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Vorlesung 3. Was weiß man über den Spracherwerb?

Spracherwerbshypothesen und –
kontexte.

Ziel dieser Vorlesung ist, dass Sie:


 verschiedene Spracherwerbskontexte voneinander unterscheiden können;
 Spracherwerbshypothesen kennenlernen und wissen, welche Konsequenzen sie für die
Unterrichtsgestaltung haben können;
 wissen, warum es im Spracherwerbsprozess zu Fehlern kommt, und Sie die Fehler der
Lernenden analysieren und Vermutungen über ihre Ursachen anstellen können;
 wissen, inwiefern sich das Lernen einer ersten Fremdsprache vom Lernen aller weiteren
Fremdsprachen unterscheidet.

Die folgende Abbildung zeigt Ihnen im Überblick, was Sie über die verschiedenen Arten
erfahren haben, wie Lernen funktioniert.

beiläufig /
durch unbewusst von- und
Nachahmung miteinander

lernen durch Herstellen


durch
Wahrnehmen von
und Erkennen Zusammenhängen
durch
Ausprobieren /
Recherchieren /
Produzieren
Man unterscheidet verschiedene Formen des Spracherwerbs. Zunächst wollen wir uns mit
der Frage beschäftigen, in welchen Situationen oder Kontexten Menschen Deutsch lernen.
Aufgabe 8. Wie haben Sie selbst Deutsch gelernt? Lesen Sie bitte die Fragen und
lassen Sie sich zu einem kurzen Text über Ihr Sprachenlernen inspirieren.
- Wann haben Sie begonnen, Deutsch zu lernen?
- Geschah dies innerhalb oder außerhalb eines deutschsprachigen Landes?
- Haben Sie Deutsch eher im Unterricht oder im Kontakt zu Deutsch sprechenden
Personen gelernt?
- Wozu lernen Sie Deutsch?
Spracherwerbskontexte. Wenn Sie sich eventuell mit Kolleginnen und Kollegen zu
Aufgabe 8 ausgetauscht haben, haben Sie vielleicht festgestellt, dass Sie alle Deutsch auf
unterschiedliche Art und Weise gelernt haben. Wir unterscheiden also, in welchem Kontext
Sprachen gelernt werden. Die erste Sprache wird normalerweise von Geburt an in einer
natürlichen Umgebung durch Interaktion erworben und deshalb häufig als Muttersprache
bezeichnet. Der Terminus Muttersprache ist jedoch missverständlich, da an der
Spracherwerbssituation des Kindes auch andere Personen als die Mutter beteiligt sind. Aus
diesem Grund verwenden wir im Folgenden den Begriff Erstsprache. Er ist neutraler, da er nur
aussagt, dass es sich um die erste Sprache handelt, die sich ein Mensch aneignet. Außerdem
beinhaltet die Bezeichnung, dass darüber hinaus auch eine Reihe weiterer Sprachen erlernt
werden können.
Menschen können monolingual, billingual oder multilingual aufwachsen. Wenn in den
ersten Lebensjahren gleichzeitig zwei Sprachen erworben werden, sprechen wir von
Bilingualität oder Zweisprachigkeit. Dabei wird zwischen Kindern unterschieden, die von
Geburt an mit zwei Sprachen aufwachsen – z.B. weil die Eltern jeweils eine andere Sprache
dem Kind gegenüber verwenden. Diese Erwerbssituation wird als simultan bilingual
bezeichnet, da beide Sprachen gleichzeitig erworben werden. Dies ist jedoch nur der Fall, wenn
mit dem Kind ausreichend in beiden Sprachen gesprochen wird.
Sukzessive Zweisprachigkeit tritt ein, wenn ein Kind innerhalb der ersten drei
Lebensjahre nur eine Sprache erwirbt, ab dem Alter von drei Jahren jedoch eine weitere lernt.
Dies kann z.B. der Fall sein, wenn sich die Erstsprache der Familie von der Sprache im
Kindergarten unterscheidet. Der Erwerbsprozess verändert sich mit zunehmendem Alter,
worauf wir später näher eingehen wollen.
Da die allgemeinen Lerntheorien zwar die Grundlage des Lernens erklären, aber wenig
über das Fremdsprachenlernen aussagen, beschäftigen wir uns hier auch mit den
Spracherwerbshypothesen. Diese beschreiben, wie sich der Erwerb der Erst-, Zweit- und
Fremdsprachen vollzieht. Daraus lassen sich Konsequenzen für die Gestaltung von
Lernprozessen ableiten.
Spracherwerbsprozesse, die die Lernenden durchlaufen, erschließen sich uns erst, wenn
die Lernenden Sprache produzieren. Dabei unterlaufen ihnen häufig auch Fehler.
Sicherlich haben Sie sich schon mehrfach darüber gemacht, was Fehler genau sind.
Aufgabe 10. Was ist für Sie ein Fehler?
Fehler
zeigen, dass etwas noch nicht gelernt wurde.
zeigen, dass etwas falsch gelernt wurde.
zeigen, dass Lernende sich keine Mühe geben.
zeigen, dass Lernende unsicher beim Sprachgebrauch sind.
kommen nur beim Produzieren vor, beeinträchtigen aber nicht das Verständnis.
beeinträchtigen auch das Verständnis.
zeigen einen Lernfortschritt.
zeigen, was die Lernenden bereits gelernt haben.
Fehler: Indizien für den Spracherwerb. Sie wissen sicher, dass Fehler unvermeidbar
sind. Durch Aufgabe 10 ist Ihnen vielleicht auch deutlich geworden, dass Fehler sehr
aufschlussreich sind, denn wir können anhand von Fehlern erklären, wie der Sprachlernprozess
der Lernenden verläuft.
Zunächst bemerken wir, dass die Lernenden Deutsch lernen, weil sie neue sprachliche
Strukturen oder Wörter verstehen oder verwenden. Nun passiert es aber auch hin und wieder,
dass die Lernenden auf Deutsch etwas sagen, was sie nicht gehört oder gelesen haben können.
Hier haben sie Gelerntes vielleicht auf Neues übertragen, und wir freuen uns darüber.
Manchmal sind Äußerungen von Lernenden aber auch auf den ersten Blick inkorrekt. Wenn
man dann den Fehler genauer analysiert, wird man vielleicht feststellen, dass die Lernenden
zwar eine Form gelernt haben, aber die Form auf das falsche Wort anwenden. Fehler können
den Lehrkräften daher wichtige Hinweise geben, was Lernende schon gut können, sodass die
Lehrkraft die Leistungen und den aktuellen Sprachstand der Lernenden bei der
Unterrichtsplanung angemessen berücksichtigen können. Das bedeutet natürlich nicht, dass
Fehler im Mittelpunkt des Unterrichts stehen sollten. Vielmehr gehen wir davon aus, dass das
Können und die Leistungen der Lernenden bei der Unterrichtsgestaltung am wichtigsten sind.
Fehler sind ganz natürliche Begleiterscheinungen im Lernprozess und können oft mit
Spracherwerbshypothesen erklärt werden. Sehen Sie sich dazu das Beispiel in Aufgabe 11 an.
Aufgabe 11. Analysieren Sie die folgende Äußerung einer Lernenden.
Er kommte zu spät in den Unterricht.
a) Was ist falsch? _________________________________________________________
b) Wie ist dieser Fehler vermutlich entstanden?
__________________________________
________________________________________________________________________

