eine Budgeterhöhung für das Außenmi-
Wenn die Fellners ausnahmsweise nicht tie – nämlich freie und unbeeinflusste Wahl- nisterium um 160 Millionen Euro kommen-
spuren und Umfrageergebnisse nicht zum ver- entscheidungen – missachtende Motivation tierte er mit dem Satz an die Adresse des
sprochenen Zeitpunkt bringen, schlägt der Tathandlungen.« Ressortchefs Kurz: »Das haben wir NUR für
Schmid andere Töne an: »Wir sind echt Der Tonfall, in dem die Staatsanwälte ihr Dich gemacht«. Anschließend schrieb er dem
sauer!!!! Mega sauer«. Einem Pressesprecher Vorgehen rechtfertigen, klingt nach mehr als späteren Finanzminister Blümel: »Kurz kann
in seinem Ministerium, der die Spielregeln nur professioneller Entrüstung. Dazu beige- jetzt Geld scheissen.« Vom Finanzministe-
noch nicht begriffen hat und sich wundert, tragen haben mag die Chuzpe, mit der die rium aus betrieb Schmid seinen Aufstieg zum
warum ein geplanter Artikel in »Österreich« Strippenzieher im Finanzministerium und die Chef der mehr als 26 Milliarden Euro schwe-
nicht erscheint, hilft Schmid auf die Sprünge: Meinungsforscherin Beinschab ihre »verdeck- ren Staatsholding Öbag.
Die Fellners hätten ihr Geld nicht rechtzeitig ten Geschäfte« unter Titeln wie »Betrugsbe- Schmids häufig vulgäre, im Tonfall zwi-
erhalten, »die stehen noch auf Null«. kämpfungsstudie« abwickelten. Beinschab, schen Hochmut und Servilität changierende
Der Eindruck der Käuflichkeit von Medien ehemals Geschäftspartnerin der späteren Fa- Ausdrucksweise hat seit Bekanntwerden der
und Politikern, der hier entsteht, rührt an den milienministerin Sophie Karmasin, durfte im ersten Chats maßgeblich beigetragen zum
Kern der österreichischen Demokratie. Fellner-Imperium ihre offenbar teils zuguns- Entsetzen, das nicht nur weite Teile des bür-
Die frühere österreichische Außenminis- ten von Kurz manipulierten Umfragen auch gerlichen Lagers beim Blick auf das aktuelle
terin Karin Kneissl beurkundete als Zeugin noch fürs ahnungslose Wahlvolk als »unab- politische Spitzenpersonal Österreichs ergrif-
vor dem Ibiza-Untersuchungsausschuss be- hängige Expertin« kommentieren. Beinschab fen hat. Als Schmids Beförderung zum Öbag-
treffend »mutmassliche Käuflichkeit der wie Karmasin bestreiten sämtliche gegen sie Chef noch ausstand, klang das so:
­türkis-blauen Bundesregierung« ihr Erstau- – »Ich liebe meinen Kanzler« (Schmid an
nen über die gängige Praxis: »Der Zweck Kurz)
­dieser Regierungsinserate ist sicher unter an- – »Ich bin einer deiner Prätorianer der keine
derem – so habe ich es verstanden – sich den Probleme macht sondern löst« (Schmid an
guten Willen der Berichterstattung zu erkau- Kurz)
fen.« Kneissl veranlasste massive Kürzungen – »Ich stürze mich heute in die Donau und
des betreffenden Etats in ihrem Ministerium du bist schuld« (Schmid an Blümel, als Pro­
und erntete daraufhin heftige Proteste »aus bleme auftraten); »Pass auf dass du nicht auf
fast allen Redaktionen«. mich drauf springst (Blümel an Schmid)
Am Mittwochabend schien Kurz seiner- – »Kriegst eh alles« (Kurz an Schmid)
seits zuzugeben, dass genau das der Sinn sol- – »Devote liebe kann auch nett sein« (Blümel
cher Anzeigen ist. Auf die Frage des Modera- an Schmid)
tors, ob er von einer Gegenleistung für die Es ist, als beugten sich da ein paar alte Bud-
staatlichen Anzeigen wisse, wich er zuerst dys über eine Karte, die ihr Land im Lilliput-
aus und sagte dann plötzlich: »Ich hoffe sehr, FPÖ-Chef Strache auf Ibiza 2017 format zeigt, während sie sich darüber unter-

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AUSLAND

halten, wer von ihnen dort was ab- Scheiterns wird er sich an einen
greifen darf. Am entrücktesten klingt ­Moment wohl noch lange erinnern:
auch in der neuesten Affäre Schmid, das Hintergrundgespräch mit Jour­
gegen den im vergangenen Jahr zu- nalisten am Abend des 20. Januar
sätzlich wegen des Verstoßes gegen 2020 im Alois-Mock-Saal der ÖVP-
das Suchtmittelgesetz ermittelt wur- Parteiakademie, unweit von Kurz’
de. Dass »Mitterlehner ein Arsch« sei, Wohnung im Stadtteil Meidling ge-
beschreibt er genauso unverblümt legen.
wie die Ahnung, dass man es beim Der Kanzler ortete damals, ohne
»Rechnen« mit den Umfragewerten Belege zu erbringen, ein angeblich
nicht übertreiben dürfe, »sonst wird »rotes« Netzwerk von Staatsanwälten
es unglaubwürdig«. Den Beschuldig- in der WKStA. Die schwerwiegende
ten, schreibt die WKStA, habe es Anschuldigung wurde publik und be-
nicht am »Unrechtsbewusstsein« ge- lastet seither das Verhältnis zwischen
fehlt – erkennbar schon an Schmids den Korruptionsermittlern und dem
Bitte, ihm bitte kein kompromittie- Regierungslager. Noch am Dienstag
rendes Material auf die berufliche wetterte des Kanzlers Mann fürs Gro-
Mailadresse zu schicken. be, der Abgeordnete Andreas Hanger,
auf großer Bühne über »linke Zellen
Ibiza reloaded: »So sind wir nicht. So in der WKStA« und über den Versuch
ist Österreich nicht«, sprach nach einiger weniger, den Rechtsstaat zu
­Bekanntwerden des Videos mit FPÖ- »vereinnahmen«. Doch tatsächlich
Chef Strache in der Hauptrolle 2019 gingen die Ermittler in der Vergan-
in seiner Rede an die Nation Bundes- genheit auch gegen SPÖ-Politiker
präsident Alexander Van der Bellen. vor. Und im Justizministerium hatten

Lisa Leutner / AP
Inzwischen aber ist klar, dass die ÖVP fast immer Konservative das Sagen –
nicht nur die Wahlkampfkosten 2017 auch das spricht gegen eine rote Ver­
um fast das Doppelte des Erlaubten schwörung.
überzogen hat. Sondern auch, dass Die Opposition verteidigt die
Großspenderinnen und -spender wie le täglich auf mich draufprügeln, un- Anti-Kurz-Protest in WKStA entsprechend als Brücken-
die Milliardärserbin Heidi Goëss- abhängig davon, was ich mache, aber Wien am Donnerstag kopf der Rechtsstaatlichkeit in einem
Horten oder der Unternehmer Klaus es wundert oder irritiert mich nicht Österreich, in dem es Kurz und seine
Ortner den Christkonservativen Be- mehr sonderlich nach all den Jahren«, Verbündeten an Respekt für die Ge-
träge in Höhe von jeweils fast einer sagte er dem SPIEGEL an einem Som- waltenteilung fehlen ließen. Weil sie
Million Euro zukommen ließen. Im merabend im Fond seiner Dienst­ nur massive Kritik an Teilen der Jus-
Visier der Staatsanwälte sind unver- limousine auf dem Rückweg nach tiz übten und missliebige Bericht-
ändert diverse ÖVP-nahe Vereine, bei Wien. Das klang weder wirklich über- erstattung beklagten. Den 40 Ermitt-
denen dem Verdacht nachgegangen zeugend noch einsichtig. Der Kanzler lerinnen und Ermittlern der WKStA
wird, sie könnten der verdeckten Par- steht erkennbar an einer Wegscheide. und ihrer Arbeit im Gebäude an der
teienfinanzierung dienen. Für Kurz ging es lange Zeit nur Wiener Dampfschiffstraße kommt in-
Diese ganze Frage steht bei den bergauf – bis das Ibiza-Video kam. zwischen überproportionale Auf-
bisher bekannt gewordenen Ermitt- Dem jungenhaften Superstar in sei- merksamkeit zu – Sinnbild einer in
lungen noch gar nicht im Zentrum: nen nachtblauen Slimfit-Anzügen Sachen Kurz zutiefst gespaltenen Ge-
Woher Kurz eigentlich die Geldsum- schien alles wie von selbst zu gelin- Millionen sellschaft.
men hatte, mit denen er sich einen gen: bis die Staatsanwälte, beginnend für die Allen Anschuldigungen zum Trotz
amerikanisch anmutenden Wahl- mit den beschlagnahmten Handys genießen der Kanzler und seine
kampf finanzierte – und ob es dafür von Strache und seinem Kompagnon
Medien ÖVP noch immer die Unterstützung
eine Gegenleistung gab? Johann Gudenus, den Datenwust im Werbeausgaben der von mindestens einem Drittel der
Der Kurz-Vertraute und milliar- Umfeld der beiden Regierungslager öffentlichen Hand in Wähler – SPÖ, FPÖ und Grüne folgen
denschwere Investor René Benko hat zu durchforsten begannen. Österreich, in Mio. mit erheblichem Abstand. Beim grü-
Euro, Top-5-Empfänger
sich mittlerweile zu knapp einem Als Kurz wegen des Verdachts auf nen Koalitionspartner, der mit Alma
Viertel bei der immer noch meinungs- Falschaussage vor dem Parlamenta- Veränderung ggü. Zadić die Justizministerin stellt, rang
2019 in Prozent
machenden »Kronen-Zeitung« ein- rischen Untersuchungsausschuss am man bis zum späten Donnerstag-
gekauft. Der vietnamesischstämmige 3. September vor einem Richter am »Kronen Zeitung« abend mit der Frage, ob ein dreier
Wiener Großgastronom Martin Ho, Wiener Landesgericht für Strafsachen 26 +36 Straftatbestände Beschuldigter weiter
mit dem Kurz sich gern ablichten ließ aussagen muss, wird deutlich, wie ORF
Regierungschef sein sollte.
und den er als Freund bezeichnete, sehr ihm das Ganze gegen den Strich 24 +19
Sebastian Kurz, der Überflieger
steht wegen des Verstoßes gegen die geht: »Ich weiß nicht, wie Sie mich aus Wien-Meidling, hat sein Schicksal
Coronaregeln und Anschuldigungen, einschätzen, aber ich bin kein Voll- »Heute« inzwischen nicht mehr selbst in der
in seinen Klubs würde mit Drogen idiot«, erklärt er da von oben herab 16 +31 Hand. An Rücktritt denkt er nicht,
gehandelt, massiv unter Beschuss. Ho und dass er schließlich kein »Trottel« »Österreich« aber ganze sechs grüne Stimmen bei
bestreitet sämtliche gegen ihn er­ sei, der die Unwahrheit sagt, wenn 15 +30 einem Misstrauensantrag würden ge-
hobenen Vorwürfe. Zehntausende SMS über die gesamte nügen, um den Regierungschef zum
Wer Sebastian Kurz seit Jahren be- Regierungszeit verfügbar wären, um »Kurier« zweiten Mal nach 2019 aus dem Amt
gleitet, im In- wie im Ausland, der das Gegenteil zu beweisen. 11 +22 zu fegen.
stellt fest, dass der Regierungschef In der Nacht auf Freitag ist unklar, Dass Kurz die Gründe dafür ein-
* Stammmedien inklusive
dünnhäutiger geworden ist. »Ich wer- ob Kurz sich an der Spitze der Regie- Beteiligungen und Beilagen sähe, darf bezweifelt werden.
de es nicht ändern können, dass vie- rung halten kann. Im Falle seines S Quelle: »Wiener Zeitung« Mitarbeit: Oliver Das Gupta n

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schon bescheidenen Popularitätswer-


te des Präsidenten noch weiter in den
Keller schickte. Und nun verstricken
sich die Demokraten auch noch in

Die Biden-Blockade
einen Grabenkampf auf dem Capitol
Hill, von dem allein die Republikaner
profitieren.
»Alle sind frustriert«, sagte Biden
am vergangenen Samstag, als er nach
USA  Präsident Joe Biden versucht verzweifelt, die zerstrittenen Demokraten einer Woche erfolgloser Verhandlun-
gen in einen Hubschrauber stieg und
auf seine Reformagenda einzuschwören. Scheitert er, in seine Heimat Delaware flog. Als
wird die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus wahrscheinlicher. er am Montag zurückkehrte, hatte
sich sein Ärger nicht verzogen. Über
das Wochenende war ein Video

E
s ist nur eine leichte Übertrei- erneuern. Sollten die Demokraten in ­öffentlich geworden, das wütende
bung zu sagen, dass das Schick- Schlechtes den nächsten Wochen nicht in der Demonstranten zeigt, die Sinema zur
sal der Vereinigten Staaten der-
zeit an Kyrsten Sinema hängt – einer
Zwischen- Lage sein, ihre Mehrheit im US-Kon-
gress zu nutzen, dann dürften sie die
Rede stellen und ihr bis in die
­Damentoilette einer Universität in
Frau, von der bis vor wenigen Wo- zeugnis Kongresswahlen im November 2022 Phoenix folgen. Ein Reporter fragte
chen die meisten Amerikaner allen- Zustimmungswerte verlieren; und dann könnte auch Do- Biden, was er davon halte. Der Prä-
falls am Rande Notiz genommen ha- der US-Präsidenten nald Trump gute Chancen haben, im sident sagte nicht, dass er es empö-
ben. Sinema hatte kurz Schlagzeilen seit 1945 nach jeweils Januar 2025 wieder ins Weiße Haus rend finde, wie eine US-Senatorin
260 Tagen im Amt, in
produziert, als sie im Januar 2019 Prozent zurückzukehren. belästigt werde, er fand auch keine
als erste offen bisexuelle Frau in den Schon jetzt steht der Ex-Präsident aufmunternden Worte für seine Par-
US-Senat einzog. Und dann sorgte sie Die Beliebtesten in den Startlöchern. Ein ehemaliger teifreundin. Sondern meinte kühl:
in der notorisch verklemmten Beam- George W. Bush Mitarbeiter, der regelmäßig Golf mit »Das gehört zum Geschäft.«
tenstadt Washington noch einmal für 82 ihm spielt, sagt: ⁣ »Wenn es seine Ge- Eigentlich hat die Wahl im Novem-
Aufregung, als sie im Mai des vergan- sundheit zulässt, ist er entschlossen ber 2020 den Demokraten eine ein-
genen Jahres mit einer violetten John F. Kennedy anzutreten.« Das Chaos bei den De- malige Chance verschafft: Sie trug
­Perücke im Kongress auftrat, was wie 79 mokraten ist so eklatant, dass der Ex- Biden nicht nur ins Weiße Haus, son-
eine Hommage an Scarlett Johansson Harry S. Truman Präsident angeblich nur mit Mühe dern sicherte der Partei auch die
wirkte, die mit einer ähnlichen Perü- 75 davon abgehalten werden konnte, Mehrheit in Senat und Repräsentan-
cke einen unvergessenen Auftritt in schon jetzt seine Kandidatur zu er- tenhaus. Es ist eine Lage, die einer
dem Film »Lost in Translation« hatte. klären. Als ihn vor drei Wochen der glücklichen Sternenkonstellation
Ansonsten ist nur wenig über die Die Unbeliebtesten Fox-News-Moderator Sean Hannity gleichkommt – zuletzt gab es sie für
Politikerin Sinema bekannt. Sie gibt Joe Biden fragte, ob er im Jahr 2024 bereitstün- die Demokraten zwischen den Jahren
so gut wie keine Interviews und er- 44 de, sagte Trump: »Ich denke, viele 2009 und 2011, nach der Wahl Barack
greift im Senat eher selten das Wort, Gerald Ford unserer Freunde werden sehr glück- Obamas.
weshalb nicht wenige Demokraten 38 lich sein, aber im Moment darf ich die Theoretisch haben die Demokra-
auf dem Capitol Hill den Eindruck Frage noch nicht beantworten.« ten die Macht, fast alles durchzuset-
haben, dass sie ihr politisches Pro- Donald Trump Es ist kein Wunder, dass Trump so zen, was ihnen am Herzen liegt: nicht
gramm am besten mit einem Insta­ 38 ungeduldig ist. Derzeit wirkt es fast nur ein Infrastrukturpaket, das über
gram-Post zusammengefasst hat. Er so, als hätten Biden und die Demo- eine Billion Dollar kostet und das
S Quelle: FiveThirtyEight,
zeigt, wie sie durch einen Strohhalm Stand: 7. Okt. kraten die Absicht, dem Ex-Präsiden- unter anderem dafür sorgen soll, die
ein Glas Sangria leert und einen Ring ten das Weiße Haus freiwillig zu über- chronisch unterfinanzierte US-Eisen-
in die Kamera hält, der die Aufschrift lassen. Statt wie versprochen mit Um- bahngesellschaft Amtrak zu einer
»Fuck off« trägt. sicht und Verstand zu regieren, geriet echten Alternative zu Auto und Flug-
Niemand treibt die demokratische der Abzug der US-Truppen in Afgha- zeug auszubauen. Sondern auch das
Partei derzeit so zur Verzweiflung wie nistan zum Debakel, was die ohnehin noch viel weitergehende Sozialpaket,
die Senatorin aus Arizona, die einst das mit 3,5 Billionen Dollar das fast
als linke Aktivistin gestartet war und sechsfache Volumen des deutschen
nun mit ihrem sturen Nein nicht nur Bundeshaushaltes umfasst – und mit
die komplette Reformagenda von dem die USA einen großen Schritt in
Präsident Joe Biden versenken könn- Richtung Sozialstaat europäischer
te, sondern die Wahlchancen der De- Prägung machen würden.
mokraten gleich mit. Seit Wochen Biden will unter anderem Müttern
Jabin Botsford / The Washington Post / Getty Images

schon kritisiert Sinema zentrale Teile eine dreimonatige bezahlte Auszeit


von Bidens mehrere Billionen Dollar verschaffen und jeder Familie einen
umfassendem Reformpaket, darunter Kitaplatz garantieren. Eltern sollen
den Plan, die Unternehmensteuern bei der Steuer massiv entlastet wer-
zu erhöhen, und die Initiative, die den, Studenten zumindest eine zwei-
notorisch hohen Arzneimittelpreise jährige kostenfreie Ausbildung an
zu senken. ­sogenannten Community Colleges
Bleibt Sinema bei ihrer Blockade- garantiert bekommen. Um die Arz-
haltung, dann wäre dies das krachen- neimittelpreise zu drücken, sollen
de Ende von Bidens Wahlverspre- Senatoren Sinema, Manchin Pharmaunternehmen per Gesetz in
chen, das Land von Grund auf zu Verhandlungen mit der staatlichen

