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V ölkerrechtliche P rob lem e im R hein geb iet 97

kann nodi auch n u r regeln will. Stimmungsmäßig und gefühlsmäßig w ird


der G edanke eines W eltfriedens m it dem G enfer V ölkerbund in Ver­
bindung gebracht, und abgesehen von den politischen Interessen einzelner
Großmächte ist es hauptsächlich diese V erbindung und das große Interesse
der zw eiten Internationale, das den V ölkerbund moralisch trägt. Das kann
dazu führen, daß der G enfer V ölkerbund vielleicht einm al einen euro­
päischen K rieg verh in d ert — gewiß etw as sehr W ertvolles. A ber dam it
sind die ungeheuren europäischen Problem e noch nicht gelöst. Die eigent­
liche B efriedung Europas — von seiner Einigung ganz zu schweigen — w ird
infolge d er eigenartigen V erbindung des V ölkerbundes m it den Friedens­
verträgen ebensosehr v erh in d ert w ie gefördert. Die Unterscheidung von
Siegern und Besiegten, Bewaffneten und Entwaffneten, von kontrollierten
und nichtkontrollierten, o kkupierten und freien, mit „Sanktionen“ be­
drohten und ih re „Sicherheit“ genießenden Staaten, diese fundam en­
talen Ungleichheiten sind durch den G enfer V ölkerbund nicht aufgehoben.
D aran h at auch die A ufnahm e Deutschlands in den V ölkerbundsrat nichts
geändert. Es ist notw endig, das m it aller K larheit zu sehen, dam it die
Begriffe „V ölkerbund“ und „E uropa“ auf hören, suggestive A nknüpfungs­
punkte fü r irgendw elche irrefü h ren d en K onstruktionen zu sein und der
w ahre Schiedsrichter E uropas erk en n b ar w ird. Man kann dieses Ergebnis
„negativ“ nennen, aber es ist sicher nicht w ertlos. F ü r das Interesse intellek­
tueller Redlichkeit ist jed e zerstörte Illusion ein großer Gewinn.

12. Völkerrechtliche Probleme im Rheingebiet (1928)


D ie deutschen G ebiete am R hein sind heute das O b jek t einer völker­
rechtlichen A usnahm ebehandlung, die sowohl in der W eite ihres Inhaltes,
wie in dem Maß ih re r D auer, wie endlich auch in der K om pliziertheit und
V ieldeutigkeit ih re r Regelung ganz beispiellos ist. Die Geschichte zivili­
sierter V ölker d ü rfte keinen zw eiten auch n u r ähnlichen F all einer derartig
vielgestaltigen, über ein national homogenes G ebiet verhängten Reihe von
A bnorm itäten kennen. Trotz der vielen E rörterungen über das R heinland­
problem kom m t der eigentliche C h a ra k te r dieses Zustandes nur allmählich
zum Bew ußtsein. D enn auf der einen Seite liegt es nahe, die Sonderbehand­
lung der R heinlande in dem großen Meer der Ungerechtigkeiten und
H ärten des V ersailler V ertrages auf gehen zu lassen, sich m it einem summa­
rischen G efühl heftiger Em pörung zu begnügen und dann n u r ganz auf­
dringliche Erscheinungen, wie die Besatzungsarm ee, zu sehen; auf der
anderen Seite beschränkt sich das Interesse juristischer und adm inistrativer
Fachleute gern auf technische Einzelfragen und v e rliert in der Fülle der
D etails, die ein solcher Zustand täglich m it sich bringt, leicht den Blick

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für das prinzipiell Ungeheuerliche dieser geschichtlichen, politischen und


