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Der Status quo und der Friede 33

B esatzungstruppen“ für notwendig erklären, so liegt hier w iederum einer


jen e r unbestim m ten Begriffe vor, wie Schutz frem der Interessen usw.,
welche die staatliche A utorität des besetzten Gebietes gefährden und in
kritischen Zeiten, wie im H erbst 1923, überhaupt beseitigen können. Die
Besetzungsfristen sind ebenfalls so umschrieben, daß die Möglichkeit einer
einseitigen Auslegung nahegelegt w ird. W enn z. B. die Kölner Zone nach
Ablauf von fünf Jahren geräum t w erden soll unter der Bedingung, daß
der V ertrag „getreulich erfüllt ist“ (A rtikel 429), so erhebt sich natürlich
w iederum als erste Frage, w er über die getreuliche Erfüllung entscheidet
und ob die zahllosen V orwände und U nklarheiten, zu welchen derartige
W endungen Anlaß geben, in das politische Ermessen einer V ertragspartei
gestellt sind. D ie bekannte These Poincares endlich, daß die Besetzungs­
fristen, auch diejenige von 15 Jahren, überhaupt noch nicht zu laufen
begonnen hätten, sei hier n u r mit einem W orte erw ähnt. Sie zeigt den
ganzen A bgrund von Unbestim m theit, dessen O pfer Deutschland nach
diesem V ertrag w erden kann. Die Folge aber aller dieser systematischen
Unbestim m theiten ist furchtbar. D enn ein F riedensvertrag hat doch wohl
den Sinn und den Zweck, den Krieg zu beendigen und den Zustand des
Friedens zu begründen. Durch solche Unbestim m theiten aber w ird die
Grenze zwischen K rieg und Frieden selbst unbestimm t gelassen, und
elem entare Begriffe, wie Krieg und Frieden, ohne deren k lare U nter­
scheidung ein Zusammenleben der Völker überhaupt unmöglich ist, ver­
lieren ihren einfachen Sinn und lösen sich auf in einen quälenden
Zwischenzustand.

4. Der Status quo und der Friede (1925)


Das große W ort der politischen E rörterungen ist heute status quo.
Alle R edensarten, m it denen m an die gegenseitigen Forderungen zu kenn­
zeichnen sucht, alle politischen Vorschläge und Gegenvorschläge, V orstellun­
gen wie: Sicherheit, G arantie, U nverletzlichkeit der Verträge, H eiligkeit
der Grenzen, bew egen sich um diesen Begriff. Man hat für die O rganisierung
des Friedens drei V erfahren vorgeschlagen, von deren D urchführung man
den Frieden der E rde erhofft, über deren Reihenfolge man allerdings streitet
und besonders auf der V ölkerbundsversam m lung vom Septem ber 1924 dis­
k u tie rt hat: Sicherheit, Schiedsgericht und Abrüstung. Auf diese Reihenfolge
scheint m an sich vorläufig geeinigt zu haben; ob sie bestehen bleibt oder
nicht, ob es vielleicht besser w äre, m it der A brüstung oder mit einem all­
gemeinen Schiedsgericht zu beginnen: jedes dieser W orte besagt schließlich
Status quo. Ausdrücklich h at die deutsche Regierung in ihrem Memoran-3

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34 Der Status quo und der Friede

