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Nikolai Leskow

Gesammelte Werke in Einzelbänden

Herausgegeben von Eberhard Reißner


Nikolai Leskow

Der verzauberte-Pilger


Rütten & Loening · Berlin
Aus dem Russischen übersetzt von
Günter Dalitz, Hartmut Herboth und Dieter Pommerenke

2. Auflage 1974
1'. Auflage 1969
Alle Rechte vorbehalten · Rütten & Loening, Berlin
Lizenznummer: 220-415/19/74
Printed in the German Democrade Republic
Einband und Schutzumschlag Günter Junge
Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30
Best.-Nr. 617 825 0
EVP 11,70
Der versiegelte Engel

Es war in der Christwoche, am Abend vor W assili, dem er-


sten Tag des neuen Jahres. Draußen tobte ein grausames Un-
wetter. Einer der grimmigen, tief über die Erde dahinfegen-
den Schneestürme, für die das Steppengebiet jenseits der
Wolga im Winter berüchtigt ist, hatte eine bunte Menschen-
menge in einem Gasthof zusammengetrieben, der einsam in-
mitten der endlosen Steppe stand. Dicht an dicht saßen oder
lagen hier Adlige, Kaufleute und Bauern, Russen, Mord-
winen und Tschuwaschen beieinander. Auf Ränge und Stan-
desunterschiede zu achten war bei einem solchen Nachtlager
unmöglich: Wohin man auch blickte, überall drängten sich
die Gäste. Einige trockneten ihre Kleider, andere wärmten
sich, wieder andere suchten noch nach einem Platz, um es
sich möglichst bequem zu machen. Die Luft in dem über-
füllten und dunklen niedrigen Raum war stickig, die nassen
Kleider dampften. Keine freie Stelle war mehr zu sehen:
überall, auf den Holzpritschen, auf dem Ofen, auf den Bän-
ken und sogar auf dem schmutzigen Lehmfußboden, lagen
Menschen. Der Wirt, ein mürrischer, ungehobelter Kerl,
freute sich nicht über die Gäste qnd den Verdienst. Ärger-
lich warf er das Tor hinter dem letzten Schlitten zu, mit dem
zwei Kaufleute angekommen waren, verschloß es, hängte den
Schlüssel unter den Heiligenschrein und erklärte kategorisch:
"So, jetzt mag kommen, wer will, ich mache nicht auf, und
wenn er mit dem Kopf ans Tor rennt!"
Nach diesen Worten zog er seinen weiten Schafpelz aus,
schlug in der Art der Altgläubigen das Kreuz und schickte
sich an, auf den warmen Ofen zu klettern. Plötzlich klopfte
jemand zaghaft ans Fenster.
"Wer ist da?" rief der Wirt laut und unwillig.
"Wir", klang es dumpf hinter der Scheibe.
"Na und, was gibt's?"
"Laß uns ein, um Christi willen! Wir haben uns verirrt
und sind halb erfroren!"
"Seid ihr viele?"
"Nein, nein, nur achtzehn, mehr nicht", erwiderte der
Mann vor dem Fenster stockend und mit klappernden Zäh-
nen. Man härte, daß er tatsächlich schon fast erstarrt war vor
Kälte.
"Ich habe keinen Platz, das Haus ist sowieso schon voll bis
obenhin!"
"Wenigstens ein paar Minuten zum Aufwärmen!"
"Wer seid ihr denn?"
"Wir sind Fuhrleute."
"Fahrt ihr leer oder mit Fracht?"
"Mit Fracht, Väterchen! Wir haben Felle geladen."
"Wie, Felle habt ihr geladen? Und da wollt ihr in einem
Haus übernachten? Was gibt es doch für Menschen in Ruß-
land! Macht, daß ihr weiterkommt!"
"Aber was sollen sie denn tun?" fragte ein Gast, der auf
einer der oberen Pritschen unter einem Bärenpelz lag.
"Die Felle auf einen Haufen werfen und zwischen ihnen
schlafen, was denn sonst!" erwiderte der Wirt. Er schimpfte
noch eine Weile auf die Fuhrleute, kletterte dann auf den
Ofen und rührte sich nicht mehr.
Der Mann unter dem Bärenpelz protestierte energisch
gegen ein solches Verhalten und bezichtigte den Wirt der
Grausamkeit, doch dieser ging mit keiner Silbe auf die Vor-
würfe ein. Dafür meldete sich aus einer Ecke ein rothaariges
Männlein mit Spitzbart zu Wort.
"Schelten Sie den Wirt nicht, bester Herr", sagte er. "Er
hat seine Erfahrungen und verhält sich ganz richtig. Unter
Fellen besteht keine Gefahr."
"So?" versetzte der Gast mit dem Bärenpelz zweifelnd.

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"Nicht die geringste. Für die Fuhrleute ist es sogar bes-
ser, wenn er sie nicht einläßt."
"Wieso?"
"Weil sie daraus eine nützliche Lehre ziehen werden.
Außerdem· bleibt auf diese Weise immer noch ein Plätzchen,
f~.lls ein wirklich Hilfloser kommt."
"Wen sollte denn der Teufel jetzt noch herführen?"
knurrte der Bärenpelz.
"Hör mal", warf da der Wirt ein, "rede kein dummes·
Zeug! Der Satan kann überhaupt niemanden herführen, denn
wir sind hier durch unsere Heiligenbilder geschützt! Siehst
du nicht, daß dort eine Ikone des Heilands und ein Bild
der Gottesmutter hängen?"
"Sehr richtig", bekräftigte der kleine Rothaarige. "Den
Gläubigen· führt nicht der Böse, sondern ein Engel."
"Na, davon habe ich nichts gemerkt. Ich kann mir nicht
vorstellen, daß mich mein Schutzengel hier an diesen mise-
rablen Ort geführt hat", entgegnete der redselige Bärenpelz.
Der Wirt spuckte nur wütend aus, und der Rothaarige er-
klärte einlenkend, die Wege des Schutzengels seien nicht für
jedermann offenkundig, was nur derjenige richtig begreifen
könne, der es einmal erlebt habe.
"Sie reden so, als hätten Sie selbst diese Erfahrung bereits
gemacht", meinte der Bärenpelz.
"Ja, Herr, das habe ich auch."
"Wollen Sie damit sagen, daß ein Engel Sie geführt hat
und daß Sie ihn gesehen haben?"
"Jawohl, ich habe meinen Schutzengel gesehen, und er hat
mich geleitet."
"Na hören Sie, soll das ein Scherz sein?"
"Gott bewahre mich davor, mit solchen Dingen Scherz zu
treiben."
"Und was haben Sie gesehen? Wie ist Ihnen der Engel er-
schienen?"
"Das ist eine lange Geschichte, verehrter Herr."
"Nun, ich denke, wir werden hier ohnehin nicht viel schla-
fen, und Sie täten gut daran, uns diese Geschichte zu erzäh-
len."

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"Gern, wenn Sie es wünschen, Herr."
"So erzählen Sie bitte, wir hören .z:u. Aber warum wollen
Sie dort auf den Knien liegen, kommen Sie doch hierher zu
uns, wir rücken ein bißchen zusammen und machen es uns
bequem!"
"Nein, Herr, verbindlichsten Dank! Ich will Sie nicht be-
engen, zudem ist es durchaus angebracht, das, was ich Ihnen
erzählen will, kniend vorzutragen, denn es ist eine· heilige
und sogar ein wenig unheimliche Geschichte."
"Nun, wie Sie wollen, nur fangen Sie an und berichten Sie,
wie es kam, daß Sie Ihren Schutzengel sahen, und was er für
Sie getan hat." '
"Gut, Herr, ich beginne also."

"Ich bin, wie Sie zweifellos selbst sehen, ein unbedeutender


Mensch, ein einfacher Mann vom Lande, und habe eine
meinem Stand entsprechende Erziehung erhalten, wie eben
auf dem Dorf üblich. Ich stamme nicht aus dieser Gegend,
meine Heimat liegt weit von hier. Von Beruf bin ich Maurer,
und ich bin im alten russischen Glauben geboren. Da ich
meine Eltern früh verlor, schloß ich mich schon als Junge
einigen meiner Landsleute an, die in der Fremde Brot und
Verdienst suchten. Ich arbeitete an verschiedenen Orten, doch
immer in ein und derselben Gruppe, die unter der Führung
von Luka Kirilow stand. Dieser Luka Kirilow, ebenfalls ein
Mann aus meinem Heimatdorf, ist noch am Leben, er gilt
heute als der beste Baumeister unserer Gegend. Er leitet
.jetzt das von seinen Vätern übernommene Geschäft, das er
1nicht heruntergewirtschaftet, sondern vergrößert und zu

einem einträglichen soliden Besitz gemacht hat; dabei war


und ist er ein hochanständiger Mensch, kein Halsabschneider.
Deshalb folgte ich ihm auch überallhin. Ich möchte sagen,
daß ich ganz Rußland durchwandert habe, aber nirgends ist
mir ein besserer und rechtschaffenerer Vorgesetzter begegnet
als er. Wir führten unter ihm ein höchst friedfertiges Leben

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wie unter einem gütigen Patriarchen; er war unser Meister im
Handwerk und unser Lehrer im Glauben. Unser Weg von
einer Arbeitsstelle -zur anderen glich dem Zug des Volkes
Israel durch die Wüste unter Moses, sogar unsere Stiftshütte
hatten wir bei uns, von der wir uns niemals trennten, unse-
ren ,Gottessegen'. Luka Kirilow liebte die Ikonenmalerei,
und, meine verehrten Herrschaften, er besaß einige erlesene
Stücke in höchst kunstvoller Ausführung, teils alte griechische
Arbeiten, teils Werke der besten Nowgoroder oder Stroga-
nower Heiligenbildmaler. Eins wirkte immer prächtiger als
das andere, nicht so sehr wegen der funkelnden Metall-
beschläge als vielmehr durch die klare Zeichnung und
die erstaunliche Harmonie in der künstlerischen Gestaltung.
Ich habe etwas derart Erhebendes später nie wieder ge-
sehen.
Es waren darunter, um einige Einzelheiten zu nennen, ver-
schiedene Abbildungen des Heilands mit der Heiligen Jung-
frau und Johannes dem Täufer; ein nicht von Menschenhand
geschaffenes Christusbild, das den Erlöser .nach alter Manier
mit glattem, feucht wirkendem Haupt- und Barthaar zeigte,
sowie allerlei Heilige, Märtyrer und Apostel. Am meisten
aber staunten wir über diejenigen Ikonen, auf denen mehrere
Figuren in bestimmten Episoden abgebildet wurden. Da
waren zum Beispiel Darstellungen des kirchlichen Jahres-
zyklus, verschiedener Feiertage, des Jüngsten Gerichts, der
Monate mit den entsprechenden Heiligen, der Erzengel mit
dem Christusknaben, der Heiligen Dreifaltigkeit, der Wo-
chentage und der heiligen Helfer gegen Krankheiten. Auf
einem war auch gemalt, wie sich Abraham vor dem dreieini-
gen Gott im Hain Mamre verneigt - kurz, es war eine
Sammlung von unsagbarer Schönheit. Dergleichen Ikonen
werden heute gar nicht mehr gemalt, weder in Moskau noch
in Petersburg, noch in Palech, ganz zu schweigen von Grie-
chenland, wo diese Kunst längst ausgestorben ist. Wir lieb-
ten unser Heiligtum leidenschaftlich und sorgten gemeinsam
dafür, daß die Ewigen Lämpchen vor den Bildern stets
brannten. Für den Transport hatten wir auf Gemeinkosten
ein Pferd und einen speziellen Wagen angeschafft, auf. dem

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wir diesen Gottessegen in zwei großen Kisten überallhin mit-
nahmen. Zwei Ikonen aber lagen uns ganz besonders am
Herzen. Die eine war nach griechischer Manier von einem
alten Moskauer Meister im Dienste des Zaren gemalt. Sie
zeigte die heilige Gottesmutter betend im Garten, dessen Zy-
pressen und Ölbäume sich vor ihr bis zur Erde verneigten.
Die andere war eine Stroganower Arbeit und stellte einen
Schutzengel dar. Es ist unmöglich, mit Worten zu beschrei-
ben, wie kunstvoll diese beiden Heiligenbilder waren. Ein
Blick auf die Gottesmutter, vor deren Reinheit sich die see-
lenlosen Bäume verneigten, ließ das Herz in banger Ehr-
furcht schmelzen; das Bild des Engels' aber flößte unendliche
Freude ein. Dieser Engel war in der Tat unbeschreiblich
schön. Sein Antlitz, ich sehe es wie heute, strahlte in gött-
licher Verklärung und linderte sogleich jeden Schmerz; seine
Augen blickten sanft, über seinen Ohren schwebten weiße
Bänder zum Zeichen dafür, daß er allgegenwärtig war und
jeden Laut vernahm; sein Kleid funkelte, sein Kragen war
reich mit Gold durchwirkt, sein Harnisch bestand aus vielen
Schuppen, die aussahen wie Federn. Über seine Schultern
lief das Priesterband, auf der Brust trug er das Bild des jun-
gen Immanuel, in der rechten Hand hielt er ein Kreuz, in der
linken das Flammenschwert. Einfach wunderbar! Blonde
Locken fielen auf seine Schultern- jedes einzelne Haar war
aufs sorgfältigste gezeichnet wie mit einer Nadel. Die aus-
gebreiteten Flügel hoben sich schneeweiß von dem lichtblauen
Hintergrund ab, und man sah jede Feder und jeden kleinsten
Flaum. Wenn man diese Flügel betrachtete, dann schwand
jede Furcht; man betete: ,Sei mein Schutz!' und wurde so-
gleich ruhig, die Seele fand Frieden. Solch eine Ikone war
das! Wir hüteten daher diese beiden Bilder wie die Juden
ihre Bundeslade, die ihnen Bezaleel so kunstvoll verfertigt
hatte. Alle anderen Ikonen, von denen ich sprach, führten wir
in besonderen Flechtkörben mit uns, diese beiden aber ver-
trauten wir nicht einmal dem Fuhrwerk an, sondern trugen
sie selbst. Die Muttergottes hatte Luka Kirilows Frau, die
Michailiza, in ihrer Obhut, den Engel trug Luka auf der
Brust. Das Bild steckte in einem eigens für diesen Zweck im-

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gefertigten, mit dunkler Leinwand gefütterten knöpfbaren
Brokatfutteral, auf dessen Vorderseite ein Kreuz aus leuch-
tend rotem Stoff prangte. An der Oberkante war eine dicke
grüne Seidenschnur angenäht, die um Lukas Hals lief. So
hing die Ikone in ihrer Hülle ständig an der Brust unseres
Meisters. Sie ging auf all unseren Wegen vor uns her,
als führe uns der Engel selbst an. Wir durchzogen die Steppe
von einem Ort zum anderen auf der Suche nach neuer Ar-
beit, voran Luka Kirilow, die gekerbte Meßlatte an Stelle
eines Stockes in der Hand; ·hinter ihm, auf dem Wagen sit-
zend, seine Frau mit dem Bild der Gottesmutter, und dann
wir übrigen, die ganze Gruppe. Grünes Gras säumte den
Weg, Blumen wuchsen auf den Wiesen, hier und da weidete
eine Herde Schafe, ein Hirt blies die Flöte - Labsal für
Auge und Herz! Alles gelang uns vortrefflich, wie durch ein
Wunder schlug keine unserer Unternehmungen fehl: Wir fan-
den überall Arbeit, wir lebten in gutem Einvernehmen, und
aus unserem Heimatdorf kamen nur beruhigende Nachrich-
ten. All das dankten wir dem Engel, der uns führte, und
wir hätten, dessen waren wir sicher, lieber das Leben hin-
gegeben als sein herrliches Bild.
Keinem von uns wäre auch nur der Gedanke gekommen,
daß wir dieses unser kostbarstes Heiligtum je verlieren könn-
ten. Und doch stand uns dieser schwere Schlag bevor. Nicht
die Heimtücke der Menschen bereitete uns solchen Kummer,
der Engel selbst war es, wie wir später begriffen, der uns in
weiser Umsicht leitete. Er nahm Kränkung auf sich, um uns
durch Leid zu läutern und uns den rechten Weg zu weisen,
vor dem die bis dahin von uns beschrittenen Pfade nichts als
eine dunkle, ausweglose Schlucht waren. - Doch sagen Sie
mir bitte, ob Sie mir weiter zuhören wollen oder ob ich
Ihre Aufmerksamkeit mißbrauche!"
"Aber nein, seien Sie so gut und fahren Sie fort!" riefen
wir, völlig im Bann der Erzählung.
"Nun, so will ich Ihnen denn, so gut ich es vermag, die
Wunder schildern, die wir mit unserem Engel erlebten."

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"Wir gelangten vor eine große Stadt an einem mächtigen


Strom, dem Dnepr, wo wir für längere Zeit Arbeit fanden:
Wir sollten beim Bau der großen, heute sehr berühmten
Steinbrücke helfen. Die Stadt erhebt sich auf dem steilen
rechten Ufer, wir standen am linken, welches sanft abfallende
Wiesen säumten. Unseren Augen bot sich ein prächtiges Bild:
alte Kirchen, fromme Klöster mit vielen Reliquien, üppige
Gärten und Bäume, wie man sie in den Vignetten der alten
Bücher abgebildet sieht, hohe Papp~ln mit spitzen Wipfeln.
Das alles war so schön, daß es einem ans Herz griff. Wir
waren, wie Sie wissen, einfache Leute, aber die Herrlichkeit
der von Gott geschaffenen Natur empfanden wir dennoch.
Der Ort gefiel uns so gut, daß wir uns gleich am ersten
Tag häuslich niederließen. Wir trieben zuerst lange Pfähle
in die Erde, denn die Stelle lag unmittelbar am Wasser, und
errichteten sodann auf ihnen eine Hütte mit einem großen
Aufenthaltsraum und einem zweiten kleinen Zimmer. In dem
Gemeinschaftsraum stellten wir unser Heiligtum nach der
althergebrachten Ordnung auf: An einer Wand fand der zu-
sammenlegbare dreistufige Ikonostas seinen Platz, auf dem
zuunterst die großen Heiligenbilder· standen, während die
kleineren auf den beiden darüberliegenden Brettern, wie vor-
geschrieben, eine Art Treppe hinauf zum Gekreuzigten bil-
deten; der Engel aber zierte das Pult, an dem Luka Kirilow
aus der Schrift las. Luka Kirilow bezog mit seiner Frau die
Kammer, und wir übrigen errichteten für uns daneben eine
zweite Hütte als gemeinsamen Schlafraum. Als die anderen
Arbeiter, die ebenfalls für längere Zeit zum Brückenbau ge-
kommen waren, das sahen, taten sie es uns gleich, und so ent-
stand um uns herum gegenüber der großen Stadt eine kleine
Siedlung auf Pfählen. Wir nahmen die Arbeit auf, und alles
war so, wie es sein sollte. Die Engländer im Kontor zahlten
uns pünktlich das Geld aus, und Gott schickte Gesundheit,
so daß den ganzen Sommer über kein einziger von uns krank
wurde. Nur Lukas Frau beklagte sich manchmal, daß ihr
dies Leben nicht behage, weil sie rundherum Fett ansetze. Be-

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sonders gefiel uns Altgläubigen, die wir damals überall Ver-
folgungen ausgesetzt waren, daß wir hier völlige Freiheit ge-
nossen. ·Keine städtische oder staatliche Behörde kümmerte
sich um uns, es gab keinen Popen, niemand ließ sich sehen,
und niemand nahm Anstoß an unserem Glauben oder behin-
derte uns. Wir nutzten diese Freiheit weidlich: Die Arbeits-
zeit war kaum zu Ende, da versammelten wir uns im Ge-
meinschaftsraum, wo unser Heiligtum im Licht der vielen
Lämpchen strahlte, daß einem das Herz überging. Luka Kiri-
low las ein Gebet, und wir alle fielen ein, unsere Lobgesänge
waren bei stillem Wetter in der ganzen Siedlung zu hören.
Niemand nahm Anstoß an unserem Glauben, ja er schien
sogar vielen noch vertraut zu sein, und er gefiel nicht nur den
einfachen Menschen, die dazu neigen, Gott nach alter russi-
scher Sitte zu verehren, sondern auch den Andersgläubigen.
Viele fromme Anhänger der offiziellen Kirche, die keine Zeit
fanden, in ein Gotteshaus jenseits des Flusses zu fahren,
standen bei uns unter den Fenstern, hörten zu und beteten
mit. Wir verboten es ihnen nicht: Wir hätten sie gar
nicht alle wegjagen können, denn es waren auch Aus-
länder darunter, die sich das alte russische Ritual an-
sehen wollten, sie kamen oft, lauschten unseren Gesän-
gen und lobten sie. Der oberste Baumeister, ein Englän-
der namens Jakow Jakowlewitsch, stand sogar gelegentlich
mit Papier und Bleistift unter dem Fenster und bemühte sich,
unsere Lieder in Noten aufzuzeichnen, manchmal summte er
bei der Arbeit, uns nachahmend, vor sich hin: ,0 Herr, er-
scheine uns I' Allerdings kam es bei ihm ganz anders heraus,
denn diese Gesänge sind in besonderen alten Zeichen ge-
setzt, sie lassen sich mit dem neuen westlichen Notensystem
gar nicht vollständig erfassen. Die Engländer, zu ihrer Ehre
sei's gesagt, waren umgängliche Leute; sie liebten uns sehr
und nannten uns ordentliche Menschen. Kurz, der Engel des
Herrn hatte uns an einen guten Ort geführt, er öffnete uns
die Herzen der Menschen und zeigte uns die Schönheit der
Natur.
Dieses friedliche Leben führten wir an die drei Jahre.
Alles glückte uns, die Erfolge ergossen sich über uns wie aus
einem Füllhorn. Da entdeckten wir plötzlich, daß Gott zwei
aus unserer Mitte zu unserer Bestrafung auserkoren hatte.
Der eine war der Schmied Maroi, der andere unser Rech-
nungsführer Pimen Iwanow. Maroi war ein höchst einfältiger
Mensch, er konnte weder lesen noch schreiben, was bei den
Altgläubigen sonst selten vorkommt, doch er zeichnete sich
durch andere hervorstechende Eigenschaften aus. Er wirkte
plump wie ein Kamel und breit wie ein Eber, seinen Brust-
kasten vermochte ein Mann nicht zu umfassen. Eine mäch-
tige struppige Löwenmähne wuchs ihm bis in die Stirn, auf
dem Scheitel aber hatte er sich eine kahle Stelle geschoren.
Er sprach unartikuliert und war schwer zu verstehen, weil er
beim Reden schmatzte und kaum den Mund aufmachte; sein
Verstand war so schwerfällig und beschränkt, daß er nicht
einmal die Gebete auswendig hersagen konnte, er murmelte
meist nur irgendein Wort unablässig vor sich hin. Doch er
hatte die Gabe, in die Zukunft zu schauen, er konnte hell-
sehen, und seine Voraussagen gingen oft in Erfüllung. Pimen
war das ganze Gegenteil. Er kleidete sich stutzerhaft, tat
sich gern wichtig und sprach so gewählt, daß man sich über
seine Rede wundern mußte; dafür mangelte es ihm an Cha-
rakterstärke, er erlag leicht den verschiedensten V ersuchun-
gen. Maroi war alt, über siebzig, Pimen hingegen stand in
den besten Mannesjahren und wirkte außerordentlich ge-
pflegt. Er trug sein lockiges Haar in der Mitte gescheitelt, die
Brauen waren dicht, das Gesicht hatte eine gesunde Farbe,
kurz, er bot eine stattliche Erscheinung. In diesen beiden Ge-
fäßen nun gärte unversehens der Bittersaft heran, den bis zur
Neige auszutrinken uns beschieden war."

"Die acht Granitpfeiler der Brücke waren schon hoch über


das Wasser emporgewachsen, und im vierten Jahr unseres
Aufenthalts gingen wir zu Beginn des Winters daran, die
schweren Eisenketten an ihnen zu befestigen. Da kam es zu
einer Verzögerung bei der Arbeit: Als wir die einzelnen Glie-

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der zurechtgelegt hatten und die Stahlnieten in die entspre-
chenden Löcher trieben, stellte sich heraus, daß viele Bolzen
gekürzt werden mußten. Das war indes leichter gesagt als
getan, denn sie bestanden aus härtestem englischem Stahl
und waren so dick wie ein Männerarm. Sie glühend zu
machen war unmöglich, denn dadurch hätte der Stahl seine
Festigkeit verloren, und ihn zu sägen, fehlten uns die Werk-
zeuge. In dieser kritischen Situation hatte unser Schmied
Maroi den rettenden EinfaJl: Er klebte fest gewordene, mit
grobem Sand vermischte Wagenschmiere um die Stelle, wo
der Bolzen durchschnitten werden mußte, steckte die Werk-
stücke in den Schnee, streute ringsum noch etwas Salz, drehte
sie hin und her, zog sie dann rasch heraus, legte sie auf glü-
hendes Eisen und schlug mit dem schweren Hammer darauf.
Es zeigte sich, daß die Bolzen jetzt so leicht brachen wie eine
Wachskerze, die man mit der Schere schneidet. Die Englän-
der und die Deutschen liefen herbei und bestaunten Marois
Erfindung; sie sahen lange zu, lachten plötzlich, redeten
untereinander etwas in ihrer Sprache und sagten dann auf
russisch: ,Gut gemacht, Russ, prächtiger Bursche, du gut Phy-
sik verstehen!'
Doch was verstand Maroi schon von der Physik: Er hatte
von der Wissenschaft nicht die geringste Ahnung, er han-
delte einfach so, wie Gott es ihm eingab. Unser Pimen Iwa-
now aber erzählte die Geschichte überall herum, und das
war in zweifacher Hinsicht schlecht: Die einen trauten Maroi
überragende Kenntnisse zu, die er doch wahrlich nicht be-
saß, und die anderen gewannen die Überzeugung, daß auf
uns offensichtlich die Gunst Gottes ruhe, die uns in den Stand
setze, Wunder zu tun, eine Idee, welche uns selbst nie ge-
kommen wäre. Das zweite wirkte sich für uns viel schlim-
mer aus als das erste. Ich sagte bereits, Pimen lwanow war
ein charakterschwacher, eitler Mensch, und ich will Ihnen auch
erklären, weshalb wir ihn dennoch in unserer Gruppe behiel-
ten. Er fuhr für uns in die $tadt, um Nahrungsmittel zu be-
sorgen und alles Notwendige einzukaufen; wir schickten ihn
auf die Post, wenn jemand Geld an seine Angehörigen zu
Hause aufgeben wollte oder wenn die alten Pässe eingesandt

IS
und die neuen abgeholt werden mußten. Derlei Dinge er-
ledigte er, und, ehrlich gesagt, wir brauchten ihn, ja er war
für uns von großem Nutzen, denn einem rechten Altgläubigen
aus der Steppe sind solche weltlichen Geschäfte zuwider, er
vermeidet die Berührung mit Beamten, von denen wir nichts
als Ärger erfuhren. Pimen hingegen tat es gern, und er hatte
in der Stadt jenseits des Flusses bereits zahlreiche Verbindun-
gen geknüpft. All die Kaufleute und sonstigen Herrschaften,
mit denen er zu tun hatte, kannten ihn und hielten ihn für
unseren Anführer. Wir lachten natürlich darüber, ihm aber
war es geradezu ein Bedürfnis, mit den Herrschaften Tee zu
trinken und große Reden zu führen: Da er in der Stadt als
unser Oberster galt, behandelte man ihn sehr zuvorkom-
mend, er aber lächelte nur dazu und strich sich wohlgefällig
den Bart. Mit einem Wort, es war alles eitles Getue. Auf
diese Weise wurde unser Pimen auch mit einem ziemlich· ein-
flußreichen Mann bekannt, dessen Frau aus unserer Gegend
stammte. Sie schwatzte ebenfalls gern und hatte nach der
Lektüre irgendwelcher neumodischer Bücher, in denen aller-
lei ungereimtes Zeug über unseren Glauben stand, plötzlich
ihre Liebe zu den Altgläubigen entdeckt. Es ist wirklich son-
derbar, wieso gerade sie auf so etwas kam, doch sie ließ
von ihrer Idee nicht ab, und immer, wenn unser Pimen ihren
Mann in Geschäften aufsuchte, lud sie ihn sogleich zum Tee
ein. Pimen war natürlich sehr erfreut und öffnete alle Schleu-
sen seiner Beredsamkeit vor ihr.
Die Gnädige pries auf Weiberart die Altgläubigen in den
höchsten Tönen als gerechte, ja heilige Leute, denen die ewige
Seligkeit gewiß sei, und unser Belial verdrehte die Augen,
neigte den gepflegten Kopf, lächelte vielsagend und redete
ihr nach Kräften zum Munde.
,Nun ja, Herrin, wir wahren das Gesetz der Väter, das
stimmt schon, wir halten uns auch an gewisse Regeln und
achten untereinander auf Sittenreinheit.'
So schwatzte er drauflos, und er erzählte auch Dinge, über
die man eigentlich nicht mit einer Dame spricht. Die Gnä-
dige zeigte sich jedoch sehr wißbegierig und hörte aufmerk-
sam zu.
,Man sagt', versetzte sie, ,daß Gottes Segen sichtbar auf
euch ruhe.'
Pimen ging sogleich darauf ein.
,0 ja, Mütterchen, das stimmt, manchmal sieht man es
ganz deutlich.'
,Man sieht es?'
,Aber ja', erwiderte er. ,In diesen Tagen erst hat einer von
uns mäChtigen Stahl wie Spinngewebe zerschnitten.'
Die Gnädige klatschte vor Überraschung in die Hände.
,Oh', sagte sie, ,wie interessant! Ich liebe Wunder über
alles und glaube fest an sie! - Wissen Sie', fuhr sie fort,
,sagen Sie doch bitte Ihren Altgläubigen, sie sollen zu Gott
beten, daß er mir eine Tochter schenke! Ich habe zwei Söhne,
doch ich hätte gern auch eine Tochter. Wäre das möglich?'
,Sicher, warum denn nicht?' antwortete Pimen. ,Wenn's
weiter nichts ist! Allerdings müßten wir dazu ein bißchen
von Ihnen gestiftetes Öl in die Lämpchen gießen.'
Sie gab ihm mit dem größten Vergnügen zehn Rubel für
öl, er steckte das Geld ein und sagte: ,Gut, Sie können sich
darauf verlassen, ich werde entsprechende Anweisung geben.'
Uns erzählte Pimen davon natürlich kein Wort; die Dame
aber genas eines Töchterchens.
Dieses Ereignis versetzte sie in nicht geringe Aufregung,
und kaum hatte sie sich vom Wochenbett erhoben, da rief
sie unseren Schwätzer zu sich und feierte ihn, als hätte er
selbst das Wunder vollbracht. Pimen widersprach ihr auch
diesmal nicht. So weit kann die Eitelkeit den Menschen brin-
gen, sie verwirrt den Verstand und unterdrückt jedes bessere
Gefühl. Ein Jahr später hatte die Gnädige abermals ein An-
liegen an unseren Gott: Ihr Mann sollte ihr für den Sommer
ein Landhaus mieten - und wieder erfüllte sich ihr Wunsch.
Pimen empfing fortgesetzt Opfergaben für Kerzen und Öl,
die er nach eigenem Gutdünken verwendete, wir bekamen
nichts davon zu sehen. In der Tat geschahen auch weiterhin
unbegreifliche Wunder. Der älteste Sohn jener Dame war
ein ausgesprochener Faulpelz, er lernte nicht in der Schule,
und als das Jahresexamen herankam, schickte seine Mutter
nach Pimen und gab ihm den Auftrag, darum beten zu lassen,

2 Pilger 17
daß man den Jungen in die nächste Klasse versetze. Pimen
sagte: ,Das ist nicht so leicht. Ich müßte alle meine Leute
dazu bringen, die ganze Nacht bei Kerzenlicht zu beten und
Gott anzurufen.'
Aber sie ließ nicht locker und gab ihm dreißig Rubel, da-
mit nur alles richtig vonstatten gehe. Und was glauben Sie?
Der faule Bengel wurde versetzt, er hatte Glück. Seine Mut-
ter verlor vor Freude über die Wohltaten, die ihr unser Gott
erwies, beinahe den Verstand. Sie erteilte Pimen einen Auf-
trag nach dem anderen, und dieser erwirkte für sie bei Gott
Gesundheit, eine Erbschaft und für ihren Mann einen hohen
Rang sowie so viele Orden, daß er' sie gar nicht alle an die
Brust heften konnte, sondern einen, wie es hieß, in derTa~che
tragen mußte. Wir aber erfuhren von all diesen zweifellos
erstaunlichen Ereignissen nicht das geringste. Doch es nahte
die Stunde, da alles ans Licht kam und an Stelle dieser Wun-
der ganz andere geschahen."

;,In einer überwiegend von Juden bewohnten Stadt des glei-


chen Gouvernements waren unsaubere Dinge vorgefallen.
Ich kann Ihnen nicht genau sagen, ob die Juden Falschgeld
in Umlauf gebracht oder unlauteren Handel getrieben hat-
ten, jedenfalls mußte die Obrigkeit der Sache auf den Grund
gehen, und es war eine beachtliche Belohnung zur Klärung
ausgesetzt. Die Gnädige schickte sofort nach unserem Pimen
und sagte zu ihm: ,Pimen Iwanowitsch, hier haben Sie zwan-
zig Rubel für Kerzen und Öl, befehlen Sie Ihren Leuten,
so fleißig wie möglich zu beten, damit man meinen Mann mit
dieser Aufgabe betraut!'
Pimen machte sich darob keine sonderlichen Gedanken.
Er hatte am Einnehmen und Ausgeben der Opfergelder in-
zwischen Gefallen gefunden und erwiderte:
,Gut, Herrin, es wird geschehen.'
,Aber sie sollen ordentlich beten', sagte sie, ,denn es liegt
mir wirklich sehr viel daran.'

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,Sie werden es nicht wagen, schlecht zu beten, wenn ich es
ihnen befehle', beruhigte Firnen sie. ,Ich lasse sie fasten, bis
Gott sie erhört hat.'
Er nahm das Geld und verfuhr damit wie immer, der Ge-
mahl der Gnädigen aber erhielt noch in derselben Nacht den
err.ehnten Auftrag.
All diese Gnadenbeweise stiegen der Dame dermaßen
in den Kopf, daß es ihr nicht mehr genügte, wenn wir für
sie beteten, sie hatte vielmehr das Bedürfnis, selbst vor unse-
ren heiligen Bildern niederzuknien und Gott zu preisen.
Sie teilte ihren Wunsch Firnen mit und jagte ihm damit
einen tüchtigen Schrecken ein, denn er wußte, daß wir sie
nicht an unsere Heiligtümer heranlassen würden. Doch sie
bestand auf ihrem Vorhaben.
,Tun Sie, was Sie wollen', erklärte sie, ,heute abendnehme
ich ein Boot und fahre mit meinem Sohn zu Ihnen hinüber.'
Firnen versuchte sie davon zu überzeugen, daß es besser
sei, wenn wir allein beteten. ,Wir haben einen Schutzengel',.
sagte er, ,stiften Sie ein wenig Öl für ihn, dann werden wir
ihn bitten, seine Fittiche auch über Ihren Gatten zu breiten.'
,Oh, herrlich!' erwiderte sie. ,Wie schön, daß Sie einen
solchen Engel haben! Hier, nehmen Sie, kaufen Sie Öl dafür
und zünden Sie drei Lämpchen vor ihm an, ich will hinkom-
men und ihn mir ansehen.'
Nun saß Firnen tüchtig in der Tinte. Er kam zu uns und
erklärte kleinlaut, die Sache sei so und so, er habe die auf:
dringliche Dissidentin nicht ;bweisen können, da ihr Mann
für uns von großem Nutzen sei und so weiter und so fort;
von seinen eigenen Machenschaften jedoch sagte er kein Wort.
Kurz und gut, die Sache war unangenehm, aber nicht mehr
zu ändern. Wir nahmen rasch unsere Ikonen von der Wand,
packten sie in die Kisten und stellten Ersatzbilder auf, die
wir für den Fall behördlicher Razzien stets mit uns führten.
So gerüstet, erwarteten wir die Besucherin, die auch erschien,
herausstaffiert, daß einem angst und bange werden konnte.
Sie fegte mit ihrer langen Schleppe unseren Fußboden, be-
trachtete durch ihre Lorgnette die falschen Bilder und fragte:
,Sagen Sie bitte, welches ist der wundertätige Engel?' Da sie
uns keine Ruhe ließ, erklärten wir schließlich: ,Einen solchen
Engel haben wir nicht.'
Wie sehr sie sich auch bemühte und besonders in Pimen
drang, wir zeigten ihr den Engel nicht, sondern baten sie so
bald wie möglich zum Tee und zu einem bescheidenen Imbiß.
Unser Gast gefiel uns ganz und gar nicht, und das hatte
weiß Gott seinen Grund: ihr Außeres. stieß uns ab, obwohl
sie sicher als Schönheit galt. Sie war so eine Große, Hagere,
wissen Sie, dürr wie eine Steppenziege, und dazu hatte sie
sich die Augenbrauen schwarz gefärbt."
"Solche Frauen sind wohl nicht nach Ihrem Geschmack?"
unterbrach der Mann mit dem Bärenpelz den Erzähler.
"Ich bitte Sie, wie kann man denn an so einer Bohnen-
stange Gefallen finden?" erwiderte dieser.
"Bei Ihnen meint man wohl, es ist schön, wenn eine Frau
aussiehtwie ein wandelnder Maulwurfshaufen?"
"Ein Maulwurfshaufen?" wiederholte der Erzähler lä-
chelnd, ohne gekränkt zu sein. "Wieso denn? Bei uns hält
man sich in bezug auf die körperliche Konstitution der Frau
an den echt russischen Typ, der unserer Meinung nach weit
zweckmäßiger ist als das, was der heutige Leichtsinn schön
findet, deshalb aber noch lange keinem Maulwurfshaufen
gleicht. Wir mögen· die langen Dürren nicht, sondern haben
es gern, wenn eine Frau auf kräftigen, stämmigen Beinen
steht und nicht unsicher einherstelzt, sondern fest auf ihr Ziel
losgeht wie eine Kugel, die überall hinrollt, während die
Langbeinige in ihrer Hast über jedes Hindernis stolpert. Es
gefällt uns auch nicht, wenn eine dünn ist wie eine Schlange;
eine Frau muß breite Hüften und einen vollen Busen haben,
wenn es ihrer Figur vielleicht auch abträglich ist, damit man
ihre Bestimmung als Mutter sieht. Unsere echten russischen
Frauen haben eine niedrige, fleischige Stirn, aber eine solche
Stirn zeugt von Frohsinn und freundlicher Wesensart. Das
gleiche gilt für die Nase, die bei unseren Frauen nicht edel
geschwungen ist, sondern eher einem Stummelpfeifehen
gleicht, doch so ein Stummelpfeifchen, das können Sie mir
glauben, wirkt viel gemütlicher als eine hagere stolze Nase.
Und was die Brauen angeht - die Brauen geben dem 'Ge-

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sieht den Ausdruck, deshalb dürfen sie bei einer Frau nicht
betont sein und finster wirken, sondern sie müssen sich in
sanftem Bogen über die Augen ziehen und den Blick frei-
geben. Mit einer solchen Frau redet man viel lieber, sie ist
überhaupt in jeder Beziehung angenehmer und versieht das
Hauswesen besser. Aber dieser gute Typ entspricht natürlich
nicht dem heutigen Geschmack, man schätzt an der Weiblich-
keit vielmehr das nicht Faßbare, Ephemere, das jedoch ohne
jeden Wert ist. - Doch verzeihen Sie, wir sind von unserem
Thema abgekommen. Ich willlieber weitererzählen.
Als die Dame weg war, äußerte mancher von uns sein Miß-
fallen über sie, und Firnen, selbst ein Mensch ohne Grund-
sätze, sagte: ,Was habt ihr denn, sie ist eine gute Frau.'
Wir erwiderten, daß es mit ihrer Güte wohl nicht so weit
her sein könne, da in ihrem Äußeren nichts Gutes zu ent-
decken sei. Im übrigen mochte sie in Gottes Namen sein, wie
sie wollte, wir waren heilfroh, daß wir sie glücklich wieder
hinauskomplimentiert hatten, und zündeten rasch die Weib-
rauchfässer an, um auch die letzte Spur ihrer Anwesenheit
zu tilgen.
Danach fegten wir den Raum aus, legten die falschen Bil-
der in die Kiste zurück und holten unsere echten Ikonen wie-
der hervor. Nachdem wir sie in der alten Ordnung auf dem
Ikonostas verteilt, mit Weihwasser besprengt und ein Gebet
gesprochen hatten, begab sich jeder zu seinem Nachtlager.
Niemand aber fand in dieser Nacht die rechte Ruhe, es war
uns schwer ums Herz, und Gott weiß, warum."

"Am nächsten Morgen gingen wir wie gewohnt zur Arbeit,


Luka Kirilow aber fehlte. Wir wunderten uns sehr darüber,
denn er hielt sonst stets auf Pünktlichkeit. Noch größer aber
war meine Überraschung, als er gegen acht Uhr blaß und
verstört erschien.
Da ich ihn als einen beherrschten Mann kannte, der nicht
grundlos Trübsal blies, fragte ich sogleich: ,Was ist denn mit

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dir, Luka Kirilow?' Doch er antwortete: ,Ich erzähle es dir
später.'
Ich war damals noch jung, und mich plagte die Neugier;
zudem beschlich mich plötzlich das ungute Gefühl, die Sache
könne mit unserem Glauben zusammenhängen; der Glaube
aber ging mir über alles, an eine Religion habe ich mich stets
gehalten.
Deshalb ertrug ich diesen Zustand auch nicht lange. Ich
verließ unter einem Vorwand meinen Arbeitsplatz und lief
nach Hause, um die Michailiza auszufragen, bevor die ande-
ren zurückgekehrt waren. Selbst wenn Luka Kirilow sich ihr
nicht offenbart haben sollte, wußte sie trotz ihrer Einfalt
doch bestimmt, was ihn bewegte, und sie würde es vor mir
nicht verbergen, denn ich war seit meiner Kindheit eine
Waise und unter der Obhut der beiden wie ein Sohn aufge-
wachsen, sie war für mich so etwas wie eine zweite Mutter.
Ich lief also schnurstracks zu ihr hin und fand sie auf der
Vortreppe zu unserer Hütte sitzen, eine alte Pelzjacke um die
Schultern, zusammengekauert, als sei sie krank, und ganz
grün im Gesicht.
,Was ist denn geschehen, Mütterchen?' fragte ich. ,Warum
sitzt Ihr hier auf der Treppe?'
Und sie antwortete: ,Wo soll ich denn sonst hin,
Marotschka?'
Ich heiße Mark Alexandrow, aber sie nannte mich in ihrem
mütterlichen Gefühl stets Marotschka.
Was redet sie da für einen Unsinn? dachte ich. Wieso weiß
sie nicht, wo sie hin soll?
,Legt Euch doch drin in der Kammer aufs Bett!' sagte ich.
,Das geht nicht, Marotschka', erwiderte sie. ,Großvater
Maroi ist in der Stube und betet.'
Aha, dachte ich, da haben wir's, es hat also doch etwas mit
unserem Glauben zu tun! Die Michailiza fuhr fort:
,Weißt du denn nicht, Junge, was heute nacht bei uns ge-
schehen ist?'
,Nein, Mütterchen, ich weiß von nichts.'
,Oh, es ist furchtbar!'
,Erzählt es mir rasch!'

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,Ach, so was kann man gar niemandem erzählen I'
,Aber mir könnt Ihr es doch sagen I' entgegnete ich. ,Ich
bin ja kein Fremder, sondern so etwas wie Euer Sohn!'
,Das bist du, mein Junge', antwortete sie, ,aber ich weiß
nicht, ob ich die rechten Worte finden werde, ich bin ein-
fältig und dumm. Warte doch, bis dein Onkel Luka von der
Arbeit kommt, er wird dir sicher alles berichten.'
So lange aber konnte ich unmöglich warten, und ich drang
in sie, mir doch gleich zu sagen, was vorgefallen war.
Ich sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte und wie ihre
Augen feucht wurden. Plötzlich wischte sie mit ihrem Brust-
tuch die Tränen ab und flüsterte: ,Heute nacht hat uns der
Schutzengel verlassen, mein Junge.'
Mir liefen bei dieser Eröffnung kalte Schauer über den
Rücken.
,Sprecht weiter!' bat ich. ,Wie ist das denn geschehen, und
wer hat es gesehen?'
Sie antwortete: ,So etwas kann man nicht erklären, Kind,
und gesehen hat es auch niemand außer mir, denn es ge-
schah mitten in der Nacht, als alle schliefen, nur ich war
wach.'
Und dann, meine Herren, erzählte sie mir das folgende.
,Ich hatte mein Nachtgebet gesprochen', sagte sie, ,und war
eingeschlafen. Wie lange ich so gelegen habe, weiß ich nicht,
doch plötzlich träumte mir, es stehe alles hier bei uns in
Flammen. Es war eine mächtige Feuersbrunst, und der Fluß
spülte die Asche weg, sie kreiste in Strudeln um die Pfeiler
und wurde dann in die Tiefe gerissen.' Sie selbst, die Michai-
liza, war, nur mit einem zerfetzten Hemd bekleidet, hinaus-
gelaufen und stand am Ufer. Da erblickte sie jenseits des
Flusses eine hohe rote Säule, auf der ein kleiner weißer
Hahn hockte und mit den Flügeln schlug. Die Michailiza rief
hinüber: ,Wer bist du?', denn ein Gefühl verriet ihr, daß
dieser Vogel ihr etwas zu sagen habe. Da schrie der Hahn
plötzlich mit menschlicher Stimme: ,Amen!' Im nächsten
Augenblick stürzte er herab und war nicht mehr zu sehen.
Totenstille breitete sich aus, und die Luft wurde ganz dünn.
Der Michailiza bemächtigte sich· eine entsetzliche Angst, sie
konnte kaum noch Atem holen und erwachte. Wie sie so
dalag, hörte sie auf einmal in der Tür ein Lamm blöken. Sie
erkannte an der Stimme, daß es ein ganz junges Tier war,
gerade erst geboren. Silberhell und rein klang sein Mäh-mäh,
und plötzlich vernahm die Michailiza auch feines Hufgetrap-
pel: Das Lamm lief durch den Gebetsraum, als suche es
etwas, und klopfte dabei mit seinen Füßchen auf die Dielen-
bretter. Erschrocken überlegte die Michailiza:· Jesus Chri-
stus! Was ist das bloß? In der ganzen Siedlung gibt es kein
einziges Schaf, wo kommt denn da dieses neugeborene Lamm
her? Gleichzeitig beunruhigte sie noch ein anderer Gedanke:
Und wie ist es hereingelangt? Haben wir etwa gestern in
dem Durcheinander vergessen, die Tür zum Hof zu schlie-
ßen? Gott sei Dank, dachte sie, daß es nur ein Lamm ist
und nicht ein Hund, der sich an unseren Heiligenbildern zu
schaffen macht! Aber nun beschloß sie, Luka zu wecken.
,Kirilytsch! Wach auf, Mann, rasch, unsere Tür steht auf,
und ein Lamm ist in die Stube gelaufen!' Doch Luka Kiri-
low schlief ausgerechnet in dieser Nacht wie ein Toter. Was
die Michailiza auch anstellte, sie bekam ihn nicht wach. Er
knurrte nur etwas vor sich hin, sagte aber kein Wort. Als
sie ihn stärker schüttelte und stieß, brummte er noch lauter.
Schließlich rief sie: ,So komm doch zur Besinnung, in
Christi Namen!' Das Wort war kaum über 'ihre Lippen, da
quietschte in der Stube etwas auf. Im seihen Augenblick
sprang Luka aus dem Bett und rannte hinüber, blieb aber
plötzlich mitten im Raum stehen, als wäre er an eine eherne
Wand gestoßen. ,Mach Licht, Frau, rasch!' rief er der Mi-
chailiza zu, ohne sich selbst von der Stelle zu rühren. Sie
zündete eine Kerze an und lief zu ilim hin. Er stand bleich
da wie ein zum Tode Verurteilter und zitterte dermaßen,
daß die Hemdspange an seinem Halse tanzt~ und ihm die
Unterhosen um die Beine schlotterten. Seine Frau neben ihm
fragte erschrocken: ,Mann, was hast du denn?' Er aber
zeigte wortlos mit dem Finger dorthin, wo sonst der Engel
stand. Das Pult war leer, und die Ikone lag vor Lukas
Füßen auf dem Boden.
Unser Meister lief sofort zu Großvater Maroi und sagte

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zu ihm: So und so, das und das ist ~ uns geschehen, komm
und sieh es dir an I Maroi kam auch, fiel vor dem am Boden
liegenden Engel auf die Knie und verharrte lange so, un-
beweglich wie ein marmorner Grabstein. Schließlich hob er
die Hand, kratzte seinen Schädel auf der kahlgeschorenen
S~elle und sagte leise: ,Bringt mir zwölf reine frisch-
gebrannte Ziegelsteine!'
Luka Kirilow schaffte das Gewünschte sogleich herbei.
Maroi betrachtete die Steine, und als er sah, daß sie sämtlich
blitzsauber waren, als kämen sie eben aus dem Ofen, sta-
pelte er sie mit Lukas Hilfe zu einer Säule aufeinander.
Darüber breiteten sie ein reines weißes Tuch, und obenauf
legten sie die Ikone. Dann rief Maroi mit einer tiefen Ver-
beugung: ,Engel Gottes, dein Kelch komme über uns nach
deinem Willen!'
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da klopfte es
plötzlich, und eine unbekannte Stimme rief: ,He, ihr Ras-
kolniki, wo ist euer Oberster?'
Luka Kirilow öffnete die Tür und erblickte einen Solda-
ten mit einem Orden an der Brust. Er fragte ihn, was für
einen Obersten er denn suche, und erhielt zur Antwort: ,Na
den, der immer zu der Herrin kommt, Pimen heißt erl'
Luka schickte sofort seine Frau los und fragte weiter, was
denn geschehen sei, daß man Pimen mitten in der Nacht hole.
Der Soldat erwiderte: ,Genau weiß ich es nicht, ich habe
nur gehört, daß die Juden dem Herrn irgendeinen bösen
Streich gespielt haben.' Worum es im einzelnen ging, ver-
mochte er nicht zu sagen. ,Es heißt, der Herr wollte ihnen
eins auswischen, aber am Ende haben sie ihm eins ausge-
wischt', fügte er hinzu.
Wie sie das aber angestellt hatten, das war von dem
Boten nicht zu erfahren.
Inzwischen kam Pimen. Mit seinem unsteten Blick, der
von einem zum anderen irrte, sah er selber aus wie ein Jude.
Er wußte sichtlich nicht, was er vorbringen sollte, und Luka
sagte zu ihm: ,Na, Spielmann, nun geige dein Stück nur zu
Ende.'
Pimen bestieg mit dem Soldaten ein Boot und fuhr davon.
Eine Stunde später kehrte er zurück. Er tat forsch und
unbekümmert, aber man sah doch, daß er sich in seiner Haut
durchaus nicht wohl fühlte.
Luka drang in ihn: ,Sprich, du Windhund', sagte er, ,be-
kenne offen: Was hast du dort angestellt?'
Doch Firnen erwiderte nur: ,Nichts.'
Und dabei blieb er, obwohl er sehr viel ,angestellt' hatte
und sehr viel geschehen war."

"Der Herr, für den unser Firnen beten sollte, war in eine
vertrackte Sache hineingeraten. Er hatte sich, wie ich Ihnen
schon berichtete, in die jüdische Stadt begeben, wo er spät
in der Nacht ankam, als niemand mehr mit ihm rechnete.
Dennoch ging er sofort zu allen Läden, versiegelte sie und
teilte der Polizei mit, daß er am nächsten Morgen eine Re-
vision vorzunehmen gedenke. Die Juden erfuhren das natür-
lich zur seihen Stunde, und sie erschienen noch in der Nacht
bei ihm, um ihn zu erweichen und mit ihm handelseins zu
werden, denn alle hatten große Mengen ungesetzlicher
Waren im Geschäft. Sie kamen also und schoben dem Herrn
erst mal zehntausend Rubel zu. Er sagte: ,Das geht nicht,
ich bin ein hoher Beamter, man vertraut mir, Bestechungs-
gelder nehme ich nicht.' Die Juden tuschelten eine Weile
untereinander und boten ihm fünfzehntausend. Er wieder:
,Das geht nicht!' Sie erhöhten auf zwanzigtausend. Er wei-
gerte sich weiter. ,Aber begreift ihr denn nicht', sagte er,
,es geht nicht, ich habe schon die Polizei verständigt, daß
wir morgen zusammen Revision halten wollen!' Sie mau-
schelten abermals etwas unter sich und erklärten dann:
,Aber bittschön, Euer Exzellenz, das macht doch nichts, bitt-
schön, daß Sie die Polizei verständigt haben ! Wir geben
Ihnen fünfundzwanzigtausend, und Sie überlassen uns bitt-
schön bis morgen Ihr Siegel und legen sich in aller· Ruhe
schlafen, bittschön, weiter brauchen wir gar nichts.'
Der Herr überlegte hin und her. Zwar hielt er sich für
eine hochgestellte Persönlichkeit, aber mußte er deshalb un-
bedingt ein Herz aus Stein haben? Er nahm die fünfund-
zwanzigtausend, gab den Juden sein Petschaft, mit dem er
die Läden versiegelt hatte, und legte sich schlafen. Natür-
lich schafften die Juden in der Nacht alles Verdächtige aus
ihren Lagerräumen und versiegelten sie dann wieder. Der
Herr schlief noch, als sie sich aufs neue schwatzend in sei-
nem Vorzimmer versammelten. Er ließ sie ein, sie bedank-
ten sich und sagten: ,Nun können Sie,· bittschön, mit der
Revision beginnen, Euer Hochwohlgeboren.'
Er schien ihre Worte nicht zu hören, sondern forderte
nur: ,Gebt mir mein Siegel zurück!'
Aber die Juden erwiderten: ,Geben Sie uns, bittschön,
unser Geld!'
Der Herr riß erstaunt die Augen auf und stammelte einige
Worte des Protestes, doch sie blieben dabei.
,Aber bittschön', sagten sie, ,wir haben das Geld doch nur
als Pfand dagelassen!'
Er fragte verblüfft:
,Wieso denn als Pfand?'
,Nun ja, bittschön', antworteten sie, ,eben als Pfand.'
,Ihr lügt!' schrie der Herr. ,Ihr seid verdammte Schufte,
Christusverräter seid ihr! Ich sollte es behalten I'
Sie stießen einander an und lachten.
,Hörst du', sagten sie, ,er meint, wir hätten ihm das Geld
geschenkt! Wai, wail Wir müßten doch wirklich ganz dumme
Bauerntölpel sein, wenn wir auf den Gedanken kämen,
einem so hohen Herrn ein Chabar anzubieten!' (Chabar be-
deutet bei den .Juden Bestechungsgeld.)
Nun, meine Herrschaften, war das nicht ein tolles Stück?
Der Herr hätte natürlich gut daran getan, das Geld sogleich
wieder herauszurücken, doch er sträubte sich, weil es ihm
um das hübsche Sümmchen leid tat. So kam der Morgen. Die
Geschäfte blieben geschlossen, jeglicher Handel in der Stadt
ruhte, die Leute wunderten sich, die Polizei forderte das
Siegel, und die Juden heulten: ,Wai geschrien, was ist das
für eine Staatsregierung! Die hohen Behörden wollen uns
zugrunde richten!' Es war ein entsetzliches Durcheinander.
Der Herr saß eingeschlossen in seinem Zimmer; bis Mittag
fand er keinen Ausweg, und gegen Abend rief er die pfiffi-
gen Juden zu sich. ,So nehmt euer Geld in Teufels Namen',
sagte er, ,und gebt mir mein Siegel!' Aber damit gaben die
Juden sich jetzt nicht mehr zufrieden. ,Aber bittschön,
wie ist das möglich?' sagten sie. ,Wir haben den ganzen
Tag keinen Handel treiben können, jetzt müssen wir von
Euer Wohlgeboren fünfzigtausend fordern!' Das hatte sich
der Herr durch sein Zögern nun auch noch eingebrockt. Und
die Juden fügten hinzu: ,Wenn Sie uns jetzt die fünfzig-
tausend nicht geben, dann kostet es morgen weitere fünf-
undzwanzigtausend !' Der Herr schlief die ganze Nacht
nicht. Am Morgen schickte er wieder nach den Juden, gab
ihnen das ganze Geld zurück, das er von ihnen bekommen
hatte, und stellte dazu noch einen Wechsel über fünfund-
zwanzigtausend aus. Dann nahm er schlecht und recht die
Revision vor. Natürlich fand er nichts, und er reiste schleu-
nigst wieder ab. Zu Hause ließ er seinen Zorn an seiner
Frau aus, er brüllte und fragte verzweifelt, wo er die fünf-
undzwanzigtausend Rubel hernehmen solle, um den Wechsel
auszulösen. ,Ich muß das Dorf verkaufen, das du mit in die
Ehe gebracht hast!' erklärte er, und sie rief: ,Um nichts in
der Welt, an dem Dorf hänge ich!' Darauf er: ,Du bist
doch an allem schuld, schließlich hast du deine Raskolniki
veranlaßt, für mich zu beten, und du hast mir eingeredet,
daß ihr Engel mir helfen werde! Nun siehst du, wie wun-
derbar er mir geholfen hat!' Doch sie erwiderte: ,Ach was,
du ganz allein bist schuld! Warum hast du denn diese Juden
nicht einfach einsperren lassen und erklärt, sie hätten dir das
Siegel gestohlen? Im übrigen ist alles halb so schlimm. Tu
nur, was ich dir sage, ich bringe die Sache schon in Ordnung,
und für deine Unbesonnenheit werden andere zahlen.' Sie
geriet plötzlich in Bewegung und schrie den ersten besten an,
dessen sie habhaft werden konnte: ,Fahr sofort über den
Dnepr und hol mir den Obersten der Raskolniki her!' Der
Bote tat natürlich, wie ihm geheißen. Er brachte Pimen an,
und die Dame erklärte ihm ohne Umschweife: ,Hören Sie',
sagte sie, ,ich weiß, Sie sind ein kluger Mann und werden

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mich begreifen. Mein Mann ist in eine unangenehme Lage
geraten, ein paar Gauner haben ihn übervorteilt, Juden, Sie
verstehen. Jetzt brauchen wir in diesen Tagen ganz dringend
fünfundzwanzigtausend Rubel, und ich weiß nicht, wo wir
sie so schnell herbekommen sollen. Da dachte ich an Sie,
und ich bin sicher, daß Sie uns helfen werden, denn die Alt-
gläubigen sind gescheit und reich, euch hilft Gott ia allem,
wie ich mich selbst überzeugen konnte. Ich bitte Sie also,
geben Sie mir fünfundzwanzigtausend Rubel, ich werde
dafür allen mir bekannten Damen von Ihren wundertätigen
Ikonen erzählen, und dann sollen Sie mal sehen, wieviel
Opfergaben für Wachs und Öl Sie erhalten.' - Ich denke,
meine Herren, Sie vermögen sich unschwer vorzustellen, wie
unserem Bruder Leichtfuß bei dieser Wendung der Dinge
zumute war. Zwar weiß ich nicht, was er im einzelnen vor-
brachte, aber ich glaube doch, daß er alles tat, um die Dame
von unserer Unfähigkeit zu überzeugen, eine solche Summe
aufzubringen. Doch die neue Herodias ließ nichts gelten.
,Nein, nein', sagte sie, ,ich weiß sehr gut, daß die Raskolniki
reich sind, für euch bedeuten fünfundzwanzigtausend gar
nichts. Als mein Vater in Moskau diente, haben ihm die Alt-
gläubigen oft noch viel größere Gefälligkeiten erwiesen,
fünfundzwanzigtausend sind wirklich nur ein Pappenstiel.'
Natürlich versuchte Pimen ihr zu erklären, daß die Moskauer
Altgläubigen kapitalkräftige Leute seien, wir hingegen ein-
fache Dorfbewohner, die von ihrer Hände Arbeit lebten und
es niemals mit den Moskauern aufnehmen könnten. Die
Dame aber, die in Moskau wirklich allerhand gelernt hatte,
fuhr ihn plötzlich an: ,Was wollen Sie mir da einreden! Ich
weiß doch, wieviel wundertätige Ikonen ihr besitzt, und Sie
selbst haben mir erzählt, daß ihr aus ganz Rußland Opfer-
gaben für Wachs und Öl bekommt! Nein, ich will nichts
mehr hören, schafft mir sofort das Geld herbei, sonst fährt
mein Mann noch heute zum Gouverneur und hinterbringt
ihm, wie ihr betet und die Leute verführt, und dann dürfte
es euch schlecht ergehen!' Der arme Pimen stürzte fast die
Treppe hinunter. Zu Hause erklärte er, wie ich Ihnen be-
reits erzählte, auf alle Fragen nur immer wieder einsilbig,

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es sei nichts Besonderes geschehen. Dabei war er so rot im
Gesicht, als käme er eben aus dem Bad; er drückte sich in
den Ecken herum und schnupfte fortwährend mit der Nase.
Schließlich brachte Luka Kirilow doch noch etwas aus ihm
heraus, wenn auch natürlich nicht alles, zudem wagte Pimen
nur einen Bruchteil der geforderten Summe zu nennen. ,Die
Dame verlangt von mir', gestand er, ,daß ich euch dazu
bringe, ihr fünftausend Rubel zu leihen.' Luka machte ihm
allein deshalb sogleich die heftigsten Vorhaltungen. ,Ach du
eitler Geck', schimpfte er, ,was mußtest du dich überhaupt
mit diesen Leuten einlassen und sie auch noch hierher schlep-
pen I Sind wir denn so reich, daß wir solche Summen zur
Verfügung hätten? Warum sollen gerade wir das Geld
geben? Wo nehmen wir es her? Du hast dir diese Suppe
eingebrockt, nun löffle sie auch aus! Wir können dir jeden-
falls keine fünftausend Rubel geben.' Damit ließ er ihn ste-
hen und ging zur Arbeit, wo er, wie ich bereits sagte, bleich
wie ein zum Tode Verurteilter ankam, weil er, unter dem
Eindruck der nächtlichen Ereignisse, kommendes Unheil
spürte. Pimen aber fuhr hinüber zum anderen Ufer. Wir alle
hatten gesehen, wie er in einem kleinen Boot aus dem Schilf
herausgeglitten und in Richtung Stadt davongerudert war,
und jetzt, nachdem mir die Michailiza alles der Reihe nach
erzählt hatte, vor allem das mit den fünftausend. Rubeln,
konnte ich mir auch denken, daß er sich wahrscheinlich zu
jener Dame begeben und sie um Gnade angefleht hatte. Die-
sem Gedanken nachhängend, stand ich vor der Michailiza ;
zugleich überlegte ich, welche Folgen uns aus alldem er-
wachsen könnten und ob wir nicht etwas gegen das drohende
Unheil unternehmen sollten. Doch da sah ich plötzlich, daß
es für derartige Maßnahmen bereits zu spät war. Ein großer
Kahn hatte am Ufer angelegt, ich härte unmittelbar hinter
mir viele Stimmen, und als ich mich umdrehte, erblickte ich
mehrere Beamte verschiedener Rangstufen, begleitet von
einem ganzen Schwarm Gendarmen und Soldaten. Ehe wir,
die Michailiza und ich, zur Besinnung kamen, waren sie
schon an uns vorbeigelaufen und in unseren großen Gemein-
schaftsraum eingedrungen, vor dessen Tür nun zwei Mann
mit gezückten Säbeln Wache hielten. Die Michailiza warf
sich auf die Posten, nicht so sehr deshalb, weil sie durch-
gelassen werden wollte, als vielmehr, um überhaupt etwas
gegen diese Gewalttat zu unternehmen; sie wurde natürlich
zurückgeschoben und lief noch wütender gegen die beiden
Gendarmen an, so daß sich geradezu ein Gefecht entspann,
bis schließlich einer der beiden sie so derb stieß, daß sie
kopfüber die Treppe herabstürzte. Ich für mein Teil wollte
eben zur Brücke laufen, um Luka. zu holen, da sah ich ihn
schon kommen, gefolgt von unserer ganzen Gruppe, alle aufs
äußerste erregt, jeder mit dem Werkzeug bewaffnet, das er
am Arbeitsplatz eben in der Hand gehalten hatte, einem
Brecheisen oder einer Hacke. So stürmten sie herbei, um ihr
Heiligtum zu schützen. Wer kein Boot erwischt und keine
andere Möglichkeit gehabt hatte, ans Ufer zu gelangen, war
in Kleidern, so wie er ging und stand, von der Brücke ins
Wasser gesprungen und seinen Kameraden durch die eis-
kalte Flut nachgeschwommen. Etwas Furchtbares bahnte
sich an. Der Trupp der Gendarmen und Soldaten war zwan-
zig Mann stark, alle höchst kriegerisch herausgeputzt, doch
die Unseren zählten mehr als ein halbes Hundert zu allem
entschlossener Kämpfer für den Glauben. Wie Seehunde
waren sie durch das Wasser geschwommen, und sie wären
selbst dann ans Ufer zu ihrem Heiligtum geeilt, wenn man
mit Knüppeln a:uf sie eingeschlagen hätte. Nun stürmten sie
heran, naß wie sie waren, ein lebendiger, unzerstörbarer
Fels Gottes."

"Erinnern Sie sich jetzt gütigst daran, daß Großvater Maroi


im Gemeinschaftsraum betete, während ich mich mit der
Michailiza auf der Vortreppe unterhielt. So fanden ihn auch
die Herren Beamten, als sie mit ihrer Schar dort eindrangen.
Er berichtete später, daß sie, nachdem sie hereingekommen,
die Tür hinter sich zugeschlagen und sich sofort auf die Iko-
nen gestürzt hätten. Einige löschten die Lämpchen aus, an-

~I
dere rissen die Bilder von der Wand und stapelten sie auf
dem Fußboden. Ihn, Maroi, schrien sie an: ,Bist du der
Pope?' E;r sagte: ,Nein.' Sie fragten: ,Wo steckt denn euer
Pope?' Und er erwiderte: ,Wir haben keinen.' Darauf sie:
,Was, ihr habt keinen Popen? Willst du uns einen Bären
aufbinden?' Hier versuchte Maroi ihnen zu erklären, daß es
bei uns überhaupt keine Popen gab, doch wegen seiner un-
deutlichen Aussprache verstanden ihn die Beamten nicht,
und sie befahlen: ,Nehmt ihn fest und bindet ihn!' Maroi
leistete keinen Widerstand, als mache es ihm gar nichts aus,
daß ein Dutzend Soldaten seine Hände mit einem Strick
fesselten; er stand gelassen da, etduldete alles willig für
seinen Glauben und harrte der Dinge, die da weiter ge-
schehen würden. Die Beamten hatten indessen ein paar Ker-
zen angezündet und begannen nun, die Ikonen zu siegeln.
Einer drückte jeweils das Petschaft auf, andere legten ent-
sprechende Verzeichnisse an, und wieder andere bohrten
Löcher in die Bilder, um sie wie Kringel auf einen langen
Eisenstab zu schieben. Maroi beobachtete diesen gottesläster-
lichen Frevel, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken,
denn er war sicher, daß dies alles nach dem Willen Gottes
geschah. Da hörte er plötzlich einen der Gendarmen, die
draußen Wache hielten, aufschreien, und gleich darauf auch
den anderen. Die Tür flog auf, und unsere Seehunde stürz-
ten herein, so, wie sie aus dem Wasser gestiegen waren. Zu
ihrem Glück war jedoch Luka Kirilow noch immer allen
voran. Er rief sofort: ,Halt, ihr guten Christen, handelt
nicht unbesonnen!' Dann wandte er sich an die Beamten
und sagte, auf die Ikonen an der Eisenstange weisend: ,Wes-
halb, ihr Herren, beschädigt ihr diese wertvollen Bilder?
Wenn ihr ein Recht habt, sie uns wegzunehmen, dann tut
es, wir werden uns der Obrigkeit nicht widersetzen. Warum
aber sollen diese seltenen alten Kunstwerke verdorben wer-
den?'
Da fuhr ihn der Leiter der Aktion an, welcher kein an-
derer war als der Gatte der Pimen bekannten Dame:
,Sch:weig, Halunke! Wagst du es noch, uns Lehren zu er-
teilen?'
Luka war ein stolzer Mann, doch er bezwang sich und
erwiderte sanft: ,Erlauben Sie, Euer Hochwohlgeboren, wir
wissen, wie dergleichen Dinge gehandhabt werden. Hier in
diesem Raum befinden sich anderthalb Hundert Ikonen, wir
bieten Ihnen für jede drei Rubel; nehmen Sie sie, doch zer-
stören Sie die ehrwürdigen Kunstwerke nicht!'
Der Beamte sah ihn mit funkelnden Augen an und schrie:
,Scher dich weg!' Doch leise fügte er hinzu: ,Hundert Rubel
pro Stück, sonst drücke ich ihnen allen ein Siegel auf!'
Eine solche Summe konnte Luka nicht geben, ja sie über-
stieg sogar sein Vorstellungsvermögen, und er sagte: ,Nun,
so tun Sie in Gottes Namen, was Ihnen beliebt! So viel
Geld haben wir nicht.'
Da brüllte der Herr in unbändigem Zorn: ,Was, du bär-
tiger Ziegenbock erdreistest dich, uns Geld anzubieten?'
Im nächsten Augenblick stürzte er sich wie wild auf die
Heiligenbilder und warf alles auf einen Haufen, was ihm
in die Hände geriet. Seine Untergebenen bdhrten Löcher in
das Holz, spießten die Bilder auf den Stab und schraubten
schließlich an dessen beiden Enden Muttern auf, die sie ver-
siegelten, so daß niemand die Ikonen abnehmen oder ver-
tauschen konnte. Als alles fertig war, nahmen zwei Soldaten
die Stange mit den Ikonen auf die Schultern und trugen sie
zum Kahn. Unterdessen hatte die Michailiza, die hinter un- .
seren Leuten in die Stube gekommen war, heimlich das En-
gelsbild an sich genommen und mit ihrem Kopftuch bedeckt.
Sie wollte es in die Kammer schaffen, doch ihre Hände zit-
terten, und sie ließ es fallen. Na, ich kann Ihnen sagen, da
geriet der Beamte erst richtig in Wut. Er nannte uns Diebe
und Betrüger und schrie: ,So, ihr Lumpenpack, ihr wolltet
das Bild stehlen, damit wir es nicht auf die Stange spießen!
Gut, jetzt habt ihr eueren Willen, es ist nicht auf der Stange,
aber seht her, was ich mit ihm mache!'
Er erhitzte den Siegellack und stieß das kochend heiße
rußige Harz dem Engel mitten ins Antlitz I
Verehrte Herrschaften, zürnen Sie mir nicht, wenn ich gar
nicht erst' versuche, Ihnen zu beschreiben, was in uns vor-
ging, als wir den Siegellack auf dem Gesicht des Engels

3 Pilger
sahen und der grausame Mensch die Ikone auch noch hoch-
hielt, um sich an unserem Entsetzen zu weiden. Ich erinnere
mich nur, daß das erhabene göttliche Antlitz von einem roten
Fleck verdeckt war und daß der unter dem heißen Harz ge-
schmolzene Firnis in zwei Rinnsalen von dem Siegel herab-
floß wie blutige Tränen.
Wir alle schrien auf, bedeckten unsere Augen mit den
Händen, fielen zur Erde und stöhnten wie auf der Folter.
Kein Ende hatten unsere Klagen, und noch die dunkle Nacht
fand uns um unseren gesiegelten Engel weinend. Und jetzt,
in der stillen Finsternis, vor unse~;em altehrwürdigen, nun
zerstörten Altar, kam uns der Gedanke, zu forschen, wohin
man unseren Schutzengel verschleppt hatte. Wir schworen,
ihn zu stehlen, selbst unter Lebensgefahr, und das Siegel von
seinem Antlitz zu entfernen. Zur Ausführung dieses Be-
schlusses wurden ein junger Bursche namens Lewanti und
ich ausersehen. Dieser Lewanti war fast noch ein Kind, er
zählte nicht mehr als siebzehn Jahre, doch er war stark, hatte
ein gutes Herz und lebte seit seiner frühesten Kindheit in
der Furcht Gottes. Er führte sich ordentlich und zeigte sich
in allem willig, kurz, er war so brav wie das weiße, silber-
gezäumte Roß im Märchen.
Einen besseren Mitverschworenen und Bundesgenossen in
einem so gefährlichen Unternehmen, wie es das Aufspüren
und Entwenden unseres geblendeten Engels war, dessen
Schmach wir nicht zu ertragen vermochten, hätte ich mir gar
nicht wünschen können."

"Ich will Sie nicht mit den Einzelheiten unserer Nachfor-


schungen langweilen, bei denen mein Gefährte und ich buch-
stäblich durch Nadelöhre schlüpften, um etwas zu erkunden,
sondern gleich von dem Schmerz berichten, der uns erfaßte,
als wir herausfanden, daß man unsere von den Beamten auf
den Eisenstab gezogenen Ikonen in ehendiesem Zustand in
den Keller des Konsistoriums geschafft hatte, wo sie wie in

34
einem Grab lagen und für uns verloren waren, so daß es
gar keinen Sinn hatte, auch nur an sie zu denken. Ein gerin-
ger Trost war uns, daß der Bischof selbst, wie es hieß, das
barbarische Vorgehen der Beamten mißbilligte und gefragt
hatte: ,Wozu das?' Er hatte sich sogar für die alten Kunst-
werke eingesetzt und erklärt: ,Das sind wertvolle Alter-
tümer, die man hüten muß!' Doch brachte uns seine Haltung
keinerlei Nutzen, vielmehr neues Unglück, das diesmal seine
Ursache nicht in mangelnder Ehrfurcht und Unwissenheit
hatte, sondern im Gegenteil in der Achtung vor derartigen
Werten.· Der Bischof nahm nämlich unseren gesiegelten
Engel, und zwar, wie man annehmen muß, wohlwollend,
nicht in feindlicher Absicht; er betrachtete ihn lange, blickte
dann zur Seite und sagte: ,Das Antlitz ist zerstört. Wie
schrecklich hat man ihn mißhandelt! Legt diese Ikone nicht
in den Keller, sondern stellt sie mir in den Altarraum ans
Fenster hinter dem Opfertischl' Seine Diener führten diese
Anordnung aus, und ich muß Ihnen sagen, daß uns die An-
teilnahme des Bischofs der Staatskirche eine gewisse Genug-
tuung bedeutete. Andererseits aber sahen wir dadurch un-
sere Absicht, den Engel zu stehlen, vereitelt. Es blieb nur
eine einzige Möglichkeit: des Bischofs Diener zu bestechen
und mit ihrer Hilfe die Ikone gegen eine geschickte Nach-
bildung zu vertauschen. Dergleichen hatten unsere Altgläu-
bigen schon mehrfach mit Erfolg praktiziert, doch dazu
brauchte man vor allem einen kunstfertigen und erfahrenen
Ikonenmaler, der in der Lage war, eine genaue Imitation
anzufertigen. Einen solchen Meister gab es jedoch unseres
Wissens in der Gegend nicht. Angesichts dieser Lage befiel
uns alle tiefe Trauer, die sich ausbreitete wie die Wasser-
sucht unter der Haut. Die Stube, in der man sonst nur Lob-
preisungen Gottes gehört hatte, war zur Stätte des Klagens
und Jammerns geworden, und es dauerte nicht lange, da
hatte uns der Kummer auch körperlich ausgezehrt. Wir
sahen vor lauter Tränen den Boden nicht mehr zu unseren
Füßen, und ob es nun am vielen Weinen lag oder nicht,
jedenfalls beschlich uns eine Augenkrankheit, die auch auf
die anderen Arbeiter der Baustelle übergriff. Was noch nie-
mals vorgekommen war, trat jetzt ein: Einer nach dem an-
deren wurde krank. In der Siedlung verbreitete sich das Ge-
rücht, dies geschehe nicht von ungefähr, sondern sei die Ver-
geltung für den Engel der Altgläubigen. ,Man hat ihn mit
dem Siegel geblendet, und nun müssen wir alle erblinden I'
hieß es. Diese Deutung ängstigte nicht nur uns, sondern
auch die Anhänger der Staatskirche. Die englischen Herren
der Bauleitung ließen verschiedene Arzte kommen, doch
niemand ging zu ihnen, wir nahmen auch die Arzneien nicht,
sondern klagten nur immer wieder: ,Gebt uns den gesiegel-
ten Engel zurü~, damit wir vor ,ihm beten! Nur er kann
uns heilen I'
Der Engländer Jakow Jakowlewitsch nahm sich der Sache
an. Er fuhr selbst zum Bischof und sagte: ,So und so steht
es bei uns, Ehrwürden, der Glaube vermag viel, und wer
glaubt, dem wird auch geholfen. Lassen Sie den konfiszier-
ten Engel zu uns auf das andere Ufer bringen!'
Doch der Bischof hörte nicht auf ihn und erwiderte: ,In
diesen Dingen darf man keine Nachsicht üben!'
Seine Worte erschienen uns damals höchst grausam, und
wir machten dem hohen Würdenträger manch bitteren Vor-
wurf; später aber erkannten wir, daß aus seinem Verhalten
nicht Hartherzigkeit, sondern das Walten der göttlichen Vor-
sehung sprach.
Unterdes nahmen die Zeichen scheinbar kein Ende. Vor
allem ereilte die strafende Gerechtigkeit den Rauptschuldi-
gen an der ganzen Geschichte, nämlich Pimen, der uns nach
dem Unglück verlassen hatte und drüben auf dem anderen
Ufer zur Staatskirche übergetreten war. Ich traf ihn einmal
in der Stadt; er grüßte mich, und ich dankte ihm. Er sagte:
,Ich habe eine Sünde auf mich geladen, Bruder Mark, als
ich mich von euch trennte und meinem alten Glauben ab-
schwor.'
Ich antwortete: ,Was der Mensch glaubt, liegt in Gottes
Hand, aber daß du den Armen für ein Paar Schuhe verkauft
hast, ist natürlich nicht schön, und das, verzeih mir, muß ich
dir als dein Bruder vorweden, wie es der Prophet Amos
befiehlt.'
Beim Namen des Propheten erzitterte er am ganzen Leibe.
,Du brauchst mir die Propheten nicht vorzuhalten', er-
widerte er. ,Ich kenne die Heilige Schrift, und ich fühle, daß
»die Propheten quälten, die auf Erden wohnten«, ja ich trage
das Zeichen dafür selbst an mir.' Und er berichtete nieder-
geschlagen, er habe vor einigen Tagen im Flusse gebadet,
woraufhin an seinem ganzen Körper ein Ausschlag erschie-
nen sei. Er öffnete das Hemd, und ich erblickte auf seiner
Brust bis hinauf zum Hals tatsächlich helle Flecke wie bei
einem scheckigen Pferd.
Ich bin ein sündiger Mensch, und es lag mir auf der Zunge,
ihm zu sagen, daß Gott den Missetäter zeichnet, doch ich
beherrschte mich und sprach: ,Na, laß nur, bete und freue
dich, daß du schon auf dieser Welt ein Zeichen trägst, denn
dann wirst du vielleicht in der kommenden rein sein.'
Er jammerte mir vor, wie verzweifelt er über sein Un-
glück sei und was er entbehren müsse, wenn der Ausschlag
auch noch in sein Gesicht hinaufsteige, denn selbst der Gou-
verneur, der ihn anläßlich seines Übertritts zur Staatskirche
gesehen hatte, habe seine Schönheit mit großem Wohlgefal-
len bemerkt und dem Stadtoberhaupt geraten, auf ihn,
Pimen, zurückzugreifen, wenn es gelte, durchreisenden hohen
Persönlichkeiten auf einem silbernen Tablett Brot und Salz
entgegenzubringen. Würde man aber einen Gezeichneten
noch mit einer solchen Aufgabe betrauen? Ich hatte keine
Lust, mir sein eitles Geschwätz noch länger anzuhören,
drehte mich um und ging weg.
Damit trennten wir uns. Pimens Makel wurde in der
Folgezeit immer deutlicher sichtbar, und auch bei uns mehr-
ten sich die Zeichen. So geschah es, daß im Herbst, als der
Fluß eben zugefroren war, plötzlich Tauwetter einsetzte
und das Eis schmolz. Die Fluten bedrohten unsere Häuser,
viel Schaden wurde angerichtet, und schließlich stürzte gar
einer der Granitpfeiler, vom Wasser unterspült, in die Tiefe.
Die Arbeit mehrerer Jahre war zunichte gemacht, die viele
Tausende gekostet hatte.
Dieses Ereignis bereitete unseren englischen Vorgesetzten
große Sorgen, und man legte dem obersten Bauleiter, Jakow
Jakowlewitsch, nahe, uns Altgläubige zur Vermeidung wei-
teren Unheils von der Baustelle zu entfernen. Dieser, ein
Mann von edler Gesinnung, hörte jedoch nicht auf solche
Einflüsterungen, er rief vielmehr Luka Kirilow und mich
zu sich und sagte: ,Gebt ihr mir einen Rat, Kinder: Was
kann ich tun, um euch zu helfen und euer Leid zu lindern?'
Doch wir erwiderten, daß niemand uns trösten und unsere
Not abwenden könne, solange das für uns heilige Antlitz
des Engels, der uns bisher stets den rechten Weg geführt
habe, von dem Brandmal verunziert sei.
,Was gedenkt ihr zu tun?' fragte er.
,Wir hoffen, ihn eines Tages unbemerkt zu vertauschen
und sein reines Gesicht von dem Siegel zu befreien, das ihm
ein gottloser Beamter schändlicherweise aufgedrückt hat.'
,Warum hängt ihr denn so an ihm? Könnt ihr euch nicht
einen anderen beschaffen?'·
,Wir hängen an ihm', erwiderten sie, ,weil er uns immer
beschützt hat, und einen gleichwertigen werden wir nirgends
finden, weil er in glaubensfesten Zeiten von frommer Hand
gemalt und von einem unserer alten Priester nach dem voll-
ständigen Ritual des Pjotr Mogila geweiht worden ist. Heute
aber haben wir keine Priester mehr und auch nicht dieses
alte Ritual.'
,Wie wollt ihr aber das Siegel entfernen?' fragte er wei-
ter. ,Es ist doch tief in sein Antlitz eingebrannt!'
,Nun, in dieser Hinsicht können Euer Gnaden ganz be-
ruhigt sein', entgegneten wir. ,Ist der Schutzengel erst ein-
mal in unserer Hand, dann wird er sich schon behaupten.
Schließlich hat ihn nicht irgendein Handwerksmeister herge-
stellt, um mit ihm Handel zu treiben, sondern er ist eine
echte Stroganower Arbeit. Dem Stroganower Firnis kann,
genau wie dem Kostromaer, nicht einmal das Brandeisen
etwas anhaben, er schützt die zarten Farben selbst vor dem
Siegellack.'
,Seid ihr dessen sicher?'
,Ganz sicher, Herr, dieser Firnis ist so fest wie der alte
russische Glaube.'
Jakow Jakowlewitsch gab seinen Unmut darüber zu er-
kennen, daß man ein solches Kunstwerk nicht besser hütete.
Dann reichte er uns die Hand und sagte:
,Nun laßt nicht immerfort den Kopf hängen! Ich helfe
euch,. wir werden eueren Engel schon rausholen. Braucht ihr
ihn lange?'
,Nein', antworteten wir, ,nur für kurze Zeit.'
,Ich sage einfach, daß ich für eueren gesiegelten Engel
kostbare goldene Beschläge anfertigen lassen will, und wenn
ich ihn habe, dann tauschen wir ihn hier gegen eine Imitation
aus. Gleich morgen werde ich die Sache in die Wege leiten.'
Wir dankten, erwiderten aber:
,Unternehmen Sie bitte morgen noch nichts, Herr, und
übermorgen auch nicht.'
,Warum denn?' fragte er.
Wir antworteten:
,Weil wir für den Tausch vor allem eine Ikone brauchen,
die der echten aufs Haar gleicht, und einen Meister, der eine
solche anfertigen könnte, gibt es hier nicht, wir müssen ihn
von weit her holen.'
,Unsinn', erwiderte er. ,Ich werde euch aus der Stadt einen
Künstler beschaffen, der nicht nur ausgezeichnete Kopien an-
fertigt, sondern auch sehr schöne Porträts malt.'
,Nein, Herr', entgegneten wir, ,tun Sie das bitte nicht,
denn erstens würde dieser weltliche Künstler vielleicht am
falschen Ort darüber reden, und zweitens ist ein gewöhn-
licher Maler einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.'
Der Engländer bezweifelte das, und so trat ich vor und
erklärte ihm den Unterschied. Die weltlichen Maler, sagte
ich, beherrschen diese Kunst nicht: Sie verwenden Ölfarben,
während die wahren Meister mit ganz zarten, in Eiweiß an-
gerührten Farben arbeiten; dadurch wird in der modernen
Malerei jeder Pinselstrich so grob, daß die Bilder erst aus
einiger Entfernung natürlich wirken, die Linien der alten
Ikonenmaler aber sind so gestochen scharf, daß man selbst
aus nächster Nähe alles deutlich erkennt. Überdies, fuhr ich
fort, wird ein weltlicher Künstler auch bei der Zeichnung
nicht das Richtige treffen, da er nur wiederzugeben versteht,
was dem irdischen, dem Erdenleben verhafteten Körper des

39
Menschen eigen ist, wohingegen die heilige russische Ikonen-
malerei die himmlischen Züge des Individuums zeigt, von
denen der materielle Mensch gar keine rechte Vorstellung
haben kann.
Jakow Jakowlewitsch hörte aufmerksam zu. Er fragte:
;Wo gibt es denn noch. Meister, die so zu malen verste-
hen?'
,Sie sind heute sehr selten geworden', berichtete ich. (Da-
mals lebten solche Ikonenmal~r zudem streng im Verborge-
nen.) ,In der Siedlung Mstjora wohnt einer, der Meister
Chochlow, doch der ist schon so alt, daß man ihm die weite
Reise nicht zumuten kann; in Pal~ch gibt es zwei, aber die
würden wohl ebenfalls kaum kommen. Außerdem wären
weder der Meister aus Mstjora noch die aus Palech für uns
von Nutzen.'
,Warum denn nun wieder nicht?' fragte der Engländer.
,Weil sie einen anderen Stil haben', erwiderte ich. ,Bei den
Malern aus Mstjora ist die Zeichnung zu schwerfällig und
der Strich zu undeutlich, und in Palech wird zuviel Blau
verwendet, die Bilder von dort haben einen türkisfarbenen
Ton.'
,Was ist also zu tun?'
,Ich weiß es selbst nicht', antwortete ich. ,In Moskau soll
noch ein guter Meister leben, er heißt Silatschow, seinen
Namen kennt ebenfalls jeder Altgläubige in ganz Rußland,
doch er folgt mehr der Nowgoroder und der führenden
Moskauer Malweise, während unsere Ikone in Stroganower
Art gearbeitet ist, mit sehr hellen und kräftigen Farben.
Wahrscheinlich kann uns nur der Meister Sewastjan helfen,
der unten an der Flußmündung zu Hause ist, aber den findet
man schwer: er zieht durch ganz Rußland und arbeitet aller-
orts für die Altgläubigen, man weiß nie, wo man ihn suchen
soll.'
Der Engländer hörte sich alle meine Worte mit Vergnü-
gen an, er lächelte und sagte dann:
,Ihr seid ja wirklich recht wunderliche Leute. Es ist eine
wahre Freude, zu hören, wie gut ihr über alles, was euch
angeht, Bescheid wißt, sogar über die Kunst.'
,Weshalb sollten wir nicht, Herr', erwiderte ich. ,Hier geht
es um eine göttliche Kunst, und die hat unter uns so viele
Freunde, daß selbst einfache Bauern nicht nur sämtliche
Schulen wie die Ustjuger, die Nowgoroder, die Moskauer
oder die Wologdaer, die Sibirische oder die Stroganower
fehlerlos voneinander zu unterscheiden wissen, sondern selbst
die einzelnen bekannten alten Meister innerhalb dieser Rich-
tungen.'
,Kann man das denn?' fragte er.
,Aber ja', erwiderte ich. ,So wie Sie die Handschrift eines
Menschen erkennen, sehen unsere Bauern einem Heiligenbild
sofort an, wer es gemalt hat: Kusma, Andrej oder Prokofi.'
,Und woran?'
,Der Unterschied liegt in der Zeichnung und in deJ;J. Far-
ben, in der Bildaufteilung, im Gesichtsausdruck der Flguren
und in ihrer Haltung.'
Er härte mir weiter zu, und so erzählte ich ihm, was ich
über einige Ikonenmaler wußte,. über Uschakow, über
Rubljow und über den ältesten russischen Meister, Param-
schin, dessen Werke unsere frommen Zaren und Fürsten als
einen Gottessegen an ihre Kinder vererbten, wobei sie ihnen
in ihrem Testament ans Herz legten, diese Kostbarkeiten zu
hüten wie ihren Augapfel.
Der Engländer holte sogleich sein Notizbuch hervor und
bat mich, die Namen der Meister zu wiederholen und ihm
zu sagen, wo man ihre Arbeiten sehen könne. Doch ich ant-
wortete:
,Die werden Sie vergeblich suchen, Herr, es ist nichts von
...i,hnen geblieben.'
,Wo sind sie denn hingeraten?'
,Ich weiß es nicht', erwiderte ich. ,Vielleicht hat man Pfei-
fenrohre daraus gedreht oder von Ausländern Tabak für sie
eingehandelt.'
,Das ist doch nicht möglich', entgegnete er.
,Doch', antwortete ich, ,man kann so etwas durchaus ver-
muten, es gibt sogar Beispiele dafür: Beim Papst im Vatikan
zu Rom befindet sich ein Klappbild, das unsere russischen
Ikonenmaler Andrej, Sergej und Nikita im dreizehnten Jahr-

41
hundert geschaffen haben. Die Miniatur, auf der mehrere
Figuren dargestellt sind, ist so schön, daß die bedeutendsten
ausländischen Maler angesichts dieser wunderbaren Schöp-
fung in helle Begeisterung gerieten, wie man sagt.'
,Und wie ist sie nach Rom gelangt?'
,Peter der Erste schenkte sie einem ausländischen Mönch,
und der hat sie verkauft.'
Der Engländer lächelte nachdenklich. Dann sagte er leise,
daß man in England selbst das kleinste Bild sorgsam hüte
und eine Generation es der anderen vererbe, so daß es
sogar Zeugnis von der Herkunft seines Besitzers. ablegen
könne.
,Nun', versetzte ich, ,bei uns herrschen da andere Bräuche.
Hier ist man bemüht, das Althergebrachte zu verschütten,
damit alles neu aussehe, als sei das gesamte Geschlecht der
Russen gestern erst aus dem Ei gekrochen.'
,Aber wenn ihr nun schon solche barbarischen Bräuche
habt, weshalb seid ihr, die ihr die Liebe zur Volkskunst be-
wahrt habt, nicht darauf bedacht, sie zu fördern?'
,Es gibt keine Vertreter dieser alten Malerei mehr, gnädi-
ger Herr', erwiderte ich. ,In den heutigen Kunstrichtungen
zeigt sich eine allgemeine Verflachung der Gefühle, und der
V erstand ordnet sich der Eitelkeit unter. Der Typ des
selbstlosen begnadeten Künstlers ist verschwunden, jeder
denkt nur in irdischen Maßstäben und ergibt sich den Lei-
denschaften dieser Welt. Unsereneuesten Maler bilden heute
schon den Erzengel Michail mit dem Gesicht des Fürsten
Potjomkin von Tauden ab, ja sie malen gar den Erlöser
Jesus Christus als Juden. Was soll man von solchen Leuten
erwarten? Ihr fühlloses Herz treibt diese Unbeschnittenen
vielleicht noch zu ganz anderen Dingen, die sie uns als
etwas Göttliches anbieten! Im alten Ägypten hielt man ja
auch einen Stier und eine rotgefiederte Zwiebel für Gott-
heiten. Doch wir huldigen fremden Göttern nicht, und einen
Christus mit jüdischen Zügen erkennen wir nicht an; deshalb
halten wir derlei Darstellungen, so kunstvoll sie auch sein
mögen, für eine unzüchtige Flegelei, von der wir uns abwen-
den, denn wir wissen von unseren Vätern, daß eine bloße

42
Augenweide den Verstand trübt wie ein beschädigtes Rohr
das Quellwasser!'
Damit schloß ich und schwieg, doch der Engländer sagte:
,Fahre fort, denn deine Ansichten gefallen mir!'
Ich antwortete: ,Weiter habe ich nichts zu sagen.'
Er aber forderte: ,Nein, erzähl mir noch, was ihr unter
einer begnadeten Darstellung versteht!'
Das, ihr Herren, ist für einen einfachen Menschen eine
recht schwierige Frage, doch ich mußte sie wohl oder übel
beantworten. So sprach ich von der Abbildung des Sternen-
himmels in Nowgorod, und danach beschrieb ich das Ge-
mälde in der Sophienkathedrale zu Kiew, auf dem zu bei-
den Seiten des Gottes Zebaoth sieben geflügelte Erzengel
stehen, die natürlich nicht dem Fürsten Potjomkin ähneln.
Vor dem erhöhten Thron, auf einer Treppe, sieht man die
Propheten und die Patriarchen; eine Stufe tiefer Moses mit
der Gesetzestafel, unter ihm Aaron mit der Mitra und. dem
grünenden Stab, darunter König David mit der Krone, der
Prophet Jesaja mit einer Schriftrolle, Hesekiel mit der ver-
schlossenen Pforte und Daniel mit dem Stein. Neben diesen
heiligen Fürsprechern aber, die uns den Weg in den Himmel
weisen, erblickt man die Symbole der Gaben, mit denen der
Mensch den steilen Weg der Gnade zu beschreiten vermag:
das Buch mit den sieben Siegeln - die Gabe der Weisheit,
einen siebenarmigen Leuchter - die Gabe der Vernunft, sie-
ben Augen - die Gabe des ratenden Beistandes, sieben Po-
saunen - die Gabe der Standhaftigkeit, eine rechte Hand
zwischen sieben Sternen - die Gabe des Sehens, sieben Räu-
chergefäße - die Gabe der Frömmigkeit, und sieben Blitze -
die Gabe der Gottesfurcht. ,Ein solches Bild führt den Be-
schauer zu himmlischen Höhen empor', sagte ich.
Doch der Engländer erwiderte:
,Verzeih, mein Lieber, aber ich verstehe nicht ganz, wieso
du es für so erhebend hältst.'
,Weil es unmittelbar die Seele anspricht', sagte ich, ,und
ihr verkündet, daß der Christ beten und danach dürsten
soll, sich zu Gottes unbeschreiblichem Ruhm von der Erde
zu lösen!'

43
,Aber das tut doch auch die Heilige Schrift und jedes
Gebet.'
,0 nein', erwiderte ich. ,Die Schrift zu verstehen ist nicht
jedem gegeben, und wer sie nicht begreift, dem erschließt
auch das Gebet nicht immer den rechten Weg: Manch einer
denkt bei der Verheißung der »großen und reichen Gnade<<
an Geld und betet aus Habgier. Sieht er aber die himm-
lische Glorie bildlich dargestellt, dann erschaut er den
höchsten Sinn des Lebens unmittelbar, und er begreift,
wie er das Ziel zu erreichen vermag, denn hier ist alles
einfach und verständlich: Der Mensch muß für seine Seele
zunächst die Gabe der Gottesfurclit erbeten, dann wird er
sogleich erleichtert von Stufe zu Stufe emporsteigen und
sich mit jedem Schritt den ganzen Reichtum weiterer Gaben
aneignen, Geld jedoch wie auch jeder andere irdische
Glanz wird ihm nun im Gebet als Frevel vor dem Herrn
erscheinen.'
Hier erhob sich der Engländer von seinem Platz und
sagte frohgelaunt: ,Und was erbetet ihr für euch, ihr sonder-
baren Leute?'
Ich erwiderte: ,Wir bitten Gott um ein christliches Lebens-
ende und um ein mildes Urteil beim Jüngsten Gericht.'
Jakow Jakowlewitsch lächelte und zog an einer goldge-
wirkten Schnur, die einen grünen Vorhang öffnete. Wir er-
blickten plötzlich seine Gemahlin, eine Engländerin, die in
einem Sessel saß und bei Kerzenlicht mit langen Nadeln
etwas strickte. Sie war eine sehr schöne Frau, stets freund-
lich, und obwohl sie unsere Sprache nicht sonderlich gut be-
herrschte, verstand sie doch alles. Wahrscheinlich hatte sie
unserem Gespräch mit ihrem Gatten über unsere Religion
beiwohnen wollen.
Und was glauben Sie? Als sich der Vorhang öffnete, der
sie bislang verborgen hatte, stand sie sofort auf, als sei sie
erschrocken. Sie kam auf Luka und mich zu, streckte uns
einfachen Männern mit einer herzlichen Gebärde ihre zarten
Hände entgegen und sagte mit Tränen in den Augen: ,Gute
Menschen, gute russische Menschen!'
Luka und ich küßten ihr für diese wohlgemeinten Worte

44
die Hand, und sie berührte mit ihren Lippen unsere Bauern-
schädel."
Der Erzähler hielt einen Augenblick inne und wischte mit
dem Armel rasch über seine Augen. Dabei flüsterte er:
"Eine rührende Frau I"
Dann faßte er sich und fuhr fort:
"Nach diesem gütigen Beweis ihres Wohlwollens redete
sie eine Zeitlang in ihrer Sprache auf ihren Mann ein. Wir
verstanden sie nicht, doch ihrer Stimme entnahmen wir, daß
sie etwas für uns erbat. Jakow Jakowlewitsch, der sich offen-
sichtlich über die Herzensregung seiner Frau freute, sah sie
an, strahlend vor Stolz, strich ihr ein paarmal über den
Kopf und sagte etwas, das uns wie Taubengurren klang:
Good, good, oder wie das auf englisch heißt. Man sah jeden-
falls, daß er sie lobte und ihrer Bitte zustimmte.
Dann trat er an sein Schreibpult, nahm zwei Hundert-
rubelscheine heraus und sagte: ,Hier, Luka, nimm das: Mach
dich auf den Weg und suche den geschickten Heiligenbild-
maler, den ihr braucht, damit er euch in euerer Angelegen-
heit helfe. Er soll auch für meine Frau etwas malen, sie
möchte gern eine Ikone nach euerem Geschmack unserem
Sohn schenken, deshalb gibt sie euch für alle Mühen ·und
Ausgaben dieses Geld.'
Die Engländerio lächelte unter Tränen und erklärte rasch:
,Nein, nein, das ist von ihm, ich gebe euch noch was.' Damit
lief sie zur Tür hinaus, und bald darauf kehrte sie mit
einem dritten Hunderter zurück. ,Mein Mann hat es mir für
ein Kleid gegeben', sagte sie, ,aber ich möchte kein Kleid
haben, ich schenke es euch.'
Wir sträubten uns natürlich, doch sie wollte nichts hören
und rannte einfach davon. Jakow Jakowlewitsch sagte:
,Laßt ihr die Freude und nehmt, was sie euch gibt.' Damit
drehte er sich plötzlich zur Wand und befahl: ,Und nun
macht, daß ihr fortkommt, ihr wunderlichen Kerle I'
Wir nahmen ihm diesen Hinauswurf natürlich keineswegs
übel, denn wir hatten sehr wohl bemerkt, daß er nur die ihn
überkommende Rührung vor uns zu verbergen trachtete.
So geschah es, ihr Herren, daß wir in einer Zeit, in der

45
die eigenen Landsleute uns verurteilten, durch einen Eng-
länder getröstet und mit neuem Glaubenseifer beseelt wur-
den wie durch die heilige Taufe.
Nun aber, meine Herren, beginnt der zweite Teil meiner
Geschichte, und ich möchte Ihnen kurz schildern, was ich in
Begleitung unseres ,silbergezäumten' Lewonti auf der Suche
nach einem geeigneten Ikonenmaler erlebte, welche Orte wir
berührten, was für Menschen wir sahen, welche neuen Wun-
der uns widerfuhren, was wir fanden, was wir verloren und
womit wir schließlich heimkehrten."

10

"Das wichtigste für einen Reisenden ist der W eggenasse: In


Gesellschaft eines guten und verständigen Gefährten lassen
sich selbst Kälte und Hunger leichter ertragen. Mir war das
Glück beschieden, in dem erwähnten Lewonti, einem klugen
und liebenswerten Jungen, eben einen solchen Begleiter zur
Seite zu haben. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg, jeder
einen kleinen Ranzen auf dem Rücken. Wir hatten eine be-
trächtliche Summe Geldes bei uns und führten zu ihrem
Schutz, wie auch zur eigenen Sicherheit, den alten, einseitig
geschliffenen kurzen Säbel mit, der von jeher in unserer
Mannschaft für den Fall der Gefahr aufbewahrt wurde.
Nach außen hin traten wir als Händler auf und schützten,
wo es notwendig wurde, Geschäfte vor, im Grunde aber
verfolgten wir natürlich unser eigentliches Ziel. Zunächst be-
gaben wir uns nach Klinzy und nach Slynka, danach suchten
wir einige unserer Glaubensbrüder in Orjol auf, doch nir-
gends war uns Erfolg beschieden, das heißt, es gelang uns
nicht, gute Ikonenmaler zu finden, und so zogen wir nach
Moskau. Aber ich muß sagen: 0 weh, Moskau, des alten
Russenturns ruhmreiche Zarin - wir, die Verfechter des
alten Glaubens, fanden bei dir keinen Trost!
Ich spreche nicht gern davon, aber es läßt sich nicht ver-
schweigen: Wir fanden in Moskau nicht den Geist, nach dem
unsere Seele dürstete. Es zeigte sich, daß unsere guten alten
Sitten hier nicht mehr auf edler Gesinnung und Frömmig-
keit beruhten, sondern allein der Starrsinn sie noch am Leben
hielt. Davon überzeugten wir uns mit jedem Tag mehr, und
wir begannen uns bald voreinander zu schämen, sahen wir
doch Dinge, die jedem rechtschaffenen Altgläubigen das
Herz schwer machen mußten. Dennoch vermieden wir es,
darüber zu reden.
Ikonenmaler gab es natürlich in Moskau, sogar höchst
kunstfertige, doch was nützte das, wenn sie nicht in dem von
unseren Glaubensvätern überlieferten Geist lebten? Ehedem
hatten die frommen Meister gefastet und gebetet, bevor sie
an ein heiliges Werk gingen, sie hatten ohne Rücksicht auf
den zu erwartenden Lohn nach bestem Können gearbeill:t,
wie es sich bei einer so erhabenen Sache gehört. Die neuen
Künstler aber malten mit kostbaren Farben für den einen
Auftraggeber, mit billigen für den anderen; sie schufen nichts
Dauerndes, sondern dachten nur an den nächsten Tag. Den
Grund legten sie mit Kreide statt mit dem festeren Ala-
baster, und die Farben trugen sie aus Bequemlichkeit nur
einmal auf, nicht wie die alten Meister vier- oder gar fünf-
mal in wasserdünner Lösung, wodurch jene wunderbare
Zartheit erreicht wurde, die man auf den heutigen Bildern
vergebens sucht. So wie die Sorgfalt in der Kunst der neuen
Maler schwand, ließ auch ihre Geisteshaltung allmählich zu
wünschen übrig: Einer tat sich vor dem anderen groß, und
man scheute nicht einmal davor zurück, seinen Nächsten
schlechtzumachen. Noch schlimmer aber war, daß sie sich
zu Gruppen zusammenrotteten und gemeinsam die gerissen-
sten Betrügereien verübten. Sie versammelten sich in den
Schenken, tranken Schnaps und priesen überheblich ihre
Kunst; die Arbeiten derer aber, die sich ihnen nicht an-
schlossen, bezeichneten sie gotteslästerlich als Teufelswerk.
Antiquitätenhändler waren ständig um sie herum wie die
Spatzen um die Eulen. Man steckte sich alte Ikonen zu, es
wurde getauscht, untergeschoben, gefälscht; neue Bilder
wurden zum Altern in den Rauch gehängt, man machte Risse
und bohrte Wurmlöcher. Aus'Kupfer goß man Klappbilder,
die aussahen wie die echten getriebenen; antike Emaille-

47
. arbeiten wurden imitiert, Schüsseln verwandelte man in
Taufbecken, auf die man auch noch den alten Staatsadler
lötete, wie es zur Zeit Iwans des Schrecklichen üblich war,
und man verkaufte sie als Becken aus jener Zeit, obwohl
davon in Rußland schon unzählige St~cke existierten - alles
Gaunerei und schamlose Lüge. Kurz, diese Leute betrogen
wie die Roßtäuscher unter den Zigeunern, und das mit Hei-
ligtümern. Ihr Verhalten trieb uns die Schamröte ins Ge-
sicht, denn wir erkannten in alldem die Sünde, die Sitten-
verderbnis und die Lästerung des Glaubens. Wer diese
Widerwärtigkeiten schon gewohnt war, fand jedoch gar
nichts dabei, und viele unserer Glaubensbrüder, die etwas
voo Kunst verstanden, sahen dem unlauteren Handel wo~l­
wollend zu, ja sie amüsierten sich sogar, wenn man diesem
oder jenem eine Christus-Imitation, einen frisierten Nikolai-
Adler oder eine gefälschte Muttergottes angedreht hatte. Es
war für sie nichts Ungewöhnliches, daß die Maler miteinan-
der und gegeneinander wetteiferten, unerfahrene Käufer von
heiligen Darstellungen möglichst geschickt übers Ohr zu
hauen. Lewonti und mir aber, die wir beide gottesfürchtige
Burschen vom Lande waren, erschien dieses Verhalten so
ungebührlich, daß uns angst und bange wurde.
Ist es denn mit unserem unglücklichen alten Glauben schon
so weit gekommen? dachten wir. Ich machte mir große Sor-
gen, und ich sah, daß auch Lewonti in seinem Herzen bittere
Überlegungen anstellte. Zwar gestanden wir einander unse-
ren Kummer nicht ein, doch ich bemerkte, daß der gute Junge
immer mehr die Einsamkeit suchte.
Als ich ihn einmal so betrachtete, dachte ich bei mir: Er
wird doch in seiner Verwirrung nicht auf unrechte Gedanken
kommen? und sagte zu ihm: ,Was hast du denn, Lewonti,
quält dich etwas?'
Er antwortete:
,Nein, es ist nichts.'
,Geh mit mir zur Eriwaner Schenke in der Bosheninstraße.
Ich bin dort mit zwei Heiligenbildmalern verabredet, sie wol-
len ein paar alte Ikonen mitbringen. Eine habe ich schon ge-
kauft, und ich möchte heute noch eine erwerben.'
Doch Lewonti erwiderte:
,Nein, Onkelehen, geh bitte allein, ich möchte nicht mit-
kommen.'
,Aber warum denn nicht?' fragte ich.
,Ach weißt du', antwortete er, ,ich fühle mich heute nicht
recht wohl.'
Ich redete auf ihn ein und sagte schließlich noch einmal:
,Na komm, Lewonti, geh mit, Junge!'
Doch er verneigte sich vor mir und flehte fast:
,Nein, mein liebes Onkelehen, ich bitte dich herzlich, laß.
mich hier!'
,Aber was soll denn das heißen, Lewonti? Du bist mir
doch als Helfer beigegeben worden, und nun sitzt du nur
immerfort zu Hause! So bist du mir keine große Hilfe, mein
Lieber!'
Da rief er: ,Oh, verehrter Mark Alexandrytsch, Väter-
chen, führ mich nicht dorthin, wo man sich den Bauch voll-
schlägt und Branntwein trinkt und ungehörig über heilige
Dinge redet, ich könnte in Versuchung geraten!'
Es war das erstemal, daß er über seine Gefühle sprach,
und seine Worte trafen mich mitten ins Herz. Ich stritt je-
doch nicht mit ihm, sondern ging allein. Am gleichen Abend
hatte ich ein langes Gespräch mit den beiden Ikonenmalern
und wurde am Ende bitter von ihnen gekränkt. Es wider-
strebt mir geradezu, Ihnen zu erzählen, was sie mir antaten.
Der eine verkaufte mir ein Heiligenbild für vierzig Rubel
und verschwand. Da sagte der andere:
,Ich rate dir, dich vor dieser Ikone nicht zu verneigen,
mein Lieber!'
,Warum?' fragte ich.
Er antwortete: ,Weil es Teufelswerk ist.'
Er kratzte mit dem Fingernagel ein wenig in einer Ecke
des Bildes; die Farbe blätterte ab, und ich erblickte auf dem
Grund einen kleinen geschwänzten Teufel. Der Maler löste
noch an einer anderen Stelle die Farbschicht, und wieder kam
darunter ein kleiner Teufel zum Vorschein.
,Mein Gott!' rief ich erschrocken. ,Was hat denn das zu be-
deuten?'

4 Pilger 49
,Das hat zu bedeuten', erwiderte er, ,daß du lieber bei mir
kaufen solltest.'
Nun begriff ich, daß die beiden unter einer Decke steckten
und miteinander verabredet hatten, mir diesen üblen Streich
zu spielen. Ich warf die Ikone auf den Tisch und ging meiner
Wege, Tränen in den Augen und Gott dankend, daß diesen
Vorfall nicht Lewanti mit angesehen hatten, dessen Glauben
ohnehin auf eine harte Probe gestellt war.
Als ich nach Hause kam, brannte in der kleinen Stube, die
wir gemietet hatten, kein Licht, dafür vernahm ich leisen
Gesang, und ich erkannte sofort Lewontis schöne Stimme.
Er sang mit so innigem Gef\ihl, daß jedes Wort in Tränen
gebadet schien. Ich trat behutsam ein, um ihn nicht zu stören,
blieb an der Tür stehen und lauschte seinem Lied. Es war
die Josephsklage.
Wem soll ich meine Trauer künden,
wen rufe ich, mit mir zu klagen?
Diese Verse - ich weiß nicht, ob Sie sie kennen - sind an
sich schon so ergreifend, daß man sie nicht ohne Gemütsbewe-
gung anhören kann; Lewanti aber sang sie unter Tränen
und offensichtlich mit innerer Anteilnahme.
Meine Brüder haben mich verkauft I
Und er weinte, weinte, als stünde er am Grab seiner Mut-
ter; die Erde rief er an, in seine Wehklagen über die Sünde
seiner Brüder einzustimmen.
Die Worte dieses Liedes vermögen jeden Menschen zu
jedem Zeitpunkt tief zu ergreifen - wie mußten sie da erst
mich erschüttern, der ich in diesem Augenblick von mei-
nen verderbten Brüdern zurückkehrte! Ich schluchzte laut
auf. Als Lewanti mich härte, verstummte er sofort und
rief:
,0 Mark Alexandrytsch, Väterchen I'
,Ja, mein guter Junge', sagte ich.
,Weißt du', fuhr er fort, ,wer die Mutter in diesem Lied
ist?'
,Rahel', erwiderte ich.
,Nein', sagte er, ,sie war es früher, doch heute hat das
Wort einen verborgenen tieferen Sinn.'
,Wieso?' fragte ich.
,Nun', erwiderte er, ,es ist in übertragener Bedeutung ge-
meint.'
,Mein lieber Junge', sagte ich, ,nehmen deine Gedanken
da nicht eine gefährliche Richtung?'
,Nein', antwortete er, ,ich fühle, daß der Erlöser uns die-
ses Kreuz auferlegt, weil wir ihn nicht mit einigem Mund
und einigem Herzen suchen.'
Ich erschrak noch mehr, als ich merkte, welche Richtung
seine Gedanken nahmen, und sagte:
,Weißt du was, Lewontjuschka: Wir wollen dieses Mos-
kau so schnell wie möglich verlassen und in die Gegend von
Nishegorod gehen, um den Ikonenmaler Sewastjan aufzu-
spüren. Er hält sich zur Zeit dort auf, habe ich gehört.'
,Ja, laß uns aufbrechen', erwiderte er. ,Hier in Moskau
quält mich ein Kleinmut, der mich krank macht, da draußen
aber finden wir weite Wälder und reinere Luft. Außerdem
soll dort der Vater Pamwa wohnen, der Einsiedler ohne
Neid und Zorn, den ich gern sehen möchte.'
,Dieser Pamwa', versetzte ich streng, ,ist ein Diener der
herrschenden Kirche, wir haben keinen Grund, ihn aufzu-
suchen.'
,Was sChadet das?' entgegnete Lewonti. ,Gerade deshalb
würde ich gern zu ihm gehen, denn er kann uns sagen, wel-
cher Art der Segen der herrschenden Kirche ist.'
Ich rügte ihn und erklärte, hier könne von Segen über-
haupt keine Rede sein, aber ich spürte, daß er gerechter war
als ich, weil er der Sache auf den Grund gehen wollte, wäh-
. rend ich etwas verwarf, das ich gar nicht kannte. Dennoch
blieb ich hartnäckig bei meinem Widerstand; was ich ins Feld
führte, war jedoch nichts als Torheit.
,Die Anhänger der Staatskirche', sagte ich, ,betrachten
nicht einmal den Himmel mit dem rechten Glauben. Sie fol-
gen dem »Tor des Aristoteles<<, und auf dem Meer orientieren
sie sich nach dem Gestirn des heidnischen Gottes Remphan.
Willst du das etwa auch tun?'
Aber Lewanti antwortete: ,Das sind Märchen. Es gibt
keinen Gott Remphan, und es hat ihn nie gegeben. Die Welt
ist allein durch die Allweisheit des einen Schöpfers erschaf-
fen worden.'
Sein kluger Einwand machte mich noch unbedachter, und
ich sagte:
,Die von der Staatskirche trinken Kaffee!'
,Warum sollten sie nicht?' erwiderte Lewonti. ,Kaffee ist
doch bloß eine Bohnenart; schon König David ist damit be-
sChenkt worden.'
,Woher weißt du denn das alles,?' fragte ich.
,Ich habe es in Büchern gelesen', sagte er.
,Weißt du auch, daß in den Büchern nicht alles geschrieben
steht?'
,Was denn zum Beispiel nicht?' fragte er.
,Wie? Was nicht in den Büchern steht?' Ieh wußte nun
schon gar nicht mehr, was ich noch vorbringen sollte, und so
platzte ich heraus: ,Die Kirchenleute essen Hasen, der Hase
aber ist ein unreines Tier!'
,Sag das nicht', parierte er, ,du versündigst dich an der
von Gott erschaffenen Kreatur!'
,Und doch sage ich es', erwiderte ieh. ,Der Hase ist ein
ekelhaftes Geschöpf, denn er hat Eselsohren, er ist ein Zwit-
ter, und sein Genuß macht des Menschen Blut dick und
melanCholisch!'
Da lachte Lewanti und sagte: ,Leg dich schlafen, Väter-
chen, du weißt nicht mehr, was du spriChst!'
Offen gestanden hatte ich damals noeh nicht recht heraus-
gefunden, was in der Seele des guten Jungen vorging, doch
ich freute mich, daß er das Gespräch abbrechen wollte, denn
ich fühlte im Grunde selbst, wie dumm alle meine Argu-
mente waren. Ich schwieg also und dachte, während ich mich
niederlegte: Diese Zweifel rühren alle nur aus seiner trüben
Stimmung her; morgen ziehen wir weiter, dann wird er schon
wieder zu sich kommen I Immerhin nahm ich mir vor, am
näChsten Tag eine Zeitlang nicht mit ihm zu reden, um ihm
zu zeigen, daß ich mich sehr über ihn geärgert hatte.
Aber ich bin ein friedfertiger Mensch und bringe es nicht
übers Herz, Unmut zu heucheln. Also sprachen wir doch
wieder miteinander, allerdings nicht über Gott und die Reli-
gion, weil er mir auf diesem Gebiet zu belesen war, sondern
über die Umgebung, wofür die mächtigen dunklen Wälder,
durch die unser Weg führte, jeden Augenblick neuen Anlaß
boten. Un~ere Debatte in Moskau bemühte ich mich zu ver-
gessen, ich beschloß lediglich, darauf bedacht zu sein, daß
wir nicht tatsächlich dem alten Einsiedler Pamwa begegneten,
zu dem es Lewonti so sehr hinzog und über dessen weltent-
rücktes Leben auch ich von Anhängern der Staatskirche aller-
lei Wunderdinge gehört hatte. Warum sich unnötige Gedan-
ken machen? überlegte ich mir. Ich gehe ihm einfach aus dem
Wege; von sich aus wird er uns ja nicht nachspüren !
Und so schritten wir wie vordem friedlich und wohlgemut
fürbaß. Am Ende kamen wir in eine Gegend, wo wir er-
fuhren, daß sich der Ikonenmaler Sewastjan tatsächlich in der
Nähe aufhielt. Wir wanderten von Stadt zu Stadt und von
Dorf zu Dorf, ihm immer dicht auf den Fersen, trafen ihn
jedoch nirgends mehr an. Wie zwei Jagdhunde hetzten wir
ihm nach, zwanzig, dreißig Werst legten wir ohne Pause zu-
rück, doch wenn wir ankamen, hieß es: ,Ja, er war hier, aber
vor einer Stunde ist er weitergezogen.'
Wir hinterher, doch vergebens.
Auf einem dieser Märsche geriet ich mit Lewonti unver-
sehens in neuen Streit. Ich sagte: ,Wir müssen uns rechts hal-
ten!', er aber behauptete: ,Nein, links!' Am Ende hatte er
mich beinahe überzeugt, ich bestand aber trotzdem auf mei-
ner Ansicht, Wir gingen also nach rechts, liefen jedoch völlig
in die Irre, und bald sah ich weder Weg noch Steg.
Ich sagte: ,Laß uns umkehren, Lewonti!'
Doch er entgegnete: ,Nein, ich kann nicht mehr, Väterchen,
ich bin mit meiner Kraft am Ende.'
Besorgt fragte ich: ,Was hast du denn, Junge?'
Da antwortete er: ,Siehst du nicht, daß mich ein Fieber
gepackt hat?'
Wahrhaftig, er zitterte am ganzen Leib, und seine Augen
flackerten. Sie können sich denken, meine Herren, wie mich
diese unerwartete Wendung überraschte. Er hatte sich mit
keinem Wort beklagt, war tapfer ausgeschritten, und nun
setzte er sich plötzlich ins Gras, legte das Haupt an einen ver-
moderten Baumstumpf und stöhnte: ',o mein Kopf, mein
Kopf! Er brennt wie Feuer! Ich kann nicht mehr, keinen
Schritt kann ich mehr tun!'.
Damit sank er völlig in sich zusammen, der Arme.
Ich war zu Tode erschrocken. Der Tag ging zu Ende, und
während ich noch wie versteinert wartete, ob Lewonti nicht
doch wieder zu sich kommen werde, brach die Nacht herein.
Es war Herbst, dunkel, eine unbekannte Gegend, ringsum-
her nichts als uralte Fichten und Tannen, wie Arekapalmen
so hoch, und der Junge sterbenskrank! Was sollte ich tun?
Unter Tränen sagte ich zu ihm: ,Lewontjuschka, mein Junge,
nimm alle Kraft zusammen, vielleicht finden wir noch ein
Nachtlager!'
Aber er ließ den Kopf hängen wie eine gebrochene Blume
und stammelte leise, gleichsam im Traum: ,Laß mich, laß
mich, Väterchen Marko, und fürchte nichts.'
Ich sagte: ,Ach, Lewonti, wie soll man denn in dieser fin-
steren Einöde keine Angst haben?'
Und er erwiderte: ,Der dich behütet, schläft nicht!'
Mein Gott, was geht bloß in ihm vor? überlegte ich. In
meiner Furcht lauschte ich auf die Geräusche ringsum, und
da hörteich im Wald etwas knacken. Grundgütiger Himmel,
dachte ich, das ist gewiß ein wildes Tier, es wird uns zer-
reißen ! Ich sprach Lewonti nicht mehr an, denn ich sah, daß
er sich selbst entrückt war und mir gleichsam entschwebte;
ich betete nur: ,Engel Christi, bewahre uns in dieser schreck-
lichen Stunde!' Indes kam das Knacken immer näher, und
auf einmal war es ganz nahe. Hier muß ich Ihnen meinen
ganzen Kleinmut bekennen, verehrte Herren: Ich war so
sehr Sklave meiner Angst, daß ich den kranken Lewonti im
Stich ließ und schneller als ein Eichhörnchen auf den näch-
sten Baum kletterte, wo ich den Säbel zog und, mit den Zäh-
nen klappernd wie ein aufgeschreckter Wolf, der Dinge
harrte, die da kommen sollten. Plötzlich sah ich in der Dun-
kelheit, die ich mit meinen Blicken zu durchdringen suchte,
etwas Unförmiges aus den Bäumen treten. Ich konnte zu-

54
nächst nicht ausmachen, was es war, ein Tier oder ein Räu-
ber, doch dann erkannte ich, daß ich weder das eine noch
das andere vor mir hatte, sondern einen auffallend kleinen
alten Mann mit ei~er Kutte, der ein großes Reisigbündel auf
dem Rücken schleppte. Ich sah sogar die Axt in seinem Gür-
tel. Der Greis trat auf die Lichtung und atmete ein paarmal
tief, als prüfe er die Luft. Plötzlich schien er den Menschen
zu wittern; er warf sein Bündel zur Erde und ging geraden-
wegs auf meinen Gefährten zu. Er beugte sich nieder, sah
ihm ins Gesicht, nahm seine Hand und sagte: ,Steh auf, Bru-
der!'
Und was glauben Sie wohl? Er zog Lewanti empor,
führte ihn zu seinem Bündel, lud es ihm auf die Schulter
und sprach: ,Trage das und folge mir!'
Lewanti tat es."

