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Wie wirksam und sicher sind die neuen

Vektor-Impfstoffe?
25. Februar 2021 Klaus-Dieter Kolenda

Kritische Sichtung der bisher publizierten Daten über die AstraZeneca- und Sputnik V-
Vakzine sowie ein Vergleich mit den zugelassenen mRNA-Impfstoffen

In meinem letzten Telepolis-Beitrag zu den Corona-Impfungen habe ich mich mit der
Wirksamkeit und Sicherheit der beiden mRNA-Impfstoffe - das Kürzel steht für
Messenger-Ribonukleinsäure - von Biontech-Pfizer und Moderna beschäftigt, die bisher
in Deutschland zugelassen worden sind.

Angesicht der bestehenden Impfstoff-Knappheit hatte ich mich in dem Artikel für eine
schnelle Zulassung und Verfügbarkeit von weiteren wirksamen und sicheren Impfstoffen
ausgesprochen und vorgeschlagen, dass dabei auch der russische Sputnik V-Impfstoff
berücksichtigt werden sollte, der in Dessau offensichtlich auch per Lizenz produziert
werden könnte. Damit könnten in den nächsten Monaten in Deutschland wahrscheinlich
viele Menschenleben gerettet werden.

Deshalb beschäftige ich mich im vorliegenden Beitrag mit den vorliegenden Daten über
Wirksamkeit und Sicherheit der neuen Vektor-Impfstoffe, zu denen auch Sputnik V
gehört. Ich stütze ich mich dabei vor allem auf einen aktuellen Artikel in der Februar-
Ausgabe der pharmakritischen wissenschaftlichen Zeitschrift Der Arzneimittelbrief, der
sich vor allem mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca befasst.1Die Daten über
Sputnik V habe ich den jüngst erschienenen Publikationen der renommierten
Wissenschaftszeitschrift The Lancet entnommen.

Was sind Vektor-Impfstoffe?

Traditionelle virale Impfstoffe (Vakzine) zur aktiven Immunisierung enthalten


abgeschwächte, nicht mehr vermehrungsfähige beziehungsweise abgetötete Viren. Die
neuen Vektor-Impfstoffe dagegen gehören wie die mRNA-Impfstoffe zu den künstlich
hergestellten genetischen Vakzinen. Sie verwenden manipulierte, für Menschen nicht
pathogene Viren als Transportvehikel (Vektoren), um das Impfantigen selbst
beziehungsweise seine Erbinformation in die Zelle einzuschleusen. Bei zugelassenen
Impfstoffen sind diese Verfahren bisher nicht routinemäßig eingesetzt worden. Eines der
wenigen Beispiele ist die Ebola-Vakzine des Gamaleya-Instituts in Russland.

Für die jetzt gegen Sars-CoV-2 geprüften Vektor-Impfstoffe werden harmlose


Adenoviren entweder menschlicher Herkunft wie zum Beispiel beim Impfstoff von
Sputnik V oder dem von Johnson & Johnson oder Adenoviren von Schimpansen wie bei
dem Impfstoff von AstraZeneca verwendet. Sie transportieren die Erbinformation für das
Spike-Glykoprotein, das das Sars-CoV-2 bei der Infektion zu seinem Eintritt in die
Wirtszellen benötigt. Nach Eintritt in die Zelle produzieren die manipulierten Adenoviren
dann das Spike-Protein selbst und generieren damit eine Immunantwort des Organismus.

Zu den derzeit bereits eingesetzten Vektorimpfstoffen gegen Sars-CoV-2 zählen der an


der Oxford-Universität entwickelte und vom schwedisch-englischen Konzern
AstraZeneca vermarktete Impfstoff (ChAdOx1 nCoV-19), der Sputnik V-Impfstoff
(Gam-Covid-Vac) vom staatlichen Gamaleya-Institut für Epidemiologie und
Mikrobiologie in Moskau, der CanSino-Impfstoff aus China und der Impfstoff des US-
Konzerns Johnson & Johnson (Ad26.CoV2-S).