rechtlichen Abnormität.
Das bunte, eigentlich phantastische N ebeneinander der heutigen Be­
handlung rheinischen Landes läßt sich durch folgende Stichworte kenn­
zeichnen: Saargebiet, okkupiertes Gebiet, entm ilitarisiertes G ebiet und
endlich (nach A rt. 312 VV) i n v e s t ie r te s Gebiet. Jeder einzelne dieser vier
Komplexe enthält in sich w iederum so viele F ragen, daß es im Rahm en
dieses kurzen V ortrages n u r d arau f ankom m en kann, einigö G rundlinien
aufzuw eisen und dadurch jene gefährliche, aber vielleicht typisch-deutsche
P o larität zu verm eiden: ein starkes, aber unklares G efühl der E ntrüstung
in Verbindung m it einer technisch-fleißigen und sogar pedantischen, irgend­
einen Zustand als nun einm al gegeben hinnehm enden K leinarbeit. Immer
ist daher der vierteilige G esam tkom plex im Auge zu behalten, dieses Tier
mit vier Köpfen, von denen zwei, nämlich Saarregierungskom m ission und
Interalliierte Rheinlandkom m ission, schon seit langem funktionieren,
w ährend die beiden anderen noch erst im Wachsen begriffen sind: Ent­
m ilitarisierungskom m ission und Investigationskom m ission.
Die vier Kom plexe sind in sich w iederum sehr verschieden, und das
politische Schicksal der von ihnen erfaßten L änder kann infolgedessen eben­
falls verschieden sein. W as die beiden ersten, Saargebiet und besetztes
Rheinland, angeht, so braucht der In h alt der fü r sie geltenden völkerrecht­
lichen Bestimmungen, wie er sich aus dem V ersailler V ertrag und dem
Rheinlandabkom m en ergibt, hier nicht w iederholt und e rö rte rt zu werden.
Die Saarregierungskom m ission, d. h. die in ih r vereinigten, von ihren
R egierungen instruierten V ertreter frem der Mächte, üben die staatliche
H oheit im Saargebiet aus und regieren dort u n ter einer sehr proble­
matischen K ontrolle des V ölkerbundes. H ier ist die deutsche Staatshoheit
ganz verdrängt. D ie Rheinlandkom m ission fü h rt in dem noch besetzten
Teil der Rheinlande eine N ebenregierung, die in kritischen Zeiten, wie
bei der Ruhrbesetzung und in der Separatisten zeit, ebenfalls zu einer
völligen V erdrängung deutscher G ebietshoheit führen kann, in ruhigen
Zeiten dagegen zurücktritt, ohne jedoch auf ihre w eitgehenden und dehn­
baren Befugnisse grundsätzlich zu verzichten. Beide Kommissionen üben
Gesetzgebungs- und Regierungsbefugnisse aus und herrschen infolgedessen
im eigentlichen Sinne. Ihre Beschlüsse sind das Ergebnis des Kompromisses
der frem den Staaten, welche die Kommission beherrschen, hauptsächlich also
Frankreichs und Englands. D ie H errschaft solcher Kommissionen ist die
spezifische O rganisationsform , durch welche ein Land und seine Bevölke­
rung zum O b je k t frem der Kompromisse gemacht w ird, ein Zustand, der
in seiner ganzen Im m oralität n u r einm al bew ußt zu w erden braucht, um
unhaltb ar zu werden.
A ber wenigstens nach dem T ext der V erträge ist dieser Zustand nicht
dauernd und seine Beendigung vorgesehen. Im Saargebiet soll 1935 eine
Volksabstimmung stattfinden und danach „der V ölkerbund“ (V ölkerbunds­
versam m lung oder V ölkerbundsrat? wahrscheinlich der letzte) darüber
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entscheiden, ob das Saargebiet ganz oder teilw eise unter die deutsche
Staatshoheit zurückkehrt, zu Frankreich kommt oder der gegenwärtige
Zustand dauernd wird. H ierbei sind m ehrere Besonderheiten der vertrag­
lichen Regelung wohl zu beachten, die ein ungerechtfertigter Optimismus
oft übersieht: erstens ist die F ortdauer des heutigen Zustandes als eine
Möglichkeit vorgesehen; zweitens ist es form ell nicht die Volksabstimmung,
sondern der V ölkerbund, der unter Berücksichtigung des W u n s c h e s
(voeu) der B evölkerung entscheidet; und drittens ist eine T e i l u n g des
Saargebietes möglich, so daß sich hier die Ä hnlichkeit m it der für O ber­
schlesien getroffenen Regelung und die E rinnerung an die Teilung O ber­
schlesiens sofort aufdrängt. D ie K o rrek tu r jenes unmoralischen und uner­
träglichen Zustandes, welche darin liegt, daß die Frem dherrschaft im Saar­
gebiet eben n u r 15 Jah re dauern soll, w irk t also leider nicht so eindeutig und
beruhigend, wie es auf den ersten Blick selbstverständlich sein sollte.
Was die D auer der R heinlandbesetzung angeht, so ist sie ebenfalls für
eine beispiellos lange Zeit (nämlich 15 Jah re für die dritte Zone, also
besonders auch für den m ilitärisch und politisch besonders wichtigen P unkt
Mainz) vorgesehen, aber im m erhin befristet. Auch hier sind zahlreiche
Auslegungsfragen entstanden, welche den deutschen Anspruch auf eine
vorzeitige Räum ung, ja, selbst den Anspruch auf Räum ung nach A blauf
jener F risten gefährden und enttäuschen. Die Verbindung der Räum ungs­
frage mit der F rage der Sicherheit Frankreichs einerseits und mit der
Reparationsfrage andererseits läßt hier so viele M einungsverschiedenheiten
und Differenzen entstehen, daß fast jedes W ort der vertraglichen Regelung
(Art. 428f VV) problem atisch w ird. H ier zeigt sich dann in k la re r Weise,
wie sehr die W orte einer rechtlichen N orm ierung ihren Inhalt ändern,
sobald sie in den Kam pf politischer Gegner hineingezogen werden. An
Begriffen wie A brüstung, Angriffskrieg, Sicherheit, M inderheit, haben w ir
diese E rfahrung handgreiflich machen müssen und gesehen, daß eine rechte
liehe N orm ierung als bloße N orm ierung hilflos und unsicher und die
Behauptung eines entpolitisierten Völkerrechts ein offenbarer, höchst poli­
tischer Betrug ist.
W ährend die beiden ersten Teile des rheinischen Komplexes, Saar­
regierung und R heinlandbesetzung, als wenigstens grundsätzlich vorüber­
gehende Erscheinungen gekennzeichnet sind, sollen die beiden anderen,
E ntm ilitarisierung und Investigation, von unbegrenzter Zeitdauer sein. Im
Vergleich zu den sichtbaren und fühlbaren Einw irkungen, wie sie die
Saarregierung und die R heinlandbesetzung mit sich bringen, besonders im
Vergleich zur A nw esenheit einer großen feindlichen Armee, können diese
beiden anderen Teile vielleicht unbedeutend und nebensächlich erscheinen.
Aber dafür sind sie eben dauernd und auch im übrigen nichts weniger als
harmlos. Das Investigationsrecht, durch welches die Entwaffnung Deutsch­
lands k o n trolliert w ird, soll nach Art. 213 VV durch einen M ehrheits­
beschluß des V ölkerbundsrates ausgeübt werden. Es besteht für ganz
Deutschland. Seinen eigentlichen Inhalt und seine politische Bedeutung