11

"Sie können sich wohl vorstellen, meine Herren, welche Be-


stürzung sich angesichts dieses Wunders meiner bemächtigte.
Wer mochte dieser Gehorsam heischende unscheinbare Alte
sein, und wieso war mein Lewonti, der eben noch fast im
Sterben lag und den Kopf nicht heben konnte, auf einmal
imstande, das Reisigbündel zu schleppen?
Ich stieg eilends von meinem Baum, hängte mir den Säbel
am Riemen über die Schulter, brach für alle Fälle einen
handfesten Knüttel ab und lief den beiden nach. Bald hatte
ich sie eingeholt. Der Greis ging voran; er sah genauso aus,
wie er sich mir bei seinem ersten Anblick gezeigt hatte:
klein, der Rücken gebeugt, dazu ein Bart, an den Seiten zer-
zaust und weiß wie Seifenschaum. Mein Lewanti lief hinter
ihm drein und trat festen Schrittes in des Alten Fußtapfen.
Er sah mich an, doch obwohl ich ihn mehrfach anredete und
ihn sogar mit der Hand berührte, blieb er unbewegt wie ein
Schlafwandler.
Da lief ich vor zu dem Alten und rief: ,He, guter Mann I'
Er antwortete:
,Was willst du?'
,Wohin führst du uns?' fragte ich.
,Ich führe niemanden', erwiderte er, ,uns alle führt Gott.'
Nach diesen Worten machte er plötzlich halt, und ich sah,
daß wir vor einem von einer niedrigen Mauer begrenzten
Tor standen. In dem Tor befand sich eine kleine Tür, und
an diese klopfte der Alte. Dabei rief er: ,Bruder Miron!
He, Bruder Miron !'
Von drinnen antwortete eine grobe Stimme: ,Warum
kommst du denn wieder mitten in der Nacht? Schlaf drau-
ßen im Wald! Ich lasse dich nicht rein!'
Doch unser Begleiter verlegte ~ich aufs Bitten und sagte
einschmeichelnd: ,Mach doch auf, Bruder!'
Der Polterer öffnete unversehens die Tür, und ich sah,
daß er die gleiche Kutte trug wie der Alte. Er zeigte sich
auch jetzt als unglaublicher Grobian: Kaum hatte der Greis
den Fuß über die Schwelle gesetzt, da versetzte ihm der un-
gehobelte Kerl einen Stoß, der ihn beinahe zu Fall gebracht
hätte. Der Alte aber sagte: ,Der Herr segne dich, Bruder,
für deinen Dienst.'
Mein Gott, dachte ich, wo sind wir denn da hingeraten?
In diesem Augenblick traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz-
schlag. Barmherziger Christ! War das etwa Pamwa, der
Klausner ohne Zorn? Lieber hätte ich in den Schluchten des
Waldes den Tod gefunden, lieber wäre ich in eine Bären-
höhle oder in ein Räuberhaus geraten als unter sein Dach!
Indessen geleitete uns der Greis in eine armselige kleine
Hütte. Dort entzündete er eine gelbe Wachskerze, und ich
erkannte sofort, daß wir uns in der Tat in einer Mönchs-
klause befanden. Ich vermochte nicht länger an mich zu hal-
ten und sagte: ,Verzeiht, frommer Mann, doch ich weiß
nicht, ob es meinem Gefährten und mir geziemt, an dem
Ort zu verweilen, zu dem du uns geführt hast!'
Er antwortete:
,Die Erde gehört allein Gott, und alle Lebewesen haben
seinen Segen - leg dich hin und schlaf!'
,Ich muß dir aber sagen', fuhr ich fort, ,daß wir dem
alten Glauben dienen.'
,Wir alle sind Glieder an Christi Leib. Er vereint uns.'
Der Alte wies in eine Ecke, wo auf dem Fußboden mit
Hilfe einer Bastmatte und einem strohbedeckten dicken Brett
als Kopfkissen ein kärgliches Lager bereitet war, und fügte
hinzu, diesmal an uns beide gewandt: ,Dort könnt ihr schla-
fen!'
Was blieb uns anderes übrig? Lewanti legte sich sofort
nieder wie ein folgsames Kind; ich aber fing in meiner Be-
sorgnis noch einmal an: ,Erlaube mir noch eine Frage, from-
mer Mann!'
Er entgegnete:
,Was soll das Fragen: Gott weiß alles.'
,Nur. eins: Wie ist dein Name?'
Völlig unpassend und entgegen seinem bisherigen Verhal-
ten antwortete er mir mit einem läppischen Kinderversehen:
,Mein Zuhause kenn ich nicht, meinen Namen nenn ich nicht.'
Nach diesen nichtssagenden Worten nahm er die Kerze
und kroch in einen kleinen Verschlag, eng wie ein Bretter-
sarg. Im gleichen Augenblick härte ich von draußen die
Stimme des unverschämten Pförtners:
,Lösch sofort· das Licht! Willst du die Zelle anzünden?
Deine Bücher kannst du bei Tage lesen, jetzt bete im Dun-
keln!'
,Schon gut, Bruder Miron, ich tu's ja', erwiderte der Greis.
,Gott befohlen!'
Und er blies die Kerze aus.
Ich flüsterte: ,Vater! Wer ist der grobe Kerl, der did1 so
bedrängt?'
Er antwortete: ,Mein Diener Miron, ein g"uter Mensch, er
sorgt sich um mich.'
Kein Zweifel, dachte ich, es ist Pamwa und kein anderer,
der Einsiedler ohne Neid und Zorn! Wie konnte mir das
passieren? Er hat uns aufgespürt und will uns hier unseren
Glauben ausbraten wie einer Gans das Fett! Es bleibt nur
eins: Ich muß morgen in aller Frühe Lewanti dazu bringen,
heimlich mit mir zu verschwinden, ohne daß er merkt, wo
wir die Nacht verbracht haben!
Also beschloß ich, nicht zu schlafen, sondern wach zu blei-
ben, bei Tagesanbruch den Jungen zu wecken und mit ihm
zu fliehen.
Um aber nicht vom Schlummer überwältigt zu werden und
zu verschlafen, sprach ich im Liegen immer wieder unser
Glaubensbekenntnis vor mich hin, so, wie man es nach den
alten Vorschriften sprechen muß. Am Ende fügte ich jedes-
mal hinzu: ,Dies ist der apostolische Glaube, dies ist der
katholische Glaube, dieser Glaube stützt das Weltall!' Dann
. begann ich wieder von neuem. Ich weiß nicht, wie oft ich
das tat, jedenfalls hielt ich mich damit lange Zeit wach.
Auch der Greis in seinem Brettersa,rg betete, und mir schien,
als brenne Licht in seiner Kammer, denn ich sah durch die
Ritzen deutlich, wie er sich verneigte. Dann glaubte ich
plötzlich ein Gespräch zu vernehmen, und zwar ein sehr
merkwürdiges. Mir war, als sei Lewanti bei dem Alten und
rede mit ihm über den Glauben, doch ohne Worte, die bei-
den sahen einander an und verstanden sich. Dieser Eindruck
blieb so lange, daß ich sogar mein Credo darüber vergaß.
Am Ende vermeinte ich den Alten sagen zu hören: ,Geh hin
und reinige dich!', und Lewanti antwortete: ,Ja, ich will es
tun!' Ich weiß heute noch nicht, ob ich das alles träumte
oder ob es wirklich geschah, sicher ist nur, daß ich danach
fest geschlafen habe. Als ich endlich erwachte, war es heller
Morgen. Der greise Einsiedler, unser Wirt, saß vor mir; er
hatte einen Bastschuh auf den Knien, in den er mit einer
Ahle Löcher stach. Ich betrachtete ihn.
Welch erhabenes, herzerquickendes Bild! Der Alte glich
einem vom Himmel herabgestiegenen Engel, der sich das
Schuhwerk für seinen Erdenweg flocht.
Als ich ihn so anschaute, merkte ich, daß auch er mich
betrachtete. Er lächelte und sagte: ,Genug geschlafen, Mark,
es ist Zeit, ans Werk zu gehen!'
Ich erwiderte:
,Was hältst du für mein Werk, frommer Mann? Oder
weißt du alles?'
,Ich weiß', sagte er, ,ich weiß. Eine so weite Reise unter-
nimmt niemand ohne Grund. Alle suchen den Weg zu Gott,
Bruder. Möge er deiner Demut den rechten Pfad weisen.'

ss
,Ich kann mich nicht demütig nennen, frommer Mann',
antwortete ich. ,In dir ist Demut, in mir jedoch nur Eitel-
keit!'
Er aber entgegnete: ,0 nein, Bruder, nein, ich bin nicht
demütig - ein Unverschämter bin ich, denn ich wünsche mir,
des Himmelreichs teilhaftig zu werden.' Im Bewußtsein die-
ses Verbrechens faltete er plötzlich die Hände und weinte
wie ein Kind. ,0 Herr!' betete er. ,Zürne mir nicht ob mei-
nes frechen Begehrens, schicke mich in die unterste Hölle
und befiehl den Teufeln, mich zu peinigen, wie ich es ver-
diene!'
Gott sei Dank, dachte ich, es ist doch nicht Pamwa, der
prophetische Einsiedler, sondern einfach ein schwachsinniger
alter Mann! Zu diesem Urteil kam ich, weil wohl niemand
bei gesundem Verstand den Herrn darum bittet, ihn vom
Himmelreich auszuschließen und ewigen Höllenqualen zu
überliefern. In meinem ganzen Leben hatte ich einen solchen
Wunsch nicht vernommen; ich hielt ihn für eine Geistes-
verwirrung und fühlte mich von dem Gejammer des Alten
abgestoßen, der mir von unreinen Dämonen besessen schien.
Am Ende fragte ich mich: Warum liege ich überhaupt noch
hier, es ist längst Zeit aufzustehen! Da öffnete sich plötzlich
die Tür, und mein Lewanti trat herein, den ich völlig ver-
gessen hatte. Er warf sich dem Alten zu Füßen und sagte:
,Vater, es ist vollbracht, segne mich!'
Der Greis betrachtete ihn und erwiderte: ,Friede sei mit
dir! Geh nun und ruhe dich aus!'
Der Junge verbeugte sich noch einmal vor ihm bis zur
Erde und verließ das Zimmer. Der Einsiedei aber nahm
wieder seine Bastschuhe vor.
Jetzt sprang ich auf, ohne länger zu zögern. Ich dachte:
Nein, ich muß Lewanti an der Hand nehmen und mit ihm
von diesem Ort fliehen, ohne auch nur zurückzublicken!
Damit trat ich hinaus unter das Vordach. Der Junge lag ohne
Kopfkissen lang ausgestreckt auf einer Bank, die Hände
über der Brust gefaltet.
Um den Alten nicht argwöhnisch zu machen, fragte ich
laut: ,Weißt du, wo ich hier Wasser finde, um mir das Ge-

59
sieht zu waschen?' Doch leise fügte ich hinzu: ,Ich beschwöre
dich beim lebendigen Gott: Laß uns schleunigst von hier
verschwinden!'
Als ich ihn mir aber näher ansah, da entdeckte ich, daß
er gar nicht atmete. Er war von hinnen gegangen! Mein Le-
wonti war tot!
Mit einer mir selbst fremden Stimme schrie ich: ,Pamwa!
Vater Pamwa, du hast meinen Jungen umgebracht!'
Der Greis trat leisen Schrittes auf die Schwelle und sagte
froh: ,Unser Lewanti ist davongeflogen!'
Mich packte der Zorn.
,Ja!' erwiderte ich unter Tränen, ,er ist davongeflogen,
und du hast seine Seele herausgelassen wie eine Taube aus
dem Käfig!'
Ich stürzte dem Heimgegangenen zu Füßen und weinte,
stöhnte untröstlich. Am Abend kamen Mönche aus einem
kleinen Kloster; sie wuschen den Leichnam, legten ihn in
einen Sarg und trugen ihn fort, denn Lewanti war am selben
Morgen, während ich in ohnmächtigem Schlaf gelegen hatte,
zur Staatskirche übergetreten.
Mit Vater Pamwa redete ich kein einziges Wort mehr.
Was hätte das auch für einen Sinn gehabt? Wer ihn be-
schimpfte, den segnete er, wer ihn schlug, vor dem verbeugte
er sich bis zur Erde. Einem Menschen mit solcher Demut ist
nicht beizukommen. Womit sollte man ihn schrecken, da er
doch selber für sich die Hölle erflehte? Nicht ohne Grund
hatte ich befürchtet, er werde uns unseren Glauben ausbra-
ten wie einer Gans das Fett. Seine Demut hätte selbst die
Teufel aus der Hölle vertrieben oder zu Gott bekehrt. Wäre
er von ihnen gepeinigt worden, er hätte sie gebeten: Mar-
tert mich grausamer, ich habe es verdient! Nein, nein, einer
solchen Demut wäre selbst Satanas unterlegen! Er hätte sich
die _Hände an ihm zerschlagen, sich sämtliche Nägel an ihm
ausreißen können und am Ende doch nur beschämt seine
Ohnmacht vor dem Schöpfer eingestehen müssen, der eine
solche Liebe geschaffen hat.
In mir festigte sich die Überzeugung, daß der Alte mit
den Bastschuhen der Hölle zum Verderben bestimmt war.

6o
Ich irrte die ganze Nacht durch den Wald, ohne zu wissen,
weshalb ich eigentlich nicht weiterwanderte, und dachte in
einem fort: Was mag er wohl für Gebete sprechen, aus ~ei­
chen Büchern seinen Glauben schöpfen! Mir fiel ein, daß ich
nicht ein einziges Heiligenbild bei ihm gesehen hatte, ledig-
lich ein Kreuz aus zwei mit Bast zusammengebundenen Stök-
ken; und auch dicke Bücher besaß er nicht. Mein Gott, über-
legte ich, wenn die Staatskirche nur zwei solche Menschen
hat, dann sind wir verloren, 'denn dieser Greis ist ganz und
gar von der Liebe beseelt!
Immer weiter sann ich über ihn nach, und gegen Morgen
packte mich plötzlich das Verlangen, ihn noch einmal zu
sehen, bevor ich weiterzog, und sei es nur für einen Augen-
blick.
Der Gedanke war mir kaum gekommen, da härte ich es
im Walde knacken, und Vater Pamwa trat mit Beil und
Holzbündel aus den Bäumen. Er sagte: ,Warum bist du noch
hier? Eile, dein Babyion zu errichten I'
Mir schienen seine Worte sehr bitter, und ich erwiderte:
,Warum tadelst du mich so hart, Alter? Ich gedenke kein
Babyion zu errichten und halte mich fern von solchem
Greuel.'
Er antwortete: ,Was ist denn Babylon? Ein Bau der
Selbstgefälligkeit. Dünke dich nicht rechtschaffen, ·sonst ver-
läßt dich der Engel Gottes!'
Ich fragte: ,Vater, weißt du denn, weshalb ich unterwegs
bin?'
Und ich erzählte ihm unseren ganzen Kummer. Er härte
sich alles geduldig an und erwiderte schließlich: ,Engel sind
still und fügsam, sie tragen das Gewand, das Gott ihnen zu
tragen befiehlt, sie folgen seiner Weisung. Das ist das Wesen
der Engel. Sie wohnen im Herzen eines jeden Menschen,
unter dem Siegel irdischen Aberwitzes, doch die. Liebe ver-
mag das Siegel zu lösen.'
Damit ging er weiter, aber ich konnte die Augen nicht von
ihm wenden. Wider meinen Willen fiel ich auf die Knie und
verbeugte mich in Richtung des Davonschreitenden bis zur
Erde. Als ich den Kopf wieder hob, sah ich den Alten nicht
mehr. Ob ihn die Bäume meinen Blicken entzogen oder ob
er auf andere Weise verschwunden war- Gott weiß es.
Ich dachte über seine Worte nach. In jedem Menschen
wohne ein Engel, hatte er gesagt, doch er sei versiegelt und
die Liebe müsse ihn befreien. Plötzlich kam mir der Ge-
danke: Wenn er nun selbst ein Engel ist, dem Gott befohlen
hat, mir in diesem Gewand zu erscheinen? Dann muß ich
sterben wie Lewanti!
Diese Überlegung trieb mich vorwärts. Ich entsinne mich
dunkel, daß ich auf einem Baumstumpf einen Bach über-
querte und Hals über Kopf davonhliJ.stete. Sechzig Werst
legte ich ohne Halt zurück, immer in der Angst, einen Engel
gesehen zu haben. So gelangte ich unvermittelt in ein Dorf,
in dem ich den Ikonenmaler Sewastjan fand. Ich besprach
mit ihm sofort alles Nötige, und wir beschlossen, gleich am
nächsten Tag aufzubrechen. Unsere Unterhaltung verlief je-
doch recht kühl, und auch auf der Reise kamen wir uns
nicht näher. Und warum nicht?. Sewastjan erwies sich als
ein verschlossener Mensch, vor allem aber war ich nicht mehr
derselbe wie vordem. Der Einsiedler Pamwa hatte sich in
meinem Herzen eingenistet, und meine Lippen murmelten
ständig die .Worte des Propheten Jesaja: ,Des Herrn Geist
bläst darein.' "

12
"Der Rückweg mit Sewastjan war rasch bewältigt. Wir lang-
ten des Abends bei uns auf der Baustelle an und fanden
alles in guter Ordnung. Nachdem wir die Meinen begrüßt
hatten, suchten wir sogleich den Engländer Jakow Jakowle-
witsch auf. Der wandte sein Augenmerk vor allem dem
Ikonenmaler zu und betrachtete hauptsächlich dessen Hände,
ein Paar Bauernpranken wie zwei Heurechen und von dunk-
ler Hautfarbe, denn Sewastjan war überhaupt schwarz wie
ein Zigeuner. Zweifelnd sagte Jakow Jakowlewitsch: ,Es
will mir gar nicht in den Kopf, mein Bester, wie du mit
solchen Riesenhänden malen. kannst.'
Sewastjan erwiderte:
,Warum denn? Weshalb sollte das nicht gehen?'
,Na, eine feinere Zeichnung bringst du damit bestimmt
nicht zustande', antwortete der Engländer.
,Wieso nicht?' fragte Sewastjan.
,Weil deine Finger viel zu ungelenk sind.'
Doch Sewastjan erklärte: ,Das hat nichts zu sagen. Meine
Finger haben mir nichts zu erlauben oder zu verbieten. Ich
bin ihr Herr, sie dienen mir und müssen mir gehorchen.'
Der Engländer lächelte.
,Du wirst uns den gesiegelten Engel kopieren?'
,Natürlich', erwiderte Sewastjan. ,Ich gehöre nicht zu
denen, die sich vor einer Arbeit fürchten, die Arbeit fürchtet
sich vielmehr vor mir. Ich bilde ihn so nach, daß Sie ihn
von dem echten nicht unterscheiden können.'
,Schön', sagte Jakow Jakowlewitsch. ,Ich werde sofort die
nötigen Schritte unternehmen, um das echte Bild herbeizu-
schaffen. Du aber sollst mir inzwischer1 einen Beweis deiner
Kunst liefern: Male meiner Frau eine Ikone nach altrussi-
scher Art, aber eine, die ihr gefällt.'
,Was muß denn das für eine sein?'
,Ja, das weiß ich auch nicht', sagte der Engländer. ,Ich
überlasse es ganz deinem Ermessen, was du darstellst, es
muß nur meiner. Frau Freude machen.'
Sewastjan überlegte und fragte:
,Worum betet Ihre Frau Gemahlin am meisten zu Gott?'
,Auch das kann ich dir nicht sagen, mein Freund. Wahr-
scheinlich liegen ihr vor allem die Kinder am Herzen, und
sie bittet sicher darum, daß aus lhnen ehrbare Leute wer-
den.'
Sewastjan dachte abermals nach und erwiderte:
,Gut, Herr, ich will ihren Geschmack schon treffen.'
,Woran denkst du?'
,Ich werde etwas wählen, was man gern anschaut und was
den Gebeten Ihrer Frau Gemahlin entspricht.'
Der Engländer befahl, eine. Erkerstube seines Hauses für
den Heiligenbildmaler herzurichten; doch Sewastjan schlug
dieses Angebot aus. Er setzte sich an das kleine Boden-
fenster über Luka Kirilows Wohnraum und ging dort ans
Werk.
Was dabei herauskam, meine Herren, das hätten selbst wir
uns nicht träumen lassen. Da die Ikone etwas mit Kindern
zu tun haben sollte, glaubten wir, er werde vielleicht den
Wundertäter Roman abbilden, zu dem die Frauen bei Un-
fruchtbarkeit beten, oder den Kindermord zu Jerusalem, der
allen Müttern zu Herzen geht, besonders denen, die ein
Kind verloren haben, weil auf diesem Bild Rahe! mit ihnen
um die Kleinen-weint und sich nicht trösten läßt. Doch der
weise Sewastjan überlegte sich, daß die Engländerio ja schon
Kinder hatte und Gott sicher nicht anflehte, ihr welche zu
schenken, sondern bat, die bereits geborenen zu gerechten
und charakterfesten Menschen zu machen. Er dachte sich
etwas ganz anderes aus, das diesem Wunsch noch besser ent-
sprach. Aus einem alte~ Brett schnitt er sich ein Täfelchen
von der Größe einer gespreizten Hand zurecht und zeigte
nuil darauf sein Talent. Vor allem grundierte er natürlich
sorgfältig mit gutem Kasaner Alabaster, so daß eine Schicht
entstand, die glatt und fest war wie Elfenbein. Dann teilte
er die Fläche in vier gleiche Rechtecke auf, von denen jedes
eine andere Ikone aufnehmen sollte. Der zur Verfügung ste-
hende Raum wurde sogar noch kleiner, da Sewastjan die
einzelnen Felder durch einen Goldstreifen rahmte. Nun be-
gann er zu malen. Auf dem ersten Rechteck stellte er die
Geburt Johannes des Täufers dar, acht Figuren ohne das
Neugeborene, dazu noch ,Medaillons'; auf dem zweiten die
Geburt· der heiligen Gottesmutter, sechs Figuren, das Kind
und wiederum Medaillons; auf dem dritten die reine Ge-
burt des Erlösers im Stall zu Bethlehem mitsamt der Krippe,
der Gottesmutter und Joseph, mit den frommen Weisen,
der Salome als Wehmutter und allerlei Getier: Ochsen,
Schafe, Ziegen, Esel und eine Möwe, welche dartun sollte,
daß das Heil nicht von den Juden kommt, sondern allein
von Gott, dem Erschaffer des Alls, denn dieser Vogel ist
den Juden verboten. In das vierte Rechteck endlich malte er
die Geburt des heiligen Nikolais, auch hier das Kind mit
vielen Umstehenden und Medaillons.
Welch edler Sinn lag in diesem Werk, das einem die El-
tern so guter Kinder vor Augen führte, welch hohe Meister-
schaft sprach aus ihm! Keine der Figuren war größer als eine
Stecknadel, doch sie schienen zu leben und sich zu bewegen.
Das Bild der Mariengehurt zum Beispiel zeigte, wie es die
griechische Anweisung für Ikonenmaler vorschrieb, die hei-
lige Anna auf dem Lager, umgeben von zimbelschlagenden
Jungfrauen und anderen, die Gaben darbrachten oder
Fächer und Kerzen in den Händen trugen. Eine Frau stützte
die heilige Anna unter der Schulter, Joachim hielt den Blick
auf die oberen Medaillons gerichtet, die Wehmutter badete
das Kindlein, also die heilige Gottesmutter, in einem Bek-
ken, und eine Magd goß neben ihr aus einem Geschirr Was-
ser nach. Die Medaillons waren alle mit dem Zirkel aus-
gespart; das oberste war grün gehalten, das unterste purpur-
rot. In diesem unteren sah man Joachim und Anna auf einem
Thronsitz, die hochheilige Gottesgebärerio auf dem Schoß
ihrer Mutter. Die einzelnen Medaillons waren durch stei-
nerne Säulen, himbeerrote Vorhänge oder weißgelbe Balu-
straden voneinander getrennt. Wunderbar, ganz wunderbar
hatte Sewastjan das alles gestaltet; selbst auf dem winzigsten
Antlitz lag noch ein Widerschein der göttlichen Gnade. Er
malte noch das Wort ,Kindersegen' auf das Bild und brachte
es den Engländern. Sie sahen es an, begriffen seinen Sinn und
schlugen vor Staunen die Hände überm Kopf zusammen.
Solch reiche Phantasie hätten sie Sewastjan nimmermehr zu-
getraut, bekannten sie, und eine so überaus feine Malerei sei
ihnen noch nie vor Augen gekommen. Selbst mit dem Ver-
größerungsglas entdeckten sie nicht den kleinsten Fehler. Sie
gaben Sewastjan für die Ikone zweihundert Rubel und frag-
ten: ,Kannst du noch kleiner malen?'
Sewastj an ap.twortete:
,Ja, ich glaube schon.'
,Dann male mir doch auf diesem Ring ein Porträt meiner
Frau I' bat Jakow Jakowlewitsch.
Doch Sewastjan sagte:
,Nein, das geht nicht.'
,Warum denn nicht?'

5 Pilger 6s
,Weil ich so etwas noch nie versucht habe', erwiderte Se-
wastjan. ,Außerdem würde ich mir den Zorn unserer Glau-
bensväter zuziehen, wenn ich meine Kunst in solcher Weise
mißbrauchte.'
,Das ist doch Unsinn!'
,Keineswegs', entgegnete er. ,Wir haben althergebrachte,
aus gesegneten Zeiten stammende feste Regeln, die in einem
Erlaß des Patriarchen ausdrücklich bestätigt werden. Dort
heißt es : 1>So aber jemandem eine heilige Gabe verliehen ist
wie die Ikonenfertigung, hat er in seinem ganzen auserwähl-
ten Leben nichts anderes zu malen denn heilige Bilder.<('
,Und wenn ich dir fünfhundert Rubel dafür gebe?' fragte
Jakow Jakowlewitsch. ·
,Sie können mir fünfhunderttausend bieten, doch. Sie wer-
den sie behalten müssen.'
Der Engländer zeigte sich ob dieser Antwort sichtlich be-
friedigt..Scherzend sagte er zu seiner Frau: ,Wie findest du
das: Dich zu malen, hält er für einen Mißbrauch seiner
Kunst!' Und auf englisch fügte er hinzu: ,Oh, was für ein
guter Charakter I' Dann wandte er sich wieder an uns:
,Also, Brüder, jetzt wollen mir mal darangehen und euere
Sache in Ordnung bringen. Ich fürchte bloß, wir könnten bei
eueren vielen Regeln und Vorschriften etwas· versäumen
oder yergessen, das unseren Plan zunichte macht.'
Wir erwiderten, daß wir alles bedacht hätten und bereit
seien.
,Gut', sagte er, ,dann kann es also losgehen.'
Er fuhr sogleich zum Bischof und erklärte ihm, er wolle
der russischen Kirche ein Opfer bringen, nämlich die Be-
schläge des gesiegelten Engels vergolden und ihm einen
neuen Heiligenschein anfertigen lassen. Der Bischof gab je-
doch keine klare Antwort, er schlug es nicht ab, erteilte aber
auch nicht ausdrücklich seine Erlaubnis. Jakow Jakowle-
witsch ließ nicht locker und drang bei weiteren Besuchen
immer wieder in ihn. Wir fühlten uns unterdessen wie auf
einem Pulverfaß."

66
13

"Erlauben Sie mir, meine Herren, Sie darauf hinzuweisen,


daß über all diesen Ereignissen ziemlich viel Zeit vergangen
war. Das Christfest kam wieder heran. Stellen Sie sich aber
Weihnachten dort nicht so vor wie hier. In jener Gegend hat
das Wetter seine Launen. Manchmalliegt um die Feiertage
tiefer Schnee, ein andermal ist es wie verhext: Es regnet in
Strömen, dann gibt es plötzlich Frost, und am nächsten Tag
taut alles wieder weg. Der Fluß friert bald zu, bald schwillt
er an und führt Eisschollen wie im Frühjahr. Kurz, es
herrscht dort um Weihnachten herum eine sehr unbeständige
Witterung, ja die Einheimischen sprechen geradezu von einer
,Matschzeit', womit sie den Zustand genau treffen.
In dem Jahr, zu dem ich mit meiner Erzählung jetzt
gelangt bin, machte siCh dieser Wechsel besonders unange-
nehm bemerkbar. Ich kann Ihnen gar nicht aufzählen, wie
oft uns schon das Wetter, seit ich mit dem Ikonenmaler zu-
rückgekehrt war, winterliche Kälte oder frühlingshafte
Milde beschert hatte. Dabei steckten wir mitten in der an-
gestrengtesten Arbeit, denn wir hatten alle sieben Pfeiler
fertig und zogen nun die Ketten von einem Ufer zum ande-
ren. Unsere Bauherren wollten die Verbindung möglichst
schnell herstellen, um noch vor dem Hochwasser eine pro-
visorische Brücke zur Herbeischaffung des Materials aufzu-
hängen. Das gelang jedoch nicht: Kaun1 waren alle Ketten
befestigt, da setzte strenger Frost ein, der das Vorhaben ver-
eitelte. So blieb es denn. Die Ketten hingen zwar, doch ein
Übergang war noch nicht geschaffen. Dafür baute Gott eine
andere Brücke: Der Fluß fror zu, und unser Engländer fuhr
per Schlitten über den Dnepr, um weiter wegen der Ikone
vorstellig zu werden. Eines Abends kehrte er zurück und
sagte zu Luka und mir: ,Morgen bringe ich euch eueren
Schatz, Kinder!' .
Gott weiß, in welche Aufregung uns diese Nachricht ver-
setzte. Wir wollten sie zuerst geheimhalten und nur dem
Ikonenmaler Bescheid sagen, aber hält denn eines Menschen
Herz so etwas aus? Anstatt Stillschweigen zu wahren, such-
ten wir alle unsere Leute auf; wir klopften an alle Fenster
und flüsterten einander die Neuigkeit zu. Lange liefen wir
von einer Hütte zur anderen. Die Nacht war schön und ster-
nenhell, eine herrliche Nacht war es, der Frost ließ den
Schnee glitzern wie Edelsteine, und am klaren Himmel
strahlte der Hesperus.
Nachdem wir vor freudiger Geschäftigkeit kaum zum
Schlafen gekommen waren, brach ein nicht weniger aufre-
gender Tag für uns an. Schon am frühen Morgen scharwen-
zelten wir um unseren Ikonenmaler herum, wir wußten förm-
lich nicht, wohin wir ihm die Stiefel nachtragen sollten, denn
es nahte die Stunde, in der alles von seiner Kunst abhing.
Er brauchte nur den kleinsten Wunsch zu äußern, und schon
rannten zehn von uns los, wobei sie sich vor -lauter Eifer fast
gegenseitig umrissen. Selbst Großvater Maroi lief so lange
hin und her, bis er in seiner Hast irgendwo hängenblieb und
einen Absatz verlor. Nur Sewastjan bewahrte die Ruhe; er
machte so etwas ja nicht zum erstenmal und traf daher be-
dachtsam seine Vorbereitungen: er rührte Beize mit Ei an,
prüfte den Firnis, legte grundierte Leinwand und ein paar
geeignete alte Brettehen zurecht, die in der Größe etwa der
nachzubildenden Ikone entsprachen, spannte das scharfe
Blatt einer kleinen Säge in dem Bogen aus kräftigem Holz
straff wie eine Saite und zerrieb vor dem Dachfenster die
erforderlichen Farben mit dem Finger ·in der Handfläche.
Wir wuschen uns mit warmem Wasser und zogen reine Hem-
den an; dann eilten wir zum Flußufer und starrten bald
klopfenden, bald stockenden Herzens zur Stadt hinüber, aus
der unser sehnlich erwarteter Licht bringender Engel zu uns
kommen sollte.
Ach, was standen wir in diesen Augenblicken aus, die
sich vom frühen Morgen bis in den Abend hinzogen! End-
lich sahen wir den Schlitten des Engländers über das Eis
kommen. Er hielt genau auf uns zu. Ein Schauer überlief
uns, wir warfen die Mützen auf die Erde und beteten: ,Gott-
vater im Himmel, erbarme dich deiner Knechte!'
Mit diesen Worten fielen wir vornüber in den Schnee, die
Arme verlangend ausgestreckt. Plötzlich vernahmen wir

68
über uns die Stimme des Engländers: ,He, ihr Altgläubigen I
Ich bringe euch etwas!'
Und er überreichte uns ein aus einem weißen Tuch ge-
knüpftes Bündel.
Luka nahm es und erstarrte: Er fühlte sofort, daß es zu
klein und zu leicht war. Er schlug eine Ecke des Tuches zu-
rück und erblickte lediglich die Beschläge des Engels, nicht
die Ikone selbst.
Wir umringten den Engländer und riefen unter Tränen:
,Man hat Euer Gnaden betrogen, Sie haben uns nicht die
Ikone gebracht, sondern nur die silbernen Beschläge!'
Da zeigte sich Jakow Jakowlewitsch entgegen seiner son-
stigen Gewohnheit plötzlich sehr ungehalten. Wahrscheinlich
dauerte ihm die ganze Geschichte schon zu lange, denn er
fuhr uns an: ,Warum werft ihr jetzt wieder alles über den
Haufen? Es war doch immer nur die Rede davon, daß ich
die Beschläge verlangen solle, und das habe ich auch getan I
Was braucht ihr denn nun eigentlich?'
Wir versuchten ihn zu beschwichtigen und setzten ihm be-
hutsam auseinander, daß wir die Ikone selbst haben müß-
ten, um sie zu kopieren, doch er hörte uns gar nicht an, son-
dern jagte uns weg. Nur insofern blieb er uns gnädig, als er
befahl, ihm den Ikonenmaler zu schicken. Sewastjan ging zu
ihm und fand ihn in der gleichen aufgebrachten Stimmung.
,Deine Leute wissen nicht, was sie wollen!' sagte er. ,Wir
sprachen von den Beschlägen, die ich besorgen sollte, damit
du die Maße hast, und nun jammern sie, weil das angeblich
nicht ausreicht! Aber ich bin außerstande, mehr für euch zu
tun, denn der Bischof gibt mir die Ikone nicht. Male also
zu den Beschlägen rasch ein ähnliches Bild; mein Sekretär
wird es dann gegen das echte vertauschen!'
Doch der bedachtsame Sewastjan ließ sich nicht aus der
Ruhe bringen und erläuterte ihm die Sachlage mit sanften
Worten.
,Nein, gnädiger Herr', sagte er, ,unsere Leute wissen
schon, was sie wollen, wir brauchen in der Tat erst einmal
das echte Bild. Es stimmt nicht, daß wir nach Schablonen
arbeiten; das wird nur immer behauptet, um uns zu kränken.
Unsere Anweisung für das Malen von Heiligenbildern legt
zwar gewisse Regeln fest, doch die Ausführung liegt ganz im
Ermessen des Künstlers. Das Gesetz schreibt zum Beispiel
vor, den heiligen Sossim oder Gerassim mit einem Löwen
darzustellen; wie dieser Löwe aber aussieht, bleibt allein
der Phantasie des Malers überlassen. Z\lm heiligen Neofit
gehört eine Taube, zu Konon dem Gärtner eine Blume, zu
Timofej ein Heiligenschrein, zu Georgi und zu Sawwa dem
Heerführer eine Lanze, zu Foti eine Jacke und zu Kondrat,
der die Wolken lenkt, Wolken; doch jeder Ikonenmaler hat
freie Hand, das alles so abzubilden, wie es ihm seine Phan-
tasie und seine Kunstfertigkeit erlaubt. Daher kann ich auch
in u,nserem Falle nicht wissen, wie der Engel aussieht, den
ich kopieren soll.'
Der Engländer härte sich zwar alles an, doch er schickte
Sewastjan genauso weg wie uns. Wir härten nichts mehr von
ihm und hockten am Ufer, ihr Herren, wie Raben auf Rui-
nenfeldern, ohne zu wissen, ob wir noch Hoffnung hegen
oder uns völliger Verzweiflung hingeben sollten. Den Eng-
länder wagten wir nicht mehr aufzusuchen. Zudem war mit
unserer Stimmung auch die Witterung wieder umgeschlagen:
Fürchterliches Tauwetter setzte ein, und es regnete ohne
Unterlaß. Am Tage hingen dichte Nebelschwaden am Him-
mel, und die Nächte waren stockfinster, selbst der Abend-
stern, der doch im Dezember nie vom Himmelsgewölbe ver-
schwindet, ließ sich nicht sehen. Wir fühlten uns wie in einem
Gefängnis. So blieb es auch über das Weihnachtsfest. Am
Heiligen Abend brach ein Gewitter los, und es goß in Strö-
men drei Tage 'lang. Der schmelzende Schnee wurde in den
Fluß gespült, das Eis schimmerte blau und hob sich. Am vor-
letzten Tag des Jahres riß es auf. Die Schollen drängten
machtvoll stromab und schoben sich in dem trüben Wasser
scharrend übereinander. Vor den Brückenpfeilern türmten sie
sich zu Bergen, manche wurden emporgetrieben und kreisch-
ten wie wild gewordene Dämonen, Gott verzeih mir's. Daß
unsere Bauten diesen ungeheuren Druck aushielten, wundert
mich heute noch. Viele Millionen standen auf dem Spiele,
doch wir hatten in diesem Augenblick andere Sorgen: Unser
Ikonenmaler Sewastjan begann zu murren, weil es fü~ ihn
nichts zu tun gab; er packte seine Habseligkeiten zusammen,
um weiterzuziehen, und wollte sich durchaus nicht zurück-
halten lassen.
Der Engländer aber hatte völlig den Kopf verloren. Das Un-
wetter brachte ihn beinahe um den Verstand. Es wurde erzählt,
er renne nur immerfort umher und frage alle Leute: ,Was
machen wir bloß? Was sollen wir tun?' Schließlich schien er
sich aber doch gefaßt zu haben, denn er rief unversehens
Luka zu sich und sagte zu ihm: ,Was meinst du, wollen wir
eueren Engel stehlen?'
Luka erwiderte: ,Mir ist es recht.'
Als er uns bald darauf alles berichtete, konnten wir uns
die Sache nur so erklären, daß der Engländer nach einem ge-
fährlichen Abenteuer dürstete. Jakow Jakowlewitsch wollte
am nächsten Tag, einem Sonntag, mit unserem Ikonenmaler,
den er für einen Goldschmied ausgab, zum Bischof gehen
und ihn bitten, Sewastjan das Engelsbild sehen zu lassen,
damit dieser die Beschläge ausmessen könne. Sewastjan
sollte dabei das Bild möglichst eingehend in Augenschein
nehmen und zu Hause eine Kopie herstellen. Sobald der rich-
tige Goldschmied die Beschläge fertig hatte, sollten sie zu
uns über den Fluß gebracht werden; Jakow Jakowlewitsch
hingegen wollte abermals ins Kirchenamt fahren und den
Wunsch äußern, dem vom Bischof zelebrierten Abendgottes-
dienst beizuwohnen. Während der Messe werde er sich, so
sagte er, neben dem Opfertisch im halbdunklen Altarraum
aufhalten, wo unsere Ikone am Fenster stand. Er werde sie
in seinem Mantel verbergen und diesen durch einen Diener
hinaustragen lassen, als sei es ihm in der Kirche zu warm.
Auf dem Hof sollte einer von uns das Bild in Empfang
nehmen und es sofort ans andere Ufer schaffen, wo der Iko-
nenmaler in der Zeit, die der Gottesdienst dauerte, die alte
Ikone von ihrem Brett lösen, die Nachahmung an ihre Stelle
bringen und die Beschläge befestigen würde. Dann mußte
die Imitation schleunigst zurückgebracht werden, damit
Jakow Jakowlewitsch sie ins Fenster stellen konnte, als wäre
nichts geschehen.

71
,Gut, Herr', meinte Luka Kirolow, ,wir sind mit allem
einverstanden. •
,Aber denkt daran', sagte der Engländer, ,daß ich als Dieb
dastehe, wenn ihr nicht wiederkommt! Ich setze großes Ver-
trauen in euch!'
Luka antwortete:
,Wir ·gehören nicht zu den Leuten, die ihre Wohltäter be-
trügen, Jakow Jakowlewitsch. Ich werde die Ikone selbst
hinüberschaffen und Ihnen beide Bilder zurückbringen, das
echte und die Kopie.'
,Und wenn dir unterwegs etwas zustößt?'
,Was soll mir denn zustoßen?' ·
,Na, vielleicht fällst du plötzlich tot um, oder du ertrinkst!'
Luka überlegte. Das hielt er eigentlich ·für unwahrschein-
lich, aber er mußte sich doch eingestehen, daß in der Tat
manchmal sonderbare Dinge geschehen. Da findet einer zum
Beispiel beim Brunnengraben einen Schatz, und als er ihn
zum Händler bringen will, wird er von einem tollen Hund
gebissen. Er entgegnete:
,Ich werde jemanden von uns in I.hrer Nähe postieren, der
notfalls ~lle Schuld auf sich nimmt und lieber den Tod er-
leidet als Sie im Stich läßt.'
,Wem willst du denn eine f!O heikle Aufgabe anvertrauen?'
,Dem Schmied Maroi', erwiderte Luka.
,Ist das der Alte?'
,Ja, jung ist er nicht mehr.'
,Aber der scheint mir etwas einfältig zu sein.'
,Wir brauchen ja nicht seinen Verstand, aber er hat den
richtigen Geist. •
,Kann denn ein einfältiger Mensch Geist haben?'
,Geist hat nichts mit dem Verstand zu tun, Herr', erwiderte
Luka. ,Er sprießt wie das Haar, bei einem überreich und
üppig, beim anderen spärlich.'
Der Engländer sann eine Weile nach und sagte dann:
,Na schön, vielleicht hast du recht. Aber wie soll er mir
helfen, wenn die Sache schiefgeht?'
,Ich denke es mir so', antwortete Luka. ,Sie stehen im
Altarraum, und Maroi wartet derweilen draußen unter 'dem
Fenster. Komme ich bis zum Ende des Gottesdienstes nicht
mit den Ikonen zurück, dann zerschlägt er die Scheibe und
steigt hinein. Damit fällt jeglicher Verdacht auf ihn.'
Die Idee beeindruckte den Engländer sichtlich.
,Allerhand', sagte er, ,wirklich allerhand! Und wer bürgt
mir dafür, daß euer einfältiger Alter mit dem rechten Geist
nicht davonläuft?'
,Ja, das ist nun eine Sache des Vertrauens', antwortete
Luka.
,Des Vertrauens', wiederholte der Engländer. ,Hm! Ich
gehe für einen Bauerntölpel in die Zwangsarbeit, oder er be-
kommt für mich die Knute. Hm, hm. Wenn er sein Wort
hält ... Die Knute ist ihm sicher. Erstaunlich.'
Sie ließen Maroi holen und erklärten ihm, worum es ging.
Er sagte:
,Das mache ich. Was ist denn dabei?'
,Und du läufst nicht weg?' fragte der Engländer.
,Wieso?' antwortete Maroi.
,Weil man dich sonst auspeitscht und nach Sibirien schickt.'
Doch Maroi erwiderte nur:•,Na und?'
Damit war die Unterhaltung für ihn beendet. Der Eng-
länder lebte sichtlich auf, die Freude stan~ ihm im Gesicht
geschrieben.
,Wunderbar', sagte er. ,Einfach erstaunlich.'"

14

"Nach diesem Gespräch schritten wir alsbald zur Tat. Wir


hängten am nächsten Morgen die Riemen in das große Boot
der Bauleitung und ruderten den Engländer hinüber ans
Stadtufer. Dort setzte er sich mit dem Ikonenmaler Sewastjan
in eine Kutsche, und die beiden fuhren zur Ki~che. Eine
gute Stunde später kehrte unser Maler aufgeregt zurück, in
der Hand ein Blatt Papier mit der Skizze des Heiligenbildes.
Wir fragten ihn :
,Hast du es gesehen, verehrter Meister? Kannst du nun
eine Kopie anfertigen?'
,Ja, ich habe es mir genau betrachtet', erwiderte er. ,Jetzt
weiß ich Bescheid, nur werden meine Farben vielleicht ein
bißeben lebhafter wirken, aber das ist kein Unglück: Wenn
die echte Ikone kommt, bringe ich das binnen einer Minute
in Ordnung.'
,Väterchen', flehten wir ihn an, ,gib dir alle Mühe!'
,Seid unbesorgt', erwiderte er, ,ich werd's schon machen.'
Wir ruderten ihn zurück, und er ging sogleich an die Arbeit.
Als die Dämmerung anbrach, hatte er den neuen Engel auf
ein Stück Leinwand gemalt. Das Bild glich dem echten wie
ein Wassertropfen dem anderen, bloß die Farben waren ein
bißeben frischer.
Gegen Abend schickte der Goldschmied auch die neuen
Beschläge, die schon früher in Auftrag gegeben worden
waren.
Nun nahte die gefährlichste Stunde unseres Unternehmens.
Wir hatten natürlich alles gründlich vorbereitet und harr-
ten nun betend des festgesetzten Augenblicks. Kaum riefen
auf dem anderen Ufer die ersten Glockenschläge zur Spät-
messe, da bestiegen wir, das hdßt Luka Kirilow, Großvater
Maroi und ich, einen kleinen Kahn. Maroi führte ein Beil,
ein Stemmeisen, eine Brechstange und einen Strick mit, um
wie ein echter Dieb auszusehen. So ruderten wir bis an die
Kirchhofsmauer.
Zu dieser Jahreszeit wird es natürlich früh dunkel, und es
war trotz Vollmond bereits stockfinster- eine rechte Nacht
für Spitzbuben.
Drüben angelangt, schlichen sich Maroi und Luka zur
Kirche, während ich am Ufer zurückblieb. Ich zog die Riemen
ein, hielt mich mitsamt dem Kahn an einem Strick fest und
wartete ungeduldig darauf, daß Luka ins Boot sprang, da-
mit ich im seihen Augenblick losrudern konnte. Die Zeit
schien mir entsetzlich lang. Wie würde das alles ausgehen?
Würden wir unser Vorhaben unbemerkt ausführen können,
ehe die Messe zu Ende ging? Mir war, als sei bereits eine
Ewigkeit vergangen. In der schrecklichen Finsternis sah man
kaum die Hand vor Augen, der Wind heulte, und statt des
Regens fiel jetzt nasser Schnee. Ich saß jedoch in meinem

74
Oberrock schön warm, und die Wellen wiegten mich unge-
treuen Knecht bald in sanften Schlummer. Da verspürte ich
plötzlich einen Stoß, der Kahn schwankte, und ich schrak
auf. Vor mir stand Luka Kirilow. Mit sonderbar belegter
Stimme sagte er: ,Los I'
Ich griff sofort nach den Riemen, bekam sie aber vor Auf-
regung nicht in die Dollen. Schließlich gelang es mir unter
größter Anstrengung. Ich stieß vom Ufer ab und fragte:
,Hast du den Engel?'
,Ja. Rudere nur zu!'
,Wie habt ihr ihn rausgekriegt?' fragte ich weiter.
,So, wie es abgemacht war.'
,Werden wir auch alles schaffen?'
,Wir müssen! Sie singen gerade das Eingangsgebet. Mach
schnell! Wo fährst du denn hin?'
Ich sah mich um. 0 Gott, tatsächlich: Ich ruderte ja ganz
falsch! Obwohl ich mich immer quer zur Strömung hielt, war
unsere Siedlung noch nicht in Sicht. Das lag an dem entsetz-
lichen Schneetreiben, das einem die Augen verklebte. Dazu
heulte der Wind; der Kahn schaukelte bedrohlich, und vom
Oberlauf des Flusses her roch es nach Eis.
Schließlich erreichten wir mit Gottes Hilfe doch das Ufer.
Wir sprangen beide aus dem Kahn und rannten, so schnell
wir konnten. Sewastjan stand schon bereit. Er handelte kalt-
blütig und sicher. Zuerst nahm er die Ikone zur Hand, und
da wir alle vor ihr niederfielen und uns verneigten, zeigte er
uns das gesiegelte Antlitz. Dann verglich er es mit seiner
Imitation und sagte: ,Gut! Ich muß nur die Farben ein wenig
mit Safran dämpfen, damit es älter aussieht!' Jetzt spannte er
das Bild in den Schraubstock und setzte die Säge mit dem
runden Bogen an, die er sich zurechtgelegt hatte. Kreischend
fraßen sich die Zähne in das Holz. Uns stockte der Atem vor
Angst, er könnte die Ikone beschädigen. Ein entsetzlicher
Anblick! Versuchen Sie einmal, sich vorzustellen, wie er da
mit seinen-mächtigen Pranken dem Brett zu Leibe ging, um
eine Schicht abzulösen, nicht dicker als das feinste Schreib-
papier! Wie schnell konnte ein Unglück geschehen! Wenn
die Säge nur um Haaresbreite abglitt, dann schnitt sie den

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Engel mittendurch! Doch Sewastjan arbeitete so unbeküm-
mert und geschickt, daß wir immer ruhiger wurden, je län-
ger wir ihm zusahen. Tatsächlich hatte er alsbald das Bild
samt einer hauchdünnen Unterlage losgetrennt. Im Handum-
drehen schnitt er es aus dem Rahmen, den er wieder auf das
alte Brett leimte. Dann nahm er seine Kopie und zerknüllte
sie in der Faust, schlug sie auf die Tischkante und rieb sie
zwischen den Handflächen, als wolle er sie zerreißen und ver-
nichten. Schließlich hielt er sie gegen das Licht, und wir er-
blickten in dem schönen neuen Bild ein dichtes Netz feinster
Risse. Sewastjan klebte es nun unverzüglich in den Rahmen
auf das alte Brett. Danach schüttete er sich ein sonderbares
schmutzig-dunkles Farbpulver in di~ hohle Hand, mischte es
unter Zuhilfenahme der Finger mit Safran und altem Firnis
zu einer Art Paste und rieb diese mit dem Ballen kräftig in
das malträtierte Bild ein. Das war das Werk eines Augen-
blicks, doch die eben erst gemalte Ikone sah jetzt uralt aus,
genau wie die echte. Rasch überzog Sewastjan sie noch ein-
mal mit Firnis; dann gab er sie einem unserer Leute, der die
Beschläge aufnagelte. Er selbst leimte das abgesägte echte
Bild auf ein vorbereitetes Brettehen und verlangte ein Stück
von einem alten Filzhut.
Es begann der schwierigste Teil, die Entsiegelung.
Man reichte dem Ikonenmaler den Hut. Er zerriß ihn über
dem Knie in zwei Teile, legte den einen auf die gesiegelte
Ikone und rief: ,Das heiße Eisen I'
Im Ofen lag nämlich auf sein Geheiß ein schweres Bügel-
eisen in der Glut.
Die Michailiza faßte es mit der Topfgabel und hielt es
ihm hin. Sewastjan packte den Griff mit Hilfe eines Lappens,
spuckte auf die Unterseite und - preßte es auf den Hutfetzen.
Ein übler Gestank verbreitete sich, doch der Ikonenmaler
machte das gleiche noch einmal und noch ein drittes Mal,
dann riß er das Eisen plötzlich weg. Seine Hand flog nur so,
über dem Filz stand der Qualm wie eine Säule, lib~r Sewa-
stjan ließ sich nicht beirren. Mit einer Hand rückte er den Fet-
zen hin und her, mit der anderen führte er das Bügeleisen
jedesmallangsamer und unter größerem Druck.
Plötzlich warf er Eisen und Filz zur Seite und hob die
Ikone ins Licht. Das Siegel war verschwunden, als sei es nie
dagewesen. Der feste Stroganower Firnis hatte der Hitze
widerstanden, der Siegellack hingegen war völlig aufgeso-
gen, nur noch eine· Art feurigroter Tau schimmerte auf dem
reinen Antlitz, das nun wieder in seiner ganzen göttlichen
Anmut erstrahlte. .
Einige von uns beteten still, andere weinten, und wieder
andere ergriffen die Hände des Ikonenmalers, um sie zu
küssen. Luka Kirilow vergaß jedoch in der allgemeinen
Freude nicht seine Aufgabe; die Zeit war kostbar, er hielt
dem Meister die Imitation hin und sagte: ,Mach schnell ein
Ende!'
Aber Sewastjan antwortete:
,Meine Arbeit ist getan, ich habe ausgeführt, was ich über-
nommen hatte.'
,Du mußt noch das Siegel aufdrücken I'
,Wohin?'
,Auf das Gesicht des neuen Engels, damit er aussieht wie
der alte!'
Doch Sewastjan schüttelte den Kopf und erwiderte:
,Nein, ich bin kein Beamter und werde mich dessen nie-
mals erdreisten!'
,Aber wer soll es denn tun?'
,Das weiß ich nicht', sagte er. ,Ihr hättet zu diesem Zweck
einen Beamten oder einen Ausländer herbestellen müssen;
das habt ihr versäumt, also macht es nur selber!'
Bestürzt rief Luka: ,Was mutest du uns zu? Um keinen
Preis würden wir einen solchen Frevel begehen I'
Aber der Ikonenmaler antwortete: ,Ich kann es auch
nicht.'
Minutenlang standen wir ratlos, wie vom Donner gerührt.
Plötzlich stürmte Jakow Jakowlewitschs Frau in die Hütte,
bleich wie der Tod. Mit bebender Stimme fragte sie: ,Seid
ihr noch nicht fertig?'
Wir erwiderten, daß alles getan sei und doch auch wieder
nicht, da wir zwar das Wichtigste vollbracht hätten, die letzte
Kleinigkeit aber über unsere Kraft gehe.

77
Da rief sie in ihrer unbeholfenen Sprache: ,Worauf wartet
ihr denn? Hört ihr nicht, was draußen geschieht?'
Wir lauschten und wurden noch blasser als die Englände-
rin. In unserer Aufregung hatten wir nicht auf das Wetter
geachtet. Jetzt vernahmen wir ein dumpfes Tosen: Das Eis
kam!
Ich lief hinaus und sah, daß die Schollen bereits in breitem
Strom dahinschossen. Wie reißende Bestien stürzten sie über-
einander her, berstend und krachend wälzten sie sich flußab-
wärts.
Außer mir vor Entsetzen, rannte ~ zu den Booten - kein
einziges war mehr da. Das Eis hatte alle weggerissen. Meine
Zunge wurde wie Stein, ich konnte kein Wort hervorbringen;
von den Füßen her stieg eine Kälte in mir auf, als versänke
ich langsam im Erdboden. Unbeweglich stand ich da, keines
Lautes fähig.
Inzwischen waren auch meine Gefährten erschrocken ins
Freie getreten. In der Hütte befanden sich nur noch die
Michailiza und die Engländerin. Als diese den Grund der
Verzögerung erfuhr, griff sie nach der Ikone, und - eine
Minute später sprang sie mit einer Laterne hinaus auf die
Vortreppe. Das Bild vorgestreckt, rief sie: ,Hier,· nehmt,
fertig!'
Der neue Engel hatte ein Siegel im Gesicht I
Luka barg sofort beide Ikonen an seiner Brust und befahl
laut: ,Rasch das Boot!'
Da mußte ich ihm eröffnen, daß kein Boot mehr da war.
Und das Eis, sage ich Ihnen, tobte dahin wie die wilde
Jagd, die Schollen brachen an den Pfeilervorbauten und lie-
ßen die Brücke derart erzittern, daß selbst die mächtigen
Ketten klirrten, obwohl sie mindestens so breit waren wie ein
Dielenbrett.
Als die Engländerio begriff, was vorgefallen war, schlug
sie die Hände über dem Kopf zusammen. Sie schrie mit ver-
zweifelter Stimme: ,James!' und sank ohnmächtig zu Boden.
Uns aber beschäftigte nur ein einziger Gedanke: Wie soll-
ten wir nun unser Wort halten? Was würde dem Engländer
zustoßen und dem Großvater Maroi?
In diesem Augenblick tönte von der Kirche das dritte Läu-
ten. .
Luka fuhr zusammen und rief der Engländerio zu: ,Komm
zu dir, Herrin I Deinem Mann droht keine Gefahr, nur unse-
rem alten Großvater Maroi wird vielleicht der Scharfrichter
die welke Haut gerben und das entehrende Brandmal auf
die fromme Stirn drücken I Aber .auch das wird nicht ge-
schehen, solange ich am Leben bin!'
Damit bekreuzigte er sich und ging festen Schrittes davon.
Ich schrie: ,Luka, wohin? Was hast du vor? Lewonti ist
umgekommen, willst auch du in den Tod gehen?'
Und ich stürzte ihm nach, um ihn zurückzuhalten. Da hob
er ein Ruder von der Erde auf, schwang es hoch empor und
schrie: ,Hinweg, oder ich erschlage dich!'
Meine Herren, ich habe Ihnen im Verlaufe meiner Erzäh-
lung schon mehrfach aufrichtig meinen Kleinmut eingestan-
den, zum Beispiel, als ich Ihnen berichtete, daß ich den kran-
ken Lewonti im Wald liegenließ und auf einen Baum stieg.
Jetzt sage ich Ihnen genauso ehrlich, daß mich das schwere
Ruder nicht schreckte und daß ich vor Luka keinesfalls zu-
rückgewichen wäre, wenn nicht . . . Sie mögen mir glauben
oder nicht, aber ich hatte kaum Lewontis Namen genannt, da
stand er plötzlich in der Finsternis leibhaftig vor mir, die
Hand drohend gegen mich erhoben. Der Schreck über diese
Erscheinung lähmte meine Botschlußkraft völlig, un~ ich blieb
wie angewurzelt stehen. Indessen hatte Luka die Kette er-
reicht. Er suchte mit dem Fuß auf ihr Halt und rief uns durch
den Sturm zu: ,Stimmt das Chorlied an!'
Unser Vorsänger Arefa, der mitten unter uns stand, folgte
der Aufforderung sofort und begann: ,Ich öffne meine Lip-
pen .. .' Wir anderen fielen ein, und unser kraftvoller Gesang
kämpfte gegen das Heulen der Elemente an. Luka aber
schritt todesmutig hinaus auf die Kette. Eine Minute später
~atte er die erste Teilstrecke bewältigt, und die zweite lag
vor ihm. Was würde weiter geschehen? Die Dunkelheit ver-
schluckte ihn, wir sahen ihn nicht mehr. Suchte er noch seinen
Weg über den Fluß, oder war er schon abgestürzt und von
den verfluchten Eisschollen in der. Tiefe zermalmt worden?

79
Sollten wir Dankgebete für seine Errettung aus der Gefahr
zu Gott schicken oder um ewige Ruhe für seine so starke und
fromme Seele flehen?"

15

"Was geschah indessen am anderen Ufer? Seine Eminenz der


Bischof hielt wie üblich in der Hauptkirche die Abendmesse,
ohne zu ahnen, daß während dieser Zeit im Altarraum ein
Diebstahl verübt wurde. Jakow JakowleWitsch, unser Eng-
länder, der sich mit des Bischofs Erlaubnis dort aufhielt,
hatte unseren Engel an sich genommen und ihn, wie verein-
bart, mit seinem Mantel aus der Kirche hinausschaffen las-
sen. Luka war sofort mit ihm davongelaufen, und Großväter
Maroi hatte sich, seinem Wort getreu, draußen unter das
Fenster gestellt, um dort bis zur letzten Minute auszuharren
und dann, falls Luka noch nicht zurückgekehrt sein sollte,
den Engländer dadurch zu entlasten, daß er die Scheibe ein-
schlug und wie ein echter Spitzbube mit Brechstange und
Stemmeisen in die Kirche kletterte. Der Engländer hielt wie-
derholt nach ihm Ausschau und sah ihn jedesmal unbeirrt auf
scinem Posten stehen. Maroi seinerseits brauchte nur des Eng-
länders Gesicht hinter dem Glas zu erblicken, da nickte er
ihm sofort zu, als wolle er sagen: Keine Angst, ich bin hier,
ich bin der Dieb und nehme alles auf mich I
So bewiesen sie einander ihren Edelmut, jeder darauf be-
dacht, dem anderen in der gewissenhaften Erfüllung der
übernommenen Aufgabe nicht nachzustehen. Diese Haltung
beruhte aber nicht nur auf der hohen Gesinnung der beiden
Männer, hier wirkte vielmehr noch eine dritte, stärkere Kraft,
deren Walten ihnen allerdings nicht bewußt wurde.
Als schließlich die Glocken das Ende der Messe ankündig-
ten, öffnete der Engländer leise eine Klappe in dem Fenster,
damit Maroi hereinklettern könne. Er wollte eben zurück-
treten und den Altarraum verlassen, da sah er plötzlich, daß
sich Großvater Maroi von ihm abwandte und angestrengt auf
den Fluß starrte. Dabei murmelte er: ,Gott, hilf ihm her-

So
über! Hilf ihm herüber!' Dann warf er unvermittelt die
Arme in die Luft, tanzte wie ein Betrunkener und schrie:
,Gott war gnädig, er hat ihn herübergetragen!'
Jakow Jakowlewitsch geriet in die größte Verzweiflung.
Er dachte: Es ist aus, der einfältige Alte ist verrückt gewor-
den, ich bin verloren! Da sah er, daß sich draußen Maroi und
Luka Kirilow in den Armen lagen.
Großvater Maroi stammelte: ,Ich habe gesehen, wie du mit
der Laterne über die Kette gegangen bist!'
Luka antwortete:
,Eine Laterne hatte ich gar nicht dabei.'
,Was war das dann für ein Licht?'
Luka erwiderte: ,Von einem Licht weiß ich nichts. Ich bin
gelaufen, so schnell ich konnte, und wundere mich selbst,
daß ich herübergekommen bin, ohne abzustürzen. Es war,
als hielte mich jemand unter den Armen.'
Maroi sagte: ,Dann war es ein Engel! Ich habe ihn gesehen,
und das bedeutet, daß ich keinen Tag mehr leben werde.'
Luka konnte sich nicht in lange Erörterungen einlas-
sen, er gab keine Antwort und reichte dem Engländer durch
die Klappe rasch die beiden Ikonen. Dieser nahm sie,
hielt sie jedoch im nächsten Augenblick Luka wieder ent-
gegen.
,Es ist ja kein Siegel drauf', sagte er.
,Wieso?' fragte Luka.
,Na sieh doch, es fehlt!'
Da schlug Luka ein Kreuz und sagte: ,Nun, dann war alles
vergebens. Jetzt ist keine Zeit mehr, es zu ändern. Dieses
Wunder hat ein Engel der Staatskirche vollbracht, und ich
weiß auch, zu welchem Zweck I'
Damit lief er in die Kirche, geradenwegs in den Raum,
wo man eben dem Bischof das Meßgewand abnahm. Er warf
sich dem hohen Geistlichen zu Füßen und rief: ,Ich habe ge-
frevelt, lassen Sie mich in Ketten schmieden und ins Gefäng-
nis werfen!'
Und er gestand ihm alles. Der Bischof härte ihn würde-
voll an und erwiderte: ,Daraus solltest du erkennen, welcher
Glaube der wirksamere ist! Ihr habtauf spitzbübische Weise

6 Pilger 81
das Siegel von euerem Engel genommen, der unsere aber hat
sich selbst davon befreit und dich hierher geführt.'
Hierauf sagte unser Luka: ,Ich erkenne es, Vater Bischof,
und erbebe in Ehrfurcht. Befehlen Sie, mich meiner Strafe
zuzuführen.'
Doch der Bischof antwortete mit den Absolutionsworten:
,Kraft der mir von Gott verliehenen Macht vergebe ich dir,
mein Sohn, und spreche dich deiner Sünden ledig. Bereite dich
darauf vor, morgen den reinen Leib Christi zu empfangen!'
Nun, meine Herren, weiter brauche ich Ihnen wohl nichts
zu erzählen. Luka Kirilow und Großvater Maroi kehrten am
nächsten Tag zurück und sagten: ,Väter und Brüder, wir
haben den Triumph eines Engels der herrschenden Kirche
erlebt und die auf ihr ruhende göttliche Gnade in Gestalt
der Güte ihres Priesters an uns erfahren ; wir sind in ihrem
Namen mit geweihtem Öl gesalbt worden und haben heute
morgen den Körper und das Blut Christi des Erlösers emp-
fangen.'
Ich war ja schon lange, schon seit meinem Aufenthalt bei
dem alten Pamwa, geneigt, Gott nach der in ganz Rußland
üblichen Art zu preisen, und ich rief für alle: ,Wir werden es
euch gleichtun!'
Also wurden wir sämtlich Lämmer der einen großen Herde
unter dem einen Hirten. Erst jetzt erkannten wir, wohin
unser gesiegelter Engel uns alle hatte führen wollen, indem
er anfangs seinen Leidenskelch über uns ausgoß und dann
das Siegellöste um der Liebe unter den Menschen willen, die
sich uns in dieser schrecklichen Nacht offenbarte."

16

Der Erzähler schwieg. Auch die Zuhörer blieben noch eine


Weile stumm, doch schließlich räusperte sich einer und
meinte, die geheimnisvollen Vorgänge in dieser Geschichte
stellten durchaus nichts Übernatürliches dar, sowohl der
Traum der Michailiza als auch ihre Halluzinationen, die sie
danach im Halbschlaf hatte. Den Engel mochte eine streu-

82
nende Katze oder ein Hund heruntergestoßen haben, und
Lewontis Tod sei in Anbetracht der schon vor der Begeg-
nung mit Pamwa ausgebrochenen Krankheit genauso erklär-
lich wie die rein zufällige Übereinstimmung der Worte des in
Andeutungen sprechenden Pamwa mit den Gedanken des
Erzählers.
"Mir leuchtet auch ein", fügte der Sprecher hinzu, "daß
Luka Kirilow es geschafft hat, mit dem Ruder über die Kette
zu laufen. Maurer sind es ja bekanntlich gewohnt, an allerlei
halsbrecherischen Stellen herumzuklettern, überdies diente
ihm das Ruder als Balancierstange. Selbst die Lichterschei-
nung, die Maroi um Luka zu sehen glaubte und die er für
einen Engel hielt, läßt sich als etwas nicht allzu Ungewöhn-
liches deuten. Maroi stand unter einer starken seelischen Span-
nung, er war zudem völlig durchgefroren - was gaukelt
einem in solchem Zustand die Phantasie nicht alles vor! Ich
würde mich nicht einmal wundern, wenn er tatsächlich am
nächsten Tag gestorben wäre, wie er prophezeit hatte."
"Das ist er auch, mein Herr", warf Mark ein.
"Großartig! Soll man es erstaunlich finden, wenn ein Acht-
zigjähriger eine solche Aufregung und eine mutmaßliche
starke Erkältung nicht übersteht? Wirklich rätselhaft ist mir
allerdings, wie das Siegel verschwinden konnte, das die Eng-
länderin dem neuen Engel aufgedrückt hatte."
"Ach, das läßt sich am leichtesten erklären", erwiderte
Mark aufgeräumt, und er berichtete, man habe das Siegel
bald darauf unter einem der Beschläge entdeckt.
"Wie kam es denn dorthin?"
"Das will ich Ihnen sagen: Auch die Engländeein war da-
vor zurückgeschreckt, das Antlitz des Engels zu verunzieren,
sie hatte das Siegel auf ein Stück Papier gedrückt und unter
dem Beschlag festgeklemmt, sehr kunstvoll und geschickt,
so daß es niemand bemerkte. An Lukas Brust aber hatten
sich die beiden Ikonen aneinander gerieben, und dabei war
das Siegel unter das Blech gerutscht."
"Es ist also alles ganz einfach und natürlich zugegangen."
"Ja, und deshalb hielten viele unsere Bekehrung überhaupt
für einen Zufall. Nicht nur gebildete Leute, die von der Sache
erfuhren, sondern auch diejenigen unserer Brüder, die starr-
sinnig am alten Glauben festhielten, lachten uns aus und sag-
ten, die Engländerio habe uns mit Hilfe eines Stückeheus
Papier der Staatskirche in die Arme geführt. Wir stritten nicht
mit ihnen, denn schließlich soll jeder glauben, was er für
richtig hält, und letzten Endes ist es doch belanglos, auf wel-
chem Wege sich Gott den Menschen offenbart und aus wel-
chem Gefäß er sie tränkt, wenn er sie nur findet und ihren
Durst nach dem Einswerden mit seinem himmlischen Reich
stillt. - Sehen Sie mal, dort draußen kriechen schon die unbe-
holfenen Fuhrleute von gestern abend aus dem Schnee! Sie
haben offenbar doch fest geschlafen~ die Guten, und werden
gleich losfahrer1. Vielleicht nehmen sie mich ein Stück mit!
Die Wassilinacht ist vorüber. Ich bin Ihnen zur Last gefallen
und habe Sie mit meiner Geschichte um Ihre Ruhe gebracht.
Erlauben Sie mir dennoch, Ihnen viel Glück im neuen Jahr
zu wünschen, und verzeihen Sie um Christi willen meine Auf-
dringlichkeit!"
Pawlin

Ich war Mitschuldiger an einer kleinen Übertretung der stren-


gen Klostersitten auf W alaam. Die Bewohner dieses rauben
Felsenriffs schätzen müßige Spaziergänge nicht: Der Fremde,
den es. hierher verschlägt, muß sich den außerordentlichen
Genuß versagen, die Insel zu besichtigen, mag er auch noch
so weit gereist und sein Verlangen danach noch so groß sein.
Ich sage "den außerordentlichen Genuß", denn das Eiland
ist in der Tat herrlich, und es bietet Anblicke von grandioser,
überwältigender Schönheit. Aber es ist auf Walaam üblich,
daß sich jeder Pilger der Klosterzucht unterwirft: Er hat in
die Kirche zu gehen, zu beten, mit den Mönchen die Mahl-
zeiten einzunehmen, danach zu arbeiten und schließlich zu
ruhen. Für Spaziergänge und Ausflüge in die Umgebung
bleibt keine Zeit. Dennoch unternahm ich es zusammen mit
drei Männern und zwei Damen, das ganze Eiland in einer
Nacht zu durchstreifen, und ich hatte Gelegenheit, mir das
erstaunliche Bild, das die wilden Felsen, die dunklen Schluch-
ten und die stillen Klausen des russischen: Athos im blassen
Zwielicht der nördlichen Sommernacht bieten, für immer ein-
zuprägen. Besonders schön wirken die Klausen in ihrer ewi-
gen Ruhe, vor allem die Einsiedelei Predtetscha auf Serni-
tschan, einer der zahlreichen vorgelagerten kleinen Inseln.
Sie beherbergt weltabgeschiedene Mönche, denen das strenge
Leben auf Walaam noch nicht streng genug erscheint und die
sich deshalb hierher zurückgezogen haben, wo sie die Kloster-
leitung vor jeder Zudringlichkeit weltlicher Besucher bewahrt.
Hier scharen sich um die Ewigen Lämpchen Menschen, die
für die Welt gestorben sind, aber dennoch unermüdlich für
sie beten; hier ist das Reich des immerwährenden Fastens, des
Schweigens und des Gebets.
Wir waren, da wir die Pfade auf Walaam nicht kannten,
unversehens an den Wasserstreifen gelangt, der das kleine
Eiland Sernitschan von der Hauptinsel trennt, und ließen
uns, verführt von dem dichten Farn, der dort in einer Senke
wuchert, zur Rast nieder, um ein Gespräch über diejenigen
zu beginnen, die sich diese Einsamkeit als Stätte für ein be-
sinnliches Leben in stetem Gebet erwählten.
"Was sind das wohl für Menschen, was mögen sie erlebt
und was mag sie bewogen haben, sich hier lebendig zu be-
graben?" rief einer von uns. "Ich kann sie nur für wahre
Titanen und Helden im Geiste halten."
"Ja, damit haben Sie auch völlig recht", erwiderte ein ande-
rer. "Es sind wirklich Helden, allerdings solche, deren Kraft
in ihrer Armut _liegt. Sie sind Samenkörner, die lange im
Verborgenen ruhten, schließlich aber keimten und aufwuch-
sen."
"Wo waren sie bis dahin?"
Der Gefragte lächelte und sagte:
"Bis dahin ... lagen sie am Straßenrand, verkümmerten
sie unter Dornen, dem Untergang geweiht wie Sie und ich
und die ganze Welt, bis ein Sturmwind sie packte und auf
fruchtbaren Boden warf."
"Ihren Worten nach ZU urteilen, kennen Sie einen der Men-
schen, die die Kraft hatten, sich in diesen Klüften bei Leb-
zeiten ein Grab zu suchen?"
"Ja, ich glaube, ich kannte in der Tat einen."
"War er klug?"
"Ja."
"Ein Mann, der überlegt gehandelt hat?"
"Hm . . . Doch. Im übrigen maße ich mir nicht an, über
ihn zu urteilen. Doch ich habe ihn sehr geschätzt und halte
sein Andenken in Ehren."
"Er lebt nicht mehr?"
"Nein, er ist bereits verstorben."

86
"Hier?"
"Nicht weit von hier", erwiderte der Sprecher, abermals
lächelnd.
"Ich würde sehr gern mehr über das Schicksal eines solchen
Menschen hören."
"Ich auch, ich auch!" fielen die anderen ein.
Die Damen zeigten noch größeres Interesse als die Män-
ner. Eine von ihnen, es war eine hübsche Blondine mit
schwarzen Augen, wandte sich an unseren Weggefährten und
sagte: "Wissen Sie, Sie würden uns einen großen Gefallen
tun, wenn Sie uns hier an Ort und Stelle, in der Stille dieses
Tals, in das wir unerwartet geraten sind, die Geschichte des
Ihnen bekannten Klausners erzählten."
Die andere Dame und wir alle schlossen uns dieser Bitte
an. Derjenige, dem sie galt, erklärte sich bereit, sie zu er-
füllen, und begann.

"Es mag etwa zwanzig Jahre her sein. Ich war Schüler eines
Petersburger Gymnasiums und wohnte mit meiner nunmehr
verstorbenen Mutter und deren Schwester, meiner Tante
Olga Petrowna, im Hause einer anderen, wohlhabenden
Tante väterlicherseits. Obwohl diese heute nicht mehr unter
den Lebenden weilt, möchte ich ihren Namen nicht preis-
geben, ich werde sie Anna Lwowna nennen. Ihr Haus steht
noch an der nämlichen Stelle; damals allerdings war es als
eines der größten in der ganzen Straße jedermann bekannt,
während es heute zu den kleinsten gehört. Mächtige neue
Gebäude haben es zurückgedrängt, und niemand beach-
tet es mehr wie zu jener Zeit, in der meine Geschichte ein-
setzt.
Da ich meine Erzählung nun einmal nicht mit Personen,
sondern mit einem Haus begonnen habe, muß ich wohl in
dieser Richtung fortfahren und Ihnen schildern, was das für
ein Haus war - ein furchtgebietendes, und zwar in vieler
Hinsicht. Es bestand aus Stein, hatte drei Stockwerke und
drei Höfe, die, von der Straße aus gesehen, hintereinander
lagen und allseitig von gleichförmigen dreistöckigen Flügeln
umgeben waren. Von außen wirkte es düster und grau, fast
wie ein Gefängnis. Der Eindruck, den es machte, war aus-
gesprochen entmutigend. Dieses Haus stellte einen Teil der
Mitgift dar, die meine Tante erhalten hatte, als sie die Ehe
mit einem nicht allzu entfernten Verwandten eingegangen
war, einem seinerzeit vielversprechenden jungen Mann mit
glänzendem Auftreten, der jedoch in kürzester Frist sein
eigenes geringes Vermögen sowie das recht bedeutende seiner
Frau durchbrachte und die Hände auch noch nach dem Rest
ihrer Mitgift ausstreckte, das heißt 'nach ebenjenem Hause.
Auf diesen verlockenden Gedanken kam er in Paris, wo die
Eheleute damals lebten, weil Anna Lwowna dort mit ihrer
Schönheit glänzen und alle Welt in Erstaunen setzen wollte.
Das wäre ihr vielleicht auch gelungen, wenn nicht zu jener
Zeit eine gewisse Dame aus der Halbwelt alle Augen ver-
blendet hätte, mit der den Kampf aufzunehmen meiner
Tante peinlich, ja unmöglich war, denn ihre Rivalin umgab
sich mit einem so sagenhaften Luxus, daß sich selbst die acht-
barsten Damen fragten, woher diese Kurtisane das alles.
nahm. Sicherlich stellte auch meine Tante Anna Lwowna
Überlegungen in dieser Richtung an, und sie bekam von
ihrem Gatten die Antwort, jenes Weibsstück verdanke ihre
beneidenswerte Lage der Großzügigkeit eines in einer in-
dischen Handelsgesellschaft reich gewordenen Engländers;
doch bald stellte sich heraus, daß dies nicht den Tatsachen
entsprach und der reiche Engländer niemand anderes war
als eben der Gemahl meiner Tante, welcher höchst unhc-
dachtsam deren Vermögen für diesen zweifelhaften Stern
verschleuderte. Seine Neigung ging so weit, daß ihnen nichts
blieb als das Petersburger Haus, von dem ich sprach. Als
meine Tante Anna Lwowna dies erfuhr, geriet sie in maß-
losen Zorn. Sie heulte eine Zeitlang, faßte sich dann jedoch
und legte nicht nur große Charakterstärke, sondern auch eine
gehörige Portion Hartherzigkeit an den Tag: Sie widerrief
von Amts wegen die Vollmachten, die sie ihrem Mann ein-
geräumt hatte, überließ ihn in Paris seinen Gläubigern und

88
begab sich zurück nach Rußland, um sich in ihrem Haus
niederzulassen. Dieser Besitz sicherte ihr ausreichende Ein-
künfte, so daß sie ohne Not leben und ihrem Sohn Wolde-
mar oder Dodja, wie er zu Hause genannt wurde, eine stan-
desgemäße Erziehung angedeihen lassen konnte. Ihrem
Mann schickte sie keine Kopeke, und sie sprach niemals von
ihm. Er verkam wohl dort im Ausland immer mehr und
galt schließlich als verschollen. Die einen sagten, er sei in
einem Schuldgefängnis gestorben; andere behaupteten, er
arbeite als Croupier in einem Spielkasino. Doch das ist für
uns gleichgültig. Meine Tante Anna Lwowna war zu der
Zeit, da ich sie kennenlernte, eine Frau von etwa fünfund-
vierzig Jahren; ihre Züge trugen durchaus noch Spuren einer
recht bemerkenswerten, wenn auch höchst unerquicklichen
und strengen, ja grausamen Schönheit, wie sie sozusagen zur
Ausstattung einer Dame der russischen Beau-monde gehört.
Sie hatte in ihrem Haus die Hälfte der herrlichen Beletage
inne. Diese geräumige Wohnung bot ihr die Möglichkeit, zu
leben, wie es sich für eine große und zudem charakterfeste
und achtbare Dame gehörte, denn als solche galt sie bei den
zahlreichen vornehmen Leuten, die sie besuchten. Sie liebte
es, von ihrer mißlichen Lage zu sprechen, klagte, wo es an-
ging, über ihre Schutzlosigkeit und die niedrigen Witwen-
bezüge - und brachte auf diese Weise ihre Angelegenheiten
aufs beste in Ordnung. Dank ihren Verbindungen und ihrem
Geschick kostete sie die Erziehung ihres Sohnes keine Ko-
peke; darüber hinaus erwirkte sie für sich selbst auf uner-
gründlichem Wege eine recht ansehnliche Unterstützung für
,außergewöhnliche Härtefälle', so daß sie die Einkünfte aus
dem Haus zurücklegen konnte. Sie war eine sehr geschäfts-
tüchtige und, um die Wahrheit zu sagen, auch überaus herz-
lose Frau, was Sie, denke ich, zum Teil schon aus dem Ver-
halten ihrem Mann gegenüber schließen können, dem sie
niemals vergab und dem sie in seiner mißlichen Lage nie
auch nur einen Groschen zukommen ließ. Im Haus wurde sie
von jedermann gefürchtet; ich wußte das sehr wohl, da ich
von unserer Wohnung in einem Seitenflügel aus wiederholt
beobachten konnte, mit welch scheelen Blicken die Mieter
zu ihr hinaufsahen. Sie hatte keinen Verwalter, sondern re-
gierte selbst, und zwar als eine höchst strenge und unerbitt-
liche Herrin. Die Hausbewohner hatten die Miete einen
Monat im voraus zu entrichten, und wenn jemand nicht auf
den Tag pünktlich zahlte, wurden ihm kurzerhand die Fen-
ster ausgehängt, und zwei Tage später flog er auf die
Straße. Pardon und Milde wurde niemandem gewährt, und
niemand bat je darum, da jeder wußte, daß es vergeblich
gewesen wäre. Anna Lwowna verfuhr dabei sehr weise: Sie
selbst trat den Mietern nie unter die Augen, und es wurde
auch nie jemand zu ihr vorgelasse!l - sie erteilte lediglich
Befehle, die dann von anderen ausgeführt wurden. Man
sagte, dabei habe niemals auch nur die geringste Gnade ge-
waltet, dennoch fand meine Tante, daß die Vollstrecker ihres
Willens noch zu nachsichtig handelten, und sie wechselte sie
oft, bis sie endlich einen fand, der ihrer unerbittlichen
Strenge vollauf genügte. Dieser bemerkenswerte Mensch war
der Schweizer, das heißt der Hausmeister Pawlin Petrow,
mit Familiennamen Pewunow, allgemein einfach Pawlin ge-
nannt. Ich empfehle diesen Mann Ihrer besonderen Auf-
merksamkeit, da er, ungeachtet seiner bescheidenen Stellung,
der Held meiner Erzählung sein wird. Aus eben diesem
Grund will ich ihn etwas eingehender beschreiben und Ihnen
berichten, unter welchen Umständen wir selbst das Vergnü-
gen hatten, dieses Original in der bunten Livree kennenzu-
lernen."

"Als wir die kleine Wohnung in einem Seitenflügel des zwei-


ten Hofes im Hause meiner Tante bezogen, stand Pawlin
Pewunow schon das sechste Jahr als Schweizer in Anna
Lwownas Diensten. Er galt als ihr ergebenstes Werkzeug,
ja er war, wie man so sagt, ihre rechte Hand. Das grenzen-
lose Vertrauen, das er bei ihr genoß, und mehr noch die
Tatsache, daß er ihr schon so viele Jahre diente, während es
vor ihm niemand lange ausgeh:;:tlten hatte, boten sogar Anlaß
für allerlei törichte Redereien im Hause, die auf den un-
sinnigsten Vermutungen und vor allem darauf beruhten, daß
Pawlin, nach Ansicht vieler, ein schöner Mann war. Ich will
Ihnen sein Außeres beschreiben, wie es mir aus der Zeit
in Erinnerung ist, da ich ihn kennenlernte. Er mag damals
etwas über vierzig gewesen sein. Groß und kräftig, wirkte
er· überaus stattlich; sein Haar war hellblond, er hatte große,
sehr angenehme graue Augen und eine schöne, kluge Stirn.
In seinen Gesichtszügen lag eine eigentümliche Strenge, die
der Würde in seinen Bewegungen und in seiner ganzen auf-
fallend gewfchtigen Haltung entsprach. Ich wette jede
Summe, daß es in keiner europäischen Hauptstadt einen im-
posanteren Hausmeister gab als Pawlin. Wahrscheinlich hätte
er in einer anderen, bedeutungsvolleren Uniform noch re-
spektabler gewirkt, doch stand ihm auch seine bunte Schwei-
zerlivree ganz vorzüglich. Mit seinem tressenbesetzten hell-
blauen Überrock, seiner ebenfalls mit Tressen reich verzier-
ten breiten Schärpe und dem dreieckigen Hut sowie dem
goldblitzenden Schweizerstab war er tatsächlich ein Pawlin,
ein Pfau, noch dazu ein überaus prächtiger, der durchaus in
der Lage gewesen wäre, es mit dem schönsten Exemplar die-
ses stolzen Federviehs, das Juno einst mit den Augen des
Argus schmückte, aufzunehmen. Seinem repräsentativen
Außeren nach hätte er als Schweizer wohl jedem Klub und
selbst der luxuriösesten Gesandtschaft Ehre gemacht, doch
darauf zielte sein Ehrgeiz nicht, ihm genügte der Posten in
dem recht bescheidenen bürgerlichen Haus meiner Tante. Es
war dies die erste Stellung, die er in Petersburg angetreten
hatte, ein Wechsel des Arbeitsplatzes aber gehörte nicht zu
seinen Gepflogenheiten. Er führte bei meiner Tante keines-
wegs ein behäbiges Leben, es oblagen ihm vielmehr, wie in
Bürgerhäusern üblich, die verschiedensten Pflichten. Vor
allem war er Anna Lwownas Argus: Durch ihn erfuhr meine
Tante alles, was sie zu wissen begehrte. Er schien das ganze
Haus durch dessen steinerne Wände hindurch zu überblicken,
und nicht das kleinste Vorkommnis blieb ihm verborgen.
Das war um so erstaunlicher, als er mit keinem der Dienst-
boten im Hause irgendwelche Beziehungen unterhielt. Er

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trug seinen Stolz und seine Würde nicht nur äußerlich zur
Schau, sondern war auch charakterlich selbstsicher und ge-
festigt, ja sogar hochmütig. Pawlin hatte ein kleines, doch
von ihm sehr reinlich gehaltenes Zimmer inne, das hinter
einer Säulenreihe des weitläufigen Paradeeingangs lag. Eben-
dort stand auf einem schmalen Podest zwischen zwei Säulen
sein Thron, ein altertümlicher schwarzer Sessel mit einem
Kupferdrachen auf der hohen Lehne. Seit Pawlin die Kam-
mer bewohnte, hatte sie kein Außenstehender betreten, und
niemand wußte, wie sie eingerichtet war. lhr:e beiden zur
Straße hinausgehenden Fenster ware~ ständig tiurch saubere
Musselingardinen verhängt, vor denen einige Blumentöpfe
standen, und wenn man des Abends einen Blick durch diese
Fenster warf, dann erblickte man im Licht des vor dem
Heiligenbild brennenden Ewigen Lämpchens lediglich den
oberen Teil der blaugestrichenen sauberen Wände sowie
einer spanischen Wand. Die kleine Tür war stets verschlos-
sen, den Schlüssel trug Pawlin in der Tasche. Einige Für-
witzige, die unter diesem oder jenem Vorwand in Pawlins
Gemach einzudringen versuchten, wies dieser so entschieden
und eindeutig ab, daß man ihn schließlich gewähren ließ
und niemand mehr Lust verspürte, ihn zu besuchen. Was
Pawlin in seiner ewig verschlossenen Behausung so sorgsam
hütete, vermochte niemand zu ergründen; da es aber wohl
unmöglich war, die Sache ohne Erklärung zu lassen, fand
sich im Hause ein Komitee zu seiner Beobachtung zusam-
men, welches schließlich entdeckte, daß er zu allem anderen
auch außerordentlich sparsam war, sehr wenig aß und an
Getränken nichts als Wasser und Milch zu sich nahm, wes-
halb ihn das Komitee zum ,Molokanen' erklärte. Diese
Deutung gefiel allen, und sie besänftigte die allgemeine
Neugier in bezug auf die Person Pawlins so weit, daß man
sich von nun an mit der ruhigen Gewißheit zufriedengab, er
sei dem religiösen Hochmut verfallen. In jedem Unsinn
steckt ein Körnchen Wahrheit, und so war es auch hier:
Pawlin war tatsächlich ungesellig und stolz, zumindest ließ
er nicht die kleinste Vertraulichkeit zwischen sich und den
Bediensteten aufkommen. Das konnte man durchaus ver-
stehen: Er gehörte zwar selbst zur Dienerschaft, nahm aber
sowohl seinem Verstand als auch seinem Charakter nach eine
Sonderstellung ein. Über seine Vergangenheit wußte man
wenig. Gerüchten zufolge war er leibeigener Kammerdiener
bei einer hochgestellten Persönlichkeit gewesen, hatte sich
sechs Jahre zuvor freigekauft und dabei seinem Herrn für
nichts als seine stolze und strenge Seele an die tausend
Silberrubel gezahlt. Diesen Gerüchten glaubte man jedoch
nicht so recht. Weit mehr Anklang fand eine andere Ver-
sion, die sich irgend jemand ausgedacht hatte und die be-
sagte, Pawlin habe die Post beraubt, sechs Postillione er-
schlagen und sich dann falsche Papiere verschafft, mit Hilfe
deren er sich nun als Schweizer ausgebe; in seiner verschlos-
senen Kammer aber halte er die immensen Schätze der be-
raubten Post versteckt. Natürlich erzählte man sich· das alles
nur hinter seinem Rücken; Pawlin selbst redete nie von sei-
ner Vergangenheit. Sein Leben lief in einem gleichförmigen,
festgelegten Rhythmus wie eine Uhr: Früh am Morgen er-
schien er im Vorraum und fegte ihn aus; dann verschwand
er in seinem Zimmer, wo er sich mit Hilfe eines kleinen
Samowars, dessen Bauart und Bedienung für jedermann ein
Geheimnis und Gegenstand unbefriedigter Neugier blieb,
einen Tee oder einen Kaffee bereitete. Danach schritt er ohne
Stab und Schärpe zur Treppe und begab sich zu meiner
Tante. In welcher Art sich sein Rechenschaftsbericht vor
Anna Lwowna oder sein Gespräch mit ihr abwickelte, wußte
niemand genau, und so wurden bezüglich dieses morgend-
lichen Besuches wiederum die unsinnigsten Vermutungen an-
gestellt. Nach etwa einer Stunde erschien Pawlin abermals
auf der Treppe, doch nun nicht mehr mit leeren Händen,
sondern mit dem Hausbuch, das er zunächst unter das
Wachstuch auf dem Tisch vor seinem Thron schob. Er legte
nun die Schärpe um, nahm den Stab zur Hand und schloß
den Haupteingang auf. Nach dieser Zeremonie ließ er sich
in dem breiten, mit rotem Saffian bezogenen Sessel nieder
und sah das Hausbuch durch, wobei er von Zeit zu Zeit
etwas in ein Heft schrieb. Das dauerte bis zehn Uhr. Mit
dem letzten Glockenschlag der zehnten Stunde lehnte er den

93
Stab an eine Säule, vertauschte den Dreispitz mit einer tres-
senbesetzten Mütze und begab sich in dieser ,zweiten Garni-
tur' durch die Hintertür auf den Hof. Im Vorbeigehen schlug
er mit der Hand schweigend an die Tür der Knechtswoh-
nung. Auf dieses Zeichen hin sprangen sogleich zwei stäm-
mige Burschen heraus, von denen der eine mit einem Beil,
der andere mit Hammer und Zange bewaffnet war. Beide
verbeugten sich tief vor Pawlin, der ihren Gruß mit einem
stummen Kopfnicken erwiderte. Die Hofknechte folgten
ihm wortlos und in respektvoller Entfernung. Pawlin aber
ging den Weg, den ihm das aufgesch,lagen in seiner Hand
ruhende Heft wies.
Es wird mir wohl kaum gelingen, Sie auch nur im ent-
ferntesten nachempfinden zu lassen, welche Wirkung dieser
morgendliche Aufzug Pawlins samt seiner beiden Liktoren
auf jedermann im Hause hatte. Aus allen Fenstern der Hin-
terhöfe, wo die ärmeren Mieter wohnten, trafen Pawlin teils
zornige, teils verächtliche, meist aber ängstlich besorgte
Blicke; nicht selten wurden ihm Schimpfworte und gehässige
Spöttereien nachgerufen, vor allem jedoch ließ er stille Ver-
wünschungen und bittere Tränen zurück. Pawlin schenkte
alledem nicht die mindeste Beachtung. Er vollendete seinen
Gang wie ein Planet. im Kreis der Gestirne die ihm vorge-
zeichnete Bahn; Außerungen von Zorn oder Mitleid hielt er
gleichermaßen für unter seiner Würde. Die Prozession war
das Zeichen dafür, daß Pawlin die monatliche Miete von
ärmeren Inhabern der kleinen Wohnungen eintreiben mußte.
Meine Tante hatte nämlich sämtliche großen Wohnungen in
den Hinterhäusern in kleine umbauen lassen, da sie sich zu
Recht sagte, daß kleine Wohnungen mehr einbringen als
große, weil sie von armen Leuten gemietet werden, die stets
zahlreicher sind als die reichen und die sich weder vom
Geschmack noch auch nur vom Reinlichkeitsbedürfnis leiten
lassen können. Weshalb aber Pawlins Prozessionen solche
Wirkungen hatten und so gefürchtet waren, werden wir so-
fort sehen, wenn wir ihm auf eine der engen dunklen Trep-
pen folgen, die er in Begleitung seiner Assistenten hinauf-
steigt. Jetzt bleibt er vor einer Wohnung stehen und klin-

94
gelt an der Tür. Man öffnet ihm nicht sogleich, doch er ist
geduldig und zeigt sich nicht zudringlich. Drinnen wird ge-
flüstert, jemand läuft hin und her, etwas wird weggeräumt,
leises Weinen - er wartet immer noch, und dann läutet er
zum zweitenmal, nicht übermäßig stark, doch so nachdrück-
lich, daß ein weiteres Sträuben unmöglich ist. Die Tür öffnet
sich zögernd. Pawlin nimmt die Mütze ab und tritt, sein
Heft in der Hand, gelassen über die Schwelle. Die ihn be-
gleitenden Männer warten unterdessen auf dem Treppen-
absatz. Wenn er nach drei Minuten zurückkehrt, werden Sie
unbedingt bemerken, daß etwas in dem breiten Ärmel-
aufschlag seiner Livree steckt. Es ist das Geld für seine Her-
rin. Er geht weiter, zu anderen Mietern, bei denen eben-
fall die monatliche Vorauszahlung fällig ist. Wieder folgen
ihm die Hausknechte mit Beil und Zange auf den Fersen
und warten auf seine Anordnungen. Immer warten sie au'f
diese Anordnungen, und immer flehen sie zu Gott, daß sie
nicht erfolgen mögen. Was aber sind das für Anordnungen?
Wir werden es gleich sehen. Eben kommt Pawlin aus einer
Wohnung, ohne etwas in seinen Ärmelaufschlag zu stecken.
Er nickt nur, und einen Augenblick später erscheinen in einem
Fenster derselben Wohnung die Köpfe seiner Begleiter; Beil
und Zange arbeiten unbeschreiblich schnell und geschickt, die
Fensterflügel verschwinden - durch die leere Höhlung drin-
gen Frauengeschrei und Kinderweinen. Pawlin aber schreitet
weiter und hinterläßt auf seiner Bahn an anderer Stelle aber-
mals leere Fensterhöhlen. Wieder Frauengezeter und Kin-
derwimmern, während die Wärme in dichtem Strom unge-
hindert aus dem Zimmer entweicht und die dem Erfrieren
preisgegebene Armut vergeblich versucht, sie durch eiligst
an Stangen und Besen aufgehängte Fetzen zurückzuhalten.
Je tiefer Pawlin in die Höfe vordrang und je höher er
die Treppen hinaufstieg, desto häufiger erteilte er seine Ent-
setzen verbreitenden Anordnungen. Ich möchte fast auch
sagen: desto entschlossener, aber Pawlin war ohnehin nie-
mals unentschlossen.
Wenn er alle Wohnungen aufgesucht hatte, an deren
Türen zu klopfen er an diesem Tage verpflichtet war, be-

95
wegte sich die Prozession zu ihrem Ausgangspunkt zurück.
Die Hausknechte trugen jetzt die ausgehängten Fensterflü-
gel, die Pawlin mit eigener Hand in einem speziell diesem
Zweck dienenden Verschlag unter der Haupttreppe ein-
schloß. Danach nahm er gelassen wieder in seinem hohen
Sessel mit dem Bronzedrachen. auf der Lehne Platz und las
die ,Pscholka' und andere Zeitungen, die im Hause bezogen
wurden und nach ungeschriebenem Gesetz erst einmal durch
seine Hände gingen. Das Lesen bereitete ihm offenbar gro-
ßes Vergnügen, denn er gab sich ihm in jeder freien Minute
hin. Wenn er die Zeitungen durchstueFett und an ihre Abon-
nenten verteilt hatte, nahm er sich ein Buch vor, meist oder
eigentlich immer einen aus dem Französischen übersetzten
Roman. Seinem Stolz entsprechend erbat er diese Bücher
übrigens niemals von jemandem, sondern er lieh sie in einer
Bibliothek aus.
Bei dieser Beschäftigung fanden ihn nicht nur die Be-
sucher, denen er in seiner Eigenschaft als Schweizer die eine
oder andere Hilfe erweisen mußte, sandem auch die Mieter,
deren Wohnungen er am Morgen durch das Entfernen der
Fenster gewaltsam gelüftet hatte.
Brachte der säumige Mieter das Geld, so nahm es Pawlin
schweigend in Empfang; er vermerkte den Eingang im Buch
und griff zur Klingel, woraufhin die Hausknechte erschie-
nen, wortlos die ihnen gewiesenen Fensterflügel aus dem
Verschlag nahmen und davongingen, um sie wieder einzu-
hängen. Kam aber ein Mieter oder eine Mieterin nur, um
zu lamentieren oder um einen Zahlungsaufschub zu erwir-
ken, dann erlebten sie dies: Wieder zog Pawlin schweigend
die Glocke, die Hausknechte erschienen - und der Bittsteller
wurde hinausgeführt, ohne auch nur ein einziges Wort der
Erwiderung vernommen zu haben.
So tat dieser merkwürdige Pawlin seinen Dienst für meine
Tante, und das Schicksal sollte ihm eines Tages nicht we-
niger sonderbar mitspielen als er den Mietern im Hause
Anna Lwownas."
3

"Meine Mutter und ihre Schwester Olga Petrowna, die sich,


da maman kränkelte, um meine Erziehung kümmerte, hat-
ten im Hause Anna Lwownas eine kleine Wohnung an einem
Aufgang des zweiten Hofes inne. Ich weiß heute nicht mehr,
wie hoch die Miete war, und ich kann nicht sagen, wie man
mit uns verfahren wäre, wenn wir den entsprechenden Be-
trag auch nur ein einziges Mal nicht fristgemäß entrichtet
hätten. Wahrscheinlich hätte Anna Lwowna, nachdem sie
selbst für ihren verschollenen Gatten keinerlei Mitleid ge-
zeigt hatte, auch an dessen Schwester, meiner Mutter, nicht
Nachsicht geübt, welche es aus Gott weiß welchem Grunde
für richtig befunden hatte, im Hause ihrer Schwägerin zu
wohnen, wo uns gleich am ersten Tage eine denkwürdige
Unannehmlichkeit widerfuhr, bei der wir zum erstenmal mit
Pawlin Bekanntschaft machten. Unser Einzug in das Haus
meiner Tante fand an einem Heiligabend statt. Es war ein
bitterkalter und, wie immer zu dieser Jahreszeit in Peters-
burg, sehr kurzer Tag, so daß es bereits dämmerte, als die
Fuhrwerke mit unserem bescheidenen Mobiliar auf den Hof
rollten. Meine Mutter saß zur selben Stunde bei Anna
Lwowna; Tante Olga, die Anna Lwowna nicht ausstehen
konnte, und ich wanderten unterdessen in der leeren Woh-
nung auf und ab. Kaum waren unsere Möbel eingetroffen,
da erschien auch meine Mutter, um anzuordnen, wo die
Sachen stehen sollten. Wie sie sagte, hatte Anna Lwowna
selbst ihr geraten, dem Abladen beizuwohnen. So forderte
sie nun also die Träger auf, die Möbel heraufzubringen, doch
die Männer sahen sich nur gegenseitig an. Hinter ihren Schul-
tern tauchte plötzlich Pawlin samt seinen beiden Adjutanten
auf, die ihre bekannten Werkzeuge in den Händen trugen.
,Was ist denn, Väterchen?' fragte meine Mutter.
,Ich bitte um das Geld für einen Monat', erwiderte Pa-
wlin und hielt ihr sein aufgeschlagenes Notizbuch hin.
,Gut, mein Lieber, ich schicke es dir morgen früh', ant-
wortete maman in der ihr eigenen Sanftmut, schob das No-
tizbuch samt Pawlin mit der Hand von sich weg und wandte

7 Pilger 97
sich abermals an die Dienstleute, doch diese rührten sich
nicht von der Stelle. Pawlin lächelte kaum merklich und
erwiderte, er könne keinen Aufschub gewähren, sondern
müsse das Geld unbedingt in dieser Minute in Empfang
nehmen.
Maman deutete das als eine Flegelei, sie fühlte sich der-
maßen beleidigt, daß sie ganz blaß wurde.
Pawlin bemerkte das, und es war ihm offensichtlich un-
angenehm. Er zog die Brauen zusammen und sagte mit einer
Art nervöser Ungeduld in der Stimme:
,Es ist hier so üblich, Madame.'
,Schön, ich verstehe, daß du auf Ördnung hältst, aber du
hast doch wohl genug Verstand im Kopf .. .' Meine Mutter
verlor vor Aufregung den Faden und verhaspelte sich.
,Sehr wohl, Madame', erwiderte Pawlin auf ihre letzten
Worte.
,Weißt du nicht, daß ich mit Anna Lwowna verwandt
bin?'
,Doch.'
,So, das weißt du ... Was willst du denn dann?'
,Das Geld, Madame. Ich kann sonst nicht erlauben, daß
Ihre Möbel heraufgeschafft werden.'
,Das kannst du nicht erlauben? Ja sollen denn die Sachen
über Nacht auf dem Hof stehen und wir auf dem Fußboden
schlafen?'
,Nein, das sollen Sie nicht, aber haben Sie die Güte, von
hier wegzugehen, sonst muß ich sofort anordnen, daß die
Fenster ausgehängt werden', erwiderte Pawlin. Seine Brauen
zuckten abermals ungeduldig, und er fügte hinzu: ,Es ist
bei uns so üblich.'
Unsere Dienstboten und die Fuhrleute, die unsere Möbel
gebracht hatten, flüsterten aufgeregt miteinander. Pawlin
stand mit seinem Buch in der Diele und blieb ungerührt.
,Aber das ist doch lächerlich!' rief meine Mutter. ,Ich bin
eben noch bei Anna Lwowna gewesen, und sie hat mit kei-
nem Wort angedeutet, daß sie mir die Miete nicht bis mor-
gen stunden könne! Darüber habe ich die Zeit versäumt, zur
Bank zu gehen und Geld zu holen! - Aber was soll das
eigentlich alles, warum verhandle ich überhaupt mit dir',
fügte sie voller Zorn hinzu und erklärte dann, daß sie ste-
henden Fußes selbst zu Anna Lwowna gehen werde.
,Es wird vergebens sein, Madame', meinte Pawlin trocken.
,Darüber hast du ja wohl nicht zu entscheiden, Verehr-
tester.'
Sie warf sich hastig einen Schal um und ging davon. Un-
terdessen gab Pawlin, ohne seinen Posten zu verlassen, für
uns unbemerkt seinen Assistenten einen Wink - und eine
Minute später wehte zu unserer nicht geringen Über- ·
raschung aus dem Zimmer, das mamans Schlafgemach wer-
den sollte, schneidende Kälte. Ich war bis dahin damit be-
schäftigt gewesen, Pawlins bunte Montur zu betrachten; nun
drehte ich mich um und sah, daß die Hausknechte jeder einen
Fensterflügel in der Hand trugen. Im selben Augenblick
kehrte meine Mutter zurück. Am ganzen Leibe zitternd vor
Kälte und Entrüstung, sagte sie auf französisch: ,Stell dir
vor, Olga, wie sich diese Anna Lwowna benimmt! Was
sagst du nun: Sie hat mich nicht empfangen!'
Meine Tante Olga erwiderte, sie habe nichts anderes er-
wartet.
,Unglaublich!' fuhr maman fort. ,Ich bin überzeugt, daß
sie zu Hause ist, denn es ist ja noch keine Viertelstunde ver-
gangen, seit ich mich von ihr verabschiedet habe. Aber man
sagt mir, sie sei zur Abendmesse gefahren. Wie kann sie
denn zur Abendmesse fahren, wenn man hier, in ihrem
Hause, so mit einer Verwandten ihres Mannes umspringt?
Laß uns weggehen, mag alles auf dem Hof stehen- und lie-
genbleiben. Ich will nicht hier wohnen, und ich werde dieses
Haus nicht mehr betreten! Zieh dich an, wir fahren in ein
Hotel! Ich kann diesen niederträchtigen Kerl nicht mehr
sehen!'
Nach diesem Pawlin zugedachten Kompliment zog mir
meine erregte Mutter mit fliegenden Händen meinen war-
men Mantel an. Unsere Hausangestellten gerieten in noch
größere Bestürzung; Pawlins Trabanten lächelten sich, die
allsgehängten Fenster in der Hand, verlegen zu; die Fuhr-
leute schrien von unten herauf und schimpften, weil man sie

99
so lange aufhielt, und in die Wohnung drang die Kälte durch
die ausgehängten Fenster. Pawlin stand in seiner würdevol-
len Haltung da, und auf seinem Gesicht bemerkte man nicht
die geringste Unruhe. Wie seltsam Ihnen der Vergleich auch
erscheinen mag, doch er erinnerte mich in diesem Augen-
blick plötzlich an Goethe, dessen stolze und geradezu kalt
wirkende· ruhige Erscheinung ich von einem Stich in einem
Kinderbuch her kannte. Pawlin fühlte sich offenbar von
den kleinen Kümmernissen der Menschen in keiner Weise
berührt. Ihm schien es nur darauf anzukommen, alles,
was er tat und sah, in ein großes h::J.rmonisches Ganzes ein-
zuordnen.
In derlei Betrachtungen vertieft, achtete ich nicht darauf,
womit dieses lächerliche und ärgerliche Durcheinander
schließlich endete. Wahrscheinlich hätte man uns vertrieben,
wenn sich nicht Tante Olga ·ins Mittel gelegt hätte. Sie
führte meine Mutter ein wenig zur Seite und redete franzö-
sisch auf sie ein. Es gelang ihr, sie davon zu überzeugen,
daß uns durch Eigensinn nicht geholfen sei und wir auf diese
Weise der verehrten Anna Lwowna nicht beikommen wür-
den, da diese wahrscheinlich schon des öfteren solche hand-
greiflichen Argumente erlebt habe, ohne sich durch sie um-
stimmen zu lassen.
,Aber ich bin sicher, das alles ist nicht ihr Werk, sondern
dieses Flegels hier', wandte meine Mutter ein, schon halb
beschwichtigt.
,Und ich glaube im Gegenteil, daß eben sie dahinter-
steckt. Dieser >>Flegel«, wie du ihn nennst, scheint mir ein
sehr ordentlicher und ehrlicher Mensch zu sein, da er genau
das ausführt, was man ihm aufgetragen hat; ich achte und
schätze das', entgegnete Tante Olga.
,Aber was sollen wir denn tun? Es ist wirklich lächerlich:
Mein Geld reicht nicht, ich habe vergessen, etwas abzu-
heben.'
,Wir werden uns Geld besorgen und zahlen.'
,Woher denn? Die Bank ist geschlossen, es wird bereits
dunkel, und Bekannte haben wir hier nicht.' (Wir kamen
damals gerade erst aus der Provinz nach Petersburg.)

100
,Schließlich können wir ja nicht Anna Lwowna um die
Summe angehen, die sie selbst von uns verlangt.'
,Nein, sie nicht', erwiderte meine Tante Olga. Damit trat
sie zu Pawlin, zog zwei Brillantringe von ihrer Hand und
fragte: ,Können Sie nicht das von uns bis übermorgen als
Pfand nehmen? Übermorgen lösen wir es ein.'
,Ich muß das Geld der Herrin sofort bringen, gnädige
Frau', antwortete Pawlin voller tiefer Ehrerbietung für Olga
Petrowna. Dabei klang seine Stimme so, als wolle er sich
für das, was meine Tante über ihn zu maman gesagt hatte,
bedanken.
,Nun, dann schicken Sie jemanden mit diesen Dingen in
einen Trödlerladen und lassen Sie sie verpfänden.'
Pawlin überlegte, blinzelte einem seiner Hausknechte zu
und befahl ihm, Olgas Verlangen zu erfüllen und ihre Ringe
zu versetzen. Er nannte einen bekannten Händler und wie-
derholte dessen Namen sicherheitshalber noch einmal.
Ehe noch der abgesandte Hausknecht mit dem Geld -
mehr als wir gerade benötigten - zurückkam, hatte der an-
dere unter Pawlins schweigender Mithilfe die zuvor ent-
fernten Fenster wieder eingesetzt. Pawlin nahm die Woh-
nungsmiete entgegen, verbeugte sich höflich und verschwand.
Meine Tante Olga, die sich nicht nur durch Herzensgüte
und einen gesunden Verstand auszeichnete, sondern auch
einen frohen Charakter und viel Witz besaß, glossierte die
ausgestandenen Schwierigkeiten gleich nach Pawlins Weg-
gang so spaßig, daß sie nicht nur meine Mutter und mich,
sondern sogar unsere Hausangestellten sowie auch die Fuhr-
knechte in ausgelassene Stimmung versetzte. Die Träger
sparten, während sie die Sachen herauftrugen, nicht mit ge-
pfefferten Bemerkungen über Anna Lwowna und belegten
sie mit Ausdrücken wie Teufelin, Hexe und anderen schmei-
chelhaften Beinamen.
Eine Stunde später standen alle Möbel auf ihrem Platz,
die kleinen Dinge waren mehr oder weniger gut verstaut,
und die Wohnung sah den Verhältnissen entsprechend auf-
geräumt aus. Nach einer weiteren Stunde, welche maman,
meine Tante und ich zum Besuch eines Gottesdienstes nutz-

101
ten, fanden wir die Räume schon behaglich warm, und wir
konnten dem Fest in unseren sauberen Betten entgegenschla-
fen. Am übernächsten Tag wurden Tante Olgas Ringe na-
türlich wieder eingelöst, und wir lebten uns ein, ohne aller-
dings nach den schon beim Einzug erfahrenen Unannehm-
lichkeiten die Absicht zu haben, hier lange auszuharren.
Meine Mutter erklärte, sie wolle nicht länger als einen
Monat bleiben, und wenn sich vor dieser Frist eine passende
Wohnung finde, würden wir auch schon früher ausziehen.
Niemand widersprach ihr, aber eine andere passende Woh-
nung fand sich zu ihrem größten Ärger nicht, und die, welche
wir innehatten, war warm, trocken und für uns gerade recht.
Zudem zeichnete sich das unfreundliche Haus meiner Tante
Anna Lwowna dank dem in ihm herrschenden strengen
Geist Pawlins durch Ruhe und Sauberkeit aus, worauf Tante
Olga meine Mutter so lange hinwies, bis sie sie dazu ge-
bracht hatte, sich nicht mehr zu ereifern und den Umzug auf
den Sommer zu verschieben.
,Wir bestrafen sie mit unserem Auszug nicht', sagte Tante
Olga im Hinblick auf die ehrenwerte Anna Lwowna, ,son-
dern machen uns nur selbst Scherereien und unnötige Aus-
gaben. Ist sie denn das wert?'
Meine Mutter fügte sich allmählich und entschloß sich
endlich, zu bleiben, doch nur unter der Voraussetzung, daß
der ,Flegel', das heißt Pawlin, ihre Ruhe nicht störe und sich
niemals wieder in unserer Wohnung zeige.
Tante Olga nahm es auf sich, das zu arrangieren. Sie
brachte an dem Tag, an dem wir die zweite Monatsmiete zu
entrichten hatten, das Geld selbst zu Pawlin und bändigte
es ihm ein.
Einen weiteren Besuch bei Anna Lwowna unternahm
weder meine Mutter noch Tante Olga, in deren Einstellung
zu Anna Lwowna ich trotz meiner damaligen Unerfahren-
heit eine unüberwindliche Abneigung bemerkte. Wir lebten
im Hause wie alle anderen, der Hausherrin fremden Leute;
das bedrückte uns nicht im geringsten, und auch Anna
Lwowna machte sich darüber wohl nicht allzu viele Gedan-
ken. Von unseren Fenstern aus sahen wir von Zeit zu Zeit,

102
wie Pawlin seine fatalen Gänge durch das Haus unternahm,
um die Miete einzutreiben; daraufhin taten sich bald an der
einen, bald an der anderen Wohnung gähnende Fensterhöh-
len auf, doch das berührte uns nicht unmittelbar, und wir
gewöhnten uns bald daran, ja wir amüsierten uns sogar ein
wenig darüber. So ist das nun, das ,Untier Gewohnheit'
zeigte hier wieder einmal seine Kraft. Wir lächelten ja auch
nicht über das Leid der in ihrer eigenen Behausung der Win-
terkälte ausgesetzten Mieter, sondern darüber, daß so etwas
in der dicht bevölkerten Stadt geschah - es war ja nicht an-
ders als in einer primitiven Steppenherberge. Der majestä-
tische, buntgekleidete Pawlin mit der Physiognomie und der
Positur Goethes, die an die Kreuziger Christi auf Steubens
Gemälde erinnernden werkzeugbewehrten Hausknechte, das
eilige Aus- und Einhängen der Fenster sowie der völlige
Gleichmut aller übrigen Mieter angesichts dieser Willkür-
akte - das alles hatte in der Tat etwas Tragikomisches. Bei
uns ließ sich Pawlin nicht sehen, da meine Tante Olga am
Ende des zweiten Monats abermals sein Erscheinen verhin-
derte, indem sie ihm selbst das Geld hintrug. Genauso ver-
fuhr sie auch vor Anbruch aller folgenden Monate. Dank
dieser strikt befolgten Regelung blieben wir in unserer schö-
nen und behaglichen Wohnung, und wir vergaßen schließ-
lich, daß dieses Haus Anna Lwowna gehörte, der es gefal-
len hatte, uns so einen originellen Weihnachtsvorabend zu
bescheren. Ihr Name wurde zwar hin un'd wieder genannt,
nämlich dann, wenn wir von unseren Fenstern aus Licht in
ihren Paradezimmern sahen, allerdings warf in solchen Fäl-
len nur jemand von uns beiläufig hin: ,Anna Lwowna hat
wieder mal Gäste' oder etwas in der Art. Mit Pawlin hin-
gegen entwickelten sich die Dinge anders. Ich weiß selbst
nicht, wie es geschah, doch sein Name, der bei uns lange
Zeit tabu war, wurde auf einmal nicht nur ohne Zorn und
Empörung, sondern sogar mit einer gewissen Hochachtung
ausgesprochen."
4

"Wenn unserem Hausmeister Pawlin aus der guten Mei-


nung über ihn, die sich nun bei uns herausbildete, irgend-
ein Nutzen erwachsen wäre, dann hätte er sich dafür bei
Tante Olga bedanken müssen, die er bei jedem Zusammen-
treffen außerordentlich zuvorkommend behandelte, was ihm
wiederum auch ihre Gunst eintrug. Meine Mutter verglich
die Tatsache, daß Tante Olga sich Pawlin gefügig gemacht
hatte, scherzhaft mit dem Wunder, welches Daniel in der
Löwengrube widerfahren war, doch ~n diesem Scherz lag ein
Körnchen Wahrheit: Pawlin vergötterte meine Tante gera-
dezu, wenn auch zu seiner Ehre gesagt werden muß, daß er
seine grenzenlose Hochachtung für sie nur unter völliger
Wahrung seiner unnahbaren Würde zum Ausdruck brachte.
Er verbeugte sich lediglich vor ihr bedeutend tiefer als vor
anderen Respektspersonen und trat vor ihr ehrerbietiger zur
Seite als selbst vor Anna Lwowna, die er, den Beobachtun-
gen meiner Tante Olga zufolge, nicht sonderlich schätzte,
ja sogar verachtete. Ich weiß nicht, woraus meine Tante
Olga diese Schlüsse zog, denn mit Pawlin sprach sie gewiß
·nicht darüber, doch man spürte in ihnen die Wahrheit. Sie
ersehen aus alledem, daß wir uns aus irgendeinem Grunde
ständig mit Pawlin beschäftigten: Er interessierte uns, mich
nicht ausgenommen, denn mir hatte es seine bunte Livree
angetan, und meine Mutter empfand eine Art Zuneigung für
ihn, seit Tante Olga entdeckt hatte, daß er Anna Lwowna
verachtete.
So blieb es geraume Zeit. Wir wohnten weiterhin im
Hause Anna Lwownas und beobachteten Pawlin aus der
Ferne, als wir plötzlich unerwartet Gelegenheit erhielten,
ihn näher kennenzulernen. Meine Mutter war mit einem
Dienstboten unzufrieden und suchte nach einem anderen. Ein
neuer wurde gefunden und engagiert, er sollte am darauf-
folgenden Tage eintreffen und seinen Dienst antreten. Da
erhielt Tante Olga durch einen Hausknecht einen Brief, auf
dem ihr Name stand. Die Handschrift war ihr unbekannt,
es war eine recht ungelenke,
, wie sie in Rußland die Auto-
104
didakten schreiben. In dem Umschlag steckte ein in der glei-
chen Schrift sorgfältig beschriebenes sauberes Blatt Papier.
Der Inhalt lautete, soweit ich mich erinnere, wörtlich wie
folgt: ,Euer Hochwohlgeboren Olga Petrowna! Ihre Frau
Schwester hat den Hausdiener (hier folgte der Name) ein-
gestellt, derselbe ist jedoch ein leichtsinniger Mensch, wel-
cher kein Vertrauen verdient, wovon vorbeugend in Kennt-
nis zu setzen ich mir die Freiheit nehme.' Unterschrift: ,Der
Schweizer Pawlin Pewunow.' Tante Olga zeigte den Brief
meiner Mutter, und diese entschloß sich, auf Pawlins War-
nung zu hören. Der nicht verläßliche Diener erhielt eine
Absage, und meine Mutter bedankte sich bei Pawlin für den
wohlgemeinten Rat, als sie ihn auf dem Weg zu ihrem üb-
lichen Spaziergang zufällig auf dem Hof traf. Das Original
zog seinen tressenbesetzten Hut und antwortete ihr mit einer
stummen, doch höflichen Verneigung. Am Abend sagte
maman beim Tee zu Tante Olga:
,Aber wir brauchen ja trotzdem einen Diener. Der Herr
Pawlin hat uns zwar vor einem schlechten bewahrt, doch wo
wir einen besseren finden, das hat er uns nicht gesagt.'
,Das war auch nicht seine Sache', erwiderte die Tante.
,Ich weiß, aber ... Ich glaube, er könnte uns jemanden
empfehlen, wenn er wollte.'
,Hast du ihn etwa darum gebeten?'
,Nein, er will offenbar gar nicht mit mir reden - vorhin
hat er sich nur stumm verbeugt und mich mit einem Blick
bedacht, voller Würde wie der eines Ministers. Etwas an-
deres wäre es', fuhr sie in scherzhaftem Ton fort, ,wenn du
es tätest, denn dir einen Dienst zu erweisen, würde er sich
bestimmt zur hohen Ehre anrechnen.'
Meine Tante nahm diesen Scherz mit dem ihr eigenen
Humor auf und erwiderte lachend: ,Gut, ich frage ihn.'
Am nächsten Abend, als sie mit mir das Haus verließ,
um noch eine Besorgung zu machen, trat sie im Vorderhaus
an Pawlin heran, der, seiner Gewohnheit entsprechend, ein-
sam in seinem Sessel saß und beim Schein der grünen Lampe
ein Buch las.
Als er meine Tante erblickte, legte er das Buch sogleich
auf. den Tisch. Er verneigte sich höflich, richtete sich dann
in seiner ganzen Größe auf und nahm die Haltung Goethes
em.
Die Tante trug ihm ihre Bitte vor. Pawlin hob die Brauen,
überlegte eine Weile und erwiderte dann:
,Es gibt heutzutage keine gewissenhaften Diener mehr.'
,So können Sie uns also niemanden empfehlen?'
,Ich wage es nicht, da ich keinen geeigneten Menschen
kenne.'
Wir gingen unverrichteterdinge davon, und als wir nach
Hause kamen, zog maman meine Tante weidlich damit auf,
daß ihre Macht über Pawlin Pewunow doch wohl nichts ein-
bringe und er trotz allem ein ungefälliger Griesgram sei;
doch meine Tante verteidigte Pawlin auch jetzt und erwi-
derte, sie sehe in dieser Absage nur einen neuen Beweis sei-
ner Umsicht und Klugheit: Er handle eben nicht vorschnell,
weil er ein ,gewissenhafter Mensch' sei. Wüßte er jemanden,
den er empfehlen könnte, dann hätte er es bestimmt getan.
Und sie irrte sich nicht: Als sie am nächsten Morgen auf-
stand, wurde abermals ein kurzer Brief gebracht, in dem
Pawlin in seinem lapidaren Stil bat, die Anstellung eines
neuen Dieners um noch etwa zwei Tage zu verschieben, bis
er Nachricht von einem ,gewissenhaften Herrschaftsdiener'
erhalten habe, den er von einer ,gemeinsamen Dienstzeit
unter dem gleichen Herrn' her kenne.
Von diesem Augenblick an brachte meine Mutter Pawlin
geradezu Sympathien entgegen. Sie nannte ihn nicht mehr
einen Flegel, freute sich sehr, daß sie möglicherweise einen
Diener aus der gleichen Schule bekommen sollte, und er-
klärte sich bereit, auf den von Pawlin empfohlenen Mann
selbst einen Monat zu warten. Doch das war gar nicht nötig,
da die erwartete Person schon am nächsten Tag erschien und
stehenden Fußes für den Dienst als bescheidener Lakai in
unserem bescheidenen Haushalt engagiert wurde.
Der Mann, den uns Pawlin empfohlen hatte, war ein
wenig älter als dieser und weit biederer und schlichter. Er
war sogar ausgesprochen gutmütig und zeichnete sich durch
einen fröhlichen, offenen Charakter sowie durch ungewöhn-

106
liehe Sanftmut und Pünktlichkeit aus, womit er sich sofort
unser aller Vertrauen und Zuneigung erwarb, obwohl ihm
dabei natürlich in nicht unbeträchtlichem Maße auch die
Empfehlung durch Pawlin zugute kam, der uns auf diese
Weise den ersten Dienst erwiesen hatte.
Bald leistete er uns den zweiten. Wir schickten uns an,
den Sommer über aufs Land zu ziehen, und waren betrübt
darüber, daß wir unseren guten Diener zur Betreuung der
Wohnung zu Hause lassen mußten. Doch kaum hatten wir
dieses Problem abends beim Tee einmal erörtert, da erhielt
meine Tante am nächsten Morgen abermals eine Botschaft.
In seiner bündigen Ausdrucksweise tat Pawlin ihr kund, daß
wir keineswegs den Sommer hindurch jemanden in der Woh-
nung zu lassen brauchten, da er, Pawlin, ,sie ohne jede Mühe
hinreichend beaufsichtigen könne'. Diese Gefälligkeit anzu-
nehmen war sehr verlockend; sie regelte alle Probleme, und
es galt nun nur noch, zu erörtern, wie wir Pawlin diesen
Dienst entgelten sollten. Zur Klärung dieser Frage wurde
unser Diener hinzugezogen. Als er unsere Absicht vernahm,
protestierte er aufs energischste.
,Pawlin Petrowitsch ist ein Mann mit Grundsätzen', er-
klärte er. ,Er rechnet es sich zur Ehre an, Ihnen dieses An-
erbieten zu machen; eine Bezahlung würde ihn zutiefst be-
leidigen.'
Dabei blieb es, denn weder meiner Mutter noch meiner
Tante Olga fiel etwas ein, sich ,unserem guten Pawlin' er-
kenntlich zu zeigen.
Von nun an trug Pawlin bei uns den Beinamen ,der gute'.
So weit war sein Ansehen in unseren Augen gestiegen, als
für ihn eine Zeit der Prüfungen im Widerstreit ihm schein-
bar völlig fremder Gefühle anbrach."

