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27 | Laokoon verzweifelt gesucht:

Die Figur im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst


Agnes Henning
mit einem Anhang von Simone Vogt

Bei der Erfolgsgeschichte der antiken Skulpturen- ser Stelle steht weniger im Fokus, welche Version auf
gruppe des Laokoon seit dem 16. Jahrhundert erstaunt welchen Autor zurückgeht oder wie Urfassungen durch
es, dass in der Antike die Episode um den tragischen andere Quellen zu ergänzen sind, als vielmehr, welche
Tod des trojanischen Priesters nur selten thematisiert Handlungsmotive erhalten und somit damals bekannt
wurde. Insgesamt sind es wenige schriftliche und bild- waren, um gegebenenfalls Einfluss auf die Bildkunst
liche Zeugnisse, die im Handlungsrahmen des Unter- gehabt zu haben (Abb. 1).
gangs von Troja von Laokoon erzählen. Dabei fällt Betrachtet man die erhaltene griechische Literatur der
auf, dass in der antiken Literatur nicht ein einheitli- archaischen bis hellenistischen Zeit zum Untergang
cher Erzählstrang vorherrschte, sondern verschiedene Trojas, so wird zunächst deutlich, dass Laokoon in
Versionen mit mehr oder weniger starken Abweichun- ­v ielen Werken gar nicht vorkommt 2 . Am offensicht-
gen existiert haben müssen. Dies mag erklären, wa- lichsten ist dies in der Illias des Homer. Das Epos
rum es in der antiken Bildkunst keine klar etablierte kommt gänzlich ohne den Tod des trojanischen Pries-
Darstellungsform des Laokoon gab, denn auch die er- ters aus.
haltenen Bilder unterscheiden sich oder sind gar nur Grundsätzlich ist die Laokoonepisode in die Ereig-
schwer einzuordnen. nisse um das hölzerne Pferd eingebunden, in dessen
Ausgehend von der vatikanischen Skulpturengruppe Bauch versteckt die Griechen schließlich in die Stadt
müssen wir uns die Frage stellen, ob die rhodischen Troja gelangen werden. Als die früheste Überlieferung
Bildhauer einen bestimmten Überlieferungsstrang, wird eine Ilioupersis des Arktinos von Milet angese-
konkrete Handlungsmotive oder etwa eine etablier- hen, der im 8. Jh. v.Chr. gelebt haben und ein Schüler
tes Bild im Blick hatten, als sie ihr Werk schufen, oder des Homer gewesen sein soll 3. Von der Schrift, die
ob sie gar bewusst davon abwichen bzw. aufgrund des noch dem kaiserzeitlichen Autor Proklos vorgelegen
Bildmediums dazu gezwungen waren. Dazu ist es zu- haben muss, so dass dieser eine knappe Inhaltsangabe
nächst wichtig, sich nochmals die einschlägigen vor- erstellen konnte (Abb. 1), sind nur wenige originale
kaiserzeitlichen Erzähl- und Darstellungsmomente Verse erhalten geblieben. Aus der Zusammenfassung
zu vergegenwärtigen. Mit der Aeneis des Vergil, die des Proklos erfahren wir jedoch4, dass die Trojaner
am Ende des 1. Jhs. v.Chr. veröffentlich wurde, kam angesichts des hölzernen Pferdes beratschlagen, was
eine neue und sicher sehr bekannte Version der Epi- zu tun sei, und letztlich beschließen, es als Weihegabe
sode im Umlauf. Hier lohnt es sich zu beobachten, ob für Athena anzusehen. Sie feiern ein Fest, in dessen
und wie sie gegebenenfalls die folgende Bildkunst Verlauf zwei Schlangen den Laokoon und einen sei-
beeinflusste. Dies betrifft auch die Statuengruppe des ner Söhne töten – ohne einen für den Leser ersichtli-
Laokoon und seiner Söhne, die es nun spätestens in chen Grund 5. Aeneas ist darüber so beunruhigt, dass
der frühen Kaiserzeit gab und die Plinius d. Ä. etwas er das Geschehen als Zeichen versteht, mit den Sei-
später als Meisterwerk rühmte. Aufgrund dieses Sta- nen aus Troja zu fliehen. Damit dient der Tod des La-
tus als opus nobile sowie der Bekanntheit der Aeneis okoon als Anstoß für Aeneas, die Stadt zu verlassen,
möchte man für die Folgezeit eigentlich entsprechende die dem Untergang geweiht ist.
Reflexe der Skulptur bei anderen Kunstwerken anneh- Eine ganze Tragödie hingegen muss Sophokles der Per-
men; auch danach wird zu fragen sein. son des Laokoon gewidmet haben, von der wir leider
ebenfalls nur noch wenig kennen6. Vom Original des
attischen Dramas des 5. Jhs. v.Chr. sind lediglich we-
Der fragmentarische Laokoon: nige Verse erhalten, jedoch überliefern antike Kom-
­Zeugnisse der griechischen Literatur mentare einige seiner Bestandteile (Abb. 1). Die Hand-
Die antiken, uns überlieferten literarischen Zeug- lung als solche entspricht in der groben Erzählstruktur
nisse zur Laokoonepisode sind ein unter verschiede- dem älteren Text: Es gibt offenbar ein Fest und zwei
nen Aspekten bereits vieldiskutiertes Thema1. An die- todbringende Schlangen kommen zu Laokoon und

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Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

seinen Söhnen, was für Aeneas wiederum Anlass für hingegen bei Sophokles und auch Pseudo-Apollodor
seinen Aufbruch ist. Jedoch lassen sich wichtige Er- beide Söhne umkommen, Laokoon aber vielleicht so-
gänzungen und Unterschiede festhalten: So besitzen gar überlebt. Erst in der hellenistischen Literatur des
die beiden Schlangen bei Sophokles Namen, nämlich Euphorion sind es Laokoon und seine beiden Söhne, die
Porkis und Chariboia (Abb. 1). Darüber hinaus weicht sterben. Während in den Episoden der archaischen und
eines der für uns wichtigsten Grundmotive im Ver- klassischen Zeit die Ermordung des Priesters als ein
gleich zur älteren Version ab: Es werden beide Söhne göttliches Zeichen verstanden wird, das dem ­Aeneas
von den Schlangen getötet; über das Schicksal des La- Anlass zur rettenden Flucht gibt, sucht die hellenisti-
okoon erfahren wir nichts weiter, so dass es sein mag, sche Überlieferung im Frevel eine persönliche Schuld
dass er in der Fassung des Sophokles das Geschehen des Laokoon14.
sogar überlebt, um am Ende der Inszenierung auf der Somit müssen wir also davon ausgehen, dass es ver-
Bühne zurückzubleiben7. schiedene griechische Versionen gab, die von Laokoon
Ein Bindeglied zwischen der Version des Arktinos erzählten. Auch wenn das grundsätzliche Geschehen,
und der klassischen Tragödie des Sophokles könnte nämlich die Tötung von Menschen durch zwei Schlan-
Pseudo-Apollodor gewesen sein, der vermutlich erst gen, einheitlich formuliert ist, so herrscht keine Ei-
im 2. Jh. n.Chr. wirkte8. Hier flossen die ältere und die nigkeit über die Anzahl der getöteten Personen. Bei
jüngere Fassung möglicherweise zusammen 9 (Abb. 1). einigen Überlieferungen mögen uns auch wesentliche
Das Pferd befindet sich schon in der Stadt. Kassandra Bestandteile fehlen, die in der Nachantike verloren
und Laokoon warnen beide davor, weil sie eine List gegangen sind, ganz abgesehen von weiteren antiken,
der Griechen befürchten, was zugunsten der Deutung jedoch zerstörten Episoden, die wir gar nicht mehr
des Pferdes als Weihegeschenk in den Wind geschla- nachvollziehen können.
gen wird. Bei einer Opferfeier fressen zwei Schlan-
gen, die Apoll über das Meer geschickt hatte, die bei-
den Söhne des Laokoon auf. Damit bestätigt sich vor Unfassbar: Vermeintliche Bildzeugnisse
allem die sophokleische Überlieferung, in der beide vor der römischen Kaiserzeit
Söhne umkommen, jedoch nicht ihr Vater. Alle Erzählversionen des Laokoon haben einen pro-
Für das 5. Jh. v.Chr. besitzen wir weitere, jedoch eben- minenten Kontext, nämlich die Ereignisse um den
falls nur fragmentarische Informationen über eine li- Untergang Trojas. Laokoon spielte jedoch in der grie-
terarische Fassung der Laokoonepisode. Bakchylides, chischen Bildkunst eigentlich keine Rolle. Weder in
der von Servius in seinem Aeneis-Kommentar erwähnt der attischen Vasenmalerei noch in der hellenistischen
wird, führt ebenfalls die beiden Schlangen an und Groß- oder Kleinplastik – um nur diese prominenten
nennt neben Laokoon noch dessen Ehefrau10 (Abb. 1). Gruppen von Bildmedien zu nennen – ist die Figur
Welche Rolle diese Frau innerhalb der Episode spielt, heute noch eindeutig nachweisbar. Und das, obwohl
ist aus dem Befund nicht mehr ersichtlich11. Troja durchaus thematisiert wurde. Gerade die viel-
In hellenistischer Zeit wird die Figur der Ehefrau im fältigen Bilder der attischen Vasen des 6. und 5. Jhs.
Zusammenhang mit der Tötung des Laokoon noch- v.Chr. zeigen eindrücklich, dass das Sujet ›Troja‹ ganz
mals zentral. Für den alexandrinischen Dichter Eu- andere Rollenideale und Wertvorstellungen vermitteln
phorion12 , von dessen Werken wir ebenso überwiegend wollte, als es die Figur des Laokoon bedienen konnte.
aus indirekten Quellen erfahren (Abb. 1), ist die Frau So sind es überwiegend Kampfszenen, ruhmreiche
des Laokoon Antiope ein wesentlicher Grund für den Helden (und ihre Frevel) oder das Verhältnis von Frau
grausamen Mord des Priesters. Dieser soll nämlich mit und Mann, die sich in der Malerei wiederfinden und
ihr vor dem Kultbild des Apoll geschlafen haben. Die damit zentrale Rollen vermittelten, die für die dama-
Strafe für den Frevel besteht in der Tötung der beiden lige Gesellschaft relevant waren15. Die Episode um
Söhne und des Laokoon durch Schlangen13. Laokoon hatte hier keinen Aussagewert, denn sein
Die in diesem Abschnitt referierten insgesamt gerade Schicksal hatte in diesem Sinn nichts zu bieten.
einmal fünf Zeugnisse für die Laokoonepisode bie- Dennoch gibt es einige wenige Beispiele, die der Lao-
ten bereits verschiedene Handlungsmotive sowohl im koonepisode zugeschrieben werden und die ebenfalls
Ausgang der Ermordung als auch im Grund für die schon vielfach besprochen wurden16. Ihre Zuordnung
Tötung. In der frühesten Variante des Arktinos von wirft allerdings aufgrund verschiedener Faktoren Fra-
Milet werden Laokoon und nur ein Sohn getötet, wo- gen auf.

c Abb. 1 Übersicht über die Handlungsmotive der Laokoonepisode in der antiken literarischen Überlieferung