dum vom 9. F eb ru ar 1925 eine G arantie des gegenw ärtigen status quo am
Rhein vorgeschlagen und dam it eine Reihe von V erhandlungen und Be­
sprechungen eröffnet, in deren V erlauf imm er vom status quo die Rede ist.
Bezeichnenderweise spricht m an heute vom status quo und nicht von
dem status quo ante, der zur Zeit der alten D iplom atie eine beliebte F ormel
w ar. Man nimmt also den heute bestehenden Zustand. W orin er besteht, ist
anscheinend leicht zu erkennen, denn w ir haben ihn ja vor Augen. W as zu­
nächst den status quo am R hein betrifft, von welchem am m eisten die Rede
ist, so w ird er offenbar in erster Linie dadurch gekennzeichnet, daß die
Rheinlande b e s e t z t e s G e b i e t sind. D er V ertrag von V ersailles, das
Rheinlandabkom m en m it allen seinen K onsequenzen und seiner Praxis,
Verordnungsrecht der in teralliierten Rheinlandkom m ission, Q u a rtie r­
anspruch und Beschlagnahme von W ohnungen, Ausw eisung von Deutschen
usw., alles gehört zu dem heute noch bestehenden Zustand. G erade die
F rage der Besetzung w ird aber heute offiziell von der F rage der G arantie
des status quo getrennt, obwohl sie in der Sache nicht davon zu trennen ist.
Man begnügt sich auf deutscher Seite m it A ndeutungen darüber, daß der
Abschluß eines „Sicherheitspaktes“ auf die Zustände im besetzten G ebiet
„nicht ohne Einfluß“ bleiben könne, möchte also bei der Regelung des status
quo am Rhein von dem absehen, was als status quo unm ittelbar in die
Augen springt. Auch die Frage, ob Deutschland in den V ölkerbund eintritt,
soll von der F rage der G arantie des status quo getrennt w erden, obwohl
der E in tritt Deutschlands entw eder dem status quo eine neue G arantie
hinzufügt oder eine Möglichkeit seiner Ä nderung herbeiführt, jedenfalls
also für den status quo nicht gut ignoriert w erden kann. Offiziell w ird heute
die Besetzung der R heinlande m it etw as anderem verbunden, m it der E n t­
waffnung Deutschlands. Die Entw affnungsnoten der alliierten R egierungen
vom 5. Januar 1925 und vom 6. Juni 1925 machen die Räum ung der K ölner
Zone davon abhängig, daß die deutsche R egierung eine Reihe w eitgehender
Entwaffnungsvorschriften erfüllt. D ie Räum ung der folgenden Zonen bleibt
deshalb ebenfalls von der Entwaffnung Deutschlands abhängig, setzt also
eine w eitergehende m ilitärische K ontrolle Deutschlands voraus, d. h. ein
Investigationsrecht, welches französischen Ansprüchen genügen muß, auch
wenn es nach A rt. 213 des V ersailler V ertrages vom V ölkerbundsrat aus­
geübt w ird. Auf diese W eise bleibt die Besetzung eine m ilitärische Frage,
weil sie mit dem verbunden bleibt, was Frankreich u n ter seiner m ilitäri­
schen Sicherheit versteht; eine folgenreiche V erbindung, wenn m an sich an
das erinnert, was G eneral M organ in seinem berühm ten Aufsatz über die
Entwaffnung Deutschlands ausgeführt hat. „W ie die Sache steht, liegt die
wirkliche Sicherheit des europäischen Friedens nicht in den Ergebnissen,
welche die Kontrollkommission oder ein vom V ölkerbund organisierter
Ausschuß erreicht oder zu erreichen hofft, sondern in der Besetzung der
R heinlande und der Brückenköpfe am Rhein, besonders des M ainzer
Brückenkopfes. D er letztere ist das historische E infallstor nach Deutschland,
Der Status quo und der Friede 35

