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Altnordisch im Sprachvergleich – Wintersemester 2011/2012

Suprasegmentale Strukturen

Silbenstruktur
Silbe = Anlaut (onset) + „Reim“ (rime); Reim = Kern (nucleus) + Auslaut/Koda (coda
σ1 σ2
O R O R
N C N
þ v i n $ g a $

Geschlossene vs. offene Silbe = mit vs. ohne Koda

Urgermanische Maximalstruktur von Onset und Koda (wie schon uridg.) im Wortan- und -
auslaut: #STR- (mit „extrasyllabischem“ Sibilanten?), dagegen in *-RTS# wohl ursprünglich
Epenthese > *-RuTs, vgl. *melk-s ‘Milch’ > *meluks Æ *meluk- (Kümmel 2004b)

Durch Apokope/Synkope später komplexere Strukuren am Wortende: wegen CVC# > CC# wieder
-RTS# und anord. sogar CCR# (später > CCVR#)

Quantität
More µ = abstrakte phonologische Längeneinheit
Silbengewicht nach Moren des Kerns und der Koda (V = µ, VV = µµ, C$ = µ):
°V$ = 1 µ = leicht, °VC$ = 2µ = schwer, °VV$ = 2µ = schwer, °VVC$ = 3µ = überschwer

Indogermanisch: Quantität nur bei Vokalen, meist relativ spät durch Laryngalschwund mit Er-
satzdehnung; morphologische Geminaten automatisch gekürzt (**ss > *s) oder durch Epenthese
gespalten (**tt > *tst)

Germanisch: Quantität auch bei Konsonanten durch zahlreiche neue Geminaten (*tst > ss, *ln > ll,
lw > ll, *bn > pp), altgermanisch dialektal noch vermehrt (außer got. *rz > rr, nordg. *nT > TT, *lʀ >
ll, *kj > *kkʲ; westg. *Cj > *CCj > CC)

Auslautende Konsonanten zählen nur nach einer betonten More (betonte Langvokale = Sequenz
einer betonten und einer unbetonten Kurzvokalmore), also VμCμ#, aber ˈVμVμC#, ˈVμCVμC#

Betont: 1-, 2-, 3morig; unbetont: nur 1- oder 2morig

„Fuß“ = gesamte Akzenteinheit (betont + unbetont)

Germanische Präferenzen: „trochäisch“ = ˈσ σ / ˈμ μ, „daktylisch“ = ˈσ σ σ / ˈμ μ μ

Fuß muss nordgerm. immer mindestens 2 Moren haben, daher Dehnung auslautender Kurzvokale
*ˈVμ# > ˈVμVμ#: *sa > sá ‘der’
Zweite Silbe darf nicht mehr Moren als erste haben und Fuß soll nicht mehr als 3 Moren haben Æ
daher Kürzung unbetonter Langvokale *ˈVμVμ$CVμVμ(C) = 4 > ˈVμVμ$CVμ(C)

Öfter auch Kürzung betonter Langvokale vor Koda ˈVμVμCμ$C >VμCμ$C: *mīnn > minn ‚mein’,
*lītlir > litlir ‘kleine’, *gótt > gott ‘gut’, *meistr > mestr ‘meist’

M. J. Kümmel, martin.kuemmel@mail.uni-freiburg.de 17
Altnordisch im Sprachvergleich – Wintersemester 2011/2012

Im Zentrum und Norden (außer ganz im N) „Vokalbalance“/“Gleichgewichtsgesetz“ durch stärke-


re Schwächung (bis Verlust) unbetonter Vokale nach schwerer Silbe:
ˈVμCVμ(C)# vs. ˈVμVμC(ə)#: norw. „kløyvd infinitiv“ far-a vs. kast-Ø
Vgl. w-nordsaam. Nom. Sg. assi [ˈɑs.si(·)] ˈVμC$CVμ : Gen. Sg. asi [ˈɑ.si:] ˈVμ$CVμVμ

Weitere Entwicklung: Auslautende einfache Konsonanten zählen auch nach betontem Kurzvokal
nicht mehr; alle betonten Silben müssen zweimorig sein = Quantitätsumlegung
Æ betont 1morig > 2morig = Dehnung der Vokale Vμ$C > VμVμ$C (im W/S): aisl. aschw. gata
[ˈga.ta] > [ˈga:.ta]
oder Konsonanten VμCμ$C bzw. VμC# > VμVμC# oder VμCμC# (im N/O): aschw. vika > vecka
[ˈvek.ka], anorw. viku > nordnorw. vukku
umgekehrt (wieder) 3morig > 2morig (= Kürzung VμVμCμ$ > VμCμ$): schw. nātt > natt etc.
unbetont 2morig > 1morig = Degemination VμCμC > VμC

Dänisch (von Süden her) Aufgabe der obligatorischen Zweimorigkeit durch Geminatenkürzung:
takke [ˈtʰak.kə] > [ˈtʰaḳə]

Apokope von -ə in zwei Gebieten: 1) schon im MA jütisch


2) später auch trønd., nordnorw., N-nordschw., N-ostschw. (außer N-norw. wegen „Gleichge-
wichtsgesetz“ nur hinter schwerer Silbe)

Akzent und Intonation


Hauptakzent = Erstsilbenbetonung ˈ außer bei Präfixen, nordg. ziemlich stark Æ Reduktionen
unbetonter Silben, auch (anders als westgerm.) Synkope der Präfixvokale, völliger Verlust aller
Präfixe

Intonationsdifferenzen: „Nebenton“ ˌ bei mehrsilbigen (wo ja nur relativ betonte stärker Silben
bewahrt blieben), nordgerm. phonologisiert wegen Entstehung neuer Mehrsilbler durch:
1. Univerbierung mit dem (voll unbetonten) enklitischen Artikel in(n)
2. (westlich und gutnisch spät) Sprossvokale in Cr# > CVr#
Æ Opposition von Akzent 2 = ˈ1ˌ2 und Akzent 1 = ˈ12

Vgl. aisl. ˈloˌkit ‘geschlossen’ vs. ˈlok-it ‘der Verschluss’


anorw. ˈsíˌður ‘Seiten’ vs. ríðr > ˈríður ‘reitet’
aschw. ˈanˌdi-n ‘der Geist’ vs. ˈand-in ‘die Ente’
aschw. ˈbrōˌþer ‘Bruder’ vs. ˈbrø̄þr > ˈbrø̄þer ‘Brüder’

Inselnordisch, ostschwedisch, süddänisch, bornholmisch und lokal auch sonst beseitigt, also nur
Akzent 1 – schwed. in östlicher Mälarregion nur Akzent 2

Dänisch außer südjütisch und fünisch umgewandelt in Opposition von Akzent 1 = glottalisiert
(„stød“, Stoßton) und Akzent 2 = nicht glottalisiert; nur bei langen Silbe und sekundär auch in
Einsilblern

M. J. Kümmel, martin.kuemmel@mail.uni-freiburg.de 18

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