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SÜDOSTEUROPA-JAHRBUCH 40 •

Babel Balkan?

Politische und soziokulturelle Kontexte von


Sprache in Südosteuropa

Herausgegeben von Christian Voß und Wolfgang Dahmen

Herausgegeben im Namen der Südosteuropa-Gesellschaft


von Gernot Erler

SÜDOSTEUROPA-
GESELLSCHAFT
Christian Voß and Wolfgang Dahmen - 978-3-86688-442-7
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Inhalt

Christian Voß/Wolfgang Dahmen


Einleitung 7

1. Teil: Sprachkontakte und osmanische legacy

Ioannis Zelepos
Kulturtransfer und europäische Identität.
Zur Bedeutung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa 19

Matthias Kappler
Das osmanische Erbe und der heutige Gebrauch
des Türkischen in den Sprachen Südosteuropas 29

2. Teil: Klein- und Mehrsprachigkeit

Felix Tacke
Die Europäische Charta der Regional- oder
Minderheitensprachen im südosteuropäischen Kontext.
Sprachenschutz und das Problem der territorial application 51

Ivana Barkijeviü
Die Umsetzung der Europäischen Charta der
Regional- oder Minderheitensprachen in Montenegro,
Serbien, Slowenien und Kroatien im Bildungsbereich 77

Marija Iliü/Bojan Beliü


Eine neue Sprache entsteht: die bunjevakische ‚Sprache‘
oder ‚Mundartǥ in serbischen Grundschulen 93

Roland Marti
Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch als Beispiel 115

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3. Teil: Politisierung von Sprache

Ksenija Cvetkoviü-Sander
Diktatur oder Demokratie?
Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 139

Lumnije Jusufi
Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität
zwischen Gegisch und Toskisch 183

Ana Kacic
Croatia’s EU accession and domestication of BCMS 207

Torsten Szobries
Makedonische Sprach- und Nationalidentität im 20. Jahrhundert 211

Klaus Bochmann
Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 219

Johannes Kramer
Sprachnationalismus in Belgien 235

4. Teil: Sprache und Diskriminierung in Südosteuropa

Simone Rajiliü
Silovanje jezika! – Vergewaltigung von Sprache!
Debatten über Gender und Sprache
in der serbischen Presse 2001–2012 271

Roswitha Kersten-Pejaniü
Grenzen und Möglichkeiten geschlechtergerechten Sprachgebrauchs.
Aktuelle Trends genderlinguistischer Forschungen am Beispiel Kroatiens 295

Esther Quicker
Konstruierter Roma-Slang und Wahrnehmung
des Romani in der rumänischen Gesellschaft 313

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Einleitung

Christian Voß
Wolfgang Dahmen

Die binneneuropäische Wahrnehmung der Nachbarn scheint stärker denn je


von Klischees gesteuert zu sein. Der Reiseführer „Molvania. A land untouched
by modern dentistry“ von 2005, der in ein fiktives marodes und korruptes
Osteuropa führt, zeigt u. a. auf den vielen gefakten Landkarten, wie sprachliche
Merkmale zur Konstruktion von Fremdheit benutzt werden: Die Sprache des
osteuropäischen Phantasiestaats Molvanien ist eine Mischung aus Slawisch und
Rumänisch. Die Sprachen von Ortsnamen wie Dzrebo, Lutenblag, Sjerezo,
Lublova oder Gyrorik sind uns nicht nur graphisch und lautlich fremd, sondern
wir können sie nicht einmal zuordnen.
Bei näherem Hinsehen zeigt sich aber, dass gerade auf sprachlicher Ebene
der Balkan europäischer ist als das, was wir unreflektiert als „das Original“
ansetzen – Westeuropa. Die südosteuropäischen Sprachen tragen allesamt ein-
deutig die Spuren der bedingungslosen Westintegration ihrer Eliten im 18. und
19. Jahrhundert. Wie in der restlichen europäischen Sprachenlandschaft sind sie
Ergebnis einer gesteuerten Überwindung der jahrhundertelangen Diglossie und
der Emanzipation eines meist volkssprachlich basierten „nationalen“ Sprach-
modells.
Die hier im Band versammelten Beiträge der Tagung „Babel Balkan? Poli-
tische und soziokulturelle Kontexte von Sprache in Südosteuropa“ (Tutzing,
1.–5.10.2012) zielen weiterhin auf eine Revision der Fremdwahrnehmung Süd-
osteuropas als prototypische Heimat instrumentalisierter Sprache im Rahmen
von „Balkanisierungsprozessen“, d. h. kleinstaatlichen Fragmentierungen.
Sind etwa Auseinandersetzungen um Eigensprachlichkeit und Sprachstatus-
planung auf dem Balkan weniger rational als in Belgien, Irland oder Katalo-
nien? Oder ist – gerade angesichts der gegen Zivilbevölkerung gerichteten Ge-
walt der jugoslawischen Sezessionskriege – das Ausmaß an sprachpolitischem
Eingriff nicht eher überraschend gering?
Auf der anderen Seite könnte man überspitzt von einer Balkanisierung
Westeuropas sprechen, wenn man sich die europäische Kleinsprachenpolitik
anschaut. Die EU-europäische Stärkung von Regionalismen, die letztlich die
supranationale Ebene stärker sollte, führt oft zu einer Förderung und Finanzie-
rung von Nationalismus im Kleinen, der Kultur politisiert und Sprache ethni-
siert. Durchschauen wir etwa die Aktivitäten der transnational agierenden „Eu-
ropäischen Freien Allianz“, die im Europäischen Parlament eine der größten
Gruppierungen darstellt, in der die deutsche Partei der Grünen mit sich selbst
als „staatenlose Nationen“ bezeichnenden Bretonen, Flamen, Schlesiern und
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8 Christian Voß/Wolfgang Dahmen

Basken in der Fraktion sitzen und in der auch die Bayernpartei Mitglied mit
Beobachterstatus ist?
Den Herausgebern geht es vor allem um das, was Maria Todorova einmal
die „Normalisierung des Balkans“ genannt hat. Diese Art der Trivialisierung
lässt sich von Linguisten gut leisten: Wir können die Position Südosteuropas
innerhalb der europäischen Sprachenlandschaft mit dem Modell der Semiperi-
pherie (von Wallerstein) beschreiben. Südosteuropa oszilliert bis heute – wie
dies für halbmarginale Regionen typisch ist – zwischen Sympathie und Antipa-
thie für das Zentrum, zwischen Konvergenz und Divergenz. Dies lässt sich
beispielsweise im Bereich der Lehnkontakte – bzw. im negativen Fall: bei xe-
nophobem Purismus – belegen.
Unsere Thematik befindet sich innerhalb der Bipolarität von Essenz vs.
Konstrukt, die die geisteswissenschaftliche Debatte seit Jahrzehnten prägt.
Konstruktivistisch ist die jüngere Sichtweise seit dem linguistic turn, die Spra-
che als kulturelle Artefakte erkennt, die in einem spezifischen kulturellen Hin-
tergrund entstanden sind. Diese Denkweise bestreitet Herkunft, Abstammung
und – was in Südosteuropa so wichtig ist – ethnische Kontinuität in die Vergan-
genheit.
Im 19. Jahrhundert haben sich die Balkannationen erfunden, und zwar in
einem unilateralen Rezeptionsprozess vor allem des deutschen Nationsmodells,
das essentialistisch geprägt ist: In Anlehnung an Herder wurde und wird Spra-
che als Voraussetzung zur Bildung und Formung eines Volkes angesehen und
ihre Bewahrungs- und Erneuerungsfunktion betont. Die Ideologie des Sprach-
nationalismus erstarkte mit dem Gültigkeitsverlust der überkommenen, kano-
nischen Sinnwelten des osmanischen Reichs (etwa dem millet-Raster), sie hat
Sprache zum Medium der identitätsstiftenden Meistererzählungen gemacht.
Aus einem anderen Grund spielt Sprache in Südosteuropa im 19. Jahr-
hundert eine dominantere Rolle als etwa bei den Tschechen und Polen: Wäh-
rend diese mit gefestigten Standardsprachmodellen in die Periode des nationa-
len Antagonismus im 19.–20. Jahrhundert eingestiegen, stellte das südslawi-
sche Dialektkontinuum zu diesem Zeitpunkt noch ein weitgehend formbares
Fluidum dar, um dessen kulturelle Hegemonie zwei Parteien – eigentlich
damals wie heute – rivalisierten: Europa (damals in Form von Habsburg) und
Russland.
Das Modell der noch staatenlosen deutschen Kulturnation war für die christ-
lichen Nationalstaaten Griechenland, Serbien und Bulgarien im Kontext des
zerfallenden Osmanenreichs attraktiv, da hiermit „befreiungsimperialistische“
(Fikret Adanır) Großraumträume legitimiert werden konnten, die nach kultu-
rell-sprachlichen Grenzen gezogen werden sollten.
Diese Logik setzte sich in den 1990er Jahren fort, und die Reaktionen der
europäischen Öffentlichkeit und auch der Wissenschaft angesichts der jugosla-
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Einleitung 9

wischen Sezession waren absurd: Niemand schien zu begreifen, dass gerade im


jugoslawischen Bürgerkrieg 1992–1995 das europäische Konditionalitätsprin-
zip wirkte und eine auch sprachlich nachvollzogene Renationalisierung in Gang
gesetzt hat, die doch vor allem eins war: eine Nachahmung westeuropäischer
Verhältnisse, mit dem Ziel der Akzeptanz und Aufnahme in die europäische
Familie von Nationalstaaten.
Gerade in Südosteuropa sehen wir in Laborqualität die hohe symbolische
Relevanz von Sprache für kollektive Identitäten, und wir erinnern uns an Eric
Hobsbawms Bonmot Languages multiply with states, not the other way around.
Auch hier geht es gegen ein landläufiges Vorurteil, nämlich das Osteuropa-
stereotyp des Gefrierschranks, in dem die kommunistischen Staaten scheinbar
uralte ethnische Konflikte auf Eis gelegt hätten. Im Gegenteil sind ethnische
Kategorien in der Sowjetunion oder in Tito-Jugoslawien erst durch Einträge in
Personaldokumenten und ethnische Schlüssel auf dem Arbeitsmarkt relevant
geworden, und heute erweist sich ihre nachhaltige Loyalität in Makedonien
oder in Moldau als konfliktuös zu den Irredentismen der „großen Nachbarn“.
Wie eng Fragen der kollektiven Identität mit Sprachfragen verbunden sind,
zeigt sich am besten wahrscheinlich bei der Betrachtung von Eigennamen,
deren Gestalt in der Regel Rückschlüsse auf Herkunft und Zugehörigkeit einer
Person (bei Anthroponymen) oder eines Ortes (bei Toponymen) zulassen. Ent-
sprechend entsteht nicht selten auch der Wunsch nach Veränderungen von
Eigennamen: Die Beispielkette reicht hier von Veränderungen der Personenna-
men (Magyarisierung rumänischer und Rumänisierung ungarischer Personen-
namen, Bulgarisierung türkischer Anthroponyme usw.) bis zur Veränderung
von Siedlungs- oder Straßennamen. Ein Beispiel möge dies erläutern:
Im Jahre 1996 fand die Mitgliederreise der Südosteuropa-Gesellschaft nach
Rumänien statt, wo zu jener Zeit gerade der Präsidentschaftswahlkampf be-
gann, der dann im November mit der Ablösung des bisherigen Amtsinhabers
Ion Iliescu durch den vormaligen Rektor der Universität Bukarest, Emil Con-
stantinescu, endete. Mit beiden Kandidaten führte die Reisegruppe Gespräche,
und die Diskussionen im Zusammenhang mit dieser Wahl waren das dominie-
rende Thema während der Reise.
Die Namen der beiden Kontrahenten – Iliescu und Constantinescu – sind
durch ihre Endung klar als rumänischer Herkunft ausgewiesen. Sie sind sozu-
sagen Markierungen einer kollektiven Identität. Wer Iliescu oder Constanti-
nescu heißt, ist auch für einen sprachwissenschaftlichen Laien und für jeman-
den, der kein Wort Rumänisch spricht, als Rumäne identifizierbar. Daraus folgt
aber auch, dass ein kleiner Suffixwechsel es unter Umständen vermag, einen
Wechsel der Identität anzuzeigen. Ein Mitglied der deutschen Reisegruppe –
und zwar ein besonders prominentes – nannte – vielleicht auch in Reminiszenz
an den bekannten serbischen Literaturwissenschaftler Zoran Konstantinoviü –
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mehrfach den rumänischen Präsidentschaftskandidaten nicht Emil Constanti-


nescu, sondern Emil Constantinovici, was bei den rumänischen Gesprächspart-
nern durchaus gemischte Reaktionen hervorrief. Was auf den ersten Blick wie
ein sprachlicher Lapsus aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung der
Geistes- und Kulturgeschichte aber als differenzierter, da durchaus interessante
Parallelen zu Tage gefördert werden können: Als der rumänische National-
dichter gilt Mihai Eminescu, der auch heute – fast 125 Jahre nach seinem Tod –
noch außerordentlich verehrt wird; nach ihm sind Straßen, Gebäude und Insti-
tutionen benannt und sein Konterfei ziert die höchste rumänische Banknote,
den 500 Lei-Schein. Was aber heute nur noch Insider wissen: Seine ersten
Gedichte hat er mit seinem tatsächlichen, ursprünglichen Namen gezeichnet, und
der lautete eben nicht Eminescu, sondern – gut slawisch – Eminovici. Hätte er
es als Mihai Eminovici vielleicht nicht geschafft, den Rang des bedeutendsten
rumänischen Literaten zu bekommen? Eine müßige Frage! Und damit nicht die
kleine rumänisierende Korrektur als Einzelbeispiel stehen bleibt: Auch der als
ungarischer Nationaldichter geltende Sándor Petöfi hatte ursprünglich nicht
diesen Namen, sein erstes Gedicht „Der Weintrinker“ ist noch unter seinem
Taufnamen Sándor Petrovics veröffentlicht. Wäre er mit dieser slawischen Na-
mensendung nicht der Protagonist der ungarischen Literatur geworden?
Diese Beispiele zeigen vordergründig die Bedeutung von Eigennamen als
Indikatoren der Zugehörigkeit zu einer wie auch immer definierten Gruppe, mit
der man sich identifizieren kann oder will. Will man dies gerade nicht, muss
man hier eben eine kleine Änderung vornehmen. Die Beispiele zeigen aber noch
mehr: Sie sind nämlich auch ein Beleg für die zahlreichen Gemeinsamkeiten,
die es gerade in sprachlicher Hinsicht – und durchaus jenseits der Eigennamen-
konvergenzen – in Südosteuropa gibt: Wir sprechen seit langem vom Balkan-
sprachbund – ein Terminus, der Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt worden
ist. Der Begriff des Sprachbunds ist danach mehrfach wieder aufgegriffen wor-
den – Norbert Reiter, der vor wenigen Jahren verstorbene Nestor der Balkano-
logie, hat ihn in Richtung zur Eurolinguistik erweitert. Hier ist es also in ge-
wisser Weise einmal umgekehrt: Nicht Südosteuropa orientiert sich an Mittel-
bzw. Westeuropa, sondern Südosteuropa, der Balkan, gibt das Beispiel für
Europa.
Der europäische Kontext und Fragen nach Parallelen zwischen West- bzw.
Mitteleuropa und Südosteuropa bilden somit eine weitere Facette dieses Ban-
des, auch hierzu ein kleines erläuterndes Beispiel: Im Frühsommer 2012 fand
bekanntlich in Polen und in der Ukraine die Fußballeuropameisterschaft statt,
die für die deutsche Mannschaft im Halbfinale mit der Niederlage gegen Italien
endete. Parallel hierzu gab es – von der Öffentlichkeit weitaus weniger, um nicht
zu sagen: überhaupt nicht, beachtet – in der Oberlausitz, also im Gebiet der
sorbischen Minderheit, die Fußballeuropameisterschaft der Minoritäten, die so
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Einleitung 11

genannte Europeada. Im Finale in Bautzen besiegten die Südtiroler die Mann-


schaft der Roma aus Ungarn mit 3:1, im Spiel um Platz 3 gewann die kroa-
tische Minderheit aus Serbien gegen die Kärntner Slowenen mit 1:0. Nehmen
wir einmal die Südtiroler aus, so sind die drei anderen Teams Vertreter von
Minderheiten, die in Südosteuropa beheimatet sind. Zudem gab es unter den
insgesamt 20 teilnehmenden Mannschaften noch mehrere andere, die Repräsen-
tanten südosteuropäischer Minderheiten waren, wie etwa ein Team aus dem tür-
kischen Westthrakien. Minderheiten spielten und spielen in Südosteuropa eine
wichtige Rolle, nicht zuletzt dadurch, dass die Grenzziehungen nach dem Ende
des Osmanischen wie des Habsburger Reiches viele ethnische Gruppen in ihren
angestammten Wohngebieten plötzlich zu Minderheiten in neuen Staatsgebil-
den hatten werden lassen. Die Folgen, die dies bis auf den heutigen Tag manch-
mal hat, sind bekannt. Die zum zweiten Mal nach 2008 ausgespielte Europeada
zeigt, dass sich Minderheiten auch aneinander orientieren, Erfahrungen austau-
schen und untereinander kommunizieren. Hinzu kommt, dass von gesamt-euro-
päischen Institutionen, besonders vom Europarat mit der Europäischen Charta
der Regional- oder Minderheitensprachen versucht wird, Sprache und Kultur
von Minderheiten zu fördern, da erkannt worden ist, dass es sich beim Schutz
von Minderheiten um einen Beitrag zur „Erhaltung und Entwicklung der Tradi-
tionen und des kulturellen Reichtums Europas“ handelt, wie es in der Präambel
dieser Charta heißt. Ein Vergleich der Lage südosteuropäischer Minderheiten
mit der mittel- und westeuropäischer Minoritäten ist deshalb ein wichtiger Punkt
des Programms der Tagung gewesen, deren Beiträge hier veröffentlicht werden.

Zum Inhalt des Bandes

Als „osmanische legacy“ beschreiben Ioannis Zelepos und Matthias Kappler


die Nachhaltigkeit der historischen Sprachkontakte mit den beiden ehemaligen
Prestigesprachen des Balkans, Griechisch und Türkisch. Zelepos führt im Sinne
von entangled history die Ambivalenz des Griechischen als lingua franca
Südosteuropas vor: Als Amtssprache der orthodoxen Christen auf dem Balkan
(des millet rum) spätestens seit dem 18. Jahrhundert war sie vor- und transnati-
onal, so dass sie zum „sprachlichen Relais“ bei der südosteuropäischen Rezep-
tion der Aufklärung werden konnte. In der Logik des Sprachnationalismus der
balkanischen „Wiedergeburtsbewegungen“ wurde die griechischsprachige Do-
minanz allerdings dann aktiv bekämpft.
Dasselbe gilt für die Turzismen, wie Matthias Kappler in seinem Beitrag
herausstellt: Trotz einer aggressiv xenophoben Sprachpolitik verfügen alle Bal-
kansprachen über einen beachtlichen Fundus an türkischen Lehnwörtern. An-
ders als die klassischen Darstellungen zu Turzismen, die sich als Bestandslisten
saturieren, fragt Kappler nach den soziolinguistischen Bedingungen für das
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12 Christian Voß/Wolfgang Dahmen

(insbesondere im postsozialistischen Kontext anzutreffende) Phänomen des Re-


vivals der Turzismen:
Wie können diese nach Jahrzehnten der Verdrängung aus dem aktiven
Sprachgebrauch derart massiv in die heutige Jugend- und Stadtsprache eindrin-
gen? Konnotationen der Turzismen und gern genutzte Quelle für Ironie, so
Kappler, sind einerseits balkanische Rückständigkeit, andererseits in-group-
Werte wie Familiarität.
Das Panel „Klein- und Mehrsprachigkeit“ fokussiert in den Beiträgen von
Felix Tacke und Ivana Barkijeviü politische Instrumente zum Sprachenschutz,
die zugleich die EU-europäische Sprachideologie spiegeln: Ihre Beiträge legen
dar, wie der (seit den 1990er Jahren zur Kernagenda der EU-Osterweiterung
gewordene) Minderheitenschutz sich mit regionalen und lokalen Dynamiken
verschränkt: Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen
von 1992 wendet im Dialog zwischen den Ratifizierungsländern und dem
Europarat das Territorialitätsprinzip (mit den Kategorien Raumbezug, Histori-
zität und Sprecherdichte) an und schützt somit nur autochthone Sprachgruppen.
Barkijeviü ebenso wie der Beitrag von Marija Iliü und Bojan Beliü thema-
tisieren die Wirkung der Charta im ex-jugoslawischen Raum – mit Monteneg-
ro, Serbien, Slowenien und Kroatien vier Länder mit asynchronem Status der
EU-Integration. Barkijeviü untersucht Unterrichtsziele, -stufen und -formen auf
sämtlichen Bildungsniveaus. Politisch brisant ist hierbei vor allem der Status
des Serbischen in Kroatien, und es wird die Frage aufgeworfen, ob die strikte
Anwendung der Charta nicht zu einer Verstärkung der ethnischen Segregation
und neuen Ethnisierungen führen könne.
Denselben Mechanismen zeigen Iliü/Beliü für das Bunjevakische in der
Vojvodina: Die ethnoregionale Bewegung dieser katholischen, im späten 17.
Jahrhundert in der Baþka angesiedelten Kleingruppe aus Dalmatien verdankt
ihre Historizität der starken Förderung der ehemals südungarischen Kleinspra-
chen im Rahmen der Habsburger Politik des divide et impera. Im postjugo-
slawischen und EU-europäischen Kontext erhält die bunjevakische Bewegung
starken Aufwind und stellt dieselben Forderungen nach Emanzipation und Par-
tizipation wie die Nationalsprachen. Diese Übergänge werden anhand von Ma-
terial aus Grundschullehrwerken des Bunjevakischen vorgeführt.
Roland Marti stellt das Sorbische als Paradebeispiel für eine autochthone
Minderheitensprache dar und thematisiert die legacy der DDR-Sorbenpolitik:
Er zeigt die sprachplanerischen Eingriffe „von oben“ in das Verhältnis der bei-
den Schriftsprachen Ober- und Niedersorbisch als einen Prozess, der der Vitali-
tät des Niedersorbischen abträglich war und auf den seit der Wende mit der
Autarkisierung des Niedersorbischen reagiert wird.
Der erste Beitrag des Panels „Politisierung von Sprache“ untersucht eben-
falls die Langzeitwirkung kommunistischer Sprachpolitik nach 1945: Ksenija
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Einleitung 13

Cvetkoviü-Sander spitzt die Frage nach der sprachlichen Komponente der tito-
jugoslawischen Ideologie „Brüderlichkeit und Einigkeit“ auf die Formel Sprach-
planung zwischen Diktatur und Demokratie zu. Hatte die kulturelle und sprach-
liche Konvergenz zwischen Kroaten und Serben im 19. Jahrhundert zu einer
„weichen“, nationale Varianten zulassenden Kodifizierung geführt, so wurde
diese Plurizentrik im 20. Jahrhundert zum Verhängnis: Das Serbokroatische
– und diese longue durée-Wirkung ist die Kernaussage von Cvetkoviü-Sander –
ist in den 1990er Jahren exakt entlang der Republikgrenzen auseinandergebro-
chen, die durch die (auch sprachliche) Renationalisierung seit den 1960er Ja-
hren vorperforiert worden sind.
Im Detail wird die staatliche Inkompetenz im Umgang mit Sprache als
einem der stärksten politischen Symbole deutlich: So ist auf Bundes- und Re-
publiksebene nie die sprachpolitische Zuständigkeit festgelegt worden. Cvetko-
viü-Sander widerlegt weiterhin die Vorstellung, Titos Jugoslawien habe in den
1960er Jahren eine gegische Varietät des Albanischen kodifizieren wollen. Im
Gegenteil, durch die Akzeptanz des toskischen Standards aus Tirana war – nach
der Logik der jugoslawischen Verfassung – gesichert, dass die jugoslawischen
Albaner keine Nation (narod), sondern nur eine Nationalität (narodnost) dar-
stellten und somit einen rechtlich niedrigeren Status (insbesondere kein Sezes-
sionsrecht) besaßen.
Lumnije Jusufi führt diesen Aspekt weiter aus und resümiert die in Albani-
en, Makedonien und dem Kosovo von Wissenschaftlern, Politikern und Künst-
lern geführte Debatte um die Deutungshoheit von Albanizität, konkret um die
Frage, ob eine zweite albanische Staatsgründung (Unabhängigkeit des Kosovo
2008) zu einer zweiten albanischen Standardsprache führen müsse.
Das Standardalbanische basiert einseitig auf den toskischen Dialekten Süd-
albaniens und ist mit der Person Enver Hoxhas konnotiert, so dass die hoch-
gradig emotionale Debatte zugleich eine Vergangenheitsbewältigung darstellt.
Darüber hinaus ist sie indikativ für die politische Entwicklung und kann als
Gradmesser für eine großalbanische ethnisch-nationale Kohäsion dienen.
Ana Kacic nähert sich der aktuellen Situation im postjugoslawischen Raum
aus der pragmatischen Sicht als EU-Dolmetscherin in Brüssel. Die in den 1990er
Jahren getroffene Entscheidung für das Haager Kriegsverbrechertribunal (ICTY),
innerhalb der vier Nachfolgesprachen des Serbokroatischen (BKMS) nicht zu
dolmetschen, sondern im 30-Minuten-Takt die nationalen Varianten in den
Dolmetscherboxen rotieren zu lassen, ist heute politisch nicht mehr angebracht.
Kacic fragt nach den sprachlichen Konsequenzen, die sich aus der Asyn-
chronizität des EU-Beitritts der ehemals serbokroatisch-sprachigen Länder er-
geben: Wie hoch wird das Einflusspotenzial der bereits vorliegenden kroati-
schen Übersetzung des Acquis communautaire zunächst auf das Montenegrini-
sche und dann auf das Serbische sein?
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14 Christian Voß/Wolfgang Dahmen

Torsten Szobries und Klaus Bochmann untersuchen mit dem Makedoni-


schen bzw. dem Moldauischen zwei kommunistisch kontextualisierte Sprach-
standardisierungen, deren Sezession aus der Sprachgeschichte des größeren
bulgarischen bzw. rumänischen Nachbarn bis heute von diesen keinesfalls ak-
zeptiert ist. Szobries fokussiert die unmittelbare Vorgeschichte der Standardi-
sierung des Makedonischen in den 1940–1950er Jahren und zeigt die durchaus
schwankende Makedonienpolitik der Komintern aus sowjetischer und jugosla-
wischer Sicht.
Bochmann zeigt im historischen Aufriss, dass moldauische Identität (und
Sprache) maßgeblich entstanden ist durch historische Sonderentwicklungen
und vor allem durch Entfremdungen von der angeblichen „Mutternation“ wäh-
rend Phasen interner Kolonisation: Die Russifizierung Moldaus begann in der
Zeit als Bessarabien (1812–1918) und führte in der Moldauischen Sowjetrepu-
blik (1944–1990) zur Sprachkodifizierung. Für die heutige Zeit konstatiert
Bochmann eine weitgehende Rumänisierung der Bevölkerung.
Johannes Kramer zeigt die Politisierung von Sprache am Beispiel des flä-
misch-wallonischen Gegensatzes in Belgien und hinterfragt den Vorbildcharak-
ter der belgischen Mehrsprachigkeit für südosteuropäische Länder wie etwa
Makedonien. Im historischen Aufriss zeigt Kramer die Entstehung Belgiens,
das bereits in post-karolingischer Zeit ein Zwischenraum zwischen französi-
schem und deutschem Sprachgebiet war. Aus politischen und auch religiösen
Gründen war das unabhängige Belgien nach 1830 frankophon ausgerichtet
– und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt eine massive
Revitalisierung des Flämischen bzw. Niederländischen, die eine starke politi-
sche Komponente hat.
1962/1963 wurde eine bis heute nicht hinterfragbare Sprachgrenze festge-
legt, die das Land in zwei territoriale Sprachhälften teilt. Insbesondere im Um-
land der zweisprachigen Hauptstadt Brüssel ist diese Regelung keineswegs
konfliktfrei. Auch im belgischen Fall zeitigt das Territorialprinzip der cuius
regio, eius lingua Segregationstendenzen, wie wir sie auch in Bosnien-Herze-
gowina seit Dayton 1995 und in Makedonien seit Ohrid 2001 beobachten
können.
Das abschließende Panel „Sprache und Diskriminierung in Südosteuropa“
kreuzt Gender und Ethnizität: Die Beiträge von Simone Rajiliü und Roswitha
Kersten-Pejaniü liefern ein Monitoring der aktuellen Sprachsituation in Ser-
bien und Kroatien, was geschlechtergerechten Sprachgebrauch und hier insbe-
sondere Benennungspraktiken von Frauen betrifft:
Rajiliü zeichnet für das Serbische die Debatte um die sprachliche Sichtbar-
machung von Frauen nach, die in den meisten europäischen Ländern ebenfalls
rezent ist. Ein serbisches Spezifikum der traditionellen Verweigerung gender-
sensitiver Benennungen ist das strategische Argument, dass sich das Serbische
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Einleitung 15

– im Gegensatz zum Kroatischen – grundsätzlich gesteuertem Sprachwandel


seit 1991 verweigere.
Kersten-Pejaniü zeigt demgegenüber das Kroatische als eine Sprachgemein-
schaft, die kollektiv einen politisch motivierten und top down-inszenierten
Sprachgebrauchswandel mitgetragen hat und die – im Gegensatz zu Serbien –
stärker durch EU-europäisches Gender mainstreaming geprägt ist. Zugleich wer-
den unterschiedliche unkonventionelle und nonstandardsprachliche Lösungsvor-
schläge (vergleichbar dem großen Binnen-I oder dem gender gap _ im Deut-
schen) diskutiert.
Esther Quicker konkretisiert ethnische Diskriminierung gegenüber Sinti
und Roma in Südosteuropa auf symbolischer Ebene: Sie untersucht Produzen-
ten und Funktionsweisen von Sprachstereotypen in Rumänien. Beim sog. Roma-
Slang handelt es sich um eine Spielart von foreigner talk (Ausländerregister),
wenn Muttersprachler aus rassistischen Gründen ihre Sprache bewusst verein-
fachen oder verfälschen, um Stereotype über Ausländer (in diesem Fall: Roma)
zu verbreiten. Quicker geht diesem Phänomen historisch, lexikographisch und
kulturwissenschaftlich nach.
In der Gesamtschau zeigen die Beiträge des vorliegenden Bandes, dass Süd-
osteuropa im Hinblick auf die dargestellten soziokulturellen und politischen
Implikationen von Sprache keinesfalls als defizitär geprägte Region in Relation
zu einem normativ gesetzten Westeuropa beschrieben werden sollte. Im Gegen-
teil, die Region zeigt dieselben „Sprachkonflikte“ (Peter Nelde), die der Sprach-
nationalismus und die Ideologie homogenisierender Einsprachigkeit in ganz
Europa ausgelöst hat.
Angesichts der anhaltenden europäischen Finanzkrise, der zu beobachten-
den Entsolidarisierung und Renationalisierung in den EU-Staaten und der Di-
chotomisierung in Nord und Süd erscheint uns diese zunächst banale These
– nämlich die „Normalität“ des europäischen Südens – politisch mehr als ange-
zeigt.
Die Herausgeber danken der Südosteuropa-Gesellschaft sehr herzlich für
die hervorragende Zusammenarbeit und Organisation der 51. Internationalen
Hochschulwoche in Tutzing 1.–5.10.2012 und die Aufnahme in diese Publika-
tionsreihe.
Unser besonderer Dank gilt Rumjana Slodiþka, studentische Hilfskraft am
Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin, für die engagierte
und kompetente Redaktionsarbeit an diesem Band.

Berlin und Jena im Oktober 2013


Die Herausgeber

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1. Teil: Sprachkontakte und osmanische legacy

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Kulturtransfer und europäische Identität.
Zur Bedeutung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa

Ioannis Zelepos

Vorbemerkung

Die Tutzinger Hochschulwoche 2012 steht unter dem Obertitel „Babel Balkan“.
„Babel“ steht für die babylonische Sprachverwirrung, die im Alten Testament
bekanntlich eine Strafe Gottes ist:
Wohlan, laßt uns hinabfahren und daselbst ihre Sprache verwirren, daß keiner
des andern Sprache verstehe! Also zerstreute der Herr sie von dannen […] daß
sie aufhörten, die Stadt zu bauen.1

Blickt man auf die zahlreichen Sprachkonflikte, die in Südosteuropa gegen-


wärtig virulent sind – teils alte, teils auch ganz neue – drängt sich leicht die
Frage auf, ob diese biblische Vorstellung hier möglicherweise zutrifft, ob also
der Balkan gewissermaßen mit einer Sprachverwirrung „gestraft“ ist.
Kein Zweifel: Sprache ist etwas, das Menschen nicht nur verbinden sondern
auch entzweien kann – und in der jüngeren Geschichte Südosteuropas scheint
letztere Eigenschaft oftmals die Oberhand gehabt zu haben.
Das war aber nicht immer so. Abgesehen davon ist Sprachenvielfalt an sich
auch gar kein spezifisches Balkanphänomen, sondern vielmehr eine kultur-
geschichtliche Konstante, die den ganzen Kontinent betrifft und in diesem
Sinne sogar als fester Bestandteil gesamteuropäischer Identität gelten kann –
und einiges spricht dafür, dass dies trotz der wachsenden Bedeutung des Engli-
schen als internationaler Verkehrssprache auf absehbare Zeit auch so bleiben
wird.

Gegenstand

Der folgende Vortrag nimmt diese Überlegung zum Ausgangspunkt, um das


Phänomen des „Babels Balkan“ jenseits von aktuellen Konfliktlagen in einen
weiter gefassten historischen Kontext zu stellen und unter dem Aspekt europä-
ischer Gemeinsamkeit zu betrachten. Dies geschieht anhand des Griechischen
als einer Balkansprache, die in verschiedener Hinsicht besonders gut geeignet
ist, um sprachliche Verflechtungen und ihre soziokulturellen Dimensionen in
Südosteuropa zu illustrieren. Griechisch spielte hier für lange Zeit eine bedeu-
tende Rolle als überregionale Sprache, die nicht nur als Verständigungsmittel,
1
1. Mos 11, 7/8.

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20 Ioannis Zelepos

sondern auch als kulturelles Bindeglied orthodoxer Christen unter osmanischer


Herrschaft fungierte. Diese Funktion, die es erst im Zuge der südosteuropäi-
schen (inklusive griechischen) Nationalstaatsbildungen des 19. Jahrhundert ein-
büßte, macht das Griechische heute zu einer wichtigen Quellensprache für je-
den, der sich mit südosteuropäischer Geschichte im vornationalen Zeitalter aus-
einandersetzt.
Seine Sonderstellung beruhte nicht etwa auf einer wie auch immer gearteten
„Überlegenheit“ gegenüber anderen Balkansprachen. Das ist deshalb besonders
zu betonen, weil solche Auffassungen bis heute in der griechischen National-
mythologie gepflegt werden, vorzugsweise in Kombination mit Verweisen auf
die vermeintlich ungebrochene Kontinuität hellenischer Kultur von der Antike
bis in die Gegenwart. Als empirische „Belege“ dafür müssen nicht selten grie-
chische Begriffe aus der neuzeitlichen Wissenschaftsterminologie herhalten,
z. B. aus der Medizin, der Astronomie oder der Chemie, die sich bei näherer
Betrachtung jedoch als „gräkoides Esperanto“2 westeuropäischer Humanisten
entpuppen.
Die Sonderstellung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa war
vielmehr das Ergebnis von spezifischen soziokulturellen und politischen Kon-
stellationen, wobei konkret drei Faktoren zu nennen sind:
1. Griechisch war und ist bis heute das offizielle Idiom des Patriarchats von
Konstantinopel und fungierte damit als Amtssprache der Orthodoxen Kirche im
Osmanischen Reich.
2. Griechisch war in dieser Zeit eine lingua franca des balkanischen Bin-
nenhandels.
3. Griechisch war die wichtigste einheimische Bildungs- und Literaturspra-
che der orthodoxen Christen unter osmanischer Herrschaft.
Alle drei Faktoren standen in engem Wechselverhältnis zueinander und ver-
liehen dem Griechischen zugleich einen transterritorialen Charakter, der sich
denkbar schlecht in nationalsprachlichen Kategorien fassen lässt, ja dem Kon-
zept einer Nationalsprache im Grunde sogar diametral widerspricht.
Zum Verständnis ist vorauszuschicken, dass das Griechische in keinem der
drei oben genannten Aspekte, d. h. als Amts-, Verkehrs- und Bildungssprache,
ein absolutes Monopol innehatte, sondern eher eine relative Dominanzstellung,
die sich zudem erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts voll ausprägte. Natürlich
gab es seit dem Mittelalter auch andere Literatursprachen, namentlich Kirchen-
slawisch und Rumänisch, die allerdings seit dem 17. Jahrhundert im Hinblick
auf die Quantität der Schriftproduktion gegenüber dem Griechischen zunehmend
ins Hintertreffen gerieten. Ferner ist auf die Bedeutung weiterer Bildungs- und
2
Diese Begriffsprägung geht zurück auf Eideneier, Hans: Von Rhapsodie zu Rap. Aspekte
der griechischen Sprachgeschichte von Homer bis heute. Tübingen 1999 (vgl. 211–213).

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Zur Bedeutung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa 21

Verkehrssprachen hinzuweisen, wie etwa des Italienischen und natürlich auch


des Osmanisch-Türkischen in seiner Rolle als Reichssprache. Aus diesen Rah-
menbedingungen ergaben sich enge Sprachkontakte und vielfältige Verflech-
tungen, für die das neuzeitliche Griechisch zahlreiche Beispiele liefert, die von
einfachen Lehnwörtern bis hin zu Sprachhybriden reichen.
Letztere weisen auf eine weitere Bedingung hin, die für das Verständnis des
soziokulturellen Rahmens wichtig ist: Als Schriftsprache fand das Griechische
zu dieser Zeit vornehmlich, wenn auch sicherlich nicht ausschließlich, in gesell-
schaftlichen Milieus Verwendung, die mehrsprachig waren. Dazu gehörten ei-
nerseits Muttersprachler, die aufgrund ihrer beruflich-sozialen Stellung auch
andere Sprachen erlernten, z. B. Italienisch oder Osmanisch-Türkisch, anderer-
seits aber auch ein beachtlicher Anteil von Nichtmuttersprachlern, die das Grie-
chische als Fremdsprache erlernten, und zwar ebenfalls aufgrund ihrer beruf-
lich-sozialen Stellung. Dieses Phänomen war für sich übrigens keineswegs
neu, wenn man bedenkt, dass zu den prominentesten griechischsprachigen Auto-
ren schon seit der Antike auch Verfasser zählen, die keine Muttersprachler wa-
ren, wie etwa der Satiriker Lukian aus Samosata, der Apostel Paulus oder der
byzantinische Hymnendichter Romanos Melodos.
Daran wird zugleich deutlich, wie wenig ethnische Zuschreibungen hier ge-
eignet sind, Identitäten zu erfassen, denn sprachliche Zugehörigkeit bzw. Präfe-
renz wurde im vorliegenden Fall, der sich durchaus auf andere Beispiele wie
etwa das Lateinische und später Französische in Westeuropa übertragen lässt,
offenbar nicht allein durch „horizontale“, sondern in hohem Maße auch durch
„vertikale“ Parameter bestimmt. Wie waren diese konkret beschaffen?

Entwicklungsskizze im vornationalen Kontext

Die Funktion des Griechischen als Amtssprache der Orthodoxen Kirche im


Osmanischen Reich spielte dabei eine wichtige Rolle, zumal konfessionelle
Zugehörigkeit hier nicht nur religiöse, sondern auch handgreifliche juristische
Relevanz hatte. Die orthodoxen Untertanen des Sultans bildeten das „Millet-i-
Rum“, das vom Klerus vertreten wurde, an dessen Spitze der Patriarch von
Konstantinopel stand, der als „Millet-baúi“ zugleich einer der höchsten staat-
lichen Amtsträger war. Diese Führungsstellung war anfangs zwar nur eine Art
Würdeprimat, denn die Sultane erkannten auch andere Träger orthodoxer Kir-
chenautorität an, die nicht alle griechischsprachig waren. Das betraf namentlich
die Erzbistümer Ochrid und Peü, die als unabhängige Patriarchate den unter
osmanischer Herrschaft vereinten Westbalkan unter sich hatten und deren kleri-
kale Hierarchie zunächst natürlich slawisch sprach und schrieb. Dies änderte
sich jedoch seit dem 17. Jahrhundert, weil es der Kirche von Konstantinopel
gelang, ihren Einfluss auszudehnen und die de facto Unabhängigkeit der west-
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22 Ioannis Zelepos

balkanischen Patriarchate zunehmend zu unterminieren, was beim dortigen


Amtsklerus mit einer entsprechenden Verschiebung der sprachlichen Gewichte
vom Slawischen zum Griechischen einherging. Den Endpunkt dieser Entwick-
lung bildete die formale Auflösung der Patriarchate von Ochrid und Peü in den
Jahren 1766/67, womit das gesamte osmanisch-orthodoxe Südosteuropa unter
direkte Kontrolle des Patriarchats von Konstantinopel fiel. Diese Machtausdeh-
nung war das Ergebnis einer zunehmend engen Einbindung des Patriarchats
von Konstantinopel in das Institutionengefüge des Staates und insofern seiner
Wandlung von vormals einer orthodoxen Kirche im Osmanischen Reich zu der
Orthodoxen Kirche des Osmanischen Reiches.
Diese Entwicklung war wiederum auf das Engste mit Elitenbildungsprozes-
sen innerhalb des orthodoxen „Millet-i-Rum“ verbunden. Das betraf namentlich
die sog. „Fanarioten“, deren Name sich von dem Stadtteil „Fanari“ bzw. „Fe-
ner“ in Istanbul herleitet. Es handelte sich um eine Händleraristokratie, der es
aufgrund ihrer wirtschaftlichen Stärke seit dem Ende des 17. Jahrhunderts
gelang, auch in neuralgische Positionen des osmanischen Staates vorzudringen.
Dazu gehörten etwa das Amt des Großdolmetschers mit de facto Kompetenzen
eines Außenministers, das Amt des Chefs der Kriegsflotte, nicht zuletzt aber
auch die Statthalterthrone der Donaufürstentümer Moldau und Walachei, die
seit dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts durchgängig mit Fanarioten
besetzt wurden.
In ihrem soziokulturellen Profil waren die Fanarioten ganz eindeutig vom
griechischen Kulturparadigma geprägt und stellten zusammen mit der Patriar-
chatskirche von Konstantinopel, die von ihnen kontrolliert wurde, zugleich des-
sen wichtigste Repräsentanten. Es wäre jedoch irreführend, diese Gruppe nach
ethnisch-nationalen Kriterien zu fassen, denn die Fanarioten waren und verstan-
den sich auch selbst vor allem als eine orthodoxe Elite. Der Zugang zu ihr war
nicht primär herkunftsabhängig, sondern basierte auf wirtschaftlichem Erfolg
sowie effizienter Netzwerkbildung u. a. mittels Heiratspolitik. Genau genom-
men war die Aufnahme in den Kreis der Fanarioten, dokumentiert durch die
Niederlassung im gleichnamigen Stadtteil Konstantinopels, der Höhepunkt einer
sozialen Aufstiegskarriere, die weniger von Einzelpersonen als von ganzen Fa-
milien durchlaufen wurde und sich oftmals über mehrere Generationen vollzog3.
Die Aneignung von griechischer Sprache und Bildung war in diesem Stadium
schon längst abgeschlossen bzw. musste abgeschlossen sein, da Griechisch hier
als ein notwendiges Attribut von sozialem Prestige und in diesem Sinne als
„kulturelles Kapital“ fungierte.

3
Siehe dazu einführend Stoianovich, Traian: The Conquering Balkan Orthodox Merchant.
In: The Journal of Economic History, 20 (1960), 234–313.

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Zur Bedeutung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa 23

„Griechische Bildung“ als Teil osmanisch-orthodoxer Elitenkultur wurde


damals weitgehend vom traditionellen byzantinischen Lehrcurriculum bestimmt,
das die Kirche als Trägerin des orthodoxen Bildungswesens mit ausgeprägtem
Konservativismus über die Jahrhunderte fortschrieb. Seine konkreten Inhalte
waren vom Spracherwerb des Altgriechischen dominiert, das die Zeitgenossen
übrigens strikt vom damaligen Gegenwartsgriechisch differenzierten, welches
sie nicht einmal als „Griechisch“ bzw. „Hellenisch“ bezeichneten. Dementspre-
chend war der Ausdruck „griechische Schule“ in dieser Zeit auch ein Synonym
für „weiterführende Schule“ und hatte keinerlei ethnische Bedeutung. Neben
Grammatik und Rhetorik gehörte zu diesem Curriculum auch ein fester Litera-
turkanon bestehend aus orthodoxen Kirchenvätern sowie antiken Klassikern von
Homer bis Plutarch. Letzteres spricht für das gewaltige Prestige der altgriechi-
schen Literatur, deren ästhetisch-normativer Autoritätsanspruch hier über jeder
Kritik stand und tatsächlich niemals ernsthaft in Frage gestellt wurde.
Eben darin lag aber zugleich ein Berührungspunkt mit Westeuropa, wo unter
Vorzeichen von Humanismus und Renaissance ebensolche Wertungen vorge-
nommen wurden, obwohl sich diese Rezeption in ihrer Qualität deutlich unter-
schied, denn sie bezog sich im Westen erstens nicht allein auf Sprache und
Literatur, sondern auf die antike Kultur in ihrer Gesamtheit, und war zweitens
ihrem Charakter nach nicht formalistisch-tradierend sondern inhaltlich-substan-
tiell und dementsprechend kreativ.
Immerhin bleibt festzuhalten, dass die antiken griechischen Klassiker im
Westen wie auch im Südosten als Teil des eigenen kulturellen Erbes angesehen
wurden und insofern als Bezugsgrößen einer gemeinsamen europäischen Iden-
tität fungierten. Sie waren in dieser Eigenschaft vielleicht sogar bedeutender als
der andere große Bezugspunkt europäischer Identität, das Christentum, das hier
aber nicht im gleichen Maße verbindend wirkte.
Aus westlicher Perspektive mochten nämlich die orthodoxen Balkanchristen
zwar die „richtige“ Religion haben, hingen aber ganz eindeutig der „falschen“
Konfession an – und umgekehrt galt natürlich dasselbe: Im Hinblick auf die
konfessionellen Differenzen konnte (und kann) sich das orthodoxe Südosteu-
ropa sehr wohl in Abgrenzung und sogar gegen den europäischen Westen defi-
nieren; im Hinblick auf die Kultur war dies nicht oder jedenfalls nicht ohne
weiteres möglich, denn dafür waren die beiden Räume auch damals schon viel
zu eng miteinander verflochten.
Dies lässt sich bereits daran erkennen, dass die wichtigsten Druckstandorte
für südosteuropäisches Schrifttum gar nicht auf dem Balkan lagen, sondern in
West- bzw. Mitteleuropa, wobei vor allem Venedig, Wien, aber durchaus auch
Leipzig und Halle zu nennen sind. Das lag übrigens nicht daran, dass die
Osmanen in ihrem Machtbereich kein Druckereiwesen hätten entstehen lassen,
um die Christen zu unterdrücken, wie in den Nationalmythologien der Region
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24 Ioannis Zelepos

bis heute gern kolportiert wird, sondern vielmehr an der spezifischen Struktur
medialer Netzwerke zwischen Südost- und Zentraleuropa, die sich schon mit
Aufkommen des Buchdrucks im ausgehenden Mittelalter entwickelten. Entspre-
chend falsch ist auch die Vorstellung, dass es sich bei diesen Druckerzeugnis-
sen um eine Art „Diaspora-“ oder gar „Exilliteratur“ gehandelt hätte, denn sie
richteten sich vornehmlich an Leserschaften im osmanischen Balkanraum, wo
ihre Verbreitung gut dokumentiert ist, und waren insofern fester Bestandteil
einer indigenen südosteuropäischen Lesekultur.

Zur Aufklärung in Südosteuropa

Die hier skizzierte Verflechtung erlebte im 18. Jahrhundert eine starke Inten-
sivierung, die sich nicht nur quantitativ in einem starken Anwachsen der Buch-
produktion niederschlug, sondern auch qualitativ in einer zunehmenden Ausei-
nandersetzung mit modernen Wissenschaften und den Ideen der Aufklärung.
Von einer „südosteuropäischen Aufklärung“ kann freilich nur in gesamteuropä-
ischem Kontext die Rede sein, denn es handelte sich dabei ganz eindeutig um
einen Rezeptionsprozess von West in Richtung Südost. Konkret zeigte sich dies
zunächst in Übertragungen von Schriften westeuropäischer Autoren. Der Be-
griff „Übertragungen“ passt hier besser als „Übersetzungen“, weil die Rezipi-
enten dabei zuweilen recht freizügig vorgingen. Konkret bedeutet dies, dass
Textvorlagen kompiliert, überarbeitet und natürlich auch verändert bzw. er-
gänzt wurden, wenn der Bearbeiter es besser wusste oder zumindest glaubte, es
besser zu wissen. Eben solche Ergänzungen machen diese Übertragungen jedoch
zu wertvollen zeitgenössischen Quellen, besonders wenn es sich um Abhand-
lungen mit historischer oder geographischer Thematik handelt.
Dieser Rezeptionsprozess spielte sich im 18. Jahrhundert weitgehend auf
Griechisch ab, das, bildhaft gesprochen, beim aufklärerischen Ideentransfer nach
Südosteuropa die Funktion eines „sprachlichen Relais“4 erfüllte. Ein Beispiel
ist etwa die 1768 in Leipzig erschienene griechische Übersetzung von Voltaires
im Jahr zuvor publiziertem „Essai historique et critique sur les dissensions des
églises de Pologne“. Sie stammte von Evgenios Voulgaris, der das Original um
einen eigenen Essay mit dem Titel „Über die religiöse Toleranz“5 ergänzte und
4
Vgl. Puchner, Walter: Griechische Hegemonialkultur im östlichen Balkanraum zur Zeit
der Aufklärung und der nationalen ‚Wiedergeburt‘. Beispiele und Tendenzen. In: Maria
Oikonomou, Maria A. Stassinopoulou, Ioannis Zelepos (Hg.): Griechische Dimensionen
südosteuropäischer Kultur seit dem 18. Jahrhundert. Verortung, Bewegung, Grenzüber-
schreitung. Studien zur Geschichte Südosteuropas, 17. Frankfurt/M. 2011, 17–25.
5
Voulgaris, Evgenios: Ȇİȡȓ IJȦȞ įȚȤȠȞȠȚȫȞ IJȦȞ İȞ IJĮȚȢ ǼțțȜȘıȓĮȚȢ IJȘȢ ȆȠȜȦȞȓĮȢ įȠțȓȝȚȠȞ
ȚıIJȠȡȚțȩȞ țĮȚ țȡȚIJȚțȩȞ [...] ȂİIJȐ țĮȚ ȈȘȝİȚȦȝȐIJȦȞ IJȚȞȫȞ țĮȚ ȀȡȚIJȚțȫȞ ȠȚȢ İȞ IJȑȜİȚ
ʌȡȠıİIJȑșȘ ȈȤİįȓĮıȝĮ ʌİȡȓ IJȘȢ ǹȞİȟȚșȡȘıțİȓĮȢ. Leipzig 1768.

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Zur Bedeutung des Griechischen im vornationalen Südosteuropa 25

diesen Begriff damit zugleich erstmals in die griechische Sprache einführte.


Beispiele für zeitgenössisch relevante historische Abhandlungen sind ferner die
„Geschichte der Walachei von der Antike bis zum Jahr 1774“6 von Michail
Kantakouzinos, 1806 in Wien veröffentlicht, oder die „Geschichte der Slaveno-
Serben“7 von Triantafyllos Doukas, die 1807 in Pest erschien und die erste
historische Darstellung des serbischen Aufstands von 1804 enthält. Als letztes
Beispiel ist hier ein Werk mit dem Titel „Theorie der Geographie“ zu erwäh-
nen, das 1781 in Wien erschien8. Im Hinblick auf die Rezeption moderner Na-
turwissenschaften stellt dieses Buch den vielleicht wichtigsten südosteuropäi-
schen Text seiner Zeit dar, weil es eindeutig und vorbehaltlos das heliozentrische
Weltbild von Kopernikus und die physikalischen Gesetze Newtons vermittel-
te, beides hochumstrittene Themen, weil sie dem etablierten religiösen Weltbild
widersprachen. Sein Verfasser war Iosipos Moisiodax, der sich diesen antiki-
sierenden Kunstnamen als Hinweis auf seine Herkunft aus ýerna Voda in der
Dobrudscha zugelegt hatte („Moisiodax“ ist eine Kombination der antiken rö-
mischen Provinznamen „Moesien“ und „Dakien“). Er ist ein weiteres Beispiel
für einen bedeutenden griechischsprachigen Autor, der kein Muttersprachler war.
Dass Moisiodax in Wien publizierte, war kein Zufall, denn diese Stadt ent-
wickelte sich damals zu einem Brennpunkt südosteuropäischer Publizistik. 1790
erschien dort etwa die erste griechische Zeitung unter dem Titel „ǼijȘȝİȡȓȢ“.
Herausgeber waren die aus Südwestmakedonien stammenden Gebrüder Poulios,
die im Jahr darauf auch die erste serbische Zeitung, die „ɋɪɩɫɤɟ ɇɨɜɢɧɟ“
verlegten. Beide Blätter erwiesen sich allerdings nicht als besonders langlebig,
was nicht zuletzt daran lag, dass die österreichischen Staatsorgane derartige
Aktivitäten angesichts der revolutionären Verwerfungen seit 1789 mit zuneh-
mendem Misstrauen beobachteten. Als wenige Jahre später in Wien ein revolu-
tionäres Pamphlet auftauchte, das zum allgemeinen Aufstand der Balkanchristen
gegen die Sultansherrschaft aufrief9, wurde sein Verfasser, Rigas Velestinlis –
der als Thessalier aromunischer Herkunft ein weiteres Beispiel für einen bedeu-
tenden nichtmuttersprachlichen griechischen Autor liefert – kurzerhand fest-
gesetzt und den osmanischen Behörden übergeben, die ihn 1798 in Belgrad
hinrichten ließen.

6
Kantakouzinos, Michail: ǿıIJȠȡȓĮ IJȘȢ ǺȜĮȤȓĮȢ ȆȠȜȚIJȚțȒ țĮȚ īİȦȖȡĮijȚțȒ Įʌȩ IJȘȢ
ĮȡȤĮȚȠIJȐIJȘȢ ĮȣIJȒȢ țĮIJĮıIJȐıİȦȢ ȑȦȢ IJȠȣ 1774 ȑIJȠȣȢ. Wien 1806.
7
Doukas, Triantafyllos: ǿıIJȠȡȓĮ IJȦȞ ȈȜĮȕȑȞȠ-ȈȑȡȕȦȞ ıȣȞIJİșİȓıĮ įȚĮ ıIJȓȤȦȞ ʌȠȜȚIJȚțȫȞ
ȋȐȡȚȞ IJȦȞ ȠȝȠȖİȞȫȞ ijȚȜȠȧıIJȩȡȦȞ. Pest 1807.
8
Moisiodax, Iosipos: ĬİȦȡȓĮ IJȘȢ īİȦȖȡĮijȓĮȢ. Wien 1781.
9
Es handelte sich um einen Verfassungsentwurf mit dem Titel „Neue politische Verwaltung
der Einwohner Rumeliens, Kleinasiens, der mittelmeerischen Inseln und der Walacho-
Moldau“ [„ȃȑĮ ʌȠȜȚIJȚțȒ įȚȠȓțȘıȚȢ IJȦȞ țĮIJȠȓțȦȞ IJȘȢ ȇȠȪȝİȜȘȢ, IJȘȢ ȝȚțȡȐȢ ǹıȓĮȢ, IJȦȞ
ȝİıȠȖİȓȦȞ ȞȒıȦȞ, țĮȚ IJȘȢ ǺȜĮȤȠȝʌȠȖįĮȞȓĮȢ“], der 1797 entstand.

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26 Ioannis Zelepos

Dieser Fall macht die politische Dimension des aufklärerischen Ideentrans-


fers nach Südosteuropa deutlich, denn „Aufklärung“ stand nicht nur für kriti-
schen Rationalismus und wissenschaftliche Empirie, sondern auch und vor allem
für die Emanzipation des Menschen – als Einzelnem und in der Konsequenz
auch als Nation.

Transformation im Zeitalter des Nationalismus

Die Formierung südosteuropäischer Nationalbewegungen im Zusammenhang


mit Aufklärung und Französischer Revolution führte zum Aufbrechen des sozio-
kulturellen Bezugsrahmens osmanischer Orthodoxie und damit auch zu einem
Bedeutungsverlust des Griechischen als überregionaler Verkehrs- und Bildungs-
sprache. Denn die Balkannationalismen (inklusive des griechischen) artikulier-
ten sich, nicht zuletzt wegen des Mangels an anderen geeigneten Bezugsgrößen,
vor allem sprachlich, setzten also Sprache und nationale Identität gleich. Ein
frühes Beispiel für dieses Denkmuster liefert der Mönch Paisij Chilendarski,
der als wichtigster Vorläufer der bulgarischen nationalen „Wiedergeburt“ gilt,
weil er zwischen 1760 und 1764 eine „Slawo-bulgarische Geschichte“10 ver-
fasste, in der er vehement für die bulgarische Sprache eintrat. Im Prolog heißt
es dort u. a.:
Du, Bulgare, laß Dich nicht auf’s Kreuz legen. Kenne Dein Volk und Deine
Sprache und lerne sie in Deiner Sprache kennen. Besser bulgarische Schlichtheit
11
und Gutartigkeit.

Es versteht sich, dass der Verfasser hier gegen die Dominanz des Griechischen
argumentierte, wobei der letzte Satz mit dem Hinweis auf „bulgarische Schlicht-
heit“ zugleich ein aufschlussreiches Indiz für dessen „vertikale“ Verortung als
Bildungssprache liefert.
Unter den neuen ideologischen Vorzeichen kam es in dieser Hinsicht zu
einer fundamentalen Umdeutung, denn eine Kerndoktrin des Sprachnationalis-
mus besagt, dass Sprache nicht etwa soziale Schichtungen reflektiert, sondern
die Einzigartigkeit der Nation, die als Gemeinschaft von Gleichen gedacht wird.
Da nationale Identität darüber hinaus den Anspruch erhebt, ausschließlich und
unteilbar zu sein, wird dementsprechend auch sprachliche Identität als aus-
schließlich und unteilbar konzipiert. Mehrsprachigkeit wird in dieser Weltsicht

10
Paisij Chilendarski: ɂɫɬɨɪɢɹ ɫɥɚɜɹɧɨɛɨɥɝɚɪɫɤɚɹ (Prolog ediert bei Voin Bozhinov,
Ljubomir Panayotov (Hg.): Ɇɚɤɟɞɨɧɢɹ. ɋɛɨɪɧɢɤ ɨɬ ɞɨɤɭɦɟɧɬɢ ɢ ɦɚɬɟɪɢɚɥɢ. Sofia
1978, 126).
11
A. a. O.: „Ɍɢ, ɛɴɥɝɚɪɧɨ, ɧɟ ɫɟ ɦɚɦɢ, ɡɧɚɣ ɫɜɨɹ ɪɨɞ ɢ ɟɡɢɤ ɢ ɫɟ ɭɱɢ ɧɚ ɫɜɨɹ ɟɡɢɤ! ɉɨ-
ɞɨɛɪɚ ɟ ɛɴɥɝɚɪɫɤɚɬɚ ɩɪɨɫɬɨɬɚ ɢ ɧɟɡɥɨɜɢɜɨɫɬ.“

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zur Abweichung von der Norm, ja sogar zu einer potentiellen Bedrohung für
die Kohärenz der Nation.
Diesem Umdeutungsprozess, in dem sich bereits zentrale Konfliktachsen des
heutigen „Babel Balkan“ abzeichnen, wurde auch das Griechische unterzogen,
das nun ebenfalls etwas werden sollte, was es bis dahin nie gewesen war: eine
Nationalsprache.
Auf diesen Umbau haben griechische Sprachnationalisten in den letzten
zweihundert Jahren alle erdenklichen Mühen verwendet, allerdings kann man
über den Erfolg ihres Unterfangens durchaus geteilter Meinung sein. Die Suche
nach der „richtigen“ Form der Nationalsprache wurde hier stärker als anderswo
von einem Richtungsstreit zwischen antikisierender Hochsprache und lebendiger
Volkssprache geprägt, wobei historischer Prestigeanspruch einerseits und prak-
tische Handhabbarkeit sowie Projektionen völkischer Authentizität andererseits
gegeneinander ins Feld geführt wurden. Das Ergebnis war ein ideologischer
Dauerkonflikt sowie ein zweifelhafter Kompromiss in Form der sog. „Kathare-
vousa“ d. h. „Reinsprache“, die im Wesentlichen ein Kunstprodukt des 19.
Jahrhunderts darstellt und bis 1975 offizielle Amtssprache Griechenlands blieb.
Mit ihrer Abschaffung wurde der griechische Sprachstreit aber keineswegs bei-
gelegt, seine Konfliktpotentiale sind bis heute virulent und neigen insbesondere
in Krisenzeiten zu akuten Ausbrüchen.
Dies soll hier abschließend an einem aktuellen Beispiel illustriert werden:
Im November 2011 erschien in Griechenland ein neues Grammatikbuch für die
5. und 6. Volksschulklassen, das umgehend einen Skandal auslöste, weil dort
die Anzahl der Vokale des Griechischen mit fünf angegeben wird: a, e, i, o, u.
Das ist zwar lautlich völlig korrekt, berücksichtigt aber nicht die historische
Orthographie, in der es drei Buchstaben für den i-Laut (von den gleichlautenden
Buchstabenkombinationen abgesehen) und zwei für den o-Laut gibt. Die in
diesem Zusammenhang artikulierte Kritik weist in Form und Inhalt durchaus
pittoreske Züge auf und der außenstehende Beobachter mag sich unwillkürlich
fragen, ob es angesichts der gegenwärtigen Systemkrise in Griechenland eigent-
lich keine wichtigeren Probleme gibt.
Betrachtet man jedoch die Motive der Protestierenden aus der Nähe, scheint
es dort einen Zusammenhang zu geben. Das folgende Zitat stammt aus dem
Protestaufruf eines bekannten griechischen Lehrervereins, der seit einigen Mona-
ten im Internet irrlichtert und auch über einschlägige Emailverteiler verbreitet
wurde:
Und ich frage zusammen mit allen Griechen: 1) Reicht nicht die wirtschaftliche
Zerstörung unseres Vaterlandes, müssen wir auch unsere nationale Vernichtung
hinnehmen? 2) Müssen wir den Westlichen unsere Sprache opfern, um ihnen zu
gefallen? […], ahnt ihr, was geschehen wird, wenn die Vokale verschwinden,
die in unserer DNS enthalten sind seit Beginn unserer Existenz auf dem Planeten?
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28 Ioannis Zelepos

[…] die griechische Sprache würde eine konventionelle Sprache werden wie so
viele andere.12

Auf eine inhaltliche Kommentierung dieser Sätze kann hier verzichtet werden,
denn sie dokumentieren vor allem, zu welch haarsträubenden geistigen Verirrun-
gen die nationalideologische Vereinnahmung von Sprache führen kann.

12
Siehe <http://www.syllogosdelmouzos.gr/012/elgl12.pdf> (Zugriff: 28.09.2012): „[…]
ȀĮȚ İȡȦIJȫ, ȩȤȚ ȝȩȞȠ İȖȫ ĮȜȜȐ țĮȚ ȩȜȠȚ ȠȚ DzȜȜȘȞİȢ: 1) ǻİȞ ȝĮȢ ijIJȐȞİȚ Ș ȠȚțȠȞȠȝȚțȒ
țĮIJĮțȡȒȝȞȚıȘ IJȘȢ ʌĮIJȡȓįȠȢ ȝĮȢ, ʌȡȑʌİȚ ȞĮ ȣʌȠıIJȠȪȝİ țĮȚ IJȘȞ İșȞȚțȒ ȝĮȢ İȟȠȜȩșȡİȣıȘ;
2) ȆȡȑʌİȚ ȞĮ șȣıȚȐıȠȣȝİ IJȘȞ ȖȜȫııĮ ȝĮȢ ȖȚĮ ȞĮ ȝȠȚȐıȠȣȝİ ıIJȠȣȢ ǻȣIJȚțȠȪȢ, ȖȚĮ ȞĮ
ȖȓȞȠȣȝİ ĮȡİıIJȠȓ Įʌȩ ĮȣIJȠȪȢ; […] ıțȑijIJİıIJİ IJȚ șĮ ıȣȝȕİȓ ȝİ IJȘȞ ĮʌȠȣıȓĮ IJȦȞ
ijȦȞȘȑȞIJȦȞ IJĮ ȠʌȠȓĮ İȞȣʌȐȡȤȠȣȞ ıIJȠ DNA ȝĮȢ Įʌȩ IJȘȞ ĮȡȤȒ IJȘȢ ȣʌȐȡȟİȫȢ ȝĮȢ ıIJȠȞ
ʌȜĮȞȒIJȘ;;; […] Ș İȜȜȘȞȚțȒ ȖȜȫııĮ șĮ ȖȓȞİȚ ȝȚĮ ıȣȝȕĮIJȚțȒ ȖȜȫııĮ ȩʌȦȢ țĮȚ IJȩıİȢ
ȐȜȜİȢ.“ Es ist zu ergänzen, dass sich der besagte Verein mittlerweile in aller Form von
diesen Aussagen distanziert hat und diese somit als Einzelmeinung eines Mitglieds zu
betrachten sind.

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Das osmanische Erbe und der heutige Gebrauch
des Türkischen in den Sprachen Südosteuropas

Matthias Kappler

1 Einführung

1.1 Das Thema des Sprachkontakts der südosteuropäischen Sprachen mit dem
Türkischen im Rahmen einer synchronen soziolinguistischen Beschreibung ist,
so peripher es auf den ersten Blick erscheinen mag, ein überaus weites Gebiet.
Es geht nämlich bei weitem nicht nur um das Phänomen der türkischen Lehn-
wörter, d. h. Wörter, die direkt aus dem Türkischen entlehnt wurden, egal ob
sie arabischer, persischer, türkischer, oder gar griechischer Provenienz waren,
und die gemeinhin als „Turzismen“ bezeichnet werden. Es geht vielmehr um
Spuren eines gemeinsamen historischen Kontextes, der diese Sprachen bis heute
in ihrem Gebrauch geprägt hat. Oft fallen Sprechern der verschiedenen Spra-
chen lexikalische Gemeinsamkeiten auf, wenn sie ein anderes Land der Balkan-
halbinsel besuchen, oder mit Sprechern anderer südosteuropäischer Sprachen
zusammentreffen, beispielsweise in der Bezeichnung von Speisen wie imam-
bayıldı oder köfte, in Schimpf- und Kosewörtern von pezevenk bis levent, aber
auch in völlig stilneutralen Ausdrücken, z. B. cep (IJıȑʌȘ, ɞɠɨɛ, ɞɠɟɩ, xhep
usw.) oder çanta. In diesem Beitrag will ich versuchen, den soziolinguistischen
Hintergrund dieser „Balkanismen“ (denn als gemeinsames Merkmal der Bal-
kansprachen handelt es sich ja in gewisser Hinsicht um solche1) aufzuzeigen,
doch werde ich auch Strukturelles heranziehen, denn so kann die Tiefe des
Sprachkontakts besser erfasst werden. Es ist bekannt, dass bei der Analyse von
Sprachkontakt immer soziolinguistische Faktoren berücksichtigt werden müssen.
In der Tat gibt uns die Betrachtung des osmanischen Erbes auch die Mög-
lichkeit, sowohl alte als auch heutige Tendenzen in der soziolinguistischen
Entwicklung der Sprachen darzustellen, oder genauer gesagt: Das Beispiel des
Türkischen kann uns wertvolle Informationen über Sprachpolitik und Sprach-

1
Siehe die abschließende Bemerkung in Bernstein, Samuil B.: Les langues turkes de la
péninsule des Balkans et „l’union des langues balkaniques“. In: Actes du Premier Congrès
International des Études balkaniques et sud-est européennes. Sofia 1968, 73–79, 79: „Le
vocabulaire des langues balkaniques offre beaucoup des turcismes qui sont toujours les
mêmes. Il y a des éléments communs de la langue turque (de Turquie) dans la formation,
dans la phraséologie. Par là, ces langues sont encore plus apparentées. Les turcismes bal-
kaniques communs sont les indices caractéristiques de ‚l’union des langues balkaniques‘.“
Siehe hierzu auch die entsprechende Diskussion in Sobolev, Andrej N.: Ɉɩɵɬ ɢɫɫɥɟɞɨ-
ɜɚɧɢɹ ɬɸɪɤɢɡɦɨɜ ɜ ɛɚɥɤɚɧɫɤɢɯ ɞɢɚɥɟɤɬɚɯ. In: Zeitschrift für Balkanologie, 40 (2004)
1, 61–91; 40 (2004) 2, 206–229, 62–63.

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30 Matthias Kappler

nationalismus, über Sprachprestige und lexikalisches Repertoire, sowie über


Status, Stil, Register und soziolinguistische Varietäten geben.
Dabei ist auch die historische Dimension von Bedeutung: Wann und wo war
der türkische Einfluss in den verschiedenen Gebieten am größten? Besteht eine
direkte Beziehung zwischen der osmanischen Eroberungsgeschichte und der
geographischen Distribution der türkischen Sprachelemente? Die letztere Frage
kann schon im Voraus verneint werden, denn zwar besteht kein Zweifel, dass
sich Lexeme türkischer Herkunft in Varietäten, die von Muslimen gesprochen
werden, länger halten, oder auch quantitativ zahlreicher sind oder waren, so z. B.
im Bosnischen oder im Zentralalbanischen, doch ebenso klar ist die Tatsache,
dass türkische Wörter zum festen Bestandteil des kroatischen, montenegrini-
schen oder rumänischen Lexikons gehören, Sprachen, die in Gebieten gespro-
chen werden, wo der osmanische Staat relativ kurz, oder eher schwach, oder
aber nur indirekt Einfluss ausgeübt hat. Doch wie kann diese Tatsache erklärt
werden? Solche Fragen können mit einer soziolinguistischen Betrachtungsweise
zum Teil beantwortet werden, wie wir sehen werden. Und wie steht es mit der
Frage nach der Chronologie des Einflusses? Im Allgemeinen wird die Phase
des Kontakts mit der osmanischen Eroberung der Balkanhalbinsel also mit dem
15. Jahrhundert gleich gesetzt; dafür werden meist nur historische Argumente
eingesetzt. Manchmal aber werden auch strukturelle, besonders phonetische oder
morphonologische Aspekte herangezogen. So vertrat der Slavist Petar Skok in
den 30er Jahren die Ansicht, dass die morphologische Eingliederung der türki-
schen auf Vokal auslautenden Nomina ins Serbokroatische und Bulgarische mit
dem slavischen Morphem -ja vor der Aufgabe der Deklination im Bulgarischen
vonstatten gegangen sein muss, also innerhalb des 15. Jahrhunderts, z. B. ku-
jundžija, kapija2. Inwieweit diese Argumentation tatsächlich vertretbar ist, mag
dahingestellt bleiben (im Bulgarischen wurden noch viel später Wörter, auch
aus anderen Sprachen, mit diesem Morphem adaptiert, z. B. partija)3. An der
Kritik solcher Ansätze kann man sehen, dass soziolinguistische Kontexte bei
der korrekten Einordnung von Sprachkontaktphänomenen hilfreicher sind als
nur strukturelle Argumentationen, auf der anderen Seite ist es ebenso wichtig,
die beiden Ansätze bei der Untersuchung unseres Themas zu verbinden, und

2
Skok, Petar: Restes de la langue turque dans les Balkans. In: Revue internationale des
Etudes balkaniques, 1 (1935) 2, 247–260, 250.
3
Auch die anderen Beispiele, die Skok (ebd.) angibt, so die Substitution von türk. /ı/ >
südserbisch /a/, aber /u/ in anderen Gebieten, können schwerlich für chronologische Ar-
gumente angeführt werden, zumal nicht klar ist, wie Skok diese Substitutionen mit der
historischen Lautentwicklung im Südslavischen in Verbindung setzen will. Solche Er-
scheinungen sind eher areal-diatopisch als diachron zu sehen (vgl. die Substitution /a/
auch im Makedonischen).

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 31

das will ich auch in diesem Beitrag, allerdings in einem generell soziolinguisti-
schen Rahmen, tun.
Als erstes will ich nun kurz die Forschungsgebiete in der Untersuchung des
Türkischen als Kontaktsprache südosteuropäischer Sprachen und den entspre-
chenden Forschungsstand beschreiben.

1.2 Das Interesse an der Untersuchung des türkischen Wortschatzes in den


Sprachen Südosteuropas hat schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnen.
Der Slavist Franz Miklosich, der auch als Gründer der slavistischen Kompara-
tistik bezeichnet wird4, veröffentlichte 1884 den ersten Teil seiner ausgedehnten
Wörterliste Die türkischen Elemente in den südost- und osteuropäischen Spra-
chen5. Das Werk enthält über 2000 türkische Stichwörter mit den jeweiligen
Entsprechungen im Griechischen, Albanischen, Bulgarischen, Rumänischen und
Serbischen, sowie im „Kleinrussischen“ – gemäß seiner Terminologie –, also
dem Ukrainischen, dem „Großrussischen“, also Russischen, und Polnischen.
Miklosich hat außerdem eine Chronologie des türkischen, auch vorosmanischen,
Einflusses in Südosteuropa skizziert, die ganz auf historischen Argumenten
basiert und für uns hier keine Bedeutung hat, da sie die osmanische Periode
undifferenziert vom 15. bis zum 19. Jahrhundert ansetzt. Obwohl die von Mik-
losich gelieferten Daten für heutige Forschungen nicht mehr tauglich sind, da
sie keinerlei Auskunft über Varietäten und Herkunft der Belege geben, bleibt
sein Verdienst um dieses umfangreiche Turzismenglossar außer Diskussion.
Nie hat jemand ein so großes Unterfangen jemals wieder in Angriff genommen,
und so wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Rufe nach einem „neuen
Miklosich“ laut.6 Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann auch die
„Blütezeit“ der sogenannten Turzismenforschung, die mehr oder weniger begeis-
tert von Vertretern der Einzelphilologien – Südslavisten, Albanologen, Gräzis-
ten, Romanisten – und von wenigeren Turkologen angegangen wurde. Wichti-
ge Namen sind hier Schaller, Schmaus, Hazai, Mollova, Boretzky, Friedman,
4
Mladenovic, Milos: Turkish Language Influence upon the Balkan Slavs. In: Études Slaves
et Est-Européennes, 7 (1962), 13–22, 13.
5
Miklosich, Franz: Die türkischen Elemente in den südost- und osteuropäischen Sprachen
(Griechisch, Albanisch, Rumänisch, Bulgarisch, Serbisch, Kleinrussisch, Großrussisch,
Polnisch), 2 Bände und 2 Nachträge [= Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der
Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe. 1850]. Wien 1884–1890.
6
1966 auf dem 1. Kongress der Association Internationale des Études du Sud-Est Euro-
péen, ausgeführt später von Hazai, György: Die Balkanologie braucht einen neuen Miklo-
sich. In: Norbert Reiter (Hg.): Ziele und Wege der Balkanlinguistik, Berlin, Wiesbaden
1983, 99–103; siehe die ganze Diskussion in Kappler, Matthias: Turkologie und Südost-
europalinguistik. In: Uwe Hinrichs, Uwe Büttner (Hg.): Die Südosteuropa-Wissenschaften
im neuen Jahrhundert. Akten der Tagung vom 16.–19.10.1999 an der Universität Leipzig.
Wiesbaden 2000, 129–143, 142.

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32 Matthias Kappler

Tzitzilis und Kazazis7. In jener Zeit wurden vor allem phonetische Aspekte der
Lautsubstitution im Entlehnungsprozess untersucht, sowie die morphologische
Eingliederung und Adaption der türkischen Lehnwörter in das einbettende
System der Empfängersprache, sowie, wenn auch seltener, soziolinguistische
Faktoren, die den „Status“ und den „Stil“ der involvierten Sprachvarietäten
bestimmen, und außerdem der semantische Bereich mit der Untersuchung von
Bedeutungsentlehnungen und sogenannten „calques“. Mit Anbruch des 21.
Jahrhunderts scheinen die Turzismen etwas aus der Mode gekommen zu sein,
denn es erscheinen kaum mehr Untersuchungen über strukturelle Aspekte. Doch
bei genauerem Hinsehen hat sich nur das Interesse verlagert: Soziolinguistische
Aspekte werden mehr berücksichtigt, endlich werden Studien mit Dialektbele-
gen veröffentlicht8, Gebrauch und Status werden vermehrt untersucht, auch im
Hinblick auf die Neologismen, ein Phänomen, das in allen Balkansprachen sehr
aktuell ist9. Außerdem wurden für das Bulgarische neue Glossare herausge-
geben10. Der dialektologische Aspekt ist in zweifacher Hinsicht sehr wichtig:
Einerseits ist zu begrüßen, dass immer mehr dialektale Formen aus verschiede-
nen Varietäten der Balkansprachen herangezogen werden11, andererseits ist es
bedauerlich, dass in vielen Studien die turkologische Seite aus dialektologischer
Sicht nicht immer berücksichtigt wird. Als Modellsprache (Quellsprache, Ge-
bersprache etc., wie auch immer die Terminologie sein mag) wird oft einfach
ein standardtürkisches Etymon angegeben, während im Kopievorgang, der meist

7
Siehe die entsprechenden Literaturangaben in Hazai, György/Matthias Kappler: Der Ein-
fluss des Türkischen auf die Sprachen Südosteuropas. In: Uwe Hinrichs (Hg.): Handbuch
der Südosteuropalinguistik. Wiesbaden 1999, 649–675. Vgl. auch Tietze, Andreas: Der
Einfluss des Türkischen auf andere Sprachen (Die Veröffentlichungen seit etwa 1950). In:
György Hazai (Hg.): Handbuch der türkischen Sprachwissenschaft. Wiesbaden 1990,
119–145. Speziell zum Türkischen in Südosteuropa siehe auch: Kappler, Matthias: Tür-
kisch (in Südosteuropa). In: Miloš Okuka (Hg.): Wieser Enzyklopädie des Europäischen
Orients, 10. Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Klagenfurt 2002, 817–834.
8
Sobolev 2004; Kappler, Matthias: Verso un nuovo Thesaurus dei turcismi balcanici. La
dimensione dialettale e materiale sui turcismi greco-epiroti dei secoli XVIII–XIX. In: Fa-
biana Fusco, Vincenzo Orioles, Alice Parmeggiani (Hg.): Processi di convergenza e diffe-
renziazione nelle lingue dell’Europa medievale e moderna. Udine 2000, 157–194.
9
Gadjeva, Snejana: Les turcismes dans la langue bulgare „libérée“. Une source de néologie.
In: Marie Vrinat-Nikolov, Jack Feuillet (Hg.): La Bulgarie du communisme à l’Union
européenne. Langue, littérature, médias [= Revue des Etudes slaves, 81]. Paris 2010, 251–
267; Gadjeva, Snejana: Dynamisme de l’emprunt. Les turcismes dans la langue bulgare.
In: Neologica, 2 (2008), 131–147.
10
Grannes, Alf: A Dictionary of Turkisms in Bulgarian, Oslo 2002; Krăsteva, Vesela: Ɋɟɱ-
ɧɢɤ ɧɚ ɬɭɪɫɤɢɬɟ ɞɭɦɢ ɜ ɫɴɜɪɟɦɟɧɧɢɹ ɛɴɥɝɚɪɫɤɢ ɩɟɱɚɬ. Sofia 2000; Krăsteva, Vesela:
Ɍɴɥɤɨɜɟɧ ɪɟɱɧɢɤ ɧɚ ɬɭɪɰɢɡɦɢɬɟ ɜ ɛɴɥɝɚɪɫɤɢɹ ɟɡɢɤ, Sofia 2003.
11
Siehe vor allem das beachtliche Projekt von Sobolev 2004, im Rahmen des „Kleinen
Balkansprachatlasses“ der Universität Marburg.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 33

auf mündlichem Weg stattfindet, natürlich als Matrixvarietät die türkischen


Dialekte Südosteuropas herangezogen werden müssen, d. h. die in der traditio-
nellen Turkologie als „west-“ bzw. „ostrumelische Dialekte“ bekannten Varie-
täten des Balkantürkischen. Die Notwendigkeit der Berücksichtigung diatopi-
scher, aber auch anderer soziolinguistischer Varietäten in der areallinguisti-
schen Untersuchung von Kontakterscheinungen kann nicht genug betont werden.
Wenn es nicht geschieht, können fatale Irrtümer entstehen, die dann sogar
manchmal zu Phantomen in der Wissenschaftsgeschichte werden können. Da
diese allerdings eher im strukturellen Bereich liegen, will ich an dieser Stelle
nicht näher auf sie eingehen, komme aber nachher ganz kurz noch einmal da-
rauf zurück. Tatsache bleibt, dass wir den türkischen Einfluss in Südosteuropa
etwas differenzierter betrachten müssen. Unser Gebiet ist, im Gegensatz zu
Anatolien, dadurch gekennzeichnet, dass es fast nirgends Sprachwandel zum
Türkischen gegeben hat, auch nicht in den Gebieten, in denen eine teilweise
Islamisierung stattgefunden hat (auch diese sind, im Gegensatz zu anderen os-
manischen Gebieten, eher begrenzt: Bosnien, Teile von Albanien, Makedonien
und Bulgarien, sowie einige Gebiete Thrakiens, Thessaliens, des Epirus und
Kretas). Ob die türkischsprachigen Muslime in Ostbulgarien und Thrakien nun
ein Resultat von Sprachwandel oder von Besiedlung mit türkischsprachiger Be-
völkerung sind, ist ein heikles und oft zu sehr politisch diskutiertes Problem,
ebenso steht es mit den Gagausen in Moldavien und anderswo. Im Grunde geht
uns die Ethnogenese auch nichts an, wichtig sind nur die Tatsache, dass diese
Bevölkerungsgruppen und ihre Sprachen existieren, und die Frage, wie wir sie
untersuchen wollen. Der folgende historische Exkurs soll deshalb keinesfalls
solche strittigen Punkte diskutieren, sondern soll uns an das eigentliche Thema
heranführen: den heutigen Gebrauch der türkischen Wörter in den Sprachen
Südosteuropas.

1.3 Aus historischer Sicht ist es nämlich durchaus legitim, anzunehmen, dass
nach dem Bruch mit dem Osmanischen Reich, der in den einzelnen Gebieten
Südosteuropas bekanntlich in verschiedenen Phasen und mit verschiedener In-
tensität geschah, auch das Osmanisch-Türkische als ehemalige Verwaltungs-
sprache an Prestige und Einfluss verlor12. Dasselbe kann übrigens auch für das
Griechische als Verkehrssprache in Teilen Bulgariens und Rumäniens gesagt
werden, wobei hier wie dort die Nationenbildung und ihre Ideologien auch die
Sprache beeinflusst haben. Es stellt sich deshalb die Frage: Gab es einen geziel-

12
Siehe z. B. für das Makedonische: Friedman, Victor: The Turkish Lexical Element in the
Languages of the Republic of Macedonia from the Ottoman Period to Independence. In:
Zeitschrift für Balkanologie, 32 (1996) 2, 131–150, 135.

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34 Matthias Kappler

ten Sprachnationalismus, in seiner Ausdrucksform als Purismus, der den natür-


lichen Rückgang der Turzismen gefördert oder beschleunigt hat?
Diese Frage, die von älteren Forschern wie Skok verneint, aber in der Fol-
gezeit von Kazazis und anderen differenzierter diskutiert wurde13, lässt sich aus
heutiger Sicht mit einem klaren „Ja“ beantworten, aber dabei muss man je nach
Gebiet, Sprache und Epoche differenzieren. Besonders für das Griechische, das
Rumänische und vielleicht das Bulgarische,14 doch auch für das Albanische,
müssen puristische Bewegungen für den Rückzug von Elementen aus anderen
Sprachen, vor allem aus dem Türkischen, verantwortlich gemacht werden. Der
bekannteste balkanische Purismus fand natürlich in Griechenland statt, mit der
Hingabe zu einer „reinen“ archaisierenden Sprache seit dem 18. Jahrhundert,
bis hin zur Erfindung einer „Reinsprache“, der katharevousa, im Rahmen der
Nationenbildung im 19. Jahrhundert, die Griechenland bis in die jüngste Ver-
gangenheit zu einem Paradebeispiel der Diglossie (nach Ferguson15) machte.
Ich will und kann hier nicht detailliert auf den griechischen Sprachenstreit des
19. und 20. Jahrhunderts, das ȖȜȦııȚțȩ ȗȒIJȘȝĮ, eingehen, sondern will nur ein
paar Beispiele präsentieren, die speziell mit dem Türkischen zu tun haben16. Ada-
mantios Korais (1790–1830), der Hauptverfechter der katharevousa, schreibt,
dass „unsere heutige Sprache ganz und gar griechisch ist, bis auf wenige ita-
lienische und türkische Wörter, die die einzigen sind, die wir ausmerzen müs-
sen“17. Dadurch unterschätzt er einerseits das Ausmaß der Fremdelemente im
Griechischen, andererseits setzt er aber auch ein klares Zeichen von Purismus
(„ausmerzen“!). Im Folgenden gibt er zu, dass dies nicht ganz möglich sei,
denn „sogar die Alten [die Altgriechen] haben es nicht geschafft, ihre schöne
Sprache von vielen arabischen, hebräischen, persischen und sogar indischen
Wörtern zu befreien“. Die Rhetorik der „Befreiung“, der „Sklaverei“, die auf
die Sprache angewendet wird, ist typisch für den Sprachnationalismus des 19.
Jahrhunderts, und wird in Griechenland später auch von Demotizisten wie Psy-

13
Skok 1935: 252; Kazazis, Kostas: The Status of Turkisms in the Present-Day Balkan Lan-
guages. In: Henrik Birnbaum (Hg.): Aspects of the Balkans. Paris 1972, 87–116, 91–93.
14
Gutschmidt, Karl/Claudia Hopf: Nationalsprachen und Sprachnationalismus in Südosteu-
ropa. In: Uwe Hinrichs (Hg.): Handbuch der Südosteuropalinguistik. Wiesbaden 1999,
803–827, 810.
15
Ferguson, Charles: Diglossia. In: Word, 15 (1959), 325–340.
16
Die Literatur zur griechischen Sprachenfrage ist außerordentlich umfangreich. Stellver-
tretend möchte ich die wohl neueste Monographie zum Thema anführen, der auch die
frühere Literatur entnommen werden kann: Mackridge, Peter: Language and Identity in
Greece, 1766–1976. Oxford 2010. Das komplizierte Bild wird außerdem differenziert in
der folgenden älteren Arbeit beschrieben: Householder, Fred: Greek diglossia. Washing-
ton D.C. 1962.
17
Kappler, Matthias: ‚Fuori dalla Porta…‘. Epurazioni e neoturcismi in neoellenico. In:
Letterature di Frontiera, 8/IV (1994) 2, 105–116, 109.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 35

charis und Triandafyllidis weiter verwendet. Korais bezeichnet die „versklavte


Sprache“ allerdings als eine „Schöpfung des Volkes“, die ausländischen Elemen-
te wurden „gräzisiert“ und man dürfe nicht in diese Entwicklung eingreifen18. Im
Grunde wird etwas völlig Richtiges festgestellt, nämlich dass Lehnwörter als
eine natürliche Erscheinung von Sprachvariation morphologisch adaptiert
werden, nur wird dies im nationalistischen Sinne interpretiert. Ein weiteres schö-
nes Beispiel jüngeren Datums von explizitem Sprachpurismus ist eine Publi-
kation mit dem Titel ȃĮ ȟİIJȠȣȡțȑȥȠȣȝİ IJȘȞ ȖȜȫııĮ ȝĮȢ, ‚Lasst uns unsere
Sprache enttürkisieren‘, die 1975, ein Jahr nach dem Fall der Diktatur (und
wenige Monate nach dem Tod des Autors), erscheint19.
Im Vergleich zu Griechenland ist die Sprachenfrage in Bulgarien zum Zeit-
punkt der Nationengründung 1878 schon gelöst; die schon bestehende und ge-
festigte Schriftsprache hat wohl auch schon im 19. Jahrhundert viele Wörter
türkischer Herkunft erfolgreich eliminiert, doch war dies nicht im Zuge einer
speziellen Purismusbewegung wie in Griechenland geschehen, sondern eher
durch die Werke Intellektueller20, was auch für das Makedonische gilt21. Dies
hatte zur Folge, dass manche slavischen Wörter in populistischen Werken, z. B.
des makedonischen Intellektuellen Krþovski, mit den gebräuchlicheren türki-
schen am Rande erklärt werden mussten, damit der Leser überhaupt verstehen
konnte, um was es ging22. Inwiefern dieses auf das Schriftliche beschränkte
Sprachmanagement tatsächlich Auswirkungen auf den Sprachgebrauch hatte,
müsste aber erst noch untersucht werden. Festzuhalten wäre hier aber eine
bemerkenswerte Tatsache: Die türkischen Lehnwörter sind ja, wie wir gesehen
haben, meist über die türkischen Balkandialekte, also zum größten Teil auf
mündlichem Weg in die Balkansprachen gelangt, auch weil es keine verbreitete
osmanische Schriftlichkeit gegeben hat. Nun, diese auf mündlichem Weg ein-
gewanderten Elemente sind somit auf schriftlichem Wege wieder verdrängt
worden!
Eine bewusste Unterdrückung des Türkischen gab es hingegen in den Ge-
bieten Ostbulgariens, in denen seit den 30er Jahren bis in die jüngste Vergan-
genheit (die Namenskampagne von 1984 wird noch allen in Erinnerung sein)
eine massive Bulgarisierungspolitik der Onomastik und Toponymie betrieben
wurde23. Dies hat zwar mit unserem Thema nur indirekt etwas zu tun; es ist

18
Ebenda: 110.
19
Dizikirikis, Giakovos (īȚȐțȦȕȠȢ ǻȚȗȚțȚȡȓțȘȢ): ȃĮ ȟİIJȠȣȡțȑȥȠȣȝİ IJȘȞ ȖȜȫııĮ ȝĮȢ.
Athen 1975.
20
Gutschmidt/Hopf 1999: 823–824.
21
Friedman 1996: 135.
22
Ebenda.
23
Höpken, Wolfgang: Türkische Minderheiten in Südosteuropa. In: Südosteuropa-Mitteilun-
gen, 27 (1987), 207–214; Rudin, Catherine/Ali Eminov: Bulgarian Turkish. The Linguis-

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36 Matthias Kappler

aber durchaus denkbar, dass durch die Enttürkisierungskampagnen auch der so-
ziolinguistische Status der Turzismen im Sprachgebrauch des main stream ge-
sunken ist.
Es ist interessant, zu beobachten, dass es nationalistische Kampagnen gegen
Turzismen auch in Gebieten mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung gab
und diese auch von muslimischen Intellektuellen getragen wurden, so z. B. in
Albanien zu Beginn des 20. Jahrhunderts24. Und noch in den 60er Jahren des
20. Jahrhunderts schreibt der bekannte Philologe Anton Krajni, dass die Elimi-
nierung der Turzismen aus dem Albanischen „eine patriotische Pflicht, eine
Pflicht für uns alle“ darstelle25. Darüber hinaus ist es interessant, dass die Tur-
zismen im Sprachenstreit manchmal positiv thematisiert werden: Auch wenn in
der Phase der Kodifizierung der makedonischen Standardsprache von den 40er
bis zu den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts die Ersetzung von Turzismen aktiv
vorangetrieben wurde, wurde von einigen Intellektuellen vorgeschlagen, den
Erhalt der Turzismen zu ermutigen, um sich so von den anderen slavischen Spra-
chen abzugrenzen26.
Ganz ähnlich sieht es bei den Serben aus. Die Diglossie, die auch im Serbi-
schen, zwischen Slaveno-Serbisch und Volksserbisch, bestand, führte, ähnlich
und etwa zur gleichen Zeit wie in Griechenland, zu einem Sprachenstreit. Anti-
türkische Ausdrucksformen kann man auch hier entdecken: So kritisierte z. B.
Jovan Stejiü den Übersetzer des Neuen Testaments ins Volksserbische, den
bekannten Vuk Karadžiü, im Jahre 1849, dass in der Übersetzung 30 türkische
Wörter zu finden wären27. Insgesamt scheint aber der Rückzug der Turzismen
im Serbischen nicht durch Purismus vonstatten gegangen zu sein, und der türki-
sche Wortschatz im Serbischen, und natürlich auch im Bosnischen, ist heute
noch beträchtlich. Doch kann man dies auch für andere Sprachen Südosteuropas
behaupten? Damit wollen wir uns jetzt befassen. Wie sieht, sprachlich und sozio-
linguistisch, der Einfluss des Türkischen in unseren Sprachen heute genau aus?

tic Effects on Recent Nationality Policy. In: Anthropological Linguistics, 32 (1990) 1–2,
149–162.
24
Literatur in Kazazis 1972: 91.
25
„[…] një detyrë patriotike, një detyrë për të gjithë“ (Ebenda: 93–94).
26
Friedman 1996: 136; dort auch Beispiele zum Substitutionsvorgang.
27
Reiter, Norbert: Sprachenstreit auf dem Balkan als Ausdruck gesellschaftlicher Gegensätze.
In: Zeitschrift für Balkanologie, 20 (1984) 1, 173–191, 185. Vgl. auch Koneskis Kritik (im
Jahre 1945) an der makedonischen Übersetzung von Molières Le Tartuffe, mit dem Argu-
ment, die vielen Turzismen würden das Niveau der poetischen Sprache Molières herun-
tersetzen, siehe Friedman 1996: 136.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 37

2 Struktur und Gebrauch der Turzismen in den Sprachen Südosteuropas

Im Folgenden wird im Einzelnen auf die Turzismen und ihren Gebrauch einge-
gangen. Dazu wird eine kurze strukturelle Bestandsaufnahme nötig sein, und
auch die Rolle der türkischen Varietäten, die auf der Balkanhalbinsel gespro-
chen werden, wird angerissen. Danach, und parallel dazu, werden wir den sozio-
linguistischen Status des türkischen Einflusses im heutigen Gebrauch der
Sprecher untersuchen.

2.1 Ich werde das Kapitel der Lautsubstitution sehr knapp halten, da sie we-
niger in den Rahmen dieses Beitrags passt. Ich beschränke mich auf ein paar
Beispiele, die illustrieren sollen, was ich vorhin mit meiner Kritik bezüglich der
Dialekte als notwendiges Matrixmodell gemeint habe. Dadurch, dass in der
Vergangenheit oft Standardvarietäten als Quelle der Belege dienten, konnten in
der Tat viele Substitutionen im phonetischen Bereich nicht erklärt werden, oder
aber sie wurden falsch erklärt. Ein Beispiel: Eines der Hauptmerkmale der
„westrumelischen Dialekte“ (also des westlichen Balkantürkischen, gesprochen
vor allem im Kosovo, in Makedonien, und, historisch, in den türkischsprachigen
Siedlungen Albaniens, Bosniens, Nordwestbulgariens und des Epirus) ist der
Erhalt des intervokalischen g, das im östlichen Balkan (ebenso wie in der Stan-
dardsprache) mit Ersatzdehnung ausfällt oder als palataler glide ausgesprochen
wird28.
Ost (und Standardtürkisch) aa (a÷a), bƗlama (ba÷lama), bejen- (be÷en-),
mƗza (ma÷aza)
West aga, baglama, begen-, magaza
In den Varietäten der Sprachen Südosteuropas, die diese Wörter aufgenommen
haben (auch wenn die meisten heute nicht mehr geläufig sind), spiegelt sich der
türkische Dialekthintergrund sehr genau wider. So haben wir für das Serbische
und das Bulgarische die folgenden Formen29:
28
Das klassische Werk zu den westrumelischen Dialekten ist Németh, Julius: Zur Einteilung
der türkischen Mundarten Bulgariens. Sofia 1956. Németh führt acht Merkmale dieser
Dialektgruppe an (S. 12–20), der Erhalt des osmanischen intervokalischen -g- ist sein
siebtes Merkmal (S. 17–19). Später wird Victor Friedman (Balkanology and Turkology:
West Rumelian Turkish in Yugoslavia as Reflected in Prescriptive Grammar. In: Studies
in South Slavic and Balkan Linguistics. Amsterdam 1982, 1–77) noch ein neuntes
Merkmal hinzufügen, nämlich den Ausfall des anlautenden und intervokalischen h (h-
und -h-).
29
Die Quellen der Belege sind: Kappler 2000: 161; Hazai, György: Rumeli A÷ızlarının
Tarihi Üzerine. In: Türk Dili Araútırmaları Yıllı÷ı Belleten, (1960), 205–211, 206–207;
Grannes, Alf: Turco-Bulgarica. Articles in English and French concerning Turkish in-

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38 Matthias Kappler

Serbisch aga, baglama, begenisati, magaza


Bulgarisch aa/aga, balama/bajlama/baglama, maaza/magazija
An diesen Beispielen wird deutlich, wie die serbischen und kroatischen Varie-
täten die westbalkanische Phonetik zeigen, während die bulgarischen Beispiele
die Ostdialekte oder aber gemischte Formen widerspiegeln (da das Westrumeli-
sche ja auch in Teilen Bulgariens gesprochen wurde). Nun gibt es aber noch
eine andere Erklärung für die g-Formen: das -g- ist nämlich wahrscheinlich erst
in neuerer Zeit verschwunden, im Osmanischen war es wohl bis zum 16. Jahr-
hundert noch vorhanden. Aus diesem Grunde wurden serbische Turzismen als
Archaismen interpretiert, und angenommen, dass diese vor den Turzismen in
anderen Sprachen in Südosteuropa aufgetaucht sind. Man kann diese Annahme
zwar nicht ausschließen, aber natürlich ist eine Erklärung aus Dialektmodellen
einfacher, und was in der Linguistik einfacher ist, ist auch plausibler. Wenn
man aber nur standardsprachliche Matrixvarietäten als Modell eines Turzismus
ansetzt, werden solche Erklärungen überhaupt nicht ermöglicht, und es kann zu
Fehlschlüssen kommen.
Ein anderes Beispiel ist die unregelmäßige Substitution von türk. /ö/, der
einzige türkische Laut, der in keiner einzigen Balkansprache vorkommt: im
Serbokroatischen meistens mit /u/, im Albanischen mit /ü/ und im Bulgarischen
mit /(j)o/ oder /(j)u/. Die Erklärung für diese verschiedenartige Substitution liegt
wieder in den türkischen Dialekten Südosteuropas:
Westrumelisch bürek
Ostrumelisch (und Standardtürkisch) börek
Daraus leiten sich die folgenden Formen des entsprechenden Turzismus in den
südosteuropäischen Sprachen ab:
Serbisch burek
Albanisch byrek
Bulgarisch b’orek (aber auch bjurek)
Die balkantürkische Vorlage ist also bürek im Westen (Serbokroatisch und
Albanisch, sowie z. T. Bulgarisch), und börek im Osten (Bulgarisch).
Es ließen sich noch viele solche Beispiele anführen, die jedoch den Rahmen
dieses Vortrags sprengen würden30. Allerdings ist es auch aus soziolinguisti-

fluence on Bulgarian. Wiesbaden 1996, 34, 138; Škaljiü, Abdulah: Turcizmi u srpsko-
hrvatskom jeziku. Sarajevo 1966, 439.
30
Siehe eine Übersicht aller Erscheinungen in Kappler 2000: 160–167.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 39

scher Sicht wichtig, zu sehen, dass manche Belege uns durch ihre Lautform
über die Varietät der Modell- und Aufnehmersprachen Auskunft geben können.

2.2 Kommen wir nun zu einem anderen Gebiet, der Morphologie. Auch hier
werden wir uns nicht mit den strukturellen Regeln der Adaptation aufhalten,
aber es ist in unserem Zusammenhang interessant, festzuhalten, dass der Grad
der Adaptation Aufschluss über den Grad des Kontakts, der Beeinflussung geben
kann. Grundsätzlich gilt: Je mehr die türkischen Wörter in das morphologische
System der aufnehmenden Sprache eingegliedert sind, desto intensiver, und
wahrscheinlich auch länger, ist der Kontakt. Außerdem muss man berücksich-
tigen, dass, wie bei jedem Sprachkontakt, zuallererst Nomina kopiert werden,
viel weniger Verben, ganz selten Funktionswörter und gebundene Morpheme.
Auch hier ist die Intensität des Kontakts mit der Wortart der Lehnwörter pro-
portional: Je mehr Verben, Funktionswörter, gebundene Morpheme, desto in-
tensiver der Kontakt. Bei sehr starkem Kontakt kommen auch noch Einflüsse
auf die Grammatik der Nehmersprache hinzu, bis hin zu gemischten Bilingu-
alsprachen und Kreolen, die wir in unserem Bereich allerdings nicht haben.31
Relativ intensiven Kontakt, innerhalb der sogenannten language maintenance
(also alles, was im Kontaktprozess nicht den Sprachwechsel oder die Kreation
neuer Sprachen betrifft), kann man aber auch hier beobachten. Dabei möchte
ich zur Veranschaulichung zwei Fälle intensiver Entlehnung vorstellen, die auch
soziolinguistisch hochrelevant sind: die Kopie türkischer Wortbildungssuffixe
und die wahrscheinliche Entlehnung einer grammatikalischen Kategorie.32
Der erste Fall betrifft die allgemein verbreitete Produktivität des türkischen
Suffixes -cı, und, in sehr geringerem Ausmaß, -lı und -lık, außerdem -ana in
den südslavischen Sprachen. Es wurden hier wahrscheinlich in einer ersten
Phase türkische Wörter, die diese Suffixe enthalten, als Ganzes entlehnt, z. B.
boyacı: „Anstreicher, Schuhputzer, Färber“ > Alb. bojaxhi, Bulg. ɛɨɹɞɠɢɹ,
Rum. boiagiu, Bosn. bojadžija, Ngr. ȝʌȠȖȚĮIJȗȒȢ.
faydalı: „nützlich“ > Bulg. ɮɚɣɞɚɥɢɹ, Bosn. fajdèli
mahmurluk: „Schlaftrunkenheit, Kater“ > Bulg. ɦɚɯɦɭɪɥɭɤ

31
Vgl. die Übersicht in Winford, Donald: An Introduction to Contact Linguistics. Malden
2003, 23–24.
32
Ein weiteres interessantes Beispiel, das ich hier nicht behandeln kann, ist die Entlehnung
von pragmatischen und modalen Markern, siehe Hauge, Kjetil Rå: Bulgarian Pragmatic
Particles Borrowed from Turkish. In: Balkanistica, 15 (2002), 217–237; siehe auch Kampf,
Veronika/Björn Wiemer: Inventarisierung und Analyse lexikalischer Evidenzialitätsmarker
des Bulgarischen. Adverbien, Partikeln und Prädikative. In: Zeitschrift für Balkanologie,
47 (2011), 46–76, 182–201.