und w er ihn beherrscht, k ann Deutschland ins H erz treffen, die Verbindung
vom N orden und Süden trennen und die Mobilmachung lähm en1.“
D er status quo am R hein ist w eiterhin dadurch gekennzeichnet, daß die
Rheinlande noch über die G renzen des besetzten Gebietes hinaus e n t ­
m i l i t a r i s i e r t e s G e b i e t sind. Es ist Deutschland untersagt, auf dem
linken R heinufer und auf dem rechten Ufer innerhalb einer 50 Kilometer
östlich des Stromes verlaufenden Linie Befestigungen anzulegen; in dieser
Zone ist die ständige oder zeitweise U nterhaltung oder Sammlung von
Streitkräften untersagt; jede m ilitärische Übung, jede Maßnahme, die als
V orkehrung einer Mobilmachung gelten kann, ist verboten. Durch eine
solche Bestimmung w erden die R heinlande vom übrigen Deutschland
völkerrechtlich unterschieden. Sie sind zw ar noch nicht neutralisiert, wo­
durch ih r außenpolitisches Schicksal von dem des übrigen Deutschland ge­
trennt w ürde, doch darf m an die Folgen der bestehenden Unterscheidung
nicht verkennen. Kein deutscher Soldat darf jem als w ieder rheinischen
Boden betreten, auch dann nicht, w enn es sich um die Niederschlagung von
A ufruhr und U nruhen handelt; jed e r Eisenbahnbau, jed er Straßenbau, alle
denkbaren V erkehrseinrichtungen und industriellen Anlagen können bei
einer einseitigen Auslegung unter den grenzenlosen Begriff der „Vor­
kehrung einer Mobilmachung“ gebracht werden. Eine alliierte Note vom
25. Mai 1922 hat den Bau irgendeiner harm losen Eisenbahnstrecke auf dem
linken R heinufer als eine solche V orkehrung bezeichnet und auf diese Weise
mit den grenzenlosen Auslegungen bereits begonnen. Auch hier enthält der
vorhin erw ähnte Aufsatz des G enerals Morgan eine interessante Prognose:
„Die einzige A rt, das R heinland endgültig zu dem ilitarisieren“, sagt er
wörtlich, „ist entw eder, daß m an es annektiert oder, was im großen und
ganzen auf dasselbe hinausläuft, daß man es dauernd besetzt hält.“ Selbst
wenn m an es räum t, m eint er, und w enn die Deutschen wirklich keine
Truppengarnisonen in dieses G ebiet legen, w äre es immer noch ein
„A rsenal“, und zw ar deshalb, weil fast alle großen chemischen F abriken in
der entm ilitarisierten Zone liegen und w ährend des W eltkrieges die
gesamte deutsche H erstellung von Explosivstoffen zu 78 v. H., von G ift­
gasen zu 94 v. H., auf diesem G ebiete stattfand.
Inhaltlich gehen die Entm ilitarisierungsbestim m ungen sehr weit, und
das R heinland könnte dadurch einer Sonclerbehandlung unterw orfen
werden, wie sie eine große Provinz eines großen Staates bisher noch niemals
erfahren hat. Trotzdem enthalten jene A rtikel 42—44 nach französischer
Auffassung einen Mangel. W enn Deutschland die Entm ilitarisierungs­
bestimm ungen verletzt, so gilt das zw ar als eine feindselige H andlung gegen
jeden alliierten Staat, es gilt als eine beabsichtigte Störung des W elt­
friedens12, aber es bleibt den einzelnen alliierten Staaten, insbesondere Eng-
1 Quarterly Review, Oktober 1924. In Morgans V o r t r a g über das Sidierheits-
problem vom 4. Mai 1925 (abgedruckt: Revue des deux mondes vom 15.6.1925) wird
die Bedeutung von Köln hervorgehoben und Köln als Clé de la Sécurité bezeichnet.
2 Art. 44 lautet in der offiziellen deutsdien Übersetzung: „Jeder etwaige Verstoß
Deutschlands gegen die Bestimmungen der Art. 42 und 43 gilt als eine feindselige
36 Der Status quo und der Friede

land, überlassen, welche praktischen Folgerungen sie aus der feindlichen


Handlung ziehen wollen. Nach allgem einen völkerrechtlichen G rundsätzen
besteht nämlich keine Verpflichtung, auf eine feindliche H andlung
m it militärischen Aktionen zu reagieren. Infolgedessen ist die Bestim­
mung des G enfer Protokolls vom 2. O ktober 1924, Art. 10, besonders
wichtig, durch welche die V erletzung einer entm ilitarisierten Zone einem
A n g r i f f im Sinne dieses Protokolls gleichgestellt w ird, w oraus fü r die
Unterzeichner des Protokolls die Pflicht entsteht, gegen den A ngreifer
militärisch vorzugehen. Nun ist das G enfer Protokoll vorläufig noch nicht
verbindlich und hat anscheinend keine Aussichten, es zu w erden. Ein
G arantiepakt über die entm ilitarisierte Zone w ird also praktisch bedeuten,
daß eine Pflicht der Beteiligten entsteht, gegen D eutschland vorzugehen,
wenn etwas geschieht, was u nter die w eiten Bestim mungen der A rt. 42—44
subsum iert w erden kann.
D ieser aus O kkupation und E ntm ilitarisierung zusammengesetzte
status quo am Rhein ist n u r ein Teil des großen Systems von Belastungen
und Einschränkungen der staatlichen A utorität Deutschlands, wie sie sich
aus dem V ertrag von V ersailles und seiner D urchführung ergeben. D ahin
gehören das Investigationsrecht des V ölkerbundsrates nach Art. 213 des
Vertrages, die territo rialen Zerreißungen der deutschen G renzen im Osten,
die A btrennung deutscher Stämme vom Deutschen Reich, die Last der
Reparationen, die ausländische K ontrolle der Deutschen Reichsbank und
vor allem der deutschen Eisenbahnen, über welche der frem de Eisenbahn­
kommissar Befugnisse ausüben kann, die zw ar ausdrücklich als „Ausnahm e­
befugnisse** bezeichnet w erden*1, aber gerade darin den Zusamm enhang mit
der Frage der Souveränität beweisen; es gehören ferner hierhin die Be­
schränkungen des Baues von Luftfahrzeugen und alle die H underte von
Vertragsbestim mungen, die heute D eutschland bedrücken. D ie R heinlande
sind in dieser Hinsicht nu r ein besonders belasteter Teil des Deutschen
Reiches.
Das w äre also der status quo am R hein und der status quo Deutschlands.
Wer hat ein Interesse daran, ihn zu garantieren? W er h at insbesondere ein
Interesse an den Rheinlanden? Im allgem einen kann ein Land aus sehr v e r­
schiedenen G ründen so viel internationales Interesse finden, wie es heute
mit den R heinlanden der Fall ist. Ein Land k ann wegen seines Reichtums,
wegen seiner Rohstoffe, insbesondere seiner Erdölquellen und Erzlager, das
Handlung gegen die Signatarmächte des gegenwärtigen Vertrages und als Versuch
einer Storung des Weltfriedens.“ Es handelt sich aber weniger darum, daß ein V e r ­
s u c h einer Störung des Weltfriedens vorliegt, als daß die böse Absicht vermutet und
eine flagrante Sdiuld Deutsdilands fingiert wird. Der französische Text sagt, Deutsch­
land werde betrachtet „comme cherchant à troubler la paix du monde“ und der
englisdie Text „as c a l c u l a t e d to disturb the peace of the world“. Für das
geplante System einer Definition des „Angreifers“ ist das von großer Bedeutung.
1 Satzung der Deutschen Reichsbahngesellschaft (Anlage zu § 1, Absatz des Ge­
setzes über die Deutsche Reidisbahngesellschaft vom 30. August 1924); § 24; zu den
„Ausnahmebefugnissen“ des Eisenbahnkommissars gehört das Redit, den Betrieb der
Reichsbahnen selbst zu übernehmen, oder „letzten Endes“ zu verpachten.
Der Status quo und der Friede 37