Natürlich wissen Sie, dass „kommen“ ein starkes und unregelmäßiges Verb ist und in der
Vergangenheitsform Präteritum einen Vokalwechsel zu „kam“ vollzieht. Im obigen Beispiel ist
also die flektierte Verbform falsch, aber zugleich müssen wir erkennen, dass sie eigentlich doch
nicht so falsch ist. Warum? Die Lernende hat –te als Endung an den Stamm komm- gehängt und
zeigt damit, dass sie diese Endung für Präteritumformen gelernt hat. Insofern hat sie ihre Sache
gut gemacht. Dass sie diese Endung an ein starkes Verb gehängt hat, zeigt, dass sie die Regel
übergeneralisiert hat und auch für Verben verwendet, für die diese Regel nicht gilt. Insofern hat
sie etwas falsch gemacht. Aus der Perspektive der Spracherwerbsforschung würde man diesen
Fehler als nicht so gravierend einstufen, weil er immerhin zeigt, dass die Lernerin eine Regel
anwenden kann. Diese Art von Übergeneralisierung bilden übrigens auch Kinder, die Deutsch
als Erstsprache erwerben. Dazu wollen wir uns zwei Äußerungen des dreijährigen Uli genauer
ansehen. Fehlerhafte Äußerungen kennzeichnen wir – auch im Folgenden – mit einem *.
Aufgabe 12. Erklären Sie die Äußerungen von Kindern in deren Erstsprache: Wie
kamm es vermutlich zu diesen Fehlern?
1. Jule (der Hund) hat mich *angewaut.
________________________________________
2. Uli baut *Hause.
________________________________________________________

