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Patienteninformation

AUTISMUS
& ADHS

Dr. med. Miriam Bachmann


Prof. Dr. med. Ludger Tebartz van Elst
AUTISMUS Liebe Patientin, lieber Patient,
zusätzlich zu einer bestehenden Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper­­­­akti-

& ADHS
vi­
tätsstörung (ADHS) wurde bei Ihnen auch Autismus (Autismus-
Spektrum-Störung oder ASS) festgestellt. Wahrscheinlich in dieser
Reihenfolge. Vielleicht haben Sie eine Erleichterung verspürt, da es
nun eine Erklärung für manche Schwierigkeiten gibt. Vielleicht sind
Sie aber auch sehr verunsichert und betroffen über die Diagnosen.
Diese Broschüre soll Ihnen einige Informationen zum Thema Autis-
mus und ADHS vermitteln.

Da Menschen mit Autismus in der Regel Einschränkungen über die


gesamte Lebensspanne haben, die Beschwerden sich in Abhängig-
keit vom Alter jedoch sehr unterschiedlich bemerkbar machen können,
haben wir uns dazu entschlossen, das Thema aus kinder- und jugend-
psychiatrischer Sicht sowie aus erwachsenenpsychiatrischer Sicht zu
beleuchten. Deswegen ist die Broschüre nicht nur für Sie als Patient,
sondern auch für Eltern, Angehörige, Pädagogen oder Arbeitgeber
hilfreich.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und Informieren!


„Hallo, ich bin Jonas, 23 Jahre alt
und werde Sie durch diese Info-
broschüre führen. Neben meiner
Inhaltsverzeichnis
ADHS wurde bei mir auch Autismus
diagnostiziert.“ Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ....................................................................................... 04
Typische Merkmale im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter ........................... 06
Wie häufig ist Autismus? ..................................................................................................... 08
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ................................................... 09
Autismus und ADHS ................................................................................................................ 10
Therapiemöglichkeiten ........................................................................................................ 11
Wir haben nicht nur Beeinträchtigungen, sondern auch tolle Stärken! .......................... 12
Fallbeispiel ............................................................................................................................. 13
Was Sie Gutes für sich tun können ...................................................................................... 14
Das Autorenteam .................................................................................................................. 16
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Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
Einzelne autistische Symptome gibt es als
Die Symptome und Beeinträchtigungen sind jedoch,
Persönlichkeitsmerkmal bei vielen gesun- unabhängig vom Ausprägungsgrad, ähnlich und betreffen drei große Bereiche:
Es gibt kein Symptom, das vorliegen muss,
den, erfolgreichen Menschen – ohne dass
um eine ASS diagnostizieren zu können.

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sie einen Autismus haben. Wenn jedoch
Stellen Sie sich ein Puzzle aus tausend
viele dieser Merkmale vorliegen und deut­ Vor allem der Umgang mit Gleichaltrigen gestaltet sich häufig
Teilen vor. Jedes Puzzlestück stellt ein
lich ausgeprägt sind, liegt eine Autismus- schwierig. Oft gibt es ein starkes Rückzugsbedürfnis, gepaart mit
Symptom der ASS dar. Wenn ein Mensch
Spektrum-Störung vor. Das Wort „Spekt- einem nur geringen Wunsch nach Geselligkeit. Smalltalk wird
rum“ verdeutlicht, wie unterschiedlich der
alle tausend Merkmale aufweist, kann Soziale
auch ein Laie die Diagnose stellen. Wenn vermieden, Körperkontakt als unangenehm empfunden, soziale
Schweregrad sein kann: Betroffene können Interaktion Signale werden häufig falsch interpretiert. Nicht selten liegt eine
hingegen nur 200 Puzzlestücke vorhanden
nur gering beeinträchtigt oder aber durch- Detailorientierung vor, das große Ganze ist weniger interessant.
sind, wird es schwieriger. Dann hängt die
gängig auf Betreuung angewiesen sein. Zudem besteht häufig ein starkes Gerechtigkeitsempfinden.
Wahrscheinlichkeit, eine Idee von dem Bild

