Sie sind auf Seite 1von 386

»Mit Odysseus’ Segen« steht auf dem Wandbild geschrieben, das sich auf der griechischen

Insel Ithaka, der Heimat des Helden, befindet.


Das berühmte Trojanische Pferd als Graffito in Athen.
Der Held Miloš Obilić als Statue vor dem Kloster Gračanica.
Die Gazimestan-Gedenkstätte im Kosovo. Sie wurde 1953 erbaut, um an die Schlacht auf
dem Amselfeld 1389 zu erinnern.

Mit Bruder Gavril in einem serbisch-orthodoxen Kloster.


Eine Statue von Roland, dem Helden aus dem Rolandslied, in der Altstadt von Dubrovnik,
Kroatien.
Der puparo (Puppenmacher und Puppenspieler) Vincenzo Argento in Palermo, Sizilien.
Eine baskische Demonstration in Roncesvalles, dem Ort, an dem Roland getötet wurde.

Der Klosterkomplex von Rocamadour in den französischen Pyrenäen. Hier können


Besucher Rolands angeblich wundertätiges Schwert Durendal besichtigen.
Hagen von Tronje wirft den Nibelungenschatz in den Rhein.
»Der Streit der Königinnen« von dem Wormser Künstler Eichfelder, eine Neuinterpretation
einer Schlüsselszene aus dem Nibelungenlied.
Hagen ermordet Siegfried in Odenheim, einem von mehreren Orten, die den Schauplatz
des Mordes für sich beanspruchen.

Die Kirche von Breedon-on-the-Hill in England, bekannt für ihre angelsächsischen -


Kunstwerke von Ungeheuern und Fabelwesen.
Der Grabhügel eines der alten Könige von Skjöldinger in Gammel Lejre, Dänemark. Ein
sagenreicher Ort, der mit Beowulf in Verbindung gebracht wird.
Das Arktische Denkmal bei Raufarhöfn im Nordosten Islands.

Unterwegs in Island mit Hilmar Örn Hilmarsson, einem Komponisten und Hohepriester der
Ásatrúarfélagið, einer heidnischen Glaubensgemeinschaft.
Der Wandteppich, entworfen von der isländischen Künstlerin Kristín Ragna Gunnarsdóttir,
zeigt einen Ausschnitt aus der Saga von Brennu-Njáll.
Im Tal des Flosidalur, benannt nach Flosi, dem Anführer der Brandstifter aus der Saga.
FÜR MILO UND RAFE
NICHOLAS JUBBER
VON
MONSTERN
UND
MYTHEN
EINE REISE ZU EUROPAS
WILDEN GESCHICHTEN

AUS DEM ENGLISCHEN


VON HEIDE HORN, GERLINDE SCHERMER-RAUWOLF UND
THOMAS WOLLERMANN, KOLLEKTIV DRUCK-REIF
1. Auflage 2020
© 2019 Nicholas Jubber
© 2020 für die deutsche Ausgabe: DuMont Reiseverlag, Ostfildern
Alle Rechte vorbehalten

Die englische Originalausgabe ist 2019 unter dem Titel »Epic Continent« bei John Murray in
Großbritannien erschienen.

Übersetzung: Heide Horn, Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann, Kollektiv


Druck-Reif
Redaktion: Boris Heczko
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: PixxWerk, München
Fotos (Innenteil und Autorenfoto): Nicholas Jubber

www.dumontreise.de
INHALT

CHRONIK DER EREIGNISSE

PROLOG

ERSTER TEIL
AUF DEN SPUREN EINES SPÄTHEIMKEHRERS – DIE ODYSSEE

ZWEITER TEIL
KLAGELIED AUF EINE EWIG SCHMERZENDE WUNDE – DER KOSOVO-ZYKLUS

DRITTER TEIL
EIN LIED FÜR EUROPA – DAS ROLANDSLIED

VIERTER TEIL
DER BITTERE GESCHMACK DER GÖTTERDÄMMERUNG – DAS NIBELUNGENLIED

FÜNFTER TEIL
WIE MAN MONSTER TÖTET – BEOWULF

SECHSTER TEIL
EIN ÖDLAND DER GLEICHEN – DIE SAGA VON BRENNU-NJÁLL

EPILOG

DANKSAGUNG

FÜR DIE BIBLIOTHEK


CHRONIK DER EREIGNISSE

Einige der folgenden Zeitangaben beruhen auf Vermutungen

1188 v. Chr. – Troja wird von den Griechen erobert, und Odysseus
macht sich auf die Heimreise nach Ithaka
1178 v. Chr. – Odysseus kehrt nach Ithaka zurück
8. Jh. v. Chr. – Abfassung der Odyssee
437 – vernichtende Niederlage der Burgunder, Tod ihres Königs
Gundahar (Gunther im Nibelungenlied)
451 – burgundische Truppen kämpfen gegen den Hunnenkönig
Attila (Etzel im Nibelungenlied)
516 – Hygelac, Häuptling der Gauten (und Beowulfs Oberherr) fällt
bei einem Überfall auf die Friesen
778 – Roland wird bei Roncesvalles in einem Hinterhalt getötet
990 – Gunnar von Hlíðarendi wird von seinen Feinden in Island
getötet
1000 – Niederschrift des Beowulf
1010 – In Island wird der Bauernhof von Njáll, dem
Gesetzeskundigen, niedergebrannt
Mitte des 11. Jh. – Abfassung des Rolandsliedes
1190 bis 1210 – Abfassung des Nibelungenliedes
1280 – Abfassung der Saga von Brennu-Njáll
1389 – Schlacht auf dem Amselfeld und Tod des serbischen Fürsten
Lazar
15. Jh. – Abfassung der ersten Lieder des Kosovo-Zyklus
1488 – Erste Druckausgabe der Odyssee
1755 – Wiederentdeckung des Nibelungenliedes
1722 – Erste Druckausgabe der Saga von Brennu-Njáll
1787 – Wiederentdeckung des Beowulf
1814–15 – Veröffentlichung der Volkslieder der Serben,
herausgegeben von Vuk Stefanović Karadžić, die auch den Kosovo-
Zyklus enthalten
1835 – Wiederentdeckung des Rolandsliedes
PROLOG

Unter einem Epos stellen wir uns meist eine Geschichte vor, die vor
langer Zeit in einem fernen Lande spielt. Doch als ich vor einigen
Jahren in die europäische Sagenwelt eintauchte, ging mir auf, wie
aktuell diese Erzählungen sind. Sie berühren uns nicht weniger
unmittelbar als die Tagesnachrichten, sie haben die erzählerische
Wucht von Blockbuster-Filmen, und sie bieten die knisternde
Spannung von Lagerfeuererzählungen.
Die Idee zu diesem Buch kam mir während einer Reise durch
Europa. Meine Frau hatte Mutterschaftsurlaub, und ich redigierte ein
Buch, es sprach also nichts dagegen, »uns ein paar Monate zu
vergnügen«, wie sie es ausdrückte. Auch stand am Ende des
Sommers die Einschulung unseres Ältesten bevor, und das hieß:
jetzt oder nie. Und so kam es, dass wir vier Monate lang von einer
Minikatastrophe zur nächsten kreuz und quer durch sieben Länder
Europas zockelten, mal bei Freunden und Verwandten unterkrochen,
mal günstig eine Bleibe über Airbnb organisierten. Auf Sardinien
ruinierten wir auf einer Schotterstraße unsere Reifen und mussten
das Auto in die Werkstatt bringen, und die Überfahrt mit der Fähre
nach Sizilien verbrachten wir zum größten Teil auf der
Krankenstation, weil ich vergessen hatte, unser Baby im Kinderstuhl
anzuschnallen. Aber im Großen und Ganzen schlugen wir uns gar
nicht so schlecht: Wir brachten die Kinder heil und ganz nach Hause,
wir zerstritten uns nicht, und unser zehn Jahre alter Peugeot 206
gab nicht den Geist auf.
Es war also eine unbeschwerte, friedliche Zeit, und wir hatten viel
Spaß dabei, Europa mit den Augen kleiner Kinder zu entdecken. In
Nürnberg bestaunten wir mit glänzenden Augen Modelleisenbahnen
in Europas schönstem Spielzeugmuseum und anschließend,
ziemlich ernüchtert, das Aufmarschgelände für die Reichsparteitage
der Nazis. In Syrakus besuchten wir ein Puppentheater, nachdem
wir ein antikes Amphitheater erkundet hatten. Hie und da drangen
auch die wachsenden Probleme des Kontinents bis in die
Glücksblase unserer kleinen Familie – von rassistischen Graffiti in
Hannover bis zu Migranten aus Afrika, die uns auf Sardinien um
Hilfe baten. Doch schmutzige Windeln und aufgeschlagene Knie
lenkten unsere Aufmerksamkeit schnell von solchen Dingen ab.
Wenn uns die Nachrichtenmeldungen zu sehr aufs Gemüt schlugen,
konnten wir uns einfach in die Abenteuer der Oktonauten versenken
oder uns an der schönen Holzausstattung der deutschen
Kindergärten freuen.
Ich lernte Europa in diesem Sommer lieben: das messingfarbene
Licht auf den Stränden des Mittelmeers, wo das türkisfarbene Meer
unsere Füße umschmeichelte; das staubige Goldgrün der
Nadelwälder; die traditionellen Bräuche, die auf dem Kontinent noch
gepflegt werden: angefangen bei den sizilianischen signoras, die die
Füßchen unseres Babys und den blonden Schopf seines älteren
Bruders berührten und sich dabei bekreuzigten, bis hin zu den
Doktoranden in Göttingen, die nach bestandener Prüfung auf dem
Marktplatz der Figur der Gänseliesel einen Kuss auf die bronzenen
Lippen drücken. Großartiger Kaffee, köstliches Eis, und wo die
Würste nicht ganz so gut waren, wurden sie wenigstens größer,
genau wie die Bierkrüge.
Doch zu Hause in England beherrschte der Brexit die
Schlagzeilen. Dort versuchte man, aus der nationalen Identität
politisches Kapital zu schlagen; historische Begriffe wie
»Angelsachse« und verstaubte Ansichten über »Souveränität«
wurden für den Stimmenfang instrumentalisiert; Facebook-Profile
wurden ausgespäht, und Politstrategen, die sich ihre Ideen aus Sun
Tzus Die Kunst des Krieges klaubten oder die uralten politischen
Manöverspielchen eines Bismarck kopierten, produzierten
provokative Videos auf YouTube.
Als wir in den bayerischen Alpen ankamen, war das Kind (keines
der unseren, zum Glück) dann endgültig in den Brunnen gefallen:
Eine Mehrheit der Briten stimmte dafür, nach 42 Jahren die
politische Union mit dem Festland aufzukündigen. Wir hatten uns in
eine Pferdekutsche gequetscht und klapperten Neuschwanstein
entgegen. Ein netter Düsseldorfer, der mir seinen Ellbogen in die
Rippen drückte, hielt mir mit dem mitfühlenden Kommentar »Da habt
ihr euch ja was Schönes eingebrockt!« sein iPhone unter die Nase,
um mich über den freien Fall des britischen Pfunds auf dem
Laufenden zu halten. Das Schloss ist ein romantischer Fantasiebau,
errichtet für einen Schöngeist des 19. Jahrhunderts, den verrückten
»Märchenkönig« Ludwig II. von Bayern, aber wir waren nicht in
Stimmung für eine Schlossbesichtigung. Meine Frau dachte an ihre
Handtasche, die sie in der Kutsche vergessen hatte, und mir ging
angesichts des aberwitzigen Prachtbaus im Kopf herum, was dabei
herauskommen kann, wenn die politisch Verantwortlichen im
Wolkenkuckucksheim leben. Zum Glück war wenigstens ein Mitglied
unserer Familie auf Zack.
»Daddy«, rief unser Jüngster, »da ist ein Drache!«
Meine Augen folgten seinem Finger zu einem Fresko in einem
Mauerbogen, und ich erblickte ein Schuppenbiest mit langem
Schweif, dem ein Held in goldschimmernder Rüstung mit einem
glänzenden Schwert die Brust durchbohrte. Wir schauten uns an und
lächelten.
Das war der Moment, in dem es bei mir »Klick!« machte.
Bei dem Helden handelte es sich um Sigurd, auch Siegfried
genannt, aus der mittelalterlichen Nibelungen-Sage. Es existieren
mehrere Fassungen der Geschichte. Vor einigen Wochen hatte ich
mir die Version aus dem 12. Jahrhundert – das Nibelungenlied – auf
meinen Kindle heruntergeladen. Die Gemälde, die Ludwig II. in
Auftrag gab, orientierten sich allerdings an einer anderen Version,
die im Island des 13. Jahrhunderts angesiedelt war. Bei der
Betrachtung rekapitulierte ich kurz die Geschichte von Siegfried: Er
tötet einen Drachen, reißt sich einen sagenhaften Schatz unter den
Nagel, heiratet eine schöne Prinzessin … und fällt auf einem
Jagdausflug im Wald dem Speer eines hinterlistigen Mörders zum
Opfer.
In den folgenden Tagen und Wochen ging mir diese düstere
Geschichte nicht mehr aus dem Sinn. Wie ein Wollknäuel, mit dem
ein Kätzchen spielt, verwickelten sich ihre Fäden mit anderen
Erzählungen. Ich dachte an ihren Einfluss auf das angelsächsische
Epos Beowulf und die isländischen Sagas und später auch auf die
Bücher von J. R. R. Tolkien, der Geschichten über Drachen so
populär gemacht hat, dass das Bild eines schuppigen, geflügelten
Wesens heutzutage jedem Dreijährigen etwas sagt. Und ich dachte
an Siegfrieds Verbindungen zu den großen Helden Homers: Er ist
ein Meister der Tarnung, genau wie der listenreiche Odysseus, aber
auch ein fast unsterblicher Kraftprotz wie Achilles – samt dessen
»Achillesferse«, die bei ihm allerdings ein Fleck auf der Schulter in
Form eines Lindenblatts ist.
»Das Epos schildert eine Reise, auf der jemand etwas sucht«,
bemerkte der Dichter Derek Walcott. »Das Grundschema ist
bekannt: Ein Ritter zieht in die Welt hinaus, um irgendetwas zu
erreichen, und unterwegs begegnet er diversen Drachen und so
weiter.« Aristoteles hat es vor mehr als zwei Jahrtausenden formaler
definiert: »Die Epik stimmt mit der Tragödie insoweit überein, als sie
Nachahmung guter Menschen in Versform ist; sie unterscheidet sich
darin von ihr, daß sie nur ein einziges Versmaß verwendet und aus
Bericht besteht.« Was mich an den europäischen Epen ansprach,
war allerdings nicht so sehr ihre Form als vielmehr die Ähnlichkeit
ihrer Motive und Handlungsstränge, die den Kontinent wie mit einer
Patchworkdecke aus Erzählungen überzogen.
Die Literaturwissenschaft hat diese Verbindungen ins Korsett ihrer
Theorien zu zwingen versucht, Jacob Grimm suchte in ihnen eine
einigende Klammer für das deutsche Nationalgefühl, Joseph
Campbell sprach von den zwölf Stationen der Heldenreise, für die
James Joyce den Begriff Monomythos prägte. Bereits in den
1870ern parodierte George Eliot diese Bemühungen in ihrem Roman
Middlemarch in der Figur des Casaubon, der nach dem »Schlüssel
aller Mythologien« forscht. Die Literaturwissenschaft hat viele
Erkenntnisse zutage gefördert, aber insgesamt finde ich sie zu
schematisch für die verwickelten und tiefgründigen Verbindungen
zwischen den mythischen und folkloristischen Elementen dieser
Erzählungen. In meinen Augen bestehen zwischen diesen
Geschichten so viele überraschende Verknüpfungen, sie sind so
organisch miteinander verwoben, dass ihre Bezüge dem kreuz und
quer verlaufenden Wurzelgeflecht der Bäume eines großen,
undurchdringlichen Waldes gleichen.
Einige Monate nach unserem Familientrip durch Europa plante ich
eine neue Reise, die mich auf den Spuren der europäischen Sagen
von Anatolien bis zum Polarkreis führen sollte. Diesmal wollte ich
mich ohne Familie auf den Weg machen. Im Unterschied zu
Odysseus wurde ich nicht von einem kriegslüsternen Herrscher zum
Militärdienst genötigt, und ich begab mich auch nicht wie Siegfried
auf die Jagd nach Ruhm und Reichtum. Ich bin bloß ein schlaksiger,
bebrillter Büchermensch, kein muskelbepackter Held. Mein Ziel war
es, den Geschichten und ihren vielen Figuren nachzuspüren, und als
Lohn für meine Mühen erhoffte ich mir, ein Buch nach Hause zu
bringen.
Einige Jahre zuvor hatte ich auf einer Reise versucht, mich dem
persischen Epos Schahnameh (»Buch der Könige«) anzunähern. Ich
hatte Bauern getroffen, die seine Verse während der Feldarbeit
rezitierten, und ehemalige Soldaten, die das Buch in den 1980er-
Jahren in die Schützengräben des iranisch-irakischen Kriegs
mitgenommen hatten. Die alten Geschichten waren für sie keine
hehre Kunst, die man im Elfenbeinturm pflegte, sondern lebendiger
Teil ihres täglichen Lebens.
Bis vor Kurzem hatte ich noch gedacht, Europa sei anders, hier
habe man die Geschichte fein säuberlich in den Vitrinen von Museen
verstaut. Nun fragte ich mich, ob mir eine Reise mit den Epen als
Richtschnur – den ältesten, wildesten, zerfleddertsten Geschichten,
die es überhaupt gibt – helfen konnte zu begreifen, was es heißt,
Europäer zu sein. Wenn die Epen noch lebendig waren, sie also
Menschen auch außerhalb der akademischen Absperrgitter, die sie
für neue Leser so einschüchternd machen, beeinflussen konnten,
dann müsste es doch möglich sein, ihrer Spur quer über den
Kontinent zu folgen?
Die großen europäischen Sagen entstanden sämtlich in Zeiten
gewaltiger Erschütterungen oder beschreiben solche. Die Odyssee
erzählt uns von der Zeit nach dem Trojanischen Krieg, dem
Ursprungskonflikt der griechischen Nation; verfasst wurde sie, als
das heroische Zeitalter durch die Stadtstaaten abgelöst wurde, die
Europas Zukunft bestimmen sollten. Das Nibelungenlied behandelt
den Untergang eines germanischen Königreichs in der Endzeit des
weströmischen Kaiserreichs. Beowulf, das einzige erhaltene Beispiel
der altenglischen Epenkunst, spiegelt den Übergang von der
heidnischen Zeit zum Christentum wider.
Viele dieser Geschichten wurzeln in der Epoche der
Völkerwanderung. Stämme zogen aus den Steppen Zentralasiens
und von den skandinavischen Archipelen los, überquerten die Flüsse
im Herzen Europas und bevölkerten die Ebenen und Halbinseln,
mit denen man sie fortan assoziieren sollte: die Franken und Dänen,
die germanischen Stämme, die Angelsachsen. Neben vielem
anderen sind diese Geschichten auch die Gründungsmythen
Europas.
Literarisch wird Europa zum ersten Mal in Homers Ilias erwähnt.
Die Königstochter Europa wird von Zeus nach Kreta entführt, weil er
sich dort mit ihr vergnügen will – sie muss also ihre Heimat
verlassen wie so viele Stämme, die dann die Geschichte des
Kontinents ausmachen. Nichts Ungewöhnliches im Grunde –
Vertreibung war schon immer der Treibstoff, der den Motor der
europäischen Geschichte in Schwung gehalten hat.
Mit dem Namen Europa bezeichneten die Griechen dann ihre
Territorien westlich der Ägäis, später übernahmen ihn die Römer für
den Westteil ihres Reiches, die Enzyklopädisten und Kartographen
taten es ihnen bis ins Mittelalter gleich, und die Propagandisten
Karls des Großen benutzten ihn als Sammelbegriff für dessen
Imperium. Aber erst mit dem Humanismus im 15. Jahrhundert wurde
es üblich, dass Menschen sich als »Europäer« bezeichneten, um
sich innerhalb der Christenheit abzugrenzen.
Wir können natürlich nicht wissen, was man in der Zukunft unter
»Europa« verstehen wird. Aber wir können uns die Geschichten
anschauen, aus denen seine Gründungsbestandteile geformt
wurden: die Geschichten, die man sich einst an den Lagerfeuern
erzählte und in den Thronsälen der Könige vortrug, die Geschichten,
die Armeen zum Losmarschieren animierten, die Vorstellungskraft
ihrer Führer beflügelten und Revolutionäre mit Vorbildern versorgten.
Bis heute lieben wir Geschichten, in denen geschildert wird, wie
jemand unter den widrigsten Umständen irgendein Monster erledigt.
Der weiße Hai, Game of Thrones … oder auch die Sagen, die
frappierende Parallelen zu diesen modernen Klassikern aufweisen:
Beowulf, Odyssee und das Nibelungenlied. Es ergeht uns wie dem
treuen Schweinehirten Eumaios, der von Odysseus’ Erzählungen
sagt: »Wie wenn ein Mann auf den Sänger hinblickt, der, belehrt von
den Göttern, sehnsuchterweckende Sagen singt vor den sterblichen
Menschen, und sie begehren seinem Gesang unermüdlich zu
lauschen, so hat er mich bezaubert, als er in der Hütte bei mir saß.«
Doch wie soll man eine Auswahl unter so vielen Epen treffen?
Mich reizten besonders jene Geschichten, die den Hintergrund
mündlicher Überlieferung hatten und die ich vielleicht in irgendeiner
Form im öffentlichen Vortrag hören konnte. Die Bezeichnungen
»Epik« und »episch« leiten sich ja von dem griechischen Wort Epos,
ἔπος, her, das so viel wie »Wort, Rede« bedeutet. Damit eine
Geschichte wirklich »episch« ist, muss sie wie eine Rede
vorgetragen werden. Das gesprochene Wort hat eine eigene Kraft –
kelethmos, altgriechisch: κηληθμός, die Verzauberung –, das
Publikum hört wie gebannt zu. Da diese Geschichten, die aus einer
Zeit lange vor Erfindung des Buchdrucks stammen, mündlich
vorgetragen wurden, konnten sie tiefe Wurzeln schlagen und sich im
Herzen der europäischen Kultur verankern.
Die epische Tradition Europas beginnt mit Homer, und so soll die
Odyssee, die beliebte Erzählung über den langwierigen Heimweg
eines listigen Helden aus dem Krieg auch Startpunkt meines
Unterfangens sein. Danach stoße ich in unbekanntere Gefilde vor
und will weiter nördlich auf dem Balkan dem Kosovo-Zyklus
nachspüren, der Geschichte der christlichen Ritter, die gegen das
Osmanische Reich kämpften. Als Nächstes geht es über die Adria,
wo ich quer durch Westeuropa dem Rolandslied folgen will, das von
den Taten der Paladine Karls des Großen auf waldigen
Pyrenäenpässen handelt. In Zentraleuropa folgt die Fortsetzung mit
dem Nibelungenlied, das die Geschichte vom Drachentöter Siegfried
und der schrecklichen Rache erzählt, die auf seine Ermordung
folgte. Weiter geht es gen Norden, nach Britannien und
Skandinavien, wo ich mich mit dem Beowulf auseinandersetzen will
– einer unheimlichen Geschichte von Ungeheuern und Methallen
und einem Helden, der es mit einem feuerspeienden Drachen
aufnehmen muss. Schließlich will ich mich den Nationen am
äußersten Rand Europas zuwenden und der Saga von Brennu-Njáll
(sowie ihrer gereimten Version Gunnarsrímur) widmen, der
Geschichte zweier isländischer Freunde und der Fehden, die ihre
Leben zerstören.
Das epische Erbe Europas ist zu reichhaltig, um es in ein einziges
Buch zu pressen, ich kann hier weder alle Regionen abdecken noch
sämtliche großen Erzählungen berücksichtigen. Doch auch wenn ich
viel am Wegesrand liegen lassen muss, habe ich doch die Hoffnung,
auf den Spuren dieser sechs Geschichten quer über den Kontinent
eine Reihe von drängenden Fragen wenigstens teilweise
beantworten zu können: Welchen Beitrag haben diese Epen zur
Schaffung Europas geleistet? Lohnt es sich nach wie vor, sie zu
lesen? Können sie uns heute helfen, Europa besser zu verstehen?
Ich hatte keine klare Vorstellung, was mich erwartete, als ich nach
Griechenland aufbrach. Es erschien eher unwahrscheinlich, dass mir
Drachen begegnen würden, und ich rechnete auch nicht damit, von
einer tückischen Zauberin in ein Schwein verwandelt zu werden.
Andererseits erwartete ich auch nicht, an Trinkgelagen mit
Kriegsveteranen teilzunehmen, die singend Gedichte vortrugen, in
einer Grabkammer aus der Bronzezeit zu schlafen,
flaggenschwingenden Sezessionisten auf einem mittelalterlichen
Schlachtfeld zu begegnen oder mit einem heidnischen Hohepriester
um einen noch unvollendeten Tempel herumzulaufen.
Die Epen zeichneten mir den Weg vor. Ein ganzes Leben lang bin
ich Europäer gewesen. Nun wollte ich den Kontinent meiner Geburt
bereisen und herausfinden, was das bedeutete.
ERSTER TEIL

AUF DEN SPUREN EINES


SPÄTHEIMKEHRERS
DIE ODYSSEE
Der Krieg um Troja ist beendet, Odysseus möchte nur noch
nach Hause. Nach sieben Jahren als Gefangener der Nymphe
Kalypso wird er auf einem Floß zur Insel der Phaiaken gesandt.
Dort erzählt er die Abenteuer, die er seit der Plünderung von
Troja erlebt hat – von seinem Kampf mit dem Zyklopen, vom
verlockenden Gesang der Sirenen, von den Rindern des
Sonnengottes, die seine Mannschaft trotz ausdrücklichen
Verbots gebraten hat, worüber die Götter so erzürnt waren, dass
sie alle in einem Sturm umkommen ließen. Die Phaiaken haben
Mitgefühl mit Odysseus und schicken ihn, mit Geschenken
beladen, heim nach Ithaka.
Als Bettler verkleidet gibt er sich zuerst seinem Sohn
Telemachos zu erkennen, der selbst erst von einer Reise
zurückgekommen ist. Gemeinsam hecken sie einen Plan aus,
um die Freier loszuwerden, die sich in Odysseus’ Haus
breitgemacht haben, sein Vermögen verprassen und ein Auge
auf seine Frau Penelope geworfen haben. Als diese einen
Wettbewerb im Bogenschießen ausruft, dessen Gewinner ihre
Hand erhalten soll, ist der Moment zum Losschlagen
gekommen. Einige der Freier versuchen, Odysseus’ Bogen zu
spannen, doch keiner schafft es. Da nimmt er selbst die
Herausforderung an und schießt einen Pfeil durch die Löcher
von zwölf Axtköpfen.
Doch der Wettbewerb war, wie sich sogleich zeigt, nur eine
Waffenprobe. Unterstützt von Telemachos tötet Odysseus die
Freier und erhängt die Mägde, die ihnen zu Gefallen waren.
Schließlich gibt er sich der leidgeprüften Penelope zu erkennen,
die seine Identität mit intimen Fragen auf die Probe stellt. Mann,
Frau und Sohn sind wieder vereint, und zu guter Letzt steigt die
Göttin Athene herab und beschwichtigt den wütenden Mob der
Inselbewohner und Verwandten der Freier.
1
Wär’ doch der Fremde auf Irrfahrt woanders zugrunde gegangen,
ehe er herfuhr; dann hätt’ er erspart uns dieses Gelärme!

Die Freier, Odyssee, 18. Gesang

Gleich volles Tempo oder das Ganze langsam angehen? Ich hatte
achtzehn Länder zu durchqueren, mehr als 5000 Kilometer lagen vor
mir. Doch bevor ich kreuz und quer den Kontinent abklapperte,
musste ich mir erst einmal darüber klar werden, was ich eigentlich
wollte. Das europäische Epos beginnt mit den Griechen, die
Odyssee ist die berühmteste aller Reiseerzählungen, also bot es
sich an, auch meine epische Abenteuerfahrt mit ihr zu beginnen. Sie
wird einem Barden namens Homer zugeschrieben, der sie um 800 v.
Chr. verfasste. Die Geschichte um Sirenen, Zyklopen und den
großen Showdown in Odysseus’ Palast am Ende ist uns allen
vertraut. Wie leicht vergisst man da, dass sie aus einer Zeit stammt,
in der es weder feste Mahlzeiten noch Münzprägung gab. Trotzdem
hat man beim Lesen der Odyssee das Gefühl, dass sie uns auch
heute noch ganz unmittelbar berührt. Verspielte Handlungsführung,
nichtlineare Erzählstruktur, eine große Bandbreite von Figuren,
drastische Gewaltszenen – also das, was wir an modernen
Geschichten so schätzen – können wir auch ganz frisch und
ursprünglich bei Homer finden. Der griechische Barde bietet uns
eine Kombination von Roadmovie und Katastrophenfilm, seine
Figuren erleiden schwere Rückschläge oder sterben ganz
unerwartet, und alles mündet in ein bluttriefendes Finale, das jedem
Spaghetti-Western Ehre machen würde.
Sicher, es gibt ein Prequel, die Ilias mit ihrer etwas spröden
Darstellung des Trojanischen Krieges und des Zorns von Achilles.
Doch die Odyssee hat die Drehbuchautoren von Hollywood weit
mehr inspiriert: Eine Reihe unglücklich verlaufender Abenteuer
münden in eine blutige Konfrontation mit den Gegnern, und am Ende
sind die Liebenden im Happy End vereint. Wenn sich die Größe
eines literarischen Werks an der Zahl der Nachahmer misst, dann ist
die Odyssee mit Sicherheit die größte Geschichte aller Zeiten. Und
gerade das macht es nicht einfach, auf den Spuren dieser
Geschichte zu reisen. Bei der Odyssee ist der Name Programm –
man denke allein an die zahllosen Bücher, die in den Bibliotheken
und Buchhandlungen über sie zu finden sind: Die neue Odyssee;
Ithaka; Odysseus: Die Rückkehr; Die Odyssee: Verschollen;
Niemand besiegt den schrecklichen Monoglotz: Ein zwirkisches
Abenteuer frei nach Homer; Homers Odyssee: Die Simpsons und
die Literatur. Und das ist nur eine kleine Auswahl dessen, was in den
letzten zehn Jahren veröffentlicht wurde.
Warum zieht uns gerade diese Geschichte vor allen anderen so in
ihren Bann? Und was sagt das aus über Europa – den Kontinent,
dessen Kultur sie so stark beeinflusst hat? Zur Lösung dieser Fragen
will ich der Odyssee auf drei Wegen nachgehen. Einer soll mich
geradewegs zu den Griechen führen, dem Volk, das die direkteste
Verbindung zu dieser Geschichte hat. Der Einzelfall erschließt oft
das Allgemeine, deshalb wollte ich die Menschen im Auge des
Orkans kennenlernen. Aber die Odyssee ist auch die Reise- und
Abenteuergeschichte schlechthin: Wenn ich ihr irgendwie gerecht
werden wollte, musste ich unbedingt selbst ein paar Reiseabenteuer
bestehen.
Mein erstes Ziel sollte eine kleine Insel sein, auf der Homer der
Überlieferung nach sein Epos verfasst haben soll und die im Zen-
trum einer Krise unserer Tage steht. Schließlich ist die Odyssee kein
Stück tote Literatur – das ist ja gerade das Aufregende an den
großen Geschichten, die so viele Jahrhunderte überdauern. Sie
behalten immer Bedeutung, erneuern sich mit der sich verändernden
Welt. Man stelle sich die Handlung einmal als eine Reihe von
Schlagzeilen vor: Flüchtlinge aus Kriegsgebiet, gestrandet auf
Mittelmeerinseln, suchen verzweifelt eine neue Heimat.
Traumatische Schicksale unserer Tage mit Geschichten aus längst
vergangenen Zeiten zu verknüpfen ist nie verkehrt, vorausgesetzt,
man erweist beiden Respekt.
Chios, nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Einst
war die Insel berühmt für ihr Harz und ihren schwarzen Wein, bis die
Osmanen 1822 dort während des griechischen
Unabhängigkeitskrieges ein Massaker an der griechischen
Bevölkerung verübten. Heute ist Chios eine Drehscheibe der
»Flüchtlingskrise«: Gegenwärtig befinden sich dort fast 4000
Asylbewerber, die auf die Bearbeitung ihrer Anträge warten.
Eine alte Festung erhebt sich trotzig über dem Meer. Gras und
Kreuzkraut sprießen aus den Ritzen der Bastion und überziehen die
Mauern wie ein Tattoo den Bizeps eines Türstehers. Durch die
Schießscharten und Lücken im Mauerwerk lugt der Himmel
hindurch; gleißendes Sonnenlicht liegt auf den Containern, in denen
die meisten Flüchtlinge untergebracht sind. Hinter einer
Ansammlung von Zelten sitzen Männer an einem Klapptisch und
spielen Karten. Hinter ihnen eine Warteschlange vor einer
Essensausgabe. Einige haben sich aufgeklaubte Zigarettenstummel
zwischen die Lippen geklemmt, andere durchsuchen die Taschen
ihrer aus Kleiderspenden stammenden Jacken nach der
Essenskarte. Wir sind im Flüchtlingscamp von Souda; heute Abend
stehen Reis und Feuerbohnen auf dem Speiseplan.
»He, Lehrer«, sagt Yassin, »iss was mit uns!«
Ich schäle mich aus meiner Warnweste und lasse sie zusammen
mit meinen Schuhen am Zelteingang liegen. Eigentlich möchte ich
nicht mit ihnen essen. Nichts gegen Feuerbohnen – es ist nur so,
dass das Essen den Flüchtlingen vorbehalten ist. Doch Yassin lässt
nicht locker, und ich war noch nie gut im Neinsagen.
»Ich nehme mir eine Handvoll Reis und koste davon. Lasis!«
(persisch für »Lecker!«)
»Danke, Lehrer. Ich würde dich gern zu mir nach Hause einladen.
Dann würden wir einen großen Hammel braten!«
Vor zwei Jahren hatte Yassin noch Medizin an der Universität von
Homs studiert – bis sie wegen des Krieges in Syrien geschlossen
worden war. Er kehrte ins Dorf seiner Familie zurück und arbeitete
als Sanitäter. Doch sein mageres Einkommen wurde ihm von den
lokalen Machthabern, Vertretern der herrschenden Alawiten,
abgeknöpft. Sie erpressten ihn und drohten ihm mit der Einberufung.
»Aber ich wollte nicht zur Armee. Die geben einem nicht mal eine
Waffe – man wird einfach verheizt. Also flüchtete ich über die Berge
in die Türkei, ich war sehr vorsichtig, damit mich die Soldaten nicht
erwischten.«
Yassin fand Arbeit in Bursa, doch sein eigentliches Ziel war
Europa. Schließlich hatte er sich von seinem mageren Gehalt
einiges zusammengespart, und auch Verwandte hatten ihm Geld
geschickt, sodass er sich einen Schleuser suchen konnte. Aber das
Boot tauchte nicht auf. Es dauerte einige Monate, bis er wieder
genug Geld beisammen hatte. Dieses Mal wurde das Boot von der
Küstenwache aufgebracht. Ein weiterer Überquerungsversuch
scheiterte daran, dass ein rivalisierender Schleuser das Boot stahl.
So ging es immer weiter, bis zum sechsten Versuch.
»Es war ein ruhiger Tag«, sagte Yassin. »Diesmal klappt es,
dachte ich.« Doch als sie schon die Hälfte der Überfahrt geschafft
hatten, kamen ihm Zweifel. »Wir waren einfach zu viele. Das Wasser
stand uns bis zu den Knöcheln, wir schöpften mit den bloßen
Händen, vergebens.«
Aber zum Glück waren sie schon weit genug gekommen.
Schiffssirenen ertönten als laute Antwort auf ihre stillen Gebete. Ein
Fischer hatte die griechische Küstenwache alarmiert. Sie wurden
nach Chios gebracht, vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten
Nationen (UNHCR) registriert, bekamen Formulare in die Hand
gedrückt und Zelte oder Containerplätze zugewiesen, in denen sie
den langen Prozess des Asylverfahrens abwarten konnten.
In Syrien hatte Yassin in einem dreistöckigen Haus mit
Satellitenfernsehen und WLAN gelebt; nun musste er sich an das
Leben in einem Zelt gewöhnen und konnte den Ratten zuschauen,
die sich im Lager ausbreiteten, und den Schlangen, die die Ratten
jagten. Wenn er morgens aufwachte, hörte er die Wellen ans Ufer
schlagen und die Zeltplanen mit dem UNHCR-Aufdruck im Wind
flattern, und manchmal schrie auch einer der Geflüchteten, der seine
Vergangenheit nicht loswerden konnte.
Mir war von Anfang an klar gewesen, dass ich in Europa auch auf
Flüchtlinge treffen würde, schließlich war ich auf denselben Wegen
unterwegs wie sie. Doch ich wollte ihnen nicht völlig ahnungslos
begegnen. Wenn ich einige Wochen in einem Flüchtlingslager
verbrachte, würde ich vermutlich das Problem besser verstehen, das
die Gemüter auf dem Kontinent so stark erhitzt. Also meldete ich
mich als freiwilliger Helfer in einer Schule für Flüchtlinge, in der
vagen Hoffnung, mich zugleich auch ein wenig nützlich machen zu
können.
Das alte steinerne Gebäude, ein ehemaliger Friseursalon, verfügte
über mehrere Unterrichtsräume, einen durch einen Vorhang
abgetrennten Eingangsbereich und eine kleine Küche. Die
Hausregeln hingen neben Papiermaché-Arbeiten und Zeichnungen
der Flüchtlinge, darunter Porträts der Lehrer (meines zeigte ein
seegrasgrünes Gesicht, was vermutlich der verfügbaren
Farbauswahl der Filzstifte geschuldet war, Henkelohren und einen
langen, purpurroten Hals). Zum Ausklang des Tages gab es meist
Besprechungen, die manchmal so lang und spannungsgeladen
waren wie nur je ein Kriegsrat in der Ilias. Alle gaben ihre Meinung
zum Besten, diskutierten über Disziplinarmaßnahmen, stellten
Projektideen vor oder berichteten das Neueste von dem Kampf
zwischen syrischen und afghanischen Schülern, in dem sich die
Rivalitäten ihrer erwachsenen Verwandten um die Vormachtstellung
im Lager widerspiegelte.
Wenn man bedachte, was sie durchgemacht hatten, war es
erstaunlich, wie ausgeglichen die meisten Schüler waren. Es gab
aber auch Jungs, die zu kämpfen hatten. Einige ertränkten mit ihren
90 Euro monatlichem Taschengeld ihre Erinnerungen im Alkohol,
andere konnten den Drogendealern des Lagers nicht widerstehen,
manche hatten Wunden an den Armen, die teils von Kämpfen, teils
von Selbstverletzungen herrührten. Sie waren jung, doch ihre Augen
wirkten alt. Ich hatte ein wenig persönliche Erfahrung mit
psychischen Problemen, aber nicht mit solchen. Sie litten unter
posttraumatischen Belastungsstörungen und hätten professionelle
Hilfe gebraucht. Nun waren sie hier im Lager zusammengepfercht,
ihre Asylanträge hingen in endlosen Warteschleifen. Kein Wunder,
dass viele mit ihren Enttäuschungen und Zukunftsängsten nicht
klarkamen.
Aber wenn man mit ihnen zusammensaß und Schach spielte, sich
ihre Zeichnungen anschaute oder ihre Gedichte las, mit den
kleineren Kindern Fangen spielte und einem ihr Lachen im Ohr
kitzelte, dann bekam man ein Gefühl für die Grausamkeit der Welt,
die sie hier einsperrte und gefangen hielt wie einst die Zauberin
Kirke die Ithaker.
Flüchtling zu sein bedeutet vor allem, unerwünscht zu sein, von
den Behörden, den Einheimischen und überhaupt allen mit Argwohn
betrachtet zu werden. Ganz ähnlich erging es Odysseus, als er
inkognito nach Ithaka zurückkehrte, als »frecher und unverfrorener
Bettler«, wie es der Freier Antinoos ausdrückt. Ein echter Bettler
bricht einen Streit mit ihm vom Zaun, und von den Freiern
angestachelt, beginnen die beiden schließlich einen Ringkampf,
dessen Sieger ein gebratener gefüllter Ziegenmagen winkt.
Odysseus schlägt seinen Rivalen mit der Faust, diesem schießt
»purpurnes Blut aus dem Munde«, und er fällt »brüllend hin in den
Staub«. Für Homer ist das ein selten glimpflicher Ausgang eines
Kampfes.
Die Odyssee ist voller Flüchtlinge und Außenseiter, die von
irgendwo herkommen. Wenn man liest, wie freundlich Odysseus’
Sohn Telemachos, der ohne eine Belohnung zu erwarten einen
Flüchtling an Bord nimmt, den Mittellosen begegnet oder wie der
Schweinehirt Eumaios einen Bettler (in Wahrheit sein verkleideter
Herr) bei sich aufnimmt und ihm die ergreifende Geschichte seiner
eigenen Versklavung erzählt, dann dämmert einem, dass der Dichter
eine Ahnung davon hatte, was Vertreibung bedeutet.
»Gibt’s bei uns nicht genug schon andere Strolche, lästiges
Bettlerpack und gründliche Säubrer der Tafel?«, fragt der Freier
Antinoos mit genau jener Logik, die schon seit mindestens drei
Jahrtausenden gegen Flüchtlinge eingesetzt wird. Etwas Ähnliches
hörte ich eines Abends in einer Hafenbar bei einer Flasche Wein, die
ich mit einem pensionierten Fischer namens Michaelis leerte. »Sie
lassen überall ihren Müll liegen«, sagte er, »sie nehmen Drogen und
betrinken sich. Sie benehmen sich wie Tiere!« Seine dicken, vom
ständigen Hantieren mit Tauen von Hornhaut überzogenen Finger
umklammerten ein Weinglas. »Wenn du diesen Leuten helfen willst,
warum nimmst du sie nicht mit in dein Land?«
Da war was dran. Was konnte man von Europa als
politischer Union schon erwarten, wenn der wohlhabende Kontinent
mit 500 Millionen Einwohnern es nicht schaffte, einen
Bevölkerungszuwachs von gerade einmal 0,3 Prozent zu
organisieren? Doch die europäischen Führer zeigten sich noch
zerstrittener als die olympischen Götter. Ihre Wiederwahl war ihnen
wichtiger als die viel dringendere Aufgabe, eine gemeinsame
europäische Politik zu entwickeln. Ungarn errichtete einen
Stacheldrahtzaun, Angela Merkel vollzog eine Kehrtwende in ihrer
Flüchtlingspolitik, und die britischen Euroskeptiker gingen mit
Plakaten, die »Schwärme« von Immigranten zeigten, auf
Stimmenfang für den Brexit. Das Resultat war, dass Griechenland
wider Willen die Rolle zugeschoben bekam, als »Lagerhaus für
menschliche Seelen« zu dienen, wie es Premierminister Alexis
Tsipras ausdrückte.
Einmal, in einem Englischkurs auf mittlerem Niveau, erläuterte ich
einer jungen afghanischen Schülerin die Handlung der Odyssee.
»Hört sich ganz wie meine Reise an«, sagte sie mit einem schiefen
Lächeln. Die Odyssee gehörte nicht zu ihrem kulturellen Erbe,
trotzdem erkannte sie deutlich ihre Aktualität. Noch deutlicher kam
das in einer AG zum Ausdruck, in der wir eine bearbeitete Fassung
der Odyssee zusammen mit dem Text von Bob Dylans Song Rolling
Stone lasen, zwei Geschichten über Seelen auf der Wanderschaft.
Zu meiner Überraschung fiel den Schülern zu dem Klassiker von
Homer mehr ein als zu Dylan.
»Da geht es wirklich um etwas«, meinte Nouri. »Da steckt einer
echt in der Klemme, aber er tut alles, um zu überleben. Damit kann
ich was anfangen.«
»Wir haben es allerdings noch schwerer«, fügte Faizullah hinzu.
»Wir sind nicht Kapitäne auf einem Schiff mit vielen Sklaven, die
alles tun, was wir ihnen sagen.«
Es war weniger Literaturbetrachtung, was die Schüler motivierte,
sondern die Gelegenheit, ihre eigenen Gefühle auszudrücken.
Besonders spürbar wurde das in einem Lyrik-Workshop. Im
Unterschied zu britischen Schülern waren diese jungen Flüchtlinge
ganz erpicht darauf, etwas zu Papier zu bringen: Überall kratzende
Bleistifte, ärgerlich zerknüllte Entwürfe, zurückgeworfene Köpfe,
geflüsterte Worte, stilles Lächeln …
Sie schrieben Gedichte über die Natur, den Frühling und »die
Jahreszeit des Küssens«, surreale Gedichte über endlose Reisen
(ein Schüler schrieb über unhörbare Schreie), Satiren über die
hygienischen Verhältnisse in den Lagern und die endlose Bürokratie
des Asylverfahrens, Erinnerungen an die Menschen, die in ihrer
Heimat zurückgeblieben waren. Sie schilderten, wie ihre Mütter in
leeren Zimmern standen, oder erinnerten sich, wie sie auf dem Dach
ihres Hauses waren und die Stimmen der Familienmitglieder zu
ihnen heraufdrangen. Ich verfasste ebenfalls einige Verse, das war
wichtig, um eine gemeinschaftliche Atmosphäre entstehen zu
lassen. So entstanden sprachliche Bilder, die mich während der
kommenden Monate meiner Reise begleiten sollten – ein Herz, das
sein Blut ins Meer vergießt, das Flüstern von Zeltplanen, die sich im
Wind blähen …
Wir rezitierten keine langen Verserzählungen, obgleich einige
meiner Schüler sicher auch dafür Sinn gehabt hätten. Doch wir
genossen das Gemeinschaftsgefühl des gesprochenen Wortes,
behandelten die Dichtung nicht als etwas Statisches, Stummes auf
den Seiten eines Buches, sie floss uns von der Zunge wie die
Erzählungen, die auf den homerischen Festen vorgetragen wurden.
Das Epos, altgriechisch »ἔπος«, was so viel wie »Wort, Vers«
bedeutet, ist etwas, das laut gesprochen wird. Und wir teilten Verse,
wie man sich einen Witz erzählt oder gemeinsam eine Kleinigkeit isst
oder einander einfach anlächelt: ein Symbol der Gemeinschaft.

An einem freien Nachmittag unternahm ich einen Spaziergang an


der felsigen Küste. Ich kam an Ferienwohnungen vorbei, die um
Mieter warben, und an Terrakotta-Häusern, die von Opuntien
eingehegt waren. In einer Kiesbucht waren Fischer damit
beschäftigt, den Rumpf eines umgedrehten Bootes zu kalfatern.
Eine gewundene Treppe führte vom Strand weg hinauf zu einem
Heiligtum der phrygischen Fruchtbarkeitsgöttin Kybele. Ich stieg
weiter hinauf, bis ich einen grasbewachsenen Aussichtspunkt
erreichte, in dessen Mitte ein fünfzig Zentimeter hoher Kalkstein wie
ein Pickel aufragte.
»Homers Schemel« wird der Stein genannt, was immer das
bedeuten soll. Saß hier einst ein barfüßiger, bärtiger Barde in einem
gefältelten Chiton und trug die Klage der Andromache um den
getöteten Hektor vor oder erzählte Gruselgeschichten von
menschenfressenden Zyklopen? Unterhielt er die Jugend und die
Spaßvögel mit seiner Parodie des Froschmäusekriegs? Oder
rezitierte er aus der Thebais, einem nur noch in Fragmenten
erhaltenen Werk, das ihm von einigen zugeschrieben wird?
Ob es überhaupt jemanden gab, der sich Homer nannte, ob die
Epen von einem einzelnen Sänger oder einem ganzen
Sängerkollektiv verfasst wurden, ist letztlich unerheblich. Wichtig
sind nur die erhaltenen Texte; der Name »Homer« ist nicht viel mehr
als ein Kürzel für die ihnen zugrunde liegende Sensibilität.1
Die Lage von Homers Schemel, so nahe am Tempel der
anatolischen Göttin Kybele, passt allerdings zu einem erwiesenen
Faktum über Homers Werk. Egal ob der Dichter nun auf Chios lebte
(wie Herodot behauptet), in Smyrna (laut Aristoteles) oder anderswo:
Allem Anschein nach war er von der Kultur Kleinasiens geprägt. Dies
schlägt sich in seinen Epen nieder. Nicht nur, dass Troja sozusagen
vor Homers Haustür lag, spürbar ist auch das »Erzählklima
Kleinasiens, das die Griechen so viel gelehrt hat«, wie der große
Epenforscher Albert Lord schrieb. Besonders spürbar ist das in der
Odyssee, in der Anklänge an verschiedene asiatische Mythen und
Geschichten zu finden sind, nicht zuletzt an das älteste sumerische
Epos, den Gilgamesch.2 Chios wäre eine geeignete Heimat für einen
Geschichtenerzähler der Eisenzeit gewesen, und zwar aus
demselben Grund, aus dem es heute Kriegsflüchtlinge anzieht – es
liegt am Rand von Europa und lauscht hinüber zu den Dramen
Vorderasiens.
1 Chios erhebt gleich aus drei verschiedenen Gründen Anspruch
darauf, einst die Heimat Homers gewesen zu sein. Da ist erstens
die antike Tradition der Homeridae: Rhapsoden oder Barden, die
seine Epen auf der Insel vortrugen. Zweitens sieht die
Wissenschaft eine Verbindung zwischen der Sprache der Epen
und dem ionischen Dialekt, der im antiken Chios gesprochen
wurde. Und schließlich gibt es ein antikes Gedicht mit dem Titel
Auf den delischen Apoll, das zu den sogenannten Homerischen
Hymnen zählt und in dem es heißt: »Blind ist dieser und wohnt in
dem Felseilande von Chios, / Dessen Gesänge die ersten
genannt sind unter den Menschen.«
2 Gilgamesch leidet wie Achilles schmerzlich unter dem Verlust
eines Freundes, und wie Odysseus wird er von einer Zauberin
durch die Unterwelt geführt. Das Schicksal seines Freundes hat
mit dem von Odysseus’ Mannschaft gemein, dass er für den Tod
eines heiligen Rinds bestraft wird. Eine etwas weiter hergeholte
Verbindung kann man zu dem indischen Epos Ramayana
herstellen, das ebenfalls die Reise eines Helden schildert, der
wieder mit seiner Frau vereint sein möchte und wie Odysseus ein
vorzüglicher Bogenschütze ist. Näher an Chios angesiedelt ist
der türkische Erzählzyklus Dede Korkut, der auf alten Legenden
der Oghusen beruht, in denen ein einäugiger Riese mit einem
glühenden Spieß geblendet wird und dem Helden in ein
Widderfell gehüllt die Flucht gelingt. Doch es gibt mehr als 200
Geschichten von einem Menschenfresser, dem das Augenlicht
genommen wird. Wer hier von wem abgeschrieben hat, darüber
kann man sich bis ans Ende aller Tage streiten.

Bevor ich mich westwärts wandte, musste ich erst ein Stück nach
Osten reisen, an den Ort, wo alles begann. Also machte ich mich an
einem freien Wochenende auf nach Troja. Eine Fähre tuckerte über
das Meer, und Busse rollten die türkische Küste entlang in Richtung
der Schwemmebene, in der Troja liegt. Ich wanderte zwischen
Tomatenfeldern und grasenden Schafen umher, folgte meinem
zyklopenlangen Schatten entlang dem mit Tamarisken bestandenen
Ufer des Skamandros. Endlich am Meer angelangt, umschwamm ich
den Hügel, auf dem der Sage nach Achilles beerdigt wurde, und
setzte mich dann zum Trocknen auf einen Felsvorsprung. Als
Alexander der Große im Jahr 334 v. Chr. hier vorbeikam, soll er
nackt um den Hügel getanzt sein und ihn mit Wein besprenkelt habe,
doch so etwas ist heute bestimmt nicht mehr erlaubt.
Ganz in der Nähe planschten Frauen in Burkini und Abaya
vergnügt im seichten Wasser. Der Meltemi, der vorherrschende Wind
in der Ägäis während der Sommermonate, fuhr in ihre Kleider, die
sich im Wind bauschten wie Segel, die es hinaus aufs Meer zieht.
Troja ist hauptsächlich der Schauplatz der Ilias, doch der Ort ist
auch in der Odyssee allgegenwärtig. Es ist der unheilvolle Ort,
dessen Name Penelope nicht gerne aussprechen will. Seine Ruinen
werden von Sirenen und Barden besungen, und Odysseus vergießt
Tränen, als er bei den Phaiaken einer Schilderung von Trojas
Untergang lauscht.
Und so wie Trojas Schatten über der Odyssee liegt, so liegt er
auch über Europa. In seiner History of the Kings of Britain lässt
Geoffrey von Monmouth, ein Chronist des 12. Jahrhunderts, die
Geschichte der Briten mit Brutus dem Trojaner beginnen, eine
mythische Genealogie, die sich in der mittelalterlichen Erzählung von
Sir Gawain und der Grüne Ritter wiederholt, in der König Artus
trojanische Wurzeln angedichtet werden. Dagobert, ein
Frankenkönig des 7. Jahrhunderts, rühmte sich, von König Priamos
abzustammen, und der Normannenhäuptling Rollo zählte den
Trojaner Antenor unter seine Ahnen. Der römische Dichter Vergil
verfasste eines seiner bedeutendsten Epen, die Aeneis, über einen
der wenigen trojanischen Überlebenden. Bezeichnenderweise
identifizieren sie alle sich nicht mit den Siegern, sondern mit den
Verlieren, den Menschen aus Kleinasien, den Geflüchteten, die aus
ihrer Heimat vertrieben wurden. Verlust und Zerstörung sind nicht
einfach Themen, die in den Epen vorkommen, sie bilden das
Fundament, auf dem die europäische Kultur errichtet wurde.
Troja, von vielen Wunden und tiefen Kratern gekennzeichnet, liegt
auf dem Hisarlık Tepe (»Palasthügel«) wie ein ausgeweideter
Leichnam unter dem kalten Licht eines Seziersaals. Ich verbrachte
den Nachmittag damit, über das Gelände zu wandern, vom
Propyläum, dem Tempeleingang, zur steil abfallenden Wallmauer,
deren Stützen laut Archäologen in Homers Erzählung beschrieben
sind. In den 1930er-Jahren entdeckte man hinter dem Wall offenbar
hastig errichtete Anlagen zur Abwehr einer Belagerung. Die vier
Meter dicke Kalksteinmauer lässt erahnen, dass hier eine Stadt war,
die einer feindlichen Streitmacht standzuhalten vermochte – und die
wohl nur durch die List eines Odysseus überwunden werden konnte,
der einige griechische Angreifer mit einem hölzernen Pferd in die
Stadt schmuggelte.
Nun stand ein Modell dieses Trojanischen Pferds unweit des
Stadttors. Kinder tobten darin herum, schrien aus den schmalen
Fenstern, von ihren Eltern fleißig mit iPads und iPhones abgelichtet:
die homerische Bilderwelt im Zeitalter von Instagram.
Zwischen den Mauern sprenkelte roter Mohn die zerfurchte Erde,
die seit anderthalb Jahrhunderten umgegraben wird. Ich musste an
Priamos’ Sohn Gorgythion denken, der in der Ilias fällt: »So wie der
Mohn zur Seite das Haupt neigt, welcher im Garten steht, von
Wuchs belastet, und Regenschauer des Frühlings: Also neigt’ er zur
Seite das Haupt, vom Helme beschweret.« Und ich dachte an die
Mohnblumen, die für uns Engländer so stark mit dem Ersten
Weltkrieg verbunden sind.

Priam und die fünfzig Söhne


Hören der Kanonen Töne
Da packt sie Angst um Troja wieder …

Dies schrieb Rupert Brooke 1915, kurz bevor er an einer


Blutvergiftung im Hafen von Skyros starb. Sein Schiff war auf dem
Weg nach Gallipoli gewesen, wo eine heftige Schlacht tobte. Der
Kampf um Troja war nicht irgendein Krieg, Troja ist das Symbol für
Krieg schlechthin. Das ist vielleicht auch der Grund, warum sich das
Militär immer noch gerne bei dem homerischen Epos bedient, wenn
es gilt, eine Operation zu benennen – von der Operation Achilles
(Afghanistan, 2007) bis zur Operation Odyssey Dawn (Libyen, 2011).
In Versen wie denen Brookes und in vielen anderen Gedichten über
den Ersten Weltkrieg klingen nicht nur homerische Töne an, sie
überhöhen auch den Kampf und hüllen ihn mit dem Mantel der
Geschichte ein. Dabei aber wird übersehen, dass »nie endender
Jammer« die Veteranen der Odyssee betrübt. Schon vor Troja gab
es Kriege, aber im westlichen Bewusstsein ist dieser die
blutbefleckte Mutter aller Kriege – kein Wunder also, dass er mir
auch auf den zahlreichen Graffiti an den Mauern der griechischen
Hauptstadt begegnete.
2
Sehr lang ist diese Nacht, ohne Ende; noch nicht ist die Zeit da, in
der Halle zu ruhn; drum erzähl mir die Taten und Wunder!