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dürfte es erst durch die P raxis des V ölkerbundsrates erhalten, so daß sich
vorläufig hier noch nicht viel K onkretes aussagen läßt. D er V ölkerbundsrat
hatte am 27. Septem ber 1924 ein sogenanntes Investigationsprotokoll geneh­
migt, in welchem für die entm ilitarisierten G ebiete die Einrichtung „stän­
diger Elem ente“ (éléments stables) vorgesehen w ar. D ie deutsche Regierung
hat es erreicht, daß diese außerordentlich gefährlichen und unabsehbaren
ständigen Elemente zunächst auf gegeben w urden. Ein Beschluß des Völker­
bundrates vom 11. Dezem ber 1926, betreffend das Investigationsrecht, sagt
ausdrücklich: „Es besteht Einverständnis darüber, daß die Bestimmungen
des Art. 213 des F riedensvertrages mit D eutschland über die Investi­
gationen auf die entm ilitarisierte Rheinlandzone in gleicher W eise wie auf
die übrigen Teile Deutschlands anw endbar sind. Diese Bestimmungen
sehen für diese Zone ebensowenig w ie fü r andere G ebiete die Einrichtung
einer besonderen K ontrolle durch ständige oder dauernde lokale Elemente
vor. ln der entm ilitarisierten R heinlandzone können d erartige besondere,
nicht im A rtikel 213 vorgesehene Elem ente n u r durch ein Abkommen
zwischen den beteiligten R egierungen eingerichtet w erden.“ D as klingt
beruhigend, weil damit die ständigen lokalen Elem ente auch für die ent­
m ilitarisierte Zone zurückgewiesen sind, und w ir w ollen hoffen, daß nicht
eine schikanöse Silbenstecherei behauptet, dadurch seien n u r die ständigen
lokalen, nicht andere ständige Elem ente ausgeschlossen. Zugleich aber kann
in diesem Beschluß ein A nerkenntnis gefunden w erden, durch welches der
Inhalt der Investigation sich ausdehnt, indem nämlich der Zweck und Maß­
stab für die Untersuchung sich ausdehnen: A r t.213 sieht eine Investi­
gation nu r zur D urchführung der allgem einen Entw affnung vor, w ährend
der unter M itw irkung Deutschlands gefaßte Beschluß vom 11. D ezem ber
1926 Investigationen auch zur K ontrolle der D urchführung der speziellen
Entm ilitarisierungsbestim m ungen anerkennt. Mit Recht ist auf das Bedenk­
liche dieser Abmachung hingew iesen w orden1.
Es ist daher die E ntm ilitarisierung, die hier am m eisten interessiert.
Selbst wenn einm al wirklich das Problem der Besetzung und des Saar­
gebiets gelöst sein sollte, wenn die stark e französische A rm ee m it ihrem
großen K riegsm aterial aus Mainz abm arschiert ist und das deutsche Gebiet
vollständig geräum t hat, w enn auch im Saargebiet w ieder deutsche Be­
hörden tätig sind, so bleibt dieses Problem der E ntm ilitarisierung als das
eigentliche Problem der R heinlande und der französisch-deutschen Bezie­
hungen w eiter bestehen.
Umfang und Inhalt der E ntm ilitarisierung sind öfters dargestellt w orden
und vor allem in dem Buch von K. Linnebach12 m it gutem M aterial ein­
drucksvoll auseinandergesetzt. Es genügt hier, d aran zu erinnern, daß ein
geschlossenes deutsches G ebiet von insgesam t über 55 000 qkm, nämlich das
ganze deutsche linke R heinufer und ein G ebietsstreifen von 50 km B reite
1 Wolf V . Dewall, „Frankfurter Zeitung“, 23. September 1928, 1. Morgenblatt.
2 Die Entmilitarisierung der Rheinlande und der Vertrag von Locarno, eine
völkerreditliclie Untersuchung; Rheinisdie Schicksalsfragen, Sdirift 18/20, Berlin 1927.
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auf der rechten Seite des Rheins von Basel bis zur holländischen Grenze
davon erfaßt ist, ein wirtschaftlich hochentwickeltes Gebiet mit großen und
wichtigen Städten, wie K arlsruhe, Mannheim, F ran k fu rt, Köln, Düsseldorf
und Essen, vielleicht der reichste Teil Deutschlands. Die Entm ilitarisierung
besteht nach A rt. 42 , 4 3 VV darin, daß es Deutschland untersagt ist, in
diesem Gebiet Befestigungen beizubehalten oder zu errichten, daß w eder
ständig noch zeitweilig deutsche T ruppen hier unterhalten oder angesam ­
melt w erden dürfen, daß m ilitärische Übungen jed e r A rt und schließlich
alle „m ateriellen“ (im englischen Text: „ständigen“) „V orkehrungen für
eine Mobilmachung“ verboten sind. Jede dieser Bestimmungen eröffnet
Möglichkeiten ausdehnender Auslegung, die bei einer politischen Zweck­
interpretation unverm eidlich ist. Insbesondere legt ein Begriff wie „Vor­
kehrungen fü r eine Mobilmachung“ grenzenlose Interpretationen nahe,
nach welchen schließlich jed er Straßenbau, jed er Bahnhof, jed er T u rn ­
verein, jed er Schutz der B evölkerung durch Gasm asken als V orkehrung
für eine Mobilmachung hingestellt w erden kann. Diese Entm ilitarisierung
bedeutet nach ihrem Inhalt, nach ihrem territo rialen Umfang, nach ih re r
D auer und vor allem auch wegen der Einseitigkeit, mit der sie nu r dem
Deutschen Reich auferlegt ist, etwas völlig anderes als die bisherigen, in
der Geschichte bekannten, älteren oder neueren F älle von Entm ilitarisie­
rung1. Es handelt sich nicht etw a um eine N eutralisierung des Gebietes, die
zur Folge hätte, daß das Gebiet nicht Kriegsschauplatz w erden darf. Im
Gegenteil, diese A rt der Regelung hat den Sinn, alle Möglichkeiten der
V erteidigung zu beseitigen und dadurch ein prädestiniertes Kriegsgebiet
zu schaffen, das in voller W ehrlosigkeit und H ilflosigkeit dem Einmarsch
französischer T ruppen und ih re r m ilitärischen A ktionen für alle Zeiten
öffen liegt, eine A rt Glacis zwischen Frankreich und Deutschland, aus­
schließlich auf Kosten Deutschlands eingerichtet und dazu bestimmt,
14 Millionen Deutsche zu O pfern etw aiger Kriegsm aßnahm en und einer
ungeheuerlichen A rt von Geiseln zu machen.
D ieser weitgehende Zustand der E ntm ilitarisierung w ar zunächst n u r
dadurch garantiert, daß jed e r Verstoß Deutschlands gegen diese dehnbaren
Bestimmungen als „eine Störung des W eltfriedens und eine feindselige
Handlung gegen jede Signatarm acht des V ersailler V ertrages gilt“ (Art. 44
VV). D er politische Sinn dieser W orte liegt darin, daß Deutschland wegen
irgendeiner Bagatelle als A ngreifer fingiert w erden kann und nun das
ganze System der völkerrechtlichen Scheinjurisprudenz, das echte und
falsche K riegsverhütungs- und Kriegsächtungsrecht mit voller Wucht zu­
ungunsten Deutschlands funktioniert. D er E ntm ilitarisierte w ird eo ipso
als A ngreifer fingiert und Deutschland erscheint gerade wegen seiner
W ehrlosigkeit und Entm ilitarisierung automatisch als Störer des W elt­
friedens — eine w underbare Illustration zu der berühm ten Fabel von dem
Wolf und dem Lamm oder zu der Geschichte von dem Kaninchen, dessen
hilfloses Mümmeln der Wolf, unter dem Beifall seiner Freunde, als freche
1 So mit Recht Linnebach, a. a. O. S. 76.
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H erausforderung und Angriff bezeichnet und ahndet. Durch den V ertrag