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eine Frau also, die mit den Republikanern


versucht, das Programm des Präsidenten ab-
zuschießen. Bezahlt wurde das Video von
einer dubiosen NGO namens »Center For-
ward«, hinter der offenbar die US-Pharma-
industrie steckt.
Biden muss nun das Kunststück fertigbrin-
gen, sein Sozialpaket abzuspecken, um Sinema
und Manchin auf seine Seite zu ziehen; dabei
darf er aber die Linken in seiner Partei nicht
verlieren, die eine einmalige Chance sehen, das
Land in ihrem Sinne zu verändern. Und gleich-
zeitig muss er auch noch die Republikaner zur
Vernunft bringen. Die drohen damit, ihre Zu-
stimmung zur Anhebung der Schuldenober-
grenze zu verweigern, was die US-Regierung
in die Zahlungsunfähigkeit treiben könnte.
Sollten die Republikaner bei ihrer Blocka-
de bleiben, käme dies einem »Meteoritenein-
schlag« für die Konjunktur gleich, warnte
Biden, was durchaus der Realität entspricht.
Denn es hätte wohl zur Folge, dass die Rating-
agenturen die Kreditwürdigkeit des Landes
herabstufen würden, was die Zinsen in den
USA in die Höhe schnellen ließe.
In Washington gab es schon häufiger Streit
um die Anhebung der Schuldengrenze, aber

Stefani Reynolds / The New York Times / Redux / laif


selten hat eine Partei so offen ihren Willen
zur Obstruktion gezeigt wie derzeit die Re-
publikaner. Bislang wollen sie den Demokra-
ten nur eine Gnadenfrist bis Dezember
­gewähren. Ihr Anführer im Senat, Mitch
McConnell, hat am Montag einen Brief an
Biden geschickt, der keinen einzigen produk-
tiven Vorschlag enthielt, nicht einmal eine
Forderung. Sein Zweck bestand nur darin,
Biden als einen schwachen und greisen Prä-
sidenten dastehen zu lassen.
US-Präsident Biden: »Alle sind frustriert«
Es ist ein Bild, das auch Donald Trump
unablässig zu zeichnen versucht. Der Ex-Prä-
Krankenversicherung Medicare gezwungen Mehrheitsverhältnissen liegt, vor allem im sident ist die unumstrittene Führungsfigur der
werden. Senat. Dort reicht ein Abweichler, um alles Republikaner, seine Gegner sind an den Rand
Die Republikaner halten das 2645-seitige zu Fall zu bringen. Und derzeit gibt es sogar gedrängt oder haben aufgegeben, und die
Gesetzesvorhaben für sozialistisches Teufels- zwei: neben Sinema auch den konservativen Partei tut alles dafür, ihm den Weg zurück an
zeug, aber bei näherer Betrachtung enthält Demokraten Joe Manchin aus West Virginia. die Macht zu ebnen – egal zu welchem Preis.
es grundvernünftige Ideen: Jedes Jahr sterben Die Lage wird noch dadurch verkompliziert, Während sie in Washington die Aufklärung
in den USA Tausende Menschen, weil sie ent- dass die Demokraten ein sehr disparater des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar hin-
weder gar keine Krankenversicherung haben Haufen sind. Der Katholik und stolze Waf- tertreiben, haben Republikaner in 16 Bundes-
oder ihnen das Geld fehlt, um die Zuschüsse fenbesitzer Manchin hat mit der mus­ staaten Gesetze auf den Weg gebracht, die
für Arzt- oder Arzneimittelrechnungen zu limischen Kongressabgeordneten Ilhan Omar darauf hinauslaufen, künftig das Ergebnis von
zahlen. ungefähr so viel gemein wie Alexander Präsidentschaftswahlen von Politikern zerti-
In Städten wie Los Angeles oder New York ­Dobrindt mit Claudia Roth. »Gäbe es die fizieren zu lassen. Es ist die Vorbereitung
kostet die Ganztagsbetreuung eines Kindes Demokraten in Deutschland, würden sie das eines Coups mit anderen Mitteln.
im Vorschulalter durchschnittlich mehr als gesamte politische Spektrum von der Links- Am Dienstag machte sich Biden auf den
1000 Dollar pro Monat, was viele junge Fa- partei über die Grünen bis hin zum rheini- Weg nach Michigan, um jenseits von Washing-
milien an den Rand des Ruins treibt. Öffent- schen Katholizismus abdecken«, sagt der ton für seine Reformpläne zu werben. Er hielt
liche Kitaplätze sind so begehrt, dass sie zum Politikwissenschaftler Michael Werz vom eine Rede, die dramatischer kaum hätte sein
Teil per Lotterie vergeben werden. Und die Center for American Progress, einem Think- können. Der Präsident sprach davon, wie die
Straßen in den dicht besiedelten Regionen an tank in Washington. Potentaten der Welt auf die USA blickten und
der Ost- und Westküste sind auch deshalb so Zu allem Überfluss sieht sich Biden auch mit Freude zur Kenntnis nähmen, wie die
verstopft, weil Bahnverbindungen entweder noch einer Armee von Lobbyisten gegenüber, Demokratie an der Zerstrittenheit der Demo-
gar nicht existieren – oder lachhaft teuer sind. die nichts unversucht lassen, sein Sozialpaket kraten zugrunde gehe. Aber es sei ein Fehler,
Ein einfaches Amtrak-Ticket für die Strecke zu torpedieren. Allein die Pharma- und Ge- auf die Schwäche der USA zu hoffen, sagte
zwischen Washington und New York kostet sundheitsbranche verfügt in Washington über Biden. »Ich war noch nie so optimistisch, was
zum Teil mehr als 200 Dollar. beinahe 1500 Lobbyisten – drei für jeden ein- die Zukunft meines Landes betrifft.« Was er
Dennoch ist es Biden bisher nicht gelun- zelnen Kongressabgeordneten. In Sinemas allerdings nicht erklärte: woher er diesen
gen, eine Mehrheit für die Gesetze zu orga- Heimat Arizona lief ein Werbespot, der sie ­Optimismus nimmt.
nisieren – was in erster Linie an den knappen als »überparteiliche Anführerin« lobte – als René Pfister  n

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Europas Schattenarmee
MIGRATION  Maskierte Männer prügeln an Europas Grenzen auf Flüchtlinge ein oder schleppen sie zurück
aufs Meer. Recherchen enthüllen, wer hinter den verdeckten, illegalen Operationen steckt.

D
ie Schläge sind zu hören, bevor
sie zu sehen sind. Durch das
grüne Dickicht an der kroa-
tisch-bosnischen Grenze dringt das
Geräusch von harten Gegenständen,
die auf Arme, Beine und Rücken knal-
len. Menschen schreien vor Schmer-
zen, sie stöhnen und wimmern.
Kräftige Männer in dunkler Uni-
form stehen an diesem heißen Junitag
auf der kroatischen Seite der Grenz-
linie. Sie prügeln auf Afghanen und
Pakistaner ein, die gekommen sind,
um in Europa um Asyl zu bitten.
Die Männer tragen Sturmhauben,
einer dazu eine schwarze Sonnenbril-
le. An ihren Uniformen sind keine
Abzeichen zu sehen. Niemand soll sie
erkennen. Sie ahnen nicht, dass we-
nige Meter entfernt, verdeckt nur von
ein paar Sträuchern und Bäumen,
eine Reporterin und ein Reporter im
Gebüsch sitzen und filmen.
Auf den Videos ist zu sehen, wie
diese maskierten Männer 22 Flücht-
linge aus der EU hinausjagen. Sie trei-
ben die Menschen zurück nach Bos-
nien und Herzegowina. Einer der
Vermummten holt immer wieder mit
seinem Schlagstock aus, lässt ihn auf
die Beine der Menschen sausen, da-
mit sie in den Grenzfluss stolpern, in
dem das Wasser brusthoch steht. Zum
Schluss hebt er drohend seinen Arm
und ruft: »Go! Go to Bosnia!«
Menschenrechtler nennen Aktio-
nen wie diese oft Pushbacks, illegale
Abschiebungen. Sie verstoßen gegen
EU-Recht und die Genfer Flüchtlings-
konvention, die ein Zurückweisungs-
verbot beinhaltet. Schutzsuchende
dürfen durch die Abschiebungen
nicht in Gefahr gebracht werden;
wenn sie es einmal auf europäischen
Boden geschafft haben, müssen sie
die Chance auf einen Asylantrag be-
kommen. Wehrlose Menschen zu
schlagen ist ohnehin verboten.
NGOs wie das »Border Violence
Monitoring Network« und Medien,
darunter der SPIEGEL , haben Hun-
derte Aussagen von Geflüchteten ge-
sammelt und Belege zu Gewalttaten
an EU-Grenzen zusammengetragen.
Privat

Die Vorfälle sind nicht auf die Grenze


Griechische Grenzwächter, Schutzsuchende in der Ägäis: Ein neuer Tiefpunkt europäischer Migrationspolitik zu Kroatien beschränkt. In der Ägäis

88 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


AUSLAND

zerren maskierte Männer laut Zeugenaus­


sagen immer wieder Flüchtlinge aufs Meer
»Die Anweisungen kommen zu erkennen. Sie entspricht dem Modell der
Interventionspolizei: rautenförmiges Stepp­
hinaus und setzen sie auf aufblasbaren Ret­ von ganz oben, von muster, abgedichtete vertikale Reißverschlüs­
tungsflößen aus – in Kroatien schlagen sie
regelmäßig Schutzsuchende zusammen.
Politikern. Das ist einfach se an den Seiten. Die Schlagstöcke der Män­
ner, genannt Tonfa, haben einen charakteris­
Wer sind diese mysteriösen Truppen, die kriminell.« tischen Quergriff. Er gehört zur offiziellen
an den EU-Außengrenzen Menschen miss­ Ausrüstung der Interventionspolizei.
handeln? Wer hat sie angewiesen, Flüchtlinge Zweitens sind auch sechs von uns inter­
mit solcher Brutalität abzuwehren? viewte kroatische Beamte nach Durchsicht
Der SPIEGEL hat mehr als acht Monate der Bilder überzeugt, dass es sich bei den Mas­
lang an den EU-Außengrenzen in Griechen­ nalisten in Teilen gefilmt. Drohnenbilder zei­ kierten um kroatische Interventionspolizisten
land und Kroatien recherchiert – gemeinsam gen zwei weiße Vans an einem der bekann­ handelt. Die interviewten Polizisten wollen
mit den europäischen Partnermedien Light­ testen Pushback-Spots. Asylsuchende nennen alle aus Angst um ihre Sicherheit anonym
house Reports, SRF Rundschau, ARD Studio den Ort »Drei Wasser«: Der Grenzfluss Ko­ bleiben. Doch weitere Pushback-Aufnahmen
Wien, dem ARD-Magazin »Monitor«, »Libé­ rana teilt sich hier in drei Ströme. Sechs Uni­ aus dem Mai stützen ihre Einschätzung. Die
ration«, »Novosti«, RTL Kroatien und Poin­ formierte, so zeigen es die Bilder, laden die Bilder zeigen einen Polizeioffizier in Aktion,
ter. Die beteiligten Reporterinnen und Repor­ geschnappten Flüchtlinge aus einem der diesmal ohne Maske. Auf seinem Rücken steht
ter legten sich selbst auf die Lauer, als Fischer Transporter. Einer der Männer zieht sich eine gut lesbar: »Interventna Policija«, Interven­
verkleidet. Sie steuerten Drohnen über die Sturmhaube über. Dann eskortieren sie die tionspolizei.
Grenzgebiete und werteten Satellitenaufnah­ Flüchtlinge Richtung Bosnien. Normalerweise hält diese Einheit Hooli­
men und Hunderte weitere Videos aus. Sie Die kroatischen Behörden behaupten, dass gans in Schach und führt Razzien durch. Die
sprachen mit mehr als einem Dutzend Quel­ die Flüchtlinge schauspielerten. Dass sie sich Polizisten durchlaufen eine spezielle Ausbil­
len in den Sicherheitsbehörden und verfolgten mit Kirschsirup einschmierten, um blutende dung, darin lernen sie unter anderem, mit
die digitalen Spuren der Männer, die mit ihren Wunden vorzutäuschen. Und dass sie manch­ dem Schlagstock umzugehen. Die Führungs­
Masken und Schlagstöcken auf Instagram und mal einfach auf bosnischer Seite von Schläger­ ebene der Einheit besteht zum Teil aus Kriegs­
Facebook posieren. trupps verprügelt würden. Doch unsere Re­ veteranen, die in den Neunzigerjahren gegen
Die Recherchen enthüllen ein System. Spe­ chercheure haben insgesamt elf illegale Push­ serbische Truppen gekämpft haben. Einige
zialeinheiten aus Kroatien und Griechenland, backs auf Video dokumentiert. Sie alle fanden der Männer zeigen sich auf Instagram und
die sonst gegen Hooligans und Drogenbosse abseits offizieller Grenzübergänge statt. Facebook mit rechtsextremen und faschisti­
vorgehen, jagen Asylsuchende gezielt aus der Die Recherchen zeigen: Die Pushbacks schen Symbolen, andere posieren mit ihren
EU. Sie operieren meist im Verborgenen – werden offenkundig zumindest teilweise von Waffen und den Sturmhauben an der Grenze.
und werden von Europas Bürgerinnen und der kroatischen Interventionspolizei durch­ Die Mitglieder der Interventionspolizei
Bürgern bezahlt. geführt – einer staatlichen Einheit, die dem bekommen für ihren Sondereinsatz gegen
Weil diese Einheiten klandestin vorgehen, Innenministerium untersteht. Migranten an der Grenze zusätzlichen Lohn,
gibt es über ihr Handeln bisher kaum eine Das ergibt sich erstens aus einer Analyse meist Hunderte Euro pro Monat, so erzählen
öffentliche Debatte, es gibt noch nicht einmal der Videos: Die maskierten Männer tragen es mehrere kroatische Beamte. Während ihrer
politische Rechtfertigungen. Die Regierenden bei den Pushbacks dunkelblaue Uniformen. Einsätze werden sie in Hotels untergebracht,
in Zagreb und Athen tun die Gewalttaten als Ihre gesteppte Unterjacke ist im Video gut unter anderem im Kurort Topusko. An der
Hirngespinste ab. Es gebe keine Beweise, Grenze arbeiten sie mit weiteren Einheiten
heißt es, schon gar nicht für eine staatliche der kroatischen Polizei zusammen, die das
Beteiligung. Doch diese Belege gibt es nun. Chancenlos Terrain besser kennen. Die Aktionen, so stel­
len es Beamte dar, würden von hochrangigen
Kroatien: »Operation Korridor« Gewalt gegen Schutzsuchende Polizeibeamten in der Hauptstadt Zagreb ge­
durch staatliche Spezialeinheiten
Nazila war fast ihr ganzes Leben lang auf der auf der Balkanroute leitet, die dem Innenministerium unterstehen.
Flucht. Geboren wurde die junge Frau, 16 Jah­ Ihr Name: »Operation Korridor«.
re alt, in Afghanistan, lange lebte sie mit ihrer 1 Bosnisch-kroatische Grenze Goran Novak, der in Wirklichkeit anders
Familie in Iran. Vor drei Jahren erreichte sie 2 Griechische Insel Samos heißt, ist Teil der »Operation Korridor«. Der
das Camp Moria auf der griechischen Insel Interventionspolizist will seinen wahren Na­
Lesbos, schließlich wagten ihre Eltern sich auf DEUTSCH- men nicht in den Medien lesen. Er sagt, seine
300 km
die Balkanroute. Nun sitzt sie mit ihrem klei­ LAND Einheit wende regelmäßig Gewalt gegen Asyl­
nen Bruder Farzin auf der bosnischen Seite bewerber an. »Wenn wir Migranten in den
der Grenze im Gras. Nazila trägt Mittelschei­ Wäldern oder anderswo finden, legen sie sich
ÖSTERREICH
tel und ein weites weißes T-Shirt. Sie sagt, falls in der Regel ängstlich auf den Boden«, sagt
sie eine neue Heimat fände, würde sie gern Novak. Einer der Beamten seiner Einheit gehe
Schauspielerin werden. KROATIEN oft über sie hinweg und schlage ihnen mit
Während Nazila erzählt, fummelt sie an 1 BOSNIEN UND einem Schlagstock auf die Beine. Die Zen­trale
ihrem Ring herum. Ihre letzte Begegnung mit HERZEGOWINA in Zagreb entscheide, ob Pushbacks durch­
den vermummten Männern ist zwei Tage her. ITALIEN MONTENEGRO geführt würden. Ein anderer Polizist wird
Bisher, sagt Nazila, hätten diese Männer die ALBANIEN noch deutlicher: Natürlich seien die Push­
Familie beim versuchten Grenzübertritt im­ backs illegal, jeder Polizist wisse das. Aber
GRIECHEN-
mer wieder abgefangen. Die Männer hätten LAND die Anweisung komme von ganz oben, aus
ihren Bruder getreten, ihnen ihr Geld und die TÜRKEI dem Innenministerium.
Handys abgenommen. »Wenn man ihnen Der SPIEGEL und seine Recherchepartner
sagt, dass man nicht nach Bosnien zurückgeht, 2 haben das kroatische Innenministerium mit
werden sie wütend«, sagt Nazila. Einen Asyl­ den Vorwürfen und den Videos konfrontiert.
antrag habe sie nicht stellen dürfen. Das Innenministerium kündigte an, den ge­
Den Pushback von Nazila und ihrer Fami­ filmten Vorfall zu untersuchen. Man werde
lie haben an dieser Recherche beteiligte Jour­ S Karte: OpenStreetMap ein Expertenteam an den entsprechenden Ort

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 89


AUSLAND

rück aufs Meer gebracht, gemeinsam mit 26


weiteren Asylsuchenden. Auf dem wackligen
Rettungsfloß ohne Antrieb habe er um sein
Leben gefürchtet, sagt Amba. Nicht einmal
Rettungswesten hätten die Männer ihnen ge-
geben. Erst Stunden später retteten türkische
Grenzschützer die Asylsuchenden.

