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MARTIN HEIDEGGER

GESAMTAUSGABE

III. ABTEILUNG: UNVERÖFFENTLICHTE


ABHANDLUNGEN VORTRÄGE - GEDACHTES

BAND 69

DIE GESCHICHTE DES SEYNS


MARTIN HEIDEGGER

DIE GESCHICHTE DES SEYNS

1. DIE GESCHICHTE DES SEYNS (1938/40)

2. KOINON
AUS DER GESCHICHTE DES SEYNS (1939/40)

VITTORIO KLOSTERMANN
FRANKFURT AM MAIN
Herausgegeben von Peter Trawny

© Vittorio Klostermann GmbH • Frankfurt am Main • 1998


Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die des Nachdrucks und der Übersetzung.
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Satz: Libro, Kriftel
Druck: Hubert & Co., Göttingen
Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier • Printed in Gerrnany
ISBN 3-465-02977-1 kt • ISBN 3-465-02979-8 Ln
V

INHALT

DIE GESCHICHTE DES SEYNS (1938/40)

DIE GESCHICHTE DES SEYNS. TEIL I

I. DIE GESCHICHTE DES SEYNS


1. Die »Geschichte des Seyns« ist der Name ... 5
2. Die Geschichte des Seyns 5
3. Die abendländische Philosophie 6
4. Die Wahrheit des Seyns 7
5. Sind wir? 8
6. »Wir sind« 8
7. Das Da-sein 9
8. Das Seyn 9
9. ¢lˇqeia und Seyn 9
10. Daß die Wahrheit ... 10

II. WIDER-SPRUCH UND WIDERLEGUNG

11. Wider-spruch und Widerlegung (Wieder-spruch) 13


12. Der Historismus der Neuzeit und die Geschichte
des Seyns 15

III. GANG. DIE GESCHICHTE DES SEYNS

13. Die Vollendung der Metaphysik 19


14. Streit 19
VI

15. Streit 19
16. Welt-bezug 20
17. Der geschichtliche Augenblick 20
18. Die andere Herrschaft 21
19. Was ist das? 21
20. Das Seyn und das Seiende 22
21. Der Anfang 22
22. Was einzig die Not ist 24
23. Die Geschichte des Seyns 24
24. Die Vorgestelltheit des Seienden als des Wirklichen 25
25. Seiendheit als Vorgestelltheit 26
26. Die Geschichte des Seyns 26
27. Seyn als Austrag 27
28. Die Geschichte des Seyns 27
29. Die Geschichte »des« Seyns 28
30. Die Verkennung des Anfangs 29
31. Die Geschichte des Seyns 29
32. Die Groß- und Langmut zum Kommendsten 31

IV. DIE VOLLENDUNG DER METAPHYSIK


DIE SEINSVERLASSENHEIT

33. Die Vollendung der Metaphysik 35


34. Die Überwindung der Metaphysik. Der Übergang 36
35. Die Seinsverlassenheit 36
36. Das Ende der Neuzeit in der Geschichte des Seyns 37

V. TO KOINON

37. Gang 43
38. Subjektivität und Seinsverlassenheit 44
39. KoinÒn. Zu Gang 45
40. Zum Begriff der Machenschaft 46
VII

41. Machenschaft (seynsgeschichtlich begriffen) 46


42. Machenschaft und Verwüstung 47
43. Der »totale« Krieg 50

VI. DER AUSTRAG. DAS WESEN DER MACHT


DAS NOTWENDIGE

44. »Die Unter-Scheidung« 53


45. Die Spur zur Wahrheit des Seyns 53
46. Die Spur zur Wahrheit des Seyns
Das Un-gewöhnliche im wesentlichen Sinne 54
47. Die Wahrheit des Seyns 55
48. Das Seyn 55
49. Die Entscheidung. Das Seyn und der Mensch 56
50. Entscheidung 57
51. Die Entscheidung und die Zukunft 58
52. Das Seyn 59
53. Das Seyn 60
54. Machenschaft und Ereignis 61
55. Die einzige Entscheidung 61
56. Woher das Sein als Macht? 62
57. Das Wesen der Macht 62
58. Die Wesensbestimmung der Macht 72
59. Die Macht »braucht« Macht (Gewalt) 75
60. Macht und Gewalt 76
61. Macht und Verbrechen 77
62. Das Wesen der Macht und die Unterwerfung 78
63. »Dämonie der Macht« 79
64. Macht und Wahrheit 79
65. Macht und Nivellierung 81
66. Macht und Dürftigkeit 81
67. »Macht« und »System« 83
68. Macht und Öffentlichkeit 83
69. Das Ungewöhnliche und das Unversehentliche 84
VIII

70. Das Notwendige 85


71. Das seynsgeschichtliche Denken 86
72. Das Wesen der Philosophie 88
73. Der Mensch und das Da-sein 89

VII. DAS WESEN DER GESCHICHTE. »ANFANG«. »SEYN«

74. Geschichte 93
75. Geschichte 93
76. Die Geschichte 94
77. Das Wesen der Geschichte 94
78. Geschichte (Vergangenes und Gewesung) 96
79. Die Geschichte des Seyns 96
80. Geschichte und Seyn 97
81. Über das Wesen der Geschichte 97
82. Anfang - Geschichte - Die Jähe des Anfangs 98
83. Wesen der Geschichte 99
84. »Leben« und »Geschichte« 99
85. Die Historie 100
86. Geschichte 101
87. Geschichte 101
88. Das Wesen der Geschichte 102

VIII. DAS SEYN UND DER LETZTE GOTT

89. Der letzte Gott 105


90. Die Entgegnung 105
91. Zuversicht und Dasein 105
92. Das Seyn ist ... 106
93. Ereignis 107
94. Erde und Welt 107
95. Das Seyn 108
96. Seyn 109
IX

97. Das Seyn und das Nichts 109


98. Das Seyn. Die Er-eignung in das Inzwischen 110
99. Armut 110
100. Armut 111

IX. WESEN DER GESCHICHTE

101. Der seynsgeschichtliche Begriff 115


102. Seyn 115
103. Die Geschichte des Seyns 116
104. Geschichte des Seyns 118
105. Schenkung und Besinnung 119
106. Die einheitliche Zerreibung des Deutschtums
und des Russentums durch die Machenschaft 119

X. DAS EIGENTUM

107. Schenkung und Verarmung 123


108. Eigentum (das Seiende im Seyn als Ereignis) 123
109. Eigentum 124
110. Eigentum 124
111. Seyn 125
112. Das Eigentum 125

DIE GESCHICHTE DES SEYNS. TEIL II

XI. DAS GEFÜGE DES SAGENS

113. Das Seyn 131


114. Die Geschichte des Seyns 131
115. Die Geschichte des Seyns 132
116. Die Geschichte des Seyns 135
X

117. Die Geschichte des Seyns 136


118. Das Seyn 137
119. Das Seyn 139
120. Das Seyn 140
121. Leitworte 140
122. Das Seyn nur ist 140
123. Das Seyn 141
124. Das Seyn 141
125. Das Seyn ist das Einstige 142
126. Ereignis 143
127. Das Er-eignis und die Geschichte des Seyns 143
128. Im Er-eignis 143
129. Wahrheit als die Lichtung 144
130. Wahrheit 144
131. Verbergung 144
132. Wahrheit 145
133. Ist das Seyn immer? 145
134. Sein als Er-eignis 146

XII. DIE GESCHICHTE DES SEYNS (DA-SEIN)

135. Da-sein 149


136. Daß der geschichtliche Mensch in das Wesen
(Da-sein) kommt 149
137. Da-sein 149
138. Die Behütung 149
139. Die Irre 150
140. Da-sein 150
141. Seinsverlassenheit 151
142. Die Entwürfe des Seins des Seienden aus der
Werfung des Seins selbst 152
143. Wesentlicher den anderen Anfang aufsuchen 152
144. Wort und Sprache 153
145. Die Entscheidung 153
XI

146. Das Seyn 154


147. Die Geschichte des Seyns 154
148. Die Geschichte des Menschen im Sein 154
149. Die Geschichte 155
150. Demokrit, Fragment 269 155
151. Der Denker 156
152. Sie eifern versteckt und offen... 156
153. Geschichte, Anfang, Untergang 156
154. »Ich« und »Subjekt« 157
155. Das Sein des Seienden und das Seyende des Seyns 157
156. Die Geschichte des Seyns 157
157. Erfahrung und Inständigkeit 157
158. Der Ab-sprung 158
159. Der erste Anfang 158
160. Die Wesung der Wahrheit als Lichtung des Seyns 160
161. Mensch und Anthropologie 160
162. Mensch – animal rationale 160
163. Metaphysik – Anthropologie 161
164. Der erste Anfang und der Mensch als
Zúon lÒgon ⁄con 161
165. Die Geschichte des wesentlichen Denkens 161
166. Wahrheit und Seyn. Das Wesen der Geschichte 162

XIII. DAS SEYNSGESCHICHTLICHE DENKEN

167. Das seynsgeschichtliche Denken und


die Philosophie 167
168. Das seynsgeschichtliche Denken 167
169. Die »Philosophie« im anderen Anfang 168
170. Die »Philosophie« 168
171. Der Anfang 169
172. Wesentliches Denken 170
173. Seynsgeschichtliches Denken 170
174. Freiheit 170
XII

175. Würdigung und Wertung 171


176. Das Fragen 171
177. Das reine Finden 171
178. Die Folge der Veröffentlichungen
(in knappen Abhandlungen) 172

KOINON
AUS DER GESCHICHTE DES SEYNS (1939/40)

KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns 177


Entwurf zu KoinÒn. Zur Geschichte des Seyns 199

ANHANG

Beilagen zu: Die Geschichte des Seyns (1938/40) 217


Beilagen zu: KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns
(1939/40) 223

Nachwort des Herausgebers 225


DIE GESCHICHTE DES SEYNS (1938/40)

DIE GESCHICHTE DES SEYNS. TEIL I


[page left blank]
I. DIE GESCHICHTE DES SEYNS
[page left blank]
5

1. »Die Geschichte des Seyns« ist der Name ...

»Die Geschichte des Seyns« ist der Name für den Versuch, die
Wahrheit des Seyns als Ereignis in das Wort des Denkens zu-
rückzulegen und so einem Wesensgrunde des geschichtlichen
Menschen – dem Wort und seiner Sagbarkeit – anzuvertrauen.
Ob das versuchte Sagen dem Ereignis selbst angehört und da-
durch an der Stille dessen teilhat, was ist ohne zu wirken und
einer Wirksamkeit zu bedürfen, kann nie errechnet werden. Der
Versuch müßte aber noch ganz außerhalb seines Bereiches ver-
harren, wenn er nicht wüßte, daß er gemäßer benannt würde:
»Bis an die Schwelle«. Doch lenkt dieser Hinweis wieder fort
von der Sache auf den Versuch zu einer Annäherung an sie.
1
Der einfache gewachsene Zusammenschluß der »Beiträge«
2
und der »Besinnung« ; die »Beiträge« sind noch Rahmen, aber
kein Gefüge, die »Besinnung« ist eine Mitte, jedoch nicht Quelle.

2. Die Geschichte des Seyns

nur zu sagen im einfachen Wort, als welches das Inzwischen


sagt, das, allen Seinsbezug verwandelnd, abgründig den Austrag
trägt so, wie Menschenwesen in diesem anfänglichen Bezirk
überhaupt tragen kann.
Die Welt.
Die Erde.
Der Streit.
Der Mensch.
Der Gott.
Die Entgegnung.
Die Lichtung.
1
Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis). Gesamtausgabe Band 65.
Hrsg. v. F.-W. v. Herrmann. Frankfurt am Main 1989.
2
Besinnung. Gesamtausgabe Band 66. Hrsg. v. F.-W. v. Herrmann.
Frankfurt am Main 1997.
6

Der Austrag.
Die Geschichte.
Die Er-eignung.
Das Er-eignis.

3. Die abendländische Philosophie*

Warum ist die abendländische »Philosophie« in ihrem Wesen


Metaphysik?
Weil sie im Wesensgrund »Physik« ist.
Und inwiefern und weshalb ist die abendländische Philosophie
»Physik«?
»Physik« heißt hier Wissen (Verwahrung der Wahrheit) der
fÚsij. fÚsij ist die anfängliche und daher die ganze Geschichte
der abendländischen Philosophie durchherrschende Bestimmung
des Seins.
Das Sein aber ist das, was die Philosophie denkt.
Warum aber wird die Physik zur Meta-physik?
Welche Art der Abwandlung und Verfestigung der Physik ist
das?
Vor allem anderen: was heißt fÚsij?
Und ist sie die anfängliche Auslegung des Seins des Seienden im
Ganzen?
Ist sie sogar das Bestimmende für diese Auslegung?
Und warum?
Oder ist hier die Warumfrage verwehrt, weil tief ungemäß?
Die Geschichte des Seyns.
Ist das alles nur »Philosophie der Philosophie« und so das
Ausarten einer Übersteigerung, diese aber das Zeichen der Ent-
wurzelung? Oder steht Anderes bevor?

* As.: Der seynsgeschichtliche Begriff des Abendlandes. Das Land des


Abends. Abend Vollendung eines Tages der Geschichte (F.) und Über-
gang zur Nacht; Zeit des Übergangs und Bereitung des Morgens. Nacht
und Tag.
7

Hier redet weder eine »Philosophie der Philosophie« noch


spricht überhaupt eine Philosophie. Wohl aber fügt sich eine
weit in ihren Grund gehende Bereitschaft zur Philosophie in ihr
Wesen; und das ist die Gründung einer Zugehörigkeit zum Seyn.
Eine Verwurzelung bahnt sich den Weg in den Grund, ereignet
aus der Verweigerung des Seyns, nicht gemacht und nicht
erdacht, wohl aber bedacht auf die Milde des Freien, zugetan der
Stille, die am stillsten wohnt im Kommen des Kommendsten.
Nach der Philosophie ist scheinbar gefragt und in Wahrheit
nur nach dem Seyn, dem die Philosophie die Geschichte einer
wesenhaften Zugehörigkeit bleibt, in die zuweilen ein Denker
aufgenommen wird.
Die Philosophie als Gemachte liegt nicht im Umkreis dieser Be-
sinnung.

4. Die Wahrheit des Seyns

bisher noch niemals erkannt, wenngleich sie im Anfang der


abendländischen Philosophie selbst in ihr Offenes hervorkom-
men mußte, wenngleich nicht als Wahrheit des Seyns, und des-
halb ging sie auch niemals ein in das Fragen. Vielmehr wurde
schon der erste noch ganz verhüllte Vorschein künftig verschüt-
tet – und doch konnte sie und kann sie nicht beseitigt werden.
Erfragbar aber ist sie erst aus der Not des Seyns.
Vgl. die Auslegung von Aristoteles Phys. B, 1 (I. Trimester
1
1940), S. 22 ff. ; Hinweis auf die Wahrheit des Seyns von Par-
menides tÒ g£r aàtÕ ... her; vgl. Sommer 1940 neu bearbeitet.
1
Erste Fassung in: Zur Metaphysik - Neuzeitlichen Wissenschaft
-Technik. Gesamtausgabe Band 76; Druckfassung unter dem
Titel »Vom Wesen und Begriff der fÚsij. Aristoteles, Physik B,
1« in: Wegmarken. Gesamtausgabe Band 9. Hrsg. v. F.-W. v.
Herrmann. Frankfurt am Main 1976, S. 239-301.
8

5. Sind wir?

Wer sind wir?


Wo sind wir?
In welchem Augenblick sind wir?
Wer sind wir?
Ein Gefüge der Fragen, in dem eine Frage - nie nach »uns«,
sondern »nach« dem Seyn. Dieses die Er-eignung in der Befrem-
dung.
Aber nie »dialektisch«, nie als Gegenspiel - ganz als Er-eignis,
Einziges.

6. »Wir sind«

Wer sind wir?


Und sind wir denn?
Was heißt »Sein«? »Sind« wir, weil wir und sofern wir uns so
antreffen, wie Baum und Haus. Und treffen wir uns so an? Und
gesetzt auch dieses, treffen wir damit die Weise, wie wir sind?
Wer entscheidet über das »Sein«?
Oder entscheidet das Sein über jedes Wer und jedes Fragen?
Und wie das? Was ist das Sein? Wie soll es enthüllt und in seine
Wahrheit gebracht werden? Was ist Wahrheit?
Wir stehen im Äußersten dieser Fragen.

Ereignis und die Milde der höchsten Herrschaft, die nicht der
Macht und nicht des »Kampfes« bedarf, sondern ursprüngliche
Auseinander-setzung. Das Gewalt-lose Walten.
9

7. Das Da-sein

Wer es sagen könnte!


Die Lichtung des Seins. Gründender Grund ihrer sein.
Dieses selbst nicht – Menschsein, sondern dieses als Wächter-
schaft und Stiftung.

Das Da.
Eine Spur davon in der ¢lˇqeia der fÚsij.
Aber längst ausgelöscht ist die Spur – nie einfach wieder zu be-
treten, sondern aus eigenem Gang zu finden.

Und welcher Wust von Mißdeutung hat sich in den Da-seins-


begriff in »Sein und Zeit« angesammelt. Zuletzt Jaspers, die
ödeste Nivellierung. Woher dann noch ein Ohr und Auge und –
Herz?

8. Das Seyn

wird sich zu seiner Stunde des Gemächtes der Menschen erweh-


ren und selbst die Götter noch in seinen Dienst nehmen und sein
eigenstes Unwesen - die Machenschaft - abwerfen.

9. ¢lˇqeia und Seyn

Weil ¢lˇqeia nur ein Anklang und ungegründet, deshalb uns


ganz befremdend schon die Frage nach der Lichtung. Aus wel-
cher Frage allein die Seynsfrage zu entfalten. Dieses daher noch
verborgener und gleichwohl – die Wende!
10

10. Daß die Wahrheit...

Daß die Wahrheit im Wesen ungegründet ist und der Mensch


wahrheitslos Wahres beansprucht, ob jemals der geschichtliche
Mensch dieses als den Ungrund aller jetzigen Geschichte be-
greift?
1
II. WIDER-SPRUCH UND WIDERLEGUNG

1
Vgl. 21. Der Anfang.
[page left blank]
13

11. Wider-spruch und Widerlegung


(Wieder-spruch)

1. inwiefern in der echten Philosophie Widerlegung unmöglich;


un-möglich, weil überhaupt nicht den Wahrheitsbereich der
Philosophie erreichend, die stets Wahrheit des Seins entschei-
det.
2. in welchem Sinne die Unmöglichkeit nicht gedeutet werden
darf:
a) nicht als handle es sich um die einmal gegebene Ansicht ei-
nes einzelnen Menschen (ein »ich kann nicht anders« aus
biologischen-historischen Gründen).
b) nicht als sei hier jede »rationale« Auseinandersetzung un-
möglich und das »System« und der Standpunkt anzunehmen
oder abzulehnen.
c) nicht als handle es sich überhaupt um die Person des
Denkers.
3. Vielmehr wesentlich der Wi(e)der-spruch:
a) das besagt ein Spruch, Grundaussage über das Sein und
seine Wahrheit.
b) dazu bedarf es des tiefsten Wissens und der Leitbesinnung,
die freilich nie durch bloße Erörterung über Richtig und Un-
richtig zu vollziehen ist, sondern als fragende Hinführung in
eine Grunderfahrung.
c) demnach Fragen in einer Weise, die ein wissenschaftliches
»Problem« nie erreicht, weil dieses das Sein des Seienden ge-
rade ungefragt läßt (Positivität der Wissenschaft).
d) dieses Fragen die höchste Freiheit und Bindung im Sinne
der Inständigkeit in der Wahrheit des Seyns.
4. Der Spruch ist Wieder-spruch:
a) in dem gedoppelten Sinne des Gegen und des erneut
Anfänglichen.
b) das »Gegen« geht nicht auf eine Un-wahrheit im Sinne der
Unrichtigkeit und Unhaltbarkeit, sondern auf eine Wahr-heit,
die nicht anfänglich genug ist.
14

c) das »Wieder« sagt: daß im Grunde eh und je dasselbe ge-


dacht wird, und daß die wechselweise Unwiderlegbarkeit
nicht die schlechthinnige Unvereinbarkeit meint, sondern nur
das Anzeichen dafür, daß stets dasselbe gefragt ist; was aber
zugleich jeden Ausgleich und jede Abschwächung ausschließt.
d) das Gefragte – Wahrheit des Seyns - ist das Einfachste und
dieses das Schärfste, was keine Abschwächung duldet, so daß
die wesentliche Einheit der Denker gerade in ihrer gegenseiti-
gen Unwiderlegbarkeit und Getrenntheit besteht.
e) dazu gehört die tiefste Freiheit, die eins ist mit der Instän-
digkeit in der Geschichte des Seyns.
f) daher ist echter Wider-spruch nicht nur das Einfachste,
sondern als dieses das Seltenste.
5. Der Wider-spruch ist geschichtlich, und deshalb kann sein
Bereich nie historisch, durch Kenntnis eines Zeitalters und
seiner Begebenheiten und Ansichten, erreicht werden, sondern
nur aus dem Erfragen der Wahrheit des Seyns. Vgl. zum Vor-
1
stehenden: »Besinnung«, 13. Die Philosophie.
6. Über »Widerlegung« und d. h. »Wissenschaft« vgl. »Bei-
träge«, 75. Zur Besinnung auf die Wissenschaft, 76. Sätze
2
über »die Wissenschaft« (vgl. ferner I. Trimester 40 »Die
3
Grundbegriffe der Metaphysik« , »Wesen der Wissenschaft«,
»Grundbegriffe«).
7. Die Philosophie ist nicht unbegründet; aber ihre Begründung
kann niemals Nachweis einer Richtigkeit sein, die notwendig
auf eine ungehörige Wahrheit über das Seiende fraglos zu-
rückgreift.
Die Begründung ist Gründung im Sinne der wissenden Ver-
setzung in das Wissen (Inständigkeit) der Wahrheit des Seyns
und d. h. Bereitung in die Er-eignung durch das Ereignis.

1
Besinnung. Gesamtausgabe Band 66.
2
Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis). Gesamtausgabe Band 65.
3
In: Zur Metaphysik - Neuzeitlichen Wissenschaft -Technik. Gesamt-
ausgabe Band 76.
15

8. Alle bisherige Philosophie aber erweckt in der Gestalt der


Metaphysik den Anschein der »Wissenschaft«, zumal sie sich
eigens so benennt und nimmt und stets unzureichende An-
sprüche als Maßstäbe über sich zur Geltung bringt. Deshalb
wird auch von der Philosophie eine »Wirkung« erwartet, die
sie nie haben kann. Und jene die ihr eigen ist, wird in ihrer
Abgründigkeit nicht erfahren oder biologisch-psychologisch-
historisch mißdeutet.
Widerspruch ist nicht Widerlegung, d. h. nicht Vorbringen
und Begründen entgegengesetzter Aussagen über Gegenständ-
liches, sondern Ergründung einer anfänglichen Grundstellung
in der Wahrheit des Seyns und Inständigkeit in ihr. Die Philo-
sophie kann nie unmittelbar das Seiende – Wirkliche – beein-
flussen und abändern, aber sie vermag Wesentlicheres. Sie ist,
wenn sie ist, aber sie ist nur selten einmal: Einsprung in die
Geschichte des Seyns, der die Wahrheit des Seyns anfänglicher
ergründet.

12. Der Historismus der Neuzeit


und die Geschichte des Seyns

»Haltungen« (noch ein neuzeitlicher Begriff!), die die Neuzeit


ermöglicht und einst ernötigt; die Freiheit des Subjektums.
Haltungen nämlich zu dem jeweiligen Zeitalter, in dem ein
Menschentum und seine Geschlechter leben.
1. Man geht mit der »Zeit«. Man will dabei sein und sich da-
durch bestätigt finden. Die »Modernität«; man muß sogar
dabei-sein. Dabei die »Zeit«, d. h. die »Gegenwart«, je ver-
schieden – vordergründig oder hintergründig – (in ihrem Kei-
men, d. h. in ihrem Neuesten – Kommenden) gesehen.
a) flache Fortschrittlichkeit
b) der heroische Realismus } = neue Sachlichkeit.

2. Man ist stets gegen die »Zeit«, indem man außer ihr steht und
sie gleichwohl benützt und ausmünzt für die Gegner-
16

schaft. Das Christentum und in historischer Art alle »Renais-


sancen«.
3. Einige springen über die »Zeit« hinaus, nicht nur in deren (der
Gegenwart) »Zukunft«, sondern in eine wesentlich andere
Geschichte. Die Geschichte des Seins. Die »Zukünftigen« im
wesentlichen Sinne.
III. GANG
DIE GESCHICHTE DES SEYNS
[page left blank]
19

13. Die Vollendung der Metaphysik

Nietzsche setzt nicht nur ein Ende, d. h. die Not eines anderen
Anfangs, sondern eben diese Not nur ernötigt, daß auch zugleich
in der Vollendung die Metaphysik selbst – und das heißt die
Wahrheit des Seienden im Ganzen –, wenngleich ganz verhüllt,
wesentlich wird und zu Entscheidungen zwingt. Und gerade
dieses geht dem Ende des Zeitalters am schwersten ein. Denn
einmal hängt es an der Verneinung der Metaphysik durch den
Positivismus, zum anderen ist die Bejahung der Metaphysik so
befremdlich (vgl. KoinÒn), daß sie zum Schrecken wird.

14. Streit

Die Erde nicht ein Ausschnitt aus dem Seienden im Ganzen.


Die Welt nicht ein Ausschnitt aus dem Seienden im Ganzen.
Das Seiende nicht auf diese zwei Abschnitte verteilt.
Erde ist Wesung des Seienden im Ganzen.
Welt ist Wesung des Seienden im Ganzen.
Erde und Welt gehören dem Sein des Seienden im Ganzen und
deshalb ist zwischen ihnen der Streit, den wir nie zu denken
vermögen, wenn wir uns eine Zwietracht oder einen Wettkampf
vorstellen.
Der Streit selbst muß aus der Durchkreuzung der Entgegnung
und beide müssen aus dem Ereignis begriffen werden.

15. Streit

um den Vorrang – worin? In der Erwesung des Seyns.


Nur im Streit ist der Vorragende in den Vorrang gebändigt,
ge-eignet.
Alles Erde, alles Welt, und keines das Wesen, und beide die
Wesung.
Vorrang – vom Ereignis her!
20

16. Welt-bezug

Welt-bezug. Eingelassen in die »Erde«. Beides weil Zugehörig-


keit zum Seyn und mit diesem Entgegnung.
Erde und Leben (Liebendes) der erdunkelnde sich ragend-über-
schwingende irdische Drang. Wie Streit zu Welt.

17. Der geschichtliche Augenblick

1. Was herrscht: die Macht als Diktatur?


2. Wo ist das »Ereignis« und die »Kraft« der Überwindung?
3. Zeigt sich schon eine Wegrichtung?
4. Was heißt Überwindung der »Macht«? Ist das nicht die Erklä-
rung der Ohn-macht zur Wirklichkeit des Wirklichen?
5. Die Beirrung durch die jeweilige »Gegenwart«:
a) das Mißvergnügen der Abseitsgebliebencn und Zuspätge-
kommenen.
b) die Eitelkeit der Mitläufer und Bestätigten.
c) die Leere der in die Vergangenheit Flüchtigen.
d) der Lärm der Dazugehörigen zur Gegenwart.
Überall nur »historisch« gerechnet und aus der Subjektivität
gedacht. Nicht die Geschichte erfahren.
Die Geschichte nicht der weltliche Ersatz für eine zerfallene
»Ewigkeit« (historisches Ansehen, Leistung, Gedächtnis), son-
dern Geschichte als Wesung der Wahrheit des Seyns.
Die anfängliche Geschichtlichkeit aus dem Seyn ist das, was
auf uns zu-kommt.
21

1
18. Die andere Herrschaft

Die Herrschaft über das Wesen der Macht.


Die Vernichtung der Machenschaft durch das Er-eignis.
Das Wesen der Herrschaft wandelt sich. Warum aber »Herr-
schaft« überhaupt und auch hier noch maß-gebend?
Sein und Seiendes. In dieser »Unterscheidung« ist der Ursprung
der Herrschaft, d. h. er ist im Seyn selbst.

*
a
Herr ist, wer über die Macht herrscht. Das bloße Ja zur Macht
als Wesen der Wirklichkeit ist die niedrigste Knechtschaft.
Herr der Macht ist, wer ihr Wesen wandelt. Solche Wandlung
entspringt nur dem Seyn.
Und einmal kommt das Seiende vor das Seyn und muß in ihm
den Anfang seiner Wahrheit ergründen und - in den Ab-grund
reichen.

19. Was ist das?

Was ist das? Geworfenheit in die Lichtung? Geschichte.


Was ereignet sich und was wird er-eignet als Stehen im
Offenen?
Inständigkeit zum Kommen.
Hervor, aus dem Sein als Sein, das Inzwischen.
Wesung der Wahrheit: Geschichte.
Die Unterscheidung.
1
Vgl. Grundworte »Herrschaft«.
a
Ms.: Warum und wie noch »Herr«
22

20. Das Seyn und das Seiende

Das Seyn ist nie »Ursache« für das Seiende, sofern man mit »Ur-
sache« ein Wirkendes meint, das stets von der Art des Seienden
sein muß. »Wirkung« im Sinne des Hervorbringens und Hervor-
gehenlassens ist aus dem Bereich des Seienden genommen.
Für das Verhältnis von Seyn und Seiendem gibt es keine Ent-
sprechung in irgendwelchen Bereichen – es ist einzig-einmalig.
Und die Einheit der »Unterschiedenen« ist die Wahrheit »des«
Seyns selbst, in die je das Seiende entborgen hinein »west«.

21. Der Anfang

Der Anfang, der alles Künftige überwaltet, ist nur im Anfangen,


das will sagen: er ist der Selbe und er selbst je nur, solange er in
sich selbst zurückgeht und so das, was er vorauswirft, die Wahr-
heit des Seyns, in ihm selbst verwahrt und gegen alle Verkehrung
sich wehrt. Demgemäß ist das Verhältnis zum Anfang immer nur
so möglich, daß der Anfang in sein Eigenstes, in jene abweh-
rende Verwahrung (des Wesens der fÚsij) zurückgestellt und in
seiner Einzigkeit gewürdigt wird. Jedes andere Verhältnis ist
Abkehr vom Anfang, auch wenn es den gegenteiligen Schein
erweckt. In der Abkehr wird der Anfang vergessen. Die verfäng-
lichste Weise des Vergessens ist die fortschreitende »Wiederho-
lung« des Gleichen. Man sagt das Gleiche in einer stets neuen
Gleichgültigkeit, die Art des Sagens und Auslegens wechselt.
Die »Wiederholung« (Iteration) des Gleichen ist grundver-
schieden von der Rückgewinnung des Verhältnisses zu dem
Selben der Wieder-Holung. Das Selbe wird festgehalten, wenn es
nicht als Gleiches übernommen, sondern als das Verschiedene
23

und Unterschiedene zugeeignet wird. Der Unterschied entstammt


der jeweiligen Anfänglichkeit, in der je der Anfang anfängt. Das
Gleiche, d. h. Anfanglose, bleibt der Anfang jedoch, mag er als
Vorstufe anerkannt und so »überwunden« sein, mag er durch
»Umwälzungen« scheinbar beseitigt werden oder durch »Renais-
sancen« erneuert werden.
Alle »Renaissance« macht Vergangenes nur zeitgemäß und läßt
ihm gerade nicht die eigene Anfänglichkeit. Alle »Umwälzung«
übernimmt nur als Umkehrung den bereits zerstörten, nicht
mehr anfangenden Anfang. Keine »Revolution« ist »revolutio-
när« genug. Sie bleibt ihrem Wesen nach eine Halbheit, denn sie
kehrt durch Umkehrung nur einseitig die andere, schon vorhan-
dene Seite des Bisherigen hervor und steigert sie, wenn es hoch-
kommt, in das Unbedingte. Dadurch aber gelangt die Ver-
strickung zu ihrem Höchstmaß, deren Kennzeichen wird, sich
selbst sich unzugänglich zu machen und jede Besinnung als un-
gemäß abzuweisen. Alles »Revolutionäre« ist nur das abhängige
Gegenspiel zum »Konservativen«. Beides hält sich im Bisherigen
und Vergangenen und richtet es auf ein langes Heutiges ein.
Der anfangende Bezug zum ersten Anfang steht aber jederzeit
unter dem ersten Anfang selbst dann, wenn er, der andere, an-
fänglicher ist.
Dieses »Stehen unter« ist das Erstaunliche der Geworfenheit,
die nur aus der Geschichte des Seyns erfahrbar wird und in der
Gründung der Wahrheit des Seins, im Da-sein inständlich zu
übernehmen ist.
Das Da-sein ist und nur es ist das Geworfene – dem Offenen
des ersten Entwurfs des ersten Anfangs Ausgesetzte.
Wer dieser Geworfenheit sich entzieht, wird aus der Geschichte
des Seyns in die Ungeschichte der Machenschaft gefesselt, und
kann dort seiner »Freiheit« die Knechtsdienste verrichten.
24

22. Was einzig die Not ist

Durch den Einsprung in die Über-windung der Metaphysik die


Geschichte erschüttern und so das Seiende im Ganzen aus den
Angeln der Machenschaft heben helfen.
Die Befreiung in die Freiheit für die Wahrheit des Seyns.
Solches Denken ist un-menschlich (kehrt sich nicht an Maß-
stäbe und Ziele und Antriebe des bisherigen Menschentums).
Solches Denken ist gott-los (kann sich nicht auf Sendung und
Auftrag berufen und darin ausruhen).
Solches Denken ist - das Da-sein. Die Jähe des Augenblicks
eines anderen Anfangs der Geschichte des Seyns.
Die Inständigkeit im Einsprung ist für das Erste wesentlicher
denn jede Mitteilung, Belehrung und Verhandlung, als handelte
es sich um eine unmittelbare Maßnahme zur Abänderung der
Menschen und der Dinge!

23. Die Geschichte des Seyns

Die einbehaltene und ungegründete Wahrheit des Seienden als


solchen (noe√n – e≥nai).
Das Sein als die der fÚsij entlaufene oÙs∂a.
OÙs∂a als œn◊rgeia, actus, Wirklichkeit.
Wirklichkeit als Vorgestelltheit der Wirksamkeit
Wirksamkeit und Gegenständlichkeit (Vergegenständlichung).
Vergegenständlichung und Losgelassenheit an das »Seiende«
(Gegenstand).
Vormacht des Seienden und Sein als Wirksamkeit: Macht.
Macht und Machenschaft.
Losgelassenheit an das Seiende und Seinsverlassenheit des
Seienden.
Die Verweigerung als verborgene Wahrheit des Seins.
Verweigerung und Anklang der Er-eignung in die Zugehörig-
keit zur Wahrheit des Seyns.
25

Die Er-eignung als das Seyn selbst: Ereignis.


Das Er-eignis als Austrag: das Inzwischen.
In dieser Geschichte geht nichts verloren - und zu Zeiten ist sie
wesender in der Einfachheit des Gewesenen.

24. Die Vorgestelltheit des Seienden als des Wirklichen

Diese Vor-gestelltheit im Sinne des »gewissen«, sichernden


Vorstellens, d. h. Beistellung des Wirklichen als des zugestellten
Wirksamen.
Daher œn◊rgeia jetzt bei Leibniz unter Festhaltung der oÙs∂a
zugleich als vis, »Kraft«, weder »Möglichkeit« noch »Wirklich-
keit«.
Auch nicht das »Zwischen«, sondern der »Ursprung« und das
eigentliche Seiende nisus, conatus.
Entsprechend dann auch Möglichkeit und Wirklichkeit gewan-
delt.
Nisus und Ermächtigung der Macht. »Drang«.
Was wird aus der »Natur«?
Welchen Sinn bekommt jetzt zugleich die Natur-wissenschaft?
Mechanik befreit gerade die Kräfte.
Daher: Lebewesen als »Organismus«.
Vom Organismus zum »Organischen«.
Das Organische und das Elementare der Triebe.
Trieb und Drang als das »Wirkliche«.

Die Vorgestelltheit nicht im Sinne der ≥d◊a (diese nicht aesthe-


tisch-optisch) – fÚsij.
Die Vorgestelltheit ebensowenig im Sinne einer leeren, nur
naiven [?] Vergegenständlichung.
Das Vor-stellen als Vor-sich-bringen des Wirklichen als des
26

Wirksamen und damit zugleich Loslassung in das dergestalt


»Seiende«.
Das Sich-vor-stellen in der Zweideutigkeit der repraesentatio.
Das Vor-stellen und die »Technik«.

25. Seiendheit als Vorgestelltheit

meint: Vergegenständlichung des »Wirklichen« (Wirkenden) zur


Wirksamkeit.
Wesentlich gehört in diese Vergegenständlichung als ihr Wahr-
heitswesen die Technik.

26. Die Geschichte des Seyns*

Seyn
fÚsij
≥d◊a
oÙs∂a
œn◊rgeia
actus (Wirklichkeit)
perceptum (Vor-gestelltheit)
objectum (Gegenständlichkeit) } Subjectivität a.
Wirklichkeit
(œn◊rgeia – vis primitiva activa,
Leibniz)
Wille und Vernunft (deutscher
Idealismus)
} Subjectivität b.

Macht (Nietzsches Wille zur Macht)


Machenschaft
Seinsverlassenheit
Verweigerung das Kommen Û
Ent-eignung Ent-scheidung, »Übergang?«
Er-eignung Ü
1
Vgl. 39. KoinÒn.
27

Ereignis
Austrag
Geschichte
Das Sagen dieser Geschichte steht sogleich in der lang genähr-
ten Mißdeutung eines Berichtens und Verkündens; wogegen das
Wort nur »gilt«, indem es seynsgeschichtlich ist.

27. Seyn als Austrag

Zeit
Zeit – Raum

Entrückung und Zuweisung

Inzwischen
Welt <–> Gott

Mensch <–> Erde


Zwischen und die entrückend-zuweisende Widerwendung.
Widerwendigkeit: Streit/Entgegnung – Austrag.
Inständigkeit und Seyn.
»Wollen« (?), daß das Seyn wese.
So, wie wir inständig, so sind wir er-eignet in das Ertragen des
Streites und der Entgegnung und des Austrages.

28. Die Geschichte des Seyns

Erster Anfang: Aufgang, (Idee), Machenschaft.


Anderer Anfang: Ereignis. } Das Seyn.
Der Übergang ist nicht zwischen Anfang und Anfang; zu
Anfang gibt es keinen Übergang der Geschichte. Jeder Anfang
28

ist ein Jähes. Um so länger und verbergender ist Vorbereitung


und Nachfolgendes und der Übergang ins Jähe.
Jäh ist der Anfang in Anhebung und Ab-bruch.
Erst in der Geschickte wird der Anfang als Anfang er-eignet –
vordem jäh ins Geschichtlose der Historie Bereite. Aber schon
Seyn als Aufgang. Erst aus dem anderen Anfang – der erste.
Die Geschichte »des« Seyns als Wesung der Seyns, darin
zugleich die Geschichte zu ihrem Wesen (und Unwesen) entbor-
gen wird.
Die Geschichte des Seyns ist abgründig verschieden von aller
Historie des Seienden, aber ebenso auch von der in solcher
Historie durch Vergegenständlichung erreichten »Geschichte«.
Die Geschichte des Seyns ist das wesende Vorspiel.

a
29. Die Geschichte »des« Seyns

Die Überwindung (Über-gang) der Metaphysik. (Seiendheit).


1
Machenschaft (Zur Besinnung) .
Das Er-eignis. (Seyn). Austrag.
Die Geschichte. (Wesung der Wahrheit).
Die Verschwindung des Menschen. (Da-sein). Der Zu-wurf des
Da-seins.
Der letzte Gott.
Die Schenkung der Verarmung.
Die unerfindliche Stille der Einzigkeit des Einfachen, wesend
um den Austrag.
a
Hs.: Einfachste Gestaltung. Werdenlassen dessen, was in den »Bei-
trägen« und »Zur Besinnung« gedacht.
Werdenlassen aus dem Seyn als Wahrheit des Seyns zum Seyn der
Wahrheit als Da-sein.
1
Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 9. Die Machenschaft.
29

30. Die Verkennung des Anfangs

Er-gänzen kannst du nur aus der Gänze. Und diese?


Also nicht das Beibringen des Fehlenden, etwa der Leidenschaft
zur Vernunft, oder umgekehrt, sondern je beide in sich in ihrem
Widerspiel – aus Ursprung!
Wie ein solcher?
Auch nicht das »Umkehren«.
Die Verkennung des Anfangs wird am meisten gefördert durch
das Erwecken eines Scheins von Ursprünglichkeit im Sinne der
Ergänzung und der Umkehrung des Bisherigen.

31. Die Geschichte des Seyns

Die Reihe der Namen ist nur scheinbar die Abfolge von Titeln.
Sie sagt in einem Zumal das Einfache des Er-eignisses der fÚsij
zum Austrag. Fremdling – ein irrender – ist der Mensch in der
Geschichte des Seyns und dazu noch genarrt durch die Historie
des Seienden.
Das Sagen der Geschichte des Seyns kann sich nicht »sichern«
durch eine Flucht ins Gewohnte und was schlimmer ist – in die
gegen das Gewohnte abgewandelten Formen der Darstellung.
Das Sagen vermag auch den Schein des »Fragmentarischen«
nicht abzuwerfen, mag man dieses als Unvollendung eines
gewohnten und erwarteten Ganzen nehmen oder als in sich
eigene Form der »Äußerung« (z. B. im Sinne des »Aphorismus«,
den Nietzsche braucht).
Das Sagen ist – unerrechenbar wie das Seyn selbst – eine
Wesung seiner Wahrheit nach der Art einer Erschweigung des
Austrags.
Das Sagen berichtet nicht über den Ablauf einer »Geschichte«,
in der sich Begebnisse und deren Haltepunkte zusammenfinden.
Das Sagen beschreibt nicht Vorhandenes, erzählt nicht Vergan-
genes und rechnet nicht Zukünftiges voraus.
30

Nennen wir das Sagen die »Besinnung«, dann meint dieses die
Einverwandlung des Menschentums in den »Sinn«, d. h. hier
und heißt nur: die Wesung der Wahrheit des Seyns.
Einverwandlung in Jenes, was die Geschichte des Seyns bisher
nicht zuließ und künftig nur erst erwinkt in die Inständigkeit im
Da-sein – welches Da-sein der bisher verborgene Grund der
Gründung des Abgrundes des Austrages ist.
Die Einverwandlung aber ist nicht des Menschen wegen, son-
dern umwillen des Seyns west Da-sein.
So bleibt die »Besinnung« stets noch in der Gefahr, für eine
»existenzielle« »Ethik« und dergleichen genommen zu werden
und dem entgegenzuarbeiten, was die Geschichte des Seyns
inskünftig vorhat: die Verschwindung des Menschen – des
animal rationale und der Subjektivität.
Das Sagen sagt nur so weit als es sagend Geschichte des Seyns
ist. Für uns heißt das: sofern das Wort inständet im Übergang.
Das Sagen ist Sagen des Denkens, und im anderen Anfang ist
das Denken die Vorbereitung des Dichtens.
Zwar ist die »Besinnung« für sich durchaus ihrem seynsge-
schichtlichen Wesen verschrieben und daher sagt sie die wesent-
lichen Sagen und die einzige Entscheidung.
Und dennoch streift sie die Gefahr des Historischen immer
wieder: daß doch das Denken ein dazukommendes Erkunden des
Seyns bleibt. Aber ist je im menschentümlichen Vollzug diese
Gefahr fernzuhalten? Niemals. Aber stets wird es nötig, ihr
anders und entschiedener zu begegnen, um sie als wesentliche
anzuerkennen.
Daher muß das Denken fünfzig und hundert Mal das Selbe
er-denken und auf die Stelle des Selben zu kommen versuchen,
bis einmal ein Einfaches gelingt.
Daher muß jeder historische Anlaß immer gleichgültiger wer-
den, bis nur die Geschichte das Wort ereignet und das Wort
dann das Seyn in das Seiende – dieses lichtend – spricht.
Wie soll aber das Denken, das seit zwei Jahrtausenden das
Seiende sucht und es als das Wirkliche nimmt und das Sein
31

fraglos findet in der angeblich unklärbaren und klärungsunbe-


dürftigen »Wirklichkeit«, wie soll das Denken zuvor erst dahin
verwandelt werden, das Seyn zu wissen und wissend als das
Kommen zu erfahren?
Aber frage das Seyn und in ihm als Wort antwortet der Gott,
das will sagen: im Wort »des« Seyns kommt die Gottschaft –
entgegnend dem Menschentum – mit diesem zum Streit der Erde
und der Welt.