Angeborene Spracherwerbsfähigkeit. Uli zeigt mit beiden Äußerungen, dass er


bestimmte Regeln erkennen und auf Fälle anwenden kann, die er in dieser Form sicher noch
nicht gehört haben kann. Wir werten dies als einen Hinweis auf eine angeborene
Spracherwerbsfähigkeit, die wir offenbar später im Leben für Fremdsprachen aktivieren
können. In Satz 1 hat der Junge ganz korrekt aus dem lautmalerischen Wort wauwau ein Verb
gebildet und dazu auch die richtige Perfektform. Er weiß aber noch nicht, dass man aus
wauwau eigentlich kein Verb machen kann. Trotzdem verstehen alle gut, was er sagen will.
In Satz 2 beschreibt Uli, was er mit seinen Bauklötzen gemacht hat, und möchte hier
vermitteln, dass er mehrere Häuser gebaut hat. Dabei zeigt er, dass er –e als ein Pluralmorphem
kennt, allerdings hängt er es an ein Substantiv an, für das bei der Pluralbildung andere Regeln
gelten. Diese Übertragungsfehler können aber als Beweis dafür dienen, dass Kinder über einen
angeborenen Spracherwerbsmechanismus verfügen, der es ihnen ermöglicht, selbstständig
Pluralformen zu bilden.
Nativismus. Nativistische Ansätze sagen, dass Menschen eine angeborene Fähigkeit
haben, Sprache zu erwerben. Für sie ist Spracherwerb ein Prozess, in dem sich angeborene
Fähigkeiten entfalten. Der Ansatzpunkt für nativistische Theorien stellt das sogenannte logische
Problem des Erstsprachenerwerbs dar, denn man hat Folgendes festgestellt:
 Das sprachliche Umfeld der Kinder ist „ärmer“ als ihre Produktionen es sind.
Kinder produzieren also sprachliche Formen, die sie nie gehört haben.
 Sprache im Umfeld des Kindes wird zum Teil fehlerhaft produziert. Dennoch sind
Kinder nicht irritiert.
 Auch ohne negatives Feedback durch die Eltern oder andere Personen im Umfeld
entwickeln Kinder korrekte Sprache. In frühen Erwerbsstadien nehmen sie
Verbesserungen nicht an. Sie sind resistent gegen Fremdkorrekturen.
 Kindersprache weist sprachliche Formen auf, die nicht zielsprachlich sind. Diese
Formen sind z.T. systematisch.
Aus diesen Überlegungen ist die Identitätshypothese entstanden, die auch den
Fremdsprachenerwerb auf der Basis der angeborenen Fähigkeiten zu erklären versucht.
Die Identitätshypothese geht davon aus, dass die zu lernende Sprache eine Art
Spracherwerbsmechanismus auslöst, wie er auch beim Erstspracherwerb wirkt. Als Begründung
wird die generelle Sprachfähigkeit von Menschen angeführt: Kinder erwerben die Sprache ihrer
Umgebung, weil Spracherwerb auf der Basis von Umweltreizen biologisch in ihnen angelegt
ist. Dieser Mechanismus wird auf das Lernen jeder weiteren Sprache übertragen. In der
Sichtweise der Identitätshypothese gleicht das Lernen einer jeden weiteren Sprache dem der
Erstsprache. Mit zunehmendem Alter verändern sich jedoch physische und kognitive
Gegebenheiten, z.B. das Verständnis davon, wie Sprache funktioniert, sodass weitere Sprachen
anders gelernt oder erworben werden als die erste. Außerdem wird Sprache in erster Linie als
Mittel der Kommunikation genutzt. Wenn Menschen ihr Kommunikationsbedürfnis in der
Erstsprache befriedigen können, lernen sie eine zweite Sprache unweigerlich mit einer anderen
Motivation.
Da Fehler beim Lernen einer Fremdsprache ebenso unvermeidlich sind, wie beim Lernen
der Erstsprache im Kindesalter, sollten Lehrkräfte Fehler grundsätzlich akzeptieren.
Fremdsprachenlernende machen auch ganz ähnliche Fehler wie Kinder in ihrem
Erstspracherwerb. Erst nach und nach bilden sich zielsprachige Strukturen heraus.