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40 Matthias Kappler

meyhane (balkantürk. meyana): „Wirtshaus“ > Mak., Serb. ɦɟɚɧɚ, Bulg. ɦɟɯɚɧɚ
In einer späteren Phase, und das ist das Interessante, wurden diese Suffixe pro-
duktiv und sind es wohl heute noch, zumindest -cı und -lık. Wir finden somit
zahlreiche Beispiele von nichttürkischen Wörtern, die mit dem Suffix türkischer
Herkunft verbunden werden. Oft, aber nicht immer, haben diese dann eine iro-
nische Bedeutung:
Kr. und Serb. bezobrazluk: „Frechheit, Unverschämtheit“33, Serb. ɤɭɤɚɜɢɱɥɭɤ:
„Feigheit“ (< ɤɭɤɚɜɢɰɚ „Feigling“), Mak. ɜɨjɧɢɤɥɚɤ: „Wehrdienst“, Mak. ɚɫɢɫ-
ɬɟɧɬɥɚɤ: „Assistenz“ (iron.), Alb. pabesllëk: „Treulosigkeit“, Ngr. įȚİȣșȣȞ-
IJȚȜȓțȚ: „Direktion“.
Bulg. ɤɨɦɩɸɬɟɪɞɠɢɹ: „Computerfreak“, ɛɥɨɝɚɞɠɢɹ: „Blogger“; Mak. ɝɨɬɨ-
ɜɚʇɢja: „Verkäufer von Fertigklamotten“, Serb. ɝɨɜɨɪʇɢja: „Schwätzer“, Mak.
ɩɭɩɟɪɬɟɬɥɢjɚ: „Teenager“.
Hier kommt ein sehr wichtiges Thema zur Sprache, das uns später noch mehr
beschäftigen wird, und zwar der Status dieser Wörter im soziolinguistischen
Sinn. Laut Kazazis34 sind nämlich Wörter mit diesen Suffixen nicht mehr pro-
duktiv und die noch gebräuchlichen Wörter nur in pejorativer Verwendung zu
finden. Das kann ich für das Griechische und Bulgarische aber nicht bestätigen,
denn es kommen laufend neue Wörter mit diesen Suffixen auf. Beispiele, wohl
mit ironischer Konnotation, die oft aus Akronymen abgeleitet werden, sind z. B.:
Griech. ʌĮȠțIJıȒȢ: „Fan der Basketballmannschaft PAOK“, țȣʌĮIJȗȒįİȢ: „Ge-
heimdienstler“ (aus der Abkürzung KYȆ)35
Bulg. ɜɢɩɚɞɠɢɹ: „VIP“, ɧɢɫɚɞɠɢɹ: „Mitglied des Nationalen Exekutivrats
der Demokratischen Partei“ (ɇɚɰɢɨɧɚɥɟɧ ɢɡɩɴɥɧɢɬɟɥɟɧ ɫɴɜɟɬ [ɇɂɋ])36
ȼɂɎ-ɞɠɢɹ: „Absolvent/in des Higher Institute of Physical Culture (VIF)“,
ȼɂɌɂɁ-ɱɢɹ: „Absolvent/in des Higher Institute of Acting (VITIZ)“37
Andererseits sind häufig gebrauchte Wörter wie griech. IJĮȟȚIJȗȒȢ oder ȝʌȠȣ-
ijİIJȗȒȢ (aus Stellenanzeigen in der Tagespresse38) gänzlich stilneutral und ohne

33
Bernstein 1968: 97.
34
Kazazis 1972: 103.
35
Kappler, Matthias: Über die Funktion der Turzismen im griechischen Journalismus. In:
Zeitschrift für Balkanologie, 33 (1997) 1, 26–38, 33.
36
Gadjeva 2010: 255.
37
Die letzten beiden Beispiele verdanke ich einer freundlichen Mitteilung von Ivanka I.
Ivanova, Sofia.
38
Kappler 1997: 33.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 41

pejorative oder ironische Konnotation. Es ist allerdings festzuhalten, dass diese


Bildungen der Umgangssprache angehören und nicht im Repertoire der formalen
Sprache auftauchen können. Ein Beispiel hierfür ist die bulgarische Bezeich-
nung ɤɚɬɚɞɠɢɹ für den Verkehrspolizist, dazu wäre etwa ɫɥɭɠɢɬɟɥ ɧɚ ɄȺɌ
das formale Gegenstück39.
Der zweite Fall, den ich als Beispiel intensiven Strukturkontakts anführen
möchte, ist die berühmte Diskussion um den sogenannten bulgarischen „Re-
narrativ“, der einigen Forschern zufolge von der türkischen, mit dem Morphem
mıú gebildeten evidentiellen Modalität kopiert wurde.
Das Bulgarische besitzt bekanntlich grammatikalisierte Evidenzmarker, die
verschiedene nonkonfirmative, vor allem inferentielle und renarrative Modali-
täten abdecken40. Das Türkische kennt eine ähnliche Distinktion41, in beiden
Fällen wird im Vergangenheitstempus die nonkonfirmative Modalität mit einer
Perfektform, die konfirmative mit einer Aoristform wiedergegeben42:
Mendilinizi düúürdünüz ɂɡɩɭɫɧɚɯɬɟ ɤɴɪɩɢɱɤɚɬɚ ɫɢ
fallen lassen.AOR-2P fallen lassen.AOR-2P
„Sie haben Ihr Taschentuch fallen lassen (ich habe es gesehen)!“
Mendilimi düúürmüúüm ɂɡɩɭɫɧɚɥ ɫɴɦ ɤɴɪɩɢɱɤɚɬɚ ɫɢ
fallen lassen.EVID/PF-1S fallen lassen.EVID/PF-1S
„Sieh an, ich habe (offensichtlich) mein Taschentuch fallen lassen.“
Schon lange wird diskutiert, ob die Erscheinung im Bulgarischen vom Türki-
schen beeinflusst wird oder nicht43. Es muss aber festgehalten werden, dass die

39
Quelle: Ivanka I. Ivanova sowie ýervenakova, Genoveva: ɍɜɨɥɧɹɜɚɬ 22-ɦɚɬɚ ɤɨɪɭɦɩɢ-
ɪɚɧɢ ɤɚɬɚɞɠɢɢ, 22.02.2012, <http://fakti.bg/bulgaria/31997-uvolnavat-22-mata-korumpi
rani-katadjii>, Zugriff: 05.05.2013.
40
Guentchéva, Zlatka: Le médiatif en bulgare. In: Guentchéva, Zlatka (Hg.): L’énonciation
médiatisée. Paris 1996, 45–70; Nicolova, Ruselina: Ɇɨɞɚɥɢɡɨɜɚɧɧɚɹ ɷɜɢɞɟɧɰɢɚɥɶɧɚɹ
ɫɢɫɬɟɦɚ ɛɨɥɝɚɪɫɤɨɝɨ ɹɡɵɤɚ. In: V. S. Chrakovskij (Hg.): ɗɜɢɞɟɧɰɢɚɹɥɶɧɨɫɬɶ ɜ ɹɡɵɤɚɯ
ȿɜɪɨɩɵ ɢ Ⱥɡɢɢ. Sankt Petersburg 2007, 105–195.
41
Göksel, Aslı/Celia Kerslake: Turkish – A Comprehensive Grammar. London 2005, Kap.
21.4.3.; Johanson, Lars: Turkic indirectives. In: Lars Johanson, Bo Utas (Hg.): Eviden-
tials. Turkic, Iranian and Neighbouring Languages. Berlin 2000, 61–88; Johanson, Lars:
Evidentiality in Turkic. In: Alexandra Y. Aikhenvald, Robert M. W. Dixon (Hg.): Studies
in Evidentiality. Amsterdam/Philadelphia 2003, 273–290.
42
Folgendes Beispiel aus: Bazin, Louis/Jack Feuillet: L’opposition constatation/non consta-
tation en turc et en bulgare. In: Zeitschrift für Balkanologie, 16 (1980), 9–15, 13.
43
Friedman, Victor: Evidentiality in the Balkans. In: Uwe Hinrichs (Hg.): Handbuch der
Südosteuropalinguistik. Wiesbaden 1999, 519–544, 521–523, 524–525.

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42 Matthias Kappler

Distinktion schon in alttürkischen Texten des 8. Jahrhunderts attestiert ist, wäh-


rend sie im Altbulgarischen völlig unbekannt ist und erst in der Kontaktzeit
aufzutauchen beginnt. Man spricht deshalb meist von einem „Impetus“ des Tür-
kischen44; die Erscheinung kann außerdem als gutes Beispiel des Türkischen
als Adstrateinfluss in Südosteuropa gewertet werden.

3 Türkischer Sprachkontakt in Südosteuropa heute: ein Spiegel der


gesellschaftlichen Veränderungen?

Solch ein Adstrateinfluss kann natürlich am besten in der Lexik der Balkan-
sprachen beobachtet werden. Türkische Lehnwörter, das kann niemand bestrei-
ten, stellen einen bedeutenden Teil des gesamtbalkanischen Vokabulars. Wich-
tig ist hier der diachronische Aspekt, wie wir ihn oben schon angesprochen
haben: Während der türkische Bestandteil in der Lexik der südosteuropäischen
Sprachen vor hundert oder hundertfünfzig Jahren noch als sehr groß angenom-
men werden darf, hat sich dies im Laufe des ausgehenden 19. und des 20.
Jahrhunderts deutlich geändert, z. T. aus natürlichem Prestigeverlust des Türki-
schen, z. T. durch gezielten Purismus. Gleichzeitig kann man einen starken
Bedeutungswandel vieler Turzismen beobachten, wobei die Bedeutung meist in
die Richtung der Pejoration und der ironischen und humoristischen Konnota-
tion geht. Viele andere Turzismen sind nur in Dialektvarietäten erhalten oder
ganz einfach veraltet oder ausgestorben. Stilneutrale und in allen Bereichen und
Registern der Standardumgangssprache verwendete Turzismen sind dagegen
die Ausnahme. Snejana Gadjeva45 hat die Wörter, die in Alf Grannes’ A dictio-
nary of Turkisms in Bulgarian (2002) enthalten sind, auf ihr Gebrauchsfeld hin
ausgewertet. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass die allermeisten (ca. 3750)
Wörter nur dialektal verwendet werden, eine weitere große Zahl (fast 2000) als
veraltet gelten, ca. 700 Wörter auf den familiären Gebrauch beschränkt sind,
und nur relativ wenige (zwischen 600 und 700) stilneutral gebraucht werden.
Die klassische Arbeit über das Thema ist der schon erwähnte Aufsatz von
Kostas Kazazis The Status of Turkisms in the Present-Day Balkan Languages,
doch ist die Studie von 1972, und es müsste dringend eine neue Untersuchung
durchgeführt werden, die auch verschiedene Slangs und andere Soziolekte be-
rücksichtigt. In diesem Gebiet der Sprache, Semantik, Bedeutungswandel und
Neologismen, sind vierzig Jahre eine lange Zeit, in der viele Veränderungen
stattgefunden haben dürften.
Beispiele für semantische Abwertung haben wir in Wörtern wie hal „Zu-
stand“, in fast allen Balkansprachen in der Bedeutung eines „schlechten Zu-
44
Friedman 1999: 539; Bazin/Feuillet 1980.
45
Gadjeva 2010: 253.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 43

stands“ gebraucht (z. B. Ngr. ȤȐȜȚ oder ȤȐȜȚĮ, Bulg. ɯɚɥ, Alb. hall), oder davacı
„Kläger (in einer Gerichtsverhandlung)“, heute im Griechischen (ȞIJĮȕĮIJȗȒȢ)
gebräuchlich in der Bedeutung von „Zuhälter“. Dass Abwertung im lexikali-
schen Lehnprozess aber natürlich ist, und nichts speziell mit dem Türkischen
zu tun hat, kann am folgenden Beispiel illustriert werden: Der eben erwähnte
Zuhälter wird im Rumänischen mit dem griechischen Wort proxenet bezeich-
net, die Bedeutung in der Matrixsprache Griechisch (ʌȡȠȟİȞȘIJȒȢ) ist aber „Hei-
ratsvermittler“, oder Vermittler im weiteren Sinne (die Grundform ʌȡȩȟİȞȠȢ
heißt ja „Konsul“).
Und gerade hier liegt ein faszinierender Aspekt des balkanischen Sprach-
kontakts, den ich ganz kurz beschreiben möchte. Während also eigentlich die
semantische Abwertung eine universelle sprachliche Erscheinung im Entleh-
nungsvorgang ist, benutzen südosteuropäische Sprecher türkische Wörter oft
gezielt, um Abschätzigkeit und Abwertung zu betonen, oder eine spezielle
Konnotation des „Rückständigen“ auszudrücken. Denn türkische Wörter haben
im Bewusstsein des Sprechers manchmal eine Nuance der Rückständigkeit,
oder des Provinziellen, oder auch des Veralteten. Ein Beispiel wird von Kaza-
zis gegeben: Manchmal hört man bei Griechen Äußerungen wie: „Weißt du,
wie die Bulgaren die Strümpfe (gr. țȐȜIJıİȢ) nennen? ȉıȠȣȡȐʌȚĮ!” Der Witz
beruht auf der Tatsache, dass das türkische Wort çorap im Bulgarischen (ɱɨ-
ɪɚɩ), wie in anderen Balkansprachen, das einzige und stilneutrale Wort für
„Strümpfe“ darstellt, während im Griechischen IJıȠȣȡȐʌȚĮ eher eine ironische
Konnotation hat46. Es wird hier dem Bulgaren eine gewisse ‚balkanoide‘ (laut
Kazazis) Provinzialität vorgeworfen, weil sie doch solch bauernhafte Wörter
benutzen. Natürlich könne man den Spieß auch umdrehen, so im Wort für
„Ofen“, Türk. soba, das auch im Griechischen gebraucht wird (ıȩȝʌĮ), aber im
Bulgarischen ganz slavisch ɩɟɱɤɚ heißt47. Wichtig ist aber die attitude, zu der
wohl auch das Bewusstsein gehört, dass das betreffende Wort türkischer Her-
kunft ist, denn schließlich ist auch das italienische țȐȜIJıİȢ kein griechisches
Wort! Dass im Sprecherbewusstsein die Herkunft des Wortes verankert sein
muss, scheint auch der folgende Fall zu zeigen: Das türkische Wort cep „Ta-
sche, Hosentasche“, wie eingangs erwähnt, ist, meines Wissens in allen Bal-
kansprachen, aber bestimmt im Griechischen, stilneutral, hat also keinerlei
negative oder ironische Konnotationen (abgesehen von einer neuen, sekundären
Bedeutung im Bulg. „Sandwich“). Als ich aber einem Sprecher des Griechi-
schen mitteilte, dass das Mobiltelefon im Türkischen cep telefonu genannt
wird, fand dieser das sehr lustig. Die Erklärung für die erheiternde Wirkung
dieses Transfers liegt jedoch vielleicht nicht nur im Bewusstsein, dass es sich
46
Kazazis 1972: 106–107.
47
Ebenda: 107.

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44 Matthias Kappler

um ein türkisches Wort handelt, sondern auch im Entlehnungsvorgang und im


lexikalischen Register. Auch wenn IJıȑʌȘ, soviel ich weiß, kein Synonym be-
sitzt, gehört es doch der Umgangssprache an, allerdings der Standardsprache.
Ein Neologismus wie „Mobiltelefon“, griechisch țȚȞȘIJȩ IJȘȜȑijȦȞȠ, wird in der
Regel aus anderen Mitteln gebildet, meistens, wie in diesem Fall, sind es Lehn-
übersetzungen aus dem Englischen. Eine semantische Umdeutung in „Taschen-
telefon“ wirkt komisch. Die Edition eines Taschenbuchs, ȑțįȠıȘ IJıȑʌȘȢ, wird
hingegen zum Beispiel durchaus ernst genommen.
Das Bewusstsein über die Herkunft eines Wortes kann jedoch in vielen
Fällen bei der soziolinguistischen Untersuchung von Bedeutung sein. Ob dem
rumänischen Sprecher die griechische Herkunft von proxenet bekannt ist,
entzieht sich meiner Kenntnis; dass jedoch im griechischen und bulgarischen
Sprachraum mit diesem Bewusstsein Witze gemacht werden, ist bekannt. So
fragt man sich in fröhlicher Runde: „Wie nennt man den Schwanensee auf
Türkisch?“ Antwort: ʌĮʌȓ ȤĮȕȠȪȗ („Ententeich“, türk. havuz: „Schwimmbecken“
> ȤĮȕȠȪȗĮ mit ironischer Konnotation). Ebenso geht es mit der Handgranate
(ȝʌĮȡȠȪį țȚȠijIJȑ, beide Teile türkisch: barut: „Schießpulver“, köfte: „Fleisch-
bällchen“) oder dem Fallschirmspringer im Bulgarischen (ɱɚɞɴɪ ɚɫɤɟɪ, türk.
çadır: „Zelt“, asker: „Soldat“)48. Besonders ungläubig sind die griechischen
Sprechpartner, wenn sie erfahren, dass „Kühlschrank“ auf Türkisch, genauso
wie der süddeutsche „Eisschrank“ übrigens, tatsächlich buzdolabı heißt, was sie
für einen Witz hielten (ȝʌȠȣȗ ȞIJȠȜȐʌ, türk. buz: „Eis“, dolap: „Schrank“).
Diese und viele andere Beispiele zeigen, dass der Bedeutungswandel der
türkischen Lehnwörter einen speziellen soziokulturellen Aspekt hat, der vom
abnehmenden Prestige des Türkischen in ganz Südosteuropa seit den Unab-
hängigkeitskriegen des 19. Jahrhunderts herrührt. Doch sind beileibe nicht alle
Turzismen abwertend, es gibt eine ganze Gruppe von Wörtern, die sogar ein
ausgesprochen positives Flair besitzen, und manchmal mots du coeur49 oder
Stimmungswörter50 genannt werden. Dazu gehören Wörter wie huzur, keyf oder
e÷lence, die in allen Balkansprachen vorkommen. Manchmal sehen wir auch
nur eine Spezialisierung des Wortes, die nicht unbedingt einer Abwertung
gleichkommt: Im Makedonischen bezeichnet der Turzismus kujundžija (türk.
kuyumcu) den Goldschmied oder Händler traditionellen Schmucks, während bi-

48
Kappler 1997: 32–33; Kostas Kazazis: ȉǹȋȊǻȇȅȂȅȈ’s ‘Turkish Lessons’. In: Braj B.
Kachru et al. (Hg.): Issues in Linguistics. Papers in Honor of Henry and Renée Kahane.
Urbana/Chicago/London 1973, 394–408.
49
Kazazis 1972: 111.
50
Kappler 1997: 30–31.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 45

žuterija (franz. bijouterie) einen westlichen, modernen Juwelierladen bezeich-


net51.
Ein wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass in manchen Ländern im 20.
Jahrhundert eine Rückkehr der Turzismen beobachtet werden kann, die sich
gegen Ende des Jahrhunderts als richtiges Revival bezeichnen lässt. Heute gibt
es verschiedene Studien, die beweisen, dass die Turzismen eine wichtige Quelle
für Neologismen geworden sind52. Dies gilt wahrscheinlich für ganz Südosteu-
ropa, doch kann ich, aufgrund der verfügbaren Arbeiten, hier nur die Beispiele
Griechenland, Bulgarien und Makedonien anführen.
Mit dem Bevölkerungsaustauch in den 20er Jahren drangen türkischspre-
chende Menschen in großer Zahl in die griechischen Städte und brachten dabei
Musikformen, wie die Rembetika, mit sich, deren Texte vor türkischen Wörtern
nur so strotzten53. Diese Musikform erfuhr in den 80er Jahren ein erneutes Auf-
leben, was eine zumindest passive Kenntnis vieler eigentlich außer Gebrauch ge-
kommener Wörter im Wortschatz auch der jüngeren Generation mit sich brach-
te. Etwas später, in den 90er Jahren, kann man einen gezielten Gebrauch von
türkischen Wörtern in der Sprache des Journalismus entdecken, die durch die oft
ironische Konnotation das ideale Sprachmaterial für griffige umgangssprach-
liche Überschriften und Texte liefern.54 Das kann man in mehreren Ländern be-
obachten, z. B. in der makedonischen Zeitung Sabota liest man über die EU:
„ȿɤɨɧɨɦɫɤɢ ȹɢɧ – ɉɨɥɢɬɢɱɤɨ ȹɭʇɟ“ („Ökonomischer Riese – politischer
Zwerg“; türk. cin: „Dämon, Dschinn“, cüce: „Zwerg“)55. Meist werden die Tur-
zismen als Synonyme mit etwas abwertender Konnotation verwendet, z. B. in
politisch-ökonomischen Beiträgen in bulgarischen Zeitungen werden die bulga-
rischen Wörter ɬɴɪɝɨɜɢɹ: „Handel“, ɞɴɥɝ: „Schulden“, ɪɚɡɯɨɞ: „Ausgabe“ stil-
neutral verwendet, doch ihre türkischen Entsprechungen ɚɥɴɲ-ɜɟɪɢɲ (türk. alıú-
veriú), ɛɨɪɱ (türk. borç), ɦɚɫɪɚɮ (türk. masraf) werden absichtlich als ironische
Stilmittel eingesetzt56. Ähnliche Beispiele sind der Gebrauch von IJıĮțȝȐțȚ (türk.
çakmak: „Feuerzeug“) für die olympische Flamme in griechischen Zeitungen,
oder ĮȤ țĮȚ ȕĮȤ, eigentlich der Stoßseufzer der orientalischen Musik, für kitschi-
ge Popmusik57. Einen anderen, sozusagen historizisierenden, doch gleichzeitig
politisierenden Gebrauch der türkischen Wörter gibt es ebenfalls beispielsweise
in Bulgarien, wo ja bekanntlich eine umfangreiche türkischsprachige Minder-
heit lebt. Der Vorsitzende der Partei, die diese Minderheit (DPS) im Parlament
51
Friedman 1996: 136.
52
Kappler 1997; Gadjeva 2010, mit entsprechender Literaturliste.
53
Kazazis 1972: 110; Kappler 1994.
54
Kappler 1997: 28–38.
55
Friedman 1996: 138.
56
Gadjeva 2010: 261.
57
Kappler 1997: 31.

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46 Matthias Kappler

repräsentiert, Ahmet Do÷an, wird im Internet konsequent als cɭɥɬɚɧ bezeich-


net, seine führenden Mitarbeiter als ɜɟɡɢɪɢ, seine luxuriöse Immobilie im Edel-
viertel Bojana als Ȼɨɹɧɫɤɢɹ ɋɚɪɚɣ, die wiederum von einem dicken ɞɭɜɚɪ (türk.
duvar: „Mauer“) umgeben ist und von drei Truppen ɝɚɜɚɡɢ (< türk. kavas:
„Büttel“) bewacht wird58. Doch können türkische Wörter auch ganz im Gegen-
teil für den Ausdruck von nationaler oder lokaler Authentizität verwendet wer-
den, in diesem Fall ganz und gar im positiven Sinne. Wieder ein griechisches
und ein bulgarisches Beispiel: Eine bekannte griechische Ouzomarke macht
Werbung mit: „strictly for meraklides“, mit Sternchen und Anmerkung „Greek
for connaisseur“ (mein Kursiv), von türk. meraklı, („passioniert, Liebhaber von
etwas, Schwärmer“).59 Wer in Bulgarien durch touristisch aufgemöbelte Alt-
städte bummelt, z. B. in der Samovodska ýaršija in Veliko Tărnovo, kann im
ɞɸɤɹɧ (türk. dükkan: „Laden, Geschäft“) einen ɤɚɞɚɢɮ (kadayıf: eine Art
Süßspeise) kosten, oder Kupferprodukte in der ɛɚɤɴɪɞɠɢɣɧɢɰɚ (bakırcı:
„Hersteller von Kupferwaren“) erstehen, etwas Süßes in der ɲɟɤɟɪɞɠɢɣɧɢɰɚ
(úekerci: „Hersteller von Süßwaren“) essen, oder sich in der ɦɟɯɚɧɚ betrinken
(balkantürk. mehana/meyana, standardtürk. meyhane: „Taverne, in der Alkohol
ausgeschenkt wird“)60. Turzismen, die sonst oft mit Rückständigkeit und Pro-
vinzialität konnotiert sind, werden hier also zum Ausdruck des Echten, Authen-
tischen, mit dem Flair des Osmanischen, d. h. des Vergangenen gewiss, aber
eben doch „Unseres“.
Ein weiteres Gebiet, in dem Turzismen bewusst eingesetzt werden, ist die
Umgangssprache und Namensgebung jüngerer Sprecher. Ein Beispiel ist der
Name einer griechischen Gruppe, die Hip-Hop mit balkanischen Rhythmen
mischt und sich daher „Imam Baildi“ (aus türk. imambayıldı, ein vegetarisches
Gericht) nennt. Andere zahlreiche Belege kann man im Bereich umgangssprach-
licher Lexik beobachten, siehe die folgenden Beispiele aus südslavischen Spra-
chen:
Bulg. ɫɭɩɟɪ ɚɛɞɚɥ (osm. abdal / türk. aptal: „dumm“), ɫɜɴɪɯ ɛɭɞɚɥɚ (budala:
„dumm“), ɛɨɲ ɤɚɮɚɥɢ (boú kafalı: „mit leerem Hirn, bescheuert“)
Serb. und Kr. totalna budala, puki fukara (fukara: „arm“); ma jok! (yok: „nein“)
Insgesamt scheint der Gebrauch von türkischen Wörtern in der Standardum-
gangssprache wieder zugenommen zu haben, was verschiedene Gründe haben
mag, so die Tatsache, dass die Standardvarietäten aller Sprachen immer mehr
58
Gadjeva 2010: 262–263.
59
Kappler 1997: 32.
60
Gadjeva 2010: 264. Eine dieser „mehana“ genannten Tavernen heißt sogar „ɋɥɚɜɹɧɫɤɚ
ɞɭɲɚ“, also ‚Slavische Seele‘, ein überdeutliches Beispiel dafür, wie sehr diese Formen
zu einem Symbol für kulturelle oder ethnische Authentizität geworden sind.

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Das osmanische Erbe und der Gebrauch des Türkischen in Südosteuropa 47

dialektale und substandardische Elemente aufnehmen. Dies ist eine normale


Entwicklung, das Besondere an den Sprachen Südosteuropas ist, dass uns hier
eine ideale Quelle zur Verfügung steht, die Turzismen: Einst verachtet kommen
sie nun zu neuem Leben gerade dadurch, weil sie etwas Witziges, Altes, Au-
thentisches oder Vulgäres an sich haben. Es gibt aber noch mehr Besonder-
heiten in Südosteuropa: Für ehemals sozialistische Gesellschaftssysteme wurde,
z. B. von Victor Friedman für Makedonien, die Erscheinung so erklärt, dass
Turzismen, die vor 1990 offiziell vermieden wurden, in der Zeit danach als ein
„Marker für Demokratie“ gelten61. Denn gerade in Makedonien ist der Neu-
gebrauch von Turzismen nicht auf ironische oder pejorative Konnotationen
beschränkt, wie das Beispiel tajfa (türk. tayfa: „Crew“, heute meist in der
Bedeutung „Matrose“ gebraucht) zeigt, welches das neutrale Wort für „Gruppe“
darstellt, während das Wort grupa einen negativen Unterton hat, in etwa „Inte-
ressengruppe, Fraktion“.62 Einen ähnlichen Ansatz macht Snejana Gadjeva für
Bulgarien in ihrem Aufsatz Les turcismes dans la langue bulgare „libérée“.
Une source de néologie. Eine weitere interessante Erklärung, die Friedman für
Makedonien gibt, ist die Tatsache, dass die Konkurrenz zum Albanischen eine
vermehrte Nostalgie für das Türkische bei der städtischen Bevölkerung ausge-
löst habe, verstärkt durch Spannungen mit dem Nachbarland Albanien und der
vermehrten Kooperation mit der Türkei63.
Insgesamt kann man den soziolinguistischen Einfluss der Turzismen folgen-
dermaßen zusammenfassen: Nach dem Prestigeverlust des Osmanischen im 19.
Jahrhundert war es natürlich, dass der Gebrauch vieler türkischer Wörter aus
dem administrativen Bereich, aber auch in anderen Bedeutungsfeldern, zurück-
gegangen ist. Dazu kam in vielen Sprachen eine gezielte Sprachpolitik des
Purismus zum Zuge, die die Nationenbildung in Südosteuropa in verschiedenen
Phasen begleitet hat. Trotzdem haben sich sehr viele Turzismen in allen Spra-
chen Südosteuropas gehalten, und zwar, was die Standardsprache angeht, in der
Umgangssprache, aber auch natürlich in den Dialekten. Einen weiteren Pres-
tigeverlust kann man in der Mitte des 20. Jahrhunderts ansetzen, wenn aus
politischen und sozialen Gründen die heranwachsende Generation neue Regis-
ter und auch neue Kontaktsprachen entdeckt (vor allem das Englische). Viele
Studien zeigen, dass in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts der
Gebrauch von Turzismen eine Generationsfrage ist: Was die Eltern und Groß-
eltern an türkischen Wörtern benutzten, wird von den darauffolgenden Genera-
tionen als altmodisch und rückständig angesehen, und viele Wörter werden
nicht mehr verstanden. Am Ende des 20. Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt

61
Friedman 1996: 139.
62
Ebenda: 138.
63
Ebenda: 139.

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48 Matthias Kappler

dieses Jahrhunderts setzt ein neuer Trend ein, der vor allem auf die Umgangs-
sprache konzentriert ist und der die Turzismen als neue Quelle von Neolo-
gismen entdeckt. Diesen Trend kann man auch in der Sprache der Presse und
anderer Massen- und Kommunikationsmedien, einschließlich Internet, verfol-
gen. Ich denke jedoch, dass man nicht den Fehler begehen darf, diesen Trend
ausschließlich mit der türkischen Herkunft der Neologismen zu begründen.
Vielmehr sind die Turzismen als Teil der Standardumgangssprache, aber auch
substandardischer Varietäten, nur eine Neologismenquelle unter anderen. Auch
wenn somit die Neuschöpfung umgangssprachlicher Wörter natürlich nicht nur
ein südosteuropäisches, sondern ein universales Phänomen der sprachlichen Vari-
ation ist, bleibt aber festzuhalten, dass die Turzismen für die Neologismen und
die Charakterisierung bestimmter Register, wie Jugend- oder Zeitungssprache,
in den südosteuropäischen Sprachen eine auffallend produktive Rolle spielen.

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2. Teil: Klein- und Mehrsprachigkeit

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Die Europäische Charta der Regional- oder
Minderheitensprachen im südosteuropäischen Kontext.
Sprachenschutz und das Problem der territorial application

Felix Tacke

Ausgehend von den neun Versen der Schöpfungsgeschichte, die vom Turmbau
zu Babel erzählen (Gen. 11,1–9), könnte die heutige Sprachenvielfalt als das
Resultat der von Gott gewollten ‚Sprachverwirrung‘ interpretiert werden, die
bekanntlich zum Ziel haben sollte, dass „keiner die Sprache des andern
verstehe“.1 Übertragen auf ein ‚Babel Balkan?‘ wird das Thema Mehrsprachig-
keit in einem solchen Zusammenhang also vornehmlich als ein – freilich als
Frage formuliertes – Problem in den Blick genommen. In der Tat lässt sich für
die europäische Moderne feststellen, dass Mehrsprachigkeit unter dem Dach
der Nationalstaaten als etwas wahrgenommen wird, das der Regulierung, d. h.
der politischen Einflussnahme bedarf. Neben den Sprachpolitiken der National-
staaten ist in den letzten Jahrzehnten aber auch die Bestrebung auf der europäi-
schen, d. h. supranationalen Ebene zu beobachten, Mehrsprachigkeit im Sinne
eines kulturellen Gutes durch einheitliche Mechanismen zu regulieren. Als
Problem erscheint dort aber weniger der Aspekt der ‚Verwirrung‘; vielmehr gilt
es, die zahlreichen Regional- und Minderheitensprachen zu erhalten, die unter
dem Assimilationsdruck der National- bzw. Staatssprachen zu verschwinden
drohen. Als herausragendes Instrument zum aus kulturellen Erwägungen ge-
wünschten Erhalt einer europäischen (Viel-)Sprachenlandschaft erweist sich
dabei die beim Europarat 1992 zur Unterzeichnung aufgelegte Europäische
Charta der Regional- oder Minderheitensprachen („die Charta“). Sprachen-
schutz als Teil von Sprachenpolitik kann daher in einem positiven Sinne als
politisches Handeln aufgefasst werden, das darauf abzielt, Lösungen für das
potentiell konfliktschürende Neben- oder gar Gegeneinander mehrerer Spra-
chen in einer Gesellschaft zu finden.
Während die Lage im ‚Babel Europa‘ bis zum Fall des Eisernen Vorhangs
relativ einheitliche Voraussetzungen für eine europäisch konzertierte Sprachen-
politik bot, d. h. also weitgehend konsolidierte Nationalstaaten und gefestigte
Gesellschaften, bieten die Staaten des östlichen und südöstlichen Europas mit
teils noch anhaltenden nation-building-Prozessen und mangels einheitlicher

1
S. dazu das Standardwerk von Borst, Arno: Der Turmbau von Babel. Geschichte der Mei-
nungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker. 6 Bde. Stuttgart 1957–1960,
sowie die Abschnitte zu Ursprung, Ursprache und Sprachverwirrung in: Hassler, Ger-
da/Cordula Neis: Lexikon sprachtheoretischer Grundbegriffe des 17. und 18. Jahrhun-
derts. 2 Bde. Berlin/New York 2009.

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52 Felix Tacke

nationaler Kommunikationsmittel eine ganz andere Ausgangssituation. In der


Folge der inter-ethnischen Konflikte in Südosteuropa verweist ‚Babel Balkan‘
nicht nur auf eine in rein sprachlicher Hinsicht komplexe Situation, sondern
betrifft in den meisten Fällen das schwierige Zusammenleben der alten und der
durch den Zerfall Jugoslawiens neu entstandenen Minderheiten. Auch für diese
zweite Problematik der Minderheiten bietet der Europarat einen übergreifenden
Rahmen und seit 1995 mit dem Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler
Minderheiten („das Rahmenübereinkommen“) auch das entsprechende Instru-
ment. Wie im Folgenden noch deutlich werden wird, setzt die Betrachtung der
südosteuropäischen ‚Sprachverwirrung‘ eine gemeinsame Berücksichtigung der
Charta und des Rahmenübereinkommens voraus.
An diese Vorüberlegungen anknüpfend kann nun in einem ersten Schritt die
Frage gestellt werden, wie Sprachenschutz – unter Einbeziehung der Minder-
heitenpolitik – allgemein im europäischen Kontext eingebettet ist und wie er
funktioniert. Darauf aufbauend kann genauer erörtert werden, in welchen spezi-
fischen Kontext sich die Problematik der Minderheitensprachen in Südosteu-
ropa einschreibt. Die Anwendung der Charta in den Staaten Südosteuropas eig-
net sich dabei zugleich, den komplexen Schutzmechanismus am Beispiel des As-
pekts der räumlichen Reichweite der Maßnahmen („geographical scope“) bzw.
des territorialen Geltungsbereichs, dem sog. „territorial field of application“2, zu
diskutieren, wodurch je nach geographischer Situation manche Sprechergrup-
pen in den Genuss besonderer Rechte kommen, andere jedoch nicht. Dies soll
in einem zweiten Schritt zunächst theoretisch im Text der Charta (2) und ab-
schließend konkret durch die Analyse ihrer Implementierung in den Staaten
des Westbalkans und Rumäniens (3) untersucht werden.

1 Sprachenschutz in Europa und Minderheitenschutz in Südosteuropa

Bereits seit der Völkerbundära bemühen sich die europäischen Staaten, staaten-
übergreifende Lösungen für das Problem ethnisch, kulturell und sprachlich he-
terogener Gesellschaften im Rahmen einer gemeinsamen Minderheitenpolitik
zu finden. Rein auf die sprachliche Problematik bezogen wurde die Frage des
Umgangs mit Mehrsprachigkeit, d. h. mit dem Nebeneinander von Staatsspra-
che und Minderheitensprache(n) dabei durch den Erlass von Antidiskriminie-
rungsgesetzen zunächst nur am Rande aufgeworfen. Der Europarat hat darauf-

2
Explanatory Report: Abs. 77. Juristische Gültigkeit haben nur die französische und
englische Version des Textes, weshalb ich im Folgenden aus dem Englischen zitieren
werde. Der Text der Charta ebenso wie der Explanatory Report sind zu finden unter
<http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/textcharter/default_en.asp>, Zugriff: 24.9.
2012.

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 53

hin im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ein genuines Sprachenschutzpro-


gramm entwickelt, das 1992 in die Charta mündete. Im Rahmen der Kultur-
politik des Europarats emanzipierte sich das Thema der europäischen Regional-
oder Minderheitensprachen im Sinne eines zu schützenden kulturellen Erbes
damit zu einer eigenen, nunmehr vom Minderheitenschutz weitgehend losge-
lösten Priorität, wenngleich der Sprachenschutz weiterhin im Grundsatz in das
Bestreben nach gesellschaftlicher Konsolidierung eingebettet bleibt, wenn es
darum geht, ein für Sprachminderheiten freundliches ‚Klima‘ zu erzeugen.
Die Charta verweist in ihrer Präambel auf die wesentlichen Prämissen des
in ihr kodierten Sprachenschutzprogramms: So schreibt sich der Schutz der
‚Regional- oder Minderheitensprachen‘ rechtsgeschichtlich einerseits in die
Tradition der Gewährung von Menschen- und Bürgerrechten ein – für Europa
ist hier die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) einschlägig; hier
ergänzt die Charta als besonderer Aspekt des europäischen Minderheiten-
schutzes, komplementär zu dem drei Jahre später zur Unterzeichnung aufge-
legten Rahmenübereinkommen, die mit der EMRK europaweit geltenden Anti-
diskriminierungsgesetze um ein umfassendes positives Schutzregime.3 Ande-
rerseits wird unter den ‚Erwägungsgründen‘ als Hauptmotiv die „protection of
the historical regional or minority languages of Europe“ genannt und als Bei-
trag „to the maintenance and development of Europe’s cultural wealth and tra-
ditions“ in den größeren Zusammenhang einer europäischen Kulturpolitik ge-
stellt. Schutz und Erhalt der Regional- oder Minderheitensprachen bedeutet
also in erster Linie Pflege und Erhaltung einer sprachlich geprägten Kulturland-
schaft. Trotz zahlreicher Analogien und Überschneidungen unterscheiden sich
die Charta und das Rahmenübereinkommen indessen bereits in der ihnen vom
Europarat zugedachten Ausrichtung: „Während die Charta eindeutig und schon
wegen ihrer Entstehungszeit auf die Sprachensituation der westlichen Demo-
kratien gerichtet war, wurde das Rahmenübereinkommen primär für die Rege-
lung der Minderheitenlage der postkommunistischen Staaten geschaffen“4. Heute
3
Zur Entstehungsgeschichte der Charta s. Guskow, Meike: Entstehung und Geschichte der
Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Frankfurt a. M. [u. a.]
2009 sowie Boysen, Sigrid: Einführung, Präambel. In: Boysen, Sigrid: Europäische Char-
ta der Regional- oder Minderheitensprachen. Handkommentar. Zürich [u. a.] 2011, 23–
39; 40–55. Aufgrund der Tatsache, dass man sich auf europäischer Ebene nicht einstim-
mig auf eine Erweiterung der EMRK um minderheiten- und sprachenrechtliche Zusatz-
protokolle einigen konnte, blieb nur die Möglichkeit davon unabhängiger Abkommen.
Den Abkommen durch Unterzeichnung und Ratifizierung beizutreten, obliegt dabei der
Entscheidung jedes einzelnen Staates.
4
Hofmann, Mahulena: Die ECRM aus rechtswissenschaftlicher Sicht. Begriffe und Maß-
nahmen auf dem Prüfstand. In: Franz Lebsanft/Monika Wingender (Hg.): Die Sprach-
politik des Europarats. Die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitenspra-
chen“ aus linguistischer und juristischer Sicht. Berlin/Boston 2012, 9–21, 11. Dazu heißt

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54 Felix Tacke

strebt der Europarat gleichwohl eine möglichst flächendeckende Ratifizierung


der beiden Verträge in allen Teilen Europas an. Die auch konzeptionelle Aus-
richtung des Sprachenschutzes durch die Charta auf Westeuropa wird auf poli-
tischer Ebene folglich aufgelöst, wenn die Parlamentarische Versammlung des
Europarats „seit Mitte der neunziger Jahre die neuen Mitgliedsstaaten des Euro-
parats systematisch auffordert, sich der Charta innerhalb eines Jahres nach ih-
rem Beitritt zum Europarat anzuschließen“5.

1.1 Minderheitenpolitik, Sprachenschutz und Europäische Integration

Der Schutz von Minderheiten und von Minderheitensprachen ist jedoch nicht
ausschließlich Bestandteil der Politik des heute alle Staaten Europas mit Aus-
nahme Weißrusslands integrierenden Europarats, sondern zuletzt auch der Inte-
grationspolitik der Europäischen Union, was insbesondere die Beitrittskandida-
ten Südosteuropas betrifft. Bereits der Status als ‚Beitrittskandidat‘ ist an stren-
ge Auflagen gebunden, die nicht nur ökonomische Aspekte, sondern auch soge-
nannte europäische Standards bzw. Normen im Bereich der Menschen-, Bür-
ger- und Minderheitenrechte umfassen. Die Politik und Instrumente der EU be-
inhalten bislang jedoch nur am Rande Bestimmungen zum Minderheitenschutz;
anders als die Bereiche Wirtschaft und Rechtsstaatlichkeit gehört Minderhei-
tenpolitik nicht zu den ‚Kernkompetenzen‘ der EU: „there is no internal EU
policy priority with regard to minority protection and the areas of concern are
not monitored comprehensively“6. In diesem für das gesamte östliche Europa
so zentralen Bereich rückt daher die Politik des Europarats ins Zentrum: Die
EU übt politischen Druck auf die anerkannten und potentiellen Beitrittskandi-
daten aus, auch die internationalen Vertragswerke des Europarats zu ratifizieren
und sich damit durch diesen beaufsichtigen lassen.7 Die Instrumente des Euro-

es im Explanatory Report: „The CLRAE [= Standing Conference of Local and Regional


Authorities of Europe] conceived and presented its draft charter before the dramatic
changes in central and eastern Europe and in the light of the needs of the countries which
at that time were already members of the Council of Europe“ (Abs. 12).
5
Hofmann 2012: 12. Nicht alle Staaten sind der Verpflichtung bislang nachgekommen.
Der Explanatory Report spricht dagegen von Interesse seitens der Staaten: „the relevance
of the charter and its approach to the situation of the countries of central and eastern
Europe has since [= seit dem Fall des Eisernen Vorhangs] been confirmed by the con-
siderable interest expressed by the representatives of a number of these countries in the
establishment of European standards on this topic“ (Abs. 12).
6
Marko, Joseph/Emma Lantschner: Conclusions. In: Emma Lantschner/Joseph Marko/ An-
tonija Petriþušiü (Hg.): European Integration and its Effects on Minority Protection in
South Eastern Europe. Baden-Baden 2008, 359–379; 374.
7
Die EU hat 1995 offiziell die Beitrittskriterien auch um politische Kriterien erweitert,
diese umfassen u. a. „human rights and respect for and protection of minorities“ (<http://

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 55

parats ergänzen die Integrationspolitik der EU und machen die enge Verzah-
nung der voneinander unabhängigen Institutionen deutlich: „The European in-
tegration process, lacking its own minority rights standards, employs exactly the
principles and standards enshrined in the Council of Europe minority rights
instruments: The Framework Convention for the Protection of [national] Mi-
norities and the European Charter for Regional or Minority Languages“8.
Minderheitenschutz mittels des Rahmenübereinkommens und Sprachen-
schutz mittels der Charta werden damit zu wesentlichen Elementen des Europä-
ischen Integrationsprozesses und insbesondere der darunter gefassten Etablie-
rung sog. europäischer Standards bzw. Normen. Der politische Druck, den die
EU und der Europarat auf Kandidaten oder potentielle Kandidaten auf eine EU-
Mitgliedschaft ausüben können, neben anderen auch dem Rahmenübereinkom-
men und der Charta des Europarats beizutreten und eine schnelle Implemen-
tierung der Bestimmungen anzustreben, ist freilich ungleich größer als für die
Staaten des ‚alten‘ Europas.9

europa.eu/legislation_summaries/enlargement/ongoing_enlargement/>, „The accession


process for a new Member State“, Zugriff: 18.10.2012); explizit genannt wird dabei je-
doch stets nur das Rahmenübereinkommen, während die Charta eine untergeordnete Rolle
spielt: So fordert der Europäische Rat in den Beitrittsverhandlungen mit Makedonien
explizit die Erfüllung der Bestimmungen des Rahmenübereinkommens: „Fully comply
with […] the Framework Convention for the Protection of National Minorities“ (Council
of the European Union, Council Decision of 18 February 2008 on the principles, priorities
and conditions contained in the Accession Partnership with the former Yugoslav Republic
of Macedonia, OJ L 80, 19.3.2008, 32–45); dasselbe war zuvor auch als Priorität für die
Reformen in Kroatien formuliert worden: „Promote respect for and protection of minor-
ities in accordance with the European Convention on Human Rights and the principles
laid down in the Council of Europe’s Framework Convention for the Protection of Na-
tional Minorities and in line with best practice in EU Member States“ (Council of the
European Union, Council Decision of 20 February 2006 on the principles, priorities and
conditions contained in the Accession Partnership with Croatia, OJ L 55, 25.2.2006, 30–
43). An dieser Stelle wird evident, dass die vom Europarat verfolgten Standards von der
EU als best practice ihrer Mitgliedstaaten betrachtet werden.
8
Petriþušiü, Antonija: Croatia. In: Lantschner/Marko/Petriþušiü 2008: 167–187; 171; vgl.
auch Lantschner, Emma: Emerging European Standards of Minority Protection through
Soft Jurisprudence? In: Lantschner/Marko/Petriþušiü 2008, 53–82; 53: „However, the
Council of Europe (CoE) remains the only pan-European intergovernmental organization
which offers legal instruments and mechanisms on minority protection across Europe“.
9
Hinsichtlich der Bemühungen in Südosteuropa heißt es dazu bei Marko/Lantschner 2008:
373: „EU integration in terms of full membership is one of the most important incentives
for overall reform“. Während die Verhältnisse im westlichen Europa gerne als beispiel-
oder vorbildhaft präsentiert werden, wird dem (süd-)östlichen Europa Nachholbedarf at-
testiert, obwohl etwa Belgien und Frankreich demonstrieren, dass auch Gründungsmit-
glieder den sog. Normen nicht in allen Bereichen gerecht werden (wollen).

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56 Felix Tacke

In Südosteuropa trifft dieser Befund in erster Linie auf die Etablierung sup-
ranationaler Normen im Bereich des Minderheitenschutzes als vielleicht drin-
genderes Problem bei der Schaffung politisch und demokratisch stabiler Gesell-
schaften zu, wohingegen der Erhalt und die Förderung von Regional- oder
Minderheitensprachen durch die Charta dort zunächst sekundär, als Fortfüh-
rung oder Ausdifferenzierung der auch im Rahmenübereinkommen beinhalte-
ten sprachspezifischen Bestimmungen betrachtet wird. Die Tatsache, dass sich
Sprachenschutz in Südosteuropa in den Kontext des Minderheitenschutzes ein-
schreibt und sich diesem unterordnet, lässt sich bereits oberflächlich anhand der
Ratifizierungen der beiden Europaratsverträge ablesen:

Staat Ratifizierung des Ratifizierung der Charta


(Status EU-Beitritt) Rahmenübereinkommens
Albanien
28.9.1999 -
(potentieller Kandidat)
Bosnien und Herzegowina
1.6.2000 1.1.2011
(potentieller Kandidat)
Bulgarien
7.5.1999 -
(EU-Mitglied seit 2007)
Griechenland (nur Unterzeichnung:
-
(EU-Mitglied seit 1981) 22.9.1997)
Kosovo
23.8.2004 -
(potentieller Kandidat)
Kroatien
1.2.1998 1.3.1998
(Kandidat)
Makedonien (nur Unterzeichnung:
1.2.1998
(Kandidat) 24.7.1996)
Montenegro
6.6.2006 6.6.2006
(Kandidat)
Republik Moldau (nur Unterzeichnung:
20.11.1996
(ohne) 11.7.2002)
Rumänien
11.5.1995 29.1.2008
(EU-Mitglied seit 2007)
Serbien
1.9.2001 1.6.2006
(Kandidat)
Tabelle 1. Ratifizierungen des Rahmenübereinkommens und der Charta in Südosteu-
ropa (Stand: Februar 2013)

Die Tabelle, in der auch der Status in Bezug auf eine EU-Mitgliedschaft ange-
geben wird, verdeutlicht einerseits die Vorrangigkeit des Minderheitenschutzes
und andererseits die Zusammenhänge zwischen den Bestrebungen eines EU-
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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 57

Beitritts und der Bereitschaft, sich in Fragen des Minderheiten- und Minder-
heitensprachenschutzes der Aufsicht des Europarats zu unterstellen. Während
das Rahmenübereinkommen von allen Staaten bis auf Griechenland, das bereits
seit 1981 EU-Mitglied ist, angenommen wurde, haben Albanien, das junge EU-
Mitglied Bulgarien und der Kosovo10 die Charta bislang weder unterzeichnet
noch ratifiziert, Makedonien und die Republik Moldau bislang nur unterzeich-
net. Insgesamt zeigt sich also, dass das Rahmenübereinkommen in Südost-
europa flächendeckend implementiert wird, während die Charta offenbar eine
deutlich geringere Rolle spielt. Dabei kann die Implementierung der Charta in
die nationalen Rechtssysteme für Staaten mit EU-Beitrittsbestrebungen durch-
aus von Relevanz sein. Kroatien, das in diesem Jahr der EU beitreten wird
(2013), wendet sie bereits seit 1998 an. Montenegro und Serbien haben die
Charta 2006 ratifiziert und wurden erst danach (2010 bzw. 2012) in den Status
von Beitrittskandidaten erhoben.11 In diesem Lichte mag die Zurückhaltung der
übrigen Staaten also überraschen. Hofmann sieht den Grund für die Zurückhal-
tung gegenüber der Charta in einer „skeptische[n] Haltung zu Minderheiten-
fragen im Allgemeinen“12 sowie in pragmatischer Hinsicht in der Sorge der
Regierungen, „sich die Kosten und Mühen weiterer, konkreter, detaillierter
noch dazu dreijähriger Berichtspflichten aufzubürden“; diese „Berichtsmüdig-
keit“ ergebe sich aus der Parallelität des Kontrollmechanismus der Charta und
des Rahmenübereinkommens sowie anderer völkerrechtlicher Verträge.

1.2 Schutzmechanismus und ‚Standardsetzung‘

Wie funktionieren nun die Implementierung und der Kontrollmechanismus der


beiden Dokumente und die damit einhergehende Etablierung europäischer Nor-
men und Standards? Die ‚Standardsetzung‘ erfolgt nach dem Prinzip der soft
jurisprudence. Dies bedeutet, dass die Dokumente keine Möglichkeit der juris-
tischen Sanktionierung umfassen: Weder die Charta noch das Rahmenüber-
einkommen beinhalten Rechte, die vor europäischen Gerichten einklagbar wä-
ren.13 Stattdessen wird die Implementierung und Einhaltung der Bestimmungen

10
Der junge Staat Kosovo ist freilich als Sonderfall zu betrachten. Das Rahmenüber-
einkommen wird dort aufgrund einer Vereinbarung zwischen der United Nations Interim
Administration Mission in Kosovo (UNMIK) und dem Europarat angewendet.
11
Es soll hier nicht suggeriert werden, dass die Ratifizierung der Charta für die EU aus-
schlaggebend war, vielmehr sollte ihre Ratifizierung als Bereitschaft seitens der Staaten
zu einer tiefergehenden Integration in die europäischen Institutionen gelesen werden.
12
Hofmann 2012: 12.
13
Einklagbare Rechte können sich aus den Texten nur indirekt ergeben, wenn diese von den
Vertragsstaaten in national verbindliche Rechte überführt werden und folglich der natio-

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58 Felix Tacke

mittels eines bestimmten Kontrollmechanismus (monitoring) gewährleistet.14


Die Vertragsstaaten, die sich durch die Unterzeichnung mit dem ‚Geist‘ und
den Zielen der Texte identifizieren, verpflichten sich durch die Ratifizierung,
die Bestimmungen in nationales Recht zu überführen und in die Praxis umzuset-
zen. Das daraufhin einsetzende Monitoring umfasst dann eine Berichtspflicht,
d. h. die Staaten sind verpflichtet, dem Europarat in regelmäßigen Abständen
Berichte über die Umsetzung der Bestimmungen vorzulegen. Die Überprüfung
der Umsetzung obliegt wiederum einem vom Europarat eingesetzten Ausschuss
bestehend aus unabhängigen Experten, dem Sachverständigenausschuss (Com-
mittee of Experts) im Falle der Charta, dem Beratungskomitee (Advisory Com-
mittee) im Falle des Rahmenübereinkommens. Diese Ausschüsse überprüfen
einerseits die Berichte und die Umsetzung der Bestimmungen vor Ort, wobei
auch Treffen mit Betroffenen und NGOs vorgesehen sind, andererseits erstellen
sie Evaluationsberichte und formulieren Empfehlungen. Auf der Grundlage der
Evaluierungen erlässt schließlich das Ministerkomitee des Europarats Empfeh-
lungen, die an die Vertragsparteien gerichtet werden. Die Tatsache, dass sämt-
liche Berichte öffentlich zugänglich sind, erhöht auf der einen Seite den Druck
auf die Vertragsparteien und sorgt auf der anderen Seite für die Vergleich-
barkeit von Umsetzung und Interpretation der Auflagen, wodurch mit der Zeit
ein Beurteilungsspektrum sichtbar wird, das von Monita wegen unzureichender
rechtlicher oder praktischer Implementierung über Zufriedenheitsbekundungen
hinsichtlich des Erreichens von Minimalstandards bis hin zu Lob für als bei-
spielhaft angesehene Lösungen (best practices) reicht.15 Diese „soft jurispru-
dence based on hard law“16, die nicht unmittelbar juristisch, sondern politisch
funktioniert, wurde gerade deswegen zwar zumindest anfangs noch kritisiert,17

nalen Rechtsprechung unterliegen; vgl. Woehrling, Jean-Marie: The European Charter of


Regional or Minority Languages. A Critical Commentary. Strasbourg 32005, 30f.
14
Der Kontrollmechanismus der Charta wird in Teil IV des Dokuments geregelt. S. dazu
Woehrling 2005: 245–261 und ausführlich Rein, Detlev: Art. 15–23. In: Boysen 2011:
361–398. Vgl. auch die Beschreibung bei Hofmann 2012: 16–18.
15
Vgl. Hofmann 2012: 18f.
16
Hofmann, Rainer: New Standards for Minority Issues in the Council of Europe and the
OSCE. In: Kühl, Jørgen/Marc Weller (Hg.): Minority Policy in Action: The Bonn-Copen-
hagen Declarations in a European Context 1955–2005. Flensburg 2005, 239–277; 244.
Hard jurisprudence wäre die juristisch bindende Rechtsprechung eines nationalen oder
internationalen Gerichts (z. B. des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte). In-
wiefern sich soft jurisprudence zu verbindlicher Rechtsprechung ‚verhärten‘ kann, be-
schreibt Lantschner, Emma: Soft jurisprudence im Minderheitenrecht. Standardsetzung
und Konfliktbearbeitung durch Kontrollmechanismen bi- und multilateraler Instrumente.
Baden-Baden 2009.
17
Zur Debatte um die Wirksamkeit und Effizienz der Charta s. Woehrling 2005: 34–37.

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 59

erweist sich indessen – wenn man die Bilanz betrachtet – sowohl für das Rah-
menübereinkommen18 als auch für die Charta19 als effizient.
Die Frage der Standardsetzung im Bereich des Sprachenschutzes umfasst
nun wiederum sowohl das Rahmenübereinkommen als auch die Charta, wobei
die beiden Instrumente den Schutz von Sprachen aus unterschiedlichen Per-
spektiven angehen.20 Das Rahmenübereinkommen geht vom Schutz von Indivi-
duen und Personengruppen – nationalen Minderheiten – aus und trägt der Tat-
sache Rechnung, dass Sprache eine wesentliche Rolle beim Ausdruck individu-
eller und kollektiver Identitäten spielt: „Since most national minorities in Eu-
rope are characterized by their language, linguistic rights are of essential rele-
vance to the protection and promotion of their distinct identity“21. In Artikel 5
und 9–14 sind daher explizit sprachliche Rechte vorgesehen, die den Mitglie-
dern nationaler Minderheiten zu gewähren seien. Darunter fallen das Recht auf
den Gebrauch der Sprache im Privaten, in der Öffentlichkeit, im Kontakt mit
Verwaltungsbehörden und der Justiz, Verwendung des eigenen Namens in der
Minderheitensprache und von endogenen Toponymen. Darüber hinaus sei das
Recht auf Unterricht der oder in der Minderheitensprache zu gewähren.
Die Charta gewährt dagegen nicht Individuen und Personengruppen Rechte,
sondern hat die Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen zum Erhalt
von Klein- oder Minderheitensprachen „as part of cultural heritage“22 zum Ziel.
Der Explanatory Report begründet diese Fixierung auf Sprachen und die (zu-

18
Lantschner zeigt anhand der Umsetzung des Rahmenübereinkommens in Südosteuropa,
dass dieses „has become the most important European document in the field of minority
protection and that the soft jurisprudence of the AC [= advisory committee] has great
authority when it comes to the concretization of standards“ (Lantschner 2008: 58).
19
Für die Charta s. die Beiträge und Bewertungen in Lebsanft, Franz/Monika Wingender
(Hg.): Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Ein Handbuch zur
Sprachpolitik des Europarats. Berlin/Boston 2012.
20
Der Beratende Ausschuss hat dem Thema der im Rahmenübereinkommen vorgesehenen
sprachlichen Rechte zuletzt eigens einen thematischen Kommentar gewidmet (Advisory
Committee: Thematic Commentary No. 3. The Language Rights of Persons Belonging to
National Minorities under the Framework Convention. Strasbourg 5.7.2012, <http://www.
coe.int/t/dghl/monitoring/minorities/3_FCNMdocs/PDF_CommentaryLanguage_en.pdf>,
Zugriff: 17.10.2012). Dort werden die sprachspezifischen Bestimmungen vor dem Hin-
tergrund der Anwendung des Rahmenübereinkommens seit 1998 und der daraus entstan-
denen soft jurisprudence besprochen (s. Abs. 5). Abs. 11 des Kommentars geht auf die
Spezifik gegenüber und die Komplementarität in Bezug auf die Charta ein.
21
Hofmann, Rainer: Implementation of the FCNM: Substantive Challenges. In: Annelies
Verstichel u. a. (Hg.): The Framework Convention for the Protection of National Mino-
rities: A Useful Pan-European Instrument? Antwerpen u. a. 2008, 159–185; 171.
22
Advisory Committee 2012: Abs. 11.

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60 Felix Tacke

mindest formale) Ausblendung der Sprecher im Sinne von Minderheiten in Ab-


satz 11:23
The charter sets out to protect and promote regional or minority languages, not
linguistic minorities. For this reason emphasis is placed on the cultural dimen-
sion and the use of a regional or minority language in all the aspects of the life
of its speakers. The charter does not establish any individual or collective rights
for the speakers of regional or minority languages. Nevertheless, the obligations
of the parties with regard to the status of these languages and the domestic
legislation which will have to be introduced in compliance with the charter will
have an obvious effect on the situation of the communities concerned and their
individual members.

Die ökolinguistischen Bedingungen,24 welche mittels der Implementierung der


Charta geschaffen und gewährleistet werden sollen, sind weitreichender und
beziehen sich in systematischerer Weise auf Sprachen, als dies im Rahmen-
übereinkommen der Fall ist: „For its part, the charter requires states to develop
policy for promoting regional or minority languages, which may involve grant-
ing rights but must also include other tools […]“25. Die Bestimmungen der Char-
ta gliedern sich in zwei wesentliche Teile: Teil II (Art. 7) umfasst eine Reihe
von Grundsätzen und Bestimmungen – „a common core of principles“26 –, die
für jeden Vertragsstaat auf dem gesamten Staatsgebiet und für alle Regional-
oder Minderheitensprachen gelten. Teil III beinhaltet dagegen unter den Arti-
keln 8–14 präzise und von den Staaten nach dem à la carte-Prinzip auswähl-
bare Maßnahmen,27 die für jede Sprache einzeln und auf konkrete Gebiete be-

23
Für eine Diskussion dieser bewussten Ausblendung der hinter den „users of these lan-
guages“ (z. B. Art. 7,2 der Charta) stehenden Gemeinschaften bzw. Minderheiten s. Leb-
sanft, Franz: Die ECRM aus soziolinguistischer Sicht. Begriffe und Maßnahmen. In: Leb-
sanft/Wingender 2012: 23–40; 32–34. Explizit um die Sprecher geht es dem Rahmen-
übereinkommen: „The Framework Convention is based on an individual rights approach.
It is thus not focused on language itself, nor on a language community, but on the speak-
ers“ (Advisory Committee 2012: Abs. 7).
24
Zum Begriff der Ökolinguistik s. Haarmann, Harald: Ökolinguistik. In: Hans Goebl u. a.
(Hg.): Kontaktlinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung.
Berlin/New York 1996, Bd. 1, 842–852.
25
Woehrling 2005: 34.
26
Explanatory Report: Abs. 22; vgl. auch Abs. 57–78.
27
Bei den Artikeln handelt es sich um eine systematische Auflistung der Bereiche („the
place of regional or minority languages in the various sectors of the life of the com-
munity“, Explanatory Report: Abs. 22), welche zur Schaffung der ökolinguistischen Rah-
menbedingungen zum Erhalt der Sprachen als notwendig erachtet werden: Art. 8 „Bil-
dung“, Art. 9 „Justizbehörden“, Art. 10 „Verwaltungsbehörden und öffentliche Dienstleis-
tungsbetriebe“, Art. 11 „Medien“, Art. 12 „Kulturelle Tätigkeiten und Einrichtungen“, Art.
13 „Wirtschaftliches und soziales Leben“, Art. 14 „Grenzüberschreitender Austausch“.

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 61

schränkt angewendet werden müssen.28 Diese konkreten Bestimmungen, eben-


so wie die Sprachen, auf welche sie sich beziehen sollen, sind im Ratifikations-
instrument zu benennen. Die Auswahl erlaubt eine flexible Anpassung an die
spezifische Situation der zu schützenden Sprache sowie die unterschiedlichen
Rahmenbedingungen in den einzelnen Staaten.29
Flexibilität ist dabei ein wesentliches Merkmal der Europaratsinstrumente;
sie liegt im Text der Charta begründet und wirkt sich doppelt aus: Einerseits
bietet sie den staatlichen Vertragsparteien ein hohes Maß an Entscheidungs-
freiheit und Interpretationsspielraum, andererseits ermöglicht sie den Instanzen
des Europarats, die jeweiligen Situationen je gesondert in Anbetracht der Aus-
gangssituationen zu beurteilen und im Rahmen der fortwährenden Kontrolle
nicht nur Mindeststandards zu etablieren, sondern die Ansprüche darüber hinaus
schrittweise bis hin zu Höchststandards bzw. best practices zu steigern. Es
liegen für den Europarat daher „different degrees of acceptability of a legal or
factual situation in a specific country“30 vor. Die Einschätzung Emma Lantsch-
ners über das Rahmenübereinkommen als „a dynamic and living instrument,
the interpretation of which has to adapt to current circumstances“31, kann auch
für die Charta gelten, wie die Analyse ihrer Anwendung in den einzelnen Ver-
tragsstaaten belegt.32

2 Der territorial scope der Charta

Die Flexibilität der Charta ergibt sich aus einer Reihe von bewusst ungenau
oder vage formulierten Bestimmungen im Text der Charta, die Gegenstand der
Interpretation der Vertragsstaaten einerseits und andererseits der Aushandlung
zwischen Staat und Europarat, insbesondere im Rahmen des Monitoring durch
den Sachverständigenausschuss (SVA) sind. Ein spezifischer Aspekt der Char-
ta, namentlich der territorial scope, der sich mit ‚räumlicher‘ oder ‚territorialer
Anwendungs-‘ oder ‚Geltungsbereich‘ übersetzen lässt,33 scheint mir nicht nur
28
Vgl. Explanatory Report: Abs. 79–126.
29
Hinsichtlich der Anpassungsmöglichkeiten heißt es dazu in Abs. 22 des Explanatory
Report: „a considerable number of provisions comprise several options of varying degrees
of stringency, one of which must be applied ‚according to the situation of each lan-
guage‘“. In Abs. 23 heißt es weiter: „This flexibility takes account of the major dif-
ferences in the de facto situations of regional or minority languages (number of speakers,
degree of fragmentation, etc). It also has regard to the costs entailed by many of the pro-
visions and the varying administrative and financial capacity of the European states. […]“
30
Lantschner 2008: 59.
31
Ebenda.
32
Dazu Lebsanft/Wingender 2012.
33
Vgl. die von der Terminologiedatenbank IATE (Inter-Active Terminology for Europe)
der EU angebotenen Übersetzungsmöglichkeiten.

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62 Felix Tacke

in Bezug auf die Charta, sondern hinsichtlich des Sprachenschutzes im Allge-


meinen von besonderem Interesse zu sein und ist zugleich geeignet, als Bei-
spiel für Theorie und praktische Anwendung des in der Charta entworfenen
Programms zu dienen.
Bevor anhand der Implementierung der Charta in Südosteuropa auf die Pra-
xis der gebietsbezogenen Anwendung eingegangen wird, gilt es, zunächst die
theoretischen Grundlagen im Text der Charta – sowie dem dazugehörigen Ex-
planatory Report – darzustellen. Der territorial scope ist in der Charta gleich
doppelt relevant: Er liegt der Sprachdefinition zugrunde und bezieht sich darü-
ber hinaus auf den Anwendungsrahmen der einzelnen Schutzmaßnahmen.

2.1 Sprachdefinition

Bestimmend für die Definition des Gegenstandsbereichs der Charta ist die Ka-
tegorie des Raums. Nicht nur fußt das Schutzregime in wesentlichem Maße auf
dem Territorialitätsprinzip; der Text der Charta differenziert bereits bei der De-
finition von ‚Regional- oder Minderheitensprachen‘ in zwei Kategorien: Arti-
kel 1a definiert ‚territoriale Sprachen‘ als Sprachen, die traditionell in einem
bestimmten Gebiet gebraucht werden und unterscheidet diese von „non-territo-
rial languages“ (Art. 1c) – als Beispiele werden Romanes und Jiddisch genannt
–, die nicht mit bestimmten Gebieten assoziiert werden können.34 Der Schwer-
punkt liegt jedoch eindeutig – darauf weist der Explanatory Report explizit hin
– auf Sprachen mit Gebietsbezug: „The languages covered by the charter are
primarily territorial languages, that is to say languages which are traditionally
used in a particular geographical area“ (Abs. 33); begründet wird diese Fokus-
sierung durch pragmatische Erwägungen: „The reason why the charter is main-
ly concerned with languages which have a territorial base is that most of the
measures which it advocates necessitate the definition of a geographical field of
application other than the state as a whole“ (ebd.). Daraus leitet sich für die
praktischen Belange des von der Charta intendierten Sprachenschutzes die Not-
wendigkeit ab, eine Definition von ‚Sprachgebiet‘ anzubieten.
Das Konzept ‚Sprachgebiet‘, das in Artikel 1b als „the geographical area in
which the said language is the mode of expression of a number of people justi-
fying the adoption of the various protective and promotional measures provided
for in this Charter“ definiert wird, fußt auf der Kombination verschiedener
Kategorien mit dem Ziel einer im Sinne des Sprachenschutzes pragmatischen
Operationalisierung: Die Grundlage bildet dabei die bereits angesprochene Ver-

34
Eine möglicherweise dritte Kategorie, die Sprachen von Migranten, ist nicht Gegenstand
der Charta. Im Explanatory Report heißt es diesbezüglich: „The purpose of the charter is
not to resolve the problems arising out of recent immigration phenomena“ (Abs. 31).

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 63

knüpfung von Sprache und Raum („geographical area“), die ihrerseits eine zeit-
liche Komponente, namentlich die ‚traditionelle Verwendung‘ („traditionally
used“, Art. 1a i) enthält. Sprachpolitisch und zu diesem Zwecke pragmatisch
operationalisiert wird das Konzept des Sprachgebiets im Text der Charta jedoch
erst durch die Bindung von Raumbezug und Historizität an die Kategorie der
Sprecherdichte, die sich hinter der als „a number of people justifying the adop-
tion of […] protective and promotional measures“ verklausulierten ‚ausreichen-
den Sprecherzahl‘ verbirgt.35
Entscheidend ist für die Operationalisierung des Konzepts ‚Sprachgebiet‘
gerade die Unbestimmtheit der Formulierung ‚Zahl von Menschen, welche die
Übernahme der in dieser Charta vorgesehenen verschiedenen Schutz- und För-
dermaßnahmen rechtfertigt‘, denn sie ist wesentlich für den territorial scope
und steht paradigmatisch für die bereits angesprochene Flexibilität der Charta.36
Welche Sprecherzahl Schutzmaßnahmen rechtfertigt, lässt der Text bewusst
offen und auch der Explanatory Report, der die hervorgehobene Formulierung
als „key expression“ bezeichnet, wird nicht präziser („where a regional or mi-
nority language is spoken to a significant extent“, Abs. 34), bietet jedoch eine
Begründung:
The authors of the charter avoided establishing a fixed percentage of speakers of
a regional or minority language at or above which the measures laid down in the
charter should apply. They preferred to leave it up to the state to assess, within
the spirit of the charter, according to the nature of each of the measures pro-
vided for, the appropriate number of speakers of the language required for the
adoption of the measure in question (Abs. 35, meine Hervorhebung).

Was hier vermeintlich als ‚schwache Formulierung‘ daherkommt, die den Staa-
ten einen weiten Interpretationsspielraum bietet, ist tatsächlich der juristische
Grundstein für eine zwar flexible, aber dennoch nicht laxe Etablierung von Mini-
malstandards im Sprachenschutz. Entscheidend ist dazu die Klausel „within the

35
In der Charta wird der Ausdruck Sprecherdichte dabei nicht explizit verwendet; Boysen
2011: 73f. [= Art. 1, Rn. 42] spricht diesbezüglich von der „erforderliche[n] Dichte an
Sprechern“. Zur Konstruktion und zur Begründung eines nicht sprachpolitischen, sondern
auch linguistisch ‚neutral‘ in Anlehnung an das siedlungsgeographische Maß der Bevöl-
kerungsdichte konstruierten Begriffs der Sprecherdichte, welcher den pragmatischen Über-
legungen hinsichtlich des Sprachenschutzes zugrunde gelegen haben mag, s. Lebsanft
2012: 31.
36
Boysen 2011: 73f. [= Art. 1, Rn. 40–41] unterstreicht, dass es sich in Anbetracht ab-
nehmender Sprecherzahlen zahlreicher bedrohter Sprachen zwar auf den ersten Blick „um
ein äußerst ambivalentes Kriterium [handelt]“, dieses jedoch „im Sinne der Zielsetzung
der Charta funktional zu verstehen“ sei. Ziel der Klausel seien nicht „zusätzliche Hürden
für den Schutz bedrohter Regional- oder Minderheitensprachen“, sondern „eine prakti-
kable Handhabung der operativen Bestimmungen“.

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64 Felix Tacke

spirit of the charter“, deren Auslegung – wie anhand zahlreicher Fälle seit dem
allgemeinen Inkrafttreten des Dokuments am 1.3.1998 deutlich geworden ist –
der Deutungshoheit des Europarats, insbesondere des Sachverständigenaus-
schusses (SVA), obliegt und im Rahmen der Evidenzkontrolle ausgeübt wird.
Durch die soft jurisprudence im Monitoring wirken der SVA und das Minis-
terkomittee auf den Staat ein, gegebenenfalls zu hoch angesetzte ‚ausreichende
Sprecherzahlen‘ oder Prozentsätze, die nach ihrer Auffassung nicht dem Geiste
der Charta entsprechen, zu reduzieren und damit den Anwendungsbereich der
Maßnahmen zu maximieren.
Was der Geist der Charta umfasst, kann auf der Textbasis des Dokuments
freilich nur erahnt werden. So führen die Verfasser in dem die allgemeinen Ziele
und Prinzipien der Charta darlegenden Artikel 7,1 die Kategorie der ‚Achtung‘
an, die einerseits auf die Sprachen selbst („In respect of regional or minority
languages“), andererseits – unter Punkt b – auf deren ‚Sprachgebiet‘ bezogen
wird: „the respect of the geographical area of each regional or minority lan-
guage in order to ensure that existing or new administrative divisions do not
constitute an obstacle to the promotion“.

2.2 Maßnahmen

Schließlich betrifft der territorial scope der Charta im Sinne des zugrunde
gelegten Territorialitätsprinzips insbesondere diejenigen Bestimmungen und
Maßnahmen, die in Teil III, unter den Artikeln 8–14, definiert werden und die
dem umfassenden Schutz – dem eigentlichen Kern der Charta – entsprechen.
Dieser kommt ausschließlich Regional- oder Minderheitensprachen zugute, die
eine historische Verwurzelung in bestimmten Gebieten aufweisen und von den
Vertragsstaaten dafür benannt wurden. Diese Tatsache demonstriert ein weite-
res Mal, dass die Charta ein in hohem Maße pragmatisch angelegtes Instrument
ist, dessen Ziel praktische Relevanz, nicht nur symbolischer Schein ist. Wenn
also bereits durch die kategoriale Trennung in Sprachen mit definierbarem
Gebietsbezug und in nicht-territoriale Sprachen letztere – trotz eines zweifellos
vorliegenden Schutzbedarfs – in der Regel nur einem Minimalschutz unterstellt
werden, dann ist dies „eine von der Charta im Sinne der Durchführbarkeit ihrer
Bestimmungen billigend in Kauf genommene Privilegierung von Territorial-
sprachen“37, welche einer realistischen Einschätzung der notwendigen ökolin-
guistischen Bedingungen, nämlich einer gewissen minimalen Sprecher- und
damit potentiellen kommunikativen Austauschdichte, folgt. So heißt es im Ex-
planatory Report zu nicht-territorialen Sprachen: „In the absence of a territorial
base, only a limited part of the charter can be applied to these languages. In
37
Boysen 2011: 76 [= Art. 1, Rn. 47].

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 65

particular, most of the provisions of Part III aim to protect or promote regional
or minority languages in relation to the territory in which they are used“ (Abs.
37).
Die in Teil III definierten, systematisch die verschiedenen Kommunikations-
bereiche einer Sprache berücksichtigenden Maßnahmen und Bestimmungen set-
zen tatsächlich mehrheitlich, jedoch in unterschiedlichem Maße, einen geogra-
phisch genau definierten Anwendungsrahmen voraus.38 Wie auch bei der Sprach-
definition ist hier wiederum die Verknüpfung mit der Kategorie der Sprecher-
dichte, formuliert als ‚ausreichende Sprecherzahl‘, ausschlaggebend dafür, wo
die Bestimmungen Anwendung finden. In der Implementierungspraxis bedeutet
dies, dass der Vertragsstaat, nachdem er im Ratifizierungsinstrument diejenigen
Sprachen, auf welche die spezifischen Maßnahmen aus Teil III angewendet wer-
den sollen, gemäß Artikel 3,1 benannt hat, in seinem ersten Bericht über die An-
wendung der Charta anzugeben hat, wo diese Sprachen verwendet werden („the
parts of the territory of your country where the speakers of such language[s] re-
side“39). Entscheidend ist dazu die Angabe, an welchen Orten die ausgewählten
Schutzmaßnahmen effektiv werden: „When indicating the measures […], please
specify the relevant legal provision and the territory where they are applica-
ble“40.
Wenn mit applicable explizit auf den Aspekt der Durchführbarkeit der
Maßnahmen verwiesen wird, so ist diese in Bezug auf jede Maßnahme einzeln
zu bemessen. Die jeweils notwendige Sprecherdichte „lässt sich dabei nicht
abstrakt festlegen“41, wie auch Boysen unterstreicht. Im Bereich der Bildung
bedeutet dies beispielsweise, dass „der Einzugsbereich weiterführender oder
berufsbildender Schulen regelmäßig deutlich größer ist als der von Kinderbe-
treuungseinrichtungen im Vorschulbereich, was wiederum Auswirkungen auf
die erforderliche Dichte an Sprechern […] in den jeweiligen Gebieten hat“42.
Die Kategorie Sprecherdichte und mit ihr die Frage des gebietsbezogenen
Anwendungsrahmens erscheint unter den Bestimmungen des Teils III der Char-
ta daher in unterschiedlichen Varianten, die alle gleichermaßen als hedges fun-

38
Vgl. dazu Abs. 90 des Explanatory Report, der den Schutz von Minderheitensprachen auf
‚traditionelle Sprachgebiete‘ als „the general rule in most of the provisions of the charter“
apostrophiert.
39
Council of Europe: Outline for Periodical Reports to be submitted by Contracting Parties.
Strasbourg, 23.11.1998, <http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/StatesParties/Out
lineInitial_en.pdf>, Zugriff: 24.9.2012.
40
Ebenda.
41
Boysen 2011: 74 [= Art. 1, Rn. 42].
42
Ebenda.

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66 Felix Tacke

gieren. In Artikel 8 heißt es etwa, die Maßnahmen seien anzuwenden „to those
pupils whose families so request and whose number is considered sufficient“43.
Die genaue Maßgabe soll also bewusst dem Vertragsstaat in Abhängigkeit
der jeweiligen Situation und schließlich der Evidenzkontrolle durch den Euro-
parat obliegen. Ähnliche Formulierungen betreffen Maßnahmen im Justizbe-
reich, „in respect of those judicial districts […]“ (Art. 9,1) und analog dazu im
Verwaltungsbereich „[w]ithin the administrative districts of the State in which
the number of residents who are users of regional or minority languages justi-
fies the measures“ (Art. 10,1). Ferner die Maßnahmen im Bereich Medien (Art.
11,1) und Kultur (Art. 12,1). Teilweise wird der Ermessensspielraum noch deut-
licher betont, wie bei Maßnahmen in Bezug auf die Verwaltung und die öffent-
lichen Dienstleistungsbetriebe, deren Anwendung „in accordance with the situa-
tion of each language and as far as this is reasonably possible“ (Art. 10,2–3;
auch 13,2) zu gewährleisten sei.
Über diesen engen, auf das ‚traditionelle Sprachgebiet‘ beschränkten An-
wendungsrahmen hinaus gehen nur die Maßnahmen in Artikel 12,2, um auch
Sprechern, die in „territories other than those in which the regional or minority
languages are traditionally used“ leben, Zugang zu kulturellen Aktivitäten zu
ermöglichen, sowie Artikel 13,1 zu sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten,
die „within the whole country“ anzuwenden seien.
Der maximale territorial scope der Charta kann freilich nur das Hoheits-
gebiet des jeweiligen Vertragsstaates umfassen.44 In Anbetracht der Tatsache,

43
Im Einzelnen finden sich diese oder analoge Einschränkungen im Bereich der Bildung
unter Artikel 8,1 für die Punkte a (iii), b (iv), c (iv) und d (iv). Dazu der Explanatory Re-
port: „This recognises that the public authorities cannot be required to take the measures
concerned where the situation of the linguistic group makes it difficult to attain the mini-
mum number of pupils required to form a class. On the other hand, given the particular
circumstances of regional or minority languages, it is suggested that the normal quota
required to constitute a class may be applied flexibly and a lower number of pupils may
be ‚considered sufficient‘“ (Abs. 82).
44
Die Anwendung der Charta kann vom Vertragsstaat nicht auf bestimmte Teilterritorien
beschränkt bleiben (vgl. Explanatory Report: Abs. 134). Während ein Staat wählen kann,
welche seiner (regional auf bestimmte Gebiete begrenzten) Minderheitensprachen durch
die spezifischen Maßnahmen in Teil III geschützt werden sollen, gilt Teil II bzw. Artikel
7 automatisch auf dem gesamten Staatsgebiet. Wäre eine Einschränkung des Anwen-
dungsgebietes möglich, hätte auch Belgien entsprechend dem Plan der Französischen
Gemeinschaft der Charta beitreten können (vgl. Tacke, Felix: Belgien. Territorialitätsprin-
zip und Minderheitenproblematik vor dem Hintergrund der ECRM. In: Lebsanft/Wingen-
der 2012: 87–104). Vom Europarat akzeptierte Ausnahmen sind die Niederlande und das
Vereinigte Königreich, wo die Charta jeweils nur in den europäischen Gebieten angewen-
det wird („The Kingdom of the Netherlands accepts the said Charter for the Kingdom in
Europe“, Declaration contained in the instrument of acceptance, 2.5.1996; „The United
Kingdom declares that the Charter applies to mainland Britain and Northern Ireland“,

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 67

dass die Sprachgebiete der Sprachen durch staatliche Grenzen geteilt sein kön-
nen, sieht Artikel 14 der Charta daher grenzüberschreitende Kooperationen mit
Nachbarstaaten vor. Dem Ansatz nach wird also versucht, den durch staatliche
Souveränität begrenzten Anwendungsrahmen der Charta zu kompensieren.
Zusammengefasst bedeutet dies, dass das Maß der Sprecherdichte einen in
Abhängigkeit der Bestimmungen mitunter variablen geographischen Anwen-
dungsrahmen der Charta zur Folge haben kann, wodurch das so konstruierte
Konzept des Sprachgebiets zumindest in der Theorie unscharfe Grenzen erhält.
Die Variabilität und Flexibilität des Anwendungsrahmens resultieren dann einer-
seits aus den Erfordernissen der jeweiligen Maßnahmen, andererseits entstehen
sie aus der Interpretation des jeweiligen Vertragsstaates und der Aushandlung
mit dem Europarat.

3 Die territorial application der Charta in Südosteuropa

Ein vergleichender Blick auf die Anwendung der Charta in den einzelnen
Staaten macht deutlich, dass der territorial scope und der Ermessensspielraum
bei der Frage, welche Sprecherdichte die Anwendung des umfassenden Schut-
zes durch Teil III rechtfertigt, sehr unterschiedlich ausgelegt wird, jedoch in
den Ratifizierungsländern Südosteuropas offenbar einer ähnlichen Interpreta-
tion unterliegt, die nur vor dem Hintergrund des dort etablierten Minderheiten-
schutzregimes und der auch chronologisch bereits früher einsetzenden Imple-
mentierung des Rahmenübereinkommens in die nationalen Rechtssysteme ver-
ständlich wird. Im Folgenden werde ich daher die spezifischen Interpretationen
der die geographische Reichweite des Sprachenschutzes betreffenden Bestim-
mungen darstellen und durch eine Analyse des durch die Berichte erzeugten
Dialogs zwischen Europarat und staatlichen Vertragsparteien herausarbeiten, wie
sich aus der territorial application, d. h. aus der konkreten ‚territorialen An-
wendung‘45, auf dem Wege der Aushandlung mindestens für Südosteuropa gel-
tende Standards des Sprachenschutzes und bisweilen ein für die Charta und
damit für Europa im Allgemeinen gültiger Minimalstandard herausbilden.
Es sei bereits vorweg darauf hingewiesen, dass die Identifizierung der
Gebiete mit traditioneller Präsenz der Minderheitensprachen weitgehend unpro-
blematisch ist. Als problematisch stellt sich vielmehr die Übereinkunft über die
den umfassenden Schutz rechtfertigende ‚notwendige Sprecherdichte‘ heraus,

Declaration contained in a Note Verbale from the Foreign and Commonwealth Office of
the United Kingdom, 27.3.2001) sowie Zypern, wo die Anwendung nur den unter der
effektiven Kontrolle der Regierung stehenden Teil betreffen kann.
45
IATE bietet hier keine adäquate Entsprechung für territorial application an, weshalb ich
analog zu territorial scope mit ‚territorialer Anwendung‘ übersetze.

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68 Felix Tacke

mit welcher das operationelle Konzept des ‚traditionellen Sprachgebiets‘ im


Sinne der Charta verknüpft ist. Im Rahmen dieses Aufsatzes kann ich dabei
nicht auf die u. U. variierenden Anwendungsrahmen der einzelnen Bestimmun-
gen eingehen, sondern beschränke mich v. a. auf die Definition der zu schüt-
zenden Sprachgebiete durch die Staaten.
Das Korpus bilden in diesem Kontext die Ratifikationsinstrumente sowie
die bisher veröffentlichten Berichtszyklen Rumäniens sowie der Nachfolge-
staaten Jugoslawiens, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und
Serbien.46 Die Berichtszyklen beinhalten die Staatenberichte einerseits und die
Evaluationsberichte des SVAs sowie die vom Ministerkomitee des Europarats
verabschiedeten Empfehlungen andererseits. Als Hintergrund dient der Ver-
gleich mit der Implementierung des Rahmenübereinkommens, für deren Analy-
se ich auf die Studien im Band von Lantschner/Marko/Petriþušiü zurückgreife.47
Bei der Analyse der Ratifikationsinstrumente und der Berichtszyklen der
genannten Länder wird eine interessante Parallele sichtbar: In sämtlichen vom
SVA verfassten Berichten über die Anwendung der Charta ist ein gesonderter
Abschnitt mit dem Titel „General / Particular / Specific issues arising in the
evaluation of the report / application of the Charter in...“ vorhanden, der jeweils
einen Unterpunkt zum Problem der territorial application der Charta beinhal-
tet, in dem die spezifische Interpretation der Vertragsstaaten über die Frage, wo
der umfassende Schutz durch Teil III auf die in den Ratifikationsinstrumenten
benannten Sprachen anzuwenden ist, thematisiert wird. Den Interpretationen
der notwendigen Sprecherdichte und damit des territorial scope ist gemeinsam,
dass sämtliche Schutzmaßnahmen der Artikel 8–14 laut den Vertragsstaaten
nur in Selbstverwaltungseinheiten anzuwenden seien, wo die jeweilige natio-
nale Minderheit einen gesetzlich geregelten Mindestanteil an der Bevölkerung
ausmacht und die entsprechenden Sprachen daher den Status lokaler Amts-
sprachen innehaben oder, alternativ, ein solcher Status per Erlass verliehen
wurde. Während die Prozentschwelle in den einzelnen Ländern unterschiedlich
festgelegt ist, ist das Prinzip überall dasselbe.
Die Gemeinsamkeit in den Interpretationen der Charta resultiert aus der
weitgehend analogen Regelung der Gewährung spezieller kollektiver Minder-
heitenrechte, darunter insbesondere das Recht auf den Gebrauch der Minderhei-
tensprache im Umgang mit den lokalen Behörden und auf Unterricht der oder
in der eigenen Sprache. Diese Regelung basiert wiederum grundlegend auf dem
im Minderheitenschutzregime Südosteuropas fest verwurzelten Territorialitäts-

46
Zu Bosnien und Herzegowina liegt noch kein vollständiger Berichtszyklus vor, da bislang
nur ein erster, wenig substantieller Staatenbericht veröffentlicht wurde. Die Analyse muss
sich daher auf das Ratifikationsinstrument beschränken.
47
Lantschner/Marko/Petriþušiü 2008.

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 69

prinzip. Während dieses weitreichende Rechte und effizienten Schutz innerhalb


bestimmter Gebiete gewährleistet, genießen Mitglieder der Minderheiten außer-
halb des Geltungsbereichs keine oder nur eingeschränkte Rechte. Räumlich kon-
zentriert lebende Minderheiten sind folglich im Vorteil gegenüber solchen, die
verstreut leben. Vor diesem Hintergrund warnen Marko/Lantschner davor, dass
gerade die zahlenmäßig kleinen Minderheiten der Region durch die Prozent-
klauseln marginalisiert würden.48
Das Problem der territorial application der Charta muss daher zunächst im
Kontext des Minderheitenschutzregimes in Südosteuropa und darüber hinaus
im Zusammenhang des Rahmenübereinkommens betrachtet werden, dessen
Implementierung – außer in Montenegro – bereits früher einsetzte als die der
Charta (vgl. Tabelle, s. o.). Aufgrund der Tatsache, dass auch die sprachspezifi-
schen Bestimmungen des Rahmenübereinkommens eine gebietsspezifische An-
wendung vorsehen, waren und sind die Auslegung der dort ebenfalls undefi-
niert formulierten „substantial numbers“ (Art. 10,2; 11,3; 14,2) Gegenstand der
Aushandlung zwischen den Vertragsparteien und dem Beratenden Ausschuss
des Europarats. Lantschner arbeitet aus der soft jurisprudence bezüglich des
Rahmenübereinkommens heraus, wie sich anhand der Stellungnahmen des Be-
ratenden Ausschusses eine Skala von Standards herausbildet, die sich an Pro-
zentschwellen festmachen lässt: So wird ein erforderlicher Bevölkerungsanteil
in einer Gemeinde von über 50 %, wie ihn Kroatien sowie Bosnien und Herze-
gowina ursprünglich ansetzten, als Verletzung des Vertrags betrachtet.49 Je nach
Ausgangslage wurden 30 %-Marken zwar als Verbesserung beurteilt, als vor-
läufig akzeptabler Standard würde aber nur eine 20 % (Rumänien) oder 15 %-
Grenze (Serbien und Montenegro) angesehen, während die nur selten ange-
wandte 10 %-Schwelle „als momentaner Höchststandard oder best practice be-
zeichnet werden [kann]“50. Es ist offensichtlich und anhand der Berichte zum
Rahmenübereinkommen und zur Charta nachweisbar, dass die ‚Fortschritte‘,

48
Marko/Lantschner 2008: 376–379.
49
Kroatien reagierte auf die Kritik durch die Senkung der Schwelle auf ein Drittel der
Bevölkerung (Gesetz über den Gebrauch der Sprachen und Alphabete nationaler Minder-
heiten in der Republik Kroatien, Narodne novine 51/2000, 19.5.2000; Verfassungsgesetz
über die Rechte nationaler Minderheiten, Narodne novine 155/2002, 23.12.2002). In Bos-
nien und Herzegowina hätte der Mindestanteil nach den Daten des letzten Zensus von
1991 in keiner Gemeinde erfüllt werden können. Der Beratende Ausschuss stellte in
seiner zweiten Stellungnahme fest, dass beide Landesteile nunmehr Gesetze erlassen
haben, die keine Prozentschwellen mehr für den amtssprachlichen Gebrauch von Minder-
heitensprachen vorsehen (2. Stellungnahme zu Bosnien und Herzegowina, 9.10.2008,
Abs. 156f., <http://www.coe.int/t/dghl/monitoring/minorities/>, „Documents“, Zugriff: 15.10.
2012).
50
Lantschner 2009: 99. Die 10-%-Schwelle betrifft dabei nicht Südosteuropa, sondern Ös-
terreich. Vgl. auch Lantschner 2008: 65–68.

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70 Felix Tacke

d. h. die Absenkung der Prozentschwellen als Ergebnis des Monitorings durch


den Beratenden Ausschuss auch unmittelbare Auswirkungen auf die Anwen-
dung der Charta haben. Können nun aber die „substantial numbers“, die das
Rahmenübereinkommen ansetzt, mit den Voraussetzungen, welche die Charta
für den Schutz einer Sprache zugrunde legt, gleichgesetzt werden, so wie es die
Interpretation des Texts seitens der südosteuropäischen Staaten nahelegt?
Als erster Orientierungspunkt für die Implementierung der Charta in der
Region dient Kroatien, das die Charta bereits im Jahr 2000 ratifizierte.51 Als
Folge der Implementierung des Rahmenübereinkommens wurde noch während
des ersten Berichtszyklus die Gesetzgebung hinsichtlich des amtlichen Ge-
brauchs von Minderheitensprachen dahingehend verändert, dass die Mitglieder
der entsprechenden Minderheit nur noch mehr als ein Drittel der Bevölkerung
ausmachen müssen, oder der Gebrauch alternativ durch einen Erlass der jewei-
ligen Selbstverwaltungseinheit verordnet wird.52 Kroatien erklärte bereits in
seinem Ratifizierungsinstrument, dass die Anwendung des umfassenden Spra-
chenschutzes durch Teil III der Charta generell an eben diese Voraussetzungen
gebunden werden sollte: „The Republic of Croatia declares […] that pursuant
to Croatian legislature, the term ‚territory in which the regional or minority lan-
guages [sic] is used‘ shall refer to those areas in which the official use of mi-
nority language is introduced […]“53. Gegenüber dieser sprachpolitisch gleich-
sam pragmatischen und restriktiven Auslegung des ‚traditionellen Sprachgebie-
tes‘ der Minderheitensprachen bzw. der ‚Orte mit ausreichender Sprecherzahl‘
zeigte der SVA in seinem zweiten Bericht54 starke Bedenken: „the declaration
appended to the Croatian instrument of ratification may produce consequences
contrary to the spirit of the Charter“ (Abs. 62). Gemeinsam mit dem Minister-
komitee drängte er daraufhin die kroatischen Behörden, die Erklärung zu über-
denken und „to identify the areas, where the languages covered by the Charter
have a significant and traditional presence, to which Part III undertakings should
apply“ (Abs. 62).55 Während Kroatien die bezüglich des Rahmenübereinkom-
mens von dessen Beratendem Ausschuss als Verbesserung beurteilte Prozent-
51
Eine umfassende Darstellung der Implementierung der Charta in Kroatien bietet Cremer,
Désirée: Kroatien (Republika Hrvatska). In: Lebsanft/Wingender 2012: 115–132.
52
Dazu s. o., Anm. 49; vgl. auch Cremer 2012: 116–119.
53
Declaration contained in the instrument of ratification, 5.11.1997. Diese und alle im Fol-
genden zitierten Ratifizierungsurkunden und zugehörigen Dokumente sind einsehbar un-
ter <http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/>, „Declarations and reservations“, Zugriff:
15.10.2012.
54
2. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Kroatien (ECRML[2005]3,
7.9.2005). Dieser und alle im Folgenden zitierten, zum Monitoring der Charta gehörenden
Berichte sind einsehbar unter <http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/>, „Docu-
ments“, Zugriff: 15.10.2012.
55
Vgl. Empfehlung des Ministerkomitees an Kroatien (RecChL[2005]2, 7.9.2005).

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 71

schwelle auch der Anwendung der Charta zugrunde legte, monierte der SVA
weiterhin, dass „[o]ne of the most difficult issues in monitoring the implemen-
tation on the Charter in Croatia remains the territorial scope of its application“
(Abs.11) und erklärte, man wolle „evaluate the situation in areas where there is
a traditional presence and a sufficient number of speakers“ (Abs.12). Zwar wird
auch hier keine genauere Angabe gemacht, welche Sprecherzahl ausreichend
ist, doch liegt diese in den Augen des SVAs und des Europarats offenbar unter-
halb von festgelegten Prozentschwellen. Laut Aussage des Ministerkomitees
kann das Sprachgebiet, auf welches die Charta anzuwenden ist, nicht nur auf
diejenigen Gebiete reduziert werden, wo die Minderheitensprachen ohnehin „in
‚equal and official use‘“56 seien.

3.1 Die soft jurisprudence zur Festsetzung von Prozentschwellen

In seinem zweiten Bericht über die Anwendung der Charta in Kroatien skizziert
der SVA die Problematik der Prozentschwellen am Beispiel des Ungarischen
als Minderheitensprache: So lebten 996 Sprecher des Ungarischen in Beli
Manastir, mehr als in jeder anderen Stadt Kroatiens; zudem sei die Stadt das
administrative Zentrum der Region und Sitz der meisten Institutionen der unga-
rischen Minderheit. Dennoch stelle die ungarische Minderheit nur einen Anteil
von 11% der Bevölkerung der Stadt und das Ungarische würde, aufgrund der
für den amtlichen Gebrauch der Sprache gesetzlich fixierten Schwelle von
einem Drittel, vom Schutz ausgeschlossen.57 Dieses Beispiel mag repräsentativ
für die Situation in unzähligen lokalen Gebietskörperschaften in Südosteuropa
sein. Von besonderem Interesse hinsichtlich der Problematik der territorial
application der Charta erweist sich daher eben die soft jurisprudence des Euro-
parats hinsichtlich der Gleichsetzung von ‚notwendiger Sprecherdichte‘ mit
gesetzlich fixierten Prozentschwellen. Ausgehend vom Fall Kroatiens und im
Vergleich mit den Berichtszyklen Bosnien und Herzegowinas, Montenegros,
Rumäniens und Serbiens lässt sich daraus eine flexible, aber zugleich stringente
Beurteilung bzw. der Versuch einer Standardsetzung durch den Europarat
erkennen.58
Die Ratifizierungsurkunden Bosnien und Herzegowinas, Montenegros, Ru-
mäniens und Serbiens weisen bereits darauf hin, dass diese Länder denselben
56
Empfehlung des Ministerkomitees an Kroatien (RecChL[2008]1, 12.3.2008).
57
2. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Kroatien (ECRML[2005]3,
7.9.2005), Abs. 60.
58
Darstellungen der Anwendung der Charta in diesen Ländern finden sich bei Lebsanft/
Wingender 2012, in den Artikeln von Barkijeviü, Ivana: Montenegro (Republika Crna
Gora), 141–151; Dahmen, Wolfgang: Rumänien (România), 227–241 und Wingender,
Monika: Serbien (Ɋɟɩɭɛɥɢɤɚ ɋɪɛɢʁɚ), 283–298.

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72 Felix Tacke

Ansatz verfolgen, liegen ihnen doch Erklärungen gleichen Inhalts bei.59 Die
gesetzlichen Prozentschwellen, die als Voraussetzung für eine Anwendung von
Teil III der Charta in den einzelnen lokalen Selbstverwaltungseinheiten zugrun-
de gelegt werden, liegen in den drei Staaten deutlich niedriger als in Kroatien,
nämlich bei 15% (Montenegro, Serbien), 20% (Rumänien) bzw. 25% (Vojvodi-
na). Ähnlich scheint Bosnien und Herzegowina zu verfahren.60 Gleichwohl mo-
nierte der SVA in allen Fällen die Tatsache, dass der Schutz durch die Charta
an übergreifend festgelegte Prozentschwellen gebunden wird. An Serbien ge-
richtet, warnte er, „[a] rigid application of the thresholds would go against the
spirit of the Charter“61; gegen den Geist der Charta bedeutet konkret die Nicht-
erfüllung der vertraglich eingegangenen Verpflichtung gegenüber dem Europa-
rat, wie der Ausschuss drei Jahre später bezüglich der von Rumänien festgesetz-
ten 20%-Schwelle konstatierte: „With regard to the 20%-percentage threshold
in general, the Committee of Experts notes that limiting the application of Arti-
cle 10 to municipalities where 20% of the population belong to a national mi-
nority may amount to a territorial reservation which is not allowed by the Char-
ter“62. Die Höhe der Schwelle sei nach eigener Interpretation, so heißt es im
selben Absatz weiter, „in any case too high as it deprives minority languages
whose speakers do not attain it in a single municipality, or only in some munic-
ipalities, of full protection“. Die bestehende Rechtslage Rumäniens erscheint
somit inkompatibel mit der Charta, weshalb das Ministerkomitee die Empfeh-
lung verabschiedete, „that the Romanian authorities […], as a matter of prior-

59
Für Montenegro und Serbien gilt dieselbe Erklärung, da die Ratifizierung auf die Zeit vor
der Trennung zurückgeht (Reservation contained in the instrument of ratification depo-
sited by the state union of Serbia and Montenegro, 15.2.2006); analog definiert Bosnien
und Herzegowina die Gebiete, in denen Minderheitensprachen gesprochen werden, als
„areas in which regional or minority languages are in official use in accordance with the
laws of Bosnia and Herzegovina“ (Declaration contained in the instrument of ratification,
21.9.2010). Rumänien definiert das territory in which the regional or minority language
is used explizit als „the administrative-territorial units in which a regional or minority
language is used by at least 20% of the population“ (Declaration contained in the instru-
ment of ratification, 29.1.2008). Anders verhält es sich im südosteuropäischen ‚Grenz-
land‘ Slowenien, vgl. dazu Tacke, Felix/Franz Lebsanft: Slowenien (Republika Slove-
nija). In: Lebsanft/Wingender 2012: 319–333.
60
Der erste Berichtszyklus ist noch nicht abgeschlossen. Der erste, recht knapp gehaltene
Staatenbericht (1. Staatenbericht Bosnien und Herzegowinas über die Anwendung der
Charta, MIN-LANG/PR[2012]5, 30.7.2012) lässt jedoch darauf schließen, dass die Be-
hörden sich an ihren Nachbarländern orientieren.
61
1. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Serbien (ECRML[2009]2,
6.5.2009), Abs. 29.
62
1. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Rumänien (ECRML[2012]3,
19.6.2012), Abs. 35.

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Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 73

ity, reconsider the thresholds for official use of minority languages in admin-
istration“63.
Als ‚Urteil‘ im Sinne einer soft jurisprudence des Europarats hinsichtlich
der Festsetzung von Prozentschwellen beim gebietsspezifischen Schutz von
Minderheitensprachen liest sich die jüngst an Montenegro gerichtete Äußerung:
In general, the Committee of Experts considers that percentage thresholds may
prevent the Charter from being applied to those regional or minority languages
which may be present in sufficient numbers in municipalities or localities for the
64
application of provisions for the Charter.

Im Zusammenhang mit dem Monitoring der Nachbarländer wird hier deutlich,


dass die Ablehnung von Prozentschwellen aus den Erfahrungen mit der konkre-
ten Anwendung der Charta hervorgegangen ist und sich die Flexibilität und
Vagheit einiger Bestimmungen der Charta erst langsam konkretisiert und zur
Herausbildung von Mindeststandards im europäischen Sprachenschutz führt.

3.2 Pragmatische Lösungsansätze bei rigider Rechtslage

Die rigide Rechtslage in den hier behandelten Staaten Südosteuropas, die aus
dem in der Region vorrangigen Minderheitenschutzregime resultiert, hat bis-
lang nicht zu einer Abschaffung der Prozentschwellen oder einer Änderung der
in den Ratifikationsinstrumenten enthaltenen Erklärungen geführt. Die juris-
tisch unverbindliche ‚Rechtsprechung‘ durch den Europarat könnte in diesem
Fall vermeintlich als ineffizient oder gar wirkungslos qualifiziert werden. Klei-
nere Erfolge wie die Herabsetzung der Schwelle lassen sich dabei eher auf den
durch die Anwendung des Rahmenübereinkommens ausgeübten Druck zurück-
führen. Gleichwohl verfolgt der SVA mit einer gewissen Hartnäckigkeit prag-
matische Lösungsansätze, welche die praktische Anwendung der Charta und
die Ausdehnung ihrer geographischen Reichweite im Rahmen der bestehenden
Rechtslage erlauben. Für Südosteuropa liegt ein solcher Ansatz in der Aus-
schöpfung der Möglichkeit, den offiziellen Gebrauch einer Minderheitensprache
auch unterhalb der Prozentschwellen durch Erlasse der jeweiligen Selbstver-
waltungseinheiten zu ermöglichen. Als beispielhaft hat sich dabei die in Ser-
bien verfolgte Praxis herausgestellt, wo etwa die Stadt Baþka Topola einen sol-
chen Erlass zugunsten des Slowakischen erließ, obschon die slowakische Min-
derheit nur 0,5% der Bevölkerung ausmacht.65 Serbien gibt entsprechend an, in
63
Empfehlung des Ministerkomitees an Rumänien (RecChL[2012]3, 13.6.2012).
64
1. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Montenegro (ECRML[2010]1,
20.1.2010), Abs. 28.
65
Vgl. 1. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Serbien (ECRML[2009]2,
6.5.2009), Abs. 30.