DER SPIEGEL / Lighthouse Repor ts / SRF / Medienpar tner


In einem weiteren Versuch haben Amba
und seine Frau es doch noch nach Samos ge-
schafft, diesmal konnten sie sich im Flücht-
lingslager registrieren. Nun will Amba die
Männer, die ihn seiner Aussage nach auf dem
Meer ausgesetzt haben, vor Gericht bringen.
Ein griechischer Anwalt hat bereits Klage ein-
gereicht, einer der Vorwürfe: »Folter«.
In den vergangenen Monaten ist die ­Ägäis
zum Schlachtfeld geworden. 15 Videoaufnah-
men, angefertigt von Asylsuchenden und
der türkischen Küstenwache, zeigen, wie die
Gewalt eskaliert. Männer mit Sturmhauben
stechen mit Haken auf Flüchtlingsboote ein,
geben Warnschüsse ins Wasser ab. Die Küs-
DER SPIEGEL / Lighthouse Repor ts / Medienpar tner

DER SPIEGEL / Lighthouse Repor ts / Medienpar tner


tenwache zieht Flüchtlinge auf orangefarbe-
nen Rettungsflößen Richtung Türkei und setzt
sie auf dem Meer aus, so wie Amba es schil-
dert. Es ist eine besonders gefährliche und
perfide Form des Pushbacks. Ein neuer Tief-
punkt europäischer Migrationspolitik.
Der SPIEGEL und seine Recherchepartner
berichten seit rund einem Jahr über die Ak-
tionen. Inzwischen besteht kein Zweifel dar-
an, dass sie von Schiffen der griechischen
Küstenwache ausgehen, auch wenn die Re-
gierung das bestreitet. Doch wer sind die
Kroatien: Maskierte Polizisten (l. u.) schlagen an der Grenze Flüchtlinge zusammen. Männer, die wie in Kroatien ihr Gesicht oft
Die Opfer bleiben verletzt zurück (r. u.). Auch die junge Afghanin verbergen? Wer ordnet die Aktionen an?
Nazila und ihr Bruder Farzin (o.) wurden von den Männern zurückgeprügelt. Einer, der das wissen muss, sitzt an einem
sonnigen Frühlingstag in der Taverne einer
Hafenstadt. Der Mann soll hier Yannis Ale-
an der Grenze entsenden, sagte eine Spreche- verletzte, blutende Menschen getroffen, die xiou heißen, bis vor Kurzem war er für die
rin. Sollte sich herausstellen, dass kroatische auf kroatischer Seite misshandelt worden sei- griechische Küstenwache in hoher Position
Beamte beteiligt gewesen seien, werde man en, sagt ein bosnischer Grenzschützer. Er sei tätig, seinen richtigen Namen will er nicht
diese zur Verantwortung ziehen. sich sicher, dass die Interventionspolizei dafür veröffentlicht sehen.
Nichtregierungsorganisationen, die seit verantwortlich sei. »Es gab Fälle, in denen sie Früher, sagt er, seien Pushbacks in der
Jahren im Grenzgebiet arbeiten, sind sich in- Gruppen derart zusammengeschlagen haben, ­Ägäis Einzelfälle gewesen. Die türkische Küs-
des sicher, dass die Regierung die Praktiken dass jeder von ihnen ins Krankenhaus muss- tenwache habe die meisten Boote abgefangen,
gutheiße. Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbei- te.« Im Winter finde er manchmal durchge- als Folge des EU-Flüchtlingsdeals mit der Tür-
ter hören regelmäßig Horrorgeschichten, von frorene Menschen im Schnee. Im Grunde, kei. Doch seit März 2020 halten die Türken
Hundebissen etwa, von Elektroschocks. Ge- sagt der Grenzschützer, sei das Folter. kaum noch Boote auf. Die konservative Re-
flüchtete berichten in Interviews davon, dass gierung von Premier Kyriakos Mitsotakis, sagt
Frauen begrapscht und Männern Äste in den Griechenland: »Niemand kommt durch« Alexiou, habe die Linie deshalb verschärft.
After eingeführt würden. Ana Ćuća vom Als die griechischen Küstenwächter wegfuh- Seitdem seien unter anderem Spezialein-
»Center for Peace Studies« in Zagreb sagt: ren, rechnete Junior Amba mit dem Schlimms- heiten dafür zuständig, die Schutzsuchenden
»Die Pushbacks sind keine Einzelfälle, son- ten. Da saßen sie nun in dem orangefarbenen mithilfe der Rettungsflöße wieder auf dem
dern die Politik der kroatischen Regierung.« Rettungsfloß, seine schwangere Frau und er, Meer auszusetzen. Auf den Videos, die der
Vieles spricht dafür, dass die kroatischen Geflüchtete aus der Demokratischen Repu­blik SPIEGEL ihm zeigt, kann er die Spezialein-
Behörden eine richtige Infrastruktur für die Kongo, nachts auf dem schwarzen Meer der heiten zweifellos identifizieren.
Pushbacks aufgebaut haben. Satellitenbilder Ägäis. Maskierte Männer hätten sie dort aus- Die Kommandos, von denen Alexiou
zeigen, dass in den vergangenen Jahren zahl- gesetzt, erzählt er Monate später. spricht, heißen MYA und KEA. Es sind die
reiche neue Schotterstraßen entstanden sind. Stunden zuvor, im Morgengrauen des Eliteeinheiten der Küstenwache. Die Beamten
Sie führen von kroatischem Boden zur bos- 21. April, waren die beiden auf der griechi- trügen Sturmhauben, damit niemand sie er-
nischen Grenze. Dann enden sie abrupt. Ka- schen Insel Samos angekommen. Fotos und kenne. Normalerweise kümmerten sie sich
putte Rucksäcke, Babykleidung und Schlaf- Zeugenaussagen belegen diesen Teil ihrer um Drogenschmuggler, nun schafften sie auch
säcke finden sich dort. Die Überreste zeugen Geschichte. In einem Schlauchboot waren sie Flüchtlinge wieder aufs Meer hinaus. »Die
von den Vorgängen in den Sackgassen. von der nahen türkischen Küste übergesetzt. Befehle werden nur mündlich weitergege-
Unter bosnischen Polizisten gilt die Gewalt Zunächst, sagt Amba, hätten sie sich in den ben«, sagt Alexiou. Schriftliche Dokumente
kroatischer Einheiten gegen Geflüchtete als Hügeln vor der Polizei versteckt. Die Sicher- gebe es nicht. Das Ziel sei, alles glaubhaft
offenes Geheimnis. Unzählige Male habe er heitskräfte hätten sie schnell gefasst und zu- abstreiten zu können. »Die Anweisungen

90 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


AUSLAND

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Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 91


AUSLAND

größtenteils nur nach vorheriger Ankün­


digung kontrollieren dürfen. Mindestens
zwei der fünf zugelassenen Organisationen
bekamen zudem Geld von der kroatischen
Regierung.
Auf Anfrage teilte die EU-Kommission mit,
dass die kroatische Regierung für die Auswahl
der Organisationen im Überwachungsmecha-
nismus zuständig sei. Pushbacks lehne die
EU-Kommission entschieden ab, ob der an-
haltenden Berichte sei sie »zutiefst besorgt«.
Man habe das gegenüber den nationalen Be-
hörden immer wieder deutlich gemacht und
eine Untersuchung der Vorwürfe gefordert.
Von einer ernsthaften Untersuchung ist

Julian Busch / DER SPIEGEL


vor allem die griechische Regierung weit ent-
fernt. Nicht einmal Johanssons Überwa-
chungsmechanismus möchte Athen einfüh-
ren. Er sehe überhaupt keinen Grund dafür,
sagt Migrationsminister Notis Mitarachi.
Beim Grenzschutz brauche man keinen Rat
von NGOs.
Wenn die EU-Kommission die Pushbacks
wirklich beenden wollte, könnte sie Staaten
wie Kroatien und Griechenland das Geld für
den Grenzschutz erheblich kürzen. Doch bis-
her hat sie sich dazu nicht durchringen kön-
nen. Brüssel überwies in den vergangenen
Türkische Küstenwache

Türkische Küstenwache
Jahren mehr als 422 Millionen Euro nach
Athen, und mehr als 110 Millionen nach Za-
greb. Die deutsche Regierung lieferte Wärme-
bildkameras und Allradfahrzeuge nach Kroa-
tien. Innenminister Horst Seehofer bemerkte,
dass er an der Arbeit der kroatischen Behör-
Griechenland: Spezialeinheiten der Küstenwache riegeln die Ägäis mit brutalen den »überhaupt nichts zu kritisieren« habe.
Methoden ab. Vermummte Männer stechen auf Flüchtlingsboote ein, setzen Menschen Und auch für die Pushbacks kommen die
auf Rettungsflößen aus (u.). Amba (o. r. mit Familie) will sie vor Gericht sehen. europäischen Steuerzahler auf. Die EU zahlt
für die Unterkunft der Beamten der »Ope-
ration Korridor« im »Top-Terme Topusko«,
kommen von ganz oben, von Politikern. Das ein Recht auf Grenzschutz hätten, sich dabei das belegen öffentlich zugängliche Dokumen-
ist einfach kriminell.« aber an EU-Recht halten müssten. te. Sie bezahlt auch die Überstunden von
Zwei weitere Offiziere der Küstenwache, Bisher werden Johanssons Forderungen Grenzbeamten und Tagegelder. Selbst die
einer davon noch im aktiven Dienst, bestäti- jedoch weitestgehend ignoriert. Neben den gesteppten Unterjacken der Interventions-
gen Alexious Angaben. Auch sie machen die Fällen in Griechenland und Kroatien gibt es polizei könnten mit EU-Geld finanziert sein,
Spezialeinheiten für die Pushbacks verant- auch Berichte über Pushbacks an der rumä- zumindest findet sich auf dem offiziellen EU-
wortlich. »Der Befehl lautet: Niemand kommt nischen, spanischen, italienischen und öster- Portal eine Ausschreibung für solche Jacken,
durch«, sagt einer der Offiziere. reichischen Grenze. Die litauische Regierung für sie zahlte Brüssel umgerechnet rund
Die griechische Regierung hat auf einen drängt darauf, die Praktiken zu legalisieren. 380 000 Euro.
detaillierten Fragenkatalog des SPIEGEL nicht Und Polen ließ Schutzsuchende im Grenz- Die EU-Kommission gibt an, keine Kennt-
geantwortet. Stattdessen twitterte der Migra- gebiet zu Belarus in den vergangenen Wo­ nis davon zu haben, dass EU-finanzierte Aus-
tionsminster ein pauschales Dementi. chen lieber hungern, als ihnen Einlass zu rüstung für Rechtsbrüche verwendet werde.
Zumindest die Präsenz der Eliteeinheiten ­gewähren. Falls das dennoch geschehe, könne man die
in der Ägäis ist auch in Videos festgehalten. Die systematischen Pushbacks gefährden Zahlungen einstellen und Strafen ausspre-
Flüchtlinge und die türkische Küstenwache nicht nur den Fortbestand der Genfer Flücht- chen.
filmten im Juni, wie griechische Einsatzkräf- lingskonvention. Sie stellen auch das Selbst- Treffen könnte das auch Griechenland.
te die Asylsuchenden kurz vor der Insel Kos verständnis der Union als Gemeinschaft von Denn viele der orangefarbenen Rettungs­
stoppten. Auf den Uniformen von mindestens Rechtsstaaten infrage. Johansson drängt des- flöße, auf denen die griechischen Spezialein-
drei Männern sind die Buchstaben OEA sicht- halb seit Monaten auf einen sogenannten un- heiten nun Flüchtlinge aussetzen, hat die EU
bar. Das Akronym steht für eine der Einsatz- abhängigen Monitoring-Mechanismus. Zivil- bezahlt. Der griechische Hersteller Lalizas
gruppen der Eliteeinheit KEA. Später muss- gesellschaftliche Organisationen, so der Plan, hat 2016 eine entsprechende Ausschreibung
ten türkische Küstenwächter die Flüchtlinge sollen an den EU-Außengrenzen die nationa- gewonnen. Jeder Pushback mit einem Ret-
aus dem Wasser retten. len Beamten kontrollieren. tungsfloß kostet Europa demnach mindestens
In Kroatien gibt es diesen Überwachungs- 1590 Euro.
Brüssel: Steuergeld für Pushbacks mechanismus bereits, Johanssons Team hatte Der wahre Preis liegt deutlich höher.
Ylva Johansson ist seit 2019 in der EU-Kom- dafür monatelang verhandelt. Doch unabhän-
Giorgos Christides, Bashar Deeb, Klaas van Dijken,
mission für Migrationspolitik zuständig. Die gig ist der Mechanismus nur bedingt. Die Alexander Epp, Steffen Lüdke, Andrei Popoviciu,
Schwedin ist Sozialdemokratin, in ihren Re- kroatischen Organisationen, die für die Kon- Lamia Šabić, Jack Sapoch, Phevos Simeonidis,
den betont sie gern, dass die EU-Staaten zwar trolle zuständig sind, sollen an der Grenze Nicole Vögele n

92 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


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AUSLAND

sie, müssten wir für ihre Unkosten aufkom­


men. Erst dann kämen wir frei.«
Dann wird es für einen Moment still im
Dorfladen. Es sei ja gut, dass sich Deutschland
noch ein Jahrzehnt später für seine Opfer von
damals interessiere, hebt Ladenbesitzer Mir
Alam an: »Aber die Toten sind tot. Jetzt ha­
ben wir ein ganz anderes Problem, das uns
allergrößte Sorge bereitet. Seit dem Sieg der
Taliban werden keine Gehälter mehr bezahlt,
kaum jemand hat noch Arbeit, während die
Preise für Brot, Diesel, Dünger steigen.«
Zum ersten Mal seit 20 Jahren sei Frieden,
niemand müsse sich mehr fürchten vor Luft­
angriffen, Razzien, willkürlichen Verhaftun­
gen. Das sei eine große Erleichterung, pflich­
ten alle raunend bei. Die Herrschaft der Ta­
liban begrüßen sie. Doch nun hätten sie
furchtbare Angst vor dem Winter.
Es ist eine unerwartete Gemütslage, die
einem in Isa Khel, den Dörfern der Umgebung
und in Kunduz selbst begegnet. Jahrelang war

Juan Carlos / DER SPIEGEL


die Provinz Kunduz für westliche Journalisten
so unzugänglich wie die Rückseite des Mon­
des. 2015 und 2016 hatten die Taliban für Tage
die Stadt überrannt, waren zwar wieder ver­
trieben worden, aber kontrollierten seither
im Untergrund das Geschehen. Der Landweg
Bewohner von Isa Khel: Sogar die Mädchenschulen haben wieder geöffnet war lebensgefährlich, der Luftweg zwar mög­
lich, aber ebenfalls hoch riskant: »Sobald Sie
am Flughafen aussteigen, weiß der Taliban-
Geheimdienst, dass Sie da sind«, warnte 2019
ein Sicherheitsmann der Uno.

Die Rückkehr nach


Ausgerechnet Kunduz, wo das Engage­
ment der deutschen Truppen ab 2003 so fried­
lich begonnen hatte, als die Bundeswehr ein

Kunduz
Feldlager auf dem Hügel südlich der Stadt
errichtete und ein paar ruhige Jahre erlebte.
Doch dann wurde Kunduz zum Schreckens­
wort. Hier geriet das Bundeswehrengage­
ment, als »Technisches Hilfswerk in Fleck­
AFGHANISTAN  Der frühere Bundeswehreinsatzort arrangiert sich tarn« bespöttelt, spätestens 2009 zum Kriegs­
einsatz, den im politischen Berlin lange keiner
mit den neuen Taliban-Machthabern, die bisher nur so benennen wollte. Allein beim »Karfrei­
vereinzelt Rache üben. Herrscher wie Beherrschte haben derzeit vor tagsgefecht« 2010 starben in Isa Khel drei
allem eine Angst: Sie fürchten den nahenden Winter. deutsche Soldaten.
2013 zog die Bundeswehr ab. Ihr für eine
Viertelmilliarde Euro immer weiter ausgebau­

S
ie erinnern sich auch zwölf Jahre später ihnen bitterarme Dörfler, es waren kaum Ta­ tes Lager verfiel mit den Jahren. Die Stim­
noch an den Feuerball über dem Fluss, liban darunter. Der damalige Verteidigungs­ mung in der Stadt sei gedrückt, erzählten Be­
der ihre Söhne, Brüder, Neffen vielfach minister Franz Josef Jung hatte anfänglich nur wohner am Telefon oder bei Besuchen in
bis zur Unkenntlichkeit verbrannte: »Er war von Taliban gesprochen, Monate später muss­ Kabul. Die Regierungstruppen beherrschten
schwarz, vollkommen verkohlt«, sagt der alte te er seinen Hut nehmen. das Stadtzentrum und die Ausfallstraßen am
Bauer Karim Agha über seinen Bruder, »da­ Zwar zahlte Deutschland den Hinterblie­ Tag. Den Taliban gehörten die Dörfer und die
bei wollte er nur ein paar Liter Diesel ab­ benen Entschädigungen. Aber der Krieg zwi­ Nacht. Die Bewohner mussten sich geschmei­
bekommen für den Winter.« Im kleinen Dorf­ schen den Taliban und den ausländischen wie dig zwischen den unsichtbaren Fronten be­
laden von Isa Khel, einem Weiler wenige afghanischen Truppen ging unvermindert wegen, um nicht in Gefahr zu geraten. »Es
Kilometer südlich von Kunduz, drängen sich weiter. Die Bauern erzählen nun von Droh­ war anstrengend«, sagte der Journalist Shah­
rund 30 Menschen zwischen Seife, Keksen nenangriffen, von den Nachtrazzien der af­ baz Saberi, der wiederholt von den Taliban
und Getränkedosen. ghanischen Spezialeinheiten, die aus jedem bedroht worden war und gerade noch ent­
Ausländische Journalisten sind hier seit Haus ein, zwei Personen als menschliche kommen konnte, bevor Kunduz am vergan­
jener Nacht zum 4. September 2009 nicht Schutzschilde benutzten. Selbst wenn völlig genen 8. August fiel – als eine der ersten Pro­
mehr vorbeigekommen: Damals hatte der klar war, dass die mit den Aufständischen vinzhauptstädte.
deutsche Oberst und Kommandeur in Kun­ nichts zu tun hatten, »wurden sie einfach mit­ Kommt man heute nach Kunduz, zeugen
duz, Georg Klein, den fatalen Befehl gegeben, genommen«, erinnert sich Mohammed Issah, nur noch einige ausgebrannte, mit Einschuss­
zwei von den Taliban entführte, im Fluss fest­ der selbst Wochen im Gefängnis in Kunduz löchern übersäte Gebäude von den schweren
gefahrene Treibstofflaster bombardieren zu verbrachte: »Die Offiziere lachten uns aus. Kämpfen der ersten Augusttage. Die Straßen
lassen. 91 Menschen starben, fast alle von Wenn sie umsonst gekommen seien, sagten und Märkte sind voll, sogar Mädchenschulen