Ergebnisse aus Phase-I/II-Studien mit diesen Vakzinen haben gezeigt, dass die Induktion
von neutralisierenden Antikörpern und CD4-/CD8-vermittelter T-Zell-Immunität ähnlich
stark ist wie bei den beiden bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffen von Biontech-Pfizer
und Moderna.

Studienergebnisse mit dem AstraZeneca- Impfstoff

Die AstraZenica-Vakzine wurde als erster Vektorimpfstoff gegen Covid-19 von der
Europäischen Kommission (EC) am 29.1.2021 für Menschen ab 18 Jahren bedingt
zugelassen. Dieser Impfstoff hatte bereits einen Monat zuvor eine Notfallzulassung in
Großbritannien erhalten und es wurden schon mehrere Millionen Briten damit geimpft.

Wirksamkeit
Im Arzneimittelbrief wird berichtet, dass der primäre Studienendpunkt in zwei der vier
vorliegenden Phase-III-Studien des Astrazeneca-Impfstoffs die Verhinderung eines
bestätigten, symptomatischen Auftretens von Covid-19 vierzehn Tage nach der zweiten
Impfung war. Ein Krankheitsfall war definiert über einen positiven PCR-Test und das
Vorhandensein von mindestens einem der nachfolgenden Symptome: Fieber ≥ 37,8°C,
Husten, Kurzatmigkeit, Geruchs- oder Geschmacksverlust. Jeder Fall musste von einem
verblindeten "Endpoint Review Commitee" bestätigt werden.

Die Daten aus zwei der vier Studien fehlen in dieser ersten, vorab am 8.12.2020
publizierten Zwischenanalyse, weil die prädefinierte Mindestfallzahl von Covid-19-
Fällen in diesen Studien noch nicht erreicht war. Der primären Analyse zur Wirksamkeit
liegen somit nur die Daten von 11.636 Probanden aus Großbritannien und Brasilien zu
Grunde, die beide Impfungen erhalten hatten. Davon waren 86,7 Prozent im Alter von 18
bis 55 Jahren (mittleres Alter 40 Jahre) und 60,5 Prozent Frauen. Die mediane
Nachbeobachtungszeit beträgt 3,4 Monate.

Insgesamt wurden in dieser Zeit 131 Fälle von Covid-19 diagnostiziert, 30 im Arm der
AstraZeneca-Vakzine (0,5 Prozent) und 101 im Arm der Kontrollgruppe (1,7 Prozent),
bei der ein Meningokokken-Impfstoff als Placebo eingesetzt wurde. Hieraus errechnet
sich eine relative Wirksamkeit der Impfung von insgesamt 70,4 Prozent.

Demnach heißt es im Arzneimittelbrief zur Wirksamkeit:

Die durch den ersten in der Europäischen Union zugelassenen Adenovirus-basierten


Vektor-Impfstoff von AstraZeneca induzierte Immunität, gemessen an der Induktion
neutralisierender Antikörper und spezifischer T-Zellen, ist vergleichbar mit den beiden
bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffen, auch bei älteren Menschen. Die klinische
Wirksamkeit, also der Schutz vor Erkrankung an Covid-19, liegt bei ca. 70 Prozent.

Arzneimittelbrief 2/2021

Weiter heißt es dort, dass die berechneten Ergebnisse für die AstraZeneca-Vakzine eine
deutlich geringere Wirksamkeit, verglichen mit den mRNA-Impfstoffen (mehr als 90
Prozent), suggerieren. Ein derartiger indirekter Vergleich sei jedoch nicht zulässig, unter
anderem, weil die Studien unterschiedliche Probanden in unterschiedlichen Regionen der
Welt eingeschlossen haben, in denen teilweise auch schon stärker ansteckende
Virusvarianten kursierten. Zudem würden sich die einzelnen Studien mit dem Antra-
Zeneca-Impfstoff in ihrer Durchführung deutlich unterscheiden (Einschlusskriterien,
verwendete Impfdosis, Impfabstand, Vergleichstherapie), was externe Vergleiche
erschwere.