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Die antike Statuengruppe

Das zweite Beispiel zeigt eine Szene, die in ihrer


Komposition erstaunliche Parallelen zu dem lukani-
schen Glockenkrater aufweist, auch wenn sie nur frag-
mentarisch erhalten und im Stil später anzusetzen ist
(Abb. 3) 19. Der heute leider verschollene Teil 20 wohl
eines Kraters datiert an das Ende der ersten Hälfte des
4. Jhs. v.Chr. und somit etwa ein halbes Jahrhundert
später als das erste Stück.
Zunächst fällt wieder ein Standbild ins Auge, das auf
einer Basis steht und in den Händen einen Bogen sowie
eine Phiale hält. Zwei prominente, unterschiedlich ge-
musterte Schlangen winden sich um das Kultbild. Le-
diglich der Kopf des unteren Reptils hat sich erhalten,
das mit seinem Maul einen menschlichen Arm packt.
Am Boden davor liegen zwei Unterschenkel mit Fü-
ßen. Dieser Teil des Bildes wird durch einen großen
Dreifußkessel, der das Geschehen in ein Heiligtum
verlagert, von einer Frau auf der rechten Seite getrennt,
die ihre Arme erhoben hat und im Laufschritt in Rich-
z Abb. 2 Unteritalisch-rotfiguriger Glockenkrater des Pi- tung des Standbildes eilt; was sie hält, ist nicht mehr
sticci-Malers mit mythologischer Szene, evtl. Laokoon, erhalten. In Anlehnung an den lukanischen Glocken-
Antikenmuseum Basel
krater ist in ihr jedoch die Frau zu erkennen, die über
Chronologisch am Beginn stehen zwei rotfigurige Va- ihrem Kopf mit einer Axt ausholt. Auf dem Scherben
sen aus Unteritalien17. In die spätere zweite Hälfte des sind auf der linken Seite noch zwei weitere Figuren zu
4. Jhs. v.Chr. gehört zunächst ein lukanischer Glocken- sehen: Zunächst steht dort der Gott Apoll in mensch-
krater des Pisticci-Malers18. Die Vorderseite zeigt eine licher Gestalt mit dem Lorbeerstamm, ihm zur Seite
Darstellung, die dem Laokoonmythos zugeschrieben folgt Artemis, die einen Bogen in der Hand hält. Nicht
wird (Abb. 2). Die vierfigurige Szene gibt in ihrem erhalten, aber vermutlich zu ergänzen, ist der bärtige
Zentrum einen Mann und eine Frau wieder. Beide wen- Mann auf der rechten Seite hinter der Frau mit der Axt,
den sich in emotionaler Bewegung nach links zu der der sich so verzweifelt ins Haar fasst.
Figur eines jungen, nackten Mannes, der aufgrund ei- Bestimmte Bildelemente dieser beiden so ähnlichen
ner Basis als Standbild anzusprechen ist. Ein Lorbeer- Darstellungen lassen schnell an die Laokoonepisode
kranz, ein Lorbeerstamm und ein Bogen kennzeich- denken. Zunächst sind es die beiden Schlangen 21, die
nen ihn als den Gott Apoll, weshalb dessen Kultbild offenbar irgendwie mit menschlichen Körperteilen
gemeint ist. Um dieses winden sich zwei Schlangen, und damit möglicherweise mit der Tötung eines Men-
die etwa auf Brusthöhe in Richtung der beiden Mittel- schen im Zusammenhang stehen. Auch Apoll – in den
figuren schauen. Nun fällt unser Blick nochmals zu- Vasenbildern einmal als Standbild und einmal als ›le-
rück auf diese zwei Personen. Die Frau ist kurz davor, bendiger‹ Gott dargestellt – ließe sich ohne weiteres
mit einer Axt, mit der sie hoch über ihrem Kopf aus- auf Laokoon beziehen, spielt sich das Geschehen doch
holt, in Richtung des Kultbildes zu schlagen. Der bär- in mehreren Überlieferungen im Heiligtum des Apol-
tige, nur mit einem Mantel bekleidete Mann hinter ihr lon Thymbraios ab bzw. Apoll schickte die beiden
greift sich verzweifelt ins Haar. Der Grund für diese Schlangen, um zu töten 22 . Als Laokoon wird der ver-
Emotionen ist offenbar am Boden vor der Kultstatue zweifelte bärtige Mann auf dem Glockenkrater ange-
zu suchen. Hier liegen mehrere kleinere Bestandteile sehen. Die Frau wäre seine Ehefrau Antiope, die das
einer jungen männlichen Figur: der Rumpf mit dem Geschehen nicht erträgt.
Kopf im Profil, dessen Auge geschlossen ist, ein Un- Versteht man die Bilder in diesem Sinn, so ergibt sich
terschenkel mit Fuß, ein Unterarm mit Hand sowie daraus ein Erzählstrang, der in seiner Grundstruktur
zwei weitere, schwer zu bestimmende Teile. Auf der zwar an das erinnert, was uns überliefert ist, diesem
rechten Seite außen steht rahmend und in menschli- jedoch nicht entspricht; vielmehr fügt sich daraus – so-
cher Gestalt nochmals der Gott Apoll mit den glei- fern es wirklich eine Laokoonepisode ist – eine ganz
chen Attributen wie die Kultstatue, der seinen Kopf neue Version, die sich in etwa wie folgt liest: Die Szene
zum Geschehen wendet. spielt sich in einem Heiligtum des Apoll ab; zu ihm

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Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

gehören wohl auch die beiden Schlangen. Der Gott ist


in doppelter Funktion dargestellt. Einmal erscheint
er in menschlicher Gestalt als Urheber des Gesche-
hens, das andere Mal verkörpert das Kultbild in der
Tötungs-Szene für Laokoon und seine Frau den Gott.
Laokoon mit seinem Bart und dem Mantel könnte als
Priester des Apoll gedeutet werden. Die beiden Schlan-
gen haben einen Sohn (zwei Söhne erschließen sich
nicht aus dem Bild) des Laokoon zerbissen und getö-
tet. Laokoon und seine Frau haben überlebt und sind
voller Schmerz über diesen Verlust, so dass Antiope
auf das Kultbild des Unheil bringenden Gottes Apoll
mit der Axt losgeht, um den Tod noch zu verhindern
oder zu rächen.
Man mag dem entgegenhalten, dass eine literarische
Überlieferung nicht einfach mit einem gemalten Bild
verglichen werden kann. Bestimmte Dinge müssen
im bildlichen Medium anders formuliert werden, um z Abb. 3 Fragment eines unteritalisch-rotfigurigen Kra-
den gewünschten Effekt zu erzielen. Dazu könnten die ters mit mythologischer Szene, evtl. Laokoon, ehemals
Ruvo, Sammlung Jatta, heute verschollen
beiden auffälligen und gleichzeitig auch erschrecken-
den Darstellungen gehören 23, welche die menschlichen gödie des Sophokles genannt 24. Stärkstes Argument
Einzelteile des getöteten Sohnes zeigen und in einem scheint dabei die chronologische Übereinstimmung zu
Fall sogar eine der Schlangen einen Arm in ihrem sein. Sowohl die Tragödie über Laokoon als auch das
Maul hält. Die Schlangen haben den Sohn erst zerlegen Vasenbild auf dem lukanischen Glockenkrater fallen
müssen, bevor sie ihn fressen können, was nicht dem etwa in die gleiche Zeit. Hinzu kommt, dass die äu-
natürlichen Verhalten von Schlangen entspricht. In der ßerst fragmentarisch überlieferte Tragödie in den Er-
Regel schlucken sie ihre Beute in Gänze hinunter. Im klärungsmodellen am meisten Möglichkeiten für den
Bild wäre es aber schwierig geworden, eine Schlange eher ungewöhnlichen Tathergang im Bild lässt, was
einen ganzen Menschen hinunterwürgen zu lassen, zu- aber auch keine befriedigende Erklärung liefert. Es
mal es hier zwei Schlangen sind, die sich die Mahlzeit ist durchaus vorstellbar, dass in einem Bühnenstück,
irgendwie hätten teilen müssen. Somit ist klar, dass das sich allein mit der Figur des Laokoon auseinan-
sich durchaus Unterschiede in der l­iterarischen und dersetzte, auch seine Ehefrau eine wesentliche Rolle
bildlichen Überlieferung ergeben können. spielte. Belegt ist dies jedoch nicht. Hinzu kommt,
Schwieriger wird es jedoch, wenn man die Frauenfigur dass bei Sophokles nachweislich beide Söhne getötet
und ihre Position in der Bildgestaltung betrachtet. Die werden, was sich in den Vasenbildern nicht wiederfin-
vermeintliche Antiope spielt nämlich innerhalb der det 25. Womöglich haben wir es sogar mit einer gänz-
Komposition die zentrale Rolle, und nicht Laokoon. Sie lich verlorenen Tragödie zu tun, deren Inhalt wir gar
steht nicht nur räumlich im Mittelpunkt des Gesche- nicht mehr kennen.
hens, sondern ihr Tun ist auch so ungeheuerlich, dass Das Argument, dass die Freundschaft zwischen So-
es eine wesentliche Bedeutung in der Erzählstruktur phokles und Herodot, der im Jahr 444/443 v.Chr. an
gehabt haben muss. Man fragt sich unweigerlich, was der Gründung der ersten panhellenischen Kolonie in
denn nun passieren wird, wenn sie auf das Kultbild Unteritalien, nämlich Thurioi, beteiligt gewesen ist,
einschlägt. Wird sie bestraft, begeht sie gar Selbst- diese Version nach Lukanien brachte, ist zu gerad-
mord? Eine derartige Tat muss Auswirkungen auf die linig gedacht 26. So müssen wir die These, dass von
Weiterführung der Episode gehabt oder sie aber gar Thurioi aus die unteritalische Vasenmalerei ihren Aus-
bestimmt haben. Der Betrachter des Bildes wird die gang nahm 27, mittlerweile relativieren 28. Viele andere
Konsequenz gekannt haben. Innerhalb der ­erhaltenen ­Faktoren werden die Produktion auf verschiedenen
Troja-Überlieferungen ist dafür jedoch kein Raum. Wegen bedingt haben, und der Pisticci-Maler hatte
Vielmehr laufen dort alle Fäden zum Untergang der vermutlich eher künstlerische Kontakte nach Meta-
Stadt und zum Aufbruch des Aeneas zusammen. pont und Tarent.
Auf der Suche nach einer literarischen Vorlage der Sollte es sich trotz all dieser Einwände bei den beiden
beiden Vasenbilder wurde bereits häufiger die Tra- unteritalischen Vasenbildern um eine Laokoonerzäh-

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Die antike Statuengruppe

z Abb. 4 Vergil, Aeneis, Handschrift von 1473/1474 aus der Biblioteca Apostolica Vaticana, 2. Buch, Verse 195–220 mit der
Laokoonepisode, Universitätsbibliothek Heidelberg

lung handeln, so geht diese nicht auf eine uns litera- italischen Vasen weder eine der bekannten und erhalte-
risch überlieferte Fassung zurück. Vielmehr könnte nen Textversionen widerspiegelt, noch die dargestellte
es sich um eine Episode handeln, die stärker die Ehe- Variante den rhodischen Bildhauern als Vorbild ge-
frau des Laokoon in den Mittelpunkt stellt, ja viel- dient hat.
leicht sogar eine uns unbekannte Mythenszene zeigt, In der Diskussion um ein mögliches plastisches Vor-
die von einem unschuldig getöteten Kind, Schlangen bild für die vatikanische Gruppe wird auch immer
einer Gottheit und einer sich widersetzenden Mutter wieder eine etruskische Gemme angeführt, die den
erzählt 29. Laokoon und seine beiden Söhne umwunden von
Aus der Sicht der vatikanischen Gruppe bleibt schließ- Schlangen darstellt 30. Sie zeigt in der Mitte den bär-
lich festzuhalten, dass die Szene auf den beiden unter- tigen nackten Laokoon sowie seitlich davon seine bei-