verhängnisvolle Interesse der Großmächte erregen. F ü r die Rheinlande


kommt das heute wohl nicht in Betracht; vorläufig sollen sie, ebensowenig
wie Deutschland, nicht erobert und annektiert werden; solange die Gegner
mit den R eparationsleistungen zufrieden sind, besteht vielm ehr ein gegen­
teiliges Interesse. Ein Land kann ferner durch seine geographische Lage
politisch interessant w erden; es k ann für eine oder m ehrere Großmächte
als V erbindungsstraße wichtig sein, wie Ä gypten für das britische Weltreich.
F ür diese A rt politischen Interesses ist der Ausspruch eines hervorragenden
englischen Sachverständigen, Sir W illiam H ayter, bem erkensw ert: „In
Griechenland und B ulgarien“, m eint er, „können w ir Revolutionen zulassen;
in Ä gypten dagegen muß Ruhe und O rdnung herrschen, damit die große
V erbindungsstraße des britischen W eltreiches, insbesondere der Weg nach
Indien, nicht gestört w ird.“ Ein Land kann außerdem als Glacis oder als
Aufmarschgebiet in Betracht kommen, wie das heute die Situation der R hein­
lande gegenüber Frankreich ist. Endlich kann das internationale politische
Interesse zum Schutze eines anderen Landes und zur Vermeidung von
Kollisionen einen Pufferstaat oder ein anderes Zwischengebilde als zweck­
mäßig erscheinen lassen. H eute braucht diese A rt Interesse nicht m ehr zu
der alten Form des E tat-tam pon zu führen, für welche Belgien das berühm te
Beispiel ist; der gleiche Zweck k ann auch durch E ntm ilitarisierung oder
durch N eutralisierung gewisser Zonen erreicht werden.
Die m odernere M ethode h at in dem G enfer Protokoll vom 2. O ktober
1924 bereits eine A rt offizieller A nerkennung gefunden. D em ilitarisierte
Zonen, heißt es in A rt. 9 dieses Protokolls, dienen dazu, einem Angriff vor­
zubeugen; die Einrichtung solcher Zonen zwischen Staaten ist deshalb ge­
eignet, die V erletzung des Protokolls (d. h. die Verletzung des im Protokoll
garantierten status quo) zu verhindern; solche Zonen sollen unter ein zeit­
weiliges und dauerndes System von Revisionen gestellt werden, welche der
V ölkerbund organisiert. D er englische G eneral Spears h at neulich den Vor­
schlag gemacht, an den G renzen aller Staaten, die nicht an R ußland an­
grenzen, dem ilitarisierte Zonen einzurichten, dam it „der G rund ihrer
Rüstungen, nämlich die Wache gegen Rußland, k la r w äre“1. Ein holländi­
scher Pazifist hat unlängst eine 50-Kilometer-Zone vorgeschlagen, um den
Haag und die Rheinm ündung zu dem ilitarisieren12. Es versteht sich von
selbst, daß der Staat, dem eine solche entm ilitarisierte oder neutralisierte
Zone auferlegt w ird, dadurch degradiert ist. Daß eine wirkliche Großmacht
sich solche Einschränkungen ih re r Souveränität zumuten läßt, ist nicht w ahr­
scheinlich, und niem and dürfte ernstlich auf den G edanken kommen, die
englische Küste zu entm ilitarisieren. Es zeigt sich auch hier, daß bei allen
Friedensbestrebungen die schwierige F rage gar nicht den Frieden betrifft
— denn alle sind selbstverständlich darü b er einig, daß sie den Frieden
wollen —, sondern es frag t sich, w er darüber entscheidet, was in concreto
Friede ist, was in concreto eine Störung oder G efährdung des Friedens
1 Europäische Revue, 15. Juli 1925.
2 Foreign affairs, Juli 1925.
38 Der Status quo und der Friede