von Locarno vom 16. O ktober 1925 e rh ä lt nun diese G arantie des A rt. 44
teils eine neue Festigung, teils eine gewisse Einschränkung: eine Festigung,
insofern gerade diese Entm ilitarisierungsbestim m ungen von neuem bestä­
tigt und bekräftigt w erden; eine gewisse Einschränkung, w eil einseitiges
Vorgehen und Selbsthilfe gegen Deutschland n u r dann zulässig sind, wenn
ein flagranter Verstoß gegen die A rt. 42, 43 VV vorliegt, außerdem dieser
Verstoß eine nicht provozierte A ngriffshandlung darstellt und wegen der
Zusammenziehung von S treitk räften in der entm ilitarisierten Zone eine
sofortige A ktion notwendig w ird. U nter dieser dreifachen Voraussetzung
sind die Garantiem ächte von Locarno auch verpflichtet, dem verletzten
Staate (das ist praktisch Frankreich oder Belgien) gegen Deutschland bei­
zustehen, wobei sie aber über das Vorliegen dieser V oraussetzungen selbst
entscheiden. Abgesehen von jenem an drei V oraussetzungen gebundenen
F all eines „flagranten Verstoßes“ ist Selbsthilfe verboten und stellt der
V ölkerbundsrat fest, ob ein Verstoß oder eine V erletzung der E ntm ilitari­
sierungsbestim mungen vorliegt. D as bedeutet zweifellos gegenüber der
bisherigen P raxis Frankreichs einen Fortschritt zugunsten Deutschlands,
einen Schutz insbesondere gegen französische Invasionen, wie sie unter
verschiedenen juristischen E tiketten, w ie Sanktionen, friedliche Maß­
nahmen, Exekutionen des V ertrages vor sich gegangen w aren (Besetzung
F rankfurts im Mai 1920, rheinischer Städte 1921, R uhrgebiet 1923). D er
V ölkerbundsrat kann in solchen F ällen richtiger A uffassung nach eine
Verletzung nur einstimmig bejahen, wobei die streitenden Teile bei der
Abstimmung nicht m itgezählt w erden1. Bei der großen Zahl der M itglieder
des V ölkerbundsrates (gegenw ärtig 14) und der V erschiedenartigkeit seiner
Zusammensetzung liegt darin eine gewisse Sicherheit gegen ungerechte
Behauptungen eines Verstoßes. A ndererseits ist es politisch selbstverständ­
lich, daß Großmächte wie Frankreich oder E ngland ihre P olitik nicht von
der Ansicht irgendeines kleinen, zufällig im V ölkerbundsrat vertretenen
und ihm nicht gefügigen Staates abhängig machen w erden. D aher läßt sich
über die wirkliche Bedeutung dieser Regelung noch nicht viel sagen. D er
V ölkerbund (praktisch der V ölkerbundsrat) h at dann außer diesen beson­
deren Befugnissen auf G rund des Locarno-V ertrages auch noch die all­
gemeinen, aus der V ölkerbundssatzung sich ergebenden Befugnisse hin­
sichtlich der K riegsverhütung.
II.
Auf dieser Rechtsgrundlage spielen sich die V erhandlungen über die
R heinlandräum ung ab, die auf der V ölkerbundsversam m lung vom Sep­
tem ber 1928 in Aussicht genommen w urden und fü r welche m an sich vor­
läufig, nach dem sogenannten Schlußprotokoll vom 16. Septem ber 1928,
dahin geeinigt hat, daß amtliche V erhandlungen über die vorzeitige R hein­
landräum ung, ferner solche über die endgültige Regelung der R eparations-
1 K. Strupp, Das Werk von Locarno, Berlin 1926, S. 101.
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frage stattfinden sollen und für das entm ilitarisierte G ebiet eine Fest-
stellungs- und Vergleidhskommission (commission de conciliation et de
constatation) eingesetzt w erden soll. Diese letzte Abmachung, die sich auf
das entm ilitarisierte G ebiet bezieht, ist fü r unseren Zusamm enhang von
besonderem Interesse. Welches Ergebnis die w eiteren V erhandlungen
haben w erden, läßt sich natürlich nicht Voraussagen. Bisher h at die deutsche
Regierung jede Bindung wenigstens über das Ja h r 1935 hinaus entschieden
abgelehnt. G egenüber den zahlreichen V erm utungen und Vorschlägen, die
hier auf tauchen, muß aber immer w ieder die grundsätzliche F rage im Auge
behalten w erden, ohne deren K lärung eine Einigung u n ter den deutschen
Meinungen nicht möglich ist. D enn es gibt Deutsche, die jene geplante
Vergleichskommission, sogar w enn sie über das Ja h r 1935 hinaus fungieren
soll, für etw as Harmloses und im Vergleich zu einer Besatzungsarm ee sehr
Vorteilhaftes halten, und außerdem in ihr eine brauchbare, die Entschei­
dung des V ölkerbundsrates vorbereitende, der V erständigung und dem
Frieden dienende Instanz erblicken.
Daß selbst sympathische und vertrauenerw eckende Nam en w ie V er­
gleich, Verständigung und Versöhnung und auch ein W ort w ie „con­
ciliation“ wenig über die Sache zum Ausdruck bringen, sollte nach den
bisherigen politischen E rfahrungen selbstverständlich sein. Die politische
W irklichkeit richtet sich leider wenig nach solchen A ushängeschildern und
wir wissen, daß schöne und sogar heilige W orte im politischen Kam pf
gebraucht werden, um den G egner durch moralische Suggestionen zu
lähmen, wie die persischen Soldaten im K rieg gegen die Ä gypter K atzen
unter den Arm nahmen, weil die Ä g ypter es nicht w agten, in der Richtung
dieser heiligen T iere zu schießen. Eine Vergleichs- und V erständigungs­
politik kann trotz ihres Namens sehr einseitigen politischen Zwecken
dienen. Es frag t sich deshalb, was eine eigens fü r das entm ilitarisierte
Gebiet eingesetzte, der Entscheidung des V ölkerbundsrates auf jed en Fall
vorgreifende Vergleichskommission in concreto bedeutet. Sie ist auf jeden
Fall zunächst eine internationale Instanz, die als solche fü r einen abgegrenz­
ten Teil des Deutschen Reiches zuständig ist. Sie brin g t dadurch in die
territoriale Einheit und Geschlossenheit des Deutschen Reiches von außen
her eine gefährliche Unterscheidung, indem sie die bisher n u r norm ative
Sonderbehandlung dieses Gebietes nun auch instanzenm äßig organisiert.
Mit andern W orten: das entm ilitarisierte G ebiet ist bei einer solchen
Kommission nicht n u r der im V ersailler V ertrag vorgesehenen Sonder­
r e g e l u n g , sondern auch einer Sonder o r g a n i s a t i ο n unterw orfen.
Das ist rechtlich und politisch ein fundam entaler Unterschied und fü h rt
weit über den V ersailler V ertrag hinaus. D enn dam it ist erreicht, daß
ein bestim m ter Teil des Deutschen Reiches, und zw ar gerade die R hein­
lande, geradezu eine besondere Verfassung erhalten. Wichtige staatliche
Funktionen, sowohl der Gesetzgebung als auch der R egierung und Ver­
waltung, unterstehen einer beständigen ausländischen, international­
gemischten K ontrolle und einem beständigen Vetorecht, und zw ar nicht wie
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in den zahlreichen anderen Fällen internationaler K ontrolle (Reichsbahn-