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Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

z Abb. 5 Vergil, Aeneis, Handschrift von 1473/1474 aus der Biblioteca Apostolica Vaticana, 2. Buch, Verse 221–248 mit der
Laokoonepisode, Universitätsbibliothek Heidelberg

den ebenfalls nackten und etwas kleineren Söhne. Ins- lich geklärt 32 . Auf der einen Seite des Für und Wi-
gesamt drei Schlangen winden sich um verschiedene der steht die vermeintlich antike Arbeitstechnik des
Körperteile, wobei die drei Köpfe in jeweils eine Figur Gemmenschnitts, die ausschließlich in Etrurien ab
zu beißen versuchen; eine Variante, die ausschließ- dem 3. Jh. v.Chr. praktiziert wurde33. Auf der ande-
lich hier vorkommt. Aufgrund der Bildkomposition ren Seite wiegen die vielen nachantiken und damit
ist die Gemme jedoch ein wesentliches Argument in gefälschten Gemmen schwer, die eindeutig den wie-
der Frage nach einer hellenistischen Bronzeskulptur dergefundenen Laokoon reproduzieren, teilweise so-
des 2. Jhs. v.Chr., die der marmornen Fassung vor- gar mit seinen neuzeitlichen Ergänzungen 34. Grund-
ausgegangen sein soll 31. Die Echtheit dieses Karneol sätzlich ist diese eine Gemme – schon aufgrund der
ist aber heftig umstritten und bis heute nicht wirk- Unterschiede im Aufbau und im Stil – jedoch kein

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Die antike Statuengruppe

überzeugendes Argument für ein Bronzeoriginal mit Endlich ein Held: Der Laokoon des Vergil
Vorbildfunktion 35; hier würde man andere Reflexe in
der Bildkunst erwarten. Die ausführlichste Schilderung der Laokoonepisode
Insgesamt lässt sich an dieser Zusammenstellung ab- findet sich in der Aeneis des römischen Autors Ver-
lesen, wie marginal sich die Laokoonepisode in der gil (Abb. 4. 5). Damit befinden wir uns auch in der
vorkaiserzeitlichen Bildkunst niederschlug. Allein für glücklichen Lage, einen Originaltext vorliegen zu ha-
Unteritalien können wir möglicherweise eine stark abge- ben, so dass wir in der Bestimmung der Handlungs-
änderte Variante der Überlieferung festhalten, die sich in motive nicht mehr auf Sekundärquellen zurückgreifen
der Vasenmalerei erhalten hat. Sie ist insgesamt jedoch müssen (Abb. 1).
zu unsicher und überhaupt nicht mit der vatikanischen Das Epos der Aeneis, das sich um den mythischen Hel-
Gruppe in Verbindung zu bringen. Offenbar wurde in den Aeneas rankt, ist als Auftragswerk des römischen
der griechischen Bildkunst die Tötung des Priesters und Kaisers Augustus zu verstehen. Vergil hatte Octavian,
seiner Söhne durch die Schlangen nicht als Schlüssel- der sich ab 27 v.Chr. Augustus nannte, in Rom ken-
szene innerhalb der Ereignisse um Troja wahrgenom- nen gelernt, wurde von ihm persönlich gefördert und
men, die für sich allein hätte stehen können. Es ergab pries ihn schon in früheren Werken als gottgesandten
sich für den Betrachter kein relevantes Rollenbild des Retter Italiens36. Mit der Person des Aeneas, der als
Laokoon, an das er hätte anknüpfen können. Hinzu ka- einer der homerischen Helden aus dem brennenden
men die verschiedenen Überlieferungsstränge, die kein Troja fliehen kann und schließlich nach langer Irrfahrt
einheitliches Bildschema entstehen ließen. Vielmehr nach Latium gelangt, um dort eine Stadt zu gründen,
waren es andere und eindeutigere Begebenheiten, die aus der in der Nachfolge Rom erwächst, schuf Vergil
bestimmte Aspekte aus der mythischen Vorzeit der Grie- einen Protagonisten, der auf den ersten Blick nicht
chen symbolisierten und damit einen Bezug zum dama- unmittelbar Augustus selbst als Hauptfigur erkennen
ligen gesellschaftlichen Diskurs herstellten. Dies sollte ließ, ihn indirekt aber sicher meinte. Aeneas, der tro-
sich erst in der frühen Kaiserzeit ändern. janische Urahn der Römer 37, verkörpert durch seine
pietas, die er über alle persönlichen Anliegen stellt,
x Abb. 6 3D-Modellierung der Skulpturengruppe des genau die Tugend, die der erste römische Kaiser da-
­Laokoon in dem aus der Antike überlieferten Zustand
mals propagierte. Nach den Wirren der Bürgerkriege
war es Augustus, der Rom ideologisch neu gründete
und in das Goldene Zeitalter führte. Mythische Ver-
gangenheit und politische Gegenwart verschmolzen
damit in der Aeneis38.
Der Abschnitt über den Tod des Laokoon und seiner
Söhne ist Bestandteil des 2. Buches der Aeneis. Aeneas
hatte es nach seiner Flucht aus Troja zunächst über
Jahre in den östlichen Mittelmeerraum verschlagen,
bevor er nach Nordafrika gelangte, wo er im Hause der
Dido im Rahmen eines Gastmahls von den ­Erlebnissen
um die Eroberung Trojas durch die Griechen berichtet.
Er beginnt seine Erzählung an dem Morgen, an dem
die Trojaner den Strand von den Griechen verlassen
vorfinden. An deren Stelle stoßen sie lediglich auf ein
großes hölzernes Pferd. Sofort entbrennt eine Diskus-
sion, was mit dem Pferd zu tun sei. Hier tritt Laokoon
nun zum ersten Mal auf39: Er warnt die Trojaner, die
List der Griechen erkennend und die kommenden Er-
eignisse voraussagend. Zum Beweis schleudert er eine
Lanze in das Pferd, die jedoch dumpf im Holz stecken
bleibt und seine Ahnung zu widerlegen scheint.
Die Erzählung wird nun unterbrochen von der Gefan-
gennahme des Sinon, der scheinbar als einziger von
den Griechen als Deserteur zurück gelassen worden
war. Er hat jedoch den Auftrag, den im Pferd ver-

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Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

steckten Griechen heimlich zu helfen. Nach diesem ganzer Wucht ins Rollen bringt. Erst dadurch wird
längeren Abschnitt schwenkt Vergil/Aeneas zurück Troja untergehen, Aeneas wird sich auf seine Flucht
zu Laokoon40, indem er ankündigt, dass nun etwas und Irrfahrt begeben, an deren Ende er aufgrund sei-
Furchtbares passieren wird. Laokoon, der durch das ner pietas und durch die fata gesteuert in Latium lan-
Los zum Priester des Neptun bestimmt worden war41, det. Der Tod des Laokoon ist also nicht– wie in frühe-
ist gerade dabei, einen Stier am Opferaltar zu schlach- ren Episoden – das Zeichen für Aeneas Aufbruch, der
ten, als sich zwei Schlangen aus dem Meer der Küste sich bei Vergil vielmehr noch in den Kampf mit den
nähern. Vergil/Aeneas beschreibt die beiden Schlan- Griechen stürzt und dem erst später Venus zur Flucht
gen in eindrücklichen Bildern: ihre Kämme glühen rät46, sondern Symbol für den Untergang Trojas und
blutrot, brennend starren die Augen von Blut und Feuer die daraus resultierende Gründung Roms 47.
unterlaufen, mit zuckenden Zungen lecken sie sich zi- Vergil veränderte den Mythos ganz klar in seinem
schend ihre Mäuler42 . Die beiden furchteinflößenden Sinne, auch wenn sich die Grundstruktur mit den äl-
Ungeheuer haben nur ein Ziel: Laokoon und seine teren Versionen durchaus vergleichen lässt. Um die
Söhne, die sie zuerst umschlingen und sich an ihnen ­Aeneis an die augusteische Ideologie anzupassen,
mit Bissen weiden43, sie also offenbar durch Zerbeißen konnte der römische Autor gar nicht anders, als be-
töten. Der Vater versucht noch, mit Waffen die todbrin- stimmte Elemente abzuwandeln. Besonders deutlich
genden Tiere abzuwehren, jedoch wird er nun eben- zeigt sich dies an der Rolle des Apoll48: War der Gott
falls von den Schlangen umschlungen und gewürgt. in den griechischen Texten derjenige, der den Mord
Er will die Windungen mit den Händen zerreißen, ist in seinem Heiligtum zuließ und der sogar die Schlan-
aber von Geifer und Gift übergossen und kann nur gen schickte, war Apoll für Augustus positiv besetzt,
noch letzte Schreie von sich geben, bevor er ebenfalls hatte er ihm doch bei der entscheidenden Schlacht von
stirbt44. Dieses letzte Aufbäumen weiß Vergil in der Actium beigestanden49. Auch im vergilischen Epos ist
Erzählung mit dem Opferstier zu verflechten, der nun der Gott der Beschützer und Begleiter des Aeneas. Die
ebenfalls aufschreit und – schon vom Opferbeil ver- todbringende Charakterisierung konnte der römische
letzt – vom Altar fliehen kann. Die beiden Schlangen Autor also nicht übernehmen, weshalb Aeneas dem
jedoch streben hinauf zur Burg und verkriechen sich Neptun ein Opfer darbringt und damit hier aus dem
hinter dem Schild des Kultbildes der Athena. Spiel lässt. Die traditionelle Lokalisierung des Gesche-
Für die Trojaner ist die Sache klar: Laokoon hatte hens im Heiligtum des thymbräischen Apoll umgeht
das heilige Holzpferd mit seinem Speer verletzt und Vergil geschickt und trägt damit zur Ehrenrettung des
musste deshalb sterben. Die Stadtmauer wird teilweise augusteisch besetzten Gottes bei 50.
eingerissen, um das riesige Pferd in die Stadt zu zie- Innerhalb des zweiten Buches der Aeneis ist die Lao­
hen, das die Trojaner nun in festlicher Stimmung zur koonepisode bewusst mit anderen Ereignissen ver-
Burg hinaufziehen. Zwei weitere Vorzeichen werden schränkt. Nach der Vorstellung des Laokoon als War-
beflissentlich übersehen: So blieb das Pferd vier Mal nendem schiebt Vergil zunächst ganze 141 Verse ein,
am Tor hängen und ließen die Waffen der Griechen im um den vermeintlichen Deserteur Sinon (s.o.) in aller
Bauch klirren. Auch Kassandra warnt nochmals, aber Ausführlichkeit einzuflechten 51. Dadurch erscheint die
ihren Worten wird kein Glaube geschenkt. Damit ist perfide List der Griechen noch plastischer und die an-
das Schicksal Trojas besiegelt. schließende Tötungsszene wiegt in der Blindheit der
Im Vergleich zu den älteren Versionen zeichnen sich Trojaner noch schwerer, was die Dramaturgie steigert.
die Motive dieser Episode bei Vergil klar ab (Abb. 1): Nachdem man sich den Tod des Laokoon irgendwie zu-
Laokoon warnt vor dem Pferd und somit vor dem Un- rechtgelegt hat, wird dann auch noch die zweite War-
tergang Trojas. Die Götter haben jedoch anderes vor, nung durch Kassandra in den Wind geschlagen. Zwar
und so schickt offenbar Athena, zu der sich später schenkt Vergil der Kassandra an dieser Stelle deutlich
die beiden Schlangen zurückziehen, die todbringen- weniger Raum als dem Laokoon – es sind gerade ein-
den Tiere. Sie ermorden erst die beiden Söhne und mal zwei Verse52 – die Doppelung der menschlichen
den Priester selbst, der gerade für Neptun ein Opfer Warnung ist aber durchaus als stilistisches Mittel zu
vollzieht. Dies allein ist schon ungeheuerlich und be- verstehen 53.
kommt damit nochmals ein stärkeres Gewicht. Denn So plastisch die Schilderung der Laokoon-Begebenheit
jemanden zu töten, der gerade eine heilige Handlung in der Aeneis erscheinen mag, so fällt doch auf, wie
vollzieht, muss eigentlich als Frevel verstanden wer- selten die Schlangen und ihre Opfer in der nachfol-
den45. Damit verkörpert Laokoon einen gottgewollten, genden römischen Literatur rezipiert wurden. Dies ist
aber ungerechten Tod, der die Geschichte Trojas mit vor allem deshalb verwunderlich, da Vergil und die