Alkinoos, Odyssee, Elfter Gesang

Menschenfressende Riesen, die Versuchung durch die Sirenen oder


die Flaute, die Odysseus’ Mannschaft auf der Insel mit den Rindern
des Sonnengottes festhält – mit solchen Widrigkeiten hat der
Inseltourist von heute nicht zu kämpfen. Die größte Gefahr, die ihm
droht, sind Streiks. Ich sollte noch öfter aufgehalten werden, doch
nun, am Ende meines einmonatigen Aufenthalts auf Chios,
verhinderten erst einmal die Proteste der Panhellenischen
Seemannsgewerkschaft gegen Rentenkürzungen, dass ich zügig
nach Athen kam.
Nachdem ich ein paar Tage mit Neuankömmlingen aus der Türkei
am Hafen rumgelungert hatte, tauschte ich meine Tickets gegen eine
Passage mit dem nächstbesten Schiff, das den Hafen verließ. Ich
musste mich unbedingt auf die Socken machen, denn in nur
wenigen Tagen sollte in Athen eine Veranstaltung zum Thema
Odysseus stattfinden, zu der ich mit einem Musiker verabredet war.
Und auf dem Weg nach Ithaka wollte ich auch noch einige
Abenteuer erleben.
Wenigstens ging es nun los. Das Deck wurde hauptsächlich von
ein paar stämmigen, glatzköpfigen Typen bevölkert, die unter der
Radaranlage eine Zigarette nach der anderen rauchten. Die Asche,
die sie wegschnippten, tanzte im Licht der Schweinwerfer mit der
Gischt. Neben mir stand eine Frau in einem leopardengemusterten
Kostüm. In der einen Hand hielt sie ebenfalls eine Zigarette, mit der
anderen streichelte sie ein Hündchen, das aus ihrer Handtasche
lugte.
Die ganze Nacht über herrschte kabbelige See. Als der Morgen
erwachte, legte sich der Horizont ein Collier aus bernsteinfarbenem
Licht um.
Im Stadtviertel Exarchia kämpfte ich mich aus der U-Bahn wieder
ans Tageslicht und schlenderte zwischen den mit Graffiti übersäten
Betonbauten umher, vorbei an den Schaufenstern von Antiquariaten,
in denen Bücher mit goldgeprägtem Rücken prangten. An einer
Metalltür sah ich das Stencil eines Pferdes unter einem
Drahtglasfenster und drückte auf die Klingel der
Gegensprechanlage. An den Wänden um mich herum blühten
Graffiti: Ranken in Blutrot, Ritterspornblau und mattem Schwarz,
Ausdruck des Zorns über die politischen Verhältnisse.
Exarchia ist das lebendige, stets aufmüpfige Herz von Athen. Hier
nahmen 1973 die von der Militärjunta blutig niedergeschlagenen
Studentenproteste an der Nationalen Technischen Universität ihren
Ausgang, und hier begannen auch die Unruhen des Jahres 2008,
ausgelöst durch den Tod des fünfzehnjährigen Alexis Grigoropoulos,
der unweit der Universität durch eine Polizeikugel starb. Dieses
Viertel tätowiert sich seine politische Haltung sozusagen auf die
Brust, an jeder Ecke finden sich hier öffentliche Suppenküchen,-
Recyclingprojekte, Guerilla-Gärten, besetzte Häuser und
Nachbarschaftszentren. Es beherbergt auch eins von Athens
wichtigsten Museen, das Archäologische Museum, in dem in
wenigen Tagen eine Odyssee-Lesung stattfinden sollte. In Erwartung
dieser Veranstaltung erkundete ich das Viertel, allerdings ohne
große Hoffnung, inmitten all der Symbole der Protestbewegung des
21. Jahrhunderts etwas aus der homerischen Bilderwelt zu finden.
»Willkommen in Exarchia!«, sagte Lewsha, meine amerikanische
Gastgeberin, und führte mich die baufällige Treppe hinauf.
Über Airbnb hatte ich mir einen marineblauen Lagerraum mit einer
Matratze auf einem Stapel Paletten gemietet. Lewsha war mit James
verheiratet, einem anglo-griechischen Kurator mit einem Hang zu
langatmigen Tiraden, die ich einfach nur bewundern konnte.

»Diese Jet-Set-Kuratoren!«, schimpfte er. »Die rauschen hier an,


spielen sich als die großen Didaktiker auf und benutzen uns als
Bühne. Documenta, wenn ich das schon höre! Die organisieren hier
ihre mit Staatsknete finanzierten Ausstellungen und verkaufen das
als Protest gegen Sparmaßnahmen!«
Er produzierte Projektideen am laufenden Band,
Ausstellungslisten und Terminkalender, ein wahrer
Schreibtischkrieger. Überall in Exarchia kämpften Leute gegen oder
für etwas, manche mit Schlagstöcken und Plastikschilden, andere
mit den Fingern über der Tastatur ihrer Laptops. Manche machten
ihrem Protest durch Tags Luft, die sie eifrig mit der Farbsprühdose
verteilten. Wir leben nun mal in einem Zeitalter des Protests, man
begegnet ihm also vielerorts, aber nirgends so auf Schritt und Tritt
wie in Exarchia.
Spiderman befand sich einige Blocks von meiner Bleibe entfernt,
er kam von rechts herangeschlittert, während sich über ihm eine
Eierschachtel entleerte. Das Bild eines alten Stadtstreichers zog sich
über die Fassade eines halb verfallenen Wohnhauses, gewidmet
»den Armen und Obdachlosen hier und auf der ganzen Welt«.
»Barack? O Mama!« zeigte den ehemaligen amerikanischen
Präsidenten mit einer Baby-Ausgabe von sich selbst im Arm, eine
umrisshaft gezeichnete Gestalt versank in einer riesigen Sanduhr,
und ein klauenbewehrter mechanischer Drache verschlang einen
Euro. Mein Spaziergang durch die Straßen von Exarchia gab mir das
Gefühl, zwischen die knallbunten Seiten eines Comics geraten zu
sein, dessen Sprechblasen von linken Agitatoren gefüllt wurden.
Klassische Bilder vermischten sich mit Pop Art und den
Runenzeichen politischer Bekenntnisse: ein zyklopenhafter
einäugiger Kopf, dem das Gehirn herausquoll, die Eule der Athene,
die barbusige Göttin Artemis, mit gespanntem Bogen.
Vorbei an geschlossenen Läden voller Slogans schlenderte ich
durch die Arkaden und studierte die Plakate: Proteste gegen die
Polizei, den »Verrat« durch Syriza, die EU und die Troika. Bewohner
waren mit Bürsten und Kleister unterwegs, um neue Plakate zu
kleben – Ankündigungen für eine LGBT-Pride-Veranstaltung, Demos
gegen die Wirtschaftslage, eine Fotomontage verschiedenster
Proteste (Palästinenser mit der Zwille im Anschlag, indigene
Mexikaner, die drohend Stöcke schwangen, kurdische Separatisten
mit Gewehren hinter Sandsäcken, griechische Demonstranten mit
Bandanas – Rebellion weltweit).
Doch das Bild, das mich in diesem semiotischen Dschungel am
meisten verblüffte, war das allgegenwärtige Stencil des Pferdes. Die
hohe Mähne, die Leiter, die von seinem Bauch herabbaumelte: Das
war nicht irgendein Pferd. Es war ein künstliches Pferd, das auf
Rollen stand, ein hölzernes Pferd. Da war sie wieder, die listige Falle
des Odysseus, die mir als Replik bereits in Troja begegnet war. Aber
welche Bedeutung hatte sie hier in Athen?
Ich erkundigte mich bei Demonstranten auf dem Exarchia-Platz
(schlagstockschwingende Männer mit Motorradhelmen und
Balaklavas vor brennenden Ölfässern) und ein paar Homer-Fans in
Buchläden, in denen sich die Klassiker der Linken wie Chomsky,
Bakunin und Slavoj Žižek stapelten. Beides machte mich jedoch kein
bisschen schlauer. Aber manchmal ist das Gesuchte viel näher, als
man glaubt. Dies war einer der glücklichen Zufälle, die einem Reisen
gelegentlich bescheren. Die Quelle des Graffito mit dem
Trojanischen Pferd fand sich in meiner Unterkunft!
Da war es, mitten auf James’ Schreibtisch, ein Din-A5-Blatt in
Schwarz und Weiß. Der Stummelschwanz, die Leiter unter dem
Bauch. Der einzige Unterschied war, dass dieses Pferd mit Worten
vollgestopft war: »Hegemonie«, »Ästhetik des Widerstands«, »der
entfremdende Blick« – Dutzende Schlagworte, wie sie in
Kunstzirkeln und Weltverbesserungsinitiativen gang und gäbe sind.
Es handelte sich um ein Projekt von James’ Kollektiv, und Lewsha
machte die Guerilla-Arbeit an der Front: Sie hatte diese Stencils in
ganz Exarchia verbreitet. »Wir versuchen die Diskurshoheit
zurückzugewinnen«, sagte James, eine Camel paffend. »Die
Documenta ist Ausdruck der globalen Maschinerie des Kunstmarkts,
und diese Machtdynamik stellen wir in Frage. Wir holen die
Diskussion auf die Straße und in die besetzten Häuser.«
James und sein Team versuchten einen ähnlichen Effekt wie das
trojanische Pferd zu erzeugen, sie wollten die Waffen der
Eindringlinge gegen sie selbst richten. Aber das war eine
komplizierte, widersprüchliche Sache. Wenn man es so sah, waren
die Griechen zu den Trojanern geworden, die ihre Kultur gegen
Invasoren verteidigten. Aber mit Waffen war da nichts mehr
auszurichten. Deshalb hatten James und seine Kollegen das
Trojanische Pferd mit Worten gefüllt, wird doch schon in der
Odyssee gesagt, dass Worte nicht weniger heftige Wunden als Stahl
zu schlagen vermögen. Im bekanntesten Abenteuer von Odysseus –
seiner Begegnung mit dem menschenfressenden Zyklopen – retten
den Helden schließlich listige Worte, nicht ein Schwert.
»Niemand ist mein Name, und Niemand rufen mich immer Mutter
und Vater und ebenso all meine Gefährten«, erklärt Odysseus dem
Zyklopen Polyphem, der schon einige Mitglieder seiner Mannschaft
verspeist hat. Odysseus macht hier ein geniales Wortspiel mit
seinem Namen, den er wie: »Οὖτις« (Outis) ausspricht, was
»Niemand« bedeutet. Und nachdem er mit seinen Gefährten dem
Riesen einen Holzpfahl ins Auge gerammt hat, rettet es ihm sogar
das Leben. »Niemand will listig, nicht gewaltsam mich morden«,
brüllt Polyphem, worauf ihm keiner zu Hilfe eilt: Ein einziges Wort ist
unserem Helden zum Schutzschild geworden.

»Wir sind alle Griechen. Unsere Gesetze, unsere Literatur, unsere


Künste, sie alle haben ihre Wurzeln in Griechenland. Wenn es
Griechenland nicht geben würde … wir wären vielleicht immer noch
Wilde und Götzenanbeter.«
Dies schrieb Percy Bysshe Shelley im Jahr 1822. Fast zwei
Jahrhunderte später fanden seine Worte ein Echo auf einem
Spruchband, das über dem Omonia-Platz am Rand von Exarchia
hing: »Willkommen bei den Barbaren«. Und trotzdem kommen noch
die Philhellenen, die »Liebhaber Griechenlands«.
Shelley war ein großer Bewunderer von Homer. Die Epen der
Griechen waren für ihn »die Säule, auf der die gesamte
nachfolgende Kultur ruht«. Er schrieb auf dem Höhepunkt der
Homerbegeisterung, die eines der folgenreichsten Ereignisse des
19. Jahrhunderts befeuerte und aus ihm ihrerseits neue Energie
bezog: den griechischen Unabhängigkeitskrieg.
Zwischen 1821 und 1829 kamen Tausende wohlmeinende
Aktivisten vom gesamten europäischen Kontinent nach
Griechenland: Offiziere, die im Exil lebten, weil sie in den
Napoleonischen Kriegen auf der falschen Seite gestanden hatten,
aus Amerika zurückkehrende Pelzhändler, ein französischer
Fechtlehrer, der sich als Kavallerieoffizier ausgab, ein spanisches
Mädchen, das sich als Mann verkleidete, Hunderte Deutsche, die
sich selbst als Bürger eines neuen »Hellas«, eines kulturell
einflussreichen, aber politisch nicht geeinten Landes sahen, und
schließlich Englands berühmtester Dichter.
Das war Lord Byron, der wie kein anderer den literarischen
Philhellenismus vertrat. Er war von einer romantischen Liebe zum
antiken Griechenland durchdrungen, der er in Childe Harolds
Pilgerfahrt Ausdruck gegeben hatte. Verfasst hatte er dieses
Gedicht, das seinen Ruhm begründete, nach einem Besuch Trojas
und Ithakas, der Heimat des Odysseus. Für seine Teilnahme am
griechischen Unabhängigkeitskrieg entwarf er sich, inspiriert von
Beschreibungen aus der Ilias, seine eigene Uniform. Doch er starb in
Mesolongi an der Malaria, bevor seine Illusionen erschüttert werden
konnten. Anderen blieb dies nicht erspart.
»Ich sagte mir, du kämpfst nun unter dem Banner von Achilles an
der Seite der Helden, die einst Troja belagerten«, berichtete ein
preußischer Offizier namens Ludwig Bollmann. »Aber die alten
Griechen gibt es nicht mehr …« Allmählich enthüllte sich ihnen die
trostlose Wahrheit hinter ihren romantischen Phantasien. War es
schon desillusionierend, dass ihre griechischen Kameraden gar nicht
in der Sprache von Homer mit ihnen parlieren konnten, so dämpfte
es auch erheblich die Stimmung, dass jeder dritte Kämpfer den Tod
fand. Genauso wenig begeisterte es die Philhellenen, dass
griechische Kriegsbanden nach der Einnahme von Tripolis Tausende
von Menschen massakrierten.
Dennoch blieben die Philhellenen ihrer Sache treu, und in der
Bucht von Navarino führte dann eine Kette von unklaren Befehlen
zur unbeabsichtigten Beschießung und weitgehenden Zerstörung
der osmanisch-ägyptischen Flotte, wodurch die Türken keine
Möglichkeit mehr hatten, die griechischen Inselfestungen zu erobern.
Der Krieg zog sich noch eine Weile hin, aber die griechische
Unabhängigkeit war im Wesentlichen gesichert. Endgültig besiegelt
wurde sie 1832 im Vertrag von Konstantinopel. Der griechische
Befreiungskampf wurde zum Modellfall für
Unabhängigkeitsbewegungen auf dem ganzen Kontinent. »Das
Griechenland, für das Byron focht – das Griechenland, das bis heute
existiert«, schreibt der Historiker Roderick Beaton, »mit all seinen
immerwährenden Problemen, die es aus seiner gewaltsamen Geburt
geerbt hat, bildet das eigentliche Fundament von Europa, wie wir es
heute kennen.«
Diese komplizierte Beziehung hat seit jeher das Verhältnis
zwischen Griechenland und Europa bestimmt, bis hin zur mangelhaft
vorbereiteten Aufnahme Griechenlands in die Eurozone. Aber wenn
die europäische Kultur tatsächlich ihre »Wurzeln« in Griechenland
hat, wie Shelley behauptet, wie kann man dann auf die Idee
kommen, Griechenland aus Europa auszuschließen? Allein das
Symbol der Union – das Eurozeichen – leitet sich vom griechischen
Buchstaben Epsilon ab, laut der Website der EU eine Referenz an
»die Wiege der europäischen Kultur«.
Die Debatte um die Bedeutung der griechischen Krise ist längst
nicht ausgestanden: Handelte es sich um interne Differenzen oder
eine Krise des neoliberalen Wohlfahrtskapitalismus? Ein
systematisches Versagen der Währungsunion oder Fehler einer
einzelnen Nation in der Eurozone? Das Land mit dem größten
Beitrag zur Gründung Europas hat nach wie vor die
widersprüchlichste Beziehung zu dem Staatenbund. Wenn Griechen
in andere Länder fahren, dann sagen sie: »Ich reise nach Europa«,
genau wie die Briten, wenn sie den Kanal überqueren. Sie haben
Europa seinen Namen, seine Gründungsliteratur, seine Philosophie
und seine politischen Konzepte gegeben, seine ersten Karten und
wissenschaftlichen Entdeckungen, aber sie bleiben Außenseiter im
europäischen Projekt. Das macht die paneuropäische Intimität mit
Homer umso problematischer. Haben wir das Recht, Anspruch auf
diese Geschichten zu erheben, wenn unser Verhältnis zu der Nation,
die sie geschaffen hat, so zwiespältig ist?

Die Zeit war gekommen, Homer zu lauschen. Am Rande von


Exarchia, hinter einer Reihe Polizisten, die sich mit Schilden gegen
Proteste gewappnet hatten, überquerte ich einen sauber gepflegten
Rasen und trat zwischen die kannelierten ionischen Säulen des
Archäologischen Museums.
Drinnen hatte man eine Ausstellung über die Irrfahrt des
Odysseus vorbereitet. Über eine Amphore aus der Bronzezeit und
eine Lekythos (einem Olivenölkrug, auf dem dargestellt war, wie
Kirke ihren Zaubertrank an die Mannschaft von Odysseus’ Schiff
verteilt) erhob sich der Blickfang: eine Statue, die man im Jahr 1900
aus einem 2000 Jahre alten Wrack geborgen hatte. Der Marmor war
korrodiert und durchlöchert, von Meeresbakterien angefressen und
hatte die krümelige Struktur eines mürben Kekses. Leicht gebeugt,
das pockennarbige Gesicht unter einem spitz zulaufenden Pileus,
einer Filzkappe, stellte sie den »leidengestählten Odysseus« als
Bettler dar. Der antike Bildhauer zeigte ihn nicht als listigen
Waffenerfinder oder intrigenreichen Inselkönig, sondern als
heimatlosen Wanderer, der auf die tiefste Stufe der Gesellschaft
herabgesunken ist.
Von James Joyces’ Ulysses über den Film O Brother, Where Art
Thou? von den Coen-Brüdern, Fénélons Abenteuer des Telemach
(ein Bestseller aus dem 18. Jahrhundert über die Reisen des Sohns
unseres Helden) bis zu Margaret Atwoods Penelopiade haben die
Großen und Gewichtigen der westlichen Literatur reihenweise ihre
Coverversionen der Odyssee produziert und dabei die Handlung mal
aus dem Blickwinkel der Romantik, mal aus dem des Modernismus,
Feminismus, Absurdismus oder Postkolonialismus interpretiert.
Odysseus ist ein Jedermann, ein ort- und zeitloser Held. Schwerlich
lässt sich eine zweite Geschichte finden, die so oft kopiert worden
ist.
Man vergisst leicht, dass es sich um eine griechische Geschichte
handelt – geschrieben von einem Griechen und der Frage gewidmet,
was es heißt, Grieche zu sein. Wenn Homer von der Vereinigung
verschiedener ägäischer Königreiche für ein gemeinsames Ziel singt
(die Heimholung Helenas und Rache an den Trojanern für ihre
angebliche Entführung) und »von des leidengestählten Odysseus
Rückkehr nach Hause«, dann schafft er damit die Grundlage für die
griechische Nationalität. Kurz gesagt, Homer hat Griechenland
erfunden. Bei den Panathenäen, dem großen Fest zu Ehren der
Göttin Athene, das mit Spielen und Opfern an die Götter, darunter
auch Poseidon, begangen wurde, standen Homer-Rezitationen fest
auf dem Programm. Sie wurden Teil des imperialen Repertoires, mit
dem die athenischen Eliten die vielgestaltige Insel- und Halbinselwelt
zusammenklammerten, unter dem wir heute Griechenland
verstehen. Auch ohne Homers Epen würde es eine griechische
Nation geben, aber sie hätte ein anderes Band zur Sicherung ihres
Zusammenhalts finden müssen.
Diese halb zerfressene Statue des mittellosen Wandersmanns
stellt nun die Lage von Odysseus bei seiner Ankunft am Hof der
Phaiaken dar. Mithilfe der freundlichen und bezaubernden Prinzessin
Nausikaa schildert er wie jeder Fremdling, der irgendwo auftaucht,
sein Schicksal, und das so einnehmend, dass die Phaiaken
Sympathie für ihn empfinden. »[W]ie ein Sänger kundig erzähltest du
die Geschichte … und deine eigenen traurigen Leiden«, erklärt
König Alkinoos. Odysseus ist nicht bloß ein Kriegstreiber, ein
Kapitän, ein Waffenerfinder, er ist auch ein Geschichtenerzähler.
Aber wenn ein Soldat ein Geschichtenerzähler sein kann, wie
halten wir dann die Magie seiner Poesie und die blutigen Taten, die
er mit seinem Bogen begeht, auseinander? Dieses Problem stellt
sich bei vielen der großen Epen, deren Helden ziemlich viel Blut an
den Händen klebt, und es sind nicht selten fragwürdige Gründe, aus
denen sie es vergießen. Was verlockte die Philhellenen, für die
griechische Unabhängigkeit zu den Waffen zu greifen? Die
homerischen Helden vermochten offenbar noch im 19. Jahrhundert
Menschen dazu zu bewegen, sich als Kanonenfutter verheizen zu
lassen. Schon Sokrates hatte im 5. Jahrhundert v. Chr. bei der
Vorstellung seines Idealstaats in der Politeia vor der Schädlichkeit
der Homer-Lektüre für junge Männer gewarnt.
Odysseus ist an diesem Abend nicht der einzige Geschichtener-
zähler im Palast von Alkinoos. Auch ein Barde der Phaiaken hat
seinen Auftritt, »der göttliche Sänger, der im Volke geehrte
Demodokus«, der seinen Vortrag mit der Lyra begleitet. Nun saß ich
in der Galerie des Museums in Erwartung eines Lyraspielers unserer
Tage. Nikos Xanthoulis ist einer der größten klassischen Musiker
Griechenlands. Schlicht mit Jeans und blauem Hemd bekleidet,
passte er so gar nicht zu den Marmorreliefs um uns herum, wenn
man von seiner Lyra absah. Er stützte sie auf seinem linken Bein ab
und ließ die ersten plätschernden Noten erklingen. Ich dachte an
einen Höhepunkt der Odyssee: Der Held spannt seinen gewaltigen
Bogen, bevor er seinen Rachedurst an den Freiern stillt. »So ohne
Mühe spannte den großen Bogen Odysseus. Mit der Rechten sie
greifend, prüfte er nunmehr die Sehne, und die sang schön unter ihr,
einer Schwalbe ähnlich im Klange.«
Das Publikum war begeistert. Eine grauhaarige Frau mit einer
Beehive-Frisur hielt ein Manuskript umklammert und trug Homers
Schilderung des prachtvollen phaiakischen Hofes vor: »goldne und
silberne Hunde, welche Hephaistos geschaffen mit
kunstgeschicktem Verstande, um des hochbeherzten Alkinoos Haus
zu bewachen«, sowie viele Frauen, denen Athene »reichlichst
gegeben Kenntnis ringsum edlen Handwerks und tüchtiges
Denken«. Die grauhaarige Frau übergab an eine Dame mit
Hornbrille, welche die Passage über das Land der Lotusesser las.
Die Lyra untermalte ihren Vortrag wie ein leise rauschender
Wasserfall. Als Nächstes übernahm eine Frau mit lila Bluse und
Schal die Zügel der Erzählung; die Lyrabegleitung wurde etwas
spritziger und setzte hier und da einen dramatischen Akzent auf die
Verse:

τὸν δ’ ἀπαμειβόμενος προσέφη πολύμητις Ὀδυσσεύς


Ihm antwortete drauf der einfallsreiche Odysseus:
»Ἀλκίνοε κρεῖον, πάντων ἀριδείκετε λαῶν,
»Herrscher Alkinoos, ausgezeichnet vor allen im Volke,
ἦ τοι μὲν τόδε καλὸν ἀκουέμεν ἐστὶν ἀοιδοῦ
ja, das ist wahrlich schön, solch einem Sänger zu
lauschen,
τοιοῦδ’ οἷος ὅδ’ ἐστί, θεοῖς ἐναλίγκιος αὐδήν.«
wie dieser hier ist, den Göttern vergleichbar an Stimme.«

Die Atmosphäre war die eines privaten Lesezirkels – nur eben allein
der Odyssee gewidmet! Ein halbes Dutzend Stimmen haspelte die
vielsilbigen Hexameter ab, die harten Konsonanten
sprangen zwischen dem stolpernden Rhythmus herum, der Klang
war zugleich von robuster Präsenz und Geisterhaftigkeit geprägt,
schien aus fernen Tagen zu kommen und wirkte doch ganz
unmittelbar.
Als Xanthoulis seine Lyra absetzte, sah ich um mich herum nur
fröhliche Gesichter. Mit meinem Notizbuch näherte ich mich einigen
der Vortragenden, denn ich wollte natürlich wissen, was Homer für
sie bedeutete.
»Wir betrachten es als unsere Geschichte«, sagte Vera, die Dame
in Lila. »Sich mit Zyklopen herumschlagen und lauter solche
Sachen, das ist genau das, was wir tun. Wir durchleben die
Geschichte, wenn wir sie lesen! All unsere Probleme im heutigen
Griechenland, die Dinge, unter denen wir leiden.«
Die grauhaarige Alexandra fasste es etwas intellektueller: »Es ist
eine Reise in die Seele. Rezitieren ist wie ein Zauber.«
»Die Odyssee ist für uns eine unendliche Geschichte«, fügte eine
Frau namens Ioanna hinzu, die mit ihren Kindern gekommen war.
»Sie handelt nicht nur von ihrer eigenen Epoche, sondern von jeder
Epoche überhaupt. Und sie hat ein Happy End. Er kehrt nach Hause
zurück, und das gibt einem ein gutes Gefühl. Das macht Hoffnung.«
Hinterher saß ich mit Nikos Xanthoulis im Café des Atriums und
nippte an einem süßen Kaffee mit Bodensatz. Wir sprachen über
einen bunten Strauß von Themen. So etwa über Nikos Kazantzakis’
Roman Alexis Sorbas und über sein Epos Odyssee. Ein modernes
Epos, eine Art Fortsetzung von Homers Dichtung (doch nach Nikos
Xanthoulis’ Ansicht erfasste Sorbas den Geist der Odyssee besser).
Dann erzählte Nikos von seiner Großmutter, die noch in der Lage
gewesen war, ein langes kretisches Epos zu rezitieren – ein Beispiel
für Langlebigkeit epischer Traditionen.
»Odysseus ist einer von uns«, sagt Nikos. »Deshalb können wir
ihn verstehen. Er hat Mitgefühl mit jedem, er versucht zu
überleben.«
Deshalb spricht diese Sagengestalt die Griechen heute so an, und
deshalb fühlen sich die Menschen quer durch alle Schichten von ihm
angesprochen. Und das ist in Nikos’ Augen auch der Grund, warum
die Odyssee sich so gut für Rezitationen eignet.
»Man hätte es auch anders machen können. Wir hätten die
Odyssee von geschulten Schauspielern vortragen lassen können.
Aber gehört das Epos nicht allen? Ich habe mit der Dame geredet,
die die Passage mit dem Zyklopen vorgetragen hat, sie sprach von
Odysseus’ ›menschlichen‹ Eigenschaften. Man muss ganz genau
darauf achten, was er da tut. Er hat das Ungeheuer geblendet und
ist ihm entkommen. Er ist wieder zurück auf seinem Schiff, er
braucht nur noch loszusegeln … und da ruft er seinen Namen!«
Das ist ein wichtiges Detail. Odysseus ist zu stolz, weiter seine
Identität zu verbergen, womit er sich den Zorn von Polyphems Vater,
dem Meeresgott Poseidon, zuzieht. Womöglich ein strategischer
Fehler, doch für Nikos ist das der Moment, in dem der Held sein
wahres Ich enthüllt.
»Er kann gar nicht anders«, sagte der Musiker und strich sich mit
spitzbübischem Grinsen über das Gesicht. »Ist das nicht
menschlich?«
3
Liebes Kind, wie kamst du herab in das düstere Dunkel, da du noch
lebst?

Odysseus’ Mutter, Odyssee, Elfter Gesang

Raus aus Athen auf die Straße zur Hölle. Ein Ort, den man in
Griechenland auf der Karte finden kann. Die Göttin der Morgenröte
streicht »mit rosigen Fingern« über Wechselstuben und
Reklametafeln. Der Kanal von Korinth glitzert unterhalb der Straße
auf, die sich auf den Peloponnes schlängelt, gesäumt von Palisaden
aus harzigen Zypressen und hohen Tannen. Strandhotels winken mit
lädierten Schildern aus Zypressenhainen, verblichene
Sonnenschirme grüßen aus den windschiefen Umzäunungen der
Paradiese vergangener Jahrzehnte. In Areopoli steige ich in einen
Kleinbus um, der mit der bewundernswerten Sicherheit einer
Bergziege die steinige Straße nach Mani erklimmt – so geschickt wie
die ältere, in ein schwarzes Kopftuch gehüllte Frau, die den Fahrer
mit ihren harten Konsonanten ins Ohr zwickt, bis sie aussteigt und
flink in einem Distelfeld verschwindet, um ihr Haus zu erreichen.
In Athen hatte ich erfahren, wie aktuell die Odyssee auch heute
noch für die Griechen ist, und in Chios war ich auf die Aktualität der
Geschichte gestoßen, die sich in den traumatischen Erfahrungen der
Flüchtlinge widerspiegelt. Nun möchte ich herausfinden, wie die
Geschichte und ihr Geist auf mich wirken. Mein Plan ist, auf dem
Weg nach Ithaka Abstecher zu den Schauplätzen zweier meiner
Lieblingsepisoden zu machen. Eine ist mit dem düstersten aller
Abenteuer des Odysseus verbunden, die anderen mit einer
prächtigen Stadt, die sein Sohn Telemachos besucht. Von beiden
erhoffte ich mir, etwas über die Beziehung zwischen dem Epos und
den Landschaften zu lernen, aus denen es heraufbeschworen
wurde.
Der Besuch des Helden in der Unterwelt ist eine Schlüsselepisode
seiner Reise. Auf den Rat der Zauberin Kirke hin sucht er dort den
toten Seher Teiresias auf in der Hoffnung, herauszufinden, wie er
nach Hause kommen kann. Dabei begegnet er auch einer Reihe
anderer Verstorbener. Diese Passage ist nicht nur bedeutsam für die
Handlung, sondern gestaltet sich auch sehr dramatisch, vor allem
durch das Wiedersehen von Odysseus mit seiner Mutter und den
Schatten seiner einstigen Waffengefährten Achilles und Agamemnon
sowie dem unglücklichen Elpenor, der betrunken vom Dach von
Kirkes Haus in den Tod stürzte.
Von Gerolimenas aus gelange ich über eine steinige, flache Ebene
zu einer schmalen Landbrücke, die zum Kap Tenaro führt, wo sich
das griechische Festland ein letztes Mal nach allen Seiten ins Meer
ausbreitet, bevor es in einem schmalen Riff in den Fluten
verschwindet: eine holprige Fahrt von etwa fünfzehn Kilometern.
Diese Ecke ist so abgelegen wie Land’s End in Cornwall, und
angesichts ihrer Sinklöcher und der labyrinthischen, unter Wasser
stehenden Höhlensysteme ist es kein Wunder, dass sie schon seit
ewigen Zeiten mit der Unterwelt in Verbindung gebracht wird. Ich
hatte gelesen, dass es hier eine Höhle gibt, die von den
Einheimischen für den Eingang des Hades gehalten wird, und eine
Kultstätte für den Meeresgott Poseidon, der einst Odysseus das
Leben schwer machte.
Mit großen Schritten lasse ich Gerolimenas hinter mir, die Sonne
betätigt sich als fieser Akupunkteur und sticht mir mit glühend heißen
Nadeln in den Nacken. Ich bin froh um jedes Fleckchen Schatten,
das die steinernen Turmbauten werfen. Die steilen Felswände
bedecken Feigenkakteen und gelbe Ginsterbüsche. Nach ein paar
Kilometern bin ich in Wanderlaune. Kein Laut ist zu hören außer
meinen eigenen Schritten in den leicht knarrenden Lederschuhen.
Die Straße führt einen Felsabhang hinab zu der Landenge, die das
Kap Tenaro mit dem Rest von Mani verbindet. Wind aus Afrika bläst
über die Felsküste, raunt in den verknoteten Wolfsmilchgewächsen
und heult über das Gezirpe der Zikaden hinweg.
Vor mir erstreckt sich das Meer, teils türkis, teils schiefergrau
schimmernd. Es züngelt in den sandigen Buchten beiderseits der
schroffen Felsspitze und glitzert einladend. Ich renne darauf zu. Ein
vom Meer polierter Felsvorsprung dient mir als Umkleidekabine, und
einen Augenblick später stürze ich mich ins Wasser. Meine von
Blasen geplagten Sohlen protestieren gegen das Salz, doch
abgesehen davon ist das Wasser herrlich erfrischend. Hier könnte
ich es den ganzen Abend aushalten.
Am Kap Tenaro wird auch der Götter gedacht. In der Einfassung
einer Schichtsteinmauer gibt es einen Mosaikfußboden mit einem
aus weißen und terrakottafarbenen Steinchen geformten
Wellenmuster, das sich kreisförmig um eine Art Blüte zieht. Hier
befand sich einst ein Tempel zu Ehren von Poseidon. Seine
Mauersteine wurden in byzantinischer Zeit für eine Kapelle genutzt,
deren Ruinen nun auf dem Hügel stehen. Unter Hufeisenbögen
hindurch gelange ich zu einem schmalen Eingang mit einem
Türsturz aus rotem Schiefer und gelange in einen kleinen
Gebetsraum, in dem es aussieht wie in einem Ramschladen. Unter
den Opfergaben sind ein Schmuckkästchen, eine Flasche Nemea-
Wein und eine Shrek-Figur. Soll ich auch etwas dalassen? Ich habe
sehr sparsam gepackt und möchte mich ungern schon zu Beginn
meiner Reise von etwas trennen. Doch als ich wieder aus der
Kapelle herausklettere, frage ich mich, ob ich nicht ein Tabu verletzt
habe. »Wollen die Götter doch stets, dass man ihrer Gebote
gedenke!«, warnt schon Menelaos in der Odyssee.
Für eine Seefahrernation ist natürlich der Meeresgott der
wichtigste von allen. Kein Wunder also, dass Poseidon solch
dramatischen Einfluss auf den Verlauf der Odyssee hat. Und auf
Mani fürchtete man Poseidon noch mehr als anderswo, denn die
schmale Halbinsel war nicht nur dem Meer ausgeliefert, sondern
wurde auch von Erdbeben heimgesucht – für die Poseidon, den man
auch »Erderschütterer« nannte, ebenfalls Verantwortung trug.
Vom rhythmischen Rauschen der Wellen in den Schlaf gewiegt,
verbrachte ich die Nacht am Fuß des Leuchtturms. Am nächsten
Morgen wanderte ich über den Strand zurück, passierte die
byzantinische Kapelle und erreichte die nächste Bucht, wo sich
außer ein paar alten Fischerbooten ein ovaler Höhleneingang
befand. Hinter einem ausladenden Feigenbaum und Anhäufungen
von Steinen sah man eine rußgeschwärzte Felsformation unterhalb
einer grasbewachsenen Erdwölbung. Dies ist der Eingang zum
Hades, wo Herkules den Höllenhund Zerberus ans Tageslicht zerren
sollte, was auch in der Odyssee erwähnt wird. Die Höhle steht
außerdem in Verbindung mit Poseidon, denn ein nahe gelegenes
Totenorakel war zugleich ein Zufluchtsort für Flüchtlinge: ein
Schnittpunkt von Unterwelt und Unterwasserwelt. Die Odyssee
dramatisiert dies, indem sie Odysseus in die Unterwelt schickt, um
den Zorn des Meeresgottes zu besänftigen.
Die Wissenschaft hat Homers Hades an zahlreichen Stellen zu
lokalisieren versucht, von den Schluchten der Souli-Berge im
Nordwesten Griechenlands über einen Vulkankrater nahe Neapel bis
zur Extremadura in Spanien. In der Odyssee liegt der Hades am
»Rand des tiefen Okeanos-Stromes«, in einer Gegend, die ganz in
»verderbliche Nacht« getaucht ist. Doch mir ging es nicht darum,
das Unlokalisierbare zu lokalisieren. Was ich suchte, war eine
Begegnung mit der Unterwelt. Die Grotte des Herkules war
enttäuschend klein, gerade einmal ein paar Meter tief. Die Wirtin
einer Taverne hatte mir von einer weiteren Höhle erzählt, die mit
dem Hades in Zusammenhang gebracht wird, und mir auch ein Foto
gezeigt. »Aber der Weg dahin ist beschwerlich«, warnte sie und
klopfte sich dabei aufs Knie. Diese Bemerkung sollte sich als sehr
hellsichtig erweisen – die Frau war wohl auch eine Sibylle.

Vor mir liegt ein steiler Anstieg, gesprenkelt mit einzelnen


Felsbrocken, die wie Bröckchen versteinerter Feta aussehen. Wie
ein Kind, das einen neuen Kletterparcours ausprobiert, balanciere
ich über wacklige Mauern aus aufgeschichteten Steinen. Ab und zu
muss ich abspringen, weil die Steine unter mir nachgeben und ich
das Gleichgewicht zu verlieren drohe.
Die Anhöhe narrt den Wanderer, hinter jeder Biegung des Weges
zieht sich die Kuppe hinter neue, überraschende Auffaltungen des
Geländes zurück. Doch endlich erreiche ich den Gipfel und blicke
einen steinigen Abhang hinunter in einen Spalt zwischen den
Hügeln. Im Westen hängt ein gezackter Basaltrachen über dem
Eingang zu einer Meereshöhle. Das ist es! Ich verstaue meinen
Rucksack unter einem Kalksteinvorsprung, stemme meine Füße in
den Boden und bremse meinen Abstieg an den Büscheln der
Disteln. Der direkte Weg wäre selbstmörderisch, ich orientiere mich
an einer Felsspalte und setze meine Füße vorsichtig auf die
Felsspitzen. Eine gefährliche Felskante, zerklüftete Felsen unter mir,
der weit aufgerissene Rachen einer Meereshöhle – da ist doch
etwas! Nach kurzem Zögern klemme ich meine Kleider zwischen
Steinritzen und lasse mich ins Wasser gleiten.
Schatten umfängt mich, kühle Wellen schwappen mir ins Gesicht.
Langsam schwimme ich in die Höhle hinein. Unter messerscharfen
Stalaktiten werfen die Wände die klatschenden und schmatzenden
Geräusche der Wellen als Echo zurück; das Licht wird milchig-trüb.
Genau das habe ich gesucht – diesen kindlichen Schauer, wenn sich
Phantasie und Landschaft vermischen. Doch als ich etwas tiefer in
die Höhle vordringe, beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl. Ich
bin doch nicht so mutig, wie ich dachte, und nach ein paar weiteren
Schwimmzügen kehre ich um.
Ein Abstecher in die Hölle ist ein häufiges Motiv von
Heldenerzählungen – fast schon ein Klischee, so wie die
unvermeidliche Casinoszene in einem Spionagethriller. Die
christlichen Epen scheuen den Eintritt in die Hölle, das Mittelalter
beschränkt sich auf symbolische Besuche wie Beowulfs Abstieg in
die Höhle von Grendels Mutter unter dem See. Die Antike hatte da
weniger Scheu. »Hartgesottener, welch größere Tat wirst du noch
ersinnen? Wie nur wagtest du es, zum Hades zu steigen?«, wird
Odysseus vom Schatten des Achilles gefragt. Ein Besuch in der
Unterwelt schlägt sicher alles, was man sonst noch auf Reisen
erleben kann.
Doch das Unheimliche von Homers Hades hat seine ganz eigene
Qualität. Es ist nicht so sehr ein Ort, den man aufsuchen kann,
sondern vielmehr eine Atmosphäre, die in Odysseus’ Erzählung
beschworen wird. Um ihn herum ersteht eine Art Niemandsland, in
dem vampirische Wesen mit ihm kommunizieren, nachdem sie das
Blut geopferter Schafe getrunken haben. Odysseus weint bittere
Tränen, weil er die Berührung seiner Mutter nicht spüren kann.
Nirgends wird das Leid, das ihm auf seiner Reise zustößt, fassbarer.
Er ist nicht nur fern von zu Hause, er hat auch viele Jahre verloren,
Jahre, in denen geliebte Menschen gealtert und gestorben sind.
Hier, am äußersten Ende seiner Reise, kommt Odysseus seinen
Lieben am nächsten. Aber er hält sich nicht lange mit den Toten auf,
der Besuch stärkt seine Entschlossenheit, wieder zu seiner Familie
zurückzukehren.

Nachdem ich mich wieder angezogen habe, klettere ich die Felsen
hinauf und schaue mich nach meinem Rucksack um. Ich dachte, ich
könnte den kleinen Felsvorsprung, unter dem ich ihn abgelegt hatte,
ziemlich leicht von den anderen unterscheiden. Aber von unten
betrachtet ist die Perspektive völlig anders. Auffällige Felsnase,
Pustekuchen – sie tarnt sich unter Dutzenden – nein Hunderten! –
steinernen Pickeln.
Wo ist mein Rucksack? Ich untersuche den wahrscheinlichsten
Platz, aber der Felsen hat eine ganz andere Form und bietet wenig
Möglichkeiten, etwas darunterzuschieben. Ich schaue links und
rechts. Nirgends ein Pfad, kein Ziegenköttel, keine Spur eines
Hirten. Nur Disteln überall und raue Felsen.
Ich werde immer unsicherer, und es fällt mir zunehmend schwer,
die Entfernung zwischen den einzelnen Felsen einzuschätzen.
Einmal falle ich auf den Rücken und schlittere ungefähr drei Meter in
die Tiefe. Nachdem ich mich wieder aufgerappelt habe, versuche ich
strategisch vorzugehen: Ich unterteile den Hügel mit einem
unsichtbaren Raster und arbeite mich dann von Nord nach Süd
durch. Anschließend wiederhole ich das Ganze auf der
nächsthöheren Stufe.
Zwei Stunden kraxele ich so herum und verfluche meine
Dummheit. Zum Glück habe ich meine Wertsachen, einschließlich
Pass und Tagebuch, in einer kleineren Schultertasche bei mir. Aber
die Aussicht, meinen Schlafsack und mein Zelt zu verlieren, meine
Ladegeräte und meine Klamotten, Tabletten, die ich benötige … es
ist nicht so einfach, sich damit abzufinden. Meine Schläfen pochen,
die Sonne brennt erbarmungslos herab, und mein Wunsch, meine
Sachen wiederzufinden, schwindet rapide. Wenigstens habe ich
noch eine Wasserflasche, im Moment wohl ein wertvollerer Besitz
als alles, was ich aufgeben muss.
Auf einsamen Wanderungen verliert man leicht seinen klaren
Kopf. Dafür hat die Unterwelt gesorgt, du hast deinen Tribut nicht
entrichtet! Schließlich schreibe ich meinen Rucksack ab und
umrunde einige Kalksteinbuckel, kämpfe mich durch dornigen
Wiesenknopf und gelbe Ginsterbüschel, in denen Hornissen so laut
wie Kampfhubschrauber brummen, um eine Abkürzung nach
Gerolimenas zu finden. Richtung Norden muss ich gehen – mehr als
eine Stunde kann das doch nicht dauern, oder?
Wenn meine Erfahrungen in Athen für die Resonanz der Odyssee
unter den heutigen Griechen sprechen, dann zeigt dieses Abenteuer,
wie Geschichten mit ihrem Entstehungsort zusammenhängen. Wer
die Odyssee liest, wird in das Griechenland von einst wie in das von
heute hineingezogen. Wäsche wird auf Kiesstränden zum Trocknen
ausgelegt, der Held ruht unter Olivenbüschen, Grundstücke sind mit
Kaktusfeigen gesichert. Odysseus, der auf die »Felsvorsprünge und
Riffe und Klippen« der Küste von Scheria zuschwimmt,
Brandungsströmung und die krachenden Brecher übersteht, tastet
sich schließlich vorsichtig ins Innere des Landes, stets auf der Hut
vor wilden Tieren und den Gefahren der Elemente.
Von Dornen zerstochen und voller Schürfwunden, die ich mir an
heimtückisch unter sonnenverdorrtem Klee verborgenen Steinen
zugezogen habe, mit blutenden Fingern und Ellbogen und halb
verbrannt von der Sonne erreiche ich den Fuß des Hügels. Ich hoffe,
das Schlimmste hinter mir zu haben. Aber die nächste Etappe des
Aufstiegs ist nicht weniger gefährlich und viel höher, als ich gedacht
habe. Mir ist komplett die Fähigkeit abhandengekommen,
Entfernungen einzuschätzen. Ein dritter Gipfel taucht vor mir auf, der
sich hinterlistig geduckt hatte, bis ich den zweiten erklommen hatte.
Mir brummt der Schädel, und ein paar Mal wird mir schwarz vor den
Augen, so sehr setzt mir die brutale Sonne zu. Ich bin dankbar, wenn
es ein paar Steine gibt, die so etwas wie einen Pfad bilden. Aber sie
sind meist ziemlich wacklig, und mir ist so schwindlig, dass ich kaum
geradeaus gehen kann. Zweimal stürze ich in den Ginster, springe
aber aus Angst vor Schlangen gleich wieder auf. Homer würde
meinen Zustand als aporia, ἀπορία, beschreiben – als
»Unsicherheit«, »Ratlosigkeit«, wörtlich »Weglosigkeit«. Was ja
genau mein Problem ist.
Büschel von Wiesenknopf streifen an meinen Knien, meine Hände
tasten sich an Steinmäuerchen entlang. Endlich: eine Brücke über
die dornige Einöde. Olivenholzbretter wackeln unter meinen Füßen,
ein eisernes, halb zu Boden gesunkenes Tor taucht auf. Durch die
Sonnenstrahlen, die mich blenden, erkenne ich einen wütend
kläffenden Hund, mit dem offenbar nicht gut Kirschen essen ist. Ich
klaube einen Stock auf und taumle zu einem anderen Tor, das mich
auf einen staubigen Pfad führt. Hinter einem unbewohnten
Bauernhaus beäugt mich ein Hahn aus einem Piniengebüsch. Ich
spähe zu ihm hinüber und empfinde ein seltsames Gefühl von
Dankbarkeit.
Wie bei allen Ependichtern verwischen sich auch bei Homer die
Grenzen zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen. Ein
Sturmtaucher verwandelt sich in eine Meeresgöttin, die Odysseus
nach Scheria geleitet; ein Falke, der die Federn einer Taube rupft,
wird als Zeichen der Vorsehung gedeutet. Die Götter drücken ihren
Willen in der Sprache der Natur aus, manchmal drohend, manchmal
hilfreich. Ich humple einen unbefestigten Pfad entlang, bis ich zur
Hauptstraße komme. Dort strecke ich meinen Daumen in den Wind
und bete inständig darum, dass mich jemand aus dem Alptraum
dieser unübersichtlichen Hügellandschaft erlöst.
An diesem Abend schaffe ich es bis Areopoli. Ein freundliches
deutsches Paar liest mich auf und bietet mir Oreo-Kekse und
Mineralwasser an. Für ein Zimmer mit Bad und Fernseher über dem
Bett zahle ich 35 Euro, die teuerste Unterkunft auf meiner ganzen
Reise, und zappe mich auf der herrlich weichen Matratze durch die
Kanäle. Was habe ich mir da nur wieder eingebrockt – und das
schon gleich am Anfang! Ich wollte ein Abenteuer in der Unterwelt,
und das habe ich in gewisser Weise auch gefunden. Man sollte sich
seine Wünsche immer gut überlegen, das wussten schon die Alten.
Die Götter können sie jederzeit in Erfüllung gehen lassen.
Ein Abstieg wie der von Odysseus in die Unterwelt wird in der
Mythologie als Nekyia (griechisch νέκυια, »Totenopfer«) bezeichnet.
C. G. Jung greift diesen Begriff in seiner analytischen Psychologie
auf; er versteht darunter eine Auseinandersetzung des Bewusstseins
mit den unbewussten Schichten der eigenen Psyche. Ich liege auf
meinem Bett in Areopoli und ärgere mich über meine verlorenen
Sachen, die Tabletten, auf die ich seit einiger Zeit angewiesen bin,
den PIN-Code für meine SIM-Karte, ohne den ich mein Telefon nicht
in Betrieb nehmen kann, und frage mich, welchen Anteil mein
Unterbewusstsein an meiner Orientierungslosigkeit hatte. Die
kraushaarige Portiersfrau des Hotels bedauert mich ein wenig, zuckt
dann aber müde mit den Achseln: Wenn man sie fragt, ist das ein
typisches Erlebnis für die Halbinsel Mani.
»Diese Gegend wird nicht umsonst mit dem Hades in Verbindung
gebracht. Die ganze Region ist ziemlich unsicher. Es gibt jede
Menge Höhlen und Wasserlöcher unter der Oberfläche. In alten
Zeiten haben sie Türme aus Stein gebaut, die die Erdbeben
überstehen sollten, und zwar ziemlich solide – eine ganze Reihe von
ihnen stehen immer noch. Heute haben wir Vorschriften, sämtliche
Neubauten sind erdbebensicher errichtet.«
So versucht sie mir die Gegend um den Hades rational zu
erklären, aber mir ist nicht nach rationalen Erklärungen zumute.
Später, beim Zappen durch die Kanäle meines Bettfernsehers, wird
mir wieder mulmig. Was über den Bildschirm flimmert, kommt mir
gespenstisch vertraut vor: Da opfert jemand ein Schaf, dringt in eine
Höhle vor, in der er Geistern begegnet … Moment, das ist ja die
Odyssee! Das griechische Epos als amerikanischer Spielfilm,
zurücksynchronisiert ins Griechische! Da ist Odysseus (ein
italoamerikanischer Muskelprotz namens Armand Assante, der direkt
einer Shampoo-Werbung entsprungen sein könnte), unterwegs zu
einer Begegnung mit dem blinden Seher Teiresias, gespielt von
Christopher Lee, dem Meister für unheimliche Rollen.
Der Fernseher spricht zu mir wie in einem schlechten Horrorfilm.
Sollte ich je nach Mani zurückkehren, ich habe meine Lektion
gelernt: Als Allererstes würde ich auf den Viehmarkt gehen und ein
paar Schafe kaufen.
4
Scheu darfst du, Telemachos, nicht mehr sein, auch kein bisschen!
Darum fuhrst du doch übers Meer, dass vom Vater du Kunde hörst,
wo die Erde ihn barg und welchem Schicksal er folgte.

Athene, Odyssee, Dritter Gesang

Wenn ich an Telemachos denke, dann fällt mir vor allem die
Wiedersehensszene mit seinem Vater ein. Der junge Mann ist von
seiner Reise nach Pylos und Sparta zurückgekehrt, wo er dem
Schicksal seines Vaters nachforschte. Als er den treuen
Schweinehirten Eumaios besucht, trifft er dort auf einen fremden
Bettler. Die Göttin Athene berührt den Bettler mit ihrem goldenen
Stab, und er verwandelt sich: Er wird kräftiger und jünger, sein
Ausdruck entschlossener, ein dunkler Bart sprießt um sein Kinn.
Telemachos hält ihn für einen Gott, doch Odysseus wehrt ab: »Nein,
ich bin kein Gott … Sondern ich bin dein Vater, um dessentwillen du
seufzend viele Qualen erleidest«. Als Telemachos ihm schließlich
glaubt, fallen sich beide in die Arme. »Und sie weinten schrill noch
hemmungsloser als Vögel, Seeadler oder krallige Geier, denen die
Bauern ihre Jungen wegnahmen, bevor diese flügge geworden«.
Keine andere Stelle in der epischen Literatur rührt mich so an wie
diese. Sie packt mich immer, wenn ich sie lese.
Sechzehn Jahre zuvor, ich hatte gerade die Universität
abgeschlossen, arbeitete ich als Englischlehrer an einer Schule in
Jerusalem und im Westjordanland. Plötzlich bekam ich einen Anruf,
der mich dringend nach England zurückrief. Dort angekommen, legte
ich meinen Rucksack auf dem Korridor eines Krankenhauses ab.
Bildschirme und blinkende Lämpchen, Daten tanzten um die reglose
Gestalt auf dem Bett. Als ich die Hand meines Vaters ergriff, wusste
ich, dass er bereits gegangen war. Alles, was zu tun blieb, war, die
Maschine abzustellen. Als ich von zu Hause wegging, hatte ich
geglaubt, er sei auf dem Weg der Besserung, später fragte ich mich
oft, ob ich die falsche Entscheidung getroffen hatte.
Unter allen Figuren der Odyssee spricht mich Telemachos am
meisten an. Linkisch und unsicher stolpert er durch die Welt der
Erwachsenen, die er nicht richtig versteht. Er versucht sich ohne
seinen Vater im Leben zurechtzufinden … bis eines Tages das
Unmögliche wahr wird und der Vater, den er schon aufgegeben hat,
zurückkehrt. Das ist der Stoff von Träumen. In Epen geht es nicht
bloß um die Gemeinschaft, das Entstehen und Vergehen von
Nationen. Manchmal rühren sie auch den Einzelnen in seinem
Innersten an, treffen ihn mit dem unvermittelten Schock von etwas
Vertrautem.
In Kalamata ergänzte ich meine verlorene Ausrüstung: neue SIM-
Karte, neues Ladegerät, ein Handtuch, ein paar Klamotten, ein
billiger Ersatzrucksack. Doch nicht alles ließ sich so einfach
ersetzen. Mir fehlten … ich zögere, dies zu schreiben, aber es
gehört nun mal zur Geschichte … meine Tabletten, und ich war nicht
sicher, ob ich ohne sie auskommen konnte. Seit einigen Jahren
schon benötigte ich einen Serotonin-Regulator. Das war nicht ohne
Ironie … man soll sich eben von der Unterwelt fernhalten, womöglich
lassen einen die Götter nicht mehr heraus. Immerhin war ich noch so
fit, dass mir die Komik der Situation bewusst wurde.
Keine Möglichkeit, mir eine neue Packung schicken zu lassen. Wo
hätte ich sie auch abholen sollen? Nein: Ich bin ständig unterwegs,
mir kann man nichts nachschicken. Vielleicht hatte ich zu viele alte
Geschichten gelesen, aber mir kam die Sache wie eine Prüfung vor.
Wenn ich nicht einmal das chemische Ungleichgewicht in meinem
Kopf unter Kontrolle bekam, wie sollte ich dann all diese antiken
Helden und die gigantischen Hindernisse verstehen, mit denen sie
konfrontiert waren?

Nach dem Hades sehnte ich mich nach der Zivilisation, und so
schien Pylos das richtige Ziel. Wieder im Bus, unter den
Kalksteinauffaltungen des Taygetos-Gebirges am Messenischen
Golf entlang. Der Boden wurde weicher, die Berglandschaft weniger
karg, überall blühte Oleander. Auf dem Weg nach Pylos konnte ich
bei der Abfahrt zur Bucht von Navarino eine der phantastischsten
Aussichten von ganz Griechenland genießen, ein Meer so glatt und
tiefblau wie ein perfekt geschliffener Saphir. Nur schwer kann man
sich vorstellen, dass hier vor 190 Jahren eine chaotische
Seeschlacht tobte, die Griechenlands Unabhängigkeitskrieg
entschied. Heute wirkt die Bucht nicht wie der Schauplatz der
Schlacht, sondern eher wie der Siegespreis, der in ihr errungen
wurde. Wenn man länger den Blick auf ihr verweilen lässt, kommt
einem die Welt gleich viel harmonischer vor.
Pylos war ein idyllisches Städtchen am Meer, gut bestückt mit
Cafés und alten Kanonen. Hier hätte ich es tagelang aushalten
können. Anders ausgedrückt, ich hatte hier nur eins zu tun: mit dem
nächstmöglichen Bus weiterkommen. Die Straße führte zwischen
Zypressen und Johannisbeersträuchern pfeilgerade den Engliano-
Hügel hinauf. Der Bus setzte mich am »mächtigen Burgberg von
Pylos« ab, wo der Palast von Nestor stand. Hierher kommt der Sage
nach Telemachos, um etwas über den Verbleib seines Vaters zu
erfahren. Er wird so gastfreundlich aufgenommen, wie das zu seiner
Zeit nur möglich war.
Der Palast war bis zum nächsten Tag geschlossen. Doch ganz in
der Nähe, versteckt hinter Oleander und Olivenhainen, lag ein
Tholos, ein Rundbau aus der Bronzezeit. Ein steinerner Korridor
sprang aus dem halb in der Erde versunkenen Bienenkorbgrab
hervor, wie man diese Gewölbe ihrer Form wegen auch nennt. Es
war in übereinanderkragenden Lehmziegeln aufgeführt und
verjüngte sich nach oben zu einem großen Schlussstein, der wie der
Kugelgriff auf einem Bonbonglas saß. Ich trat ein und war wie
elektrisiert. Weiter brauchte ich nicht zu suchen: Meine Unterkunft
für die Nacht war gefunden.
Das nächste Dorf hieß Xora und lag fünf Kilometer entfernt. Ich
wanderte im filigranen Schattenmuster von Olivenbäumen an einer
gewundenen, von kläffenden Hunden gesäumten Straße entlang,
flankiert von Weinbergen mit riesigen fileri-Trauben, die
purpurfarbenen Lutschern glichen.
An diesem Nachmittag stolperte ich in eine andere Welt: In einer
holzgetäfelten Taverne im Herzen des Dorfes saßen Männer an grün
bespannten Tischen beim Kartenspiel; andere ließen ihren
Rosenkranz durch die Finger gleiten und übten sich in der
unterschätzten Kunst, einen ganzen Nachmittag mit einem einzigen
Tässchen Kaffee zu bestreiten. Ab und zu unterbrachen sie die im
Zeitlupentempo ausgeführten Bewegungen, mit denen sie die
Tässchen an die Lippen hoben, und betasteten die langen
Zwiebelzöpfe, die von Gemüsebauern hereingetragen wurden.
In der Taverne waren 24 Männer und nur eine einzige Frau –
hinter dem Tresen. Als ich nach dem »Nestor-Wein« in dem
Schlauchkarton neben dem Kühlschrank fragte, lächelte sie
freundlich, griff nach einer Plastikflasche und schenkte mir ein Glas
honigsüßen Weißwein ein. Telemachos kann sich in Nestors Palast
durch den »Mischkrug süffigen Weins, den die Walterin über den
Haushalt im elften Jahr … öffnete«, kaum mehr erfrischt gefühlt
haben. Ich leerte das Glas und erfreute mich an der Süße der fileri-
Trauben.
»Den keltern wir selbst«, erklärte sie und weigerte sich strikt, eine
Bezahlung anzunehmen. Sie reichte mir eine Schale mit Erdnüssen
und stimmte eine Lobeshymne auf die hiesige Weinkooperative an.
Ich verstand nicht viel von dem, was sie sagte, aber ihr trauriges
Lächeln, ihre vollen Lippen und schweren Lider blieben mir im
Gedächtnis haften. Sie hielt die Männer in der Bar im Zaum,
verwöhnte, bemutterte und schalt sie mit einer Mischung aus
Ausgelassenheit und Melancholie, die das griechische Wesen
auszumachen scheint.
Gastfreundschaft ist eine wesentliche Eigenschaft von Homers
Welt. Nestor duldet nicht, dass Telemachos die Nacht an Bord
seines Schiffes anstatt in seinem Palast verbringt: »Zeus verhüte …
dass so schnell ihr von mir zum schnellen Schiffe hinweggeht, wie
von einem, der gänzlich ohne Gewand oder arm ist, dem nicht
Mäntel und Decken so reichlich wären im Hause, dass weder er
noch die Gäste drin weich zu schlafen vermöchten«.
Der König zieht alle Register der Gastfreundschaft, er bewirtet
Telemachos mit Kalbfleisch und Honigwein aus goldenen Krügen,
und er schickt ihn zum Bad, begleitet von seiner jüngsten Tochter
Polykaste, die ihn mit Olivenöl salbt.
Hier reißt meine Verbindung zu Telemachos langsam ab. Ich kann
mich auf kein fürstliches Netzwerk stützen, mein Reisebudget ist
äußerst karg, ich muss mich mit einem Becher Nestor-Wein, einem
Schälchen Erdnüsse und einem freundlichen Lächeln
zufriedengeben. Nach meinem glücklosen Streifzug am Kap Tenaro
tat es gut, wieder Kontakt zu Menschen zu haben. Ich trottete zurück
zu meiner Grabschlafkammer und legte mich unter dem steinernen
Gewölbe nieder. Mein neuer Rucksack diente mir als Kissen,
Hundegekläff wiegte mich in den Schlaf.