kommissar, Reichsbankkommissar, T reuhänder usw.) für das Deutsche
Reich im ganzen, sondern nur hinsichtlich eines bestim m ten, geographisch
abgegrenzten Teiles. Vor allem w ird eine solche E ntm ilitarisierungs­
kommission über Fragen der A ufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit
und O rdnung im R heinland zu befinden haben, daher auch über die politisch
wichtigste Frage, die des A usnahm ezustandes und dam it über die Frage
der Souveränität. Vierzehn M illionen Deutsche haben dann nicht m ehr die
deutsche Regierung, sondern eine internationale Kommission als höchste
A utorität über sich, um über die Lebensfrage der „öffentlichen Sicherheit
und O rdnung“ zu entscheiden. D aß die Kommission n u r ausnahm sweise
eingreift, macht sie nicht harm loser, sondern bew eist gerade den Zusammen­
hang mit der Frage der Souveränität.
Es liegt nun nahe, zu erw idern, daß auch der V ölkerbundsrat, der ja
bereits nach dem V ertrag von Locarno über Streitfälle aus der E ntm ilitari­
sierung zu entscheiden hat, eine solche internationale Kommission darstellt.
Das ist gewiß richtig. D er \ rölkerbundsrat ist eine D iplom atenkonferenz,
deren D elegierte von ihren R egierungen instruiert, u n ter politischen Ge­
sichtspunkten entscheiden und daher ebenfalls zu Kompromissen kommen,
deren O bjekt und O pfer naturgem äß vor allem die deutschen Interessen
sind, wenn es sich um eine die R heinlande betreffende Entscheidung
handelt. Aber diese D iplom atenkonferenz dient doch, infolge der großen
Zahl ih rer M itglieder und der Beteiligung n eutraler, namentlich skandi­
navischer und am erikanischer Staaten, nicht in demselben Maße den spe­
ziellen Kom promißinteressen Englands und Frankreichs. Sie ist auch nicht
in der gleichen Weise eine speziell für das entm ilitarisierte deutsche Gebiet,
das heißt im wesentlichen für die R heinlande bestehende Instanz, sondern
h at noch zahlreiche andere Aufgaben. Sie muß ferner, w ie schon erw ähnt,
eine Verletzung oder einen Verstoß einstimmig bejahen, was bei ihrer
großen Zahl und Zusammensetzung nicht so leicht eintreten w ird wie bei
einer speziellen Vergleichskommission. Es ist also keinesw egs gleichgültig,
ob eine engere spezielle Entm ilitarisierungskom m ission u n ter irgendeinem
Namen und angeblich nur „vorbereitend“ fungiert, oder ob der V ölker­
bundsrat unm ittelbar entscheidet. Eine „bloß vorbereitende“ Tätigkeit, an
der zwei Großmächte wie Frankreich und England beteiligt sind, bedeutet
für den V ölkerbundsrat in W ahrheit ein sehr maßgebliches „fait accom pli“
oder eine „res ju d icata“. D am it w äre der einzige Fortschritt, den der Ver­
trag von Locarno zugunsten Deutschlands gebracht hat, im Interesse der
französisch-englischen Sonderinteressen w ieder beseitigt.
D erartige u nter harm losen Namen und justizförm igen Verschleierungen
politisch arbeitende Spezialkommissionen enthalten gerade fü r das deutsche
Volk mit seiner V ertrauensseligkeit und seinem „rührenden L egalitäts­
bedürfnis“1 und gerade in der heutigen Lage eine besondere G efahr. Sie
1 Ich entnehme diesen Ausdruck dem Buch von R. Smend, Das Reidiskammer-
gendit, 1911, S. 161.
Völkerrechtliche P roblem e im R heingebiet 105