32. Die Groß- und Langmut zum Kommendsten

Nichts an Interessen, Rettungen und »Heil« vergeudet.


Die künftige Geschichte fängt an als Geschichte des Seyns
durch die Gründung seiner Wahrheit. Der bloße Wandel des
Menschen vom christlichen zum heidnischen oder in der noch-
maligen Umkehrung vermag keine Geschichte ins Freie zu brin-
gen. Gleich ohnmächtig ist die Abänderung des Seienden. Über-
dies ist die Frage: ob christlich oder heidnisch noch eine christ-
lich gestellte Frage, da es Heidentum nur gibt vom Christen her
gesehen. Der geschichtliche Anfang steht außerhalb dieses Ent-
weder-Oder, er ist nicht religiös – aber deshalb allein steht er in
der unverfälschten, nicht auf die Rettung des Menschenheils zu
rechnenden Erwartung.
Die zeitigende-einräumende Überwartung.
Der Verzicht auf »Lebensinteressen« und »ewige Seligkeiten«
als Maßstäbe des Seienden und seiner Betreibung.
Verzicht – Groß- und Langmut – Verzicht, nicht verzweifelte
Abkehr, sondern überwartende Zuversicht aus dem Wissen des
Seyns.
[page left blank]
IV. DIE VOLLENDUNG DER METAPHYSIK
1
DIE SEINSVERLASSENHEIT

1
Vgl. Technik.
[page left blank]
35

33. Die Vollendung der Metaphysik

ist dadurch gekennzeichnet, daß die in ihr waltende und sie tra-
gende Seinsvergessenheit unbedingt wird, das will sagen: die
Seiendheit ist nicht nur (als »Idee« mißdeutet) durch die Umkeh-
rung des Platonismus in Rauch aufgegangen, sondern das noch
und jetzt erst eigentlich verbleibende Seiende (»das Leben«) wird
als das Einzige und die Wurzel für Alles angesetzt. Alles andere
ist »Ausdruck« und »Formensprache«. Die uneingeschränkte
Bedürfnislosigkeit kommt zur Herrschaft, die glaubt, mit dem
Seienden selbst sich begnügen zu können, da dieses doch das
Element der Fülle ist. Des »Seins« bedarf es nicht, denn es gilt als
das »Abstrakte«.
Inwiefern Hegel diese Vollendung der Metaphysik mittelbar
vorbereitet und mit ausmacht?
Die Seinsvergessenheit ist die metaphysische Einrichtung und
Verfestigung der dabei notwendig völlig verborgenen Seinsver-
lassenheit.
Die Seinsverlassenheit des Seienden besteht in dem ausschließ-
lichen Vorrang des Seienden, dessen, was je gerade zur Zeit die-
ses Zeitalters ist.
Und die Seinsvergessenheit bezeugt sich am deutlichsten darin,
daß sie in der Zugehörigkeit zu diesem Seienden, in der Gewiß-
heit zu diesem zu gehören, das Einzige und Höchste erblickt.
Diese Gewißheit macht jede Wahrheitsfrage überflüssig und ist
selbst in die Auslegung als der höchsten Freiheit gestellt.
Denn wiederum – alles, was nicht das Seiende und nur dieses
bejaht, gilt als Romantik – Flucht.
Und die Seinsvergessenheit lebt so vom Nicht-Verstehen des-
sen, was sie angeblich überwindet, des Platonismus und seines
Grundes.
36

34. Die Überwindung der Metaphysik


Der Übergang

Der Übergang aus der Metaphysik in das seynsgeschichtliche


Fragen ist im Wesen ein Übergehen der Metaphysik in dem
Sinne, daß ein Fragen nach ihrer Art nicht mehr möglich ist.
Die Überwindung entspringt nicht einer »Kritik« der Metaphy-
sik, sondern ist die Geschichte der Notwendigkeit der Gründung
der Wahrheit des Seyns, aus der anfänglich gefragt wird. Hierzu
gibt es keinen »Übergang« im Sinne des stetigen Hinübergleitens
aus der Metaphysik in eine vermeintliche Übermetaphysik oder
Metaphysiklosigkeit, sondern das Fragen ist von Grund aus
anders und kann allerdings in einer geschichtlichen Besinnung
vergleichend angedeutet, aber niemals, was die Voraussetzung
des Vergleichs ist, aus sich vollzogen werden.

35. Die Seinsverlassenheit

Das Sein hat das Seiende verlassen: je dieses und jenes, je jetzt
und dann, je dort und hier wird auf ein Nächstes hinaus betrie-
ben im Bezirk einer dem Seienden zugeschriebenen Machbarkeit.
Diese Zuschreibung ist aber nur das nachträgliche Ja zu dem,
was sie bereits erwirkt und ins Betreiben herausgelockt hat. Das
jeweilige Seiende bietet sich jetzt in seiner Machbarkeit überall
und ständig an. Auf die Machsamkeit verläßt sich das Seiende,
aber ohne sie als Sein zu kennen und zuzugestehen. Das vom
Sein verlassene Seiende – wie soll es denn verlassen sein?
Dergestalt, daß es keine Besinnung auf das Sein und seine
Wahrheit im Sinne einer Entscheidung zuläßt, die das Seiende im
Ganzen erschüttern müßte. Die Seinsverlassenheit meint also
nicht Abschnürung des Seienden vom Sein, im Gegenteil: in der
Verlassenheit ist ja das Verlassene doch auf das Verlassende
bezogen – ihm zugewiesen –, so daß es sich, wenngleich
37

verschiedenartig, auf das Verlassende verläßt. Die Verlassenheit


ist dann eine wesentliche, wenn das Verlassende als solches nicht
mehr wißbar ist und doch noch ein verhüllter Schein alles um-
drängt.
Das Nichtmehrzulassen hat seinen »Eigensinn« und die Ent-
schiedenheit daher, daß es das Stehen in der Wahrheit un-nötig
gemacht hat. Die Not ist verschwunden, weil alles Seiende er-
klärbar geworden und vollends gar das Sein. Man braucht nur
die Beschaffenheit des Menschen zu kennen und daß alles im
Machen seiner Gemächte spielt. Was ist einleuchtender, über-
zeugender und erhebender und zugleich endloser als solche
Kenntnis?
Im »Lichte« dieser Kenntnis ist der Mensch geblendet und sieht
nur sich selbst – »Anthropologie«. Diese Blendung aber läßt das
Sein zu als die Verblendung der Seinsvergessenheit.

36. Das Ende der Neuzeit in der Geschichte des Seyns

Das metaphysische Ereignis der Vollendung der Neuzeit ist die


Ermächtigung des »Kommunismus« zur geschichtlichen Verfas-
sung des Zeitalters der vollendeten Sinnlosigkeit. Nach dem in
»Sein und Zeit« gedachten Begriff des Sinnes meint dieses Wort
den Entwurfsbereich der Entwerfung des Seins auf seine Wahr-
heit. Und »Wahrheit« bedeutet die entbergende Freigabe des
Seins in das Gelichtete seiner Wesung. Sinn-losigkeit meint daher
die Wahrheitslosigkeit: das Ausbleiben der Lichtung des Seins.
Sobald dies sich ereignet und das »Sein« gleichwohl wie sonst
genannt wird, übernimmt es die Rolle des fraglosen allge-
meinsten Wortes für das Allgemeinste und Leerste, das an die
unanschauliche äußerste Grenze des Verstellbaren hinausge-
schoben ist. Das Sein des Seienden, in jeglichem Verhalten, Sagen
und Schweigen des Menschen zwar ständig gemeint, hat auf eine
Lichtung und Bestimmung seiner selbst verzichtet.
38

Diese Sinn-losigkeit vollendet sich dadurch, daß das Ausbleiben


der Wahrheit des Seins selbst noch in die Unkennbarkeit ver-
sinkt, sobald das Seiende, das aus dem Sein und nach ihm ge-
nannt ist, vom Sein verlassen wird. Das Seiende ist in dem, was
es ist und wie es ist und daß es je so und so ist, der planenden
Berechnung und der lenkenden Meisterung des Menschen über-
lassen, der Mensch dabei auf die Erhaltung seiner als des Betrei-
bers des machbaren Seienden erpicht. (»Kultur« und »Technik«
neuzeitlich-metaphysisch, aber solches Menschentum bereits die
Wesensfolge der Wahrheitlosigkeit des Seyns.) Die Seinsverlas-
senheit des Seienden hat zur Folge, daß sich der Mensch die
Sicherung seines Wesens in der durchgängigen Machbarkeit des
Seienden einrichtet. Das Seyn verläßt das Seiende, sofern das
jeweilige Seiende in seiner Machbarkeit sich anbietet und die
Menschenmache in den maßgebenden Vorrang setzt, wobei
jedoch der Mensch die Machbarkeit des Seienden in ihrem
Wesen und ihrer Wesensgründung nicht bedenkt, so zwar wie-
derum, daß das Seiende gleichwohl in die freilich ungekannte
und grundlose Lichtung des Seins als der Machsamkeit von
Allem eingelassen bleibt. In der Verlassenheit ist ja das Verlas-
sene doch nicht vom Verlassenden abgeschnitten, sondern ihm
gerade dergestalt zugewiesen, daß es sich ständig noch auf es
»verläßt«, dies sogar dann, wenn das Verlassene sowohl das
Verlassende als auch die eigene Verlassenheit vergißt. In einer
Verlassenheit vom Seyn ist aber das Seiende durch jenes entlas-
sen, weil im ungesehenen Lichte der Machbarkeit des Seienden je
nur das Seiende gilt und das »Sein« zu einem bloßen Wortschall
herabgesetzt wird.
Doch dies ist ein wenngleich durch die Seinsverlassenheit not-
wendig erzeugter Schein. Auch in der Seinsverlassenheit des
a
Seienden west noch das Seyn. Denn gerade zu der Zeit, wo sich
die Sinnlosigkeit vollendet und das Menschentum in die schran-
a
Hs.: Das Verlieren und Entbehren des Seyns, das Erwachen im
Verlust, die Verweigerung – deren Zeichen: das Ungewöhnliche.
39

kenlose Mache der Machbarkeit des Seienden verzaubert wird,


als sei sie die Meisterung des »Seins«, werden die »Werte«
(»Lebens«- und »Kultur«-»Werte«) als die höchsten Ziele und
Zielformen des Menschen ausgerufen. Die »Werte« sind aber
nur die Übersetzung des wahrheitlosen Seins in die bloßen Titel
dessen, was im einzigen Umkreis der Machsamkeit als das
Schätzbare und Errechenbare gelten darf. Das Aufkommen der
mannigfaltigen Abwandlungen des »Wertgedankens« in den
»Weltanschauungen« bestätigt die vollzogene Auslieferung des
Seienden in die Seinsverlassenheit. Und der Wille zur »Umwer-
tung aller Werte«, gleichviel in welcher Richtung sie sich vollzie-
hen mag, vollzieht die endgültige Verstrickung in die vollendete
Sinnlosigkeit.
Inwiefern ist aber der »Kommunismus« die geschichtliche Ver-
fassung des Zeitalters der vollendeten Sinnlosigkeit? Die
»geschichtliche Verfassung« meint jenes Gefüge des Seins, das
allen Entscheidungen und Verhaltungen eines Zeitalters zum
Seienden den Boden und den Spielraum vorausträgt, um so dem
Zeitalter die Art zu bestimmen, gemäß der es in die
»Geschichte« gehört. Die »Geschichte« jedoch ist die Weise, wie
die Wahrheit des Seyns gegründet und erbaut, verwirrt und ver-
lassen, übergangen und vergessen wird. Der »Kommunismus«
aber bringt jenes Sein zur Herrschaft über das Seiende inmitten
des Seienden, das durch die Seinsverlassenheit des Seienden die-
sem noch überlassen wird.
[page left blank]
1
V. TO KOINON

1
Vgl. III. Gang. Die Geschichte des Seyns.
[page left blank]
43

37. Gang

Sein und gegenständliche Wirklichkeit (neuzeitliche Metaphysik)


(Technik)
Wirklichkeit und Macht
Macht und Kommunismus
Kommunismus und Machenschaft
Machenschaft und Verwüstung
Verwüstung und Sinnlosigkeit
Sinnlosigkeit und Seinsverlassenheit
Seinsverlassenheit und Verwahrung (»Reif...«)'

Verwahrung und Verweigerung


Verweigerung und Enteignung
Enteignung und Ereignung
Ereignung und Ereignis
Ereignis und Austrag

Austrag als Seyn


Seyn und Wahrheit
Wahrheit und Da-sein
Da-sein und Geschichte
Geschichte und Ent-scheidung
Ent-scheidung und Seyn
Seyn und Ab-grund
Ab-grund und das Höchste
das Höchste und das Nächste

*
1
Vgl. Das Entsetzen, Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 70. Götter.
Das wesentliche Wissen.
44

Das Seyn und die fÚsij

Jedes das Selbe und dieses Selbe je wieder das Fremdeste.


Anfänge sind stets anfänglich, ohne Übergang.
Die unerfindliche Stille des Zumal der Einzigkeit des Ein-
fachen.

38. Subjektivität und Seinsverlassenheit

Die Subjektivität des Menschentums die auszeichnende Siche-


rung der durch die Metaphysik vollzogenen Seinsverlassenheit.
Die Subjektivität des Menschentums kennzeichnet die Neuzeit
als solche, weil diese selbst sich aus der Vollendung der Meta-
physik bestimmt; diese Vollendung aber besteht in der Ermächti-
gung des Machtwesens des Seins als Machenschaft.
Die Wesensfolge der Subjektivität ist der Nationalismus der
Völker und der Sozialismus des Volkes. Jeweils ein Machtan-
spruch geltend gemacht um der Macht selbst willen und deshalb
durch diese in ihrer wesenhaften Übersteigerung je gesteigert und
verschärft.
Die Wesensfolge dieser Geschichte der Subjektivität ist der un-
eingeschränkte Kampf um die Sicherung der Macht und deshalb
die grenzenlosen Kriege, die die Machtermächtigung überneh-
men. Diese Kriege sind metaphysisch etwas wesentlich anderes
denn alle vorigen.
Die Stufen und Formen der Machtstellungen der Subjektivität
in den einzelnen Nationen und Sozialismen sind verschieden und
gemäß ihrem kriegshaften Wesen entsprechend verschieden von
ihnen selbst und sogar sich selbst gegenüber verschleiert.
Die Subjektivität und nur sie zeitigt die höchste Objektivität (in
der Gestalt der Technik).
45

39. KoinÒn
Zu Gang

Kein »Übergang« und keine »Überwindung« – dieses alles ist


noch gedacht im Widerspiel zum Gemächte innerhalb der
Machenschaft. Die Verwüstung und die Seinsverlassung und
Verwahrung des Seyns in ihm selbst als dem verborgenen Aus-
trag ist Geschichte des Seyns (Wesung seiner Wahrheit).
»Übergang« und »Überwindung« sind historisch-technische,
keine seynsgeschichtlichen Bestimmungen.

Hier sind keine Versuche der Abänderung von »Weltanschau-


ungen« und des Umwandelns von »Kulturen«.
Was gegen das Kommen ist, indem es sich in das Unwesen der
Machenschaft, die Verwüstung, verfestigt, wird dadurch vom
Seyn selbst aus diesem entlassen und seiner Sinn-losigkeit über-
lassen.
Doch diese Verweigerung des Seyns kann lange dauern und in
ihrem Zeitgang bedarf es einer eigenen Inständigkeit im anfan-
genden Da-sein. Menschentümlich heißt dies: das Nichtdazuge-
hören ausharren, den irrigen Widerstand vermeiden, die einzige
Not wissen.
Erst der Verwüstung gewachsen werden. Keine Flucht in Bishe-
riges, kein Überspringen in vorschnell gemachtes »Zukünftiges«.
Die Verwüstung aushalten – in der Unscheinbarkeit des
Unvermögens.
(Härter ist noch – die Verwüstung erstmals anfänglich als eine
solche vordenken.)
Die Verwüstung aushalten. Indem sie das Seiende der Seins-
verlassenheit preisgibt, muß in ihr die Verweigerung des Seyns
einschlagen, gesetzt daß der Mensch im Zeitgang der Seinsge-
schichte zu bleiben vermag und sich nicht nach rückwärts oder
vorwärts davon macht.
46

Schwer bleibt es zu sagen, was verhängnisreicher ist für die


a
Gefährdung der Inständigkeit; ob die Flucht ins Bisherige oder
das Hasten ins Neue oder der bloße »Heroismus« zum vorhan-
denen »Gegenwärtigen« oder die Rettung ins Ewige.

40. Zum Begriff der Machenschaft

Wenn diese unter anderem durch die Rechnung und das Rechne-
rische bestimmt wird, dann meint das nicht die Sucht nach
»Profit« und das Schnappen nach Vorteilen. Rechnen ist hier der
Name für eine wesentliche und somit vorbestimmte Abwandlung
des lÒgoj – das planende Einrichten und Einbringen der »Interes-
sen«, die Aufrichtung dieser als »Hochziele«, die vielleicht jeden
Eigennutzen ausschließen.
Profitgier kann verneint und deshalb doch das rechnerische
Wesen allem zuvor bejaht werden.

1
41. Machenschaft, (seynsgeschichtlich begriffen)

Dieses Wort nennt jenes Wesen des Seins, das alles Seiende in die
Machbarkeit und Machsamkeit entscheidet. Sein besagt: Sichein-
richten auf die Machsamkeit, so zwar, daß diese selbst das
Sicheinrichten in der Mache hält.
Metaphysikgeschichtlich erläutert sich die Machenschaft durch
die Seiendheit als Vor-gestelltheit, in der es auf Her--stellbarkeit
in jeder Abartung abgesehen ist.
Machenschaft ist als Seiendheit des Seienden vom Wesen des
Seyns, dessen Wegwerfung in die vergessene und ungegründete
Wahrheit, d. h. Fraglosigkeit des Seins und des »ist«.
Das Wort »Machenschaft« hat hier einen wesensgeschichtli-
a
Ms.: überall die Historie und Technik des Seienden!!
1
Vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Rand 66, 9. Die Machenschaft.
47

chen Redeutungsbezug zur fÚsij, sofern sie alsbald für eine


Weise der po∂hsij (Mache) im weitesten Sinne genommen wurde.
Das Wort meint ein Wesen des Seins und nicht etwa die Ver-
haltung und das Gehaben eines bestimmten Seienden genannt
»Mensch«. Machenschaft in der alltäglichen Redeutung meint
dann die hinterlistige, auf Verwirrung und Zerstörung hinaus-
rechnende oder auch nur forttobende Betriebsamkeit. Diese
»Machenschaft« ist höchstens eine entfernte Folge der seynsge-
schichtlich gedachten.
Die Machenschaft in ihrem reinen Wesen wissen, nicht nur
Einsicht in das geschichtliche Wesen des koinÒn als Ausbreitung
und Festigung der Ermächtigung, sondern Machenschaft noch
über das koinÒn hinweg.
Machenschaft – Macht – Übermächtigung.
Sicheinrichten auf die unbedingte Botmäßigkeit aller Macht zu
ihr.
Die Botmäßigkeit der Macht dergestalt, daß die Übermäch-
tigung als unbedingte Verwüstung west.

a
42. Machenschaft und Verwüstung

Die aus der Machenschaft ausbrechende Verwüstung wird dann


am mächtigsten, wenn sie sogar noch übergreift in das, was
ihren Übergang in ein Anderes vorbereitet und sie im Verborge-
nen schon verlassen hat. Dann wird jedes Wort, das aus dem
Kommen gesagt sein möchte, zu einem öffentlichen Redeschwall,
der das Fremde des Kommens im »Neuen« des Vergangenen und
als sein »Neuestes« heimisch macht. Aber dieser Übergriff der
Verwüstung ist doch nur ein Schein. Denn in
a
Hs.: Verwüstung = Einrichten der Wüste, d. h. der eingerichteten
Unterhöhlung jeder Möglichkeit jeglicher Entscheidung und aller Ent-
scheidungsbezirke. Die Wüste ist schon, wenn noch alles in Ordnung
sich gibt. Ver-wüstung meint hier nicht bloß: Wüstmachen eines Vor-
handenen.
48

Wahrheit gehören die Neuesten erst recht in die Mitte der Wüste
nehmen nur das scheinbar Andere zum Anlaß, ihr Bisheriges
vorzubringen und in der Entscheidungslosigkeit ganz zu versin-
ken.
Die Verwüstung selbst bleibt unempfindlich gegen Alles, was
sie verleugnet und ihr Unwesen durchschaut hat; denn sie kann
ja nicht unmittelbar beseitigt, sondern nur durch ihr Wesen
selbst in ihr Wesensende gesetzt werden.
Die Machenschaft ermächtigt die Macht in ihr Wesen. Dieses
aber ist die Übermächtigung. In der Übermächtigung liegt ein
Niederzwingen und Vernichten. Vernichten meint hier nicht das
Beseitigen und nur aus dem Vorhandenen und Gültigen Weg-
schaffen, meint auch nicht das Zerstören und Zertrümmern im
Sinne der auflösenden Zerstückelung des Vorhandenen. Vernich-
ten ist hier »positiv« die Überführung in das Nichtige. Weil nun
aber die Ermächtigung der Macht als des Unbedingten selbst von
dieser Art sein muß, ist auch die Übermächtigung eine vollstän-
dige Vernichtung. Die Vollständigkeit hat hier nicht summenhaf-
ten, sondern wesensmäßigen Charakter; sie erfaßt nicht erst nur
alles Seiende, sondern zuvor das Sein selbst. Die vollständige
Vernichtung ist die Verwüstung im Sinne des Einrichtens der
Wüste. Verwüstung meint demnach keineswegs das nur nach-
kommende »wüst« und leer Machen eines Vorhandenen, son-
dern das Erfügen der gesicherten Unterhöhlung jeder Möglich-
keit jeglicher Entscheidung und aller Entscheidungsbezirke.
In dieser Wüste »wächst« nichts mehr; das Seiende kommt
nicht mehr in die Entscheidung des Seins. Verwüstung schafft
nicht das leere »Nichts«, sondern ist eine Ordnung eigenster Art:
die eingerichtete Verzwingung in das Entscheidungslose. Ver-
wüstung ist nicht gesetzlose Wirrnis und blinder Zerfall, sondern
hat die Sicherheit des Sicheinrichtens der Macht und zwar der
unbedingten. Der Ordnungsdrang der Verwüstung ist der
Grimm.
Die Verwüstung ist in sich, nicht in bloßen Auswirkungen,
grimmig. Sie ermächtigt ihren Grimm durch die Vorhabe einer
49

unabsehbaren Dauer ihrer selbst. Die Beständigkeit der Ver-


wüstung fällt nie zusammen mit dem leeren und ohnmächtigen
Fortdauern eines vorhandenen Zerstörten; die Beständigkeit ist
nicht eine Folge einer eingetretenen und d. h. »wirklichen« Zer-
trümmerung. Sie west vielmehr als die gesicherte Androhung
stets neuer Unmöglichkeiten einer Entscheidung. Die Ver-
wüstung ist das Nie-mehr-Rückgängige, weil sie nur vorausgeht
auf das Auslöschen jeder Möglichkeit, das Seiende als ein solches
vor das Sein zu bringen.
Die unbedingte Ermächtigung der Macht in die Übermächti-
gung zeitigt als solche Verwüstung die Vormacht des Riesigen.
Auch dieses besteht nicht in einem bislang nicht erreichten
Übermaß alles Großen und Kleinen. Das Riesige hat sein Wesen
in der Einrichtung der gesicherten Ermöglichung des Maß-losen,
das sich selbst nicht mehr kennbar machen kann, weil es jede
Grenzziehung unterbunden hat. Das im Wesen der Verwüstung
(d. h. stets der Machenschaft) zur Herrschaft gebrachte Riesige
wird zur Loslassung des lärmenden Übertreibens und der in sich
zurückgezogenen Schwarmgeisterei. Beide gehören zusammen.
Die Übertreibung ruft gedächtnislos der Reihe nach jede nach-
folgende Begebenheit als die größte und jede neue Maßnahme
bedenkenlos als einzigartige Leistung aus. Jedesmal ist Jegliches
das Entscheidendste. Und dies alles im Bezirk der schon langher
entschiedenen, aber jetzt erst sich ausfaltenden Entscheidungs-
losigkeit. Die Schwarmgeisterei flattert umher als das tönende
Gemengsel unbegriffener, doch nie befragter, weil nicht befrag-
barer Worte und Wörter aus Hölderlins Dichten und Nietzsches
Denken. Ein schäumendes Gebräu angeblicher Beschwörungen
gibt sich, meist noch in hymnischer Form, als Einsicht und
Wissen und möchte ein Geleit für das »Leben« bieten. Und
überall sind das nur die ihrer selbst nicht mächtigen Formen der
sich einrichtenden Verwüstung, die ihre Hartnäckigkeit noch
dadurch versteifen, daß die Übertreibung in rettender Absicht
und das Schwärmertum aus guter Meinung betrieben werden.
50

43. Der »totale« Krieg

Nachdem er öffentlich und feststellbar geworden, findet man


sogar, daß er gar nicht »total« sei, ja weniger als ein Krieg sonst.
Viele Menschen laufen z. B. unbehelligt herum. Nur zuweilen
und auf Zeit trifft er diesen und jenen. Überhaupt bleibt doch
manch ein Bezirk der Alltäglichkeit ganz unberührt. Der Krieg
spielt sich irgendwo ab – in einem Raum, dessen Räumlichkeit
allerdings seltsam und schwer faßlich bleibt.
Was hier gegen die Totalität vorgebracht wird, spricht freilich
für sie und zwar so, daß bedacht werden muß, wie unwesentlich
es bleibt, ob die Totalität überall im Seienden geradezu und un-
mittelbar vernehmlich sei; denn Totalität ist ein – zwar schlech-
ter – Titel für das Sein des Seienden und zeichnet in sich vor eine
Prägung des Seienden, die den gewohnten Erfahrungen entgeht
und deshalb nicht feststellbar wird, so daß der Anschein ent-
steht, das Totale des Krieges zeige doch Lücken und sei daher
nicht total.
1
VI. DER AUSTRAG
DAS WESEN DER MACHT
DAS NOTWENDIGE

1
Vgl. KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns.
[page left blank]
53

44. »Die Unter-scheidung«

des Seyns zum Seienden ist niemals »Antithese«, so daß sich hier
ein Feld für billige Umkehrungen darbieten könnte, etwa des
Stils: statt nach Seiendem als solchem zu fragen (Metaphysik)
nach dem Seyn.
Denn das Seyn ist nicht das Andere zum Seienden, sondern ist
dieses selbst und ist es allein!
Die Antithese nur dort und auch da nur scheinbar möglich, wo
das Sein als Seiendheit genommen und in den Verallgemeine-
rungen zum Seienden gedacht wird und Allgemeines und Beson-
deres, Geeinzeltes einander gegenübergestellt werden. Demge-
mäß kann man einleitend ontisch und ontologisch unterscheiden,
aber das bleibt innerhalb der Metaphysik.

1
45. Die Spur zur Wahrheit des Seyns

Vorrang des Seienden zügellos.


Und welches Sein? Die Machenschaft; aber unkennbar im Vor-
rangsbereich.
Gerade dieses Sein vergessen, weil einzig zum Seienden ver-
fälscht. Die Macht als etwas »Seiendes« und dennoch ein Unge-
wöhnliches. Das Ungewöhnliche als die erste Erschütterung der
Seinsvergessenheit. Durch diese hindurch eröffnend die Seins-
verlassenheit. In dieser die Spur der Verweigerung.
Diese als Wink der Er-eignung – die Entscheidung.
Die Wesung des Seyns und die Wahrheit.
Der Anlaß des Ungewöhnlichen: das Seltsame.
Das Seltsame und das Gewöhnliche. (Das Gewohnte und die
Gewöhnung.)
Das Gewöhnliche: ob nur gewohnt und dadurch vergessen
oder ob zumal in der Besinnung; hier schon (inständige Ent-
scheidung).
1
Vgl. KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns.
54

Das Gewöhnliche – Seltsame – als das Nicht-Wirkende und den-


noch ...
(Vom Seltsamen, scheinbar nur Heutigen, in die wesenhafte
Entscheidung). Das gewöhnliche Ungewöhnliche und das Uner-
hörte (auf die Öffentlichkeit und den Lärm Bezogene).

46. Die Spur zur Wahrheit des Seyns


Das Un-gewöhnliche im wesentlichen Sinne

ist Jenes, was im Gewöhnlichsten das am meisten und zum vor-


aus Übersehene bleibt – das Sein des Seienden. Dieses wesenhaft
Ungewöhnliche liegt nicht außerhalb des Gewohnten, fällt nicht
aus ihm heraus und ist kein Ausgefallenes. Daher auch nie durch
Solches kenntlich zu machen. Das Ungewöhnliche ist der als
solcher verborgene Grund des Wesens des Gewohnten. Wenn
dieses noch gar im Unwesen taumelt und selbst dies noch verges-
sen ist, dann führt kein unmittelbarer Steg zum Ungewöhnlichen.
Dieser Name freilich ist ein nachgetragener und bereits eine
Zugabe der Schätzung – der ausschließlichen scheinbar – alles
Gewohnten.
Erst den Blick wach und klar machen für dieses Ungewöhn-
liche. Abhold ist die Besinnung allem Übertreiben und jedem
Gesuchten. Die einfachsten und vielberedeten Verhältnisse in
anfänglicher Reinheit erstehen lassen.
Im Seltsamen meldet sich das Ungewöhnliche. Was ist dem
neuzeitlich ins Seiende seinsvergessen gebannten Menschen
ungewöhnlicher als das Seyn?
Die Bereitschaft zur Gewährung der Stätte dem Seyn.
55

47. Die Wahrheit des Seyns

zu gründen nicht für das Seiende und damit erneut das Vielerlei
des nur Vielen Herr werde, sondern für die Wesung des Seyns
selbst.
Die Gründung des Kommens im Tragen des Abgrundes.
Das Seyn nicht abzuleiten, nicht zu erklären. Jede solche
Absicht versieht sich schon im Wesen. Aber auch nicht nur
»intuitus«, Anschauen, sondern Inständigkeit der Gründung der
Wahrheit.

48. Das Seyn

ist weder aus der »Immanenz« vorzufinden, noch durch die


»Transzendenz« zu erahnen. Beide Wege führen nicht ans Ziel.
Keineswegs, weil sie ungenügende Wege sind, sondern weil sie
als »Ziel« ja gar nie das Seyn setzen, sondern stets nur »das
Seiende« (das Seiende als das Maßgebende, Subjectum, oder das
Seiende als das im höchsten Sinne Seiende »Gott«, oder das Sei-
ende im Ganzen) in seiner Seiendheit suchen.
Das Seyn aber »ist« weder über uns, noch in uns, noch um uns
herum, sondern wir sind »in« ihm als dem Ereignis. Die einfal-
lende Dazwischenkunft des Seyns.
Und wir sind nur eigentlich (dem Er-eignis ereignet) »in« ihm
als Inständige des Da-seins.
Das Sein als »Worinnen« ist nicht »unser«, der Menschen
»Sein«, sondern das Ereignis des Inzwischen als Ursprung des
Zeit-Raumes.
Alles Appellieren an die Existenz, alles »Transzendieren« zur
»Transzendenz«(!) und alles »Kennen« des Vorhandenen ist
durch und durch Bezug zu Seiendem ohne Wissen des Seyns und
ohne Erfragung der Wahrheit des Seyns.
Rückfall in das inzwischen durch eine Verweltlichung hin-
durchgegangene »Christentum« als ein Schema der Auslegung
des Seienden im Ganzen.
56

Der »Rückfall« ist nicht deshalb verhängnisvoll, weil er ein


»Zurück« und deshalb kein »Vorwärts« eines Fortschritts ist,
sondern weil die Metaphysik jedweder Art dem Augenblick der
Seinsgeschichte, der Seinsverlassenheit des Seienden, nicht ge-
wachsen bleibt – ja nicht nur nicht gewachsen, sondern als Magd
ihr hörig.

49. Die Entscheidung


Das Seyn und der Mensch

Nur ein einziges Seiendes, und dieses selten, ist unmittelbar zum
Seyn.
Dann aber gibt dieses seine Wahrheit der erfragenden Grün-
dung anheim.
Der Mensch, der jenes Seiende menschentümlich ist, wird dann
anfänglich freigestellt in den Einbezug der fÚsij, oder sein Men-
schentum geht über in den anderen Anfang einer Verwandlung
1
in das erst so zu erwesende Da-sein (vgl. Beiträge) .
Menschentum heißt hier, das Seyn ungekannt oder erfragt im
Bezug zu seiner Wahrheit die Entscheidung werden lassen. Darin
ist eingeschlossen das Geschick, einer Betreibung der Seinsverlas-
senheit alles Seienden anzugehören.
Die höchste Entscheidung errichtet sich dort, wo anfänglich
das Seyn seine eigenste Wahrheit der Gründung preisgibt und
damit zugleich die Möglichkeit einer endgültigen Vormacht des
Seienden ins Ungewisse loswirft.
Wir nähern uns dieser Entscheidung.

»Das Da-sein« wird im ersten Entwurf (»Sein und Zeit«) als das
für diesen fortan »Gegebene« genommen und dann befragt.
1
Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis). Gesamtausgabe Band 65.
57

Gleichwohl ist das Da-sein nur in der Er-eignung und d. h.


wesend in der erst anfangenden wesentlichen Geschichte.
Das Vorweg-denken darf die Er-eignung nicht verkennen und
muß dennoch versuchen, einen nächsten Begriff des Da-seins zu
gewinnen und zwar vom Sein her (am Leitband der Seinsfrage)
und vom Menschen her, sofern das Da-sein nur von einem Men-
schentum übernommen werden kann.
In Wahrheit ist das Da-sein nie »gegeben«, nicht einmal im
Entwurf – es sei denn, dieser wese als Geworfener im Wurf der
Er-eignung.

50. Entscheidung

Was die Entscheidung ist –


Woher sie entspringt –
Wodurch sie vorbereitet wird.
Die Entscheidung und die Spur des Ereignisses. (Seinsverlas-
senheit.)
Entscheidend die Unterscheidung von Sein und Seiendem.
Doch wie ist diese Entscheidung?
Der Anklang des Seins im Ungewöhnlichen. Wie aber die Un-
terscheidung?
Die Unterscheidung, die solchen Namens nur das Leerste und
Gleichgültigste und Flüchtigste zu nennen scheint.
Wie anders die Erfahrung ihres Wesens als durch die Instän-
digkeit im Da-sein.
Die Entscheidung nicht zwischen bereitliegendem, vorgegebe-
nem Vorhandenen, sondern zwischen dem, was erst zu er-den-
ken, denkend zu er-fahren und als die Freistätte einer Geschichte
zu ergründen ist. Das ist der Vorrang des Seyns und der Grün-
dung seiner Wahrheit vor dem Seienden.
Niemals zu entscheiden zwischen Seiendem und Seienden (was
man auch »Sein« nennt, z. B. in jenem oft gesagt: »Sein oder
Nichtsein – das ist die Frage«), d. h. ob, der Mensch ein Seiender
sei oder nicht.
58

Aber weder um den Menschen, noch um ein Seiendes, noch


überhaupt um das Seiende handelt es sich, sondern ob das Seyn
wese.
Diese Ent-Scheidung die Ahnung des reinen Kommens und
heute noch ganz fremd und unzugänglich und überall mißdeutet,
1
falls sie einmal ins erste Wort kommen sollte.
Die zaudernde Weile und die Entscheidung.
In das Zeitalter der zaudernden Weile übergehen.
Das Zaudern – Zögern – als Andrang des Kommens.
Das Zögern und das Ungewöhnliche.
Das Zögern und die Verweigerung.

Die Entscheidung gehört ganz in die Wesung des Seyns selbst.


Aber dieses muß je gegründet werden in seiner Wahrheit auf ein
Menschentum, das die Wahrheit grundlos läßt oder selbst in das
Da-sein sich wandelnd erstmals anfänglich die Gründung wis-
send übernimmt.
Je wissender dieses Übernehmen, um so reiner muß es ange-
stimmt und d. h. er-eignet bleiben vom Seyn.
Wo aber diese da-seinsmäßige, d. h. inständliche »Entschei-
dung« sich vorbereitet, da eröffnet sie das Zwischen für Tat und
Wissen.
Zu entscheiden ist: ob »Helden« das Seiende noch Übermäch-
ten und ihm erliegen oder ob die »Weisheit« in das Seyn sich
fügt.

51. Die Entscheidung und die Zukunft

Ist die Zukunft nur der nachkommende und langwierige Auslauf


des schon Vorhandenen aber bisher öffentlich noch kaum
1
Vgl. Grundworte.
59

Erfahrenen, oder ist sie das Kommen Jenes, was das Seiende im
Sinne des Gegenwärtigen und Vergehenden nicht nur ablöst,
sondern als das Seyn selbst das Wesen des Seienden verwandelt
und über alles Jetzige und Vormalige schon entschieden hat?
Die Entscheidung berührt nicht mehr das Aussehen und die
Gestaltung des Zukünftigen als der Anstückung von Neuem an
Bisheriges in demselben Weltbezirk, sie ist Gründung des Wesens
der Zukunft selbst.
Nicht ob wir sind und zum Seienden gehören, das durchgeret-
tet werde, sondern ob je wieder und anfänglicher denn je das
Seyn wese.
Nicht über ein Zukünftiges fällt die Entscheidung, sondern sie
erhebt sich erst und gilt dem Wesen der Zukunft – und mit die-
ser: dem Wesen der Zeit. Und diese ist nur der Vor-name des
Seyns.
Nicht ob wir die Entscheidung stellen und fällen, das ist un-
möglich. Sondern ob der Mensch noch bereit sein kann, ihre
Ankunft vorzubereiten – oder ob er sie vorbeigehen lassen muß.
Alles Seiende mögt ihr durchstreifen, nirgends zeigt sich die
Spur des Gottes.
Denn immer sucht ihr nur erst dort, wo schon die Nähe über-
eilt – die Nähe voll der Fernen des Austrags.
Alles Seiende könnt ihr umordnen, nie trefft ihr auf eine freie
Stelle für die Behausung des Gottes. Über euer Seiendes dürft ihr
sogar hinausgehen und ihr findet nur die Seiendheit dessen noch
einmal, was euch schon als das Seiende galt. Ihr erklärt nur und
alles Erklären ist der Rückfall in die Berufung auf das zuvor
Fraglose, was im Grunde jedoch alle Fragwürdigkeit in sich ver-
schließt.

52. Das Seyn

läßt sich nie erzählend sagen und beschreiben. Wenn sein erst zu
gründendes Wesen das Kommen ist, dann entspricht ihm das
60

Fragen, das in den Bezirk der zu stellenden Entscheidung, ihn


öffnend, hineinfragt und inständig wird in dem, was als
Kommen west.
Technik und Historie, im Wesen einig und entsprungen dem
dianoe√sqai des Ôn, verwehren noch das inständliche Ergründen
des Seyns, vielleicht auf eine lange Zeit noch.
Aber die Entscheidung wissen wir und ihre Zeichen. Wenige
schon vermögen zu unterscheiden, was dem Künftigen gehört
und was im Vergangenen hängt, das als Gegenwart beides zu
verwirren trachtet.
Die Er-eignung in den Ab-grund, da nicht Besitz und nicht
Raub, keine Verhältnisse des Seienden sich eindrängen, wo die
Ferne gelassen ist für den Austrag und das Seyn die Lichtung
dieser Ferne selbst und das Wesende des Aus-trags.
Die Er-eignung ist wesenhaft das Kommen; nicht erst im Sinne
des vom metaphysischen Zeitalter noch nicht wißbaren Sein.
Kommen bindet wesentlicher, denn jede Anwesung, die sich
nur anstückt und jeglichen Abstand überstürzt und Nähe zer-
bricht. Daher ist es ein Irrtum der Metaphysik, die das Wesen
der Sinne in die »Affektion« verlegt.
Im Seyn ist kein Anhalt und Festgreifen und deshalb die
Er-eignung in das aufbehaltene Unverschenkliche.
»Innen« und »Außen« (des Menschen) sind gleichwenig der
»Ort« des Seyns, das doch wieder einzig den Menschen sich
er-eignet, ohne ihm je zu gehören.

53. Das Seyn

Die Machenschaft und die Verwüstung.


Die Verwüstung als Beständigkeit der Vernichtung.
Die äußerste Vernichtung als Seinsverlassenheit des Seienden.
Die Verlassung des Seienden als Verweigerung des Seyns.
61

Die Verweigerung die fernste anfängliche Verschenkung.


Die Verschenkung als anfängliche Wandlung des Seyns.
Die anfängliche Spur des Wesens der Wahrheit.
Das Seyn ist nicht selbst »das Höchste«, ist nicht selbst der
Gott.
Aber das Seyn ist der Abgrund seiner noch ungegründeten
Stätte, ist der lichtende Austrag (Ereignis) – Ent-scheidung.
Der Zeit-Spiel-Raum der Gründung dieser Stätte, die Grund –
ereignet – als Da-sein.

54. Machenschaft und Ereignis

Aus dem ersten Anfang der Geschichte des Seyns müssen Denker
vorausdenken in den verborgensten Augenblick dieser
Geschichte.
Er bestimmt sich selbst durch die dem Seyn aufbehaltene Ent-
scheidung zwischen der Gründung der Wahrheit des Seyns und
der Verwüstung als der machenschaftlichen Einrichtung einer
endgültigen Seinsverlassenheit des Seienden.
Solches Denken allein »denkt«, ist fragend inständig im Wesen
der Wahrheit, sofern dieses selbst in der Entscheidung entschie-
den wird.
Jenes Vorausdenken ist das einzige geschichtliche, das Wesen
der Geschichte vordenkende Denken. Was sonst heute so heißt,
ist entweder »historisches« Erklären, oder Zergliedern, oder
»biologisches« Rechnen; überall entscheidungslos.

55. Die einzige Entscheidung

ist die zwischen der durch die Machenschaft in die Macht gesetz-
ten Entscheidungslosigkeit und der Entscheidungsbereitschaft.
Die Entscheidung geht auf das Ent-scheidende. Das ist das
Seyn, ob dieses dem Ent-scheiden sich zu-kehrt.
62

Die Entscheidung läßt sich nicht »machen«. Man kann nicht


auf sie »warten«, wohl aber ist ihre Wesungsstätte zu er-grün-
den.
Die Ent-scheidung ist und d. h. er-eignet als Er-eignis das Da-
sein oder entzieht das Seyn jeder Wahrheit.

56. Woher das Sein als Macht?

Aus dem Sein, das zur Gegenständlichkeit wurde seit der »Wirk-
lichkeit«, œn-◊rgeia und vordem schon seit der ≥d◊a über den
actus zum perceptum und zur Vorgestellt-heit.
Hinter der Gegenständlichkeit verbarg sich lange, bis zum
deutschen Idealismus, genauer bis zu Schelling, das Sein als Wille
– und der »Wille« als seelisch-geistiger Deckname für die Macht.
Wie bei Leibniz beides vorbereitet ist: perceptum des percipere
und percipere als appetitus, alles im vollen Wesen der vis activa
primitiva.
Daß das Sein zur Macht wurde und werden mußte, ist eine
Zulassung seines eigenen Wesens, das seit dem ersten Aufgang
der Gründung seiner Wahrheit und damit des Wesens der Wahr-
heit entbehren mußte. Warum dies Entbehren? Die Folge des
Fortgangs aus der Überfülle des erstanfänglichen Anfangs. Die
Macht machtet. Das Sein als Macht ist das Unwesen des erstan-
fänglichen, ungegründeten Wesens des Seins als fÚsij.