Pylos ist einer der großartigsten mykenischen Paläste. Er wurde im


Jahr 2016 nach dreijährigen millionenteuren Renovierungsarbeiten
wieder für das Publikum geöffnet. Unter der erneuerten stählernen
Überdachung blickt man nun von einem eigens für die Besucher
errichteten Holzsteg auf ein akkurat angelegtes Netzwerk von
Vorratsräumen und Korridoren, den Thronsaal mit seiner
Feuerstätte, die H-förmige Eingangshalle und ein Badezimmer mit
einem spiralförmigen Fußbodenmuster um eine Badewanne aus
Terrakotta. Man hat dabei das Gefühl, von der Außenkonstruktion
einer Raumstation durch ein Teleskop auf das antike Griechenland
hinunterzuschauen.
Nestors Gastfreundschaft wird von Homer so eindrücklich
geschildert, dass das Auge an allem hängen bleibt, das zu dieser
Szene passt: die Terrakotta-Badewanne, die Bruchstücke der
zweihenkligen Trinkgefäße in der Vorratskammer, die Weinkammer,
die Lehmbänke, auf denen Pithoi, Vorratsgefäße für Olivenöl,
aufgestellt waren. Archäologische Untersuchungen stützen das von
Homer gezeichnete opulente Bild. Tontafeln, die 1939 ausgegraben
wurden, verraten Details über die Festlichkeiten, die in dem Palast
stattfanden. Man fand Aufzeichnungen über ein Opfer von elf
Rindern zu Ehren des Gottes Poseidon, das durch Funde von
Tierknochen auf dem Gelände bestätigt wurde. In der Odyssee wird
geschildert, wie Telemachos mit dem Schiff bei Pylos vor Anker geht
und dort die ganze Stadt versammelt findet, denn »die Pylier
opferten eben am Strande des Meeres tiefschwarze Stiere dem
dunkelmähnigen Erdenerschütterer«, also dem Meeresgott
Poseidon. Dort trifft er auch auf Nestor, darf neben ihm »auf
flauschigen Fellen am sandigen Strande« Platz nehmen und wird
zum Opfermahl und zum Wein eingeladen.
Falls es einen auf einer Zeitreise mal in die Bronzezeit
verschlagen sollte, wäre dies kein schlechter Landepunkt. Doch
womöglich haben wir den Reichtum von Pylos sogar noch
unterschätzt. Ich schaue zu, wie ein Grabungsteam aus Cincinnati
Planen zurückschlägt und Werkzeug austeilt. Im Jahr 2015 wurde
ganz in der Nähe des Palasts ein Schachtgrab gefunden, aus dem
man Bronzeschalen, goldene Becher und steinerne Siegel zutage
förderte, die noch aus der Zeit vor der mykenischen Kultur König
Nestors stammten. Das Prunkstück, das erst einige Monate nach
meinem Besuch der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist ein nur 3,6
Zentimeter großer Siegelstein aus Achat mit der Darstellung eines
muskulösen, langhaarigen Kriegers, der einem behelmten Gegner
sein Schwert in den Hals rammt. Die Zeichnung ist so fein
gearbeitet, dass man sie ohne Weiteres mit der Wortkunst von
Homer auf eine Stufe stellen kann.
»Es wird Jahre dauern, all dies zu untersuchen«, sagt einer der
Archäologen, der hinter dem Palast eine Schubkarre zwischen den
Oleanderbüschen hindurchschiebt. »Und das ist längst nicht alles,
es gibt etliche Stellen, an denen wir noch nicht gegraben haben.«
Seine Grabungsleiterin ruft nach ihm – ein neuer Graben soll
gezogen werden, und sie braucht seine Hilfe bei der Planung. Ich
blicke ihm nach und denke: Ist es nicht genau das, was Geschichte
so aufregend macht? Unser Verständnis von Schauplätzen der
Odyssee wie Pylos, Ithaka und Troja ist durch Funde in jüngerer Zeit
gewachsen. Die Vergangenheit ist immer noch in Bewegung – und
wer weiß, was die Zukunft birgt.
5
Jetzt aber fleh’ ich beim Vater dich an – denn ich kann es nicht
glauben, dass ich ins weithin sichtbare Ithaka kam; ich durchstreife
vielmehr irgendein anderes Land, und bloß neckend, so denk’ ich,
hast du mir dieses gesagt, um meinen Sinn zu betrügen Sage mir,
kam ich denn wirklich ins teure Land meiner Väter?

Odysseus zu Athene, Odyssee, Dreizehnter Gesang

»Brichst du auf gen Ithaka«, schrieb der Dichter Konstantinos


Kavafis, »wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und
Erkenntnisse.« Nach einigen Händeln mit den Göttern des
griechischen Transportwesens – der Bus, mit dem ich aus Pylos
abfahren wollte, fiel aus, Umsteigen in Kalamata, Irrfahrt nach
Patras, die Nachtfähre nach Kefalonia – erreichte ich endlich den
Hafen von Sami, nur noch einen Fährenstopp von Odysseus’ Heimat
entfernt. Reklameschilder, die für »Extremwassersport« warben,
schwebten über Hainen von Wildbirnenbäumen, an deren Stämme
sich Ziegen auf die Hinterbeine aufrichteten, als würden sie
Wasserski ausprobieren.
Das Auslaufen der Fähre verzögerte sich, aber nur um zwei
Stunden. Die Passagiere ließen sich in die Kunstledersitze sinken
oder holten sich am Bug ihr Brandzeichen von der Sonne. Eine
Reihe von baumbestandenen Pyramiden zeichnete sich am Horizont
ab. Ihre Konturen waren so scharf geschnitten, dass sie dem
Himmel ein azurblaues Sägezahnmuster verliehen. Ich musste an
Telemachos’ Beschreibung denken: »Keine der Inseln im Meer ist
befahrbar mit Wagen, und keine gesegnet mit Wiesen; für Ithaka gilt
dies vor allen.«
Der Höhepunkt der Odyssee, die blutige Rache, die Odysseus an
den Freiern nimmt, findet am Festtag für Apollo statt. Apollo wird oft
im Gebet angerufen, es ist also nur natürlich, dass der Apollotempel
auf Ithaka mit einem Odysseus-Kult in Verbindung steht.
Archäologen haben Bronze- und Kupfermünzen mit dem Bildnis
eines bärtigen Mannes mit einer Pileus, der typischen Filzmütze des
listigen Irrfahrers, gefunden. Geprägt im 4. Jahrhundert v. Chr.,
zeugen diese Münzen von der Kontinuität der lokalen Tradition, sie
sind faszinierende Hinweise auf die reiche Mythologie, aus der
Homer für seine Geschichte schöpfte.
Die Autoschlange, die sich aus dem Bauch der Fähre gewunden
hatte, war längst in Richtung der Inselhauptstadt Vathy
entschwunden. Ein in den Lüften kreisender Bussard erblickte nur
noch einen humpelnden, verschwitzten Nachzügler mit
Schildkrötenbuckel. Ich suchte mir einen Weg zwischen den
Kalksteinfelsen und Mastixsträuchern. Der Duft von Salbei und
wildem Thymian wehte mich an, und ich stellte mir Verehrer von
Odysseus vor, die die Abenteuer des Helden rezitierten. Das
Mauerwerk zeugte von einstiger majestätischer Erscheinung, doch
am meisten beeindruckte mich die nüchterne Sachlichkeit eines mit
Lehm und Ziegenspucke verschmierten Marmorbeckens am Fuß
des Hügels. Es war mit einem Stück Rohr verbunden, an dessen
anderem Ende ein Verkehrspylon als Trichter befestigt war – ein
Bauer benutzte es als Wassertrog für seine Tiere.
Johannisbeersträucher und Rebstöcke säumten die Straße nach
Vathy. Vor einem Bauernhaus war das Wrack eines Kleinbusses
aufgebockt und zum Heuschober umfunktioniert worden. Ab und zu
blieb ich stehen, um mein Bein zu schonen und die Aussicht zu
genießen. Jeder, der Ithaka zum ersten Mal sieht, bestaunt die
exotische Landschaft mit ihren steilen, von Zypressen und Pinien
bestandenen Gebirgskämmen und Berggipfeln und ihren
Wendungen und Windungen, die so irreal wirken wie eine Zeichnung
von Escher. Doch das ist der Blick des Fremden – wer von hier ist,
wird kaum so perplex sein, oder? Und trotzdem erleidet Odysseus
bei seiner Heimkehr einen Anfall von Orientierungslosigkeit.
Nachdem ihn das phaiakische Wassertaxi abgesetzt hat, fragt er
sich beim Anblick von Ithaka: »Welches Land, welches Volk ist hier,
welche Männer sind heimisch?« Er verflucht die Phaiaken, glaubt
sich von ihnen getäuscht, und die Göttin Athene muss sich ziemlich
ins Zeug legen, bevor er die Wahrheit akzeptiert. Homer liefert hier
ein psychologisches Meisterstück ab: Das Gefühl der Fremdheit
gegenüber der Heimat, das so viele Veteranen erfahren haben, die
aus Vietnam, dem Irak und von anderen Kriegsschauplätzen nach
Hause zurückkehrten. Die Heimat, der nostalgische Stoff, aus dem
die Träume der Heimkehrer sind, präsentiert sich ihnen auf einmal
als etwas ganz anderes.

Auch ich kehrte damals im Winter vor sechzehn Jahren in eine


Heimat zurück, die mir nicht mehr vertraut war. Ich kam nicht aus
einem Krieg zurück, wenn auch das Westjordanland gerade von der
Intifada erschüttert wurde und ich viele gewaltsame Zusammenstöße
gesehen hatte; doch es war der Wandel zu Hause, der mich aus der
Bahn warf: nicht bloß der Verlust meines Vaters, auch die kleinen
Veränderungen im Rest der Familie.
Kondolierende Besucher liefen im Haus umher, brachten Lilien,
Lasagne und Karten voller Unterschriften und Herzlichkeit. Viele
hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen, und viele würde ich
auch nie wieder sehen. Es gab erhebliche Änderungen in unserem
Familiengeflecht, neue Rollen, an die ich mich gewöhnen musste.
Da waren Geschichten, so viele Geschichten über Dinge, die ich
verpasst hatte. Ich hatte das Gefühl, herausgefallen zu sein: Das
Familienleben hatte sich in den Monaten meiner Abwesenheit einen
neuen Mythos geschaffen, und ich fragte mich, ob es überhaupt
möglich war, mich wieder dort einzuklinken, wo ich ausgestiegen
war. Die Vergangenheit entschwand wie ein Schiff, nachdem sie
mich an der seltsam unvertrauten Küste der Gegenwart abgesetzt
hatte.
Um mich herum hörte ich die Stimmen von Fremden, die tröstende
und aufmunternde Worte sprachen, und dazu die für mich seltsamen
neuen Töne jener, die ich kannte. Weder in der Schule in Jerusalem
noch in der von Panzern und Tränengas geprägten Atmosphäre des
Westjordanlands hatte ich mich jemals so fremd gefühlt. Und nun,
bei der Lektüre der Odyssee so viele Jahre später, kam mir dieses
Gefühl des Fremdseins in der Heimat erneut. Das ist eines der
größten Risiken jeder Reise: dass man sein Zuhause gar nicht mehr
wiedererkennt.

Es war ein weiter Weg vom Hafen her, doch am Nachmittag kam ich
endlich in Vathy an, der größten Stadt Ithakas. Ein Städtchen am
Meer wie aus dem Bilderbuch, gelegen an einer sanft
geschwungenen Bucht unter üppig mit Olivenbäumen und Pinien
bestandenen Hügeln. Zwischen Strandcafés und
Künstlerwerkstätten boten Souvenirläden eifrig die alte Geschichte
feil: kleine Holzpferdchen, Büsten des blinden Homer und T-Shirts
mit dem legendären Spruch »Nobody is My Name«. Es gab einen
Juwelierladen namens Nausikaa und den Schönheitssalon Kalypso,
Gemälde von Stürmen auf See, und in einer Ausstellung neben dem
Rathaus lockten erotische Sirenen. Der Kitsch verbreitete eine
fröhliche Stimmung. Er holte Homer ein wenig von seinem Sockel
herunter und zeigte, dass die Odyssee seit nun schon bald 3000
Jahren auch ein Stück Popkultur ist. Da muss man gar nicht die Idee
hehrer Literatur bemühen, diese Geschichte schlägt einfach jeden in
ihren Bann. Das Forschungsschiff des französischen Meeresfilmers
Jacques-Yves Cousteau hieß Calypso, und ihre Abenteuer wurden
von Bands wie Cream, Steely Dan und Florence and the Machine
aufgegriffen. Als Kind der Achtzigerjahre begegnete mir die Odyssee
zum ersten Mal in Form eines Science-Fiction-Zeichentrickfilms, der
im 31. Jahrhundert spielte, und so lief ich durch Vathy und summte
die Titelmelodie vor mich hin: »Ulyse-ee-ee-ee-eees, no one else
can do things you do …«
Während ich durch den Hafen schlenderte, spürte ich an jeder
Ecke den Zauber der Odyssee, er sprang von den Jachtbesitzern
und Antiquitätenhändlern auf die Pauschaltouristen im Rentenalter
über und erfasste auch die von Ouzo benebelte Partyjugend, die
gegen die Bronzestatue des Helden torkelte. Doch eine Gruppe
hatte die Sache zur Vollendung getrieben und sich so mit der
Odyssee identifiziert, dass ich mir wie ein Dilettant vorkam, der kaum
an der Oberfläche von Homers Geschichte gekratzt hat.
Das zeigte sich schon unverkennbar im Namen ihres Schiffs, der
aus all den witzig-spritzig gemeinten Wortspielchen à la Sama
Cherie oder Sun Fizz herausstach. Wo hätte ein Schiff dieses
Namens besser hingepasst als nach Ithaka? Die Mannschaft der
Odysseus kam aus Ungarn, lauter drahtige Kerle mit Anker- und
Herztattoos auf den Unterarmen. Ich sprach sie an, und sie stellten
mich ihrem Kapitän vor. Tibor Vass, ein Mann mit vollem Gesicht und
gestreiftem T-Shirt, wirkte so raubeinig und stur wie Käpt’n Ahab. Er
verschränkte die Arme vor der Brust und warf mir auf meine Fragen
ein paar knappe Antworten hin, ohne sich von seiner Inspektion der
Klampen und Focksegel abbringen zu lassen. Er sprach klar und
ruhig, mit der sachlichen Stimme eines Kapitäns, der stets bereit ist,
es mit allen Wechselfällen aufzunehmen.
»Wir sind in Troja losgesegelt«, erklärte er. »Auf den Spuren der
Odyssee. Die ganze Zeit. Und jetzt sind wir hier!«
»Aber wo … auf welcher Route seid ihr denn gefahren?« Ich
kramte in meinen Taschen nach meinem Notizbuch.
»Steht alles bei Homer«, sagte Käpt’n Vass und beugte sich über
die Reling. »Ich habe die Odyssee genauestens studiert. Wir sind
die afrikanische Küste entlanggesegelt, an Italien vorbei. Wir waren
auf Sizilien, Malta und sind dann zurück nach Griechenland. Dafür
haben wir natürlich einige Monate gebraucht. Wenn man so eine
Reise richtig machen will, darf man keine Eile haben.«
Ich empfand es wie einen Tadel an meinem eigenen eng
getakteten Reiseplan. Schon in wenigen Tagen wollte ich die
Odyssee hinter mir lassen und einem anderen Epos nachjagen. Die
Hartnäckigkeit und Ernsthaftigkeit, mit der Käpt’n Vass sein Ziel
verfolgte, konnte ich nur bewundern.
»Natürlich war es hart«, sagte er. »Wir hatten teils ziemlich raues
Wetter. Sehr stürmische See. Da gibt’s einen Haufen Felsen, man
muss höllisch aufpassen. Und wir sind meistens in der Nacht
unterwegs gewesen, weil wir tagsüber gefilmt haben. Allerdings ist
das hier ein modernes Schiff. Odysseus hatte es ein wenig
schwerer!«
Eine ungarische Crew auf den Spuren eines griechischen Epos –
was könnte besser die transeuropäische Anziehungskraft
verdeutlichen, die von der Odyssee ausgeht, jener Geschichte, von
der wir so gerne denken, dass sie uns allen gehört.

Ich wollte einige Schauplätze der letzten Gesänge der Odyssee


besichtigen – den Palast, in dem schließlich der
Entscheidungskampf stattfindet, die »dämmrige Grotte«, in der
Odysseus seine Beute verwahrt, vor allem aber die Quelle unter
dem »Rabenfels«, an der sein treuer Schweinehirt Eumaios seine
Tiere tränkt. Hier erfährt Odysseus, was sich während seiner
zwanzigjährigen Abwesenheit in Ithaka zugetragen hat, hier
begegnet er seinem inzwischen erwachsen gewordenen Sohn
wieder.
Nachdem ich etwas getrunken und gegessen hatte, entdeckte ich
einen Fahrradverleih hinter der Statue von Poseidon und füllte das
Formular für ein Mountainbike der Marke GT Karakoram aus. Das
Licht der Abenddämmerung sickerte durch die Olivenhaine und
strich über die Wellblechdächer der Bauernhäuser, die an den
steilen Hängen des Bergs Neriton klebten. Auch hier in der
Abgeschiedenheit des Südens wurden die Bauerngehöfte von
kläffenden Hunden bewacht, die Tore waren mit dicken Schlössern
versehen und mit Stacheldraht bekrönt. Die »Wildtieren ähnlichen
Hunde« und die Kaktusfeigen erinnerten an Homers Beschreibung
der Hütte des Eumaios. Doch nach der freundlichen Atmosphäre von
Vathy drückten diese Sicherheitsvorkehrungen etwas auf die
Stimmung.
Oliven, Lorbeer und Zypressen wuchsen über dem steil
aufsteigenden Pfad zusammen. Ich folgte der Ausschilderung zum
Rabenfels. Irgendwo schloss ich das Rad an einen Holzpfosten an
und folgte dem »rauen Fußpfad … zwischen den Kuppen hinauf zum
waldigen Platz«. Von allen Seiten umgab mich dichtes, bis zum
Himmel aufschießendes Buschwerk, das sich bis hinunter in die
Bucht fortsetzte. Steine bildeten zunächst noch Stufen, die in einen
steilen Anstieg übergingen, der sich bald in einem schmalen
Trampelpfad verlor. Meine Tritte fielen schwer auf die immer seltener
werdenden Steine, begleitet vom zänkischen Gezischel der Zikaden.
Der Pfad zog sich als Doppelbogen um zwei Hügel herum und
wurde hier und da von Ginster verschluckt. Erstaunlich dehnbare
Spinnweben hingen wie Zaungeflecht von den Zweigen. Ich
erinnerte mich an eine Stelle aus dem Epos, in der Telemachos hier
bei der Hütte von Eumaios darüber sinniert, »ob mir die Mutter im
Hause noch ausharrt oder ein andrer Mann sie schon freite und in
Ermanglung von Bettzeug Odysseus’ Lager vielleicht arg behaftet
mit üblen Spinnweben dasteht«. Am Boden sah ich weniger
gefräßige Tiere: Käfer krabbelten umher, bernsteinfarbene
Tausendfüßler verschwanden in Steinritzen, und eine erdfarbene
Schlange hatte einen kurzen Auftritt. Ihre Augen blitzten wie die
Perlen in einem von Vathys Ramschlädchen.
Der zerklüftete Rabenfels hängt an der Marathia-Hochebene wie
das hagere Gesicht eines sorgenvollen Gottes. Unter einem
Felsvorsprung glitzerten Wassertropfen, ein Hinweis auf das
»schwarze Wasser«, das den Durst von Eumaios’ Schweinen gestillt
hatte. Ein Loch im Fels sah wie der Höhleneingang eines größeren
Tieres aus. Die Glocken von Ziegen, unsichtbar hinter den
Feigenbäumen, klangen wie Wiegenmusik aus dem Tal herauf. Ich
versuchte mir den Schweinehirten vorzustellen, eine der
sympathischsten Figuren der ganzen Geschichte, nicht nur ein
treuer, auch ein gastfreundlicher Mensch, zu dem man sofort
Zutrauen fasst. Doch besonders einladend sah es hier nicht aus. Der
Name »Rabenfels« hätte mir eine Warnung sein sollen: So nennt
man keinen Ort, an dem man gut campen kann. Als ich einen
Oberschenkelknochen in unmittelbarer Nähe der Erdhöhle erblickte,
nahm ich eilig Abstand von meinem Plan, dort die Nacht zu
verbringen. Der Knochen sah ziemlich saubergeschleckt aus.
Hastig machte ich mich auf den Rückmarsch, dabei mit einem
Stock vor mir herumfuchtelnd, denn es war schon zu dunkel, um
noch irgendwelche Spinnen auszumachen. Als ich einmal
zurückblickte, sah ich, dass der Hügel bereits pechschwarz war.
Unruhig hielt ich nach Zeichen Ausschau, dass ich auf dem richtigen
Weg war: Wann kam endlich der Steinpfad, wurde es nicht schon
weniger steil? Der Chor der Zikaden erschien mir nach der
bedrohlichen Stille der Gipfelfelsen wie das Willkommenslied im
Land der Lebenden. Völlig außer Atem erreichte ich die Straße,
breitete mein Handtuch über einen Picknicktisch aus und blickte
staunend auf die Bucht herab, über die sich die Dunkelheit senkte.
Die Quelle war ein Zufluchtsort, ein passender Stützpunkt für
einen Helden, der inkognito unterwegs war. Hier konnte er sich
Telemachos zu erkennen geben und die Ausschaltung der Freier
planen. Doch auf einem Felsvorsprung wie diesem hier konnte einen
Abenteurer das Gefühl von Heimkehr überkommen: Die ganze Insel
liegt zu seinen Füßen und weckt seine Lust, sie wieder in Besitz zu
nehmen. In solchen Momenten fällt es einem schwer, das Epos als
reines Phantasieprodukt zu betrachten. Seine Windungen und
Wendungen scheinen in alle Ewigkeit aus den Büschen und Felsen
ringsherum aufzusteigen.

»Wäre diese Insel mein«, sagte Byron, als er 1823 Ithaka besuchte,
»ich würde meinen Stab brechen und mein Buch begraben.« Am
Morgen verstand ich, was er meinte. Ich sauste mit dem
Mountainbike auf Odysseus’ Palast zu, der Kies knirschte unter den
Reifen, Hähne krähten und Hunde kläfften hinter Zäunen. Wenn ich
an einer Lichtung oder einem Felshang eine kurze Pause einlegte,
hörte ich die Bremsen und Libellen wie Rennwagen vor dem Start
um die Wette brummen. Schmetterlinge tankten Nektar an
Brombeersträuchern und Bienen spielten Fangen unter
sonnenbeleuchteten Wolken von Pollen. Ein harziger Duft
entströmte den Bäumen, die sie für ihren Honig absammelten, die
Blütenpracht explodierte wie Popcorn. Vieles davon hätte mich am
Kap Tenaro zur Verzweiflung getrieben, aber es kommt eben immer
auf die Perspektive an. Ich irrte nicht mehr orientierungslos am Rand
der Unterwelt entlang. Die Morgensonne schien, und alles war
wunderbar.
Bei der Überquerung der Landenge, die den nördlichen und
südlichen Teil der Insel verbindet, machte ich eine kleine Pause vor
einem Wandbild am Straßenrand, das eine geschwungene Triere in
aufgewühltem Wasser zeigte, darunter die Worte »ΕΥΧΗΝ
ΟΔΥΣΣΕΙ« – »mit Odysseus’ Segen«. Diese Worte hatte man 1868
auf dem Fragment einer Tonmaske in der Loizos-Höhle nahe dem
Dorf Stavros entdeckt.
Das Originalfragment sah ich bei meinem Besuch des
archäologischen Museums von Stavros oberhalb der
spinnenverseuchten Höhle. Die Inschrift ist allgegenwärtig, sie
begegnete mir auf Gemälden und Postkarten in Vathy sowie unter
einer Büste von Odysseus auf dem Platz im Zentrum von Stavros.
Die Maske war zusammen mit einer Figur der Göttin Athene und
einigen Dreifüßen aus Ton gefunden worden, ähnlich jenem aus
Metall, den Odysseus als Geschenk von den Phaiaken erhält: »Doch
auf, geben wir ihm einen großen Dreifuß und Kessel«. Sie stammen
aus dem 8. Jahrhundert v. Chr., also der Zeit Homers. Manche
sehen darin einen Beleg, dass Odysseus eine historische Figur war,
galten doch solche Kochgerätschaften als wertvolle Geschenke.
Aber es beweist nicht die historische Wahrheit der Geschichte, nur
ihre Kraft. Es handelt sich um Kunst für Odysseus-Fans, die die
frühe Popularität des Helden belegt. Der Held selbst bleibt trotzdem
unerreichbar, unsere Verbindung zu ihm ergibt sich allein aus den
Versen des Epos.
Doch nun war es an der Zeit, dem Palast von Odysseus einen
Besuch abzustatten.

»Was wie eine Katze aussieht, wie eine Katze miaut und einen
Schnurrbart wie eine Katze hat, ist wahrscheinlich eine Katze!«
Die Kuratorin des Museums war sich ihrer Sache sicher, und sie
kann sich dabei auf eine wachsende Zahl von Belegen stützen. Einst
blickte man von diesem bronzezeitlichen Palast, der um 1300 v. Chr.
auf einer mehrstufigen Terrasse zwischen drei Bergen errichtet
wurde, nach drei Seiten aufs Meer hinaus. Auch der
Ausgrabungsleiter Professor Thanassis Papadopoulos ist überzeugt:
»Wir glauben, dass wir hier den Palast von Odysseus und Penelope
vor uns haben.«
»Sicher, Eumaios, sind dies da Odysseus’ Häuser, die schönen;
leicht sind sie zu erkennen, auch wenn man sie sieht unter vielen.
Eines reiht sich ans andre, und stilvoll schließt sich der Hof an mit
Gesimsen und Mauer und wohlgefertigtem Hoftor, doppelt geflügelt:
Besser rüstete es wohl kein Mann aus«, äußert Odysseus, immer
noch inkognito unterwegs, beim Anblick seines eigenen Palastes.
Einige Jahrtausende später ist die Pracht nicht mehr ganz so
offensichtlich. Nachdem ich mein Rad über einen Kiesweg
geschoben und unter einer Steineiche abgestellt hatte, stieg ich eine
breite steinerne Treppenflucht empor. Ich kam mir wie ein demütiger
Bittsteller vor, der sich dem königlichen Palast nähert. Bis jetzt sah
ich nur Zypressen, Eichen und ein paar Steinhaufen. Dornen
zerkratzten meine Arme, als ich in ein Piniendickicht vordrang und
vorsichtig in eine alte Kapelle trat, deren Marmorgemäuer halb unter
belaubten Zweigen verborgen war. Aber das war definitiv keine
Ruine aus der Bronzezeit.
Hatte ich den ganzen weiten Weg umsonst gemacht? Die
Vorstellung, aus Ithaka wieder abzureisen, ohne auch nur einen
Blick auf den Palast des Helden erhascht zu haben, drückte meine
Stimmung. Unerfreuliche Gedanken stiegen in mir auf, und ich
merkte, ich musste mir ein wenig Mühe geben, sie zu unterdrücken.
Ich setzte mich auf einen Felsen, zog mein T-Shirt aus und hielt es
zum Trocknen in den Wind. Nachdem ich mir zur Aufmunterung
einen Apfel gegönnt hatte, setzte ich meine Suche fort.
Ich folgte weiter dem steinigen Trittpfad, der sich zum Meer
hinunterschlängelte und mich auf ein Terrassenplateau führte. Nach
einigen Schwierigkeiten, einen Zugang zu finden, war ich völlig baff
ob der schieren Größe. Kubisch behauene Steine türmten sich auf
dem Felsuntergrund zu Nischen und Gewölben, die auf das Meer
hinausblickten. Ein Brunnen war in den Felsboden geschlagen, und
eine Treppe führte an Säulenbasen und Pfeilern vorbei hinab zu
einem zerklüfteten Felsplateau, das einst offenbar ebenfalls bewohnt
war. Es wirkte auf mich weniger wie eine Burg als wie ein Refugium
für Piraten, ein Palast, in dem man seine Beute anhäuft und der viele
Fluchtmöglichkeiten bietet – das ideale Zuhause für Homers
trickreichen Helden.
Hölzerne Planken überbrückten die Gräben. Darunter lagen die
Überreste einer großen megaron, eines Saals, der zentrale Teil
eines antiken griechischen Gebäudes. Die knarzenden und
splittrigen Planken sahen aus, als seien sie eine ganze Weile nicht
benutzt worden. Die Wirtschaftskrise hatte auch die Homer-
Ausgrabungen eingeholt. Die Finanzierung war ausgelaufen, und
das Team der Universität von Ionnina hatte nach achtzehnjähriger
Arbeit im Jahr 2012 seine Schaufeln an den Nagel gehängt.
Ihr Werk wurde allmählich von der Natur überwuchert. Ich
durchstreifte das Gelände, konnte aber kaum zwischen Felsen und
Steinansammlungen unterscheiden, die Disteln und das Gras
verwischten den Unterschied zwischen dem Werk der Menschen
und der gewachsenen Natur. Ich dachte an Pylos mit seinen
blitzblanken Besucherplattformen und der modernsten
archäologischen Ausrüstung. Von derlei Luxus war hier nichts zu
sehen. Die Natur eroberte sich die mühsam erkämpften
Entdeckungen der Archäologen zurück. Das erinnerte mich an das
Leichentuch, das Penelope für ihren Schwiegervater Laertes webt.
Um die Freier im Zaum zu halten, verspricht sie, einen von ihnen zu
erwählen, sobald sie es beendet hat, aber jeden Abend trennt sie die
Arbeit wieder auf. Dies ist einer ihrer vielen raffinierten Tricks,
derentwegen sie so gut zu ihrem »listenreichen« Ehemann passt.
Ohne Penelopes Verzögerungstaktik, das dürfen wir nicht
vergessen, hätte die Geschichte nie ihren Höhepunkt erreicht. Sie
initiiert einen schlau zu ihren Gunsten arrangierten Wettkampf, als
dessen »Kampfpreis« sie sich selbst bestimmt. Die trägen Freier
sollen sich als Schützen mit Odysseus’ Bogen beweisen – keine
leichte Aufgabe nach Jahren des Lotterlebens in seinem Palast. Und
damit haben wir die Vorlage für Tausende Geschichten, die folgen
sollten. Wie oft haben wir das gesehen: Der Held überrascht die
Feinde in einem großen Festsaal, gibt sich zu erkennen und erledigt
einen nach dem anderen. Ob bei James Bond, im Western oder in
Science-Fiction-Filmen: Die Odyssee liefert das Vorbild für die
Schlussszene sämtlicher Genres.
Ein Pfeil durchbohrt die Kehle von Antinoos, dem Anführer der
Freier; Blut spritzt ihm aus den Nasenlöchern. Er stürzt, und der
Weinbecher entgleitet seinen Händen. Der nächste Pfeil trifft
Eurymachos in die Brustwarze und zerfetzt seine Leber. Dem Freier
Leiokritos treibt Telemachos eine Lanze so tief in die Weichteile,
dass sie auf der Rückseite herauskommt. Schwerter und Lanzen
blitzen von allen Seiten auf, grässliche Schreie entringen sich
gespaltenen Schädeln, der Boden schwimmt in Blut.
Inmitten all dessen steht Odysseus, blutbedeckt, die Hände und
Hüften besudelt, und gewährt auch dem letzten winselnden Freier
keine Gnade. Der verräterische Diener Melantheus wird mit einem
Seil gefesselt und verstümmelt, sein Penis wird Hunden zum Fraß
vorgeworfen. Und als das große Schlachten vorbei ist, folgen wir
Telemachos (der sanfte, von Selbstzweifeln geplagte Telemachos –
oh, wie hat er sich verändert!) über den Hof, wo wir die Mägde, »die
vorher so ehrlos gefrevelt«, von der Decke hängen sehen, bis ihre
Füße nicht mehr zucken.
Ist dies das »Happy End«, von dem einige der Rezitatoren in
Athen sprachen? Vielleicht meinten sie damit das ergreifende
Wiedersehen von Odysseus und Penelope, vereint in Erinnerungen
an ihr aus einem Olivenbaum geschnitztes Ehebett (auch dies ein
Beispiel für die Gewitztheit der Penelope: Sie befiehlt den Dienern,
das Bett herauszustellen, wohlwissend, dass dies den wahren
Odysseus befremden muss, dem natürlich bekannt ist, dass das Bett
aus einem im Boden verwurzelten Olivenbaum gebaut ist – prompt
empört er sich und beweist so seine Identität). In einem seiner
vollendetsten Bilder vergleicht Homer Penelopes Erleichterung mit
der von Überlebenden eines Schiffbruchs: »So wie willkommen das
Land auftaucht vor schwimmenden Männern, deren gutgezimmertes
Schiff Poseidon auf hoher See zerschmettert«. Es ist ein
Geniestreich, die Erfahrung des Ehemanns auf die langwährenden
Leiden der Frau zu übertragen, sie beide als Opfer von Poseidons
Zorn zu präsentieren. Einen Augenblick lang ist es möglich, das
schreckliche Morden zu vergessen und an der Wiedersehensfreude
eines Mannes und einer Frau nach langer Trennung teilzuhaben.
Doch mit dem Strafgericht des Helden ist die Geschichte noch
nicht zu Ende. Ein Mob versammelt sich vor dem Palast, in letzter
Minute zurückgehalten durch Athene. »Freunde, fürwahr große
Untat ersann dieser Mann den Achaiern!«, ruft Eupeithes, der Vater
des erschlagenen Antinoos. »Erst hat er weggeführt auf den Schiffen
viele und Edle, dann die gewölbten Schiffe verloren, verloren die
Mannschaft, und jetzt zu Hause erschlagen die Besten der
Kephallenen.« Hier sieht man die Weisheit von Homer in ihrer
höchsten Entfaltung: Er lässt uns Odysseus’ Sieg genießen, aber er
übersieht nicht, dass nicht alle damit einverstanden sind.
Die letzten Körner rieselten durch die Sanduhr meines
odysseischen Abenteuers. Schon am nächsten Tag sollte es zurück
nach Athen gehen, von dort aus quer durch Attika und die Ebenen
Makedoniens bis tief hinein ins Balkangebirge. Als sich die
Dunkelheit herabsenkte, lag ich auf dem Boden des Megaron, den
Kopf gegen den Sockel eines Pfeilers gestützt. Der Saal war leicht
erhöht gebaut, außerhalb der Reichweite kriechenden und
krabbelnden Getiers. Aber er hatte kein Dach, war den Elementen
preisgegeben, und die konnten sich in dieser Nacht einen Besuch
nicht verkneifen.
Donnerschlag. Peitschende Blitze in der Ferne. Die Salven
wurden immer häufiger, ließen die steinernen Wände zink- und
silberfarben wie Fotonegative aus der Blütezeit des Palastes
aufleuchten. Doch der Regen ließ auf sich warten. Die Sintflut kam
erst einige Minuten vor Mitternacht.
Ich klaubte meine Habseligkeiten zusammen und flüchtete mich
unter ein hölzernes Dach bei den steinernen Stufen. Die Götter
erteilten mir Platzverweis. Es war eine klatschnasse, unbequeme,
teilweise auch angsteinflößende Nacht. Doch etwas in meinem
Innern hielt mich warm …
Ich bin im Palast von Odysseus!
Ich hatte über die Ruinen aus der Bronzezeit und die Landschaft,
aus der Homers Erzählung ihre Kraft bezog, einen Blick in die
Odyssee erhascht; aber auch, ganz überraschend, etwas über
moderne Protestkunst erfahren, einen Homer-Lesezirkel
kennengelernt, erlesenen Wein, einen uralten Segenswunsch und
eine ungarische Segelcrew auf den Spuren des Odysseus. Die
Odyssee spricht heute nicht einfach nur zu uns, sie deckt alle
möglichen Eventualitäten ab: vom ökonomischen Prinzip der
Minimalkosten (erläutert von Kirke, die Odysseus rät, sich näher an
das Ungeheuer Skylla als an den Strudel der Charybdis oder die
Klippen zu halten) bis hin zu Drogen, die man nach der Schlacht zur
Bekämpfung des Kummers nimmt; von den Tugenden der
Gastfreundschaft bis zu Kalypsos Ärger über Sexismus (»Grausam
seid ihr, ihr Götter, und eifersüchtig von allen andern, die ihr den
Göttinnen neidet, bei Männern zu schlafen … So neidet ihr auch mir,
dass ein sterblicher Mann jetzt bei mir weilt.«) Sicher, einige ihrer
Werte können uns befremdlich erscheinen, beispielsweise die
prunkvollen Opfer für die Götter oder das Erhängen der Mägde.
Doch gerade das Unverständliche solcher Details gibt der
Geschichte den nötigen Ballast. Sie zeigen, in welch zeitlicher
Entfernung dies alles angesiedelt ist, und rücken dadurch die uns
unmittelbar ansprechenden Passagen noch näher.
Diese Geschichte eines Abenteurers auf der Suche, der eine
Waffe aus einem Olivenbaumpfahl basteln kann, mit der er einen
Riesen auf einer fernen Insel besiegt, der seine Gastgeber mit
faszinierenden Geschichten von seinen Seeabenteuern unterhält
und der ohne Gnade die Eindringlinge in seinem Heim abschlachtet,
ist eine Blaupause für die europäische Literatur, aber auch für ihre
Geschichte. Sie nimmt die ruhelose Suche, die Freude am
Geschichtenerzählen und die Gewalt vorweg, die die Erzählungen
des Kontinents von den Kreuzzügen bis zum Kolonialismus prägen,
vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Atomzeitalter.
Ein weiterer Donnerschlag spaltete den Himmel, und ein Gefühl
von Begeisterung breitete sich in meinem Bauch aus. Wenn das
Wetter ein solches Drama produzierte, hieß das nicht vielleicht, dass
die Götter zu mir sprachen – oder zu allen, die sich fern der Heimat
befanden? Ich kletterte auf den Tisch, das Handtuch wie einen
Turban um den Kopf geschlungen, und brüllte zum krakeelenden
Himmel empor: »Ha! Ich habe es geschafft! Ich bin bis zum Palast
von Odysseus gekommen!«
Sollte es doch donnern, sollte es doch regnen. Schon am
nächsten Tag wollte ich Griechenland den Rücken kehren. Bald war
ich dem Zugriff der Olympier entronnen und der Gnade anderer
Götter ausgeliefert.
ZWEITER TEIL

KLAGELIED AUF EINE EWIG


SCHMERZENDE WUNDE
DER KOSOVO-ZYKLUS
Der serbische Fürst Lazar hat vom türkischen Sultan Murad I.
den Befehl erhalten, die goldenen Schlüssel seiner Städte zu
übergeben. Die Osmanen rechnen nicht mit Widerstand, doch
Lazar sammelt ein Heer und rüstet sich zu einer Schlacht gegen
die Muslime. Und das, obwohl er weiß, dass ihm eine
Niederlage bevorsteht: Er hat mit dem heiligen Elias in Gestalt
eines Falken gesprochen und sich dem »himmlischen Reich«
geweiht. Außerdem befürchtet er, dass sein tapferster Krieger,
Miloš Obilić, ihn verraten wird.
Am nächsten Tag zieht Lazar von seiner Festung in Kruševac
zum »Kosovo polje«, dem Amselfeld. Bereits im Morgengrauen
ist Miloš zum Zelt des Sultans geeilt und hat sich als Überläufer
ausgegeben. Doch statt Gefolgschaft bringt er den Tod: Als er
sich vor dem Sultan verbeugt, zieht er seinen Dolch und ersticht
ihn.
Doch es ist zu spät, die Schlacht zu wenden: Miloš wird
niedergemetzelt, Fürst Lazar gefangen genommen. Er stirbt an
der Seite seines treuesten Ritters, in der Erkenntnis, dass er
sich geirrt hat und Miloš ihm bis in den Tod ergeben war.
Die Kunde von der Niederlage erreicht Kruševac, und die
Trauernden versammeln sich. Eine junge Frau versorgt die
Sterbenden und reicht ihnen Wein, bevor sie ihren letzten
Atemzug tun. Fürst Lazars Witwe erfährt durch zwei sprechende
Raben von der Katastrophe und beklagt das Schicksal ihrer
Familie. Eine Adelige nimmt stoisch die Nachricht vom Tod ihrer
neun Söhne auf, doch der Anblick der abgehauenen Hand des
Jüngsten bricht ihr das Herz. Der düstere Schatten der Trauer
fällt auf ganz Serbien, während die Türken das Land erobern.
6
»Wecke meinen Herrn nicht aus dem Schlafe, Denn ich Arme sah
ein schlimmes Traumbild: Wie ein Schwarm von Tauben aufgeflogen
Und vor ihnen her zwei graue Falken, Vorne dort, vor unserm
Herrenhofe; Alle flogen nach dem Amselfelde, Und sie fielen ein ins
Lager Murads, Fielen ein, erhoben sich nicht wieder. Dies ist, Brüder,
euch ein böses Zeichen, Und es gilt zu fürchten, daß ihr umkommt.«

Kosovo-Zyklus, »Stevan Musić«

Meine Reise durch Griechenland hatte mich eher über die Ränder
des Archipels geführt, seine Inseln und Landspitzen. Als ich mit dem
Zug durch die attische Ebene und dann mit dem Bus in das
Hügelland nördlich von Thessaloniki fuhr, gelangte ich in eine völlig
andere Welt: Die nächsten Wochen wollte ich zwischen Bergen und
Flüssen verbringen, unter einem bewölkteren Himmel, dem die
Klarheit und Weite des Meereshorizonts fehlten. Ich hatte der
Odyssee ganz neue, überraschende Seiten abgewonnen, doch
abgesehen von der Lesung im Archäologischen Museum in Athen
führte kaum jemand Homers Worte im Mund. Nun wagte ich mich in
eine Region Europas, in der nach wie vor Konflikte schwelen, die
leicht wiederaufflammen können. Wenn irgendwo noch die Tradition
existiert, Verse aus längst vergangenen Zeiten gemeinschaftlich zu
singen, dann hier, in den dicht bewaldeten Tälern des Balkans.
Von den Epen, deren Spuren ich folgte, war die Odyssee bei
Weitem das älteste. Die nächste Etappe meiner Reise würde mich
zum jüngsten Epos führen – zu einer Geschichte, die erst knapp
sechshundert Jahre alt ist. Weniger geschlossen als die Odyssee, ist
der Kosovo-Zyklus eher eine Anthologie, eine Reihe von Episoden,
die lose mit dem zentralen Drama verknüpft sind, einer Schlacht
zwischen einem christlichen Heer und den Osmanen im 14.
Jahrhundert. Die halb historisch überlieferten, halb legendären
Geschichten des Kosovo-Zyklus entstanden während der mehrere
Jahrhunderte andauernden türkischen Besatzung. Vorgetragen
werden sie von den Guslaren, den serbischen Barden, die sich
gewöhnlich auf der Gusle, einer Streichlaute mit nur einer Saite,
begleiten. Erst im frühen 19. Jahrhundert wurden die Epen schriftlich
fixiert. Sprachwissenschaftler sammelten die Lieder, die in den
Bergdörfern zwischen Serbien und Bosnien gesungen wurden, und
im Zuge des serbischen Strebens nach Unabhängigkeit wuchs deren
Popularität.
Der Kosovo-Zyklus ist eine zutiefst europäische Erzählung, denn
die Osmanen waren eine Bedrohung für den gesamten Kontinent.
Der Kampf zwischen Christen und Türken wurde nach den
Kreuzzügen einige Jahrhunderte lang, vom Mittelalter bis zur
Neuzeit, zu Europas zentralem geopolitischem Narrativ. Unter den
vielen Scharmützeln haben allerdings wenige so viel kreative
Aufmerksamkeit erfahren wie die Schlacht auf dem Amselfeld im
Jahr 1389. Der englische Dramatiker Thomas Goffe machte sie zum
Thema eines 1618 in Oxford uraufgeführten Stücks, und einer der
Heerführer erschien in Christopher Marlowes Tamburlaine the Great.
Doch obwohl dieser Konflikt auf dem gesamten Kontinent Widerhall
fand, verband man ihn vor allem mit einer Nation, mit den Serben,
deren kulturelle Identität er definierte. Denn es waren die Serben, die
1389 das christliche Heer anführten, und es sind die Serben, die
diese sagenumwitterte Schlacht immer wieder aufleben lassen.

Das letzte Jahrtausend haben die Völker auf dem Balkan in einem
wahren Totentanz verbracht: Sie haben einander bekämpft, die
unwahrscheinlichsten politischen Allianzen geschmiedet, sind in
Splittergruppen zerfallen und haben die abenteuerlichsten
Winkelzüge vollführt. Nachdem ich in Skopje, der Hauptstadt der
heutigen Republik Nordmazedonien, aus dem Bus gestiegen war,
spazierte ich an den allgegenwärtigen Standbildern vorbei – von
Alexander dem Großen auf einer zehn Meter hohen Säule bis hin
zur Bronzeskulptur einer jungen Frau in einem figurbetonten Kleid,
das Handy am Ohr. Ich aß ein Sandwich zu Füßen des
streitkolbenschwingenden Marko Kraljević, des »Königssohns
Marko«, eines mittelalterlichen serbischen Potentaten in einem reich
verzierten Burstharnisch. Obgleich ein christlicher Held, der bis
heute von Bosnien bis Bulgarien Verehrung genießt, wurde er zum
osmanischen Vasallen und starb in einer Schlacht gegen die
Christen.
Gestalten wie Marko spiegeln die unterschiedlichen und oft
widersprüchlichen Erzähltraditionen des Balkans wider, wo Muslime
in den Nächten des Ramadan auf der Saz spielen und sich
orthodoxe Serben und katholische Kroaten etliche Helden teilen.
Diese Traditionen, die sich auf dem gesamten Balkan verwoben,
überdauerten Feudalherrscher und das Osmanische Reich,
begleiteten die Unabhängigkeitsbewegungen des 19. Jahrhunderts
und behaupteten sich auch in den Jahrzehnten des Kommunismus,
in denen Marschall Tito, der »Schlosser aus Kumrovec«, die
Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien zusammenhielt.
Doch mit dem Ende des Kommunismus Ende der 1980er-Jahre
führten Streiks, Arbeitslosigkeit und wachsende Korruption zu
starken Spannungen zwischen den Volksgruppen, und der
Nationalismus erhielt Aufwind. Der Historiker Marko Živžovic
schreibt:

In Erwartung eines Krieges setzte man verstärkt auf


gegenseitige Abgrenzung, und jede Gemeinschaft
erwählte sich aus einem Pool gemeinsamer
Eigenschaften nur einige wenige als Identitätsmerkmale.
Auf dieses Weise wurde die epische Dichtung, die von
der Gusle begleitet wird, ausschließlich mit den
serbischen Gemeinschaften des Balkans in Verbindung
gebracht, insbesondere mit den bosnischen Serben.

Die Jugoslawienkriege prägten die 1990er-Jahre, vom zehntägigen


Slowenienkrieg 1991 bis zum Sturz des serbischen Präsidenten
Slobodan Milošević im Jahr 2000. Journalisten, die von den
schrecklichen Ereignissen berichteten, bezeichneten sie häufig als
ethnische Konflikte. Sie ließen sich von der spalterischen Rhetorik
der dortigen Politiker in die Irre führen, denn im Grunde kann man in
Jugoslawien, dem »Land der Südslawen«, nicht von
unterschiedlichen Ethnien sprechen. Ich konnte bereits die vielen
Zischlaute hören, all die Zs und Ss und den Beckenschlag der Ts.
Mazedonisch, Bosnisch, Kroatisch und Serbisch gehören zum
selben slawischen Sprachzweig, sind Dialekte einer gemeinsamen
slawischen Wurzel. Die nationalen Identitäten beruhen auf anderen
Unterschieden, auf der Religion und historischen Narrativen. Die
serbischen Guslari sangen ihre Lieder über das Amselfeld und
sahen sich selbst als neue Kämpfer für den Kosovo. Doch während
sich die Völker des Balkans in jener Schlacht gegen einen
gemeinsamen Feind verbündeten, kämpften sie dieses Mal
gegeneinander.
Nun, da ich die drei Länder durchquerte, die in dem Konflikt die
meisten Narben davongetragen hatten – den Kosovo, Serbien und
Bosnien –, hoffte ich zu ergründen, wie die mittelalterlichen
Geschichten mit der jüngsten Geschichte zusammenhingen. Homers
Epen mögen das Fruchtwasser sein, in dem sich Griechenland
entwickelt hat, aber mit den serbischen Epen verhält es sich etwas
komplizierter. Denn das serbische Königreich hatte seine Blütezeit
bereits vor der Eroberung durch die Osmanen erlebt: Das Jahr 1389
markiert keinen Anfang, sondern ein Ende. Die Dichtungen der
Guslari waren nicht die Geburtshelfer eines serbischen Reiches,
sondern versuchten einen Toten am Leben zu erhalten. Sie waren
eine Kältekammer zur Konservierung des nationalen Mythos, der
vier Jahrhunderte später die serbische Unabhängigkeit
hervorbringen sollte.

Nach einer Nacht auf den Straßen Skopjes, in der ich gegen eine
neohellenische Statue gelehnt schlief und mich neben dem Brunnen
für rituelle Waschungen bei einer osmanischen Moschee aus dem
15. Jahrhundert aufwärmte, stieg ich in einen Kleinbus nach Priština,
der Hauptstadt des Kosovo. Auf steilen Felsen aus Kalkstein und
Schiefer wuchsen dicht gedrängt Fichten und Traubeneichen, im
Hochgebirgslicht glitzerten die eingelagerten Mineralien, und
Wasserfälle stürzten schäumend in blau-golden schimmernde
Flüsse.
Das Paradies währte nicht lange. Langgestreckte Lagerhallen
eroberten die Flussauen: Ziegel- und Fliesenhändler, Glasereien und
Dachdeckerbetriebe. Doch die Gebäude waren im Rohzustand
geblieben – sie waren unverputzt, Armierungsstäbe ragten aus
dachlosen Obergeschossen – und mussten sich von dem einen oder
anderen Gebäude mit Marmorfassade in protzigem Barockverschnitt
demütigen lassen. Ganz Priština war voller ähnlicher Bauwerke:
brutalistische Wohnblöcke, hochgezogen von skrupellosen
Bauunternehmern, die unter Missachtung jeglicher Bebauungspläne
vom Bauboom der Nachkriegszeit profitiert und sich dabei wie in
einem Selbstbedienungsladen gebärdet hatten. Es hatte Versuche
gegeben, dagegen vorzugehen, doch Lokalpolitiker, die sich zu weit
aus dem Fenster lehnten, liefen Gefahr, von gedungenen Mördern
hinausgestoßen zu werden.
Ich kletterte aus dem Bus und spazierte in der Abenddämmerung
an schlampig gebauten Hochhäusern und Moscheen mit gläsernen
Fassaden vorbei, deren Minarette man leicht mit Kühltürmen oder
Sendemasten hätte verwechseln können. Betonbatzen klebten an
den Gebäudewänden wie pappige Essensreste an einem Topf,
und aus dem Dunkel eines Parks kamen mir zwielichtig aussehende
Männer entgegen, die ihre Zigarettenstummel zwischen die Reifen
rostiger Autos schnippten. Mein Weg führte mich über einen wild
bebauten Hügel zu einem Stadthaus, wo ein ehemaliger
Universitätsprofessor ein Hostel betrieb.
Gerade hielt er in seinem Büro ein Nickerchen. Er hatte wässrige
Augen, von Leberflecken übersäte Hände und eine so
durchscheinende Haut, dass man meinte, sie von seinem Schädel
abziehen zu können. Mit zittrigen Händen füllte er die Formulare aus
und rief dann seine Tochter, damit sie mir mein Zimmer zeigte.
Drucke des alten Priština mit Pferdewagen und kuppelgeschmückten
Moscheen hingen an der Wand des mit Teppich ausgelegten
Treppenaufgangs, Ansichten eines freundlicheren Stadtbilds, in dem
Gebäude noch Raum zum Atmen hatten.
Der Professor sprach Albanisch und war Muslim, wie die meisten
seiner Nachbarn auch. Er repräsentierte die Kultur der Kosovo-
Albaner, die Slobodan Miloševićs Armee in den späten 1990er-
Jahren auslöschen wollte (was sie beinahe geschafft hätte – neunzig
Prozent der Kosovo-Albaner wurden während der Konflikte
vertrieben). Viele Serben betrachteten die Kosovo-Albaner als
Eindringlinge und übersahen dabei, dass die Alboni-Stämme diese
Region bereits vor den Slawen besiedelt hatten. Als christianisiertes
Volk kämpften sie in der Schlacht auf dem Amselfeld Seite an Seite
mit den Serben, konvertierten aber unter osmanischer Herrschaft
teilweise zum Islam. Vielen Serben gilt der Kosovo als spirituelle
Heimat, als die Wiege des Serbentums, das unter keinen
Umständen aufgegeben werden darf. Also brach ich an meinem
ersten Tag im Kosovo zu dem Ort auf, an dem diese Wiege einst
gezimmert worden war.

Selbst ein unverbesserlicher Serbenfan konnte sich schwerlich an


die Stelle der mittelalterlichen Soldaten wünschen. Die Sonne
brannte mit der Intensität eines Flammenwerfers vom Himmel, ließ
die Helme glühend heiß werden und machte die Brustpanzer zu
Backöfen. Im Juni herrschte eine grimmige Hitze, überall wirbelte der
launische kosovarische Wind Staub auf. Es war ein letztes Aufgebot
im Kampf um die Unabhängigkeit, und die Christen spielten alle
Karten aus. Der bosnische König Tvrtko I. rückte mit seinem Heer
an; es kamen Kroaten, Ungarn, Wallachen, Albaner, Rumänen, und
am zahlreichsten waren die Serben vertreten. Die schiere Masse der
Kämpfer muss sehr eindrucksvoll gewirkt haben. Doch die Türken
waren ihnen nicht nur zahlenmäßig überlegen, sie besaßen auch
Vorteile durch eine weniger hinderliche Rüstung, die Wendigkeit
ihrer mongolischen Pferde und den meisterlichen Umgang mit Pfeil
und Bogen. Ähnlich wie der englische König Heinrich V.
sechsundzwanzig Jahre später bei Azincourt stellten sie unter
Beweis, dass gut ausgebildete Bogenschützen und leichtere
Ausrüstung schlachtentscheidend sein können.
Kann man von Sieg sprechen, wenn der Heerführer getötet wird
und die Zahl der Opfer in die Zehntausende geht? Egal auf welcher
Seite man stand, die Schlacht war grausam: »Das Blut der Helden
stieg dem Pferde bis zum Gurt des Sattels, bis zum Gurt und zu den
blanken Bügeln …«, sagt der serbische Fahnenträger im Kosovo-
Zyklus. Beide Heere verloren einen Großteil ihrer Soldaten (man
schätzt die Zahl der Opfer auf 20.000 bis 35.000), einschließlich der
Anführer, Sultan Murad und Fürst Lazar Hrebeljanović. Dies ist auch
der Grund, warum sich die Historiker immer noch darüber streiten,
wer denn diese Schlacht nun eigentlich gewonnen hat. »Gesegnet
war vor allem derjenige, der sein Schwert in Kehle und Waffenrock
des Führers solch einer großen Macht stieß und ihn heldenhaft
tötete«, kommentierte der Senat von Florenz die Tötung des Sultans
durch Miloš Obilić. Doch der Tod des Sultans bedeutete noch keinen
Sieg. Angeführt von dessen Sohn Bayezid, schlugen die Osmanen
zurück. Bayezid bündelte seine Truppen zu einem vernichtenden
Angriff, drang bis ins Zentrum des christlichen Heers vor und nahm
Fürst Lazar gefangen. Mit dieser Aktion verdiente er sich den
Beinamen »der Blitz«.
Der Ausgang der Schlacht mag bis heute ungewiss sein, aber der
weitere Verlauf der Geschichte steht fest: Nach Fürst Lazars Tod
führungslos, hatten die Serben den Türken wenig entgegenzusetzen
und gerieten ab den 1460er-Jahren unter osmanische Herrschaft.
Trost fanden sie in den Heldenliedern, die nach der Schlacht
entstanden. 1497 beobachtete ein italienischer Hofdichter, dass
Slawen »herumsprangen wie Ziegen«, während sie eine Art Epos
sangen; späteren Beobachtern fiel die unverwechselbare einsaitige
Gusle auf. Wissenschaftler vermuten, dass an Orten wie Ragusa
(heute Dubrovnik) die ersten Sänger im Exil lebende Serben waren,
die möglicherweise von Troubadouren, italienischen Dichtern und
den griechischen Epen inspiriert wurden. Während in der Odyssee
die Früchte des Sieges ambivalent erscheinen, erkennen wir hier die
Zwiespältigkeit der Niederlage: Die Verlierer werden zu gefeierten
Helden.
Jahrhundertelang nutzten serbische Führer die Geschichte von
der Schlacht auf dem Amselfeld, um Anhänger hinter sich zu
scharen. Im frühen 19. Jahrhundert war es Djordje Petrović, der
»Schwarze Georg«, ein Kleinbauer, der Fürst Lazars Wappen
übernahm und einen Aufstand gegen die Osmanen anführte. Bei
Ausbruch des Ersten Weltkriegs wünschte sich König Peter I. von
Serbien laut seinem Sohn, »zu sterben und ein Heiliger zu werden,
wie Lazar auf dem Amselfeld.«
Doch niemand bediente sich der Legende skrupelloser als
Slobodan Milošević. Nachdem er monatelang Hetzreden gehalten
hatte, hielt der serbische Präsident am 28. Juni 1989, dem 600.
Jahrestag der Schlacht, auf dem Amselfeld eine Rede vor einer
riesigen Zuschauermenge, vermutlich mehr als eine Million
Menschen:

Über sechs Jahrhunderte hat der Kosovo-Heroismus


unsere Kreativität inspiriert, den Stolz genährt, hat uns
davor bewahrt zu vergessen, dass wir einst eine tapfere
und große Armee waren, und stolz gemacht, auch in der
Niederlage unbesiegbar zu sein. Sechs Jahrhunderte
später, heute, befinden wir uns wieder in Kriegen und
werden mit neuen Schlachten konfrontiert.

Mit aufdringlicher Propaganda – sein Konterfei prangte neben dem


von Fürst Lazar auf öffentlichen Bussen – bemächtigte sich
Milošević der Geschichte, sodass niemand mehr dem Thema
ausweichen konnte. Er machte das Geschichtenerzählen zu einer
Massenvernichtungswaffe.