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74 Felix Tacke

der Praxis auf eben diese Lösung zu setzen: „The practical importance of the
introduction of minority languages into the official use in local self-government
units in which the share of persons belonging to national minorities is lower
than 15% is enormous“66.
Diese Umgehung der Prozentschwellen zugunsten des Schutzes auch klei-
nerer Sprechergruppen wird zuletzt auch in Kroatien häufiger, wo der SVA
feststellt, dass „wide use is being made of the possibility“67 und den „pragmatic
approach“ daher begrüßt. Anhand der Beurteilung, „[t]he application of these
regulations comes closer to the requirement of the Charter“ lässt sich erkennen,
dass diese Maßnahmen zwar noch immer unterhalb der Auflagen der Charta
liegen, jedoch einen Minimalstandard – zumindest in der Praxis – vorbereiten.
SVA und Ministerkomitee üben daher auch auf die anderen Staaten gezielt
Druck aus mit dem Ziel, dass möglichst alle lokalen und regionalen Selbstver-
waltungseinheiten, in denen Minderheitensprachen gesprochen werden, ihre
gesetzlich gegebenen Möglichkeiten maximal ausschöpfen. Dass die Selbst-
verwaltungseinheiten in ihren Entscheidungen weitgehend autonom sind, ändert
nach Ansicht des Europarats nichts an der Verpflichtung des Staates als Ver-
tragspartei, die Umsetzung der Charta aktiv zu fördern – auch durch die Bereit-
stellung finanzieller Mittel.68
Ein weiterer, daran anknüpfender Lösungsansatz, der ebenfalls von Serbien
vorgemacht wird und darauf abzielt, das Dilemma kleinerer und verstreut sie-
delnder Sprechergemeinschaften mit lokal geringen Sprecherdichten zu kom-
pensieren, ist es, per Erlass für jede Minderheitensprache zumindest ein städti-
sches Zentrum zu etablieren, in dem die Sprache amtlichen Status und folglich
umfassenden Schutz durch die Charta erhält. Der SVA unterstützt diese Heran-
gehensweise explizit: „This view corresponds to the observation made by the
Committee of Experts that it is important that each of the regional or minority
languages has at least one municipality or locality of reference“69.
Während also der Einfluss, den der Europarat im Rahmen des Monitorings
ausübt, und damit der Charta insgesamt mitunter begrenzt zu sein scheint, wenn

66
Brief an den Europarat vom 8.1.2008, zu finden als Addendum 2 unter <http://www.coe.
int/t/dg4/education/minlang/>, „Documents“, Zugriff: 15.10.2012.
67
Vgl. 4. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Kroatien (ECRML[2010]9,
8.12.2010), Abs. 21.
68
Vgl. 2. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Kroatien (ECRML[2005]3,
7.9.2005), Abs. 62; 4. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Kroatien
(ECRML[2010]9, 8.12.2010), Abs. 16-23; Empfehlung des Ministerkomitees an Kroatien
(RecChL[2010]8, 8.12.2010). Vgl. ferner 1. Evaluationsbericht des Sachverständigenaus-
schusses zu Rumänien (ECRML[2012]3, 19.6.2012), Abs. 37.
69
1. Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses zu Serbien (ECRML[2009]2,
6.5.2009), Abs. 30.

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es um Änderungen der nationalen Gesetzgebung, insbesondere im Bereich des


etablierten Minderheitenschutzregimes, geht, wird im Dialog mit den staatli-
chen Vertragsparteien versucht, den Druck zu erhöhen, im Rahmen der beste-
henden Gesetze einem Minimalstandard zumindest näher zu kommen und das
Schutzregime, auch in Bezug auf die kleineren Sprechergemeinschaften schritt-
weise auszubauen.

4 Fazit

Zusammenfassend lassen sich auf verschiedenen Ebenen Ergebnisse festhalten.


Diese betreffen – erstens – das Verhältnis von Sprachenschutz und Minder-
heitenschutz: Für Südosteuropa habe ich nachweisen können, dass die Bestre-
bungen des Sprachenschutzes im Zusammenhang mit den EU-Beitrittsbestre-
bungen zu sehen sind und sich dabei deutlich einem politisch stärker gewich-
teten Minderheitenschutzregime unterordnen. Diese Unterordnung ist nicht nur
chronologisch begründet, sondern betrifft auch die politischen Prioritäten. Dies
ist einerseits bereits an der Zahl der Beitritte zur Charta im Vergleich zum
Rahmenübereinkommen ablesbar; andererseits zeigt sich die Unterordnung
auch in den Beschlüssen des Rates der EU über die von den Beitrittskandidaten
zu erfüllenden Auflagen. Die Analyse der Anwendung der Charta belegt ferner,
dass Sprachenschutz als Ergänzung des allgemeinen Minderheitenschutzes auf-
gefasst wird und die Staaten der Umsetzung des Rahmenübereinkommens ge-
genüber der Charta insofern Vorrang gewähren.
Am Beispiel der territorial application, der territorialen Anwendung der
Charta, die im Rahmen des im Monitoring erzeugten Dialoges zwischen den
Ratifizierungsländern und dem Europarat betrachtet wurde, habe ich – zwei-
tens – im Detail herausarbeiten können, inwiefern über die fortwährende Evi-
denzkontrolle und trotz mangelnder juristischer Sanktionierungsmöglichkeiten
politischer Druck erzeugt wird und der Europarat durch Rückgriff auch auf prag-
matische Lösungsansätze an der schrittweisen Etablierung (und Ausweitung!)
von Minimalstandards arbeitet.70 Bemerkenswert ist daran, dass sich die Charta
trotz der beschriebenen politischen Nachrangigkeit gegenüber dem allgemeinen
Minderheitenschutz und der geringeren Priorität, die ihr von Seiten vieler Staa-
ten zugebilligt wird, als ein hochgradig effizientes Instrument erweist, dessen
Stärke eben in der Dynamik des als fortlaufende Implementierung konzipierten
Schutzmechanismus liegt. So hat der Europarat in Südosteuropa auch dort
gleichsam flexible und pragmatische Lösungen durchsetzen können, wo – wie

70
Damit habe ich auch versucht, ganz konkret zu veranschaulichen, was in den Gesamt-
darstellungen im Handbuch zur Sprachpolitik des Europarates (Lebsanft/Wingender 2012)
nur in abstrahierter Form dargestellt werden konnte.

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76 Felix Tacke

das Beispiel der Prozentquoten gezeigt hat – eine Änderung auf gesetzlicher
Ebene vorerst nicht erreichbar scheint.
Drittens hat die genaue Analyse des im Text der Charta angelegten und am
Beispiel Südosteuropas in seiner praktischen Relevanz betrachteten territorial
scope, dem ‚geographischen Anwendungsrahmen‘ des Sprachenschutzes, ge-
zeigt, inwiefern der durch die Charta intendierte Erhalt einer sprachlich defi-
nierten europäischen Kulturlandschaft auf dem Prinzip der Territorialität auf-
baut und dieses durch die Kombination der Kategorien Raumbezug, Historizität
und Sprecherdichte sowohl in der Sprachdefinition als auch hinsichtlich der
einzelnen Bestimmungen sprachpolitisch-pragmatisch operationalisiert wird. Die
drei genannten Kategorien liegen dem Sprachenschutz dabei gewissermaßen als
Prämissen zugrunde, was eine eingehendere Untersuchung rechtfertigen würde.
Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen und ihre
Anwendung in Südosteuropa kann als Beitrag zur Perpetuierung einer unge-
wollten Sprachverwirrung verstanden werden, insbesondere dort, wo nation-
building-Prozesse im Gange sind und das Bedürfnis nach einheitlichen natio-
nalen Kommunikationsmitteln groß ist. Insofern – gerade diese ‚Kehrseite‘
wurde in den Diskussionen während der Hochschulwoche deutlich – ist Spra-
chenschutz mit Vorsicht zu betrachten. Doch ist die Notwendigkeit, die auch
sprachlichen bzw. sich in Sprachenfragen manifestierenden Konflikte zwischen
den ethnischen Gruppen friedlich zu lösen, nach dem Zerfall Jugoslawiens
umso dringlicher, als sich durch die zahlreichen neuen Grenzen viele
Sprechergruppen in unklaren Situationen befinden; insofern scheint es sinnvoll,
diese Gruppen unter Achtung ihrer sprachlichen und kulturellen Eigenheiten,
d. h. „by enabling them to feel at ease in the state in which history has placed
them“71, zu integrieren.

71
Explanatory Report: Abs. 13.

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Die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder
Minderheitensprachen in Montenegro, Serbien, Slowenien
und Kroatien im Bildungsbereich

Ivana Barkijeviü

Das Menschenrecht auf Bildung schreiben zahlreiche internationale Dokumente


fest: Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, der Internationale Pakt über
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, die UN-Kinderrechtskonvention,
das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau,
das Übereinkommen gegen Diskriminierung im Unterrichtswesen, die Europäi-
sche Menschenrechtskonvention usw.
Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM)
garantiert das spezielle Recht, Bildung in einer Regional- oder Minderheiten-
sprache zu erhalten. Dieses Recht gilt gleichermaßen für Kinder wie für Er-
wachsene. Darüber hinaus verfolgt die Charta ein weiteres Ziel:
However, the Framework Convention not only deals with the rights of minori-
ties to education and specifically to a certain type of education. It is of equal im-
portance for the promotion of awareness and knowledge amongst the majority
population concerning the language, culture and traditions of minorities.1

Nach einer kurzen Charakterisierung der Charta beschreibt der vorliegende


Beitrag zunächst die Unterrichtsziele, -stufen und -formen, die durch die Charta
garantiert werden, sowie diejenigen Sprachen, die durch die Charta geschützt
werden. Darauf folgt ein Überblick über die in den jeweiligen Ländern ange-
wandten Umsetzungsmodelle der Charta im Bildungsbereich anhand ausgewähl-
ter Sprachen.

1 Die Charta und die geschützten Sprachen

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen stellt heute


eines der wichtigsten Instrumente im Bereich des Sprachenschutzes dar. Die
Mitgliedsstaaten des Europarats, die die ECRM unterzeichnet haben, haben es
sich zum Ziel gesetzt, Rahmenbedingungen zum Schutz von Regional- oder
Minderheitensprachen zu schaffen. So wurde ein Recht auf Verwendung dieser
Sprachen im privaten wie auch öffentlichen Leben etabliert. Jedoch hat der
Europarat keine Durchsetzungsmacht, zudem sind die Unterzeichnung und
Ratifizierung der Charta freiwillig. Abhängig von der spezifischen Situation

1
Advisory Committee: Commentary on Education (ACFC/25DOC[2006]002), 7, <http://
www.coe.int/t/dghl/monitoring/minorities>.

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78 Ivana Barkijeviü

einer jeweiligen Sprache wie auch von den unterschiedlichen Rahmenbedin-


gungen in den einzelnen Staaten, sind im jeweiligen Ratifikationsinstrument
konkrete Bestimmungen zu benennen (mindestens 35 Paragraphen und Unter-
paragraphen), die für die geschützten Sprachen zu gelten haben. Die Mitglieds-
staaten des Europarats, die die ECRM unterzeichnet haben, sind verpflichtet,
alle drei Jahre Staatenberichte über die Implementierung dieser Bestimmungen
zu erstellen. Die vorgelegten Berichte werden von einem Sachverständigenaus-
schuss geprüft, der daraufhin seinen Bericht mit Verbesserungsvorschlägen an
das Ministerkomitee weiterleitet, das wiederum entsprechende Empfehlungen an
den Staat richtet. Das gesamte Berichtwesen ist transparent online veröffent-
licht und stellt die Hauptquelle für den vorliegenden Beitrag dar.
Auf folgende Bereiche wird in den Berichten gesondert eingegangen: Bil-
dung, Justiz- und Verwaltungsbehörden, öffentliche Dienstleistungsbetriebe,
Medien, kulturelle Tätigkeiten und Einrichtungen, wirtschaftliches und soziales
Leben sowie grenzüberschreitender Austausch. Der Bildungsbereich, für den
das Recht auf Unterricht der oder in der Minderheitensprache gelten soll, spielt
in diesen Prozessen eine entscheidende Rolle.
Regional- oder Minderheitensprachen können dabei nicht nur im Primar-
oder Sekundarbereich oder im universitären und Hochschulbereich angeboten
werden, ebenso darf die Erwachsenen- und Weiterbildung nicht vergessen wer-
den.
The scope of the notion of education covers not only the basic compulsory
school system, but also pre-schools, higher education, research, vocational edu-
cation, adult education, education of professional groups (including the legal
profession, police, journalists, government officials and politicians) and educa-
tional activities outside regular school hours (such as so-called Sunday schools
and summer camps).

Dabei muss auf die spezifischen Bedürfnisse jeder einzelnen Sprechergruppe


geachtet werden, um die Förderung eines multikulturellen und interkulturellen
Unterrichtswesens zu ermöglichen.
The core task is to organise the education system in a way which allows for inter-
action between persons from various groups in order to encourage mutual un-
derstanding and tolerance, while at the same time ensuring the successful main-
tenance and development of the elements of the identities of members belonging
to various groups.3

2
Ebd. 13.
3
Ebd. 16.

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 79

Die UN hat mit ihrem „Four-A-Scheme“ (availability – accessibility –ac-


ceptability – adaptability) eine Richtlinie zur Sicherung der Unterrichtsqualität
zusammengestellt:

1.) availability: Es müssen Bildungsinstitutionen und -programme vorhanden


sein. Die Verfügbarkeit des Lehrkörpers und Lehrmaterials wie auch die all-
gemeinen Grundbedingungen für den Unterricht müssen gewährleistet sein.
2.) accessibility: Die Gewährung des Zugangs zum Bildungssystem hat drei
sich überlappende Dimensionen: „non-discrimination, physical accessibility
(appropriate geographic location, transportation, modern technology) and
economic accessibility.“
3.) acceptability: Die Akzeptierbarkeit ist die dritte Achse im “Four-A-Scheme”
und meint die Akzeptanz des Lehrinhalts und der Lehrmethoden seitens der
nationalen Minderheiten.
4.) adaptability: Als letztes wichtiges Unterrichtsmerkmal ist das Anpassungs-
vermögen genannt. Die Bildung muss flexibel sein und sich an die Bedürf-
nisse der Schüler, aber auch die Veränderungen in der Gesellschaft anpassen
können. Die Mehrheits- wie auch Minderheitensprachen und -identitäten
sind nicht als feste Größen zu verstehen, sondern sind stets Wandelpro-
zessen unterworfen, was es zu berücksichtigen gilt.

Der Unterricht der oder in der Minderheitensprache kann dabei unterschiedlich


organisiert werden, abhängig von der spezifischen Situation:
The possibilities for teaching and learning of and in minority languages vary
according to the specific parameters of local situations: bi- or multilingual
schools may offer minority language education in parallel to that in the official
language; minority language classes may be included in the public education
system; or there may be private minority language schools or ‘Sundays classes’
organized by communities, with or without support from neighboring states or
the State Party.

4
Committee on Economic, Social and Cultural Rights: General Comment 13 (1999) on the
Right to Education; UN Special Rapporteur on Education: Preliminary Report E/CN.4/
1999/49.
5
Advisory Committee: Commentary on Education (acfc/25doc[2006]002), 28.
6
Advisory Committee: Commentary on Education (acfc/44doc[2012]001), 23.

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80 Ivana Barkijeviü

Bevor die in den einzelnen Ländern geschützten Sprachen genannt werden,


wird in der folgenden Tabelle eine Übersicht über den Ratifizierungsverlauf
gegeben.

Tabelle 1. Ratifizierungsverlauf

Wie aus der Tabelle zu entnehmen ist, unterzeichnete die Republik Kroatien als
erstes der oben genannten Länder die Charta. Artikel 15 der kroatischen Ver-
fassung schreibt den Schutz von Minderheitensprachen fest:
The Constitution of the Republic of Croatia (OG 41/01 – consolidated text)
stipulates in Art. 15 that members of all national minorities are guaranteed free-
dom of expression of their nationality, free use of their language and script, and
cultural autonomy. The recognition of minority languages as cultural wealth is
thus guaranteed at the constitutial level.8

Die Republik Kroatien verpflichtete sich gemäß den Artikeln 2,2 und 3,1 der
Charta folgende Sprachen zu schützen:
In accordance with the Historical Foundations of the Constitution of the
Republic of Croatia in which some of autochthonous minorities are explicitly
stated, the Republic of Croatia undertook to apply the European Charter for
Regional and Minority Languages to the Serbian, Italian, Hungarian, Czech,
Slovak, Ruthenian and Ukrainian languages. Such an obligation was made
because these autochthonous minorities are concentrated in substantial numbers
in particular areas.9

7
Wie der Tabelle zu entnehmen ist, wurde die Charta zuletzt von BuH unterzeichnet und
ratifiziert; da bislang nur ein Staatenbericht vorliegt, wird das Land im Folgenden nicht
berücksichtigt.
8
4. Staatenbericht (min-lang/pr[2010]2, 18.01.2010), Abs. 23.
9
1. Staatenbericht (min-lang/pr[99]3, 29.03.1999), Abs. 6.

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 81

Neben diesen sieben geschützten Sprachen nennt der erste Staatenbericht Deutsch,
Hebräisch und Romanes als Sprachen von nationalen Minderheiten, die zwar
keine territoriale Präsenz aufweisen10, für die aber spezieller Unterricht organi-
siert wird.
Wie auch in den anderen Staaten Ex-Jugoslawiens rührt das Recht auf Bil-
dung in der jeweiligen Muttersprache noch aus der jugoslawischen Minderhei-
tenpolitik her. Alle vor dem Zerfall Jugoslawiens abgeschlossenen Abkommen
und dadurch gesicherte Rechte behalten weiterhin ihre Gültigkeit.11 In seiner 2.
Empfehlung verlangte das Ministerkomitee die Klärung der traditionellen Prä-
senz des Slowenischen und dessen Schutz.12 Obwohl die Bemühungen des
Sachverständigenausschusses, Kroatien zum Schutz der genannten Sprachen
durch die Charta zu bewegen, bislang scheiterten, wurden dennoch wichtige
Initiativen zum Schutz dieser Sprachen unternommen. So wurde für die Roma
beispielsweise ein zehnjähriger (2005–2015)13 Integrationsplan erstellt. In ihrem
letzten Staatenbericht nannte die Republik Kroatien zudem Istrorumänisch als
zu schützendes Kulturgut.14
Auch in der Verfassung der Republik Slowenien sind neben dem Sloweni-
schen weitere regionale Amtssprachen statuiert, und zwar das Italienische und
das Ungarische, die dementsprechend im Ratifikationsinstrument als territoriale
Regional- oder Minderheitensprachen im Sinne der Charta geschützt sind.15 Ar-
tikel 65 der Verfassung sichert die Rechte der Roma in der Republik Slowe-
nien, deren Sprache durch Artikel 7 (1–4)16 der Charta geschützt ist.17 Die Rech-
te der italienischen Minderheiten beruhen auf älteren Vereinbarungen aus jugo-
slawischer Zeit, nämlich auf dem Londoner Memorandum aus dem Jahr 1954
und dem Vertrag von Osimo aus dem Jahr 1975.18 Diese Verträge garantieren
der italienischen Volksgruppe in Jugoslawien das Recht auf Presse und Schul-
unterricht in italienischer Sprache wie auch die Verwendung des Italienischen
als offizieller Sprache vor Gericht und bei Behörden. Bilaterale Verträge über
Zusammenarbeit in Kultur, Bildung und Wissenschaft hat Slowenien auch mit
Ungarn (1992) und Österreich (2001) abgeschlossen.19

10
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[99]3, 29.03.1999), 20.
11
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[99]3, 29.03.1999), 11.
12
Vgl. 2. Empfehlung des Ministerkomitees (RecChL[2005]2, 07.09.2005).
13
Vgl. 4. Staatenbericht (min-lang/pr[2010]2, 18.01.2010), 9.
14
Vgl. Ebd. Abs. 66.
15
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[2002]2, 18.03.2002), 3, <http://www.coe.int/t/dg4/
education/minlang/Report>.
16
Vgl. 2. Staatenbericht (min-lang/pr[2005]4, 13.06.2005), 25.
17
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[2002]2, 18.03.2002), 4.
18
Vgl. Ebd. 4.
19
Vgl. Ebd. 4.

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82 Ivana Barkijeviü

In seinem letzten Schreiben aus dem Jahr 2010 hat das Ministerkomitee den
Schutz weiterer Sprachen angemahnt:
1. Define the areas where German and Croatian have been traditionally spoken
in Slovenia and apply the provisions of Part II to German, Croatian and Serbian,
in co-operation with the speakers;
2. Clarify, in co-operation with the speakers, the issue of the traditional presence
of the Bosnian language in Slovenia […]20

Zur Problematik des Schutzes des Bosnischen, Kroatischen und Serbischen wie
auch des Deutschen hat Slowenien bislang nicht Stellung genommen.
Die Republiken Serbien und Montenegro unterzeichneten die Charta als
Staatenunion Serbien und Montenegro, die dann einige Monate später zerfallen
sollte, was jedoch keine Auswirkung auf die übernommenen Verpflichtungen
hatte. Auch in diesen Republiken sind die Rechte der nationalen Minderheiten
schon in der Verfassung gesichert. Während Artikel 10 der Verfassung der Re-
publik Serbien von 2006 den offiziellen Status der serbischen Sprache und des
kyrillischen Alphabets festlegt, sind in Artikel 79 die Rechte der nationalen Min-
derheiten geregelt Artikel 13 der Verfassung der Republik Montenegro von
2007 bestimmt den Status der Sprachen. Das Montenegrinische ist demnach die
offizielle Sprache der Republik Montenegro. Paragraph 3 nennt Serbisch, Bos-
nisch (im Staatenbericht werden als Bezeichnungen sowohl ‚Bosnisch‘ als auch
‚Bosniakisch‘ verwendet), Albanisch und Kroatisch als Sprachen, die als Amts-
sprachen verwendet werden. Im entsprechenden Ratifikationsinstrument be-
nennt Montenegro das Albanische und das Romanes als territoriale Regional-
oder Minderheitensprachen, wobei angemahnt wurde, dass in der neuen Ver-
fassung das Romanes nicht als eine der Sprachen in „offizieller Verwendung“
genannt ist. Der Sachverständigenausschuss warf die Frage auf, ob sich nach

20
3. Empfehlung des Ministerkomitees an Slowenien (RecChL[2010]5, 26.05.2010).
21
Vgl. 1.Staatenbericht (min-lang/pr[2007]4, 11.07.2007), 22–23, <http://www.coe.int/t/
dg4/education/minlang/Report>.
22
Laut Völkl, Sigrid Darinka: Bosnisch. In: Miloš Okuka/Gerald Krenn (Hg.): Wieser En-
zyklopädie des europäischen Ostens. Klagenfurt 2002, 209–218; 209:„Bosnisch (bosans-
ki) [ist] in der Gegenwart die offizielle Sprachbezeichnung für die Sprache der Bosniaken
bzw. der bosnisch-herzegowinischen Muslime (Bošnjaci, seit 1993 ausschließlich als Na-
tionalitätsbezeichnung verwendet). Diese Eigenbenennung hat sich gegenüber dem früher
parallel als Ethno- und Glottonym verwendeten Begriff Bosniakisch (bošnjaþki) durchge-
setzt, sodass Bosniaken ihre Sprache nicht Bosniakisch, sondern Bosnisch nennen.“, <http://
wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Bosnisch.pdf>.
23
Vgl. http://www.skupstina.me/cms/site_data/ustav/Ustav%20Crne%20Gore.pdf, 4.
24
Vgl. 1.Staatenbericht (min-lang/pr[2007]5, 16.07.2007).
25
Vgl. 1. Evaluationsbericht (ecrml[2010]1, 20.01.2010), Abs. 32, 7.

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 83

der neuen Verfassung das Bosnische, Kroatische, aber auch das Serbische als
Minderheitensprachen definieren lassen.
Das Ministerkomitee empfahl das Kroatische, Bosnische und Serbische als
weitere traditionelle Sprachen zu berücksichtigen. Obwohl die montenegrinische
Regierung in ihrem ersten Bericht die Option genannt hat, das Bosnische und
Kroatische als weitere Minderheitensprachen dem Schutz durch die Charta zu
unterstellen, wurde der Status dieser Sprachen wie auch des Serbischen bis jetzt
nicht endgültig geklärt.27 Gleiches gilt hinsichtlich des Kroatischen, Serbischen
und Bosnischen für die Republik Slowenien.
Während die Republiken Montenegro und Slowenien also relativ wenige
Sprachen unter den Schutz der Charta gestellt haben, benennt die Republik
Serbien im Ratifikationsinstrument folgende Sprachen als territoriale Regional-
oder Minderheitensprachen im Sinne der Charta: Albanisch, Bosnisch, Bulga-
risch, Wlachisch, Ungarisch, Makedonisch, Deutsch, Romanes, Rumänisch,
Ruthenisch, Slowakisch, Ukrainisch, Kroatisch und Tschechisch. Der zweite
Staatenbericht fügte das Bunjewakische hinzu. Die genannten Sprachen sind
einerseits gleich, anderseits unterschiedlich schützenswert: Die speziellen Schutz-
maßnahmen des dritten Teils der Charta (Art. 8–14) gelten nicht für alle Spra-
chen: Wlachisch, Makedonisch, Deutsch, Tschechisch und Bunjewakisch blei-
ben ausgeschlossen. Für den Rest der Sprachen werden dieselben Maßnahmen
aus Teil III angewendet, was der Sachverständigenausschuss in seinem Evalua-
tionsbericht bemängelte. Die zehn genannten Sprachen unterscheiden sich im
Wesentlichen in ihrer Sprecherzahl wie auch hinsichtlich des bisher genos-
senen Schutzes. Die Gleichbehandlung durch die Bestimmungen der Charta
könnte für einige Sprachen gar eine Verschlechterung des Schutzgrades bedeu-
ten.28 Die folgende Übersicht lässt die Vielfalt der geschützten Sprachen in den
genannten Ländern deutlich erkennen. Aus dem Dargestellten ist auch die Dis-
krepanz bemerkbar zwischen de jure in der Verfassung gesicherten Minderhei-
tenrechten und de facto unter Schutz gestellten Sprachen.

Geschützte Sprachen Bosnien und Kroatien Montenegro Serbien Slowenien


Herzegowina
Albanisch – – + + –
Bosnisch – – – + –
Bulgarisch – – – + –
Bunjewakisch – – – + –

26
Vgl. Ebd. Abs. 13–22; 5–6.
27
Vgl. 2. Empfehlung des Ministerkomitees (CM/RecChL[2012]4, 12.09.2012), <http://
www.coe.int/t/dg4/education/minlang/Report>.
28
Vgl. 1. Evaluationsbericht (ecrml[2009]2, 06.05.2009), Abs. 33, 9, <http://www.coe.int/t/
dg4/education/minlang/Report>.

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Deutsch + – – + –
Italienisch + + – – +
Jiddisch/Ladino + – – – –
Kroatisch – – – + –
Makedonisch + – – + –
Montenegrinisch + – – – –
Polnisch + – – – –
Romani – + + + +
Rumänisch + – – + –
Ruthenisch/Russinisch + + – + –
Serbisch – + – – –
Slowakisch + + – + –
Tschechisch + + – – –
Türkisch + – – – –
Ukrainisch + + – + –
Ungarisch + + – + +
Wlachisch – – – + –
Tabelle 2. Geschützte Sprachen

2 Die Umsetzung der Charta im Bildungsbereich29

Aus Platzgründen können hier leider nicht alle durch die Charta geschützten
Sprachen beschrieben werden. Im Folgenden werden stellvertretend zwei Min-
derheitensprachen behandelt (in Tabelle 2 fett markiert), die gleichzeitig in
mehreren Ländern geschützt sind und anhand derer verschiedene Unterrichts-
modelle dargestellt werden.

2.1 Das Albanische

Das Albanische wird in der Republik Montenegro und in der Republik Serbien
laut den jeweiligen ersten Staatenberichten auf allen Bildungsstufen angeboten.
Acht ausgebildete Lehrergruppen sorgen in der vorschulischen Erziehung für
ein Albanischangebot in Montenegro. Was den Primarschulbereich angeht, so

29
Eine umfassende Darstellung der Implementierung der Charta findet sich bei Lebsanft,
Franz/Monika Wingender (Hg.): Europäische Charta der Regional- oder Minderheiten-
sprachen. Ein Handbuch zur Sprachpolitik des Europarats. Berlin/Boston 2012 in den Ar-
tikeln von Barkijeviü, Ivana: Montenegro (Republika Crna Gora), 141–151, Wingender,
Monika: Serbien (Ɋɟɩɭɛɥɢɤɚ ɋɪɛɢʁɚ), 283–298, Tacke, Felix/Franz Lebsanft: Slowenien
(Republika Slovenija), 319–333 und Cremer, Désirée: Kroatien (Republika Hrvatska),
115–132.
30
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[2007]5, 16.07.2007), 5–6, 2. Staatenbericht (min-
lang/pr[2011]2, 04.04.2011), 13–17, <http://www.coe.int/t/dg4/education/minlang/Report>.
31
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[2007]4, 11.07.2007), 2. Staatenbericht (min-lang/pr
[2010]7, 23.09.2010).

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 85

wird in zwölf Grundschulen und auch in einigen Zweigschulen (Filialschulen)


auf Albanisch unterrichtet. Vier Institutionen sorgen für das Angebot im Se-
kundarbereich. Das Allgemeinbildungsgesetz vom 28.11.2002 bietet in seinem
Artikel 22 Lehrern und Eltern die Möglichkeit, 20% des Unterrichts selbst zu
gestalten. Lehrbücher werden intensiv ins Albanische übersetzt. Im allgemei-
nen montenegrinischen Lehrplan sind auch die Geschichte und Kultur Alba-
niens vorgesehen. Der zweite Staatenbericht fügte hinzu, dass im akademischen
Jahr 2009/10 für insgesamt 263 Kinder albanischsprachiger Vorschulunterricht
organisiert wurde. Im Jahre 2010 wurden weitere Bemühungen um die Verbes-
serung der Qualität der Unterrichtsmaterialien für die Primarschule unternom-
men. Insgesamt besuchten laut dem 2. Staatenbericht 1.347 Schüler eine Sekun-
darschule mit Albanischunterricht. An der Universität Nikšiü wurde ein Studien-
gang zur Ausbildung von Albanischlehrern eingerichtet. In den folgenden Ta-
bellen steht ein „+“, wenn die Staatenberichte Unterrichtsangebote im betref-
fenden Bereich zwar bestätigen, aber keine Zahlenangaben nennen. Ein „–“ steht
dann, wenn die Staatenberichte keine Angaben zu dem betreffenden Bereich
machen.

Bildungsniveau Schülerzahl Schülerzahl


1. Staatenbericht 2. Staatenbericht
Vorschulbereich + 263
Primarschulbereich + +
Sekundarschulbereich + 1.347
Universitätsbildung + 35 abgeschlossen
Erwachsenenbildung + +
Tabelle 3. Das Albanische in der Republik Montenegro

Bildungsniveau Schülerzahl Schülerzahl


1. Staatenbericht 2. Staatenbericht
Vorschulbereich 984 843
Primarschulbereich 9.173 8.327
Sekundarschulbereich 1.041 1.364
Universitätsbildung + 35 eingeschrieben
Erwachsenenbildung + +
Tabelle 4. Das Albanische in der Republik Serbien

Der Schutz des Albanischen ist laut dem Sachverständigenausschuss auch in


der Republik Serbien als optimal zu bewerten, obwohl die Zahl der Schüler im
Vorschul- und Primarschulbereich gesunken ist. Während der erste Staatenbe-
richt insgesamt 984 Schüler in den Vorschulgruppen verzeichnet, sind es laut
zweitem Staatenbericht 843 Schüler. Im Bereich der Primarschule liegt die Ge-
samtschülerzahl laut zweitem Staatenbericht bei 8.327, während der erste Staa-
tenbericht 9.173 Schüler zählte. Die Gesamtschülerzahl im Sekundarschulbe-
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86 Ivana Barkijeviü

reich ist gestiegen und liegt laut zweitem Staatenbericht bei 1.364. In der
Universitätsbildung wurde die Fakultät für Philologie in Belgrad mit einer Ab-
teilung für Albanologie genannt, wo 2009/10 35 Studenten eingeschrieben
waren. Das Ministerkomitee empfahl intensivere Bemühungen im Bereich der
Lehrerausbildung wie auch der Verbreitung von Lehrmaterialien.

2.2 Das Ungarische

Für alle Bewohner der ungarischen interethnischen Zonen in der Republik Slo-
wenien33 gilt laut dem Staatenbericht ein zweisprachiges Bildungsmodell.
After World War II, initially, there was a similar system of separate schools in
Prekmurje. In view of the fact that members of the Hungarian national com-
munity did not enrol their children in schools with Hungarian as the language
of instruction in sufficient numbers, the state agreed with the Hungarian self-
governing community to introduce a bilingual education model as the most
sensible option. This also included all children of Slovenian nationality and in
fact expanded the knowledge of the Hungarian language to the entire popu-
lation of the bilingual area.34

In dieser bilingualen Zone existieren vier Vorschulen, fünf Primarschulen und


eine Sekundarschule. Insgesamt besuchten laut dem letzten Staatenbericht
2007/2008 271 Kinder (2003/04: 249) eine vorschulische Einrichtung, 997
Kinder eine Primarschule (2003/04: 997; 2001/02: 986), 340 Schüler eine
Sekundarschule (2003/04: 280; 2001/02: 287) mit bilingualer Ausbildung. Es
besteht zudem die Möglichkeit, Ungarisch auch an rein slowenischsprachigen
Schulen außerhalb der interethnischen Zonen zu erlernen, und überdies gibt es
Kooperationen mit ungarischen Bildungseinrichtungen.

Bildungsniveau Schülerzahl Schülerzahl Schülerzahl


1. Staatenbericht 2. Staatenbericht 3. Staatenbericht
Vorschulbereich + 249 271
Primarschulbereich 986 997 997
Sekundarschulbereich 287 280 340
Universitätsbildung + + +
Erwachsenenbildung + + +
Tabelle 5. Das Ungarische in der Republik Slowenien

32
Empfehlung des Ministerkomitees (RecChL[2009]2, 06.05.2009).
33
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[2002]2, 18.03.2002), 2. Staatenbericht (min-lang/pr
[2005]4, 13.06.2005), 3. Staatenbericht (min-lang/pr[2009]3, 02.06.2009).
34
3. Staatenbericht (min-lang/pr[2002]2, 18.03.2002), 58.

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 87

Die Republik Kroatien35 hat sich im Vergleich mit der Republik Slowenien für
andere Unterrichtsmöglichkeiten entschieden. Das Gesetz über den Unterricht
in Minderheitensprachen aus dem Jahr 2000 bietet 3 Unterrichtsmodelle36 an:

– MODELL A: Die Minderheitensprache mit ihrem Alphabet ist Unterrichts-


sprache, wobei Kroatisch ein Pflichtfach ist.
– MODELL B: Die Naturwissenschaften werden in Kroatisch, die anderen
Fächer in der Minderheitensprache unterrichtet.
– MODELL C: Die Minderheitensprache wird in einem wöchentlich fünfstün-
digen Zusatzunterricht angeboten, in dem Sprache, Literatur, Geschichte,
Geographie, Musik und Kunst der jeweiligen nationalen Minderheit vermit-
telt werden.

Auf das Ungarische werden alle drei Modelle angewendet. Wie aus der Tabelle
zu entnehmen ist, steigt die Schülerzahl von Jahr zu Jahr. Die Kooperation mit
Ungarn ist als positiv zu bewerten, wie die erfolgreiche Umsetzung der Charta
im gesamten Bildungsbereich dokumentiert. Das Ungarische wird an der Philo-
sophischen Fakultät in Osijek gelehrt, wo 2008/09 100 Studenten immatrikuliert
waren, an der Universität Zagreb existiert ein Lehrstuhl für ungarische Studien,
an dem 90 Studenten eingeschrieben sind.

Bildungsniveau 1. Staatenb. 2. Staatenb. 3. Staatenb. 4. Staatenb.


1998 2001 2005/06 2008
Vorschulbereich 36 63 150 160
Primarschulbereich 802 723 857 1.000
Sekundarschulbereich 72 95 + 65
Universitätsbildung – + + 190
Erwachsenenbildung – + + +
Tabelle 6. Das Ungarische in der Republik Kroatien

Das Ungarische wird in der Republik Serbien laut dem ersten Staatenbericht
auf allen Bildungsstufen angeboten. Im Bereich der Vorschule ist die Gesamt-
schülerzahl um 690 Schüler gestiegen, im Primarschulbereich aber gleichzeitig
um 149 Schüler gesunken. Was den Sekundarschulbereich angeht, weist er mini-
male Schwankungen auf.
Hungarian is studied both at the Faculty of Philosophy in Novi Sad – Depart-
ment of Hungarology, Study Group for Hungarian Language and Literature and
35
Vgl. 1. Staatenbericht (min-lang/pr[99]3, 29.03.1999), 2. Staatenbericht (min-lang/pr
[2003]4, 14.01.2003), 3. Staatenbericht (min-lang/pr[2006]4, 12.10.2006), 4. Staaten-
bericht (min-lang/pr[2010]2, 18.01.2010).
36
2. Staatenbericht (min-lang/pr[2003]4, 14.01.2003), 17.

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88 Ivana Barkijeviü

the Faculty of Philology in Belgrade – Department of Hungarology, Study


Group for Hungarian Language and Studies.37

Auch hier bestehen bilaterale Kooperationen, die den Austausch von Schülern,
Studenten, aber auch Lehrern fördern.38

Bildungsniveau 1. Staatenbericht 2. Staatenbericht


2006/07 2009/10
Vorschulbereich 4.680 5.370
Primarschulbereich 17.128 16.979
Sekundarschulbereich 1.119 1.140
Universitätsbildung 40 108
Erwachsenenbildung 68 –
Tabelle 7. Das Ungarische in der Republik Serbien

Die Republik Serbien wendet ein anderes Modell der Schulausbildung in Regi-
onal- oder Minderheitensprachen an:
Article 5 of the Law on Primary Schools predicts that the school realizes the
curriculum in the minority language if at least 15 pupils in the first grade so
wish it, and when the curriculum is realised in the Serbian language, provides
the teaching of the curriculum and the native language with elements of the
national culture. The Law on Secondary Schools consists of an identical solu-
tion.39

Der zweite Staatenbericht enthält eine Umformulierung, wonach sich 50 % der


Klasse für den Unterricht in der Minderheitensprache aussprechen müssen.40
Hier wurden kurz verschiedene Unterrichtsmodelle und deren Anwendung
in den verschiedenen Ländern dargestellt: Das Montenegrinische Modell mit
20 % Freiheit bei der Gestaltung des Unterrichts, das slowenische zweisprachige
Modell, das kroatische Modell mit drei Optionen, sowie das serbische mit zwei
Optionen. Der Schutz der hier ausgewählten und beschriebenen Sprachen ist
laut dem Sachverständigenausschuss zufriedenstellend. Die Sprachen wurden
aber stellvertretend ausgewählt, um die verschiedenen Unterrichtsmodelle dar-
stellen zu können. Bei einigen anderen geschützten Sprachen sind die übernom-
menen Verpflichtungen aus verschiedenen Gründen nicht erfüllt (Ukrainisch,
Romanes, Bunjewakisch, Ruthenisch usw.). Die Antwort auf die Frage, welche
von diesen Unterrichtsmodellen bevorzugt werden sollten, kann dieser Beitrag
nicht geben. Dafür wären weitere umfangreichere Untersuchungen nötig. Der
Sachverständigenausschuss begrüßte jedenfalls das slowenische zweisprachige
37
1. Staatenbericht (min-lang/pr[2007]4, 11.07.2007), 169.
38
Ebd. 111.
39
1. Staatenbericht (min-lang/pr[2007]4, 11.07.2007), 96.
40
2. Staatenbericht (min-lang/pr[2010]7, 23.09.2010), 79.

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 89

Modell, weil es die gegenseitige Toleranz und Anerkennung am stärksten för-


dere:
Furthermore, the curriculum for the ethnic Slovenes residing in the ‘ethnically
mixed areas’ includes 2 hours of Italian per week. In the Committee of Experts’
view, these are excellent ways for fulfilling this obligation and Slovenia must be
complimented.41

3 Gegenseitiger Schutz der Sprachen


des ehemaligen serbokroatischen Sprachbundes

In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens sind in den letzten zwan-


zig Jahren mehrere interethnische Konflikte zu beobachten gewesen, die eine
spezifische Situation geschaffen haben. Nach dem Zerfall Jugoslawiens sind
nicht nur neue selbstständige Staaten entstanden, auch einige bisherige Sprach-
varietäten wurden zu Standardsprachen ausgebaut, was das Verhältnis von
Mehrheits- und Minderheitensprache stark verändert hat. Bisherige Mehrheits-
sprachen konnten so zu Minderheitensprachen werden. Gleichzeitig wurde/wird
mühsam an der EU-Integration gearbeitet. All das spiegelt sich in der Imple-
mentierung der Charta in den genannten Ländern wider. Neben dem Status des
Romanes und einiger anderer Sprachen (Bunjewakisch, Wlachisch, Istrorumä-
nisch) gilt es, in den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens insbesondere den Sta-
tus jener Sprachen zu klären, die in Jugoslawien zum Sprachbund des sog. Ser-
bokroatischen gehörten.
As the above list of officially recognized regional and minority languages in
Croatia, Serbia and Slovenia reveals, “Serbian” has become a minority language
of Croatia, while “Croatian” and “Bosniak” have become minority languages of
Serbia. Slovenia has not provided for protective measures to a single successor
language to Serbo-Croatian, and Croatia, Serbia, and Slovenia have not official-
ly acknowledged a separate Montenegrin language. Thus, the signing and ratifi-
cation of the ECRML in these states have not removed the following hurdles:
(1) the exclusion of certain minority languages (with the justification that these
languages are not autochthonous to the territory and represent the languages of
migrant communities); and (2) the exclusion of recently declared languages
resulting from the breakup of Serbo-Croatian.42

41
1. Evaluationsbericht (ecrml[2004]3, 09.06.2004), Abs. 65, 13.
42
Greenberg, Robert D.: Sociolinguistics in the Balkans. In: Martin J. Ball (Hg.): The
Routledge Handbook of Sociolinguistics Around the World. London [u. a.] 2010, 372–
385; 373.

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90 Ivana Barkijeviü

Was das Bosnische, Kroatische und Serbische (auch das Albanische in Serbien)
angeht, handelt es sich aufgrund der nah zurückliegenden Kriege um einen
schwierigen Fall. Ĉokoviü/Nikoliü43 stellen in Form des folgenden Diagramms
die Daten einer empirischen Studie zu ethnischer Distanz zwischen verschiede-
nen, in Serbien lebenden ethnischen Gruppen dar. Die Ergebnisse zeigen, dass
die Distanz zwischen Volksgruppen, die in kriegerische Auseinandersetzungen
verwickelt waren, größer ist als zwischen jenen ethnischen Gruppen, für die das

nicht gilt. Wie aus dem Diagramm zu entnehmen ist, haben Serben in der ersten
Linie Vorbehalte gegen Albaner, Kroaten und Bosniaken44.

Doch auch unter der kroatischen Mehrheitsgemeinschaft herrscht Distanz


gegenüber der serbischen Minderheit vor. Obwohl es in der Republik Kroatien
schon längst zweisprachige Ortstafeln mit ungarischen, italienischen oder tsche-
chischen Aufschriften gibt, sorgt die geplante Einführung von Ortstafeln in ky-
rillischer Schrift in Vukovar seit einigen Monaten für große Aufregung in der
kroatischen Gesellschaft.45 Außerdem haben Schulen oder Klassen für Minder-
heitenschüler oft einen eingeschränkten Zugang für die Schüler, die nicht zu

43
Ĉokoviü, Julijana/Tamara Nikoliü: Obrazovanje i nacionalne manjine u Srbiji. Problemi i
izazovi. 2005, <http://www.bfpe.org/BFPE_OLD/www.bfpe.org/files/Obrazovanje%20i
%20nacionalne%20manjine%20u%20Srbiji.pdf>.
ϰϰ
 sgl. Blaževiü, Ana S.: Changes in social distance among Croatian high school students as
an indicator for further education reforms. In: Aneta Barakoska (Hg.): Education between
tradition and modernity, 1. Skopje 2013, 100–112.
45
Vgl. <http://www.balkaninsight.com/en/article/war-veterans-guard-vukovar-street-signs>

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Die Umsetzung der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 91

der Minderheit gehören. Es kommt nicht selten vor, dass der Unterricht zur
gleichen Zeit und im gleichen Gebäude stattfindet wie der der Mehrheit, was
die Trennung der Schüler verstärkt. Die Roma-Minderheit wird zudem nicht
selten in separate Klassen oder in Schulen für Behinderte verbannt, was – wie
Gerichtsprozesse beweisen – nicht nur in Tschechien und Kroatien der Fall
war.46 Dabei stellt sich die Frage, ob die strikte Anwendung der Charta nicht zu
einer legalen Segregation und zur Verstärkung von Ethnisierungstendenzen
führt. Dies würde den in der Präambel der Charta genannten Zielen der
Multikulturalität und gegenseitigen Akzeptanz zuwiderlaufen.

4 Fazit

Wie diese kurze Übersicht erkennen lässt, ist die Umsetzung47 der Charta hin-
sichtlich der hier genannten Länder und aller geschützten Sprachen eine um-
fangreiche und komplexe Aufgabe. Das in der Einleitung vorgestellte „Four-A-
Scheme“ zeigt sich in den dargestellten Ländern in seiner komplexen Vielfalt:
Die Verfügbarkeit des Lehrkörpers und Lehrmaterials sind mehr oder weniger
gegeben. Dasselbe trifft auf die accessibility, den ungehinderten Zugang zur
Bildung in der Minderheitensprache, zu. Die Akzeptanz als dritte Achse des
Schemas wurde in den Berichten ebenso wie das Anpassungsvermögen des Bil-
dungsmodells leider nicht thematisiert.
Wie den Staatenberichten zu entnehmen ist, können bei der Umsetzung der
Charta mehrere Hindernisse identifiziert werden. Zum einen seien hier finan-
zielle Aspekte genannt, zum anderen kann auch eine gesellschaftliche Skepsis
bezüglich des Wertes des Multilingualismus die Umsetzung der Charta behin-
dern. Während bei einigen Sprachen die geringe Nachfrage ein großes Problem
darstellt (Ukrainisch, Ruthenisch usw.), verzögert sich die Umsetzung der
Charta bezüglich des Romanes, Wlachischen und Bunjewakischen unter ande-
rem auch durch deren fehlende Kodifizierung.
Dieser kurze Überblick über die Implementierung der Charta im Bildungs-
bereich kann mit einer optimistischen Aussage schließen: „In diesem Sinn
bleibt die Charta ein wertvoller Wegweiser und lebendiger Beweis für die ge-
meinsamen und gegenseitig bereichernden Bemühungen der europäischen Län-

46
Vgl. Horvat, Ana: Segregacijom do integracije? Moguünosti integriranog obrazovanja
Roma. In: Zbornika radova Pravnog fakulteta u Splitu, 46 (2009) 2, 443–472, <http://
hrcak.srce.hr/38234>.
47
Vgl. Klajner, Milena: Utjecaj Okvirne konvencije za zaštitu nacionalnih manjina na raz-
voj ostvarivanja prava nacionalnih manjina. Trinaest godina nakon stupanja na snagu. In:
Migracijske i etniþke teme 27 (2011) 3, 441–446 unter <http://hrcak.srce.hr/index.php?
show=clanak&id_clanak_jezik=115949>.

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92 Ivana Barkijeviü

der, die Lebensqualität auf diesem Kontinent zu fördern und bestimmte allge-
meine Kulturwerte unserer Epoche anzuerkennen.“48

48
Bugarski, Ranko: Evropska povelja o regionalnim ili manjinskim jezicima. In: Ranko
Bugarski: Evropa u jeziku. Belgrad 2009, 53 (Übersetzung I. B.).

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Eine neue Sprache entsteht: die bunjevakische ‚Sprache‘
oder ‚Mundart‘ in serbischen Grundschulen1

Marija Iliü
Bojan Beliü

1 Einführung: viele Sprachen, ein Sprachraum

Der Zerfall Jugoslawiens wurde auch vom Zerfall der offiziellen Landessprache
begleitet – des Serbokroatischen. Parallel zur Entstehung der neuen Staatsnatio-
nen entstanden neue Sprachen, oder besser gesagt, neue Standardvarianten des
einstigen Serbokroatischen, nämlich Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und
Serbisch, genannt in alphabetischer Reihenfolge. Alle diese Standardvarianten
gehören einer einzigen Dialektgruppe innerhalb der südslavischen Sprachen an,
die in der linguistischen Literatur als Neuštokavisch bezeichnet wird. Jede dieser
Standardvarianten wurde in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens zur offiziellen
Sprache erklärt und jede bezieht sich auf eine bestimme Nation. So wurde Bos-
nisch in der Verfassung des Landes zur Amtssprache in Bosnien und Hercego-
vina erklärt und bezieht sich auf die nationale Gruppe der Bosniaken2, Kroa-
tisch wurde ebenfalls auf Grundlage der Verfassung zur offiziellen Sprache in
Kroatien erklärt und an die kroatische Nation gekoppelt3, Montenegrinisch ist
die offizielle Sprache in Montenegro und bezieht sich auf die montenegrinische
Nation4, und Serbisch ist die Amtssprache in Serbien und verbunden mit der
serbischen Nation.5 Zwar gab es Versuche, wissenschaftliche Argumente dafür
zu finden, dass es sich um verschiedene Sprachen handelt, diese fruchteten je-
doch nicht. Es handelt sich also um Sprachen, die mehr als 90 % Übereinstim-

1
Die vorliegende Studie entstand im Rahmen des Projektes Jezik, folklor, migracije na
Balkanu („Sprache, Folklore, Migrationen auf dem Balkan“; No. 178010), das am Institut
für Balkanologie SAWK durchgeführt und vom Ministerium für Bildung, Wissenschaften
und technologische Entwicklung der Republik Serbien gefördert wurde.
2
Die Verfassung der Föderation Bosnien und Hercegovina, <http://www.parlamentfbih.
gov.ba/dom_naroda/bos/parlament/o_parlamentu/ustavfbih.html>, Zugriff: 28.5.2013; Die
Verfassung der Republika Srpska, <http://www.narodnaskupstinars.net/upload/documents
/lat/ustav_republike_srpske.pdf>, Zugriff: 28.5.2013.
3
Die Verfassung der Republik Kroatien, <http://www.sabor.hr/Default.aspx?art=1891>,
Zugriff: 28.5.2013.
4
Die Verfassung Montenegros, <http://www.skupstina.me/images/dokumenti/ustav-crne-
gore.pdf>, Zugriff: 28.5.2013.
5
Die Verfassung der Republik Serbien, <http://www.srbija.gov.rs/cinjenice_o_srbiji/ustav.
php>, Zugriff: 28.5.2013.

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94 Marija Iliü/Bojan Beliü

mungen aufweisen, deren Sprecher jedoch darauf insistieren, für jede von ihnen
einen besonderen Namen und einen besonderen Standard zu verwenden.6
Dieses Phänomen des 21. Jahrhunderts ist eigentlich die Reflexion einer Idee
des deutschen Philosophen Herder, welche lautet: „Mit der Sprache erbeutet man
das Herz des Volkes.“7 Von Herder und der deutschen Romantik stammt also
die Idee, dass eine Nation eine eigene Sprache braucht, um als Nation aner-
kannt zu werden. In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien ist die
Nationsbildung eng mit der Etablierung neuer Sprachen verbunden. So bemüh-
ten sich Politiker, Sprachwissenschaftler und andere Entscheidungsträger, ihre
Sprache als „alt und authentisch“ darzustellen: Im „Edikt über die bosnische
Sprache“ wird erklärt, dass mit dem Gebrauch des Namens „bosnische Spra-
che“ die Bosniaken einer Tradition folgen, die schon seit dem Mittelalter Kon-
tinuität hat.8 Auf ähnliche Weise hebt auch das Institut für kroatische Sprache
und Linguistik hervor, dass die kroatische Sprache ein historisches Erbe ist,
dass sie über eine eigene Integrität und Identität verfügt und sich dadurch von
anderen Sprachen unterscheidet.9 Die Autoren des Orthographischen Handbuchs
der montenegrinischen Sprache behaupten, dass sich die montenegrinische Spra-
che auf der Basis der Folklore entwickelt und als solche ihre Blütezeit im 19.
Jahrhundert erreicht hatte.10 Schließlich erinnert der Ausschuss für die Standar-
disierung des Serbischen daran, dass die Validität des Namens der serbischen
Sprache linguistisch, gesellschaftlich und politisch erneuert wurde.11 So nutzten

6
Vgl. Friedman, Victor: Linguistic Emblems and Emblematic Languages. On Language as
Flag in the Balkans. In: The Kenneth E. Naylor Memorial Lecture Series in South Slavic
Linguistics, 1 (1999), 1–35; Ronelle, Alexander: Bosnian, Croatian, Serbian. One Lan-
guage or Three? In: International Journal of Slavic Linguistics and Poetics, 44–45 (2002–
03), 1–35; Bugarski, Ranko/Cellia Hawkesworth (Hg.): Language in the Former Yugo-
slav Lands. Bloomington 2004; Greenberg, Robert: Language and Identity in the Balkans.
Oxford/New York 2004; Kordiü, Snježana: Jezik i nacionalizam. Zagreb 2010; Voss, Chris-
tian: Dissolving multilingual empires in the history of Europe. Yugoslavia. In: Bernd
Kortmann, Johan van der Auwera (Hg.): The Languages and Linguistics of Europe. A
Comprehensive Guide, 2. Berlin/New York 2011, 761–774.
7
Vgl. von Herder, Johann Gottfried: J.G.V. Herders sämmtliche Werke. Zur Philosophie
und Geschichte, 5. Karlsruhe 1820 [1793], 317.
8
Vgl. Povelja o bosanskom jeziku [Edikt über die bosnische Sprache], <http://bichamilton.
com/web/wp-content/themes/calvary/docs/Povelja%20o%20Bosanskom%20jeziku.pdf>,
Zugriff: 28.5.2013.
9
Vgl. Institut za hrvatski jezik i jezikoslovlje [Institut für kroatische Sprache und
Linguistik], <http://ihjj.hr/page/institut/5/>, Zugriff: 28.5.2013.
10
Vgl. Pravopis crnogorskoga jezika [Rechtschreibung der montenegrinischen Sprache],
<http://www.gov.me/files/1248442673.pdf>, Zugriff: 28.5.2013.
11
Odluka br. 20 [Beschluss Nr. 20: „Die offizielle Sprache ist Serbisch und die primäre
Schrift Kyrillisch“], 27.07.2001, <http://www.rastko.rs/filologija/odbor/odluka020_c.
html>, Zugriff: 28.5.2013.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 95

die ethnischen Mehrheiten der Länder Bosnien und Hercegovina, Kroatien,


Montenegro und Serbien politische Macht und Institutionen, um sich die recht-
liche Legitimität für ihre Sprachen zu sichern, und das mit Hilfe des wichtig-
sten Rechtsdokuments – der Verfassung.
In diesem Beitrag möchten wir jedoch über einen neuen Fall sprechen, d. h.
über eine ethnische Gruppe, die in keinem Land die Mehrheit darstellt. Diese
Gruppe, deren Identität umstritten ist, nennt sich Bunjevacen und sie versucht,
eine neue Standardsprache im štokavischen Sprachraum zu etablieren, die sie
Bunjevakisch nennt.

2 Die Bunjevacen: eine ethnische Gemeinschaft

Die Bunjevacen (Bunjevci wie sie sich selbst nennen, Englisch – Bunyevs, Un-
garisch – bunyevácok) sind eine südslavische Gemeinschaft, die hauptsächlich
in Nordserbien (in der vojvodinischen Region Baþka) und in Südungarn (eben-
falls in der Baþka, vorwiegend um die Stadt Baja) lebt. Sie sind ihrem Glau-
bensbekenntnis nach römisch-katholisch. Die Bunjevacen in Serbien leben tra-
ditionell in einem ruralen Umfeld, auf großen, isolierten Bauernhöfen, die salaši
heißen, und in den zwei größeren Städten Sombor und Subotica und deren Um-
gebungen.
Die Sprache, die sie verwenden, wird in der linguistischen Literatur als
neuštokavischer jungikavischer Dialekt klassifiziert, der im dalmatinischen
Hinterland, auf einigen dalmatinischen Inseln, in der westlichen Hercegovina,
in der vojvodinischen Baþka, sowie in Ungarn in Baja und Umgebung gespro-
chen wird. Es existieren ebenfalls einige Enklaven des jungikavischen Dialekts
in der Umgebung von Budapest und in Süditalien. Die Mehrheit der heutigen
Sprecher des jungikavischen Dialekts versteht sich als Kroaten, es gibt aber auch
eine bedeutende Anzahl von Bosniaken, die diesen Dialekt sprechen, und eine
geringe Anzahl von Sprechern des Jungikavischen betrachtet sich selbst als
Serben.12 Die meisten Sprecher des Ikavischen in Serbien und in Ungarn halten
sich entweder für Bunjevacen oder für Kroaten.

12
Die Serben aus Azbukovica in Westserbien sprechen den jungikavischen Dialekt, die
übrigen Züge ihrer Sprache ähneln jedoch denen des osthercegovinischen Dialekts, der
sie umgibt. In den Narrativen über die Herkunft der älteren Leute wird jedoch angeführt,
dass die ikavischen Familien im 17. Jahrhundert als Bergleute aus Dalmatien und der
Westhercegovina kamen. Vgl. Iviü, Pavle: Dijalektologija srpskohrvatskog jezika. Uvod i
štokavsko nareþje. Sremski Karlovci/Novi Sad 2001, 233–244; Stepanoviü, Predrag: Go-
vori Srba i Hrvata u Maÿarskoj. Štokavsko nareþje. Gornji Milanovac 1994, 101.

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2.1 Die Bunjevacen in der Vergangenheit:


Nationalbewegung und Sprachgebrauch

Einer glaubhaften Theorie entsprechend sind die Bunjevacen im 17. Jahrhun-


dert unter der Führung von Geistlichen des Franziskanerordens in einigen Wel-
len aus Dalmatien und der westlichen Hercegovina in die Baþka eingewan-
dert.13 Zu dieser Migration kam es während des Großen Krieges zwischen der
Habsburgermonarchie und den vereinigten europäischen Kräften einerseits, und
dem Osmanischen Reich andererseits (1683–1699). Die Politik des Wiener
Hofes sah vor, Christen an den südlichen Grenzen zum Osmanischen Reich
anzusiedeln, die wegen der häufigen Kriege fast menschenleer waren. Im Ge-
genzug dienten die christlichen Migranten der Habsburgermonarchie als Vertei-
digungsarmee.
Das Ethnonym Bunjevac wurde in schriftlicher Form zuerst von Marijan
Lanoševiü im Evanÿelistar verwendet, das im Jahr 1794 in Buda gedruckt wur-
de.14 In historischen Dokumenten, ethnographischen Berichten, Enzyklopädien
und Volkszählungen der Habsburgermonarchie wurden die Bunjevacen unter-
schiedlich bezeichnet: Katholische Ratzen, Katholische Serben, Illyren, Dalma-
ten, Katholische Valachen, Bunyevaczen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
wird auch für die Bunjevacen in offiziellen Dokumenten die Bezeichnung Kro-
aten verwendet. Ende des 19. Jahrhunderts erklärte sich ein Teil der Bunjeva-
cen als Ungarn bunjevakischer Herkunft und distanzierte sich sowohl von den
Serben als auch von den Kroaten.15
Die bunjevakische Literaturgeschichte beginnt im späten 17. Jahrhundert in
der Habsburgermonarchie direkt mit der ersten Generation der Einwanderer in
die Baþka. Die Autoren bezeichnen sich selbst als Dalmaten und Slaven. Doch
bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden das Bunjevakische sowie die anderen
südslavischen Varietäten unterschiedlich bezeichnet: als slavische, bosnische,
ratzische, sowie als unsere Sprache oder als einheimische Sprache, meist jedoch
als illyrische Sprache. Die Bunjevaken besuchten katholische Volksschulen, in

13
Es gibt keine zuverlässigen historischen Daten aus dieser Zeit, vgl. Mandiü, Mijo: Buni,
Bunievci, Bunjevci. Subotica 2009; Todosijeviü, Bojan: Why Bunjevci did not Become a
Nation. A Case Study. In: East Central Europe, 29 (2002) 1–2, 59–72; Weaver, Eric
Beckett: Hungarian Views of the Bunjevci in Habsburg Times and the Inter-war Period.
In: Balcanica, 42 (2011), 77–115; Stajiü, Vasa: Maÿarizacija i demaÿarizacija Bunjevaca.
In: Letopis Matice srpske, 325 (1930), 158–209.
14
Lanoševiü schreibt in seinem Vorwort: „Die Bunjevacen (benannt nach dem Fluss Buna
in Dalmatien, wo sie gelebt hatten, bevor sie nach Ungarn ausgewandert waren) rühmen
sich ihrer Sprache“ (Vasiljev, Spasoje: Književnost baþkih Bunjevaca u 17. i 18. veku. In:
Glasnik Istoriskog drustva u Novom Sadu, 13 (1940), 39–40, 1–14, 2).
15
Vgl. Weaver 2011: 84–85; Todosijeviü 2002: 6, Fussnote 17; Stajiü 1930: 172.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 97

denen die bunjevakische Varietät in der Grundschule in der mündlichen Kom-


munikation neben Latein, Deutsch und später Ungarisch gebraucht wurde, in
der weiterführenden Schule sprach man jedoch nur Deutsch, Ungarisch und La-
tein.16
Nachdem 1868 im ungarischen Parlament das Nationalitätengesetz verab-
schiedet wurde, mit dem der amtliche Gebrauch von Minderheitensprachen und
die Schulbildung in der Muttersprache erlaubt wurde, entstand die bunjevaki-
sche Nationalbewegung.17 Das erste bunjevakische nationale Programm verkün-
dete 1882 Bischof Antunoviü, der sich darauf berief, dass sich die Bunjevacen
der Assimilation widersetzen und ihre eigene Identität unter den Südslaven auf-
recht erhalten.18 Während des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts wurden zahlreiche Zeitungen, Bücher und Gebetbücher in der Va-
rietät der Bunjevacen veröffentlicht, z. B. die Zeitschriften Bunjevaþke i šo-
kaþke novine (1870) („Bunjevakische und Šokacische Zeitung“), Bunjevaþka i
šokaþka vila (1871–1873) („Bunjevakische und Šokacische Fee“), Bunjevac
(1882) („Der Bunjevace“), Neven. Zabavni i pouþni miseþnik (1884–1941)
(„Ringelblume. Eine unterhaltsame und lehrreiche Monatszeitschrift“). In dieser
Zeit entwickelte sich unter den bunjevakischen Aktivisten eine starke Bewe-
gung, in der gefordert wurde, dass die bunjevakische Varietät insbesondere im
Bildungsbereich und in der Kirche gleichberechtigt mit der serbischen und kro-
atischen Varietät behandelt wird. Die ersten Grundschullehrbücher wurden in
der bunjevakischen Varietät herausgegeben. 1894 erschien das „Ungarisch-
Bunjevakische (Kroatoserbische) Wörterbuch“, wobei allein der Titel suggeriert,
dass das Bunjevakische als eine eigene Varietät des serbokroatischen Sprach-
raums angesehen wird. Außerdem wurde die bunjevakische Varietät von An-
fang an in der katholischen Kirche in Predigten und in Teilen der Messe (z. B.
in der Lesung der Evangelien und der Apostolischen Briefe) gebraucht. Mit
Beginn des 20. Jahrhunderts wurde zusätzlich der Religionsunterricht auf Bunje-

16
Vgl. Vasiljev 1940; Kordiü 2010: 268; Stajiü 1930: 162–163, 167.
17
Zur deutschen Version des Gesetzes über die Volkszugehörigkeiten (1868) vgl. Faluhelyi,
Ferenc: A Dunatáj. Történelmi, gazdasági és földrajzi adatok a Dunatáj államainak
életéb_l. 1–3.köt, Budapest 1946, 5–12; zit. n. Marácz, László: Multilingualism in the
Transleithanian Part of the Austro-Hungarian Empire (1867–1918). Policy and Practice.
In: Jezikoslovlje, 13 (2012) 2, 269–298.
18
Vgl. Antunoviü, Ivan: Razprava o podunavskih i potisanskih Bunjevcih i Šokcih u pogledu
narodnom, vjerskom, umnom, graÿanskom i gospodarskom. Wien 1882; die kritische
Darstellung des Herausgebers in Bátori, Iván: Razprava. In: Bunjevac (18.8.1882),
Sombor; zu Antunoviü vgl. Evetoviü, Matija: Život i rad Biskupa Ivana Antunoviüa
narodnog preporoditelja. Subotica 1935.

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98 Marija Iliü/Bojan Beliü

vakisch abgehalten und es erschienen Gebetbücher und andere religiöse Lite-


ratur auf Bunjevakisch.19
In der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, d. h. in dem Teil, der sich
unter der Herrschaft der ungarischen Krone befand, war das Bunjevakische
eine von 13 offiziell anerkannten Sprachen und der Zählung von 1910 zufolge
gaben 88.209 Personen an, dass Bunjevakisch ihre Muttersprache sei. Ende des
Jahres 1911 lebten den offiziellen Angaben aus der Österreichisch-Ungarischen
Monarchie zufolge in Subotica 95.994 Einwohner, Bunjevakisch war für 33.390
Sprecher die Muttersprache, Serbisch für 3.514, Kroatisch für 26 Sprecher,
usw.20 1913 wurde ein Bunjevakischer Schulbund gegründet, der das Ziel ver-
folgte, die Einführung des Bunjevakischen als Unterrichtssprache in den staatli-
chen Schulen nach dem Muster des schon existierenden Kroatischen und Serbi-
schen voranzutreiben.21
In der Zeit kurz vor, während und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg
hatte die große Mehrheit der Bunjevacen die Errichtung des Königreiches der
Serben, Kroaten und Slovenen unterstützt. Im Königreich SHS wurde 1920 die
Bunjevakisch-Šokacische Partei gegründet, die sich für eine eigenständige bun-
jevakische und šokacische Identität im Rahmen des „integralen Jugoslawen-
tums“ einsetzte.22 In den Volkszählungen im Königreich Jugoslawien (1918–

19
Zu den ersten bunjevakischen Lehrbüchern vgl. Mandiü, Mijo: Zemljopis, Povistnica i
Ustavoslovlje. Za bunjevaþku i šokaþku dicu. Po hrvatsko-ugarski izvori. Subotica 1880;
ders.: Prirodopis, Prirodoslovlje i Slovnica. Subotica 1880; Mihálovics, Ivan: Gyakorlati
Ilir nyelvtan, Tankönyvül és Magánhasználatra Irta Mihálovics János képezdei tanár. Baja
1874; das erste bunjevakische Wörterbuch in Sárcsevics, Ambrus: Magyar-bunyevácz
(horvát-szerb) szótár. Szabadkan 1894; zum Verhalten und den Aktivitäten der bunjevaki-
schen Elite vgl. Neven. Zabavni i pouþni miseþnik (1884–1914) [Ringelblume. Unterhalt-
same und lehrreiche Monatszeitschrift], <http://serbia-forum.mi.sanu.ac.rs/Webbook.jsp
?entry=13113>, Zugriff: 28.5.2013.); zur Bibliographie der Zeitung Neven vgl. Cindori
Šinkoviü, Marija/Eva Bažant: Neven. Zabavno-pouþni miseþnik za Bunjevce i Šokce (1884–
1914). Bibliografija. Belgrad/Subotica 2008, 376; vgl. auch Szentgyörgyi, István/Eva Ba-
žant/Nevenka Bašiü Palkoviü: Subotiþka bibliografija = Szabadkai bibliográfiája, 1, 1764–
1869. Subotica 1988; Stajiü 1930: 166.
20
Der Zählung von 1910 zufolge waren in Transleithanien neben dem Bunjevakischen fol-
gende Muttersprachen anerkannt: Ungarisch (10.050.575 Sprecher), Deutsch (2.037.435),
Slovakisch (1.967.970), Rumänisch (2.949.032), Ruthenisch (472.587), Kroatisch
(1.833.162), Serbisch (1.106.471), Slovenisch (93.174), Bulgarisch (23.267), Tschechisch
(63.812), Polnisch (40.537), Romani (121.097) und Italienisch (33.387) (vgl. Lökkös, Já-
nos: Trianon számokban. Az 1910. évi magyar népszámlalás anyanyelvi adatainak elem-
zése a történelmi Magyarországon. Budapest 2000, 28; zit. n. Marácz 2012: 275; zur Volks-
zählung in Subotica vgl. Szabadka város közigazgatása 1902–1912. években. Szent Antal-
Nyomda és irodalmi vállalat mint szövetkezet. Szabadka 1912, 17–25.
21
Vgl. Cindori Šinkoviü/Bažant 2008: 376.
22
Vgl. Markoviü, Saša: Politiþki život Bunjevaca Vojvodine u Kraljevini SHS-Jugoslaviji
1918–1941. godine. Subotica 2010, 91.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 99

1941) wurden die Bunjevacen als eigenständige ethnische Gruppe gezählt. In


der Zählung von 1921 wurden 106.000 Bunjevacen in der Baþka, im Banat und
in der Baranja genannt und für 1936 wurde geschätzt, dass 111.500 in der Voj-
vodina lebten.23 Im Königreich Jugoslawien wurde in den Grundschulen, die
von Bunjevacen besucht wurden, insbesondere in der Umgebung von Subotica,
als Muttersprache das Fach „Bunjevakische Sprache“ unterrichtet. Dieses Fach
hieß in einigen Schulen auch „Bunjevakische Mundart“ und die Sprache wurde
als bunjevakisch-serbisch bezeichnet. Dann besuchten die Schüler in Subotica
das bunjevakisch-serbische große Gymnasium, in dem als Muttersprache das
sogenannte Bunjevakoserbisch unterrichtet wurde.24 In dieser Zeit entwickelte
sich in zahlreichen Studien eine Debatte zur Frage der bunjevakischen ethni-
schen und nationalen Zugehörigkeit, d. h. ob die Bunjevacen Kroaten, Serben
oder Jugoslawen sind oder eine eigenständige nationale Identität aufweisen.25
Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Bunjevacen in allen offiziel-
len Dokumenten in Ungarn und Jugoslawien (Enzyklopädie Jugoslawiens, Allge-
meine Enzyklopädie) als Kroaten kategorisiert. Darüber hinaus wurden in Jugo-
slawien Dekrete verabschiedet, in denen es ausdrücklich verboten war, sich als
Bunjevace auszuweisen, und in denen angeordnet wurde, dass alle persönlichen
Dokumente mit dieser Identifikation vernichtet werden müssen und dass alle
Bunjevacen automatisch als Kroaten registriert werden.26 Das blieb bis zum Zer-
fall Jugoslawiens der Fall. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als man
begann, neben dem Lateinischen auch die Vernakularsprachen als Sprachen der
Messe zu gebrauchen, nutzte die Kirche im jugoslawisch-štokavischen Raum
nur das Kroatische als Sprache des Gottesdienstes und der Liturgie. Eine derar-
tige Sprachpolitik seitens der Kirche rief Widerstände in den kleinen štokavi-

23
Der Volkszählung von 1921 zufolge lebten in der Baþka, im Banat und in der Baranja
404.000 (30 %) Serben, 106.000 (8 %) Bunjevacen, 65.000 (5 %) Slaven anderer natio-
naler Zugehörigkeit, 376.000 (27,5 %) Ungarn, 316.000 (24 %) Deutsche, 69.000 (5 %)
Rumänen und 9.500 (0,5 %) Angehörige anderer Völker (vgl. Perin, Ĉoko: Nacionalizo-
vanje Vojvodine i Južne Srbije. Predavanje održano u Srpskom kulturnom klubu 16. juna
1937. godine, AVII fond XVII, k-69, f-4, dok. 4, 1937; zit. n. Dimiü, Ljubodrag: Kulturna
politika u Kraljevini Jugoslaviji 1918–1941 I–III. Belgrad 1997, 553.
24
Zu den Grundschulen vgl. Segedinþev, Tatjana: Salaške skole. In: Ex Pannonia, 8 (2004),
27–37; zum Gymnasium vgl. Maþkoviü, Stevan: Katalog analitiþkog inventara odjeljenja
Senata Veliki bilježnik za godine 1919. i 1920. In: Godišnjak za znanstvena istraživanja.
Subotica 2010, 283–322.
25
Vgl. Erdeljanoviü, Jovan: O poreklu Bunjevaca. Belgrad 1930; Horvat, Rudolf: Hrvati u
Baþkoj. Osijek 1922; Kneževiü, Milivoje V. (Hg.): O Bunjevcima. Subotica 1930; Kuntiü,
Alba M.: Bunjevac – Bunjevcima i o Bunjevcima. Subotica 1930; Pekiü, Petar: Povijest
Hrvata u Vojvodini od najstarijih vremena do 1929. godine. Zagreb 1930.
26
Archivdokument: Okružni narodni odbor u Subotici 1945: 4071-8270. Istorijski arhiv
Subotice (sign. 8808/945). Subotica.

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100 Marija Iliü/Bojan Beliü

schen Gemeinschaften hervor, denen eine klare nationale Identifikation fehlte,


so auch bei den Bunjevacen.27
Auf der Grundlage des Gesagten können wir schlussfolgern, dass sich die
Bunjevacen zu einer ethnischen Gemeinschaft entwickelt hatten und dass sie
sich über den neuštokavischen ikavischen Dialekt, ihre Folklore, ihre gemein-
same Geschichte (17.–20. Jahrhundert) und das römisch-katholische Glaubens-
bekenntnis identifizierten. Diese ethnische Gemeinschaft formierte sich zwi-
schen den großen nationalen Bewegungen und Integrationen und war deren
Einflüssen ausgesetzt, insbesondere in Bezug auf die kroatischen, ungarischen,
serbischen und jugoslawischen Bewegungen. Deshalb gibt es bei den Bunjeva-
cen konkurrierende Erzählungen über die nationale Identität, die nicht in ein
einziges Narrativ konvergierten. Ein Teil der Bunjevacen wurde in einigen der
erwähnten Nationen assimiliert. Die große Mehrheit jedoch blieb separiert, so-
dass sich die Hälfte der heutigen Bunjevacen als Subethnie der Kroaten ver-
steht, und die andere sich als eigenständige südslavische Nation fühlt, die den
Kroaten und Serben vergleichbar ist.28
Die Tatsache, dass die bunjevakische Varietät seit Ende des 17. Jahrhunderts
bis zum 20. Jahrhundert als Literatursprache und als Sprache der katholischen
Kirche im Gebrauch war, und dass das Grundschulwesen in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts ebenfalls auf dem Bunjevakischen basierte, spielt in der
Sprachideologie derjenigen Bunjevacen, die sich als Vertreter einer eigenstän-
digen Nation fühlen, eine bedeutende Rolle. Die bunjevakischen Aktivisten
berufen sich nämlich auf die „historische und literarische Legitimität der bunje-
vakischen Sprache“, die in der Habsburgermonarchie und besonders in Öster-
reich-Ungarn begründet und im Königreich Jugoslawien fortgesetzt wurde. Das
Verbot der Erklärung einer bunjevakischen Nationalität nach dem Zweiten
Weltkrieg und die Sprachpolitik der katholischen Kirche, die das Kroatische als
Standard forcierte, wird in der bunjevakischen Sprachideologie als „Verbot und
Leiden“ der Bunjevacen und ihrer Sprache dargestellt. Um diese Problematik
soll es detailliert in Abschnitt 4 gehen.

27
Über das Fehlen einer klaren nationalen Identifikation bei den katholischen štokavischen
Ratzen in Ungarn vgl. Szilágyi, József: A tököli rácok története és népszokásai. Tököl
2006; ders: Tököli rác történetek. Tököl 2008; und bei den katholischen štokavischen
Krašovanern in Rumänien vgl. Radan, Mihaj: Uzroci kolebanja Karaševaka pri etniþkom
opredeljivanju. In: Sikimiü, Biljana (Hg.): Skrivene manjine na Balkanu. Belgrad 2004,
177–190.
28
Vgl. Preliü, Mladena: Baþki Bunjevci. Problem identiteta u istorijskoj i savremenoj per-
spektivi. In: Vojislav Stanovþiü (Hg.): Položaj nacionalnih manjina u Srbiji. Zbornik
radova s nauþnog skupa održanog 24.–26. novembra 2005. Belgrad 2007, 597–605;
Vukoviü, Petar: „Bunjevaþki jezik“ – korijeni, varijeteti, perspektive. In: Jagoda Graniü
(Hg.): Jezik i identiteti. Zagreb/Split 2007, 699–710.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 101

2.2 Die Bunjevacen in der Gegenwart:


Nationsbildung, umstrittene Identität und Volkszählungen

Das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg erscheinen die Bunjevacen in der
Volkszählung der Bundesrepublik Jugoslawien (SRJ) von 1991 wieder als sepa-
rate ethnische Gruppe.29 In Ungarn haben die Bunjevacen dreimal das juristi-
sche Verfahren in Angriff genommen, als eigene nationale Minderheit aner-
kannt zu werden – 1993, 2006 und 2010. Das ungarische Parlament lehnte die
Petition jedoch ab, nachdem es die Ungarische Akademie der Wissenschaften
konsultiert hatte. Begründet wurde die Ablehnung damit, dass die ungarischen
Fachleute die Bunjevacen als eine Subethnie des kroatischen Volkes ansehen.30
In Serbien wurden die Bunjevacen in die Zählungen von 1991, 2002 und 2011
einbezogen. Im Statut der Autonomen Provinz Vojvodina (SAPV), das 2009 in
Kraft trat, sind die Bunjevacen als nationale Gemeinschaft neben Serben, Un-
garn, Slovaken, Kroaten, Montenegrinern, Rumänen, Roma, Rusinen und Ma-
kedoniern anerkannt, mit voller Gleichberechtigung und kollektiven Rechten
vor dem Gesetz.31 Es ist klar, dass von zehn nationalen Gemeinschaften, die in
dem Statut angeführt werden, drei kein „Mutterland“ haben, in dem sie die
ethnische Mehrheit darstellen würden – die Roma, die Russinen und die Bunje-
vacen – während die übrigen sieben eines besitzen. Ein Teil der Bunjevacen in
Serbien und Ungarn, genauer gesagt die Hälfte, betrachtet sich heute außerdem
als Kroaten und realisiert seine Rechte über die Institutionen der kroatischen
Minderheit.32
Die Entwicklung einer bunjevakischen nationalen Identität ist momentan
die zentrale Aktivität der bunjevakischen Elite und politischer Aktivisten in
Serbien, die sich nicht als Kroaten verstehen. So gründeten die Bunjevacen drei

29
Nach dem Zerfall Jugoslaviens bildeten die Republiken Serbien und Montenegro im Jahre
1992 die Bundesrepublik Jugoslavien (Savezna Republika Jugoslavija). Diese wurde 2003
in den Staatenbund Serbien und Montenegro (Srbija i Crna Gora) umgewandelt. Im Jahre
2006 erklärte Montenegro seine formale Unabhängigkeit, und Serbien folgte noch im
gleichen Jahr mit einer Unabhängigkeitserklärung.
30
Vgl. Dobos, Balázs: The Development and Functioning of Cultural Autonomy in
Hungary. In: Ethnopolitics, 6 (2007) 3, 451–469.
31
Statut der Autonomen Region Vojvodina: Artikel 6, <http://www.vojvodina.gov.rs/index.
php?option=com_docman&task=cat_view&gid=19&dir=DESC&order=date&limit=5&li
mitstart=20>, Zugriff: 28.5.2013.
32
Vgl. Vukoviü 2007; ders: Konstrukcija identiteta baþkih Bunjevaca. In: Robert Skendero-
viü (Hg.): Identitet baþkih Hrvata. Zagreb/Subotica 2010, 263–289; Vukoviü, Petar: Jed-
nojeziþnost ili višejeziþnost – sluþaj baþkih Bunjevaca. In: Katarina ýelikoviü (Hg.): Dani
Balinta Vujkova. Zbornik radova sa znanstvenih skupova 2006.–2010. Subotica 2011,
29–43.

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nationale Institutionen: die Bunjevakische Matica, den Bunjevakischen Natio-


nalrat und das Bunjevakische Informationszentrum. Die Bunjevakische Matica,
die älteste bunjevakische Institution, wurde 1934 gegründet, nach dem Zweiten
Weltkrieg aufgelöst und 1995 in Serbien in der Stadt Subotica erneut einge-
setzt. Außerdem unterstützt der Serbische Staat im Rahmen der Minderheiten-
rechte das bunjevakische Radioprogramm Bunjevaþka riþ („Das Bunjevakische
Wort“ – 1 Stunde pro Woche) und das Fernsehprogramm Spektar („Spektrum“)
im Fernsehen der Vojvodina RTV2 (30 Minuten pro Woche), sowie die monat-
lich erscheinende Bunjevaþke novine („Bunjevakische Zeitung“). In den bunje-
vakischen Medien und journalistischen Texten wird meist die bunjevakische
Varietät verwendet, nur in wenigen Fällen die serbische Standardsprache.
Die Volkszählungen 1991 und 2002 führten die bunjevakische Nationalität
als eine Option für die Eingabe an, wobei Bunjevakisch als Muttersprache nicht
zur Auswahl stand. In der Volkszählung 2011 wurden beide Optionen – bunje-
vakische Nationalität und Bunjevakisch als Muttersprache – angeboten. Die
Ergebnisse der Volkszählungen von 1991 bis 2011 zeigen einen allgemeinen
demografischen Rückgang sowohl der serbischen Mehrheit als auch der ethni-
schen Minderheiten (die Gesamtbevölkerung sank um 8 %, die serbische ethni-
sche Bevölkerung um 4 %). Allerdings scheint der Bevölkerungsrückgang der
Bunjevacen besonders ausgeprägt zu sein: Von 1991 bis 2011 sank die bunje-
vakische Bevölkerung um 21 %; die kroatische Bevölkerung sank sogar um
41 %. Dieser Bevölkerungsrückgang ist nicht nur eine Folge der niedrigen
Geburtenrate, sondern auch der politischen Situation, der Wirtschaftskrise, der
ethnischen Mimikry sowie der großen Arbeitsmigration aus Serbien.33

Jahr Gesamte Bunjevakische Bunjevakische


Bevölkerung Nationalzugehörigkeit Muttersprache
1991 7.822.795 21.434 /
2002 7.498.001 20.012 /
2011 7.186.862 16.706 6.835
Tabelle 1. Staatliche Volkszählungen 1991–2011: Nationalität und Muttersprache

Gemäß der Volkszählung von 2011 leben 80 % der Bunjevacen in Subotica und
der Umgebung von Subotica. Das gleiche gilt für die Sprache: Über 90 % der
bunjevakischen Sprecher leben in der Gemeinde Subotica. Es wird geschätzt,
dass sich fast die gleiche Anzahl als Kroaten (14.151) und als Bunjevacen
(13.553) bezeichnet. Die große Mehrheit der beiden Gemeinschaften stammt

33
Volkszählung der Republik Serbien 2011: 2011 Census of Population, Households and
Dwellings in the Republic of Serbia. 1 Ethnicity, 4 Religion, Mother Tongue and
Ethnicity. Belgrad 2013, <http://popis2011.stat.rs/?page_id=1166>, Zugriff: 28.5.2013.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 103

von den bunjevakischen Migranten ab. Der auffällige Umstand, dass die Zahl
der bunjevakischen Muttersprachler geringer ist als die Zahl der Angehörigen
der bunjevakischen Nationalität wird damit erklärt, dass die meisten der Be-
fragten erklärt hatten, Serbisch als Muttersprache zu sprechen. Dasselbe gilt für
die Angehörigen der kroatischen Nationalität in Serbien, deren Anzahl um 67 %
die Zahl der Muttersprachler übersteigt. Man muss betonen, dass Bunjevakisch
und Kroatisch in Serbien dank des jahrhundertelangen Sprachkontakts unter
starkem Einfluss des Serbischen stehen, d. h. des ekavischen Dialekts, wie er in
der Vojvodina gesprochen wird.

2.3 Die bunjevakische Sprachpolitik als wichtiges Mittel der Nationsbildung

Im Diskurs der bunjevakischen Nationsbildung liegt ein Schwerpunkt auf der


Anerkennung und Standardisierung der Sprache. So lautet das Credo: Damit die
Bunjevacen eine eigenständige und mit anderen Nationen gleichberechtigte
Nation werden können, müssen sie eine eigenständige und anerkannte Sprache
haben. Obwohl in Artikel 6 des Statuts der Autonomen Provinz Vojvodina die
Bunjevacen als nationale Minderheit anerkannt sind, wird in Artikel 26, der die
Überschrift „Offizielle Sprachen und Schriften“ trägt, keine bunjevakische
Sprache erwähnt:
In den Organen und Organisationen der AP Vojvodina sind, übereinstimmend
mit dem Gesetz und dem Parlamentsbeschluss der Region, die serbische Spra-
che und die kyrillische Schrift, die ungarische, slovakische, kroatische, rumäni-
sche und rusinische Sprache und ihre Schriften im amtlichen Gebrauch.34

Es scheint, dass gerade Artikel 26 die Formierung der Sprachpolitik und Sprach-
ideologie der Bunjevacen beeinflusst. Dass Bunjevakisch nicht als separate
Amtssprache anerkannt wurde, hat praktische Konsequenzen. Nur als Minder-
heiten mit anerkannter und standardisierter Sprache haben sie nämlich die Mög-
lichkeit, (1) ein Bunjevakisches Institut für Kultur zu etablieren und dafür staat-
liche Mittel zu erhalten, (2) eine Redaktion für bunjevakische Radio- und Fern-
sehprogramme mit Hilfe staatlicher Mittel einzurichten, (3) eine Bescheinigung
der Kirche zu bekommen, die es ihnen ermöglicht, Bunjevakisch im Gottes-
dienst zu gebrauchen. Auf diese Weise unterstützt auch der Staat die Vorstel-
lung, dass eine ethnische oder nationale Gemeinschaft über eine eigene aner-

34
Vgl. Statut der Autonomen Region Vojvodina: Artikel 26, <http://www.vojvodina.gov.rs/
index.php?option=com_docman&task=cat_view&gid=19&dir=DESC&order=date&limit
=5&limitstart=20>, Zugriff: 28.5.2013.

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kannte und standardisierte Sprache verfügen sollte, um die vollen kollektiven


Rechte zu genießen.35
Neben juristischen und politischen Maßnahmen, die sie vom serbischen
Staat erwartet, rechnet die bunjevakische Sprachpolitik auch mit der Unter-
stützung der Europäischen Union. Diese unterstützt und fordert nämlich die
Standardisierung der bunjevakischen Sprache. So wurde das Bunjevakische in
die Europäische Charta zum Schutz der Regional- oder Minderheitensprachen
aufgenommen, die Serbien 2005 unterschrieben hatte. Im Bericht der Experten-
kommission zur Verwendung der Charta wurde Folgendes angemerkt: Die Prä-
senz des Bunjevakischen in der Vojvodina hat Tradition; die Mehrheit der Bun-
jevacen hält ihre Sprache für eine eigenständige, und nur wenige halten sie für
eine Varietät des Kroatischen; Bunjevakisch wird in keiner Gemeinde offiziell
verwendet, sein Status ist nicht klar. Die Expertenkommission der Europäi-
schen Charta stellt auf der Grundlage ihres Einblickes in die Problematik der
Region fest, dass das Bunjevakische dennoch in einem bestimmten Maß stan-
dardisiert sei, da es in der Schule als Unterrichtssprache eingesetzt werde und
da es bunjevakische Lehrbücher gebe. Daher setzt sie sich dafür ein, die Option

35
Aus der Gesetzgebung der Republik Serbien geht deutlich hervor, dass nur diejenigen
Minderheiten, deren Sprache amtliche Verwendung findet, volle Rechte in den Bereichen
Bildung, Information und Selbstverwaltung besitzen (vgl. Zakon o nacionalnim savetima
[Gesetz über die Nationalräte der Republik Serbien]: Paragraph 22. In: Službeni glasnik
RS 72 (2009) [Amtsblatt der Republik Serbien]; Zakon o javnom informisanju [Gesetz
zur Medieninformation der Republik Serbien], Paragraph 5. In: Službeni glasnik RS 43
(2003), 61 (2005), 71 (2009), 89 (2010); Zakon o službenoj upotrebi jezika i pisma [Ge-
setz über den offiziellen Sprach- und Schriftgebrauch der Republik Serbien]: Paragraph
11–20. In: Službeni glasnik RS 45 (1991), 53 (1993), 67 (1993), 48 (1994), 101 (2005),
30 (2010); Zakon o zaštiti prava i sloboda nacionalnih manjina [Gesetz zum Schutz der
Rechte und Freiheiten nationaler Minderheiten der Republik Serbien]: Paragraph 11. In:
Službeni glasnik RS 72 (2009)). Außerdem bestehen zahlreiche Äußerungen kirchlicher
Amtsträger und staatlicher Politiker, in denen betont wird, dass eine Minderheit nur dann
den Gebrauch ihrer muttersprachlichen Varietät in kirchlichen und administrativen
Institutionen sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen fordern kann, wenn sie über eine
anerkannte und standardisierte Sprache verfügt (in Bezug auf die Kirche – der Artikel: Za
pridike na bunjevaþkom [Für Predigten auf Bunjevakisch]. In: Bunjevaþke novine.
Informativno-politiþko glasilo, 17 (2006), 5 [Die Bunjevakische Zeitung], <www.bunjev
ci.net/bunjevac ke-novine>; der Artikel: Rim odobrava samo standardizovan jezik [Rom
genehmigt nur eine standardisierte Sprache]. In: Subotiþke novine, 19 (2006) [Die Suboti-
ca Zeitung], <http://sumedija.rs>; in Bezug auf das Amt für Kultur – Bojan Pajtiü, Vorsit-
zender des Exekutiven Rates der Autonomen Region Vojvodina: „Dieses Jahr werden alle
Gemeinschaften, deren Sprachen amtlich verwendet werden, derartige Kulturämter be-
kommen“ (Der Artikel: Prva profesionalna ustanova na podruþju kulture [Die erste pro-
fessionelle Einrichtung auf dem Gebiet der Kultur]. In: Hrvatska rijeþ. Informativno
politiþki tjednik, Januar (2009) [Das Kroatische Wort. Wochenzeitung], <www.hrvatska
rijec.rs>).

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 105

des Bunjevakischen als Muttersprache in die Zählung von 2011 aufzunehmen.


Die Europäische Kommission empfiehlt der serbischen Regierung, den Status
des Bunjevakischen zu klären.36 Diese Hinweise der Europäischen Kommission
führten direkt zur Einführung der bunjevakischen Muttersprache in die Zählung
von 2011.
Sollten wir versuchen, die bunjevakische Sprachpolitik zu definieren, dann
könnten wir sagen, dass sie sich hauptsächlich vier Punkten widmet: 1. der Stan-
dardisierung der Sprache, 2. der Schulbildung in der Muttersprache – Bunjeva-
kisch, 3. der Entwicklung der Domänen des Sprachgebrauchs wie Medien und
Literatur, und 4. der Sprachideologie, die sich für Bunjevakisch als eigenstän-
dige Sprache einsetzt, gleichberechtigt mit dem Bosnischen, Montenegrini-
schen, Kroatischen und Serbischen. Die bunjevakischen Aktivisten sind der
Meinung, dass der Sprachstandardisierung und der schulischen Bildung in der
Muttersprache eine wesentliche Bedeutung in der Entwicklung der bunjevaki-
schen nationalen Identität zukommt.

3 Fallstudie: Schulbildung auf Bunjevakisch

Einer der größten Erfolge der bunjevakischen Aktivisten – nachdem sie dafür
gekämpft hatten, als eigenständige Gemeinschaft in der Vojvodina anerkannt
zu sein – ist die Einführung des Wahlfaches „Bunjevakische Mundart mit Ele-
menten der Nationalkultur“ in den Grundschulen. Alles, was in der Zeit der
Einführung dieses Faches geschah und auch im Zuge der späteren Ausarbei-
tung der Lehrbücher für das Fach, einschließlich des Streites um die genaue
Bezeichnung des Faches – bunjevakische Sprache oder Mundart? – illustriert
die Kontroverse nicht nur des bunjevakischen Falles, sondern auch aller anderen
ähnlichen Fälle im gesamten štokavischen Sprachraum. Wir möchten in diesem
Artikel das Segment der bunjevakischen Sprachpolitik beleuchten, das sich auf
den Unterricht in Grundschulen bezieht.
Im zur Zeit geltenden Grundschulsystem der Republik Serbien haben die
Schüler die Möglichkeit, auch so genannte Wahlfächer zu besuchen. Von ins-
gesamt sechzehn angebotenen Fächern37 ist eines das Wahlfach „Die Mutter-
36
Bericht 2009: European Charter for Regional or Minority Languages. First Report of the
Committee of Experts in Respect of Serbia, <https://wcd.coe.int/ViewDoc.jsp?id=144374
5&Site=CM>, Zugriff: 28.5.2013.
37
Pravilnik o stepenu i vrsti obrazovanja nastavnika koji izvode obrazovno – vaspitni rad iz
izbornih predmeta u osnovnoj školi [Richtlinie über die Ausbildungsstufen und -form von
Lehrkräften, die Bildungs- und Prüfungsaufgaben im Rahmen der Wahlfächer in der
Grundschule wahrnehmen]. In: Prosvetni glasnik – Službenik glasnik Republike Srbije
[Pädagogischer Bote der Republik Serbien], 2012, 11, <http://slglasnik.info/sr/Prosvetni-
glasnik/Izaberite-godinu-prosvetni-glasnik.html>, Zugriff: 28.5.2013.

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106 Marija Iliü/Bojan Beliü

sprache / Die muttersprachliche Mundart mit Elementen der Nationalkultur“.


Dazu gehören zehn verschiedene Fächer, von denen eines „Die bunjevakische
Mundart mit Elementen der Nationalkultur“ ist. Gerade dieses Fach behandelt
als einziges eine (muttersprachliche) Mundart, während es in den übrigen neun
Fächern um (Mutter-)Sprachen geht. Die Einführung dieses Faches war von
scharfen Kontroversen und Debatten begleitet (vgl. Vukoviü 2007).38 Nach der
offiziellen Forderung des Bunjevakischen Nationalrats bewilligte der Pädago-
gische Ausschuss der Vojvodina 2005 das Fach „Bunjevakische Sprache mit
Elementen der Nationalkultur“. Gegen diesen Beschluss protestierte der Demo-
kratische Bund der Kroaten in der Vojvodina (DBKV) mit der Begründung, der
Beschluss sei der Einschätzung des DBKV nach gegen die kroatischen Inte-
ressen gerichtet (ebd.). Nach diesen Reaktionen suspendierte das Vojvodinische
Sekretariat für Bildung und Kultur die Einführung des Faches und holte die
Meinungen der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SAWK)
und der Vojvodinischen Akademie der Wissenschaften und Künste (VAWK)
bezüglich des Problems der „bunjevakischen Sprache“ ein.
In der Antwort der SAWK wird das Recht der Bunjevacen auf eine Einfüh-
rung des Unterrichts in der Muttersprache in die Schulen unterstützt, während
in der Antwort der VAWK vorgeschlagen wird, den neutralen Terminus „Mund-
art“ zu verwenden, durch den sich der „politische Status von Termini wie Natio-
nalsprache und Dialekt“ vermeiden lasse. Die vojvodinischen Angehörigen der
Akademie sind weiterhin der Meinung, dass folgende Bedingungen erfüllt sein
müssten, um tatsächlich von einer bunjevakischen Sprache sprechen zu kön-
nen: Es müsste „ein Standard in Form einer Grammatik existieren“ und „die
Norm müsste kontrolliert und konsequent in schriftlichen Texten der jeweiligen
Gemeinschaft praktiziert werden“ (vgl. Vukoviü 2007). Anschließend nahm
auch die Kroatische Akademie der Wissenschaften und Künste an der Debatte
teil und deren Kommentar unterschrieb der bekannte Linguist Dalibor Brozo-
viü. In dieser Stellungnahme, in der generell ein Zweifel am politischen (anti-
kroatischen) Hintergrund der Initiative ausgedrückt wird, liegt der Fokus da-
rauf, dass das Bunjevakische zu den Dialekten gehört, dass sich seine Sprecher
heute in der Regel als Kroaten identifizieren und dass die Bunjevacen der Baþ-
ka nicht einer Meinung in der Frage sind, ob sie eine eigenständige Gemein-
schaft mit einer eigenen Sprache darstellen. Dennoch machen die Mitglieder
der kroatischen Akademie folgendes Zugeständnis: „Wenn ein Teil der in der
Baþka lebenden Bunjevacen der kroatischen nationalen Minderheit in der
Vojvodina nicht angehören möchte und sich auch nicht der kroatischen Stan-
dardsprache in Situationen bedienen möchte, in denen eine Standardsprache
erforderlich ist, dann ist das im gegenwärtigen Europa ihr demokratisches
38
Vukoviü 2007: 700–701.

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 107

Recht“ (ebd.). Das Regionalsekretariat für Bildung und Kultur der Autonomen
Region Vojvodina führte 2007 eine Richtlinie zum Unterrichtsprogramm des
Wahlfaches „Bunjevakische Mundart mit Elementen der Nationalkultur“ für
die Klassen 1–4 der Grundschule ein.39 Von diesem Moment an war es mög-
lich, entsprechend dem eingeführten Unterrichtsprogramm die bunjevakische
Mundart in den Grundschulen zu unterrichten. Somit wird seit dem Schuljahr
2007/2008 Unterricht im Fach Bunjevakische Mundart erteilt, zur Zeit das
sechste Jahr in Folge.
Gemäß den Angaben des Nationalrats der bunjevakischen nationalen Min-
derheit40 wird der Unterricht im Fach „Bunjevakische Mundart mit Elementen
der Nationalkultur“ in den letzten sechs Jahren in zwei Gemeinden abgehalten
(von insgesamt 45 in der Vojvodina), nämlich in insgesamt 15 Grundschulen in
Subotica und Sombor, allerdings nicht in allen Schulen im gesamten Zeit-
raum.41 Weiterhin muss angemerkt werden, dass neben dem Wahlfach „Bunje-
vakische Mundart mit Elementen der Nationalkultur“ auch die Möglichkeit der
Organisation von Sektionen besteht. Diese Option kam in einer weiteren, der
sechzehnten Schule zum Einsatz.42 Die Zahl der Schüler stieg kontinuierlich.
Im Schuljahr 2007/2008 besuchten insgesamt 81 Schüler den Unterricht in 9
Schulen. Diese Zahl stieg bereits im folgenden Schuljahr um mehr als 50 % auf
138 Schüler, und dank dieses Trends (2009/2010 – 171 Schüler, 2010/2011 –
248 Schüler, 2011/2012 – 272 Schüler) besuchten im Schuljahr 2012/2013 be-
reits 338 Schüler den Unterricht im Fach bunjevakische Mundart in insgesamt
10 Schulen.
Obwohl die eingeführte Richtlinie den Lehrplan nur für die ersten vier
Klassen der Grundschule festlegt (von insgesamt acht Klassen in den Grund-

39
Službeni list [Amtsblatt] der Autonomen Region Vojvodina, 63 (2007) 12, 655–663.
40
Information im Rahmen eines persönlichen Gesprächs.
41
Nur in sechs Schulen nämlich wurde der Unterricht seit dem Schuljahr 2007/2008 konti-
nuierlich abgehalten. In drei Schulen, in denen der Unterricht ebenfalls im Jahr 2007/2008
einsetzte, gab es nach einem Jahr, bzw. nach vier und fünf Jahren, eine Unterbrechung. In
zwei Schulen setzte der Unterricht erst im Schuljahr 2009/2010 ein, und in einer weiteren
2010/2011. In einer anderen Schule fand der Unterricht von 2008/2009 bis 2010/2011 statt,
und in einer weiteren wurde das Fach nur 2010/2011 unterrichtet. Und in wieder einer
anderen Schule, in der das Fach seit 2008/2009 angeboten wurde, gab es eine Unterbre-
chung des Unterrichts im Jahr 2011/2012 (die Angaben entstammen dem Bunjevakischen
Nationalrat).
42
Von den 15 Schulen, in denen der Unterricht erteilt wird, befindet sich nur eine auf dem
Gebiet der Gemeinde Sombor, und zwar in Sombor selbst, und dort wurde das Fach das
erste Mal im Schuljahr 2009/2010 unterrichtet. Alle anderen Schulen befinden sich auf dem
Territorium der Gemeinde Subotica (acht Schulen sind in Subotica selbst, die übrigen
sechs Schulen sind in den umliegenden Dörfern). Auch die erwähnte sechzehnte Schule
ist in einem Dorf auf dem Territorium der Gemeinde Subotica.

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108 Marija Iliü/Bojan Beliü

schulen in Serbien), weisen die Angaben des Nationalrats der bunjevakischen


nationalen Minderheit für das Jahr 2012/2013 darauf hin, dass das Fach auch in
den oberen vier gelehrt wird. Die Angaben zeigen weiterhin, dass der Unter-
richt dahingehend organisiert ist, dass einerseits alle Schüler der ersten vier Klas-
sen zusammengefasst werden, und andererseits alle Schülen der vier oberen
Grundschulklassen. Der Unterricht wird somit nicht für jede der acht Grund-
schulklassen separat durchgeführt. Schließlich wird das Fach im Schuljahr 2012/
2013 in 10 verschiedenen Schulen von 10 verschiedenen Lehrerinnen und Leh-
rern unterrichtet.
Da Bunjevakisch ein neues Fach darstellt, begannen die bunjevakischen Ak-
tivisten die Ausarbeitung des notwendigen Unterrichtsmaterials, nämlich einer
Grammatik für die ersten vier Grundschulklassen, die „Meine erste bunjevaki-
sche Grammatik mit Elementen der Nationalkultur für die unteren Grundschul-
klassen“ heißt, und ein Lesebuch mit dem Titel „Bunjevakisches Lesebuch und
Lehrerhandbuch I–II“.43 Beide Lehrbücher sind im Druck und die Stagnation in
Verbindung mit ihrem Erscheinen hängt mit dem Dilemma um die Bezeich-
nung des Bunjevakischen – Sprache oder Mundart – zusammen.

