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Verlieren Verbrecher ihre Würde?

Zur Analyse einer


brisanten Stelle in Kants Rechtslehre ( RL 329–30)

Dieter Schönecker

Journal of the History of Philosophy, Volume 59, Number 4, October 2021,


pp. 607-628 (Article)

Published by Johns Hopkins University Press


DOI: https://doi.org/10.1353/hph.2021.0063

For additional information about this article


https://muse.jhu.edu/article/820377

[ Access provided at 9 Nov 2021 06:33 GMT from CNRS BiblioSHS ]


Verlieren Verbrecher ihre
Würde? Zur Analyse einer
brisanten Stelle in Kants
Rechtslehre (RL 329–30)
DIETER SCHÖNECKER*

abstract  In jüngerer Zeit ist in der Forschungsliteratur behauptet worden, Kant


könne nicht der Menschenrechtstradition zugordnet werden. Gestützt wird diese re­
visionistische These u. a. mit Verweis auf eine Stelle in Kants Rechtslehre (MS 329–30),
in der es heißt, ein Verbrecher bringe sich um seine Würde, werde dadurch zum
Sklaven bzw. Leibeigenen sowie zum Eigentum und höre folglich auch auf, Person
zu sein. Nach einer historischen Einordnung von Kants Rede von Leibeigenschaft
und Sklaverei werde ich zeigen, dass der Verbrecher nur seine staatsbürgerliche
Würde verliert und auch nur seine bürgerliche Persönlichkeit, und dass er nicht
im engeren Sinne Eigentum sein kann. Dies läßt sich durch eine genaue Textana­
lyse belegen. Es kommt hinzu, dass im Kontext von Kants Theorie der Würde und
moralischen Persönlichkeit es begrifflich ausgeschlossen ist, dass Verbrecher ihre
moralische Würde und moralische Persönlichkeit verlieren; denn sie wären dann
weder zurechnungsfähig noch Träger von Pflichten, und sie wären dann auch nicht
Träger des ethischen und rechtlichen Anspruchs, nicht entehrend bestraft zu werden.

keywords  Menschenrechte, Würde, bürgerliche Persönlichkeit, Strafe, Leibei­


genschaft, Sklaverei

es versteht sich von selbst, dass jedenfalls aus historischer Perspektive der
Begriff des Menschenrechts eng verwoben ist mit dem Begriff der Würde. So ist
schon im allerersten Satz der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
von der “angeborenen Würde” aller Menschen die Rede, und Artikel 1 hält fest:
“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.” Es gehört
ebenfalls zu den Gemeinplätzen der philosophischen Ideengeschichte und in
weiten Teilen auch zur festen Überzeugung der Kantforschung, dass Kant ein
maßgeblicher Begründer von Menschenwürde und Menschenrechten sei; für Kant,
so der übliche Tenor, sei die Menschenwürde das unerschütterliche Fundament

* Dieter Schönecker is a professor of practical philosophy at the University of Siegen.

Journal of the History of Philosophy, vol. 59, no. 4 (2021) 607–28

[607]
608 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
naturrechtlich verstandener und politisch einklagbarer Menschenrechte.1 In
jüngerer Zeit ist dieses Bild aus mehreren Richtungen attackiert worden. So
gibt es zwar viele Stellen, die auf den ersten, aber auch auf den zweiten Blick
sehr nahelegen, dass der axiologische Status, Zweck an sich selbst zu sein und
also Würde zu haben, nicht nur der “Grund” (GMS 427–28) des kategorischen
Imperativs und auch der sogenannten Menschheitsformel ist, sondern in der
Tugendlehre auch spezifische Pflichten wie etwa das Selbstmordverbot oder die
Achtungspflichten fundiert. Dennoch hat man den Nachweis zu führen versucht,
dass der Begriff der Würde derivativ sei. Nicht der Würdebegriff sei fundamental,
so etwa Oliver Sensen,2 sondern der Begriff des Gesetzes und der Begriff der
gebotenen Achtung; Menschen verdienten nicht Achtung, weil sie Würde haben,
sondern umgekehrt hätten sie Würde, weil wir sie achten müssen. Den zentralen
Beleg für diese These meint Sensen in einer Stelle aus der Grundlegung zu finden, in
der es heißt, es habe “nichts einen Wert als den, welchem ihm das Gesetz bestimmt”
(GMS 436,1); Christoph Horn3 wiederum hat sich dieser Interpretation der GMS-
Stelle angeschlossen. In einem Aufsatz über “Kant’s Ground-thesis”4 haben Elke
E. Schmidt und ich den Nachweis zu führen versucht, dass diese Interpretation
falsch ist: Nicht nur belegt die Stelle nicht, was sie belegen soll, sie zeigt sogar
das Gegenteil. Denn Kant fährt ja fort, die “Gesetzgebung selbst aber” (GMS
436,2, m. H.) und das heißt: die Autonomie habe “eine Würde, d. i unbedingten,
unvergleichbaren Wert” (GMS 436,3), und daher endet diese Textpassage auch
mit dem Satz: “Autonomie ist also der Grund der Würde der menschlichen und
jeder vernünftigen Natur” (GMS 436,6).5
Aber das soll hier nicht das Thema sein. Vielmehr soll eine weitere Stelle in
den Blick genommen werden, von der Horn in seinem gelehrten und ungemein
stimulierenden Buch über Nichtideale Normativität meint, sie belege, dass Würde
nicht absolut, sondern vielmehr “verlierbar”6 sei; und da “Besitzpersistenz”7

Man denke für den deutschen Kontext auch an die Interpretation des Art. 1 des Grundgesetzes
1

durch die auf Kant rückbezogene sog. Objektformel von Josef Wintrich und Günter Dürig.
Sensen, Kant on Human Dignity.
2

Horn, Nichtideale Normativität, 104.


3

Schmidt und Schönecker, “Kant’s Ground-Thesis.”


4

Hier scheint insofern ein Zirkel vorzuliegen, als Kant die Geltung des kategorischen Impera­
5

tivs mit der Autonomie als “Grund” zu begründen scheint, Autonomie aber ja nichts anderes sei als
Selbstgesetzgebung; Kant würde dann, so scheint es, den “Grund der Möglichkeit des kategorischen
Imperativs“ (GMS 428) in eben diesen Imperativ setzen. Aber das Gesetz, das der noumenal-gute Wille
sich selbst in seiner Autonomie gibt, ist kein Imperativ; der autonome Wille ist nicht der imperativisch
bestimmte Wille. Autonomie ist die sittliche, aber nicht-imperativische, nicht-normative Weise der
Selbstbestimmung des vernünftigen Willens, der ein heiliger Wille ist oder allein in seiner Funktion
betrachtet wird, das Gesetz zu geben, unabhängig davon, dass er das Gesetz einem Wesen gibt, das
zugleich durch seine nicht-moralischen Interessen (“sinnlich”) beeinflusst ist: “Das vernünftige Wesen
zählt sich als Intelligenz zur Verstandeswelt, und bloß als eine zu dieser gehörige wirkende Ursache nennt es
seine Causalität einen Willen” (GMS 453, m. H.). Der Mensch hat einen solchen noumenal-praktischen
Willen. Aber er ist auch sinnlich bestimmt, und die Frage, warum ich als vernünftig-sinnlicher Mensch
“die Gesetze der Verstandeswelt für mich als Imperative und die diesem Prinzip gemäßen Handlungen
als Pflichten ansehen” (GMS 454,3, m. H.) soll, wird mit dem absoluten Wert beantwortet, der in mei­
nem “eigentlichen Selbst” (GMS 461,4) liegt (der reinen praktischen Vernunft, dem noumenal-guten
Willen). Darin liegt also kein Zirkel.
Horn, Nichtideale Normativität, 100, 107.
6

Horn, Nichtideale Normativität, 69.


7
verlieren verbrecher ihre würde? 609
ein notwendiges Merkmal von Menschenrechten sei, belege (u. a.) diese Stelle
außerdem, “dass die These, Kant sei einer der zentralen Wegbereiter der
Menschenrechtstradition, unhaltbar”8 sei. Die Stelle, um die es geht, stammt aus
Kants Rechtslehre; nennen wir sie die Verbrecher-Passage:
[VP1] [VP1.1] Ohne alle Würde kann nun wohl kein Mensch im Staate sein, denn er
hat wenigstens die des Staatsbürgers; [VP1.2] außer wenn er sich durch sein eigenes
Verbrechen darum gebracht hat, [VP1.3] da er dann zwar im Leben erhalten, aber
zum bloßen Werkzeuge der Willkür eines Anderen (entweder des Staats, oder eines
anderen Staatsbürgers) gemacht wird. [VP2] [VP2.1] Wer nun das letztere ist (was
er aber nur durch Urteil und Recht werden kann), ist ein Leibeigener (servus in sensu
stricto) [VP2.2] und gehört zum Eigentum (dominium) eines Anderen, der daher nicht
bloß sein Herr (herus), sondern auch sein Eigentümer (dominus) ist, [VP2.3] der ihn
als eine Sache veräußern und nach Belieben (nur nicht zu schandbaren Zwecken)
brauchen [VP2.4] und über seine Kräfte, wenn gleich nicht über sein Leben und
Gliedmaßen verfügen (disponiren) kann. [VP3] [VP3.1] Durch einen Vertrag kann
sich niemand zu einer solchen Abhängigkeit verbinden, dadurch er aufhört, eine
Person zu sein; [VP3.2] denn nur als Person kann er einen Vertrag machen. (RL
329–30)

Die “Besitzpersistenz”—also die Unverlierbarkeit und a fortiori auch die


Unveräußerlichkeit von Würde—ist, wie gesagt, nach Horn ein unverzichtbares
Merkmal von Menschenrechten; daneben rechnet er die universale sowie die
kategorische Geltung und Vorangstellung von Menschenrechten zu deren
wesentlichen Merkmalen.9 Auf Christoph Horns Versuch zu zeigen, dass Kant
keinen begrifflichen Raum hat für die Universalität und Kategorizität von
Menschenrechten, kann ich hier aus Platzgründen nicht eingehen, und auch sein
Versuch, nachzuweisen, dass auch Kants These von der Freiheit als angeborenes
Recht kein hinreichender Beleg sei, ihn der Menschenrechtstradition zuzuordnen,
kann hier nicht diskutiert werden.10 Es mag durchaus sein, dass Christoph Horn
mit seiner Diagnose richtig liegt. Aber hier soll es allein um die Frage gehen,
ob Kant die Menschenwürde und die damit verbundenen Rechte für verlierbar
hält oder nicht.11 Horn bejaht diese Frage, und sein vermeintliches fundamentum
inconcussum für diese These ist eben die Verbrecher-Passage.12