Jenseits der Wohnblöcke und Zubringerstraßen breitet sich Priština


weit in das offene Land aus. Im wärmenden Sonnenschein steigt
Dampf von der asphaltierten Straße auf, die durch das ehemalige
Schlachtfeld führt. An den Rändern stehen Plakatwände, auf denen
Wahlkandidaten ihr falsches Lächeln zeigen. Die Amseln oder kos,
die dem Kosovo seinen Namen gegeben haben, sind immer noch
allgegenwärtig und lassen die Eidechsen über den sonnenheißen
Lehm flüchten.
Ich genoss die Wanderung, das aufregende Gefühl, mich in ein
neues Epos zu stürzen, aber es war ein sehr heißer Nachmittag,
einer der Hundstage. Zwischen dem Plakat von Wahlkandidat 1 und
einem Baustoffhandel schlängelte sich ein Feldweg zu einem
Stacheldrahtzaun mit Überwachungskameras. Als ich nähertrat,
empfing mich wütendes Hundegebell. Ein verschlafen aussehender
Wachmann erschien, stopfte sich im Gehen das Hemd in die Hose
und blätterte dann in meinem Pass. Hinter ihm erhob sich ein
mindestens fünfundzwanzig Meter hoher, von Flechten überzogener
Turm mit Schießscharten.
Zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld von
Milošević als Bühne genutzt, ist die 1953 erbaute Gazimestan-
Gedenkstätte am historischen Schauplatz der Schlacht ein düsteres
Machwerk mit mittelalterlichen Versatzstücken, ein
Propagandaphallus. Auf der einen Seite war ein zerbrochenes
Schwert befestigt, auf der anderen prangte in Bronzebuchstaben der
»Kosovo-Schwur« des verehrten Fürsten Lazar:

Κο je Cрбин и Cрпскога рода


Wer ein Serbe ist und serb’schen Stammes
und von serb’schem Blute und Geschlechte
A нє дошо на бој на Kосово
Und zur Schlacht nicht kommt zum Amselfelde –
Не нмао од срца порода
Möge keinen Spross vom Herzen haben,
Ни мушкога ни девојачкога
Sei er männlich oder weiblich!
Од руке му ништа не родило
Ihm gedeihe nichts von seinen Händen,
Рујно вино ни пшеница бела
Weder goldner Wein noch weißer Weizen!
Рћом капо док му је колена
Möge er als Schuft samt Nachfahr’n enden!

Die Regel Nummer eins des Epos – Kämpfe oder stirb in Schande –
auf diesem Denkmal wirkt wie das Plakat einer
Rekrutierungsbehörde. Milošević hätte keinen provokativeren Ort für
seine Rede wählen können.
Die Sonne brannte auf meinen Schultern, weshalb ich froh war, ins
kühle, dunkle Innere des Turms zu treten. Einfallende Lichtstreifen
ließen die Bronzebuchstaben schimmern: noch mehr Verse aus dem
Kosovo-Zyklus. Ein rostiges Treppengeländer führte spiralförmig
nach oben, und Löcher von herausgerissenen Leuchten gähnten
über Gedenktafeln. Schokoladenpapier und Kondompackungen
knirschten unter meinen Schuhen.
Nach dem düsteren Treppenaufgang empfing mich wieder
stechende Hitze. Ich stand auf einer quadratischen Plattform mit
umlaufender Brüstung, an der sich eine Landkarte aus Bronze
befand. Sie lud mich ein, mir die flachen Felder unten als das
Schlachtfeld von 1389 vorzustellen. Der Dampf eines benachbarten
Wärmekraftwerks wurde zum Rauch der Feuer im türkischen
Feldlager, und die Pfingstrosen in den Wiesen wurden zum Blut der
gefallenen Krieger.
Sultan Murads Leichnam wurde nach Konstantinopel
zurückgebracht, seine inneren Organe jedoch in der Erde des
Kosovo begraben, angeblich direkt an der Stelle, an der er in seinem
Blut gelegen hatte. Dies war laut dem albanischen Schriftsteller
Ismail Kadaré für die Türken »Fluch und Segen zugleich«. Für den
Sarkophag wurde ein Mausoleum errichtet, und eine Familie aus
dem Ort erhielt den Auftrag, sich darum zu kümmern.
Das Grabmal des Sultans lag in fußläufiger Entfernung, nur ein
Stück die Landstraße entlang. In einem grasbedeckten Viereck mit
duftenden Rosen rankte sich der knorrige Ast eines alten
Brombeerbuschs am Tor empor, als wolle er dem Sultan seine Ehre
erweisen. Drinnen neigte sich ein riesiger Turban, in Plastik
gewickelt wie ein kandierter Apfel, über ein golddurchwirktes Tuch,
und Kalligraphien zeigten die tughra, den einem königlichen Siegel
vergleichbaren Namenszug des Sultans. Honigfarbenes Licht
sickerte in die Kammer und verbreitete eine friedliche und heitere
Atmosphäre – ein starker Gegensatz zu dem düsteren Turm auf dem
Gazimestan.
Neben dem Mausoleum befand sich ein Sultan Murad gewidmetes
Museum. Ein Student namens Emin hatte die Aufsicht, in seinem
kantigen Gesicht blitzten schmale braune Augen, die wirkten, als
würden sie zu viele Geheimnisse kennen. Er führte mich zu den
Turban tragenden Wachsfiguren von Sultan Murads engsten
Beratern, einem Modell der Schlachtformation und Fotos vom
Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan im Jahr 2010.
Das Museum wird von der türkischen Regierung finanziert.
»Sie sind also Brite? Ich liebe Ihr Land! Dort darf man die
Wahrheit sagen. Sie dürfen sagen, dass ein König faul oder gierig
war. Aber hier muss jeder gleich ein Held sein.« Nach Emins Ansicht
konnte man keinem Bericht über die Schlacht auf dem Amselfeld
trauen. »Nehmen wir zum Beispiel Miloš Obilić. Manche behaupten,
er war Serbe, andere sagen, er war Albaner oder Ungar, und dann
wieder heißt es, er habe gar nicht existiert. Politiker haben diese
Geschichte schon so oft ausgeschlachtet, dass sie richtig gefährlich
geworden ist.«
Im Waffensaal standen wir vor Glasvitrinen mit Helmen, Schilden
und Schwertern. »Vielleicht ist es besser, wenn wir das alles
vergessen«, sagte Emin. »Schauen Sie sich die Serben an – sie
sind besessen vom Kosovo! Wussten Sie, dass alle Kandidaten bei
serbischen Wahlen drei Fragen beantworten müssen? Zuerst zur
Wirtschaft. Dann, ob sie sich in Richtung Westen orientieren. Und
zum Schluss: Wie sie den Kosovo zurückgewinnen wollen.«
Im spiegelnden Glas konnte ich uns beide sehen, unser
Spiegelbild legte sich über die Schwerter. Wir sahen aus wie
Soldaten vor einer Schlacht, die ihre Waffen inspizierten.

Auf beiden Seiten starben Zehntausende, und es gab keine Sieger:


In dieser Hinsicht gleichen sich die Schlacht von 1389 und die
Kämpfe in den 1990er-Jahren auf unheimliche Weise. Als ich am
nächsten Tag zum serbisch-orthodoxen Kloster Gračanica ging, um
mir ein makabres großformatiges Fresko des Jüngsten Gerichts mit
einem schlangenschwänzigen Teufel und einem Seeungeheuer
anzusehen, blieb ich an einem Denkmal für die im Krieg vermissten
Serben stehen. Die riesigen Buchstaben des Wortes »VERMISST«
waren mit Hunderten passfotogroßen Bildern bedeckt, von einer
bebrillten Frau in den Sechzigern bis hin zu einem Jugendlichen in
Lederjacke, die Lippen leicht geöffnet, als würde er gerade eine
witzige Bemerkung machen. Wie Bilder von Vermissten überall auf
der Welt waren sie sehr berührend: Ihr Schicksal war ungeklärt, ihre
Lebensgeschichten blieben unvollendet.
Während dieser Tage in Priština erkundete ich sowohl die
Hauptstadt selbst als auch Orte in der Nähe, wobei ich häufig den
Tipps des Professors folgte, der die empfohlenen Orte auf einem
fotokopierten Stadtplan umkringelt hatte. Ich stöberte auf einem
Bücherflohmarkt an einer Promenade in schick-brutalistischem
Beton, die mich an die South Bank in London erinnerte, und
unterhielt mich mit den studentischen Verkäufern über die neuesten
Balkankrimis. Im Café Pianno gönnte ich mir eine Cremeschnitte,
und später trank ich ein Peja-Bier in der holzgetäfelten Taverna
Baron, wo Teenager geröstete Kastanien anboten und junge Frauen
gekonnt auf extremen High Heels entlangbalancierten. Manche
Gäste fragten nach meinen Reiseplänen, und als sie hörten, dass
ich nach Serbien fahren wollte, beugten sie sich dicht zu mir und
ermahnten mich, vorsichtig zu sein.
Auch der Professor hatte Bedenken. »Ich rate Ihnen dringend ab«,
sagte er. »Die Serben sind … schwierige Leute.« Er hatte seine
Gründe für diese Einschätzung. Während seine Tochter Tabletten in
seine Pillenbox abzählte, fuhr er langsam fort: »Sobald die serbische
Armee kam, mussten wir fliehen. Ich verbrachte eine Woche an der
Grenze zu Albanien und musste im Freien unter einem Baum
schlafen. Wir wussten nicht, was mit uns passieren würde, und wir
hatten keine Nachricht von denen, die noch hier waren. Zwei meiner
Töchter konnten fliehen. Eine schaffte es nach Mazedonien, die
andere nach Amerika. Aber die dritte war krank und konnte nicht
weg.«

Mit zitternden Fingern umklammerte er die Kante seines


Schreibtischs. »Nachdem wir zurückgekehrt waren, galt sie viele
Jahre lang als vermisst. Dann, endlich«, sein Mund verzog sich zu
einem zaghaften Lächeln, »zeigten sie uns das Massengrab.«
Ich dachte an die Gedichte des Kosovo-Zyklus, die ich gelesen
hatte: Jede Zeile verströmte Trauer, und doch steckte darin ein
spiritueller Sieg, der aus dem Verlust erwachsen war. Der Professor
hatte einen geliebten Menschen verloren, aber er lächelte gegen den
Kummer an. Denn dies ist eine Region, in der Frauen und Männer
seit Langem gelernt haben, Tragödien zu verkraften und sich den
hauchdünnen Silberstreif am Horizont selbst zu weben.
7
Kaiser Lazar, ehrenreicher Nachfahr, Welchem Reiche willst du dich
verschreiben? Willst du dich dem himmlischen ergeben Oder dich
fürs irdische entscheiden?

Kosovo-Zyklus, »Untergang des serbischen Reiches«

Vom Schlachtfeld kommen schwarze Raben geflogen und bringen


die schreckliche Nachricht zum weißen Burgturm von Kruševac:

Oh, beim Himmel, Kaiserin Milica,


Ja, wir kommen früh vom Amselfelde,
Und wir sahen die zwei mächt’gen Heere;
Gestern haben beide sich geschlagen,
Beide Kaiser sind dort umgekommen …

Die Entfernung zwischen dem Amselfeld und Kruševac beträgt


knapp 130 Kilometer – für einen Raben. Doch erdgebundene
Rucksackreisende müssen sich mit Grenzübertritten herumschlagen.
Da die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien nicht anerkannt
wird, verweigern einem die serbischen Behörden die Einreise von
dort. So kam es, dass ich die Nacht nach meiner Abfahrt aus Priština
letztendlich auf einer Bank am Busbahnhof von Niš verbrachte.
Der Professor hatte mich vorgewarnt: Ein Kosovo-Stempel in
meinem Pass sei für die sturen serbischen Grenzbeamten ein rotes
Tuch. Empfehlungen im Internet stimmten mit den überraschend
wortreichen Ratschlägen überein, die ich am Busbahnhof in Priština
erhielt. Also fuhr ich widerwillig nach Mazedonien zurück, um von
dort aus nach Serbien einzureisen, wodurch der Weg gleich dreimal
so lang wurde.
Am Grenzübergang Tabanovce blätterte der Grenzbeamte in
meinem Pass und rümpfte angesichts der etwas obskureren Visa die
Nase. »Tourist? Nur Tourist?« Ich zeigte ihm mein unschuldigstes
Lächeln. Hinter ihm weideten seine Kollegen mit mürrischer Routine
einen Fernlaster aus.
Nach all den Widrigkeiten beim Grenzübertritt wirkte Serbien
hinter den Sperranlagen erstaunlich lieblich. Wiesen und Felder
prägten die Landschaft; Tannen standen ordentlich aufgereiht
oberhalb von Äckern, die ebenso exakt abgegrenzt waren wie in den
englischen Grafschaften, grün und golden von Mais, Bohnen und
Weizen, der gerade Ähren ansetzte. Stare flogen aus den Wäldern
auf, und Schafe standen reglos auf der Weide, als würden sie für
das Bild auf einer Müsli-Packung posieren. Serbien wirkte auf mich
nicht so heruntergekommen wie das, was ich von Mazedonien
gesehen hatte, und es wurde auch nicht so wild gebaut wie im
Kosovo. Auf den Feldern, die Magnolienbäume mit Blüten in der
Größe von Sektkelchen säumten, gediehen riesige Paprika und
dickfleischige Tomaten. Die Straßenschilder glänzten wie neu, und
sogar der Schutt war ordentlich aufgehäuft.
Ich hatte beschlossen, mich bei meiner Balkanreise auf die
serbische Geschichte zu konzentrieren, weil der serbischen Epik
eine so bedeutende historische Rolle zukam. Ich hatte den
Schauplatz des Kosovo-Mythos gesehen. Jetzt wollte ich die
Menschen kennenlernen, die davon sangen.
Bürotürme und Banken, Regierungsgebäude mit Bleidächern und
Sportbars: Auf den ersten Blick wirkt Kruševac nicht unbedingt wie
die glanzvolle Hauptstadt des Epos, wo Fürst Lazar seine Ritter zum
Nachtmahl lädt und Fürstin Milica auf dem weißen Burgturm auf
Nachrichten vom Ausgang der Schlacht wartet. Und doch wird man
überall in der Stadt von der Erinnerung an dieses Geschehen
begleitet, man kann ihm nicht entrinnen: wie einer alten Tante, die
die Jugend mit Argusaugen beobachtet.
Betritt man das klassizistische Rathaus, erblickt man ein Mosaik
von Fürst Lazar neben seiner himmlischen Kirche. Auf einem Hügel
oberhalb der Ruinen seines Bergfrieds sitzt ein bronzener Lazar, das
Schwert auf dem Schoß, nur ein paar Schritte von der nach ihm
benannten Lazarica-Hofkapelle entfernt, wo Doppeladler und
Ritterhelme die militärischen und imperialen Bildwelten seiner
Epoche heraufbeschwören. Geht man auf ein LAV-Bier ins Centar
Caffe, begegnen einem auf einem kunstvoll geschnitzten Totempfahl
die Gestalten des Kosovo-Zyklus: Ritter hoch zu Ross, die ihre
Schwerter mit den Krummsäbeln Turban tragender Türken kreuzen,
Miloš Obilić auf Knien unter einem riesigen Lazar-Kopf. Dieselben
Ereignisse und Szenen in immer wieder neuen Variationen, die doch
von demselben allgemein gültigen Prinzip erzählen.
Das Denkmal, das mir am eindrücklichsten in Erinnerung
geblieben ist, entstand im 19. Jahrhundert im Zuge der serbischen
Unabhängigkeitsbewegung. Es wurde an dem Ort aufgestellt, an
dem sich der Legende nach Lazars Heer zum Abmarsch versammelt
hat. Unter einem geflügelten Engel aus schwarzem Marmor zeigen
Flachreliefs Fürst Lazar, der mit seinen Truppen betet, und Miloš
Obilić, der Sultan Murad erdolcht. Mehr noch als die Reliefs jedoch
erregten die Statuen, die zu beiden Seiten des Denkmalsockels
sitzen, meine Aufmerksamkeit.
Eine junge Frau in mittelalterlichem Gewand glänzt im
Sonnenlicht. An ihrem Arm hängt ein Siegeskranz, doch über ihre
Knie ist ein Leichentuch gebreitet. Bekannt als »Mädchen vom
Amselfeld«, ist sie eine der beliebtesten Figuren aus dem Epos, die
mit den Nachwirkungen der Schlacht in Verbindung gebracht wird:

Dreht die Helden um in ihrem Blute.


Wenn sie einen dort am Leben findet,
Wäscht sie ihn mit ihrem kühlen Wasser …

Das Mädchen vom Amselfeld ist die Florence Nightingale des


Mittelalters, sie versorgt die Verwundeten und versüßt ihnen den
Übergang ins Jenseits. Ihre Identität erwächst aus den Wunden der
Krieger, sie ist ein Symbol der weiblichen Fürsorge und
Selbstverleugnung in der patriarchalen Welt des Epos. Sie könnte
die gütige Nausikaa sein, die Odysseus auf der Insel Scheria zu
Hilfe eilt, oder Welhthow, die den Kriegern im Beowulf den Metkelch
reicht. Doch dem Mädchen vom Amselfeld kommt eine besondere
Bedeutung zu, weil diese junge Frau klar und deutlich ihre Stimme
erhebt, artikuliert von der »blinden Živana«, eine Guslarin, die dieses
Lied um 1817 vortrug.
»Weh mir Armer«, klagt sie, nachdem der fürstliche Fahnenträger
sie wieder nach Hause geschickt hat, »welch ein Unglück trifft mich!
Hielt’ ich Arme mich an grüner Föhre, müßte sie, die Grünende,
verdorren!« Ihre Rolle als Krankenschwester ist nur von kurzer
Dauer, denn auch ihr Verlobter ist gefallen, und so wird sie wieder
auf die Rolle beschränkt, die den Frauen im Kosovo-Zyklus
hauptsächlich zugewiesen wird: die der Trauernden. Wie Milica, die
Lazar vor der Schlacht inständig bittet, ihr wenigstens einen ihrer
Brüder zu lassen, oder wie die Mutter der Jugovićen, der das Herz
bricht, als ein Rabe ihr die Hand ihres jüngsten Sohns in den Schoß
fallen lässt. Im Kosovo-Zyklus dienen die Tränen der Frauen als
Maßeinheit für den Wert der Männer. Doch Fügsamkeit bedeutet
nicht unbedingt Schweigen, und im Aufbegehren des Mädchens
gegen sein Unglück lässt sich eine Stimme vernehmen, die nur allzu
oft erstickt wird.
Stand die Skulptur des Mädchens für den Epenzyklus, so
symbolisierte die Statue auf der anderen Seite des Sockels dessen
lang anhaltenden Einfluss. Der alte Barde war Filip Višnjić, ein
bekannter blinder Guslar, der während des Ersten Serbischen
Aufstands von 1804 bis 1813 in Erscheinung trat, als der Schwarze
Georg seinen Feldzug zur Vertreibung der Osmanen aus Serbien
begann.
Während ich vor der Statue dieses brillanten Musikers stand,
dessen Lieder den Kämpfern für ein unabhängiges Serbien als
Inspirationsquelle gedient hatten, versuchte ich mir vorzustellen, wie
er die Gusle mit dem Bogen bearbeitete. Er trug Schnabelschuhe,
Ledergamaschen und weite Hosen, und sein langer Schnauzbart
wirkte wie der geflochtene Griff eines Hanfkorbs. Alles an ihm
atmete die Atmosphäre eines Serbiens im 19. Jahrhundert, als die
epische Dichtung den Soundtrack für den Kampf um die
Unabhängigkeit bildete.
Doch wo sind die Višnijćs von heute? Die Traditionen der
mündlichen Überlieferung waren auf dem Balkan so lebendig, dass
sie in den 1930er-Jahren die Philologen Milman Parry und Albert
Lord veranlassten, eine bahnbrechende Untersuchung der epischen
Komposition vorzunehmen. Dies war einer der Gründe, warum ich
mich auf die Spuren des Kosovo-Zyklus begeben hatte: Er ist eine
Ausnahme, ein europäisches Epos, das ohne Unterbrechung über
Jahrhunderte mündlich tradiert wurde. Keine Region Europas hat
solch eine intensive Beziehung zu ihrer epischen Literatur wie der
Balkan – denn hier werden die Lieder noch gesungen, sind noch Teil
des Lebens. Zumindest hatte ich das gelesen …
»Wir hatten schon seit, ähm, vielleicht sechs oder sieben Jahren
keine Guslari mehr hier«, sagte die Dame in der
Touristeninformation. Auf genaueres Nachfragen hin tat sie plötzlich
unheimlich beschäftigt, als hätte ich etwas Ungehöriges verlangt.
Anscheinend war es nicht damit getan, durch Kruševac zu laufen
und die Leute nach Guslari zu fragen. Die Empfangsdame in
meinem Hotel, der Aufseher eines als Museum eingerichteten
Stadthauses aus dem 19. Jahrhundert, ein Gastwirt, der für einen
Volksliedabend in einer mit Weinflecken übersäten Touristenfalle
warb – alle hatten dieselbe Antwort für mich. Die einzigen Guslari,
die ich zu Gesicht bekommen würde, waren Skulpturen.

In dem Gedicht »Die Erbauung des Klosters Ravanica« kündigt


Fürst Lazar an, »in der Resava beim Wasser Ravan« eine Kirche zu
errichten. Miloš Obilić rät ihm davon ab, Blei und Silber als
Baumaterial zu verwenden, denn »der Türke wird das Reich
erlangen … Niederreißen wird er Ravanica –, wird den Bleigrund aus
der Erde graben, wird daraus Kanonenkugeln gießen und damit die
Städte uns zertrümmern …« Stattdessen, so schlägt Miloš vor, sollte
das Klosterstift aus Stein erbaut werden, denn: »Unsre Stifte werden
Gott verehren, immerfort bis zum Gerichtstag Gottes: Denn vom
Stein wird niemand Steine holen.«
Ich war mit dem Bus in das nördlich von Kruševac gelegene
Ćuprija gefahren und machte mich auf den Weg zu der Kirche, der
mit diesem Gedicht ein Denkmal gesetzt worden war. Vor mir lag
eine Wanderung von sechzehn Kilometern, vorbei an Paprikafeldern
und durch Tannenwäldchen, in denen emsige Bienen summten.
Die ehemalige Befestigungsmauer um Ravanica ist nur noch in
Teilen erhalten, sie sieht aus, als hätte ein Gott sie vom Himmel aus
angeknabbert. Das Gebäude in Form eines serbisch-orthodoxen
Kreuzes besitzt einen niedrigen Vorbau mit eckigem Turm, hinter
dem sich eine geschwungene Mauer mit Dreipass erhebt, und wird
von fünf vieleckigen Bleikuppeln mit glänzenden goldenen Kreuzen
gekrönt. Die Fassade der Basilika, die sich an einen mit Zypressen
bestandenen Berghang schmiegt, zieren Streifen aus beigefarbenen
Steinen und schmalen roten Ziegeln, Blendbögen sind mit
Schachbrettmuster ausgefüllt.
Die dortigen Fresken, entstanden gegen Ende des 14.
Jahrhunderts, sind herausragende Beispiele der Morava-Schule,
einer späten Blütezeit serbischer Kunst. Kriegerische Heilige
schwingen Schwerter, Speere und Bogen, Lazar mit einer
perlenbesetzten Krone und einem dichten, zottigen Bart hält einen
Kreuzstab, Fürstin Milica sitzt im Kreis ihrer Söhne, und ein Christus
Pantokrator in goldenem Umhang hebt drei Finger zum orthodoxen
Gruß.
Dies ist eine vom Königshaus gestiftete Geschichte, der Kult um
Fürst Lazar ist nicht organisch im Volk gewachsen, sondern war ein
politischer Schachzug. In den Wirren nach der Schlacht auf dem
Amselfeld, als man den türkischen Eroberern noch Widerstand
leistete, existierte das serbische Königtum weiter, und Fürstin Milica
schickte die kirchlichen Schreiber an die Arbeit. So wurden
Heiligengeschichten um Fürst Lazar verfasst, und so entstand die
Legende vom »himmlischen Reich«: der Glaube, dass Lazar in der
Nacht vor der Schlacht ein himmlischer Bote in Gestalt eines Falken
erschienen sei und dass er sich entschieden hätte, dem irdischen
Reich zugunsten des Himmelreichs zu entsagen. Mit der Zeit wurde
diese Legende ein Schlüsselelement des Zyklus, der einen in der
Geschichte der europäischen Epik einmaligen Pakt mit der Kirche
besiegelte.
Die meisten Epen stützen sich auf alte heidnische Traditionen. Ein
Teil ihres Zaubers liegt in ihrer Verbindung mit unseren
vorchristlichen Wurzeln, von den Göttern des Olymp bis hin zu den
nordischen Gottheiten. Oberflächlich betrachtet ist der Kosovo-
Zyklus in die schwarzen Roben des orthodoxen Glaubens gehüllt.
Doch darunter kommt etwas Komplexeres zum Vorschein. Es ist der
Versuch, einen alten heidnischen Glauben in ein christliches
Gewand zu kleiden: Kämpfe um jeden Preis für deine Heimat,
Rückzug ist Schande. Eine Vorstellung, die so uralt ist, dass wir ihr
bereits in der Ilias begegnen. Eigentlich sollten die christlichen Ideen
über das Denken in Stämmen oder Nationen hinausweisen. Es ist
die Errungenschaft des Kosovo-Zyklus, dem Typus des alten
heidnischen Helden ein christliches Image zu verpassen,
angefangen von Lazars Entscheidung für das himmlische Reich bis
hin zu Miloš’ Schwur, er wolle »für den Christenglauben fallen«.
Mit dieser Propagandakampagne wollte Milica ihrem Sohn den
Anspruch auf den Thron sichern und für eine Zeit, in der er sich aus
dem Vasallenverhältnis gegenüber den Osmanen befreien würde,
um Unterstützung werben. Teilweise gelang dies zwischen 1402 und
1413. Doch dann festigte sich die osmanische Herrschaft, und
Lazars Linie starb aus. Aber die Geschichten, die die gelehrten
Mönche verfasst hatten, wurden zum Ursprung eines Kults, der bis
heute lebendig ist. Aus diesem Grund bedeutet der Besitz von
Lazars Gebeinen für die serbische Kirche einen enormen
Prestigegewinn.
Fürst Lazars Leichnam, der bald nach seinem Tod im Kloster
Ravanica beigesetzt wurde, verblieb dort bis 1690, als die Mönche
ihn auf der Flucht vor den Türken fortschafften. Sie versteckten den
Leichnam in entlegenen Schlupfwinkeln wie den Bergklöstern im
Bezirk Srem oder der ungarischen Stadt Szentendre. Bis 1942 blieb
Lazar unangetastet, doch dann wurden seine goldenen Ringe von
Ustaschen, Milizionären der faschistischen Bewegung Kroatiens,
gestohlen. Wieder bettete man ihn um, diesmal nach Belgrad. Ein
halbes Jahrhundert später, während der Vorbereitungen zur 600-
Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld, wurde der Fürst wieder
nach Ravanica überführt. In jener Zeit beschworen Slobodan
Milošević und seine Anhänger energisch die Größe der
Vergangenheit, physisch greifbare Relikte standen daher hoch im
Kurs. Und es gibt in Serbien kaum eine kraftvollere Reliquie als den
Leichnam des Fürsten und Märtyrers aus dem Kosovo-Zyklus. So
trug eine über Monate andauernde Prozession Fürst Lazars Gebeine
durchs Land, von Kloster zu Kloster, bis zum Amselfeld, gerade
rechtzeitig zu Miloševićs aufpeitschender Rede. Dann wurde der
Fürst in Ravanica wieder zur Ruhe gebettet.
Nun liegt er vor einer Bilderwand mit leuchtend bunten Ikonen in
einer hölzernen Truhe, deren Kanten mit gehämmertem Silber
beschlagen sind. Auf der Breitseite zeigt eine geschnitzte Tafel seine
triumphale Heimkehr von 1989 – Lazar wird von bärtigen Priestern
zum Tor von Ravanica getragen. Auf der den Betenden
zugewandten Längsseite des Sargs ist unter anderem Miloš Obilić
mit wehendem Umhang, Krummschwert und rundem Schild zu
sehen; ein seltenes Beispiel dafür, dass die Kirche den Kult um
diesen nicht historisch belegten Helden anerkennt. Hier sind Epos
und Kirche auf einer Linie – die beiden Kräfte, die die serbische
Identität in den langen Jahrhunderten türkischer Herrschaft
hochhielten.
Ich war bewusst an einem Sonntag nach Ravanica gekommen, da
ich von einem regelmäßig stattfindenden Ritual gehört hatte. Die
Nonnen schwirrten geschäftig umher, und man spürte ihre freudige
Erwartung, während sie Kerzen mit Flaschenzügen einholten und
den Sarg mit Bienenwachs polierten, dessen berauschender Duft
sich in der Kirche ausbreitete. Als alles erledigt war, legten sie eine
kleine Verschnaufpause ein, versammelten sich an einem Pult und
lasen abwechselnd aus den Psalmen.
Bei der Ankunft eines Mönchs mit schneeweißem Bart, dem eine
Novizin nach vorne half, brach wieder Geschäftigkeit aus. Jetzt
begann der Vespergottesdienst. Das Weihrauchfass wurde
geschwenkt, Gebete wurden intoniert. Eine der Nonnen fuhr ein
letztes Mal mit dem Tuch über den Sarg und klappte dann den
Deckel auf. Der alte Mönch wankte mühsam heran, in seinen Augen
glühte eine fromme Sehnsucht. Gestützt von der Novizin beugte er
sich über den Sarg und drückte einen Kuss auf die Glasscheibe, die
den Fürsten schützte.
Das war das Signal für mich. Ich schob mich nach vorne und
blickte auf Doppeladler und Drachen, in Gold aufgestickt auf das
Leichentuch aus rotem Samt. Aus den roten Ärmeln des
Totenhemds lugte ein Teil der sterblichen Überreste von Fürst Lazar
hervor. Dunkelbraun und verschrumpelt wie eine Korinthe: gar nicht
so übel für einen 688-Jährigen. Als ich aufsah, traf mich der
erwartungsvolle Blick einer Nonne, und so presste ich folgsam
meine Lippen auf das Glas.
In Griechenland hatte ich einige physisch greifbare Verbindungen
zur Odyssee aufgespürt, aber das hier war etwas ganz anderes.
Damit hatte ich zu Beginn meiner Reise nicht gerechnet: einer
Gestalt aus einem Epos leibhaftig zu begegnen. Eine serbische
Besonderheit, denn so etwas konnte nur hier geschehen, wo
Dichtung und Glaube Tote am Leben erhielten.
Hinter mir spürte ich Wärme und hörte das Stampfen von
Schritten. Mehr als hundert Gläubige drängten in die Kirche, bildeten
eine Schlange bis hinaus auf den Vorhof: eine Kolonne aus
Schülergruppen, die sich aufreihten wie Gäste einer Trauerfeier mit
offenem Sarg. Es gab ein bisschen Geschubse, und der eine oder
andere Schüler spuckte noch schnell sein Kaugummi in die Hand,
doch die meisten warteten in feierlichem Ernst auf den Blick in den
Sarg. Wie Monde spiegelten sich ihre Gesichter im schimmernden
Gold der Ikonen.
Einen der Schüler traf ich draußen wieder. Er erzählte mir, dass es
bereits sein vierter Besuch sei. Während einige seiner Freunde ihre
Kopfhörer aufsetzten, plauderten wir ein bisschen, und ich fragte ihn,
was er darin sehe.
»Was wir sehen?« Er deutete mit dem Daumen auf die Kirche.
»Haben Sie nicht reingeschaut?«
»Nein, ich meine …«
Hinter uns humpelte der alte Mönch vorbei, und der Teenager gab
meine Frage an die Novizin weiter, die den Mönch stützte. Sie
kamen zu uns herüber, und der Mönche dachte sorgfältig über
meine Frage nach:
»Wir Orthodoxen glauben … dass Fürst Lazar ein Heiliger ist,
dass er große Taten vollbracht hat und durch die Kraft des Heiligen
Geistes immer noch vollbringt.«
»Waren Sie dabei, als der Sarg nach Ravanica zurückgebracht
wurde?«, fragte ich.
Der Mönch nickte. »Viele haben unsere Kirche angegriffen. Die
Türken … die Deutschen … die Albaner … Aber an diesem Tag
strahlte die Herrlichkeit Christi über uns. Fürst Lazar ist
heimgekehrt.«
8
Miloš tötete den Kaiser Murad Und des weitern noch zwölftausend
Türken. Gott errette den, der ihn geboren! Er erschuf dem
Serbenstamm ein Denkmal …

Kosovo-Zyklus, »Dienstmann Milutin«

Dröhnende Bassläufe, hämmernde Beats und grelle Bilder auf


Videoleinwänden: Go-Go-Boys mit Engelsflügeln und auffälligem
Nippelschmuck, geölte, muskulöse Oberkörper mit so klar definierten
Linien, dass man »Drei gewinnt« darauf hätte spielen können. Es
war meine erste Nacht in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Vor
wenigen Stunden erst war ich nach einer langen Busfahrt von
Kruševac angekommen und hatte bereits einige Drinks intus.
Taktischer Fehler: Ich hatte ein Zimmer bei einem professionellen DJ
gebucht. Statt also eine entspannte Nacht in ruhiger Umgebung zu
verbringen, fand ich mich an einem Ort wieder, der der Unterwelt in
einem Epos nachempfunden zu sein schien: dunkel, verraucht,
Schulter an Schulter mit anderen unglücklichen Seelen.
Am nächsten Morgen war ich ein wenig verkatert. Ich verließ die
kleine Wohnung des DJs und folgte der Hauptstraße ins
Stadtzentrum, vorbei an Plakatwänden, die Soldatinnen mit feschen
roten Baretten zeigten. Dahinter zeichneten sich die Überreste der
1999 durch das NATO-Bombardement zerstörten Gebäude in all
ihrer zerklüfteten Pracht vor dem Horizont ab. Kabel und
Trägerbalken hingen vom Skelett des Rundfunkgebäudes herab wie
die Reliquien eines Märtyrers, die der Inspiration der Gläubigen
dienen sollten. Das auf Hügeln erbaute Belgrad ist eine unruhige,
hektische Stadt voller Gegensätze: prächtige Bauten aus dem 19.
Jahrhundert stehen neben Betontürmen aus der Tito-Zeit, und unten
an der Donau stößt man auf düstere, baufällige Tunnel mit Graffiti.
Auch ich war irgendwie unruhig. Schon seit einigen Wochen, seit
Kap Tenaro, war meine Gehirnchemie aus dem Gleichgewicht
geraten. Ich hatte Kopfschmerzen, spürte einen vagen Druck in den
Schläfen, als säßen dort Luftpolster. Es ging mir gegen den Strich,
von Medikamenten abhängig zu sein, aber ich wusste, das waren
die klassischen Entzugssymptome. Im Laufe der Jahre hatte ich mir
ein paar Tricks angeeignet, um damit zurechtzukommen, aber was
am besten half, war die Vorfreude auf das Kommende: eine Woche
in Bosnien, symbolträchtige Städte wie Sarajevo und Dubrovnik, die
Fähre nach Italien … Ich hatte dafür gesorgt, dass mir mein
Medikament nach Sarajevo geschickt wurde, wo ich in einer Woche
eintreffen würde. Mit vier Tagen Aufenthalt war das mein längster
Zwischenstopp auf dem Balkan, die beste Möglichkeit, Post zu
empfangen. Doch der Beweis für meine Abhängigkeit frustrierte
mich. Und gleichzeitig war ich dankbar für diese Mahnung, meine
eigene Reise nicht mit den Geschichten, über die ich las, zu
verwechseln.
Bisher hatte ich die Orte erforscht, die mit den Ereignissen und
Figuren des Kosovo-Zyklus verknüpft waren. Hier in Belgrad hoffte
ich etwas über deren Vermächtnis zu erfahren. Besonders neugierig
war ich auf die beiden berühmten serbischen »Helden«, die
denselben Nachnamen tragen: Der eine wirkte im 19. Jahrhundert,
der andere lebt noch. Der eine war hauptverantwortlich für die
Sammlung und Herausgabe der Heldenlieder des Kosovo-Zyklus,
der andere für deren Missbrauch.
»Ich wuchs in einem Haus auf«, schrieb Vuk Stefanović Karadžić,
»in dem während des ganzen Winters mein Großvater oder mein
Onkel oder manchmal auch Männer aus der Herzegowina … Lieder
sangen oder rezitierten …«
Aufgewachsen im Hügelland zwischen Serbien und Bosnien,-
erhielt dieser herausragende Philologe und Sprachreformer des
19. Jahrhunderts seine Ausbildung in Belgrad. Das Gebäude, in dem
er studierte – ein mit Erkerfenstern versehenes Stadthaus in
osmanischem Stil in einer Straße voller Hipsterbars –, ist nicht nur
erhalten geblieben, sondern wurde in ein Museum zu seinen Ehren
umgewandelt. Dort kommt uns Vuk durch sehr persönliche
Gegenstände näher. Zwischen seinem Holzbein, seiner Krücke und
dem Stock mit Ebenholzgriff kann man sich in seine turbulente
Biografie vertiefen: Da sind die Geleitbriefe, die er mit ins
österreichische Exil nahm, die Schnupftabakdose, das
Reisetintenfass und der Tintenlöscher aus Keramik, und da sind die
Grammatikbücher und Übersetzungen, bei denen seine
Schreibutensilien zum Einsatz kamen. Gleichzeitig verfasste er
Schriftstücke für die antiosmanischen Rebellen und arbeitete nach
dem zweiten Aufstand gegen die Osmanen für die neu gebildete
serbische Regierung. Seine fortdauernde Popularität wird im
wahrsten Sinne des Wortes illustriert von Schülerzeichnungen, die
mit Wäscheklammern in seinem ehemaligen Rauchsalon aufgehängt
sind: Buntstiftporträts von Vuk mit Fez neben Ausmalvorlagen von
orthodoxen Kirchen und einer gruselig detailreichen
Schlachtenszene.
Vuk hat den Kosovo-Zyklus nicht verfasst, aber er hat mehr als
jeder andere dazu beigetragen, ihn schriftlich zu fixieren. Er spürte
die Guslari auf, die durch die Bergdörfer zogen, ebenso wie die
Dichter, Priester und Volkskundler, die mit ihnen in Kontakt standen.
Seine Reform der serbischen Sprache kam auch den
Heldengeschichten zugute, und so wurde aus den Liedern der
Guslari, die zur Unterhaltung eines Publikums in der Provinz
aufspielten, das Herzstück einer erwachenden nationalen Kultur.
Rasch fand er Bewunderer, und das nicht nur auf dem Balkan. Jacob
Grimm, einer der berühmten »Märchenbrüder«, schickte ihm
begeisterte Briefe und lernte selbst Serbokroatisch, um die
Dichtungen übersetzen zu können. Viele andere europäische
Geistesgrößen folgten diesem Trend. Goethe veröffentlichte eine
Schrift über die serbischen Lieder, und der große polnische Dichter
Adam Mickiewicz hielt darüber einen Vortrag am Collège de France.
Es mutet seltsam an, dass sich die serbische Epik im 19.
Jahrhundert für eine kurze Zeitspanne einer kosmopolitischeren
Leserschaft rühmen durfte als der Beowulf oder das Rolandslied.
Es war die große Zeit der Wiederentdeckung epischer Literatur,
und der Kosovo-Zyklus fügte sich in ein breiteres, den ganzen
Kontinent umspannendes Gewebe ein. Den serbischen Liedern
mögen die psychologischen Feinheiten eines Homer, die kunstvolle,
bildhafte Sprache des Beowulf oder die dramatisch
vorwärtsdrängende Handlung des Nibelungenliedes fehlen. Doch die
Vielzahl von Episoden und Stimmen vermittelt die gesamte
Bandbreite der Zerstörung durch den Krieg. Eine Episode
konzentriert sich auf Fürst Lazars Begegnung mit dem himmlischen
Falken, eine andere auf die Klage des Mädchens vom Amselfeld, die
nächste berichtet von Sultan Murad, der mit seinem Heer vorrückt,
und ein Gedicht schildert die Trauer der Mütter über den Verlust ihrer
Söhne. Man vernimmt die Stimmen der Heerführer und der Männer,
die ihr Leben für sie geben, aber auch die Stimmen der Ehefrauen
und Töchter, die um das Leben ihrer Liebsten fürchten. Diese
Polyphonie erlaubt eine Vielzahl von Interpretationen, und daher ist
es wenig überraschend, dass der Zyklus auf radikal unterschiedliche
Weise verstanden wurde. Seine Geschichten können die
Gramgebeugten und Einsamen trösten, aber sie können auch
aufwiegeln und provozieren und sind damit Ausdruck der
unterschiedlichen Beweggründe für ihre Entstehung.
So vielschichtig sie auch sind, so wurden sie doch von einer
einzelnen Person zur Veröffentlichung vorbereitet, und darum ist es
wichtig, den turbulenten historischen Kontext zu betrachten, in dem
Vuk diese Lieder zusammenstellte. Der Aufstand des Schwarzen
Georg, der endlich das türkische Joch abschütteln sollte, war in
Vorbereitung, und viele Guslari, die Vuk Material lieferten, nahmen
an den Kämpfen teil. So etwa Tešan Podrugović, ein Outlaw mit
grimmigem Blick, der von Guerilla-Angriffen auf türkische Stellungen
mühelos zum Vortrag zauberhafter Balladen über die Abenteuer des
Königssohns Marko wechseln konnte.
»An der Schwelle zur nationalen Unabhängigkeit«, schreibt der
serbische Literaturwissenschaftler Svetozar Koljević, »war unsere
Geschichte wichtiger als je zuvor, und die alten Heldentaten wurden
als Antwort auf die historischen Prüfungen der Gegenwart
beschworen.« Das Heldentum und die Opferbereitschaft von Fürst
Lazars Rittern boten Trost im Trauma des Unabhängigkeitskampfes.
Männer wurden bei lebendigem Leib verbrannt, an den Füßen über
brennendem Stroh aufgehängt, kastriert, zu Tode gesteinigt und mit
Zangen gequält, Frauen und Kinder wurden vergewaltigt. In dieser
unruhigen Epoche bot die Dichtung Motivation und Maßstab, lieferte
einen Kontext, ein unendliches Narrativ, in das jede Wunde
eingewoben wurde. Der griechische Unabhängigkeitskrieg bediente
sich der Dichtung als sanfter Inspiration, doch die serbischen
Gedichte waren ein ganz anderes Kaliber. Die Aufständischen hatten
Miloš Obilić und die Helden vom Amselfeld im Ohr und im Kopf,
wenn sie in die Schlacht zogen oder sich von den Berghängen auf
ihre Feinde stürzten, sie hatten die Verse auf den Lippen, wenn sie
mit ihren Bajonetten zustachen oder die Kanonen luden und im
wahrsten Sinne des Wortes für den langen, mühsamen Weg zur
Unabhängigkeit bluteten.
Eineinhalb Jahrhunderte später gab es keine türkische Besatzung,
die man hätte bekämpfen müssen, und die Geschichten, die Vuk
Karadžić gesammelt hatte, hatten keinen direkten Bezug mehr zur
Realität. Doch ihre erzählerische Wucht konnte immer noch
Emotionen auslösen. Und keiner machte sich diese Kraft auf so
verbrecherische Weise zunutze wie Vuks Namensvetter, der
bosnische Serbenführer Radovan Karadžić.

Eine Hochstraße spannt sich über das graue, gewundene Band der
Save, die als breite Zunge an mit Rost und Schmutz überzogenen
Baukränen und Lagerhallen leckt. Gigantische Betonbauten ragen in
die Höhe, dicht an dicht wie die Kiefern auf den Berghöhen. Auch
hier findet sich die brutalistische Blockarchitektur von Marschall Titos
Jugoslawien, wohin die Menschen vom Land in die Städte
abwanderten und wo Individualität erstickt wurde. Und durch eine
Laune des Schicksals lebte hier eine der markantesten Gestalten
der jüngsten Geschichte des Balkans, eine, die am meisten
Zerstörung anrichtete.
Dass sich ausgerechnet Radovan Karadžić zum Kriegstreiber
entwickeln würde, hätte kaum jemand vorausgesehen. Er war
Dichter und Psychiater, arbeitete unter anderem als Psychologe für
einen Fußballklub und gründete Bosniens erste und einzige grüne
Partei, der es allerdings nicht gelang, echtes Engagement für die
Umwelt anzustoßen. Rücksichtsloses Sektierertum erwies sich als
der effektivere Weg zur Macht. Er verbündete sich mit General Ratko
Mladić, dem skrupellosesten Warlord der bosnischen Serben, und
strebte eine Vereinigung mit dem serbischen Mutterland an. Dafür
betrieb er eine Politik ethnischer Säuberungen, denen zwischen
1992 und 1995 Tausende von Menschen zum Opfer fielen. Dabei
hatten diese sogenannten »Säuberungen« noch nicht einmal etwas
mit Ethnie zu tun: Beinahe alle Opfer Mladićs waren Slawen, genau
wie ihre Mörder, ihre Sprachen waren miteinander verwandt, und sie
alle waren Nachfahren der Stämme, die diese Bergtäler seit dem
ersten Jahrtausend n. Chr. besiedelten.
Auf dem Balkan gingen das Interesse für Literatur und Politik oft
Hand in Hand. Doch die Männer, die diese Region in den 1990er-
Jahren in den Krieg führten, waren besonders intellektuelle
Schwergewichte – vom kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman
(Historiker) über den Präsidenten des Kosovo, Ibrahim Rugova
(Professor für albanische Literatur, der bei Roland Barthes in Paris
studiert hatte), bis hin zu Karadžićs Kollegen in der Serbischen
Demokratischen Partei, Nikola Koljević (der bedeutendste
Shakespeare-Experte im früheren Jugoslawien). Dass Menschen,
die Literatur lieben, sich nicht an Völkermord und Barbarei
beteiligen, ist eine naive Vorstellung, wie Karadžić und seine
Zeitgenossen hinreichend bewiesen haben. Karadžić war kein
Kriegstreiber trotz seiner literarischen Neigungen, er war ein
Kriegstreiber – zumindest teilweise – wegen ihnen.
In einer Region, in der das Geschichtenerzählen so hoch im Kurs
steht, haben Menschen, die die relevanten Geschichten kennen und
gut vermitteln können, die besten Chancen, Macht auszuüben. Bei
Karadžić, der die Lieder der Guslari sang und seine eigene Biografie
als Epos begriff – auf dessen Höhepunkt er sich als heldenhaften
Märtyrer für die serbische Sache hochstilisierte –, war dies ein tief
sitzender Teil seiner Persönlichkeitsstörung.

O Radovan, du Mann aus Stahl, größter Mann seit


Georgs Zeiten, mögest du am Genfer See für Glaub’ und
Freiheit streiten.

So sang ein Guslar, als Karadžić 1993 zu den Friedensgesprächen


reiste. Dieser benutzte die Epik nicht nur, um seine Ziele durchzu-
setzen. Wie Aleksandar Hemon schreibt, sah er sich selbst »als den
Helden eines epischen Gedichts, das eine entfernte, zukünftige
Generation einst singen würde«.
Als das Abkommen von Dayton den Krieg in Bosnien und
Herzegowina 1995 offiziell beendete, beschloss Karadžić, seiner
Geschichte eine neue dramatische Wende zu geben. Anstatt sich zu
stellen, tauchte er unter.
Wenn man Anfang des 21. Jahrhunderts im Belgrader Stadtteil
Novi Beograd wohnte und an Rückenschmerzen oder
Atembeschwerden litt oder wieder Schwung ins eheliche
Schlafgemach bringen wollte, suchte man möglicherweise Hilfe in
einem der Plattenbauten in der Juri-Gagarin-Straße. Denn dort
wohnte ein New-Age-Guru und Alternativmediziner namens Dr.
Dragan Dabić, ein Heiler mit einer Kolumne in der Zeitschrift
Gesundes Leben. Während der ehemalige bosnische Serbenführer
auf dem ganzen Balkan gesucht wurde – für seine Ergreifung hatte
man eine Belohnung von fünf Millionen Dollar ausgesetzt –, zog
Karadžić eine unglaubliche Maskerade durch. Und zwar so perfekt,
dass selbst die Nachbarn nichts von seiner wahren Identität ahnten,
nicht einmal ein Interpol-Agent, der im benachbarten Hochhaus
lebte. Karadžić agierte so selbstbewusst, dass er sogar einen neuen
Gedichtband mit dem Titel An der linken Jahrhundertbrust
veröffentlichen konnte.
Erst 2008, nachdem man das Telefon seines Bruders angezapft
hatte, fand man heraus, dass der Gesundheitsguru mit dem dichten
Rauschebart in Wirklichkeit der Kriegstreiber Karadžić war. Und es
sollte noch einmal acht Jahre dauern, bis ihn das UN-
Kriegsverbrechertribunal verurteilte (in zehn von elf Anklagepunkten,
darunter die Verantwortung für die Bombardierung Sarajevos und
der Missbrauch von 284 UN-Friedenssoldaten als menschliche
Schutzschilde). Das war bei meinem Besuch erst ein Jahr her,
weshalb das Thema Karadžić immer noch aktuell war, obwohl die
Jugoslawienkriege eine ganze Weile zurücklagen.
»Sie suchen das Luda Kuća [Irrenhaus]?«, sagt die Kellnerin im
Kaffeehaus. »Gehen Sie einfach beim Parkplatz rechts, es liegt
direkt neben dem Minimarkt.«
Der kleine Kiosk an der Straße sieht nicht so aus, als könnte er
eine Bar beherbergen, aber man hat das Beste aus dem engen
Raum gemacht. Licht pulsiert zwischen Zinnkrügen und Rakija-
Flaschen und beleuchtet die gerahmten Porträts an der Wand. Die
Gesichter auf den Bildern sind seltsam vertraut. Unter einer Reihe
Schnapsgläser und einem Geweih sehe ich in die Augen eines
Mannes, der wie kaum ein zweiter für den Westen das Urbild eines
Schurken verkörpert.
Ein Porträt zeigt Karadžić mit seiner charakteristischen schwarz-
weißen Haartolle, daneben ist er als Dragan Dabić mit Haarknoten
zu sehen. Zu seiner Rechten starrt Slobodan Milošević finster aus
dem Rahmen, während Wladimir Putins Pokerface gelassen auf den
Raum blickt, Seite an Seite mit einer bizarren Darstellung von Oberst
Gaddafi. Über den Fotos hängt eine wunderschöne Gusle aus
Ulmenholz. In den Kopf sind die Gesichter von Vuk Karadžić und
dem montenegrinischen Fürstbischof und Dichter Petar II. Petrović-
Njegoš geschnitzt; Adlerflügel schmücken den Wirbelkasten. Die
Gusle ist kunstvoll gearbeitet, aber sie sieht zu dekorativ aus, um
gespielt zu werden: eher ein Museumsstück als ein nutzbares
Instrument. Vermutlich hat gerade deswegen Radovan Karadžić so
gern mit ihr musiziert.
»Möchten Sie sich hersetzen?«, fragt Mirjana, eine grauhaarige
Frau mit rauchiger Stimme in rotem Fleecepullover, die heute
hinterm Tresen steht. »Ich mag die Gusle nicht«, erzählt sie mir. »Sie
erinnert mich an alte Frauen, die an Gräbern weinen.« Aber sie
amüsiert sich immer noch köstlich über Karadžićs geniale
Verkleidung. Sie hat die NATO-Bombardements von 1999 miterlebt,
und die Erinnerung daran lässt etwas in ihren Augen aufblitzen.
»Er hat gut gespielt«, sagt sie. »Er kannte viele Lieder, und er
spielte sie aus dem Effeff. Aber gesungen hat er nicht oft. Er wollte
nicht, dass die Leute seine Stimme erkennen, wissen Sie.«
Wir sitzen draußen um einen Tisch, es ist so warm, dass mir ein T-
Shirt genügt, und jedes Mal, wenn eine neue Runde Rakija
ausgegeben wird, wird mir ein bisschen wärmer. Die Gruppe wächst
auf ein halbes Dutzend Leute an, Gesprächsfetzen fliegen wie
Salven hin und her, begleitet vom Rascheln der Chipstüten und dem
Zischen der Feuerzeuge. Als Ausländer bin ich für diese Leute eine
Verbindung zum Rest der Welt, und der Reihe nach beugen sie sich
zu mir, packen mich am Arm und schenken mir den nächsten
Schnaps ein.
»Der Westen hat uns befohlen, den Krieg zu beenden – und dann
hat er uns drei Monate lang bombardiert!«, erinnert sich eine Frau
namens Annika mit blonder Kurzhaarfrisur.
»Aber es war eine gute Zeit«, fügte Tomas hinzu, ein älterer Herr
mit elegantem Filzhut. »Wisst ihr noch, die Fleischpartys? Als der
Strom rationiert wurde, haben wir immer noch schnell alles
aufgegessen, damit es nicht schlecht wurde.«
Irgendwie, wahrscheinlich durch meine Schuld, kommt die Rede
auf Flüchtlinge, und ein wahrer Redeschwall bricht über mich herein.
»Wir haben doch schon die Zigeuner!«, sagt Danny (die Kurzform
von Danilo), ein Montenegriner mit lockigem Haar, der alle anderen
übertönt. »Wieso sollten wir uns von den Deutschen vorschreiben
lassen, uns um all diese Muslime zu kümmern?«
Da bin ich mal wieder so richtig in den Fettnapf getreten, und
sofort schlägt mir Argwohn entgegen.
»Weswegen bist du überhaupt hier?« Anklagend deutet Mirjana
mit der Zigarette auf mich. »Ich dachte, du würdest dich für Musik
interessieren.«
»Bist du ein Spion?«, fragt Danny.
Oh-oh. Ich überlege, ob ich mich eiligst verkrümeln soll, als eine
beiläufige Bemerkung über meine halbirische Herkunft die Situation
rettet.
»Du bist Kelte!«, verkündet Danny. »Das heißt, du bist wie wir!
Serben und Kelten sind einander ähnlich – sie trinken und kämpfen
gern!«
Erneut füllt er mein Glas und steckt mir eine Victory-Zigarette
zwischen die Lippen.
So ein Abend ist das: Innerhalb von Sekunden kann die Stimmung
kippen. Die Kelten lebten lange vor den Slawen in dieser Region und
gründeten im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Vorläufersiedlung von
Belgrad. In der auf Volkszugehörigkeit fixierten Atmosphäre am
Tisch macht mich ein irisches Großelternteil zum Belgrader
ehrenhalber. Jetzt bin ich in ihre Mitte aufgenommen – und das
bedeutet, dass ich mich auch auf der Gusle versuchen darf.
»Nein! Du musst sie so halten, unter dem Kinn«, sagt Danny, der
nun mit mir im Innern des Kiosks unter den gruseligen Porträts sitzt.
»Und den Bogen ziehst du so … okay, jetzt hast du’s beinahe!«
Als ich diese berühmte Gusle in der Hand halte, habe ich das
seltsame Gefühl, dass die Zeiten verschmelzen: Vuk Karadžić blickt
mir vom Kopf der Gusle entgegen und Radovan beobachtet mich in
doppelter Ausführung von der Wand, vervierfacht durch den vielen
Alkohol. Bei meinem ersten Auftritt mit der Gusle beehre ich mein
Ein-Mann-Publikum mit der Imitation des Todesröchelns eines
langsam erstickenden Nagetiers. Erst als Danny mir die Gusle aus
der Hand nimmt, die Stimmwirbel einstellt und den Steg überprüft,
merke ich, dass es nicht gar so gotterbärmlich klingen muss.
»Du musst sie mit Stolz spielen«, sagt er. »Das ist das Wichtigste.
Wenn wir Serben auf der Gusle spielen, erinnern wir uns an die
Schlachten unserer Ahnen und an die Opfer, die sie gebracht haben.
Wir nennen es: ›Lieber Tod als Schande!‹ Das ist auch der Grund,
warum ich keinen Respekt vor diesen Flüchtlingen habe. Welcher
Mann verlässt seine Heimat? Wenn Assad ihr Feind ist, dann sollten
sie bleiben und gegen ihn kämpfen!«
»Aber geht es wirklich ums Erinnern?«, frage ich ihn. »Wenn doch
kein Wissenschaftler jemals beweisen konnte, dass Miloš Obilić
wirklich gelebt hat? Wenn Vuk Branković, im Epos der schurkische
Verräter, in Wahrheit einer der Schlüsselfiguren im Kampf gegen die
Osmanen war und sein Leben in einem türkischen Gefängnis
beendete?«
»Das ist eben Dichtung!«, sagt Danny. »Es geht nicht um
historische Genauigkeit, es geht um … Kultur … Identität!«
Mit diesen Worten hat er den Nagel auf den Kopf getroffen. Die
Geschichten müssen nicht wahr sein, denn es geht nicht nur um die
Ereignisse im Jahr 1389. Es geht um den ewig währenden Kreislauf.
Das Rad dreht sich weiter, mit Speichen aus Heldenliedern,
geschmiert vom Öl der Geschichte.
9
Er erschuf dem Serbenstamm ein Denkmal, Daß darüber man so
lang erzähle, Wie das Volk und Kosovo bestehen.