4 Die linguistische Ideologie der bunjevakischen Aktivisten:


Bunjevakisch als Unterrichtsprache

Ein sehr wichtiger Aspekt der umfassenden Aktivitäten der vojvodinischen


Bunjevacen ist ihre linguistische Ideologie.44 Unserer Auffassung nach nehmen
bestimmte Kernpunkte dieser Ideologie Bezug auf die Einführung des Bunjeva-
kischen in den Schulen:

43
Im Jahr 1990 erschien das bunjevakische Wörterbuch mit Übersetzungen in die serbische
Standardsprache: Peiü, Marko/Grgo Baþlija/Dragoljub Petroviü (Hg.): Reþnik baþkih Bu-
njevaca. Novi Sad 1990.
44
Die linguistische Ideologie ist ein Konzept, das in der anthropologischen Linguistik ent-
wickelt wurde (vgl. Silverstein, Michael: Language structure and linguistic ideology. In:
Paul R. Cline, William F. Hanks, Carol L. Hofbauer (Hg.): The Elements. A Parasession
on Linguistic Units and Levels. Chicago 1979, 193–247). Im engeren Sinn wird Sprach-
ideologie als metapragmatischer Diskurs definiert, d. h. als „research on cultural concep-
tions of language – its nature, structure and use – and on conceptions of communicative
behavior as an enactment of collective order“ (vgl. Woolard, Kathryn/Bambi A. Schief-
felin: Language ideology. In: Annual Review of Anthropology, 23 (1994), 55–82, 55). In
einem übergreifenden Verständnis kann der Begriff mit dem Konzept der Identitätskon-
struktion vereinigt werden, denn ein umfassendes kulturelles System wird über Sprache
und Gesellschaft definiert und ist von den moralischen und politischen Interessen der
Sprecher belastet (vgl. Irvine, Judith T.: When Talk Isn’t Cheap. Language and Political
Economy. In: American Ethnologist, 16 (1989), 248–267).

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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 109

(a) „Es gibt keine Nation ohne ihre Sprache in der Schule“: Die Einführung
der Sprache in den Schulen ist eine Voraussetzung der Anerkennung und
Standardisierung der bunjevakischen Sprache, und auch eine Vorausset-
zung der vollständigen Affirmation der bunjevakischen Nation;
(b) „sprachliche Rechte“: die Forderung nach denselben sprachlichen Rech-
ten, die die Sprecher der anderen štokavischen Sprachen haben – des Bos-
nischen, Kroatischen, Serbischen, Montenegrinischen; die Berufung auf
die europäischen Rechte zum Schutz der sprachlichen Vielfalt;
(c) „historische Kontinuität und Legitimität“: die Betonung einer historischen
Kontinuität des Bunjevakischen als Unterrichtssprache in der Österrei-
chisch-Ungarischen Monarchie und im Königreich SHS;
(d) „Verfolgung und Leiden“: die Hervorhebung der Verfolgung des Bunjeva-
kischen nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge die Bunjevacen erst
nach 2003 wieder das Recht auf ihre Sprache und ihre Nation erhalten hat-
ten;
(e) „sprachliche Besonderheit“: Das Besondere wird in der Markierung von
Unterschieden im Verhältnis zur serbischen Standardsprache gesehen, der
das moderne Bunjevakisch im Vergleich zu allen existierenden štokavi-
schen Varietäten am nächsten ist.
(f) „Rivalität mit der kroatischen Sprache“: Es wird betont, dass auf der kroa-
tischen Seite Macht und Geld, auf der bunjevakischen jedoch Gerechtig-
keit und Wahrheit seien.

4.1 Feldforschung

Die meisten der folgenden Zitate sind Resultat einer Feldforschung, die Mit-
arbeiter des Instituts für Balkanologie der Serbischen Akademie der Wissen-
schaften und Künste in der bunjevakischen Gemeinschaft in Subotica und Um-
gebung in mehreren Etappen durchgeführt hatten: 2009, 2011 und 2012. Diese
Feldforschung wurde von der bunjevakischen Matica und dem bunjevakischen
Nationalrat unterstützt, wodurch sich diese eigentlich eine Bestätigung ihres
Projektes seitens der wissenschaftlichen Öffentlichkeit erhofften, die ihren Akti-
vitäten eine wissenschaftliche Legitimität geben sollte. Alle Interviews wurden
in der serbischen Standardsprache geführt. Die zitierten Äußerungen der bunje-
vakischen Aktivisten sollen den Prozess der bunjevakischen Nationsbildung und
ihre Sprachpolitik illustrieren.

4.2 Der Diskurs der bunjevakischen Aktivisten

Die Aussage [1] des Vorsitzenden der bunjevakischen Matica Ivan Sedlak be-
zieht sich auf den ersten Kernpunkt der linguistischen Ideologie (a), wonach
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Standardisierung und Bildung in der Muttersprache die Voraussetzungen für


die Gleichberechtigung einer Nation unter anderen Nationen sind.
[1] Ivan Sedlak (2011): Ali da bi bili u potpunosti izjednaþeni sa svim ostalim
nacionalnim manjinama moramo rešiti i ta dva vrlo važna pitanja znaþi pitanje
standardizacije i pitanje daljeg razvoja obrazovanja na našem maternjem
odnosno na našem bunjevaþkom jeziku.
[Dt.: Um aber den anderen nationalen Minderheiten vollständig gleichgestellt zu
sein, müssen wir noch zwei sehr wichtige Fragen lösen, nämlich die Frage der
Standardisierung und die Frage der weiteren Entwicklung der schulischen Bil-
dung in unserer Muttersprache bzw. unserer bunjevakischen Sprache.]

Im Gespräch mit Bunjevacen hört man oft die Berufung auf sprachliche Rechte
im Einklang mit den Rechten, die den anderen Erben des einstigen Serbokroati-
schen gegeben sind, wie auch auf sprachliche Rechte und die Ideologie der
Diversität, die die Europäische Charta vertritt. Dieser ideologische Kernpunkt,
den wir „sprachliche Rechte“ (b) genannt hatten, findet sich in der folgenden
Aussage von Nevenka Bašiü Palkoviü, Mitglied im Rat der bunjevakischen
nationalen Minderheit.
[2] Nevenka Bašiü Palkoviü (2012): Tako dolazimo u apsurdnu situaciju da su u
Srbiji priznati svi ti jezici nastali odlukama Mirovnog sporazuma u Dejtonu
(bosanski, crnogorski, hrvatski, srpski), jedino se Bunjevcima ne dozvoljava da
svoj maternji jezik nazovu pravim imenom i da se njime ravnopravno služe, kao
i ostali pripadnici manjinskih zajednica, sa obrazloženjem da je isti sa srpskim
jezikom, mlaÿeg ikavsko-štokavskog dijalekta. U Subotici živi oko 13,000 gra-
ÿana koji se izjašnjavaju kao Bunjevci, a od toga je 6,000 ljudi na poslednjem
popisu navelo bunjevaþki kao svoj maternji jezik! [...] Pripadnici manjina ne
mogu biti više ili manje „ravnopravni“. Mi ne želimo da naš jezik bude jedan od
onih sto „koji svakog dana u svetu nestaju“.
[Dt.: So haben wir die absurde Situation, dass in Serbien alle Sprachen anerkannt
sind, die als Folge des Daytoner Abkommens entstanden sind (Bosnisch, Mon-
tenegrinisch, Kroatisch, Serbisch), nur den Bunjevacen wird nicht erlaubt, ihre
Muttersprache beim richtigen Namen zu nennen und sich ihrer gleichberechtigt
zu bedienen, wie es die Angehörigen anderer Minderheiten tun. Die Begrün-
dung ist, dass Bunjevakisch, das zum jungikavisch-štokavischen Dialekt gehört,
mit dem Serbischen identisch sei. In Subotica leben etwa 13.000 Bürger, die
sich als Bunjevacen erklären, und von diesen führten 6.000 bei der letzten Zäh-
lung Bunjevakisch als ihre Muttersprache an! [...] Die Angehörigen einer Min-
derheit können nicht mehr oder weniger „gleichberechtigt“ sein. Wir wollen
nicht, dass unsere Sprache zu einer von den hundert wird, „die jeden Tag in der
Welt verschwinden“.]

Im September 2012 lud uns der Bunjevakische Nationalrat ein, in einer Probe-
stunde im Fach „Bunjevakische Mundart mit Elementen der Nationalkultur“ in
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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 111

Tavankut zu hospitieren. Die Stunde wurde auch in den bunjevakischen Me-


dien gezeigt und es wurde explizit darauf hingewiesen, dass die bunjevakische
Sprache eine wissenschaftliche Legitimierung erhalte.45 Die Stunde war als
Präsentation der wichtigsten Elemente konzipiert worden, welche die bunjeva-
kische Identität konstruieren. In einem Text über bunjevakische Schulen, den
eine Schülerin vor dem gesamten Auditorium vortrug, wurde detailliert die Ent-
wicklung des bunjevakischen Schulwesens dargelegt und es wurde betont, dass
ab Mitte des 19. Jahrhunderts Bunjevakisch als Muttersprache unterrichtet wur-
de. Dieser Text stützt sich im Prinzip auf zwei Kernpunkte der linguistischen
Ideologie: „historische Kontinuität und Legitimität“ (c) und „Verfolgung und
Leiden“ (d):
[3] Nastavnica Mirjana Savanov: A šta je to Mijo Mandiü uveo sve u škule za-
jedno sa Pajom Kujundžiüem, i kako su sve to radili proþitaüe nam grupa koja
ima „Bunjevaþke škule“. Ajde. Uþenica: „Prve bunjevaþke škule“. Krajem 19. i
poþetkom 20. vika salaši su bili obeležje Subotice i vojvoÿanskog podneblja.
Intenzivni život na njima iziskivao je obrazovanje i vaspitanje mladih naraštaja
koji su živeli na salašima. Ovaj razvoj rezultiro je izgradnjom seoskih i salaških
škula, koje je u okolini Subotice bilo dosta, a izgraÿene su krajom 19. vika. Rad
narodnih škula je regulisan zakonom koji je donet 19. aprila 1904. godine. [...]
Nastavnica Mirjana Savanov: E dobro, sad üu ja kazati koji su predmeti kadgod
postojali evo iz škulske, da se podsetimo, 1920. godine: Bunjevaþki govor, Vež-
be u bunjevaþkom pisanju, zatim Bunjevaþko þitanje i pisanje i Bunjevaþka gra-
matika. To su bili, kadgod ovaj, znaþi predmeti u osnovnim škulama. Možemo
dalje. Uþenica: Kadgodašnji bunjevaþki udžbenici su: Poþetnica, Bukvar, Bunje-
vaþka þitanka. Ubrzo su ukinute bunjevaþke škule, tako da su Bunjevci mogli da
niguju bunjevaþki samo u porodici. U škulama su se Bunjevci služili samo ta-
dašnjim službenim jezikom. Bilo je zabranjeno divanit bunjevaþki. Tako je bilo
sve do 2003. godine, kada su sve nacionalne manjine u Srbiji dobile pravo da
osnuju nacionanlni savet, kao najviše tilo koje štiti interese svog naroda u oblas-
ti obrazovanje, kulture, službene upotrebe jezika i informisanja. Bunjevaþki go-
vor s elementima nacionalne kulture uveden je u škule školske 2007/2008 godi-
ne. Izuþava se u osnovnim škulama ko izborni predmet jedared nediljno. Bunjev-
ci su ponovo dobili moguünost da svoj maternji jezik izvuku iz porodiþne intime
i podignu ga na jedan viši nivo komunikacije. Nastavnica Mirjana Savanov:
Odliþno. (Aplauz u uþionici).
[Dt.: Lehrerin Mirjana Savanov: Und was Mijo Mandiü gemeinsam mit Pajo
Kujundžiü alles in den Schulen eingeführt hatte, und wie sie all das gemacht
hatten, wird uns eine Gruppe vorlesen, die zum Thema „Bunjevakische Schulen“
gearbeitet hat. Bitte. Eine Schülerin: „Die ersten bunjevakischen Schulen“. Ende
des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Einzelgehöfte das Kennzeichen

45
Vgl. unter <http://www.bunjevci.net/images/stories/downloads/Broj_88_2012.pdf>, Zu-
griff: 28.5.2013.

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von Subotica und der vojvodinischen Region. Das intensive Leben dort erfor-
derte die Bildung und Erziehung der jungen Generationen, die auf den Gehöften
lebten. Diese Entwicklung führte zum Aufbau der Dorf- und Gehöftschulen, die
es in der Umgebung von Subotica in großer Zahl gab und Ende des 19. Jahr-
hunderts aufgebaut worden waren. Die Arbeit der Volksschulen war von einem
Gesetz geregelt, das am 19. April 1904 beschlossen worden war. [...] Lehrerin
Mirjana Savanov: Gut, jetzt werde ich sagen, welche Fächer es einst gegeben hat.
Hier aus dem Schuljahr 1920: Bunjevakische Mundart, Bunjevakische Schreib-
übungen, Lesen und Schreiben auf Bunjevakisch und Bunjevakische Gramma-
tik. Das waren also die Fächer in den Grundschulen. Wir können weiter lesen.
Die Schülerin: Bunjevakische Lehrbücher sind: Poþetnica, Bukvar [Fibel], Bunje-
vaþka þitanka [Bunjevakisches Lesebuch]. Bald wurden die bunjevakischen
Schulen eingestellt, sodass die Bunjevacen das Bunjevakische nur in ihren Fa-
milien pflegen konnten. In den Schulen verwendeten die Bunjevacen nur die
damaligen Amtssprachen. Die bunjevakische Mundart war verboten. So war es
bis 2003, als alle nationalen Minderheiten in Serbien das Recht erhielten, einen
Nationalrat zu gründen, als höchste Körperschaft, die die Interessen ihres Vol-
kes auf dem Gebiet der Bildung, der Kultur, dem amtlichen Sprachgebrauch und
der Information schützt. Das Fach „Bunjevakische Mundart mit Elementen der
Nationalkultur“ wurde im Schuljahr 2007/2008 in den Schulen eingeführt. Es
wird in den Grundschulen als Wahlfach einmal wöchentlich unterrichtet. Die
Bunjevacen haben wieder die Möglichkeit erhalten, ihre Muttersprache aus der
familiären Intimität herauszuholen und sie auf ein höheres Kommunikationsni-
veau zu heben. Lehrerin Mirjana Savanov: Ausgezeichnet. (Applaus im Klas-
senzimmer).]

Eines der Elemente der nationalen und sprachlichen Identität, die in dieser Un-
terrichtsstunde vorgestellt wurden, ist die „sprachliche Besonderheit“, ein Kern-
punkt der linguistischen Ideologie (e), der sich vor allem in der Distanzierung
vom serbischen Standard äußert, dem das Bunjevakische in seiner heutigen Form
am nächsten ist.
[4] Nastavnica Mirjana Savanov: I sad üemo vam pridstaviti bunjevaþki divan.
Ajte doÿite s bunjevackim riþima i izrekama, sve doneste što imate. I ja üu po-
moü da držim, ajde. Jer kad je bunjevaþki divan, mora bit najviše, ovaj, materi-
jala, je l tako. Ipak je to divan, možda bude jednog dana i jezik, ko zna. Ako se
budemo zdravo služili, onda možda još i svašta bude kod nas Bunjevaca. E sad
üeš mi ovako, daj, samo ja üu držat materijal, a ti þitaj riþi. Evo ga. (Uþenik þita
bunjevaþke reþi i prevod na srpski standard:) draþ – bagrem, viranga – zavesa,
dunc – kompot. Nastavnica Mirjana Savanov: Samo glasnije. Uþenik: zdila –
zdela, vist – vest, pendžer – prozor, falinga – mana [...] Nastavnica Mirjana
Savanov: Tako je. E sad üemo mi samo uraditi jednu malu korelaciju, na primer,
sa srpskim jezikom. Mi smo kazali u bunejvaþkom java znaþi ‚glavninaǥ, a java
u sprskom jeziku sta znaþi, šta smo kazali. Je se seüate java: Jel je san jel java –
‚stvarnostǥ. Onda šta smo još kazali, mi imamo bunjevaþku riþ kadar. Šta znaþi
kadar – ‚sposobanǥ, jel tako. A na srpskom kadar, šta smo kazali? To je kao
doÿe jedna, evo tu su nam snimatelji, kadar, ‚jedna sekvenca u tom snimatelj-
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Die bunjevakische ‚Sprache‘ in serbischen Grundschulen 113

skom deluǥ. Onda šta još imamo od ovi riþi. Pravili smo mi korelaciju od ovi
srpski i bunjevaþki riþi, jel tako.
[Dt.: Lehrerin Mirjana Savanov: Und jetzt werden wir die bunjevakische Mund-
art vorstellen. Nennt bunjevakische Wörter und Redewendungen, sagt alles, was
ihr kennt. Ich werde euch helfen. Denn wenn Bunjevakisch eine Mundart ist,
dann muss es sehr viel Material geben, nicht wahr? Immerhin ist es eine Mund-
art, vielleicht wird es eines Tages auch eine Sprache, wer weiß. Wenn wir uns
fleißig unserer Sprache bedienen, dann kann uns Bunjevacen noch alles Mög-
liche passieren. Und jetzt lies bitte die Wörter, ich gebe dir das Material. Hier.
(Der Schüler liest die bunjevakischen Wörter und die Übersetzungen in der
serbischen Standardsprache:) draþ – bagrem [„Akazie“], viranga – zavesa [„Vor-
hang“], dunc – kompot [„Kompott“]. Lehrerin Mirjana Savanov: Etwas lauter.
Der Schüler: zdila – zdela [„Schale“], vist – vest [„Nachricht“], pendžer – prozor
[„Fenster“], falinga – mana [„Nachteil“] [...] Lehrerin Mirjana Savanov: Genau
so. Und jetzt machen wir eine kleine Korrelation, zum Beispiel mit der serbi-
schen Sprache. Wir haben gesagt, auf Bunjevakisch heißt java „glavnina“
[„Großteil“], und auf Serbisch heißt java, was haben wir gesagt? Erinnert ihr
euch an java: Jel je san jel java [„Ist es Traum oder Wirklichkeit“] – „stvarnost“
[„Wirklichkeit“]. Dann, was haben wir noch gesagt? Wir haben das bunjevaki-
sche Wort kadar. Was heißt kadar – „sposoban“ [„fähig“], nicht wahr? Und was
heißt kadar auf Serbisch, was haben wir gesagt? Das ist aus dem Bereich des
Films, beim Aufnehmen, ein kadar, das ist „eine Sequenz in einer Aufnahme“.
Was haben wir noch für Wörter? Wir haben eine Korrelation von serbischen
und bunjevakischen Wörtern gemacht, nicht wahr?]

Eine Aussage von Suzana Kujundžiü Ostojiü – der Vorsitzenden des Sprach-
ausschusses, der Herausgeberin der Bunjevakischen Zeitung und der Hauptver-
antwortlichen für die Standardisierung des Bunjevakischen – ist um den Kern-
punkt (f) konstruiert: „Rivalität mit der kroatischen Sprache“. In Aussagen die-
ser Art wird eine Opposition errichtet: zwischen den kroatisch orientierten
Bunjevacen, die eine materielle Hilfe des kroatischen Staates haben, und den
Schülern der bunjevakischen Mundart, die keine Hilfe haben, dafür aber die
„Wahrheit“ und „Gott“ auf ihrer Seite. Die Behauptung des Rechts der bunje-
vakischen Opposition zeige sich darin, dass die Zahl der Schüler des Bunjeva-
kischen steigt, die Zahl der Schüler des Kroatischen jedoch sinkt.
[5] Suzana Kujundžiü Ostojiü (2011): I ono što je ohrabrujuüe, što je jako dobro,
što svake godine dice ima sve više i više. Al ono što je onda opet problem, sa
druge strane, to je što koliko kod nas raste taj nivo dice koja uþe bunjevaþki,
opada onih koji uþe hrvatski, a oni nažalost prosto imaju i novca i sistema i
moguünosti da tu iskaju neke stvari. Mi te mehanizme, te moguünosti nemamo
ništa. Prosto na našoj strani su Bog i istina, i to je to. Što je nekad dovoljno,
nekad nije.

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114 Marija Iliü/Bojan Beliü

[Dt.: Was sehr ermutigend und sehr gut ist, ist die Tatsache, dass es jedes Jahr
immer mehr Kinder gibt. Andererseits gibt es aber das Problem, dass bei uns
zwar die Zahl der Kinder steigt, die Bunjevakisch lernen, die Zahl derjenigen
jedoch sinkt, die Kroatisch lernen. Auf der kroatischen Seite gibt es aber leider
Geld und System und Möglichkeiten, einige Dinge einzufordern. Wir haben
keine dieser Mechanismen und Möglichkeiten. Auf unserer Seite sind einfach
Gott und die Wahrheit und das ist alles. Das ist manchmal genug, manchmal
aber auch nicht.]

5 Fazit: Sprache oder Mundart?

Auf der Grundlage des Dargelegten sind wir der Meinung, dass der Kampf um
die Anerkennung und Standardisierung des Bunjevakischen vor allem im Kon-
text der sprachlichen Situation betrachtet werden muss, die im štokavischen
Sprachraum nach dem Zerfall der serbokroatischen Standardsprache entstanden
ist. Die Situation ist von der Schaffung neuer Sprachen gekennzeichnet, die
eigentlich nur neue Standardvarietäten derselben Sprache sind. In diesem Pro-
zess wird darauf insistiert, dass jede Varietät den Status einer eigenen Sprache
hat, einen eigenen Namen und dass sie mit einer Nation verbunden ist. Eine
Parallele zu dieser Situation besteht in gewisser Weise in der Entwicklung der
Sprachen Urdu und Hindi, sowie in der Entwicklung der norwegischen, däni-
schen und schwedischen Standardsprachen. Die gegenläufigen Tendenzen wei-
chen jedoch von der Entwicklung europäischer Sprachen wie Englisch, Deutsch,
Französisch und Spanisch ab.
Die einzige Besonderheit des Bunjevakischen im Verhältnis zu den anderen
štokavischen Varietäten – die bereits als eigenständige Sprachen deklariert
wurden – besteht darin, dass die Bunjevacen in keinem Land die ethnische
Mehrheit darstellen, daher ist auch ihre politische Macht, ihre Varietät als Spra-
che zu deklarieren, begrenzt. Die Einführung des Faches Bunjevakisch in den
Grundschulen stellt einen wichtigen Schritt im Prozess der Anerkennung und
Standardisierung dieser Sprache dar. Die Bezeichnung des Faches „Bunjevaki-
sche Mundart mit Elementen der Nationalkultur“ trägt bereits die Kontroverse
in sich: Handelt es sich um eine Mundart oder um eine Sprache, oder um eine
Mundart auf dem Weg zu einer Sprache?
Die letztgenannte Option hat auch eine ganz eigene linguistische Konnotation,
denn sie impliziert, dass die Sprache eine Art Idealzustand auf einem
bestimmten Weg darstellt, der einige Phasen durchläuft, von denen eine die
Mundart ist. Das war allerdings nicht unsere Absicht. Die linguistische Ideo-
logie der bunjevakischen Aktivisten enthält ideologische Kernpunkte, die den
Fall des Bunjevakischen eng mit der europäischen Ideologie der Standardspra-
chen und besonders mit der südslavischen neoromantischen Ideologie der Na-
tionenbildung in der postsozialistischen Zeit verknüpfen.

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung:
Sorbisch als Beispiel

Roland Marti

0. Das sorbische Volk ist ein klassisches Beispiel für eine absolute sprachliche
Minderheit, d. h. eine Minderheit ohne „Mutterland“: Sorbisch befindet sich in
Deutschland gegenüber dem Deutschen in einer Minderheitenposition und exis-
tiert nirgendwo sonst als Mehrheitssprache. Insofern ist die Stellung des Sorbi-
schen in Deutschland exponierter als etwa diejenige des Ungarischen in der
Slovakei oder des Deutschen in Rumänien, zwei durch Grenzziehung bzw.
durch Migration entstandene Minderheitensprachen, die aber über ein „Mutter-
land“ verfügen. Die allgemein feststellbare Tendenz, dass Minderheiten sprach-
lich allmählich an die Mehrheit assimiliert werden (Sprachwechsel zur Mehr-
heitssprache), stellt bei absoluten Minderheiten eine existenzielle Bedrohung
der Sprache dar, da bei völliger Assimilation die Sprache verloren geht. Die
Notwendigkeit des Kampfs um den Spracherhalt wird deshalb meist nicht nur
von der Sprachgemeinschaft gesehen, und im Falle von absehbarem oder bereits
eingetretenem völligen Verschwinden der Sprache kann es auch zu Versuchen
der Revitalisierung kommen.
Aufgrund seiner Besonderheiten ist das Sorbische geradezu paradigmatisch
für die Situation von absoluten Sprachminderheiten in Europa. Es soll im
Folgenden einleitend kurz sprachlich charakterisiert werden (1.). Daran schlie-
ßen sich eine Darstellung der Entwicklung von Sprachgebiet und Sprecherzahl
sowie ein historischer Überblick mit Schwerpunkt auf der Nachkriegszeit an
(2.). Zentral ist dann die Präsentation der Sprachenpolitik (3.). Des Weiteren
sollen die Versuche zur Revitalisierung dargestellt werden (4.). Und schließlich
wird noch zu fragen sein, inwieweit das Beispiel des Sorbischen für das
„balkanische Babylon“ relevant ist (5.) und was aus ihm gelernt werden kann
(6.).
1. Das Sorbische gehört, zusammen mit Polnisch, ýechisch, Slovakisch, zur
westslavischen Gruppe der slavischen Sprachen. Es wird traditionell geteilt in
Ober- und Niedersorbisch, wobei unklar ist, ob zwei stärker unterschiedliche
sprachliche Formen sich durch Kontakt angenähert haben oder eine ursprüng-
lich stärker einheitliche Form sich im Laufe der Jahrhunderte ausdifferenziert
hat.1 Die traditionelle Zweiteilung spiegelt sich heute in der Existenz von zwei

1
Erstere Position vertritt Schuster-Šewc, Heinz: Sprache und ethnische Formation in der
Entwicklung des Sorbischen. In: Zeitschrift für Slawistik, 4 (1959), 577–590, letztere, die
auch die Mehrheitsposition darstellt, etwa Lötzsch, Ronald: Einheit und Gliederung des

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116 Roland Marti

Standardsprachen, dem Obersorbischen mit Zentrum um Budyšin/Bautzen und


dem Niedersorbischen um ChóĞebuz/Cottbus. Der Streit, ob es sich bei Ober-
und Niedersorbisch um zwei selbständige „Sprachen“ oder um zwei „Varianten“
einer „Sprache“ handelt, ist müßig, da es keine objektiven linguistischen
Kriterien dafür gibt, was eine „Sprache“ von einer „Variante einer Sprache“
oder von einem „Dialekt“ unterscheidet.2 Die unterschiedliche Sichtweise hat
sich aber selbst in der modernen Gesetzgebung niedergeschlagen, da das sächsi-
sche Sorbengesetz von zwei Sprachen ausgeht,3 das brandenburgische nur von
einer.4
Die Unterschiede zwischen der ober- und der niedersorbischen Standard-
sprache sind nicht sehr groß, wie ein kurzer Ausschnitt aus einem emblema-
tischen Text des klassischen obersorbischen Dichters Jakub Bart-ûišinski zeigt:5
Obersorbisch: Niedersorbisch:
Moje serbske wuznaüe Mojo serbske wuznaĞe
PĜeüelo, haj małka serbska zemja PĞijaĞel moj, małka serbska zemja
je a małki serbski narod, jako jo a małki serbski narod, ako
kupa mólþka wosrjedĨ wulkoh morja. kupa mała wesrjejĨ wjelikego morja.

Sorbischen. In: Sitzungsberichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin,


Klasse für Sprachen, Literatur und Kunst, 7 (1965).
2
Objektivieren lässt sich höchstens eine „Standardsprache“, da sie bestimmten Kriterien
genügen muss (v. a. demjenigen der Kodifiziertheit), aber auch hier sind die Übergänge
fließend, wie etwa am Beispiel der Entwicklung der „polynormierten“ Standardsprache
Serbokroatisch zu den heute vier offiziell selbstständigen Standardsprachen Bosnisch,
Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch deutlich wird.
3
„Swobodny stat Sakska pĜipóznawa serbskej rČþi [Hervorhebung hier und im Folgenden
von mir, R. M.], wosebje hornjoserbšüinu, jako wuraz duchowneje a kulturneje bohatosüe
kraja.“ (Sakski serbski zakoĔ 1999 § 8, <www.smwk.sachsen.de/download/Sorbenge-
setz_sorb.pdf> Auf alle zitierten Internetdokumente wurde zuletzt am 28.03.2013
zugegriffen.). Der obersorbische Text verwendet hier den Dual. „Der Freistaat Sachsen
erkennt die sorbischen Sprachen, insbesondere das Obersorbische, als Ausdruck des
geistigen und kulturellen Reichtums des Landes an.“ (Sächsisches Sorbengesetz 1999 § 8,
<www.revosax.sachsen.de/Details.do?sid=8606111558159>)
4
„Serbska rČc, wosebnje dolnoserbšüina, ma se šüitaĞ a spČchowaĞ.“ (Bramborska serbska
kazĔ 1994 § 8). Der niedersorbische Text verwendet rČc im Singular. „Die sorbische
Sprache, insbesondere das Niedersorbische, ist zu schützen und zu fördern.“ (Sorben[Wen-
den]-Gesetz § 8, beide Texte unter <www.landtag.brandenburg.de/mediafast/4908/
Sorbengesetz.pdf>)
5
Der Text verwendet übrigens das für den sorbischen und gesamtslavischen Kontext
wichtige Bild von der (sorbischen bzw. slavischen) Insel im (deutschen) Meer. Das Bild
ist bis heute wirkmächtig geblieben: 2012 verlieh die polnische Gesellschaft Civitas
Christiana dem sorbischen Dachverband Domowina den Bolesław-DomaĔski-Preis für
seinen „wichtigen Beitrag zur Bewahrung der slavischen Kultur und Sprache inmitten des
deutschen Meeres“ [Übersetzung R. M.] (Myto za Domowinu. In: Nowy Casnik, 64
(2012) 39, 2).

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 117

[...] [...]
Lud naš dĨČleny a roztorhany Lud naš ĨČlony a roztergany
zwonka, znutĜka, na wjacore wašnje wšakorako znutĞika a zwenka
je a w niüim njeje žadyn cyłk. jo a w nicom njejo žeden cełk.6

Die Unterschiede betreffen hauptsächlich lautgesetzliche Veränderungen (z. B.


h/g, ü/Ğ), verschiedene Endungen (w niüim/w nicom) und die Lexik.
2. Für den historischen Überblick ist zunächst die Verschiebung der Sprach-
grenze zwischen Slavisch und Deutsch von Bedeutung. Zum Zeitpunkt seiner
maximalen Westausdehnung im 9./10. Jahrhundert reichte das slavische Sprach-
gebiet bis über die Elbe hinaus (Abb. 1),7 wobei westlich der Sorben noch
andere Slaven (Elbslaven, Polaben) siedelten. Im Ergebnis eines langen Assi-
milationsprozesses wurde die deutsch-slavische Sprachgrenze bis zum Beginn
des 20. Jahrhunderts weit nach Osten verschoben, um im Gefolge des zweiten
Weltkriegs wieder eine Westverschiebung zu erfahren (Abb. 2). Durch die
Ostverschiebung wurde das sorbische Sprachgebiet allmählich zu einer Insel,
deren Umrisse aber erst seit der Reformation mehr oder weniger deutlich fest-
stellbar sind (Abb. 3). Die Entwicklung des sorbischen Sprachgebiets zeigt eine
ununterbrochene Schrumpfung, die sich mit einiger Verspätung auch in der
Größe der sprachtragenden Bevölkerung niederschlug. Der Höhepunkt bei der
Zahl der Sorben bzw. der Sorbischsprechenden8 war wohl Ende des 18. Jahr-
hunderts mit etwa 200 000 Personen erreicht. Von 1845 bis 1925 liefern die
amtlichen Volkszählungen vergleichbare, wenn auch ziemlich sicher zu niedri-
ge Zahlen. In diesem Zeitraum gab es einen Rückgang von gut 133 000 auf
knapp 71 000, der noch krasser wird, wenn man berücksichtigt, dass in diesem

6
Deutsche Übersetzung [R. M.]: „Mein sorbisches Bekenntnis / Freund, ja klein ist das
Sorbenland / und klein der Sorben Volk, wie / eine winzige Insel im großen Meer. [...]
Unser Volk, geteilt und zerrissen / von außen, innen, mannigfach / ist es und in nichts ein
Ganzes.“ Obersorbischer Text: Bart-ûišinski, Jakub: ZhromadĨene spisy III: Lyrika.
Budyšin 1969, 70; niedersorbischer Text: Bart-ûišinski, Jakub: Mojo serbske wuznaĞe –
Mein Bekenntnis. Budyšyn 1980, 28 (Übersetzung von B. PČþka). [Man beachte, dass bei
der Übersetzung des Titels das Adjektiv serbske (= ,sorbisch‘) ausgelassen wurde.]
7
Für die Anfertigung der Karten bin ich M. Helfer (Saarbrücken) zu Dank verpflichtet.
8
Es ist nicht immer klar, ob sich die in den benutzten Quellen angeführten Zahlen auf die
ethnische Zugehörigkeit beziehen oder auf die Fähigkeit, sorbisch zu sprechen. Die Spra-
che galt und gilt zwar im Allgemeinen als das wichtigste Kriterium für die ethnische Zu-
gehörigkeit. Anderseits ist vor allem bei den Niedersorben die Zahl derjenigen, die sorbi-
sches Brauchtum pflegen und in sorbischen Vereinen mitwirken (und damit zumindest
eine gewisse Affinität zu den Sorben bekunden), aber überhaupt nicht oder kaum sorbisch
sprechen, heute recht groß. Vgl. zu dieser Problematik Elle, Ludwig: Die sorbische Spra-
che als Komponente der Ethnizität der Sorben. In: LČtopis, 39 (1992) 1, 123–127.

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118 Roland Marti

Zeitraum die Gesamtbevölkerung der Region stark zunahm.9 In der DDR ging
man offiziell immer von der runden Zahl von 100 000 Sorben aus, obwohl eine
interne sorbische Erhebung 1956 nur rund 80 000 Personen mit sorbischen
Sprachkenntnissen ermittelt hatte.10 Heute ist man auf Schätzungen bzw. Hoch-
rechnungen angewiesen, die stark schwanken: realistisch dürfte es sein, von
etwa 20 000 Personen mit guten Sprachkenntnissen auszugehen, wobei weniger
als ein Viertel auf das Niedersorbische entfallen und dort dieser Personenkreis
in der Regel älter als sechzig Jahre ist.11 Eine wichtige Rolle spielt auch die
Tatsache, dass Sorbisch nur noch in einem kleinen Gebiet die Umgangssprache
dörflicher Gemeinschaften ist. Dieses so genannte „Kerngebiet“ befindet sich
in einem Dreieck zwischen Budyšin/Bautzen, Kamjenc/Kamenz und Wojerecy/
Hoyerswerda (siehe Abb. 3) und unterscheidet sich von der deutschsprachigen
Umgebung auch durch den katholischen Glauben. Daraus ergibt sich die
falsche Vorstellung, alle Sorben seien katholisch. Der bessere Spracherhalt in
dieser Region erklärt sich durch das Phänomen der „doppelten Minderheit“
(konfessionell und sprachlich), konfessionell bedingte stärkere Endogamie mit
einsprachigen Familien und die spracherhaltende Funktion des sorbischsprachi-
gen Klerus.
Historisch ist für das zentrale sorbische Siedlungsgebiet, die Lausitz, das
Fehlen einer zentralen Macht von Bedeutung, was dem Spracherhalt eher för-
derlich war: Kleinere Herrschaften mit weitgehend einsprachiger sorbischer
Bevölkerung hatten kaum Interesse daran, einen Sprachwechsel zu erzwingen.
Dies änderte sich im 19. Jahrhundert im Gefolge staatlicher und gesellschaft-
licher Modernisierung (allgemeine Schul- und Wehrpflicht, Ausbau der Admi-
nistration, Industrialisierung, erhöhte Mobilität) und im Ergebnis national(is-
tisch)er Konzeptionen, die vor allem auch auf Sprache als konstituierendes
Merkmal einer Nation aufbauten. „Fremdsprachige“ Bevölkerungsgruppen wur-
den mit Misstrauen beobachtet: dies galt v. a. in Preußen und später im Deut-

9
Zu den Erhebungen bis zum zweiten Weltkrieg vgl. Tschernik, Ernst: Die Entwicklung
der sorbischen Bevölkerung von 1832 bis 1945. Eine demographische Untersuchung.
Berlin 1954 (= Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Veröffentlichungen des
Instituts für Slawistik, 4).
10
Elle, Ludwig: Sorbische Kultur und ihre Rezipienten. Ergebnisse einer ethnosoziologi-
schen Befragung. Bautzen 1992 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 1).
11
Vgl. zur Gesamtzahl Elle in Spiess, Gunter: NČntejšny staw dolnoserbskeje rČcy a jeje
perspektiwy za pĞichod. In: LČtopis 47 (2000) 1, 22–26; 23, zur Hochrechnung bezüglich
des Niedersorbischen Jodlbauer, Ralph/Gunter Spieß/Han Steenwijk: Die aktuelle Situa-
tion der niedersorbischen Sprache. Ergebnisse einer soziolinguistischen Untersuchung der
Jahre 1993–1995. Bautzen 2001 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 27).

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 119

schen Reich für Slavischsprachige, denen Panslavismus und Irredenta- bzw.


Autonomiebestrebungen unterstellt wurde.12
Eine grundsätzlich andere Politik gegenüber den Sorben charakterisiert die
Zeit nach 1945: in der SBZ bzw. der DDR wurden sorbische Angelegenheiten
von Staates wegen stark gefördert (sächsisches Sorbengesetz von 1948 und ent-
sprechende Artikel in den Verfassungen der DDR),13 insbesondere durch die
Einrichtung (quasi-)staatlicher Organisationen und Institutionen (Domowina
als sorbische Massenorganisation, Theater, Nationalensemble, Verlag, Institut
für sorbische Volksforschung, Institut für Sorabistik usw.) und die Förderung
von Sorbisch als Unterrichtssprache oder auch das Angebot von sorbischem
Sprachunterricht. Trotzdem schwand die sprachliche Substanz aufgrund negati-
ver Rahmenbedingungen weiter (Zuzug von Vertriebenen in früher mehrheit-
lich sorbischsprachige Dörfer, Industrialisierung, Devastierung von Teilen des
Siedlungsgebiets durch Braunkohle-Tagebau, Kollektivierung der Landwirt-
schaft, „Verstaatlichung“ des Sorbischen in der Schule und im kulturellen
Leben, antikirchliche Politik).
Im Rahmen der Wiedervereinigung wurden die Sorben nur in einer Proto-
kollnotiz erwähnt, in welcher u. a. die „Bewahrung und Fortentwicklung der
sorbischen Kultur und der sorbischen Traditionen [...] gewährleistet“14 wurden.
Außerdem wurde die Zuständigkeit für sorbische Angelegenheiten aufgrund
der Kulturhoheit an die Länder (Freistaat Sachsen und Land Brandenburg)
delegiert. Der Bund beteiligt sich aber an der Finanzierung, indem er die neu
gegründete „Stiftung für das sorbische Volk“ zur Hälfte trägt.15 Die Verfassun-
gen von Sachsen und Brandenburg enthalten entsprechende Schutzartikel zu-
gunsten der Sorben, und beide Länder haben jeweils ein spezielles Sorben-
gesetz erlassen. Das Sorbische befindet sich aber weiterhin in einer prekären
Lage, da zum Teil neue Faktoren dazu gekommen sind, die der Bewahrung des
Sorbischen abträglich sind. Es sind dies insbesondere eine drastisch erhöhte
12
Entsprechende Bestrebungen gab es nach beiden Weltkriegen, vgl. Remes, Friedrich W.:
Die Sorbenfrage 1918/19. Untersuchung einer gescheiterten Autonomiebewegung. Baut-
zen 1993 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 3) und Schurmann, Peter: Die sorbische
Bewegung 1945–1948 zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung. Bautzen 1998 (=
Schriften des Sorbischen Instituts, 18). Sie wurden allerdings nur von einem Teil der Be-
völkerung unterstützt und fanden im niedersorbischen Bereich kaum Widerhall.
13
Vgl. zur Sorbenpolitik in der DDR die offizielle Position in Nowusch, Hans: Die Gleich-
berechtigung der Bürger sorbischer Nationalität in der DDR – verwirklichtes Menschen-
recht. Bautzen 31988, und kritisch Pech, Edmund: Die Sorbenpolitik der DDR 1949–
1970. Anspruch und Wirklichkeit. Bautzen 1999 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 21).
14
Protokollnotiz 14 Nr. 2 zum Einigungsvertrag (in <www.gesetze-im-internet.de/einigvtr/-
protokoll.html>).
15
Zum Schutz der Minderheitensprachen ist der Bund seit 1993 auch durch die Europäische
Charta der Regional- oder Minderheitensprachen verpflichtet.

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120 Roland Marti

Mobilität, die wirtschaftlich bedingte Abwanderung aus dem Sprachgebiet,


zurückgehende Geburtenzahlen mit entsprechenden Konsequenzen wie Schul-
schließungen sowie eine „Überflutung“ durch die deutsche (und z. T. auch eng-
lische) Sprache im Bereich der elektronischen Medien.
3. Eine klar definierte und längerfristig konzipierte staatliche oder kirchli-
che Sprachenpolitik zu Ungunsten des Sorbischen gab es bis zum 19. Jahrhun-
dert im zentralen Siedlungsgebiet kaum. Ein wichtiger Hinderungsgrund war in
der Oberlausitz der konfessionelle Dualismus, der beide Konfessionen zu
sprachlicher Toleranz nötigte. In den sprachlich teilassimilierten Randgebieten
kam gegen das Sorbische gerichtete Sprachenpolitik dagegen durchaus vor,
etwa in der Form von „Wendenparagraphen“ in Zunftordnungen, Beschränkung
sorbischsprachiger Gottesdienste oder Berufung von Geistlichen, die des Sorbi-
schen nicht mächtig waren.
Im langen 19. Jahrhundert war es vor allem die Schulpolitik, die das
Sorbische marginalisierte, ebenso die staatliche Verwaltung und z. T. die Kirche.
Außerdem setzte man auf die assimilierende Wirkung von Industrialisierung,
Infrastrukturausbau mit damit einhergehender höherer Mobilität und Tourismus
(im Spreewald).
In der Zwischenkriegszeit setzten sich diese Tendenzen fort; außerdem
wurde von staatlicher Seite eine halb konspirative „Wendenabteilung“ einge-
richtet, die vermutete antideutsche und staatsfeindliche Aktivitäten der Sorben
sowie ihre Kontakte mit slavischsprachigen Nachbarn beobachten sollte. Im
Dritten Reich wurden, unterbrochen von einer kurzen Toleranzphase (um Retor-
sionsmaßnahmen gegen deutsche Minderheiten im Ausland zu vermeiden), das
Sorbische allmählich ganz aus der Öffentlichkeit verdrängt, sorbische Aktivis-
ten versetzt oder verhaftet und sorbische Organisationen verboten.
In der Nachkriegszeit änderte sich die sprachenpolitische Situation grund-
legend. Wie bereits erwähnt, erfuhren die Sorben und das Sorbische von staatli-
cher Seite eine recht große Förderung (die allerdings durch politisches Wohl-
verhalten erkauft werden musste), die, zumindest in den frühen Jahren der DDR,
durchaus Züge einer kompensatorischen Sprachenpolitik trug. Ein wichtiger
Aspekt dieser Förderung ist darin zu sehen, dass die Sorben zum ersten Mal in
ihrer Geschichte über staatliche oder zumindest staatlich unterstützte Strukturen
verfügten. Damit konnten sie auch eigene sprachenpolitische Vorstellungen
verbindlich machen und durchsetzen, während vorher sprachenpolitische Be-
mühungen im Wesentlichen Ausfluss individueller Ansichten waren und bes-
tenfalls innerhalb eines kleinen Kreises (z. B. in der wissenschaftlichen Orga-
nisation Maüica Serbska) umgesetzt wurden. Ein spezifischer Aspekt dieser
„Verstaatlichung“ der Sorben und des Sorbischen war die staatliche Kontrolle
über die Medien (sowohl Printmedien als auch Rundfunk), die sicherstellte, dass

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 121

nur das öffentlich verbreitet wurde, was den sprachenpolitischen Konzeptionen


der in diesen staatlichen Strukturen verantwortlich Tätigen entsprach.
Bei dieser neuen Form von Sprachenpolitik im Sorbischen ist zu unter-
scheiden zwischen der deutsch-sorbischen (Verhältnis zwischen Deutsch und
Sorbisch) und der innersorbischen Sprachenpolitik (Verhältnis zwischen Ober-
und Niedersorbisch), außerdem in beiden Fällen zwischen status planning und
corpus planning. Immer war das oberste Ziel der Sprachenpolitik die Erhaltung
der sorbischen Sprachsubstanz. Ihr Erfolg ist also daran zu messen, inwieweit
dies gelungen ist.
Beim deutsch-sorbischen status planning stand die Frage nach der Position
des Sorbischen im Sprachgebiet im Mittelpunkt. Hier gab es im Laufe der Zeit
eine deutliche Entwicklung zu Ungunsten des Sorbischen. Während ursprüng-
lich die Absicht (auch von deutscher Seite) vorherrschte, die Lausitz zu einem
zweisprachigen Gebiet zu machen, änderte sich das später dahingehend, dass
man zwar den Sorbischsprachigen Zweisprachigkeit zubilligte, die Deutsch-
sprachigen aber nicht mehr verpflichten mochte, Sorbisch zu lernen. Diese Ent-
wicklung schlug sich sehr einprägsam darin nieder, dass die ursprüngliche
Losung16
Łužica budĨe dwurČþna! Łužyca buĨo dwojorČcna! Die Lausitz wird zwei-
sprachig!17

noch in den fünfziger Jahren ersetzt wurde durch


Łužica budĨe socialistiska! Łužyca buĨo socialistiska! Die Lausitz wird sozialis-
tisch!

Einen ähnlichen Effekt hatte die so genannte 7. Durchführungsbestimmung von


1964, welche die Position des Sorbisch-Unterrichts an den B-Schulen deutlich
schwächte.18
16
Eigentlich hätte die Losung ja nicht die Zwei-, sondern die Dreisprachigkeit des Gebiets
betonen sollen (Obersorbisch, Niedersorbisch, Deutsch). Diese Verkürzung lässt sich zum
einen dadurch erklären, dass nicht das Gebiet, sondern die Individuen gemeint waren,
zum andern kann es aber auch darauf hinweisen, dass das Sorbische als eine Sprache
gesehen wurde (siehe dazu später).
17
Wenn Beispiele sowohl ober- als auch niedersorbisch angeführt werden, steht das
Obersorbische an erster Stelle.
18
In der DDR unterschied man Schulen mit sorbischer Unterrichtssprache (A-Schulen) von
solchen mit sorbischem Sprachunterricht (B-Schulen). Erstere gab es fast ausschließlich
im Kerngebiet, und sie waren primär für Kinder mit sorbischer Muttersprache gedacht
(bzw. für deutschsprachige Kinder, die sich sprachlich sehr rasch assimilierten), letztere
für Sorbisch-Muttersprachler in Gebieten, wo es keine A-Schulen gab, und für deutsch-
sprachige Kinder, die Sorbisch lernen wollten. Daneben gab es gemischte Schulen mit A-
und B-Klassen. Vgl. zur sorbischen Schulpolitik in der DDR Pech, Edmund: Ein Staat –

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122 Roland Marti

Das Hauptproblem war allerdings ein anderes, und zwar die Tatsache des
Nebeneinanders einer dominierenden und einer Minderheitensprache. Die Spra-
chenpolitik konzentrierte sich auf das Sorbische und verschloss weitgehend die
Augen vor der Dominanz des Deutschen. Insbesondere gab es kaum Vorstel-
lungen darüber, wie die beiden Sprachen in der Öffentlichkeit, aber auch in den
Individuen koexistieren könnten, und es wurden auch keine Strategien dafür
entwickelt. Erst in den letzten Jahren findet hier ein Umdenken statt. Am deut-
lichsten ist das im Kontext des Witaj-Konzepts zu erkennen.19 Das ist schon äu-
ßerlich an der Werbung ersichtlich: „Sprachen können, das ist cool!“20 Auch
inhaltlich ist die Mehrheitssprache immer mitgedacht: Immersion in der Min-
derheitensprache schafft in der Vorschule ein Gegengewicht zur sonstigen Do-
minanz der Mehrheitssprache, und das schulische Konzept „2 plus“ fördert das
Sorbische, ohne das Deutsche (und weitere Sprachen) aus dem Blick zu verlie-
ren. Ob dadurch die Position des Sorbischen nachhaltig gefestigt wird, ist noch
nicht absehbar; immerhin sind die Ausgangspositionen realistischer.
Ein symbolisch wichtiger Aspekt war schließlich die offizielle Bezeichnung
der Minderheit und ihrer Sprache im Deutschen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein
war allgemeinsprachlich die Bezeichnung „Wenden“ und „wendisch“ üblich, in
wissenschaftlicher Literatur dagegen „Sorben“ und „sorbisch“.21 Nach 1945
herrschte bei den für die Sprachenpolitik Verantwortlichen die Vorstellung vor,
die Bezeichnungen „Wenden“ und „wendisch“ seien durch die nationalsozialis-
tische Sprachverwendung negativ konnotiert, und sie reagierten darauf mit einer

eine Sprache? Deutsche Bildungspolitik und autochthone Minderheiten im 20. Jahr-


hundert. Die Sorben im Vergleich mit Polen, Dänen und Nordfriesen. Bautzen 2012 (=
Schriften des Sorbischen Instituts, 56), 177–241.
19
Das Witaj- (bzw. WITAJ-)Konzept (witaj = ,willkommen‘) ist vom DIWAN-Modell des
Bretonischen inspiriert, das im Wesentlichen mit Immersion in der Vorschule arbeitet, um
die Minderheitensprache zu fördern. Im Sorbischen gibt es zwei Organisationen, die sich
auf das Konzept berufen: zum einen den Sorbischen Schulverein e. V. (Serbske Šulske
Towar(i)stwo) mit Witaj®, zum andern das von der Domowina, dem sorbischen Dachver-
band, getragene WITAJ-Sprachzentrum (RČþny centrum / RČcny centrum WITAJ). Erste-
rer betreibt vorschulische Einrichtungen, die nach dem Prinzip der vollständigen Immer-
sion funktionieren, und hat das Konzept „2 plus“ für die Schulen entwickelt, letzteres
erarbeitet Lehrpläne und Hilfsmittel für den Unterricht. Vgl. dazu Nowak, MČto: Rewita-
lizČrowaĞ dolnoserbšüinu – šulske móžnosüi a koncepty. Masterarbeit Leipzig 2012, 102–
103, und Schulz, Jana: Das Sorbische als Minderheitensprache. In: Christel Stolz (Hg.):
Neben Deutsch. Die autochthonen Minderheiten- und Regionalsprachen Deutschlands.
Bochum 2009 (= Diversitas linguarum, 23), 102–120; 112.
20
<www.witaj-sprachzentrum.de/files/sprachen%20koennen%20das%20ist%20coolWEB-
.pdf>
21
Daneben gab es auch Mischformen wie „Sorberwenden“, „lausitzisch-wendisch“, „sor-
bisch-wendisch“ u. ä.

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 123

frühen Form von political correctness, indem diese Bezeichnungen überall durch
„Sorben“ und „sorbisch“ ersetzt wurden.
Beim corpus planning spielt der Einfluss des Deutschen auf das Sorbische
eine große Rolle. Durch das jahrhundertelange Nebeneinander von Deutsch und
Sorbisch mit klarer Dominanz des Deutschen im amtlichen und im schriftlichen
Bereich gab und gibt es im Sorbischen zahlreiche Germanismen, und zwar auf
allen sprachlichen Ebenen. Am auffälligsten sind sie im graphischen, lexika-
lischen und grammatikalischen Bereich.22 Im Rahmen der sorbischen „Wieder-
geburt“, die ihrerseits von entsprechenden slavischen Bemühungen inspiriert
war (insbesondere der Konzeption der slavischen Wechselseitigkeit von J. Kol-
lár),23 gab es schon im 19. Jahrhundert Bemühungen, das Sorbische von Ger-
manismen zu reinigen (häufig durch Anleihen aus dem ýechischen). Sie blie-
ben aber im Wesentlichen auf die intellektuelle Elite beschränkt, während das
umgangssprachliche Sorbisch weiterhin stark von Germanismen durchsetzt
blieb. Durch das mediale Monopol und über die Schulen konnte nun nach dem
Zweiten Weltkrieg dieses gereinigte Sorbisch für verbindlich erklärt werden,
was zu einer deutlichen Distanz zwischen dem offiziellen und dem umgangs-
sprachlichen Sorbischen führte. Daraus konnten sich Akzeptanz-Probleme er-
geben (siehe später).
Am Übergang zwischen deutsch-sorbischer und innersorbischer Sprachen-
politik ist ein spezifisches Problem angesiedelt: die Wahrnehmung des Sorbi-
schen aus deutscher Perspektive. Es scheint, als habe hier die Tendenz bestan-
den, das Sorbische als eine Sprache zu sehen, und zwar eher aus praktischen
Gründen: Unterrichtsmaterialien hätten dann nicht doppelt hergestellt werden
müssen.24 Genau dieses Problem beschäftigte auch diejenigen, die mit der in-
nersorbischen Sprachenpolitik befasst waren. Es ging im Rahmen des status
planning zunächst einmal um das gegenseitige Verhältnis von Ober- und Nie-
dersorbisch und die Konsequenzen, die sich daraus für die Sprachenpolitik er-
gaben. Die am weitesten gehende Forderung war, nur eine Standardsprache zu
verwenden. Dies konnte auf zwei Wegen erreicht werden. Man konnte einmal
auf eine der beiden Standardsprachen verzichten: Aufgrund der kulturpolitischen

22
Im graphischen Bereich war es die Verwendung der Frakturschrift und einer am Deut-
schen orientierten Orthographie, lexikalisch Beispiele wie lazowaü/lazowaĞ für ,lesen‘
(ersetzt durch þitaü/cytaĞ), grammatikalisch etwa der Gebrauch des Demonstrativprono-
mens in der Funktion des bestimmten Artikels.
23
Kollár, Jan: Rozpravy o slovanské vzájemnosti. Praha 1929 (= Knihovna Slovanského
ústavu v Praze, 1).
24
Offenbar erhob das Deutsche Pädagogische Institut, dem die Herstellung sorbisch-
sprachiger Unterrichtsmaterialien oblag, eine entsprechende Forderung (Nowotny, Pawoł:
PĜispomnjenja k MČtškowej spisownej reformje delnjoserbšüiny. In: Rozhlad, 45 (1995),
321–322).

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Verhältnisse wäre dann das Obersorbische auch die Standardsprache für die
Niedersorben geworden.25 Zum andern konnte man die beiden Standardsprachen
einander annähern und dadurch eine Kompromiss-Standardsprache schaf-
fen.26 Dabei stellte sich natürlich die Frage, was aus den jeweiligen Standard-
sprachen in die neu zu schaffende übernommen werden sollte. Die konserva-
tivere Position lautete, Ober- und Niedersorbisch weiterhin als selbstständige
Standardsprachen anzuerkennen und von dieser Basis aus sprachenpolitisch
tätig zu werden. Im Rahmen dieser Diskussionen wurde auch ausdrücklich die
Frage gestellt, ob man das Niedersorbische in Zukunft als selbständige Spra-
che oder als Dialekt zu betrachten habe.27 Im Ergebnis wurde das Niedersorbi-
sche als selbständige Sprache, gleichberechtigt mit dem Obersorbischen, aner-
kannt und der Idee einer Vereinigung der beiden eine Absage erteilt. Gleichzeitig
wurde aber festgestellt, bei der Schaffung neuer Termini für das Niedersorbi-
sche sei der obersorbische Wortschatz als Grundlage zu nutzen. Bei all diesen
Diskussionen fällt auf, dass die Initiative immer von obersorbischer Seite
ausging und dass, trotz gelegentlicher gegenteiliger Beteuerungen, eine Asym-
metrie zugunsten des Obersorbischen ausdrücklich oder implizit vorausgesetzt
wurde. Dafür gab es durchaus objektive Gründe: Die sorbische Wiedergeburts-
bewegung nahm ihren Anfang im obersorbischen Bereich und war dort we-
sentlich früher und stärker aktiv, gesamtsorbische Organisationen hatten und
haben ihren Sitz im obersorbischen Sprachgebiet und sind personell von Ober-
sorben dominiert, im obersorbischen Raum ist die sprachlich bewusste intellek-
tuelle Elite zahlreicher und es gibt ein stärker ausdifferenziertes sorbisches
kulturelles Leben. Und in der Zeit des Aufbaus einer sorbischen Infrastruktur
und eines sorbischen kulturellen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten
Obersorben im niedersorbischen Sprachgebiet eine Art „Entwicklungshilfe“,
die aufgrund der geringen Zahl von entsprechend qualifizierten Niedersorben,
die zur Verfügung standen, notwendig war. Allerdings berücksichtigte diese

25
Diese Position vertrat zeitweise der Vorsitzende der Domowina, Pawoł Nedo (Pohon-
þowa, Anja: Procowanja wo pĞibliženje gorno- a dolnoserbskego pšawopisa po lČĞe 1945.
In: LČtopis, 48 (2000) 1, 3–21; 4). Sie ging ihrerseits auf wesentlich ältere Vorschläge
zurück: So forderte schon im 17. Jahrhundert Abraham Frencl, ein Obersorbe, die nieder-
sorbischen Geistlichen auf, in der Kirche das Obersorbische zu verwenden (Muka, Ernst:
Frenceliana. Druhi dĨČl. Abraham Frencel jako serbski rČþnicaĚ. In: ýasopis Maüicy
Serbskeje, 34 (1881), 69–78; 74).
26
Das war der Vorschlag von Jenþ, Rudolf: Chcemy-li jednotnu serbšüinu. NČšto wo
reformje serbskeho prawopisa. In: Nowa Łužica, 2 (1948), 4–5 (= Nowa doba, 28 (1948),
38). Auch er konnte sich auf Vorläufer beziehen, vgl. Hórnik, Michał: Wutworjenje
našeje spisowneje rČþe a jeje zbliženje z delnjoserbskej. In: ýasopis Maüicy Serbskeje, 33
(1880), 155–164.
27
„Mamy delnjoserbšüinu w pĜichodĨe wobhladowaü jako samostatnu rČþ abo jako narČþ?“
(Pohonþowa 2000: 4).

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Hilfe nicht immer die spezifischen Verhältnisse in der Niederlausitz. Dies


schlug sich auf sprachlichem Gebiet insbesondere im corpus planning nieder,
über das viel Obersorbisches in die niedersorbische Standardsprache einfloss
(vgl. dazu später).
Ein anderes Problem, das ebenfalls noch dem innersorbischen status plan-
ning zuzurechnen ist, betrifft das Verhältnis zwischen der Standardsprache ei-
nerseits und der Umgangssprache andererseits. Wie bereits erwähnt, gab es bei
der Kodifizierung und Ausgestaltung der obersorbischen Standardsprache seit
dem 19. Jahrhundert starke puristische Tendenzen, die „Germanismen“ be-
kämpften und an ihre Stelle „Slavismen“ setzten.28 Dies führte zu einer deutli-
chen Wegentwicklung der Standardsprache vom gesprochenen Sorbischen, und
das wurde auch schon bald kritisch vermerkt.29 Dennoch hielt sich die puristi-
sche Tendenz, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie mit staatlicher Un-
terstützung für allgemein verbindlich erklärt und durchgesetzt. Für das Ober-
sorbische gilt das im Wesentlichen bis heute: Für das mediale Wort ist nur das
Standardsorbische zulässig. Ein Versuch, in der Kulturzeitschrift Rozhlad bei
der Wiedergabe von Interviews mit Jugendlichen aus dem „Kerngebiet“ die um-
gangssprachlichen Antworten als solche wiederzugeben,30 führte zu heftigen
Reaktionen.31 Eine erste Beschreibung der Umgangssprache im obersorbischen
28
Vgl. Šołüina, Jana: K prašenju purizma w hornjoserbskej spisownej rČþi. In: LČtopis, 44
(1997) 1, 169–179, und die dort angeführte Literatur. In der Typologie von G. Thomas
handelt es sich beim sorbischen Purismus um eine Mischung aus „élitist“ und „xenopho-
bic purism“ (Thomas, George: Linguistic Purism. London/New York 1991 (= Studies in
Language and Linguistics), 75–81).
29
Vgl. etwa die Replik von Schmaler, Johann E.: Die Schmähschrift des Schmiedemeisters
Stosch gegen die sprachwissenschaftlichen Wenden, beleuchtet vom Standpunkte der
Wissenschaft und Wahrheit. Bautzen 1868, auf entsprechende Vorwürfe (die offenbar kei-
nen Niederschlag in heute noch zugänglichen Quellen gefunden haben). Ähnliche kriti-
sche Bemerkungen von Jan Awgust Sykora, die der Autor wohl zur Veröffentlichung
eingereicht hatte, die aber bezeichnenderweise nur in Manuskriptform im Archiv der
Maüica Serbska erhalten geblieben sind, liegen aus dem Jahr 1904 vor (Kritiske pĜi-
spomnjeĔki wot A. Sykory, nČhdy fararja w Smilnej, ryüerja Kral. saksk. albrechtsk. rjada
I. klassy, Hs. SKA (Budyšin/Bautzen) MS V 4 H).
30
Weclichec, Beatrice: Hajenje nałožka w Nuknicy na moderne wašnje. In: Rozhlad, 62
(2012) 2, 3–6; No. 3, 16–19; No. 4, 18–21. In einer Anmerkung zum ersten Teil verwies
die Verfasserin darauf, die Niederschrift der Antworten sei nicht in die Standardsprache
übertragen worden („Zapis wotmołwow njebu pĜenjeseny do spisowneje rČcy.“). Dem
zweiten und dritten Teil wurde dann eine erweiterte Begründung vorangestellt, die aus-
führte, dass dies eine Dokumentierung des umgangssprachlichen Sorbischen sei und dass
die Gesprächspartner sich damit einverstanden erklärt hätten („Jako dokumentacija wob-
chadneje serbšüiny njebu zapis wotmołwow pĜenjeseny do spisowneje rČþe. Rozmołwni
partnarojo su wozjewjenje w tutej formje dowolili.“ [Hervorhebung im Original]).
31
Šołüic, LeĔka: Wužiwanje wobchadneje rČþe w medijach a literaturje. In: Rozhlad, 62
(2012) 4, 35–37; 35. Der Artikel selbst verteidigte das Vorgehen der Autorin und des ver-

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„Kerngebiet“, welche diese nicht als defizitäre Form der Standardsprache be-
trachtet, wurde erst nach der Jahrhundertwende vorgelegt.32
Ein ähnliches Problem ergab sich im niedersorbischen Sprachgebiet bezüg-
lich des Verhältnisses zwischen Standardsprache und Dialekt. Die niedersor-
bische Standardsprache entwickelte sich aufgrund von puristischem, oft vom
Obersorbischen inspiriertem corpus planning (siehe dazu später) nach dem
Zweiten Weltkrieg sehr stark von den Dialekten weg und wurde von der mutter-
sprachlichen Bevölkerung als fremd empfunden. Da die Förderung nur dem
standardsprachlichen Niedersorbischen zuteil wurde, führte dies vielfach zu
einer Verweigerungshaltung gegenüber einer Sprachenpolitik, welche den Dia-
lekt in Schule und Medien stigmatisierte.
Im Rahmen des innersorbischen corpus planning nach dem Zweiten Welt-
krieg spielte, wie bereits erwähnt, der Purismus eine zentrale Rolle. Er war
obersorbisch inspiriert und führte zu einer asymmetrischen Annäherung der
niedersorbischen an die obersorbische Standardsprache. Dazu kamen weitere
Tendenzen, Obersorbisch und Niedersorbisch einander anzunähern, die von der
zuständigen niedersorbischen Subkommission der gesamtsorbischen Sprach-
kommission als jadnakoserbskosü (,sorbische [sprachliche] Einheitlichkeit‘) ge-
fördert wurde, in der Regel in der gewohnten asymmetrischen Form. Auch
wenn der Begriff hauptsächlich im Zusammenhang mit Terminologiearbeit ver-
wendet wurde, waren praktisch alle sprachlichen Ebenen davon betroffen.
Auf graphischem Gebiet war die einschneidendste Änderung die endgültige
Einführung der Antiqua und der so genannten „analogen Rechtschreibung“ nach
slavischem (meist þechischem) Vorbild mit diakritischen Zeichen und morpho-
logischer (z. T. sogar historischer) Schreibung statt aus dem Deutschen vertrau-
ter und stark an der Aussprache orientierter Graphie (<sch>, <ß>, keine Schrei-
bung „stummer“ Konsonanten usw.). Für viele, in ihrer Muttersprache meist
nur rudimentär durch kirchlichen Unterricht alphabetisierte Sorben stellte diese
Neuerung ein schwer zu überwindendes Hindernis dar. Statt umzustellen, ver-
zichteten sie darauf, Geschriebenes in der neuen Form zu nutzen, und wurden
zu „sekundären“ Analphabeten in ihrer Muttersprache. Dazu kam eine Recht-
schreibreform, deren erklärtes Ziel die Annäherung von Ober- und Niedersor-
bisch war. Auch diese Annäherung war asymmetrisch.33 Im Obersorbischen

antwortlichen Redakteurs. Die Verwendung der Umgangssprache wurde sogar bei der
Jahresversammlung der wissenschaftlichen Gesellschaft Maüica Serbska thematisiert und
kontrovers diskutiert.
32
Scholze, Lenka: Das grammatische System der obersorbischen Umgangssprache im
Sprachkontakt. Bautzen 2008 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 45).
33
Es ist deshalb kaum erstaunlich, dass die Reformen von niedersorbischen Vertretern in
den entsprechenden Kommissionen gar nicht oder nur unter Druck mit getragen wurden,
vgl. die Darstellung bei Pohonþowa 2000.

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 127

wurde lediglich die Schreibung von anlautendem <kh> an niedersorbisches


<ch> angeglichen. In umgekehrter Richtung wurde in einigen Wörtern <i>
durch <Č> ersetzt, ebenso anlautendes <h> durch <w>, beides immer dort, wo
obersorbisch <Č> bzw. <w> stand. Darüber hinaus verschwand <ó> vollständig
aus dem Niedersorbischen (im Obersorbischen, wo seine Verwendung andern
Regeln folgte, blieb es erhalten), und die Palatalisierung der Konsonanten
wurde wie im Obersorbischen grundsätzlich durch <j> bezeichnet (jotowanje),
während das Niedersorbische vorher eine an der konkreten Aussprache orien-
tierte Mischung aus Bezeichnung durch diakritische Zeichen (Akut über dem
jeweiligen Konsonanten, smužkowaĔe) bzw. durch jotowanje gekannt hatte.34

NS OS D
-1950 ab 1951 heute
nimski nČmski nimski nČmski deutsch
hopacny wopacny wopacny wopaþny verkehrt
bólosĔe bolosnje bólosnje bolostnje schmerzhaft
Tabelle 1. Rechtschreibreformen im Niedersorbischen

Diese ursprünglich rein orthographischen Änderungen wirkten sich auch auf


das gesprochene Sorbische aus, und zwar vor allem wieder im Niedersor-
bischen. In der Schule lehrte und im Rundfunk verwendete man nämlich eine
stark an der Schrift orientierte Aussprache (spelling pronunciation). Dadurch
wurde für die muttersprachlichen Niedersorben nicht nur die geschriebene,
sondern auch die gesprochene Standardsprache verfremdet.
In der Grammatik wurde der Purismus, der im Obersorbischen bereits eine
gewisse Tradition hatte, nun auch auf das Niedersorbische ausgeweitet. So
wurde, wie erwähnt, die Verwendung des Artikels unterbunden, ebenfalls am
Deutschen orientierte Passivbildungen (v. a. mit wordowaĞ [= ,werden‘] und
Passivpartizip). Des Weiteren kam es zu Übernahmen obersorbischer Struktu-
ren, etwa der Kategorie der Personalität bei den Maskulina.35
Am auffälligsten war der lexikalische Purismus, da er einerseits zum Teil
bereits fest eingebürgerte Entlehnungen aus dem Deutschen ersetzte, wobei das
Ersatzwort meist im Obersorbischen schon existierte und für das Niedersorbi-
sche in der Regel phonetisch/graphisch, etwas weniger häufig auch wortbil-

34
In dieser und in der folgenden Tabelle sind auch die Veränderungen nach 1989 berück-
sichtigt (vgl. dazu später).
35
Vgl. Janaš, PČtr: Niedersorbische Grammatik für den Schulgebrauch. Bautzen 21984, 74:
„Unter dem Einfluß des Obersorbischen hat sich in der Literatur der Usus herausgebildet,
die Kategorie der Belebtheit im Niedersorbischen nur bei den Rationalia und dort stets
anzuwenden.“ [Hervorhebung im Original]

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128 Roland Marti

dungsmäßig angepasst wurde. Andererseits ersetzte er z. T. auch originär nie-


dersorbische Wörter durch obersorbische Entsprechungen.36

D NS<1945 NS<1989 NS heute OS


Stunde štunda goĨina góĨina/štunda hodĨina
beten bjatowaĞ modliĞ se bjatowaĞ (módliĞ se) modliü so
Elektrizität elektrica milina milina (elektrica) milina
Ursache zawina pĞicyna zawina (pĞicyna) pĜiþina
Tabelle 2. Lexikalische Übernahmen im Niedersorbischen

Dazu kam, dass sich die im niedersorbischen Sprachgebiet tätigen Obersorben


sprachlich z. T. nur ungenügend anpassten und dadurch weitere obersorbische
sprachliche Elemente ins Niedersorbische gelangten, wenn auch meist nur als
Okkasionalismen.37
Eine unerwünschte Nebenerscheinung dieses eigentlich auf die Förderung
des Sorbischen (und hier insbesondere des Niedersorbischen) ausgerichteten
corpus planning war die Entfremdung eines Teils der muttersprachlichen
Bevölkerung von der offiziell propagierten Sprachform. Ausdruck dafür ist die
im Niedersorbischen allgemein bekannte und häufig zitierte Meinung zu der in
Schule und Medien verwendeten Sprache: „To njejo naša rČc!“ [Das ist nicht
unsere Sprache!]38 Eine besonders fatale Konsequenz dieser Einstellung war
der Verzicht auf die Weitergabe der Minderheitensprache an die nächste
Generation. Sie wurde nur noch in der Elterngeneration verwendet, so dass die
Kinder bestenfalls über passive Sprachkenntnisse verfügten und der vollständi-
ge Sprachwechsel bereits in der dritten Generation vollzogen war.
Insgesamt hinterlässt die Sprachenpolitik der DDR einen zwiespältigen Ein-
druck. Sie investierte zwar in großem Umfang in Maßnahmen zur Erhaltung
und Förderung des Sorbischen, erreichte aber durch einzelne sprachenpolitische
Maßnahmen im Bereich des corpus planning genau das Gegenteil. Dies gilt
insbesondere für den niedersorbischen Bereich. Das war den vor Ort mit
sprachlichen Fragen Befassten durchaus bewusst, und es gab auch Versuche
gegenzusteuern. Insbesondere gelang es, die lexikalischen Obersorabismen in

36
Vgl. dazu Pohontsch, Anja: Der Einfluss obersorbischer Lexik auf die niedersorbische
Schriftsprache. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der niedersorbischen Schriftspra-
che. Bautzen 2002 (= Schriften des Sorbischen Instituts, 30).
37
Die Untersuchung der Sprache der einzigen niedersorbischen Zeitung Nowy Casnik durch
Pohontsch 2002: 297–299, zeigt, dass Obersorabismen v. a. in der Frühzeit der DDR, d. h.
bis zum Ende der fünfziger Jahre, besonders zahlreich waren.
38
Vgl. dazu die adjektivische Bildung „njenaša rČc“ [die nicht-unsrige Sprache] in Starosta,
Manfred: Wuwiüe a zmČny rČþneho wuraza. Dolnoserbska leksika. In: Helmut Faska
(Hg.): Serbšüina. Opole 1998 (= Najnowsze dzieje jĊzyków słowiaĔskich), 249–255; 249.

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der niedersorbischen Standardsprache zurückzudrängen und die dialektale


Sprache zu „revalorisieren“. Grundsätzliche Veränderungen waren aber ange-
sichts der zentralistisch organisierten Sorbenpolitik der DDR erst nach 1989
möglich. Am deutlichsten traten diese Veränderungen beim Niedersorbischen
zutage, weshalb die folgenden Ausführungen die Entwicklungen in diesem
Sprachgebiet behandeln.
Im niedersorbischen Bereich war die sprachliche Situation mittlerweile
besonders prekär geworden. Die natürliche Weitergabe des Niedersorbischen in
der Familie und in der Sprachgemeinschaft existierte praktisch nicht mehr, und
die muttersprachliche Bevölkerung war nicht mehr in gebärfähigem Alter
(„beyond child-bearing age“).39 Eine erfolgreiche Sprachenpolitik musste sich
deshalb zum Ziel setzen, die noch vorhandene sprachliche Substanz zu nutzen
und möglichst zu erhalten.
Aufgrund der komplexen Situation (geringe Zahl von sprachenpolitisch
aktivierbaren Muttersprachlern und Überwiegen von Nicht-Muttersprachlern in
den sorbischen Institutionen) kam es nicht zu einer radikalen Umkehr in der
Sprachenpolitik, sondern zu allmählichen Veränderungen.
Die Veränderungen betrafen zunächst die Aussprache, weil es keine feste
Kodifizierung gab, sondern nur den Usus in Schule und Medien, der sofort,
ggf. auch auf individueller Basis, umgestellt werden konnte. Man gab die Aus-
sprache nach der Schreibung auf und versuchte, die alte dialektale Tradition
wiederzubeleben, insbesondere bezüglich der Aussprache von ó und anlauten-
dem h- (oder Ø-) in Positionen, wo seit der Rechtschreibreform <w> geschrie-
ben (und eben auch gesprochen) wurde. Dies bedeutete gleichzeitig eine
Aufwertung der dialektalen Formen des Niedersorbischen. Plötzlich bemühten
sich die Nichtmuttersprachler, die dialektale Sprache nachzuahmen. Als Konse-
quenz davon schwächte sich auch der Purismus ab, und zwar sowohl der
grammatikalische als auch der lexikalische. Im Nowy Casnik nahmen die Fälle
zu, in denen das ursprüngliche Demonstrativpronomen als Artikel verwendet
wurde.40 Allmählich dehnte sich die Liberalisierung auch auf Passivkonstruk-
tionen mit wordowaĞ aus. Parallel dazu kehrten auch alte lexikalische Germa-

39
Damit stand das Niedersorbische in der „Graded Intergenerational Disruption Scale“ von
Fishman, Joshua A.: Reversing Language Shift: Theoretical and Empirical Foundations of
Assistance to Threatened Languages. Clevedon 1991, auf Stufe 7 und galt damit als im
höchsten Maße gefährdet.
40
In der puristischen Variante des Niedersorbischen wurde das ursprüngliche Demonstrativ-
pronomen ten/ta/to, das vorher als Artikel gedient hatte, fast ausschließlich mit voran-
gestelltem toĞ verwendet, wohl um deutlich zu machen, dass es sich nicht um einen Arti-
kel handle. Heute wird ten/ta/to zunehmend wieder allein gebraucht, z. T. in der Funktion
eines Demonstrativpronomens, z. T. als Artikel.

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nismen zurück und es kamen neue dazu, anfänglich in Anführungszeichen,


später als normale Elemente der Sprache.41
Schwieriger umzusetzen waren Veränderungen auf dem Gebiet der Recht-
schreibung, da diese nicht stillschweigend eingeführt werden konnten, sondern
eine Veränderung der Kodifikation erforderten, was wiederum einen Beschluss
der Sprachkommission voraussetzte. Die Schreibung von <Č> statt <i> in eini-
gen Wörtern wurde 1995 rückgängig gemacht. Die Wiedereinführung von <ó>
erfolgte in zwei Etappen: 1996 wurde <ó> als „orthographisches Hilfszeichen“
zugelassen, 2006 als reguläres Graphem.42
Zwei weitere Punkte der Reform blieben aber bestehen: Als alleiniges
Mittel zur Bezeichnung der Palatalisierung diente weiterhin <j>, und anlauten-
des <w> erfuhr ebenfalls keine Änderung. In letzterem Fall kam es aber zumin-
dest zu einer Aufweichung: In kirchlichen Texten wird zum Teil <h> geschrie-
ben,43 wohl weil ein emblematisches Wort, nämlich „Heiland“, davon betroffen
ist (wumožnik bzw. humožnik).
Die Rückbesinnung auf ältere Traditionen ging aber nach 1989 im Nieder-
sorbischen noch weiter: Es kam sogar zu einer beschränkten Wiederbelebung
der Fraktur und der in ihr verwendeten, am Deutschen orientierten Rechtschrei-
bung in zwei Veröffentlichungen.44 Darüber hinaus erschien eine Zeitlang in
der Zeitung Der Märkische Bote eine Kolumne in dieser Form des Niedersorbi-
schen. Allerdings handelte es sich immer um Paralleldruck (alle Texte erschie-
nen zusätzlich in Antiqua und analoger Rechtschreibung).45 Der Paralleldruck

41
Die Wiederbelebung insbesondere der Germanismen löste Diskussionen aus: Einerseits
wurde das als Prozess einer „Demokratisierung“ der Sprache begrüßt (Geskojc, Anja:
WČcej tolerantnosüi! In: Rozhlad, 45 (1995), 435–438), anderseits als „Pauperisierung“
verurteilt (Faska, Helmut: DĨČl a knjež! – Aktualne problemy Serbow a serbskeje rČþe w
Delnjej Łužicy. In: ElĪbieta Wrocławska/Jadwiga Zieniukowa (Hg.): JĊzyki mniejszosüi i
jĊzyki regionalne. Warszawa (= JĊzyki na pograniczach, 24), 173–183).
42
Es handelt sich dabei aber nicht um die einfache Wiedereinführung der früheren Schrei-
bung, da die Regeln für die Verwendung von <ó> neu gefasst wurden (vgl. Starosta,
Manfred: Pismik ó w dolnoserbšüinje. In: Serbska šula, 51 (1998) 6, 111–112. Dies gab
wiederum Anlass zu Kritik (Faska, Helmut: Pismik ó w delnjoserbšüinje. In: Serbska šula,
60 (2007) 1, 10–12).
43
So gab es zum niedersorbischen Perikopenbuch, das 2011 in offizieller Orthographie
gedruckt wurde, d. h. mit anlautendem <w> (Dolnoserbske perikopy. Bibliske cytanja za
dolnoserbske namše. Cottbus 2011), 2012 eine Version mit „<h>-Orthographie“ auf CD
(W[ieczorek], G[rzegorz]: Jadna rČc, wjelgin wšake naglČdy. In: Nowy Casnik, 51
(2012), 5).
44
Erschienen sind das Liturgieformular mit einigen zusätzlichen Texten (Dolnoserbska
liturgija. Budyšyn 1991) und die Neuauflage des Kirchengesangbuches (Duchowne
kjarliže. Budyšyn 2007).
45
Beim Paralleldruck in Antiqua herrschte Uneinheitlichkeit: Während die beiden kirchli-
chen Publikationen jeweils die zum betreffenden Zeitpunkt gültige Variante der nieder-

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 131

ist ein Hinweis auf die Funktion der Schriftwahl: Das Ziel war, sowohl den
älteren (an den alten Texten alphabetisierten) als auch den jüngeren kirchlichen
Mitgliedern (mit Schulsorbisch als Hintergrund) diese Texte zur Verfügung zu
stellen. Es ging also weniger darum, den Schrift- und Rechtschreibungswechsel
rückgängig zu machen.
Noch in einem weiteren Punkt kam es im niedersorbischen Bereich zu einer
Rückkehr zu früheren Traditionen, und zwar in der Bezeichnung der Sprache
(und der Ethnie). Statt „Sorben“ und „sorbisch“ sollte wieder „Wenden“ und
„wendisch“ gebraucht werden.46 Die Forderungen wurden so nachdrücklich
erhoben, dass sich das Land Brandenburg veranlasst sah, in seinen Veröffentli-
chungen und Gesetzestexten beide Begriffe zu verwenden (vgl. etwa die
Bezeichnung des einschlägigen brandenburgischen Gesetzes in Anm. 4).
Allen angeführten Veränderungen nach 1989 ist eines gemeinsam: Sie sind
eine Form der Autarkisierung des Niedersorbischen gegenüber dem Obersor-
bischen. Die Niedersorben betrachteten den obersorbischen Einfluss nach dem
Zweiten Weltkrieg als einen Faktor, der wesentlich für den starken „Rückzug
aus der Sprache“ im niedersorbischen Raum verantwortlich war, und versuch-
ten ihn durch diese Veränderungen zu eliminieren und gleichsam den status
quo ante wieder herzustellen. Es ist allerdings nicht sicher, ob diese Rechnung
aufgeht. Die Diskussionen, welche die durchgeführten, aber auch die vorge-
schlagenen Veränderungen hervorgerufen haben, zeigen, dass sich durch sie
z. T. eine andere Gruppe benachteiligt fühlte, nämlich die Nichtmuttersprachler.
Sie konnten das ihnen vertraute Niedersorbisch nicht mehr so wie bis anhin
verwenden, und für die richtige Aussprache und Schreibung nach den neuen
Regeln fehlte ihnen der muttersprachliche Hintergrund.
Ganz allgemein ist festzuhalten, dass sprachliche Reformen immer schwer
durchzusetzen sind, selbst wenn sie zu Vereinfachungen führen: Dies zeigen
die zahlreichen Beispiele gescheiterter Rechtschreibreformen. Bei Minderhei-
tensprachen ist die Gefahr negativer Reaktionen noch größer, weil die Sprache
meist besonders stark emotional besetzt ist (Minderheitensprache als die „Spra-
che des Herzens“), was die Bereitschaft, Veränderungen zu akzeptieren, ver-
ringert. Dazu kommt, dass die Standardform der Minderheitensprache oft weni-
ger gut beherrscht wird als diejenige der Mehrheitssprache, weil erstere nicht so

sorbischen Orthographie verwendeten, benutzte die Zeitungskolumne z. T. die alte Recht-


schreibung mit anlautendem <h> und smužkowaĔe.
46
Dabei wurde vielfach argumentiert, die Bezeichnungen seien regional differenziert: „Sor-
ben“ beziehe sich auf die Obersorben, „Wenden“ auf die Niedersorben; entsprechendes
gelte auch für die Sprachbezeichnungen. Vgl. dazu Bartels, Hauke: Niedersorbisch: vom
langen Leben einer oft totgesagten Sprache. In: Stolz 2009: 121–143; 122–123. Gelegent-
lich wurde auch im Niedersorbischen eine entsprechende Differenzierung vorgenommen:
demnach stünde „serbski“ für Obersorbisch und „serski“ für Niedersorbisch.

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132 Roland Marti

intensiv erlernt wurde. Eine Veränderung der Regeln führt dann leicht zu grö-
ßerer Unsicherheit, und dies wiederum verstärkt die Tendenz zum Sprach-
wechsel zugunsten der Mehrheitssprache. Insofern sollten Notwendigkeit und
Form von Reformen im Falle von Minderheitensprachen noch gründlicher
bedacht werden als bei anderen Sprachen, um negative Effekte zu vermeiden.
4. Es ist bereits erwähnt worden, dass es im niedersorbischen Bereich Ver-
suche gibt, dem völligen Verschwinden der Sprache in letzter Minute Einhalt
zu gebieten. Der Ansatz dazu ist die Revitalisierung des Niedersorbischen bei
nichtmuttersprachlichen Kindern durch die Methode der sprachlichen Immer-
sion. Dies geschieht in vorschulischen Einrichtungen vom Witaj-Typus. Daran
sollte sich ein bilingualer Schulunterricht im Rahmen der „2 plus“-Konzeption
anschließen, im Idealfall durchgehend bis zum Abitur oder sogar in den tertiä-
ren Bildungsbereich hinein. Ziel ist eine stabile Zweisprachigkeit auf möglichst
hohem Niveau, die dann auch an die nächste Generation weitergegeben werden
könnte. Die Konzeption hat aber mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen.
Zum einen verfügen diejenigen, welche die Kinder in den vorschulischen und
schulischen Einrichtungen betreuen, selbst über keine muttersprachliche Kom-
petenz.47 Sie wurden in der Regel in Intensivkursen sprachlich ausgebildet und
verwenden die Sprache außerhalb der Ausübung ihres Berufs kaum. Gravieren-
der ist der Umstand, dass die Kinder nur in den immersiven Einrichtungen mit
dem Niedersorbischen in intensivem Kontakt sind. Gelegenheiten, das Nieder-
sorbische auch außerhalb dieses institutionellen Rahmens anzuwenden, sind
bestenfalls episodisch. Insbesondere ist das familiäre Umfeld der Kinder fast
immer rein deutschsprachig. Und schließlich ist auch die Kontinuität über die
gesamte Schulzeit nicht immer gewährleistet. Insofern drängt sich die Frage
auf, inwieweit hier nachhaltige Ergebnisse im Sinne einer echten Revitalisie-
rung möglich sind. Selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist nicht zu verkennen,
dass die so revitalisierte Sprache anders sein wird als das heute noch von den
letzten Muttersprachlern verwendete Niedersorbische. Das Hauptproblem liegt
darin, dass die Revitalisierung erst zu einem Zeitpunkt einsetzte, als die sprach-
liche Substanz schon zu weitgehend erodiert war. Dadurch fehlt heute das
sprachliche Umfeld, das für einen Erfolg der Immersion von entscheidender
Bedeutung ist.48 Ein solches Umfeld existiert heute nur noch im „Kerngebiet“.
Im Sinne des Erhalts einer echten muttersprachlichen Weitergabe des Sorbi-
47
Dies wird zum Teil dadurch zu kompensieren versucht, dass ältere muttersprachliche Per-
sonen (Sprachpaten) regelmäßig zu Besuch kommen, um den Kindern das „echte“ Nie-
dersorbische zu Gehör zu bringen. Es bleibt aber so, dass ein Großteil der Immersion über
nichtmuttersprachliches Niedersorbisch erfolgt.
48
Die Situation im Bretonischen, dessen DIWAN-Modell das Vorbild für das Witaj-Projekt
abgab, ist diesbezüglich deutlich anders, da es dort noch eine beträchtliche muttersprach-
liche Substanz gibt.

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 133

schen überhaupt sollten deshalb wenigstens hier rechtzeitig die notwendigen


Maßnahmen ergriffen werden.
5. Was hat das nun alles mit dem „Babel Balkan“ zu tun? Wohl mehr, als
man auf den ersten Blick vermuten könnte. Zum einen wird von Betroffenen
selbst ein Bezug hergestellt, und zwar von serbischer Seite. Die Ähnlichkeit der
Selbstbezeichnungen im Slavischen lädt nachgerade dazu ein: Im Sorbischen
wie im Serbischen ist die substantivische Bezeichnung für Serben und Sorben
identisch (Serb bzw. Srb); nur beim Adjektiv wird z. T. sekundär differenziert
(etwa niedersorbisch serbski für ,sorbisch‘ gegenüber serbiski für ,serbisch‘).
Gerade in letzter Zeit werden aus dieser Namensähnlichkeit weitreichende Schlüs-
se gezogen.49
Wichtiger sind aber andere Ähnlichkeiten. So ist etwa auf die Vergleich-
barkeit des Verhältnisses zwischen Serbisch und Kroatisch einerseits und Ober-
und Niedersorbisch andererseits hingewiesen worden. Es gab Versuche, das für
das Serbokroatische erarbeitete Variantenmodell auf die Situation im Sorbi-
schen anzuwenden.50 Auch hinsichtlich der Sprachenpolitik gibt es durchaus
Vergleichbares. Einerseits sind das die Bemühungen der Annäherung mit dem
Ziel eines möglichst einheitlichen Serbokroatischen, wie es etwa die Überein-
kunft von Wien 1850 oder diejenige von Novi Sad 1954 anstrebte. Sie lassen
sich durchaus mit den sprachenpolitischen Maßnahmen zur Annäherung von
Ober- und Niedersorbisch, die oben referiert wurden, vergleichen. Andererseits
gab es ebenso das Streben des kleineren Partners, der sich dominiert fühlte
(Kroaten bzw. Niedersorben), nach sprachlicher Autarkie durch die Betonung
der Unterschiede.51 Mutatis mutandis gilt das noch für ein anderes Sprachen-
paar auf dem Balkan, nämlich Bulgarisch und Makedonisch. Auch das Problem
des Spracherhalts bzw. der Revitalisierung existiert auf dem Balkan. Es gilt für
viele Minderheiten, die in der Vergangenheit dorthin migrierten und heute zu-
nehmend der sprachlichen Assimilierung ausgesetzt sind. In ihrer Mehrheit ver-
fügen sie aber über ein „Mutterland“; absolute Minderheiten sind nicht so zahl-
reich. Das bekannteste Beispiel für eine stark bedrohte absolute Sprachmin-
derheit ist wohl das Aromunische. Schließlich wäre auch noch Ladino (Judesmo,
Judenspanisch) zu erwähnen, das bestenfalls noch über vereinzelte Mutter-
sprachler verfügt. Auch hier gibt es Revitalisierungsbemühungen, allerdings

49
Vgl. etwa Vujiü, Sava S./Bogdan M. Basariü: Severni Srbi (ne)zaboravljeni narod. Etni-
kum koji preživi svaku propast. Belgrad 1998.
50
Brozoviü, Dalibor: Die sorbischen Sprachen – Varianten einer Standardsprache oder
spezifische selbständige Standardsprachen. In: LČtopis, A 34 (1987), 45–56.
51
Allerdings sind hier die Wege zum Teil sehr unterschiedlich. So ist etwa das Kroatische
außerordentlich puristisch, das Niedersorbische aber gerade nicht.

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134 Roland Marti

nicht im ursprünglichen Sprachgebiet selbst, sondern es handelt sich hier um


ein urbanes Phänomen.
6. Spracherhalt und Revitalisierung sind offensichtlich Herausforderungen,
mit denen sich absolute Minderheitensprachen in verschiedenen Regionen Euro-
pas und weltweit konfrontiert sehen. Das Beispiel des (Nieder-)Sorbischen
zeigt, dass Sprachenpolitik mit dem Ziel des Spracherhalts und der Revitalisie-
rung Erfolg haben, aber auch Schaden anrichten kann. Entscheidend für den
Erfolg ist letztlich die Einbeziehung der noch vorhandenen sprachtragenden
Bevölkerung in die Planung und der rechtzeitige Einsatz der notwendigen Maß-
nahmen. Im Falle des (Nieder-)Sorbischen sind in der Vergangenheit Fehler
begangen worden. Die Zukunft wird zeigen, ob die jetzt gewählte Strategie
erfolgreich sein wird und inwieweit bei einem Erfolg die revitalisierte Sprache
ihrem natürlichen Vorgänger noch entspricht.

Abb. 1: Das slavische sprachliche Kontinuum im 9./10. Jahrhundert

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Spracherhalt und sprachliche Revitalisierung: Sorbisch 135

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3. Teil: Politisierung von Sprache

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Diktatur oder Demokratie?
Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung

Ksenija Cvetkoviü-Sander

Wie viel sprachliche Freiheit besaßen einzelne Nationen im sozialistischen


Jugoslawien? Durften die Kultureliten einer jeden Nation selbst über die Kodi-
fizierung ihrer Sprache entscheiden oder wurden nationalsprachliche Interessen
dem sozialistischen Einheitsgedanken einer von Serben dominierten Partei un-
tergeordnet? Die kroatische Linguistin Nataša Bašiü behauptet, ihre Mutter-
sprache habe man in Jugoslawien systematisch „verstümmelt“ – um Platz für
das Konstrukt einer einheitlichen Sprache von Serben und Kroaten zu schaffen,
innerhalb dessen serbische Spracheigenschaften eindeutig bevorzugt worden
seien. (Bašiü 2012: 22) Der „offene Kulturozid“ habe bereits vor der Gründung
des jugoslawischen Königreichs 1918 begonnen und bis 1991 gedauert. Als
Kroatien 1991 seine staatliche Souveränität erlangte, entfiel, so Bašiü, die Ge-
walt und das Kroatische kam „zu sich und seinen Sprechern“ zurück. (Ebd.: 20)1
Die ebenfalls kroatische Sprachwissenschaftlerin Snježana Kordiü findet wie-
derum keine Anzeichen für Sprachunitarismus im Königreich. (Kordiü 2010:
287) Titos multikulturellen Staat bezeichnet sie gar als „Vorbild“ – im Hinblick
auf die gesetzlichen Bestimmungen zur Sprache ebenso wie auf die Praxis.
(Ebd.: 293) Nach Kordiü wies das Serbokroatische unter kommunistischer
Herrschaft mehrere „national bedingte Sprachvarianten“ auf, (ebd.: 295) die
grundsätzlich gleichberechtigt waren. Egal ob Sprecher des Serbokroatischen,
der am weitesten verbreiteten Sprache im Land, oder Angehörige von Minder-
heiten, Titos Jugoslawen hatten es, erklärt Kordiü, mit einer „demokratischen“
Sprachpolitik zu tun. (Ebd.: 292)
Weder den Behauptungen von Bašiü noch den Darlegungen von Kordiü
kann man gänzlich zustimmen. Die sprachplanerischen Prozesse in Titos Jugo-
slawien waren in sich zu widersprüchlich, als dass sie sich in einfachen For-
meln fassen ließen. Die Benutzung eines Begriffes wie „Kulturozid“ setzt
einerseits die Existenz einer kroatischen Sprache als einer klar definierten
Größe sowie andererseits die Existenz von zwei gegnerischen Lagern voraus –
der Angreifer und der Verteidiger des Kroatischen. Doch was ist die kroatische
Sprache genau, wie kann man sie von der Sprache der Serben abgrenzen?
Selbst wenn man Bašiü beipflichtet und die Deutungshoheit denjenigen über-
lässt, welche eine sprachliche Annäherung der Kroaten und Serben ablehnten
und sich um ein spezifisch kroatisches Idiom bemühten, wird man zu keiner

1
Die Übersetzungen der Zitate in diesem Beitrag stammen von der Verfasserin, wenn nicht
anders gekennzeichnet.

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140 Ksenija Cvetkoviü-Sander

Eindeutigkeit gelangen. Man schaue etwa darauf, wie Dalibor Brozoviü das
Kroatische definierte, der Primus inter Pares unter kroatischen Linguisten der
sozialistischen Ära und in den ersten Jahren der Demokratie. Bašiü rechnet ihn
zu den wichtigsten „Verteidigern“ des Kroatischen und lobt, er habe die Sprach-
politik der „national entfremdeten kroatischen politischen und sprachlichen Eli-
ten“ korrigiert. (Bašiü 2012: 23) Brozoviü war der Linguist, der im sozialis-
tischen Jugoslawien die Theorie vom Serbokroatischen als einer Sprache – er
bezeichnete sie als „Standardneuštokavisch“ – mit Varianten einführte und
diese Theorie bis ins Detail ausarbeitete. Die standardsprachliche Situation der
Kroaten, Montenegriner, Muslime und Serben verglich er immer wieder mit
der Lage von Deutschen, Österreichern und Schweizern oder von Briten und
Amerikanern, das Serbokroatische also mit anderen plurizentrischen2 Sprachen.
Brozoviüs Variantenkonzept erfuhr im kommunistischen Regime, das er zeit-
weilig als Parteimitglied stützte, von den höchsten politischen Gremien Aner-
kennung. Nachdem Kroatien unabhängig wurde, setzte Brozoviü seine Unter-
schrift – nun nicht mehr nur Philologe, sondern auch Mitbegründer von und
hoher Politiker in Franjo Tuÿmans Partei HDZ (Hrvatska demokratska zajed-
nica, dt. „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“) – unter einige Erklärun-
gen, welche den Begriff der Varianten in Bezug auf das Kroatische verwarfen
und die Eigenständigkeit der kroatischen Nationalsprache hervorhoben. Zu-
gleich negierte er jedoch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten das Varianten-
modell nicht. (vgl. Brozoviü 2001)
Die kommunistische Partei stellte, wenn es um Sprache ging, immer wieder
demokratische Freiheiten in Aussicht. Sie beteuerte, Sprache sei die Domäne
der Linguisten, nicht der Politik. Dennoch griff sie in die Arbeit der Philologen
ein und argumentierte dabei stets mit Brüderlichkeit und Einheit. Die Schwie-
rigkeit mit diesem obersten Grundsatz der jugoslawischen Nationalitätenpolitik
bestand aber darin, dass er keineswegs immer das Gleiche bedeutete. Während
manche Parteigenossen darunter eine Annäherung zwischen den Nationen ver-
standen und von einer jugoslawischen Nation träumten, waren andere von der
Schädlichkeit der jugoslawischen Nation überzeugt und glaubten, dass die sozi-
alistische Föderation gegründet wurde, damit die bestehenden Nationen ihre
nationale Souveränität und Selbstverwaltung entwickeln können. Der Zwiespalt
blieb bis zum Ende Jugoslawiens bestehen. (vgl. Cvetkoviü-Sander 2012)
Wie Sprachplanung in diesem Kontext funktionierte, mit anderen Worten,
welche Gruppen und Individuen aus welchen Beweggründen welche sprachpla-
nerischen Schritte vollzogen, wird hier am Beispiel des Serbokroatischen und

2
Unter „plurizentrischen“ oder „polyzentrischen“ Sprachen versteht man Sprachen mit
mehreren nationalen Standardvarietäten, die sich in einzelnen Punkten unterscheiden,
aber nicht so gravierend, dass sie eigenständige Sprachen bilden würden. (vgl. Metzler
2005: 498)

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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 141

des Albanischen geschildert.3 Im Fokus soll die Diskussion über die Korpuspla-
nung stehen, die Fragen der Statusplanung können aus Platzgründen nur ge-
streift werden.4 Warum gerade Serbokroatisch und Albanisch? Berücksichtigt
man die Sprachen, die Jugoslawien im Grunde ausmachten – Serbokroatisch,
Slowenisch, Albanisch, Makedonisch, Ungarisch5 –, dann fällt auf, dass heute
die gravierendsten Vorwürfe gegen die sozialistische Sprachplanung aus den
Reihen dieser beiden Sprechergemeinschaften kommen. Besonders negativ wird
die kommunistische Sprachplanung von den kroatischen, bosnisch-herzego-
winischen und kosovo-albanischen Eliten bewertet: Sie sei den Interressen ihrer
Nationen entgegengesetzt gewesen.
In einem zentralen Punkt unterschieden sich Albanisch und Serbokroatisch:
Albanisch war bei einer Minderheit im Gebrauch, Serbokroatisch dagegen bei
den größten Sprechergruppen der „vollwertigen“ Nationen Jugoslawiens.
Gleichwohl war die Ausgangslage für die Korpusplanung bei beiden Sprachen
ähnlich kompliziert. Serbokroatisch wie Albanisch blickten auf Jahrhunderte
eigener Schriftkultur zurück, doch war die Richtung, in die sie sich weiter
entwickeln würden, am Ende des Zweiten Weltkriegs unklar. Beide Sprachen
verfügten 1945 über mehr als eine Standardvarietät. Man schrieb in Zagreb
nicht genau so wie in Belgrad oder Sarajevo. Sollten die Belgrader und die Za-
greber Varietät im Sozialismus jugoslawischer Prägung ihre Besonderheiten
behalten oder sollten sie sich gegenseitig annähern, um am Ende miteinander
zu verschmelzen? Das Albanische wies noch mehr Variationsbreite auf: Wäh-
rend die serbokroatischen Standardvarietäten auf einem Dialekt beruhten, dem
štokavischen, benutzten die Albaner in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit in
der Schrift ihre beiden Hauptdialekte: Toskisch, die Mundart des Südens Alba-
niens, sowie Gegisch, die Mundart des Nordens und auch Kosovos. 1923 hatte
man in Albanien das Elbasanische, eine auf dem Südgegischen beruhende Vari-
etät, als Amtssprache eingeführt. Dennoch verwendeten die Albaner neben dem
Südgegischen auch in der Schrift weiterhin das Nordgegische und das Toski-
sche. An der Diskussion über die Standardsprache beteiligten sich die Albaner
aus dem jugoslawischen Königreich kaum, galten sie dort doch als „albanisier-
te“ Serben und besaßen praktisch keine Minderheitenrechte. Welchen Weg
3
Viel ausführlicher als hier wird die Problematik in Cvetkoviü-Sander 2011 dargestellt.
4
Die Korpusplanung bezieht sich auf die Wahl von Schrift, Orthographie, Lautstruktur,
Wortschatz und Grammatik. Durch Statusplanung wird die Rolle der Sprache in der Ge-
sellschaft, ihre Implementierung und Verwendung in verschiedenen Domänen festgelegt
und gesteuert. (Metzler 2005: 625; Wardhaugh 1986: 336)
5
Bei der jugoslawischen Volkszählung von 1981 registrierte man 16.342.885 Bürger
(72,88 % der Gesamtbevölkerung) mit Serbokroatisch als Muttersprache, 1.761.393 mit
Slowenisch (7,85 %), 1.756.663 mit Albanisch (7,83 %) und 1.373.956 mit Makedonisch
(6,13 %). Eine ungarische Muttersprache hatten 409.079 (1,82 %), Romani 140.618 Men-
schen (0,63 %); die übrigen Sprachen vereinigten jeweils weniger als 100.000 Sprecher.
(Škiljan 1992: 31)

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142 Ksenija Cvetkoviü-Sander

würde das Albanische in Titos Jugoslawien einschlagen, wo es de jure den


anderen Sprachen gleichgestellt wurde? Würde es der Entwicklung in Enver
Hoxhas Albanien folgen? Dort verdrängte man das Gegische aus der Öffent-
lichkeit und erhob das Toskische zur Standardsprache, also den in Jugoslawien
wenig bekannten Dialekt des albanischen Südens.
Natürlich mussten auch bei der Planung anderer Sprachen folgenschwere
Entscheidungen getroffen werden, etwa beim Makedonischen, das sich zu dem
Zeitpunkt der Machteroberung durch Titos Partisanen über lediglich wenige ge-
schriebene Texte ausweisen konnte. Erst Titos Leute verliehen einer makedoni-
schen Mundart den Status einer makedonischen Nationalsprache und kodifi-
zierten sie sodann. Doch als nicht weniger kompliziert als die Konstruktion einer
Sprache auf dem Reißbrett erwies sich der Umgang mit aus der Vergangenheit
ererbten Sprachfragen, in denen sich vor allem außersprachliche Beziehungen
und Machtverhältnisse spiegelten.