verdecken eine h arte und grausam e A rt Politik und verschaffen einem


ruhe- und gerechtigkeitsbedürftigen Volk für kurze Zeit den Eindruck
einer Stabilisierung und Verrechtlichung der zwischenstaatlichen V erhält­
nisse. A ber die Stabilisierung ist gefährlich, wenn nichts anderes stabilisiert
w ird als eine in sich unstabile und unklare Situation, aus der immer neue
M einungsverschiedenheiten hervorgehen müssen; und die Verrechtlichung
ist in W irklichkeit n u r eine Methode justizförm iger Politik, die der Aus­
beutung und U nterdrückung legale Form en leiht. Die „form elle“ Gleichheit
Deutschlands m it den Großmächten täuscht dann über die Ungleichheiten
in der Sache hinweg, Ungleichheiten, wie sie am erstaunlichsten in der
einseitigen E ntm ilitarisierung der Rheinlande zum Ausdruck kommen.
Eine Rechtsgleichheit zwischen einem wehrlosen, kontrollierten und trib u t­
pflichtigen D eutschland und einem aufs äußerste bewaffneten, die Kon­
trolle ausübenden und die T ribute einkassierenden G egner ist nichts als die
Gleichheit jenes V ertrages zwischen den Störchen und den Fröschen, der
beiden Teilen gleiches Recht der Nahrungssuche gew ährleistete und dessen
Abschluß von einigen Fröschen als großer Fortschritt gefeiert wurde.

I
III.
Es m üßte auffallen, daß überhaupt von völkerrechtlichen Problem en
der R heinlande oder im R heinlande gesprochen w erden kann. Denn im
allgemeinen ist es doch heute noch so, daß nur Staaten oder staatenähnliche
Gebilde als solche eine völkerrechtliche Stellung haben und T räger selb­
ständiger völkerrechtlicher Problem e sind, nicht aber Gebietsteile unabhän­
giger Staaten. Niem and w ird es wagen, von einem völkerrechtlichen P ro­
blem des Elsasses oder Irlands zu sprechen. Selbst das völkerrechtliche
Problem Ä gyptens ist von der englischen Regierung mit restlosem Erfolg
als solches negiert w orden. Um so bedenklicher, daß eine Redewendung,
wie die vom „völkerrechtlichen Problem der R heinlande“ in ih rer poli­
tischen Tragw eite großen Teilen des deutschen Volkes kaum bew ußt wird.
Solange die E ntm ilitarisierung der R heinlande nur auf einer Sonder­
norm ierung b e ru h t und ih re D urchführung der L oyalität der deutschen
Regierung überlassen w ird, ist dieser Zustand vielleicht noch erträglich.
Sobald aber an die Stelle der Sondernorm ierung darüber hinaus noch eine
Sonderorganisation tritt und innerhalb des Deutschen Reiches eine te rri­
toriale A bgrenzung entsteht, liegt es allerdings nahe, eine Internationale
sierüng der R heinlande zu befürchten, durch welche die Rheinlande aus
einer staatsrechtlichen in eine völkerrechtliche Situation kommen.
Man muß diese U nterw erfung eines großen deutschen Gebietsteiles
unter eine internationale Sonderregelung oder sogar Sonderorganisation
im Zusamm enhang der m odernen M ethoden im perialistischer U nterw erfung
und A usbeutung frem der Staaten betrachten, um die ganze politische Trag­
weite eines solchen Zustandes richtig zu verstehen. D enn heute w ird nicht
m ehr mit den v eralteten M ethoden offener G ebietsannexion gearbeitet,
sondern m it „K ontrollen“ und m it einem System von V erträgen, und zwar
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Interventionsverträgen, zu denen der unterw orfene Staat gezwungen wird.