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Diese verschiedenen Grade hängen unter
zu bekommen, davon ab, wie die Puzzle-
anderem damit zusammen, dass sehr viele Die Auffälligkeiten betreffen sowohl die nonverbale Kommu-
stücke verteilt sind. Im Laufe des Lebens
Menschen mit Autismus zusätzlich andere nikation (starrer Gesichtsausdruck, wenig Gestik, verstohlener
verändern sich zudem sowohl die Lage der
(sogenannte komorbide) Störungen haben. oder kein Blickkontakt) als auch die Sprache. Betroffene sprechen
Puzzlestücke als auch deren Anzahl.
Kommuni- häufig auf eine gestelzte, gut artikulierte Weise mit einer flachen
kation Sprachmelodie. Auch der Sprechrhythmus kann auffällig sein.
Telefonieren wird häufig vermieden, Gesagtes gerne wörtlich
genommen – z. B. „Kreislaufproblem“ als „Problem, im Kreis
zu laufen“.

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Diese sind v. a. im Kindesalter deutlich ausgeprägt. Durchgängig
„In Menschengruppen fühle besteht ein großes Bedürfnis nach Ritualen und geregelten
ich mich unwohl. Dort ist Tages­­abläufen. Veränderungen sind nicht willkommen und

es laut, hektisch und ich


werden oft auch nicht akzeptiert. Eine Zahlen­affinität kann
Verhaltens-
vorliegen, das Denken ist eher schwarz-weiß orientiert und
weiß nicht genau, wie ich auffällig- sehr konkretistisch. Auffälligkeiten im Essverhalten und eine
mich verhalten soll. Lieber keiten niedrige Frustrations­toleranz finden sich häufig. Nicht selten
bleibe ich für mich alleine liegt zudem eine motorische Ungeschicklichkeit vor. Sensorische
und tauche ab in die Welt Beeinträchtigungen und starke Reaktionen auf Überreizung
der Comics. Da bin ich bestehen auch im Erwachsenenalter.
sicher.“
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Typische Merkmale im Kindes-, Jugend- Schulalter