1 a
57. Das Wesen der Macht

1. Die Übermächtigung der jeweiligen Machtstufe und damit die


Er-wesung ihres stets verhüllten Wesens: das ist
1
Vgl. KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns; Besinnung. Gesamtaus-
gabe Band 66, 9. Die Machenschaft, 65. Seyn und Macht; Grundworte.
a
Hs.: Vgl. jetzt auch: Zu Ernst Jünger »Der Arbeiter« (S. 67ff.).
Gesamtausgabe Band 90.
63

2. die Ermächtigung ihrer selbst in die Übermächtigung, das


Ausschließen jedes Außerhalb, was nicht sie selbst. Allein
bestimmend das Wesen des Seienden.
3. Deshalb die Macht ohne »Ziele«, ohne Solches, was nicht sie
selbst, sie je bestimmen könnte, und aus dem gleichen Grunde
weder »ziel-los« im Sinne des Umherirrens zwischen den im
Grunde doch gesuchten »Zielen«, noch »willkürlich«, denn
alles, was ihr dient, ist ihr Recht und ihres Willens, alles
schon in Wahl und Vorschlag für sie. In solcher Weise ist sie
gar nie einschätzbar, solange sie als Macht begriffen.
4. Die Macht bedarf keiner Träger, weil das Sein niemals vom
Seienden getragen, sondern höchstens umgekehrt das Seiende
zu ihm selbst durch das Sein, d. h. die Macht durchmachtet
wird. Vor allem ist noch nicht erkannt, daß, und noch weni-
ger begriffen, warum die Macht, um als Sein zu wesen, nicht
eines Trägers bedarf.
Wo immer wir noch die Macht in der Hand von Macht-
trägern sehen, ist es noch nicht die Macht selbst, die da getra-
gen wird, sondern je nur ein von der Macht erzwungenes und
bestimmtes »Mittel« der Machtermächtigung. Die Macht
braucht keine Träger und kann überhaupt dergleichen nicht
haben, weil sie nie ein Seiendes ist, da und dort fest- und vor-
stellbar. Sie ist das je verschieden entschleierte Sein selbst, in
dem jedes Seiende (von der Art des Wirksamen), durchschau-
bar oder nicht, schwingt. Das Sein als Macht läßt das Seiende
in die bloße Wirksamkeit (Kraft, Gewalt und dgl.) los und in
solcher Loslassung gerade ist die Macht unbedingte Macht.
Das Sein kann nie durch das Seiende »getragen« werden der-
gestalt, daß das Sein auf Seiendem aufruht und von dessen
Gnaden ist. Vielmehr west die Macht als Sein in ihr selbst und
wird vom Seienden in das Wirksame verschwendet und un-
aufhaltsam bestätigt. Die Macht kann nicht ergriffen werden
(in Besitz gebracht), weil wir nur von ihr besessen werden
64

können, da sie unbedingte Subjektivität ist. (Vgl. zu Ernst


2
Jünger. )
5. Alle Machthaber »haben« stets nur Machtmittel, machtent-
sprechende Einrichtungen des Seienden, die selbst seiend. Sie
b
»haben« nie die Macht, weil sie von ihr »gehabt« werden.
6. Die Macht hebt die Möglichkeit des »Rechts« auf, sofern
»Recht« als Anspruch des in sich Gehörigen und deshalb Gül-
c
tigen und somit der Macht Entzogenen begriffen wird. Aber
die Einrichtung der Macht wird am wenigsten eine Recht-
losigkeit dulden. Aufhebung der Möglichkeit des »Rechts«
heißt hier Abwandlung seines Wesens zu einem Titel der
Machtverteilung.
7. Macht ist anderes denn Äußerung einer »Kraft« und wesent-
licher denn jede Gewalt. Gleichwohl wird ihr Wesen noch
kraft- und vermögensmäßig und so wesenhaft zu niedrig
genommen, selbst wenn sie als »Geist« begriffen wird. Macht
ist eine Wesung des Seyns und deshalb nie an Trägern zu er-
klären; im Zeitalter der Metaphysik nur zu erfahren, aber nie
eigentlich zu wissen.
8. Die Macht ist als Übermächtigung stets vorausbauend –
(»konstruktiv«). Wo das »Konstruktive« in die Meisterung
des Seienden sich einnistet, zeigt sich, daß vor der Macht als
Sein im Seienden kein Ausweg mehr ist. Dieses muß der
Macht botmäßig werden samt den Bauenden, die nur mit Ge-
rüsten spielen dürfen, ohne jemals Gründer zu sein. Was
ihnen wesenhaft entzogen bleibt, wird dunkel als Mangel
gefühlt, der nicht und nie im Machtbezirk zugestanden wer-
den darf. Im Gegenteil, das Errichten von Gerüsten als das
Gestoßensein von der Macht aus einem Behelf in den anderen
gibt sich öffentlich und sich selbst als ein Bauen für die
»Ewigkeit«.
2
Vgl. Zu Ernst Jünger »Der Arbeiter«. Gesamtausgabe Band 90.
b
As.: haben – als besitzen, verfügen.
c
As.: Inwiefern ist die Macht dem Recht entzogen?
65

9. Macht und Kraft.


10. Zum Wesen der Macht gehört, ihr Wesen ist die Verzwin-
gung in die Wahrheitlosigkeit, daß Wahrheit im Wesen (als
Lichtung des Seyns und Fragwürdigkeit des Seins) zerstört
wird.
Das Unmerklichste und Unbedachteste und Gleichgültigste ist
das Entscheidende im Machten der Macht.
Die Wahrheitlosigkeit des Seienden unter der unbedingten
Herrschaft der Macht ist nicht Folge der Macht, sondern der
sich entfaltende Ungrund des Machtwesens selbst.
11. Die Übermächtigung ist das zur Macht gehörige Nichtwider-
stehen gegenüber der Verzwingung in die unaufhaltsame
Überhöhung der je erreichten Machtstufe. Das Nichtwider-
stehen ist machtmäßig von der Art des Befehls; der Befehl und
die Befehlssicherheit als die Verschleierung der in der Macht-
d
herrschaft liegenden Verknechtung in die Wahrheitlosigkeit.
12. Die höchste und eigentliche Wesensstufe erreicht die Macht,
wenn sie nicht nur bestimmt, was »Recht ist« (nämlich das
durch ihren »Erfolg« erreichte Wirkliche als das Gültige),
sondern wenn sie auch festsetzt, was »Größe« und »Kampf«
bedeutet: »Größe«: höchster Machtbezirk in rücksichtsloser
Auswirkung; »Kampf«: machttechnisches Niederzwingen, um
der Macht willen, wobei »Ziele« nur die Rolle von Machtmit-
teln und »Kampf«-»methoden« spielen.
13. Die Macht läßt als ihr Anderes nur die Ohnmacht als das
einzige andere zu und ist bei dieser Verfügung, da sie Alles in
ihrer »Entscheidung« hat, der Zustimmung aller, sogar der
Ohnmächtigen sicher. Die härteste Grenze des Macht-
d
As.: Befehl – als die bedingungslose Entsprechung gegenüber der
Ermächtigung der Übermächtigung, die reine Dienstbarkeit gegenüber
der Ermächtigung. Der Befehl hat das Unbedingte nicht aus der gegrün-
deten Herrschaft, sondern aus der grundlosen, unbedingten Knecht-
schaft gegenüber dem Machtwesen.
66

wesens liegt darin, daß sie nicht über sich hinausblicken kann,
weil sie dies ihrem Wesen nach nicht darf. Daß Macht ihr
höchstes Wesen nur auf dem Grunde der Seinsverlassenheit
des Seienden erweisen kann, sagt, wie entschieden das
Machtwesen in seiner Unbedingtheit abhängt vom Seyn und
nichts (nichtiger als jegliches Nichts) wäre ohne das Seyn.
14. Aber die Meinung, Macht könnte je in der Geschichte besei-
tigt werden, entspringt derselben Seinsvergessenheit wie die
Bewußtheit der Macht, einziger und wahrer Grund des
geschichtlichen Menschentums zu sein und immer neu werden
zu müssen.
Innerhalb des Zeitalters der Metaphysik ist ein anderes Ver-
hältnis zur Macht nicht möglich und das Ereignis der
Wesensüberwindung der Macht zu ihrer Unentbehrlichkeit im
Einrichtungshaften nicht einmal zu ahnen.
15. Zur Besinnung auf das Wesen der Macht
Die »Macht« muß sogleich aus dem Rahmen »politischer«
Betrachtungen und Stellungnahmen und Parteiungen heraus-
genommen werden.
»Macht« ist nur metaphysisch zu erfragen in ihrem Wesen;
und selbst dies erst dann, wenn bereits das Wesen der Meta-
physik erkannt und ihr Anfang (Beginn), somit ihre Vollen-
dung erfahren ist.
Dann enthüllt sich Macht als Wesung der Machenschaft und
diese als verstecktes Wesen der »Wirksamkeit« im metaphysi-
schen Sinne, der in der Auslegung des Seins als ≥d◊a – po∂hsij
(fÚsij – oÙs∂a) verwurzelt ist. (Vgl. Zur Geschichte des
3
Existenzbegriffes. )
16. Macht und Ohnmacht
Die Ohnmacht dürstet nach Macht und verkommt aus Man-
gel an Macht. Sie ist in der Weise der Entbehrung in das
Wesen der Macht gefesselt.
3
In: Vorträge. Gesamtausgabe Band 80.
67

Ohnmacht kann daher auch wieder zu einer Macht werden,


indem sie sich der Umkehrung bedient. Sie kann insgleichen
den Schein erwecken, als sei sie die Unbedürftigkeit der
Macht und deren Wesensüberwindung. Ohnmacht: das ver-
fänglichste Scheinwesen der Macht.
17. Zum Wesen der Macht
Die einzige aber dann auch zugleich unbedingte Ohnmacht,
die wesenhaft als ihr innerstes Unwesen zur Macht gehört, ist
darin gelegen, daß sie der eigenen Willkür nicht mächtig sein
kann, mit der sie fortgesetzt je nach Bedarf der Niedergehal-
tenen und zu ihrer Besänftigung und Bestätigung ihrer »Wich-
tigkeit« historische Bilder anfertigen muß, die nicht etwa nur
»falsch« sind, sondern vor allem jede Art von Besinnung nie-
derschlagen.
18. Inwiefern die volle Entfaltung des Wesens der Macht erst mit
der Unbedingtheit ihres Wesens beginnt. Inwiefern diese Un-
bedingtheit notwendig einschließt die unbedingte Herrschaft
der Mittelmäßigkeit.
19. Macht und Freiheit
Das metaphysische Wesen der unbedingten Ermächtigung des
Machtwesens zeigt sich darin, daß die Machtentfaltung für
sich einen Grundsatz in Anspruch nimmt, den die Metaphysik
immer wieder ausspricht: Freiheit ist Notwendigkeit. Dieser
Gedanke erlaubt allen Zwang und alles durch die Machtge-
walt Erzwungene und Niedergehaltene als ein Notwendiges
anzusprechen, dieses Notwendige aber als Freiheit auszulegen.
So weiß sich der Niedergezwungene als den Freien und in sol-
chem Selbst-bewußtsein wird er auf jeden Aufstand gegen das
Notwendige, will sagen gegen den Gewaltenzwang, verzich-
ten. Denn wie sollte auch der Freie sich seiner Freiheit berau-
ben wollen. Die Art, wie die vollendete Metaphysik der unbe-
dingten Macht sich dieses Grundsatzes bedient, zeigt zugleich
den inneren Wesenszusammenhang von Macht und Schein.
68

20. Macht und Schein


Die Macht, die nichts ausnimmt von der Bemächtigung,
machtet dennoch gerade auch mit Hilfe des Scheins, als gebe
sie doch erst die Übermächtigten »frei« und übergebe sie der
Bestimmung, zu der sie selbst bisher unfähig blieben. So ent-
steht den Übermächtigten das »Gefühl«, doch selbst erst zu
ihrem Recht zu kommen. Sie bemerken nicht, daß sie inzwi-
schen zuvor durch die Übermächtigung in eine dieser gemäße
Auslegung ihres »Selbst« versetzt wurden. Dieser Schein der
Befreiung ist die härteste Verzwingung, die sich das Wesen
der Macht zu leisten vermag.
21. Macht und Verschleierung
Die Macht kann auch dazu übergehen, gerade all Jenes, was
sie verleugnet und bekämpft, in vollen Zügen auszubeuten
und diese Ausbeutung zugleich zu verhüllen, da man ja nicht
vermuten kann, die Macht stütze und nähre sich gar noch von
dem, was sie doch überwunden. Auch hier findet die Macht
noch einen Weg, um ihre »Schöpferkraft« durch versteckte
Ausbeutung des vormals Geschaffenen ins Licht zu setzen und
sich als Entdeckerin anzupreisen.
4
22. Macht
Die innerste Wesenlosigkeit der Macht als des äußersten Un-
wesens, in das sich das Sein als Seiendheit losgelassen, besteht
darin, daß sie nicht dessen mächtig sein kann und sein darf,
eine wesenhafte Gegnerschaft zu ihr selbst zuzulassen. Macht
ist nicht nur Ohn-macht, sondern Un-wesen des Seins in der
Gestalt der einzigen Machenschaft des Seienden. Vgl. Besin-
5 6
nung und Überwindung . Inwiefern die Macht wesenhaft sich
in der Unbestimmtheit hält und so in der Möglichkeit jeder
Verfügung über jede Zielsetzung?
4
Vgl. 41. Machenschaft (seynsgeschichtlich begriffen).
5
Besinnung. Gesamtausgabe Band 66.
6
Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihilismus.
Gesamtausgabe Band 67.
69

Hierin ihre eigenste Bestimmtheit und Wesenseindeutigkeit,


die jedem Ohnmächtigen fremd und doch im Widerwesen
auch eigen ist.
23. Macht
Die wesenhafte Unruhe der Macht als Über-mächtigung be-
dingt, daß die Macht »Wille« zur Macht ist, so zwar, daß
Wille als Befehl dieser Unruhe sich unterwirft, um sie als sol-
che zu bestehen und beständig zu machen. Zufolge dieser Un-
ruhe der Macht kann diese niemals Herrschaft begründen im
Sinne des Waltens der Gesetze aus der »alten Freude« der
Wesung des Seyns selbst. Alle Macht ist Scheinherrschaft; und
deshalb vermag sie auch kein »Gegen« zu ertragen, das gar
wesenhaft anfänglich ist. (Herrschaft ist die c£rij des Seyns
als des Seyns, stille Würde der milden Bindung, die sich nie in
das Bedürfen der Macht zu versteifen braucht.)
»Herrschaft« wird so zum völlig ungemäßen Wort und des-
halb dem Wesensbereich der Macht überwiesen.
7
24. Macht
Das Wesen der Macht entfaltet sich als Machenschaft in das
Unbedingte.
Die Überwindung der Macht.
Die Machenschaft ist die Wesung des in seiner Wahrheit
ungegründeten Seins.
Und deshalb ist die Wesung der Macht das Äußerste der
Metaphysik, und hier verbirgt sich die Entscheidung, ob das
Sein selbst als Seyn des wesentlich Anderen zu aller Macht
wahr wird.
Gegen die Macht ankämpfen, heißt, noch unter sie und ihr
Wesen sich stellen, und das verlangt notwendig wieder die
Findigkeit auf Macht-Wege und Mittel (mhcanˇ) im ursprüng-
lichen Sinne. Wo die Macht noch nicht als solche neuzeitlich
erscheint.
7
Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihilismus.
Gesamtausgabe Band 67.
70

Die Macht wird im Wesen nur durch das Macht-Unbedürftige


überwunden. Nur das Sein selbst, sich zurücknehmend in das
Wesen, läßt das Seiende einstürzen, das in der unerkannten
Seinsverlassenheit sich aufgesteigert zur Herrschaft. Erst wenn
die Macht ins Nichts stößt, wenn sie nicht einmal mehr eine
Gegnerschaft sich »machen« kann, bricht sie in sich und
ihrem Wesen zusammen.
Wenn das Seiende nicht mehr auf seine Nutzung und Erhal-
tung und Steigerung sich berufen kann, um das Sein zu
»rechtfertigen«, wo es doch nur dessen Wesen zu einem
Mittel hinabzerrt.
25. Macht und Rasse
Der Gedanke der Rasse, das will sagen, das Rechnen mit der
Rasse entspringt der Erfahrung des Seins als Subjektivität und
ist nicht ein »Politikum«.
Rasse-züchtung ist ein Weg der Selbstbehauptung für die
Herrschaft. Diesem Gedanken kommt entgegen die Auslegung
des Seins als »Leben«, d. h. als »Dynamik«.
Rassen-pflege ist eine machtmäßige Maßnahme. Sie kann
daher bald eingeschaltet bald zurückgestellt werden. Sie hängt
in ihrer Handhabung und Verkündung ab von der jeweiligen
Herrschafts- und Machtlage. Sie ist keineswegs ein »Ideal« an
sich, denn sie müßte dann zum Verzicht auf Machtansprüche
führen und ein Geltenlassen jeder »biologischen« Veranla-
gung betreiben.
Daher ist streng gesehen in jeder Rassenlehre bereits der
Gedanke eines Rassevorrangs eingeschlossen. Der Vorrang
gründet sich verschiedenartig, aber immer auf solches, was die
»Rasse« geleistet hat, welche Leistung den Maßstäben der
»Kultur« und dgl. untersteht. Wie aber, wenn diese und zwar
aus dem engen Gesichtskreis des Rassedenkens her gerechnet
nur Rasseprodukt überhaupt ist. (Der Zirkel der Subjektivi-
tät.)
Hier kommt der selbstvergessene Zirkel aller Subjektivität
zum Vorschein, der nicht eine metaphysische Bestimmung
71

des Ich, sondern des ganzen Menschenwesens in seiner Bezie-


hung zum Seienden und zu sich selbst enthält. Der metaphysi-
sche Grund des Rassedenkens ist nicht der Biologismus, son-
dern die metaphysisch zu denkende Subjektivität alles Seins
von Seiendem (die Tragweite der Überwindung des Wesens
der Metaphysik und der neuzeitlichen Metaphysik im beson-
deren).
(Zu grobes Denken in allen Widerlegungen des Biologismus:
daher vergeblich.)
26. Die Macht
Indem sie alles Sein des Seienden bestimmt, verwehrt sie dem
Menschentum jede Möglichkeit zu sich selbst zu kommen,
will sagen, überhaupt noch das Selbstsein als möglichen
Grund der Wahrheit zu erfahren. Die Macht duldet keine
Ausgleiche. Sie stellt alles auf das Entweder-Oder des Beste-
hens oder Nichtbestehens, auch dort, wo sie scheinbar, näm-
lich aus weiterreichender Berechnung ein Bestellendes noch
zeitweilig auf sich beruhen läßt. Die Macht geht auf das
äußerste Entweder-Oder, und nur aus Machtgründen ver-
steckt die Macht, daß ihr Wesen den Kampf auf »Leben und
Tod« fordert und diesem zutreibt. Der Eine muß den Anderen
vernichten. Aber er beraubt sich damit selbst der Möglichkeit,
durch ein anderes Menschentum, das noch seiner eigenen
Machthöhe gemäß wäre, eine entsprechende »Anerkennung«
zu erfahren. Weil diese Möglichkeit dahinfällt, kann auch der
Sieger keine Anerkennung finden, er sinkt selbst zur bloßen
Vorhandenheit des Sich-nur-auswirkenden herab. Jede Mög-
lichkeit einer Wahrheit ist zerstört.
Das Wesen der Macht als Machenschaft vernichtet die Mög-
lichkeit der Wahrheit des Seienden. Sie ist selbst das Ende der
e
Metaphysik,
e
As.: Macht und Weltanschauung; Weltanschauung und Vollendung
der Metaphysik.
72

58. Die Wesensbestimmung der Macht

Weise und Ausblick, nach denen hier das Wesen der Macht
bestimmt wird, sind nicht aus der Enge einer historischen und
politischen Betrachtungsweise genommen. Das Bestimmende
kommt allein aus dem seynsgeschichtlichen Denken. Damit ist
gesagt: die Fragestellung geht nicht aus von »der Macht« als
einer gerade hier und dort antreffbaren »Erscheinung«, um dann
ihr Wesen zu umgrenzen. Vielmehr kommt das Denken schon
her aus einer Geschichte der Erfragung des Seins und erfährt in
dieser Geschichte, daß und wie das Sein zur Wirklichkeit, zum
sichvorstellenden Wirken (Subjektität), zum wissenden Willen
und zuletzt zum »Willen zur Macht« wird. Der Wille zur Macht
muß als die Vollendung der (metaphysischen) Wahrheit über das
Seiende und so als das Sein gedacht werden. Nur darin läßt sich
erkennen, wie in ihm das Wesen der Macht als Sein gemeint ist.
Aber schon dieses Begreifen der Macht als Sein muß als seynsge-
schichtliches vordenken in die Überwindung der Metaphysik.
Erst aus dieser fällt das Licht auf das Wesen der Macht derge-
stalt, daß dieses Wesen aus dem Umkreis einer Beschränkung auf
einen Bezirk des Seienden herausgenommen ist.
Das Vordenken in die Vollendung der Wahrheit des Seienden
aus der Überwindung dieser Wahrheit erkennt das Wesen der
Machenschaft. Diese ihrerseits jedoch hat ihre noch verborgene
Wesung in dem Grundzug des Seins, dem gemäß das Seiende in
die Seinsverlassenheit überlassen und dem scheinbar einzigen
Rang des Seienden über jedes Sein preisgegeben ist.
Die Stufen des seynsgeschichtlichen Denkens, das die Macht im
Wesen zu denken versucht und in dessen eigener Geschichte das
Wesen der Macht erfragt wird und allein erfragbar bleibt, lassen
sich durch diese Folge anzeigen:
Sein als Wirklichkeit.
Wirklichkeit als Subjektität.
Die Subjektität als der Wille zur Macht.
73

Der Wille zur Macht als Sein.


Das Sein als Macht.
Die Macht als Machenschaft.
Die Machenschaft als Loslassung des Seienden an es selbst.
Die Loslassung des Seienden und die Verwüstung.
Soweit dies Denken scheinbar willkürlich einsetzt bei der
Bestimmung des Seins als Wirklichkeit, darf erinnert werden,
daß die Geschichte des Seins in einer Geschichte des »Existenz«-
begriffes sich darstellen kann. Innerhalb ihrer läßt sich das
Wissen erlangen, inwiefern die Wirklichkeit als actualitas in die
œn◊rgeia zurückweist und damit in die erstanfängliche Geschichte
des Seins. Warum aber mußte das Sein ins Wesen der Macht sich
ausbreiten? Darf hier nach einem Warum gefragt werden? Ist das
die rechte Haltung zum Bestimmenden?

Um also das Wesen der Macht als Sein denken zu können, muß
der Denkende sich zuvor dessen entschlagen haben, irgend eine
»Erscheinung« erkennen zu wollen und im Gefolge dieser
Erkenntnis eine Stellungnahme zur »Macht« sich bereitzulegen.
Der Denkende muß im Denken verbleiben, d. h. unter Verzicht
auf Erklärungen des Seienden durch Seiendes den Bezug des
Seins zu ihm, die im Seyn wesende Bestimmung, innehalten. Nur
dann ist die Möglichkeit der Wesensfindung im Bezug auf das
Wesen der Macht gegeben. Anders aber, im Rechnen auf Erklä-
rungen der Macht, bleibt es nur bei und kommt es nur wieder zu
Verurteilungen der Macht oder zu Verherrlichungen der Macht
oder zum gleichgültigen Sichabfinden mit ihr als einem Unver-
meidlichen.
Dieses Räsonnieren über die Macht gelangt niemals in den
Umkreis des Wesens und kann nicht einmal ahnen, daß in der
Wesung der Macht eine Geschichte des Seins selbst und »nur«
diese Geschichte ihren Gang nimmt.
Die Wesung der Macht vollendet sich darin, daß die Macht
74

zur unbedingten Selbstverwüstung wird, indem die Übermächti-


gung sich dahin erzwingt, in der völligen Leere des ungehinder-
ten Machtens jede Möglichkeit eines Anfangs in ihrem Wesens-
bereich zu untergraben. Diese höchste Entfaltung des Wesens der
Macht erscheint aber keineswegs in der Gestalt der sonst
bekannten Verwüstung und Ausrottung, sondern im Schein ihres
Gegenteils. Die historisch feststellbaren Zeichen der Wesens-
vollendung der Macht sind der »Planetarismus« und der »Idio-
tismus«. Das »Planetarische« meint den Bezug des Machtwesens
auf das Ganze der Erde, so zwar, daß dieser Bezug nicht Ergeb-
nis einer Ausweitung ist, sondern der Beginn einer eigenartigen
Erdherrschaft. Das »Idiotische« (∏dion) meint den Vorrang des
In-sich-selbst-süchtigen, das sich zunächst als Subjektivität aus-
prägt.
Weil die Macht die Wesensfeindschaft gegen alles Anfängliche,
je wieder dem Anfang sich Zukehrende in sich eingerichtet hat,
steht die Macht aller Würde entgegen. Zwar nennt man biswei-
len Macht und Würde zusammen und dort wo die Macht als
Habe und Ausstattung eines Seienden vor-gestellt wird, scheint
zur Macht als Herrschaft die Herrlichkeit und zu dieser die
Würde (majestas) zu gehören. Hier sind überall unentfaltete
Vorstufen der Macht innerhalb des Seienden erfahren, welches
Seiende das Sein in der Wirksamkeit des Machens hat.
Ins Wesen gedacht bleibt jedoch die Würde so entschieden der
Macht fremd, daß sie nicht einmal als ihr Gegensatz gesetzt wer-
den darf, womit ja beiden noch die Selbigkeit eines Wesensum-
kreises zugesprochen wird.
Die Würde ist die rein in die Innigkeit des Anfangs sich hal-
tende, aus ihr her fernbleibende, in den Anfang zurückkehrende
und dieser Rückkehr zugekehrte Entbergung der Verbergung.
Die Würde des Anfänglichen wird durch keine Macht erreicht
und ist aus keiner Macht je wißbar.
75

59. Die Macht »braucht« Macht (Gewalt)

Das Brauchen ist zweideutig. Die Macht bedarf der Macht als
eines Mittels, um Macht zu sein. Wenn die Macht sich selbst in
den Gebrauch nimmt und sich verbrauchen muß, dann wird die
Macht zur Gewalt. Allein, die Gewalt ist nicht notwendig und
jedesmal Gewalttat, jedoch immer ein Erzwingen. Die in ihrem
Zwingen nicht entbundene Gewalt, die zu einem blinden Stoßen
und Sperren nicht abartet, ist gleichwohl Gewalt und so nichts
anderes als die von der Macht benötigte und in Gebrauch
genommene aber gebändigte oder verschleierte Verzwingung in
das Unfreie.
Die Macht bedarf jedoch der Macht (Macht gebrauchender
Machtausübung) nicht nur als eines Mittels, sondern »braucht«
sich selbst (hat sich selbst nötig) als das Ziel. Denn die Macht
selbst ist es, die sich zur Geltung und »an die Macht« bringen
muß. Und diese Übermächtigung ihrer selbst ist der ihr eigene
Überfluß der eigenen Leere. Sie ist in solcher Weise in sich über
sich überflüssig und zugleich je ihrer selbst als eines Mittels
bedürftig.
Darin, daß die Macht wesenhaft zugleich Ziel und Zweck und
Mittel und Vermittelung ist, bestreitet sie den Wesensbestand
dessen, was zum einrichtenden Herstellen und zur Machsamkeit
überhaupt gehört. Sie erweist darin ihren Grundzug, das Wesen
der Wirksamkeit als der Wirklichkeit auszumachen.
Jede Machtausübung, durch die nicht nur eine »Gewalt« wie
ein verfügbarer »Wirkstoff« angewendet wird, versetzt erst das
Seiende in den Machtbezirk und bestimmt das Seiende in seinem
Machtcharakter. Dies geschieht auch dann, wenn das Seiende
gewalttätig unterworfen und »entmachtet« wird.
Jeder Macht-anspruch und jede Art seiner Behauptung bedarf
aber gerade deshalb, weil in ihnen eine eigene Seinsart entspringt
und damit eine Befremdung und Bestürzung und dadurch eine
Schwächung der Macht selbst droht, eines Vorwandes, durch
den das wesenhafte Gewaltwesen der Macht
76

verschleiert bleibt. Diese Verdeckung des Gewaltwesens der


Macht, die »moralisch« gern als »Lüge« verurteilt werden mag,
läßt sich jedoch gar nicht moralisch begreifen. Denn sie gehört in
die Wesung des Seins. Weil man jedoch die Macht immer nur
vom Seienden her und als ein Seiendes sieht und als Einbruch
eines Seienden in das sonst gesicherte und gewohnte Seiende,
deshalb rettet sich alle Beurteilung der Macht in eine Verurtei-
lung der Machtausübung und in die Entrüstung über sie.
Daß die Machtentfaltung und Machtausübung auf dem
Grunde der neuzeitlichen Metaphysik das neuzeitliche Men-
schentum mit »Idealen« versieht und bald die »soziale Gerech-
tigkeit«, bald den »Fortschritt der Kultur«, bald die Rettung der
abendländischen »Kultur«, bald eine neue »Weltordnung«, bald
ein politisches System als »Hochziele« aufsteckt, das alles ist
nicht eine größere oder geringere, geschicktere oder ungeschick-
tere Verlogenheit, die aus sonstwelchen trüben Quellen mensch-
lichen Handelns stammt, sondern dieses Sichnichtdecken dessen,
was man sagt und was man »eigentlich meint«, wird vom Wesen
der Machtermächtigung jedem Machthaber abgefordert. Diese
müssen einen Tribut bezahlen, der jedes andere »Opfer« über-
steigt, und sie müssen ihn oft bezahlen, indem sie das weitere
abzuleisten haben, nicht einmal wissen zu können, in welcher
Tributpflicht sie stehen.

60. Macht und Gewalt

Die Gewalttätigkeit (Brutalität) zeichnet sich durch eine eigen-


tümliche Einfachheit aus. Ihr Vorgehen geht auf die unbedingte
Vernichtung mit unbedingt wirkenden Mitteln bei jeder Gele-
genheit und in jeder Hinsicht.
Sobald daher einmal zwei Mächte von der gleichen Brutalitäts-
fähigkeit aufeinander stoßen, wird sich zeigen, daß ihre Metho-
den sich in keiner Hinsicht unterscheiden, weil nichts da ist,
worin sie sich überhaupt unterscheiden können. Daher stei-
77

gert sich hier auch die Möglichkeit, mit einem Schlag dem Vor-
gehen des Gegners mit den entsprechenden Mitteln zu antwor-
ten.
Durch all das, d. h. durch die ins Unbedingte losgelassene
Brutalitätsfähigkeit, werden die künftigen Zusammenstöße selbst
ganz »einfach«; sie erreichen die unbedingte Härte, die dann nur
noch den einen Ausweg hat, der zu ihr selbst zurückführt. Die
Vernichtung wird Selbstzweck.

61. Macht und Verbrechen

Wo die Macht als Wesen des Seins geschichtlich wird, ist alle
Moralität und Rechtlichkeit verbannt und zwar unbedingt. Die
Macht ist weder moralisch noch unmoralisch, sie machtet
außerhalb von Sittlichkeit, Recht und Sitte. Alles, was in diesen
Bereichen erbaut, bewahrt und festgehalten, was hier gefordert
und als Maßstab gesetzt ist, wird durch die Macht selbst unbe-
dingt zerbrochen und zwar so zerbrochen, daß nichts anderes an
die Stelle des Zerbrochenen tritt außer der Macht selbst, die aber
als Sein wie das ungreifliche Nichts sich gibt, weshalb die Zer-
brechung alles Beständigen und Bestandvollen dieses Äußerste an
Zerstörung zeigen muß.
Daher gehören in das vom unbedingten Machtwesen
bestimmte Zeitalter die großen Verbrecher. Sie lassen sich nicht
nach sittlich-rechtlichen Maßstäben beurteilen. Man kann das
tun, aber man erreicht so niemals ihr eigentliches Verbrecher-
tum. Auch gibt es keine Strafe, die groß genug wäre, solche Ver-
brecher zu züchtigen. Jede Strafe bleibt wesentlich hinter ihrem
Verbrecherwesen zurück. Auch die Hölle und dergleichen ist zu
klein im Wesen gegen das, was die unbedingten Verbrecher zu
Bruch bringen.
Die planetarischen Hauptverbrecher sind sich ihrem Wesen
nach zufolge ihrer unbedingten Knechtschaft gegenüber der
unbedingten Ermächtigung der Macht völlig gleich. Historisch
78

bedingte und als Vordergrund sich breitmachende Unterschiede


dienen nur dazu, das Verbrechertum ins Harmlose zu verkleiden
und gar noch sein Vollbringen als »moralisch« notwendig im
»Interesse« der Menschheit darzutun.
Die planetarischen Hauptverbrecher der neuesten Neuzeit, in
der sie erst möglich und notwendig werden, lassen sich gerade an
den Fingern einer Hand abzählen.

62. Das Wesen der Macht and die Unterwerfung

In der Macht kommt der »Geist« zu seiner äußersten und unbe-


dingten Entfaltung in das ungehemmte Unwesen. »Geist« besagt
hier neuzeitlich: das sich selbst wissende Wissen, das die Wirk-
lichkeit alles Wirkenden ist.
Daher kann nur der gewöhnliche Verstand im Äußerlichen des
bloß »Negativen« haften bleiben und im Wesen der Macht das
Sein selbst verkennen.
So kommt es, daß man »die Macht« bei irgendwelchen »Trä-
gern« unterbringt und sie verantwortlich macht dafür, was sie
»mit« der Macht »machen«, statt zu bedenken, daß die Träger
die Knechte sind, die allein von der Macht gemacht werden.
Aber die »Knechte« sind entsprechend der Wesensentfaltung
des Machtwesens ins unbedingte Un-wesen keine Zwerge, son-
dern »Riesen«, nämlich hinsichtlich der Art, wie sie sich
schlechthin – ohne vergleichbares Maß – dem Machtwesen
unterwerfen. Das Riesige betrifft die Entschlossenheit zur
Unterwerfung unter das Machtwesen und das Nichtwissenkön-
nen des Wesens und des Ursprungs der Notwendigkeit zu sol-
chen Entschließungen.
79

63. »Dämonie der Macht«

Davon pflegt man besonders gern dort zu reden, wo man eine


»lebendige« Vorstellung von der »wirklichen« Macht zu besitzen
meint. In Wahrheit aber ist dieses Gerede das beste Zeugnis für
die Einsichtslosigkeit. Die Rede von der »Dämonie der Macht«
setzt voraus, daß die Macht »eigentlich« und »natürlich«
berechtigt und in gewissen Grenzen nötig sei, nur müßte sie eben
»sittlich« gebunden und geleitet werden. Man denkt zunächst
das Wesen der Macht aus einer flachen Gleichsetzung derselben
mit der »Gewalt« als durchsetzt mit Moral und läßt aus dem
Fehlen der sittlichen Steuerung dann die »Dämonie« entstehen.
Die Hilflosigkeit dieser Vorstellung von Macht kennzeichnet
die üblichen Schulmeisterurteile der Historiker über die
Geschichte.

64. Macht und Wahrheit

Macht muß als Sein eine Offenheit und d. h. hier die Öffentlich-
keit ermächtigen und so das ihr gemäße Wesen der »Wahrheit«
zur Macht bringen. Wahr ist zufolge dem neuzeitlichen Gefüge
des Machtwesens soviel wie richtig und richtig heißt sichernd
gesichert-sicherstellend die Ermächtigung der Macht. Was dieser
Ermächtigung je, von ihr selbst befohlen und gesteuert,
»gerecht« wird, ist wahr und ist je nur insoweit und solange
wahr. Wahr besagt soviel wie machtermächtigungsgerecht.
Weil aber die Macht je unbedingt ist, ist auch je ihre Wahrheit
niemals bedingt und relativ. Für diese Wahrheit gibt es nicht
noch ein Übriges, das andere Hinsichten der Beurteilung gewäh-
ren und fordern könnte. Weil dieses Übrige zum voraus verbannt
bleibt, ist die der Macht gehörige Wahrheit »unbedingt«. Daher
muß auch die Macht in der öffentlichen Mitteilung ihrer Wahr-
heiten stets »festhalten im Grundsatz der unbedingten
Wahrheit«.
80

Was die Macht feststellt, ist jedesmal in bezug auf die je gerade
ins Auge gefaßte und zur Mitteilung ausgewählte Tatsache
unbedingt richtig. Es gibt keine andere Hinsicht auf andere
Dinge, von der aus und innerhalb deren das Gesagte sogleich nur
bedingt richtig sein müßte. Alle Aussagen der Macht sind unbe-
dingt wahr. Wo daher verschiedene Machtpositionen einander
entgegenstehen, sagt jede für sich ihre unbedingte Wahrheit.
Keiner lügt. Und doch lügen alle. Genauer bedacht: da jedesmal
Jegliches in dem genannten Sinne unbedingt wahr ist, muß auch
jedesmal diese Art von Machtwahrheit unbedingt falsch sein.
Noch deutlicher: ob wahr oder falsch in dem Sinne, daß in jeder
Hinsicht je etwas bestimmt wird, dieses »ob-oder« ist für die
Macht unwesentlich. Das »Wahre« kann auch ruhig und muß
sogar das Falsche sein, denn auch das Falsche ist nicht das, wor-
auf die Macht sich gründet und wonach sie sich selbst abschät-
zen und beurteilen ließe. Das Wahre ist eigentlich nur das
Machtgemäße. Hier von einem Nutzen zu reden, führt leicht
irre; da es ja auch nicht auf ein Nützliches für irgendwen und
irgendeinen Zweck ankommt. Es gilt die Ermächtigung der
Macht, und das Wahre ist wahr nicht als nützliches, sondern als
in sich mächtiges.
Man kann sich über diese Art von Wahrheit moralisch entrüs-
ten, man muß aber wissen, daß dieses keine der Macht ent-
sprechende Antwort ist. Auch kann der Rückzug ins Moralische
dieses Wahrheitswesen, das Nietzsche überdies erkannt hat,
niemals in seinem seynsgeschichtlichen Wesen ergründen und
eine Überwindung vorbereiten. Man kann mit Hilfe der Moral
nur ausweichen und d. h. sich selbst aus der Geschichte, die über
die Loslassung des Machtwesens in die Machenschaft geht, aus-
schließen.
Die Kläglichkeit des Christentums zeigt sich darin am deut-
lichsten, daß es zwischen unbedingten Machtpositionen hin und
her pendelt und je nach Bedarf der einen oder anderen noch ihre
Dienste anbietet.
Hier wird auch erkennbar, daß im Bereich des hinschwin-
81

denden Christentums niemals eine Entscheidung über die Gott-


schaft der Götter fallen kann. Sie kann nicht einmal geahnt
werden.

65. Macht und Nivellierung

»Macht« verführt zu der Meinung, daß ihr Wesen in der Vor-


macht und Herrschaft und damit auch in der Unterwerfung und
gar Unterdrückung aufgehe. Darnach bringt die Macht mit sich
die Ungleichheit. Dies trifft auch zu, solange wir nur auf das
durch die Macht bestimmte Seiende blicken. Denken wir aber
das Wesen der Macht selbst, d. h. verstehen wir sie als Sein,
dann zeigt sich alsbald, daß zur Macht die wesentliche Gleich-
machung gehört und dies in einem unbedingten Sinne. Jede
Macht ermächtigt in dasselbe, nämlich in die Machtmehrung,
die als Übermächtigung ihr eigenes Wesen angeht und nicht das
Unterwerfen von Seiendem meint. Die Machtmehrung aber
bedarf, schon der Sicherheit ihrer selbst wegen, der größtmög-
lichen Einförmigkeit des »Prinzips«, so daß diese Einförmigkeit
des Machtwesens die Gleichförmigkeit der Macht und die
Erzwingung einer Gleichheit in aller Machtausbreitung ein-
schließt. Daher kommt es, daß, wo immer Machtkämpfe reiner
und reiner sich entfalten, wobei Reinheit besagt Rücksichtslosig-
keit der Loslassung des Machtwesens, die Gegnerschaften wech-
selweise in die völlige Gleichheit ihrer selbst sich bringen.

66. Macht und Dürftigkeit

Die gewöhnliche Vorstellung verbindet Machtbesitz mit Entfal-


tung von Gepränge und Schaustellung. Hier ist etwas Wesent-
liches getroffen im Hinblick auf die Art, wie die Macht in der
Öffentlichkeit sich halten muß, denn durch das Gepränge schafft
sie Zuschauer und Festteilnehmer, die auf solche Weise
82

in die Meinung versetzt werden (machtmäßig durch die Macht),


sie seien selbst Teilhaber der Macht und ihre Mitträger; die
Rolle, die das »Volk« in der Öffentlichkeit des Machtgepränges
und des Machtbesitzes spielen darf.
Innerhalb der Entfaltungsgeschichte des unbedingten Macht-
wesens ist daher der »Sozialismus« notwendig, aber gleich not-
wendig kann er nie eine bloßer »Sozialismus« für sich sein, son-
dern er ist stets ein ...sozialimus. Was ihm als eigentlicher
Machtgrund vorgeschaltet wird, kann verschiedene Spielarten
annehmen und ist machtmäßig gesehen auch nicht schlechthin
entscheidend. Es gilt nur eine Form der Volksordnung, die eine
unbedingte Beherrschung verstattet. Diese Durchmachtung des
öffentlich als einziger Willensträger angegebenen Volkes ist eine
vorherige und unbedingte Entmachtung. Zu ihr gehört, daß sie
gerade ohne Gepränge, ohne das Vielerlei der Aufmachung, ohne
die Verstrickung in die bloßen Einrichtungen aus der größtmög-
lichen Dürftigkeit handelt. Zum Machtbesitz und seiner Schau-
stellung gehört Gepränge und Gelärm, zum Machtwesen und
seiner eigenen Sicherung gehört die größte Dürftigkeit. Diese
Dürftigkeit bedarf einer weitgehenden Oberflächlichkeit des
Denkens. Am besten dient ihr die Gedankenlosigkeit. Diese
Dürftigkeit kommt ohne »Kultur« aus. Daher wird in den Ent-
scheidungen über die Macht und d. h. den planetarischen
Machtbesitz nicht die Tiefe und Größe der »Kultur« und der
»Bildung« und der Historie und dgl. entschieden, sondern die
Entschiedenheit zur Dürftigkeit der einfachsten Spielregeln, nach
denen die Machtmittel rücksichtslos ins Spiel gebracht werden.
Der Dürftigkeit der Entfaltung des Machtwesens entspricht die
zur Macht gehörige Nivellierung. In ihrer Dürftigkeit hat die
Macht den Grund ihrer Wesensfestigkeit.
All dieses bringt die unbedingte Leere zum Vorschein, die im
Wesen der Macht selbst als der äußersten Loslassung des Seins in
das Unwesen der Seiendheit haust.
Diese Leere ist nicht Nichts, sondern die Rücksichtslosigkeit
83

der Macht sogar gegen sich selbst, da es stets die Übermächti-


gung gilt. Diese Rücksichtslosigkeit und Leere erweckt dann im
Öffentlichen den Eindruck, daß das, was Machthaber vollziehen,
eigentlich jeder kann, daß nichts dazu gehört außer – der
höchsten Knechtschaft im Vollzug des Machtwesens. Und diese
ist selten; eine Seltenheit, die dem entspricht, daß auch die
Macht Grundwesen, das Grundunwesen des Seins ist und dieses
durch die Einzigkeit im Eigenen bleibt.