1 Serbokroatisch
1.1 Kroaten und Serben
1.1.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede bis 1945

Vuk Karadžiü gilt als der „Vater“ der serbischen Sprache, weil er mit der Tra-
dition des Kirchenslawischen als Schriftsprache bei den Serben brach und das
Idiom des einfachen Volkes in der Literatur durchsetzte. Es ging um den štoka-
vischen Dialekt der Ostherzegowina, der in Karadžiüs westserbischem Geburts-
ort Tršiü ebenfalls gesprochen wurde. Karadžiü beabsichtigte, alle Štokaver –
also nicht nur die orthodoxen Serben, sondern auch die katholischen Slawonier,
Dalmatiner, Dubrovniker und andere, die heute zu den Kroaten zählen – in
einer Nation zu integrieren. So wie es „Deutsche römischen, lutherischen und
kalvinistischen Glaubens gibt, und sie alle wiederum Deutsche heißen“ (Kara-
džiü 1991: 83), sollten sich die Štokaver vereinigen – unabhängig von der je-
weiligen Religionszugehörigkeit. Ähnliche Ziele verfolgte zur gleichen Zeit eine
Gruppe von Bürgern in Zagreb um Ljudevit Gaj. Gaj und seine Anhänger
kämpften dafür, dass die Eliten Latein und Deutsch als Schriftsprachen auf-
geben und sich stattdessen der Volkssprache bedienen sollten. Obwohl man in
Zagreb die kajkavische Mundart gebrauchte, wählten sie als Grundlage der
künftigen Schriftsprache wie Vuk Karadžiü den štokavischen Dialekt, welcher
im Dreieinigen Königreich Dalmatien, Kroatien und Slawonien – und über des-
sen Grenzen hinaus – weiter verbreitet war. Gaj ging es wie dem serbischen
Sprachreformer um die Schaffung einer großen Kulturnation nach deutschem
Vorbild. Dabei fungierte in den Augen Gajs nicht nur die gesprochene Volks-
sprache als Vorbild, sondern auch die reiche schöngeistige Literatur der ragusa-
nischen Barockdichter. Obwohl sowohl Karadžiü wie auch Gaj die Vision einer
Nation štokavischer Schriftsprache entwickelten, für deren Abgrenzung zu an-
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 143

deren Nationen das Glaubensbekenntnis keinerlei Bedeutung haben sollte, ist


dieses Ziel nie erreicht worden. Bereits die Bezeichnung der Nation wurde rasch
zum Stolperstein. Karadžiü konnte sich die Integration der Štokaver ausschließ-
lich unter serbischem Namen vorstellen. Gaj, seine Zagreber Mitstreiter und
Nachfolger plädierten für eine neutrale Bezeichnung. Gaj bevorzugte „illyrisch“,
auch wenn dieser Name im Volk unbekannt war. Zum „illyrischen Stamm“ des
slawischen Volkes zählte er „die Slowenen, die Kroaten, die Slawonier, die
Dalmatiner, die Bosniaken, die Montenegriner, die Serben und die Bulgaren“
(Roksandiü 1991: 139). Als der Sabor, der kroatische Landtag in Zagreb, 1861
über den Namen der Sprache diskutierte – damals war schon klar, dass die Slo-
wenen und die Bulgaren nicht ein Teil der erwünschten Nation werden würden –,
entschied sich die Mehrheit der Abgeordneten für „jugoslawisch“, also „südsla-
wisch“. Später führte der Sabor den Terminus „kroatische oder serbische Spra-
che“ ein, da „jugoslawisch“ in Wien keine Bestätigung fand. (Ebd.: 155) So
blieb der Name „Serben“ für die orthodoxen Serben, während sich für die Ka-
tholiken des Dreieinigen Königreichs Dalmatien, Kroatien und Slawonien mit
der Zeit der Oberbegriff „Kroaten“ herauskristallisierte. Differenzen zwischen
Gaj und Karadžiü bestanden auch in der Vorstellung der Struktur der Schrift-
sprache. Während Gaj eine Sprache auf štokavischer Basis, jedoch mit Elemen-
ten aus allen südslawischen Dialekten konzipierte, damit möglichst viele Spre-
cher diese Sprache als ihre eigene empfinden konnten, hielt Karadžiü am štoka-
vischen Volksidiom der Ostherzegowina fest. Karadžiüs Konzept gewann dann
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts doch die Oberhand in Zagreb und
die Kroaten gaben das Projekt einer mehrdialektalen Standardsprache auf.
Dennoch entstand keine einheitliche Sprache für Kroaten und Serben, nicht
einmal in der Periode des Königreichs Jugoslawien, das sich als Heimat einer,
wenn auch „dreinamigen Nation“ der serbo-kroato-slowenischen Sprache defi-
nierte. Die Abweichungen zwischen Belgrad und Zagreb bestanden vor allem
in der Aussprache und in der Lexik.6 Die serbischen und kroatischen philolo-
gischen Eliten der Zwischenkriegszeit verhielten sich unterschiedlich zu den
Differenzen. Die Serben empfanden sie als einen Störfaktor auf dem Weg zur
nationalen Einheit und wünschten ihre Beseitigung. Dabei begünstigten sie meist
unverblümt das eigene, Belgrader Idiom, weil dieses der Volkssprache viel
näher gestanden habe als die Varietät Zagrebs. Die Kroaten – auch jene, welche
die Ansicht vertraten, dass Kroaten und Serben eine Nation mit einer Sprache
verkörperten – zeigten ihrerseits kaum Bereitschaft, die Charakteristika ihrer

6
Die Kroaten bedienten sich in der Schrift – und bedienen sich auch heute – der
ijekavischen Aussprache (bijelo), die Serben der ekavischen (belo). Während die Serben
aus dem Französischen, Deutschen oder Englischen entlehnen (fabrika, futbal), bevor-
zugen die Kroaten Entlehnungen aus anderen slawischen Sprachen (tvornica, nogomet).

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144 Ksenija Cvetkoviü-Sander

Varietät aufzugeben. Ante Paveliü, der „Führer“ des „Unabhängigen Staates


Kroatien“, eines 1941 von den Ustasche gegründeten Vasallenstaates der Deut-
schen und Italiener, versuchte die Sprachdifferenzen zwischen Kroaten und Ser-
ben weiter auszubauen, um die kroatische Souveränität zu demonstrieren – mit
mäßigem Echo in der Bevölkerung. Titos Widerstandsbewegung erkannte die
Eigenständigkeiten der Nationen Jugoslawiens ausdrücklich an – darauf beruhte
ein Grundpfeiler ihres Erfolges. Gleichwohl verharrten die Partisanen im Hin-
blick auf die Sprache der Serben und Kroaten in einem Zwiespalt: Einerseits
wurde die Sprache in der Praxis als eine gemeinsame Sprache behandelt, ande-
rerseits beschloss zum Beispiel der Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Ju-
goslawiens Anfang 1944, in Zukunft alle Entscheidungen „in serbischer, kroa-
tischer, slowenischer und makedonischer Sprache“ zu publizieren.

1.1.2 Novi Sad 1954: Soll die Sprache


der Serben und Kroaten vereinheitlicht werden?

Welchen Standpunkt nahmen die Kommunisten zur Sprache der Kroaten und
Serben nach der Gründung der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien ein?
Die Partei formulierte in den ersten Nachkriegsjahren keine eindeutigen Leit-
linien. In der Aufbauphase des neuen Staates bei gleichzeitigem Konflikt mit
Stalin stand die Frage der Sprachplanung nicht im Mittelpunkt des Interesses.
Die höchsten Parteigremien witterten in diesem Thema zunächst keine Bedro-
hung. Innerhalb der Linguistik behielten etliche führende Köpfe der Zwischen-
kriegszeit ihre Stellungen, so auch Aleksandar Beliü, der einflussreichste serbi-
sche Sprachwissenschaftler. Unter den neuen gesellschaftspolitischen Umstän-
den schilderte er Vuk Karadžiü als sprachlichen Wegbereiter der sozialistischen
Revolution. (Beliü 1951: 286) Als solcher habe Karadžiü die „unwiderlegbare
Wahrheit“ entdeckt, dass Serben und Kroaten „die gleiche Sprache sprechen,
bis ins letzte Detail“ (ebd.: 320). Kroatische Sprachwissenschaftler äußerten
sich zum Thema der Einheitlichkeit bzw. Vielfältigkeit der Sprache in den
ersten Nachkriegsjahren nicht. Die Philologen der Zagreber Philosophischen
Fakultät durften nach einer Anweisung der Partei ihre Publikationen aus der
Kriegszeit nicht erwähnen. Die Sprache nannten sie mal „Kroatisch oder Ser-
bisch“, mal nur „Kroatisch“; ebenso war in Belgrad mal von „Serbokroatisch“,
mal von „Serbisch“ die Rede. Dass zwischen den Philologen Belgrads und Za-
grebs Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit der Mannigfaltigkeit
der Sprache bestand, kam indes bereits in den 1950er Jahren punktuell zum
Vorschein. 1953 publizierte Miodrag S. Laleviü einen Sprachratgeber der ser-
bokroatischen Sprache in Belgrad, in dem er einige Charakteristika der kroati-
schen Varietät der Schriftsprache für nicht standardsprachlich erklärte. Ljudevit
Jonke, damaliger Herausgeber der von der Kroatischen Philologischen Gesell-
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schaft publizierten Zeitschrift Jezik, protestierte gegen derartige Nivellierungs-


versuche: Korrekt sei sretan und sreüan, krumpir wie krompir, historija wie
istorija und povijest – also serbische wie kroatische Formen. (Jonke 1953/54:
95) Möglicherweise als Reaktion auf Laleviüs Ratgeber nahm sich die Kroa-
tische Philologische Gesellschaft der Erarbeitung einer Rechtschreibung und
einer Grammatik der kroatischen Schriftsprache an. Das Projekt wurde nicht
abgeschlossen. Wie Jonke später berichtete, verwiesen die kroatischen Bil-
dungsbehörden die Autoren auf das bevorstehende Treffen der kroatischen und
serbischen Intellektuellen in Novi Sad.
Das Treffen, an dem im Dezember 1954 in Novi Sad 25 Schriftsteller und
Sprachwissenschaftler teilnahmen – zehn aus Belgrad, sechs aus Novi Sad,
sieben aus Zagreb und zwei aus Sarajevo – ging auf eine Initiative der Matica
srpska zurück, der wichtigsten serbischen Kulturinstitution. Die Redaktion von
Letopis Matice srpske, der von der Kulturinstitution herausgegebenen Zeit-
schrift, rief serbische und kroatische Intellektuelle sowie Politiker auf, sich zur
Sprache und Orthographie zu äußern. Die Redaktion beobachtete „sehr ausge-
prägte Charakteristika der Spaltung“ und fragte nach dem „natürlichen Ent-
wicklungsweg“ der Sprache bzw. danach, „welche künstlichen Hürden sich auf
diesem Weg aufgebaut“ hätten. (Anketa 1953: 125) Die Redaktion von Letopis
erklärte, dass sie namentlich diejenigen Anstrengungen schätze, „welche der
Abschaffung der Unterschiede in der serbokroatischen Sprache galten“ (ebd.:
126). Die folgende Debatte auf den Seiten von Letopis und beim Treffen in
Novi Sad offenbarte, dass die Serben mehrheitlich die sprachlichen Unterschie-
de für eine Folge der Fremdherrschaft auf dem jugoslawischen Boden hielten.
Ihre Beseitigung erschien ihnen „ganz und gar im Einklang mit dem Geiste un-
serer sozialistischen Ideologie“ (Anketa 1955: 6) und der „neuen einheitlichen
Epoche“ (ebd.: 24). Miloš Moskovljeviü, Mitglied der Serbischen Akademie
der Wissenschaften und Künste, spielte während der Tagung auf die Sprach-
politik der Ustasche an; es schien ihm, dass einige Teilnehmer an der Umfrage
des Letopis wünschten, dass „die Entzweiung“ der Ustasche-Zeit „Wirklichkeit
wird“ (ebd.: 35). Um die Einheit der Sprache wiederherzustellen, wünschte sich
Moskovljeviü eine politische Intervention. Was genau geschehen sollte, führte
er zwar nicht aus. Gleichwohl hielt er es für wahrscheinlich, dass das Ekavi-
sche, also die serbische Varietät, sich „natürlich“ durchsetzen würde, weil die
Republik Serbien das größte Gebiet Jugoslawiens darstelle. Moskovljeviü war
nicht der einzige serbische Vertreter, der das Ekavische als das Idiom der
Zukunft vorstellte. Die Kroaten reagierten insgesamt reserviert, einige empört.
Mirko Božiü, kroatischer Schriftsteller mit Partisanenvergangenheit, erklärte,
die Kroaten seien nicht nach Novi Sad gekommen, um sich „von den Ustascha-
Elementen zu distanzieren“ (ebd.: 37). Manche Kroaten wandten sich generell
gegen Sprachinterventionen, manche beschränkten ihre Vorschläge zur Verein-
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146 Ksenija Cvetkoviü-Sander

heitlichung auf Fragen der Rechtschreibung und der wissenschaftlichen Termi-


nologie. Ohne in Frage zu stellen, dass Serben und Kroaten eine Sprache ver-
wendeten, argumentierte Ljudevit Jonke:
Kroaten und Serben haben als zwei verschiedene Völker in den letzten hundert
Jahren – im Einklang mit ihrer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politi-
schen Entwicklung – gewissermaßen unterschiedliche Typen der Schriftsprache
aufgebaut, die folglich ihre historische Rechtfertigung haben. Hierbei handelte
es sich nicht um Trotz, sondern um unterschiedliche Entwicklung auf etwas
unterschiedlicher Grundlage, der ijekavischen beziehungsweise der ekavischen.
Die Schriftsprache entwickelt sich ununterbrochen […]. In diesem organischen
Wachstum der Schriftsprache bedeutet jeder Austausch der Grundlage (der ije-
kavischen Aussprache durch die ekavische oder umgekehrt, samt aller ihrer Be-
sonderheiten) die Aufgabe der Kontinuität, […] auch einen zeitweiligen Rück-
schritt in der gesamten literarischen Tätigkeit des ‚betroffenen‘ Volkes. (Jonke
1971: 254)

Wie die serbischen Vertreter glaubte Jonke, dass seine Auffassung ganz und
gar mit der neuen sozialistischen Freiheit übereinstimmte. Gerade nach 1945
hätten die Völker die Chance, sich „möglichst vollkommen auszuleben, jedes
mit seiner Stimme“ (ebd.: 257). Bei Serben und Kroaten liege „eine Sprache
mit einigen Ausprägungen“ vor und jeder habe „das Recht, sich ohne Probleme
der Ausprägung zu bedienen, die er gern hat“ (ebd.: 258). Am Ende der Tagung
wurden Beschlüsse formuliert. Der erste besagte:
Die Volkssprache der Serben, Kroaten und Montenegriner ist eine Sprache. Da-
her ist auch die Schriftsprache, die sich auf ihrer Grundlage um zwei Zentren,
Belgrad und Zagreb, entwickelt hat, einheitlich, mit zwei Aussprachen, der ije-
kavischen und der ekavischen. (Anketa 1955: 121)

Man verkündete weiterhin, dass die Matica srpska und Matica hrvatska zusam-
men ein Wörterbuch der gegenwärtigen serbokroatischen Schriftsprache erstel-
len und dass Fachleute eine gemeinsame Rechtschreibung sowie eine gemein-
same Terminologie erarbeiten würden. Wurde in Novi Sad politischer Druck
auf die kroatischen Teilnehmer ausgeübt, damit sie in mehr Gemeinsamkeit
einwilligten, als ihnen lieb war, wie man später behauptete? Parteidirektiven
sind nicht überliefert, Politiker waren bei der Tagung nicht anwesend. Einige
serbische Teilnehmer suggerierten allerdings, die „Vereinigung der kroatischen
und serbischen Sprache“ entspreche dem Willen der Politiker – zum Beispiel
der erwähnte Miloš Moskovljeviü, der einige Jahre nach dem Krieg seine
slawistische Laufbahn unterbrach und vorübergehend das Amt des serbischen
Forstministers, später dann eines Diplomaten übernommen hatte. Außerdem
standen die Zeichen der Zeit in den serbisch-kroatischen Beziehungen nicht auf
Hervorhebung von nationalen Besonderheiten, im Gegenteil: Im ersten Jahr-
zehnt der sozialistischen Ära wurden in Kroatien beispielsweise alle während
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 147

des Krieges als Symbol der Gleichberechtigung von Serben und Kroaten ge-
gründeten serbischen Institutionen aufgelöst oder ihrer Funktion beraubt. Ein
Kommentar zur Tagung in Novi Sad aus dem Jahr 1978 von Vladimir Bakariü,
dem mächtigsten kroatischen Politiker in Titos Jugoslawien, deutet aber darauf
hin, dass die kroatischen Politiker keine Reduzierung der sprachlichen Unter-
schiede oder gar die Ausbreitung des Ekavischen auf Kosten des Ijekavischen
anordneten:
Da habe ich auch einen Fehler begangen [...]. Ich habe mit unseren kroatischen
Vertretern nicht gesprochen [...]. Das Letzte, woran ich dachte, war, dass sie
Angst vor dem unitaristischen Druck hatten, aber sie hatten Angst. Sie glaubten,
dass das, was ihnen dort einige erzählten, eine Direktive sei, der sie sich beugen
müssten, so dass sie in alles Mögliche einwilligten. (Zit. nach Babiü 1991: 153)

1.1.3 Die Auseinandersetzung um Varianten und die „Deklaration zur


Bezeichnung und Lage der kroatischen Schriftsprache“

1960 erschien die in Novi Sad angekündigte Rechtschreibung der Matica srp-
ska und Matica hrvatska – in zwei Versionen: als „Rechtschreibung der serbo-
kroatischen Schriftsprache“ kyrillisch-ekavisch in Novi Sad und als „Recht-
schreibung der kroatoserbischen Schriftsprache“ lateinisch-ijekavisch in Zagreb.
Eine vollkommene sprachliche Vereinheitlichung vollzog diese Orthographie
nicht, sie ließ vereinzelt Parallelformen zu. Diese waren gleichwohl nicht natio-
nal markiert und sollten von nun an im gesamten serbokroatischen Sprachraum
gelten.7 In Fachkreisen wurde allgemein große Zufriedenheit zum Ausdruck ge-
bracht. Einige äußerten Kritik, etwa Jovan Vukoviü, Serbokroatisch-Professor
in Sarajevo und als Vertreter der Matica srpska Koautor der Rechtschreibung.
Seines Erachtens enthielt die Rechtschreibung zu viele Dubletten. Vukoviü hoffte,
dass die serbokroatischen Gebiete infolge der Industrialisierung und der Migra-
tionen in Zukunft in ethnischer Hinsicht schwieriger voneinander unterscheid-
bar würden, was „eine einheitlichere Sicht auch auf unsere gesamte Schriftspra-
che“ mit sich brächte. (Vukoviü 1960: 9) Der Kroate Ljudevit Jonke, auch er
Mitverfasser der Rechtschreibung, konterte, dass die freiwillige Zusammen-
arbeit in der Orthographie nicht den Grundsatz außer Kraft setzen könne, dass
– im Geist der Idee der Brüderlichkeit und Einheit – „jedes jugoslawische Volk
ein Recht auf seine Nationalsprache und Rechtschreibung hat“ (Jonke 1965: 196).

7
Beispielsweise legitimierten die Autoren der Rechtschreibung beide herkömmlichen
Schreibweisen des Futurs: die zusammengesetzte (nosiüu) und die einfache (nosit üu). Sie
begründeten die Doppelform mit einer „langen Tradition“ beider Schreibweisen, ohne zu
erklären, dass die erste sich bei den Serben, die zweite bei den Kroaten eingebürgert hatte.

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148 Ksenija Cvetkoviü-Sander

In den 1960er Jahren spitzte sich der Konflikt um einen angemessenen Um-
gang mit den Sprachunterschieden zu. Um ihre Abneigung gegen Eingriffe in
bestehende Sprachverhältnisse wissenschaftlich zu begründen, argumentierten
die kroatischen Linguisten mit dem Begriff der Varianten. Den Variantenbe-
griff führte der damals junge Philologe Dalibor Brozoviü ein – als „Adaption
der einheitlichen Standardsprache an die Tradition und an die modernen Be-
dürfnisse von Nationen im Sinne von definierten ethno-soziologischen Forma-
tionen“ (Brozoviü 1965/66: 35). Die Varianten im serbisch-kroatischen Fall
verglich er mit dem anglo-amerikanischen Fall. Auf dem 5. Kongress jugosla-
wischer Slawisten im September 1965 in Sarajevo dominierte das Varianten-
thema. Alle kroatischen Teilnehmer bekannten sich zum Variantenkonzept.
Unter den Serben setzte die Linguistiktheoretikerin Milka Iviü die Existenz von
zwei Varianten mit den Zentren Belgrad und Zagreb voraus, während die ande-
ren ablehnend reagierten. Svetozar Markoviü, Professor an der Universität Sara-
jevo, gebürtiger Serbe aus der Vojvodina, schlug vor, die Divergenzen durch
einen serbisch-kroatischen Tausch in Rechtschreibung und Lexik aus der Welt
zu schaffen. Markoviü war sich sicher, dass sich die Anerkennung des Varian-
tenkonzepts, das zwei unterschiedliche Normen hervorbrächte, negativ auf die
sprachliche Situation im multinationalen Bosnien-Herzegowina auswirken wür-
de. In der Tat, Brozoviüs Definition der Varianten, die auf der Nation beruhte,
konnte in letzter Konsequenz so verstanden werden, dass zwei gleich sprechen-
de Nachbarn, ein Kroate und ein Serbe, aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu zwei
verschiedenen Nationen zwei unterschiedlichen Sprachnormen unterworfen wer-
den sollten. Allerdings stellte man auf dem Kongress auch ein anderes, von der
Nation entkoppeltes Verständnis von Varianten vor: Mate Hraste bestand auf
einer territorialen Abgrenzung der Varianten. Er ging davon aus, dass in Bosni-
en-Herzegowina und in Kroatien keine nennenswerten Unterschiede im Sprach-
gebrauch von Serben und Kroaten existierten. Deshalb konnte man nach Hraste
von Varianten nur im Zusammenhang mit bestimmten Gebieten und „ohne
Rücksicht auf die Nationalität“ sprechen. (Hraste 1965/66: 17) Neben der öst-
lichen, also der Belgrader, sowie der westlichen, d. h. der Zagreber Variante,
machte Hraste noch eine südliche Variante um Sarajevo und eine nordöstliche
um Novi Sad aus. Die kroatischen Teilnehmer waren sich über die Zahl der
Varianten auf dem Kongress übrigens uneinig. Dalibor Brozoviü und Ljudevit
Jonke vertraten eine Zwei-Varianten-Theorie, Radoslav Katiþiü zog außer der
Zagreber und der Belgrader auch eine bosnisch-herzegowinische, eine monte-
negrinische und „vielleicht“ eine Variante der Vojvodina in Betracht, wobei er
eine Hierarchie der Varianten aufstellte, in der die Belgrader und die Zagreber
Varianten einen höheren Platz als die anderen einnahmen. (Katiþiü 1965/66: 22)
Niemand behauptete auf dem Kongress, dass die Sprachvarietäten Kroa-
tiens und Serbiens identisch wären. Es war unstrittig, dass zwischen Serben und
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Kroaten in Kroatien oder aber zwischen Serben und Kroaten in Serbien keine
oder kaum Unterschiede im Gebrauch der jeweiligen Standardvarietät existier-
ten. Doch zur Frage, ob es Varianten gibt, und falls ja, ob sie mit Nationen oder
aber mit Regionen zu verbinden seien, gelangte man weder auf dem Kongress
in Sarajevo 1965 noch im Verlaufe der bis zum Zerfall Jugoslawiens andau-
ernden Auseinandersetzung zu einem Konsens. Auch innerhalb der kroatischen
Fachkreise wurden die Varianten mal auf Nationen, mal auf Regionen – meist
auf Republiken – bezogen.
Die „Deklaration zur Bezeichnung und Lage der kroatischen Schriftspra-
che“, eine im März 1967 veröffentlichte und von den achtzehn bedeutendsten
wissenschaftlichen und Kulturinstitutionen Kroatiens unterzeichnete Erklärung,
stützte sich auf das Variantenkonzept. Sie postulierte eine „gemeinsame lingu-
istische Grundlage“ der Sprache von Serben und Kroaten. Gleichwohl bestan-
den die Verfasser der „Deklaration“ – entworfen als Beitrag zur Diskussion über
die bevorstehenden Verfassungsänderungen – auf dem „Recht eines jeden Vol-
kes, seine Sprache mit eigenem Namen zu benennen“ und verlangten, dass eine
Gleichberechtigung von vier Schriftsprachen in der Verfassung festgelegt werde:
der slowenischen, der kroatischen, der serbischen und der makedonischen. Als
Grund für ihre Forderungen gaben sie an, dass trotz der proklamierten Gleich-
berechtigung der Völker in der Praxis der jugoslawischen Institutionen die kro-
atische Schriftsprache verdrängt und die Varietät Belgrads als eine „Staatsspra-
che“ oktroyiert werde. Die Unterzeichner hielten es für notwendig, eine „kon-
sequente Anwendung der kroatischen Schriftsprache in Schulen, in der Presse,
im öffentlichen und politischen Leben, im Rundfunk und Fernsehen immer dort
sicherzustellen, wo es sich um die kroatische Bevölkerung handelt“ (Deklaraci-
ja 1967: 5).
Im Grunde hatte die „Deklaration“ wenig Umstürzlerisches an sich. Sie
stimmte mit etlichen früheren Aussagen der kroatischen Linguisten und eben-
falls mit vielen Parteiresolutionen der Zeit überein. Mitte der 1960er Jahre hatte
sich die Nationalitätenpolitik tiefgreifend gewandelt: Die Partei nahm von der
Vorstellung Abschied, dass in Jugoslawien eine jugoslawische Nation entste-
hen könnte, und rief die Kommunisten auf, „alle Bemühungen“ der bestehen-
den jugoslawischen Nationen und Minderheiten „zu unterstützen, ohne jegliche
Hindernisse ihre Schriftsprache und ihre nationale Kultur zu entwickeln und zu
bereichern“ (SKJ i problemi 1966: 16). Die „Deklaration“ erhob indes den kon-
kreten Anspruch, mit der kroatischen Schriftsprache alle Kroaten zu überdachen,
also auch diejenigen, die außerhalb Kroatiens lebten, ohne dass die Autoren
vorher mit der Parteispitze diskutiert hätten. Der Anspruch der „Deklaration“
ergab sich aus dem Verständnis der Varianten als Idiome der Nationen. In
letzter Konsequenz schlug die „Deklaration“ eine Separation der – sprachlich
im Sinne der Nationszugehörigkeit nicht unterscheidbaren – serbischen und
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150 Ksenija Cvetkoviü-Sander

kroatischen Kinder in den Schulen einer Stadt oder eines Dorfes vor. Dies führ-
te zwei Tage nach der Veröffentlichung der „Deklaration“ zu einer Replik aus
Serbien: einem „Vorschlag zum Nachdenken“, den 48 serbische Schriftsteller
unterzeichnet hatten. Die Schriftsteller verlangten, „daß in die Verfassungen
der SR Serbien und der SR Kroatien Bestimmungen aufgenommen werden, mit
denen allen Kroaten und Serben das Recht auf Schulbildung in ihrer Sprache
und Schrift gemäß ihren nationalen Programmen garantiert wird“ (zit. nach Der
jugoslawische Sprachenkonflikt 1967: 43).
Die Partei griff keinen anderen Text zur Sprache – weder davor noch da-
nach – so scharf an wie die „Deklaration“: Ihre Verfasser seien strafrechtlich zu
verfolgende „Bombenleger“; es handele sich um eine „politische Diversion“
gegen den Sozialismus und gegen Brüderlichkeit und Einheit (Deklaracija –
smišljena 1967: 3). Tito verkündete:
Ganz Jugoslawien ist heute verbittert, [...] und vor allem das kroatische Volk.
Denn in Kroatien leben auch Serben, und zwar nicht wenige an der Zahl, und
die einen wie die anderen wissen, dass Brüderlichkeit und Einheit für sie lebens-
wichtig sind. Sie haben genug Erfahrungen mit den Messern der Ustasche und
der Tschetniks gesammelt, unsere Völker werden nicht zulassen, dass sich das
je wiederholt. (Neüemo nikome 1967: 2)

Auf der anderen Seite empfahl der kroatische Parteichef Vladimir Bakariü, die
Urheber der „Deklaration“ nicht zu hart zu bestrafen. Bakariü gestand ein, dass
der Vorschlag, Kroatisch und Serbisch als zwei Sprachen anzuerkennen, 1945
annehmbar gewesen wäre, „weil 1945 diese Formulierung eine Distanzierung
von der alten jugoslawischen Praxis bedeutet hätte, wo die Amtssprache die
serbische Sprache war“. 1967 hätte eine solche Forderung jedoch „eine andere
Bedeutung“. (Bakariü 1967: 3) Miko Tripalo, Mitglied des CK SKH (Centralni
komitet Saveza komunista Hrvatske, dt. „Zentralkomitee des Bundes der Kom-
munisten Kroatiens“), kritisierte einige Monate nach Erscheinen der „Deklara-
tion“ den Umstand, dass diese ohne Absprache mit der Parteiführung publiziert
worden war. Zugleich sagte er, es sei falsch, „den Schluss zu ziehen, das kroa-
tische Volk hätte kein Recht auf seine Sprache sowie darauf, sie zu nennen, wie
es dies wünsche“ (Tripalo 1967: 2072).
Heute stellt man in Kroatien die „Deklaration“ gern als „unvorstellbar mutig“
vor. (Batoviü 2010: 583) Sie sei der „Keim der heutigen Freiheit“, einer Frei-
heit, die Kroatien nach Jahrhunderten „unter fremden Herren“ errungen habe
– so lobte 1992 der Historiker Miroslav Brandt, einer der Initiatoren der „De-
klaration“, sich und seine Mitstreiter. (Hekman 1997: 168) Als wären die Ur-
heber der „Deklaration“ Oppositionelle gewesen, spekulieren kroatische Publi-
zisten bei Jahrestagen oft, ob die Partei von den Vorbereitungen der „Dekla-
ration“ Kenntnis erhielt oder nicht. In Wirklichkeit bildeten die Urheber der
„Deklaration“ keine Opposition zur kroatischen Partei. Mindestens die Hälfte
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 151

von ihnen waren Parteimitglieder, einige in führender Stellung, so auch Miro-


slav Brandt, Vizevorsitzender der Matica hrvatska, Kommunist seit seiner Ju-
gend, 1967 bereits seit Jahren Sekretär des Parteiaktivs der Matica. Auf einer
Parteisitzung an der Philosophischen Fakultät in Zagreb Ende März 1967 – zwei
Wochen nach der Veröffentlichung der „Deklaration“ – betonten die Teilneh-
mer einstimmig, dass von einem geheimen Plan schon deshalb nicht die Rede
sein könne, weil in den Institutionen, welche die „Deklaration“ unterzeichnet
hatten, viele Parteimitglieder und mehrere Mitglieder des CK SKH wirkten, die
genauestens Bescheid wussten. (Stenografski 1967: 65) Die Teilnehmer distan-
zierten sich vom Inhalt des Dokuments nicht, doch als Feind Jugoslawiens, der
Partei oder der Idee von Brüderlichkeit und Einheit wollte keiner gelten. Brandt
verwies auf seinen serbischen Stiefvater und bat darum, in der Partei bleiben
zu dürfen:
Ich habe Kontakt mit der politischen Führung gesucht, aber mir schien die
Sache nicht derart dringend. Hätte ich geahnt, dass das passieren würde, was
passiert ist, dass die Menschen in unserem Land sich so verletzt fühlen würden,
dass insbesondere das betroffen wäre, was wir Brüderlichkeit und Einheit nen-
nen, dann hätte ich persönlich vor den Türschwellen unserer Genossen genäch-
tigt und gewartet, dass das ausdiskutiert wird, ich hätte die Türen aufgebrochen,
um hineinzukommen. […] Niemand war ein Verschwörer [...]. [...] Man kann
von einem politischen Fehler sprechen, von Unwachsamkeit, aber von Nationa-
lismus, Chauvinismus, von Drohungen und Versuchen, dieses Land zu zerschla-
gen und die Fundamente zu zerstören, für die diese Menschen ihr Leben lang
gekämpft haben – das kann man unmöglich so formulieren. (Ebd.: 26 ff.)

Nach der Veröffentlichung der „Deklaration“ trafen sich kroatische Linguisten


immer wieder mit dem CK SKH zu Gesprächen über die weitere Sprachpla-
nung. Dabei näherte man sich an. Im Dezember 1967 bestätigte das CK SKH
die weitere Gültigkeit der Vereinbarung von Novi Sad. Gleichzeitig betonte es
die „Notwendigkeit einer weiteren Entwicklung der Gleichberechtigung beider
Varianten“ (Izvršni komiteti 1967/68: 67). Bald stellte auch das CK SKS (Cent-
ralni komitet Saveza komunista Srbije, dt. „Zentralkomitee des Bundes der
Kommunisten Serbiens“) fest, dass für „beide Sprachvarianten Gleichberechti-
gung sichergestellt werden“ müsse. (Ebd.: 65) Die höchsten politischen Organe
Kroatiens und Serbiens gaben im Variantenstreit somit den kroatischen Lingu-
isten Recht.

1.1.4 Scheideweg 1971: die Vereinbarung von Novi Sad


in Zagreb „ungültig“, in Belgrad „unvergänglich“

Die politische Legitimierung des Variantenkonzepts wirkte sich grundlegend


auf die weitere Sprachplanung aus: Die Kroaten zogen sich, ohne dass sie des-
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halb mit Sanktionen bedacht wurden, aus dem zentralen Sprachkodifizierungs-


vorhaben von Kroaten und Serben zurück – dem kroatoserbischen/serbokroati-
schen Wörterbuch, das die Matica hrvatska und die Matica srpska gemäß der
Vereinbarung von Novi Sad gemeinsam vorbereiteten. Im Dezember 1967 er-
schienen die ersten beiden Bände: in Zagreb in lateinischer Schrift und ijeka-
vischer Aussprache, in Belgrad in kyrillischer, ekavischer Ausgabe. Ansonsten
waren die beiden Versionen identisch, d. h. sie führten übereinstimmend Wörter
sowohl der Zagreber als auch der Belgrader Varietät an, ohne sie als solche zu
markieren. Während die Publikation in Belgrad als „Triumph im Geiste der
Zusammenarbeit“ (Vaviü 1968: 15) gefeiert wurde, distanzierte sich die Matica
hrvatska von dem Werk, das zumindest teilweise ihr eigenes war. Sie stützte
sich dabei auf Rezensionen einiger kroatischer Philologen, welche das Wörter-
buch als „geistiges Kind des Etatismus und des Zentralismus“ verrissen. (Ladan
1969: 58) Das Wörterbuch enthalte die These, „dass es zwischen den Varianten
keine Unterschiede gibt, oder wenn es sie gibt, dass sie bedeutungslos sind“
(Babiü 1969: 25). Die Matica hrvatska erhob für die noch nicht erschienenen
Bände gegenüber der Matica srpska die Forderung, „durch adäquate Weise die
Zugehörigkeit der Wörter zu ihren schriftsprachlichen Regionen eindeutig zu
kennzeichnen“. In der kyrillischen Ausgabe sollte man „die Sprache und Termi-
nologie der serbischen Wissenschaft und Literatur“, in der lateinischen „die
Sprache und Terminologie der kroatischen Wissenschaft und Literatur“ gebrau-
chen. (Pismo 1968) Die Matica srpska verweigerte eine variantengerechte Mar-
kierung der Lexeme im Wörterbuch und rechtfertigte ihre Entscheidung mit
zwei Argumenten. Erstens ging es um unvollständige Erkenntnisse über die
Varianten. Um Variantenzugehörigkeit eines Wortes zu behaupten, müsste man
– so Mihailo Stevanoviü, einer der Wörterbuchredakteure der serbischen Seite –
zuvor Studien mit genauen Angaben dazu erstellen, wo ein bestimmtes Wort
belegt sei und wo nicht. (Stenografski 1969b) Für die Anwendung des Varian-
tenkonzepts stellte das Fehlen solcher Studien in der Tat ein Problem dar, ge-
nauso wie die Tatsache, dass etliche Wörter nicht säuberlich einer als kroati-
sches oder serbisches Nationalidiom definierten Variante zugeordnet werden
konnten, weil sie in ethnisch gemischten Gebieten oft von allen Sprechern
benutzt wurden, nicht nur von der „richtigen“ Nation. Zweitens bezog sich die
Matica srpska auf politische Folgen des Variantenkonzepts. Dieses Konzept
könnte nur dann attraktiv erscheinen, so Pavle Iviü, einer der führenden serbi-
schen Philologen, „wenn die Kroaten und Serben in zwei geschlossenen, territo-
rial klar getrennten Gebieten lebten, mit anderen Worten, wenn es weder Serben
in Kroatien, noch Kroaten in der Vojvodina, noch Bosnien-Herzegowina mit
seinem ethnischen Dreiermosaik gäbe“ (Iviü 1968: 2). Was würde denn gesche-
hen, fragte Iviü, wenn „die einen in Bosnien-Herzegowina in der ‚kroatischen‘,
die anderen in der ‚serbischen‘, die dritten vielleicht in der ‚muslimischen‘
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‚Sprache‘ zu schreiben anfingen“ (ebd.)? Die kroatischen Sprachwissenschaftler


ließen sich in die Diskussion über diese prinzipiellen Fragen nicht ein und blie-
ben bei ihren Forderungen. Der Appell der Experten der Matica srpska, die
Sache von Politikern entscheiden zu lassen, blieb folgenlos. Die kroatische Partei
mischte sich diesmal nicht in die Kontroverse ein. Im November 1970 stieg die
Matica hrvatska aus dem Wörterbuchprojekt aus; sie hielt es für „zweckmäßi-
ger, die kroatische Sprache gesondert zu behandeln, grundlegende Handbücher
auf der Basis kroatischer Quellen für diese Sprache zu erarbeiten und im Rah-
men der Werte des kroatischen kulturellen Ausdrucks zu verbleiben“ (Izjava
1971: 140). Die Matica srpska setzte die Arbeit am Wörterbuch nun allein fort.
Im April 1971 erklärte die Matica hrvatska die Vereinbarung von Novi Sad für
„gegenstandslos und ungültig“. Die Vereinbarung sei zu einem „Mittel für das
Aufdrängen der serbischen Schriftsprache ekavischen Typs geworden“ (Novo-
sadski 1970/71: 138). Die Position der serbischen Seite beeinflusste dies keines-
wegs. Die Matica srpska berief sich weiterhin auf Novi Sad und „seine demo-
kratischen, unvergänglichen […] Standpunkte über die Einheit der Sprache […]
und das Recht der Bürger auf freie Wahl der Ausdrucksmittel auf dem gesamten
Territorium der serbokroatischen Sprache“ (Saopštenje 1971: 2).
Auch wenn sich die kroatische Parteispitze in der Zeit des Konfliktes um
das Wörterbuch kaum öffentlich zur Sprachfrage äußerte, wussten die kroati-
schen Philologen, dass sie dort Rückhalt fanden. Bei den Treffen des CK SKH
mit den Linguisten kristallisierte sich hinter geschlossenen Türen heraus, dass
die Politiker den Thesen der „Deklaration“ prinzipiell zustimmten. Im Juni 1969
tat Pero Pirker, Mitglied des CK SKH, bei einem solchen Treffen kund, man
müsse „von dem Standpunkt ausgehen, dass es sich um zwei Sprachen handelt
und dass ihre vollständige Gleichberechtigung absolut notwendig ist“ (Steno-
grafski 1969). Bei einem anderen Treffen im Juni 1971 erklärte Josip Vrhovec,
auch er Mitglied des CK SKH, gegenüber den Linguisten Stjepan Babiü, Lju-
devit Jonke und Milan Moguš: „Was den Namen der Sprache betrifft, da denke
ich, dass es da keinen Streit gibt, dass wir uns alle für die kroatische Sprache
entschieden haben“ (Stenografski 1971). Dieser Name werde auch in die neue
Verfassung Kroatiens eingehen, versprach Vrhovec. Das CK SKH unterstützte
ebenso eine Rekodifizierung der Sprache, um ein „gewisses Vakuum“ in der
Sprachnorm zu beenden, das sich aus der kroatischen Kündigung der Vereinba-
rung von Novi Sad ergeben habe.
Die Frage, welcher Platz in dieser Sprachpolitik den kroatischen Serben
zukam, wurde von den kroatischen Linguisten verdrängt. Die Parteifunktionäre
beschäftigten sich damit ebenfalls nicht – bis zum vom CK SKH organisierten
Treffen von Politikern und Sprachwissenschaftlern im Juni 1971. Dort erklärte
Milan Miškoviü, Mitglied der Parlamentskommission, die am Entwurf der neu-
en kroatischen Verfassung arbeitete:
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154 Ksenija Cvetkoviü-Sander

Es können nicht nur wir Kroaten sagen: Hört mal, Brüder Serben, eure Sprache
ist Kroatisch. Da müssen wir uns irgendwie mit ihnen einigen, damit sie das auch
sagen. [...] Werden sie ihre Sprache gesondert lernen, ist es ihre Sprache? Ich
stelle das als Frage, die uns nicht klar ist, aber ich gehe von dem Standpunkt des
vollen Rechts eines jeden Volkes aus, auch des serbischen Volkes in Kroatien,
seine eigene Sprache zu besitzen. (Stenografski 1971)

Die Politiker vom CK SKH begriffen offenbar erst jetzt voll und ganz, dass der
Grundsatz der Selbstbestimmung der Völker in Kroatien eine Trennung von Ser-
ben und Kroaten im Schulwesen und möglicherweise auch in anderen Bereichen
heraufbeschwören konnte. Diese Perspektive schien ihnen im krassen Gegen-
satz zum Prinzip der Brüderlichkeit und Einheit zu stehen, zumal die Sprache
der kroatischen Serben an sich keinen Grund für eine solche Trennung lieferte:
Die Serben und Kroaten in Kroatien ließen sich auf der Basis der Sprache meist
nicht unterscheiden. So war man sich auch beim erwähnten Treffen einig, dass
die Sprache der kroatischen Serben „eigentlich keinen wahrnehmbaren Unter-
schied“ (Stenografski 1971) zur kroatischen Schriftsprache aufwies – wie sich
Ljudevit Jonke ausdrückte. Jonke meinte dabei nicht nur die Schriftsprache,
sondern auch die gesprochenen Idiome der Serben, die, da mehrheitlich ijeka-
visch-štokavisch, der Normsprache der Kroaten wesentlich näher standen als
die genuin kroatischen þakavischen und kajkavischen Dialekte. Um die Serben
für die Bezeichnung „kroatische Sprache“ in der künftigen Verfassung der Re-
publik Kroatien zu gewinnen, schlug Josip Vrhovec vor, den spezifischen Wort-
schatz der kroatischen Serben in den kroatischen Sprachkodex zu integrieren.
Dabei dürfe dieser Wortschatz etwa in einem Wörterbuch des Kroatischen als
serbisch markiert werden.
Im Sommer 1971 meldete sich indes Prosvjeta, die Kulturorganisation der
kroatischen Serben, mit einer scharfen Kritik an der sprachpolitischen Entwick-
lung in Kroatien zu Wort. Prosvjeta-Mitglieder missbilligten die „ausgeprägten
Tendenzen, einen möglichst großen Unterschied zwischen der kroatischen und
der serbischen Sprache zu erzeugen“, und forderten für die Serben in Kroatien
„sichere Garantien für den freien und gleichberechtigten Gebrauch ihrer Spra-
che und Schrift“ (Prijedlog 1971: 2). Einige kündigten die Gründung von serbi-
schen Schulen in Kroatien an, denn „einen anderen Ausweg gibt es nicht“ (Dis-
kusija 1971: 14). Nach dieser Reaktion der Prosvjeta entspann sich in philo-
logischen Kreisen zum ersten Mal eine Debatte um die Beschaffenheit der
Sprache der kroatischen Serben. Dalibor Brozoviü kommentierte:
Theoretisch wäre es möglich, zu sagen, dass die kroatische Sprache gleichzeitig
die Sprache der Serben in Kroatien sei, ich sehe aber nicht, dass die Stimmung
unter den kroatischen Serben eine solche wäre, und ich denke, dass ihnen diese
Auffassung am wenigsten die Kroaten vorschlagen dürfen […]. Denn die Ant-

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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 155

wort auf die Frage, wie die Sprache der Serben in Kroatien ist, gehört nur ihnen.
(Brozoviü 1971: 15)

Die serbischen Linguisten hatten kein schlüssiges Konzept und argumentierten


unstimmig. So sprachen im Oktober 1971 vierzehn Angehörige der Lehrstühle
für Südslawistik von Belgrad und Novi Sad in der Belgrader Tageszeitung
Politika von der unwiderlegbaren Wahrheit, dass Serben und Kroaten sich „im
Grunde einer Schriftsprache bedienen“, konstatierten aber auch, dass die Spra-
che der Serben aus Kroatien „in allen wesentlichen Punkten mit der Sprache
der Serben in Bosnien-Herzegowina identisch ist und sich von der Schriftspra-
che der Kroaten in erheblichem Maß unterscheidet“ (Lingvisti 1971: 6). Jovan
Kašiü, einer der wenigen Philologen unter den kroatischen Serben, 1971 als
Dozent an der Philosophischen Fakultät in Novi Sad tätig und Unterzeichner
der Politika-Erklärung, postulierte wiederum im November 1971 eine „einheit-
liche serbische Sprache“, die unabhängig vom Ort ihrer Verwirklichung einige
allgemeine Charakteristika aufweise. (Kašiü 1971: 16) Die Debatte war nicht
auf Forschungsergebnisse gestützt. Sie hatte vor allem mit politischen Vorstel-
lungen von der kroatisch-serbischen Koexistenz in Kroatien zu tun. Beeinflusst
wurde die Stimmung durch die Existenz des ersten kroatischen Kodifizierungs-
werkes, das sich nicht mehr an der Vereinbarung von Novi Sad orientierte – ei-
ner „Kroatischen Rechtschreibung“. Diese Rechtschreibung lag seit September
1971 in 40.000 Exemplaren vor und durfte auf Beschluss der Partei nicht in den
Vertrieb gehen. Anstoß erregten nicht die Rechtschreibregeln, sondern in erster
Linie der Name des Werks, welcher, wie die Funktionäre in höchsten Ämtern
endlich verstanden hatten, wenig Chancen besaß, von den kroatischen Serben ak-
zeptiert zu werden. Vorwürfe konnte die Partei den Autoren der Orthographie
indes nicht machen, basierte diese doch auch auf den erklärten Wünschen der Po-
litiker. Bevor das CK SKH einen Ausweg für die vertrackte Situation finden konn-
te, entmachtete Josip Broz Tito – Anfang Dezember 1971 – den Reformflügel
der kroatischen Parteispitze mit dem Argument, dieser habe den Nationalismus
in der Matica hrvatska und unter Studenten nicht bekämpft und selbst die Nation
zu sehr in den Mittelpunkt gestellt: „Gut, ich negiere die Nation nicht, aber
Mensch, wir bauen den Sozialismus auf, wir müssen die Arbeiterklasse an die
erste Stelle setzen.“ (Sjeþa 1994: 195) Nach dem Zusammenbruch der Politik
des kroatischen Reformflügels traten Tausende aus der kroatischen Partei aus,
Tausende wurden ausgeschlossen und über tausend Personen sahen sich mit
einem Strafverfahren konfrontiert. Auch zahlreichen Linguisten kündigte die
Partei die Mitgliedschaft; eine Freiheitsstrafe hatte aber keiner zu befürchten.
Die Tätigkeit der Matica hrvatska sowie der Prosvjeta stellte man ein und
40.000 Exemplare der „Kroatischen Rechtschreibung“ wurden eingestampft.

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156 Ksenija Cvetkoviü-Sander

1.1.5 Von der Verfassung 1974 bis zum Staatszerfall 1991

Allmählich wurde deutlich, dass die Ereignisse der Jahreswende 1971/72 kein
Fiasko für die kroatische Linguistik markierten. Zwar belegte die Partei das
Thema der Sprache der kroatischen Serben und die eingestampfte Rechtschrei-
bung mit einem Tabu, doch der Forderung, die Sprache in Kroatien Kroatisch
zu nennen, gab sie statt. Im Artikel 138 der neuen kroatischen Verfassung von
1974 hieß es: „Im öffentlichen Gebrauch in der Sozialistischen Republik Kroa-
tien ist die kroatische Schriftsprache – die Standardform der Volkssprache der
Kroaten und Serben in Kroatien, die man Kroatisch oder Serbisch nennt.“ (Ustav
1974: 315) Bundesgesetze seien in Kroatien „in kroatischer Schriftsprache, in
lateinischer Schrift“ zu veröffentlichen.
Eine Annäherung zwischen kroatischen und serbischen Philologen bewirkte
der Artikel 138 nicht. Auf der Tagung „Sprache und zwischennationale Bezie-
hungen“, der ersten ihrer Art in Jugoslawien, veranstaltet im April 1984 in Sa-
rajevo vom CK SKBiH (Centralni komitet Saveza komunista Bosne i Hercego-
vine, dt. „Zentralkomitee des Bundes der Kommunisten Bosnien-Herzegowi-
nas“), offenbarte sich, dass die Kernfragen der jugoslawischen Serbokroatistik
immer noch – wie zuvor entlang der nationalen Grenzen – umstritten waren:
Stellt das Serbokroatische eine Standardsprache dar oder nicht? Was sind Vari-
anten? Sind Varianten Nationen oder Republiken zuzuordnen? Die kroatischen
Linguisten setzten sich für die Normierung eines Standardidioms für die Re-
publik Kroatien ein und beriefen sich dabei auf die kroatische Verfassung. Die
Kroaten in den anderen Republiken klammerten sie in ihrer Sprachplanung aus.
Ihre serbischen Kollegen konnten diesem Konzept nicht zustimmen. „Es ist eine
Sprache oder nicht – etwas Drittes gibt es nicht“, so formulierte es Branislav
Brboriü, ein in einer Kommission beim CK SKS tätiger Sprachwissenschaftler.
(Brboriü 2000: 210) Nach 1974 beanstandeten die serbischen Linguisten, die
Hand in Hand mit serbischen Politikern arbeiteten, immer wieder die – wie sie
die kroatischen Bestrebungen charakterisierten – „Republikanisierung“ der Spra-
che. Nun argumentierten die serbischen Eliten gegen das Variantenmodell nicht
mehr in erster Linie mit der sozialistischen Brüderlichkeit zwischen den Völ-
kern. Sie pochten immer entschiedener auf das Recht der Serben auf sprachli-
che Einheit über die Republikgrenzen hinweg. Als Vorsitzender des Rates des
Belgrader Rundfunks für die serbokroatische Sprache erklärte Pavle Iviü 1985:
Wenn […] die Serben in Serbien eine und diejenigen in Kroatien eine andere
Sprache sprechen werden, bedeutet das, dass man diesem Volk eines der grund-
legenden nationalen und verfassungsmäßig verbürgten Rechte vorenthält, näm-
lich das auf den Gebrauch seiner Sprache. (Srpskohrvatski 1985: 33)

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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 157

Die Funktionäre, die nach der Entmachtung des Reformflügels der kroatischen
Partei in Kroatien regierten, mischten sich nach 1974 immer stärker in die
Sprachdiskussion ein. Es entstanden politische Gremien, die sich ausschließlich
Sprachproblemen widmeten. Wie prekär das Thema zunehmend wurde, lässt
die Tatsache erkennen, dass sich für den Ausschuss für Sprachpolitik beim
Sozialistischen Bund des werktätigen Volkes Kroatiens von 1986 bis 1988 kein
Vorsitzender finden ließ. Die Aussagen und Entscheidungen der kroatischen
Politiker zur Sprachplanung entbehrten der Logik und Konsequenz. So wollte
Stipe Šuvar, einer der führenden Parteiideologen in den 1970er und 1980er Jah-
ren, zudem kroatischer Bildungs- und Kulturminister, eine 1979 vom Schul-
buchverlag Školska knjiga verlegte Grammatik der „kroatischen Schriftsprache“
für den Unterricht nicht genehmigen, weil das Unterrichtsfach in der Schule
nicht „kroatische Sprache“, sondern „kroatische oder serbische Sprache“ hieß.
Dabei hatte Šuvar zuvor Schulbücher mit der „kroatischen Schriftsprache“ im
Titel bewilligt und auch den Titel der Grammatik in einer ersten Stellungnahme
nicht moniert. Insgesamt sind Šuvars auf Sprachplanung gerichtete Aktivitäten
von einem Zwiespalt gekennzeichnet. Immer wieder rief er die kroatischen Phi-
lologen zur Zusammenarbeit mit anderen Republiken auf. Zugleich betonte er,
dass Sprache ein „Mittel der eigenen Individualität“ sei, wobei diese „Individu-
alität“ in seinen Äußerungen unterschiedlich interpretiert werden konnte – mal
als Nation, mal als Sprechergemeinschaft einer Republik. (Šuvar 1976: 16)
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre führten Zagreber und Belgrader Me-
dien eine Dauerkontroverse um die Sprache. Im Juni 1985 kritisierte Šuvar
kroatische „Sprachexperten, Lektoren und Lehrer“, welche „Serbismen oder ver-
meintliche Serbismen ausrotten“ würden. (Šuvar 1985: 5) Im Juli erklärte der
kroatische Politologe Franjo Butorac in der Zeitschrift Komunist „die Sprach-
problematik“ zum zentralen Aspekt einer „nationalistischen Gesamtreconquista“
in Kroatien. Butorac wollte festgestellt haben, dass in Grundschulbüchern in
Kroatien gebräuchliche Wörter (wie z. B. sistem, metal, potrošaþ, prekidaþ usw.)
durch spezifisch kroatische (sustav, kovina, trošilo, sklopka usw.) ersetzt wor-
den seien – mit dem Ziel, die sprachliche Distanz der jungen Menschen zu
ihren Altersgenossen außerhalb Kroatiens zu vergrößern. (Butorac 1985: 19)
Das Echo auf Butorac’ Beitrag war immens. Wahrscheinlich handelte es sich
um den meistzitierten Artikel der jugoslawischen Presse des Jahres 1985. (Štaj-
duhar 1985: 57) Rade Dumaniü, Delegierter im kroatischen Parlament, forderte
das Bildungs- und Kulturministerium auf, zu Butorac’ Vorwürfen Stellung zu
nehmen. Das Ministerium bildete eine Kommission, die 134 Schulbücher ana-
lysieren sollte. Während der Arbeit der Kommission teilte Božidar Pasariü, Lei-
ter der Schulaufsichtsbehörde in Rijeka, der Öffentlichkeit mit, dass er Anfang
1985 beim jugoslawischen Verfassungsgericht die Überprüfung der Vereinbar-
keit der Sprachdefinition in der kroatischen Verfassung mit der jugoslawischen
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158 Ksenija Cvetkoviü-Sander

Verfassung beantragt habe. (Balen 1985) Pasariü setzte sich für eine Änderung
dieser Definition ein und schlug folgende Formulierung vor: „In der Sozialisti-
schen Republik Kroatien ist im öffentlichen Gebrauch die kroatoserbische Spra-
che ijekavischer Aussprache.“ (Ebd.: 58) Außerdem bat er das kroatische Parla-
ment, zu folgenden Fragen Stellung zu beziehen: Welches Wörterbuch, welche
Grammatik, welche Rechtschreibung seien in Kroatien maßgeblich, wer lege
die Fachterminologie fest, wer sei für die Pflege der Amtssprache zuständig,
inwiefern obliege die Sprachpolitik dem Bund der Kommunisten und inwiefern
den sprachwissenschaftlichen Fachkreisen; bestehe eine Zusammenarbeit zwi-
schen kroatischen Gremien und Institutionen und denen in anderen Republi-
ken? (Pasariü 1985)
Die vom Bildungs- und Kulturministerium engagierte Kommission, deren
Mitglieder lauter „unverdächtige“ jüngere Linguisten und Literaturwissenschaft-
ler sowie Parteimitglieder waren, kam zum Schluss, dass die „Sprache der
überwältigenden Mehrheit der Schulbücher […] korrekt“ sei (Štajduhar 1985b:
48) und der Vorwurf des Sprachnationalismus nicht zutreffe. Dennoch diagnos-
tizierte das CK SKH im Dezember 1985 etwas ganz anderes: Gewalt an der
Sprache „nach Vorbild der Sprachpraxis in der Zeit des so genannten Unabhän-
gigen Staates Kroatien und der faschistischen Okkupation“. Kroatische Natio-
nalisten würden gegen die „wissenschaftliche Tatsache“ wirken, dass die „Spra-
che, die Kroaten, Serben, Montenegriner und Muslime sprechen, eine Sprache
ist“ (Stavovi 1985: 1). Wie schon einige Male zuvor, sprach sich das CK SKH
gleichzeitig für die Einheit der Sprache und gegen ihre „Unifizierung“ aus. Um
aktuelle sprachpolitische Probleme zu erörtern, organisierte das CK SKH im
Februar und im April 1986 in Zagreb – ein Präzedenzfall im sozialistischen
Jugoslawien – ein Treffen der Mitglieder von Zentralkomitees aller vier serbo-
kroatischen Republiken und einiger Sprachwissenschaftler. Zur wichtigsten Auf-
gabe erklärten die Teilnehmer „die Arbeit an der Angleichung der gesellschaft-
lich-politischen Standpunkte zur Standardsprache der Kroaten, Montenegriner,
Muslime und Serben“ (Atmosfera 1986b: 22). Als Prinzip wurde das Konzept
der „sprachlichen Gemeinschaftlichkeit“ hervorgehoben; man verurteilte den
„Sprachseparatismus auf der Basis der Nation beziehungsweise Republik“
(Atmosfera 1986: 20). Man solle die Standardisierung des Serbokroatischen
gemeinsam in Angriff nehmen. Konkret sei die Publikation der lateinischen
Ausgabe des Wörterbuchs der Matica srpska und der Matica hrvatska, die nach
der Herausgabe der ersten beiden Bände Ende 1967 in Zagreb abgebrochen
worden war, fortzusetzen sowie eine Rechtschreibung und eine Grammatik zu
erarbeiten. Die Beschlüsse kündigten Umbenennungen der Sprache in den Re-
publikverfassungen an. (Atmosfera 1986b) Dass diese Beschlüsse nicht auf ei-
nem Konsens beruhten, wurde bald klar: Vladimir Aniü, Inhaber des Lehrstuhls
für die kroatische Schriftsprache der Gegenwart an der Zagreber Philosophi-
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 159

schen Fakultät und Vorsitzender der Kommission für Sprache beim kroatischen
Bildungs- und Kulturministerium, distanzierte sich von den Beschlüssen mit dem
Hinweis, man habe über sie nicht abgestimmt. (Štajduhar 1986: 34) Einige Mo-
nate nach den Zagreber Gesprächen veröffentlichte Aniü zusammen mit Josip
Siliü eine Rechtschreibung „der kroatischen oder serbischen Sprache“, die sich
auf den Sprachgebrauch in Kroatien bezog. Ferner erschienen 1986 eine „Syn-
tax der kroatischen Schriftsprache“ aus der Feder von Radoslav Katiþiü sowie
eine „Wortbildung in der kroatischen Schriftsprache“ von Stjepan Babiü. Wie
Aniü und Siliü berücksichtigten Babiü und Katiþiü die Sprache der auf dem
Gebiet Kroatiens entstandenen Literatur, darunter auch die Werke kroatischer
Serben. Alle drei Neuerscheinungen wurden von den Politikern und Linguisten
in Serbien als Musterbeispiele für die „Republikanisierung“ der Sprache wahr-
genommen und scharf verurteilt. Ĉoko Stojiþiü, Politiker, Schriftsteller und lei-
tender Redakteur beim Belgrader Fernsehen, warnte während einer im April
1987 in Belgrad vom CK SKS organisierten Diskussion über die Sprachpolitik
im serbokroatischen Sprachraum davor, dass Probleme der serbokroatischen
Sprache sich zu einer „antijugoslawischen Bombe“ verdichten könnten. (Stoji-
þiü 1987: 80) „Wenn Republikgrenzen auch Sprachgrenzen werden, dann bleibt
einigen Völkern nichts anderes übrig, als die Assimilation zu akzeptieren oder
zu ihrem jeweiligen Muttervolk zu ziehen“, prophezeite Stojiþiü. (Ebd.: 81)
Um eine solche Entwicklung abzuwenden, forderte die philologische Elite Ser-
biens in den letzten Jahren der Existenz Jugoslawiens zwei Dinge. Erstens: Je-
dermann sollte seinen eigenen Ausdruck nach Belieben gestalten dürfen, ein-
schließlich der freien Kombination von Elementen beider Varianten. Zweitens:
Die Kategorie der „kroatischen Sprache“ sollte aus der kroatischen Verfassung
entfernt werden. Die Sprache in Kroatien müsse Serbokroatisch oder Kroatoser-
bisch heißen, andernfalls würden die kroatischen Serben „grobe Verletzungen
von Menschenrechten“ erleiden. (Štajduhar 1988: 35) Einige Serben aus Kro-
atien teilten diese Auffassungen nicht. Milan Miriü etwa, Vizevorsitzender des
Schriftstellerverbands Kroatiens, hielt die Frage des Sprachnamens in der kroa-
tischen Verfassung für eine „Pseudofrage“:
Über den Namen der Sprache kann man diskutieren […], aber über das Wesen
der Sprache und der in ihr aufgebauten Kultur kann man nicht diskutieren […].
Ich kenne keinen Serben, keinen bedeutenderen kroatischen Schriftsteller, der in
einer Sprache schreibt, die den Rahmen der kroatischen Schriftsprache sprengen
würde. Auch ich selbst bemühe mich darum, [...] in der Sprache zu schreiben,
die man in dieser Literatur, in meiner Heimat und meinem Kulturraum kroati-
sche Schriftsprache nennt. (Štajduhar 1987: 40)

Die bedeutendsten kroatischen Kulturinstitutionen und einige führende Kom-


munisten sprachen sich gegen eine Änderung der Verfassung aus. Die Mehrheit

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160 Ksenija Cvetkoviü-Sander

der an der öffentlichen Diskussion beteiligten kroatischen Serben votierte für die
Änderung. Um die Auseinandersetzungen zu beenden, schlug die Verfassungs-
kommission des kroatischen Parlaments im Dezember 1988 eine neue Sprach-
definition vor, nach der in Kroatien „die kroatische oder serbische Sprache“ im
amtlichen Gebrauch sei. (Peti 1991: 185) Das kroatische Parlament stimmte im
Juni 1989 jedoch für den Status Quo. Großen Einfluss auf die Abstimmung hatte
die Stellungnahme des Verfassungsgerichts Jugoslawiens zur Sprachformulie-
rung im Artikel 138 der kroatischen Verfassung. Das Gericht entschied, dass
dieser Artikel der Bundesverfassung widerspreche, ohne das kroatische Parla-
ment zu befragen, so dass die Parlamentarier von der Entscheidung aus den
Medien erfuhren. Ein solches Verfahren sei, so das Präsidium des Parlaments,
„in der bisherigen Praxis der Verfassungsgerichtsbarkeit bei uns bisher unbe-
kannt“ (Neprimjeren 1988: 4).
Die erste neue Verfassung in Jugoslawien nach 1974 erließ Serbien im Sep-
tember 1990. Als Amtssprache behielt man in dieser Verfassung „die serbokro-
atische Sprache“ bei. Im Dezember 1990 – in Kroatien regierte bereits Franjo
Tuÿmans Partei HDZ – wurde die neue kroatische Verfassung verabschiedet.
Als Amtssprache postulierte man dort „die kroatische Sprache“. Nun verstand
man darunter vor allem die Sprache der ethnischen Kroaten, auch außerhalb der
Grenzen Kroatiens, und nicht mehr die Sprache aller Sprecher in Kroatien. Die
Mehrheit der führenden Philologen revidierte ihre Auffassungen im Einklang
mit der Ideologie der HDZ, ohne zu erklären, was genau an den früheren Kon-
zepten falsch war. So schrieb Dalibor Brozoviü 1999: „Es gibt nur eine kroati-
sche Sprache und es kann nicht eine für die Kroaten in der Republik Kroatien
und eine andere für die Kroaten in Bosnien-Herzegowina geben.“ (Brozoviü
1999: 15) Noch 1988 war Brozoviü von der Existenz eines „bosnisch-herze-
gowinischen standardsprachlichen Ausdrucks (dessen sich Kroaten, Muslime,
Serben und andere bedienen)“ überzeugt gewesen, welcher „in nationaler Hin-
sicht ausgesprochen inhomogen“ sei (Brozoviü/Iviü 1988: 103). Unter Führung
der HDZ gestaltete die linguistische Elite Kroatiens die Sprache um, insbeson-
dere die Lexik. Heute unterscheidet sich die Schriftssprache in Kroatien un-
gleich stärker von der Schriftsprache Serbiens als vor einem Viertel Jahrhun-
dert. Auch das Bild der eigenen Sprache wandelte sich bei den Kroaten be-
trächtlich. Während Ende der 1980er Jahre ungefähr die Hälfte der Kroaten
Kroatiens hinter der These stand, bei Kroatisch und Serbisch handele es sich
um eine Sprache, (vgl. Cvetkoviü-Sander 2011: 357–361) würden heute die
allermeisten Kroaten behaupten, „that Croatian and Serbian are two completely
different units in the list of languages of the world“ (Škiljan 2004: 68). In Ser-
bien heißt die Sprache seit der ersten demokratischen Verfassung vom April
1992 „serbische Sprache“. Etliche serbische Philologen nehmen sie indes nicht
als eine exklusiv von den Serben gesprochene Sprache wahr, sondern als eine
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 161

Sprache, der sich auch Kroaten, Bosniaken und Montenegriner bedienen. Oft
subsumiert man diese dann auch unter die Serben oder man gesteht ihnen den
Status von Nationen zu, allerdings von Nationen, die ihre Sprache von den Ser-
ben „übernommen“ hätten.

1.2 Die Fälle Bosnien-Herzegowina und Montenegro


1.2.1 Bosnien-Herzegowina

Bis Mitte der 1960er Jahre trat Bosnien-Herzegowina (im weiteren Text: B-H)
sprachplanerisch nicht in Erscheinung. Die infrastrukturellen Voraussetzungen
dafür waren schlecht: 1948 wies diese Republik mit 835.000 oder 44,9 % An-
alphabeten die höchste Analphabetenzahl in Jugoslawien8 auf; (Babiü 1953: 10)
zu Beginn der sozialistischen Zeit verfügte B-H über keine Universität, bis
1966 besaß man dort keine Akademie der Wissenschaften und Künste. In Novi
Sad 1954 wurde Sarajevo auch nur durch zwei Teilnehmer vertreten. Als je-
doch im Dialog der Sprachplaner Kroatiens und Serbiens das Variantenmodell
auf den Plan trat und obendrein die Existenz von Varianten vom CK SKH und
CK SKS anerkannt wurde, begann auch in B-H eine Auseinandersetzung mit
dem eigenen Idiom. Die ersten Definitionsversuche dieses Idioms lieferten indes
die Zagreber Linguisten auf dem erwähnten Kongress jugoslawischer Slawisten
in Sarajevo 1965. Der Schöpfer der Variantentheorie Dalibor Brozoviü, ein ge-
bürtiger Bosnier, der den serbokroatischen Fall mit dem anglo-amerikanischen
verglich, sah in B-H wie in Kanada ein Gebiet, in dem sich Eigenschaften von
zwei Varianten „kreuzen“ würden. (Brozoviü 1965/66: 35) Ljudevit Jonke lehnte
die Idee einer bosnisch-herzegowinischen Variante ebenfalls ab, weil seines Er-
achtens nur die Belgrader und die Zagreber Variante „alle Elemente der rich-
tigen und eigenständigen Schriftsprache“ enthielten. (Jonke 1965/66: 10) Mate
Hraste, der von einem Konzept der Varianten als regionalen Normvarietäten aus-
ging, war der einzige Kongressteilnehmer, der die Sprachvarietät B-Hs gegen-
über den anderen Varianten – der westlichen, der östlichen und der nordöstli-
chen – als gleichberechtigt einstufte. B-H wurde auf dem Kongress vor allem
durch zwei Professoren der Universität Sarajevo repräsentiert, Jovan Vukoviü
und Svetozar Markoviü. Beide waren Serben und beide stammten nicht aus
B-H. Übereinstimmend hielten sie das Variantenkonzept für unangebracht – im
Hinblick auf das Serbokroatische überhaupt und insbesondere hinsichtlich der
Lage in B-H. Brozoviüs Vergleich des anglo-amerikanischen Falls mit der ser-
bokroatischen Problematik wies Vukoviü mit dem Hinweis zurück, dass es sich
8
Zum Vergleich: In Slowenien, der Republik mit dem höchsten Standard, waren damals
27.000 Menschen oder 2,4 % der Bevölkerung des Lesens und des Schreibens nicht
kundig.

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162 Ksenija Cvetkoviü-Sander

um zwei gegensätzliche gesellschaftliche Systeme handle. Das Variantenmodell


widerspreche der sozialistischen Idee „von der Wirkung (und der Notwendig-
keit der Wirkung) der Kohäsionskräfte“ (Vukoviü 1972: 80).
Nach dem Kongress meldeten sich in B-H einige Intellektuelle zu Wort, die
beweisen konnten, dass seit Ende des Zweiten Weltkriegs die für Kroatien und
B-H spezifischen Ausdrücke aus den bosnischen Medien und Schulbüchern
nach und nach verschwunden und durch Lexeme aus der Belgrader Variante er-
setzt worden waren. Jovan Vukoviü geriet in die Kritik. Vukoviü war Begrün-
der des Lehrstuhls für Serbokroatisch in Sarajevo und somit eine besondere
Autorität in der Sprachplanung. Er schien die Dominanz der serbischen Ele-
mente in der Sprache B-Hs zu verkörpern, denn er sprach und schrieb, obwohl
er aus Montenegro stammte, also ursprünglich Ijekaver war wie die Bosnier
und Herzegowiner, konsequent Ekavisch – wie ein Serbe aus Serbien.9 Bald
stritten in B-H öffentlich zwei Fraktionen. Eine bildeten diejenigen Linguisten,
meist serbischer Nationalität, welche eine Sprachkodifizierung für B-H ablehn-
ten, weil diese „Chaos in den zwischennationalen Beziehungen heraufbeschwö-
ren“ würde. (Minoviü 1969/70: 13) Sie propagierten Toleranz und setzten sich
dafür ein, dass in ihrer Republik alles akzeptiert werde, was in Kroatien und
Serbien als korrekt gelte. Die Norm solle sich in B-H von allein stabilisieren,
lautete ihre Devise. Auf der anderen Seite empfanden etliche kroatische und
muslimische Diskussionsteilnehmer diese Position als zynisch; hatte sich doch
gezeigt, dass in den ersten zwei Jahrzehnten des sozialistischen Jugoslawiens
unter dem Deckmantel der Toleranz die serbische Lexik in B-H deutlich expan-
diert war. Damit sich B-H gegen die Bevormundung durch Serbien und Kroatien
zur Wehr setzen könnte, plädierten einige für die Anerkennung einer bosnisch-
herzegowinischen Variante – beispielsweise der muslimische Schriftsteller Ali-
ja Isakoviü. Isakoviü verstand diese Variante als ein allen drei bosnischen Völ-
kern – Muslimen, Kroaten, Serben – gemeinsames Idiom. Bei seiner Forderung
hob er ein neues Moment der Nationalitätenpolitik in B-H hervor: die Existenz
einer muslimischen Nation. Im Laufe der 1960er Jahre hatte die Partei aufge-
hört, von den bosnischen Muslimen zu erwarten, dass sie sich als Serben, Kroa-
ten oder national unentschiedene Jugoslawen definierten. Zunächst wurde die
Kategorie einer muslimischen Ethnie, dann die einer muslimischen Nation ein-
geführt. Vor dem Hintergrund dieses Wandels pochte Isakoviü auf eine neue
Betrachtung der Sprachverhältnisse, zumal die Muslime an den sozialistischen
Sprachplanungsprozessen kaum partizipierten – in Novi Sad 1954 etwa hatte
kein Muslim mitgewirkt. An eine sprachliche Autonomie der neuen musli-
mischen Nation dachte damals niemand, doch Vukoviü und Gleichgesonnene
9
Sein Kollege Svetozar Markoviü, gebürtig aus der ekavischen Vojvodina, passte sich da-
gegen seiner ijekavischen Umgebung an.

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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 163

malten das Gespenst einer muslimischen Variante gern an die Wand. Die Aus-
breitung der serbischen Lexik in B-H hielten sie für einen spontanen, mit dem
Einfluss Belgrads als jugoslawischer Hauptstadt zu erklärenden Prozess.
Als die Kontroverse zwischen den beiden Lagern zu eskalieren drohte, nahm
das CK SKBiH die Zügel in die Hand. Politiker aus dem CK SKBiH erließen im
Februar 1971 zusammen mit ihren Kollegen aus dem Sozialistischen Bund des
werktätigen Volkes Bosnien-Herzegowinas sowie einigen Linguisten ein Doku-
ment unter dem Titel „Schriftsprache und schriftsprachliche Politik in B-H“.
Das Dokument war gegen eine Zwei-Varianten-Polarisierung gerichtet, denn
„bei konsequenter Durchführung der variantenmäßigen Teilung müsste das
Schulwesen separiert werden: zwei Programme, zwei Fachterminologien, unter-
schiedliche Lehrbücher“. Diese Politik würde zur „Desintegration und Negie-
rung der Souveränität der Sozialistischen Republik Bosnien-Herzegowina“ füh-
ren. (Književni jezik 2001: 177) Eine bosnisch-herzegowinische Variante wur-
de nicht in Betracht gezogen. Die Beschlüsse des Dokuments, die zur offiziel-
len Grundlage der Sprachpolitik der Republik erklärt wurden, besagten:
1) Die Annahme der kroatoserbischen beziehungsweise der serbokroatischen
Schriftsprache als einer Sprache mit allen Verschiedenheiten und Variantenun-
terschieden;
2) Offenheit gegenüber positiven kulturellen und sprachlichen Einflüssen aus
allen Republiken und aus allen Kulturzentren unseres Sprachraums;
3) Pflege des autochthonen bosnisch-herzegowinischen schriftsprachlichen Aus-
drucks, der ein gemeinsamer Schatz aller Völker Bosnien-Herzegowinas ist;
4) Volle Freiheit bei der individuellen Wahl der sprachlichen Ausdrucksmittel
unabhängig von ihrer variantenmäßigen Markierung in anderen Gebieten. (Ebd.:
180)

Das „Dokument“ proklamierte also die Freiheit und Toleranz, welche die serbi-
schen Sprachwissenschaftler bevorzugten. Das Prinzip 3 kündigte aber gleich-
zeitig die Pflege der sprachlichen Spezifika B-Hs an. Die absolute Freiheit der
Wahl sollte für die Sprache von Individuen gelten. Als eine zweite Kategorie sah
das Dokument die „Schriftsprache als kollektives Ausdrucksmittel“ vor, (ebd.:
181) das in Schulen, Verwaltung und den Massenmedien zum Einsatz kommen
sollte. Man definierte diesen Typ von Sprache als „bosnisch-herzegowinischen
standardsprachlichen Ausdruck“. Dessen Basis seien die „ijekavische schrift-
sprachliche Aussprache und andere autochthone Sprachcharakteristika“ (ebd.).
Damit der „standardsprachliche Ausdruck“ genauer identifiziert werden könne,
vereinbarte man die Gründung eines Instituts für Sprache sowie die Überprü-
fung „der Kaderstruktur (mit besonderer Rücksicht auf die nationale Zusam-
mensetzung)“ in allen einschlägigen Institutionen. (Ebd.: 182)
Die Richtung, die das CK SKBiH vorgab, schien insofern erfolgreich, als sich
die Sprachkonflikte, die in den 1980er Jahren Serbien und Kroatien erschütter-
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164 Ksenija Cvetkoviü-Sander

ten, nicht auf B-H übertrugen. Hier herrschte Zufriedenheit unter Sprachwis-
senschaftlern und Politikern. Man war stolz darauf, dass man die Fundamente
der eigenen Sprachpolitik präziser und solider gelegt hatte als die Nachbar-
republiken. Doch aus Bemerkungen der Teilnehmer von Fachtagungen ließ sich
hin und wieder herauslesen, dass nicht alle mit der sprachpolitischen Entwick-
lung in B-H einverstanden waren. In der Tat blieben etliche Fragen ungeklärt,
beispielsweise: Was genau außer ijekavischer Aussprache bildeten die „autoch-
thonen“ Sprachcharakteristika von B-H? Welchen Status hatten die in der ge-
sprochenen Sprache B-Hs verbreiteten Turzismen, spezifisch insbesondere für
Muslime? Wie sich herausstellte, strebte man in der Praxis – anders als 1971
angekündigt – keine Kodifizierung des „bosnisch-herzegowinischen standard-
sprachlichen Ausdrucks“ an. Milan Šipka, Leiter des Instituts für Sprache in
Sarajevo und oberste Autorität bei der Interpretation der offiziellen sprachpoli-
tischen Leitsätze von B-H, hielt die Fixierung „irgendeines bosnisch-herzego-
winischen Systems von standardsprachlichen Normen oder Verordnungen, mit
Hilfe derer man Wörter und Formen der serbokroatischen Standardsprache als
‚bosnisch‘ oder ‚nicht bosnisch‘ kennzeichnen und einordnen würde“ (Šipka
1980: 29), für störend, denn so ein System würde B-H vom übrigen serbokro-
atischen Sprachgebiet isolieren und „natürliche Verläufe in der Sprachentwick-
lung“ sowie „positive Einflüsse anderer Kulturkreise“ behindern. (Šipka 1977:
68) Die Vorstellung, man müsse ein „bosnisch-herzegowinisches standard-
sprachliches Wörterbuch“ erarbeiten, „nach dem man sich in der Praxis richten
würde“, war aus der Sicht von Šipka, einem bosnischen Serben, „laienhaft“
(ebd.: 67). Diejenigen, die allein auf der Pflege von b-h Charakteristika bestan-
den, bezichtigte Šipka eines sprachlichen Separatismus, der sich vom politi-
schen Separatismus ableite und den Zerfall der jugoslawischen Föderation zum
Ziel habe. (Šipka 1984: 140)
Die fehlende Sprachnormierung in B-H hatte eine Desorientierung und Will-
kür bei der Gestaltung der Texte zur Folge, die zur Kategorie des sogenannten
kollektiven Ausdrucks gehörten. Auch wenn das Institut für Sprache davon ab-
riet, sich bei Texten dieser Art auf das eigene Sprachgefühl zu verlassen, stand
den Autoren der Texte für Schulbücher und Medien kein anderes Kriterium zur
Verfügung. Das Bild der Zufriedenheit trübte sich bald nach den ersten freien
Wahlen Ende 1990. Muslimische und kroatische Intellektuelle bestanden jetzt
auf der Stärkung der spezifisch kroatischen und muslimischen Sprachelemente
im öffentlichen Diskurs. Nach kurzer Zeit zählte man in B-H drei Nationalspra-
chen, die bosnische, die kroatische und die serbische. Die Bezeichnung „Bos-
nisch“ für die Sprache der Muslime bzw. Bosniaken – wie sie seit Anfang der
1990er Jahre hießen – machten dabei kroatische und serbische Linguisten den
Bosniaken oft streitig. Sie plädierten und plädieren für „Bosniakisch“, um Kro-
aten und Serben nicht als Sprecher dieser Sprache erscheinen zu lassen.
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Dass zwischen den Sprechern der drei gegenwärtigen Nationalsprachen, die


oft als Mann und Frau, Nachbarn, Freund oder gar Vater oder Mutter und Kind
miteinander kommunizieren, überhaupt keine Verständigungshindernisse beste-
hen, braucht man in B-H niemandem zu erklären. In seinem Buch über die bos-
nische Sprache bekennt der prominente Linguist Dževad Jahiü offen:
Unter unseren balkanischen Umständen muss sich eine Sprache, um Sprache zu
werden, nicht unbedingt wesentlich von einer anderen Sprache unterscheiden,
denn dieses Unterscheidungsprinzip stellt kein Kriterium zur Existenz oder Nicht-
existenz von Nationalsprachen dar. (Jahiü 1999: 252)

1.2.2 Montenegro

Ähnlich wie die Bosnier artikulierten die Montenegriner bis zum Ausbruch des
Variantenkonfliktes Mitte der 1960er Jahre keinen spezifisch montenegrinischen
Standpunkt in der Sprachplanung. Im Hinblick auf Institutionen stellte sich die
Lage in Titograd – heute Podgorica – noch ungünstiger als in Sarajevo dar: Ende
der 1960er Jahre existierte in der montenegrinischen Hauptstadt immer noch
keine Universität und keine Akademie der Wissenschaften und Künste. Nicht
einmal über eine eigene Tageszeitung verfügte die Republik. Dennoch war man
in der Sprachplanung keinesfalls unterrepräsentiert, denn etliche gebürtige Mon-
tenegriner hatten bedeutende Posten an den Universitäten in Sarajevo und Bel-
grad oder in der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste bzw. in
der Matica srpska inne. Zwei der vier verantwortlichen Redakteure der Matica
srpska für die Arbeit am Wörterbuch des Serbokroatischen, das die Matica srp-
ska zunächst mit der Matica hrvatska, dann allein herausgab, waren in Monte-
negro aufgewachsen: Mihailo Stevanoviü und Mitar Pešikan. Sie definierten sich
gleichzeitig als Serben und als Montenegriner. „Im traditionellen und weiteren
ethnischen Sinne“ seien die Montenegriner, schrieb Pešikan, „ein Teil des ser-
bischen Zweigs der Südslawen“ (Pešikan 1968: 356). Obwohl die Montenegri-
ner nach dem Zweiten Weltkrieg als eigene Nation anerkannt worden waren –
auch die Vereinbarung von Novi Sad von 1954 nannte sie – subsumierten viele
Montenegriner wie Pešikan ihre montenegrinische Identität unter die serbische
Nationszugehörigkeit.
Als in der Serbokroatistik die Polemik über die Varianten anhob, beanstan-
deten einige Intellektuelle aus Montenegro die Aktivitäten montenegrinischer
Slawisten mit Belgrader Adresse, die allesamt das Konzept einer einheitlichen
serbokroatischen Sprache verteidigten. Der Literaturkritiker und -historiker Ra-
doje Radojeviü beklagte eine Verdrängung der typisch montenegrinischen Aus-
drücke aus der öffentlichen Sprache und eine „Expansion“ des Ekavischen im
ijekavischen Montenegro, vor allem in Schulbüchern. (Radojeviü 1971: 849)
Radojeviü sprach Mihailo Stevanoviü und Mitar Pešikan das Recht ab, „als Ver-
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treter des montenegrinischen Volkes und als Interpreten der Interessen seiner
Kultur“ aufzutreten. (Radojeviü 1969: 227) Er sah sie im Sinne der serbischen
Wissenschaft arbeiten, die sich seines Erachtens immer noch nicht von einer
„großnationalen und großstaatlichen Politik“ gelöst habe. (Ebd.: 226) Der Lite-
raturwissenschaftler Vojislav Nikþeviü kündigte die Konstituierung einer mon-
tenegrinischen Variante an:
Da die Spezifika der montenegrinischen Sprache außerhalb der schriftsprachli-
chen Norm verblieben sind, die die bisherigen Rechtschreibungen vorgeschrie-
ben haben, sind die Montenegriner gezwungen, ihre Sprache selbst zu normie-
ren, sie so zu gestalten, wie es ihrer geistigen Verfassung und ihrem geistigen
Ausdruck entspricht. (Nikþeviü 1970: 943)

Anfang der 1970er Jahre war eine Zeit, in der die obersten jugoslawischen Par-
teiideologen die Nation zu „einer großen Errungenschaft des gesellschaftlichen
Fortschritts im Allgemeinen und des arbeitenden Menschen und der Arbeiter-
klasse im Besonderen“ erhoben. (Kardelj 1971: 13) Als der Dissens unter den
montenegrinischen Philologen zu Tage trat, arbeiteten die montenegrinischen
Parteifunktionäre einen Plan zur Stärkung der Souveränität der montenegrini-
schen Nation heraus. 1970 verwarf Veselin Ĉuranoviü, Chef des CK SKCG
(Centralni komitet Saveza komunista Crne Gore, dt. „Zentralkomitee des Bun-
des der Kommunisten Montenegros“) das Konzept einer montenegrinisch-ser-
bischen Doppelidentität:
Einzelpersonen und Gruppen haben sich […] der Politik der Stärkung der mon-
tenegrinischen Kultur widersetzt […]. Der Ausgangspunkt dieser Position war
im Grunde das Verleugnen der kulturellen Individualität des montenegrinischen
Volkes, sei es durch die These, die montenegrinische Kultur sei ein Teil der ser-
bischen Kultur, sei es, dass man von der doppelten Nationszugehörigkeit der
montenegrinischen Kultur sprach usw. Dieser Standpunkt ist […] ein Ausdruck
von Resten der Ideologie der großserbischen Bourgeoisie […]. (Ĉuranoviü 1970:
242)

Binnen Kurzem entstanden in Montenegro eine Universität (1974) und eine


Akademie der Wissenschaften und Künste (1976). Die Verfechter einer monte-
negrinischen Variante wurden von der Akademie gleichwohl nicht engagiert,
denn das CK SKCG entschied sich dagegen, sprachliche Spezifika Montenegros
als nationales Attribut hervorzuheben. Vielmehr wurde die sprachliche Gemein-
schaft mit den anderen serbokroatischsprachigen Völkern betont. Man hat zwar
die ijekavische Aussprache als Kennzeichen der serbokroatischen Amtssprache
Montenegros in der Verfassung dieser Republik verankert. Der montenegrini-
schen Sprachvarietät wurde aber kein besonderer Status im Sinne einer Variante
oder eines standardsprachlichen Ausdrucks verliehen. Als 1975 bei der Reform
der „Kommission zur Feststellung der Übereinstimmung von Texten in den
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Sprachen der Völker der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“,


die beim Bundesparlament Gesetzestexte und Parlamentsunterlagen vorberei-
tete, vier Sektionen für vier serbokroatische Republiken entstanden, vereinigten
sich die Montenegriner nach kurzer Zeit mit der serbischen Sektion, was zur
Folge hatte, dass die montenegrinischen Delegierten ihre Unterlagen nicht in
einer ihrem Idiom angepassten Varietät wie die Kroaten sowie die Bosnier la-
sen, sondern in der ekavisch-serbischen Version.
Seit 2007 ist in der montenegrinischen Verfassung als Amtssprache die mon-
tenegrinische Sprache verankert. Im amtlichen Gebrauch sind weiterhin das Ser-
bische, das Bosnische, das Albanische und das Kroatische. Vollkommen gefes-
tigt ist das Montenegrinische nicht, eine serbisch-montenegrinische Doppel-
identität hat sich behauptet. Von den 620.029 Bewohnern Montenegros defi-
nierten sich beim Zensus 2011 44,98 % als Montenegriner, 28,73 % als Serben.
Montenegrinisch wollten aber nicht alle Montenegriner sprechen: 36,97 % der
montenegrinischen Bevölkerung gab als eigene Muttersprache Montenegrinisch
an und 42,88 % Serbisch. (Rezultati 2011)

2 Albanisch
2.1 Warum Gegisch zur Schriftsprache der jugoslawischen Albaner wurde

Die Tito-Ära stellt für das Albanische eine Zeit der radikalen Umbrüche dar –
sowohl in der Status- als auch in der Korpusplanung. Während die Albaner im
jugoslawischen Königreich keine Minderheitenrechte genossen, bekundete Tito
Anfang 1945 vor einer Delegation aus Kosovo, er und seine Genossen wünsch-
ten, „dass ihr eure Rechte habt, die Gleichberechtigung, dass ihr eure Sprache
habt, eure Lehrer, dass ihr euch wie im eigenen Land fühlt.“ Die Kosovo-Alba-
ner, die während des Zweiten Weltkriegs Bürger eines unter italienischer Schirm-
herrschaft gegründeten Großalbaniens gewesen waren und in den jugoslawi-
schen Partisanen keine Befreier, sondern Gegner erblickten, hielt Tito nicht für
„Mörder und Bösewichte“, sondern für „zu 90 % verführt“, wie er sich aus-
drückte. (Zit. nach Borkoviü/Glišiü 1972: 213) Dieselbe Einstellung beherrschte
den Gründungskongress der Kommunistischen Partei Serbiens im Mai 1945.
Die serbischen Kommunisten gestanden dort eine ganze Reihe von gravieren-
den Fehlern gegenüber der albanischen Bevölkerung vor und nach der Befreiung
ein. Nun beschloss man, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen
und eine Koexistenz der Serben und Albaner in Kosovo auf neuen Grundlagen
zu konzipieren. Der „Kampf gegen den großserbischen Chauvinismus“ (ebd.:
194) und der Aufbau einer zweisprachig funktionierenden Verwaltung wurden
angekündigt. Durch die Statusaufwertung des Albanischen sollte der Gleich-
heitsanspruch der Albaner und Serben verwirklicht werden. Im Gesetz zur Grün-
dung des Autonomen Gebietes Kosovo-Metohija vom September 1945 hieß es,
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die Sprachen der Nationalitäten des Gebietes seien „bei allen staatlichen Be-
hörden gleichberechtigt“ und jede Nationalität habe „das Recht auf Bildung in
ihrer Muttersprache“ (Rajoviü 1985: 460). Innerhalb kurzer Zeit konnte ein Netz
von Schulen mit albanischer Unterrichtssprache aufgebaut werden. Ein gleich-
berechtigtes Nebeneinander von Serbisch und Albanisch in der Verwaltung war
ungleich schwieriger durchzusetzen. Der Status des Albanischen in Kosovo blieb
daher bis zum Zerfall Jugoslawiens eines der zentralen Themen der dortigen
Parteipolitik. Von den 1950er bis zu den 1970er Jahren wurden immer wieder
Defizite in der Durchführung der Zweisprachigkeit in der Praxis diagnostiziert,
insbesondere in der Verwaltung. Die Partei erließ zahlreiche Beschlüsse zur
Gleichberechtigung von Albanisch und Serbisch im öffentlichen Leben. Leitbild
war eine Gesellschaft von zweisprachigen Bürgern. In den 1980er Jahren star-
teten Belgrader Medien und Parteifunktionäre indes eine Kampagne gegen die
Zweisprachigkeit in Kosovo. Sie behaupteten, Serben und Montenegriner wür-
den Kosovo verlassen, weil man von ihnen verlangte, Albanisch zu sprechen.
Eine „Albanisierung“ sei in Kosovo im Gange, verkündete das serbische Parla-
ment. Manche prominente Linguisten – zum Beispiel Mitar Pešikan – schlugen
vor, dem Albanischen in Kosovo den Status einer Amtssprache zu entziehen.
Zu einer Einigung der Serben und Albaner kam es in dieser Sache bekanntlich
nicht.
In der Korpusplanung des Albanischen in Jugoslawien war das wichtigste
Ereignis die Übernahme der Standardsprache Tiranas im Jahr 1968. Vom Ende
des Zweiten Weltkriegs bis zu diesem Jahr hatten die jugoslawischen Albaner
eine Schriftvarietät kodifiziert, die auf dem Gegischen – also dem Dialekt Ko-
sovos und Nordalbaniens – beruhte. Im April 1968 beschlossen die Teilnehmer
einer von der Philosophischen Fakultät und vom Albanologischen Institut in
Prishtina organisierten Tagung, das Gegische aufzugeben und die Standard-
sprache Albaniens für die jugoslawischen Albaner zu übernehmen. Die Sprach-
planer Tiranas bezeichneten das Standardalbanische als „vereinheitlicht“, denn
es verkörpere das Ergebnis eines „interdialektalen Zusammenwirkens“, also des
Zusammenwirkens der gegischen und der toskischen Elemente. Das Hoxha-
Regime in Tirana rühmte sich, auf diese Weise die albanische Nationalsprache
geschaffen und die nationale Einheit verwirklicht zu haben. In Wirklichkeit
wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen das Toskische – der Dia-
lekt Südalbaniens – zur Standardsprache erhoben, was auf den großen Anteil
der Tosken unter den Parteigenossen Enver Hoxhas zurückzuführen ist. Die
Bemühungen aus der Zwischenkriegszeit um die Etablierung einer Schriftspra-
che auf der Basis des südgegischen Elbasaner Dialekts wurden somit abge-
brochen. Relativ schnell verdrängten die Kommunisten das Gegische aus der
Öffentlichkeit. Heute wird über den albanischen Standard außerordentlich kon-
trovers debattiert. (Jusufi 2012; Derhemi 2010) Manche sehen in ihm ein hohes
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 169

nationales und kulturelles Gut, das weiter gepflegt werden müsse. Andere sind
der Meinung, es gehe um „a Stalinist instrument of power intended to conse-
crate and perpetuate the Tosk hegemony over Ghegs through language compe-
tency functioning as a discriminatory test“ (Pipa 1989: 228). Da die Gegen durch
die Implementierung der toskischbasierten Schriftsprache zu Bürgern zweiter
Klasse degradiert worden seien, fordert man die Einführung von gegischen Ele-
menten in die Standardsprache oder deren Ersetzung bzw. Ergänzung durch
einen anderen Standard. In Kosovo befürwortet die gegenwärtige linguistische
und politische Prominenz mehrheitlich den Erhalt der bestehenden Standard-
varietät, auch wenn viele Menschen dort Schwierigkeiten mit dieser Varietät
haben. Man sieht in ihr ein Symbol der Einheit für die albanische Nation. An-
dersdenkende werden als politische Ignoranten, Dilettanten, Antistandard-Anar-
chisten usw. beschimpft. (vgl. Jusufi 2012: 68)
Die kommunistische Partei in Serbien – in Belgrad und in Prishtina – be-
fasste sich kaum mit den Fragen der Korpusplanung. Man überließ das Thema
den Philologen. Es gibt dazu praktisch keine Beschlüsse und keine Erklärungen
der Partei. Dennoch ist in der Albanologie zum Gemeinplatz geworden, der
jugoslawische Staat – mal versteht man darunter die Regierung, mal die Ser-
ben, mal die Partei – habe den jugoslawischen Albanern das Gegische als Stan-
dardsprache bis 1968 aufgedrängt, um aus ihnen eine andere, eigenständige
Nation zu machen. „Die offizielle Politik des jugoslawischen Staats“ habe stets
beabsichtigt, in Kosovo eine andere Sprache zu konstruieren, schreibt Emil Lafe,
einer der führenden Albanologen Tiranas, „damit dadurch die dortigen Albaner
als eine Bevölkerung erscheinen, die anders ist als wir hier, mit einer anderen
Sprache, einer anderen Geschichte, einer anderen Kultur, einer anderen Zukunft“
(Lafe 2002: 9). Daran hätten sich, fügte Fadil Raka, Sprachhistoriker aus Prish-
tina, hinzu, auch einige kosovo-albanische Linguisten beteiligt, welche als „ver-
längerter Arm“ des Staates fungiert hätten. (Raka 1998: 75) Auch ein Außen-
seiter wie der Publizist Migjen Kelmendi, der heute vehement das Gegische in
Kosovo verficht, weil er glaubt, dass der Ausschluss des Gegischen aus dem
Standard die Kommunikation unter Albanern erheblich erschwert und sie als
Nation zweigeteilt habe, unterstellt dem kommunistischen Serbien, den toskisch-
gegischen Dualismus ausgenutzt zu haben, um die jugoslawischen Albaner von
Albanien zu isolieren. Diese Anschauung bürgert sich allmählich außerhalb Al-
baniens und Kosovos ein. Victor A. Friedman, ein angesehener US-Slawist und
Balkanologe, Spezialist für Soziolinguistik und politische Fragen, schrieb 2006:
The Yugoslav government attempted to encourage a sense of separate ethnic
identity among the Albanians living on its territories by insisting that there were
two nationalities with two languages: albanci who spoke albanski in Albania and
šiptari who spoke šiptarski in Yugoslavia [...]. (Friedman 2006: 1878)

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Versucht man, die Geschichte der Sprachplanung des Albanischen in Jugosla-


wien von 1945 bis 1968 anhand von Publikationen von Philologen sowie von
Parteidokumenten zu rekonstruieren, so lässt sich die These nicht erhärten. Viel-
mehr arbeiteten weder die serbischen oder kosovo-albanischen Parteifunktio-
näre noch die Linguisten an der Schaffung einer speziellen Sprache für die
jugoslawischen Albaner. In den ersten Nachkriegsjahren finden sich in Jugosla-
wien kaum Spuren einer Beschäftigung mit der Korpusplanung des Albani-
schen. Alphabetisierungskurse und der Aufbau albanischsprachiger Schulen
standen im Vordergrund. Die Analphabetenrate in Kosovo war beim Zensus
von 1948 die höchste im ganzen Land: 319.000 Bürger konnten dort nicht lesen
und nicht schreiben, also 62,5 % der Bevölkerung dieser Provinz. Unter jugo-
slawischen Albanern gab es 73,7 % Analphabeten, womit die Albaner prozen-
tual den zweiten Platz unter den Nationalitäten einnahmen – mit 74,0 % An-
alphabeten wurden sie nur von den „Zigeunern“ übertroffen. Bei den Frauen
standen die Albanerinnen mit einer Analphabetenquote von 92,5 % prozentual
sogar an erster Stelle in Jugoslawien. (Babiü 1953: 10) Wissenschaftliche Insti-
tutionen besaß Kosovo damals nicht. Es ist anzunehmen, dass in den ersten
Jahren der kommunistischen Herrschaft in den Schulen das Elbasanische domi-
nierte; war doch das Elbasanische in der Zwischenkriegszeit die Sprache der
Schultexte und der Lehrerausbildung in Albanien gewesen.
Im November 1952 trafen sich in Prishtina erstmals kosovo-albanische Po-
litiker, Schriftsteller und Philologen auf Einladung des Bildungsministeriums,
um einige aktuelle Probleme zu erörtern: die Verwendung eines „uneinheitlichen
Gegisch“ in der Schrift sowie die Zukunft des Albanischen in Jugoslawien. Die
Teilnehmer einigten sich auf ein breit verstandenes Gegisch als Fundament des
Schriftalbanischen in Jugoslawien:
Da die albanische nationale Minderheit in der Föderativen Volksrepublik Jugo-
slawien einen Dialekt des Gegischen spricht, kann für uns die Schriftsprache
nichts anderes sein als das Gegische. Da andererseits weder das Shkodranische
noch das Elbasanische in der Lage waren, zur gemeinsamen Schriftsprache für
alle Gegen zu werden, kann keins der beiden als Schriftsprache für die Albaner
Jugoslawiens festgelegt werden. Da es schließlich noch weniger möglich ist, dass
unsere Schriftsprache sich allein aus unserem Dialekt entwickelt, ist es notwen-
dig, zur Schriftsprache der Albaner in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawi-
en ein Gegisch festzulegen, in dem verschiedene Untervarietäten des Gegischen
zusammenwirken, und zwar nach einem bestimmten Kriterium: dem Kriterium
der Beseitigung partikularistischer Entwicklungen […] in den verschiedenen
Untervarietäten des Gegischen. Auf diese Weise werden wir einen kräftigen Im-
puls für die Entfaltung aller noch nicht genutzten Möglichkeiten des Kosovari-
schen und des Dibranischen geben, während wir gleichzeitig alles übernehmen,
was im Shkodranischen und Elbasanischen geeignet ist. (Nji mbledhje 1955:
14 f.)
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 171

Wahrscheinlich war die Tagung in Prishtina eine Reaktion auf Propaganda aus
Tirana, nach der die Albaner in Jugoslawien unter Repressalien bis zum Geno-
zid litten. Sicher muss die Tagung im Kontext von zwei Konferenzen gesehen
werden, die kurz zuvor in Tirana stattgefunden hatten. Zu Beginn der 1950er
Jahre war die Verdrängung des Gegischen in Albanien bereits im Gange. Auf
den besagten Konferenzen plädierte der Hauptredner Dhimitër Shuteriqi, Vor-
sitzender des albanischen Schriftstellerverbands und Literaturwissenschaftler aus
Elbasan, für das Toskische als albanische Nationalsprache. Allerdings erhoben
höchste Autoritäten Einwände: Aleksandër Xhuvani, führender Kopf der auf die
Etablierung des Elbasanischen als albanische Schriftsprache gerichteten Sprach-
politik der Zwischenkriegszeit, und Eqrem Çabej, der bekannteste albanische
Linguist der sozialistischen Ära. Beide setzten sich für das Recht der Schriftstel-
ler auf die Wahl ihres Dialekts ein. Doch trotz dieses Engagements verbreitete
sich das Toskische nach den Konferenzen immer mehr, das Gegische ging zu-
rück.
Unmittelbar nach den Tirana-Konferenzen konnte man in Kosovo jedoch
noch nicht wissen, ob das Gegische aus der Öffentlichkeit Albaniens gänzlich
verschwinden würde oder nicht. In einigen wenigen Nischen hielt es sich unter
Hoxha ja bis Anfang der 1970er Jahre. Auch die Rechtschreibungen berück-
sichtigten bis 1967 – wenn auch in Fußnoten – die Merkmale des Gegischen.
Vor diesem Hintergrund ist das Konzept der gegischen Schriftsprache, das die
Kosovo-Albaner in Prishtina 1952 entwarfen, als Ergänzung der Korpusplanung
Tiranas zu verstehen. Die Kosovaren waren ausdrücklich für alle Untervarietä-
ten des Gegischen offen, nicht nur für jene, die auf jugoslawischem Boden ge-
sprochen wurden. Das Prishtina-Konzept verkörperte keinesfalls eine Erfindung
jugoslawischer Kommunisten. Zugrunde lag ihm die Überzeugung, dass der
Jahrhunderte lang währende toskisch-gegische Dualismus in der Schrift nicht
aufgegeben werden sollte. Diese Überzeugung war, wie eingangs erwähnt, in der
Zwischenkriegszeit trotz Bemühungen um die Etablierung des Elbasanischen
als einziger Standardsprache nicht verschwunden. Auch in der Praxis gebrauchte
man zwischen den Kriegen mit dem Toskischen, dem Nordgegischen und dem
Elbasanischen, sprich Südgegischen, drei Schriftvarietäten. Zu den Befürwor-
tern des toskisch-gegischen Dualismus in der Schriftsprache zählte Selman Riza,
einer der wenigen kosovarischen Philologen, der auch auf der Tagung in Prish-
tina 1952 zugegen war. 1944 hatte er ein Buch publiziert, in dem er für das
Pangegische als Amtssprache Albaniens und zugleich für die Beibehaltung des
Toskischen und des Gegischen aus Shkodra in der Literatur plädiert hatte. We-
nige Monate vor der Tagung in Prishtina 1952 äußerte sich Riza erneut zu dem
Thema. Er schrieb, man müsse „in der Schriftsprache den Dualismus der Haupt-
dialekte akzeptieren, ohne jedoch das Ziel aufzugeben, diesen Dualismus auf
ein Minimum zu reduzieren“ (zit. nach Ismajli 1998: 136). Riza war kein Par-
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teigänger des jugoslawischen Regimes: In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre
verbüßte er eine Freiheitsstrafe wegen „antijugoslawischer“ Ansichten. Hinweise
für Proteste gegen die Beschlüsse der Prishtina-Tagung 1952 finden sich in den
Quellen nicht. Nachträglich wurde allerdings ein anderes Bild entworfen. 1968
kritisierte Idriz Ajeti – selbst als junger Referent auf der Tagung 1952 anwe-
send, aus heutiger Sicht der einflussreichste Albanologe der sozialistischen Zeit
in Kosovo – das pangegische Konzept Selman Rizas als „separatistisches Un-
ternehmen“ (Ajeti 1968: 8); 1972 verurteilte er erneut Rizas Idee einer albani-
schen Nationalsprache mit zwei Schriftdialekten und kommentierte, einige Teil-
nehmer der Prishtina-Tagung hätten sich für einen „konvergenten“ Weg, also
für die Annäherung der albanischen Schriftsprache Jugoslawiens an den Stan-
dard Tiranas, ausgesprochen. (Ajeti 1973: 275) Wie gesagt, Indizien dafür fehlen
in den Quellen von 1952. Ajeti selbst schrieb einige Tage nach der Tagung in
der Tageszeitung Rilindja:
Das Vorhaben der Albaner, eine Schriftsprache festzulegen […], misslang in
wissenschaftlicher wie praktischer Hinsicht. […] Die Hauptdialekte des Albani-
schen haben sich dennoch unabhängig voneinander entwickelt. Die Schriftspra-
che der Albaner Jugoslawiens ist und bleibt das Gegische, ein Produkt des Zu-
sammenwirkens aller Untervarietäten des Gegischen. (Ajeti 1952: 5)

2.2 Eine Sprache für alle Albaner: der Umschwung von 1968

Auch nach 1952 beabsichtigten die kosovo-albanischen Linguisten mit der Pflege
des Gegischen keine Spaltung der Nation. Anfang der 1960er Jahre intensivierte
sich die Diskussion über die Korpusplanung, unter anderem durch die Grün-
dung der Pädagogischen Fachhochschule 1958 sowie der Philosophischen Fa-
kultät mit dem Lehrstuhl für Albanisch 1960 in Prishtina. Allmählich erkannten
die kosovarischen Philologen, dass die Lage des Gegischen in Albanien immer
aussichtsloser wurde. Als 1967 die maßgeblichen Albanologen Tiranas – An-
drokli Kostallari, Eqrem Çabej und Mahir Domi – eine Orthographie10 publi-
zierten, die Gegisch überhaupt nicht mehr berücksichtigte und den toskisch-
basierten Standard als das „vereinheitlichte“ Albanisch propagierte, traten in
Prishtina einige Philologen für die Übernahme der Sprache Tiranas ein. Wäh-
rend sich in Albanien „die großen Normen der allgemeinen nationalen Schrift-
sprache herauskristallisierten“, hätten die Albaner in Jugoslawien, „ohne jeg-
liche schriftsprachliche und wissenschaftlich-linguistische Tradition“ versucht,
„eine eigenständige Schriftsprache mit einer eigenständigen Rechtschreibung
zu kreieren“, kritisierte Ahmet M. Këlmendi, Linguist an der Lehrerbildungs-

10
Rregullat e drejtshkrimit të shqipes (projekt).

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anstalt in Prishtina. (Këlmendi 1967: 474) Seinen Vorschlag, sich an der Sprach-
planung Tiranas zu orientieren, begründete Këlmendi mit Leitlinien des Mar-
xismus und denen der jugoslawischen Kommunisten. In der Tat, seit den 1959
vom CK SKJ (Centralni komitet Saveza komunista Jugoslavije, dt. „Zentralko-
mitee des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens“) erlassenen Beschlüssen zu
Fragen der nationalen Minderheiten11 gehörte der Grundsatz zum Parteipro-
gramm, dass die jugoslawischen Minderheiten sich kulturell und sprachlich von
ihren „Mutternationen“ nicht unterscheiden sollten.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre bilanzierten die Kommunisten in Ko-
sovo die vorangegangene Nationalitätenpolitik und leiteten einen Umschwung
ein. Die Partei bekannte sich zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen
gegenüber den Albanern. Die Zweisprachigkeit wurde in der Praxis vielfach als
Chimäre enttarnt. Um die Defizite beim Status des Albanischen auszugleichen,
ergriff die Parteiführung eine Reihe von Maßnahmen. In die Korpusplanung
wollte sie sich indes nicht direkt einmischen; denn diese, hieß es, gehöre nicht
zur Domäne der Politik. Die führenden Parteikreise hatten dennoch einen Stand-
punkt. Und das kommunistische Establishment war die Instanz, welche die kor-
pusplanerische Wende initiierte. Der serbische Politiker aus Kosovo Miloš Se-
kuloviü erläuterte auf einer Parteisitzung im November 1967:
Nach einer Auffassung ist die Kultur der Albaner in Jugoslawien eine eigenstän-
dige Kultur […]. Nach einer anderen Auffassung ist die Kultur der Albaner in
Jugoslawien ein Teil der einheitlichen Kultur des albanischen Volkes […]. Die
Position des Bundes der Kommunisten ist auch hier klar. Die Kultur der Alba-
ner in Jugoslawien ist ein integraler Teil der einheitlichen Kultur des albani-
schen Volkes. (Magnetofonski snimak 1967/68)

Fadil Hoxha, der mächtigste kosovo-albanische Kommunist12, rief auf der-


selben Sitzung die „Genossen“ Sprachwissenschaftler auf, ein Symposium zu
organisieren, auf dem die Frage diskutiert werden sollte, in welcher Weise das
Standardidiom Albaniens in Jugoslawien übernommen werde könne:
In ideologischer und politischer Hinsicht gibt es da kein Dilemma. In praktischer
Hinsicht schon. Einige meinen, dass die Übernahme des gesamten Dialekts von
dort für einen Teil unserer Leser schwer sein wird, zumindest am Anfang, aber
jeder Anfang ist schwer, andere sind der Ansicht, dass man diesen Dialekt auf
einmal übernehmen soll. Ich bin nicht dafür, dass wir hier Stellung beziehen […],
aber ich denke, dass wir deutlich sagen müssen, dass wir ideologisch und poli-

11
Zakljuþci Izvršnog komiteta CK SKJ o pitanjima nacionalnih manjina.
12
Mitglied der Zentralkomitees der serbischen und der jugoslawischen Partei über mehrere
Amtsperioden, von 1963 bis 1967 Mitglied der jugoslawischen Regierung und von 1967
bis 1969 Präsident des Parlaments von Kosovo.