Kosovo-Zyklus, »Dienstmann Milutin«

Belgrad hatte mir zumindest einen flüchtigen Einblick in das


Vermächtnis des Kosovo-Zyklus gewährt, doch um seinen
weitreichenden Einfluss bis in die Gegenwart zu verstehen, musste
ich mich ins Gebirge aufmachen. Eine lebendige epische Tradition
bewahrt eine Verbindung zu ihren mündlichen Ursprüngen: Diese
Geschichten sollten nicht aufs stille Kämmerlein beschränkt werden,
sei es das Studierzimmer eines Literaturliebhabers oder das
Schlafzimmer, wo man sie – wie in meinem Fall – abends vor dem
Zubettgehen liest. Nein, sie sollten laut an öffentlichen Plätzen
vorgetragen werden. Einer der Jungs im »Irrenhaus« hatte mir einen
Tipp gegeben, und so war ich auf dem Weg in die Republika Srpska,
die serbische Teilrepublik in Bosnien und Herzegowina, ein Ergebnis
des brüchigen Friedensabkommens, das 1995 in Dayton
geschlossen worden war.
Mit Bussen fuhr ich von Belgrad aus erst nach Süden, dann nach
Westen. Im Kloster von Studenica bewunderte ich die herrlichen
Freskenfragmente und die Skulpturen von Ungeheuern: Hier ein
Drache! Dort ein Basilisk! Als die Mönche das Semantron – die
Stundentrommel – anschlugen, schloss ich mich ihrem Gebet in der
weihrauchgeschwängerten Kirche an.
Nach einer Nacht im Gästehaus des Klosters quetschte ich mich
zusammen mit einem Dutzend Dorfbewohnern in einen Kleinbus, der
uns mit dröhnendem Motor zur nächsten Grenze brachte. Seichte
Bäche plätscherten in einem schnellen Glissando über Steine dahin,
und neben der Straße erhoben sich steil ansteigende Bergwiesen
mit Schafen. An einer Brücke ließ der Bus einen Heuwagen
passieren, den zwei räudig aussehende Pferde zogen. Hinterdrein
schlenderten zwei Jungen mit Angeln und Eimern. Vom hektischen
Treiben der Metropole Belgrad war hier nichts mehr zu spüren.
Der gelb-blaue Schlagbaum wirkte, als hätte ihn ein Panzer
gerammt – kein unwahrscheinliches Szenario in diesen Breiten.
Offiziell betrat ich nun das Gebiet der Bundesrepublik Bosnien und
Herzegowina, aber hier wird die Sache mit den Grenzen auf dem
Balkan etwas kompliziert. Die Republika Srpska ist eine Region im
Schwebezustand, sie gehört weder richtig zu Bosnien noch zu
Serbien, und ihr Status bleibt ungewiss, solange die Spannungen
der Nachkriegszeit nicht beigelegt sind. Wenn irgendein Ort die
Unlösbarkeit des Balkankonflikts symbolisieren kann, dann dieser:
Der Frieden wurde hier installiert wie eine schlampige Konstruktion,
die jeden Augenblick kollabieren kann.
Unterhalb der karstigen Hügel und Kiefernwälder strömt die
flaschengrüne Drina dahin, tief hat sie sich in den Kalkstein ein-
gegraben. Knapp 500 Kilometer legt sie von ihrem Quellgebiet
in Montenegro bis zur Mündung ins Schwarze Meer zurück und
bildet dabei die Grenze zwischen Bosnien und Serbien. Einige
Kilometer vom Grenzübergang entfernt fließt sie unter einer Brücke
mit elf weit gespannten Bögen hindurch, die im 16. Jahrhundert von
dem bosnischstämmigen osmanischen Großwesir Sokollu Mehmed
Pascha erbaut wurde. Der Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić setzte
diesem Bauwerk, einer der symbolträchtigsten Brücken Bosniens,
1945 mit seinem Roman Die Brücke über die Drina ein Denkmal.
In der Stadt Višegrad sind sowohl die Brücke als auch Andrićs
Konterfei allgegenwärtig: auf Speisekarten, auf Markisen von
Restaurants und in Gestalt von Miniaturbrücken an den
Souvenirständen in Andrićgrad, dem Ivo Andrić gewidmeten Stadtteil
mit einer phantasievollen Mischung aus architektonischen Stilen, ein
Bauprojekt des Regisseurs Emir Kusturica.
Die humanistische Sichtweise des Erzählers repräsentiert das
Beste der Balkanregion, auch wenn sein berühmtester Roman von
ihren schlimmsten Seiten Zeugnis ablegt. In diesem Werk, in dem
die Brücke den Mittelpunkt der Handlung bildet, wird ein geistig
zurückgebliebener Mann enthauptet, nur weil er ein Revolutionslied
über den Schwarzen Georg gesungen hat. Eine Braut, die gegen
ihren Willen verheiratet worden ist, stürzt sich von der Brüstung der
Brücke in den Fluss. Männer und Pferde werden in den Gefechten
um die Brücke zu Beginn des Ersten Weltkriegs von
Brandgeschossen getötet. In diesen blutigen Auseinandersetzungen
leiden alle gleichermaßen, unabhängig von Religions- und
Nationszugehörigkeit.
Andrić lässt seinen Roman 1914 enden, mit den ersten
Zerstörungen durch den Krieg. Doch der Teufelskreis der Gewalt –
immer wieder gerät das Leben ganz normaler Menschen unter die
Räder der Geschichte – wird nicht durchbrochen. Es fällt nicht
schwer, sich die traurige Fortsetzung von Andrićs Chronik
vorzustellen. Nehmen wir die Geschichte von Ševal Tabaković: ein
reales Beispiel, das zeigt, wie sich Geschichte auf tödliche Weise
wiederholen kann. Tabaković, ein bosnischer Muslim aus Višegrad,
wurde während des Zweiten Weltkriegs von serbischen Tschetniks
gefangen genommen. Sie brachten ihn zur Brücke, schnitten ihm die
Kehle durch und warfen ihn in die Drina. Wie durch ein Wunder
überlebte er und lebte noch fünf Jahrzehnte in Višegrad. Im Mai
1992 wiederholten Soldaten von Radovan Karadžićs Republika
Srpska den fünfzig Jahre zurückliegenden Mordversuch und stießen
Tabaković abermals von der Brücke. Diesmal waren sie erfolgreich.

Am Anfang des Romans unterhält ein Guslar eine Gruppe von


Bauern, die sich um ein Feuer scharen, wo »sein scharfes Profil im
Lichte aufblinkt«. Der Sänger, so Andrić weiter, »stößt einen
gedämpften und gedehnten Ton aus […] und fährt sofort deutlich und
voll klingend fort …« Guslare tauchen immer wieder in Andrićs
Roman auf, was kaum überrascht, notierte doch schon der britische
Archäologe Sir Arthur Evans 1875:

Epische Lieder vom schicksalhaften Tag von Kosovo


werden von Vaganten fast jeden Tag vor bäuerlichen
Zuhörern gesungen; die Rhapsodien, wie sie durch die
Saiten der Gusla hervorgebracht werden, hallen im
großen nationalen Klagelied an den Ufern der Sawe und
der Donau wider, über die engen Täler Bosniens hinweg 

Im frühen 20. Jahrhundert berichtete der österreichische


Regierungsbeamte Joseph Maria Baernreither: »Auf dem Lande sind
es zunächst die Gusla-Sänger, die dem Volk die unbestimmte Vor-
stellung einer großen serbischen Vergangenheit einprägen«. Und in
der Mitte des Jahrhunderts lauschte die Schriftstellerin und Jour-
nalistin Rebecca West während ihrer Jugoslawienreisen in ganz-
Bosnien Guslaren in Privat- und Kaffeehäusern, Soldaten, die in der
Kaserne auf der Gusle spielten, und sogar einem Roma-Guslar in
Skopje.
Schon bei meiner Ankunft in Serbien hatte ich mich nach den
Guslari erkundigt. Mir war natürlich bewusst, dass ich Gefahr lief, die
Kultur des Landes auf ein volkstümliches Fossil zu reduzieren. Doch
wie sollte ich die serbische Dichtung auch nur im Ansatz verstehen,
ohne die Menschen kennenzulernen, die sie vortrugen? Die Kraft
des Kosovo-Zyklus liegt in seiner langlebigen mündlichen
Überlieferung – weil die Gedichte immer noch öffentlich gesungen
werden, wie man an Radovan Karadžićs Vorliebe für das Guslespiel
im »Irrenhaus« sehen konnte. Die Menschen, die ich dort getroffen
hatte, hatten mir Mut gemacht: Ihre Aussagen zeigten mir, dass die
Geschichten auch heute noch Bedeutung haben. Und Danny hatte
mir einen Tipp gegeben: »In Višegrad findest du mit 95-prozentiger
Wahrscheinlichkeit einen Guslar.«
Aber nach drei Tagen in Višegrad war ich über die fünf Prozent
Misserfolg noch nicht hinausgekommen. Einem Guslar noch am
nächsten gekommen war ich in einem Restaurant in einer der steilen
Altstadtgassen – unter den Deckenbalken hing dort neben einem
Geweih an der Wand auch eine Gusle. Als mir meine marinierten
Schweinsohren serviert wurden, fragte ich den Kellner, ob er
jemanden kenne, der darauf spiele, doch er schüttelte den Kopf.
»Heutzutage gibt es keine Guslari mehr.«
Hatte ich es hier etwa mit einer Art omertà, einer
Schweigevereinbarung, zu tun, die diese umstrittene Kunstform vor
fremden Ohren schützen sollte? Dejan, der mir ein Zimmer in einem
Wohnhaus nahe der Brücke vermietete, war da auch nicht
optimistischer: »Guslari? Nein, die gab’s nur in alten Zeiten!«
Aber ein Blick ins Telefonbuch verriet mir die Nummer vom
»Verband der Višegrader Guslari«, und ich überredete Dejan, dort
anzurufen.
»Dieser Mann«, erklärte er mir nach einer Minute respektvollem
Flüstern am Telefon, »sagt, dass er nicht mehr Mitglied des
Verbandes ist.« Wieder nichts! Doch dann: »Aber er hat da eine
Adresse …«
Endlich ein Hinweis! Man dirigierte mich zu einer Kfz-Werkstatt
und einem Minimarkt in den Hügeln über der Altstadt. Die Mauern,
aus deren Fugen Mörtel hervorquoll, waren mit alten Wahlplakaten
zugepflastert. Neben dem Minimarkt befand sich ein Flachbau, über
dessen Fenster sich in abblätternden roten kyrillischen Buchstaben
das Wort »Guslar« zog. Drinnen, wo die Jalousien Streifen auf die
blassgrün gestrichenen Wände malten, saß eine ältere Frau in
geblümtem Hauskleid. Neben einem Holzofen waren Kräuter
ausgebreitet, und im Kühlregal stapelten sich Flaschen mit Jelen
Pivo (Hirsch-Bier) und Pfirsichsaft. An der Theke im hinteren Teil des
Raums ruhte eine Gusle aus Ahornholz auf einer Leiste. Im
Vergleich zur kunstvoll verzierten Gusle, auf der ich in Belgrad
gespielt hatte, wirkte diese hier eher unscheinbar und bescheiden,
aber erfreulicherweise auch benutzt.
Die Frau bedeutete mir, Platz zu nehmen, und eilte hinaus. Einige
Minuten später kam ihr Mann herein, Tomić mit Namen – ein wahrer
Bulle in einem Mechaniker-Overall, bis zu den Armen voller
Schmiere. Er schrubbte sich die Hände im Waschbecken hinter der
Theke, nahm eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank und stellte sie
vor mich auf den Tisch.
»Gusle?«, fragte ich.
Er hatte Hängebacken und dunkle Augenbrauen und trug das
dichte graue Haar zurückgekämmt. Ich bot an, den Saft zu bezahlen,
aber davon wollte er nichts hören. Ich sagte, ich würde beim
nächsten Mal einen Übersetzer mitbringen, und er nickte, klopfte mit
dem Finger die Zahl sieben und deutete auf sein Handgelenk.
»Heute Abend!«, sagte er.
An diesem Abend kehrte ich in Begleitung von Aleksandar in die
Kneipe zurück, einem Hotelangestellten, der Englisch sprach und
mir vom Andrić-Institut als Übersetzer empfohlen worden war. Im
Laufe des Abends versammelten sich mehr als ein Dutzend Männer:
Mechaniker, Maurer, Elektriker, ein Buchhalter und einige, die offiziell
arbeitslos waren. Sie hielten ihre Bierflaschen umklammert und
schnippten sich gegenseitig die Feuerzeuge über den Tisch zu – ich
fühlte mich wie in einem Arbeiterverein, einem geselligen Ort der
Entspannung nach einem harten Arbeitstag.
»Aus allen Epochen unserer Geschichte gibt es Gusle-Lieder«,
sagte Djordjo, der stiernackige Buchhalter, der ein goldenes
orthodoxes Kreuz über dem Poloshirt trug. »Die Gusle war schon
immer die Seele unseres Volkes, und die Lieder unterstützten den
serbischen Kampfgeist. Zusammen mit der Kirche gab die Gusle den
Menschen die Kraft zum Kämpfen.«
Unter den Musikern wurde Slavko nach vorne geschoben:
gestreiftes Poloshirt, dunkle Augen unter einem wilden Schopf
grauer Haare, ein ganz normaler Typ, der sich nach der Arbeit in der
Kneipe seines Viertels ein Feierabendbier genehmigt. Ich bat ihn,
mir zu erzählen, wie er zum Guslespielen gekommen war, und
Aleksandar übersetzte die Antworten.
»Bei uns zu Hause hing eine Gusle an der Wand, aber viele Jahre
war ich zu klein, um hinaufzulangen. Also habe ich mir selbst eine
Gusle gebastelt, und damit fing es an. Mit fünfzehn bin ich zum
ersten Mal aufgetreten. Um Guslar zu werden, brauchst du nur
deinen Stolz und einen eisernen Willen. Bei meinem ersten
öffentlichen Auftritt bekam ich viel Applaus, was den Wunsch zu
spielen natürlich nur verstärkte.«
Während der Kämpfe von 1992 bis 1995 schloss sich Slavko der
Armee der Republika Srpska unter General Mladić an. Es war ein
äußerst hartes Leben: Sie patrouillierten in den Bergen und
übernachteten in Ställen und verlassenen Bauernhöfen. Doch seine
Gusle spendete ihm und seinen Kameraden Trost und Ermutigung.
»Wir haben überall gesungen und auf der Gusle gespielt: in den
Schützengräben, wenn wir in den Bergen rasteten oder kurz vor dem
Kampf. Immer wenn wir wussten, dass ein Gefecht gegen die
Bosniaken oder Kroaten anstand, sangen wir Lieder zur Gusle. Mir
gab das Spielen Kraft wie den anderen Männern das Zuhören.«
»Was habt ihr gesungen?«, fragte ich.
»Wir haben die Kosovo-Lieder gesungen, von Fürst Lazar und
Miloš Obilić, von allen Helden, die gegen die Türken gekämpft
haben. Das sind unsere größten Helden, ihretwegen sind wir stolz,
Serben zu sein. Aber wir haben auch viele andere Lieder gesungen.
Manche Leute haben neue Lieder verfasst, die habe ich dann auch
gelernt. Es waren Lieder über General Mladić. Über seine Siege und
was für ein großartiger Anführer er für uns ist. Wie stolz wir darauf
sind, unter ihm zu kämpfen.«
Ich spürte, wie die Männer mich prüfend musterten. Slavko brach
ab und besprach etwas mit Tomić, und Djordjo beugte sich zu ihnen.
»Sie glauben«, flüsterte Aleksandar, »dass du als Brite vielleicht ein
falsches Bild von General Mladić hast. Weil er vor dem UN-
Kriegsverbrechertribunal angeklagt ist. Aber er ist kein
Kriegsverbrecher, er ist Soldat. Er hat für unsere Unabhängigkeit
gekämpft.«
Diese Verdrehung historischer Tatsachen erschütterte mich. Die
Männer kamen von mittelalterlichen Schlachten auf die jüngsten
Ereignisse zu sprechen, deren Artilleriefeuer ich noch aus den BBC-
Nachrichten im Ohr hatte. Zur Zeit meiner Reise dauerte Mladićs
Gerichtsverfahren in Den Haag noch an. Fünf Monate später sollte
man ihn in zehn Anklagepunkten (Völkermord, fünf Verbrechen
gegen die Menschlichkeit, vier Verstöße gegen die Gesetze und
Gebräuche des Krieges) schuldig sprechen, unter anderem wegen
des Massakers von Srebrenica und der Belagerung von Sarajevo.
Die Männer erzählten noch von vielen anderen Liedern aus
unterschiedlichen Epochen. Djordjo begeisterte sich besonders für
Dichtungen über die Schlacht am Mitrovdan (dem Tag des heiligen
Demetrius, nach dem Julianischen Kalender der 26. Oktober) aus
dem Zweiten Weltkrieg, »als die Serben sowohl aus der Luft von den
Kroaten als auch zu Lande von den Muslimen angegriffen wurden«.
Er erwähnte auch Gedichte, die Gavrilo Princip priesen, den
bosnischen Serben, der 1914 Erzherzog Franz Ferdinand ermordet
hatte, der Funke, der den Ersten Weltkrieg entflammte.
»Die Österreicher haben uns unser Land genommen«, sagte er,
»und dagegen hat sich Gavrilo gewehrt. Er hat für unsere Freiheit
gekämpft.«
Nachdem seine Frau unsere Gläser gefüllt hatte, holte Tomić die
Gusle aus Ahornholz und reichte sie Slavko. Ganz der routinierte
Handwerker, korrigierte der Ex-Soldat den Sitz des Stegs unter der
Saite, spielte ein paar Töne und brachte seine Stimme mit der Gusle
in Einklang. Dann begann er zu singen.

Ein Verräter bin ich nie gewesen,


Weder war ich es, noch will ich’s werden,
Sondern morgen, auf dem Amselfelde,
Will ich für den Christenglauben fallen!
Morgen ist der strahlende Sankt-Veitstag,
Auf dem Amselfelde wird man sehen,
Wer getreu ist und wer ein Verräter!

Ich kann nicht sagen, dass es ein musikalischer Hochgenuss war.


Slavkos Stimme leierte monoton dahin, die Gusle brummte und
wimmerte dazu, manchmal klagend, manchmal wie eine fiese
Stechmücke, die sich ihr Opfer sucht. Aber die Stammgäste waren
begeistert. Ich sah Djordjo nicken, sein Gesicht wirkte entspannt und
zutiefst befriedigt, er klopfte den Takt mit den Fingern mit.
Die Verse waren zehnsilbige Trochäen mit der Betonung auf dem
Anfang des aus zwei Verselementen bestehenden Versfußes, was
einen grollenden, galoppierenden Rhythmus erzeugte. Im Vergleich
dazu klang Homer wie das Stottern eines Motors beim Kaltstart.
Später trug Tomić einen weinerlichen Trauergesang vor, das Lied
eines Kämpfers, der Miloš Obilić anfleht, von den Toten
aufzuerstehen. Während sie sangen, bestellte Djordjo die nächste
Runde Rakija.
»Serben machen immer alles dreimal«, erklärte Djordjo. »Wir
geben uns drei Küsse, und wir trinken drei Gläser Rakija. Das erste
Glas nippt man, das zweite auch – aber das dritte Glas muss man
auf ex trinken.« Sein stählerner Blick fixierte mich herausfordernd.
»Enttäusch mich nicht!«
Ich stürzte das Glas hinunter, und plötzlich lief es mir heiß über
den Rücken; unwillkürlich schüttelte ich mich. »Er ist kein Vuk
Branković!«, verkündete Djordjo und sprach mich damit offiziell vom
Verdacht frei, ein Verräter zu sein. Es war, als würde sich mir eine
Tür öffnen, die Zutritt zur nächsten Kammer des Labyrinths
gewährte. Langsam atmete ich aus, lehnte mich zurück und
wechselte ein Lächeln mit Djordjo und Tomić, während Slavko
wieder zur Gusle griff und ein neues Lied anstimmte.

Als Albert Lord und Milman Parry in den 1930er-Jahren ihre


bahnbrechende Untersuchung zu oral tradierter Volksepik
durchführten, konzentrierten sie sich auf die Lieder, »die in dem
Laboratorium lebendiger epischer Tradition, in Jugoslawien,
zusammengestellt wurden.« Hier, in den Bergen und Tälern
Bosniens, trafen sie auf Guslari, die Tausende von Gedichten
beherrschten, dabei aber nicht unbedingt einen festen Text
vortrugen, sondern die Lieder bei jedem Vortrag neu schufen. Im
Verlauf ihrer Forschungen wandten Lord und Parry sich gegen die
Vorstellung von der textlichen Reinheit und bewiesen, dass diese
epischen Geschichten einem steten Wandel unterworfen sind.
Die Guslari, denen ich begegnete, waren schon ein paar
Generationen von der Blütezeit der Epik entfernt. Laut Djordjo
beruhte Slavkos Vortrag auf Texten, die er auswendig gelernt hatte.
Doch Slavko wies auch darauf hin, dass immer noch neue Lieder für
die Gusle komponiert wurden, und während des Krieges hatte er
einige davon gesungen.
Mir fehlte das Expertenwissen, um den Vortrag der Guslari von
Višegrad wie Lord und Parry zu analysieren. Doch das war auch gar
nicht meine Absicht, ich wollte einfach nur Erfahrungen sammeln.
Ich fühlte mich privilegiert, hier zwischen den Stammgästen sitzen
und ein Teil der Gemeinschaft sein zu dürfen: Es war eine Mischung
aus Geschichtenerzählen und einer Geisterbeschwörung, und
außerdem bot es einen Vorwand, große Mengen Rakija zu trinken.
Djordjo wollte mich gerne noch tiefer in die Welt der Guslari
einführen, und in den nächsten Tagen verbrachte ich viel Zeit mit
ihm. Er spielte mir Gusle-CDs vor (auf vielen CD-Hüllen waren
Männer mit Patronengurten um die Schultern und Gewehren in den
Armen zu sehen) und lieh mir Zeitschriften mit Berichten von
Guslari-Treffen in der Region, in Montenegro, der Herzegowina und
hier in Bosnien. Die Fotos zeigten Dutzende von Sängern im
traditionellen roten Wams mit goldenen Paspelknöpfen.
Mir gefiel seine Begeisterung für diese lebendige epische Literatur,
auch wenn seine Ansichten teilweise ziemlich schwer zu ertragen
waren: sein Beharren darauf, dass die Serben Opfer seien und der
Westen sie »verraten« habe, seine uneingeschränkte Bewunderung
für die faschistischen Tschetniks, deren zahllose Mordtaten er
einfach ignorierte. Doch Reisen bedeutet auch, über den eigenen
Tellerrand hinauszusehen und andere Sichtweisen zuzulassen. Ich
wollte mir anhören, was die Serben zu sagen hatten, wie ihre
Version der geschichtlichen Ereignisse lautete. Je länger wir uns
unterhielten, desto mehr spürte ich, wie wichtig es Djordjo war, dass
ich ihn verstand, als wäre das eine Art Wiedergutmachung für all die
Enttäuschungen, die ihm die anderen »Kinder der NATO« zugefügt
hatten.
Einmal stiegen wir in Aleksandars Wagen und machten einen
Ausflug in die Berge. In einem einsam gelegenen Hain aus
Weißtannen und Zypressen befand sich die Statue des Tschetnik-
Kommandanten Draža Mihailović, genau auf jener Lichtung, auf der
ihn 1946 Titos Leute aus seinem Versteck gezerrt hatten. Er wurde
später zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auf der Lichtung war ein
Kloster erbaut worden, und Bruder Gavril, einer der dortigen
Mönche, lud uns zu einer Erfrischung auf die Terrasse ein.
»In unserer Geschichte gab es viele Miloš Obilićs«, sagte Djordjo,
während Bruder Gavril tulpenförmige Gläser mit Kaffee und eine
Schüssel mit Himbeeren aus dem Klostergarten herumreichte. »Zum
Beispiel Gavrilo Princip, der den österreichischen Thronfolger getötet
hat, und natürlich Mihailović. Hast du gewusst, dass er von den
Westmächten unterstützt wurde? Aber dann haben sie ihn verraten
und sich auf Titos Seite geschlagen.«
»Das ist leider häufig passiert«, fügte Bruder Gavril hinzu. »Der
Verrat durch den Westen zieht sich wie ein roter Faden durch unsere
Geschichte. Sogar Hollywood hat einen Film über die Tschetniks
gemacht – aber dann haben sie es sich anders überlegt und
stattdessen die Kommunisten unterstützt!«
Für Gavril und Djordjo waren das Beispiele eines niemals
endenden Kreislaufs: die mangelnde Unterstützung der
europäischen Herrscher für Fürst Lazar, die Besatzung durch
Österreich-Ungarn, die Realpolitik des Zweiten Weltkriegs. Serbien
als Grenzwächter eines christlichen Europas, das den Rest des
Kontinents beschützte, während es selbst die Hauptlast schulterte
und dabei unter die Räder geriet.
»Dann bist du nicht dafür, dass Serbien der EU beitritt?«, fragte
ich.
Djordjo, der gerade einen Schluck Kaffee nahm, trank das Glas in
einem Zug aus, so eilig hatte er es mit der Antwort. »Warum sollten
wir uns wieder unter österreichische Herrschaft begeben? Nein, du
kannst mich definitiv als Euroskeptiker bezeichnen!«
Wieder kamen sämtliche Verschwörungstheorien auf den Tisch.
Bruder Gavril prangerte die »britischen Agenten, die Mihailović
verraten haben« an und zog dann gegen die NATO vom Leder.
Djordjo stieß ins selbe Horn, ereiferte sich über die »Attentäter aus
dem Westen«, die, wie er glaubte, den Schwarzen Georg 1817
ermordet hatten, und über die Bombardierung Belgrads durch die
Alliierten in den 1940er-Jahren, »obwohl gar keine Deutschen dort
waren«. Als sie den Westen ausreichend beschimpft hatten, nahmen
sie ihre Nachbarn aufs Korn, spulten Gräueltaten der Bosniaken und
Kroaten, Albaner und Slowenen ab und nickten zufrieden, wie alle
alten Männer, die ihrem Lieblingszeitvertreib frönen.
Ihnen zuzuhören war verstörend. Selbst die Ereignisse in
Srebrenica – wo etwa 8000 Männer und Jungen auf Befehl von
General Mladić ermordet worden waren – drehten sie so, dass die
Serben als Opfer dastanden: »Warum sollten wir nicht gegen den
Plan eines Großalbanien kämpfen dürfen?«, beharrte Bruder Gavril.
»Sind wir Tiere, sollen wir uns einfach von ihnen vernichten lassen?«
Schon seltsam, wie überzeugt sie von ihrer Sache waren. (Monate
später würde ich wieder daran denken, als ich über General Mladićs
Verhandlung vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag las
und sein Anwalt behauptete, sein Mandant habe
»Gedächtnisstörungen«.) Aber es faszinierte mich, dass sie so offen
redeten. Als Außenstehender fiel es mir natürlich leicht, all diese
schrecklichen Ereignisse mit einer gewissen Distanz zu betrachten,
aber ich durfte nicht vergessen, dass jeder, den ich auf dem Balkan
kennenlernte, von dem Krieg persönlich betroffen gewesen war.
Nicht ich, sondern sie hatten diesen Krieg durchgemacht und
würden bis ans Ende ihrer Tage in seinem Schatten leben.
»Warum singt ihr so oft vom Kosovo?«, fragte ich, als ich an
meinem letzten Abend in Višegrad mit ihnen in der Guslari-Kneipe
saß.
Tomić legte die Gusle beiseite und riss eine neue
Zigarettenschachtel auf. Der Qualm der Zigaretten hüllte uns ein, der
Geruch mischte sich mit dem Pflaumenaroma des Rakija.
»Kosovo ist die Wiege der Serben«, antwortete er. »Wir feiern, wie
heldenhaft sich die Serben in dieser Schlacht geschlagen haben. Wir
singen über den Kosovo und das Amselfeld, weil wir dort 1389
gegen die Türken gekämpft haben und die NATO uns dann diesen
Ort weggenommen hat. Also erinnern wir uns immer wieder daran,
dass wir für den Kosovo kämpfen müssen.«
Neben mir schob Djordjo sein Glas über den Tisch.
»Der Streit um den Kosovo währt schon lange«, sagte er. »Darum
sind die beliebtesten Lieder die über den Kosovo, und bei Festivals
oder Wettbewerben bekommen sie den meisten Applaus. Und die
Haltung der restlichen Welt uns Serben gegenüber stärkt nur unsere
Entschlossenheit, für den Kosovo zu kämpfen. Mit ihren
Machenschaften reiben sie nur Salz in unsere Wunden!«
10
Denn es sind nicht kampferprobte Krieger, Sondern lauter Hodschas
sowie Hadschis, Lauter Handwerker und junge Händler, Die nicht
einmal einen Kampf gesehen, Sondern nur des Brotes wegen
kamen …

Milos Obilić, Kosovo-Zyklus, »Ivan Kosanćić späht die Türken aus«

In den Bergen nieselte es, Regentropfen rannen an den Scheiben


des Busses nach Sarajevo herab. Man fühlte sich wie unter Wasser,
diffuses Licht schimmerte zwischen Weiden und Weißtannen, die
den Rand einer Schlucht säumten und sich im kalkhaltigen Wasser
der Drina spiegelten. Auf der anderen Seite des Gangs saß Milica,
eine bosnische Serbin, die die letzten zwei Jahrzehnte als
Taxifahrerin in Australien verbracht hatte. Nun war sie auf
Heimatbesuch bei ihrer Familie.
»Ich hatte ganz vergessen, wie schön es hier ist«, sagte sie.
»Wegen all dem, was passiert ist. Wenn man so viel durchgemacht
hat, tut man sich schwer, noch irgendwo Schönheit zu sehen.«
Vor dem Ausbruch des Bosnienkriegs hatte sie in einer Bank
gearbeitet, zusammen mit kroatischen und bosniakischen Kollegen.
»Wir hatten nie irgendwelche Probleme untereinander«, erzählte
sie, »aber als die Politiker mit ihrer Hetze anfingen, wussten wir,
dass wir getrennte Wege gehen mussten. Ein kroatischer Freund
meinte zu mir: ›Ich bleibe auf der einen Seite des Hügels, du auf der
anderen, wir müssen es einfach aussitzen‹.«
Aber mit zwei kleinen Kindern konnten Milica und ihr Mann dies
nicht riskieren. Nachdem sie bei verschiedenen Familienmitgliedern
untergekrochen waren, wo es aufgrund der Enge häufig Streit gab,
nahm Milica die Einladung eines Freundes an und ging mit ihrer
Familie nach Australien.
»Die Menschen vergessen so schnell«, sagte sie. »Jetzt sind
Flüchtlinge Parias. Aber als Bosnier warst du damals überall
willkommen.«
Wir folgten dem Karst-Canyon, den die Drina ins Dinarische
Gebirge gegraben hat – lange Ketten parallel verlaufender
Bergrücken, die sich von Italien bis zum Kosovo erstrecken. Der
Blick auf die üppig grünen Berghänge und die Stromschnellen wich
immer wieder dem Schwarz der Tunnel. Irgendwann schlängelte sich
unterhalb das grünliche Band eines anderen Flusses dahin,
gekräuselt von den überhängenden Zweigen der Weiden. Der
niederprasselnde Regen vor dem gähnenden Eingang des letzten
Tunnels erinnerte an Kratzer auf einem alten Film. Auf einer
schmalen, an den Fels geklebten Passstraße rollten wir das Tal der
Miljacka, des Roten Flusses, entlang.
Kuppeln, Spitztürme, Glastürme, der gelbe Legosteinblock des
Hotels Holiday, der 172 Meter hohe Avaz Twist Tower mit seiner
verdrehten Glasfassade: Sarajevo erhebt sich aus dem Tal wie eine
geheime Basis in einem Krater, bohrt Finger aus Metall und Glas in
den Himmel. Dies hier war die bosnische Hauptstadt, die
widerstandsfähigste Stadt der Welt: die trotzige Überlebende der
längsten Belagerung in der modernen Geschichte – vom 5. April
1992 bis zum 29. Februar 1996.
In den 1970er-Jahren malte sich Radovan Karadžić in seinem
Gedicht »Sarajevo« aus, die Stadt würde »verglühen wie ein
Weihrauchklumpen«. Vierundvierzig Monate lang tat er alles, um
dieses Bild Wirklichkeit werden zu lassen, missachtete die
Menschenrechte, ignorierte den internationalen Aufschrei. Sogar vor
laufenden Fernsehkameras zitierte er sein Gedicht, während
General Mladić pro Tag mehr als 300 Granaten auf die Stadt
herabregnen ließ und sie in Trümmer legte. Nun stieg ich die Hügel
hinab, von denen aus Mladić und Karadžić die Stadt angegriffen
hatten. Die Straße führte zwischen mit Einschüssen übersäten
Hochhäusern und an einem Park mit marmornen Gedenksteinen für
die Gefallenen vorbei, was mich an einige Verse aus dem Kosovo-
Zyklus erinnerte: »Klagend fingen an zu schrei’n neun Witwen,
klagend schluchzten auf die neun Verwaisten.« Und ich fragte mich,
ob Karadžić und Mladić, die diese Gedichte so liebten, jemals genau
hingehört hatten.

Sarajevo ist meine letzte Etappe auf den Spuren des Kosovo-Zyklus.
Statt vierzig Prozent der Bevölkerung im Jahr 1914 stellen die
Serben inzwischen weniger als fünf Prozent. Die Stadt spielt in der
mittelalterlichen Dichtung keine Rolle. Sie wurde 1463 von den
Osmanen erobert, die Mehrheit der Bosnier konvertierte zum Islam,
wobei allerdings nahezu ein Drittel der Bevölkerung getötet oder
versklavt wurde. So nahm ihre Geschichte einen anderen Verlauf als
die der Serben. Und doch bekam Sarajevo stärker als jede andere
Stadt den Einfluss des serbischen Epos zu spüren. Zwei
Schlüsselereignisse haben seine moderne Geschichte geprägt, und
beide hängen mit dem Vermächtnis des Kosovo-Zyklus zusammen.
Bei Streifzügen durch Sarajevo ist die Zeit der Belagerung nach
wie vor allgegenwärtig: Da sind die »Rosen von Sarajevo« im
Asphalt, die mit rotem Harz ausgekleideten Krater der Granaten, die
an die zivilen Opfer erinnern; da ist die Brücke, auf der ein bosnisch-
serbisches Paar, »Romeo und Julia von Sarajevo«, eng
umschlungen den Tod fand; der Märtyrer-Friedhof mit seinen
Hunderten von Stelen aus gleißend weißem Marmor, der am Weg
zur Gelben Festung liegt. Was man in manchen Museen zu sehen
bekommt, bringt einen zum Weinen und lässt einen völlig ausgelaugt
und beschämt zurück: Ausstellungen über Srebrenica und
»Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, ergreifende Fotografien
(eine Mutter trägt eine Tunika mit den Namen ihrer vermissten
Kinder, auf einem Massengrab hat jemand eine Puppe abgelegt),
Tafeln mit unzähligen Nachrichten auf Klebezetteln: »Wir werden
niemals vergessen!«, »Schande über dich, Serbien! Warum??«,
»Dasselbe passiert jetzt in Syrien. Werden wir je lernen? UN – tut
etwas!«
Ich wohnte in einem stuckverzierten Fin-de-Siècle-Mietshaus,
wieder einmal dank Airbnb. Die Wohnung besaß Holztäfelung, eine
Badewanne mit Klauenfüßen und Messingbetten. Auf den ersten
Blick wirkte das Gebäude immun gegen die Auswirkungen der
Belagerung, zu sehr 1890, um von den 1990ern berührt zu werden.
Aber bei genauerem Hinsehen entdeckte man Spuren von
Granateneinschlägen und Einschusslöcher unter dem Stuck und den
Kragsteinen der Fassade: Die Wohnung lag in der einstigen »Sniper
Alley«, der »Straße der Scharfschützen«, einem der gefährlichsten
Orte während der Belagerung.
»Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben«, sagte meine
Gastgeberin Hasnija, die hier als Kind gewohnt hatte.
»Tagelang saßen wir im Keller«, fuhr sie fort. »Wir hatten nichts zu
essen außer den Konserven aus den Hilfslieferungen der UN und
ein wenig getrocknetem Fleisch. Es war so aufregend gewesen, als
die UN die Lebensmittel gebracht hatte – das hieß, dass man etwas
zu essen bekam, aber es bedeutete auch, dass nicht geschossen
wurde. Wir kippten uns den Inhalt der Dosen auf den Teller. Das
Zeug schwabbelte wie Wackelpudding aus Fleisch. Irgendwie
mochten wir es, aber jetzt könnte ich das nicht mehr essen! Meine
Mutter kochte Brennnesseln und erzählte uns, sie würde
Spinattaschen machen. Wir witzelten immer: ›Jetzt bekommen wir
die übrig gebliebenen Rationen aus dem Zweiten Weltkrieg!‹«
Galgenhumor ist in Sarajevo so allgegenwärtig wie die Wasser der
Miljacka: Er versüßt die Bitternis eines Lebens in der Hölle,
neutralisiert das Gift durch Witz. Hasnija schenkte Kaffee aus einem
Stieltopf in kleine Porzellantässchen und stellte auf einer Untertasse
Turkish Delight mit Pistazien vor mich hin.
»Wir spielten Sachen wie: ›Wer findet den größten Granatsplitter?‹
Du kannst dir sicher vorstellen, dass Spiele im Freien sehr gefährlich
waren. Die meiste Zeit saßen wir herum, unsere Eltern ließen uns
nicht raus. Ich habe die Beilagen der Zeitungen gelesen, all diese
schrecklich kitschigen Liebesgeschichten! Aber damals fand ich sie
toll.«
Es ist nicht das Epos, das den Abzug einer Waffe betätigt oder
eine Rakete abschießt, das Gefangene vergewaltigt oder ihnen die
Augen aussticht: Das Epos ist bloß ein Werkzeug in den Händen der
Menschen, die frei entscheiden können, wie sie damit umgehen.
Und doch wird der Einfluss von Literatur oft übersehen. Wenn
Historiker über das Attentat vom 28. Juni 1914 sprechen, das
folgenreichste Ereignis in der Geschichte von Sarajevo, richten sie
wenig Aufmerksamkeit auf den Mythos, der dabei solch eine
wesentliche Rolle spielte. Ohne den Mythos wäre alles ganz anders
gekommen.
Ich machte einen Spaziergang und folgte dem alten Appel-Kai
entlang der Miljacka. Die Einschusslöcher und Granateneinschläge
in den Fassaden der alten Bürgerhäuser wirkten wie die
diakritischen Zeichen in einer Botschaft von Gevatter Tod. Bei den
steinernen Bögen der Lateinerbrücke blieb ich stehen und blickte in
den seichten Fluss hinab. Eine Plakette erinnerte an das tödliche
Zusammentreffen zwischen dem österreichisch-ungarischen
Thronfolger in prächtiger Uniform und dem abgerissenen
Revolutionär mit der Browning-Pistole in der zitternden Hand. Die
Ermordung Franz Ferdinands durch Gavrilo Princip ist
bekanntermaßen ein vergleichsweise nichtiger Anlass für eine solch
globale Katastrophe. Doch den Serben die Schuld zuzuweisen wäre
geopolitischer Snobismus: Sie könnten argumentieren, dies schlage
in dieselbe Kerbe wie die jahrhundertelange Nichtanerkennung der
Rolle, die sie bei der Abwehr der Osmanen gespielt hätten.
Nachdem sich die westlichen Mächte jahrzehntelang in der Region
eingemischt hatten, war dies der Augenblick der Revanche. Die Tat
auf dem Balkan sandte eine Schockwelle der Zerstörung aus, die die
Welt, vor allem jedoch Europa, auf immer veränderte. Vier
Monarchien gingen unter, die Karte Europas wurde radikal neu
gezeichnet, und der Kontinent verlor seine so lange
aufrechterhaltene Vormacht über den Rest des Globus.
Princip und seine Kameraden fürchteten, vom katholischen
Österreich in Ketten gelegt zu werden, nachdem sie gerade erst das
verhasste osmanische Joch abgeschüttelt hatten. Wie Djordjo in
Višegrad es formuliert hatte: »Ein Eroberer folgte auf den anderen.«
Indem Franz Ferdinand im offenen Doppelphaeton der
Automobilfirma Gräf & Stift durch Sarajevo fuhr, demonstrierte er
den österreichischen Machtanspruch auf das kürzlich annektierte
Bosnien, aber indem er ausgerechnet den 28. Juni dafür wählte,
setzte er seine Herrschaft mit der erst kürzlich abgeworfenen gleich.
Denn Franz Ferdinand besuchte Sarajevo am Sankt-Veits-Tag, dem
Vidovdan, dem Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld.
Für die Verschwörer besaß dieses Datum große Bedeutung:
»Morgen ist Vidovdan«, schrieb Nedeljko Čabrinović, einer von
ihnen, am Vorabend des Attentats in einem Brief, »und wir werden
sehen, wer treu und wer untreu ist. Erinnerst du dich an den großen
Schwur des Miloš Obilić?« Als Čabrinović eine Handgranate auf den
Wagen des Erzherzogs warf, trug er eine Ausgabe der serbischen
Tageszeitung Narod bei sich, die ein langes Editorial über die
Schlacht von 1389 sowie Gedichte zum Gedenktag enthielt. Später
erklärte er gegenüber den Vernehmungsbeamten, er sehe sich in
Einklang mit Miloš Obilić: »[Er] war der erste Attentäter, denn am
Vidovdan ging er in das feindliche Lager und tötete den Kaiser
Murat.«
Čabrinović und seine Mitverschwörer waren mit ihrem obsessiven
Verhältnis zu den mittelalterlichen Kriegern beileibe keine
Ausnahme. Vladimir Dedijer argumentiert in Die Zeitbombe –
Sarajevo 1914:

Die historischen Verhältnisse, unter welchen die Süd-


slawen lebten – ununterbrochen im Zustand der Revolte
gegen fremde Unterdrücker –, halfen, die alte Idee zu
bewahren, wie sie in der Volksepik des Kosovo-Mythos
zum Ausdruck kam, daß nämlich der Mord an einem
fremden Tyrannen das edelste Ziel des Lebens sei.

Auf Princip, der Literatur liebte und bereits in jungen Jahren


serbische Dichtung gelesen hatte, der heroische Verse an die
Wände seiner Gefängniszelle kritzelte und in seinen metallenen
Essteller ritzte, übten die Helden der mittelalterlichen Schlacht einen
starken Einfluss aus.
Es hätte sowieso Krieg gegeben, rechtfertigte sich Princip vor dem
Gefängnispsychiater: Der schon lange schwelende Konflikt zwischen
den Großmächten habe nur einen Anlass gebraucht, um sich zu
entzünden. Und doch ist es ein beunruhigender Gedanke, dass die
serbische Dichtung dabei als Inspirationsquelle diente. Wenn es je
ein Beispiel für die makabre weitreichende Wirkung von Epen gab,
für ihre Fähigkeit, sich mit dem Flechtwerk zu verbinden, aus dem
die Geschichte geknüpft ist – hier ist es.
Die Beschäftigung mit der Geschichte und das Reisen bringen
einem viele Dinge zu Bewusstsein. Wenn man diese blutgetränkte
Region bereist, erkennt man rasch, was für ein Glück man selbst
doch hat. Doch mir ging es gar nicht gut, ich hatte mit
Kopfschmerzen und Hitzewallungen zu kämpfen. Während ich auf
mein Medikament wartete, kam ich mir vor wie ein Junkie, der dem
Treffen mit seinem Dealer entgegenfiebert. Auf alles reagierte ich
gereizt: Verspätungen bei Zügen oder Bussen, die Eintrittspreise der
Museen oder dass die Menschen mein Reiseführer-Bosnisch nicht
verstanden. Allerdings fiel es mir immer erst hinterher auf, dass ich
mal wieder aus der Haut gefahren war. Wenn man gerade mittendrin
steckt, tut man sich oft schwer, etwas zu erkennen, was für
Außenstehende offensichtlich ist.
Doch in so einem Fall hält man sich eben an das, was man
kriegen kann. Zwar fehlte mir mein Serotonin-
Wiederaufnahmehemmer, aber ich hatte schließlich immer noch die
Epen. Also ließ ich mir Verse durch den Kopf gehen, während ich mit
den Gefühlen klarzukommen versuchte, die an die Oberfläche
drängten. Trauer, Schuld … Der Anblick meines leblosen Vaters in
seinem Krankenhausbett vor vielen Jahren, mein Wunsch, doch nur
früher nach Hause zurückgekehrt zu sein … Seine Hände,
Steinklumpen gleich, das stille, bleiche Gesicht, die
Sommersprossen, die sich bis zu dem wenigen verbliebenen Haar
hinaufzogen, und trotzdem der regelmäßige Atem. Es war schwer,
sich vorzustellen, dass er nur von einer Maschine ermöglicht wurde.
Die Epen verströmen Trauer, vor allem das aus so vielen
unterschiedlichen Stimmen bestehende serbische Epos, in dem die
Folgen des Krieges so stark thematisiert werden. Ein Epos, das
verfasst worden war, um mit diesen Folgen zurechtzukommen. Epen
besitzen politische Aussagekraft, aber nicht nur das, und erst auf
dem Balkan wurde mir dies klar. Diese Geschichten erlauben uns
mitzufühlen, sie machen uns die Emotionen bewusst, die wir in
unserem Innern verschließen. Wer hat so viel verloren wie die Mutter
der Jugovićen? Alle ihre Söhne sind gefallen, aber sie erträgt es mit
einem stoischen Lächeln, bis ein Vogel ihr die Hand des Jüngsten in
den Schoß wirft. Nun wird ihr vor Augen geführt, dass sie keine
Kinder mehr hat, dass es niemanden mehr gibt, für den es sich
lohnt, stark zu bleiben, und das bricht ihr das Herz. Man muss nicht
neun Kinder verlieren, um von diesem kraftvollen Bild berührt zu
werden.
Meine Balkanreise hatte mir die dunklen Seiten der Epen
offenbart. Als ich in Sarajevo das Museum mit dem unzweideutigen
Namen »Museum der Verbrechen gegen die Menschlichkeit«
besuchte und dort ein Video über General Mladić sah, wurde mir
speiübel. »Endlich ist die Zeit gekommen«, knurrte er, »Rache an
den Türken zu nehmen.« In seinem messerscharfen Bariton lag eine
Anspielung auf den Jahrhunderte währenden Konflikt und die Verse,
die Radovan Karadžić und die anderen Guslari gesungen hatten.
Aber in genau diesem Museum entdeckte ich auch eine ganz
anders geartete Poesie, verfasst von einem bosnischen Dichter
namens Eset Muračević. Ich hoffte, dass ich vor meiner Abreise vom
Balkan noch weniger kriegerische Dichtung kennenlernen würde. An
meinem letzten Vormittag in Sarajevo traf ich mich mit Eset in einem
Nebenraum des Museums, um zu erfahren, wie die Poesie ihm das
Leben gerettet hatte.
Eset trägt Jeans und ein kariertes Hemd, sein Haar wirkt strohig.
Seine blauen, gelassen blickenden Augen liegen tief in dem
eingefallenen Gesicht mit den vorspringenden Wangenknochen, sie
wirken wie kostbare Steine in einer Felsspalte. Er hat die Hölle
durchgemacht – eine so furchtbare Hölle, dass er eine seiner
Anthologien Der letzte Höllenkreis genannt hat, denn selbst Dantes
Inferno konnte sich nicht mit Esets Erfahrungen messen.
Vor dem Krieg war er ein aufstrebender Autor aus der Provinz
gewesen, Mitte dreißig, mit Frau und Kind, Verwaltungsangestellter
in der Stadt Svrake. Sein Martyrium begann am 4. Mai 1992, als die
Gegner der bosnischen Unabhängigkeit – die frisch aufgestellte
Armee der Republika Srpska – Svrake nach zweitägiger Schlacht
einnahmen.
»Ich konnte noch aus der Stadt fliehen, wurde aber letztendlich mit
sieben anderen gefangen genommen«, erzählt er. »Sie trennten uns.
Ich wurde in ein Gefangenenlager gebracht, das sie ›Bunker‹
nannten. Es war ein zweistöckiges Haus, im Durchschnitt waren wir
vierzig Leute, manchmal aber auch bis zu achtzig. Sie haben
furchtbare Dinge getan. Sie haben die Frauen vergewaltigt, Männer
gezwungen, Sex miteinander zu haben, uns ihre Zigaretten ins
Fleisch gedrückt. Manchmal zwangen sie Leute, vom ersten Stock
springen, einfach so, nur um zu sehen, was passiert. Sie haben ihre
Hunde auf uns gehetzt und uns Pfefferspray ins Gesicht gesprüht.
Wir bekamen tagelang kein Essen, und tagsüber gab es kein
Wasser. Wir hatten nur das zu essen, was die Soldaten übrig ließen,
und wenn sie darin Fleischstücke fanden, warfen sie sie den Hunden
zu.«
Während dieser Torturen gab es eine Kraftquelle, aus der Eset
schöpfen konnte: »Ich habe Gedichte geschrieben. Ich brauchte das,
es hat mich beruhigt. Der Gedanke, dass ich diese Gedichte
irgendwie herausschmuggeln und jemand sie lesen könnte, hat mir
Kraft gegeben. Wann immer es einen Gefangenenaustausch gab,
steckte ich meine Gedichte den Leuten zu, deren Namen aufgerufen
wurden, in der Hoffnung, dass sie sie draußen jemandem zeigen
würden. Manchmal habe ich die Namen von Gefangenen und
Wärtern darin chiffriert. Ich hoffte, das könnte irgendwie von Nutzen
sein. Nur war mir nicht klar, dass die meisten Leute, die gingen, nicht
ausgetauscht wurden. Sie wurden hingerichtet.

Sloboda je
Freiheit ist
Kad listaju šume
Ein Wald im Frühling
I vjetar blagi
Und eine sanfte Brise
Kada krošnje njiše
In den Baumkronen
Sloboda je
Freiheit ist
Kad srce šuti
Wenn das Herz ruhig wird
I kad pjesme piše
Und wenn es Gedichte schreibt.
Was für ein Gegensatz zu den Liedern der Guslari! Für Eset gibt es
keinen Zweifel: Die Gedichte halfen ihm zu überleben. »So oft
sagten die Wächter: ›Hier kommst du nicht mehr lebend raus.‹ Also
dachte ich, vielleicht schaffen es wenigstens meine Gedichte raus.
Ich wusste nicht, wo meine Frau und meine Tochter waren, aber sie
hatten gerade Verwandte im unbesetzten Gebiet besucht, also hoffte
ich, dass sie in Sicherheit waren. Ich hoffte, meine Gedichte würden
sie irgendwie erreichen.«
Nach sieben Monaten wurde Eset als menschlicher Schutzschild
bei einer Schlacht auf einem Hügel bei Sarajevo eingesetzt. »Wir
waren zu elft«, erzählt er, »aber nur zwei von uns konnten fliehen. In
dem ganzen Chaos sind wir losgerannt, bis wir auf der bosnischen
Seite waren. Als wir später zum Ort der Schlacht zurückkehrten,
fanden wir die Leichen der anderen neun. Ihre Gesichter waren mit
Messern verstümmelt worden.«
Esets Erfahrungen haben ihn nur noch enger an seine Heimat
Bosnien gebunden. Den Rest des Krieges verbrachte er in der
Armee, und er sammelte die Namen der Vermissten und Toten.
Doch der persönliche Preis, den er zahlen musste, war hoch. Seine
Frau floh mit der gemeinsamen Tochter nach Deutschland. Wenn er
mit ihnen telefonierte, verstand ihn seine Tochter nicht mehr. »Sie
hatte ihr Bosnisch vergessen.« Stoisch zuckt er die Schultern. Er hat
sich in Svrake ein neues Leben aufgebaut, arbeitet wieder in der
Verwaltung und hat sogar schon Serben geholfen, ihr Eigentum
zurückzubekommen.
»Ich witzelte dann immer: ›Was machen die Tschetniks?‹ Aber ich
empfinde keinen Hass auf sie. Kein noch so großer Hass könnte
ungeschehen machen, was mir widerfahren ist. In meinem Haus
wohnt ein Serbe, sein Sohn war einer der Wachleute im Bunker. Wir
sind trotzdem befreundet.«
Er reibt sich das Kinn und sieht mich an, Melancholie im Blick:
»Wissen Sie, es waren Serben, die uns dabei geholfen haben, die
Massengräber zu finden, sie haben uns Informationen gegeben,
obwohl sie sich damit in Lebensgefahr brachten. Ich glaube, viele
wollten so ihre Reue zeigen. Es war der einzige Weg, wie sie ihr
Gewissen erleichtern konnten.«
Taten wie diese sind ein Fundament, auf dem sich die Zukunft des
Balkans aufbauen ließe, sind Brücken, um die sektiererische
Trennung zu überwinden. Sie waren vor dem Krieg Nachbarn, wie
Milica im Bus sagte, und sie können auch wieder Nachbarn werden.

Zaubertränke gibt es nur in Märchen und Epen (wie der mit einer
Droge versetzte Wein, den Helena Telemachos und Peisistratos in
der Odyssee einschenkt, damit sie ihren Kummer vergessen). Aber
nach mehreren Wochen Entzug wirkte meine erste Tablette
tatsächlich wie ein Zaubermittel. In den letzten Wochen hatte ich
mich gefühlt, als wäre mein Innerstes nach außen gekehrt, nun
fühlte sich alles wieder richtig an. Ich ließ nicht nur den Balkan hinter
mir, sondern auch die Nachwirkungen meines Besuchs in der
griechischen Unterwelt. Außerdem hatte ich die Bestätigung
bekommen – falls das überhaupt nötig gewesen wäre –, dass ich
beileibe kein Held aus einem Epos war, dass aber meine Reaktion
auf die Epen mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun hatte. Da wir
die Epen im Spiegel unseres eigenen Lebens lesen können, sind wir
fähig, uns mit ihnen zu verbinden. Und wir müssen nicht wie ihre
Protagonisten sein, um mit ihnen zu fühlen.
Ich war auf den Balkan gereist, um mehr über eines der weniger
bekannten europäischen Epen zu erfahren, und hatte mich für viele
seiner Figuren erwärmt. In Miloš Obilić erkannte ich Charakterzüge
griechischer Helden wieder, wie den Stolz des Achilles oder den
Einfallsreichtum des Odysseus, im Mädchen vom Amselfeld fand ich
Trauer und andere Emotionen, die auch mich umgetrieben hatten.
Es war aufregend, Menschen zu begegnen, die diese Geschichten
immer noch rezitierten, mitzuerleben, wie über die Gestalten und
Ereignisse leidenschaftlich diskutiert wurde, etwa in der Guslari-
Kneipe in Višegrad und dem »Irrenhaus« in Belgrad. Doch ihre
Verflechtung mit politischen Themen schuf eine gewisse Distanz
zwischen mir und den Geschichten, eine Art radioaktiv verseuchte
Zone. Nun wandte ich mich Richtung Westen, zu einer Geschichte,
die viele Parallelen zu dem serbischen Epos aufweist.
Der Zug glitt durch Kalksteintunnel und überquerte die Neretva,
die unter der Brücke von Mostar hindurchfließt. In Mostar erkundete
ich die Altstadt, stieg die steinernen Stufen zur Brücke mit ihren an
Tolkien gemahnenden Türmen hinauf. Brückenspringer mit nacktem
Oberkörper hockten auf der Brüstung, Künstler boten Stifte aus
gebrauchten Patronenhülsen feil. Das grüne Wasser der Neretva
wühlten Stromschnellen auf; Weiden und Tannen säumten die Ufer
unterhalb des grauen Steins der restaurierten Altstadt. Ich
betrachtete alles voller Staunen.
In dieser Nacht bekam ich nicht viel Schlaf ab. Den letzten
direkten Bus nach Dubrovnik hatte ich verpasst. Also fuhr ich mit
einem anderen Bus erst ein Stück die Küste hinauf und dann mit
einem zweiten wieder ein Stück zurück. Innerhalb von zwölf Stunden
überquerte ich so drei Grenzen, und erst auf der letzten Etappe gen
Osten wurde ich so müde, dass ich in einen Halbschlaf fiel.
Die ersten Sonnenstrahlen zerrten an meinen Lidern, und noch
ganz benommen vom Schlaf schlug ich die Augen auf, als die
Morgendämmerung die Inseln der Adria mit einem weichen
goldenen Licht sprenkelte. Vor mir erhob sich die gewaltige
Stadtmauer von Dubrovnik mit ihren Festungen, Bastionen und
Türmen: ein Wunder der mittelalterlichen Baukunst. Grimmig trotzte
sie allen Belagerern, die versucht hatten, sie zu zerstören, von den
Sarazenen im 9. Jahrhundert bis hin zur Jugoslawischen
Volksarmee im Jahr 1991. Hinter der Zugbrücke führte eine düstere
Steintreppe zum Pile-Tor. In den letzten Wochen war ich tief in die
mittelalterliche Welt eingetaucht; nun endlich passte die Architektur
zu den Geschichten, die ich gelesen hatte.
Nur einen wollte ich in Dubrovnik besuchen, und ich wusste,
er würde auf mich warten. Schließlich steht er hier schon seit dem
15. Jahrhundert, ausgenommen die kurzen Unterbrechungen, in
denen er restauriert wurde.
Es war noch so früh am Morgen, dass ich den Luža-Platz ganz für
mich allein hatte. An zusammengeketteten Caféstühlen vorbei
schlenderte ich über die glatten Kalksteinplatten.
Selbstbewusst reckte er sich auf seinem Sockel unterhalb des
Glockenturms, das eiserne Breitschwert mit der Klinge nach oben
vor der Brust. Seine Beinschienen erinnerten mich an einen Kricket-
Spieler. Er hätte einer von Fürst Lazars Rittern aus dem Kosovo--
Zyklus sein können. Doch die lateinische Inschrift verriet ihn. Hier,
am westlichen Rand Osteuropas, begann die Welt von Roland – und
damit ein neues Kapitel meiner Reise.
DRITTER TEIL

EIN LIED FÜR EUROPA


DAS ROLANDSLIED
Nach der sieben Jahre währenden zermürbenden Belagerung
Saragossas durch das Frankenheer ersucht König Marsilie, der
sarazenische Herrscher der Stadt, um Frieden. Damit hat Karl
der Große seinen Krieg gegen die Sarazenen gewonnen. Doch
Marsilies Friedensangebot und sein Versprechen, den
christlichen Glauben anzunehmen, sind eine List. Er hat sich mit
dem Verräter Ganelon, einem Ratsherrn Karls des Großen,
verbündet und sammelt seine Streitkräfte, um die Nachhut des
abziehenden fränkischen Heers aus dem Hinterhalt anzugreifen.
Anführer der Nachhut ist Ganelons Stiefsohn und Todfeind
Roland. Sarazenenhorden stürmen von den Bergen herab und
fallen über Roland und die anderen Paladine her. Die Zahl der
Feinde ist so groß, dass Rolands Waffengefährte Olivier in ihn
dringt, den Rest des bereits weit entfernten Heers zu Hilfe zu
rufen, da sonst keiner von ihnen überleben würde. Doch Roland
weigert sich, sein Kriegshorn Olifant zu blasen (ja, es hat
tatsächlich mit einem Elefanten zu tun – es ist ein Stoßzahn).
Er lenkt erst ein, als die Chance auf Rettung verstrichen ist
und er nicht mehr Gefahr läuft, seine Ehre zu verlieren. So
kraftvoll stößt er in das Kriegshorn, dass ihm die Adern an den
Schläfen platzen. So stirbt Roland auf dem Schlachtfeld, doch
nicht ohne zuvor noch König Marsilie eine tödliche Wunde
zuzufügen und die verbliebenen Sarazenen in die Flucht zu
schlagen.
Beim Ruf des Olifanten lässt Karl sein Heer umkehren. Als er
die Leichen seiner tapfersten Ritter entdeckt, schwört er Rache.
In einer gewaltigen Schlacht spaltet er dem Emir der Muslime
den Schädel, »so daß das Hirn herausquillt«, bevor er seine
siegreiche Armee nach Saragossa führt. Das Stadttor wird
erstürmt, die Moscheen werden geplündert, und Karl bringt
Marsilies Witwe, Königin Bramimunde, als Unterpfand seines
Triumphes in seine Hauptstadt.
11
Wenn es jemandem gelänge, Roland dort zu töten, Dann verlöre
Karl den rechten Arm seines Körpers, Und so verlören die
gewaltigen Heere ihre Bedeutung.