Das m oderne System — statt der A nnexion n u r K ontrolle und In te r­
vention — hat neben zahlreichen praktischen V orteilen politischer und
wirtschaftlicher A rt auch noch den moralischen Vorteil, daß es sich auf die
H eiligkeit der V erträge und den Satz pacta sunt servanda berufen und auf
diese Weise den U nterw orfenen moralisch p araly sieren kann. D er in ter­
venierende Staat entscheidet dann über die wesentlichen existenziellen
Fragen des „kontrollierten“ Staates, insbesondere über die konkrete
Bestimmung dessen, was „öffentliche O rdnung und Sicherheit“ heißt. Das
ist die Methode der V ereinigten Staaten von A m erika gegenüber den von
ihnen abhängigen lateinam erikanischen Staaten (wie K uba, Panam a, N ika­
ragua usw.); es ist die M ethode Englands gegenüber einem form ell
„souveränen“ Ä gypten; es kann, w enn nicht das ganze deutsche Volk sich
m it äußerster politischer B ew ußtheit w ehrt, die schließliche Konsequenz
der international organisierten E ntm ilitarisierung deutscher G ebiete sein.
Einer solchen m odernen, durch m ilitärisch und wirtschaftlich überlegene
Großmächte von außen bew irkten A uflösung schwacher Staaten entspricht
im Innern solcher Staaten eine T heorie vom P rim at des Völkerrechts, das
heißt die theoretische A nerkennung dieser A bhängigkeit und U nterw orfen­
heit. Das kann so w eit gehen, daß m an die Existenz des Staates überhaupt
auf die völkerrechtliche A nerkennung gründet und das eigene Land nur
noch als Bestandteil einer irgendw ie k o n stru ierten „V ölkerrechtsgem ein­
schaft“ behandelt; daß sogar der natürlichen und selbstverständlichen
Treue gegen das eigene Volk die T reue gegen das künstliche A rrangem ent
international gemischter Kommissionen und D iplom atenkonferenzen über­
geordnet w ird. F ü r alles das finden sich Beispiele im deutschsprachigen
Schrifttum der letzten Jahre. Uber die höchst problem atische theoretische
Richtigkeit solcher K onstruktionen und ihren sehr k o n k reten politisch­
praktischen Sinn braucht hier nicht d isk u tiert zu w erden. Es mag sein, daß
es Staaten gibt, die nichts sind als ein Kom promiß, und zw ar ein völker­
rechtlicher Kompromiß, das heißt ein Kom prom iß frem der Staaten. Ö ster­
reich zum Beispiel ist in dieser küm m erlichen Lage, und jen e Theorien
sind zweifellos der adäquate A usdruck eines derartig en politischen Seins
oder vielm ehr — da solche G ebilde kaum etw as sind — eines völkerrecht­
lichen „G ehens“. F ü r das Deutsche Reich aber ist es gerade die F rage, ob
und wie lange es noch zu den politisch existierenden Staaten gehört oder
ob es zu einem nur völkerrechtlichen und n u r „geltenden“ N orm enkom plex
degenerieren soll. Auch hier ist das Problem der entm ilitarisierten R hein­
lande der K ardinalpunkt, um den sich die existenzielle F r a g e . bewegen
wird.
Im H intergründe aller dieser, sei es rein theoretischen, sei es positiv-
praktischen völkerrechtlichen F ragen steht also nicht w eniger als die F rage
der politischen Existenz des deutschen Volkes. D aß w ir in einer Epoche
fundam entaler politischer U m gruppierungen leben, w ird heute wohl im
ganzen deutschen Volk em pfunden und gehört zu den G rundstim m ungen
V ölkerrechtliche P rob lem e im R heingebiet 107

