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Die Entstehung der Charakterstruktur nach Reich

Der Charakter besteht in einer chronischen Veränderung des Ichs, die man als
Verhärtung beschreiben möchte. ... Der Grad der charakterlichen Beweglichkeit, die
Fähigkeit, sich einer Situation entsprechend der Außenwelt zu öffnen oder gegen sie
abzuschließen, macht den Unterschied zwischen realitätstüchtiger und neurotischer
Charakterstruktur aus. (Wilhelm Reich: Charakteranalyse) Die Struktur der
charakterlichen Panzerung beruht auf der Versagung libidinöser, d.h. sexueller
Bedürfnisse in der Kindheit, davon abhängig, in welcher Entwicklungsphase die
Triebbefriedigung blockiert wird.Wird z.B. ein Baby in der Befriedigung oraler
Lustbedürfnisse - dem Kontakt mit der Mutterbrust - behindert oder wird ein
dreijähriges Kind, anstatt Lust an der Ausscheidung empfinden zu dürfen,
gezwungen, Ekel und Abscheu zu entwickeln, werden bestimmte charakterliche
Weichen gestellt. Besiegelt wird die Charakterbildung jedoch durch die Form der
Überwindung des Ödipuskomplexes. Das Kind entwickelt genitale Bedürfnisse
gegenüber einem Elternteil, diese werden zurückgewiesen und das Kind wendet die
Kraft der sexuellen Strebungen gegen die eigene Person. Welcher Art und wie stark
der neurotische Aspekt des Charakters ist, hängt also von Zeitpunkt der
Triebversagungen ab, deren Intensität und Häufigkeit, sowie von der versagenden
Person selber Wilhelm Reich stellt dem neurotischen den genitalen Charakter
gegenüber. Während der neurotische Charakter nicht mehr in der Lage ist, direkte
Triebbefriedigung zu erleben, ist der genitale Charakter nie zu weit blockiert worden,
so daß er befriedigende sexuelle und soziale Kontakte eingehen kann.
Normalerweise mischen sich kranke und gesunde Elemente der Charakterstruktur,
es gibt also keine rein neurotischen oder rein genitalen Charaktere. Ziel aller
psychiatrischen Methoden Reichs ist die möglichst umfassende Sicherung gesunder,
d.h. genitaler Charakterelemente.

Charakterstrukturen nach Lowen

Die Bioenergetische Analyse beruht auf einzelnen Bestandteilen der Psychoanalyse,


der Charakteranalyse von Wilhelm Reich (1933) sowie auf Lowens eigenen
Beobachtungen und Weiterentwicklungen. Reich geht in seiner „Charakteranalyse“
bei der Differenzierung von Charaktertypen (der Begriff „Charakter“ ist heute
weitgehend identisch mit dem Begriff der Persönlichkeit) von der Voraussetzung aus,
dass der Charakter seiner Grundfunktion nach in jeder Form Panzerungen gegen die
Reize der Außenwelt und die inneren verdrängten Triebe darstellt. Die äußere Form
aber, in der diese Panzerung sichtbar wird, sei jeweils historisch bestimmt. Alexander
Lowen war Patient und später ein Schüler von Wilhelm Reich. Reich und in seiner
Nachfolge auch Lowen entwickelten Konzepte und Verfahren, um die körperlichen
Analogien seelischer Vorgänge („Haltungen“) sowohl diagnostisch als auch
therapeutisch nutzbar zu machen.
Lowens Beschreibungen der Charakterstrukturen sind ein Ansatz, um emotionale
Einstellungen und die korrespondierenden körperlichen Spannungsmuster im Begriff
der „Haltung“ zu erfassen und zu verstehen. In diesem Sinne stellen
Charakterstrukturen Bewältigungsformen und Sicherungssysteme dar, die das
Individuum notgedrungen zur Wahrung der eigenen Integrität im Spannungsfeld der
eigenen Bedürfnisse und den Reaktionen seiner Umwelt bzw. seines Bezugssystems
entwickelt. Auf der körperlichen Ebene beinhaltet dies im Kern die Einschränkung der
Lebendigkeit in Form von chronischen Verspannungen, die den Atem und die
Beweglichkeit beeinträchtigen.