Bei dem wesentlich wichtigeren Endpunkt, der Verhinderung von


Krankenhausbehandlungen beziehungsweise schweren Covid-19-Verläufen zwei
Wochen nach der zweiten Dosis, betrug die Wirksamkeit der Impfung jedoch 100
Prozent (null vs. fünf Fälle). Für die Interpretation dieses Ergebnisses müssen jedoch
weitere Zwischenanalysen mit mehr Fällen abgewartet werden.
Eine Reihe von Zwischenanalysen aus den oben genannten vier Studien haben weitere
Informationen ergeben, die aber ebenfalls mit Vorsicht gedeutet werden müssen.
Basierend auf 332 Patienten mit Covid-19 und 619 positiven Abstrichen bei 17.177 initial
seronegativen Probanden wird darin eine Wirksamkeit der AstraZeneca-Vakzine-Vakzine
ab Tag 22 nach der ersten Impfung von 76 Prozent berechnet. Außerdem habe man
Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit mit den Abständen zwischen beiden Impfungen
ansteigt: 54,9 Prozent bei weniger als sechs Wochen und 82,4 Prozent nach mehr als
zwölf Wochen.

Aus dieser Auswertung ergeben sich laut Arzneimittelbrief auch schwache Hinweise
darauf, dass die Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine zum Teil auch vor
asymptomatischen Infektionen schützen könnte.

Der Artikel im Arzneimittelbrief weist darauf hin, dass eine weitere post-hoc-Auswertung
der Daten der älteren Studienteilnehmer sich auf die Frage konzentrierte, ob der
AstraZeneca-Impfstoff auch bei Älteren eine ausreichende Immunität induziert.

Insgesamt drei Alterskohorten wurden in diese Analyse eingeschlossen, 160 im Alter von
18 bis 55 Jahre, 160 im Alter von 56 bis 69 Jahren und 240 im Alter von 70 Jahren und
älter. Die Titer der gegen das Spike-Glykoprotein von SARS-CoV-2 gerichteten
neutralisierenden Antikörper waren 28 Tage nach der zweiten Impfung in allen Gruppen
ähnlich hoch, genauso wie die Ergebnisse der gegen das Spike-Glykoprotein gerichteten
T-Lymphozyten. Dies weist darauf hin, dass der Impfstoff möglicherweise auch bei
älteren Personen ausreichend wirksam ist.

In das bisherige Impfprogramm von AstraZeneca wurden nur relativ wenige Probanden
über 65 Jahre eingeschlossen. Deshalb ist die Schutzwirkung bei älteren Menschen
derzeit nicht ausreichend zu beurteilen, sodass weitere Auswertungen abgewartet werden
müssen. Das ist der Grund dafür, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) in
Deutschland die Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine aktuell nur für Personen
zwischen 18 und 64 Jahren empfiehlt.

Das gilt auch für die Wirksamkeit gegen neue Virusmutationen sowie für die
Beobachtung, dass die Wirksamkeit möglicherweise höher ist bei niedrigerer Erstdosis
und/oder einem längeren Intervall zwischen der ersten und zweiten Impfung. Weiterhin
ist unklar - wie auch bei den mRNA-Impfstoffen -, ob durch die Impfung eine "sterile
Immunität" erzeugt wird, das heißt, ob die Transmission von SARS-CoV-2 im Falle einer
Infektion verhindert oder vermindert wird.