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Die antike Statuengruppe

und seiner Söhne passte hier nicht hinein. Hinzu kam


wohl eine gewisse Unsicherheit in der Tradierung der
Episode, da es keinen einheitlichen Erzählstrang gab.
Gerade im Vergleich der griechischen Versionen mit
Vergil ergaben sich Unschärfen, die offenbar nicht auf-
lösbar waren; ein Beispiel dafür ist die Frage, wessen
Priester denn Laokoon nun eigentlich war, Apoll oder
Neptun? Wer war also demnach für die Ermordung
verantwortlich? Ebenso mag die Tötung von Laokoon
und seinen beiden letztlich ganz unschuldigen Söh-
nen als nicht angemessen empfunden worden sein; das
›Vergehen‹ der Warnung erschloss sich nicht als Motiv.
Hinzu kam, dass sich als Zeichen für den Untergang
Trojas nicht der Tod des Laokoon durchsetzte – ver-
mutlich bedingt durch die bereits genannten Gründe
– sondern der Tod des Priamos.
Obwohl Vergil also in seiner Aeneis eine Version der
Laokoonepisode geschaffen hatte, die nicht nur beson-
ders anschaulich, sondern auch ideologisch stark auf-
geladen war, bewirkte sie nur wenig Nachhall in der
weiteren Literatur. Im Rahmen des augusteisch gepräg-
ten Epos mit all seinen göttlichen Fügungen mochte
die Symbolträchtigkeit des Laokoon innerhalb der Ge-
sellschaft der frühen Kaiserzeit funktionieren; in an-
z Abb. 7 Pompeji, Haus des Menander, ala 4, Wandmale- deren und späteren Werken ohne diese Botschaft und
rei mit der Darstellung der Laokoonepisode mit anderem Kontext erfüllten der trojanische Priester,
seine Söhne und die Schlangen keine Funktion mehr.
Aeneis grundsätzlich einen bedeutenden Einfluss auf Das Interesse an dem spezifischen Aussagepotential
spätere Autoren hatten 54. Man sollte eigentlich erwar- und an der politisch motivierten Instrumentalisierung
ten, dass die Schlüsselszene des Laokoon als Auftakt der Laokoonerzählung war erloschen.
zum Untergang Trojas mit den von Vergil so schauer-
lich beschriebenen Schlangen genug Stoff lieferte, sie
weiter zu verwenden. Mehr als zeitliche Koinzidenz?
Insgesamt sind es bis in die Spätantike nur wenige Au- Die Statuengruppe des Laokoon und Vergil
toren, die den Laokoon in ihre Werke einfließen lassen. Sofern wir davon ausgehen, dass die vatikanische
Zu ihnen gehören Petron und Tiberius Claudius Dona- Statuengruppe des Laokoon und seiner Söhne in der
tus, die überwiegend die Episode bei Vergil weiter tra- zweiten Hälfte des 1. Jhs. v.Chr. geschaffen wurde
dieren 55. Lediglich Hygin 56 und Quintus Smynaeus57 ( Essay 25), muss der Text Vergils etwa in diese
liefern noch einmal andere Aspekte der Erzählung, Zeit fallen. Auch wenn der Epiker eigentlich ver-
da sie möglicherweise zusätzliche Quellen nutzten fügt hatte, dass sein noch unfertiges Werk nach sei-
(Abb. 1). So nennt Hygin nochmals die Ehefrau des La- nem Tod ­vernichtet werden sollte, so ließ Augustus
okoon, die er gegen den Willen Apolls geheiratet und es recht bald nach dem überraschenden Ableben des
mit ihr Kinder bekommen hatte, was Anlass der Tö- Autors im Jahr 19 v.Chr. herausgeben. Bereits Vergils
tung gewesen sein soll 58. Quintus Smynaeus ­h ingegen Zeitgenossen hatten das Epos noch vor der Veröffent-
berichtet von einer Blendung des Laokoon und einer lichung gerühmt, und viele literarische Zeugnisse
späteren Ermordung lediglich der beiden Söhne59. belegen die hohe Wertschätzung, die ihm entgegen
Die Gründe für die geringen Reflexe ausgerechnet der gebracht wurde. Schnell etablierten sich die Schrif-
Laokoonepisode in der römischen Literatur nach Vergil ten Vergils zur antiken ‚Schullektüre‘. Innerhalb der
mögen vielschichtig sein. So zeichnet sich ab 60, dass augusteischen Gesellschaft müssen bestimmte my-
die späteren Erzählungen um Troja eher von mensch- thologische Themen kursiert haben, die ideologisch
lichem Handeln geprägt sind als von göttlichem Wil- besetzt waren. Vergil griff letztlich mit der Aeneis
len; der grauenvolle und gottgewollte Tod des Laokoon einen Inhalt auf, der sicher vielfach diskutiert wurde.

426
Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

Somit ist davon auszugehen, dass den drei rhodischen


Bildhauern die Laokoonepisode in dieser Ausdeu-
tung bekannt war.
In der späteren Rezeption der Laokoongruppe nach ih-
rer neuzeitlichen Auffindung glaubte man sehr bald,
die vergilische Variante wiederzuerkennen ( Essay
3. 5). Was aber an der Skulptur könnte uns zeigen,
dass die Geschehnisse bei Vergil den Künstlern als
Vorlage dienten? Welche Handlungsmotive finden sich
in beiden Darstellungen wieder oder wie weichen sie
eventuell voneinander ab?
Grundsätzlich sind beide Medien sehr schwer mit-
einander zu vergleichen. Kann die dreidimensionale
Skulptur lediglich eine Momentaufnahme wiederge-
ben, hat die Dichtung die Möglichkeit, wesentlich
mehr Informationen und Details sowohl im Aussehen
als auch in der Handlung bereitzustellen. Die Vorge-
schichte mit dem trojanischen Pferd, die Warnung
durch Laokoon, das Opfer für Neptun, das Herannahen
der beiden Schlangen, all das sind Aspekte, die die
Skulptur nicht liefern kann. Der Betrachter muss ein
gewisses Vorwissen haben, um die Gruppe thema-
tisch richtig einordnen zu können. Somit bleibt für
uns zum Vergleich lediglich der Moment der Tötung
durch die Schlangen.
Auf den ersten Blick übereinstimmend ist die Anzahl
der sterbenden Personen (Abb. 6): Es sind Laokoon
und seine beiden Söhne. Die Reihenfolge verwirrt je-
doch: Töten bei Vergil die Schlangen zunächst die
beiden Söhne durch Bisse (sie müssen anschließend
elend ausgesehen haben) und erwürgen dann erst den z Abb. 8 Pompeji, Haus des Laokoon, Atrium, Wandmale-
Laokoon, so zeigt die Gruppe einen jüngeren Sohn, rei mit der Darstellung der Laokoonepisode

der schon das Bewusstsein verloren hat, Laokoon, der


verzweifelt, aber ohnmächtig alle Kraft aufwendet tar, auf dem sich die schreckliche Tötungsszene ab-
und eindeutig unterliegen wird, sowie einen älteren spielt, deutet sein Priesteramt an und könnte als pars
Sohn, der gerade umschlungen wird und in dem Mo- pro toto für das Opfer stehen, das er bei Vergil gerade
ment noch eine kleine Chance hat, dem furchtbaren im Begriff ist zu vollziehen.
Schicksal zu entrinnen. Die knappe Analyse zeigt jedoch, dass es keinen un-
Auch die Figur des Laokoon ist in den beiden Dar­ mittelbaren Bezug zwischen der Skulpturengruppe
stellungen gänzlich anders wiedergegeben. Stellt Ver- und dem Text des Vergil gibt. Auch wenn man die
gil den Priester heraus, so zeichnet die Skulptur des Verschiedenartigkeit der beiden Erzählmedien berück-
Laokoon nichts aus, was auf dieses Amt hindeuten sichtigt, ergeben sich keine klaren Linien zwischen
würde. Der nackte, bewusst kraftvolle Körper lässt an beiden Werken. Es sind allenfalls Zitate, die den Bild-
vieles denken, nicht aber an einen opfernden Priester hauern als Anregungen gedient haben mögen. Um im
( Essay 22). Gegenzug mögliche Abhängigkeiten der Laokoons-
Andere Aspekte scheinen bei Vergil ihre Entsprechung kulptur von den älteren, griechischen Varianten be-
zu finden. Auch wenn wichtige Teile der Skulptur ver- obachten zu können, fehlen uns schlichtweg die De-
loren sind, lässt sich an ihr doch ablesen, dass Lao- tails in der Überlieferung. Lediglich der ältere Sohn,
koon versucht, sich aus den Windungen der Schlan- bei dessen Statue es bewusst offen bleibt, ob er den
gen zu lösen, wie es in der Aeneis beschrieben wird. Schlangen vielleicht noch entkommen kann, wurde
Ebenso mag man den letzten Schrei des Laokoon mit mit der archaischen Textvariante des A ­ rktinos von
der vergilischen Version zusammenbringen. Der Al- Milet in Verbindung gebracht, in der nur ein Sohn

427
Die antike Statuengruppe

und in ihrer Überwindung durch die Herrschaft des


Augustus, dessen Politik als ein neues friedenbringen-
des Zeitalter gefeiert wurde. In der Kulturpropaganda
der frühen Kaiserzeit, die umfassend auf neue Werte
abzielte und dabei bewusst Mythen politisierte, ist
vielleicht die stärkste Übereinstimmung der Skulptur
mit dem Epos zu finden. Das Bildwerk ist demnach
in einer Atmosphäre entstanden, in der die Figur des
Laokoon als Symbol für den Untergang Trojas ver-
standen werden konnte; ob die drei Bildhauer dies mit
ihrem Entwurf beabsichtigten, ist jedoch fraglich. Zu
sehr sind bestimmte grundlegende Elemente der Epi-
sode des Vergil – wie die Priesterikonographie und der
Altar – zurückgenommen ( Essay 22). Intention der
Künstler und Suggestion der Betrachter mögen hier
auseinander gehen.
Bei der Umsetzung des Bildwerkes könnten die drei
Rhodier alle ihnen zur Verfügung stehenden Laokoon-
Versionen studiert haben. Manche Momente in der Er-
zählung haben sie sicher inspiriert, andere ließen sie
fallen. Insgesamt jedoch schufen sie ein Werk, das
keinen der Texte nur einfach illustrieren sollte. Viel-
mehr war es ihr Anliegen, einen Moment zu schaffen,
der auch ohne zusätzliche Bildelemente extrem dra-
matisch wirkte ( Essay 22). Die gesamte Darstellung
sollte bewusst Emotionen erzeugen und Anlass zur
unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Bildnis
geben, ja teilweise sogar den Ausgang des Gesche-
hens absichtlich hinterfragen. Aus diesem Grund fällt
es uns heute so schwer, die vatikanische Gruppe ei-
ner bestimmten Überlieferung zuzuordnen. Vielmehr
sollten wir die Skulptur davon losgelöst betrachten.