67. »Macht« und »System«

Dem gemeinen Verstand fällt zuerst auf, daß die Macht nach
einem »System« arbeite und vorgehe.
In dieser Ansicht, die die Macht selbst dem alltäglichen Meinen
über sie zuspielt, liegt jedoch eine Grundtäuschung. Die Macht
ist in ihrem Wesen systemlos, und gerade dies sichert ihr die
Mächtigkeit, jederzeit ihrer Übermächtigung ihrer selbst sicher
zu bleiben. Was dagegen die in sich systemlose Macht für sich in
Anspruch nimmt, ist die Möglichkeit der totalen Organisation,
die gegenüber dem Seienden niemals eine Verbindlichkeit eingeht
und dem Seienden auch jeden Anspruch auf Verbindlichkeit zum
voraus abspricht. Was dem Machtwesen geläufig ist, die Unge-
bundenheit an das Seiende und die Art seiner jeweiligen Beur-
teilung und Bewertung, das empfindet das alltägliche Meinen
immer wieder als das Befremdliche und sucht dieses als »Grund-
satzlosigkeit« abzuwerten.

68. Macht und Öffentlichkeit

Die Macht braucht die Öffentlichkeit, aber für die Absicht, diese
durch und durch zu verwirren und die Möglichkeit einer
Meinungsbildung zu untergraben. Die Folge dieser Verwirrung
ist die völlige Gleichgültigkeit gegenüber allem. Die größten
84

Erfolge verfangen nicht mehr und reizen höchstens noch die leere
Neugier auf die nächsten, denen man zum voraus schon die
Wesenlosigkeit gutgeschrieben hat.
Solche Gleichgültigkeit scheint die Macht und ihre Wirkfähig-
keit zu gefährden. In Wahrheit aber wird die Macht nur mächti-
ger, denn die unbedingte Gleichgültigkeit ermöglicht die Zulas-
sung von allem. Allerdings zeitigt sich so im Wesen der Macht
selbst und durch dieses ihr Gegenwesen, an dem allein sie zer-
bricht: die unbedingte Widerstandslosigkeit. Sie bewirkt, daß die
Macht plötzlich in ihre eigene Leere hineinmachtet und sich in
das Nichts übermächtigt.

69. Das Ungewöhnliche und das Unversehentliche

In Zeiten der schrankenlosen Planung, der nur rücksichtslose


Maßnahmen genügen, ist die Berechenbarkeit alles Seienden
diesem als Grundcharakter seiner Machsamkeit zugeschrieben.
Aber diese Zuschreibung ist keineswegs eine »Subjektivierung«
des »Objektiven«, weil ja die Subjektivität, daß der Mensch sich
als subjectum begreift und behauptet, schon der Wesung des
Seins im Sinne der Machsamkeit entspricht, so zwar, daß damit
erst ein Objektives, das Seiende als Gegen-stand des Vor-stellens,
gegründet ist auf einem der so geführten Metaphysik unzugäng-
lichen Grunde.
Wo die Berechenbarkeit zum Zeichen des Seienden geworden,
ist das Unversehentliche die Regel. Denn alle der Berechnung
dienstbaren Planungen dringen in eine Wüste ein, die sie selbst
nicht beherrschen, sondern stets nur nützen und vernutzen;
unbeherrschbar durch sich selbst müssen sie aufeinander- und so
das Nieplanbare hervorstoßen. Doch das Unversehentliche ist je
nur das Unwesen des Ungewöhnlichen in der Gestalt der über-
raschenden Ausnahme und des Abweichens.
85

70. Das Notwendige

1. Das Unausweichliche – Unumgängliche – Unabänderliche –


was übernommen werden muß; dem man dann entweder
erliegt, indem es den Menschen zermalmt, oder dem man
erliegt, indem man ihm – ohne Rücksicht auf sich selbst und
ohne Aussicht auf Änderung wider-steht. Das Widerstehen
kein Überstehen, aber ein Bestehen des Zerreibenden.
Hier also wesentlich: wie man sich selbst nimmt. Dadurch
daß man etwas als in diesem Sinne »notwendig« erkennt, ist
nur insofern eine Stellung erreicht, als man in die Lage ver-
setzt ist, sich zu entscheiden oder nicht zu entscheiden. Hier
ist der Platz für den nackten Heroismus, der nur das Unver-
meidliche bejaht, aber mehr nicht vermag. Dieses kann sehr
viel bedeuten gegenüber der Jämmerlichkeit der Auswei-
chungs- und Betäubungsversuche und gegenüber der Harmlo-
sigkeit des Umfälschens und der kurzen »Pessimismen« und
»Optimismen«.
Das Notwendige in dem gekennzeichneten Sinne läßt keine
Möglichkeiten mehr, wobei das Mögliche im Gesichtskreis
des Bisherigen, des herrschenden Seienden (und dessen Sein),
umgrenzt und berechnet ist.
Aber dieses Notwendige entscheidet nicht darüber und kann
gerade nicht entscheiden, ob nicht es selbst nur noch die letzte
Möglichkeit des Bisherigen ist und damit ganz und gar nicht
ein Notwendiges, das kommt, sondern nur noch seinen Vor-
beigang und sein Vergehen erledigt. Denn ein wesentlich
Anderes ist
2. das Notwendige im Sinne des unergründbaren Kommens, was
die reinste Offenheit der einfachsten Entscheidungen in sich
zubringt, nicht unausweichlich, sondern bindend in die Bereit-
schaft für das Kommen.
Für das erstgemeinte Notwendige ist die Not nur die Aus-
weglosigkeit; und das Notwendige solcher Art wendet diese
Not nicht, sondern zwingt und verzwingt in sie.
86

Für das anders gemeinte Notwendige ist die Not, daß keine
Offenheit des unentschieden-entscheidenden Übergangs sich
ereignet; und das Notwendige solcher Art stößt in die
Lichtung der Not-losigkeit und wendet, d. h. wandelt die Not
in der Weise der Freistellung in die Freistätte wesentlicher
Entscheidung.

71. Das seynsgeschichtliche Denken

ist aus dem Seyn selbst, das west im reinen Kommen, ereignet.
Dies aber macht sein Handeln nicht zu einem Erleiden oder
bloßen Anschauen. Die Er-eignung nimmt den höchsten Vollzug
in Anspruch: den Sprung, den fragenden, in die Lichtung des
Abgrundes. Erfragt wird das Wesen der Wahrheit. Und sofern
das Ereignis der Entscheidung über dieses Wesen die anfängliche
Geschichte ist, bleibt das Denken von Grund aus geschichtlich
und deshalb muß es aus dem ersten Anfang über das Ende der
Vollendung aller Metaphysik hinaus in den anderen Anfang sich
tragen lassen durch die unfaßliche Tragkraft jener Worte, deren
Träger wir gar nicht zu kennen brauchen. Um zweihundert Jahre
muß solches Denken vorausdenken, damit die ersten Deutschen
erwachen in eine gelichtete Stätte der Entscheidung zwischen der
Wahrheit des Seyns und dem zur Wüste gewordenen Vorrang
des Seienden. Und lange wird die unmittelbare Spur fehlen, die
in der einfachen Nachbarschaft der wenigen Augenblicke der
Geschichte des Seyns die Wege weist.
Weder Vergangenes (nur Seiendes) noch Ewiges (nur Seiendes)
ist zu bedenken als Zuflucht und Ausweg – nur das Seyn muß
das Denken erfragen als das unentschiedene Entscheidungsvolle.
Das Denken – als Erfragen der Wahrheit des Seyns – muß
sagend vordringen in den Bezirk der kommenden anfänglichen
Entscheidung, wo allein es auf die Spur des Ereignisses trifft.
87

Das Denken muß deshalb durch die Seinsverlassenheit hin-


durch. Aber vordem muß diese erst erfahren werden; und dazu
bedarf es wiederum zuvor der Erschütterung der Seinsvergessen-
heit. Der Anlaß der Erschütterung durch die Lichtung des Unge-
wöhnlichen. Die Kunde von diesem im Seltsamen.
Das Seltsame als Störung des Gewöhnlichen.
Das Gewöhnliche und das Gewohnte.
Die Gewöhnung.
Das Ungewöhnliche im Sinne des seienden Überraschenden
und Ausgefallenen.
Das Ungewöhnliche im Sinne des längst wesenden und keiner
Mittel bedürftigen Seyns.
Das seynsgeschichtliche Denken bringt weder Lösungen von
Rätseln noch schafft es Beruhigungen in Nöten. Es ist die
Inständigkeit im Wesen der Wahrheit. Was mag sonst vom
Denken Wesentlicheres gefordert werden?
Das seynsgeschichtliche Denken ist stets anfängliches Denken,
es verliert sich nie in irgend eine Art von Historie über den Ver-
lauf von Meinungen und Lehren.
In jedem Sprung ist die Spur der anfänglichen Geschichte
ersprungen, die in ihresgleichen und d. h. in den Anfang, den
anderen, trägt, der als Anfang des Seyns jetzt der Austrag selbst,
die Wesung der Wahrheit des Seyns ist.
Das seynsgeschichtliche Denken fügt sich in das Gestalt-lose,
ihm ist kein Anhalt gewährt am »Bild« und am erläuternden
Ding - kahl und kühn ist sein Wort.
Denn zu gründen gilt es im Eigentum des Seyns ein ahnendes
Geschlecht.
Angestimmt vom Seyn muß das denkende Wort seine Stimme
erschweigen.
Das anfängliche Denken fängt nicht nur den Anfang an, es
bleibt auch im Anfang und weist nur immer in diesen. Die
Gediegenheit dieser Weisung ist Alles, lehrhaftes Auswalzen zu
eingänglichen Vorstellungen seine größte Gefahr.
Das seynsgeschichtliche Denken ist das vielspurige Denken;
88

weder nur Vorstellen noch die mehrstufige Art desselben im


Sinne der »Dialektik«. Diese dient leicht als Mittel der Mißdeu-
tung des vielspurigen Denkens und ist doch von ihm noch ent-
fernter als das anfängliche noe√n der fÚsij.
Das Denken er-fragt die vielfachen Spuren des Seyns, das als
Er-eignis einfach in das Viel-fache des Austrages west.
Jede Spur des Seyns weist in das Verfolgen der anderen, aber
nirgends und nie sind sie zumal zu denken, d. h. dieses ist nie
Vor-stellen und Anschauen, sondern je inständliche Bereitschaft
für eine Bahn zum Abgrund.

72 Das Wesen der Philosophie

und die jeweilige Geschichte eines Denkens im Sinne der von ihm
übernommenen Geschichtsgründung läßt sich nie aus der »Per-
sönlichkeit« des »Philosophen« erklären; und noch weniger ist
diese im Unterschied zum Gedachten des Denkers das eigentlich
Bleibende. Nur der historische Biologismus kann, ins Metaphysi-
sche geweitet (»Subjektivität« des Menschen), solche Irrmeinung
verbreiten. Daß Nietzsche dieser »Tendenz« zum Opfer fiel und
sie erst »modern« machte, darf nicht verwundern.
Wohl dagegen kann mittelbar das Verhalten eines Denkers den
Hinweis auf eine Haltung geben, die ihrerseits anzeigt die Weise,
wie überhaupt der Bezug zum Seienden bestimmt und gestimmt
ist. Und darin enthüllt sich die Art, wie das Seiende als ein sol-
ches west – welcher Wahrheit und ob gegründet oder nicht die
Wahrheit des Seyns ist.
So vermag ein Hinweis auf Heraklit Wesentliches über das
anfängliche Denken, d. h. die Geschichte des Seyns zu sagen;
gesetzt, daß man ihn weder »biographisch« noch überhaupt
»historisch« »liest« und versteht, sondern geschichtlich erfährt:

¢nacwrˇsas de e≥j tÕ ≤erÕn tÁj 'Art◊midoj met¦ tîn pa∂dwn


ºsrag£lizen perist£ntwn d' aÙtÕn tîn 'Efes∂wn, `t∂, ð k£kistoi,
89

qaum£zete;' eƒpen `½ oÙ kre√tton toàto poie√n ½ meq' Ømîn


politeÚesqai;' kaπ t◊loj misanqrwpˇsaj kaπ œkpatˇsaj œn to√j
1
Ôresi dihit©to [...].

71. Der Mensch und das Da-sein

Der Mensch: das vernünftige Tier.


Vernunft: entweder getragen und angetrieben von der Tierheit
und zur Förderung und Hemmung des »Lebens« oder leitend
und lenkend das Tierische, aber doch eingebaut in dieses.
»Werte«, »Ziele« zugestanden, aber menschlich; »Inhalte«, die
das Formale und eigentlich Funktionierende »des Lebens« so
oder so ausfüllen.
Die Lebensfunktionen das Beständige, das Übrige ein Ergebnis
und eine jeweilige Ausfüllung.
Überall der Mensch – weltlos und unirdisch –, ohne daß je die
Zugehörigkeit zum Seienden als solchem sein Wesen begründete,
so zwar, daß das »Leben« – Leib und Seele – Mitbedingungen
des Vollzugs und Verlaufs, des Aushaltens und Abbrechens
seines Wesens sind.
Jene Zugehörigkeit zum Seienden aber nun erst zum Entschei-
denden zu erheben, sofern die Wahrheit des Seins fragwür-
1
Vgl. Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker. Hrsg. v.
Walther Kranz. Erster Rand. 5. Auflage. Berlin (Weidmannsche Buch-
handlung) 1934, 22 A 1, S. 140 (Diog. IX 3). Übersetzung in der Vorle-
sung des Sommersemesters 1943 vgl.: Heraklit. 1. Der Anfang des
abendländischen Denkens. 2. Logik. Heraklits Lehre vom Logos. Hrsg.
v. Manfred S. Frings. Gesamtausgabe Band 55, Frankfurt am Main
3/1994, S. 10: »Er aber hatte sich in das Heiligtum der Artemis zurück-
gezogen, um da mit den Kindern das Knöchelspiel zu spielen; hier stan-
den nun die Ephesier um ihn herum, und er sagte zu ihnen: ›Was, ihr
Schufte, bestaunt ihr da? Oder ist es nicht besser, dies zu tun als mit
euch zusammen um die pÒlij sich zu bemühen?‹« Folgendes Überset-
zung des Herausgebers: »Und endlich verschmähte er die Menschen,
verließ den gemeinen Weg und lebte im Gebirge [...].«
90

dig wird und eine Gründung dieser Wahrheit als Da-sein gesche-
hen soll.
Dann eine wesentliche Verwandlung des Menschen.
Nur möglich nach den äußersten und längsten Erschütte-
rungen.
VII. DAS WESEN DER GESCHICHTE
»ANFANG«
»SEYN«
[page left blank]
93

74. Geschichte

ist das Kommen des Kommenden und deshalb erst und auch die
Vergangenheit des Gehenden und die Gewesenheit des Gewesen-
den und damit auch die Gegenwart des Vorbeigehenden. Ge-
schichte ist das nicht in der Zusammenstückung des dreifach
verschieden »Zeitlichen«, sondern aus dem Wesensgrunde des
Kommens. Das Kommen entspringt dem Ereignis als der Wesung
des Seyns.
Die Geschichte ist Geschichte des Seyns und deshalb Ge-
schichte der Wahrheit des Seyns und deshalb Geschichte der
Gründung der Wahrheit und deshalb Geschichte als Da-sein;
und weil das Da-sein inständlich nur durch die Wächterschaft
eines Menschentums ist, ist der Mensch geschichtlich. Seine Ge-
schichtlichkeit west in seiner Zugehörigkeit in die Wahrheit des
Seyns.
Das Kommen im Wesen zu entwerfen aus der in der Ver-
wüstung anbrechenden Verweigerung.

75. Geschichte

das »Geschehen«, nicht im Hinblick auf Abläufe und Bewegung,


sondern aus dem Ereignis die Jähe – Steile und Sturz – der Grün-
dung.
Woher dieses? Aus der Einzigkeit und Einfachheit und Selten-
heit des Ereignisses (vgl. Hölderlins Ahnung in »Stimme des
Volkes«).
Das Riesenhafte der Begebenheiten und das Unscheinbare der
Geschichte.
Heute gebraucht man »Geschehen« für Alles und Jedes und
deshalb »Geschichte« als Wort zurückzunehmen in das Wesen.
94

76. Die Geschichte

als Geschichte des Seyns (d. h. als Gründung des Ereignisses)


kennt nicht nur kein »Zurück«, sie kennt auch kein »Vorwärts«;
weil es dieses nicht gibt, gibt es auch nicht jenes. In ihr und als
sie wesen die Jähen der Stiftung und des Sturzes, und das »Zwi-
schen« ist die Dauer der Begebenheiten als Verhüllungen der
Vorbereitungen und der Ausläufe: das Unwesen der Jähe.
Die Jähe aber ist nicht gleichbedeutend mit dem zeithaften nàn
als dem flüchtigen Jetzt.
Die Jähe hat ihre eigene Weite und zugleich ihr Unwesen in der
Un-Jähe des Unabsehbaren und Sich-selbst-verhüllten – die Ver-
wüstung z. B.

Die Geschichte des Seyns muß als erstanfängliche Geschichte der


Metaphysik durch die Verwüstung hindurch.
Zerstörungen des Erdkreises und Erschütterungen der Ord-
nungen sind nur Vordergründe der Verwüstung. Wenn sie aus-
bleiben oder abgebogen werden, ist die Verwüstung nur noch
wesender und d. h. täuschender.

77. Das Wesen der Geschichte


1
In »Sein und Zeit« wird versucht, die Geschichtlichkeit des
Da-seins auf dem Grunde der Zeitlichkeit zu entwerfen.
Da-sein ist nur geschichtlich, weil wesenhaft und eigens Grün-
dung der Wahrheit des Seyns als Ereignis.
Das Ereignis ist das wesende Wesen der Geschichte und aus
dem Bezug zum Austrag im Sinne der Inständigkeit ist das Da-
sein wesentlich geschichtlich.
1
Vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 79. Sein und Zeit.
95

In »Sein und Zeit« ist dieser Zusammenhang vorausgesetzt,


geahnt, aber nicht bewältigt und auch nicht die nächste Aufgabe.
Zeitlichkeit zeitigt den Lichtungsbereich für das Sein (die dort
a
sogenannte »Temporalität« ). Zeitlichkeit ist der Vorname für
die Wahrheit des Seyns, das als Ereignis die Wesung der »Ge-
schichte« ist. Deshalb muß »Zeitlichkeit« der Grund der Mög-
lichkeit der »Geschichtlichkeit« des Da-seins werden.
Solange die Geschichte nur vom Da-sein her begriffen wird, ist
sie zwar wesentlich gefaßt und unvergleichlich anders, denn in
jeder Hinblicknahme auf Historie und deren »Gegenstand«.
Trotzdem kommt hier und so das Wesen der Geschichte noch
nicht ins Freie; und deshalb kann von hier aus noch nicht grün-
dend über die Geschichtlichkeit des Daseins entschieden werden.
Geschichte ist Gründung der Wahrheit des Seyns, so zwar, daß
diese Gründung als solche Ereignung ist im Ereignis als Austrag.
Da-sein ist die Inständigkeit in der Geschichte und deshalb
kann das Menschentum, das im Da-sein inständet, eigentlich
oder uneigentlich geschichtlich sein; und das letztere meint »un-
geschichtlich«.
Sofern sich aber zeigt, daß das Menschentum überhaupt noch
nicht in das Da-sein er-eignet ist und zwar weil die Seinsverlas-
senheit im Seienden herrscht, muß erkannt werden, daß dieses
Menschentum noch geschichts-los und gerade deshalb durch und
2
durch »historisch«.
Weil das Da-sein erst künftig-übergänglich west, muß Alles,
was vor diesem Anfang war und ist, geschichtlich sein im Sinne
des noch verborgenen und ungegründeten Bezuges zur Wahrheit
des Seyns. Und sofern dieser Bezug zuvor vergessen sein muß,
geht der Übergang durch eine geschichts-lose »Zeit« hindurch.
a
As.: das Epochale I. 3.
2
Über Historie vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 64. Historie
und Technik, 62. Geschichte.
96

Das geschichts-lose Weltalter und die Verwüstung.


Pflanze und Tier sind nicht einmal geschichts-los, weil sie
überhaupt in keiner Weise zur Geschichte in Bezug stehen.

78. Geschichte (Vergangenes und Gewesung)

Das leibmäßige und lebensartige Herstammen aus früheren


Geschlechtern gibt kein Recht auf den Anspruch, der Besitzer
und Wahrer ihrer Geschichte zu sein.
Lebendiges wird durch Lebendiges verworfen und verleugnet.
Hier bedarf es einer wesenhaft anderen Gründung der Her-kunft
(als geschichtlicher) durch Zu-kunft.
Alles ist hier entweder bloßer Fortschritt, Umwälzung – oder
die Jähe des Anfangs. Dieser allein ersteht das Ausstellen des
Wesens des Seyns als den Abgrund der Geschichte.
Geschichte ist nur dort, wo jedesmal anfänglich über das
Wesen der Wahrheit entschieden wird.

79. Die Geschichte des Seyns

Das Seyn verschenkt in der Wesung seiner Wahrheit das Wesen


der Geschichte, die, solchen Wesens, seine Geschichte ist.
Die Geschichte kann da nicht als ein Umtrieb mit dem Seyn
gelten, aus welchem Umtrieb Begebenheiten entlassen werden;
sie bleibt anfänglich die Habe des Seyns. Dieses be-stimmt einen
Bezug unvergleichbarer Art. Die Geschichte ist erwest vom Seyn
und das Seyn bringt sich in dieser Erwesung zu seiner Wahrheit.
Aber das Seyn ist nie »das Absolute«, oder »das Allgemeinste«,
weder das Höchste noch das Niederste – und in keiner dieser
gewohnten, d. h. metaphysischen Hinsichten zu errechnen.
Das schlechthin Unvergleichliche, durch jeden Bezug Un-
97

treffbare und daher im Wesen los-gelöste, in solchem Sinne


Ab-solutum, ab-solut, aber weder das Höchste noch das
Geringste, sondern nur einzig seines Wesens.

80. Geschichte und Seyn

Die eröffnende Gründung wesentlicher Fügsamkeit des Seienden,


die ein Kommendes in seiner Einzigkeit zu-läßt.
Das Seyn ist die Ereignung des Wesens der Geschichte.
Die Geschichte keine Menschenmache, überhaupt nicht ur-
sprünglich auf den Menschen bezogen, sondern dem Da-sein
sich zuweisend, durch das die Überwindung des Menschen ge-
leistet wird.
Das Kommendste des Kommenden ist das Kommen des letzten
Gottes, dem die Geschichte das Seiende im Ganzen für ein wei-
testes Zu-lassen seiner Entscheidungen zuführt.

81. Über das Wesen der Geschichte

Geschichte nicht von der Historie aus, als deren Gegenstand.


Geschichte nicht als ein Bereich von Seiendem, unterschieden
gegen die Natur.
Woher bestimmt sich dann, aus welchem Wesensgrunde die
Geschichte zu bestimmen sei?
Setzen wir »Geschichte« als das Fragwürdige (in seinem
Wesen), in welche Vormeinung stellen wir dann das in diesem
Wort Gemeinte? Wir meinen doch unbestimmt Etwas und hän-
gen nicht an einem leeren Wort. Und warum »Geschichte« frag-
würdig?
Woher der Anspruch dieser Vormeinung und ihre Wahrheit?
1
Vgl. Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihi-
lismus. Gesamtausgabe Band 67.
98

Inwiefern ist die Zeitlichkeit wesentlich für das Wesen der


Geschichte? (vgl. »Sein und Zeit«)
Nicht weil das »Geschehen« »in« der »Zeit« verläuft, sondern
a
weil »Zeit« einen Wesensbezug zur Wahrheit des Seyns hat und
Geschichte die Wesung dieser Wahrheit ist; Zeit als der Zeit-
Raum der Lichtung.
Kann das bewiesen werden und was sollte hier ein Beweis?
Welche Wahrheit eignet der Wesensgründung?

82. Anfang - Geschichte - Die Jähe des Anfangs

Jedes Anfangen ist dem Wesen des Anfangs gemäß verschieden.


Was heißt Anfang? Ab-grund der Geschichte sein. Ab-grund –
was Gründbares in sein Wesen entläßt, so zwar, daß das Entlas-
sende dabei sich verweigert und der Gründung ein Vorhandenes
und die Berufung und Versteifung darauf versagt, vielmehr ihr
die Notwendigkeit des Entscheidens zu-eignet. Im Entscheiden
wird, sofern es wesentliche Entscheidungen über das Wesen des
Seins sind, in den Ab-grund zurückgegangen. Sie verlegen sich
selbst in das ungestützte Ungeschützte.
Wird der Besinnung das Wesen des Seyns als Ereignis zugesagt,
so bringt sich das Seyn zu Wort, ohne aussagbar in der Art der
Erklärung zu werden.
Geschichte ist Wesung der Wahrheit des Seyns. Ab-grund die-
ser Wesung ist wieder und nur das Seyn selbst.
»Anfang« verschließt in sich das reichste Geheimnis des Seyns.
Nur ein Anfang kann einen Anfang erinnern und ins Wort
bringen.
a
As.: das Epochale I. 3.
99

83. Wesen der Geschichte

Daß aus der Wahrheit des Seyns angehaltenes und verstörtes


Seiendes in sein Wesen gegründet wird und zur Befreiung kommt
in der Gründung des Da-seins.
Daß ein Augenblick solcher Möglichkeit unbegriffen vorbei-
zieht, dieses Nichtgeschehen ist wesentlich geschichtlich gegen-
über allem Aufrechenbaren, was sich begibt und »erlebt« wird in
der Form, daß »man« sagt und ausruft, man erlebe Solches.
Das Vorbei-ziehen aber ist hier zu wissen aus dem Wesen des
Seyns, das als Verweigerung sich nicht einläßt auf den geringsten
Einfluß in die Machenschaft. Vorbeiziehen meint hier nicht einen
begebenheitlichen Vorgang, der gegenständlich feststellbar sein
könnte. Vorbei-ziehen ist gesagt aus dem Wissen der in der
Machenschaft mächtigen Seinsverlassenheit des Seienden.

84. »Leben« und »Geschichte«

Leben bedarf zu seiner Lebendigkeit nicht des Begriffes, aber


»Leben« bleibt vom Bezug zum Seyn ausgeschlossen. Diese Aus-
geschlossenheit läßt es in sein eigenes Wesen eigens gehören.
Bezug zum Seyn: was meint das? (Mensch-sein). »Leben« doch
auch eine Art zu sein – aber ohne jenen Bezug.
Jegliches Seiende verhält sich zu seinem Wesen anders; woraus
schon deutlich wird, daß die Bestimmung des Wesens als koinÒn
niemals die Wahrheit des Wesens trifft.
Ist der Wesensgrund des Menschen der Bezug zum Sein, dann
kann der Wandel des Menschen nur aus dem Wandel dieses
Bezuges kommen. Der Bezug aber wandelt sich aus dem, wozu
er Bezug ist – aus dem Seyn und daß dieses seine Wahrheit
wesentlich als zu gründende fordert.
100

85. Die Historie

ist die Verrechnung des Vergangenen auf die Gegenwart, derge-


stalt, daß die Gegenwart zukunftslos bleibt, nichts zuläßt, was
verwandelnd auf sie – ihr Wesen treffend – zukommen könnte.
1
Was als »Zukunft« zugelassen wird, ist das Vor-gerechnete
schon Sichere und demzufolge in der zugehörigen Übertreibung
die »Ewigkeit«.
Die Verrechnung des Vergangenen besteht in der vorstellenden
Verteilung des über es Kennenswerten auf die Maßnahmen und
Vorstellungen der Gegenwart. Diese Verrechnung steht im
Dienst der Berechnung, die das Gegenwärtige einrichtend lenkt.
Die Verrechnung des Vergangenen wird so zu einer Abrichtung
der Zeitgenossen auf das, was ihre »Interessen« befriedigt. Die
»Interessen« selbst tragen nur so weit, als die je fortgleitende
Gegenwart vom Sein des Seienden sich entfernt und auf die
wachsende Selbstsicherung und deren Ausformung sich einrollt.
Die Verrechnung des Vergangenen, d. h. die Historie, ist die
Technik dessen, was sich nicht maschinenhaft betreiben läßt.
Diese Technik wird ihrerseits betrieben durch die »Politik«. Alle
Historie ist »politisch«, nicht in dem äußerlichen Sinne, daß sie
vorzüglich die »politischen« Vorgänge zu ihrem Gegenstand hat,
sondern dadurch, daß sie – bewußt oder ahnungslos – im
Dienste und Triebwerk der Gesamtplanung des auf Selbstsiche-
rung abgerichteten »Lebens« sich hält. Auch die »Litera-
tur-historie« ist technisch-politisch außerstande je einen Bezug
zur Geschichte zu wagen. Sie ist »politisch« auch dort, wo sie
gleichgültig die »Werke« »an sich« zu betrachten und zu erklä-
ren scheint und jede grobe Zweckvorstellung (das billige Abse-
hen auf »Volkstum« und dgl.) vermeidet.
1
Vgl. 51. Die Entscheidung und die Zukunft.
101

86. Geschichte
a
Wie Geschichte als Wesung der Wahrheit des Seyns einzig sich
ereignet im Ereignis.
Wie dieses selbst in einzigen Gängen denkerisch zu erfragen ist.
Wie auf alle Abhebungen von Bekanntem und Seiendem ver-
zichtet werden muß.
Geschichte ist die Wahrheit des Seyns.
Geschichte ist Er-eignung der Lichtung.
Lichtung – entrückender Austrag des Kampfes von Entgegnung
und Streit.
Austrag und Einzigkeit.
Die Lichtung – sein – in sie als Offenes sich loswerfen = das
Da-sein.
Da-sein ist die Geschichte – »ist« geschichtlich.
Geschichtlich, was das Wesen der Geschichte wesen läßt.

1
87. Geschichte

als Er-eignung, die wesentlichen Ereignungen, die erinnernde


Lichtung der Geschichte.
Nie aus Vergangenem, nie aus Historie und deren vergegen-
ständlichender Vorstellung der Vergangenheit für Gegenwart;
die Zuweisung dieser an das Vergangene.
Er-eignung und Erinnerung.
Erinnerung und Gewesenheit.
(Scheinbar und alltäglich gedacht ist das Gewesene das Ent-
schiedenste von allem »Weg« und Vorbei – das Vergangenste.)
Während im seynsgeschichtlichen Begriff der Ge-wesenheit das
a
Wesen erst zu ihm selbst zurück trägt.
a
Hs.: Was heißt »Wesung«?
1
Vgl. Überlegungen XII, XIII. In: Überlegungen C. Gesamtausgabe
Band 96.
a
As.: Ge-wesung
102

88. Das Wesen der Geschichte

als Wesung der Wahrheit des Seyns.


Von hier aus das geschichtliche Wesen des »Denkens« von
Grund aus zu begreifen und die Vorbereitung wagen zu der In-
ständigkeit in dieser Geschichte.
Die Überwindung der Metaphysik ganz als solche Geschichte.

Die Geschichte allein ist geschichtlich. Als Wesung der Wahrheit


des Seins erwest sie die Wahrheit in verschiedenen Stufen der
Gründung. Diese Erwesung wird, je näher sie dem Seienden
kommt und im Seienden verläuft, möglicher Gegenstand der
Historie. Im Wesen hat die Historie mit der Geschichte nichts
gemein, diese läßt sich niemals aus jener begreifen.
VIII. DAS SEYN UND DER LETZTE GOTT
[page left blank]
105

89. Der letzte Gott

Das Kommendste im Kommen, das austragend sich als Ereignis


ereignet.
Das Kommen – als Wesen des Seyns.
Kommen und Jähe.
Kommen nicht leer und irrig, sondern von sich her lichtend als
Verweigerung den Zeit-Raum der Armut.
1
Das Kommen und das Ereignis.
Frage das Seyn! Und in dessen Stille als dem Anfang des
Wortes antwortet der Gott.
Alles Seiende mögt ihr durchstreifen, nirgends zeigt sich die
Spur des Gottes.

90. Die Entgegnung

Die Götter und der Mensch erstrecken ihr Wesen aus der Gegen-
richtung in das Seyn und nur so kann Ent-gegnung im Er-eignis
wesen.
Die Götter bedürfen des Seyns – in welchem Sinne?
Der Mensch gehört dem Seyn – in welcher Weise?
Die Götter »sind« nicht und brauchen doch das Seyn als den
Ab-grund des Rückwurfs auf sie selbst.
Jegliches Seiende vermag solches nicht zu leisten.
Der Rück-wurf aber – woher seine Notwendigkeit?

91. Zuversicht und Dasein

Sich im Wesen ver-sehen auf das Kommendste.


Das Wesen der Freude, diese Zuversicht das Stimmende der
Grundstimmung der heiteren Großmut und innigen Langmut.
1
Vgl. Überlegungen XIII, 81. 89. In: Überlegungen C. Gesamtausgabe
Band 96.
106

Diese Zuversicht stark genug in ihr Wesen aufzunehmen das


Erschrecken, das Ent-setzen.
Das Ent-setzen und die Verwüstung.

92. Das Seyn ist...

Das Seyn ist – Er-eignis


     
Austrag
Austragsamkeit des Ent-scheidung ent-bindende
Seyns Zuweisung in den
Austrag –
dieser als
Ab-grund
das Kommen und Nichts
a
die Verweigerung Armut Armut und Würde –
(doch je [?] Nicht- macht-lose Herrschaft
Kommen!) anfängliche
Ent-eignung vom
Seienden und seiner
Vormacht aus der
Er-eignung in den
Abgrund.
1
Das Macht-lose!
Stimmung Stille
Er-eignung und
Stimmung
Wahrheit
gegen das Offene »Inzwischen«
und Öffentliche Zeit-Spiel-Raum
Ausgetragene – Lichtung »des«
Austrags
a a
Hs.: Verweigerung (vgl. [...] ). Ansichhalten des Austrags. Was ist
dieses? Das Kommen des Kommendsten.
1
Vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 65. Seyn und Macht.
Noch historisch metaphysisch!
a
[ein Wort nicht entzifferbar]
107

Seyn – Austrag – lichtend (die Verborgenheit der Verweigerung)


den Ab-grund
2
Einzigkeit des Seyns

1
93. Ereignis

bringt die unergangenen Weiten erst zu gründender Welt zum


entreißenden Einzug ins Offene,
legt die Erde zurück in die stetige Ruhe der reinen Ver-
schließung,
hebt beide in den Streit, der einträchtig die Fernsten je in ihr
Eigenstes befreit,
lichtet im Austrag den Ab-grund, dessen ungehobenes Gefüge
die Verarmung in die Armut durchgeht,
erwest das Da-sein, darin sich die Ankunft zum Kommen des
Kommendsten gründet und die Entgegnung zum letzten Gott
entspringt.
Aus-trag – Zu-eignung.
Ereignis: das Wesen des Seyns erhebt dieses (das Seyn) in die
fernste Vorläufigkeit.
Er-eignis – und Stille – Wort.

94. Erde und Welt

Die Unterscheidung ist eine seynsgeschichtliche. Sie hebt nicht


ein Vorhandenes gegen ein anderes ab, sondern denkt eine
Geschichte des Seyns, aus der sich Erde und Welt selbst
geschichtlich gründen.
2
Vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 49. Das Seyn.
1
Vgl. Besinnung. Gesamtausgabe Band 66, 16. Das Seyn, S. 83; Über-
legungen XIII, 6 ff. In: Überlegungen C. Gesamtausgabe Band 96.
108

Jede Erde verschließt sich und gehört so einer Welt; das Sich-,
verschliessen als das Erdhafte, aber Erde noch geschichtlich und
schon geschichtlich. Ein Irrtum zu meinen, geschichtsfrei von der
»Natur« etwas sagen und sie begreifen zu können, die Unmög-
lichkeit dieses An-sich-Begreifens bedeutet keinen »Subjektivis-
mus«.
Jede Welt öffnet sich und bleibt zugefügt einer Erde. Jede Welt
und jede Erde ist so im Ganzen ihres Zugehörigen geschichtlich.
Diese Geschichte aber ist gemäß der des Seyns selten und einfach
und als abendländische schon aus dem Wesen des Seyns gefügt.
Die Geschichte der Erde der Zukunft ist aufbehalten im noch
nicht zu sich befreiten Wesen des Russentums. Die Geschichte
der Welt ist aufgetragen der Besinnung der Deutschen.
Die Geschichte selbst ist hier je einig die des Seyns, und zwar
die Wesung seiner Wahrheit, in der Erde und Welt in den Streit
als ihren Ursprung sich finden.

95. Das Seyn

ist Er-eignis, er-eignet sich.


»Wie« das Er-eignis »ist« – als wäre es ein Seiendes –, kann
nicht gefragt werden. Denn das Seyn ist – eigentlich, d. h. aus
der Er-eignung und als diese.
»Wann« das Er-eignis sei und »wo« es sei, bleibt stets eine un-
gemäße Frage, denn »Zeit« und »Raum« im ursprünglichen
Sinne (der Lichtung des Zeit-Spiel-Raumes des austragenden
Widerspiels) und vollends im weit abgeleiteten Sinne entspringen
dem Er-eignis, sind mit ihm.
Also ist das Seyn »über-zeitlich« und »über-räumlich« – nein!,
sondern als Ab-grund das Zeitlichste und Räumlichste – das
Zeit-Räumliche der Lichtung als Stätte und zwar ausgetragene
des Austrags, das ab-gründige Inzwischen: abgründig zeit-igend-
räumend als Er-eignis.
109

Fragen wir »wann« und »wo« und »wie«, dann stellen wir ein
»Seiendes« vor und sagen nicht aus der Geschichte des Seyns,
wachen nicht über die Wahrheit des Er-eignisses, bereiten nicht
die Bereitschaft zur Gründung der »Entscheidung« über die
Zugehörigkeit in die Geschichte der Überwindung.

96. Seyn

ist Ent-scheidung im Sinne der Entbindung in den Austrag.


Die Ent-scheidung wird nicht »gefällt«, sondern sie er-steht als
Er-eignis.

97. Das Seyn und das Nichts

er-eignet den Zeit-Spiel-Raum der wesenden Geschichte in das


von ihm selbst entsprungene und nur mit ihm wesende Nichts.
Götter und Menschen, die sich der Wesung des Nichts wider-
setzen, berauben sich des eigenen Wesens und bleiben nur Figu-
ren des Seienden, dem die Wahrheit seiner selbst, die Wahrheit
des Seyns, versagt bleibt und nur die Austobung in dem Gemäch-
tebetrieb der Machenschaft übrig gelassen wird.
Solange die Inständigkeit im Nichts wesentlich mißkannt und
nicht als Zugewiesenheit in das Seyn erkannt ist, solange das
Nichts noch nicht gesagt wird als Name dessen, wohin die ent-
scheidungsbereite Großmut und Langmut der Besinnung sich
überragt, solange steht alles Hoffen und Sehnen in der Abwehr
gegen das Kommen des Kommendsten. Der in der Vollendung
der Neuzeit tobende, aber verschleierte Kampf zwischen den
»Lebensinteressen« und der »ewigen Seligkeit« um den Vorrang
oder auch nur den Ausgleich ist nur das hinterhältigste Mittel,
durch das die Machenschaft ihre Herrschaft befestigt.
110

98. Das Seyn


Die Er-eignung in das Inzwischen

Das Inzwischen (als Inmitten und Unterdessen: das Zeit-Raum-


hafte) ist das, worinnen Entgegnung und Streit selbst zwischen
einander wesen, d. h. sich kreuzen.
Dieses Inzwischen (das Da der Lichtung) ist die Wesung des
Seyns selbst – das ihm Er-eignete.
Dieses Wesen der Wahrheit gründet erst je ein Wahres.
Die Er-eignung in das Inzwischen bringt das Seyn in seine
Wesung und wirft das Gegenhafte in sein Auseinander.

1
99. Armut

Die Ent-eignung vom Seienden und seiner Vormacht, welche


Enteignung nicht Raub und Wegnahme sondern die Wesensfolge
einer Er-eignung des Seyns in seine Wahrheit. Die Innigkeit die-
ser Er-eignung ist die jeglichem Bedürfen und Entbehren entho-
bene Verschenkung des Wesens des Seyns in den Austrag.
Armut ist die aus-sich-abgründig-entschiedene Unerschöpflich-
keit der Schenkung.
Die Verarmung aus der Armut, die in solcher Verarmung ent-
springende Gründung des Da-seins ist Geschichte.
Armut: das Wesen des Seyns als Er-eignung.
Eigentum – als Wesen des »Seienden«.
Verarmung – eingeschlossen in die Er-eignung »des« Da-seins
als der Inständigkeit und Wächterschaft der Wahrheit ist Zuge-
hörigkeit in die Geschichte als Geschichte des Seyns.
1
Vgl. Seyn und Macht, das Macht-lose, in: Besinnung. Gesamtausgabe
Band 66, 65. Seyn und Macht.
111

100. Armut

nicht das Bedürfen, nicht Mittellosigkeit. So wäre sie nur der


Ab-bruch und die Weg-nahme, nur der entbehrende Bezug zu
einem versagten Anderen, während sie doch nicht Bezug und
nicht Entbehren, nicht Angewiesenheit auf das Entzogene, aber
auch nicht in bloßer Umkehrung ein Reichtum, sondern die Er-
eignung des eigenen Wesens des Seyns.
Armut und Eigentum.
Weil wir von ihr nichts wissen, meiden wir ihre vermeintliche
Drohung und wagen nicht das Geschenk der Verarmung zu ver-
wahren.
[page left blank]
IX. WESEN DER GESCHICHTE
[page left blank]
115

101. Der seynsgeschichtliche Begriff

Der seynsgeschichtliche Begriff ist Inbegriff:


1. nicht die Sammelvorstellung eines Allgemeinen, ausgesagt in
eingrenzenden Angaben von Merkmalen;
2. aber auch nicht nur das Miteinbeziehen des Begreifenden (des
Menschen) in das Begriffene, so daß der Mensch ein vom
Begriff (immer noch vom Gemeinten) getroffener ist, sondern
3. In-begriff solcher Weise, daß das Seyn gedacht ist als
Er-eignung des Austrags und so jedesmal die Grundentschei-
dungen und die je verschiedene Inständigkeit in ihnen fordert.
Das inbegriffliche Denken sagt in jedem Sprung das Seyn. Es
wiederholt sich notwendig in die Einzigkeit und ihren Reichtum.

102. Seyn

Das Seyn ermittelt erst zu denselben Zeiten seiner verborgenen


Geschichte die Mitte des Wesens des Menschen und übereignet
sie dem Bezug zum Seyn, welcher Bezug kein Vorstellen ist und
überhaupt keine Weise von Erleben, sondern die zu Zeiten noch
ungeschehene Gründung der Wahrheit des Seyns. Diese
Wesensmitte des Menschen ist nirgends und nie an sich vorhan-
den, sondern wird erst im Ereignis der Er-eignung des Menschen
in das Da-sein. Der Mensch kann diese Geschichte nicht
»machen« und kann nie in sie eingreifen, er vermag nur, selbst
der Ergriffene ihres Wesens, die Zeit vorbereiten, da ihn das
Kommendste des Kommenden aus der Ferne des Nächsten her
trifft. Solange der Mensch außerhalb dieser Vorbereitung bleibt,
taumelt er am Ende einer langen Sackgasse hin und her; er hat
vergessen, den Weg zurück einzuschlagen, zurück freilich nicht
in das Bisherige, sondern in den Anfang, dessen Vor-herrschaft
das abendländische Menschentum alsbald ausgewichen ist.
116

103. Die Geschichte des Seyns

Geschichte ist Geschichte »des« Seyns, in ihrem Wesen von


diesem er-eignet. Diese Er-eignung aber ist die wesentliche
Wesung des Seyns selbst – Er-eignis.
Geschichte ist Erzeitigung des Raumes des Austrags.
»Zeit« und »Raum« sind hier anfänglich seinshaft zu denken,
von Ent-rückung und Lichtung und dem Wesen der Wahrheit
her das Ein-räumen als Gewährung der Fugen der Ent-schei-
dungen.
Die Geschichte als Geschichte des Seyns meint nicht eine Ab-
folge von Begebenheiten, denen das Seyn anheimfällt (nicht das,
was dem Seyn »passiert«), sondern jenes, was das Seyn als sol-
ches sich erwest, sofern es der Ab-grund der »Wahrheit« – ihres
Wesens und Unwesens ist.
Erst die vom Seyn erweste Geschichte wird dann und zwar
schon erstanfänglich zur Geschichte des Seyns in dem Sinne, daß
sie in die Zeitigungsaugenblicke, die einzigen seltenen, sich her-
auswirft.
Die vom Seyn erweste Wesung der Geschichte ist die Gründung
der Wahrheit des Seyns.
Worein sich das Seyn verschenkt (wesenhaft), ist die Verar-
mung in die Armut, der sein einfachster Reichtum anheim-
gegeben.