8
Horn, Nichtideale Normativität, 71.
9
Vgl. Horn, Nichtideale Normativität, 71.
10
Und auch Horns kritische Diskussion der diversen (relativ wenigen) Stellen, in denen Kant ex-
pressis verbis von “Menschenrechten” spricht (Nichtideale Normativität, 75–84), kann hier nicht erörtert
werden, da es dabei um sehr verschiedene Kontexte geht (Eigentum, Redefreiheit, Weltbürgerrecht
usw.), die jeweils ihre eigenen Schwierigkeiten haben. Auch wäre hier viel Textarbeit zu leisten. Vgl.
Horn, Nichtideale Normativität, 75–84.
11
Nur am Rande eine kurze Bemerkung: Es gehört von jeher zum affirmativen Menschenrechts­
diskurs, dass Verbrecher ihre Freiheit und damit in gewisser Hinsicht ihre Menschenrechte verlieren
können bzw. sie eingeschränkt werden können. So betont schon Las Casas, dass niemand “die Freiheit
freier Menschen ohne deren eigenes Verschulden einschränken darf” (zitiert bei Gillner, “Bartolomé de
Las Casas und die Menschenrechte,” 150, m. H.); und auch Artikel 18 des Deutschen Grundgesetzes
sieht ausdrücklich vor, dass eine Person, die bestimmte Grundrechte (die allerdings vielleicht von
Menschenrechten zu unterscheiden wären) zum Kampf gegen die Grundordnung missbraucht, diese
Grundrechte verwirkt, ohne dass daraus folgte, dass diese Person ihren Würdestatus, wie er in Artikel
1 formuliert wird, verlöre. Daher ist die bloße Tatsache, dass Kant die Leibeigenschaft für Verbrecher
verteidigt, noch kein Beleg dafür, dass er nicht zur Menschenrechtstradition gehörte.
12
Vgl. auch Pinzani, “Recht der Menschheit und Menschenrechte,” 233. “Diese Auffassung
[von der Leibeigenschaft] scheint mit der Idee einer angeborenen unantastbaren Würde, die jedem
Menschen
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Analysieren wir nun also diese Verbrecher-Passage. Sie ist auch deshalb so
besonders brisant, weil Kant darin die Leibeigenschaft bzw. Sklaverei zumindest
als Strafform zu verteidigen scheint, und es war ja gerade auch im Kampf gegen
die Leibeigenschaft und Sklaverei, dass der Begriff der Menschenrechte sich
überhaupt erst entwickelt hat.13

die verbrecher-passage: analyse 1


Klären wir in einem ersten Schritt, wie die Rede vom “Leibeigenen” und “Sklaven”
(“servus in sensu stricto”) zu verstehen ist und von welchem “Verbrechen” Kant
hier überhaupt spricht; erst vor dem historischen Hintergrund wird nämlich
deutlich, wie befremdlich es eigentlich ist, dass Kant 1797 die Leibeigenschaft
als Strafe verteidigt. 14 Wir müssen dabei allerdings im Blick haben, dass
die genaue Bedeutung solcher Begriffe wie “Leibeigenschaft,” “Sklaverei,”
“Servitut,” “Knechtschaft,” “Hörigkeit” usw. von Anfang an höchst umstritten war,
geographisch stark differierte und bis heute auch in der Geschichtswissenschaft
kontrovers diskutiert wird.15

kraft seiner Menschheit zukommt, kaum vereinbar.” Gosepath, “Das Problem der Menschenrechte bei
Kant,” 22, schließt sich ausdrücklich Horns Deutung an. Busch, Die Entstehung der Rechtsphilosophie Kants,
geht zwar auf Kants Position zur Leibeigenschaft ein, diskutiert aber nicht die Verbrecher-Passage.
Insgesamt, so mein Eindruck, wird diese Stelle in der Literatur wenig diskutiert; in einschlägigen
Büchern (siehe z. B. Ripstein, Force and Freedom; Byrd und Hruschka, Kant’s Doctrine of Right; Sensen,
Kant on Human Dignity) findet man keine Erörterung.
So schreibt der Jurist Wilhem Danz in seinem Werk von 1799, dass sich mit der “wachsenden
13

Schätzung der Menschrechte” (Handbuch des heutigen deutschen Privatrechts, 463) auch die Stellung der
Leibeigenen verbessert habe. Die Hauptthese von Blickle, Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten,
besteht darin, dass die Menschenrechte sich aus der Auseinandersetzung um die Leibeigenschaft
entwickelt haben (“Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten,” so der Titel seines Buchs).
Gillner, “Bartolomé,” 159, Fn. 34, verweist auf Sievernich (Las Casas und die Sklavenfrage), dem zufolge
in der Neuzeit der Begriff “Menschenrecht” erstmals bei Las Casas aufgetaucht sei. Flaig, Weltgeschichte
der Sklaverei, 164, schreibt, dass mit dessen Engagement gegen die Sklaverei “die Idee der Menschen­
rechte” geboren worden sei. Überhaupt gelte: “Die Menschenrechte sind entstanden im Kampf
gegen die Sklaverei” (Flaig, “Sklaverei und Menschenrechte,” 77). Für die folgenden Ausführungen
zur Leibeigenschaft und zur Sklaverei bin ich sehr dem Austausch mit Prof. em. Dr. Egon Flaig, Prof.
Dr. Rebekka von Mallinckrodt, Prof. Dr. Karl H. Schneider, Prof. Dr. Gerd Schwerhoff und Prof. Dr.
Marten Seppel verpflichtet. Dr. Maja Schepelmann danke ich für den sehr wertvollen Hinweis, dass
Leibeigenschaft sehr wohl (wenn auch nur in gewisser Hinsicht, wie ich meine) Strafe sein konnte
sowie für die Hinweise auf die Texte von Anonymus, “Ueber die Leibeigenschaft”; Merkel, Hume’s
und Rousseau’s Abhandlungen; und Michaelis, Mosaisches Recht; Prof. em. Dr. Michael Wolff danke ich
für weitere wichtige Hinweise auf naturrechtliche Literatur aus Kants Zeit.
Horn stellt nicht die Frage, was “Leibeigenschaft” hier überhaupt bedeutet. So ist die These,
14

“dass Kant die Leibeigenschaft von Schwerverbrechern gutheißt” (Nichtideale Identität, 73) zwar ge­
wissermaßen wörtlich richtig, aber sie ignoriert, dass “Leibeigenschaft” hier nicht de jure und jedenfalls
nicht im eigentlichen Sinne gemeint sein kann, zumal, was Kant natürlich wusste, da die Leibeigen­
schaft im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 aufgehoben worden war, wenn
auch die Umsetzung erst später erfolgte (vgl. dazu Blickle, Von der Leibeigenschaft, 170–71; und Clark,
Preußen, 287–92).
Danz, Handbuch des heutigen deutschen Privatrechts, 452, verweist mit Nachdruck auf die Mehr­
15

deutigkeit des Begriffs “Leibeigenschaft” und beklagt den “Mangel der Sprache” (456), der sich im
mehrdeutigen Begriff “servus” zeige; vgl. auch Moser, Von der Teutschen Unterthanen Rechten und Pflichten,
495; und Runde, Grundsätze des allgemeinen deutschen Privatrechts, 392–93. Die Herausgeber der Beihefte,
in der das Buch von Hannah Rabe, Das Problem Leibeigenschaft, erschienen ist, beginnen ihre redaktio­
nelle Bemerkung zu diesem Buch mit dem Satz: “Es gibt nur wenige Rechtsinstitute, über die so viel
diskutiert wurde und über die die Meinungen so weit auseinandergehen, wie die Leibeigenschaft”
verlieren verbrecher ihre würde? 611
Die große Ambiguität dieser Begriffe zeigt sich auch in der Verbrecher-Passage.
Bei allem Mangel an begrifflicher Schärfe, die anzuerkennen ist, ist jedenfalls
recht deutlich, dass Kant die Begriffe der Leibeigenschaft und Sklaverei geradezu
identifiziert. So erläutert Kant in der Verbrecher-Passage einmal den Ausdruck
“Leibeigener” mit “servus“ (RL 330,17), was immerhin noch im neulateinischen
Gebrauch doppeldeutig ist,16 aber auch mit “servus in sensu stricto,” was ja wohl
bedeuten soll, dass er Sklaven im engeren Sinne meint; entsprechend (und
umgekehrt) heißt es an anderer Stelle, dass Dienerschaft “nie Leibeigenschaft
sein kann” (RL 283,26).17 In der “Einteilung nach dem subjektiven Verhältnis der
Verpflichtenden und Verpflichteten” (RL 241) spricht Kant in Klammern auch
von “(Leibeigene, Sklaven),” und an einer Stelle, die wir gleich noch betrachten
werden, vom “Sklavenstand” (RL 333,11). Diese begriffliche Engführung bzw.
Identifizierung von Leibeigenschaft und Sklaverei ist, obwohl begrifflich-historisch
letztlich irreführend, zu Kants Zeit durchaus üblich. In Adelungs Wörterbuch heißt
es unter dem Eintrag “Leibeigen”: “Da die Leibeigenschaft sehr vieler Grade fähig
ist, so wird auch dieses Wort in manchen Einschränkungen gebraucht. Leibeigene,
welche der willkührlichen Gewalt eines andern unter worfen sind, heißen
Sclaven, ehedem Knechte.”18 Auch im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen
Staaten von 1794 (§148 des Zweiten Teils, Siebenter Titel, 4. Abschnitt) wird die
Leibeigenschaft “als eine Art der persönlichen Sklaverey” (m. H.) bezeichnet;
tatsächlich war die Sklaverei im strikten Sinne aber im gesamten Europa nördlich
der Alpen mehr oder weniger abgeschafft (nicht aber in Rußland).19 Klar ist
jedenfalls, dass Leibeigene, wenn sie auch insofern “eine Art” von Sklaven waren,

(Das Problem Leibeigenschaft, V); vgl. jüngst wieder Seppel, “Semiotics of Serfdom,” 2: “Serfdom has
always carried a very fluctuating meaning.”
Ich danke Dr. Burghard Schröder (Universität Siegen) für Aufklärung zu diesem Punkt.
16

Vgl. Danz, Handbuch, 452, der mit besonderem Nachdruck darauf verweist, wie wichtig der
17

Unterschied zwischen “Hörigkeit” und “Knechtschaft” sei.


Vgl. die bei Rebekka von Mallinckrodt, “Verhandelte (Un-)Freiheit,” dargelegten Fälle des Kö­
18

nigsberger “geraubten Mohrensklaven,” des Rechtstreits um einen sog. “erkauften Mohren” und den
von “Yonga,” die alle sehr klar die begriffliche Spannung zwischen “Leibeigenschaft” und “Sklaverei”
bzw. deren Identifizierung belegen. Es gehörte wohl zum üblichen Bild unter “Städtern,” dass man
sich Leibeigene als Sklaven vorstellte (vgl. Blickle, Von der Leibeigenschaft, 136). Schneider, Geschichte
der Bauernbefreiung, 10, schreibt, mit dem Begriff der Sklaverei war “in Deutschland auch persönliche
Abhängigkeit gemeint”; zur terminologischen Spannung zwischen den Begriffen “Sklaverei” und
“Leibeigenschaft” und den damit verbundenen geschichtswissenschaftlichen Gräben in der Inter­
pretation vgl. auch Rabe, Das Problem Leibeigenschaft, 1–14. Bemerkenswert ist auch, dass, so Blickle,
Von der Leibeigenschaft, 284, Pufendorf in De officio vier Grade der Unfreiheit unterscheidet (Knechte
in einem zeitlich begrenzten Dienstverhältnis, in einem unbegrenzten, Kriegsgefangene, verkaufte
Knechte), Immanuel Webern in seiner deutschen Übersetzung aber von ‘Leibeigenen’ spricht; ähnliche
Probleme hatte (so Blicke, Von der Leibeigenschaft, 266) auch Johann Oswaldt bei der Übersetzung des
Begriffs “esclave” aus Jean Bodins Republik. Garlieb H. Merkel schreibt im Jahr der Veröffentlichung
der Metaphysik der Sitten (1797): “Es ist aber ein großer Irrthum, wenn man Sklaven und Leibeigene
für gleichbedeutend hält” (Hume’s und Rousseau’s Abhandlungen, 467). Das belegt einerseits, dass die
Identifizierung von Sklaverei und Leibeigenschaft üblich war (sonst hätte Merkel sie nicht als “großen
Irrtum” kritisiert), andererseits aber eben auch nicht unbestritten.
Vgl. aber von Mallinckrodt, “Verhandelte (Un-) Freiheit,” mit Belegen für Versklavungspraktiken
19