und Erwachsenenalter
 Versteht Aufgabenstellungen in der Schule nicht
 Mag keine öffentlichen Verkehrsmittel
 Trösten und Anteilnahme sind erlernt
 Telefoniert nicht gerne
Säuglings- und Kindergartenalter  Einzelgänger, häufig schlecht integriert
 Sehr erschöpft nach der Schule
 Kein Bedürfnis nach Freunden oder Unsicherheit darüber,
 Regulationsstörungen beim Säugling wie man Freunde gewinnt
⇒ ➜ Exzessives Schreien  Mag keinen Small Talk
⇒ ➜ Schlafstörungen  Schwarz-weiß-Denken
⇒ ➜ Fütterstörungen  Hoher moralischer Anspruch, gerechtigkeitsliebend
 Autoaggressives Verhalten  Ausgeprägt selbstbestimmt
 Kein Bedürfnis nach Körperkontakt  Gefühl des „Andersseins“
Da es oft zu Miss­
 Wutanfälle ohne erkennbaren Auslöser  Blickkontakt erlernt
 Vermeiden von Blickkontakt  Wenig empathisch
verständnissen und
 Motorische Stereotypien  Veränderungsunflexibel daher Konflikten kommt,
 Hat keine Freunde, spielt lieber alleine  Schwarzer Humor sind Probleme in der
 Baut nur auf, kein Rollenspiel  Großes Interesse an Medien Familie oder in der Schule
 Reiht Spielzeug auf, mag sich drehende Gegenstände  Auffälliges Essverhalten „vorprogrammiert“.
 Kinderuntypische Sonderinteressen (Tod, Geographie, Listen)  Sonderinteressen
 Veränderungsunflexibel
 Niedrige Frustrationstoleranz
 Versteht soziale Situationen nicht Erwachsenenalter (stark abhängig vom Ausprägungsgrad)
 Kann sich schlecht in andere hineinversetzen
 Sensorische Empfindlichkeiten
 Motorische Ungeschicklichkeit  Bei ausgeprägter Sachkompetenz wirkt häufig arrogant
 Gestelzte, „altkluge“ Ausdrucksweise  Fehlende Pragmatik, Schwarz-weiß-Denken
 Wirkt gleichgültig anderen gegenüber  Trotz hoher Intelligenz Schwierigkeiten, im Studium zurechtzukommen,
 Ich-bezogen und Angst vor mündlichen Prüfungen
 Wortneuschöpfungen  Schwierigkeiten, Beziehungen anzubahnen
 Tröstet nicht  Hoher moralischer Anspruch, gerechtigkeitsliebend
 Geringes gesellschaftliches Interesse
 Mag keinen Small Talk, Cliquen, Gruppenkommunikation
Die Kinder benötigen häufig physio-, ergo- oder logotherapeutische  Stereotypes Bekleidungsverhalten
Therapien, ihre Eltern beratende Unterstützung.  Veränderungsunflexibel, jedoch mit
einer höheren Toleranz als früher
Die daraus resultierenden
 Rigider Tagesablauf Missverständnisse und
 Analytisch denkend Konflikte können Ängste,
 Rückzugs- und Ruhebedürfnis Tics oder Depressionen
 Sehr direkt nach sich ziehen.
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Aufmerksamkeitsdefizit-/
Wie häufig ist Autismus? Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
Konzentrationsstörungen, erhöhte Ablenk- genetisch bedingte Erkrankung. Gleich-
„Autismus wurde in den 1940er barkeit, unstrukturiertes Arbeitsverhalten wohl prägen sowohl die Struktur der Familie
Jahren entdeckt. Bis in die 90er bilden ein Hauptsymptomfeld der ADHS. als auch der Umgang miteinander entschei-

Jahre dachte man, dass ca. 3 von


Auch hier handelt es sich nicht um einen dend den Schweregrad.
Erziehungsfehler, sondern um eine primär
10.000 Menschen betroffen sind.
Inzwischen weiß man, dass Typische Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter
ca. 150 von 10.000 Menschen  Probleme mit der Konzentration
eine Autismus-Spektrum-Störung ➜ Starke Ablenkbarkeit durch äußere Reize
aufweisen.“ ➜ Starke Ablenkbarkeit durch eigene Gedanken
 Starke Erschöpfung nach der Schule
 Motivationsprobleme
 Niedrige Frustrationstoleranz
 Motorische Unruhe („Zappelphilipp“)
 Gesteigerte Impulsivität
➜ Störung des Unterrichts durch Zwischenrufe
➜ Ungeduld
 Respektloses Verhalten Autoritätspersonen gegenüber
 Tic-Störungen
➜ Blinzeln
➜ Räuspern
Autismus ist kein Erziehungsfehler. Er wird ➜ Gähnende Mundbewegung
sozusagen in die Wiege gelegt, da der ge-  Verhaltensauffälligkeiten
netische Einfluss sehr stark ist. Doch auch  Emotionale Regulationsschwierigkeiten (himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt)
viele andere Faktoren, die noch nicht ent-  Häufig zusätzlich motorische Ungeschicklichkeit, Legasthenie
schlüsselt sind, wirken sich auf die Störung Für Autisten ist es ein großer Segen, dass
Typische Auffälligkeiten im Erwachsenenalter
aus. Autismus kann sowohl eine echte die Erkrankung stärker in das Bewusstsein
 Schwierigkeiten mit der Arbeitsorganisation
Krank­heit sein, vergleichbar mit z. B. Diabe- der Gesellschaft gerückt ist. Gleichwohl
 Lautes, polterndes Auftreten
tes, als auch eine mehr oder weniger stark sollte die Diagnose nur nach einer sehr
 Schlechtes Selbstmanagement
ausgeprägte Eigenschaft, wie beispiels­weise gründlichen Untersuchung gestellt werden,
➜ Überarbeitet sich bei Begeisterung und bricht danach erschöpft zusammen
die Körpergröße. In der Regel sind Jungen die in der Regel viele Stunden in Anspruch
➜ Probleme, Termine einzuhalten oder Rechnungen pünktlich zu bezahlen
zwei- bis dreimal so häufig betroffen wie nimmt. Autismus ist also mit Sicherheit
 Chaotische Haushaltsführung
Mädchen. keine „Blickdiagnose“.  Häufiger Wechsel des Arbeitsplatzes
 Hyperaktivität, starke Unausgeglichenheit ohne Sport
 Nichts wird zu Ende gebracht
 Beziehungsprobleme und häufiger Partnerwechsel
 Sexuelle Schwierigkeiten
 Finanzielle Probleme
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Autismus und ADHS Therapiemöglichkeiten