94 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


AUSLAND

haben wieder geöffnet, im Stadion voll die Tür auf und ein Dutzend Ta- »Sie haben tionsministeriums. Letzterer ist ein
spielen Jugendliche und Kinder Fuß- liban-Kommandeure mit ihren Leib- Vertreter des alten Staates, aber er ist
ball. Die Verkehrspolizisten stehen gardisten drängen herein, als zögen ihm die noch da – präziser. Er ist wieder da,
so unbeachtet wie ehedem in ihrer sie in die Schlacht: Amerikanische Fingernägel nachdem er sich drei Wochen lang
weißen Uniform auf den Kreuzungen.
Nur die Taliban, stets bewaffnet, rol-
M4-Sturmgewehre und Kalaschni-
kows mit aufmontierten Nachtsicht-
mit einer versteckt gehalten hatte, dann einen
Anruf bekam, er möge doch bitte wie-
len auch nach zwei Monaten noch wie geräten werden hereingetragen, das Zange ausge- derkommen. Die Flagge Afghanistans
eine just eingetroffene Besatzungs- schwere Maschinengewehr verhakt rissen.« und das Bild des Präsidenten sind ver-
armee durch die Straßen, bewachen sich in der Eingangstür. Aber sie wol- schwunden, nun steht ein weißer Ta-
alle wichtigen Gebäude, verwehren len gar nicht kämpfen. Sie wollen nur liban-Wimpel auf seinem Schreib-
jeden Zutritt zum Hügel vor der essen gehen. tisch. Nur auf dem alten Chefsessel
Stadt, wo sie das einstige Lager der Es handelt sich um einen Betriebs- möchte er nicht Platz nehmen. Sein
Bundeswehr und den Flughafen über- ausflug von Provinzoberen aus Hel- Taliban-Chef aber auch nicht. So sit-
nommen haben. mand im Süden, die nun den Norden zen sie schließlich beide auf den Be-
In den Alltag mischen sich die Er- kennenlernen wollen, bereits die suchersesseln.
oberer vorläufig nur zurückhaltend dritte Reisegruppe dieser Art, die Und er, der amtierende Taliban-
ein: Friseure haben weiterhin geöff- dem SPIEGEL -Team innerhalb weni- Chef der Provinz, Matiullah Rohani,
net, »aber sie haben uns eingeschärft, ger Tage begegnet. Die einen grüßen verantwortlich für auswärtige Bezie-
die Finger von den Bärten zu lassen«, so knapp und verächtlich wie mög- hungen, hält sich nicht lange auf mit
erzählt ein junger Friseur, der selbst lich, andere suchen das Gespräch und Floskeln: »Sie müssen uns nicht mö-
einen perfekt getrimmten Spitzbart helfen mit Telefonnummern aus. Der gen. Sie können uns als Militante be-
trägt. Ein Händler für Dessous und Kurswechsel vom Guerilladasein zeichnen. Aber wir haben gesiegt, wir
Unterkleider sitzt untätig vor seinem zur Regierungsverantwortung, vom verdienen zu herrschen. Wenn Ame-
Teeglas, »ich dürfte Geschäfte ma- Kampf gegen die ausländischen Be- rika und Europa uns nun bestrafen
chen. Aber alle Bankguthaben sind satzer zur Kooperation mit der Welt- und nicht einmal die Gelder auszah-
gesperrt, ich kann keine Ware kaufen, gemeinschaft, scheint manche immer len, die dem afghanischen Staat ge-
außerdem verkaufe ich kaum etwas«. noch zu verwirren. hören, bestrafen sie Millionen Men-
Frauen würden im Moment nicht in Der neue Taliban-Gouverneur von schen. Was können die armen Afgha-
paillettenbestickte Gewänder, son- Kunduz ist unauffindbar, vermutlich nen dafür? Wir kämpfen ernsthaft
dern höchstens in Burkas investieren, auch auf Betriebsausflug. Eher zufäl- Fähre über den gegen die Korruption, werden ehrli-
Kunduz-Fluss,
»obwohl die noch nicht einmal vor- lig kommt es zur Begegnung mit sei- Taliban: Zurückhal-
cher regieren als jene, die mit Milliar-
geschrieben sind«. Doch der voraus- nem amtierenden Stellvertreter im tende Einmischung den überschüttet wurden.«
eilende Gehorsam sei stärker. Büro des lokalen Chefs des Informa- in den Alltag Dieses Mantra beherrscht jedes
Die befürchtete Rache an allen, die Gespräch mit Taliban-Führern in
früher für die Sicherheitskräfte oder Kunduz und der Provinz. Sei es beim
die ausländischen Truppen arbeite- Chef des Grenzübergangs nach Tad-
ten, ist zwar nicht ausgeblieben, sieht schikistan oder beim Kommandeur
aber manchmal anders aus als erwar- der Taliban-Elitetruppe »Rote Ein-
tet. »Sie haben ihm alle Fingernägel heit«: Wenn die Finanzhilfen aus dem
mit einer Kneifzange ausgerissen«, Westen, zumindest die Freigabe der
erzählt ein Hotelangestellter über blockierten Gelder, nicht rasch kä-
einen Freund, der früher Verhörex- men, stürze das Land in den Ab-
perte bei der Kriminalpolizei war und grund.
den er nach seiner Entlassung aus Am Kunduz-Fluss, wo vor zwölf
dem Taliban-Knast für zwei Nächte Jahren die entführten Tanklaster
Juan Carlos / DER SPIEGEL

im Hotel versteckt hielt, bevor der bombardiert wurden, steht heute ein
Mann floh – er versuche nun, sich Fährmann auf einem Stahlkahn, den
nach Tadschikistan durchzuschlagen. er mit Muskelkraft über den Fluss
Der frühere, 2019 pensionierte Si- zieht. Hinter ihm ragen die Ruinen
cherheitschef des Gefängnisses hin- einer Brücke aus dem Wasser, die von
gegen hat wiederholt Anrufe seiner den Deutschen errichtet worden war.
früheren Häftlinge bekommen: »Du »Die Taliban wollten sie sprengen,
hast uns damals fair, als Menschen, be- aber die Brücke war zu stabil«, er-
handelt. Wenn dich jemand bedroht, zählt Fährmann Hassan lakonisch:
ruf an, wir werden dich beschützen!« »Da sind sie mit dem Boot gekommen
Der Sicherheitschef hatte Besuchs­ und haben nächtelang die Stahlseile
genehmigungen ohne Schmiergeld von unten durchgesägt. Tja, und dann
durchgesetzt, nichts von der Verpfle- ist sie plötzlich eingestürzt und hat
gung für die Häftlinge auf dem zwei Taliban unter sich begraben.«
Schwarzmarkt verkauft, Folter unter- Die Bugspitze des versenkten Boo-
bunden. Lauter selbstverständliche tes ragt noch aus dem trüben Wasser,
Dinge, die aber zuvor nicht selbstver- »die Bauern waren so wütend, dass
Juan Carlos / DER SPIEGEL

ständlich waren. »Das rechnen wir ihm die Taliban dann diesen Fährkahn ge-
hoch an«, sagt einer seiner Ex-Häft- kauft haben«. Den betreibe jetzt er.
linge, nun leitender Emir beim Tali- Zwei Drittel seiner Einnahmen müs-
ban-Geheimdienst. se er den Taliban abtreten, »und sie
Abends, in einem der drei besseren selbst zahlen natürlich nie«.
Restaurants der Stadt, fliegt schwung- Christoph Reuter n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 95


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96 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021
SPORT

Reuters / USA Today (3); Jim Mone / AP; Phelan M. Ebenhack, Ringo H.W. Chiu / picture alliance; Chris Carlson / AP; Getty Images
Nowitzkis Erben
Deutsche NBA-Spieler
in der aktuellen Saison
2021/22

19
Spieler aus
erste Saison
in der NBA
Dennis Schröder
Boston Celtics
aktueller
Verein
Daniel Theis
Houston Rockets
Maximilian Kleber
Dallas Mavericks
Franz Wagner
Orlando Magic
Deutschland
haben es bisher 2013 2017 2018 2021
in die stärkste
und populärste
Basketballliga Moritz Wagner Isaac Bonga Isaiah Hartenstein
der Welt geschafft, Orlando Magic Toronto Raptors Los Angeles Clippers
sieben davon
spielen in der
aktuellen Saison.
Bisher am erfolg-
reichsten war
Dirk Nowitzki, der
von 1998 bis 2019
für die Dallas
Mavericks spielte.

S Quelle: NBA
ƒ

Mitte Oktober geht die amerikanische National Basketball Association (NBA) in die neue Saison. Sieben Deutsche werden in der
besten Profiliga der Welt dabei sein – so viele wie niemals zuvor. Aus deutscher Sicht gibt es ein weiteres Novum:
Mit Moritz und Franz Wagner wird bei Orlando Magic ein Bruderpaar in einem NBA-Team stehen. Beide spielten früher bei Alba
in ihrem Geburtsort Berlin. Franz folgte seinem Bruder in diesem Sommer nach Florida.

GUT ZU WISSEN stärksten ausgeprägt, ebenso gesamter Energieumsatz gleich


bei älteren Menschen. Konkret bleibt oder gar sinkt.
Warum Übergewichtige beim sparte der Körper bei Testper­
sonen mit Adipositas für jede
Welche Ursachen dahinter­
stecken und wieso das mit dem

Sport kaum abnehmen verbrannte Kalorie etwa eine


halbe im Ruheumsatz ein.
Körperfettanteil und dem Alter
schlimmer wird, ist unklar.
Dummerweise ist der Körper »Wenn diese Energiekompen­
von Abnehmwilligen mit sation eine zugrunde liegende
Sich einfach mehr bewegen, brauch von Kalorien. Bei den ­Übergewicht besonders gut genetische Basis hat, dann
dann purzeln die Kilos von al­ 1750 getesteten Männern und ­darin, Fettreserven zu er­ könnte es in Zukunft möglich
lein – dieser Gedanke ist eben­ Frauen führte ein erhöhtes halten. Dies kann bei einigen sein, Menschen daraufhin zu
so weit verbreitet wie falsch. Sportpensum zwar zu mehr dazu führen, dass sie bei untersuchen«, schreiben die
Denn tatsächlich bringt Sport verbrannten Kalorien während ­vermehrtem Sport zunächst Forschenden. »Das könnte klä­
da weniger als allgemein ange­ der Anstrengungen. Dafür zu- statt abnehmen, weil ihr ren, ob vermehrte körperliche
nommen. sank aber der Energiever­ Aktivitäten für sie überhaupt
Vor allem übergewichtige brauch in den anschließenden eine sinnvolle Ergänzung zum
ältere Menschen haben es Ruhephasen im Vergleich zur Gewichtsverlust wäre oder so­
schwer, sich die Pfunde abzu­ normalen Ruhephase. Sobald gar eher erfolglos.«
trainieren. Das fand eine For­ sich der Mensch bewegt, kom­ Doch unabhängig davon, ob
schungsgruppe um den Biolo­ pensiert der Körper den zu­ und wie viel Sporttreibende
Cavan Images / mauritius images

gieprofessor Vincent Careau sätzlichen Energieverbrauch, abnehmen – gesundheitsför­


von der University of Ottawa indem er den Grundumsatz dernd ist Sport allemal. Regel­
heraus, deren Ergebnisse in senkt. Im Ruhezustand werden mäßige Bewegung verringert
der Fachzeitschrift »Current fortan weniger Kalorien ver­ erwiesenermaßen das Risiko,
Biology« präsentiert wurden. braucht. an Herz-Kreislauf-Erkrankun­
Entscheidend für den Er­ Dieser Effekt ist bei Perso­ gen, Diabetes, Demenz und
folg auf der Waage ist der Ver­ nen mit Übergewicht am Krebs zu erkranken. MAS

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 97


SPORT

keit erschwert auch die Weiterent­


wicklung des Leistungssports.«
Weniger fitte Kinder – weniger Ta­
lente? Dem Karlsruher Sportwissen­

Der schlafende Riese


schaftler Alexander Woll ist diese Rech­
nung zu einfach. »Der Rückgang der
körperlichen Fitness der Kinder und
Jugendlichen ist kein neues Phänomen.
Den gibt es schon seit Ende der Neun­
TALENTE  Die Olympischen Spiele waren für Deutschland eine Pleite, sogar die zigerjahre und hält sich seitdem stabil
Niederländer holten mehr Goldmedaillen. Sind die Jugendlichen zu faul auf diesem niedrigen Niveau«, sagt
Woll. Noch mal verschlechtern könne
und zu träge geworden? Oder werden sie ausgebremst durch das starre Sport- sich der Zustand der Kids allerdings nun
system? Die Suche nach den Gründen hat begonnen. durch Corona, das lasse sich bisher aber
noch nicht im Spitzensport ablesen.
Woll weiß wie kaum ein zweiter

I »Kinder haben
m Tennis immerhin war Deutsch­ Dabei hat die Bundesregierung seit Experte, wie sportlich die Kinder und
land noch erfolgreich. Alexander 2016 den Etat für den Spitzensport Jugendlichen sind. Er untersucht seit
Zverev aus Hamburg gewann bei zunehmend massiv erhöht, um einen weiteren fast zehn Jahren am Karlsruher In­
den Olympischen Spielen in Tokio Schwierig­ Absturz zu verhindern. Nun müssen stitut für Technologie, was der Nach­
eine der wenigen Goldmedaillen.
Deshalb ist es vielleicht ein gutes
keiten, auf die Sportführer der neuen Regierung
erklären, warum der Staat weiterhin
wuchs kann. Noch immer seien
80 Prozent der Kinder in Deutschland
Omen, dass sich am Mittwochmorgen den Baum viel Geld in die Produktion von irgendwann mal Mitglied in einem
dieser Woche eine Gruppe Sportfunk­ zu klettern.« ­Medaillen investieren soll, wenn der Sportverein, so Woll. »Kinder könn­
tionäre in der Hansestadt traf. ­Ertrag so dürftig ausfällt. ten mit perfekter Schusstechnik den
Alexander Woll,
17 Männer und 2 Frauen berieten in Sportwissen­ Ulf Tippelt ist Direktor am Institut Ball auf den Baum schießen«, sagt der
den Katakomben der Tennisarena über schaftler für Angewandte Trainingswissen­ Sportwissenschaftler, sie hätten aber
Erfolgsstrategien in Mannschaftssport­ schaft (IAT) in Leipzig, dem zentralen »zunehmend Schwierigkeiten, auf den
arten. Sie kommen aus dem Fußball, Forschungsinstitut des deutschen Baum zu klettern«. Es mangle an
Handball, Basketball und Hockey, sind Spitzensports. Nach Olympischen »motorischen Grundfähigkeiten«.
ehemalige Spieler, Vorstandsmitglieder Spielen wertet das IAT die Leistungen Entscheidend für den Spitzensport
von Vereinen und Trainer. aus. »Andere Nationen sind mittler­ seien andere Fragen: »Wie kann man
Sie sind die ersten Teilnehmer eines weile deutlich professioneller auf­ Kinder dazu motivieren, Leistungs­
Seminars des High Performance Sports gestellt als Deutschland«, sagt Tip­ sport zu betreiben? Inwiefern sind
Institute, das Führungskräfte ausbilden pelt. Nicht nur im Vergleich zu den Kinder und Jugendliche noch bereit,
und Vereine strategisch beraten will. USA oder China, die regelmäßig die sich für eine Sportart zu quälen?« Für
»Viele He­rausforderungen sind in allen meisten Medaillen bei Sommerspie­ problematisch hält Woll auch die
Mannschaftssportarten gleich«, sagt len gewinnen. Der Sportwissenschaft­ schlechte finanzielle und soziale Ab­
Veranstalter Bernhard Peters. ler meint Nationen wie Australien, sicherung. »Welcher Kanufahrer kann
Peters hat selbst vorgemacht, was Japan, Frankreich oder Italien. »In von seinem Sport leben? Es ist daher
er weitergeben will. Der 61-Jährige ge­ der Regel ist das Sportsystem dort nicht verwunderlich, wenn sich zu­
wann als Hockeybundestrainer meh­ top-down organisiert«, sagt Tippelt, nehmend weniger Jugendliche für
rere Weltmeistertitel, wechselte danach »an der Spitze stehen Organisatio­ Sportarten wie diese entscheiden.«
zum Fußball. Das Abschneiden der nen, die sowohl den Leistungssport Beispielhaft ist die Situation im
Mannschaften bei Olympia sei eine steuern als auch die Mittel verteilen, Schwimmen. Auf den ersten Blick
»dicke Enttäuschung« gewesen, sagt somit schneller und zielgerichteter sieht die Lage jetzt entspannt aus.
er. »Es gibt Nationen, die sind uns ein­ agieren können als in Deutschland.« Nachdem der Verband 2016 bei
fach weggelaufen.« Peters’ Mängelliste Hierzulande aber sei das Sport­ Olympia ohne Medaillen geblieben
ist lang: Mal habe es den Spielern an system zerfasert, es fehle an einer war, schafften Sarah Köhler und Flo­
Kraft gefehlt, mal an Widerstandskraft, gesamtdeutschen Strategie, ob und rian Wellbrock in Tokio mit ihren drei
mal an der mentalen Stärke in entschei­ wie Schulen eingebunden werden Medaillen anscheinend die Wende.
denden Momenten oder dann an der können. »Diese Fragen werden von Die beiden kommen vom Bundes­
taktischen Finesse, auch der Trainer. den 16 Kultusministerien sehr unter­ stützpunkt Magdeburg, dem Mekka
Einige Athleten seien nach Wettkämp­ schiedlich beantwortet«, sagt Tippelt. des deutschen Leistungsschwimmens.
fen in den nationalen Ligen »über­ Fachleute sehen im Bewegungs­ Abseits davon aber sieht es düster
spielt« gewesen. »Wenn du die Spieler mangel der Kinder und Jugendlichen aus, überall im Schwimmen mangelt
auspresst wie Zitronen: Was soll dabei eine Ursache für mangelnden Erfolg, es an Talenten. Frank Embacher ist
herauskommen?«, fragt Peters. auch der Sportverband klagt darüber. einer der erfolgreichsten Coaches, der
Dem deutschen Sport steht ein un­ In einem aktuellen Papier der inter­ sächsische Landestrainer vermisst
gemütlicher Herbst bevor. Bei den nen Arbeitsgruppe »Inhaltliche Aus­ Anreize, hart zu trainieren. Viele
Olympischen Sommerspielen in To­ richtung DOSB« des Deutschen wollten »mit immer weniger Trai­
kio rutschte die Bundesrepublik auf Olympischen Sportbunds, das dem ning« besser werden.
den neunten Platz im Medaillenspie­ SPIEGEL vorliegt, wird festgestellt, Auch werde der deutsche Sport im
gel ab. So schlecht wie nie seit 1952, »dass grundlegende Bewegungsele­ internationalen Vergleich zu schlecht
überholt vom kleinen Nachbarn Nie­ mente von Kindern nicht mehr be­ gefördert. Bestes Beispiel dafür ist Ma­
derlande und mit weniger als der herrscht werden«, darum werde sich rek Ulrich, einer seiner Schützlinge in
Hälfte der Goldmedaillen, die Groß­ zu wenig gekümmert. »Die mangeln­ Leipzig. Als Jugendlicher zählte der
britannien einheimste. de Bewegungsfähigkeit und -willig­ heute 24-Jährige zu den vielverspre­