Die Geschichte des Seyns zum Seyn der Geschichte.


Der Anfang als Verweigerung.
Der andere Anfang: Verschenkung in die Verarmung zur
Armut.
Die Geschichte ist erst als Gründung der Wahrheit des Seyns,
welche Gründung von diesem erst er-eignet wird.
Wenn aber Geschichte ist und wenn erst Geschichte ist, dann
er-eignet sich das Seyn als Er-eignis. Das Da-sein, und dieses
117

allein geschieht, west als Er-eignetes, indem es dem Er-eignis


Grund und Stätte und Wächterschaft zeitigt.
(Das Wesen der Geschichte läßt sich nicht an einem »Gesche-
hen«, vorkommenden Vorgängen und Tatenvollzug abnehmen,
sondern ist als Wesen der Geschichte ereignishaft bestimmt und
d. h. das zuerst Er-eignete.
Das Seyn und seine Wesung entscheidet über das Wesen der
Geschichte.)

Die Geschichte des Seyns ist, sobald sie sich selbst in die
Wesensgründung bringt, die Drehungsstätte, auf deren Feld der
Vorrang des Seienden und die Macht der Richtigkeit zerbrechen
zugunsten der Milde des Seyns aus der Wesung der Lichtung des
Austrags.
Das vom Seyn er-stimmte Denken (das seynsgeschichtliche) ist
nie bloße Umdrehung des bisher vollzogenen metaphysischen
Denkens, sondern das Aufgeben der Metaphysik schlechthin
durch die Eindrehung des Fragens in die Wesung der Geschichte
als jener Drehungsstätte.
Das Denken ist »des« Seyns, und ersagt so gestimmt die Wahr-
heit des Seyns als Austrag in das Einfache des erschweigenden
Wortes.
Geschichte: die Verarmung in die Armut.
Die aus solcher Verarmung entspringende und sich vollbrin-
gende Gründung des Da-seins. (Vgl. Armut als Wesen des
1
Seyns. )
1
Vgl. 100. Armut.
118

104. Geschichte des Seyns

nur im abgeleiteten Sinne für das Denken des Seyns zu nehmen,


sofern Denken hier als menschlicher Vollzug eines noch laufen-
den Vorstellens gilt (aber auch dann niemals als Historie der
Meinungen über die Seiendheit des Seienden).
Die Geschichte selbst verbirgt sich in ihrem Wesen durch ver-
schiedene Stufen. Diese je verschieden nach den Ursprüngen wie
die Gründung und Abgründung der Wahrheit des Seyns.
Geschichte bestimmt nur deshalb und soweit das Menschsein,
inwieweit und weil der Mensch durch den Bezug zum Seyn, das
wesenhaft-einzig geschichtlich, in sein Wesen gefügt ist.
Geschichte:
als Wesung der Wahrheit,
als Da-sein,
Da-sein und »Gottschaft«,
nicht menschlich, nicht göttlich,
aber »mehr« als der Mensch und »weniger« denn der Gott.

Das Seyn als Er-eignung (zu-eignender Austrag) in den


Ab-grund.
Darin liegt die Verwesung jedes Gründigen im Sinne der
Ur-sache und der Erklärung und Ab-leitung, auch nicht causa
sui.

Auf dem Pfad des Fragens liegt nicht nur Fragliches, Unent-
schiedenes, sondern: die Entscheidung zur Zu-kunft des Seyns.
119

105. Schenkung und Besinnung

Das Er-eignis, als welches das Seyn, als Verweigerung, sich ver-
schenkt.
Diese Schenkung als Geschichte nur dort, wo eine anfängliche
Geworfenheit des Da-seins, wenngleich gerade nicht als eine
solche begriffen – sondern?
(Die Über-stimmung in das einfache Müssen.)
Die Befreiung zur Erharrung der Schenkung des Seyns. Wie?
Der Einsprung in die Besinnung auf die Wahrheit des Seyns.
Anfänglich-abgründig verborgen: das Seyn.
Geschichtlich: die mittelbare und einzige Überwindung der
Machenschaft und so im Voraus die Entmachtung jedes machen-
schaftlichen Ansinnens.
Ohne Anspruch, ohne Maß, und doch gefügt in ein Entschie-
denes, ausschwebend das Unerschöpfliche seines Einfachen.
Die anfängliche Er-eignung in die Enteignung der Wahrheit des
Seyns (fÚsij, Metaphysik).

106. Die einheitliche Zerreibung des Deutschtums


und Russentums durch die Machenschaft

Rußland - daß wir es nicht technisch-kulturell überfallen und


a
endgültig vernichten, sondern zu seinem Wesen es befreien und
ihm die Weite seiner Er-leidenskraft eröffnen zur Wesentlichkeit
einer wesentlichen Rettung der Erde.
Daß wir die Verarmung in die Armut als den Reichtum des
Seyns vorbereiten und zu verschenken stark genug sind.
Erst so stellen wir uns der Wesung eines Streites, der den
Menschen in seine Zukunft nötigt.
a
As.: d. h. nicht physisch ausrotten oder auch nur niederschlagen
kriegerisch, sondern um das eigene verborgene Wesen bringen, durch
erneuten und radikalen Einbezug in die Machenschaft, der wir selbst
verfallen
120

Vorbedingung: Befreiung zu uns, Überwindung der Neuzeit.


Wesentlicher als die Auseinandersetzung der Griechen mit
ihrem Osten, denn jetzt für uns ein Zwiefaches zumal:
die Be-sinnung als Einsprung in das höchste Denken und
als Gestimmtheit zur einfachsten Geworfenheit des Da-seins.
Dieses Zwiefache ein Einziges – was die Zukunft aufbehalten.
Auch die Täuschung muß ins Riesenhafte wachsen, wie wenn
die einzige Zukunft abendländischer Geschichte auch der Ab-
und Einrichtung der Machenschaft anheimfiele. Sie muß es sogar
und wird es.
Nur beweist das nichts gegen diese Zukunft, sondern ist nur
ein Zeichen, daß es zuvor eines Anderen bedarf.
Ein großes eiliges historisches Gestürze auf Rußland, ein gren-
zenloses betriebsames Ausbeuten der Roh-stoffe für die Feinhei-
ten der »Maschine«.
Die Gefahr ist nicht der »Bolschewismus«, sondern wir selbst,
indem wir sein metaphysisches Wesen (ohne es als solches zu
begreifen) ins Höchste gesteigert ihm zuführen – und Russentum
und Deutschtum um seine Geschichte bringen.
Die nur historisch-politische Verrechnung nach zwei Seiten
gleich: Hoffnung und Befürchtungen – aber!
1
X. DAS EIGENTUM

1
Vgl. 100. Armut.
[page left blank]
123

107. Schenkung und Verarmung

Das Sein als Er-eignis er-eignet zum Wesen (stiftet erst gegen das
Nichts) das Da-sein. In dieser Er-eignung ver-schenkt das Ereig-
nis sich in der Weise der Verweigerung (es tritt nie vorstellbar
hervor in eine mögliche Vergegenständlichung). Die Schenkung
ist die Ver-armung (das wesenhafte Armwerdenlassen) am
Reichtum des Einzigen, als welches das Seyn gegen alles Seiende
west. Die Ver-armung in die wesentliche Armut schenkt den
Grund der möglichen Inständigkeit im Da-sein, dessen nur ist die
Sorge, die Sorge aber ist der Wahrheit des Seyns.
Solche Sorge ist abgründig verschieden von jeder trüb-
selig-jämmerlichen Bekümmernis. Sie ist Wesung des Reichtums
in der Einfachheit seiner Verschenkung in das Eigentum, darin
das Seiende des Seyns (als Ereignis) sein Wesen findet.
Daß höchster Schenkung die Verarmung entspricht, dies zu
wissen ist Grundforderung des seynsgeschichtlichen Denkens.

108. Eigentum (das Seiende im Seyn als Ereignis)

der Er-eignung gehörig, den einfachen Reichtum (ab-gründig


unergründliche Einfache) des Strittigen und der Gegnis austei-
lend.
Das Seiende im Sinne des Eigentums ist niemals das Wirkliche
im Sinne des im Her- und Vor-stellen geradehin Antrefflichen.
Strittiges und Gegnis nie dialektisch zu fassen, weil nie
vorstellungsmäßig eigenschaftlich, auf bloße Gegen-sätze zu
verteilen.
»Natur« und »Welt« sind in ihrer metaphysischen Prägung
unvermögend, das Eigentumhafte zu sagen, den Streit als Stätte
der Gründung des Zeitraums der Entgegnung zu erfahren.
Streit als Stätte der Nähe einer Erharrung des Fernsten.
124

Auch »Ding«, »Zeug«, »Werk« sind noch metaphysisch – und


bringen nicht, was sie nennen, in das Inzwischen des Seyns. Ob
hier nicht ein Einfacheres, Einziges, der Stille Gemäßes.
Streit als Stätte der Entgegnung, Gabe der Gegnis.
Entgegnung als Befreiung des Strittigen.

109. Eigentum

Nur Eigentum, das aus der Einzigkeit kommt, ist ein Wesent-
liches. Wo aber die Einzigkeit wieder aus der Er-eignung ent-
springt, da gehört ihr die Einfachheit des Abgründigen und nie
zu Übertreffenden.
Aus der Einzigkeit des Seyns erst müssen wir die Befremdlich-
keit des Seienden als Eigentum erfahren.

110. Eigentum

Erde, Welt, Mensch, Gott.


Wonach die Unterscheidung und Auszeichnung?
Auf welchem Grunde? der wie erfahren?
Als Ab-grund des Er-eignisses.
Müssen nicht auch noch diese Nennungen als metaphysische
fallen?
Woher die Auszeichnung des Menschen? Aus der Zuweisung
seines Wesens in die äußerste Möglichkeit, die nirgend im Um-
kreis eines Seienden gründbar, ganz aus dem Seyn dem Men-
schen in sein unenthülltes Wesen spricht: die Wächterschaft der
Wahrheit des Seyns zu gründen.
Der Mensch er-eigneter (Eigentum) und zwar als Da-sein.
Dieses schon, weil Er-eignung, geschichtlich.
Weshalb sprechen wir von einer Auszeichnung? Das nur mög-
lich, wenn wir den Menschen als ein Seiendes (im metaphysi-
schen Sinne) mit dem Übrigen vergleichen. Hat aber diese
125

Betrachtungsart seynsgeschichtlich noch ein Recht? Nein; seyns-


geschichtlich ist der Mensch der Gezeichnete, d. h. Vor-be-
stimmte und Ge-stimmte. Dieses meint nicht ein Vergleichen,
sondern die Weise seiner Wesung.

111. Seyn

zu erdenken. Der Streit der Welt zur Erde in seiner Bahnkreu-


zung durch die Entgegnung des Gottes zum Menschen. Dies aber
ist der in sich gegenkehrige Aus-trag als der Anfang der Er-eig-
nung.
Befreiung in die Bündigkeit des Eigentums.

112. Das Eigenturn

Was wird aus dem Seienden, wenn es in der gegründeten Wahr-


heit des Seyns sich offenbaren muß?
Wie nennen wir das Seiende, wenn es nicht mehr aus der Sei-
endheit gedacht wird und pr©gma, res, Ding, ens creatum,
objectum, Gegenstand ... leere Namen geworden?
Lautet das Wort des Seins des Seienden jetzt Eigentum? Der
Er-eignung des Da und diesem selbst, dem Inzwischen des Aus-
trags Zu-gewiesenes. Der Erde und der Welt, dem Menschen und
dem Gott zumal und je eigens gehörig.
Das Eigentum verlangt von uns zuvor einen Reichtum des
inständlichen Verfügenkönnens über das Eigentümliche. Hier ist
der Reichtum nicht Folge des Besitzes von Eigentum, sondern
der Grund zum Vermögen des verzichtenden Verfügens. »Ver-
zicht« ist hier nicht Absage, sondern wahrende Verehrung,
wahren in der Aussparung des Inzwischen.

*
126

Die Er-eignung des Da durch die Stimme der Stille läßt als Lich-
tung zugleich Erde zu Welt und diese zum Menschen und ihn
zum Gott und diesen zur Erde sich finden. Dieses Sichfindenlas-
sen als Wesung des Seyns gründet Eigentum und läßt zu diesem
Eigentümliches hervorgehen. Nicht daß der Baum dort für das
vergleichende Vorstellen sein »Besonderes« habe und durch sein
Dort und Jetzt sein »Einziges«, nicht dieses gibt ihm Eigentüm-
lichkeit, sondern: Erde verschließt sich in ihm aus seiner Wurzel
her ihn einnehmend in sie, während er zugleich frei steht in dem
Umkreis gelichteter Verweisungen welthaften Waltens. Eigen-
tümlich ist er, weil gegründet in die Zugehörigkeit zum Inzwi-
schen, so daß er je verschieden ein Wesen ist im Er-eignis.

Wir können das Wort wie einen Namen gebrauchen, der nichts
nennt oder das Bisherige uns nur anders und willkürlich
bezeichnet.
Oder das Wort kann uns er-innern in das »Inzwischen« des
Er-eignisses und kann uns »sagen« und »fragen«, ob wir des
Seyns vergessen haben und uns seiner nur noch zuweilen als
einer leeren Hülse, die das Seiende nicht mehr braucht, entledi-
gen?
Das Wort kann uns in eine Geschichte versetzen. In deren Zeit-
Raum wird uns Entscheidungsloses offenbar – die Unentschie-
denheit des Bereiches aller Entscheidungen und so auch aller
Ausflüchte und Verschleierungen.
Das Wort kann uns be-deuten die Zugehörigkeit des Seienden
in das Seyn, dergestalt, daß dieses nicht anwesender Aufnahme-
und Behältnisgrund ist, sondern Jenes, was das Seiende zu ihm
selbst erst zer-bricht und in seiner (des Seyns) Lichtung wesen
läßt.
DIE GESCHICHTE DES SEYNS. TEIL II

(Die Geschichte des Seyns im ersten Wort des


Seyns; das Wort selbst im Sagen seynsgeschichtlich
gefügt und nur so noch ereignet und im Seyn.)
[page left blank]
XI. DAS GEFÜGE DES SAGENS
[page left blank]
131

113. Das Seyn

ist nicht ein »Lebendiges« (»Vitales«), ist nicht ein »Geistiges«,


ist nicht ein »Stoffliches«, ist nicht ein »Unstoffliches«.
Denn überall ist hier Bezug genommen auf ein »Seiendes«, von
dem aus das Seyn erklärt und gedeutet wird.
Der einfache Schritt muß getan werden: Daß das Seyn nicht ein
Seiendes ist.
Das Seyn ist Seyn (Ent-bergung – Ereignis).
Wie aber dieses, d. h. die reine Wesung zu wissen?
Daß je das Sein aus Seiendem erklärt wird und aus welchem
Grunde das geschieht, dies zu erweisen bedeutet die Überwin-
dung der Metaphysik aus dem Seyn selbst. In keine Zuflucht zu
»Seiendem« dürft ihr mehr ausweichen, und die »Unterschei-
dung« ist nichts Gleichgültiges. Und selbst die Unterscheidung
muß nur übergänglich gesagt werden, damit sie in der Bereitung
des anderen Anfangs verlassen wird. (vgl. Überwindung der
1
Metaphysik, II. Fortsetzung ) Die Verwindung des Seyns.

1
114. Die Geschichte des Seyns

Anklang (der Ereignung, über das ganze Folgende hin, es


stimmend).
Zuspiel (des ersten Anfangs aus der Geschichte als
Wesung der Wahrheit des Seienden als solchen
im Ganzen). Metaphysik als Wesensgrund der
abendländischen Geschichte. Be-
1
Vgl. Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihilis-
mus. Gesamtausgabe Band 67.
1
Vgl. Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis). Gesamtausgabe Band
65.
132

ginn (Plato - Aristoteles), Wendung (Descartes –


Leibniz) und Vollendung (Hegel – Nietzsche).
Sprung (aus dem Schwung der Geworfenheit des
Da-seins (nicht »des Menschen«) durch die
Ereignung).
Gründung (des Ab-grundes des Inzwischen als der Wahr-
heit des Seyns). Da-sein er-eignet im Er-eignis.
Die Inständigen (die ersten Wächter des Da-seins. Noch nicht
seine Gründer).
Der letzte Gott (der anfängliche in der Wesung des Seyns, zu
dessen Ereignung, unbekümmert um den Men-
schen).
Ein Gott, der über das Sein sich erheben
möchte oder gar erhoben wird und zur Quelle
(Ursache) des Seins (nicht nur des Seienden)
gemacht wird, »ist« kein Gott und kann kein
Gott sein.
Anfänglicher denn jeder Gott ist das Seyn.

115. Die Geschichte des Seyns

Der erste Anfang ist die fÚsij selbst.


Das »Sein« ist nicht unterschieden gegen die Wahrheit. Beide
»sind« das Selbe, weshalb auch alsbald der wesentliche Spruch
von Parmenides gesagt wird: tÕ g¦r aÙtÕ noe√n œst∂n te kaπ eƒnai.
Das Sein ist nicht unter-schieden zum »Werden«, das durch
Parmenides und Heraklit aus dem Wesen der fÚsij ersehen und
verschieden gesagt wird. Für beide ist die fÚsij lÒgoj.
133

Indem je die fÚsij gesagt wird als noe√n – lÒgoj, kommt erst
auch das eƒnai und die ¢lˇqeia in ihre eigene Lichtung und die
Möglichkeit der Trennung. Zumal damit die dÒxa, das
»Scheinen«, als Wesung der fÚsij – ¢lˇqeia.
Wie über die dÒxa, im Doppelsinne des Scheinens (Aufleuchtens
und Nur-so-Aussehens), überhaupt für das »Sein« und d. h. die
Entbergung das eƒdoj wesentlich wird. Woher dÒxa?
Wie mit der Auslegung des eƒdoj als ≥d◊a das Sein selbst zum
Ôntwj Ôn und gegen m¾ Ônta (e∏dwla) unterschieden.
Hier ist die Vorzeichnung des Seins für die Gegenständlichkeit
(neuzeitlich).
Mit dem Fassen des eƒdoj ist die fÚsij und mit ihr die ¢lˇqeia
in den Anfang zurückgegangen und unerreichbar. Das noe√n und
l◊gein selbst werden der fÚsij entrissen und dem Menschen
überantwortet; dieser selbst empfängt jetzt sein Wesen als zùon
lÒgon ⁄con.
lÒgoj – noàj – dianoe√sqai – ¢pÒfansij – ¢pÒfasij »l◊gein«
werden jetzt schon das Gegenüber zum »Seienden«, obzwar
noch nicht »Subjekt« (Wahrheit als ÑrqÒthj und Ðmo∂wsij).
Nirgends freilich erklären Plato und Aristoteles das Sein aus
dem Seienden. Aber dieses Festhalten am Sein als dem zum
Seienden Unterschiedenen zwingt doch zugleich in die Berufung
auf das ≥de√n (»Ideen«) und das kathgore√sqai (»Kategorien«).
Das Sein wird zum Apriori.
Die Metaphysik hat begonnen: das Sein als Seiendheit des
Seienden ist diesem vor-herig und der »ratio«, dem Verstand und
dem Willen, Gottes, der justitia, überantwortet.
Die Wandlung der Richtigkeit (ÑrqÒthj – Ðmo∂wsij) zur certi-
tudo bringt die Wesensbestimmung des Seins als repraesentatio
(»Subjectivität«). Jetzt bleibt nur: Die Entfaltung des Vorstellens
in die Unbedingtheit des »Denkens« (als absoluter Geist) bzw.
die Entfaltung des Menschen zum »Über-menschen«. Jedesmal
geht die letzte Zuflucht in die »Tätigkeit«, sei es der sich selbst
denkenden Vernunft, sei es des Willens als Willens zur Macht.
Die Verblassung und Vermischung beider in die bloße »Tä-
134

tigkeit« eines unbestimmten »Dynamismus« ist bereits Verfall


innerhalb dieser Endstellung der vollendeten Metaphysik. Actus
purus als Vorbild des »Aktualismus«.
Im Unterschied zur Metaphysik und ihrer Geschichte und da-
mit auch in der entschiedenen Loslösung von aller metaphysi-
schen Deutung der abendländischen Philosophie im Ganzen, also
auch ihres Anfangs, fängt »Sein und Zeit« den anderen Anfang
an in der Vorbereitung der Seinsfrage.
Nicht nur wird Wahrheit als Entbergung erfahren und nicht
nur diese als Wesung des Seyns selbst, sondern über den ersten
Anfang hinaus wird das Seyn zur wesenden Wahrheit, für die es
die Gründung aus ihm selbst, d. h. aus seinem anfänglicheren
Wesen fordert. Deshalb ereignet das Seyn das Da-sein.
Da-sein ist nicht der noàj und ist nicht die yucˇ, ist nicht der
Mensch und ist nicht das »Bewußtsein«, ist nicht das »Subjekt«
und nicht der Geist und nicht das »praktische Leben«.
Da-sein ist die Wesung des Entbergens und verlangt eine an-
fängliche Findung des Wesens des Menschen aus seinem Bezug
zur Wahrheit des Seyns (nicht nur zur Wahrheit des Seienden).
Das Menschenwesen wird in das Da-sein ereignet und gegründet.
Aber zunächst, im Übergang vom ersten zum anderen Anfang,
wo die volle Überlieferung der Metaphysik und der nur meta-
physischen Auslegung aller Philosophie Alles beherrscht, ist alles
zweideutig und nirgends eine reine Findung und eindeutiges
Sagen, nirgends das anfängliche Erbauen der Wesung des Seyns
in dessen Wort. Und dennoch überall die entschiedene Haltung
des anfänglichen Wissens und die Ohnmacht gegenüber der un-
vermeidlichen metaphysischen Mißdeutung.
Das Seyn ist Er-eignis. Es hat keinen Grund, denn es ist der
wesenhafte Ab-grund des Inzwischen der Ereignung. Dieses
Sagen hält sich auch nicht mehr im Gegenüber, sondern das
Wort ist überantwortet dem Seyn und gehört nur ihm.
In das Seyn muß Da-sein sich finden und ihm die Geschichte
lassen.
135

Das Seyn in seiner Würde bedarf nicht der Herrschaft.


Der erste Anfang ist anfänglicher und erstlicher geworden und
gerade deshalb west das Seyn nicht mehr als fÚsij. Die »Meta-
physik« vollends ist ohne Boden und Grund. Aber deshalb
herrscht ihre Nachkommenschaft, die Weltanschauung.

Was ist wesentlicher, den anderen Anfang anzufangen oder ver-


meintlich auch schon wieder über ihn hinauszugehen und ihn zu
verlassen? Welchen Beginn jedoch ein Anfang bestimmt, ist nicht
zu wissen.

116. Die Geschichte des Seyns

Das Anfängliche sagen und so sagen, daß eine Erschweigung des


Sichverschweigenden (des Seyns) von diesem er-eignet ist. Ob es
ist, wissen die Wächter nicht.
Das Anfängliche sagen, so daß im ersten Anfang der andere
anfängt. Nicht den »anderen Anfang« gar historisch feststellen,
ankünden oder gar besprechen.
Immer irrt das Wissen sagend vorzeitig in das Gemachte und
kann nur wenigmal die Wesung der Wahrheit in den langen
Anfang bergen.
Der Anfang ist un-endlich, d. h. wesenhaft länger als jede
offene und eröffnete »Geschichte«, die aus ihm als Folge von
Begebenheiten entkommt.
Das Eilige soll die Wächter nie zu Übereilten machen und in
die Ungeduld verzwingen.
Denn auch dies müssen sie zuvor vorüberlassen: die
Gedrängnis, durch schnelles Umkehren des früh schon Entwur-
zelten (Metaphysik) einen historisch merkbaren Beginn zu
erwirken. »Neu« zu sein, ist das Geschäft jener, die niemals das
Alte erfahren, weil sie vom Anfang ausgeschlossen sind.
136

Aber in der Verlassenheit des Seienden vorn Seyn durch die


Loslassung in die sich selbst verblendende Machenschaft
erscheint die Verbergung des Seyns; nicht dieses selbst schon,
sondern der Wink, der durch ein ungegründetes und nicht
ermeßbares Offenes geht, das der Austrag selbst ist.

117. Die Geschichte des Seyns

will sagen: die Geschichte, deren Wesen das Seyn selbst »ist«.
Nicht die »Geschichte«, die das Seyn durchmacht, nicht die
»Geschichte«, die an ihm oder gar als Meinungsabfolge »über«
das Sein aufgezeichnet werden kann.
Die Geschichte des Seyns ist das Wesen des Seyns, aber Wesen
ist Wesung und diese anfänglich das, was Geschichte ist.
Die Geschichte ist daher je und je Geschichte »des« Anfangs.
Immer ist sie das Anfängliche und im Anfänglichen.
»Historisch« läßt sich die Geschichte niemals erfahren und
noch weniger »denken«.
Der Anfang ist nur anfänglich, in ihn zurück und aus solcher
Verbergung als seiner Herkunft zu denken.
Der Anfang ist Jenes, was die künftige Geschichte so bestimmt,
daß er im anderen Anfang sich in das Offene gründet (nicht etwa
durch ihn ersetzt wird), oder daß jegliches Anfängliche völlig in
sich zurückgeht und nur noch das Seiende ausläuft in das
Geschichtslose der bloßen historischen Technik.
Der Anfang ist solchen Wesens das, was die Geschichte
bestimmt, an deren Rand Einige der Künftigen vielleicht das
Zeitalter denken: das Alter der Zeit – wie nah sie dem Anfang
und wie fern.
Das Zeitalter, das jetzige im Wesen, nicht die historisch
gerechnete »Periode«, ist die Ankunft des Anfangs als Seinsver-
lassenheit. Diese die höchste Verbergung und zwar zugleich in
die Unkennbarkeit, durch die Zulassung der Machenschaft.
137

118. Das Seyn

Alles »Seiende« und dessen »Sein« (die Seiendheit) ist Seyendes


»des« Seyns: aus dem Seyn ereignet in dessen Lichtung.
Das Seyn ist nie vom Seyenden her zu erlangen. So freilich will
es die Wahrheit des Seienden als eines solchen im Ganzen. Hier
ist das Seiende schon in die Unterscheidung geschieden und das
Sein als seine Seiendheit ihm entgegen, wenn auch noch darüber
gestellt.
Das Sein des Seienden (schon die Zulassung des (Seyenden),
das des (Seyns) ist), kommt, vom Seienden her entworfen, nur
auf dieses zurück und verbleibt in solcher Verspannung.
Hier wird das Sein dann göttlich, oder menschentümlich (neu-
zeitlich) oder engelhaft. Hier ist es Bote, ist es Gemächte, ist es
ein Notbehelf, und immer zum Knecht des Seienden verworfen.
Der Vorrang des Seienden vor dem Sein, das als das »Apriori«
(entsprungen dem Her-vorigen und zum nur Vor-herigen gewor-
den) ein Nachtrag bleibt, bringt die Wahrheit des Seienden in
das Wesen der Wahrheit des Seienden als eines solchen und im
Ganzen. Beides, dies als ein solches (È; qua) und die Gänze, sind
auf das Sein zu vom Seienden her gefügt.
Welches aber ist der Grund der Wahrheit des Seienden als
≥d◊a?
Welches ist der Grund der Verlegung und Aufbewahrung der
≥d◊a und der œn◊rgeia im schaffenden (vor-stellend-herstellenden)
Gott?
Welches ist der Grund der Unterbringung der ≥d◊a und der
œn◊rgeia, der ideae und des actus im Vor-stellen, als welches
selbst handelnd und strebig und »agierend« die Vor-gestelltheit
zur Gegenständlichkeit und diese zur Seiendheit im Sinne der
Sicherheit und Gewißheit umwirft?
Welches ist der Grund dieses Wandels der Wahrheit zur
Gewißheit des vorstellend-strebigen Seienden, des Seins als der
zunächst noch be-dingten Subjektivität, bedingt nur, sofern
138

nicht in der Wesung voll begriffen und aus der Zugänglichkeit


für den Menschen als den forschenden (Wissenschaft der Natur
bei Kant) errechnet. Daher die Endlichkeit des Seins, die so doch
nur eine Sperre für das Wesen der Subjektivität, die in sich
unbedingt ist. (Diese Endlichkeit fälschlich zusammengebracht
mit dem Wesen des Seyns, das freilich weder göttlich, noch
menschlich, noch engelhaft ist.)
Welches ist der Grund des Wandels der bedingten Subjektivität
zur unbedingten?
Welches ist der Grund des Umsprungs der unbedingten in die
vollendete?
Worin die Vollendung und was ist sie?
Jedesmal und je verschieden weit hinaus in ihr Wesen entschei-
dend hier die Er-eignung als die Loslassung des Seins in die
Seiendheit.
Ihre Wesensfolge in der Fügung und Einrichtung der Wahrheit
des Seienden als solchen im Ganzen (Metaphysik) ist die Verges-
senheit des Seins zugunsten des Vorrangs des Seienden.
Höchste Vergessenheit, wenn das »Sein« und das »Werden« zu
»Werten« geworden sind, d. h. zu machtenden Bedingungen des
höchsten Willens zur Macht.
Jedesmal und langehin sind dann nur in solcher »Wahrheit«
die Begebenheiten und »Geschichten« und Umtriebe und
»Leistungen« und »Rettungen« zugelassen, und überall ist ein
vergnügtes und verdrießliches Vergessen im Betreiben des
Gegenwärtigen. Dies aber gehört schon in den Bezirk der leeren
Öffentlichkeit, die allerdings zufolge der Zugehörigkeit des
geschichtlichen Menschen in die Wahrheit des Seyns nichts
Gleichgültiges ist.
139

1
119. Das Seyn

Das Leerste und der Reichtum.


Das Allgemeinste und das Einzige.
Das Verständlichste und die Verbergung.
Das Gebrauchteste und das Entspringende.
Das Verläßlichste und der Ab-grund.
Das Vergessenste und die Er-innerung (Er-innernde).
Das Gesagteste und die Verschweigung.
Das Beliebigste und das Unumgängliche.
Das Nach- und Nennwort für das »ist« der Aussage und das
Vor- und Zeitwort für den Grund des Schweigens.
Hier sind nicht gleichgestellte Gegensätze im Vergleichen vor-
gestellt, sondern die Wesung des Seins selbst ist genannt. Was
wie »Gegensatz« aussieht, ist die Innigkeit der Loslassung in die
Seiendheit als Verweigerung, ist Verbergung der Ereignung, ist:
Er-eignis.
(Vgl. II. Trim. 1940, letzter Teil, in der Form eines lehrhaften
2
Hinweises; kein gemäßes Wort. )
Der »Gegensatz« auch nicht in ein »drittes« aufgehoben, son-
dern, was so erscheinen möchte, ist das Anfängliche, die Verber-
gung, Verschweigung als das anhebende Stimmen der Lichtung
und so des Da und so des Da-seins und so die Möglichkeit der
Inständigen und so Wenige des seynsgeschichtlichen Menschen
und so vielleicht – was doch unwesentlich vor dem Seyn – ein
anderes Menschentum.

1
Vgl. Grundbegriffe. Freiburger Vorlesung Sommersemester 1941.
Gesamtausgabe Band 51. Hrsg. v. Petra Jaeger. Frankfurt am Main
1981.
2
Vgl. Nietzsche: Der europäische Nihilismus. Freiburger Vorlesung II.
Trimester 1940. Gesamtausgabe Band 48. Hrsg. v. Petra Jaeger. Frank-
furt am Main 1986, S. 322 ff.
140

120. Das Seyn

ist nicht Gegenstand und nichts Vorhandenes und nichts Allge-


meines und nur Umgreifendes, sondern eigensten Wesens. Auch
das Verhältnis zum Seyn gehört in das Seyn und dessen Wesen
muß demgemäß walten; auch das Verhältnis zum Seyn gründet
in der Wahrheit, die ist des Seyns und dieses muß auch dieses in
sich entspringen lassen.

1
121. Leitworte

Das Sein ist das Nichts.


Das Nichts nichtet.
Die Nichtung verweigert, (daß Seiendes aus Seiendem jemals
»sei«).
Die Verweigerung gewährt (die Lichtung, in der, was wir Seien-
des nennen, aus- und eingehen und zuweilen anwesen kann).
Die Gewährung er-eignet das Inzwischen (des Zeit-Raumes).
Die Er-eignung ist die Jähe des Stimmens.
Das Stimmen ist die erste Erschweigung.
Die Erschweigung ist das anfängliche Wort.
Das Wort ist das wesende Seyn.

122. Das Seyn nur ist

Das Ent-setzen als die eine Wesung des Seyns.

Die In-ständigkeit als die Wesung des Da-seins.

*
1
Vgl. 44. »Die Unter-Scheidung«.
141

Die Wesung als das Ereignis der Wahrheit.

Das Ereignis als das Seyn.


Das Seyn als die Wahrheit.
Das Seyn nur ist.

123. Das Seyn

das sich ursprünglich alle Macht entfremdet und ihrer nie


bedarf;
das jede Reizsamkeit und Aufdringlichkeit des »Elementaren«
außerhalb seiner läßt;
die reine Würde des Ereignisses der Wahrheit;
(die Wahrheit aber als Lichtung des Sichverbergens);
die Stille, vor der alle Abenteurer abprallen und in ihre Träume
zurückverstoßen werden, damit sie diese Kost nach der Art der
Überspielten mit allen »Raffinessen« literarischer Künste aus-
schlürfen.
Das Wartende, das je nur dem reinen Erdenken entgegen-
kommt, nicht sinnlich zu schmecken und nicht verständig zu
errechnen ist.
Das Ereignis – vor allen Göttern und Menschen, Tieren, Pflan-
zen und Steinen.

124. Das Seyn

nicht »Werden«, nicht Wirken, nicht Machen, nicht Macht,


nicht bloße Beständigkeit.
All dieses ist ein Schein des Seyns, der dort zugelassen wird, wo
das Seyn sich verbirgt und die ≥d◊a der nochmaligen Verge-
genständlichung preisgibt.
142

Das Seyn die Entbergung der Verbergung, als welche sich die
Lichtung er-eignet und zur Entscheidung gerufen wird, was wir
die Götter nennen, was wir sonst als den Menschen kennen.
Die Entbergung der Verbergung macht die Verbergung als
solche offenbar, hebt sie nicht etwa auf.

a
125. Das Seyn ist das Einstige

Das Gewesende und das Kommen zumal – was als das Anfäng-
liche kommt.
Seyn ist »Zeit«.
Das Gesetz des Seyns: Lichtung der Verbergung. Hineingang in
die Verborgenheit als Aufgang aus ihr.
Solches setzt und fügt das Seyn. Es ist dieser Fug.
Das Seyn ist.
Dies die einzige Sage.

Das Seyn ist noch gar nie erfragt worden, sondern immer nur
das Seiende als ein solches. Und was sie »das Sein« nennen, ist
als das Seiende im Ganzen gemeint oder dessen »Allgemeinheit«.
Vgl. Schellings Unterscheidung von »Sein und Seiendem«,
1
»Grund und Existenz«, »Basis« und Existierendes.
Die Zweideutigkeit des Ôn als Participium.
Um den Bezug zum Sein rein zu erfahren, muß das Sein in seine
Lichtung sich überschwungen haben und in diese Lichtung muß
der Bezug gehen und von hier aus den sich Beziehenden be-
stimmen.
a
Hs.: einst = »vormals« und »künftig«.
1
Vgl. Schelling: Vom Wesen der menschlichen Freiheit (1809). Frei-
burger Vorlesung Sommersemester 1936. Gesamtausgabe Band 42.
Hrsg. v. Ingrid Schüßler. Frankfurt am Main 1988.
143

126. Ereignis

Das Ereignis er-eignet, eignet sich, dem Lichten des Heiligen, zu


den im Da-sein inständigen (dem Seyn als Verbergung entsetz-
ten) Menschen.
Er-eignung und Inständigkeit des Daseins.
Beides erst vorzubereiten im Übergang als der Überwindung
der Metaphysik.
Ganz aus dieser Zwischenzeit muß die Inständigkeit des
Gefaßtseins erst errungen und ausgetragen werden und zumal
das Hörenkönnen auf die stimmende Stimme des Wortes des
Seyns.
Der andere Anfang ist anfänglicher denn der erste und dennoch
und so auf ihn als den voraufgehenden bezogen.

127. Das Er-eignis und die Geschichte des Seyns

Erst aus der seynsgeschichtlichen Erfahrung des Seyns als Ereig-


nis läßt sich die Geschichte des Seyns ereignishaft inständlich
erfahren.
Erst so kann die Geschichte der Metaphysik sich offenbaren als
eine Art der Geschichte der Wahrheit des Seins, da die Metaphy-
sik die Wahrheit des Seienden ist.
Erst so wird diese Geschichte der Metaphysik der Vergegen-
ständlichung durch eine Historie der Philosophie entzogen.
Erst so wird die Geschichte der Philosophie ereignishaft vom
Seyn in sich zurückgenommen und jedes wesentliche Fragen
wahrhaft geschichtlich: Da-sein.

128. Im Er-eignis

west die Wahrheit und verzwingt in ihr Wahres und begründet


die Erkenntnis und verspannt sie in das Seiende.
Nur je aus dem Seyn entspringt wieder die Entspannung.
144

129. Wahrheit als die Lichtung

Das Offene der Lichtung ist keine unbestimmte Leere, in die


herein etwas »erscheint«.
Die Lichtung ist nach der Art des Ereignisses je gefügt und
durch das ereignete Da-sein, das sie inständet, in Entwurfbe-
reiche und Bahnen entfaltet. Dies alles bestimmt sich aus der
Wahrheit des Seyns und was als diese Geschichte zur Entschei-
dung steht.
Lichtung aus Ereignis.
Unverborgenheit aus Aufgehen (fÚsij), Anwesung.

130. Wahrheit
a
ist in der Stiftung des Seins (Dichtung ), ist in der Gründung des
Seyns (Denken).
Denn Wahrheit ist Lichtung des Seyns selbst.
Und sie entspringt auch dem Seyn selbst.
So daß Alles und Jedes an dem liegt, daß das Seyn ist und das
Seiende »nicht« »ist«.
Aber wie »ist« das Seyn? Das Ereignis.
(Wenn man heute nachsagt: »das Sein ist«, meint man »das
Seiende«, oder aber man entzieht sich der Besinnung mit der
scheinbar das Wunderbare schützenden Versicherung, das Sein
lasse sich nicht »definieren«. Als ob das Seyn eine »Definition«
forderte).

131. Verbergung

Woher entstammt die Verbergung?


Wie west Verbergung?
a
As.: weiß nichts vom Seyn!
145

Was ist die Verbergung?


Sie ist das Seyn selbst, das lichtend als Lichtung gerade durch
das anwesende (Seiende) sich verhüllt und anzieht. Also liegt
doch Alles an der Lichtung, daß sie sich er-eignet, daß im Ereig-
nis erst ein »Daß« (Daß Seyn ist) sich ins Eigene gründet und
doch alles befremdet, was in die Lichtung anzuwesen vermag.

132. Wahrheit

Solange wir die »Wahrheit« herkömmlich metaphysisch denken,


ist sie stets »Wahrheit über ...« – und das Zweite und Nachge-
tragene.
Wird aber ihr Wesen als Lichtung erkannt, dann ist die Wahr-
heit »des« Seyns nicht »Wahrheit über ...«, sondern das Seyn
selbst und zwar in seiner Wesung.
Nach dem »Sinn des Seins« fragen, heißt nicht Sätze »über«
das Sein aufstellen und diese Sätze als Lehren bedenken und
berichten, sondern den Bezug zum Seyn selbst erdenken. Die
»Zeit« ist das letzte Vorwort des Wortes des Seins. »Sinn des
Seins« erfragt erstmals, im Unterschied zu aller Metaphysik, das
Seyn selbst und anfänglicher als der erste Anfang.

133. Ist das Seyn immer?

Das Seyn ist weder »immer« (sempiternum), noch ist es »ewig«,


noch ist es »zeitlich«, »auf Zeit«, zuweilen.
Wann und wie lange das Sein »ist«, kann nicht gefragt werden.
Solche Frage fragt »am« Seyn vorbei.
146

134. Sein als Er-eignis

stimmt und er-eignet sich das »Denken«. Dieses ist vom Seyn er-
griffen.
Jeder seynsgeschichtliche Begriff ist eine Er-griffenkeit.
Er-griffenheit und Stimmung.
XII. DIE GESCHICHTE DES SEYNS
(DA-SEIN)
[page left blank]
149

135. Da-sein

Wesen und Wort aufsparen für die wesenhaft erst zu lichtende


Aussparung des Zwischen zwischen Seyn und Mensch.

136. Daß der geschichtliche Mensch in das Wesen


(Da-sein) kommt

selbst wesentlich für »die Geschichte« als Entscheidung des


Wesens der Wahrheit des Seyns.
Daß der Mensch »wesentlich« werde, ist hier nicht »mora-
lisch«, nicht existenziell, nicht »metaphysisch« und schon gar
nicht anthropologisch gemeint.

137. Da-sein

ist seynsgeschichtlichen Wesens und daher nicht überall und


jederzeit, etwa rückdenkend in die Geschichte der Metaphysik
nachzuweisen. Es läßt sich überhaupt nicht »aufweisen«.
Da-sein ist das Wort für die Gründung der Wahrheit des Seyns
aus dem Seyn als der stimmenden Bestimmung des Wesens des
»Grundes« und all dieses wieder ist schon Wesung des Seyns.

138. Die Behütung

Die Behütung im Erharren des Seyns.


Die Befremdung bewahren, das Vermögen zu ihr.
Nur so Über-eignung in das Seyn.
Die Befremdung jetzt »Seiendes«, ohne Seyn.
(Das Seyn) die Verbergung.
150

139. Die Irre

nicht als Fehler und Versehen im Denken und Vorstellen des


schon gesicherten Gegen-standbezirkes.
Nicht »Schuld« und »Unkraft«, sondern ihr Grund ist die
ursprüngliche, anfängliche Verbergung, in deren Bezirke das
Wissen nicht hinreicht, weil es aus dem Seyn durch dieses von
der Lichtung ausgeschlossen ist.
Die Irre gehört zum Da- des Da-seins. Sodann entfaltet die
Inständigkeit im Da doch wesentlich die geschehene Übereig-
nung in die Verbergung.
In der Irre selbst lichtet sich verborgen die Verschließung; und
wesentlich ist durch sie eine Welt.