z Abb. 9. 10 Pompeji, Haus des Menander, ala 4, Wand-


malerei mit Darstellung des Einzugs des Trojanischen Laokoon im Bild: Zitate des Vergil
Pferdes und Kassandra (9); Wandmalerei mit Darstel- oder Reflexe der Skulpturengruppe?
lung von Kassandra am Kultbild der Athena (10)
Mit der Aeneis des Vergil und der Skulpturengruppe
61
umkommt . Jedoch setzt dies eine grundsätzliche des Laokoon besitzen wir zwei antike Werke, die be-
Abhängigkeit eines Bildes von einer literarischen Vor- reits im Umfeld ihrer Entstehungszeit gefeiert wur-
lage voraus und spricht den Künstlern von Bildwerken den. Wie für die auf Vergil folgende Literatur (s.o.) ist
jegliches Vermögen ab, eigene mediale Konzepte zu es aber auch für die römische Bildkunst erstaunlich,
entwickeln. Vielmehr übernimmt der ältere Sohn in- wie selten die Episode des Laokoon in der Kaiserzeit
nerhalb der Skulpturengruppe eine bedeutende Rolle Umsetzung fand. Nur wenige Beispiele unterschiedli-
als bildimmanenter Betrachter der grausamen Szene- cher Zeit und Bildmedien haben sich erhalten. Dabei
rie ( Essay 22); seine Darstellungsweise ergibt sich drängt sich die Frage auf, ob die jeweiligen Künstler
demnach aus dem gesamten Bildentwurf und spiegelt möglicherweise das bei Plinius gerühmte Bildwerk
keine literarische Vorlage wider. als Vorlage nahmen oder ob sie sich vielmehr von der
Es ist auffällig, dass die Aeneis des Vergil und die literarischen Überlieferung beeinflussen ließen.
Statuengruppe der drei rhodischen Bildhauer im glei- Chronologisch am dichtesten an unseren beiden
chen gesellschaftlichen Umfeld entstanden sind: in Schlüsselwerken liegen zwei Wandmalereien aus
den furchtbaren Erfahrungen der ausgehenden Bürger- Pompeji, welche die Tötung des Laokoon und seiner
kriege, die den Staat so tiefgreifend erschüttert hatten, Söhne zeigen ( Essay 28). Beide Bilder (Abb. 7. 8;

428
Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

reits tot dargestellt zu sein, was das Blut in seinem


Nacken, die geschlossenen Augen und der seitwärts
gedrehte Kopf anzeigen. Hinter dem Stier sowie hin-
ter einer gewaltigen Rauchwolke befinden sich weitere
Personen als Publikum, die erregt gestikulieren. Ein
Mann und eine Frau blicken dabei von einer zinnen-
bekrönten Mauer, wohl der Stadtmauer Trojas, herab.
Damit ist die dargestellte Szene außerhalb der Stadt
zu lokalisieren65.
Das andere Wandbild stammt von der Südwand des At-
riums des Hauses des Laokoon66 ( Essay 28, Abb. 1)
und datiert etwas früher als das erste Beispiel, nämlich
in das mittlere 1. Jh. n.Chr. Die linke Seite der Wand-
malerei ist verloren. Dennoch lässt sich die Darstellung
gut erfassen (Abb. 8; Taf. 26): Auch hier beherrscht
die Figur des Laokoon das Bild. In seinem purpurro-
ten Gewand hat er sich ebenfalls auf einen Altar ge-
flüchtet, dessen Stufen noch zu erkennen sind. Es wird
eine ähnliche Körperhaltung mit dem Knie auf dem
Altar sein wie im Haus des Menander. Mit seiner lin-
ken Hand versucht er, die eine Schlange abzuwehren,
die sich um seinen Körper gewickelt hat; das Untier
greift von oben an und sucht sich gezielt seinen Weg
zum Hals, um den tödlichen Biss zu setzen. Am Bo-
z Abb. 11 Pompeji, Haus des Laokoon, Wandmalerei mit den vor ihm liegt zwischen allerlei Opfergeschirr einer
der Darstellung von Polyphem und Aeneas der Söhne bereits tot da. Der andere kämpft am rech-
Taf. 26. 27) weisen einige Übereinstimmungen auf. ten Bildrand, ebenfalls schon in der knienden Haltung,
Das besser erhaltene gehört zur Ausstattung ei- mit der Schlange, die sich mehrfach um seinen Körper
nes Nebenraumes (Ala 4) im Haus des Menander gewunden hat und die er mit seinem rechten erhobenen
( Essay 28, Abb. 4) 62 . Diesen Raum erreichten die Arm loszuwerden versucht. Der Opferstier im Hinter-
Besucher bald nach Betreten des Hauses, als sie das grund scheint im nächsten Moment durch das Chaos
Atrium, einen Innenhof, durchschritten. Die bildliche preschen zu wollen. Im Hintergrund des Bildes sind
Ausstattung des Zimmers wird in die Zeit um 60–70 hinter einem größeren Altar mit Windschutz mehrere
n.Chr. datiert63. Insgesamt drei als kleine Tafelbilder Zuschauer zu erkennen. Die gesamte Szene spielt sich
gemalte Szenen sind hier zu sehen64. Das südliche Bild in einem Heiligtum ab, denn im Hintergrund erhebt
(Abb. 7; Taf. 2) zeigt zentral den Laokoon in einem sich eine Mauer, hinter der zarte Bäume aufragen.
langen priesterlichen Gewand. Er ist mehrfach von Vergleicht man beide Bilder miteinander, so fällt auf,
einer Schlange umwunden und hat sich mit seinem dass sich bestimmte Elemente versatzstückartig wie-
rechten Knie schutzsuchend auf einen steinernen Al- derholen: Laokoon im Kampf mit der Schlange mit
tar geflüchtet. Seinen rechten Arm hält er erhoben und einem Knie auf dem Altar, der Angriff der Schlange
versucht damit, sich den beißenden Kopf der Schlange oben beim Kopf des Priesters (jedoch gespiegelt), ein
vom Leibe zu halten. Vor ihm liegt ein umgestürzter toter, ausgestreckter Sohn, der andere kniend und mit
Opfertisch, dessen Utensilien bei dem Gefecht zu Bo- einem Arm die Schlange abwehrend, der Opferstier
den gefallen sind. Der Betrachter bemerkt nun im un- (auch wenn dieser auf dem einen Bild tot, auf dem ande-
teren Drittel des Bildes die Söhne des Laokoon, von ren lebendig ist), das herabgestürzte Obergeschirr und
denen der eine bereits tot und qualvoll verdreht am die Zuschauer im Hintergrund. Beide Wandmalereien
Boden liegt. Der andere ist schon in die Knie gezwun- müssen also direkt oder indirekt von einer ­Bildvorlage
gen, wobei er eine ähnliche Körperhaltung wie sein abhängen, die jeweils leicht variiert wurde67.
Vater einnimmt. Auch er versucht noch, mit seinem Auf Anhieb ist es nicht leicht zu erkennen, ob sich das
linken Arm die Schlange von seinem Körper abzuhal- Bild an Vergil oder gar an der Skulpturengruppe ori-
ten. Im Bildhintergrund ist auf der rechten Bildseite entiert. Zunächst einmal ist hier eine Szene mit vonei-
ein mächtiger Opferstier zu erkennen. Er scheint be- nander getrennten Figuren dargestellt, was der Gruppe

429
Die antike Statuengruppe

zu widersprechen scheint. Jedoch hatte ein zweidi- gen. Im Hintergrund erhebt sich die zinnenbekrönte
mensionales Bild ganz andere Möglichkeiten als ein Mauer Trojas, die eingerissen wurde, um das Pferd
räumlich gedrängtes plastisches Werk. Somit mag die in die Stadt ziehen zu können, wie es auch Vergil
Figur des Laokoon auf dem Altar im Kampf mit der beschreibt71. Die dritte Darstellung (Abb. 10) zeigt
Schlange auf den ersten Blick an die Skulpturengruppe wiederum Kassandra72 , die sich an das Kultbild der
erinnern. Eine derartige Körperhaltung muss jedoch Athena klammert, jedoch von Aiax weggerissen wird.
als ikonographisches Element eines Schutzsuchenden In der linken Bildhälfte ist eine zweite Episode wahr-
verstanden werden68, so dass dies kein Argument für zunehmen: Menelaos zieht seine ehemalige Frau und
eine Abhängigkeit von der vatikanischen Gruppe ist. Auslöserin des Trojanischen Krieges, Helena, an den
Hinzu kommt, dass einer der Söhne eine ähnliche Hal- Haaren und entblößt sie. Priamos als alter gebroche-
tung am Boden einnimmt, die ihn bereits halb besiegt ner Mann trennt die beiden Szenen und blickt verstört
zeigt. Auch die Armhaltung von Vater und Sohn, die auf seine Tochter Kassandra, deren Schicksal er er-
den Schlangenkopf abwehrt, lässt sich nicht unbedingt ahnen kann. Damit sind verschiedene Ereignisse der
auf die antike Skulptur zurückführen, ähnelt sie doch letzten tragischen Nacht Trojas in nur einem einzigen
auffällig den frühen neuzeitlichen Rekonstruktionen Bild wiedergegeben73.
( Essay 6); mit dem ›Pollakschen Arm‹ ist diese Er- Die drei Troja-Episoden im Haus des Menander bil-
gänzung hinfällig ( Essay 8. 20), zumal dies ein sehr den einen Zyklus, dessen Auftakt die Szene mit der
natürlicher Reflex angesichts der Bedrohung ist. Eine Ermordung des Laokoon darstellt. Von dort entwickelt
echte Reaktion auf die von Plinius gerühmte Skulp- sich die Geschichte weiter über den symbolträchtigen
turengruppe lässt sich in den beiden Wandmalereien Einzug des Pferdes bis hin zu den Schlüsselszenen des
demnach nicht beobachten. Untergangs Trojas mit Kassandra. Alle drei Darstel-
Damit rückt nun Vergil als mögliche Vorlage in das lungen lassen sich durchaus auf Vergil beziehen74, da
Blickfeld. Laut seiner Beschreibung hätten die beiden er sie in der Aeneis beschreibt. Auch Details finden
Schlangen erst die Söhne töten müssen, bevor sie sich sich wieder, wie beispielsweise der bereits erwähnte
auf den Laokoon stürzen. Dem mag man aber entgegen Opferstier (s.o.) oder die eingerissene Stadtmauer von
halten, dass in der Darstellungsdramatik der eine noch Troja. Auch das literarische Stilelement75 der doppel-
kämpfende Sohn einen deutlich größeren Effekt erzielt ten Warnung vor dem Pferd durch Laokoon und Kas-
als bereits zwei leblos am Boden liegende. Hier stehen sandra (s.o.) als zweifaches Symbol für den Irrtum der
Bild- und Schriftmedium wieder konträr zueinander, Trojaner ist hier bildlich umgesetzt worden. Dennoch
so dass keine direkte Illustration der Verse zu erwar- gibt es Elemente in der Erzählstruktur der Aeneis, die
ten ist. Auch Laokoon, der sich auf den Altar geflüchtet Vergil stark gewichtete und die in den Wandmalereien
hat, kommt in dieser Körperhaltung nicht bei Vergil
vor. In der Bildsprache war dies jedoch ein gängiges x Abb. 12 Kontorniat mit der Darstellung der Ermordung
Motiv (s.o.). An Vergil erinnert hingegen deutlich der des Laokoon und seiner Söhne, Kunsthistorisches
­Museum Wien
Stier, der in der bildlichen Erzählung keine zwingende
Rolle innehat. Für die Andeutung eines Heiligtums
ist er nicht notwendig, bei Vergil übernimmt er aber
eine wichtige stilistische Funktion (s.o.). Die Malerei
im Haus des Laokoon mit dem noch lebendigen Stier
kommt dieser Vorlage am nächsten.
Für die Frage nach einer literarischen Vorlage für die
beiden pompejianischen Wandbilder lohnt sich ein
Blick auf ihren räumlichen Kontext ( Essay 28).
Beide Laokoonmalereien besitzen Pendantbilder. Im
Haus des Menander schließen sich zwei weitere Sze-
nen vom Ende des Trojanischen Krieges an69: Auf ei-
nem der Tafelbilder ist der Einzug des trojanischen
Pferdes zu erkennen (Abb. 9)70. Kassandra mit einer
Doppelaxt in der rechten Hand fasst nach den Zügeln
des Pferdes und warnt ebenfalls vor dem vermeint-
lichen Weihegeschenk; sie wird jedoch von einem
Trojaner davon abgehalten, das Pferd zu beschädi-

