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Arterielle Hypertonie

und

Arterielle Hypotonie
Arterielle Hypertonie
Definition

● andauernde Erhöhung des Blutdrucks auf ≥ 140 mmHg systolisch und/oder ≥ 90 mmHg
diastolisch bei Praxismessung
● auf ≥ 135 mmHg systolisch und/oder > 85 mmHg diastolisch bei Selbstmessung.

Synonyme: arterieller Hypertonus, arterielle Hypertension, Bluthochdruck.


Arterielle Hypertonie
Epidemiologie
● Prävalenz in Europa ca. 30–45 %; steigt mit dem Lebensalter
● m>w
● Fast die Hälfte der Betroffenen weiß nichts von ihrer Erkrankung.
● Fast die Hälfte der diagnostizierten Hypertoniker ist unzureichend behandelt.
● häufig Bestandteil eines metabolischen Syndroms: Adipositas + Diabetes mellitus Typ II +
Hyperlipidämie + arterielle Hypertonie
● Hauptrisikofaktor für Arteriosklerose und damit auch für KHK (Koronare Herzkrankheit)
Arterielle Hypertonie
Primäre (essenzielle) Hypertonie
Definition: Arterielle Hypertonie ohne bekannte Ursache, deren
Diagnose erst nach Ausschluss der sekundären Hochdruckformen
gestellt werden darf.
➢ > 90 % aller Hypertoniker
➢ multifaktorielle Erkrankung
➢ wesentliche Rolle: genetische Prädisposition
Arterielle Hypertonie
Sekundäre Hypertonie

Definition:
● Arterielle Hypertonie infolge einer anderen Erkrankung.
● < 10 % aller Hypertoniker.

Ätiopathogenese
○ Renale Hypertonie
○ Endokrine Hypertonien
○ Medikamentös oder durch Nahrungsmittel verursachte Hypertonie
○ Weitere Ursachen
❖ kardiovaskuläre Hypertonie: z.B. bei Aortenisthmusstenose, Aortensklerose, Aortenklappeninsuffizienz (häufig hohe
Blutdruckamplitude mit isolierter systolischer Hypertonie)
❖ neurogene bzw. psychogene Hypertonie: z.B. bei Enzephalitis, Apoplex, Hirndruck, Schmerzen
❖ obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
❖ hypertensive Schwangerschaftserkrankungen.
Arterielle Hypertonie
Renale Hypertonie

● renoparenchymatöse Hypertonie:
○ Schädigung des Nierenparenchyms
○ Pathophysiologie: verbleibende Nephrone können das anfallende Na+ nicht mehr
ausreichend eliminieren → Natrium- und Wasserretention
● renovaskuläre Hypertonie:
○ gestörte Durchblutung infolge einer Nierenarterienstenose
○ Hämodynamisch relevant sind Stenosen der A. renalis > 70 %.
○ Häufigkeit 1–2 %
○ Pathophysiologie: vermehrte Reninfreisetzung → Angiotensin II → Vasokonstriktion → der
periphere Widerstand und der Blutdruck erhöhen sich. Zusätzlich wird durch Angiotensin II
vermehrt Aldosteron freigesetzt → gesteigerte Natriumrückresorption → Erhöhung des
Herzzeitvolumens.
Arterielle Hypertonie
Endokrine Hypertonie
● Nebennierenrinde:
○ Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom) → erhöhte renale Wasser- und Na+-Rückresorption
○ Cushing-Syndrom: erhöhter Glukokortikoidspiegel → Steigerung der Katecholaminempfindlichkeit,
mineralokortikoide Wirkungen mit Retention von Wasser und Natrium
○ adrenogenitales Syndrom

● Nebennierenmark: Phäochromozytom (erhöhte Katecholaminausschüttung → Anstieg von Herzzeitvolumen und


Gefäßwiderstand)

● Schilddrüse: Hyperthyreose (gesteigerte Katecholaminempfindlichkeit)

● Nebenschilddrüse: Hyperparathyreoidismus (erhöhte Hypertonie-Prävalenz mit ungeklärter Pathophysiologie)

● Hypophyse: Akromegalie (Wasserretention, Kardiomegalie).