98 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


SPORT

Alexander Hassenstein / Getty Images


1

Frank Hoermann / picture alliance / dpa


4

Lafrenz / Nordphoto
Sven Simon / ddp

Olympische Spiele in Tokio: 1 | Hockeyspieler Christopher Rühr, Johannes Große nach Halbfinalniederlage  2 | Langstreckenläuferin
Konstanze Klosterhalfen nach Zieleinlauf  3 | Ruderer Oliver Zeidler nach B-Finale  4 | Reiter Maurice Tebbel im Mannschaftswettbewerb

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 99


SPORT

chendsten Nachwuchsathleten, ge- lich Erfolge einfahren, und die Verbän- noch rechnet der DBB wegen des
wann 18 deutsche Meisterschaften. de, deren Athleten das größte Potenzial schlechten Potas-Rankings nun mit
Doch mit 22 beendete er überraschend haben, besonders gefördert werden. einem Einbruch der Fördermittel um
seine Karriere. »Es war die Angst, an Granacher ist hoffnungsvoll, dass 25 bis 30 Prozent für 3x3. »Im Prinzip
später zu denken«, erklärt Ulrich heu- die Wende gelingen kann: »Wir haben können wir uns damit schon jetzt von
te. »Ich wusste, dass ich mich mit dem ausreichend Geld im System, wir dem Gedanken verabschieden, bei
Schwimmen noch über Wasser halten müssen es effizient verteilen. Die Bri- Olympia in Paris oder Los Angeles
kann. Aber was ist später mal?« ten sagen immer, wir fürchten den dabei zu sein«, sagt Brenscheidt.
Den Leistungssport gab er auf, Tag, an dem der schlafende Riese »Was ist Erfolg in einer Sportart?«,
jobbte in einer Justizvollzugsanstalt, Deutschland erwacht.« fragt auch Alfons Hölzl, Präsident des
ehe er sich dann doch zu einem Es ist ein langer Weg. Im September Turner-Bundes, Potas-Platz 23. Gene-
Comeback entschloss. Finanzielle veröffentlichten BMI und DOSB die rell halte er das Bewertungssystem
Unterstützung erhielt er in dieser Zeit Ergebnisse der Potas-Kommission für zwar für »sinnvoll«, aber Faktoren wie
nicht, meldete sich arbeitssuchend die 26 Sommersportverbände. In dem die internationale Konkurrenz oder
und lebte von seinen Ersparnissen. In Ranking liegt der Deutsche Basketball das sehr junge Alter der Athletinnen
diesem Sommer packte Ulrich den Bund DBB ganz hinten. »Das Ergebnis und Athleten, in dem bereits Hoch-
Sprung ins Olympiateam. bildet nicht die Realität ab«, sagt Gene- leistungssport betrieben wird, werden
Sein ehemaliger Nationalmann- ralsekretär Wolfgang Brenscheidt, 57, nicht ausreichend berücksichtigt. »Wir
schaftskollege Philip Heintz bestätigt das Bewertungssystem passe »in Teilen treffen bei Olympia auf Nationen mit
das Dilemma, in dem viele Schwim- nicht für Mannschaftssportarten«. ganz anderen gesellschaftlichen Wer-
mer stecken. »Wenn du nicht gefördert Beim 3x3-Basketball, einer Spiel- tesystemen, in denen dem Sport alles
wirst und deine Eltern nicht die Miete form, die in Tokio erstmals olympisch untergeordnet wird, eine duale Kar-
und die Trainingslager zahlen können, war und bei der drei gegen drei auf riere spielt dort überhaupt keine Rol-
funktioniert Leistungssport nicht nur einen Korb spielen, kommt der le. So etwas können und wollen wir
mehr.« Von der Stiftung Deutsche Kommissionsbericht zu einem ver- aber nicht in Deutschland.«
Sporthilfe gibt es bis zu 800 Euro im nichtenden Urteil: Unter 103 Diszi- Die Probleme sind erkannt. Diese
Monat, Studenten erhalten einen plinen bilden die Basketballerinnen Woche kamen die Fachleute zu einer
­Bonus von 300 Euro. Heintz, der den und Basketballer den Bodensatz auf Konferenz in Kienbaum bei Potsdam
deutschen Rekord über 200 Meter La- Platz 101 und 102. Allerdings: In der zusammen. »Richtig ist, dass Potas
gen hält, hat seine Karriere jetzt be- aktuellen Weltrangliste stehen die als Instrument zwar akzeptiert wird,
endet. Er sagt, er habe noch Glück deutschen Frauen auf Platz eins, sie aber sich einige Verbände in den Er-
gehabt, weil unter anderem das Land sind Vize-Europameisterinnen. Den- gebnissen nicht wiederfinden«, sagt
Baden-Württemberg ihn unterstützt Dirk Schimmelpfennig, DOSB-Vor-
habe. »Wäre das nicht passiert, hätte stand für Leistungssport. Deshalb
ich mich wahrscheinlich 2012 nicht für Medaillendürre brauche es eine »Weiterentwick-
die Spiele qualifiziert und hätte meine lung«. Die Sportdirektoren mehrerer
Karriere beendet. Heute gehen solche Deutsche Medaillen* bei Olympischen Sommerspielen seit 1972 Verbände hätten zudem angeregt,
Leute wie ich verloren.« München 1972 Gold Silber Bronze 106 Fördergelder flexibler einsetzen zu
Um die Mängel abzustellen, hatte dürfen. Schimmelpfennig sieht »gute
Montreal 1976 129
das Bundesinnenministerium (BMI) Möglichkeiten, dass wir uns mit dem
vor fünf Jahren eine große Reform an- Moskau 1980** 126 BMI darauf verständigen können«.
gestoßen. Mit Potas, die Abkürzung Los Angeles 1984** 59 Auch Vordenker Peters sieht in den
steht für Potenzialanalysesystem, sol- gesellschaftlichen Rahmenbedingun-
len seither Leistungen und Zukunfts- Seoul 1988 142 gen die größte Schwäche des Sports.
chancen der Verbände bewertet wer- Barcelona 1992 82 Er ist gespannt, ob die neue Bundes-
den. Berlin will auch wissen, wo Atlanta 1996 65 regierung den Spitzensport anders
eigentlich die rund 300 Millionen Euro fördert. Viele Sportler setzen auf
pro Jahr versickern, die allein das BMI Sydney 2000 56 Frank Ullrich. Der Biathlon-Olympia-
in den Spitzensport steckt. Athen 2004 49 sieger 1980 für die DDR hatte als SPD-
Urs Granacher ist Sportwissen- Peking 2008
Kandidat im Bundestagswahlkampf
41
schaftler an der Uni in Potsdam und eine lebenslange Pension für Medail-
seit 2017 Vorsitzender der Potas-Kom- London 2012 44 lengewinner gefordert. Der 63-Jähri-
mission. Er sieht eine Chance, mit dem Rio de Janeiro 2016 42 ge, der nach seiner aktiven Karriere
Bewertungssystem die Spitzensport- Bundestrainer der Biathleten und
Tokio 2021 37
förderung transparent zu gestalten. Langläufer war, gewann in Südthürin-
»Wir haben in der Medaillenentwick- *bis 1988 mit DDR, **1980 Boykott Bundesrepublik, 1984 Boykott DDR gen ein Direktmandat. Die gesamte
lung einen Negativtrend. Aber am feh- Gesellschaft müsse fitter werden, sagt
Medaillen-Punkte bei den Olympischen Sommerspielen 2021
lenden Geld allein wird es wohl nicht er. »Wenn wir groß denken, müssen
pro eine Billion Dollar Bruttoinlandsprodukt, Auswahl
liegen, da in den letzten Jahren mehr wir bei den Kleinen anfangen.«
Umrechnung für die Verteilung der Medaillen nach Punkten:
Mittel geflossen, die Erfolge in Tokio Gold = 3 Punkte, Silber = 2 Punkte, Bronze = 1 Punkt
Wie Ullrich das umsetzen will,
aber hinter denen in Rio zurück­ Platz 47 bleibt allerdings nebulös: »Ich will
geblieben sind. Deshalb ist es notwen- Großbritannien hier nicht ins Detail gehen«, sagt er.
48
dig, dass wir jetzt ganz offen denken Platz 1 Platz 2 Platz 3 Auch ob die Spitzensportförderung
und überlegen: Was muss sich denn San Marino Jamaika Georgien erhöht werden soll, lässt er offen. Nur
wirklich verändern?« Dafür brauche 2658 1291 1081 so viel: »Ich sehe hier eine Grundver-
es aber den Reformwillen aller Betei- Platz 37 Platz 79 antwortung des Staates.«
ligten, sagt Granacher. Entscheidend Niederlande Deutschland Michael Fröhlingsdorf, Jannik Höntsch,
sei es etwa, dass diejenigen, die wirk- S Quellen: IOC, IWF 75 18 Thilo Neumann, Antje Windmann n

100 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


SPORT

Gründe, nur der kleinere Teil ist medizinisch


notwendig.
Für die meisten Spielerinnen ist klar, wo-
rum es wirklich geht, und sie fühlen sich

Grips statt Silikon


­beleidigt. Frauen haben es im Schach bis heu-
te generell schwer, akzeptiert zu werden.
Nicht einmal 16 Prozent aller Aktiven sind
weiblich. Auf der gemischten Weltrangliste
stehen 99 Männer und eine Frau. Frauen fehlt
SPONSORING  Immer mehr Frauen wehren sich gegen Sexismus im Sport. es deshalb an der Lobby. Sie werden oft als
Sonderlinge betrachtet. Die geistigen Fähig-
­ chachspielerinnen protestieren nun gegen ihren Weltverband – denn
S keiten, es mit den Männern aufzunehmen,
der hat eine Firma für Brustvergrößerungen als Hauptsponsor angeworben. sprechen viele ihnen ab.
Spielerinnen berichten von Anzüglichkei-
ten und sexueller Belästigung. Sie würden oft

S
chachspieler gelten als Denker und Tak- schrift »Prachtregion.de«, die die Volleybal- beglotzt, ihr Aussehen kommentiert. Auch
tiker. Wer den ei­genen König verteidi- lerinnen des VfB Suhl vor zwei Jahren auf erhielten sie weniger Preisgeld. Der Welt-
gen und den Gegner matt setzen will, ihren Hosen tragen mussten – und die vom schachverband habe bislang wenig dagegen
braucht Grips und Weitsicht. Der Weltschach- Werberat gerügt wurde. Mit dem Schriftzug unternommen, heißt es.
verband Fide bewies jetzt weniger Scharfsinn, hatte der Landkreis Schmalkalden-Meinin- Die Kontroverse kommt für den Sport zum
als er sich mit einem neuen Sponsor für inter- gen auf die schöne Landschaft im Südwesten schlechtesten Zeitpunkt. Die auf Netflix aus-
nationale Frauenschachturniere verbrüderte. Thüringens hinweisen wollen. gestrahlte Serie »Das Damengambit« hatte
Denn bei dem umstrittenen neuen Geld- »Sportler wollen sich mit ihrem Geldgeber vergangenes Jahr einen Schachboom ausge-
geber handelt es sich um Esta­blishment Labs, identifizieren können«, sagt Klewenhagen, löst; Millionen meldeten sich auf Websites an,
ein Unternehmen für Medizintechnik aus »der Weltschachverband hätte vielleicht bes- um online zu spielen. US-Meisterin Shahade
Costa Rica, das vor allem Brustimplantate ser vorher mit der Athletenvertretung ge- sagt, die Serie habe die einzigartige Chance
der sogenannten Motiva-Reihe herstellt. sprochen.« Bei der Fide versteht man geschaffen, »mehr Respekt für Schachspiele-
Der Deal sei das größte Unternehmens- die Aufregung nicht. Es seien auch Frauen in rinnen einzufordern«.
sponsoring, das jemals für Frauen im Schach den Entscheidungsprozess über die Verhand- Die wenigsten Spielerinnen wollen sich
vereinbart wurde, teilt der Verband mit. Über lungen mit dem M ­ edizinunternehmen ein- diesen Aufschwung kaputt machen lassen. Sie
die genaue Summe schweigt er sich aus. Der bezogen worden, beteuert der Verband. Von kritisieren den Verband für seine Sponsoren-
Sponsor sei bis Ende 2022 an Bord – jenes den Topspielerinnen habe man nur »positive wahl deshalb meist nur anonym. Auch Spit-
Jahr, das Fide als »Jahr der Frauen« im Schach Reaktionen« erhalten. Fide-Geschäftsführe- zenspielerin Papp ist gespalten. Einerseits
ausgerufen hat. rin Dana Reizniece-Ozola sagt, die Koope- würde sie einen anderen Geldgeber bevor-
Viele Schachspielerinnen empfinden die ration ver­deutliche, wie sehr man sich »für zugen, andererseits sagt sie: »Besser dieser
Wahl des Geldgebers als Hohn, sie fühlen sich die Gesundheit von Frauen« einsetze. Brust- als gar keiner.«
gekränkt. Das sei für Frauen eine »Herabwür- rekonstruktionen würden Krebspatientinnen Der Weltschachverband begründet seinen
digung und Erniedrigung«, schreibt eine Spie- helfen, sich nach dem Verlust der Brust wie- Werbedeal auch mit der Schwierigkeit, über-
lerin auf einer Schachwebsite. Eine andere der wohl in ihrem Körper zu fühlen. haupt Sponsoren für Frauenwettkämpfe zu
spricht von einer »Schande für den Sport«. Nur: Auf der Website von Motiva geht es gewinnen. Geschäftsführerin Reizniece-Ozola
Jennifer Shahade, zweimalige US-Meis- vorrangig um »Brustoptimierung« und »De- sagt, mit den Einnahmen könne man den
terin, erklärt, sie verbinde mit Frauen in sign-Operationen«, für die man gleich das Spielerinnen nun »bessere Wettkampfbedin-
ihrem Sport »Intellekt und Mut«, sich gegen passende Implantat wählen kann, anhand gungen, höhere Preisgelder und mehr öffent-
die Männerübermacht zu behaupten. Sarah von Vorher-nachher-Fotos. Das ist kein Zufall. liche Wahrnehmung bieten«.
Papp, vielmalige deutsche Nationalspielerin, Die meisten Brust-OPs haben kosmetische Matthias Fiedler, Florian Pütz n
sagte dem SPIEGEL : »Beim Schach geht es
ums Denken, nicht um Schönheitsideale.«
Eine Firma für Brust­vergrößerung sei hier
fehl am Platz.
Die Empörung vieler Spielerinnen wirft
ein Schlaglicht darauf, welches Selbstver-
ständnis auch andere Athletinnen im Zuge
der #MeToo-Debatte entwickelt haben. Wie
leid sie es sind, auf ihre Körperlichkeit re­
duziert zu werden. So wehrten sich deutsche
Turnerinnen gegen die Sexualisierung ihres
Sports, trugen bei der Europameisterschaft
im Frühjahr und bei Olympia lange statt knap-
pe Anzüge. Norwegens Beachhandballerin-
nen trugen bei der EM keine Bikinihosen,
sondern Shorts.
Bastian Frank / frankphoto.de

Auch in der Werbe- und Sponsoringbran-


che herrsche inzwischen eine große Sensibi-
lität für das, was als moralisch anstößig gilt,
sagt Marco Klewenhagen, Geschäftsführer
des Branchendienstes Sponsors. Um Auf-
merksamkeit zu schaffen, brauche es keine
platten Werbebotschaften mehr wie die Auf- Volleyballerin des VfB Suhl in Sponsorhose: Kritik vom Werberat

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 101


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WISSEN

Vetsuisse-Fakultät / Michelle Aimée Oesch


Zwei Katzenkinder im zweiten Trimester – dieser ungewöhnliche Einblick in Entwicklung der Tiere stammt aus der Veterinärmedizin
der Universität Zürich. Dort fertigte die Fotografin Michelle Aimée Oesch eine Reihe von anatomischen Studien von
Föten an, für die sie jetzt mit dem Wissenschaftspreis 2021 der Deutschen Gesellschaft für Photographie ausgezeichnet wurde.
Zwischen 57 und 68 Tage sind Katzen im Schnitt trächtig, dann kommt der Nachwuchs zur Welt.