in Bezug auf verschleppte oder aus Kolonien mitgebrachte Menschen (vor allem auch von Kindern),
ohne dass es de jure Sklaverei gegeben hätte. Sie weist auch darauf hin (354), dass in den Niederlanden
die Sklaverei erst 1838 abgeschafft worden sei, und dass im Preußischen Landrecht die Sklaverei zwar
ebenfalls ausdrücklich verboten worden sei, Spuren davon aber durchaus erhalten blieben (370–71).
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als sie weitgehend in Unfreiheit lebten (aber eben nicht auf die “ganze Freiheit
Verzicht” [RL 283,17] taten),20 kein Eigentum waren,21 sondern Leibeigenschaft des
Herren, und sie konnten daher auch nicht verkauft werden.22 Sie waren, jedenfalls
in späteren Zeiten,23 im Unterschied zu Sklaven in sensu stricto, Rechtspersonen
mit sehr wenigen, aber immerhin doch einigen Rechten; Kants Charakterisierung,
Leibeigene hätten “lauter Pflichten und keine Rechte” (RL 241,20) ist also
deutlich polemisch.24 So konnten sie (mit Zustimmung) heiraten, Eigentum
erwerben und vererben, und sie konnten in Gerichtsprozessen mitwirken;25 ein
Leibeigener war, anders als ein Sklave, eben kein “bloßes Werkzeug” ([VP1.3]),
kein instrumentum vocale.
Nun ist nicht zu bestreiten, dass es Kant in der Verbrecher-Passage ja um eine
völlig unfreie Existenzform als Strafe geht, ob man sie nun Leibeigenschaft oder
Sklaverei nennt. Welches Verbrechen gemeint ist, wird aus der Verbrecher-Passage
selbst nicht unmittelbar deutlich; aus ihr geht nur hervor, dass nicht der Mord
gemeint sein kann, weil das Leben des Verbrechers ja “erhalten” bleibt, Mörder
aber nach dem “Wiedervergeltungsrecht (ius talionis)” (RL 332,19) hingerichtet
werden müssen.26 Kurz danach schreibt Kant aber im Kapitel über das “Straf- und
Begnadigungsrecht” (RL 331–37), in dem er bekanntlich für dieses Talionsprinzip

Allerdings wurde der Begriff der Freiheit ja gerade in Absetzung zu dem der Leibeigenschaft
20

genutzt und entwickelt; vgl. Blickle, Von der Leibeigenschaft, 25.


Danz, Handbuch, 465, legt großen Wert auf die Feststellung, dass der Ausdruck “Eigentum” in
21

Bezug auf Leibeigene nur “im uneigentlichen und weiteren Sinne” Verwendung finden darf. Auch von
Mallinckrodt, “Verhandelte (Un-) Freiheit,” 357, begreift die Möglichkeit des Eigentümerwechsels als
(relativ) klaren Unterscheid zwischen Sklaven und Leibeigenen; gleichwohl habe es im beschränkten
Umfang die illegale Praxis gegeben, Leibeigene zu verschenken oder zu verkaufen (361).
Was Kant “persönlicher Untertan” (RL 330,30) nennt, sind (etwa bei Danz, Handbuch, 457) die
22

“wahren Leibeigenen, das Wort in der engsten Bedeutung genommen,” wie nämlich die Knechtschaft
auf die Person bezogen ist, ganz unabhängig vom Gut des Herrn. Bei einer solchen gutsbezogenen
Leibeigenschaft spricht Kant vom “Gutsuntertan (glebae adscriptus)” (RL 330,27), der aber nach Kant
ebenfalls seine “Persönlichkeit“ (RL 330,28) einbüßt.
Danz, Handbuch, 458, betont, dass man zwischen “ältesten, mittleren und neuesten Zeiten
23

sorgfältig . . . zu unterscheiden habe” und dass die Knechtschaft der ältesten Zeit mit Rechtlosigkeit
einherging; er betont aber auch, dass Knechte meistens vom fremder Abkunft waren und “nicht dem
Volke” (459) zugehörten. Zugleich hebt er hervor, dass in Deutschland die Leibeigenen “den allgemein
Schutz der Gesetze” (464) genießen.
So auch Merkel, Hume’s und Rousseau’s Abhandlungen, 502, in Bezug auf die Leibeigenen: “Das
24

Ungeheuer, das ein schätzbarer Schriftsteller (S. Ueber Humanität, Leipzig 1793.) noch kürzlich
für unmöglich erklärte, das Wesen, das nur Pflichten und keine Rechte hat: seit einer langen Reihe von
Jahrhunderten ist es da, ohne dass man es eines aufmerksamen mitleidigen Blicks würdigte” (m. H.).
Vgl. Blickle, Von der Leibeigenschaft, 277–78, 308. Der Fall “Yonga” belegt, dass auch Menschen,
25

die man eher als Sklaven denn als Leibeigene zu begreifen hat, gegen ihren Status vor Gericht klagen
konnten; vgl. von Mallinckrodt, “Verhandelte (Un-) Freiheit,” 371–78. Blickle, Von der Leibeigenschaft,
259–78, weist darauf hin, dass, obwohl die Leibeigenschaft im Norden und Osten Deutschlands be­
sonders streng gewesen sei, Juristen (und andere) ganz überwiegend betonten, dass “Leibeigenschaft
mit Sklaverei nichts gemein habe” (271), so etwa Ulrich Tengler, Ulrich Zasius, Conrad Peutinger,
Philipp Knipschild, David Mevius oder Johann J. Moser. Blickle schreibt auch, dass die “Intensitäts­
grade” der Leibeigenschaft am Ende des 18. Jahrhunderts sehr unterschiedlich waren und spricht
dabei von einer “Dienstpflicht in Ostpreußen, von der mancher meinte, sie sei mit Sklaverei besser
umschrieben” (Von der Leibeigenschaft, 155). Knigge, Ueber den Umgang mit Menschen, 146, schreibt: “In
den mehrsten Provinzen von Teutschland lebt der Bauer in einer Art von Druck und Sclaverey, die
wahrlich oft härter ist, als die Leibeigenschaft desselben in andern Ländern.” Danz, Handbuch, 464,
wiederum, den Blickle nicht erwähnt, hebt (dagegen) sehr nachdrücklich hervor, dass die deutsche
Leibeigenschaft sich von Sklaverei oder Knechtschaft klar unterscheide.
“Hat er aber gemordet, so muß er sterben” (RL 333,11).
26
verlieren verbrecher ihre würde? 613
argumentiert: “Wer da stiehlt, macht aller Anderer Eigentum unsicher; er beraubt
sich also (nach dem Recht der Wiedervergeltung) der Sicherheit alles möglichen
Eigentums; er hat nichts und kann auch nichts erwerben, will aber doch leben;
welches nun nicht anders möglich ist, als daß ihn Andere ernähren. Weil dieses
aber der Staat nicht umsonst tun wird, so muß er diesem seine Kräfte zu ihm
beliebigen Arbeiten (Karren- oder Zuchthausarbeit) überlassen und kommt auf
gewisse Zeit, oder nach Befinden auch auf immer in den Sklavenstand” (RL 333,4–
11);27 im Kapitel über das Hausherren-Recht (§30) spricht Kant entsprechend
vom “durch sein Verbrechen zum Sklaven Gewordenen” (RL 283,29).28 Nun war
ab dem 15. Jahrhundert im Mittelmeerraum die sogenannte Galeerenstrafe weit
verbreitet, zu der auch Gefangene anderer, auch deutscher Staaten übergeben
wurden. Solche Sträflinge wurden durchaus zwischen Staaten verkauft, aber es
hat nie (wie bei Sklaven) ein anderer als der Staat—ein “Staatsbürger,” wie Kant
in [VP1.3] schreibt—über solche Strafgefangenen als Eigentümer verfügt und
sie “veräußern” dürfen. Schwere Strafarbeit war auch in Bergwerken und in
Zuchthäusern üblich, und von der “Zuchthausarbeit” spricht Kant ja in der eben
zitierten Stelle.29 Es ist aber aus mehreren Gründen sehr irritierend, dass Kant in
der Verbrecherpassage die Leibeigenschaft als Strafe verteidigt. Denn es ist zwar
richtig, dass Sklaverei (etwa in der Antike) als Strafe eingesetzt wurde.30 Aber
erstens sind Leibeigene, wie gesagt, keine Sklaven im engeren Sinne. Zweitens
war Leibeigenschaft keine Strafe. Zwar listet Justus Runde31 als Antwort auf die
Frage, wie die Leibeigenschaft entsteht (§539) neben Geburt, Heirat und der
freiwilligen Ergebung auch die “Strafe”32 auf; aber diese Strafe traf sogenannte
“böse [vorsätzliche, D. S.] Schuldner,”33 nicht Diebe oder Räuber im engeren
Sinne.34 Außerdem betont Justus Runde,35 dass diese Form der Strafe außer Praxis

27
Das erinnert an das 2. Buch Moses, 22,2: “Ein Dieb muss Ersatz leisten. Besitzt er nichts, soll
man ihn für den Wert des Gestohlenen verkaufen”; vgl. Michaelis, Mosaisches Recht, 48.
28
Dem Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten ist zu entnehmen, dass diverse Formen von
Diebstahl und Raub und auch diverse Strafen unterschieden wurden. Im Kontext des Kriegsrechtes
(RL §58) legt Kant m. E. nahe, dass nach einem “Strafkrieg” (RL 348,25; 349,19) die Leibeigenschaft
eine Strafe sein könnte, wenn er auch den Strafkrieg ablehnt.
29
Übrigens hat ja auch La Casas die sogenannte Encomienda-System und die damit verbundene
Zwangsarbeit der “Indianer” kritisiert.
30
In der oben erwähnten “Rechtsgeschichte eines erkauften Mohren” (Anonymus) wird die
Versklavung als Möglichkeit der Bestrafung für Diebstahl erwähnt (298–302); Hinweis bei von Mal­
linckrodt, “Verhandelte (Un-) Freiheit,” 367.
31
Runde, Grundsätze des allgemeinen deutschen Privatrechts, 397–400.
32
Runde, Grundsätze des allgemeinen deutschen Privatrechts, 400.
33
Runde, Grundsätze des allgemeinen deutschen Privatrechts, 400.
34
Ein solcher “böser Schuldner” erinnert natürlich an GMS 422: “Ein anderer sieht sich durch
Noth gedrungen, Geld zu borgen. Er weiß wohl, daß er nicht wird bezahlen können . . . ”— Michael
Wolff macht mich darauf aufmerksam, dass nach Achenwall (Iuris naturalis pars posterior, §72) Schuld­
knechtschaft rechtlich erlaubt sei; aber Schuldknechtschaft ist m. E. keine Strafe im engeren Sinne.
Ähnlich auch Ludwig Heinrich Jakob (Philosophische Rechtslehre, §447 Anm.): “Einen Schuldner, weil er
nicht bezahlen kann, zum Sklaven zu machen, kann nie Recht seyn, wohl aber ihn zu Dienstleistungen
zu zwingen, welche die Schuld ersetzen” (Hinweis auf Jakob von M. Wolff). Wenn ich recht informiert
bin, wurde zudem die Schuldknechtschaft schon in der Neuzeit durch die Schuldhaft abgelöst, und
diese ist in der Tat eine Strafe. M. Wolff macht mich auch auf Nettelbladt (Anfangsgründe der natürlichen
Rechtsgelehrsamkeit, §§479–82) aufmerksam, der schreibt, es gebe eine “rechtmäßig erzwungene Unter­
werfung in eine leibeigene Dienstbarkeit . . . (servitus obnoxia)” (§480), wenn der so Unterworfene
jemandem “aus einem Verbrechen [. . .] schuldig geworden ist” (§479).
35
Runde, Grundsätze des allgemeinen deutschen Privatrechts, 140.
614 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
gekommen und durch die Zuchthausstrafe ersetzt worden sei.36 Drittens war, wie
bemerkt, die Leibeigenschaft schon sehr lange kritisiert worden und in Preußen
seit 1794 jedenfalls de jure abgeschafft.
Mir scheint, dass Kant hier begrifflich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt:
Zum einen polemisiert er (wie viele andere auch)37 gegen die Leibeigenschaft,
indem er sie auf eine Stufe stellt mit der echten Sklaverei. Zum anderen zeigt er
auf, was der Verbrecher38 eigentlich macht—sich nämlich durch sein Verbrechen selbst in
den Sklavenstand zu bringen, also zu erniedrigen, etwas, was er durch einen Vertrag
gar nicht leisten könnte (ich komme darauf zurück).39 Jedenfalls ist klar, dass von
Leibeigenschaft im engeren Sinne als Form einer Strafe, wenn überhaupt nur sehr
eingeschränkt gesprochen werden kann. Und auch die Rede vom Leibeigenen als
Eigentum ist, wie wir noch genauer sehen werden, sehr irreführend.