"Wir fuhren also ab und fanden bei unserer Rückkehr die


Wohnung, welche die ganze Zeit leer gestanden hatte, in
peinlicher Ordnung vor. Uns gegenüber aber waren inzwi-

107
sehen andere Mieter eingezogen, nämlich eine junge Dame
mit ihrer schon recht betagten Mutter und ihrer sechsjährigen
Tochter, einem sehr hübschen kleinen Mädchen. Wir hatten
natürlich mit den neuen Nachbarn nichts zu schaffen, meiner
Mutter und meiner Tante fiel aber unwillkürlich eine be-
merkeqswerte Eigentümlichkeit an diesen drei Personen auf:
Alle drei gehörten verschiedenen Generationen an, doch ihre
Gesichter waren trotz der im einen Falle welkenden, im
anderen blühenden und im dritten gerade erst knospenden
Schönheit deutlich von einer Art angeborener Trauer und
einer schicksalhaften Prädestination für das Unglück ge-
kennzeichnet. '
Tante Olga bemühte sich zunächst, herauszufinden, ob un-
sere neuen Nachbarn vielleicht in Armut lebten, und sie be-
ruhigte sich erfreut, als sie erfuhr, daß die Familie nicht
ohne Ernährer sei; es erwies sich, daß die junge Dame einen
Gatten hatte, der als Regimentsarzt beim Militär stand, so
daß die drei also keine Not litten. Meine Tante bekreuzigte
sich und sagte: ,Gott sei Dank!' Dieser Stoßseufzer galt
sowohl den Nachbarn als auch ihr selbst, denn sie hatte
gleich in der ersten Nacht nach unserer Rückkehr einen
Traum gehabt, in dem Pawlin mit seinen Henkern bei un~
seren Nachbarn erschienen war und deren gesamte Habe aus
den .Fenstern auf den Hof geworfen hatte. Gleichzeitig war
ein Leichenwagen vom Hof gefahren, auf dem Sarg hatte
das hübsche kleine Mädchen mit dem traurigen, vom Schick-
sal gezeichneten Antlitz gesessen, dahinter aber war Pawlin
in seiner bunten Livree, der reichverzierten Schärpe und
dem dreieckigen Hut einhergeschritten, in der einen Hand
seinen blitzenden Stab und eine Kerze, in der anderen sei-
nen eigenen abgeschnittenen Kopf. Um ihn herum waren
sonderbare rötlich-bleiche Vögel aufgestiegen, die hatten
sich rasch emporgeschwungen und dabei mit ihren Flügeln
ein unerträgliches Pfeifen verursacht; aus großer Höhe hat-
ten sie dann aus ihren Fittichen weiße Federehen geschüt-
telt, die langsam zur Erde gesunken waren und sich beim
Näherkommen in glühende Asche verwandelt hatten. Bin-
nen einer Minute war von Pawlins bunter Montur nichts

108
mehr übrig gewesen, schwarz wie ein verkohlter Baumstumpf
hatte er dagestanden, und zwar nun wieder mit Kopf, doch
der war jetzt so schrecklich, daß meine Tante mit einem
Schrei des Entsetzens erwachte, überzeugt, diese Geschichte
habe etwas zu bedeuten.
Darin irrte sie auch nicht: Ihr Traum ging in Erfüllung,
dem so selbstsicheren Pawlin stand eine schwere und ver-
hängnisvolle Prüfung bevor.
Es begann damit, daß wir eines bitterkalten Morgens um
den Epiphaniastag bei unseren neuen Nachbarn drei leere
Fensterhöhlen erblickten. Meine Mutter 'und meine Tante
begriffen sofort, daß hier unser ,guter' Pawlin am Werke
gewesen war, und schrien bestürzt auf. Draußen herrschte,
wie gesagt, eine grausame Kälte, und es war nicht schwer,
sich vorzustellen, was die unglückseligen Frauen, deren
Heim der gute Pawlin mitten im Winter in einen sommer-
lichen Zustand versetzt hatte, jetzt durchmachten. Kein
Zweifel, sie mußten in ihren Zimmern ohne Fenster zu Eis
erstarren. Meine ohnehin nervöse Mutter regte sich schreck-
lich auf; sie nannte den ,guten' Pawlin mehrfach einen Hen-
ker, Juden und Räuber und schickte unser Mädchen zu den
Nachbarn mit der Bitte, ihr den Gefallen zu tun, einstweilen
eines unserer Zimmer zu beziehen, das auch sogleich für die
Gäste vorbereitet wurde. Doch das Mädchen kehrte mit der
Antwort zurück, die Herrin selbst sei nicht zu Hause, und
die alte Mutter danke für die Anteilnahme, weigere sich
aber entschieden, auf den Vorschlag meiner Mutter einzu-
gehen. Sie motivierte ihre Absage damit, daß sie überzeugt
sei, ihre Tochter werde bald Geld bringen, um die Miete
zahlen und so alles wieder ins reine bringen zu können.
Meine Mutter schickte ein zweites Mal hinüber und bat, uns
doch wenigstens die Kleine zu senden, die sich wegen der
ausgehängten Fenster erkälten könne. Diese Mission war er-
folgreicher. Ich sehe noch heute, wie man das sechsjährige
Mädchen mit dem überaus hübschen, doch gleichsam vom
Unheil gezeichneten Antlitz zu uns herüberbrachte. Es gibt
solche Gesichter, glauben Sie mir; ich jedenfalls habe diese
Erfahrung schon des öfteren gemacht. Unsere kleine Be-

109
sucherin war sich offensichtlich der mißlichen Lage ihrer Fa-
milie nicht vollauf bewußt. Nachdem sie ihr seidenes Watte-
mäntelchen abgelegt hatte, in dem sie in unsere Diele ge-
kommen war, gab sie sich alle Mühe, mit einer gewissen
Grazie einzutreten und artig ihren Knicks zu machen, was
ihr auch prächtig gelang. Man sah, jemand hatte sich um ihre
äußere Erziehung und ihre Manieren gekümmert. Überhaupt
waren damals Kinder, die nicht ordentlich einzutreten und
ihre Reverenz zu machen verstanden, noch nicht in Mode ge-
kommen - es gab bei uns noch keine Mütter Präbelscher
Schule.
Während sich die kleine Ljuba, so 'hieß das Mädchen, bei
uns aufwärmte, kehrte ihre Mutter, deren Name mir heute
nicht mehr in Erinnerung ist, nach Hause zurück: Jemand
von uns sah die junge Frau in ihre Wohnung gehen, aber
zu unserer größten Überraschung kam sie weder sogleich her-
über, noch schickte sie nach ihrer Tochter, und es folgten ihr
auch nicht, wie es in ähnlichen Fällen zu geschehen pflegte,
wenn der Mietrückstand beglichen war, die Hausknechte mit
den Fenstern. Das alles waren böse Vorzeichen. Es bedurfte
keines überragenden Verstandes, um zu erraten, daß unsere
bedauernswerte Nachbarin kein Geld mitgebracht hatte.
Meine Mutter und Tante Olga begriffen das sofort, und die
letztere lief stehenden Fußes in die unbrauchbar gemachte
Wohnung hinüber. Wenig später kam sie zurück, hantierte
an ihrer Schatulle und eilte abermals hinaus. Zehn Minuten
darauf bewegte sich die bekannte Prozession über den Hof:
voran die Hausknechte mit Hammer, Zange, Nägeln, einem
Blecheimer voll Kitt und den Fensterflügeln, und dahinter
der bunte Pawlin mit seinem Zahlbuch, an das ich mich bis
auf den heutigen Tag nur mit Schaudern erinnere. Ohne
Zweifel hatte meine herzensgute Tante Olga den notwendi-
gen Betrag von ihrem eigenen Geld abgezweigt, unsere
Nachbarn hatten ihn angenommen und die Miete bezahlt,
woraufhin nun ihre Wohnung unverzüglich instand gesetzt
und geheizt wurde. Da jedoch die Zimmer mehrere Stunden
lang ohne Fenster gewesen und beträchtlich ausgekühlt
waren, ließen meine Mutter und meine Tante die kleine

IIO
Ljuba noch nicht nach Hause gehen, ja sie überredeten auch
deren: Mutter, den Tag bei uns zu verbringen. Sie baten auch
Ljubas Großmutter herüber, doch die alte Dame dankte
höflich, weigerte sich standhaft und blieb in ihrem Heim.
Ihre Tochter hingegen saß bis Mitternacht bei uns und er-
zählte unter bitteren Tränen, daß ihr Mann Arzt in einem
der russischen Regimenter sei, die damals in Ungarn kämpf-
ten, daß sie zwar keinerlei Vermögen besäßen, doch bis zu
dem Zeitpunkt, da ihr Mann mit dem Regiment in Marsch
gesetzt wurde, ohne Not gelebt hätten. Anfangs habe er
ihnen regelmäßig Geld geschickt, plötzlich seien diese Sen-
dungen jedoch ausgeblieben, und er habe schon zwei Monate
kein Lebenszeichen gegeben.
,Gott weiß', sagte sie schluchzend, ,ob ... ob er überhaupt
noch unter den Lebenden weilt, vielleicht ist er in Gefangen-
schaft geraten, oder es ist ihm noch Schlimmeres zugestoßen -
und was dann? Mein armes Kind ... was soll dann aus mei-
nem armen Kind werden?'
Sie sah Ljubotschka an, die ich in einen Sessel gesetzt hatte
und, vor ihr kniend, aufzuheitern versuchte. Dann wandte
sie sich rasch ab, bedeckte ihre Augen mit einer Hand und
rief in höchster Erregung: ,Oh, es ist alles so dunkel! Ich
mag nicht in diese Dunkelheit hineinschauen!'
Ein Schauder überfiel sie, und sie stürzte zu dem Kind,
preßte es an ihre Brust und wollte es lange nicht loslas-
sen.
Meine Tante Olga wußte mehr; sie wußte, daß der Er-
nährer dieser Familie nicht mehr am Leben war. Vielleicht
hatte ihn eine unga.rische Kugel getroffen, vielleicht ein Fie-
ber ihn dahingerafft. Auch die alte Dame wußte es, und sie
hatte es meiner Tante Olga gesagt, damit diese ihr beistehe,
der bedauernswerten Witwe die verhängnisvolle Nachricht
zu eröffnen und ihr zu helfen, den ganzen Schrecken der
hilflosen Lage zu begreifen.
Sicherlich hat meine Tante den traurigen Auftrag ausge-
führt, obwohl ich nicht weiß, wie und wann das geschah, da
meine empfindsame und nervöse Mutter nach jenem Tag um
keinen Preis mehr in der Wohnung bleiben wollte und wir

III
in der Tat bald darauf in ein anderes Haus zogen, wo weder
ein Pawlin herrschte, noch die grausamen Regeln galten, die
er mit solcher Strenge durchsetzte."

"Wie viele empfindsame Frauen hatte meine Mutter die


größte Scheu vor jeder Art Rücksichtslosigkeit und Hart-
herzigkeit, und sie war stets sorgsam darauf bedacht, derlei
Szenen nicht mit ansehen zu müssen. Nicht so meine Tante
Olga; ihre Nerven waren stärker, und sie fürchtete sich nicht,
dem Leid Auge in Auge gegenüberzutreten. Deshalb ließ
sie auch unsere unglücklichen Nachbarinnen nicht im Stich,
sondern besuchte sie noch von unserer neuen Wohnung aus.
Das Zartgefühl erlaubte ihr wahrscheinlich nicht, diese zu
fragen, ob sie in der Lage seien, die Miete für den jeweils
folgenden Monat zu zahlen, doch sie dachte immer daran
und paßte den Tag, an dem die Zahlung fällig wurde, genau
ab. Ich erinnere mich noch daran, wie aufgeregt und un-
ruhig sie ihm entgegensah, besorgt, ihn zu versäumen; und
wenn er schließlich anbrach, eilte sie am frühen Morgen
in das Haus, wo unsere armen Nachbarinnen in Pawlins
Macht geblieben waren. Schon im Hof galt ihr erster Blick
den Fenstern, und erst wenn sie sah, daß diese an ihrem
Platz waren, beruhigte sie sich. Ein weiterer Monat verging
- und wieder paßte sie das fatale Datum ab, um abermals
mit der entsprechenden Summe in der Tasche zu unseren
ehemaligen Nachbarn zu laufen. Doch si~ fand stets alles in
völliger Ordnung und Ruhe, soweit das in der bedrängten
Lage der verwaisten Familie möglich war. Zumindest saßen
die drei warm, wenn auch ihr Mobiliar sichtlich dahin-
schwand. Im dritten Monat starb die alte Dame. Um ihren
Tod spannen sich seltsame Gerüchte. Man sagte, sie habe
sich mit Phosphorzündhölzern vergiftet, und zwar bei vol-
lem Verstand und mit offensichtlicher Sachkenntnis: Sie habe
nämlich den Phosphor nicht in Wasser oder in Spiritus ein-
genommen wie die meisten Selbstmörder, die zu diesem Mit-

Il2
tel greifen, sondern in Öl, in dem sich Phosphor völlig löst.
Außerdem, so hieß es, habe sie es nur getan, um ihrer armen
Tochter nicht zur Last zu fallen, welche ohne sie, nur mit
dem Mädchen, vielleicht eine Stellung als Gesellschafterin
oder Gouvernante annehmen konnte, anstatt billige Stunden
zu geben und ein kärgliches Dasein zu fristen, um die alte
Mutter nicht verlassen zu müssen. Sie habe also ihrer Toch-
ter die Hände frei machen wollen und es auch mit erstaun-
licher Ruhe getan. Ob alle diese Redereien berechtigt waren,
kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ich weiß nur so viel,
daß die alte Dame ohne ein polizeiliches Ermittlungsverfah-
ren bestattet wurde. Übrigens ging ihre Rechnung nicht auf,
denn obwohl Ljubas Mutter nun freie Hand hatte, fand sie
keine passende Stellung, im Gegenteil, die ständigen Laufe-
reien zu ihren Schülern zerrütteten ihren ohnehin angegriffe-
nen Organismus so sehr, daß eine unbedeutende Erkältung
sich zur ernsten Krankheit entwickelte, welcher die arme
Frau in weniger als einem Monat erlag.
Sie starb und hinterließ ihrer Tochter weder Hab und
Gut noch Freunde, selbst meine gute Tante Olga weilte da-
mals nicht in der Stadt; sie war zu Verwandten gereist und
kehrte erst an dem unfreundlichen Februartag zurück, an
dem frühmorgens der armselige Leichenwagen mit dem Sarg
durch schmutzigen Schnee auf den Wolkower Friedhof fuhr.
Am Kopfende des Sarges saß die verweinte Ljuba, und hin-
ter dem Gefährt ging - Pawlin. Kurz, alles war haargenau
so eingetroffen, wie meine Tante es im Traum gesehen hatte.
Pawlin war barhaupt und trug einen grauen Mantel mit
altem Wolfspelzfutter. Tante Olga zeigte sich über das Er-
eignis äußerst erregt; sie sprach mit meiner Mutter, und die
beiden Frauen beschlossen, die Waise Ljuba zu sich zu neh-
men, bis sich eine Möglichkeit ergab, sie woanders unterzu-
bringen. Das erwies sich jedoch als überflüssig: Ljuba war
bereits untergebracht, und, wie es damals schien, nicht
schlechter als bei uns, die wir weder die nötigen Mittel noch
entsprechende Beziehungen besaßen, um mehr für sie zu tun.
Pawlin war es, der sich des verwaisten Mädchens fürsorglich
annahm, derselbe Pawlin, der die Kleine wenige Monate

8 Pilgec
zuvor zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter der
bitteren Winterkälte ausgesetzt hatte.
Als Tante Olga mit meiner Mutter gesprochen hatte, be-
gab sie sich sogleich in Pawlins Reich, um von ihm zu er-
fahren, wo Ljuba sei, doch sie fand ihn nicht auf dem ge-
wohnten Platz in seinem Sessel. Es war wohl das erstemal,
daß er seine Pflichten vernachlässigte, seit er in diesem Hause
die bunte Livree angezogen und das blitzende Szepter in die
Hand genommen hatte.
Meine Tante fragte den ersten besten nach dem Schweizer
und erfuhr, daß er bereits vom Fri~dhof zurückgekehrt sei
und das Mädchen auf den Armen in sein Zimmer getragen
habe.
Kurz entschlossen ging sie auf Pawlins jedermann ver-
wehrte Behausung zu und öffnete die Tür. Sie erblickte einen
winzigen Raum mit einem schmalen Liegesofa darin, auf
dem die weinende Ljuba lag. Pawlin kniete vor ihr und zog
ihr eben die völlig durchnäßten Schuhe aus.
Beim Eintritt meiner Tante stand er auf, verbeugte sich
höflich und sagte:
,Die gnädige Frau kommen sicher wegen des jungen Fräu-
leins?'
,Ja', erwiderte meine Tante.
,Sie wünschen sie mitzunehmen?'
,Ja.'
,Sehr wohl.'
Das Mädchen schloß sich meiner Tante willig an, und
diese brachte es zu uns. Doch am Abend desselben Tages
erschien Pawlin und bat, meiner Tante zu melden, daß er
mit ihr über die Waise sprechen wolle.
Man führte ihn ins Empfangszimmer, wohin sich auch
meine Tante begab. Die beiden sprachen etwa eine halbe
Stunde miteinander, dann ging Pawlin, und meine Tante
kehrte voll des Lobes über seinen Verstand und seinen auf-
rechten Charakter zurück.
Pawlin hatte erklärt, daß er Ljuba gern in seine Obhut
nehmen würde, aber nicht darauf bestehe, wenn sie besser
untergebracht werden könne. Und um meiner Tante eine

II4
Vorstellung von seinen Mitteln und seiner Zuverlässigkeit
zu ermöglichen, glaubte er ihr seine Vergangenheit erläutern
zu müssen. Er war, so berichtete er, Leibeigener gewesen
und hatte anfangs Musikant werden sollen; diese Tätigkeit
lag ihm jedoch nieht, und man hatte ihn zum Kammerdiener
gemacht. Später hatte er sich für teures Geld freigekauft.
Zunächst hatte er nichts besessen als sein Leben, schließlich
aber durch fleißige Arbeit und Sparsamkeit eine für seine
Lage recht stattliche Summe zusammengebracht, so daß er
auch noch seine alte Mutter, seine Schwester und seinen
Schwager freikaufen und ihnen an der Landstraße nach Tula
einen schönen Gasthof pachten konnte. Da er es für seine
Pflicht erachtet hatte, seinen Verwandten auch weiterhin zu
helfen, war er ledig geblieben, um nur für die Angehörigen
zu leben; doch einen Monat vor der Unterredung mit meiner
Tante hatte er die Nachricht erhalten, daß sie alle drei nach-
einll.nder an der Cholera gestorben waren. Da er nun völlig
allein stehe, so schloß er seinen Bericht, und die Zeit zum
Heiraten für ihn doch wohl bereits vorüber sei, habe er den
Wunsch, den Rest seiner Tage der Waise Ljuba zu widmen,
deren Lage ihm außerordentlich bedauernswert erscheine.
Diese gute Regung rührte meine Tante so sehr, daß sie
Pawlin die Hand reichte und ihn zum Sitzen aufforderte, da-
mit er ihr eingehend den Plan darlege, den er bezüglich
Ljubas zu verfolgen gedachte. Sie war davon überzeugt, daß
der gewissenhafte Pawlin, einmal entschlossen, das Kind in
seine Obhut zu nehmen, auch schon klare Vorstellungen über
die praktische Durchführung dieser Absicht hegte, und sie
irrte sich nicht. Pawlin hatte in der Tat bereits einen Plan,
zudem einen recht genau durchdachten, leicht ausführbaren,
der seinem soliden, aufrechten Charakter durchaus entsprach.
Er wollte Ljuba nicht nur zu sich nehmen und für ihren
Unterhalt sorgen, sondern hatte sich auch Gedanken über den
Weg gemacht, der sie befähigen würde, ins Leben zu treten
und sich dort zu behaupten. Dabei offenbarte er Charakter-
züge, die man bis dahin nicht an ihm bemerkt hatte, nämlich
Geradheit, Schlichtheit und Verachtung für das eitle Trachten
des Menschen nach Höherem. Er hatte der Waise allerdings
ein recht bescheidenes Schicksal zugedacht. Zunächst sollte sie
bei einer ihm bekannten sehr guten Dame etwa vier Jahre
lang Unterricht in den seiner Vorstellung nach notwendigen
Wissenschaften erhalten - Lesen, Schreiben, Religion und
Arithmetik sowie auch ,etwas Historie' -; dann wollte er sie
in eine Handarbeitslehre geben, während er selbst bis zum
Abschluß dieses zweiten Ausbildungsgangs die nötige Summe
ersparen würde, um einen Laden f_ür sie einzurichten und sie
an einen ehrlichen Menschen zu verheiraten, der ihrer wert
sei. ,Ich denke', meinte er, ,so ist es am vernünftigsten, denn
an ein besseres Leben, sollte es ihr beschieden sein, würde sie
sich jederzeit leicht gewöhnen, zunä'chst aber muß der Mensch
einmal in der Lage sein, auf eigenen Füßen zu stehen.'
Meiner Tante, die selbst sehr vernünftig und praktisch
dachte, gefiel dieser einfache und brauchbare Erziehungsplan
ausnehmend gut, während meine Mutter einige Bedenken
gegen ihn hegte, denn sie fand, daß niemand befugt sei, ,die
Zukunft der armen Waise entgegeri alldem, worauf sie ihrer
Herkunft nach ein Recht habe, in solche Bahnen zu len-
ken.' Die beiden Frauen kamen in dieser Frage zu keiner
Einigung, und sie hätten wahrscheinlich lange miteinander
gestritten, wenn nicht ein besonderer Umstand eingetreten
wäre und alles auf seine Weise entschieden hätte: Mamans
Gesundheitszustand machte einen Klimawechsel erforderlich,
und sie war gezwungen, für ein Jahr zu ihrem weit von
Petersburg entfernt wohnenden Bruder zu ziehen; ich wurde
in Petersburg in ein Internat gegeben, und meine gute Tante
verließ uns mit einem ganz anderen Ziel: Sie trat in ein ein-
sames Frauenkloster hinter Kiew am Ufer des Dnepr ein.
So mußten wir die Waise Ljuba nolens volens der ausschließ-
lichen Fürsorge Pawlins anvertrauen, dessen Eifer und dessen
Mittel ja wohl bedeutend größer waren als die unseren. Dar-
über hinaus fühlte sich meine Tante auch durch die morali-
schen Bürgschaften, die Pawlin vor ihr beim Abschied über-
nahm, in bezug auf Ljubas Schicksal weitgehend beruhigt.
Pawlin sagte zu ihr etwa dies: ,Ich weiß, gnädige Frau, man
hält mich für einen bösen Menschen, doch das rührt nur von
meiner Überzeugung her, daß jeder Mensch vor allem zu-

n6
nächst einmal seine Pflicht tun muß. Ich habe kein hartes
Herz, doch die Praxis hat mich gelehrt, daß jeder an seinem
Unglück in beträchtlichem Maße selbst schuld ist und daß
Nachsicht die Menschen nur noch anfälliger macht. Nach-
giebigkeit nützt nichts, sie schwächt nur; man muß vielmehr
dem anderen helfen, auf eigenen Füßen zu stehen und über
sich selbst gründlich nachzudenken, damit er sich vor den
rücksichtslosen Menschen selbst schützen kann.'
So überließen meine Mutter und meine Tante die Waise
Ljuba, nicht ohne um sie zu weinen, dem Schweizer Pawlin,
damit er nach seinem Gutdünken eine lebenstüchtige Frau
aus ihr mache, die in der Lage war, sich selbst vor allen Un-
bilden zu schützen. Doch es kam anders: Sie, dieses kleine
Mädchen, machte aus Pawlin etwas, das zu werden er wohl
kaum vorgehabt hatte."

"Die Zeit verging; Pawlin erzog Ljuba genau so, wie er es


meiner Tante bei ihrem ersten Gespräch über die Waise ver-
sprochen hatte. Während ich die letzten Jahre in dem Gym-
nasiumsinternat verbrachte, erhielt Ljuba Unterricht im Haus
einer Dame, an die Pawlin mit der ihm eigenen Pünktlichkeit
die Kosten für die Ausbildung und den Unterhalt seines
Schützlings zahlte. Natürlich erwarb Ljuba hier keine über-
ragenden Kenntnisse, doch sie erfuhr denn'och weitaus mehr,
als Pawlin angesichts ihrer Lage für notwendig und nützlich
hielt. Beschäftigt mit meinen eigenen Angelegenheiten, hatte
ich Ljuba völlig vergessen, doch als ich ihr einmal kurz nach
meinem Eintritt in die Universität zufällig auf der Straße
begegnete, erinnerte ich mich ihrer sofort, und ich freute
mich, sie zu sehen. Ich war damals achtzehn Jahre alt, und
Ljuba stand im vierzehnten. Sie war aufgeblüht und ver~
sprach eine Schönheit zu werden; schon jetzt hatte sie eine
wohlgestalte und überaus graziöse, liebreizende Figur; ihr
hübsches Gesicht war von dichtgelocktem goldblondem Haar
umgeben, dazu hatte sie schwarze Brauen und lange dunkle

II7
Wimpern, unter denen zwei große dunkelblaue Augen her-
vorsahen. Ich war von ihrer Schönheit so bezaubert, daß ich
es nicht zu verbergen vermochte; wir wurden beide verlegen
und trennten uns, ohne uns ausgesprochen zu haben. Ein
Jahr später sah ich sie wieder, diesmal in der Kirche wäh-
rend der Frühmesse. Sie stand, noch blühender, vor Pawlin,
der sie, wie mir schien, voll innigster Zärtlichkeit betrach-
tete. Die acht Jahre hatten ihn ein wenig verändert, doch
nicht eigentlich zu seinem Nachteil: Zwar zeigte sein Haar
einen grauen Schimmer, und er war wohl auch voller gewor-
den, doch für seine fünfzig Jahre wirkte er noch recht jugend-
lich. Sein Ausgehanzug hatte sich i'n keiner Weise verändert.
Ljuba war bescheiden, doch sehr ordentlich gekleidet. Sie
trat auf wie ein Fräulein, zumal Pawlin in seinem abgetrage-
nen zimtbraunen Uniformrock wie ihr Diener wirkte. Er
stand, wie gesagt, hinter ihr und hielt ihren Mantel und ihren
gestrickten Schal, den sie abgelegt hatte, weil es in der Kirche
recht heiß war. Allen Besuchern war warm, doch Ljuba
machte die Hitze offenbar besonders zu schaffen: Sie war rot
wie eine Mohnblüte, ihr Blick schien mir unruhig und zer-
streut. Noch auffallender war, daß sie um so mehr litt, je
weiter sich der Gottesdienst seinem Ende näherte. Ich erriet,
daß ihr Unbehagen mit meinem unerwarteten Auftauchen
zusammenhing, denn sie hatte mich zweifellos entdeckt und
erkannt, ja sie beobachtete mich ständig mit ihren großen
Augen unter den dichten, langen dunklen Wimpern hervor.
Das Folgende überzeugte mich davon, daß ich mich nicht
irrte. Als ich nämlich nach dem Gottesdienst, während Paw-
lin ihr in den Mantel half, auf sie zuging, erreichte ihr ge-
spanntes Unbehagen den Höhepunkt: Sie nickte mir kaum
zu und zog sich hastig an, wobei sie mehrfach die Hand
neben den Armel steckte. An ihren gesenkten Wimpern aber
schimmerte eine große Träne - keine Träne der Rührung
oder der Güte, sondern des Zorns und des Unmuts. Es war
ihr offensichtlich unangenehm, daß ich sie in Gesellschaft
eines Lakaien sah, und zwar nicht in einer Situation, in der
die Anwesenheit eines solchen der menschlichen Eitelkeit
schmeichelt. Pawlin ließ sich nicht das geringste anmerken,

118
obwohl ich überzeugt war, daß er alles sah und wohl begriff;
es störte ihn jedoch anscheinend nicht, er tat vielmehr wie
immer exakt und unbeirrt seirie Pflicht, die für ihn in diesem
Augenblick darin bestand, Ljuba in den Mantel zu helfen
und mit der Aufmerksamkeit eines Dieners ihre Kleidung
zu ordnen. Doch selbst das gefiel Ljuba offenbar nicht: Sie
schnitt ihn, wie man so sagt, und rückte von ihm ab wie eine
Taube von einer Krähe.
In mir stiegen alte Erinnerungen auf. Ich dachte daran,
welche Achtung meine gute Tante diesem strengen Mann
entgegengebracht hatte, der jede übernommene Pflicht so
prompt erfüllte, und ärgerte mich über Ljuba. Deshalb reichte
ich ihr meine rechte Hand und ihm gleichzeitig meine linke.
Dabei sagte ich so freundlich wie möglich zu ihm : ,Ich freue
mich sehr, Sie zu sehen, Pawlin Petrowitsch! Verzeihen Sie,
daß ich Ihnen die Linke gebe, aber sie kommt vom Herzen.'
Er drückte meine Hand sehr kräftig, und mir war sogar,
als schimmere in seinen Augen eine Träne, eine andere als
bei Ljuba. Dieser entging der herzliche Ton unserer Begrü-
ßung nicht; sie hob die zu Boden gerichteten Augen, ja sie
freute sich geradezu, daß nun zwischen uns dreien so etwas
wie Gleichheit herrschte, und ihr Gesicht hellte sich auf.
Pawlin gab sich äußerlich wie immer, und doch spürte ich an
ihm eine verhaltene innere Befriedigung.
,Hat sich Ljubow Andrejewna nicht sehr verändert, junger
Herr?' sagte er zu mir, als wir die Kirche verließen. ,Sie ist
gewachsen, nicht wahr? Sicher sieht sie ganz anders aus als
früher.'
,Ja, sie ist gewachsen und .. .' Ich wollte hinzufügen: schö-
ner geworden, hielt es aber für unpassend, das in ihrer
Gegenwart auszusprechen, und erklärte, ich hätte sie kaum
wiedererkannt.
,Aber ja', erwiderte Pawlin. ,Erinnern Sie sich, sie war ja
noch ein Kind, als Sie von uns wegzogen, und nun ist sie
schon fünfzehn Jahre alt.'
Mir fiel nichts Besseres ein, als meine Verwunderung dar-
über auszudrücken; daß es schon zehn Jahre her sei, seit
Ljuba ihre Angehörigen verloren hatte. Damit endete diese

II9
Begegnung; am darauffolgenden Sonntag sah ich Ljuba und
Pawlin jedoch in derselben Kirche wieder. Das geschah nun
immer häufiger, bis ich schließlich Pawlin eines Tages allein
in der Kirche erblickte. Natürlich erkundigte ich mich, was
das zu bedeuten habe.
,Sie ist ... Ljupotschka fühlt sich nicht wohl, Herr', ant-
wortete Pawlin, der Ljuba in deren Beisein nie anders nannte
als Ljubow Andrejewna.
Ich fragte, was ihr denn fehle.
Pawlin überlegte und hob die Schultern. Dann sagte er
zögernd:
,Es ist wohl eher eine Einbildung.'
,Ist sie denn so empfindlich?' fragte ich.
,Nein, Herr, wenn sie das in bezugauf Krankheiten mei-
nen, so ist sie es nicht; in dieser Hinsicht ist sie gar nicht
empfindlich, im Gegenteil, sie kümmert sich nie um ihre Ge-
sundheit. Aber ... wie soll ich sagen ... es liegt so etwas in
ihrem Charakter .. .'
Das war alles, was ich erfuhr. Wir sahen uns dann lange
nicht, bis Pawlin plötzlich an einem Herbstabend unerwartet
bei mir erschien und mir mit besorgter Miene mitteilte, daß
Ljuba krank sei.
,Sie war am vergangenen Sonnabend Spätnachmittags auf
eine Minute zu mir gekommen', erzählte er, ,da mußte sie
sich plötzlich hinlegen. Sie hat uns allen einen tüchtigen
Schreck eingejagt. Anna Lwowna schickte ihren Arzt; sie kam
sogar selbst herunter und auch der junge Herr. Jetzt geht es
ihr schon besser: sie hat geschlafen, und als sie aufwachte,
sagte sie: >>Ich würde gern etwas über meine Mutter hören.<<
Seien Sie so gut, kommen Sie mit und setzen Sie sich ein
wenig zu ihr. Sie sprach von Ihnen, und ich habe bemerkt,
daß sie gern mit Ihnen über ihre Kindheit reden würde, denn
Sie haben ja ihre Mutter gekannt. Sie würden der Kranken
einen großen Gefallen tun.'
Ich stand auf und ging mit.
,Nur, wissen Sie, wenn sie zuviel fragen sollte, dann sagen
Sie ihr nicht alles', flüsterte mir Pawlin vor der stets ver-
schlossenen Tür seines Zimmers zu.

120
Der Raum, den ich damals zum erstenmal sah, war sehr
klein, doch überaus sauber und behaglich. Ich dachte bei sei-
nem Anblick unwillkürlich an die Zierschachteln, in denen
die hübschen sächsischen Puppen verpackt sind. Die Puppe
war die fünfzehnjährige Ljuba."

"Pawlin ließ uns allein, er ging hinaus, um Tee zu besorgen.


Ljuba saß in einem Sessel, ihre mit einem alten, doch sehr
sauberen Plaid bedeckten Beine ruhten auf einer Fußbank.
Ich begrüßte sie und äußerte meine Freude darüber, daß es
ihr besser gehe. Dann nahm ich ihr gegenüber an dem kleinen
Tisch Platz.
Sie erwiderte nichts, sondern seufzte nur und verzog das
Gesicht. Ich glaubte, sie habe Schmerzen, doch das war ein
Irrtum: Sie wollte zeigen, daß die Aussicht auf Genesung
sie nicht froh stimme und jeder Trost vergeblich sei.
,Ich freue mich gar nicht darüber, daß ich wieder gesund
werde', sagte sie schließlich schmollend.
,Was! Sind Sie denn gern krank?' erwiderte ich, bestrebt,
dem Gespräch eine scherzhafte Wendung zu geben, doch
Ljuba blickte nur noch finsterer drein und antwortete:
,Nein, das nicht, aber ... Ach!'
,Na, na!' Ich versuchte immer noch, die Sache i.ns Scherz-
hafte zu ziehen. ,Für solche Seufzer haben Sie doch wohl noch
Zeit!'
,Ich bin sehr unglücklich', flüsterte die Kranke, und bittere
Tränen rannen ihr über beide Wangen.
Ich bemühte mich, sie mit allgemeinen Trostworten zu be-
ruhigen: alles im Leben liege noch vor ihr und nach der
schweren Zeit werde eine bessere kommen; doch sie winkte
nur mit ihrer kleinen Hand ab und sagte ungehalten:
,Für mich kommt niemals eine bessere Zeit.'
,Wieso denn nicht?'
,Weil ... Das ist eben mein Schicksal.'
Ich sah sie an und fand keine Antwort: Aus ihren Worten

121
klang nicht die vorübergehende Stimmung einer Kranken,
sondern in der Tat etwas Schicksalhaftes; in ihrem ganzen
Wesen lag etwas Unabwendbares, Verhängnisvolles. Ihr jun-
ges Gesicht ~rinnerte mich an die Züge ihrer Großmutter und
ihrer Mutter. Unser Gespräch stockte. Ljuba fragte mich nicht
nach ihrer Vergangenheit, wie Pawlin erwartet hatte, sondern
schwieg verstimmt. Was bedrückte sie? Augenscheinlich ihre
ganze Lage. Wem aber gab sie die Schuld daran? Einer höhe-
ren Macht, die es so eingerichtet hatte? Nein, für sie gab es
offenbar einen anderen Schuldigen - und dieser Schuldige,
schien mir, war kein anderer als Pawlin. Eine Ahnung sagte
mir, daß es kurz zuvor zwischen den beiden zu einer Szene
gekommen war, die Pawlin völlig durcheinandergebracht
hatte; um Ljuba nicht durch seine Anwesenheit noch mehr
in Unruhe zu versetzen und sie andererseits auch nicht allein
zu lassen, hatte er aus eigenem Entschluß, ohne daß sie selbst
den Wunsch geäußert hätte, mich geholt. Die gleiche, sicher
nicht ganz unbegründete Ahnung sagte mir a)lch, Pawlin habe
sich in Ljuba sein eigenes Verderben herangezogen, Ljuba
schien mir ein überaus sensibles, anspruchsvolles und eitles
Mädchen zu sein, und ich wußte schon damals, daß es für
einen ernsthaften Menschen nicht leicht ist, mit solchen Wesen
auszukommen. Meiner Ansicht nach rührte Ljubas ganzer
Kummer in der Hauptsache daher, daß ihr Zuhause die
Kammer eines Schweizers war und nicht die Beletage, daß
sie einem Lakaien Dank schuldete und nicht dessen Herrin.
Eigentlich war ich gekommen, um Ljuba zu trösten, doch un-
willkürlich empfand ich mehr und mehr für Pawlin Mitleid.
Er hatte offenbar schon die Waffen vor ihr gestreckt und
fühlte sich jetzt eben als Lakai, während die, welche ihm alles
verdankte, immerhin ein wohlgeborenes Fräulein war, in dem
er kraft seiner Gewohnheit ein über ihm stehendes Wesen
erblicken mußte. Auch Ljuba hatte zweifellos entdeckt, daß
sie ihrem Pflegevater überlegen war, besaß aber nicht die
Seelengröße, sich bescheiden und dankbar zu zeigen. Bei
unserer Unterhaltung verwandte sie wohl den größten Eifer
darauf, mir zu erzählen, daß am gleichen Tage und auch am
Tage zuvoc Anna Lwowna in eigener Person sowte deren

122
Sohn W oldemar bei ihr gewesen seien, der gerade Kornett
in einem der schneidigsten Kavallerieregimenter geworden
war. Eben noCh unzugänglich und schweigsam, verbreitete
sich Ljuba nun mit außerordentlicher Lust über diese Be-
suche. Während sie berichtete, daß die beiden ,französisch mit
ihr geredet hätten, damit Pawlin ihr Gespräch nicht verstehe',
betrachtete und beroch sie liebevoll ein Duftfläschchen, das
ihr die alte GeneraHn dagelassen hatte. Ich war jetzt endgül-
tig davon überzeugt, Ljuba könne nur dadurch geheilt wer-
den, daß man sie wie eine junge Katze an einen anderen Ori:
brachte, das heißt aus der Schweizerwohnung in die Bel-
etage - und die nachfolgenden Ereignisse zeigten schon bald,
daß ich mich nicht irrte.
Nach ihrer Genesung weilte die junge Ljuba des öfteren in
der Wohnung der Generalin. Es war ihr ein Trost, wenn
sie sich wenigstens ein paar Stunden am Tag dort aufhalten
konnte. Die Werkstatt, in der Pawlin ihr eine Lehrstelle ver-
schafft hatte, war ihr so zuwider, daß sie bei dem bloßen
Gedanken an sie erneut krank wurde. Pawlin wußte sich
keinen Rat, er klagte nur immer: ,Ach, diese Menschen! Tun
so, als meintt;n sie es gut mit ihr, wissen Sie, und reden ihr
die Ohren voll, sie sei eine Wohlgeborene. Nun will sie nicht
mehr auf mich hören. Aber was ist das schon, die edle Her-
kunft? Unfug!'
Ljuba zu zwingen, ihr zu befehlen, in die Werkstatt zu
gehen, dazu war selbst Pawlins unbeugsamer Wille zu schwach.
Andererseits hielt er es jedoch auch für unpassend und un-
schicklich, sie bei sich zu behalten und an seine kleine Be-
hausung zu fesseln, da sein Zimm.er ja sehr eng und Ljuba
überdies schon fast erwachsen war. Mit einem Wort, die An-
gelegenheit entwickelte sich durchaus nicht so, wie er es vor-
gehabt hatte. Wie aber, glauben Sie, gelang es ihm, dieses
Dilemma zu lösen? Ich bin sicher, Sie erraten es nicht! Pawlin
heiratete ein Jahr später die sechzehnjährige Ljuba, dieses
törichte, hochmütige Mädchen, das ihn mit aller Grausamkeit
ihrer Unnatur verachtete, und Sie wären ungerecht, wenn
sie auch nur eine Minute lang annehmen würden, er habe sie
zu diesem Schritt in irgendeiner Weise direkt oder indirekt
gezwungen. Nichts davon, das junge Mädchen wollte es viel-
mehr selbst. Wie ihr dieser Gedanke in den Kopf kam, das
will ich Ihnen jetzt erzählen."

"Wie kommt denn eine Ehe zustande? Gute Beobachter sind


der Ansicht, daß der menschliche Leichtsinn wohl nirgendwo
in so erschreckendem Maße eine Rolle spielt wie bei der
Gründung einer ehelichen Gemeinschaft. Man sagt, selbst
die klügsten Leute gehen beim Kauf ihrer Stiefel mit weit
größerer Sorgfalt vor als bei der Wahl eines Lebens-
gefährten. In der Tat: Man erlebt oft genug, daß sich je-
mand in dieser Hinsicht von nichts anderem leiten läßt als
vom blinden und lächerlichen Zufall. So war es auch mit
Pawlin und seiner Pflegetochter.
Ljuba wollte im Grunde nur nicht mehr in die Werkstatt
gehen, weil ihr irgendein Mädchen eine Grobheit an den
Kopf geworfen hatte. Deshalb spielte sie vor Pawlin das
eigensinnige Kind; und bei Anna Lwowna, unter deren Fit-
tiche sie sich flüchtete, klagte sie bekümmert, sie solle wie-
der dorthin gehen, wo die Menschen so ungebildet und grob
seien, daß sie das Vorrecht einer besseren Herkunft nicht zu
würdigen wüßten, sondern sich im Gegenteil gleichsam für
dieses an ihr rächten.
,Ich glaube gern, daß sie was gegen dich haben', erwiderte
Anna Lwowna mit einem Blick auf Ljuba.
Sie saßen in diesem Augenblick mit einer' Näharbeit beim
milden Licht einer Carcel-Lampe in dem behaglichen Ar-
beitszimmer.
,Weshalb will denn dieser Pawlin dich eigentlich noch
immer in die Lehre schicken? Ich verstehe das nicht!' fuhr
Anna Lwowna fort, während sie Ljubas Werk betrachtete.
,Meiner Ansicht nach ist das, was du jetzt schon kannst, für
dich mehr als genug.'
,Er will, daß ich später einen Laden übernehme.'
,Er ... Nimm's mir nicht übel, aber dieser dein Et ist ein

124
schrecklich einfältiger Hanswurst. Wie kommt er denn auf
einen Laden?'
,Was soll er denn sonst mit mir machen?'
,Was er mit dir machen soll? Sehr einfach: Warum heira-
tet er dich denn nicht?'
Ljuba schlug die Augen nieder und gab keine Antwort.
Sie hatte wohl bis dahin noch nicht an eine Heirat gedacht,
zumindest wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, in Paw-
lin den Mann ihres Herzens zu erblicken. Anna Lwowna sah,
daß ihr Gedanke für Ljuba überraschend kam, doch sie sah
auch, daß er sie immerhin nicht erschreckte und allem An-
schein nach nicht von vornherein verworfen wurde.
,Nun ja', fuhr die GeneraHn fort. ,Glaubst du vielleicht,
es ist leicht, Modistin zu sein und jeder Gans vorzulügen:
>>Sie sehen bezaubernd aus I Das kleidet Sie vorzüglich!<<, auf
jede Laune einzugehen und vor den Leuten auf den Knien
zu liegen, um ihnen Maß zu nehmen! Wenn du dagegen hei-
ratest, dann hast du es viel besser. Vor allem, wenn du den
Pawlin nimmst. Dann brauchen wir beide uns nie zu trennen,
du könntest den Tee oder Kaffee einschenken, wenn ich
Gäste habe, ich würde dir eine kleine Summe zahlen, damit
du dir Kleider kaufen kannst, und abends könnten wir bei-
sammensitzen und Handarbeiten machen, bis Wolodja
kommt und uns erzählt, was es Neues gibt. Wolodja unter-
hält sich sehr gern mit dir, du würdest bei uns wie eine Haus-
tochter leben.'
Ljuba errötete, erwiderte aber auch jetzt nichts. In ihren
Augen standen Tränen.
,Und nun überleg mal, was dich erwartet, wenn du den
Laden übernimmst und eines Tages einen jungen Mann hei-
ratest, einen ohne Bildung, einen Handwerker vielleicht oder
meinetwegen auch einen Beamten - wirst du es dann besser
haben? Du wirst in diesem Milieu verkommen! Und einen
anderen Mann zu finden, einen höhergestellten, das dürfte
dir schwerfallen, weil du kein Vermögen hast.'
,Das weiß ich', brachte Ljuba hervor und schluckte ihre
Tränen hinunter.
,Na siehst du, du bist doch ein verständiges Mädchen!

125
Und über Pawlin magst du denken, wie du willst- er ist zwar
nicht mehr jung, aber ein Mensch mit seltenen Grundsätzen,
bei ihm wirst du nichts auszustehen haben. Ich kenne ihn seit
mehr als zwanzig Jahren, er war immer ehrlich, immer ver-
nünftig, immer ordentlich, und obwohl ich nicht glaube, daß
er sich bei mir ein Vermögen erworben hat, wie die Leute
sagen, dürfte er bei seiner Sparsamkeit immerhin gewisse
Rücklagen haben. Mag er die doch für dich ausgeben! Ja,
meine junge Freundin, ja! Du bist das wert. Und er wird es
auch zweifellos tun, denn was könnte ihm mehr schmeicheln,
als eine so hübsche junge Frau herauszuputzen! Glaube mir,
auf Männer in seinen Jahren ist weit'mehr Verlaß als auf all
die Windhunde von der Art des Kunstmalers, der an meinem
Porträt arbeitet und dir immer schöne Augen macht.'
Ljuba wurde über und über rot. Sie hörte zum erstenmal,
daß die Männer ihr nachsahen, zudem sagte es ihr eine so
seriöse Frau wie die Generalin, zu der sie emporstrebte wie
das Gras zur Sonne. Es berührte sie tief, daß Anna Lwowna
so um sie besorgt war; sie verlor alle Selbstbeherrschung,
stieß die Arbeit von ihren Knien, warf sich der GeneraHn
an die Brust und weinte, stammelte: ,Nehmen Sie sich meiner
an, ich will alles tun, was Sie sagen!'
Anna Lwowna strich ihr liebevoll über das Haar. Sie
redete noch eine Zeitlang auf sie ein und schloß endlich:
,Ich fürchte nur, Pawlin könnte dir in der Tat ein wenig zu
alt erscheinen?'
Ljuba schwieg.
,Muß es denn unbedingt ein junger Mann sein?'
,Ach nein, das sage ich ja gar nicht', erwiderte Ljuba.
,Na, dann ist ja alles gut. Wenn dich das nicht stört, so
mag denn Gott seinen Segen geben.'
Das Mädchen erschrak, daß alles so rasch entschieden war,
sie errötete und erklärte hastig, überhaupt nicht heiraten zu
wollen, doch Anna Lwowna sang ihr die Stelle aus dem
,Roten Sarafan' vor, wo es heißt, daß niemand in alle Ewig-
keit wie ein Vogel im Felde jubilieren oder als bunter Schmet-
terling durch die Lüfte taumeln kann, hob mit der Hand
Ljubas Gesichtehen und fragte lachend:

12.6
,Willst du denn ins Kloster gehen?'
,Mir ist alles recht', erwiderte Ljuba leise.
,Oh, du lügst; mit solchen hübschen Augen geht man nicht
ins Kloster! Du würdest dort ja nur Unruhe stiften: Alle
Männer würden dich ansehen, anstatt zu beten!'
Das Mädchen lachte.
,Ich will dir etwas sagen, jetzt ganz ohne Scherz: Überlege
dir genau, wofür du dich entscheidest! Ich wollte schon lange
einmal mit dir darüber reden, und jetzt tue ich es mit solchem
Ernst, weil ich sehe, daß du uns sehr liebgewonnen hast.'
,Ich habe Sie sehr, sehr lieb!' bestätigte Ljuba, die Hand
der Generatin mit Küssen bedeckend.
,Ja, und ich verstehe, daß du nicht mehr in die Werkstatt
zu aU diesen Näherinnen gehen kannst, nachdem du hier bei
uns gewesen bist.'
,Auf gar keinen Fall! Lieber gehe ich ins Wasser!'
,Ich verstehe das alles, sehr gut sogar; aber warum denn
gleich ins Wasser gehen! Das ist Sünde! Es macht Pawlin
keine Ehre, daß er, ein so vernünftiger Mann, dich an einen
Ort schickt, wo du auf solche unchristlichen Gedanken
kommst. Ich habe schon mit ihm darüber gesprochen .. .'
,Darüber haben Sie mit ihm gesprochen?'
,Ja, ich habe es ihm gesagt; er versteht es ebenfalls und
gibt mir recht, aber überlege doch selbst einmal: Wo soll er
denn hin mit dir? Wirklich, es ist schwer, sich in dieser Hin-
sicht etwas einfallen zu lassen. Zur Gouvernante reicht es
nicht, dazu hast du zuwenig gelernt; als Bonne taugst du
nicht, weil du noch zu jung bist, und dich Hausnäherin oder
Stubenmädchen werden zu lassen, das bringt er nicht übers
Herz. Er fühlt sich immerhin für dich verantwortlich. Ist es
nicht so?'
Das Mädchen hauchte ein leises ,Ja'.
,Na siehst du', fuhr die Generatin fort. ,Ich würde dich ja
selbst zu mir nehmen .. .'
Ljuba warf sich vor ihr auf die Knie und rief:
,Oh, tun Sie es! Nehmen Sie mich zu sich! Um Gottes
willen, nehmen Sie mich auf!'
,Aber als was denn?'
,Das ist ganz gleich, wenn ich nur bei Ihnen sein kann!'
,Pawlin wird das nicht wollen, er wird bestimmt finden,
daß es nicht gut sei, und seine Zustimmung nicht geben.
Außerdem habe ich einen erwachsenen Sohn im Hause, einen
Mann. Mag er auch ein ordentlicher junger Mann sein und
dich sehr gern haben, aber du bist jetzt immerhin schon groß,
und das geht nicht. Wenn du hingegen Pawlin heiratest, dann
regelt sich das alles von selbst.'
Das Mädchen schwieg, und Anna Lwowna fuhr fort: ,M:!in
Rat ist: Höre auf mich und nimm Pawlin zum Mann! Dann
kannst du in aller Ruhe leben, und deine freie Zeit verbringst
du bei uns. Ich bin alt, mir wird inan die Schwäche ver-
zeihen, wenn ich dich an mich fessele.'
Ljuba schwieg noch immer.
,Nun; was sagst du dazu? Man muß reden und nicht
schweigen. Ja oder nein?'
Das Mädchen fiel abermals auf die Knie, ergriff die
weiche, schwammige Hand ihrer Gönnerin und flüsterte: ,Sie
wissen am besten, was ich tun muß: Ich bin mit allem ein-
verstanden.'
So brach- dank einer Laune das Unglück über Pawlin und
Ljuba herein. Pawlin war in der Tat leidenschaftlich in seine
Pflegetochter verliebt, allerdings hatte er an eine Verbindung
mit ihr nicht einmal zu denken gewagt. Nachdem aber die
GeneraHn vorgearbeitet hatte und die Tore des Paradieses
sich vor ihm öffneten, verlor er den Kopf und vergaß alle
Einwände der Vernunft, die ihm bisher verboten hatten, von
Ljuba zu träumen.
Ich erinnere mich wie heute des Besuchs, den er mir ab-
stattete, um mich als Brautführer zu laden. Er war nicht wie-
derzuerkennen: Eine geschlagene Stunde saß er bei mir und
zählte seine guten Eigenschaften auf, was er früher nie ge-
tan hatte. Der Gedanke, daß ihn das junge Mädchen liebe,
verwirrte ihm offensichtlich völlig die Sinne und löste seine
Zunge so sehr, daß er in eine geradezu unerträgliche Red-
seligkeit, ja Prahlsucht .verfiel, wenngleich natürlich auf seine
eigene Weise. Auch jetzt noch blieb die Pflicht für ihn ober-
stes Gesetz.

u8
,Ich bin ein einfacher Mann', sagte er, ,doch ich habe viel
gelesen, und ich war, wie Sie gütigst bemerken werden, immer
darauf bedacht, mich nicht vor der Zeit zu verausgaben.
Hätte ich nicht schon längst heiraten können, Herr? Das hätte
ich, Herr, an Gelegenheiten hat es mir durchaus nicht gefehlt,
aber ich hatte gewisse Verpflichtungen, die es mir verboten,
diesen Schritt zu tun. Einfacher gesagt: Ich habe es meiner
Verwandten wegen nicht getan. Törichte Leute hielten mir
entgegen, ich würde von meinen Angehörigen dafür keinen
Dank erfahren und im Alter allein dastehen. Nun, ich war
nie geneigt, darauf etwas zu geben: Ich habe ja meinen Ver-
wandten nicht des Dankes wegen geholfen, sondern nur
meine Pflicht getan; ich habe auch bei Ljubow Andrejewna
keineswegs an Dankbarkeit oder dergleichen gedacht. Und
nun ist es so gekommen, daß ich mein Glück und eine Gattin
in ihr finde. Der Mensch muß nur immer seine Pflicht tun,
dann wird alles den rechten Gang gehen und sich zu seinem
Besten wenden.'
Dieser verallgemeinernde Schluß schien mir außerordent-
lich bedeutsam, und ich hörte mit gespanntester Aufmerk-
samkeit, daß Pawlin alles im Leben dieser Regel unterwarf.
Es stellte sich heraus, daß er auch die Wohnungsfenster zum
Besten der Menschheit aushängte, insofern nämlich, als sie,
das heißt Anna Lwowna, keine Gnade kenne und man dar-
auf hinwirken müsse, daß niemand auf der Welt damit
rechne, an mildtätige Menschen zu geraten, deren es sehr
wenig gebe und in denen man sich überdies täuschen könne,
was die Sache nur noch schlimmer mache. ,Deshalb ist es bes-
ser, mit Strenge vorzugehen: Sie gewöhnt jedermann dar-
an, für sich selbst Sorge zu tragen, vor bösen Menschen auf
der Hut zu sein und sich einen Weg im Leben zu bahnen.'
Knapp zwei Wochen nach diesem Gespräch wurde Pawlin
also der Ehemann seiner Pflegetochter Ljuba, und schon bald
darauf begann sein bitterer Leidensweg, auf den ihn seine
Frau und andere Leute bedenkenlos stießen, ohne Rücksicht
auf seine Verdienste, seine grauen Haare und die Vorzüge
seines bemerkenswerten, festen und ehrlichen Charakters."

9 Pilger
10

"Ich weiß nicht, ob ich zu Beginn meiner Erzählung die Gene-


raHn Anna Lwowna genügend skizziert habe. Wahrscheinlich
nicht, und deshalb will ich jetzt noch einmal in Kürze etwas
über sie sagen. Sie war nicht nur eine strenge, eigennützige
und hartherzige Frau, sondern wohl auch die grausamste und
berechnendste Egoistinder Welt, die um des geringsten Vor-
teils willen vor nichts zurückschreckte. Mit unerschütterlicher
Ruhe und Gelassenheit hätte sie jederzeit das Glück, ja das
Leben ihres Nächsten selbst dem bedeutungslosesten ihrer
Pläne zum Opfer gebracht. Das geschah auch, als sie die Ehe
zwischen dem alternde.n PawHn und der jungen Ljuba stif-
tete. Sie wußte, Ljuba konnte Pawlin nicht lieben, und darin
irrte sie sich nicht: Weder der gewaltige Altersunterschied
noch PawHns strenger Charakter, noch sein äußerlich rauhes
Wesen boten Anlaß zur Hoffnung, daß Ljuba sich früher
oder später an ihren Mann gewöhnen und für ihn etwas ande-
res als Furcht und Widerwillen empfinden werde- weniger,
weil er ein alter Mann, als vielmehr, weil er ein Lakai war.
Anna Lwowna selbst hatte der Liebe zwar längst abgeschwo-
ren, doch sie war immerhin eine Frau und wußte genau,
Ljuba standen in dieser Ehe viele bittere Minuten stillen,
doch herzvergiftenden, wenn nicht gar wütend aufbegehren-
den Leids bevor; aus dem Leid würden sehnsuchtsvolle
Träume erwachsen, die Träume den Nährboden für eine un-
ruhige Phantasie schaffen, und was vermag die Phantasie
nicht alles? Anna Lwowna wußte, daß ein junges Hirn mii:
reger Phantasie zwangsläufig Vergleiche anstellt, und da das
Leben niemals den Vergleich mit einem phantasievollen
Traum aushält, würde das Traumbild den Sieg davontragen,
Ljuba würde ihm verfallen und - völlig in Anna Lwownas
Gewalt geraten. Denken Sie bitte nicht, ich hätte mich ver-
sprochen, wenn ich sagte, die GeneraHn habe darauf hingear-
beitet, Ljuba in ihre Gewalt zu bringen. Nein, sie wollte das
in der Tat.
Um meine Geschichte schneller zu Ende zu führen,
sage ich Ihnen geradehenms, daß Anna Lwowna, als sie

130
Pawlin mit Ljuba zusammengab, auf deren Kosten ein grau-
sames Spiel begann. Die Idee und den Plan für dieses Spiel
hatte ihr das erhabenste aller Gefühle eingegeben, nämlich
die Mutterliebe.
Ihr Söhnchen Wolodja bescherte ihr, da er in einem elegan-
ten Regiment diente und sich zudem nicht gerade Zurück-
haltung auferlegte, beträchtliche Ausgaben. Sie hätte ihn da-
her gern ein wenig ans Haus gefesselt, aber wie das beginnen,
wo doch die Stadt so vielerlei Vergnügungen bot? Ihn zu ver-
heiraten, war es zu früh; bei den Damen der höheren Gesell-
schaft hatte er keinerlei Erfolg, obwohl er sich dessen immer
rühmte, und so blieben nur die Ausländerinnen ,aus Über-
see', die jedoch ihre Adoranten schon damals so viel Geld
kosteten, daß der GeneraHn bei jedem Gerücht von einer
Verbindung ihres Wolodja mit so einer Blutsaugeein kalte
Schauder über den Rücken liefen. Indessen bewies W olodja,
ein russisches Herrchen von der bekannten Sorte, ihr immer
wieder, daß er unbedingt leben müsse wie alle ,wohlsituier-
ten Leute', wozu natürlich auch gehörte, daß man die Rechte
eines Gönners bei einer Frau innehatte, die nicht schlechter
war als die anderen Damen an der fröhlichen Tafel eines
,Übersee'-Lokals. Die GeneraHn sah auch ein, daß ein echter,
weltgewandter Kavallerist das brauchte, dagegen stemmte
sie sich nicht; doch es kostete eben, wie gesagt, schon damals
so verteufelt viel Geld wie heute. In dieser Situation kam der
treusorgenden Mutter nach langen nächtlichen Erwägungen
und Überlegungen die Idee, daß sie das Universalmittel
gegen all das ja im Hause hatte, und zwar in der Person
Ljubas. Ljuba war jung, hübsch und reizvoll- wenn man da
ein bißchen nachhalf, konnte sie Dodja sehr gut als Ausführ-
dame dienen; und daß er es verstehen würde, sie sich gefügig
zu machen, daran bestand ja wohl kein Zweifel.
Dodja war in den Augen seiner Mutter soweit ganz in
Ordnung, wenn sie ihn auch im Dienst für einen ,einfältigen
Tropf' hielt. Er hatte seine prachtvolle Uniform, er spielte
recht hübsch Klavier und sang dazu Schlager in der Art des
Liedchens vom ,schneidigen Untermieter', das damals allen
Frauen die Köpfe verdrehte:
Sieh, Mama, dort geht er wieder,
unser schneidiger Untermieter I
Golden seine Tressen prangen,
sieghaft strahlen seine Wangen.
0 mein Gott, ich frage dich:
Wann erwählt er mich für sich?

Anna Lwowna war sich gewiß: Dieser kärgliche Charme,


über den ihr ,einfältiger Tropf' verfügte, würde einer leicht-
fertigen Frau, die siebzehn Lenze zählte und einen alten
Mann hatte, dessen sie sich schämte, vollauf genügen. Das
Spiel schien unverlierbar, es galt nut noch, die Karten ge-
schickt zu mischen und zu verteilen.
Ein kleiner Trick hob zunächst einmal Ljubas soziale Stel-
lung: Man nannte sie fortan im Hause nur noch ,die Schwei-
zerin Ljuba'. Das klang sehr gut und verschleierte zudem
ihre Mariage mit einem Lakaien. All die jungen Leute, die in
Anna Lwownas Haus verkehrten, sahen in Ljuba nicht die
junge Frau des hochmütigen Schweizers Pawlin, sondern ein
ganz besonderes, von jedermann unabhängiges und verführe-
risches Wesen.
Man begann ihr den Hof zu machen, zaghaft zu Anfang
und mit geziemender Zurückhaltung, doch beharrlich, unab-
lässig und schließlich recht aufdringlich. Dodjas Kameraden
bemühten sich ohne Ausnahme um ihre Gunst. Ljuba fand
jedoch an keinem von ihnen Gefallen; es war ihr zwar jeder
recht, den sie in Anna Lwownas Haus sah, aber ihr Herz
traf keine Wahl, um eine Wendung der alten Dichter zu ge-
brauchen, und Pawlin war glücklich. Worüber? Liebte ihn
Ljuba etwa jetzt? Nein, ihre Gefühle für ihn hatten sich nicht
verändert: Sie mied ihn, wo sie konnte, und verbrachte all
ihre Zeit bei Anna Lwowna, mit einer Handarbeit oder mit
dem Einschenken von Kaffee oder Tee beschäftigt. Pawlin
aber liebte seine Frau maßlos, und er wollte nichts als ihr
Glück. Wenn es sie glücklich machte, nicht bei ihm zu sein,
so nahm er auch das mit Vergnügen auf sich. Eine solche Lie-
besleidenschaft hatte ihn gepackt, daß er völlig blind und
eitel wurde: Sein tiefverwurzelter Demokratismus taute wie
Schnee, und wenn er sich selbst seiner bunten Livree auch
nicht schämte, so wünschte er doch offensichtlich, seine Frau
möge sich zu Höherem aufschwingen. Es freute ihn, wenn
Ljuba ihre schon als Kind erworbenen, später in der Schule
vertieften und schließlich bei Anna Lwowna in der Praxis
vervollkommneten Kenntnisse im Französischen dazu ver-
wendete, ganz wie ein Fräulein, eine Ausländerin aufzutre-
ten, kurz, wie eine echte Schweizerin comme il faut. Er wollte
das geradezu selbst so haben, und gleichzeitig entwickelte sich
eine eigenartige, höchst seltsame Furcht vor Ljubas Launen.
Der arme alte Mann fühlte sich anscheinend ständig unsicher,
weil sie ein geborenes Fräulein war und er ein Lakai. Es
wäre ihm früher wohl niemals in den Sinn gekommen, daß
er sich so in sie verlieben und sich vor ihr so verlegen fühlen
könnte, wie es nun der Fall war. Aber er kämpfte auch nicht
dagegen an und ärgerte sich nicht darüber, im Gegenteil, es
gefiel ihm sogar, Ljuba zu dienen und ihr alles nachzusehen.
Er putzte sie heraus wie ein Püppchen, damit sie nicht wie
die Frau eines Schweizers aussah, sondern tatsächlich wie
eine. Schweizerin. Dabei schmolzen seine geheiligten, doch
natürlich relativ geringen Ersparnisse rasch dahin; aber auch
das ertrug er ohne Murren, er sparte nur noch mehr an sich
selbst sowie dort, wo er Ausgaben durch eigene Arbeit ver-
meiden konnte. Zwar ließ er seit seiner Heirat in der Erfül-
lung seiner dienstlichen Obliegenheiten nicht nach, doch für
die Lektüre von Romanen blieb ihm nicht mehr soviel Zeit
wie früher. Ljuba ging, wenn sie des Morgens aufgestanden
war und sich angekleidet hatte, sofort hinauf zu Anna
Lwowna; Pawlin räumte sein Zimmer auf, sah die Garde-
robe seiner Frau durch und machte sich schließlich daran, sie
in Ordnung zu bringen. Während Ljuba oben für Anna
Lwowna verschiedene Broderies anglaises stickte, schloß sich
Pawlin in seine saubere Kammer ein, um zierliche Frauen-
stiefel zu putzen, abgetrenntes Futter wieder anzunähen und
Knöpfe und Haken zu befestigen. Er wärmte in dem kleinen
runden Ofen Fältelzangen und Eisen, und wenn sie heiß ge-
nug waren, nahm er das Bügelbrett hinter dem Schrank her-
vor, breitete ein reines Tuch darüber und plättete oder fäl-
telte Ärmel, Röcke und Blusen. In all diesen Arbeiten, die er
aus Sparsamkeitsgründen auf sich nahm, erreichte er bald die
notwendige Fertigkeit, doch die Einsparungen wogen bei wei-
tem nicht die gewaltigen Ausgaben auf, die Ljubas Putz-
sucht und Pawlins Leidenschaft, seine Frau hübsch anzuzie-
hen, erforderten. Dabei bat Ljuba niemals um Kleider; der
verliebte alte Mann wollte sie selbst damit erfreuen und ihr
ein Vergnügen bereiten.
Dergestalt verwöhnt und verzärtelt, konnte Ljuba für alle
Besucher im Hause Anna Lwownas leicht die interessante
,Schweizerin', die Ausländerin, bleiben. Mit diesem hübschen,
reizvollen weiblichen Wesen sich zu beschäftigen war durch-
aus nicht anstößig: Man sprach, lachte und scherzte mit ihr
und behandelte sie überhaupt als Gleichgestellte, Ebenbür-
tige. Einer von Wolodjas Freunden, der mit dem Bleistift
recht geschickt Frauenköpfe zu zeichnen verstand, füllte viele
Albumblätter mit dem· zarten blondgelockten Abbild der
Schweizerin Ljuba. Ihr Porträt gelang ihm besonders gut,
und die jungen Leute baten den Künstler immer wieder
um eine dieser hübschen Skizzen. Die Bilder gingen bei der
Jeunesse don!e von Hand zu Hand und verhalfen Ljuba zu
großer Popularität. Ohne es selbst zu wissen und ohne im ge~
ringsten darauf hingewirkt zu haben, zog sie wie ein Magnet
viele junge Männer an, die den Gegenstand der künstleri-
schen Darstellung im Original zu sehen wünschten. So
tauchten immer mehr Verehrer bei ihr auf; sie buhlten um
ihre Gunst, soweit es irgend anging, die GeneraHn sah es und
ließ es zu. Pawlin aber bewies im Verhalten zu seiner jungen
Frau eine Toleranz, wie man sie selbst bei vielen nicht findet,
die im Hinblick auf die persönliche Freiheit so laut von der
Unabhängigkeit der Gefühle und der Gleichberechtigung der
Geschlechter reden. Im übrigen hing Pawlin zu dieser Zeit
gewissen eitlen Bestrebungen nach: Er machte nämlich eine
Verjüngungskur nach einem, wie er sagte, höchst seltenen
Buch, das er irgendwo aufgetrieben hatte und aus dem er be-
merkenswerte Dinge herauslas. So erzählte er mir einmal,
daß er seine Regeln bezüglich der menschlichen Pflicht voll-
auf bestätigt gefunden habe und daß ein Mensch, der stets
dem Gebot der Pflicht gehorche, mindestens hundert Jahre
auf dieser Welt lebe. Sein derzeitiges Alter von fünfzig Jah-
ren betrachtete er auf Grund dieses Buches gerade erst als
Volljährigkeit, und an Hand der gleichen Quelle behaup-
tete er, daß nur Dummköpfe früher als mit hundert Jahren
sterben und von Krankheiten nur Schwächlinge heimgesucht
werden, welche die Praxis des Lebens nicht verstehen. Er
selbst war natürlich fest davon überzeugt, daß er diese ,Praxis'
virtuos beherrsche.
,Ich war niemals krank', sagte er, ,und ich weiß auch nicht,
weshalb man überhaupt krank werden muß. Wer vernünftig
lebt, keinen Schnaps und keinen Kaffee trinkt und seine Lun-
gen nicht mit Tabaksqualm ausräuchert, der wird nicht krank;
wer flach, ohne Kissen schläft, wird nicht krumm, und wer
viel Salz ist und Saures trinkt, der verfault nach dem Tode
nicht.'
Diese Pawlinschen Weisheiten enthüllten mir die Geheim-
nisse seiner täglichen Hygiene, und ich dachte: Ob das alles
wohl seiner jugendfrischen Ljuba gefällt?
Es machte ihm nicht das geringste aus, daß sich Ljuba
kaum in seiner Schweizerwohnung aufhielt, in der seit seiner
Heirat neue Vorhänge und Blumen, ja sogar ein paar Kana-
rienvögel aufgetaucht waren. Er wurde auch nicht eifersüch-
tig, wenn die jungen Krieger, die von Anna Lwowna kamen
und aus seinen Händen ihre Mäntel entgegennahmen, sich
unvorsichtigerweise in nicht gerade zurückhaltenden Worten
über die Schönheit der ,Schweizerin' ausließen. Pawlin
schwieg dazu und lächelte nur in seinen dichten hellblonden
Schnurrbart.
Hinterhältigkeit und Vertrauensbruch waren Dinge, die
der einsichtige und besonnene, gerechte und gegen sich selbst
stets strenge Pawlin nicht kannte und deshalb auch bei ande-
ren nicht vermutete. Sein Denken war aufrichtig und rein,
und so hegte er auch jetzt nicht den geringsten Argwohn.
In ihm fand man die Worte Bacos von Verulam bestätigt,
der da sagt, daß Menschen, die eine philosophische Lehr-
meinung Macht über sich gewinnen lassen, wie Eulen wer-
den, da sie nur im Dunkel ihrer logischen Schlußfolgerungen
zu sehen vermögen, während sie im Licht der Wirklichkeit
erblinden und vor allem die Fähigkeit verlieren, das zu
sehen, was für jedermann klar und offenkundig ist. Da ,die
Söhne dieser Welt stets weiser sind als die Söhne des Lichts'
und da Pawlin in seiner Art ein Sohn des Lichts und ein
Diener der Pflicht war, so übertölpelten und bestahlen ihn
die Söhne der Welt.
Ljuba wurde ihrem Mann genommen, worauf sie natürlich
völlig den Halt verlor und sich schließlich selbst betrogen
sah. Wie es dahin kam, will ich Ihnen nicht erzählen, da ich
es selbst nicht mit angesehen und die Einzelheiten auch von
niemandem gehört habe; letzten Endes ist es für uns ja auch
nicht wichtig, zu wissen, wie es geschah. Jedenfalls war es die
alte Geschichte: Der Reiche, der eine Herde Schafe besaß,
stahl dem Armen auch noch sein einziges Schäfchen."

11

"Ich brauche Ihnen w.ohl kaum zu sagen, wer Ljuba ver-


führte. Es ist nicht schwer zu erraten, daß von all ihren Ver-
ehrern am Ende Dodja den Löwenanteil davontrug, dem die
häuslichen Umstände in dieser Hinsicht besonders günstig
waren. Ljuba weilte Tag und Nacht mit ihm unter demselben
Dach, und sie ergab sich ihm schließlich weniger aus echter
Zuneigung, als vielmehr, weil er ihr ständig zusetzte und
weil sie ihre Stellung im Hause nicht aufs Spiel setzen wollte.
Sie sah nämlich: Er war imstande, sich für eine Weigerung
zu rächen, indem er das ihr teure Verhältnis zu Anna
Lwowna zerstörte; sie sah auch, daß es ihre Wohltäterio be-
trübte, wenn sie, Ljuba, ihn kränkte oder in eine verdrieß-
liche Stimmung versetzte. Sie wußte sich keinen anderen Rat,
ihre Gönnerio vor solchem Kummer zu bewahren, und trock-
nete also deren Tränen. Dodja war ein recht einfältiger
Tropf. Obwohl er mit Geld nur so um sich warf - er ver-
schaffte es sich notfalls gegen dreifachen Wechsel -, fand er
keine Dame, die bereit gewesen wäre, bei den .nächtlichen
Gelagen seine Favoritin zu sein. Ljuba schien ihm nun für
diese Rolle vorzüglich geeignet; er beschloß also, sie mitzu-
nehmen, und tat es auch. Kurioserweise stattete Pawlin selbst
sie für diesen Abend mit den nötigen Kleidern und Utensi-
lien aus, wie er mir später in einem höchst betrüblichen
Augenblick seines Lebens erzählte.
Alles spielte sich folgendermaßen ab: Es war Winter, die
Zeit der Tanzabende und Maskenbälle. Da kam Anna
Lwowna auf die Idee, der armen Ljuba ein. kleines Vergnü-
gen zu bereiten und sie für ein Kostümfest im Adelssaal her-
zurichten. Pawlin wurde schon etwa einen Monat vorher.
unterrichtet, und gleichzeitig ging man auch daran, ein Ko-
stüm für Ljuba anzufertigen. Daran nahmen alle teil, ange-
fangen bei Anna Lwowna bis zu Pawlin, der, entgegen den
sonstigen Gewohnheiten, ständig von seinen Pflichten abberu-
fen wurde, um aus diesem oder jenem Geschäft allerlei für
Ljubas zauberhaftes Gewand notwendige Kleinigkeiten her-
beizuschaffen. Die Oberaufsicht über alle Arbeiten, die be-
sondere künstlerische Überlegungen erforderlich ma<;hten,
führte der Maler, Dodjas Freund, der von Ljuba so gelun-
gene Bleistiftporträts angefertigt hatte. Das alles brachte
natürlich die jungen Leute einander näher; sie verkehrten
jetzt so vertraut miteinander, daß Ljuba ihren alten Mann,
den Lakaien, völlig vergaß. Schließlich war das Kostüm fer-
tig, und es sah bildschön aus. Pawlin beobachtete, wie seine
Frau in Begleitung einer Verwandten Anna Lwownas und
einer Schar Kavaliere, darunter der Maler und Dodja, die
Treppe herabschritt.
Ljuba war als Abenddämmerung gekleidet. Sie trug einen
leichten ätherischen Chiton in rauchgrauen Farben. Am unte-
ren Saum war das weite, in dichten Falten fallende Gewand
dunkel wie die Nacht, doch dieses Dunkel wich nach oben
hin mehr und mehr helleren, milderen Schattierungen, es
ging vom Gürtel ab in so zarte und luftige Töne über, daß
Ljubas Körper sich aufzulösen und zu zerflattern schien wie
eine Wolke, in der ihr mit einer Lilie und einer roten Rose
geschmücktes Haupt strahlte; an ihren Schultern waren
durchscheinende, in tausend Farben schillernde kleine Flügel
aus Wachs befestigt, und -in der Hand hielt sie eine goldene,
mit blauen Vergißmeinnicht und purpurnem Mohn umwun-
dene Kerze. Schlaf und Erwachen, schlummernde dunkle
Leidenschaften und ihr helles Auflodern - alles das war an
Ljuba mit geziemenden Mitteln dargestellt. So setzte Pawlin
sie in eine Droschke, doch einer anderen half er vier Stunden
später wieder heraus: Die Wachsflügel waren geschmolzen
und verbogen, das Gewand zerrissen, die Kerze entzweige-
brochen.
Sie sagte zu ihrem Mann kein Wort; sie rührte auch das ge-
bratene Huhn und das süßeDes~ertnichtan, das er für sie. bereit-
hielt, sondern zog hastig ihr Kleid aus, warf sich aufs Bett
und drehte das Gesicht zur Wand. Bewegungslos verharrte
sie so den Rest der Nacht und den ganzen folgenden Tag.
Pawlin hütete ihren vorgeblichen Schlaf, doch seine Fürsorge
war vergebens: Ljuba schlief nicht. Sie hatte zuerst lange
geweint, und dann lag sie mit flammendrotem Gesicht da, die
tränenlosen offenen Augen starr auf einen Punkt gerichtet.
Jeder nicht völlig mit Blindheit Geschlagene hätte bei Lju-
bas Anblick sofort erkannt: Dieser Frau war arg mitgespielt
worden, und er hätte damit die Wahrheit genau getroffen.
Ljuba wollte anfangs Pawlin selbst alles gestehen, sie über-
legte es sich jedoch anders, wartete den Abend ab und klei-
dete sich dann an, um sich bei Anna Lwowna über Dodja zu
beklagen. Was sie ihr sagen wollte, schien ihr aber so töricht,
daß sie auch diesen Entschluß änderte und sich darauf be-
schränkte, Dodja zur Rede zu stellen, und - der Friede
wurde mit einem Kuß besiegelt. Doch Ljubas Liebe und Er-
gebenheit war nicht alles, was Dodja brauchte: Für Männer
seiner Art ist es das wichtigste, daß sie mit der Geliebten
Staat machen, daß sie sich mit ihr vor den Kameraden zei-
gen und mit ihr prahlen können. Diese Möglichkeit gedachte
Dodja nun natürlich weidlich auszunutzen. Der Schlitten,
auf dem Ljubas Tugend dahinfuhr, glitt rasch abwärts. Die
einmal begonnenen Ausfahrten und Ballbesuche wiederhol-
ten sich. Wenn Pawlin am späten Abend in seinem Sessel
schlummerte und auf verspätete Bewohner des Vorderhauses
wartete oder sich ohne Kissen auf die harte Pritsche hinter
den Säulen niederlegte, ahnte er nicht, daß sich seine Frau
zu dieser Zeit keineswegs bei Anna Lwowna langweilte,
sondern im schwarzen Domino Arm in Arm mit der golde-
nen Jugend durch einen hellerleuchteten Ballsaal glitt. In der
Stunde, da er erwachte und seiner Frau in Gedanken einen
Gruß hinauf in die Gemächer der Generatin schickte, ging
die zarte Ljuba vielleicht gerade unsicheren Schrittes und
mit champagnerbenebeltem Kopf die Treppen des Franzö-
sischen Restaurants hinunter, oder sie sauste in einer schellen-
rasselnden Troika dahin, sog mit brennenden Lippen gierig
die frische Luft ein und sang ihrem Begleiter, der sie unter
dem warmen Mantel an seine Brust drückte, übermütige
Chansons vor.
Lange Zeit ging dies alles insgeheim so weiter. Petersburg
ist kein Dorf, hier begegnet man einander nur, wenn man
es selber wünscht. Durchlässige Türen, wie sie Gogols Ossip
so sehr schätzt, haben im Petersburger Leben bekanntlich
nicht unbedingt eine verderbliche Wirkung, das wußte
Ljuba bald aus Erfahrung. Sie verlor rasch alle Scheu und
quälte sich auch nicht mit dem Gedanken, daß sie Schande
auf das graue Haupt ihres Mannes lade, und noch weniger
machte sie sich Sorgen darüber, wie sie ihr Tun vor diesem
verbergen solle. Die Umstände lagen so günstig, daß die
Betrügeein scheinbar nicht das geringste zu befürchten hatte.
Die alte Generatin zog sich so früh in ihr Zimmer zurück
und schloß die Tür zu dem kleinen Gebetsraum, in dem
Ljuba auf einer mit weichem Teppichstoff bezogenen Otto-
mane schlief, so fest hinter sich, daß es der letzteren keiner-
lei Mühe machte, aufzustehen und ihre besten Kleider an-
zulegen, die sie dank der Güte derselben Generatin in
den Schränken des Ankleidezimmers aufbewahrte. Anna
Lwowna schlief entweder so tief oder war so mit ihren Rech-
nungen beschäftigt, daß sie von diesen Vorbereitungen nie-
mals etwas hörte. Mehr noch: Sie war so gutgläubig, daß sie
die beiden auch nicht versehentlich am Gehen oder Kom-
men hinderte. Ljuba und Dodja benutzten die Dienstboten-
treppe, schlüpften durch einen Hinterausgang auf die Straße,
wo hinter der nächsten Ecke ein verwegener Mietkutscher
oder eine tollkühne Troika auf sie wartete - und schon

139
ging's auf und davon. Was weiter geschah, deckte die Nacht
mütterlich zu, und am Morgen kehrten die beiden auf dem-
selben Weg zurück. Er begab sich in sein Zimmer, sie schlich
in den Altarraum, wo sie, wenn sie wollte, vor den schwach
erleuchteten strengen Abbildern der Familienheiligen noch
ein paar Tränen vergießen konnte. Tat sie das aber, bereute
sie es, so tief gesunken zu sein? Ja, ein bißchen weinte sie
wohl, doch nur am Anfang; um so mehr aber weinte sie spä-
ter, am Ende ihrer glanzvollen Bahn in der Halbwelt. Die
Halbwelt! Viele Schriftsteller aus allen Kulturländern der
Erde, von denen keines ohne seine eigene Demimonde aus-
kommt, haben sich dieses wenig schicklichen und doch so
verlockenden Milieus angenommen, aber es gibt wohl nir-
gendwo eine umfassende, erschöpfende Darstellung, die uns
die Physiologie seines verhängnisvollen, sonderbar anziehen-
den Lebens erklären könnte. Bei uns in Rußland hat es über-
haupt noch niemand in einer lebendigen und klaren Beschrei-
bung, und sei es die kleinste, behandelt."

12

"In der Halbwelt gären und lodern die Leidenschaften oft


weit stärker als in jedem anderen Milieu. Unsere Schweize-
rin fand an dem neuen Leben Gefallen und spielte in ihrer
Umgebung bald eine beachtliche Rolle. Zu Anfang mußte
Dodja sie fast mit Gewalt in die ,Überseekreise' einführen -
sie fühlte sich dort unsicher und fremd, und sie fügte sich erst
nach Dodjas Versicherungen, daß ihre Begleitung für seine
wertvolle Karriere erforderlich sei. Sie liebte den jungen
Stutzer und sah ein, daß er für sein Renommee eine Frau
brauchte, mit der er brillieren konnte wie seine Kameraden
mit ihren Damen, und so nahm sie den Wettstreit in der
Halbwelt auf. Bald packte sie der Ehrgeiz: Sie sah, daß
Dodja seiner Sache nicht ganz sicher war und Zweifel hegte,
ob er sich mit ihr auch zeigen könne, ob sie nicht vielleicht
neben den anderen verblasse, das heißt, ob sie nicht weniger
gewandt war und weniger geistvoll und lebhaft zu parlieren

140
verstehe als irgendeine Irene, Jaqueline, Fadette oder Li-
s~tte. Es fehlte ihr keineswegs an Scharfsicht und Verstand,
solche kränkenden Zweifel zu bemerken; in ihr erwachte
der Stolz der eitlen Schönen, und sie machte es sich zur
Aufgabe, die Erste unter diesen Dämchen zu sein, zu denen
sie sich herabließ. Alles, was sie sich damals in ihrem ver-
letzten Stolz vornahm, führte sie großartig aus. Der gute
Dodja brauchte ihretwegen nicht zu erröten: Sie lebte sich
sofort in ihre Rolle ein und bewältigte sie mit solchem
Aplomb, daß selbst die betörendsten Salonlöwinnen fran-
zösischer Herkunft den vollen Erfolg der ,Madame Paulin'
anerkennen mußten; Es gab eine Zeit, da dieser Name in
gewissen Kreisen der goldenen Jugend von jedermann mit
Bewunderung genannt wurde. Über Madame Paulin sprach
man auf der Promenade, im Theaterparterre, an den Büfetts
der Restaurants und auf den Vortreppen, kurz, überall, wo
ein paar miteinander bekannte Amis cochons sich begegne-
ten. Sicher härte auch Pawlin des öfteren diesen Namen von
lüsternen Stutzern, doch was konnte er damit anfangen? Er
wußte ja nicht, was er bedeutete.
Inzwischen wuchsen Ljubas Erfolg und ihr zweifelhafter
Ruhm; sie hatte jetzt in der Halbwelt nicht nur einen sehr
angesehenen, sondern geradezu einen herrschenden Platz
inne: Einen Abend mit Madame Paulin zu verbringen galt
als höchst comme il ne faut pas, sie in der Troika neben sich
zu haben war ein Glück, und für ein Abendessen mit ihr en
deux hätte so mancher jeden Preis gezahlt. Doch Ljuba ließ
sich nicht kaufen: Sie liebte ihren Dodja und schmeichelte
damit dessen Eitelkeit so sehr, daß er vollends über-
schnappte. Er verlor jedes Maß und bildete sich ein, keine
Frau könne ihm widerstehen. Diesen Umstand nutzten Lju-
bas neidische und boshafte Nebenbuhterinnen in der Halb-
welt aus: Sie umgarnten den guten Dodja, verführten ihn
mit geheuchelten Zärtlichkeiten und brachten hinterher alles
ans Licht. Ljuba war zutiefst getroffen und rächte sich durch
vorgespiegelte Gleichgültigkeit. Unterdessen räumten die an-
deren Dämchen Dodjas Taschen aus, und zwar so gnaden-
los und geschickt, daß er, ehe er sich's versah, bis über, beide

141
Ohren in Schulden steckte. Hier begann nun die übliche Ge-
schichte, die allerdings nicht ganz alltäglich endete. In dem
Maße, wie Dodjas Mittel schwa.nden, behandelten Ljubas
Nebenbuhlerinnen den ungetreuen Liebhaber kühler; als sie
schließlich ihrer Rache Genüge getan hatten und nichts mehr
aus ihm herauszuholen war, überließen sie ihn der Erniedri-
gung und der Schande. Zu dieser Zeit ging auch Pawlin all-
mählich ein Licht auf. Ljuba, die ihre Liebe so geschickt zu
verbergen gewußt hatte, war entschieden zu schwach, auch
ihren Kummer unbemerkt zu ertragen. Zunächst einmal ver-
ließ sie die Gemächer ihrer Wohltäterin und richtete sich
bei ihrem Mann ein. Natürlich gedacli.te sie damit nicht etwa
einen ersten, unwiderruflichen Schritt zu einem ordentliche-
ren Leben zu tun, sie wollte nur ihrem treulosen Galan eine
Zeitlang nicht unter die Augen treten, um ihn fühlen zu las-
sen, daß er ihr gleichgültig sei und sie leicht ohne ihn aus-
kommen könne. Auf diese Weise, so hoffte sie, würden seine
früheren Gefühle für sie aufleben und sie sich wieder den
alten Vergnügungen und Genüssen hingeben können. Indes
spielte das Orchester durchaus nicht nach den Noten, die
Ljuba ihm in ihrer Unerfahrenheit und Naivität vorlegte.
Pawlin versuchte mit allen Mitteln herauszufinden, welches
geheime, doch schlimme Leid seine Frau quälte. Zunächst
war er auf den Gedanken gekommen, Anna Lwowna könnte
sie gekränkt haben, doch Ljuba versicherte ihm, die Gene-
raHn habe ihr nichts getan. Nun ging Pawlins Verdacht einen
anderen Weg, der ihn näher ans Ziel führte: Ihm fiel ein,
daß vielleicht Monsieur Woldemar seine Frau beleidigt
hatte, und sein Herz krampfte sich schmerzhaft in der Brust
zusammen. In dieser Gemütsverfassung sah er sich Dodja
plötzlich Auge in Auge gegenüber. Der junge Mann kam
blaß und verstört nach Hause, er hatte, wie man so sagt,
völlig das Gesicht verloren.
Pawlin grüßte ihn, nahm den hingeworfenen Mantel auf
und sah dem Davongehenden vorwurfsvoll nach. Kaum
hatte er sich abgewandt, um die Vorhalle weiter aufzuräu-
men, da verspürte er einen derben, unfreundlichen Schlag
auf die Schulter. Er drehte sich um und erblickte zwei :{lo-

142
lizisten und einen Platzmajor, die ihn in halb betretenem,
halb forschem Ton fragten, ob Anna Lwownas Stammhalter
zu Hause sei. Nachdem sie eine bestätigende Antwort erhal-
ten hatten, stiegen die unerwarteten Gäste zu dritt die
Treppe hinauf. An der Haustür erschienen noch zwei Solda-
ten, der Polizeihauptmann des Quartals und ein blasses, auf-
geregtes altes Männlein mit jüdischen Gesichtszügen. Pawlin
begriff, daß hier etwas nicht in Ordnung wat, und er wollte
Anna Lwowna davon in Kenntnis setzen, doch der Polizei-
offizier bemerkte es sofort und hielt ihn fest.
Pawlin wunderte sich einigermaßen, aber sein Erstaunen
wuchs noch mehr, als er härte, daß der Polizeioffizier jetzt
befahl, Ljuba zu verhaften und seine, Pawlins, Kammer zu
durchsuchen.
Er wollte etwas zur Verteidigung seiner Wohnung sagen,
doch kaum hatte er ein Wort hervorgebracht, da schlug ihm
der Polizeihauptmann auf den Dreispitz und schrie ihn an:
,He, ist dir dein Hut am Kopf festgewachsen, oder hast
du Angst, deine Hörner zu zeigen?'
,Hörner?' murmelte Pawlin entgeistert.
,Ja, Hörner', erwiderte der Offizier unumwunden. ,Oder
weißt du bunter Gockel noch nicht, daß du Hörner hast?
Bedank dich dafür bei deinem lieben Frauchen und küß ihr
die Hand, die so geschickt in fremde Kommoden greifen
kann!'
Weiter härte und begriff Pawlin nichts, ihm genügte auch
das, was jetzt in seinen Ohren klang- ,Hörner' und ,fremde
Kommoden'.
Was hat Ljuba getan? überlegte er. Was hat sie tun kön-
nen, daß man sie jetzt durchsucht und sogar verhaftet?
Ja, Ljuba wurde festgenommen, und zwar nicht allein,
sondern zusammen mit Dodja, nur mit dem Unterschied, daß
man Dodja in einem Wagen fortschaffte, während sie mit
dem Polizeioffizier und einem Soldaten zu Fuß ins Revier
gehen mußte."

143
13

"Als Pawlin zu sich kam, waren seine Frau und Dodja be-
reits fort. Er begab sich sogleich ins Polizeirevier, wo man
ihm erklärte, weshalb seine Frau in Gewahrsam genommen
worden war. Völlig aufgelöst erschien er am späten Abend
bei mir mit der Bitte, ihn in meiner Wohnung übernachten zu
lassen, da er sich fürchte, in Anna Lwownas Haus zu nächti-
gen. Nachdem er die ganze Sache durchschaut habe, könne
er womöglich in seinem Zorn etwas tun, was nicht sein
dürfe. Ich schlug es ihm natii_rlich nicht ab, und so begann
für mich eine der seltsamsten Nächte meines Lebens, in der
ich mehrere Stunden lang in einer fremden Seele lebte und
bald die lodernde Glut ihrer Liebe und Leiden, bald die
tödliche, eisige Kälte ihrer schrecklichen Verzweiflung gleich-
sam am eigenen Leib verspürte. Pawlin befand sich in einem
Zustand höchster Erregung, doch einer Erregung eigener, un-
gewöhnlicher Art. Ich möchte zur gerraueren Definition von
Pawlins Seelenverfassung einen biblischen Ausdruck benut-
zen und sagen, daß er seiner selbst entrückt und zu einer
eigenartigen inneren Schau gelangt war, die ihm den Blick
in Verborgenes öffnete. Erinnern Sie sich des kleinen Bildes
vom Jüngsten Gericht, das unweit des Rubenssaales in der
Eremitage hängt? Es stammt von einem mittelalterlichen
Meister und ist außerordentlich sorgfältig und fein ausge-
führt. Dort findet sich eine allegorische Figur, in der Mitte
des Bildes, so daß sie gleichzeitig Gott in seiner himmlischen
Glorie und die tiefste Hölle mit ihrem finsteren Herrn und
den widerwärtigen Ungeheuern sieht, welche die Sünder pei-
nigen. J edesmal, wenn ich vor diesem Bild stehe und die
erwähnte Figur betrachte, werde ich unwillkürlich an Pawlin
erinnert: Er befand sich wohl in einer ähnlichen Lage wie
die allegorische Gestalt. Er litt Höllenqualen, doch er er-
trug sie sozusagen feierlich und in Ehrfurcht, er verzweifelte
nicht, er weinte nicht, noch raufte er sich die Haare, aber er
verbarg seinen Kummer auch nicht hinter einem harten, stol-
zen Schweigen, was viele für Charakterstärke halten. Im
Gegenteil, er stellte alle möglichen Betrachtungen darüber

144
an, wie er in diese Lage geraten war und was er tun müsse,
um nicht noch tiefer einzusinken und andre mit sich zu zie-
hen, das heißt, er nahm das, was über ihn hereingebrochen
war, als einen wohlverdienten Streich mit der Zuchtrute hin
und gab zu meiner größten Überraschung sich selbst die
Schuld. Als er in mein Empfangszimmer trat, setzte er sich
sogleich, ohne daß ich ihn dazu aufgefordert hatte, und ver-
harrte .so schweigend mehrere Minuten, während er einen
Gegenstand nach dem anderen betrachtete und seine auf den
Knien liegenden Hände aneinander rieb. Dann sah er mich
plötzlich mit schwerem, müdem Blick an und fragte: ,Wis-
sen Sie es schon, Herr?'
Ich erriet, daß er den dramatischen Vorfall mit seiner
Frau meinte, und antwortete bejahend, damit er nicht die
Ereignisse noch einmal schildern mußte.
Er wiegte nachdenklich den Kopf und brachte leise her-
vor: ,Es ist schrecklich!' Dann schien er sich zu fassen, und
er fuhr lebhafter fort: ,Verzeihen Sie, daß ich ... daß ich
mich so einfach gesetzt habe.'
,Ich bitte Sie, Pawlin Petrowitsch !'
,Die Knie zittern mir, Herr. Ich war die ganze Zeit auf
den Beinen, viele Stunden. Ich fand keine Ruhe, bevor ich sie
nicht gesehen hatte. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen.'
,Haben Sie mit ihr gesprochen?'
Er antwortete nicht, nickte aber bestätigend. Eine Minute
später flüsterte er geheimnisvoll:
,Sie ist eine edle Seele, Herr! Ihr Herz hat sie mir aus-
geschüttet, an meiner Brust hat sie geweint und mich um
Vergebung gebeten.'
,Und haben Sie ihr verziehen?'
,Wie denn, Herr? War es denn an mir, zu verzeihen? Sie
hat mir mit ihrem Geständnis einen tiefen Blick in mich
selbst eröffnet, und da bin ich erschrocken, Herr. Ihre Schuld
ist eine leichtbeschwingte Lerche, die jubilierend in die
Lüfte steigt; meine Sünde aber ist eine fette Krähe, die unten
am Boden krächzt und nicht mehr aufzufliegen vermag. Ich
war eben bei meinem Beichtvater, er tröstete mich und
sagte: »Du hast Gottes Gesetz befolgt, sie aber ist eine un-

10 Pilger 145
getreue Frau.« Erlauben Sie! Das sind doch Feigenblätter,
mit denen ich meine Blöße nicht bedecken kann. Gott weiß,
was in mir vorging, als ich ihre Jugend an meine Jahre fes-
selte. Ich habe ihr Gewalt angetan, und nun muß ich sehen:
Ich bin der Berg, der niederstürzte und zerschmettert wurde.
Ich bin nicht mehr derselbe wie gestern und vorgestern.
Heute, am Tage des Jammers, hat mir der Herr seine Gnade
erwiesen: Ich habe erkannt, daß ich Staub bin, aus Erde er-
schaffen, anfällig für sämtliche Arten niedriger Gelüste und
Laster: Ausschweifung, Stolz, Unreinheit, Wollust, Eifer-
sucht und . . . und sogar Mordgier. ,- 0 Gott!' Er sprang
auf, lief im Zimmer auf und ab und fuhr fort: ,Verzeihen
Sie mir! Ich . . . ich bin zwar niemandes Verzeihung wert,
aber um Christi willen, in Chri~ Namen verzeihen Sie mir!
Ich rede in einem fort und . . . Ich kann nicht schweigen ! Es
drängt aus mir heraus wie gärender Wein, das schlechte Ge-
wissen bewegt die Zunge! Bitte hören Sie mich an! Es
könnte mir etwas zustoßen, und niemand weiß dann, daß
ich sie vernichtet habe, daß sie . . . Sie vermochte nur ihre
Liebe nicht zu unterdrücken. Darf ich ihr, dem zerbrechlichen
irdenen Gefäß, das als Schuld anrechnen, ich, der ich mich
selbst vor ihr dieser Sünde bezichtigen muß? Recht hat Gott,
wenn er mich bestraft! Ich will ihren V erführet segnen und
alles tun, um die beiden glücklich zu machen.'
,Was haben Sie vor?'
,Ich ... ich werde ihnen nicht im Wege sein.'
,Wie meinen Sie das? Wollen Sie sterben?'
Er sah mich an, und über sein Gesicht glitt plötzlich ein
überaus seltsames Lächeln, das seinen stolzen Zügen einen
so guten und erhabenen Ausdruck verlieh, wie ich ihn noch
nie an ihm beobachtet hatte.
,Ich werde sterben und dennoch leben, um Buße zu tun.
Meine Frau ist aus der Haft entlassen worden. Sie trägt
keine Schuld. Er allein hat bei einer ... Dame Wertsachen
gestohlen und dann den Verdacht auf Ljuba gelenkt. Ja,
Herr, so war es, aber sie liebt ihn, und ... sie verzehrt sich
nach ihm. Sie ist jetzt zu Hause. Erlauben Sie mir, hier bei
Ihnen ein wenig zu schlafen.'

146
Der gärende Wein hat einen Ausgang gefunden, er hat
sich von der Seele geredet, was ihn bedrängte! dachte ich.
Pawlin war nun ganz ruhig; er legte sich, nachdem ich ihn
allein gelassen hatte, auf das Sofa und schlief sofort ein. Am
nächsten Morgen wusch er sich in der Küche und verließ
das Haus, noch bevor ich mich erhoben hatte. Mein Diener,
der ihm aus Neugier folgte, sah, wie er in einer Kirche ver-
schwand."

14

"Die Zeiten waren damals in mancherlei Hinsicht andere als


heutzutage. Heute wird man beim Militär für das geringste
V ergehen sofort vor Gericht gestellt, damals aber wurden
dergleichen Dinge anders gehandhabt: Die einzelnen Regi-
menter achteten streng auf den guten Ruf ihrer Farben und
ergriffen besondere Maßnahmen, um die Ehre der Uniform
zu wahren. Vor den Richter kamen nur einfache Soldaten,
und auch sie nur dann, wenn es nicht zu umgehen war. Hö-
here Ränge mehr oder weniger vornehmer Herkunft jedoch
expedierte man, wenn sie in unsaubere Geschichten wie Be-
trügereien oder Diebstahl verwickelt waren, meist an einen
fernen Ort, wo sie für immer oder doch für lange Zeit der
öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen waren. Das erforderte
die Ehre der Uniform, die ja auf diese Weise auch unange-
tastet blieb. Heute denkt man darüber wohl anders. Ich höre
oft Militärpersonen über diese Ehre der Uniform spotten;
sie sagen, die Uniform könne allenfalls dem Schneider, der
sie genäht hat, Ehre oder Unehre machen. Eine solche Ein-
stellung ist natürlich durchaus real und vielleicht auch be-
gründet, doch ich will darüber nicht urteilen. In der Zeit
jedenfalls, von der ich spreche, war man bestrebt, jeman-
dem, der seinen Waffenrock befleckt hatte, die Uniform
schleunigst abzunehmen und ihn der Welt aus den Augen
zu schaffen.
Etwas Derartiges· stand auch Dodja bevor. Als ich, da-
mals noch recht impulsiv, am Morgen meine bekümmerte

147
Tante Anna Lwowna aufsuchte, saß sie in angemessener
Pose in einem weichen Sessel, spielte die unschuldig Lei-
dende," weinte ein bißeben und wischte sich mit einem Tuch
die Augen. Sie war gesprächig und ließ sich wortreich über
eine schlechte Gesellschaft aus, die ihren unvorsichtigen
Dodja auf Abwege gebracht und einen angeblich falschen
V erdacht auf ihn gelenkt habe, wobei vor allem eine nieder-
trächtige Frau beteiligt gewesen sei, ein junges, doch verdor-
benes Wesen, das sich trotz des Wohlwollens, das sie, Anna
Lwowna, ihr entgegenbrachte, mit allen in höchst unstatt-
hafte Beziehungen eingelassen habe ..
Hier führte Anna Lwowna zur Bekräftigung ihrer Ver-
leumdungen solchen Unsinn an, und sie zeichnete von Lju-
bas angeblichen Beziehungen ,mit allen' so phantasti-
sche Bilder, daß auch jeder andere an meiner Stelle ihre
Argumente als Unsinn und Verleumdung durchschaut
hätte.
Bei alledem war Anna Lwowna Gott und einer, wie sie
sich ausdrückte, ,geistlichen Person' dafür dankbar, daß man
Dodja, der durch Ljubas schlaue Intrigen keine Mittel mehr
besaß, sich zu rechtfertigen, wenigstens nicht wie niedere
Dienstränge vor ein Gericht stellte, wo er wie all die ande-
ren kleinen Verbrecher behandelt worden wäre, sondern ihn
schonte und nur in das nicht weit hinter dem Ural gelegene
Städtchen N. verbannte.
Sie versicherte mir, er werde es dort sehr gut haben, da
er Empfehlungsbriefe besitze und sie ihrerseits die Absicht
habe, ihm ein Kreuz mit Reliquien mitzugeben und viele
Bücher zu schicken; später werde man ihm dann bestimmt
vergeben, so daß das Ganze schließlich nur eine nützliche
Lektion für sein künftiges Leben sei.
Der Vollzug solcher Strafen folgte damals unmittelbar
nach ihrer Festsetzung, und Anna Lwowna, die am Morgen
davon gesprochen hatte, daß Dodja abreisen werde, kehrte
schon am Abend desselben Tages mit verweinten Augen
vom Schlagbaum zurück, hinter dem eine schnelle Troika
ihren Dodja entführte. Zwei Gendarmen begleiteten ihn,
und die trugen die Order in der Tasche, den guten Jungen
viel weiter wegzufahren, als Anna Lwowna mir am Morgen
erzählt hatte.
Den ganzen Tag über - als ich Anna Lwowna aufsuchte
und als ich wieder wegging - sah ich weder Ljuba noch
Pawlin, dessen Dienst in diesen wirren Stunden niemand
versah, so daß ich mich auch nicht nach ihm erkundigen
konnte. Auch am folgenden Tag erhielt ich keinerlei Nach-
richten, und so ging ich gegen Abend geradenwegs hin, um
nach ihm zu fragen. Ich erfuhr das folgende: Pawlins Zim-
mer stand schon seit dem Vortage leer; seine Habseligkeiten
lagen wild durcheinander wie nach dem Besuch eines Die-
bes. Weder Pawlin noch seine Frau waren irgendwo zu fin-
den, und niemand konnte über sie auch nur die geringsten
Angaben machen.
In dem allgemeinen Trubel des Vortages hatte niemand
gesehen, ob Ljuba aus dem Arrest entlassen worden und
Pawlin in der Nacht nach Hause gekommen war. Nur ich
konnte berichten, daß er zu mir gesagt hatte, seine Frau sei
zu Hause, er gedenke die Sünde von ihr zu nehmen und
selbst Buße zu tun. Was aber besagten diese Worte? Man
legte sie jetzt ganz verschieden aus, und manche Deutungen
schienen zeitweilig nicht ganz unwahrscheinlich. ,Sie ist jetzt
zu Hause' -das, so meinte man, konnte auch bedeuten, er habe
sie umgebracht und auf diese Weise in ihr ewiges Zuhause
geführt, und ,Buße tun' hieß vielleicht, er wollte sich danach
in die Einöde zurückziehen, höchstwahrscheinlich auf den
Athos oder nach Walaam, wo man sich ja wohl die Pässe
nicht so genau ansieht und auch nicht danach fragt, ob einer
verheiratet ist oder nicht, sondern jeden guten Menschen auf-
nimmt, damit er dort im Gebet sein Ende erwarte und Buße
tue, selbst wenn er seine Frau erschlagen hat, denn dort
ficht einen keine Versuchung an, das Leben besteht nur aus
Arbeit, frommen Liedern und Fasten bis zum Tode, es ist
nur ein unausgesetztes einträchtiges Warten auf das Ende.
Sie werden zugeben, diese Deutung hatte viel für sich, und
so hielt sie schließlich jedermann für die richtige. Dazu kam,
daß etwa zwei Wochen danach oder noch etwas später in
der Nähe von Jekaterinenhof oder Tschekuschi der bereits

149
in Fäulnis übergehende Körper einer jungen Frau an Land
gespült wurde, deren Gesicht nicht mehr zu erkennen war,
die aber feine Wäsche und ein schwarzes Seidenkleid trug,
gerade so eins wie jenes, in dem man die Schweizerin Ljuba
zum letztenmal gesehen hatte. Zwar ähneln die meisten
schwarzen Seidenkleider einander, aber was macht das schon
aus. Es meldete sich weder ein Verwandter noch ein Bekann-
ter der jungen Ertrunkenen, und deshalb waren Anna
Lwownas Hausleute wie auch die GeneraHn selbst fest über-
zeugt, es könne sich um niemand anderes handeln als um
die unglückliche Ljuba, die Frau des wilden, rachedürsten-
den Raoul, des spurlos verschwundenen Schweizers Pawlin
Pewunow.
Dieser Umstand hatte seine Konsequenzen: Die Ertrun-
kene wurde ordentlich begraben, und Anna Lwowna war
so gütig, zehn Rubel für einen Sarg und für eine Totenmesse
für Ljuba zu opfern. So wurde denn dank Anna Lwownas
christlicher Anteilnahme für die Seele der so früh heimge-
gangenen Ljuba gebetet; die Polizei aber fahndete um ihres
eigenen Seelenheils willen nach dem Mörder. Doch von nir-
gendwoher war Kunde über Pawlins Aufenthaltsort zu er-
langen. Schließlich hieß es s~gar, ein verkleideter Polizist
sei nach W alaam gefahren, habe aber auch dort den Ent-
flohenen nicht entdeckt und ihn also nicht von der heiligen
Insel weg ins Gefängnis stecken können. Man wußte nun
nicht, wo man ihn noch suchen sollte, und die Nachforschun-
gen wurden eingestellt. Die Zeit verging, und Pawlin geriet
in Vergessenheit. Man vergaß ihn so gründlich, daß man
sich seiner heute gar nicht mehr erinnert. Einmal allerdings
wurde sein Name noch genannt, an dem Tage nämlich, als
die noch nicht gestohlenen Reste der Habe des ,verscholle-
nen Pewunow' versteigert wurden.
Was aber war wirklich aus Pawlin und Ljuba geworden?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir noch einmal
zu der Zeit zurückkehren, in der wir die beiden aus den
Augen verloren haben.
Von meiner Wohnung aus war Pawlin unbemerkt zu sei-
ner Frau gegangen. Ljuba erschauderte, als sie ihren Mann
erblickte. Sie hatte ihn niemals zuvor so gütig gesehen, und
gerade deshalb schien er ihr schrecklich.
Er zog sich rasch um und half auch seiner Frau in die
Kleider. Dann raffte er alles zusammen, was er für nötig
befand, und führte Ljuba aus Anna Lwownas Haus. Ljuba
ließ alles willig geschehen, sie begriff nur, daß sie in einem
Wagen davonfuhr. Auf der ersten Poststation erwarteten sie
den verbannten Dodja. Ljuba zeigte sich nicht, Pawlin aber
trat meinem liebenswerten Cousin auf der Vortreppe ent-
gegen, jedoch nicht im Zorn des betrogenen Ehemanns, son-
dern als sanftmütiger, friedfertiger Christ. Er sprach:
,Seien Sie gnadig und großmütig, sagen Sie mir: Haben
Sie meine Frau geliebt?'
,Ja; doch was soll das?' erwiderte Dodja, der sich damals
seinen Herrendünkel noch nicht abgewöhnt hatte.
,Ich werde es Ihnen gleich sagen', entgegnete der demü-
tige Pawlin. ,Aber beantworten Sie mir doch gütigst vorher
noch eine Frage: Lieben Sie sie auch jetzt noch?'
,Ja, ich liebe sie, aber was soll das alles heißen?'
,Nur das, Herr, nur das. Sie liebt Sie ebenfalls, unend-
lich, sie ... sie hat es mir selbst gestanden.'
,Hast du sie danach gefr,agt?' '
,Ja, Herr. Ich habe sie danach gefragt, und sie hat mir
ohne Umschweife alles bekannt und dabei geweint ... Was
soll ich nun tun : Ich trage vor Gott die Schuld an ihrer
Sünde!'
Dodja traute seinen Ohren nicht, er begriff nicht, was das
alles bedeuten sollte. Pawlin aber ging unterdessen in ein
nahe gelegenes Zimmer, führte von dort seine verstörte Frau
an der Hand heraus und sagte:
,Hier ist sie, Herr; sie ist meine Frau nicht mehr. Jesus
Christus hat dem Mann erlaubt, seine Frau bei einer Sünde
wider das siebte Gebot zu verlassen. Sie hat mir diese Sünde
eingestanden, zudem sehen Sie selbst, daß sie gesegneten
Leibes ist, doch dieses Kindchens Vater bin nicht ich.'
,Na und?' rief Dodja, der nicht begriff, worauf das alles
hinauslief.
,Aus all diesen Gründen gebe ich sie nach Gottes Gesetz
frei. Und da sie Ihnen in so treuer Liebe ergeben ist, neh-
men Sie sie hin und heiraten Sje sie.'
,Du bist verrückt!' erklärte Dodja, nach Fassung ringend.
,Wie kann ich sie denn heiraten?'
,Warum den~ nicht? Empfinden Sie das als erniedrigend?
Dazu haben Sie keinen Grund, Herr. Ich würde es ihr nicht
einmal raten, Sie zum Mann zu nehmen, weil ich weiß, was
für ein Mensch Sie sind; glücklich wird sie mit Ihnen nicht
werden, aber das weiß sie selbst, und sie liebt Sie trotzdem -
es ist also nicht zu ändern. Besser wäre, sie ginge in ein
Kloster, aber es zieht sie noch imrv.er in den Abgrund; so
mag sie denn wenigstens ihren Weg ohne Sünde und
Schande gehen, und deshalb müssen Sie sie heiraten.'
,Aber so hör doch mal, Pawlin', stammelte Dodja, nach
Ausflüchten suchend, ,das meine ich doch gar nicht ... es
ist bloß ... Du bist doch noch am Leben!'
,Ja, Herr, ich bin am Leben, ich lebe noch, und nur Gott
weiß, wie lange ich mich noch plagen muß, aber ich werde
selbst ihretwegen nicht Hand an mich legen. Gestern dachte
ich noch daran, doch ... '
Bei diesen Worten schrie Ljuba auf und stürzte, die
Hände vor das Gesicht gepreßt, in eine dunkle Ecke.
,Sehen Sie', sagte Pawlin mit einem schmerzlichen Lächeln,
,sie liebt mich nicht, und trotzdem tue ich ihr leid; Sie abe~
haben offenbar kein Mitleid mit ihr, und doch ist sie Ihnen
so sehr zugetan. Empfände sie für mich nur den hundertsten
Teil der Liebe, die sie für Sie hegt, ich würde selbst die
Verbannung mit ihr als ein Paradies ansehen. - Aber was
sollen wir lange reden! Es ändert nichts; Sie werden die
Güte haben, jetzt Ihr Wort zu geben, dann fahren Sie weiter
und heiraten sie unterwegs. Ich werde darüber wachen, und
wenn Sie nicht tun, was ich sage, dann .. .' Er beugte sich
zu Dodjas Ohr und fuhr fort: ,Zwingen Sie mich nicht zu
einer Sünde; ich rede jetzt in Demut mit Ihnen, als Christ,
doch wenn Sie sich weigern, bringe ich Sie um; glauben Sie
mir, Herr, ich töte Sie auf der Stelle, wo Sie auch sein mögen,
ich werde Sie finden und töten, ihretwegen, dieser schutz-
losen Frau wegen, überall, selbst in Gottes Tempel.'
Pawlin mußte das wohl sehr nachdrücklich gesagt haben,
oder mein Vetter war ein rechter Hasenfuß, jedenfalls ver-
ging ihm jegliche Lust, sich weiter gegen eine Ehe mit Ljuba
zu sträuben, und er erklärte sein volles Einverständnis.
Allerdings ist es auch möglich, daß er es mit der festen Ab-
sicht tat, sein Versprechen nie einzulösen, zumal er anneh-
men konnte, daß es ihm gelingen werde, sich vor Pawlin zu
verbergen. Auf Grund dieser Überlegungen verwies er den
alten Mann zunächst nur auf den Umstand, daß eine unver-
zügliche Eheschließung nicht möglich sei, da man die Frau
eines noch lebenden Mannes keinem anderen vermählen
werde, doch Pawlin erwiderte:
,Nun, darüber machen Sie sich keine Gedanken, das ist
meine Sache. Ich werde zu gegebener Zeit sterben, und man
wird Sie mit ihr trauen.'
,Du wirst sterben?'
,Ja, das werde ich.'
Sterben wird er, und dabei will er mich umbringen! dachte
Dodja. Armer Alter! Wie diese simplen Leute doch bis-
weilen lieben! Er tut mir geradezu leid; er hat den Ver-
stand verloren."