Die Kernsymptome der ADHS – Unaufmerk- Sowohl ADHS- als auch ASS-Betroffene Es gibt vielfältige Hilfen für Menschen mit
samkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – haben Probleme damit, Dinge zu struktu- ADHS und/oder ASS – unabhängig vom
sind gleichzeitig die häufigsten Begleit­ rieren, organisiert zu sein, das große Ganze Alter. Die Grundlage bildet in jedem Fall Weiterführende Informationen
erscheinungen einer ASS. Je nach Studie im Blick zu haben und Prioritäten zu setzen. eine professionelle Diagnostik.
leiden bis zu 80 % der Kinder mit einer Die Voraussetzungen für diese exekutiven www.adhs-deutschland.de
Autismus-Spektrum-Störung auch an einer Funktionen sind anatomisch im Frontalhirn Im Kindes- und Jugendalter sind eine kon- www.adhs-infoportal.de
ADHS. Andersherum ist es ähnlich: Bis zu (hinter der Stirn) lokalisiert. Wenn es sich tinuierliche multiprofessionelle Therapie www.autismus.de
50 % der Kinder mit einer ADHS haben „nur“ um eine ADHS handelt, verbessern so­wie pädagogische begleitende Maßnah- www.aspies.de
auch eine ASS. Diese Tatsache lässt ver­ sich die Schwierigkeiten häufig im jungen men wichtig (Lerntherapie, Nachteilsaus- www.autworker.de
muten, dass zwischen beiden Erkrankungen Erwachsenenalter, denn diese Gehirn­region gleich, Schulbegleitung). Um diese umfang-
ein genetischer Zusammenhang besteht. reift bis zum 24. Lebensjahr. Bei Menschen reichen Maßnahmen zu koordinieren, ist es
Diese Broschüre wurde nach bestem Wissen und
Vieles ist wissenschaftlich jedoch noch nicht mit einer ASS bleiben die Probleme eher hilfreich, wenn der zuständige Facharzt für
Gewissen unter Benutzung aktueller seriöser
endgültig geklärt. bestehen. Kinder- und Jugendpsychiatrie zum Case Quellen verfasst. Sie erhebt keine Gewähr auf
Manager wird. Ziel ist, dass die oft sehr Vollständigkeit. Jede Haftung ist ausgeschlossen.
begabten Menschen ihre Poten­ziale nutzen
können, was auch für die spätere berufliche Bitte beachten Sie, dass die Broschüre lediglich
der Information dient, nicht der Behandlung.
„Ich habe schon wieder vergessen, dass Laufbahn richtungsweisend ist.
Konkrete Hilfe bietet Ihnen Ihr behandelnder
ich einen Praktikumsbericht fertig schreiben Facharzt.