enthält und durch welche konkreten M ittel der gefährdete Friede geschützt
und der gestörte Friede w iederhergestellt w ird. Im m er bleibt die Frage die
gleiche: Quis iudicabit?
Allgemein gesprochen, b eru h t also das internationale politische Interesse
an den R heinlanden als einem besetzten und einem dem ilitarisierten G ebiet
auf seiner geographischen Lage, nach welcher es im Schnittpunkt englischer,
französischer und deutscher Interessen liegt. N ur u n ter diesem A spekt läßt
sich erkennen, was der status quo am R hein bedeutet. Die einzelnen Mächte
haben für ihre Betrachtung sehr verschiedene Gesichtspunkte. Infolgedessen
bedeutet das W ort status quo fü r jeden etw as anderes. Das e n g l i s c h e
Interesse geht vorläufig wohl dahin, daß der F riede auf dem europäischen
K ontinent nicht gestört w ird; die E rhaltung des Friedens entspricht sowohl
den ökonomischen Interessen englischen H andels und englischer Industrie,
als auch dem politischen Interesse am Bestände des englischen W eltreiches.
Was diesem W eltreich an G efahren drohen könnte, liegt heute anscheinend
nicht auf dem europäischen K ontinent, sondern in R ußland und Asien und
beruht auf dem Bündnis, welches der proletarische Sozialismus der Sow jet­
republik mit dem N ationalgefühl u nterdrückter V ölker Asiens und A frikas
geschlossen hat. F ür Deutschland scheint eine Vereinigung von N ationalis­
mus und Kommunismus nicht in Betracht zu kommen, obwohl sie gelegent­
lich gefordert w urde. Im m erhin darf man die Möglichkeit nicht ignorieren,
zumal die Parteien, welche bisher in D eutschland den N ationalism us für
sich in Anspruch nahmen, mit den wachsenden Schwierigkeiten der w irt­
schaftlichen und politischen Lage vor ganz neue Problem e gestellt w erden,
u nter deren Einw irkung sich die überlieferten Ideenverbindungen leicht
auflösen können.
N ur dieser eine Gegner, das Bündnis von Bolschewismus und N ationalis­
mus, könnte eine auf Kampf und K rieg gerichtete P olitik Englands herbei­
führen und die W elt nach dem Kreuzzug gegen Deutschland möglicherweise
noch einen w eiteren Kreuzzug erleben lassen. Im übrigen geht das politische
Interesse Englands durchaus auf den F rieden und die A ufrechterhaltung des
heutigen status quo der Erde, d. h. die A ufrechterhaltung der englischen
W eltherrschaft. Das W ort status quo h at also für England einen großen, ein­
fachen Sinn. In den V erhandlungen über den sog. G aran tiep ak t kom m t es
für England darauf an, keine neuen Verpflichtungen zu übernehm en und
darauf hinzuweisen, daß in der V ölkerbundssatzung bereits das Höchst­
maß englischer Verbindlichkeiten enthalten sei.
Das f r a n z ö s i s c h e Interesse am status quo richtet sich darauf, keines
von den Rechten aufzugeben, welche der V ertrag von V ersailles fü r F ra n k ­
reich und seine V erbündeten enthält. D ieser V ertrag h at ja die wesentliche
Eigenschaft, ein Interventionsvertrag in dem spezifischen Sinne des W ortes
zu sein, d. h. durch absichtlich unbestim m te Begriffe dem politisch und
militärisch überlegenen V ertragsgegner ständige Interventionen zu erm ög­
lichen. Das berühm te Recht auf Sanktionen ist n u r ein A nw endungsfall
dieser systematischen Interventionstechnik. Es kom m t fü r Frankreich dar-
Der Status quo und der Friede 39