15

"Damit trennten sie sich - und Dodja glaubte natürlich fest,


daß er Pawlins Frau, die ihm nachgerade lästig wurde, nun
für immer los war. Er hatte sie zwar zu anderer Zeit gern als
seine Geliebte ausgegeben, doch wollte er sie keinesfalls zur
Frau haben.
Seine Reise verlief recht behaglich. Da er ja kein abge-
urteilter Verbrecher war, konnte sein Vergehen, über dessen
wahre Natur nicht gesprochen wurde, als Kavaliersdelikt
gelten, und so erfreute er sich allerorten einer wohlwollen-
den Nachsicht von seiten der Behörden. Angesichts dieses
Verhaltens der Obrigkeit ließen ihm auch die ihn begleiten-
den Gendarmen weitgehend freie Hand. Er hatte es nicht
eilig und hielt sich nicht an die vorgeschriebene Reiseroute,
sondern verweilte in den Städten am Wege, empfing Be-
suche und machte auch seinerseits den Personen, deren Auf-
merksamkeit er durch die Gönner Anna Lwownas in Peters-
burg empfohlen war, seine Aufwartung, ja er ließ sich, Er-
schöpfung und Krankheit vorschützend, an manchen Orten
sogar für längere Zeit nieder. Da er einen gewissen prak-
tischen Verstand besaß, lernte er es, aus seiner Zwangslage
einen Gewinn zu ziehen, indem er den wahren Grund sei-
ner Verbannung aus der Hauptstadt verschwieg und durch-
blicken ließ, daß er ein Opfer des Despotismus sei, der ihn
seiner Freiheitsliebe wegen verfolge. Dieses wirksame Mit-
tel hat gewitzten Leuten in Rußland seit eh und je Vorteile
gebracht, und Dodja genoß unter der Gloriole des Märtyrers
für ein freiheitliches Denken die Protektion der Männer wie
die Gunst der Damen. Kurzum, alles lief für unseren Ver-
bannten aufs beste.
Er hatte auf diese Weise die Hälfte seines Weges zurück-
gelegt, als ihm plötzlich hoch oben auf dem Kamm des
Urals, gleichsam aus dem ewigen Schnee und den ewigen
Nebeln, Pawlin Auge in Auge gegenübertrat. Es war ein ge-
spenstischer Pawlin: schrecklich und unabwendbar, leibhaftig
und unsichtbar zugleich, handelnd und doch nicht existent.
Wissen Sie, wenn man in einer Erzählung oder in einem
Roman eine ungewöhnliche Begebenheit findet, dann denkt
man unwillkürlich: Na, na, verehrter Herr Verfasser, haben
Sie da Ihrer Phantasie nicht ein bißeben zu sehr die Zügel
schießen lassen? Doch im Leben, besonders bei uns in Ruß-
land, geschehen bisweilen Dinge, weitaus wunderlicher, als
man sie sich auszudenken vermag, nur bleiben solche sonder-
baren Vorkampmisse oft völlig unbemerkt. Hier muß ich an
den bekannten Roman ,Was tun?' denken. Als man ihn bei
uns mit solch großer Befriedigung und zweifellos noch grö-
ßerem Nutzen las, sprach man zu meinem Erstaunen nicht
darüber, ob ein Leben zu dritt möglich und derlei Alumi-
niumpaläste von Dauer seien, sondern nur. darüber, ob es
solche aufgeklärten, in höchstem Maße humanen Menschen
wie den Romanhelden überhaupt gebe, die ihre Frau einem
anderen überlassen und dann auch noch zu den beiden hin-
gehen, um mit ihnen Tee zu trinken. Geschieht so etwas im
Leben, wo wir es doch mit Menschen und nicht mit Ieiden-
schafts- und charakterlosen Puppen zu tun haben? 0 ja,
mein Pawlin zum Beispiel vollbrachte etwas weitaus Bemer-
kenswerteres, zumal er ein einfacher Mensch war und seine
Frau auf ursprünglichere Weise liebte als der Held des er-
wähnten, in die Literaturgeschichte eingegangenen Romans.
Dodja war in einer kleinen Stadt angekommen, deren
Namen ich Ihnen nicht nenne werde, er tut auch nichts zur
Sache. Hier hoffte mein lieber Cousin Personen zu finden,
die ihn auf Grund der an sie gerichteten Empfehlungsschrei-
ben freundlich aufnehmen würden. In der Absicht, ein wenig
zu verschnaufen und es sich wohl sein zu lassen, schützte er
Krankheit vor und ließ sich in dem einzigen, neben der
Poststation gelegenen Hotel nieder. Während einer seiner
beiden Gendarmen mit der Botschaft an die entsprechende
Adresse unterwegs war, liebäugelte er bereits wie Chlesta-
kow mit einem weiblichen Wesen im gegenüberliegenden
Haus. Es gelang ihm allerdings nicht, das Gesicht der Schö-
nen eingehender zu betrachten, denn kaum war sie an das
Fenster ihres Zimmers getreten, da stand plötzlich draußen
vor dem Fenster ein großer, verwilderter alter Mann mit
gewaltigem Bart und wischte mit dem Arme! seines nach
Dodjas Ansicht unechten Hirschpelzes über die Scheiben.
Der Teufel mochte wissen, wo der Alte auf einmal herkam.
Zwar hatt;e Dodja ihn schon vorher auf einem neben jenem
Fenster zusammengefegten Schneehaufen hocken sehen, aber
er hatte ihn auf den ersten Blick eher für einen alten Ziegen-
bock gehalten als für einen Menschen - und nun sprang die-
ses Ungetüm plötzlich auf und fuhr mit seinen Pfoten über
die Scheiben, gerade als wolle es den braven Jungen daran
hindern, sich an der hübschen Nachbarin zu ergötzen. Das
gelang dem Alten auch. Dodja sah sein anziehendes Gegen-
über nicht mehr, doch das bedeutete wenig: Er hatte bereits
eine instinktive Zuneigung für die unbekannte Schöne ge-
faßt, und von seiner Seite stand einen;t kleinen Techtelmech-
tel mit ihr nichts im Wege, zumal die Nachbarin, soweit er
beobachten konnte, sich ebenfalls für ihn interessierte. Für
diese Annahme hatte er einen gewissen Grund, denn die
Unbekannte war, als sie ihn entdeckt hatte, offensichtlich
nicht ohne Vorbedacht mehrmals am Fenster aufgetaucht.
Nur schade, daß sie sich immer nur sehr kurz zeigte und er
sie nie richtig betrachten konnte. Doch das reizte natürlich
seine Neugier nur noch mehr, und er setzte sich ans Fenster,
fest entschlossen, diesen Platz nicht zu verlassen, bevor er
sie genau gesehen hatte. Das Ganze geschah gegen Abend;
ein Gendarm war mit, dem Empfehlungsbrief unterwegs,
der andere, welcher ordnungshalber zurückgeblieben war,
um Dodja zu bewachen, hatte es sich .nach der langen Fahrt
mit dem harten Schlitten im Vorzimmer auf einem Koffer
bequem gemacht und schnarchte ohrenbetäubend. Dodja saß
am Fenster und wartete, ob sich sein verführerisches Visavis
nicht noch einmal zeigen werde. Das Schicksal war ihm gnä-
dig: Drüben blitzte ein schwacher Lichtschein auf, jemand
stellte eine brennende Kerze auf den Tisch, und zwischen
ihr und dem Fenster erschien die Silhouette einer weiblichen
Gestalt. Die Pose war zwar sehr effektvoll, doch wiederum
recht ungünstig. Welche Frau, die sich zeigen will, stellt oder
setzt sich zwischen ein dunkles Fenster und eine Kerze, die
sie von hinten beleuchtet? Es mußte sich bei der Unbekann-
ten entweder um eine völlige Unschuld oder aber um eine
sehr erfahrene Kokotte handeln, die ihre tückischen Metho-
den an einem unerfahrenen Mann exerzieren wollte. Doch
Dodja war ja schließlich kein ProvinztrotteL Er hatte in
bezug auf Frauen die gute Petersburger Schule durchlaufen
und hielt sich für einen ausgekochten Don Juan. Er beschloß,
in seinem Zimmer kein Licht anzuzünden, damit die schöne
Nachbarin nicht sah, ob er nach ihr Ausschau hielt oder
nicht. War sie keine Kokotte, sondern eine willfährige ro-
mantische Einfalt vom Lande, dann würde sie ihm unbedingt
auf den Leim gehen. Sie würde sich ärgern, alle Vorsicht
vergessen und nach der Kerze greifen - und dann würde er
sie sehen; trieb sie hingegen ein hinterlistiges, schlaues Spiel
wie ... .wie zum Beispiel diese Ljuba in Petersburg, von der
ihn jetzt, gottlob, so viele Meilen trennten, nun, dann war
es um so besser: Sie wurde auf diese Weise für ihre Raffi-
nesse gehörig bestraft und konnte dort drüben sitzen bis
zum anderen Morgen oder bis ihr grauer Ziegenbock die
Fensterläden schloß. Wo mochte der überhaupt stecken? Er
war nirgends zu sehen. Aber wenn man vom Teufel spricht,
ist er· nicht weit. Der im Dunkeln sitzende Dodja hatte
kaum an den sonderbaren Kerl gedacht, da hörte er die Tür
seines Hotelzimmers knarren, und als er sich umdrehte, er-
blickte er statt des erwarteten Gendarmen; den er mit dem
Empfehlungsbrief weggeschickt hatte, ebenjenen bärtigen
Alten. Der geheimnisvolle Eindringling kam auf weichen
Filzstiefeln näher, trat lautlos an Dodjas Sessel heran und
blieb so dicht hinter diesem stehen, daß sich die beiden Ge-
sichter fast berührten. Dodja war, wie alle Frechlinge, ein
rechter Hasenfuß; die plötzliche Begegnung jagte ihm einen
gewaltigen Schreck ein, und er rief mit versagender Stimme:
,Was wollen Sie hier? He, Gendarm!'
Doch der Gendarm schlief fest und hörte ihn nicht.
,Beunruhigen Sie sich nicht, Herr', antwortete der geheim-
nisvolle Besucher mit einer Stimme, die ganz gewöhnlich
klang und dennoch den feigen Dodja ersthaudern ließ. ,Be-
unruhigen Sie sich nicht, ich möchte nur eine Kleinigkeit mit
Ihnen besprechen. Es geht nicht um mich .. .'
,Pawlin! Bist du es?'
,Pstl Ich bitte Sie ... Wer ist Pawlin? Der bin ich nicht;
Sie irren, ich bin nicht Pawlin; ich kenne keinen Pawlin, ich
bin ein ganz anderer, ich bin der Kleinbürger Spiridon An-
drossow, ein einfacher Kleinbürger ... Ja, Herr, ich habe
meinen Paß ... einen guten Paß, einen amtlichen, mit einem
Stempel, und alles steht genau drin: Spiridon Androssow,
Handwerker, ich reise in meinem Handwerk und lasse mei-
nen Paß oft polizeilich prüfen; wo ich hinkomme, da melde
ich mich sofort an, vorsichtshalber ... auch hier bin ich gleich
zur Polizei gegangen, vor einer Woche erst.'
,Aber du bist es doch - du bist Pawlin! Ich erkenne dich!'
,Aber nein, ich bin Spiridon Androssow.'
,Was wollen Sie von mir?'
,Ich will gar nichts; ich bringe Ihnen ein Briefchen, hier,
nehmen Sie bitte!'

IS7
,Von wem?'
,Von einer hiesigen Witwe ... ja, einer jungen Witwe.
Lesen Sie gütigst, Sie werden selbst sehen, worum es geht.'
Einen Augenblick zuvor war mein Vetter noch überzeugt
gewesen, daß niemand anderes vor ihm stand als Pawlin,
wenn auch in recht verwilderter Gestalt, doch als er die
verführerischen Worte von der Witwe und ihrer Botschaft
hörte, verlor er sein klares Urteilsvermögen und zündete
eiligst die Kerze an, um das Briefehen sogleich zu lesen.
Aber plötzlich ließ er es wieder sinken: Nun bestand nicht
mehr der geringste Zweifel - er hatt~ Pawlin Pewunow vor
sich. Zwar verschwanden Gesicht und Kopf des ehemaligen
Schweizers fast unter dem üppig wuchernden Haar, zwar
wirkte er in seiner Kleidung nahezu wie ein Asiat, aber den-
noch hätte jeder, der ihn kannte, sofort gesagt, daß es
Pawlin sei, Pawlin in höchsteigener Person. Und an seinen
Augen war deutlich abzulesen, daß er sich erkannt sah, ja
er schien zu wissen, daß man ihn immer erkennen würde.
Meinen Vetter machte diese Entdeckung so kopflos, daß er
laut schrie: ,Pawlin! Was willst du von mir, Verfluchter?'
Hier packte ihn jedoch der Eindringling mit einem so
festen Griff, daß der junge Stutzer auf einen Stuhl sank und
nur noch leise protestierte. In seiner Hilflosigkeit griff er
wieder nach dem Papier, das ihm zuvor aus der Hand ge-
fallen war. Es war ein Auszug aus einem Kirchenbuch, der
besagte, daß vor etwa eineinhalb Monaten in der und der
·Stadt der aus Zarskoje Selo stammende Kleinbürger Pawlin
Petrow Pewunow eines plötzlichen Todes gestorben und be-
graben sei, worüber seiner Witwe, Ljubow Andrejewna Pe-
wunowa, das vorliegende Dokument mit Unterschrift und
Stempel ausgestellt werde.
Das war also die Witwe - niemand anderes als die in
Dodja verliebte Ljuba! Die Sache war geschickt eingefädelt,
und das Resultat war, daß der gute Dodja, noch bevor er
seinen Bestimmungsort erreicht hatte, die ,Schweizerin
Ljuba' ehelichte. Er schickte sich darein, ohne Widerstand
zu leisten, ja er tat es offenbar sogar gern. Wie es zu diesem
Gesinnungswandel bei ihm kam, vermag ich nicht zu sagen,
aber ich denke mir, dabei spielten auch die immer größere
Entfernung von seinem Zuhause und die im gleichen Maße
fühlbarer gewordene Verlassenheit eine Rolle. Sie weckten
in ihm wahrscheinlich eine empfindliche Sehnsucht nach einer
ihn zärtlich liebenden Frau; hinzu kamen Ljubas Schönheit
und die romanhaften Umstände, vielleicht auch Pawlins
Drängen und die eitle Angst, dieser sonderbare Mensch
könnte ausplaudern, weshalb Dodja wirklich verbannt war,
und damit seiner Strafe den politischen Nimbusl nehmen -
kurz, das alles zusammen oder einzeln bewog meinen Cou-
sin, die Ehe mit Pawlins Frau gern einzugehen. Der Klein-
bürger Spiridon Androssow war auf der Hochzeit anwesend
und trug sich als Trauzeuge in das Kirchenbuch ein. - Ich
hoffe, Sie werden mich nicht weiter danach fragen, wie es
geschehen konnte, daß Pawlin sich selbst beerdigte und eine
Bescheinigung darüber für seine Witwe ausstellen ließ. Der-
lei Dinge sind bei uns nicht märchenhaft, sondern ganz all-
täglich. Vielleicht war in einem Gasthof ein Durchreisender
gestorben, Pawlin hatte sich mit den richtigen Leuten ins
Benehmen gesetzt, seinen Paß in die Brieftasche des Toten
gesteckt und dessen Papiere an sich genommen - und schon
war alles erledigt. Im Gebiet von Noworossijsk wurde so
etwas früher systematisch betrieben, von denen nämlich, die
der Leibeigenschaft entfliehen wollten, und deshalb gab es
dort nicht selten Leute, die ihren Pässen nach hundertfünf-
zig Jahre alt waren. Iwan starb mit siebzig, der vierzigjäh-
rige Pjotr nahm seinen Paß, und so liefen die Jahre ent-
sprechend weiter. Doch das geht mehr unsere Statistiker an;
ich will lieber in meiner Erzählung fortfaht:en oder, besser
gesagt, sie zu Ende bringen."

16

"In dem ihnen als Wohnort zugewiesenen Städtchen wußten


die jungen Eheleute entschieden nicht, was sie anfangen
sollten. Ljubas Ergebenheit genügte Dodja auf die Dauer
nicht zu seinem Glück; als rechter Petersburger Lebemann

I 59
brauchte er Gesellschaft, und seine Seele dürstete nach star-
ken Eindrücken. Er wollte, ja konnte vielleicht diese Art
Zeitvertreib nicht entbehren, und so suchte er sich selbst
jetzt in seiner mißlichen Lage unter den anderen Verbannten
einige seinem Geschmack entsprechende ,Politische', mit
denen er schlechten Wodka trank und um kleine Summen
Karten spielte. Dabei ging es nicht ohne Betrügereien ab,
er wurde oft verprügelt und schließlich zu seinem großen
Glück, da, jedoch von ihm wohl kaum als solches empfun-
den wurde, bei einer Rauferei um ein Fünfzehnkopekenstück
erschlagen. Während dieser Zeit, , die etwa zwei Jahre
dauerte, leerte Ljuba, wie man so sagt, den bitteren Kelch
der grausamsten Leiden bis zur Neige, äoch wurde sie in
ihrem Kummer ständig durch Briefe getröstet und Geld-
sendungen unterstützt, welche ihr Spiridon Androssow zu-
kommen ließ, der, wie man sieht, sie keinen Moment aus den
Augen ließ und stets über ihren Seelenfrieden wachte. Er
hatte sich in der Nähe bei einem Goldhändler verdingt, wo
er dank seiner Ehrlichkeit, Mäßigkeit und Sorgfalt - Tugen-
den, die ihn auch nach seinem Namenswechsel noch auszeich-
neten- bald zu Achtung und Geld kam. Von dem letzteren ver-
brauchte er fast nichts für sich selbst, er sparte alles für Ljuba.
Ich weiß nicht, was diese mit den Rücklagen ihres ehemaligen
Mannes machte, doch man kann wohl annehmen, daß zumin-
dest ein großer Teil dieses Geldes ihrem zweiten Gemahl,
dem völlig versoffenen und verrohten Dodja, zufloß, der es
vertrank und verspielte. Es wurde sogar erzählt, daß er Ljuba
alles abnahm, manchmal auf höchst grobe Weise und ge-
legentlich selbst mit Schlägen. Pawlin wußte das alles, als
sähe er es mit eigenen Augen, doch er mischte sich nicht ein
und benutzte auch Ljubas Enttäuschung nicht dazu, die bei-
den auseinanderzubringen. Ganz im Gegenteil: Er tröstete
Ljuba in langen, wohlgesetzten Briefen, die durch einen Zu-
fall in meinen Besitz gelangt sind und die ich als seltenes
und ausgezeichnetes Beispiel für die schlichten, jedoch zutiefst
philosophisch-mystischen Gedankengänge eines ungebildeten,
aber klugen und mit einem starken Willen begabten Men-
schen aufbewahre. Diese Schriften ,eines sündigen Knechts an

x6o
die leidende Ljuba' haben fast den Charakter von Apostel-
briefen: Ihr Verfasser spricht so, als habe er seinen Erden-
weg bereits vollendet, als habe er ausgelitten und allen Ver-
suchungen widerstanden und sei daher in der Lage, seinerseits
den in Versuchung Geratenden beizustehen. Kaum jernals geht
Pawlin auf die Geschehnisse des Alltags ein, er gibt seiner
Frau vielmehr geistige Ratschläge und dringt in sie, Geduld,
Vernunft und Güte zu üben und dem erwählten Mann treu
ergeben zu bleiben. Liest man seine Briefe in chronologischer
Reihenfolge, einen nach dem anderen, dann fällt einem un-
willkürlich der ständig zunehmende religi.öse Mystizismus
auf. Während der Verfasser anfangs noch mit Ljuba leidet
und von der Notwendigkeit des geduldigen Ausharrens
spricht, da Ungeduld die Lage nur noch bitterer mache,
ändert sich später dieses Motiv allmählich, und Pawlin be-
ginnt Ljuba einzureden, daß sie sich über ihr Unglück freuen
müsse. Er selbst freut sich darüber, und zwar so unverhüllt,
daß man zunächst geradezu bestürzt ist und argwöhnt, klein-
liche Schadenfreude über das offensichtliche Unglück seiner
ehemaligen Frau, die ihn ja betrogen hatte, könnte sich seiner
bemächtigt haben, doch wenn man sich die folgenden Briefe
genauer ansieht, erkennt man, daß ein anderes Gefühl die
Feder ihres Verfassers geführt hat, nämlich eine ganz eigen-
artige, geradezu überirdische Liebe - eine sehr besorgte und
selbstlose, aber strenge Liebe. Pawlin lehrt Ljuba, zum Wohle
anderer und um der Vergebung ihrer eigenen Verirrungen
willen zu leiden. Er tut das an Hand alter, aus Büchern geist-
lichen Inhalts längst bekannter Beweismittel, doch er legt
diese Argumente so lebendig und mit so ursprünglicher Über-
zeugungskraft dar, daß er ihnen gleichsam ein neues Leben
verleiht. Es geht ihm zweifellos um nichts an.deres als die
geistige Wiedergeburt der auf die schiefe Bahn geratenen
Ljuba - und da er wahrscheinlich aus ihren Antwortbriefen
ersah·, daß diese ihm so sehr am Herzen liegende Wieder-
geburt möglich war, schlägt er nun einen ganz väterlichen
Ton an, ja er verwendet in der Anrede sogar die Worte
,Meine Tochter'. In seinem letzten Brief, der ebenfalls so
beginnt, klingt durch den üblichen strengen Ton eine eigen-

11 Pilger J6J
artige, rührende Zärtlichkeit. Pawlin, der wie immer mit
,Spiridon Androssow' unterzeichnet, schreibt hier: ,Verzage
nicht: Nicht nur uns Schwachen ist ein Pfahl ins Fleisch ge-
geben, nämlich des Satans Engel, sondern selbst dem hei-
ligen Apostel Paulus, aber er hat ihn besiegt, und auch du
wirst ihn durch deine Stärke besiegen, denn es währt nicht
mehr lange.'
Die Worte ,es währt nicht mehr lange' waren die Prophe-
zeiung eines Sehers, und Ljuba nahm sie auch so auf, als es
wenige Tage nach Erhalt dieses Briefes von ihrem ersten, für
die Welt gestorbenen Mann gescha~, daß ihr zweiter Mann
in einer Schlägerei zu Tode geprügelt wurde und vor ihrer
Schwelle verschied, die er in seiner Trunkenheit nicht mehr
zu überschreiten vermochte. Sie teilte das Ereignis sogleich
Pawlin mit, und dieser suchte sie unverzüglich auf; sie be-
gruben Dodja gemeinsam nach Recht und Sitte und ... ver-
schwanden unmittelbar danach für immer. Wohin? Niemand
wußte es zu sagen, doch ich will Ihnen auch erzählen, was
außer mir niemand weiß: Hinter Kiew liegt über dem Dnepr
in einem finsteren, verträumten Tann ein unscheinbares klei-
nes Frauenkloster. Diese stille Klause ist so arm und unbe-
deutend, daß man sie allgemein nicht anders nennt als das
Klösterchen. Dort war meine Tante Olga eine Zeitlang Vor-
steherin, und dort lebte auch die Nonne und spätere Asketin
Ljudmila. Sie ist vor gar nicht langer Zeit gestorben, vor ein
paar Jahren erst, vom vielen Weinen erblindet und noch kei-
neswegs alt. Diese liebenswerte und herzensgute Klosterfrau
mit den ausgeweinten Augen, in deren Höhlen sie zum
Schmuck kleine runde Heiligenbilder aus Perlmutt trug, war
geradezu ein Engel an Sanftmut und Milde; ihrer Güte und
alles verzeihenden christlichen Liebe gedenken in Rührung
und Tränen noch heute nicht nur die Schwestern der armen
Klause und die das Kloster besuchenden Gläubigen, sondern
selbst die Juden des nahen Handelsfleckens. Man weiß nur,
daß sie die Witwe eines Mannes aus sehr guter Familie war
und es nach dem Tode ihres Gatten vorgezogen hatte, ins
Kloster zu gehen. Sie war auf ihrem eigenen Pferd von sehr weit
her gekommen, begleitet von einem strengen Mönch, der das
Schweigegelübde abgelegt hatte und zu niemandem ein Wort
sprach. Auf ihrem Grab steht kein Gedenkstein, der ihre Her-
kunft erklärt hätte, sondern nur ein schlichtes Eichenkreuz mit
der Inschrift: ,Hier ruht die Asketin Ljudmila, in der Welt
die sündige Ljubow.' Errichtet wurde dieses Kreuz von dem-
selben schweigenden Mönch, der nach dem Ableben der
SchwesterLjudmila aus seiner fernen Klausur, die ich Ihnen
nicht zu nennen brauche, in das kleine Kloster kam. Sicher
haben Sie auch erraten, daß die ,Asketin Ljudmila, in der
Welt die sündige Ljubow', niemand anderes war als die uns
bekannte Schweizerin Ljuba und der Mönch, der das Kreuz
auf ihr Grab pflanzte, Pawlin, dessen Mönchsnamen ich
nicht kenne und Ihnen auch nicht sagen würde, wenn ich ihn
wüßte. - Solche Geheimnisse und Charaktere verbergen sich
mitunter hinter den Mauern unserer Klöster."

"Ja und dieser Mönch ... was ist aus ihm geworden?"
fragte schließlich eine der Damen nach langem Schweigen.
"Wie meinen Sie das?"
"Lebt er noch?"
"Ich glaube wohl, zumindest lebte er im vergangenen Jahr
noch."
"Sie haben ihn gesehen?"
Der Erzähler nickte.
"Hier auf dieser Insel- auf Walaam?"
"Nun, das ist doch für Sie ohne Belang - stellen Sie sich
ihn vor, wo Sie wollen: Er kann überall sein."
Der verzauberte Pilger

1.

Wir fuhren auf dem Ladagasee von der Insel Konewez nach
Walaam und mußten unterwegs den Hafen Korela anlaufen.
Hier nahmen viele von uns die Gelegenheit wahr, an Land
zu gehen und auf den flinken finnischen Pferden einen Ab-
stecher in das verlassene Städtchen zu machen. Danach rüstete
der Kapitän zur Weiterreise, und wir fuhren wieder ab.
Nach dem Besuch in Korela war es nur zu natürlich, daß
wir uns über diese ärmliche, wenn auch außergewöhnlich alte
russische Ansiedlung unterhielten, die einen unvorstellbar
traurigen Eindruck auf uns gemacht hatte. Diese Meinung
teilten alle auf dem Schiff, und einer der Fahrgäste, der eine
Vorliebe für philosophische Verallgemeinerungen und poli-
tische Späße hatte, bemerkte, er könne beim besten Willen
nicht begreifen, warum man unbequeme Leute aus Petersburg
gewöhnlich in mehr oder weniger entfernte Gegenden ver-
schicke, woraus dem Staat doch Beförderungskosten erwüch-
sen, während es hier, in der Nähe der Hauptstadt, am La-
dogasee, einen so vortrefflichen Platz wie Korela gäbe, wo
einem jede Form von Freigeisterei und Freiheitsstreben ange-
sichts der Apathie der Bevölkerung und der entsetzlichen
Öde einer niederdrückenden, geizigen Natur vergehen müsse.
"Ich bin überzeugt", sagte dieser Mitreisende, "hieran ist
einzig und allein der Amtsschimmel schuld oder allenfalls
der Mangel an entsprechender Information."
Ein anderer, der in dieser Gegend häufig reiste, gab dar-
auf zur Antwort, auch hier hätten wohl zu versc;hiedenen Zei-
ten Vertriebene gelebt, nur hätte es keiner lange ausgehal-
ten.
"Einmal ist ein vielversprechender Seminarsprößling wegen
Flegelhaftigkeit als Kirchendiener hierher verschickt worden
(eine solche Art der Verbannung war mir nun einfach un-
begreiflich). Als er dann hier war, hat er sich lange Zeit.
immer wieder selbst Mut gemacht und gehofft, er könne irgend-
einen großen Prozeß anstrengen; dann begann er aber zu trin-
ken und hat derart getrunken, daß er völlig den Verstand
verlor und ein Gesuch einreichte, man möge ihn doch am
besten so schnell wie möglich ,erschießen oder unter die Sol-
daten stecken und dann wegen Untauglichkeit aufhängen'."
"Und welcher Entscheid ist hierauf ergangen?"
"Hm ... das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht; aber er hat
diesen Entscheid sowieso nicht abgewartet, sondern sich
selbst erhängt."
"Und daranhat er sehr gut getan", ließ sich der Philosoph
vernehmen.
"Gut getan?" fragte der Erzähler, anscheinend ein Kauf-
mann und zudem ein solider und frommer Mann.
"Was denn sonst? Zumindest ist er jetzt tot, und keiner
kann ihm noch etwas anhaben."
"Wieso kann ihm keiner etwas anhaben, mit Verlaub? Und
was erwartet ihn im Jenseits? Selbstmörder werden doch in
alle Ewigkeit gepeinigt. Nicht einmal beten darf man für sie."
Der Philosoph lächelte giftig, erwiderte jedoch nichts.
Dafür meldete sich ein neuer Opponent zu Wort, trat sowohl
gegen ihn wie auch gegen den Kaufmann auf und setzte sich
unerwartet für den Kirchendiener ein, der ohne Genehmi-
gung seiner vorgesetzten Behörde an sich selbst das Todes-
urteil vollstreckt hatte.
Es war das ein neuer Mitreisender, der sich uns, von nie-
mandem bemerkt, in Konewez angeschlossen hatte. Bislang
war er schweigsam geblieben, und niemand hatte von ihm
Notiz genommen, jetzt jedoch wandten sich alle ihm zu und
waren vermutlich baß erstaunt, wie er so lange hatte un-
bemerkt bleiben können. Er war von riesigem Wuchs und
hatte ein braungebranntes offenes Gesicht und dichtes welli-
ges Haar, dessen Grau einen so seltsamen Schimmer zeigte,
daß es an die Farbe von Blei erinnerte. Er trug eine Novi-
zenkutte mit breitem ledernem Klostergürtel und eine hohe
schwarze Tuchkappe. Ob er Novize oder eingekleideter
Mönch war, ließ sich nicht erraten, weil die Inselmönche des
Ladagasees auf Reisen oder auch auf den Inseln selbst nicht
immer die Mönchskappe tragen, sondern sich in ländlicher
Einfachheit mit gewöhnlichen Mützen begnügen. Unserem
neuen Reisegefährten, der sich später als ein überaus inter-
essanter Mann herausstellen sollte, konnte man nach seinem
Aussehen etwas über fünfzig gebt;n; aber er war im vollen
Sinn des Wortes ein Recke, und zwar ein typischer, argloser,
gutmütiger russischer Recke, der an den alten Ilja Muromez
in W erestschagins großartigem Gemälde oder in Graf
A. K. Tolstois Poem erinnerte. Man hatte den Eindruck, er
gehöre nicht in eine Mönchskutte, sondern auf einen "Apfel-
schimmel", müsse in riesigen Bastschuhen durch den "dunk-
len Tann" reiten und lässig die Waldluft einatmen, die "nach
Harz und Walderdbeeren duftet".
Doch es bedurfte keiner großen Beobachtungsgabe, um in
ihm bei aller gutmütigen Arglosigkeit einen Menschen zu er-
kennen, der viel gesehen und, wie man so sagt, "durchge-
macht" hatte. Er trat sicher und selbstbewußt auf, aber doch
ohne verletzenden Dünkel und sprach mit angenehmer, ge-
winnender Baßstimme.
"Das hat alles nichts zu bedeuten", begann er, und seine
Worte flossen gemächlich unter seinem dichten, nach oben
gezwirbelten grauen Husarenschnurrbart hervor. "Was Sie
da über das Jeaseits und die Selbstmörder sagen, daß sie an-
geblich nie Vergebung erhalten, kann ich nicht gelten lassen.
Und daß es niemanden geben soll, der für sie betet, ist auch
nur Gerede, denn es gibt jemanden, der ihre Lage ohne
Mühe und sehr einfach verbessern kann."
Er wurde gefragt, wer denn jener Mensch sei, der die
Angelegenheiten der Selbstmörder nach ihrem Tode wahr-
nehme und in Ordnung bringe.
"Das kann ich Ihnen sagen, meine Herren", antwortete der
Recke in der Mönchskutte, "im Bistum Moskau lebt in einem

166
Dorf ein Pope, dem man schon einmal um ein Haar die
Weihen aberkannt hat, und der macht ihren Sachwalter."
"Woher wissen Sie das eigentlich?"
"Aber ich bitte Sie, meine Herren, ich bin nicht der ein-
zige, der das weiß, das ist im ganzen Moskauer Distrikt be-
kannt, denn dieser Fall ist doch bis zu Seiner Eminenz, unse-
rem Metropoliten Filaret, gelangt."
Es entstand eine kleine Pause, und jemand sagte, das alles
sei freilich recht zweifelhaft.
Der Mönch war durch diese Bemerkung nicht im gering-
sten beleidigt und erwiderte: "Ja, mein Verehrtester, auf
den ersten Blick sieht das zweifelhaft aus. Und es ist auch gar
nicht verwunderlich, daß es uns zweifelhaft vorkommt, haben
doch sogar Seine Eminenz lange nicht daran glauben wollen,
und erst, nachdem sie stichhaltige Beweise erhielten, haben
sie erkannt, daß es hieran nichts zu deuteln gibt, und es ge-
glaubt."
Die Fahrgäste bestürmten den Mönch, diese wundersame
Geschichte zu erzählen, er schlug ihnen diese Bitte nicht ab
und begann wie folgt:
"Es wird erzählt, ein Propst habe einmal an Seine Eminenz
den Metropoliten geschrieben, die Sache verhalte sich so und
so, dieser Pope sei ein fürchterlicher Trunkenbold, habe sich
dem Alkohol ergeben und sei in der Gemeinde untragbar.
Und dieser Bericht entsprach im wesentlichen den Tatsachen.
Der Metropolit gab denn auch Anweisung, ihm diesen Popen
nach Moskau zu schicken. Er sah ihn sich an, merkte, dieser
Pope war wirklich ein Säufer, und beschloß, ihn abzusetzen.
Das Pfäfflein war todunglücklich, hörte sogar auf zu trinken
und jammerte und klagte in einem fort: ,Soweit habe ich es
nun gebracht, was bleibt mir anderes übrig, als selbst Hand
an mich zu legen? Das ist das einzige', sagte er, ,was mir
übrigbleibt: Dann werden sich Seine Eminenz wenigstens
meiner unglücklichen Familie erbarmen und meiner Tochter
einen Mann geben, der meine Stelle einnehmen und für meine
Familie sorgen kann.' Kurz und gut: Er beschloß also allen
Ernstes, sich das Leben zu nehmen, und hatte schon den Tag
dafür bestimmt, weil er aber ein gutes Herz hatte, dachte er:
Schön und gut- mit dem Sterben wird es ja wohl klappen,
aber ich bin doch kein Stück Vieh: ich habe eine Seele - wo-
hin wird dann meine Seele gelangen? Und von Stund an
grämte er sich noch mehr. Also schön: Er grämte sich den
lieben langen Tag, der Metropolit aber, der beschlossen hatte,
ihn wegen Trunkenheit abzusetzen, hatte sich eines Tages mit
einem Buch gemütlich aufs Sofa gelegt und war eingeschlum-
mert. Also schön: War er nun eingeschlafen oder nur so im
Halbschlaf, jedenfalls sah er plötzlich, wie sich die Tür zu
seiner Zelle öffnete. Er rief: ,Wer ist da?', denn er glaubte,
sein Diener wolle ihm jemanden melden; aber statt des
Dieners sah er einen Greis eintreten, der sah aus wie die
Güte selbst, und der Metropolit erkannte sogleich, daß es der
ehrwürdige Sergi war.
Der Metropolit sagte: ,Bist du es, heiliger Vater Sergi?'
Der fromme Sergi erwiderte: ,Ich bin's, Knecht Gottes
Filaret.'
Der Metropolit fragte: ,Was begehrt deine Reinheit von
meiner Unwürdigkeit?'
Und der heilige Sergi erwiderte:
,Ich bitte um eine Gunst.'
,Und wem soll sie erwiesen werden?'
Da nannte der fromme Sergi den Popen, der wegen Trun-
kenheit seine Stelle eingebüßt hatte, und entfernte sich wie-
der; der Metropolit erwachte und überlegte: Als was soll
ich das ansehen: War es ein bloßer Traum, oder Phantasie,
·oder eine visionäre Eingebung? Er überlegte hin und her,
und als ein Mann, dessen Geist in der ganzen Welt ·berühmt
war, fand er, es sei ein bloßer Traum gewesen, denn wo
hätte man je gehört, daß der heilige Sergi, dieser Fasten-
eiferer mit dem guten und strengen Lebenswandel,' sich für
einen Priester verwandt habe, der so schwach war und ein so
liederliches Leben führte? Also schön: Seine Hohe Eminenz
waren zu dieser Meinung gelangt und überließen die ganze
Angelegenheit dem natürlichen Lauf der Dinge, den sie nun
einmal genommen hatte, verbrachten ihre Zeit, wie es sich für sie
geziemte, und begaben sich zur gebotenen Stunde wieder zur
Ruhe. Aber kaum waren Seine Hohe Eminenz erneut einge-

x68
schlafen, hatten sie erneut ein Gesicht, und zwar ein so
schreckliches, daß der erhabene Geist des Metropoliten in
noch größere Bestürzung geriet. Stellen Sie sich vor: Ge-
töse . . . ein so fürchterliches Getöse, daß man keine Worte
dafür findet ... Hufgeklapper ... Ritter ohne Zahl . . . sie
jagen dahin, alle in grüner Rüstung, mit Harnisch und Fe-
dern, ihre Pferde wie Löwen, rabenschwarz, allen voran ihr
stolzer Heerführer in der gleichen Rüstung, und wohin er
sein dunkles Banner schwenkt, dorthin sprengt die ganze
Schar, und auf dem Banner ist ein Drache. Der Metropolit
weiß nicht, was dieser Reiterzug soll, jener Hochmütige aber
kommandiert: ,Peinigt sie', sagt er, ,jetzt haben sie keinen
Fürbitter mehr' und sprengt vorbei; auf den Heerführer folg-
ten seine Krieger, und hinter diesen kamen, wie eine Schar
magerer Frühjahrsgänse, öde Schatten gezogen, nickten dem
Metropoliten unablässig traurig und jammervoll zu und
stöhnten leise unter Klagen: ,Vergib ihm! Er ist der einzige,
der für uns betet.' Als der Metropolit aufgestanden war,
schickte er sofort nach dem sauflustigen Popen und befragte
ihn, wie er bete und für wen. Und wie der Pope in seiner
geistigen Armut vor dem Metropoliten stand, wußte er nicht
mehr ein noch aus und sagte: ,Eure Eminenz, ich tue, was
vorgeschrieben ist.' Und Seine Hohe Eminenz brachte ihn nur
mit großer Mühe so weit, daß er bekannte: ,In einem Punkt
bin ich schuldig', sagte er, ,denn weil ich selbst schwach im
Geiste bin und aus Verzweiflung glaube, es sei das beste,
wenn ich mir das Leben nehme, so bete ich immer beim
heiligen Meßopfer für die, so ohne Beichte verschieden sind
und selbst Hand an sich gelegt haben ... ' Da begriff der
Metropolit, was das für Schatten gewesen waren, die im
Traumgesicht wie magere Gänse an ihm vorbeischwebten,
und er wollte den Dämonen, die mit Tod und Verderben
den Schatten vorangeeilt waren, die Freude verderben und
gab dem Popen seinen Segen. ,Geh', sagte er gnädig, ,und
verfalle nicht wieder der alten Sünde, für die du aber ge-
betet hast, für die bete weiter' und schickte ihn wieder an
seine Stelle. Und so kann dieser Mensch nun immeralldenen
nützlich sein, die dem Lebenskampf nicht mehr gewachsen
sind, denn von seinem dreisten Tun, zu dem er berufen ist,
wird er nicht mehr lassen und dem Schöpfer ihretwegen nie
mehr Ruhe geben, und der wird ihnen schließlich vergeben
müssen."
"Warum denn müssen?"
"Wegen des ,Klopfet an'; er hat es doch selbst so befoh-
len, das wird sich also bestimmt nicht ändern."
"Sagen Sie doch bitte, gibt es außer diesem Moskauer
Geistlichen tatsächlich niemanden, der für Selbstmörder
betet?"
"Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was ich Ihnen darauf ant-
worten soll. Es heißt ja, man dürfe Gott nicht für sie bitten,
weil sie eigenmächtig gehandelt haben, aber dieser und jener
wird das vielleicht· nicht begreifen und auch für sie beten.
Am Pfingstsonntag oder am Pfingstmontag ist es aber wohl
allen erlaubt. Es werden da auch ganz besondere Gebete ge-
sprochen, wunde~olle, zu Herzen gehende Gebete; ich
glaube, ich könnte sie in einem fort hören."
"An anderen Tagen darf man sie wohl nicht sprechen?"
"Ich weiß nicht, mit Verlaub. Darüber müssen Sie die fra-
gen, die sich in den Büchern auskennen. Die müßten es ja
wissen; ich habe damit nichts zu tun und habe daher auch
noch nicht darüber zu sprechen brauchen."
"Und im Gottesdienst haben Sie nicht bemerkt, ~aß diese
Gebete irgendwann wiederholt werden?"
"Nein, mein Herr; aber verlassen Sie sich hierbei nicht allzu-
sehr auf meine Worte, denn ich bin ja selten im Gottes-
dienst."
"Wie denn das?"
"Meine Beschäftigung erlaubt mir das nicht."
"Sind Sie Mönchspriester oder Mönchsdiakon?"
"Keins von beiden, ich trage vorläufig einfach· Ordens-
tracht."
"Aber das bedeutet doch immerhin, daß Sie Mönch sind?"
"Hm ... ja; im allgemeinen wird das so angesehen."
"Angesehen hin, angesehen her", ließ sich hierauf der
Kaufmann vernehmen, "aber wenn einer noch keine Tonsur
hat, dann kann er noch unter die Soldaten gesteckt werden."

170
Der Recke in der Mönchskutte war durch diese Bemer-
kung nicht im geringsten beleidigt, er überlegte nur ein wenig
und erwiderte:
"Ja, das stimmt, solche Fälle soll es gegeben haben; aber
ich bin schon zu alt: Ich stehe im dreiundfünfzigsten Jahr,
außerdem ist mir der Militärdienst nichts Neues."
"Haben Sie etwa beim Militär gedient?"
"Ja, mein Herr."
"Bist Unteroffizier gewesen, stimmt's?" fragte wieder der
Kaufmann.
"Nein, Unteroffizier nicht."
"Was denn dann: Gemeiner oder Wachtmeister oder
Achsenschmierer beim Train?"
"Nein, falsch geraten; aber ich war ein richtiger Soldat,
bin seit meiner Kindheit beim Regiment gewesen."
"Ach so, Kantonist?" bohrte der Kaufmann weiter, der
sich giftete.
"Wieder falsch."
"Da soll sich einer einen Vers drauf machen, was bist du
also?"
"Ich bin Connaisseur."
"Waaas bist du?"
"Ich bin Connaisseur, mit Verlaub, Connaisseur, oder, um
es volkstümlicher auszudrücken, ich bin Pferdekenner und
war Fachberater bei den Remonteoffizieren."
"Ach so!"
"Ja, ich habe manches Tausend Pferde ausgewählt und zu-'
geritten, mancher Bestie ihre Unarten abgewöhnt, zum Bei-
spiel solchen, die vorn hochgehen und sich dann mit aller
Wucht nach unten werfen, so daß der Sattelbogen dem Rei-
ter den Brustkorb zerquetschen kann, aber mit mir hat das
keine fertiggebracht."
"Wie haben Sie sie denn zahm gemacht?"
"Ich ... für mich ist das keine Kunst, denn ich habe dafür
von Natur eine besondere Begabung. Sowie ich aufgesprun-
gen bin, habe ich das Pferd nicht zur Besinnung kommen las-
sen, habe es mit der Linken, so derb ich konnte, am Ohr zur
Seite gerissen und mit der rechten Faust zwischen die Ohren
auf den Schädel gedroschen, und dazu habe ich fürchterlich
mit den Zähnen geknirscht, so daß manchem Blut und Hirn
aus Schädel und Nüstern getreten ist - dann wird es ,schon
friedlich."
,,Nun, und dann?"
"Dann steigt man ab, streichelt es, läßt sich ordentlich
von ihm betrachten, damit es eine gute Vorstellung von
einem behält, und dann sitzt man wieder auf und reitet
los."
"Und dann ist das Pferd fromm?"
"Natürlich, denn das Pferd ist ein kluges Tier, es fühlt,
was für ein Mensch mit ihm umgeht und was er mit ihm im
Sinn hat. Mich zum Beispiel hat in dieser Hinsicht jedes
Pferd gern gemocht und getragen. In der Reitbahn in Moskau
war ein Pferd, das gehorchte überhaupt keinem Reiter mehr,
dieses Biest hatte sich die Unart angewöhnt, seinen Reiter ins
Knie zu beißen. Wie der Blitz packte es einfach mi't seinen
Riesenzähnen zu und zerbiß ihm das Knie. Es hatte viele
Menschen auf dem Gewissen. Damals war der Engländer
Rarey nach Moskau gekommen - der ,tollkühne Rossebändi-
ger', wie er sich nannte-, sogar den hätte dieses hinterhältige
Tier bald aufgefressen, jedenfalls hat es ihn tüchtig blamiert;
er ist nur deswegen heil davongekommen, weil er, so heißt
es, stählerne Knieschützer gehabt hat, so daß es ihn zwar am
Bein packen, aber nicht durchbeißen konnte und ihn ab~arf;
sonst wäre es sein Tod gewesen; ich aber habe dem Pferd
Anstand beigebracht."
"Erzählen Sie bitte, wie haben Sie das fertiggebracht?"
"Mit Gottes Hilfe, meine Herrschaften, denn ich wieder-
hole Ihnen, ich habe dafür eine Begabung. Dieser Mister
Rarey, den sie den ,tollkühnen Rossebändiger' nannten, und
alle anderen, die sich an dieses Pferd wagten, versuchten,
seiner Bosheit mit den Zügeln beizukommen und zu verhin-
dern, daß es den Kopf nach dieser oder jener Seite warf;
ich aber fand hierfür ein ganz anderes Mittel; als der Eng-
länder Rarey es aufgab, sagte ich: ,Alles halb so schlimm',
sagte ich, ,das ist ein Kinderspiel, denn dieses Pferd ist nur
vom Teufel besessen. Der Engländer kann nicht dahinter-

172
kommen, aber ich komme dahinter und helfe euch.' Die Di-
rektion gab ihre Zustimmung. Da sagte ich: ,Bringt ihn zum
Drogomilowo-Tor!' Das tat man denn auch. Also schön; wir
führten es am Zügel hinunter ins Tal nach Fili, wo im Som-
mer die Herrschaften in ihren Datschen wohnen. Dort war
ein großer geeigneter Platz, und nun ging's los. Ich also drauf
auf diesen Menschenfresser, ohne Hemd, barfuß, nur irt Plu-
derhosen und die Mütze auf dem Kopf, auf dem nackten
Körper aber trug ich einen kleinen Ledergürtel vom heiligen
tapferen Fürsten Wsewolod-Gawriil aus Nowgorod, den ich
wegen seiner Verwegenheit tief verehrte und dem ich ver-
traute; in diesen Gürtel war ein Spruch eingewebt: Meine
Ehre gebe ich niemandem preis. Irgendein besonderes Instru-
ment hatte ich nicht bei mir, nur daß ich in der einen Hand
eine derbe tatarische Nagaika mit Bleifüllung_ hielt, deren
Ende höchstens zwei Pfund wog, und in der anderen einen
einfachen glasierten Tontopf mit flüssigem Teig. Also ich
hatte mich zurechtgesetzt, und vier Mann zerrten dem Pferd
die Schnauze nach verschiedenen Richtungen, damit es nicht
mit seinem Gebiß auf jemanden losging. Als dieser Teufel
aber sah, daß wir ihm ans Leder wollten, da schnaubte er,
wieherte, schwitzte, schüttelte sich vor Wut und wollte mich
fressen. Wie ich das sah, befahl ich den Knechten: ,Zieht dem
Halunken schleunigst den Zaum herunter.' Die trauten ihren
Ohren nicht, als ich diesen Befehl gab, und glotzten mich an.
Ich sagte: ,Was steht ihr und glotzt? Sitzt ihr auf den Ohren?
Was ich euch befehle, müßt ihr auf der Stelle ausführen I'
Da antworteten sie: ,Du bist wohl nicht bei Troste, Iwan
Sewerjanytsch' (als ich noch nicht im Kloster war, hieß ich
Iwan Sewerjanytsch, Herr Flagin): ,Wie kannst du nur be-
fehlen, den Zaum abzunehmen?' Ich werde wütend, denn ich
sah und spürte auch mit den Beinen, das Pferd war vor Ra-
serei halb von Sinnen, und ich nahm es ordentlich zwischen
die Knie und schrie den Knechten zu: ,Runter damit!' Sie
wollten noch etwas sagen; aber jetzt packte auch mich die
Wut, und ich knirschte mit den Zähnen - da rissen sie den
Zaum wie der Blitz herunter und ergriffen das Hasenpanier,
ich jedoch machte sofort als erstes etwas, worauf das Pferd
nicht gefaßt war, und schlug ihm den Topf gegen die Stirn:
Er sprang in Stücke, und der Teig floß ihm in Augen und
Nüstern. Es erschrak und dachte bei sich: Was ist denn das?
Jetzt riß ich schleunigst die Mütze vom Kopf und rieb ihm,
hast du, was kannst du, noch mehrTeig in die Augen, und die
Nagaika trieb ich ihm in die Flanke . . . Es fuhr zusammen
und stürzte davon, ich aber immer mit der Mütze über die
Augen, um sie ihm völlig zuzuschmieren, und mit der Na-
gaika bearbeitete ich noch die andere Flanke ... Und ich
jagte und jagte das Pferd, daß ihm der Schweiß aus allen
Poren brach. Nicht einen Augenblick ,ließ ich es verschnaufen
oder sich umsehen, mit der Mütze schmierte ich ihm immer
mehr Teig in die Augen, machte es blind, mit meinem Zähne-
knirschen brachte ich es zum Zittern, jagte ihm Angst ein,
und mit der Nagaika drasch ich ihm beide Flanken, dainit es
merkte, ich mache keinen Spaß. Das begriff das Biest und
versuchte gar nicht erst zu bocken, sondern jagte mit mir da-
hin. Trug mich schön lieb und brav, ich aber peitschte es
noch und noch, und je williger es mich trug, um so eifriger
ließ ich es die Peitsche kosten, und schließlich waren wir
beide von dieser Anstrengung müde geworden : Mich
schmerzte die Schulter, und ich bekam den Arm nicht mehr in
die Höhe, und das Pferd schielte schon nicht mehr nach hin-
ten, sondern ließ die Zunge aus dem Maul hängen. Da sah
ich, es bittet um Pardon, stieg schleunigst ab, wischte ihm die
Augen aus, packte es an der Mähne und sagte: ,1\uf die
Knie, du Miststück, du Hundefraßl', und damit riß ich es
nach unten - es stürzte vor mir auf die Knie und war seitdem
lammfromm, wie man es sich besser nicht wünschen kann:
Ließ einen aufsitzen und auch reiten, freilich ist es bald kre-
piert."
"Ist dann doch krepiert?"
"Ja, meine Herrschaften; es war ein stolzes Tier, nach
außen hin hatte es sich gefügt, aber seinen Charakter hat es
wohl doch nicht überwinden können. Übrigens hat mich.Herr
Rarey damals, als er davon hörte, bei sich einstellen wollen."
"Ach, Sie haben bei ihm gearbeitet?"
"Nein, mit Verlaub."

174
"Warum nicht?"
"Ja, wie soll ich Ihnen das erklären! Zuerst einmal war ich
doch Connaisseur und mehr an diese Arbeit gewöhnt - ans
Aussuchen von Pferden und nicht ans Zureiten, er aber
brauchte nur jemanden für seine tollkühne Bändigerei, und
zweitens war das, wie ich annehme, von seiner Seite aus wei-
ter nichts als Hinterlist."
"Wieso?"
"Er wollte mein Geheimnis haben."
"Und Sie hätten es ihm verkauft?"
"Ja, das hätte ich."
"Warum ist dann nichts daraus geworden?"
"Na ja ... er hat wohl selber v~r mir Angst bekommen."
"Erzählen Sie, erzählen Sie, seien Sie so gut, was ist das
noch für eine Geschichte?"
"Irgendeine besondere Geschichte ist da nicht gewesen, er
hat nur zu mir gesagt: ,Lieber Freund, verrate mir dein Ge-
heimnis - ich will dir viel Geld geben und dich als Connais-
seur einstellen.' Ich aber habe es nie fertiggebracht, jemanden
zu betrügen, und daher geantwortet: ,Was für ein Geheim-
nis? Das ist dummes Gerede.' Doch er ging immer von sei-
nem englischen wissenschaftlichen Standpunkt aus und wollte
es nicht glauben; er sagte: ,Gut, wenn du es mir nicht so
direkt sagen willst, dann wollen wir erst mal zusammen Rum
trinken.' Darauf haben wir zu zweit sehr viel Rum getrunken,
bis er ein ganz rotes Gesicht bekam und sagte, soweit er dazu
noch imstande war: ,Also jetzt', sagte er, ,verrate mir, was
du mit dem Pferd gemacht hast.' Und ich antwortete: ,Das
habe ich gemacht .. .' Und dabei habe ich ihn so fürchterlich
wie möglich angesehen und mit den Zähnen geknirscht, und
weil ich gerade keinen Topf mit Teig bei mir hatte,
habe ich zur Veranschaulichung einfach nach einem Glas ge-
griffen und damit gegen ihn ausgeholt, und er das sehen und
unter den Tisch kriechen, war eins, und dann stürzte er zur
Tür und verschwand und war nicht mehr aufzufinden. Seit-
dem haben wir uns nicht wieder gesehen."
"Und deswegen sind Sie nicht in seinen Dienst getreten?"
"Ja, mit Verlaub. Und wie sollte ich wohl, wenn er seit-

175
dem sogar Angst hatte, mir bloß über den Weg zu laufen. Ich
von mir aus wäre damals gern zu ihm gegangen, denn als
wir zu zweit um die Wette Rum tranken, hat er mir sehr ge-
fallen, aber vom Weg, der einem vorgezeichnet ist, kann man
wohl nicht abweichen, und so mußte ich einer anderen Beru-
fung folgen:"
"Und was betrachten Sie als Ihre Berufung?"
"Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie ich Ihnen das erklären
soll ... Ich habe doch allerhand erlebt, habe auf vielen Pfer-
den gesessen und dann wieder unter ihrien gelegen, bin in
Gefangenschaft gewesen, im Krieg,, habe anderen nach dem
Leben getrachtet und mich selbst zum Krüppel machen las-
sen, nicht ein jeder hätte das ausgehalten."
"Und wann sind Sie ins Kloster gegangen?"
"Das ist noch nicht lange her, mit Verlaub, .nur ein paar
Jahre nachdem ich mein Leben hinter mich gebracht hatte."
"Und haben Sie auch dazu Berufung gefühlt?"
"Hm ... ich weiß nicht recht, wie ich das erläutern soll ...
na ja, ich habe wohl die Berufung dazu gehabt, mit Verlaub."
"Warum sagen Sie das so ... nun, gleichsam nicht ganz
überzeugt?"
"Wie soll ich es mit Überzeugung sagen, wo ich doch mei-
nen ganzen abwechslungsreichen bisherigen Lebensweg selbst
nicht völlig begreifen kann?"
"Wieso?"
,,Vieles habe ich doch nicht einmal aus eigenem Willen
getan."
"Nach wessen Willen denn?"
"Nach einem Gelübde meiner Eltern."
"Und was ist Ihnen nach dem Gelübde der Eltern wider-
fahren?"
"Mein ganzes Leben lang bin ich in Gefahr gewesen und
ihr doch nicht erlegen."
"Tatsächlich?"
"So war es, mit Verlaub."
"Erzählen Sie uns doch bitte von Ihrem Leben."
"Warum nicht, was ich noch weiß, will ich gern erzählen,
aber wenn, dann muß ich ganz von vorn anfangen."

I76
"Seien Sie so gut. Um so interessanter wird es sein."
"Nun, ob es interessant wird, weiß ich nicht recht, mit
Verlaub, aber hören Sie bitte zu."

Der ehemalige Connaisseur Iwan Sewerjanytsch, Herr Fla-


gin, begann seine Erzählung wie folgt:
"Ich bin als Leibeigener geboren, und meine Eltern ge-
hörten zum Hofgesinde des Grafen K. aus dem Gouverne-
ment Orjol. Heute, unter den jungen Herrschaften, sind diese
Güter nicht mehr, was sie früher waren, bei Lebzeiten des
alten Grafen aber waren sie sehr bedeutend. Im Dorf G.,
wo der Graf selbst lebte, stand ein mächtig großes Herren-
haus, gab es Seitengebäude für den Besuch, ein Theater, eine
besondere Kegelbahn, einen Hundezwinger, lebendige Bä-
ren, die an einen Pfahl gekettet waren, Parks, leibeigene Sän-
ger, die Konzerte gaben, und leibeigene Schauspieler, die alle
möglichen Stücke aufführten; eigene Webstuben hatten sie
dort, und überhaupt wurden alle möglichen Handwerke be-
trieben; das größte Interesse aber galt der Pferdezucht. Für
jede Arbeit waren bestimmte Leute eingesetzt, das Gestüt
aber ließ man sich ganz besonders angelegen sein, und so wie
im Militärdienst Soldatenkinder einst geboren wurden, um
später in die Schlacht zu ziehen, so kamen die Kutscherkinder
zur Welt, um zu fahren und zu reiten, die Kinder der Pferde-
knechte, um die Pferde zu pflegen, und die der Futtermeister,
um das Futter von der Tenne auf den Viehhof zu fahren.
Mein Vater war der Kutscher Sewerjan, und obwohl er nicht
zu den allerersten Kutschern zählte, denn wir hatten ihrer
sehr viele, so lenkte er doch immerhin ein Sechsergespann,
und beim Schaufahren zu Ehren des Zaren ist er einmal an
siebenter Stelle gefahren und mit einer altertümlichen. blauen
Fünfrubelnote ausgezeichnet worden. Meine Mutter ist ge-
storben, als ich noch klein war, und ich kann mich nicht an
sie erinnern, denn ich war ihr Gebetskind, das heißt, sie hatte
lange keine Kinder gehabt und den Herrgott immer und

12 .Pilger 177
immer wieder um mich gebeten, und als sie erhört wur.de,
ist sie gleich nach meiner Geburt gestorben, weil ich nämlich
mit einem ungewöhnlich großen Kopf zur Welt kam, so daß
man mich auch nicht Iwan Flagin nannte, sondern einfach
Golowan, den Kullerjan. Da ich bei meinem Vater auf dem
Kutscherhof wohnte, habe ich mein ganzes Leben im Pferde-
stall zugebracht und so den Tieren ihr Geheimnis abgelauscht,
und ich habe, das kann man wohl sagen, die Pferde liebge-
wonnen, denn schon als ganz kleiner Junge bin ich auf allen
vieren zwischen den Beinen der Pferde herumgekrochen, und
sie haben mir nichts getan, und als ich größer wurde, bin ich
völlig mit ihnen verwachsen. Gestüt und Pferdeställe waren
bei uns getrennt, und wir aus dem Stall hatten mit der Auf-
zucht nichts zu tun, sondern übernahmen vom Gestüt die
Tiere und bildeten sie dann aus. Bei uns hatte jeder Kutscher
mit Vorreiter ein Sechsergespann, und jedes Gespann setzte
sich aus einer anderen Rasse zusammen. Wir hatten Pferde
aus Wjatka, Kasaner und Kalmücken, welche vom Bitjug und
welche vom Don - das waren alles gekaufte Pferde, die man
auf den Märkten erstanden hatte, aber die meisten stammten
natürlich aus unserem eigenen Gestüt, nur über die lohnt es
sich nicht zu reden, denn Gestütspferde sind fromm und
haben weder einen starken Charakter noch Phantasie, die
wild aufgewachsenen dagegen waren entsetzliche Biester. Der
Graf kaufte bisweilen eine ganze Herde, Hengst mit Stuten
und Füllen, für einen Spottpreis, acht bis zehn Rubel das Tier,
und sobald wir sie heimgetrieben hatten, begannen wir auch
schon mit dem Abrichten. Sie waren schrecklich widerspen-
stig. Die Hälfte ging manchmal sogar drauf, aber erziehen
ließen sie sich nicht: standen auf dem Hof, ganz außer sich,
und selbst vor den Mauern scheuten sie, schielten wie die
Vögel in einem fort nach dem Himmel. Beim Anblick man-
chen Tieres konnte einem geradezu das Herz weh tun, denn
man sah, wie gern es auf der Stelle davongeflogen wäre, das
arme Ding, wenn es nur Flügel gehabt hätte ... Und von
Hafer oder Wasser aus dem Trog wollten sie anfangs gar
nichts wissen, soffen nicht, fraßen nicht, siechten dahin, bis sie
schließlich ganz darniederlagen und verendeten. Es kam vor,

178
daß der Verlust mehr als die Hälfte der gekauften Tiere aus-
machte, besonders bei den Kirgisen. Unglaublich, wie sie ihre
Steppenfreiheit lieben. Und die sich schließlich doch einge-
wöhnen und am Leben bleiben, von denen müssen nicht
wenige beim Abrichten fast zuschanden geschlagen werden,
denn gegen ihre Wildheit gibt es nur ein einziges Mittel -
Strenge und nochmals Strenge; die aber dann all diese Er-
ziehung und Wissenschaft ausgehalten haben, stellen eine
erstklassige Auslese dar, und kein Gestütspferd kann sich in
seinen Reit- und Fahrtugenden mit ihnen messen.
Mein Vater, Sewerjan Iwanytsch, lenkte ein Sechserge-
spann Kirgisen, und als ich ein wenig herangewachsen war,
hat man mich als Vorreiter auf dieses Sechsergespann gesetzt.
Die Pferde hatten es in sich, nicht wie die heutigen halb-
gewalkten Kavalleri~;Jferde, die für Offiziere genommen
werden. Diese Offizierspferde haben wir Kaffeetanten ge-
nannt, denn auf ihnen macht das Reiten überhaupt keinen
Spaß, wo sich doch sogar die Offiziere auf ihnen halten kön-
nen, die anderen aber waren richtige Bestien, Schlangen und
Drachen in einem: Wenn ich nur an ihre Mäuler denke, an
ihr Gebiß, ihre stämmigen Beine und ihre Mähne . . . ge-
radezu angst konnte einem werden! Müdigkeit kannten sie
überhaupt nicht; achtzig, ach, was sage ich, hundert und hun-
dertfünfzehn Werst aus dem Dorf nach Orjol und wieder
zurück nach Hause in der gleichen Gangart und ohne Rast
waren gar nichts für sie. Wenn sie einmal richtig in Fahrt
kamen, dann mußte man höllisch aufpassen, daß man nicht
am Ziel vorbeiraste. Ich war damals, als ich Vorreiter wurde
und das Sattelpferd bestieg, erst elf, und ich hatte so die
richtige Stimme, wie sie ein herrschaftlicher Vorreiter nach
damaligem Brauch haben mußte: durchdringend, laut und
so ausdauernd, daß ich das ,Hallihallo' eine geschlagene
halbe Stunde rufen konnte; was die Körperkraft anlangt,
war ich freilich noch kein Held und konnte weite Ritte noch
nicht frei im Sattel durchhalten, daher schnallte man mich
am Pferd an, das heißt, man band mich mit Riemen an Sat-
tel, Sattelgurt und allem möglichen fest und verhinderte so,
daß ich her~nterfiel. Es stauchte einen zusammen, bis man

179
mehr tot als lebendig war, und ab und zu wurde man sogar
ohnmächtig und verlor das Bewußtsein, aber trotzpem blieb
man im Sattel, und hatte man es schließlich satt, sich hin
und her rütteln zu lassen, kam man wieder zu sich. Kein
leichter Dienst; und unterwegs wechselte ich bisweilen mehr-
fach vom einen Zustand in den anderen hinüber, bald ver-
sagten mir die Kräfte, bald war ich wieder auf der Höhe,
und zu Hause banden sie mich dann halbtot vom Sattel los,
legten mich lang und ließen mich Meerrettich riechen; später
war ich es dann gewohnt, und das alles hat mir nichts mehr
ausgemacht; im Gegenteil, wenn i~ im Sattel saß, war ich
oft darauf aus, dem ersten besten Bauern, der uns in den
Weg kam, mit der Peitsche eins überzuziehen. Dieser Mut-
wille der Vorreiter ist ja bekannt.· Einmal waren wir mit
dem Grafen unterwegs und wollten Bekannte besuchen.
Sommer war's, ein Prachtwetter, der Graf saß mit seinem
Hund im offenen Wagen, mein Vater lenkte ein Vierer-
gespann, und ich saß vorn und machte den Pferden Beine.
Nun zweigte an einer Stelle von der Landstraße ein Weg
ab und führte im Bogen über fünfzehn Werst zu einem Klo-
ster, der P-er Einsiedelei. Diesen Weg hatten die Mönche
hergerichtet, um die Fahrt zum Kloster verlockender zu ma-
chen; denn die öffentliche Straße war natürlich schmutzig
und von Weiden umsäumt, deren krumme Ruten die einzige
Abwechslung boten; den Weg zur Einsiedelei aber hielten
die Mönche in Schuß, er war immer gefegt und sauber, und
zu beiden Seiten hatten sie Birken gepflanzt, die leuchteten
grün und dufteten, und in der Ferne sah man die weiten
Felder ... Kurz und gut, es war so schön~ daß mich auf ein-
mal die Lust ankam, einen Juchzer auszustoßen, aber natür-
lich darf man ohne Grund nicht juchzen, daher bezähmte
ich mich und ritt weiter; auf einmal aber, so drei oder vier
Werst vor dem Kloster, wo es bergab geht, sah ich plötzlich
einen kleinen Punkt vor mir ... irgend etwas kroch den Weg
entlang wie ein Igel. Ich freute mich über die Gelegenheit
und stieß, so laut ich konnte, ein ,Halliiihallooo' aus, wie-
derholte das etwa eine Werst lang immer wieder, kam so
richtig in Feuer, und als wir die zweispännige Fuhre einhol-

ISO
ten, derentwegen ich geschrien hatte, richtete ich mich in den
Steigbügeln auf und sah auf dem Wagen einen Mann im
Heu liegen, dem war bei dem frischen Lüftchen in der strah-
lenden Sonne offensichtlich schön warm geworden, und er
schlief, ohne Böses zu ahnen, fest wie ein Murmeltier, hatte
sich behaglich auf dem Bauch ausgestreckt und hielt dazu
die Arme ausgebreitet, als wolle er die ganze Fuhre um-
armen. Ich sah, er würde nicht mehr ausweichen, lenkte zur
Seite, und als ich, noch immer in den Steigbügeln stehend,
auf gleicher Höhe mit ihm war, knirschte ich zum erstenmal
in meinem Leben mit den Zähnen und zog ihm die Peitsche
mit aller Macht über den Buckel. Da hätten Sie sehen sol-
len, wie seine Pferde mit dem Wagen den Berg hinabjagten I
Und er selber, ein altes Männlein in einer Novizenkappe,
wie ich sie heute aufhabe, und mit einem erbarmungswürdi-
gen Altweibergesicht, er selber also fuhr in die Höhe, war
zu Tode erschrocken, die Tränen traten ihm in die Augen,
und er wand sich auf dem Heu wie ein Gründling in der
Bratpfanne, und plötzlich wußte er in seinem Tran wohl
nicht mehr, wo der Wagenrand war, fiel kopfüber in den
Straßendreck, geriet unter ein Rad und wurde mitge-
schleift ... hatte sich mit den Beinen in den Zügeln verfan-
gen ... Ich selber, mein Vater und sogar der Graf mußten
zuerst darüber lachen, wie er herunterpurzelte, dann aber
sah ich, daß der Bauernwagen unten an der Brücke mit
einem Rad am Geländer hängengeblieben war und die
Pferde standen, er sich aber nicht erhob und auch nicht
rührte ... Wir fuhren näher heran, da sah ich, er war ganz
grau, voller Staub, und im Gesicht war nicht einmal die
Nase zu sehen, nur ein Spalt, und aus dem floß Blut ... Der
Graf befahl anzuhalten, stieg aus, sah ihn sich an und sagte:
,Tot.' Er drohte mir eine Tracht Prügel an und gab Anwei-
sung, schleunigst zum Kloster zu fahren. Von dort schickten
sie Leute zur Brücke, während der Graf mit dem Abt eine
Unterredung hatte, und im Herbst ging eine ganze Geschenk-
fuhre mit Hafer, Mehl und gedörrten Karauschen nach dem
Kloster ab, mir aber zog der Vater im Kloster hinter einer
Scheune die Hosen straff, richtige Prügel habe ich allerdings

I8I
nicht bekommen, denn mein Dienst verlangte, daß ich gleich
wieder in den Sattel stieg. Damit war der Fall erledigt,
doch in derselben Nacht kam im Traum der Mönch zu mir,
den ich erschlagen hatte, und heulte wieder wie ein Weib.
Ich sagte: ,Was willst du von mir? Scher dich fort!'
Er aber antwortete:
,Du hast mich', sagte er, ,ohne Beichte in den Tod ge-
schickt.'
,Ach, wenn's weiter nichts ist', antwortete ich. ,Was soll
ich nun mit dir anfangen? Ich hab's doch nicht mit Absicht
getan. Und geht es dir jetzt etwa s,chlecht?' sagte ich. ,Du
bist gestorben und hast alles hinter dir.'
,Ja', sagte er, ,das stimmt schon, und ich bin dir sehr
dankbar dafür, aber jetzt hat mich deine Mutter geschickt
und läßt dich fragen, ob du denn weißt, daß du ein er-
flehter Sohn bist?'
,Und ob', sagte ich, ,davon habe ich gehört, Großmutter
Fedossja hat es mir oft genug erzählt.'
,Und weißt du auch', sagte er, ,daß du ein versprochener
Sohn bist?'
,Was heißt das?'
,Das heißt', sagte er, ,du bist Gott versprochen.'
,Wer hat mich ihm denn versprochen?'
,Deine Mutter.'
,Dann soll sie mal lieber selber kommen', antwortete ich,
,und mir das sagen, denn du hast dir das vielleicht nur aus-
gedacht.'
,Nein', sagte er, ,das habe ich mir nicht ausgedacht, und
sie selber kann nicht kommen.'
,Warum denn nicht?'
,Weil es bei uns anders ist als hier bei euch auf Erden:
Nicht alle, die dort sind, können sprechen und nicht alle
umhergehen, sondern jeder macht, was ihm gegeben ist. Und
wenn du willst', sagte er, ,dann will ich dir ein Zeichen zum
Beweis geben.'
,Das will ich', antwortete ich, ,nur - was für ein Zeichen
soll das denn sein?'
,Hör zu', sagte er: ,Du wirst viele Male in Lebensgefahr

182
sein und immer davonkommen, bis die richtige Gefahr
kommt, und dann wir~t du dich an deiner Mutter Verspre-
chen erinnern und Mönch werden.'
,Großartig', antwortete ich. ,Einverstanden, ich bin schon
ganz neugierig.'
Er verschwand, ich wurde wach, vergaß das alles und
hatte keine Ahnung, daß diese Gefahren sofort hübsch der
Reihe nach beginnen würden. Aber einige Zeit danach fuh-
ren wir mit dem Grafen und der Gräfin nach Woronesh -
zu den neuen Reliquien, wir wollten das kleine krummbei-
nige Töchterchen zur Heilung dorthin bringen-, machten im
Kreis Jelez im Dorf Krutoje halt, um die Pferde zu füttern,
und ich schlief wieder unter dem Futtertrog ein, da kommt
doch wieder dieses Mönchlein, das iCh auf dem Gewissen
hatte, und sagt: ,Hör mal, Golowan, du tust mir leid, sag
deinen Herrschaften schleunigst, du möchtest ins Kloster -
sie werden dich gehen lassen.'
Ich antwortete: ,Warum denn?'
Da sagte er: ,Du wirst schon sehen, wieviel Unheil dir
noch begegnen wird.'
Na schön, dachte ich; irgendwas mußt du ja krächzen, wo
ich dich umgebracht habe, und damit stand ich auf, spannte
mit dem Vater die Pferde ein, und wir fuhren los; an die-
ser Stelle aber geht es schwindelnd steil abwärts, und seit-
lich ist eine Schlucht, in der schon viele Leute umgekommen
sind. Der Graf sagte daher: ,Paß auf, Golowan, schön vor-
sichtig.'
Aber ich hatte den Bogen raus, und obwohl die Zügel für
die Deichselpferde, die bremsen müssen, vom Kutscher ge-
halten werden, konnte ich dem Vater viel helfen. Seine
Deichselpferde waren kräftig und hatten stämmige Beine:
Sie konnten so heftig bremsen, daß sie mit dem Schwanz
geradezu auf die Erde zu sitzen kamen, nur hatte es das eine
mit der Astronomie, dieses Biest - man brauchte nur die
Zügel straff anzuziehen, gleich riß es den Kopf in die Höhe
und glotzte in den Himmel. Es gibt nichts Schlimmeres, als
einen solchen Astronomen im Gespann zu haben -und an der
Deichsel sind sie besonders gefährlich, auf ein Pferd mit
einer solchen Unart muß der Vorreiter immerJein wachsames
Auge haben, denn ein Astronom sieht ja nicht, wohin er mit
den Beinen tritt. All das kannte ich natürlich an meinem
Astronomen und stand dem Vater immer bei: Die Zügel
meines Sattelpferdes und des Beipferdes hatte ich gewöhn-
lich um den linken Ellenbogen geschlungen und führte die
beiden so, daß sie die Deichsel zwischen sich in Kruppen-
höhe hatten und ihre Schwänze den Deichselpferden direkt
ins Maul stießen, ich selbst hatte immer die Peitsche bereit,
hielt sie dem Astronomen vor die Augen, und sobald ich
sah, er liebäugelte schon wieder gar. zu sehr mit dem Him-
mel, zog ich ihm eins übers Maul, dann nahm er den Kopf
auf der Stelle wieder herunter, und die Abfahrt verlief
bestens. So war es auch diesmal: Wir hatten die Bremse an-
gezogen, ich drehe mich um, wissen Sie, die Deichsel so vor
mir, halte mit der Peitsche den Astronomen in Schach, da
sehe ich auf einmal, daß er weder Vaters Zpgel noch meine
Peitsche spürt, die Kandare hat ihm die Lippen blutig ge-
rissen, die Augen treten ihm aus den Höhlen, ich höre, wie
hinten etwas knirscht, und rums, drückt der Wagen auch
schon mit seiner ganzen Last gegen die Pferde . . . Die
Bremse ist gebrochen! Ich schreie dem Vater zu: ,Halt!
Halt!' Und er selber schreit auch: ,Halt! Halt!' Doch was
gab es da noch zu halten, wo alle sechs Pferde blind dahin-
jagten, mir aber flimmerte es plötzlich vor den Augen, und
ich sah, wie mein Vater vom Bock herunterflog ... Der Zügel
war gerissen ... Und vor uns dieser schreckliche Abgrund ...
Ich weiß nicht, hatte ich nun Mitleid mit der Herrschaft
oder mit mir selbst, jedenfalls sprang ich, die unausweich-
liche Katastrophe erkennend, ohne Zögern vom Sattelpferd
auf die Deichsel und hängte mich an ihr Ende ... Ich weiß
nicht, wieviel ich damals wog, aber so am äußersten Ende
war ich schon eine ganz hübsche Last, und den Deichsel-
pferden schnürte es die Luft ab, so daß sie zu röcheln be-
gannen ... auf einmal sind meine Leitpferde fort, wie ab-
geschnitten, und ich selbst hänge über dem Abgrund, der
Wagen aber steht und ist auf die beiden Pferde aufgefahren,
denen ich mit der Deichsel die Luft abgeschnürt habe.
Erst da kam ich zur Besinnung und erschrak tüchtig,
konnte mich mit den Händen nicht mehr halten und stürzte
in die Tiefe, weiter kann ich mich an nichts mehr erinnern.
Ich kam wieder zu mir, wie lange es gedauert hat, weiß
ich auch nicht, und sah, ich lag in einer Bauemhütte, und
ein Hüne von Bauer sagte zu mir: ,Na so was, du lebst noch,
Kleiner?'
Ich antwortete:
,Sieht so aus.'
,Weißt du noch', sagte er, ,was mit dir los war?'
Ich versuchte, mich zu erinnern, und entsann mich, wie die
Pferde mit uns davonrasten, ich auf das Deichselende ge-
sprungen war und über dem Riesenloch gehangen hatte; was
weiter geschehen war, wußte ich nicht.
Der Bauer lächelte.
,Wie solltest du das auch wissen', sagte er. ,In dieser
Schlucht sind auch deine Leitpferde nicht lebendig unten an-
gekommen - es hat sie erwischt, dich aber hat gleichsam
eine unsichtbare Kraft gerettet: bist auf einen Lehmklum-
pen gestürzt und darauf wie auf einem Schlitten nach unten
gesaust! Wir dachten, du bist mausetot, als wir aber nach-
sahen, da hast du noch geatmet, warst nur von der rasenden
Fahrt ohnmächtig geworden. Na schön', sagte er, ,wenn du
kannst, dann steh jetzt auf und geh schnellstens zum Popen:
Der Graf hat Geld zurückgelassen für dein Begräbnis, und
falls du am Leben bleibst, um dich zu ihm nach Woronesh
zu bringen.'
Ich bin also losgefahren, habe aber den ganzen Weg über
kein Wort gesprochen, sondern immer nur zugehört, wie. der
Bauer, der mich nach Woronesh brachte, auf seiner Harmo-
nika die ,Barynja' spielte.
Als wir ankamen, ließ mich der Graf in seine Gemächer
rufen und sagte zur Gräfin: ,Sieh ihn dir an', sagte er, ,Grä-
fin, diesem Jungen verdanken wir das Leben.'
Die Gräfin schüttelte nur den Kopf, und der Graf sagte
weiter: ,Du kannst dir von mir wünschen, was du willst,
Golowan, ich erfülle dir jeden Wunsch.'
Ich sagte: ,Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll!'
Er sagte: ,Was möchtest du denn gern haben?'
Ich überlegte hin und her und sagte schließlich: ,Eine
Ziehharmonika.'
Der Graf lachte und antwortete: ,Du bist wirklich ein
Dummkopf, aber laß gut sein, selbstverständlich werde ich
selber an dich denken, wenn es soweit ist, die Harmonika
aber', sagte er, ,soll er gleich haben.'
Ein Lakai ging in die Stadt und brachte mir eine Harmo-
nika in den PferdestalL
,Da\ sagte er, ,nun spiel.'
Ich nahm die Harmonika und wollte darauf spielen,
merkte aber, ich konnte es nicht, und legte sie gleich wieder
weg an die Scheunenwand, und am nächsten Tag haben sie
mir dann Pilgerinnen von dort gestohlen.
Ich hätte die gnädige Stimmung des Grafen nutzen und
schon damals, wie mir der Mönch geraten hatte, bitten sol-
len, mich ins Kloster gehen zu lassen; warum ich mir eine
Ziehharmonika gewünscht habe, weiß ich selber ·nicht, aber
damit habe ich den allerersten Ruf zurückgewiesen, des-
wegen bin ich dann auch von einem Schrecken in den ande-
ren geraten, habe immer Schwereres durchgemacht, aber nie
dran glauben müssen, ehe nicht all das, was mir der Mönch
im Traum vorausgesagt hatte, zur Strafe für meinen Unglau-
ben im wirklichen Leben in Erfüllung gegangen war."

"Kaum war ich nach diesein Gnadenbeweis meiner Herr-


schaft mit Graf und Gräfin und dem neuen Sechsergespann,
das wir in Woronesh erstanden hatten, wieder :zu Hause an-
gelangt, schaffte ich mir ein Pärchen Schopftauben an und
baute ihnen im Pferdestall auf einem Brett ein Nest. Das
Männchen hatte lehmgraues Gefieder, das Weibchen aber
war schneeweiß und hatte leuchtendrote Beinchen, wunder-
hübsch! Die Tauben gefielen mir sehr: Besonders wenn
nachts das Männchen gurrte, härte sich das gar zu schön an,
und tagsüber flatterten sie zwischen den Pferden umher,

186
setzten sich in die Futterkrippen, pickten Körner auf und
schnäbelten sich ... Für einen jungen Burschen ist das sehr
spaßig anzusehen.
Nach dieser Schnäbelei bekamen sie Junge; brüteten ein
Pärchen aus, das wurde auch groß, sie schnäbelten sich immer
weiter, setzten siclt wieder auf ihre Eierchen und brüteten
neue Junge aus.. . Winzig sind solche jungen Täubchen,
sehen aus, als hätten sie Wolle statt Federn, und gelb sind
sie wie die Pünktchen auf dem Gras, die man ,Katzenmal-
ven' nennt, ihre Schnäbel aber sind schlimmer als die Nasen
von Tscheckessenfürsten, ganz hübsche Dinger ... Ich wollte
mir diese Taubenjungen aus der Nähe betrachten, und um
ihnen nicht weh zu tun, faßte ich eins am Schnäbelchen, sah
es mir gründlich an und vergaß dabei alles um mich herum,
so zart war es, das Taubenmännchen aber machte es mir
dauernd streitig. Ich trieb meinen Spaß mit ihm - reizte es
immer mit dem Jungen; als ich aber das kleine Ding ins
Nest zurücklegen wollte, atmete es nicht mehr. Wie habe ich
mich da geärgert; ich habe es mit den Händen gewärmt, es
angehaucht, wollte es wieder lebendig machen; aber nein,
es war hin, da biß die Maus keinen Faden ab! Ich wurde
wütend und schleuderte es kurzerhand zum Fenster hinaus.
Halb so schlimm; im Nest war ja noch das andere; das kre-
pierte Junge aber hatte sich doch so eine weiße Katze, die
gerade vorbeirannte, geschnappt und war damit davon-
geragt. Ich habe sie noch gut ausmachen können, diese Katze,
ganz weiß ist sie gewesen, und auf der Stirn hatte sie einen
schwarzen Fleck wie ein Mützchen. Na ja, dachte ich bei
mir, mag sie selig werden mit dem toten Täubchen und es
fressen. In der Nacht aber höre ich im Schlaf plötzlich, wie
auf dem Brettehen über meinem Bett der Täuberich wütend
mit irgend jemandem kämpft. Ich springe auf, es war eine
helle Mondnacht, und was sehe ich - dieselbe weiße Katze
schleppt nun schon das zweite, das lebendige Taubenjunge
davon.
Da hört sich aber doch alles auf, dachte ich und schleu-
derte ihr einen Stiefel nach, traf sie aber nicht - sie entkam
mit meinem Täubchen und hat es bestimmt irgendwo auf-
gefressen. Meine beiden Tauben waren nun wieder allein,
bliesen aber nicht lange Trübsal, begannen von neuem mit
der Schnäbelei, und schon hatten sie wieder ein Pärchen,
doch die verfluchte Katze war alsbald zur Stelle ... Der
Henker mag wissen, wie sie das alles beobaQ1tet hatte, je-
denfalls sehe ich, wie sie am hellichten Tage wieder ein
Täubchen fortschleppt, und zwar so raffiniert, daß ich nicht
einmal etwas zur Hand hatte, was ich nach ihr werfen
konnte. Dafür nahm: ich mir vor, sie ordentlich durchzu-
bleuen, legte im Fenster eine Schlinge aus, und kaum ließ
sie sich in der Nacht blicken, da hatt~ es sie schon erwischt,
sie saß fest, klagte und miaute. Ich holte sie gleich aus der
Schlinge heraus, steckte sie mit Schnauze und Vorderpfoten
in einen Stiefelschaft, damit sie nicht kratzen konnte, nahm
Hinterpfoten und Schwanz in die linke Hand, mit dem
Fausthandschuh, holte mit der rechten die Peitsche von der
Wand und brachte ihr auf meinem Bett Anstand bei. So an
die hundertfünfzig Hiebe habe ich ihr wohl übergebrannt,
und zwar so derb ich konnte, am Ende wehrte sie sich nicht
einmal mehr. Dann zog ich sie aus dem Stiefel heraus und
dachte: Ist sie nun krepiert oder nicht? Ich will doch mal
probieren, dachte ich, ob sie noch lebt,. legte sie auf die
Schwelle und hackte ihr mit dem Beil den Schwanz ab.
,Miau' machte sie, fuhr zusammen, drehte sich an die zehn
mal um sich selbst und rannte davon.
Schön, dachte ich, jetzt wirst du wohl nicht noch einmal
herkommen und dich an meinen Tauben vergreifen; und
damit sie noch mehr Angst bekam, nagelte ich am Morgen
den· Schwanz, den ich ihr abgehackt hatte, kurz entschlossen
außen über mein Fenster und war mit meinem Werk sehr
zufrieden. Doch eine oder höchstens zwei Stunden später
kommt das Stubenmädchen der Gräfin hereingerannt, das
sich -in ihrem ganzen Leben noch nie bei uns im Pferdestall
hatte blicken lassen, hält einen aufgespannten Sonnenschirm
in der Hand und schreit: ,Aha, aha! Du bist das also ge-
wesen, du bist das also gewesen!'
Ich sagte:
,Was ist los?'

188
,Bist du es gewesen', sagte sie, ,der Sosinka verstümmelt
hat? Gib's zu: Es ist doch dein Fenster, über dem ihr
Schwanz angenagelt ist?'
Ich sagte:
,Was ist schon dabei, daß ihr Schwanz angenagelt ist?'
,Wie hast du dich nur erdreisten können', sagte sie, ,das
zu tun?'
,Und wie hat sie sich erdreisten können', sagte ich, ,meine
Tauben zu fressen?'
,Ach, deine albernen Tauben!'
,Freilich, und die Katze', sagte ich, ,ist auch keine große
Dame.'
Sie müssen wissen, mit zunehmendem Alter fing ich an zu
schimpfen.
,Was ist so eine Katze schon wert', sagte ich.
Und darauf dieses Schnattermaul: ,Was fällt dir ein! Du
weißt wohl nicht, daß das meine Katze ist und daß die
Gräfin selbst sie gestreichelt hat', und dabei knallte sie mir ihr
hübsches Händchen auf die Backe, ich aber hatte schon als
Kind eine rasche Hand, überlegte nicht lange, nahm den
schmutzigen Stallbesen von der Tür und ließ ihn auf ihrer
Taille herumtanzen ...
Du lieber Himmel, da hatte ich etwas angerichtet! Man
brachte mich ins Kontor zum deutschen Verwalter, der das
Urteil über mich sprechen mußte, und er entschied, ich solle
aufs grausamste ausgepeitscht und dann aus d~m Pferdestall
in den englischen Garten versetzt werden, um dort mit dem
Hammer Steine für die Wege zu zerklopfen . . . Ich wurde
so erbarmungslos durchgeprügelt, daß ich hinterher nicht
wieder aufstehen konnte und auf einer Matte zu meinem
Vater getragen werden mußte, doch das hätte mir nichts aus-
gemacht, der zweite Teil des Urteils aber, daß ich auf den
Knien Steine klopfen mußte, bedeutete für mich eine solche
Qual, daß ich immer und immer wieder überlegte, wie ich
dem entgehen könnte, und endlich beschloß, meinem Leben
ein Ende zu machen. Ich steckte einen derben Strick von
einem Zuckersack in die Tasche, den mir ein Lakaienjunge
geschenkt hatte, ging abends baden und von dort in ein
Espengehölz hinter der Tenne, kniete nieder, betete für die
gesamte Christenheit, band den Strick um einen Ast, knüpfte
eine Schlinge und steckte meinen Kopf hindurch. Ich
brauchte nur noch hinunterzuspringen, und alles wäre vorbei
gewesen ... Ich hätte das bei meinem Charakter auch getan,
aber kaum hatte ich Schwung geholt, war von dem Ast her-
untergesprungen und baumelte in der Luft, da lag ich auch
schon wieder auf der Erde, und vor mir stand ein Zigeuner
mit seinem Messer und lachte - die Zähne in seiner schwar-
zen Fratze leuchteten sogar nachts weiß wie Schnee.
,Was machst du da, Kumpan?' sagte er.
,Was kümmert's dich?' antwortete iclt.
,Oder', er ließ nicht locker, ,geht es dir so schlecht?'
,Scheint so', sagte ich, ,ein Zuckerlecken ist es nicht.'
,Wozu sich mit eigener Hand aufhängen, komm mit', sagte
er, ,bleib lieber bei uns, vielleicht wirst du auf andere Weise
gehängt.'
,Wer seid ihr denn, und wo wohnt ihr? Ihr seid doch
Diebe, nicht wah~;?'
,Diebe', sagte er, ,Diebe und Spitzbuben.'
,Sieh mal an', sagte ich, ,und gelegentlich bringt ihr doch
sicher auch mal einen um?'
,Kommt vor', sagte er, ,auch das gehört zum Handwerk.'
Ich überlegte angestrengt, was ich nun machen sollte: Zu
Hause würde es morgen und übermorgen wieder heißen:
Hingekniet und poch-poch mit dem Hammer auf dem Weg
Steinehen geklopft, von dieser Arbeit hatte ich schon Schwie-
len auf den Knien bekommen, und es klang mir schon in
den Ohren, wie mich alle wieder verhöhnen würden, weil
der gemeine Deutsche mich wegen eines Katzenschwanzes
dazu verurteilt hatte, einen ganzen Berg Steine zu klopfen.
,Und so was nennt sich Lebensretter', spotteten sie alle. ,Hat
den Herrschaften das Leben gerettet.' Ich konnte es einfach
nicht länger ertragen, und nachdem ich mir vorgestellt hatte:
Wenn du dich nicht erhängst, mußt du wieder dorthin zu-
rück, pfiff ich auf alles, vergoß ein paar Tränen und ging
unter die Räuber.''
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"Der schlaue Zigeuner ließ mich gar nicht erst zur Besinnung
kommen und sagte: ,Damit ich dir vertrauen kann', sagte
er, ,daß du nicht mehr zurückgehst, mußt du mir jetzt gleich
aus dein Pferdestall des Grafen zwei Pferde herausholen,
nimm aber die allerbesten, damit wir bis zum Morgen mög-
lichst weit kommen.'
Mir wurde elend zumute: Stehlen war das letzte, was ich
tun wollte; aber da ich A gesagt hatte, mußte ich wohl auch
B sagen; und weil ich mich im Pferdestall wie in meiner
Hosentasche auskannte, brachte ich ohne Mühe zwei Renner
hinter die Tenne, die überhaupt keine Müdigkeit kannten,
der Zigeuner aber hatte schon vorher Schnüre mit Wolfs-
zähnen aus der Tasche geholt, hängte erst dem einen, dann
dem anderen Pferd eine um den Hals, danach saßen wir auf
und ritten davon. Die Wolfsknochen witternd, jagten un-
sere Pferde dahin, daß einem Hören und Sehen verging,
und gegen Morgen hatten wir über hundert Werst zurück-
gelegt und befanden uns vor der Stadt Karatschew. Dort
verkauften wir die Pferde an einen Herbergswirt, nahmen das
Geld, gingen an ein Flüßchen und wollten teilen. Dreihun-
dert Rubel hatten wir für die Pferde bekommen, natürlich in
damaligem Geld, in Assignationen, der Zigeuner aber gab
mir nur einen Silberrubel und sagte: ,Hier ist dein Anteil.'
Ich fühlte mich übers Ohr gehauen.
,Wieso', sagte ich, ,ich war es doch, der die Pferde ge-
stohlen hat, und ich habe viel mehr riskiert als du, warum
ist dann mein Anteil so klein?'
,Weil er nicht größer ist', antwortete er.
,Laß diesen Unsinn', sagte ich: ,Warum nimmst du dir
soviel?'
,Weil ich der Meister bin', sagte er, ,und du bist noch
Lehrling.'
,Was heißt das', sagte ich, ,Lehrling, - das ist doch
Schwindel!' - und so gab ein Wort das andere, und wir
verzankten uns. Schließlich sagte ich: ,Ich will nicht weiter
mit dir zusammenbleiben, denn du bist ein Schuft.'
Da gab er zur Antwort: ,Dann schieb in Gottes Namen
ab, mir kann's nur recht sein; denn du hast keinen Paß, man
hat mit dir höchstens noch Scherereien!'
So trennten wir uns, und ich wollte schon zum Kreisrich-
ter gehen, um mich als entlaufener Leibeigener zu melden,
aber als ich seinem Schreiber meine Geschichte erzählte,
sagte der zu mir:
,Du Dummkopf! Wozu willst du dich melden? Hast du
zehn Rubel?'
,Nein', sagte ich, ,ich habe einen Rubel, zehn habe ich
nicht.'
,Dann hast du vielleicht sonst irgend etwas, vielleicht ein
silbernes Halskreuz, oder was ist denn das da an deinem
Ohr, ein Ohrring?'
,Ja', sagte ich, ,das ist ein kleiner Ohrring.'
,Silber?'
,Silber, und ein Kret.i""z aus Silber habe ich auch', sagte ich,
,aus dem Mitrofanikloster.'
,Dann schnell her damit', sagte' er, ,gib alles her, ich stelle
dir eine Entlassungsbescheinigung aus, damit gehst du nach
Nikolajew, dort werden viele Leute gebraucht, eine Un-
menge Landstreicher zieht von uns dorthin.'
Ich gab ihm Rubel, Kreuz und Ohrring, er schrieb mir die
Bescheinigung aus, drückte den Stempel des Kreisgerichts
auf und sagte: ,Für den Stempel müßte ich dir noch einen
Zuschlag berechnen, denn das mache ich bei allen so, aber
du tust mir leid, weil du so arm bist, und ich will nicht,
daß Bescheinigungen aus meiner Hand unvollständig sind.
Geh', sagte er, ,und wenn sonst noch jemand was braucht,
schick ihn nur immer zu mir.'
Recht so, dachte ich, das nenne ich Barmherzigkeit: Erst
nimmt er mir das Halskreuz ab, und dann hat er noch Mit-
leid mit mir. Ich schickte niemanden zu ihm, sondern zog in
Gottes Namen und ohne eine Kupfermünze in der Tasche
weiter.
Ich kam in diese Stadt und postierte mich auf d~m Markt-
platz, um mich zur Arbeit zu verdingen. Es waren sehr we-
nige Arbeitsuchende - ganze drei Mann, ~:~nd alle anschei-
nend in derselben Lage wie ich, halbe Landstreicher, aber
es gab viele, die jemanden dingen wollten, und so riß man
uns hin und her, der eine zerrte uns hierhin, der nächste wie-
der dorthin. Auf mich stürzte sich ein Herr, ein wahrer Riese,
größer als ich, stieß einfach alle anderen beiseite, packte
mich an beiden Händen u~d zerrte mich hinter sich her: Mit
der einen Hand zog er mich, mit der anderen teilte er nach
links und rechts Püffe .aus, schimpfte unflätig und hatte dabei
Tränen in den Augen. Als er mich in ein Häuschen geführt
hatte, das wer weiß woraus in aller Eile zusammengezim-
mert worden war, sagte er: ,Sei ehrlich: Du bist doch dei-
nem Herrn davongelaufen?'
Ich sagte:
,Ja.' '
,Dieb', sagte. er, ,Mörder oder bloß Landstreicher?'
Ich antwortete:
,Wozu müssen Sie das wissen?'
,Um besser entscheiden zu können, zu welcher Arbeit du
taugst.'
Ich erzählte nun, weswegen ich davongelaufen war, da
fiel er mir um den Hals, küßte mich ab und sagte: ,So einen
brauche ich gerade, so einen brauche ich gerade! Wenn du
mit den Tauben Mitleid gehabt hast', sagte er, ,dann kannst
du auch mein Kind pflegen: Ich stelle dich als Amme ein.'
Mich packte das Grauen.
,Was denn', sagte ich, ,als Amme? Für dieses Amt bin
ich völlig ungeeignet.'
,I wo, das macht nichts', sagte er, ,das macht nichts: Ich
sehe, du taugst zur Amme; ich weiß doch überhaupt nicht
mehr ein noch aus, denn meine Frau ist mir aus Langerweile
mit einem Remonteoffizier durchgebrannt und hat mir unser
Töchterchen zurückgelassen, das noch die Brust bekommt,
und ich habe keine Zeit, es zu füttern, und weiß auch nicht
womit, also wirst du es für mich aufziehen, und ich zahle
dir monatlich zwei Rubel Lohn.'
,Du liebe Güte', antwortete ich, ,hier geht es nic,P.t um
zwei Rubel, sondern darum, wie ich mit dieser Aufgabe fer-
tig werden soll.'

13 Pilger 193
,Unsinn', sagte er, ,bist du ein Russe oder nicht? Ein Russe
wird mit allem fertig.'
,Ich bin zwar Russe, aber ich bin doch ein Mann, und
was man braucht, um ein Brustkind aufzuziehen, hat mir die
Natur nicht geschenkt.'
,Was das betrifft', sagte er, ,so werde ich zu deiner Unter-
stützung beim Juden eine Ziege kaufen: Die kannst du mel-
ken und mit der Milch mein Töchterchen aufziehen.'
Ich überlegte eine Weile und sagte dann :
,Freilich, warum sollte man mit einer Ziege nicht ein Kind
aufziehen können, aber trotz alledem', sagte ich, ,für diesen
Dienst sollten Sie lieber eine Frau nehmen.'
,Nein, von Frauen bitte kein Wort', gab er zur Antwort.
,Ihretwegen hat man ja gerade alle diese Scherereien, woher
soll ich auch eine nehmen, und wenn du es ablehnst, mein
Kind zu pflegen, dann rufe ich auf der Stelle die Kosaken,
lasse dich binden und auf die Polizei bringen, und von dort
wirst du unter Bewachung abtransportiert. Wähle jetzt, was
ist dir lieber: wieder bei deinem Grafen auf dem Garten-
weg Steine klopfen oder mein Kind aufziehen?'
Ich überlegte: Nein, zurück gehe ich nicht wieder, und so
erklärte ich mich einverstanden, als Kindermädchen bei ihm
zu bleiben. Noch am seihen Tag kauften wir beim Juden
eine weiße Ziege mit einem Zicklein. Das Zicklein schlach-
tete ich und aß es mit meinem Herrn in einer Nudelsuppe,
die Ziege aber melkte ich und gab die Milch dem Kind. Das
Kind war winzig, sah ganz verhutzelt und elend aus und
greinte von früh bis spät. Mein Herr, sein Vater, stammte
aus Polen, war Staatsbeamter und ein rechter Windhund, der
nie zu Hause war, sondern immer zum Kartenspiel zu seinen
Freunden rannte, während ich mit meinem kleinen Zögling,
dem Mädchen, allein blieb und mich ganz schrecklich an das
Kind gewöhnte, denn die Langeweile wurde mir unerträg-
lich, und vor lauter Nichtstun gab ich mich ständig mit der
Kleinen ab: Bald legte ich sie in eine Bütte und badete sie
schön, und wenn sich auf der zarten Haut Blüteben zeigten,
streute ich sofort Mehl darauf; oder ich kämmte sie oder
schaukelte sie auf den Knien, und wenn mir zu Hause gar

194
zu langweilig wurde, trug ich sie an den See, wo ich die
Wäsche spülte; und auch die Ziege hatte sich an uns ge-
wöhnt, sie ging bisweilen sogar mit uns spazieren. So brachte
ich die Zeit bis zum nächsten Sommer hin, mein Kind war
größer geworden und begann zu stehen, da bemerkte ich,
daß seine Beinehen irgendwie krumm waren. Ich wollte
das meinem Herrn zeigen, aber der nahm es auf die
leichte Schulter und sagte nur: ,Was kann ich da tun',
sagte er. ,Bring es zum Arzt, zeig es dem: Soll er sich's an-
sehen.'
Ich brachte es hin, und der Arzt sagte: ,Das ist die eng-
lische Krankheit, das Kind muß in Sand gesteckt werden.'
Also suchte ich am Seeufer ein Plätzchen, wo Sand war,
und sobald ein warmer Tag kam, nahm ich Ziege und Mäd-
chen und zog mit ihnen dorthin. Mit den Händen kratzte ich
ein Loch in den warmen Sand, grub das Mädchen bis zu
den Hüften ein und gab ihm Stöckchen und Steinehen zum
Spielen, unsere Ziege spazierte um uns herum und rupfte
sich Gras, während ich, die Arme um die Beine geschlungen,
dasaß und schließlich einschlief.
Ganze Tage brachten wir drei auf diese Weise zu, und das
war für mich das Beste gegen die Langeweile, denn die
Langeweile, ich muß es wiederholen, war schrecklich, und
besonders im Frühjahr, als ich anfing, das kleine Mädchen im
Sand einzugraben und am See zu schlafen, hatte ich alle mög-
lichen unsinnigen Träume. Ich schlafe zum Beispiel ein, der
See rauscht, von der Steppe her weht mir warm der Wind
ins Gesicht, als käme etwas Zaubrisches mit ihm gezogen,
und mich überfällt ein schrecklicher Traum: Ich sehe Step-
pen, Pferde, und immer ruft mich jemand und lockt mich
irgendwohin. Sogar meinen Namen höre ich rufen: ,Iwan!
Iwan! Komm, Bruder Iwan!' Ich schrecke auf, bisweilen er-
schauere ich und mache meinem Herzen Luft: Der Henker
soll euch holen, warum ruft ihr mich immer! Ich sehe mich
um - das ewige Einerlei; die Ziege ist schon weit weg, streift
umher, rupft sich Gras, und das Kind sitzt eingegraben im
Sand, weiter nichts . . . Wie langweilig I Einöde, Sonne und
See, und wieder schlafe ich ein, und wieder kommt es ange-
weht, dringt in mein Herz und ruft: ,Iwan! Komm mit, Bru-
der Iwan!' Sogar zu schimpfen beginne ich und sage: ,So laß
dich doch sehen, verteufelt noch mal, wer bist du, der mich
so ruft?' Und einmal war ich ganz wütend, saß da, starrte im
Halbschlaf über den See, da stieg es wie ein leichtes Wölk-
chen auf und kam geradewegs auf mich zugeschwebt, ich
dachte: Brrr, halt, wohin willst du, meine Beste, du machst
mich am Ende noch naß! Auf einmal aber sehe ich: Da neigt
sich doch der Mönch mit dem Weibergesicht über mich, den
ich vor langer Zeit, als ich noch Vorreiter war, mit der Peit-
sche erschlagen hatte. Ich sage: ,Brrr, nicht weiter! Scher dich
fort!' Er aber spricht freundlich mit klingender Stimme:
,Komm mit, Iwan, Bruder, komm mit! Du mußt noch viel
erdulden, aber dann wirst du es erreichen.' Ich bedachte
ihn im Schlaf mit Schimpfworten und sagte: ,Wohin soll ich
denn mit dir gehen, und was werde ich noch erreichen?' Aber
da wurde er wieder zur Wolke und zeigte mir durch sich
hindurch - ich weiß selber nicht was: eine Steppe, fremd-
artige Menschen, Sarazenen, wie in den Märchen von Jerus-
lan und Bowa dem Königssohn: mit großen zottigen Mützen
und Pfeilen und auf schrecklichen wilden Pferden. Und wäh-
rend ich das sehe, höre ich lautes Rufen, Pferdewiehern, wil-
des Lachen, und dann erhebt sich plötzlich ein Wirbel-
sturm ... eine Sandwolke steigt auf, und alles ist verschwun-
den, nur eine helle Glocke läutet leise, in der Höhe erscheint,
übergossen von glühendem Abendrot, ein großes weißes Klo-
ster, und auf seinen Mauern schreiten geflügelte Engel mit
goldenen Lanzen auf und ab, ringsum ist Meer, und sobald
einer von den Engeln mit seiner Lanze gegen seinen Schild
schlägt, türmt sich das Meer rings um das Kloster auf und
schäumt, und aus der Tiefe rufen fürchterliche Stimmen:
,Heilig!'
Na ja, dachte ich, wieder die alte Geschichte, ich soll
Mönch werden!, und ich wurde ärgerlich wach und sehe voll
Erstaunen, wie eine Frau bei meinem kleinen Fräulein im
Sand kniet, ein schrecklich zartes Wesen, und aus ihren Augen
fließen wahre Tränenbäche.
Ich sah lange hin, denn ich glaubte immer, ich träumte
vielleicht noch, dann aber merkte ich, es verschwand nicht,
und so stand ich auf, trat näher und sah, eine Dame hatte
mein Mädchen aus dem Sand gegraben, hielt es in den Ar-
men, küßte es und weinte.
Ich fragte sie: ,Was suchst du hier?'
Sie stürzte mir entgegen, preßte das Kind an ihre Brust
und flüsterte: ,Das ist mein Kind, das ist meine Tochter,
meine Tochter!'
Ich sagte:
,Na und, was weiter?'
,Uberlaß sie mir', sagte sie.
,Wie kommst du denn darauf?' sagte ich.
,Tut sie dir denn nicht leid?' weinte sie. ,Du siehst doch,
wie sie sich an mich schmiegt.'
,Wennschon, sie ist noch ein dummes Kind, an mich
schmiegt sie sich auch, und daß ich sie hergebe, kommt gar
nicht in Frage.'
,Warum nicht?'
,Weil sie mir anvertraut ist - die Ziege dort gehört auch
zu uns, und ich muß das Kind seinem Vater wiederbringen.'
Da weinte die Dame und rang die Hände.
,Also schön', sagte sie, ,wenn du mir das Kind schon nicht
überlassen willst, dann erzähl wenigstens meinem Mann, dei-
nem Herrn, nicht', sagte sie, ,daß du mich gesehen hast, und
komm' morgen mit dem Kind wieder hier an diese Stelle,
damit ich es noch ein wenig liebhaben kann.'
,Das ist etwas anderes - das verspreche ich und werde ich
tun.'
Ich erzählte meinem Herrn auch wirklich nichts von ihr,
nahm am andern Morgen Ziege und Kind und ging wieder
zum See, wo die Dame schon wartete. Sie saß in dem kleinen
Sandloch, und kaum hatte sie uns erblickt, da sprang sie auf,
kam uns entgegengerannt, weinte und lachte, steckte dem
Kind Spielzeug in beide Händchen und hängte sogar unserer
Ziege ein Glöckchen an einem roten Band um. Mir gab sie
eine Pfeife, einen Beutel mit Tabak und einen Kamm.
,Rauch bitte diese Pfeife', sagte sie, ,ich will unterdessen
das Kind hätscheln.'

197
Und in dieser Weise verliefen von nun an unsere Begeg-
nungen am See: Die Dame gab sich immer mit dem Kind ab,
während ich schlief, und manchmal erzählte sie mir, daß
sie, nun ja ... in ihrer Heimat gewaltsam mit meinem Herrn
verheiratet worden sei ... von einer bösen Stiefmutter, und
daß sie, nun ja ... diesen ihren Mann ... nie geliebt habe.
Und, nun ja ... diesen anderen, den Remonteoffizier ... den
liebte sie, und sie beklagte sich: ,Gegen meinen Willen',
sagte sie, ,bin ich ihm verfallen. Denn mein Mann, das weißt
du ja selbst', sagte sie, ,führt ein liederliches Leben, der an-
dere aber mit seinem .. .' wie sagte sie gleich? ,Schnurrbart',
glaube ich, der Henker kenne sich 'da aus, ,der kleidet sich
immer sehr sauber', sagte sie, ,und er hat Mitleid mit mir,
aber trotzdem', sagte sie, ,kann ich nicht glücklich werden,
denn ich sehne mich nach diesem Kind. Und jetzt', sagte sie,
,sind wir beide hierhergekommen, wohnen bei einem seiner
Freunde, aber ich lebe in ständiger Angst, mein Mann könnte
es erfahren, wir reisen bald wieder ab, und ich werde mich
wieder nach dem Kind sehnen.'
,Das ist nun mal so: Wenn du Gesetz und Religion verach-
tet hast und deinem Mann untreu geworden bist, dann mußt
du eben leiden.'
Sie fing wieder· an zu weinen, und mit jedem Tag weinte
sie mehr und erbarmungswürdiger, und ihr Gejammer wurde
mir lästig, dann aber versprach sie mir auf einmal mir nichts,
dir nichts Geld. Schließlich kam sie·zum letztenmal und ver-
abschiedete sich.
,Häre, Iwan' (sie kannte schon meinen Namen), ,höre', sagte
sie, ,was ich dir zu sagen habe. Heute', sagte sie, ,kommt er
selbst hierher zu uns.'
Ich fragte: ,Wer?'
Sie antwortete: ,Der Remonteoffizier.'
Ich sagte: ,Und was geht mich das an?'
Da erzählte sie, er habe in der vergangenen Nacht beim
Kartenspiel schrecklich viel Geld gewonnen und gesagt, er
wolle mir ihr zuliebe tausend Rubel geben, damit ich ihr
nämlich ihre Tochter überließe.
,Daraus wird nichts', sagte ich.
,Warum denn nicht, Iwan? Warum denn nicht?' drängte
sie. ,Hast du denn gar kein Mitleid mit mir und dem Kind,
daß wir voneinander getrennt sind?'
,Mitleid hin, Mitleid her, ich habe mich bisher weder für
viel noch für wenig Geld verkauft urid werde es auch nicht
tun, und deswegen soll der Remonteoffizier seine Tausender
schön behalten, und ich behalte deine Tochter.'
Sie weinte wieder, ich aber sagte: ,Laß das Weinen, das
macht nicht den geringsten Eindruck auf mich.'
Sie sagte: ,Du hast kein Herz im Leibe, bist aus Stein.'
Und ich gab zur Antwort: ,Ich bin durchaus nicht aus
Stein, sondern genau wie alle andem aus Knochen und Seh-
nen, aber ich diene einem Herrn und bin ihm treu: Ich habe
es übernommen, das Kind zu behüten, und ich behüte es
auch.'
Sie suchte mich zu überreden. ,überleg doch', sagte sie,
,das Kind wird es bei mir doch besser haben!'
,Trotzdem', antwortete ich, ,das interessiert mich nicht.'
,Soll ich mich denn', jammerte sie laut, ,soll ich mich denn
wirklich wieder von meinem Kind trennen?'
,Was denn sonst', sagte ich, ,wenn du Gesetz und Religion
verachtet hast ...'
Aber ich hatte noch nicht ausgesprochen, was ich sagen
wollte, da sehe ich durch die Steppe einen leichten Ulanen
auf uns zukommen. Die Offiziere liefen damals noch so her-
um, wie es sich gehört, machten etwas her, trugen richtige
Militäruniform, nicht so wie die von heute, die wie Schreiber
aussehen.
Dieser Remonteoffizier von den Ulanen kommt also auf
uns zu, kerzengerade, die Hände in die Hüften gestemmt
und den Mantel lose über die Schultern geworfen . . . Viel
Kraft steckte wohl nicht in ihm, aber er gab sich schnei-
dig ... Wie ich diesen Fremden so sah, dachte ich bei mir:
Das wäre doch eine großartige Abwechslung, den ein wenig
hochzunehmen. Und ich beschloß, sobald er irgend etwas zu
mir sagte, wollte ich ihm auf jeden Fall eine erzgrobe Ant-
wort geben, und vielleicht fügte es Gott, daß ich mich hier
nach Herzenslust mit ihm raufen konnte. Das mußte ein

199
Heidenspaß werden, ich schwelgte in Seligkeit, hörte schon
nicht mehr auf das, was meine vornehme Dame gerade mit
Tränen in den Augen plapperte, und konnte es gar nicht er-
warten, daß das Spiel begann."

"Nachdem ich also beschlossen hatte, mir diesen Spaß zu.


gönnen, überlegte ich: Wie kannst du diesen Offizier am
besten in Rage bringen, daß er über dich herfällt?, setzte
mich kurzerhand auf die Erde, holte einen Kamm aus der
Tasche und tat, als kratzte ich mir damit den Kopf; der Offi-
zier kam heran und ging gleich zu seiner Dame.
Die fing an ,ta-ta-ta, ta-ta' und berichtete ihm brühwarm,
daß ich ihr das Kind nicht gebe.
Er streichelte ihr das Köpfchen und sagte: ,Das macht
nichts, Liebste, das macht nichts : Ich werde gleich ein
Gegenmittel finden. Wir werden ihm Geld hinblättern', sagte
er, ,daß ihm die Augen übergehen; und wenn auch das nicht
zieht, dann nehmen wir ihm das Kind einfach weg' - und
bei diesen Worten trat er zu mir, hielt mir ein Bündel Geld-
scheine hin und sagte: ,Hier', sagte er, ,sind genau tausend
Rubel, gib uns das Kind, nimm das Geld und mach dich aus
dem Staube.'
Ich benahm mich absichtlich flegelhaft und antwortete ihm
nicht so bald: Erst stand ich, gemächlich auf; dann hing ich
den Kamm an meinen Gürtel, räusperte mich und sagte end-
lich: ,Nein', sagte ich, ,dieses Mittel, Euer Hochwohlgeboren,
zieht nicht', und damit riß ich ihm unversehens die Geld-
scheine aus der Hand, spuckte darauf, warf sie auf die Erde
und sagte: ,Kusch- such, apport, heb's auf!'
Er war schwer beleidigt, lief krebsrot an und fiel über mich
her; doch was sollte ich - Sie können ja selbst sehen, wie ich
gebaut bin - was sollte also ich mit diesem Schaufensteroffi-
zier viel Umstände machen? Ich versetzte ihm einen leichten
Stoß, und schon war er erledigt, flog der Länge nach hin,
reckte die Sporen in die Höhe, und sein Säbel rutschte zur

200
Seite. Ich trat gleich mit dem Fuß darauf und sagte: ,Siehst
du,' sagte ich, ,wie ich deinen Kriegerstolz zertrete.'
Nun war er zwar nicht kräftig, dieser Offizier, aber doch
ein tapferes Kerlchen; wie er sah, daß er mir den Säbel
nicht wieder wegnehmen konnte, schnallte er ihn ab und
stürzte sich flink mit seinen kleinen Fäusten auf mich ...
Natürlich trug ihm auch das nur Prügel ein, aber mir gefiel,
daß er stolz war und Charakter bewies: Ich nahm sein Geld
nicht, und er dachte. auch nicht daran, es aufzuheben.
Als wir mit dem Raufen fertig waren, rief ich: ,So nimm
doch dein Geld, Euer Hochwohlgeboren, du kannst es noch
auf der Reise gebrauchen.'
Aber was denken Sie: Er dachte nicht daran, es aufzu-
heben, sondern lief zu dem Kind und faßte es bei der Hand;
nur - er nahm das Kind bei der einen Hand, und ich faßte es
natürlich sofort bei der anderen.
,Los', sagte ich, ,zieh: wer sich die größere Hälfte abreißt.'
,Du Schuft, du Schuft, du Ungeheuer!' schrie er und
spuGkte mir ins Gesicht, ließ das Kind fahren und zog. nur
noch seine Dame mit sich, die aber schrie in ihrer Verzweif-
lung jämmerlich, folgte ihm zwar, da er sie mit Gewalt fort-
zog, ihre Augen und ihre Arme jedoch streckten sich mir und
dem Kind entgegen ... Und da sah und fühlte ich, wie sie
gleichsam bei lebendigem Leibe in zwei Hälften zerrissen
war, die eine Hälfte war bei ihm, die andere bei dem
Kind ... Und in ehendiesem Augenblick sehe ich auf einmal
von der Stadt her meinen Herrn gerannt kommen, bei dem
ich angestellt war, und er hielt schon eine Pistole in der
Hand, feuerte in einem fort und schrie:
,Halte sie, Iwan! Halte sie!'
Wie komme ich dazu, dachte ich bei mir, sie für dich fest-
zuhalten? Sollen sie sich ruhig lieben, jagte der Dame mit
ihrem Ulanen hinterher, gab ihnen das Kind und sagte: ,Da
habt ihr euren Schlingel! Aber jetzt müßt ihr auch mich
mitnehmen', sagte ich, ,sonst übergibt er mich dem Gericht,
denn ich habe einen falschen Paß.'
Sie antwortete: ,Komm mit, Iwan, du Guter, komm mit,
du bleibst bei uns.'

201
Wir machten uns also davon und nahmen das Mädchen
mit, meinem Herrn aber waren die Ziege, das Geld und mein
Paß verblieben.
Während der ganzen Fahrt mit meinen neuen Herrschaften
saß ich bis nach Pensa hinein immer auf dem Kutschbock
und überlegte: War es richtig, daß ich den Offizier geschla-
gen habe? Er hat doch einen Eid geschworen und schützt im
Krieg mit seinem Säbel das Vaterland, und sogar der Zar
redet ihn vielleicht bei seinem hohen Rang mit Sie an, und
ich Schafskopf habe ihn so beleidigt! ... Dann wieder schlug
ich mir diese Gedanken aus dem Kqpf und überlegte: Was
hat das Schicksal jetzt noch für mich bestimmt? In Pensa aber
war gerade Markt, und der Ulan sagte zu mir: ,Hör zu, Iwan,
du weißt gewiß, denke ich, daß ich dich nicht bei mir be-
halten kann.'
Ich sagte:
,Warum denn nicht?'
,Ich stehe doch im Staatsdienst', sagte er, ,und du hast kei-
nen Paß.'
,Ich hatte ja einen Paß', sagte ich, ,er war nur falsch.'
,Siehst du', antwortete er, ,und jetzt hast du nicht einmal
den mehr. Hier hast du zweihundert Rubel auf den Weg -
zieh mit Gott, wohin du willst.'
Ich wäre, ehrlich gesagt, am liebsten überhaupt nicht von
ihnen weggegangen, denn ich hatte das Kind sehr lieb; aber
da war nichts zu machen, und ich sagte:
,Na schön, leben Sie wohl', sagte ich, ,ich danke Ihnen er-
gebenst für Ihr Geschenk, aber da ist noch etwas.'
,Was denn?' fragte er.
,Ich habe noch etwas gutzumachen', antwortete ich, ,denn
ich habe mich mit Ihnen geprügelt und mich flegelhaft be-
nommen.'
Er lachte und sagte:
,Ich bitte dich, hör auf damit, du bist ein braver Kerl.'
,Nein, mit Verlaub', antwortete ich, ,brav oder nicht, so
geht das nicht, denn diese Geschichte beschwert mein Ge-
wissen: Sie sind ein Vaterlandsverteidiger, und vielleicht hat
sogar der Zar >>Sie<< zu Ihnen gesagt.'