140. Da-sein

nennt die Stätte und das Gezüge der Er-eignung des Menschen
im Grund-zug zum Seyn.
Das Wesen des Da-seins ist die Inständigkeit (Sorge).
In-ständig im Eigen-tum, d. h. in dem Wesen (Wächterschaft
der Wahrheit des Seyns), dem übereignet.
Da-sein ist der aus dem Seyn ereignete Zwischengrund zwi-
schen dem Seyn und dem Menschen. Das Da-sein »trägt« den
Ab-grund. Das Wesen des Menschen aus dem Da-sein denken
(nie mehr: weder als Geist, noch als Vernunft – noch als »Leib«).
So gedacht, wird er »begriffen« aus dem nicht mehr begriffe-
nen anfänglich schon verhüllten Wesen des Seyns und der Wahr-
heit (der verschütteten fÚsij und ¢lˇqeia).
151

141. Seinsverlassenheit

Das Sein verläßt überall das Seiende und überläßt es den Fän-
gen und Griffen der Vergegenständlichung. Das Gegenständliche
ist die Beute der Verrechnung. Die Gegenständlichkeit setzt sich
an die Stelle des Seins. Das »Seiende« zerfällt. Und das Sein hat
sich verborgen.
Und dennoch lärmt und rast Alles und richtet sich ein und
verleugnet Bisheriges und verbreitet den Schein des Neuen.
Nirgends bleibt noch eine Spur zum Sein, da selbst das Seiende
vernutzt worden in errechnete Gemächte. Dies nimmt alle Lei-
denschaft und jeden Sinn in Anspruch.
Alles wird immer neuer und immer schneller neu. Das unbe-
dingte Planen sichert dem Gegenständlichen die Möglichkeit des
ständigsten und eiligsten Wechsels, das Bestandlose ist das Dau-
ernde und hat seine Anwesung im bloßen Scheinen. Die Unbe-
dingtheit des bloßen Scheinens fordert von Jedem, der hier nicht
untergehen will, sich in diesen Vorgang »einzusetzen«. Das
Scheinen selbst jedoch vermag sich nicht zu kennen, da es allem
zuvor sich zuerst ständig ausweichen muß, um nicht hinter sich
selbst zu kommen. Das Scheinen muß sich stets im Lauf halten
und das Rechnen und Erleiden auf das Gegenständliche ablen-
ken.
Wenn aber einer das Scheinen selbst in seiner Wesung zu er-
kennen vermöchte und ein Offenes für das Scheinen gründete,
dann enthüllte sich das Scheinen und der Schein als das Seyn, das
in die Verbergung zurückgeht.
152

142. Die Entwürfe des Seins des Seienden


1
aus der Werfung des Seins selbst

Daß wir, der Metaphysik zufolge und der Auslegung derselben


als Kultur und Menschenleistung, das Sein des Seienden je als
Gedankengebilde und Begriff und Meinung und Lehre nehmen.
Erst aus der Überwindung der Metaphysik erfahren das Sein –
als das Wesende der Wahrheit des Seienden und der Verbergung
seiner selbst.
Erst die seynsgeschichtliche Inständigkeit überwindet die histo-
rische Denkweise, die alles zueinandertreibt, was sich im selben
Sichnichtkennen gehört und alles Vergleichen verwirft, wenn
dieses mehr will als das Geringe, die Unvergleichbarkeit zu
wissen.

143. Wesentlicher den anderen Anfang aufsuchen

Nicht etwa Gegebenes, Überliefertes, (Kunst, Götter, Wissen,


Geschichte, Menschentum, Wahrheit) anders bestimmen, eine
neue Ansicht äußern, sondern all dieses in Frage stellen.
Frag-würdig machen nicht als »thematische« Gegenstände,
sondern weither als Ungenanntes, aus anderen wesentlicheren
Entscheidungen. Vgl. Zur Überwindung: Vom Ursprung des
1
Kunstwerks .
Wir sollen nicht durch Historie zueinandertreiben, was je aus
eigenstem Anfang, im selben Sichnichtkennen doch verborgen
sich gehört und aus diesem Sichgehören west.
1
Vgl. Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihi-
lismus. Gesamtausgabe Band 67.
1
Der Ursprung des Kunstwerkes. In: Holzwege. Gesamtausgabe Band
5. Hrsg. v. F.-W. v. Herrmann. Frankfurt am Main 1977, S. 1-74.
153

a
144. Wort und Sprache

Die Sprache ist zum Verkehrsmittel geworden, gleich dem


Kraftwagen dient sie nur der Beförderung und ist sonst nichts.
Die Sprache ist Werkzeug der Einpeitschung von kaum bedach-
ten und nicht einmal geglaubten Meinungen der sich abwech-
selnden Tage und ihrer Täglichkeit.
Die Sprache hat nichts mehr vom Wesen des Wortes, sogar das
Unwesen hat sie bald verloren.
Und sie wird es auch nicht zurückgewinnen durch eine
»Pflege« der Sprache. Denn auch so ist, und vollends endgültig,
ihr Ursprung aus dem Wort verschüttet.
Das Wort ist Lichtung der Stille des Seyns.
Alle Künsteleien der Schrift-steller und Schrift-gelehrten sind
nur noch letzte Abwege eines blinden Treibens.

145. Die Entscheidung

nicht Christentum, nicht Moral, nicht tatsächliche Bedürfnisse


und Lebensinteressen, nicht Rechtfertigung des »Feindes«, noch
gar Rückgefühle gegen die »Eigenen«, all das sind keine Maß-
stäbe, um den Bereich der Entscheidung anzuzeigen.
Denn überall noch bleibt alles in die Macht verzwungen und
d. h. in den Vorrang des Seienden durch die Seiendheit als
Machenschaft.
Wie klein und wüst bleibt alles, sich hinabzerrend in das Nied-
rigste des Gegnerischen und wüster noch durch die edel schei-
nende Anrufung der »Vernunft«.
Was heißt da schon »Vernunft«?
Wo ist hier nur ein einziger Schritt und eine leiseste Erwinkung
des Seins?
Wo eine wesenhafte Überhöhung über den Feind?
a
Ms.: Seinsverlassenheit.
154

Überall Verknechtung in sein Übelstes und als Übelstes Aus-ge-


schrieenes.
Rasserettung und Schutz der Freiheit sind auf den wechselwei-
sen Gegenseiten die Vor-wände, hinter denen die reine Macht
sich austobt.

146. Das Seyn

er-eignet das Seiende in das Er-eignis (die Wesung der Wahrheit).

147. Die Geschichte des Seyns

Der erste Anfang ist Wesung der fÚsij als ¢lˇqeia. Ein wesender
Ein-bezug des Menschentums in das Seyn und daher aus dieser
Anfänglichkeit die Ursprünglichkeit eines geschichtlichen Erwir-
kens der Götter.
Das erste Ende ist in seinem Beginn schon bestimmt durch den
Beginn der Metaphysik, in welchem Beginn das Sein als ≥d◊a
ausgelegt wird.
Das Ende vollendet sich in der Zerstörung des Wesens der in-
zwischen verfallenen, weil ungründbar gebliebenen Wahrheit.
Diese Zerstörung ist Seinsverlassenheit des Seienden in der
Gestalt der Macht der Machenschaft. Die Zugehörigkeit zum
Sein vergessen und nichtig.

148. Die Geschichte des Menschen im Sein

Wie durch die Wahrheit des Seins der Mensch zu ihm selbst
losgelassen wird und zwar in den Schein der Subjektivität. Der
»Schein« zweideutig: das Erscheinen des Seienden im Lichte
155

der Vor-gestelltheit, so daß der Mensch der Erzeuger und Eigen-


tümer zu sein scheint und dieser Schein das eigentlich Wirkliche,
Wirklichkeitsnähe – »das Leben«.
In Wahrheit, d. h. in der Wahrheit des Seyns aber?
Wie hier erst die Wesung des Seyns sich in ihr Licht bringt?

149. Die Geschichte

Inwiefern sie und weshalb sie in mehrfachen Bereichen und


»Gründen«, Vorder- und Hintergründen zumal und zwar not-
wendig so geschieht.
1. die Schlagworte, das öffentliche Meinen, die »Parolen«,
(»Plutokratie«, »Freiheit«).
2. die jeweils gesetzten, aber nicht gesagten Ziele und Vorhaben.
3. die unmittelbar im Öffentlichen erfahrbaren »Kräfte« und
Mächte.
4. das verborgene Wesen des Seins, das die Stoßenden und Han-
delnden zu Geschobenen und verlassenen Knechten macht.
Alles zumal wissen. Und jedes in seinem Unumgänglichen.

150. Demokrit, Fragment 269

tÒlma prˇxioj ¢rcˇ,


1
tÚch de t◊leoj kur∂h.

Wagnis ist der Handlung Anfang,


Geschick aber des Endes Herrin.
1
Vgl. Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker. Hrsg. v. Wal-
ther Kranz. Zweiter Band. 5. Auflage. Berlin (Weidmannsche Buch-
handlung) 1935, B 269.
156

tÚch: Erlangung, Zuteilung, Belangung - (Ereignis).


(Wie weit im voraus belangend ist das Seyn?)

151. Der Denker

Der Denker bleibt im Seienden dem Seyn ausgesetzt.


Die Anderen »setzen sich« für das Seiende im Seienden »ein«.

152. Sie eifern versteckt, und offen ...

Sie eifern versteckt und offen gegen die Philosophie aus »Wor-
ten« und ahnen nicht, wie ausschließlich sie ihre Scheinphiloso-
phie aus der Zuflucht in die Redensarten von »Subjekt« und
»Objekt«, von »Sinn« und »Sinngebung« usf. bestreiten. Sie
meinen, wenn sie die zweifelhafte Herkunft ihrer Grundbegriffe
nicht bedenken, sei ihr Denken schon ein Denken aus der
»Sache«.
Die armseligen Tröpfe und ihre Eitelkeit!

153. Geschichte, Anfang, Untergang

Aller Beginn ist, je echter er Beginn wird, bestimmt zum Unter-


gang in dem, was als seine Vollendung hervorkommt.
Nur der Anfang entzieht sich dem Untergang. Beginn aber ist
nicht Anfang.
Was ist Anfang?
157

154. »Ich« und »Subjekt«

Wenn das Ich (z. B. das œgè des Protagoras und der Griechen
überhaupt) nicht »Subjekt« ist im Descartesschen Sinn, dann
sagt das zugleich: zum Wesen der Subjektivität gehört auch nicht
die Ichhaftigkeit.

155. Das Sein des Seienden und das Seyende des Seyns

Das Sein des Seienden und das Seyende des Seyns.


Dazwischen durch sie selbst der Ab-grund der Anfänge.
Der Sprung durch den Ab-grund ist gesprungen.

156. Die Geschichte des Seyns

Wichtig zu zeigen das Vorgehen des seynsgeschichtliclien


Denkens in sich.
Dazu in gewissen Grenzen geeignet die Abhebung gegen Hegel:
die dialektische Aufhebung in das Unbedingte. Gegen Nietzsche:
die nihilistische Umkehrung.
Weil aber beide wesentlich in der Metaphysik sind und das
seyns-geschichtliche Denken aus dem anderen Anfang, deshalb
wird die Abhebung sogleich, wie jede, hier aber erst recht schief,
sofern sie ins Metaphysische zurückzwingt und so gegen sich
arbeitet.
Die Auseinander-setzung – der Wider-spruch – die Befreiung
des Anfangs.

157. Erfahrung und Inständigkeit

Aber entstellt nicht jede Erfahrung »des« Seyns dieses zu einem


Seienden und fordert sie nicht die Greifbarkeit und Verfügbar-
keit des Erfahrenen?
158

Erfahrung ist hier inständlich gemeint und ihr Erfahrenes


bleibt, an jedem Seienden gemessen, sei dies ein Bisheriges oder
neu Zugestelltes, ein Nichts.
Und deshalb zerfällt so leicht die Inständigkeit vor allem
Machenschaftlichen in das »Nichtige«.

158. Der Ab-sprung

Zu ergründen die Wahrheit als Wesung des Seyns aus dem Seyn.
Die Er-gründung als Inständigkeit im Da-sein.
Die Inständigkeit als Zugehörigkeit in die Verbergung.
Die Er-gründung beginnt als Er-fragen, das nicht mehr Umwäl-
zung sein kann, sondern aus dem Ab-sprung kommt.
Aber dennoch Sammlung des Gewesenden auf das eine
Wesende des Ab-sprungs.
Bloßes Vorbeigehen ist niemals Befreiung zur Freiheit, die ist:
Freiheit zum Grunde, aus der die Notwendigkeit des Ab-grun-
des.

1
159. Der erste Anfang

Das Sein selbst – die fÚsij – ist der erste Anfang. Und dieser
hebt an, ist Anhebung des sich entbergenden Hervorgehens in
seine Lichtung dadurch, daß er sich zugleich wesenhaft in sich
zurücknimmt und die Gründung der Unverborgenheit versagt
und der Seiendheit sich überläßt. Hier ist das Sichzurückstellen
in das Verborgene, die Verbergung, das Wesentliche, nichts
Negatives!, sondern das Grundsein selbst!
So muß dann die Philosophie wesentlich die Ungründung
übernehmen, ohne sie zu wissen; das wesenhafte und notwendige
Ver-säumnis der Gründung der ¢lˇqeia.
1
Vgl. II. Trimester 1940. Über das Apriori. In: Nietzsche: Der euro-
päische Nihilismus. Freiburger Vorlesung. Gesamtausgabe Band 48.
159

Ver-säumnis – nicht Fehler, sondern das Säumen und Sich-


Aufhalten im Ersten, daß überhaupt das Sein erscheint und das
Erscheinen ist. Säumig geworden, ist die Philosophie mit Recht
in ihrem ersten Werk und wird aus ihm zur Fügung der Wahr-
heit des Seienden als solchem im Ganzen, zur Metaphysik, ≥d◊a
ist zumal eine Rettung der fÚsij – das aufgehende Erscheinen in
das Offene der beständigen Anwesung – oÙs∂a –, zugleich aber
nimmt sie in Anspruch das ≥de√n, das noe√n als ≥de√n und unter-
schieden gegen das dianoe√sqai, d. h. von diesem her, d. h. schon
aus dem Vorrang des »Seienden«.
Der Bezug zum Sein wird nicht gegründet in die Unverborgen-
heit der fÚsij (tÕ aÙtÒ), sondern auf das Sein als ≥d◊a bei Verges-
sen schon der ¢lˇqeia. Der noàj und lÒgoj wird zum Vermögen
des Menschen, die Ideen zu vernehmen und zu ersehen.
Jetzt ist das Verhältnis des Menschen zum Sein zwar notwendig
festgehalten, aber ungegründet und deshalb zur Ausstattung des
Menschen gemacht und deshalb schließlich aus ihm erklärbar,
vielleicht noch so, daß man diesen so beschaffenen Menschen
geschaffen sein läßt von einem Gott, der zuerst »die Ideen« als
sein Vor-gestelltes in sich einbezog und sie so um ihr Wesen
brachte.
Der erste metaphysische aber noch verborgene Beginn der neu-
zeitlichen Subjektivität liegt schon in der christlich augustini-
schen Deutung der Ideen; ja früher noch in der hellenistischen
römischen »stoischen« Verunstaltung aller Wahrheit des griechi-
schen »Seins«.
Seitdem ist der Mensch zwar eigens im Verhältnis zum Sein
(Seiendheit, »Ideen«, Werte), aber deshalb gerade grund-los. Er
ist »Tier« – und das vollendete Tier – als Übermensch. Also
Beseitigung des »Menschen« als animal rationale. Alle Anthro-
pologie jedoch, die personifizierte Anfangslosigkeit in der Philo-
sophie, betreibt das Gegenteil.
160

160. Die Wesung der Wahrheit als Lichtung des Seyns

geschieht diesseits und stets außerhalb des Bezirkes der Wahrheit


des Seienden als solchem im Ganzen, mag dieses nun am Leitfa-
den des Vor-stellens (Denkens) oder des »Leibens« (des macht-
enden Rechnens als Denken) ausgelegt werden.
Wo west die Wahrheit?
Wesentlich erst aus dem anderen Anfang und als der andere
Anfang zu erfahren.
Das seynsgeschichtliche Wo des Ab-grundes.

161. Mensch und Anthropologie

Wenn der Mensch das Wissen seines Wesens zur Kenntnis seiner
Beschaffenheit werden läßt und in der Anthropologie das Genü-
gen findet.
Das ist nicht bloße Unfähigkeit des Denkens, sondern Seinsver-
gessenheit und diese ist Seinsverlassenheit.

162. Mensch – animal rationale

Woher entspringt diese Erfahrung des Wesens des Menschen?


Metaphysisch:
1. Lebewesen – fÚsei – Seiendes,
2. aber lÒgoj – noàj.
Bezug zum Seienden als solchem im Ganzen also nicht (1)
»biologisch«, also nicht (2) psychologisch – durch ein höheres
Vermögen bestimmt.
Vgl. Aristoteles Metaphysik A 1. Hier der metaphysische
Grund dafür, daß alle Anthropologie, die wesenhaft so denkt,
aus der Metaphysik und erst recht aus jeder Philosophie ausge-
schlossen bleibt. Vielleicht auch ausgeschlossen sein will – aus
der Angst vor dem Sein.
161

163. Metaphysik - Anthropologie

Das, was die Metaphysik im Grunde nie begreifen kann, das


Wesen der Vernunft, wird – vom Übermenschen – ebenso un-
begriffen abgesetzt und durch den Leib ersetzt.
Die Verblendung noch einmal und endgültig. Jetzt aber im
endgültigen Schein des für jedermann Eingängigen.
Aus dem »Leben« läßt sich alles erklären und alles als dessen
Erscheinung fassen.
Genauso wie die Geographie zur Grundwissenschaft werden
kann, sofern alles, was es gibt, auf der Erde vorkommt.

164. Der erste Anfang und der Mensch als Zùon lÒgon ⁄con

In der Geschichte des ersten Anfangs säumt der geschichtliche


Mensch vor dem Sein und es wird ihm zum Aufenthalt und
selbst zum Seiendsten.
Zugleich aber kommt er notwendig in die Übereilung, indem er
sich selbst als »Besitzer« des noàj und lÒgoj in das Verhältnis
zum »Seienden« bringt, ohne doch gerade dieses Verhältnis in
seinen Wesensgrund zu gründen und sein eigenes Menschenwe-
sen aus diesem Grunde zu bestimmen.
Seitdem beginnt die Seinsvergessenheit.
Ihre Geschichte ist die Geschichte der Wahrheit des Seienden
als Metaphysik.
Aber das ist nicht »Verfall« und dergleichen, sondern der erste
Anfang, d. h. die Geschichte der Vorbereitung des anderen An-
fangs und d. h. wieder nur des Anfangs!

165. Die Geschichte des wesentlichen Denkens

Die Geschichte des wesentlichen Denkens ist das verborgene


Ereignis der unausgesprochenen Aus-einander-setzung der Ent-
162

würfe des Seins auf dessen ungegründete Wesung, durch welche


Aus-einander-setzung je jeder Entwurf in das Sein geworfen und
in dessen Wahrheit geborgen wird.
Die Geschichte des wesentlichen Denkens ist eine Geschichte
des Seins.
Das wesentliche Denken ist die bildlose Dichtung im Wort der
Sage des Seyns.

166. Wahrheit und Seyn


Das Wesen der Geschichte

Die Wahrheit ist in ihrem verhüllten und ungegründeten Wesen


die Entbergung »des« Sichverbergenden. Als Entbergung ist sie
jeweils Lichtung des Seienden. Daher wird mit dieser, weil das
Seiende durch sie als ein solches und im Ganzen eröffnet wird
und diese Eröffnung geschieht, je nach der Helle der Lichtung
und dem so bestimmten Eingehen des Seienden in sie, je eine
Entscheidung »über« das Seiende erwest: die Ent-scheidung ist
hier jene Scheidung der Wahrheit des Seienden von aufbehalte-
nen und zugelassenen, aber je jetzt nicht erfüllten Wesensmög-
lichkeiten. Die Scheidung entspringt und entwindet sich der Ent-
bergung »des« Sichverbergenden. Diese Entscheidung ist das
wesentlich Geschehende, das im Wesen Erste und auch Letzte,
was geschieht, der Grundzug des Geschehens – und mithin der
Aufschein des Wesens der Geschichte.
Von diesem Geschehen aus, und nicht noch ursprünglicher,
begriffen, ist das Wesen der Geschichte, daß Unverborgenheit
des Seienden und d. h. als eines solchen und im Ganzen »ist«.
Sein ist Wesung der Entbergung. Diese Unverborgenheit (Wahr-
heit) »hat« nicht erst eine »Geschichte« im Sinne des ablaufen-
den Wechsels ihrer selbst in der Zeitfolge; sie ist vom Wesen der
Geschichte und deshalb der Grund der zunächst und allein
erfahrenen Geschichte des »Werdens« (Entstehens und Verge-
hens von Taten, Leistungen, Begebenheiten). Daß sie gar
163

noch »Gegenstand« einer erklärenden und deutenden Erkun-


dung werden kann, (daß es Historie gibt), das gründet nicht
allein darin, daß Geschichte sein muß, sondern daß mit der
Geschichte als Wesung der Wahrheit selbst für die Historie noch
als »Eröffnung« und Vor-stellung der mögliche Lichtungsbereich
vergeben wird.
Die Entbergung des Seienden als solchen im Ganzen, die
Wahrheit als wesende, setzt sich, weil sie Ent-scheidung ist, je
selbst den Bezirk, aus dem sie zugleich gegen das zu stehen
kommt, »wogegen« sie gefallen. Sie enthüllt ihre Zukunft zu
dem durch sie erst offenen Gewesenen und ihre Herkunft für
das, woran sie sich stoßen muß, das Kommende.
Sie ist selbst das »Kommen«, nicht in der Zeitfolge gedacht,
sondern als Wesung der Er-eignung, in der stehend das Da-sein
in das Er-eignis ereignet ist. Das »Kommen« »kommt« nicht aus
der »Zukunft«, sondern begründet sie erst.
Das »Zwischen« zwischen den Anfängen.
[page left blank]
XIII. DAS SEYNSGESCHICHTLICHE DENKEN
[page left blank]
167

167. Das seynsgeschichtliche Denken und die Philosophie

Nur aus dem Bezug zum ersten Anfang, ja nur aus dem Bezug zu
dem, was als Metaphysik die Folge des ersten Anfangs wurde,
läßt sich das anfängliche Denken als Philosophie benennen.
In Wahrheit ist das seynsgeschichtliche Denken nicht mehr und
nicht wieder »Philosophie«. Mit dieser Wahrheit muß nach allen
ihren Folgen ernst gemacht werden; dann ist auch sogleich die
Wurzel aller verkehrten Ansprüche und Bestrebungen ausgeris-
sen.
Weshalb und inwiefern ist mit dem Ende der Philosophie auch
das Ende der Kunst gleichzeitig?
Beider Ende entscheidet von sich aus freilich nie über den an-
deren Anfang, vor allem nicht darüber, ob und inwieweit der
Mensch in ihn ereignet wird. So bleibt alles mehrdeutig und die
Abwässer der Metaphysik werden noch lange über der verwüste-
ten Flur stehen und sogar den Schein erwecken, sie seien die
»Ströme«.

168. Das seynsgeschichtliche Denken

steht außerhalb jedes Bezugs auf Wissenschaften, Kunst, Politik


– d. h. außerhalb dessen, was als »Kultur«, d. h. Technik des
subjekthaften Menschentums sich einrichtet und über das Sei-
ende zum voraus entscheidet. Dies alles ist überdies schon vor-
gebildet in Platons Denken, das die Metaphysik beginnt.
Das seynsgeschichtliche Denken erfragt die Entscheidung des
Wesens der Wahrheit als der Wahrheit des Seyns. Dieses Denken
denkt vor in das Seyn, ist in allem vom Seyn als dem einzig
stimmenden bestimmt. Ob je wieder »Wissenschaften«,
»Kunst«, »Politik« wesentlich werden in der Fügung des Daseins
und aus dieser, ist nicht nur fraglich, sondern im Grunde ent-
schieden. Dahin, daß sie es nicht mehr sein können.
168

169. Die »Philosophie« im anderen Anfang

Die anfängliche Philosophie, das wesentliche Denken, denkt


nicht den »Menschen« und denkt nicht den Gott, denkt nicht die
Welt und denkt nicht die Erde, denkt nicht das Seiende als ein
solches, denkt nicht das Seiende im Ganzen – sondern denkt: das
Seyn.
Das Seyn ist von all dem Genannten her bedacht, niemals zu
fassen.
Der erste Sprung des Denkens denkt:
Das Seyn ist das Nichts.
Das Nichts nichtet.
Die Nichtung verweigert jede Erklärung des Seienden aus
Seiendem.
Die Verweigerung aber gewährt die Lichtung, in der Seiendes
aus- und ein-gehen, als ein solches offenbar und verborgen sein
kann.
Das Nichts ent-setzt. Und dieses Ent-setzen aus dem Seienden
heraus und aus jeglicher Berufung auf es weg, ist das anfängliche
Stimmen, durch das der Mensch (und die Götter) bestimmt wer-
den.
Warum aber vermag das Seiende (Metaphysik (Glaube, Welt-
anschauung)) noch diesem Ent-setzen zu wider-stehen?
Wider-steht es ihm?
Und kann das Ent-setzen stimmen, solange wir uns noch dabei
aufhalten, nach einem unumgänglichen, aber doch stets miß-
deutbaren Hinweis auf die »Stimmung« bei dieser nach einem
Gegenstand für »Analysen« und anthropologische Erkenntnisse
zu suchen?

170. Die »Philosophie«

Die wesentliche Zweideutigkeit, in der »die Philosophie« jetzt


steht.
169

Die Philosophie kann man ablehnen, weil man sie für überflüs-
sig hält, da ja allein noch die Betreibung des Seienden alles
Bedürfen und alle »Stimmung« leitet. Das Sein des Seienden ist
entschieden, so sehr, daß diese Entscheidung gar nicht mehr
bedacht wird.
Aus der unbedingten Seinsvergessenheit kraft der »Nähe« zum
Wirklichen wird die Philosophie folgerichtig abgelehnt und
höchstens noch geschmäht. Diese Haltung hat in der Tat mehr
geschichtliche Kraft und Einsicht als irgend eine gelehrte Sucht
und Bedenklichkeit, die das »Geistige« durch Festhalten an
einem kaum noch begriffenen Vergangenen »retten« möchte.

Die »Philosophie« aber muß in Wahrheit überwunden sein,


wenn ihr Wesen die Metaphysik ist und alle Philosophie nur
metaphysisch begriffen wird; Streben nach dem eigentlich Wiß-
baren (als der »Idee«); so vom Seienden her und auf dieses
zurück gedacht.
Die Überwindung der Philosophie ist abgründig verschieden
von ihrer Ablehnung, die ja an sie gerade gebunden bleibt und
aus der Widersacherschaft eine Aufgabe macht und d. h. die
Philosophie zur »Weltanschauung« macht. Diese aber nur das
Unwesen der Metaphysik. Die Überwindung ist Wesung des
Seyns, die Ablehnung nur späte Folge der stets unbegriffenen
Machenschaft und daher nur ein Gemächte.

171. Der Anfang

als das Sichverbergen, das Fremde und Befremdung um sich


Breitende; und verlockend daher, ihn auch mit dem Schein des
Rechts zu übergehen, versinken zu lassen als das Überwundene,
dem man nie mehr begegnet.
Während der Anfang doch das Kommende ist.
170

172. Wesentliches Denken

Kreis und Einsprung so, daß dem vollen Wesen im voraus die
Freiheit gewährt und die Unterstellung des Denkens notwendig
wird.
Gerade dieses Beides ist das Entscheidende und Schwerste.
Man meint zwar, diese Fehler und Tricks anzustellen sei das
Leichteste – dagegen exakt forschen !! und schrittweise vorge-
hen!
Im wesentlichen Denken sind keine zum voraus abgesteckten
Pfade. Erst dort, wo es fährt, ist ein Weg; und sein Fahren ist die
Er-fahrung des Seyns. Und der Weg hinterläßt kaum eine Spur.

173. Seynsgeschichtliches Denken

1. nicht Beschreiben und Aufweisen,


2. nicht Herleiten aus obersten Begriffen,
3. sondern ereignetes Sagen der Er-eignung der Geschichte als
Da-sein.
4. das Wort »des« Seyns.
5. der seynsgeschichtliche Genitiv (nicht genitivus »objectivus«
und »subjectivus«).

174. Freiheit

ist die Zugehörigkeit in das Eigentum des Seyns. Das Eigentum


des Seyns ist die wesende Wahrheit als Lichtung der Verbergung.
Die nicht an das Seiende gebundene Bindung aus dem Seyn,
Wesensinnigkeit von Wahrheit und Freiheit.
171

a
175. Würdigung und Wertung

Werten ist Messen und kann sich auch der Würdigung bemäch-
tigen als ein Werten »werten« – verrechnen.
Würdigung selbst erfährt Würde, behält sie und setzt sich nicht
herab zu einem Werten.
Sie erkennt das Werten des Seienden als Entwürdigung des
Seyns.
Aber dieses Erkennen ist zugleich ein Vorbeigehen
(Ab-sprung), nichts worauf die Würde etwas gäbe, worauf sie
sich stützte.

1
176. Das Fragen

als Er-fragen der Wahrheit des Seyns die einzige Würdigung des
Seyns.
Seyn als Ereignis.

177. Das reine Finden

Das Er-finden ist nicht Ausdenken, ist nicht Er-rechnen, ist nicht
Verzwingen, sondern sich in das Eigentum finden – das Er-eignet
werden.
Be-stimmt sein durch das Stimmende.
Ohne Vor-weg-nahme; ohne Vor-gehen.
Suchen aus dem reinen Finden.
Darauf stoßen.
a
Hs.: Überwindung der Metaphysik. Würde lassen! Nicht Unterwür-
figkeit; Fragen!
1
Vgl. Grundworte.
172

178. Die Folge der Veröffentlichungen


(in knappen Abhandlungen)
1
1. Was ist Metaphysik?
Vierte und vermehrte Auflage (eine andere »Rede« dazu).
2
2. Vom Wesen der Wahrheit
1. Wahrheitsvortrag 1930 in der Überarbeitung von 1940.
3
2. Unverborgenheit (¢lˇqeia – fÚsij). Parmenides – Hera-
4 5
klit – Anaximander .
3. Die Vollendung der Metaphysik
6
Nietzsches Metaphysik: Darstellung (fünf Grundworte).
Vgl. Entwurf; Auslegung (die unbedingte und vollendete
Subjektivität).
Auseinandersetzung (Macht – als Machenschaft, »Macht«
und ≥d◊a – ¢gaqÒn, Machenschaft und Ereignis).
3a. Der Übergang der Metaphysik in das Unwesen (die »Weltan-
schauung«)
7
4. Die Überwindung der Metaphysik
1. Die Überwindung als Geschichte »des« Seyns, nicht als
Gemächte von Denkern und Menschen.
2. Das Da-sein.
1
In: Wegmarken. Gesamtausgabe Band 9, S. 105-122.
2
In: Wegmarken. Gesamtausgabe Band 9, S. 177-202.
3
Vgl. Parmenides. Freiburger Vorlesung Wintersemester 1942/43.
Gesamtausgabe Band 54. Hrsg. v. Manfred S. Frings. Frankfurt am
Main 1982.
4
Vgl. Heraklit. Gesamtausgabe Band 55.
5
Vgl. Der Spruch des Anaximander. In: Holzwege. Gesamtausgabe
Band 5, S. 321-376.
6
Vgl. Nietzsches Metaphysik. Freiburger Vorlesung für Winterse-
mester 1941/42 angekündigt, aber nicht vorgetragen. Einleitung in die
Philosophie – Denken und Dichten. Freiburger Vorlesung Winterse-
mester 1944/45. Gesamtausgabe Band 50. Hrsg. v. Petra Jaeger.
Frankfurt am Main 1990.
7
Die Überwindung der Metaphysik. In: Metaphysik und Nihilismus.
Gesamtausgabe Band 67.
173

5. Die Geschichte des Seyns


Dafür den Entwurf der Beiträge als innerstes Gefüge festhal-
8 9
ten (vgl. Die Geschichte des Seyns ). »Beiträge« und »Besin-
10
nung« als Vorarbeiten. (Die Vorlesungen als »Erläuterun-
gen« je von außen kommend und in der Angleichung an das
noch geläufige Meinen. Ihr Sagen ist nie vollziehbar aus dem
Seyn, sondern leitet stets nur darauf zu. Und so bleibt in
ihrem Umkreis das Wesentliche jedesmal und notwendig ver-
sperrt und noch in der Andeutung verschieft.)
6. Auslegungen zu Hölderlin
11
Wie wenn am Feiertage
12
Reif sind ...
13
Andenken
14
Mnemosyne
15
Der Rhein
15
Germanien
8
Die Geschichte des Seyns (in diesem Band).
9
Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis). Gesamtausgabe Band 65.
10
Besinnung. Gesamtausgabe Band 66.
11
In: Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung. Gesamtausgabe Band 4.
Hrsg. v. F.-W. v. Herrmann. Frankfurt am Main 1981, S. 49-78.
12
Vgl. »Andenken«. In: Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung.
Gesamtausgabe Band 4, S. 115 f.
13
Vgl. Hölderlins Hymne »Andenken«. Freiburger Vorlesung Winter-
semester 1941/42. Gesamtausgabe Band 52. Hrsg. v. Curd Ochwadt.
Frankfurt am Main 1982.
14
Vgl. Hölderlins Hymne »Der Ister«. Freiburger Vorlesung Sommer-
semester 1942. Gesamtausgabe Band 53. Hrsg. v. Walter Biemel. Frank-
furt am Main 1984, S. 184 ff. Ferner: Hölderlin, Andenken und
Mnemosyne. In: Zu Hölderlin – Griechenlandreisen. Gesamtausgabe
Band 75.
15
Vgl. Hölderlins Hymnen »Germanien« und »Der Rhein«. Freibur-
ger Vorlesung Wintersemester 1934/35. Gesamtausgabe Band 39. Hrsg.
v. Susanne Ziegler. Frankfurt am Main 1980.
[page left blank]
KOINON
AUS DER GESCHICHTE DES SEYNS (1939/40)
[page left blank]
KOINON
AUS DER GESCHICHTE DES SEYNS
[page left blank]
179

tÕ koinÒn. Aus der Geschichte des Seyns

Alle erfahren heute überall und vermerken eifrig das »Seltsame«


dieses zweiten Weltkrieges. Doch Vielen hat schon die alleszer-
reibende Alltäglichkeit auch dieses Seltsame in ein Gewöhnliches
verwischt. Andere meinen, der Beginn der bisher üblichen
Kriegshandlungen müsse doch diesem seltsamen Zustand ein
Ende setzen. Furchtbares mag dann den Menschen treffen. Aber
es gewährt, wieviel es auch raubt, die Eindeutigkeit eines Mit-
handelns und beseitigt das lastend Ungreifliche des Seltsamen.
Andere wieder finden diesen Weltkrieg gar nicht »merkwürdig«.
Sie nehmen mit einer betonten, aber ihrer selbst doch nicht ganz
sicheren Überlegenheit dieses »Seltsame« als das »Normale« des
nun eben »modernen« Krieges. Sie reden sich ein oder reden es
auch nur nach, daß Solches, was als »modern« bejaht werde,
auch schon in das Nichtseltsame und deshalb Fraglose einge-
rückt sei. Wer etwas als seltsam »empfindet«, urteilt in der Tat
aus dem Gesichtskreis des ihm Gewohnten. Er verzichtet darauf,
wenn es beim bloßen »Empfinden« bleibt, dem, was da zunächst
»seltsam« heißt, eigens nach-zudenken. Allein wer des Seltsamen
sich entledigt, indem er es als das »eben Moderne« ausgibt, steht
trotz der bekundeten »Wirklichkeitsnähe« in derselben Gedan-
kenlosigkeit. Oder wird diese jetzt noch größer? Allerdings; denn
solange ein Seltsames in seiner Seltsamkeit gegen das Gewohnte
vermerkt bleibt, besteht die Möglichkeit, in dem Seltsamen ein
Fragwürdiges anzuerkennen. Wo dagegen die »Modernität« (die
Zeitgemäßheit) zur Erklärung und Rechtfertigung beigeholt
wird, da ist die Gedankenlosigkeit in die Besinnungslosigkeit
versunken und diese zum Grundsatz aller Stellungnahmen erho-
ben.
Noch Anderen dagegen wird das Seltsame immer seltsamer. Sie
zerren das Seltsame nicht mehr in die Beurteilung aus dem Bis-
herigen zurück und ersetzen noch weniger die Seltsamkeit durch
eine scheinbar fraglose »Modernität«. Sie erkennen in dem, was
man zunächst nur als »seltsam« empfindet und als
180

»modern« zerredet, das Anzeichen jener Würde, die von der


Verborgenheit des Wesens aller Dinge ausstrahlt und oft lange
Zeit ins Leere verstrahlt. Wird aber das Seltsame frag-würdig,
dann ist es nie mehr das nur »Seltsame« und noch weniger das
nur »Moderne«. Und um in der Frag-würdigkeit dieses Seltsa-
men wissend zu wohnen, bedarf es nicht einmal erst des öffent-
lichen Zeichens des Weltkrieges. Die Fragenden ahnen, daß
sogar riesige Vernichtungsschlachten das im Seltsamen verhüllte
Fragwürdige nicht werden beseitigen können.
Das Seltsame dieses Weltkrieges zeigt sich in mannigfachen
Erscheinungen: die Kampfhandlungen ruhen fast ganz und nur
zeitweise sieht es so aus, als sei der Krieg das Abrollen der Ver-
wirklichung eines »Operationsplanes«. Kriegerische Vorkomm-
nisse sind wie Zwischenspiele des eigentlichen Krieges, der auch
nicht getroffen wird, wenn man ihn in den »Feldzügen« der
Presse und des Rundfunks sucht oder in die »diplomatische
Aktivität« verlegt, oder in einen »Wirtschaftskrieg« abwandelt.
Und doch und vor allem: Jegliches ist in den scheinbar noch gar
nicht vorhandenen Krieg einbezogen, ohne daß sich das Wie
recht durchschauen und gar lenken ließe.
Man hat seit dem letzten Jahr des ersten Weltkrieges schon den
Übergriff des Krieges in das Ganze der menschlichen Verhaltung
und Betreibung erfahren. Seitdem geht das Wort vom »totalen
Krieg«. Aber die »Totalität« des Krieges ist hier nur halb und
d. h. überhaupt noch nicht begriffen. »Krieg« – das hängt den
Meisten noch in dem Gegensatz zum »Frieden«, den der Krieg
durch seine Beendigung vielleicht erkämpft. »Weltkriege« haben
ihren Namen zunächst aus dem Vorgang, daß die Welt im Sinne
des bewohnten Erdkreises von ihnen, ohne noch Stellen auszu-
sparen, überzogen wird. Allein, der wesentlichere Gehalt dieses
Namens deutet auf noch Anderes. Die »Welt« im Sinne dessen,
was als das Verweisungsgefüge den Entwurfsbereich des
geschichtlichen Menschen in sein Walten auffängt, wird kriege-
risch. Der Krieg erkämpft nicht mehr einen Friedenszustand,
sondern setzt das Wesen des Friedens neu fest. Der
181

Friede ist jetzt die übermächtige Beherrschung aller Kriegsmög-


lichkeiten und die Sicherung der Mittel ihres Vollzugs. Der
Friede wird aber so nicht nur zu einem zeitweilig aussetzenden
Krieg. Weil im Frieden die unscheinbare Unheimlichkeit dessen,
was der Krieg sein kann, noch drohender waltet, wird der Friede
zur Beseitigung des Krieges. Der »totale« Krieg schließt den
Frieden ein und solcher »Friede« schließt den »Krieg« aus. Die
Unterscheidung von Krieg und Frieden wird hinfällig, weil beide
mit wachsender Aufdringlichkeit sich als gleich-gültige Erschei-
nungen einer »Totalität« verraten. Die »Totalität« des »totalen«
Krieges kann daher auch nicht als der nachträgliche Zusam-
menschluß des Kriegerischen und Friedlichen gelten. Hier stellt
sich vielmehr dunkel ein Anderes vor die Besinnung. Das noch
Ungreifliche und doch im Deutungslosen überall Sich-auf-und-
ein-Drängende ist das Schwinden des Unterschieds von Krieg
und Frieden. Nichts bleibt mehr, wohin die bisher gewohnte
Welt des Menschentums noch zu retten wäre, nichts bietet sich
aus dem Bisherigen an, was noch als ein Ziel der gewohnten
Selbstsicherung des Menschen zu errichten wäre.
Das Schwinden des Unterschiedes von Krieg und Frieden ist die
Verzwingung des Seienden als solchen in das Ungewöhnliche;
und ihre Erschütterung alles Gewohnten wird um so ungewöhn-
licher, je ausschließlicher das Gewohnte fortbesteht und weiter-
betrieben wird. Das Seltsame, das uns zuweilen streift, gibt im
Alltäglichen das Zeichen auf jenen Vorgang der Verzwingung
des Seienden in das Ungewöhnliche. Das Seltsame ist keineswegs
eine Eigenschaft des im Äußeren mit dem vollen Ausbruch
zögernden Weltkrieges, sondern dieser Krieg selbst ist in seinem
verhüllten Wesen bereits die Folge der Verzwingung in Jenes,
was sich allem rechnenden Vorstellen entzieht. Der Wortbegriff
»Totalität« sagt nichts mehr; er benennt nur die Ausweitung des
bisher Bekannten in das »Restlose« und verwehrt ein ursprüng-
liches Erfahren jener Verzwingung des Seienden in das Unge-
wöhnliche. Was aber ist dieses?
182