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tisch einen vollkommen klaren Standpunkt haben, eine einheitliche Sprache ohne
weitere Komplikationen. (Ebd.)

Einwände erhoben weder Serben noch Albaner. Einige Monate danach veran-
staltete die Philosophische Fakultät gemeinsam mit dem Albanologischen Insti-
tut eine sogenannte „Sprachberatung“. Kosovarische Sprachwissenschaftler he-
ben heute gern hervor, dass diese Sprachberatung die erste Diskussion über
Korpusplanung unter jugoslawischen Albanern verkörperte, die ohne politische
Überwachung durch Prishtina und Belgrad geführt wurde, also „nur unter der
Obhut der wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen“ (Ismajli 1998: 184).
Es war, wie ausgeführt, anders: Die Sprachberatung durchkreuzte nicht die Pläne
der Partei, sondern realisierte sie. Sie fand am 22. und 23. April 1968 statt; es
nahmen etwa 150 Vertreter des Bildungswesens, der Kultur und Wissenschaft
und einige Politiker teil. „Einstimmig“ akzeptierte man „als Schriftsprache der
Albaner in Jugoslawien die Schriftsprache des Mutterlandes“ (Konkluzat 1968:
325). In den kommenden Jahren wurde der neue Standard relativ rasch in die
Schrift implementiert. Dennoch gebraucht man in der Öffentlichkeit Albaniens
und Kosovos bis heute keine einheitliche Sprache, so dass manche Sprachexper-
ten das Albanische zu den plurizentrischen Sprachen zählen. (Jusufi 2012: 66)
Die Übernahme der Standardvarietät Tiranas nahm die außeralbanische Öf-
fentlichkeit Jugoslawiens praktisch nicht wahr. Erst in den 1980er Jahren wur-
de in einigen Belgrader Publikationen die Entscheidung der Kosovaren, sich
standardsprachlich den Albanern im „Mutterland“ anzuschließen, als Beweis
für ihren „großalbanischen Chauvinismus“ (Igre 1981: 21) bzw. als Zeichen der
„Albanisierung“ (Memorandum 1991: 288) Kosovos hingestellt. Die serbische
Parteiführung erklärte die Zweisprachigkeit Kosovos zur „Albanisierung“,
mischte sich jedoch in die Frage des Standards nicht ein. Denn das hätte fatale
Konsequenzen haben können. Die serbische Parteiführung machte sich in den
1980er Jahren bekanntlich zur Hauptaufgabe, Serbien wieder „mündig“ zu ma-
chen. (Markoviü 1988: 17) Praktisch ging es um „die Überwindung der künst-
lich entstandenen Dreieinigkeit von drei gleichberechtigten Staaten auf dem Ter-
ritorium des Staates des serbischen Volkes“ – gemeint waren Serbien, Kosovo
und die Vojvodina. (Šta menjati 1988: 3) Die serbische Partei forderte also die
Aufhebung der Autonomie der Vojvodina und Kosovos, nicht deren Stärkung.
Hätten die Albaner indes eine eigene Sprache gehabt, dann wären sie gemäß
den Grundlagen der jugoslawischen Nationalitätenpolitik eine Nation gewesen
und keine nationale Minderheit. Denn das Kriterium für die Kategorisierung
einer Sprachgemeinschaft als Minderheit war die Existenz eines „Mutterstaats“
dieser Gemeinschaft außerhalb Jugoslawiens. Die Nationen besaßen dagegen
keinen „Mutterstaat“ außerhalb der Landesgrenzen, ihre „Mutterstaaten“ ver-
körperten die einzelnen jugoslawischen Republiken. Wenn die jugoslawischen
Albaner als eine Gemeinschaft mit eigener Sprache fungiert hätten, hätten sie
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keinen „Mutterstaat“ mehr gehabt. Aus ihnen hätte eine jugoslawische Nation
mit einem dazugehörigen Anspruch auf einen eigenen Nationalstaat innerhalb
jugoslawischer Grenzen werden können. Gerade um ihren Minderheitenstatus
zu bewahren, mussten sie also Teil einer größeren Sprachgemeinschaft bleiben.
Hätten also die serbischen Politiker den Albanern eine eigene Sprache oktroy-
iert, hätten sie sich ins eigene Fleisch geschnitten.
Daher rührte man in den 1980er Jahren korpusplanerische Themen der
Gegenwart nicht an, sondern debattierte vor allem die ferne Vergangenheit des
Albanischen: Mit großer Wucht entbrannte aufs Neue die seit dem 18. Jahrhun-
dert geführte Auseinandersetzung über die illyrische bzw. thrakische Herkunft
des Albanischen. Die illyrische These eignete sich, um die Siedlungskontinuität
der Albaner in ihren heutigen Gebieten nachzuweisen, die thrakische These
wies sie im Gegensatz dazu als Zugezogene aus. Gemäß der illyrischen These
siedelten die Albaner bzw. ihre Vorfahren vor den Serben in Kosovo. Das The-
ma wurde unter anderem auf dem 9. Kongress des Serbischen Bundes der Kom-
munisten im Mai 1982 in Belgrad erörtert. Während sich Idriz Ajeti, wie die
Mehrheit der albanischen Philologen, für die illyrische These einsetzte, fragte
Jovan Deretiü, Professor für serbische Literaturgeschichte in Belgrad und Präsi-
diumsmitglied im CK SKS:
Worin wären dann die Illyrer besser als die Thraker und umgekehrt? Und ist
diese Frage derart wichtig, dass wir sie auf dem Kongress des Bundes der Kom-
munisten vortragen müssen? Wie kommt es, dass verschiedene Ethnogenesen so
an Bedeutung gewonnen haben […]? Es wird die Besonderheit der Herkunft des
eigenen Volkes nachgewiesen […]. Ich muss sagen, dass das Ganze […] nach
Theorie über die reine Arierrasse riecht, und man weiß, wessen Theorie das war,
kommunistisch war sie jedenfalls nicht. (Deretiü 1982: 62 f.)

Bald wurden die Befürworter der illyrischen These durch die serbische Sprach-
wissenschaft als Irredentisten disqualifiziert, einige wurden aus der Partei aus-
geschlossen, einige Dozenten an der Universität von Prishtina mit Lehrverbot
belegt. Einer der wenigen, die sich gegen die Mythologisierung des Themas
wehrten, war Shkëlzen Maliqi, ein junger kosovo-albanischer Philosoph und Pu-
blizist. Maliqi wies darauf hin, dass beide Thesen nicht zu belegen seien. Gleich-
zeitig plädierte er für die Befreiung von der Geschichte:
Nehmen wir an, die Geschichtswissenschaft würde eindeutig behaupten: Es war
so, oder es war so. Was folgt daraus? Betrifft eine solche Erkenntnis unsere
Existenz hier und heute unmittelbar, egal welcher Nation wir angehören? Wenn
die Geschichtswissenschaft […] erklärt, dies gehe uns an, dann verschmilzt sie
mit einem urreaktionären Nonsens. In diesem Falle sind wir nicht frei, sondern

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durch die Vergangenheit determiniert, und zwar durch eine weit entfernte Ver-
gangenheit! (Maliüi [Shkëlzen Maliqi] 1982: 6).

Nichts änderte sich, das Thema blieb ein Stein des Anstoßes.

3 Fazit

Sprache im Sinne von Standardsprachen war in Titos Jugoslawien Politikum


und Verhandlungssache – so wie in der Zeit zuvor und danach. Da die Religion
im Sozialismus ihre bis dahin herausragende Rolle verlor, wurden die Sprachen
zum entscheidenden Ausweis nationaler Identität. Ein paradoxes Ergebnis im
serbokroatischen Sprachraum war, dass Sprache als potentiell identitätsstif-
tendes Merkmal auch dort auftauchte, wo Unterschiede im Sprachgebrauch der
Menschen verschiedener Nationszugehörigkeiten praktisch nicht existierten.
Spätestens seit Mitte der 1960er Jahre gehörte eine freie Entwicklung von Na-
tionalkulturen und -sprachen zu den zentralen Zielen des jugoslawischen Sozia-
lismus. Seitdem gab es kontroverse Debatten und offene Kämpfe um nationale
Interessen in Sprachfragen, die mitunter den Eindruck eines demokratischen
Meinungsaustauschs erweckten. Doch letzlich verkörperte Jugoslawien auch
im Bereich der Sprachplanung eine Diktatur. Auf Bundes- oder Republikebene
wurde nie festgelegt, wer für sprachpolitische Fragen zuständig ist. Stattdessen
mischte sich als oberste Instanz immer wieder die Parteiführung in die Diskus-
sion ein, besonders dann, wenn die Konzepte der Kultureliten zu stark auf die
eigene Nation zielten und sich Gefahr für den Bestand Jugoslawiens abzeich-
nete. Von einer Opposition zwischen den Kultureliten und der Partei kann man
gleichwohl nicht sprechen, vielmehr von innerparteilichen Dilemmata – bei
Konflikten waren prominente Parteimitglieder in der Regel in unterschiedli-
chen Lagern aktiv. Der kommunistischen Sprachpolitik mangelte es insgesamt
an Kohärenz und Konsequenz. Vor allem hatten die Kommunisten keinen ein-
heitlichen Standpunkt zum Umgang mit den Unterschieden im Serbokroati-
schen, der Sprache von 75 % der Bevölkerung. Da die Religion kein identitäts-
stiftendes Merkmal mehr darstellen durfte und freie Nationalkulturen garantiert
waren, tauchte die Sprache als mögliches Unterscheidungsmerkmal auch dort
auf, wo Unterschiede im Sprachgebrauch der Menschen nicht existierten. Die
Parteien der einzelnen serbokroatischen Republiken arbeiteten nicht selten ge-
geneinander. Die sprachplanerischen Vorstellungen sogar innerhalb der Partei
einer Republik gingen weit auseinander. In Kroatien etwa oszillierten sie zwi-
schen einer einheitlichen serbokroatischen/kroatoserbischen Sprache für den
ganzen serbokroatischen Raum und zwei Sprachen innerhalb Kroatiens – der
kroatischen für die Kroaten, der serbischen für die Serben. Die Auseinanderset-
zungen um Sprache spiegelten unterschiedliche Ansichten dazu wider, welche

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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 177

Nationalitätenpolitik der jugoslawische Staat betreiben sollte, sowie dazu, wes-


halb er überhaupt gegründet worden war.
Im Falle des Albanischen konzentrierte die kosovarische Partei ihre Bemü-
hungen auf die Statusplanung. In der Korpusplanung ging sie mit den albano-
logischen Eliten konform und regte die Übernahme des Standardalbanischen
Tiranas in Jugoslawien an. Die Belgrader Kommunisten starteten in den 1980er
Jahren zwar eine Kampagne gegen das von den kosovarischen Kommunisten
entwickelte Modell der Zweisprachigkeit. An der Standardvarietät rührten sie in-
des nicht, denn diese wies die jugoslawischen Albaner als Minderheit aus – und
nur dieser Status der Albaner passte in den Plan, ein starkes Serbien ohne auto-
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Titos Jugoslawien aus der Sicht der Sprachplanung 181

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität
zwischen Gegisch und Toskisch1

Lumnije Jusufi

0 Einleitung

Die politischen Umbrüche auf dem albanischen Balkan haben die albanische
Standardsprache schwer erschüttert, in einzelnen Fällen sogar zur ablehnenden
Haltung gegenüber dem Standardalbanischen geführt. Die Gründe sind einer-
seits soziolinguistischer Natur, was die Entstehungsgeschichte anbelangt, und
andererseits linguistischer Art in Bezug auf die Herausforderungen, vor denen
der Standard nach der so genannten politischen Wende und dem Zerfall des
ehemaligen Jugoslawiens steht. Die albanische Standardsprache ist somit Teil
der gesamtalbanischen Vergangenheitsaufarbeitung geworden.2 Die oben ge-
nannten Ursachen sind die zwei Säulen, um die die aktuelle Debatte um sprach-
liche Albanizität3 zwischen den beiden Hauptdialekten des Albanischen –
Gegisch und Toskisch – geführt wird.
Diese Debatte ist längst nicht mehr Domäne der Sprachwissenschaft. Sie
umfasst breite auch nichtwissenschaftliche Kreise, v. a. in der Öffentlichkeit.
Geführt wird sie in öffentlichen Diskussionen, wissenschaftlichen Abhandlun-
gen und Tagungen, institutionellen und staatlichen Abkommen sowie Macht-
kämpfen führender Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft, unter denen
diese Thematik eine beliebte Profilierungstaktik geworden zu sein scheint. Die
Öffentlichkeit Albaniens nimmt diese Debatten als einen Kampf zwischen den
bevorzugten Tosken und den benachteiligten Gegen in der kommunistischen
Zeit wahr. Außerhalb Albaniens werden diese Debatten als eine Ablehnung
bzw. Akzeptanz Albaniens als das Mutterland aller Albaner empfunden. Doch
die Problematik zeigt sich bei näherer Betrachtung komplexer als sie die Öf-
fentlichkeit wahrnimmt. Sie verlaufen entlang zweier Linien: auf einer horizon-
talen und einer vertikalen Linie. Beide Linien erfassen die gesamte albanische
Sprachgemeinschaft im Südwesten des Balkans.

1
Der folgende Beitrag ist eine veränderte und erweiterte Version des Artikels: Jusufi,
Lumnije: Die Vergangenheitsaufarbeitung des Standardalbanischen. In: Südosteuropa-
Mitteilungen, 5–6 (2012), 62–77.
2
Diese These wird im o. g. Artikel vertreten.
3
Unter „Albanizität“ wird hier der Anspruch auf Standard-Gültigkeit für alle Albaner und
für die so genannte „altalbanische Diaspora“ verstanden, den die Sprecher beider Dialekte
des Albanischen für den eigenen Dialekt erheben. Für den Begriffsvorschlag danke ich
Herrn Prof. Dr. Christian Voß (Berlin).

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184 Lumnije Jusufi

1 Die horizontale Linie

Die horizontale Linie konzentriert sich auf zwei Ebenen – einer interregionalen
und einer zwischenstaatlichen Ebene. Beide sind sowohl geographisch-politi-
schen als auch soziolinguistischen Charakters.

1.1 Die interregionale Ebene

Die interregionale Ebene der Debatten über den Standard hat eine dialektale
Dimension und ist damit eng verbunden mit der dialektalen Zweiteilung Alba-
niens in Nord- und Südalbanien.

Abbildung 1. Albanischer Siedlungsraum4

4
Karte entnommen aus <http://mondediplo.com/maps/IMG/arton2039.jpg>. Der letzte Zu-
griff auf Karten, Grafiken, Stellungnahmen und Artikel, die online zur Verfügung stehen,
erfolgte am 23.05.2013.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 185

Zur Verdeutlichung dieses Sachverhaltes folgt eine kurze Darstellung der alba-
nischen Dialektlandschaft und der Entstehung des heutigen albanischen Sprach-
standards.
Das Albanische setzt sich aus zwei Hauptdialekten zusammen – Gegisch im
Norden Albaniens und in den meisten albanischsprachigen Gebieten im ehe-
maligen Jugoslawien (Montenegro, Serbien, Mazedonien und Kosovo) sowie
Toskisch im Süden Albaniens, in Teilen Südmazedoniens und im Nordwesten
Griechenlands. Die Grenze zwischen den beiden Hauptgruppen bildet im All-
gemeinen der Fluss Shkumbin südlich von Tirana mit einer breiten Übergangs-
zone.
In Südmazedonien treffen sich die beiden Dialekte an der Stadt Struga.5 Am
Prespa-See gibt es nur toskische Mundarten, in Bitola jedoch auch gegische.6 In
der Zeit vom 13. bis 18. Jahrhundert ausgewanderte albanischsprachige
Bevölkerungsgruppen, für die die albanische Albanologie den kritisch zu be-
trachtenden Begriff „Diaspora“ verwendet, sind mehrheitlich toskischen Ur-
sprungs, beispielsweise die Arwaniten in Mittel- und Südgriechenland und die
Italoalbaner in Süditalien. Andere Sprachinseln, wie im kroatischen Zadar und
bei Azov in der Ukraine sind gegischen Ursprungs. Die Verteilung der Spre-
cher auf die Hauptdialekte in Albanien ist schätzungsweise gleich. Bei Hinzu-
ziehung der Sprecher auch außerhalb Albaniens, ausgenommen die sogenannte
Diaspora, machen die Sprecher des Gegischen etwa 2/3 des gesamten alba-
nischsprachigen Siedlungsgebietes aus, die Tosken dagegen 1/3.7
Die albanische Standardsprache basiert auf dem toskischen Dialekt. Der
Prozess der Sprachstandardisierung des Albanischen auf toskischer Basis begann
kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, abgeschlossen wurde er mit dem dritten
Rechtschreibkongress 1972 in Tirana. Die Bemühungen um einen albanischen
Standard reichen jedoch bis zur Staatsgründung Albaniens 1912 zurück, insti-
tutionalisiert mit der „Literarischen Kommission von Shkodra“ (alb. Komisia
Letrare e Shkodrës) im Jahre 1916, die einen Standard auf der Mundart von
Elbasan – einer südgegischen Mundart Mittelalbaniens – festlegte. Die Ent-
wicklung dieses ursprünglichen Standards wurde mit der politischen Erhebung

5
Vgl. Jusufi, Lumnije: Die zentralgegische Mundartengruppe in Mazedonien. Wiesbaden
2011.
6
Vgl. Jusufi, Lumnije: Eine zentralgegische Sprachinsel im toskischen Sprachareal von
Manastir. In: Bardhyl Demiraj (Hg.): Wir sind die Deinen. Dem Gedenken an Martin
Camaj (1925–1992). Wiesbaden 2010, 282–300. dies.: Historische Migrationen im Spiegel
der Dialektlandschaft von Manastir. In: Bardhyl Demiraj (Hg.): Aktuelle Fragestellungen
und Zukunftsperspektiven der Albanologie. Wiesbaden 2012, 167–181.
7
Breu, Walter: Variantenstreit und Normierung im Albanischen. In: Klaus J. Mattheier,
Edgar Radtke (Hg.): Standardisierung und Destandardisierung europäischer Nationalspra-
chen. Frankfurt a. M. et al. 1997, 237–257, 238.

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186 Lumnije Jusufi

des Toskischen zum Standard nach dem Zweiten Weltkrieg stark eingeschränkt
(Hochtoskisch in der Verwaltung, Hochgegisch dagegen in Schulen) und nach
1972 gänzlich unterbunden.8 Ab diesem Moment wurde jede Form des Gegi-
schen zum Dialekt, das Toskische hingegen zum Standard erklärt. Die Öffent-
lichkeit in Albanien wurde vor allem durch Medien und Politik von dieser
Dichotomie stark geprägt. Die dialektale Zweiteilung Albaniens in Gegisch im
Norden und Toskisch im Süden hatte vor der albanischen Nationalbewegung
des 19. Jh. eine sehr große Bedeutung. Die Begriffe Toskëria für den Süden
und Gegëria für den Norden sind in der Zeit nicht nur mit dialektalem Inhalt
besetzt, sondern auch mit klischeehafter soziokultureller Bedeutung, wie z. B.
dem lokalen, religiösen und nationalen Patriotismus für den gegischen Norden
und der diplomatischen und intellektuellen Einstellung des toskischen Südens.
Die Annährung dieser Gegensätze und die Bekämpfung solcher Klischees stell-
ten die wichtigsten Aufgaben der albanischen Nationalbewegung des 19. Jahr-
hunderts dar. Der sprachpolitische Richtungswechsel des kommunistischen
Albaniens entfachte diese Gegensätze erneut und erstickte sie zugleich in ihrem
Keim.
Außerhalb Albaniens entwickelte sich der Standardisierungsprozess anders.
Die Ausgangsbasis bildete die zweite Rechtschreibkonferenz 1967 in Tirana,
die die toskische Basis des albanischen Sprachstandards festlegte. 1968 wurde
auf einem Kongress in Prishtina der toskische Tirana-Standard zur Standard-
sprache auch für die Albaner des damaligen Jugoslawiens erklärt. Die Motiva-
tion für den Beschluss von 1968 war rein nationaler Natur nach dem Motto
„eine Nation – eine Standardsprache“.9 Damit wurde aus dem Albanischen nicht
nur eine Standardsprache, die stark monozentrisch von Tirana aus gedacht war
und auch in dieser Form akzeptiert wurde, sondern auch eine Nationalsprache,
die im tiranischen Sinn Geltung für alle albanischen Gebiete haben sollte. Der
neue Standard erreichte aus nationalen Gründen eine weite geographische Aus-
breitung über die Grenzen Albaniens hinaus.10
Die heutige Wahrnehmung der Sprecher bezüglich der Standardsprache in-
nerhalb und außerhalb Albaniens resultiert aus der albanisch-kommunistischen
Zeit. Der auf dem Toskischen basierende Standard gilt als das „richtige“ Alba-
nisch. Abweichungen davon werden nicht als dialektal bezeichnet, sondern als
nicht albanisch, sprachlich falsch, lokalistisch und national-störend. Dies deckt

8
Ebenda: 246.
9
Dieses häufig zitierte Motto stammt von dem Historiker Ali Hadri, der seinen Vortrag in
dem o. g. Prishtina-Kongress von 1968 so betitelte (Hadri, Ali: Një komb, një gjuhë
letrare. In: Gjuha Jonë, 1–2 (2003), 81–84).
10
Vgl. Hetzer, Armin: Die Schaffung der albanischen Nationalsprache. In: Studime, 8–9
(2001–2002), 67–99.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 187

die gesamte albanische Sprachgemeinschaft, von den bildungsnahen bis hin zu


bildungsfernen Schichten ab. Die kritischen Stimmen zu dieser diskriminieren-
den Einstellung gegenüber dem Gegischen kommen aus dem gegischen Nor-
den, sowohl in Nordalbanien als auch im Kosovo.11
Genau hier liegt die sprachliche Albanizität regional-dialektaler Natur: Das
Toskische wird von der Mehrheit der Albaner als das richtige Albanisch emp-
funden. Das Gegische wird für das ältere Albanisch und damit für legitimiertes
Standardalbanisch von einer politisch ausgeschlossenen Minderheit im kommu-
nistischen Albanien gehalten. Die diesbezüglichen Debatten reichen von gut
überlegten Vorschlägen über mögliche Reformen des Standards nicht nur hin-
sichtlich seiner dialektalen Basis, sondern auch im Hinblick auf die moderne
Lexik und die Aufarbeitung der normierten kommunistisch-ideologischen Se-
mantik, bis hin zu Streitigkeiten wie über das Alter der Schrifttradition und
über den Reichtum des jeweiligen Dialektes am Beispiel des Schwa (tosk. Merk-
mal), des Infinitivs (geg. Merkmal), der Wortbildungsmöglichkeiten, wobei das
Gegische für reicher gehalten wird, und der Lexik, deren Reichtum für das
Toskische, das in dieser Hinsicht mit dem Standard gleichgesetzt wird, bean-
sprucht wird. Bei diesen Streitpunkten ist die Gegenüberstellung nicht immer
Gegisch-Toskisch, sondern oft Gegisch-Standard. Die sprachliche Albanizität
liegt hier eindeutig auf toskischer Seite. Das Toskische wird demnach von der
Mehrheit der Albaner als das richtige Albanisch empfunden, das Gegische da-
gegen nur von einer Minderheit in Nordalbanien und im Kosovo. Dabei geht es
nicht um die Standardsprache und die damit verbundenen Probleme, sondern
um das von Seiten der Gegen empfundene Unrecht des Kommunismus gegen-
über dem Gegischen.

1.2 Die zwischenstaatliche Ebene

Die zwischenstaatliche Ebene der Debatte um sprachliche Albanizität zwischen


Gegisch und Toskisch hat mit Plurizentrik12 zu tun. Offiziell stellt das Alba-
nische eine monozentrische Sprache dar, da die toskische Albanizität in der
albanischen Öffentlichkeit vorherrscht. Das Albanische ist eine monozentrische

11
Das berühmteste Beispiel zu diesem Thema ist: Pipa, Arshi: The politics of language in
socialist Albania. New York 1989.
12
Mit Plurizentrik bezeichnet man in der Sprachwissenschaft Sprachen, die in mehreren
Staaten von der Mehrheit gesprochen werden und dort den Status der (alleinigen oder ko-
offiziellen) Amtssprache haben. Relevant ist dabei die unterschiedliche Kodifizierung ein
und derselben Sprache. Beispielsweise stellt das Deutsche eine plurizentrische Sprache
dar (Vgl. Ammon, Ulrich: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der
Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Berlin/New York 1995).

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188 Lumnije Jusufi

Sprache auch gemäß den plurizentrischen Theorien,13 denn Albaner sehen sich
als eine staatlich geteilte Nation. Daher ist die Bezeichnung des Albanischen
als plurizentrische Sprache nicht üblich und nicht unproblematisch.14
Trotz dieser Problematiken stellt das Albanische heute de facto eine pluri-
zentrische Sprache dar. Diese Hypothese basiert zunächst auf dem Konzept des
Staates und dem damit eng verknüpften Begriff der Amtssprache. Das Albani-
sche wird heute in einigen Ländern des Westbalkans gesprochen. Es ist alleinige
Amtsprache in Albanien und eine kooffizielle Amtssprache neben dem Serbi-
schen im Kosovo. In Mazedonien und Montenegro ist es eine Amtssprache auf
regionaler Ebene. In Serbien und Griechenland stellt das Albanische eine Min-
derheitensprache dar. Zumindest in drei Ländern – Albanien, Kosovo und Ma-
zedonien – genießt das Albanische den Status der bzw. einer Amtsprache, die
von albanischen Bildungsinstitutionen unterstützt und getragen wird. Seit der
politischen Wende in Albanien, aber vor allem seit der Unabhängigkeitserklä-
rung des Kosovo haben sich die Vorstellungen von Zentrum und Peripherie be-
züglich des albanischen Standards grundlegend verändert. Die Stellung als ein-
ziges transnationales Referenzzentrum kann Tirana nicht mehr halten.
Doch den entscheidenden Grund zur plurizentrischen Betrachtung des Stan-
dardalbanischen liefert die Sprache selbst. Das Albanische hat sich gerade in
den drei Ländern – Albanien, Kosovo und Mazedonien – seit seiner Normie-
rung 1972 unterschiedlich entwickelt. Zunächst stieß der Standard in den drei
Ländern auf drei unterschiedliche Dialektbasen und unterschiedliche Sprach-
politiken. In Albanien wurde es mit aller Härte in allen Lebensbereichen und
Gesellschaftsschichten vor allem durch Alphabetisierungskampagnen durchge-
setzt, im Kosovo dagegen nur in Schulen und Verwaltung. Mit der internationa-
len Gemeinschaft im Kosovo nach dem Krieg des Jahres 1999 wurde das Stan-
dardalbanische durch das Englische verdrängt. Das Englische bildet seitdem die
Basis der kosovarischen Verwaltung, das größtenteils ins Albanische übersetzt
wird. In Mazedonien setzte sich das Albanische nur in Grund- und Mittelschu-

13
Die plurizentrischen Theorien basieren auf dem Begriff „Nation“ und nicht auf dem Begriff
„Staat“, weil die Theoretiker, wie der schon zitierte Ammon, „Nation“ mit „Staat“ gleich-
setzen. Die Basis dieser Theorien sind westeuropäische, voll ausgebildete und traditions-
reiche Nationen, die jedoch auf dem Balkan wenig Relevanz haben können, da die Nations-
bildungen nach dem Zerfall Jugoslawiens dort noch immer in vollem Gange sind, vor
allem die Bildung einer für diesen Artikel relevanten kosovarischen Nation (Vgl. u. a.
Ströhle, Isabel: The Politics of Reintegration and Commemoration. The Kosovo Libera-
tion Army. In: Südosteuropa, 4 (2012), 478–519).
14
Vgl. Voß, Christian/Lumnije Jusufi: Plurizentrik im Albanischen sowie im Serbokroati-
schen und seinen Nachfolgesprachen. In: Monika Wingender, Daniel Müller (Hg.): Typen
slawischer Standardsprachen. Theoretische, methodische und empirische Zugänge, Wies-
baden 2013.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 189

len durch. Erst 2001 dehnte sich der Einflussbereich des Standardalbanischen
auch in Oberstufen und im universitären Bereich sowie in der Verwaltung aus,
deren Ausgangspunkt das Mazedonische bildet. Die breite albanischsprachige
Bevölkerungsmasse bedient sich sonst der lokalen Mundarten.
Faktisch haben wir also nicht nur politisch, sondern auch sprachlich drei
Varietäten des Standardalbanischen, auch wenn diese aus ideologischen Grün-
den kaum untersucht15, geduldet16 und akzeptiert werden. Dabei herrscht im All-
gemeinen in Albanien die Meinung vor, Albaner aus dem Kosovo und Maze-
donien würden kein Albanisch können (gemeint ist der Standard). Im Kosovo
überträgt man die sprachlichen Komplexe gegenüber Albanien auf Mazedo-
nien. Der gemeinsame Nenner dieser Debatte ist nicht die Andersartigkeit des
Standards in den verschiedenen Ländern, sondern eine schulische Bewertung
der Beherrschung des Tirana-Standards. Diese Einstellungen führen zur Entste-
hung einer dreistufigen Hierarchie, bei der Albanien die Spitzenstellung für
sich beansprucht. Die Albaner in Mazedonien haben weder die finanziellen
Mittel, noch die institutionellen Möglichkeiten, noch den Wunsch aus national
gesinnten Gründen, gegen den tiranischen Monozentrismus vorzugehen. Die
Albaner im Kosovo haben im Allgemeinen nur nicht den Wunsch, die Mög-
lichkeiten schon.
Es stellt sich also die Frage, wie lange sich die kosovarische Bildungselite
als Elite zweiter Klasse abstempeln lassen wird. Erste Bemühungen gibt es be-
reits: So praktizieren beispielsweise die wöchentliche Zeitschrift Java („Die
Woche“) und der Fernsehsender Rrokum TV17 eine Form des (Kosovo-)Ge-
gischen. Der Herausgeber und Inhaber der beiden Medien, Migjen Kelmendi,
propagiert seit Jahren einen eigenen Standard für Kosovo. Für nationalistische
Kosovaren gilt Kelmendi als lokalistischer Außenseiter. Doch da sich ein Mit-
glied der Akademie des Kosovo und Professor der Universität Prishtina, Rex-
hep Ismajli, der selbst zu den Teilnehmern der Normierungskonferenzen in

15
Varietäten des Albanischen sind bisher nur am Rande thematisiert worden. Z. B. Pani,
Pandeli: Some differences between varieties of Albanian with special reference to Koso-
vo. In: International Journal of Sociology of Language, 178 (2006), 55–73. Ders.: Zu
einigen phonetischen und morphologischen Merkmalen des Substandards im heutigen
Albanischen. In: Norbert Reiter, Uwe Heinrichs, JiĜina van Leeuwen-Turnovcová (Hg.):
Sprachlicher Standard und Substandard in Südosteuropa und Osteuropa. Beiträge zum
Symposium vom 12.–16. Oktober 1992 in Berlin. Berlin 1994. Vehbiu, Ardian: Shqipja
totalitare. Tipare të ligjërimit publik në Shqipërinë e viteve 1945–1990. Tiranë 2007.
16
Solche Themen führen zu heftigen Diskussionen sowohl in wissenschaftlichen als auch in
nicht wissenschaftlichen Kreisen. Diese Erfahrung machte die Verfasserin dieses Artikels
selbst im November 2012 auf einer Tagung anlässlich der 100-jährigen Unabhängigkeits-
erklärung Albaniens an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.
17
Vgl. <http://www.rrokum.tv>.

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190 Lumnije Jusufi

Prishtina 1968 und Tirana 1972 und den strengsten Befürwortern des Tirana-
Standards zählte, zunehmend gegen den Tirana-Standard ausspricht, bekommt
die Diskussion für die Kosovaren mehr Gewicht. Ismajlis Ansichten sind unter-
schiedlich – von der kompletten Ablehnung des Tirana-Standards („Man dürfe
das heutige Standardalbanische den Albanern in Kosovo, Mazedonien und
anderen Ländern nicht aufzwingen.“)18 bis hin zu gemäßigten Vorschlägen über
einen plurizentrisch konzipierten Standard, vor allem in der Orthoepie, die er in
einem Wettbewerb der Akademie der Wissenschaften in Tirana im Dezember
2008 vorstellte.19 Das Datum der vorgetragenen Idee liegt nicht zufällig zehn
Monate nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo.
Empörte Stimmen darüber kommen aus Albanien, aber auch überraschender-
weise aus dem Kosovo und auch Mazedonien. Drei Beispiele seien hier stell-
vertretend für die emotionale Aufgeladenheit genannt, welche die Diskussion
angenommen hat:
1. Sadri Fetiu, Journalist und Literaturwissenschaftler aus dem Kosovo,
bezeichnet Ismajlis plurizentrisches Konzept als Dienste für politische
Ignoranten, die die Bildung einer eigenen kosovarischen Nation beab-
sichtigen würden.20
2. Shezai Rrokaj, Dekan der Philologischen Fakultät der Universität Tira-
na, der in der Zeit von 2003 bis 2007 auch Rektor derselbigen Univer-
sität war, spricht von lokalistischem Fanatismus („tifozllëk krahino-
rist“), von politischem militanten Akademismus („akademizëm militant
politik“), von Paralinguistik und von Pseudolinguisten („paragjuhë-
tarë“).21
3. Qemal Murati, Linguist am Albanologischen Institut in Prishtina, aus
Mazedonien stammend, der oft als Stellvertreter der Albaner in Maze-
donien gesehen wird, ist in seinen Äußerungen sehr radikal und belei-
digend, mit Beschimpfungen wie: Standardphobie[kranke], Dilettanten,
Antistandard-Anarchisten und Sprachgötter.22
18
Fetiu, Sadri: “Xhevahirët” e “Panagjyrit” të albanologjisë, 20.02.2009, <http://pashtriku.
beepworld.de/files/Kosova_09/shkurt09/20/sadri_fetiu_xhevahiret_e_albanologjise_20.2.
09.htm>.
19
Ebenda.
20
Ebenda: „[Ai] synon që t’i shërbejë me besnikëri edhe idealeve partiako-shtetërore të disa
injorantëve, që nuk mund ta marrin me mend ekzistencën e shtetit të Kosovës pa e krijuar
kombin kosovar, i cili, sipas logjikës së tyre, duhet ta ketë edhe gjuhën e vet kombëtare.“
(„Er beabsichtigt, auch einigen partei-staatlichen Idealen einiger Ignoranten treu zu dienen,
die sich die Existenz des Staates Kosovo nicht vorstellen können, ohne eine kosovarische
Nation zu bilden, nach ihrer Logik müsste [sie] auch ihre eigene Nationalsprache haben.“)
21
Zitiert nach Murati, Qemal: Për shqipen standarde. Përmasa komunikuese dhe kombëtare.
Prishtinë 2009, 41.
22
Ebenda.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 191

Die zwischenstaatliche Ebene der Debatte hat nur mit Vergangenheitsaufar-


beitung zu tun. Die Art der Vergangenheitsaufarbeitung ist eine neue, in der die
zentrale Frage ist, ob die Albaner sich weiterhin als eine staatlich geteilte Na-
tion mit toskischer Albanizität sehen oder mit der Gründung des Staates Koso-
vo als mindestens zwei Nationen – und welche Rolle der Standard in diesen
neuen nationalen Konstruktionen einnehmen soll. Die Sprache ist bei dem Kon-
zept der staatlich geteilten Nation die einzige Verbindungskomponente, welche
durch die Idee Plurizentrik bedroht werden würde. Das Gegenlager spricht sich
ebenfalls für eine einzige albanische Nation aus, die aber die toskische Albani-
zität Albaniens nicht mehr hinnehmen will.
Vergangenheitsaufarbeitung müssten diesbezüglich beide Seiten leisten: Al-
banien und die ehemaligen jugoslawischen Gebiete. Albanien müsste auf An-
sprüche, das Zentrum des Albanischen zu bilden, verzichten. Die Albaner im
Kosovo und in Mazedonien müssten ihre neue Rolle in den neuen staatlichen
Systemen finden. Als der Tirana-Standard von jugoslawisch-albanischer Seite
zur eigenen Hochvarietät erklärt wurde, bildeten die Albaner im ehemaligen Ju-
goslawien eine Minderheit, welche ihre nationalen Rechte durch eine Loslö-
sung vom albanischen Mutterland bedroht sah. Dieser Status hat sich heute
grundlegend geändert. Diejenigen, welche den staatspolitischen Status eines
unabhängigen Kosovo vor Augen haben, verlangen Reformen plurizentrischer
Art. Andere hingegen, welche in Albanien immer noch das Mutterland sehen
oder radikal eine Vereinigung mit Albanien fordern, unterstützen noch immer
das Motto des Jahres 1968 „eine Nation – eine Standardsprache“. In Mazedo-
nien haben wir ein eindeutiges Minderheitenverhalten, wobei alles Albanien-
Albanische als richtungweisend angenommen wird. Der Standard ist die einzi-
ge Verbindung zum Mutterland Albanien. Eine eigene Varietät – sei es auch im
plurizentrischen Sinn – würde diese Verbindung unterbrechen. Eine Identifika-
tion mit dem mazedonischen Staat ist meilenweit entfernt. Die Albaner haben
die neue Rolle als neue Minderheit im neuen Staat Mazedonien noch nicht
gefunden. Damit stellt sich auch hier die Frage nach dem Sprachstandard als
ein Problem von Vergangenheitsaufarbeitung und nicht als Problem der neuen
Herausforderungen des Standards dar, wie Exkurs 1 unten zeigt.

Exkurs 1: Normferner Sprachgebrauch

Viele Linguisten, vor allem diejenigen, die schon vor der Wende den Höhepunkt
ihrer Karriere erreicht hatten, wie der oben genannte Murati, kritisieren Lingu-
isten, die sich für Reformen oder gar für die Abschaffung des Standardalbani-
schen aussprechen, sehr hart. Betrachtet man jedoch den tatsächlichen Sprach-
gebrauch, so kommt man zu dem Schluss, dass sie im Kampf um den Stan-
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192 Lumnije Jusufi

dard die Realität nicht wahrnehmen. Der normgerechte Sprachgebrauch schei-


tert schon im Alltag, beispielsweise im Internet und auf staatlichen Institutions-
schildern. Problematisch dabei ist die technisch-digitale Wiedergabe zweier Pho-
neme des Albanischen – des Schwa, graphisch mit <ë> wiedergegeben, und der
Affrikate [t‫]ݕ‬, der das Graphem <ç> entspricht. Beide werden aus technischen
Gründen mit <e> und <c> wiedergegeben und damit mit den Phonemen /e/ und
/ts/ gleichgestellt. Folgende Beispiele verdeutlichen diesen Sachverhalt.

1. Beispiel: Das Internet

Qemal Murati äußert sich oft in unterschiedlichen Veröffentlichungen sehr radi-


kal zu diesem Thema, immer in der Haltung eines Reformgegners. Er selber
tappt jedoch in die Fallen der digitalen Probleme, vor denen der Sprachstandard
steht, wie das Beispiel unten zeigt:
Standardfobet e diletantet qe kujtojne, se kane fatet e gjuhes shqipe ne dore
[…], nga ajo lagje e anarkisteve antistandard [Standardphobie[kranke] und Di-
lettanten, die denken, das Schicksal der Sprache in der Hand zu haben […] aus
jenem Viertel der Antistandard-Anarchisten]23

Das Zitat zeigt, dass der Text das Graphem <ë> nicht verwendet. Die Schwas
werden mit dem Graphem <e>, das für das Phonem /e/ steht, wiedergegeben.
Die unterstrichenen e-s sind eigentlich Schwas. Dies wird von dem zitierten
Autor jedoch zu Gunsten der technischen Vereinfachung außer Acht gelassen.
Dennoch lehnt er jegliche Reformen des Standards ab. Murati stellt das beste
Beispiel für realitätsfremde Sprachwissenschaftler dar, die im Namen der Na-
tion mit allen Mitteln jedes Komma des Standardalbanischen verteidigen.

2. Beispiel: Verkehrs- und staatliche Institutionsschilder

Die technische Realisierung orthographischer Regeln (oft die Unterscheidung


zwischen den Vokalen <e> [e] und <ë> [‫ ]ۑ‬und der Wegfall des Genitivarti-
kels) vor allem auf Schildern von Staats- und Bildungsinstitutionen, scheitert
kläglich, wie einige ausgewählte Bilder24 unten zeigen:

23
Murati, Qemal: Baza e gjuhes letrare shqipe nuk duht te preket, 06.02.2009, <http://www.
kohajone.com/artikull.php?idm=37191>. [Kommentar der Verfasserin: Der Titel des Arti-
kels enthält ebenfalls das Graphem <ë> nicht.]
24
Alle Bilder stammen aus dem Archiv der Verfasserin. Sie entstanden im April 2012 in
Tirana.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 193

1. Beispiel: Die Universität von Tirana

Die unterstrichenen Schwas (ë) sind auf


dem Schild mit <e> wiedergegeben.

Abbildung 2. Historische und philologische Fakultät der Universität von Tirana:


„Universiteti i Tiranës, Fakulteti i Historisë dhe i Filologjisë“

2. Beispiel: Die Gemeinde Tirana

Auch hier sind die unterstrichenen Schwas


(ë) mit <e> wiedergegeben. Der Groß-
buchstabe <Ë> in der Mitte des Wortes
ist auf dem Schild gar nicht vorhanden.
Hier wurde die Orthographie an die ge-
sprochene Sprache angepasst.

Abbildung 3. Verkehrschild in Tirana (Zuständigkeitsbereich der Gemeinde von Tira-


na): „Kalim këmbËsorësh“

3. Beispiel: Staatministerien, hier das Ministerium


für Öffentlichkeitsarbeit, Transport und Telekommunikation

Auf diesem Schild sind zusätzlich zu


den unterstrichenen Schwas, die mit <e>
wiedergegeben werden, noch die unter-
strichenen Genitivartikel weggelassen
worden.

Abbildung 4. „Republika e Shqipërisë, Ministria e Punëve publike, e Tansportit dhe e


Telekomunikacionit, Autoriteti Rrugor Shqiptar“, unterste Zeile: „Adresa: rruga
„Sami Frashëri“
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194 Lumnije Jusufi

2 Die vertikale Linie

Die vertikale Linie besteht aus drei Ebenen – der institutionellen, der politi-
schen und der gesellschaftlichen Ebene. Sie zieht sich quer durch Regionen und
Staaten, in denen Albaner leben. Dabei sind trotz unterschiedlicher Staatlichkeit
erstaunliche Parallelen festzustellen.

2.1 Die institutionelle Ebene

Die Debatte um sprachliche Albanizität drohte in der Zeit von 2004 bis 2006 in
einen harten Kampf zwischen unterschiedlichen Bildungs- und Forschungs-
institutionen in Albanien und im Kosovo auszuarten. Vertreter der albanischen
Bildungsinstitutionen in Mazedonien ordnen sich durch wissenschaftliche Tä-
tigkeiten entweder der einen oder der anderen Institution im Kosovo oder selten
auch in Albanien unter, oder sie werden gänzlich ignoriert, sobald sie nicht das
gemeinsame Lied singen. In Albanien und im Kosovo stellt diese Ebene ein
Hauptstadtphänomen dar. Dabei stehen sich zwei Lager kritisch und ablehnend
gegenüber: in Albanien die Akademie und die Universität von Tirana, im Koso-
vo die Akademie und das Albanologische Institut. Die Universität von Prishtina
steht stark unter dem Einfluss der herrschenden Regierung.
Im Jahr 2005 wurde öffentlich bekannt, dass die Akademie von Albanien
und die des Kosovo 2004 eine „Sprachliche interakademische Kommission“
gegründet hatten, um an Vorschlägen zur Reformierung der Orthographie zu
arbeiten. Diese Kommission folgte einer Konferenz der kosovarischen Aka-
demie, nach der im Juni 2004 ein Schreiben veröffentlicht wurde, das soge-
nannte „Orientierungen“25 über Fragen des albanischen Standards beinhaltete.
Tirana bemühte sich um Schadensbegrenzung und schloss sich mit der Akade-
mie Kosovos in der o. g. Kommission im selben Jahr zusammen. Die Reak-
tionen von Seiten anderer Intellektueller und Sprachwissenschaftler waren nicht
linguistischer Art, sondern persönlicher, institutioneller und nationaler Natur.
Linguisten aus anderen Forschungs- und Bildungsinstitutionen, wie Professo-
ren der Universität Tirana (beispielsweise der schon zitierte Rrokaj oder Rami
Memushaj)26 und Linguisten des Albanologischen Instituts in Prishtina (z. B.
der oben zitierte Murati) fühlten sich übergangen. Es meldeten sich auch harte
Kritiker jeglicher Reformen im nationalen Sinne, wie Emil Lafe, der 2012 aus
der Kommission demonstrativ austrat. Lafes Bemühungen um den reformlosen

25
Orientime të Akademisë së Shkencave dhe të Arteve të Kosovës për çështje të shqipes
standarde, 22.06.2004. <http://www.albasoul.com/vjeter/modules.php?op=modload&name
=News&file=article&sid=1466&mode=thread&order=0>.
26
Zitiert nach Murati 2009: 42 f.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 195

Erhalt des jetzigen Standards sind unermüdlich, die Kritik gegen die Kommis-
sion ist sehr hart.27
Die Kommission legte 2006 die Arbeit nieder – offiziell wegen der harten
Kritik an den Reformabsichten, aber in der Tat, um diesen institutionellen Streit
zu besänftigen. 2010 wurde die Kommission personell neu strukturiert und aus-
geweitet, indem zunächst Vertreter anderer Institutionen und albanische Per-
sönlichkeiten mit Weltruhm, wie Ismail Kadare und Inva Mula, aufgenommen
wurden. Ferner wurde die Kommission auch regional und staatlich ausgeweitet.
Es wurden Vertreter aus dem Süden und Norden Albaniens, aus allen Ländern
mit albanischsprachiger Bevölkerung und ein italoalbanischer Vertreter aufge-
nommen. Damit wollten beide Akademien den institutionellen und regionalen
Streit beilegen, indem sie die Reformfrage zur nationalen Frage28 erklärten, wie
die Akademie Tiranas selbst auf ihrer Internetseite verkündet.29 So versuchte
die albanische Akademie, die kosovarische Seite mit im Boot zu behalten.
Im April dieses Jahres fand die dritte Tagung der Kommission in Tirana statt.
Dort wurden Vorschläge zur Orthographiereform gemacht, die kurz darauf an
die Öffentlichkeit gebracht wurden. Diesmal hagelt es Kritik von allen Seiten.
Der Kommission wird nicht nur Antinationalismus und Verantwortungslosigkeit,
sondern auch mangelnde linguistische Professionalität und die Behinderung des
Prozesses der Integration Albaniens in die NATO und in die EU vorgeworfen.30
Die Akademie der Wissenschaften Albaniens, die einer der beiden Initiatoren
dieser Kommission war, distanziert sich nun öffentlich von den Arbeiten und
Beschlüssen der Kommission und lässt die Akademie der Wissenschaften Ko-
sovos mit dem Vorhaben allein.31 Kommissionsvertreter kritisieren daher stark

27
Hamzai, Dhurata: Puç ndaj gjuhës letrare shqipe. Ndryshon drejtshkrimi, 30.06.2012,
<http://www.shqiptarja.com/kulture/2730/pu-ndaj-gjuh-s-letrare-shqipe-ndryshon-drejtsh
krimi-98944.html>. Lafe, Emil: Akademitë e Shkencave po shkaktojnë përçarje gjuhësore,
01.07.2012, <http://gazeta-shqip.com/lajme/2012/07/01/emil-lafe-akademite-e-shkencave-
po-shkaktojne-percarje-gjuhesore/>.
28
Vgl. hierzu u. a. Memushaj, Rami: Duhet një konferencë mbarëkombëtare për gjuhën,
21.12.2011, <http://www.gazeta-shqip.com/kulture/2da7a3044f7ca4aa6b1424e1bf1ccce5.
html>.
29
<http://www.akad.edu.al/index.php?option=com_content&view=article&id=195&Itemid
=76>.
30
Lafe, Emil: Këshilli Ndërakademik për Gjuhën Shqipe ecën pa busull, ende pa një
platformë shkencore të miratuar njëzëri, 27.04.2013, <http://www.sot.com.al/kultura-inter
vista/emil-lafe-k%C3%ABshilli-nd%C3%ABrakademik-p%C3%ABr-gjuh%C3%A Bn-
shqipe-ec%C3%ABn-pa-busull-ende-pa-nj%C3%AB>. Lloshi, Xhevat/Emil Lafe: Shteti
shqiptar dhe zhvillimi i gjuhës letrare shqipe, 22.10.2012, <http://gazetatelegraf.com/shte
ti-shqiptar-dhe-zhvillimi-i-gjuhes-letrare-shqipe/#>.
31
Akademia Shqiptare e Arteve dhe Shkencave: Shqipja standarde, një arritje madhore,
20.04.2013, <http://www.shekulli.com.al/web/p.php?id=21416&kat=116>. ASHASH: kun-

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196 Lumnije Jusufi

die Position und Hartnäckigkeit bezüglich umfassender Reformen der Akade-


mie des Kosovo. Es prallen hier nun zwei Arten von Vergangenheitsaufarbei-
tung aufeinander – Vergangenheitsaufarbeitung im engsten Sinne des Wortes,
d. h. Debatten über die Entstehungsgeschichte des Standards und eine neuere
Vergangenheitsaufarbeitung, nämlich die neue Auslegung der Rollen Tiranas
und Prishtinas. Die institutionelle Debatte mündet nun ganz offiziell in die zwi-
schenstaatliche Debatte ein. Dabei ist die sprachliche Albanizität nicht nur auf
toskischer Seite, sondern diesmal auch auf der Seite Albaniens, wie bei der
zwischenstaatlichen Ebene.

2.2 Die politische Ebene

Die politische Ebene der Problematik zeigt am Beispiel des Sprachstandards,


wie die Politik mit Vergangenheitsaufarbeitung umgeht. Diesbezüglich sind in
allen drei Ländern Parallelen festzustellen, die Motive hinter den vorgebrachten
Argumentationen unterscheiden sich aber von Land zu Land stark. Sprachstan-
dardfragen scheinen sich gut zur Politisierung und Profilierung in der Politik zu
eignen.
In Albanien sprechen sich Politiker entweder für den Erhalt des sprach-
lichen Status quo oder für Veränderungen aus. Interessant ist dabei, dass die
Herkunft des Politikers entscheidend für seine Stellungnahmen ist. So sprechen
sich Politiker mit südlicher Herkunft gegen Reformen jeglicher Art aus, Poli-
tiker aus dem Norden dagegen für Reformen. Diese Nord-Süd-Einteilung spie-
gelt sich auch in der Zusammensetzung der zwei Volksparteien in Albanien
wider: Die Sozialistische Partei, die Politiker aus dem Süden in ihren Reihen
zählt und momentan in der Opposition ist, und die Demokratische Partei, die
ihre Wähler im gegischen Norden findet und momentan die Regierung bildet.
Die Debatte um sprachliche Albanizität zwischen Gegisch und Toskisch ist
längst zu einem Streitpunkt zwischen Regierung und Opposition geworden. So
äußerte sich Pandeli Majko, ein Sozialist, noch im Juli 2012 sehr pathetisch
und nationalistisch für den Erhalt des Sprachstandards und sah den toskischen
Standard als Nationalsymbol aller Albaner auf dem Westbalkan.32 Die Demo-
kraten und damit die Regierung halten sich in der Öffentlichkeit bedeckt. Ent-

dër ndërhyrjes në gjuhën standarde, 24.04.2013, <http://www.albanur.eu/showthread.php


?p=7986>.
32
Nikolli, Fatmira: Shkronja „ë“, Memushaj: Dakord me Majkon, gjuha po politizohet,
18.07.2012, <http://www.balkanweb.com/kultur%EB/2691/shkronja-e-memushaj-dakord-
me-majkon-gjuha-po-politizohet-96550.html>.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 197

weder sie ignorieren die Debatten oder unterstützen die Akademie im Hinter-
grund bei Bemühungen um Reformen.33
Im Kosovo lassen sich die sprachpolitischen Lager nicht in abgegrenzten
Regierungs- bzw. Oppositionslagern ausfindig machen. Die Befürworter von
Reformen befinden sich in den Reihen der Partei Lidhja Demokratike e Koso-
vës („Demokratische Liga des Kosovo“), die momentan die Opposition bildet.
Doch die sprachliche Debatte wird den Linguisten überlassen, die, wenn sie
nicht Mitglieder dieser Partei sind, ihr doch sehr nahe stehen. Die stillen
Verfechter des Tirana-Standards befinden sich in der Partei Partia Demokratike
e Kosovës („Demokratische Partei des Kosovo“), die aktuell die Regierung
bildet und überwiegend aus den Reihen der ehemaligen Ushtria Çlirimtare e
Kosovës („Kosovarische Befreiungsarmee“) stammt. In der Öffentlichkeit halten
sie sich aber bedeckt und ignorieren Standard-Kritiker, so z. B. der Bildungs-
minister des Kosovo, Ramë Buja.34 Im Allgemeinen jedoch ist der Sprachstan-
dard noch nicht zum Zankapfel zwischen Regierung und Opposition geworden.
In Mazedonien spricht sich die Politik klar für den Erhalt der jetzigen Stan-
dardsprache und der damit eng verbundenen toskischen Albanizität aus, so der
führende albanische Politiker Ali Ahmeti.35 Der Grund liegt in dem Minder-
heitenstatus der Albaner in Mazedonien, woraus hier eine andere politische
Hierarchisierung sprachlicher Fragen folgt. Sie beziehen sich eher auf den zu
verbessernden politischen Status des Albanischen in Mazedonien als auf die
Beziehung der Albaner zu Albanien und zum Standardalbanischen.
Die extrem nationalistischen Parteien und Parteiflügel36 in allen drei Län-
dern weisen bezüglich der Sprache dieselbe Struktur auf: Sie propagieren die
Vereinigung aller albanischen Gebiete, doch thematisieren die Sprachstandard-

33
Hinter der Akademie wird der demokratische Bildungsminister, Myqerem Tafaj, vermu-
tet. Diese Vermutung bringt der Linguist und Professor der Universität von Tirana, Rami
Memushaj, ein. Vgl. Hamzai, Dhurata/Rami Memushaj: Është një vepër e shëmtuar,
30.06.2012, <http://www.shqiptarja.com/kultura/2730/rami-memushaj-eshte-nje-veper-e-
shemtuar-99026.html>.
34
Interview geführt von der Verfasserin am 11.03.2012 in Engstingen bei Stuttgart.
35
Interview geführt von der Verfasserin am 08.04.2012 in Zajaz. Ali Ahmeti ist Vorsitzender
der albanischen Partei Bashkimi Demokratik për Integrim („Demokratische Union für
Integration“) in Mazedonien. Er gehörte 2001 zu den führenden Personen der Ushtria
Çlirimtare Kombëtare („Nationale Befreiungsarmee“).
36
Inwieweit die extrem nationalistischen Parteien Vetëvendosje und Aleanca Kuq e Zi rechts-
extreme Elemente aufweisen, siehe Arapi, Lindita: Schwarz-Rote Allianz für ein neues
oder ein Groß-Albanien. In: Südosteuropa Mitteilungen, 3 (2012), 102–110; Schwander-
Sivers, Stephanie: Die Fackelträger der rot-schwarzen Einheit. Zur Popularität, Politik und
Symbolsprache groß-albanischer Protestkultur. Vortrag bei der Tagung „Mit Rechts aus
der Krise? Populismus und Nationalismus in Südosteuropa“, 22.-24. Mai 2012 in Tutzing,
Veranstalter: Südosteuropa-Gesellschaft/Evangelische Akademie Tutzing.

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Frage und eventuelle sprachliche Spaltungen nicht. Albin Kurti, Vorsitzender


der kosovarischen nationalistischen Partei Lëvizja Vetëvendosje („Bewegung
für Selbstbestimmung“), legte am 13. April 2012 in einem Interview beim Fern-
sehsender Alsat-M (Mazedonien) einen detaillierten Plan zur Vereinigung aller
albanischen Gebiete vor, ohne die Frage des Standards zu thematisieren. Das
Interview dauerte ca. eine Stunde und Kurti sprach durchgehend in Kosovo-
Gegisch.37 Die nationalistische Partei in Albanien Aleanca Kuq e Zi („Schwarz-
38
Rote Allianz“) hat als Parteiprogramm einen detaillierten Plan zur Vereinigung
albanischsprachiger Gebiete veröffentlicht, ohne die Sprachfrage zu thematisie-
ren.39
Zusammenfassend kann man sagen, dass in Albanien die Sprachstandard-
Frage aufgrund der regionalen Zusammensetzung der größten Parteien des Lan-
des zum politischen Streit zwischen Regierung und Opposition geworden ist.
Im Kosovo ist es ein parteispezifisches Problem, ohne jedoch Streitpunkt zwi-
schen Opposition und Regierung zu werden. Die LDK überlässt die Debatten
und Beschlüsse ihren nahestehenden Linguisten. Die Nationalisten aus den Rei-
hen der Regierungsparteien PDK im Kosovo und BDI in Mazedonien unter-
stützen den jetzigen Standard, wenn auch nicht offen, obwohl kaum jemand aus
diesen Reihen den Standard beherrscht. Die extremen Nationalisten, wie die
Aleanca in Albanien und Vetëvendosje im Kosovo, ignorieren die Thematik
gänzlich. Die Gründe sind ganz klar nationalistischer Art, denn die Standard-
sprache sprechen und schreiben können beide Gruppierungen nicht und ziehen
es vor, nationale Animositäten zu überspielen. In allen politischen Lagern wird
der Standard als Produkt vergangener politischer Systeme gesehen, der je nach
politischer Orientierung bewahrt oder verändert werden soll. Im Allgemeinen
ist jedoch die Albanizität auf toskischer Seite, was manchmal politisch instru-
mentalisiert wird, wie Exkurs 2 unten zeigt.

Exkurs 2: Der Fall Topi-Topalli

Die Standard-Frage wird manchmal auch zum persönlichen Kampf zwischen


einzelnen Politikern sogar innerhalb derselben Partei oder innerhalb der Regie-
rung genutzt, so ein beispielloser Vorfall zwischen dem ehemaligen albanischen

37
Vgl. <http://www.youtube.com/watch?v=bDFAskZ3iCg>.
38
Siehe <http://www.shqiptarja.com/oggetti/49788.pdf>.
39
Das Faltblatt mit einer kurzen Version des Parteiprogramms, verteilt in Tirana Anfang
April 2012, scheint weder Orthographieregeln noch stilistische Qualität des Standardalbani-
schen zu beachten.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 199

Staatspräsidenten, Bamir Topi, und der Parlamentspräsidentin, Jozefina Topalli,


im Oktober 2011.40
In einem Interview sagte Topi, dass Topalli Albanisch und die Kunst der
Kommunikation lernen müsse. Topalli, die mit einer gegischen Färbung spricht,
antwortete, sie spreche das schönste Albanisch, das Albanische der Schriftstel-
ler Fishta, Migjeni und Gurakuqi.41 Damit instrumentalisierte sie die gegisch-
toskische Debatte für ihre politischen Zwecke.42 Ab dem darauffolgenden Tag
fanden in Shkodra Proteste unterschiedlicher Art gegen die vermeintlich anti-
gegische Äußerung des Staatspräsidenten statt.43 Der Vorfall drang bis zu den
internationalen Vertretern in Albanien durch.44 Topi sah sich gezwungen, öffent-
lich in zahlreichen Interviews zu erklären, die Äußerung wäre allein gegen To-
palli gerichtet gewesen und nicht gegen Shkodra und den Norden. Diese rein
persönliche Polemik wurde in der Öffentlichkeit als der altbekannte Kampf in-
terregionaler Art empfunden.
Die albanische Regierung, die eigentlich pro-gegisch ist, aber sich mit dieser
parteiinternen Polemik nicht öffentlich auseinandersetzen wollte, stoppte die
Diskussion mit einem etwas eigenartigen Vorschlag. Premierminister Sali Beri-
sha brachte im Februar 2012, mitten in der heftigen Debatte die Idee ein, das
Chinesische als zweite Schulfremdsprache in Albanien einzuführen.45 Damit
war der Kampf Topi-Topalli beigelegt.

40
Über den Vorfall wurde in zahlreichen Medien berichtet. Im Folgenden ein Artikel aus dem
Kosovo und einer aus Albanien: Rrokum TV (Kosovo) am 16.10.2011: <http://www.
rrokum.tv/?page=1,3,2829>, sowie Top-Channel TV (Albanien) am 17.10.2011:
http://www.top-channel.tv/artikull.php?id=220738.
41
Gjergj Fishta, Millosh Gjergj Nikolla Migjeni und Luigj Gurakuqi zählen zu den
wichtigsten Persönlichkeiten und Schriftstellern in der Zeit nach der Unabhängigkeits-
erklärung Albaniens (1912). Alle drei stammen aus Shkodra, der Hochburg des gegischen
Nordens. Da Gjergj Fishta im kommunistischen Albanien verboten war, wurde er in
diesem Zusammenhang erwähnt. Im Zuge der Vergangenheitsaufarbeitung in Albanien
werden vor allem in der kommunistischen Zeit verbotene Autoren instrumentalisiert.
42
Interessant dabei ist, dass beide streitenden Politiker aus dem gegischen Raum stammen,
Topi aus Tirana, Topalli aus Shkodra. Politische Rollen werden hier an altbekannte
Muster angepasst: Topi als Staatsoberhaupt wird in die Rolle der Vertreter der Hochburg
der Kommunisten, Tirana, gedrängt.
43
Siehe Zeitungsbericht vom 17.10.2011, <http://www.panorama.com.al/2011/10/17/ne-
shkoder-vazhdojne-reagimet-kunder-topit>.
44
Stellungnahme von Ettore Sequi, dem EU-Botschafter in Albanien, unter: <http://www.
youtube.com/watch?v=Vjt_ha9P6cQ>.
45
Unbekannter Autor: Parauniversitari Berisha. Kinezçja gjuhë e dytë, 15.02.2012, <http://
www.panorama.com.al/2012/02/15/reforma-berisha-ligj-per-arsimin-parauniversitar>.

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200 Lumnije Jusufi

2.3 Die gesellschaftliche Ebene

Die gesellschaftliche Ebene der Debatten um Albanizität hat mit Vergangen-


heitsaufarbeitung zu tun und birgt zwei Komponenten in sich. Die erste Kom-
ponente stellt ein Spezifikum Albaniens dar. Dabei handelt es sich um das
Verhältnis zwischen den ehemaligen politisch Verfolgten im kommunistischen
Albanien und den Akteuren des Standardisierungsprozesses jener Zeit.46 Der
Sprachstandard bildet einen der wichtigsten Streitpunkte zwischen diesen einan-
der kontrovers gegenüberstehenden Lagern. Vom kommunistischen System aus-
geschlossene Gesellschaftsgruppen sehen im albanischen Sprachstandard ein
Produkt des Kommunismus, das zu Lasten des Gegischen durchgesetzt wurde.
Dieses gilt es nun entweder zu beseitigen oder durch umfassende Reformen zu
verändern. Eine gegische literarische Strömung versucht zumindest den Ein-
flussraum des Standards einzuschränken bzw. die Standardvorstellungen zu libe-
ralisieren.47 Das Problem ist nicht nur interregionaler Art, wie anfangs dar-
gestellt wurde, sondern auch ein gesellschaftliches, da die Beherrschung des
Standards längst zum Marker beruflicher Qualifikationen geworden ist. Viele
der ehemaligen Exilanten und Inhaftierten fühlen sich auch aus dem Grund
ausgeschlossen, dass sie den Standard den Umständen entsprechend entweder
nicht lernen konnten oder nicht lernen wollten. Der Sprachstandard ist somit
zur Domäne der (damals) herrschenden Schicht geworden.48
Die wissenschaftlichen Akteure jener Zeit im Allgemeinen und die Erschaf-
fer des Sprachstandards im Speziellen weisen auf die Notwendigkeit einer Stan-
dardsprache und deren Kodizes hin, welche Albanien bis dahin nicht gehabt
hätte. Ferner warnen sie davor, jetzt einen völlig neuen Standard zu entwerfen.
Außerdem betonen sie das gut durchdachte System des Standards, das ohne
oder zumindest mit nur wenigen Reformen alltagstauglich sei.
Beide Seiten diskutieren aneinander vorbei. Den Standard-Gegnern geht es
mehr um soziolinguistische Fragen, wie das sprachpolitische Unrecht oder die
ablehnende Haltung dem Gegischen gegenüber oder die allgemein verbreitete
toskische Albanizität. Den Standard-Verfechtern geht es um das Sprachsystem
an sich. Die soziolinguistische Seite und damit die eng verknüpfte toskische
Albanizität werden von ihnen gänzlich ignoriert. Zu diesem Lager kann man
46
Z. B. Pipa 1989.
47
Eine literarische Form auf der Basis der Mundart von Shkodra – das sogenannte Shkod-
ranishtja letrare – konnte sich vor allem in der Exilliteratur nach 1945 durchsetzen. Nach
der Wende blüht es in der Belletristik im Norden Albaniens wieder auf – die Exilliteratur
aufgreifend.
48
Z. B. Gjovalin Shkurtaj im Dokumentarfilm „Who Speaks Albanian?“ (2009): Standard-
sprachen seien für herrschende Gruppen gedacht. <http://www.youtube.com/watch?v=
YVqCMA8Ush4&feature=relmfu>.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 201

auch Nostalgiker kommunistischer Zeiten zählen, denen der Standard eine heili-
ge Reliquie geworden ist. Die Folge ist ein sinnloser Kampf um einzelne Sprach-
elemente, bei denen sogar jeder einzelne Vokal zum Heiligtum der albanischen
Nation erklärt wird.

Eine zweite Komponente der gesellschaftlichen Ebene stellt das Verhältnis der
verschiedenen Generationen zum Standard dar. Der Standard scheint im Allge-
meinen bei jüngeren Generationen egal in welchem Land an Attraktivität und
Beliebtheit verloren zu haben. Vorschläge über Reformen und Konzepte kom-
men eher von jüngeren Wissenschaftlern. Die Generation spät-mittleren Alters
geht noch viel weiter als die jüngere Generation. Dabei handelt es sich um
Intellektuelle, die im Standard ausgebildet und im damaligen System aufge-
wachsen sind. Sie sind die eigentliche Triebkraft der Anti-Standard-Initiativen.
Der Hauptvorwurf dieser Gruppe richtet sich hauptsächlich gegen ihre „Väter“,
sprich gegen die unmittelbare Generation vor ihnen, die diesen Standard konzi-
piert und etabliert hat. Der Dokumentarfilm Fathers and Sons49 behandelt
genau dieses Motiv. Bestes Beispiel des Vater-Sohn-Konfliktes stellt der schon
erwähnte Publizist Migjen Kelmendi dar.

Exkurs 3: Die Kelmendis

Ramiz Kelmendi, Zwischenkriegsjahrgang, zählt zu den wichtigsten Vertretern


der Sprachkonferenz von 1968 in Prishtina und den härtesten Verfechtern des
Standardalbanischen bis heute. In der Zeit der Etablierung des Standards war R.
Kelmendi einflussreicher Schriftsteller und Publizist im Kosovo. Sein Sohn,
Migjen Kelmendi (*1959), wurde in den 1980er Jahren als Sänger der albani-
schen Rockband Gjurmët („Die Spuren“, 1980–1986)50 bekannt. Auch wenn die
Band für die Zeit allein durch ihre Musik eine Innovation war, sind ihre Lieder
in Standardalbanisch verfasst. Im Vordergrund stand auch hier das bekannte
Motto „eine Nation – eine Standardsprache“ bzw. die nationale Abgrenzung der
Albaner in Jugoslawien, wie an dieser Aussage von M. Kelmendi deutlich zu
sehen ist:
To be commercially successful at that time in Yugoslavia, you had to sing in
Serbian – ‘da te ceo svet razume’ (‘if you want the world to understand you’).

49
Der Film stammt vom Produzenten Nik Klementi und der Orah Mirage Production, New
York 2009. Teile davon sind zu sehen unter: <http://agim.poeticforum.com/t7529-etenit-
dhe-bijt-film-dokumentar-mbi-gjuhen-zyrtare-te-kosoves>.
50
Vgl. Krasniqi, Gëzim: Socialism, National Utopia, and Rock Music. Inside the Albanian
Rock Scene of Yugoslawia, 1970–1989. Budapest 2011.

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202 Lumnije Jusufi

But even though we were the generation that could finally speak the language
well, we would never agree to do such a thing.51

Migjen Kelmendi durchlief sowohl seine Schulbildung als auch seine Karriere
als Publizist überwiegend in Standardalbanisch. Für eine kurze Zeit um den
Krieg verweilte er in den USA, wo er seine Tätigkeit als Publizist fortsetzte.
Nach seiner Rückkehr in den Kosovo wurde er Leiter des staatlichen Fern-
sehens des Kosovo Radio Televizioni i Kosovës. 2001 gründete er die schon
erwähnte Zeitschrift Java in Gegisch.52 Dies stellte seinen Bruch mit dem
Standardalbanischen dar. Ab diesem Zeitpunkt folgten unzählige Artikel und
Interviews sowie die Gründung des gegischen Fernsehsenders Rrokum TV
gegen die jetzige Standardsprache und für einen eigenen Standard für Kosovo.
M. Kelmendi ist besonders durch seine radikale, provokative und polemisie-
rende Ausdrucksweise in dieser Diskussion bekannt geworden. Da sein Vater,
R. Kelmendi, seine Pro-Standard-Einstellung nicht änderte und dies auf Nach-
frage auch öffentlich äußert, stellen die Kelmendis ein typisches Beispiel für
einen Vater-Sohn-Konflikt bezüglich des Standards dar. Keiner verkörpert die-
sen Generationenkonflikt besser als die Kelmendis.53

Exkurs 4: Die Musikszene

Wie am Beispiel von Migjen Kelmendi gezeigt wurde, fand der 1972 kodi-
fizierte Standard die ersten und härtesten Unterstützer im Bereich der Musik in
der Rock- und Pop-Szene. Als erstes Beispiel aus der Rock-Szene wurde schon
die Band Gjurmët genannt, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1980 bis 1986
hatte. Alle Lieder dieser Band sind ausnahmslos im damals frisch eingeführten
Standard verfasst. Ein weiteres Beispiel sei hier aus den 1980er Jahren genannt,
die Band Lindja („der Osten“/„die Geburt“), die ihre Texte ebenfalls ohne
Ausnahmen in dem Standard von 1972 verfasste.54 Angesichts der sehr reichen
Rockszene in den 80er und 90er Jahren lässt sich die Liste endlos lang fort-
führen, jedoch mit demselben Fazit, dass die Texte in Standardalbanisch ver-
fasst waren. Der Begriff Dialekt beinhaltete jegliche Non-Standardformen, die
in der Rockszene verpönt waren und als Marker für die Volksmusik (alb. Mu-
zika popullore) dienten. Von der wollte sich die Rock-Szene distanzieren. Die

51
Kelmendi, Migjen: To change the World. A History of the Traces. Prishtina, 2001, 22.
Für den Hinweis danke ich Frau Isabel Ströhle.
52
<http://www.esiweb.org/index.php?lang=de&id=311&film_ID=2&slide_ID=3>.
53
Die kontroversen Stellungnahmen von Vater und Sohn findet man in dem Dokumentar-
film „Fathers and Sons“ (Klementi 2009).
54
Shala, Agron: Albumi i Grupit „Lindja“. Suvenir për nostalgjikët e viteve ’80, <http://
www.forumishqiptar.com/threads/29145-Lindja>.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 203

Pop-Musik bediente sich ebenfalls des Standardalbanischen, als Abgrenzung von


der Volksmusik. Einen besonderen Zweig der albanischen Popmusik stellen die
sogenannten „Patriotischen Lieder“ (alb. këngë patriotike) dar. Eines der typisch-
sten Merkmale für diese Musik war vor allem bis zum Kosovo-Krieg von 1999
das Standardalbanische, in dem die Texte verfasst wurden. Als Beispiele seien
hier folgende genannt: Gëzim Nika (Nordalbanien), Ilir Shaqiri und Shkurte
Fejza (Kosovo) und Mahmut Ferati (Mazedonien).
Seit einigen Jahren distanzieren sich gerade diese beiden Musikbranchen
radikal vom Standard, vor allem im Kosovo. Heutige moderne Rockbands, wie
Cute Babulja (seit 2004), verfassen ihre Texte in Kosovo-Gegisch, das jedoch
kein Slang der Hauptstadt Prishtina ist, sondern eine literarisch hochqualitative
Gegisch-Variante, deren sprachliche Analyse von hohem linguistischen Wert
wäre. Altbekannte Pop-Sänger, wie Sh. Fejza und M. Ferati, haben einen starken
sprachlichen Wandel hinter sich: Ihre Konzertsäle füllen sie mittlerweile mit
Liedern in zahlreichen gegischen Varianten, die sie als Reichtum der albani-
schen Nation verkaufen. Die albanische Musikszene hat eine Trendwende er-
fahren: Standardalbanisch ist nicht mehr „cool“ genug.
Die einzige Nische des Standardalbanischen stellen heute Lieder aller Musik-
genres dar, welche die Einheit der albanischen Nation besingen. Ein Beispiel
sei hier genannt. Nikollë Nikprelaj, der aus Montenegro stammt, jedoch seit
seiner Jugend im Kosovo lebt, stellt einen der erfolgreichsten Pop-Sänger bei
Albanern außerhalb Albaniens dar. Seine Lieder sind mittlerweile fast alle dia-
lektal gehalten, außer wenn er eben die Einheit der albanischen Nation themati-
siert, wie die zwei ausgewählten Beispiele unten zeigen:
1. Beispiel: Das Lied O sot o kurrë („Heute oder nie“)55 thematisiert die
Vereinigung aller albanischen Gebiete. Die Sprache ist in fehlerfreiem
Standard bis hin zur perfekten Aussprache, die gerade bei Kosovo-Al-
banern oft auf der Strecke bleibt.
2. Beispiel: Das Lied Hajde luj o shpirti jem („Komm tanz, mein Schatz“)56
thematisiert die Liebe in einer musikalischen Mischung von Volksmusik
und Tallava.57 Die Sprache ist starkes Kosovo-Gegisch auf allen Sprach-
ebenen – Aussprache, Lexik, Morphologie.

Das Standardalbanische als Abgrenzungsmerkmal zwischen den Musikgenres


hat längst ausgedient. Wie auf der politischen Ebene ist es heute genreübergrei-

55
Max Production, <http://www.youtube.com/watch?v=xlLkqAVkuzQ>.
56
HIT, <http://www.youtube.com/watch?v=5nHVRB8A-aM&feature=relmfu>.
57
Tallava ist eine neuere Musikrichtung der letzten zehn Jahre auf dem gesamten Balkan,
die v. a. durch orientalische Klänge geprägt ist. Im Albanischen sind die Texte oft von
Turzismen durchsetzt.

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204 Lumnije Jusufi

fend nur noch ein Merkmal von (musikalischem) Nationalismus geblieben. Die
toskische Albanizität stellt in diesem Gebiet einen Marker des Nationalismus
ohne künstlerische Funktion dar.

3 Fazit

Schlussfolgernd kann man sagen, dass die politische Wende der 1990er Jahre
die Debatte über den Stellenwert des Standardalbanischen und die damit eng
verknüpfte sprachliche Albanizität zwischen Gegisch und Toskisch und zwi-
schen Albanien und anderen Ländern mit sich gebracht hat und daher als Ver-
gangenheitsaufarbeitung angesehen werden kann. Dabei handelt es sich in allen
drei Ländern um zwei Arten von Vergangenheitsaufarbeitung. Erstens haben
wir es mit dem Umgang der kommunistischen Zeit in Albanien und mit dem
Sozialismus in den ex-jugoslawischen Gebieten zu tun. Eine andere Art von
Vergangenheitsaufarbeitung, die mit der ersten eng verkoppelt ist, stellt die
Aufarbeitung der Zeit nach 1990 v. a. nach der Unabhängigkeitserklärung des
Kosovo von 2008 dar.
Im Allgemeinen stehen sich dabei zwei kompromisslose Lager gegenüber,
die den Kampf oft auf die Frage des Erhalts oder der Abschaffung der weit ver-
breiteten toskischen Albanizität reduzieren und diesen auf Kosten des Standards
austragen. Die Gründe sind vielschichtiger, als in der Öffentlichkeit wahrge-
nommen wird. Das dritte Lager, das praktikable Standardreformen durchbrin-
gen möchte, wird von beiden Streitlagern übertönt. Der Sprachgebrauch in Me-
dien, Wissenschaft, Internet, staatlichen Institutionen und Politik ist eher prak-
tisch und dabei oft orthographie- und normwidrig orientiert. Normgerechte Ver-
wendung praktiziert und beherrscht die vor der Wende herrschende Schicht, die
immer noch für den Erhalt der toskischen Albanizität plädiert. Die Musik be-
nutzte früher den Standard unterschiedlich funktional je nach Musikgenre. Die
Normwidrigkeit stellt heute einen Protest gegen die toskische und ein Plädoyer
für die gegische Albanizität dar, die normgerechte Verwendung drückt dagegen
nationalistische Inhalte aus, unabhängig vom Musikgenre.

Bei der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit in Südosteuropa stellen


die Historiker Ulf Brunnbauer und Stefan Troebst drei Strategien fest:
1. Spurentilgung und Amnesie,
2. wissenschaftliche und politische Aufarbeitung und
3. Affirmation bzw. Nostalgie.58

58
Brunnbauer, Ulf/Stefan Troebst: Zwischen Amnesie und Nostalgie. Die Erinnerung an
den Kommunismus in Südosteuropa. Köln/Weimar/Wien 2007, 3.

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Die aktuelle Debatte um sprachliche Albanizität 205

Diese geschichtswissenschaftlich erarbeiteten Strategien lassen sich soziolingu-


istisch auch im Umgang mit dem Standardalbanischen feststellen:
1. Als „Spuren tilgend“ bzw. „anamnes“ sind Bemühungen um die Ände-
rung der dialektalen Basis des Standardalbanischen bzw. die Schaffung
einer neuen Standardsprache in Albanien (z. B. Ledi Shamku-Shkreli)59
und einer eigenen Standardsprache für Kosovo (wie Migjen Kelmendi)
zu betrachten, die jedoch im Allgemeinen eher Randerscheinungen dar-
stellen.
2. Wissenschaftliche und politische Aufarbeitung stellen die Bemühungen
und Abkommen der wissenschaftlichen Institutionen bezüglich Refor-
men der Orthographie dar, die in Albanien starke Unterstützung von
Seiten der Politik bzw. Regierung bekommen. Auch der plurizentrische
Ansatz von Ismajli kann hier eingeordnet werden. Vorschläge zur Libe-
ralisierung der Konzepte „Standard“ und „Dialekt“ in der Öffentlich-
keit (z. B. Adrian Klosi)60 zählen ebenso zu dieser Strategie. Eine Trend-
wende ist im April dieses Jahres eingetreten. Bemühungen dieser Art wer-
den nur noch von einer kleinen Minderheit unternommen.
3. Affirmativ und nostalgisch sind jene Haltungen zu werten, die jegliche
Diskussion um die Standardsprache und jegliche Änderungen und Refor-
men ablehnen, vorwiegend in (extremen) nationalistischen Lagern und in
ehemals herrschenden Gesellschaftsschichten. Seit diesem Frühjahr ge-
winnt diese Gruppe die Oberhand, v. a. durch den Rückzug der Akade-
mie der Wissenschaften Albaniens aus der Kommission.

Die Folge ist, dass das Albanische in Zeiten der digitalen Technologie völlig
dem Zufall überlassen wird, wie die Beispiele mit den Verkehrs- und Institu-
tionsschildern zeigt. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass ein großer Teil der
Albanisch-Sprecher – egal in welchem Land – Probleme mit dem Standard hat.
Im Zuge der Debatten scheinbar um Erhalt oder Reformen des Sprachstan-
dards, bei denen es aber in der Tat um Strategien der Vergangenheitsaufarbei-
tung und um sprachliche Albanizität zwischen Gegisch und Toskisch geht, ist
der Standard zu einem „Artefakt“61 geworden, der zwar geschaffen wurde, aber
nicht verwendet wird, zumindest nicht mehr und nicht im nötigen Maß. Der
Symbolcharakter des Standards der 1970er Jahre hat sich im Zuge des Zerfalls

59
Shamku-Shkreli, Ledi: Standard dhe neostandard. Prirje vetëstrukturuese të shqipes së
sotme, Tiranë 2007.
60
Vgl. u. a. Klosi, Adrian: Demokraci në gjuhësi. In: Shekulli (25.5.2006), Tiranë.
61
Vgl. hierzu Wingender, Monika/Ivana Barkijeviü/Daniel Müller: Korpuslinguistische Un-
tersuchungen von Standardsprachenmerkmalen. Ein Beitrag zur vergleichenden Standar-
dologie. In: Zeitschrift für Slawische Philologie, 67 (2010) 1, 125–161.

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206 Lumnije Jusufi

des ehemaligen Jugoslawiens und der heutigen Europäischen Integration des


albanischen Balkans zu einem Mythoscharakter gewandelt, dessen Dekonstru-
ierung vergebliches Bemühen der einzelnen Reformwilligen ist, aber keine breite
Unterstützung und Akzeptanz findet. Die toskische Albanizität wird also im
Rahmen dieses Standardmythos noch lange bestehen bleiben.

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Croatia’s EU accession and domestication of BCMS

Ana Kacic

The term domestication immediately brings to mind Lawrence Vanuti’s “The


Translator’s Invisibility: A History of Translation”1. Having provoked a great
deal of controversy and debate since its publication, Vanuti’s theory in parti-
cular has since become a classic. Even so, domestication vs. foreignization is
still very much an ongoing discussion, particularly with regard to literary trans-
lations.
Most arguments and theories in this field do indeed tend to deal with the
problem of how to best bring prose and poetry written in another language and
embedded in another culture close to a reader from a completely different
culture and with different traditions, perceptions and expectations. The subject
of this paper, on the other hand, is another, perhaps less ‘noble’ but neverthe-
less just as important type of translation and interpretation. It is about the trans-
lation and interpretation work within international bodies and organizations in
general and the European Institutions in particular. It is also an attempt to make
a contribution not from the point of view of a language scholar but rather a
language practitioner.
Generally speaking, I would say that globalization has had an impact on
culture as well as trade and where a higher level of domestication might have
been necessary in the past in order to quite simply be able to convey the mes-
sage, it is no longer the case. More and more people are familiar with foreign
concepts and cultures even though they may not be fluent in foreign languages.
Even so, or perhaps precisely because of this, nuances are now more important
than ever. When it comes to international diplomatic and trade relations, parti-
cularly in troubled times, the cross-cultural aspect of communication cannot be
separated from the purely linguistic one. It is all the more important when there
is an increased awareness of conflicting world-views and values.
This is not an entirely new phenomenon, cultures and languages have been
coming together and drifting apart throughout history. The evolution of lan-
guages in the Balkans – as in many other parts of the world – is a reflection of
historical developments in the region. There are two sides to this. Throughout
history, standardization and a more prescriptive use of language were dictated
by the authorities – hence the influence of German and Italian in Croatian and
Slovene and Turkish in Bosnian and Serbian. These were to some extent rooted
out after the first drive to merge BCMS into one during the Kingdom of Yugo-
1
Vanuti, Lawrence: The Translator’s Invisibility: A History of Translation. New York: Rout-
ledge, 1995.

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208 Ana Kacic

slavia and the process continued after World War II. The dialects have longer
memories and still preserve older influences from other languages. The heated
debate as to whether these are four separate languages or different varieties of
one and the same language is far from over. I shall leave that to Slavonic schol-
ars and look at the situation from a practical and pragmatic point of view.
Being a part of a given state or an administrative unit has a major impact on
the development and use of language. More often than not, the dominant mem-
ber of an entity seeks to impose their own language as the official medium. Not
so, within the European Union. Language-wise, as well as in other ways, the
Union is about unity in diversity. All EU languages are equal and therefore all
legislation must be translated into every language. Official EU websites pro-
vide all the necessary information in this respect. However, coming back to the
cross-cultural aspects of translation and the domestication vs foreignization
argument, I believe an interesting phenomenon has taken place. When it comes
to EU legislation, it can be argued that it is a case of domestication meets for-
eignization. Let me explain. The entire body of European legislation, usually
referred to as “acquis communautaire” has been developed from scratch. Ad-
mittedly, it was first fashioned on French law, but has since become a structure
in its own right and developed its own language. Many concepts within the
acquis did not exist in quite the same way – or indeed, not at all – within the
national bodies of law and had to be created or in some instances, transposed
from one into all the other EU languages. Also, the original source language
has not always been the same. Quite a few of these terms would in fact not be
readily understood by your average native speaker but have become firmly
established in the so called “Eurospeak”. To quote but a few examples – the use
of the word derogation rather than waiver in English; also terms such as
subsidiarity or comitology which were only created within the context of the
acquis. So, in this respect, it is not about foreignization or domestication any
more but about moving forward together.
On that optimistic and pro-European note, I’d now like to turn my attention
back to the Western Balkans. After the dissolution of the former Yugoslavia,
the newly independent states were all seeking to set themselves apart and forge
their own separate identities – more often than not by harking back to the past.
Novohrvatski for instance, is anything but new, to a considerable extent it has
been about bringing back the old terms and uses which had been discarded in
favour of Serbo-Croat. Montenegrin too, reintroduced a phoneme which was
not considered standard language in Serbo-Croat times. Quite apart from any
political aspects which no doubt made the Western Balkan languages come
together or drift apart at different points in time, there are purely practical
aspects as well. This was brought home to me with great clarity only a couple
of years ago when I started studying Slovene and realized that many of the
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Croatia’s EU accession and domestication of BCMS 209

reputedly newly coined Croatian words were in fact old words and, more often
than not, apart from some false friends, the same as Slovene as opposed to
Bosnian/Montenegrian/Serbian. One such example is the word gospodarstvo –
formerly ekonomija. Now, Slovene has never been assimilated within the BCMS
and yet some of the words were identical or at least closer than the BMS ver-
sion – okolje (SL) – okoliš (HR) – životni prostor (BO, SR, CG). Since it was
particularly apparent in the administrative jargon, the logical conclusion was that
it was simply due to the fact that Croatia and Slovenia used to be a part of the
same administrative unit – Austria-Hungary. Incidentally, the same applies to
BCMS in Yugoslavia and given that the languages were closer to begin with,
they merged more easily. Being a part of the same state and thus the same ad-
ministrative unit – albeit with varying levels of autonomy – meant that the use
of language developed in parallel. Transfers in areas such as postal services,
taxation, transport etc. would therefore have come naturally and would have
been more readily embraced even by those who would have otherwise opposed
such trends in literature.
This is precisely the same kind of phenomenon as the one we are witnessing
in the use of language, or rather of a certain type of administrative and political
jargon, at the EU level. In spite of the fact that the original template for the ac-
quis was French, it was never a clear-cut example of domestication vs foreign-
ization. The outcome of those drawn-out meetings and negotiations is always a
new creation, not a simple transfer of one set of rules from any one country, sys-
tem or culture. It may well be that this quest for a half-way house between
domestication and foreignization (rather more in cultural than linguistic terms)
is one of the reasons why it takes such a long time.
In order for the acquis to come into force and be applied and implemented
in all the member states it must be translated into all the national languages.
Moreover, the existing legislation must be translated into the language of any
acceding state prior to accession. The Croatian Ministry of European Integra-
tion translated the entire acquis into ‘Hochkroatisch’. It was a lengthy and
expensive enterprise and some debate on terminology is still ongoing. Croatia
then made a gift of the translation to the other BCMS countries in the region. In
purely financial terms, it is a great gift. Now it remains to be seen what the
other countries will do with it. Are they going to use it in its present form or
adapt it and write their own language versions? It should not be too difficult. I
have been told by translator colleagues that even though they were translating
from English into Croatian they often checked their work against the Slovene
or German versions. Even so, the financial implications would be anything but
negligible and, as working documents go, the text is certainly good enough as it
is. I have had the opportunity to work in meetings with BMS speakers on a

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210 Ana Kacic

number of occasions and even though they certainly did not speak Croatian the
acquis terminology they used was clearly Croatian.
So, is this likely to bring the languages closer together? Probably not. What-
ever the language, the EU idiom is not what you would hear from your pro-
verbial ‘man in the street’ in any country. It may and does allow for easier com-
munication at a purely technical level but all the other questions still remain
open. Montenegro is the second BCMS country to start the pre-accession
screening process and it might provide some indication as to the way in which
the languages will be treated at the EU level. At the moment, BCMS are treated
as completely separate languages and interpreted accordingly – native speakers
and a separate two-person interpretation booth for each individual language. The
decision was made in the early post-conflict period and even though cuts are
being attempted everywhere, a change back to a single language approach is
unlikely. Also, some argue that a precedent has already been set by separating
the Czech and Slovak booths, another case where apparently a single booth
would have sufficed. On the other hand, another international institution – the
ICTY – has always used a single interpretation booth – BCS. It can perhaps be
argued that at the time of its inception (1993), most people from the region
understood all the other varieties. Even so, great care is always taken to provide
two different varieties in any one booth/hearing.
In the meantime the languages have indeed drifted apart, as have the count-
ries themselves. It is only right and proper that every country should cherish
and protect its own cultural, literary and linguistic traditions. Still, when it comes
to commercial and political cooperation at the international level there may be a
case for the use of only one interpretation booth at least in some meetings, per-
haps the purely technical ones.
Ultimately, it is a political decision that the translation and interpretation
services shall comply with.

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Makedonische Sprach- und Nationalidentität im 20. Jahrhundert

Torsten Szobries

Am 2. August 1944 beschloss der „Antifaschistische Rat der Volksbefreiung


Mazedoniens“ (Antifašistiþkoto sobranie na narodnoto osloboduvanie na Ma-
kedonija: ASNOM) auf seiner Gründungsversammlung im Kloster Prohor Pþin-
ski die Einführung einer makedonischen Sprache als offizielle Sprache der ge-
planten makedonischen Teilrepublik. Bis heute wird die Vorgeschichte dieser
Entscheidung in der Forschung sehr unterschiedlich beurteilt, dabei bewerten
die extremsten Positionen diesen Prozess als die Erfindung einer makedoni-
schen Sprache „ex nihilo“ oder die Festsetzung einer jahrhundertelangen konti-
nuierlichen Entwicklung.1 Dieser Beitrag soll die Impulse betrachten, die Mitte
des 20. Jahrhunderts zur Entstehung eines umfangreichen Textkorpus auf ma-
kedoslavischer Dialektbasis und später zur Standardisierung einer makedoni-
schen Schriftsprache führten.
Bereits Mitte des 19. Jh. hatten einzelne makedoslavische Aktivisten ein
eigenständiges makedonisches Ethnikon propagiert: 1875 erklärte Georgi Pulev-
ski die slavischen Makedonier in einem Wörterbuch zu einem Volk (narod)2
und 1903 publizierte der „Politphilologe“3 Krste Petko Misirkov seine Abhand-
lung Za makedonckite raboti. Es ist jedoch fraglich, ob diese Texte eine breite
Rezeption gefunden haben,4 auch lassen die meisten Berichte darauf schließen,
dass sich die slavische Bevölkerung auf dem Territorium Makedoniens national
indifferent verhielt, jedoch als ethnische Selbstbezeichnung häufig das Ethno-
nym bugarin („Bulgare“) verwendete.5 Die politischen Vorkämpfer einer ma-
kedonischen Autonomie im ausgehenden 19. Jahrhundert wie z. B. Goce Delþev

1
Als Beispiel für die bulgarische Position vgl. z. B. Duridanov, Ivan: Die mazedonische
Sprache – Linguistische Tatsachen und politische Bedingtheit. In: Helmut Schaller (Hg.):
Sprache und Politik. Die Balkansprachen in Vergangenheit und Gegenwart. München
1996, 187–202, 199. Zur makedonischen Position vgl. z. B. Ristovski, Blaže: Makedonija
und makedonskata nacija. Skopje 1995, 23.
2
Pulevski, Georgi: Odbrani stranici. Skopje 1974, 111.
3
Reiter, Norbert: Die serbisch-makedonische Symbiose. In: Klaus-Detlev Grothusen (Hg.):
Jugoslawien: Integrationsprobleme in Geschichte und Gegenwart. Göttingen 1984, 178–
195; 184.
4
Lunt, Horace: The Creation of Standard Macedonian. In: Anthropological Linguistics, 1
(1959) 6, 19–26; 21. Szobries, Torsten: Sprachliche Aspekte des nation building in Maze-
donien. Stuttgart 1999, 49–50.
5
Vgl. z. B. Weigand, Gustav: Ethnographie von Makedonien. Leipzig 1924 (Reprint: Sofia
1981), 74.

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212 Torsten Szobries

verwendeten das Ethnonym makedonec („Makedonier“) polyethnisch, wobei


sie das slavische Ethnikon als bulgarisch betrachteten.6

Die Komintern und die makedonische Frage

In den Diskursen der kommunistischen Bewegung lässt sich ab Mitte der 20er
Jahre des 20. Jahrhunderts eine Debatte über eine makedonische Nation und
Sprache verfolgen, dabei war es die Komintern, die als Instrument der sowjet-
russischen Außenpolitik wichtige Impulse lieferte. Auf ihre Initiative und An-
regung der bulgarischen Arbeiterpartei (Kommunisten) wurde 1920 in Sofia die
„Kommunistische Balkanföderation“ gegründet, die – ohne die territorialen
Fragen zu erörtern – eine „Befreiung der Nationen des Balkans“ und die Grün-
dung einer „Sozialistischen Sowjetischen Balkanrepublik“ propagierte.7 Diesem
Konzept schloss sich die Komintern sofort an und am 5. März 1920 kritisierte
der erste Vorsitzende des Exekutivkomitees der Komintern, Grigorij Zinov’ev,
in einer Erklärung die territorialen Verhältnisse auf dem Balkan:
Gegen die Herrschaft der serbischen Bürokraten und der gutsherrlichen Oligar-
chie erheben sich die mazedonischen Bulgaren, die Albaner, die Montenegriner,
die Kroaten und die Bosnier. […] Nur der Sieg der proletarischen Diktatur kann
alle die Völkermassen in einer Föderation der Sozialistischen Sowjetischen
Balkan- (oder Balkan- und Donau-) Republik einigen und sie sowohl von der
gutsherrlichen kapitalistischen Ausbeutung durch ihre eigene Bourgeoisie wie
auch von der kolonialen Sklaverei und den nationalen Kämpfen erretten.8

Erst im März 1924 wurde auf dem 6. Kongress der Kommunistischen Balkan-
föderation ein detailliertes Mazedonien-Konzept vorgestellt, in dem erstmals
eine „Mazedonische Republik“ im Rahmen einer „freiwilligen Union unabhän-
giger Balkanrepubliken“ vorgesehen war:
All the nationalities which dominate in the neighbouring states are represented
in Macedonia, but in such proportions that not one of them attains an absolute
majority. Consequently the domination of any one of the Balkan States over
Macedonia means national oppression of the majority of the Macedonian popu-
lation. […] The Serbian bourgeoisie maintains in Macedonia a cruel terrorist re-
gime, destroys or forces into exile the conscious part of the Bulgarian, Turkish,
and Albanian population. […] In setting up the ideal of a workers‫ ތ‬and peasants‫ތ‬
6
Vgl. Delþev, Goce: Pisma i drugi materiali. Sofia 1967, 28.
7
Rothschild, Joseph: The Communist Party of Bulgaria. New York 1959, 11. Ulunjan, Ar.:
Komintern i geopolitika: Balkanskij rubež 1919–1939. Moskva 1997, 59, 62. Zu den
folgenden Ausführungen vgl. auch Szobries 1999: 64–82.
8
Zinov’ev, Grigorij: An das Proletariat der Balkan- und Donauländer, an die kommunis-
tischen Parteien Bulgariens, Rumäniens, Serbiens und der Türkei. In: Kommunismus, 24
(5.3.1920), 835.

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Makedonische Sprach- und Nationalidentität im 20. Jahrhundert 213

government, the Communist Parties and the Communist Federation of the Bal-
kans declare that the Federative Republic of the Balkans will assure peace, inde-
pendence, and liberty of development of all of the people of the Peninsula, that
it will be a voluntary union of independent Balkan Republics, including the Re-
publics of Macedonia and Thrace.9

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde diese Linie, die das slavische Ethnikon in
Mazedonien als Bulgaren betrachtete, von den bulgarischen Kommunisten in-
spiriert. Bis zum Ende der Kommunistischen Balkanföderation im Jahr 1934
wurde diese Einschätzung aufrecht erhalten.10
Es sind jedoch ebenfalls Texte vom Beginn der 30er Jahre erhalten, die auf
eine Diskussion innerhalb der makedonischen Emigration in Bulgarien über
eine ethnische Eigenständigkeit der makedonischen Slaven schließen lassen. So
erschien am 25.2.1934 zuerst in der Zeitschrift „Makedonischer Kampf“ (Ma-
kedonska borba) eine Resolution, in welcher der Gedanke einer eigenständigen
makedonischen Nation entschieden abgelehnt wurde, was auf einen Diskurs zu
dieser Frage schließen lässt:
4. Eine makedonische Nation existiert nicht, wie auch nationale Unterdrückung
im Bezirk Petriþ nicht existiert. Es existiert lediglich ein makedonisches Volk
als politisches Ganzes, das aus den nationalen Gruppen der Bulgaren, Türken,
Aromunen, Griechen und Serben besteht.11

Die Gegenmeinung wurde im April 1934 in der Zeitschrift „Makedonische


Fahne“ (Makedonsko zname) vertreten:
Aufgrund der Ähnlichkeit der makedonischen Sprache fühlt man im Makedo-
nien unter bulgarischer Herrschaft die Assimilierung nicht so schmerzhaft wie
die Assimilierung unter griechischer und serbischer Herrschaft. Wegen der bul-
garischen Assimilierungspolitik, die sehr eifrig in ganz Makedonien durch-
geführt wurde, konnten die makedonischen Slaven ihre Sprache noch nicht zu
einer ausgearbeiteten makedonischen Literatursprache entwickeln und waren
gezwungen, in Literatur und Druck die zum Makedonischen nächstverwandte
Sprache zu verwenden – die Sprache der Bulgaren.12

Auch in der Komintern wurde Anfang der 30er Jahre die Frage einer eigenstän-
digen makedonischen Nation erörtert, so forderte das Exekutivkomitee 1933
das Balkansekretariat auf, eine Resolution zur makedonischen Frage zu verfas-

9
International Press Correspondence, 10. April 1924, zitiert aus: Barker, Elisabeth: Mace-
donia. Its Place in Balkan Power Politics. London 1950, 52.
10
Ebd. 61.
11
Katardžiev, Ivan: Borba za razvoj i afirmacija na makedonskata nacija. Skopje 1981, 216
(Original in bulgarischer Sprache, Übersetzung aus dem Makedonischen: T. S.).
12
Ebd. 213 (Original in bulgarischer Sprache, Übersetzung aus dem Makedonischen: T. S.).