202
,Das stimmt', antwortete er: ,Wenn wir zum Offizier be-
fördert werden, steht in der Urkunde: »Wir befördern Sie
und befehlen, Ihnen alle Achtung zu erweisen.«'
,Erlauben Sie', sagte ich, ,ich kann das nicht weiter mit mir
herumtragen ... '
,Daran läßt sich aber doch nichts mehr ändern', sagte er.
,Daß du stärker bist als ich und mich verbleut hast, kannst
du nicht mehr rückgängig machen.'
,Rückgängig machen nicht', sagte ich, ,aber zur Erleichte-
rung meines Gewissens könnten doch jetzt Sie mir, wenn's
gefällig ist, ein paar Ohrfeigen geben', und auf der Stelle
blies ich beide Backen auf.
,Wofür denn?' fragte er, ,wofür soll ich dich schlagen?'
,Meines Gewissens wegen', antwortete ich, ,damit ich einen
Offizier meines Zaren nicht ungestraft beleidigt habe.'
Er lachte, ich aber blies wieder beide Backen auf, sosehr
ich konnte, und wartete.
Er fragte: ,Warum bläst du denn deine Backen auf und
schneidest Grimassen?'
Ich antwortete:
,Das ist Soldatenart, ich habe mich nach der Dienstvor-
schrift bereitgestellt. Bitte', sagte ich, ,geben Sie mir links
und rechts eine Ohrfeige', und wieder blies ich meine Backen
auf; aber statt mich zu schlagen, fiel er mir plötzlich um den
Hals, küßte mich ab und sagte:
,Genug jetzt, um Christi willen, Iwan, genug: Um nichts
in der Welt würde ich dich auch nur ein einziges Mal schlagen,
jetzt aber geh schnell, solange Maschenka und ihr Töchter-
chen nicht zu Hause sind, denn sie werden deinetwegen sehr
wetnen.
0 '

,Freilich! Das ist etwas anderes; warum sollte ich sie trau-
rig machen?'
Und obwohl ich gar nicht gern weggehen wollte, blieb mir
nichts anderes übrig. So verschwand ich schleunigst ohne Ab-
schied, ging zum Tor hinaus, blieb stehen und überlegte:
Wohin soll ich jetzt gehen? Wieviel Zeit war doch schon ver-
gangen, seit ich meiner Herrschaft entlaufen war und ein
Landstreicherleben führte, und noch immer hatte ich kein
Zuhause gefunden ... Schluß jetzt, dachte ich, ich gehe zur
Polizei und melde mich, nur, dachte ich, es kommt recht un-
gelegen, daß ich gerade Geld habe, denn auf der Polizei n~h­
men sie einem alles weg. Wenigstens ein bißchen davon will
ich ausgeben, und wenn ich mir nur in der Schenke eine
ordentliche Portion Tee mit Brezeln besteile. Ich ging also in
eine Schenke am Markt, bestellte Tee mit Brezeln und ver-
brachte dort eine ganze Weile, schließlich sah ich, länger
konnte ich nicht bleiben, und streifte ein wenig umher. Ich
ging zum Ufer der Sura und war nun in· der Steppe, wo
Pferdeherden weideten und von Tataren bewacht wurden,
die ihre Zelte ebendort aufgeschlagen hatten. Alle Zelte sahen
gleich aus, eines aber leuchtete hell in bunten Farben, und
ringsherum waren viele feine Herren geschäftig, probierten
Reitpferde aus. Alle möglichen Leute waren dort - Zivi-
listen, Offiziere und Gutsbesitzer, die zum Markt gekom-
men waren, alle standen herum und rauchten Pfeife, in ihrer
Mitte aber saß auf einem bunten Filzteppich ein spindeldür-
rer langer würdevoller Tatar in reichverziertem Mantel und
mit einer goldbestickten Mütze. Ich sah mich um, erkannte
einen Mann, der wie ich in der Schenke Tee getrunken hatte,
und fragte ihn: ,Wer ist dieser vornehme Tatare, daß er
allein von allen Anwesenden sitzt?' Da sagte dieser Mann zu
mir:
,Den kennst du nicht?' fragte er. ,Das ist der Khan Dshan-
gar.'
,Was für ein Khan Dshangar?'
Der andere sagte:
,Khan 'Dshangar', sagte er, ,ist der größte Pferdezüchter
der Steppe, seine Herden weiden von der Wolga bis hin zu
den Ryn-Bergen im Ural, und er selber, dieser Khan Dshan-
gar, ist in der Steppe sozusagen der Zar.'
,Gehört diese Steppe denn nicht uns?' fragte ich.
,Freilich', antwortete er, ,gehört sie uns, nur können wir
damit nichts anfangen, denn bis zum Kaspischen Meer ist
alles Salzmoor oder Gras, wenn man die Vögel am Himmel
nicht rl!chnet, ein Beamter k:!nn da überhaupt nichts heraus-
holen, und deswegen', sagte er, ,ist Khan Dshangar dort der

204
Zar, und bei sich zu Hause, in den Ryn-Bergen, soll er einen
ganzen Hofstaat haben, alle möglichen Hofbeamten, Scheichs
und Unterscheichs, Mullahs, Derwische und Ulemas, und er
springt mit ihnen um, wie es ihm gefällt, und sie gehorchen
ihm mit dem größten Vergnügen.'
Ich lauschte diesen Worten und sah, wie gerade ein Ta-
tarenbursche dem Khan ~ne kleine weiße Stute vorführte
und irgend etwas plapperte; der Khan stand auf, ergriff eine
Peitsche mit langem Stiel, stellte sich genau vor den Kopf
der Stute, hielt ihr die Peitsche mit ausgestrecktem Arm an
die Stirn und blieb unbeweglich stehen. Aber wie er dastand,
kann ich Ihnen sagen, dieser Räuber! Wie eine Statue, an der
man sich nicht satt sehen kann, und es war gleich zu erken-
nen, daß er in dem Pferd las wie in einem offenen Buch.
Weil ich mich nun auf diesem Gebiet von klein auf selbst
auskannte, merkte ich, auch die Stute spürte in ihm den Ken-
ner und ließ sich gehorsam betrachten: Sieh mich nur an
und habe deine Freude an mir! Der würdevolle Tatar
blickte die Stute unverwandt an, lief nicht um sie herum
wie es unsere Offiziere tun, die in ihrer Geschäftigkeit immer
um ein Pferd herumtanzen, sondern musterte sie von ein und
demselben Fleck aus, senkte plötzlich di~ Peitsche, sagte kein
Wort, sondern küßte nur seine Fingerspitzen - das hieß:
Einmalig! -, worauf er sich wieder mit gekreuzten Beinen
auf seinen Filzteppich setzte, während die Stute mit den
Ohren spielte, schnaubte und zu tänzeln begann.
Die Herrschaften, die dort herumstanden, boten nun um
die Wette auf dieses Pferd: der eine hundert Rubel, der
andere hundertfünfzig und so weiter, sie trieben den Preis
immer mehr in die Höhe. Die Stute war wirklich wunder-
voll,' nicht zu groß, wie die Araberpferde, aber schlank, mit
kleinem Kopf, vollem, rundem Auge und wachsamen Ohren;
die Flanken geschmeidig und zart, der Rücken wie mit dem
Lineal gezogen, die Beine federleicht, wie gedrechselt und
gleichsam zum Rennen geschaffen. Ich hatte für solche Schön-
heit etwas übrig und konnte kein Auge von der Stute wenden.
Wie Khan Dshangar nun sah, daß die Stute alle um ihre Ver-
nunft gebracht hatte und die Herren einander wie besessen

205
überboten, nickte er dem schmierigen Tatarenbengel zu, der
schwang sich auf das edle Tier und jagte davon wie der
Wind - er saß, wissen Sie, so auf seine Tatarenart darauf,
preßte ihm die Knie in die Flanken, und die Stute bekam
unter ihm gleichsam Flügel und flog dahin wie ein Vogel,
pfeilgerade, und wenn er sich leicht auf den Rist beugte und
sie mit einem wilden Schrei anspornte, da verschmolz sie mit
dem Sand zu einem wahren Wirbelsturm, Ach, du Schlange!
dachte ich bei mir. Ach, du Steppenfalke, du Satan! Wo bist
du nur zur Welt gekommen? Und ich spürte, daß es mich
mit allen Fasern zu dieser Stute dräl).gte, als gehörten wir zu-
sammen. Der Tatarenkerl kam zurück, die Stute blies einmal
durch beide Nüstern, schnaubte sich aus, hatte damit alle
Müdigkeit abgeworfen und stand wieder mucksmäuschen-
still. Ach, du Goldstück, dachte ich; ach, du Goldstück! Ich
glaube, hätte der Tatar für das Tier meine Seele, ja selbst
meinen Vater und meine Mutter von mir verlangt, ich hätte
sie geopfert, aber natürlich war überhaupt nicht daran zu
denken, daß ich diesen Renner erwerben könnte, wo doch die
Herren und die Remonteoffiziere den Preis schon wer weiß
wie hoch getrieben hatten, aber das war alles noch gar nichts,
das Bieten war noch nicht zu Ende, und keiner hatte die
Stute bisher bekommen, da sahen wir plötzlich an der Sura
von Seliska her auf einem Rappen einen schnellen Reiter
kommen und mit seinem breitrandigen Hut winken, er jagte
heran, sprang ab, ließ sein Pferd stehen, trat schnurstracks
zu der weißen Stute, stellte sich auch wie eine Statue vor
ihren Kopf und sagte: ,Die Stute ist mein.'
Der Khan erwiderte: ,Gar nicht dein. Die Herren hier
bieten mir fünfhundert Silberrubel dafür.'
Dieser Reiter aber - es war ein riesiger Tatar mit gewal-
tigem Bauch und kleinen Schlitzaugen, und sein Gesicht war
so von der Sonne verbrannt, daß es sich überall schälte, als
hätte man ihm die Haut abgezogen - dieser Reiter aber
brüllte sogleich: ,Ich gebe hundert Rubel mehr als alle ande-
ren!'
Das stachelte die Herren nur noch mehr an, und sie boten
weiter, Khan Dshangar aber saß wie unbeteiligt da und lecKte

206
sich die Lippen, plötzlich kam von der anderen Seite der Sura
her ein zweiter Tatar auf einem langmähnigen Pferd, einem
Fuchs mit heller Mähne und hellem Schwanz, und der war
nun ganz dürr und gelb, nur Haut und Knochen, und noch
hitziger als der erste. Er glitt vom Pferd, pflanzte sich vor
der weißen Stute auf und sagte: ,Daß es nur alle wissen:
Ich will, daß die Stute mein wird I'
Ich fragte meinen Nachbarn, wovon das denn nun ab-
hinge. Er antwortete:
,Das hängt von der Meinung des großen Khan Dshangar
ab. Schon oft, beinah zu jedem Markt dreht er die Sache so,
daß er zuerst die gewöhnlichen Pferde verkauft, die er mit-
gebracht hat, und am letzten Tag holt er, der Henker weiß
woher, gleichsam aus einer Geheimtasche noch ein Pferd oder
zwei hervor, das die Cannaisseure um den Verstand bringt;
er aber, dieser schlaue Tatar, sieht sich das an, hat seinen
Spaß daran und kriegt noch Geld dafür. Diese Gewohnheit
von ihm ist bekannt, alle warten schon auf einen solchen Ab-
schluß, und so ist es eben auch diesmal gewesen: Alle mein-
ten, der Khan werde heute abziehen, und er wird auch wirk-
lich heute nacht abziehen, und du siehst ja, was für eine
Stute er nun noch herausrückt .. .'
,Eine wahre Pracht', sagte ich, ,dieses Pferd!'
,Es ist wirklich eine Pracht, er hat es mitten in seiner Herde
zum Pferdemarkt treiben lassen, wird erzählt, und zwar so,
daß keiner es unter den anderen Pferden sehen konnte, und
niemand hat etwas davon gewußt außer diesen beiden Ta-
taren, die gerade gekommen sind, aber auch denen hat er
gesagt, er verkaufe die Stute nicht, sie sei ihm ans Herz ge-
wachsen, dann hat er sie nachts von den anderen getrennt,
an der Mordwinensiedlung in den Wald treiben und dort auf
einer Lichtung von einem besonderen Hirten bewachen las-
sen, jetzt hat er die Stute nun plötzlich doch gezeigt und ver-
kauft sie, paß nu~ auf, was ihretwegen hier noch alles ge-
schieht und was er für sie kriegt, dieser Hund, und wenn du
Lust hast, wollen wir wetten, wer sie bekommt.'
,Wozu das? Warum wollen wir wetten?'
,Weil hier gleich der Teufellos sein wird', sagte er. ,Alle

207
die feinen Herren hier werden ganz bestimmt kneifen, das
Pferd bekommt einer von diesen beiden Asiaten.'
,Wieso?' fragte ich. ,Sie sind wohl sehr reich?'
,Reich', antwortete er, ,und ganz wild auf Pferde. Haben
selber große Herden, und keiner würde dem anderen je ein
solches Prachtpferd gönnen. Sie sind überall bekannt: Dieser
Dickwanst, bei dem sich die Haut im Gesicht schält, heißt
Bakschej Otutschew, und der Dürre, der nur aus Knochen
besteht, Tschepkun Jemgurtschejew - beide sind ganz tolle
Pferdeliebhaber, paß nur auf, was die noch anstellen werden.'
Ich schwieg und sah weiter zu. Die Herren, die auf die
Stute geboten hatten, waren schon zurückgetreten und mach-
ten nur noch die Zuschauer, die beiden Tataren aber stießen
einander immer beiseite, schlugen Khan Dshangar auf die
Hand, entfernten sich dabei nicht von der Stute, gestikulier-
ten wild und schrien. Der eine schreit:
,Ich gebe außer dem Geld noch fünf Tiere' (das heißt fünf
Pferde). Da kreischt der andere: ,Er will dich übers Ohr
hauen, ich gebe zehn.'
Bakschej Dtutschew schreit: ,Ich gebe fünfzehn Tiere.'
Und Tschepkun Jemgurtschejew: ,Zwanzig.'
Bakschej : ,Fünfundzwanzig.'
Und Tschepkun: ,Dreißig.'
Mehr konnte anscheinend weder der eine noch der andere
bieten ... Tschepkun hatte dreißig geschrien, Bakschej bot
gleichfalls nur dreißig, und dabei blieb es; dafür versprach
Tschepkun noch einen Sattel als Zugabe, Bakschej einen Sat-
tel und einen Mantel, da zog auch Tschepkun seinen Mantel
aus, und wieder konnten sie einander nicht übertrumpfen.
Tschepkun schrie: ,Höre, Khan Dshangar: Wenn ich nach
Hause komme, schicke ich dir meine Tochter', doch auch
Bakschej versprach eine Tochter, und wieder waren beide
mit ihrem Latein am Ende: Plötzlich begann die ganze Ta-
tarenschar, die diesem Handel zusah, in ihrer Sprache zu
brüllen und zu lärmen. Man trennte die beiden, damit sie
einander nicht an den Bettelstab brachten, zerrte sie in ver-
schiedene Richtungen, Tschepkun wie Bakschej, gab ihnen·
Rippenstöße und redete ihnen zu.

208
Ich fragte meinen Nachbarn:
,Sag bitte, was ist jetzt mit ihnen los?'
,Siehst du', sagte er, ,den Fürsten da, die die beiden tren-
nen, denen tut Tschepkun und Bakschej leid, weil die beiden
sich beim Bieten übernommen haben, darum führen sie sie
beiseite, sie sollen zur Vernunft kommen und die Stute ein-
ander irgendwie auf ehrenvolle Weise überlassen.'
,Wie soll denn das zugehen', fragte ich, ,daß der eine das
Tier dem anderen überläßt, wo es ihnen doch beiden so ge-
fällt? Das geht doch gar nicht.'
,Warum nicht', antwortete er, ,die Asiaten sind vernünf-
tige und ordentliche Menschen: Sie werden sich sagen, wozu
unser Hab und Gut verlieren, werden Khan Dshangar geben,
wieviel er verlangt, und wer dann das Pferd hekommt, das
wird mit allgemeinem Einverständnis durch die Prügelprobe
entschieden.'
Ich wurde neugierig.
,Was heißt das: >>Prügelprobe<1?'
Er gab mir zur Antwort: ,Frag nicht soviel, paß auf, das
muß man sehen, und es fängt gleich an.'
Ich paßte auf und sah, Bakschej Otutschew und Tschepkun
J emgurtschej ew hatten sich anscheinend beruhigt, entrissen
sich ihren tatarischen Friedensstiftern, stürzten aufeinander
zu und gaben sich die Hände.
,Sgoda I' Das hieß, sie waren sich einig.
Und der andere antwortete genauso: ,Sgodal Das wäre
abgemacht!'
Beide warfen zu gleicher Zeit Mantel, Jacke lind Schuhe
ab, zogen ihre BaumwoHhemden aus, hatten nun nur noch
ihre gestreiften Pluderhosen an, setzten sich, plumps, ein-
ander gegenüber auf die Erde und saßen nun da wie zwei
Kampfhähne.
Ich erlebte ein solches Schauspiel zum erstenmal und war
gespannt, was weiter geschehen würde. Plötzlich reichten sie
einander ihre linken Hände, packten kräftig zu, spreizten die
Beine, preßten gegenseitig die Fußsohlen aneinander und
schrien: ,Her damit!'
Was sie mit diesem ,Her damit' wollten, ahnte ich nicht,

14 Pilger 209
der ganze Tatarenhaufen aber antwortete: ,Gleich, Freunde,
gleich.'
Nun trat aus diesem Haufen ein ehrwürdiger alter Tatar
hervor, in den Händen zwei mächtige Lederpeitschen, maß
nach, ob sie gleich lang wären, zeigte sie allen Umstehenden,
auch Tschepkun und Bakschej, und sagte:
,Seht her, beide sind gleich.'
,Gleich', schrie der Haufe, ,wir sehen alle, sie sind ehrlich
gemacht, zwei gleiche Peitschen! Sie sollen sich setzen und
anfangen.'
Bakschej und Tschepkun konnten es nicht erwarten und
griffen nach den Lederpeitschen.
Der ehrwürdige Tatar sagte zu ihnen: ,Abwarten' und
reichte ihnen dann selbst die Peitschen: die eine Tschepkun,
die andere Bakschej, danach klatschte er leise in die Hände-
einmal, zweimal, dreimal ... Und kaum hatte er zum dritten-
mal geklatscht, da hieb Bakschej seinem Gegner Tschepkun
die Peitsche mit aller Kraft über die Schulter auf den nackten
Rücken, und Tschepkun blieb ihm die Antwort nicht schul-
dig. So traktierten sie einander nun weiter: blickten sich in
die Augen, stemmten die Fußsohlen gegeneinander, preßten
kräftig ihre linken Hände, während sie in der Rechten die
Peitschen schwangen . . . Es war eine Augenweide, wie sie
sich prügelten! Hatte der eine einen Meisterhieb getan, ant-
wortete der andere mit einem noch besseren. Die Augen tra-
ten beiden schon aus den Höhlen, und die linken Hände hat-
ten jedes Gefühl verloren, aber keiner von beiden ergab
sich.
Ich fragte meinen Bekannten:
,Das ist wohl bei ihnen so, wie wenn sich Herrschaften
duellieren,-nicht wahr?'
,Ja', antwortete er, ,das ist genauso ein Zweikampf, nur
nicht um die Ehre', sagte er, ,sondern um sich unnötige Aus-
gaben zu ersparen.'
,Und können sie sich lange so peitschen?' fragte ich.
,Solange es ihnen Spaß macht', sagte er, ,und solange die
Kräfte reichen.'
Die beiden bearbeiteten sich unaufhörlich mit den Peit-

2.10
sehen, in der Menge aber wurde schon gestritten. Die einen
sagten: ,Tschepkun wird es Bakschej zeigen', die anderen:
,Bakschej wird Tschepkun erledigen', und wer Lust hatte, wet-
tete- die einen auf Tschepkun, die anderen auf Bakschej, je
nachdem, wem sie mehr zutrauten. Sie betrachteten mit Ken-
nermiene die Augen der beiden, ihre Zähne, sahen sich die
Rücken an, erkannten an bestimmten Anzeichen, auf wen
mehr Verlaß war, und auf den setzten sie. Der Mann, mit
dem ich mich unterhielt, gehörte auch zu den erfahrenen Zu-
schauern, er hatte zuerst auf Bakschej gesetzt, sagte aber dann:
,Ach, meine zwanzig Kopeken sind futsch: Tschepkun wird
Bakschej schlagen.'
Ich sagte: ,Woher willst du das wissen? Noch läßt sich
nichts Bestimmtes sagen: Beide sitzen noch gerade.'
Er aber antwortete mir: ,Ja, sie sitzen noch gerade, aber
ihre Kampfesweise ist unterschiedlich.'
,Wieso denn', sagte ich, ,ich meine, Bakschej drischt noch
heftiger zu.'
,Das ist ja eben das Schlimme', antwortete er. ,Nein, die
zwanzig Kopeken, die ich auf ihn gesetzt habe, sind futsch:
Tschepkun wird ihn erledigen.'
Nun brat mir einer 'nen Storch, dachte ich bei mir, wie
kommt er nur zu diesem unverständlichen Urteil? Anderer-
seits, überlegte ich, muß er sich seiner Sache doch ziemlich
sicher sein, wenn er sogar wettet.
Mich plagte nun, wissen Sie, die Neugierde, und ich
drängte meinen Bekannten.
,Sag mir doch, lieber Mann', sagte ich, ,warum fürchtest du
jetzt für Bakschej?'
Er antwortete: ,Ach, du blutiger Anfänger! Sieh doch',
sagte er, ,wie Bakschejs Rücken aussieht.'
Ich sah hin: nichts Besonderes, ein schöner Männerrücken,
groß und rund wie ein Kissen.
,Und siehst du', sagte er, ,wie er schlägt?'
Ich sah wieder hin und stellte nur fest, er schlug wütend
zu, hatte die Augen weit aufgerissen, und wenn er traf, fing
es gleich zu bluten an.
,Nun, und jetzt überleg mal: Wie arbeitet er innerlich?'

2ll
,Was soll hier das Innere? Ich sehe nur, daß er gerade
sitzt, den Mund weit offen, und heftig atmet.'
Da sagte mein Bekannter:
,Da hast du die Bescherung: Sein Rücken ist breit, jeder
Schlag landet in ganzer Länge; er schlägt rasch, keucht, zieht
die Luft mit offenem Mund ein und verbrennt damit sein
Inneres.'
,Dann hat also Tschepkun mehr Aussichten?' fragte ich.
,Unbedingt', antwortete er, ,sieh nur, er ist ganz ausge-
dörrt, nichts als Haut und Knochen, und sein Rücken gleicht
einer krummen Schaufel, keinen einzigen Schlag kriegt er ganz
ab, sondern nur an einzelnen Stellen, und sieh nur, wie er
Bakschej allmählich eindeckt, nicht rasch, aber gekonnt, und
die Peitsche zieht er nicht gleich wieder zurück, sondern läßt
erst die Haut darunter schwellen. Deswegen ist Bakschejs
Rücken ganz geschwollen und blau wie Tinte, aber Blut
fließt nicht, und der ganze Schmerz steckt jetzt in ihm drin,
auf Tschepkuns dürrem Rücken aber platzt die Haut wie bei
einem gebratenen Ferkel, sie reißt, und das Blut nimmt den
ganzen Schmerz mit, deswegen wird er Bakschej besiegen.
Verstehst du's jetzt?'
,Jetzt verstehe ich's', sagte ich, und wirklich hatte ich diese
ganze Asiatenpraxis mit einem Mal begriffen und interessierte
mich sehr dafür, wie man in einem solchen Fall am zweck.-
mäßigsten vorginge.
,Du mußt noch die Hauptsache beachten', unterwies mich
mein Bekannter, ,wie nämlich dieser Himmelhund Tschepkun
so gut mit seiner Visage den Takt schlägt; siehst du: Schlägt
zu, nimmt einen Gegenschlag hin und zwinkert mit den
Augen - das ist leichter, als die Augen aufzureißen wie Bak-
schej, und Tschepkun preßt die Zähne zusammen, beißt sich
auf die Lippen, das ist ebenfalls leichter, weil es überflüssi-
ges Brennen im Inneren verhindert.'
Ich ließ mich durch alle diese interessanten Hinweise be-
lehren, sah Tschepkun und Bakschej jetzt schon mit anderen
Augen zu, und mir wurde seihe~; klar, Bakschej mußte den
kürzeren ziehen, denn seine Augen waren schon ganz starr,
und die Lippen hatte er so verzogen, daß die Zähne zu sehen

21.2.
waren ... Und richtig, Bakschej versetzte Tschepkun noch an
die zwanzig Hiebe, einen schwächer als den anderen, dann
fiel er plötzlich nach hinten um und ließ Tschepkuns linke
Hand los, während er die Rechte immer noch bewegte, als
schlüge er, aber das tat er schon unbewußt, denn er war ohn-
mächtig geworden.
Mein Bekannter sagte: ,Feierabend: Meine zwanzig Kope-
ken sind futsch.'
Jetzt redeten auch alle Tataren los, beglückwünschten
Tschepkun und schrien:
,Ai, Köpfchen, TschepkunJemgurtschejew, ai, kluges Köpf-
chen - hast Bakschej gezeigt, was Peitschen heißt, steig auf -
jetzt ist die Stute dein.'
Sogar Khan Dshangar stand von seinem Teppich auf und
kam heran, schmatzte mit den Lippen und sagte ebenfalls:
,Die Stute ist dein, Tschepkun, dein I Steig auf, reite sie und
erhole dich auf ihr.'
Tschepkun stand auf. Sein Rücken war blutüberströmt,
aber er ließ sich nichts anmerken, legte der Stute seinen Man-
tel und seinen Rock über den Rücken, schwang sich selbst
bäuchlings darauf und ritt davon, ich aber wurde wieder von
Trübsinn befallen.
Nun ist alles schon zu Ende, dachte ich, und wieder kommt
mir meine Lage in den Sinn, und dabei verspürte ich nicht die
geringste Lust, darüber nachzudenken.
Da sagte glücklicherweise mein Bekannter: ,Warte, geh
noch nicht weg, es gibt bestimmt noch etwas.'
Ich sagte:
,Was soll es denn noch geben? Es ist alles vorbei.'
,Nein', sagte er, ,es ist noch nicht vorbei, sieh nur', sagte
er, ,wie Khan Dshangar seine Pfeife anbrennt. Siehst du - er
raucht. Das heißt, er denkt sich unbedingt noch etwas ganz
Asiatisches aus.'
Ich dachte bei mir: Ach, wenn doch noch etwas in der glei-
chen Art käme, da brauchte nur jemand für mich zu bürgen,
ich würde bestimmt nicht loslassen!"

2I3
6

"Und was glauben Sie wohl? Alles kam haargenau, wie ich
es mir gewünscht hatte: Khan Dshangar pafft seine Pfeife,
da kommt aus einem gerodeten Waldstück ein zweiter Tata-
renbengel auf ihn zugeritten, und zwar nicht auf einer Stute
von der Art, wie sie Tschepkun dem Bakschej abgenommen
hatte, sondern auf einem gescheckten Fuchsfohlen, das man
einfach nicht beschreiben kann. Vielleicht haben Sie einmal
gesehen, wie eine Ralle den Feldrain zwischen zwei Korn-
feldern entlangrennt - bei uns zu Hause nennen wir diesen
Vogel Wiesenschnarrer: Die Flügel spreizt er, aber mit dem
Schwanz hält er's nicht wie andere Vögel, entfächert ihn nicht
in der Luft, sondern läßt ihn herabhängen, und auch seine
Beine sind eingeknickt, als brauche er sie nicht - es sieht ge-
nauso aus, als segelte er durch die Luft. Und ähnlich wie
dieser Vogel schien auch das neue Pferd nicht aus eigener
Kraft dahinzujagen.
Ungelogen, es flog nicht einmal, es sah vielmehr so aus,
als käme die Erde unter seinen Hinterhufen hervorgeschossen.
Eine solche Leichtigkeit hatte ich mein Lebtag noch nicht ge-
sehen, und ich hätte nicht gewußt, welchen Preis ich für ein
solches Pferd nennen sollte, für welche Schätze es zu haben
wäre und ob sich vielleicht ein Königssohn so etwas leisten
könnte, und am allerwenigsten hätte ich je gedacht, das Pferd
könnte mir zufallen."
;,Es ist Ihnen zugefallen?" unterbrachen die erstaunten Zu-
hörer den Erzähler.
"Jawohl, mit Verlaub, mir, völlig rechtmäßig mir, freilich
nur für einen Augenblick, und wenn es Ihnen recht ist, dann
sollen Sie hören, wie das zugegangen ist. Die Herren boten
nach ihrer Gewohnheit auch auf dieses Pferd, und mein
Remonteoffizier, der, dem ich das Kind geschenkt hatte, war
auch mit von der Partie, gegen sie aber bot, als wäre er ihres-
gleichen, ein Tatar Sawakirej, so ein kleiner, untersetzter
Kerl, aber kräftig und ein richtiger Draufgänger, sein glatt-
geschorener Kopf sah aus wie poliert und war rund wie ein
junger Kohlkopf, seine Fratze leuchtete knallrot wie eine

214
Mohrrübe, und der ganze Kerl erinnerte an gesundes, frisches
Gemüse. Er schrie: ,Wozu unnütz unser Geld verschleudern',
sagte er, ,wer will, soll auspacken, wieviel der Khan ver-
langt, und sich dann mit mir um das Pferd prügeln.'
Für die feinen Herren ziemte sich das natürlich nicht, und
sie traten sofort zur Seite; na ja, und wie hätten sie sich auch
mit diesem Tataren peitschen wollen, der Heidenkerl hätte
einen nach dem anderen zusammengeschlagen. Mein Re-
monteoffizier nun war damals schon nicht mehr so sehr gut
bei Kasse, denn er hatte in Pensa beim Kartenspielen wieder
verloren, ich sah aber, das Pferd stach ihm in die Augen. Da
zupfte ich ihn von hinten am Ärmel und sagte: ,So und so,
bieten Sie nicht zuviel, aber zahlen Sie, was der Khan ver-
langt, ich werde mich dann im Kampf mit Sawakirej gütlich
einigen.' Erst wollte er nicht, aber ich bettelte ihn und sagte:
,Tun Sie mir den Gefallen: Ich möchte gar zu gern.'
Und so haben wir es dann auch gemacht."
"Sie haben sich mit diesem Tataren ... tatsächlich ... ge-
peitscht?"
"Ja, mit Verlaub, wir haben uns auf ganz die gleiche Weise
geprügelt und gütlich geeinigt, und das Fohlen ist mir zuge-
fallen."
"Sie haben den Tataren also besiegt?"
"Jawohl, mit Verlaub, nicht ohne Mühe, aber ich habe ihn
überwunden."
"Das muß doch schrecklich weh getan haben."
"Hmmm ... wie soll ich sagen ... Zuerst ja, mit Verlaub;
und es ist sogar sehr schmerzhaft, besonders, weil man es
nicht gewohnt ist, und dieser Sawakirej wandte auch den
Kniff an, so zuzuschlagen, daß der Rücken nur anschwoll,
aber nicht blutete, doch ich habe seinen Raffinessen einen an-
deren Kniff entgegengesetzt: Jedesmal, wenn er mir einen
übergezogen hatte, zog ich den Rücken unter der Peitsche
weg und erreichte auf diese Weise, daß meine Haut auf der
Stelle platzte und die Schläge für mich ungefährlich waren,
und dann habe ich diesen Sawakirej erschlagen."
"Was heißt erschlagen, doch nicht etwa totgeschlagen?"
"Doch, mit Verlaub, mit seinem Dickschädel und seiner

215
Schläue hat es der dumme Kerl dahin gebracht, daß er das
Zeitliche segnete", antwortete der Erzähler gutmütig und ge-
lassen, und als er sah, daß die Zuhörer ihn, wenn schon nicht
entsetzt, so doch mit stummem Erstaunen betrachteten, schien
er die Notwendigkeit zu spüren, seinem Bericht eine Erklä-
rung nachzuschicken.
"Sehen Sie", fuhr er fort, "das war nicht meine Schuld,
sondern seine, er galt nämlich in den Ryn-Bergen als bester
Kämpfer und wollte mir aus Ehrgeiz um keinen Preis den
Vorrang lassen, wollte tapfer durchhalten, um nicht Schande
über die asiatische Nation zu bringen, aber die Sinne sind
ihm geschwunden, dem armen B~rschen, und er hat sich
gegen mich nicht behaupten können, wahrscheinlich weil ich
einen Groschen in den Mund genommen hatte. Das hilft un-
heimlich. Ich habe die ganze Zeit auf den Groschen gebissen,
um den Schmerz nicht zu spüren, und um mich abzulenken,
habe ich im stillen die Schläge mitgezählt, und so habe ich's
ausgehalten."
"Wieviel Schläge haben Sie denn gezählt?" wurde der Er-
zähler unterbrochen.
"Genau kann ich das nicht sagen, mit Verlaub, ich entsinne
mich, ich hatte zweihundertachtzig und zwei gezählt, da
wurde mir plötzlich schwarz vor den Augen, ich kam für ein
Weilchen aus dem Takt und hieb nur noch so zu, ohne zu
zählen, doch Sawakirej holte schon sehr bald zum letztenmal
gegen mich aus, konnte nicht mehr zuschlagen und fiel wie
ein Sack vornüber auf mich: Als man nachsah, war er tot ...
Nein, so ein Dummkopf! Soweit hatte er es kommen lassen!
Ich wäre seinetwegen beinahe eingelocht worden. Die Tata-
ren machten nicht viel Aufhebens, ich hatte ihn eben er-
schlagen, so war das nun mal: Dafür gab es die Spielregeln,
er hätte mich ja auch zu Tode peitschen können, aber die
eigenen Leute, unsere Russen, geradezu die Wut konnte einen
packen, wenn man sah, wie sie das nicht begreifen wollten
und über mich herfielen. Ich sagte:
,Was habt ihr denn? Was mischt ihr euch ein?'
,Na hör mal', sagten sie, ,du hast den Asiaten doch tot-
geschlagen I'

2.16
,Was ist schon dabei, daß ich ihn totgeschlagen habe? Es
ist doch nicht aus Feindschaft geschehen. Wäre es vielleicht
besser gewesen, er hätte mich zu Tode gepeitscht?'
,Er hätte dich totpeitschen können', sagten sie, ,ihm wäre
nichts passiert, denn er ist ein Heide, aber du', sagten sie,
,mußt nach Christenart verurteilt werden. Komm mit', sagten
sie, ,zur Polizei.'
Da dachte ich bei mir: Schon recht, gute Freunde, verur-
teilt, bis ihr schwarz werdet; und weil es nach meiner Ansicht
nichts Schädlicheres als die Polizei gibt, huschte ich schnell
hinter einen Tataren, dann hinter den nächsten und flüsterte
ihnen zu: ,Rettet mich, Fürsten: Ihr habt doch selbst gesehen,
alles ist im ehrlichen Kampf geschehen .. .'
Sie rückten eng zusammen, stießen mich rasch durch ihre
Reihen und ließen mich verschwinden."
"Wie ist das zu verstehen ... wie haben sie Sie verschwin-
den lassen?"
"Ich bin mit ihnen in ihre Steppe gezogen."
"In ihre Steppe!"
"Ja, mit Verlaub, bis in die Ryn-Berge."
"Und sind Sie lange dort geblieben?"
"Ganze zehn Jahre: dreiundzwanzig war ich, als sie mich
in die Ryn-Berge brachten, und in meinem vierunddreißig-
sten bin ich von dort wieder entflohen und zurückgekommen."
"Hat Ihnen das Leben in der Steppe gefallen?"
"Nein, mit Verlaub; was kann einem dort schon gefallen?
Langweilig ist es, weiter nichts; aber ich konnte nicht eher
zurück."
"Warum nicht? Haben die Tataren Sie in ein Erdloch ge-
steckt oder Sie bewacht?"
"Nein, mit Verlaub, sie sind gutmütige Menschen, so etwas
Gemeines haben sie mir nicht angetan, daß sie mich in ein
Erdloch gesteckt oder in Ketten gelegt hätten, sie haben ein-
fach gesagt: ,Iwan, sei unser Freund; wir haben dich sehr
gern', haben sie gesagt, ,bleib bei uns in der Steppe und mach
dich nützlich, kuriere unsere Pferde und hilf den Weibern.' "
"Und haben Sie das gemacht?"
"Freilich; ich bin ihr Arzt gewesen und habe sie kuriert,

217
sie selber, ihr gesamtes Vieh, die Pferde und Schafe, und vor
allem ihre Frauen, die Tatarenweiber."
"Ja verstehen Sie denn etwas von der Medizin?"
"Wie soll ich Ihnen das sagen ... gehört da soviel dazu?
Wenn jemand krank wurde, gab ich ihm Aloe oder Ingwer·
wurzel, das hilft, und Aloe hatten sie viel dort, ein Tatar
hat einmal in Saratow einen ganzen Sack aufgetrieben und
mitgebracht, aber ehe ich zu ihnen kam, wußten sie nicht,
wozu Aloe gut ist."
"Und sie sind bei ihnen heimisch geworden?"
"Nein, mit Verlaub, ich habe immer zurück gewollt."
"Und es war wirklich unmöglich; von ihnen fortzukom·
men?"
"Ja, mit Verlaub, das ging nicht, hätte ich meine heilen
Beine behalten, ich wäre gewiß schon bald wieder in meine
Heimat gegangen."
"Was ist mit Ihren Beinen denn passiert?"
"Nach dem erstenmal haben sie mir Borsten untergenäht."
"Was haben sie mit Ihnen gemacht? ... Entschuldigen Sie
bitte, wir verstehen nicht ganz. Was heißt, man hat Ihnen
Borsten untergenäht?"
"Das ist bei ihn.en ein ganz alltägliches Mittel: Wenn sie
jemanden gern haben und bei sich behalten wollen, der aber
Heimweh hat oder zu fliehen versucht, dann machen sie es
so, daß er nicht fort kann. So erging es auch mir; als ich das
erstemal versucht hatte zu fliehen, aber vom Wege abge·
kommen war und sie mich wieder eingefangen hatten, sagten
sie: ,Weißt du, Iwan', sagten sie, ,du sollst unser Freund
sein, und damit du uns nicht wieder verläßt, wollen wir dir
lieber die Fersen aufschneiden und ein paar Borsten hinein·
stopfen'; na ja, und auf diese Weise haben sie mich zum
Krüppel gemacht, so daß ich immer auf allen vieren krie-
chen mußte."
"Sagen Sie doch bitte, wie machen die Tataren denn diese
entsetzliche Operation?"
"Sehr einfach, mit Verlaub: So an die zehn Mann warfen
mich zu Boden und sagten: ,Schrei, Iwan, schrei, so laut du
kannst, wenn wir zu schneiden anfangen! Davon wird dir

218
leichter werden', dann setzten sie sich auf mich drauf, und
einer von ihnen schlitzte mir im Handumdrehen geschickt an
den Sohlen die Haut auf, streute kleingeschnittenes Roßhaar
hinein, schob die Haut wieder darüber und nähte sie mit
einer Sehne zu. Danach haben sie mir freilich wirklich für
ein paar Tage die Arme gefesselt, hatten nämlich Angst, ich
würde die Wunden aufreißen und die Borsten könnten her-
auseitern; als die Haut aber zugeheilt war, banden sie mich
los. ,Jetzt laß dir's gut gehen', sagten sie, ,Iwan, jetzt bist
du wirklich unser Freund und wirst nie von uns weggehen.'
Ich hatte damals kaum die Füße aufgesetzt, pardauz, da
lag ich schon wieder auf der Nase. Die kleingeschnittenen
Haare, die unter der Haut in die Ferse eingewachsen waren,
stachen so gemein ins rohe Fleisch, daß ich auch nicht eine11
einzigen Schritt gehen konnte, und selbst das Stehen war un-
möglich. Ich hatte mein Lebtag noch nicht geweint, da aber
fing ich laut zu heulen an.
,Was habt ihr nur mit mir gemacht', sagte ich, ,ihr ver-
fluchten Asiaten? Hättet ihr mich lieber gleich totgeschla-
gen, ihr Schlangenbrut, als mich fürs ganze Leben zum Krüp-
pel zu machen, der keinen Schritt gehen kann.'
Aber sie antworteten:
,Ist doch alles halb so schlimm, Iwan, ist doch halb so
schlimm, warum regst du dich wegen einer solchen Kleinig-
keit so auf?'
,Ist das vielleicht eine Kleinigkeit', sagte ich, ,einen Men-
schen so zuzurichten! Und dann soll er sich nicht einmal auf-
regen dürfen?'
,Du mußt dich dran gewöhnen', sagten sie, ,tritt nicht mit
den Sohlen auf, sondern mach die Beine krumm und laufe
auf den Knöcheln.'
Zum Henker mit euch, ihr Halunken! dachte ich bei mir,
drehte ihnen den Rücken zu und verlor kein Wort mehr,
nahm mir aber fest vor, eher will ich sterben als eurem Rat
folgen und mit 0-Beinen auf den Knöcheln laufen; wie ich
dann aber lange, sehr lange dagelegen hatte, überfiel mich
tödliche Langeweile, ich gewöhnte mich daran und begann
allmählich, auf meinen Knöcheln herumzuhumpeln. Die Ta-
taren haben kein bißchen über mich gelacht, sondern noch
gesagt: ,Schön läufst du schon, Iwan, schön."'
"Welch ein Unglück für Siel Wie ist es denn gekommen,
daß Sie nach Ihrer Flucht den Tataren wieder in die Hände
geraten sind?"
"Es war eben unmöglich, mit Verlaub; die kahle Steppe,
weder Weg noch Steg, und essen muß man ja auch ... Drei
Tage lief ich, kam von Kräften und war hungrig wie ein
Wolf, mit den bloßen Händen fing ich mir einen Vogel und
verschlang ihn roh, und dann kam wieder der Hunger, und
kein Wasser ... Wie soll man da weitergehen? So blieb ich
liegen, sie haben mich gefunden, mitgenommen und mir die
Borsten untergenäht."
Einer der Zuhörer kam noch einmal auf die Roßhaar-
borsten zu sprechen und bemerkte, es müsse doch schrecklich
unbequem sein, auf den Knöcheln zu laufen.
"Anfangs sogar sehr unbequem", antwortete Iwan Sewe-
rjanytsch, "und später stellte ich mich zwar ganz geschickt an,
aber große Strecken kann man trotzdem nicht zurücklegen.
Freilich haben sich die Tataren, das muß ich sagen, seit der
Zeit sehr um mich gekümmert.
,Jetzt wirst du es allein schwer haben, Iwan', sagten sie,
,du kannst kein Wasser holen und dir auch sonst kaum etwas
zubereiten. Nimm dir jetzt eine Natascha', sagten sie, ,wir
werden dir eine schöne Natascha geben, such dir aus, welche
du willst.'
Ich sagte: ,Wozu aussuchen: Eine ist soviel wert wie die
andere. Gebt mir die erste beste.'
Da haben sie mich, ohne lange zu fackeln, auf der Stelle
verheiratet."
"Wie? Man hat Sie mit einer Tatarin verheiratet?"
"Ja natürlich, mit einer Tatarin. Zuerst mit der Frau die-
ses Sawakirej, den ich mit der Peitsche besiegt hatte, aber
die war gar nicht nach meinem Geschmack: So eine Lamm-
fromme, und immer schien sie vor mir Angst zu haben -
aufgemuntert hat sie mich kein bißchen. Wer weiß, vielleicht
hat sie sich nach ihrem Mann gesehnt, oder sonst irgend
etwas hat ihr das Herz abgedrückt. Die Tataren merkten

220
jedenfalls, daß sie eine Last für mich war, und brachten mir
sofort eine andere, ein kleines Mädchen, nicht älter als drei-
zehn •.• Sie sagten zu mir: ,Nimm noch diese Natascha,
Iwan, mit der wird es lustiger sein.'
Und ich habe sie genommen.''
"Und war es mit der wirklich lustiger?" fragten die Zu-
hörer Iwan Sewerjanytsch.
"Ja", antwortete er, "mit der war es lustiger, sie hat mich
manchmal aufgemuntert, manchmal freilich auch geärgert,
weil sie dumme Streiche machte."
"Was für dumme Streiche?"
"Alle möglichen •.. Was ihr gerade einfiel;. manchmal
sprang sie mir auf die Knie, oder ich schlief, und sie stieß
mir mit dem Fuß meine Tatarenkappe vom Kopf und schleu-
derte sie irgendwohin, und dabei lachte sie. Wenn ich ihr
dann drohte, wollte sie sich ausschütten vor Vergnügen,
rannte wie eine Russalka herum, und ich, auf allen vieren,
konnte sie natürlich nicht einholen, fiel auf die Nase und
mußte noch selber lachen."
"Und Sie haben sich dort in der Steppe den Kopf gescho-
ren und eine Tatarenkappe getragen?"
"Ja, mit Verlaub."
"Wozu denn? Sicher haben Sie Ihren Frauen gefallen wol-
len?"
"Nein, mit Verlaub; mehr wegen der Sauberkeit, denn
dort gibt es keine Badestuben."
"Auf diese Weise hatten Sie also gleich zwei Frauen?"
"Ja, mit Verlaub, in dieser Steppe zwei; aber später, bei
dem anderen Khan, bei Agaschimola, der mich von Otu-
tschew entführt hat, hat man mir noch zwei gegeben." .
"Einen Augenblick bitte", forschte wieder einer der Zu-
hörer, "wie hat man Sie denn entführen können?"
"Mit List. Ich war doch aus Pensa mit den Tataren
Tschepkun Jemgurtschejews geflohen und hatte etwa fünf
Jahre ununterbrochen in Jemgurtschejews Horde gelebt, bei
dem aber trafen sich alle Fürsten und Ulemas und Scheichs
und Unterscheichs und feierten dort Feste, auch Khan
Dshangar und Bakschej Otutschew waren manchmal dort.·~

.2.21
"Der, den Tschepkun mit der Peitsche besiegt hatte?"
"Ja, mit Verlaub, ebender."
"Wie das ... War Bakschej dem Tschepkun denn nicht
böse?"
"Weswegen denn?"
"Weil er ihn so verprügelt und ihm das Pferd abgewon-
nen hat."
"Nein, mit Verlaub, wegen so etwas sind sie nie aufein-
ander böse: Wer bei so einer freundschaftlichen .Verein-
barung den anderen schlägt, heimst den Gewinn ein, und
basta; übrigens hat Khan Dshangar, mich einmal getadelt ...
,Ach, Iwan', hat er gesagt, ,ach, was bist du für ein Dumm-
kopf, Iwan, warum hast du dich damals für den russischen
Fürsten mit Sawakirej geschlagen, ich hatte mich schon dar-
auf gefreut', sagte er, ,wie der Fürst sein Hemd ausziehen
würde.'
,Da hättest du lange warten können', antwortete ich ihm.
,Warum?'
,Weil unsere Fürsten', sagte ich, ,Angsthasen sind, sie
haben keinen Mumm und sind auch jämmerliche Schwäch-
linge.'
Das verstand er.
,Ich habe schon gesehen', sagte er, ,daß sie sich nie ,rich-
tig für etwas begeistern können, und wenn sie etwas haben
wollen, dann immer nur für Geld.'
,Das stimmt', sagte ich. ,Ohne Geld bringen sie überhaupt
nichts zustande.' Agaschimola also war von einer weit ent-
fernten Horde, seine Herden weideten irgendwo am Kaspi-
schen Meer; er ließ sich gern wegen aller möglichen Krank-
heiten behandeln, forderte mich auf, seine Frau zu kurieren,
und versprach Jemgurtschej eine Masse Vieh dafür. Da be-
urlaubte mich Jemgurtschej zu ihm: Ich nahm Aloe und
Ingwerwurzel und ritt mit ihm los. Aber kaum hatte Aga-
schimola mich in der Hand, da schlug er sich in die Büsche,
acht Tage lang sind wir in eine andere Richtung geritten."
"Geritten sind Sie?"
"Natürlich, mit Verlaub."
"Und Ihre Füße?"

222
"Was meinen Sie?"
"Nun das Roßhaar in den Fersen, hat Sie das nicht be-
hindert?"
"Aber nein; das haben sie gut weg: Wem sie solches Roß-
haar unternähen, der kann zwar schlecht laufen, aber auf
dem Pferd sitzt er besser als jeder andere, denn er läuft doch
breitbeinig, ist gewöhnt, die Beine immer krumm zu machen,
und umschließt das Pferd mit seinen Beinen wie mit einem
Eisenring, so daß ihn nichts aus dem Sattel heben kann."
"Und was haben Sie dann weiter in der neuen Steppe bei
Agaschimola erlebt?"
"Ich bin wieder in Gefahr geraten, und zwar in noch
schlimmere."
"Sind aber nicht darin umgekommen?"
"Nein, mit Verlaub, umgekommen bin ich nicht."
"Seien Sie so gut, erzählen Sie, was Sie bei Agaschimola
noch erlebt haben."
"Gern."

"Kaum waren Agaschimolas Tataren mit mir in ihrem Lager


angelangt, da zogen sie auch schon brandeilig weiter zu einem
neuen Lagerplatz, und ich mußte mit.
,Was hast du dort bei Jemgurtsehejew verloren, Iwan',
hieß es, ,Jemgurtschejew ist ein alter Strauchdieb, bleib du
schön bei uns, wir werden dich anständig behandeln und dir
ein paar hübsche Nataschas geben. Dort hast du nur zwei
gehabt, bei uns bekommst du mehr.'
Davon wollte ich nichts wissen.
,Wozu mehr?' sagte ich. ,Ich will nicht noch mehr haben.'
,Nein', sagten sie, ,das verstehst du nicht, mehr Nataschas
haben ist besser: Sie werden dir mehr Koljas zur Welt brin-
gen, und die werden dich alle Vater rufen.'
,Na hört mal', sagte ich, ,denkt ihr, es ist für mich eine
Kleinigkeit, Tatarenbälger aufziehen zu müssen? Wenn hier
jemand wäre, der sie taufen und ihnen das Abendmahl geben

223
könnte, wäre es noch etwas anderes, aber so: Ich kann so
viele machen, wie ich will, es sind immer eure Bälger und
keine Christen, und wenn sie erst mal heranwachsen, werden
sie auch noch anständige Menschen übers Ohr hauen.' Also
habe ich wieder zwei Frauen genommen, weiter aber keine,
denn wo viele Frauen zusammen sind, und mögen es auch
Tatarenweiber sein, da zankt sich diese Bagage, und man
muß ihnen unaufhörlich Anstand beibringen."
"Und haben Sie sie denn geliebt, Ihre neuen Frauen?"
"Wie meinen Sie das, mit Verlaub?"
"Ob Sie diese neuen Frauen geliebt haben."
"Geliebt? ... Ach so, davon reden Sie? Wie man's nimmt,
die eine, die ich bei Agaschimola bekam, war sehr fleißig
und gutwillig, da habe ich mich ihrer eben ... nun ja, er-
barmt."
"Und das kleine Mädchen, diese junge, die Sie schon vor-
her zur Frau hatten? Die hatte Ihnen doch sicher besser ge-
fallen?"
"Wie man's nimmt; auch ihrer habe ich mich erbarmt."
"Und haben sich bestimmt nach ihr gesehnt, als die eine
Horde Sie der anderen weggestohlen hatte?"
"Nein, Sehnsucht hatte ich nicht."
"Aber Sie haben doch sicher dort, von Ihren ersten Frauen,
auch Kinder gehabt?"
"Freilich, mit Verlaub: Sawakirejs Frau hat zwei Koljas
und eine Natascha geboren, und die andere, die kleine, hat
innerhalb von fünf Jahren sechs Stück zur Welt gebracht,
denn einmal hat sie gleich zwei Koljas gehabt."
"Erlauben Sie bitte die Frage: Warum sprechen Sie immer
von ,Koljas' und ,Nataschas'?"
"So heißt das bei den Tataren. Jeder erwachsene Russe
heißt bei ihnen Iwan, jede Russin Natascha, und die Jungen
nennen sie Kolja, daher haben sie auch meine Frauen, ob-
wohl sie doch Tatarinnen waren, meinetwegen alle als Rus-
sinnen angesehen und Natascha gerufen, und die Jungen
eben Kolja. Aber das alles war natürlich nur nach außen hin
so, denn sie waren doch ohne jegliches kirchliches Sakra-
ment, und ich habe sie nie als meine Kinder betrachtet."

2.2.4
.,Nicht als Ihre Kinder betrachtet? Aber warum denn
nicht?"
"Wie konnte ich, wo sie doch, mit Verlaub, ungetauft und
ungesalbt waren?"
.,Und Ihre väterlichen Gefühle?"
"Was meinen Sie damit?"
"Ja, haben Sie denn für diese Ihre Kinder gar nichts
empfunden? Sind Sie nie ein wenig lieb zu ihnen gewe-
sen?"
.,Was heißt hier lieb? Freilich, wenn ich mal so allein
dasaß und eins von ihnen kam zu mir, dann natürlich, da
bin ich ihm schon mal mit der Hand über den Kopf gefah-
ren, habe es gestreichelt und zu ihm gesagt: ,Geh zur Mut-
ter', aber das ist selten vorgekommen, denn ich hatte an an-
deres zu denken."
"Wieso an anderes zu denken? Sie hatten wohl sehr viel
ZU tun?"
.,Nein, mit Verlaub; zu tun hatte ich überhaupt nichts,
aber Heimweh hatte ich: Ich wollte gar zu gern heim, nach
Rußland."
"So hatten Sie sich auch nach zehn Jahren noch nicht an
die Steppe gewöhnt?"
.,Nein, mit Verlaub, ich wollte nach Hause ... das Heim-
weh quälte mich. Besonders an den Abenden, aber auch am
hellichten Tag, bei schönem Wetter, in der Sommerhitze,
wenn das Lager still war und die Tataren sich vor der Mit-
tagsglut in die Zelte verkrochen hatten und schliefen; dann
lüftete ich den Rand meines Zeltes und blickte in die
Steppe ... in die eine Richtung, in die andere - überall ·das
gleiche ... glühende, unerbittliche Hitze; endlose Weite;
Gras, Gras und nochmals Gras; das helle, flausehige Hafer-
gras ist wie ein silberner Ozean, es wogt hin und ,her, und
der leichte Wind trägt einem Gerüche zu, es riecht nach
Schafen, und die Sonne überschüttet einen geradezu mit
ihrer Hitze, sengt, die Steppe ist wie ein Leben in Qual -
nirgends ein Ende abzusehen, da wird dann auch das Heim-
weh übermächtig. . . Man sieht hinaus, und plötzlich, man
weiß nicht wie, zeichnet sich vor einem ein Kloster oder eine

15 Pilger
Kirche ab, man denkt an geweihte Erde, und die Tränen
kommen einem."
Iwan Sewerjanytsch hielt inne, seufzte bei diesen Erinne-
rungen schwer auf und fuhr fort:
"Noch schlimmer war es in den Salzsteppen unmittelbar
am Kaspischen Meer: Dort war die Sonne glutrot, sie stach
geradezu, und Salzsteppe wie Meer lagen in hellem Glanz
vor einem ... Von diesem Glanz wurde einem noch elender
zumute als vom Anblick des Hafergrases, und man wußte
dann nicht, in welchem Teil der Welt man sich eigentlich
befand, das heißt, ob man noch lebte oder schon gestorben
war und nun ohne Hoffnung auf Erlösung in der Hölle für
seine Sünden gepeinigt wurde. An den Stellen der Gras-
steppe, wo mehr Hafergras wächst, ist es immerhin noch er-
träglich; dort schimmert wenigstens in den Senken ab und
zu silbergrauer Salbei, oder Beifuß und Quendel bringen
Abwechslung in das weiße Einerlei, hier aber gab es nichts
als diesen Glanz. Wenn dort irgendwo ein Steppenbrand
entsteht, wird es gleich lebendig: Trappgänse kommen ange-
flogen, Zwergtrappen und Schnepfen, und auf die wird dann
Jagd gemacht. Auf unseren Pferden überrannten wir diese
Tudaken oder, wie sie bei uns heißen, Schnepfen und er-
schlugen sie mit langen Peitschen; manchmal mußte man sich,
ehe man sich's versah, selber mit seinem Pferd vor dem
Feuer in Sicherheit bringen ... Das war immerhin eine Ab-
wechslung. Und danach wachsen auf den abgebrannten Flä-
chen wieder Steinbeeren; die ziehen mancherlei Vögel an,
meist solches Kroppzeug, und dann ist in der Luft ein ein-
ziges Zwitschern und Tirilieren . . . Irgend wo kann man
schließlich auch ein paar Sträucher finden: Johannissträucher,
wilden Pfirsich oder Geißklee. . . Und wenn bei Sonnen-
aufgang der Nebel als Tau herabfällt, dann riecht man
gleichsam die Kühle, und von den Pflanzen steigen Düfte
auf . . . Ode ist es natürlich trotz alledem noch, aber man
kann es immerhin aushalten, in der Salzsteppe hingegen län-
ger bleiben zu müssen - das möchte ich meinem schlimmsten
Feind nicht wünschen. Die Pferde sind dort eine Weile ganz
zufrieden: Sie lecken das Salz, trinken deswegen mehr und

2.26
setzen Fett an, für den Menschen aber ist es der Untergang.
Kein Lebewesen gibt es dort - ein einziger kleiner Vogel
findet sich gleichsam zum Hohn, das Rotschnäbelchen, so
etwas wie unsere Schwalbe, ganz unansehnlich, nur am
Schnabel hat es einen roten Saum. Warum es an diesen
Küstenstrich geflogen kommt, weiß ich nicht; weil es aber
dort nichts findet, worauf es sich setzen könnte, fällt es auf
den Salzboden, bleibt ein Weilchen liegen, rappelt sich
dann, ehe man sich's versieht, wieder auf und fliegt davon,
man selber aber kann nicht einmal das tun, denn man hat
ja keine Flügel, und so muß man eben bleiben, kann nicht
leben und nicht sterben und auch seine Sünden nicht beich-
ten, und wenn du stirbst, legt man dich wie Hammelfleisch
in Salz, und dann liege nur schön eingepökelt bis zum Jüng-
sten Tage. Noch scheußlicher ist es aber im Winter, während
der Tjubenkazeit; Schnee fällt dort wenig, er bedeckt knapp
das Gras und läßt es nur ein wenig gefrieren: In dieser Zeit
sitzen die Tataren immer in ihren Jurten am Feuer und rau-
chen ... Dann kommt es aus Langeweile auch oft zwischen
ihnen zu Prügeleien. Tritt man ins Freie, gibt es überhaupt
nichts mehr zu sehen: Die Pferde sträuben das Fell und
kriechen gleichsam in sich selber hinein, klapperdürr sind
sie dann, nur Schwanz und Mähne flattern im Winde. Müh-
sam setzen sie ein Bein vors andere, kratzen mit dem Huf
die harte Schneedecke auf und kauen das gefrorene Gras,
ihre ganze Nahrung - und das nennen die Tataren eben
Tjubenkazeit. Nicht zum Aushalten ist es. Die einzige Zer-
streuung gibt es, wenn sie merken, irgendein Pferd ist sehr
schwach geworden und kann die Tjubenkazeit nicht über-
stehen, kann mit dem Huf nicht mehr die Erde aufscharren
und langt mit den Zähnen nicht mehr bis an die gefrorenen
Wurzeln: Einem solchen Pferd stoßen sie auf der Stelle das
Messer in den Hals, ziehen ihm das Fell ab und essen sein
Fleisch. Es schmeckt freilich widerwärtig süß, so wie Kuh-
euter, aber zäh; in der Not ißt man's natürlich, aber es
schüttelt einen dabei. Meine eine Frau verstand Gott sei
Dank noch, Pferderippen zu räuchern: Sie nahm die Pferde-
rippe, wie sie war, auf beiden Seiten das Fleisch dran,

227
steckte sie in einen großen Darm und räucherte sie über dem
Herdfeuer. Das mochte einigermaßen angehen, man konnte
es noch am ehesten essen, denn es roch so ähnlich wie Schin-
ken, im Geschmack freilich war es ebenso widerwärtig. Und
kaute man dann an diesem ekelhaften Zeug, fiel einem
plötzlich ein: Ach, zu Hause im Dorf rupfen sie jetzt zum
Feiertag Enten und Gänse, schlachten Schweine, kochen
himmlisch fette Kohlsuppe mit Schweinekamm, und Vater
Ilja, unser Pope, das herzensgute alte Männlein, macht sich
nun bald auf, Christus zu preisen, und mit ihm ziehen die
Küster los, die Popen- und Küsterfrauen, dazu die Semina-
risten, und alle sind beschwipst, ~ber Vater Ilja verträgt
nicht viel. Im Herrenhaus bietet ihm der Haushofmeister ein
Gläschen an; der Verwalter im Kontor schickt ihm durch
die Kinderfrau ebenfalls eins hinaus, Vater Ilja steht schon
nicht mehr ganz fest auf seinen Beinen, watschelt zu uns,
dem Hofgesinde, hat einen kleinen Rausch und kann kaum
noch einen Fuß vor den anderen setzen. Im ersten Haus
kippt er noch irgendwie ein Gläschen hinter, dann ist es
aber endgültig aus, und er schüttet alles in ein Fläschchen
unter seinem Priesterrock. So denkt er stets an seine Fami-
lie, selbst beim Essen, wenn er da unter den Speisen etwas
besonders Schmackhaftes sieht, bittet er: ,Wickelt mir's',
sagt er, ,in Zeitungspapier, ich möchte es mitnehmen.' Ge-
wöhnlich wird ihm dann gesagt: ,Wir haben kein Zeitungs-
papier, Hochwürden', aber das verdrießt ihn nicht, er nimmt
es einfach so, gibt es uneingewickelt seinem Frauchen und
setzt seinen Weg genauso friedlich fort. Ach, verehrte Herr-
schaften, wenn man erst einmal anfing, sich an das Leben
zu erinnern, wie man es von klein auf kannte, dann wurde
einem ganz elend ums Herz, und man verspürte im Inneren
einen Stich bei dem Gedanken: Und wo treibst du dich
herum? Von all diesem Glück bist du ausgeschlossen, wie-
viel Jahre warst du schon nicht zur Beichte, lebst ungetraut
und wirst einmal ohne Totenamt begraben werden, und wie-
der packt einen das Heimweh ... man wartet, bis Nacht ist,
kriecht heimlich hinters Zelt, damit einen weder die Frauen
noch die Kinder noch sonst jemand von den Heiden be-

228
merkt, und fängt an zu beten . . . und man betet, betet so
flehentlich, daß bisweilen sogar der Schnee unter den Knien
taut, und wo die Tränen in den Schnee gefallen sind, kann
man am Morgen junges Gras keimen sehen."
Der Erzähler verstummte und senkte sein Haupt. Keiner
behelligte ihn mit Fragen; wphl alle ehrten den heiligen
Schmerz, der ihn bei seinen letzten Erinnerungen überkom-
men hatte; doch kaum war eine Minute vergangen, da
seufzte Iwan Sewerjanytsch auf, als wolle er mit einer Hand-
bewegung alles wegwischen, nahm sein Klosterkäppchen ab,
bekreuzigte sich und stieß die Worte aus: "Aber das alles
ist, Gott sei Dank, vorbei !"
Wir ließen ihn ein wenig verschnaufen und wagten dann
wieder zu fragen, wie unser verzauberter Recke seine durch
Roßhaarhäcksel gelähmten Füße wieder geheilt hatte und
auf welche Weise er der Tatarensteppe und all seinen Na•
taschas und Kotjas entkommen und ins Kloster geraten war.
Iwan Sewerjanytsch befriedigte unsere Neugier mit jener
rückhaltlosen Offenheit, ohne die es bei ihm anscheinend
nicht ging.

Da wir bei der Darlegung der interessanten Geschichte


Iwan Sewerjanytschs gern die richtige Reihenfolge der Er-
eignisse gewahrt wissen wollten, baten wir ihn, zunächst zu
erzählen, mit welchen ungewöhnlichen Mitteln er seine Roß-
haarborsten losgeworden und aus der Gefangenschaft ge-
flohen war. Darüber berichtete er folgendermaßen:
"Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben, jemals nach Hause
zurückzukommen und mein Vaterland wiederzusehen. Al-
lein der Gedanke daran erschien mir unsinnig, und allmäh-
lich erstarb auch das Heimweh in meinem Herzen. Ich lebte
dahin wie ein fühlloser Stein, so wahr ich hier stehe, aber
manchmal dachte ich bei mir: Da hat nun bei uns zu Hause
in der Kirche ebendieser Pope Ilja, der immer um Zeitungs-
papier bat, im Gottesdienst immer wieder ,für die zu Was•

229
ser und zu Lande Reisenden, die Leidenden und Gefange-
nen' gebetet, und wenn du das hörtest, hast du immer ge-
dacht: Wozu? Ist denn jetzt etwa Krieg, daß man· für die
Gefangenen beten muß? Heute nun begreifst du zwar,
warum so gebetet wird, aber du begreifst nicht, warum alle
diese Gebete dir auch nicht den geringsten Nutzen bringen,
und ich habe zwar, um es vorsichtig auszudrücken, nicht
meinen Glauben verloren, aber bin doch unsicher geworden
und habe nicht mehr gebetet.
Wozu beten, dachte ich, wenn nichts dabei herauskommt.
Einmal aber spürte ich: Die Ta~aren sind über irgend
etwas erregt.
Ich fragte:
,Was gibt's denn?'
,Nichts von Belang', sagten sie, ,aus eurer Gegend sind
zwei Mullahs gekommen, die haben einen Geleitbrief vom
weißen Zaren und ziehen in die Ferne, ihren Glauben zu
verbreiten.'
Ich konnte mich kaum beherrschen und fragte: ,Wo sind
sie?'
Sie zeigten auf eine Jurte, und ich ging dorthin. Komme
hin und sehe dort viele Scheichs und Unterscheichs und
Derwische versammelt, und alle sitzen mit untergeschlage-
nen Beinen auf Teppichen, und mitten unter ihnen befinden
sich zwei Unbekannte, die zwar Reisekleider tragen, denen
man aber doch den geistlichen Stand ansieht; die beiden
stehen mitten unter diesem Gesindel und lehren die Tataren
das Wort Gottes.
Als ich sie erblickte, war ich überglücklich, Russen vor mir
zu sehen, das Herz schlug mir bis zum Halse, ich fiel ihnen
zu Füßen und brach in Schluchzen aus. Die beiden waren
über diese meine Begrüßung gleichfalls sehr erfreut und rie-
fen aus: ,Was ist? Da habt ihr's! Seht her! Seht ihr? So
wirkt die Gnade Gottes, einer der Euren ist ihrer schon
teilhaftig geworden und kehrt sich ab von Mohammed.'
Die Tataren aber antworteten, gar nichts habe gewirkt:
Das ist euer Iwan, einer von euch, ein Russe, und er lebt
nur als Gefangener hier bei uns.
Die Missionare waren darüber sehr ungehalten. Wollten
nicht glauben, daß ich Russe bin, aber da s.chaltete ich mich
selbst ein.
,Doch', sagte ich, ,ich bin wirklich Russe! Fromme Väter!'
sagte ich, ,erbarmt euch meiner, helft mir fort von hier I
Schon das elfte Jahr schmachte ich hier in Gefangenschaft,
seht nur, wie sie mich zum Krüppel gemacht haben: Ich kann
nicht laufen.'
Aber die beiden schenkten meinen Worten nicht die ge-
ringste Beachtung, wandten sich ab und machten sich wieder
an ihr Geschäft: predigten und predigten.
Ich sagte mir: Na ja, darüber darfst du nicht murren: Sie
sind mit einem amtlichen Auftrag hier, und vielleicht ist es
ihnen unangenehm, mich in Gegenwart I
der Tataren anders
zu behandeln, und ich behelligte sie nicht weiter, sondern
wählte eine Stunde, wo sie in ihrem etwas abseits stehenden
Zelt allein waren, eilte zu ihnen, erzählte nun schon rück-
haltlos, welch grausames Los ich zu tragen hatte, und bat
sie: ,Schüchtert sie ein, fromme Väter und Wohltäter', sagte
ich, ,schüchtert sie ein mit unserem weißen Väterchen Zar:
Sagt ihnen, er verbiete es, daß Asiaten seine Untertanen ge-
waltsam gefangenhalten, besser noch; gebt ihnen ein Löse-
geld für mich, ich werde euch dafür dienen. Seit ich hier
bin', sagte ich, ,habe ich ihr Tatarisch ausgezeichnet gelernt
und kann euch sehr nützlich sein.'
Sie jedoch sagten:
,Was denkst du dir denn, lieber Sohn', sagten sie, ,Löse-
geld haben wir nicht, und die Heiden einzuschüchtern ist
uns verwehrt, sie sind ohnehin schon hinterhältig und un-
zuverlässig, daher beachten wir ihnen gegenüber aus Politik
alle Höflichkeit.'
,Und wegen dieser Politik soll ich mein Leben lang hier
begraben bleiben?'
,Aber, aber', sagten sie, ,es ist doch ganz gleich, lieber
Sohn, wo du begraben bist, bete nur fleißig! Gott ist gnä-
dig, vielleicht befreit er dich doch.'
,Ich habe ja gebetet, aber jetzt kann ich nicht mehr und
habe alle Hoffnung fahrenlasse~.'
,Du darfst nicht verzweifeln', sagten sie, ,denn das ist
eine große Sünde!'
,Ich verzweifle ja gar nicht', sagte ich, ,aber ... wie bringt
ihr das nur fertig ... ich bin bitter enttäuscht, daß ihr Rus-
sen und meine Landsleute seid und nichts für mich tun
wollt.'
,Nein', antworteten sie, ,du Kind der Kirche, uns mußt
du aus dem Spiel lassen, wir sind in Christus, und in Chri-
stus gibt es weder Griechen noch Juden; alle Demütigen
sind unsere Landsleute. Für uns sind alle gleich, alle gleich.'
,Alle?' fragte ich.
,Ja', antworteten sie, ,alle, das hat uns der Apostel Pau-
lus gelehrt. Wohin wir auch kommen, wir vermeiden
Streit ... er ziemt sich nicht für uns. Du bist ein Knecht und
mußt dein Los eben ertragen, denn der Apostel Paulus will',
sagten sie, ,daß Knechte gehorsam sind. Und vergiß nicht,
du bist ein Christ, und um dich brauchen wir uns daher nicht
zu bemühen, deiner Seele stehen die Pforten des Paradieses
auch ohne uns offen, diese aber werden in der Finsternis
sein, wenn wir sie nicht bekehren, um sie müsseii wir uns
also bemühen.'
Und dabei zeigten sie mir ein Buch.
,Sieh nur', sagten sie, ,wie viele Namen in unserem Re-
gister hier eingetragen sind. Alle diese Menschen haben wir
schon zu unserem Glauben bekehrt!'
Ich gab es auf, noch weiter mit ihnen zu reden, und habe
sie nicht wieder gesehen, mit Ausnahme des einen, und das
auch nur durch Zufall: Einmal kam eines meiner Söhnchen
von irgendwoher angerannt und sagte: ,Vater, bei uns am
See liegt ein Mann.'
Ich ging hin und sah, man hatte ihm die Haut von den
Knien an wie Strümpfe und von den Ellenbogen an wie
Handschuhe abgezogen, die Tataren sind hierin sehr ge- .
schickt: fahren mit dem Messer ringsherum und ziehen dann
kräftig, auf diese Weise geht die Haut ab - der Kopf die-
ses Mannes aber lag abseits im Schmutz, und in die Stirn
war ein Kreuz eingeschnitten.
Ach, dachte ich bei mir, Landsmann, für mich hast du
dich nicht bemühen wollen, und ich habe dich verurteilt,
und jetzt bist du ausersehen worden, die Krone des Lei-
dens zu empfangen. Vergib mir um Christi willen!
Und ohne mich lange zu besinnen, schlug ich ein Kreuz
über ihm, fügte den Kopf zum Rumpf, verneigte mich bis
zur Erde, grub ihn ein und sang das ,Heiliger Gott' über
seinem Grab - was freilich aus seinem Gefährten geworden
ist, weiß ich nicht; aber bestimmt hat er das gleiche Ende
genommen, die Krone empfangen, denn bei den Tataren-
weibern unserer Horde waren hinterher viele Heiligenbild-
ehen in Umlauf, solche, wie sie die Missionare mithatten."
"Und diese Missionare kommen sogar bis dorthin, in die
Ryn-Berge?"
"Natürlich, mit Verlaub, nur bringt das alles freilich nicht
den geringsten Nutzen."
"Wieso?"
"Sie wissen nicht, wie man mit Asiaten umgehen muß.
Der Asiate muß durch Furcht zum Glauben gebracht werden,
schütteln muß es ihn vor Angst, aber sie predigen ihm den
sanften Gott. Für den Anfang ist das grundfalsch, denn ohne
Einschüchterung wird ein Asiate den sanften Gott nie und
nimmer verehren, sondern seine Verkünder totschlagen."
"Vor allem darf man wohl, wenn man zu den Asiaten
geht, kein Geld und keine Wertsachen mitnehmen."
"Sehr richtig, mit Verlaub, übrigens glauben sie sowieso
nicht, jemand könnte zu ihnen kommen und nichts mithaben;
sie würden glauben, er habe es irgendwo in der Steppe ver-
graben, und ihn foltern, bis sie ihn zu Tode gefoltert haben."
"Solches Räuberpack !"
"Ja, mit Verlaub; so ist es zu meiner Zeit einem Juden
ergangen: Einmal ist Gott weiß woher ein alter Jude ge-
kommen und sprach auch vom Glauben. Ein guter Mensch,
seinem Glauben sichtlich mit Eifer ergeben und ganz in
Lumpen gehüllt, überall schimmerte das nackte Fleisch durch,
und wenn er anfing, vom Glauben zu sprechen, ich glaube,
ich hätte ihm ununterbrochen zuhören können. Zuerst hatte
ich mit ihm streiten wollen, was ist denn euer Glauben schon
wert, wo ihr keine Heiligen habt, aber er sagte: ,Haben wir',
und dann las er aus dem Talmud vor, was es für Heilige
bei ihnen gibt . . . sehr unterhaltsam. Diesen Talmud aber,
sagte er, hat der Rabbiner Joas ben Lewi geschrieben, der
war so gelehrt, daß die sündigen Menschen seinen Anblick
nicht ertragen konnten; kaum blickten sie ihn an, da mußten
sie auch schon sterben, deswegen rief Gott ihn zu sich und
sagte: ,He du, gelehrter Rabbiner Joas ben Lewi! Es ist ja
schön, daß du so gelehrt bist, aber sehr unschön, daß alle
meine Jüdlein durch dich den Tod erleiden können. Nicht
dazu' sagte er, ,habe ich sie mit Moses durch die Wüste ge-
jagt und durchs Meer ziehen lasse~. Verschwinde also mal
hübsch aus deinem Vaterland und lebe dort, wo dich nie-
mand sehen kann.' Und Rabbiner Lewi zog los und machte
nicht eher halt, als bis er an die Stelle kam, wo .das Para-
dies gewesen war, dort grub er sich bis zum Hals in den
Sand ein und ist dreizehn Jahre in diesem Sand geblieben,
aber obwohl er doch bis zum Hals im Sand steckte, bereitete
er sich jeden Sabbat ein Lamm, so in Feuer gebraten war,
seihwelches vom Himmel niederfuhr. Und wenn sich eine
Mücke oder eine Fliege auf seine Nase setzte, um sein Blut
zu trinken, wurden auch sie alsbald von diesem himmlischen
Feuer verschlungen . . . Den Asiaten gefiel die Geschichte
von dem gelehrten Rabbiner ausnehmend gut, und sie här-
ten diesem Juden lange zu, dann aber rückten sie ihm zu
Leibe und begannen, ihn zu verhören, wo er, als er zu ihnen
kam, sein Geld vergraben habe. Du liebe Güte, wie schwor
da der Jude, er habe kein Geld, Gott habe ihn allein mit
seiner Weisheit auf den Weg geschickt, doch sie glaubten
ihm nicht, kratzten an einer Stelle, wo ein Feuer gebrannt
hatte, Kohle zusammen, breiteten über die heiße Asche eine
Pferdehaut, legten ihn darauf und schüttelten ihn ein wenig.
Raus mit der Sprache: Wo ist das Geld? Und wie sie sahen,
daß er schon ganz schwarz war und keinen Ton mehr von
sich gab, sagten sie: ,Halt', sagten sie, ,wir wollen ihn bis
.
zum Hals im Sand eingraben, vielleicht wird ihm dann bes-
ser.
Und sie gruben ihn ein, nur ist der Jude, wie nicht anders
zu erwarten, im Sande gestorben, und sein schwarzer Kopf

234
war noch lange zu sehen, dann aber bekamen die Kinder
Angst davor, daher hieb man ihn ab und warf ihn in einen
ausgetrockneten Brunnen."
"Da soll denen einer noch predigen!"
"Ja, mit Verlaub; das ist sehr schwierig, aber Geld hat
dieser Jude übrigens trotzdem gehabt."
"Tatsächlich?"
"Tatsächlich, mit Verlaub; später haben ihn nämlich die
Wölfe und die Schakale aufgestöbert, ihn Stück für Stück
aus dem Sand herausgezerrt und sind schließlich auch bis
an sein Schuhwerk gelangt. Wie sie nun seine Stiefel zer-
fetzten, rollten sieben Münzen aus der Sohle. Sie wurden
später gefunden."
"Nun, und wie sind Sie selbst ihnen entkommen?"
"Mich hat ein Wunder gerettet."
"Wer hat dieses Wunder denn vollbracht?"
"Talafa."
"Wer ist denn nun wieder dieser Talafa - auch ein Ta-
tar?"
"Nein, mit Verlaub; der gehört einer anderen Rasse an,
der indischen, und er ist nicht etwa ein einfacher Inder,
sondern ihr Gott, seihwelcher auf die Erde herabsteigt."
Iwan Sewerjanytsch Flagin ließ sich durch die Bitten der
Zuhörer erweichen und gab folgenden Bericht über den
nächsten Akt der Tragikomödie seines Lebens zum besten.

"Nachdem sich die Tataren unsere Missionare vom Halse


geschafft hatten, verging ein weiteres knappes Jahr, es wurde
wieder Winter, und wir trieben die Herden für die Tju-
benkazeit etwas weiter nach Süden, dem Kaspischen Meer
zu; da tauchten eines Abends plötzlich zwei Männer bei uns
auf, das heißt, falls es sich überhaupt um Sterbliche gehan-
delt hat. Wer kann wissen, wer sie waren, woher und wel-
chen Standes. Nicht mal eine richtige Sprache hatten sie,
weder Russisch noch Tatarisch, ein Wort sagten sie russisch,

2 35
das nächste tatarisch, und untereinander gebrauchten sie Gott
weiß was für eine Sprache. Beide waren noch nicht alt, der
eine, ein Schwarzhaariger mit langem Bart, trug einen lan-
gen Mantel und war so einem Tataren nicht unähnlich, nur
daß sein Mantel nicht bunt war, sondern einfarbig rot, und
auf dem Kopf hatte er eine spitze Persermütze; der andere
hingegen war rothaarig, trug auch einen langen Mantel, war
aber eio ganz putziger Bursche: Immer hatte er irgendwelche
Kästchen bei sich, und kaum glaubte er sich einmal unbeob-
achtet, zog er seinen Mantel aus und stand dann nur in
Hose und Jacke da, und die waren so genäht, wie sie in
Rußland manche Deutsche in den Fabriken tragen. Immer
machte er sich mit seinen Kästchen zu schaffen und wirt-
schaftete darin herum, was sie aber eigentlich enthielten,
mochte der Teufel wissen. Sie behaupteten, sie wären aus
dem Khanat Chiwa, wollten Pferde kaufen und dort zu
Hause einen Krieg anfangen, aber mit wem, das sagten sie
nicht, sondern hetzten nur immer die Tataren gegen die Rus-
sen auf. Ich hörte, wie dieser Rothaarige - viel sagen konnte
er ja nicht - immer nur in einer Art Russisch vom ,Ge-ne-
rrralll' sprach und ausspuckte; Geld hatten sie freilich nicht
mit, denn dieses Asiatenvolk weiß, wer mit Geld in die
Steppe zieht, bringt seinen Kopf von dort nicht wieder auf
den Schultern zurück, und sie wollten unsere Tataren be-
schwatzen, die Pferdeherden an ihren Fluß, an die Darja,
zu treiben - dort wollten sie dann bezahlen. Die Tataren
überlegten hin und her und wußten nicht recht, ob sie sich
darauf einlassen sollten. Sie überlegten und überlegten, als
ob es ums Goldgraben ginge, schienen aber vor irgend etwas
Angst zu haben.
Die beiden versuchten erst, sie auf ehrliche Weise zu über-
zeugen, dann allerdings gingen sie dazu über, ihnen Angst
einzujagen.
,Tut's nur', sagten sie, ,sonst kann es euch schlecht er-
gehen: Wir beten den GottTalafa an, und der hat uns sein Feuer
mit auf die Reise gegeben. Wehe euch, wenn er böse wird.'
Auf die Tataren machte das keinen großen Eindruck, sie
kannten diesen Gott nicht und bezweifelten, daß er ihnen in
der winterlichen Steppe mit seinem Feuer etwas antun
könnte. Dieser Schwarzbärtige aus Chiwa aber, der mit dem
roten Mantel, sagte: ,Wenn ihr daran zweifelt, kann Talafa
euch seine Macht noch heute nacht beweisen, nur dürft ihr
euch nicht im Freien blicken lassen, wenn ihr etwas hört oder
seht, sonst verbrennt er euch bei lebendigem Leibe.' Im Win-
ter ist es nun in der Steppe sterbenslangweilig, daher ver-
sprachen sich alle hiervon eine großartige Abwechslung, und
obwohl uns dabei nicht ganz geheuer zumute war, wollten
wir doch gar zu gern sehen, was dieser indische Gott wohl
zustande brächte und auf welche wunderbare Weise er er-
scheinen würde.
Wir krochen also mit Weibern und Kindern zeitig in un-
sere Jurten und warteten ... Es blieb dunkel und still wie
in jeder anderen Nacht, aber plötzlich, so im ersten Schlaf,
war mir, als ob ein Wirbelsturm über die Steppe fegte, und
dann gab es einen Knall, und mir scheint, ich sehe einen Fun-
kenregen vom Himmel niedergehen.
Ich reiße mich aus dem Schlaf und sehe, meine Frauen sind
aufgescheucht, und die Kinder weinen.
,Wollt ihr wohl still sein! Steckt ihnen Nuppel in den
Mund, damit sie nuckeln und nicht heulen.'
Die Kleinen fingen an zu schmatzen, und es wurde wieder
still, in der nächtlichen Steppe aber stieg fauchend ein neues
Feuer in die Höhe ... es zischte und platzte auseinander ...
Alle Achtung, dachte ich bei mir, mit diesem Talafa ist an-
scheinend nicht gut Kirschen essen!
Nach einer Weile fing er wieder zu zischen an, aber jetzt
auf ganz andere Art: Wie ein Feuervogel flog er mit langem
feurigem Schwanz-in die Höhe und hatte dabei eine ganz un-
gewöhnliche Farbe, wie rotes Blut, als er aber platzte, wurde
er mit einem Male gelb und schließlich blau.
Im ganzen Lager war kein Sterbenswort zu vernehmen.
Natürlich konnte niemand diese Knallerei überhört haben,
aber alle hatten es eben mit der Angst zu tun bekommen
und lagen mucksmäuschenstill unter ihren Pelzen. Einmal
spürte man nur, wie die Erde plötzlich erzitterte, eine Zeit-
lang bebte, dann war wieder Ruhe. Das waren die Pferde,
die, wie man sich ja denken kann, scheuten und sich zu
einem Haufen zusammendrängten, auch war einmal zu hören,
daß diese beiden aus Chiwa oder Indien irgendwohin rann-
ten, und gleich fegte wieder eine Feuerschlange durch die
Steppe ... Die Pferde wurden wild und stürmten davon ...
Jetzt vergaßen die Tataren mit einem Male alle Furcht,
kamen einer nach dem anderen aus ihren Zelten gesprungen,
wackelten aufgeregt mit den Köpfen, schrien ,Allah! Allah!'
und machten sich an die Verfolgung. Die beiden aus Chiwa
aber waren wie vom Erdboden verschlungen, nur einen
Kasten hatten sie als Andenken zurückgelassen ... Wie nun
also unsere kühnen Streiter der Herde nachgejagt und im
Lager nur die Frauen und die Greise zurückgeblieben waren,
sah ich mir einmal näher an, was für eine Bewandtnis es mit
diesem Kasten hatte. Verschiedene Erden fand ich darin,
Pülverchen und Papierröhrchen: Ein solches Röhrchen unter-
suchte ich am Lagerfeuer, da gab es plötzlich einen lauten
Knall .- die Flamme hätte mir um ein Haar beide Augen
ausgebrannt - flog, hast du nicht gesehen, in die Höhe, und
rrrums - zerfiel sie in lauter Sterne ... Haha, dachte ich bei
mir, das ist ja gar kein Feuergott, sondern bloß Feuerwerk,
wie sie es bei uns im Stadtpark veranstalten, und als ich nun
ein zweites Röhrchen mit lautem Knall in die Luft jagte, sah
ich, wie alle im Lager verbliebenen Tataren, also die Greise,
sich zu Boden warfen, jeder, wo er gerade stand, und die
Nasen in den Dreck steckten, so daß nur ihre zitternden
Beine zu sehen waren ... Zuerst war ich ja selber erschrocken,
als ich sie aber so zittern sah, war alle Furcht wie weggebla-
sen, ich knirschte zum erstenmal, seit ich in Gefangenschaft
geraten war, mit den Zähnen und überschüttete die Tataren
mit irgendwelchen unbekannten Wörtern, die mir gerade ein-
fielen. Ich schrie, so laut ich konnte:
,Parleh- biäng- komßa- schiere-mir-verfluchter- mein- adiö-
mußjö!'
Und ließ noch ein Feuerrad steigen ... Oje, als sie das
Feuerrad kreisen sahen, lagen alle wie mausetot ... Das
Feuer erlosch, aber sie lagen noch immer mucksmäuschenstill,
nur einer hob um eine Winzigkeit den Kopf, steckte die Nase
gleich wieder ins Gras, winkte aber mit dem Finger, ich sollte
zu ihm kommen. Ich ging hin und sagte:
,Was gibt's? Raus mit der Sprache, verfluchter Kerl, was
ist dir lieber: Tod oder Leben?', denn ich sah, sie hatten
schon schreckliche Angst vor mir.
,Vergib, Iwan', sagten sie, ,bring uns nicht um, sondern
laß uns leben.'
An einer anderen Stelle winkten wieder welche auf die
gleiche Weise, und alle baten, ich solle ihnen vergeben und
sie am Leben lassen.
Ich sah, meine Sache stand nicht schlecht: Sicher hatte ich
nun schon genug für alle meine Sünden gelitten. Und ich
schickte ein Stoßgebet zum Himmel : ,Heilige Gottesmutter.
und du, Nikolai der Gottesknecht, ihr mein Trost und meine
Wonne, helft mir, meine Wohltäter!'
Die Tataren aber fragte ich in strengem Ton:
,Was und weshalb soll ich euch denn ver~eben und euch
das Leben schenken?'
,Vergib', sagten sie, ,daß wir nicht an deinen Gott geglaubt
haben.'
Aha, dachte ich bei mir, denen habe ich einen ordentlichen
Schrecken eingejagt, und ich sagte: ,Das habt ihr euch so ge-
dacht, meine Teuren, euren Unglauben kann ich euch um
nichts in der Welt verzeihen!' Und dazu knirschte ich wieder
mit den Zähnen und machte noch ein Röhrchen auf.
Diesmal war es eine Rakete •.. Eine schreckliche Flamme
und lautes Knattern.
Ich schrie die Tataren an:
,Ich mach euch augenblicklich den Garaus, wenn ihr nicht
an meinen Gott glauben wollt.'
,Laß uns am Leben', antworteten sie, ,wir sind bereit, uns
alle deinem Gott zu unterwerfen.' ·
Ich hörte mit dem Feuerwerk auf und taufte sie in einem
Flüßchen."
"Gleich an Ort und Stelle haben Sie sie getauft?"
"Im nämlichen Augenblick, mit Verlaub. Und was sollte
ich lange warten? Sie durften gar nicht erst zur Besinnung
kommen. An einem Eisloch benetzte ich ihre Tatarenschädel

239
mit Wasser, sprach ,Im Namen des Vaters und des Sohnes',
hängte ihnen die kleinen Kreuze, die noch von den Missio-
naren stammten, um die Hälse, befahl ihnen, den ermordeten
Missionar als Märtyrer zu verehren und für ihn zu beten,
und zeigte ihnen sein Grab."
"Und sie haben gebetet?"
"Freilich, mit Verlaub."
"Die haben doch sicher gar keine christlichen Gebete ge-
kannt, oder haben Sie ihnen welche beigebracht?"
"Nein, dazu hatte ich keine Zeit, denn ich sah, ich mußte
die Gelegenheit nutzen, um zu flieh!'!n, ich habe ihnen viel-
mehr befohlen: ,Betet, wie ihr bisher gebetet habt, nach alter
Weise, nur Allah dürft ihr nicht nennen, sondern müßt an
seiner Stelle Jesus Christus anrufen.' Und sie haben selbiges
Bekenntnis auch wirklich angenommen."
"Nun, und wie haben Sie es dann fertiggebracht, Ihre ver-
krüppelten Beine zu heilen und diesen neuen Christen zu
entfliehen?"
"Dann fand ich unter den Feuerwerkskörpern Ätzkali,
wenn man das auf den Körper brachte, fing es augen-
blicklich fürchterlich zu brennen an. Das legte ich also auf
und stellte mich krank, in Wirklichkeit aber brachte ich unter
meiner Filzdecke mit diesem Ätzkali meine Fersen zum
Eitern, und innerhalb von zwei Wochen war das Fleisch an
meinen Füßen ein einziger Eiterklumpen, alle Borsten, die
mir die Tataren zehn Jahre vorher hineingestreut hatten,
gingen mit dem Eiter ab. Ich gab mir Mühe, so schnell wie
möglich wieder auf die Beine zu kommen, ließ das aber nicht
merken, sondern stellte mich, als ginge es mir noch schlech-
ter, und hieß die Weiber und Greise, eifrig für mich zu
beten, denn ich läge im Sterben. Ich legte ihnen eine Art
Fastenbuße auf und befahl fhnen, drei Tage lanp: ihre Jurten
nicht zu verlassen, veranstaltete, um ihnen noch mehr Angst
einzujagen, ein Riesenfeuerwerk und verschwand .. .''
"Und man hat Sie nicht wieder eingefangen?"
"Nein; und das ist auch nicht verwunderlich: Mit dem
Fasten und meinem Feuerwerk hatte ich sie so kirre gemacht,
daß sie schrecklich gern im Lager blieben und drei Tage lang

240
ihre Nasen nicht aus den Jurten steckten, und wenn sie sich
danach auch wieder herausgetraut haben, so war ich schon
viel' zu weit, als daß sie mich hätten finden können. Denn
meine Beine waren, nachdem ich die Borsten herausgeätzt
hatte und alles abgetrocknet war, ganz leicht geworden, und
als ich erst einmal richtig in Schwung gekommen war, bin
ich gleich durch die ganze Steppe gelaufen."
"Und alles zu Fuß?"
"Wie sonst, mit Verlaub, dort ist doch keine Fahrstraße,
man trifft keinen Menschen, und wenn doch, dann weiß man
noch immer nicht, wen man da aufgegabelt hat. Am vierten
Tag stieß ich auf einen berittenen Tschuwaschen, der hatte
nicht weniger als fünf Pferde bei sich und sagte: ,Steig auf.'
Ich hatte Bedenken und bin nicht mitgeritten.''
"Warum haben Sie denn Angst vor ihm gehabt?"
"Eben so ... er machte keinen vertrauenerweckenden Ein-
druck auf mich, außerdem war nicht herauszubekommen,
welcher Religion er angehörte, und wenn man das in der
Steppe nicht weiß, ist es schlimm. Dieser Wirrkopf aber
schrie: ,Steig auf', schrie er, ,nur immer munter, wir zu zweit
reiten.'
Ich sagte:
,Wer bist du denn, du hast vielleicht gar keinen Gott?'
,Wieso keinen Kott?' sagte er. ,Die Tataren haben keinen
Kott, sie essen Pferdefleisch, aber ich habe einen Kott.'
,Und wer ist dein Gott?' fragte ich.
,Bei mir ist alles Kott', sagte er. ,Die Sonne ist Kott, der
Mond ist Kott, die Sterne sind Kott ... alles ist Kott. Wie
kannst du sagen, ich habe keinen Kott?'
,Alles? ... Hm ... alles ist bei dir Gott, aber Jesus Chri-
stus', sagte ich, ,ist also nicht dein Gott?'
,Doch', sagte er, ,er ist auch ein Kott, und die Kottesmutter
ist ein Kott, und Nikolatsch ist ein Kott .. .'
,Was für ein Nikolatsch?' fragte ich.
,Na der, wo es einen für den Winter und einen für den
Sommer gibt.'
Ich lobte ihn, daß er unseren Nikolai den Wundertäter
verehrte.

16 Pilser 241
,Den mußt du immer ehren', sagte ich, ,weil er ein Russe
ist', und ich war schon drauf und dran, seinen Glauben gut-
zuheißen und mit ihm zu reiten, da kam er zum Glück ins
Schwatzen und verplapperte sich.
,Wie sollte ich Nikolatsch nicht ehren: Im Winter bete ich
ihn ja nicht an, aber im Sommer spende ich ihm zwanzig
Kopeken, damit er mir meine Kühe schön beschützt, ja! Und
ich verlasse mich nicht nur auf ihn, sondern opfere auch den
Keremetis einen jungen Stier.'
Da packte mich die Wut.
,Wie kannst du dich erdreisten', s~gte ich, ,dich auf Niko-
lai den Wundertäter nicht zu verlassen und ihm, dem russi-
schen Heiligen, nur zwanzig Kopeken zu opfern, deinem
mordwinischen Heiden Keremeti aber einen ganzen Stier I
Verschwinde', sagte ich, ,du kannst mir gestohlen bleiben ...
ich denke nicht daran, mit dir zu reiten, wenn du Nikolai
den Wundertäter so mißachtest.'
Und ich bin nicht mit ihm geritten, sondern, so schnell ich
konnte, weitergelaufen, und ehe ich recht zur Besinnung kam,
erblickte ich am Abend des dritten Tages plötzlich Wasser
und Menschen. Sicherheitshalber legte ich mich erst ins Gras
und beobachtete, was das für Leute sind. Ich hatte nämlich
Angst, ich könnte in noch schlimmere Gefangenschaft ge-
raten, aber dann sah ich, daß sie ihr Essen kochten . . . Es
mußten also Christenmenschen sein. Ich kroch noch näher
und sah, daß sie das Kreuz schlugen und Wodka tranken-
also waren es Russen I Da sprang ich auf und gab mich zu
erkennen. Wie sich herausstellte, hatten dort Fischer, die auf
Fang ausgezogen waren, ihr Lager aufgeschlagen. Sie nah-
men mich freundlich auf, wie sich das für Landsleute gehört,
und sagten: ,Hier, trink mal einen Wodka!'
Ich antwortete ihnen :
,Ach, Freunde, bei den Tataren habe ich das Wodkatrinken
völlig verlernt.'
,Das macht nichts', sagten sie, ,hier bist du unter Lands-
leuten und wirst es wieder lernen. Trink!'
Ich goß mir ein Gläschen ein und dachte: Na dann mit
Gottes Segen, auf meine Rückkehr! und trank das Gläs-
chen aus, die Fischer aber, diese guten Kerle, ließen nicht
locker.
,Trink noch einen I' sagten sie. ,Man sieht ja an deinen hoh-
len Wangen, wie dir der Wodka gefehlt hat.'
Ich genehmigte mir noch einen und ging nun sehr aus mir
heraus, erzählte ihnen alles: Woher ich stammte und wo ich
überall gewesen war. Die ganze Nacht saßen wir am Feuer,
und ich berichtete, trank Wodka und freute mich, daß ich
wieder im heiligen Rußland war, aber gegen Morgen, als das
Feuer allmählich erlosch und fast alle meine Zuhörer schon
schliefen, sagte ein Fischer zu mir: ,Hast du denn einen Paß?'
Ich sagte:
,Nein.'
,Wenn du keinen Paß hast', sagte er, ,dann stecken sie dich
hier ins Loch.'
,Dann bleibe ich eben bei euch', sagte ich, ,hier bei euch
wird man doch wohl ohne Paß leben können?'
Da antwortete er: ,Leben kann man ohne Paß bei uns',
sagte er, ,aber nicht sterben.'
Ich sagte:
,Wieso?'
,Wie soll der Pope dich denn eintragen', sagte er, ,wenn
du keinen Paß hast?'
,Ja, was soll ich dann aber tun?'
,Wir werfen dich dann als Fischfutter ins Wasser', antwor-
tete er.
,Ohne Popen?'
,Ohne Popen.'
Leicht beschwipst, erschrak ich fürchterlich und brach in
Weinen und Jammern aus, der Fischer aber lachte.
,Ich habe mir nur einen Spaß mit dir erlaubt', sagte er.
,Stirb nur ruhig, wir werden dich schon in heimatlicher Erde
begraben.'
Aber ich war zu sehr gekränkt und sagte: ,Das nenne ich
einen schönen Spaß. Wenn ihr euch so etwas oft mit mir er-
laubt, erlebe ich nicht einmal das nächste Frühjahr.'
Und kaum war dieser letzte auch eingeschlafen, erhob ich
mich schleunigst und ging meiner Wege, kam nach Astrachan,

243
verdiente mir als Tagelöhner einen Rubel und betrank mich
auf der Stelle so gründlich, daß ich mich nicht erinnern kann,
wie ich plötzlich in eine andere Stadt geriet und mich im
Gefängnis wiederfand, von wo man mich unter Bewachung
zu Fuß in mein Gouvernement zurückschickte. Ich wurde in
unsere Stadt gebracht, auf der Polizeiwache ausgepeitscht und
auf dem Gut abgeliefert. Die Gräfin, die mich wegen des
Katzenschwanzes hatte peitschen lassen, war schon gestorben,
nur der Graf lebte noch, er war sehr gealtert und ein Bet-
bruder geworden und hatte alles Interesse an Pferden ver-
loren. Man meldete ihm, ich sei wi!!der da, er erinnerte sich
meiner, ließ mich zu Hause noch einmal auspeitschen und be-
fahl mir, ich solle zu Vater Ilja, unserem Popen, zur Beichte
gehen. Meine Prügel erhielt ich nach altem Brauch in der
Amtsstube, und wie ich dann zu Vater Ilja komme, nimmt er
mir die Beichte ab und schließt mich für drei Jahre vom
Abendmahl aus ...
Ich sagte:
,Aber Ehrwürden, ich ... war doch so viele Jahre nicht
zum Abendmahl ... habe mich so danach gesehnt . ; .'
,Da könnte jeder kommen', sagte er. ,Du hast dich danach
gesehnt', sagte er, ,warum hast du dan~ Tatarenweiber zu
Frauen genommen? Weißt du eigentlich', sagte er, ,wie gnä-
dig ich mit dir verfahre, wenn ich dich nur vom Abendmahl
ausschließe? Denn wenn du bestraft würdest, wie es die hei-
ligen Väter vorschreiben, müßten dir alle deine Kleider auf
dem Leibe verbrannt werden, aber du brauchst keine Angst
zu haben', sagte er, ,denn das ist jetzt nach den polizeilichen
Bestimmungen unstatthaft.'
Da kann man nichts machen, dachte ich. Dann muß ich
eben ohne Abendmahl bleiben, immerhin bin ich zu Hause
und kann mich von der Gefangenschaft erholen. Aber der
Herr Graf wollten das nicht. Herr Graf sagten: ,Ich dulde
niemanden in meiner Nähe', sagten Herr Graf, ,der vom
Abendmahl ausgeschlossen ist.'
Und der Verwalter erhielt Befehl, mich noch einmal aus-
peitschen zu lassen, zur allgemeinen Abschreckung öffentlich,
und mich dann als Fronzinspflichtigen in die Stadt zu schik-

244
ken. So geschah es auch: Meine Prügel bekam ich diesmal
nach neuem Brauch, auf den Stufen zum Kontorgebäude und
in Gegenwart aller Gutsleute, und dann gaben sie mir einen
Paß. Da war ich überglücklich, nach soviel Jahren nun ein
völlig freier Mann mit rechtsgültigen Papieren zu sein, und
zog los. Bestimmte Pläne hatte ich nicht, aber der Herrgott
bescherte mir eine Praxis."
"Was für eine Praxis?"
"Genau wie früher; ich bekam wieder mit Pferden zu tun.
Buchstäblich mit nichts habe ich angefangen, ohne eine Ko-
peke, aber schon bald war ich sehr wohlhabend, und es hätte
mir noch besser gehen können, wenn da nicht ein Umstand
gewesen wäre."
"Was für ein Umstand, wenn man fragen darf?"
"Ich geriet in die Gewalt verschiedener Geister und Lei-
denschaften und noch einer unglaublichen Sache."
"Was für eine unglaubliche Sache hat denn Gewalt über
Sie bekommen?"
"Der Magnetismus, mit Verlaub."
"Was Sie nicht sagen! Der Magnetismus?"
"Ja, mit Verlaub, der magnetische Einfluß einer bestimm-
ten Person."
"Wie haben Sie diesen Einfluß denn an sich gespürt?"
"Ein fremder Wille hat in mir gewirkt, und ich nahm ein
fremdes Schicksal auf mich."
"Das war also der Augenblick, wo das Ihnen bestimmte
Unheil Sie ereilte, und danach meinten Sie, Sie müßten das
Gelübde Ihrer lieben Mutter erfüllen, und sind ins Kloster
gegangen?"
"Nein, mit Verlaub, das kam später, bis dahin hatte ich
noch viele andere Abenteuer zu bestehen, ehe ich zur rich-
tigen Erkenntnis gelangte."
"Würden Sie uns auch von diesen Abenteuern erzählen?"
"Warum nicht, meine Herren? Mit dem größten Vergnü-
gen."
"Bitte seien Sie so gut."

245
10

"Ich nahm also meinen Paß, zog los, ohne die geringste Vor-
stellung, was ich anfangen wollte, und kam zum Markt, wo
ein Zigeuner gerade mit einem Bauern über einen Pferde-
tausch verhandelte und ihn gottsjämmerlich betrog; er wollte
die Stärke der Pferde prüfen und spannte dazu sein Pferd
vor eine Fuhre mit Hirse, das Pferd des Bauern hingegen
vor eine Apfelfuhre. Die Zuglast war bei beiden natürlich
gleich, doch das Bauernpferd geriet in Schweiß, weil ihm
von dem Apfelgeruch schwindlig wurde, Pferde können die-
sen Geruch ja nicht ausstehen, das Pferd des Zigeuners aber
hatte, wie ich sah, zu allem Überfluß noch die Fallsucht, und
das war gleich zu erkennen, denn auf seiner Stirn war das
Zeichen eingebrannt, der Zigeuner freilich sagte: ,Das ist
eine Warze.' Der Bauer tat mir natürlich leid, denn wie sollte
er mit einem fallsüchtigen Pferd arbeiten, es fällt um, und
dann hat man die Bescherung, außerdem hatte ich damals
eine Stinkwut auf alle Zigeuner, sind sie doch die ersten ge-
wesen, die mich zum Vagabundenleben verführten, und ich
hatte wohl zudem eine Vorahnung von anderem Unheil, was
ja dann auch eintreffen sollte. Ich wies den Bauern also auf
den Fehler dieses Pferdes hin, und als der Zigeuner mit mir
stritt, das sei kein Brandmal an der Stirn, sondern eine
Warze, stieß ich dem Gaul, um zu beweisen, daß ich recht
hatte, eine Ahle in die Niere, da lag es auch schon auf der
Erde und wälzte sich. Dann habe ich den Bauern nach
bestem Wissen und Gewissen ein gutes Pferd ausgesucht, sie
luden mich dafür zum Essen und Trinken ein, gaben mir
zwanzig Kopeken, und wir haben tüchtig gezecht. Damit fing
es an: Mein Kapital wuchs, es wurde eifrig gebechert, und
noch kein Monat war vergangen, da merkte ich, das war das
Richtige für mich: Ich behängte mich mit Blechmarken und
Pferdehändlergerät und zog nun von Markt zu Markt, beriet
überall die Armen, brachte einen ordentlichen Batzen Geld
zusammen und war immer mit von der Partie, wenn ein
Handel begossen wurde; für die mit Pferden handelnden Zi-
geuner freilich wurde ich zu einer Art Geißel Gottes, und
man hinterbrachte mir, sie hätten sich vorgenommen, mich
zu verprügeln. Ich sah mich also vor, denn ihrer waren viele,
und ich war allein, und es ist ihnen nicht ein einziges Mal
geglückt, mich abzufangen und ihr Mütchen an mir zu küh-
len, im Beisein der Bauern aber trauten sie sich nicht, denn
die hielten immer zu mir, weil sie mich als anständigen
Kerl kannten. Da brachten sie das hinterhältige Gerücht auf,
ich sei ein Schwarzkünstler, und was ich von Pferden wüßte,
gäbe mir eine fremde Macht ein, aber das war natürlich alles
Unsinn. Für Pferde habe iCh, wie ich Ihnen schon erzählte,
eine Begabung und wäre auch bereit, diese an jeden Inter-
essenten weiterzugeben, aber da liegt eben der Hase im
Pfeffer: Das würde niemandem Nutzen bringen."
"Wieso würde das keinen Nutzen bringen?"
"Es gibt niemanden, der es begreift, mit Verlaub, denn
das kann man nur, wenn man eine natürliche Begabung da-
für hat, und diese Erfahrung habe ich schon öfter machen
müssen, ich habe es jemandem beizubringen versucht, und
dann war alles für die Katz; doch davon später, wenn Sie
gestatten.
Als der Ruhm von meinem Pferdeverstand auf allen Märk-
ten erklang, bot mir einmal ein Remonteoffizier, ein Fürst,
hundert Rubel an.
,Verrate mir dein Geheimnis, mein Bester', sagte er. ,Ich
will es mir etwas kosten lassen.'
Ich antwortete: ,Irgendein Geheimnis ist nicht dabei, ich
habe eine natürliche Begabung dafür.'
Aber er ließ nicht locker: ,Verrate mir doch, wie du es
machst, daß du so gut Bescheid weißt. Und damit du nicht
etwa glaubst, ich wollte dich irgendwie ... hier hast du hun-
dert Rubel.'
Was sollte ich machen? Ich zuckte die Achseln, band das
Geld in einen Lappen und sagte: ,Bitte', sagte ich, ,was
ich weiß, will ich Ihnen verraten, merken Sie sich' s bitte
und hören Sie zu; wenn Sie es aber dann nicht können und
keinerlei Nutzen davon haben, lehne ich jede Verantwor-
tung ab.'
Doch er war auch damit einverstanden und sagte: ,Schon

247
gut, was ich lerne, soll nicht deine Sorge sein, du brauchst nur
zu erzählen.'
,Am wichtigsten ist', sagte ich, ,wenn man wissen will,
was mit einem Pferd los ist, daß man sich bei der Besichti-
gung an den richtigen Fleck stellt und diesen nie verläßt. Zu-
erst muß man sich richtig den Kopf ansehen, darauf mit den
Augen das Pferd bis zum Schwanz abtasten, nicht aber hin
und her rennen, wie es die Offiziere machen. Da wird der
Hals angefaßt, die Stirnmähne, die Schnauze, das Kreuz,
die Brustader und wer weiß was noch, aber das hat alles
keinen Sinn. Gerade wegen dieser Hinundherrennerei sind ja
die Kavallerieoffiziere bei den Roßtäuschern so beliebt. So-
bald ein Pferdehändler einen solchen Zappelfritzen von Offi-
zier erblickt, dreht und wendet er das Pferd hierhin und
dorthin, zerrt es nach allen Richtungen, die Stellen jedoch,
die er nicht zeigen will, läßt er ihn um nichts in der Welt
sehen, aber gerade dort sind die verborgenen Mängel, und
solche verborgenen Mängel gibt es in Unmenge: Nehmen
wir an, ein Pferd hat Schlappohren. Dem schneidet man am
Hinterkopf zwei Fingerbreit Haut heraus, zieht die Schnitt-
ränder zusammen, vernäht und verschmiert sie, und gleich
sind die Ohren aufgerichtet, freilich nicht für lange. Die Haut
wird schlaff, und die Ohren hängen wieder herab. Sind die
Ohr~n zu groß, werden sie gestutzt, und damit sie gerade-
stehen, schiebt man kleine Hornstäbchen hinein. Sucht einer
zwei zusammenpassende Pferde und das eine Pferd hat bei-
spielsweise einen Stern auf der Stirn, dann sorgen die Roß-
täuscher dafür, daß auch das andere einen solchen Stern be-
kommt: Entweder reiben sie mit einem Bimsstein die Haare
heraus, oder sie legen eine heiße gebackene Rübe auf, damit
an der betreffenden .Stelle weiße Haare wachsen, und die
kommen auch gleich, wenn man jedoch genau hinsieht, dann
merkt man, die so nachgewachsenen Haare sind immer etwas
länger als die richtigen, und sie bauschen sich wie Barthaare.
Noch mehr betrügen die Roßtäuscher ihre Kundschaft mit
den Augen. Manche 'Pferde haben tiefe Löcher über den
Augen, und das sieht unschön aus, aber der Roßtäuscher
durchsticht die Haut mit einer Nadel, legt dann seine Lippen
auf diese Stelle und bläst, bis sich die Haut hebt und das
Auge glänzt, das sieht schön aus. Das geht leicht, denn Pferde
haben es gern, wenn man ihnen ins Auge atmet, weil der
Atem warm ist, und sie stehen mucksmäuschenstill, doch die
Luft geht wieder heraus, und dann haben sie wieder einge-
fallene'Augen. Dagegen gibt es nur ein Mittel: um den Kno-
chen herum tasten, ob Luft entweicht. Aber noch komischer
ist, wie sie blinde Pferde verkaufen. Das ist immer eine rich-
tige Komödie. Da schleicht sidi\zum Beispiel so ein Offi-
zierehen mit einem Strohhalm an ein Pferd heran, um zu
prüfen, ob es den Strohhalm sieht, merkt aber dabei nicht,
daß der Roßtäuscher dem Pferd genau in dem Augenblick,
da es den Kopf bewegen muß-, die Faust in den Bauch oder
in die Flanke stößt. Andere wiederum streicheln das Pferd
leicht, haben aber einen Nagel im Handschuh, und während
sie so tun, als streichelten sie, piken sie es.' Und ich habe die-
sem Remonteoffizier zehnmal mehr erklärt, als ich Ihnen jetzt
gerade erzählt habe, aber genützt hat es ihm nichts: Am näch-
sten Tag hat er wieder Pferde gekauft, eins erbärmlicher als das
andere, und dabei rief er mich noch, ich solle sie mir ansehen.
,Na, mein Lieber', sagt er, ,nun sieh und staune, wie gut
ich mich jetzt in Pferden auskenne.'
Ich warf einen Blick auf die Tiere, mußte lachen und gab
zur Antwort, es lohne sich nicht einmal hinzuschauen.
,Das hier hat zu fleischige Schultern, es wird sich mit den
Beinen immer in der Erde festhaken ; wenn sich das da hin-
legt, zieht es den Huf an den Bauch, und spätestens übers
Jahr wird es sich einen Bruch geschlagen haben; und das hier
stampft beim Haferfressen mit dem Vorderfuß und schlägt
sich das Knie an der Krippe wund', und derart machte ich
seinen ganzen Kauf herunter, und alles traf ein, wie ich es
prophezeite.
Am nächsten Tag sagte der Fürst denn auch: ,Iwan, du
hast recht, deine Begabung ist zu hoch für mich, diene lieber
als Connaisseur bei mir und suche du die Pferde aus, ich
werde mir das Bezahlen vorbehalten.'
Ich willigte ein, und es ist mir ganze drei Jahre ausgezeich-
net gegangen, er behandelte mich nicht als Knecht oder be-

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zahlten Diener, sondern eher als Freund und Gehilfen, und
wenn mich nicht meine Ausgänge ruiniert hätten, dann hätte
ich mir sogar ein Kapital zusammensparen können, denn
beim Kauf von Militärpferden ist es üblich, daß jeder an-
kommende Pferdezüchter sofort mit dem Remonteoffizier Be-
kanntschaft schließt, gleichzeitig aber einen zuverlässigen
Mann zum Connaisseur schickt, um den, wenn irgend mög-
lich, auf seine Seite zu bringen, weil die Pferdezüchter näm-
lich wissen, die eigentliche Entscheidung liegt nicht beim
Remonteoffizier, sondern beim Connaisseur, falls er einen
hat, der etwas taugt. Und ich war ja, wie ich Ihnen schon be-
richtet habe, von Natur ein Connaisseur und habe die mir
von der Natur auferlegte Pflicht immer redlich erfüllt: Wenn
ich jemandem diente, dann konnte ich ihn um nichts in det
Welt betrügen. Und mein Fürst spürte das und hat eine hohe
Meinung von mir gehabt, und es ist zwischen uns stets offen
und ehrlich zugegangen. Wenn er, was öfter vorkam, in der
Nacht wieder einmal sein Geld verspielt hatte, kam er am
Morgen gleich nach dem Aufstehen in seinem kurzen gestepp-
ten Rock zu mir in den Pferdestall und sagte: ,Nun, mein
beinahe halbverehrtester Iwan Sewerjanytsch, wie gehen Ihre
Geschäfte?' Er redete immer so spaßig, nannte mich beinahe
halbverehrter, obwohl er mich, wie Sie noch sehen werden,
durchaus achtete.
Ich wußte schon, was es zu bedeuten hatte, wenn er mich
so spaßig anredete, und antwortete immer:
,Ich kann nicht klagen', sagte ich, ,meine Geschäfte gehen,
Gott sei Dank, gut, ich weiß aber nicht, wie es um die Ihren
bestellt ist, Euer Durchlaucht.'
,Um meine ist es so miserabel bestellt, wie man es sich
nur vorstellen kann.'
,Nanu', sagte ich, ,Sie haben wohl gestern wieder einmal
Sack und Seele verspielt?'
,Sie haben die Güte, es zu erraten, mein Halbverehrtester',
antwortete er, ,ich habe verspielt, mit Verlaub, tüchtig ver-
loren.'
,UJ.ld um wieviel', fragte ich, ,sind Euer Gnaden erleich-
tert worden?'
Dann antwortete er auf der Stelle, wieviel tausend er ver-
spielt hatte, ich aber schüttelte den Kopf und sagte: ,Übers
Knie müßte Euer Durchlaucht gelegt werden, aber von
wem?'
Er lachte und sagte:
,Das ist es ja eben, von wem?'
,Wie wär's denn', sagte ich, ,wenn Sie sich auf mein schlich-
tes Bett legten, ich Ihnen ein sauberes Säckchen als Kopf-
kissen gäbe und Sie ein wenig die Peitsche kosten ließe?'
Da ging er mir natürlich um den Bart, ich solle' ihm Geld ,
zur Revanche geben.
,Ach', sagte er, ,prügle mich lieber nicht durch, sondern
gib mir aus der Kasse Geld für eine kleine Revanche: Ich
werde das Verlorene zurückgewinnen und alle anderen
schröpfen.'
,Nein', sagte ich, ,ergebensten Dank, spielen können Sie',
sagte ich, ,aber ohne Revanche.'
,So also dankst du mir!' begann er im Spaß, aber dann
wurde er böse. ,Also bitte', sagte er, ,vergiß dich nicht, hör
auf, meinen Vormund zu spielen, und gib mir das Geld."'
Wir fragten Iwan Sewerjanytsch, ob er seinem Fürsten
Geld zur Revanche gegeben habe.
"Nie", antwortete er. "Entweder habe ich ihn beschwin-
delt und gesagt, ich hätte alles Geld für Hafer ausgegeben,
oder ich bin einfach fortgerannt."
"Er ist Ihnen deswegen doch sicher böse gewesen?"
"Freilich, mit Verlaub, manchmal hat er gleich erklärt:
,Schluß, mein Bester; Sie sind am längsten in meinem Dienst
gewesen, mein Halbverehrtester.'
Dann antwortete ich :
,Na wennschon, wunderbar. Bitte meine Papiere.'
,Schön, mein Bester', sagte er, ,haben Sie die Güte, Ihre
Sachen zu packen. Morgen bekommen Sie Ihre Papiere.'
Aber am nächsten Tag war davon zwischen uns nicht mehr
die Rede. Spätestens nach ein, zwei Stunden kam er gewöhn-
lich in ganz anderer Laune wieder und sagte: ,Ich bin Ihnen
dankbar, Höchstwenigwerter, daß Sie Charakter bewiesen
und mir kein Geld zur Revanche gegeben haben.'

2p
Er war hinterher immer dankbar, und wenn dann mir bei
meinen Ausgängen hin und wieder mal etwas passierte, hat er
sich mir gegenüber auch immer nachsichtig wie ein Bruder
verhalten."
"Was ist Ihnen denn so hin und wieder mal passiert?"
"Ich habe Ihnen doch schon erklärt, daß ich meine Aus-
gänge hatte."
"Was heißt das, Ausgänge?"
"Ich bin ausgegangen, um zu zechen. Ich hatte zwar das
Trinken g~lernt, wollte aber vermeiden, jeden Tag zu trin-
ken, und wenn ich in normaler Stimmung war, habe ich nie
einen Tropfen angerührt, sooft mich aber etwas erregte, über-
fiel mich ein geradezu fürchterliches Verlangen nach Alkohol,
und dann unternahm ich gleich einen Ausgang und ver-
schwand mehrere Tage von der Bildfläche. Das kam ge-
wöhnlich über mich, ohne daß ich wußte wie; zum Beispiel
wenn wir Pferde ablieferten: Man möchte meinen, sie gingen
einen gar nichts an, aber mir fehlten sie, und ich betrank
mich. Besonders wenn man ein sehr schönes Pferd weggibt,
das kommt und kommt einem nicht aus dem Sinn, das Luder,
schließlich versteckt man sich vor ihm wie vor einem Teufels-
spuk und unternimmt eben einen Ausgang."
"Das heißt, Sie betranken sich dann?"
"Ja, mit Verlaub; ich ging aus und betrank mich."
"Und für lange?"
"Hm ... das kommt, mit Verlaub, darauf an, um was für
einen Ausgang es sich handelte: Manchmal trank ich, bis ich
alles Geld durchgebracht hatte, von irgend jemand verwalkt
worden war oder selber jemanden verprügelte, ein anderes
Mal hatte ich Glück, und es dauerte nicht so lange, ich saß
ein Weilchen auf der Wache oder schlief mich im Straßen-
graben aus, war zufrieden, und alles ging vorüber. Ich hatte
es mir in solchen Fällen schon zur Regel gemacht, jedesmal,
wenn ich merkte, daß wieder ein Ausgang fällig war, zum
Fürsten zu gehen und zu sagen: ,So und so steht's, Euer
Durchlaucht, seien Sie so gut und nehmen Sie mein Geld an
sich, ich muß wieder einmal unter die Leute.'
Er stritt schon nicht mehr mit mir, sondern ließ sich das
Geld geben und fragte nur manchmal: ,Gedenken Euer Gna-
den für längere Zeit zu verschwinden?'
Das hinge davon ab, antwortete ich, welchen Drang ich
spüren würde: nach einem großen Ausgang oder nach einem
kurzen.
Dann ging ich fort, aber er behalf sich allein und wartete,
bis mein Ausgang zu Ende war, und alles lief bestens, nur
war mir diese meine Schwäche schrecklich zuwider, und ich
beschloß, mich auf einen Schlag davon zu befreien. Da nun
unternahm ich einen solchen letzten Ausgang, daß ich noch
heute nur mit Schrecken daran zurückdenke."