2. die verbrecher-passage: analyse 2


Betrachten wir nun die Verbrecher-Passage genauer und beginnen wir zunächst mit
[VP3.1]: “Durch einen Vertrag kann sich niemand zu einer solchen Abhängigkeit
verbinden, dadurch er aufhört, eine Person zu sein.” Das Pronomen ‘solchen’ (RL
330,11) ist, anders als man zunächst denken mag, nicht rückbezogen auf das vorher
Gesagte, sondern bezogen auf das, was dann durch das “dadurch” (RL 330,11)
erst bestimmt wird, nämlich eben eine “solche Abhängigkeit,” die bewirkt, dass
man “aufhört, eine Person zu sein.” Und in der Tat ist mit dieser “Abhängigkeit”
nicht allein die Leibeigenschaft gemeint. Von dieser Schwierigkeit wollen wir
aber abstrahieren, da es uns ja um den Verbrecher geht und dessen angeblichen
Verlust an Würde und Persönlichkeit. Statt also [VP3] hier schon insgesamt zu
rekonstruieren, wollen wir eine Implikation formulieren, von der wir mit Horn
wohlwollend annehmen, dass sie mit [VP3.1] verbunden ist:
[VP3.1]Imp Leibeigene sind keine Personen.

Wenn nun aber Verbrecher dadurch, dass sie zu Leibeigenen werden, keine
Personen mehr sind, dann haben sie, so scheint es, auch keine Würde, und
genau dies scheint Kant in [VP1.2] auch zu sagen: Der Verbrecher, heißt es da,
habe sich um “seine Würde gebracht.” Aber dieser Eindruck, so werde ich nun
zeigen, täuscht.
Es versteht sich zunächst von selbst, dass die These, Leibeigene seien keine
Personen, nicht in jeder, sondern nur in bestimmter Hinsicht wahr sein kann. Denn
in bestimmter Hinsicht ist diese These natürlich evident falsch, woraus erhellt,
dass Kant es so auch nicht gemeint haben kann: Ein Leibeigener ist nämlich
selbstredend ein Vernunftwesen, das “sich der numerischen Identität seiner selbst

So auch Anonymus, “Ueber die Leibeigenschaft”: “Zur Strafe verfielen in die Leibeigenschaft:
36

Böse, muthwillige Schuldner.”


Auch die Leibeigenen selbst, die vor Gericht zogen, um ihre Freiheit einzuklagen, haben regel­
37

mäßig ihren Status als Sklaverei beschrieben; vgl. Blickle, Von der Leibeigenschaft.
Wenn im Folgenden vom Verbrecher die Rede ist, ist damit immer der “durch Urteil und Recht”
38

verurteilte Verbrecher gemeint.


Daher argumentiert Kant ja auch, dass der Dieb “sich also (nach dem Recht der Wiederver­
39

geltung) der Sicherheit alles möglichen Eigentums (beraubt)” (RL 333,5, m. H.).
verlieren verbrecher ihre würde? 615
in verschiedenen Zeiten bewußt ist” (KrV A361), und auch der Leibeigene ist daher
durchaus, wie Kant sagt, “so fern eine Person“ (KrV A361). Im Abschnitt über die
“Vorbegriffe zur Metaphysik der Sitten” aus der “Einleitung in die Metaphysik
der Sitten” nennt Kant dies die “psychologische [Persönlichkeit]” (MS 223,27).
Nun definiert Kant in eben diesen “Vorbegriffen” Person als “dasjenige
Subjekt, dessen Handlungen einer Zurechnung fähig sind” (MS 223,24). Denn die
verbrecherische Handlung des Verbrechers wird ihm ja “durch Urteil und Recht”
([VP2]),40 also durch eine “rechtskräftige Zurechnung” (MS 227,25) imputiert.
Der Verbrecher wird als “Urheber (causa libera) einer Handlung, die alsdann Tat
(factum) heißt und unter Gesetzen steht, angesehen” (MS 227,22); also muss er
insofern Person sein, als er Taten als freier Handlungen und damit auch “einer
Zurechnung fähig ist.”41 Nun ist aber eben diese Person, die “einer Zurechnung
fähig ist,” zugleich das, was Kant in genau dem Absatz über den Begriff der Person
aus jenen “Vorbegriffen” die “moralische Persönlichkeit” (MS 223,25) nennt, die
er “als die Freiheit eines vernünftigen Wesens unter moralischen Gesetzen” (MS
223,26) begreift.42 Diese Freiheit als Autonomie ist wiederum genau das, was die
Zweckansichhaftigkeit des Menschen ausmacht und den “Grund der Würde”
(GMS 436). Selbst wenn es, kontrafaktisch gesprochen, möglich sein sollte, dass
ein Mensch nicht mehr frei und also kein “moralisches Wesen” (TL 399,31; 429,5;
430,14; 464,2)43 mehr ist und also auch nicht mehr die “Würde der Menschheit in
seiner Person” (TL 420,16) besitzt,44 so ist doch klar, dass ein Wesen, das frei ist und
in seiner Freiheit handlungs- und zurechnungsfähig, “moralische Persönlichkeit”
besitzt und damit auch Würde. Kants These [VP3.1]Imp, dass der Verbrecher als
Leibeigener “aufhört, eine Person zu sein,” kann also unmöglich bedeuten, dass
er aufhört, eine “Person” in dem Sinne zu sein, wie Kant diesen Begriff in §11 der
Tugendlehre definiert, nämlich “als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft”
(TL 434,32). Denn wenn der Verbrecher kein solches moralisches Subjekt wäre,
dann wäre er gar kein Verbrecher; er ist aber Verbrecher; also ist er moralisches
Subjekt, also Person im Sinne der “moralischen Persönlichkeit.”
Noch ein weiteres gewichtiges Argument spricht dafür, dass der Verbrecher
diese “moralische Persönlichkeit” hat bzw. ist.45 Hätte der Verbrecher wirklich
“aufgehört,” eine “moralische Persönlichkeit” zu sein, dann wäre er nämlich
weder Subjekt noch Objekt ethischer Pflichten. Betrachten wir als Beispiel
einige vollkommenen Pflichten gegen sich selbst.46 Es ist kein Zufall, dass diese

Diese Wendung ist in der Rechtssprache der Zeit üblich; vgl. auch das schon erwähnte Allgemeine
40

Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794.


Vgl. RL 335,20: “als einen des Verbrechen Fähigen.”
41

Entsprechend spricht Kant in §3 der Tugendlehre vom Menschen als ein “seiner Persönlichkeit
42

nach, d. i. als mit innerer Freiheit begabtes Wesen (homo noumenon)” (TL 418). In der Anthropologie
schreibt Kant, eine Person sei ein “mit praktischem Vernunftvermögen und Bewußtsein der Freiheit
seiner Willkür ausgestattetes Wesen” (Anthro 324).
Und weitere Stellen. Vgl. auch TL 420, wo Kant den Unterschied einführt zwischen der Be­
43

trachtung eines Wesens “als animalisches (physisches) moralisches, oder bloß als moralisches Wesen.”
In der Grundlegung heißt es, dass Menschen “Würde” (GMS 438,12) haben, weil sie gesetzgebend
44

sind und dass sie “darum auch Personen heißen” (GMS 438,15, m. H.).
Vgl. TL 462,21: “Die Menschheit selbst ist eine Würde” (m. H.).
45

Vgl. dazu ausführlich Schmidt und Schönecker, “Kant über Selbstentleibung, Selbstschändung
46

und Selbstbetäubung.”
616 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
negativen Pflichten nicht nur grundsätzlich (TL §4),47 sondern in der konkreten
Ausführung sehr direkt an die Begriffe der Person und Würde gebunden sind.
So ist der Mensch “zur Erhaltung seines Lebens bloß durch seine Qualität als
Person verbunden” (TL 422,17); sich zu töten “heißt die Menschheit in seiner
Person (homo noumenon) abwürdigen” (TL 423,5). Auch die Lasterhaftigkeit
der Selbstschändung wird mit der “Menschheit in seiner eigenen Person” (TL
424, 28; 425, 27) begründet, und bei der Diskussion der Lüge verweist Kant
sogar ausdrücklich auf die “Menschenwürde” (TL 429,24) bzw. “die Würde der
Menschheit in seiner eigenen Person” (TL 429,16). Besonders deutlich ist auch
§11: “Allein der Mensch, als Person betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch-
praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo
noumenon) ist er nicht blos als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen
Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine Würde
(einen absoluten innern Wert), wodurch er allen andern vernünftigen Weltwesen
Achtung für ihn abnötigt, sich mit jedem Anderen dieser Art messen und auf
den Fuß der Gleichheit schätzen kann. Die Menschheit in seiner Person ist das
Objekt der Achtung, die er von jedem anderen Menschen fordern kann” (TL
435); dieser Gedanke—wir schulden jedem Menschen Achtung, weil und insofern
er oder sie Person ist—kommt später bei den Achtungspflichten gegen Andere
noch einmal deutlich zur Sprache. Kurzum: Wenn ein Verbrecher tatsächlich
keine Person mehr wäre im Sinne eines moralischen Wesens, dann wäre er an all
diese Tugendpflichten nicht mehr gebunden (er dürfte nach der Bestrafung z. B.
Selbstmord begehen); er ist aber an diese Pflichten gebunden (und wir an Pflichten
gegen ihn);48 also ist auch ein Verbrecher noch Person im moralischen Sinne.
Es ist daher auch kein Zufall, dass Kant in §39 der Tugendlehre mit der
anzuerkennenden “Würde der Menschheit an jedem anderen Menschen” (TL
462,30, m. H.) argumentiert—also auch mit der Würde des Verbrechers49—um
zu begründen, dass man Verbrecher nicht entehrend bestrafen darf (etwa durch
“das Viertheilen” [TL 463,16]);50 denn “jeder Mensch hat rechtmäßigen Anspruch
auf Achtung von seinen Nebenmenschen” (TL 462,18). Kant lässt in §39, der
sich im Abschnitt über die “Tugendpflichten gegen andere Menschen aus der
ihnen gebührenden Achtung” (TL 462,2) befindet, nicht den geringsten Zweifel
daran, dass diese Unterlassungspflicht (nicht entehrend zu strafen) nicht etwa
eine indirekte Pflicht wäre, um moralische Verrohung zu vermeiden,51 wie es
bei den Pflichten gegen “unpersönliche” (TL 442,26) Sachen der Fall ist (und
als eine solche unpersönliche Sache wird der Verbrecher in der Verbrecher-

Man beachte, dass Kant in §4 sogar schreibt, die Pflicht des Menschen gegen sich selbst als
47

moralisches Wesen bestehe “im Formalen in der Übereinstimmung der Maximen seines Willens mit
der Würde der Menschheit in seiner Person” (TL 420,14).
Sklaven und Leibeigene haben ja “lauter Pflichten” (RL 241,20), wenn auch (angeblich) “keine
48

Rechte” (RL 241,21).