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214 Torsten Szobries

sen. Dieser Text wurde im April 1934 zum ersten Mal in der supranationalen
Zeitschrift der Inneren Makedonischen Revolutionären Organisation, „Makedo-
nische Sache“ (Makedonsko delo), unter dem Titel „Die Lage in Mazedonien
und die Aufgaben der IMRO (vereinigt). Eine Resolution des ZKs der IMRO
(vereinigt)“ in Paris veröffentlicht.13 In diesem Text wird neben den Forderun-
gen nach einer makedonischen Autonomie auch die Eigenständigkeit eines ma-
kedoslavischen Ethnikons beschworen und eine sprachliche Assimilierung be-
klagt:
Die Bourgeoisie der herrschenden Nationen in den drei imperialistischen Staa-
ten, zwischen denen Mazedonien aufgeteilt ist, versucht, die nationale Unter-
drückung zu verdecken, indem sie die nationalen Besonderheiten des make-
donischen Volkes und das Bestehen einer makedonischen Nation abstreitet. […]
Indem die bulgarischen Chauvinisten die Verwandtschaft der makedonischen
Sprache mit der bulgarischen ausnutzen, erklären sie, dass die Makedonier
Bulgaren seien und versuchen, auf diese Weise ihre Herrschaft über Petriþko
und ihre Annexionspolitik im Bezug auf ganz Makedonien zu begründen.14

Mitte der dreißiger Jahre fand jedoch durch die wachsende Bedrohung durch
das nationalsozialistische Deutschland eine Änderung der Kominternstrategie
statt, die nicht mehr die Destabilisierung der bürgerlichen Regierungen vorsah,
sondern den Aufbau einer Anti-Hitler-Koalition anstrebte. Die neuen Richtlini-
en auf dem 7. Weltkongress ließen den einzelnen kommunistischen Parteien auf
dem Balkan größeren Spielraum, worauf diese sich vom Plan der Balkanföde-
ration distanzierten. Die Einstellung der kommunistischen Partei der Sowjet-
union zur makedonischen Frage änderte sich jedoch nicht. 1938 erschien der
37. Band der „Großen Sowjetischen Enzyklopädie“, der einen Artikel des sow-
jetischen Linguisten Samuil Borisoviþ Bernštejn enthielt. Dieser erklärte unter
dem Stichwort „Makedonische Sprache“ (Makedonskij jazyk) das Makedosla-
vische zu einer eigenständigen Sprache:
2. (In neuer Zeit) Sprache von Südslaven, die auf dem Territorium des heutigen
Mazedoniens leben. Trotz ihrer dialektalen Mannigfaltigkeit bilden die makedo-
nischen Mundarten eine Einheit […]. Die serbische Linguistik in der Gestalt
Beliü streitet den makedonischen Slaven jegliches Recht auf nationale Selbst-
bestimmung ab, indem sie behauptet, dass die makedonischen Slaven Serben
seien. Auf der anderen Seite bestreitet die bulgarische Linguistik, die den Ideen

13
Ristovski, Blaže: Rezolucijata na Kominternata za makedonskata nacija i makedonskiot
jazik (1934) vo razvitokot na makedonskata nacionalna kultura. In: Kulturen život, 29
(1984) 7–8, 12–18; 15.
14
Katardžiev, Ivan: VMRO (Ob.). Dokumenti i materijali, kn.II. Skopje 1991, 228. (Origi-
nal in bulgarischer Sprache, Übersetzung aus dem Makedonischen: T. S.)

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Makedonische Sprach- und Nationalidentität im 20. Jahrhundert 215

des bulgarischen Imperialismus dient, den Makedoniern das Recht auf eine
eigenständige nationale Entwicklung. […]15

Auch ein weiteres sprachplanerisches Projekt der Sowjetunion, das Moldavi-


sche, findet in diesem Band unter dem Eintrag moldavskij jazyk Erwähnung.16
In Zentralasien ist insbesondere der Ausbau des Tadschikischen im Abstand
zum Persischen ein markantes Beispiel sowjetischer Sprachplanung.17

Der Richtungswechsel der KPJ und das Erscheinen


erster Texte auf makedoslavischer Dialektbasis

Die kommunistische Partei Jugoslawiens hatte in den zwanziger Jahren im Be-


zug auf die nationale Frage den Standpunkt vertreten, dass Slovenen, Serben
und Kroaten eine jugoslawische Nation seien, wobei die makedonische Slaven,
Bosnier und Montenegriner als Serben verstanden wurden. Das Konzept einer
Balkanföderation war nur pro forma mitgetragen worden. Erst durch die Über-
nahme der Parteiführung durch Josip Broz Tito 1937 begann die Durchsetzung
der Nationalitätenlinie der Komintern innerhalb der KPJ.18 Tito hatte 1935 im
Balkansekretariat der Komintern gearbeitet und war dadurch mit deren Natio-
nalitätenrichtlinie vertraut. Diese begann er innerhalb der KPJ konsequent durch-
zusetzen (1937 Gründung einer KP Sloweniens und einer KP Kroatiens), womit
eine allmähliche Wiedererstarkung der Partei gelang. 1939 bekannte sich die
KPJ in einer Proklamation „Die kommunistische Partei Jugoslawiens und die
makedonische Frage“ deutlich zu einer eigenständigen makedoslavischen Na-
tion:
Es ist außerhalb jeglichen Zweifels, dass die Makedonier eine eigenständige
Nation des Balkans sind (weder Griechen, Bulgaren noch Serben), wie es sogar
der große serbische Ethnograph Jovan Cvijiü anerkannt hat.19

15
Bol‫ތ‬šaja sovetskaja ơnciklopedija, 37. Moskva 1938, 743 (Übersetzung aus dem Russi-
schen: T. S.).
16
Ebd. 671.
17
Rzehak, Lutz: Vom Persischen zum Tadschikischen. Sprachliches Handeln und Sprach-
planung in Transoxanien zwischen Tradition, Moderne und Sowjetmacht. Wiesbaden
2001.
18
Avakumoviü, Ivan: History of the Communist Party of Yugoslavia. Aberdeen 1964, 142.
Palmer, Stephen/Robert King: Yugoslav Communism and the Macedonian Question.
Hamden 1971, 50; 51. Swain, Geoffrey: Tito and the twilight of the Comintern. In: Tim
Rees/Andrew Thorpe (Hg.): International communism and the Communist International
1919–43. Manchester/New York 1998, 205–221; 210.
19
Katardžiev, Ivan (Hg.): Dokumenti i materijali 1921–1941, kn. 1, t. II. Skopje 1985, 311.
(Original in serbischer Sprache, Übersetzung aus dem Makedonischen: T. S.)

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216 Torsten Szobries

Bis Ende der 30er Jahre war die KPJ in Makedonien nur schwach vertreten und
befand sich wenig unter Kontrolle des Zentralkomitees. Vereinzelt wurden
Zeitschriften und Flugblätter in serbischer Standardsprache herausgegeben,
welche die nationale Frage jedoch nicht berührten. Um die Lage in Makedonien
zu begutachten, wurde im Februar 1940 der Tito-Vertraute Svetozar Vukmano-
viü (konspirativer Name: Tempo) in die Region geschickt. Dieser begann in
kürzester Zeit die Parteiorganisation in Makedonien neu zu strukturieren, auf
die Linie der KPJ zu bringen und eine illegale Pressetätigkeit zu initiieren.20
Dabei zeigten das Wirken von Vukmanoviü und die Umsetzung der neuen KPJ-
Linie direkte sprachplanerische Konsequenzen: Das 1940 herausgegebene neue
Parteiorgan „Bulletin“ (Bilten) erscheint in einer auf makedoslavischen Varie-
täten basierenden Sprache, wobei die ersten zwei Ausgaben noch zur Hälfte
Texte in serbischer Standardsprache enthalten.
Die Texte des „Bulletin“ in makedoslavischen Varietäten enthalten morpho-
logische Erscheinungen vieler makedoslavischer Dialekte, einen hohen Anteil
türkischer Lexik und viele Abstrakta aus der bulgarischen Standardsprache. In
einer ähnlichen Varietät ist die Resolution des Provinzkomitees (Rezolucija na
pokrainskata konferencija od KPJ vo Makedonija) verfasst, in der Folgendes
ausgeführt wird:
Die Politik der nationalen Unterdrückung, Assimilierung, wilder Terror und
Verfolgung von allem, was makedonisch ist, wie der makedonischen Kultur,
Sprache und Lieder, wird mit ihrer ganzen Blutrünstigkeit durchgeführt. […]
Die Arbeiter erheben sich zuerst, um für ihre täglichen Interessen zu streiken.
Die Kundgebungen und Demonstrationen, die in Mazedonien stattfinden, sind
ein Ausdruck gesammelten makedonischen Volksunmuts gegen die großserbi-
sche Politik, koloniale Ausbeutung und nationale Knechtschaft.

Diese Tendenzen setzten sich auch in Flugblättern fort, die ebenfalls ab 1940
erschienen.21
Das neue Parteiorgan Iskra wurde 1941 in hoher drucktechnischer Qualität
aufgelegt, dort finden wir in den Texten eine Legitimation einer makedonischen
Nation durch „Sprache, Kultur, Tradition und Lieder“:
In Wirklichkeit sind die Makedonier weder Serben noch Bulgaren, sondern nur
Makedonier. Brüder! Ihr habt eure Sprache, eure Kultur, eure Tradition, Lieder
usw. Ihr habt eine ruhmvolle Geschichte und Vergangenheit. Kyrill und Method
waren weder Serben noch Bulgaren, sondern makedonische Slaven, die allen
Slaven Schrifttum und Kultur gegeben haben. Die neuere Geschichte Makedo-
niens ist reich an Kämpfen für die nationale Freiheit. Ilinden ist der ruhmvollste
Punkt (im Kampf) der Makedonier für Freiheit und Gerechtigkeit.
20
Vukmanoviü, Svetozar: Mein Weg mit Tito. München/Zürich 1972, 62.
21
Szobries 1999: 107.

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Makedonische Sprach- und Nationalidentität im 20. Jahrhundert 217

Somit findet sich bereits vor dem deutschen Überfall auf Jugoslawien eine ille-
gale Publizistik in einer auf makedoslavischen Varietäten basierenden Schreib-
sprache.
Nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien besetzten bulgarische Trup-
pen Vardar-Mazedonien und Griechisch-Thrazien. Wie die bulgarischen Be-
satzungstruppen begrüßt wurden, unterliegt nur der Spekulation, nach den Jah-
ren der Zwangsserbisierung wurden sie wahrscheinlich als Befreier begrüßt,
wie Augenzeugenberichte belegen sollen.22 Die Bulgaren verspielten jedoch
schnell das Wohlwollen der Bevölkerung in Vardar-Mazedonien: Die Bulgari-
sierungsmaßnahmen in Schulen und Kirchen wurden nicht mit dem nötigen
Feingefühl durchgeführt, die slavische Bevölkerung als Bulgaren betrachtet und
die Verwaltung erfolgte zentral aus Sofia. Bereits 1941 wird in Flugblättern eine
hemmungslose Bulgarisierung der Makedonier kritisiert:
Alles schöne Makedonische im Kampf und in der makedonischen Geschichte
haben die bulgarischen Faschisten genommen und als bulgarisch dargestellt:
Die Heiligen Kyrill und Method, Goce Delþev, der makedonische revolutionäre
Kampf und die makedonische Sprache […]. Die makedonische Kultur und
Tradition wird als bulgarisch dargestellt, aber auf der anderen Seite treibt man
euch an, ihre bulgarische Sprache zu lernen.23

Im September 1941 wurde ein neues Provinzkomitee gegründet, das weiterhin


gegen die Bulgarisierung der Makedonier agitierte und die Bevölkerung aufrief,
den Partisaneneinheiten beizutreten. Während in den nun folgenden Jahren eine
immer stärkere sprachliche Unifizierung der Texte in Richtung einer auf den
zentralmakedonischen Varietäten basierenden Koine sichtbar wird, spiegeln die
Texte inhaltlich die Flügelkämpfe zwischen autonomistischen Kräften, die das
Ziel eines unabhängigen Makedoniens verfolgten, und KPJ-Anhängern, die Ma-
kedonien als Bestandteil eines zukünftigen jugoslawischen Staates auffassten,
wider.

Die Standardisierung des Makedonischen

Die Kulturarbeit der Partisanen erwies sich dabei als ein wichtiger Faktor im
makedonischen nation-building: Bereits 1943 wurden Alphabetisierungskurse
in den Schulen der befreiten Gebiete durchgeführt, wo Lehrerinnen und Lehrer
ausgebildet wurden und der Unterricht in makedonischen Mundarten stattfand.
Für viele Makedonier war die Entscheidung für Tito dabei sicherlich das

22
Ebd. 116.
23
Izvori za osloboditelnata vojna i revolucija vo Makedonija. 1941–1945, t. 1, kn. 1. Skopje
1968, 22 (Übersetzung aus dem Makedonischen: T. S.).

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218 Torsten Szobries

Ergebnis mangelnder Alternativen, wie die Autoren Palmer und King vermu-
ten.24
Die Umsetzung des Beschlusses zur Schaffung einer makedonischen Stan-
dardsprache erfolgte durch die Einberufung einer philologischen Kommission
am 27.11.1944, deren Vorschläge jedoch durch den ASNOM abgelehnt wur-
den. Eine zweite Kommission entwickelte schließlich ein Alphabet, das am 5.–
7. Mai 1945 in der Nova Makedonija veröffentlicht wurde.
Die wenig später erarbeiteten Empfehlungen für die Phonologie und Mor-
phosyntax, die noch einige Varianten als Alternativen zuließen, wurden am 2.
Juni vom Bildungsministerium in einer Broschüre bekannt gemacht.25
Die neu kodifizierte makedonische Sprache fand weltweit in der Slavistik
große Beachtung26 und konnte sich auch in der akademischen Lehre etablie-
ren.27 Die Tatsache, dass sie unbeschadet die Loslösung aus dem jugoslawi-
schen Staatsverband überstand, spricht für eine hohe Akzeptanz des Mazedoni-
schen in der Bevölkerung. Trotz der noch anhaltenden Auseinandersetzung mit
der Republik Bulgarien über die Existenz einer makedonischen Sprache haben
sich die Beziehungen zu diesem Nachbarstaat, vor allem nach der Anerken-
nung Makedoniens durch Bulgarien 1991, positiv entwickelt.28 Es sind viel-
mehr die Staatsbezeichnung und die damit verbundenen Traditionen und Legi-
timationen, die beim südlichen Nachbarn Griechenland auf eine starke Gegen-
reaktion stoßen29 und damit die Diskurse über die makedonische Frage und
das makedonische Selbstverständnis in Südosteuropa in den internationalen
Medien fortsetzen.

24
Palmer/King 1971: 89.
25
Friedman, Victor: The Sociolinguistics of Literary Macedonian. In: International Journal
of the Sociology of Language, 52 (1985), 31–57; 41. Džukeski, Aleksander: Pravopisnoto
iskustvo vo tekot na NOB – solidna osnova za prifak‫ތ‬anje na pravopisnite principi vo
makedonskiot literaturen jazik. In: Zbornik vo þest na Krum Tošev. Skopje 1988, 97–101;
99.
26
Schaller, Helmut: Das Makedonische als Balkansprache. In: Gabriella Schubert (Hg.):
Makedonien. Prägungen und Perspektiven. Wiesbaden 2005, 123–130; 123.
27
Simoska, Silvana: Sprachpolitik(en) und Sprachenpolitik(en) in Makedonien. In: Schubert
2005: 131–140; 133.
28
Brunnbauer, Ulf: Illyrer, Veneter, Iraner, Urserben, Makedonen, Altbulgaren… Autoch-
thonistische und nichtslavische Herkunftsmythen unter den Südslaven. In: Zeitschrift für
Balkanologie, 42 (2006) 1–2, 37–62; 52.
29
Skordos, Adamantios: Makedonischer Namensstreit und griechischer Bürgerkrieg. In:
SOE-Mitteilungen, 51 (2011) 4, 37–55; 38.

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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit

Klaus Bochmann

Anfang Juli 2012 überraschte die moldauische Presse mit einer Meldung, wo-
nach der derzeitige rumänische Außenminister Andrei Marga die Regierung der
Ukraine aufgefordert habe, die moldauische Sprache zu verbieten. Was war
geschehen? Die ukrainische Regierung hatte ein Gesetz zur Sprachenpolitik er-
lassen, durch welches vor allem Russisch, aber auch Rumänisch und Moldau-
isch zu Regionalsprachen erklärt wurden, die in allen Verwaltungseinheiten
offiziell werden sollten, in denen es eine entsprechende Bevölkerungsmehrheit
gibt. Andrei Marga hatte sich nur gegen die Bezeichnung ‚moldauische Sprache‘
verwahrt, die von der rumänischen Regierung nicht akzeptiert werden könne,
weil es zwischen Rumänisch und Moldauisch keine Unterschiede gebe. Von
ukrainischer Seite wurde das als Einmischung in die inneren Angelegenheiten
betrachtet. Rumänien seinerseits lässt sich keine Gelegenheit entgehen, seinen
Protest anzumelden, wenn in einer internationalen Organisation von der ‚mol-
dauischen Sprache‘ die Rede ist.
Man sieht daran erstens, dass es ein Problem gibt, das zu Auseinanderset-
zungen zwischen Staaten führen kann, und zweitens, dass dieses Problem außer
der Republik Moldau, wo es sozusagen zu Hause ist, auch Rumänien und die
Ukraine betrifft. Tatsächlich gibt es im letzteren Land eine rumänischsprachige
Minderheit von ca. 450.000 Personen, von denen sich die einen selbst als Ru-
mänen und die anderen als Moldauer bezeichnen und dabei auch immer ihre
Sprachbezeichnung – eben Rumänisch bzw. Moldauisch – im Auge haben. Als
Rumänen mit rumänischer Sprache sehen sich vor allem die in der Nordbuko-
wina (Bezirk Tscherniwzi/Czernowitz) und im Raion Hertsa/Her‫܊‬a sowie in der
Transkarpatischen Region („Nord-Maramure‫ )“܈‬Lebenden an, als Moldauer die
im Westteil des Bezirks Odessa (im Südosten des alten Bessarabien) und die
verstreut östlich von Bug und Dnjepr Wohnenden an. Außerdem gibt es auch in
der international nicht anerkannten Transnistrischen Moldauischen Republik, die
sich 1992 von Moldova abgespalten hat, einen moldauischen Bevölkerungsteil,
dem Moldauisch sogar noch in kyrillischer Schreibung vorgesetzt wird.
Worin besteht nun die „wissenschaftliche Wahrheit“ – falls es sie überhaupt
gibt im Hinblick auf eine Problematik, die ganz offensichtlich eine politische
ist, also von vornherein von gegensätzlichen Standpunkten aus gesehen werden
kann.1 Für die rumänische Öffentlichkeit ebenso wie für eine sehr große Mehr-

1
Von der „wissenschaftlichen Wahrheit“ ist die Rede in mehreren Beiträgen, die 1995 von
rumänischen und moldauischen Linguisten zum Glottonymenstreit in Bukarest (vgl. Aca-

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220 Klaus Bochmann

heit der Linguisten in beiden Ländern besteht kein Zweifel hinsichtlich der
Identität von Moldauisch und Rumänisch. In der Republik Moldau hingegen ist
das Bild in mehrerer Hinsicht zwiespältig: obwohl in der Verfassung die Staats-
sprache als Moldauisch festgeschrieben ist, hat man bis vor Kurzem in der Öf-
fentlichkeit größtenteils die Festlegung auf ein Glottonym vermieden und von
der „Staatssprache“ gesprochen (erst seit der Installation pro-europäischer Re-
gierungen im Jahre 2009 bezeichnen die Regierungsorgane diese wieder als
Rumänisch); obwohl dem Moldauischen jene Funktion zugeschrieben worden
ist, findet man keinerlei normative Veröffentlichungen zu dieser Sprache (mehr),
sondern nur Grammatiken und Wörterbücher, die mit offen eingestandener Ein-
deutigkeit den Standard Rumäniens empfehlen, und in den Schulen wird vor
allem in der Sekundarstufe „Rumänisch“ unterrichtet; obwohl unter den Eliten
der ethnischen Moldauer die Identität von Moldauisch und Rumänisch als nicht
mehr zu diskutierende Realität gilt, fühlt sich ein großer Teil der Bevölkerung,
besonders des flachen Landes, als Sprecher des Moldauischen, nicht zuletzt auf
Grund der praktischen Erfahrungen im Umgang mit seinen ethnischen Ge-
schwistern aus Rumänien. Während aber in der Zeit der Perestrojka und den
ersten Jahren nach der Erklärung der Unabhängigkeit des Landes (1990) der
Glottonymenstreit noch Zehn- und sogar Hunderttausende auf die Straßen brach-
te, ist es heute im Hinblick darauf relativ ruhig geworden: Offenbar gibt es in
dem wirtschaftlich und politisch arg gebeutelten Land dringendere Probleme zu
lösen, als sich um den Namen der Staatssprache zu kümmern.

Was sind die historischen Hindergründe des Glottonymenstreits?

Die zwischen Pruth und Dnjestr bzw. Rumänien und dem Südosten der Ukraine
gelegene Republik Moldau (Republica Moldova) mit ihren etwa vier Millionen
Einwohnern ist historisch ein Teil des im 14. Jahrhundert gegründeten Fürsten-
tums Moldau, das im 15. Jahrhundert in die Abhängigkeit des Osmanischen
Reiches geriet. Sein Name leitet sich her vom gleichnamigen Fluss Moldova im
heutigen Rumänien (ğara Moldovei – „Land der Moldau“). Im Jahre 1812 wur-
de die nordöstliche Hälfte von Russland annektiert und unter dem Namen Bes-
sarabien2 ins Russische Reich integriert. Zur Hauptstadt wurde die Kleinstadt
Chiúinău ausgebaut, die heute 800.000 Einwohner hat und mit ihrem Schach-
brettmuster die Merkmale einer auf dem Reißbrett entworfenen Stadt aufweist.

demia Română 1995) und Chi‫܈‬inău (vgl. Revista de lingvistică ‫܈‬i ‫܈‬tiin‫܊‬a literară, 5 [1995])
veröffentlicht worden sind. Zu den Diskussionen vor 1989 vgl. Heitmann 1989 und 1997.
2
Basarabia hieß ursprünglich nur der an der Schwarzmeerküste gelegene, südliche Teil,
der sogenannte Bugeac, der früher einmal im Besitz der walachischen Fürstenfamilie Ba-
sarab war.

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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 221

Die südwestliche Hälfte des Fürstentums wurde 1859 zu einem konstitu-


ierenden Bestandteil Rumäniens. Bessarabien, nach dem 1. Weltkrieg in das
Königreich Rumänien eingegliedert, wurde 1940 vorübergehend und 1944 für
ein halbes Jahrhundert eine sowjetische Unionsrepublik, bis es sich 1990 aus
der Bindung an Russland löste und unabhängig wurde.
Unter dialektologischem Gesichtspunkt grenzt sich die Republik Moldau
keineswegs vom rumänischen Sprachgebiet ab. Von den beiden rumänischen
Hauptdialekten Muntenisch (Walachisch) und Moldauisch erstreckt sich der letz-
tere nicht nur über die Republik Moldau und den moldauischen Teil Rumäni-
ens, sondern auch über den gesamten Norden und Osten von Siebenbürgen.
Beide Dialekte haben trotz einer gewissen Dominanz des Walachischen ihren
Anteil an der Konstituierung der rumänischen Nationalsprache gehabt, weshalb
eine besondere moldauische Sprache weder eine eigene dialektale Basis für sich
in Anspruch nehmen kann, noch die praktische Notwendigkeit besteht, eine an-
dere Standardsprache zu schaffen.
Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass sich die Standardisierung und
Modernisierung der rumänischen Sprache über längere Zeiträume hinweg unter
Ausschluss der bessarabischen Moldauer vollzog – von 1812 bis 1918 und
dann wieder von 1944 bis 1989. Das bedeutete die Aufrechterhaltung derjeni-
gen dialektalen Merkmale, die in Rumänien im Zuge der Vereinheitlichung des
Standards allmählich verschwanden bzw. verdrängt wurden, ja streckenweise
selbst der kyrillischen Schreibung, die man in Rumänien nach 1859 durch die
lateinische ablöste, weil es sich schließlich um eine romanische Sprache han-
delte. Da in Bessarabien Russisch die Sprache der Verwaltung und aller höhe-
ren Bildung und Kultur war, standen die entsprechenden Terminologien nur auf
Russisch zur Verfügung, während man sich auf dem westlichen, rumänischen
Ufer des Grenzflusses Pruth vornehmlich auf französische Entlehnungen orien-
tierte. Dass sich einzelne Intellektuelle an das rumänische Sprachmuster hielten,
änderte nichts an der Tatsache, dass die breite Masse der Bevölkerung davon
ausgeschlossen war. Dennoch gab es, nachdem 1918 Bessarabien in Großrumä-
nien und sein Bildungssystem integriert wurde, keinerlei Hinweise auf eventu-
elle moldauisch-rumänische Sprachkonflikte. Die zwanzig Jahre der Zugehö-
rigkeit zum rumänischen Kulturkreis schufen eine einigermaßen solide Grund-
lage für die Verbreitung der rumänischen Standardsprache in Bessarabien; wer
sie als ein Goldenes Zeitalter zu verklären sucht, wie es von manchen späteren
und heutigen „Rumänisten“ des Landes getan wird, verkennt die nationalisti-
sche Brutalität der neuen Herrscher gegenüber den Minderheiten, ganz abgese-
hen von den großen sozialen Härten.

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222 Klaus Bochmann

Die „Erfindung“ der moldauischen Sprache

Östlich des Dnjestr, der nach 1918 die Grenze zur Sowjetunion bildete, wird
1924 in den Gebieten mit einer rumänischsprachigen Minderheit eine Autono-
me Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik innerhalb der Ukraine mit Balta
und später Tiraspol als Hauptstadt gegründet. Dahinter stand der Gedanke, einen
kulturellen Ausgangspunkt und eine entsprechende Kaderreserve für die Rück-
gewinnung Bessarabiens aufzubauen. Dabei stand lange Zeit die Alternative im
Raum, sich entweder auf die Weiterführung der proletarischen Revolution nach
Rumänien hinein zu orientieren oder das wieder zu gewinnende Bessarabien
gegen irredentistische Versuche seitens Rumäniens immun zu machen. Das ers-
tere hätte die Annahme der rumänischen Standardsprache bedeutet, das letztere
die sprachliche Isolierung gegenüber Rumänien. Beide Möglichkeiten bestimm-
ten abwechselnd die Sprach- und Kulturpolitik.
Die Gedanken zur Bildung eines besonderen staatlichen Gebildes wurden
im Februar 1924 in einem Memorandum einer Gruppe rumänischer Emigranten
formuliert, die von der Existenz von 500–800.000 Moldauern in den Bezirken
Odessa und Kamenez-Podolsk ausgingen und die Bildung einer moldauischen
Republik vorschlugen. Hier stand nicht die sprachlich-kulturelle Abgrenzung
von Rumänien im Vordergrund, sondern der politische Gedanke der Weiterfüh-
rung der sozialistischen Revolution nach Bessarabien, Rumänien und im weite-
ren Sinne auch zum Balkanraum hin sowie über Galizien nach Mitteleuropa.
Molotow war skeptisch, weil er befürchtete, die bürgerlichen Nationalisten in
Rumänien könnten das ihrerseits für expansive Strategien ausnutzen, und die
ukrainische KP fürchtete weitere Nationalitätenkonflikte. Dennoch setzte sich
die Idee durch.
Die demographischen Schätzungen und Erhebungen erbrachten damals fol-
gende, sich widersprechende Zahlenangaben zu den Moldauern: Seitens der ukra-
inischen Parteiorgane wurden für die Regionen Podolien und Odessa 147.400
Personen angegeben, während eine Sonderkommission unter G. Kotovski 283.400
ermittelte. (Negru 2003: 12)
Nach sechs Monaten kontroverser Diskussionen beschloss am 29. Juli 1924
das Politbüro der KPR (B) die Gründung einer autonomen Republik. Von den
beauftragten ukrainischen Parteiorganen wurden die aus Rumänien stammen-
den Initiatoren der Republik sehr misstrauisch betrachtet. In einem Brief der
anderen Seite an die Führung der ukrainischen KP weist ihr Sprecher darauf
hin, dass jene die Moldauer als „einen Teil des rumänischen Volkes“ betrachte-
ten; ihr Standpunkt dagegen: „Wir sind der Meinung, dass die Moldauer einen
Zweig der romanischen Rasse [sic!] darstellen und das Recht auf nationale
Selbstbestimmung haben [...]“; es wird davor gewarnt, so divergierende Stand-
punkte in den Führungsgremien vertreten zu lassen. Im August vertritt A. Grin-
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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 223

shtein in den Odesskie Izvestija erstmals öffentlich die Idee zweier romanischer
Völker, die sich analog zum russischen und ukrainischen auseinander entwi-
ckelt hätten. Im Weiteren forderte er dazu auf, eine andere Sprachpolitik auszu-
arbeiten, beruhend auf der Tatsache, dass die moldauische Bevölkerung eine
„mit Russisch vermischte“ Sprache spräche und sie alles fürchte, was rumänisch
sei, daher empfehle er die Orientierung „auf eine einfache und verständliche
Sprache unter Beibehaltung des russischen Alphabets“. (Vgl. Negru 2003: 14 f.)
Die ersten Versuche der von den rumänischen Kommunisten scharf kriti-
sierten Ausarbeitung einer moldauischen Sprache in diesem Sinne schlugen fehl.
Eine Grammatik der moldauischen Sprache von 1925 sowie ein 1926 in Balta
herausgegebenes russisch-moldauisches Wörterbuch waren der Parteiführung
noch zu rumänisch. Man wollte keinesfalls an die vorrevolutionäre Sprache und
Kultur rumänischer Prägung anknüpfen.
Im Dezember 1926 wird eine Akademische Gesellschaft, Comitetul ùtiinĠi-
fic Moldovenesc mit Sitz in Tiraspol eingerichtet, mit einer sprachwissenschaft-
lichen Abteilung, welcher der Dichter L. A. Madan vorsteht. Dieser hatte einen
Monat zuvor dem Volkskommissariat für Bildung ein Projekt „Veränderungen
in der Grammatik der moldauischen Sprache“ (Schimbările la gramatica limbii
moldoveneúti) vorgelegt, wo er vor allem Orthographieregeln nach russischem
Muster formuliert. Sie sehen die Einführung zweier russischer Buchstaben ins
moldauische Alphabet vor, nämlich <ɹ> für <ea>/<ia> und <ɸ> für <iu>, wei-
terhin neue Alternationsregeln: /b/ mit /ghi/ (alb – alghi), /p/ mit /chi/ (lup –
luchi, plop – plochi); das auslautende -l des enklitischen Artikels wurde getilgt
(also om – omu), usw. Es handelt sich dabei sowie bei weiteren orthoepischen
Regeln (z. B. den Ersatz der Affrikaten <þ> und <÷> durch die Spiranten <š>
und <ž>) um die Festschreibung von Erscheinungen, die im moldauischen Dia-
lekt zwar verbreitet sind, in der rumänischen Standardsprache aber als hochgra-
dig bäurisch bis vulgär stigmatisiert werden. Am 17. Januar 1929 wurde das
Alphabet in dieser Form durch das Volkskommissariat offizialisiert. In der Fol-
gezeit gab es darüber Diskussionen in der Zeitung Plugarul Roú. Für bestimmte
Laute (/ni/, /dz/, /ci/, /h/ usw.) sollte es nach der Meinung der einen eigene Buch-
staben geben, nach der Meinung anderer die annähernd entsprechenden des
Russischen.
Textprobe aus der Broschüre „Zur moldauischen Orthographie“ (Despre or-
fografia moldovenească) von P. I. Chior, 1929 (hier transkribiert):
De-amu v-o douî luni di dzîli, dicînd Plugaru Roú îúi lunjeúti discusîia dispri
limba moldovineascî, mai întîi trebui di spus cî sfada merji nu dispri limba mol-
dovineascî, da dispri orfografii, adicî dispri sămnuirea sunitilor care sînt în lim-
ba jii moldovineascî ... Toati încurcăturili úi greutăĠîli orfografiei noastri sî trag
di la faptu cî nouî nu ni ajiung buchi rusăúti pintru alfavitu moldovinesc.

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224 Klaus Bochmann

[... ] Eu stau pintru adăugarea buchiilor celea cari n-ajiung încî, eu stau pintru
alcătuirea alfavitului moldovinesc din literi rusăúti, dar niamestecînd rostirea
moldovineascî cu rostirea rusascî.
[Zur Frage, ob die mundartliche Grundlage die transnistrische oder die zentral-
bessarabische sein sollte, steht Chior auf der Seite der letzteren:] acela nu sî gîn-
deúti la viitoru neamului úî a linghii moldovineúti ... Acela a scăpat din videri úî
problema întrejirii neamului moldovinesc sub steagu roúu a R.A.S.S.M. unit cu
moldovenii úî dincolo di Nistru – da poati úî di dincolo di Prut. Acela nu s-a
gîndit la aceea cî a vini vremea unirii moldovenilor di dincolo di Nistru cu
R.A.S.S.M. úî atunci problema orfografiei moldovineúti dizlegatî drept capîtî ú-o
însămnătati politiceascî, lărjind înrîurirea noastrî úî pisti hotarili Prutului ú-a
Dunării undi trăiesc milioani di moldoveni plugari sub steagu boieresc al Romî-
niei. (Negru 2003: 27 f.)

Die Diskussion ist damit aber noch längst nicht abgeschlossen, Chior wird zu-
rückgepfiffen und auf die transnistrische Aussprache gezwungen. Es war den
Oberen nie genug Distanz zum Rumänischen sichtbar, daher ihre Verrenkungen
in der Orthographie, wie im übrigen auch in der Lexik. Diese differenzialistische
Absicht bringt Madan 1930 zum Ausdruck, als er die Methode der Wortbildung
erklärt: „Wir bilden Wörter in erster Linie aus moldauischen Wurzeln. Wir neh-
men die charakteristischsten Suffixe, die wir im Moldauischen im Unterschied
zum Rumänischen benutzen. Dann nehmen wir russische oder ukrainische Wör-
ter oder solche, die sich bei uns eingebürgert haben und die wie unsere benut-
zen. Wir akzeptieren auch internationale Wörter. Diejenigen, die in allen Spra-
chen geläufig sind, führen wir bei uns schrittweise ein. Es kommt darauf an,
wen wir im Auge haben.“ (Negru 2003: 31)
Auf diese Weise entstanden Neologismen mit russischem Stamm und rumä-
nischem Suffix, wie: bolet’ – bolesc, iskusstvo – iscusniúie, real’no – realnic,
kul’turno – culturnic; oder Lehnübersetzungen aus dem Russischen, wie sobra-
nie – îngrămădire, jazykoznanie – limboútiinĠî, gosudarstvennyj – statnic, te-
kušþie dela – treghi curgătoare; manches davon tritt an die Stelle existierender
rumänischer Wörter: povtorit’ – a dădăori für repeta, kaþestvennyj – cumă-
tăĠîinic für calitativ, koliþestvennyj – cîtîmnic für cantitativ usw. Verschiedene
Internationalismen werden kalkiert, z. B. aeromăsurător – „Barometer“, sîn-
gurzburător – „Flugzeug, “ sîngurmergător – „Auto“.
1929–30 erreichte dieser Aufbauprozess seinen Höhepunkt. Das Komitee
unter Madan arbeitete etwa 5.000 neue Wörter für den Schulgebrauch aus und
bereitete ein „akademisches Wörterbuch“, Cuvîntelnic academicesc al linghii
moldovineúti, vor.

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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 225

Ein Intermezzo: die vorübergehende Rückkehr


zum Rumänischen in lateinischer Schreibung

Am 7. August 1929 fasste das Präsidium des Nationalitätensowjets der sowjeti-


schen Regierung den Beschluss, die bisher arabisch verschrifteten Sprachen
Zentralasiens auf das lateinische Alphabet umzustellen. Man kann dahinter die
Abwehr gegen eventuelle Einflussnahmen der muslimischen Geistlichkeit im
In- und Ausland vermuten, begründet wurde das jedoch damit, dass das lateini-
sche Alphabet das der proletarischen Revolution sei und die sozialistische Kul-
turrevolution im Osten ermögliche bzw. den Massen der Arbeiter und werktäti-
gen Bauern die Kultur leichter zugänglich mache. Analog dazu sollte das Mol-
dauische auf die Lateinschreibung umgestellt werden.
In der Autonomen Moldaurepublik wurde diesem Projekt gegengesteuert.
Man wollte keine Rückkehr zur rumänistischen Orientierung. Immerhin war aber
auch Stalin vorübergehend für die Latinisierung gewonnen worden, für den da-
mals das Moldauische ein Dialekt der moldo-rumänischen Sprache war (Negru
2003: 37). So nahm am 2. Februar 1932 das Büro des Moldauischen Regional-
komitees der KP der Ukraine eine Resolution zur Latinisierung der Schreibung
an. Das wurde als Sieg der Leninschen Nationalitätenpolitik gefeiert. Allerdings
leisteten Parteikader, die mehrheitlich am Moldauischen hingen, auf allen Ebe-
nen der Verwaltung systematischen und offenen Widerstand dagegen.
Diesen kamen die Säuberungswellen der Jahre 1937/38 sehr entgegen. Mit
der neuen, „Stalinschen“ Verfassung von 1936 war der Sieg des Sozialismus ver-
kündet worden. Um die Einheit der Sowjetvölker voranzubringen, wurde nun die
Russifizierung der Schriftsprachen in Gang gesetzt und der obligatorische Rus-
sischunterricht in den Mittelschulen der Nationalitäten und nationalen Minder-
heiten eingeführt. Im Oktober 1937 beschloss das Moldauische Regionalkomitee
der Kommunistischen Partei der Ukraine die Rückkehr zur „russischen“ Schrei-
bung, und 1938 wurde der Russischunterricht selbst in den Grundschulen der
Moldauer eingeführt. 1938/39 folgte die Entlassung und Verhaftung der Ken-
ner des Rumänischen in den leitenden Positionen der RASSM.
Die offiziell als Moldovenisierung bezeichnete Sprach- und Kulturpolitik
jenseits des Dnjestr endete mit einem Desaster. Es war weder gelungen, die mol-
dauische Sprache in der Verwaltung, Bildung und Kultur der autonomen Re-
publik durchzusetzen, noch die einheimischen Moldauer für sie vollauf zu ge-
winnen. (Vgl. Negură 2012: 78 ff.) Das einzige Ziel, das erreicht wurde, war die
Bildung einer moldovenisierten Kaderreserve, die in den 1944 wiedereroberten
Gebieten Bessarabien und Nordbukowina in politische Schlüsselstellungen ge-
langte und fürs Erste auch die Sprachpolitik mitgestaltete.

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226 Klaus Bochmann

Die Sprachpolitik in der Moldauischen Sowjetrepublik

Der Kurs auf die Postulierung einer separaten ostromanischen Sprache ist erst
von 1944 an mit der endgültigen Wiedereingliederung ganz Bessarabiens in die
Sowjetunion in voller Breite und mit allen Konsequenzen verfolgt worden. Al-
lerdings mit uneingestandener Orientierung am Bukarester Standard.
Die Stalinsche Sprachpolitik hatte zunächst darin bestanden, die Brücken
zum Rumänischen möglichst radikal abzubrechen, die normalerweise in jeder
Mundart vorhandenen Abweichungen von der Standardsprache auszubauen und
notfalls neue zu erfinden. Das ist im Übrigen kein einmaliger Vorgang. Jedes
Mal, wenn sich eine Gemeinschaft aus politisch-historischen und/oder kulturel-
len Gründen aus einer übergeordneten Kollektivität mit ähnlicher oder weitge-
hend identischer Sprache ausgliedern will, „baut sie ihre eigene Identität auf
der Grundlage von manchmal geringfügigen Unterschieden auf.“ Solchen „ab-
grenzenden Indikatoren der Individuation“ wird ein hoher symbolischer Wert
beigemessen, sie können, „selbst wenn sie linguistisch unwesentlich sind, zum
Fetisch werden“. (Marcellesi 1984: 312) So ist z. B. in jüngerer Zeit das Korsi-
sche vom Italienischen und das Galegische vom Portugiesischen abgesondert
worden. Die Durchsetzung eines solchen Projekts setzt allerdings immer einen
weitgehenden Konsens darüber zumindest in den intellektuellen Eliten voraus.
Wenn im Falle des Korsischen und des Galegischen diese selbst die Initiatoren
des Abgrenzungs- und Individuationssprozesses gewesen sind, so waren diese
im Falle des Moldauischen von außen und oben aufgezwungen. Denn wenn es
schon in der Autonomen Sowjetrepublik recht schwer war, die Bevölkerung für
das Projekt zu gewinnen, so schlug dem Ansinnen der Einführung des Mol-
dauischen in Bessarabien und der Nordbukowina nach dem Zweiten Weltkrieg
ein Widerstand der einigermaßen Gebildeten entgegen, der sich in den ersten
fünfzehn Jahren der Sowjetzeit zwar kaum äußern konnte, weil die lokalen Eli-
ten durch Flucht und Deportation stark geschwächt waren, sich in den sechziger
Jahren aber in einer stillschweigenden Hinwendung zum rumänischen Standard
äußerte.
Mit der kyrillischen Schreibung war bereits eine hohe Barriere gegen das
Rumänische geschaffen. Hinzu kam die forcierte Russifizierung des politischen,
administrativen, technischen und kulturellen Wortschatzes, was vor allem da-
durch gefördert wurde, dass Russisch die absolut dominierende Sprache in Ver-
waltung, Politik, Wirtschaft (außer der Landwirtschaft, in der die moldauische
Bevölkerung hauptsächlich beschäftigt war) und höherer Bildung wurde. Die
späteren Kritiker dieser Sprachpolitik haben dies mit dem Prinzip „je schlechter,
desto besser“ umschrieben, wonach die Sprecher eines korrekten Rumänisch
als nationalistisch stigmatisiert und eine umgangs- und vulgärsprachliche, mög-
lichst bäurische Redeweise als Sowjetpatriotismus gefeiert wurde. Für diesen
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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 227

Prozess, den die oppositionellen moldauischen und auf Rumänien fixierten In-
tellektuellen als historische Entwurzelung und Verstümmelung des Sprachbaus
begriffen, prägten sie den Begriff „Mankurtisierung“, nach Tschingis Aitma-
tows Roman „Ein Tag länger als ein Leben“ (deutsch zuerst 1981 in Zürich
unter dem Titel „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“). Als „Mankurt“ erscheint
hier der Sklave, der durch ein grausames Verfahren seines Gedächtnisses und
eigenständigen Denkvermögens beraubt worden ist.
Man muss einschränkend dazu sagen, dass die heftigsten Erscheinungen des
sprachlichen Differentialismus schon 1938 stillschweigend zurückgenommen
worden waren, weil man die Bevölkerung Bessarabiens, die inzwischen zwei
Jahrzehnte rumänischer Kultur- und Sprachpolitik erlebt hatte, nicht allzu sehr
verschrecken wollte.
In der neu gegründeten Moldauischen Sowjetrepublik wurde von 1944 an
die moldauische Sprache in dieser gemilderten Variante voll durchgesetzt. Zum
Erfolg dieser Sprachpolitik trug auch die Deportation und Ermordung der ru-
mänisch gebildeten Intellektuellen bis hin zu den Lehrern bei, nachdem schon
in der Autonomen Republik die Verantwortlichen für das lateinische Intermezzo
von 1932 bis 1938 in solcher Weise eliminiert oder mundtot gemacht worden
waren. An ihre Stelle traten vor allem russischsprachige Führungskräfte in Poli-
tik, Wirtschaft, Verwaltung und Bildung. Ein bis in die 1980er Jahre andauern-
der, durchaus geförderter Zustrom russischer, ukrainischer und anderer nicht-
moldauischer Personen sowie die forcierte Auswanderung Einheimischer in an-
dere, möglichst ferne Gebiete der Sowjetunion (Kasachstan, Sibirien, Fernost)
verschoben außerdem die demographischen Verhältnisse zu Ungunsten des Ru-
mänischen. Als weiterer sprachpolitischer Faktor wirkte schließlich die Bil-
dungspolitik, die die Nicht-Moldauer unverhältnismäßig begünstigte. Es ist zu
vermuten, dass auch die „mankurtisierte“ Sprache der Moldauer das Ihre getan
hat, ihnen einen Bildungsrückstand hinter den anderen zuzufügen. Schließlich
erschien sie als eine noch nicht voll ausgebaute Sprache. Zweisprachigkeit, wie
sie zu einer Existenzbedingung der Moldauer wurde, ist schließlich nur dann
von Vorteil und schlägt nicht ins Gegenteil intellektuellen Defizits um, wenn
beide Sprachen voll ausgebildet sind und unterrichtet werden und über einen
hohen kulturellen Rückhalt und eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz verfü-
gen. Kein einziger dieser Faktoren traf für die Moldauer und ihre Sprache zu,
die in ihrer Mehrheit neben ihrer Muttersprache auch das Russische beherrsch-
ten, das die Sprache aller sozial relevanten Kommunikationssphären war, wäh-
rend Moldauisch als Haus- und Dorfsprache fortlebte. Nach dem Zensus von
1989 wurde Moldauisch als Zweitsprache nur von 213.000 Personen gespro-
chen, Russisch dagegen von 1,8 Millionen; die Gesamtheit der Russischsprecher
betrug demnach 2.800.000, die der Moldauischsprecher 2.900.000 Personen.
Von 1.000 Einwohnern der Moldaurepublik hatten nur 61 Moldauer eine Hoch-
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228 Klaus Bochmann

schulbildung, gegenüber ca. 600 Angehörigen anderer ethnischer Gruppen. (Vgl.


Kristophson 1995)
Widerstände gegen diese Politik blieben nicht aus. Von den 1960er Jahren
an eroberten sich federführende moldauische Philologen und Schriftsteller un-
ter dem Mantel des moldauischen Glottonyms und der kyrillischen Schreibung
den rumänischen Kultur- und Sprachraum allmählich wieder zurück und ver-
suchten, in Wörterbüchern und Nachschlagewerken die zum Beweis des mol-
dauischen Sondercharakters ausgebauten differentiellen Merkmale zurückzu-
drängen. Ohne diese Vorarbeit wäre es unvergleichlich schwerer gewesen, im
Jahre 1990 die sprachlichen Normen Rumäniens auf die Moldaurepublik zu
übertragen. Die Entwicklung war 1989 so weit gediehen, dass nach dem Über-
gang zum lateinischen Alphabet im schriftlichen Ausdruck praktisch kein nen-
nenswerter Unterschied zu Texten aus Rumänien mehr zu erkennen war. Und
sogar in der Mündlichkeit hatten es – freilich anfangs nicht sehr viele – gebil-
dete Sprecher zu Ausdrucksformen gebracht, bei denen man durchaus vom Vor-
handensein eines Bewusstseins von gepflegter Rede nach rumänischem Muster
ausgehen konnte.

Die komplizierten Wege der Rückkehr zum Rumänischen

Seit der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jhs., begünstigt durch die Gorba-
tschowsche Perestroika, entwickelte sich unter den moldauischen Intellektuellen
ein immer stärker werdender Widerstand gegen die sprachpolitische Bevormun-
dung und eine Stimmung für die Besinnung auf die historischen Beziehungen
zu Rumänien.
Nach einer Massendemonstration, der größten, die das Land jemals erlebt
hat, wurde am 31. August 1989 das „Gesetz über die Funktionsweise der Spra-
chen auf dem Territorium der Moldauischen Sowjetrepublik“ verkündet, mit
dem Moldauisch zur Staatssprache erklärt und die kyrillische Schreibung durch
die lateinische ersetzt wurde. Dem Russischen verblieb offiziell immer noch
der Status eines interethnischen Kommunikationsmittels. Mit der Unabhängig-
keitserklärung von 1991 wurde unter der Präsidentschaft von Mircea Snegur
auch der Name der Staatssprache durch „Rumänisch“ ersetzt und eine Annä-
herung an Rumänien betrieben, was von der russischsprachigen Nomenklatura
östlich des Dnjestr zum Anlass genommen wurde, das Gebiet abzuspalten und
als Moldauische Dnjestr-Republik (umgangssprachlich „Transnistrien“) auszu-
rufen. Bis 1994 verabschiedete die moldauische Regierung eine Reihe von Be-
schlüssen, wonach sich die russischsprachigen Führungskräfte das Rumänische
aneignen sollten, was jedoch halbherzig betrieben wurde. Das Bestreben, die
russischsprachigen Bevölkerungsteile, zu denen neben den ethnischen Russen
auch die anderen Minderheiten, vor allem Ukrainer, Gagausen, Bulgaren u. a.
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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 229

gehören, zur rumänisch- bzw. moldauisch-russischen Zweisprachigkeit zu füh-


ren, ist trotz wechselnder politischer Machtverhältnisse ein offizielles Ziel ge-
blieben.
In der nach dem Machtantritt prorussischer Kräfte 1994 beschlossenen Ver-
fassung kehrte man wieder zur Sprachbezeichnung „Moldauisch“ zurück, ohne
jedoch die praktische Anlehnung an das Rumänische in Bildungswesen und
Normgebung aufzugeben. Dabei berücksichtigte man nicht zuletzt die Tatsache,
dass sich lt. Zensus von 2004 immerhin etwa die Hälfte der ethnisch-moldaui-
schen Bevölkerung mit der Sprachbezeichnung „Moldauisch“ identifiziert. Eine
gewisse Klärung der scheinbar paradoxen Situation des offiziellen Postulats ei-
ner besonderen moldauischen Sprache, jedoch ohne eigene Norm, brachte das
2003 unter der von der Partei der Kommunisten geführten Regierung beschlos-
sene „Gesetz zur Bestätigung der Konzeption der nationalen Politik“, das die
grundsätzliche Identität der hochsprachlichen Form von Rumänisch und Mol-
dauisch anerkennt, die unterschiedlichen Glottonyme aber als identifikatorische
Merkmale der beiden als Nationen bezeichneten Bevölkerungen setzt.
Dennoch brachten die oppositionellen Parteien 2006 einen Gesetzesentwurf
im Parlament ein, mit dem eine Abänderung des Verfassungsartikels Nr. 13 ge-
fordert wird, indem der Name der Staatssprache wieder Rumänisch sein sollte.
Wie zu erwarten war, wurde dieser Vorschlag abgelehnt.
Die Verfassungsänderung von 1994 löste in der Republik Moldau und in
Rumänien heftige Reaktionen aus, die sich sowohl in Demonstrationen von
Künstlern, Intellektuellen und Studenten als auch in einem heftigen Schlagab-
tausch der gegensätzlichen Parteien und Kräfte in den Medien niederschlug.
Exemplarisch für die intellektuellen und politischen Auseinandersetzungen je-
ner Zeit und ihre bis heute andauernden ideologischen Auswirkungen war eine
gemeinsame Konferenz der Rumänischen Akademie mit dem Institut für Lin-
guistik der Moldauischen Akademie der Wissenschaften und weiteren Philolo-
gen sowie Schriftstellern, die unter dem Motto der Einheit der rumänischen
Sprache stand. (Vgl. Anm. 1) Die dabei geäußerten sprachgeschichtlichen und
linguistisch-strukturellen Begründungen dieser Einheit, die man als die „wis-
senschaftliche Wahrheit“ ausgab, waren zweifellos stichhaltig, sie krankten je-
doch daran, dass sie die Illusion vermittelten, man könne ideologischen Positio-
nen und politischen Entscheidungen mit wissenschaftlichen Argumenten bei-
kommen. Die Antwort von moldovenistischer Seite aus war ein „Moldauisch-
rumänisches Wörterbuch“ des Historikers und Hobby-Linguisten Vasile Stati
(2003), das aber durch die Stümperhaftigkeit seiner Machart und die Tatsache,
dass es so gut wie keine genuin moldauischen Lexeme enthält, die nicht auch in
Wörterbüchern des Rumänischen aufgeführt sind, die Unzulänglichkeiten einer
rein linguistischen Auseinandersetzung mit dieser Frage bewies. Aus den Äu-
ßerungen der Verfechter des Moldauischen lässt sich eine ganz andere Argumen-
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230 Klaus Bochmann

tationskette erschließen, die nicht zuletzt auch der Gesetzesinitiative von 2003
zu Grunde lag: Die staatliche Eigenständigkeit der Moldau – in welchen Gren-
zen auch immer – habe eine mehrhundertjährige Tradition, es gebe (folglich?)
eine moldauische Nation, die ihre Existenzberechtigung nicht zuletzt aus der
eigenen Sprache herleiten könne. In der Hinwendung zur rumänischen Sprache
sehen sie die Gefahr eines Aufgehens ihres Staates und des ihn begründenden
Ethnos in Rumänien – dasselbe Argument, das nach 1990 zur Abspaltung Trans-
nistriens führte. Der Verdacht ist wohl nicht unbegründet, dass es den entspre-
chenden Eliten in erster Linie um ihren Machterhalt geht.
Die seit 2009 amtierenden, auf den Anschluss an die Europäische Union
setzenden Regierungen betonen wieder stärker die Rumänität der Staatssprache,
haben bisher aber keine nennenswerten Alternativen zur bisherigen Sprachpolitik
entwickelt. Es ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass
die Staatssprache offiziell sehr bald wieder „Rumänisch“ heißen wird. Seit Juni
2013 liegt dem Parlament ein Gesetzentwurf der liberalen Abgeordneten Ana
Gu‫܊‬u vor, der nicht nur die Abschaffung der Sprachbezeichnung „Moldauisch“
vorsieht, sondern auch ein praktisches Verbot für den offiziellen Gebrauch des
Russischen im gesamten gesellschaftlichen Leben fordert. Wenn man bedenkt,
dass außer den ethnischen Russen, die heute kaum mehr als 5 % der Bevölke-
rung ausmachen, auch die nichtrussischen Minderheiten, darunter die Gagausen
in ihrem Autonomiegebiet, sich bisher in allen Belangen von Verwaltung, Kul-
tur, Technik und Wissenschaft fast ausschließlich des Russischen bedient ha-
ben und großenteils noch immer kein Rumänisch beherrschen, kann man sich
vorstellen, welchen sozialen und politischen Sprengstoff die Annahme dieses
Gesetzes freisetzen würde.

Die moldauische Gesellschaft heute – weitgehend rumänisiert

Die Fortschritte hinsichtlich der Verbreitung und des öffentlichen Gebrauchs


des Rumänischen sind unübersehbar; praktisch sind sie unumkehrbar gewor-
den. Im Straßenbild der Großstädte ist Russisch so gut wie verschwunden, nur
hier und da tauchen russische Firmenschilder und Reklametafeln auf. Die Re-
gierungspolitik hat sich vollständig auf das Rumänische umgestellt, nach einer
Übergangszeit (insbesondere unter der Präsidentschaft des KP-Vorsitzenden
Voronin), in welcher es auch noch Minister ohne genügend Rumänischkennt-
nisse gab. Während vor 1989 die Akten des Obersten Sowjets ausschließlich
auf Russisch verfasst waren, gibt es heute nur noch ins Russische übersetzte
Fassungen davon in der Sonderausgabe Oficial’nyj Monitor des Gesetzblatts
(Mleþko 2012: 192). Wurden früher 98 % der Gerichtsprozesse auf Russisch
geführt, so heute nur noch diejenigen, in denen die Prozessbeteiligten kein Ru-
mänisch beherrschen. Die Forschungseinrichtungen funktionieren hauptsächlich
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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 231

auf Rumänisch, veröffentlicht wird allerdings auch auf Russisch, neben Publi-
kationen auf Englisch oder in anderen Sprachen. An den Universitäten und
Hochschulen gibt es noch russischsprachige Gruppen, ansonsten dominiert das
Rumänische, außer in der Slawischen Universität in Chi‫܈‬inău, die in den philo-
logischen und historischen Wissenschaften ausbildet, in der ganz auf Russisch
funktionierenden gagausischen Universität Comrat und der bulgarischen Uni-
versität in Taraclia. In den Sprachen der Minderheiten wird in den ersten Klas-
sen der Elementarstufe unterrichtet; außerdem gibt es einige russischsprachige
Gymnasien. Alle Schüler haben Rumänisch als Pflichtfach. In der rumänischen
Schule hat sich die Jugend den in Rumänien gültigen Standard weitgehend an-
geeignet. Dieser wird heute auch in Rundfunk und Fernsehen gesprochen, aller-
dings dominieren die russischsprachigen Sender, nicht nur aus Russland, son-
dern auch die in Moldova ansässigen, da sie über weitaus vielfältigere und inte-
ressantere Programme verfügen als die rumänischsprachigen aus Moldova und
Rumänien. Die wirtschaftliche Überlegenheit Russlands hat auch zur Folge, dass
das private Bankwesen noch stark vom Russischen beherrscht wird, ebenso der
Einzelhandel in den Großstädten. Die starke Konzentration russischsprachiger
Bevölkerungsgruppen vor allem in Chi‫܈‬inău und Băl‫܊‬i bringt es mit sich, dass
dort auch Presse und Buchwesen vorwiegend auf Russisch präsent sind.
Diese allgemein zu beobachtende Rumänisierung kann allerdings nicht
darüber hinwegtäuschen, dass es in der Republik Moldau sprachliche Problem-
lagen gibt, die in Verbindung mit dem Fortwirken des rumänisch-moldauischen
Sprachkonflikts zu sehen sind.
Das zeigt sich in der Diskussion um die Qualität der Sprache. Die Förde-
rung abweichender regionaler, popularsprachlicher und archaischer Züge sowie
der Interferenzen mit dem Russischen durch die Sprachpolitik der Vergangen-
heit hat dazu geführt, dass die heutige Sprache im Munde Ungebildeter von Lin-
guisten, Kritikern, Schriftstellern und anderen Fachverwandten als „degradiert“,
„denaturiert“, „verstümmelt“, als „sprachlicher Mischmasch“ usw. stigmatisiert
wird. Diese Einschätzung beziehen viele der davon Betroffenen heute auch ohne
Weiteres auf ihre eigene Sprache. Die Intensivierung der Kontakte mit Rumäni-
en hat in den Schichten mit geringer Bildung insbesondere auf dem Lande das
sprachliche Minderwertigkeitsgefühl, das früher der Prestigesprache Russisch
gegenüber bestand, auf das Verhältnis zum Rumänischen übergehen lassen. Die
Unterschiede zwischen der eigenen, von vielen selbst als „unrein“ und „häss-
lich“ eingeschätzten Sprache und dem als stilistisch eindeutig höher bewerteten
Rumänisch erscheinen vielen so gravierend, dass sie den Gegensatz Rumänisch-
Moldauisch als aus Erfahrung abgeleitete Evidenz begreifen. (Vgl. Bochmann
2007; 2009)
Man kann das, wie das oft geschieht, als einfaches Bildungsdefizit abtun,
dessen Abbau jedoch durch die moldovenistische Bildungspolitik der Regie-
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232 Klaus Bochmann

rungen bis 2009 und die bildungspolitische Untätigkeit der seitdem Regieren-
den praktisch zum Erliegen gekommen ist: Bis heute sind die Schulbibliotheken
besonders auf dem Lande entweder gar nicht oder nur ungenügend mit rumäni-
scher Literatur in lateinischer Schreibung ausgestattet, und selbst die Universi-
tätsbibliotheken klagen über solchen Mangel, der teilweise auf die Importblo-
ckaden gegenüber rumänischen Presseerzeugnissen, Büchern und Lehrmaterial
unter Voronin zurückzuführen ist. Auf der anderen Seite verdeutlicht der Fort-
bestand dieses popularen Bewusstseins einer sprachlichen Sonderstellung, dass
die mentalen Folgen von zweihundert Jahren politischer und kultureller Tren-
nung nicht durch voluntaristischen Aktionismus von heute auf morgen über-
wunden werden können.

Und in der Ukraine: Rumänisch oder Moldauisch?

Die Frage „Moldauisch oder Rumänisch“ hat in der Ukraine einen etwas ande-
ren Stellenwert als in der Republik Moldau, wo sich immerhin eine Regierung
in dieser Frage positionieren will. Die Regierung der Ukraine überlässt es hin-
gegen den Vertretern der Minderheiten, wofür sie sich entscheiden. Letzten En-
des profitiert sie von der Spaltung der romanischen Bevölkerungsgruppe, die in
ihrer Gesamtheit eine respektable Größe als zweitstärkste Minderheit nach der
russischen wäre und weiter gehende Rechte als bisher einfordern könnte.
Dabei geht es in der Ukraine um viel mehr als allein um den Namen der
Sprache. Als Minderheit sind die Rumänen oder Moldauer auf die Unterstüt-
zung durch Rumänien und Moldova angewiesen. Diese ist jedoch, soweit sie
angeboten wurde, durch die ukrainischen Behörden lange Zeit massiv behindert
worden, sodass sie heute kaum noch in Erscheinung tritt. Hinzu kommt, dass
das Bekenntnis eines Teils der Bewohner des Bezirks Odessa zum Moldaui-
schen mit kyrillischer Schreibung sie noch stärker isoliert, da es kaum noch ent-
sprechende Druckerzeugnisse und infolgedessen auch kein modernes moldaui-
sches Lehrmaterial gibt. Zum Teil wird – wie übrigens in Transnistrien – noch
mit den inzwischen stark verschlissenenen Lehrbüchern der Sowjetzeit unter-
richtet.
Der sprachliche Abstand, den die Rumanophonen der Ukraine bei ihren Rei-
sen nach Rumänien immer wieder zu spüren bekommen, schafft ein enormes
identitäres Dilemma, mit dem nicht nur die weniger gebildeten, einfachen Leute
allein gelassen werden. Wer auf sich hält, bekennt sich zum Rumänischen und
versucht es sich anzueignen, auch wenn es in der Form der gehobenen Sprache
im überwiegend ländlichen Milieu überhaupt nicht gebraucht wird. Die anderen
sind hin- und hergerissen zwischen dem Postulat der einzigen rumänischen
Sprache, für deren Verfechter das Moldauische als diabolische Erfindung des
Stalinismus gilt, und der eigenen sprachlichen Gewohnheit, die es sogar den
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Der rumänisch-moldauische Sprachenstreit 233

Lehrern für moldauische Sprache und Literatur im Hinterland von Odessa wie
in der Bukowina so gut wie unmöglich macht, sich auf den Standard Rumäniens
einzulassen. Ein eindeutiges Bekenntnis der Republik Moldau zum Rumänischen
und eine expansive, möglicherweise sogar mit- und aufeinander abgestimmte
Sprach- und Kulturpolitik Rumäniens und Moldovas könnte vieles von diesem
Dilemma abbauen helfen.

Bibliographie

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Bochmann, Klaus: Der Name der Sprache und die wissenschaftliche Wahrheit.
Ein sprachpolitischer Erlebnisbericht aus der Republik Moldova. In: Quo
vadis, Romania? 19 (1997), 77–85.
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führung. In: Klaus Bochmann, Vasile Dumbrava (Hg.): Sprachliche Indi-
viduation in mehrsprachigen Regionen Osteuropas, 1. Republik Moldova.
Leipzig 2007, 7–12.
Bochmann, Klaus: Sprachliche Individuation in multiethnischen Regionen der
Ukraine. Einleitung. In: Klaus Bochmann, Vasile Dumbrava (Hg.): Sprach-
liche Individuation in mehrsprachigen Regionen Osteuropas, 2. Ukraine.
Leipzig 2009, 7–16.
Bochmann, Klaus: Die Staatssprache – „Moldauisch“ oder „Rumänisch“. In:
Klaus Bochmann et al. (Hg.): Die Republik Moldau. Republica Moldova.
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Bochmann, Klaus/Vasile Dumbava (Hg.): Sprachliche Individuation in mehr-
sprachigen Regionen Osteuropas, 1. Moldova. Leipzig 2007.
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sprachigen Regionen Osteuropas, 2. Ukraine. Leipzig 2009.
Bochmann, Klaus et al. (Hg.): Die Republik Moldau. Republica Moldova. Ein
Handbuch. Leipzig 2012.
Heitmann, Klaus: Probleme der moldauischen Sprache in der Ära Gorbaþev. In:
Südost-Europa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 38 (1989) 1, 28–53.
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München 1997, 79–105.
Kristophson, Jürgen: Sprachen und Nationalitäten in der Moldaurepublik nach
den Daten der letzten Volkszählung von 1989. In: Kurier der Bochumer
Gesellschaft für rumänische Sprache und Literatur, 18 (1995).
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enseignements à tirer de la situation corse. Sociolinguistique des langues
romanes. Actes du XVIIème Congrès International de Linguistique et Phi-
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234 Klaus Bochmann

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seille 1984, 307–314.
Mleþko, Tatjana: Russen. In: Klaus Bochmann et al. (Hg.): Die Republik Mol-
dau. Republica Moldova. Ein Handbuch. Leipzig 2012, 184–193.
Negru, Elena: Politica etnoculturală în RASS Moldovenească (1924–1940).
Chi‫܈‬inău 2003.
Negură, Petru: Die Moldauische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. In:
Klaus Bochmann et al. (Hg.): Die Republik Moldau. Republica Moldova.
Ein Handbuch. Leipzig 2012, 78–86.
Revista de lingvistică ‫܈‬i ‫܈‬tiin‫܊‬a literară. Chi‫܈‬inău 1995, Nr. 5.
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Weiterführende Literatur

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2. Analize. Leipzig 2002.
Bochmann, Klaus/Heinrich Stiehler: Einführung in die rumänische Sprach- und
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Die Republik Moldau. Republica Moldova. Ein Handbuch. Leipzig 2012,
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guage Was Made. In: Slavic Review, 58 (1999) 1, 117–142.
Mletschko, Tatjana: „Eine andere Sprache ist eine neue soziale Pespektive“.
Sprachliche Identität der russischsprachigen Bevölkerung. In: Klaus Boch-
mann, Vasile Dumbrava (Hg.): Sprachliche Individuation in mehrsprachi-
gen Regionen Osteuropas, 1. Republik Moldova. Leipzig 2007, 340–365.
ùarov, Alexandra: Sprachbiographien im ländlichen Raum. Sprachliche Indivi-
duation der Dorfeliten in der Republik Moldau. Leipzig 2008.

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Sprachnationalismus in Belgien

Johannes Kramer

1 Einleitung

Als ich von den Veranstaltern dieser Tagung, die sich ja mit den politischen
und soziokulturellen Kontexten von Sprache und Nation in Südosteuropa be-
schäftigt, eingeladen wurde, einen Vortrag zum Sprachnationalismus in Bel-
gien zu halten vor dem Hintergrund, ob man daraus etwas für die Bildung
neuer Staaten und die sprachlichen De- und Restandardisierungsprozesse im
heutigen Südosteuropa lernen könne, habe ich mich zunächst einmal ein wenig
gewundert, denn in wohl allen Ländern Südosteuropas weiß man notorisch
wenig von Belgien, und von Belgien aus gesehen sind der Balkan und seine
Probleme weit, weit weg. Auf den zweiten Blick erschien es mir dann gar nicht
mehr so abwegig zu sein, gewisse Parallelismen miteinander zu vergleichen,
obwohl normalerweise keine Gleichzeitigkeit und auch keine Gleichgewichtig-
keit in der Brisanz der Probleme vorliegen. Auch hat es das letzte Mittel balka-
nischer Auseinandersetzungen, die kriegerische Lösung von Konflikten, in
Belgien nie gegeben – eine solution belge ist schließlich ein Kompromiss, der
niemanden völlig enttäuscht und niemanden völlig zufriedenstellt.
Im Folgenden ist der Charakter eines Vortrages beibehalten, d. h. es ist be-
wusst ohne wissenschaftlichen Anmerkungsapparat gearbeitet worden. Jede
Geschichte Belgiens, jede niederländische oder französische Sprachgeschichte
hilft weiter, wenn man genauere Angaben sucht.

2 Die Entstehung des modernen Staates Belgien

Der Staat Belgien entstand in einem demokratisch ausgelösten Abtrennungs-


prozess vom Königreich der Niederlande, also von einem großen Staat, der auf
dem Wiener Kongress gegründet worden war, um eben Auseinandersetzungen
in den lage landen bij de zee, im flachen Land am Meer also, zu vermeiden.
Einer der Gründe der Abtrennung Belgiens ist religiöser Art, weil man als erz-
katholische Bevölkerung nicht in einem Staat mit den ebenso erzprotestantischen
Holländern zusammengefasst sein wollte. Ein anderer Grund war sprachlicher
Art: Zu Belgien gehörte und gehört nicht nur der frankophone Süden des Lan-
des, die Wallonie oder auf Deutsch Wallonien, sondern es war auch bei aufstre-
benden Flamen im Norden des Landes immer üblich gewesen, als vornehme
Sprache oder moderner gesagt als Distanzsprache das Französische zu verwen-
den.

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236 Johannes Kramer

Die von den Haag aus regierten Niederlande betrieben aber von 1815 bis
1830 eine immer forciertere Politik der Durchdringung des öffentlichen Lebens
durch das Niederländische, was man im späteren Belgien, wo die Öffentlich-
keitssprache seit jeher das Französische war, nicht akzeptieren wollte und
konnte – mit der Folge, dass im Beamtenapparat immer mehr Niederländer aus
dem Norden sich breitmachten und die alte frankophone Beamtenkaste an den
Rand drängten. Auch im niederländischen Sprachraum selbst gab es Probleme:
Im Norden war das Niederländische 1815 eine wohletablierte Schriftsprache
auf dem zeitgenössischen Status aller Schriftsprachen dieser Zeit, im Süden
waren die Dialekte des Flämischen Haus- und Umgangssprachen, eine low
variety, weil als high variety das Französische fungierte, und man war befrem-
det, dass man auf einmal philosophische, technische, literarische oder medizi-
nische Fachgespräche auf Niederländisch führen sollte, wie es im Norden nor-
mal war – wiederum fiel man sozial zurück, und die Diskussionen darüber, ob
die germanische Sprache in Flandern nun Teil des Niederländischen oder eine
eigene Sprache sein sollte, wollten während des ganzen 19. Jahrhunderts nicht
verstummen; terminologisch ist das inzwischen entschieden, man spricht meis-
tens von Noordnederland für die Sprachform der Niederlande und von Zuid-
nederlands für die Sprachform Belgiens, aber die vielen Unterschiede sind ei-
gentlich nur zugekleistert, nicht aufgehoben. In Belgien ist es üblich, die Nie-
dersprachigen als Flamen, ihre Heimat als Flandern zu bezeichnen, obwohl das
streng genommen nicht richtig ist, denn nur der Westen ist Flandern, die Mitte
ist Brabant und der Osten ist Limburg. Genauso bezeichnet man die Franko-
phonen als Wallonen, obwohl auch hier streng genommen nur der Osten das
wallonische Sprachgebiet ausmacht, der Westen gehört zum pikardischen und
der äußerste Süden zum lothringischen Dialektgebiet. Im Folgenden wird Fla-
men, Flandern, Wallonen, Wallonien nach dem belgischen Sprachgebrauch ver-
wendet.
Es darf nicht verwundern, dass die Unabhängigkeit Belgiens für fast ein
Jahrhundert ein soziales Zurückfallen der Germania zugunsten der Romania be-
deutete: Belgien wurde 1830 zunächst einmal ein von Städtern geprägtes fran-
kophones Land mit gewissen Erleichterungen für die ungebildete Bauernbe-
völkerung der Flamen, die noch keinen Zugang zum esprit français hatten, und
eine Zeitlang glaubten viele Frankophone, das Sprachenproblem sei im Prinzip
ein Bildungsproblem, sodass mit dem Fortschritt der Bildung die Bauernspra-
che sowieso auf der Strecke bleiben würde.
Beim zweiten Blick sieht man also, dass religiöse Gegensätze, soziale Ge-
gensätze, großräumige und kleinräumige sprachliche Gegensätze von Anfang
an die Geschichte des belgischen Staates prägen, der in seiner heutigen Form
seit 1830 existiert, aber natürlich die meisten dieser Gegensätze aus seiner
nationalen Vorgeschichte ererbt hat. Dass sich hier ein Bild ergibt, das auffäl-
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Sprachnationalismus in Belgien 237

lige Parallelen zu den kulturellen und sprachlichen Nationalismen in Südost-


europa aufweist, liegt bei allen Unterschieden im Detail auf der Hand. Man
muss allerdings auch sagen, dass die meisten belgischen Konflikte, die im 19.
Jahrhundert noch sehr virulent waren, also der katholisch-protestantisch-frei-
geistige Antagonismus, der soziale Gegensatz zwischen Stadt- und Landbevöl-
kerung, der innerniederländische Normenkonflikt heute keine Bedeutung mehr
haben; übrig geblieben ist nur noch der Gegensatz zwischen Niederländisch-
sprachigen und Frankophonen, der seinen eigentlichen Kristallisationspunkt im
Sprachenkonflikt von Brüssel findet, zu dem später etwas zu sagen ist.

3 Das Gebiet Belgiens im Mittelalter

Ich beginne meine Ausführungen mit einem historischen Rückblick, der schon
einige der späteren Auseinandersetzungen erklären wird. Das Frankenreich, das
sich seit der Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom am Weihnachtstag des
Jahres 800 als Nachfolger des Römischen Reiches ansah, hatte bekanntlich
keine lange Dauer: Beim Tode Karls des Großen 814 erbte sein Sohn Ludwig
der Fromme die Krone, aber Erbfolgestreitigkeiten unter seinen Söhnen führten
schließlich zur definitiven Reichsteilung im Vertrag von Verdun am 10. August
843, in dem Karl der Kahle den Westen (einschließlich Westflanderns und des
Westteils von Burgund), die Keimzelle des späteren Frankreich, erhielt, Lud-
wig der Deutsche den Osten, das spätere Deutschland, und Lothar I., der nomi-
nell den Kaisertitel trug, das Mittelreich (mit Ostflandern, Brabant, Limburg,
Wallonien, Luxemburg, dem Ostteil Burgunds), Lotharii regnum (> französisch
Lorraine, deutsch Lothringen). Vorausgegangen war dieser Dreierregelung, bei
der Lothar das kleinste Stück des Kuchen erhielt, ein Bündnis zwischen Karl
dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen gegen Lothar, das in den berühmten
Straßburger Eiden von 13. Februar 842, die im romanischen und germanischen
Text vorliegen, bekräftigt worden war.
Eine lange Lebensdauer war dem Reich Lothars zunächst einmal nicht be-
schieden, denn es verschwand mit dem Vertrag von Meerssen (bei Maastricht)
vom 8. August 870 aus der Geschichte. Lothar II. war ohne Erben gestorben,
sodass die westlichen Teile seines Landes ans Westfränkische Reich und die öst-
lichen Teile ans Ostfränkische Reich gingen. Die weiteren Entwicklungen kön-
nen hier nicht in den Einzelheiten beschrieben werden, es war jedoch so, dass
zwischen dem aus dem Westfränkischen Reich entstehenden Frankreich und
dem aus dem Ostfrankenreich entstehenden Heiligen Römischen Reich deut-
scher Nation durch das ganze Mittelalter hindurch staatliche Gebilde wie das
Herzogtum Ober- und Niederlothringen und das Königreich Burgund entstan-
den, die nominell dem deutschen Kaiser unterstanden, die aber in Wahrheit ihre
eigene Politik verfolgten. Im hohen Mittelalter erfolgte eine Fragmentierung
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238 Johannes Kramer

des Mittelstreifens: Es gab geistliche Territorien wie Köln, Trier, Lüttich, Sta-
velot, Metz, Straßburg, Basel, es gab größere Territorien wie Hennegau, Bra-
bant, Luxemburg, Lothringen, Burgund, Savoyen, es gab viele kleine und kleins-
te Grafschaften, und es gab Reichsstädte wie Köln, Aachen, Metz, Straßburg
oder Münster, die auf ihre unabhängige Rechtsstellung gegenüber den sie um-
gebenden Territorien pochten.

4 Das Herzogtum Burgund

Aus diesem unübersichtlichen Konglomerat schälte sich das Herzogtum Bur-


gund heraus, nominell ein Lehen des französischen Königs; von 1031 bis 1361
regierten Kapetinger-Herzöge. Nach dem Aussterben dieser Linie verlieh Kö-
nig Johann der Gute das Herzogtum Burgund seinem jüngsten Sohn Philipp
dem Kühnen = Philippe le Hardi (1342–1404, Herzog seit 1363), der 1369
Margarethe von Flandern, die Witwe seines Vorgängers, heiratete und die 1384
das Erbe ihres Vaters, des letzten Königs von Flandern, Ludwig II., antreten
konnte, zu dem außer der Grafschaft Flandern die Grafschaften Artois, Rethel
und Nevers und die Freigrafschaft Burgund gehörten. Philipps Nachfolgern
Johann Ohnefurcht = Jean sans Peur (1371–1419, Herzog seit 1404), Philipp
der Gute = Philippe le Bon (1396–1467, Herzog seit 1419) und Karl der Kühne
= Charles le Téméraire (1433–1477, Herzog seit 1465) kamen durch Erobe-
rungen, Erbschaften, Zukäufe und günstige Heiratsallianzen in den Besitz eines
faktisch souveränen Staates zwischen Frankreich und Deutschland, der von
Mâcon und Sémur bei Lyon über das Herzogtum und die Freigrafschaft Bur-
gund, über das Elsass und Lothringen, über Luxemburg, Brabant, Hennegau
und Flandern bis zum Herzogtum Geldern und zur Grafschaft Holland an der
Nordseeküste und an der Zuiderzee reichte. Dieses in kurzer Zeit entstandene
Burgunderreich umfasste also nach heutigen Begriffen die Niederlande, Belgien
und Luxemburg, Lothringen, das Elsass, die Franche-Comté und die Region
Burgund.
Johan Huizinga hat herausgearbeitet, dass das Fürstentum Burgund den
Übergang von einem spätmittelalterlichen zu einem frühneuzeitlichen Staat
markiert. Es zeigten sich bereits die ersten Ansätze zu einem wohlorganisierten
Berufsbeamtentum. Man bemühte sich nach Kräften, interne Handels- und Ver-
kehrshemmnisse abzubauen und die Auswirkungen der zahlreichen Zollschran-
ken zu mindern.
Die germanisch-romanische Sprachgrenze verlief seit der Einrichtung von
Lotharii regnum mitten durch die jeweiligen Länder, die sich zwischen Deutsch-
land und Frankreich schoben. Darauf achtete natürlich im Mittelalter niemand,
denn das war einfach kein Thema, weil die Verwaltung zunächst einmal auf
Lateinisch erledigt wurde. Nachdem sich dann zwischen 1230 und 1270 das
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Sprachnationalismus in Belgien 239

Französische und zwischen 1330 und 1370 das Niederländische und das Deut-
sche als Beurkundungssprachen durchzusetzen begannen, war der verwaltungs-
mäßige Einschnitt auch nicht tiefgreifend, denn wir haben es fast überall mit
Berufsschreibern zu tun, denen die jeweils andere Landessprache zumindest
einigermaßen vertraut war. Je offizieller die Gelegenheit war, desto mehr griff
man allerdings auf das Französische zurück, und in Anwesenheit von hohen
Herren aus den verschiedenen Teilen des burgundischen Reiches bediente man
sich des Französischen und nicht des Deutschen respektive Niederländischen.
Hier kündigt sich die Stellung des Französischen als Prestigesprache, die mit
einer Zurücksetzung des Niederländischen bzw. Deutschen als Sprache der
ländlichen Bevölkerung einhergeht, schon deutlich an. Freilich war die Beherr-
schung der Landessprachen bei den tonangebenden Kreisen an der Tagesord-
nung: Georges Chastellain (II, p. 224–225 Kervyn de Lettenhoven) berichtet
uns zum Beispiel, dass Philipp der Gute in seinen Auseinandersetzungen mit
den Gentern in Brügge einmal eine längere niederländische Ansprache gehalten
hat.
Den wohlhabendsten – und politisch aufmüpfigsten – Teil des Reiches stell-
ten die flandrischen Städte dar, die in der Hansa organisiert waren und das Ein-
kaufsmonopol für englische Wolle und das Verkaufmonopol für flämisches
Tuch und daraus gefertigte Kleider durchsetzen konnten. Das Bürgertum von
Brügge, Gent, Kortrijk, Ypern und Antwerpen war reich, selbstbewusst, stolz
auf seine echten oder vermeintlichen Privilegien, und es investierte in Kultur:
Die großen Malereien der Zeit wurden von den wohlhabenden Bürgern in Auf-
trag gegeben, die Gobelins sollten den Reichtum unterstreichen, neue Gebäude
und zugleich wirtschaftsfördernde Einrichtungen wie Schleusen und Hafenan-
lagen verbanden das Schöne mit dem Nützlichen, und auch die Literatur blühte,
wobei man bezüglich der Sprachen nicht wählerisch war: Die Mitglieder der
Dichtergilden der Rederijkers schrieben ihre Gelegenheitsgedichte auf Nieder-
ländisch, Georges Chastellain (1405–1475) verfasste seine Chroniken auf Fran-
zösisch, Dionysius der Kartäuser (1402–1471) kleidete seine zahllosen theolo-
gischen und philosophischen Werke in ein lateinisches Gewand.
Karl der Kühne war ab 1474 in kriegerische Auseinandersetzungen mit ab-
trünnigen Untertanen, mit dem deutschen Kaiser, dem französischen König und
mit den Schweizern verwickelt; nach zahlreichen nicht erfolgreichen Schlachten
verlor er am 5. Januar 1477 in der Schlacht vor Nancy gegen die verbündeten
Schweizer und Lothringer sein Leben. Seine einzige Tochter Maria von Bur-
gund, die sowohl eine französische wie eine niederländische Erziehung genossen
hatte, war seit dem 6. Mai 1476 Maximilian von Habsburg zur Ehe versprochen,
und tatsächlich heirateten Maria und Maximilian am 19. August 1477 in Gent.
Die Unterstützung der Notablen gegen die Ansprüche Frankreichs konnte nur
durch das sogenannte Große Privileg, das Maria am 11. Februar 1477 abschloss,
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erreicht werden: Darin wurden die Einzelterritorien gestärkt, die alten Privile-
gien garantiert, die überkommene Rechtsordnung wurde anerkannt und nicht
zuletzt der Gebrauch der Sprache des Volkes, also sowohl Französisch wie
auch Niederländisch, wurde garantiert. Die Stände wurden zur wichtigsten In-
stitution.

5 Burgund wird habsburgisch

Mit der Heirat zwischen Maria von Burgund und Maximilian von Habsburg war
eine wichtige historische Weichenstellung vollzogen: Die burgundischen Lande
im Westen kamen zu den habsburgischen Gebieten im Osten, und der Aufstieg
der Habsburger zur Weltmacht begann. Der territoriale Riegel zwischen Frank-
reich und Deutschland war jetzt kein labiles Zwischenreich mehr, sondern Teil
einer politischen Struktur, die auf dem Weg zur Weltmacht war.
Maria von Burgund hinterließ bei ihrem Tod am 27. März 1482 nach einer
durch einen Sturz vom Pferd herbeigeführten Fehlgeburt zwei Kinder, Marga-
rethe von Österreich, die von 1507 bis 1530 Generalstatthalterin der Niederlande
war, und Philipp den Schönen (1478–1506), der Johanna die Wahnsinnige, die
Tochter von Ferdinand und Isabella von Spanien, heiratete. Ihr Sohn Karl V.,
der am 24. Februar 1500 in Gent geboren wurde, ist die Schicksalsfigur der Ge-
schichte der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Karls eigentliche Erstsprache
war das Französische, in dem er in Gent erzogen wurde, und er konnte auch gut
Niederländisch, die eigentliche Landessprache. Deutsch und Latein verstand er,
und zum Erlernen des Spanischen wurde er gezwungen, als er nach dem Tode
seines Großvaters Ferdinand 1516 die spanische Krone (in Vertretung seiner
umnachteten Mutter) übernahm; die Balearen, Sardinien, Sizilien und Süditalien
waren damals Teil des Königreiches, und mit Columbus’ Entdeckung von Ame-
rika hatte die Hispanisierung der Neuen Welt begonnen. Beim Tode seines
Vaters Maximilian 1519 erbte Karl V. die habsburgischen Lande, und er wurde
am 23. Oktober 1520 in Aachen zum Kaiser des Heiligen römischen Reiches
deutscher Nation gewählt; die Krönung durch den Papst erfolgte 1530. „Die
Sonne geht in meinem Reich nicht unter“, dieser von Schiller (Don Carlos, Akt
1, Szene 6) Karls Nachfolger Philipp II. in den Mund gelegte Ausspruch soll
angeblich von Karl V. selbst stammen, aber ein Nachweis ist noch nicht ge-
lungen; die Sachlage wird aber gut beschrieben.
Den außenpolitischen Erfolgen Karls V., der das Habsburgerreich zu einem
ersten großen Weltreich machen konnte, standen innenpolitische Misserfolge
gegenüber: Die Reformation teilte in Deutschland und in den Niederlanden die
Kirche und stärkte politisch die zentrifugalen Tendenzen, alle religiösen Ver-
einheitlichungsversuche trotz der Einberufung des Konzils von Trient 1545
misslangen schließlich, und der Augsburger Religionsfrieden – „cuius regio,
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Sprachnationalismus in Belgien 241

eius religio“ – besiegelte Karls Misserfolge, politisch gelang es nicht, eine


einheitliche Verwaltung für die verschiedenen Territorien zu etablieren, der
Adel blieb den Habsburgern gegenüber misstrauisch, die Bedrohung durch
Franzosen und Türken blieb lebendig. Tief enttäuscht über sein Scheitern dank-
te Karl V. 1555 ab, wobei eine Reichsteilung erfolgte: Karls Bruder Ferdinand
wurde als Nachfolger für die deutschen Länder bestimmt, am 25. Oktober 1555
verlas Karl in Brüssel eine Abdankungserklärung zugunsten seines Sohnes
Philipp, und am 16. Januar 1556 gingen Kastilien und Aragon mit den mittel-
meerischen und amerikanischen Territorien an Philipp über. Karl zog sich ins
Kloster San Jerónimo de Yuste in der kargen Extremadura zurück, wo er am
21. September 1558 wohl an Malaria starb.
Die Sonderentwicklung der habsburgischen Niederlande manifestierte sich
in der langjährigen Führung des Generalstatthalter-Amtes durch enge Verwandte
des jeweiligen Königs. Maximilians Sohn Philipp der Schöne wurde schon
1493 mit 16 Jahren Generalregent. 1507 wurde seine Schwester Margarete von
Österreich Generalregentin, was sie – mit einer kurzen Unterbrechung – bis zu
ihrem Tode 1530 blieb. Ihr folgte bis 1556 Maria von Ungarn, die Schwester
von Karl V. und Ferdinand I. Philipp II. von Spanien ernannte seine Halb-
schwester Margarete von Parma (1522–1586), die in Oudenaarde aufgewachsen
war, zur Generalstatthalterin. Diese Generalstatthalterinnen waren in flämischen
Städten aufgewachsen und erzogen worden, sie konnten niederländisch und
französisch und waren mit den einheimischen Adelsfamilien vertraut.
Die ersten protestantischen Prediger traten schon 1520 in Antwerpen auf,
und mit den Handelswaren aus Deutschland kamen auch die ersten lutherischen
Schriften. Mehr Zulauf fand aber zunächst das Täufertum, das besonders im
städtischen Proletariat Anklang fand. Die zunächst vom Bürgertum favorisier-
ten Verfolgungen richteten sich gegen diese als für die gesellschaftliche Ord-
nung gefährlich erachtete Strömung: Zwischen 1530 und 1560 waren es fast
immer Täufer, die hingerichtet wurden, wobei freilich nicht vergessen werden
darf, dass zwei der ersten Opfer lutheranische Sendboten waren, die 1523 auf
dem Grote Markt von Antwerpen verbrannt wurden. Die calvinistische Richtung,
die dann vor allem unter der handeltreibenden Bürgerschaft Anhänger fand,
machte sich vor 1560 noch kaum bemerkbar, und aus den vornehmen Familien,
die mit den Generalstatthalterinnen sozusagen auf du und du standen, gab es
zunächst einmal keine Opfer.

6 Die Spanischen Niederlande

Die Reichsteilung brachte eine völlige Veränderung der politischen Großwet-


terlage: Die Niederlande gehörten zum spanischen Teil des Erbes, und der spa-
nische König Philipp II. (1527–1598) war in Spanien erzogen worden. Er konnte
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kein Niederländisch, und auch mit dem Französischen hatte er Schwierigkeiten.


Karl V. hielt seine Abschiedsrede in Französisch, wenn man so will als Gleicher
unter Gleichen, Philipp II. musste seine Antrittsrede von Margaretes Berater,
Bischof Antoine Perrenot de Granvelle, vorlesen lassen. Philipps von spani-
scher Frömmigkeit, Verschlossenheit und Etikette geprägter Charakter konnte
mit der lebendigen Offenheit, dem Individualismus und der Kritikfreudigkeit,
die in Gent und Brüssel herrschten, nichts anfangen. Der Calvinismus fand
schnell Anhänger unter den reichen Bürgern, denen die den kapitalistischen
Erfolg als Gottesgnade feiernde neue Richtung gefiel, und der Bildersturm im
August 1566 schien den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung einzuläuten.
Philipp II. schickte den Herzog von Alba (1507–1582), einen rücksichtslosen
Haudegen, zur Wiederherstellung des spanischen Regimes und zur Abwehr der
Reformation. Mit einer auch für seinerzeitige Verhältnisse beispiellosen Grau-
samkeit ließ er im Blutrat von Brüssel etwa 6.000 vermutete Calvinisten, auch
aus den vornehmsten Familien, hinrichten, und in anderen Städten gab es
18.000 weitere Opfer. 1567 eroberte er Antwerpen und ließ seine Soldaten eine
blutige Plünderung durchführen. Ein Großteil der Mitglieder der reichen, gebil-
deten und geschulten Familien floh in die Städte des Nordens, wo Albas Arm
nicht hinreichte, und die kulturelle Blüte, die die Republik der Vereinigten Nie-
derlande in ihrem Ablösungsprozess von Spanien im 17. Jahrhundert erreichte,
wurde nicht zuletzt von den Flüchtlingen aus Antwerpen und anderen Städten
Flanderns getragen.
Der sogenannte Achtzigjährige Krieg, der dem protestantischen Norden die
Freiheit brachte und den Verbleib des katholischen Südens unter spanischer
Herrschaft zementierte, war der Beginn eines langwierigen Niedergangs für den
Süden. Nahezu alle Protestanten verließen den Süden, die Spanier nahmen 1585
das verarmte Antwerpen endgültig nach fast zweijähriger Belagerung ein, aber
sie wurden des Sieges nicht wahrhaft froh, weil die Holländer für mehr als
zweihundert Jahre die Scheldemündung blockierten, wodurch nicht nur der
wirtschaftlichen Entfaltung Antwerpens Einhalt geboten war, sondern gleich-
zeitig auch der Aufschwung der frei zugänglichen Häfen Amsterdam und Rotter-
dam gefördert wurde. Der spanisch-niederländische Krieg kannte lange Waffen-
stillstandsperioden (etwa 1609 bis 1621), und es war auch ein Kolonialkrieg
(Erbeutung der spanischen Silberflotte durch Piet Heijn 1628, Einrichtung
niederländischer Kolonien in Nordbrasilien, auf den Antillen und im nordwest-
lichen Amerika, z. B. New York). Die meisten kapitalkräftigen Leute verließen
den Süden in Richtung Norden, und vor allem die Intelligenz – Theologen,
Lehrer, Drucker, Kupferstecher, Ärzte, Dichter, Theatervolk – brachte ihr Wis-
sen und ihr Können mit sich. In der Republik der Vereinigten Niederlande be-
gann das Goldene Jahrhundert, während in den Spanischen Niederlanden durch

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Sprachnationalismus in Belgien 243

die Seeblockade, die Abwanderung und die Unterdrückung ein beispielloser


Niedergang einsetzte.
Die Abwanderungswelle von Süden nach Norden hatte auch sprachliche
Auswirkungen auf die niederländische Sprache. Im Mittelalter hatte sich eine
ausgesprochen reiche Literatur entwickelt, und auch politische und geschäft-
liche Themen wurden zunehmend auf Niederländisch abgewickelt. Allerdings
gab es wenige Bestrebungen, die auf eine akzeptierte gemeinsame Norm hinsteu-
erten: Man hatte den Eindruck, dass sich drei Regionalnormen, Flämisch, Bra-
bantisch und Holländisch, herauszubilden begannen, und das Bewusstsein einer
Eigenständigkeit gegenüber den niederdeutschen Dialekten Norddeutschlands,
die ja zu dieser Zeit noch nicht vom Hochdeutschen überformt waren, war noch
alles andere als ausgeprägt. Die eigene Sprache nannte man meist nach regio-
nalen Bezügen, also Vlaamsch, Brabantsch oder Hollandsch, überregional war
Dietsch, Duutsch oder Duytsch geläufig; daher das englische Lehnwort Dutch.
Nederduytsch wurde erst im 16. Jahrhunderts, als die Abgrenzung vom Deut-
schen immer wichtiger wurde, geläufig, und erst im 18. Jahrhundert wurde Ne-
derlandsch, das zum heute üblichen Nederlands führte, zum geläufigen Aus-
druck. Die Eigenstaatlichkeit des Nordens, die im Achtzigjährigen Krieg zu
Stande kam und offiziell erst im Westfälischen Frieden von 1648 festgeschrie-
ben wurde, aber de facto spätestens 1585 mit der Verteidigung der Südgrenze
gegen die nach der Einnahme Antwerpens erfolglos vorrückenden Spanier Wirk-
lichkeit geworden war, machte für das neue Staatswesen, die Republik der Ver-
einigten Niederlande, auch eine eigene Sprachnorm notwendig, und das war
eine Mischung aus dem Brabantischen der Antwerpener, ausgestattet mit ein
paar flämischen Zügen der aus Gent und Brügge vertriebenen Protestanten, mit
den einheimischen Idiomen Hollands, besonders Amsterdams. In dieser Misch-
sprache ist die offizielle Bibelübersetzung von 1619 bis 1637, die Staten-Bijbel,
abgefasst, und das ist die Grundlage des Normniederländischen.
Von all diesen Entwicklungen war man im spanischen Süden ausgeschlos-
sen: Die Staten-Bijbel war natürlich die Ketzerbibel, es gab keine intellektuelle
Schicht mehr, die sich des Niederländischen bediente, das jetzt zu einer mehr
und mehr in Lokaldialekte zerfallenden Haus- und Familiensprache der Hand-
werker und Bauern wurde. Zur Prestigesprache aber wurde eindeutig das Fran-
zösische, das in Wallonien eine Basis in der gesprochenen Sprache hatte. Die
Vertreter Spaniens im Lande waren zur Verständigung sowieso aufs Französi-
sche angewiesen, das sie meist eher schlecht als recht beherrschten, und für die
im Lande verbliebenen Adligen niederländischer Muttersprache, die sich auf
eine lange Koexistenz mit den Spaniern einrichten mussten, war es unerlässlich,
sich des Französischen zu bedienen. In höheren Regierungskreisen war also
spätestens seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts das Französische die Um-
gangssprache, in der sich Spanier, Wallonen und Flamen trafen. Auch in der
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Bourgeoisie der flämischen Städte ging man im privaten Bereich zunehmend


zum Französischen über. Die Kinder wurden von Kindermädchen aus dem
französischen Sprachraum erzogen, die Dienerschaft im Hause sprach franzö-
sisch, und die Geltung des Französischen als Sprache der gebildeten Welt trug
das Ihre zum gesellschaftlichen Niedergang des Niederländischen in Flandern,
Brabant und Limburg bei. Auch die literarische Ader war versiegt: Eine nen-
nenswerte niederländische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts gibt es nicht,
wer schreiben wollte, schrieb französisch.
Damit haben wir für die spanischen Niederlande in Barock und Aufklärung
eine Situation vor uns, die den sprachlich-kulturellen Zuständen vieler südost-
und osteuropäischer Länder im 19. und 20. Jahrhundert ähnelt: Das im späten
Mittelalter zur burgundischen Zeit erfolgreiche Nebeneinander von Niederlän-
disch und Französisch in einem System der kommunalen Selbstverwaltung mit
marginaler Beeinflussung durch die staatliche, im Wesentlichen zweisprachige
Zentraladministration war zu einer landfremden spanischen Diktatur geworden,
die auf die praktische Verwendbarkeit des Französischen setzte und das Nieder-
ländische zur reinen Familiensprache abwertete. Genauso wurde im Habsbur-
gerreich zunächst das Ungarische, dann das Kroatische, das Tschechische, das
Polnische und das Rumänische aus der Ebene der geachteten Traditionssprachen
verdrängt und durch das Deutsche ersetzt: Das Bürgertum der Städte ging
massiv zum Deutschen über, und Kindermädchen und Dienerschaft erleichter-
ten die Germanisierung der jungen Generation. Erst der Nationalismus ab etwa
der Mitte des 19. Jahrhunderts stoppte diese Bewegung: Die Ungarn versuchten
nach dem Ausgleich von 1867 eine rigide Magyarisierungspolitik in ihrem
Reichsteil, die zwar dem Vordringen des Deutschen Einhalt gebot, aber zugleich
den Nationalismus der nichtungarischen Bevölkerungsteile stärkte. Das Ungari-
sche ist aber ein Sonderfall, ein halber Sieger, der das Deutsche aufhielt, aber
das Ungarische nicht zu dessen Ersatzsprache machte. Der Siegeszug des Deut-
schen brach sich im Allgemeinen in der Habsburgermonarchie am Widerstand
der nichtdeutschen Bevölkerungsteile, und dem in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts gestoppten Vormarsch des Französischen in Belgien entspricht
die Karriere des Deutschen im k. und k. Reich im 19. Jahrhundert mit Traditi-
onsabbruch in den unabhängigen Staaten des 20. Jahrhunderts: Prestigereiche
Funktionssprache am Anfang, Zweitsprache unter tonangebenden exponierten
Leuten mit verschiedenen Muttersprachen, dann zunehmend Ausgrenzungsspra-
che gegenüber Menschen weniger guter sozialer Position, schließlich Unter-
drückungssprache gegenüber einer Jugend, die ihre Zukunft in der Abschütte-
lung der herkömmlichen Großsprache und in der Konstruktion einer eigenen
sprachlich-kulturellen Welt sah.
Der religiöse Faktor hat in dem, was heute Belgier und Niederländer sind,
eine Differenzierung hervorgebracht, die zur Unterscheidung zwischen Serben
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und Kroaten passt: Es gibt keine sprachlichen Isoglossen, die zwischen dem
Norden und Süden der lage landen bij de zee verlaufen würden, ebensowenig
wie man Serben und Kroaten durch eindeutige sprachliche Scheidewände von-
einander trennen könnte – der Unterschied zwischen gesellschaftsprägendem
Protestantismus und Katholizismus auf der einen Seite und nationenkonstituie-
render Orthodoxie versus Katholizismus auf der anderen Seite ist aber dennoch
auffällig, obwohl die Abgrenzung in Südosteuropa älter und eindeutiger ist: Es
gibt durchaus katholische Niederländer (30 %), aber nur 0,7 % protestantische
Belgier, aber die „falsche“ Religion schließt einen zumindest heute nicht aus
der nationalen Gemeinschaft aus. Hingegen macht es wenig Sinn, von katholi-
schen Serben oder orthodoxen Kroaten zu reden, und wenn es solche Menschen
geben sollte, dann wären sie ins nationale Schema kaum einzuordnen.
Kommen wir zurück zur politischen Geschichte der spanischen Niederlande!
Im Westfälischen Frieden von 1648 musste Spanien die Unabhängigkeit der
Republik der Vereinigten Niederlande anerkennen, konnte aber den katholischen
Süden behalten, und es wurde eine Grenze ausgehandelt, die abgesehen vom
Verlauf in Limburg der heutigen belgisch-niederländischen Grenze entspricht.
Luxemburg gehörte zu den spanischen Niederlanden, ebenso Artois und die
Westhoek um Dünkirchen, die in Friedensregelungen von 1659 (Pyrenäenfrie-
den), 1668 (Aachener Frieden) und 1678 (Friede von Nijmegen) an Frankreich
abgetreten werden mussten. Einige geistliche Territorien wie das Bistum Lüttich
gehörten jedoch nicht zu den spanischen Niederlanden. Die Annexionslust
Frankreichs unter Ludwig dem XIV. hatte einige kurze Besetzungen zur Folge,
aber in Friedensverträgen wurde die spanische Souveränität immer wieder reta-
bliert.

7 Die Österreichischen Niederlande

Im Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1714 waren die Spanischen Nieder-
lande Kriegsschauplatz mit britischen, niederländischen und französischen Be-
setzungen, bis der Friede von Utrecht (1713) und Rastatt (1714) die Souverä-
nität über die Spanischen Niederlande auf Österreich übertrug. Wie vorher
Spanien, so war auch Österreich durch einen Generalgouverneur in Brüssel
vertreten, der sich weitgehend aus den inneren Angelegenheiten des Landes
heraushielt; man achtete die einheimischen Traditionen. Durch die fortdauernde
niederländische Blockade der Scheldemündung war das Land kein Konkurrent
für die großen Seemächte der Zeit, auf der anderen Seite war die langsam ent-
stehende inländische Manufaktur durch Schutzzölle gegen ausländische Konkur-
renz gesichert. Kriegswirren gab es nicht, sodass das Land unter den österrei-
chischen Herrschern Karl II. und Maria Theresia eine glückliche und wohlha-
bende Zeit erlebte.
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Die österreichische Zeit war auch die Periode, in der das Französische in
den Österreichischen Niederlanden seinen eigentlichen Durchbruch erlebte.
Französisch war die Sprache, in der man mit Wien verkehrte, Französisch war
die Sprache der Zentralverwaltung, die Verlautbarungen waren in Französisch
abgefasst, und das Niederländische war, wenn es überhaupt schriftlich verwendet
wurde, nur noch eine Übersetzungssprache für die Leute, die kein Französisch
verstanden. Die Hauptstadt Brüssel, die ja eigentlich zum niederländischspra-
chigen Brabant gehört, wurde immer französischer, und um 1790 sprachen
schon ein Fünftel oder ein Sechstel seiner Bewohner auch im Alltag franzö-
sisch. Das Deutsche spielte keine Rolle, denn die hohe österreichische Diplo-
matie bediente sich – wie übrigens auch die Kaiserin Maria Theresia selbst –
fast ausschließlich des Französischen.
Als Maria Theresias im Geist der Aufklärung aufgewachsener Sohn Joseph
II. ab 1781 Reformen durchführen wollte, die den religiösen Traditionen und der
inneren Selbstverwaltung entgegenliefen, war der Widerstand vorprogrammiert.
Auf völliges Unverständnis im katholisch-traditionellen und eigenständigkeits-
bewussten Land stießen die Aufhebung unnötiger Klöster, die Konzentrierung
der Priesterausbildung auf zwei staatliche Priesterseminare in Lüttich und Lu-
xemburg, die Abschaffung der jahrhundertealten Gilden, die Reorganisation des
Finanzwesens zugunsten zentraler Regelungen, die Neueinteilung in neun Dis-
trikte, cercles, mit je einem dem Regierungsrat in Brüssel verantwortlichen In-
tendant. Aus der Vereinigung konservativer und nationalreformerischer Oppo-
sitioneller formierte sich ein ziviler und militärischer Widerstand, die révolu-
tion brabançonne, der es gelang, die österreichischen Truppen nach Luxem-
burg zurückzudrängen und in Brüssel am 11. Januar 1790 die États belgiques
unis zu gründen. Die Uneinigkeiten in der Regierung führten bald zu einer
Anarchie, die es den Österreichern erlaubte, am 2. Dezember 1790 in Brüssel
einzumarschieren, und Leopold II., der Nachfolger Josephs II., setzte dessen
radikale Reformmaßnahmen nicht fort.