11

Wir gaben natürlich zu erkennen, wie sehr wir wünschten,


Iwan Sewerjanytsch möge seine Liebenswürdigkeit damit
krönen, daß er uns diese neue unglückselige Episode aus sei-
nem Leben zu Ende erzählte; und wie es bei seiner Gutmü-
tigkeit nicht anders zu erwarten\ war, lehnte er das nicht ab
und berichtete uns folgendes über seinen "letzten Ausgang":
"Wir hatten vom Gestüt die Stute Didona gekauft, ein
junges, goldbraunes Tier, das für den Offizierssattel be-
stimmt war. Eine wunderschöne Stute: hübsches Köpfchen,
gefällige Augen, zierliche, weit geöffnete Nüstern, durch die
sie atmete, wie es ihr gefiel, und eine leichte Mähne; die
Brust saß wie ein Schiff zwischen den Schultern, das Kreuz
federte, und die Füße mit den weißen Strümpfchen setzte sie
beim Rennen so leicht, daß es aussah, als spielte sie nur •..
Kurzum, wer Pferdeliebhaber ist und einen Begriff von
Schönheit hat, der konnte beim Anblick eines solch~ Tieres
schon alles um sich vergessen. Mir jedenfalls gefiel die Stute
so ausnehmend, daß ich überhaupt nicht mehr aus dem Stall
herauskam und sie vor Freude unaufhörlich liebkoste. Oft
habe ich sie selber gestriegelt und von oben bis unten mit
einem weißen Tuch abgerieben, damit kein Stäubchen auf
ihrem Fell blieb, und sogar geküßt habe ich sie, mitten auf
die feine Stirn, auf den Scheitel, wo sich ihr goldenes Fell
teilte ... Damals fanden zwei Märkte gleichzeitig statt, einer
in L., der andere in K., und wir trennten uns: Den einen
übernahm ich, auf den anderen fuhr der Fürst. Auf einmal
kommt ein Brief von ihm, in dem er schreibt: ,Schick mir die
und die Pferde und die Stute Didona.' Ich hatte keine Ah-
nung, warum er meinen Liebling haben wollte, an dem sich
mein Kennerauge weidete. Doch ich nahm natürlich an, er
habe mit dem Prachttier ein Tauschgeschäft gemacht, es ver-
kauft oder aber, was am wahrscheinlichsten war, beim Kar-
tenspiel verloren ... Ich schickte Didona also mit den Pferde-
knechten auf den Weg, war schrecklich niedergeschlagen und
sehnte mich nach einem Ausgang. Nun befand ich mich aber
gerade in einer außergewöhnlichen Lage: Wie ich Ihnen
schon berichtete, hatte ich es mir zur Regel gemacht, mich
jedesmal, wenn mich der Drang nach einem Ausgang über-
kam, beim Fürsten zu melden, ihm alles Geld zu geben, denn
ich hatte immer große Beträge bei mir, und zu sagen: ,Ich
verschwinde für soundso viel Tage.' Wie sollte ich das aber
in diesem Fall bewerkstelligen, wo mein Fürst nicht da war?
Da sagte ich mir: Nein, von jetzt an wird nicht mehr getrun-
ken, dein Fürst ist nicht da, und du kannst deinen Ausgang
nicht vorschriftsmäßig abwickeln, denn bei wem willst du das
Geld lassen, wo du doch eine beträchtliche Summe bei dir
hast, über fünftausend. Ich beschloß also, das ginge nicht,
blieb eisern bei meinem Entschluß und gab dem Drang, aus-
zugehen und mich nach Herzenslust zu betrinken, nicht nach,
verspürte aber trotzdem kein Nachlassen meines Verlangens,
sondern begehrte im Gegenteil immer heftiger nach einem
Ausgang. Schließlich war ich nur noch von dem einen Ge-
danken besessen: Wie kann ich es anstellen, daß ich mein
Verlangen nach einem Ausgang befriedige und das Geld des
Fürsten unangetastet lasse? Ich verfiel auf den Gedanken,
das Geld zu verstecken, und versuchte dies an den unwahr-
scheinlichsten Stellen, wo kein Mensch auch nur im Traum
Geld verstecken würde ... Ich sagte mir: Was soll ich tun?
Anscheinend kann ich mich nicht beherrschen, ich will also
das Geld möglichst sicher unterbringen, so da'ß damit nichts
passieren kann, und dann will ich meinem Drang nachgeben
und einen Ausgang unternehmen. Aber jetzt war ich in gro-
ßer Verlegenheit, wo ich das verfluchte Geld verstecken
sollte. Ich konnte es hinlegen, wohin ich wollte, kaum hatte
ich mich ein Stückehen von dieser Stelle entfernt, gleich kam
mir der Gedanke, jemand sei drauf und dran, es zu stehlen.
Schleunigst kehrte ich um, nahm das Geld wieder an mich
und versteckte es an einem anderen Ort. . . Fix und fertig
machte mich diese Versteckerei in Heuböden, Kellern, unter
Dachvorsprüngen und an anderen völlig ungeeigneten Stellen,
und kaum hatte ich mich ein Stück entfernt, gleich wollte mir
scheinen, jemand habe gesehen, wie ich das Geld versteckte,
und werde es bestimmt finden, ich machte also wieder kehrt,
holte es wieder hervor, trug es mit mir herum und dachte:
Nein, jetzt ist Schluß, diesmal ist mir offensichtlich nicht be-
schieden, mein Verlangen zu stillen. Und plötzlich hatte ich
eine göttliche Eingebung: Es ist doch der Teufel, der mich
mit diesem Laster peinigt, ich werde diesen Schweinehund
einfach durch Heiligkeit verjagen! Ich ging zur Frühmesse,
sprach ein Gebet, kaufte mir etwas Abendmahlsbrot, und auf
dem Wege zum Kirchenausgang sah ich, daß auf die Wand
das Jüngste Gericht aufgemalt war und in einer Ecke Engel
schwebten, die den Teufel in der Hölle mit einer Kette schlu-
gen. Ich blieb stehen, sah mir das an, betete inbrünstig zu den
heiligen Engeln, spuckte dann auf meine Faust und hielt sie
dem Teufel unter die Nase.
,Da', sagte ich, ,meine Spucke weih ich dir, willst du, kauf
dir was dafür', und danach war ich augenblicklich beruhigt,
traf zu Hause die notwendigen Anordnungen und ging in die
Schenke Tee trinken . . . Dort in der Schenke erblickte ich
unter den Gästen einen Tagedieb, einen ausgesprochenen
Nichtsnutz. Ich hatte diesen Kerl auch schon früher gesehen
und ihn bestenfalls für einen Windbeutel und Gaukler ge-
halten, denn er trieb sich fortwährend auf den Märkten her-
um und bettelte die vornehmen Herren auf französisch um
Almosen an. Es hieß, er stamme aus adligem Hause und sei
Offizier gewesen, habe jedoch all sein Hab und Gut ver-
praßt und verspielt und zöge jetzt als Bettler umher.
In der Schenke, in die ich gegangen war, wollten ihn die
Kellner gerade vor die Tür setzen, er protestierte aber, blieb
stehen und sagte: ,Wißt ihr überhaupt, wer ich bin? Ihr könnt
mir ja nicht einmal das Wasser reichen, ich habe früher Leib-
eigene besessen und sehr viele solche Burschen wie euch
allein zum Spaß im Pferdestall auspeitschen lassen, daß ich
aber alles eingebüßt habe, ist nun mal Gottes Ratschluß, und
ich trage das Mal seines Zorns, deswegen darf mich keiner
anrühren.'
Die Kellner glaubten ihm nicht und lachten, er erzählte
jedoch, was für ein Leben er geführt habe, wie er in Kut-
schen gefahren sei, alle Zivilisten au~ dem Stadtpark hinaus-
gejagt habe und einmal splitternackt bei der Frau des Gou-
verneurs vorgefahren sei. ,Heute aber', sagte er, ,bin ich zur
Strafe für meine Vermessenheit verflucht, mein ganzes Innere
ist wie versteinert, ich muß es ständig aufweichen, und des-
halb Wodka her! Geld zum Bezahlen habe ich nicht, aber
dafür werde ich auch das Glas mitessen.'
Ein Gast ließ ihm einen Wodka bringen, um zu sehen, wie
er das Glas essen würde. Er goß den Wodka in einem Zug
hinter, z~malmte dann ehrlich, wie er versprochen hatte, das
Glas mit den Zähnen und aß es vor aller Augen auf, wäh-
rend die übrigen Gäste entzückt zusahen und grölend lach-
ten. Mir aber tat er leid; da war er nun von adliger Her-
kunft und brachte seiner Trunksucht sogar den Leib zum
Opfer. Ich dachte: Soll er doch wenigstens noch etwas krie-
gen, um das Glas aus seinen Därmen herauszuspülen, und
ließ ihm auf meine Rechnung einen zweiten Wodka bringen,
aber ich verlangte nicht, daß er das Glas äße. Ich sagte:
,Laß das, iß es nicht.' Er war ganz gerührt und gab mir die
Hand.
,Du kommst gewiß aus einem herrschaftlichen Haus?'
fragte er.
,Ja', sagte ich.
,Man sieht gleich', sagte e-r, ,daß du anders bist als diese
Schweine. Grang merßie.'
.Ich sagte:
,Keine Ursache, geh mit Gott.'
,Nein', antwortete er, ,ich möchte mich sehr gern noch
ein wenig mit dir unterhalten. Rück ein bißchen, ich setze
mich zu dir.'
,Na gut', sagte ich, ,bitte, setz dich.'
Er nahm neben mir Platz und fing nun an zu erzählen,
was für einen berühmten Namen er trage und welch glän-
zende Erziehung er genossen habe, und auf einmal sagte er:
,Was sehe ich ... du trinkst Tee?'
,Ja', sagte ich, ,wie du siehst. Wenn du willst, kannst du
mittrinken.'
,Vielen Dank', erwiderte er, ,aber ich kann keinen Tee
trinken.'
,Warum nicht?'
,Ich habe keinen Teemagen, sondern einen Teermagen.
Laß mir lieber noch ein Gläschen Schnaps bringen I' Auf
diese Art und Weise erbettelte er sich von mir erst einen,
dann einen zweiten und schließlich einen dritten Wodka, und
ich hatte ihn schon mächtig satt. Noch widerwärtiger war
mir aber, daß er so wenig bei der Wahrheit blieb, immer
prahlte und das Blaue vom Himmel herunter log, sich im
nächsten Augenblick aber wieder selber schlechtmachte, her-
umflennte, und das alles wegen irgendwelchem Schnick-
schnack.
,Ist dir eigentlich klar', sagte er, ,wen du vor dir hast?
Der Herrgott hat mich im seihen Jahr wie den Imperator
geschaffen, ich bin also ein Altersgenosse von ihm.'
,Was ist schon dabei?' fragte ich.
,Daß ich mich desungeachtet in solch einer Lage befinde!
Ich genieße trotz alledem nicht den geringsten Vorzug und
bin zu einem Nichts geworden, werde, wie du gerade selbst
gesehen hast, von jedermann verachtet.' Und darauf ver-
langte er wieder Wodka, diesmal ließ er sich aber gleich
eine ganze Karaffe "ommen, holte zu einer endlosen Ge-
schichte darüber aus, wie sich die Kaufleute in den Schenken
über ihn lustig machen, und sagte schließlich:
,Sie sind ungebildete Leute', sagte er, ,glauben, es ist eine
Kleinigkeit, ewig verpflichtet zu sein, zu trinken und hinter-
her das Glas zu essen. Das ist ein sehr mühsamer Auftrag,
mein Bester, und viele sind dazu überhaupt nicht imstande;

17 Pilger
ich jedoch habe meinen Organismus daran gewöhnt und
nehme mein Los auf mich, denn ich sehe, seinem Schicksal
entgeht man nicht.'
,Warum diese Gewohnheit aber so übertreiben?' gab ich
zu überlegen. ,Gib sie auf.'
,Aufgeben?' antwortete er. ,Was du nicht sagst? Nein,
mein Bester, aufgeben kann ich das nicht.'
,Und warum nicht?' fragte ich.
,Das geht aus zwei Gründen nicht', antwortete er. ,Er-
stens finde ich nie ins Bett, wenn ich meinen Durst nicht ge-
stillt habe, sondern muß unaufhörlich 1,1mherlaufen; zweitens
und vor allem aber erlauben mir das meine christlichen Ge-
fühle nicht.'
,Wie soll ich das verstehen?' sagte ich. ,Daß du nicht ins
Bett findest, ist begreiflich, denn du suchst immer etwas zum
Trinken; daß dir aber deine christlichen Gefühle nicht er-
, Iauben sollen, eine so schädliche Unsitte aufzugeben, das
glaube ich einfach nicht.'
,Sieh mal an', erwiderte er, ,das willst du nicht glauben ...
So reden auch alle anderen daher ... Was meinst du aber
wohl, wenn ich diese Gewohnheit ablege, und ein anderer
greift sie auf und wird zum Trinker - würde er sich darüber
freuen oder nicht?'
,Gottbehüte!' sagte ich. ,Nein, ich glaube, er würde sich
nicht freuen.'
,Siehst du!' sagte er. ,Da liegt der Hase im Pfeffer, und
wenn ich es nun also sein muß, der leidet, dann bringt mir
dafür zumindest Achtung entgegen, und du solltest mir noch
eine Karaffe Wodka bringen lassen!'
Ich klopfte dem Kellner, er möge noch eine kleine Ka-
raffe bringen, und hörte weiter zu, denn es schien mir recht
unterhaltend. Er fuhr nun wie folgt fort:
,Es ist völlig in Ordnung', sagte er, ,daß ich diese Marter
bis zum Ende ertragen muß und sie nicht etwa einen ande-
ren heimsucht; denn', sagte er, ,ich stamme zwar aus gutem
Haus und habe eine anständige Erziehung genossen, habe
schon als kleines Kind französische Gebete gesprochen, bin
aber unbarmherzig und ein Menschenquäler gewesen, habe
meine Leibeigenen am Kartentisch verspielt und Mütter von
ihren Kindern getrennt, mir eine reiche Frau genommen und
sie unter die Erde gebracht und zu guter Letzt, obwohl ich
doch an allem selbst schuld war, noch wider Gott aufbe-
gehrt, daß er mir einen solchen Charakter gegeben hat.
Dafür hat er mich auch gestraft und mir einen anderen Cha-
rakter gegeben: Jetzt besitze ich keinen Funken Stolz mehr;
ob mir einer ins Gesicht spuckt oder mir Ohrfeigen verab-
reicht, ist mir völlig gleichgültig, Hauptsache, ich kann mich
betrinken und alles um mich vergessen.'
,Und über diesen Charakter murrst du nun nicht mehr?'
fragte ich.
,Nein', antwortete er, ,denn so ist es zwar schlimmer, aber
auch wieder besser.'
,Wieso?' sagte ich. ,Das verstehe ich nicht ganz: schlimmer,
aber besser.'
,Jetzt bin ich doch nur dazu imstande, mich selbst ins
Unglück zu stürzen, aber dafür kann ich andere nicht mehr
ins Unglück stürzen, denn ein jeder wendet sich von mir ab.
Mir ergeht es jetzt wie Hiob mit seinen bösen Schwären',
sagte er, ,und das ist mein Glück und meine Rettung', und
damit trank er den letzten Rest -wodka aus, bat um noch
eine Karaffe und sagte: ,Merke dir, lieber Freund: Blicke
nie auf jemanden mit Verachtung herab, denn keiner weiß,
wofür jemand mit einem Laster geschlagen ist und unter ihm
leidet. Wir, die wir einem Laster verfallen sind, leiden,
dafür haben es die anderen leichter. Und falls du selber
Kummer wegen irgendeines Lasters haben solltest, leg es
nicht eigenmächtig ab, damit es nicht etwa ein anderer auf-
greift und davon gepeinigt wird; suche vielmehr jemanden,
der dir diese Schwäche freiwillig abnimmt.'
,Wo sollte man so einen schon finden! Dazu erklärt sich
kein Mensch bereit', sagte ich.
,Wieso?' entgegnete er. ,Da brauchst du nicht einmal weit
zu gehen: So einer sitzt vor dir, ich selber bin ein solcher
Mensch.'
Ich sagte: ,Du machst Spaß?'
Da springt er plötzlich auf und sagt:
,Nein, ich mache keinen Spaß, und wenn du's nicht
glaubst, kannst du's ja probieren.'
,Wie soll ich das denn probieren?' sagte ich.
,Ganz einfach: Willst du wissen, was für eine Gabe ich
besitze? Ich besitze nämlich eine große Gabe, mein Freund.
Sieh her - jetzt bin ich betrunken ... Ja oder nein: Bin ich
betrunken?'
Ich betrachtete ihn und sah, er war schon ganz grau im
Gesicht, hatte glasige Augen und schwankte auf seinen Bei-
nen, daher sagte ich: ,Natürlich bist du betrunken.'
Da antwortete er: ,Schön, dreh dich jetzt für einen Augen-
blick zum Heiligenbild um und sprich in Gedanken ein
Vaterunser.'
Ich drehte mich um, und man sollte es nicht für möglich
halten, kaum hatte ich, die Augen auf das Heiligenbild ge-
richtet, in Gedanken ein Vaterunser gesprochen, da befahl
mir dieses betrunkene Herrchen schon wieder: ,Und sieh
mich nun an: Bin ich noch betrunken oder nicht?'
Ich drehte mich um, und tatsächlich - seine Augen waren
völlig klar, er stand da und lächelte.
Ich sagte: ,Wie ist das möglich? Was für ein Trick steckt
da dahinter?'
Er antwortete:
,Da steckt kein Trick dahinter, das nennt man Magnetis-
mus.'
,Verstehe ich nicht', sagte ich, ,was ist das?'
,Manche Menschen besitzen eine besondere Willenskraft,
die kann man weder durch Trinken noch durch Schlafen ein-
büßen, denn sie ist einem gegeben. Ich habe dir das gezeigt',
sagte er, ,damit du erkennst: Wenn ich wollte, könnte ich
auf der Stelle aufhören und nie wieder einen Tropfen an-
rühren, aber ich will nicht, daß ein anderer an meiner Stelle
zu trinken anfängt, ich wieder auf die Beine komme und
dann womöglich Gott von neuem vergesse. Jeden anderen
aber will und kann ich im Handumdrehen vom Laster des
Saufens befreien.'
,Dann sei so gut', sagte ich, ,und befreie mich davon!'
,Ja bist du denn ein Trinker?' fragte er.
,Freilich', sagte ich, ,und von Zeit zu Zeit trinke ich sogar
gewaltig.'
,Da hab nur keine Angst', sagte er, ,für so etwas bin ich
der richtige Mann, du hast mich zum Trinken eingeladen,
und dafür werde ich mich dankbar zeigen: Ich befreie dich
von allem.'
,Ach, sei so gut, tu's bitte!'
,Aber gern, lieber Freund', sagte er, ,aber gern. Das mache
ich, denn du hast mich eingeladen; ich befreie dich und
nehme alles auf mich', und damit rief er auch schon wieder
nach Wodka und zwei Gläschen.
Ich sagte:
,Wozu brauchst du zwei Gläschen?'
,Eins für mich', sagte er, ,das andere für dich!'
,Ich denke nicht daran, zu trinken', sagte ich.
Da schien er auf einmal ungemütlich zu werden.
,Schscht! Silangß! Mund halten! Wer bist du jetzt? Ein
Kranker.'
,Na schön', Sjilgte ich, ,meinetwegen: Ich bin ein Kran-
ker.'
,Und ich', sagte er, ,bin der Arzt, du mußt meine Anord-
nungen befolgen und Medizin einnehmen.' Bei diesen Wor-
ten goß er mir und sich selbst auch schon ein und fuchtelte
über meinem Gläschen mit den Händen herum wie der
Kantor in der Kirche.
Er fuchtelte also mit seinen Händen herum und befahl
dann: ,Trink!'
Ich schwankte noch, aber weil mich, ehrlich gesagt, selber
·sehr danach verlangte, den Wodka zu probieren, und er es
dazu noch befahl, dachte ich : Es wäre doch gar nicht so
übel, aus reiner Neugier ein Gläschen zu trinken! - und
trank.
,Ist er gut?' fragte er. ,Hat's dir geschmeckt oder dich ge-
schüttelt?'
,Ich weiß nicht recht.'
,Das ist ein Zeichen dafür', sagte er, ,daß du zuwenig ein-
genommen hast', goß mir ein zweites Gläschen ein und fuch-
telte wieder mit den Händen darüber. Schließlich schüttelte

.261
er die Hände aus, zwang mich, auch dieses zweite Gläschen
auszutrinken, und fragte: ,Wie war der?'
Ich machte meinen Spaß und sagte: ,Er ist mir etwas
schwer vorgekommen.'
Er nickte, machte seinen Hokuspokus gleich noch mit
einem dritten und kommandierte wieder: ,Trink!'
Ich trank und sagte danach: ,Der war leichter!' Und schon
klopfte ich selber nach einer neuen Karaffe, bedachte ihn
mit einem Gläschen, goß mir selber ein und trank von nun
an munter weiter. Er hielt mich nicht zurück, ließ mich aber
kein einziges Gläschen so einfach, ohne seinen Hokuspokus,
trinken, sondern kaum wollte ich danach greifen, nahm er es
mir jedesmal aus der .Hand und sagte: ,Kusch, sinlangß ...
attangdeh', fuchtelte erst mit seinen Händen darüber herum
und sagte dann: ,Jetzt ist es fertig, du kannst es einnehmen,
wie's geschrieben steht.' .
Und so behandelte ich zusammen mit diesem feinen Herr-
chen in der Schenke meine Krankheit bis zum späten Abend
und war die ganze Zeit sehr ruhig, denn ich wußte, ich trank
ja nicht aus Übermut, sondern zum Abgewöhnen. Ab und
zu tastete ich nach dem Geld an meiner Brust, fühlte, daß
es unversehrt war, und trank weiter.
Das feine Herrchen erzählte mir nun beim Trinken alles
mögliche, wie er sein ganzes Leben gefeiert und gepraßt
hatte, besonders von seinen Liebesabenteuern, und begann
zu guter Letzt mit mir zu hadern, weil ich von der Liebe
nichts verstand.
Ich sagte: ,Wozu die Aufregung, wenn ich nun mal für
solche Narrheiten nichts übrig habe? Du solltest es dabei
bewenden lassen, daß du alles verstehst und dafür als ein
solcher Saufbruder herumläufst.'
Da sagte er:
,Kusch, silangß! Die Liebe ist das Heiligste, was wir
haben!'
,Eine Narrheit ist sie.'
,Du bist ein Bauernflegel und ein Schuft', sagte er, ,wenn
du es wagst, über des Herzens heiligstes Gefühl zu spotten
und es eine Narrheit zu nennen.'
,Eine Narrheit ist sie, weiter nichts.'
,Verstehst du überhaupt, was das heißt', sagte er, ,Schön-
heit ist das Vollkommenste der Natur?'
,Ja', antwortete ich, ,bei Pferden weiß ich, was Schönheit
ist.'
Da hätten Sie sehen sollen, wie er in die Höhe fuhr und
drauf und dran war, mir eine Ohrfeige zu geben.
,Als ob beim Pferd die Schönheit das Vollkommenste
der Natur ist!' sagte er.
Weil es jedoch schon ziemlich spät war, konnte er mir
nichts klarmachen, der Schankwirt aber sah, daß wir beide
betrunken waren, zwinkerte seinen Leuten zu, und die
kamen zu sechst ge~prungen, baten ... ,Hinaus bitte', faßten
uns unter, setzten uns auf die Straße und sperrten hinter uns
die Tür für die Nacht zu.
Da nun begann ein richtiger Hexenspuk. Es sind seitdem
viele, viele Jahre vergangen, aber ich kann bis auf den heu-
tigen Tag noch nicht begreifen, was in jener Nacht mit mir
los war und welche Kraft da am Werke war, jedenfalls
glaube ich, solche Versuchungen und Abenteuer, wie ich
damals zu bestehen hatte, finden sich selbst in unseren Hei-
ligenlegenden nicht."

12

"Kaum hatten sie mich zur Tür hinausgeworfen, da griff ich


auch schon in die Brusttasche, um mich davon zu überzeu-
gen, ob ich meine Brieftasche noch hatte. Richtig, sie war
da. Jetzt kommt es darauf an, dachte ich bei mir, das Geld
heil nach Hause zu bringen. Die Nacht war so finster, wie
man sich überhaupt nur vorstellen kann. Im Sommer, wissen
Sie, gibt es bei uns in der Kursker Gegend stockfinstere
Nächte, in denen die Luft wunderbar warm und weich ist:
Der Himmel sieht aus, als wäre er mit lauter Ewigen Lämp-
chen behängt, die Finsternis unten aber ist so undurchdring-
lich, daß man immer das Gefühl hat, jemand faßt einen an
und greift einem in die Taschen ... Auf dem Markt aber
kommt alles mögliche schlimme Volk zusammen, und gar
mancher ist schon ausgeraubt und erschlagen worden. Ich
fühlte mich zwar stark genug, dachte aber, erstens einmal
bist du betrunken, und zweitens, wenn ihrer zehn oder mehr
über dich herfallen, dann kannst du noch so stark sein, du
kommst gegen sie nicht an, sie plündern dich aus, und ob-
wohl ich einen ordentlichen sitzen hatte, entsann ·ich mich
doch, daß ich mehrmals schon aufgestanden war und bezah-
len wollte, dann freilich doch immer wieder geblieben war,
und mein Kompagnon, das feine Herrchen, bei dieser Ge-
legenheit den Haufen Geld gesehen hatte, den ich bei mir
trug. Und deswegen kam mir, wissen Sie, plötzlich der Ver-
dacht: Ist da nicht·vielleicht von seiner Seite Verrat gegen
dich im. Spiel? Wo ist er eigentlich? Wir sind doch beide
zusammen vor die Tür gesetzt worden, wohin ist er nur so
eilig verschwunden?
Ich stand also da, blickte mich vorsichtig um, und da i&
seinen Namen nicht wußte, rief ich: ,Hörst du mich?' sagte
ich, ,Magnetiseur, wo bist du?'
Da stand dieser Satan plötzlich wie aus dem Boden ge-
wachsen vor mir und sagte: ,Hier bin ich.'
Mir kam es so vor, als wäre das nicht seine Stimme, und
im Finstern meinte ich auch, ein fremdes Gesicht zu sehen.
,Komm doch. mal noch ein bißchen näher', sagte ich. Als er
nahe genug war, faßte ich ihn bei den Schultern, musterte ihn
genau und konnte beim besten Willen nicht erkennen, wer
das war. Sobald ich ihn nur berührte, war mein Gedächtnis
wie weggeblasen. Ich hörte ihn nur. etwas auf französisch
plappern: ,Di-ka-ti-li-ka-ti-peh', ich verstehe das ja nicht.
,Was quasselst du da?' fragte ich.
Und er wieder französisch:
,Di-ka-ti-li-ka-tipeh.'
,Hör endlich mit diesem Unsinn auf', sagte ich, ,antworte
gefälligst russisch, wer du bist, ich habe es nämlich verges-
sen.'
Er antwortete:
,Di-ka-ti-li-ka-tipeh: Ich bin der Magnetiseur.'
,Du bist mir der Rechte I' sagte ich und spuckte dabei
durch die Zähne - und für einen Augenblick wollte mir
scheinen, daß er es war, aber als ich ihn mir genauer besah,
da hatte er zwei Nasen! ... Zwei Nasen, man stelle sich
das vor! Wie ich aber nun darüber nachsinne, vergesse ich
doch wieder, wer er eigentlich ist ...
Hol dich der und jener, dachte ich, wo habe ich dich Rak-
ker bloß aufgegabelt? und fragte ihn noch einmal: ,Wer
bist du?'
Er antwortete wieder:
,Der Magnetiseur.'
,Scher dich zur Hölle', sagte ich, ,du bist vielleicht der
Teufel?'
,Nicht ganz', sagte er, ,aber so etwas Ähnliches.'
Ich stieß ihn gegen die Stirn, da wurde er böse und sagte:
,Warum schlägst du mich? Ich tue dir Gutes und erlöse dich
von der Trunksucht, und du vergiltst es mir so?'
Aber ich, ob's nun jemand glaubt oder nicht, kann mich
wieder nicht mehr erinnern, wer er ist, und frage: ,Also, wer
bist du nun eigentlich?'
Er antwortete:
,Dein Freund fürs Leben.'
,Schön', sagte ich, ,aber wenn du mein Freund bist, kannst
du mir vielleicht Schaden zufügen?'
,Nein', erwiderte er, ,ich werde dir ein pti-kom-pö vor-
führen, daß du dich gleich als ein anderer Mensch fühlen
wirst.'
,Nun hör bitte mit diesem Gequassel' auf', sagte ich.
,Wirklich und wahrhaftig: ein solches pti-kom-pö .. .'
,Du sollst nicht französisch mit mir reden, zum Donner-
wetter: ich verstehe nicht, was das heißt - pti-kom-pö !'
,Ich werde dir einen neuen Begriff vom Leben vermitteln',
antwortete er.
,Siehst du, das klingt schon anders, ich frage mich nur,
was für einen neuen Begriff du mir wohl geben kannst.'
,Du wirst die Schönheit, das Vollkommenste der Natur
begreifen', sagte er.
,Wie soll das denn zugehen, daß ich sie so plötzlich be-
greife?'
,Komm nur mit', sagte er, ,dann wirst du es gleich sehen.'
,Gut, gehen wir.'
Wir zogen los. Wir schwankten zwar beide gehörig, lie-
fen aber ohne Aufenthalt weiter, ich wußte nur nicht wohin,
doch plötzlich kam mir wieder die Frage in den Sinn, wer
denn da neben mir gehe, und ich sagte wieder: ,Halt I Sag
mir erst, wer du bist, sonst gehe ich nicht weiter.'
Er sagte es, für einige Augenblicke schien mir, ich könne
mich erinnern, und fragte: ,Warum vergesse ich immer wie-
der, wer du bist?'
Da antwortete er: ,Das ist eben die Wirkung meines Ma-
gnetismus', sagte er. ,Mach dir aber keine Sorgen, das geht
sofort vorüber, es wird jedoch das beste sein, wenn ich gleich
etwas mehr Magnetismus auf dich übertrage.'
Damit drehte er mich plötzlich um, so daß ich ihm den
Rücken zukehrte, und strich mir mit seinen Fingern wie be-
sessen über Hinterkopf und Haare ... Mir war recht wun-
derlich zumute: Er fuhrwerkte dort herum, als wolle er mir
in den Kopf hineinkriechen.
Ich sagte:
,Hör mal ... wer bist du eigentlich, was wühlst du dort
herum?'
,Warte nur', antwortete er, ,halt still: Ich übe.rtrage meine
magnetische Kraft auf dich.'
,Alles schön und gut', sagte ich, ,aber vielleicht willst du
mich nur bestehlen?'
Das stritt er ab.
,Warte mal', sagte ich, ,ich will nach meinem Geld sehen.'
Ich sah nach - das Geld war noch da.
,Jetzt bin ich sicher', sagte ich, ,daß du kein Dieb bist.'
Wer er war, hatte ich jedoch wieder vergessen und konnte
mich auch nicht mehr erinnern, wie man danach fragt; viel-
mehr hatte ich das Gefühl, als wäre er durch meinen Hinter-
kopf ganz in mich hineingekrochen und sähe sich jetzt die
Welt mit meinen Augenan-meine Augen dienten ihm nur
als Fensterscheiben.
Ein schönes Stückehen hat er sich da mit mir geleistet!
dachte ich bei mir und fragte:
,Wo sind denn jetzt meine eigenen Augen?'
,Du hast keine eigenen Augen mehr.'
,Was soll das heißen?'
,Mit deinen eigenen Augen', antwortete er, ,kannst du.
jetzt nur Dinge sehen, die es gar nicht gibt.'
,Das hat mir ger~Clde noch gefehlt! Und wenn ich mich
ordentlich anstrenge?' , .
Ich riß die Augen auf, soweit es ging, und sah, denken
Sie nur, in allen finsteren Winkeln stehen abscheuliche Frat-
zen mit kurzen Beinen, glotzen mich an, laufen mir über
den Weg, stehen an den Kreuzungen, lauern und sagen:
,Wir bringen ihn um und holen· uns den Schatz.' Vor mir
aber stand wieder mein wuschelköpfiges feines Herrchen,
sein Gesicht erstrahlte in hellem Licht, und hinter mir war
ein schreckliches Lärmen und Poltern zu hören, Singen und
Klimpern, Johlen, Kreischen und fröhliches Lachen. Ich
blickte mich um und merkte, daß ich mit dem Rücken an
einem Haus lehnte, die Fenster standen offen, und drinnen
war es hell; das Singen und der Lärm kamen von dort, eine
Gitarre klagte, und wieder stand mein feines Herrchen vor
mir, fuchelte mir mit seinen Handflächen vor dem Gesicht
herum, fuhr mir dann mit den Händen über die Brust, hielt
inne, wo das Herz ist, drückt, ergriff meine Finger, schüt-
telte sie ein wenig aus, fuchtelte wieder und strengte sich
dabei so an, daß ihm der Schweiß aus allen Poren brach.
Als ich freilich das Licht durch die Fenster scheinen sah
und merkte, ich komme wieder zu mir, da hatte ich keine
Angst mehr und sagte: ,Jetzt hör mal zu, wer du auch sein
magst, der Teufel, der Höllenfürst oder ein Unterteufel, sei
so gut und wecke mich auf oder verflüchtige dich.'
Da gab er mir zur Antwort: ,Warte noch ein wenig, es
ist noch nicht soweit: Noch ist es zu gefährlich, du könntest
es noch nicht ertragen.'
Ich sait:e:
,Was könnte ich nicht ertragen?'
,Was jetzt in den luftigen Sphären vor sich geht.'
,Ich kann aber nichts Außergewöhnliches hören I' sagte
ich.
Doch er behauptete steif und fest, ich häre nur nicht rich-
tig hin, und erklärte mir in feierlichem Ton: ,Um zu hören',
sagte er, ,mußt du dem Beispiel des Guslispielers folgen,
selbwelcher, sein Haupt neigend und den Tönen lauschend,
mit der Hand die Saiten schlägt.'
Also jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, was hier ge-
spielt wird, dachte ich, wie der einherredet, das klingt ja
ganz und gar nicht, als ob ein Betrunkener spricht!
Er blickte mir nu~ in die Augen, strich leicht mit den
Händen über mich hin und fuhr im gleichen Ton fort:
,So lässet die Gusli ihr Lied erklingen, wenn ihre Saiten,
die eine in schöner Gemeinsamkeit mit den anderen, kunst-
voll geschlagen werden, und es freuet sich der Guslispieler
ob der Honigsüße des Klangs.'
Ich sage Ihnen, mir war, als häre ich nicht Worte, sondern
als plätschere ein Bach an meinem Ohr, und ich dachte: Nun
sieh mal einer diesen Saufaus an! Man sollte es nicht für
möglich halten, wie schön der noch von erhabenen Dingen
sprechen kann! Mein feines Herrchen aber hatte inzwischen
mit seinen Fisematenten aufgehört und sprach die folgenden
Worte: ,Jetzt ist's 'genug; jetzt wach auf', sagte er, ,und
empfange die Stärkung!'
Bei diesen Worten bückte er sich ein wenig, kramte lange
in seiner Hosentasche und holte schließlich etwas hervor.
Und was war's? Ein winziges Stückehen Zucker, ganz be-
schmutzt, denn es hatte offensichtlich schon lange dort ge-
legen. Er kratzte den Schmutz mit den Fingernägeln ab,
blies ihn herunter und sagte: ,Mach den Mund auf.'
Ich sagte: ,Wozu?', riß den Mund aber weit auf.
Er schob mir das Stück Zucker hinein und sagte: ,Und
jetzt tüchtig gelutscht', sagte er, ,das ist magnetischer Men-
torzucker. Der verleiht dir Kraft.'
Er hatte dies zwar auf französisch gesagt, ich begriff aber,
daß von Magnetismus die Rede war, fragte nicht weiter,
sondern lutschte eifrig an meinem Zucker, von dem aber,
der ihn mir gegeben hatte, war nichts mehr zu sehen. War
er nun im Dunkeln irgendwohin gegangen oder sonstwie
vom Erdboden verschwunden, das mochte der Henker wis-

2.68
sen, jedenfalls war ich plötzlich allein, wieder völlig bei
Verstand, und dachte: Wozu auf ihn warten? Du mußt
jetzt nach Hause gehen. Aber da gab es wieder eine Schwie-
rigkeit: Ich wußte nicht, in welcher Straße ich mich befand
und was für ein Haus das war, an dem ich lehnte. Ich dachte
bei mir: Ist das überhaupt ein Haus? Vielleicht bilde ich
mir das nur ein, und in Wirklichkeit ist alles Blendwerk? .. .
Jetzt ist Nacht, alle Welt schläft, wozu brennt hier Licht? .. .
Das beste ist, ich riskier's, dachte ich ... gehe hinein und
sehe selbst nach: Treffe ich Menschen von Fleisch und Blut
an, kann ich sie fragen, wie ich nach Hause komme, wenn
es sich aber nur um Teufelsspuk handelt und nicht um le-
bendige Menschen . . . was kann mir schon passieren? Ich
sage einfach: ,Unser Ort ist geweiht: Weiche von hinnen'-
und alles wird sich in Nichts auflösen."

13

"Mit kühner Entschlossenheit trat ich auf die Freitreppe,


bekreuzigte mich und sprach mein ,Weiche von hinnen', aber
nichts passierte: Das Haus stand noch, wackelte nicht, und
ich sah, die Tür war offen, vor mir lag ein großer, langer
Flur, und in seiner Tiefe hing an der Wand eine Laterne
mit einer brennenden Kerze. Ich blickte mich um, links
waren zwei weitere Türen, beide mit kostbaren Bastmatten
verkleidet, und darüber hingen Leuchter mit sternförmigen
Spiegeln. Was für ein Haus mag das sein, dachte ich. Wie
eine Schenke sieht es nicht aus, aber eine Art Gasthaus muß
es sein, doch was für eins - keine Ahnung. Plötzlich spitzte
ich die Ohren und vernahm hinter der bastverkleideten Tür
ein Lied ... voller Sehnsucht und Innigkeit, und die Stimme,
die da sang, ging zu Herzen und schlug einen in ihren Bann
wie liebliches Glockengeläut. Ich lief keinen Schritt weiter
und lauschte, da öffnete sich plötzlich weit hinten eine Tür,
und heraus trat ein hochgewachsener Zigeuner in Seiden-
hosen und kurzer Samtjacke, der jemanden vor sich her zu
einem besonderen Ausgang unter der entfernten Laterne ge-
leitete, den ich vorher nicht bemerkt hatte. Ich konnte, ehr-
lich gesagt, nicht deutlich erkennen, wen er hinausgeleitete,
aber mir schien, es sei mein Magnetiseur, und als dieser
schon in der Tür war, sagte der Zigeuner: ,Schon gut, schon
gut, mein Lieber, gib dich mit diesem halben Rubel zufrie-
den und komm morgen wieder: Wenn wir Nutzen aus ihm
schlagen, legen wir dir noch etwas zu, weil du ihn herge-
bracht hast.'
Damit schob er den Riegel vor, lief wie von ungefähr auf
mich zu, öffnete mir die Tür unter dem Spiegel und sagte:
,Bitte treten Sie näher, verehrter Hanqelsherr, und erweisen
Sie uns die Ehre, sich unsere Lieder anzuhören I Wir haben
schöne Stimmen.'
Bei diesen Worten hatte er leise die Tür weit aufge-
macht ... Also, meine sehr verehrten Herren, mich empfing
dort eine Atmosphäre, ich weiß gar nicht, wie ich sie be-
schreiben soll, jedenfalls war mir alles so vertraut, daß ich
mich augenblicks wie zu Hause fühlte. Der Raum war groß,
aber niedrig und hatte eine verzogene Decke, die sich nach
unten wölbte; alles war dunkel, verräuchert, und der Ta-
baksqualm war so dick, daß man den Kronleuchter an der
Decke kaum erkennen konnte. Und unten befanden sich in
diesem Qualm Menschen . . . sehr viele, schrecklich viele
Menschen, und vor ihnen sang mit der Stimme, die ich ge-
hört hatte, eine junge Zigeunerin. Als ich eintrat, sang sie
gerade den Schluß eines Liedes, hielt den letzten Ton leise,
ganz leise und zart aus, und ließ ihn mit ersterbender
Stimme verklingen ... Ihre Stimme erstarb, und mit ihr war
schlagartig gleichsam alles erstorben . . . Dafür sprangen im
nächsten Augenblick alle wie besessen von den Stühlen,
klatschten in die Hände und schrien. Ich war höchst verwun-
dert, woher die vielen Leute kamen und wie es zuging, daß
anscheinend immer mehr aus dem Qualm auftauchten. Na
so was, dachte ich, sind das vielleicht gar keine Menschen,
sondern irgendwelche Wilden? Ab~r ich sah verschiedene
bekannte Gesichter, Remonteoffiziere und Pferdezüchter, er-
kannte auch mehrere reiche Kaufleute und Gutsbesitzer, die
etwas für Pferde übrig hatten, und zwischen all diesen Leu-
ten bewegte sich jene Zigeunerin ... man konnte sie mit kei-
ner anderen Frau vergleichen, sie erinnerte eher an eine
gleißende Schlange, die ihren Schwanz hin und her bewegt
und ihren ganzen Leib krümmt, in den schwarzen Augen
aber loderte Feuer. Eine interessante Gestalt! Sie trug ein
großes Tablett in Händen, auf dessen Rand viele Gläser
Champagner standen, während in der Mitte ein riesiger Berg
Geld lag. Silbergeld war nicht darunter, dafür Goldmün-
zen und Papiergeld, blaue Fünfrubelscheine, graue Zehner
und rote Zwanziger, nur weiße Hunderter waren nicht zu
sehen. Wem sie ein Glas reichte, der trank es in einem Zug
leer und warf soviel Geld auf das Tablett, wie ihm das Ver-
gnügen wert war, Goldmünzen oder Scheine; danach küßte
sie ihn auf den Mund und verneigte sich. Die erste und
zweite Reihe war sie schon abgegangen - die Gäste saßen
in einer Art Halbkreis -, kam nun auch durch die letzte
Reihe, hinter der, die Hände auf die Stuhllehne gestützt,
ich stand, und wollte schon wieder kehrtmachen, ohne mir
etwas angeboten zu haben, da rief det: alte Zigeuner, der
hinter ihr herlief, plötzlich ,Gruschkal' und deutete mit den
Augen auf mich.
Sie machte ihm mit ihren Wimpern ein Zeichen der Em-
pörung - Wimpern hatte sie, Herrgott noch mal, lang
geschwungen und schwarz, es sah aus, als wären es lebendige
Wesen, und sie bewegten sich wie kleine Vögel; und als der
Alte ihr den Befehl erteilt hatte, sah ich an ihren Augen,
daß sie vor Zorn glühte. Sie war wütend, weil ihr befohlen
wurde, auch mir ein Glas zu reichen, dennoch tat sie ihre
Pflicht: kam zu mir, hinter die letzte Reihe, verneigte sich
und 'sagte: ,Trink auf meine Gesundheit, lieber Gast!'
Ich war außerstande, ihr etwas zu entgegnen, so hatte sie
mich überwältigt! In dem Augenblick, da sie sich vor mir
über das· Tablett beugte und ich ihren Scheitel sah, der sich
wie ein Silberstreifen durch das schwarze Haar zog und sich
dann nach dem Rücken zu verlor, war ich wie berauscht, und
um meinen Verstand war es geschehen. Ich trank den Cham-
pagner, den sie mir reichte, blickte ihr über das Glas hin-
weg ins Gesicht und konnte mir beim besten Willen nicht
klarwerden, ob sie braun war oder weiß; unter ihrer durch-
sichtigen Haut sah ich es rot schimmern wie bei reifen Pflau-
men im hellen Sonnenschein, und an ihrer zarten Schläfe
pochte eine Ader . . . So also sieht echte Schönheit aus, das
Vollkommenste der Natur; der Magnetiseur hat wahr ge-
sprochen: Das ist etwas ganz anderes als beim Pferd, einem
Tier, das man kaufen kann.
Ich leerte mein Glas bis zum Grund und stellte es hart
auf das Tablett, sie aber stand da und wartete auf das,
wofür sie mich küssen würde. Also fuhr ich rasch mit der
Hand in die Hosentasche, fand dort aber nur Viertelrubel,
Zwanzigkopekenstücke und sonstiges 'Kleingeld. Das ist zu-
wenig, dachte ich; das kann man einem solchen kleinen Aas
nicht anbieten, außerdem .müßte ich mich vor den anderen
schämen! Und da höre ich doch die feinen Herren nicht
übermäßig leise zu dem Zigeuner sagen: ,Aber, aber, Was-
sili Iwanow, wozu befiehlst du Gruscha, diesen Bauern zu
bewirten? Das ist beleidigend für uns.'
Doch er entgegnete: ,Bei uns, meine Herrschaften, gebührt
jedem Gast Ehre und Platz, und meine Tochter kennt der
Zigeuner Vätersitte; Sie haben übrigens keine Ursache, be-
leidigt zu sein, denn noch wissen Sie nicht, wie mancher ein-
fache Mann Schönheit und Begabung zu würdigen weiß.
Dafür gibt es vielfältige Beispiele.'
Als ich das hörte, dachte ich: Daß euch der Wolf fresse!
Bloß weil ihr reicher seid als ich, glaubt ihr, ihr hättet mehr
Gefühl? 0 nein, komme, was da will: Ich werde es beim
Fürsten hinterher abarbeiten, aber jetzt lasse ich mich nicht
lumpen und werde diese einmalige Schönheit durch Knaus-
rigkeit nicht erniedrigen.
Schon hatte ich die Hand in der Brusttasche, zog einen
Hunderter aus dem Bündel und knallte ihn aufs Tablett.
Gleich nahm das Zigeunermädchen das Tablett in die eine
Hand, wischte mir mit der anderen die Lippen mit einem
weißen Tuch ab und gab mir einen Kuß, nein, man konnte
es eigentlich nicht Kuß nennen, ihre Lippen streiften mich
nur; sie hinterließ statt eines Kusses gleichsam nur ein Gift
und ging.
Als sie gegangen war, wollte ich an sich auf meinem Platz
bleiben, aber da faßten mich der alte Zigeuner, Gruschas
Vater, und ein zweiter Zigeuner unter, schleppten mich nach
vorn und setzten mich in die allererste Reihe, neben den
Kreisrichter und andere Herren.
Mir war das, ehrlich gesagt, gar nicht recht, denn ich
wollte Schluß machen und gehen; doch sie baten, ließen
mich nicht fort und riefen: ,Gruscha! Schönste Gruscha, bitte
den lieben Gast, er möge bleiben!'
Sie kam wieder herein und ... der Böse mag wissen, was
sie alles mit ihren Augen auszurichten vermochte: Sie warf
mir einen Blick zu, daß mir war, als habe sie ein Zauber-
mittel in meine Augen gespritzt, und sagte:
,Kränke uns nicht, bleib, bleib hier.'
,Wer brächte es wohl fertig, dich zu kränken', sagte ich
und setzte mich wieder.
Sie gab mir noch einen Kuß, und wieder hatte ich die
Empfindung, als würde mein Mund von einem giftigen Pin-
selehen berührt und als führe mir ein brennender Schmerz
durch alle Adern mitten ins Herz.
Danach wurde wieder gesungen und getanzt, und eine
andere Zigeunerin kam mit Champagner. Sie war auch
schön, aber was war sie gegen Gruscha I Nicht halb so schön,
und daher fischte ich aus der Hosentasche nur ein paar Vier-
telrubelstücke ·und schüttete sie auf das Tablett ... Die rei-
chen H~rrschaften spotteten darüber, aber das war mir
gleichgültig, ich sah nur immer dorthin, wo Gruscha war,
und wartete darauf, ihre Stimme allein, ohne Chor zu hören,
doch sie sang nicht. Saß bei den anderen, sang mit, bot aber
kein Solo, und so konnte ich ihre Stimme nicht hören, son-
dern nur ihr Mündchen mit den weißen Zähnen erkennen ...
Was bin ich doch für ein Pechvogel, dachte ich bei mir. Da
bin ich nun für einen Augenblick hereingekommen und habe
hundert Rubel verloren, aber sie höre ich nicht! Doch zu
meinem Glück war ich nicht der einzige, der sie hören
wollte. Nach einer Pause riefen auch die anderen Herren
und vornehmen Besucher im Chor: ,Gruscha! Gruscha I
»Das Boot<<, Gruscha I >>Das Boot<<!'

18 Pilger 273
Die Zigeuner räusperten sich, Gruschas jüngerer Bruder
nahm die Gitarre zur Hand, und sie begann zu singen. Wis-
sen Sie ... Zigeunergesang ist immer ergreifend und geht zu
Herzen, aber als ich diese Stimme vernahm, die mich schon
gelockt hatte, als ich noch vor der Tür stand, schwelgte ich
in Seligkeit. Ganz schrecklich gefiel mir das I Zuerst fing sie
mit rauher, männlicher Stimme an, etwa so: ,Das Meer, es
heult, das Meer, es stöhnt.' Es war richtig zu hören, wie das
Meer stöhnte und das kleine Boot gegen die Wogen an-
kämpfte. Auf einmal aber sang sie mit völlig veränderter
Stimme, wandte sich an einen Stern:, ,Goldener Stern, den
Tag verkündend, leuchtest du weit, so du mir erstrahlst, bin
vor irdischem Unheil und Tod ich gefeit.' Und dann kam
wieder ein Wechsel, den man nicht erwartet hatte. In Zigeu-
nerliedern gibt es immer solche plötzlichen Wechsel: Bald
weinen sie, klagen, reißen einem geradezu das Herz aus dem
Leib, und dann schlägt auf einmal ihre Stimmung um,
und sie setzen einem gleichsam das Herz wieder in die
Brust ... In dieser Weise ließ sie auch hier das ,Meer' mit
dem kleinen ,Boot' wogen, während die anderen mit hoher
Fistelstimme im Chor sangen :
,Dsha-lä-la. Dsha-la-la!
Dsha-lä-la pringalä!
Dsha-la-la pringa-lal
Hai da tschepuringalja!
He hop-hai, ta gara!
He hop-hai-ta garal'
Darauf ging Gruscha wieder mit Wein und Tablett durch
die Reihen, und ich gab ihr noch einen Hunderter aus der
Brusttasche . . . Nun sahen sich alle nach mir um, weil ich
sie mit meinen Geschenken ausgestochen hatte; sie schämten
sich sogar, nach mir in die Tasche zu greifen, mir aber kam
es überhaupt nicht mehr aufs Geld an, ich war ja schließlich
mein eigener Herr, wenn mir's gefiel, konnte ich aussprechen,
was ich auf dem Herzen hatte, mein Innerstes preisgeben,
und das tat ich denn auch. Sooft Gruscha ein Lied zum
besten gab, bekam sie von mir einen Hunderter, ich zählte

274
gar nicht mehr, wieviel ich schon ausgegeben hatte, gab sie
eben, und damit basta, dafür sang sie freilich auch auf kei-
nes anderen Bitte, und wenn alle im Chor bettelten, sie
möge singen, sie sagte: ,Ich bin müde.' Ich dagegen brauchte
nur dem Zigeuner zuzuwinken: Kann sie nicht doch noch
einmal zum Singen gebracht werden? -gleich gab er ihr mit
den Augen ein Zeichen, und sie sang. Und, meine Herren,
sie sang noch viel, ein Lied gewaltiger als das andere, und
ich hatte ihr schon viele Hunderter zugeworfen, ohne sie zu
zählen, schließlich aber, ich weiß nicht, wie spät es war,
jedenfalls schon beim Morgengrauen, war sie wirklich und
wahrhaftig todmüde und sang, mich anblickend, als gelte es
mir: ,Nun geh, laß ab, geh aus den Augen mir.' Mit diesen
Worten schien sie mich verjagen zu wollen, mit anderen da-
gegen fragte sie: ,Oder willst spielen du mit meiner Löwen-
seele, daß durch der Schönheit Macht ich auf den Tod dich
quäle?' Da warf ich ihr noch einen Hunderter hin! Sie küßte
mich nochmals widerwillig, als wolle sie mich stechen, und
in ihren Augen loderte ein düsteres Feuer, die anderen aber
begannen in dieser unheilschwangeren Stunde zu guter Letzt
zu grölen:
,Fühlst du nicht, schönstes Kind,
meiner Liebe Ungestüm?'
Alle stimmten ein und sahen Gruscha an, ich sah· sie auch
an und sang mit: ,Fühlst du nicht?' Darauf fingen plötzlich
die Zigeuner an: ,Das Haus ist toll, der Ofen ist toll, der
Hausherr weiß nicht, wo er schlafen soll', und mit einem
Schlag tanzte der ganze Saal ... Zigeuner, Zigeunerinnen und
Gäste - alle wirbelten durcheinander, als sei tatsächlich das
ganze Haus toll geworden. Die Zigeunermädchen drehten
sich vor den Gästen, die ließen sich nicht zweimal bitten und
folgten ihnen - die Jüngeren pfiffen dabei, die Älteren
ächzten. Keinen hielt es mehr auf seinem Platz . . . Sogar
höchst gesetzte Männer, von denen ich eine solche Narrheit
nie im Leben erwartet hatte, selbst die waren auf den Beinen.
Manch einer von den würdevolleren Gästen blieb erst noch
ein Weilchen sitzen, schämte sich anfangs, da mitzumachen,
und ließ nur seine Augen umherschweifen oder zupfte sich

275
am Bart, aber dann zog ihn ein Satan an der Schulter, rüttelte
ihn ein anderer am Bein, und ehe man sich's versah, sprang
er plötzlich auf, brachte zwar keinen Tanz zustande, ver-
renkte sich aber die Beine dermaßen, daß man sich nur an
den Kopf greifen konnte! Der dicke Kreisrichter, er hatte
schon zwei verheiratete Töchter, japste gemeinsam mit seinen
Schwiegersöhnen wie ein Wels durch den Saal und warf die
Beine, ein Remonteoffizier von den Husaren aber, ein reicher
Rittmeister und dazu ein stattlicher Kerl und verwegener
Tänzer, stach alle anderen aus: Die Hände in die Hüften ge-
stützt und die Füße nach außen gedreht, klopfte er mit seinen
Absätzen den Takt, setzte sich an die Spitze, warf sich in
die Brust, ruderte in der Hocke mit den Beinen, und jedes-
mal, wenn er Gruscha begegnete, warf er den Kopf zurück,
schleuderte ihr seine Mütze vor die Füße und schrie: ,Stell
dich drauf, zertritt sie, Allerschönste I' - und sie ... Herr-
gott, war das eine Tänzerin! Ich habe Schauspielerinnen im
Theater tanzen sehen, du liebe Güte, das war um keinen
Deut besser als ein Offizierspferd, das sich ohne jede Phan-
tasie zum Jux auf einer Parade produziert, sich wer weiß was
einbildet, und in Wirklichkeit steckt kein bißchen Feuer und
Leben in ihm. Wenn diese Zigeunerschöne aber loslegte, dann
schwebte sie dahin wie eine Königin - kerzengerade schritt
sie, aber man konnte hören, wie im Inneren dieser Schlange
die Knorpel knackten und das Mark aus einem Knochen in
den anderen lief, dann blieb sie plötzlich stehen, bog sich
ein wenig zurück,' machte eine Bewegung mit der Schulter,
und schon bildeten Braue und Fußspitze eine einzige Linie ...
Ein Bild für Götter, wie sie tanztel Vom bloßen Zusehen
hatten alle den V erstand verloren. Wie die Verrückten, alles
um sich her vergessend, drängten sie zu ihr: Mancher hatte
Tränen in den Augen, mancher wieder grinste, aber alle
schrien: ,Es soll uns nicht aufs Geld ankommen - tanz I' -
und schon warfen sie ihr das Geld zu Füßen, der eine Geld-
münzen, der andere Scheine. Das Gedränge wurde immer
schlimmer, ich war der einzige, der noch saß, und wußte
ebenfalls nicht, wie lange ich noch standhalten würde, denn
ich konnte nicht mit ansehen, wie sie ihren Fuß auf die Hu-
sarenmütze stellte ... Sie trat einmal darauf, da zwickte mich
der Teufel, sie trat ein zweites Mal darauf, und er zwickte
mich wieder, und schließlich dachte ich: Wozu soll ich mich
für nichts und wieder nichts so quälen! Fort mit allen Be-
denken, jetzt amüsiere ich mich nach Herzenslust! Und damit
sprang ich auf, stieß den Husaren beiseite, ging vor Gruscha
in die Hocke und ließ meine Beine im Tanze fliegen ... Da-
mit sie aber nicht auf die Husarenmütze träte, hatte ich mir
folgendes ausgedacht: Alle schreit ihr, dachte ich, es solle
euch nicht aufs Geld ankommen, auf mich könnt ihr damit
keinen Eindruck machen I Aber daß es mir tatsächlich nicht
aufs Geld ankommt, das will ich durch die Tat beweisen!
Und während ich selbst im Tanze springe, werfe ich ihr einen
weißen Hunderter aus meiner Brusttasche vor die Füße und
schreie: ,Zertritt ihn I Stell dich drauf!' Sie wollte nicht
recht ... Mochte mein Hunderter auch mehr wert sein als die
Husarenmütze, sie schenkte ihm nicht einmal einen Blick,
sondern hielt sich immer an den Husaren; doch Gott sei
Dank bemerkte das der alte Zigeuner und stampfte zornig
mit dem Fuß auf ... Das verstand sie und tanzte nun mit
mir . . . Sie schwebte auf mich zu, die Augen zu Boden ge-
senkt wie ein Bergdrache, der im Zorn die Erde versengt,
ich aber sprang einfach wie ein Satan vor ihr herum, und bei
jedem Sprung warf ich ihr einen Hunderter vor das Füß-
chen . . . Insgeheim betete ich sie an und dachte: Vielleicht
hast du verfluchte Schlange Erde und Himmel geschaffen?
Gleichzeitig aber schrie ich dreist: ,Tanz schneller', und ein
Hunderter nach dem anderen flog ihr zu Füßen, und wie
ich wieder einmal mit der Hand in die Brusttasche fahre, um
noch einen hervorzuholen, sehe ich, daß mir nur noch ein
knappes Dutzend verblieben war ... Hol euch allesamt der
Teufel! dachte ich, knüllte sie zusammen und schleuderte ihr
sie alle auf einmal vor die Füße, dann holte ich eine Flasche
Champagner vom Tisch, schlug den Hals ab und schrie: ,Geh
zur Seite, mein Herz, sonst begieße ich dich!' und leerte die
ganze Flasche in einem Zug auf ihre Gesundheit, denn nach
diesem Tanz hatte ich fürchterlichen Durst."

277
14

"Und wie ging es dann weiter?" wurde Iwan Sewerjanytsch


gefragt.
"Es ist alles tatsächlich so eingetroffen, wie er versprochen
hat."
"Wie wer versprochen hat?"
"Der Magnetisieur, dem ich das alles verdankte: Er hatte
versprochen, mich vom Trinkteufel zu befreien, und er hat ihn
auch wirklich ausgetrieben, ich habe seitdemkein einziges Gläs-
chen wieder getrunken. Er hat sehr grür:tdlicheArbeit geleistet."
"Nun, und wie sind Sie denn mit Ihrem Fürsten wegen der
verschwundenen Hunderter ins reine gekommen?"
"Ich weiß selbst nicht wie, es war ganz einfach: Als ich
von den Zigeunern wieder nach Hause gefunden hatte, habe
ich mich hingelegt, wie, weiß ich nicht mehr, jedenfalls höre
ich auf einmal den Fürsten klopfen und rufen, will von mei-
ner Schlafbank aufstehen, kann aber beim besten Willen die
Kante nicht finden und die Füße auf den Boden stellen. Ich
krieche hierhin - keine Bankkante, drehe mich nach der ande-
ren Seite - da ist auch keine Kante . . . Ich fand mich auf
meinem eigenen Nachtlager nicht mehr zurecht, so wahr ich
hier stehe! ... Der Fürst rief: ,Iwan Sewerjanytschl' Ich ant-
worte ,Gleich!', kroch in alle Richtungen, konnte die Kante
meiner Schlafbank nicht finden und dachte schließlich: Wenn
ich nicht herunterklettern kann, muß ich eben heruntersprin-
gen, hole Schwung, mache einen möglichst großen Satz und
spüre, irgend etwas schlägt mir ins Gesicht, rings um mich
höre ich es scheppern und fallen, hinter mir scheppert es
auch, fällt auch etwas, und die Stimme des Fürsten sagt zum
Burschen: ,Schnell Licht her I'
Ich aber stand da, ohne mich zu rühren, denn ich wußte
nicht, war das Wirklichkeit, oder träumte ich alles nur, und
dabei nahm ich an, ich hätte die Bettkante trotz allem noch
nicht erreicht; als der Bursche jedoch Licht brachte, sah ich,
daß ich ganz im Gegenteil auf dem Fußboden stand, mit dem
Gesicht in unserer Wirtin Glasschrank gesprungen war und
alles Kristallzeug zerschlagen hatt;e ... "
"Wie haben Sie sich nur so verirren können?"
"Höchst einfach: Ich war der Meinung, ich hätte wie ge-
wöhnlich auf meinem Bett geschlafen, hatte mich aber, als
ich von den Zigeunern kam, anscheinend gleich auf den Fuß-
boden gelegt, war dann hin und her gekrochen, um die Bett-
kante zu suchen, schließlich gesprungen ... und in den Glas-
schrank hineingesprungen. Ich hatte mich verirrt, weil die-
ser . . . Magnetiseur zwar meinen Trinkteufel ausgetrieben,
mir aber dafür den Teufel der Wollust beigesellt hatte ...
Im seihen Augenblick fielen mir wieder die Worte ein, die er
gesagt hatte: ,daß es nur nicht schlimmer kommt, wenn man
das Trinken aufgibt', und ich machte mich auf den Weg, ihn
zu suchen - wollte ihn bitten, mich lieber wieder zum alten
Zustand zu entmagnetisieren, aber ich kam zu spät. Er hatte
sich ebenfalls übernommen, es nicht ertragen und sich gleich
gegenüber von den Zigeunern bei einer Schenkwirtin so be-
trunken, daß er starb."
"Sie blieben also weiterhin magnetisiert?"
"Ja, mit Verlaub."
"Und hat dieser Magnetismus lange auf Sie eingewirkt?"
"Was heißt lange? Er wirkt vielleicht noch heute."
"Uns würde aber doch interessieren, wie Sie mit dem Für-
sten klargekommen sind . . . Hat es zwischen Ihnen etwa
überhaupt keine Aussprache wegen der vielen Hunderter
gegeben?"
"Doch, mit Verlaub, eine Aussprache hat es gegeben, aber
sie war nicht weiter schlimm. Der Fürst hatte seinerseits im
Spiel verloren und bat mich um Geld für eine Revanche. Ich
sagte: ,Geben Sie sich keine Mühe: Ich habe nicht eine ein-
zige Kopeke.'
Er dachte, ich spaße, doch ich sagte: ,Nein, wirklich und
wahrhaftig, ich habe in Ihrer Abwesenheit einen großen Aus-
gang gemacht.'
Er fragte: ,Wie willst du denn bei einem einzigen Aus-
gang fünftausend verjubelt haben?'
Ich sagte: ,Hab alles auf einmal einer Zigeunerin hinge-
schmissen .. .' ·
Er wollte es nicht glauben.

279
Ich sagte: ,Ob Sie's glauben oder nicht, ich sage die Wahr-
heit.'
Er wollte schon wütend werden und sagte: ,Sperr mal die
Tür zu, jetzt werde ich dir zeigen, was es heißt, mit Staats-
geldern um sich zu schmeißen', dann winkte er aber plötz-
lich ab und sagte: ,Laß nur, ich bin ja genauso ein räudiges
Schaf wie du.'
Er legte sich für den Rest der Nacht im Zimmer nieder,
während ich auf den Heuboden kletterte, um dort weiterzu-
schlafen. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Lazarett und
hörte, ich hätte das Säuferdelirium gehabt und mich aufhängen
wollen, aber sie hatten mich glücklicherweise in eine Zwangs-
jacke gesteckt. Und als ich wieder gesund war, meldete ich
mich beim Fürsten in seinem Dorf, denn er hatte inzwischen
seinen Abschied genommen, und sagte: ,Euer Durchlaucht,
ich bin gekommen, meine Schulden bei Ihnen abzudienen.'
Er antwortete: ,Scher dich zum Teufel.'
Ich sah, er war sehr schlecht auf mich zu sprechen, trat vor
ihn hin und bückte mich.
,Was soll das?' sagte er.
,Nehmen Sie mich doch wenigstens gehörig bei den
Ohren!'
Da entgegnete er:
,Woher weißt du denn, daß ich böse auf dich bin? Viel-
leicht nehme ich an, dich trifft gar keine Schuld?'
,Ich bitte Sie', sagte ich, ,wieso trifft mich keine Schuld,
wo ich einen solchen Haufen Geld zum Fenster hinausgewor-
fen habe? Ich weiß sehr gut, selbst wenn man mich aufhinge,
es wäre für diese Schuftigkeit noch zuwenig.'
Doch er antwortete:
,Da ist nichts zu machen, mein Bester, du bist eben ein
Künstler.'
,Wieso ein Künstler?' fragte ich.
,Doch, doch, Hebwertester Iwan Sewerjanytsch', ant-
wortete er, ,Sie sind ein Künstler, mein Halbverehrtester.'
,Das begreife ich nicht.'
,Du brauchst nicht zu denken, das sei etwas Schlimmes',
sagte er, ,denn ich bin selber ein Künstler.'

280
Ach so. dachte ich. jetzt ist mir alles klar: Ich bin nicht der
einzige, der es bis zum Säuferdelirium gebracht hat.
Er stand auf, stieß seine Pfeife auf den Fußboden und
sagte: ,Was ist da verwunderlich dran, daß du ihr alles hin-
geworfen hast, was du bei dir hattest - ich, mein Bester,
habe für sie sogar hingegeben, was ich nicht besitze und nie
besessen habe.'
Ich starrte ihn an, daß mir die Augen aus den Höhlen zu
treten drohten.
,Du liebe Güte', sagte ich, ,Euer Durchlaucht, haben Sie
Erbarmen mit mir, was reden Sie da, mir wird beim bloßen
Zuhören angst und bange.'
,Nun', antwortete er, ,du brauchst keine allzu große Angst
zu haben: Gott ist barmherzig, und irgendwie werde ich mich
schon herausfitzen, jedenfalls habe ich den Zigeunern für
diese Gruscha fünfzigtausend gezahlt.'
Mir verschlug es den Atem.
,Was', sagte ich, ,fünfzigtausend? Für eine Zigeunerin? Ja
ist sie denn das wert, diese Schlange?'
,Jetzt reden Sie dumm daher, mein Halbverehrtester', ent-
gegnete er, ,und gar nicht, wie es sich für einen Künstler
gehört ... Was heißt hier wert sein? Eine Frau ist alles auf
der Welt wert, denn sie ist imstande, dir eine Wunde beizu-
bringen, von der du für ein ganzes Königreich nicht wieder
genest, sie aber kann dich in einem einzigen Augenblick hei-
len.'
Ich dachte die ganze Zeit, es ist ja alles wahr, konnte aber
nur den Kopf schütteln und sagte:
,Eine solche Summe! Ganze fünfzigtausend!'
,Jaja', sagte er, ,du brauchst das nicht immer zu wieder-
holen, denn ich bin froh, daß sie nicht mehr verlangt haben,
ich hätte auch mehr gegeben ... alles, alles hätte ich hinge-
geben.'
,Sie hätten auf sie pfeifen sollen', sagte ich, ,das wäre das
richtigste gewesen.'
,Das konnte ich nicht, mein Bester', sagte er, ,das konnte
ich einfach nicht.'
,Und warum nicht?'

281
,Sie hat mich durch ihre Schönheit und ihr Talent ganz
krank gemacht, und ich muß geheilt werden, sonst verliere
ich noch den Verstand. Sag mir lieber: Es stimmt doch, sie
ist schön, ja? Nicht wahr? Sie hat etwas an sich, daß man
den Verstand verlieren kann, nicht?'
Ich biß mich auf die Lippen, konnte nur noch schweigend
den Kopf schütteln und sagte:
,Es ist wahr', sagte ich, ,es ist wahr I'
,Weißt du', sagte der Fürst, ,für eine Frau könnte ich so-
gar sterben, das würde mir gar nichts ausmachen. Kannst du
das begreifen - es würde mir nichts ausmachen zu sterben?'
,Was soll daran unbegreiflich sein\ antwortete ich, ,das
ist die Schönheit, das Vollkommenste der Natur ...'
,Was meinst du damit?'
,Damit meine ich, daß die Schönheit das Vollkommenste
der Natur ist, und wer von ihr ergriffen wird, dem bereitet
es geradezu ... Freude, dafür zugrunde zu gehen I'
,Großartig', antwortete mein Fürst, ,Sie sind ein groß-
artiger Kerl, mein beinah halbverehrtester und überaus
wenigwerter Iwan Sewerjanowitsch! So ist es, mein Bester,
sogar zugrunde zu gehen ist eine Freude, und ebendeswegen
ist mir jetzt so wonnig zumute, weil ich ihretwegen mein
ganzes Leben auf den Kopf gestellt habe: Meinen Abschied
habe ich genommen, mein Gut verpfändet, und seitdem lebe
ich hier, will keinen Menschen sehen und nur immer ihr Ge-
sicht anblicken.'
Da senkte ich meine Stimme noch mehr und flüsterte:
,Wie wollen Sie ihr Gesicht immer anblicken? Ist sie etwa
hier?'
Er erwiderte:
,Was denn sonst? Natürlich ist sie hier.'
,Ist das die Möglichkeit!' sagte ich.
,Warte einen Augenblick', sagte er, ,ich bringe sie gleich
her. Du bist ein Künstler, vor dir will ich sie nicht ver-
stecken.'
Damit ließ er mich stehen und ging zur Tür hinaus. Ich
stand da, wartete und dachte: Ei, ei, es ist gar nicht gut,
daß du behauptest, du möchtest immer ihr Gesicht anblicken!
Du wirst sie überbekommen! Doch im einzelnen sann ich
hierüber nicht weiter nach, denn als ich daran dachte, daß
sie hier war, spürte ich, wie mir ganz heiß wurde, in meinem
Kopf ging alles durcheinander, und ich dachte: Werde ich
sie tatsächlich gleich zu Gesicht bekommen? Und da kanten
sie auch schon herein: Der Fürst ging voran, in der einen
Hand eine Gitarre mit breitem rotem Bancl, mit der anderen
umklammerte er beide Händchen Gruschas und zog sie hin-
ter sich her, sie aber ging gesenkten Hauptes, widerstrebend
und ohne aufzublicken, nur ihre schwarzen Wimpern flatter-
ten wie Vogelschwingen auf ihren Wangen.
Der Fürst führte sie herein, nahm sie auf seine Arme und
setzte sie wie ein Kind mit angezogenen Knien auf ein brei-
tes weiches Sofa; ein Samtkissen schob er ihr in den Rücken,
ein anderes unter den rechten Ellbogen, warf ihr das Gitar-
renband über die Schulter und legte ihre Finger auf die Sai-
ten. Dann setzte er sich vor dem Sofa auf den Fußboden,
neigte seinen Kopf auf ihren roten Saffianschuh und nickte
mir zu: Setz dich auch hin.
Ich ließ mich an der Türschwelle behutsam auf den Boden
nieder, schlug gleichfalls die Beine unter, saß und blickte sie
an. Es war so still, daß einem ganz unheimlich werden
konnte. Ich saß, bis mich die Knie schmerzten, blickte sie an,
sie verharrte noch immer in der gleichen Lage, dann warf ich
einen Blick auf den Fürsten und sah, er hatte sich vor Sehn-
sucht den ganzen Bart zerbissen, sprach aber kein Wort zu ihr.
Ich nickte ihm zu: Na los, befehlen Sie ihr zu singen! Aber
er gab mir durch Pantomime zu verstehen, sie werde doch
nicht gehorchen.
Und wieder saßen wir beide auf dem Fußboden und war-
teten, da fing sie auf einmal an, wie im Fieber vor sich hin
zu reden, seufzte und schluchzte, auf ihren Wimpern glänzte
eine Träne, während ihre Finger wie summende Wespen
über die Saiten glitten ... Und dann sang sie leise, ganz
leise, als weinte sie: ,Gute Menschen, vernehmet mein~ Her-
zenspein.'
Der Fürst flüsterte: ,Was?'
Ich antwortete ihm ebenfalls flüsternd auf französisch:
,Pti-kom-pö', sagte ich und wußte nichts weiter zu erwidern,
in diesem Augenblick nun schrie sie plötzlich auf: ,Wegen
meiner Schönheit hat man mich verkauft', schleuderte die
Gitarre weit weg, riß ihr Halstuch ab, warf sich der Länge
nach auf das Sofa, das Gesicht in den Händen verborgen,
und weinte; als ich sie so sah, mußte ich auch weinen, und
der Fürst ... ebenfalls; er nahm die Gitarre und stöhnte,
als sänge er nicht ein Lied, sondern hielte Gottesdienst:
,0 kenntest du das Feuer meiner Liebe, allen Jammer mei-
nes glühenden Herzens' und heulte los wie ein Schloßhund.
Sang und jammerte: ,Schenke Frieden mir, dem Friedlosen,
mache glücklich mich, den Unglücklichen.' Als er sich so
schrecklich erregte, nahm sie endlich seine Tränen und seinen
Gesang wahr, beruhigte sich allmählich, wurde still, nahm
plötzlich ihr Händchen vom Gesicht und umschlang zärtlich
wie eine Mutter seinen Kopf ...
Da begriff ich, daß sie sich seiner erbarmt hatte, ihm so-
gleich Frieden schenken und allen Jammer seines glühenden
Herzens heilen würde, stand leise und unbemerkt auf und
ging hinaus."
"Und das war gewiß der Augenblick, da Sie ins Kloster
gegangen sind?" fragte ein Zuhörer.
"Nein, mit Verlaub: Damals noch nicht, erst später", ant-
wortete Iwan Sewerjanytsch und fügte hinzu, er hätte wegen
dieser Frau erst noch viel durchmachen müssen, ehe sich all
das, was ihr von der Vorsehung beschieden war, erfüllt und
schließlich auch ihn sein Schicksal ereilt hätte.
Natürlich bedrängten die Zuhörer Iwan Sewerjanytsch,
ihnen Gruschas Geschichte wenigstens in aller Kürze zu er-
zählen, und er kam ihrer Bitte nach.

15

"Sehen Sie", begann Iwan Sewerjanytsch, "mein Fürst war


ein sehr gutmütiger, aber auch sehr unbeständiger Mensch.
Was er haben wollte, mußte er um jeden Preis auf der Stelle
bekommen - andernfalls hätte es ihn den Verstand gekostet,
und in solchen Zeiten gab er alles dahin, nur um sein Ziel
zu erreichen, hatte er aber schließlich, was er wollte, wußte
er sein Glück nicht zu schätzen. So war es auch mit dieser
Zigeunerin: Gruschas Vater und ihre ganze Zigeunersippe
· hatten ihn auf der Stelle durchschaut und einen horrenden
Preis für sie verlangt, mehr, als er bei seinen Verhältnissen
zahlen konnte, denn er hatte zwar ein hübsches Gut, aber es
war völlig heruntergewirtschaftet. Soviel Geld, wie die Zi-
geuner für Gruscha verlangten, hatte der Fürst damals nicht
zur Verfügung, deswegen hatte er Schulden gemacht und sei~
nen Dienst quittieren müssen. ·
Da ich diese seine Gewohnheiten kannte, erwartete ich
auch für Gruscha nicht viel Gutes, und es kam, wie ich er-
wartet hatte. Ständig liebkoste er sie, unaufhörlich schmach-
tete er sie an, dann aber wurde ihm das langweilig, und er
forderte mich immer öfter auf, ihm Gesellschaft zu leisten.
,.Setz dich', sagte er, ,und hör zu.'
Ich nahm mir dann einen Stuhl, setzte mich in die Nähe
der Tür und lauschte. Das geschah recht häufig: Er bat sie
zum Beispiel, etwas zu singen, und ~ie sagte: ,Für wen soll
ich singen! Deine Gefühle sind erkaltet, ich will aber, daß
mein Lied jemandes Herz entzündet und quält.'
Dann schickte der Fürst gleich nach mir, und wir hörten
ihr zu zweit zu; später forderte Gruscha ihn schon von selber
auf, mich holen zu lassen, sie behandelte mich sehr freund-
lich, und nicht selten habe ich nach ihrem Gesang zusammen
mit dem Fürsten in ihren Gemächern Tee getrunken, natür-
lich an einem anderen Tisch oder irgendwo am Fenster, war
sie aber allein, dann ließ sie mich immer einfach neben sich
setzen. So verging eine ganze Weile, der Fürst wurde immer
bedrückter, und einmal sagte er mir schließlich: ,Weißt du,
Iwan Sewerjanytsch, so und so liegen die Dinge, um miCh
steht' s sehr schlecht.'
Ich sagte: ,Wieso schlecht? Sie leben Gott sei Dank, wie
sich's gehört, und haben alles, was das Herz begehrt.'
Da wurde er böse.
,Wie dumm Sie doch sind, mein 'Halbverehrtester', sagte
er, >>haben, was das Herz begehrt<<, was habe ich denn?'
,Nun', sagte ich, ,alles, was Sie brauchen.'
,Stimmt nicht', sagte er, ,ich bin arm geworden, ich muß
jetzt rechnen, ob ich mir eine Flasche Wein zum Mittag-
essen leisten kann. Ist das etwa ein Leben? Ist das etwa ein
Leben?'
Aha, dachte ich, da also drückt dich der Schuh, und sagte:
,Wenn es mal an Wein fehlt, das ist noch kein Unglück, das
kann man ertragen, dafür haben Sie etwas, was süßer ist als
Wein und Honig.'
Er begriff, daß ich auf Gruscha anspielte, schien sich vor
mir zu schämen, lief hin und her, macb,te eine abwehrende
Handbewegung und sagte:
,Natürlich . . . natürlich . . . selbstverständlich . . . nur ...
Schon ein halbes Jahr lebe ich jetzt hier und habe noch keinen
einzigen fremden Menschen bei mir gesehen ...'
,Wozu brauchen Sie fremde Menschen', sagte ich, ,wo Sie
doch Ihre Herzallerliebste haben?'
Der Fürst brauste auf.
,Du verstehst überhaupt nichts, mein Bester', sagte er. ,Es
muß alles beieinander sein.'
Aha! dachte ich bei mir, aus dem Loche pfeift's also
Freundchen, und ich sagte:
,Und was wollen Sie jetzt tun?'
,Weißt du was', sagte er, ,wir fangen einen Pferdehandel
an. ICh möchte, daß wieder Remonteoffiziere und Pferde-
züchter zu mir kommen.'
Pferdehandel bringt nichts Gescheites ein und paßt sich
nicht für einen Herrn, doch ich dachte, soll das Kind seinen
Willen haben, Hauptsache, es plärrt nicht, und sagte: ,Wie
Sie wünschen.'
Wir bereiteten also einen Pferch für Pferde vor; doch
kaum hatten wir damit begonnen, war der Fürst nicht mehr
zu halten: trieb irgendwo ein bißeben Geld auf, kaufte auf
der Stelle Pferde und nahm unbesehen alles, ohne auf mich
zu hören ...Wir hatten eine Menge gekauft, an Verkauf aber
war nicht zu denken . . . Da verlor er sofort die Lust, ließ
Pferde Pferde sein und fing alles mögliche an, was ihm ge-
rade in den Sinn kam: Bald wollte er eine außergewöhn-

286
liehe Mühle bauen, dann wieder richtete er eine Sattlerwerk-
statt ein, all das brachte ihm nur Verluste und Schulden, vor
allem aber litt sein Charakter darunter ... Es hielt ihn nie
auf seinem Gut, er fuhr hierhin und dorthin, immer auf der
Suche nach irgend etwas, Gruscha hingegen saß allein zu
Hause und war in anderen Umständen . . . Sie langweilte
sich. ,Ich sehe ihn so wenig', sagte sie, überwand sich aber
und spielte die Großmütige; kaum merkte sie, daß er sich
ein, zwei Tage mißmutig herumdrückte, sagte sie von selbst:
,Du solltest irgendwohin fahren, mein Smaragd, dir ein paar
lustige Tage machen, du brauchst doch nicht bei mir zu sit-
zen: Ich bin ein einfältiges, ungebildetes Ding.'
Wenn sie so redete, schämte er sich gewöhnlich, küßte ihr
gleich die Hände und nahm sich zwei, drei Tage zusammen,
wenn er dann aber doch wegfuhr, trieb er es nur um so
schlimmer, Gruscha vertraute er dann immer mir an.
,Nimm dich ihrer an', sagte er, ,halbverehrter Iwan Sewe-
rjanytsch, du bist ein Künstler, nicht so einer wie ich Wind-
hund, sondern ein richtiger, ein Künstler von Format, und
deswegen verstehst du es auch, dich mit ihr so zu unterhalten,
daß es euch beiden Spaß macht, mich hingegen kommt bei
diesem ewigen 11mein Smaragd« das Gähnen an.'
Ich sagte:
,Warum denn? Das ist doch ein Kosewort.'
,Ein Kosewort, ja', antwortete er, ,aber ein dummes, und
es geht mir auf die Nerven.'
Ich erwiderte nichts, besuchte sie aber seitdem häufig: War
der Fürst nicht zu Hause, kam ich zweimal täglich zu ihr in
ihre Gemächer, trank Tee mit ihr und zerstreute sie, so gut
ich konnte.
Und das war auch nötig, denn wenn sie einmal ins Reden
kam, beklagte sie sich immer.
,Mein lieber, bester Freund Iwan Sewerjanowitsch', be-
gann sie dann, ,die Eifersucht plagt mich schrecklich, mein
Bester.'
Ich redete ihr dann natürlich zu.
,Du darfst das nicht so schwernehmen', sagte ich. ,Wo er
auch immer sein mag, er kommt doch zu dir zurück.'
Aber sie brach in Tränen aus, schlug sich gegen die Brust
und rief:
,Sag mir ... verheimliche mir nichts, mein liebster Freund,
wohin fährt er immer?'
,Zu anderen Herrschaften', sagte ich, ,zu den Nachbarn
oder in die Stadt.'
,Gibt es vielleicht irgendwo eine', sagte sie, ,die ihn mir
abspenstig machen will? Vielleicht hat er vor mir eine ge-
liebt und ist zu ihr zurückgekehrt, oder hat der Bösewicht
gar die Absicht zu heiraten?' Und dabei loderte in ihren
Augen ein Feuer, daß einem angst und bange werden konnte.
Ich versuchte sie zu trösten, dachte aber bei mir: Wer
weiß, was er treibt, denn wir bekamen ihn damals wenig zu
Gesicht.
Der Gedanke, er wolle heiraten, beschäftigte sie so sehr,
daß sie mich immer wieder bat: ,Liebster Iwan Sewerjanytsch,
fahr doch einmal in die Stadt; fahr, stell genau fest, was er
treibt, und erzähl mir's dann, ohne etwas zu verheimlichen.'
Sie bedrängte mich immer häufiger und erreichte schließ-
lich, daß ich weich wurde und dachte: Sei's, wie es sei, ich
fahre. Sollte ich wirklich etwas von Untreue erfahren, werde
ich ihr natürlich nicht alles sagen, aber doch wenigstens Klar-
heit schaffen.
Ich nahm zum Vorwand, ich müsse selbst in die Stadt fah-
ren, um Heilkräuter für die Pferde zu besorgen, und fuhr los,
aber nicht auf gut Glück, sondern mit einem schlauen Plan.
Gruscha wußte nicht, und das Gesinde war aufs strikteste
angewiesen, ihr nicht zu erzählen, daß der Fürst vor der
Affäre mit Gruscha in der Stadt eine andere Liebschaft ge-
habt hatte - mit einer wohlbeleumundeten Dame, einer Jew-
genja Semjonowna, der Tochter eines Sekretärs. Die ganze
Stadt kannte sie als große Klavierspielerin, sie war eine her-
zensgute, dazu auch sehr schöne Frau und hatte mit meinem
Fürsten eine Tochter, war aber danach etwas füllig gewor-
den, und es hieß, er habe sie deswegen verlassen. Da er aber
in jener Zeit noch über großes Kapital_ verfügte, hatte er
dieser Dame und ihrer Tochter ein Haus gekauft, in dem die
beiden nun von einem kleinen Einkommen lebten. Nachdem

288
er Jewgenja Semjonowna das Haus .geschenkt hatte, war er
nie wieder bei ihr gewesen, unsere Leute aber hatten sie in
gutem Andenken behalten, weil sie ein so vortrefflicher
Mensch war, und jeder, der in die Stadt kam, besuchte sie,
denn alle mochten sie gern, und sie wiederum war zu allen
furchtbar nett und ließ sich gern vom Fürsten berichten.
In der Stadt angekommen, ging ich also gleich zu dieser
liebenswerten Dame und sagte: ,Verehrte Jewgenja Semjo-
nowna, ich habe miCh bei Ihnen einquartiert.'
Sie antwortete:
,Schon recht; das freut mich. Aber warum fährst du denn
nicht zum Fürsten in die Wohnung?'
,Ist er denn in der Stadt?' fragte ich.
,Ja', antwortete sie. ,Schon die zweite Woche ist er hier
und geht irgendwelchen Geschäften n~ch.'
,Was für Geschäften denn wieder?'
,Er will eine Tuchfabrik pachten', sagte sie.
,Großer Gott! Was hat er sich denn da wieder einfallen
lassen!'
,Wieso', sagte sie, ,ist das etwa schlecht?'
,Gar nicht', sagte ich, ,ich bin nur etwas verwundert.•
Sie lächelte.
,Du wirst dich noch mehr wundern', sagte sie, ,wenn du
hörst, daß der Fürst mir einen Brief geschickt hat, er möchte
heute herkommen und sich einmal seine Tochter ansehen.'
,Und haben Sie ihm das erlaubt, verehrte Jewgenja
Semjonowna?' fragte ich.
Sie zuckte die Achseln und antwortete: ,Mag er kommen
und sich seine Tochter ansehen.' Und dabei stieß sie einen
Seufzer aus und versank in Nachdenken, saß mit gesenktem
Haupt da und war dabei noch so jung, so schmuck und an-
sehnlich und wußte sich zu alledem ganz anders zu benehmen
als Gruscha ... Die konnte nur immer wieder ,mein Saphir,
mein Smaragd' plappern, Jewgenja Semjonowna war doch
etwas ganz anderes ... Ich wurde geradezu eifersüchtig auf
sie.
Wenn er sich sein Kind ansieht, dachte ich bei mir, dann
verhüte Gott, daß er bei seinem unersättlichen Herzen auch

19 Pilger 1
auf dich einen Blick wirft! Für meine Gruscha käme dabei
nicht viel Gutes heraus. In solche Gedanken vertieft, saß ich
im Kinderzimmer, wo mir die Kinderfrau auf Jewgenja
Semjonownas Geheiß den Tee serviert hatte, dl!. hörte ich
an der Tür läuten, das Stubenmädchen kam freudig her-
ein und sagte zu der Kinderfrau: ,Unser Fürst ist gekom-
men!'
Ich wollte mich sogleich erheben, um mich in die Küche
zurückzuziehen, doch Tatjana Jakowlewna, die Kinderfrau,
eine alte Moskauer Plaudertasche, liebte es gar zu sehr, sich
einmal alles von der Seele zu reden, wollte ihren Zuhörer
nicht einbüßen und sagte: ,Bleib doch, Iwan Golowanytsch,
komm, wir setzen uns hier im Ankleidezimmer hinter den
Schrank, hierher führt sie ihn auf gar keinen Fall, und wir
beide können noch ein wenig schwatzen.'
Ich war einverstanden, denn ich hoffte, von der redseligen
TatjanaJakowlewna etwas zu erfahren, das Gruscha von Nut-
zen sein könnte, und da Jewgenja Semjonowna mir zum Tee
ein Lodikolonjefläschchen voll Rum hatte bringen lassen,
ich damals aber schon nicht mehr trank, dachte ich: Eigent-
lich könnte ich der guten Alten etwas von diesem Zungen-
Iäser aus dem Fläschchen in den Tee schütten, vielleicht
verrät sie mir dann aus Dankbarkeit, was ich sonst nicht er-
führe.
Wir räumten das Kinderzimmer und setzten uns hinter die
Schränke, dieses Schrankzimmer aber war ziemlich schmal,
man könnte es einfach einen Korridor nennen, und an dem
einen Ende hatte es eine Tür, die gerade in das Zimmer
führte, wo Jewgenja Semjonowna den Fürsten empfing, sie
befand sich sogar direkt hinter dem Sofa, auf dem die beiden
saßen, kurz gesagt, allein diese versperrte Tür, die auf der
anderen Seite mit Stoff verhängt war, trennte mich von den
beiden, und davon abgesehen, war es, als säße ich mit ihnen
im selben Zimmer, konnte also alles hören.
Der Fürst trat ein und sagte: ,Sei gegrüßt, liebe, altbe-
währte Freundin I'
Sie antwortete ihm: ,Seien Sie gegrüßt, Fürst! Welchem
Umstand verdanke ich Ihren Besuch?'
Darauf er: ,Darüber wollen wir später sprechen', sagte er,
,laß dich erst mal begrüßen und erlaube mir, dich auf den
Scheitel zu küssen', und ich konnte hören, wie er sie auf den
Scheitel küßte und nach seiner Tochter fragte.
Jewgenja Semjonowna antwortete, sie sei zu Hause.
,Gesund?'
,Gesund.'
,Und sicher gewachsen?'
Jewgenja Semjonowna lachte und antwortete:
,Natürlich ist sie gewachsen.'
Der Fürst fragte:
,Ich hoffe, du zeigst sie mir?'
,Warum nicht', antwortete sie, ,mit Vergnügen', stand auf,
ging ins Kinderzimmer und rief die Kinderfrau, ebenjene
Tatjana Jakowlewna, mit der ich Tee trank.
,Bringen Sie doch bitte Ljudotschka zum Fürsten', sagte
sie.
Tatjana Jakowlewna zog ein Gesicht, stellte ihre Tasse
auf den Tisch und sagte: ,Hol euch der und jener, kaum
hat man sich einmal hingesetzt und will sich gerade nach
Herzenslust mit einem Menschen aussprechen, gleich müßt
ihr einen stören und gönnt einem nicht das geringste Ver-
gnügen!', bedeckte mich schnell mit den Röcken ihrer Herrin,
die an der Wand hingen, und sagte: ,Bleib sitzen', ging mit
dem kleinen Mädchen hinüber, während ich allein hinter den
Schränken blieb und hörte, wie der Fürst die Kleine ein-,
zweimal küßte, auf den Knien schaukelte und sagte: ,Willst
du einmal Kutsche fahren, mein Angfang?'
Die Kleine gab keine Antwort; da sagte er zu Jew-
genja Semjonowna: ,Shö wu pri', sagte er, ,bitte, laß sie
mit der Kinderfrau in meiner Kutsche ein wenig spazieren-
fahren.'
Sie wollte etwas auf französisch einwenden, wozu und
purkua, doch er antwortete ihr in der gleichen Weise, ,un-
bedingt notwendig', sie tauschten an die dreimal Rede und
Gegenrede, bis schließlich Jewgenja Semjonowna wider-
strebend zu der Kinderfrau sagte: ,Ziehen Sie sie an und
fahren Sie mit ihr ein wenig aus.'
Die Kinderfrau nahm die Kleine mit hinaus, die beiden
blieben allein zurück, und mit ihnen ich auf meinem ver-
steckten Horchposten, denn einmal konnte ich nicht gut hin-
ter den Schränken hervortreten, zum anderen dachte ich mir
auch: Jetzt ist deine Gelegenheit gekommen, du wirst der
Sache auf den Grund gehen und feststellen, ob jemand etwas
gegen Gruscha im Schilde führt."

16

"Nachdem ich mich einmal zu dem Entschluß durchgerungen


hatte, den Lauscher zu machen, gab ich mich auch damit nicht
zufrieden, sondern wollte noch soviel wie möglich mit eige-
nen Augen sehen, und das gelang mir auch: Ich stieg vor-
sichtig auf einen Hocker, entdeckte sogleich zwischen Tür-
kante und Türbalken einen Spalt und preßte gierig mein
Auge dagegen. Der Fürst saß auf dem Sofa, währena
Jewgenja Semjonowna am Fenster stand und anscheinend
beobachtete, wie ihr Kind in die Kutsche gehoben wurde.
Die Kutsche fuhr ab, sie wandte sich um und sagte: ,Nun,
Fürst, ich habe alles getan, wie Sie es gewünscht haben:
Sagen Sie mir also jetzt, welches Anliegen hat Sie zu mir
geführt?'
Er antwortete: ,Was heißt hier Anliegen ... Mein Anlie-
gen kann warten, es läuft uns nicht davon, komm erst
einmal her und setz dich neben mich. Setz dich ohne
Zaudern, laß· uns freundlich plaudern, wie in guten alten
Zeiten.'
Sie blieb stehen, die Hände hinter sich aufs Fensterbrett
gestützt, schwieg und runzelte die Brauen. Der Fürst bat:
,Was hast du', sagte er. ,Bitte, ich muß mit dir sprechen.'
Sie gehorchte, trat zu ihm, und als er das sah, scherzte er
gleich wieder:
,Setz dich, setz dich wie früher zu mir', und wollte sie
umarmen, doch sie schob ihn zurück und sagte:
,Fürst, kommen Sie zur Sache: Womit kann ich Ihnen die-
nen?'
,Was heißt das', fragte der Fürst, ,ich soll also gleich ohne
weiteres mit der Sprache herausrücken?'
,Natürlich', sagte sie, ,erklären Sie ohne Umschweife,
worum es sich handelt. Wir sind doch gute Bekannte, da
bedarf es keiner Umstände.'
,Ich brauche Geld', sagte der Fürst.
Sie schwieg und sah ihn an.
,Nicht viel', fügte der Fürst hinzu.
,Wieviel?' · .
,Jetzt insgesamt so an die zwanzigtausend.'
Sie gab wieder keine Antwort, und nun legte der Fürst
los: ,Ich bin dabei, eine Tuchfabrik zu kaufen, besitze aber
keinen einzigen Groschen, habe ich sie aber erst einmal ge-
kauft, werde ich Millionär, ich werde den ganzen Betrieb
umstülpen', sagte er, ,alles Alte beseitigen und auf den Keh-.
richt werfen, farbenprächtige Tuche werde ich hers~ellen und
den Asiaten nach Nishni verkaufen. Aus dem schlechtesten
Schund werde ich weben, aber alles knallbunt färben', sagte
er, ,und das Geschäft wird blühen, ich werde viel Geld ma-
chen, im Augenblick brauche ich nur zwanzigtausend als
Anzahlung für die Fabrik.'
Jewgenja Semjonowna sagte: ,Wie wollen Sie ~ie beschaf-
fen?'
Der Fürst antwortete: ,Ich weiß selbst nicht, aber beschaf-
fen muß ich sie, dann geht meine Rechnung auf: Ich habe da
einen Mann - Iwan Golowan, er hat als Regimentsconnais-
seur gearbeitet, durchaus kein großes Licht, aber Goldes
wert, ehrlich und beflissen, ist lange bei den Asiaten in Ge-
fangenschaft gewesen und kennt ihren· Geschmack aus dem
Effeff, jetzt ist in Nishni Nowgorod gerade Messe, ich werde
Golowan dorthin schicken, er soll Verträge abschließen und
Muster mitbringen, ich werde Anzahlungen bekommen ...
dann . . . werde ich als erstes auf der Stelle diese zwanzig-
tausend zurückzahlen .. .'
Er verstummte, Jewgenja Semjonowna schwieg auch eine
Weile und stieß dann einen Seufzer aus.
,Ihre Rechnung geht auf, Fürst', begann sie.
,Nicht wahr?'
,Sie geht auf', sagte sie, ,sie geht auf; Sie tun folgendes:
Sie leisten eine Anzahlung auf die Fabrik, daraufhin wird
man Sie für einen Fabrikanten halten; in der Öffentlichkeit
wird es heißen, Ihre Verhältnisse hätten sich gebessert .. .'
,Ja.'
,Ja, und dann .. .'
,Wird Golowan in Nishni Nowgorod Aufträge und An-
zahlungen beschaffen, ich kann meine Schulden zurückzahlen
und werde reich.'
,Nein, erlauben Sie, unterbrechen Sie mich nicht: Zuerst
machen Sie unserem Adelsmarschall ein wenig blauen Dunst
vor, und wenn er Sie für einen reichen Mann hält, heiraten
Sie seine Tochter, bekommen deren Mitgift und sind dann
wirklich und wahrhaftig reich.'
,Meinst du das im Ernst?' fragte der Fürst.
Da antwortete sie:
,Meinen Sie vielleicht etwas anderes?'
,Nun', sagte er, ,wenn du so im Bilde bist, dann bleibt
nur zu hoffen, daß uns das alles auch in Erfüllung geht.'
,Uns?'
,Natürlich', sagte er, ,dann geht es uns allen gut: Du ver-
pfändest jetzt das Haus für mich, und ich zahle dann unse-
rer Tochter für die zwanzigtausend zehntausend Zinsen.'
Jewgenja Semjonowna antwortete: ,Das Haus gehört
Ihnen: Sie haben es ihr geschenkt, Sie können es wieder neh-
men, wenn Sie es benötigen.'
Er wollte erst Einwände machen wie: ,Nein, das Haus
gehört nicht mir; und du bist ihre Mutter, ich bitte dich ...
natürlich nur für den Fall, daß du mir vertraust .. .'
Da antwortete sie:
,Ach, hören Sie bitte auf, Fürst', sagte sie, ,ich habe Ihnen
noch in ganz anderen Dingen vertraut', sagte sie. ,Ich habe
Ihnen mein Leben und meine Ehre anvertraut.'
,Ach, das meinst du .. .', sagte er. ,Also schönsten Dank,
schönsten Dank, wundervoll ... Ich kann also morgen zu dir
schicken und den Pfandbrief unterschreiben lassen?'
,Schicken Sie nur her', sagte sie, ,ich werde unterschrei-
ben.'

294
,Und hast du keine Angst?'
,Nein', sagte sie, ,ich habe schon so viel verloren, daß ich
nichts mehr fürchte.'
,Und tut es dir nicht leid? Sag: Tut es dir nicht leid?
Sicher hast du mich noch ein klein wenig lieb? Ja? Oder
bemitleidest du mich bloß? Wie?'
Sie lachte nur über diese Worte und sagte: ,Lassen Sie
den Unsinn, Fürst. Darf ich Ihnen nicht lieber ein paar ein-
gemachte Brombeeren mit Zucker bringen lassen? Sie
schmecken in diesem Jahr besonders gut.'
Er war anscheinend gekränkt. Offenskhtlich hatte er etwas
ganz anderes erwartet - er stand auf und lächelte.
,Nein', sagte er, ,iß deine Brombeeren selber, mir ist jetzt
nicht nach Süßigkeiten zumute. Sei bedankt und lebe wohl.'
Er küßte ihr die Hände, und inzwischen war auch gerade
die Kutsche zurückgekommen.
Jewgenja Semjonowna reichte ihm zum Abschied die
Hand und sagte: ,Und wie wollen Sie mit Ihrer schwarz-
äugigen Zigeunerin auseinanderkommen?'
Da schlug er sich gegen die Stirn und rief:
,Ach, freilich! Was für ein kluges Kind du doch bist! Ob
du's glaubst oder nicht, ich entsinne mich noch immer der
vielen Beweise deiner Klugheit; schönen Dank, daß du mich
jetzt an diesen Smaragd erinnert hast.'
,Hatten Sie sie tatsächlich vergessen?'
,Bei Gott', sagte er, ,ich hatte sie vergessen. Kein bißchen
hab ich an sie gedacht, und dabei muß diese Närrin ja tat-
sächlich versorgt werden.'
,Tun Sie das', antwortete Jewgenja Semjonowna, ,und
versorgen Sie sie gut: Sie ist keine kühle Russin, die statt
Blut kuhwarme Milch in ihren Adern hat, sie wird sich nicht
in ihr Schicksal fügen und um der schönen Vergangenheit
willen alles verzeihen.'
,Na ja', antwortete er, ,irgendwie wird sie sich schon da-
mit abfinden.'
,Sie liebt Sie, Fürst? Man sagt, sie liebe Sie sogar sehr?'
,Ich habe sie schrecklich über; aber Gott sei Dank ist sie
mit Golowan gut Freund.'
,Und was versprechen Sie sich davon?' fragte Jewgenja
Semjonowna.
,Nun, ich werde ihnen ein Haus kaufen und Iwan ins
Kaufmannsregister eintragen lassen, sie können heiraten und
miteinander leben.'
Jewgenja Semjonowna schüttelte den Kopf und äußerte
mit einem Lächeln: ,Ei, ei, Fürst! ein, Fürstlein, Sie werden
wohl nie vernünftig: Wo haben Sie nur Ihr Gewissen?'
Da entgegnete der Fürst: ,Laß bitte mein Gewissen aus
dem Spiel. Bei Gott, das kann ich jetzt am allerwenigsten
gebrauchen: Wenn es irgend möglich ist, würde ich gern
Iwan Golowan heute herkommen lassen.'
Sie sagte ihm, Iwan Golowan sei in der Stadt und wolle
sogar bei ihr übernachten. Darüber freute sich der Fürst
sehr, gab Anweisung, sie möge mich schnellstens zu ihm
schicken, und fuhr fort.
Von da an lief alles wie geschmiert, geradezu wie im
Märchen. Der Fürst versah mich reichlich mit Beglaubigun-
gen und Unterlagen darüber, daß er eine Fabrik besaß,
unterwies mich, wie ich erläutern sollte, was für Stoffe er
herstellte, und schickte mich geradewegs nach Nishni No-
wgorod, so daß ich Gruscha nicht mehr sprechen konnte,
sondern nur immer auf den Fürsten böse war, weil er es
fertiggebracht hatte zu sagen, sie solle meine Frau werden.
In Nishni Nowgorod hatte ich großes Glück: Ich bekam von
den Asiaten eine Menge Aufträge, Geld und Muster, schickte
das Geld an den Fürsten ab, und als ich selbst wieder zu-
rückkam, erkannte ich das eigene Haus nicht mehr ... Man
hätte glauben können, ein Zauberer hätte es verwandelt:
Alles glänzte wie bei einem festlich geschmückten Haus,
von dem Gartenhäuschen aber, wo Gruscha gewohnt hatte,
war nichts mehr zu sehen: Man hatte es niedergerissen und
an seiner Stelle ein neues Gebäude errichtet. Mir verschlug
es den Atem, und ich stürzte los, um festzustellen, wo
Gruscha war. Aber keiner wußte etwas von ihr; zudem be-
stand die Dienerschaft aus völlig neuen Leuten, die für Lohn
arbeiteten und sehr hochnäsig waren, so daß ich auch nicht
mehr, wie früher, freien Zutritt ·zum Fürsten hatte. Bis
dahin hatten wir miteinander verkehrt, wie es unter Solda-
ten Brauch ist, einfach und ungekünstelt, jetzt aber ging es
politisch zu, und wenn ich dem Fürsten etwas auszurichten
hatte, dann durfte das nur über den Kammerdiener gesche-
hen.
Ich kann so etwas für den Tod nicht leiden und wäre am
liebsten keinen Augenblick länger geblieben, sondern auf der
Stelle fortgegangen, aber mir tat Gruscha leid, und es ge-
lang mir trotz aller Bemühungen nicht, herauszubekommen,
wo sie jetzt steckte. Wen ich aus dem alten Gesinde auch
immer fragen mochte, jeder schwieg: Sie handelten offen-
sichtlich auf strengen Befehl. Mit Mühe und Not bekam ich
aus einer alten Hausmagdheraus, Gruscha sei noch kürzlich
hiergewesen und erst vor etwa zehn Tagen mit dem Fürsten
in einer Kutsche irgendwohin gefahren und seitdem nicht
wiedergekommen. Ich lief gleich zu den Kutschern, die sie
gefahren hatten, und fragte sie, aber auch die gaben keine
Auskunft, sagten nur, der Fürst habe auf der Poststation
wohl die Pferde gewechselt, seine eigenen zurückgeschickt,
und die beiden seien mit Mietpferden weitergefahren. Wohin
ich mich auch wandte, sie blieb spurlos verschwunden, ich
konnte anfangen, was ich wollte: Vielleicht hatte der Böse-
wicht sie mit einem Messer erstochen oder mit der Pistole
erschossen, sie irgendwo im Wald in eine Grube geworfen
und dann mit trockenem Laub zugedeckt, oder er hatte sie
im Wasser ertränkt ... Bei einem leidenschaftlichen Men-
schen ist so etwas sehr leicht möglich; sie stand ihm ja bei
seiner Heirat im Wege, Jewgenja Semjonowna hatte da die
Wahrheit gesagt: Gruscha liebte ihn, diesen Bösewicht,
liebte ihn mit der ganzen leidenschaftlichen und qualvollen
Liebe einer Zigeunerin, und sie war nicht die Frau, die das
hinnehmen und sich fügen würde wie Jewgenja Semjonowna,
die russische Christin, die ihm ihr Leben zum Opfer brachte.
Die Flamme, die in der Zigeunerin Gruscha brannte, dachte
ich bei mir, ist jäh aufgelodert, als er zu ihr von seiner Hoch-
zeit sprach, sie mag wer weiß was für Verwünschungen aus-
gestoßen haben, und da hat er sie eben erledigt.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr war ich

297
überzeugt: So und nicht anders mußte es gewesen sein, und
ich konnte es nicht ertragen, die Vorbereitungen zu seiner
Hochzeit mit der Tochter des Adelsmarschalls mit anzu-
sehen. Als der Hochzeitstag kam, an alle bunte Tücher ver-
teilt wurden und jeder nach seiner Stellung ein neues Ge-
wand erhielt, band ich weder ein buntes Tuch um, noch
·legte ich ein Festgewand an, sondern ließ alles in meinem
Verschlag im Pferdestall liegen und ging gleich am frühen
Morgen in den Wald, streifte dort, ich weiß selber nicht,
warum, bis zum Abend umher und dachte die ganze Zeit:
Vielleicht finde ich ihren Leichnam? Der Abend kam, ich
trat aus dem Wald, setzte mich ans Steilufer unseres Flüß-
chens, jenseits des Flusses aber erstrahlte das Haus im Lich-
terglanz: das Fest war in vollem Gange, die Gäste tanzten,
und weithin erschallte der Lärm der Musik. Ich saß da und
blickte nicht auf das Haus, sondern ins Wasser, wo sich die-
ses Licht widerspiegelte und. leicht wogende Säulen zeich-
nete, als stünde dort ein Wasserschloß, das auf Gäste war-
tete. Mir wurde so traurig und schwer ums Herz, daß ich,
was ich nicht einmal während meiner Gefangenschaft getan
habe, anfing, mit den unsichtbaren Mächten zu sprechen, und
wie im Märchen von Schwesterehen Aljonuschka der Bruder
nach seiner Schwester rief, so rief ich mit kläglicher Stimme
nach meiner lieben verlassenen Gruscha.
,Liebes Schwesterchen', sagte ich, ,liebe kleine Gruscha!
Antworte mir, gib mir ein Zeichen; antworte mir; zeige dich
für einen Augenblick!' Und was meinen Sie wohl? Ich hatte
dreimal so geklagt, da wurde mir unheimlich, und ich hatte
den Eindruck, jemand käme auf mich zugelaufen; jetzt war
er da, schwebte im Kreis um mich herum, flüsterte mir in die
Ohren, blickte mir über die Schultern ins Gesicht, und auf
einmal stürzte aus dem nächtlichen Dunkel etwas auf mich
zu ... Und schon hing es an meinem Hals und zappelte in
meinen Armen ... "
17

"Vor Angst wäre ich um ein Haar hingefallen, doch die


Sinne verließen mich nicht völlig, und ich spürte, irgend
etwas Lebendiges und Leicht<:s zappelte an mir wie ein an-
geschossener Kranich, seufzte, sagte aber kein Wort.
Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, und was meinen
Sie? Plötzlich sehe ich Gruschas Gesicht vor mir ...
,Liebste', sagte ich, ,mein Täubchen! Bist du's leibhaftig,
oder bist du mir aus dem Jenseits erschienen! Verbirg mir
nichts', sagte ich, ,sprich die volle Wahrheit! Vor dir, mein
armes verlassenes Kind, habe ich keine Angst, auch wenn
du tot bist.'
Da seufzte sie aus tiefster Brust und sagte:
,Ich bin' s leibhaftig.'
,Nun, dann sei Gott gedankt.'
,Aber ich bin nur deswegen ausgerissen', sagte sie, ,um
hier zu sterben.'
,Was redest du da', sagte ich, ,Gott behüte dich, Gruscha:
Warum willst du sterben! Wir wollen zusammen ein glück-
liches Leben beginnen. Ich werde für dich arbeiten, mein
liebes, verwaistes Kind, dir ein eigenes Kämmerchen ein-
richten, und du wirst als meine liebe Schwester bei mir
leben.'
Da antwortete sie: ,Nein, Iwan Sewerjanytsch, nein, lieb-
ster bester Freund, empfange von mir armen Verlassenen für
dieses Wort meinen ewigen Dank, aber ich unglückliches Zi-
geunermädchen darf nicht länger leben, ich könnte sonst einen
unschuldigen Menschen umbringen.'
Ich drang in sie: ,Von wem redest du da? Mit wem hast du
Mitleid?'
Sie antwortete:
,Mit ihr, der jungen Gemahlin meines Bösewichts, denn sie
ist ein junges Menschenkind und hat keine Schuld, doch mein
eifersüchtiges Herz kann sie trotzdem nicht ausstehen, und ich
würde sie und mich selbst umbringen.'
,Was redest du da, bekreuzige dich! Du bist doch getauft,
was würde aus deiner Seele?'
,0 nein', antwortete sie, ,mir tut es um meine Seele nicht
leid, mag sie zur Hölle niederfahren. Hier ist es schlimmer als
in der Hölle!'
Ich sah, sie war völlig durcheinander und außer sich, nahm
sie bei der Hand, betrachtete sie näher und erschrak: Wie
fürchterlich hatte sie sich verändert, und wo war ihre Schön-
heit geblieben? Körperlos erschien sie, nur ihre Augen brann-
ten im dunklen Gesicht wie Wolfsaugen in der Nacht, und
sie schienen noch größer als früher, ihr Leib war aufgequol-
len, denn ihre Schwangerschaft näherte sich dem Ende, das
Gesichtehen war wie zusammengeschrumpft, und ihre schwar-
zen Haare lagen zerzaust auf den Wangen. Das Kleid, das
sie anhatte, ein dunkles Kattunkleid, hing in Fetzen an ihr
herunter, und die Schuhe trug sie an den bloßen Füßen.
,Sag mir', fragte ich sie, ,woher kommst du so plötzlich?
Wo bist du gewesen, und warum siehst du so aus?'
Da lächelte sie und antwortete: ,Wieso? Bin ich etwa
nicht schön? Ich bin schön! Mein Herzallerliebster hat mich
so geschmückt zum Dank für meine treue Liebe, dafür, daß
ich einen anderen, den ich mehr liebte, seinetwegen verges-
sen und mich ganz ihm hingegeben habe, wider alle Ver-
nunft und allen Verstand, er hat mich dafür an einem siche-
ren Ort versteckt und mir Wächter beigegeben, die meine
Schönheit behüten sollten ... '
Darauf brach sie in lautes Lachen aus und stieß grimmig
hervor: ,Oh, du fürstlicher Dummkopf, glaubst du, eine Zi-
geunerin ist ein Adelsfräulein, das Riegel und Schlösser fest-
halten könnten? Wenn ich will, bin ich auf der Stelle bei
euch und beiße deiner jungen Gemahlin die Kehle durch.'
Eifersuchtsqualen ließen sie am ganzen Körper erzittern,
und ich dachte: Das beste wird sein, wenn ich sie nicht mit
der Hölle schrecke, sondern durch süße Erinnerungen von
diesen Gedanken abbringe, und ich sagte: ,Und wie hat er
dich geliebt! Wie hat er dich geliebt! Wie hat er deine Füße
geküßt ... Wie oft vor dem Sofa gekniet, wenn du gesungen
hast, und deinen roten Schuh mit Küssen bedeckt, sogar die
Sohle hat er geküßt.'
Sie lauschte, und ihre schwarzen Wimpern bebten auf den

300
eingefallenen Wangen, sie blickte ins Wasser und begann mit
dumpfer, leiser Stimme: ,Er hat mich geliebt', sagte sie, ,er
hat mich geliebt, der Bösewicht, und nichts war ihm zu
teuer, solange ich mein Herz vor ihm verschloß, als ich ihm
dann aber meine Liebe schenkte, hat er mich verlassen, und
weswegen? Ist meine Nebenbuhlerin etwa besser als i~h,
oder wird sie ihn mehr lieben? Dieser Dummkopf, dieser
Dummkopf! Nie wird die Wintersonne wärmen, wie es die
Sommersonne tat, und nie wird ihn jemand lieben, wie ich
ihn geliebt habe; sage ihm: Gruscha hat dir im Sterben ge-
wahrsagt und dir geflucht.'
Ich war froh, daß sie ins Reden gekommen war, und be-
drängte sie gleich mit der Frage: ,Was hat es denn zwischen
euch gegeben, und warum ist das alles passiert?'
Da schlug sie die Hände zusammen und sagte: ,Gar nichts
hat es zwischen uns gegeben, an allem ist seine Untreue
schuld ... Ich habe ihm nicht mehr gefallen, das ist der ein-
zige Grund.' Und als sie das sagte, meine Herren, weinte
sie bittere Tränen. ,Er hat mir nach seinem Geschmack Klei-
der nähen lassen, wie sie eine Schwangere nicht tragen
kann; schmal und mit enger Taille; wenn ich sie anzog und
vor ihn trat, wurde er wütend und sagte: ,Zieh's aus; es
steht dir nicht'; zog ich sie nicht an und ließ mich im offenen
Kleid sehen, wurde er noch böser und sagte: ,Wie siehst
du aus!' Da begriff ich, daß ich ihn nicht mehr zurückgewin-
nen konnte, ich war ihm zuwider ... '
Nun konnte sie vor Schluchzen nicht weitersprechen,
blickte vor sich hin und flüsterte: ,Ich hatte schon lange ge-
merkt, daß er mich nicht mehr liebte, wollte aber sein Ge-
wissen auf die Probe stellen und dachte: Du wirst ihn durch
nichts reizen und so sein Mitleid gewinnen, und er hat mir
sein Mitleid ja auch bewiesen .. .'
Und dann erzählte sie mir von einem so lächerlichen An-
laß für die endgültige Trennung, daß ich einfach fassungslos
war und noch heute fassungslos darüber bin, was für Gründe
ein gemeiner Kerl finden kann, um eine Frau zu verlassen."

301
18

"Gruschas Erzählung lautete wie folgt: ,Als du weggefahren


warst', sagte sie, ,und nicht wiederkamst', das heißt, als ich
nach Nishni Nowgorod aufgebrochen war, ,blieb der Fürst
noch lange von zu Hause fort. Und zu mir drangen Ge-
rüchte', sagte sie, ,er wolle heiraten ... Da mußte ich schreck-
lich weinen, und ich bekam hohle Wangen ... Das Herz tat
mir weh, und das Kind stieß in meinem Leib ... Ich dachte
schon, es wird mir im Leib sterben. Da hörte ich eines schö-
nes Tages, wie jemand sagte: »Er kommt!« In mir geriet alles
in Bewegung . . . Ich stürzte in mein Häuschen, um mich für
ihn so schön wie möglich anzuziehen, legte Smaragdohrringe
an und holte hinter dem Wandvorhang das Kleid hervor,
das er am liebsten hatte, das Moirekleid mit Spitzen und
dem ausgeschnittenen Leibchen ... Ich beeilte mich mit dem
Anziehen, hinten aber ging das Kleid nicht zu . . . Ich ließ
die Knöpfe offen, warf schnell einen roten Schal darüber,
damit man den offenen Rücken nicht sah, und lief ihm ent-
gegen vor die Haustür ... Ich zitterte am ganzen Leib, war
außer mir und rief: »Liebster, mein Smaragd, mein Saphir!<<,
schlang die Arme um seinen Hals und verlor die Besin-
nung .. .'
Ihr war schlecht geworden.
,Als ich wieder zu mir kam, lag ich in meinem W ohnzim-
mer auf dem Sofa und versuchte mich zu besinnen, ob ich
das alles nur geträumt oder ihn wirklich umarmt hatte; ich
war entsetzlich schwach', sagte sie, ,und bekam ihn lange
nicht zu Gesich.t ... ' Immer wieder hatte sie nach ihm ge-
schickt, aber er kam nicht.
Schließlich kam er, und sie sagte: ,Hast du mich denn ganz
und gar vergessen?'
Er antwortete: ,Ich habe zu tun.'
Sie entgegnete: ,Was hast du zu tun?' sagte sie. ,Warum
hast du denn früher nie etwas zu tun gehabt? Du mein Sma-
ragd, mein Brillant!' Und wieder streckte sie die Arme
aus, doch er runzelte die Brauen und zerrte mit aller Kraft
an der Schnur ihres Halskreuzes ..•
,Zum Glück', sagte sie, ,war das Seidenschnürchen an mei-
nem Hals nicht fest, es war morsch geworden und riß, denn
ich hatte lange Zeit meinen Talisman daran getragen, sonst
hätte er mir die Kehle zugeschnürt; und ich nehme an, das
war auch seine Absicht, denn er wurde bleich und zischte:
,Warum trägst du so schmutzige Schnüre?'
Da sagte ich: ,Was schert dich meine Schnur; sie war sau-
ber, ist aber durch meinen Kummer schwarz geworden, vom
Schweiß meiner Schwangerschaft.'
Darauf er: ,Pfui Teufel.' Spie aus, spie aus und ging,
gegen Abend aber kam er gereizt wieder und sagte: ,Wir
wollen ein wenig spazierenfahrenl', stellte sich freundlich
und küßte mich auf den Scheitel. Ich setzte mich nichtsahnend
zu ihm und fuhr mit. Wir fuhren eine lange Strecke, wech-
selten zweimal die Pferde, doch wohin es ging, konnte ich
nicht herausbekommen. Ich sah aber, daß wir in eine un-
freundliche, wilde Wald- und Sumpfgegend gelangt waren.
Mitten im Wald kamen wir zu einer Imkerei, und hinter der
Imkerei stand ein Gehöft, wo uns drei kräftige junge Häus-
lermädchen in knallroten Röckchen erwarteten, die mich mit
))Herrin« anredeten. Als ich den Fuß aus dem Wagen setzte,
faßten sie mich unter die Arme und trugen mich geradewegs
in ein vollständig eingerichtetes Zimmer.
Das alles kam mir gleich sehr merkwürdig vor, besonders
die drei Häuslermädchen, und mein Herz krampfte sich zu-
sammen.
))Was für eine Station ist das hier?<< fragte ich.
Da gab er mir zur Antwort: ))Du wirst von jetzt ab hier
wohnen.«
Ich weinte, küßte ihm die Hände und bat, er solle mich
dort nicht zarücklassen, aber er kannte kein Erbarmen: stieß
mich von sich und fuhr fort.'
An dieser Stelle verstummte Gruscha, senkte das Köpf-
chen, seufzte und erzählte dann weiter:
,Ich wollte fliehen; hundertmal habe ich es versucht - un-
möglich: Die Mädchen paßten auf und ließen kein Auge
von mir . . . Ich war schon ganz verzweifelt und beschloß
am Ende, mich zu verstellen, spielte die Sorglose und Fröh-
liehe und gab vor, ich möchte spazierengehen. Sie nahmen
mich mit in den Wald, paßten aber immer auf mich auf, ich
jedoch sah nach den Bäumen, stellte an den obersten Zwei-
gen und an der Baumrinde fest, wo Süden war, und über-
legte, wie ich diesen Mädchen entfliehen könnte, und gestern
habe ich meinen Plan ausgeführt. Gestern nachmittag bin ich
mit ihnen auf eine Waldwiese gegangen und habe gesagt:
>>Kommt<<, habe ich gesagt, >>ihr Lieben, wir wollen auf der
Wiese Blindekuh spielen.<<
Sie waren einverstanden.
>>Und statt uns die Augen zu verbinden<<, habe ich gesagt,
»wollen wir uns die Arme auf den Rücken binden und uns
von hinten fangen.<<
Sie waren auch damit einverstanden.
Wir fingen also an. Ich band der ersten die Arme fest auf
dem Rücken zusammen und lief mit der zweiten hinter die
Sträucher, dort band ich auch diese zweite, und als sie schrie,
kam die dritte gelaufen, da habe ich vor den Augen der
beiden anderen auch die dritte mit einer Schlinge gefesselt;
sie schrien, ich jedoch stürzte trotz meiner Schwangerschaft
schneller als ein flinkes Pferd davon: bin die ganze Nacht
durch den Wald gelaufen, am Morgen in eine dichte Scho-
nung gelangt und dort an einer· Gruppe hohler Bäume, in
denen Bienenstöcke waren, zusammengebrochen. Ein altes
Männlein trat zu mir und sprach mich an - es brabbelte
etwas Unverständliches; der Alte war über und über mit
Wachs beklebt und roch weithin nach Honig, in seinen gel-
ben Brauen aber tummelten sich Bienen. Ich sagte ihm, ich
möchte zu dir, Iwan Sewerjanytsch, und er antwortete:
»Junge Frau, ruf seinen Namen, einmal mit dem Wind und
einmal gegen den Wind: Er wird Sehnsucht nach dir be-
kommen und dich suchen gehen, dann werdet ihr euch tref-
fen.<< Er gab mir Wasser zu trinken und auf einer kleinen
Gurke etwas Honig, damit ich wieder zu Kräften käme. Ich
trank das Wasser, aß die Gurke und lief weiter und rief
dabei immer deinen Namen, wie er befohlen hatte, einmal
mit dem Wind und einmal gegen den Wind - und so haben
wir uns getroffen. Habe Dank I'
Sie umarmte mich, küßte mich und sagte: ,Du bist mir wie
ein lieber Bruder.'
Ich sagte: ,Und du bist mir wie eine liebe Schwester', und
vor Rührung traten mir die Tränen in die Augen.
Da weinte sie und sagte:
,Ich weiß, Iwan Sewerjanytsch, ich weiß und verstehe
alles; du bist der einzige, mein herzlieber bester Freund,
der mich geliebt hat. Erweise mir jetzt deinen letzten Liebes-
dienst und tu, worum ich dich in dieser schrecklichen Stunde
bitten werde.'
,So sprich', antwortete ich, ,was soll ich tun?'
,Nein; du mußt erst beim Schrecklichsten, was es auf
Erden gibt, schwören, daß du tun wirst, worum ich dich bit-
ten will.'
Ich schwor ihr bei meinem Seelenheil, aber sie sagte:
,Das ist noch zuwenig: Diesen Eid würdest du um mei-
netwillen brechen. Du mußt einen noch schrecklicheren
Schwur tun.'
,Etwas Schrecklicheres als das', sagte ich, ,kann ich mir
nicht ausdenken.'
,Dann werde ich etwas für dich ausdenken', sagte sie,
,sprich mir schnell nach und überlege nicht lange.'
In meiner Dummheit versprach ich das, unp sie sagte:
,Sage, wenn ich dir nicht gehorche, soll deine Seele so ver-
flucht sein, wie ich die meine verflucht habe.'
,Nun gut', sagte ich und verfluchte, ohne zu überlegen,
ihre Seele.
,Und jetzt höre', sagte sie, ,nun mußt du schnellstens zum
Retter meines Seelenheils werden; meine Kraft reicht nicht
mehr, weiterzuleben und mich noch länger zu quälen, nach-
dem er mich so verraten und beschimpft hat. Wenn ich auch
nur noch einen Tag lebe, werde ich ihn und sie umbringen,
verschone ich die beiden aber und bringe mich selbst um,
würde ich meine arme Seele auf alle Ewigkeit dem Verder-
ben ausliefern ... Erbarme dich meiner, du Guter, du mein
lieber Bruder; stoß mir dein Messer ins Herz.'
Ich sprang beiseite und schlug ein Kreuz über sie, wollte
zurückweichen, aber sie umfing meine Knie, weinte, ver-

20 Pilger
neigte sich vor mir bis auf die Erde und flehte: ,Du wirst
.doch weiterleben', sagte sie, ,du kannst von Gott Verge-
bung für meine und deine Seele erflehen, stürze mich
nicht ins Elend, daß ich selbst Hand an mich legen muß.'
Und .. .''
Iwan Sewerjanytschs Stirn bedeckte sich mit schrecklichen
Falten, er biß auf seinen Bart, und die Worte kamen wie
Seufzer tief aus seiner aufgewühlten Brust:
"Sie holte das Messer aus meiner Tasche ... klappte es
auf ... holte die Klinge aus dem Griff ... und schob es mir
in die Hand ... Dabei redete sie Dinge, die man gar nicht
wiedergeben kann ...
,Wenn du mich nicht tötest', sagte .sie, ,werde ich mich an
euch allen damit rächen, daß ich zum schamlosesten Frauen-
zimmer werde.'
Ich zitterte am ganzen Leib, befahl ihr, ein Gebet zu
sprechen, stach sie aber nicht mit dem Messer nieder, son-
dern stieß sie plötzlich vom steilen Ufer in den Fluß ... "
Als wir dieses letzte Bekenntnis Iwan Sewerjanytschs ge-
hört hatten, kamen uns zum erstenmal Zweifel an der Wahr-
heit seines Berichtes, und wir schwiegen ziemlich lange,
schließlich aber räusperte sich einer und sagte:
"Und sie ist ertrunken?"
"Das Wasser schlug über ihr zusammen."
"Und Sie?"
"Was meinen Sie?"
"Sie haben dafür büßen müssen?"
"Das versteht sich, mit Verlaub."