Mit dem “Lasterhaften” sind hier klarerweise auch Verbrecher gemeint sein. Denn das Beispiel,
49

das Kant an das eben zitierte Argument von der “Qualität des Menschen” anschließt, ist ja gerade das
von den zu unterlassenden Strafen wie dem Vierteilen.
In Bezug auf diese Stelle räumt auch Horn ein, dass es “einen gewissen, unverlierbaren Teil”
50

(Horn, Nichtideale Identität, 109) der Menschenwürde gibt.


Siehe Tugendlehre, §17.
51
verlieren verbrecher ihre würde? 617
Passage ja in gewisser Hinsicht beschrieben). Kant verweist ausdrücklich auf die
“moralische Persönlichkeit” des Verbrechers (“Qualität eines Menschen”): “Nichts
desto weniger kann ich selbst dem Lasterhaften als Menschen nicht alle Achtung
versagen, die ihm wenigstens in der Qualität eines Menschen nicht entzogen
werden kann; ob er zwar durch seine Tat sich derselben unwürdig macht” (TL
463,12).52 Und nicht nur in der Tugendlehre, sondern auch im “Zusatz zum Begriff
des Strafrechts” (im Anhang zur Rechtslehre) argumentiert Kant mit der moralischen
Persönlichkeit des Verbrechers. Dem Staat sei es nämlich verboten (etwa zum
Zwecke der Abschreckung), keine Rücksicht zu nehmen auf die “Achtung für die
Menschheit in der Person des Missetäters (d. i. für die Gattung)” (RL 362,36).53
Dass Kant auch Verbrechern den Status, moralische Wesen (Personen) mit
Würde zu sein, nicht abspricht, ist alles andere als überraschend; denn es ist ja die
Autonomie des Menschen als Anlage zum Guten, die ihm Würde verleiht, und wie
sollten Verbrecher diese Autonomie verlieren, solange sie zurechnungsfähig sind?
Und genau das sagt Kant dann auch in der Anmerkung zum §39: Der Vorwurf des
Lasters dürfe “nie zur völligen Verachtung und Absprechung alles moralischen
Werts des Lasterhaften ausschlagen . . . : weil er nach dieser Hypothese auch nie
gebessert werden könnte; welches mit der Idee eines Menschen, der als solcher (als
moralisches Wesen) nie alle Anlage zum Guten einbüßen kann, unvereinbar ist”
(TL 463,34–464,3).54 Und genau deshalb nennt Kant diese moralische Würde ja
auch eine “unverlierbare Würde (dignitas interna)” (TL 436,11, erste Hervorhebung
D. S.).55
Halten wir also fest: Wenn Kant in der Verbrecher-Passage schreibt, Leibeigene
seien keine Personen, dann kann dies unmöglich bedeuten, sie wären keine

52
Dass Kant hier von Menschen spricht statt von Personen, darf nicht verwirren. Zwar gibt es, wie
wir noch sehen werden, Stellen, in denen dieser Unterschied wichtig ist. Aber Kant nutzt die Begriffe
“Person,” “Persönlichkeit,” “Menschheit in der Person” und eben auch “Mensch” sehr oft austausch­
bar. So heißt es zu Beginn des §39: “Andere verachten . . . ist auf alle Fälle pflichtwidrig; denn es sind
Menschen” (TL 463,2).
Horn, Nichtideale Identität, 72–73, schreibt zu dieser Stelle (RL 362,36), sie sei “nicht so ge­
53

meint, als habe sogar der Straftäter noch unveräußerliche Rechte. Gemeint ist gemäß der Kantischen
Vergeltungskonzeption der Strafe, dass die staatliche Rechtsordnung den Täter nicht als ein Mittel
zum Zweck der Abschreckung anderer potentieller Straftäter missbrauchen darf, wie dies nach der
Präventionstheorie erlaubt wäre.” Mir ist nicht nachvollziehbar, wie das, was ‘gemeint’ sei, der Beleg
dafür sein soll, was nicht gemeint sei. Denn der Verbrecher darf ja, gerade weil er “unveräußerliche
Rechte” hat, “nicht als ein Mittel zum Zweck der Abschreckung anderer potentieller Straftäter miss­
braucht” werden.
“Also ist Sittlichkeit und die Menschheit, so fern sie derselben fähig ist, dasjenige, was allein
54

Würde hat” (GMS 425). Auf die Frage, warum diese Anlage nicht die Todesstrafe ausschließt, kann
ich hier nicht eingehen.
Dass Kant von “dignitas” spricht, beweist übrigens nicht im Geringsten, dass er damit dem
55

Würdebegriff der römischen Stoa übernimmt (wie Sensen, Kant on Human Dignity, 153–60, behauptet;
Horn, Nichtideale Identität, 107, schließt sich ihm an). Kant verwendet lateinische Klammerbegriffe
auf eine vielfältige Weise. Dazu kann eine bewusste, positive Anknüpfung gehören, genauso aber eine
kritische, und man muss im Einzelfall entscheiden, wie es zu verstehen ist. So verwendet Kant “amor
complacentiae” eindeutig auf eine Weise, die von der Tradition (u. a. Hutcheson) sehr deutlich ab­
weicht. Und so ist es zwar richtig, dass Kants moralischer Würdebegriff mit dem traditionellen darin
übereinkommt, dass diese Würde eine Erhebung bedeutet (insbesondere über die Tierwelt). Daraus
allein folgt aber natürlich nicht, dass diese Würde nicht absolut wäre oder aus dem Gesetz abgeleitet,
und letzteres wird gewiss nicht dadurch belegt, dass Kant dasselbe Wort benutzt wie die Stoa—das tut
er, aber eben nicht denselben Begriff.
618 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
moralischen Wesen mehr. Denn sie wären dann (1) weder zurechnungsfähig (2)
noch Träger von Pflichten (3) noch wären sie Träger des ethischen und rechtlichen
Anspruchs, nicht entehrend bestraft zu werden. Aber was bedeutet es dann, dass
Verbrecher “aufhören, Person zu sein,” und was bedeutet es, dass sie sich “um
ihre Würde bringen” und zu einer “Sache” werden, die einen “Eigentümer” hat?

3. die verbrecher-passage: analyse 3


Blicken wir nun also auf den Anfang der Verbrecher-Passage. Wir erinnern uns:
“[VP1] [VP1.1] Ohne alle Würde kann nun wohl kein Mensch im Staate sein,
denn er hat wenigstens die des Staatsbürgers; [VP1.2] außer wenn er sich durch
sein eigenes Verbrechen darum gebracht hat.” Wir befinden uns in Sektion D
der “Allgemeinen Anmerkung von den rechtlichen Wirkungen aus der Natur des
bürgerlichen Vereins” (RL 318). In dieser Sektion D geht es u. a. um das “Recht
des obersten Befehlshabers im Staat . . . auf Verteilung . . . der Würden” (RL
328), die mit dem Adelsstand einhergehen. Das ist der unmittelbare Kontext der
Verbrecher-Passage, und zumindest in diesem Kontext geht es also klarerweise nicht
um die moralische Würde. Nun ist zwar der Adelsstand über den bürgerlichen
Stand erhoben und hat insofern eine besondere Würde. Aber in [VP1.1] hält
Kant fest, dass der “Mensch im Staate”—also der Mensch, sofern er Mitglied eines
Staates ist—“wenigstens die [sc. Würde] des Staatsbürgers” habe; im Anhang
spricht Kant expressis verbis von der “Würde eines Staatsbürgers” (RL 363,26).
Halten wir dies fest:
[VP1.1]* Menschen haben als Mitglied eines Staates die Würde des Staatsbürgers.

Nun zum nächsten Teilsatz ([VP1.2]).56 Wenn Verbrecher keine moralischen


Wesen wären, dann hätten sie auch keine moralische Würde, und auf den ersten
Blick scheint [VP1.2] dies zu bestätigen. Aber die Würde, von der hier die Rede
ist, ist nicht, oder jedenfalls nicht ohne Einschränkung, die moralische Würde;
denn der Begriff der moralischen Würde wird ja ganz unabhängig vom Begriff
der Staatlichkeit eingeführt, und sie taucht ja auch, wie gezeigt, in der Tugendlehre
an zentralen Stellen auf. Das ist wichtig, weil die Einschränkung, die Kant dann in
[VP1.2] vornimmt, auf eben diese “Würde des Staatsbürgers” bezogen ist und nicht
auf die moralische Würde. Der Mensch hat als Mitglied eines Staates die Würde
des Staatsbürgers, sagt Kant, “außer wenn er sich durch sein eigenes Verbrechen
darum gebracht hat.” Nun kann aber das Adverb “darum” (RL 330,1) sich nur
rückbeziehen auf die vorher erwähnte “Würde des Staatsbürgers,” von der ja
gerade behauptet wird, dass jeder “Mensch im Staate” sie besitze.57 Der Punkt ist
also, dass ein Verbrecher, obgleich er Mensch im Staate ist, sich um die Würde
der Staatsbürgerschaft “bringt,” sie also (vorübergehend) verliert, weil er ein

“Außer wenn er sich durch sein eigenes Verbrechen darum gebracht hat.”
56

Pinzani, “Recht der Menschheit,” 222, fragt zwar, ob das “darum” sich “auf die Würde des Staats­
57

bürgers oder auf die Würde allgemein” bezieht. Er lässt die Frage schlussendlich unbeantwortet, lässt
aber erheblichen Zweifel daran, ob nicht doch mehr als die Rechtspersönlichkeit gemeint sein muss.
Was Kant in der Verbrecher-Passage über Leibeigenschaft und Sklaverei schreibe, scheine jedenfalls
mit der Idee einer angeborenen unantastbaren Würde, die jedem Menschen kraft seiner Mensch­
heit zukommt, kaum vereinbar. Vgl. zu Pinzanis Kritik auch Caranti, Kant’s Political Legacy, 261–62,
der (ohne dies weiter auszuführen) ebenfalls auf den Unterschied zwischen staatsbürgerlicher und
moralischer Würde verweist.
verlieren verbrecher ihre würde? 619
Verbrechen begangen hat (und rechtmäßig—durch ‘Urteil und Recht’—verurteilt
worden ist).58 Die “Würde eines Staatsbürgers” wird beim Verbrecher “wenigstens
suspendiert” (RL 363,27, m.H.), und ein Schwerverbrecher erleidet das, was man
noch lange den bürgerlichen Tod59 genannt hat:
[VP1.2]* Verbrecher verlieren durch ihre Verbrechen vorübergehend oder dauerhaft
die Würde des Staatsbürgers.