Toxische Atmosphäre
kräfte sind dafür bekannt, dass sie sich Frauen gegenüber
­im-mer wieder unangemessen verhalten haben«, heißt es. Dazu
komme eine Arbeitsumgebung, in der Mitarbeiter sich nicht
trauten, Meinungen zu äußern, die denen ihrer Vorgesetzten
ANALYSE  Wie Captain Kirk Amazon hilft
widersprechen.
Im Brief werden auch angebliche Sicherheitsprobleme in
In der Rolle des James T. Kirk, Kapitän des Raumschiffs »Enter- der Firma angesprochen. Laut einem Ingenieur habe Blue
prise«, hat er fast jeden Winkel des Alls gesehen – doch im ech- ­Origin »Glück gehabt, dass bisher nichts passiert ist«. Benannt
ten Leben steht Schauspieler William Shatner der Erstkontakt werden Finanz- und Personalknappheit, konkrete technische
mit dem Weltraum noch bevor. Allzu lange muss der 90-Jährige Details werden nicht öffentlich gemacht. Das Unternehmen
nicht mehr warten. Nach Firmenangaben wird Shatner noch in ­widersprach, dass es »keine Diskriminierung oder Belästigung
diesem Monat mit der »New Shepard«-Rakete von Amazon- jeg­licher Art« dulde. Es gebe für Mitarbeiter viele Möglich­
Gründer Jeff Bezos einen Kurzausflug in die Schwerelosigkeit keiten, Fehlverhalten zu melden. »Wir stehen zu unserer Sicher­
unternehmen. heits­bilanz und sind davon überzeugt, dass ›New Shepard‹
Dass der »Star Trek«-Mime in die Kapsel steigt, liefert werbe- das ­sicherste Raumfahrzeug ist, das jemals entwickelt oder ge-
wirksamen Gesprächsstoff für Blue Origin. Dort kann man posi- baut wurde.«
tive Schlagzeilen gut gebrauchen. In einem offenen Brief haben Die Vorwürfe kommen für Blue Origin zur Unzeit. Das
mehr als 20 frühere oder aktuelle Angestellte schwere Vorwürfe Unter­nehmen will mit Flügen der »New Shepard« endlich Geld
gegen die Firma erhoben. verdienen, doch ein anderes Projekt kommt nicht voran: die
Die frühere Kommunikationsmanagerin Alexandra Abrams Schwerlastrakete »New Glenn«. Während die Konkurrenz von
berichtet von einer toxischen Atmosphäre im Weltraumkonzern, SpaceX quasi im Dauerbetrieb startet und landet, ist Bezos’
die Rede ist auch von Sexismus. »Viele hochrangige Führungs- Fluggerät noch kein einziges Mal abgehoben. Christoph Seidler

104 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


Mehr Atemwegs­ mit dem Virus, desto größer Wie die meisten Erkältungs- dauern, auf Papierhandtüchern
ist das Risiko eines schweren viren wird das RS-Virus haupt- sogar 45 Minuten, geschützt
infekte bei Kindern Verlaufs. sächlich durch Tröpfchen über- vom Schleim, mit dem sie aus-
erwartet Ähnlich wie die Grippe­ tragen, daneben können – an- geschieden wurden.
welle fiel im vergangenen ders als bei Sars-CoV-2 – aber Kleinkinder überstehen die
MEDIZIN  Fachleute rechnen Winter die RSV-Saison wegen auch Schmierinfektionen eine Infektion allerdings meistens gut.
damit, dass in diesem Herbst Coronamaßnahmen wie der Rolle spielen. Auf Händen kön- »Von 100 Kindern, die in den
ungewöhnlich viele Kleinkinder Maskenpflicht fast komplett nen RS-Viren 20 Minuten über- ersten beiden Lebensjahren zum
aufgrund einer Infektion mit aus. Die Folgen zeigen sich ersten Mal eine RSV-Infektion
dem RS-Virus ins Krankenhaus schon jetzt, viele Kliniken durchmachen, müssen etwa drei
müssen. Denn wegen der Co­ und Arztpraxen sind voll mit Prozent in der Klinik behandelt
ronamaßnahmen konnten viele kleinen Patienten. werden«, sagt Liese.
im vergangenen Winter noch »Die Saison hat viel früher Weil die absoluten Anste-
keine Immunität aufbauen. begonnen als sonst«, sagt Jo- ckungszahlen allerdings so hoch
Das Respiratorische Synzy­ hannes Liese, Leiter des Be- sind, häufen sich im Winter die
tial-Virus, kurz RS-Virus, führt reichs pädiatrische Infektiologie Fälle in den Krankenhäusern.

Jill Lehmann / Getty Images


wie die Grippe jedes Jahr zu und Immunologie am Univer­ Spätestens wenn ein Kind
Atemwegserkrankungen. Fast sitätsklinikum Würzburg. »Wir Atemnot entwickelt, sollten El-
jedes Kind macht die Infektion befinden uns jetzt an einem tern unbedingt einen Arzt auf-
innerhalb seiner ersten beiden Punkt, den wir normalerweise suchen. »Eine schnelle, ange-
Lebensjahre durch. Je jünger erst im November oder sogar strengte Atmung ist ein Warn-
das Kind beim ersten Kontakt Dezember erreichen.« zeichen«, erklärt Liese. IRB

»Es gab Gewinner und


Ranger und Besucher unter- schwimmt, hüpft oder fliegt.
wegs waren. Das ist in Teilen Es ist die größte jemals durch­

Verlierer«
Afrikas der Fall. Hier bei uns in geführte Gemeinschaftsstudie
Schottland scheint die Tötung über Tierbewegungen.
von Greifvögeln zugenommen SPIEGEL: Welche Ergebnisse ha-
zu haben, da sie leider immer ben Sie am meisten überrascht?
BIOLOGIE  »Anthropause« nennen Wissenschaftler
noch als Konkurrenten bei der Rutz: Was mich persönlich be-
die Ruhe, die der Mensch der Tierwelt während der Jagd auf bestimmte Wildtier­ geistert, ist, dass man eine Va-
Pandemie verschaffte. Der Biologieprofessor arten wahrgenommen werden. riation in den Reaktionen sieht:
SPIEGEL: Wie viele Forscher Es gab Gewinner und Verlierer.
Christian Rutz, 46, von der schottischen St Andrews arbeiten an dem Projekt mit? Das reicht von Tieren, die nun
University erforscht, was die Daten von an Tieren Rutz: Wir haben die Covid-19 neue Gebiete erkunden, bis
angebrachten Minisendern über diese Zeit verraten. Bio-Logging Initiative letztes hin zu Arten, die in Schwierig-
Jahr gegründet und arbeiten keiten gerieten, entweder weil
SPIEGEL: Herr haben früh gewarnt, dass einige mittlerweile mit etwa 500 Part- sie zunehmend von Menschen
Rutz, wie erfor- Arten auch unter Druck geraten nern auf der ganzen Welt zu- verfolgt wurden oder weniger
schen Sie die könnten. Zum Beispiel solche, sammen. Die haben uns Daten – Nahrung zur Verfügung hatten.
Har vard University

­sogenannte An- die auf vom Menschen wegge- insgesamt über eine Milliarde Es gibt natürlich auch viele,
thropause? worfene Nahrung angewiesen GPS-Ortungen – von etwa bei denen sich anscheinend
Rutz: Wir verwen- sind wie Tauben, Möwen oder 13 000 markierten Tieren zur nicht viel verändert hat.
den Daten, die Nagetiere. Es gibt mehr Berich- Verfügung gestellt. Das umfasst SPIEGEL: Welche Erkenntnisse
von winzig kleinen Minisendern te, dass Wilderei und illegale etwa 172 verschiedene Arten: erhoffen Sie sich?
mit GPS-Funktion erzeugt wur- Verfolgung zugenommen haben, vom kleinen Singvogel bis Rutz: Wir wollen Muster erken-
den und die Wissenschaftler auf weil in Nationalparks weniger zum großen Wal. Alles, was nen, um Problemfälle zu iden­
der ganzen Welt – nichts ah- tifizieren und bedenkliche Ent-
nend, was kommen würde – wicklungen vorhersagen zu
noch vor der Pandemie an Wild- können. Dann können wir da­
tieren angebracht haben. Wir rüber nachdenken, wie man
werten diese umfangreichen unser modernes Leben so um-
Datensätze jetzt aus. Am Ende strukturieren kann, dass die Ko-
wollen wir ein globales Bild existenz von Mensch und Tier
der Lebensumstände zeichnen, gefördert wird. Man kann etwa
­welche die Pandemie für wilde Schiffsrouten ein wenig verle-
Tiere mit sich gebracht haben. gen oder den Verkehr phasen-
SPIEGEL: Wie sehen erste Ergeb- weise verlangsamen. Wir haben
nisse aus? In einigen Veröffent- auch gesehen, dass schon eine
lichungen liest man von schnel- relativ kurze Zeit der Ruhe
ler fett werdenden Gänsen, aber für nistende Meeresschildkrö-
imageBROKER / ullstein bild

auch von verzweifelt nach Fut- ten wichtig sein kann. Einen
ter suchenden Tauben. Strandabschnitt für ein paar
Rutz: In den Medien war viel Wochen zu schließen kann für
davon die Rede, dass sich die diese Tiere entscheidend sein,
Natur während der Lockdowns Stadttaube muss aber die Urlaubsfreude
erholen würde. Aber Experten nicht stören. KK

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 105


WISSEN

In Beethovens Hirn
KÜNSTLICHE INTELLIGENZ   Ein Superrechner hat die unvollendete 10. Sinfonie
des Musikgenies zu Ende komponiert. Ist das Werk,
das jetzt in Bonn uraufgeführt wird, wirklich eine künstlerische Leistung?
Oder können KI-Programme gar nicht kreativ sein?
Dirk Rudolph

106 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WISSEN

D
ie berühmteste künstliche In- rem Beethoven-Charakter blitzen
telligenz der Filmgeschichte auf, doch erschließt sich nicht recht,
erlosch mit einem Kinderlied. warum sie erklingen. Oder vermisst
»Daisy, Daisy, give me your answer der Hörer den gestaltenden Willen
do!«, röchelt eine tiefe, langsam er- nur deshalb, weil er weiß, dass es die-
mattende Stimme – es ist die letzte sen nicht gibt?

Norber t Ittermann / Deutsche Telekom AG


Regung von HAL 9000, dem Bord- Der Finalsatz der »Zehnten« war-
computer des Raumschiffs in Stanley tet dann mit einer Überraschung auf:
Kubricks »2001: Odyssee im Welt- Hier erklingt plötzlich eine Orgel –
raum«. ein Instrument, das eigentlich keinen
Der Science-Fiction-Film erzählt Platz in einem klassischen Sinfonie-
die Geschichte vom Superrechner, der orchester hat. Teamleiter Röder traut
sich selbstständig macht und außer dem großen Komponisten einen sol-
Kontrolle gerät. Eigenmächtig tötet chen Bruch mit der sinfonischen Tra-
der Computer die Menschen an Bord, dition zu. Wenn Beethoven im Fina-
bis es dem letzten Überlebenden ge- le seiner Neunten zur Überhöhung
lingt, in den Zentralraum von HAL der Komponist nach der »Ode an die Von einer KI kom­ der Freudens- und Hoffnungsbot-
einzudringen und dort all seine Funk- Freude« noch weitermachen können? ponierte 10. Beet­ schaft einen Chor eingesetzt hat, wa-
hoven-Sinfonie
tionen nacheinander zu deaktivieren. Das Team um den Salzburger Mu- (Partitur-Ausschnitt) rum sollte er dann in der Zehnten
Modul für Modul schwindet dahin, sikwissenschaftler Matthias Röder nicht zur Orgel greifen? Schließlich
was den Rechner menschlich macht. wagt es, mithilfe der KI eine Antwort wollte er dieses Werk mit einer reli-
Ein schlichtes Kinderlied ist das Letz- auf diese Frage zu geben. Ist das Er- giösen Aussage versehen, darauf deu-
te, was übrig bleibt: Bei Kubrick ist gebnis der kreative Geniestreich eines ten seine Notizen hin.
der künstlichen Intelligenz (KI) eine Siliziumhirns? Oder nur seelen- und Appel hält das für einen abwegigen
Melodie als tiefste Schicht ihrer geistlos zusammengestümperter Beet- Gedanken. In Beethovens Werk spiel-
Menschwerdung eingeschrieben. hoven-Sound? An diesem Samstag te dieses Instrument kaum eine Rolle.
In der Tat rührt Musik das mensch- werden der dritte und der vierte Satz Den Hinweis auf eine möglicher­weise
liche Gemüt zutiefst und unmittelbar, einer potenziellen 10. Sinfonie, ge- religiöse Botschaft mit »Orgel« zu
vielen gilt sie als subjektivste aller spielt vom Beethoven Orchester Bonn übersetzen, erscheint dem Bonner
Künste. Frei von rational fassbarem und dirigiert von Generalmusikdirek- Forscher als unerträglich trivial: »Man
Inhalt ist sie gleichsam Klang gewor- tor Dirk Kaftan, uraufgeführt. schämt sich fast, so etwas anhören zu
dene Emotion. Was könnte für ein Das Publikum in Bonn erwartet ein müssen«, sagt er.
Computerhirn schwieriger zu begrei- irritierendes Hörerlebnis. Sehr beet- Schuld daran ist in diesem Fall al-
fen sein? hovensch hebt der Scherzo-Satz an. lerdings nicht die künstliche Intelli-
Deshalb ist das Unterfangen so Das resolute Ta-ta-ta-taa der 5. Sin- genz. Die Entscheidung für die Orgel
außergewöhnlich, das ein Team aus fonie erscheint hier als aufwärtsstre- haben deren menschliche Assistenten
Musikwissenschaftlern, Komponisten bendes, tänzerisches Da-da-da-dim. gefällt. Ausdrücklich weisen Röder
und Computerfachleuten der Welt- Gerade am Anfang entwickelt sich und sein Team darauf hin, dass Beet-
öffentlichkeit an diesem Samstag vor- dieses Motiv auf sehr schlüssige Weise. hovens »Zehnte« Ergebnis eines en-
stellt: Unterstützt von künstlicher Doch hätte sich Beethoven wirk- gen Zusammenspiels von Mensch und
Intelligenz haben die Experten ihrem lich so platt auf sich selbst bezogen? Maschine ist. Oftmals können nicht
eigenen Anspruch zufolge die 10. Sin- Hätte er so rückwärts gewandt kom- einmal die Macher selbst genau sagen,
fonie Ludwig van Beethovens voll- poniert? Die Experten haben in sei- wer dabei welchen Anteil hatte. Das
endet. In Auftrag gegeben wurde das nen Notizen Indizien dafür gefunden, macht die Bewertung der kreativen
Projekt von der Deutschen Telekom. dass er die Auseinandersetzung mit Leistung des Computers schwierig.
Auf Dutzenden Notenblättern hat seinen früheren Werken suchte. Doch Klar ist nur das Verfahren, nach
Beethoven musikalische Einfälle, Mo- in dieser »Zehnten« mutet vieles all- dem die beiden Sinfoniesätze entstan-
tive und Phrasen hinterlassen, die er zu gefällig an, nach Klängen, die der den sind. Die KI für das Projekt
für seine nächste Sinfonie verwenden gereifte Beethoven bereits hinter sich stammt von Ahmed Elgammal, der
wollte. Diese zu schreiben hatte er gelassen hatte. an der Rutgers University im US-Bun-
sich bereits verpflichtet: Im Jahr 1817 »Völlig banal« findet Bernhard desstaat New Jersey das Art and Arti­
hatte die Philharmonic Society of ­Appel diese vom Computer erdachte ficial Intelligence Laboratory leitet.
London zwei Sinfonien bei Beetho- »Zehnte«. Als ehemaliger Leiter des Er hat den Computer mit dem voll-
ven bestellt, von denen er nur eine, Bonner Beethovenarchivs und als Mit- ständigen Werk Ludwig van Beetho-
die legendäre Neunte, lieferte. arbeiter des aktuellen Forschungspro- vens gefüttert, soweit dieses in ma-
Die Zehnte zu Ende zu bringen jekts »Beethovens Werkstatt« setzt er schinenlesbarer Form verfügbar war:
blieb dem Komponisten nicht mehr sich seit Langem mit der Arbeitsweise Alle 9 Sinfonien, alle 32 Klaviersona-
die Zeit. Ludwig van Beethoven starb des großen Komponisten auseinander. ten, alle Streichquartette und Klavier-
am 26. März 1827, ein Leber- und Jetzt, sagt er, packe ihn das Grausen, konzerte las er ein.
Darmleiden führte zu seinem Tod. wenn er die Ansammlung musikali- Aber auch die Musik von Bach,
Das Geheimnis seiner Zehnten nahm scher Stereotype höre, die im Rahmen Der Finalsatz Mozart und Haydn musste die Ma-
er mit ins Grab. des KI-Projekts Beethovens Skizzen schine lernen. Schließlich hat Beet-
Es fällt nicht leicht, sich ein solches übergestülpt wurden.
wartet mit hoven sie studiert. Alle Zeitgenossen,
Werk vorzustellen. Für die Nachwelt In der Tat scheint die »Zehnte« einer Über­ von denen bezeugt ist, dass Beet­
scheint es, als hätte sich Beethovens seltsam zu mäandern. Es findet sich raschung hoven ihre Werke kannte, flossen,
sinfonisches Schaffen im ungeheuer- das Drängen, das für Beethoven so soweit möglich, in den Fundus von
lichen Triumph des Chors im Final- typisch ist, nur bleibt unklar, wohin auf – eine Elgammals KI ein. »Je nachdem wie
satz der Neunten erfüllt. Wie hätte es drängt. Motive mit unverkennba- Orgel erklingt. wir diese Einflüsse gewichten, ver-

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 107


WISSEN

ändert sich hinterher der Output der KI«, sagt herauskam. Denn es schien, als erlaubte diese
Röder. Software einen Blick ins Seelenleben künst­
In dem so gespeicherten Kanon sucht der licher neuronaler Netze.
Computer nach charakteristischen Mustern, Diese Netzwerke bestehen aus mehreren
wie musikalisches Material zu behandeln ist. Schichten dicht miteinander verschalteter
Dieser Muster gemäß verarbeitet er die Beet- künstlicher Neuronen. Zur Bilderkennung
hoven-Skizzen. Die menschlichen Experten wird dabei der Input in die erste Schicht ein-
geben dabei die thematische Struktur vor, die gespeist und an die anderen weitergereicht,