Zur Sicherheit des AstraZeneca-Impfstoffes

Zur Sicherheit des AstraZeneca-Impfstoffes schreibt der Arzneimittelbrief:

Die angegebenen Werte zur Reaktogenität (lokale und systemische unerwünschte


Arzneimittelereignisse = UAE nach 7 Tagen) basieren auf einer Auswertung von 5.145
Personen, deren UAE systematisch mittels Impftagebuch erfasst wurden. Dabei zeigt
sich, dass die Vakzine von AstraZeneca in den ersten 7 Tagen um ca. 50 Prozent häufiger
lokale und systemische UAE verursacht als der Meningokokken-Impfstoff in der
Kontrollgruppe.

Arzneimittelbrief 2/2021

Im indirekten Vergleich mit den mRNA-Impfstoffen (z.B. der Covid-19-Vakzine von


Moderna, Alterskohorte 18 bis 65 Jahre) scheint die zweite Dosis des Impfstoffes von
AstraZeneca besser vertragen zu werden (lokale UAE 46,8 Prozent vs. 90,3 Prozent und
systemische UAE 44,6 Prozent vs. 81,9 Prozent). Bei 168 Studienteilnehmern wurden
schwerwiegende UAE beschrieben: 79 mit der Vakzine und 89 mit der Kontrolle.

Ein Proband in der Kontrollgruppe entwickelte eine hämolytische Anämie, ein Patient
mit der Vakzine 14 Tage nach der Zweitimpfung eine transverse Myelitis
(neuroimmunologische Erkrankung des zentralen Nervensystems). Zwei weitere Fälle
von transverser Myelitis (zehn Tage nach der ersten Impfung und 68 Tage nach der Gabe
der Kontroll-Vakzine) wurden durch ein unabhängiges neurologisches Expertengremium
nicht im Zusammenhang mit der Impfung gegen SARS-CoV-2 interpretiert.

Es gab zudem auch noch eine weitere Diagnose von Multipler Sklerose im Arm mit dem
AstraZeneca-Impfstoff, wobei die MRT-Befunde darauf hinwiesen, dass diese
Erkrankung schon zuvor bestanden hatte. Insgesamt wurden mehr neurologische UAE
mit den Vakzinen beobachtet als in der Kontrollgruppe (11,7 Prozent vs. 7,8 Prozent);
meist handelte es sich dabei um Kopfschmerzen (9,3 Prozent vs. 6,1 Prozent).

Vier Probanden starben, einer in der Vakzine-Gruppe und drei in der Kontrollgruppe. Als
Todesursachen wurden Verkehrsunfall, stumpfes Gewalttrauma, Tötungsdelikt und eine
Pilzpneumonie genannt.

Über allergische Reaktionen wurde in den Studienprotokollen des AstraZeneca-


Impfstoffs nicht explizit berichtet. Eine anaphylaktische Reaktion trat 64 Tage nach der
Impfung auf, ein Zusammenhang ist somit nicht sehr wahrscheinlich.

Zum Problem des Auftretens von schweren allergischen Reaktionen nach Corona-
Impfungen hatte ich in meinem Dezember-Artikel in Telepolis berichtet, dass in
Großbritannien am ersten Tag der Impfung mit der Biontech-Pfizer-Vakzine zwei Fälle
von schweren allergischen, anaphylaktischen Reaktionen bei Mitarbeitern des National-
Health-Service aufgetreten waren, die deshalb behandelt werden mussten.

In der Januar-Ausgabe des Arzneimittelbriefs wird darauf hingewiesen, dass derzeit


davon ausgegangen wird, dass die beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffe gegen Covid-
19 zehnmal häufiger Allergien auslösen als etablierte Impfstoffe.Am 2.2.2021 wurde die
erste Zwischenanalyse der Phase-III-Studie mit dem Sputnik V-Impfstoff im Lancet
publiziert.
Reinhard Renneberg schreibt in seinem lesenswerten Artikel im Neuen Deutschland vom
19.2.2021, dass der Name des russischen Impfstoffes an den russischen Sputnik erinnern
soll, der 1957 als erster künstlichen Erdtrabant in die Erdumlaufbahn gebracht worden
ist.Dabei stehe der Buchstabe V für "Vakzine", aber auch für die Zahl 5 und versuche
damit recht offensichtlich, an das Image der vier sowjetischen Sputniks anzuknüpfen, so
Renneberg.