auf an, für die sehr weitgehenden, bestehenden Möglichkeiten zusätzliche


„Sicherheiten“, d. h. hier insbesondere eine Bindung der englischen Regie­
rung zu schaffen. F ü r Frankreich heißt status quo unveränderte Beibehal­
tung des V ersailler V ertrages m it allen östlichen und westlichen Grenzen,
mit einem vom Deutschen Reich getrennten Österreich, m it allen Einschrän­
kungen der Souveränität Deutschlands, mit O kkupation, E ntm ilitarisierung,
Sanktionen und Investigationen, vor allem aber mit der eigenartigen Ver­
bindung, in welche die französische Politik die Besetzung der R heinlande
mit der m ilitärischen Sicherheit Frankreichs gebracht hat. Es w urde schon
erw ähnt, daß die V erbindung der Besetzungsfrage mit der Entwaffnung
Deutschlands von besonderer Tragw eite ist, nicht nur militärisch, sondern
für das ganze System der V erhandlungen über den status quo am Rhein.
Die eigentliche R äum ungsfrage ist, kon k ret gesprochen, immer die Frage
der Räum ung von Mainz. E rst w enn diese Frage aktuell wird, zeigt sich,
was die bekannte A rgum entation Frankreichs eigentlich bedeutet, welche
O kkupation und Sicherheit und um gekehrt Sicherheit und O kkupation des
linken R heinufers m iteinander identifiziert und imm er w ieder geltend
macht, daß Frankreich auf die A btrennung der R heinlande nu r deshalb
verzichtet habe, w eil ihm ein G arantievertrag mit den V ereinigten Staaten
und mit England in Aussicht gestellt w urde, daß diese Voraussetzung nicht
eingetreten und deshalb die F rage der Räum ung der besetzten Gebiete mit
den R äum ungsfristen des V ersailler V ertrages nicht erledigt sei1.
F ü r F rankreich ist also status quo = V ersailler V ertrag. Politisch be­
deutet das: A ufrechterhaltung der m ilitärischen und politischen Hegemonie
Frankreichs auf dem europäischen K ontinent; A ufrechterhaltung der m ili­
tärischen und politischen Ü berlegenheit eines bewaffneten Volkes von
vierzig M illionen Menschen über ein unbewaffnetes von sechzig Millionen;
eines bew affneten Volkes m it abnehm ender G eburtenzahl über ein unbe­
waffnetes sta rk wachsendes Volk, dessen Industrie vergebens einen Ausweg
sucht.
Das d e u t s c h e Interesse am status quo ist im Vergleich sowohl zu dem
englischen w ie zu dem französischen etw as sehr Bescheidenes, ja geradezu
Erbärmliches. Es ist das Interesse, wenigstens zu verhindern, daß keine
neuen Verpflichtungen eintreten und nicht durch die einseitige Auslegung
1 Eine juristische Unterscheidung aus der völkerrechtlichen Lehre vom Garantie­
vertrag könnte hier aufklärend wirken und manche Mißverständnisse der Tages­
presse beseitigen. Das Wort „Garantievertrag“ hat eine doppelte Bedeutung; es be­
zeichnet entweder den sogenannten Garantievertrag im eigentlichen Sinne, bei welchem
die Garantie eines bestimmten Zustandes der wesentliche Inhalt des Vertrages ist imd
die Garantie unabhängig von andern Verträgen eine s e l b s t ä n d i g e Bedeutung
hat; oder aber den sogenannten a k z e s s o r i s c h e n Garantievertrag, bei welchem
die Garantie nur als Sicherungsmittel zur Erzwingung vertraglicher Pflichten einem
Vertrage h i n z u g e f ü g t wird. Offenbar geht das Bestreben Frankreichs dahin,
aus dem von Deutschland vorgeschlagenen Garantievertrag ein bloßes Akzessorium
der Friedensverträge zu machen, während der deutsche Vorschlag eine selbständige
Garantie im Auge hat. Für diese wichtige, in den schwebenden Erörterungen über
den „Garantiepakt“ leider kaum beachtete Unterscheidung ist die Pariser Doktor­
these von M. Milovanovitch, 1888, die eingehendste völkerrechtliche Behandlung der
Garantieverträge, heute noch von großem Interesse und geschichtlich sehr lehrreich.
40 Der Status quo und der Friede