Arterielle Hypertonie
Medikamentös oder durch Nahrungsmittel verursachte Hypertonie
● orale Kontrazeptiva, Cyclosporin, Glukokortikoide, Erythropoetin, Sympathomimetika (auch
Kokain und Amphetamine)

● übermäßiger Konsum von Lakritze (> 250 g/d) → funktioneller Hyperaldosteronismus mit
Hypernatriämie und Bluthochdruck.
Arterielle Hypertonie
Symptomatik

Beschwerden können lange fehlen oder unspezifisch sein:


○ Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen (Ohrenklingeln )
○ Herzklopfen
○ Nervosität
○ Belastungsdyspnoe
○ Präkordialschmerzen
○ Nasenbluten
Arterielle Hypertonie
Komplikationen
● fällt häufig erst durch Komplikationen auf:
○ hypertensiver Notfall: krisenhafter Blutdruckanstieg ≥ 180/110 mmHg
○ zerebrale Ischämie, hypertensive Massenblutung, akute Hochdruckenzephalopathie,
subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (mit Gangstörungen und kognitiven
Defiziten)
○ Arteriosklerose (Mikro- und Makroangiopathie)
○ hypertensive Retinopathie
○ hypertensive Nephropathie
○ hypertensive Herzkrankheit, u.a. mit Druckhypertrophie des linken Ventrikels und koronarer
Herzkrankheit, hypertensive Kardiomyopathie mit Entwicklung einer Linksherzinsuffizienz
○ Aortenaneurysma
○ Aortendissektion
Arterielle Hypertonie
Diagnostik
Anamnese
Hypertoniebeschwerden und mögliche Hochdruckfolgen: z.B. Dyspnoe, Nykturie, Angina pectoris, Sehstörungen
Familienanamnese: arterielle Hypertonie, Schlaganfälle und Nierenerkrankungen
Medikamenten- und Genussmittelanamnese
Hinweis auf Phäochromozytom: anfallsartige Kopfschmerzen mit Gesichtsblässe, Schweißausbruch und Harndrang.

Risikofaktoren für eine ungünstige Prognose einer arteriellen Hypertonie:

Alter: > 55 Jahre (♂) bzw. 65 Jahre (♀)


Rauchen
Dyslipidämie:
Gesamtcholesterin > 190 mg/dl
und/oder LDL > 115 mg/dl
und/oder HDL ↓
und/oder Triglyzeride > 150 mg/dl
erhöhter Nüchtern-Blutzucker: > 102 mg/dl
BMI: ≥ 30 kg/m2.
abdominelle Adipositas: Bauchumfang ≥ 102 cm (♂) bzw. ≥ 88 cm (♀)
kardiovaskuläre Erkrankungen in der Familienanamnese vor dem 55. (♂) bzw. 65. Lebensjahr (♀)
Arterielle Hypertonie Striae distensae
(Dehnungsstreifen)
Körperliche Untersuchung

● Hinweise auf sekundäre Hypertonieformen:


○ epigastrisches Stenosegeräusch bei Nierenarterienstenose
○ Cushing-Syndrom: Striae distensae(Dehnungsstreifen), Vollmondgesicht, bauchbetonte
Adipositas
○ Akromegalie: Zunahme von Ring- und Schuhgröße, Vergröberung der Gesichtszüge
○ Systolikum bei Aortenisthmusstenose
● Hinweise auf Hochdruckfolgen:
○ Zeichen einer Herzinsuffizienz
○ Beeinträchtigungen des Sehvermögens
● peripherer Pulsstatus: Der Puls ist kräftig und schwer zu unterdrücken (Pulsus durus).
● Bestimmung des Body-Mass-Index
Arterielle Hypertonie
Labor
● Serum:
○ Kreatinin
○ Harnstoff (Urea)
○ Harnsäure
○ Lipide, Lipidstoffwechsel (Gesamtcholesterin, Triglyzeride, HDL, LDL)
○ Glucose
○ Elektrolyte (Natrium, Kalium)
○ HbA1c ( Hämoglobin A1c )
○ TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon)

● Harn:
○ Sediment
○ Zucker- und Eiweißausscheidung. (Glukosurie und Proteinurie)
Arterielle Hypertonie
Weitere Diagnostik

● EKG: Hinweise auf eine Linksherzhypertrophie oder eine koronare Herzerkrankung?