Ganelon, Rolandslied, Strophe 45

Nachdem sie jahrhundertelang verschollen waren, wurden zwischen


der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts drei der größten europäischen Epen eher zufällig dem
Vergessen entrissen. 1755 entdeckte ein Schweizer Arzt in einer
herzoglichen Bibliothek in den österreichischen Alpen das
Nibelungenlied, das deutsche Nationalepos. 1787 folgte der
Beowulf, von dem ein isländischer Gelehrter im Britischen Museum
eine Abschrift anfertigte. 1835 schließlich stieß ein französischer
Historiker und Mediävist, angeregt von einer beiläufigen Erwähnung
in einer Chaucer-Ausgabe, in der Bodleian Library in Oxford auf das
französische Nationalepos, La Chanson de Roland: ein in einem
anglonormannischen Dialekt verfasstes Manuskript aus dem 11.
Jahrhundert, das inzwischen als das früheste Meisterwerk der
französischen Literatur gilt.
Die Entdeckung kam zwar zu spät für die Französische Revolution
oder die Napoleonischen Kriege, doch gerade rechtzeitig, um in
Frankreichs stürmischen Zeiten Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts
eine wichtige Rolle zu spielen. Allerdings stimmt es nicht so ganz,
dass das Rolandslied verschollen war: Seine Wirkung war zu stark,
um in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Verfasst um die Mitte des 11. Jahrhunderts (vermutlich von einem
normannischen Dichter namens Turoldus, der in der Schlusszeile
des Epos erwähnt wird), wurde dieses grandiose Meisterwerk von
Pilgern auf dem Jakobsweg rezitiert und von den Kreuzrittern auf
ihrem Weg ins Heilige Land gesungen. Es wurde zum großen Epos
über den Kampf zwischen Christen und Muslimen – und fasste
geschickt einen Jahrhunderte währenden Konflikt in einer einzigen
Episode zusammen (auch wenn das einiger gedanklicher
Verrenkungen bedurfte und die aufschlussreiche Tatsache ignorierte,
dass der historische Roland nicht in einer Schlacht gegen Muslime
gefallen war). Es existieren mindestens neun mittelalterliche
Handschriften, was für die Popularität des Epos spricht, dazu
Fragmente und weitere Dichtungen, die an diese Geschichte
angelehnt sind: so etwa Versionen in Mittelhochdeutsch,
mittelalterlichem Niederländisch, Altnordisch, Kastilisch und
Walisisch. Später auf meiner Reise sollte ich vom Rolandsrímur
erfahren, der gereimten isländischen Version.
An der adriatischen Ostküste verwandelte eine Legende Roland in
den Verteidiger Ragusas gegen die Sarazenen, woran die
Orlandosäule auf dem Luža-Platz erinnert. Die Städte der Hanse
errichteten im 15. Jahrhundert ähnliche Standbilder, mit denen sie
Roland als Verfechter der bürgerlichen Freiheit feierten.
Normannischen Kriegern galt das Rolandslied als Hymne, die sie bei
der Schlacht von Hastings sangen, während normannische Söldner
es nach Sizilien trugen, wo es sich mit den dortigen Volkssagen
vermischte und im 19. Jahrhundert als Opera dei pupi
(Marionettenoper) wieder auftauchte. Phantasievolle
Liebesgeschichten schmückten die Geschichte aus (am
berühmtesten ist Der rasende Roland, Ludovico Ariostos
Meisterwerk der Renaissance), bevor das Rolandslied im Zuge der
französisch-deutschen Kriege zu einem Bollwerk französischen
Nationalstolzes wurde.
Selbst in jüngerer Zeit hat das Rolandslied nichts von seiner
Anziehungskraft verloren. Graham Greene, der englischste aller
Autoren, konstruierte einen Roman rund um die Entdeckung des
Manuskripts (Jagd im Nebel), den NS-Barden Hans Baumann
inspirierte das Rolandslied zu einem Gedicht über Treue, und in den
1970er-Jahren entstand der erfolgreiche Film Roland mit dem
deutschesten aller Schauspieler, Klaus Kinski. Wenn es so etwas
wie ein »Lied für Europa« gibt, dann ist es sicherlich diese
Geschichte von Rolands unglückseligem Widerstand auf dem
spanischen Gebirgspass.
Ich plante, mich dem Rolandslied in drei Schritten und vier
Ländern zu nähern und den Besuch der historischen Schauplätze
mit der Erforschung seines Vermächtnisses zu verbinden. Als Erstes
stand Sizilien auf dem Programm, wo ich mehr über den kulturellen
Einfluss des Epos in Form der beliebten Opera dei pupi zu erfahren
hoffte. Danach wollte ich durch Nordspanien nach Saragossa reisen,
im Epos die Hauptstadt der muslimischen Sarazenen, und nach
Roncesvalles (französisch Roncevaux), zu dem Gebirgspass, wo
Roland den Tod gefunden haben soll. Später würde ich in Aachen
die Pfalz Karls des Großen aufsuchen, der den Grundstein für das
römisch-deutsche Kaisertum legte. In Frankreich hoffte ich einen
Blick auf Rolands Lieblingsrequisite zu erhaschen, und ich hatte von
einer Veranstaltung im Spätsommer gehört, bei der ich gemeinsam
mit dem ältesten Volk Europas zur historischen Quelle der
Geschichte vordringen wollte.
Ein weites Feld. Doch das war unvermeidlich, denn das
Rolandslied hat überall in Westeuropa Ableger. Wenn ich mich mit
hinreichend vielen davon beschäftigte, konnte ich vielleicht die
grundsätzliche Frage beantworten, die dieses Epos aufwarf: Warum
wurde ein aufbrausender fränkischer Ritter, obwohl er bei der
schmählichsten Niederlage Karls des Großen eine entscheidende
Rolle spielte, für einen Großteil des Kontinents zum Helden?

Als ich mit der Fähre die Adria überquerte und so aus den
zerklüfteten Bergen des Balkans in die Stahlbetongebirge aus
Hochhäusern und Zolldepots kam, passierte ich eine
Verwerfungslinie: von Ost nach West, vom Slawischen zum
Romanischen, von Ländern, die noch über eine EU-Mitgliedschaft
verhandeln, zu den führenden Mitgliedern des Klubs. In Bezug auf
die Welt der Epen war der Unterschied nicht ganz so krass: Sowohl
der Kosovo-Zyklus als auch das Rolandslied erzählen von
christlichen Kriegern, die von einem zahlenmäßig überlegenen
muslimischen Heer aufgerieben wurden. Von Feudalherren,
umgeben von treuen Rittern, und dem einsamen Verräter (ein
Verweis auf Christus und die Apostel). Es geht um heldenhaften
Widerstand bis zum bitteren Ende, ein stark ausgeprägtes Ehrgefühl
und die Sorge um das Ansehen in der diesseitigen Welt. Die
Informationen zum Kosovo-Zyklus sind zu lückenhaft, um zu
ergründen, ob er vom Rolandslied beeinflusst wurde.
Wahrscheinlicher ist, dass sowohl der mittelalterliche französische
Dichter als auch die serbischen Guslare dieselbe Überzeugung
teilten: Im Kampf gegen den Islam stellte sich das Christentum
seiner größten Herausforderung – im »Kampf der Kulturen«, wie
manche Historiker es hochtrabend nennen.
Doch sind die Unterschiede ebenso aussagekräftig wie die Pa-
rallelen, vor allem, was den Schluss betrifft. Während der Kosovo--
Zyklus in die Trauergesänge der Hinterbliebenen mündet, zeichnet
der letzte Teil des Rolandsliedes das Bild eines fiktionalen Triumphs
für die Christen. Karl der Große erschlägt den muslimischen Emir,
nimmt Saragossa ein und kehrt ruhmreich in die Heimat zurück.
Der historischen Betrachtung hält dies zwar nicht stand, aber das
Rolandslied formuliert eine umfassendere Wahrheit: den Triumph
des Westens.
Die Fähre brachte mich nach Bari, das mich mit seinem bunten
Leben daran erinnerte, dass ich nun im Westen war: In der Stadt
fand eine farbenfrohe Gay-Pride-Parade statt, bei der abendlichen
passegiata überwogen um nackte Taillen geschlungene
Regenbogenfahnen und tätowierte Arme und Wangen. Hinter dem
Bahnhof hatte ein Transvestit in einem Empirekleid seine Puderdose
auf einen Verteilerkasten gestellt und tuschte mithilfe des kleinen
Spiegels seine Wimpern nach. Ich wartete neben ihm, bis ich in den
Bus Richtung Sizilien steigen konnte.
So ging es durch die italienische Nacht, vom apulischen
Stiefelabsatz bis zur kalabrischen Stiefelspitze und dann über die
Straße von Messina. An der Ostküste Siziliens kletterte ich im
schlierigen Licht der Morgendämmerung aus dem Bus und trottete
die schwarzen Straßen entlang, die man aus der Lava des Ätna
gehauen hatte. Müde von der langen Reise, hätte ich eine kleine
Stärkung vertragen können. Doch alles ist relativ: Verglichen mit den
Strapazen, die die Menschenmenge neben dem Bahnhof von
Catania hinter sich hatte, war meine Reise ein Kinderspiel.
Es waren Afrikaner: Marokkaner, Libyer, Eritreer, Nigerianer.
Einige weilten erst seit wenigen Tagen in Europa, andere hatten sich
aus staatlichen Aufnahmelagern an der Küste abgesetzt. Durch die
Nähe zu Libyen kamen beinahe täglich Flüchtlinge und Migranten in
Sizilien an. Viele von ihnen tauchten in die Illegalität unter und
wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht. Als ich mich dem
Bahnhof näherte, wuschen sich einige Männer gerade die Füße im
Marmorbrunnen, putzten sich die Zähne oder wrangen ihre
Unterhosen und T-Shirts aus. Über ihnen packte ein nackter Hades
eine ebenso nackte Persephone zwischen sich aufbäumenden
Pferden und barbusigen Meerjungfrauen (der Sage nach befindet
sich der Eingang zur Unterwelt beim nahe gelegenen Pergusa-See).
Es sah aus wie eine Mischung aus Swinger-Party und Pferderennen,
und ich überlegte, dass es für die Neuankömmlinge aus Libyen ein
recht gewöhnungsbedürftiger Anblick sein musste. Doch keiner der
Flüchtlinge schenkte der Skulptur Beachtung.
»Schauen Sie! Auf dem Boot habe ich meine Schuhe
verloren«, sagte ein Marokkaner mit lockigem Haar. »Es war
schrecklich. Der Kapitän verlangte so viel Geld, und es waren so
viele Menschen.«
Im Bahnhof kämpfte eine Gruppe Araber und Schwarzafrikaner
mit dem Fahrkartenautomaten. Ein Teenager aus Eritrea humpelte
mit bandagiertem Fuß auf mich zu und bat um Hilfe bei der Suche
nach Zugverbindungen.
»Wo möchtest du denn hin?«
»Mailand. In Mailand gibt es Arbeit.«
»Woher weißt du das?«
»Weil«, sagte er, die Stimme schrill vor Verzweiflung, »ich auf Gott
vertraue.«
Hinter uns hämmerte ein junger Araber gegen den
Ticketautomaten. Den Blick stumpf vom Alkohol, nahm er trotzig
große Schlucke aus seiner Bierflasche. Einer der Eritreer stupste ihn
an, er solle sich beeilen. Es kam, wie es kommen musste, die
Bierflasche rutschte ihm aus der Hand und ein Hopfenaroma
umwaberte den Ticketautomaten. Vorsichtig balancierten ein paar
barfüßige Flüchtlinge auf Zehenspitzen zwischen den braunen
Flaschenscherben hindurch. Noch einmal schlug der junge Araber
mit der Faust gegen den Automaten, räumte dann seine Niederlage
gegenüber den Finessen des Fahrkartenkaufs ein und rannte zum
Bahnsteig.

Später an diesem Tag begegnete ich einem anderen Typus


Afrikaner: Sie wirkten stolz, über dichten schwarzen Bärten glänzten
dunkle Augen. Anders als die Flüchtlinge zeigten sie keinerlei
Unsicherheit, kein Wunder angesichts ihrer leuchtend bunten, gut
geschnittenen Kleider: Seidentuniken und Samtcapes, Turbane, die
sich in cremefarbenen Wirbeln um ihre Köpfe wanden, glitzernde
Spangen, schimmernde Goldfäden auf von Jute umhüllten
Brustkörben aus Eiche und Akazie. Doch ihre Glieder hingen an
Fäden, und Stangen ragten aus ihnen hervor, denn es handelte sich
um Sarazenen-Puppen: die 1,20 Meter großen Schurken der Opera
dei pupi.
»Dies ist Teil unserer Kultur«, sagte Giuseppe Grasso.
Das Puppentheater wurde in den 1970er-Jahren von seinem-
inzwischen verstorbenen Vater Turi gegründet, der auf Giuseppes T-
Shirt beim sorgfältigen Bemalen einer Puppe zu sehen war.
»Es ist wichtig, dass die Tradition in der Familie bleibt«, erklärte er.
»Wir führen die Stücke genauso auf wie mein Vater. Ohne
Computer, nichts kommt vom Band, alles ist live.«
Was bedeutete, dass eine ganze Menge Requisiten nötig waren.
Giuseppe führte mich hinter die Bühne und reichte mir das
Muschelhorn, das einen Klang wie Rolands Olifant erzeugt,
schwenkte das Metallblech, mit dem Unwetter imitiert werden, und
ließ mich in die Holzpantinen schlüpfen, die das Poltern der
Ritterstiefel nachahmen.
Die Geschichte spielte sich über einem Zuschauerraum mit
Wandgemälden in leuchtenden Farben ab. Eine Szene zeigte
Roland, der seinen Olifant zwischen Leichen in Pumphosen und
abgeschlagenen Köpfen mit Turbanen bläst. Ich stand unterhalb
dieses grellbunten Massakers und fragte Giuseppe, wie er zur
Schwarz-Weiß-Malerei der Geschichte stehe, zur moralischen
Trennung zwischen den guten Christen und den bösen Sarazenen,
die in der berüchtigtsten Zeile des Rolandsliedes ihren Ausdruck
findet: »Die Heiden sind im Unrecht und die Christen im Recht.«
Giuseppe runzelte betroffen die Stirn. »Unsere Geschichten sind
nicht immer nur schwarz-weiß«, sagte er und strich sich über den
ordentlich gestutzten silbrigen Bart. »Es gab eben diese Kriege
zwischen Christen und Muslimen, und wir erzählen von unserer
Geschichte. Aber in unseren Erzählungen sind die Personen nicht
einfach nur gut oder böse. Nehmen Sie zum Beispiel Rinaldo. Ein
christlicher Ritter, ein tapferer Paladin, aber auch ein sehr
komplizierter Charakter. Er widersetzt sich auch einmal den Befehlen
Karls des Großen und streitet viel mit Roland. Er ist wie Robin
Hood!«
Ich kniete mich neben Giuseppe, der mich mit der Roland-
Marionette bekannt machte – sanft und behutsam, als würde er mich
einem geliebten Haustier vorstellen. Roland prangte mit Adlerhelm
und Brustharnisch über der rot schimmernden Tunika; wie in Sizilien
üblich schielte er ein wenig, was auf eine zum Scheitern verurteilte
Liebe hinweisen soll, die ihn in den Wahnsinn treibt (dies gehört
nicht zum Inhalt des Original-Epos: Die Italiener, nicht die
Franzosen, haben aus Roland einen ritterlichen Romeo gemacht).
Der Verräter Ganelon war an seinem schwarzen Helmbusch zu
erkennen, Karl der Große trug einen Mantel mit dem Lilienmuster
der französischen Könige.
Für Giuseppe war Roland der Archetyp des Helden, »stark, mutig
und ehrenwert«, weshalb ihn die Sizilianer verehrten: »Im
19. Jahrhundert bedruckte man Spielkarten und
Zigarettenschachteln mit Roland. Sein Bild fand sich überall in
Italien, und so wurde er zu einem Symbol für unsere Einheit. Und
denken Sie dran, Karl der Große war Kaiser des Heiligen Römischen
Reiches. Er war nicht nur König der Franzosen, sondern der aller
Europäer.«
Dies war die erste von vielen Erklärungen, die ich für die weite
Verbreitung des französischen Epos hören sollte, welche sich mit
Karls Eroberungszügen deckt.
Während ich mich hinter der Bühne umsah, fühlte ich mich wie ein
Kind, das einem Treffen mit den Darstellern eines Märchenspiels
entgegenfiebert. Gebückt stand ich auf der hölzernen Spielbrücke,
von der aus die Puppen geführt werden, und probierte die Roland-
Puppe aus, setzte ihr den Olifanten an die Lippen und lauschte
verzückt dem blechernen Rasseln der Rüstung. Ob ich gerne eine
Szene sehen würde, fragte mich Giuseppe. Na klar doch! Als ich mir
eine wünschen durfte, musste ich nicht lange überlegen: »Könnte ich
bitte Rolands Sterbeszene sehen?«

Ach, Durendal, mein gutes Schwert, weh Euch!


Nun da ich verloren bin, habe ich für Euch keine
Verwendung mehr.
So viele Schlachten habe ich mit Euch im Felde siegreich
geschlagen
Und so viele große Länder erobert …

Ich war fasziniert vom scheinbar schwerelosen Gang des Helden;


mithilfe der Stäbe vollführten Schwert und Schild waghalsige
Manöver. Das Licht funkelte auf Rolands goldenen Beinschienen
und Schulterspangen mit Sonnenmuster, wodurch er zu vibrieren
schien und doppelt lebendig wirkte. Als seine Beine unter ihm
nachgaben und sein Kopf auf den Brustpanzer sank, wurde es
düster und still.
Erst als die Szene vorüber war, fiel mir wieder auf, dass sich
außer mir niemand im Zuschauerraum befand. Trotz seines
prächtigen Interieurs gab es im Grasso-Theater keine regelmäßigen
Aufführungen – die Puppen erwachten nur zum Leben, wenn eine
vorangemeldete Gruppe kam. Ist eine Tradition ohne Publikum
wirklich eine »lebendige Tradition«? Ich hatte gehört, dass in Sachen
Marionetten in Palermo mehr los sei. Nun war ich gespannt, ob das
stimmte.
Das Puppentheater befand sich in Küstennähe. In dieser Nacht
schlief ich auf einem Felssims aus Basalt neben einer Fischerhütte,
begleitet vom Prusten und Schnauben des Meeres. Es war, als
würde ich in einem Jugendherbergsschlafsaal voller erkälteter
Backpacker nächtigen. Aber es war den Anblick wert, der mich am
Morgen erwartete.
Geweckt vom durchdringenden Geruch des morgendlichen
Fischfangs und der salzigen Luft, setzte ich mich auf. Das Licht der
Morgendämmerung ergoss sich über eine Ansammlung
prismenförmiger Säulen, die das Meer in Hunderttausenden von
Jahren zu bizarren Hörnern und Schnörkeln geformt hatte. Sie
sahen aus wie die vermodernden Reste prähistorischer
Seeungeheuer. Für die Einheimischen sind es die Felsen, die der
Zyklop Polyphem nach Odysseus’ Schiff geschleudert hat, was zu
den Vorstellungen antiker Mythologen passt, die die einäugigen
Riesen mit dem nahe gelegenen Ätna in Verbindung bringen: Hier,
so glaubte man, befand sich eine der Werkstätten, in denen die
Zyklopen Blitze für Zeus schmiedeten.
Überall auf der Insel begegnete ich Epen. An diesem Tag badete
ich in den Gewässern der Odyssee, picknickte in den Gefilden der
Artus-Sage (in den üppig grünen Ausläufern des Ätna, wo Morgaine
mit ihren Feen residierte und einst der Knappe des grausamen
Bischofs von Catania behauptete, er hätte den schlafenden König
Artus gesehen) und döste am Strand von Capo d’Orlando oder
»Rolandskap«, wo carretti, mit Ritterszenen bemalte zweirädrige
motorisierte Karren, am Bahnhof standen.
In den Fenstern des Frühzugs nach Palermo flirrten Licht und
Meer, gold- und lachsfarbene Wolkenbänke trieben über die weite
Ebene der Conca d’Oro, des Goldenen Beckens. Die
Sonnenstrahlen erfassten Hochhäuser und spitze Kirchtürme, die
sich in die Höhe reckten wie die Linien eines Diagramms.
Dazwischen standen Verwaltungsgebäude mit Glasfassaden und
Wohnblöcke, billig hochgezogen von Bauunternehmern der Mafia.
In Palermo wurde ich von schwüler Hitze empfangen. Ich folgte
einer der wichtigsten Hauptstraßen, der Via Vittorio Emmanuele, und
blieb unter einem verbeulten Gassenschild stehen, auf dem ein
schielender, schwertschwingender Paladin abgebildet war. Es sah
ganz so aus, als würden sich hier reichlich Spuren des
Rolandsliedes finden lassen.
12
Durch so viele Länder ist er als Eroberer gezogen, So viele Schläge
von guten scharfen Spießen hat er hingenommen, So viele mächtige
Könige hat er getötet und im Felde besiegt, Wann wird er jemals des
Kriegführens überdrüssig sein?

König Marsilie, Rolandslied, Strophe 42

Durch das hölzerne Tor des Palazzo hätte ein Pferd gepasst,
dahinter wand sich eine breite Treppe aus von Rissen
durchzogenem Marmor zu ein paar winzigen Wohnungen hinauf.
»Warnung vor dem Löwen!«, mahnte ein Schild an einer der Türen –
zumindest die einem Palast gebührende Dreistigkeit hatte man sich
erhalten. Direkt daneben residierte Pietro in einer engen Maisonette-
Wohnung mit Majolika-Böden und verschlissener Seidentapete. »Es
ist mir ein wenig peinlich«, entschuldigte sich mein Gastgeber für die
Spinnweben an der Decke und die klaffenden Spalten in der Treppe
zu meinem Zimmer hinauf. Aber ich war begeistert: Für einige Tage
würde ich ein Zimmer ganz für mich allein haben, dazu eine
Dachterrasse, auf der ich unter freiem Himmel speisen konnte – am
besten Cantaloupe-Melonen und gegrillten Tintenfisch vom nahen
Vucciria-Markt.
Die Lage war perfekt. Ein zehnminütiger Fußweg brachte mich zur
turmhohen Porta Nuova aus dem 16. Jahrhundert. Die jüngere
Loggia mit geflügelten Cherubim zwischen den Säulen wird von zwei
Doppelpfeilern getragen, die in vier riesigen Sarazenenskulpturen
mit nacktem Oberkörper enden. Ihre Gesichter wirken verhärmt,
Falten haben sich in ihre Stirn gegraben. Es heißt, ihre gewundenen
Turbane hätten die Kostümbildner der Opera dei pupi inspiriert, aber
die Männer wirken bedrückter, verzweifelter als die Marionetten.
Ebenfalls Einfluss auf die Kostüme der pupi hatte der Palazzo
Chiaramonte, genannt Lo Steri. Er liegt auch nur zehn Minuten von
meinem Palazzo entfernt, aber in Richtung Hafen. Die Familie
Chiaramonte, einer der reichsten Familienclans im mittelalterlichen
Sizilien mit angeblich französischen Wurzeln, hatte für den
langgestreckten Saal eine bemalte Holzdecke mit normannischen
und katalanischen Elementen in Auftrag gegeben. Die
Kassettendecke der Sala Magna ist mit Szenen aus der Sagenwelt
verziert: Tristan erschlägt einen Drachen und schließt Isolde in die
Arme; Karl der Große berät sich mit seinen Paladinen; griechische
Schiffe segeln nach Troja, und die Schlacht endet mit einem
Waffenstillstand und der Hochzeitsfeier von Paris und Helena – eine
revidierte Version der Ereignisse, die Homer-Liebhabern die
Zornestränen in die Augen treiben dürfte.
Lo Steri veranschaulichte nicht nur, welches Ansehen die
Normannen genossen (weswegen die Chiaramontes mit ihrer
normannischen Abstammung hausieren gingen), sondern auch die
Liebe der Familie zur reichen sizilianischen Tradition des
Geschichtenerzählens. Denn die Ära der Normannen – die England
und Sizilien ungefähr zur selben Zeit eroberten – schenkte der Insel
einige ihrer größten Helden, von Eroberer Roger I. bis hin zu
Palermos Schutzheiliger Rosalia.
Die Normannen, die über Sizilien herrschten, gehörten zum selben
Stamm wie die Anglonormannen. Ihre Wurzeln reichten über
Nordfrankreich bis nach Skandinavien zurück – daher die
Bezeichnung Normannen, die »Nordmänner«. Die kühnen,
disziplinierten Kämpfer besiegten nahezu jeden Gegner und führten
in den Ländern, in denen sie sich niederließen, ein Königtum mit
straff organisierter Verwaltung und Beamtentum ein. In England
brachten sie den Angelsachsen eine vernichtende Niederlage bei,
und in Sizilien vertrieben sie die arabischen Herrscher der Insel.
Dass sie beides mit päpstlichem Segen taten, verlieh diesen
militanten Christen zusätzlich Selbstvertrauen. Kein Wunder also,
dass sie solch ein Faible für die Geschichte eines christlichen Ritters
hatten, der für seinen König und seinen Glauben kämpfte. Erst recht,
da die älteste existierende Version des Rolandsliedes in
anglonormannischem Französisch verfasst war.
Es ist eine wenig bekannte Fußnote der englischen Geschichte,
dass vor ihrer berühmtesten Schlacht ein Rolandslied gesunden
wurde. Der normannische Dichter Wace schildert es so:

Herr Taillefer, der herrlich sang,


saß auf ’nem Roß von schnellem Gang,
hob’s Lied, dem Herzog [Wilhelm der Eroberer] zieh’nd
voran,
vom großen Karl und Roland an,
vom Oliver, den Helden allen,
die dort bei Ronceval gefallen.

So sehr liebte Wilhelm diese Geschichte, dass seine Diener ihm


beim Entkleiden nach der Schlacht versicherten: »Seit Roland lebte
in der Welt, seit Oliver kein bessrer Held.« In Sizilien zeigt sich eine
ähnliche Begeisterung in Ortsnamen wie Capo d’Orlando und in den
Geschichten über Roland, die Eingang in die Opera dei pupi fanden.
Die normannische Formen- und Bildsprache ist in Palermo
allgegenwärtig, und genauso oft begegnen einem auch die
Protagonisten des alten französischen Epos. Auf Werbetafeln von
Weinlokalen, auf kleinen carretti in Metzgereien und über
Saftständen entdeckte ich normannische Könige wie den
umtriebigen Roger II., einen Förderer von Kunst und Kultur, Seite an
Seite mit Roland und seinem Paladin-Kollegen Rinaldo. Und neben
solchen Abbildungen gab es viele Puppen: Sie standen draußen vor
den Läden oder spähten aus vollgestopften Werkstätten, wo
Handwerker mit Schmiere an den Händen zwischen gruselig
anmutenden Körperteilen saßen: eine Reihe hölzerner Hände, die
noch bemalt werden mussten; einem Stapel Sarazenenköpfe, deren
schwarze Augen blicklos in die Gegend starrten wie die der toten
Fische auf dem Vucciria-Markt.
Eine dieser Werkstätten gehörte Vincenzo Argento, einem
Veteranen, der schon seit mehr als sechs Jahrzehnten mit Puppen
arbeitete. Er war puparo – sowohl Puppenmacher als auch
Puppenspieler – in der fünften Generation; der Beginn der
Familientradition reichte bis ins 19. Jahrhundert zurück.
»Wir führen sämtliche Geschichten auf«, sagte Vincenzo, während
er einen frisch geprägten Sarazenenschild mit dem Hammer
bearbeitete. Er hatte eine hohe Stirn, den trotzigen
Gesichtsausdruck, der mir auch bei den anderen pupari begegnen
sollte, und erstaunlich jugendliche Augen unter Stirnfalten, die
aussahen, als hätte er sie mit dem Pinsel gemalt wie bei seinen
Puppen. »Wir spielen die Geschichte der heiligen Rosalia, die von
Roland und den Paladinen, Das befreite Jerusalem von Torquato
Tasso und die Geschichte von Astolfo. Das sind die traditionellen
Geschichten – und wir möchten diese Tradition bewahren.«
Ein Foto seines Vaters, das über Leimtuben, Bohrern und
Blechstreifen an der Wand hing, schien diese Aussage zu
bekräftigen. Wie die meisten pupari, denen ich begegnete, leitete
Vincenzo einen Familienbetrieb. Er hatte das Handwerk, das
Puppenbauen wie auch die Geschichten, von seinem Vater gelernt
und gab sein Wissen und Können an die nächste Generation weiter:
Seine Söhne stellten mit ihm zusammen die Marionetten her,
während seine Tochter Anna den weiblichen Charakteren ihre
Stimme lieh.
»Wissen Sie, wie lange er das schon macht?«, fragte sie.
»Sechsundsechzig Jahre!« Wir befanden uns in dem Theater der
Familie Argento, einem Tonnengewölbe gegenüber der Kathedrale
mit ihren Intarsien aus Lavagestein, den an Fischschuppen
erinnernden Dachziegeln auf den Barockkuppeln und den
zinnengeschmückten Mauern. Während Annas Vater die Puppen an
den Seiten der Bühne aufstellte, fügte sie mit schelmischem Grinsen
liebevoll hinzu: »Er ist verrückt – genau wie Roland!«
An diesem Abend saß ich auf einer schmalen Bank vor einer
Guckkastenbühne. Wir waren sechsundzwanzig Zuschauer – vor
allem Touristen und Auswärtige. Nachdem Vincenzo einige
einführende Worte über die Kunst des Puppenspiels an uns gerichtet
hatte, hob sich der Vorhang und gab den Blick auf eine Waldszene
frei, wo Roland mit grünem Helmbusch das Schwert gegen seinen
rot befiederten Rivalen Rinaldo erhob.
Manchmal zog sich der Szenenwechsel zu lange hin, manchmal
wirkten die Puppen zu steif, doch insgesamt war das Stück höchst
ambitioniert: Es ging hinab in die Hölle zu einem gehörnten Teufel
mit Augen auf der Brust, ins Schlachtzelt Karls des Großen, wo der
Monarch zwischen seinen streitenden Rittern vermittelte, und ins
Feldlager der Sarazenen, wo sich Zwerge mit spitzen Zähnen und
monströse Riesen tummelten, deren wilde Haarmähnen über den
Boden schleiften. Sie ließen sich keiner bestimmten Ethnie
zuordnen, sondern verkörperten ganz allgemein eine Horde von
Antichristen.
Der Charme der Puppen ist hauptsächlich in ihrer Mechanik
begründet. Man bestaunt nicht nur, was sie tun, sondern fragt sich
auch, wie um alles in der Welt sie das überhaupt zuwege bringen.
Die entscheidende Schlacht kündigte sich an, indem Sarazenen und
Christen mit klirrenden Rüstungen von verschiedenen Seiten die
Bühne betraten (die Christen von links, die Sarazenen von rechts)
und sich dabei Schmähungen zuriefen wie Boxer beim Wiegen vor
dem Kampf. Visiere klappten herunter, Schwerter wurden gezückt.
Dann nahmen die Krieger Kampfposition ein und gingen aufeinander
los. Clevere Vorrichtungen spalteten die Sarazenen in zwei Hälften
oder trennten ihre Köpfe ab; Puppenkörper sackten erschlafft zu
Boden. Die kämpfenden Ritter formierten sich zu kunstvoll
choreographierten Manövern wie battaglia und squadrone und
tänzelten mit gezogenen Schwertern umeinander herum, bevor sie
sich aufeinanderstürzten.
Dies also war die Geschichte von Roland auf sizilianische Art: ein
Pastiche mit orientalischen Prinzessinnen und bissigen Schlangen.
Doch im Grunde hatte sie sich nicht allzu weit von ihrem Ursprung
entfernt. Im Rolandslied listet der Dichter eine bunte Mischung von
Gegenspielern auf – wie Siglorel, den »Zauberer, der schon in der
Hölle gewesen war«, und den mächtigen Chernuble, von dem es
heißt, »seine Haare wehen ihm bis auf den Boden«. Als Roland
Chernuble gegenübersteht, »spaltet [er] ihm den Schädel mitsamt
dem Haar, fährt zwischen die Augen und durch das Gesicht, … Und
durch den ganzen Körper bis zwischen die Beine«. Dabei verflucht
er seinen gefallenen Feind: »Von solch einem Schurken wird die
Schlacht heute nicht gewonnen!«
Verbales Imponiergehabe im Stil des Mittelalters. Roland ist
beileibe nicht der einzige Sagenheld, der die alte Kunst der Prahlerei
beherrscht. Bei der Lektüre der Ilias fühlt man sich leicht in eine
Umkleidekabine voller egomaner Machos versetzt; allen voran
Odysseus, der sich gegenüber dem felsenwerfenden Zyklopen mit
seinem Namen rühmt. Und die sich befehdenden Isländer in den
Sagas oder die Ritter der Nibelungen sind kaum besser. Das
Verhöhnen des Gegners ist nach wie vor ein wirkungsvolles Mittel –
man pflegt es noch heute in der Bandenkultur und bei sportlichen
Wettkämpfen, überall dort, wo zu viel Testosteron im Spiel ist.
Vincenzo und Söhne machten das Beste aus dem Geplänkel vor
dem Kampf und riefen ihre Schmähungen noch, als bereits die
Schwerter klirrten und die Puppen fielen. Blut strömte in Form
fließender roter Seide.
Eine Stunde in dieser farbenprächtigen, blutigen Welt reichte mir
nicht – ich wollte mehr! Doch als Vincenzo nach der Vorstellung
hinter der Bühne hervorkam, wirkte er resigniert.
»Zu Lebzeiten meines Vaters war das Publikum riesig – und es
waren alles Einheimische«, sagte er. »Wir wussten, dieselben
Zuschauer würden auch nächste Woche wiederkommen, also
brauchten wir das Stück nicht schon nach einem Abend
abzusetzen.«
In seiner längsten Version umfasst der karolingische Zyklus über
270 Episoden. Früher konnten sich die Puppenspieler auf
regelmäßige (traditionell männliche) Zuschauer verlassen, die für die
täglichen Folgen zur Stelle waren wie die Fernsehzuschauer bei
einer TV-Seifenoper.
»Das Theater der pupi ist das Theater der Armen«, sagte
Vincenzo. Mit einer entzweigebrochenen Schlange, die repariert
werden musste, schlurfte er zu seiner Werkstatt zurück, und ich
begleitete ihn. »Es war nicht für Kinder gedacht, sondern für
Erwachsene. Die Reichen gingen in die Oper, und die Armen kamen
hierher.«
»Wo ist das Publikum jetzt?«, fragte ich.
»Die jungen Leute heutzutage …« Kopfschüttelnd betrachtete er
die kaputte Schlange, und seine Stirn legte sich in tiefe Falten, als
wären sie soeben hineingeschnitzt worden. »Sie hängen doch nur
noch in Bars herum oder sitzen vor dem Fernseher. Anders als ihre
Eltern haben sie kein Interesse mehr an den pupi. Unsere
Traditionen sind ihnen egal.«
Ich dachte daran, wie schwierig es auf dem Balkan gewesen war,
die Guslare aufzuspüren. Auch hier ist eine alte Volkskultur, ein
Ableger des Epos, zu einem Nischendasein verdammt. Im
Augenblick ist die Opera dei pupi zum Glück bei Touristen sehr
beliebt – ein Rettungsanker. Aber ich fragte mich, wie lange noch.

In Palermo blieb ich eine Woche. Nachdem ich in den letzten


Wochen recht viel herumgereist war, fand ich es schön, ein wenig
das Tempo zu drosseln. Ich verbrachte Zeit mit meinem Gastgeber
Pietro, unterhielt mich mit ihm über die Probleme mit seiner
Freundin, über familiäre Zwänge, die Wirtschaftsflaute und die
Tyrannei des Nordens: »Sämtliche Investitionen, die ganzen
Steuern, alles sackt das Festland ein«, klagte er. »Und dann müssen
wir uns anhören, in Sizilien würde nichts funktionieren!« Ich
schlenderte über den Vucciria-Markt, schloss Bekanntschaft mit
einigen Händlern und sah mir die surreal anmutenden Graffiti an den
Wänden an (finster von Säulen herabstarrende Mafiabosse, an
Zäunen hängende europäische Staatschefs, Pinocchio mit einer
ellenlangen Nase, aus der Blätter sprossen), die mich an Exarchia in
Athen erinnerten. Ich besuchte ein Museum, das der Opera dei pupi
gewidmet war (in einer düsteren Halle hingen Hunderte von Rittern
in schimmernden Harnischen an Haken von der Decke herab, wie
die Opfer im Schlachthaus eines Massenmörders). Und das Beste
war, ich lernte noch mehr pupari kennen.
Einer der beliebtesten war Gaetano Lo Monaco, der mich in sein
mit Sägespänen übersätes »Laboratorium« in der Nähe des
Gerichtsgebäudes einlud. Dort, zwischen Prototypen und
Körperteilen, Winkelmaßen und Ölkanistern, saß der Meistererzähler
und hantierte mit einer Tabaksdose. Seine Augen unter der
wettergegerbten Stirn waren groß und rund wie Zwei-Euro-Münzen.
Über ihm hing ein rotbärtiger Karl der Große, den er gerade
fertiggestellt hatte; hinter ihm steckte der Rahmen für ein neues
Puppentheater in einem Sägebock. Seit seiner Kindheit hatte
Gaetano mit Puppen zu tun. Sein Onkel hatte ihm das Handwerk
beigebracht, und er konnte sich daran erinnern, wie er als kleiner
Junge die Aufführungen seines Großvaters verfolgt hatte:
»Mich hat das Tempo begeistert. Rinaldo, also das ist vielleicht ein
ausgefuchster Kerl! Er ist ein Rebell, wahrscheinlich ist er deswegen
so beliebt. Und Roland – na ja, er ist der erste Ritter, er strahlt
Stärke aus, man kann ihm unbedingt vertrauen. Ich mag sie beide
sehr!«
Unter all den pupari, die ich traf, war es hauptsächlich Gaetano,
der mir die tiefe Zuneigung der Sizilianer für ihre ritterlichen Helden
vermittelte. Er packte mich am Arm – die körperbetonte Herzlichkeit
der Italiener –, sprang von seinem Stuhl auf, griff nach einem
hölzernen Schwert und fing zu erzählen an. Er rezitierte den in
klangvollen Reimen verfassten Showdown zwischen den beiden
großen Helden Roland und Rinaldo. Wie gebannt folgte ich der
Vorstellung, dem Rhythmus der in seinem dröhnenden Bass
vorgetragenen Verse, dem Stampfen seiner Füße, den
Schwertstreichen: Gestik, Mimik, Reime und Requisite verschmolzen
zu einer kraftvollen Einheit, als würde ein ganzes Orchester
aufspielen. Erst als Gaetano die Vorführung mit einer lässigen
Bewegung des Handgelenks beendete, wurde mir wieder bewusst,
dass wir uns immer noch in seiner Werkstatt befanden.
Mit Gaetano hatte mich der Romanautor und Dichter Fabrizio
Corselli bekannt gemacht, den ich, wie in Palermo üblich, über ein
paar Ecken kennengelernt hatte. In einem Weinlokal am Marktplatz
hatte ich einen Tisch mit einer Laienspielgruppe geteilt. Eine der
Darstellerinnen beharrte darauf, dass ich unbedingt ihren Sohn
Fabrizio kennenlernen müsse, und vereinbarte gleich für den
nächsten Nachmittag ein Treffen. So saßen wir dann also zwischen
den glänzenden Messingstangen und den Miniatur-Carretti des
Caffè Spinnato und tranken etliche Tassen Cappuccino.
Von italienischen Kritikern als »Drachen-Autor« gefeiert, ist
Fabrizio tief in die Welt der Epen eingetaucht. Gemeinsam mit dem
Philologen Gabriele Marchetti hat er ein Buch über die Tradition des
Epos geschrieben (Saga) sowie die Gedichtsammlung Nibelung e il
cigno nero (Nibelung und der schwarze Schwan) und das in Versen
verfasste Fantasy-Epos Drak’Kast veröffentlicht, das in einem
»Reich der Drachen« spielt.
»Weißt du, was mich am stärksten beeinflusst hat?« Fabrizios
braune Augen blitzten, und der Mund über dem ordentlich gestutzten
schwarzen Bart verzog sich zu einem verschmitzten Grinsen.
»Beowulf und Tolkien. Ich bin einfach ein Drachen-Fan!«
In seiner Eigenschaft als Geschichtenerzähler verknüpft Fabrizio
eine auf Requisiten basierende Performance mit traditionell
überliefertem Reim und Versmaß: cunastorie und cantastorie. Er
präsentiert seine Geschichten auf öffentlichen Plätzen und verbindet
seine Aufführungen mit Anleitungen, um eine neue Generation
professioneller Geschichtenerzähler zu schulen, die dann an
Touristenorte in ganz Sizilien geschickt werden.
»Wir wiederholen nicht das Alte«, sagte er. »Wir sind eher wie
Vergil. Gewiss wurde er von Homer beeinflusst, aber als er die
Aeneis schrieb, schuf er etwas Neues. In jeder Generation ist das
Publikum anders, aber die Menschen fühlen sich immer noch von
den alten Geschichten angesprochen, vielleicht sogar mehr als von
den neuen.«
Fabrizios Repertoire umfasst die ganze Bandbreite der
sizilianischen Erzählkunst. Er kennt die Roland-Geschichten
auswendig, dazu Auszüge aus Werken von Homer und Vergil und
dem Sagenkreis um Artus. Eine seiner gefeiertsten Vorführungen
fand auf dem beliebten Quattro Canti statt, einem Platz in Palermos
historischem Zentrum, wo er den Zweikampf zwischen König Artus
und Mordred lebendig veranschaulichte. Während ich mit ihm im
Caffè saß – eine magische Stunde! –, verlor ich irgendwann den
Überblick, wie viele Geschichten und Sagengestalten wir
ansprachen.
»Sizilien ist das Land der Mythen«, sagte Fabrizio, »und unsere
Kultur ist eng mit dem Land verbunden. Schau dir nur den Ätna an!
Nirgendwo in Europa ist es so wie hier. Um Sizilien ranken sich so
viele Geschichten und Mythen, kein Wunder, dass bei uns das
Erzählen Tradition hat.«
Mich faszinierte die Vorstellung von Sizilien als Fundgrube für
Erzähler. Das Inseldasein machte es zu einem Inkubator für die
unterschiedlichsten Geschichten, und durch seine zentrale Lage im
Mittelmeer wurde es zum Schmelztiegel der Kulturen und
Erzähltraditionen. Ebenjene vorteilhafte Lage ermöglichte es den
Normannen, ihr lukratives Imperium aufzubauen. Doch in der
Moderne bietet das Mittelmeer, dieses »Meer zwischen den
Ländern«, weniger geopolitische Vorteile. Als Europas politischer
Fokus nordwärts wanderte, schwand Siziliens Einfluss.

Am Abend geht es auf dem Mercato Ballarò lebhaft zu. Die


Standbesitzer klappen die Markisen ein, stapeln ihre Waren,
verschließen den Wolfsbarsch in eisgefüllten Kühlboxen, karren
Schwertfisch und Wassermelonen fort. Der Fischgeruch vermischt
sich mit dem würzigen Aroma von Hasch und den Dieselabgasen
der Mopeds, die laut knatternd zwischen den Holzbänken
herumkurven. Hunde mit Stachelhalsbändern zerren an ihren
Leinen, während die Besitzer über ihren Getränken
zusammengesunken sind. Die Mopedlampen wetteifern mit dem
Licht der Straßenlaternen, wandern wie Suchscheinwerfer über die
Mauern und heben eine gesprayte Parole, einen Aufkleber für die
Kommunistische Partei Siziliens oder einen Öldruck von Jesus auf
Golgatha hervor.
Vor mehr als eintausend Jahren gegründet, war der Ballarò schon
im Mittelalter so berühmt, dass er im Tagebuch eines
zeitgenössischen Kaufmanns aus Bagdad Erwähnung fand. Sein
Name, der sich von einer antiken arabischen Stadt ableitet, zeugt
von Siziliens Orientierung in vormoderner Zeit: nicht in Richtung des
reicheren italienischen Nordens, sondern über das Mittelmeer
hinweg nach Süden und Osten.
Unter den Marktbesuchern finden sich viele Flüchtlinge und
Migranten. Einer von ihnen, Khalil, sitzt in einer Bar namens »Rotes
Schwein«, eher Sozialzentrum als Kneipe. Es wimmelt hier von
Neuankömmlingen, die sich durch ihre WhatsApp-Nachrichten
scrollen oder bei den Angestellten nach Arbeitsmöglichkeiten
erkundigen. Überall in Sizilien engagieren sich Menschen in der
Flüchtlingshilfe – sie nehmen die Geflüchteten an den Häfen in
Empfang, unterstützen sie bei Behördengängen, nehmen sie bei
sich zu Hause auf oder fahren mit Fischerbooten hinaus, um
Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Schließlich handelt es sich
hier um eine Insel, die seit Jahrhunderten Flüchtlinge willkommen
geheißen hat. Allerdings hat Sizilien seine eigenen Probleme, und
die Geflüchteten werden unweigerlich mit hineingezogen, ob sie
wollen oder nicht.
»Das Boot kostet sechshundert Euro«, erzählt mir Khalil. Er ist
Beduine aus Westägypten und war auf der Suche nach Arbeit nach
Libyen gereist. »Aber alles in Libyen wird von der Mafia regiert.«
Nachdem er sechs Monate als Pizzabote gearbeitet und sich von
aggressiven Chefs hatte herumschubsen lassen, legte er sein Leben
in die Hände von Schleppern. Erst jetzt dämmert ihm allmählich die
Ironie des Ganzen: Um der Mafia zu entfliehen, hat er sich
ausgerechnet nach Sizilien aufgemacht.
»Wir wussten nichts von diesen kriminellen Banden«, fährt er fort.
»Wir dachten, in Europa wäre alles besser. Aber ich will sowieso
nicht hierbleiben, sondern weiter nach Frankreich. Ich habe Freunde
in Marseille. Nur gibt es Probleme mit meinen Papieren. Ich
wünschte, die Italiener hätten sie nicht abgestempelt.«
In der Zwischenzeit wartet er auf seine Chance – er ist seit fünf
Monaten in Palermo – und lebt mit ungefähr hundert anderen
Flüchtlingen auf einer Dachterrasse.
»Ist da denn genug Platz?«, frage ich ihn und denke dabei an
meine winzige terrazza bei Pietro.
»Es ist sehr eng.« Zur Veranschaulichung schlingt Khalil die Arme
um den Körper. »Und das Problem ist«, er schiebt seinen Ärmel
hoch, »wenn so viele Leute auf einem Haufen hocken, gibt es immer
wieder Streit.« Einige Zentimeter über seinem Ellbogen befindet sich
eine verschorfte Wunde in Form einer Träne.
Die Hauptlast der Benachteiligung müssen in Palermo laut Don
Enzo Volpe die afrikanischen Frauen tragen. Einige wenige habe ich
am Eingang von Friseursalons oder anderen Etablissements
gesehen, wo sie die unterschiedlichsten Dienstleistungen anbieten.
Viele sind Opfer des Menschenhandels, hoch verschuldet, und der
traditionelle Juju-Glaube – Frauen werden mit einem Zauber belegt,
damit sie nicht wagen, sich zu widersetzen – verstärkt ihre
Abhängigkeit noch. Nigerianische Gangs wie die »Black Axe« sind
auf Mafia-Territorium vorgedrungen und bilden eine perverse Allianz
mit den sizilianischen Meisterkriminellen. Angeblich hat die Mafia mit
Prostitution nichts zu schaffen, aber das hält sie nicht davon ab,
Schutzgelder von den darin involvierten Gangs zu kassieren.
»Auch sie sind Menschen«, sagt Don Enzo, »aber sie sind
verloren.«
Man bekommt Don Enzo, einen großen Mann mit der Statur eines
Rausschmeißers, nur schwer zu fassen. Zwar ist er Pfarrer von
Santa Chiara, einer Barockkirche im Herzen des Stadtviertels, doch
es gelingt mir nicht, ihn in der Kirche anzutreffen, weil er ständig in
seiner Gemeinde unterwegs ist. Als ich endlich seine Nummer
ergattert und ihn kontaktiert habe, lädt er mich in sein Büro ein, wo
wir zwischen Papierstapeln und pausenlos läutenden Telefonen
sitzen.
»Es gibt hier sehr, sehr viele Prostituierte aus Afrika, aber nur
wenige haben den Mut, ihren Peinigern zu entfliehen«, erzählt er.
»Und wenn sie es tun, ziehen sie möglichst weit von Palermo fort.
Zweimal pro Woche gehe ich raus, verteile Decken, frisches Wasser
und Essen und versuche mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Sie
sollen wissen, dass wir für sie da sind, wenn sie es wollen. Sie sollen
einen Ansprechpartner haben. Aber nur wenige nehmen dieses
Angebot an.«
Die Banden mögen neue Köpfe haben, aber Don Enzos Meinung
nach führt der Faden in diesem speziellen Labyrinth immer noch an
denselben Ort zurück. Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde die Mafia
systematisch geschwächt, 4000 Mafiosi wurden verhaftet und
geschätzt 29 Milliarden Euro aus ihrem Vermögen in Palermos
Stadtkasse zurückgeführt. Doch die sizilianische Unterwelt hat ihre
ganz eigene Überlebensstrategie. Die neueste makabre Wendung
ist, dass die kriminellen Netzwerke Verträge für die Errichtung von
Flüchtlingsheimen ergattert haben und Gelder unterschlagen, die
eigentlich für die Geflüchteten gedacht sind.
»Die Mafia hält sich bedeckt«, sagt Don Enzo, »und tritt nur durch
ihre Verbrechen in Erscheinung, vor allem den Drogenhandel. Und
jetzt bezieht sie die Flüchtlinge in ihre Aktivitäten mit ein. Diese
Menschen wollen arbeiten. Aber es gibt schon für die Sizilianer
kaum Jobs, erst recht nicht für die Flüchtlinge. Viele von ihnen sind
so verzweifelt, dass sie sich auf alles einlassen.«
Ich denke an Khalil. Womit könnte man ihn locken? Mit dem
Versprechen auf einen gefälschten Pass vielleicht? Einer
Möglichkeit, zu seinen Freunden in Marseille zu kommen? Das alte
kriminelle Netzwerk ist der Nutznießer und rekrutiert
Neuankömmlinge als jederzeit austauschbare Laufburschen. Acht
Jahrhunderte nach der kulturellen Blütezeit Siziliens unter Roger II.
(dessen Hof Anziehungspunkt für Gelehrte aus dem gesamten
Mittelmeerraum war) ist das hier eine groteske Parodie der
interreligiösen Gemeinschaft, die unter den Normannen wuchs und
gedieh.
Im 19. Jahrhundert befürchteten Kritiker, die Marionettenopern mit
ihren brutalen Szenen würden einen verderblichen Einfluss auf die
sizilianische Jugend ausüben. Der Kriminologe Giuseppe Alongi hat
einen direkten Zusammenhang zwischen den pupi und der
gestiegenen Kriminalitätsrate hergestellt. »Daher kommt es nicht
selten vor«, schrieb ein Journalist, »dass zwei Taugenichtse auf der
Straße aufeinandertreffen und sich einbilden, sie wären Nachfahren
der Paladine; sie gebärden sich wie mittelalterliche Ritter und
stürzen sich aufeinander …«
Es ist ein alter Streit – man kann ihn über mehr als zwei
Jahrtausende zurückverfolgen, bis hin zu Sokrates’ Besorgnis,
welchen Einfluss Homers Gewaltdarstellungen haben könnten, und
eine Linie zu den heutigen Snuff-Movies ziehen. Solange die
Menschheit Geschichten mit brutalem Inhalt erzählt, werden immer
irgendwelche Alarmglocken schrillen. Man ersetze die
»Taugenichtse« aus dem Palermo des 19. Jahrhunderts durch
Jugendliche der Nullbockgeneration in irgendeinem Problemviertel
unserer Tage oder die Dichtungen von Roland und den Paladinen
durch das neueste Gangsterdrama auf Netflix: Das Problem ist uralt,
und es begann mit dem Erzählen von Sagen. Was uns zu der
schwierigen Frage führt: Wenn ein paar wenige Leute deshalb
übertreiben, macht das diese mitreißenden Geschichten für alle
anderen wertlos?
Auch was die Verbindung zwischen Marionetten und Mafia anging
– das war doch sicher etwas zu weit hergeholt? Und dennoch … der
Spitzname des Paladins Rinaldo – Rolands ehemaliger Rivale um
die Gunst einer Frau – lässt vermuten, dass es nicht aus der Luft
gegriffen ist. Denn Rinaldo ist als »der Mafioso« bekannt. Während
Roland sklavisch gehorsam ist und die Befehle Karls des Großen
buchstabengetreu befolgt, weigert sich Rinaldo, sich der Autorität zu
beugen. In den Worten des Gelehrten Michael Buonanno: »Er war
gleichzeitig der rebellische Baron des alten französischen Epos, der
Bandit der volkstümlichen sizilianischen Geschichten und der
Mafioso auf den Straßen Palermos.«
Besteht denn ein großer Unterschied zwischen
schwertschwingenden Paladinen und pistolentragenden
Verbrechern, wenn man an all das Gerede von Ehre und Schande,
die Besessenheit von Äußerlichkeiten und die gegenseitigen
Gewaltandrohungen denkt? Ob hier ein Kausalzusammenhang
existiert oder nicht, zwischen den Helden der Sagen und Gangstern
gibt es definitiv Gemeinsamkeiten, weshalb oft Thriller eher die
Größe eines Epos erreichen als die harmloseren Fantasy- und
Superheldenfilme, die so viele Anleihen bei Epen machen.
Während sich das moderne Palermo aus dem Klammergriff der
Unterwelt zu befreien versucht, gerät der Spitzname »Mafioso«
allmählich in Vergessenheit. Die meisten pupari antworteten auf
meine Nachfrage, der Spitzname sei aus der Mode gekommen.
Doch als ich an meinem letzten Abend in Palermo die Via Vittorio
Emanuele entlangspazierte, kam ich an einem rot gewandeten
»Mafioso« auf einem Theaterplakat vorbei. Mit erhobenem Schwert
erwiderte Rinaldo trotzig die Blicke der Passanten. Wie lange noch
würden die Mafiosi diese Stadt im Visier behalten, die sie schon so
lange untereinander aufteilten?
13
In Roncevaux werde ich Roland töten Und Olivier wird nicht mit dem
Leben davonkommen. Die zwölf Pairs werden einem Blutbad zum
Opfer fallen.

Margarit von Sibilie, Rolandslied, Vers 77

Orangegelbes Licht ließ eine Containerstadt aus Stahl erglühen.