430
Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

fehlen76. Dazu gehört die Episode um Sinon (s.o.), die


er ausführlich beschreibt. Auch Aeneas selbst kommt
bildlich nicht vor, obwohl er doch die Hauptperson des
Epos ist, den man bei einem bewussten Bezug auf das
Werk erwarten sollte. Damit ist durchaus eine Verbin-
dung zu Vergil zu sehen, jedoch entfernen sich die
einzelnen Episoden von der Vorlage. Der Maler im
Haus des Menander kannte ohne Zweifel die Version
des Vergil, die ihm der Besitzer des Gebäudes mögli-
cherweise sogar als Vorlage nannte. Er hatte aber of-
fenbar seinen eigenen Blick auf die Geschehnisse um
den Untergang Trojas, wobei er sich an allgemeingül-
tigen Bildtraditionen und möglicherweise auch an an-
deren Erzählversionen orientierte.
Der vergilische Bezug ist auch im Haus des Laokoon
festzustellen. Das Pendant zum Bild mit der Ermor-
dung des Laokoon stellt eine Wandmalerei mit Ae-
neas bei Polyphem dar (Abb. 11)77. Der Riese steht
im Vordergrund, während dahinter eine felsige Küste
mit dem Bug eines Schiffes sowie Aeneas mit sei-
nen Gefährten zu erkennen sind. Der trojanische Held
begegnete der monströsen Figur auf seiner Irrfahrt
durch das Mittelmeer, was Vergil beschreibt78. Poly-
phem, der in der Antike natürlich vor allem aus der
homerischen Schilderung um Odysseus ausführlich z Abb. 13 Buchmalerei aus dem Kodex des Vergilius
bekannt war, symbolisierte einen grauenhaften To- ­Vaticanus mit der Illustration der Laokoonepisode,
­Biblioteca Apostolica Vaticana
desbringer, hatte er doch die Griechen gefangen und
gefressen. Darin ist möglicherweise die Verbindung zeichnet sich auf manchen Prägungen ein Altar ab,
zu Laokoon zu sehen, der ebenfalls auf schauderhafte auf den er sich kniet 81. Seine beiden deutlich kleine-
Weise umgebracht wurde. Demnach reizte hier mög- ren Söhne sind dicht bei ihrem Vater und werden wie
licherweise der erschreckende Charakter der beiden dieser von den Schlangen angegriffen. Im Bildhinter-
Bilder 79. Auch wenn Polyphem bei Vergil erwähnt grund bläht sich der Mantel des Laokoon auf.
wird und die Malerei Aeneas zeigt, so muss der Be- Die Funktion und Verbreitung der Kontorniaten ist bis-
trachter die schrecklichen, bei Homer geschilderten lang nicht eindeutig geklärt. Auf den Vorderseiten sind
Ereignisse gekannt haben. Kaiserporträts dargestellt wie Nero, Trajan oder Ves-
Die beiden erhaltenen Laokoonbilder in Pompeji sind pasian, so dass es sich möglichweise um Auszeichnun-
also durchaus eine Reaktion auf die Aeneis des Ver- gen oder Erinnerungsprägungen handeln könnte. Für
gil. Allerdings wird deutlich, dass es nicht nur eine die Darstellung des Laokoon ergibt sich in diesem Kon-
reine Bebilderung des Beschriebenen ist, sondern text kein direkter Bezug82; vielmehr ist die Szene eine
hier eine Umsetzung bestimmter Aspekte durch all- von verschiedenen mythologischen Gruppen auf den
gemein ­gültige Bildmotive erfolgte und sich auch an- Rückseiten. Trotz einer vielleicht zunächst offensicht-
dere Überlieferungen in die ikonographische Erzäh- lichen Ähnlichkeit zwischen der vatikanischen Gruppe
lung mischten. und den Kontorniat-Bildern ist auf den ­Prägungen nicht
Laokoon begegnet uns im Bild erst wieder in der Spä- die Skulptur gemeint, sondern lediglich das Thema des
tantike. Auf den so genannten Kontorniaten des 4. und Todes von Laokoon und seinen Söhnen83.
5. Jhs. n.Chr., großformatige, münzähnliche Bronze- Ebenfalls an das Ende des 4. oder den Beginn des 5. Jhs.
Prägungen (Abb. 12), finden sich unter den mythologi- n.Chr. gehört schließlich als letztes Zeugnis eine Buchil-
schen Themen der Rückseiten auch drei Laokoon-Vari- lustration der Aeneis (Abb. 13) 84, welche die Laokoone-
anten, die sich stark ähneln (s.u. Anhang) 80. Laokoon pisode zeigt ( Essay 13). Die Malerei beendet den Text
nimmt dabei die volle Höhe des Bildfeldes ein. Er steht des Vergil zum griechischen Verräter Sinon (s.o.). Somit
mit erhobenen Armen da, und sein bärtiger Kopf wen- sitzt die Darstellung vor der eigentlichen Beschreibung
det sich nach rechts. In der linken unteren Bildhälfte der im Bild ­wiedergegebenen Ereignisse85.

431
Die antike Statuengruppe

Die langrechteckige Illustration ist zweigeteilt und mit vereinen. Somit zeichnet sich hier ein in der Spätantike
Beischriften versehen. In der linken Bildhälfte sind entwickeltes Bildschema ab, das in seinen ­Motiven
zwei Tempel zu erkennen; der eine dürfte den Nep- stärker als der eigentlich zu bebildernde Text war.
tuntempel darstellen, in dessen Heiligtum Laokoon
ein Opfer darbringen wird, der andere ist eventuell
der Athenatempel. Laokoon, der mit seinem Namen Ein Fazit
versehen ist, steht mit einem Opferbeil am Altar, den Zusammenfassend zeigt sich, dass die Skulpturen-
noch lebenden Opferstier heranführend. Im Hinter- gruppe trotz ihrer bereits antiken Wertschätzung
grund zeichnet sich das Meer ab, durch das sich zwei durch Plinius keine direkten Einflüsse auf die römi-
Schlangen winden. Die rechte Bildhälfte erzählt die sche Bildkunst hatte. Man muss sich sogar fragen, ob
Geschichte weiter: Erneut ist laut Beischrift Laokoon das gerühmte Meisterwerk der Öffentlichkeit nahezu
dargestellt. Er hat sich auf den Altar geflüchtet, auf unbekannt blieb. Vielmehr sind die wenigen Darstel-
dem er mit dem rechten Bein kniet. Die Schlangen lungen der Laokoonepisode durch Vergil beeinflusst,
winden sich um seinen Körper und seine beiden erho- wenn auch allgemeine Bildformeln und weitere Er-
benen Arme, an denen die kleinen Söhne rechts und zählstränge zur Wiedergabe bestimmter Handlungen
links hängen, die ebenfalls von den Schlangen atta- und Eigenschaften benutzt wurden, was eindrücklich
ckiert werden. Das Geschehen ist so wild und furcht- die Flucht des Priesters auf den Altar beweist.
bar, dass sich der Mantel des Laokoon über seinem Warum der Laokoon in der römischen Bildkunst ins-
Kopf aufbläht. gesamt so selten dargestellt wurde, könnte ähnliche
Die Malerei liest sich in ihrer Konzeption nicht ganz Gründe wie seine geringe Rezeption in der römischen
schlüssig. Die beiden Figuren des Laokoon unterschei- Literatur haben (s.o.). Die Figur besaß nach der frühen
den sich optisch stark. So ist der Laokoon am Altar Kaiserzeit nicht mehr die Aufgabe innerhalb des tro-
mit dem Stier in der Ikonographie und Tracht eines janischen Mythos, die sie noch bei Vergil hatte. Die
Opferdieners abgebildet – und zwar jugendlich und Bilder aus Pompeji belegen zwar, dass der Laokoon im
ohne Bart. Im Moment der Tötung hingegen ist Lao- 1. Jh. n.Chr. innerhalb der Aeneis eine gewisse Präsenz
koon nackt und bärtig. Damit wird deutlich, dass die hatte, danach hat man die Ereignisse um Troja aber of-
Illustration einen Vorläufer hatte86. Entweder waren fenbar eher mit anderen Bildern verbunden. Aufgrund
es verschiedene Vorlagen, die hier in einem Bild mit- der Bekanntheit Vergils überlebte der Laokoonmythos
einander kombiniert wurden, oder es gab ein Vorbild, im Text der Aeneis und fand noch einmal Reflexe in
das tatsächlich einen Opferdiener am Altar zeigte, der der Spätantike, allerdings nicht mehr in seiner ideo-
später einfach als Laokoon bezeichnet wurde, weil logisch aufgeladenen vergilischen Funktion.
man vermutlich in dieser Zeit die charakteristische
Ikonographie eines römischen camillus (Opferdiener)
nicht mehr kannte. Anhang – Klein und rund:
Die Figur des Laokoon zeigt sich in der Handschrift im Laokoon als Bildmotiv der
Vergleich zu den Darstellungen auf den Kontorniaten
sehr ähnlich87. Gemeinsam ist den beiden Szenen, dass
Kontorniaten
Laokoon nackt und bärtig ist und seine beiden Arme Simone Vogt
nach oben nimmt, hinter denen sich sein Mantel auf-
bauscht. In beiden Bildern sind die Kinder als Klein-
kinder wiedergegeben, die im Schlangengewirr nah Zu den Kontorniaten:
am Körper des Vaters ›kleben‹. Dennoch orientieren Spätantike Besonderheiten
sich die beiden Darstellungsformen nicht an der vati- Unter den antiken Bildzeugnissen für die Tötung des
kanische Gruppe88, auch wenn das auf den ersten Blick Laokoon mögen die medaillonartigen Kontorniaten
naheliegen mag. Vielmehr hatte sich in der Spätantike vielleicht am meisten überraschen 90. Es handelt sich
nochmals eine eigene Bildtradition herausgebildet, in um eine Materialgattung, die immer noch mit vielen
der der Laokoon durch seine Nacktheit h­ eroisiert wird Fragen verbunden ist, vor allem im Hinblick auf ihre
und seine Kinder dicht bei ihm sterben89. Funktion 91. Dass zudem der selten wiedergegebene
Auch der Bezug zu Vergil ist trotz der Buchillustra- Mythos rund um Laokoon und seine Söhne auf neun
tion in der Aeneis nicht klar gegeben: Zwar erinnert bekannten Kontorniaten erscheint 92 , ist darüber hin-
die Szene mit dem Stier an Vergil, die Tötungsszene aus erstaunlich. Aus diesen Gründen lohnt es sich, die
ist aber schwer mit der Schilderung in der Aeneis zu Gattung in Augenschein zu nehmen, um den Nutzen