sollte. Irgendwo muss der doch liegen. Aber


Im Erwachsenenalter ist es wichtig, Nischen
für die berufliche Integration zu finden.
wenn ich mir den Schreibtisch so anschaue, Viele Betroffene entwickeln im Laufe der
finde ich ihn sowieso nicht. Jetzt ist es eh Zeit Strategien, um ihre Probleme zu kom-
zu spät. Was soll ich nur tun?“ pensieren. Manche brauchen jedoch auch
im Erwachsenenalter noch psychotherapeu-
tische und medikamentöse Unterstützung.
Eine medikamentöse Begleitung kann un­
ab­hängig vom Alter sehr wichtig sein.
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Wir haben nicht nur Beeinträchtigungen,


sondern auch tolle Stärken!
Fallbeispiel
Stärken bei ADHS Anton kommt im Alter von zwölf Jahren zusammen mit seinen Eltern in die Praxis.
Er ist ein kluger Junge, bleibt in der Schule jedoch weit hinter seinen Möglichkeiten
zurück und verweigert fast jegliche mündliche Mitarbeit. Anton ist sozial schlecht
 Phantasie integriert, unsportlich und interessiert sich nur für Naturwissenschaften. Dort weist
 Sehr viel Energie er ein großes Fachwissen auf. Die Eltern sind besorgt, weil er keine Freunde hat,
 Kreativität sich wenig in andere einfühlen kann und häufig verträumt und „abwesend“ wirkt.
 Mut für neue Projekte Nach einer umfangreichen Diagnostik werden neben einer sehr guten Begabung
 Unerschrockenheit eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS), umgangssprachlich das Träumerchen-
 Unorthodoxe Lösungswege syndrom, und ein Asperger Syndrom (eine Form von Autismus) festgestellt.
 Verbindlichkeit
 Gerechtigkeitssinn Anton erhält zwei Jahre lang wöchentlich eine einzelpsychotherapeutische Be-
 Durchsetzungsvermögen handlung. Hier lernt er, soziale Signale – wie z. B. Mimik und Gestik anderer – besser
 Hohe Leistungsfähigkeit zu verstehen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und von seinen Gedanken
weniger ablenken zu lassen. Die Eltern beginnen in begleitenden Gesprächen zu
akzeptieren, dass er auch ohne Freunde glücklich ist. Eine Medikation mit Methyl-
phenidat über den Zeitraum vom 13. bis zum 16. Lebensjahr hilft ihm, im Unterricht
konzentrierter zu sein, hat aber erwartungsgemäß wenig Einfluss auf seine münd-
liche Mitarbeit. Mit 16 Jahren hat Anton so viele Strategien zum konzentrierten
Arbeiten erlernt, dass er keine Medikation mehr benötigt. Seine Noten sind
Stärken bei ASS
sehr gut, auch dank dem Nachteilsausgleich: Die mündliche Mitarbeit wird kaum
bewertet, stattdessen schreibt er Aufsätze.

 Authentizität
Eine Krise stellt die Zeit des mündlichen Abiturs dar. Doch die Schulleitung reagiert
 Gerechtigkeitssinn
sehr kreativ und umsichtig. Anton darf die Situation vor Lehrern mehrfach üben,
 Ehrlichkeit
sodass den Anwesenden sein umfangreiches Wissen bereits vor der Prüfung
 Systematisches Denken und Handeln
bekannt ist. Mit intensiver psychotherapeutischer Unterstützung gelingt ihm
 Lösungsorientiertheit
schließlich ein sehr guter Schulabschluss.
 Gutes Gedächtnis und ein Gespür für Details
 Unkonventionelle Problemlösestrategien
Eine durchgängige kinder- und jugendpsychiatrische Begleitung bis zum 21. Lebens­
 Zuverlässigkeit
jahr hilft ihm, die ersten Semester seines naturwissenschaftlichen Studiums und die
 Verbindlichkeit, Integrität
damit verbundenen Veränderungen gut zu bewältigen. Er bleibt ein Einzelgänger,
 Trockener, brillanter Humor
findet aber rasch zwei ähnlich veranlagte Kommilitonen, mit denen er eine Arbeits­
gruppe bildet. Dennoch bleibt es für Anton wichtig, sich vor Reizüberflutung zu
schützen und genug Pausen einzuplanen.