Hinter der hohen Kaimauer fuhren Gabelstapler über die
nächtlichen, in gelblichen Schein getauchten Docks von Barcelona.
Zwischen Kränen schossen Möwen herab, helle Flecken vor den
Schriftzügen auf chinesischen und deutschen Frachtern.
Ich war seit achtundvierzig Stunden unterwegs: zuerst mit der
Fähre ab Palermo und dann mit dem Zug über die felsigen Ebenen
von Sardinien. Nun erreichte ich Spanien, den Hauptschauplatz des
Epos inklusive Heldentod. Genau wie Sizilien ein Land mit einer
großen epischen Tradition (von Der Cid bis hin zur postepischen
Burleske Don Quijote) und einer komplexen muslimisch-christlichen
Geschichte.
Vor dem gewaltigen Stahlgebirge aus Fähren, Arbeitsbühnen und
fahrbaren Portalkränen wirkten die Arbeiter wie winzige Roboter, die
der gleichen Programmierung folgten wie die Maschinerie über
ihnen. Hunderte von Schiffscontainern schwebten auf Plattformen
durch die Luft, und ich musste an die Flüchtlinge in Chios denken,
die in solch überdimensionalen Werkzeugkisten gehaust hatten.
Vor morgen früh ging kein Bus, daher rollte ich mich auf dem
Boden des Busbahnhofs von Barcelona zusammen, wo ich mir
zwischen Afrikanern mit Kartoffelsäcken und in Batikstoff
eingewickelten Kisten ein Lager bereitete. Als ich am nächsten Tag
mit meinem Rucksack in Saragossa aus dem Bus stieg, schlug mir
die Hitze der Stadt entgegen. Vor mir erhob sich eine Bastion mit
hohen Wehrmauern und Rundtürmen, fast so ehrfurchtgebietend wie
die Zitadelle von Dubrovnik. Hier residiert das Regionalparlament
der Autonomen Gemeinschaft Aragonien – und es ist zufällig eines
der schönsten erhaltenen Beispiele mittelalterlicher maurischer
Architektur.
Im Rolandslied ist Saragossa die Hauptstadt der Muslime, wo
König Marsilie auf seinem Marmorthron sitzt und den Verräter
Ganelon auf seine Seite zieht, indem er ihm jährlich »10 Maultiere,
beladen mit dem feinsten Golde Arabiens« verspricht. Die
Kenntnisse des Dichters über den Islam mögen zwar lausig
gewesen sein (er verwandelt den monotheistischen,
bilderstürmenden Islam in einen Götzen anbetenden Polytheismus),
doch er hatte ein Auge für die islamische Kunst. Männer ruhen auf
Bänken aus blauem Marmor, auf alexandrinischem Seidenstoff, in
gewölbten Gemächern, die in »mehreren Farben ausgemalt und mit
Inschriften versehen« sind. Die Pracht dieses Hofes fasziniert die
Paladine Karls des Großen so sehr, dass sie vieles davon
übernehmen – sogar als sie bereits planen, die Menschen zu töten,
die all dies geschaffen haben: »Die Ritter sitzen auf weißen
Seidendecken und spielen Brettspiele, um sich zu vergnügen, die
Klügsten und Ältesten spielen Schach …« Marsilie will Karl den
Großen mit Geschenken ködern, er bietet ihm »700 Kamele und
1000 gemauserte Habichte«. Und Rolands Leichnam wird mit einem
»Seidenstoff aus Galaza« bedeckt.
Neben seinen vielen anderen Qualitäten ist das Rolandslied auch
ein frühes Beispiel des Orientalismus, das den luxuriösen
maurischen Lebensstil verherrlicht, obwohl es die Mauren selbst
verdammt. Hinter dem militärischen Konflikt zeigt sich ein
kompliziertes Geflecht kultureller Interaktionen, dasselbe Phänomen,
das Sizilien und Spanien zur Zeit der Entstehung des Gedichts zu
den geistig fruchtbarsten Regionen Europas gemacht hat. Doch in
der erzählerischen Wucht gehen solche Feinheiten unter. »Die
Heiden (Sarazenen) sind im Unrecht«, legt der Poet Roland in den
Mund, »und die Christen im Recht.« Nur nicht, wenn es um
Inneneinrichtung geht.
Das Gebäude des Regionalparlaments, der Aljafería-Palast
(benannt nach einem maurischen König aus dem 11. Jahrhundert),
stammt aus derselben Epoche wie das Rolandslied und zeugt von
den Verlockungen, denen die christlichen Dichter des Mittelalters zu
widerstehen versuchten. Hinter den imponierenden Festungsmauern
und nach dem Passieren einer Sicherheitsschleuse wandelt man
unter Orangen- und Zitronenbäumen, zwischen Marmor und
Alabaster und genießt mit allen Sinnen die vollendete
Handwerkskunst des mittelalterlichen Islam. Inschriften ziehen sich
über Gewölbedecken aus Alabaster und durch polyedrische
Bogengänge; filigranes Gitterwerk, fein wie Elfenbeinschnitzereien,
ziert die Oberflächen. Kein Wunder, dass dieser Palast Qasr as-
Surur genannt wurde – »Palast der Freuden«. Während ich
umherspazierte, konnte ich mir vorstellen, wie es Ganelon ergangen
sein musste, als er Marsilies Obsthain betrat und fasziniert war von
den Schemeln aus Elfenbein und den goldenen, mit Hyazinth und
Amethysten besetzten Spangen, die Bramimunde, die Königin der
Sarazenen, ihm für seine Gemahlin schenkte.
Im Patio der heiligen Isabel, in dem Orangenbäume stehen,
wächst Efeu an den Säulen empor. Blattrankenornamente
schlängeln sich über die Blendpfeiler einer Kapelle mit
quadratischem Grundriss, Licht fällt durch das Gitterwerk der
Fenster und zeichnet ein Wabenmuster auf kunstvoll geschnitzte
Verse aus dem Koran. Gewaltige Marmorsäulen ragen in die Höhe
wie die Baumstämme eines Waldes und erschaffen eine Illusion von
Tiefe, während man sich der Stelle nähert, an der der Thron
gestanden hat. Eingebettet in das dschungelartige Schnitzwerk
eines breiten Torbogens, als handelte es sich um einen in einem
Manuskript versteckten Geheimcode, spreizt ein Vogel aus Stuck
seine Schwanzfedern. Er ist nicht die einzige figürliche Darstellung
im Aljafería: Das Museum beherbergt ein geflügeltes Ungeheuer aus
Gips und die Kapelle zwei Pfauen. Das maurische Spanien war
lange Zeit synkretistisch, sowohl was die Kultur als auch was die
Zusammensetzung seiner Glaubensgemeinschaften betraf. Unter
den Handwerkern am Aljafería waren nicht nur Muslime, sondern
auch Christen und Juden. Wie das normannische Sizilien war dies
ein Ort, wo die Kulturen nicht gegeneinander kämpften, sondern in
heimlichem Einverständnis standen.
Im modernen Saragossa ist der islamische Einfluss kaum noch
sichtbar. Die Reconquista hat den Islam in Spanien ausgelöscht, und
nur wegen der jüngsten Ankunft größerer Migrantengruppen aus
Nordafrika wurde eine kleine Moschee eröffnet. Ich war neugierig auf
das muslimische Leben hier in der früheren Hauptstadt der Hudiden-
Dynastie. Daher begab ich mich am Abend in eine
heruntergekommene Gasse, wo junge Mütter mit Zigaretten
zwischen den Lippen Kinderwagen hin- und herschoben.
Hinter einer schlichten Metalltür wusch ein Mann mit
aufgekrempelten Hosenbeinen seine Füße unter einem
Wasserhahn. Nachdem er sich vor einer einfachen Wandnische
mehrmals zu Boden geworfen hatte, kam er zu mir herüber und
machte ein paar Bemerkungen über das Wetter: »In Spanien ist es
viel zu heiß! Natürlich ist es auch in Gambia heiß, aber wenigstens
haben wir die Regenzeit!« An einem Anschlagbrett hingen
zerfledderte Werbeflyer auf Arabisch, sie ermunterten zukünftige
Hadschis, sich für die Pilgerfahrt nach Mekka anzumelden.
Im schmuddeligen Vorraum unterhielt ich mich mit einem der
regelmäßigen Moscheebesucher, einem Algerier namens Abdel-
Kadir. »Ich stamme aus Oran«, erzählte er. »Es gibt hier noch ein
paar andere Algerier, aber die meisten ziehen weiter nach
Frankreich. Hauptsächlich Marokkaner sind hergekommen, und
natürlich Schwarze. Das Leben hier ist nicht einfach, aber immer
noch besser als in Algerien.«
Ein anderer Algerier in einer Dishdasha, auf dem Kopf eine Kofia,
pinnte einen Zettel an das Anschlagbrett hinter uns. Wie Abdel-Kadir
hatte Mohammed schlechte Erinnerungen an zu Hause, wo »wir gar
nichts zu tun hatten«. Aber er will eines Tages zurückkehren.
»Möchte nicht jeder in seiner Heimat sterben? Schließlich sind wir
Muslime.«
Er schürzte die Lippen über seinem drahtigen Bart. »Es heißt
allerdings, in England hätten viele zum Islam gefunden.«
Ich lächelte matt. »Das glaube ich nicht …«
»Aber du interessierst dich für den Islam? Darum bist du doch
hier?«
Einen Augenblick sah er mir in die Augen, und ich freute mich
über die Anerkennung eines Fremden. Doch dieses wohlige Gefühl
währte nur einen flüchtigen Moment. »Ich fürchte, ich bin kein sehr
guter Christ«, sagte ich schließlich, »und ich wäre ein noch
schlechterer Muslim.«

Nordwestlich von Saragossa, jenseits der Schleifen des Ebro und


der mit Gestrüpp und Wiesen überzogenen Ausläufer der Pyrenäen,
wand sich die Straße zwischen dichten Kiefern- und Birkenwäldern
dahin. Unter Satteldächern und alpin anmutenden Balkonen stapelte
sich frisch geschlagenes Brennholz. Hinter den weiten Ebenen ging
es jäh steil bergauf, und ich empfand Mitleid mit den vereinzelten
Radfahrern, die bestimmt mit schmerzenden Waden in die Pedale
traten. Die Straße brachte uns hoch hinauf ins Gebirge, auf knapp
tausend Meter über den Meeresspiegel. Als ich aus dem Bus stieg,
schmeckte die Luft metallisch.
Der Ort Roncesvalles ist ein hoch aufragendes Refugium aus
Stein. Ein Fries auf einem Felsen erinnert an die Schlacht von 778 –
das heißt, zumindest an das fiktionale Gefecht im Epos. Zwei
schildbewehrte Ritter zu Pferde kreuzen die Lanzen, während ein
weiterer Ritter in Kettenhemd einem mit erhobenem Streitkolben
angreifenden Sarazenen das Schwert in die Seite stößt.
Das hiesige Augustinerkloster und die Pilgerherberge stammen
aus dem Jahr 1127 oder sind sogar noch älter. Eine Theorie zur
Entstehung des Rolandsliedes im 11. Jahrhundert besagt, dass
selbiges nur eine zynische Werbestrategie des Klosters war, um
Jakobspilger anzulocken. Roncesvalles hat sich die Atmosphäre
einer klösterlichen Gemeinschaft bewahrt, die Gebäude schmiegen
sich eng an Kloster und Kapitelsaal. In einem Beinhaus, das als
»Silo de Carlomagno« bezeichnet wird, kann man einen Blick auf die
Knochen vor Langem verstorbener Pilger werfen (früher glaubte
man, dass hier auch die Überreste von Roland und den anderen
Paladinen ruhten) und unter dem Kreuzrippengewölbe der
Stiftskirche Santa María vor einer versilberten hölzernen Madonna
aus dem Mittelalter beten. Auch der Kapitelsaal kann besichtigt
werden, wo man das Grab von König Sancho VII. dem Starken von
Navarra findet – ein über zwei Meter großer Maurentöter, der
Richard Löwenherz auf dem Dritten Kreuzzug begleitete.
Im Epos gibt der Verräter Ganelon den Sarazenen den Rat,
Roland an den »Pässen von Cize« (heute Col de Roncevaux oder-
Puerto de Inbañeta) anzugreifen: an der alten Römerstraße, die hier
über die Pyrenäen führt. Auf dem Bergsattel des Gebirgspasses soll
Roland den Tod gefunden haben. Nun folgte ich einem von
Pferdeäpfeln und Brombeeren übersäten Pfad zu dieser Stelle.
Durch Wurmfarn, rosafarbene Ginsterbüsche und Felsen führte der
Feldweg zu einem Buchenwald, wo mir die typisch moosigen,
antiseptischen Düfte des Waldes in die Nase stiegen. Hier begann
das Traumland.
Ein lichtes Watteweiß erfüllte die Luft. Zwischen den Wäldchen
erstreckten sich Viehweiden, doch der Nebel verschluckte die Kühe,
sodass sie nur durch das Gebimmel ihrer Glocken und ihr
körperloses Muhen auszumachen waren. Ein Whiteout, das die
Wiesen wie unter Leichentüchern verschwinden ließ, bis das
Vordach einer alten Einsiedelei durch den Nebel brach wie der
Rumpf eines gestrandeten Schiffs.
Die dichte Nebeldecke verstärkte das Gefühl der Einsamkeit an
diesem hoch gelegenen Ort. Man verstand, warum Roland und seine
Gefährten auf sich allein gestellt gewesen waren und es keine
Hoffnung auf die rechtzeitige Rettung durch den Rest des Heers
gegeben hatte. An der Stelle, wo Roland gefallen sein soll, bohrte
sich eine Stele auf einem mehrstufigen Steinsockel durch den Nebel.
Ich setzte mich auf einen Felsen, um mir Notizen zu machen, aber
der Wind blies so heftig, dass er mir die Brille von der Nase fegte.
Die Kälte drang durch sämtliche Kleiderschichten, doch zumindest
war ich unter dem Vordach der Einsiedelei vor dem peitschenden
Wind geschützt. Ich rollte meinen Schlafsack aus und kuschelte
mich hinein. Eine Feldmaus knabberte an den Resten meines
Sandwiches und nagte ein Loch in die Seite meines Rucksacks;
einige Fledermäuse flogen Loopings über einem steinernen Altar
und einer Ansammlung von Votivkreuzen, als müssten sie erst
Anlauf nehmen, bevor sie in den Himmel schossen. Mit einer Art
betäubter Faszination sah ich ihnen zu. Hier oben, so hatte ich den
Eindruck, konnte alles geschehen.
Am Morgen herrschte immer noch dichter Nebel und machte die
Hoffnung auf eine pittoreske Wanderung nach Frankreich zunichte.
Mit violetter Akelei gesprenkelte und bemooste rosa-graue Klippen
fielen jäh in ein tief eingeschnittenes Flusstal ab. Der Río Luzaide
(für die Franzosen die Nive d’Arnéguy) markierte die Grenze
zwischen den beiden Ländern, und die Straße folgte der Nord-Süd-
Achse des Tales.
Am späten Vormittag trank ich einen körnigen Kaffee in Valcarlos –
dem »Tal Karls des Großen«, wo der König der Sage zufolge sein
Heer umkehren ließ, nachdem er Rolands Olifant vernommen hatte.
An den Nachbartischen saßen Einheimische mit Baskenmützen,
blätterten raschelnd in ihren Zeitungen, nippten an ihrem Patxaran,
dem baskischen Anis-Schlehen-Likör, und schwatzten in einer
Mischung aus Spanisch und Baskisch miteinander. Einer von ihnen
stolperte an meinen Tisch und beugte sich vor, um einen Blick auf
meinen E-Book-Reader zu werfen. Er machte eine übertriebene
Verbeugung, zog die Baskenmütze und schlug die Hacken in seinen
Espadrilles zusammen, bevor er beschwingt zum Mini-Markt
nebenan schlenderte.
Vor den Zeiten des Schengen-Abkommens war dies ein beliebter
Übergang für Schmuggler. Man schmuggelte alles, von Vieh über
Dessous und Radios bis hin zu Widerstandskämpfern auf der Flucht
vor den Nazis. Heutzutage merkt man kaum mehr, wo man die
Grenze passiert. Lediglich die Wegweiser verraten es, auf denen
statt der spanischen Tilde über dem »n« plötzlich der französische
Zirkumflex auftaucht; gelegentlich stehen auf den Schildern auch die
baskischen Ortsnamen mit den typischen Zischlauten und dem hart
gesprochenen »k«. So unklar ist der Grenzverlauf, dass manche
Einwohner ihren Strom aus dem französischen Netz beziehen, die
für sie zuständige Sicherheitsbehörde aber die spanische Guardia
Civil ist. Brennholz stapelte sich vor gemauerten Kornspeichern,
über Fenstern waren Sonnensterne eingeritzt, und zwischen
Apfelbäumen und Kiefern spähten Esel zu mir herüber.
Bergab nach Saint-Jean-Pied-de-Port wurde die Umgebung
eindeutig französischer. Die Häuser waren weniger gedrungen als in
den Bergen, ihre Mauern schmaler, Kletterrosen wanden sich um
schmiedeeiserne Balkone, und zur Mittagszeit waberte der Duft von
Baguette und klebrigem Käse unter Schildern mit der Aufschrift salle
climatisée hervor. Auch hätte die Vielzahl an Crêperien jeden
Frankreichliebhaber leicht zufriedengestellt. Aber es gab auch
Poster, die auf typisch Baskisches wie Chorkonzerte und Pelota (den
beliebten, mit Schlägern ausgeführten baskischen Ballsport)
hinwiesen. Und beim überdachten Markt auf dem Festplatz
verkündete ein Banner: »Regroupement des prisonnières politiques
basques«.
Im Rolandslied bekommt der Held die geballte Macht des
islamischen Heers zu spüren. Aber die Realität war einerseits weit
weniger dramatisch wie auch in gewisser Hinsicht wesentlich
dramatischer. Denn die Paladine Karls des Großen wurden zwar
besiegt, jedoch von einem weniger illustren Gegner: nämlich von
den Menschen, die diese Täler seit der Steinzeit besiedelten. Dass
sie in dem Gedicht bewusst verschwiegen werden, ist bezeichnend.
Schließlich haben die europäischen Mächte seither immer wieder
versucht, sie auszulöschen.

Einige Wochen später steige ich erneut in Roncesvalles aus dem


Bus. Es ist der 15. August, der Jahrestag der Schlacht aus dem
Rolandslied, und auf dem Platz vor der Santiago-Kirche haben sich
mehrere Hundert Menschen versammelt und schwenken rote
Fahnen.
Ein Transparent fordert »Independentzia«. Auf einem anderen
prangt die Zahl 778 in Gold – das Datum von Rolands Niederlage.
Trompetenfanfaren schallen über den Platz, und die Menge drängt
sich um eine Blaskapelle; ein Mann, der in seinem schwarz-weißen
Kostüm wie ein Harlekin aussieht, führt einen traditionellen Tanz mit
vielen Sprüngen und Fußkicks auf. Auch Reden werden gehalten:
von einer bebrillten Dame in roter Strickjacke und von einem
kahlköpfigen Mann in einem grünen Polohemd, der wie ein
Professor aussieht. Ich höre gerollte Rs und gelispelte Zs (ein
stimmloses S), die agglutinierende Sprache der Basken. Aber ich
verstehe kein einziges Wort und spreche daher die Leute neben mir
an.
»Er erzählt von Karl dem Großen«, erklärt mir ein Mann mit
braunen Locken, der eines der Transparente an einem Ende hält,
»und wie wir ihn besiegt haben!«
»Für uns«, sagt die Frau an seiner Seite, »ist die Schlacht von
Roncesvalles der erste Krieg, den die Basken gewonnen haben!«
»Und«, fügt ihr Partner mit einem schiefen Grinsen hinzu, »auch
der letzte!«
»Sie haben Rache an Roland und Karl dem Großen geübt«, fährt
die Frau fort, »für die Zerstörung von Pamplona. Für die vielen
getöteten Basken. Wir nennen es unseren Unabhängigkeitstag!«
Wenn es um alten Landbesitz geht, kann niemand in Europa den
Basken das Wasser reichen. Genforscher haben ihre Ursprünge bis
zu den frühen Bauern im Nahen Osten zurückverfolgt, die die
Landwirtschaft nach Südeuropa mitbrachten, sich mit
Wildbeuterkulturen vermischten und die Täler der Pyrenäen seit
7000 Jahren besiedeln. Auch wenn diesbezüglich immer wieder
neue Theorien kursieren, eins gilt als gesichert: Als das Heer Karls
des Großen durchzog, lebten in diesen Tälern Basken.
»Die Schlacht hier war ein Meilenstein«, erklärt Dr. Aitor Pescador,
Archivar, Historiker und Archäologe der Wissenschaftlichen
Gesellschaft Aranzadi, der Mann, der zuvor zu der Menge
gesprochen hat. Während auf dem Platz weitergesungen wird, führt
er mich einen Pfad hinunter zu den Stiftsgebäuden, damit wir uns
ungestört unterhalten können. »Zum ersten Mal hatten die Basken
vereint gekämpft. Ein richtungsweisendes Ereignis, das sich in unser
kollektives Gedächtnis eingebrannt hat.« Für ihn steht fest, dass es
die Basken waren, die der fränkischen Nachhut auflauerten und
Roland töteten.
Das Epos mag es anders darstellen, doch zeitgenössische
Quellen geben Pescador recht. Karl der Große zog keineswegs nach
Spanien, um einen Kreuzzug gegen die Sarazenen zu führen,
sondern weil die muslimischen Herrscher von Barcelona und
Saragossa gemeinsam um seine Unterstützung gegen die
wachsende Macht der Umayyaden im Süden gebeten hatten, und
das Näherrücken ebendieser Umayyaden trieb die Franken zurück
über den spanischen Pass. Was dort geschah, schildert der
zeitgenössische Chronist Einhard in »Kaiser Karls Leben« wie folgt:

Als nämlich das Heer in langem Zuge, wie es die Enge


des Orts erforderte, einhermarschierte, so machten die
Waskonen, die auf der Höhe des Berges sich in
Hinterhalt gelegt hatten – denn die Örtlichkeit ist durch
die vielen dicken Wälder der dortigen Gegend sehr zu
Hinterhalten geeignet –, einen Angriff auf einen Teil des
Gepäcks und den ganzen Nachtrab, warfen ihn ins Tal
hinab und machten in dem Kampf, der nun folgte, alles
bis auf den letzten Mann nieder, das Gepäck raubten sie
und zerstreuten sich dann unter dem Schutz der
einbrechenden Nacht in höchster Eile nach allen Seiten.
… In diesem Kampfe fielen Eggihard, des Königs
Truchseß, Anselm, der Pfalzgraf, und Hruodland
(Roland), der Befehlshaber im brittanischen Grenzbezirk
nebst vielen anderen.

Obwohl Pescador einige Details in Einhards Bericht anzweifelt


(so weist er darauf hin, dass die Truppen Karls des Großen
»bereits im Talboden angekommen« waren, »weil sie der alten
Römerstraße folgten, und die ›Waskonen‹ diesen Nachteil nutzten,
um sie aus der Höhe anzugreifen«), stimmt er ihm im Großen und
Ganzen zu.
»Im Rolandslied ist so vieles verfälscht dargestellt!«, erklärt er.
Das Heer Karls des Großen war in seinen Augen »eine fremde
imperialistische Zentralmacht. Karl hat Pamplona geplündert und
sich damit die Basken zu Feinden gemacht.« Hier haben wir wieder
einen Fall, in dem Geschichte von den Verlierern – der eigentlich
mächtigeren Seite – geschrieben und um des Ruhmes willen
umgeformt wird. Nennen wir es ruhig karolingische Propaganda oder
(um einen modernen Begriff zu verwenden) Fake News.
»Es war eine Schmach für sie, von den Basken besiegt zu werden
– einem kleinen Volk ohne Heer«, sagt Pescador. »Als sie also
davon erzählten, brauchten sie einen mächtigeren Feind. Die
Muslime ließen die Niederlage ehrenvoller erscheinen.«
Und das zählt heutzutage: »Die Menschen müssen ihre eigene
Geschichte kennen«, betont Pescador. »Das Problem hier ist, dass
Spanien auf den Niederlagen des Baskenlands, Navarras,
Kataloniens und anderer Länder gründet, daher ist die spanische
Mentalität im Kern immer noch imperialistisch.«
Hier gibt es eine der langlebigsten separatistischen Bewegungen
Europas, die ein Andenken, bewahrt in einem der langlebigsten
Epen Europas, in Frage stellt. Spanien führte einen oft blutigen
Kampf gegen die Separatisten, wobei die erst kürzlich entwaffnete
baskische Untergrundorganisation ETA für einige besonders
gewalttätige Episoden verantwortlich ist. Das Erstarken der
europäischen Unabhängigkeitsbewegungen spiegelt einen
Vertrauensschwund in den Nationalstaat wider, ist jedoch auch
Ausdruck überkommener Strukturen der europäischen Politik: dem
nie endenden Schwanken zwischen Föderalismus und Zentralismus,
eingefangen in dem Bild der baskischen Angreifer aus dem
Hinterhalt, die 778 die Nachhut des mächtigen, paneuropäischen
Heers von Karl dem Großen aufrieben.

Das Rolandslied mag eine bunte Aneinanderreihung historischer


Ungenauigkeiten sein, aber es folgt demselben Prinzip wie
Hollywoods Historienfilme: Man soll eine gute Geschichte nicht mit
Fakten verderben. An diesem Abend nehme ich in der kleinen
gotischen Santiago-Kirche an einer Veranstaltung zum Thema
Rolandslied teil. Zu Beginn rezitiert ein spanischer Literaturprofessor
ein Versepos aus dem 19. Jahrhundert, das aus der Feder des
spanischen Autors Bernardo del Carpio stammt (er deutete die
Schlacht als Wettstreit zwischen Frankreich und Spanien). Ein
Priester namens Padre Joachim poltert mit einer Gruppe Pilger
herein und liest einige Stanzen aus dem Cantar del Roldán (einer
spanischen Übersetzung des Rolandsliedes). Ein kleiner Junge
namens Martín müht sich durch einige Strophen des Epos (und
bekommt einen Riesenapplaus), und ich lese eine englische
Übersetzung von einem laminierten Ausdruck ab. Am lautesten von
allen gebärdet sich ein breitschultriger baskischer Aktivist mit wildem
Bart: Gefolgt von einem Begleiter mit Camcorder platzt er in die
Kirche und bellt einige Zeilen aus einem im 19. Jahrhundert
verfassten Bericht von der Schlacht in die Runde.
»Independentzia!«, ruft er mit erhobener Faust und marschiert mit
dem Kameramann auf den Fersen wieder hinaus.
Das Vortragen des Gedichts erinnert daran, dass das Rolandslied
trotz seiner fragwürdigen politischen Botschaft ein Werk von
erstaunlicher literarischer Qualität ist. Ich lasse mich von den
eleganten, Choralgesängen gleichenden Stanzen mitreißen, von den
formelhaften Wiederholungen, den Assonanzen und den vielen
Reimen, die in meinen Ohren wie eine Beschwörungsformel klingen.
Fanatismus bringt gewöhnlich keine gute Lyrik hervor, doch das
Rolandslied ist eine Ausnahme, und um seinen Einfluss gebührend
würdigen zu können, sollte uns das bewusst sein. Es ist nicht nur
das älteste bekannte Meisterwerk der französischen Dichtung, es
legt auch Zeugnis ab vom Genie dieser Sprache:

Ço sent Rollant que la mort le tresprent;


Roland fühlt, dass der Tod ihn übermannt,
Devers la teste sur le quer li descent.
Vom Kopf herab steigt er nieder zum Herzen.
Desuz un pin i est alet curant;
Unter eine Fichte ist er geeilt
Sur l’erbe verte s’i est culchet adenz.
Und hat sich mit dem Gesicht zur Erde auf das grüne
Gras gelegt;
Desuz lui met s’espee e l’olifan’.
Unter sich legt er sein Schwert und den Olifant.

Die Lesung weckt in mir den Drang, noch einmal das Roland-
Denkmal zu besuchen. Diesmal ist es nicht in Nebel gehüllt, sondern
in strahlenden Sonnenschein getaucht, und drum herum drängen
sich mehr als hundert Demonstranten. Sie halten Transparente hoch
(größtenteils dieselben, die sie bereits auf dem Platz vor der
Santiago-Kirche dabeihatten) und rufen Parolen. Jemand spielt auf
einem Akkordeon, Lieder werden angestimmt. Man macht
Gruppenfotos, und ein Mikrofon wird herumgereicht für Reden über
Sozialismus, Antiimperialismus und Feminismus. Diese
Demonstration, so kommt mir in den Sinn, bildet einen Kontrapunkt
zu der sizilianischen Perspektive. Dort wurde die Geschichte von
Roland von ihrem Schauplatz gelöst, es ging nur um die Story: ein
rein kulturelles Erbe. Hier zählt vor allem der Schauplatz. Die
teilweise fiktionalisierte Erzählung des Epos wurde auf ihren
historischen Kern zurückgestutzt und in einen Kampf für politische
Identität umgemünzt.
Einer der Redner, ein grauhaariger Mann im Che-Guevara-T-Shirt,
löst sich aus einem Sprechchor. »Wir versammeln uns, um unsere
Ziele zu diskutieren«, erklärt er. »Es sind fünf. Oberstes Ziel ist die
Vereinigung des Pay Bas [französisches Baskenland] mit Navarra
[spanisches Baskenland], außerdem geht es uns um die Stärkung
von Sozialismus, Frauenrechten und Ökologie und schließlich um
die Wiedereinführung des Baskischen als Hauptsprache. Aber in
ganz Europa muss sich etwas ändern. Wir müssen unsere
Ökonomien völlig umstrukturieren.«
»Sie wählen also den Jahrestag einer Schlacht aus dem finsteren
Mittelalter«, frage ich ihn, »um für eine separatistische, progressive
Utopie zu demonstrieren?«
Er berührt mich am Arm, eine sanftmütiges Lächeln auf dem
Gesicht.
»Sehen Sie, das ist ein wichtiger Tag für uns. Damals war es eine
Zeit des deutsch-fränkischen Imperialismus. Die hatten die ganze
Macht, und Karl der Große ging rücksichtslos vor. Wussten Sie, dass
er auf seinem Kriegszug gegen die Sachsen Tausende
abgeschlachtet hat? Aber immerhin haben wir es geschafft, Roland
zu töten, den berühmtesten Ritter Karls des Großen. Wir haben
gezeigt, dass man den Lauf der Geschichte verändern kann, selbst
wenn man klein und schwach ist. Es ist wichtig, dass wir die
Erinnerung daran wachhalten.«
14
Wenn ich in der großen Schlacht sein werde Und Tausende von
Schlägen austeile, Dann werdet Ihr Durendals Stahl voller Blut
sehen.

Rolandslied, Strophe 85

Bisher hatte mich meine Reise auf Rolands Spuren auf eine Insel
geführt, wo die Geschichte mit Marionetten nacherzählt wird, und in
eine Grenzregion, wo die wichtigsten Ereignisse des Epos
stattgefunden haben. Nun reiste ich durch die ursprüngliche Heimat
des Rolandsliedes. Das Gedicht kommt so paneuropäisch daher –
so dienen in Karls Heer unter anderem Dänen, Baiern und sogar
Sachsen –, dass man eines leicht vergisst: Hier handelt es sich um
das Nationalepos Frankreichs! Oder um es mit den Worten meiner
französischen Schwägerin zu sagen: »Ach ja, das Chanson de
Roland, das haben wir mit zwölf in der Schule gelesen. Mann, war
das langweilig!«
Nahverkehrszug von Saint-Jean-Pied-de-Port, Umsteigen in
Bayonne in den TGV und dann noch einmal Umsteigen in einen
schon etwas in die Jahre gekommenen Regionalzug, der mich von
Bordeaux nach Brive-la-Gaillarde brachte. Um mich herum saßen
schlaksige, langhaarige Teenager mit bleichen Gesichtern, die ihre
einstudiert lässige Miene keinen Augenblick verzogen, eine gallische
Coolness, die ich nach den strahlenden Gesichtern des
Mittelmeerraums seltsam erfrischend fand. Ein kleiner Junge mit
einem Minions-T-Shirt bildete eine einsame Bastion der Lebhaftigkeit
und rannte im Gang hin und her, geflissentlich ignoriert von den an
ihren Smartphones klebenden Kids. Als der Zug hielt, kletterte er
hinunter auf den Bahnsteig und warf sich einer älteren Dame in die
Arme – vermutlich seine Großmutter. Bei diesem Anblick spürte ich
einen Kloß im Hals. Ich war schon viel zu lange von zu Hause fort.
Der TGV hatte den Trost von freiem WLAN sowie Lade-
möglichkeiten für die Handys geboten. Auf der Toilette konnte ich
mich sogar rasieren. Im Regionalzug gab es jedoch keine solchen-
Extras. Nach der vierten Zugfahrt des Tages stieg ich schließlich
in Rocamadour aus. Ein Wallfahrtsort mit einigen ungewöhn-
lichen Besitztümern, darunter angeblich das legendäre Durendal:
Rolands geliebtes Schwert, »schön … und heilig über alles«, um den
Helden selbst zu zitieren. Da die Stadt einige Kilometer von der
Bahnstation entfernt lag, blühte mir der nächste Fußmarsch. Das
Laufen auf dem Asphalt war mühsam. Da mir die lange Wan-
derung von Roncesvalles nach Saint-Jean-Pied-de-Port einige
frische Blasen an den Füßen beschert hatte, war ich froh, als ein
Auto neben mir hielt.
Ein freundliches Augenpaar unter einem langen blonden Pony
strahlte mich an. »Im Dunkeln ist es gefährlich! Wir wollen doch
nicht, dass du unter die Räder kommst!«
Anna und ihre Freunde stammten aus Lyon. Mich hatte etwas
Materielles hierhergelockt, während sie auf der Suche nach einer
spirituellen Erfahrung waren. Auf sie wartete morgen ein Tag des
Gebets, und dafür hatten sie Betten in einem Hostel reserviert. Als
ich zugeben musste, dass ich mich nicht gar so gründlich auf meinen
Besuch hier vorbereitet hatte, rieten sie mir: »Wenn du wild campen
willst, such dir ein abgelegenes Plätzchen, damit dich die Polizei
nicht erwischt!«
In dieser Nacht saß ich im Park einer mittelalterlichen Herberge im
Schatten einer Pappel und fühlte mich wie ein Vagabund. Zwischen
den Zweigen sickerten die Lichter der Pilgerstadt in das dicht
bewaldete Tal des Alzou: ein Wald gewordenes Geheimnis.
Am nächsten Morgen vergoldete das Licht der Dämmerung das
Labyrinth von Häusern, Läden, Kirchen, Kapellen, Treppen und
Toren, aufgepfropft auf eine fünfzig Meter hohe Steilklippe voller
Höhlen und Kavernen. Die Gebäude ragten nicht frei in die Höhe,
sondern klebten an der Felswand, sie schmiegten sich an ihre
Umgebung wie ein imaginäres Gemeinschaftswerk von J. R. R.
Tolkien und Frank Lloyd Wright.
Ich humpelte die gepflasterte Marktstraße auf der unteren Ebene
von Rocamadour entlang, schleppte meine mit neuen Blasen
übersäten Füße an einer Crêperie, einem Lederwarengeschäft und
einer noch nie gesehenen Anhäufung von Delikatessenläden mit
Foie-gras vorbei. Wie eine Himmelsleiter, die uns Menschen von den
weltlichen Symbolen der französischen Provinz weglenken will, führt
eine steinerne Treppe nach oben. An ihrem Ende gruppieren sich
Kirchen und Kapellen um einen schwindelerregend hoch gelegenen
Vorplatz – ganze sieben Gotteshäuser stehen hier ineinander
verschachtelt. Sie scheinen aus den geriffelten Kalkfelsen
hervorzuwachsen.
Das bekannteste Heiligtum des Städtchens ist die Marienkapelle
Notre Dame de Rocamadour aus dem 12. Jahrhundert. Unter einem
Netzgewölbe flackert Kerzenschein auf den Wänden; steinerne
Engel schweben von der Decke des Kirchenschiffs herab, und
Buntglasfenster zeigen Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria.
An die Felswände sind Ketten und Fesseln genagelt, Memorabilia
freigelassener Sträflinge und begnadigter Sünder, und es gibt eine
»Wunderglocke«, geschmiedet noch vor dem 9. Jahrhundert, die
angeblich von selbst läutet. Über dem Tabernakel befindet sich der
heiligste Besitz der Kapelle: eine »Schwarze Madonna«, den Körper
aus Walnussholz in einen cremefarbenen Mantel gehüllt, in den
langen Armen das Jesuskind.
Ich setzte mich in eine Bank, genoss die von den Felsen
abstrahlende Kühle und das Schattenspiel des flackernden
Kerzenlichts und ließ den gotischen Okkultismus der Schwarzen
Madonna auf mich wirken (eine Hommage an die schwarze
Schönheit aus dem Hohelied, wie manche meinen? Oder vielleicht
nur das rußverschmierte Ergebnis einer jahrhundertelangen, mit
Feuer verbundenen Anbetung?). Eine Gruppe Pfadfinderinnen kam
im Gänsemarsch in die Kapelle. In blauen Hemden und mit
Halstüchern, ihre Fahnenträgerin trug Ziegenlederhandschuhe,
versammelten sie sich für die Messe. Beschwörend richteten sie ihre
Psalmengesänge an die Madonna, ihre Stimmen vereinten sich zu
einem einzigen, ehrfürchtigen Alt.
Ich stand hinter ihnen und betrachtete grübelnd das Gästebuch.
Auch wenn es indiskret war, konnte ich nicht widerstehen, ein
bisschen zu blättern: Da war die Bitte einer Frau um »Führung auf
meinem Weg«; ein junger Mann hoffte, sein oncle Louis würde sich
mit seinem grand-père aussöhnen; da war der Wunsch nach
apporter la fertilité (wie viele Besucherinnen in Rocamadour hoffte
auch diese Bittstellerin, die Schwarze Madonna möge ihr helfen,
schwanger zu werden). Mehr und mehr vertiefte ich mich in all diese
Gebete und appellierte in Gedanken an die Madonna, sie möge
jedes davon erhören. Auch ich war in diesem Glauben
aufgewachsen und rang bereits mein ganzes Leben mit dem
Katholizismus – die erdrückenden Vorschriften, die von Gewalt
geprägte Geschichte, die Verbrechen einiger Priester und Mönche,
die ich gekannt hatte. Vor allem aber das Versagen des
Katholizismus – das Versagen aller Religionen –, wenn es darum
ging, den Tod zu erklären. Doch es war wie das Ringen mit
jemandem, den man liebt, denn es gab auch so vieles, was mich für
den Katholizismus einnahm: die gedrechselte, oft zauberhafte
Sprache der Geschichten; die Friedensbotschaft der Evangelien, die
Bescheidenheit und Güte so vieler Menschen, die ihr Leben der
Kirche widmeten. Erschöpft und fußkrank wie ich war, sehnte ich
mich nach dem Trost von etwas Vertrautem. Oft habe ich das
Gefühl, gerade den Agnostikern bringt der Besuch einer Messe am
meisten Gewinn.
Kein Epos könnte christlicher sein als das Rolandslied mit seiner
Kreuzfahrerethik, seinen Bildern von beichtenden,
weihrauchumhüllten Mönchen und betenden Nonnen in den Klöstern
von Aachen. Karl der Große wird als besonders fromm dargestellt, er
begeht die hohen Feiertage, vollzieht die christlichen Rituale und
bekommt wiederholt Besuch vom Erzengel Gabriel. Doch Roland mit
seiner Kampfeslust ist so weit von der Bergpredigt entfernt, wie man
es sich nur vorstellen kann.
»Belagert es [Saragossa], wenn es sein muss, Euer ganzes Leben
lang«, erklärt er, als Karl der Große und sein Hof darüber beraten,
ob sie mit König Marsilie Frieden schließen sollen, »und rächt
diejenigen, die der Verräter töten ließ.« So viel zu »die andere
Wange hinhalten« und »Selig sind die Friedfertigen«. Roland bezieht
sich zwar vage aufs Christentum, doch erst ganz am Ende seines
Lebens betet er; und selbst dann richtet er weniger Worte an Gott
als an sein geliebtes Schwert Durendal. Wie die Helden der
germanischen und griechischen Mythologie, von Achilles bis
Beowulf, ist sein wahrer Gott der weltliche Status, der gemessen
wird an dem Blut, das man selbst vergießt und das im eigenen
Namen vergossen wird. Man liest von den Lobreden und
Schmähungen in der Schlacht, von Rolands glühendem Stolz und
dem Zorn Karls des Großen. Da fragt man sich dann schon, wie
stark sich der Dichter eigentlich mit den Evangelien beschäftigt oder
ob er seine Werte direkt von Homer übernommen hat.
Und doch … Wie die Kritikerin Marianne J. Ailes schreibt: »Der
christliche Krieger, exemplarisch dargestellt an der Figur Rolands,
macht das Gedicht nicht weniger christlich, auch wenn wir
heutzutage vielleicht Schwierigkeiten haben mögen, seine
kriegerische Einstellung zu akzeptieren.« Das Rolandslied erlaubt
uns einen Einblick in das mittelalterliche Denken, es lässt uns ein
Stück weit verstehen, warum Männer, die Predigten über Gnade und
Vergebung lauschten, zu Schlächtern und Plünderern werden
konnten. Im Altfranzösischen ist »recreire« das Wort für »sich
ergeben«. Das ist das Einzige, was für Roland auf keinen Fall in
Frage kommt. Das Wort leitet sich vom lateinischen »recredere« ab
– »von seinen alten Ansichten ablassen«. Schwenke die weiße
Fahne, und du bist ein Abtrünniger. Dies ist die Ideologie des
christlichen Soldaten, die von Epen wie dem Rolandslied so stark
genährt wurde.

Mit seinem Mischmasch aus Ritualen und Reliquien wirkt


Rocamadour ein wenig wie ein Themenpark für den frommen
Katholiken. Unterbreite deine Wünsche der Schwarzen Madonna,
krieche auf Knien die Treppe hinauf (und sprich dabei ein paar Ave
Marias), bete in einer Grotte voller Trikots von führenden
französischen Rugby-Spielern, streue Münzen auf das Grab des
heiligen Amadour und versenke dich in die Betrachtung das
glanzvollen Schwerts im Felsen. Deswegen war ich hergekommen:
um Durendal zu sehen, das französische Excalibur.
Den Schwertern von Helden wurden starke animistische Kräfte
zugeschrieben, man gab ihnen Namen und arbeitete kostbare
Reliquien ein. Laut dem Epos enthält Durendal einen Zahn des
heiligen Petrus, einige Tropfen vom Blut des heiligen Basilius, einige
Haare des heiligen Dionysius und ein Stück vom Gewand der
Jungfrau Maria. Jede Reliquie verstärkte die Bindung des Helden an
die Streitende Kirche Christi auf Erden und steigerte die Kraft des
Schwertes. Da Roland geschworen hatte, Durendal nicht »den
Heiden zu überlassen«, schob er es im Sterben schützend unter
sich, nicht ohne vorher den Versuch eines Sarazenen zu vereiteln,
es zu rauben. Einer Legende zufolge schaffte es Roland, das
Schwert so weit von sich fortzuschleudern, dass es in der Steilklippe
von Rocamadour stecken blieb. Es gibt auch die weniger
phantastische Version, Karl der Große habe es den Mönchen nach
der Schlacht zum Geschenk gemacht, da es vor der Schlacht in
Rocamadour gesegnet worden war (ein Ereignis, das in einem
Bronzerelief unter der Schwarzen Madonna dargestellt ist, auf dem
Roland Durendal mit Gold aufwiegt).
Ursprünglich steckte das Schwert in erreichbarer Höhe im Felsen,
doch dann wurde es zum Objekt »geschmackloser Rituale«. Nun ist
es ein Stück höher im Felsen angebracht, außer Reichweite von zu
allem entschlossenen Pilgern. Doch immer noch erhält das Schwert
viel Aufmerksamkeit, meistens von Fotojägern mit beeindruckenden
Objektiven. Dort, zwischen Selfie-Sticks und iPads, bemerkte ich
immer wieder Frauen mit zum Gebet gefalteten Händen, die (so
stellte ich es mir jedenfalls vor) dieses Symbol des Todes mit der
Hoffnung auf neues Leben in Verbindung brachten.
Hier in Rocamadour war weniger die unsichtbare Kraft der
Geschichten spürbar als vielmehr die Anziehungskraft physischer
Objekte. Im Katholizismus arbeitete man immer mit dem Konkreten
und dem Abstrakten, und viel von seiner spirituellen Kraft erwächst
aus der Spannung zwischen beiden. »Kein Spottlied soll über sie
gesungen werden«, sagt Roland zu Olivier mitten im
Schlachtengetümmel (mit »sie« sind die Schwerter gemeint). Denn
das Schwert selbst ist ein Held, es hat einen Namen, eine
Geschichte, eine Reputation; es wird in Liedern und in Gebeten
erwähnt und bewahrt die Erinnerung an all die Schlachten, an denen
es teilgenommen hat.
15
Der Kaiser ist aus Spanien zurückgekehrt, Er kommt nach Aachen,
seiner schönsten Residenz im Frankenreich.

Rolandslied, Strophe 268

Wer im Winter 1870 in Paris lebte, hatte kaum Aussicht auf Haute
Cuisine. In den Hotels stand »Katzenfrikassee« auf der Speisekarte,
der Pot-au-feu wurde einem Augenzeugen zufolge mit Krähen
zubereitet, und »wenn man anständig gekleidet aus dem Haus ging,
riskierte man, als preußischer Spion verhaftet, oder schlimmer noch,
als Engländer erkannt zu werden«. Die Deutschen belagerten Paris,
und die Nachrichten von den Niederlagen an der Loire, die per
Heißluftballon überbracht wurden, ließen die Moral der Bewohner
rapide sinken.
Angesichts dessen beschloss der herausragende französische
Mediävist Gaston Paris, seine Landsleute mit einer anfeuernden
Rede aufzurichten. Sein Vortrag am Collège de France trug den Titel
»Das Rolandslied und die französische Nationalität«. Laut der
Philologin Fernanda Moore sicherte Gaston Paris damit »dem
Rolandslied eine Stellung an der Spitze des französischen
Literaturkanons«.
»Inmitten des eisernen Rings, den die deutsche Armee um uns
gezogen hat«, erklärte Gaston Paris: »Ja, vor acht Jahrhunderten,
als viele europäische Nationen sich noch nicht wirklich als solche
begriffen, als viele, wie etwa England, immer noch auf die
Herausbildung ihrer wesentlichen Elemente warteten, war die
französische Nation bereits geformt. Ein Nationalgefühl existierte
bereits in seiner innigsten, edelsten und zärtlichsten Ausprägung.
Der wunderbare Begriff vom ›lieblichen Frankreich‹ tauchte zum
ersten Mal im Rolandslied auf – welch dankerfüllter und
anbetungswürdiger Ausdruck für die Liebe, die all ihre Kinder für die
Heimat empfinden. Liebliches Frankreich! Die Deutschen beneiden
uns um diesen Begriff, suchten sie doch in ihrer eigenen
Nationalliteratur vergeblich nach einer ähnlichen Formulierung.«

Als die Deutschen die Stadt im darauffolgenden Monat mit


schwerem Artilleriegerät der Firma Krupp einnahmen, hielt sich ihr
Neid sicherlich in Grenzen. Innerhalb weniger Tage wurde der
Waffenstillstand unterzeichnet und Wilhelm I. im Schloss von
Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt. Dass der Triumph der
Deutschen ausgerechnet in diesem glanzvollen Symbol der
französischen Kultur zelebriert wurde, war eine Demütigung für die
stolzen Franzosen. Wenn überhaupt ein literarischer Text Trost
bieten konnte, dann das Rolandslied.
»Wieder einmal mussten wir eine Niederlage hinnehmen«, schrieb
Léon Gautier, ein weiterer Gelehrter, im Vorwort einer Ausgabe des
Epos aus dem Jahr 1872, »doch wir wissen, wie wir die Nation von
diesem Roncevaux des 19. Jahrhunderts genesen lassen können.«
Ihre lange Zivilisationsgeschichte, so glaubte Gautier, würde der
Nation bei ihrem Gesundungsprozess helfen: »An euch, ihr
Deutschen … ihr, die ihr heute mein armes Frankreich erstickt, ich
werde euch aufzeigen, dass wir bereits vor acht Jahrhunderten eine
große Nation waren.«
Die baskische Identität mag sich aus der historischen Schlacht
von Roncesvalles speisen, doch die nationale Identität Frankreichs
wurde vom Epos genährt. Paris und Gautier ließen ihre Worte nicht
wahllos fallen wie Kieselsteine in die Seine, sie bezogen sich auf
eine Geschichte und Figuren, die eine starke emotionale
Anziehungskraft besaßen. 1793, ein Jahr nachdem der französische
Offizier Claude Joseph Rouget de Lisle die Marseillaise komponiert
hatte, schrieb er ein Kriegslied über Roland mit dem Titel: »Roland
bei Roncesvalles oder: Lasst uns sterben für das Vaterland.« Der
Held ließ sich für monarchistische wie auch revolutionäre Zwecke
einspannen – in den 1830er-Jahren war er ein Liebling der
Royalisten, weil er für seinen König focht, in den 1850ern ein Patriot
und Märtyrer, der für »la Douce France« gefallen war. Die
Wiederentdeckung des Rolandsliedes im Jahr 1835 führte in der
Verlagsbranche zu einem Phänomen: Gautiers Ausgabe war nur
eine von sechsundzwanzig Editionen in einem Zeitraum von nur
einunddreißig Jahren.
Dies war die Blütezeit des Rolandsliedes – die freudige Erregung
über seine Wiederentdeckung fiel mit einer nationalen Krise
zusammen. Doch auch danach blieb sein Einfluss spürbar. »Douce
France« hieß ein beliebtes Lied in einer weiteren Krise – Charles
Trenets nostalgische Ballade aus dem Jahr 1943 ist eine liebevolle
Erinnerung an die vieilles chansons d’autrefois (die alten Lieder von
damals). In jüngster Zeit tauchen Bezüge auf diese in vielerlei
Richtung interpretierbare Geschichte in den Reden von Marine Le
Pen auf, der Vorsitzenden der Rassemblement National (Nationale
Sammlungsbewegung, früher Front National). Die
Literaturprofessorin Cécile Alduy, die über Le Pen in Le Monde
schreibt, hat Folgendes beobachtet: »Man zieht ständig das
mythologische Register der Kreuzzüge. Das Rolandslied, das als
erstes Nationalepos dieses von Le Pen so oft zitierte ›liebliche
Frankreich‹ besingt, ist hierbei Gründungsaxiom dieser
fremdenfeindlichen Ideologie: ›Die Christen sind im Recht, die
Sarazenen im Unrecht.‹« Und so wird ein Epos wieder einmal von
der Politik instrumentalisiert. In Gaston Paris’ Augen war das
Rolandslied ein Trost für eine Nation im Belagerungszustand.
Heutzutage mag Frankreich nicht belagert sein, aber versuchen Sie
mal, das Le Pen und ihren Anhängern klarzumachen.
Ich war mit dem Nachtzug aus Brive gekommen und flanierte
südlich der Seine durch die Rive Gauche, vorbei an Gaston Paris’
Collège de France mit seinen Mansardendächern und
schmiedeeisernen Toren. Im Musée de Cluny bewunderte ich die
gewaltigen elfenbeinernen Olifanten, die mich an Rolands
schicksalhafte Hornstöße erinnerten, und überquerte dann den Pont
au Double zur Île de la Cité.
Der Platz vor der Kathedrale Notre-Dame war voller Menschen:
Sie fütterten Tauben, hantierten mit ihren Selfie-Sticks oder saßen
mit ihren Eiswaffeln am Fuß einer Reiterstatue. Beeindruckt von
ihrer Dramatik, hatte ich oft einen Abstecher zu dieser Statue
gemacht, als ich vor ein paar Jahren eine Zeit lang in Paris lebte.
Nachdem ich mich nun so eingehend mit dem Rolandslied
beschäftigt hatte, wirkte sie auf mich noch größer und lebendiger, als
machten sich die Krieger auf ihrem hohen Sockel zum Crowdsurfen
bereit.
Karl der Große, ein Bronzeriese mit Schnauzbart, reckt das Zepter
in die Luft, als wollte er die Tauben verjagen. Sein Pferd führen seine
»Leudes« (Vasallen), seine beiden tapfersten Krieger: Roland und
Olivier. Mit ihren langen Schnauzbärten und den geschnürten Hosen
sehen sie aus wie frühe Prototypen von Asterix. Roland hält in der
einen Hand eine Doppelaxt, in der anderen Durendal, sein Olifant
baumelt ähnlich wie eine viktorianische Taschenuhr an seiner Taille.
Alle drei blicken über den Fluss, in Richtung Deutschland.
Die Entstehungszeit der von den Brüdern Charles und Louis
Rochet geschaffenen Statue ist aufschlussreich. Auf der
Weltausstellung 1867 wurde sie als Gipsmodell vorgestellt und in der
Bronzeversion auf der Weltausstellung 1878 enthüllt. Sie ist ganz
das Produkt ihrer Zeit, verfolgte sie doch dasselbe Ziel, das Gaston
Paris und Léon Gaultier propagierten: Karl den Großen und Roland
als Sinnbilder einer uralten Nation zu verankern. »Mein Bruder hat
diese Statue entworfen«, erklärte Charles, »um uns diese historische
Gestalt von den Deutschen zurückzuholen, die sie vereinnahmen
wollten. Das war die Idee dahinter.«
Was das Problem mit Karl dem Großen auf den Punkt bringt. Es
ist ein wenig gewagt, ausgerechnet ihn als Symbol zu wählen, denn
jede Seite kann ihn für sich reklamieren. Er sprach Deutsch und
unterhielt Pfalzen in deutschen Städten wie Aachen, Worms und
Paderborn. Als Franke gehörte er einem germanischen Stamm (mit-
sagenumwobenen Wurzeln im alten Troja) an, der sich einige
Jahrhunderte früher im römischen Gallien niedergelassen hatte.
Unter der Merowinger-Dynastie im 5. Jahrhundert wurden die
Franken eine Nation; der fränkische Heerführer Karl Martell bremste
732 bei Tours und Poitiers den Vormarsch der Araber und
verhinderte auf diese Weise eine islamische Eroberung
Westeuropas. Karl der Große war Martells Enkel.
Aber warum macht das Karl den Großen zu einem Franzosen?
Nun, weil sich durch die Karolinger im Laufe der Zeit eine
französischsprachige Monarchie entwickelte, wobei die Oriflamme
vermutlich das Symbol für das Königtum Karls des Großen war. Weil
er über ein Territorium herrschte, das dem heutigen Frankreich
entspricht, und weil er im französischen Nationalepos unter anderem
als »der König, der das liebliche Frankreich beherrscht« betitelt wird.
Die Franken mögen Germanen gewesen sein, aber am Ende
übernahmen sie die galloromanische Sprache, aus Clovis wurde
Louis, aus Hruodland Roland und aus Karl dem Großen Charle-
magne.
Wenn es also um die nationale Identität geht, will man sich dann
wirklich geschlossen hinter einem Symbol versammeln, das so
zwiespältig ist? Diese Feinheiten sind Marine Le Pen zweifellos
entgangen. Wenn sie gegen die Deutschen wettert und ihre
Kohorten mit Anspielungen auf »la Douce France« zu beeindrucken
sucht, feiert sie gleichzeitig einen Germanenstamm unter einem
deutschsprachigen Anführer, der seit mehr als einem Jahrtausend
als der Architekt der europäischen Einheit gilt.
Der Kampf um das Erbe Karls des Großen wird seit Jahrhunderten
geführt. »Ich bin Karl der Große«, verkündete Napoleon 1809 im
Hinblick auf seine Beziehung zum Papst, und als Jacques-Louis
David sein Gemälde »Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am
Großen Sankt Bernhard« malte, schrieb er den Namen Karolus Mag-
nus auf den Felsen, auf dem sich Napoleons Pferd aufbäumt. Die
deutschen Machthaber waren ebenso versessen darauf, sich mit
Karl dem Großen in Verbindung zu bringen – von Kaiser Wilhelm I.,
der eine Kopie der Krone Karls des Großen in Auftrag gab, um zu
demonstrieren, dass er der wahre Erbe des Heiligen Römischen
Reiches sei, bis hin zu Adolf Hitler, der die Krone zurück nach
Nürnberg holte. Und ihre Expertise in Sachen nationale Identität
zeigten die Nationalsozialisten auf geradezu zynische Weise, denn
sie ließen sich auf einen sogenannten karolingischen Kompromiss
(ein Nebeneinander von Herrschaft) ein: Um die Sympathien
französischer Faschisten zu gewinnen, nannten sie ein Regiment
französischer Freiwilliger innerhalb der Wehrmacht »Division Charle-
magne«.
In Wahrheit gehört Karl keiner Nation an. Er herrschte in einem
Zeitalter der Stämme und Feudalallianzen ohne
festgelegte Grenzen, geschweige denn einen Nationalstaat. Wie so
viele Helden wurde er von denen vereinnahmt, für die er nützlich
war. Doch da er immer noch eine gemeinsame deutsch-französische
Anhängerschaft hat, bleibt er für West- und Mitteleuropa eine
Leitfigur. Mit ebenso weitreichendem Einfluss wie das Epos, das ihn
feiert.

Nachdem Karl der Große am Ende des Rolandsliedes den Tod des
Helden gerächt, mehrere tausend Sarazenen abgeschlachtet und
Saragossa erobert hat, kehrt er in die Hauptstadt seines Königreichs
zurück, nach Aix, ins heutige Aachen. Ganelon wird des Verrats für
schuldig befunden, er wird an vier Schlachtrösser gebunden, »all
seine Sehnen werden mächtig überdehnt, und alle Glieder seines
Körpers brechen entzwei«; zudem werden dreißig seiner
Gefolgsmänner gehenkt. Und die Königin der Sarazenen,
Bramimunde, wird in die berühmten Bäder der Stadt geführt und
getauft, ein Symbol für Karls spirituellen Sieg. Wobei mir einfiel: Es
war schon eine Weile her, dass ich gründlich gebadet hatte.
In einem Hangar am Flussufer, der wie das Hauptquartier eines
Schurken aus einem Low-Budget-Bond-Film aussieht, befindet sich
die Flixbus-Zentrale. Reisende zückten ihre Handys mit den Tickets
und drängten sich in einen schwankenden Doppeldeckerbus. Hinter
mir auf der Rückbank hatten es sich zwei Syrer bequem gemacht.
Auf der anderen Gangseite bellte eine italienische Geschäftsfrau in
ihr Telefon; eine liberianische Familie stritt sich mit dem Fahrer
wegen der riesigen Weidenkörbe, die sie in der Gepäckablage
verstauen wollten.
»Wie könnte ich jemals für Assad kämpfen?«, sagte einer der
Syrer über die Kopfstütze hinweg. Sein Bruder, erklärte er, kämpfe in
der Freien Syrischen Armee gegen die Streitkräfte von Präsident
Assad. »Dann müsste ich vielleicht auf meinen eigenen Bruder
schießen!«
Die britischen Waffenlieferungen, meinten beide, würden ihrem
Heimatland keinen Gefallen tun. Viele der Waffen, die an Länder wie
Saudi-Arabien und Katar verkauft würden, seien schließlich in den
Waffenlagern des Islamischen Staats aufgetaucht, sie stammten
auch aus der britischen Waffenindustrie mit etwa sechs Milliarden
Pfund Umsatz pro Jahr. »Warum lassen Sie zu, dass Ihre Regierung
so etwas macht? Warum verhindern Sie das nicht?«, fragte mich der
eine. Beschämt wandte ich mich an meinen Nebenmann, um ihn zu
begrüßen. Wegen seines blonden Haars hielt ich ihn für einen
Deutschen, aber er stellte sich als »Hassan« vor. Er war zur Hälfte
Palästinenser – und auch er wollte das eine oder andere über das
Vereinigte Königreich loswerden.
»Vielleicht«, meinte er bissig, »ist Ihnen ja die Balfour-Deklaration
ein Begriff?«
Elf Stunden und mindestens ebenso viele belgische Kanäle später
stieg ich aus dem Bus und entschuldigte mich immer noch – für die
Raketen, Bomben und Kampfflugzeuge, die die britischen
Waffenhändler an die Saudis lieferten, für das Sykes-Picot-
Abkommen, das britische Mandat für Palästina, die Suez-Krise …
Als Brite unter Menschen aus dem Nahen Osten fühlt man sich wie
ein in Sack und Asche gehender Flagellant. Eine passende Haltung
für meinen Gang über das Aachener Pflaster.
Über mir zogen Wasserspeier Grimassen und wölbten sich
gotische Bögen. Nichts lockte als Platz für ein provisorisches
Nachtlager, daher ließ ich mich an einem Brunnen neben dem Dom
nieder. Ich saß auf der kühlen steinernen Einfassung, nickte immer
wieder ein und dachte daran, dass es vermutlich die richtige
Entscheidung gewesen war, meinen Mitreisenden nicht zu verraten,
dass ich auf den Spuren eines Muslime tötenden Soldaten Christi
unterwegs war. Schließlich kann man eine direkte Linie von den
Schlachten Karls des Großen gegen die Sarazenen bis hin zur
Kolonialzeit und dem sogenannten Krieg gegen den Terror ziehen.
Diese historische Verbindung war der Kern einer der
faszinierendsten Interpretationen des europäischen Epos, die
gerade die Runde machte: The Song of Roland: The Arabic Version,
die demnächst in Deutschland aufgeführt werden sollte. Irgendwann
in den kommenden Monaten hoffte ich sie sehen zu können.
Auf dem Brunnenrand hockend, versuchte ich nun die ganzen
Schuldgefühle abzuschütteln, denn ich war zu müde, um mich mit
ihnen auseinanderzusetzen. Ich schlummerte ein und träumte von
dem weichen Bett, das ich mir versprochen hatte, sobald ich den
Rhein erreicht hätte. Als ich einige Stunden später blinzelnd die
Augen öffnete, lag eine Tüte Schokoriegel neben mir. Ich starrte eine
Weile darauf wie auf eine Erscheinung. Wer …? Warum …?
Schließlich nahm ich sie und betrachtete sie verwundert; berührt
durch diese Geste, leicht verwirrt und auch ein wenig beschämt.