der unbestim m ten Begriffe des V ersailler V ertrages im m er neue L asten und
Erschütterungen entstehen. Es ist das Interesse, w enigstens die W ährung
stabil zu halten und vor neuen Sanktionen, R epressalien und anderen Be­
lastungen zu schützen. Es ist ein Interesse, das nicht, wie der englische G e­
sichtspunkt, die ganze E rde oder, wie der französische, w enigstens E uropa
überschaut, sondern ein auf den nächsten Augenblick und die nächste A tem ­
pause gerichtetes Interesse eines vor allem an seiner Industrie interessierten
Volkes.
Im Schnittpunkt des W eltinteresses von E ngland und des kontinentalen
europäischen Interesses von F rankreich stehen D eutschland und insbeson­
dere die R heinlande. In dieser Lage k ann ganz D eutschland und können
insbesondere die R heinlande herabsinken zum bloßen A usgleichsobjekt
zwischen jenem englischen und diesem französischen Interesse. D as ist der
politische status quo Deutschlands und der status quo am Rhein. Jede
Legalisierung dieses Zustandes w ürde den O b je k tc h a ra k te r verew igen.
* *
*

Bei der großen V erschiedenheit der V orstellungen vom status quo ist
es eigentlich erstaunlich, daß m an sich auf diesen Status zu einigen sucht
und glauben kann, in einem solchen Begriff eine gemeinsame, einigende
G rundlage zu haben. W ie konnte gerade dieser Begriff heute zu solcher Be­
deutung gelangen? Das W ort bezeichnet doch zunächst n u r ein F aktum ,
einen bloß tatsächlichen Zustand, w enn sich auch bei n ä h e re r B etrachtung
herausstellt, daß man hier die Sachlage nicht von der Rechtslage trennen
kann. Als die Koalition der europäischen Mächte N apoleon I. besiegt hatte,
sprach m an von L egitim ität und m einte dam it fü r die außenpolitische
Situation ebenfalls eine G arantie des status quo. D ie berühm ten D iplom aten
der Heiligen Allianz w aren nicht edler gesinnt als die Staatsm änner der
heutigen D em okratien. A ber sie sprachen w enigstens von L egitim ität und
g arantierten nicht ein bloßes F aktum , eine bloß tatsächliche politische
Situation, sondern einen Zustand, den m an fü r n o r m a l hielt. Man garan ­
tierte sich gegenseitig eine außenpolitische O rdnung und w ar klug genug
zu wissen, daß die \ roraussetzung je d e r außenpolitischen O rdnung eine
homogene innerpolitische O rdnung ist. D er dynastische Legitim itätsbegriff,
auf welchem die innerpolitische O rdnung der H eiligen A llianz beruhte, ging
in den demokratischen R evolutionen der folgenden G eneration zugrunde.
A ber selbstverständlich versucht jed e r Sieger, dem durch den Sieg erreichten
politischen Zustand die G arantie der Legitim ität zu geben. D er V ertrag von
V ersailles bestätigt diese E rfahrung. In dem B estreben, die politische A us­
nutzung der N iederlage des G egners zu legitim ieren, geht er sogar w eiter
als jem als ein V ertrag der Weltgeschichte. E r benutzt die Idee des V ölker­
bundes und die in allen L ändern v erb reiteten pazifistischen G efühle und
Ideen, um eine besonders rad ik ale A rt von L egitim ierung zu erreichen. Die
pazifistischen Bem ühungen, die sich an diesen V ertrag anschließen, insbeson­
dere der Versuch einer Beilegung alle r Konflikte durch ein Schiedsrichter-
Der Status quo und der Friede 41