432
Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

z Abb. 14 Kontorniat, Kunsthistorisches Museum Wien. Vorderseite: Porträt des Nero. Rückseite: Tötung des Laokoon

der geprägten Bilder für die Erforschung der vatika- Die Rückseiten der Kontorniaten weisen auf den ers-
nischen Gruppe richtig einschätzen zu können. ten Blick vielfältige Motive auf, die sich aber bei
Kontorniaten 93 sind römische münzähnliche Objekte, genauerer Betrachtung zu Themenbereichen zusam-
die mit einem Vorder- und einem Rückseitenstempel menfassen lassen und Schwerpunkte bilden. Hier
geprägt wurden. Sie waren jedoch keine Zahlungsmit- sind die Verherrlichung der Stadt Rom zu nennen
tel, sondern wurden von vornherein für außermünz- sowie Motive aus dem Bereich der öffentlichen Un-
liche Zwecke hergestellt. Wahrscheinlich handelte es terhaltung, also Theater, Circusspiele, Gladiatoren-
sich um eine Art Amulett oder Glücksbringer, welcher kämpfe und Ähnliches. Schließlich gibt es das weite
in den Familien von Generation zu Generation wei- Themenfeld der mythologischen Szenen und Götter-
tergegeben wurde. Sollte dies der Fall sein, so lösten darstellungen, die nur zu Beginn der Prägezeit der
sie alte Münzen ab, welche in der früheren Kaiserzeit Kontorniaten ­u mfangreicher sind als die genannten
als Glücksbringer wertgeschätzt wurden 94. Die ge- Schauspielmotive 98 .
wählten Bildmotive sind vor diesem Hintergrund be- Bezüglich der mythologischen Themen ist Hercules
sonders beachtenswert: Welches sind die Bilder, von besonders oft auf Kontorniaten-Rückseiten zu finden.
denen man so etwas wie ›Lebenshilfe‹ oder persönli- Ansonsten wurden gerne Bilder aus dem thebanischen
ches Glück erwartete? Sagenkreis und aus dem Umfeld des Kampfes um
Es sind heute knapp 2700 Kontorniaten bekannt 95, die Troja gewählt. Es finden sich häufig die Bestrafung
aufgrund von Stempelkopplungen recht sicher in den der Dirke sowie Hektor und Andromache, Odysseus
Zeitraum um die Mitte des 4. Jhs. n.Chr. bis in die Zeit und Kirke, Odysseus und Skylla oder eben im Zu-
des Kaisers Honorius (395–423) datiert werden kön- sammenhang mit der Eroberung Trojas die Tötung
nen 96. Somit sind sie ein Spezifikum der Spätantike des Laokoon und seiner Söhne 99.
und zeitlich mehrere Jahrhunderte von der vatikani- In der Prägezeit der Kontorniaten ist bei der Motiv-
schen Laokoongruppe entfernt. wahl für Vorder- und Rückseiten eine zeitliche Ent-
Die Vorderseitenmotive sind unterschiedlicher Art: wicklung festzustellen: Anfangs waren die Rück-
Köpfe von Alexander dem Großen und von griechischen seitenmotive die wichtigen; erst später wurden, wie
Philosophen, aber auch Brustbilder von Wagenlenkern erwähnt, bewusst Nero und Trajan als Vorderseiten-
oder Theatermasken. Besonders häufig sind auf der Vor- motiv gewählt. Das Rückseitenmotiv hat man dann
derseite Kaiserporträts abgebildet97. Es sind jedoch nicht aber unabhängig von der Darstellung einer der bei-
die jeweils aktuell Herrschenden, denn nur 14 Kaiser den Kaiser ausgesucht. Es konnte bisher keine Kor-
bzw. Kaiserinnen des 1. bis 3. Jhs. wurden dargestellt. relation zwischen den abgebildeten Kaisern und den
Diese Zahl verringerte sich im Laufe der Prägephase der jeweiligen Rückseiten festgestellt werden100. Es gibt
Kontorniaten, konzentrierte sich dann auf zwei, näm- also keine Rückseitenmotive, die sich inhaltlich mit
lich auf Nero und Trajan, bis schließlich fast nur noch einem bestimmten Kaiser in Verbindung bringen
Medaillons mit dem Bildnis des Trajan geprägt wurden. lassen.

433
Die antike Statuengruppe

Die Medaillone mit der Darstellung det sich ein Schlangenkörper, was ebenfalls an die
des Laokoon vatikanische Statuengruppe erinnert. Dennoch wäre
es allzu gewagt, von einem unmittelbaren Bezug
Die neun Kontorniaten mit Laokoon und seinen Söh- der Kontor­n iatmotive auf die Skulpturengruppe zu
nen zeigen auf der Vorderseite sieben Mal ein Port- sprechen. Dazu sind zu wenige Bildelemente unmit-
rät des Nero, ein Mal ein Porträt des Vespasian so- telbar übereinstimmend. Allein wegen des Größen-
wie ein Mal ein Bildnis des Trajan. Das Porträt des unterschieds beider Bildgattungen wären Gemein-
Nero überwiegt also bei weitem. Trotzdem ist vor dem samkeiten ohnehin kaum überzeugend nachzuweisen.
Hintergrund des bisher Beschriebenen nicht von ei- Wenn also ein Bezug der Kontorniatmotive auf die
ner ­besonderen Verbindung Neros mit Laokoon aus- Skulpturengruppe auszuschließen ist, so ist es den-
zugehen: Denn Nero ist nach Trajan der am häufigs- noch wahrscheinlich, dass die Statuengruppe und das
ten wiedergegebene Kaiser auf Kontorniaten. Unter Medaillonmotiv in eine gemeinsame lange und ver-
den äußerst zahlreichen Nero-Kontorniaten kommen zweigte Darstellungstradition zum Thema des Todes
viele andere (mythologische) Darstellungen auf den des Laokoon und ­seiner Söhne einzuordnen sind, wo-
Rückseiten vor, die keine bestimmte Tendenz erken- bei sich diese Tradition aus einer oder wenigen Bild-
nen lassen101. quellen speisen mag.
Die Kontorniaten mit dem Abbild des Laokoon und Eine größere ikonographische Nähe zu den Kontor­
seiner beiden Söhne im Kampf gegen Schlangen stam- niaten weist die Buchmalerei in der spätantiken Hand-
men aus drei Prägestempeln, die sich ähneln. Es ist schrift der Aeneis des Vergil auf (Abb. 13;  Essay
schwierig, die Details genau zu erkennen, da die Kon- 13). Dass den Kontorniaten und der Miniatur wahr-
torniaten – und das gilt mehr oder weniger für alle – scheinlich dieselbe zweidimensionale Bildvorlage zu-
stark abgegriffen sind102 . Einer der besser erhaltenen grunde lag, wurde oben bereits angemerkt106.
Laokoon-Kontorniaten befindet sich im Münzkabinett Die Abbildungen des Laokoonmythos auf Kontornia­
des Wiener Kunsthistorischen Museums (Abb. 14)103. ten sind wichtige Zeugnisse für die Kenntnis dieser
Man sieht den trojanischen Priester mittig, frontal ste- mythologischen Episode in der Spätantike. Allerdings
hend, der Kopf ist zu seiner Linken gewandt. Die Beine handelt es sich nur um eine Episode von vielen ande-
sind offenbar gegrätscht und die Arme angehoben. Zu ren, die auf den Medaillonen zur Darstellung kamen
seiner Rechten steht ihm zugewandt und kleiner einer und die für die Besitzer offenbar eine private Bedeu-
der beiden Söhne, ebenfalls dynamisch bewegt, den tung hatten.
linken Arm nach hinten haltend, der rechte Unter- Über diesen tieferen, persönlichen Sinn lässt sich hin-
schenkel ist angewinkelt. Der zweite Sohn links von sichtlich Laokoon nur spekulieren: Ist das Schicksal
Laokoon scheint noch kleiner, dürfte also der jüngere des Laokoon als Warnung vor den Folgen frevelhaften
Sohn sein, und ist in seiner Haltung nur zu erahnen. Verhaltens zu verstehen? Oder diente der Priester dem
Er ist offenbar ebenfalls seinem Vater stehend zuge- Besitzer des Kontorniaten als Vorbild für besonde-
wandt. Alle drei dürften nackt sein, wobei bewegte ren Mut? Denn schließlich wollte Laokoon die Troja-
Gewandbäusche vor allem hinter dem älteren Sohn zu ner vor Unheil bewahren107. Genaueres lässt sich nach
sehen sind. Schlangenkörper geben sich im Bereich heutigem Stand der Forschung für die Rückseiten der
der Beine und als Ziel der Blickrichtung des Laokoon Kontorniaten leider nicht feststellen.
nach links zu erkennen. Kaiser Nero ist zwar auf sieben Vorderseiten der neun
Die zweite Stempelvariante zeigt beide Söhne noch Laokoon-Kontorniaten zu sehen, doch vor dem be-
kleiner und die ganze Gruppe mit reduzierten Ge- schriebenen Hintergrund, kann keine besondere Bezie-
wandbäuschen104. Außerdem scheint sich Laokoon mit hung dieses Kaisers zum Laokoonmythos festgestellt
dem rechten Knie auf einen Altar zu stützen. Bei der werden, jedenfalls nicht aufgrund der Kontorniaten.
dritten Variante fallen die zwar nach oben gehaltenen, Die sieben Neroporträts auf den neun Prägungen sind
aber angewinkelten Arme des Vaters auf105. vielmehr auf die allgemeine Beliebtheit des letzten
Es stellt sich die Frage, wie sich diese Darstellungen julisch-claudischen Kaisers als Motiv dieser beson-
zur vatikanischen Statuengruppe verhalten. Über- deren Gattung im Zusammenhang mit dem Zufall der
einstimmend sind die Nacktheit und die flächige An- Überlieferung zurückzuführen. Auch hinsichtlich Ne-
ordnung der drei Personen mit Laokoon in der Mitte ros stellt sich die Frage, warum gerade er so beliebt
und den Söhnen rechts und links. Oben im Bildfeld war: In bestimmten Bevölkerungskreisen der Spätan-
ist bei dem Wiener Beispiel die rechte Hand des La- tike wie der plebs wurde dieser Kaiser offenbar sehr
okoon zu sehen (Abb. 12); um das Handgelenk win- geschätzt108. Ob sich diese Feststellung genauso auf