Und nun stellen Sie sich vor, Sie dürfen Stärken aus beiden Listen
die Ihren nennen – was für eine Kombination!
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Was Sie Gutes für sich Geregelte Tagesstruktur Sport und Pausen Die berufliche Nische
tun können 1 und genügend Ruhe 6 7
Menschen mit ADHS oder Autismus Machen Sie mehrmals pro Woche Alle Menschen brauchen Nischen, in
überarbeiten sich oft, v. a. wenn sie von Sport. Schon 30 Minuten pro Einheit denen ihre Stärken gedeihen und die
Nicht immer lösen sich der Tätigkeit begeistert sind. Das führt sind ausreichend. Be­we­gung ist oft Schwächen nicht zu sehr zum Tragen
im Erwachsenenalter nicht selten zu Überforderung und Burn- der Schlüssel für eine fundamentale kommen. Menschen mit Autismus und
alle Schwierigkeiten auf out. Sorgen Sie dafür, dass Sie ausrei- Verbesserung Ihrer Befindlichkeit. ADHS sind extremer als andere, sie
und nicht immer haben Sie chend schlafen, in einem vernünftigen fügen sich nicht so leicht in Strukturen
ihre Stärken konstant im Blick. Tagesrhythmus leben und sich gesund ein. Nehmen Sie sich genügend Zeit,
ernähren. Achten Sie darüber hinaus Ihre berufliche Nische zu finden –
Was können Sie also Gutes für sich tun? auf regelmäßige akustische Ruhephasen und ver­lassen Sie diese nicht wieder
und genießen Sie die Stille. leichtfertig.

2 Frühstück
3 Trauen Sie sich,
nein zu sagen 8 Outen – ja oder nein?
9 Seien Sie freundlich
zu sich!
Regelmäßige Mahlzeiten und vor allem Im (Arbeits-)Alltag ist es oft nicht leicht, Gerade bei Autismus kommt es oft zu Mit einer ADHS und ASS ist es schwie-
ein Frühstück sind wichtig. Planen Sie sich abzugrenzen. Scheuen Sie sich nicht, Missverständnissen. Kollegen, die die riger, sich im Leben zurechtzufinden.
danach zehn Minuten ein, um einen nein zu sagen. „Danke für Ihre Anfrage. undiplomatische, direkte Art und den Seien Sie geduldig und umsichtig mit
Blick auf den Terminkalender zu werfen Ich komme gerne später darauf zurück. Rückzug autistischer Menschen nicht sich und belohnen Sie sich immer mal
und die Aktivitäten des Tages in Ihr Aktuell muss ich mich noch um etwas verstehen, halten Sie für überheblich selber. Bleiben Sie dennoch am Ball,
Bewusstsein aufzunehmen. anderes kümmern“, wäre ein Beispiel. und arrogant. Das führt oft zu Mobbing um die Probleme Stück für Stück kleiner
und Ausgrenzung. Nach dem Outen sind werden zu lassen.
dieselben Menschen meist freundlich
und verständnisvoll. Denn nun können
sie Ihr Verhalten besser einordnen.

4 Zeit planen
5 Medienfreie Zeit
10 Was ist mit den Kindern?
11 Professionelle Hilfe
Wenn Sie Kinder haben, die
Arbeiten Sie mit einem Kalender. Sie Schalten Sie Ihr Handy während der möglicherweise wegen der genetischen Holen Sie sich Unterstützung bei Ärzten
müssen Ihre Wochen- und Monats­ Arbeit auf stumm und lassen Sie es in Komponente auch betroffen sind, so und Therapeuten. Auch für Ihre Familie
termine im Blick haben. Manchmal Ihrer Tasche. Checken Sie nur zweimal haben Sie eine tolle Chance! Sie wissen, ist Ihre ADHS und Ihre ASS eine Heraus-
gelingt das mit einem Papierkalender täglich private Mails. Nutzen Sie einen wie Ihre Kinder „ticken“! Seien Sie ihr forderung. Selbsthilfegruppen können
besser. Planen Sie kleinere Arbeits­ herkömmlichen Wecker und laden Sie Wegbegleiter. Scheuen Sie sich nicht, viele wertvolle Hinweise geben.
phasen und vergessen Sie die Pausen Ihr Handy nachts außerhalb des Schlaf- dosiert von Ihren eigenen Erfahrungen
zwischendurch nicht. zimmers. und Schwierigkeiten zu berichten, und Sehen Sie hierzu auch Seite 11.
unterstützen Sie Ihr Kind. Fachleute sind
die Experten für das Thema, Sie sind
der Experte für Ihr Kind .
Autorenteam