Diese These ist aber eine ganz andere als die, der Verbrecher verliere seine
moralische Würde, weil er “aufhöre,” moralische Person zu sein. Tatsächlich
verliert er diesen axiologischen Status keineswegs; und deswegen verwundert es
auch nicht, dass die Würde, um die sich der Verbrecher “gebracht hat,” nicht die
Würde ist, die er als moralisches Wesen hat, sondern allein die staatsbürgerliche
Würde. Das beweist nicht nur der erste Satz der Verbrecher-Passage, sondern auch
der Fortgang des Textes. Dort sagt Kant zwar, der zum Leibeigenen gewordene
Verbrecher sei “Eigentum” und “Sache,” aber dennoch darf der Eigentümer diese
Sache nicht behandeln wie andere Sachen, seien sie leblos oder auch lebend,
etwa wie ein Tier: Er darf nämlich nicht “über sein Leben und seine Gliedmaßen
verfügen” ([VP2.4]) und ihn daher auch nicht “erschöpfen bis zum Tode” (RL
330,20).60 Woher diese Grenze im Verfügungsrecht, wenn nicht daher, dass der
Verbrecher als moralisches Wesen immer noch moralische Würde besitzt, die zwar
eingeschränkt werden darf (auch dazu gleich mehr), die aber—so wenig wie die
Rechte, die damit verbunden sind—nicht absolut verlorengehen kann? Wäre der
strafweise “Leibeigene” wirklich in jeder Hinsicht eine Sache, dann dürfte man ihn
auch so behandeln.
Aber was meint Kant dann damit, dass der Verbrecher “aufhöre, eine Person zu
sein,” wenn damit nicht gemeint ist, er höre auf, moralische Person zu sein? Die
Antwort darauf finden wir im Abschnitt über das “Straf- und Begnadigungsrecht”
(RL 331–37) sowie überhaupt im Staatsrecht und auch im Gemeinspruch. Im Rahmen
des Straf- und Begnadigungsrecht argumentiert Kant, wie schon bemerkt, für das
ius talionis, und er tut dies u. a. mit dem Argument, dass Strafen der Vergeltung und
moralischen Wiedergutmachung an der Gerechtigkeit dienen, nicht irgendeinem
Nutzen, auch wenn sie diesen durchaus beiläufig haben können (wie den der
Prävention).61 Und dann schreibt er: “denn der Mensch kann nie bloß als Mittel

Es ist wichtig, dass der Verbrecher sich selbst durch sein Verbrechen um seine staatsbürgerliche
58

Würde bringt, während man sich selbst durch einen Vertrag nicht darum bringen kann (s.u.).
Vgl. R 7886. Entsprechend schreibt Kant, dass ein Verbrecher durch Verbannung oder De­
59

portation nicht länger der “Rechte eines Bürgers teilhaftig wird” (RL 338).
In der bereits erwähnten “Einteilung nach dem subjektiven Verhältnis der Verpflichtenden
60

und Verpflichteten” (RL 241) unterscheidet Kant ausdrücklich Leibeigene und Sklaven von Tieren;
während nämlich Tiere als “vernunflose Wesen” “weder Recht noch Pflicht haben” (RL 241), haben
bzw. Leibeigene und Sklaven “lauter Pflichten und keine Rechte” (RL 241); vgl. dazu Merle, Strafen
aus Respekt vor der Menschenwürde, 56. Dass Kant schreibt, der Leibeigene dürfe “nicht zu schandbaren
Zwecken” [VP2.3] gebraucht werden (etwa zur Sodomie), beweist dagegen m. E. nicht zwingend,
dass er moralische Würde hat; denn diese Schandbarkeit ist (wohl) auf den Eigentümer bezogen,
nicht auf den Leibeigenen.
Ich bin mir bewusst, dass es Interpreten gibt, die Kant ein anderes oder jedenfalls zusätzliches
61

Strafprinzip zusprechen (Prävention); vgl. dazu die Diskussion bei Steigleder, Kants Moralphilosophie,
236–40; und Ripstein, Force and Freedom, 300–324. —Die angemessene Strafe als der “rechtliche Effect
einer [vorsetzlichen, D. S.] Verschuldung” (MS 227,34) verletzt m. E. als solche nicht nur nicht die Würde
620 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
zu den Absichten eines Anderen gehandhabt und unter die Gegenstände des
Sachenrechts gemengt werden, wowider ihn seine angeborne Persönlichkeit
schützt, ob er gleich die bürgerliche einzubüßen gar wohl verurteilt werden
kann” (RL 331,25). Diese Stelle ist in mehreren Hinsichten sehr aufschlussreich:
Erstens ist klar, dass Kant sich auf die sogenannte Menschheits- oder auch
Zweckformel bezieht, wonach der Mensch nie “bloß als Mittel,” sondern immer
auch als “Zweck an sich selbst” behandelt werden muss;62 diesen Gedanken
nennt er hier “angeborne Persönlichkeit,” also eben jenen bereits besprochenen
“Charakter als moralischer Wesen, d.i. der inneren Freiheit, der angebornen
Würde des Menschen” (TL 420,21).63 Der Verbrecher besitzt also diese “angeborne
Persönlichkeit” und damit die “angeborne Würde,” die ihn immer noch, wenn
auch nur noch sehr eingeschränkt, “schützt.”64 Diese Würde ist, wie gezeigt, also
nicht die Würde, um die der Verbrecher “sich gebracht hat.” Sie ist ja gerade die,
die ihn vor uneingeschränkter Instrumentalisierung “schützt,” und sie schützt ihn
auch im Vollzug der Todesstrafe vor der “Mißhandlung, welche die Menschheit
in der leidenden Person zum Scheusal machen könnte” (RL 333,16). Zweitens
(und wichtiger noch) geht aus dieser Stelle auch hervor, in welchem Sinne der
Verbrecher (wie Kant in der Verbrecher-Passage schreibt [VP3.1]), “aufhört,
Person zu sein”—nämlich allein in Bezug auf seine “bürgerliche Persönlichkeit.” Seine
“moralische Persönlichkeit” kann er nicht verlieren, denn diese ist ja “angeboren”;
aber die “bürgerliche einzubüßen kann er gar wohl verurteilt werden,” denn diese
Würde ist erworben, nicht angeboren und unverlierbar. Der Verbrecher “hört
auf,” “bürgerliche Person” zu sein, er stirbt (viel mehr als der Leibeigene) den
bürgerlichen Tod, und deshalb hat er sich auch um die “Würde des Staatsbürgers
gebracht.”65 Schon zu Beginn des “Straf- und Begnadigungsrechts” hatte Kant
festgehalten, dass der Verbrecher sich “unfähig macht, Staatsbürger zu sein” (RL
331,8).

des Verbrechers (so auch Wood, Kant’s Ethical Thought, 153), sondern ist die angemessene Reaktion
darauf, dass er in seiner Freiheit unrecht tut. Das Gebot, die “Menschheit, sowohl in deiner Person als
in der Person eins jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck” (GMS 429) zu brauchen, wird in der
Strafe also nicht nur darin erfüllt, bestimmte Handlungen wie das Vierteilen zu unterlassen. Die Strafe
selbst—verstanden als Wiedervergeltung—ist der angemessene Umgang mit dem Verbrecher als dem
“Subjekt des moralischen Gesetzes“ (KpV 87,20). Gerade in der Strafe wird der Staat der Würde des
Verbrechers insofern gerecht, als dass dieser überhaupt zurechnungsfähiger Verbrecher sein kann,
und zudem darin, dass die Verletzung des Rechts im Verbrecher durch die Strafe geheilt wird. Der
Straftäter verliert also seine Rechte, aber er verliert nicht seine Würde als moralisches Subjekt, im
Gegenteil: Er selbst wird seiner Würde in der Straftat nicht gerecht, aber in der Strafe würdigt man
ihn, wenn auch nicht sein Verbrechen.
Vgl. GMS 428–29.
62

Auf den Zusammenhang mit der Freiheit als das “angeborene Recht” (RL 237,27), das strei­
63

chen das “einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht” (RL
237,31), kann ich hier nicht eingehen.
So auch Mohr, “Menschenwürde und Vergeltung in Kants Strafrechtsphilosophie,” 481–82.
64

Vgl. Mohr, “Menschenwürde und Vergeltung,” 483. Im besagten Landrecht heißt es im Ersten
65

Titel (“Von Personen und deren Rechten überhaupt”) in §1: “Der Mensch wird, in so fern er gewisse
Rechte in der bürgerlichen Gesellschaft genießt, eine Person genannt” (m. H.). Dieses Bürgerrecht kann man
verlieren (vgl. Achter Titel, §54). Wenn Kant schreibt, dass man als “Gutsuntertan (glebae adscriptus)
. . . seine Persönlichkeit einbüßen” (RL 330,27) würde, dann kann mit dieser “Persönlichkeit” nur die
Persönlichkeit als Staatsbürger gemeint sein; vgl. auch “Menschen ohne Persönlichkeit” (RL 241,24).
verlieren verbrecher ihre würde? 621
Eine klare Bestätigung findet diese Deutung, wie bemerkt, im Staatsrecht der
Rechtslehre (bes. §§46–47), und das Straf- und Begnadigungsrecht ist ja Teil der
“Allgemeinen Anmerkung” (RL 318–30) zu eben diesem Staatsrecht. Eine genaue
Analyse ist hier natürlich nicht möglich, und Kants Begriffsbildung ist in der
Tat kompliziert,66 aber ich weise auf Folgendes hin: Kant nutzt den Begriff der
“bürgerlichen Persönlichkeit” (RL 314,32) und den der “Würde” (RL 316,17), um
den Begriff des aktiven und passiven Staatsbürgers in seiner Freiheit, Gleichheit
und vor allem in seiner Selbstständigkeit zu beschreiben. Wer nicht selbstständig
ist, wer also (grob gesagt), sich in seiner ökonomischen Existenz nicht selbst
(unabhängig) erhalten kann, der hat auch keine “bürgerliche Persönlichkeit,”
d. h. der ist auch nicht an der “Gesetzgebung” (RL 314,4) beteiligt. Die “drei
Gewalten im Staate” (RL 315,24)—also auch die gesetzgebende Gewalt der
aktiven Staatsbürger als Glieder des Staates—sind “Würden” (RL 315,24) oder
auch “Staatswürden” (RL 315,26). Daraus folgt unmittelbar, dass jemand, der keine
“bürgerliche Persönlichkeit” hat, auch der damit verbundenen “Würde” ermangelt.
Der Gemeinspruch (bes. GTP 289–96) ist noch aufschlussreicher. Denn darin betont
Kant, dass man die in der Gleichheit enthaltene Befugnis zu zwingen “durch sein
eigenes Verbrechen verlieren” (GTP 292,13, m H.; vgl. GTP 293,21) kann, und das
heißt ja: der Verbrecher verliert seine “bürgerliche Persönlichkeit.”67
Die oben herausgestellte Implikation können wir nun also präzisieren:
[VP3.1]Imp* Zur Leibeigenschaft bzw. Sklaverei verurteilte Verbrecher sind keine
bürgerlichen Personen.

Kant sagt in jener Stelle (RL 331,25–29) auch, dass der Verbrecher nicht
“unter die Gegenstände des Sachenrechts gemengt werden” darf. Wie verträgt
sich das damit, dass der Verbrecher gemäß der Verbrecher-Passage “Eigentum”
und “Sache” ist?