● Röntgen-Thorax: evtl. Vergrößerung des linken Herzens, Elongation und Sklerose der Aorta
● Sonografie der Nieren mit Doppler bzw. Farbduplex: bei Verdacht auf Nierenarterienstenose am
besten geeignet
● Karotis-Dopplersonografie: atherosklerotische Wandveränderungen?
● Echokardiografie: Nachweis einer Hypertrophie bzw. einer gestörten Pumpfunktion: Bestimmung
der Wanddicken, evtl. konzentrische linksventrikuläre Hypertrophie mit konsekutiver diastolischer
Relaxationsstörung
● Bestimmung des Knöchel-Arm-Indexes: pAVK? (Periphere arterielle Verschlusskrankheit)
● augenärztliche Untersuchung zur Evaluation einer hypertensiven Retinopathie
● Polysomnografie bei Verdacht auf ein obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
● CT, MRT und Szintigrafie der Nieren bzw. Nebennieren.
Arterielle Hypertonie
Therapie
● Therapieziel: dauerhafte Blutdrucknormalisierung

● Zielblutdruck: < 140/90 mmHg in Ruhe

● Einleitung einer Therapie bei Blutdruckwerten ≥ 130 mmHg/85 mmHg


● Ausnahme: > 80-jährige Patienten sollten erst ab systolischen Werten ≥ 160 mmHg eine
antihypertensive Therapie erhalten
● Beratung aller Patienten mit hochnormalen Blutdruckwerten oder einer manifesten Hypertonie
bzgl. der Lebensstilmodifikation
Arterielle Hypertonie
Therapie : Allgemeine Maßnahmen
● gesunde und ausgewogene Ernährung:
○ salzarme Diät (< 5 g/d)
○ Alkoholkonsum: 14 Einheiten/Wo (♂) bzw. 8 Einheiten/Wo (♀)
○ erhöhter Konsum von Früchten, Gemüse und Milchprodukten mit niedrigem Fettgehalt
● ggf. Gewichtsreduktion auf einen BMI < 25 kg/m2 und einen Taillenumfang < 94 cm (♂) bzw. < 80 cm (♀)
● regelmäßige Bewegung, z.B. moderates dynamisches Training, für ≥ 30 Minuten an 5–7 Tagen/Woche
● Antistresstraining, Entspannungsübungen
● ggf. Aufgabe eines Nikotinkonsums
● ggf. Absetzen von hypertoniebegünstigenden Medikamenten
● Behandlung der übrigen kardiovaskulären Risikofaktoren (z.B. Lipidsenkung).
Arterielle Hypertonie
Therapie : Medikamentöse Therapie
Antihypertensiva der 1. Wahl
● ACE-Hemmer (z.B. Enalapril) (Angiotensin-Converting-Enzym)
● ARB (Angiotensin-Rezeptor-Blocker = AT1-Antagonisten (Sartane, z.B. Telmisartan)
● Calciumkanalblocker (CCB, Calciumantagonisten, z.B. Nitrendipin, Amlodipin)
● Diuretika (z.B. Thiazide und Thiazid-artige Diuretika, wie z.B. Hydrochlorothiazid)
● (β-Blocker).
Antihypertensiva der 2. Wahl
● Clonidin und Moxonidin (zentral wirksame α2-Agonisten)
● α-Methyldopa (ebenfalls ein zentrales Antisympathotonikum, Mittel der Wahl bei Schwangeren)
● Doxazosin, Bunazosin, Prazosin, Terazosin und Urapidil (α1-Blocker)
● Aliskiren (Renininhibitor)
● Dihydralazin, Minoxidil und Diazoxid (Vasodilatatoren).
Arterielle Hypertonie
Therapie : Medikamentöse Therapie