19
"Ich lief davon, ohne zu wissen, was ich tat, und entsinne
mich nur, mir war, als verfolge mich jemand, ein entsetzlich
großer, langer Kerl, schamlos nackt, mit kohlschwarzem
Leib und einem sicheiförmigen kleinen Kopf, er war am
ganzen Körper behaart, und ich ahnte, das mußte Kain sein
oder der Teufel selbst, und so versuchte ich ihm zu entkom-
men und rief meinen Schutzengel an. Irgendwo an der Land-
straße kam ich unter einem Weidenbaum wieder zu mir.
Es war ein trockener Herbsttag, die Sonne schien, doch
wehte ein kalter Wind, trieb Staubwolken auf und wirbelte
die gelben Blätter durch die Luft; ich wußte nicht, wie spät
es war, wo ich mich befand und wohin die Straße führte,
und in meinem Ionern war es leer, ich empfand nichts und
hatte kein Ziel vor mir; ich dachte nur immer, jetzt ist
Gruschas Seele verloren, und meine Pflicht ist es, für sie zu
büßen und sie aus der Hölle zu erlösen. Wie ich das aber
tun sollte, wußte ich nicht, und war schon ganz unglücklich,
da berührte mich plötzlich etwas an der Schulter: Eine Wei-
denrute war herabgefallen und weit, weit weggerollt, und
auf einmal sah ich Gruscha kommen, freilich war sie ganz
klein, so als wäre sie erst sechs oder sieben Jahre alt, und
an den Schultern hatte sie kleine Flügel; kaum hatte ich sie
erblickt, flog sie wie ein Pfeil von mir weg und ließ nur
eine Staubwolke und aufstiebende trockene Blätter zurück.
Ich dachte: Zweifellos ist es ihre Seele, die mir folgt, sie
will mich bestimmt locken und mir den Weg weisen. Und
ich stand auf. Lief den ganzen Tag, ohne zu wissen wohin,
und war schließlich todmüde, da holten mich Leute ein, ein
alter Bauer mit seiner Frau auf einem Leiterwagen mit zwei
Pferden, die sagten: ,Steig auf, armer Mann, wir nehmen
dich ein Stück mit.'
Ich stieg auf. Sie fuhren und jammerten.
.,Ein Unglück hat uns betroffen', sagten sie, ,unseren Sohn
holen sie zu den Soldaten; und wir haben kein Kapital, einen
Ersatzmann zu dingen.'
Die beiden Alten taten mir leid, und ich sagte: ,Ich würde
auch ohne Bezahlung für euch gehen, aber ich habe keine
Papiere.'
Da sagten sie:
,Das macht gar nichts! Laß das nur unsere Sorge sein; du
brauchst dich nur zu nennen wie unser Sohn, Pjotr Serdfu-
kow.'
;Warum nicht', antwortete ich, ,das ist mir ganz gleich:
Beten werde ich auch weiterhin zu meinem Schutzheiligen,
Johannes dem Täufer, nennen aber kann ich mich, wie ihr
wollt.'
Damit war die Sache erledigt, sie brachten mich in eine
andere Stadt, steckten mich anstelle ihres Sohnes zu den Re-
kruten, gaben mir fünfundzwanzig Rubel in Münzen auf den
Weg und versprachen, sie würden mir ihr Leben lang helfen.
Das Geld, das ich von ihnen bekommen hatte, diese fünf~
undzwanzig Rubel, spendete ich gleich einem armen Kloster
zur Errettung von Gruschas Seele und bat dann meine Vor-
gesetzten, sie möchten mich nach dem Kaukasus schicken.
Dort hoffte ich bald für den Glauben sterben zu können.
Das geschah auch, ich habe über fünfzehn Jahre im Kauka-
sus zugebracht und niemandem meinen richtigen Namen oder
Stand verraten, sondern mich immer Pjotr Serdjukow ge-
nannt, und nur wenn der Johannistag kam, habe ich über
Johannes den Täufer zu Gott gebetet. Ich hatte mein frühe-
res Leben und meinen früheren Beruf schon selbst verges-
sen, diente also das letzte Jahr, da geschah es gerade am
Johannistag, daß wir eine Horde Tataren verfolgten, die
dort ihr Unwesen getrieben und sich hinter den Fluß Koissa
zurückgezogen hatten. Es gibt dort mehrere Flüsse mit dem
Namen Koissa: Einer fließt durch Andien, der heißt an-
dische Koissa, einer durch Awarien, die awarische Koissa,
und dann gibt es noch die Karakoissa und die karikomu-
chische Koissa, die münden alle ineinander, und vom Zu-
sammenfluß an beginnt der Sulak. Jeder einzelne Fluß ist
reißend und kalt, besonders der andische, hinter den sich
die Tataren zurückgezogen hatten. Wir hatten schon eine
Unmenge Tataren getötet, die aber die Koissa überquert
hatten, saßen am anderen Ufer im Schutz von Felsgestein,
und kaum ließen wir uns blicken, feuerten sie auf uns. Sie
feuerten aber so raffiniert, daß sie keinen Schuß vergeude-
ten, sondern ihr Pulver aufsparten, bis sie uns richtigen
Schaden zufügen konnten, denn sie wußten, wir hatten viel
mehr Munition als sie, und diese Racker waren so heim-
tückisch, daß sie kein einziges Mal auf uns losknallten, wenn
wir alle zu sehen waren. Wir hatten einen verwegenen Ober-
sten, der spielte gern den General Suworow, sagte in einem
fort ,Du lieber Gott' und gab uns oft Beispiele seiner Tap-
ferkeit. Der setzte sich dort ans Ufer, zog Schuhe und
Strümpfe aus, ließ die Beine bis zu den Knien ins eiskalte
Wasser hängen und brüstete sich.
,Du lieber Gott', sagte er, ,wie warm das Wasser ist -
wie Kuhmilch im Melkeimer. Wer von euch braven Bur-
schen hat Lust, auf die andere Seite zu schwimmen und ein
Seil hinüberzuschaffen, damit wir eine Brücke bauen kön-
nen?'
Der Oberst saß also am Ufer, unterhielt sich mit uns in
dieser Weise, und die Tataren auf der anderen Seite hatten
zwar zwei Gewehrläufe durch einen Spalt geschoben, schos-
sen aber nicht. Kaum hatten sich jedoch zwei Freiwillige
gemeldet und waren losgeschwommen, da blitzte es auf, ·und
beide Soldaten versanken in der Koissa. Wir zogen das Seil
wieder ein und schickten zwei andere Soldaten, während wir
die Felsen, hinter denen sich die Tataren versteckt hielten,
mit einem wahren Kugelregen überschütteten, freilich konn-
ten wir ihnen nichts anhaben, denn unsere Kugeln trafen
nur auf Stein, sie selber aber, diese verfluchten Heiden,
spuckten nur einmal kurz auf die beiden Schwimmer, gleich
färbte sich das Wasser blutrot, und auch diese zwei gingen
unter. Ihnen folgte ein drittes Paar, aber auch sie hatten die
Mitte der Koissa noch nicht erreicht, da wurden sie von den
Tataren auf den Grund geschickt. Nach dem dritten Paar
fanden sich nur noch wenige bereit, denn allen war klar,
hier handelte es sich nicht um Krieg, sondern um kalten
Mord, aber schließlich mußten die Übeltäter ja bestraft wer-
den. Der Oberst sagte also: ,Hört, brave Burschen. Ist viel-
leicht einer unter euch, der eine Todsünde auf sich geladen
hat? Du lieber Gott, was für eine gute Gelegenheit hatte
der jetzt, das Verbrechen mit seinem Blut zu sühnen.'
Da dachte ich bei mir: Werde ich je eine bessere Ge-
legenheit haben, meinem Leben ein Ende zu machen? Segne
meine Stunde, Herr!, trat vor, zog mich aus, betete ein Va-
terunser, verneigte mich nach allen Seiten vor meinen Offi-
zieren und Kameraden bis zur Erde und sagte in Gedanken
zu Gruscha: Liebe Schwester, nimm mein Blut für deine Er-
Iösung! Dann nahm ich die dünne Leine in den Mund, an
deren Ende das Seil befestigt war, holte am Ufer Anlauf,
sprang und tauchte im Wasser unter.
Das Wasser war schauderhaft kalt: Sogar unter den Ach-
seln stach es mich, die Brust erstarrte, und in die Beine
bekam ich den Krampf, doch ich schwamm . . . Über mich
hinweg flogen unsere Kugeln, während rings um mich die
Tatarenkugeln aufklatschten, doch keine traf, und ich wußte
nicht, ob ich verwundet war oder nicht, jedenfalls erreichte
ich das Ufer ... Dort konnten die Tataren schon nicht mehr
auf mich schießen, denn ich stand, gerade unter der Fels-
wand, und um mich zu treffen, hätten sie sich aus den Spal-
ten herausbeugen müssen, die Unseren aber überschütteten
sie vom anderen Ufer her mit einem KugelhageL Ich stand
also unter den Steinen, zog an dem Seil, bis ich es mit Hän-
den ergreifen konnte, schnell wurde eine Brücke errichtet,
und schon kamen die Unseren herüber, aber ich stand noch
immer, als wäre ich nicht ganz beieinander, und begriff
überhaupt nichts, denn ich mußte immer nur denken: Hat
jemand gesehen, was ich gesehen habe? Als ich nämlich
schwamm, hatte ich über mir Gruscha fliegen sehen, sie sah
aus wie ein junges Mädchen von sechzehn Jahren und hatte
schon riesige helle Flügel, die über den ganzen Fluß weg
reichten, und damit hatte sie mich beschirmt. . . Doch nie-
mand verlor darüber ein Wort: Also- muß ich es selbst er-
zählen, dachte ich. Der Oberst umarmte und küßte mich.
,Du lieber Gott', lobte er mich, ,was bist du für ein
Prachtkerl, Pjotr Serdjukowl'
Ich antwortete: ,Ich bin kein Prachtkerl, Euer Hochwohl-
geboren, sondern ein großer Sünder, und weder die Erde
noch das Wasser wollen mich aufnehmen.'
Erfragte:
,Worin besteht deine Sünde?'
,Ich habe in meinem Leben viele Unschuldige umge-
bracht.' Und dann erzählte ich ihm nachts im Zelt alles, was
ich jetzt Ihnen berichtet habe.
Er lauschte und lauschte, versank dann in Nachdenken
und sagte schließlich: ,Du lieber Gott, wieviel Schweres hast

310
du doch erlebt, die Hauptsache aber ist, mein Bester, ob du
nun willst oder nicht, du mußt zum Offizier befördert wer-
den. Ich werde dich zur Beförderung einreichen.'
Ich sagte:
,Wie Sie wollen, schicken Sie aber auch dorthin und las-
sen Sie feststellen, daß meine Aussage stimmt und ich die
Zigeunerin wirklich getötet habe.'
,Schön', sagte er, ,ich werde auch das feststellen lassen.'
Er ließ anfragen, doch· das Schreiben war lange unter-
wegs und kam schließlich mit einer falschen Antwort zurück.
Es wurde ermittelt, hieß es darin, einen solchen Vorfall mit
irgendeiner Zigeunerin hat es bei uns nie gegeben, und Iwan
Sewerjanow ist zwar tatsächlich in des Fürsten Dienst ge-
wesen, aber in Abwesenheit freigekauft worden und später
im Hause der Kronbauern Serdjuk gestorben.
Was konnte ich nun noch tun, um meine Schuld zu be-
weisen?
Der Oberst sagte: ,Untersteh dich, mein Bester, noch wei-
ter solche Lügen über dich zu verbreiten: Als du durch die
Koissa geschwommen bist, haben das kalte Wasser und die
Angst dir den Kopf ein wenig verwirrt, und ich', sagte er,
,freue mich sehr für dich, daß alles unwahr ist, was du über
dich zusammengeredet hast. Jetzt wirst du Offizier; du lie-
ber Gott, Bruderherz, das ist doch großartig.'
Nun kam ich sogar selbst ganz durcheinander: Hatte ich
Gruscha wirklich ins Wasser gestoßen, oder hatte ich mir
das damals nur eingebildet, weil ich so schreckliche Sehn-
sucht nach ihr hatte?
Dann haben sie mich, mit Verlaub, für meine Tapferkeit
zum Offizier gemacht, da ich aber immer auf der Wahrheit
beharrte und mein vergangenes Leben klarstellen wollte,
haben sie mich entlassen, damit ich deswegen keine Unruhe
mehr hätte, und mir zum Abschied das Georgskreuz ver-
liehen. ·
,Wir gratulieren dir', hieß es, ,du gehörst jetzt zu den
Wohlgeborenen und kannst Amtsschreiber werden; du lie-
ber Gott, wie ruhig wirst du es haben', und der Oberst gab
mir einen Brief an eine hohe Persönlichkeit in Petersburg.

311
,Geh zu dem', sagte er, ,er wird deine Karriere und dein
Glück machen.' Mit diesem Brief gelangte ich bis nach Piter,
hinsichtlich meiner Karriere aber hatte ich kein Glück."
"Wieso nicht?" \
"Erst habe ich lange keine Stelle gefunden, und dann habe
ich den Philipp gekriegt, dadurch ist alles noch schlimmer
geworden."
"Den Philipp? Was heißt das?"
"Jener Gönner, zu dem sie mich wegen meiner Karriere
geschickt hatten, verschaffte mir im Adressenbüro eine Stelle
als Auskunftsbeamter, dort hatte jed~r Beamte seinen be-
stimmten Buchstaben, für den er zuständig war. Manche
Buchstaben sind sehr schön, zum Beispiel Boris oder Pawel
oder Konstantin: Es gibt viele Namen, die so anfangen, und
der Auskunftsbeamte hat gute Einnahmen, mir aber hatten
sie den Philipp gegeben. Das ist der minderwertigste Buch-
stabe, sehr wenige schreiben sich so, und die wirklich nach
allen Regeln zu ihm gehören, versuchen immer, sich zu drük-
ken und zu schummeln. Wer auch nur ein wenig auf sich
hält, setzt gleich eigenmächtig statt des Philipp einen Fjodor
an den Anfang seines Namens. Dann sucht und sucht man
unter Philipp, und die ganze Arbeit ist für die Katz, denn
er schreibt sich jetzt mit Fjodor. Das brachte überhaupt
nichts ein, aber trotzdem mußte ich meine Zeit im Büro ab-
sitzen; als ich nun sah, was für eine oberfaule Sache das
war, wollte ich mich nach alter Gewohnheit wieder als Kut-
scher verdingen, aber niemand nahm mich; es hieß: Du bist
ein vornehmer Offizier, hast einen Kriegsorden und darfst
weder beschimpft noch geschlagen werden ... Ich hätte mich
am liebsten aufgehängt, aber mit Gottes Hilfe habe ich mich
von meiner Verzweiflung nicht soweit treiben lassen, um je-
doch nicht Hungers zu sterben, bin ich kurzerhand unter die
Künstler gegangen."
"Was für ein Künstler sind Sie denn gewesen?"
"Rollen habe ich gespielt."
"In welchem Theater?"
"In der Schaubude auf dem Adrniralitätsplatz. Dort sto-
ßen sie sich nicht daran, wenn jemand vornehm ist, und

312
stellen alle ein: Dort gibt es Offiziere, Bürovorsteher, Stu-
denten und besonders sehr viele Senatsschreiber."
"Und hat Ihnen dieses Leben gefallen?"
"Nein, mit Verlaub."
"Warum nicht?"
"Zuerst einmal die ganze Einüberei und Proberei in der
Karwoche oder vor der Faschingswoche, während in den
Kirchen gesungen wird: ,Der Reue Pforte öffne mir', und
zweitens hatte ich eine sehr schwierige Rolle."
"Welche?"
"Ich stellte einen Dämon dar."
"Ist denn das so besonders schwierig?"
"Und ob, mit Verlaub: In zwei Aufführungen mußte ich
tanzen und Purzelbäume schlagen, und die Purzelbäume paß-
ten mir überhaupt nicht, denn ich war ganz in das zottige
Fell eines grauen Ziegenbocks eingenäht, mit dem Fell nach
außen; der lange Schwanz steckte zwar auf einem Draht,
kam mir aber ständig zwischen die Beine, die Hörner ver-
fingen sich überall, und schließlich war ich ja auch nicht mehr
der Jüngste, hatte nicht mehr die frühere Leichtigkeit; und
dann war noch vorgeschrieben, mich während der ganzen
Vorstellung zu schlagen. Das wird einem entsetzlich lästig.
Gewiß, es waren keine richtigen S'töcke, sie waren aus Lein-
wand gemacht und mit Lumpen gefüllt, trotzdem ist es einem
entsetzlich zuwider, wenn sie, klatsch, klatsch, immer auf
einen losdreschen, und manche schlugen wegen der Kälte
oder zum Spaß sogar ziemlich derb zu. Besonders die Senats-
schreiber, die darin die meiste Erfahrung haben und am
besten zusammenhalten : Alle stehen füreinander ein, und
wenn dann einer vom Militär dorthin kommt, dem setzen sie
schrecklich zu, und sie schlugen mich unaufhörlich vor allen
Zuschauern, von Mittag an, kaum daß die Polizeiflagge am
Mast hochgestiegen war, bis tief in die Nacht hinein, und
jeder bemühte sich, das Publikum zum Lachen zu bringen
und noch lauter zuzuschlagen. Das war gar nicht angenehm.
Zu alledem hatte ich auch hier wieder ein unliebsames Er-
lebnis, wonach ich meine Rolle aufgeben mußte."
"Was ist Ihnen denn widerfahren?"
"Ich habe einen Prinzen an den Haaren gezerrt."
"Einen Prinzen?"
"Das heißt keinen richtigen, mit Verlaub, einen theatrali-
schen: Er war ein Senatsbeamter, ein Kollegiensekretär, bei
uns aber spielte er einen Prinzen."
"Warum haben Sie sich denn an ihm vergriffen?"
"Der hätte noch etwas ganz anderes verdient, mit Ver-
laub. Ein bösartiger Spötter und Heimtücker war das, mit
jedermann trieb er seine dummen Späße."
"Auch mit Ihnen?"
"Ja, mit Verlaub, er hat mir viel~ böse Streiche gespielt:
So hat er mir das Kostüm verdorben; im Wärmeschuppen,
wo wir uns immer am Kohlenfeuer wärmten und Tee tran-
ken, schlich er sich oft an mich heran und heftete mir den
Schwanz an die Hörner oder tat sonst etwas Albernes, um
mich lächerlich zu machen, ich merkte nichts und lief so zum
Publikum hinaus, und der Besitzer war böse; aber was er
mir auch antat, ich sah es ihm nach, dann aber begann er,
eine Fee zu belästigen. Das war ein junges Ding, ein armes
Adelsfräulein, sie spielte bei uns die Göttin Fortuna und
mußte diesen Prinzen aus meinen Händen erretten. Ihre
Rolle verlangte, daß sie nur in glänzendem Tüll und mit
Flügeln auf die Bühne kam, es herrschte aber starker Frost,
und das arme Ding hatte blitzeblaue Ärmchen, ganz steif
waren sie schon, er aber ließ sie nicht in Ruhe, machte sich
immer an sie heran, und als wir zu dritt bei der Apothese in
der Versenkung verschwanden, kniff er sie in den Leib. Sie
tat mir sehr leid: Da habe ich ihn durchgebeutelt."
"Und was ist daraus geworden?"
"Ach, gar nichts, im Keller gab es keine Zeugen außer die-
ser Fee, allerdings haben unsere Senatsleute gemeutert und
wollten mich nicht mehr in der Truppe haben; und weil sie
dort die erste Geige spielten, hat mich der Besitzer ihnen zu-
liebe fortgejagt."
"Und was haben Sie dann gemacht?"
"Ich hatte nun kein Dach über dem Kopf und nichts zu
essen, doch diese edle Fee hat mich durchgefüttert, freilich
habe ich mich geschämt, denn das arme Ding hatte es selber

314
schwer genug, und ich habe hin und her überlegt, wie ich
mich aus dieser Situation befreien könnte. Zum Philipp
wollte ich nicht wieder zurück, außerdem saß schon ein an-
derer armer Schlucker dort und quälte sich ab, da bin ich
dann eben kurzerhand ins Kloster gegangen."
"Nur deswegen?"
"Was hätte ich denn tun sollen, mit Verlaub? Ich wußte
nicht wohin. Und im Kloster ist es schön."
"Haben Sie am Klosterleben Gefallen gefunden?"
"Sehr, mit Verlaub; es gefällt mir sehr gut, hier ist es
ruhig, wie beim Militär, ganz ähnlich, alles steht für einen
bereit: Man hat Kleidung und Schuhe, sein Essen, die Obrig-
keit paßt auf einen auf und verlangt Gehorsam."
"Wird Ihnen dieser Gehorsam nicht manchmal lästig?"
"Aber warum denn, mit Verlaub? Je mehr einer gehorchen
muß, um so ruhiger lebt er, besonders ich als Novize kann
mich überhaupt nicht beklagen: Zum Gottesdienst in die
Kirche gehe ich nur, wenn ich wirklich einmal das Verlangen
spüre, und meinen Dienst versehe ich, wie ich es gewohnt
bin. Wenn es heißt: ,Spann ein, Vater Ismail' (ich heiße jetzt
Ismail), dann spanne ich an; und heißt es: ,Vater Ismail,
ausspannen', dann spanne ich meine Pferde aus."
"Erlauben Sie", sagten wir, "wenn wir recht verstanden
haben, sind Sie auch im Kloster wieder ... bei den Pferden?"
"Immer bei den Kutschern, mit Verlaub. Im Kloster haben
sie keine Scheu vor meinem Offizierstang, denn wenn ich
auch erst die niederen Weihen habe, bin ich doch immerhin
Mönch und stehe mit allen auf einer Stufe."
"Und werden Sie bald die Mönchsweihen empfangen?"
"Ich will nicht, mit Verlaub."
"Warum nicht?"
"Weil ich ... mich nicht für würdig halte."
"Noch immer wegen der alten Sünden oder Verirrungen?"
"Nun ja, mit Verlaub. Und wozu auch? Ich bin mit mei-
nem Novizenstand sehr zufrieden und habe meine Ruhe."
"Und haben Sie schon früher jemandem Ihre Geschichte
erzählt, die Sie uns jetzt berichtet haben?"
"Und ob, mit Verlaub; nicht nur einmal; aber was nützt
es, ich habe ja nichts Schriftliches ... man glaubt mir nicht,
und so habe ich die weltliche Lüge auch ins Kloster mitge-
nommen und zähle hier zu den Mönchen besserer Herkunft.
Und das wird wohl bis zu meinem Tod so bleiben: Ich werde
ja immer älter."
Die Geschichte deS verzauberten Pilgers näherte sich
offensichtlich ihrem Ende, und uns blieb nur noch die inter-
essante Frage: Wie war es ihm im Kloster ergangen?

20

Da unser Pilger in seiner Erzählung nun die letzte Station


seiner Lebensreise erreicht hatte, nämlich das Kloster, das
ihm, wie er fest glaubte, seit seiner Geburt vorbestimmt war,
und da sich hier anscheinend alles recht günstig für ihn an-
ließ, hätte man meinen können, unserem Iwan Sewerjano-
witsch sei keinerlei Ungemach mehr widerfahren; doch das
genaue Gegenteil war der Fall. Einer der Mitreisenden er-
innerte sich daran, daß Mönche nach allem, was erzählt wird,
ständig unter dem Teufel zu leiden haben, und er fragte:
"Sagen Sie doch bitte, hat Sie im Kloster nicht der Teufel
versucht? Es heißt doch, er führe die Mönche ständig in Ver-
suchung?"
Iwan Sewerjanowitsch warf dem Sprecher unter gesenk-
ten Brauen einen gelassenen Blick zu und antwortete:
"Und ob er mich versucht hat! Selbstverständlich, wo doch
sogar der Apostel Paulus ihm nicht entgangen ist und in sei-
nem Brief schreibt: ,Mir ist gegeben ein Pfahl ins Fleisch,
nämlich des Satans Engel.' Wie hätte da ich sündiger und
schwacher Mensch von seinen Heimsuchungen verschont blei-
ben können."
"Was haben Sie denn von ihm erlitten?"
"Viel, mit Verlaub."
"Und was?"
"Alle möglichen Gemeinheiten, zuerst aber, als ich ihn
noch nicht überwunden hatte, hat er mich sogar verführen
wollen."
"Und Sie haben ihn, den Teufel selbst, auch überwunden?"
"Was denken Sie denn, mit Verlaub? Im Kloster ist das
doch eine selbstverständliche Pflicht, allerdings, ich hätte es,
ehrlich gesagt, allein nicht fertiggebracht, ein vollkommener
Mönch hat mich unterwiesen, denn er hatte Erfahrung und
konnte von jeder Versuchung heilen. Als ich ihm entdeckte,
daß mir Gruscha immer so lebendig erschien, als sei die
ganze Luft ringsum von ihr erfüllt, bedachte er sich einen
Augenblick und sagte dann: ,Beim Apostel Jakob steht:
>>Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch<<, und auch
du', sagte er, ,mußt ihm widerstehen.' Er lehrte mich, es wie
folgt zu machen: ,Sobald du eine Herzensrührung verspürst
und an sie denkst, dann wisse, das ist der Engel des Satans,
der sich an dich heranmacht, dann rüste dich gleich zum
Kampf gegen ihn: Knie zuallererst nieder. Die Knie sind
für den Menschen', sagte er, ,das wichtigste Werkzeug. So-
bald du niederkniest, schwebt deine Seele nach oben, dann
verneige dich in dieser deiner Erhabenheit so viele Male wie
möglich, bis du nicht mehr kannst, und faste bis zur Er-
schöpfung, bekämpfe ihn also mit Hunger, und sobald der
Teufel deinen Kampfeseifer sieht, hält er das nicht aus und
rennt auf der Stelle fort, denn er fürchtet, er könne einen
Menschen durch seine Nachstellungen nur noch schneller zu
Christus führen, und er denkt: Ich lasse ihn lieber in Ruhe
und versuche ihn nicht mehr, dann vergißt er sich vielleicht
eher.' So machte ich es nun auch, und tatsächlich ist alles ver-
gangen."
"Und haben Sie sich lange in dieser Weise quälen müssen,
bis der Engel des Satans von Ihnen abgelassen hat?"
"Sehr lange, mit Verlaub; und allein durch Aushungern
habe ich ihn kleingekriegt, den bösen Feind, denn vor etwas
anderem hat er keine Angst. Erst habe ich bis zu tausend
Verneigungen gemacht und dann vier Tage hintereinander
nichts gegessen und nichts getrunken, da hat er begriffen,
daß er mir nicht gewachsen ist, hat es mit der Angst zu tun
bekommen und hat gekniffen: Kaum sah er, daß ich den Topf
mit meinem Essen zum Fenster hinauswarf und nach dem
Rosenkranz griff, um die Verneigungen zu zählen, da war
ihm schon klar, daß ich nicht spaße und mich wieder zum
Kampf rüste, und er rannte davon. Denn er hat ja schreck-
liche Angst, er könne einen Menschen zur Freude der Zu-
versicht bringen."
"Immerhin, zugegeben ... was hat denn nun er ..• Schon
richtig: Sie haben ihn überwunden, aber was haben Sie selbst
leiden müssen?"
"Das war halb so schlimm, mit Verlaub; was war schon
dabei, ich habe ja schließlich den Vergewaltiger überwältigt
und mir keinen Zwang angetan."
"Und jetzt sind Sie endgültig von ihm. befreit?"
"Völlig, mit Verlaub."
"Und er erscheint Ihnen überhaupt nicht mehr?"
"In verführerischer weiblicher Gestalt kommt er nie mehr,
mit Verlaub, und wenn er sich ab und zu in einem Winkel
meiner Zelle doch blicken läßt, dann schon in ganz kläglicher
Verfassung: Piepst, wie wenn ein Ferkel krepiert. Ich quäle
den Tunichtgut nicht einmal mehr, schlage nur einmal das
Kreuz über ihm und mache eine Verneigung, dann hört er
auf zu grunzen."
"Gott sei Dank, daß Sie mit alldem so fertig geworden
sind."
"Ja, mit Verlaub; die Verführungen des großen Teufels
habe ich überwunden, aber ich kann Ihnen berichten, obwohl
das gegen die Regel ist, die schlimmen Streiche der kleinen
Teufel sind mir viel lästiger."
"Haben die kleinen Teufel Sie etwa auch behelligt?"
"Und ob, mit Verlaub; freilich, dem Rang nach sind sie
die untersten, aber dafür sind sie wie die Kletten ... "
"Was tun sie Ihnen denn so an?"
"Es sind doch Kinder, und außerdem gibt es von ihnen
dort in der Hölle sehr viele, zu tun haben sie nichts, denn
alles kommt fix und fertig auf den Tisch, da betteln sie eben
um Urlaub, wollen auf der Erde lernen, Verdruß zu stiften,
sind übermütig, und je wichtiger sich ein Mensch in seinem
Stand tut, um so mehr piesacken sie ihn."
"Was machen sie denn so zum Beispiel ... Womit können
sie einen piesacken?"
"Sie stellen oder legen einem zum Beispiel irgend etwas
in den Weg, man wirft es um oder zerschlägt's, bereitet je-
mandem dadurch Verdruß und bringt ihn in Harnisch, und
das ist für sie ein Hauptspaß, da freuen sie sich. Klatschen in
die Hände und rennen zu ihrem OberteufeL ,Auch wir haben
Verdruß gestiftet', sagen sie, ,gib uns jetzt zur Belohnung
einen Groschen.' Eben darauf kommt es ihnen doch an ..•
Wie Kinder so sind."
"Wodurch haben sie denn zum Beispiel Ihnen Verdruß be-
reitet?"
"Da hat sich zum Beispiel einmal bei uns ein Jude im
Wald in der Nähe des Klosters erhängt, und alle Novizen
behaupteten, das sei Judas gewesen, er gehe nachts im Klo-
ster um und seufze, und viele konnten das bezeugen. Ich ließ
mir keine grauen Haare darüber wachsen, denn ich dachte:
Schließlich gibt es ja noch genug Juden bei uns; aber nachts,
als ich in meinem Pferdestall schlief, höre ich doch, wie je-
mand näher kommt, seine Fratze über den Querbalken zur
Tür hereinschiebt und seufzt. Ich sprach ein Gebet - nein,
er stand noch immer da. Nun schlug ich ein Kreuz: Noch
immer stand er da und seufzte. Was soll ich bloß mit dir
anfangen: Beten kann ich nicht für dich, weil du ein Jude
bist, und auch wenn du keiner wärst, ich bin nicht befugt, für
Selbstmörder zu beten, scher dich also in den Wald oder in
die Wüste. Ich belegte ihn mit einem handfesten Fluch, er
verschwand, und ich schlief wieder ein, in der nächsten Nacht
aber kam der Schweinehund wieder und seufzte auch dies-
mal ... ließ mich einfach nicht schlafen. Lange genug hatte
ich Geduld gezeigt, jetzt konnte ich nicht mehr! So ein Fle-
gel, dachte ich, als ob er im Wald oder auf den Kirchen-
stufen nicht genug Platz hätte, nein, er muß auch noch hier-
her in den Pferdestall gerammelt kommen. Es bleibt nichts
anderes übrig, ich muß ein gutes Mittel gegen dich erfinden:
Und kurzerhand malte ich am anderen Tag mit Kohle ein
großes Kreuz an die Tür; die Nacht kam, ich legte mich
seelenruhig schlafen, dachte bei mir: Jetzt kommt er be-
stimmt nicht wieder, doch kaum war ich mit diesem Gedan-
ken eingeschlafen, steht der Kerl doch wieder da und seufzt
auch diesmal wieder! So ein Taugenichts, man kann ihm
nicht beikommen! Die ganze Nacht schreckte er mich in die-
ser Weise, und kaum hatte am Morgen die erste Glocke zur
Frühmesse geschlagen, sprang ich schleunigst auf und lief
zum Prior, um mich zu beschweren, dort empfing mich aßer
Bruder Diamid, unser Glöckner, und fragte: ,Worüber bist
du so erschrocken?'
Ich sagte: ,Das und das ist passiert, ich habe die ganze
Nacht keine Ruhe gefunden und will jetzt zum Prior.'
Aber Bruder Diamid antwortete mir: ,Laß das sein', sagte
er, ,geh nicht zu ihm, der Prior hat sich gestern einen Blut-
egel auf die Nase gesetzt und ist jetzt bitterböse, er tut in
dieser Angelegenheit bestimmt nichts für dich, aber wenn du
willst, kann ich dir viel besser als er helfen.'
Ich sagte:
,Mir ist alles ganz egal; nur sei so gut und hilf mir - ich
schenke dir dafür auch ein Paar alte warme Fausthand-
schuhe, du wirst sie im Winter beim Läuten sehr gut gebrau-
chen können.'
,Na schön', antwortete er.
Ich gab ihm die Fausthandschuhe, und er brachte mir vom
Glockenturm eine alte Kirchentür, auf der war der Apostel
Petrus dargestellt und hielt in def Hand die Schlüssel zum
Himmelreich.
,Das hier ist das wichtigste', sagte er, ,die ·Schlüssel. Du
brauchst nur diese Tür aufzustellen, durch die kommt keiner
durch.'
Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre ihm vor Freude
zu Füßen gefallen; ich dachte: Warum soll ich mit dieser
Tür nur den Eingang zustellen und sie dann wieder wegneh-
men, ich will sie lieber ordentlich festmachen, dann kann sie
mich immer beschirmen, machte kurzerhand ein Paar zuver-
lässige Türangeln, sicherte die Tür auf alle Fälle noch mit
einem schweren Feldstein, erledigte das alles unbemerkt bis
zum Abend, und als die Nacht kam, legte ich mich zur ge-
wohnten Stunde schlafen. Aber was meinen Sie: Ich höre ihn
wieder schnauben! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen,
aber nein: Er schnaubte, ich fand einfach keine Worte! Und

)20
nicht genug damit, drückte er sogar noch gegen die Tür ..•
An der alten Tür hatte ich innen ein Schloß gehabt, an die-
ser hier hatte ich jedoch keins angebracht, weil ich mich auf
ihre Heiligkeit verlassen hatte, auch war gar keine Zeit dazu
gewesen, er stieß also dagegen, von Mal zu Mal dreister, und
schließlich sah ich, wie er schon seine Fratze durchschob, aber
die Tür schlug plötzlich dank dem Gewicht des Feldsteins
zurück und versetzte ihm einen ordentlichen Stoß . . . Er
rannte ein Stück weg, kratzte sich anscheinend ein wenig,
wartete ein Weilchen, wurde noch dreister und schob wieder
seine Fratze durch die Tür, doch die schlug wieder zurück
und versetzte ihm einen noch derberen Puff . . . Das hatte
ihm wohl doch weh getan, er wurde friedlich, kam nicht wie-
der, und ich schlief ein; aber nach kurzer Zeit merke ich, der
Halunke ist wieder am Werk, diesmal mit einem neuen Trick.
Er stieß nicht mehr mit den Hörnern und versuchte nicht,
auf geradem Wege hereinzukommen, sondern hatte die Tür
mit seinen Hörnern ein wenig aufgedrückt, 'und da ich mir
meine Pelzjacke über den Kopf gezogen hatte, riß er plötz-
lich dreist meine Pelzjacke herunter und fuhr mir mit der
Zunge ins Ohr ... Bei dieser Frechheit war es mit meiner
Geduld zu Ende: Ich langte mit der Hand unter mein Bett,
ergriff das Beil und schlug zu - er brummte und plumpste zu
Boden. Du hast es nicht anders verdient, dachte ich, als ich
aber am Morgen nachsah, war von dem Juden nichts zu
sehen, und an seiner Stelle hatten mir die kleinen Teufel,
diese Halunken, unsere Klosterkuh untergeschoben."
"Sie hatten sie verletzt?"
"Erschlagen habe ich sie mit meinem Beil, mit Verlaub!
Im Kloster waren sie schrecklich aufgebracht."
"Und hatten Sie deswegen Unannehmlichkeiten?"
"Freilich, mit Verlaub; der Vater Abt sagte, ich hätte diese
Erscheinung nur deswegen gehabt, weil ich selten in die
Kirche ginge, und er bestimmte, wenn ich meine Pferde be-
sorgt hätte, sollte ich immer vorn am Gitter stehen, um die
Kerzen anzuzünden, und da haben mir diese heimtückischen
Teufelehen einen noch schlimmeren Streich gespielt und mich
endgültig übertölpelt. Es war genau am Tage des Heilands

21 Pilger
auf den Wassern, bei der Abendmesse, während der Weihe
der Brote, der Vater Abt und der Klostergeistliche standen,
wie es ihrem Rang zukommt, in der Mitte des Gotteshauses,
da reichte mir ein frommes altes Weiblein eine Kerze und
sagte: ,Stell sie auf, Hochwürden, zum heutigen Feiertag.'
Ich trat zum Chorpult, wo die Ikone ,Der Heiland auf den
Wassern' lag, und wollte die Kerze festmachen, stieß aber
dabei eine andere herunter. Ich bückte mich, hob sie auf,
wollte auch diese festmachen, da fielen zwei andere herunter.
Während ich diese zwei wieder aufsetzte, fielen auf einmal
vier herunter. Ich schüttelte nur den Kopf und dachte bei
mir, da sind doch wieder diese Schelme am Werk und reißen
sie mir aus den Händen ... Bückte mich, richtete mich hastig
mit den heruntergefallenen Kerzen wieder auf und schlug
mit dem Hinterkopf von unten gegen den Leuchter. . . Da
purzelten die Kerzen nur so herunter. Jetzt packte mich die
Wut, und ich schlug alle übrigen Kerzen auch noch herunter.
Wenn die Frechheit schon soweit geht, dachte ich bei mir,
dann will ich doch lieber selber gleich alles umwerfen."
"Und was hat Ihnen das eingebracht?"
"Sie wollten mich dafür vor Gericht stellen, aber der alte
blinde Syssoi, ein Mönch, der die strengste Askese auf sich
genommen hatte und bei uns in einer Erdhöhle lebte, trat für
mich ein.
,Weshalb wollt ihr ihn vor Gericht stellen', sagte er, ,wo
doch die Diener des Satans ihn verwirrt haben.'
Vater Abt hörte auf ihn und bestimmte, mich ohne Ge-
richtsverhandlung in ein leeres Kellerloch zu stecken."
"Für wie lange hat man Sie in den Keller gesteckt?"
"Vater Abt hatte nicht bestimmt, wie lange, sondern nur
gesagt: ,in den Keller stecken', und da habe ich eben den
ganzen Sommer bis zu den Herbstfrösten dort gesessen."
"Sie haben sich im Keller sicher nicht weniger gelangweilt
und gequält als in der Steppe?"
"Nun nein, mit Verlaub, das kann man nicht vergleichen!
Ich konnte die Kirchenglocken hören, und meine Kameraden
haben mich besucht. Kamen, stellten sich oben an mein
Kellerloch, und wir haben uns unterhalten, und der Vater

322
ökonom hatte befohlen, mir an einem Strick Mühlsteine her-
unterzulassen, damit ich für die Küche Salz mahlen konnte.
Das läßt sich mit keiner Steppe oder mit irgendeinem ande-
ren Ort vergleichen."
"Und wann hat man Sie dann herausgelassen? Sicher, als
der Frost kam und es zu kalt wurde?"
"Nein, mit Verlaub, nicht deswegen, wegen der Kälte
nicht, sondern aus einem anderen Grund. Weil ich anfing zu
prophezeien."
"Zu prophezeien?"
"Ja, mit Verlaub, in dem Kellerloch geriet ich schließlich
ins Nachdenken darüber, was für einen jämmerlichen Geist
ich doch besaß, wieviel ich seinetwegen zu leiden hatte und
doch keine Fortschritte machte, da schickte ich einen Novizen
zu einem Klosterlehrer und ließ fragen: Kann ich Gott dar-
um bitten, einen angemesseneren Geist zu bekommen? Der
Klosterlehrer ließ mir sagen : ,Er soll beten, wie es sich ge-
hört, und dann erwarten, was jenseits aller Erwartung liegt.'
Das habe ich dann ausgeführt: Drei Nächte habe ich auf
diesem Werkzeug, auf meinen Knien, in meinem Kellerloch
zugebracht, im Geist zum Himmel gebetet und dann auf eine
andere innere Vervollkommnung gewartet. Wir hatten im
Kloster da auch noch einen Mönch Geronti, der war sehr be-
lesen und hielt verschiedene Bücher und Zeitungen, der gab
mir einmal die Lebensbeschreibung des heiligen Tichon
Sadonski zu lesen, und immer, wenn er an meinem Keller-
loch vorbeiging, holte er eine Zeitung unter der Kutte hervor
und warf sie mir zu.
,Lies', sagte er, ,und entnimm daraus, was dir nützlich ist.
Das wird dir in deinem Erdloch Abwechslung bringen.'
Während ich also auf die jenseits aller Erwartung liegende
Erhörung meines Gebetes wartete, befaßte ich mich mit die-
ser Lektüre: Sobald ich meine Tagesportion Salz gemahlen
hatte, begann ich zu lesen, zuerst las ich von dem heiligen
Tichon, wie er in seiner Zelle von der Himmelskönigin und
den heiligen Aposteln Petrus und Paulus besucht wurde. Da
stand, der fromme Knecht Gottes Tichon habe die Gottes-
mutter gebeten, den Frieden auf Erden zu verlängern,
Apostel Paulus jedoch habe ihm laut geantwortet und mit
folgenden Worten bezeichnet, wann kein Friede mehr sein
würde. ,Wenn einst alle von Frieden und Beständigkeit
reden', hatte er gesagt, ,dann wird unerwartet das Verderben
über sie hereinbrechen.' Ich dachte lange über diese Apostel-
worte nach und konnte zuerst gar nicht begreifen, wozu dem
Heiligen vom Apostel diese Offenbarung zuteil geworden
war. Schließlich aber las ich in den Zeitungen, daß bei uns
und in anderen Ländern ständig vom allgemeinen Frieden
geredet wurde. Da war meine Bitte erhört, und von nun an
begriff ich, wie nahe ist, was da gesagt wurde: ,Wenn sie von
Frieden reden, wird unerwartet das Verderben hereinbre-
chen', und mich ergriff Furcht um mein russisches Volk, ich
begann zu beten und flehte auch alle anderen, die zu mir ans
Kellerloch. kamen, unter Tränen an, darum zu beten, daß
sich alle Feinde und Widersacher unserem Zaren unterwer-
fen mögen, denn siehe, unser Verderben ist nahe. Und mir
wurden überreich Tränen geschenkt ... Immer mußte ich um
das Vaterland weinen. Nun berichtete man dem Vater Abt,
unser Ismail in seinem Kellerloch weint jetzt immer viel und
prophezeit Krieg. Der Vater Abt ließ mich dafür in eine
leere Hütte im Gemüsegarten bringen und mir das Bild
Seliges Schweigen hineinstellen, auf dem der Erlöser in Ge-
stalt eines Engels mit leisen Flügeln gemalt ist, jedoch mit
der göttlichen Krone anstelle des Heiligenscheins, und die
Hände hält er demütig auf der Brust gefaltet. Mir wurde be-
fohlen, ich solle mich vor diesem Bild jeden Tag verneigen,
bis der pr.ophezeiende Geist in mir verstumme. Mit diesem
Bild schlossen sie mich also ein, und ich habe bis zum Früh-
jahr in dieser verschlossenen Hütte zugebracht und immer
vor dem Seligen Schweigen gebetet, doch kaum bekam ich
einmal einen Menschen zu Gesicht, gleich erwachte in mir
wieder der Geist, und ich begann zu reden. Damals hat der
Abt einen Arzt zu mir geschickt, der sollte untersuchen, ob
ich vielleicht am Verstand Schaden genommen hätte. Der
Arzt saß lange bei mir in der Hütte, härte sich genau wie Sie
meine ganze Geschichte an, spie dann auf den Fußboden und
sagte: ,Mein Bester', sagte er, ,du bist eine richtige Trommel:

324
Sie haben dich noch und noch geschlagen, aber kaputt kriegen
sie dich nicht.'
Ich sagte: ,Was soll ich denn tun? Es muß wohl so sein.'
Nachdem er sich alles angehört hatte, sagte er zum Abt:
,Ich kann nicht herausbekommen', sagte er, ,was mit ihm los
ist: Ob er einfach ein einfältiger guter Kerl ist oder im Kopf
verdreht oder tatsächlich ein Prophet. Das fällt in Ihr Fach',
sagte er, ,ich bin hierfür nicht zuständig, meine Ansicht ist,
schicken Sie ihn recht weit weg, dorthin, wo er sich ordent-
lich auslaufen kann, vielleicht hat er zu lange an einem Fleck
gesessen.'
Da haben sie mich dann beurlaubt, und jetzt habe ich die
Erlaubnis zu einer Pilgerfahrt nach Solowki bekommen, zum
Kloster der beiden Heiligen Sossima und Sawwati, und bin
gerade nach dort unterwegs. Schon überall bin ich gewesen,
die beiden aber habe ich noch nicht gesehen und möchte mich
vor meinem Tod noch vor ihnen verneigen."
"Wieso denn ,vor dem Tod'? Sind Sie etwa krank?"
"Nein, mit Verlaub, ich bin nicht krank; das ist alles nur,
weil es bald Krieg gibt."
"Erlauben Sie mal: Sie reden ja wieder von Krieg?"
"Ja, mit Verlaub.''
"Dann hat Ihnen das Selige Schweigen also nicht gehol-
fen?"
"Ich weiß nicht, mit Verlaub. Ich gebe mir alle Mühe und
schweige, aber der Geist überkommt mich."
"Was macht er denn mit Ihnen?"
"Er redet mir immer zu: ,Rüste dich zum Kampf.'"
"Ja haben Sie denn die Absicht, selbst in den Krieg zu
ziehen?"
"Wie denn anders, mit Verlaub? Unbedingt. Es verlangt
mich sehr, für das Volk zu sterben."
"Wie haben Sie sich das denn gedacht? Wollen Sie in
Mönchskappe und Kutte in den Krieg ziehen?"
"Nein, mit Verlaub; dann werde ich meine Mönchskappe
abnehmen und Uniform anziehen."
Nach diesen Worten schien der verzauberte Pilger wieder
zu spüren, wie sich der prophetische Geist seiner bemächtigte,
und er versank in stilles Grübeln, das keiner der Zuhörer
durch eine neue Frage zu stören wagte. Und was gab es auch
noch zu fragen? Die Begebenheiten seines bisherigen Lebens
hatte er mit der ganzen Aufrichtigkeit seiner schlichten Seele
gebeichtet, seine Prophezeiungen aber ruhen bis auf weiteres
in der Hand dessen, der sein Walten vor den Klugen und
Verständigen verschließt und es nur bisweilen unmündigen
Kindern offenbart.
Der eiserne Wille

Rost frißt Eisen


Russisches Sprichwort

Wir hatten gehörig diskutiert und uns dabei besonders an


der Frage erhitzt, daß die Deutschen einen eisernen Willen
besäßen, wir aber keinen, daß es daher für uns willens-
schwache Menschen gefährlich sei, uns mit den Deutschen in
Streit einzulassen, und daß wir kaum mit ihnen fertig wer-
den dürften. Wir hatten also eine Diskussion gehabt, wie sie
für unsere Zeit ganz alltäglich, zugestandenermaßen recht
langweilig, aber auch wieder unausweichlich war.
Von uns allen hatte sich nur der alte Fjodor Afanassje-
witsch Wotschnew dieser Diskussion ferngehalten und statt
dessen seelenruhig den Tee eingeschenkt; als der Tee aber
eingeschenkt war and jeder von uns sein Glas genommen
hatte, ließ er sich wie folgt vernehmen :
"Ich habe mir nun die ganze Zeit mit angehört, meine Her-
ren, was Sie da bereden, und ich sehe, Sie dreschen leeres
Stroh. Schön, nehmen wir an, die Herren Deutschen haben
einen guten, festen Willen und unserer ist ein wenig lahm
- alles richtig - aber ist das etwa ein Grund zum Verzwei-
feln? Nicht die Spur."
"Wieso nicht die Spur? Wir fühlen ebenso wie die Deut-
schen selbst, daß wir unausweichlich aneinandergeraten
werden."
"Nun, und wenn?"
"Sie werden uns den Hosenboden versohlen."
"Das möchte ich sehen!"
"Natürlich werden sie uns den Hosenboden versohlen."
"Nun lassen Sie's aber bitte genug sein: So einfach ist es
nun wohl doch nicht, uns zu versohlen ... "
"Und warum nicht? Hoffen Sie vielleicht auf Verbündete?
Außer den Brüdern ,Hoffenur' und ,Immermut' wird sich
kein Verbündeter finden, mein Bester."
"Wennschon! Warum sollten wir denn ,Hoffenur' und
,Immermut' so verachten? Das wäre falsch, mit Verlaub,
ganz falsch. Erstens einmal sind das sehr gute und liebe rus-
sische Burschen, die für einen, wenn's not tut, durch Feuer
und Wasser gehen, und das ist in unserer praktischen Zeit
schot;t etwas wert."
"Ja, nur nicht, wenn es gegen die Deutschen geht."
"Nein, Verehrtester: Gerade wenn es gegen den Deutschen
geht, der keinen einzigen Schritt ohne Berechnung tut und,
wie man sagt, ohne Apparat nicht einmal aus dem Bette fällt;
und zweitens, überschätzen Sie die Bedeutung von Willen
und Vorausberechnung nicht gar zu sehr? Mir fällt dabei
immer der ziemlich zynische, aber doch trefiende Ausspruch
eines russischen Generals ein, der von den Deutschen sagte:
,Was tut's, daß sie alles klug vorausberechnen, wir kommen
ihnen mit einer solchen Dummheit in die Quere, daß sie auf
der Nase liegen, ehe sie Zeit gehabt haben, sich zu wundern.'
Und wirklich, meine Herren: Es geht doch nicht an, sich da-
von überhaupt nichts zu erhoffen."
"Von der Dummheit?"
"Ja, nennen Sie es meinetwegen Dummheit, vielleicht aber
auch Wagemut eines jungen und frischen Volkes."
"Du liebe Güte, das haben wir schon zur Genüge gehört:
Dieses Märchen von der Frische und tausendjährigen Ju-
gend hängt uns schon zum Halse heraus."
"Na und? Sie mit Ihrem deutschen Eisen hängen mir auch
schon längst zum Halse heraus: Einen eisernen Kanzler
haben die Deutschen, einen eisernen Willen haben sie, mit
Haut und Haar auffressen werden sie uns. Speiübel kann
einem werden! Hoffentlich ersticken sie recht bald an ihrem
Eisen I Meine Herren, ich bitte Sie, sind Sie denn von alleri
guten Geistern verlassen? Schön, sie sind eisern, sollen sie es
bleiben, wir aber sind Teig, einfacher, weicher, roher, un-
gebackener Teig, und Sie sollten sich daran erinnern, daß
man eine Menge Teig auch mit einem Beil nicht zerhacken
kann, sondern höchstens das Beil einbüßt."
"Ach so, Sie kommen mit dem uralten Argument, wir
würden schließlich sowieso alle in den Sack stecken?"
"Nein, an Argumente dieser Art denke ich überhaupt nicht.
Solche Prahlereien machen auE mich genauso wenig Eindruck
wie Ihre Schauermärchen; ich spreche einfach von der Natur
der Dinge; ich habe erlebt und weiß, was geschieht, wenn
deutsches Eisen auf russischen Teig trifft."
"Gewiß irgendein unbedeutender Einzelfall, von dem
weitgehende Verallgemeinerungen abgeleitet werden."
"Ja, ein Einzelfall und Verallgemeinerungen; nur verstehe
ich, ehrlich gesagt, nicht, warum Sie gegen die Verallgemei-
nerung von Einzelfällen sind. Mir scheint, Sie sind auch nicht
gescheiter als jener Engländer, der sich den Inhalt der ,Toten
Seelen' von Gogol erzählen ließ und dann ausrief: ,Oh, die-
ses Volk ist unüberwindlich.'- ,Warum denn?' wurde er ge-
fragt. Er wunderte sich nur und antwortete: ,Ja, wer sollte
denn hoffen, er könne ein Volk besiegen, das einen solchen
Halunken wie Tschitschikow hervorgebracht hat!'"
Wir mußten lachen und bemerkten zu Wotschnew, er lobe
seine Landsleute ja auf höchst seltsame Art und Weise; doch
er zog wieder ein schiefes Gesicht und antwortete:
"Entschuldigen Sie bitte, aber Sie sind alle schon so in
vorgefaßten Meinungen befangen, daß es für einen Men-
schen, der mit beiden Beinen im Leben steht, geradezu
schwierig ist, sich mit Ihnen zu unterhalten. Ich erzähle Ihnen
etwas ganz Einfaches, und Sie haben nichts Eiligeres zu tun,
als die allgemeine Schlußfolgerung und die Tendenz zu
suchen. Höchste Zeit, daß Sie diese Unart ablegen und ler-
nen, eine Sache zu nehmen, wie sie ist; ich lobe meine Lands-
leute nicht, noch tadle ich sie, ich sage Ihnen nur: Sie werden
sich - mag es nun durch Klugheit oder durch Dummheit ge-
schehen - behaupten und sich nichts gefallen lassen; und
wenn Sie nicht wissen und sich dafür interessieren, wie der-
artige Dinge geschehen, dann kann ich Ihnen vielleicht eine
Geschichte über den eisernen Willen erzählen.''
"Wird das auch nicht zu lang, Fjodor Afanassjewitsch?"
"N-nein! Nicht zu lang; es ist eine ganz kurze Geschichte,
die wir beim Tee von Anfang bis zu Ende hören können."
"Wenn sie kurz ist, dann schießen Sie los; eine kurze Ge-
schichte kann man auch über die Deutschen hören."
"Also stillgesessen - die Geschichte beginnt."

"Bald nach dem Krimkrieg (es ist nicht meine Schuld, meine
Herren, wenn alle neuen Geschichten bei uns in jener Zeit
beginnen) hatte ich mich - und ich habe mir deswegen später
noch oft Vorwürfe gemacht - von der damaligen Modetor-
heit anstecken lassen, nämlich eine recht glücklich begonnene
Beamtenlaufbahn aufgegeben und eine Stelle in einer der
damals neugebildeten Handelsgesellschaften angenommen.
Sie ist heute schon lange bankrott und sogar ohne jedes Auf-
sehen völliger Vergessenheit anheimgefallen. Ich hatte ge-
hofft, mir als Privatangestellter ,ehrliche' Mittel für meinen
Lebensunterhalt verdienen zu können und mich somit von
den Launen der Vorgesetzten und jenen Schicksalsschlägen
unabhängig zu machen, wie sie jedem Beamten in dem ge-
wissen Punkt drohen, der Anlaß für kommentarlose Entlas-
sung werden kann. Kurzum, ich hatte geglaubt, die Freiheit
errungen zu haben, als ob die Freiheit so einfach jenseits der
Tore eines Amtsgebäudes begänne; aber das ist ein anderes
Thema.
Die Leiter der Firma, bei der ich eintrat, waren zwei Eng-
länder; beide waren verheiratet und hatten ziemlich große
Familien, der eine spielte Flöte, der andere Cello. Es waren
sehr gutmütige Menschen und beide recht praktisch veran-
lagt. Letzteres schließe ich daraus, daß sie bei ihren Unter-
nehmungen zwar zunächst tüchtig Federn ließen, dann aber
begriffen, daß Rußland seine Eigenheiten besitzt, mit denen
man wohl oder übel rechnen muß. Daraufhin packten sie die
Sache auf schlicht russische Manier an und wurden auf rein
englische Manier wieder reich. In der Zeit aber, in der meine
Erzählung beginnt, besaßen sie noch wenig Erfahrung oder
waren, wie es bei uns heißt, noch "grün". Daher verfügten
sie über das eingebrachte Kapital mit törichter Selbstsicher-
heit.
Wir wickelten umfangreiche und sehr komplizierte Ge-
sChäfte ab: Wir ließen pflügen und Zuckerrüben säen, wir
schufen Anlagen zum Rübenkochen und Schnapsbrennen, bei
uns wurden Bretter gesägt und Faßdauben produziert, Sal-
peter gewonnen und Parkettfußböden zugeschnitten, kurz,
wir wollten alles ausbeuten, was das Land nur hergab. All
das nahmen wir gleichzeitig in Angriff, und die Arbeit lief
bei uns auf Hochtouren: Wir wühlten den Erdboden auf,
setzten Mauern, bauten monumentale Schornsteine und stell-
ten alle möglichen Leute ein, übrigens meist Ausländer. Im
ökonomischen Bereich war ich d~r einzige Russe in gehobe-
ner Stellung, und das nur, weil zu meinen Obliegenheiten
auch die Geschäftsbesuche gehörten, wofür ich natürlich ge-
eigneter war als ein Ausländer. Dafür bildeten die Ausländer
bei uns eine ganze Kolonie; unsere Chefs hatten uns ziem-
lich einförmige, aber doch sehr hübsche und bequeme Häus-
chen bauen lassen, und wir wohnten nun in diesen Cottages
rings um das ehrwürdige riesige Herrenhaus, in dem unsere
Prinzipale selbst Wohnung bezogen hatten.
Dieses Haus, das verschiedene bauliche Absonderlichkei-
ten aufwies, war so groß und geräumig, daß selbst zwei eng-
lische Familien unbehindert und in aller Bequemlichkeit
darin wohnen konnten. Oben auf dem Haus befand sich in
einer halbrunden Kuppel eine Äolsharfe, aus der man übri-
gens schon lange die Saiten herausgerissen hatte, und unter-
halb dieser Kuppel lag ein riesiger Konzertsaal, in dem frü-
her die leibeigenen Musikanten und Sänger Beifall geerntet
hatten, die dann später, als die Gerüchte über die Emanzi-
pation immer wahrscheinlicher schienen, von ihrem ehemali-
gen Besitzer einzeln verkauft worden waren. Meine Herren
Engländer spielten in diesem Saal Haydn-Quartette, und
alle Angestellten - die Aufseher, Kontoristen und Hilfs-
buchhalter nicht ausgenommen - mußten die Zuhörerschaft
bilden.
Das geschah zur ,Veredelung des Geschmacks', doch
wurde dieses Ziel kaum erreicht, weil die klassischen Quar-
tette Haydns den einfachen Menschen nicht gefielen und
ihnen sogar Unbehagen bereiteten. Mir gegenüber beklagten
sie sich ganz offen, daß es für sie ,nichts Schlimmeres gibt,
als sich dieses widerwärtige Zeug anhören zu müssen', trotz-
dem härten sie sich diesen ,Unflat' an, bis uns das Schicksal
einen anderen, fröhlicheren Zeitvertreib beschied, und das
war mit der Ankunft eines neuen Kolonisten, des Ingenieurs
Hugo Karlowitsch Pektoralis aus Deutschland der Fall. Pek-
toralis war aus dem Städtchen Doberan zu uns gekommen,
das am Plauer See in Mecklenburg-Schwerin liegt, und schon
seine Ankunft gestaltete sich höchst interessant.
Da Hugo Pektoralis der Held meiner Geschichte ist,
möchte ich davon etwas ausführlicher berichten."

"Pektoralis war zusammen mit etmgen Maschinen angefor-


dert worden, die er nach Rußland bringen, montieren, in
Betrieb setzen und überwachen sollte. Warum unsere Eng-
länder diesen Deutschen und nicht einen Engländer genom-
men hatten und warum die Maschinen in dem kleinen deut-
schen Doberan bestellt worden waren, weiß ich nicht genau.
Es ist wohl so gewesen, daß der eine der beiden Engländer
irgendwo Maschinen dieser Fabrik gesehen hatte, Gefallen
an ihnen fand und einige Forderungen des Patriotismus hint-
anstellte. Geld kennt ja keine Rücksichten - es macht seine
Rechte auch gegenüber englischen Patrioten geltend. Unter-
brechen Sie mich übrigens bitte, wenn ich ins Schwatzen kom-
men sollte.
Die Maschinen waren für eine Dampfmühle und eine
Sägemühle bestimmt, und die Gebäude standen schon. Die
Maschinen und der Ingenieur waren von uns dringend ange-
fordert worden, und der Lieferant hatte uns mitgeteilt, die
Maschinen seien mit den letzten Frachtschiffen schon unter-
wegs nach Petersburg. Was nun den Ingenieur betraf, der so
abreisen sollte, daß er vor den Maschinen ankam und Iilie
erforderlichen Vorrichtungen in den Gebäuden anfertigen
konnte, so wurde uns geschrieben, ein solcher Ingenieur
würde uns unverzüglich geschickt; er heiße Hugo Pektoralis,
sei ein Meister seines Fachs und besitze den nötigen eisernen
Willen, alles, was er in Angriff nehme, auch zu Ende zu
führen.
Ich war damals in Geschäften unserer Gesellschaft in Pe-
tersburg, und mir fiel die Aufgabe zu, die Maschinen beim
Zoll in Empfang zu nehmen und nach unserem gottverlasse-
nen Nest zu schicken sowie Hugo Pektoralis mitzunehmen,
der sehr bald ankommen und sich im ,Sarepta-Haus, Asmus
Sirnonsen & Co.' melden sollte, das die meisten von uns
unter dem Namen ,Senfhaus' kennen. Aber mit den Maschi-
nen und dem Ingenieur hatte es ein qui pro quo gegeben:
Die Maschinen hatten Verzug und trafen sehr spät ein, der
Ingenieur aber war unseren Erwartungen vorausgeeilt und
vor der Zeit in Petersburg eingetroffen. Als ich ins ,Senfhaus'
kam, um für den erwarteten Pektoralis meine Adresse zu
hinterlassen, wurde mir mitgeteilt, er sei schon etwa vor einer
Woche dagewesen und weitergefahren.
Diese für mich recht unangenehme und für Pektoralis sehr
riskante Geschichte hatte sich Ende Oktober zugetragen, und
in jenem Jahr war der Oktober wie zum Trotz besonders
stürmisch und regnerisch. Geschneit und gefroren hatte es
noch nicht, doch goß es in Strömen, und der Regen wurde
höchstens von naßkaltem Nebel abgelöst; die Nordwinde
bliesen, als wollten sie einem das Mark aus den Knochen
peitschen, und alles war von so tiefem Schlamm bedeckt, daß
man sich gut vorstellen konnte, was für eine Hölle die un-
gepflasterten Poststraßen darstellen mußten. Die Situation
des, so wollte mir scheinen, voreiligen Ausländers, der sich
in solcher Jahreszeit allein auf eine so weite Reise begeben
hatte, ohne unsere Straßen noch unsere Verhältnisse zu ken-
nen, schien mir einfach entsetzlich, und ich hatte mich in
meinen Vermutungen nicht geirrt. Die Wirklichkeit sollte
meine Erwartungen noch übertreffen.
Ich erkundigte mich im ,Senfhaus', ob der angekommene
Pektoralis wenigstens etwas Russisch spräche, und erhielt
eine verneinende Antwort. Pektoralis konnte russisch weder
sprechen noch auch nur ein einziges Wort verstehen. Auf
meine Frage, ob er genügend Geld bei sich gehabt hätte,
wurde mir zur Antwort, man habe ihm ,zu Lasten der Ge-
sellschaft' Fahr- und Tagegeld für zehn Tage ausgezahlt,
mehr habe er nicht verlangt.
Die Sache wurde immer komplizierter. Bei dem damali-
gen Reisen mit Postpferden, das mit ständigen Aufenthalten
verknüpft war, konnte es geschehen, daß Pektoralis irgendwo
steckenblieb und zu guter Letzt in eine Situation geriet, wo
er geradezu auf Almosen angewiesen sein würde.
,Warum haben Sie ihn nicht zurückgehalten? Warum
haben Sie ihn nicht überredet, wenigstens zu warten, bis sich
ein Reisegefährte findet?' warf ich den Leuten im ,Senfhaus'
vor. Aber sie antworteten mir, sie hätten den Reisenden zu
überreden versucht und ihm alle Schwierigkeiten seiner Reise
vor Augen gehalten; er habe aber starr auf seinem Willen
bestanden und gesagt, er habe sein Wort gegeben, ohne
Aufenthalt zu fahren, und werde also fahren; und vor ir-
gend welchen Schwierigkeiten habe er keine Angst, denn er
besitze einen eisernen Willen.
Höchst beunruhigt, schrieb ich meinen Prinzipalen alles,
was passiert war, und bat sie, das menschenmögliche zu tun,
um zu verhüten, daß dem armen Reisenden ein Unglück
zustieße; aber als ich das schrieb, wußte ich, ehrlich gesagt,
selbst nicht recht, wie man es bewerkstelligen könnte, Pek-
toralis unterwegs abzufangen und unter dem Schutz eines
zuverlässigen Begleiters an Ort und Stelle zu bringen. Ich
selbst konnte Petersburg damals auf gar keinen Fall ver-
lassen, da mich ziemlich wichtige Geschäfte dort festhielten,
zudem war er bereits vor so langer Zeit abgefahren, daß ich
ihn kaum hätte einholen können. Wenn man andererseits
diesem eisernen Willen jemanden entgegenschickte, wer
könnte dafür bürgen, daß er Hugo Pektoralis treffen und ihn
erkennen würde?
Ich war damals noch der Ansicht gewesen, man könne
Pektoralis begegnen, ohne ihn zu erkennen. Schuld daran

334
war natürlich, daß die Deutschen, die ich nach ihm befragt
hatte, nicht imstande waren, mir besondere Merkmale mit-
zuteilen. Akkurat und hilflos, wie 'sie waren, hatten sie mir
nur ganz allgemeine, sozusagen für einen Reisepaß ausrei-
chende Kennzeichen genannt, die ohne weiteres beinahe auf
jeden zutreffen können. Nach ihren Worten war Pektoralis
ein junger Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren,
etwas über mittelgroß, hager, brünett, mit grauen Augen
und fröhlichem, energischem Gesichtsausdruck. Hier dürfte
sich wohl kaum etwas finden, woran man einen Menschen
bei der ersten Begegnung erkennen könnte. Das Greifbarste,
das ich aus dieser ganzen Beschreibung im Gedächtnis be-
hielt, war der ,energische und fröhliche Ausdruck', doch wel-
cher einfache Mensch ist ein solcher Experte im Bestimmen
von Mienen, daß er jemand daran erkennt - ,Warte mal,
Freundchen, du bist doch Pektoralis?' Und schließlich konnte
sich ja auch dieser Gesichtsausdruck verändern - konnte in
der Nässe und Kälte des russischen Herbstes hinreichend
verwässern und erstarren.
Den Umständen nach konnte ich also außer dem, was ich
im Interesse dieses Sonderlings geschrieben hatte, nichts wei-
ter für ihn tun und gab mich wohl oder übel damit zufrie-
den. Zudem erhielt ich ganz plötzlich und unerwartet An-
weisung, nach dem Süden zu reisen, und hatte gar keine
Zeit mehr,· an Pektoralis zu denken. Inzwischen vergiagen
der Oktober und der halbe November; da ich ständig unter-
wegs war, hatte ich von Pektoralis nicht das geringste wieder
gehört und machte mich erst Ende November auf die Heim-
reise, nachdem ich inzwischen viele Städte besucht hatte.
Das Wetter hatte sich damals schon beträchtlich geändert.
Der Regen hatte aufgehört, der Straßenschlamm war hart-
gefroren, und jeden Tag wirbelten kleine trockene Schnee-
flocken durch die Luft.
In Wladimir wartete meine Kutsche auf mich, die ich dort
zurückgelassen hatte und die mir noch gute Dienste leisten
konnte, denn auf Rädern reiste es sich bequemer als im
Schlitten, und so machte ich mich in meinem Wagen auf
den Weg.

HS
Von Wladimir aus hatte ich noch etwa tausend Werst vor
mir; ich hatte gehofft, diese Strecke in etwa sechs Tagen zu-
rückzulegen, das unerträgliche Wagenrütteln aber nahm mich
so mit, daß ich mir häufig Rast gönnte und viel langsamer
vorwärts kam. Am Abend des fünften Tages war ich mit
Mühe und Not bis Wassilew Maidan gelangt und hatte hier
eine höchst unerwartete und geradezu unwahrscheinliche Be-
gegnung.
Ich weiß nicht, wie es heute ist, damals jedenfalls war
Wassilew Maidan eine kalte, ungemütliche Poststation auf
freiem Feld. Das ziemlich häßliche, bretterverkleidete Haus
mit seinen zwei Postsäulen an der Einfahrt blickte unfreund-
lich und abweisend, und soviel ich weiß, war dieses Haus
tatsächlich sehr kalt. Aber ich war so erschöpft, daß ich
trotzdem hier zu übernachten beschloß.
Obwohl in den Fenstern des Passagierraums Licht schim-
merte und ich also vermuten konnte, daß schon andere hier
Nachtlager genommen hatten, blieb ich bei meinem Ent-
schluß, mir eine Verschnaufpause zu gönnen, und ich wurde
dafür auch durch eine äußerst angenehme Überraschung be-
lohnt."
"Sie haben dort Pektoralis getroffen?" unterbrach jemand
ungeduldig den Erzähler.
"Wen ich dort auch immer getroffen haben mag", antwor-
tete dieser, "ich bitte Sie, zu warten, bis ich Ihnen davon er-
zähle, und mich nicht zu unterbrechen."
"Wenn es aber doch so spannend ist!"
"Um so besser, versuchen Sie, das aufzuschreiben und einer
interessanten Zeitung als Feuilleton zu schicken. Das Pro-
blem der deutschen Willensstärke und unserer Willens-
schwäche ist jetzt Mode, und wir können den Lesern damit
einen nicht uninteressanten Beitrag liefern."
4

"Nachdem ich meinem Diener Anweisung gegeben hatte,


meine Schafwolldecke, meinen Pelz und andere Utensilien
hineinzutragen, befahl ich dem Kutscher, die Reisekutsche
auf den Hof zu schieben, tastete mich durch den geräumigen
dunklen Flur und suchte mit den Händen nach der Tür.
Endlich fand ich sie und zog daran, aber die Kanten waren
dick verquollen, und die Tür gab nicht nach. Wie sehr ich
auch zog, meine eigenen Kräfte hätten sich wahrscheinlich
als völlig unzureichend erwiesen, wäre mir nicht jemandes
gefällige Hand oder, besser gesagt, gefälliges Bein zu Hilfe
gekommen, denn die Tür wurde von innen mit einem Fuß-
tritt geöffnet. Mit knapper Not konnte ich beiseite springen
und erblickte vor mir auf der Schwelle einen Mann in einem
der üblichen städtischen Zylinderhüte und einem unmäßig
weiten Gummimantel, von dessen oberstem Knopf an einer
Schnur ein großer Regenschirm herabhing.
Das Gesicht dieses Unbekannten hatte ich mir im ersten
Augenblick nicht genau angesehen, verspürte aber, ehrlich
gesagt, nicht übel Lust, ihm ordentlich die Meinung zu sa-
gen, weil er mich mit der Tür beinahe umgeworfen hatte.
Was mich aber verwunderte und veranlaßte, ihn genauer in
Augenschein zu nehmen, war der Umstand, daß er nicht,
wie ich ja hätte erwarten können, in die nun offene Tür trat,
sondern im Gegenteil wieder kehrtmachte und begann, in
dem häßlichen leeren Raum, der durch eine schon stark
auseinandergelaufene Talgkerze nur notdürftig erleuchtet
wurde, seelenruhig von einer Ecke in die andere zu wandern.
Ich wandte mich mit der F1:age an ihn, ob er wisse, wo
hier auf dieser Station der Vorsteher oder irgendein ande-
res lebendes Wesen wohne.
,Ich verstehe nicht Russisch', antwortete der Unbekannte
auf deutsch.
Ich sprach ihn deutsch an.
Er freute sich sichtlich, die Laute seiner Muttersprache zu
hö"-en, und antwortete, der Aufseher sei nicht da, er sei schon
vor langer Zeit irgendwohin gegangen.

22 Pilser 337
,Sie warten hier vermutlich auf Pferde?'
,0 ja, ich warte auf Pferde.'
,Gibt es hier etwa keine?'
,Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ich bekomme jedenfalls
keine.'
,Haben Sie denn gefragt?'
,Nein, ich kann nicht Russisch.'
,Kein Wort?'
,Doch, >>moshno<<, »ne moshno«, >>tamoshno<<, »pod-
roshno« .. .', radebrechte er und hatte damit offensichtlich
seinen Wortschatz erschöpft. ,Sagt man »moshno«, kann
ich weiterfahren, bei »ne moshno«' kann ich nicht fahren,
bei »podroshno<< gebe ich meinen Reiseschein hin, das ist
alles.'
Du liebe Güte, denke ich bei mir, ist das ein sonderbarer
Kauz, und sehe ihn mir nun genauer an ... Was für ein Auf-
zug! Die üblichen Stiefel, aber oben aus den Schäften ragten
unwahrscheinlich lange rote Wollstrümpfe heraus, die ihm
bis über die Knie reichten und in der Mitte der Oberschenkel
durch blaue Damenstrumpfbänder festgehalten wurden.
Unter der Weste hing ihm eine rote Wollstrickjacke bis auf
den Bauch herab; über der Weste war eine grün eingefaßte
graue Jacke aus Schlafrockstoff zu sehen, und über alldem
dieser Gummimantel, der für die Jahreszeit völlig unange-
bracht war, und der Regenschirm, der oben am Hals an
einem Knopf hing. '
Sein Reisegepäck bestand aus weiter nichts als einem win-
zigen länglich-runden Paket in einer Wachstuchhülle, das auf
dem Tisch lag und einem recht unansehnlichen Notizbuch
als Unterlage diente.
,Das ist ja erstaunlich!' rief ich aus und hätte ihn um ein
Haar gefragt: Und in diesem Aufzug reisen Sie? Aber -ich
biß mich sofort auf die Zunge, um nichts Unschickliches zu
sagen, wandte mich an den Stationsvorsteher, der in diesem
Augenblick hereingekommen war, und befahl ihm, mir einen
Samowar zu bringen und den Kamin zu heizen.
Der Fremdling setzte seine Wanderung unentwegt fort,
als er aber sah, daß Holz hereingebracht und im Kamin
Feuer gemacht wurde, freute er sich plötzlich unsäglich und
rief aus:
,Aha, >>moshno<<, und ich bin schon drei Tage hier und
habe drei Tage lang immer wieder mit dem Finger auf den
Kamin gezeigt, aber mir wurde immer ·>>ne moshno<< geant-
wortet.'
,Wie, Sie sind schon drei Tage hier?'
,Freilich, drei Tage', antwortete er gelassen. ,Warum fra-
gen Sie?'
,Weswegen sind Sie denn drei Tage hier geblieben?'
,Ich weiß nicht, ich bleibe immer so lange.'
,Was heißt >>immer<<: auf jeder Station?'
,Freilich, auf jeder; seit ich aus Moskau abgereist bin,
bleibe ich überall so lange, und dann fahre ich wieder wei-
ter.'
,Auf jeder Station bleiben Sie drei Tage?'
,Freilich, auf jeder drei Tage ... das heißt, entschuldigen
Sie, auf einer bin ich nur zwei Tage geblieben, ich habe mir
das notiert; dafür auf einer anderen vier, das habe ich mir
auch notiert.'
,Und was treiben Sie auf den Stationen?'
,Nichts.'
,Entschuldigen Sie bitte, vielleicht studieren Sie die Sitten
und Bräuche, machen sich Aufzeichnungen?'
Das war damals große Mode.
,Ja, ich beobachte, was man mit mir anstellt.'
,Aber warum lassen Sie sich das alles denn gefallen?'
,Nun, was soll ich tun', antwortete er. ,Sehen Sie, ich kann
nicht Russisch, und ich muß mich allem unt6rwerfen. Das
habe ich mir vorgenommen; dafür werde ich dann ... '
,Was werden Sie dann?'
,Dann werde ich mir alles unterwerfen I'
,Sieh mal einer an!'
,Freilich; unbedingt!'
,Aber wie haben Sie sich nur auf eine solche Reise machen
können, ohne die Sprache zu kennen?'
,Oh, das war unbedingt notwendig; wir hatten vereinbart,
ich solle ohne Aufenthalt reisen - und ich reise ohne Aufent-

H9
halt. Ich bin ein Mensch, der immer genau erfüllt, was er
versprochen hat', antwortete der Unbekannte, und dabei
nahm sein Gesicht, über das ich mir bis dahin noch nicht
schlüssig geworden war, plötzlich einen >>fröhlichen und ener-
gischen Ausdruck« an.'
Großer Gott, was für ein schrulliger Kerl! dachte ich bei
mir und sagte: ,Aber entschuldigen Sie bitte, heißt denn so
reisen, wie Sie es tun, >>ohne Aufenthalt reisen<<?'
,Wieso denn nicht? Ich bin die ganze Zeit unterwegs,
immer unterwegs; sobald mir gesagt wird »moshno<<, fahre
ich sofort los, und deswegen ziehe iP1 mich, wie Sie sehen,
nicht einmal aus. Oh, ich habe mich schon sehr, sehr lange
nicht mehr ausgezogen.'
Da mußt du ja schön sauber sein, Freundchen, dachte ich.
Und ich sagte:
,Entschuldigen Sie bitte, es kommt mir seltsam vor, wie
Sie mit sich selbst umspringen.'
,Wieso?'
,Sie hätten doch lieber in Moskau auf einen russischen
Reisegefährten warten sollen, mit dem Sie viel schneller und
bequemer hätten reisen können.'
,Das hätte Aufenthalt bedeutet.'
,Aber diesen Aufenthalt hätten Sie doch sehr bald wieder
wettgemacht.'
,Ich habe beschlossen und mein Wort gegeben, mich nir-
gends aufzuhalten.'
,Aber Sie haben doch nach Ihren eigenen Worten auf jeder
Station Aufenthalt.'
,Freilich, aber dafür kann ich nichts.'
,Einverstanden, aber wozu das alles, und wie können Sie
das nur aushalten?'
,Oh, ich vermag alles auszuhalten, denn ich habe einen
eisernen Willen!'
,Großer Gott!' rief ich aus, ,Sie haben einen eisernen Wil-
len?'
,Ja, ich habe einen eisernen Willen; schon mein Vater und
mein Großvater hatten einen eisernen Willen, und ich habe
gleichfalls einen eisernen Willen.'

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,Einen eisernen Willen ... Sie sind gewiß aus Doberan in
Mecklenburg?'
Er war erstaunt und gab zur AntWort:
,Ja, ich bin aus Doberan.'
,Und fahren nach R. in die Fabrik?'
,Ja, dorthin fahre ich.'
,Sie heißen Hugo Pektoralis?'
,Ja, ja! Ich bin Ingenieur Hugo Pektoralis, aber woher
wissen Sie das?'
Ich konnte mich nicht länger beherrschen, sprang auf, um-
armte Pektoralis wie einen alten Freund, schleppte ihn zum
Samowar, wärmte ihn dort mit Punsch auf und erklärte ihm,
ich hätte ihn an seinem eisernen Willen erkannt.
,Daran also I' rief er in unbeschreiblicher Begeisterung aus,
reckte die Arme in die Höhe und sprach: ,0 mein Vater,
o mein Großvater! Hört ihr das und seid ihr mit eurem
Hugo zufrieden?'
,Natürlich sind sie mit Ihnen zufrieden', antwortete ich,
,jetzt setzen Sie sich aber schleunigst an den Tisch und trin-
ken Sie heißen Tee. Sie müssen doch verteufelt durchfroren
sein!'
,Ja, ich habe gefroren; hier ist es kalt; oh, wie kalt! Ich
habe das alles notiert.'
,Und auch Ihre Kleidung ist durchaus nicht, wie sie sein
müßte: Sie hält doch nicht warm.'
,Das ist wahr, sie hält sogar überhaupt nicht warm; das
einzige, was warm hält, sind die Strümpfe, aber ich habe
einen eisernen Willen, und Sie sehen ja, wie gut es ist, einen
eisernen Willen zu besitzen.'
,Nein', sagte ich, ,das sehe ich nicht.'
,Wieso sehen Sie das nicht? Man kennt mich, noch
ehe ich angekommen bin; ich habe mein Wort gehalten und
bin am Leben, ich kann mit völliger Hochachtung vor
mir selber sterben, ohne die geringste Schwäche gezeigt zu
haben.'
,Jetzt gestatten Sie mir aber eine Frage: Wem haben Sie
denn das Versprechen gegeben, von dem Sie erzählen?'
Er machte mit dem rechten Arm eine weitausholende Be-
wegung, streckte den Zeigefinger, setzte ihn langsam auf
seine Brust und antwortete:
,Mir selbst.'
,Sich selbst! Da muß ich Ihnen aber doch sagen, das grenzt
schon an Dickköpfigkeit.'
,0 nein, das ist keine Dickköpfigkeit.'
,Versprechen werden mit Vernunft gegeben und je nach
den Umständen erfüllt.'
Der Deutsche zog eine halbverächtliche Grimasse und gab
zur Antwort, eine solche Regel akzeptiere er nicht; bei ihm
müsse alles, was er sich vorgenommen habe, ausgeführt wer-
den; nur so werde auch wirklicher eiserner Wille erworben.
,Sich selbst beherrschen und dann über andere herrschen -
so muß es sein, das will ich, und danach werde ich handeln.'
Na, mein Freund, dachte ich, du bist anscheinend herge-
kommen, uns das Wundern beizubringen - paß nur schön
auf, daß du bei uns nicht selber das Wundern lernst!"

"Ich übernachtete zusammen mit Pektoralis, und wir taten


fast die ganze Nacht kein Auge zu. Der durchfrorene
Deutsche hatte es sich auf Stühlen vor dem Kamin bequem
gemacht und wollte sich von diesem warmen Platz um nichts
in der Welt trennen; aber er kratzte sich wie ein von Flöhen
geplagter Pudel, und die Stühle unter ihm wackelten ständig
und machten mich durch ihr Knarren immer wieder munter.
Ich hatte mehrfach versucht, ihn dazu zu bewegen, auf das
Sofa überzusiedeln, aber das lehnte er hartnäckig ab. Am
frühen Morgen standen wir auf, tranken unseren Tee und
fuhren los. Gleich in der ersten Stadt schickte ich ihn mit
meinem Diener in ein Bad, befahl, ihn ordentlich abzuseifen
und in saubere Wäsche zu stecken, und von da an hatten wir
auf unserer Fahrt keinen weiteren Aufenthalt, und Pektora-
lis kratzte sich nicht mehr. Ich zog ihm auch seinen Gummi-
mantel aus, wickelte ihn in den Reservepelz meines Dieners,
und er erwärmte sich und wurde überaus lebendig und ge-
sprächig. Während seiner langsamen Reise war er nicht nur
durchgefroren, sondern auch ausgehungert, denn sein Ver-
pflegungsgeld reichte nicht, zumal er alsbald einen Teil
davon nach seinem Doberan geschickt und die übrige Zeit
fast ausschließlich von seinem eisernen Willen gelebt hatte.
Dafür hatte er allerdings etliche Beobachtungen und Auf-
zeichnungen gemacht, die einer gewissen Originalität nicht
entbehrten. Immer wieder waren ihm in Rußland Dinge auf-
gefallen, die noch keiner zu Gelde gemacht hatte und die
man mit Geschick, Beharrlichkeit und vor allem mit ,eiser-
nem Willen' zu Gelde machen konnte.
Ich war sehr zufrieden mit ihm, sowohl was mich selbst
anlangte als auch im Hinblick auf die Bewohner unserer
Kolonie, denen ich keine geringe Freude zu bereiten hoffte,
indem ich ihnen dieses Original mitbrachte, das es von An-
fang an darauf anlegte, mit Hilfe seines eisernen Willens in
Rußland große Erwerbungen zu machen.
Was er erwerben sollte, das werden Sie aus der weiteren
Entwicklung unserer Geschichte erfahren, jetzt gehen wir
schön der Reihe nach.
Zunächst einmal war dieser Pektoralis ein sehr guter, na-
türlich kein genialer, aber doch erfahrener, sachkundiger und
geschickter Ingenieur. Dank seiner Energie und Beharrlich-
keit liefen die Dinge, derentwegen er gekommen war, trotz
vieler unerwarteter Hindernisse ganz vortrefflich. Die Ma-
schinen, die er aufstellen sollte, waren in vielen Teilen sehr
ungenau gearbeitet und aus minderwertigem Material her-
gestellt. Deswegen einen Briefwechsel zu führen und neue
Teile anzufordern war keine Zeit, denn die Fabriken warte-
ten darauf, daß das Getreide gemahlen würde, und Pekto-
ralis machte vieles selbst. Die Teile wurden mehr schlecht
als recht in einer winzigen und erbärmlichen Graugießerei in
der Stadt gegossen, bei einem unglaublich faulen Kleinbür-
ger, der auf den Namen Safronytsch hörte, und, Pektoralis
stellte sich selbst an die Drehbank, um sie passend zu ma-
chen. All das konnte er tatsächlich nur mit Hilfe eines eiser-
nen Willens bewältigen. Die Dienste Pektoralis' wurden an-
erkannt und mit einer Erhöhung seines Gehalts belohnt, das

343
nun schon auf anderthalbtausend Rubel jährlich angestiegen
war.
Als ich ihn von dieser Erhöhung in Kenntnis setzte, be-
dankte er sich mit Würde, setzte sich augenblicks an seinen
Tisch und begann, irgend etwas auszurechnen, worauf ,er die
Augen zur Decke hob und äußerte:
,Das verkürzt also, ohne meinen Entschluß zu ändern, die
Frist um genau ein Jahr und elf Monate.'
,Was rechnen Sie da?'
,Ich rechne zusammen . . . es handelt sich nur um meine
persönlichen Pläne.'
,Ach, entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit.'
,Oh, das macht gar nichts': Ich hege ge~isse Erwartungen,
die vom Erwerb bestimmter Mittel abhängen.'
,Und die Gehaltszulage, von der ich Ihnen Mitteilung ge-
macht habe, verkürzt natürlich die Wartezeit?'
,Sie haben es erraten: Sie verkürzt sie um genau ein Jahr
und elf Monate. Ich muß das sofort nach Deutschland schrei-
ben. Sagen Sie, wann wird bei uns in die Stadt zur Post ge-
fahren?'
,Heute.'
,Heute? Das ist sehr schade: Da habe ich nicht genügend
Zeit, alles gehörig zu berichten.'
,Was für Unsinn!' sagte ich. ,Als ob es soviel Zeit
brauchte, seinen Kompagnon oder Kontrahenten über ein
Geschäft zu informieren.'
,Kontrahenten', wiederholte er und fügte lächelnd hinzu:
,Oh, wenn Sie wüßten, was für ein Kontrahent das ist!'
,Wieso? Natürlich irgend so ein trockener Bürokrat?'
,Eben nicht: Es ist ein sehr schönes junges Mädchen.'
,Ein Mädchen? Ei, ei, Hugo Karlowitsch, von was für
heimlichen Sündenhöreich da!'
,Sünden?' fragte er zurück, schüttelte den Kopf und fügte
hinzu: ,Ich habe keinerlei Sünden begangen, so etwas gibt
es bei mir nicht. Es handelt sich-um ein sehr, sehr wichtiges,
durchdachtes und solides Geschäft, das davon abhängt,
wann ich dreitausend Taler haben werde. Dann werden Sie
mich .. .'

344
,Auf dem Gipfel der Seligkeit sehen?'
,Na ja, noch nicht- noch nicht ganz auf dem Gipfel, aber
nahe daran. Auf dem Gipfel der Seligkeit werde ich erst
sein, wenn ich zehntausend Taler habe.'
,Heißt das alles nicht einfach, daß Sie heiraten wollen
und in Ihrem Doberan oder irgendwo in der Nähe ein hüb-
sches, liebes Mädchen haben, das ein bißchen von Ihrem
eisernen Willen besitzt?'
,Freilich, freilich, Sie haben völlig recht.'
,Nun, und als Leute mit festem Willen haben Sie einander
versprochen, Ihre Eheschließung so lange aufzuschieben, bis
Sie dreitausend Taler haben?'
,Freilich, freilich: Sie erraten vortrefflich.'
,Das ist ja auch nicht schwierig ZU erraten!' sagte ich.
,Wäre so etwas bei Ihren Landsleuten mit ihrem russischen
Charakter überhaupt möglich?'
,JetZt muß gar noch unser russischer Charakter herhalten I
Wie könnten wir uns wohl mit euch zum Tee an einen Tisch
setzen, wenn wir nicht auf eure Art die Nase zu rümpfen
verstünden.'
,Aber Sie haben noch nicht alles erraten', sagte er. '
,Was ist denn noch?'
,Oh, hier handelt es sich um einen wichtigen Versuch,
einen sehr wichtigen V ersuch, dessentwegen ich eben so
streng zu mir bin.'
Bleib du nur immer schön streng zu dir, Freundchen,
dachte ich bei mir, immer schön streng!, und damit ging ich
und ließ ihn seinen Brief an die ferne Braut schreiben.
Eine Stunde später erschien er mit einem Brief, den er ab-
zusenden bat, blieb bei mir zum Tee, war außergewöhnlich
gesprächig und ließ sich von seinen Wunschträumen zu fer-
nen Horizonten tragen. Und die ganze Zeit hing er seinen
Träumen nach und lächelte, als sähe er im Nebel eine Mil-
liarde leuchten. So glücklich sah der alte Halunke aus, daß
es geradezu unangenehm war, ihn anzublicken, und es mich
sehr verlangte, ihn irgendwo ein bißchen zu piksen, um ihm
wenigstens einen kleinen Schmerz zuzufügen. Dieser Ver-
suchung konnte ich nicht widerstehen, und als Hugo mich

345
plötzlich mir nichts dir nichts, umarmte und fragte, ob ich mir
vorzustellen vermöge, was aus der Ehe einer sehr willens-
starken Frau und eines sehr willensstarken Mannes hervor-
gehen könnte, antwortete ich ihm:
,Das kann ich.'
,Und was meinen Sie?'
,Ich meine, daß möglicherweise gar nichts daraus hervor-
geht.' '
Pektoralis machte erstaunte Augen und fragte:
,Woher wollen Sie das wissen?'
Er tat mir leid, und ich antwortete, ich hätte bloß Spaß
gemacht.
,Oh, Sie haben Spaß gemacht, aber das ist durchaus kein
Spaß, das kann tatsächlich eintreten, aber das ist eine sehr,
sehr wichtige Angelegenheit, für die auch mein ganzer eiser-
ner Wille benötigt wird.'
Hol dich der und jener, dachte ich bei mir, ich habe keine
Lust zu raten, was. du dir da zusammenspinnst! Und ich
hätte es ja sowieso nicht erraten.''

"Nun wirkte aber Pektoralis' eiserner Wille, der dort, wo


man von dem Deutschen Beharrlichkeit verlangte, durchaus
großen Nutzen brachte und von dem er sich für sein eigenes
Leben soviel versprach, auf uns in unserer russischen Einfalt
immer spaßig und erheiternd. Und das erstaunlichste dabei
war, es mußte zugestanden werden, daß dies gar nicht an-
ders sein konnte; es hatte sich einfach so gefügt.
Von Natur unendlich starrköpfig und hartnäckig, bewies
Pektoralis seine Starrköpfigkeit; in allem war er hartnäckig
und unnachgiebig im kleinen wie im großen. Er beschäftigte
sich mit seinem Willen, wie andere zur Entwicklung ihrer
Kräfte Gymnastik treiben, und er tat dies so systematisch
und unablässig, als sei es seine Berufung. Die beachtlichen
Siege, die er über sich selbst errang, machten ihn maßlos
selbstbewußt und brachten ihn bisweilen in höchst bedauerns-
werte, mitunter aber auch in unglaublich komische Situatio-
nen. So erlernte er beispielsweise dank seinem eisernen Wil-
len außergewöhnlich rasch und dabei grammatisch richtig
das Russische; allein ehe er es völlig beherrschte,. mußte er
schon eben wegen seines eisernen Willens dafür leiden - und
er litt heftig und schmerzhaft und zog sich schließlich Schä-
den an seinem Organismus zu, die später schwere Folgen
haben sollten.
Pektoralis hatte sich vorgenommen, in nicht mehr als einem
halben Jahr das Russische grammatisch richtig zu erlernen
und dann an einem von ihm selbst bestimmten Tag plötzlich
anzufangen, russisch zu sprechen. Er wußte, daß das Rus-
sisch von Deutschen komisch klingt, und er wollte nicht ko-
misch wirken. Er lernte allein, ohne irgendwelche Anleitung,
und dazu noch heimlich, so daß niemand von uns auch nur
die geringste Ahnung hatte. Bis zu dem festgesetzten Tag
sprach Pektoralis auch nicht ein einziges russisches Wort. Er
schien sogar die Wörter vergessen zu haben, die er gewußt
hatte, nämlich >>moshno<<, »ne moshno<<, >>tamoshno<< und >>pod-
roshno<<, dafür kam er eines schönen Morgens in mein Zim-
mer und sagte, zwar nicht ganz fließend und richtig, aber
doch ziemlich akzentfrei :
,Nun, seien Sie gegrüßt! Wie geht es Ihnen?'
,Ja ist denn das die Möglichkeit, Hugo Karlowitsch!' ant-
wortete ich. ,Da haben Sie uns aber auf die Schippe genom-
men!'
,Auf die Schippe genommen?' wiederholte Hugo nach-
denklich und war sogleich im Bilde: ,Ach ja ... das ... das
ist so. Nicht wahr, Sie sind erstaunt, ja?'
,Wie soll man da nicht staunen', antwortete ich. ,Sieh
einer an, wie er plötzlich Russisch spricht!'
,Oh, das mußte so sein.'
,Warum denn »mußte<<? Haben Sie etwa Ihre Begabung
für Sprachen entdeckt?'
Er überlegte wieder ein Weilchen und sprach vor sich
hin: ,
,Begabung für Sachen ... ' Er dachte nach.
,Begabung für Sprachen', wiederholte ich.

347
Pektoralis begriff sofort und antwortete in ausgezeichne-
tem Russisch:
,0 nein, nicht Begabung, sondern .. .'
,Ihr eiserner Wille!'
Pektoralis zeigte würdevoll mit dem Finger auf seine
Brust und antwortete: ,Genau das ist es.'
Und sogleich teilte er mir freundschaftlich mit, er habe
schon immer die Absicht gehabt, Russisch zu lernen, denn
er habe zwar mehrfach festgestellt, daß in Rußland einige
Landsleute von ihm leben, die das Russische nicht so ken-
nen, wie es sich gehört, aber das könne man sich nur im
Staatsdienst leisten, er als Angehöriger eines Zivilberufes
müsse anders handeln.
,Ohne das geht es nicht', legte er mir dar. ,Ohne das kann
man nichts Ordentliches anfangen, und ich will nicht, daß
mich jemand übers Ohr haut.'
Mich drängte es, ihm zu sagen: Mein Bester, bei Gelegen-
heit wird man dich auch damit übers Ohr hauen - wollte
ihn aber dann doch nicht kränken. Mochte er sich freuen!
Seitdem sprach Pektoralis mit allen Russen nur noch rus-
sisch; zwar machte er dabei Fehler, wenn diese Fehler aber
von solcher Art waren, daß er nicht das gesagt hatte, was
er hatte sagen wollen, dann ertrug er alles geduldig mit sei-
nem eisernen Willen und hätte das Gesagte um nichts in der
Welt zurückgenommen, was immer es für Folgen haben
mochte. Hier begann nun die Strafe für seine selbstgefällige
Eigenherrlichkeit. Wie es allen ergeht, die ihren Kopf immer
und um jeden Preis durchsetzen wollen, so erging es auch
Pektoralis: Er merkte selbst nicht, wie er zum Sklaven frem-
der Meinung wurde. Aus Furcht, sich auch nur ein wenig zu
blamieren, tat er Dinge, die er gar nicht wollte und auch
gar nicht wollen konnte, hätte es aber um nichts in der Welt
zugegeben.
Das wurde allerdings bald bemerkt, und der arme Pekto-
ralis wurde zum Gegenstand grausamer Späße. Sprachliche
Fehler machte er vorzugsweise bei Wörtern, mit denen er
rasch auf irgendeine Frage antworten mußte. Hier konnte es
nun vorkommen, daß er eine Antwort gab, die gerade das
Gegenteil v~n dem besagte, was er hatte ausdrücken wollen.
Beispielsweise fragte man ihn: ,Hugo Karlowitsch, möchten
Sie den Tee lieber dünner oder stark?'
Er war sich nicht sogleich darüber im klaren, was ,dünn'
und was ,stark' bedeutet, und antwortete:
,Stark; o ja, stark.'
,Sehr stark?'
,Ja, sehr stark.'
,Oder so stark wie nur möglich?'
,0 ja, so stark wie nur möglich.'
Man schenkte ihm Tee ein, der so schwarz war wie Teer,
und fragte ihn: ,Wird er auch nicht zu stark sein?'
Hugo sah, daß er sehr stark war, daß er durchaus nicht
so war, wie er ihn haben wollte, aber sein eiserner Wille ge-
stattete ihm nicht, das zuzugeben.
,Nein, so ist er richtig', antwortete er und trank seinen
entsetzlichen Tee; und als Verwunderung laut wurde, daß
er als Deutscher so starken Tee trinken könne, hatte er den
Mut zu antworten, er möge ihn gern so.
,Schmeckt er Ihnen so denn wirklich?' fragte man ihn.
,Oh, er schmeckt mir ganz mörderisch', antwortete Hugo.
,Das ist aber doch sehr schädlich.'
,Oh, nicht im geringsten schädlich.'
,Ehrlich gesagt, mir scheint, Sie haben sich ... einfach .. .'
,Was einfach?'
,Im Ausdruck geirrt.'
,Na hören Sie mal!'
Und obwohl er starken Tee nicht ausstehen konnte, ver-
sicherte er, er möge ihn ,mörderisch' gern, und man füllte
ihn nun mit solchen Mengen starken Tees, daß dieses Lieb-
lingsgetränk der Russen für Hugo zur Qual wurde; aber er
ließ sich nie etwas merken und trank anstelle von Tee so-
lange Teein, bis er eines schönen Tages einen Schlaganfall
bekam.
Der arme Deutsche lag etwa eine Woche fest, ohne sich
rühren und ohne sprechen zu können, doch als ihm die
Sprache wiedergeschenkt wurde, flüsterte er als erstes über
seinen eisernen Willen.

349
Nach seiner Genesung bekannte er: ,Ich bin zufrieden mit
mir' und drückte mit seiner schwachen Hand die meine.
,Was freut Sie denn so?'
,Ich bin mir nicht untreu geworden', sagt~ er, schwieg sich
aber darüber aus, worin denn nun die Selbstbeherrschung
bestand, die ihn so erfreute.
Aber damit waren seine Teequalen zu Ende. Er trank
keinen Tee mehr, weil ihm Tee seitdem strikt untersagt war,
und zur Wahrung seines Ansehens blieb ihm nur, diesen
Entzug zum Schein zu bedauern. Dafür aber sollte ihm schon
sehr bald ein ähnliches Mißgeschi~ mit dem französischen
Senf ,diaphane' widerfahren. Ich . kann mich nicht mehr
genau entsinnen, aber wahrscheinlich bei einer gleichen Ge-
legenheit wie mit dem Tee hatte Hugo Karlowitsch den Ruf
eines schrecklichen Liebhabers des französischen Senfs ,dia-
phane' erworben, der ihm nun aber wirklich zu jedem Ge-
richt gereicht wurde, und der arme Kerl aß ihn und strich
ihn sich sogar wie Butter aufs Brot und pries, das sei sehr
gut und schmecke ihm ganz mörderisch.
Die Versuche mit dem Senf endeten ebenso wie vorher
die Versuche mit dem Tee: Pektoralis starb beinah an einem
akuten Magenkatarrh, der zwar zum Abklingen gebracht
werden konnte, an dessen Folgen der arme Stoiker aber sein
ganzes Leben bis zu seinem tragikomischen Tode zu leiden
hatte.
Es haben sich auch noch viele andere erheiternde und be-
klagenswerte Begebenheiten dieser Art zugetragen; es ist
unmöglich, sich an alle zu erinnern und sie zu erzählen; un-
vergeßlich aber sind mir drei Fälle geblieben, in denen Hugo
durch seinen eisernen Willen zu leiden hatte, ohne behaup-
ten zu können, es widerfahre ihm genau das, was er wolle.
Das war die Phase, in der er seinen Höhepunkt erreichen
sollte, danach ging er taumelnd seinem Tiefpunkt entgegen.
7

Diese neue Phase begann im ersten Sommer, den Pektoralis


bei uns verbrachte, und sie begann damit, daß sich Hugo eine
ganz ungewöhnliche Equipage baute. Sie müssen nämlich
wissen, daß es von uns bis zur Stadt etwa vierzig Werst
waren, doch gab es einen Waldweg, auf dem es fast nur halb
so weit war. Dafür war dieser Weg freilich nahezu unpassier-
bar, nur die Bauern fuhren dort recht und schlecht mit ihren
zweirädrigen Karren, und selbst das mit großer Mühe. Hugo
wollte den kürzeren Weg benutzen, sich aber nicht auf einem
Bauernkarren durchrütteln lassen, und zimmerte sich daher
selbst eine Art antiken Rennwagen zusammen: Es war das
ein einfacher Armsessel mit gefedertem Sitz, den er auf einen
Rahmen gesetzt und auf der Vorderachse einer alten Kutsche
befestigt hatte. Dieses höchst eigentümliche Fahrzeug sah so
seltsam aus, daß die Bauern den darauf herumkutschieren-
den Pektoralis den ,mordwinischen Gott' nannten; das
schlimmste aber war, daß der Sessel, seiner Zimmerruhe be-
raubt, nicht die geringste Lust zum Reisen zeigte, das Rüt-
teln nicht vertrug und sehr oft aus seinem Rahmen sprang,
so daß es mehrfach geschah, daß Hugos Pferd allein nach
Hause trabte und der arme Hugo eine oder zwei Stunden
später mit dem Sessel auf dem Buckel angetrottet kam. Bis-
weilen erging es ihm noch schlimmer.
Einmal war er mit seinem Sessel im Sumpf gelandet und
saß dort fest, bis man ihn herauszog und in äußerst kläg-
lichem Zustand nach Hause brachte.
Den Leuten einreden, er habe das selbst gewollt, konnte
Hugo nicht, aber nicht nachgeben und seinen Dickkopf be-
haupten ;_ das konnte er, und das tat er mit erstaunlicher
Beharrlichkeit.
Die zweite Begebenheit trug sich wie folgt zu: Einmal war
Hugo stark durchnäßt von dem einen unserer beiden Prinzi-
pale direkt von der Jagd zum Teetisch geschleppt worden,
wo unsere ganze Kolonie in angenehmer Abendunterhaltung
beisammensaß. Für Hugo goß man ein Glas heißes Wasser
mit Rotwein ein und befragte ihn eingehend nach seinem

351
Jagdglück Er war ein guter Jäger und pflegte nicht sehr
aufzuschneiden, da sein eiserner Wille aber natürlich auch
hier zur Geltung kam, wirkte sein an und für sich recht harm-
loser Bericht interessant und erheiternd. Wir alle lauschten
dem Erzähler und lachten von Zeit zu Zeit, da wurde zum
nicht geringen Ärger aller unser gemütliches Beisammensein
plötzlich durch das Erscheinen nicht enden wollender Wes-
penscharen in unserem Zimmer gestört. Es war höchst selt-
sam und entschieden unbegreiflich, woher sie kamen. Zwar
standen die Fenster des Hauses, in dem wir zusammensaßen,
offen, doch ging draußen ein heftige,r Sommerregen nieder,
und die bösartigen Insekten konnten gar nicht fliegen; woher
mochten sie nur kommen? Sie wirbelten durch die Luft wie
die Blumen aus dem Hut eines Zauberkünstlers, liefen die
Tischbeine entlang, erschienen auf dem Tischtuch, den Tel-
lern, schließlich auf Hugos Rücken, und zu guter Letzt stach
eine die junge Hausfrau schmerzhaft in die Hand.
An eine Fortsetzung unserer Unterhaltung war überhaupt
nicht zu denken: Es gab eine große Aufregung, in der die
Nervosität der Damen und die Dienstbeflissenheit der Her-
ren ein s'chreckliches Durcheinander anrichteten. Man griff
zu den energischsten Maßnahmen: Alle rannten hin und her,
dieser schlug mit dem Taschentuch, jener jagte die Wespen
mit einer Serviette, einige brachten sich selbst schleunigst in
Sicherheit. An all diesem Hasten und Rennen nahm allein
Hugo nicht teil - und er wußte warum . . . Er allein stand
unbeweglich neben dem Stuhl, auf dem er bis dahin gesessen
hatte, und sah erbarmungswürdig und fürchterlich aus: Sein
Gesicht war von schrecklicher Blässe bedeckt, seine Lippen
zitterten, und die Arme zuckten im Krampf; sein ganzer noch
feuchter Rock aber und besonders der Rücken waren mit
Wespen übersät.
,Großer Gott!' riefen wir und eilten ihm von allen Seiten
zu Hilfe. ,Sie sind ja ein richtiges Wespennest, Hugo Kar-
lytsch.'
,0 nein', antwortete er, die Worte mühsam aneinander-
reihend, ,ich bin kein Nest, aber ich habe ein Nest.'
,Ein Wespennest?'

352
,Ja, ich habe es gefunden, aber es war naß -ich wollte es
mir ansehen und habe es mitgenommen.'
,Und wo ist es jetzt?'
,In meiner hinteren Rocktasche.'
,Das also ist des Rätsels Lösung!'
Wir zogen ihm den Rock aus (da die Damen das gefähr-
liche Zimmer schon längst verlassen hatten) und sahen, daß
der ganze Westenrücken unseres armen Hugo mit Wespen
übersät war, die auf seinem Rücken nach oben krochen, sich
erwärmten, ihre Flügel ausbreiteten und losflogen, während
aus seiner Tasche in unendlicher Kette immer neue Wespen
herausgekrochen kamen.
Zuallererst warfen wir natürlich Hugos Rock ·auf den
Fußboden und zertraten das Wespennest, das die Ursache
der ganzen Aufregung war, und nahmen uns dann Hugos
selbst an, der bis zur Besinnungslosigkeit zerstochen war,
aber keinen Schmerzenslaut von sich gab. Wir befreiten ihn
von den Wespen, die ihm unters Hemd gekrochen waren,
bestrichen ihn wie ein Würstchen mit Öl, legten ihn auf ein
Sofa und deckten ihn mit einem Bettlaken zu. Sein ganzer
Körper schwoll schnell an, und er litt offensichtlich unerträg-
lich; als aber einer der Engländer mitfühlend sagte, dieser
Mann besitze tatsächlich einen eisernen Willen, lächelte
Hugo und sagte, zu uns gewandt, mit leisem Vorwurf: ,Ich
freue mich sehr, daß Sie hieran nicht mehr zweifeln.'
Wir ließen ihn allein mit seiner Freude an seinem eisernen
Willen und unterhielten uns nicht mehr mit ihm, und der
arme Tropf wußte nicht, wie sehr alle über ihn lachten;
dabei harrte seiner bereits ein neues Abenteuer."

"Hier muß ich einflechten, daß Hugo,.wenn auch nicht gerade


geizig, so doch sehr berechnend und sparsam war, und da
seine Sparsamkeit zum Ziel hatte, möglichst bald die be-
nötigten dreitausend Taler zusammenzubringen, und da sie
ferner von seinem eisernen Willen begleitet war, dieses Ziel

23 Pilger 353
zu erreichen, lief sie letztlich doch auf sinnlosen Geiz hin-
aus. Er versagte sich einfach alles, was er sich nur versagen
konnte: Er kaufte sich keinen neuen Anzug, hielt keinen
Diener und putzte sich die Stiefel selbst. Einen Posten aber
gab es, dessentwegen er sich in erhebliche Unkosten stürzen
mußte, weil dies im Interesse einer vernünftigen Sparsam-
keit erforderlich war. Hugo erschien es zu teuer, ein Miet-
pferd zu benutzen, er beschloß, sich ein eigenes Pferd anzu-
schaffen, wollte das aber besonders schlau anfangen. Ge-
stüte, große wie kleine, gibt es in jener Gegend in Hülle und
Fülle; unter den Pferdezüchtern nun war ein gewisser Dmitri
Jerofejitsch, ein mittlerer Gutsbesitzer und Pferdezüchter mit
,Praxis'. Auf der ganzen Welt verstand es niemand so gut
wie dieser Dmitri Jerofejitsch, jemanden mit einem Pferd
hineinzulegen, und er haute seine Opfer nicht wie jeder ge-
wöhnliche, humorlose und prosaische Profitjäger übers Ohr,
sondern als Künstler, eher um sich zu produzieren, aus
Eitelkeit und Ehrgeiz. Je mehr dieser oder jener Käufer als
Kenner galt oder auftrat, um so kühner und dreister legte
Dmitri Jerofejitsch ihn hinein. Er freute sich unbeschreiblich,
wenn er auf einen solchen Kenner stieß, machte ihm Kompli-
mente und versicherte, es gebe für ihn nichts Angenehmeres,
als mit einem Mann zu tun zu haben, der alles verstehe.
Und in solchen Fällen gab sich Dmitri Jerofejitsch unendlich
bieder: Er pries das Pferd nicht an, sondern sagte ganz im
Gegenteil in halb wegwerfendem Ton: ,Na ja, Durchschnitt
sozusagen, das Pferdchen, nichts Besonderes dran, auf 'ne
Ausstellung kann man's nicht schicken; aber da steht es ja,
sehen Sie selbst.'
Und der Kenner sah sich das Pferd an, während Dmitri
Jerofejitsch nur dem Pferdeknecht seine Anweisungen gab:
,Drehe es nicht, drehe es doch nicht! Was drehst du dich
mit ihm im Kreise wie der Teufel vor der Frühmesse? Wir
sind doch keine Zigeuner. Laß doch den Herrn sich alles
richtig ansehen, steh ruhig. Dort am Bein hat es doch was
gehabt. Ist das vorbei?'
,Wo hat es was gehabt?' fragt der Käufer.
,Am Schienbein.'

354
,Das war nicht bei dem, Dmitri Jerofejitsch', bemerkt der
Pferdeknecht.
,Nicht bei dem? Nun, hol's der und jener, wer soll sie
alle im Kopf behalten. Sehen Sie es sich gut an, mein Bester,
damit Sie nichts übersehen, es ist ja nicht teuer, trotzdem
soll man sein Geld nicht zum Fenster hinauswerfen, dazu
ist es zu wertvoll; mich entschuldigen Sie bitte, ich bin müde
und gehe nach Hause.'
Er ging, und wenn er fort war, untersuchte der Käufer das
Bein, mit dem in Wirklichkeit nicht das geringste gewesen
war, noch sorgfältiger und bemerkte dabei nicht, worin die
eigentlichen Mängel bestanden.
War der betrügerische Handel vorbei, sagte Dmitri Jero-
fejitsch ungerührt: ,Geschäft ist Geschäft, aber prahle nicht
herum, du verstündest etwas. Das soll dir eine Lehre für
dein Geprahle sein.'
Doch auch Dmitri Jerofejitsch hatte eine bestimmte Stelle,
seine Achillesferse, wo er ziemlich leicht zu verletzen war.
Wie jeder gern besitzen möchte, was ihm nicht zukommt, so
wollte Dmitri Jerofejitsch gern, daß man ihm Vertrauen
schenke. Schon seit langem hatte er daran Geschmack ge-
funden und einmal den Ausspruch getan: ,Sieh nicht hin,
mach die Augen zu, nenn dich einen Dummkopf und verlaß
dich nur auf mich, dann werde ich dir alles akkurat erledi-
gen, für einen Hunderter geb ich dir ein Pferd, das einen
halben Tausender wert ist.'
Und das war auch tatsächlich der Fall, Dmitri Jerofejitsch
hatte in dieser Hinsicht seinen point d'honneur, eine Art
eisernen Willen. Weil nun aber ziemlich viele das ausnutz-
ten, wurde es für Dmitri Jerofejitsch sehr unvorteilhaft, und
er hätte sich dieses lästige Vertrauen schon längst gern vom
Halse geschafft. Freilich konnte er sich lange nicht dazu ent-
schließen, als der liebe Gott ihm aber unseren Pektoralis
sandte, vermochte Dmitri Jerofejitsch nicht mehr zu wider-
stehen. Kaum hatte Hugo begonnen, mit ihm über die Not-
wendigkeit zu sprechen, ein Pferd zu besitzen, und ihn ge-
beten, ihm auf Treu und Glauben ein Tier zu verkaufen, da
antwortete ihm Dmitri Jerofejitsch:

355
,Mein Lieber, was heißt heute auf Treu und Glauben!
Pferde habe ich viele, sieh dich um und such dir eins nach
deinem Geschmack aus, was sollen da Treu und Glauben!'
,Oh, schon gut, Dmitri Jerofejitsch, ich vertraue Ihnen, ich
verlasse mich auf Sie.'
,Und ich rate dir, mein Lieber, vertraue niemandem und
verlaß dich auf niemanden; was heißt denn, sich auf andere
verlassen? Kannst du denn nicht selber bis drei zählen?'
,Nun, ich will nicht streiten, aber mein Botschluß steht
fest: Hier haben Sie hundert Rubel, geben Sie mir dafür ein
Pferd. Das können Sie mir doch nich~ abschlagen.'
,Was heißt hier abschlagen? Hundert Rubel sind hundert
Rubel, warum sollte ich sie nicht nehmen; es ist mir nur
peinlich, daß es dir leid tun wird.'
,Es wird mir nicht leid tun.'
,Natürlich wird dir's leid tun! Du schüttelst doch dein
Geld auch nicht aus den Ärmeln, es sind deine schwer ver-
dienten Groschen, es wird dir leid tun, wenn ich dir eine
alte Mähre gebe, du wirst dich über mich beschweren.'
,Ich werde mich nicht beschweren.'
,Das sagst du jetzt so, aber wenn's dann soweit ist? Du
wirst dir übervorteilt vorkommen und dich beschweren.'
,Ich versichere Ihnen, daß ich mich bei niemandem be-
schweren werde.'
,Schwör' s !'
,Bei uns schwört man nicht, Dmitri Jerofejitsch.'
,Da haben wir's, nicht mal schwören willst du. Wie soll
ich dir da glauben?'
,Vertrauen Sie auf meinen eisernen Willen.'
,Na meinetwegen', entschied Dmitri Jerofejitsch, lud Pek-
toralis zum Abendbrot ein, rief den Pferdeknecht und sagte:
,Spannt mal die »Kratzbürste« vor Hugo Karlowitschs Schlit-
ten.'
,Die Kratzbürste, Dmitri Jerofejitsch?' wunderte sich der
Knecht.
,Ja, die Kratzbürste.'
,Einspannen soll ich sie?'
,Zum Kuckuck, was gibt's da noch zu fragen, du Dumm-
kopf? Wenn es heißt einspannen, dann tu's.' Und sich mit
einem Lächeln von dem Pferdeknecht abwendend, sagte er
zu Pektoralis: ,Ein Prachttier gebe ich dir da, Bruderherz,
eine junge Stute, hochbeinig, erstklassig gebaut und mit gold-
braunem Fell. Eine wunderbare Färbung, die reine Augen-
weide. Ich bin überzeugt, du wirst sie dein Leben lang nicht
vergessen.'
,Danke, danke', antwortete Pektoralis.
,Nun, danken kannst du später, wenn du erst mal richtig
mit ihr gefahren bist. Nur, wenn dann etwas an dem Pferd
nicht nach deinem Geschmack ist, dann denke an unsere Ab-
machung, schimpf nicht, beschwere dich nicht, denn ich kenne
deinen Geschmack nicht, weiß nicht, was du willst.'
,Ich werde mich bei niemandem beschweren, das habe ich
Ihnen schon gesagt, verlassen Sie sich auf meinen eisernen
Willen.'
,Na wenn's so ist, dann alle Achtung; ich, Bruderherz, be-
sitze dagegen überhaupt keinen Willen. Wie oft schon habe
ich mir vorgenommen, also von jetzt an wirst du mit allen
ehrlich umgehen, aber ich halte es einfach nicht aus. Was
soll man machen - hinterher beichte ich's dem Popen, aber
rückgängig kann ich's nicht machen. Ihr Lutheraner habt ja
überhaupt keine Beichte?'
,Wir beichten Gott.'
,Das nenne ich Freiheit: Kein Schwören und kein Beich-
ten I Übrigens habt ihr ja auch keine Popen und keine Hei-
ligen; na ja, woher solltet ihr auch welche nehmen, alle Hei-
ligen sind doch Russen. Leb wohl, mein Lieber, steig auf
und fahr zu, ich will mein Gebet sprechen und ins Bett
gehen.'
Und sie verabschiedeten sich.
Pektoralis kannte Dmitri Jerofejitsch als Spaßvogel und
war überzeugt, das alles sei Spaß; er zog sich an, trat vors
Haus und setzte sich auf seinen Schlitten, doch kaum hatte
er die Zügel in die Hand genommen, da jagte das Pferd los
und stieß mit der Stirn gegen eine Mauer. Er zog es nach
der anderen Seite, wieder machte es einen Satz und stieß
mit der Stirn gegen eine zugesperrte Scheune, und diesmal

357
hatte es sich so derb gestoßen, daß es sogar zu taumeln be-
gann.
Der Deutsche konnte diesen Spaß lange nicht begreifen
und fand auch niemanden, den er um eine Erklärung bitten
konnte, denn während das alles geschah, war im Hause jede
Spur von Leben erstorben, waren überall die Lichter er-
loschen und hatten sich alle Leute verkrochen. Es war toten-
still wie in einem verzauberten Schloß, nur der Mond schien
hell auf ein fernes Feld, das sich hinter dem weitgeöffneten
Tor erstreckte, und es herrschte klirrender Frost.
Hugo blickte hierhin und dorthin' und merkte: Hier ist
etwas faul; er drehte das Pferd mit dem Kopf zum Mond
und erschrak. Tot und stumm wie zwei trübe Spiegel starr-
ten die großen blinden Augen der armen Kratzbürste un-
beweglich in den Mond, und das Mondlicht spiegelte sich
in ihnen wie in Metall.
Das Pferd ist blind, erriet Hugo und ließ noch einmal sei-
nen Blick über den Hof schweifen.
In einem der Fenster glaubte er beim Mondlicht die hohe
Gestalt Dmitri Jerofejitschs zu sehen, der anscheinend noch
nicht schlief und sich den Mond ansah, sich vielleicht aber
auch zum Gebet anschickte. Hugo stieß einen Seufzer aus,
nahm das Pferd am Zaum und führte es vom Hof, und kaum
hatte man hinter Pektoralis das Tor zugesperrt, da leuchtete
in Dmitri Jerofejitschs Fensterehen ein friedliches Licht auf:
Der liebe Alte hatte wohl das Lämpchen vor dem Heiligen-
bild angezündet und war zum Gebet niedergekniet."