Wirksamkeit

Im Unterschied zum Impfstoff von AstraZeneca verwendet Sputnik V für die erste und
zweite Impfung zwei verschiedene adenovirale Vektoren (rAd26 und rAd5). Damit soll
verhindert werden, dass die bei der ersten Impfung gegen den ersten Vektor gebildeten
Antikörper die Immunogenität der zweiten Impfung abschwächen. Das Lancet berichtet
darüber, dass mit Sputnik V eine randomisierte, doppelblinde, Placebo-kontrollierte
Phase-III-Studie in 25 Krankenhäusern und Polikliniken in Moskau durchgeführt worden
ist.

In die Studie eingeschlossen waren Teilnehmer im Alter von mindestens 18 Jahren mit
negativen SARS-CoV-2 PCR- und IgG- und IgM-Tests, die keine Infektionskrankheiten
in den 14 Tagen vor der Einschreibung und keine anderen Impfungen in den 30 Tagen
zuvor durchgemacht hatten. Die Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip (drei zu
ein) zugewiesen, um Impfstoff oder Placebo zu erhalten, wobei eine Schichtung nach
Altersgruppen erfolgte.

Für die Untersucher, Probanden und alle Studienmitarbeiter war die Studie verblindet.
Der Impfstoff wurde intramuskulär in einem Prime-Boost-Regime verabreicht (0,5
ml/Dosis): Ein 21-Tage-Intervall bestand zwischen der ersten Dosis (rAd26) und der
zweiten Dosis (rAd5), wobei beide Vektoren das Gen für das SARS-CoV-2-Glykoprotein
S in voller Länge trugen.

Der primäre Endpunkt war der Anteil der Teilnehmer mit einer PCR-bestätigten Covid-
19 ab Tag 21 nach Erhalt der ersten Dosis. Alle Analysen schlossen Teilnehmer mit
Protokollverletzungen aus: Der primäre Endpunkt wurde nur bei Teilnehmern bewertet,
die zwei Dosen Impfstoff oder Placebo erhalten hatten.

Die Resultate der Phase-III-Studien von Sputnik V werden im Lancet-Artikel so


zusammengefasst (eigene Übersetzung):

Zwischen dem 7. September und dem 24. November 2020 wurden 21.977 Erwachsene
nach dem Zufallsprinzip der Impfstoffgruppe (n=16.501) oder der Placebogruppe
(n=5476) zugeordnet. 19.866 erhielten zwei Dosen Impfstoff oder Placebo und wurden in
die primäre Ergebnisanalyse einbezogen. Ab 21 Tagen nach der ersten Impfstoffdosis
(Tag der Dosis 2) wurden bei 16 (0, 1 Prozent) von 14.964 Teilnehmern in der
Impfstoffgruppe) und 62 (1,3%) von 4902 in der Placebo-Gruppe Covid-19 bestätigt und
daraus eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent errechnet.
Denis Logunow und Mitarbeiter im Lancet

Sicherheit

Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (UAE) wurden bei allen Teilnehmern


bewertet, die zum Zeitpunkt der Datenbanksperre mindestens eine Dosis erhalten hatten,
und seltene unerwünschte Ereignisse wurden bei allen Teilnehmern registriert, die zwei
Dosen erhalten hatten und für die alle verfügbaren Daten im Fallberichtsformular zum
Zeitpunkt der Datenbanksperre überprüft wurden.