1. Stufe der Hypertoniebehandlung: Zweifachkombination aus ACE-Hemmer oder ARB


plus Calciumantagonist oder Diuretikum
2. Stufe (bei Nichterfolg der 1. Stufe): Dreifachkombination aus ACE-Hemmer oder ARB
plus Calciumantagonist plus Diuretikum.

β-Blocker (in Kombination mit einem der anderen empfohlenen Wirkstoffe) sind zur
Behandlung der Hypertonie (aufgrund unerwünschter Nebenwirkungen) nur indiziert, wenn
es eine spezifische Indikation gibt, z.B. Angina pectoris, Z.n. Myokardinfarkt,
Herzinsuffizienz oder Herzfrequenzkontrolle; werden aber in der Leitlinie immer noch als
Medikament der 1. Wahl genannt.
Arterielle Hypertonie
Prognose
Evidenz für verschiedene Wirkstoffe, dass eine dauerhafte gute Blutdrucktherapie zu einer
signifikanten und nachhaltigen Reduktion des Risikos für kardiovaskuläre Komplikationen führt:
40 % weniger Schlaganfälle
25 % weniger Herzinfarkte
50 % weniger Linksherzinsuffizienz
20 % weniger Todesfälle durch Schlaganfall und Herzinfarkt.
Arterielle Hypotonie
Arterielle Hypotonie

Definition
Arterielle Hypotonie: Verminderung des Blutdrucks auf systolisch < 100 mmHg und diastolisch <
60 mmHg mit entsprechender klinischer Symptomatik.

Synonym: niedriger Blutdruck.


Arterielle Hypotonie
Ätiologie
Primäre, essenzielle Hypotonie
häufigste Form
v.a. bei Jugendlichen und schlankem Körperbau
Neigung zur orthostatischen Dysregulation

Sekundäre Hypotonie
häufige Ursachen:
Hypovolämie: Volumenmangel, Schock
medikamentös bedingte Vasodilatation
seltene Ursachen:
endokrine Ursachen: z.B. Morbus Addison, Hypophysenvorderlappeninsuffizienz, Hypothyreose,
Blutzuckerentgleisung
Herzerkrankungen mit verminderter Auswurfleistung
neurogene Ursachen: z.B. Vagotonie, autonome Neuropathien (z.B. diabetisch), spinaler Schock, Syringomyelie,
Tabes dorsalis
infektiös bedingte Vasodilatation: Sepsis
renale Ursachen: nephrotisches Syndrom, Nephritis
vaskuläre Ursachen (Stenosen der A. carotis oder der A. vertebralis)
Anämie.
Arterielle Hypotonie
Symptomatik

typische Akutsymptome:
Schwindelgefühl
Schwarzwerden vor den Augen
Ohrensausen (Ohrenklingeln)
Synkopen, die mit Verletzungen einhergehen können
weitere Symptome:
Müdigkeit, Leistungsschwäche
Kopfschmerzen
Übelkeit
Herzklopfen
kalte Akren und leichtes Frieren
Arterielle Hypotonie
Diagnostik
Arterielle Hypotonie
Therapie

● ausreichende Flüssigkeits- und Salzzufuhr, Zwischenmahlzeiten und Verzicht


auf Alkohol
● moderates körperliches Training
● Auslösefaktoren wie langes Stehen oder hohe Temperaturen meiden
● im Akutfall Beinhoch- und Kopftieflagerung, evtl. Volumengabe
● medikamentöse Therapie nur bei Nichtansprechen der konservativen
Maßnahmen: vasokonstriktorische Substanzen wie Midodrin
(α-Sympathomimetikum) oder Etilefrin (α1-, β1-, β2-Sympathomimetikum)
● exzellente Prognose.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!