"Der arme Hugo war grausam und unbarmherzig betrogen


worden, er litt schwer unter der Verhöhnung, unter dem
Verlust, einem unerträglichen Groll und seiner verzweifelten
Lage auf freiem Felde - und all das ertrug er, ertrug er ge-
duldig und lief ganze vierzig Werst zu Fuß mit einem blin-
den Pferd, das seinen leeren Schlitten zog. Was machte er
aber nun mit all diesen Gefühlen und mit dem Pferd? Das
Pferd war wie vom Erdboden verschwunden, und er hat nie
jemandem gesagt, wo es geblieben ist (wahrscheinlich hat er
es in Ischim an Tataren verkauft). Und zu Dmitri Jerofe-
jitsch, auf dessen Hof alle unsere Leute gewöhnlich Rast
machten, fuhr Pektoralis nach wie vor, ohne in seinem Ver-
halten auch nur einen Schatten von Mißvergnügen erkennen
zu lassen. Lange, lange ließ sich Dmitri Jerofejitsch vor ihm
nicht blicken, dann aber begegneten sie sich einmal, und Pek-
toralis sagte von dem Pferd kein Wort.
Schließlich hielt Dmitri Jerofejitsch es nicht mehr aus und
fing von selbst an :
,Ach, ich vergesse immer, dich zu fragen: Wie geht's dei-
nem Pferdchen?'
,Alles in Ordnung, ein sehr gutes Pferd', antwortete Pek-
toralis.
,Natürlich, das bedarf keiner Worte, ein gutes Pferd; nur
wie fährt sich's denn mit ihm?'
,Gut fährt sich's.'
,Na, das ist ja wunderbar. Ich habe mir schon gedacht,
daß es sich gut mit ihm fahren lassen wird. Nur, warum bist
du denn heute nicht mit ihm gekommen?'
,Ich schone es ein wenig.'
,Aha, vortrefflich, das machst du sehr gescheit, schone es
nur, Bruderherz, schone es. Eine wunderbare Stute, es wäre
schändlich, ein solches Tier nicht wie seinen Augapfel zu
hüten.'
Und er erzählte allen Leuten treuherzig, Hugo KarlytsCh
sei über seine Kratzbürste des Lobes voll, bei sich aber
dachte er immer: Was ist das nur für ein Teufelskerl, dieser
Deutsche, weiß der Henker, in meinem ganzen Leben ist
mir so etwas zum erstenmal passiert: Da habe ich einen übers
Ohr gehaun, daß ihm Hören und Sehen vergeht, und er
schimpft nicht und beschwert sich nicht.
Und Dmitri Jerofejitsch wurde sogar von Unruhe befal-
len. Er konnte einfach nicht begreifen, was das zu bedeuten
hatte. Er berichtete nun selbst aller Welt, wie er Pektoralis
hereingelegt hatte, und beklagte sich heftig, daß der sich aus
irgendeinem Grunde nicht beschwere. Aber Pektoralis hielt

359
sich an die Abmachung, und als er erfuhr, was Dmitri Jero-
fejitsch überall erzählte, zuckte er nur mit den Achseln und
sagte: ,Kein bißeben Selbstbeherrschung.'
Dmitri Jerofejitsch war ein Fuchs, aber feige, abergläu-
bisch und gottesfürchtig; er bildete sich ein, Pektoralis brüte
über einem furchtbar schlau eingefädelten Racheplan, und
um seiner Seelenpein ein Ende zu machen, schickte er ihm
ein prachtvolles Pferd, das seine dreihundert Rubel weit
war, und ließ ihn grüßen und um Verzeihung bitten.
Pektoralis wurde puterrot, aber er befahl entschieden, das
Pferd zurückzubringen, und schrieb statt einer Antwort: ,Ich
schäme mich für Sie, Sie besitzen überhaupt keine Willens-
stärke.'
Und nun sah sich dieser Mann, der vor unseren Augen
eine solche Unmenge Experimente mit seinem eisernen Wil-
len angestellt hatte, plötzlich fast am Ziel seiner Wünsche:
Das neue Jahr brachte ihm eine neue Gehaltserhöhung, und
zusammen mit seinen früheren Ersparnissen besaß er nun mit
einem Schlag mehr als dreitausend Taler.
Pektoralis bedankte sich bei den Chefs und bereitete so-
fort alles Notwendige vor, um nach Deutschland zu reisen,
versprach aber, in einem Monat mit seiner Frau zurückzu-
kommen.
Große Reisevorbereitungen hatte er nicht zu treffen, er
machte sich auf den Weg, und wir warteten nun ungeduldig,
daß er mit seiner Gemahlin zurückkehre, die nach unser
aller Vorstellung etwas ganz Besonderes sein mußte.
Aber in welchem Sinne?
,Ganz bestimmt im argen, Freunde', behauptete voll Eifer
Dmitri Jerofejitsch.''

10

"Wir blieben nicht lange ohne Nachricht von Pektoralis:


Einen Monat nach seiner Abreise schrieb er mir,- er sei in
den Ehestand getreten, und nannte seine Frau nach russischer
Art Klara Pawlowna; nach einem weiteren Monat war er

~Go
wieder bei uns im Lande, nun mit seiner Frau, die wir, ehr-
lich gesagt, voll Ungeduld erwartet hatten und daher mit
etwas aufdringlicher Neugierde betrachteten.
In unserer Kolonie, wo die großen und kleinen Wunder-
lichkeiten Pektoralis' ja einem jeden bekannt waren,
herrschte die allgemeine Überzeugung, auch bei seiner Hei-
rat müsse irgend etwas Verschrobenes im Spiele sein.
Das war, wie wir noch sehen werden, tatsächlich der Fall,
nur konnten wir in der ersten Zeit nichts merken.
Klara Pawlowna war eine typische Deutsche - groß, an-
scheinend von bester Gesundheit, wenn auch mit etwas hä-
morrhoidaler Röte im Gesicht und einer höchst seltsamen
Eigenart: Ihre ganze linke Körperhälfte war viel massiger
als die rechte. Besonders auffällig waren ihre dickere linke
Backe, die aussah, als litte sie unter einem ständigen Zahn-
geschwür, und ihre Extremitäten. Sowohl ihr linker Arm
wie auch ihr linkes Bein waren länger als der rechte Arm
und das rechte Bein.
Hugo selbst machte uns hierauf aufmerksam und schien
darüber sogar Befriedigung zu empfinden. ·
,Hier dieser Arm', sagte er, ,ist etwas länger, und dieser
Arm hier etwas kürzer. Oh, das kommt nicht häufig vor.'
Ich sah dieses seltsame Spiel der Natur damals zum er-
stenmal und bedauerte den armen Hugo, daß er für seine
Frau statt eines Paares Schuhe und eines Paares Handschuhe
immer zwei verschiedene kaufen mußte; aber dieses Be-
dauern war völlig überflüssig, denn Madam Pektoralis
machte das anders: Sie nahm Schuhe und Handschuhe der
jeweils größeren Nummer, und daher steckte ein Bein von
ihr immer in einem Stiefel, der paßte, das andere in einem,
der ihr vom Fuß .fiel. Ebenso war es mit den Händen, wenn
sie Handschuhe tragen mußte.
Keinem von uns gefiel diese Dame, auf die, um die Wahr-
heit zu sagen, die Bezeichnung Dame nicht einmal recht
paßte, denn sie war sehr derb und gewöhnlich, und viele von
uns legten sich die Frage vor, was Pektoralis zu dieser stäm-
migen, vulgären Deutschen hingezogen haben mochte und ob
es sich gelohnt habe, ihretwegen solche Gelübde abzulegen
und zu erfüllen, wie er sie auf sich genommen hatte, um sie
heiraten zu können. Und dann war er noch so weit nach
Deutschland gefahren, um sie zu holen ... Daher verlangte
es uns bisweilen, ikm vorzusingen:
Was mußtest du nur in die Ferne rennen,
Eine Frau hätt'st du auch bei uns finden können.
Klaras Vorzüge bestanden natürlich in irgendwelchen in-
neren Werten - zum Beispiel in ihrer Willensstärke. Wir er-
kundigten uns danach: ,Besitzt Klara Pawlowna einen star-
ken Willen?'
Pektoralis zog eine Grimasse und antwortete: ,Einen ver-
teufelt starken.'
In die Gesellschaft unserer englischen Damen, unter denen
sich sehr gescheite Wesen von vortrefflicher Erziehung be-
fanden, paßte Klara Pawlowna überhaupt nicht, und das
fühlten sowohl sie selbst wie auch Pektoralis, der das übri-
gens nicht im geringsten bedauerte und sich überhaupt nicht
darum kümmerte, was die Leute von seiner Frau dachten.
Als waschechter Deutscher hatte er sie nicht zum Vorzeigen,
sondern für sich selbst geheiratet, und er machte sich nichts
daraus, daß sie der Umgebung, in die sie nun kam, so ganz
und gar nicht gewachsen war. Sie besaß, was Pektoralis
brauchte und am meisten schätzte: eisernen Willen, der in
Verbindung mit seinem eigenen eisernen Willen in der
Nachkommenschaft ein Wunder bewirken sollte, und das
war genug!
Was nur einige Verwunderung hervorrufen konnte, war,
daß niemand irgendwelche Beweise dieser Willensstärke zu
sehen bekam. Klara Pektoralis lebte dahin wie jede andere
Deutsche: Sie kochte ihrem Mann die Suppe, briet ihm sei-
nen Klops und strickte ihm seine Strümpfe und Socken, und
wenn Pektoralis, der damals viel nebenher verdiente, nicht
zu Hause war, saß sie mit dem Maschinisten Ofenberg
zusammen, einem unglaublich dummen und hölzernen
Deutschen aus Sarepta, der ihrem Mann zugeteilt worden
war.
Von Ofenberg brauche ich Ihnen nur ein paar Worte zu
sagen: Er war ein junger Mann, den alle Schauspieler imi-
tieren sollten, die die Rolle des von seiner Herrin verführten
Knechts in dem bekannten Singspiel ,Die Müllerin in Marly'
zu spielen haben. Wir hielten ihn alle für ein wenig be-
schränkt, obwohl er freilich etwas Berechnendes und leicht
Verschlagenes an sich hatte, wie es für bestimmte, ihre Ein-
falt zur Schau tragende Gestalten kennzeichnend ist, die
man in der Nähe der Jesuitenhäuser in der Rue de Sevres
und anderswo treffen kann.
Ofenberg war Pektoralis weniger als Mechaniker denn als
Dolmetscher zur Vermittlung seiner Anweisungen an die Ar-
beiter beigegeben worden; aber auch hier konnte er nicht
ganz befriedigen und richtete oft große Verwirrung an. Pek-
toralis duldete ihn trotzdem und fand ihn sogar noch dann
nützlich, als er schon selbst Russisch gelernt hatte. Mehr
noch, er hatte den dummen Ofenberg aus irgendeinem
Grund in sein Herz geschlossen und verbrachte mit ihm
seine gesamte Freizeit: Er wohnte mit ihm zusammen, hatte
bis zu seiner Hochzeit das Schlafzimmer mit ihm geteilt,
spielte mit ihm Schach, nahm ihn mit auf die Jagd und
wachte sorgfältig über seine Sittlichkeit, was ihm angeblich
von Ofenbergs Eltern und den Vorstehern der Sarepter
Herrnhutergemeinde ganz besonders aufgetragen worden
war. Überhaupt lebten Ofenberg und Pektoralis bei uns als
Freunde und trennten sich nur sehr selten. Jetzt war das
zwar anders geworden, denn Pektoralis war häufig auswärts,
doch bedeutete das keinerlei Gefahr für Ofenbergs Sittlich-
keit, über die in Abwesenheit ihres Mannes Frau Klara un-
ablässig wachte. So waren beide einander nützlich. Ofenberg
vertrieb Frau Klara die Langeweile, und sie behütete ihn
vor allen Versuchungen und Verführungen der Jugend. Auch
hier war alles klug und überlegt; allein den Teufel packte
der N~id, und er verkehrte alles in eine großartige Dumm-
heit, die dank der Geradlinigkeit und Originalität unseres
prächtigen Hugo in all ihrer Peinlichkeit bekannt werden
und das ganze Haus auf den Kopf stellen sollte.
Nach weiblichem Urteil trifft an dem, was ich jetzt er-
zählen werde, Hugo selbst unverzeihliche Schuld; aber wann
wäre bei den Damen wohl jemand anderes als die Ehemän-
ner schuld? Hören Sie bitte unparteiisch zu und urteilen Sie
selbst, ohne sich, von den Damen beeinflussen zu lassen."

11

"Seit Pektoralis' Heirat war das erste Jahr verstrichen, da-


nach ein zweites und schließlich ein drittes. Ebenso hätte
auch ein sechstes, ein achtes und zehntes da4ingehen können,
wäre nicht jenes dritte Jahr für Pe)<toralis in ökonomischer
Hinsicht außerordentlich glücklich gewesen. Aus diesem
Glück erwuchs auch das große Unglück, von dem Sie sogleich
hören werden.
Ich habe Ihnen wohl schon erzählt, daß Pektoralis ein
Kenner seines Faches war und dank der für ihn bezeichnen-
den Exaktheit und Beharrlichkeit und seinem eisernen Wil-
len alles, was er anfing, außergewöhnlich gut und gewissen-
haft ausführte. Das verschaffte ihm bald einen solchen Ruf
in der Umgebung, daß man ihn ständig hierhin und dorthin
bat, um eine Maschine in Gang zu setzen, eine andere zu
montieren und eine dritte zu reparieren. Unsere Prinzipale
legten ihm hierbei keine Hindernisse in den Weg, er konnte
alle Aufträge annehmen, und so war auch sein Verdienst an-
sehnlich. Seine Mittel vermehrten sich zusehends so, daß er
sich jetzt mit dem Gedanken trug, seinem Doberan untreu
zu werden und in R., dem Zentrum unseres Industriegebiets,
eine eigene mechanische Fabrik einzurichten.
Das ist nun ein sehr natürlicher und für jedermann ver-
ständlicher Wunsch, denn wer möchte sich wohl nicht aus
der Lage eines Tagelöhners befreien und wirtschaftlich mehr
oder weniger selbständig werden; aber Hugo Karlowitsch
hatte noch andere wichtige Beweggründe, denn mit d~r wirt-
schaftlichen Selbständigkeit war für ihn eine Erweiterung
seiner Lebensrechte verbunden. Sie werden vielleicht nicht
ganz verstehen, was ich damit sagen will, aber für ein Weil-
chen muß ich mit der Erklärung noch hinter dem Berg hal-
ten.
Ich kann mich freilich nicht entsinnen, wieviel Pektoralis
nach seinen Berechnungen brauchte, um eine eigene Fabrik
gründen zu können, aber es müssen so an die zwölf-
bis fünfzehntausend Rubel gewesen sein - und kaum
hatte er den letzten fehlenden Groschen zu diesem Betrag
hinzugefügt, zog er sogleich einen Schlußstrich unter
diesen Lebensabschnitt und verkündete den Beginn eines
neuen.
Dieser Neubeginn vollzog sich in drei Etappen, von denen
die erste darin bestand, daß Pektoralis erklärte, er werde
nicht mehr als Angestellter arbeiten, sondern in der Stadt
eine Fabrik eröffnen. Der zweite Schritt war die Einrichtung
dieser Fabrik, wozu in erster Linie ein Grundstück, und
zwar natürlich ein möglichst billiges und geeignetes, benötigt
wurde. Solche Grundstücke waren in der kleinen Stadt• nicht
zahlreich, und nur eins davon entsprach allen Anforderungen
Pektoralis' : auf dieses legte er seine Hand. Es war das ein
großes, weitläufiges Gelände, das auf der einen Seite an den
Marktplatz, auf der anderen ans Flußufer grenzte, und außer-
dem waren hier große alte Steingebäude, die mit geringfügigen
Kosten für die Produktion hergerichtet werden konnten.
Allerdings war die Hälfte dieses Grundstücks, das Pektora-
lis so ins Auge stach, seit eh und je langfristig an den Klein-
bürger Safronytsch verpachtet, der dort eine kleine Eisen-
gießerei hatte. Pektoralis kannte diese Gießerei und auch
Safronytsch selbst und hoffte, er werde ihn verdrängen kön-
nen. Safronytsch hatte ihm zwar in dieser Hinsicht keinerlei
Hoffnungen gemacht und ihm vielmehr rundheraus geant-
wortet, er werde nicht weichen; doch hatte sich Pektoralis
einen Plan ausgedacht, gegen den Safronytsch, wie er sich
ausgerechnet hatte, völlig machtlos sein wjirde. Und auf die-
sen Plan also bauend, kaufte er das Grundstück und kehrte
eines schönen Tags mit dem Kaufvertrag in der allerfröh-
lichsten Stimmung zu uns an seinen alten Herd zurück. Er
war so gut gelaunt, daß er sich große, ihm sonst völlig
fremde Kühnheiten herau&nahm - in aller Öffentlichkeit
seine Frau umarmte, seine beiden Prinzipale abküßte, Ofen-
berg an den Ohren in die Höhe zog - und dann verkündete,
er sei nun soweit, er danke für die Gastfreundschaft und
werde bald nach R. in seine Fabrik fahren.
Mir kam es vor, als sei Klara Pektoralis bei dieser Nach-
richt erblaßt, und Ofenberg schien so fassungslos, daß selbst
Hugo es bemerkte und laut lachend sagte: ,Oh! Das hast du
nicht erwartet, armer Trottel!' Und mit diesen Worten drehte
er den hölzernen Herrnhuter mit dem Gesicht zu sich, schlug
ihn derb auf die Schulter und sagte: ,Keine Angst, sei nicht
traurig, Ofenberg, sei nicht traurig, ich habe auch an dich
gedacht, ich lasse dich nicht im Stich, du bleibst bei mir,
jetzt aber mach dich sofort mit dic;:sem Zettel auf den Weg
in die Stadt und hole viel Champagner und alles andere,
was ich dort gekauft habe.'
Der Zettel enthielt eine Aufstellung der mannigfaltigsten
Waren, die Pektoralis in der Stadt gekauft und dort zurück-
gelassen hatte. Es war Wein dabei, mancherlei Leckerbissen
und vieles andere.
Er wollte uns anscheinend ein großes Fest geben, und tat-
sächlich, gleich am nächsten Tag, als alle diese Delikates··
sen gebracht worden waren, suchte er uns auf, um uns aus
Anlaß seiner Heirat abends zu einem großen Essen einzu-
laden.
Ich glaubte, nicht richtig hingehört zu haben, und fragte:
,Sie geben uns ein Abschiedsfest aus Anlaß Ihrer Abreise
und Ihrer Neuerwerbung?'
,0 nein; das werden wir noch dort feiern, wenn mein
Unternehmen gut angelaufen ist, heute gebe ich ein Fest,
weil ich heute heiraten werde.'
,Höre ich recht, Sie werden heute heiraten?'
,0 ja, ja, ja: Heute wird Klara Pawlowna ... ich werde
sie heute heiraten.'
,Was reden Sie da für Unsinn?'
,Gar keinen Unsinn, ich werde sie unbedingt heiraten.'
,Was heißt, Sie wollen sie heiraten? Sie sind doch, mit
Verlaub, schon drei Jahre verheiratet.'
,Hml Ja, drei Jahre, drei Jahre. Ach, Sie! Sie glauben, das
würde immer so bleiben, wie es die drei Jahre war. Natür-
lich, das hätte auch dreiunddreißig Jahre so bleiben können,
wenn ich nicht das Geld bekommen und mich selbständig
gemacht hätte; aber jetzt nicht, mein Lieber; Klara Pa-
wlowna, seien Sie unbesorgt, heute werde ich Sie heiraten.
Sie verstehen mich anscheinend nicht?'
,Kein Wort verstehe ich, kein Wort.'
,Die Sache ist doch ganz einfach: Klärehen und ich hatten
uns vorgenommen, wenn ich dreitausend Taler habe, werde
ich mit Klärehen Hochzeit halten. Verstehen Sie, nur Hoch-
zeit, nichts weiter, wenn ich aber selbständig geworden
wäre, dann wollten wir richtig heiraten. Verstehen Sie jetzt?'
,Du lieber Himmel', sagte ich, ,Sie .Ärmster, jetzt fürchte
ich, ich fange an zu begreifen, wie Sie ... drei Jahre ..• und
immer noch nicht geheiratet haben.'
,0 ja, natürlich, ich habe noch nicht geheiratet I Ich habe
Ihnen doch gesagt, wenn ich es nicht soweit gebracht hätte,
wie es nötig ist, hätte ich auch noch dreiunddreißig Jahre so
weitergelebt.'
,Sie sind ein erstaunlicher Mensch!'
,Ja, ja, ja, ich weiß ja selbst, daß ich ein erstaunlicher
Mensch bin - ich besitze einen eisernen Willen I Haben Sie
denn nicht verstanden, was ich Ihnen damals sagte, daß ich
mit dreitausend Talern noch nicht auf dem Gipfel der Selig-
keit sein werde, sondern nur nahe daran?'
,Nein', antwortete ich, ,damals habe ich das nicht ver-
standen.'
,Aber jetzt verstehen Sie es?'
,Jetzt verstehe ich's.'
,Oh, Sie sind ein gescheiter Mensch. Und was sagen Sie
jetzt über mich? Jetzt bin ich mein eigener Herr und kann
eine Familie haben; alles werde ich haben.'
,Ein Mordskerl sind Sie', sagte ich, ,ein Mordskerll Der
Teufel soll Sie holen, was sind Sie doch für ein Mords-
kerl .. .'
Und den ganzen Tag bis in den Abend hinein war ich über
diese Geschichte ernstlich aufgebracht.
Dieser deutsche Satan I ging es mir immer durch den
Kopf, der übertrumpft noch unseren Tschitschikow.
Und wie Reine im Traum immer den schwarzen preußi-
sehen Adler vor sich sah, der die Germania umklammerte,
so tanzte mir ständig dieser Deutsche vor den Augen herum,
der sich anschickte, heute, drei Jahre nach seiner Hochzeit,
der Mann seiner Frau zu werden.
Ich bitte Sie, was kann ein solcher Mensch nach alldem
noch aushalten und was nicht noch erreichen?
Diese Frage ging mir auch' während des ganzen langen
und üppigen Festschmauses nicht aus dem Sinn, bei dem alle,
ob Russen, Engländer oder Deutsche, betrunken waren, sich
küßten und Pektoralis gegenüber mehr oder weniger platte
Anspielungen machten, daß der au,sgedehnte Festschmaus
ihm glückliche und lang ersehnte Augenblicke stehle; aber
Pektoralis war durch nichts zu erschüttern; er war zwar auch
betrunken, sagte aber: ,Ich habe es nicht eilig; ich habe es
nie eilig, und ich werde immer zurechtkommen und alles zu
seiner Zeit erhalten. Bitte, bleiben Sie sitzen und trinken
Sie, ich habe ja einen eisernen Willen.'
In diesem Augenblick wußte der arme Kerl noch nicht,
wie sehr er diesen Willen brauchen würde und welche Prü-
fungen ihm noch bevorstanden."

12

"Am anderen Tag schlief ich dank diesem Festschmaus eine


gute halbe Stunde länger als gewöhnlich und verspürte auch
dann noch keine Lust aufzustehen, obwohl mein Diener mich
mit aufdringlicher Beharrlichkeit zu wecken suchte. Erst die
Wichtigkeit der Angelegenheit, die er mir mitteilte und die
ich nicht gleich begreifen konnte, ließ mich meine Müdigkeit
überwinden.
Es handelte sich um Hugo Karlowitsch - als ob sein alko-
holreicher Festschmaus noch nicht zu Ende wäre.
,Was ist denn los?' fragte ich, auf dem Bett sitzend und
meinen Diener aus verschlafenen Augen anblickend.
Es war aber folgendes los: Eine halbe Stunde nachdem
Pektoralis' letzter Gast sich auf den Heimweg gemacht hatte,
war Hugo im Morgengrauen vor die Tür 'seines Hauses ge-
treten, hatte einen lauten Pfiff ausgestoßen und gerufen:
,Nein so was I'
Nach einigen Minuten hatte er das mit größerer Laut-
stärke wiederholt und darauf einmal ums andre immer lau-
ter geschrien: ,Nein so was! Nein so was!'
Ein Nachtwächter war herangetreten und hatte gefragt:
,Was steht zu Diensten, Herr?' '
,Schick mir sofort »Nein so was<< I'
Der Wächter hatte den Deutschen angesehen und geant-
wortet:
,Geh schlafen, mein Lieber, was soll das I'
,Dummkopf I Schick mir >>Nein so was<<. Geh dorthin, dort
in das Haus, wo die Schlosser wohnen, wecke ihn dort in
.
seiner Kammer und sage ihm, er soll sofort hierher kom-
men.
Haben zuviel getrunken, die Heiden I hatte der Wächter
gedacht und war Ofenberg wecken gegangen: Der war ja
Deutscher und würde wohl eher begreifen, was der andere
Deutsche wollte.
Ofenberg war auch beschwipst gewesen und hatte die
Augen nur mit Mühe aufbekommen, war aber aufgestanden,
hatte sich angezogen und sich auf den Weg zu Pektoralis ge-
macht, der die ganze Zeit über in Hausschuhen auf den Stu-
fen vor seinem Haus gestanden hatte. Beim Anblick Ofen-
bergs hatte er am ganzen Leibe gezittert und ihn angeschrien:
,Nein so was!'
,Was wollen Sie?' hatte Ofenberg geantwortet.
,Nein so was, was ich will, das ist, nein so was, nicht mehr
da', hatte Pektoralis erwidert. Und brüsk seinen Ton än-
dernd, hatte er kommandiert: ,Los, komm mit.'
Er hatte Ofenberg mit ins Haus genommen, sich mit ihm
im Kontor eingeschlossen - und seitdem prügelten sie sich.
Ich wollte meinen Ohren nicht trauen; aber mein Diener
blieb bei seinem Bericht und fügte hinzu, Hugo und Ofen-
berg prügelten sich gefährlich; sie hätten sich eingesperrt, so
daß man nichts sehen könne, sie schrien auch nicht, und es
sei nur das schreckliche Klatschen von Schlägen und das
Weinen der Gnädigen zu hören.

24 Pilger
,Bitte, gehen Sie hin', sagte er, ,die anderen Herren sind
alle schon lange dort, denn sie haben Angst, daß es zu Mord
und Totschlag kommt; sie können aber nicht hinein.'
Ich stürzte zu Pektoralis' Haus und stellte fest, daß dort
tatsächlich unsere ganze Kolonie versammelt war und alle
aufgeregt vor Pektoralis' l'ür hin und her rannten. Die Tür
war, wie schon gesagt, fest verschlossen, und dahinter spielte
sich etwas Ungewöhnliches ab: Man hörte lautes Poltern,
jemand schlug einen anderen mit irgendeinem Gegenstand
und schleppte ihn herum. Schlug ihn einmal, schlug ihn noch
einmal, schleppte ihn ein Stück, warf ihn um und ließ ihn
los, dann wieder Schläge, und dann plötzlich anscheinend
eine Pause- und erneut Prügelei, und dazu das leise ~ hluch-
zen einer Frau.
,He, Herrschaften!' riefen wir. ,Nehmt Vernunft an ...
Schluß jetzt. Macht auf!'
,Wehe, wenn du antwortest!' war Pektoralis' Stimme zu
hören, und gleich darauf ging die Prügelei weiter.
,Genug jetzt, genug, Hugo Karlytsch !' riefen wir. ,Schluß!
Sonst heben wir die Tür aus!'
Diese Drohung hatte anscheinend gewirkt: Das Poltern
dauerte noch ein Weilchen an, hörte dann plötzlich auf, und
im gleichen Augenblick wurde der Türhaken zurückgewor-
fen, und Ofenberg stürzte uns entgegen - offensichtlich hatte
jemand ein wenig nachgeholfen.
,Was ist denn los, Ofenberg?' riefen wir alle wie aus
einem Mund, der aber rannte ohne ein Wort der Erwiderung
an uns vorbei.
,Du liebe Güte, Hugo Karlytsch, weswegen haben Sie ihn
so zugerichtet?'
,Er weiß schon, warum', antwortete Pektoralis, der selbst
nicht weniger zugerichtet war als Ofenberg.
,Aber, aber, was er Ihnen auch zugefügt haben mag, so
geht das doch nicht!'
,Und warum nicht?'
,Wie kann man denn einen Menschen so zusammenschla-
gen!'
,Warum nicht? Er hat mich doch auch geschlagen: Wir
haben unter gleichen Bedingungen einen russischen Kampf
ausgefochten.'
,Das nennen Sie einen russischen Kampf?'
,Freilich; ich habe ihm folgende Bedingung gestellt: rus-
sischer Kampf - und keinen Laut.'
,Na hören Sie mal', sagten wir, ,erstens, was soll das für
ein russischer Kampf ohne einen Laut sein? Da haben Sie
sich etwas ausgedacht, was ganz und gar nicht russisch ist.'
,Immer mit der Faust ins Gesicht.'
,Was heißt »immer mit der Faust ins Gesicht(( - das ma-
chen doch nicht nur die Russen so; und zweitens, weswegen
haben Siebeide sich denn so ereifert?'
,Weswegen? Er weiß schon', erwiderte Pektoralis. Diese
zweideutige Antwort spiegelte die ganze Tragik einer Situa-
tion wider, die für ihn offensichtlich viel Peinvolles enthielt,
gerade weil er auf so etwas ganz und gar nicht vorbereitet
gewesen war.
Bald nach diesem russischen Kampf zweier Deutscher zog
Pektoralis in die Stadt und sagte mir beim Abschied: ,Nein
so was, wissen Sie, ich habe mich sehr unangenehm ge-
täuscht.'
Da ich ahnte, worum es sich handeln mochte, schwieg ich,
doch Pektoralis beugte sich zu meinem Ohr und flüsterte:
,Nein so was, Klärehen hat durchaus nicht einen so eisernen
Willen, wie ich angenommen hatte, und sie hat sehr schlecht
auf Ofenberg aufgepaßt.'
Seine Frau nahm er natürlich mit, Ofenberg aber nicht.
Dieser arme Bursche blieb bei uns, bis seine Gesundheit, die
im russischen Kampf ein wenig gelitten hatte, wiederherge-
stellt war; er beklagte sich aber nicht über Pektoralis, son-
dern sagte nur, er habe nicht die geringste Ahnung, wes-
wegen der Kampf stattgefunden habe.
,Er hat mich holen lassen', sagte er, ,und geschrien: >>Nein
so was!<<, und dann hat er gesagt: >>Stell dich hin, und jetzt
machen wir einen russischen Kampf; und wenn du nicht
wiederschlägst, dann werde ich eben allein zuschlagen!<< Ich
habe lange stillgehalten, dann habe ich aber auch zugeschla-
gen.'

371
,Und alles wegen des )>Nein so was«?'
,Mehr habe ich nicht gehört, und mehr weiß ich nicht.'
,Nein so was, das ist doch seltsam!'
,Und schmerzhaft', antwortete Ofenberg.
,Und Sie haben Klara Pawlowna nicht den Hof gemacht,
Ofenberg?'
,Bei Gott, ich habe überhaupt nichts gemacht.'
,Und haben gar nichts auf dem Kerbholz?'
,Bei Gott, gar nichts.'
So blieb es also ein wenig zweifelhaft, in welchem Maße
dieser Joseph wirklich begangen hatte, wofür er hatte leiden
müssen; aber daß Pektoralis mit seinem eisernen Willen dies-
mal einen harten Schlag empfangen hatte, das stand außer
Zweifel, und obwohl es unschön und sündhaft ist, sich über
fremdes Unglück zu freuen, will ich Ihnen offen gestehen,
ich empfand ein wenig Genugtuung darüber, daß mein ein-
gebildeter Deutscher bei seiner Klara mangelnde Willens-
stärke feststellen mußte und sein Selbstbewußtsein dadurch
einen so unerwarteten Hieb erhalten hatte.
Dieser Hieb konnte natürlich nicht ohne Wirkung auf
Pektoralis bleiben, trotzdem vermochte er seinem eisernen
Willen noch nichts anzuhaben, der erst später auf tragi-
komische Weise, aber unter völlig anderen verhängnisvollen
Umständen gebrochen werden sollte, als nämlich Pektoralis
einen russischen Kampf mit einem wirklichen Russen aus-
fechten mußte."

13

"Pektoralis besaß genügend Willensstärke, um sich von dem


Mißbehagen, das ihm die Entdeckung mangelnder Willens-
stärke bei seiner Ehehälfte verursacht hatte, nicht unterkrie-
gen zu lassen. Leicht fiel ihm das natürlich nicht, und zwar
schon allein deswegen, weil er nun auf die Erfüllung seines
wohl sehnlichsten Wunsches verzichten mußte: die Frucht der
Verbindungzweier Menschen von eisernem Willen zu sehen;
doch als Mann mit Selbstbeherrschung unterdrückte er seinen
Kummer und machte sich mit verstärktem Eifer an seine ge-
schäftlichen Unternehmungen.
Er widmete sich der Einrichtung seiner Fabrik und war
dabei auf Schritt und Tritt darauf bedacht, den Ruf eines
Mannes zu wahren, der über den Dingen steht und stets sei-
nen Willen durchsetzt.
Ich hatte schon erwähnt, daß Pektoralis den vorderen Teil
eines Grundstückes erworben hatte, dessen hinterer Teil
langfristig an den Eisengießer Safronytsch verpachtet war,
und daß sich dieser kleine Mann auf keine Weise von dort
verdrängen ließ.
Der faule, träge und in den Tag hinein lebende Safro-
nytsch beharrte auf seinem einmal eingenommenen Stand-
punkt, daß er das Grundstück vor Ablauf des Kontrakts um
keinen Preis verlassen werde, und die Gerichte, die ihm das
Recht auf eine solche Beharrlichkeit zuerkennen mußten,
konnten ihm nichts anhaben.
Mit seinen lumpigen Leuten und seiner noch lumpigeren
Gießerei aber war er, wie hätte es anders sein können, dem
gutorganisierten Betrieb Pektoralis' im Wege. Und darüber
hinaus barg diese Situation etwas noch viel Unerträglicheres:
Nachdem Safronytsch einmal gemerkt hatte, daß das Recht
auf seiner Seite war, wurde er hochnäsig und übermütig und
erzählte aller Welt: ,Ich für meine Person kann diesen her-
gelaufenen Deutschen nicht riechen. Ich bin ein Patriot mei-
nes Vaterlandes und werde keinen Fingerbreit weichen. Und
wenn er prozessieren will, dann gehe ich zu meinem Be-
kannten, dem Gerichtsschreiber Shiga, der wird ihn schon
Mores lehren.'
Das nun konnte ein Mann, der eine so hohe Meinung von
sich hatte wie. Pektoralis, nicht hinnehmen, und er beschloß
seinerseits, sich Safronytschs auf seine Art und Weise, und
zwar ohne jede weitere Rücksichtnahme, zu entledigen; und
zu diesem Zwecke stellte er schon vorher schlau die Fallen
auf, in denen sich der unvorsichtige Bauer fangen sollte.
Pektoralis hatte seine Beziehungen zu Safronytsch, wie es
schien, mit außerordentlicher Voraussicht so gestaltet, daß
sich dieser, obwohl das Recht auf seiner Seite war, völlig in

373
Pektoralis' Hand befand und dies erst merkte, als alles schon
vorbei war oder zumindest vorbei zu sein schien.
Die Sache nahm indessen folgenden Verlauf:
Pektoralis hatte geschuftet und war reich geworden, wäh-
rend Safronytsch gefaulenzt und getrunken hatte und vor
dem Bankrott stand. Infolge der Konkurrenz Pektoralis'
schwammen Safronytsch nun auch noch die letzten Felle weg,
er ging unausweichlicher Bettelarmut entgegen, blieb aber
nichtsdestoweniger auch weiterhin im rückwärtigen Teil des
Grundstücks und wollte um keinen Preis weichen.
Ich entsinne mich noch gut dieses armen, willensschwachen
Menschen mit seiner russischen Harmlosigkeit, seinem Selbst-
vertrauen und seiner Unbekümmertheit.
,Was soll aus Ihnen werden, Wassili Safronytsch', sagten
die Leute zu ihm unter Hinweis auf den Rückgang seiner
Geschäfte, die unter dem machtvollen Griff Pektoralis' zu
einem Nichts zusammengeschmolzen waren. ,Sie sehen doch,
was für ein Räuber sich da dank IhFer Sorglosigkeit direkt
vor Ihrer Nase breitgemacht hat.'
,Aber, aber, meine Herren', antwortete Safronytsch unbe-
kümmert, ,was drohen Sie mir immer mit diesem Deut-
schen? Daß ich nicht lache: Auch ein Deutscher ist schließ-
lich kein Hund - auch ein Deutscher muß Brot essen; und
für mich langt es allemal.'
,Aber er nimmt Ihnen doch die ganze Arbeit weg.'
,Na und? Vieleicht soll das so sein, daß er für mich ar-
beitet. Von meinem angestammten Platz kriegt mich jeden-
falls keiner weg.'
,Sie sollten lieber nachgeben, er wird Ihnen eine Abstands-
summe zahlen.'
,Nein, meine Herren, ich weiche nicht. Ich bitte Sie, wohin
soll ich denn gehen? Ich habe hier meinen ganzen Betrieb,
und meine Frau mit ihren Trögen und Fäßchen, ihren Re-
galen und Wandbrettern: Wohin soll denn das alles?'
,Was reden Sie da für Unsinn, Safronytsch, ist es denn
ein solches Problem, das alles woandershin zu bringen?'
,Es sieht nur so aus, als sei das kein Problem, aber unsere
Sachen sind doch alle morsch, alle alt: Solange sie an Ort

374
und Stelle stehen, halten sie; rührt man s1e an, fällt alles
auseinander.'
,Sie können doch neue Sachen kaufen.'
,Wozu sollen wir denn Neues kaufen, Geld ausgeben -
man muß das gute Alte hüten: Behüte das Deine, und Gott
behütet dich. Und Gerichtsschreiber Shiga sagt mir auch
immer wieder: »Wenn ich dir einen ganz schlauen Rat geben
soll<<, sagt er, »dann rühr dich nicht vom Fleck; wir werden
diesem Deutschen«, sagt er, >>durch Abwarten die Luft ab-
schnüren<<.'
,Passen Sie nur auf, daß Ihr Shiga Ihnen nicht einen Bären
aufbindet.'
,Ich bitte Sie, warum sollte er! Freilich, hätte er das im
nüchternen Zustand gesagt, dann könnte es natürlich sain,
daß er mir aus menschlicher Schwäche einen Bären aufge-
bunden hätte; aber er schwört auch im Suff Stein und Bein.
>>Frohlocke, Safronytsch<<, sagt er zu mir, »große Dinge gehen
vor sich, und nicht zu deinem Untergang, sondern auf daß
dir Ruhm und Glückseligkeit zuteil werde!<<'
Solche Schmähreden Safronytschs fanden ihren Weg wie-
der zu Pektoralis und reizten ihn bis aufs Blut, raubten ihm
den letzten Rest von Geduld und veranlaßten ihn, sein
schwerstes Geschütz aufzufahren.
,Oho, wenn er seine Willensstärke mit mir messen will',
entschied Pektoralis, ,dann will ich ihm schon zeigen, wie er
mir durch Abwarten die Luft abschnüren wird! Genug!' rief
Hugo Karlytsch aus, ,ihr sollt sehen, wie ich ihm jetzt den
Garaus mache.'
,Er wird dir den Garaus machen', wurde Safronytsch hin-
terbracht; der aber bekreuzigte sich nur und antwortete:
,Keine Angst, wen Gott nicht verläßt, der lacht noch
immer zuletzt; Shiga hat mir gesagt: »Warte nur, wir sind
ein Brocken, an dem er ersticken wird,«'
,Meinen Sie wirklich?'
,Ganz gewiß. Shiga hat sehr richtig gesagt: >>Wir sind
Russen«, hat er gesagt, »oben Knochen und unten Fleisch.
Nicht wie die deutsche Wurst, die kann man ganz verspei-
sen, aber von uns bleibt immer etwas übrig.<<'

375
Diese Betrachtungsweise gefiel allen.
Einen Tag nach diesem Gespräch wurde Safronytsch von
seiner Frau geweckt:
,Steh schnell auf, Faulpelz - sieh dir mal an, was der
Deutsche mit uns gemacht hat.'
,Reg dich doch nicht immer über Kleinigkeiten auf', ant-
wortete Safronytsch, ,ich habe dir doch gesagt: Ich bin Kno-
chen und Fleisch, mich frißt keiner auf.'
,Sieh dir's nur an, Gartentür und Hoftor hat er zunageln
lassen; ich stehe auf, um an den Fluß zu gehen und Wasser
für den Samowar zu holen, da ist das Tor zugesperrt, und
man kann nicht hinaus, und aufmachen wollen sie nicht,
sagen, Hugo Karlytsch habe es verboten und alles dicht ver-
na~ln lassen.'
,Ja, jetzt schlägt's dreizehn!' sagte Safronytsch, ging zum
Zaun, prüfte Gartentür und Hoftor und merkte, sie ließen
sich tatsächlich nicht öffnen; er klopfte mehrere Male, aber
niemand antwortete. Da war der Mann mit Knochen nun in
seinem Hinterhof eingenagelt wie in einer Kiste. Wassili
Safronytsch kletterte auf einen Schuppen, warf einen Blick
über den Zaun und sah, daß Tor und Pforte von Hugo Kar-
lytschs Seite aus mit Brettern gründlich und solide zugenagelt
worden waren.
Safronytsch rief laut· die Namen aller, die er in Pektora-
lis' Haus kannte, aber niemand meldete sich. Keiner half
ihm, nur Hugo selbst trat aus dem Haus, seine abscheuliche
deutsche Zigarre zwischen den Zähnen, und sagte: ,Naaa,
was machst du nun?'
Safronytsch wurde beklommen zumute.
,Mein Bester', antwortete er Pektoralis von seinem Schup-
pendach herunter, ,was haben Sie denn hier vor? Das geht
doch nicht: Ich bin durch Kontrakt geschützt.'
,Und mir ist der Gedanke gekommen', antwortete Pekto-
ralis, ,dich noch durch einen Zaun zu schützen.'
So sta.nden sie, der eine auf den Stufen seines Hauses, der
andere auf seinem Schuppendach, und unterhielten sich.
,Was soll denn aus mir werden?' fragte Safronytsch, ,ich
kann ja jetzt gar nicht mehr hinaus.'
,Weiß ich, deswegen habe ich das ja gemacht, damit du
nicht raus kannst.'
,Was soll ich denn tun, selbst die Maus braucht doch ein
Loch, soll ich nicht mal das haben?'
,Laß dir alles mal schön durch den Kopf gehen und be-
sprich's auch mit dem Gerichtsschreiber; ich habe das Recht,
dir alle Löcher zuzunageln, denn von Löchern ist in deinem
Vertrag niclits gesagt.'
,Du liebe Güte, sollte davon wirklich nichts gesagt sein?'
,Das ist ja gerade der springende Punkt!'
,Das kann doch nicht möglich sein, mein Bester.'
,Streite nicht, sondern klettere lieber herunter und sieh
nach.'
,Da muß ich gleich runterklettern.'
Der arme Safronytsch kletterte vom Schuppendach her-
unter, ging in seine Wohnung, holte den mit dem alten Be-
sitzer abgeschlossenen Vertrag hervor, setzte die Brille auf
die Nase und machte sich aufgeregt ans Lesen. Er las den
Vertrag einmal durch und noch einmal und sah, daß er sich
tatsächlich in einer schlimmen Lage befand : Im Vertrag stand
nichts davon, daß im Falle eines Verkaufs des Grundstücks
der neue Besitzer nicht das Recht habe, Safronowitschs Hoftor
und Gartenpforte zuzunageln und ihn auf diese Weise zum
Gefangenen zu machen. Aber wer außer einem Deutschen
hätte auch auf so einen Einfall kommen können?
,Der Böse möge dir zusetzen wie du mir!' schrie der
arme Safronytsch und pochte erregt an den Zaun der Nach-
barin.
,Meine Beste', sagte Safronytsch zur Nachbarin, ,laß mich
doch bitte eine Leiter an deinen Zaun stellen, damit ich über
deinen Hof auf die Straße kann. Denk dir nur', sagte er,
,was der gemeine Deutsche mit mir gemacht hat: Eingena-
gelt hat er mich, hat mich in einer hinterhältigen Falle ge-
fangen, so daß ich nicht einmal zum Gerichtsschreiber gehen
kann. Laß mich mit meinen Kleinen nicht verhungern und
verdursten, bis die Sache vor den Richter kommt. Laß mich
über deinen Zaun klettern, bis die Obrigkeit mich irgend-
wie vor diesem Räuber geschützt hat.' ·

377
Die Nachbarin, eine Kleinbürgerin, erbarmte sich und ge-
währte Wassili Safronytsch Durchgang durch ihren Hof.
,Ist schon gut, mein Lieber', sagte sie, ,wie könnte ich dir
da Schwierigkeiten machen: Du bist ein guter Mensch -
stelle deine Leiter nur immer an den Zaun, davon werde ich
keinen Schaden haben, und ich werde hier drüben meine Lei-
ter aufstellen, dann könnt ihr nach Herzenslust über meinen
Zaun hin und zurück klettern, als wär's eine Paradestraße,
bis die Obrigkeit die Sache zwischen euch und dem Deut-
schen entschieden hat. Solche böse Streiche kann sie ihm ja
schließlich nicht erlauben, und mag. er zehnmal ein Deut-
scher sein.'
,Ich glaube nicht, meine Beste, daß sie ihm das erlauben
wird.'
,Solange sie es aber noch nicht verboten hat, lauf schnell-
stens zu Shiga, er wird die Sache schon in Ordnung bringen.'
,Ich will ja gerade zu ihm.'
,Lauf, mein Lieber, lauf; er wird schon irgend etwas aus-
tüfteln, dies oder jenes oder noch etwas anderes. Inzwischen
werde ich wohl am besten ein paar Bretterehen aus meinem
Zaun herausnehmen, damit du durchkannst.'
Safronytsch beruhigte sich - da tat sich ihm ein Ausschlupf
auf.
Sie machten eine Leiter auf der einen Zaunseite fest, eine
zweite auf der anderen Seite, und die Safronows hatten nun
wieder einen wenn auch nicht sehr bequemen Zugang zur
Außenwelt. Safronytschs Frau ging Wasser holen, er selber
aber lief zum Gerichtsschreiber Shiga, de.r vor langer Zeit
den Vertrag für ihn geschrieben hatte, und klagte ihm
schluchzend sein Leid: ,Immer hast du mir zugeredet, ich
solle keine Angst vor dem Deutschen haben, und jetzt hat
er so etwas mit mir gemacht, und an allem bist du schuld,
und dir haben wir's zu verdanken, daß wir mit den armen
Kleinen Hungers sterben müssen. So sieht also dein Ruhm
und deine Glückseligkeit aus!'
Der Gerichtsschreiber aber lächelte.
,Ein Dummkopf bist du', sagte er, ,ein Dummkopf, lieber
Freund Wassili Safronytsch, und ein Angsthase dazu: Kaum
ist über Nacht das Glück zu dir gekommen, da hast du schon
Angst davor.'
,Ich bitte dich', antwortete Safronytsch, ,soll das vielleicht
Glück sein, daß meine ganze Familie zu jeder Tages- und
Nachtzeit über einen fremden Zaun klettern muß? Auf solch
ein Glück will ich gern für mein ganzes Leben verzichten!
Und meine Kinder sind ja auch nicht gerade die größten,
schickt man einen was holen, dann zieht er sich, ehe man
sich's versieht, einen Splitter in den Bauch, fällt irgendwo
runter oder bricht sich ein Bein; und hin und wieder ist
meine Frau, wie sich's in einer Ehe gehört, schwanger,
denkst du, es macht ihr Spaß, dann immer über den Zaun zu
hüpfen? Wie sollen wir bei einer solchen Belagerung über-
haupt leben? Und an die Aufträge darf ich gar nicht den-
ken! Ganz zu schweigen davon, daß wir keinen schweren
großen Dampfkessel herausziehen können, nicht mal wenn
wir eine Egge zusammengebaut haben, wissen wir, wo wir
sie draußen abstellen sollen.'
Der Gerichtsschreiber wiederholte nur immer ein und das-
selbe.
,Ein Dummkopf bist du', sagte er, ,ein Dummkopf, Was-
sili Safronytsch.'
,Hör mir auf mit deinem ewigen >>Dummkopf<<. Schimpfen
allein hilft nicht, gib mir einen guten Rat.'
,Was brauchst du noch für einen guten Rat', sagte Shiga,
,bist du doch vom Herrn ohnehin über Verdienst auserko-
ren. '
,Kein Wort verstehe ich von dem, was du sagst.'
,Du verstehst eben deswegen nicht, weil du ein Dumm-
kopf bist, und zwar ein so großer Dummkopf, daß es für
meinen bedeutenden Verstand geradezu eine Zumutung ist,
sich mit deiner Dummheit abzugeben; ich antworte dir nur,
weil dir ein so übermäßiges Glück zuteil geworden ist- und
es freut mein Herz, wie glänzend es dir jetzt gehen wird.
Aber paß auf, vergiß mich nicht und überhebe dich nicht;
laß mich nicht zu kurz kommen.'
,Du machst dich über mich lustig, schäme dich.'
,Was ist denn los mit dir, bist du schon von allen guten

379
Geistern verlassen, daß du die menschliche Sprache nicht
mehr verstehst? Was heißt hier sich lustig machen, ich rede
von Tatsachen: Du bist von nun an ein gesegneter Mann,
wenn du dich im Wein nicht ersäufst.'
Der arme Wassili Safronytsch versteht nicht das geringste,
Shiga aber läßt sich nicht beirren.
,Nun geh, geh nach Hause, deine Paradestraße über den
Zaun, nur bitte den Deutschen um nichts und vertrag dich
nicht wieder mit ihm. Und der liebe Gott möge dich davor
bewahren, daß die Nachbarin in ihrem Zaun ein Loch für
dich macht, gehe du hübsch über die Leiter, w,:ie es angezeigt
ist, einen glücklicheren Weg als diesen kann es für dich gar
nicht geben.'
,Nun hör aber auf, sollen wir vielleicht in alle Ewigkeit
hin und her klettern?'
,Na und? Klettere nur immer, rühr nichts an und laß
alles, wie es ist, denn einen solchen Segen darf man nicht
mal mit dem Finger anrühren. Und jetzt geh nach Hause
und halte heute abend ein Fläschchen mit Traubenschnaps
bereit, ich werde auch über die Leiter zu dir klettern, und
wir wollen aus diesem freudigen Anlaß auf des Deutschen
Gesundheit trinken.'
,Komm_en kannst du meinetwegen, aber auf seine Gesund-
heit trinken werde ich gewiß nicht. Soll er lieber auf meinem
Leichenschmaus Plinsen essen und daran ersticken.'
Der Gerichtsschreiber aber tröstet ihn höchst vergnügt:
,Das ist alles möglich, Bruderherz, jetzt hat ein so lustiges
Spiel begonnen, daß du mit bestem Gewissen auf seine Ge-
sundheit trinken kannst; und auch dahin wird es kommen,
daß ihm auf deinem Leichenschmaus die Plinsen im Halse
steckenbleiben. Du weißt doch, in der Heiligen Schrift steht
geschrieben: ))Er hat sich eine Grube gegraben und wird
hineinfallen.<< Denkst du vielleicht, er wird nicht hineinfal-
len?' ·
,Der und gleich fallen! - Mit jedem Tag nimmt er an Ein-
fluß und Stärke zu.'
,Aber »ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke<<, wo ist
das gesagt? 0 ihr Kleingläubigen, ihr Kleingläubigen, wie
soll ich unter euch leben, wie euch ertragen? Lernt von mir,
was Gottvertrauen heißt: Schon vierzehn Jahre ist es her,
daß ich aus dem Dienst gejagt wurde, und noch immer trinke
ich meinen Wodka. Manchmal liege ich ganz am Boden und
will schon zu murren beginnen, da bietet sich wieder eine
Gelegenheit, und ich trinke wieder und preise den Herrn.
Nichts im Leben ist beständig, dir allein ist jetzt Glück,
Glück und nochmals Glück bis zum Grabe beschieden.
Gehe hin und warte auf mich, und reiß dein Maul schön
weit auf, damit du dich darüber wundern kannst, was wir
mit dem Deutschen machen werden. Um eines mußt du
beten .. .'
,Um was?'
,Daß er dich überlebt.'
,Ich werd mich hüten!' sagte Safronytsch und spie auf den
Fußboden.
,Spucke nicht, sag ich dir, sondern bete: Jetzt ist Glauben
vonnöten, denn für ihn beginnt eine schwere Zeit.'"

14

"In solchen Rätseln also hatte sich Shiga ausgedrückt.


W assili Safronytsch schlich wieder zu seinem von der
Außenwelt abgesperrten Haus, kletterte auf der Parade-
straße über den Zaun, schickte jemanden auf dem gleichen
Weg etwas kaufen, was er dem Gerichtsschreiber vorsetzen
konnte, und wartete in quälender Niedergeschlagenheit, die
er trotz der forschen Reden des Gerichtsschreibers nicht ab-
schütteln konnte.
Der seinerseits aber nahm die Angelegenheit nicht auf die
leichte Schulter: Er legte seinen fuchsroten Uniformrock an,
zog den Mantel darüber, setzte seinen roten Hut auf und
erschien auf Hugo Karlowitschs Hof, um eine Aussprache
zu erbitten. '
Pektoralis hatte gerade zu Mittag gegessen, saß am Tisch
und säuberte sich die Zähne mit einer kleinen Feder, die er
in einem Glasperlentäschchen aufbewahrte, mit dem ihm
Klara Pawlowna noch in jenen seligen Zeiten eine Über-
raschung bereitet hatte, als der glückliche Pektoralis ihre
Überraschungen noch nicht fürchtete und überzeugt war, sie
besäße einen eisernen Willen.
Als man ihm den Gerichtsschreiber meldete, wollte Hugo
Karlytsch, der wirtschaftlich schon den starken Mann zu spie-
len begann, ihn lange nicht empfangen. Kaum hatte der Ge-
richtsschreiber aber erklärt, er käme wegen eines wichtigen
Prozesses, sagte Hugo:
,Soll reinkommen.'
Der Gerichtsschreiber erschien und machte vor Pektoralis
sogleich einen tiefen Bückling. Dem gefiel das so, daß er
sagte: ,Nehmen Sie Platz und sitzen Sie.'
Der Gerichtsschreiber antwortete:
,Ich bitte Sie, Hugo Karlowitsch, wie könnte ich mir her-
ausnehmen, in Ihrer Gegenwart zu sitzen, ich habe russische
Beine, die reinsten Eichenstämme, und kann vor Ihnen,
einem so edlen Menschen, auch stehen.'
Aha, dachte Pektoralis: Dieser Gerichtsschreiber hat an-
scheinend den gebührenden Respekt vor mir und weiß, was
sich gehört, und er sagte noch einmal zu ihm: .
,Aber, warum denn, sitzen Sie!'
,Wirklich, Hugo Karlowitsch, es ist besser, wenn ich vor
Ihnen stehe: Wir wachsen ja im Stehen auf und sind von
klein auf daran gewöhnt, besonders gegenüber Ausländern
müssen wir immer höflich sein.'
,Ach, was sind Sie für eine drollige Nummer!' scherzte
Pektoralis gut gelaunt und drückte seinen Gast gewaltsam in
einen Sessel.
Dem blieb nichts anderes übrig, als ehrerbietig aus der
Tiefe seines Sitzes auf den äußersten Rand zu rücken.
,Und nun sagen Sie gefälligst, was Sie wollen. Wenn Sie
arm sind, dann mache ich Sie von vornherein darauf auf-
merksam, daß ich Armen nichts gebe: Wer arm ist, ist sel-
ber daran schuld.'
Der Gerichtsschreiber hielt die Hand vor den Mund und
antwortete, kriecherisch zu Pektoralis aufblickend:
,Das haben der Herr sehr wahr gesagt: Jeder Arme ist
selbst schuld, daß er arm ist. Manchem hat der liebe Gott
ja tatsächlich nichts gegeben, aber trotzdem ist er selber
daran schuld.'
,Was hat denn so einer für Schuld?'
,Er weiß nicht, was er zu tun hat, mit Verlaub. Bei uns
hat sich einmal folgendes zugetragen: Ein Regiment war bei
uns einquartiert, Kavallerie oder wie man sie nennt ... auf
Pferden.'
,Kavallerie.'
,Ganz recht, Kavallerie, damals also hat mir ein Ritt-
meister mit einem Male die ganze Philosophie beigebracht.'
,Ein Rittmeister kann niemandem Philosophie beibringen.'
,Der hat es aber getan, mit Verlaub, es ergab sich eine
besondere Gelegenheit, so daß er es konnte.'
,Eine besondere Gelegenheit, das ist etwas anderes.'
,Eine besondere Gelegenheit: Sie warteten auf ihren Kom-
mandeur, waren schon aufgesessen und rauchten Zigaretten,
da tritt ein armer Deutscher an sie heran und sagt: »Seien
Sie so gut<< und wie man eben so sagt, wenn man arm ist.
Der Rittmeister aber sagte: »Sie sind Deutscher?« - )>Ja<<,
sagte der andere. »Warum gehen Sie dann betteln? Treten
Sie in unser Regiment ein, und Sie werden wie unser Ge-
neral sein, auf den wir warten<<, und er gab ihm tatsächlich
nichts.'
,Nichts?'
,Nichts, mit Verlaub, der aber ging doch tatsächlich unter
die Soldaten und soll General geworden sein und diesen
Rittmeister zum Teufel gejagt haben.'
,Tücht'ger Kerl!'
,Das sage ich auch - ein tüchtiger Kerl; und deswegen
erweise ich jedem Deutschen immer die größte Hochachtung,
denn der liebe Gott allein weiß, was aus ihm noch werden
kann.'
Das ist ein vortrefflicher Mann, das ist ein sehr guter
Mann, dachte Pektoralis bei sich und fragte:
,Nun, Ihre Geschichte ist sehr hübsch; und wegen welchen
Prozesses sind Sie nun zu mir gekommen?'
,Wegen Ihres Prozesses, mit Verlaub.'
,Wegen meiiines?'
,Ganz recht, mit Verlaub.'
,Aber ich habe keinerlei Prozesse, mit Verlaub.'
,Jetzt werden Sie einen haben, mit Verlaub.'
,Doch nicht gar mit Safronow?' \
,Ganz recht, mit ihm, mit Verlaub.'
,Er hat keinerlei Recht dazu, ihm ist ein Zaun stehn ge-
sagt, und der steht auch.'
,Der steht.'
,Von einem Tor aber ist nichts gesagt.'
,Kein Wort ist davon gesagt, mit Verlaub, einen Prozeß
wird es aber trotzdem geben, mit Verlaub. Er ist zu mir ge-
kommen und hat gesagt: »Ich werde eine schriftliche Eingabe
machen.<<'
,Soll er doch.'
,Ich habe auch gesagt: »Eine Eingabe kannst du ruhig
machen, aber von einem Tor ist in deinem Vertrag nichts
gesagt.<<'
,Eben!'
,Ja, er sagt aber trotzdem ... gestatten Sie, daß ich es so
sage, wie er sich ausgedrückt hat?'
,Bitte.'
,Er hat gesagt: )>Und wenn ich alles verliere ... <<'
,Er hat ja schon alles verloren, mit Arbeit steht es bei ihm
ganz erbärmlich, seine Dampfkessel gehen aus.'
,So ist es, mit Verlaub.'
,Mit der Arbeit ist für ihn jetzt Feierabend.'
,Feierabend, das habe ich ihm auch gesagt: »Mit deiner
Fabrikation ist Feierabend, und niemand wird dir helfen;
durch das Tor kann nichts hinein- oder herausgebracht wer-
den.<< Er aber sagt: )>Lieber wilt' ich ins Grab steigen, als
diesem verrfluchterr Daitscherr weichen.«'
Pektoralis zog die Stirn in Falten und lief rot an.
,Hat er das wirklich gesagt?'
,Würde ich wagen, Ihnen etwas vorzulügen? So wahr ich
lebe," das hat er gesagt: )>verrfluchterr<<, hat er gesagt, dazu
noch was für ein )>verrfluchterr<<, und das vor vielen, vielen
Zeugen, fast vor der ganzen Kaufmannschaft, denn dieses
Gespräch ist im Gastraum einer Schenke geführt worden,
wo die besseren Leute ihren Tee trinken.'
,Nein, so ein Schweinehund!'
,So ein Schweinehund, mit Verlaub. Ich wollte ihn schon
zum Schweigen bringen, habe ihm gesagt: >>Wassili Safro~
nytsch, du solltest über die deutsche Nation ein bißchen vor~
sichtiger reden, Freundchen, denn bei uns gibt es viele große
Männer von dort<< - aber da fuhr er erst recht aus der
Haut und sagte solche Sachen, daß alle Gäste beim Zuhören
ihren Tee und Zucker vergaßen, und alle stimmten ihm zu.
,Was hat er denn gesagt?'
,Das ist ja etwas ganz Neues, hat er gesagt, ich aber halte
mich daran, wie es in den alten Zeiten war: In alten Zeiten,
hat er gesagt, ist in den Büchern von Zar Alexej Michailo-
witsch geschrieben worden, daß damals, als die ersten Deut-
schen nach Moskau kamen, dieses hergelaufene Volk nicht
etwa mal hier und mal dort angesiedelt werden durfte, son-
dern sie mußten alle zusammen in einer Vorstadt bleiben
und wurden als niedrigster Stand registriert.'
,Hm! Hat es wirklich so einen Ukas gegeben?'
,In manchen Büchern wird er erwähnt, mit Verlaub.'
,Das ist ganz und gar kein guter Ukas.'
,Das sage ich ja auch, das ist nicht gut, mit Verlaub, und
besonders, wozu das nach soviel Jahren wieder ausgraben,
mit Verlaub, und noch dazu vor einer großen Zuhörerschaft
und an einem öffentlichen Ort, wie es Gasträume von Wirts-
häusern nun einmal sind, wo über alles mögliche gesprochen
wird und die Gemüter zur Politik neigen.'
,So ein Schuft!'
,Natürlich, ein unanständiger Mensch, und das habe ich
ihm daraufhin auch gesagt.'
,Das haben Sie ihm gesagt?'
,Das habe ich ihm gesagt, mit Verlaub; nur hat es wegen
dieser meiner Worte zwischen uns eine hitzige Auseinander-
setzung gegeben, und es ist zu Beschimpfungen und schließ-
lich sogar zu noch mehr gekommen.'
,Was heißt das: Haben Sie miteinander einen russischen
Kampf ausgefochten?'

25 Pilger
,Ganz recht, mit Verlaub, einen russischen Kampf.'
,Und Sie haben ihn verprügelt?'
,Ich ihn und er mich, wie sich das im russischen Kampf
gehört, nur war es natürlich für ihn nicht so einfach, mich
zu besiegen, denn mir sind, wenn Sie zu sehen belieben, von
den hohen Wissenschaften alle Haare ausgefallen, und das,
was Sie hier auf meinem Kopf erblicken, das lasse ich aus
dem Hinterland hervorgucken; ja, mit Verlaub, aus den Re-
serven, ich kämme es aus dem Nacken nach vorn ... Er aber
hat eine ordentliche Mähne.'
,Eine ordentliche Mähne, der Schweinehund.'
,Ja, mit Verlaub; als ich daher sah, daß es mit dem Frie-
den aus ist und der Krieg beginnt, habe ich zuallererst meine
Haare wieder ins Hinterland verfrachtet und ihn am Schopf
gepackt.'
,Sehr gut!'
,Sehr gut, mit Verlaub; er hat mich freilich, ehrlich ge-
sagt, auch ganz schön zugerichtet.'
,Halb so schlimm, halb so schlimm.'
,Nein, es tut weh, mit Verlaub.'
,Halb so schlimm; ich werde Sie auf meine Kosten zum
Arzt schicken. Hier haben Sie gleich einen Rubel dafür.'
,Untertänigsten Dank. Ich habe ja gewußt, daß ich mich
auf Sie verlassen kann, nur ist das noch nicht der ganze
Schaden.'
,Was ist denn noch?'
,Ich habe eine schreckliche Unvorsichtigkeit begangen.'
,Sooo?'
,Nach dem ersten Kampf haben wir einen kurzen Waffen-
stillstand gehabt, denn man hatt~uns getrennt, und wir be-
gannen gleich zu streiten; ich weiß selbst nicht, wie ich dabei
in solche Rage geraten bin, daß ich das unmöglichste Zeug
über Sie zusammengeredet habe.'
,Über mich?'
,Ja, mit Verlaub; ich habe gewettet und gesagt: >>Reich
nur deine Beschwerde immer ein, reiche sie nur ein, du wirst
Hugo Karlytschs Willen nicht ändern und ihn nicht zwin-
gen, das Tor wieder aufzumachen.<<'
,Der Dummkopf glaubt wohl, er könne mich zwingen?'
,Er ist dreist davon überzeugt, mit Verlaub, und die an-
deren behaupten übrigens, mit Verlaub, dasselbe.'
,Die anderen I'
,Wie aus einem Munde.'
,Oh, das wollen wir sehen, das wollen wir sehen!'
,Und wie die frohlocken werden, mit Verlaub, wenn Sie
nachgeben.'
,Wer wird nachgeben, ich?'
,Ja, mit Verlaub.'
,Sie wissen wohl nicht, daß ich einen eisernen Willen be-
sitze?'
,Davon habe ich gehört, mit Verlaub, und in der Hoff-
nung darauf habe ich' es ja auch riskiert, mich auf diese un-
glückselige Wette einzulassen: Ich habe doch in aller Gegen-
wart auf Sie gewettet und mich hinreißen lassen zu sagen,
ich würde hundert Rubel auf den Tisch legen.'
,Nur zu. Sie werden zweihundert zurückbekommen.'
,Nur, mit Verlaub, sie warten jetzt alle im Wirtshaus auf
mich, und ich bin angeblich nach Hause gelaufen, um das
Geld zu holen, und nun bin ich zu Ihnen gekommen; denn
zu Hause, Hugo Karlytsch, habe ich nur zweieinhalb Rubel
und keine Kopeke mehr.'
,Hm, das ist nicht schön! Warum haben Sie denn kein
Geld?'
,Bin zu dumm, mit Verlaub, deswegen; und dann kann
man auch in einer Nation wie dieser hier nicht ehrlich
leben.'
,Ja, da haben Sie die Wahrheit gesagt.'
,Freilich, mit Verlaub, ich lebe anständig und bin arm:'
,Nun, halb so schlimm, ich werde Ihnen die hundert Rubel
geben.'
,Seien Sie mein Wohltäter: Das Geld ist ja nicht verloren,
mit Verlaub. Es hängt alles von Ihnen ab.'
,Ist nicht verloren, gewiß nicht, wenn Sie die zweihundert
von ihm bekommen haben; behalten Sie hundert für sich
und erstatten mir diese hundert zurück.'
,Ich werde sie bestimmt zurückgeben, mit Verlaub.'
Pektoralis reichte dem Gerichtsschreiber einen Geldschein,
und der brach, kaum daß er zur Tür hinaus war, in so lau-
tes und anhaltendes Lachen aus, daß er im Dunkeln nur mit
Mühe zum Nachbarhof fand, wo er über den Zaun zu Sa-
fronytsch kletterte, um seinen erfolgreichen Handel zu be-
gießen.
,Frohlocke', sagte er, ,russische Einfalt! Heute habe ich
dem Deutschen einen Klotz ans Bein gebunden, daß sich
der Satan eher von seiner Kette losreißt als er.'
,So erkläre es mir doch wenigstens', drängte Safronytsch.
,Ich sage nur das eine, er sitzt in der Falle - er sitzt
in der Falle seines Stolzes, und daraus gibt es kein Entrin-
nen.'
,Was macht das dem aus!'
,Schweig, Kleingläubiger, oder weißt du nicht, daß ein
Engel auf dem gleichen Pferde geritten und zu Fall gekom-
men ist; und da sollte der Deutsche nicht zu Fall kommen?'
Sie leerten ihre Gläser, verfaßten rasch die Beschwerde,
und Safronytsch trug sie am nächsten Morgen auf der Pa-
radestraße über den Zaun zum Gericht; und wenn er dem
Gerichtsschreiber auch nur zum Teil glaubte, daß ihm ,der
Prozeß ein unerwartetes Glück bescheren werde', so war er
jetzt doch beträchtlich ruhiger. Safronytsch löschte seinen
Gießereiofen, kündigte alle Aufträge, entließ seine Arbeiter
und wartete, wie diese ganze Angelegenheit ausgehen würde,
um derenwillen sich ganz allein der Gerichtsschreiber keine
grauen Haare wachsen ließ - der vertrank in den Wirts-
häusern lärmend die hundert Rubel, um die er Pektoralis
erleichtert hatte, und rühmte sich im Rausch unter allgemei-
ner Spannung und allgemeinem Neid sowie zum großen
Arger Hugo Karlytschs, wie grausam er den Deutschen ge-
prellt hatte.
All das .hatte dazu geführt, daß es in der Stadt nieman-
den gab, der die Verhandlung zwischen Safronytsch und
Pektoralis nicht herbeigesehnt hätte. Doch die Zeit verstrich;
Pektoralis plusterte sich auf wie der Frosch, der einen Och-
sen darstellen wollte, und Safronytsch scheuerte sich bei sei-
ner Zaunkletterei die ganze Vorderseite seines Anzugs auf,
bekam es mit der Angst zu tun und schickte, ohne daß Shiga
davon wußte, seine Frau und seine Kinder mehrfach zu Pek-
toralis, um Verzeihung zu erbitten.
Aber Hugo blieb unerbittlich.
,Nein', sagte er, ,ich werde seine Einladung annehmen,
aber die zu seinem Begräbnis, zum Plinsenessen, bis dahin
jedoch soll alle Welt erfahren, was mein eiserner Wille be-
deutet."'

15

"Endlich war es soweit, Safronytsch und Pektoralis erhiel-


ten eine Vorladung, ihr Termin war herangerückt, und beide
fanden sich vor Gericht ein.
Der Gerichtssaal war natürlich voll - ich hatte ja schon
gesagt, daß diese lächerliche Angelegenheit in der ganzen
Stadt bekannt war. Alle wußten über die kuriose Geschichte
Bescheid, auch über den Streich des Gerichtsschreibers, der
selbst überall ausgeplaudert hatte, wie der Deutsche von
ihm geprellt worden war. So waren wir alle, Pektoralis'
ehemalige Kollegen und unsere Prinzipale, gekommen, um
zu sehen und zu hören, wie der Fall verhandelt und wie er
ausgehen würde.
Sowohl Pektoralis wie auch Safronytsch waren ohne
Rechtsbeistand erschienen. Pektoralis war offensichtlich fel-
senfest von seinem Recht überzeugt und glaubte, was gesagt
werden müsse, könne niemand besser sagen als er selbst;
Safronytsch aber war einfach vom Pech verfolgt: sein Ge-
richtsschreiber hatte kommen und vor dem neuen Gericht für
ihn sprechen wollen, er hatte sich auch schon die ganze Zeit
darauf vorbereitet, nur hatte er sich so gut gerüstet, daß er
in der Nacht vor dem eigentlichen Termin betrunken von
der Brücke in den Graben gestürzt war und um ein Haar
den Tod des ,Dichterkönigs' erlitten hätte. Safronytsch war
ob dieses Mißgeschicks rioch jämmerlicher zumute, und er
ließ den Kopf hängen, während Pektoralis dadurch Auftrieb
erhielt: Er fühlte sich wohlgerüstet mit seinem unbeugsamen
eisernen Willen, der sich jetzt nicht nur vor irgendeinem
Privatmann oder im kleinen Familienkreis bewähren sollte,
sondern vor der Öffentlichkeit einer ganzen Stadt. Man
brauchte nur einen Blick auf Pektoralis zu werfen, um zu
ermessen, wie ernst er diesen Augenblick des Triumphs
nahm, und es konnte daher nicht der geringste Zweifel be-
stehen: er würde diesen Augenblick zu nutzen wissen, würde
es den Leuten schon beweisen, seinen Mitbürgern das Bild
eines standhaften und Resp·ekt einflößenden Mannes bieten
und sich zur Erinnerung für künftige Geschlechter sozusagen
selbst ein Bronzestandbild setzen. Mit einem Wort, es war,
wie die russischen Offiziere sagen, der ,Moment', von dem
alles abhing. Pektoralis wußte, daß die kuriose Geschichte
seiner Hochzeit und Heirat eine Menge spaßiger Berichte er-
zeugt und ihn mit seinem eisernen Willen zum Tages-
gespräch gemacht hatte. Zu den wahren Ereignissen, ange-
fangen von seiner zweimonatigen Winterreise im Gummi-
mantel bis hin zum russischen Kampf mit Ofenberg und
seinem Reinfall auf den plumpen Trick des betrunkenen Ge-
richtsschreibers, hatten sich ganz unmögliche erfundene Ge-
schichten gesellt. Und es muß gesagt werden, Pektoralis
selbst wußte, daß sich das Schicksal vorgenommen hatte,
ihm grausam mitzuspielen, und (wie das in einer Pechsträhne
so zu sein pflegt) drauf und dran war, ihm sogar das Aller-
notwendigste zu rauben: Umsicht, Wissen und Vernunft.
Erst kürzlich, als er seine Wohnung in der Stadt einrichtete,
hatte er alle durch den rationellen Komfort seines Hauses in
Erstaunen versetzen wollen und sich eine Warmluftheizung
gelegt, und dabei war ihm an irgendeiner Stelle ein grober
Schnitzer unterlaufen, so daß der Ofen im Keller des Hau-
ses rot glühte und zu zerspringen drohte, während es im
Hause eiskalt war. Pektoralis fror selbst, ließ seine Frau
frieren und erlaubte niemandem, ins Haus zu kommen, damit
nicht bekannt würde, was dort vor sich ging, den Leuten
aber erzählte er, er habe es warm und alles sei wunderschön.
In der Stadt liefen Gerüchte um, er sei übergeschnappt und
heize mit Wind, und die das erzählten, glaubten, wer weiß
wie gescheit zu sein. Es wurde auch erzählt, das Gefährt,
auf dem Pektoralis nach wie vor als ,mordwinischer Gott'
durch die Gegend fuhr, habe ihm einen schlimmen Streich
gespielt und sich beim Durchqueren einer Furt in seine Be-
standteile aufgelöst: der Sessel sei heruntergefallen und das
Pferd mit den bloßen Rädern allein nach Hause getrabt,
während er auf dem Sessel ein Sitzbad genommen habe, bis
der Gendarmeriechef vorbeigekommen sei und bei seinem
Anblick geschrien habe: ,Welcher Schafskopf hat ausgerech-
net hier einen Sessel hingestellt?'
Dieser Schafskopf war Pektoralis gewesen.
Und der Gendarmeriechef soll Pektoralis ohne viel Feder-
lesen von seinem Sessel heruntergehoben und zum Trocknen
in dessen kaltes Haus gebracht haben; den Sessel haben
viele angeblich noch hinterher im Fluß gesehen, man sagt,
die Bauern hätten die Stelle ,Deutschenfurt' genannt. Was
daran wahr und was übertrieben ist, ließ sich nur schwer
feststellen; aber Hugo Karlytsch hat anscheinend tatsächlich
einen Unfall gehabt, im Fluß gesessen und ist vom Gendar-
meriechef nach Hause gebracht worden. Der Gendarmerie-
chef hat selbst davon erzählt, außerdem ist das Gefährt des
mordwinischen Gottes nicht mehr gesehen worden. All das
brach nun, da ja, wie ich immer sage, ein Unglück selten
allein kommt, von allen Seiten gleichzeitig über Pektoralis
herein und verlieh ihm einen gewissen närrischen Anstrich,
der seinem aufkommenden, aber auch schon wieder schwin-
denden Ruf als tüchtiger und ·willensstarker Mensch alles
andere als zuträglich war.
Unser liebes Rußland, wo die großen Männer so rasch in
die Höhe wachsen und so bald wieder in der Versenkung
verschwinden, wurde auch Pektoralis zum Verhängnis. Ge-
stern noch war sein Wort auf seinem Fachgebiet für alle
Gesetz gewesen, heute, nachdem er sich von Shiga hatte
prellen lassen, fand er nicht einmal hier Glauben.
Der gleiche Gendarmeriechef, der ihn von seinem Sitzbad
im Fluß nach Hause brachte, lud ihn zu sich, um sich mit
ihm über den Bauplan für ein neües · Haus zu beraten, und
bat ihn:
,Mach es so', sagte er, ,daß die Fassade neun Sashen mißt,

391
wie es der Platz eben hergibt, und daß das Haus sechs Fen-
ster und in der Mitte einen Balkon und eine Tür hat.'
,Soviel Fenster, das geht hier nicht', antwortete Pektora-
lis.
,Warum denn nicht?'
,Der Maßstab erlaubt es nicht.'
,Nein, du verstehst mich nicht, ich will doch auf dem
Lande bauen.'
,Ob in der Stadt oder auf dem Lande, das spielt keine
Rolle, es geht nicht, der Maßstab erlaubt es nicht.'
,Was soll es bei uns auf dem Lande schon für einen
Maßstab geben?'
,Wie meinst du das? Der Maßstab gilt überall.'
,Ich sage dir, bei uns gibt es keinen Maßstab. Zeichne nur
ruhig sechs Fenster ein.'
,Und ich sage dir, es geht nicht', beharrte Pektoralis, ,es
ist ganz unmöglich: Der Ma0stab erlaubt es nicht.'
Der Gendarmeriechef blickte ihn eine Weile an und pfiff
dann vor sich hin.
,Es tut mir leid um dich, Hugo Karlytsch', sagte er, ,aber
da kann man nichts machen - anscheinend ist es wahr. Da
kann man nichts machen, ich muß einen anderen bitten, den
Plan zu zeichnen.'
Und danach erzählte er allen Leuten:
,Stellt euch vor, wie dumm Hugo ist! Ich sage zu ihm, ich
will auf dem Lande soundso viel Fenster in meinem Haus
haben, und er sagt mir: >}Der Maschtapp erlaubt es nicht.«'
,Das ist doch nicht möglich!'
,Doch, es ist wahr; bei Gott, die reine Wahrheit.'
,Nein, so ein Schafskopf!'
,Ja, denkt euch nur! Ich sage zu ihm: »Nimm doch Ver-
nunft an, Herzchen, ich will das doch in meinem eigenen
Dorf machen; welche Karte oder welcher Maschtapp kann
sich da erdreisten, es zu verbieten?<< Nein, ich habe das dem
Dummkopf einfach nicht klarmachen können.'
,Ja, er ist ein Dummkopf.'
,Natürlich ist er ein Dummkopf: auf einem Gutshof einen
Maschtapp zu finden. Ganz klar, er ist dumm.'

392
,Sonnenklar; und wer ist an alldem schuld?- Wir!'
,Freilich, wir.'
,Warum haben wir ihn so in den Himmel gehoben!'
,Na ja, natürlich.'
Mit einem Wort, unserm Pektoralis war zu jener Zeit das
Glück nicht gerade hold, und wenn er gewußt hätte, was
eine solche Strähne überhaupt und in Rußland ganz beson-
ders bedeutet, hätte er natürlich besser daran getan, Safro-
nytschs Tor nicht zuzunageln.
Aber Pektoralis glaubte an keine Strähnen und verlor den
Mut nicht, von dem er, wie wir noch sehen werden, weit
mehr besaß, als seine Vergangenheit hätte erwarten lassen.
Er wußte, die Hauptsache ist, den Mut nicht zu verlieren,
denn wie Goethe gesagt hat: ,Mut verloren - alles verlo-
ren'- und deswegen erschien er zum Prozeß mit Safronytsch
als der gleiche unnachgiebige und energische Pektoralis, den
ich einst auf der kalten Poststation Wassilew Maidan ge-
troffen hatte. Natürlich war er jetzt älter geworden, aber
sein Aussehen, seine Furchtlosigkeit, sein unerschütterliches
Selbstbewußtsein und seine hohe Meinung von sich selbst
waren unverändert.
,Warum haben Sie denn keinen Rechtsbeistand genom-
men?' flüsterten ihm seine Bekannten zu.
,Ich habe meinen Rechtsbeistand bei mir.'
,Wer ist es denn?'
,Mein eiserner Wille', war Pektoralis' knappe Antwort vor
dem entscheidenden Augenblick, als man mit ihm schon
nicht mehr sprechen durfte, weil die Gerichtssitzung ihren
Anfang genommen hatte."

16

"Die Beschreibung von Gerichtssälen und Gerichtsverhand-


lungen hat für mich etwas so Bedrückendes an sich, daß ich
davon absehen möchte, Ihnen die verschiedenen Personen
und alle Einzelheiten dessen zu schildern, was dort vor sich
ging, und lieber gleich berichte, was dabei herauskam.

393
Safronytsch, in seinen langschößigen braunen Rock ge-
hüllt, der durch die Zaunreisen vorn etwas gelitten hatte,
stand ehrerbietig vor dem Richter, trat unruhig von einem
Bein aufs andere und trug sein Anliegen vor, seine Worte
mit einfältigem Kopfschütteln und müden Handbewegungen
begleitend, während Hugo dastand wie Napoleon, die Arme
auf der Brust verschränkt, und entweder gelassenes Schwei-
gen bewahrte oder einsilbige, bestimmte und entschiedene
Antworten gab.
Der unkomplizierte Fall war ohne weiteres klar: Von dem
Tor und einer Durchfahrt durch den Hof war im Kontrakt
tatsächlich nichts gesagt, und am Ton des Richters, der dies-
bezügliche Fragen stellte, war deutlich zu erkennen, daß Sa-
fronytsch ihm leid tat, er aber keinerlei Möglichkeit sah,
ihn zu schützen oder ihm zu helfen. Soweit hatte Safronytsch
seinen Prozeß verloren; doch da wurde das Unmögliche
Wirklichkeit, und der Prozeß nahm eine für alle völlig un-
erwartete Wendung. Der Richter legte die Unterlagen vor,
die bestätigten, welche Verluste Safronytsch durch Pektora-
lis' eigenmächtiges Vorgehen erlitten hatte. Sie waren nicht
besonders übertrieben: Für die Zeit nach der Einstellung sei-
ner Produktion waren sie mit fünfzehn Rubel täglich ange-
geben.
Die Berechnung war exakt, klar und glaubwürdig. Safro-
nytsch hätte tatsächlich einen Verlust in dieser Höhe haben
können, wäre sein Betrieb ordentlich gelaufen, was ja aber
nie der Fall gewesen war, da Safronytsch in den Tag hinein
lebte und sich um nichts kümmerte.
Das Gericht jedoch sah nur eins: den täglichen Verlust in
einer Höhe, die möglich erschien und als bewiesen galt.
,Was können Sie hierzu sagen, Herr Pektoralis?' fragte der
Richter.
Pektoralis zuckte die Achseln, lächelte und antwortete,
das ginge ihn nichts an.
,Aber Sie fügen ihm Verluste zu.'
,Geht mich nichts an', antwortete Pektoralis.
,Und wollen Sie sich nicht aussöhnen?'
,0 nein, nie!'

394
,Und warum nicht?'
,Herr Richter', antwortete Pektoralis, ,das ist unmöglich.
Ich habe einen eisernen Willen, und alle wissen: Was ich
einmal beschlossen habe, das muß so bleiben und kann nicht
geändert werden. Ich werde das Tor nicht aufsperren.'
,Ist das Ihr letztes Wort?'
,0 ja, mein absolut letztes Wort.'
Und Pektoralis stellte sich mit vorgerecktem Kinn in Posi-
tur, während der Richter zu schreiben begann - und was er
schrieb, war nicht sehr lang, aber gut.
Sein Entscheid brachte Pektoralis den vollen Triumph sei-
nes eisernen Willens und fügte ihm gleichzeitig eine tödliche
Wunde zu - Safronytsch aber brachte er, genau wie Shiga
vorausgesagt hatte, ein völlig unerwartetes Glück.
Das Gerichtsurteil öffnete nicht etwa das von Pektoralis
zugenagelte Tor - es beließ dem Deutschen das Recht, sei-
nem eisernen Willen dieses Vergnügen zu gönnen, doch
dafür verpflichtete es Pektoralis, Safronytsch seine Verluste
in Höhe von fünfzehn Rubeln täglich zu ersetzen.
Safronytsch war mit diesem Entscheid zufrieden. Zur all-
gemeinen Verwunderung aber äußerte auch Pektoralis
höchste Befriedigung.
,Ich bin sehr zufrieden', sagte er, ,ich habe gesagt, das
Tor wird zugenagelt, und es bleibt zugenagelt.'
,Aber das wird Sie pro Tag fünfzehn Rubel kosten.'
,Völlig richtig; aber er hat nichts gewonnen.'
,Fünfzehn Rubel pro Tag hat er gewonnen.'
,Davon rede ich nicht.'
,Warten Sie mal, was wird das ausmachen: achtundzwan-
zig Arbeitstage im Monat ... '
,Außer dem Kasaner Marienfest.'
,Ja, außer dem Kasaner Marienfest - das sind zweihun-
dertundachtzig und einhundertvierzig - zusammen vierhun-
dertzwanzig Rubel monatlich. Etwa fünftausend im Jahr.
Bester Hugo Karlytsch, einen solchen Sieg soll der Teufel
holen! Er hätte doch nie soviel verdient: Er hat Sie einfach
zu seinem Leibeigenen gemacht.'
Hugo zwinkerte mit den Augen, er merkte, daß der Spaß

39S
ihm teuer zu stehen kam, aber er hatte seine Willensstärke
bewiesen - und zahlte am Monatsersten bei Gericht den Be-
trag für Safronytschs Seelenfrieden und als Entschädigung
für seine Verluste ein.
So ging das nun weiter: Immer, wenn der Erste des Mo-
nats kam, brachte Safronytsch die fünfzehn Rubel Monats-
pacht zum Gericht, die er Pektoralis schuldete, und trug
von dort auf dem Weg über die Leiter vierhundert-
zwanzig Rubel nach Hause, die Pektoralis für ihn eingezahlt
hatte. ~
Fürwahr, ein gutes Geschäft; für Safronytsch begann ein
herrliches Leben! So gut war es ihm noch nie gegangen, und
an ein so leichtes, ungebundenes und einkömmliches Leben
hätte er nicht einmal zu denken gewagt. Er sperrte seine
Schmiedeessen und Schuppen zu, spazierte quietschvergnügt
umher, pfiff sich eins, ging Tee trinken oder ließ sich mit
dem Gerichtsschreiber zu einem Wodka einladen, dann klet-
terte er über seine Leiter, schlief friedlich und versicherte
aller Welt: ,Ich', sagte er, ,hege keinerlei Groll gegen den
Deutschen. Den hat mir Gott für meine Einfalt gesandt.
Jetzt habe ich nur vor einem Angst, daß er vor mir sterben
könnte. Gebe Gott, daß er nicht stirbt, er hat versprochen,
zu meinem Leichenschmaus zum Plinsenessen zu kommen,
und sein Wort hält er ja zuverlässig. Füttere ihn dann nur
schön mit Plinsen, Frau, einstweilen aber möge Gott ihn
noch viele Jahre behüten, damit er für mich arbeiten kann.'
Und da Safronytsch wirklich kein bösartiger Mensch war,
hegte er tatsächlich uneingeschränktes Wohlwollen für Hugo
Karlytsch, und bei Begegnungen nahm er, sobald er ihn auch
nur von ferne erblickte, gleich die Mütze ab, verbeugte sich
und schrie: ,Guten Tag, Väterchen Hugo Karlytsch! Guten
Tag, du mein Ernährer.'
Aber Hugo hatte für diese herzliche Einfalt kein Ver-
ständnis, faßte sie als Kränkung auf und ärgerte sich jedes-
mal darüber.
,Scher dich fort', sagte er, ,du Bauer; klettere über deinen
Zaun, wo ich dir den Weg zugewiesen habe.'
Doch der gutmütige Safronytsch antwortete:
,Warum bist du nur so zornig, mein Herzenstrost, wor-
über ärgerst du dich? Wenn es sein muß, klettere ich auch
über den Zaun, du sollst deinen Willen haben, aber ich
bringe dir doch nur meine ganze Verehrung entgegen und
will dich nicht im geringsten beleidigen.'
,Das wäre noch schöner, wenn du dich erdreis~en würdest,
mich zu beleidigen!'
,Ich erdreiste mich ja gar nicht, mein Gebieter, ich erdreiste
mich nicht, weswegen denn auch I Im Gegenteil, jeden Mor-
gen und jeden Abend bete ich für dich mit meiner ganzen
Familie zum lieben Gott.'
,Darauf kann ich verzichten.' .
,Ach, mein Wohltäter, aber wir können nicht darauf ver-
zichten, denn der liebe Gott soll dich uns möglichst lange
erhalten, und ich präge meinen Kindern immer wieder ein:
>>Vergeßt nicht«, sage ich, >>meine Lämmchen, unser Wohl-
täter muß mindestens hundert Jahre leben und dann noch
zwanzig auf allen vieren kriechen.«'
Was bedeutet das, auf allen vieren kriechen? überlegte
Pektoralis. Hundert leben und zwanzig kriechen ... auf allen
vieren. Ist das gut oder schlecht, auf allen vieren kriechen?
Er beschloß, sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, und
erfuhr, es sei eher schl€cht als gut, und seitdem wurde diese
Begrüßung für ihn zu einer neuen Pein. Doch Safronytsch
blieb seiner Gewohnheit treu und schrie jedesmal: ,Guten
Tag und gute Gesundheit, und mögest du noch auf allen
vieren kriechen.'
Die Familie des Prozeßverlierers Safronytsch mußte ihren
Verkehr mit der Außenwelt zwar über den Zaun bewerk-
stelligen, lebte aber dank der von Pektoralis erhobenen Kon-
tribution in einem Wohlstand, wie sie ihn bis dahin nie ge-
kannt hatte, und genoß, nach einem Ausdruck Shigas, himm-
lische Ruhe; dafür erging es dem Prozeßgewinner Pektoralis
um so übler. Die ihm auferlegte Kontribution machte sich
im Laufe der Monate so empfindlich bemerkbar, daß sie
nicht nur seine laufenden Einnahmen verschlang, sondern
ihn endgültig zu ruinieren drohte.
Freilich nahm Pektoralis sich zusammen und beschwerte

397
sich bei niemandem über sein Schicksal; als einer, der sein
Recht auf allgemeine Achtung in aller Öffentlichkeit be-
hauptet hatte, machte er sogar einen heiteren Eindruck, aber
in dieser Heiterkeit begann sich schon etwas Gekünsteltes
abzuzeichnen. Und es war ja auch undenkbar, daß dieser
Dickschädel nicht voraussehen sollte, wie das alles enden
würde, und er konnte doch diesen komischen und verzwei-
felten Ausgang nicht frohen Sinnes erwarten. Der Fall war
einfach und klar. Wieviel Pektoralis auch immer arbeiten
und wieviel er auch verdienen mochte, er würde alles zur
Befriedigung Safronytschs brauchen. Schließlich konnte er in
den ersten Jahren doch nicht mehr als fünf- bis sechstausend
verdienen, und davon blieb ihm gar nichts, weder für die
Ausweitung seines Unternehmens noch zum eigenen Lebens-
unterhalt. Daher zeigte sein Unternehmen gleich zu Beginn
Anzeichen eines schnellen Niedergangs, und das traurige
Ende war schon vorauszusehen. Pektoralis' Wille war groß,
doch sein Kapital war zu klein, derartigen Launen stand-
zuhalten, und in Rußland erworben, strebte es wieder nach
Rußland zurück, dorthin, woher es gekommen war. Pekto-
ralis hatte eine harte Prüfung zu bestehen und war offenbar
entschlossen, lieber zugrunde zu gehen, als sich lebendig zu
ergeben, und wer weiß, wie diese Geschichte zu Ende ge-
gangen wäre, hätte der Zufall nicht eingegriffen und ihr einen
unvorhergesehenen Ausgang beschieden."

17

"Der von mir beschriebene Zustand währte ein ganzes Jahr


und noch ein zweites, Pektoralis wurde immer ärmer und
zahlte, während Safronytsch unaufhörlich trank, sich schließ-
lich völlig dem Alkohol ergab und in den Straßen herum-
trieb. Der Prozeß hatte also beiden Parteien keinen Nutzen
gebracht, es fand sich aber jemand, der dem Problem klüger
zu Leibe ging- Safronytschs Frau Marija Matwejewna, die,
zwar ebenso einfältig wie ihr Mann, diesem gegenüber den
glücklichen Vorzug hatte, daß sie begriff: ,Und wenn wir
dem Deutschen nach und nach alles weggenommen haben,
was soll dann werden?'
Diese Überlegung war durchaus nicht aus der Luft gegrif-
fen und zeitigte wichtige Konsequenzen. Marija Matwejewna
sah, was zu sehen übrigens keine Kunst war, daß Pektoralis'
Fabrik am Ende des zweiten Jahres die Produktion völlig
eingestellt hatte und Hugo selbst im bittersten Frost ohne
Pelz herumlief, in einem alten, abgetragenen Rock, und nur
aus Dünkel ein Pincenez an einem Schnürchen heraushängen
ließ. Er besaß kein Vermögen mehr und, was das schlimmste
war, auch keinerlei Ansehen außer dem eines Narren, das
er sich durch seinen eisernen Willen erworben hatte. Das
aber war natürlich zu nichts zu gebrauchen.
Zud~m war damals noch ein anderes Unglück über ihn
hereingebrochen: Seine teure Ehehälfte hatte ihn verlassen,
und zwar auf die dreisteste und hinterhältigste Weise,
indem sie alles mitgenommen hatte, was sie an Wertvollem
zusammenraffen konnte. Zum Unglück wurde Klara Pawlo-
wnas Handlungsweise noch von jedermann gebilligt, denn
man fand, sie habe einfach davonlaufen müssen, erstens, weil
in Pektoralis' Haus absonderliche Öfen stünden, die im Flur
geheizt würden und in den Zimmern nicht wärmten, und
zweitens, weil er selbst einen absonderlichen Charakter be-
säße, einen so widerwärtigen Charakter, daß es schlechthin
unmöglich sei, mit ihm zusammenzuleben: Was er sich ein-
mal in den Kopf gesetzt habe, das müsse auch unbedingt
geschehen. Man wunderte sich sogar, daß sie ihm nicht schon
früher davongelaufen war und ihn bestohlen hatte, als es
noch besser um ihn stand und er noch nicht alles Geld zu
Safronytsch geschleppt hatte.
Der vom Mißgeschick verfolgte Hugo war also von allen
Seiten betrogen und von allen Seiten für schuldig befunden
worden, und man kann nicht einmal sagen, man habe ihm
die Schuld völlig unbegründet zugeschrieben. Bestehlen hätte
man ihn natürlich nicht dürfen, ein Zusammenleben mit ihm
war aber wohl tatsächlich nicht zumutbar, und so lebte er
nun mutterseelenallein und, man kann schon sagen, in Armut
und Elend, gab aber trotzdem nicht nach und bewahrte sei-

399
nen eisernen Willen. In keiner besseren Lage freilich war,
wie ich schon gesagt habe, auch Safronytsch, der seine ganze
Zeit in Wirtshäusern und Schenken zubrachte und den Deut-
schen, sooft er ihm begegnete, dadurch in Wut brachte, daß
er ihm wünschte, er möge hundert Jahre in Gesundheit
leben und zwanzig Jahre auf allen vieren kriechen.
Wenn wenigstens das nicht gewesen wäre; wenn Pektora-
lis wenigstens von dieser Schande und diesem Schimpf be-
freit worden wäre, dann hätte er alles andere leichter er-
tragen.
So aber reichte er, wohl mehr, um. etwas Bewegung in die
Situation zu bringen, Klage ein und forderte, Safronytsch
für diese ,alle viere' zu bestrafen, auf denen zu kriechen nach
Pektoralis' Ansicht für einen Deutschen nicht der geringste
Grund bestand.
,Er selbst ist es, der oft auf allen vieren aus den Wirts-
häusern gekrochen kommt', sagte Pektoralis, auf Safronytsch
zeigend; aber unserem Safronytsch blieb das Glück genauso
blindlings treu, wie Pektoralis hartnäckig vom Pech verfolgt
wurde, und der Richter teilte erstens nicht Hugos Ansicht
über den Ausdruck ,auf allen vieren' und konnte nicht ein-
sehen, warum nicht auch ein Deutscher auf allen vieren krie-
chen sollte; und zweitens war der Richter der Meinung, wenn
man diesen Ausdruck in dem Zusammenhang betrachte, in
dem er gebraucht war, dann sei ,nach hundert Jahren Leben
auf allen vieren kriechen' in Safronytschs Mund nur ein
Ausdruck des aufrichtigsten Wunsches, Pektoralis möge ein
beispielhaft langes Leben beschieden sein, hingegen sei der
von diesem letzteren verwandte gleiche Ausdruck über Sa-
fronytschs Kriechen aus den Wirtshäusern als Beleidigung
gemeint, für die Hugo eine Buße zu zahlen habe.
Hugo wollte seinen Ohren nicht trauen, er hielt das alles
für himmelschreienden Unverstand und eine empörende
russische Ungerechtigkeit. Nichtsdestoweniger wurde er auf
Antrag des frohlockenden Safronytsch dazu verurteilt, die-
sem zehn Rubel Entschädigung zu zahlen, und verlor den
Rest seiner Fassung. Pektoralis mußte, um Safronytsch für
die Beleidigung mit ,allen vieren' Genugtuung zu leisten,

400
seinen letzten Groschen opfern und fühlte danach, daß ihm
nur noch übrigblieb, den Tag seiner Geburt zu verfluchen
und zusammen mit seinem eisernen Willen zu sterben. Er
hätte das sicherlich auch getan, wären ihm nicht durch den
Vorsatz, seinen Feind ,zu überleben' und auf dessen Leichen-
begängnis Plinsen zu essen, die Hände gebunden gewesen.
Schließlich mußte ein Pektoralis ja Wort halten I
Pektoralis befand sich in gewisser Weise in der Lage
Harnlets - zwei Wünsche und zwei Willen stritten jetzt in
seiner Brust, und als ein Mensch, dem das Schicksal schon
so übel mitgespielt hatte, war er außerstande zu entscheiden,
ob's ,edler im Gemüt' sei, mit eisernem Willen Hand an sich
zu legen oder mit eisernem Willen seine Tage weiterhin in
erbärmlichem Zustand dahinzuschleppen.
Die zehn Rubel aber, die er zum Gericht getragen hatte,
um Safronytsch für den Ausdruck ,alle viere' Genugtuung
zu leisten, waren sein letztes Geld gewesen, und er wußte
nicht mehr, wovon er seine Kontribution für den nächsten
Monat zahlen sollte.
Na ja, sagte er sich, sie werden zu mir kommen und sehen,
daß ich nichts besitze ... Ich besitze nichts, und heute habe
ich noch nicht einmal etwas gegessen, und morgen ... morgen
werde ich auch nichts essen, und übermorgen auch nichts -
und dann werde ich sterben ... Ja, ich werde sterben, aber
mein Wille wird eisern bleiben.
Während sich aber Pektoralis in dieser wahrhaft schreck-
lichen Lage befand und die verzweifeltsten Augenblicke sei-
nes Lebens durchmachte, hielt das Schicksal schon eine über-
raschende Wendung bereit, von der ich nicht recht weiß, ob
ich sie als glücklich oder als unglücklich bezeichnen soll.
Zum gleichen Zeitpunkt trat nämlich auch in Safronytschs
Schicksal ein Ereignis von größter Wichtigkeit ein - ein Er-
eignis, das die gesamte Sachlage mit einem Schlage entschei-
dend verändern und den Kampf dieser zwei Helden mit
einem ganz unwahrscheinlichen Finale krönen sollte."

26 Pilger 401
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"Während Pektoralis und Safronytsch miteinander prozes-


sierten und der erste aq sein Hab und Gut Monat für Monat
dem letzteren übereignete, war Safronytsch zwar ein ausge-
sprochener Säufer geworden, doch ging es ihm trotzdem bes-
ser. Das verdankte er seinem Eheweib, das ihn nicht im Stich
ließ, wie Klara es mit ihrem Mann getan hatte; Marija
Matwejewna nahm ganz im Gegenteil das Schicksal ihres
völlig dem Trunk verfallenen Mannes in die eigene Hand.
Sie zahlte die Pacht für ihn ein und. nahm ihm jedesmal die
Kontribution ab, die er von Pektoralis erhielt. Damit der
Trunkenbold keinen Streit anfing und sich der von ihr fest-
gelegten Ordnung unterwarf, überspannte sie den Bogen
nicht, sondern gab ihm pro Tag einen halben Rubel, den er
nach eigenem Ermessen ausgeben durfte. Natürlich ver-
brauchte Safronytsch dieses Geld nur für einen einzigen
Zweck: Im Verlauf des Tages vertrank er seinen halben
Rubel und kam abends auf der ihm gut bekannten Leiter
über den Zaun wieder nach Hause. Kein noch so heftiger
Rausch konnte bewirken, daß er diesen originellen Weg ver-
fehlte. Gott, der nach dem Volksglauben Kinder und Be-
trunkene behütet, ließ Safronytsch all seine Barmherzigkeit
angedeihen, mochte es nun im Nebel sein, im Regen, bei
Schnee oder Glatteis; Safronytsch stieg immer wohlbehalten
die Leiter empor, erreichte den Gipfel des Zaunes und
plumpste wohlbehalten auf der anderen Seite herab, wo vor-
sorglich eine Schütte Stroh bereitlag. Und er gedachte dies
so lange fortzusetzen, wie die hundertzwanzig Jahre dauern
würden, die Pektoralis nach Safronytschs Verheißung noch
leben und kriechen sollte. Er wäre nie auf den Gedanken
gekommen, Pektoralis' Mittel könnten versiegen. Wo hätte
es einem Deutschen in Rußland je an Geld gefehlt? Wenn
überhaupt jemand, dann waren sie es, die von allem genug
und übergenug hatten.
Safronytschs Hausfrau aber, in ihrer weiblichen Einfalt
und ,unbelastet von jeder Theorie', war anderer Meinung;
sie nahm alles Geld an sich, das ihrem Mann laut Gerichts-

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entscheid von Pektoralis zustand, und sparte ein kleines Ka-
pital zusammen, mit dem sie nun nicht mehr über den Zaun
zu klettern gedachte; sie kaufte sich ein Häuschen - ein hüb-
sches Häuschen, blitzsauber, lustig, mit hohem Fundament,
einem niedlichen Zwischengeschoß und hohem Spitzdach -
mit einem Wort, ein prächtiges Häuschen und zu alledem
noch gleich neben der alten Heimstatt gelegen,. wo ihnen
der eiserne Hugo das Wasser abgegraben hatte.
Dieser Kauf erfolgte gerade um jene Zeit, da Safronytsch
und Pektoralis wegen der ,alle viere' vor Gericht standen;
und genau an dem Tag, an dem der ehemalige Gießereibesit-
zer seinen überraschenden Sieg über den Deutschen davon-
trug und eine Sühne von zehn Rubeln in Empfang nahm, zog
Familie Safronytsch in ihr neues Heim und richtete sich ·darin
mit einem schon lange nicht mehr gewohnten Komfort ein.
Safronytsch selbst nahm hieran nicht den geringsten An-
teil, und seine Familie, die schon längst die Überzeugung
gewonnen hatte, daß man mit ihm nicht rechnen konnte, er-
wartete auch gar keine Hilfe von ihm, sondern behalf sich
nach eigenem Gutdünken und Vermögen.
Safronytsch aber, im Besitz des für ihn bedeutenden Be-
trages von zehn Rubeln, verheimlichte das Geld vor seiner
Frau, gelangte glücklich damit ins Wirtshaus und begann,
auf das ausgelassenste zu zechen. Drei Tage und drei Nächte
lebte seine Familie schon in ihrem neuen Heim, er aber zog
noch immer von Wirtshaus zu Wirtshaus und von Schenke
zu Schenke, trank mit guten Freunden um die Wette und
wünschte dem Deutschen, er möge hundert Jahre in Gesund-
heit leben und genauso lange noch auf allen vieren kriechen.
In seiner Großmut gewährte er ihm diese Zugabe und schrie:
,Ein Dummkopf bin ich, ein großer Dummkopf: Recht
hat der selige Shiga gehabt, als er mir sagte, ich sei dumm
und mit diesem Deutschen sei mir geradezu eine Gnade zu-
teil geworden. Und wofür? »Was ist der Mensch, daß du
sein gedenkest, und des Menschen Sohn, daß du auf ihn ach-
test?<< Wo steht das geschrieben?'
,In der Heiligen Schrift.'
,Eben, eben, in der Heiligen Schrift, und denken wir oft
an diese Heilige Schrift? Oh, wir denken nicht an sie, über-
haupt nicht denken wir an sie!'
,Wir sind zu schwach.'
,Natürlich, zu schwach - ein Wurm, aber kein Mensch,
eine Schmach für die Menschheit. Wenn es Gott jedoch ge-
fällt, dann schützt er den Wurm und fügt alles so, wie du
es dir gar nicht besser wünschen und nicht einmal in Ge-
danken ausmalen könntest. Du bist schwach, und er schickt
dir einen Deutschen, und nun laß den für dich sorgen.'
,Paß nur auf', warnte man ihn, ,daß deinem Deutschen
nicht die Luft ausgeht und er das Tor aufsperrt.'
Doch Safronytsch, seiner Sinne schon nicht mehr mächtig,
hatte davor keine Angst.
,Dei: und aufsperren', antwortete er, ,um nichts in der
Welt sperrt der auf. Er würde sich vor seiner Nation schä-
men. Bei denen ist das doch so üblich: Wenn jemand ein-
mal etwas sagt, dann muß er es auch tun.'
,So ein Pack I'
,Das ist bei denen eben so, und er hat doch vor Gericht
offen erklärt: »Ich habe einen eisernen Willen«, hat er ge-
sagt, und mit dem wird er nie fertig werden. Er hat's schon
so schwer genug.'
,Schwer genug.'
,Bewahre Gott jedermann vor einem solchen Willen, be-
sonders uns Russen, er würde uns umbringen.'
,Das würde er.'
,Ach, wir wollen lieber trinken, wozu von solchen Dingen
reden, es ist gleich Abend. Gebe ihm Gott hundert Jahre
in Gesundheit und daß er mich überlebt.'
,Richtig, Bruderherz, er soll dich überleben.'
,Das sage ich auch, er soll mich überleben, das wird ihm
wenigstens ein Trost sein.'
,Und ob!'
,Soll er kommen und Plinsen essen.'
,Was hast du doch für ein gutes Herz, Safronytsch!'
,Ich habe ein gutes Herz, nur weißt du, überleben soll er
mich ... aber nur um ein ganz klein bißchen.'
,Ja, um eine Winzigkeit.'
,Ganz recht, ganz recht, bis zum Strich dieses Gläscl).ens.'
,Recht so.'
,Ja, bis zu diesem winzigen Strich.'
Das wurde abgemessen, die Freunde leerten ihre Gläser
und tranken danach noch lange auf alle möglichen Gesund-
heiten, und schließlich begannen sie, für den Seelenfrieden
des Wohltäters und Gerichtsschreibers Shiga zu trinken, der
ihnen diesen Segen verschafft hatte, und stimmten mißtönend
und laut das ,Ewige Gedenken' an, gerade das aber sollte
der seltsame Anfang vom Ende werden, der bis heute für
jedermann unerklärlich geblieben ist.
Kaum hatten die Saufkumpane das ewige Gedenken für
den Verstorbenen gesungen, als plötzlich von der dunklen
Hofseite her heftig gegen das Wirtshausfenster geschlagen
wurde und eine schreckliche Fratze hereinschaute - der er-
schrockene Schankwirt blies augenblicks das Licht aus,
packte seine Gäste am Kragen und schob sie auf die dunkle
Straße hinaus. Die Freunde standen bis zu den Knien im
Schlamm und verloren einander sogleich aus den Augen,
denn draußen herrschte ein dichter und klebriger Herbst-
nebel, in dem der arme Safronytsch untertauchte wie eine
Fliege im Seifenschaum und den letzten Rest seines Ver-
standes einbüßte.
Sich mit Ach und Krach auf den Beinen haltend, mühte
er sich lange ab, eine noch ungeöffnete Flasche Schnaps, die
er bei der Flucht mitgenommen hatte, in seiner Tasche zu
verstauen, wollte dann irgend jemanden rufen, doch ihm
war die Zunge nach der pausenlosen dreitägigen Anstren-
gung plötzlich so schwer, daß sie am Gaumen festklebte und
sich nicht rühren wollte. Zu allem Unglück erwiesen sich
auch Safronytschs Beine in keinem besseren Zustand als seine
Zunge und versagten ihm ebenso den Gehorsam, wie sich
die Zunge zu sprechen weigerte, und überhaupt war er zu
nichts mehr zu gebrauchen: Seine Augen sahen nichts, seine
Ohren hörten nichts, und der Kopf sank ihm immer wieder
vor Müdigkeit auf die Brust.
Haha, nein, Teufel noch eins, damit fängst du mich nicht!
dachte Safronytsch, Shiga hat sich genauso schlafen gelegt

405
und ist nicht mehr aufgestanden, und ich will auch nicht, daß
mich der Deutsche lange überlebt. Soll er mich ruhig über-
leben, aber nur ein bißchen.
Er riß sich zusammen, machte ein paar Schritte, merkte,
daß ihm der Schlamm bis über die Knie reichte, und blieb
von neuem stehen.
Eiwei, paß auf, daß du nicht absäufst, genau wie Eng-
land, wiederholte er in Gedanken, und der Teufel mag wis-
sen, wohinein ich da geraten bin, und wo ist denn mein
Haus? ,He? Wo ist eigentlich mein Haus? Wo ist meine
Leiter? Der Hund hat's gefressen?. Wer sagt da, der Hund
hat mein Haus gefressen? He? Komm raus: Wenn du ein
guter Mensch bist, sollst du einen Wodka von mir kriegen,
wenn nicht, dann los zum russischen Kampf.'
,Nur zu!' war aus dem Nebel zu vernehmen, und im sei-
hen Augenblick bekam Safronytsch eine solche Ohrfeige, daß
er der Länge nach in den Schlamm fiel.
Nun ist Feierabend, dachte er, mein Gedächtnis ist
futsch, und ich weiß nicht, was mir geschieht. Wohin sind
nur in drei Teufels Namen alle meine Freunde verschwun-
den? So eine Saufhandel Es ist schon wahr, man soll nicht
mit Säufern trinken, um nichts in der Welt will ich wieder
mit Säufern trinken. Was? Wer spricht da immer mit mir?
Hör mal, sag mir doch bitte: Was suchst du da bei mir? Bei
mir findest du nichts, Bruderherz: Und auf dem Schnaps
liege ich drauf. Aha! Warte, warte! Warum ziehst du mich
jetzt so derb an den Haaren? Das ist doch nutzlos. Und
jetzt wieder an den Ohren - na ja, das ist schon. was an-
deres, das bringt einen wieder zu Verstand, aber es tut auch
weh - laß mich lieber so aufstehen.
Mit Ach und Krach und knapper Mühe und Not kam er
schließlich auf die Füße und schien zu gehen. Nicht daß er
hiervon wirklich überzeugt gewesen wäre, aber es kam ihm
so vor, als ob er ginge oder als ob einfach die Erde unter
ihm schwände, irgend etwas ging jedenfalls mit ihm vor,
irgend jemand führte ihn, stützte ihn und sprach dabei kein
Wort. Nur einmal sagte er: ,Nun sieh mal an, wen wir da
haben!' - und führte ihn weiter.
Was ist los, wer führt mich? Wenn es nun der Teufel ist?
Irgendein Unhold muß es ja sein. Doch was tut's, soll er
mich nur bis zur Leiter führen, dann kenne ich meinen Weg.
Und der Unbekannte führte Safronytsch bis zur Leiter
und sagte: ,Nun klettere, halte dich aber schön am Geländer
fest.'
Unser Safronytsch hatte inzwischen nach dem Spaziergang
die Sprache wiedergewonnen, und er antwortete:
,Warte mal, mein Freund, warte, bei mir weiß ich besser
Bescheid als du: Meine Leiter hat kein Geländer.'
Aber der unbekannte Führer ließ sich nicht auf lange Ge-
spräche ein, er packte Safronytsch wieder bei den Ohren und
walkte sie, als wären sie aus Birkenbast.
,Weißt du's jetzt wieder?' fragte er.
Na ja, dachte Safronytsch, ich sage wohl besser, daß ich's
wieder weiß, und begann emporzusteigen.
Und so wie er zu steigen begonnen hatte, stieg er immer
weiter, und noch immer war die Leiter nicht zu Ende.
Himmel, das ist doch nicht mein Haus! überlegte Safro-
nytsch, und je höher er stieg, um so deutlicher erinnerte er
sich, wie er früher so oft sein Leiterehen hochgeklettert war
und es da mit jedem Schritt nach oben immer heller und
heller wurde und sich die Sterne, der Mond und der blaue
Himmel gezeigt hatten . . . Gewiß, heute nebelte es tüchtig,
aber trotzdem blieb das einfach beispiellos: Mit jeder
Sprosse nach oben wurde es immer dunkler und dunkler.
Woher kam das nur, daß man nicht einmal die Hand vor
Augen sah, und was war das für eine Finsternis ringsum,
die einen von allen Seiten zu erdrücken drohte, und dazu
dieser stickige Geruch von Ruß und Asche? Und noch immer
nahm das kein Ende, und noch immer war er nicht am er-
sehnten Zaunrand, von dem er sich doch schon lange hätte
abwärts begeben müssen, statt dessen führte der Weg immer
weiter nach oben und immer weiter nach oben - und plötz-
lich erhielt er genau über die Schädelmitte einen fürchter-
lichen betäubenden Schlag, einen solchen Schlag, daß dem
armen Safronytsch nicht einzelne Funken, sondern ganze
Lichtgarben vor den Augen flimmerten, und in ihrem Schein
erblickte er - was denken Sie wohl? - erblickte er Shiga,
den Gerichtsschreiber!
Glauben Sie bitte nicht, Safronytsch hätte das alles viel-
leicht nur geträumt oder so etwas. Nein: Alles war haar-
genau so, wie ich es Ihnen erzähle. Safronytsch war eine
unendlich lange Leiter emporgestiegen und zu Shiga gelangt,
den er dank der Lichteffekte in seinem eigenen Inneren er-
kannte, und sagte: ,Nun, des Herrn Wille geschehe, guten
Abend!'
Shiga aber saß auf einem steinernen Stuhl, nickte ihm
gleichfalls zu und antwortete:
,Guten Abend, ich freue mich, daß du dich eingefunden
hast: Verpflegung für dich geben sie hier schon lange aus.'
,Ach so, da bin ich also ... Ihr habt's ja tüchtig dunkel
hier in der Hölle; na ja, da kann man nichts machen, hier
muß ich also nun wohl oder übel bleiben.'
Und damit setzte sich Safronytsch, holte die Schnaps-
flasche hervor, trank, soviel in ihn hineinging, und reichte
sie Shiga.''

19

"Während sich der betrunkene Safronytsch also verlaufen


hatte, all diese seltsamen Dinge erlebte und schließlich bei
dem toten Shiga auf einer unerklärlichen teuflischen Erhe-
bung blieb, die er für den finstersten Teil der finsteren Hölle
hielt, verlebten seine Familienangehörigen in ihrem neuen
Haus eine höchst unruhige Nacht. Obwohl sie alle vom
Umzug und der Einrichtung der neuen Wirtschaft schreck-
lich müde waren, wurde ihr fester Schlaf unaufhörlich durch
unerklärlichen Lärm gestört, der vor Mitternacht begann und
bis zum Morgen andauerte. Der Hausfrau wie auch allen
Hausgenossen kam es zunächst so vor, als härten sie direkt
über ihren Köpfen jemanden auf dem Boden umhergehen -
erst leise wie ein Igel, dann schien er böse zu werden: rückte
ständig etwas hin und her, warf mit Gegenständen, polterte
überhaupt schrecklich und gab keine Ruhe. Andere meinten

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sogar, sie härten reden, irgendein leises Läuten und über-
haupt unerklärliches Rumoren. Wer munter geworden war,
lauschte ängstlich, man weckte einander, bekreuzigte sich
und gelangte zu der einhelligen Ansicht, die oben verur-
sachte Unruhe stelle natürlich nichts anderes dar als das
Treiben irgendeiner unreinen Macht, die, wie jeder Recht-
gläubige weiß, noch vor den Bewohnern in neue Häuser ein-
zudringen pflegt und sich besonders gern in Dachräumen,
auf Heu- und Abstellböden und überhaupt immer dort ein-
nistet, wo keine Heiligenbilder aufgestellt werden.
Ganz gewiß war ebendies der guten Familie Safronytsch
passiert, das heißt, der Teufel war eher in ihr neues Haus
geeilt, als sie selbst eingezogen waren. Es konnte ja gar nicht
anders sein, denn Marija Matwejewna hatte gleich beim Be-
treten des Hauses eigenhändig an alle Türen Kreidekreuze
gemalt und bei dieser Vorsichtsmaßnahme weder das Bade-
häuschen noch die Bodentür vergessen. Also war k~ar, daß
die unreine Macht hier keine freie Bahn gehabt hatte, und
ebenso klar war, daß sie vorher hier eingedrungen war.
Es stellte sich aber