Das Schwinden des Unterschiedes von Krieg und Frieden


bezeugt das Vordrängen der Macht in die maßgebende Rolle des
Weltspiels, d. h. der Art, wie das Seiende sich ordnet und die
Weise seiner Ruhe bestimmt. Macht ist so der Name für das Sein
des Seienden. Die Macht bemächtigt sich jeweils dessen, was sie
unter sich haben muß, damit Gestalten und Wege seien, in denen
sie steht und geht auf ihrem Wesensgang. Dieser aber ist die
Übermächtigung ihrer selbst zur Ermächtigung ihrer Unbedingt-
heit. Daß die Macht sich des Weltspiels bemächtigt, ist der
Grund für den immer ungehemmteren Ausbruch des Kampfes
um den »Welt«-Machtbesitz. Dieser Vorgang läßt sich mit den
geläufigen Prägungen schon nicht mehr zureichend bezeichnen.
»Denkt« und nennt man ihn »politisch«, dann muß man dem
»Politischen« jene nichts mehr sagende »Totalität« zusprechen,
die das »Wirtschaftliche«, »Kulturelle« und »Technische« in
gleicher Weise beanspruchen, um gleichwertig das Wesen der
Macht zu treffen. Dagegen macht die Verschärfung des Kampfes
um den Weltmachtbesitz dieses Wesen deutlicher. Die Macht
offenbart sich – freilich nur der zureichenden Besinnung – als
Jenes, was nicht nur keine Ziele hat, sondern gegen jede Zielset-
zung in der reinen Ermächtigung ihrer selbst sich behauptet.
Dieser Vordrang des Wesens der Macht als des Seins alles Seien-
den erweckt leicht den Anschein des »Abstrakten«. Erst in dem
Augenblick, da das vermeintlich »Konkrete«, das jeweils betrie-
bene und im Handeln gemeisterte Seiende, den Charakter des
Flüchtigen und fast Gespenstischen zeigt, zerfällt jener Schein.
Dieser Augenblick naht, wenn das Seltsame zuweilen und wie
spurlos vorbeizieht. Je hartnäckiger aber die friedlichen und
kriegerischen Weltmachtkämpfe sich in die Vollstreckung der
unbedingten Machtermächtigung verbeißen, um so dringender
bedürfen sie im Öffentlichen des alltäglichen Leistens der Ausru-
fung von Zielen und der Vorgabe von Haltepunkten für das
gewöhnliche Meinen. Man würde den Willen zur Verteidigung
der »Moralität« in der Welt gegen die vermeintliche Unmoral in
seiner inneren Zähigkeit unterschätzen,
183

wollte man darin nur Heuchelei sehen. Der Vorgang verliert erst
jeden Schein der bloß gemachten Entrüstung, wenn deutlich
wird, daß gerade der ehrlichste Kampf für die Rettung von Frei-
heit und Sittlichkeit nur der Erhaltung und Mehrung eines
Machtbesitzes gilt, dessen Mächtigkeit deshalb keine Befragung
duldet, weil der Vordrang der Macht als Sein des Seienden sich
bereits der Moralität und ihrer Verteidigung als wesentliches
Machtmittel bemächtigt hat. Und man verfiele einer törichten
Verkleinerung dessen, was an wirksamen Strebungen ins Spiel
gebracht wird, wollte man die Rettung der Volkstümer und die
Sicherung seines »ewigen« rassischen Bestandes nicht als höchste
Ziele anerkennen. Erst dadurch empfängt der Eintritt in den
Kampf um den Weltmachtbesitz seine Tragweite und Schärfe,
weil auch diese Zielsetzung ein Mittel ist, das durch den Vor-
1
drang der Macht auf die Bahn gebracht wird. Diese Arten von
Zielsetzungen und die Weisen ihrer Veröffentlichung und Ein-
prägung sind in den Weltmachtkämpfen unentbehrlich; denn die
Verteidigung der »geistigen« Güter der Menschheit und die Ret-
tung der »leiblichen« »Substanz« der Menschentümer müssen
überall als Aufgaben festgehalten und neu gestellt sein, wo das
Seiende vom Grundgefüge der »Metaphysik« durchherrscht ist,
demgemäß geistige »Ideale« verwirklicht werden sollen und ihre
Verwirklichung der ungebrochenen leiblich-seelischen Lebens-
kraft bedarf. Dasselbe Gefüge der Metaphysik ist aber der
geschichtliche Grund dafür, daß über die Auslegung des Seins als
der Wirklichkeit und Wirksamkeit schließlich das Wesen des
Seins als Macht sich vordrängt. Jene Zielsetzungen sind meta-
physisch notwendig und nicht als zufällige Wünschbarkeiten und
»Interessen« ausgedacht und vorgebracht. Aber die gleichen
Zielsetzungen (Sicherung der »Moralität«, Rettung der »völki-
schen Substanz«) halten sich dennoch stets im Nachträglichen,
das wider Wissen und wider Willen in den Dienst der Machter-
mächtigung eingespannt bleibt und den Entschließun-
1
Vgl. Beilage Macht und Rasse.
184

gen Jener entzogen, die um Weltmachtstellungen kämpfen. Des-


halb können solche Zielsetzungen je nach der Lage der Machtbe-
sitzkämpfe über Nacht wechseln und sogar sich umkehren; denn
es gilt ja nicht die Verwirklichung jener Ziele, sondern die
Ermächtigung der Macht durch die je wirksamsten Zielsetzun-
gen und die von diesen geleiteten Weckungen und Bindungen der
leistenden Kräfte und Gewalten.
Das Unaufhaltsame des Vordrangs der Macht zeigt sich zuletzt
darin, daß die Rechtfertigung der je in den Weltmachtkämpfen
vorgebrachten Ansprüche bei ihren Verteidigern nicht minder als
bei den Gegnern gleich unglaubwürdig wird. Dabei erscheint die
Unglaubwürdigkeit gar nicht mehr ernstlich und nachhaltend als
ein sittlicher Mangel, sondern – was jetzt viel gewichtiger
geworden – als eine Ungeschicklichkeit der »Propaganda«. Der
Grund dieser durchgängigen Wirkungslosigkeit aller Rechtferti-
gungsversuche liegt nicht in der Verstörung und Gleichgültigkeit
der »Völkermoral«. Deren Niedergang ist insgleichen wie die
Wirkungslosigkeit der Rechtfertigungen bereits eine Folge des
Vordrangs der in ihrem Wesen alle Ziele wegstoßenden Macht.
Sie birgt in sich und ist das sich ausbildende Vermögen des
plötzlichen Losbrechens in die beliebige und doch berechnete
Niederhaltung und Vernichtung. Dazu bedarf die Macht einer
uneinschränkbaren Wandlungsfähigkeit und der Zurückweisung
jedes Anspruchs auf Rechtfertigung. Zwar fügt sie sich dem
Schein der Rechtmäßigkeit dieser Forderung; denn je näher die
Macht ihrem eigensten Wesen kommt, d. h. je eigenmächtiger sie
Macht ist, um so lauter und häufiger sorgt sie für »Ruhe und
Ordnung«. Diese dienen nur dazu, um das letzte Gegenüber zur
Macht noch unter diese zu zwingen. Mit dem Verschwinden
jedes Gegenüber ist der Raum beseitigt, aus dem überhaupt ein
der Macht fremder Anspruch an sie sich gegen sie erheben
könnte. Die Macht ersetzt jede Rechtsmöglichkeit durch die
unbedingte Ermächtigung ihrer selbst. Die Rechtfertigung der
Macht braucht nicht einmal mehr zurückgewiesen zu werden;
die Macht hat ihr jeden
185

»Sinn« genommen. Denn »Recht« ist jetzt der Titel für in einer
Machtverteilung gewährte Forderungen und benötigte »Freihei-
ten«. Und damit entfällt auch die Möglichkeit, die Macht als
bloße »Willkür« auszugeben. Der Vordrang der Macht hat die
Form einer unaufhaltsamen Zurücknahme jeder Bestimmbarkeit
der Macht durch Solches, was nicht sie selbst ist. Das deutet an,
daß der Macht Alles an der ausschließlichen Ermächtigung ihres
Wesens liegt, das in der unbedingten Übermächtigung ihrer
selbst sich findet. Deshalb gilt ihr das, was sie unter sich bringt,
nichts, wohl dagegen die Möglichkeit der unbeschränkten
Unterjochung Alles. Diese Möglichkeit sichert sich die Macht auf
eine unwiderstehliche Weise. Sie läßt im voraus das Seiende nur
als ein Seiendes zu, sofern es machbar ist. Die Machbarkeit
besteht darin, daß das Seiende plan- und berechenbar und als so
Vorgestelltes jederzeit herstellbar bleibt. Diese Machsamkeit des
Seienden gibt die Vorbedingung für die jederzeitige, beliebige
und allem Verhandeln entzogene Einsetzbarkeit der Menschen
eines entsprechenden Menschentums, dem jede Besinnung ledig-
lich noch als Fehlleistung gelten kann. Zu solcher Einsetzbarkeit
gehört die Ersetzbarkeit eines Jeden durch Jeden; das Menschen-
tum erhält durch die Machsamkeit des Seienden, d. h. durch die
Ermächtigung der Macht zum Sein des Seienden, das Gepräge
des »Menschenmaterials«, das beliebig verschickt werden kann.
Nicht der Einsatz des Menschen macht das Seiende machbar,
sondern die aus dem Wesen der Macht geforderte Machsamkeit
zwingt alles Verhalten zum Seienden in die »Einsatzbereit-
schaft«, die zur höchsten Auszeichnung aufrückt. Die mit Hilfe
der Machsamkeit des Seienden ihrer eigenen Übermächtigung
mächtig gewordene Macht enthüllt damit erst ihr Wesen. Das
liegt nicht erst in der Macht als dem über die Mittel aller Gewal-
ten verfügenden Vermögen zur Herrschaft. So wird die Macht
immer noch nicht in sich zurück, vielmehr in der Richtung auf
ihre »Äußerung« gedacht. In sich ist die Macht die unbedingte
Mache der Übermächtigung ihrer selbst und der ihr dienstbaren
Machsamkeit.
186

Das Wesende dieser Mache ist die Machenschaft: das Sichein-


richten auf die Ermächtigung der Macht und die von dieser vor-
gerichtete weil aus der Übermächtigung vorgeforderte Mach-
samkeit alles Seienden.
Die Machsamkeit fügt das Seiende in die unbegrenzte Bestän-
digung seiner Anwesenheit; in der Machsamkeit zeigt sich die
metaphysisch neuzeitliche Gestalt der œn◊rgeia und ≥d◊a.
Die Macht nimmt die Machsamkeit so wesentlich in Anspruch,
daß sie sich ihr ganz als der einzigen Wesung des Seins ver-
schreibt und in ihren Wesens-Grund: die »Mache« zurückgeht.
In der Machenschaft gelangt der anfängliche Abfall des Seins
zur Beständigkeit der Abwesung in sein höchstes Unwesen.
Der Name »Machenschaft« meint gewöhnlich die auf Vorteile
und eine Übervorteilung erpichten menschlichen Umtriebe unter
dem Schein harmloser Beschäftigungen. Die »Machenschaft«
kommt als menschliche »Haltung« erst dort ungehemmt ins
Spiel, wo das Menschentum schon inmitten des Seienden steht,
dessen Sein als Macht sein Wesen ins Äußerste der Machenschaft
aufsteigert. Machenschaft ist als Nennung des Wesens des Seins
jedoch nicht die Ausweitung und Übertragung eines nur
menschlichen Gebarens auf das Seiende im Ganzen. Das Wesen
der Macht fordert umgekehrt ein bestimmtes Menschentum zu
ihrer Vollstreckung als der Fügung des Seienden im Ganzen,
sobald das Sein übergeht in die uneingeschränkte Ermächtigung
seines Machtwesens zur Machenschaft. Die kleine Hinterlist nur
menschlicher »Machenschaft« bleibt eine sich selbst unzugäng-
liche Angleichung an die dem Sein als Machenschaft wesentliche
Unfaßbarkeit innerhalb der von der Machenschaft zugelassenen
Öffentlichkeit des Seienden. Je »reiner« die Machenschaft das
Spiel des Seins beherrscht, desto ausschließlicher kommt das
Seiende in seiner Machsamkeit zum Vorrang. Je aufdringlicher
das Seiende in die Machsamkeit sich verfestigt und dem Men-
schentum den Schein zuspielt, als sei das Seiende das Gemächte
seines »Einsatzes«, um so sicherer verbirgt sich in diesem Schein
die alles durch-
187

machtende Machenschaft. Was sie eigentlich verbirgt, ist ihr


Wesen, indem sie überall die ungedeutete und höchstens mißdeu-
tete Spur ihrer Wesung zeigt. Die Machenschaft ist der Grund
jenes Ungewöhnlichen, darin alles Seiende verzwungen wird, so
zwar, daß es immer selbstverständlicher so aussieht, als sei das
Seiende zu einem Teil als Nutzbares vorhanden und zum ande-
ren der Erfolg der menschlichen Betreibung. Das schrankenlose
Verfügen über das Seiende und das schnellste Betreiben seiner
Nutzung, das ungehinderte Planen der Niederwerfung aller
Widerstände und die öffentliche Auslöschung jeglichen Beden-
kens über das Gelingen solcher Maßnahmen bestätigen zwar
überall und ständig den Vorrang des Seienden vor dem Sein, das
scheinbar ins Nichts verschwunden ist und mit diesem nichts zu
sein scheint. Doch was den Vorrang des Seienden nur bestätigt,
kann nicht der Grund des Vorrangs sein. Wie aber, wenn der
Grund dieses Vorrangs des Seienden Jenes wäre, was als der
Grund des Ungewöhnlichen sich ankündigt? Wie, wenn im
Ungewöhnlichen, das alles Seiende umlagert und aus jeglichem
Seienden unversehens sich hervorkehrt und dennoch unfaßlich
bleibt, das Seyn sich verhüllte?
In der Tat, das Ungewöhnliche und die Verzwingung eines
Menschentums auf es gründen in der Machenschaft. Diese ent-
hüllt sich erst als das scheinbar ins Nichts verstoßene Seyn, und
die Herkunft des Scheins wird deutlicher, wenn das Ungewöhn-
liche noch wesender geworden und seiner Aufdringlichkeit jedes
Hindernis aus dem Weg genommen ist.
Das Ungewöhnliche zeigt sich zunächst in der Einebnung des
Unterschiedes von Krieg und Frieden. Der »Weltkrieg« ist gar
nicht der Kampf selbst um den Weltmachtbesitz. Die »Welt-
kriege« können nur als Zwischenspiele eines wesentlicheren
Vorgangs gelten, in dem das Ungewöhnliche gründet und aus
dem es sich erst ganz enthüllt. In welchen Vorgang ist aber der
Zwischenfall »Weltkrieg« eingespannt? Der Vorgang wird
durchherrscht vom »Interesse« am Weltmachtbesitz. Diese
»Interessen« tragen je verschiedene »Ideale« vor sich her, deren
188

Wünschbares das Machtbedürfnis anstachelt. Das sucht die Mit-


tel seiner Erfüllung und findet sie in der Verfügung über jede
Gewalt und alle Kräfte. Die wachsende Verfügung über die
Gewalt befeuert die Sucht nach der Macht. Diese Sucht dient der
Machtermächtigung als das unausgesprochen maßgebende
»Interesse« und ist selbst jeweils erst von der Ermächtigung der
Macht in ihr unbedingtes Wesen ausgelöst. Sogar der Welt-
machtbesitz ist nicht das Ziel der Ermächtigung der Macht, weil
diese eine Zielsetzung nicht kennt. Der Weltmachtbesitz bleibt
nur ein der Sucht nach der Macht zugeworfener Zweck, durch
dessen Erfüllung die Ermächtigung der Macht vollzogen wird, so
zwar, daß der Weltmachtbesitz gerade niemals zur Herrschaft
über die Macht gelangt, sondern in ihre Knechtschaft gezwungen
wird. Die Weltmachtkämpfe verraten zuweilen den Vorgang der
Ermächtigung der Macht in das Unbedingte der Machenschaft,
sind aber nicht diese Ermächtigung selbst. Diese ist allerdings die
Fuge der Geschichtlichkeit aller weltkriegerisch gezeichneten
neuzeitlichen Geschichte.
Die Ermächtigung der Macht in ihre Mächtigkeit bekundet
und versteckt sich aber auch zugleich in den Machtentfaltungen
und Machthaberschaften, die gewöhnlich unter dem Namen der
»politischen Ereignisse und Zustände« bekannt sind. Gleichwohl
möchte man im »Raum« des »Politischen« das Wesen der Macht
und damit die Ermächtigung der Macht unmittelbar und am
sichersten antreffen, zumal dann, wenn die »Politik« nicht mehr
ein abgesonderter Bezirk menschlichen Tuns ist, sondern die
alles bestimmende Lenkung und Versorgung eines Menschen-
tums innerhalb des Seienden übernommen hat. Das politische
Planen und Handeln zeigt zwar Machtverhältnisse und Macht-
kämpfe in einem besonderen Licht. Allein, das Wesen der Macht
im Sinne der Ermächtigung der Macht in ihr Unbedingtes wird
hier nur dann sichtbar, wenn schon das Politische selbst aus dem
Seienden als solchen und dem zugehörigen Menschentum erfah-
ren ist.
Zunächst sucht man den »Sitz« der politischen Machtentfal-
189

tung und der sie lenkenden Machthaberschaft in den »histo-


risch« bekannten Regierungs- und Staatsformen auf. Man findet
sogar, daß vornehmlich die »autoritären« Staaten der reinen
Machtentfaltung alle Zügel schießen lassen. Die »parlamenta-
rischen« Staaten bewerten diese Machtentfaltung als das blinde
Wüten einer nackten Gewaltgier im Unterschied zu der von
ihnen besorgten Machtverteilung. Deren Machtspiel verläuft im
Schein des »freien« Verhandelns und dieser Schein erzeugt den
anderen, als sei solche Machtentfaltung allein »sittlich« im
Gegensatz zur »autoritären« Gewaltausübung. Dieses wechsel-
weise Beurteilen und Verurteilen der politischen Grundstellungen
gehört zwar mit in die Form ihrer Machtentfaltung. Aber es
verwehrt auch die wesentliche Einsicht in die metaphysische (aus
dem Seienden als solchem im Ganzen bestimmte) Selbigkeit die-
ser neuzeitlichen Gestalten der politischen Machtentfaltung. Die
Selbigkeit wird durch ein Doppeltes bezeugt. Jede der politischen
Grundstellungen behauptet sich in der Ausrufung eines »Ideals«:
eine »Idee« der menschlichen Gemeinschaft und ihrer Be-
glückung wird als Maßstab der Beruhigung und der Ordnung
des »Wirklichen« und damit seiner Umgestaltung angesetzt.
Zum anderen aber wird diese »Idee« bestimmt als »Demokra-
tie«, die dem »Volk« die maßgebende Machtstellung zuspricht.
Jeder Zweifel an der metaphysischen Wesensgleichheit dieser
Staatsformen zerbricht vollends daran, daß beide in der je von
ihnen geprägten Öffentlichkeit in je verschiedener Weise densel-
ben öffentlichen Schein in Geltung halten, als sei die Macht
»dem Volke« zugeteilt. Dieser Schein gehört zum Vollzug der
Machthaberschaft innerhalb einer politischen Machtentfaltung.
Aber die Beförderung dieses Scheins kann nicht den politischen
Machthabern als Irreführung zur Last gelegt werden, sowenig
wie die Volksmeinung, die Macht könne jemals »beim Volke«
sein, als bloße Dummheit gelten darf. Der »demokratische«
Schein wird von den Regierten gleichermaßen erweckt und
unterhalten wie von den »Regierern«; denn dieser Schein, die
Macht »gehöre« Allen
190

und sei an Alle verteilt, während sie in Wahrheit Keinem gehört,


entspringt dem Wesen der Macht, für deren Ermächtigung alle
Machthaber nur die als solche ungekannten Übermächtigten
bleiben, in deren Gebaren die Macht ihre Mächtigkeit eigentüm-
lich bekundet und versteckt. Diese Verschleierung der eigent-
lichen Machthabe in der Ermächtigung der Macht ist daher erst
recht dort anzutreffen, wo die Machtentfaltung nicht mehr nur
politischen, sondern unmittelbar metaphysischen Charakter hat,
im Despotismus und in der Diktatur. Hier scheint alle Macht
ausschließlich »in der Hand« eines einzelnen Einzigen zu sein,
der seiner »subjektiven« Machtgier durch die Niederzwingung
der Niezuvielen ein Genüge verschafft. Man bedenkt nicht, daß
solche Einzelnen als Machthaber nicht nur unter der Gegen-
macht der Unterdrückten stehen, welche Gegenmacht freilich
auch diesen nicht gehört; der »Despot« steht auch unter der
Macht seiner eigenen Machtvollkommenheit. Ja »Despoten« und
»Diktatoren« können am wenigsten die Machthaber sein, als
welche sie erscheinen, gesetzt daß sie echte Diktatoren sind und
d. h. Vollstrecker der Ermächtigung der Macht zur Übermächti-
gung in das Unbedingte ihres Wesens. Denn die Ermächtigung
fordert ein Zwiefaches. Einmal die im voraus jede Ausnahme
unterbindende Sammlung aller Machtverfügung auf eine
machtmäßig diese Verfügung in der möglichen Steigerung hal-
tende Einheit. Das sagt: die Machthaberschaft muß aus sich
selbst die Möglichkeit der Übermächtigung immer neu entfalten.
Diese Möglichkeit aber untergräbt die Diktatur, weil sie die
Erstarrung in einer Machtstufe mit sich bringt und sich vom
Offenen des Unbedingten selbst ausschließt. Sodann fordert die
Ermächtigung der Macht die Eingleichung aller Machtformen
und aller durch sie unter die Macht Gestellten in die Einförmig-
keit. Diese Einförmigkeit nimmt auch jener Machthaberschaft,
die allein dem Wesen der unbedingten Ermächtigung der Macht
gemäß ist, jede Auszeichnung und zwar so wesentlich, daß sie
die Machthaber rücksichtslos in die Unauffälligkeit stößt.
191

Die Einförmigkeit, die in der Machtermächtigung west, ist kein


leeres Einerlei der Machtverhältnisse, sondern das aus der Macht
selbst entfaltete Grundgesetz des Dranges, der die Macht in das
Unbedingte ihres Wesens drängt. Zuweilen verrät die Machtent-
faltung dieses Grundgesetz aller Machtermächtigung in einer
kaum beachteten und noch seltener bedachten Erscheinung: je
mehr die Macht in ihr Wesen findet, d. h. sich steigert, um so
drängender wird der Drang zur Machtsteigerung. Je drängender
jedoch dieser Drang sich geltend macht, um so entschiedener
behauptet er sich als das »Natürliche«. Die Ermächtigung der
Macht verrät so ihre »Natur«, d. h. den Grund der Bedingungen
ihrer Möglichkeit: die unbedingte Ermächtigung ihrer selbst in
die grenzenlose und zielunbedürftige Macht über sich selbst. Die
fortgesetzte Machtsteigerung ist keine von ihr erst ausgenützte
Hemmungslosigkeit, sondern die Gediegenheit ihrer eigensten
»Natur«, dergemäß die Eingleichung von Allem und Aller in das
Gemeinsame (commune) der unbedingten Ermächtigung den
Machtdrang im voraus regelt. Die Ermächtigung der Macht in
das Unbedingte der Machenschaft und aus dieser ist das Wesen
des »Kommunismus«. Was so heißt, wird hier weder »politisch«
noch »soziologisch«, weder »weltanschaulich« noch »anthro-
pologisch«, ja nicht einmal nur »metaphysisch« gedacht, son-
dern als jene Fügung des Seienden als solchen im Ganzen begrif-
fen, die das geschichtliche Zeitalter zu dem der Vollendung und
damit des Endes aller Metaphysik prägt. Dieser aus der
Geschichte des Seyns her gedachte Begriff des »Kommunismus«
mag sich zunächst als sehr willkürlich ausnehmen, zumal er das
nicht unmittelbar nennt, was an »kommunistischen« Erschei-
nungen historisch bekannt ist. Denn der geläufige Titel »Kom-
munismus« meint das Gemeinsame des Gleichen: daß jeder in-
nerhalb dieser »Ordnung« eines Menschentums gleichviel zu
arbeiten, zu verdienen, zu verzehren und zum Vergnügen hat,
wobei diese Leistungen und Bedürfnisse zugleich das zugestan-
dene Ganze des menschlichen »Lebens« erschöpfen, indem sie
vorzeichnen, was überhaupt für
192

das »Wirkliche« gehalten werden und was als »die Welt« gelten
soll. Hier drängt eine Vergemeinerung Jeden in die gleichmäßige
Durchschnittlichkeit Aller. Das »politische« Zeichen dieses
Dranges erscheint als die Umwälzung der bürgerlichen Klassen-
gesellschaft in den klassenlosen Staat. Den vom Besitz und der
Nutznießung aller Güter der bisherigen Gesellschaft bislang
Ausgeschlossenen drängt sich als Leitbild des »proletarischen«
»Geschehens« auf: die Verstaatlichung der Industrie und der
Banken, die Verteilung des Großgrundbesitzes, die Aufhebung
der Klöster und die Beseitigung der »Intelligenz« in das für den
Arbeitsbetrieb freilich nötige »Spezialistentum«. Dergestalt sehen
sich die vormals unterdrückten Vielen und nachmals Niezuvielen
aus der Beseitigung der Klassenunterschiede als die allein maß-
gebende Klasse erstehen. Die ihnen zugesprochene Ausbeutung
der früheren Ausbeuter erzeugt jene Vorstellung vom »Wirk-
lichen« und jene Bewertung des »Lebens«, die als die »politische
Weltanschauung« des »Kommunismus« gilt. Darnach sieht es so
aus, als werde eine zuvor in der Unterdrückung brodelnde Men-
schenmasse, genannt »Proletariat«, befreit, ihres »bloßen« Mas-
senwesens entkleidet, zur einzigen »Partei« eingerichtet und so
an die Macht gebracht. In Wahrheit aber schafft erst die Einrich-
tung der einzigen »Partei« das Wesen der Masse, indem sie die
Einförmigkeit des Verhaltens und die Gleichförmigkeit der Hal-
tung im Betreiben und Bewerten aller Dinge vorprägt. Erst in
den eindeutigen Umrissen dieser Stempelung kann der Massen-
mensch als ein solcher erscheinen. Der »Kommunismus« sam-
melt also nicht die vermeintlich an sich schon vorhandenen
»Proletarier aller Länder«, sondern er versetzt allererst ein Men-
schentum in das »Proletariat«, indem er es in den Vollzug jener
Einförmigkeit der Vergemeinerung zwingt, die als Machtergrei-
fung des »Volkes« erscheint. Das Proletariat wird jedoch nur
»befreit«, um sein Wesen ins Spiel zu bringen, d. h. einer Macht
dienstbar zu sein, die es weder verstehen kann noch überhaupt
kennen darf. Denn diese Macht selbst drängt das Proletariat
ständig aus jedem Bedürfnis her-
193

aus, einer Macht »über« ihm nachzufragen, weil sie – die Macht
– ihm den Schein zuspielt, als sei es – das Proletariat – im alleini-
gen Besitz aller Macht. Diese erscheint dem »Proletariat« auf
Grund seiner Herkunft aus einer Umwälzung, die stets Gegen-
bewegung bleiben muß, in der Gestalt der bürgerlichen
»Einfluß«- und »Geltungs«formen. Im Verfügungsbereich des
Proletariats, der alleinigen Trägerin der einzigen »Weltanschau-
ung«, liegen jetzt alle Wünschbarkeiten des beseitigten Bürger-
tums: »Klassenbewußtsein«, »Parteiherrschaft«, Regelung des
»Lebensstandards«, Förderung des »Fortschritts« und die Schaf-
fung der »Kultur«. All das besitzt in der Tat das Proletariat. Wie
sollte es nicht meinen, auch die Macht zu besitzen? Aber die
drängende Macht ist im Kommunismus jenes, was Alle in den
Zauber der Einförmigkeit und Gleichförmigkeit Aller verzaubert.
Dieser Macht gegenüber, die den Wesensgrund des Proletariats
ausmacht, ist dieses in der Ohnmacht und das so endgültig, daß
sich jene Macht dieser Ohnmacht bedient, um die Ermächtigung
ihres Wesens zu sichern und zu steigern.
Der Vollzug dieser Macht, deren Wesensermächtigung der
»Kommunismus« ist, beschränkt sich weder auf die Ausübung
einer staatlichen Regierungsbefugnis, noch erschöpft er sich im
Kräftespiel der Parteigewalt, sondern durchmachtet zuvor in der
Grundabsicht das Seiende im Ganzen und das in dieses einbezo-
gene Menschentum. Der Machtbesitz ist so überhaupt dem Men-
schen vorenthalten, und doch müssen Machthaber sein, die das
Machtspiel in einem »Raume« lenken, wo im voraus jeglicher
Anspruch auf Macht unterbunden und nicht etwa nur eine tat-
sächliche Geltung der Einzelnen und der Gruppen beseitigt ist.
Solcher Machthaber können nur Wenige sein; denn einzig die
Nur-Wenigen bürgen für die aus einer Mitte her gelenkte und in
sie zurückgesammelte gleichförmige Handhabung aller vorhan-
denen Machtmittel. Die Nur-Wenigen vermögen auch allein die
Möglichkeiten neuer und ungeahnter Machtformen im voraus zu
sichern und die überraschende Verwirklichung zu lenken. Nur
solche Wenigen leisten der Macht-
194

verfügung die Gewähr, daß die Rücksichtslosigkeit des Vorge-


hens nicht aussetzt und doch die Unauffälligkeit der Maßnah-
men sich durchhält. Die so gestaltete Macht-habe betreibt in sich
eine ständige Mehrung der Macht.
Die »Nur-Wenigen« meint keineswegs eine kleine Anzahl
Gewalttätiger im Unterschied zu den zahlreichen »Machtlosen«
der Masse, sondern bezeichnet die eigene Artung einer
Machthaberschaft. Die ihr gemäßen Macht-haber »haben« die
Macht nicht als das Ihre, um darin eine persönliche Willkür zu
vertoben und deshalb sind sie auch nicht, die sie sind, als hervor-
ragende Einzelne. Jede öffentliche Nennung und Bewertung ihres
Handelns birgt die Gefahr einer dem Öffentlichen zugeneigten
Fehllenkung und Schwächung des Machtvollzugs in sich. Des-
halb fordert die Macht von ihren Machthabern, daß sie namen-
los bleiben und ihr Vorgehen unzugänglich. Um so häufiger
brauchen und verbrauchen sie einen öffentlichen Aufwand an
Solchen, in deren Gebaren die Masse ihren eigenen »Willen«
wiedererkennt. Die schärfste Sicherung ihres reinen Vollzugs
schafft sich die Ermächtigung der Macht (d. h. der Kommunis-
mus) in der Art des Einverständnisses, kraft dessen die Nur-
Wenigen in ihrer Machthaberschaft einig sind. Ihr Miteinander
besteht weder in einer »sentimentalen« »Kameraderie« noch in
der blinden Verschworenheit von Verschwörern, sondern in
jenem kalten Mißtrauen, aus dem Jeder den Anderen überwacht
und dergestalt sich an ihn bindet. Dieses Mißtrauen nährt sich
nie aus der kleinen Furcht vor einer Schmälerung des persön-
lichen Machtbesitzes. Es entstammt der tiefen Angst vor jeder
ungemäßen Störung der Machtermächtigung, die ein Erstarren
der Macht in einer gerade erreichten Machtstufe zur Folge haben
könnte. Solche wesenhafte Angst, die jedes Bangen um das per-
sönliche Geschick der Machthaber im voraus schon hinter sich
gebracht haben muß, um wahrhaft eine Angst sein zu können, ist
die Grundstimmung der Nur-Wenigen. Die echte Angst, die
vielgestaltig je nur einer Ausgesetztheit in das Seiende als solches
im Ganzen entspringt, kann allein dort Haltung und
195

Verhalten durchstimmen, wo diese ein wagender Mut durch-


herrscht, der wiederum nicht durch persönliche Willensstärke
nur aufgebracht, sondern aus der Eingewiesenheit in das Seiende
im Ganzen durch dieses als Mitgift vermacht ist. So entspringt
auch die unöffentliche Namenlosigkeit der Nur-Wenigen, kraft
deren sie sind, als seien sie überhaupt nicht, der selben, schon
jeder Wahl entzogenen, Eingewiesenheit in den Vollzug der
Machtermächtigung. Die Namenlosigkeit erstreckt sich aber auf
alle wesentlichen Vorgänge und Zustände der »kommunisti-
schen« Wirklichkeit. Sie ist so der Widerschein jener Einglei-
chung in die Gleichförmigkeit aller Machtverhältnisse. Die Ein-
förmigkeit allein läßt die Macht der unbedingten Ermächtigung
ihrer selbst mächtig sein. Die Macht »gehört« weder dem
»Volke«, noch einem Einzelnen, noch auch jenen Nur-Wenigen.
Die Macht duldet keine Besitzenden. Diese in der Machtermäch-
tigung wesende unbedingte Unduldsamkeit kennzeichnet den
Kommunismus. Aber die Macht herrscht nicht um der Macht
willen, will sagen: zur bloßen Ausübung einer gerade erreichten
Gewalt; das bedeutet stets den Rückfall in die Verstarrung einer
Macht, die in Wahrheit gegen das Wesen der Macht ohnmächtig
bleibt. Die Macht herrscht umwillen der Ermächtigung ihrer
selbst in das Wesen, d. h. die Machenschaft. Der »Kommunis-
mus« ist die Durchmachtung des Seienden als solchen mit der
Ermächtigung der Macht zur Machenschaft als dem unbedingten
Sicheinrichten der Macht auf die vorgerichtete Machsamkeit
alles Seienden. Der »Kommunismus« wäre zu harmlos gedacht,
wollte man ihn als Ausgeburt einer menschlichen Sucht, sei es
nach »Rache«, sei es nach »Glück«, sei es nach bloßer Gewalttä-
tigkeit verabscheuen oder bejubeln. Der »Kommunismus« ist
überhaupt nichts »Menschliches«. Das »Untermenschentum«
mag der Knecht, der »Übermensch« mag der nur scheinbar sei-
ner selbst mächtige Herr des Kommunismus sein, überall wird
der Mensch lediglich als der in seinem bisherigen Wesen (animal
rationale) erstarrte Vollstrecker jener Durchmachtung des Seien-
den durch dessen
196

Machsamkeit zugelassen. Seitdem die Machenschaft als Wesen


des Seins sich der Herrschaft über das Seiende zu bemächtigen
beginnt, muß der »Kommunismus« zunächst in meist unkennt-
lichen Verkleidungen, aber unaufhaltsam - weil durch einzelnes
Seiendes und überhaupt durch Seiendes nicht aufhaltbar - zur
Seinsverfassung des in seiner Vollendung anhebenden Weltalters
der Neuzeit werden.
In der Ermächtigung der Macht zur Machenschaft als ihrem
Wesen überflutet der ins Unbedingte entfesselte Machtdrang alle
Widerstände, weil nur noch Solches als »Wirkliches« zugelassen
ist, was schon in der Botmäßigkeit der Machenschaft steht. Da
jedoch die Ermächtigung des Machtwesens im »Kommunismus«
geschichtlich wird, betreibt er die Ausbreitung und Festigung des
Machtdranges in die jeder Bedingnis ledige Unduldsamkeit. Jeg-
lichen Machtbesitz jeder menschlichen Anstrengung und An-
maßung durchaus versagend, kehrt der »Kommunismus« sich
weder an die Geschicke der Völker, die im Auslauf des bisheri-
gen Geschichtsganges um ihre Behauptung ringen, noch achtet er
der Strebungen, Wünsche und Überzeugungen innervolklicher
Menschengruppen, zwischen denen noch Einzelne in eine
scheinbare Vereinzelung verstreut sind. Aber selbst dieser Fortriß
des neuzeitlichen Menschentums in die Bahn der Machenschaft
ist erst nur die äußere Äußerung der Unduldsamkeit des Kom-
munismus, und noch nicht ihr wesenhaftes Wüten. Dieses voll-
zieht seinen Ausgriff dergestalt, daß alle geläufigen Bezüge zum
bisher vertrauten Seienden unterbrochen werden, indem das
Seiende die bislang gewährte Stütze und Zuflucht nirgends mehr
bietet. Zwar geht das Alltägliche seinen Gang; zwar gewöhnt
man sich sogar an das »Seltsame« und an den Krieg. Doch diese
Gewöhnung bestätigt im Schein der nicht einmal beachteten
Unauffälligkeit die Verstörung des Seienden und aller Bezüge zu
ihm unter der Macht des scheinbar abgedrängten Ungewöhn-
lichen. Die in der Unduldsamkeit des »Kommunismus« losgelas-
sene Verstörung deutet auf eine Zerstörung, deren Ermächtigung
zum Wesen der Machenschaft gehört.
197

Mit dieser Zerstörung, deren machenschaftliches Unwesen nur


für Augenblicke sich offenbart, beginnt das Ungewöhnliche sich
auf eine Verwandlung des Wesens der Geschichte einzurichten,
dafür die Ablösung des bisherigen Weltalters durch ein »neu-
estes« immer nur ein zweideutiges Zeichen sein mag.
Das zunächst lediglich »Seltsame« heutiger Zustände und
Lagen wird immer seltsamer in der Weise, daß nun auch die
Kennzeichnung des Seienden und des tätigen Aufenthalts inmit-
ten seiner als »seltsam« und »ungewöhnlich« zusehends hinfälli-
ger wird. Die Vorboten einer im Wesen anderen Geschichte for-
dern ein Wissen von der Machenschaft, das ihr durch keine Ver-
schleierung ausweicht und somit in ihrer unumgänglichen Herr-
schaft steht und sie gleichwohl übersteht. Doch kann dieses
Überstehen nicht in einer Abwehr der machtenden Machenschaft
liegen und daher nicht die Durchrettung und Wiederrichtung des
Bisherigen bedeuten. Überstehen ist hier nicht Erhaltung des im
Wesen schon Vergangenen wenngleich noch »Modernen«, son-
dern das hinüberstehende Erstehen einer Stätte des Kommenden.
Das Überstehen der Machenschaft ist das Innestehen in dem
Übergang, der mit der unbedingten Ermächtigung der Machen-
schaft schon im Gange ist. Die Inständigkeit dieses Innestehens
geschieht in der Weise eines Wissens, das tätiger ist denn alle
Taten im Dienste der Machenschaft, weil es seinem Wesen nach
keiner Erfolge bedarf, sondern ist, was es ist, indem es ist.
Wahrhaft inmitten des machenschaftlich wesenden Seienden
sein, heißt übergänglich die Machenschaft als Ereignis des Seyns
wissen und der Fragwürdigkeit der Wahrheit des Seyns zugehö-
ren. Wahrhaft inmitten des von der Machenschaft durchmachte-
ten Seienden sein, kann daher nicht bedeuten, an das Seltsame
und Ungewöhnliche sich nur gewöhnen, um dann ein Unver-
meidliches in irgendeiner Art von »Heroismus« hinzunehmen;
aller Heroismus gehört der schon vergehenden »Welt« der
Machenschaft an und reicht nicht zu für die Inständigkeit im
Übergang.
198

Die Standnahme auf dem Grunde dieser Inständigkeit ist das


Wissen. Sein Wesen bleibt verschlossen und sein Wesensvollzug
unmöglich, solange das »Wissen« im Sinne des machenschaftlich
bestimmten Vorstellens und Kennens geübt wird. Gleichviel gilt,
ob man dabei dieses Erkennen nur als Mittel des Handelns
gebraucht oder es sogar als »theoretisches« Überlegen zuläßt
und ihm die Auszeichnung des »konstruktiven Denkens« ver-
leiht; denn dieses ist allerdings die reinste Form des »kommu-
nistischen«, der Ermächtigung der Machenschaft allein dienstba-
ren Rechnens.
ENTWURF ZU KOINON
ZUR GESCHICHTE DES SEYNS
[page left blank]
201

Das Ende der Neuzeit in der Geschichte des Seyns

Das metaphysische Kennzeichen der Vollendung der Neuzeit ist


die geschichtliche Wesensermächtigung des »Kommunismus«
zur Seinsverfassung des Zeitalters der vollendeten Sinnlosigkeit.
Das Sinn-lose wird hier verstanden nach dem in »Sein und Zeit«
gedachten Begriff des Sinnes. Darnach ist Sinn Entwurfsbereich
der Entwerfung des Seins auf seine Wahrheit; und Wahrheit
besagt die entbergende Freigabe des Seins in das Gelichtete seiner
Wesung, Lichtung des Sichverbergens. In ihm west Verweige-
rung. Die sich lichtend ist der Wink des Seyns. Winkend sammelt
sich dieses in die Verschenkung seiner selbst als des Einzigen.
Keine Entsprechung zu Seiendem vermag es zur Sprache zu brin-
gen.
Das »Sinn-lose« meint das Wahrheit-lose: das Ausbleiben der
Lichtung des Seins. Die Sinnlosigkeit vollendet sich dadurch, daß
dieser Ausbleib in der Unkennbarkeit verharrt und mit ihr das
Sein in die vergessene Vergessenheit entschwindet. »Sein« gilt
gerade noch als das fraglose allgemeinste Wort des Allge-
meinsten und Leeren, unbedenklichen Vorrang hat das Seiende.
Es bekundet und behauptet sich in dem Anspruch, durchgängig
machbar und demzufolge plan- und berechenbar zu sein. Derge-
stalt sich anbietend erzwingt das Seiende im Menschen das aus-
schließliche Vorrecht der Mache. Das Unaufhaltsame ihrer
schrankenlosen Bahnungen legt eine Verzauberung in das Men-
schentum, kraft deren ihm das je nur machbare Seiende alles ist.
»Sein« – Seinsverlassenheit – Vollendung der Sinn-losigkeit.
Wenn die Sinnlosigkeit sich vollendet, werden die »Werte«
(Lebens- und Kulturwerte) als die höchsten Ziele und Zielformen
des Menschen ausgerufen. Die »Werte« sind je nur die versteckte
Übersetzung des wahrheitlosen Seins in die bloßen Titel dessen,
was als das Schätzbare und das Verrechenbare im einzigen Um-
kreis der Machbarkeit gilt. Und das Werten der Umwertung aller
Werte, gleichviel in welcher Richtung sie sich vollziehen mag, ist
die endgültige Verstoßung in die vollendete
202

Sinnlosigkeit. Das Aufkommen der mannigfaltigen Formen des


Wertgedankens bestätigt die vollzogene Auslieferung des Seien-
den in die Seinsverlassenheit. Den machtlosen Werten entspricht
die Ohnmacht der Wertvorstellungen. Sie begünstigt das Her-
vorbrechen der Macht des aus der Machbarkeit wesenden Seien-
den.
Die Seiendheit hat sich aufgelöst in die reine Machenschaft, so
zwar, daß durch diese das Seiende zur unbeschränkten Macht
gelangt und die Seinsverlassenheit des Seienden ihre verborgene
»Herrschaft« antritt. Diese stammt nicht aus jener Macht der
Machenschaft, sondern entspringt der verborgenen Geschichte
des Seyns. Die Machenschaft allein kann sich ausschließlich
unter die Ermächtigung zu ihr selbst stellen und darin ein End-
gültiges finden. Wo die Sinnlosigkeit zur Macht gelangt und
zwar durch den Menschen als Subjektum, den Rechner und Raf-
fer seiner und aller Dinge Berechenbarkeit, da muß die Beseiti-
gung alles Sinnes (d. h. der Frage nach der Wahrheit des Seyns,
bzw. ihres Anklangs in der Seiendheit und ihrer Entwerfung)
ersetzt werden durch Solches, was allein noch als gemäßer Ersatz
zulässig bleibt: durch ein Rechnen und zwar durch das Rechnen
mit den »Werten«. Der »Wert« ist die Übersetzung der Wahrheit
des Wesens in das Mengenhafte und Riesige; die Vormacht des
»Wertgedankens« bestätigt die vollzogene Auslieferung des Sei-
enden in die Verrechnung.
Der »Kommunismus« besteht, denkerisch begriffen, nicht
darin, daß jeder gleich viel zu arbeiten, zu verdienen, zu verzeh-
ren und zum Vergnügen hat, sondern daß alle Verhaltungswei-
sen und Haltungsformen aller in derselben Verzwingung durch
die unbedingte Macht ungenannter Weniger stehen. Die Ent-
scheidungslosigkeit (der Abbruch jedes möglichen Wachstums
einer Entscheidung und jeder Übernahme derselben) wird zu der
durchschnittlichen Luft, die alle atmen. Dieses Gemeinsame,
jeden auf alle Vergemeinernde ist, als wäre es nicht; daß die
Industrie verstaatlicht wird, die Banken desgleichen, daß der
Großgrundbesitz aufgelöst, die Klöster aufgehoben sind, daß
203

jedes Wissen zur »Intelligenz« sich umfälscht und diese allein im


Spezialistentum der »Spezi« Verwendung und damit »Wirklich-
a
keit« findet, daß die Herstellung einer »öffentlichen Meinung«
des sogenannten »Volkes« durch Presse und Rundfunk nur auf
die Erhaltung eines Scheingebildes aus ist, das niemand im
Grunde ernstnimmt außer den Machthabern und diese auch nur
als ein Machtmittel unter anderen – das alles mag aus dem
Gesichtskreis der Habe und des Gehabes bisheriger Bürgerlich-
keit als der eigentliche Verlust und wie Zerstörung erscheinen.
Allein, diese Verstaatlichung der »Gesellschaft« in den Staat
bedeutet wenig, sofern der Staat nur ein untergeordnetes Werk-
zeug der einzigen Partei geworden; die Partei selbst aber das
Werkzeug der Sowjets und diese der Spielraum der Wenigen.
Ihnen ist eigen, daß sie ungenannt bleiben und die Vielgenannten
(Stalin und seine öffentlich tätige Umgebung) je nur als die Vor-
dermänner geduldet sind.
Die »nur Wenigen« meint keineswegs eine geringe Zahl im
Unterschied zu den zahllosen Vielen, die vom Machtbesitz aus-
geschlossen sind. Die »nur Wenigen« betreiben eine eigene Weise
der Versammlung jeglicher Machtermächtigung in die reine
Rücksichtslosigkeit des unbedingten Vorgehens. Nur die Weni-
gen bürgen für die Uneingeschränktheit und Sicherheit der
unauffälligsten Machtentfaltung. Dieses Vorgehen ist metaphy-
sisch bestimmt, einzig von der als solche unkennbaren Seinsver-
lassenheit alles Seienden angestachelt und gehetzt. Nur durch
b
solche Wenigen ist auch das Einverständnis darüber unbedingt
und ungeschmälert sichergestellt, daß »Wohlfahrt«, Teilnahme
an den Fortschritten der Kultur, Beseitigung der Klassen- und
Berufsunterschiede, Gleichstellung der Regierten und »Regierer«
lediglich Vorwände sind für das »Volk«, vor
a
As.: die Umdeutung, die Beseitigung
b
As.: Die Wenigen und das Unöffentliche am schiersten auf Öffent-
lichkeit bezogen. Wie! Warum dieses. Das Unöffentliche als Machtform,
unauffällig in der Form dem Gewöhnlichen zugeschoben [?] – die
großen Titel – die Erfindung der Namen
204

denen es verzaubert steht und so gar nicht über sie hinwegzuse-


hen trachtet, in das, was einzig ist, die Macht der Wenigen.
Noch einmal: nicht daß diese Wenigen die Machthaber sind,
sondern daß ihre »Entschlossenheit« allein überall die vollstän-
dige Macht der Einrichtungen gegenüber jedem Versuch der
selbständigen Einsicht und Willensvollzüge der Einzelnen und
c
der Gruppen im unantastbaren Vorrang hält.
Der Despotismus der Wenigen hat deshalb seinen Grund nicht
in der persönlichen Machtgier einzelner »Subjekte«, sondern
diese werden ihrerseits ohne ihr Wissen nur ausgenützt als die
Träger und »Statthalter« der unbedingten Ermächtigung der
reinen Macht mit dem einen Ziel, die Macht in ihren eigenen
Einrichtungen sich einrichten zu lassen und ihr das Ansehen des
wahrhaft Wirklichen zu sichern. Wer hier von »Materialismus«
redet, bezeugt nur, wie sehr das Vorstellen immer noch an den
Brocken hängen bleibt, die irgendwelche Lehrmeinungen für das
»Volk« unter dieses geworfen haben. Dieser »Materialismus« ist
im höchsten Sirine »geistig«, so entschieden, daß in ihm die
Vollendung des abendländisch metaphysischen Geistwesens
d
anerkannt werden muß. Lenin wußte dieses klar. Und deshalb
besteht die »Gefahr« des Kommunismus nicht in den wirtschaft-
lichen und gesellschaftlichen Folgen; vielmehr darin, daß sein
geistiges Wesen, sein Wesen als Geist nicht erkannt und die Aus-
einandersetzung auf eine Ebene gelegt wird, die vollends seine
e
Vormacht und Unwiderstehlichkeit sichert. Die geschichtliche
f
Macht des Kommunismus und seines eigentlichen Wesens als
oligarchischer Sowjetmacht ist der einfachste und zwingendste
Gegenbeweis gegen die angeblich Nietzscheschen Lehren der
Ausbeuter Nietzsches von der
c
As.: Über Rußland – wenig wissen – auch wenn mehr bekannt, nicht
mehr zu wissen!
d
As.: Wesen
e
As.: Das klingt, als könnte es noch aufgehalten und zurückgedreht
werden.
f
As.: sein geistiges Wesen die Entscheidungen unterbindet
205

g
»Ohnmacht« des »Geistes«. Deshalb wird der »Kampf« der
christlichen Kirchen z. B. gegen den Bolschewismus nichts aus-
richten, weil sie das Geistwesen desselben nicht zu erkennen
vermögen, da sie selbst einem »Geistigen« dienstbar sind, das
dem Christentum wesenhaft und endgültig verwehrt, jemals
diesem »Weltfeind Bolschewismus« eine ihn von Grund aus
entwurzelnde, durchaus wesensverschiedene Stätte des entschei-
denden Fragens entgegenzugründen. Vor allem immer nur in
Scheingefechte und schließliches Übereinkommen ausartenden
»Kampf« muß das Wissen erwachen, daß jene reine Macht in
ihrer unbedingten Ermächtigung ihrerseits noch auf ein Anderes
als seinen Ursprung und Wesenshalt zurückweist. Das ist die
»Machenschaft«; mit welchem Wort eine wesentliche Entschei-
dung in der abendländischen Geschichte des Seyns zu denken ist.
Dieses Denken kommt der »Wirklichkeit« der Begebnisse des
Zeitalters um ein Unendliches näher (und zwar nicht als taten-
lose Begaffung) denn jede kleinbürgerliche Art des »Einsatzes«.
Ein irriges Verlangen wäre es freilich, jemals dieses Denken in
ein allgemeines, von jedermann geübtes Vorstellen und Meinen
verwandelt sehen zu wollen. Dagegen ist Eines nötig: das Wissen
von der unumgänglichen, wesensverschiedenen Vielförmigkeit,
in der sich die geschichtliche Überwindung des Kommunismus
vollziehen muß. Das hartnäckigste Hemmnis für dieses Wissen
bleibt die ungenannte und schlecht bedachte Erwartung der
einstigen Wiederkehr vor-kommunistischer, bürgerlicher
Zustände. Diese betörende Erwartung nährt sich fortgesetzt aus
der irrigen Blickstellung, der das »Öffentliche« als das einzig
Wirkliche erscheint, während es doch nur der zwar notwendige
und nie einfach zu überspringende, jedoch leere Schatten der
Geschichte ist, die allein west als Geschichte des Seyns.
g
As.: »Kampf«: 1. auf uneigenster [?] Ebene. 2. überhaupt nicht das
Entscheidende – was soll Kampf, wo »Rechtfertigung« als Macht der-
art, daß sie Solches überflüssig macht.
206