4. die verbrecher-passage: analyse 4


Wir haben bereits gesehen, dass ein Mensch in manchen Hinsichten (etwa als
Wesen mit personaler Identität oder als moralisches Wesen) Person sein kann,
in anderer Hinsicht (als Staatsbürger) aber nicht oder nur sehr eingeschränkt.
Diese Unterscheidung in Hinsichten ist auch sehr wichtig bei Kants Theorie des
auf dingliche Art persönlichen Rechts (RL §§22–30). Wir können darauf hier
nicht näher eingehen; ich erinnere nur daran, dass es darum geht, Personen
(Ehepartner, Kinder, Gesinde) in einer Hinsicht als Sachen zu benutzen, wenn sie
auch in anderer Hinsicht Personen bleiben, d.h. eine solche Sache muss “in einer
anderen Beziehung zugleich als Person behandelt werden” (RL 358,35, m. H.).68

Zudem unterscheiden sich die Ausführungen in der Staatslehre und dem Gemeinspruch nicht
66

unerheblich voneinander.
Merkel, Hume’s und Rousseau’s Abhandlungen, argumentiert für den Unterschied zwischen
67

Sklaven und Leibeigenen genau damit, dass Sklaven keine Staatsbürger seien, Leibeigene aber sehr
wohl: “dadurch, dass ein Mensch Sklave wird, wird er ein Fremder, d. h. hört er auf, ein Theil des
Staates zu seyn” (468); aber “Leibeigene sind nicht Fremde, also auch nicht Sklaven. Sie sind Theile,
Bürger des Staates, so nothwendige Theile und Bürger desselben, dass er ohne sie gar nicht bestehen
könnte” (471).
Vgl. RL 358,12–15: “Personen auf ähnliche Art als Sachen zwar nicht in allen Stücken zu be­
68

handeln, aber sie doch zu besitzen und in vielen Verhältnissen mit ihnen als Sachen zu verfahren.”
622 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
Nun kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass Kant, wenn er in der Verbrecher-
Passage vom zum Leibeigenen oder Sklaven gewordenen Verbrecher als “Sache”
und “Eigentum” spricht, nicht dieses doppelte Verhältnis einer Person zu einer
anderen Person als Person und als Sache meint (also nicht das auf dingliche Art
persönliche Recht). Die Belege sind eindeutig (wenn es auch, wie wir gleich sehen
werden, eine Gemeinsamkeit gibt): (1) Im §30 zum Gesinde sagt Kant ausdrücklich,
dass der Hausherr den Diener zwar besitzen und gebrauchen kann, aber “sich nie
als Eigentümer desselben (dominus servi) betragen” (RL 283,15) darf. Dagegen
wird der Verbrecher ausdrücklich als “Eigentum (dominium)” und der “Staat” oder
“Staatsbürger,” dessen “Werkzeug er ist, als Eigentümer (dominus)” bestimmt, und
in beiden Stellen (RL 283,16–20; 330,10–37) argumentiert Kant damit, dass der
Diener einen Vertrag eingeht, der Verbrecher aber nicht.69 (2) In §30 grenzt Kant
das Gesinde und seine “Dienerschaft (die also nie Leibeigenschaft sein kann)” (RL
283,26, m. H.) ausdrücklich vom Verbrecher, den “durch sein Verbrechen zum
Sklaven Gewordenen” (RL 283,29), ab, und er schreibt: “Von dem Eigentumsrecht
gegen den, der sich durch ein Verbrechen seiner Persönlichkeit verlustig gemacht
hat, ist hier [im Hausherrenrecht] nicht die Rede” (RL 283,20). (3) Im “Anhang”
verteidigt Kant das auf dingliche Art persönliche Recht, also das Recht, “eine Person
außer sich als das Seine zu haben” (RL 358,20), und er fährt dann präzisierend
fort: “Ich sage mit Fleiß: eine Person; denn einen anderen Menschen, der durch
Verbrechen seine Persönlichkeit eingebüßt hat (zum Leibeigenen geworden ist),
könnte man wohl als das Seine haben; von diesem Sachenrecht ist aber hier nicht die
Rede” (RL 358,21, m. H.), so dass Kant den Verbrecher unter das Sachenrecht zu
subsumieren scheint.
Halten wir also zunächst und vorläufig fest:
[VP2.2–3]* Der Verbrecher ist als Leibeigener bzw. Sklave Eigentum und eine Sache,
die verkauft werden darf.

Wie gesagt: Aus diesem Befund gibt es kein Entkommen im Rekurs auf das auf
dingliche Art persönliche Recht, da Kant ja ausdrücklich hervorhebt, dass “das
Seine” in diesem Recht “nicht das des Eigentums an der Person eines anderen
bedeutet (denn Eigentümer kann ein Mensch nicht einmal von sich selbst,
viel weniger von einer anderen Person sein)” (RL 359,17); im auf dingliche
Art persönlichen Recht geht es nur um den Gebrauch einer “Person gleich als
von einer Sache, doch ohne Abbruch an ihrer Persönlichkeit” (RL 359,21).
Allerdings können wir aus diesem Recht lernen, dass ein Mensch grundsätzlich
auch im rechtlichen Sinne zugleich als Sache und Person behandelt werden

Vgl. GTP 293 und Reflexion 7897. Kants Argument, dass man sich nicht frei durch einen Vertrag
69

zur Sklaverei verbunden kann, gehört zu einer längeren Debatte über die Möglichkeit, seine Freiheit
freiwillig aufzugeben, vor allem auch bei Rousseau, der gegen Pufendorf argumentiert: “Auf seine
Freiheit verzichten, heißt auf seine Menschheit, die Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten
verzichten. Wer auf alles verzichtet, für den ist keine Entschädigung möglich. Eine solche Entsagung
ist mit der Natur des Menschen unvereinbar, und man entzieht, wenn man seinem Willen alle Frei­
heit nimmt, seinen Handlungen allen sittlichen Wert. Kurz, es ist ein nichtiger und mit sich selbst in
Widerspruch stehender Vertrag, auf der einen Seite eine unumschränkte Macht und auf der andern
einen schrankenlosen Gehorsam festzusetzen” (Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag [Erstes Buch, Kap.4]);
vgl. Flaig, “Sklaverei und Menschenrechte,” und für eine Rekonstruktion und Verteidigung, Ripstein,
Force and Freedom, 133–40.
verlieren verbrecher ihre würde? 623
darf. Verknüpft man diesen Gedanken mit dem Befund, dass der Verbrecher
seine staatsbürgerliche Persönlichkeit verliert—also nicht mehr “sei eigener Herr
(sui iuris)” (RL 238,1), sondern alieni iuris ist—aber nicht seine moralische
Persönlichkeit, dann ist der Verbrecher—analog, aber nicht im Sinne des auf
dingliche Art persönlichen Rechts—zwar in einer Hinsicht Sache und nicht Person,
nämlich nicht staatsbürgerliche Person, aber gleichwohl moralische Person, und als
solche hat er noch ein Minimum an Rechten.70 Im auf dingliche Art persönlichen
Recht werden Personen thematisiert, die in bestimmter Hinsicht als Sachen
behandelt werden, ohne Sachen zu sein; eine Sache im engeren Sinne—Kant führt
den Begriff der Sache als Gegenbegriff zu “Person” ein, womit zurechnungsfähige
Subjekte gemeint sind—ist nämlich “ein Ding, was keiner Zurechnung fähig ist”
(MS 223,32). Nun kann aber der Verbrecher in diesem strikten Sinne gar keine
Sache sein; denn er ist ja der Zurechnung fähig. Wie aber ist dann der rechtliche
Status des verurteilten Verbrechers zu begreifen? Dass Kant sich darüber selbst, wie
mir scheint, nicht im Klaren war,71 erhellt daraus, dass er zwar in der Verbrecher-
Passage schreibt, der Verbrecher sei “Eigentum” und “Sache,” er zugleich aber
nur eine Seite später im Straf- und Begnadigungsrecht ausdrücklich betont, dass
auch der Verbrecher, wie schon zitiert, als “Mensch nie unter die Gegenstände des
Sachenrechts gemengt werden kann” (RL 331,25, m. H.).72 Der Verbrecher ist also
einerseits “Eigentum” und “Sache,” andererseits aber fällt er weder unter das
auf dingliche Art persönliche Recht noch unter das Sachenrecht, so dass er also
nicht vollumfänglich “Eigentum” und “Sache” ist—andernfalls wäre ja auch nicht
einsehbar, warum er, wie gezeigt, den Rest an Rechten hat, die Kant ihm (auch
als Mörder) zuspricht. Aber unter welches Recht dann?
Wir haben betont, dass der Verbrecher nach Kants eigener Auskunft nicht
unter das auf dingliche Art persönliche Recht fällt. Nun gibt es aber, soweit ich
sehe, eine weitere Stelle (§4 der Rechtslehre), in der Kant doch das auf dingliche
Art persönliche Recht mit dem Status der Verbrechers engführt; die Stelle macht
zugleich deutlich, dass der Verbrecher keine “körperliche Sache” (RL 247,24)
ist.73 Kant exponiert nämlich in §4 der Rechtslehre den Begriff vom Äußeren Mein

70
Ob diese radikale Degradierung und Entrechtung, der Kant offenkundig beipflichtet, es er­
laubt, Kant als Verfechter von Menschenrechten einzuordnen, steht auf einem anderen Blatt (das
hier nicht weiter zu beschreiben ist). Der Verbrecher, schreibt Kant, hat durch sein “Verbrechen seine
Persönlichkeit eingebüßt (ist zum Leibeigenen geworden)” (RL 358,22); aber diese “eingebüßte
Persönlichkeit” ist die staatsbürgerliche Persönlichkeit, nicht die moralische. Man beachte, wie Kant
an dieser Stelle den Verlust der staatsbürgerlichen Persönlichkeit mit der Leibeigenschaft geradezu
identifiziert; vgl. auch RL 348,22–25, wo Kant schreibt, der Verlust der “staatsbürgerlichen Freiheit”
würdige zur Leibeigenschaft herab. Wenn Kant in der Anthropologie von den “Abstufungen [von der
königlichen Würde an durch alle] bis dahin, wo die Menschenwürde gar aufhört, und blos der Mensch
bleibt, d.i. bis zu dem Stande des Leibeigenen” (Anthro 131), dann meint dies erstens nicht das “Auf­
hören” der moralischen Würde und ist zweitens als Kritik zu verstehen, nicht als deskriptive Aussage.
Es ist daher auch auffällig, dass Kant in den Bemerkungen zur Rechtslehre schreibt, dass ein Mensch
71

“auch nicht einen wiederrechtlichen Menschen d. i. den welcher sich seiner Persönlichkeit verlustig
gemacht dergleichen ein Verbrecher in Ketten ist” (BR 20:458, m. H.) als Eigentum besitzen kann.
Dagegen schreibt Kant in den Bemerkungen zur Rechtslehre: “gegen einen Menschen der durch
72

Verbrechen seine Freyheit (mithin Persönlichkeit) verwirkt hat (gegen den Sclaven) kann ein wirk­
liches Sachenrecht nicht nur blos ein der Form nach ihm analoges Recht statt finden” (BR 20:460).
Bei der Definition von “Sache” in Abgrenzung von “Person” nennt Kant die Sache auch “res
73

corporalis” (MS 223,34).


624 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
und Dein, wobei er drei (und nur drei) “äußere Gegenstände meiner Willkür”
(RL 247,18) unterscheidet, sc. körperliche Dinge, die (im Versprechen zugesagte)
Willkür eines anderen und Ehefrau, Kinder und Gesinde, also die Mitglieder im
Haushalt—und dann ergänzt Kant: “oder im Zwinger und in meiner Gewalt und Besitz”
(RL 248,23, m. H.).74 Blickt man vor diesem Hintergrund noch einmal auf die
beiden oben zitierten Stellen, dann fällt etwas auf. Kant schreibt nämlich in RL
358,21, wie schon zitiert: “von diesem Sachenrecht ist aber hier nicht die Rede.”
Das Demonstrativpronomen ‘diesem’ könnte nahelegen, dass der Verbrecher zwar
einem Sachenrecht zuzuordnen ist, aber einem ganz bestimmten. Und auch die
andere Stelle im Hausherren-Recht zeigt diese Auffälligkeit. Denn dort spricht
Kant nicht einfach vom Eigentumsrecht generaliter, sondern “von dem (lies also:
von demjenigen) Eigentumsrecht gegen den, der sich durch ein Verbrechen seiner
Persönlichkeit verlustig gemacht hat,” was immerhin so klingt, als ginge es um ein
besonderes Eigentumsrecht.