Die meisten gemeldeten unerwünschten Ereignisse wurden als Grad ein (7485
entsprechend 94 Prozent von 7966 Gesamtereignissen) eingestuft. 45 entsprechend 0,3
Prozent von 16.427 Teilnehmern in der Impfstoffgruppe und 23 entsprechend 0,4 Prozent
von 5435 Teilnehmern in der Placebo-Gruppe hatten schwerwiegende Nebenwirkungen.
Keine dieser UAW wurde ursächlich mit der Impfung in Verbindung gebracht, was durch
einen unabhängigen Ausschuss für Datenüberwachung bestätigt wurde.

Während der Studie wurden vier Todesfälle gemeldet (drei entsprechend weniger als 0,3
Prozent von 16.427 Teilnehmern in der Impfstoffgruppe und einer entsprechend weniger
als 0,1 Prozent von 5435 Teilnehmern in der Placebo-Gruppe, von denen keiner mit dem
Impfstoff in Zusammenhang gebracht wurde.

Abschließend heißt es in dem Lancet-Artikels (eigene Übersetzung):

Ein heterologer rekombinanter Adenovirus (rAd)-basierter Impfstoff, Gam-Covid-Vac


(Sputnik V), zeigte ein gutes Sicherheitsprofil und induzierte starke humorale und
zelluläre Immunreaktionen bei Teilnehmern in klinischen Phase-I/II-Studien. Hier
berichten wir vorläufige Ergebnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit von Gam-Covid-Vac
aus der Zwischenanalyse dieser Phase-III-Studie.

Somit zeigte diese Zwischenanalyse der Phase-III-Studie mit dem Impfstoff Sputnik V
(Gam-Covid-Vac ) eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent gegen Covid-19, wobei dieser
Impfstoff in einer großen Kohorte von den Probanden gut vertragen wurde.

In einem Kommentar von zwei englischen Wissenschaftlern- ebenfalls am 3.2.2021 im


Lancet veröffentlicht- wird der Arbeit von Denis Logunov und Mitarbeiter ausführlich
gewürdigt.

Es wird auf den zentralen Aspekt der Entwicklung von Sputnik V hingewiesen, dass die
Verwendung von zwei verschiedenen Serotypen von Adenoviren, die im Abstand von 21
Tagen appliziert werden, eine eventuell bereits bestehende Adenovirus-Immunität in der
Bevölkerung überwinden soll.

Von den bisher wichtigsten Covid-19-Impfstoffen habe bisher nur Sputnik V (Gam-
Covid-Vac) diesen Ansatz verwendet. Bei anderen, wie beim Impfstoff von AstraZeneca,
wird für beide Dosen das gleiche Vektormaterial verwendet. Der frühere Impfstoff gegen
Ebola, der auch am Gamaleya-Institut in Moskau entwickelt wurde, war ähnlich
aufgebaut, mit einem Adenovirus und einem vesikulären Stomatitis-Virus als
Trägerviren.

Der die große Leistung der russischen WissenschaftlerInnen anerkennende Kommentar


im Lancet schließt mit den Worten (egene Übersetzung):

Die Entwicklung der Sputnik V-Vakzine wurde international dafür stark kritisiert,
überhastet und nicht transparent genug gewesen zu sein. Aber das Ergebnis, das jetzt hier
veröffentlicht wird, ist eindeutig, und das wissenschaftliche Prinzip der Impfung konnte
demonstriert werden. Das bedeutet, dass ein weiteres Vakzin jetzt zur Verfügung steht,
um die Inzidenz von Covid-19 einzudämmen.

Jan Jones und Polly Roy, Lancet 3.2.2021

Sputnik V auch in Deutschland willkommen?

Sputnik V ist inzwischen außer in Russland auch in einer Reihe anderer Länder
zugelassen. Dazu zählen Serbien, Kasachstan und Turkmenistan, aber auch Argentinien,
Bolivien, Brasilien, Venezuela und Iran. Auch das EU-Land Ungarn setzt trotz fehlender
Zulassung in der Europäischen Union diese Vakzine ein.