Nicht die Flucht vor dem Wesensgehalt der politischen Wirk-


lichkeit in das »Geistige«, sondern das Durchdenken des Politi-
schen in den Grund seines unbeschränkten Machtwesens gelangt
in die Bereiche, von denen aus der »Geist« als eine Herrschafts-
form der Metaphysik mit dieser selbst überwindlich wird. Und
nur wo zuvor der »Geist« als Gegen- und Vorbild wirksam ist,
schafft sich die Meinung von der Verwurzelung des Geistigen im
»Leiblichen« ihr Ansehen, ihre Verständlichkeit und die mög-
liche Geltung eines weltanschaulichen Glaubensbekenntnisses.
Der »Kommunismus« ist jedoch keine bloße Staatsform, auch
nicht nur eine Art der politischen Weltanschauung, sondern die
metaphysische Verfassung, in der sich das neuzeitliche Men-
schentum befindet, sobald die Vollendung der Neuzeit ihren
letzten Abschnitt beginnt. Gewöhnt im Umkreis anerkannter
Betätigungen (der Wohlfahrt – und Kulturförderung) und
gedeckt vom Schutzdach geglaubter Rettungen (»ewige Selig-
keit«), dieses »Leben« zu verbringen, gerät der Mensch heute, da
jene Sicherungen als längst brüchige und grundlos gewordene
langsam zum Vorschein kommen, in jene überallhin schwan-
kende Ratlosigkeit, die ihm nur noch erlaubt, nach »Zielen«
Ausschau zu halten, die das Bisherige übertreffen sollen und
dadurch gerade in die Gleichartigkeit mit ihm sich stürzen müs-
sen; denn wenn über die Pflege der Tüchtigkeit und Vergnüg-
lichkeit des leiblichen Lebens nichts mehr bleibt als die unbe-
dingte Ausweitung dieses »Zieles« auf das Ganze der vergnügten
und gesunden, industrialisierten und technisierten kultur-
machenden Menschenmasse, die fortgesetzt die Steigerung dieser
Lebensinteressen neu anmeldet, wenn sogar die europäischen
Völker im Willen entweder zur Behauptung der schon lange
Besitz gewordenen »Interessen« oder erst zur gesicherten Er-
reichung der Befriedigung dieser »Interessen« dem Krieg nicht
auszuweichen vermögen, dann bestätigt die im Interessenwesen
notwendig drängende Erzwingung des entsprechenden, ins
Unbedingte eingerichteten Massenkrieges, daß überall noch der
neuzeitliche Mensch in-
207

nerhalb des Bisherigen, d. h. des metaphysisch bestimmten


Seienden steht.
Die ratlose Verstrickung in das Seiende vermag das Nächste
nicht zu erfahren, daß hier die Flucht vor dem Seyn die
Geschichte in ihrem Wesen bestimmt. Diese führt einen Zustand
herauf, der mit der Vollständigkeit der Sicherung des ganzen
Lebens und seiner Interessenkreise doch die Ungewißheit einer
Entscheidung ins Unfaßliche anwachsen läßt. Die Bedrohung des
Menschseins aus dem, was gerade die unbedingte Beherrschung
einer sicheren Lenkung aller Schutz- und Trutzmaßnahmen aus-
macht, die Bedrohung, die ungreifbar geahnt und zugleich wie-
der als Schein weggestoßen wird, enthält die Ankündigung von
Solchem, was der neuzeitliche, die Metaphysik zu Ende verwal-
tende und verrechnende Mensch niemals zu erfahren vermag.
Unerfahrbar ist ihm Jenes, nicht weil es allzu fern über seine
gewohnten Bezirke hinausliegt, sondern weil es ihm so nahe ist,
daß der auf die Sicherung bedachte Mensch dieses Nächste zu
seinem verborgenen Wesen ständig schon übersprungen haben
muß. Dieses Nächste ist aber nicht nahe dem »Leib« und nicht
nahe der »Seele« und nicht nahe dem »Geist« des Menschen,
h
vielmehr zu all dem unbezogen; wohl aber ist es nahe zum ver-
borgenen Wesensgrund des Menschen: zur Inständigkeit in der
Wahrheit des Seyns, kraft deren der Mensch von der Unsicher-
heit in der sicher eingerichteten Betreibung des Gesicherten über-
fallen und im Wechsel und Verfall der Ziele hin und her gewor-
fen werden und dabei das Nichtige schlechthin (den Wink des
l
Nichts) erfahren kann. Das Nichts aber ist nicht »nichts« , son-
dern nur die einfachste und am schwersten zu bestehende
Wesensgestalt des Seyns. Das Seyn ermittelt erst zu den seltenen
Zeiten seiner verborgenen Geschichte die Mitte des Wesens des
Menschen und übereignet sie dem Bezug zum Seyn, welcher
Bezug kein Vorstellen ist und
h
As.: nahe weil Nähe selbst.: das Da-sein
l
As.: »der Nihilismus« noch Metaphysik.
208

überhaupt keine Weise von »Erleben«, sondern die zu Zeiten


noch ungeschehene Gründung der Wahrheit des Seyns. Diese
Wesensmitte des Menschen besteht nirgendwo und nie an sich,
sondern »wird« erst im Ereignis der Er-eignung des Menschen in
das Dasein und ist nur aus dieser. Der Mensch kann diese
Geschichte nicht »machen« und kann nie in sie eingreifen; er
vermag nur, selbst der Ergriffene ihres Wesens, die Zeit vorzube-
reiten, da ihn das Kommendste des Kommenden aus der Ferne
des Nächsten her trifft (er-mittelt in die Mitte). Solange der
Mensch außerhalb dieser Vorbereitung bleibt, taumelt er am
Ende einer langen Sackgasse zwischen verstellten Ausgängen hin
und her. Er hat vergessen, den Weg zurück einzuschlagen, zu-
rück freilich nicht in das Bisherige, sondern in den Anfang, des-
sen Vorherrschaft das abendländische Menschentum alsbald
ausgewichen ist. Der Anfang winkt sich in seinem Einbehaltenen
die fernste Zukunft zu. Die Behütung seines Wesens gibt dem
Denken das Überwiegen seines Fragens in die Ausschau zum
Kommendsten. Der Anfang ist das Geheimnis der Geschichte;
denn der Anfang bringt sich in die jähe Lichtung der Jähe des
Seyns zum Nichts, welches Sichbringen der Wesung des Seyns
selbst gehört.
Ist der »Kommunismus« die metaphysische Verfassung der
Völker im letzten Abschnitt der Vollendung der Neuzeit, dann
liegt darin, daß er bereits im Beginn der Neuzeit sein Wesen,
wenngleich noch verdeckt, in die Macht setzen muß. Politisch
geschieht das in der neuzeitlichen Geschichte des englischen
Staates. Dieser ist – auf das Wesen hin gedacht unter Absehung
von den zeitgemäßen Regierungs- und Gesellschafts- und Glau-
bensformen – dasselbe wie der Staat der vereinigten Sowjetrepu-
bliken, nur mit dem Unterschied, daß dort eine riesenhafte Ver-
stellung in den Schein der Moralität und Völkererziehung alle
Gewaltentfaltung harmlos und selbstverständlich macht, wäh-
rend hier das neuzeitliche »Bewußtsein« rücksichtsloser, wenn-
gleich nicht ohne Berufung auf Völkerbeglückung, sich selbst im
eigenen Machtwesen bloßstellt. Die bürgerlich-christliche Form
209

des englischen »Bolschewismus« ist die gefährlichste. Ohne die


j
Vernichtung dieser bleibt die Neuzeit weiter erhalten.
Die endgültige Vernichtung kann aber nur die Gestalt der
wesenhaften Selbstvernichtung haben, die am stärksten durch die
Übersteigerung des eigenen Scheinwesens in die Rolle des Retters
der Moralität befördert wird. In welchem historischen Zeitpunkt
die Selbstvernichtung des »Kommunismus« einsetzt zu einem
sichtbaren Vorgang und Ende, ist gleichgültig gegenüber der
seynsgeschichtlich schon gefallenen Entscheidung, die jene
unausweichlich macht. Die Selbstvernichtung hat ihre erste Form
darin, daß der »Kommunismus« auf den Ausbruch kriegerischer
Verwicklungen in das Unaufhaltsame ihrer vollständigen
Machtloslassungen hinausdrängt. Der Krieg ist nicht, wie Clau-
sewitz noch denkt, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mit-
teln; wenn »Krieg« den »totalen Krieg« meint, d. h. den aus der
losgebundenen Machenschaft des Seienden her entspringenden
Krieg, dann wird er zur Verwandlung der »Politik« und zum
Offenbarer dessen, daß »Politik« und jeder planmäßige Lebens-
betrieb selbst nur eine ihrer selbst nicht mehr mächtige Vollzie-
herschaft unbeherrschter metaphysischer Entscheidungen gewe-
sen. Solcher Krieg setzt nicht ein schon Vorhandenes fort, son-
dern zwingt es in die Ausführung von Wesensentscheidungen,
deren es selbst nicht Herr ist. Deshalb läßt solcher Krieg nicht
k
mehr »Sieger und Besiegte« zu ; alle werden zu Sklaven der
Geschichte des Seyns, für die sie von Anfang an zu klein befun-
den und daher in den Krieg gezwungen wurden. Der »totale
Krieg« zwingt die »Politik«, je »realer« sie bereits ist, um so
unausweichlicher in die Form einer bloßen Vollstreckerschaft der
Forderungen und Bedrängnisse des seinsverlassenen Seienden,
das sich einzig nur durch Abrichtung und Einrichtung auf unbe-
dingte Planbarkeit rechenhaft die Vormacht der ständigen
Übermachtung der reinen Machtentfaltung sichert. Daß solcher
j
As.: d. h. ihre Vollendung wird verzögert
k
As.: schärfer
210

Krieg nicht mehr »Sieger und Besiegte« kennt, liegt nicht daran,
daß beide gleich stark in Anspruch genommen werden und so
oder so gleich großen Schaden leiden, sondern gründet darin,
daß die Gegner beide und jedesmal innerhalb des wesentlich
Unentschiedenen verbleiben müssen. Das untrügliche Zeichen
dafür ist, daß sie nichts anderes kennen und errechnen als ihre
»Interessen«. Der Krieg selbst läßt nicht zu, daß sie, der eine
oder der andere, diese »Interessen« überhaupt und als solche gar
noch in ihrem möglichen »Ziel«-charakter fragwürdig werden
lassen. Als bewußte Taktik der Entfaltung des metaphysischen
Kommunismus zur Grundverfassung des Seienden ist die Beför-
derung von Weltkriegen erstmals von Lenin erkannt, gefördert
und ausgeübt worden. Sein Jubel über den Ausbruch des Welt-
krieges im Jahre 1914 kennt keine Grenzen. Je neuzeitlicher
solche Weltkriege werden, umso rücksichtsloser fordern sie die
Zusammenfassung aller kriegerischen Gewalten in die Machtha-
berschaft Weniger. Dies bedeutet jedoch, daß überhaupt nichts
mehr, was irgend zum Sein der Völker gehört, davon ausge-
nommen werden könnte, ein Element der kriegerischen Gewalt
zu sein. Und gerade diese von Lenin erstmals als »totale Mobil-
machung« erkannte und auch so genannte Einrichtung des Sei-
enden auf die unbegrenzte Versteifung der Machtentfaltung in
die Maßlosigkeit der meist unauffälligen und alsbald selbstver-
ständlichen Einbeziehung von Jeglichem wird durch die Welt-
kriege verwirklicht. Sie trägt den »Kommunismus« auf die
oberste Stufe seines machenschaftlichen Wesens. Diese höchste
»Höhe« ist die allein geeignete Stätte, um in das von ihm selbst
bereitete Nichts der Seinsverlassenheit hinabzustürzen und das
lange Ende seiner Verendung einzuleiten.
Alle Völker des Abendlandes sind je nach ihrer geschichtlichen
Wesensbestimmung in diesen Vorgang einbezogen. Sie müssen
ihn beschleunigen oder hemmen. Sie mögen an seiner Verhüllung
arbeiten oder an seiner Bloßstellung. Sie können ihn scheinbar
bekämpfen oder versuchen, außerhalb seines grenzenlosen Wir-
kungsfeldes zu bleiben.
211

Inzwischen aber hat eine andere Geschichte des Seyns schon


angefangen; denn wenn das Seiende im Ganzen (hier und jetzt
das der Machenschaft) dem Ende zutreibt, muß ein anderer
Anfang des Seyns sein. Die verborgene Gestalt dieses Anfangs ist
so, daß ihn auch nur die Seltenen und Zukünftigen in einem
unbekannten Wissen denken und dichten. Solches Anfangen
eines Anfangs ist jedoch sein würdigstes und reichstes Ver-
mächtnis des eigenen Wesens an die Geschichte der Gründung
seiner Wahrheit in das erstehende Seiende. Was bedeutet das
Erscheinen des riesenhaften Taumels der machenschaftlichen
Verwüstung und der von ihr ausgelösten »Taten« gegenüber
dem Kommen des letzten Gottes und der ihm zugewiesenen stil-
len Würde der Erwartung? Aber der Gott – wie denn dieser?
Frage das Seyn! Und in dessen Stille, im anfänglichen Wesen des
Wortes, antwortet der Gott. Jegliches Seiende mögt ihr durch-
streifen. Nirgends zeigt sich die Spur des Gottes. Alles Seiende
könnt ihr umordnen, nie trefft ihr auf eine freie Stelle für die
Behausung des Gottes. Über euer Seiendes dürft ihr hinausgehen,
und ihr findet nur die Seiendheit dessen noch einmal, was euch
schon als das Seiende galt. Ihr erklärt nur mit Solchem, was euch
schon für das Klare gelten muß. Aber frage das Seyn!
Wie jedoch wirst du ein Fragender, der das Seyn fragt und
nicht ein Seiendes erforscht? Nur durch die Stimme der Stille, die
dein Wesen zur Inständigkeit im Da-sein anstimmt und den
Gestimmten in das Aufhorchen auf das Kommen erhebt. Denn
allein das Kommen vermag das Wesen der Gottschaft anfänglich
zu erfüllen. Die Götter im Kommen ergründen den Grund der
tiefsten Geschichte und sind die Vorboten des letzten Gottes,
dessen Letztes sein Kommen. Er bringt nichts, es sei denn sich
selbst; aber auch dann nur als den Kommendsten des Kommen-
den. Sich selbst voraus trägt er die Zu-kunft, seinen Zeit-Spiel-
Raum im Seyn, der selbst wartet, daß der Gott, kommend, ihn
erfülle und im Kommen komme. So ist der Gott, das Seyn zu
seiner Not erwählend, der äußerste Gott, der ein Machen und
Vorsehen nicht kennt. Der letzte Gott verteilt keine Tröstungen.
212

Die Trostlosigkeit wächst mit der Sucht, in einem Trost die


Erfüllung und Ausfüllung des »Lebens« zu finden, welche Sucht
sich nährt aus der Meinung, das »Leben« sei, ob als »diesseiti-
ges« oder »jenseitiges« gemeint, die einzige und höchste Form
des Seins, deren der Mensch habhaft werden könnte. Das Rech-
nen auf die Rettung der Seele verzwingt in jenes daseinslose
»Erleben«, dem der letzte Gott so entfernt bleibt, daß er sich von
den Bezirken und Gemächten solchen »Lebens« nicht einmal erst
abkehrt.
Das gefragte Seyn, aus dem der letzte Gott zu seiner Zeit ant-
wortet, stimmt aber in die Zuversicht auf die Verschenkung des
stillsten Bezugs zur Erde einer Welt, die sich, ihr Wesen erstrei-
tend, in die Stätte einer Geschichte der Entgegnung des Men-
schen und des letzten Gottes entbreiten. Die Zuversicht ist nicht
an das Vorhandene gekettet und auf kein Seiendes gebaut. Vom
Seyn wird sie ereignet als die stets anfängliche und nie in eine
Gewöhnung hinabfallende Heiterkeit des langen Mutes zur
Wächterschaft über die Bereitung zum Ereignis. Diese Heiterkeit
ist stark genug, auch noch das Erschrecken vor der Seinsverlas-
senheit des Seienden in das Wesen der Zuversicht aufzunehmen.
In ihrer Langmut errichtet sie die Großmut gegen die unsichtbare
Verwüstung des Wesens des Seyns, die schon alle losbrechende
Zerstörung des Seienden übertroffen hat. Vielleicht ist der
Mensch jedoch für den Schmerz dieser großmütigen Langmut
der Zuversicht zum Seyn noch auf weite Zeiten hinaus nicht reif
geworden. Jene Zuversicht aber verwahrt in sich das Wesen der
Freude. Die Metaphysik und alle ihr botmäßigen Formen des
Kirchenglaubens und der Weltanschauungen gelangen immer
nur, verloren an das Seiende, zum »Vergnügen« an diesem und
durch dieses, wenn es hoch kommt zum »seelischen« und
»geistigen« Vergnügen. Freude ist nicht Vergnügen. Die Freude
hat ihren Ursprung im Anfang der Geschichte des Seyns. Sie setzt
das Ende der Metaphysik und damit der Neuzeit in das Über-
gangene des Übergangs. Die gegenstimmige Großmut und
Langmut der Zuversicht zum Seyn sagen
213

ausgebreiteter Jenes, was im Wort »die Sorge« genannt sein


sollte. Das gewöhnliche »Erleben« und Meinen vernimmt auch
fortan bei diesem Wort nur den Hinweis auf Verdüsterung und
Gram; das bezeugt, wie ausschließlich sie aus dem Gegensatz
denken, den sie als das »Vergnügen« kennen. Und so entspringt
das Unvermögen, das Wesen der »Sorge« zu wissen, aus der
Versteifung auf die selbst schon gemein gewordene Metaphysik
und ihren letzten Triumph: den »Kommunismus« als den von ihr
selbst getriebenen menschlichen Betreiber der Machenschaft.
Deren »Herrschaft« ist das Ende des ersten Anfangs der
Geschichte des Seyns. Der jähe Abbruch zu diesem Ende ist der
andere Anfang dieser Geschichte. Im ersten Anfang west das
Seyn als Aufgang (fÚsij); im anderen Anfang west das Seyn als
Ereignis. Aufgang, Machenschaft, Ereignis sind die Geschichte
des Seyns, indem sie das Wesen der Geschichte aus der erstan-
fänglichen Verborgenheit über die Verkehrung zur Historie in
Jenes befreien, was Zukünftige als die Gründung der Lichtung
des Austrags voraus- und auf die Wahrheit des Seyns zudenken.
Die Geschichte des Seyns wirft die Würfel und läßt zuweilen
den Schein zu, die Menschenmache bestimme, wie sie dann fal-
len. Sie fallen aber je nach dem Gefälle, in das sich das Seyn zum
Seienden ereignet. Das Gefälle wissen nur die Steigenden. Ihr
Steigen ist der Einstieg in die Bereitschaft, über die Nähe des
Seyns zu wachen, aus dessen Abgrund das Seiende herausfällt,
um als ereignetes Eigentum erst zurückzukommen. Das Seyn als
Ereignis entscheidet nicht nur über die Zeit, da es sich in diese
Wesung lichtet. Das Seyn als Ereignis trägt auch in seinem Ab-
grund und als dieser ein gewandeltes Wesen des ursprünglich
einigen Zeit-Spiel-Raurnes, darin die Geschichte ihre Zukunft
aufnimmt.
Bis der künftige Mensch des Abendlandes in die einfachen Ent-
scheidungen hinausfindet und die abgründige Ferne des Nahen
verehren und wissen lernt, müssen lange Besinnungen die zähe
Wirrnis entwirren und den Mut zur Besinnung als Freude des
Da-seins erwecken. Die jedermann eingängigen [?] über
214

Nacht ausgeheckten »Wahrheiten« werden dann als leerer Lärm


nur noch überhört. Sie bedürfen keiner Widerlegung. Diese
würde selbst nur zum Lärm und Gemächte. Wahrheit aber west
in der Stille des Seyns. Diese Stille ist die Nähe des letzten
Gottes.
ANHANG
[page left blank]
217

BEILAGEN ZU: DIE GESCHICHTE DES SEYNS (1938/40)

Zu V. TÕ KoinÒn

amor fati – Stehen vor dem Seienden – es übernehmend – weil es


und wie es ist.
a≥dèj – die Scheu der Eingewiesenheit in die Er-eignung des
Seyns.
Das Seyn – nicht die Stimmung – sondern das Stimmende das
Seyn, übertrachtend das Nichts.

Warum das Seyn?


Eigentum – Armut – das Seyn.
In den Zeitgang der Geschichte des Seyns entrücken – diese
Entrückung in sich die erste Wesenswandlung zu Da-sein.

Machenschaft

Das Gewaltsame und Rohe, das Hinterlistige und Unverläßliche


gehört zum Wesen des Bösartigen. Aber das »Böse«, selbst wenn
es nicht »moralisch« genommen und als Abwertung gebraucht
wird, um den Abscheu hervorzurufen, trifft als metaphysische
Kennzeichnung nur den Anschein der Machenschaft, auf den
noch das machenschaftliche Selbstbewußtsein stoßen kann, ohne
ihr Wesen inbegrifflich zu wissen. Das Bösartige der Machen-
schaft erfahren, heißt: immer noch im Umkreis ihrer vermeint-
lichen Ungefährlichkeit sich vertrösten und der nackten Furcht-
barkeit ihres Wesens ausweichen.

1. Warum ist das Seiende als solches das Seiende im Ganzen?


218

2. Wie wird dieses im Ganzen bei der Seiendheit als Machen-


schaft zur »Totalität«?
3. Inwiefern ist die »Totalisierung« nur ein Nachtrag, der keine
entscheidende Auslegung der Seiendheit mehr enthält?

Zu VI. Der Austrag. Das Wesen, der Macht Das Notwendige

Das Wesen der Macht

Inwiefern zu ihr die ständige Erwirkung eines stets Neuen


gehört. (Errungenschaften, Eroberung, Erfolg, Er-lebnis.)
Das Nicht halten können bei einem Erreichten, weil dies
Unterbindung der Übermächtigung.
Das »Neue« – als das Zu erwirkende.
Das Neue aber auch als das, was jeweils das Machtwesen ver-
schleiert – nämlich seine Ziel-losigkeit.
Diese ist am besten getarnt durch Fortschritte, die immer
wieder die Neugier reizen und festhalten und betäuben.

Die machtende Macht nicht etwas überhaupt, sondern eine als


in der Geschichte des Seins. Sein als Machenschaft. Die absolute
losgelassene Subjektivität als Objektivität. Schärfer herauszu-
stellen!

Die Größe der Macht (ihre Endlosigkeit) entspricht erst der


anfänglichen Nichtigkeit ihres Wesens.
219

Zu VII. Das Wesen der Geschichte. »Anfang«. »Seyn«

Geschichte – was sie als austragsame Gründung und Untergang


der Wahrheit des Seyns in ihr Wesen einschließt. –
Denken – Dichten – Fragen – Hören.
Verwahren – übereignen,
All dieses schon austragsames Übereignen in das Eigentum.
Dieses aber? Umwillen des Seyns – und dieses?
Geschichtlich – was zum Wesen der Geschichte gehört und es
notwendig (mit) vollbringt.
Nicht erst, was »Geschichte« hat.
Geschichte und Geschichte.
Nicht Zank und Jagd nach Lebensraum für »Interessen« eines
fragwürdigen auslebenwollenden »Lebens«.
Sondern Kampf um einen Vorbeigang des Gottes als Entzün-
dung aller einfachsten menschlichen Vermögen.
Gottfähigkeit der Wesung des Menschen als Grund der
Geschichtlichkeit.
Da-sein »ist« die Geschichte, »ist« die Er-eignung.

Ende – (kein bloßes Aufhören) da, wo ein schon anfangender


Anfang unzugänglich bleibt und stattdessen die Verstoßung in
die eitle Anmaßlichkeit eines »Neuen« aufkommt, das nur noch
der riesige Aufputz des Gewöhnlichsten und Gemeinsten werden
kann.
Das völlige Ende – wo auch kein Anfang mehr – dort, wo der
Untergang vorenthalten und alles Entscheidungshafte bezüglich
der Wahrheit des Seins unmöglich geworden.

Geschichte – Einzigkeit des Wesens in seinem Höchsten die


Armut des Einfachen.
220

Nicht der Zusammenhang des Vergangenen und seiner histori-


schen Behaltung.
Der Reichtum des Vielerlei.
Da-sein – Widerklang der Stimme des Ereignisses als Instän-
digkeit der Stille.
Durch die Überwindung der Metaphysik fällt auch der durch
sie geschaffene historische Blick auf die Geschichte der Philo-
sophie – Historia.

Die wesenhafte Hartnäckigkeit der Metaphysik

Das alltägliche Meinen nennt Hegel das abstrakte Denken. Er


setzt es der Philosophie entgegen. So aber zeigt er nur wider
Wissen, daß dieses Meinen nicht nur metaphysischer Herkunft
ist, auf der Metaphysik gegründet, sondern diese in ihrer Hart-
näckigkeit vertritt – dergestalt, daß dieses Meinen wie von selbst
im Besitz von allem ist (dem Wesenhaft-Wesentlichen) was erst
für das Denken des Seyns eine Zu-eignung sein muß.
Warum aber dieses? Warum nicht die ungestörte Gleichgültig-
keit des alltäglich Öffentlichen?

Das Wesen zur Gottfähigkeit – des Daseins als Grund der


»Geschichtlichkeit«.
Übernahme der Geschichte.
221

Zu X. Das Eigentum

Er-eignis und Eigentum

wie das Er-eignis ab-gründig in sich zurückgeht und dem Eigen-


tum alle Milde der Schenkung und jede Härte des Kampfes ver-
borgen überläßt.

Wie der Gott?


Bedürfend des Seyns.
Rückweisend dieses hinweg-nimmt und dadurch es zum Wesen
als Inzwischen kommen läßt.
Dieses ereignet das Schweigen seiner Stille.

Der Mensch und die Lautung.


Diese zur Erschweigung –
aus ursprünglicher Schweigsamkeit.

Eigentum.
Das aus dem Seyn be-stimmte Sein des Seienden und zwar des
nichtmenschlichen.
Die Aus-nahme des Menschen als Inständigung des Da-seins.
Das Sein zum Seienden nicht mehr Seiendheit, sondern aus Er-
eignung wesenhaft geschichtlich.
Die Götter und das Seyn?

Welt – in Einsamkeiten verteilt einmalig.


222

Erde - zurücknehmend in wahrendere Verschließung verborgen


wiederkehrend.

Zu XI. Das Gefüge des Sagens

Wahrheit des Seyns ist die Lichtung des Sichverbergens.


In ihm west Verweigerung, die sich lichtende Verweigerung ist
der Wink des Seyns. Winkend sammelt sich dieses in die Ver-
schenkung seiner selbst als des Einzigen.
Keine Entsprechung zum Seienden vermag es zur Sprache zu
bringen. Sage das Seyn.

Zu XIII. Das seynsgeschichtliche Denken

Das Ferne - von Anfang zu Anfang.


Wie das »Sehen« - qewr∂a - durch Anwesung bestimmt worden,
so fordert jetzt das Seyn als Ereignis das Wort und das Hören.
Aber zugleich ist nicht mehr Metaphysik und das ≥de√n als noe√n
und dieses als ratio - sondern wesende Wahrheit des Seyns als
Inzwischen allem Seienden.
Das »Hören« - nicht als anderer »Sinn«, sondern zufolge der
Er-eignung das erwartende Finden des Kommens - d. h. der
Geschichte.
223

II. BEILAGEN ZU: KOINON (1939)

Macht und Rasse

»Rasse« ist ein Machtbegriff - setzt Subjektivität voraus, vgl. zu


1
Ernst Jünger . Das will sagen: nur wo das Sein des Seienden
wenngleich verhüllt und unbegriffen als Macht west, kommt der
»Rassen«-gedanke zur Geltung. Er wird als ein Bestandstück der
Selbstbehauptung dem Bewußtsein eines Volkes eingeschärft und
zwar im Zusammenhang einer Betonung des »biologischen«
Vorstellens überhaupt, zumal dann, wenn das »Leben« bereits
als »Kampf um das Dasein« vorbestimmt ist. (Vgl. die hohe
Einschätzung Darwins im heutigen russischen Kommunisrnus).
Umgekehrt, wo das Vorstellen nach Rassen und das Rechnen
mit rassischen Kräften aufkommt, muß dies als Zeichen dafür
gelten, daß das reine Machtwesen des Seins durch dieses selbst in
die Seinsverlassenheit des Seienden losgelassen ist. Dies kenn-
zeichnet aber das Zeitalter der Vollendung der Metaphysik. Die
Rassenpflege ist eine notwendige Maßnahme, zu der das Ende
der Neuzeit drängt. Ihr entspricht die schon im Wesen der »Kul-
tur« vorgezeichnete Einspannung dieser in eine »Kulturpolitik«,
die selbst nur Mittel der Machtermächtigung bleibt.

Die vollendete Sinnlosigkeit: Seinsverlassenheit.


KoinÒn als die seinsverlassene Verfassung des Seienden.
Aber hier doch Sein! ja und wie sogar!
Werte - Machtlosigkeit - Machbarkeit - Mache: Macht.
Jedoch nicht als Sein begriffen und begründet – sondern Voll-
streckung ihres Wesens ins Unbedingte.
1
Vgl. Zu Ernst Jünger »Der Arbeiter«. Gesamtausgabe Band 90.
224

Vollstreckung nicht nur »Vorfinden« - sondern erst zum


Machten der Macht bringen.
Dieses das KoinÒn.
Wie aber historisch.
225

NACHWORT DES HERAUSGEBERS

Die beiden Abhandlungen »Die Geschichte des Seyns« (1938/


40) und »KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns« (1939/40) er-
scheinen hier zum erstenmal aus dem Nachlaß als Band 69 der
Gesamtausgabe.
Die Handschrift der Abhandlung »Die Geschichte des Seyns«
besteht aus zwei großen Teilen. Am Beginn des ersten großen
Manuskriptteils findet sich die Überschrift »Die Geschichte des
Seyns - I«, am Beginn des zweiten »Die Geschichte des Seyns. I.
Fortsetzung = II«. Diese beiden Teile sind in 13 untergeordnete
Teile und 178 Abschnitte gegliedert. Da weder von Heidegger
selbst noch von seinem Bruder Fritz ein Inhaltsverzeichnis vor-
liegt, stammt die Zählung in römischen Ziffern für die überge-
ordneten Überschriften und in arabischen Ziffern für die unter-
geordneten Abschnitte vom Herausgeber. Diese Gliederungs-
weise bietet sich nicht nur formal an, sondern ist auch aus einer
inhaltlichen Nähe der Abhandlung zu den »Beiträgen zur Philo-
sophie (Vom Ereignis)«, die bereits jene Weise der Textgliede-
rung aufweisen, gerechtfertigt.
Die Handschrift des ersten Teils der Abhandlung »Die
Geschichte des Seyns« besteht aus 288 durchgezählten Blättern
im Format DIN A 5, oder, selten, in einem kleineren. Die Blätter
224 bis 288 sind Notizen, die Heidegger wahrscheinlich als Vor-
arbeiten für die eigentliche Abhandlung der Handschrift ange-
fügt hat. Einige dieser Notizen sind in den Anhang übernommen
worden. Das Manuskript des zweiten Teils dieser Abhandlung
besteht aus 95 durchnumerierten Blättern, die im Format den
Blättern des ersten Teils entsprechen. Die durchgehende Zählung
befindet sich in beiden Manuskriptteilen links oder rechts unten
auf jeder Seite. Rechts oben hat Heidegger eine mit Ziffern und
Buchstaben angegebene interne Zählung der Abschnitte notiert.
Die Handschrift der kleinen Abhandlung »KoinÒn. Aus der
Geschichte des Seyns«, geschrieben im Jahre 1939/40, besteht
226

aus 23 links oben durchgezählten Blättern. Offenbar hat Hei-


degger den Anfang dieser Abhandlung maßgeblich verändert, da
auf dem links oben mit 3 gezähltem Blatt, auf dem die Hälfte des
Geschriebenen durchgestrichen ist, oben rechts die Zahl 9 er-
scheint.
Der »Entwurf zu KoinÒn. Zur Geschichte des Seyns«, der
keineswegs als eine nur wenig abweichende Vorarbeit zum ersten
Text, sondern als eine eher eigenständige Abhandlung aufgefaßt
werden muß, besteht aus 10 maschinell- und 2 handschriftlichen,
nicht numerierten Blättern, die starke Um- und Einarbeitungen
des Denkers aufzeigen. Von dem maschinenschriftlichen Text
existiert keine Handschrift.
Die Abschrift des ersten Teils der Abhandlung »Die Geschichte
des Seyns«, die wie die des zweiten Teils von Fritz Heidegger
stammt, ist auf 87 rechts oben durchgezählten Blättern ausge-
führt. Eine besondere Zählung zeigen die Blätter 52a bis 52w.
Bei Blatt 48 sind 6 handschriftliche Blätter eingefügt. Die Ab-
schrift des zweiten Teils besteht aus 37 rechts oben durchgezähl-
ten Blättern.
Die zweite hier herausgegebene Abhandlung »KoinÒn. Aus der
Geschichte des Seyns« ist von Fritz Heidegger auf 18 Blättern
abgeschrieben. Vom zweiten Blatt an erscheinen oben rechts
zwei fortlaufende Ziffern, da eine maschinenschriftliche Seite
mehr als nur ein Blatt der Handschrift wiedergibt. Die Blätter
weisen einige Randbemerkungen Heideggers auf. Der Abschrift
ist eine handschriftliche »Beilage zu KoinÒn «, die im Anhang
erscheint, hinzugefügt.
Der Herausgeber hat alle noch nicht übertragenen Manuskript-
teile der Haupttexte transkribiert. Von den Notizen, die Heideg-
ger als Vorarbeiten für »Die Geschichte des Seyns« dienten,
wurden nur jene übertragen, die in den Anhang aufgenommen
worden sind. Die handschriftlichen Ergänzungen in Hand- und
Abschrift, die Heidegger durch Einfügungszeichen kenntlich
gemacht hat, wurden in den laufenden Text eingetragen. Nicht
einfügbare Randbemerkungen erscheinen als Fußnoten.
227

Dabei werden zwei Arten von Fußnoten unterschieden. Arabi-


sche Ziffern dienen zur Angabe von textinternen und -externen
Verweisen. Kleinbuchstaben kennzeichnen Randbemerkungen in
Hand- und Abschrift. Um anzuzeigen, wo sich die jeweilige
Randbemerkung befindet, werden die Abkürzungen Hs. für
Hand- und As. für Abschrift verwendet.
Diejenigen Bände der Gesamtausgabe, die auf der Grundlage
des Verlagsprospekts vom März 1997 in den Fußnoten erstmals
bibliographisch aufgeführt werden und keine Angabe zum
Erscheinungsjahr aufweisen, sind noch nicht erschienen.
Die maschinenschriftlichen Abschriften wurden mit den Hand-
schriften wiederholt kollationiert. Wenige Abschnitte, denen
Heidegger keine Überschrift gegeben hat, hat der Herausgeber
mit einer Überschrift versehen. Es handelt sich dabei um die
Abschnitte 16, 51, 92, 138, 151, 152, 155 und 157. Gelegent-
liche Verlesungen des Bruders, die Heidegger bei seinem Ver-
gleich der Abschrift mit dem Manuskript übersehen hat, sind
berichtigt worden. Eindeutige Verschreibungen sind stillschwei-
gend verbessert worden. Abkürzungen wurden nach Möglichkeit
aufgelöst. Die Zeichensetzung wurde überprüft und wo nötig
ergänzt oder korrigiert. Unterstreichungen, die in der Abschrift
des Bruders durch Sperrung der Worte wiedergegeben werden,
erscheinen im Druck kursiviert, wie es für die Bände der
Gesamtausgabe die Regel ist.

Die beiden Abhandlungen »Die Geschichte des Seyns«


(1938/40) und »KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns«
(1939/40) stehen, wie auch die aus der selben Zeit stammende
Abhandlung »Die Überwindung der Metaphysik« (1938/39), in
einem sachlichen Bezug zu den »Beiträgen zur Philosophie (Vom
Ereignis)«, die wiederum einen Zusammenhang mit anderen
großen seynsgeschichtlich entfalteten Abhandlungen aus jener
Zeit wie der »Besinnung« (1938/39) bilden.
228

»Die Geschichte des Seyns« erfährt und denkt, wie die »Bei-
träge zur Philosophie«, die »Wahrheit des Seyns« als »Ereignis«.
Im seynsgeschichtlichen Blick auf das »Ereignis« ist zugleich die
Frage nach der »Überwindung der Metaphysik« mitgegeben.
Diese Überwindung, in der die gemäße Sprache für das seynsge-
schichtliche Denken erst gefunden werden muß, macht eine Aus-
einandersetzung mit den geschichtlichen Phänomenen der sich in
der »Macht« der »Machenschaft« vollendenden Neuzeit not-
wendig. Inwiefern für eine solche Auseinandersetzung die »Bei-
träge zur Philosophie«, allerdings wiederum erst als »Vorarbeit«,
verbindlich bleiben, zeigt ein Blatt, auf dem Heidegger den Plan
einer »Folge der Veröffentlichungen (in knappen Abhand-
lungen)« notiert. Für die Abhandlung »Die Geschichte des
Seyns« wie für die Sache selbst sei der »Entwurf der Beiträge als
innerstes Gefüge« festzuhalten.
In der Abhandlung »KoinÒn. Aus der Geschichte des Seyns«
setzt sich das Vorhaben, die geschichtliche Wirklichkeit der
metaphysisch verfaßten Neuzeit seynsgeschichtlich zu deuten, ins
Werk. Der im September des Jahres 1939 begonnene Krieg, den
Heidegger als seynsgeschichtliches Phänomen denkt, hinterläßt
seine Spur. Die Mitte der Abhandlung jedoch ist das Verhältnis
von »Machenschaft« und »Macht«, das in der Gestalt des
»Kommunismus« zu seiner Vollendung gelangt. »Kommunis-
mus« darf hier aber keineswegs als der Titel der Ideologie ver-
standen werden, sondern ist der Begriff für eine Fügung des Sei-
enden im Ganzen, die am Ende der Geschichte der Metaphysik
in Erscheinung tritt. Der »Entwurf zu KoinÒn. Zur Geschichte
des Seyns« erörtert im Grunde dieselben Fragen wie die erste
Abhandlung, nimmt jedoch im Einzelnen andere Momente des
Besprochenen in den Blick. Anders aber als »KoinÒn « schließt
der »Entwurf« mit Worten von dem »Kommen des letzten
Gottes«.

*
229

Ich danke dem Nachlaßverwalter, Herrn Dr. Hermann Heideg-


ger, für das Vertrauen, das mir durch die Übertragung dieses
Bandes bezeugt ist, sowie für die Überprüfung der von mir ent-
zifferten handschriftlichen Textteile. Ich danke Herrn Prof. Dr.
Friedrich-Wilhelm von Herrmann, der mir in allen Editions-
fragen wahrhaft hilfreich beistand. Ich bedanke mich bei Herrn
Prof. Dr. Heinrich Hüni, mit dem ich insbesondere Entziffe-
rungsfragen, aber auch und wiederholt lesend die für die Edi-
tionsarbeit nicht äußerliche Sache selbst besprach. Dank gebührt
auch Herrn Dr. Hartmut Tietjen für sorgfältige Entzifferungs-
hilfe. Schließlich danke ich Herrn cand. phil. Frank Schlegel und
Frau Anne Untermann für die Arbeit des Kollationierens und
Korrigierens.

Wuppertal, Herbst 1997


Peter Trawny