Die Charakterstrukturen zeichnen sich aus durch


 typische Verhaltensweisen,
 typisches inneres seelisches Erleben,
 und charakteristische körperliche Haltungsmuster
Aufbauend auf den Konzepten von Reich und seinen eigenen klinischen Erfahrungen
entwickelte Lowen seine Typologie der Charakterstrukturen. Die Charakterstrukturen
der bioenergetischen Analyse sind nicht immer deckungsgleich mit den
Persönlichkeitsstrukturen anderer zeitgenössischer psychologischer Klassifikationen.
Sie sind ergänzt durch charakteristische leibliche Muster.
Im Folgenden werden diese idealtypischen Strukturen dargestellt. Der konkrete
Patient wird niemals identisch mit diesen Strukturen sein. Sie können aber dem
Therapeuten im therapeutischen Prozess als eine diagnostische und therapeutische
Orientierungslinie dienen:[1]
Schizoide Charakterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Die schizoide Charakterstruktur kennzeichnet nach Lowen eine Tendenz zur
Spaltung der ganzheitlichen Funktion der Persönlichkeit – z. B. durch die Neigung,
Denken und Fühlen zu trennen. Was der Schizoide denkt, scheint häufig keinen
Zusammenhang damit zu haben, was er fühlt, oder wie er sich verhält. Der Schizoide
zieht sich nach innen (insbesondere in den Kopf und ins Denken) zurück, was mit
einer Unterbrechung oder einem Verlust des Kontaktes zur Außenwelt oder zur
Realität einhergeht. 
Der Begriff schizoid und seine Bedeutung ähneln zwar etwas der Schizophrenie.
Doch der Schizoide ist keinesfalls schizophren und muss es auch niemals werden.
Bei ihm sind entsprechende Spaltungstendenzen zwar vorhanden, aber diese sind
meist gut kompensiert. Die schizoide Persönlichkeit verfügt nur über ein begrenztes
Selbst-Gefühl, ein schwaches Ich und einen deutlich reduzierten Kontakt zum Körper
und dessen Gefühlen. Schizoide haben eine schwache Ich-Abgrenzung, sind
dementsprechend überempfindlich und meiden gefühlsbetonte Beziehungen (vgl.
auch schizoide Persönlichkeitsstörung).[1]

Orale Charakterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Menschen mit einer oralen Struktur weisen nach Lowen viele Merkmale der oralen
Lebensphase (Babyalter) auf: Mangelnde Selbständigkeit, Neigung zum Anklammern
an andere, verminderte Aggressivität und die Erwartung, von anderen gehalten,
gestützt und behütet zu werden. Orale Menschen leiden unter innerer Leere und
haben starke Sehnsuchtsgefühle. Sie leiden oft unter starken Schwankungen der
Stimmungslage. In der kompensierten Form verhalten sich diese Menschen
übertrieben selbständig (vgl. auch abhängige Persönlichkeitsstörung).

Psychopathische Charakterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Lowen beschreibt als typisches Merkmal der psychopathischen Struktur das
Leugnen von Gefühlen, besonders sexueller Gefühle. Der psychopathische
Charakter strebt nach Macht und möchte andere Menschen steuern oder
beherrschen. Als Mittel setzt er dabei Druck oder Manipulation (Verführung) ein.
Diese Menschen sind auffallend bemüht, „alles unter Kontrolle“ zu haben. Meist
verdrängen, leugnen und kompensieren sie ihre Erlebnisse von Macht- und
Hilflosigkeit, durch die sie sich latent bedroht fühlen (siehe Psychopathie).
Masochistische Charakterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Menschen mit dieser Struktur leiden unter erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen,
geben sich anspruchslos, verhalten sich unterwürfig und sind um Anpassung und
Unterordnung bemüht. Sie zeigen jedoch eine starke latente trotzige und beharrliche
passive Abwehr, die sie bei genügend starkem äußerem Druck offenbaren; im
Inneren hegt der masochistische Charakter Hass-, Negativismus- und
Überlegenheitsgefühle. Eine starke Muskelstruktur dämmt die drohende emotionale
Explosion ein. Selbstdurchsetzung und Aggression sind bei diesem Charakter-Typus
stark gehemmt. Stattdessen herrschen Klagen und Jammern in der
Außendarstellung und die Tendenz zur Übernahme von Opferrollen vor.

Rigide Charakterstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Die rigide Charakterstruktur ist nach Lowen gekennzeichnet durch eine steife,
unnahbare Haltung, die im Wesentlichen durch Verletzungen des
gegengeschlechtlichen Elternteils verursacht werden. Der Begriff
der Rigidität bezieht sich bei Lowen entwicklungspsychologisch auf die ödipale
Konfliktsituation des Kindes. Der rigide Charakter ist ständig auf der Hut, nicht
verletzt zu werden. Er hat die Hoffnung, durch Leistungsorientierung die Liebe und
Anerkennung seiner Umgebung zu gewinnen und zu sichern. Rigide Menschen sind
kompetitiv, willensbetont und widerstandsfreudig. Varianten des rigiden Charakters
sind der phallische und der hysterische Charakter.
Phallisch: Das Verhalten ist kämpferisch, rivalisierend-dominant und mitunter
aggressiv-verletzend. Dies geht besonders auch in die erotische
Beziehungsgestaltung ein.
Hysterisch: Das Seelenleben und Verhalten dieser Menschen ist emotional
übertrieben, Aufmerksamkeit erheischend und dramatisierend. Sie neigen zu
übersteigerten gefühlsmäßigen Reaktionen, deren Aufruhr sich im vegetativen
Körpergeschehen widerspiegelt. Sie sexualisieren den Kontakt bei gleichzeitiger
Abwehr gegen tiefes Sich-Einlassen.

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