In einem Artikel in der Online-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts vom 3.2.2021 wird
darüber berichtet, dass laut Kanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Spahn Sputnik V
in Deutschland willkommen sei. Aus dem Büro des sachsen-anhaltinischen
Ministerpräsidenten sei zuletzt zu vernehmen gewesen, dass eine mittelständische Firma
in Dessau eventuell Sputnik V in Lizenz produzieren könne.

Fazit

1. In diesem Artikel werden die vorliegenden Daten über Wirksamkeit und


Sicherheit von zwei neuen Vektorimpfstoffen gegen SARS-CoV-2, der Vakzine
von AstraZeneca und dem russischen Impfstoff Sputnik V, mitgeteilt.
2. Aus den Daten ist zu entnehmen, dass der AstraZeneca-Impfstoff im Vergleich
mit den in der EU zugelassenen mRNA-Impfstoffen von Biontech-Pfizer und
Moderna und auch mit der Sputnik V-Vakzine, die eine Wirksamkeit von über 90
Prozent angeben, eine geringere Wirksamkeit aufweist (circa 70 Prozent). Ob
diese Unterschiede jedoch von Bedeutung sind, ist fragwürdig, da es Hinweise
dafür gibt, dass die Wirksamkeit hinsichtlich der wesentlich wichtigeren
Studienendpunkte, der Verhinderung von Krankenhaus-behandlungen
beziehungsweise schweren Covid-19-Verläufen zwei Wochen nach der zweiten
Dosis, bei der AstraZeneca-Vakzine ebenfalls sehr hoch ist.
3. Da in das bisherige Impfprogramm von AstraZeneca nur relativ wenige
Probanden über 65 Jahre eingeschlossen waren, ist die Schutzwirkung bei älteren
Menschen derzeit nicht ausreichend zu beurteilen, sodass weitere Auswertungen
abgewartet werden müssen. Deshalb ist die Entscheidung der STIKO in
Deutschland nachvollziehbar, die Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine nur für
Personen zwischen 18 und 64 Jahren zu empfehlen.
4. Beim Vergleich der UAE (unerwartete Arzneimittelereignisse) ergibt sich, dass
bei den beiden vorgestellten Vektorimpfstoffen offenbar deutlich weniger UAE
auf allergischer Basis auftreten als bei den mRNA-Impfstoffen.
5. Für den Sputnik V-Impfstoff zeigt die Darstellung eine hohe Wirksamkeit von
91,6 Prozent gegen Covid-19, wobei dieser Impfstoff in einer großen Kohorte von
Probanden gut vertragen wurde.
6. Angesichts des bestehenden Impfstoffmangels in Deutschland wäre eine
Zulassung von Sputnik V auch bei uns wünschenswert. In anderen Ländern gibt
es diesen Impfstoffmangel nicht. So nimmt Serbien in Europa einen der
Spitzenplätze beim Impfen gegen Covid-19 ein. Dort haben die Bürger die Wahl
zwischen Biontech-Pfizer, Sputnik V, Sinopharm, AstraZeneca und Moderna.
7. Es ist zu hoffen, dass die EU den Impfstoff Sputnik V aufgrund von
wissenschaftlichen und humanitären Überlegungen, und nicht aufgrund von
politischen bewerten wird. Leider gibt es Hinweise dafür, dass daran aber Zweifel
angebracht sind und Sputnik V in Deutschland entgegen der Ankündigung von
politischen Verantwortungsträgern nicht willkommen ist.

Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin- Gastroenterologie,
Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin- Sozialmedizin, war von 1985 bis
2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems,
der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Seit 1978 ist er als
medizinischer Sachverständiger bei der Sozialgerichtsbarkeit in Schleswig-Holstein tätig.
Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Nikotin-Tabakforschung
e.V. (DGNTF) und arbeitet in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale
Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale
Verantwortung) mit. Email: klaus-dieter.kolenda@gmx.de

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