8 Die französische Besatzungszeit

Äußere Ereignisse brachten jedoch in kürzester Zeit die Epoche der Österrei-
chischen Niederlande zu einem definitiven Ende. Im November 1792 besetzten
Truppen der französischen Revolution das Land, und nach einer kurzen öster-
reichischen Rückeroberung im März 1793 konnte Frankreich durch den Sieg
bei Fleurus am 26. Juni 1794 den Besitz des Landes sichern, der völkerrechtlich
durch den Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801 abgesichert wurde: Belgien
und Luxemburg waren wie das gesamte linksrheinische Gebiet Deutschlands
Teil Frankreichs und wurden wie Frankreich behandelt – Geldentwertung, anti-
religiöse Bestimmungen, Steuerzentralisierung, Einbeziehung in nationale fran-
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Sprachnationalismus in Belgien 247

zösische Maßnahmen, all das war weit schlimmer als die Vorgehensweise von
Joseph II. und erregte auch 1798 einen allerdings erfolglosen Bauernaufstand.
Die wichtigste Maßnahme war allerdings die Einführung des Französischen
als einziger Sprache der Öffentlichkeit. Wenn im schriftlichen Gebrauch über-
haupt das Niederländische auftauchte, dann als Übersetzungssprache, um fran-
zösische Texte für die Leute ohne Französischkenntnisse verständlich zu ma-
chen. Das Schulwesen, das in der spanischen und österreichischen Zeit maß-
geblich von den Kirchen getragen worden war, machte aus Mangel an Lehrern
keinen Fortschritt. Beamte, besonders höhere Beamte, kamen aus Frankreich,
konnten jedoch mit den lokalen Verhältnissen kaum zurechtkommen. Die stän-
digen Rekrutierungen für die französischen Truppen, die ja kaum eine Frie-
densperiode kannten, führten dazu, dass weder die Bauern noch die Handwerker
je über genügend Personal verfügten, und die zahlreichen Toten und Verwun-
deten brachten in einer Zeit, die noch kaum eine Hinterbliebenenversorgung
oder eine berufliche Eingliederung von Invaliden kannte, großes Leid über die
Bevölkerung.

9 Die Zugehörigkeit zu den Niederlanden

Die Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht von Leipzig (16. bis 19. Okto-
ber 1813) bildete den Auftakt zur völligen Neugestaltung Europas, die auf dem
Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 unter den Groß-
mächten Großbritannien, Preußen, Russland, Österreich und Frankreich ausge-
handelt wurde. Der hunderttägige Versuch Napoleons, die Macht zurückzuero-
bern, endete bekanntlich am 18. Juni 1815 in der Schlacht von Waterloo. Für
die Ergebnisse des Wiener Kongresses blieb diese Episode folgenlos, abge-
sehen davon, dass an der Nordwestgrenze Frankreichs einige kleine Korrektu-
ren durchgeführt wurden: Landau fiel an die Pfalz, Saarbrücken, Saarlouis und
Merzig an Preußen.
Im Bereich der Niederlande versuchte der Wiener Kongress eine Neurege-
lung: In Anknüpfung an die Verhältnisse in der ersten Hälfte des 16. Jahrhun-
derts fasste man das Gebiet der alten Republik der Vereinigten Niederlande und
die habsburgischen Niederlande einschließlich Luxemburgs zu einem neuen
Königreich der Niederlande, in das das Bistum Lüttich und einige kleinere
kirchliche Territorien eingefügt wurden. Den Grundprinzipien des Wiener Kon-
gresses wurde damit entsprochen:
1) Herstellung der Legitimität, wie sie vor der Revolution bestanden hatte: Wil-
helm I. war der Sohn des letzten Stadhouders der Republik;
2) Kompensation von Gebietsverlusten durch Gebietsaustausche: Österreich er-
hielt für seinen Anteil an den Niederlanden die Lombardei, Preußen bekam für
die ehemaligen Gebiete links der Maas die oranischen Gebiete im Siegerland,
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kleine Gebiete östlich von Mosel und Sauer sowie Eupen, Malmedy und St.
Vith;
3) Gleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten wurde erzielt durch
Etablierung eines relativ großen, aber machtlosen Landes, was das Vordringen
von England, Preußen und Frankreich in die Territorien an der Nordsee ein-
dämmte.
Das großniederländische Reich kam aber 250 Jahre zu spät, denn die völlig
unterschiedliche Entwicklung hatte die beiden Landesteile auseinanderdividiert:
Der Norden hatte sich zu einem im Kern calvinistischen und antikatholischen,
aber auch aufgeklärten und selbstbewussten Land entwickelt, das in der wirt-
schaftlichen Hochblüte des 17. und 18. Jahrhunderts besondere kulturelle Züge
herausgebildet hatte, die ein vertrauensvolles Miteinander mit Menschen anderer
Prägung erschwerten; der Süden hatte keine Aufklärung und kein Nebeneinan-
der verschiedener religiöser Überzeugungen erlebt und hing einem intoleranten,
traditionalistischen Katholizismus an, dem Neuerungen und alle fremden Ge-
bräuche verdächtig waren. Der Norden hatte seit dem Anfang des 17. Jahrhun-
derts eine funktionierende Literatur- und Amtssprache hervorgebracht, die das
respektheischende Französische mehr und mehr an den Rand drängte; im Süden
gab es gar keine Standardisierung des Niederländischen, alles spielte sich auf
der Ebene der Nähesprache ab und hatte den Beigeschmack des Regionalen
und Ungehobelten, weil die Distanzsprache eindeutig das Französische war, zu
dem man automatisch überging, wenn man sich jenseits des Familien- und
Freundeskreises Gehör verschaffen wollte. Die Jahre der Franzosenherrschaft
zwischen 1795 und 1813 hatten auf den Norden dieselben Einflüsse gehabt wie
beispielsweise auf den linksrheinischen Teil von Deutschland, also eine ober-
flächliche Französisierung ohne Tiefgang bei grundsätzlichem Weiterbestehen
der alten niederländischen bzw. deutschen Kommunikationsstrukturen, während
im Süden die französische Prägung der Öffentlichkeit stark zunahm, zumal
viele gebürtige Franzosen ins Land kamen und Wallonen sich wichtige Stellun-
gen aneigneten.
Die fünfzehn großniederländischen Jahre zwischen 1815 und 1830 waren
von Ungeschicklichkeiten geprägt, die Wilhelm I. im Süden beging. Die meisten
höheren Beamten wurden aus dem Norden rekrutiert und hatten wenig Ver-
ständnis für den Süden. Sie mussten neben Frankophonen, die auf ihren Posten
blieben, aber kaum noch Aufstiegschancen hatten, arbeiten, und die Verständi-
gungssprache war natürlich Französisch, das die Angehörigen der besseren
Kreise aus dem Norden beherrschten. Maßnahmen zur Förderung des Nieder-
ländischen, wie beispielsweise ein Gesetz von 1819, das von 1823 an überall in
Flandern das Niederländische und nicht mehr das Französische als Verwal-
tungssprache vorschrieb, waren zum Misserfolg verdammt, weil die Frankopho-
nen mit lokaler Berufspraxis die Sprache nicht konnten, die wenigen Flamen
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Sprachnationalismus in Belgien 249

sich nicht wirklich mit der regulierten Schriftsprache des Nordens auskannten
und die Niederländer aus dem Norden keine regionale Erfahrung hatten.
Wilhelm I. entfremdete sich also die Frankophonen, die seine antikatholische
Politik hätten unterstützen können, und er vergrätzte die traditionellen klerikalen
Kreise, weil sie in der Bevorzugung der protestantischen Beamten aus dem
Norden einen Angriff auf den Katholizismus sahen.
Überall in den alten österreichischen Niederlanden stieß die Steuerpolitik
der Holländer auf Ablehnung. Die napoleonischen Kriege hatten eine derartige
Staatsverschuldung verursacht, dass der Staat auf Steuereinnahmen angewiesen
war, und beispielsweise die Bier- und Weinsteuer traf die Lebensgewohnheiten
im Süden weit mehr als den calvinistischen Lebensstil des Nordens. Positiv war
es allerdings, dass die Steuern auch ins Unterrichtswesen flossen. Überall wur-
den Volksschulen eingerichtet, um den Analphabetismus zu bekämpfen, und in
Flandern, Brabant und Limburg war genauso wie im Norden das Niederländi-
sche Unterrichtssprache. In Wallonien blieb man natürlich beim Französischen,
und im östlichen Luxemburg wurde in Deutsch unterrichtet. Es gab Lehrer-
seminare, eine völlig neue Einrichtung, und neben die kirchlichen Gymnasien
traten Staatsathenäen. In Gent und Lüttich wurden neue staatliche Universitäten
gegründet, in beiden Fällen mit französischer Unterrichtssprache, und die von
den Franzosen geschlossene katholische Universität Löwen wurde wieder er-
öffnet, auch mit französischer Unterrichtssprache.
Wirtschaftlich ging es den Niederlanden unter Wilhelm I. gut, und die Auf-
hebung der Scheldeblockade brachte Antwerpen in den Kreis der Seehandels-
städte zurück. Der maritime Verkehr mit den niederländischen Kolonien begann
eine Vorliebe für das leichter erreichbare Antwerpen zu entwickeln, und der
Anfang der Industrialisierung (Tuchindustrie in Flandern, Eisen und Stahl in
Wallonien) fällt ebenfalls in diese Zeit.

10 Die Belgische Revolution von 1830

Die Abneigung der tonangebenden Kreise im Süden, also der liberalen Bour-
geoisie einerseits und des konservativen Klerus andererseits, gegen die Ver-
hollandsing nahm immer heftigere Formen an, und im Gefolge der französi-
schen Julirevolution von 1830 brachen in Brüssel am Abend des 25. August
nach Aufführung der eine Revolution von 1647 in Neapel thematisierenden
Grande Opéra La muette de Portici von Daniel Auber bürgerliche Unruhen aus,
die schnell auf die anderen Städte übergriffen und durch das völlig überraschte
Militär nicht mehr zurückgedrängt werden konnten. Anfang Oktober waren
ganz Wallonien, Brüssel, Brabant, Flandern, Limburg und Luxemburg in den
Händen der Aufständischen, nur die Festungen Antwerpen, Maastricht und
Luxemburg waren noch von niederländischen Truppen besetzt. Die
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provisorische Regierung Belgiens – das war jetzt der neue Name – rief am 4.
Oktober 1830 die Unabhängigkeit des Landes aus.
Damit war das auf dem Wiener Kongress so mühsam ausgehandelte Gleich-
gewicht gestört, und im November 1830 versammelten sich die Großmächte in
London, um die belgische Frage zu erörtern und zu lösen. In zähem Ringen
einigte man sich 1831 auf die Anerkennung der Unabhängigkeit und auf die
Einsetzung des Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg als König, aber es dauerte
noch bis 1838, bis man Wilhelm I. zur Akzeptierung der neuen Lage brachte.
Im Londoner Vertrag vom 19. April 1839 wurde die Unabhängigkeit Belgiens
von allen europäischen Mächten anerkannt, wobei die Teilung Luxemburgs
und Limburgs festgelegt wurde: Der Osten blieb niederländisch und Teil des
Deutschen Bundes, der Westen blieb bei Belgien.

11 Politik des unabhängigen Belgiens

Im neuen Belgien wurde eine Politik verfolgt, die dem autoritären Stil von
Wilhelm I. in jeder Hinsicht entgegengesetzt war. Der Geist des Liberalismus
lenkte alle Maßnahmen: Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit,
Niederlassungsfreiheit und Handelsfreiheit wurden zur Staatsdoktrin, das Land
verfolgte einen strengen Neutralitätskurs, und politisch Verfolgte aus ganz Eu-
ropa fanden in Brüssel eine sichere Zuflucht. Damit waren die Forderungen
erfüllt, die bei allen revolutionären Bewegungen Europas im 19. Jahrhundert
im Zentrum standen, aber es gab auch eine dunkle Seite: Diese Forderungen
waren Forderungen der wohlhabenden Bourgeoise, aber die benachteiligteren
Schichten der Bevölkerung wurden total übersehen. Das Wahlrecht war zensitär,
Schulen und andere Bildungseinrichtingen wurden staatlich nicht gefördert, die
Infrastruktur wurde sich selbst überlassen, soziale Fürsorge gab es nicht bzw.
sie wurde bereitwillig der katholischen Kirche überlassen, mit der man sonst
nichts zu tun haben wollte.
Sprachlich bedeutete die neue liberté belgique eine de-facto-Rückkehr zum
Französischen als einziger Landessprache, denn die niederländische Sprache
der Bauern und Handwerker wurde von der Bourgeoisie verachtet. Die Univer-
sitäten waren von jeher französisch, als Gymnasialsprache setzte es sich jetzt
auch durch, sodass das Niederländische nur noch in der Grundschule einen
Platz hatte. Die 1834 in Brüssel gegründete Freimaureruniversität war selbst-
verständlich französisch, sogar antiflämisch. Es kam für die Landessprachen zu
einer soziologischen Trennung zwischen Französisch als high variety und Nie-
derländisch als low variety. Wer sozial aufsteigen wollte, musste einen Sprach-
wechsel vornehmen, und das passierte besonders in den Städten Brügge, Gent,
Antwerpen, Mechelen und vor allem in Brüssel. 1830 sprachen in Brüssel noch

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etwa 30 % der Einwohner Französisch, 1910 schon 48 %, 1947, im Jahr der


letzten Spracherhebung, 70 %; heute sind es wohl um die 90 %.

12 Die Anfänge der flämischen Bewegung

Erst der Geist der Romantik mit seinem Rückgriff auf volkstümliche Tradition
und nationale Eigentümlichkeit brachte flämische Intellektuelle dazu, für die
niederländische Sprache einzutreten. Hier sind besonders zwei Schriftsteller zu
nennen, Jan Frans Willems (1793–1846), der seinen Zeitgenossen mittelalter-
liche Lieder und den mittelniederländischen Reineke Fuchs näher brachte, und
Hendrik Conscience (1812–1883), dessen Roman über den Löwen von Flandern
Weltruf errang. Auch aus dem Ausland fehlte der Zuspruch nicht: Hoffmann
von Fallersleben sammelte in seinen zwölfbändigen Horae Belgicae mittelal-
terliche Volkslieder und machte dergestalt deutlich, dass es eine alte Tradition
gibt, an die es anzuknüpfen galt.
Eine flämische Bewegung hatte zunächst damit zu kämpfen, dass man in ihr
eine Anknüpfung an die überwundene großniederländische Zeit sah. In dieser
Sichtweise war das Französische die Zukunftsperspektive des neuen Belgiens
und das Niederländische ein Relikt der überwundenen Vergangenheit, das es
möglichst bald durch Steigerung der Volksbildung auszumerzen galt. In der
Verfassung war die Freiheit der Sprachenwahl garantiert, aber gemeint war die
persönliche Freiheit, nicht etwa die Möglichkeit, diese Sprache immer und
überall zu verwenden. Die flämische Bewegung musste also nicht an der Front
der individuellen Sprachwahlmöglichkeit kämpfen, die es ja jedem Bürger frei-
stellte, sich für, aber auch gegen das Niederländische zu entscheiden, sondern
es ging um die Freiheit der Sprachgruppe, die erst dann erreicht ist, wenn man
im eigenen Sprachraum niemals auf eine andere Sprache zurückgreifen muss.
Um was es hier ging, ist avant la lettre das, was die katalanischen Soziolinguis-
ten als normalització, also als Normalisierung, verstehen. Ich zitiere dazu die
Definition aus dem Diccionari de la Llengua Catalana: „Die sprachliche Nor-
malisierung ist ein soziokultureller Prozess, durch den eine sprachliche Ge-
meinschaft einen Tätigkeitsplan auf den Weg bringt, der darauf gerichtet ist, zu
verhindern, dass ihre Sprache im Kontakt mit einer anderen zur einer fort-
schreitenden funktionalen Beschränkung und zu einer formalen Reduktion
sowie eventuell zur Verdrängung durch diese zweite Sprache gebracht werde“.
Die flämische Bewegung war von Anfang an ein Normalisierungsvorgang des
Niederländischen gegenüber dem Französischen: Das Ziel war, dass das Nieder-
ländische alle Aspekte des öffentlichen Lebens erfassen konnte und dass in den
Landesteilen, wo das Niederländische Volkssprache ist, das Französische keine
Funktion mehr haben dürfe. Für Personen, die in diesen Landesteilen leben, be-
deutete das, dass sie von der Geburt bis zum Tode keine andere Sprache nötig
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haben, dass also beispielsweise das Ausbildungssystem vom Kindergarten bis


zur Universität in der eigenen Sprache funktionierte.
In der katalanischen Soziolinguistik setzt eine Normalisierung voraus, dass
die zugrundeliegende Sprache eine allgemein akzeptierte Norm haben muss. In
der katalanischen Terminologie heißt das normativització lingüística, nach dem
Diccionari: „Prozess der Erarbeitung und Festlegung orthographischer, gram-
matikalischer und lexikalischer Normen für eine Sprache oder eine sprachliche
Varietät“. Die Normalisierung des Niederländischen in Nordbelgien setzte also
voraus, dass es zuvor eine Diskussion um die Normativisierung gegeben haben
musste, die mit einem allgemein akzeptierten Konsens abgeschlossen wurde.
Genau das fand in Belgien zwischen 1830 und 1850 statt, mit letzten Rück-
zugsgefechten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Nach 1830 gab es in Nordbelgien zwei Richtungen, die sogenannten Parti-
cularisten, die die Freiheit Belgiens vom nördlichen Nachbarn auch in der
sprachlichen Abscheidung sehen wollten, und die sogenannten Integrationisten,
die das Heil für die Sprache – und Erfolgsaussicht im Kampf mit dem Franzö-
sischen – nur in einer Spracheinheit mit den Niederländern sehen konnten. Der
führende Kopf der Particularisten war Pieter Behaegel (1783–1857), der den
Anschluss der belgischen Schriftsprache an die Mundarten Flanderns und Bra-
bants befürwortete und beispielsweise die traditionelle Schreibung des langen a
mit ae statt mit aa verteidigte. An der Spitze der Integrationisten stand Jan Frans
Willems, der die Orthographie des Niederländischen aus dem Norden überneh-
men wollte und in gemeinsamen Kongressen den zukünftigen Sprachkurs fest-
zulegen trachtete. Im Grunde besiegelte der Niederlandisten-Kongress von 1849
in Gent den Sieg der Integrationisten: Die Sprache des nördlichen Belgiens be-
hielt den Namen Nederlands, wiewohl umgangssprachlich Vlaams üblicher war
und ist, das belgische Niederländisch, sprachwissenschaftlich Zuidnederlands
genannt, unterscheidet sich in meist lexikalischen Kleinigkeiten vom Nieder-
ländischen der Niederlande, also vom Noordnederlands, etwa so, wie sich das
bundesrepublikanische Deutsch vom österreichischen Deutsch unterscheidet.
Ein letzter Ausläufer der belgischen Normativisierungs-Diskussion ist der ver-
spätete Versuch, ein von holländischen Elementen befreites, Anschluss an mit-
telalterliche Sprachdokumente nehmendes und puristische Neologismen aufwei-
sendes Westflämisch zur neuen Norm zu erheben. Kaum jemand außerhalb
der Region hätte auf diese katholisch inspirierte partikularistische Bewegung
reagiert, wenn sich nicht Guido Gezelle (1830–1899), der größte Lyriker jener
Zeit, an ihre Spitze gestellt hätte. Die sprachlich-kulturelle Entwicklung hatte
derartige Sonderentwicklungen jedoch längst überholt. Das Gegensatzpaar war
von der Mitte des 19. Jahrhunderts an eindeutig das Französische, das seine
privilegierte Position zu bewahren trachtete, und das Niederländische, das in
einem Normalisierungsprozess die Gleichberechtigung mit dem Französischen
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Sprachnationalismus in Belgien 253

zu erkämpfen suchte. Beide belgische Sprachen sind Anhängsel von Sprachen,


deren eigentliches Zentrum im Ausland liegt, nämlich in der Randstad, also im
Städteviereck Amsterdam, Den Haag, Rotterdam und Utrecht, einerseits und im
Raum Paris andererseits, und in beiden Fällen spielt die Ausrichtung auf die
ausländischen Vorbilder oder die Abgrenzung davon eine wichtige Rolle in der
innerbelgischen Diskussion: Das Minderwertigkeitsgefühl der Flamen gegen-
über den Frankophonen hängt auch damit zusammen, dass man sich als kleine
Gemeinschaft einer Weltsprache gegenübersieht.

13 Auf dem Weg zur Gleichberechtigung des Niederländischen

Die belgische Innenpolitik ist von Anfang an von der Frage dominiert, welche
Position die beiden Sprachen einnehmen sollten. 1830 war Belgien ein Staat,
der zur Frankophonie zurückgefunden hatte und der dem Niederländischen als
Relikt der vorherigen Fremdherrschaft gegenüber negativ eingestellt war. Es
dauerte mehr als eine Generation, bis sprachpolitische Maßnahmen zur Förde-
rung des Niederländischen durchgesetzt werden konnten: 1856 wurde eine Kom-
mission eingesetzt, die Beschwerden gegen berufliche Zurücksetzungen aus
sprachlichen Gründen besprechen sollte (Grievencommissie), aber ihr Vorschlag,
im Flamenland die Zweisprachigkeit einzuführen, wurde im Parlament zurück-
gewiesen. 1873 wurde das Niederländische vor Gericht zugelassen, u. a. des-
wegen, weil es zu Fehlurteilen gekommen war, weil Angeklagte nicht genug
Französisch verstanden. In Gemeinden musste das Niederländische nur berück-
sichtigt werden, wenn nachgewiesen werden konnte, dass die Mehrzahl der
Bevölkerung kein Französisch verstand. Ab 1888 mussten Offiziere beide Spra-
chen beherrschen, was aber in der Praxis wenig Auswirkungen hatte, weil die
Kommandosprache französisch blieb. Erst 1898 wurde die Gleichberechtigung
von Niederländisch und Französisch anerkannt, und erst von da an mussten alle
Gesetze in beiden Sprachen veröffentlicht werden. In der alltäglichen Wirk-
lichkeit hatte das zunächst wenig Auswirkungen, denn beide Sprachen standen
nebeneinander, und es gab keine Bestimmungen, die die Beamten, die umso
französischsprachiger waren, je höher ihr Rang war, zum Erlernen des Nieder-
ländischen hätten verpflichten können.
Im Schulwesen, das nach 1830 anders als in der niederländischen Epoche
nicht mehr vom Staat gefördert wurde, war das Französische zur einzigen
Sprache der höheren Bildung geworden; erst 1883 wurde das Niederländische
als fakultatives Fach eingeführt, und erst ab 1910 konnten einige – längst nicht
alle – Fächer im Gymnasium auf Niederländisch gegeben werden. Im Bildungs-
wesen spielten die konfessionellen Schulen eine wichtige Rolle. Die katholi-
sche Kirche setzte auf das Französische als Mittel zur Bewahrung der Einheit

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Belgiens, das als katholisches Bollwerk zwischen dem laizistischen Frankreich


und den kalvinistischen Niederlanden gesehen wurde.
Der deutsche Überfall auf Belgien am 3. August 1914, der bis Oktober zur
vollständigen Besetzung des Landes mit Ausnahme des Küstenstädtchens De
Panne führte, hatte als Resultat, dass von außen in den Sprachenkonflikt einge-
griffen wurde: Die deutsche Politik wollte die „stammverwandten“ Flamen zur
Kollaboration verleiten und die französische Prägung zurückdrängen. Der Ge-
neralgouverneur Moritz von Bissing verfolgte eine dezidiert antifranzösische
„Flamenpolitik“. 1916 wurde das Französische völlig aus der Verwaltung des
niederländischsprachigen Landesteils zurückgedrängt, am 21. Oktober 1916
wurde das Niederländische als einzige Unterrichtssprache an der Universität
Gent eingeführt, und am 21. März 1917 wurde Belgien unter Verdoppelung der
Ministerien in zwei Sprachgebiete geteilt, wobei die Verwaltung für den nie-
derländischsprachigen Norden in Brüssel blieb und die Behörden für den fran-
zösischsprachigen Süden nach Namur verlegt wurden.
Die deutsche Besatzungsmacht gewann durch diese Maßnahmen gegen ihre
Erwartung keine Sympathien auf flämischer Seite. Außer bei einer kleinen
Gruppe von Kollaborateuren, den sogenannten activisten, war die Ablehnung
der von den deutschen Besatzern initiierten Maßnahmen allgemein. Kardinal
Mercier verfasste mehrere Hirtenbriefe, die die Kollaboration verurteilten, und
am 11. Februar 1918 gab es in Brüssel eine Massendemonstration, um gegen
die Zersplitterung Belgiens in die Sprachgebiete zu demonstrieren. Am 7. April
1918 wurden kaiserlicher Bezirksgerichte, die praktisch die Aufhebung der
eigenen belgischen Gerichtsbarkeit zur Folge hatten, eingerichtet, und die Ein-
führung der „Sippenhaft“, also des Prinzips, dass Verwandte für Taten eines
einzelnen Familienmitgliedes zur Verantwortung gezogen werden konnten,
untergrub das Vertrauen in die Justiz.
Die unter deutschem Druck erfolgte Durchsetzung flämischer Forderungen
wie der Anerkennung des Niederländischen als einziger Sprache des Nordens
oder der politischen Regionalisierung des Landes bedeutete de facto nur einen
Pyrrhussieg, denn nach der deutschen Niederlage Anfang November 1918 hob
Belgien alle während der Besatzungszeit getroffenen Maßnahmen auf, und die
vorherigen Maßnahmen wie die Einführung des Niederländischen an der Uni-
versität Gent oder die Dezentralisierung der Verwaltung waren jetzt mit dem
Stigma belastet, antibelgisch zu sein und nur im Auftrag der verhassten Besat-
zer durchgeführt worden zu sein. Die Verfolgung der activisten bewirkte einen
personellen Aderlass bei den Verfechtern der flämischen Interessen: Sie wurden
zu Haftstrafen verurteilt, verloren ihre bürgerlichen Ehrenrechte oder mussten
emigrieren. Das siegreiche Belgien stärkte seine sowieso schon engen Bezie-
hungen zu Frankreich, bemühte sich über die Alliance française um die Heraus-

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Sprachnationalismus in Belgien 255

stellung der Zugehörigkeit zum frankophonen Kulturkreis und nahm an der


Besetzung des Rheinlandes – nördlich der Linie Aachen–Düsseldorf – teil.
Belgien gehörte auch zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, die
einen territorialen Gewinn für sich verbuchen konnten: Im Artikel 34 des Ver-
sailler Vertrages wurden die Kreise Eupen und Malmédy mit Wirkung zum 10.
Januar 1920 Belgien zugesprochen; das wurde am 20. September 1920 vom
Völkerbund bestätigt. Damit erhält Belgien ein neues Sprachgebiet, die deut-
sche Gemeinschaft, denn während Malmédy und Waimes französischsprachige
Gemeinden mit einer ein Drittel der etwa zehntausend Einwohner umfassenden
deutschsprachigen Minderheit sind, ist der Rest des Gebietes mit rund fünfzig-
tausend Einwohnern praktisch rein deutschsprachig. Belgien ging mit seinen
Neubürgern einfühlsam um: Es wurde zunächst ein Gouvernement eingerichtet,
das den Übergang regelte. Die Umorientierung der Wirtschaft auf ein neues
Absatzgebiet wurde erleichtert, die Einführung des Franc ersparte den Gemein-
den die wirtschaftliche Erschütterung durch die deutsche Inflation, die belgi-
schen Gesetze wurden schrittweise eingeführt, die Gerichtssprache vor den
Kantonsgerichten blieb deutsch, die Beamten wurden in ihren Stellungen be-
lassen, im kirchlichen Bereich erfolgte eine Loslösung vom Erzbistum Köln zu-
gunsten von Lüttich, das einen Generalvikar ernannte, die Schulsprache blieb
für die Unterstufe deutsch, das Fach Französisch wurde jedoch von Anfang an
unterrichtet; das Gymnasium von Eupen und seit 1926 von St. Vith wurde aller-
dings rein französisch geführt.
Am 4. Oktober 1925 wurde das Gouvernement aufgehoben, und man schlug
die deutschen Gemeinden der Provinz Lüttich zu, allerdings unter Beibehaltung
der Sprachbestimmungen. In Verviers und Arlon wurden sogar deutsche Abtei-
lungen der Lehrerseminare eingerichtet, und ab 1935 existierte eine deutschspra-
chige Armee-Einheit. Obwohl die auf Deutschland ausgerichtete Christliche
Volkspartei ab 1929 die Mehrzahl der Stimmen gewann und nach 1933 immer
stärker unter den Einfluss der deutschen Nationalsozialisten geriet, muss man
sagen, dass die meisten belgischen Neubürger mit ihrem Schicksal nicht hader-
ten und dass es die deutlichen Unmutsbewegungen, die in dieser Zeit andere
von Deutschland oder Österreich abgetrennte Gebiete wie das Elsass, Ober-
schlesien, das Sudetenland oder Südtirol charakterisierten, nicht gab.
Zurück zu den Ereignissen im Mit-, Neben- und Gegeneinander der Flamen
und der Wallonen im belgischen Kerngebiet! Am 19. Februar 1921 wurde das
bis dahin gültige Zensuswahlrecht durch ein allgemeines gleiches Wahlrecht
(nur für Männer; Frauen erhielten das Wahlrecht erst 1948) abgelöst, was die
bisher benachteiligten Niederländischsprachigen stärker ins politische Leben
integrierte, als es bis dahin der Fall gewesen war, denn von den 7.465.782
Belgiern bewohnten 3.763.000 den flämischen und 2.836.000 den wallonischen

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Landesteil, 806.000 entfielen auf Brüssel; die Analphabetenquote unter den


Flamen betrug 30 %, unter den Wallonen nur 20 %.
Seit 1914 gibt es in Belgien eine Unterrichtspflicht, keine Schulpflicht: Die
Schüler mussten unterrichtet werden, ob in einer staatlichen, in einer katholi-
schen oder in einer freidenkerischen Schule, oder aber im Hausunterricht, und
es war nicht festgelegt, in welcher Sprache der Unterricht erfolgte. Dass die
Auswirkungen dieser Regelung 1921 noch nicht bemerkbar waren, liegt auf der
Hand, sodass bei den Frankophonen diejenigen, die eine Schulbildung hatten,
stärker vertreten waren als bei den Flamen. Im Schulwesen standen die Forde-
rung der Frankophonen, dass das Familienoberhaupt darüber entscheiden sollte,
in welcher Sprache die Kinder unterrichtet werden sollten (liberté du père de
famille), und der Anspruch der Flamen auf ein striktes Territorialprinzip, also
im flämischen Landesteil nur niederländische und keine französischen Schulen
(baas in eigen huis), einander gegenüber. Die frankophone Forderung war, wenn
man so will, individualistisch, die flämische kollektivistisch, aber man muss
natürlich auch bedenken, dass es viele französische Schulen in Flandern und
keine niederländischen Schulen in Wallonien gab. Die Etablierung eines wirk-
lich zweisprachigen Landes wollte niemand, denn das hätte die Stellung des
Französischen im Norden des Landes perpetuiert und im Süden des Landes
dazu geführt, dass man gegen alle Tradition massiv Niederländisch, das weithin
als unkultivierte Bauernsprache galt, hätte lernen müssen. So wurde am 14. Juli
1932 das lange erwartete Schulgesetz erlassen, das im Wesentlichen den flämi-
schen Forderungen entsprach: Die in der Region übliche Sprache ist prinzipiell
die Unterrichtssprache (streektaal is onderwijstaal). Lediglich für Brüssel und
für flämische Gemeinden mit 30 % Frankophonen wurde der liberté du père de
famille insofern Rechnung getragen, dass dort französische Schulen zugelassen
wurden. Das Gesetz bezog sich nicht nur auf die staatlichen Schulen, sondern
auch auf die vielen Privatschulen, sodass ein Unterlaufen der Gesetze kaum
möglich war. Übergangsbestimmungen wurden erlassen für Kinder in Nordbel-
gien mit französischer Muttersprache, für die Grundschulklassen eingerichtet
werden sollten, in denen sie soviel Niederländisch lernten, dass diese dann dem
Unterricht auf Niederländisch folgen konnten. Schüler, die bereits in franzö-
sischsprachigen Schulen waren, konnten dort ihre Ausbildung beenden, aber es
durften keine neuen Klassen eingerichtet werden (transmutatieclassen/classes
de transmutation).
Die Ersetzung des Französischen durch das Niederländische an der staatli-
chen Universität Gent war das große bildungspolitische Problem der zwanziger
Jahre des 20. Jahrhunderts. Die deutsche Maßnahme der Niederlandisierung
von 1916 war mit dem Ende des Weltkrieges wieder rückgängig gemacht wor-
den, aber schon am 22. November 1918 hatte König Albert in seiner Thronrede
erklärt, dass ein Universitätsunterricht auf Niederländisch möglich sein müsse.
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Sprachnationalismus in Belgien 257

Ein Kompromissvorschlag von 1923, der die Zweiteilung der Universität Gent
vorsah, wobei ein Zweisprachigkeitskonzept – zwei Drittel in der Mutterspra-
che, ein Drittel in der jeweiligen Fremdsprache – zugrunde lag, begeisterte
niemanden: Die flämische Forderung nach der radikalen Abschaffung franzö-
sischsprachiger Unterrichtsveranstaltungen im flämischen Gebiet wurde nicht
erfüllt, andererseits sahen die Frankophonen in der Verpflichtung zum bis dahin
ja nicht zum Bildungskanon gehörigen Niederländischen einen Schlag gegen
die culture française. Der Druck der flämischen Politiker wurde aber immer
stärker und drohte, das politische Gleichgewicht zu zerstören. Am 5. März
1930 beschloss das Parlament mit 127 gegen 24 Stimmen bei 7 Enthaltungen,
dass das Niederländische nach einer kurzen Übergangszeit die einzige Sprache
an der Universität Gent sein sollte.
Am 28. Juni 1932 wurde das Gesetz zum Sprachgebrauch in der Verwal-
tung erlassen, das bestimmte, dass die beiden Sprachgebiete streng einsprachig
verwaltet werden sollten. Nur Brüssel und Gemeinden mit mindestens 30 %
anderssprachiger Bevölkerung sollten zweisprachig verwaltet werden. Die Zen-
tralverwaltung wurde je in eine französische und eine niederländische Abteilung
geteilt, wobei jedem höheren Beamten ein anderssprachiger Sprachassistent zu-
geteilt wurde. Am 15. Juni 1935 erreichten die Sprachenregelungen auch das
Gerichtswesen: Im Norden des Landes durfte nur noch das Niederländische als
Verhandlungssprache eingesetzt werden, und alle Anwälte, die dort tätig wer-
den wollten, mussten ihre Sprachkenntnis vor einer aus zwei Rechts- und zwei
Sprachprofessoren bestehenden Jury unter Beweis stellen. In Brüssel wurde zu-
mindest die Kenntnis der jeweils zweiten Landessprache erwartet. Schließlich
wurde am 30. Juli 1938 ein Gesetz über den Gebrauch der beiden Landesspra-
chen beim Militär verabschiedet.
Mitte der dreißiger Jahre waren somit alle Bestimmungen getroffen, die
Belgien zu einem Staat mit zwei gleichberechtigten, in sich einsprachigen Re-
gionen mit einer zweisprachigen Hauptstadt machen sollten. Freilich standen
diese Bestimmungen zunächst einmal nur auf dem Papier. Ein Pferdefuß an
dieser im Prinzip das Sprachterritorium und nicht die individuelle Freiheit der
Sprachenwahl in den Vordergrund stellenden Regelung war die Zweisprachig-
keit der Hauptstadt und die Ausnahmebestimmung, die flämische Gemeinden
mit mindestens 30 % Frankophonen de facto zu zweisprachigen Gemeinden
machte. Eine niederländischsprachige Intellektuellenschicht war in den dreißi-
ger Jahren erst im Entstehen begriffen, und das alte Vorurteil, dass gesellschaft-
licher Aufstieg mit einem Wechsel zum Französischen verbunden sein musste,
war noch sehr lebendig. Noch war Belgien im Wesentlichen ein frankophones
Land mit allerdings zunehmenden Rücksichten auf seine niederländischsprachi-
gen Bürger. Der Zentralismus, der die meisten wichtigen Entscheidungen nach
Brüssel verlagerte, sorgte dafür, dass die meisten einflussreichen Persönlichkei-
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ten französischer Muttersprache waren, und der Wille, die Sprachgesetze loyal
zur Ausführung zu bringen, war gelinde gesagt nicht sehr ausgeprägt. Der Hof,
das Episkopat, die Spitzen der Wirtschaft, das Kulturleben und die Wissen-
schaft waren französisch geprägt. Man kann also sagen, dass in der Zeit kurz
vor dem Zweiten Weltkrieg wesentlichen Forderungen der Flamen auf dem
Papier nachgekommen, die Gesellschaft aber noch nicht bereit war, sie mit
Leben zu erfüllen. Im Bewusstsein der Belgier trat Französisch als langue cul-
tivée auf, und die Tatsache, dass es wallonische und pikardische Dialekte gab,
spielte in der Wahrnehmung kaum eine Rolle, während das Niederländische
meist in der Gestalt ländlich geprägter Dialekte erfahren wurde, weil es im All-
tag noch recht ungewöhnlich war, die niederländische Standardsprache zu ge-
brauchen.

14 Die deutsche Besetzung während des


Zweiten Weltkrieges und die Folgen

Mit der innenpolitischen Situation einer juristischen Übertünchung des flä-


misch-französischen Sprachkonflikts wurde Belgien am 10. Mai 1940 durch
den deutschen Überfall in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen. Die militäri-
sche Situation des Landes war aussichtslos, dennoch währte tapferer Wider-
stand bis zum 28. Mai 1940, als König Leopold III. die Kapitulationsurkunde
für die belgischen Truppen unterzeichnete, um danach als Kriegsgefangener auf
Schloss Laken festgesetzt und gegen Ende des Krieges nach Deutschland de-
portiert zu werden. Die Regierung wich jedoch nach London aus und bemühte
sich, von dort aus den Widerstand zu koordinieren.
Die deutsche Besatzungsmacht versuchte, sich für die innere Verwaltung auf
Kollaborateure zu stützen. Auf flämischer Seite war das Staf De Clercq, der seit
Anfang der dreißiger Jahre der Chef des Vlaams Nationaal Verbond war, der
als politisches Programm den Dietse Volksstaat, eine Vereinigung Flämisch-
Belgiens mit den Niederlanden, verfolgte, auf wallonischer Seite handelte es
sich um Léon Degrelle, der mit seiner Christus-Rex-Bewegung die franko-
phonen Kleinbürger vertrat und das parlamentarische System zugunsten eines
Ständestaates abschaffen wollte. Die Deutschen betrieben wie im Ersten Welt-
krieg eine Flamenpolitik, die sich auf Staf De Clercq und nach dessen Tod
1942 auf Hendrik Elias stützte. Eifriger noch war die Rex-Bewegung bei den
Wallonen, wo eine im Rahmen der SS kämpfende légion wallonne gebildet
wurde. Die verschiedenen inneren Strömungen der Bewegungen der Kollabo-
rateure waren sich durchaus uneins, und während in der durch die Besatzer
erdachten Bezeichnung Reichsgau Flandern schon zum Ausdruck kam, dass
die Deutschen auf lange Sicht an eine Art Satellitensystem dachten, gelang es
nicht, in der Bevölkerung Rückhalt zu gewinnen. Zu einer Ausdehnung der
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Sprachnationalismus in Belgien 259

deutschen Wehrpflicht auf Flandern kam es nicht, lediglich die männliche Be-
völkerung von Eupen und Malmédy, die als Deutsche betrachtet wurde, wurde
zwangsrekrutiert.
Nach dem Ende des Krieges wurden 70.000 Kollaborateure wegen incivis-
me verurteilt, und anders als nach dem Ersten Weltkrieg fiel die Schuld nicht
eindeutig auf die Flamen. Die innenpolitischen Probleme, die es zu verarbeiten
galt, absorbierten zunächst alle Aktivitäten – es ging um die wirtschaftliche
Erholung, es ging um die Aufgabe der Neutralität und den Eintritt in die Ver-
einten Nationen 1945, in den Benelux-Verband 1947, in die NATO 1949, in
den Europarat 1949. Die Sprachenproblematik kam bald wieder in den Vorder-
grund, und sie wurde zunächst mit der Königsfrage verknüpft: Leopold III.
wurde von Sozialisten und Liberalen Verrat vorgeworfen, während die katholi-
schen Parteien in der von ihm unterzeichneten Kapitulation eine mutige Tat zur
Rettung des Lebens vieler Belgier sahen. Die Mehrheit der Frankophonen war
für seinen Thronverzicht, die Mehrheit der Niederländischsprachigen für seine
Weiterregierung. In der Abstimmung vom 12. März 1950 waren 57 % für Leo-
polds Königtum, 43 % für seine Abdankung, aber bei genauerem Hinsehen wa-
ren 72 % der Flamen und nur 42 % der Wallonen für den König – ein eindeu-
tiges flämisches Ja und wallonisches Nein. Unruhen brachten den König am 10.
August 1950 dazu, die königliche Würde an seinen Sohn Boudouin zu übertra-
gen. Dass damit die Abstimmung über die Königsfrage mit ihrem flämischen Ja
zu Leopold III. de facto durch wallonische Obstruktion in ihr Gegenteil ver-
kehrt wurde, belastete auf lange Zeit die Beziehungen zwischen beiden Volks-
gruppen.

15 Die Volkszählung 1947 und die Festlegung der Sprachgrenze 1962/1963

Am 31. Mai 1947 gab es die Volkszählung, die eigentlich 1940 hätte stattfinden
müssen; es war die letzte Volkszählung, in der nach dem Sprachgebrauch gefragt
wurde, denn das war längst keine statistische Frage mehr, sondern sie hatte
nennenswerte politische Folgen: Die 30 %-Bestimmung von 1932 wurde zum
ersten Mal an einer neuen Volkszählung festgemacht, und einige bis 1947 nie-
derländischsprachige Gemeinden an der Sprachgrenze und vor allem im Brüs-
seler Umland wurden zweisprachig. Wenn diese Bestimmung auch für Brüssel
gegolten hätte, wäre es zu einer frankophonen Stadt geworden, denn dort gab
es nur noch vier Distrikte mit 30 % Niederländischsprachigen, alle anderen
waren mehr oder weniger rein französischsprachig. Die jungen Familien, die
der Großstadt Brüssel entflohen, um im Umland zu wohnen, verstärkten dort
den frankophonen Bevölkerungsanteil, mit anderen Worten: Der Ölfleck Brüs-
sel begann, die ländlichen Randgemeinden zu französisieren, und die Volks-
zählung von 1947, die gegenüber 1932 einen Rückgang der rein niederländisch-
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sprachigen Gemeinden – bei gleichzeitiger Zunahme des Gesamtanteils der


Niederländischsprachigen auf nationaler Ebene! – mit sich brachte, verlangte
von Seiten der flämischen Politiker neue Maßnahmen.
1950 gab es keine Volkszählung, weil ja 1947 zu nahe war, aber für 1960
wäre wieder eine regelmäßige Volkszählung fällig gewesen. Die flämischen
Volksvertreter widersetzten sich der Sprachenerhebung, die sicherlich zu mehr
zweisprachigen Gemeinden geführt hätte. Zunächst wurde die Volkszählung auf
den 31. Dezember 1962 verschoben, aber die Obstruktion der flämischen Poli-
tiker und besonders der Druck der Straße – zweimal ein Marsch zu den Brüsse-
ler Behörden mit mehr als hunderttausend Teilnehmern, Gegenkundgebungen
der Wallonen – führten dazu, dass ein Gesetzentwurf des Innenministers Arthur
Gilson angenommen wurde, der zur endgültigen Festlegung der Sprachgrenze
führte. Die Annahme erfolgte im Parlament am 15. Februar 1962, der König
unterzeichnete am 8. November 1962. Einige Zusatzbestimmungen zur Gerichts-
sprache streng nach dem Territorialitätsprinzip und zur Unterrichtssprache er-
folgten am 30. Juli und am 9. August 1963.

16 Die Sprachgesetzgebung von 1962/1963

Die neue Gesetzgebung zur territorialen Geltung der Sprachen ist prinzipiell
ganz einfach: Im Norden des Landes ist das Niederländische die einzig zuge-
lassene Sprache, im Süden des Landes das Französische, in den Ostgemeinden
das Deutsche; das Gemeindegebiet Brüssel ist zweisprachig. Der Teufel sitzt
wie immer im Detail, nämlich in den Ausnahmen von der Grundregel der – von
Brüssel abgesehen – strengen Einsprachigkeit: Es wurden für bestimmte Ge-
meinden an der Sprachgrenze sogenannte Spracherleichterungen oder Fazilitä-
ten, niederländisch faciliteiten, französisch facilités, eingerichtet. Am westlichen
Rand der Sprachgrenze wurden im Süden der niederländischsprachigen Provinz
Westflandern zwei mehrheitlich französischsprachige Gemeinden, Comines
(oder Komen) und Mouscron (oder Moeskroen), dem französischen Sprachge-
biet, genauer gesagt der Provinz Hennegau, zugeschlagen, aber der niederlän-
dischsprachigen Bevölkerung wurden Fazilitäten gewährt. Parallel dazu wurde
am östlichen Teil der Sprachgrenze eine an die niederländische Provinz Lim-
burg anschließende Gemeinde, de Voeren oder les Fourons, von der franzö-
sischsprachigen Provinz Lüttich abgetrennt und der niederländischsprachigen
Provinz Belgisch-Limburg zugeschlagen; hier hatten dann Fazilitäten für die
frankophonen Bewohner zu gelten. Die westliche Regelung ging problemlos
über die Bühne, wohl auch, weil der prozentuale Anteil der niederländischspra-
chigen Bevölkerung die 10 %-Marke nicht überschreitet; die östliche Regelung
bleibt bis heute problematisch, weil in einigen kleinen Dörfern die frankophone
Bevölkerung die Mehrheit stellt, in anderen ein Eins-zu-Eins-Verhältnis besteht
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Sprachnationalismus in Belgien 261

und man überall mit eigenen Geschäften, eigenen Vereinen und vor allem eige-
nen Kneipen nebeneinanderher lebt. Unruhen, die immer mal wieder auffla-
ckern, begleiten das Voerstreek-probleem. Die Politposse um José Happart, der
sich als gewählter Bürgermeister von Voeren weigerte, einen Niederländisch-
kurs zu besuchen und damit zwei Brüsseler Regierungen stürzte, ist nur eine
Episode aus dem Streit um den kleinen Landstrich, wo inzwischen Ruhe einge-
kehrt ist, nachdem die flämischen Parteien seit 2000 eine knappe Mehrheit
haben und nachdem Happart 2009 wegen einer als Dienstreise angerechneten
Urlaubsreise von der politischen Bühne verschwunden ist.
Keinerlei Schwierigkeiten hat man in den Ostkantonen mit den Regelungen
für die Frankophonen. Prinzipiell ist in der deutschsprachigen Gemeinschaft,
die neun Gemeinden (Eupen, Kelmis, Lontzen, Raeren, Amel, Büllingen, Burg-
Reuland, Bütgenbach, Sankt-Vith) am Ostrand der Wallonie umfasst, das Deut-
sche die verfassungsmäßige Sprache, aber durch die Regelung, dass der Schul-
unterricht mit Französisch als Fremdsprache schon in der zweiten Klasse be-
ginnt, kann praktisch jeder auch französisch, und für die Frankophonen gibt es
Sprachfazilitäten. Dasselbe gilt für Deutsch in den Gemeinden Malmédy und
Waismes (etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung). Wesentlich komplizierter
gestalteten sich die Regelungen für Brüssel und das Umland. Man muss hier
drei Zonen unterscheiden: das eigentliche Brüssel innerhalb der Ringstraßen,
die Agglomeration Brüssel, also die neunzehn Gemeinden des Umlandes. Diese
beiden Gebiete bilden das zweisprachige Arrondissement Brüssel. Das dritte
Gebiet, die sogenannten Randgemeinden, eine im Norden, drei im Osten und
zwei im Süden des Arrondissements Brüssel, sind das Problem. Sie sind offi-
ziell einsprachig niederländisch mit Fazilitäten für die Frankophonen. Bis 1971
waren sie ein eigenes Arrondissement, seither gehören sie zum niederländisch-
sprachigen Arrondissement Halle-Vilvoorde, d. h. zum Westteil der Provinz
Flämisch-Brabant, ohne die Sprachfazilitäten zu verlieren. Die beiden südlich
des Arrondissements Brüssel gelegenen Gemeinden, Drogenbos-Linkebeek und
Sint-Genesius-Rode, würden idealiter eine Landverbindung zwischen dem mehr-
heitlich frankophonen Brüssel und der frankophonen Wallonie konstituieren,
weswegen alle flämischen Parteien und Interessengruppen dagegen waren und
sind, sie Brüssel zuzuschlagen, obwohl in beiden Gemeinden inzwischen die
Frankophonen die Mehrheit stellen.
Wie stellen sich die sprachlichen Regelungen in Gemeinden mit Fazilitäten
dar? Prinzipiell handelt es sich um einsprachige Gemeinden, deren andersspra-
chigen Bürgern jedoch Spracherleichterungen gewährt werden, indem sie An-
spruch auf offizielle Dokumente in ihrer Sprache haben, offizielle Beschilde-
rung beanspruchen können (zweisprachige Bahnhofsnamen und Verkehrsschil-
der) und vor allem ein Schulwesen in der eigenen Sprache zur Verfügung haben.
Es gibt zwischen beiden Sprachgruppen einen Dissens darüber, wie lange die
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Fazilitäten gelten sollen. Die Frankophonen gehen davon aus, dass es sich um
Regelungen handele, die wie die anderen Sprachgesetze für die Ewigkeit ange-
legt sind, während die Niederländischsprachigen davon ausgehen, dass es um
Übergangsbestimmungen gehe, die einer ersten Generation das Leben in einer
prinzipiell niederländischsprachigen Gemeinde erleichtern sollten; im Abstand
von einer oder maximal zwei Generationen seien dann die Fazilitäten überflüs-
sig. Da die Neigung der Frankophonen, sich sprachlich auf das Niederländisch
einzustellen, keineswegs sehr groß ist und kurioserweise durch die Regelungen
der Fazilitäten auch klein gehalten wird, weil man ja ohne Niederländischkennt-
nisse gut durch den Alltag kommt, sieht es derzeit eher danach aus, als wenn
die Fazilitäten auf Dauer gültig blieben.
Die Festlegung der Sprachgrenze im Jahre 1962/1963, die mit der gesetz-
lichen Bestimmung verbunden war, dass hinfort bei den Volkszählungen nicht
mehr nach der Sprachzugehörigkeit gefragt werden durfte, war aber nur die
erste Maßnahme in einem Prozess, der aus dem Einheitsstaat Belgien, der am
französischen Modell ausgerichtet war, einen Bundesstaat Belgien machen soll-
te, in dem nur noch das Königshaus, die Außenpolitik und gewisse äußere As-
pekte anderer ministerieller Felder zentral geregelt werden, alles andere aber
Regionalinstanzen unterliegt.
Nach der Angliederung von Comines und Mouscron an die Provinz Henne-
gau (Hainaut) und dem Anschluss des Voerstreek an Limburg waren alle belgi-
schen Provinzen mit Ausnahme von Brabant von 1963 an einsprachig: vier
Provinzen, Westflandern, Ostflandern, Antwerpen und Limburg, sind niederlän-
dischsprachig, vier Provinzen, Hennegau, Namur, Lüttich (ohne die deutsche
Gemeinschaft) und Luxemburg, sind französischsprachig; einzig Brabant war
in einen niederländischsprachigen Norden, der das zweisprachige Brüssel um-
schließt, und einen französischsprachigen Süden geteilt. Dieser im Grunde
nicht tolerierbare Status wurde am 1. Januar 1995 beseitigt, indem aus der Pro-
vinz Brabant zwei neue Provinzen, Flämisch-Brabant oder Vlaams Brabant mit
der Hauptstadt Leuven und Wallonisch-Brabant oder Brabant wallon mit der
Hauptstadt Wavre, gebildet wurden.

17 Die Universität Löwen wird nach Sprachen geteilt

Das erste große Problem, das sich nach der Aufteilung der Sprachgebiete
stellte, war die Universität Löwen im flämischen Teil der Provinz Brabant.
Nach der Neubegründung 1835 war neben dem Latein der Theologen die ein-
zige Unterrichtssprache Französisch, denn das hohe Episkopat, das hinter der
Neugründung der 1797 von den Franzosen abgeschafften, auf das Jahr 1425
zurückgehenden alten Universität stand, setzte vollkommen auf das Französi-
sche. Erst 1930 traten einige niederländische Parallelkurse neben das franzö-
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Sprachnationalismus in Belgien 263

sische Programm; im Unterschied zu Staatsuniversität Gent wurde die katho-


lische Universität Leuven aber keine Universität mit ausschließlich nieder-
ländischer Unterrichtssprache. Die Unruhen des Jahres 1968 richteten sich im
flämischen Teil von Belgien gegen die immer noch gefühlte Vorherrschaft der
Frankophonen, die man festmachte an der Anwesenheit einer großen vorwie-
gend französischsprachigen Universität mitten im flämischen Sprachgebiet: In
einer Stadt von etwa 35.000 Einwohnern hielten sich 20.000 Studierende auf,
wovon etwas weniger als die Hälfte von Hause aus französisch sprach. Der
Slogan Leuven Vlaams brachte schließlich die Regierung in Brüssel zu Fall, die
für den Ausbau der französischen Abteilung eintrat, und schließlich mussten
die belgischen Bischöfe unter Kardinal Suenens am 18. September 1968 dem
Wegzug der französischen Abteilung der Universität zustimmen. In aller Eile
wurde in Ottignies südlich der Sprachgrenze, etwa 30 km von Leuven entfernt,
ein neues Universitätsviertel, Louvain-la-Neuve (von den Flamen spöttisch
Louvain-la-Veuve apostrophiert), errichtet, das der Sitz der neuen frankophonen
Abteilung werden sollte, während die niederländischsprachige Hälfte im alten
Leuven blieb. Die Teilung zerriss nicht nur alte Traditionen, sondern auch viele
alte Kollegialitäten, und bei der Ausgliederung der Universitätsbibliothek musste
man in einigen Fällen zu dem Mittel greifen, die Bände mit den ungraden
Signaturen in Leuven zu belassen, während die geraden Signaturen nach Lou-
vain-la-Neuve gingen. Die Umsiedlung nach Louvain-la-Neuve war 1978 ab-
geschlossen, und etwa seit den neunziger Jahren ist das Verhältnis zwischen
beiden ehemaligen Universitätshälften ausgeglichen. Heute hat Leuven etwa
40.000 Studierende (auf eine Stadtbürgerschaft von etwa 30.000 Menschen)
und ist damit bei weitem die größte niederländischsprachige Universität, Lou-
vain-la-Neuve hat etwa 25.000 Studierende (auf insgesamt 10.000 Einwohner).
Ein kleiner Witz der Weltgeschichte: 1970 hat man die niederländische Ein-
sprachigkeit von Löwen erkämpft, 2012 ist man stolz darauf, wie viele englisch-
sprachige Studiengänge man hat!

18 Die Verfassungsreformen zwischen 1970 und 2012

Die Festlegung der Sprachgrenze leitete notwendigerweise einen zweiten Schritt


ein, die Verfassungsreform, denn die belgische Verfassung stammte aus dem
Jahre 1831 und war nur 1893 und 1921 kleinen, das Wahlrecht betreffenden
Revisionen unterworfen worden. Politisch ist die Durchsetzung aller Verfas-
sungsreformen, die das Verhältnis zwischen den Sprachgruppen betreffen, sehr
schwierig, und sie bestimmen die belgische Innenpolitik seit 1965. Am 23.
Dezember 1970 wurde die neue Verfassung, die der Anfang der Regionali-
sierung Belgiens war, verkündet: Die Einrichtung dezentraler Körperschaften,
nämlich der im weitesten Sinne für die Kultur zuständigen Gemeinschaften und
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264 Johannes Kramer

der für die Wirtschaft verantwortlichen Regionen, waren das Kernstück der
Reform. Die konkrete Einführung der Befugnisse der neuen Einrichtungen er-
folgte schließlich in der Reform von 1993, die 1994 Gesetzeskraft erlangte.
Weitere Gesetze zur Staatsreform folgten, wenn man durchzählt bis heute
fünf weitere (1980; 1988–89; 1993; 2001–03; 2011–12), die prinzipiell einen
stetigen Machtverlust der föderalen Regierung und einen Zuständigkeitszuwachs
für die Gemeinschaften und die Regionen bedeuteten. Die letzte Maßnahme
besteht in einer Anpassung des Wahlkreises Brüssel-Halle-Vilvoorde, der auf-
geteilt wird in einen flämischen Wahlkreis Halle-Vilvoorde, der mit Löwen zu-
sammengelegt wird, und in einen zweisprachigen Wahlkreis Brüssel; die Ein-
wohner der Randgemeinden mit Sprachfazilitäten können entscheiden, ob sie
im Wahlkreis Brüssel oder im Wahlkreis Halle-Vilvoorde abstimmen wollen.

19 Belgien als Föderalstaat mit Gemeinschaften und Regionen

Die wesentliche Zielrichtung aller Gesetze zur Staatsreform liegt darin, dass
Belgien von einem Einheitsstaat in einen Föderalstaat, also in einen Bundes-
staat, umgeformt wird. Die ersten fünf Artikel der Verfassung vom 17. Februar
1994 lassen die Strukturierung des Landes deutlich erkennen und seien hier mit
einem Kommentar zitiert:
Art. 1: Belgien ist ein Föderalstaat, der sich aus den Gemeinschaften und
den Regionen zusammensetzt. Die Zuständigkeiten des Föderalstaats sind sehr
eingeschränkt. Er ist nur noch für die Gebiete zuständig, die das ganze Land
betreffen; das sind besonders die auswärtigen Angelegenheiten, die Verteidi-
gung, das Rechtswesen, die Staatsfinanzen, die sozialen Angelegenheiten und
der Medizinsektor. Die Legislative ist vertreten durch das Föderalparlament
mit zwei Kammern. Das Staatsoberhaupt ist der König, der über den Sprach-
gemeinschaften steht.
Art. 2: Belgien umfasst drei Gemeinschaften: die Deutschsprachige Ge-
meinschaft, die Flämische Gemeinschaft und die Französische Gemeinschaft.
Die drei Kulturgemeinschaften (gemeenschappen/communautés) verfügen je-
weils über ein Parlament und eine Regierung mit Kulturräten und sind zustän-
dig für alle mit der Kultur zusammenhängenden Fragen wie z. B. Sprache, Lite-
ratur, Theater, Medien, Vereinswesen, Unterrichtswesen usw. Die niederlän-
dische Gemeinschaft ist für die niederländischsprachigen Bürger Brüssels zu-
ständig, die französische Gemeinschaft vertritt die französischsprachigen Bür-
ger Brüssels. Jeder belgische Bewohner des Norden oder des Südens des Lan-
des wird also automatisch der niederländischen oder der französischen Kultur-
gemeinschaft zugerechnet, weil es dort keine individuelle, sondern nur eine
gebietsgebundene Sprachenzuschreibung gibt (wer in Antwerpen wohnt, wird
eo ipso facto als Flame gerechnet, wer in Lüttich wohnt, wird eo ipso facto als
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Sprachnationalismus in Belgien 265

Wallone gerechnet, egal, was seine tatsächliche individuelle Sprachzugehörig-


keit ist); wer allerdings in Brüssel wohnt, kann darüber entscheiden, welche
Kulturgemeinschaft ihn vertritt.
Art. 3: Belgien umfasst drei Regionen: die wallonische Region, die flämi-
sche Region und die Brüsseler Region. Die drei Regionen (gewesten/régions)
sind für alle wirtschaftlichen und industriellen Belange zuständig. Die Region
Wallonien ist auch für das deutschsprachige Gebiet verantwortlich. Bei der
Regionalzugehörigkeit ist die Erfassung der Bürger also etwas anders geregelt
als bei der Kulturgemeinschaftszugehörigkeit: Jede Brüsselerin oder jeder Brüs-
seler, egal welcher Muttersprache, gehört zur Region Brüssel, außerhalb der
Hauptstadt gehört man jedoch wie bei den Kulturgemeinschaften automatisch
im Norden des Landes zur Region Flandern und im Süden des Landes zur
Region Wallonien; die deutschen Bürger gehören zur frankophonen Region
Wallonien.
Art. 4: Belgien umfasst vier Sprachgebiete: das deutsche Sprachgebiet, das
französische Sprachgebiet, das niederländische Sprachgebiet und das zwei-
sprachige Gebiet Brüssel-Hauptstadt. Jede Gemeinde des Königreichs gehört
einem dieser Sprachgebiete an. Die vier geographisch nach Gemeindezugehö-
rigkeit festgelegten Sprachgebiete (taalgebieden/régions linguistiques) bilden
die Grundlage für die Einteilung des Landes in Gemeinschaften und Regionen,
aber sie verfügen über keinerlei eigenständige Befugnisse oder Organe.
Art. 5: Die Wallonische Region umfasst die Provinzen Hennegau, Lüttich,
Luxemburg, Namur und Wallonisch-Brabant. Die Flämische Region umfasst
die Provinzen Antwerpen, Flämisch-Brabant, Limburg, Ostflandern und West-
flandern. Die Hauptstadt Brüssel gehört keiner Provinz an, die Gemeinden der
Deutschen Gemeinschaft gehören zur Provinz Lüttich. Ansonsten sind die Pro-
vinzen, die sich um regionale Angelegenheiten auf der Zwischenebene zwischen
Gemeinden und Regionen kümmern, einsprachig.

20 Kann Belgien ein Modell für andere mehrsprachige Gebiete sein?

Werfen wir einen zusammenfassenden Blick auf die belgische Sprachgesetzge-


bung! Alle Anläufe, dem zweisprachigen Land eine Einheitssprache aufzudrü-
cken, haben sich in der Praxis nicht bewährt: Der Versuch, in den Jahren 1815
bis 1830 das Niederländische zu protegieren, lief auf eine Katastrophe heraus,
die das Auseinanderfallen des großniederländischen Reiches und die Gründung
Belgiens zur Folge hatte. Der – übrigens in der französischen Kolonialpolitik in
Afrika und Asien seine Parallele findende – Versuch, ab 1830 Belgien zu einem
rein frankophonen Land mit einer anderssprachigen Unterschicht zu machen,
die durch Bildung zur bevorrechtigten Klasse der Teilhaber an der französi-
schen Sprache und Kultur aufsteigen könnte, war ebenfalls nicht von Erfolg
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gekrönt. Die Flamen brauchten zunächst eine gewisse Zeit, klarzumachen, dass
die Dialekte Nordbelgiens keine für sich stehende ungeregelte eigene Sprach-
form sind, sondern zum Niederländischen gehören, und dass dennoch der Ge-
brauch der eigenen Sprache nicht dem Verdikt einer Nostalgie nach der nieder-
ländischen Epoche unterliegt. Als dieser Schritt um die Mitte des 19. Jahr-
hunderts getan war, begann ein Sprachenkampf unter zwei Wettbewerbern, die
zunächst von unterschiedlichen Positionen starteten, die anerkannte Welt- und
Kultursprache Französisch auf der einen Seite und die um ihre Anerkennung
ringende Regionalsprache Niederländisch auf der anderen Seite. Der erste Ver-
such, die Durchsetzung einer allgemeinen Zweisprachigkeit, war unter diesen
Umständen für die niederländische Seite nicht erfolgreich: Solange sozialer
Aufstieg mit dem Gebrauch des Französischen assoziiert war, verlor besonders
im städtischen Umfeld das Niederländische an Zulauf, und vor allem der
Ölfleck Brüssel wurde immer größer. Die liberté du père de famille oder die
vrijheid van het gezinshoofd in der Sprachenwahl bedeutete den steten Anstieg
der Frankophonen in den Ballungsgebieten. Das Allheilmittel dagegen war die
Festschreibung von regionalen Sprachgebieten entlang von Gemeindegrenzen,
was seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Politik bestimmte: Wer
im Ort A wohnt, der zu Flandern gehört, muss niederländischsprachig sein,
egal was seine Muttersprache ist, wer im Ort B wohnt, der zu Wallonien ge-
hört, muss französischsprachig sein, ohne Rücksicht auf seine tatsächliche Mut-
tersprache. Dieses Modell geht bis auf ein paar kleine neuralgische Punkte an
der Sprachgrenze gut auf und hat sich auch inzwischen bewährt, aber für ein
Gebiet, nämlich für die Hauptstadt, kam die Regelung etwa zweihundert Jahre
zu spät: 1830 hatte Brüssel noch 31 % frankophone Bürger, 1910 49 %, 1947
70 %, heute sicher über 90 %. Da man es sich aus politischen Gründen nicht
leisten will und kann, dass eine rein französischsprachige Stadt die Hauptstadt
eines Landes ist, in dem die Flamen etwa 59 % und die Wallonen etwa 40 %
der rund 10 Millionen Bürger des Landes ausmachen, durchbrach man für Brüs-
sel das Prinzip der geographischen Sprachzuordnung, also das kollektive cuius
regio, eius lingua, zugunsten des gegenläufigen Prinzips der personalisierten
Spracherklärung, also das individuelle lingua mea summum bonum. Die meis-
ten Sprachkonflikte Belgiens erklären sich aus dem Aufeinandertreffen dieser
zwei Grundprinzipien: In Brüssel und in den Gebieten mit Sprachfazilitäten ist
das Prinzip der geographischen Sprachzuordnung zugunsten des Prinzips der
persönlichen Spracherklärung aufgehoben, nicht die Gegend bestimmt, welche
Sprache offiziellen Charakter hat, sondern die persönliche Sprachwahl offizia-
lisiert die gewählte Sprache – anders und einfacher gesagt, an die Stelle der
festgelegten Einsprachigkeit tritt die gewählte Zweisprachigkeit.
Zwei Schlussfragen stellen sich: Wie geht es mit Belgien weiter, und was
kann man von Belgien für Südosteuropa lernen? Untergangsprophezeiungen
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Sprachnationalismus in Belgien 267

für Belgien gibt es zuhauf, seit das Land besteht, besonders in jeder neuen
Regierungskrise, und davon gab es in der Tat genug. Freilich hat niemand diese
Untergangsprophezeiungen wirklich zu Ende gedacht: Was soll denn am Ende
stehen? Zusammengehen der Flamen mit den Niederlanden und Zusammen-
gehen der Wallonen mit Frankreich funktioniert nicht, das hat die Geschichte
genügend bewiesen, eine flämische und eine wallonische Unabhängigkeit funk-
tioniert wegen Brüssel nicht, ein wirklicher finanzieller Ausgleich zwischen
dem reichen Norden, dem armen Süden und dem funktionsfähigen, aber wenig
produktiven Brüssel ist kaum denkbar. Nein, Belgien muss im Grunde so wei-
termachen wie bisher, mit vielen solutions belges, mit oft schwer nachvoll-
ziehbaren Kompromissen, auch mit Streitigkeiten im kleinen Maßstab, die sich
irgendwann auflösen. Ein Land der politischen Weisheit ist Belgien sicher nicht,
wohl aber ein Land des Überlebens auf der Basis immer neuer Kompromisse.
Und was kann man von Belgien für Südosteuropa lernen? Zunächst einmal,
dass Lösungen umso einfacher sind, je weniger Akteure die Szene bevölkern.
Es war für Belgien ein Segen, dass dem Französischen nicht ein in kleine Regio-
nalminisprachen zersplittertes Flämisch, sondern die gemeinsame Sprache der
Niederlande und Nordbelgiens gegenübersteht. In Südosteuropa ist es trotz al-
ler Anläufe nicht gelungen, eine gemeinsame südslawische Dachsprache zu
schaffen, weil die zentripetalen Kräfte immer stärker waren als die zentri-
fugalen Kräfte; auch das Minimalkonstrukt der serbokroatischen Sprache hat es
nie geschafft, sich auf eine für alle gemeinsame Sprache mit Regionalnormen
zu einigen, wie es im Falle des Niederländischen oder auch des Deutschen ge-
schehen ist, sondern man war immer in Schrift und Norm getrennt. Die Sprach-
aufteilung nach 1990 in Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch,
der man nur mit dem Sprachnamenkürzel BKMS begegnen kann, ist natürlich
der gegenteilige Weg, der auf lange Sicht einem vernünftigem Miteinander
von Staaten, die im Grunde dieselbe Sprache sprechen, im Wege stehen wird.
Der belgische Umgang mit der kleinen deutschen Minderheit könnte auch weg-
weisend sein: Kaum jemand von der etwa 70.000 Bürger umfassenden deut-
schen Gemeinschaft möchte deutscher Staatsbürger werden, vielmehr haben
wir es mit überzeugten, Spötter sagen mit den überzeugtesten, Belgiern zu tun,
und die Bestimmungen, die das Miteinander der Flamen und der Wallonen
regeln, werden ohne Diskussion auf die Deutschen übertragen. Es ginge den
zahlreichen Minderheiten in Südosteuropa sicherlich besser, wenn sie einen
Status wie die Deutschen in Belgien hätten – aber natürlich kann das Prestige
der deutschen Sprache nicht mit dem Ansehen der Sprache der Roma in den
Staaten des Balkans verglichen werden.
Ist die Einsprachigkeit Flanderns und Walloniens ein Vorbild für Südost-
europa? Wohl nicht, einheitliche Gebiete dieser Größe ohne Einsprengungen
von Minderheitengebieten sind in Südosteuropa die Ausnahme; die Staaten
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268 Johannes Kramer

selbst neigen aber dazu, das Einsprachigkeitsmodell mit einigen meist unwe-
sentlichen Erleichterungen für Minderheiten, eben ein Fazilitätenmodell, zu
verfolgen. Eine Anwendung belgischer Lösungen würde die heute vorhandenen
Probleme nur potenzieren. Wenn man also beispielsweise Rumänen und Un-
garn in ihren Kerngebieten so voneinander abgrenzen würde wie Flamen und
Wallonen – wohne ich in Szeged, werde ich eo ipso facto als ungarischsprachig
geführt, wohne ich in Arad, werde ich ebenso eo ipso facto als rumänisch-
sprachig geführt – würde man noch hinter den heutigen Standard zurückfallen,
und wenn man dann beispielsweise das mittlere Siebenbürgen mit Márosvá-
sárhely oder Târgu Mure‫ ܈‬als Hauptstadt als ungarischsprachiges Gebiet mit
rumänischer Sprachfazilität (oder auch umgekehrt) ausweisen würde, würde man
zu den heutigen Minderheiten-Mehrheitenproblemen neue hinzufügen. Das
Fazit kann eigentlich nur sein, dass das ausgeklügelte Verhältnis zwischen aus-
nahmsloser Einsprachigkeit in Flandern und Wallonien, einigen Gebieten mit
Sprachfazilitäten entlang der Sprachgrenze, einem kleinen deutschsprachigen
Gebiet mit besonderen Bestimmungen und einer zweisprachigen, auf persön-
licher Entscheidung beruhenden Zweisprachigkeit der Hauptstadt Brüssel nicht
auf andere Weltgegenden übertragen werden kann – diese solution belge ist
eine solution exclusivement belge.

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4. Teil: Sprache und Diskriminierung in Südosteuropa

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Silovanje jezika! – Vergewaltigung von Sprache!
Debatten über Gender und Sprache in
der serbischen Presse 2001–2012

Simone Rajiliü

Einführung

Im November 2001 schreibt Leila Ruždiü Trifunoviü, ehemalige Abgeordnete


im serbischen Parlament (2001–2006) und Vorsitzende des Gleichstellungsaus-
schusses (Odbor za ravnopravnost polova), in der Tageszeitung Politika:
Za sebe kažem da sam poslanica, bez obzira na to što ta reþ u znaþenju žena
poslanik ne postoji u reþniku. (Politika 19.11.2001).
[Dt.: Ich bezeichne mich als Abgeordnete (poslanica), obwohl dieses Wort in
der Bedeutung ‚weiblicher Abgeordneter‘ nicht im Wörterbuch existiert.]

Ruždiü Trifunoviü lehnt es ab, sich mit dem Maskulinum poslanik (dt.: Abge-
ordneter) zu benennen, das gleichzeitig männlich genderspezifizierend verwen-
det wird, und gebraucht stattdessen die feminine Form poslanica als Selbst-
benennung, deren Semantik sie damit erweitert – von ‚Sendschreiben‘ zu ‚Ab-
geordnete‘. Die von Ruždiü Trifunoviü angewandte Intervention in diskriminie-
rende Sprachpraktiken, nämlich die semantische Erweiterung von Wörtern, war
erfolgreich – inzwischen lautet die offizielle Bezeichnung der weiblichen
Abgeordneten im serbischen Parlament poslanica (vgl. <http://www.parlament.
gov.rs/narodna-skupstina-.871.html>) –, hat jedoch im Jahr 2001 zu umge-
henden Reaktionen konservativer Linguisten in derselben Tageszeitung geführt
(Politika 24.10.2001, Politika 01.12.2001). Egon Fekete, Belgrader Linguist,
erklärt der „linguistischen Laiin“ Leila Ruždiü Trifunoviü wohlwollend, dass
Maskulina aufgrund „natürlicher“ Sprachstrukturen zur Benennung weiblicher
Personen verwendet werden können, oder sogar müssen (!), und erläutert aus-
führlich, dass Sätze wie beispielsweise „Leila Ruždiü Trifunoviü je koordinator
Ženske politiþke mreže“ (dt.: Leila Ruždiü Trifunoviü ist Koordinator des poli-
tischen Frauennetzwerks.) doch „vollkommen verständlich“ seien. Doch Leila
Ruždiü Trifunoviü und anderen feministischen AktivistInnen in Serbien geht es
nicht in erster Linie um Verständlichkeit – wobei hier auch zu fragen ist, wer
eigentlich festlegt, was verständlich ist und was nicht –, sondern um die Sensi-
bilisierung für sprachliche Diskriminierung und sexistische Sprachpraktiken.1

1
Zur feministischen Kritik an Feketes Reaktion auf Ruždiü Trifunoviüs Sprachgebrauch s.
Saviü 2005.

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272 Simone Rajiliü

Vor allem die Forderung nach der konsequenten Verwendung genderspezifi-


scher Benennungen für Frauen hat in Serbien die Gemüter gespalten.2 Da sich
im Serbischen in einigen Fällen noch keine konventionellen Benennungsformen
für Frauen etablieren konnten und mehrere produktive Suffixe zur Bildung von
Feminina zur Verfügung stehen, ist eine öffentliche Diskussion entstanden, die
Antworten auf die Frage „Wie sollen wir Frauen benennen?“ sucht.
Die Debatte um genderspezifizierend weibliche Benennungsformen in Ser-
bien wird seit 2001 aus verschiedenen Anlässen bis heute immer wieder aufge-
griffen, wobei bestimmte Ereignisse die Diskussion in besonderem Maße ange-
regt haben. Dazu gehört die Ausarbeitung des Gleichstellungsgesetzes, das
Serbien im Zuge der EU-Annäherung im Dezember 2009 verabschiedet hat, die
Veröffentlichung von Rod i jezik (Gender und Sprache) der feministischen Lin-
guistin Svenka Saviü und ihrer Kolleginnen im Sommer 2009 sowie der 2010
erschienene Leitfaden zu anti-diskriminierendem Sprachgebrauch vom Büro des
serbischen Ombudsmanns, der aufgrund der heftigen Reaktionen nach kurzer
Zeit von der Homepage des Büros wieder verschwand.
Die meisten Argumente für und wider feministische Sprachreformen der ser-
bischen Debatte ähneln jenen, die auch für andere Sprachen vorgebracht wurden
und dennoch ist der serbische Fall spezifisch.3 Die Diskussion über Sprache
und Gender überschneidet sich in Serbien mit nationalistischen Diskursen, was
auch erklären könnte, warum die Debatte in Serbien so intensiv wie in keinem
anderen ex-jugoslawischen Land geführt wurde.4 Zahlreiche genderspezifizie-
rend weibliche Benennungsformen, die mithilfe des Suffixes –ica gebildet wer-
den, gelten in Serbien als „kroatisch“ und damit gleichzeitig als „nicht serbisch“.
Feministische Sprachkritik wird zur Bedrohung der nationalen Integrität, die
Rede ist in einigen Fällen sogar von der „tuÿmanizacija srpskog jezika“, der
Ver-Tuÿmanung des Serbischen.5

2
Die Debatte setzt sich ausschließlich mit weiblicher Genderspezifizierung auseinander.
Einzige Ausnahme ist Ivan Klajns Sprachkolumne vom 11.10.2012 in der Zeitschrift NIN,
die sich mit der fehlenden männlichen Genderspezifizierung für BalletttänzerIn im Serbi-
schen befasst (vgl. NIN 11.10.2012).
3
Ähnliche Debatten für das Englische z. B. Romaine 2001, Cameron 1992, für das Deut-
sche Kalverkämper 1979, Pusch 1979, Pusch 1984, für das Kroatische Kramariü 1988,
Boriü 2004.
4
Weibliche Genderspezifizierung wurde in den übrigen Ländern des ehemals serbokroati-
schen Sprachraums in weitaus geringerem Ausmaß in der Presse diskutiert. Exemplarisch
für die Diskussion in Kroatien vgl. Jutarnji list 29.10.2008, für Bosnien vgl. Osoboÿenje
30.11.2005 und für Montenegro vgl. DAN 22.02.2006.
5
Franjo Tuÿman (1922–1999), Mitbegründer der (national-)konservativen Partei HDZ
(Kroatische demokratische Union), war von 1990 bis zu seinem Tod kroatischer Staats-
präsident und maßgeblich an der Abspaltung Kroatiens aus der jugoslawischen Födera-
tion sowie an den Kriegsereignissen in (Ex-)Jugoslawien in den 1990er Jahren beteiligt.

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Debatten über Gender und Sprache in der serbischen Presse 273

Wie und von wem die Debatte geführt wird, welche Argumente für und
wider sog. gendersensitiven Sprachgebrauch hervorgebracht werden, soll im
Folgenden dargestellt werden. Um die serbische Debatte in die genderlinguisti-
sche Gesamtdiskussion einzuordnen, erfolgt zunächst ein allgemeiner (teilweise
sprachübergreifender) Einblick in feministische Kritik an sexistischen Sprach-
praktiken und mögliche Formen der Intervention.

1 Sexistische Sprachpraktiken und feministische Interventionen

Wie in vielen anderen Sprachen gibt es im Serbischen eine Gleichsetzung von


genderspezifisch männlichen und genderneutralen Personenbenennungen. So
genannte „generische Maskulina“ können sowohl zur Benennung von Männern
verwendet werden, als auch zur Benennung einzelner Personen oder Personen-
gruppen, deren Geschlecht unbekannt ist oder nicht weiter spezifiziert werden
soll, sowie für gemischtgeschlechtliche Gruppen – und im Serbischen in eini-
gen Fällen auch zur Benennung weiblicher Einzelpersonen (z. B. sudija, dt.
„Richter“, oder advokat, dt. „Rechtsanwalt“). Prijatelj, der Freund, zum Beispiel
wird sowohl zur Benennung einer konkreten männlichen Person verwendet,
gleichzeitig aber auch, um ein nicht weiter konkretisiertes Individuum zu
benennen wie in dem Satz Dobar prijatelj oprašta (dt. „Ein guter Freund ver-
zeiht“). Das Femininum prijateljica hingegen wird ausschließlich zur Benen-
nung von weiblichen Personen verwendet.6
Eine solche Sprachpraktik wird deswegen als sexistisch kritisiert, da sog.
„generische Maskulina“ zu einer diskursiven Gleichsetzung von männlich und
menschlich führen, was bedeutet, dass der neutrale Mensch männlich konzi-
piert ist und Männer in Folge dessen als Norm gedacht werden, Frauen hin-
gegen als Abweichung von der Norm. In der Forschung wird dies mit den
Begriffen MAN principle (male-as-norm) (u. a. Braun 1997), false generics
(Motschenbacher 2010: 90), androcentric generics (Romaine 2001: 160, Hel-
linger/Pauwels 2007: 660) oder androgenderndes Maskulinum (Hornscheidt
2012: 90) beschrieben. Frauen werden durch diese Benennungspraktik sprach-
lich unsichtbar bzw. in Form von „generischen Feminina“ vor allem sichtbar in
pejorativen oder prestigelosen Kontexten (im Deutschen bspw. Putzfrau, Zim-
mermädchen, Krankenschwester) bzw. in Kontexten, die gängigen Gender-
stereotypen entsprechen. Für Serbien werden solche Kritikpunkte u. a. von
Dragana Cvetkoviü, Svenka Saviü und Marina Šinko formuliert:

Besonders unter Tuÿman wurden in Kroatien seitens der Regierung initiierte Sprach-
veränderungen vorgenommen und z. B. sämtliche als serbisch wahrgenommenen Wörter
durch andere, neue ersetzt (vgl. Greenberg 2004: 118 ff.).
6
Für einen einführenden Überblick zu Gender im Serbischen siehe Hentschel 2003.

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274 Simone Rajiliü

Žena može biti predsednica ženske sekcije, ali ne i premijerka države, može biti
þistaþica ali þesto ne i ministarka u vladi i sl. (Cvetkoviü 2010: 159)
[Dt.: Eine Frau kann Vorsitzende der Frauensektion sein aber nicht Premier-
ministerin, sie kann Putzfrau sein aber selten Ministerin o. ä.]
Niko se ne buni protiv upotrebe reþi spremaþica, kuvarica. Lingvisti prave
probleme za titule i zanimanja koja su visoko na lestvici moüi u društvu.
(Politika 09.09.2006)
[Dt.: Niemand regt sich über die Verwendung von Wörtern wie Putzfrau oder
Köchin auf. Linguisten machen Probleme wegen Titeln und Berufen, die eine
hohe Machtposition in der Gesellschaft benennen.]
zar nije logiþno da je ONA „psihološkinja“, makar u toj meri u kojoj sme biti
srpkinja, a da to nikome ne para uši? (Politika 24.08.2009)
[Dt.: Wäre es nicht logisch, wenn SIE „Psychologin“ wäre, genauso wie SIE
auch Serbin sein darf – ohne dass irgendjemand findet, das klinge komisch?]

Die feministische Sprachkritik in Serbien stellt nicht nur die generische Funk-
tion von Maskulina in Frage, sondern bewertet ebenso asymmetrische Anrede-
formen als diskriminierend. Hierzu zählen Anredeformen, die den Familien-
stand bzw. das Alter von Frauen zum Ausdruck wie bspw. gospoÿica (dt.
„Fräulein“) oder devojka (dt. „Mädchen“, „ledige Frau“) – und für die es keine
entsprechende männlich genderspezifizierende Form gibt – oder etwa die
Benennung von Frauen mit dem Vornamen.7 Weitere Bereiche feministischer
Sprachanalysen sind semantische Differenzen zwischen femininen und maskuli-
nen Berufsbenennungen wie z. B. bei sekretar/sekretarica (dt. „(Partei-)Sekre-
tär/Sekretärin“) und genderspezifizierend weibliche Pejorativa wie z. B. plavu-
ša (dt. „Blondine“). Auch die sprachliche Darstellung weiblicher Personen auf
der Folie von konventionellen Genderstereotypen gehört zu den Kritikpunkten
der feministischen Linguistik:

7
Die Benennung von Frauen mit dem Vornamen wird in Serbien nicht nur im privaten
Bereich verwendet, in dem die Interagierenden sich gut bekannt sind, sondern auch in
offiziellen Kontexten. Selbst weibliche Personen, die hohe politische Posten innehaben,
wie bspw. Hillary Clinton, werden – wenn auch selten – mit dem Vornamen benannt
(z. B. „Hilari je ‚važan þlan vrlo jakog tima‘ i Obama ‚ceni njen doprinos timskom radu‘,
izjavio je Denis Mekdono, portparol predsednikovog Saveta za nacionalnu bezbednost.“
Politika 17.07.2009). Die Verwendung von Vornamen erfolgt nicht oder in viel geringe-
rem Ausmaß für die Benennung von Männern (siehe Beispiel), sondern ausschließlich für
Frauen und Kinder. Vornamen werden auch in der englischsprachigen Diskussion als
Mittel zur Kennzeichnung von (unangemessener) Intimität und Unmündigkeit kritisiert
(vgl. z. B. Cameron 1992: 105, 106).

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Debatten über Gender und Sprache in der serbischen Presse 275

Seksizam je kad novinar uglednog dnevnog lista opisuje þlanice ženske vlade
kao lepe, doterane i namirisane. Da li je iko u novinama komentarisao ovu našu
mušku vladu kao namirisane lepotane? (Politika 09.09.2006)
[Dt.: Es ist sexistisch, wenn ein Journalist einer angesehenen Tageszeitung
weibliche Regierungsmitglieder als gut aussehend, hübsch zurechtgemacht und
wohlriechend beschreibt. Kommentiert irgendjemand in der Presse unsere
männlichen Regierungsmitglieder als parfümierte Schönheiten?]

Die Strategien gegen sexistische Sprachpraktiken, die in der Regel aus feminis-
tischen und queeren Communities stammen, sind zahlreich.8 Einzelne Vor-
schläge für einen anti-diskriminierenden Sprachgebrauch beziehen sich in erster
Linie auf die Schriftlichkeit in sämtlichen öffentlichen Dokumenten und Tex-
ten.
Einige KritikerInnen, die sich mit der Analyse diskriminierender Benen-
nungsformen befasst haben, versuchen einen gesellschaftlichen Konsens zu er-
zielen, dass sprachliche Diskriminierungen – auch wenn sie eine Minderheit
betreffen – zu vermeiden sind und fordern zur Nichtverwendung der als sexis-
tisch eingeschätzten Ausdrücke auf. Gemeint sind hier für gewöhnlich sämt-
liche Pejorativa sowie all jene Sprachformen, die dominante Genderstereotype
(re-)produzieren. Svenka Saviü (2007: 65, 66) nennt als Beispiele im Serbi-
schen u. a. riba (dt. wörtlich: „Fisch“, für junge, attraktive Frauen im Dt. etwa
„Schnitte“ oder „Chick“) oder Ausdrücke wie slabiji/nežniji pol (dt. „schwächeres
Geschlecht“), bolja/lepša polovina (dt. „bessere/schönere Hälfte“).
Außer dem Vorschlag, bestimmte Wörter nicht mehr zu verwenden, was
außerhalb einer feministisch vorgebildeten und für Genderfragen offenen Com-
munity dennoch schwer durchzusetzen ist, gibt es verschiedene andere Strate-
gien, um auf Sexismus aufmerksam zu machen. Dazu gehört das Bilden von
analogen diskriminierenden Benennungen wie etwa gospodinþiü (dt.: Herrlein)
für unverheiratete Männer oder die Benennung von Männern mit dem Vorna-
men, wie bspw. bei Saviü (2005), die gegen den Belgrader Linguisten und be-
kennenden Anti-Feministen Egon Fekete („Egon“) polemisiert. Sinn dieser Inter-
ventionen gegen sexistische Sprachpraktiken ist die Sensibilisierung für unglei-
che Benennungskonventionen durch deren Umkehrung. Die Darstellung von
Männern in stereotyp weiblichen Kontexten bzw. in Beschreibungsmustern, die
typischerweise für Frauen verwendet werden und in besonderer Weise auf Äu-
ßerlichkeiten oder Familienverhältnisse fokussieren, ist eine weitere Sensibili-
sierungsstrategie im Hinblick auf sexistische Sprachpraktiken. Beispiele hierfür

8
Für einen detaillierten Überblick zum feministischen Umgang mit sexistischen
Sprachformen mit zahlreichen Beispielen aus verschiedenen europäischen Sprachen siehe
z. B. Pauwels 2008.

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276 Simone Rajiliü

wären der Satz „On je uspešan poslovan þovek, otac troje djece.“9 (Saviü 2009:
26) oder – besonders wirkungsvoll – das englische Beispiel aus Brower et al.
1978 (zitiert nach Pauwels 2008: 178) „Ms Smith, a leading lawyer in the firm
Coke and Coke, and her husband, John, a tall dark-haired beauty, attended the
charity ball“.
Eine weitere Möglichkeit der offensiven Intervention, die vor allem im eng-
lischsprachigen Raum verbreitet ist, besteht in der Wiederaneignung, dem re-
claiming, von diskriminierenden Wörtern. Farah Gordej (2003) definiert re-
clamation als „tool for disarming the power of a dominant group to control one’s
own and others’ views of oneself“. Stigmatisierende Wörter werden als Form
der Selbstbenennung, also durch konsequentes Verwenden in neuen, positiven
Kontexten, semantisch umgedeutet bzw. in ihrer Konzeptualisierung resignifi-
ziert (zu Resignifikation s. Butler z. B. 1997: 47, zu ReSignifizierung s. Horn-
scheidt 2006: 47 f.). Dies ist oft verbunden mit einer geänderten Schreibweise,
um sich von der konventionellen Bedeutung dennoch abzugrenzen. Beispiele
hierzu sind nigga oder niggah in der nordamerikanischen HipHop-Szene, grrl
oder queer. Das Umdeuten von Pejorativa kann als Alternative oder Gegenstra-
tegie zur Nichtverwendung von Wörtern gesehen werden, um die Macht über
die Bedeutung von Worten nicht ausschließlich dominanten gesellschaftlichen
Gruppierungen zu überlassen und ihnen die Möglichkeit der Beschimpfung
(vorerst) zu entziehen.10
Zur Strategie der Resignifizierung gehört in einem weiteren Sinne nicht nur
die vollständige Umkodierung, sondern auch die Bedeutungserweiterung oder
-eingrenzung. Ein Beispiel für die semantische Erweiterung ist das von Leila
Ruždiü Trifunoviü verwendete poslanica im Sinne von dt. Abgeordnete; für die
Eingrenzung nennt Pauwels (2008: 177) girl als Beispiel in der ausschließli-
chen Verwendung für Kinder und nicht für Frauen.
Im Umgang mit sexistischen Sprachformen haben sich außerdem vor allem
zwei Strategien durchgesetzt, Genderneutralisierung und Feminisierung, die auf
entgegengesetzte Weise gegen sprachliche Diskriminierungen vorgehen. Wäh-
rend die Neutralisierung von Sprache auf jegliche Genderspezifizierung ver-
zichten will, beabsichtigt die Feminisierung eine verstärkte weibliche Gender-
spezifizierung, um eine umfassende sprachliche Sichtbarkeit von Frauen zu
erzielen.
9
„Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und Vater dreier Kinder.“
10
Die Möglichkeiten und Grenzen des Reclaimings werden auch innerhalb der jeweiligen
Communities kontrovers diskutiert. Zahlreiche Feministinnen sind gegen das Reclaiming
von frauenspezifischen Beschimpfungen. Auch die Umdeutung von nigga(h) oder im
Deutschen „Kanake“ ist umstritten und hat außerhalb der Community seine beleidigende
und diskriminierende Wirkung keinesfalls verloren (vgl. Pauwels 2008: 178, Cameron
1992: 110, Butler 1997: 307).

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Debatten über Gender und Sprache in der serbischen Presse 277

Unter Genderneutralisierung oder Genderabstraktion fallen all jene Ver-


suche, Maskulina die männliche Genderspezifizierung zu entziehen und ihnen
durch die konsequente Verwendung für Frauen eine tatsächlich genderneutrale
Bedeutung zu verleihen (vgl. Pauwels 2008: 185) – was aufgrund der Berüh-
rungspunkte zu konservativen Standpunkten, die die Problematik sexistischer
Sprachhandlungen oftmals trivialisieren und den status quo beibehalten möch-
ten, wohl schnell zum Eigentor werden kann. Zur Genderneutralisierung gehört
auch das Bilden neuer Lexeme wie bspw. chairperson statt chairman, die Wör-
ter mit der Endung dt. „-mann“ /engl. „-man“ ersetzen sollen, oder Ausdrücke
wie Studierende im Deutschen, sowie der verstärkte Einsatz bereits bestehender
genderneutraler Wörter wie z. B. im Serbischen osoba (dt. „Person“), was be-
sonders von queeren Gruppen in Serbien genutzt wird (vgl. z. B. Labris 2011).
Obwohl die Novi Sader Linguistin Svenka Saviü sich vor allem für eine
Feminisierung im Serbischen einsetzt, schlägt sie – parallel dazu – vor, gender-
spezifische Berufsbenennungen durch eine neutrale Ausdrucksweise zu erset-
zen, z. B. profesura (dt.: „Professur“) statt profesor/ka (dt. „Professor/in“) oder
u režiji (dt. „unter der Regie“) anstelle von režiser/reditelj (dt. „Regisseur“)
(vgl. Saviü 2004: 32, siehe auch Saviü 2009: 17).
Die Strategie der Neutralisierung, die sich vor allem im Englischen durch-
gesetzt hat, muss sich allerdings der Kritik stellen, Sexismus nicht effektiv zu
verhindern. Cameron (2008: 277, 278) gibt zu bedenken, dass
gender-neutral forms do not always carry gender-neutral meanings; language
can be gender free in the technical sense without being truly free of gendered
connotations, and without being inclusive in the sense of including women. […]
language is contextualised in discourse, where words that are neutral in theory
become sexist in practice
Hornscheidt (ak 2012) formuliert eine ähnliche Kritik für das Deutsche:
Studien haben gezeigt, dass bei der scheinbar neutralen Formulierung weiterhin
die gängigen sexistischen Vorstellungen abgerufen werden. Das Wort »Studieren-
de« ruft die Assoziation »Studenten« ab – ein Grund, warum es sich so schnell
durchgesetzt hat.
Aus diesem Grund sehen viele SprecherInnen einen größeren Effekt darin, so
spezifisch wie möglich zu sein. Die Feminisierung von Sprache oder verstärkte
(weibliche) Genderspezifizierung hat sich vor allem im Deutschen, aber auch in
vielen slawischen Sprachen als einflussreichstes Mittel gegen sprachliche Dis-
kriminierung durchgesetzt. Svenka Saviü gehört für das Serbische zu den popu-
lärsten VertreterInnen dieser Strategie und setzt sich für eine konsequente Ver-
wendung genderspezifisch weiblicher Benennungen, vor allem bei Berufen und
Titeln, ein (Saviü 2007: 72):

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278 Simone Rajiliü

Naroþito profesije i titule koje potvrÿuju ženu u hijerarhiji moüi na samom vrhu,
treba pisati u ženskom rodu da ona bude vidljiva u toj profesiji, ili na tom vi-
soko odgovornom mestu u hijerarhiji vlasti
[Dt.: Insbesondere Berufe und Titel, die bestätigen, dass Frauen sich in Macht-
positionen befinden, müssen im Femininum verwendet werden, damit Frauen in
diesen Berufen oder verantwortungsvollen Positionen in der gesellschaftlichen
Hierarchie sichtbar sind.]

Wenn sowohl Männer als auch Frauen angesprochen werden sollen, empfiehlt
Saviü die Verwendung von Schrägstrichen, z. B. student/kinja (dt. „Student/
in“) oder Beidnennungen: „Kad doÿe kondukter ili kondukterka morate mu ili
joj pokazati kartu“ (Saviü 2009: 17).11
Saviü veröffentlicht 2009 mit ihren Kolleginnen Marijana ýanak, Veronika
Mitro und Gordana Štasni ein viel beachtetes Buch Rod i jezik (dt. „Gender und
Sprache“), das es sogar auf den Titel der Vreme, einer der einflussreichsten
politischen Wochenmagazine Serbiens schafft (vgl. Vreme 30.07.2009). Rod i
jezik umfasst neben den von Saviü formulierten Richtlinien zu gendersensitivem
Sprachgebrauch (Uputstvo za upotrebu rodno osetljivog jezika) vor allem ein
umfangreiches Korpus genderspezifisch weiblicher Substantive, das verschie-
dene Möglichkeiten zur Benennung von Frauen aufzeigt.
Außer der Frauenbewegung in Serbien setzt sich die 2009 gegründete
Uprava za rodnu ravnopravnost (dt. „Abteilung für Geschlechtergleichstellung“)
des serbischen Ministeriums für Arbeit, Beschäftigung und Soziales – in Zu-
sammenarbeit mit Genderlinguistinnen – für die Etablierung genderspezifisch
weiblicher Benennungsformen ein (z. B. Filipoviü 2012). Die nacionalna stra-
tegija za poboljšavanje položaja žena i unapreÿivanje rodne ravnopravnosti
(dt. „Nationale Strategie zur Verbesserung der Stellung von Frauen und zur
Förderung der Geschlechtergleichstellung“), die Serbien 2009 im Zuge der
Annäherung an die Europäische Union verabschiedet hat, spricht sich ebenfalls
gegen sexistische Sprachpraktiken aus und fordert eine verstärkte Femini-
sierung des Serbischen (einen sog. gendersensitiven Sprachgebrauch) in allen
öffentlichen Texten und Dokumenten sowie die breite Sensibilisierung für
sprachliche Diskriminierung durch das serbische Bildungssystem (vgl. Strate-
gija 2009).
Die genannten Strategien gegen sexistische Sprachpraktiken (Genderneutra-
lisierung, Genderspezifizierung/Feminisierung, Reclaiming und Resignifikation
von Wörtern, Nichtverwendung stigmatisierender Wörter und Sensibilisierung
durch Umkehrung sprachlicher Benennungskonventionen) stellen allesamt kein

11
Dt.: Wenn der Schaffner oder die Schaffnerin kommt, müssen Sie ihm oder ihr den Fahr-
schein vorzeigen.

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Debatten über Gender und Sprache in der serbischen Presse 279

Mittel dar, Sexismus umfassend zu verhindern und dauerhaft im Sprachge-


brauch zu vermeiden. Vielmehr sind sie als Vorschläge zu verstehen, wie punk-
tuell auf einzelne Diskriminierungen im Sprachgebrauch reagiert werden kann
– ohne gleichzeitig davon auszugehen, Sexismus sei nun „für immer“ aus der
Sprache verschwunden und die „Arbeit getan“. Wichtiger als das Aufstellen
neuer, nicht-diskriminierender Sprachstandards sei die Sensibilisierung dafür,
dass Sprache Trägerin von Normvorstellungen ist und diese permanent im
Sprachgebrauch (re-)produziert werden – was in einer ungleichen Gesellschaft
zwangsläufig zur Aufrechterhaltung bestehender Ungleichheiten führt bzw. zur
Schaffung neuer Diskriminierungen:
So, what is to be done about sexism in language? I would say, whatever is most
effective in making people think about the implications of the expressions they
use. Finally, I believe that it is less important for feminists to establish a par-
ticular set of non-sexist conventions as ‘standard’ than to make people aware of
the non-neutrality of language. (Cameron 1992: 127)

Die Idee einer klaren und eindeutigen sowie abschließbaren Liste von sprach-
lichen Veränderungen und eine klare Zielvorstellung derselben muss notwen-
digerweise zu neuen unreflektierten Ausschlüssen führen, die es zu reflektieren
gilt. Aus einer konstruktivistischen Perspektive sind Sprachveränderungen keine
abschließbare Liste von Regeln, sondern es handelt sich um einen kontinuier-
lichen Zustand, dessen Prozesshaftigkeit als eine Chance begriffen wird. (Horn-
scheidt 2006: 328)

Feministische Kritik an bestehenden sprachlichen Normen und vor allem die


Forderungen nach neuen Sprachpraktiken und konkrete Vorschläge diesbezüg-
lich machen Debatten um Gender und Sprache in der Regel zum Gegenstand
des öffentlichen Interesses (vgl. Cameron 1992: 101). So auch in Serbien, wo
konventionelle Benennungspraktiken für Frauen mit Maskulina und mögliche
Alternativen seit einigen Jahren kontrovers diskutiert werden.

2 Die Debatte über Gender und Sprache in den serbischen Medien

Seit dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren und der damit verbundenen
sprachlichen Divergenz im ehemals serbokroatischen Sprachraum sind lingu-
istische Auseinandersetzungen in Serbien vornehmlich mit Standardisierungs-
prozessen verbunden (vgl. Voß/Goluboviü 2010, Schubert 2010, Piper 1998).
Die 1997 von namhaften serbischen LinguistInnen und den Akademien der
Wissenschaften und Künste Serbiens, Montenegros und der bosnischen Repu-
blika Srpska gegründete Standardisierungskommission des Serbischen (Odbor
za standardizaciju srpskog jezika) trifft hierbei einflussreiche Entscheidungen
zu sämtlichen Normierungsprozessen des Serbischen. Welchen Stellenwert die
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280 Simone Rajiliü

kyrillische Schrift hat, ist nur ein Beispiel von vielen für die Gegenstände
aktueller Debatten. Fragen, die das Verhältnis von Gender und Sprache thema-
tisieren, treten vergleichsweise in den Hintergrund bzw. werden ebenfalls im
Rahmen von Standardisierungsdebatten diskutiert.
Bereits in den 1990er Jahren gibt es einige öffentliche Stellungnahmen ser-
bischer LinguistInnen zur Frage nach der „korrekten“ Benennung von Frauen
(z. B. Politika 04.12.1997). Der Fokus liegt auf Berufsbenennungen, die in vie-
len Bereichen für Frauen nicht genderspezifizierend verwendet werden (bspw.
ministar, predsednik etc.). Besonders interessant für unseren Kontext wird die
öffentliche Debatte um die sprachliche Benennung von Frauen, die es in lin-
guistischen Fachkreisen seit Jahrzehnten in Jugoslawien bzw. Serbien gibt (vgl.
u. a. Maretiü 1924, Janjanin 1934, 1936, Kostiü 1935, Hraste 1953, Vince
1954, Nikoliü 1955, Klajn 1980, Kalogjera 1981, Iviü 1995, Fekete 1996,
Bugarski 2005, ûoriü 2008, mit feministischem Hintergrund Saviü 1989, 2004,
2009, Markoviü 2008, 2012, Filipoviü 2011a, 2011b), allerdings mit der Ausei-
nandersetzung mit feministischer Kritik an vorherrschenden Sprachkonventio-
nen und deren diskriminierendem Potenzial.
Die Diskussion in den serbischen Medien wird dominiert von Beiträgen, die
sich gegen feministische Sprachkritik wenden und vornehmlich auf das popu-
listische Lächerlichmachen weiblich genderspezifizierender Benennungen ab-
zielen (z. B. Politika 18.07.2009). Eine argumentative Auseinandersetzung mit
den für die eigentliche Problematik relevanten Inhalten fehlt meistens. Di