434
Im Kontext der antiken Literatur und Bildkunst

eine besondere Beliebtheit des Laokoonmythos bei 26


Schmidt 1979, 248.
der gleichen Bevölkerungsgruppe übertragen lässt, ist
27
Schmidt 1979, 248.
bisher noch nicht untersucht worden.
28
Söldner 2011, 52ff.
29
Vgl. grundsätzlich zum Verhältnis von Bild und Text in der un-
Ein unmittelbarer Bezug der Medaillonmotive auf die teritalischen Vasenmalerei, das sich in einigen Aspekten von der
im Jahr 1506 gefundene Statuengruppe lässt sich je- attischen Malerei unterscheidet, Giuliani 1995, 15ff., bes. 19f.
denfalls nicht feststellen. Es bestehen nur sehr allge-
30
Heute in London, Inv. BM 673, Simon 1992, 200; Settis 1998,
147f.; Liverani 2006, 23.
meine ikonographische Zusammenhänge. In Diskus- 31
Vgl. Andreae 1988, 63ff.
sionen zur vatikanischen Statuengruppe können die 32
Vgl. zuletzt Sena Chiesa 2007.
Kontorniaten daher ausscheiden109. Als Zeugnisse für 33
Andreae 1988, 64.
die Relevanz des Laokoonmythos in der Spätantike 34
Simon 1992, 200; Settis 1998, 147f.
bleiben die Kontorniaten eine wichtige Gattung. 35
Simon 1992, 200.
36
Verg. georg. 3; von den Hoff u.a. 2014, 153.
37
von den Hoff u.a. 2014, 153.
38
Vgl. auch Essay 3.
Anmerkungen
39
Verg. Aen. 2, 40–53.
1
Zintzen 1979; Simon 1992; Liverani 2006; Erler 2009; Gärtner
40
Verg. Aen. 2, 199.
2009; Nesselrath 2009; Simons 2009. 41
Hier bezieht sich Vergil möglicherweise auf die Überlieferung
2
Nesselrath 2009, 1. bei Euphorion, der dies zum ersten Mal erwähnt. Der eigentliche
Neptunpriester war gesteinigt worden, da er den Angriff der
3
Nesselrath 2009, 2. Griechen nicht hatte verhindern können. Vgl. Abb. 1.
4
Vgl. Zintzen 1979, 67 Nr. 3; Nesselrath 2009, 2. 42
Verg. Aen. 2, 206–211: »… pectora quorum inter fluctus arrecta
5
Was nicht bedeutet, dass in der Originalfassung von Arktinos iubaeque | sanguineae superant undas, pars cetera pontum |
von Milet dieser Grund nicht angegeben gewesen ist. pone legit sinuatque immensa volumine terga. | fit sonitus spu-
mante salo, iamque arva tenebant | ardentisque oculos suffecti
6
Zintzen 1979, 68f. Nr. 5; Nesselrath 2009, 5f.
sanguine et igni | sibila lambebant linguis vibrantibus ora. …«.
7
Simon 1992. 43
Verg. Aen. 2, 213–215: »… et primum parva duorum | corpora
8
Nesselrath 2009, 2ff. natorum serpens amplexus uterque | implicat et miseros morsu
9
Nesselrath 2009, 4. depascitur artus; | …«.
10
Zintzen 1979, 68 Nr. 4; Nesselrath 2009, 9.
44
Verg. Aen. 2, 217–222: »… et iam | bis medium amplexi, bis
collo sqamea circum | terga dati superant capite et cervicibus al-
11
So sehen Zintzen 1979, 25 und auch Simon 1992, 197 dies schon tis. | ille simula manibus tendit divellere nodos | perfusus sanie
als Hinweis für den später überlieferten Frevel des Laokoon mit vittas atroque veneno, | clamores simul horrendos ad sidera tollit
seiner Frau, was an dieser Stelle durch die reine Nennung einer | …«.
Ehefrau noch nicht belegt ist, vgl. Nesselrath 2009, 9.
45
Simons 2009, 116.
12
Zintzen 1979, 69 Nr. 6f.
46
Simon 1992, 196.
13
Auch Hygin griff im 2. Jh. n.Chr. nochmals das Motiv des Fre-
vels auf, allerdings in abgeschwächter Form: Hier hatte Laokoon
47
Zintzen 1979, 65.
gegen den Willen des Apoll geheiratet und Kinder bekommen. E. 48
Simon 1992.
Simon nimmt sogar an, dass der Beischlaf bei Euphorion eine 49
Zanker 1990, 90ff.
spätantike Hinzufügung ist, die auf eine starke Moralisierung ab-
zielen sollte. Simon 1992, 197.
50
Simon 1992, 196.
14
Nesselrath 2009, 12.
51
Verg. Aen. 2, 57–198.
15
Muth 2006a.
52
Verg. Aen. 2, 246–247.
16
Simon 1992; Andreae 1994; Settis 1998; Liverani 2006.
53
So auch im 2. Jh. n.Chr. wesentlich ausführlicher bei Quintus
Smyrnaeus, vgl. Zintzen 1979, 40f.
17
Siehe dazu ausführlich Schmidt 1979, 182ff. Kat-Nr. 70.
54
Simons 2009, 124.
18
Heute im Antikenmuseum Basel, Inv. Lu 70.
55
Simons 2009, 112f. Vgl. auch Vinchesi 2007, 23ff.
19
Vgl. ausführlich Schmidt 1979, 239ff. Diese Szene konnte erst
durch den lukanischen Glockenkrater aus Basel gelesen werden.
56
Zintzen 1979, 26.
20
Das Fragment stammt angeblich aus Ceglie del Campo bei Bari
57
Zintzen, 27ff.; Gärtner 2009.
und befand sich ehemals in der Sammlung Jatta in Ruvo. Simon 58
Vgl. Euphorion und evtl. Bakchylides.
1992, 198; Schmidt 1979, 239. 59
Zintzen 1979, 32f. 38.
21
Dazu ist anzumerken, dass grundsätzlich auch Monster in
Schlangengestalt wiedergegeben werden, wie z.B. Kadmos im
60
Vgl. dazu ausführlich Simons 1929, 123ff.
Kampf gegen einen ›Drachen‹. Schlangen kommen durchaus als 61
Simon 1992, 201.
Trabanten der Götter vor, so dass hier nicht zwingend die 62
Regio I, 10, 4. Vgl. Essay 28.
Schlangen des Laokoon gemeint sein müssen, vgl. Muth 2005,
88f.
63
Simon 1992, 198; Settis 1998, 149f.; Settis 1999, 67f.; Ling – Ling
2005, 73f. Abb. 65. 194; Cadario 2007, 62.
22
So bei Sophokles, Euphorion und Hygin. 64
Die Bilder haben ein Seitenmaß von etwa 65cm. Ling – Ling
23
Schmidt 1979, 242. 2005, 72ff.; Cadario 2007, 63.
24
Schmidt 1979; Simon 1992, 197f. 65
Cadario 2007, 71.
25
Natürlich könnte man daran denken, dass der eine Sohn als pars 66
Regio VI, 14, 30. Heute Neapel, Mus. Naz. 111210. Vgl. Simon
pro toto für beide steht, jedoch wäre die Andeutung von zwei 1992, 198; Settis 1998, 149f.; Settis 1999, 67; Cadario 2007, 47ff.
Jungen durch zwei Köpfe o.ä. durchaus möglich und in der Dar-
stellung auch effektiv gewesen.
67
Cadario 2007, 95.

435
Die antike Statuengruppe

68
Vgl. auch Andreae 1988, 211 Abb. 65; Settis 1998, 150 Abb. 24. 22, 89.
Ebenso das dritte Tafelbild im Haus des Menander mit der sich 106
Forsyth 1981, 94; Himmelmann 1991, 100; Kunze 1996, 150 Anm. 23.
an das Athenastandbild klammernden Kassandra (vgl. Abb. 10). 107
Mittag 1999, 111.
69
Ling – Ling 2005, 74f.; Cadario 2007, 63ff. 108
Mittag 1999, 146.
70
Cadario 2007, 72ff. 109
Abwegig scheint vor dem Hintergrund des bisher beschriebenen,
71
Verg. Aen. 2, 234ff. das Porträt des Nero auf den Kontorniaten als Datierungshinweis
72
Cadario 2007, 77ff. für die Skulpturengruppe des Laokoon und seiner Söhne ins Feld
73
Cadario 2007, 79. zu führen: Geyer 1975, 275; Simon 1992, 201.
74
Kassandra und das trojanische Pferd: Verg. Aen. 2, 234ff.; Kas-
sandra und Aiax: Verg. Aen. 2, 403ff.
75
So auch besonders deutlich im 2. Jh. n.Chr. bei Quintus Smyrna-
eus, vgl. Zintzen 1979, 40f.
76
Cadario 2007, 92.
77
Cadario 2007, 56ff.
78
Verg. Aen. 3, 641ff.
79
Dieses ›Gefallen‹ an erschreckenden Ereignissen ist auch als lite-
rarisches Stilmittel belegt. Cadario 2007, 61.
80
Vgl. Mittag 1999, Taf. 22 Nr. 87–89; Himmelmann 1991, 100; Si-
mon 1992, 200 Nr. 8; Kunze 1996, 150 mit Anm. 22.
81
Vor allem bei Mittag 1999, Taf. 22 Nr. 87 zu erkennen.
82
So hatte Simon 1992, 200 einen Bezug zum Porträt des Nero ge-
sehen, der sich aber bei einer Gesamtbetrachtung der Kontornia-
ten nicht bestätigt.
83
Simon 1992, 200.
84
Simon 1992, 198f. Kodex des Vergilius Vaticanus, lat. 3225, fol
18v, heute in der Biblioteca Apostolica Vaticana.
85
Cadario 2007, 98.
86
Cadario 2007, 99f.
87
Vgl. Mittag 1999, 96 mit Anm. 8.
88
So nahm es Simon 1992, 198f. noch für die Buchmalerei an.
89
Cadario 2007, 100f.
90
Zum Beispiel genannt bei: Andreae 1988. Abb. 34; Himmelmann
1991, 100; Kunze 1996, 150.
91
Mittag 1999, 182ff.
92
Eine fast komplette Zusammenstellung aller bis dato bekannten
Kontorniaten bieten Alföldi – Alföldi 1976. Diejenigen mit Lao-
koon sind Alföldi – Alföldi 1976, Taf. 63, 8; 74, 2; 78, 11. 12; 79,
1–3; 104, 12; 121, 1; Alföldi – Alföldi 1990, 158.
93
Die Kontorniaten mit dem Motiv des Laokoon gehören aus-
schließlich zu den so genannten regulären Kontorniaten. Nur
diese sind in den folgenden Ausführungen gemeint: Mittag 1999,
48.
94
Mittag 1999, 206ff. Ov. fast. 1, 218ff.
95
Mittag 1999, 1.
96
Mittag, 1999, 48. Die Methode der Stempelkopplung ermöglicht
relative und teils auch sehr genaue absolute Datierungen von
Münzen und Kontorniaten. Eine gute Erklärung der Datierungs-
methode findet sich z.B. bei: <https://elearning.unifr.ch/antiqui-
tas/de/fiches/217> (15.03.2017).
97
Alföldi – Alföldi 1990, 75ff.
98
Alföldi – Alföldi 1976, 109ff.; Mittag 1999, 219f.
99
Forsyth 1981; Mittag 1999, 94f.
100
Mittag 1999, 146f.
101
So bereits Kunze 1996, 150 Anm. 22.
102
Dadurch divergieren auch die Beschreibungen der Darstellungen.
Es herrscht keine Einigkeit darüber, wie viele Schlangen auf den
Prägungen dargestellt sind und wie diese verlaufen: Forsyth 1981,
91ff. Der hohe Abnutzungsgrad kann ein Hinweis auf die inten-
sive Verwendung der Medaillone als Glücksbringer sein.
103
Alföldi – Alföldi 1976, 53 Kat. 178 Taf. 63, 8 Stempel 88; Mittag
1999, Taf. 22, 88; Alföldi – Alföldi 1990, 158.
104
Alföldi – Alföldi 1976, 94 Kat. 286 Stempel 87; Mittag 1999 Taf.
22, 87.
105
Alföldi – Alföldi 1976, 65 Kat. 201 Stempel 89; Mittag 1999 Taf.

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