Timothy A. Clar y / AFP


KI füllt diese dann, stets den erlernten Regeln bis der Output schließlich aus der letzten aus-
folgend, mit Noten aus. gelesen wird. Was in den Schichten zwischen
Für jede Überleitung, jede Kadenz oder In- und Output geschieht, gilt als dem Nutzer
thematische Variation generiert die Maschine unzugängliche Blackbox.
Dutzende verschiedene Vorschläge. Die Men- Vor sechs Jahren aber gelang es dem
schen wählen darunter dann jene aus, die ih- ­Google-Mitarbeiter Alexander Mordvintsev,
nen am ehesten dem beethovenschen Geist diese verborgene Zwischenwelt anzuzapfen.
zu entsprechen scheinen. Ein ähnlicher Pro- Er förderte dabei psychedelisch verzerrte Bil-
zess, so die Forscher, könnte sich einst im der zutage, die den Anschein erwecken, als
Kopf des Komponisten abgespielt haben: Aus schaute man dem Computer bei der Bild-

Bridgeman Images
dem großen Fundus seines Gedächtnisses ge- erkennung zu. »Hatte Mordvintsev einen Weg
nerierte er musikalische Phrasen, unter denen gefunden, ins Unbewusste der Maschine zu
er dann jene selektierte, die ihm seine Ideen blicken, in ihr inneres Leben, in ihre Träu-
am besten auszudrücken schienen. me?«, grübelte der Londoner Kreativitäts-
KI-Kunstwerk »Portrait of Edmond de Belamy«*
Gerade das Schaffen Beethovens lässt sich forscher Arthur I. Miller.
heute ungewöhnlich genau nachvollziehen. in eine Zeit, in der die KI immer weiter in die Während sich die kreativen Möglichkeiten
Denn er hat Tausende Skizzenblätter hinter- Welt der Kreativen vordringt. Für die einen sind von DeepDream bald erschöpften, erweist
lassen, auf denen er seine Einfälle festgehalten die Computer ein vielseitiges Werkzeug, das die sich eine andere Entwicklung der neuronalen
hat. Manchmal sind es ein paar rasch hin­ menschliche Kreativität steigert, andere glauben Netze als bedeutungsvoller: Die Programmie-
geworfene Striche, dann wieder weit aus­ gar, dass die KI selbst schöpferisch sein kann. rer haben Verfahren ersonnen, mit denen sie
gearbeitete Musikpassagen. Das vergangene Jahrzehnt war bestimmt zwei neuronale Netze miteinander ins Ge-
Für Beethoven-Forscher ist dies ein Schatz, vom Aufstieg der sogenannten künstlichen spräch bringen können. Das eine davon ge-
anhand dessen sie den kreativen Prozess des neuronalen Netze, die besonders bei der neriert nach dem Zufallsprinzip Bilder, das
Komponisten verfolgen können. Es lässt sich ­Mustererkennung unerhört machtvoll sind; andere bewertet diese. So entspinnt sich ein
daran ablesen, dass es mitunter viele Jahre mit ihnen hat sich die Philosophie des »Deep Dialog von Schöpfer und Zensor, aus dem
dauerte, bis aus der ersten Skizze eine Sona- ­Learning« durchgesetzt. Seither ist ganz Neues hervorgehen kann.
te, ein Quartett oder gar eine Sinfonie gewor- selbstverständlich von »künstlicher Intelli- So sind, geboren aus dem Zusammenspiel
den war. Auf dem Weg dorthin hat Beethoven genz« die Rede, es scheint, als würde den zweier neuronaler Netze, bereits Porträtbilder
immer neue Ideen geboren, abgewogen, ge- Computern inzwischen unwidersprochen die imaginärer Personen entstanden. Ein solches
wandelt und verworfen. Fähigkeit zur Intelligenz zugebilligt. Die Bildnis mit dem Titel »Portrait of Edmond de
Schon deshalb lässt sich mit Gewissheit sa- Kreativität dagegen gilt noch immer als Do- Belamy« wurde im Oktober 2018 bei Christie’s
gen, dass Beethovens Zehnte, hätte er sie selbst mäne des Menschen. Doch das ist im Begriff, in New York versteigert. Der Schätzwert lag
vollenden können, sehr anders als die jetzt von sich zu ändern: Auch diese Bastion haben die bei 7000 bis 10 000 Dollar. Am Ende erzielte
der KI ersonnene geklungen hätte. So wie bei KI-Pioniere jetzt ins Visier genommen. das Werk einen Preis von 432 500 Dollar. Mit
all seinen anderen Sinfonien hätte vermutlich Schon haben Computer Choräle generiert, Aplomb war die KI am Kunstmarkt angekom-
kaum eine von Beethovens Notizen den Ent- bei denen sich selbst Experten schwertun, sie men. Ein hoher Auktionspreis für ein Werk
stehungsprozess unverändert überlebt. von denjenigen Johann Sebastian Bachs zu der KI beweist freilich nicht, dass es sich wirk-
Schwerer noch wiegt, dass in das Schaffen unterscheiden. Software komponiert irische lich um eine kreative Leistung handelt. Um
des großen Musikgenies viele Einflüsse ein- Folkmusik, das Projekt »Flow-Machines« dies zu entscheiden, müsste zuerst geklärt
gingen, die kein Rechnerhirn nachbilden spuckt wahlweise digital kreierte Samba-, sein, was Kreativität eigentlich ist.
kann. Beethoven drückte innere Seelenqual Rap- oder Bluesklänge aus. Sogar an Gedich- Das Experiment in Bonn jedenfalls wird
in seiner Musik aus, er antwortete auf das ten versuchen sich die Maschinen – wenn- sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen:
Weltgeschehen, er wollte wirken, gestalten, gleich diese oft zwar bedeutungsschwanger, Die einen werden daraus eine Ahnung davon
Botschaften vermitteln. Einen solchen Willen aber ziemlich sinnlos daherkommen. ableiten, wie sich selbst ergreifende Kunst-
kennt ein Computer nicht. Am deutlichsten ist der Vormarsch der werke ohne gestaltenden Willen erschaffen
Insofern ist die zentrale Frage, die das Bon- Computer auf dem Feld der Bildenden Küns- lassen. Andere werden sich angesichts dieser
ner KI-Experiment aufwirft, nicht die, ob die te spürbar. »Derzeit schwärmen weltweit Mu- »Zehnten« darin bestätigt sehen, dass tech-
jetzt aufgeführte »Zehnte« an die schöpferi- seumsdirektoren, Kuratoren und Galeristen nische Meisterschaft keinerlei Indiz für echte
sche Kraft Beethovens heranreicht. Das tut von KI-Kunst«, berichtet die Zeitschrift »art« Schaffenskraft ist.
sie zweifellos nicht. Es geht vielmehr darum, in ihrer letzten Ausgabe. Unter den Program- Zumindest sollten die Zuhörer bei alledem
ob sich in den beiden Sätzen zumindest ein mierern und IT-Experten des Silicon Valley nicht vergessen, dass sich das Menschsein auch
Funke Beethoven wiederfindet. Mit anderen brach schon im Jahr 2015 ein regelrechter im Kleinen offenbart. Schließlich bedarf es nicht
Worten: Ist eine KI, die solche Musik hervor- Kunstrausch aus, als Google mit DeepDream des Genies eines Beethoven, um kreativ zu sein.
bringt, wirklich kreativ? Dass Meisterleistungen dafür nicht das einzige
Kulturschaffende, ganz gleich ob Musiker, Maß sein können, offenbart eine Episode aus
bildende Künstler oder Dichter, werden sich der Isaac Asimovs Roman »I, Robot«. »Können
Auseinandersetzung damit nicht verschließen Sogar an Gedichten ver­ Roboter Sinfonien komponieren?«, fragt dort
können. Denn die Uraufführung in Bonn fällt
suchen sich Maschinen – ein Kriminalbeamter den Roboter. Woraufhin
dieser erwidert: »Kannst du das denn?«
* Mit KI-Künstler Pierre Fautrel, KI-Signatur. das Ergebnis ist oft sinnlos. Johann Grolle  n

108 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


SPIEGEL BESTSELLER Leseprobe

Entertainer Hape Kerkeling, 56, gibt Auskunft über SPIEGEL: Wo befinden Sie sich gerade?
Sabbatjahre, Pilgerglück und Katzen Kerkeling: Ich denke, es ist kein Risikogebiet.
SPIEGEL: Warum haben Sie 2014 dem Showgeschäft den Rücken SPIEGEL: Sind Sie schon geimpft?
gekehrt? Kerkeling: Mehrfach. Polio. Typhus. Diphtherie und Tetanus. Gelb-
Kerkeling: Ich hatte eine gute Zeit. Es war genug. fieber. Oder meinten Sie jetzt Covid-19?
SPIEGEL: Warum kündigten Sie dann kürzlich den Rücktritt vom SPIEGEL: Vor genau 20 Jahren wählten Sie schon einmal einen
Rücktritt an? Rückzug ins Innere, als Sie die 630 Kilometer des Jakobswegs bis
Kerkeling: Es wird keine Rückkehr zur großen Show geben! Statt- nach Santiago de Compostela wanderten. Was ist Ihnen bis heute
dessen kommt bald eine kleine Dokureihe auf den Schirm. Dokus am stärksten in Erinnerung geblieben?
sind doch nicht Showgeschäft. Kerkeling: Der Blick auf das Tal von Najera. Unvergesslich!
SPIEGEL: Haben Sie sich in Ihren selbst gewählten Sabbatjahren SPIEGEL: Gab es noch eine andere große Erkenntnis dieser
verändert? Pilgerreise?
Kerkeling: Jedes Lebensjahr verändert einen ein bisschen. Einige Kerkeling: Jeder Tag ist tatsächlich ein neuer Anfang.
Jahre mehr, andere weniger. Die Pandemie hat mich gewiss SPIEGEL: Ihr neues Buch »Pfoten vom Tisch« haben Sie den Katzen
verändert. in Ihrem Leben gewidmet. Bedauern Sie es, dass Katzen nicht
SPIEGEL: Also sagen Sie: Der Mensch kann sich sehr wohl sprechen können?
verändern? Kerkeling: Katzen bedauern wohl eher, dass Menschen sprechen
Kerkeling: Das hängt wohl auch immer von der eigenen Bereit- können. So ein Mensch redet schon ziemlich viel Müll, wenn der
schaft ab. Tag lang ist. Ein »Miau« hingegen erfüllt meist nur seinen Zweck.

Nächste Woche im SPIEGEL: Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse empfiehlt die neue
Ausgabe von SPIEGEL BESTSELLER den besten Lesestoff dieses Herbstes.

• Frühe Liebe: Alice Schwarzer über einen Das Kulturmagazin SPIEGEL BESTSELLER liegt dem
unbekannten Roman Simone de Beauvoirs SPIEGEL viermal im Jahr bei und stellt die
• Welt im Lockdown: Eine Analyse der globa- interessantesten Neuheiten aus Literatur, Sachbuch
len Coronakrise sowie Film, Pop und Klassik vor.
• Klare Worte: Neue Bücher von Julia Franck,
Carolin Kebekus, Edgar Selge und anderen
WISSEN

fristige Klimaschwankungen erzeugen kön-


nen. Das war mein Einstieg ins Klimaproblem.
SPIEGEL: Ihr Name stand in der Öffentlichkeit
immer im Zusammenhang mit dem »Finger-

»Nobelpreis? Nee, daran


abdruck«, den der Mensch im Erdklima hin-
terlässt.
Hasselmann: Ja, ich habe ein Konzept ent-

hab ich nie gedacht«


wickelt, wie sich im ständigen Rauschen der
natürlichen Klimaschwankungen der Nach-
weis führen lässt, dass der Mensch das Klima
wirklich verändert. Nur dass ich die richtige
Bezeichnung für dieses Konzept anfangs nicht
SPIEGEL-GESPRÄCH Der Physiker Klaus Hasselmann, 89, erzählt, wie er gefunden hatte. Der Begriff des »Fingerab-
drucks« wurde von anderen geprägt, und das
den menschengemachten Klimawandel nachgewiesen hat – und warum war entscheidend für die Kommunikation mit
er trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt. der Öffentlichkeit.
SPIEGEL: War der Klimawandel für Sie nur
wissenschaftlich interessant, oder haben Sie
SPIEGEL: Herr Professor Hasselmann, herz- SPIEGEL: Heute steht der Klimawandel im darin auch eine politische Herausforderung
lichen Glückwunsch zum Physik-Nobelpreis! Mittelpunkt aller Klimaforschung. Wie war gesehen?
Erzählen Sie: Wie haben Sie den Dienstag das damals? Hasselmann: Natürlich ist es auch wichtig,
dieser Woche erlebt? Hasselmann: Als ich Anfang der Siebziger in das zu kommunizieren. Aber darin habe ich
Hasselmann: Na ja, das war alles sehr irreal. die Klimaforschung ging, begannen sich die nicht meine Aufgabe gesehen. Für mich per-
Dieser Anruf, der so aus dem Nichts passier- Leute gerade für das Verhältnis von natürlichen sönlich war es eine wissenschaftliche Frage.
te. Richtig begriffen habe ich das immer noch und menschengemachten Schwankungen zu SPIEGEL: Mit Ihrem Nachweis, dass der
nicht. interessieren. Damals war ja nicht einmal klar, Mensch das Klima verändert, waren Sie auf
SPIEGEL: Hatten Sie nicht zumindest eine ob uns nicht sogar eine neue Eiszeit bevorste- ein Phänomen von geradezu menschheits-
­Ahnung, dass Sie vielleicht auf der Liste der hen könnte. Das Verfahren zum Nachweis, ob geschichtlicher Bedeutung gestoßen, das bis
Nominierten stehen könnten? der Mensch das Klima tatsächlich verändert, heute die Weltpolitik bestimmt. Das hat für
Hasselmann: Nein, auf die Idee bin ich nie war einer meiner ersten Beiträge damals. Ich Sie keine Rolle gespielt?
gekommen. Preise schon, aber den Nobel- hatte das Glück, dass diese Frage genau zum Hasselmann: Ich interessierte mich für die
preis? Nee, daran hab ich nie gedacht. richtigen Zeitpunkt für mich aufkam. Wissenschaft. Aber natürlich hat die politi-
SPIEGEL: Aber früher, als Sie Physik studier- SPIEGEL: Wann wurde Ihnen die Bedeutung sche Bedeutung des Themas eine große Rolle
ten, da haben Sie sich schon mal vorgestellt, des Treibhauseffekts und der menschlichen für meine Karriere gespielt. Im Jahr 1975 wur-
wie es wohl wäre, den Nobelpreis zu kriegen? Treibhausgasemissionen klar? de das Max-Planck-Institut für Meteorologie
Hasselmann: Das tut ja vielleicht jeder irgend- Hasselmann: Das hat ja schon Anfang der in Hamburg gegründet, mich hat man als
wann mal. Aber ich dachte immer, im Bereich Siebzigerjahre der Club of Rome ins Spiel ­Direktor berufen. Das verdanke ich natürlich
der Klimaforschung, da gibt es so etwas so- gebracht. Wir haben den Bericht damals ver- auch der Aufmerksamkeit, die das Thema in
wieso nicht. Der Physik-Nobelpreis, der geht schlungen. Es war das erste Mal, dass die der Öffentlichkeit bekam.
an die Teilchenphysik, an die Astronomie Wechselwirkung von Klima- und Wetter- SPIEGEL: Hat das politische Interesse Sie ge-
oder so was. schwankungen diskutiert wurde. Das hat freut oder gestört?
SPIEGEL: Was bedeutet dieser Preis für Sie? dann zu meinen ersten Arbeiten auf diesem Hasselmann: Weder noch. Als Wissenschaft-
Hasselmann: Auf mein Leben hat das keinen Gebiet geführt. ler versucht man immer, etwas zu tun, was
Einfluss. Aber es ist irgendwie ganz lustig. SPIEGEL: Hatten Sie irgendwann das Gefühl, andere interessiert. Also hat mich das Inte­
Wie gesagt: Es hat mich vollkommen über- einen Durchbruch geschafft zu haben? Eine resse der Leute gefreut.
rascht. Ich muss das erst noch richtig verarbei- Art Heureka-Moment? SPIEGEL: Aber die Kommunikation mit der
ten. Aber im Ernst: Ich finde es wichtig, dass Hasselmann: Nein, eigentlich würde ich das Öffentlichkeit haben Sie anderen überlassen?
das Nobelpreiskomitee auf diese Weise die nicht sagen. Ich habe damals eine sehr schöne Hasselmann: Ich hatte da sehr gute Kollegen.
Bedeutung des Klimaproblems unterstreicht. Arbeit geschrieben, die aber kein Mensch ver- Hartmut Graßl und Mojib Latif, die haben das
Das ist eine Neuerung in Stockholm. standen hat, weil da viel komplizierte Mathe- beide sehr gut und auch sehr gern gemacht.
SPIEGEL: Das Klima gehört, wie Sie sagen, matik drin war. Wetter und Klima wurden Ich war froh, das an sie abtreten zu können.
nicht zum Kern der Physik, und als Sie in den damals ja noch als getrennte Phänomene be- SPIEGEL: Haben Sie persönlich Erfahrungen
Fünfzigerjahren Physik studierten, tat es das trachtet, und ich habe damals gezeigt, wie mit der Politik gemacht?
schon gar nicht. Warum haben Sie sich auf kurzfristige Wetterschwankungen auch lang- Hasselmann: Ja, schon. Angela Merkel zum
dieses Nebengleis begeben? Beispiel war schon als Umweltministerin an
Hasselmann: Ich wollte in ein Gebiet, wo ich unserem Institut. Ich war sehr überrascht und
etwas beitragen kann. In der Hochenergie- beeindruckt, wie genau sie Bescheid wusste.
und Teilchenphysik, da gab es schon so viele SPIEGEL: In der Pressemitteilung der Max-
gute Leute, da habe ich mir nicht zugetraut, Planck-Gesellschaft anlässlich Ihrer Nobel-
etwas von Gewicht beizutragen. preiskür heißt es, Sie seien »gewissermaßen
SPIEGEL: Die Klimaforschung dagegen schien einer der ersten Klimaaktivisten aus der Wis-
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

Ihnen damals noch unterentwickelt? senschaft« gewesen …


Hasselmann: Ja, das war ein Gebiet, das noch Hasselmann: Aktivist? Das bin ich eigentlich
nicht so gründlich bearbeitet war. Außerdem nie gewesen. Ich war ja froh, dass ich gute
interessierte ich mich für Strömungsphysik, Aktivisten wie Hartmut und Mojib hatte. Ich
insbesondere für die Wechselwirkungen zwi-
schen Wind und Wellen. Das waren interes- * Mit Redakteur Johann Grolle in Hasselmanns Ham-
sante Probleme. Hasselmann beim SPIEGEL-Gespräch* burger Wohnung.