unserer Zeit. D enn es drängt sich jedem auf, wie sehr die Entwicklung der
m odernen Technik manche politischen G ruppierungen und Grenzen der
früheren Zeit illusorisch macht und den überlieferten status quo beseitigt,
wie sehr „die E rde k lein e r“ w ird und infolgedessen die Staaten und
Staatensystem e größer w erden müssen. In diesem gewaltigen Umwand­
lungsprozeß gehen wahrscheinlich viele schwache Staaten unter. Einige
Riesenkom plexe w erden übrigbleiben und vielleicht die nach menschlicher
Berechnung zu erw artende Zeit eines ungeahnten, auf völlig neuen tech­
nischen M öglichkeiten beruhenden Menschenglücks genießen. Manche
kleineren G ebilde w erden sich im Schatten irgendeines wohlwollenden
Riesen in Sicherheit bringen. Soviel ich beobachten kann, gibt es Deutsche,
die glauben, das letzte sei auch für Deutschland die richtige Methode, um
der politischen Entscheidung zu entwischen und sich in ein problemloses,
wehrloses, geschichtsloses Glück hineinzulavieren, etw a mit Hilfe der „Poli­
tik des toten K äfers“, dessen Schutz in seiner W ehrlosigkeit liegt. Das
w äre allerdings eine bequem e und gem ütvolle Lösung und enthöbe uns
scheinbar alles w eiteren polnischen Nachdenkens und jedes Risikos. N ur
fürchte ich, daß dieser Weg, so wie die Dinge nun einm al liegen, hoffnungs­
los v e rsp e rrt ist und der sich tot stellende K äfer einfach zertreten wird.
Das Deutsche Reich m it seinem verhältnism äßig kleinen in der Mitte
Europas liegenden T errito riu m und seinen über 60 Millionen Menschen ist
nicht groß genug, um ohne w eiteres eine der überlebenden Weltmächte zu
sein, andrerseits aber nicht klein und p eripher genug, um wie ein kleines
Volk in dem politischen System eines andern unterzukom m en oder sich
einfach aus der W eltgeschichte zu verdrücken. Seine Dimensionen sind zu
klein, als daß es durch das bloße stabile Gewicht seiner Masse geschützt
w äre, w ie das bei R ußland der F all ist; und sein Gewicht ist doch w ieder
zu groß, als daß es in einer schnellen und beweglichen Politik wechselnder
Bündnisse einen labilen Bestand w ahren könnte. In dieser Zwischen­
stellung hängt alles am politischen Bewußtsein, an der Selbstbeherrschung
und der Entschlossenheit der deutschen Politik und kom mt es darauf an,
ob das deutsche Volk seinen W illen zur politischen Existenz bew ahrt oder
ob es sich psychisch und moralisch zerm ürben läßt, so daß es damit ein­
verstanden w äre, aus seinem eigenen Fleisch und Blut die frem den
L eviathane zu sättigen.
Das ist die furchtbare G esam tlage Deutschlands, in deren Zentrum die
Frage der E ntm ilitarisierung der R heinlande steht. Ein großes und ent­
schlossenes Volk braucht nicht zu verzw eifeln, und es w äre Feigheit, die
Hoffnung aufzugeben. A ber es w äre ein Verbrechen, sich der k laren poli­
tischen B ew ußtheit zu entziehen und vor den schlimmsten Möglichkeiten,
auch w enn sie hoffentlich n u r Möglichkeiten bleiben, die Augen zu ver­
schließen. Insbesondere w äre es eine unverantw ortliche Selbsttäuschung,
anzunehm en, daß heute die zwischenstaatlichen Beziehungen im wesent­
lichen bereits m oralisiert und verrechtlicht seien, und daß man theoretisch
und praktisch behaupten könne, das D enken und Fühlen der Völker sei
108 Völkerrechtliche P roblem e im R hein geb iet

schon entpolitisiert. Trotz aller propagandistischen A usnutzung m oralischer


und juristischer Begriffe ist die W elt immer noch in einem hochpolitischen
Zustand; sie gruppiert sich immer noch nach F reund und Feind und jene
M oralisierung und Juridifizierung, einschließlich der „E ntpolitisierung“,
dient ganz konkreten politischen G ruppierungen und Interessen. Die
Völker leben leider immer noch „untereinander im N aturzustand“. Das
haben die großen N aturrechtslehrer des 17. und 18. Jahrhunderts, und zw ar
gerade auch große V ölkerrechtslehrer behauptet, und auf diese Form el
möchte ich unter dem Eindruck der letztjährigen E rfahrungen nachdrück­
lich hinweisen. Die Formel vom „N aturzustand“ ist kein absolutes Dogma,
wohl aber eine sehr ernst zu nehm ende Umschreibung für bestim m te Seiten
und Eigenarten zwischenstaatlicher Beziehungen; sie bew eist m ehr intel­
lektuelle Redlichkeit als die meisten unterschiedslosen R edensarten von
der Herrschaft „des“ Rechts; sie läßt das, was es im V ölkerrecht an echtem
Recht gibt, in seiner spezifischen O rdnung erkennen und verm eidet dadurch
irreführende Ü bertragungen aus wesentlich anderen Rechtsgebieten, ins­
besondere aus dem innerstaatlichen Privatrecht; sie geht von dem P luralis­
mus der konkret existierenden Staaten aus und verm eidet die illusorische
Fiktion einer W elteinheit; und endlich gibt sie ein prägnantes, in zahl­
reichen Fällen der W irklichkeit entsprechendes Bild. W ie von selbst hat
sich im Lauf der vorliegenden kurzen A usführungen imm er w ieder eine
Tierfabel eingestellt, als treffende Illustration der völkerrechtlichen W irk­
lichkeit. W arum drängen sich jedem Deutschen, der über die Behandlung
seines Landes in diesen letzten zehn Jahren nachdenkt, jene T ierfabeln
auf? W arum könnte man an der H and irgendeines klassischen Fabel­
buches, Aesop oder Lafontaine, eine klare, einleuchtende Theorie der Poli­
tik und des Völkerrechts entwickeln und die bekannten Geschichten — vom
Wolf und dem Lamm, dem Storch und den Fröschen, von der Schuld an der
Pest, welche Schuld natürlich den Esel trifft — ohne w eiteres auf Deutsch­
land übertragen? H ier zeigt sich der Sinn jen e r lehrreichen und frucht­
baren Formel vom „N aturzustand zwischen den V ölkern“. In ihm geht
jedes Volk erbarmungslos zugrunde, das sich seiner konkreten Lage nicht
m ehr gewachsen zeigt und sich auch n u r einen Augenblick bereden läßt,
sein natürlichstes, selbstverständlichstes und allererstes Recht zu vergessen,
nämlich das Recht auf eine freie, unabhängige, einige und ungeteilte
Existenz.