Prof. Dr. med.


Dr. med. Miriam Bachmann Ludger Tebartz van Elst

Nach dem Studium der Humanmedizin in München Studium der Philosophie und Medizin an den Uni-
und Lübeck war Dr. med. Miriam Bachmann 1995 versitäten Freiburg im Breisgau, Manchester/UK,
zunächst in der Kinder- und jugendpsychiatrischen New York University/USA, Zürich/Schweiz. Weiter­
Poliklinik der Medizinischen Universität zu Lübeck bildung in den Fächern Neurologie und Psychiatrie
(Arbeitsschwerpunkte ADHS und Depression) tätig, an der Universität Freiburg, Abteilung für Neuro-
später in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiat- logie sowie Abteilung für Psychiatrie und Psycho-
rie und Psychotherapie des Universitätsklinikums therapie, und am Institute of Neurology, UCL Lon-
Hamburg Eppendorf. Dort war sie ab 2002 als stell­- don, Dept. of Neuropsychiatry mit dem Abschluss
vertretende Leiterin des Forensisch-Psychiatrischen als Facharzt für Psychiatrie und Psycho­ therapie.
Gutachtendienstes tätig. 2003 war Dr. Bachmann Spezielle klinische Interessen: Neurobiologie und
am Aufbau des Hochbegabten-Zentrums des Uni- Psychotherapie von ASS, ADHS, Tics und schizo-
versitätsklinikums Hamburg Eppendorf beteiligt phreniformen Störungen, bildgebende Forschung,
und übernahm die ärztliche Leitung. Ein weiter­ visuelle Forschung und Philosophie, insbesondere
bildendes Studium im Fach Organisationsentwick- Neuro­biologie und Philosophie der Freiheit. Seit
lung und Projektmanagement im Gesundheits­ 2004 intensive Beschäftigung mit dem Thema ASS
wesen absolvierte sie 2003 – 2004. zusammen mit der Freiburger Autismus-Studien-
gruppe. Federführend beteiligt am Aufbau des
Seit 2005 ist Frau Dr. Bachmann in eigener Praxis Universitären Zentrums Autismus-Spektrum in Frei-
in Hamburg mit einem multiprofessionellen Team burg (Kooperation mit der Freiburger Klinik für
(Schwerpunkte: ADHS, ASS und Hochbegabung) Kinder- und Jugendpsychiatrie). Entwicklung eines
als Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie ambulanten und stationären Psychotherapiekon-
und -psychotherapie niedergelassen. Sie ist Mitglied zepts für Menschen mit Autismus. Über 135 Fach­
verschiedener Fachgesellschaften, u. a. der Wissen­ artikel und fünf Buchpublikationen, davon vier
schaftlichen Gesellschaft Autismus-Spektrum e. V. zum Themenbereich ASS.
und im ärztlichen Beirat des UNI-MED Verlages,
zudem Gründungsmitglied des Netzwerks Be­
gabtenförderung Hamburg e. V. Lehraufträge an
der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf und
an den Universitäten Hamburg und Hannover
runden ihr Portfolio ab.

Herausgeber:
MEDICE Pharma GmbH & Co. KG, Iserlohn Arztstempel
MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn
www.medice.de
www.adhs-infoportal.de
Gestaltung: WEFRA Classic GmbH
Art.-Nr.: 8.3503.101.038

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