5. horns deutung der verbrecherpassage:


eine abschliessende replik
Blicken wir nun abschließend auf Christoph Horns Deutung der Verbrecher-
Passage. Sie ist in seinem Buch vor allem auf zwei Kapitel verteilt und nicht
ganz leicht zu überschauen. Daher zunächst ein kurzer Überblick: Im Kapitel
“Menschenrechte bei Kant?”75 benennt Horn, wie oben erwähnt, drei wesentliche
Merkmale von Menschenrechten (Universalität, Kategorizität, Besitzpersistenz),
um dann unter Verweis auf die Verbrecher-Passage für die These zu argumentieren,
dass die Bedingung der Besitzpersistenz nicht erfüllt sei. Dabei schreibt er zunächst,
dass Verbrecher ihre “Würde als Staatsbürger”76 verlieren. Dann aber fragt er
unter anderem, warum bzw. ob es sich bei dieser verlierbaren Würde “um die des
Staatsbürger und nicht um die des Menschen”77 handle, und von welcher Würde
in der Verbrecher-Passage “genau die Rede”78 sei; außerdem fragt er, ob nicht
doch ein Rest unverlierbar sei. Zur Beantwortung dieser Fragen verweist er auf
das Kapitel über “Die menschliche Würde,”79 wo er dann in der Tat noch einmal
auf die Verbrecher-Passage zurückkommt und auch jene Fragen abschließend
beantwortet. Betrachten wir das nun genauer.
Obwohl Christoph Horn im Kapitel über die Menschenrechte also zunächst
ganz richtig sagt, die Verbrecher-Passage beweise die Verlierbarkeit der “Würde als

Es ist, am Rande gesagt, natürlich eine sehr interessante Frage, wie Kants Deutung des mora­
74

lischen und politischen Status von Frauen zu bewerten ist. Die Analyse von RL 329 zeigt m. E., dass
man nicht voreilig schließen sollte, Kant sei Sexist oder auch Rassist (eine Debatte, die gerade wieder
aufkommt); so wie Kant nur auf den ersten Blick zu sagen scheint, Verbrecher verlören ihre Würde, so
könnten vermeintlich sexistische oder rassistische Stellen einen Kontext haben, der sie sehr entschärft.
Wenn Kant etwa schreibt, Frauen seien nur passive Staatsbürger, dann könnte dies weniger oder viel­
mehr gar nichts damit zu tun haben, dass sie aufgrund ihrer Natur (als Frauen) zur Stimmgebung
nicht imstande wären, sondern es könnte an ihrem ökonomischen Status als bürgerlich unselbständige
Wesen liegen—ein Status, dem man entkommen kann.
Horn, Nichtideale Normativität, 68–84.
75

Horn, Nichtideale Normativität, 73.


76

Horn, Nichtideale Normativität, 74.


77

Horn, Nichtideale Normativität, 74.


78

Horn, Nichtideale Normativität, 98–111.


79
verlieren verbrecher ihre würde? 625
Staatsbürger,” behauptet er, so scheint mir, im späteren Kapitel etwas anderes. Dort
verweist Horn nämlich zunächst auf die wohlbekannten Formulierungen aus der
Grundlegung, die nahelegen, Kant begreife Würde als eine absolute, unverlierbare
Qualität, die jedem Menschen “ursprünglich, unveräußerlich und unantastbar
zukomme”80 und die als solche auch die Basis für den modernen Begriff von
Menschenrechten sei, wie er etwa in der UNO-Menschenrechtsdeklaration
von 1947 Verwendung findet. Die Verbrecher-Passage beweise aber, “dass dies
nicht der Fall sein kann”;81 es könnte also “nicht der Fall sein,” dass für Kant
Würde eine Eigenschaft sei, die jedem Menschen “ursprünglich, unveräußerlich
und unantastbar zukomme.” Kant betone in der Verbrecher-Passage nämlich
“eindeutig die Verlierbarkeit der Würde eines Verbrechers.”82 Durch diesen
von ihm hergestellten Zusammenhang (Grundlegung einerseits, Verbrecher-Passage
andererseits) beantwortet Horn nun aber die von ihm selbst im vorherigen Kapitel
gestellte Frage, von welcher Würde in der Verbrecher-Passage “genau die Rede” sei,
nämlich eben doch nicht von der “Würde als Staatsbürger,” sondern von eben jener
moralischen Würde, die Kant in den paradigmatischen Stellen aus der Grundlegung
(aber auch der Tugendlehre: §§4, 11, 37–39) als absolut charakterisiere. Und diesen
Befund von der Verlierbarkeit der moralischen Würde verbindet Horn dann mit
seiner “Imperativtheorie der Werte,”83 wonach Wert und Würde des Menschen durch
den kategorischen Imperativ generiert würden und nicht umgekehrt—eine These,
die er vor allem (Sensen folgend) mit der besagten Stelle aus der Grundlegung
(436) belegen will, wonach “nichts einen Wert habe als den, welchem ihm das
Gesetz bestimmt” (GMS 436,1) und von der man, wie bemerkt, zeigen kann, dass
sie anders zu verstehen ist.
Zum Ende des Kapitels über die Würde kommt Horn noch einmal explizit auf
die Frage zurück, die er selbst in Bezug auf die Verbrecher-Passage gestellt hatte
(74). Sein Resümee zeigt aber, so meine ich, mehrere Ungereimtheiten:
(1) Obwohl er selbst, wie gezeigt, den Würdebegriff in der Verbrecher-Passage
mit dem absoluten Würdebegriff der Grundlegung engführt, schreibt er nun, die
verlorene Würde des Verbrechers “scheint die des Staatsbürgers, nicht die des
Menschen zu sein,”84 auch wenn das “scheint” wohl noch Zweifel signalisieren soll.
(2) Diese staatsbürgerliche Würde sei “die wertvollere.” 85 So allgemein
gesprochen ist dies gewiss nicht wahr, da die ethischen Tugendpflichten
nicht irgendwie weniger “wertvoll” sind als die Rechtspflichten—sie wären
dies höchstens in gewisser Hinsicht, und tatsächlich gehören ja auch alle
Rechtspflichten zu den “indirekt-ethischen” (MS 221,2).86 Horn schreibt auch,
für Kant sei “nicht die Menschenwürde, sondern die Würde des Staatsbürgers

80
Horn, Nichtideale Normativität, 99.
81
Horn, Nichtideale Normativität, 99.
Horn, Nichtideale Normativität, 99. Vgl. auch Horns “Kants Rechtsbegriff und seine deonto­
82

logischen Grundlage,” worin er ebenfalls auf die Verbrecher-Passage verweist und schreibt: “Kant ist
jedoch durchaus der Überzeugung, ein Straftäter könne seine Würde vollkommen einbüßen” (180).
Horn, Nichtideale Normativität, 102.
83

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


84

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


85

Vgl. MS 219,31–32; MS 231,8–9; TL 410,30–31.


86
626 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
die wichtigste Basis der individuellen Anspruchsberechtigung.”87 Aber erstens
erwachsen aus der moralischen Würde Anspruchsberechtigungen, und zwar im
Rahmen von Tugendpflichten zwischen Individuen. Es ist daher auch nicht recht
nachvollziehbar, dass Horn die These vertritt, “dass Kant als Imperativtheortiker
praktischer Normativität vernünftige Individuen nicht in einem prinzipiellen Sinn
für moralisch anspruchsberechtigt hält.”88 Ethisch und damit auch moralisch sind
Individuen natürlich anspruchsberechtigt, und sie sind dies sogar gegenüber dem
Staat (dies jedenfalls solange, wie sie nicht Verbrecher sind). Und zweitens ist (das
kann hier aber nur behauptet werden) die moralische Würde die Grundlage auch
für das Recht; jedenfalls ist sie, wie gezeigt, die Grundlage für ein Minimum an
Abwehrrechten des Verbrechers auch gegenüber dem Staat. Daher halte ich auch
Horns These, dass Kant “vernünftige Individuen nicht in einem prinzipiellen Sinn
für moralisch anspruchsberechtigt hält,”89 für nicht nachvollziehbar.
(3) Horn schreibt weiter: “Würde wird also innerhalb von Rechtsordnungen
verliehen.” 90 Dies gilt aber nur für die staatsbürgerliche Würde. Von der
moralischen Würde dagegen sagt Kant wiederholt, sie sei “angeboren” und komme
dem Menschen als “Zweck an sich selbst” zu.
Die Frage, ob wir Kant als Vertreter der Menschenrechtstradition verstehen
sollten oder nicht, ist sehr komplex und kann hier, wie gesagt, nicht beantwortet
werden, da eine solche Antwort weitreichende Interpretationen des kantischen
Systems einer Metaphysik der Sitten voraussetzt. Würde man wie Horn den Begriff
des Menschenrechts “synonym mit dem Ausdruck ‘moralische Rechte’”91 und also
sehr weit verwenden, so dass auch Individuen als Individuen die Menschenrechte
anderer Menschen respektieren und entsprechend handeln müssen, dann könnte
gar kein Zweifel daran bestehen, dass es für Kant Menschenrechte gibt, und zwar
genau die in der Tugendlehre thematisierten Tugendpflichten gegen Andere,92
vor allem die Achtungspflichten aus den §§37–44—und es ist ja, wie gezeigt,
gerade dieser Kontext, in dem Kant festhält, dass man “dem Lasterhaften als
Menschen nicht alle Achtung versagen” (TL 463,12) darf. Den Achtungspflichten
korrespondieren Rechte, und Kant nennt sie auch so: Er schreibt, dass “jeder Mensch
rechtmäßigen Anspruch auf Achtung vor seinem Menschen hat” (TL 462,18); zwei
Mal spricht er auch vom “gesetzmäßigen Anspruch” (TL 465,14; vgl. TL 464,27)
und zudem vom “Recht, worauf er (der Mensch) den Anspruch nicht aufgeben
kann” (TL 464,9). Dass die Tugendpflichten und die damit verbundenen Rechte
universal, kategorisch und unverlierbar sind (außer bei Straffälligkeit), steht außer
Frage. Damit sind aber die drei Bedingungen erfüllt, die Horn selbst nennt, so
dass er selbst von Menschenrechten sprechen müsste. So oder so, die “Frage, ob
Kant Thoeretiker der Menschenrechte ist,”93 ist jedenfalls nicht schon deswegen
“eindeutig negativ”94 zu beantworten, weil Kant der Auffassung wäre, die moralische

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


87

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


88

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


89

Horn, Nichtideale Normativität, 110.


90

Horn, Nichtideale Normativität, 69.


91

Auch das Recht auf Wohltätigkeit (TL §§29–31) wäre dann ein Menschenrecht.
92

Horn, Nichtideale Normativität, 74.


93

Horn, Nichtideale Normativität, 74.


94
verlieren verbrecher ihre würde? 627
Würde sei verlierbar. Das ist sie nicht, und das kann sie auch nicht sein. Ob Horn
mit seiner These nicht dennoch Recht haben könnte, ist damit, wohlgemerkt,
keineswegs entschieden. Dass es so einfach jedenfalls um Kants Status als einen der
Gründervater der Menschenrechte nicht bestellt ist, ist eine der vielen Lektionen,
die wir aus Horns Buch ohne Zweifel lernen können.95

bibliographie
Alle Zitate Kants folgen den Texten der sog. Akademie-Ausgabe. Die Rechtschreibung wurde
modernisiert, Hervorhebungen einheitlich in Kursiv wiedergegeben. Zeilenangaben bei Zitaten
beziehen sich immer auf die erste Zeile der zitierten Stelle. Folgende Siglen werden verwendet: BR
= Bemerkungen zur Rechtslehre; Anthro = Anthropologie in pragmatischer Hinsicht; GMS = Grundlegung zur
Metaphysik der Sitten; GTP = Über den Gemeinspruch . . . ; MS = Metaphysik der Sitten; R = Reflexionen;
RL = Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre; TL = Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre.
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Ich danke Jochen Bojanowski, Christoph Horn, Rocco Porcheddu, Maja Schepelmann, Elke E.
95

Schmidt, Helga Varden und Eva Thomas Wright für intensive Diskussionen zum Thema. Den anony­
men Gutachterinnen danke ich für wichtige Hinweise.
628 journal of the history of philosophy 59:4 october 2021
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