liches V erfahren, die m erkw ürdige Juridifizierung der Politik und ähnliche
als große Fortschritte auf dem Wege von der Macht zum Recht gefeierten E r­
scheinungen können ja n u r ein Ergebnis haben: den Zustand, den der Ver­
trag von V ersailles geschaffen hat, zu legitim ieren. D er R uf nach der H e rr­
schaft des Rechts, der etwas sehr Sympathisches und Ideales hat, bekommt
hier einen höchst gefährlichen politischen Sinn, nämlich den der Legiti­
m ierung eines sehr problem atischen Zustandes. D aß alle internationalen
M einungsverschiedenheiten künftig im W ege eines justizförm igen Ver­
fahrens beigelegt w erden sollen, bedeutet nur, daß diejenigen, welche nach
den bestehenden V erträgen im Recht sind, dauernd im Recht bleiben. Die
G arantie, welche sich die Mächte der Heiligen Allianz gegenseitig gaben,
w ar eine bescheidene und vernünftige Sache im Vergleich zu der phan­
tastischen Juridifizierung, die heute den Sieger legitim ieren soll. Gelingt
es wirklich, auf diese W eise jeden K rieg zu beseitigen, so hat der Stärkere
nicht n u r die Macht und den Besitz, sondern auch das Redit, und es w ird
etw as Schlimmeres geben als Kriege: die justizförm ige Beseitigung des
politischen oder w irtschaftlidien Gegners der nicht in einem Kriege besiegt,
sondern in einem Prozeß zum Tode veru rteilt und exekutiert w ird.
Es ist sehr m erkw ürdig, daß gerade in einer Zeit rapider V eränderungen
und technischer Fortschritte der status quo g arantiert w erden soll. Es ist
seltsam, daß ein Zeitalter, dessen D enken von den Vorstellungen ewigen
W erdens, ewigen Fließens und substanzlosen Funktionierens ganz be­
herrscht ist, gerade auf politischem Gebiete einen bestehenden Zustand
stabilisieren möchte. Das ist schon an sich etwas W iderspruchsvolles, aber der
eigentliche W iderspruch liegt noch tiefer.. W oher entsteht — um diese Frage
zu w iederholen — das Bedürfnis nach einer G arantie des status quo? D a r­
aus, daß der Wunsch nach Ruhe, F rieden und Gerechtigkeit sich mit der Un­
fähigkeit verbindet, ein rechtliches Prinzip, ein Legitim itätsprinzip, zu
finden. Man k ann n u r einen Rechtszustand garantieren, nicht etwas bloß
Faktisches, und auch den Rechtszustand nur, w enn er als n o r m a l em pfun­
den w ird. Ist dem aber so — m an kann es vernünftigerw eise nicht be­
streiten —, so erscheint der innere W iderspruch in dem moralischen Zu­
stand des heutigen E uropa als etw as Schreckliches. Die faktisch bestehenden
Zustände sind so unbefriedigend, so abnorm und infolgedessen so wenig
stabil, daß die Sehnsucht nach Stabilität täglich stärker wird. Aus der Sehn­
sucht nach F rieden und Stabilität entsteht die Forderung einer G arantie
des status quo, d. h. einer Stabilisierung. A ber die Stabilisierung des gegen­
w ärtigen Zustandes w ürde gerade diesen unbefriedigenden, jed er Stabili­
tä t erm angelnden Zustand stabilisieren, und das Ergebnis wäre, daß man
durch eine künstliche Verewigung und Legalisierung nicht etw a Ruhe und
Frieden, sondern neue Konflikte, neue Verschärfung der Gegensätze und
eine Verewigung der m angelnden Stabilität erreichte. Ein gefährlicher, für
ganze V ölker vielleicht tödlicher Zirkel! Das ist das Fatale dieses ganzen
Systems der Legalisierung und Juridifizierung des status quo. Man sagt uns :
Die G arantie des status quo ist der Friede. Gewiß, der Friede, sogar d e r
42 Der Status quo und der Friede

Friede, nämlich der Friede von Versailles. Ein auf dieser Basis stabilisierter
status quo ist ebenso problematisch wie jen e r Friede selbst problematisch
ist. Audi hier zeigt sich die Fülle von inneren W idersprüchen, von denen
die politische und moralische Lage Europas heute beherrscht ist. W enn der
status quo nicht der Friede i s t , wie kann seine G arantierung den Frieden
herbeiführen? Die Sehnsucht nach dem Frieden entspringt doch gerade der
Friedlosigkeit des bestehenden Zustandes. Den müden und gequälten Men­
schen, die vor allem Ruhe und Frieden suchen, w ird eine G arantie ver­
sprochen, die nichts g arantiert als die Ursache aller U nruhe und F ried­
losigkeit.
Die europäischen Völker haben im Laufe des letzten Jahrhunderts von
mancherlei gehört, daß es der F riede sein soll: die Heilige Allianz w ar der
Friede; das französische Kaiserreich unter Napoleon III. w ar der Friede:
dann hörten w ir w ährend des Krieges: die D em okratie ist der Friede; w ir
hörten: der Völkerbund ist der Friede, und hören jetzt: die G arantie des
status quo ist der Friede. A ber wenn der status quo nicht selbst schon der
Friede ist, so ist seine G arantie etw as Schlimmeres als ein Krieg, nämlich
die Legalisierung eines unerträglichen Zwischenzustandes von Krieg und
Frieden, in welchem der politisch Mächtige dem politisch Schwachen nicht
nur das Leben, sondern auch sein R edit und seine Ehre nimmt.

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