110 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WISSEN

zu reagieren, die im Verlauf von 20,


30 oder 50 Jahren passieren. Solche
langfristigen Änderungen liegen jen-
seits der normalen politischen Pla-
nung. Bei einem Wirtschaftscrash
oder einer Pandemie ergreift die Poli-
tik sofort Gegenmaßnahmen. Mit
langfristigen Problemen dagegen
können wir Menschen nicht gut um-
gehen.
SPIEGEL: Trotzdem tut sich etwas in
der Öffentlichkeit. Die Bewegung Fri-
days for Future drängt auf schnelles
und radikales Handeln, und im Bun-
destagswahlkampf spielte der Klima-
schutz eine zentrale Rolle.
Hasselmann: Ja, ich freue mich sehr,
dass die Jugend das Thema entdeckt
hat. Wir Klimaforscher sind vielleicht
etwas stur fixiert auf unsere Wissen-
schaft. Das kommt nicht an in der
Öffentlichkeit. Wie man die Men-
schen beeinflusst und beeindruckt,
das hat Fridays for Future viel besser
begriffen. Ich bin optimistisch, dass
Menschen, die sich dem Thema emo-
tional nähern, am Ende mehr bewir-
ken, als wir Wissenschaftler es ge-
schafft haben.
SPIEGEL: Vor knapp 30 Jahren haben
wir beiden schon einmal ein SPIE-
GEL -Gespräch geführt. Damals sag-
ten Sie, Sie neigten zwar dazu, radi-
kale Klimaschutzmaßnahmen für
notwendig zu halten, noch aber habe
die Wissenschaft die Frage nicht be-
antwortet, ob es nicht rentabler sei,
darauf zu verzichten.
Hasselmann: Das sehe ich heute an-
Philipp Schmidt / DER SPIEGEL

ders. Ich glaube, dass der Wechsel hin


zu nachhaltigen Energieformen gar
nicht so teuer sein wird, wie es viele
befürchten. Es wird gehen, und zwar
ohne damit eine Disruption der Wirt-
schaft zu bewirken. Wir müssen nur
bereit sein, es wirklich zu tun.
eigne mich nicht für die Öffentlich- änderung reagieren, und wir haben Klimaforscher SPIEGEL: Im November werden sich
keit. auch die Zeit dafür. Das passiert ja Hasselmann: Vertreter der Länder der Welt in Glas-
»Wir können auf
SPIEGEL: Nachdem Sie gezeigt hatten, nicht plötzlich, sodass uns Zeit bleibt, die Veränderung gow zur nächsten Klimakonferenz
dass der Klimawandel menschenge- um neue Technologien zu entwickeln. reagieren, und treffen. Möchten Sie Ihnen eine Bot-
macht ist, folgt als nächster logischer SPIEGEL: Ist es von Schaden, wenn wir haben auch schaft mit auf den Weg geben?
Schritt zu schauen, wie man dem be- die Menschen von einer Katastrophe die Zeit dafür« Hasselmann: Wie schon gesagt: Ich
gegnen kann. Muss die Wissenschaft sprechen? bin eigentlich nicht der Typ für solche
nicht auch bei der Beantwortung die- Hasselmann: Sagen wir: Es ist unge- Botschaften.
ser Frage eine wichtige Rolle spielen? nau. Es geht hier nicht um eine plötz- SPIEGEL: Sie sind jetzt nicht mehr nur
Hasselmann: Unbedingt. Dazu muss liche Veränderung, sondern um einen ein Wissenschaftler. Sie sind Nobel-
man das Wechselspiel zwischen Wirt- allmählichen Wandel. Wir haben es preisträger. Als solcher hat Ihr Wort
schaft, Klima und Umwelt besser ver- nicht mit einer Katastrophe zu tun, fortan ein besonderes Gewicht.
stehen, und das hat mich immer inte- sondern mit einer Herausforderung Hasselmann: Oh je, das muss ich wohl
ressiert. Überhaupt fand ich Wirt- an die Menschheit, mit dem Problem noch lernen. Als Nobelpreisträger
schaft interessant – vielleicht weil klarzukommen. sollte ich den Delegierten in Glasgow
mein Vater Wirtschaftswissenschaft- SPIEGEL: Sind wir dieser Herausfor- jetzt wohl zurufen: »Die Zeit drängt!
ler war. derung heute besser gewachsen als Es muss endlich gehandelt werden!«
SPIEGEL: Erleben wir einen Klima- vor rund 30 Jahren, als Sie den Ein- Aber sagen wir das nun nicht schon
wandel oder eine Klimakatastrophe? fluss des Menschen aufs Klima gezeigt seit 30 Jahren?
Hasselmann: Ich nenne es Klimawan- haben? SPIEGEL: Herr Professor Hasselmann,
del, schon weil ich immer Optimist Hasselmann: Das Problem ist, dass es wir danken Ihnen für dieses Ge-
gewesen bin. Wir können auf die Ver- den Menschen schwerfällt, auf Dinge spräch.  n

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 111


WISSEN

virale Medikamente zu finden, die


die Virusvermehrung hemmen und
schwere Verläufe sowie Spätfolgen
von Covid-19 abmildern können. De­
nisons Forschung könnte dafür ein
Schlüssel sein.
»Covid-19 ist eine endemische
Krankheit: Sie wird nicht verschwin­
den«, prognostiziert Jeremy Farrar,
Direktor des Wellcome Trust, einer
der weltweit größten Stiftungen für
medizinische Forschung. »Selbst mit
erfolgreichen Impfstoffen gibt es
fast keine durch Impfung vermeid­
bare Krankheit, für die wir nicht
auch Therapien benötigen. Es wird
immer Menschen geben, die krank
werden.«
Fortschritte gab es bisher vor allem
bei der Behandlung von Patienten,
die wegen eines schweren Verlaufs im
Krankenhaus und vor allem auf der
Intensivstation behandelt werden
müssen. In der späten Phase der
MSD-Forschungslabor
Krankheit kämpfen Patientinnen und
in South San Francisco Patienten insbesondere mit einer
überschießenden Immunreaktion,

MSD
wie man sie von anderen Erkrankun­
gen bereits kennt.

Wann kommt die Pille


Dexamethason etwa, ein kosten­
günstiges und altbewährtes Medika­
ment, das die Immunreaktion zügelt,

gegen Corona?
sei »der erste Gamechanger« der Pan­
demie gewesen, sagt Christian Kara­
giannidis, geschäftsführender Ober­
arzt der Lungenklinik Köln-Merheim
und Präsident der Deutschen Gesell­
MEDIZIN  Jahrzehntelang hat die Pharmaforschung wenig getan, um antivirale schaft für Internistische Intensivmedi­
zin und Notfallmedizin. Doch Mittel
Medikamente zu entwickeln. Erst jetzt werden einfach zu verabreichende wie dieses verhindern nicht die un­
und verträgliche Mittel im großen Stil erprobt – sie könnten eine wichtige Waffe gebremste Virusvermehrung in der
werden im Kampf gegen die aktuelle Pandemie und künftige Seuchen. Frühphase der Erkrankung und ent­
lasten folglich kaum die Intensiv­
stationen.

M
ark Denison ist Coronavirus­ CoV. Auf einmal war klar: Corona­ Die US-amerikanischen National
forscher der ersten Stunde. viren können gefährliche Pandemien Institutes of Health, die EU-Kommis­
Seit den Achtzigerjahren verursachen. Seitdem hat Denison nie sion, der Wellcome Trust, die Gates-
entschlüsselt der Professor für Pä­ mehr einen Gedanken daran ver­ Stiftung und auch wohlhabende Pri­
diatrie und Infektionskrankheiten am schwendet, sein Forschungsgebiet zu vatpersonen wie die Countrysängerin
Vanderbilt University Medical Center wechseln. Dolly Parton, die unter anderem
in Nashville, Tennessee, die Funk­ Von Anfang an haben ihn vor allem die Forschung von Mark Denison
tionsweise dieser Viren. Eine Fleiß­ die Enzyme des Virus interessiert – unterstützte, investieren deshalb
arbeit, die ihm lange kaum Ruhm ein­ Polymerasen, die eine Schlüsselrolle ­inzwischen Riesensummen in die Su­
brachte. Irgendwann war er deshalb in der Vervielfältigung des Erbguts che nach einem antiviralen Mittel.
schon kurz davor aufzugeben. »Ich spielen, und Proteasen, die die Virus­ 565 klinische Studien mit antiviralen
hatte Urlaub und saß mit meiner Frau proteine passend zurechtschneiden. Medikamenten gegen Covid-19 fin­
in Florida am Strand«, erzählt er, Denn das waren die Schwachpunkte, den sich derzeit in der Datenbank
»und ich habe zu ihr gesagt: ›Ich weiß so seine Hoffnung, an denen anti­ »clinicaltrials.gov«.
nicht, wie lange ich das noch durch­ virale Medikamente ansetzen könn­ Immerhin zeichnet sich langsam
MSD / Abaca Press / ddp

halten kann. Es ist so schwer, Unter­ ten. »Diese Enzyme sind wie der ab, wie eine antivirale Therapie gegen
stützung für meine Arbeit zu fin­ ­Motor eines Autos«, sagt Denison. Covid-19 aussehen könnte. Zwar gibt
den.‹« Zu randständig war damals das »Wenn man es schafft, sie zu blockie­ es viele Ideen, wo im Vermehrungs­
Thema; kaum jemand wusste, wozu ren, dann bleibt das Auto stehen.« zyklus des Virus die Medikamente
Denisons Forschung gut sein sollte. Nach dem sensationellen Erfolg überall ansetzen könnten (siehe Gra­
Kurz darauf erreichte ihn jedoch bei der Impfstoffentwicklung ist das MSD-Medikament fik), doch am weitesten vorn bei
Molnupiravir: »Bevor
ein Anruf: In Asien war die Lungen­ die große Herausforderung, die noch ich in Begeisterung
der Entwicklung liegen ganz klar
krankheit Sars ausgebrochen, verur­ bleibt: gut wirksame, verträgliche ausbreche, brauche Wirkstoffe gegen Polymerasen und
sacht durch das Coronavirus Sars- und möglichst nicht zu teure anti­ ich erst mehr Daten« Proteasen.

112 DER SPIEGEL Nr. 41 / 9.10.2021


WISSEN

»Diese beiden Virusenzyme sind für uns Die ersten Studien, bei denen Remdesivir Wenn er einen Wunsch frei hätte, so Tors-
die wichtigsten Angriffspunkte«, berichtet vergleichsweise spät verabreicht wurde, ver- ten Feldt, Oberarzt am Universitätsklinikum
Matthias Götte, Leiter der Abteilung für Me- liefen jedoch enttäuschend. Für Mark Deni- Düsseldorf, einer der Ersten, die Covid-19-Pa-
dizinische Mikrobiologie und Immunologie son, der an Zellkulturen eine gute Wirksam- tienten in Deutschland behandelten, dann
an der University of Alberta im kanadischen keit beobachtet hatte, war das schlechte Ab- würde er sich deshalb »eine antiviral wirk-
Edmonton. »So funktioniert ja auch die er- schneiden nicht überraschend. »Ich habe same Tablette wünschen, die der Hausarzt
folgreiche Therapie einer HIV-Infektion: gleich gesagt: ›Wenn ihr Remdesivir Patienten direkt nach Diagnosestellung verschreiben
Wenn man diese beiden Enzyme attackiert, geben wollt, die bereits an einem Beatmungs- könnte«. Und auch Karagiannidis sagt: »So
kann sich das Virus nicht vermehren.« gerät hängen, könnt ihr es ihnen auch einfach ein Medikament stand immer ganz vorn auf
Mit Remdesivir der US-Firma Gilead ist in auf den Kopf schütten, statt intravenös zu meiner Wunschliste, direkt hinter der Imp-
Europa bereits seit Juli 2020 ein Polymerase- verabreichen, denn in diesem Stadium wird fung.«
hemmer zugelassen, der die Vermehrung des es die Krankheit nicht beeinflussen.‹« Möglicherweise könnte Molnupiravir der
Virus bremst. Vergangene Woche kam das Vor gut zwei Wochen teilte Gilead dann Firma MSD, das indirekt die Polymerase be-
Medikament Molnupiravir der Firma MSD mit, dass Remdesivir das Risiko für einen einflusst und dadurch zu Mutationen am
hinzu, das indirekt die Polymerase beeinflusst Krankenhausaufenthalt oder Tod um 87 Pro- ­Viruserbgut führt, das erste Medikament die-
und dadurch zu Mutationen am Viruserbgut zent verringern könne, wenn das Mittel in ser Art werden. Vergangene Woche teilte die
führt und für das in den USA jetzt die Not- einer frühen Phase der Krankheit verabreicht Firma mit, die klinische Studie mit dieser
fallzulassung beantragt werden soll. Pharma- werde. Doch diese Nachricht fand kaum antiviral wirksamen Kapsel sei wegen der
riese Pfizer hofft, möglicherweise schon Ende ­Beachtung. Denn der Einsatz eines intravenös hervorragenden Ergebnisse vorzeitig abge-
des Jahres die Notfallzulassung für seinen zu verabreichenden Medikaments so früh im brochen worden. Molnupiravir konnte das
Proteasehemmer PF-07 321 332 beantragen Krankheitsverlauf gilt Ärzten nach wie vor Risiko für Krankenhauseinweisungen oder
zu können, der derzeit noch klinisch erprobt als unrealistisch. Todesfälle im Vergleich zu einem Placebo-
wird. Das liegt auch an der Erfahrung, die Me- medikament ungefähr um 50 Prozent senken.
Ebenfalls in Phase-III-Studien befinden diziner mit den sogenannten monoklonalen Rund 14 Prozent waren es bei denen, die das
sich der Polymerasehemmer AT-527 der Antikörpern gemacht haben. Die mithilfe von Scheinmedikament bekommen hatten, etwa
­Firmen Roche und Atea und das antivirale Zelllinien hergestellten Eiweiße können die 7 Prozent bei den Studienteilnehmern in
Medikament Ensovibep von Novartis und Viren nach einer Infektion abfangen und der Molnupiravir-Gruppe. In der Placebo-
Molecular Partners. ­unschädlich machen. Ein Beispiel ist der gruppe traten acht Todesfälle auf, in der
Gesucht wird ein Mittel, das nicht nur gut Cocktail der Firma Regeneron, den sich der ­Molnupiravir-Gruppe gab es keinen einzigen
wirksam und gut verträglich ist – sondern, damalige US-Präsident Donald Trump wäh- Todesfall.
ganz wichtig, auch als Tablette oder Kapsel rend seiner Covid-19-Erkrankung verabrei- Bevor die Daten jedoch nicht veröffentlicht
geschluckt werden kann. chen ließ. Monoklonale Antikörper sind in sind, bleiben die Experten vorsichtig. »Acht
Denn dass der Polymerasehemmer Rem- Deutschland zwar noch nicht offiziell zur Tote versus null Tote, das klingt interessant,
desivir bislang intravenös und damit im Kran- ­Behandlung von Coronakranken zugelassen, vielleicht kann das etwas werden«, urteilt
kenhaus verabreicht werden muss, hat sich stehen Ärzten aber zur Verfügung und dürfen Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des
als echtes Behandlungshindernis erwiesen. Risikopatienten in der Frühphase der Erkran- »Arznei-Telegramms«. »Aber bevor ich in
Antivirale Medikamente müssen so früh wie kung intravenös verabreicht werden. Begeisterung ausbreche, brauche ich erst
möglich gegeben werden, um zu wirken. Die Nachfrage nach diesen teuren Medika- mehr Daten.«
Doch zu Beginn von Covid-19 fühlen sich die menten ist bislang allerdings äußerst gering. Viele Fragen sind noch offen, etwa die
Patienten oft noch richtig gut und sehen kei- »Wir haben wirklich Probleme, die Antikör- nach seltenen und langfristigen Nebenwir-
ne Veranlassung, für eine Infusion ins Kran- per an den Mann und an die Frau zu bringen«, kungen. »Die Ergebnisse der Studie sehen
kenhaus zu gehen. berichtet Karagiannidis. erst einmal sehr gut aus«, sagt Götte. »Aber

Gebremste Virusvermehrung
Mögliche Angriffspunkte für antivirale Medikamente

1 In den Körper ein- 2 Den Eintritt 3 Die Verschmelzung 4 Medikamente, die 5 Medikamente, die die Proteasen
gedrungene Viren werden des Virus in die des Virus mit dem die RNA-Polymerase des Virus beeinflussen, stören
durch Antikörper neutra- Zelle sollen so- Endosom der Zelle sollen des Virus beeinflussen, das Zurechtschneiden der Virus-
lisiert und unschädlich genannte Entry- sogenannte Fusions- stören die Verviel- Proteine (z.B. PF-07321332).
gemacht. hemmer verhindern. hemmer blockieren. fältigung des Virus-
Erbguts (z.B. Remdesivir,
Antikörper Molnupiravir, AT-527). 6 Die Freisetzung des Virus aus
Virus 1 der Zelle wird durch sogenannte
Releasehemmer unterbunden.
Entryhemmer Wirtszelle
2

Polymerase-
RNA hemmer 6

3 4 5 Release-
hemmer
Endosom Fusions- vervielfältigte
hemmer RNA Proteasehemmer
S Grafik

Nr. 41 / 9.10.2021 DER SPIEGEL 113


WISSEN

die große Frage ist natürlich die der Sicher-


SPIEGEL TV Programm heit.«
Molnupiravir wirkt mutagen, es verändert
die Virus-RNA; und eine Zellstudie lässt
manche Experten befürchten, dass es bei
langer Anwendung möglicherweise auch das
menschliche Erbgut verändern könnte. Be-
weise gibt es dafür allerdings nicht. Am Ende
werden die Zulassungsbehörden für jede
­Patientengruppe eine Nutzen-Risiko-Abwä-
gung vornehmen müssen. Es ist zum Beispiel
eher nicht damit zu rechnen, dass Molnupi-
ravir für Schwangere zugelassen werden
wird.
Gut möglich auch, dass wie bei der Be-
handlung von Aidskranken am Ende eine
Kombination mehrerer antiviraler Medika-
mente die besten Behandlungserfolge bringen
wird – und die geringste Gefahr für Resisten-
zen birgt. »Die Resistenzentwicklung«, mahnt

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