Karl der Große ist nach wie vor ein starkes Symbol der europäischen
Einheit, weit genug entfernt von der Gegenwart, um uns
sympathischer zu sein als andere Eroberer aus der jüngeren
Geschichte. 1950 wurde zum ersten Mal der Karlspreis vergeben.
Seither wird er jedes Jahr in Aachen an Persönlichkeiten verliehen,
die einen bedeutenden Beitrag für ein vereintes Europa geleistet
haben (zu den Preisträgern gehören unter anderem Henry Kissinger,
Tony Blair und Papst Franziskus). Richard Nikolaus Graf
Coudenhove-Kalergi, der als Erster mit dem Karlspreis geehrt
wurde, rief in seiner Dankesrede auf zu einer »Erneuerung des
Reiches Karls des Großen als Bund freier Völker … um Europa aus
dem Schlachtfeld periodischer Weltkriege zu verwandeln in ein
friedliches und blühendes Weltreich freier Menschen!« Er verband
die Idee von einem »Charlemagne-Bund« mit dem umfassenderen
Konzept einer europäischen Vernetzung, die ein Jahr später zur
Montanunion führen sollte und den Weg für die EU ebnete. Was Karl
der Große vor allem anderen repräsentiert, ist die Macht des
Zentralstaates.
Im Rolandslied verausgabt sich das feudale Heldentum der
Paladine. Als sie bei Roncesvalles fallen, setzt sich die staatliche
Maschinerie in Gang und nimmt grausam Rache an den Sarazenen.
Statt die Kampfkraft Karls des Großen zu schwächen, hat der
Hinterhalt der Sarazenen seine Motivation verstärkt und den Motor
des Superstaats auf Touren gebracht.
Dies ist keine anachronistische Projektion moderner Ideen auf das
Mittelalter. Der Nationalstaat mag im 19. Jahrhundert seine Blütezeit
erlebt haben, doch er hat seinen Ursprung in den
Ordnungsprinzipien, die zur Zeit Karls des Großen entstanden.
Vieles, was das moderne Europa ausmacht, lässt sich bis ins
Mittelalter zurückverfolgen: unsere Universitäten und militärischen
Organisationsstrukturen, Innungen und das Bankensystem (bis hin
zu Elementen wie doppelter Buchführung und Wechsel), genauso
wie die ideologische Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa und
die Entstehung befestigter Grenzen. Ebenfalls in diese Zeit fällt die
nachklassische Umfirmierung des Begriffs »Europa«. Dieser
Terminus war dem Autor eines im 9. Jahrhundert auf Lateinisch
abgefassten epischen Gedichts über Karl den Großen offenbar
hinreichend geläufig, um den Kaiser »Europae … pharus« zu
nennen – »Leuchtturm Europas«.3
Karl der Große ist in Aachen allgegenwärtig. Er thront auf einem
Brunnen vor dem Rathaus, sein Bild ziert die Verpackung von
Printen, seine Statue mit dem langen Schnauzbart sieht man in
Cafés, an Giebeln und sogar in der Lobby eines Spa. Für viele
Aachener ist Karl der Große mehr als nur ein König, sogar mehr als
ein heiliger Römischer Kaiser – er ist ein Heiliger, dem mehrere
Wunder zugeschrieben werden. Im 12. Jahrhundert wurde ihm zu
Ehren ein lateinischer Hymnus verfasst – die Karlssequenz (Urbs
Aquensis), die auch heute noch in der Messe am Karlsfest, dem
Todes- und Gedenktag des Kaisers, gesungen wird. 1165 wurde er
von Papst Paschalis III. heiliggesprochen. Allerdings war Paschalis
ein Gegenpapst, dessen Ernennung auf eine umstrittene Papstwahl
folgte und der sich bei dem deutschen Kaiser (und Anhänger Karls
des Großen) Friedrich Barbarossa einschmeicheln wollte. Auf dem
dritten Laterankonzil 1179 wurde die Heiligsprechung annulliert. Das
einzige Zugeständnis an die Anhänger des Kaisers war ein lokaler
Karlskult, was bedeutet, seine Verehrung als Seliger ist gestattet.
»Für viele Aachener ist er ein Heiliger«, bekräftigte Stefanie, die
Führerin durch den Dom. »Sie beten zu ihm und sind überzeugt,
dass er Wunder gewirkt hat. Aber der Vatikan weigert sich, das
anzuerkennen, weil Karl so viele Sachsen töten ließ. Als ob die
anderen Heiligen alle eine weiße Weste hätten!«
In einer Stadt, wo es alte Gasthöfe mit Namen wie »Zum goldenen
Einhorn« gibt und Ritterhelme unter Fachwerkfenstern an der Wand
hängen, ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit groß. Und Karl
der Große bietet dem Besucher eine ganze Menge. Hinter dem
Adlerpult im Dom befindet sich sein Schrein: eine goldene Truhe,
verziert mit Szenen aus seinem Leben. An den Längsseiten sind
seine sechzehn Nachfolger dargestellt. Auf einer Empore steht der
Marmorthron des Kaisers: ein schmuckloser Stuhl, dessen Platten
mit Bronzeklammern zusammengehalten werden. Darunter pflegten
Sünder als Buße hindurchzukriechen. Um jedoch die Erhabenheit
des Kaisers zu spüren, ist der beste Ort die Schatzkammer.

3 Das »Karlsepos« oder »Karolus Magnus et Leo Papa« schildert


eine Begebenheit im Leben Karls des Großen: den Besuch von
Papst Leo III., der vor Attentätern in Rom geflohen war und
seinen Beschützer zum »Kaiser des Römischen Reiches«
(später Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation) krönte. Dies
war der feierliche Beginn eines europäischen Imperiums unter
deutscher Herrschaft, das 1006 Jahre bestehen sollte – bis zum
Aufstieg des selbsternannten neuen »Karls des Großen«,
Napoleon Bonaparte.
Dort wird man nicht nur von seiner aus Gold und Silber
gearbeiteten bärtigen Büste förmlich geblendet, sondern kann auch
den römischen Marmorsarkophag, in dem Karl bestattet wurde, sein
angebliches Jagdmesser und kunstvoll gestaltete Buchdeckel aus
der Aachener Hofschule besichtigen. Sie zeigen die Entwicklung
illustrierter Handschriften unter der Herrschaft des Kaisers und deren
Erbe in Form des Karolingischen Minuskels – Ursprung der
Kleinbuchstaben und Wortabstände, wie wir sie heute verwenden.
Der Kaiser ist mit gewelltem Haar dargestellt, sein Brustpanzer mit
Edelsteinen, Gemmen und Elfenbeinkameen besetzt. Gelassen
blickt er auf den Betrachter, von den Sorgen seiner Regierungszeit
künden nur einige feine Falten auf seiner Stirn.
Für so einen mächtigen Herrscher war ich eindeutig zu dreckig.
Zwei Kilometer von der Altstadt entfernt liegen die Carolus-Thermen.
Hinter einer Karlsstatue im Eingangsbereich holte ich mir einen
gelben Chip und ein Armband. Bereits zur Zeit Karls des Großen
gab es in Aachen Thermalbäder, und immer noch sind sie Balsam
für die Einwohner nach einem anstrengenden Bürotag und blenden
den Schlachtenlärm des Rolandsliedes aus. Zwischen all den braun
gebrannten, durchtrainierten und gut aussehenden Menschen muss
ich wie ein Freak gewirkt haben; zum Glück bemerkte keiner, dass
mir mein Zehennagel abfiel. Ich hob ihn mit meinem Handtuch auf
und verzog mich wieder Richtung Umkleide.

Mein Rolandslied-Abenteuer neigte sich dem Ende zu. Doch einige


Wochen später machte ich einen Zwischenstopp in Bremen. Auf
dem mittelalterlichen Marktplatz, unweit des Doms und des reich
verzierten Rathauses, ragt eine Rolandstatue fünfeinhalb Meter in
die Höhe. Sie ist eine der größten Bürgerschaftsstatuen in Europa
und von einer beeindruckenden Präsenz. Goldene Streifen zieren
Rolands Beine, golden ist der Saum seines roten Umhangs und sein
Schild mit schwarzem Doppelkopfadler, um den sich eine vergoldete
Inschrift zieht: der Prunk der sizilianischen pupi im Maßstab der
Karlsstatue von Paris.
Die meisten Standbilder werden zum Gedenken errichtet, doch
der Bremer Roland dient einem praktischeren Zweck. »Vryheit do ik
yu openbar«, steht auf dem Schild, »de karl und mennich vorst
vorwar desser stede ghegheven hat, des dankt gode is min radt.«
(Freiheit ich euch offenbar, die Karl und mancher Fürst fürwahr
dieser Stadt gegeben hat, dessen danket Gott, das ist mein Rat.) Die
1404 errichtete Statue ist ein kaiserliches Geschenk des Heiligen
Römischen Reiches. Roland steht hier als Symbol für die
Unabhängigkeit der »Freien Hansestadt Bremen« mit ihrem eigenen
Parlament und eigener Gesetzgebung, heute ein Stadtstaat
innerhalb der Bundesrepublik Deutschland.
Den ganzen Nachmittag tobte rund um die Statue das Leben. Vor
dem Rathaus spielten Hare-Krishna-Anhänger in knallig
orangefarbenen Gewändern Gitarre. Am anderen Ende des
Marktplatzes wurde ein Junggesellenabschied gefeiert: Ein Mann,
verkleidet als Riesenbaby mit Schnuller im Mund, wurde in einem
Einkaufswagen durch die Gegend kutschiert. Eine Gruppe
Demonstranten zog an der Statue vorbei und verteilte die Flugblätter
einer Kampagne für offene Grenzen, während anarchistische Lieder
aus einem Ghettoblaster dröhnten. Der ergreifendste Moment war
die Ankunft eines frisch verheirateten syrischen Paars. Er im
schwarzen Smoking und sie in einem langen cremeweißen Kleid
tanzten über den Marktplatz, während Freunde ihre geschmeidigen
Bewegungen mit den Handys filmten.
»Meine Eltern sehen uns jetzt zu«, sagte eine Frau aus der
Gruppe. »Sie sind in Syrien und sehen das. Sie sind so glücklich!«
Als der Tanz zu Ende war und die Handys diskret gesenkt wurden,
schlug die Braut ihren Schleier zurück, um eine Zigarette zu
rauchen, bevor sie sich auf ihren zehn Zentimeter hohen Absätzen
klackend entfernte. Über ihr erhob sich der riesige Roland, neu
definiert als eine Gestalt, die über religiöse Identität hinausweist: ein
weltlicher Garant bürgerlicher Rechte, unter dessen Schutz die Ehe
des syrischen Paars geschlossen worden war. Das Publikum des
Epos mochte aufgrund des dort thematisierten Konflikts zwischen
Christentum und Islam größer geworden sein, eines Konflikts, der für
Europa identitätsstiftend wirkte. Doch der Held hatte sich
weiterentwickelt, er verteidigte jetzt die bürgerliche Freiheit – ein
zweifellos ebenso typisch europäischer Wert.
Während ich den Marktplatz hinter mir ließ, dachte ich über die
zahlreichen Rollen Rolands nach: edler Ritter und schielender
Liebhaber aus den sizilianischen Marionettenopern, Inspiration für
die Kreuzritter; Symbol einer repressiven Zentralmacht für die
Basken, Fruchtbarkeitsgott für die Besucherinnen von Rocamadour,
Monarchist oder revolutionärer Patriot, der »la Douce France« gegen
die Deutschen verteidigt, und gehorsamer Gefolgsmann Karls des
Großen.
Die Verschiedenartigkeit dieser Rollen beantwortet die Frage, die
ich mir seit Dubrovnik gestellt hatte: Warum wurde dieser
aufbrausende fränkische Ritter für einen solch großen Teil des
Kontinents zum Helden? Weil Roland, mehr als irgendein anderer
europäischer Held, formbar ist; sein Charakter und seine Identität
sind so vielschichtig, dass unterschiedliche Nationen und Ideologien
ihn für sich reklamieren können. Es ist eine Ironie des Schicksals,
dass dieser Krieger, der so stolz auf seine Unbeugsamkeit war, als
kulturelle Ikone ziemlich beliebig wirkt.
Doch nicht nur Roland beherrscht den Rollenwechsel. Viele seiner
Kameraden aus Heldenepen sind ebenso wandlungsfähig. Und
genau das macht sie so gefährlich. Denn wenn sie nach Belieben
geformt werden können, wie gebietet man dann skrupellosen
Interpreten Einhalt? Schon das Balkan-Epos hatte mich diese
Lektion gelehrt, doch in den Abgründen der deutschen
Vergangenheit sollte ich eine Geschichte mit noch tödlicheren
Auswirkungen kennenlernen.
VIERTER TEIL

DER BITTERE GESCHMACK


DER GÖTTERDÄMMERUNG
DAS NIBELUNGENLIED
Die Kunde von Prinzessin Kriemhilds Schönheit verbreitet sich
entlang des Rheins. Siegfried, seines Zeichens Drachentöter
und Hüter des legendären Nibelungenhorts, möchte sie für sich
gewinnen und zieht nach Worms. Dort macht er sich bei ihrem
Bruder, König Gunther von Burgund, unentbehrlich, indem er die
Heere der Sachsen und Dänen abwehrt und mithilfe seiner
Tarnkappe die von Gunther begehrte isländische Krieger-
Königin Brunhild austrickst. Gunther ist Brunhild, die jeden
Freier zu einem sportlichen Wettkampf herausfordert, nicht
gewachsen, doch Siegfried verhilft ihm zu einem Sieg im
Weitsprung, Speerwurf und Steinwurf. Nun ist sie gezwungen,
Gunther als Gemahl zu akzeptieren.
In der Hochzeitsnacht aber verweigert sich Brunhild Gunther,
fesselt ihn mit ihrem Gürtel und hängt ihn an einen Nagel in der
Wand. Wieder sind Siegfrieds Dienste gefragt: Im dunklen
königlichen Schlafgemach tut er so, als wäre er Gunther, ringt
Brunhild nieder und beraubt sie damit ihrer übermenschlichen
Kräfte. Er nimmt auch ihren Gürtel und ihren Ring an sich und
gibt beides an Kriemhild weiter, die inzwischen seine Gemahlin
geworden ist.
Als es zwischen Brunhild und Kriemhild zu einem Streit
kommt, präsentiert Letztere in aller Öffentlichkeit diese
mächtigen Pfänder und fügt damit Brunhild und König Gunther
eine tiefe Demütigung zu. Für Hagen, den wichtigsten Ratgeber
des Königs, gibt es nur eine Lösung: Siegfried muss sterben.
Der Held ist jedoch seit seinem Bad im Blut des von ihm
getöteten Drachen unverwundbar, abgesehen von einer kleinen
Stelle auf seinem Rücken, auf die ein Lindenblatt gefallen war.
Hagen entlockt Kriemhild dieses Geheimnis, indem er vorgibt,
Siegfried schützen zu wollen, und durchbohrt ihn auf einer Jagd
mit dem Speer.
Kriemhild stürzt der Tod ihres Gemahls in tiefe Verzweiflung,
und sie sinnt auf Rache. Doch die Gelegenheit dazu bietet sich
erst viele Jahre später. Nachdem sie sich mit dem Hunnenkönig
Etzel (Attila) vermählt hat, lädt sie ihre Verwandten zu einem
Fest ein, auf dem sie einen Streit provoziert. Als dieser eskaliert
und Hagen ihren kleinen Sohn enthauptet, gibt es kein Zurück
mehr. Zehntausende Ritter finden den Tod, und Gunther und
Hagen werden gefangen genommen. Kriemhild lässt ihren
Bruder hinrichten und schlägt Hagen eigenhändig mit Siegfrieds
Schwert den Kopf ab. Das ist zu viel für einen alten Ritter
namens Hildebrand: Er erschlägt Kriemhild und bereitet auf
diese Weise dem Gemetzel ein blutiges Ende.
16
Zu Worms am Rheine wohnten die Herrn in ihrer Kraft. Von ihren
Landen diente viel stolze Ritterschaft Mit rühmlichen Ehren all ihres
Lebens Zeit, Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen
Streit.

Nibelungenlied, Erstes Abenteuer

Gibt es so etwas wie ein Über-Epos, gespickt mit mehr Heldentum


als alle anderen? Ein beinahe unsterblicher, Drachen tötender
Heißsporn. Eine wunderschöne, aber unerreichbare Prinzessin,
stärker als jeder Mann. Ein kostbarer Schatz, bewacht von Zwergen.
Ein dramatischer Verrat. Eine Reise durch eine gefährliche Ödnis.
Wasserfrauen mit der Gabe der Weissagung. Eine finale blutige
Schlacht mit Feuersbrunst, Kindsmord, ein bisschen Kannibalismus
und bombastischen Reden über Ehre …
Nur ein Epos hat all dies zu bieten, und auch wenn es nicht
unbedingt das bedeutendste ist, in Sachen Dramatik übertrifft es alle
anderen bei Weitem. Darüber hinaus wurde es auch noch wie kein
anderes auf skrupelloseste Weise missbraucht, als die
Nationalsozialisten es sich unter den Nagel rissen. Während sich
das Rolandslied von Roncesvalles aus über ganz Westeuropa
verbreitete, funktionierte es mit dem Nibelungenlied eher
andersherum: Die Geschichte wanderte von Island nach Ungarn und
wurde schließlich zur Hymne des deutschen Nationalismus.
In den kommenden Wochen wollte ich bis in die einstige
ungarische Hauptstadt Esztergom reisen, um herausfinden, wie das
geschehen konnte.
Genau wie das Rolandslied war das Nibelungenlied viele
Jahrhunderte lang verschollen. 1755 entdeckte Jacob Hermann
Obereit, ein Schweizer Wundarzt und Philosoph, die sogenannte
Donaueschinger Nibelungenhandschrift C in der Schlossbibliothek
des Reichsgrafen von Hohenems in Vorarlberg. Da er vermutete, auf
etwas von echtem Wert gestoßen zu sein, kontaktierte er den
bekannten Philologen Johann Jakob Bodmer, der schließlich einen
Teil des Epos veröffentlichte, allerdings ohne Obereits Namen zu
nennen. Die Geschichte selbst war durch andere Versionen
wohlbekannt – eine weitere Parallele zum Rolandslied –, und
trotzdem war die Wiederentdeckung des Nibelungenliedes wegen
seiner herausragenden poetischen Ausdruckskraft ein bedeutendes
Ereignis der deutschen Literaturgeschichte.
Auch die Handlung zeigt Übereinstimmungen mit Roland. Beide
Epen schildern ein unglückseliges Schicksal, in dem tapfere Ritter
gegen eine feindliche Armee kämpfen (die Nibelungen gegen die
Hunnen, die fränkischen Paladine gegen die Sarazenen), und in
beiden Fällen sind die Ritter sehr stolz auf ihre Loyalität gegenüber
dem König. Doch die Handlung des Nibelungenliedes ist komplexer,
die Charaktere sind ambivalenter. Unter ihnen – ein
aufschlussreicher Gegensatz zum französischen Epos – sind zwei
der dynamischsten weiblichen Figuren der epischen Tradition
Europas.
Während das weibliche Personal im Rolandslied auf Kriegsbeute
oder Trauernde reduziert wird (Rolands Braut Aude erachtet der
Dichter als so verzichtbar, dass sie bei der Nachricht von Rolands
Tod sofort tot umfällt), sind im Nibelungenlied die Königinnen
Kriemhild und Brunhild Protagonistinnen, die die Handlung
vorantreiben und sich von der männlich geprägten
Gesellschaftsordnung nicht mundtot machen lassen. Wiederholt
treten sie in den Vordergrund – sie streiten miteinander und mit den
Männern, und in den äußerst blutigen finalen Schlachtszenen setzt
Kriemhild jedes verfügbare Mittel gegen ihre Feinde ein, führt sogar
selbst das Schwert ihres verstorbenen Mannes, um den ihr
verhassten Hagen zu enthaupten. Doch dürfen wir das
Nibelungenlied keineswegs als ein mittelalterliches Kill Bill
missverstehen. Der Dichter macht seinen Standpunkt von Anfang an
klar. »Kriemhild war sie geheißen und ward ein schönes Weib, um
die viel Degen mußten verlieren Leben und Leib.« Dies ist eine
Geschichte für eine patriarchale Gesellschaft, in der weibliche
Kampflust so viel Schrecken und Bewunderung auslöst wie
geschuppte, feuerspeiende Drachen.
Der Stoff des Nibelungenliedes wird auch heutzutage immer
wieder neu interpretiert, und ich hoffte, einige der Künstler zu treffen,
die sich damit befasst hatten. Darum war ich eigens zu den
Nibelungen-Festspielen nach Worms am Rhein gereist, in eine der
ältesten Städte Deutschlands. Jeden Sommer bricht in Worms zwei
Wochen lang der Nibelungen-Wahnsinn aus. Schaufenster sind mit
Plakaten zugepflastert, in den Cafés liegen Broschüren aus, und in
der zweimal wöchentlich erscheinenden Gratiszeitung Nibelungen
Kurier erscheinen ausführliche Artikel. Man kann die Themen der
Dichtung in Diskussionsgruppen in den Nebenräumen von Museen
erörtern, Mitgliedern der Nibelungenlied-Gesellschaft bei Vorträgen
des Epos in Mittelhochdeutsch lauschen, wieder einmal Fritz Langs
Monumental-Stummfilm Die Nibelungen aus dem Jahr 1924 im Kino
bewundern und auf einer Auktion Kunstwerke zum Thema
ersteigern. Am aufregendsten ist es, den Figuren aus dem
Nibelungenlied im Open-Air-Theater vor dem Kaiserdom dabei
zuzusehen, wie sie Bündnisse schmieden, einander verraten und zu
den Klängen einer Wagner-Totenklage – dargeboten von einer
Walküre mit Hörnerhelm – untergehen.
»Alles hängt vom Wetter ab«, sagt Florian, Regieassistent der
Hauptinszenierung der diesjährigen Festspiele – man gibt das Stück
Glut. Siegfried von Arabien des bayerischen Autors Albert
Ostermaier. »Letzte Woche hat es so stark geregnet, dass wir die
Kulissen abbauen mussten.« Als wir an einigen Bühnenarbeitern
vorbeikommen, die einen rostroten Eisenbahnwaggon von seiner
wasserdichten Abdeckplane befreien, fügt er lächelnd hinzu: »Aber
solche Herausforderungen sind auch die lohnendsten!«
In seinem Rücken schnallt gerade eine Walküre eine Babytrage ab
und überträgt die Fürsorge für den Nachwuchs ihrem Partner. Aus
einem Wohnwagen dahinter tritt Held Siegfried in einem
altmodischen Überrock. Neben der Kantine raucht der
türkischstämmige Darsteller des Etzel eine Zigarette, und eine
Schauspielerin mit äthiopischen Wurzeln, die die nach Rache
dürstende Kriemhild spielt, läuft an uns vorbei.
»In dieser Geschichte geht es nicht nur um Deutsche«, sagt
Florian, »sondern um die ganze Welt.« Auch wenn die Quelle, wie er
einräumt, »Deutschlands bekannteste Sage« ist. »Einige Wormser
haben mich gefragt: ›Was hat denn dieses Stück mit dem
Nibelungenlied zu tun?‹ Nun, am Ende des Stücks stellt sich die
Frage: Ist Krieg wirklich die einzige Lösung? Genau wie in der
Sage.«
In der Neubearbeitung spielt die Geschichte während des Ersten
Weltkriegs im Nahen Osten. Der Titel Glut. Siegfried von Arabien
lässt an T. E. Lawrence denken und an die geopolitischen
Verschiebungen in dieser Zeit, als deutsche Doppelagenten im
Nahen Osten fast ebenso aktiv waren wie ihre britischen Kollegen.
»Der Trick ist, nicht zu zeigen, dass es schmerzt«, sagt Siegfried in
einer der ersten Szenen und spielt damit auf einen bekannten Satz
aus dem Film Lawrence von Arabien an. Auf einer Leinwand über
den Schauspielern sieht man marschierende Kampfstiefel zwischen
Stacheldraht und dem Rauch einer Schlacht. Zu Hagen – in der
ursprünglichen Sage ein Krieger und Mörder, hier dargestellt als
dröger Hauptmann – wird gesagt: »Sie können in dem Gemetzel Ihre
Nibelungentreue beweisen.« Dieser todbringende Gedanke steht im
Zentrum des Epos – die Nibelungentreue, eine Treue, die sich durch
Blutvergießen definiert. Er fand solchen Anklang, dass die
deutschen Reichskanzler den Begriff in den Jahren vor dem Ersten
Weltkrieg zum Prinzip für die enge Verbindung zwischen
Deutschland und seinem Verbündeten Österreich-Ungarn erhoben,
was dann die fatale Mobilmachung zum Weltkrieg beschleunigte.
Selbst heute noch, ein Jahrhundert später, gehört dieser Terminus in
Deutschland zum politischen Diskurs. Ein Beispiel: Als 2003 der
Irakkrieg begann, charakterisierte die Zeit das Verhältnis zwischen
dem Vereinigten Königreich und den USA mit dem Ausdruck
»Nibelungentreue«.

Ostermaier verlegt das Nibelungenlied von Worms in den Nahen


Osten. Doch ich war hier, um den Ort zu ergründen, an dem die
Geschichte ihren Ausgang genommen hatte. Der Name »Worms« ist
für jemanden aus dem englischsprachigen Raum ein irreführender
Name, beschwört er doch eher das Bild von glitschigen
Regenwürmern herauf als das der beeindruckenden Stadt aus dem
Nibelungenlied. Gegründet als keltische Siedlung, wurde sie später
ein römischer Militärstützpunkt und entwickelte sich zu einer der
Lieblingspfalzen Karls des Großen. Sieben Jahrhunderte später
tauchte sie in den Geschichtsbüchern als Schauplatz von Martin
Luthers Anhörung vor dem Reichstag auf. »Hier stehe ich, ich kann
nicht anders«, soll er gesagt haben, hier, auf der Ostseite des
Rheins.
»Kein Ort auf der Welt war früher so bedeutend – und ist nun
so unbedeutend!«, sagte der Wormser Künstler Eichfelder. Aber die
stark mythologisierte Ära der Burgunder hat Worms einen Platz im
nationalen Gedächtnis gesichert: ein Fragment aus der Zeit der
Völkerwanderung. Aus Skandinavien und Osteuropa kommend
besiedelten die Burgunder die Rheingegend, die damalige Grenze
zwischen dem Römischen Reich und dem Gebiet der »Barbaren«.
Wer zu Beginn von König Gunthers Regierungszeit geboren wurde
(ungefähr um 413 n. Chr.), war bei seinem Tod erst Mitte zwanzig
und hatte nur die Wahl, sich entweder von den hunnischen
Hilfstruppen Westroms niedermetzeln zu lassen oder sich dem
Flüchtlingszug auf die andere Rheinseite anzuschließen. Die
Überlebenden behielten ihren Stammesnamen bei, zusammen mit
einem Faible für Weinbau, und ließen sich im Gebiet des heutigen
Savoyen nieder, von wo aus sie expandierten. Von ihrem großen
Reich legt heute noch der Name der Region »Bourgogne« Zeugnis
ab.
Das Nibelungenlied verknüpft mehrere unabhängige historische
Ereignisse miteinander, die durch jahrhundertelange mündliche
Überlieferung und die Vorliebe des mittelalterlichen Dichters für
dynamische Kampfszenen zu einer Einheit verschmolzen sind. Das
moderne Worms bemüht sich redlich, König Gunthers Hauptstadt
aus dem sogenannten finsteren Mittelalter heraufzubeschwören,
aber nur wenige Gebäude haben die Bombardierung im Zweiten
Weltkrieg heil überstanden, und so erlaubt hauptsächlich der Dom
einen Einblick in die Zeit des Epos. Nicht nur, dass er in der Sage
eine wichtige Rolle spielt, seine Grundmauern stammen tatsächlich
aus der Entstehungszeit des Nibelungenliedes, aus dem 12.
Jahrhundert.
In seinem Innern lauern zwischen Kreuzrippengewölben und
Stützpfeilern urtümliche Wesen: ein Greif, ein Steinmetz mit einem
Affen auf der Schulter, ein Löwe mit weit aufgerissenen Augen, der
sich anschickt, einen Mann zu verschlingen. Auf dem Platz vor der
Westseite des Doms befindet sich ein meterhoher Felsbrocken, der
als »Siegfriedstein« bezeichnet wird (der Sage nach soll Siegfried
ihn mithilfe einer Lanze dorthin geschleudert haben); wahrscheinlich
ist es ein Kelterstein aus dem 17. Jahrhundert. Am seltsamsten
mutet der Tetramorph über dem Südportal an, ein seltsames Wesen
mit vier verschiedenen Köpfen, einer davon menschlich, einer
gehörnt, der dritte mit Schnabel und der vierte mit einem
Löwenmaul. Auf seinem Rücken thront eine gedrungene Frau mit
Krone. Es handelt sich um die »ecclesia triumphans« – die Kirche
»reitet« auf den Evangelien, dargestellt durch ein Phantasiewesen,
das die Symbole der vier Evangelisten in sich vereinigt.
Diese in den Stein gehauenen Figuren finden ihr Pendant in den
vielen wilden und seltsamen Wesen im Nibelungenlied: von Schätze
hütenden Zwergen und weissagenden Wasserfrauen bis hin zu dem
Bären, den Siegfried auf einer Jagd erlegt. Doch keine der Fantasy-
Episoden des Epos ist so berühmt wie die Szene, in der er den
Drachen erschlägt, was ihm Fast-Unverwundbarkeit beschert.
Unterhalb des Domhügels trifft man vor der Stadtbibliothek auf
einen barfüßigen Siegfried mit nacktem Oberkörper und Umhang.
Der imposante Eindruck seines muskelbepackten Körpers wird
allerdings von seiner Prinz-Eisenherz-Frisur mit Föhnwelle etwas
beeinträchtigt. Im Jahr 1904, dem Entstehungsjahr der Statue, galt
dies offenbar als stilechte Haartracht eines Helden. Die Darstellung
wird Siegfried nicht gerecht – er wirkt viel zu statisch, ist weit entfernt
von dem energiegeladenen, charismatischen Athleten, der uns in
den Anfangskapiteln des Epos begegnet: Dies hier ist ein dümmlich
grinsender He-Man.
Der Held hat einen Fuß auf seinen besiegten Feind gesetzt: ein
schuppiges, schlangengleiches Wesen, ein Lindwurm, von dem sich
der Name Worms ableitet. Die Stadt hat sich so begeistert auf ihre
mythische Identität gestürzt, dass man überall auf Drachen stößt –
sie scheinen einem vom Sockel des bronzenen »Schicksalsrads«
entgegenfliegen zu wollen, lauern giftgrün in der Auslage eines
Strickwarengeschäfts, zieren mit ausgebreiteten Schwingen das
Emblem einer Öko-Brauerei, stehen in Zeitungspapier gewickelt vor
dem Büro einer Lokalzeitung, halten die Schlüssel der Stadt in ihren
Klauen und starren finster auf die Wasserspeier des Doms. Drachen
sind in Worms so allgegenwärtig, dass ich jede Ehrfurcht vor ihnen
verlor. Irgendwann lehnte ich mich einfach an sie oder benutzte sie
als Picknicktisch. Besonders nützlich waren sie als Unterlage, wenn
ich etwas für mein Tagebuch notieren wollte.

Ich hatte über Airbnb eine Unterkunft gebucht, aber da ich bereits
einen Tag früher als geplant in Worms eintraf, begab ich mich an
meinem ersten Abend in eine bis spät in die Nacht geöffnete
Sportbar mit Namen Zum Siegfriedbrunnen (der Nibelungen-Fan hat
reiche Auswahl – es gibt auch ein Hotel-Restaurant Kriemhilde hinter
dem Dom und die Kneipe Zum Hagen). Ein betrunkener bulgarischer
Maurer hielt sich schwankend am Glücksspielautomaten fest, und
ein pensionierter Polizist namens Moritz saß an der Bar vor einem
Bitburger. An der Wand hinter ihnen war ein riesiges Spiegelmosaik
mit Siegfried zu sehen, der stolz vor dem getöteten Drachen posiert.
Moritz und ich tranken ein paar Bier zusammen, und wie bei
Kneipengesprächen unter Fremden üblich, sprangen wir von einem
Thema zum nächsten, angefangen von seinen Erinnerungen an das
Hamburg der Beatles-Ära bis hin zu den seiner Meinung nach
aktuellen Problemen hier in Worms.
»Diese Stadt«, ereiferte er sich, »hat eine Menge Probleme! Die
Kriminalitätsrate ist viel zu hoch – und weißt du auch, warum?
Wegen der Türken! Die haben einfach keinen Respekt, das ist es.
Wir haben hier in Deutschland eine Demokratie, eine offene
Gesellschaft, wir können die ganzen Migranten nicht einfach
rausschmeißen. Aber sie kommen von überall her, aus Rumänien,
Syrien, Afrika … was weiß ich!« Er fuchtelte mit der Hand in der Luft
herum. »Die Guten bleiben zu Hause in ihrem Land, aber die
Schlechten kommen hierher und werden kriminell!«
Mit dieser Meinung war Moritz nicht allein. In Deutschland standen
die Bundestagswahlen an, und in den letzten Wochen des
Wahlkampfs ging die rechts gerichtete Alternative für Deutschland,
Morgenluft witternd, in die Offensive. Zornige Männer mittleren Alters
waren in Scharen unterwegs: Einige Tage später sah ich sie beim
Verteilen von Wahlkampfbroschüren vor einem blau lackierten
Lieferwagen. Für Kinder gab es Süßigkeiten. Die bunten Bonbons
zogen mich magisch an, doch ich bekam nur eine üble Tirade zu
hören.
»Diese Einwanderer haben im Schnitt vier oder fünf Kinder, und
wir nur eines, da werden sie in zwei Generationen genauso viele
sein wie wir. Das wird ein Riesenproblem«, sagte ein Mann mit
schütterem Haar und Baumwollhemd. »Und diese Afrikaner haben
doch gar keine richtige Ausbildung, was sollen wir denn hier mit
ihnen? Für unsere Jobs fehlt ihnen die Qualifikation. Wir arbeiten für
die mit, damit sie hier im Land bleiben können!«
Konservatives Denken pur: Man pflegt die Erinnerung an eine
goldene Vergangenheit, hält verzweifelt am vermeintlich
Altbewährten fest. Als ich ihm erzählte, dass ich wegen der
Nibelungen-Festspiele hier sei, sagte er, er sei dieses Jahr nicht dort
gewesen: »Die verdrehen alles so. Die biedern sich total bei den
Linken an. Also, wenn sie die Originalgeschichte spielen würden,
das würde ich mir angucken, sofort! Aber dieses Jahr muss es ja
unbedingt in der Wüste spielen. In Arabien! Muss das denn sein? Ist
die Geschichte denn nicht auch so interessant genug?«

In den nächsten Wochen sollten mir noch viele ähnliche Äußerungen


begegnen. Man erzählte mir, dass in Deutschland keine Zucht und
Ordnung mehr herrsche, dass die Fremden das System ausnutzten
und dass Flüchtlinge Diebe und Vergewaltiger seien. Doch ich hörte
auch das Gegenteil, von Aktivisten, die offene Grenzen forderten
oder Geld für Suppenküchen für Geflüchtete sammelten, und von
Geflüchteten selbst – von Leuten wie Okba und Mahmud, die ich bei
einer Schüssel Hummus im neu eröffneten Damaskus Restaurant
traf.
»Die AfDler sind Nazis«, sagte Okba.
»Aber sie sind hier nicht besonders populär«, fügte Mahmud
hinzu. »Sie haben vor allem Anhänger in Ostdeutschland und im
Süden. Nicht hier.«
Okba und Mahmud stammten beide aus Syrien und hatten
Schleppern in der Türkei 1500 Euro gezahlt.
»Assad hat mein Dorf zerstört«, sagte Okba. »Die Schlepper
haben uns zu Fuß hierhergebracht – das hat anderthalb Monate
gedauert. Geschlafen haben wir am Straßenrand oder im Wald.
Haben uns versteckt, vor wilden Tieren und Banditen. In
Deutschland dachte ich: ›Jetzt beginnt ein neues Leben.‹ Ich lerne
Deutsch und bin schon auf Niveaustufe B2. Ich möchte endlich einen
Job finden, arbeiten.«

Ich hatte ein Zimmer in der Nähe des Doms bei einem jungen Paar
gebucht, das bis spät in die Nacht Horrorfilme schaute. Gelegentlich
wurde ich von einem markerschütternden Schrei oder
Schlitzgeräuschen geweckt. Aber da ich in den letzten Tagen das
Nibelungenlied gelesen hatte, konnte mich in der modernen Welt
nichts mehr schrecken. Außerdem genoss ich nach mehreren
Nächten im Freien Annehmlichkeiten wie frische Bettwäsche,
Kühlschrank und Wasserkocher. Dank einwandfrei funktionierendem
WLAN konnte ich sogar mit meiner Familie skypen.
Als ich in dieser Nacht im Bett lag, dachte ich über die Strapazen
nach, die Okba und Mahmud hinter sich hatten: die stundenlangen
Fußmärsche, die Aggressivität der Grenzbeamten, die Angst vor
Wildschweinen. Waren das nicht genau die Zutaten für eine
Geschichte epischen Ausmaßes? Sicher, Siegfried ist ein Prinz auf
der Jagd nach Ruhm, nahezu unverwundbar. Aber der Wert solcher
Stücke wie Glut und anderer Adaptionen epischer Literatur liegt
darin, Verbindungen zwischen Zeiten und Kulturen zu knüpfen.
Und hier ist noch eine weitere auffällige Parallele: Siegfried folgt
dem Muster des chevalier errant, wie der Literaturwissenschaftler
Edward Haymes schreibt: »Das Bild des wandernden Ritters aus
den Romanen war für Herrschende eher bedrohlich … Vom
Gesichtspunkt der traditionellen Werte aus gesehen bedeutet Sîvrit
(Siegfried) das Chaos.«
Anarchie und Unordnung sind der Schrecken aller Konservativen.
Das gilt sowohl für die Rechten im heutigen Deutschland als auch für
den königlichen Ratgeber Hagen, der um die Stabilität des
burgundischen Reiches fürchtet. Siegfried verkörpert etwas Neues,
einen anpassungsfähigen Glücksritter, der die überkommenen
Strukturen der feudalen Gesellschaft herausfordert. Aber obwohl sie
sich dieses gefährlichen Recken entledigen, sind die Burgunder
nicht fähig, ihre verlorene Ordnung wiederherzustellen. Man kann
nicht in die goldene Vergangenheit zurückkehren. Dies ist die
grundlegende Lektion des Nibelungenliedes: Beim Versuch, das
Chaos an der Wurzel zu packen, löst die burgundische Elite eine
verhängnisvolle Kettenreaktion aus, die zu dem größten Gemetzel
führt, das je in einem europäischen Epos beschrieben wurde.
17
Du hast geschändet selber deinen schönen Leib: Mocht’ eines
Mannes Kebse je werden Königes Weib?

Kriemhild, Nibelungenlied, Vierzehntes Abenteuer

»Wir hatten Glück«, sagte die alte Frau, »dass es so viele Weinkeller
gab. Darin konnte man Schutz suchen.«
Ein paar Straßen von meiner Unterkunft entfernt lag die
Mähgasse, in der ein Haus mit Szenen aus dem Nibelungenlied
bemalt war, leuchtend bunt und glänzend wie Seide. Ein grüner
Drache glitt über die Baumkronen des Odenwalds hinweg, den
Schwanz um das Wormser Wappen geringelt. Um die Ecke waren
Verse aus dem Nibelungenlied in Goldbuchstaben über einer
Haustür zu lesen, die an Prinz Giselhers Nibelungentreue in der
letzten Schlacht des Epos erinnerten (»… verriet ich meine Treue an
einem Freunde doch nie.«).
Ein ähnliches Traditionsbewusstsein spiegelte sich in der
Inneneinrichtung einer Kneipe des Viertels. Spitzengardinen an den
Fenstern, Bilder des alten Worms zwischen Bierkrügen und
Ziertellern. Eine Wolke aus Zigarettenqualm waberte über den
Köpfen von Senioren, die ihre Trümpfe unter Fotografien von
kriegszerstörten Gebäuden auf den Tisch knallten.
»Na ja«, sagte ein Mann mit Hornbrille, »das hat dem Spuk ein
Ende bereitet, das war die Hauptsache.«
»Ich erinnere mich daran, wie wir in den Ruinen gespielt haben.«
Ein weiterer Kartenspieler blinzelte mit tränenden Augen und zog an
seinem Zigarillo. »Als Kind findet man das spannend. Erst später
wird einem bewusst, wie gefährlich das war.«
Worms war eine der dreiundzwanzig rheinischen Städte, die
schweren Luftangriffen der Alliierten ausgesetzt waren. Am 21.
Februar 1945 flogen britische Bomber von East Anglia aus nach
Worms und warfen 900 Tonnen Sprengstoff über der Stadt ab. Zwei
Drittel der Gebäude wurden zerstört, das mittelalterliche
Stadtzentrum brannte nieder. Einen Monat später, am 18. und am
20. März, ließen amerikanische Bomber weitere 1100 Brandbomben
auf die Stadt niederregnen. In seinem Buch über die Luftangriffe,
Der Brand, zitiert der Publizist und Historiker Jörg Friedrich aus dem
Nibelungenlied und verknüpft diese apokalyptischen Ereignisse mit
dem »An-sich-selbst-zugrunde-Gehen« im Nationalepos. Für
Friedrich war der Einfluss des Epos auf Deutschland während des
Krieges eindeutig, ein Wille zum Tod befeuerte das Schlachten. So
schreibt er:

Vier Wochen zuvor hätten die Verteidiger sich hinter dem


Rhein verschanzen, ebenso perfekt verlieren und Worms
erhalten können. Dies entspricht allerdings nicht den
Erfordernissen der Nibelungenschlacht, wie sie im Epos
steht. In den Untergang nehmen die Burgunder ihre Welt
mit, es gibt kein Nachher.

Bei einem Spaziergang durch Worms sind die Spuren der


Zerstörung in der Diskrepanz zwischen Vorkriegsbauten und der
vorwiegend modernen Innenstadt sowie in dem weiten leeren Platz
vor dem Dom noch immer sichtbar. Ein Sandsteinrelief von
Siegfrieds Einzug in Worms und eine Plastik des Ritters und
Spielmanns Volker von Alzey schmücken die Stadtbibliothek, die an
der Stelle des »Cornelianum« genannten Gebäudekomplexes mit
seinem Nibelungensaal erbaut wurde. Im ehemaligen Zentrum der
Bombardierung steht der Siegfriedbrunnen – bemerkenswerterweise
wurde er kaum beschädigt und erwies sich somit als weniger
verwundbar als sein Namensgeber. Ein verstörendes Foto im
Landesarchiv zeigt die Siegfried-Skulptur aufrecht zwischen
zerklüfteten Ruinen und Trümmerhaufen: ein unbesiegbarer Krieger
inmitten der Verwüstung.
Ein weiterer Überlebender des Krieges befindet sich am
Stadtrand, auf dem Ostufer des Rheins: eine 1903 entstandene
Galvanoplastik aus Bronze, die Hagen von Tronje darstellt (der
Nachname weist in mittelalterlicher Manier auf die Abstammung hin,
hier ist Troja gemeint). Er ist der Prototyp des harten mittelalterlichen
Kriegers. Über dem Rhein thronend, hebt er den Nibelungenhort auf
seinem Schild in die Höhe, bereit, den Schatz im Rhein zu
versenken. Damit will er verhindern, dass Kriemhild den Reichtum
des Mannes, den er erschlagen hat, zum Kauf von Waffen benutzt.
Als rücksichtsloser Pragmatiker bringt er auf tyrannische Weise den
Rest des Hofes dazu, seinem Vorgehen zu folgen, und macht somit
alle zu Komplizen an Siegfrieds Ermordung. Doch Hagen ist mehr
als ein skrupelloser Verschwörer, auf ihn geht die Vorstellung von
der Nibelungentreue zurück, die so viele deutsche und
österreichische Politiker im Munde führten. Auf den ersten Blick
weniger heldenhaft als Siegfried und Roland, erweist er sich doch
auf lange Sicht als ebenso heroisch: Das Epos nennt ihn »den
allerkühnsten Recken, der je Gewaffen trug«.
Neben einem vor Anker liegenden Ausflugsboot saß ein Kormoran
auf dem Kai. Eine Brise kam auf, er spreizte die Flügel und schwang
sich in die Luft, den langen schwarzen Hals nach vorne, die Beine
nach hinten gestreckt. Einem Speer gleich flog er flussabwärts, in
Richtung der Nibelungenbrücke mit dem Nibelungenturm. Ich beugte
mich über das Geländer und blickte in das graue, träge
dahinfließende Wasser. Ein Lastkahn transportierte eine Ladung
Holz stromaufwärts, ein Mitglied der Mannschaft ließ die Füße über
die Bordwand baumeln. Diese Szene hätte sich auf jedem Fluss in
Europa abspielen können doch zufälligerweise handelte es sich um
den berühmtesten, am stärksten mythisch verklärten Fluss des
Kontinents.
Der Rhein entspringt in den Alpen und mündet in die Nordsee,
markiert eine Grenze, die zu den bedeutendsten Trennlinien
Europas gehört – von der Zeit des Römischen Reichs, als er das
Imperium von den Barbaren abgrenzte, bis hin zum Zweiten
Weltkrieg, in dem der Kampf um einen Rheinübergang für die
Alliierten größte strategische Bedeutung hatte.
Ich spähte in das trübe Wasser und stellte mir den legendären
Hort vor, nach dem Schatzsucher immer noch fahnden. Der
Wormser Künstler Eichfelder meinte: »Die erste Frage eines
Besuchers ist immer: ›Wo kann man den Nibelungenschatz
besichtigen?‹« Dieser Schatz wird im Epos so verzückt beschrieben,
dass einem quasi das Wasser im Mund zusammenläuft – mit seinen
Goldklumpen, kostbaren Juwelen und einem »golden Rütelein«, von
dem es heißt: »Wer es hätt’ erkundet, der möchte Meister sein auf
der weiten Erde wohl über jeden Mann.« Er gehört zu den großen
geheimnisumwobenen Schätzen der Welt, vergleichbar dem
Templerschatz oder dem Gold von Eldorado.

»Ich träumte, ich zöge mir einen Falken«, erzählt Kriemhild, »einen
starken, schönen, wilden, den mir zwei Adler erkrallten. Es könnte
mir nie ein größeres Leid geschehen, als das mitanzusehen.«
Die Tragödie des Epos – und vor allem Siegfrieds Ermordung
durch Hagen – kündigt sich bereits am Anfang der Geschichte an,
als Kriemhild ihren makabren Traum schildert. Mit ebendiesem
Traumerlebnis beginnt auch Irene Diwiaks Drama Die Isländerin, das
auf dem Nibelungenlied beruht und im LincolnTheater am Obermarkt
aufgeführt wurde.
Ich hatte gehört, dass sich dieses Stück auf die Frauen des Epos
konzentrierte, und da ich mich nun schon so lange mit Macho-
Kriegern beschäftigte, freute ich mich auf einen
Perspektivenwechsel. Mit zwei dynamischen Frauen im Vordergrund
stellt das Nibelungenlied bedeutende Fragen zum Verhältnis der
Geschlechter, die auch heute noch Bedeutung haben. Also sah ich
mir das Stück an und sprach mit der Autorin über ihre Deutung eines
wichtigen Abschnitts des Epos – den »Streit der Königinnen«.
Kriemhild und Brunhild sind schon seit einigen Jahren mit ihren
Gatten Siegfried und Gunther verheiratet, als sie auf der Treppe vor
dem Dom zusammentreffen. Kriemhild, verärgert von Brunhilds
Ansicht, Siegfried sei ein Leibeigener Gunthers, schickt sich an, die
Kirche vor ihrer Schwägerin zu betreten. Brunhild wird zornig: »Es
soll vor Königsweibe die Eigenholde nicht gehn.« Kriemhild reagiert
trotzig und entscheidet die Diskussion für sich, indem sie
herausfordernd den Gürtel und den Ring präsentiert, die Siegfried
Brunhild im königlichen Ehebett abnahm. »Deinen schönen Leib hat
Siegfried erst geminnet, mein geliebter Mann«, brüstet sie sich.
»Wohl war es nicht mein Bruder, der dein Magdtum gewann.« Die
Demütigung ist absolut – nicht nur für Brunhild, sondern auch für den
König. »Sollen wir Gäuche [Kuckuckskinder] ziehen?«, sagt Hagen.
»Daß er sich rühmen durfte der lieben Frauen mein, ich will des
Todes sterben oder es muß gerochen sein.«
Ich hatte diese dramatische Begebenheit schon auf etlichen
Gemälden gesehen. Nun, im LincolnTheater, war ich quasi live
dabei.
»Wer soll einen König ernst nehmen, der eine Isländerin
ehelicht?«, fragt Ute, die Matriarchin in schwarzem Federmantel, mit
rauer Stimme. »Man wird denken, er hat sie im Katalog bestellt. Man
wird denken, er hat hier keine haben können!« Kriemhild, deren
blonde Zöpfe bis über die Schultern reichen, freut sich auf Brunhilds
Ankunft. »Sie wird neuen Wind in unseren Mief bringen.« Diese
Diskussion spiegelt die Debatten um die Einwanderung wider, die
auch in Worms auf der Straße geführt werden. Die Isländer, beharrt
Ute, sind zu anders. »Die haben doch ganz andere Götter als wir«,
und »eine Frau ist nicht viel wert … Die Politiker sind korrupt, die
Versorgungslage schlecht.« Dies ist nicht das Island des
mittelalterlichen Dichters – ein Land ständiger Prüfungen für die
ritterlichen Tugenden –, sondern ein fiktives Dystopia, an dem der
Widerstand einer alten Generation gegen Veränderungen sichtbar
gemacht wird.
Mit Brunhilds Ankunft treten andere Spannungen auf. Sitcom-
Elemente – zum High five erhobene Hände verfehlen sich, die
beiden Prinzessinnen machen mit dem Smartphone ein
gemeinsames Selfie – zögern das unvermeidliche Zerwürfnis nur
hinaus. »Weißt du auch, was das bedeutet, gefickt werden?«, fragt
Kriemhild, die von moderner Direktheit direkt auf mittelalterliches
Pathos umschaltet. »Deine Ehre ist mein Souvenir!«, erklärt sie und
präsentiert den gestohlenen Gürtel der Rivalin. Nur indem sie die
Charaktere von den narrativen Zwängen des Epos befreite, war die
Autorin fähig, ein auf weiblicher Solidarität aufbauendes Finale zu
schaffen. Kriemhild, schwanger mit einem Mädchen, erklärt: »Aber
Burgund ist kein Ort für Mädchen«, und beschließt, Brunhild nach
Island zu folgen, wo Männer »vor Jahren ausgestorben« sind.
Das Stück faszinierte mich. Es war das radikalste Beispiel dafür,
wie man episches Erzählmaterial in eine moderne Form gießen
kann. Ich hatte Irene Diwiak zuvor per E-Mail kontaktiert, und
nachdem an diesem Abend der Applaus verklungen war, setzten wir
uns in der Theaterbar zusammen.
»Als wir das Nibelungenlied in der Schule durchgenommen haben,
fand ich es langweilig«, gestand Irene und nippte an ihrem Sekt,
»aber als ich mit fünfzehn in einem Theaterstück die Kriemhild
spielte, habe ich angefangen, mich für sie zu interessieren. Sie
wurde als eine Art Prinzessin Diana inszeniert.«
Man konnte sich Irene gut als Kriemhild vorstellen. Mit wachen
Augen musterte sie mich über ihr Glas hinweg, das Gesicht umrahmt
von dichtem, langem Blondhaar. Ihr ruhiger Blick verriet
Willensstärke, das Blümchenkleid war nur Tarnung. Obwohl erst
Mitte zwanzig, hat sie bereits einen Roman veröffentlicht, mehrere
Stücke geschrieben und eine Reihe von Preisen eingeheimst. Zur
Isländerin wurde sie von aktuellen Ereignissen und Nachrichten
inspiriert, vom »Höhepunkt der Flüchtlingskrise« und den politischen
Turbulenzen in Österreich. »Aber ich habe dabei auch viel über
osteuropäische Frauen nachgedacht, die in den Westen kommen,
um sich reiche Männer zu angeln. Alle bezeichnen sie als Huren,
fällen rasch ein Urteil über sie, aber nicht über die Männer, die diese
Frauen heiraten.«
Von allen Frauengestalten in europäischen Epen macht Kriemhild
die auffälligste Charakterentwicklung durch. Am Anfang des Epos ist
sie König Gunthers gehorsame Schwester, die verspricht: »Ihr sollt
mir gebieten mit herrlichen Sitten: Was euch gefallen möge, dazu bin
ich bereit; und tu’s mit gutem Willen.« Am Ende der Geschichte ist
sie ein »Teufelsweib«, eine Frau, die ihre Brüder töten lässt und
ihrem Feind Hagen Gunthers Kopf präsentiert, um ihn zu verhöhnen.
Genauso wichtig – obwohl von den Kritikern weniger hervorgehoben
– ist ihre innere Entwicklung. So wandelt sie sich von einer
unschuldigen jungen Frau, die völlig naiv das Geheimnis um
Siegfrieds Sterblichkeit preisgibt, zu einer meisterhaften
Ränkeschmiedin, die geduldig dreizehn Jahre auf eine Gelegenheit
für ihre grausame Rache wartet und schließlich ihren Gemahl Etzel
nach dem Liebesakt überredet, ihre Verwandten zu einem
mörderischen Fest einzuladen. Sie manipuliert die Männer, die ihren
Zwecken dienlich erscheinen, indem sie an ihren Eid und ihren
Ehrgeiz appelliert. In Sachen politisches Geschick eine enorme
Kompetenzverbesserung.
»Ich lasse absichtlich keine der männlichen Figuren auftreten«,
sagte Irene. »Ich wollte zeigen, dass die Macht nicht immer dort
liegt, wo wir sie vermuten. In Österreich haben wir einen Spruch:
›Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate!‹
Das wollte ich näher beleuchten. Ich wollte zeigen, dass auch solche
Dinge mit Politik zu tun haben.«
Nach Siegfrieds Tod kommt Brunhild nur noch am Rande vor.
Kriemhild jedoch hat weiterhin eine tragende Rolle. Für die Handlung
ist sie so wesentlich, dass die erste gedruckte Nibelungen-Ausgabe
im Jahr 1756 den Titel Chriemhilden Rache trug. Indem sie die
Schwächen der Ritter ihrer Entourage geschickt ausnutzt, provoziert
Kriemhild gleich einer durchgedrehten Puppenspielerin ein Blutbad
nach dem anderen und wird allen Männern zum Verhängnis. Die
Entwicklung ihres Charakters zeigt die unbequeme Wahrheit, die vor
allem in einem Land wie Deutschland mit seiner komplizierten
Geschichte nachhallt: In bestimmten Situationen kann selbst ein
Unschuldslamm zu einem Ungeheuer mutieren.
18
Da kühlten an den Feinden die Gäste wohl den Mut. Kein Friede war
zu hoffen, drum sah man fließen das Blut …

Nibelungenlied, Sechsunddreißigstes Abenteuer

Aus Stein gehauen oder gemalt, aus Bronze oder Eisen, an


Kirchenmauern, an mittelalterlichen Häusern und in den Gemächern
von Schlössern – auf dem Weg von Worms nach Esztergom
begegnet man allerorten den Rittern aus der Nibelungensaga, den
edlen Frauen, ab und an einem Drachen, einem Zwerg oder einer
Wasserfrau. Brustharnische mit Schnallen, Helme mit Hörnern oder
Flügeln, geflochtene Zöpfe auf dem Faltenwurf prächtiger Kleider.
Dies ist ihr ureigenstes Terrain, der Nibelungenweg, auf dem
Kriemhild und später die burgundischen Ritter zum Hof des
Hunnenkönigs Etzel reisten.
Ich folgte dem Rhein flussaufwärts, fuhr mit dem Zug Richtung
Süden nach Heidelberg und Bad Schönborn und machte mich eines
Nachmittags zu Fuß auf die Suche nach dem berüchtigtsten Tatort
der deutschen Literatur. Wespen tanzten um plattgetretene
Brombeeren, angelockt von ihrem Saft: unzählige Insekten summten
in den Lindenbäumen und labten sich an der Blütenfülle; das
wogende Eichenlaub umgab mich wie ein in grünliches
Unterwasserlicht getauchter Tunnel.
Am Fuß des bewaldeten Berghangs wusch ich mir die Füße (Mist,
noch mehr Blasen!) und rollte meinen Schlafsack im trockenen Gras
aus. Libellen in der Größe von Spielzeughubschraubern schwebten
über den drei kleinen ummauerten Wasserrinnen, die sich pfeilförmig
zu einer vereinten. Die Quelle entsprang unter einem kleinen
steinernen Bogen, und eine Inschrift berichtete von Siegfrieds Tod
an dieser Stelle: »Wenn ihr den Brunnen suchet, wo Siegfried man
erschlagen, sollt ihr die rechte Kunde mich auch noch hören sagen.
Dort vor dem Odenwalde ein Dorf liegt Odenhaim. Dort fließet noch
der Brunnen. Darüber kann kein Zweifel sein.«
Das älteste bekannte Manuskript des Nibelungenliedes – die
Kopie aus dem 13. Jahrhundert, die Dr. Obereit in der
österreichischen Bibliothek entdeckte – nennt Odenheim als
Schauplatz des Mordes, doch die Geschichte ist so prestigeträchtig,
dass auch einige andere Orte Ansprüche geltend machen.
Wie markiert man den Schauplatz eines mythologischen Mordes?
Odenheim verweist auf dieses Ereignis mit einem Flachrelief, das
1932 von dem jüdischen Ingenieur Sigmund Odenheimer gestiftet
wurde. Es zeigt Hagen, der hinterrücks mit dem Speer auf das Kreuz
in Siegfrieds Mantel zielt (eingestickt von Kriemhild in der Annahme,
Hagen wolle Siegfried beschützen). Nichtsahnend beugt sich der
Held über die Quelle und hält sein Trinkhorn unter den Wasserlauf –
dargestellt in dem Augenblick, bevor er an seiner verwundbaren
Stelle getroffen wird. »Als der edle Siegfried aus dem Brunnen
trank«, so erzählt der Dichter, »er [Hagen] schoß ihn durch das
Kreuze, daß aus der Wunde sprang das Blut von seinem Herzen an
Hagens Gewand. Kein Held begeht wohl wieder solche Untat nach
der Hand.«
In dem Epos ist dies der Augenblick mit dem größten
Symbolgehalt – und zwar einem kulturell so bedeutenden, dass
Sigmund Freud daran seine Analysemethode erklärte. Wenn ihm der
Bericht eines Traums schwer verständlich erschien, bat er den
Patienten, die Geschichte zu wiederholen, und suchte dabei nach
den »schwachen Stellen der Traumverkleidung«: »… die dienen mir
wie Hagen das gestickte Zeichen an Siegfrieds Gewand.« Doch in
Siegfrieds Tod lässt sich viel hineininterpretieren, er wurde auch für
ganz andere, politische Zwecke benutzt.
»Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmigen
Hagen«, verkündete Generalfeldmarschall Hindenburg 1919, »so
stürzte unsere ermattete Front.« Das ist die sogenannte
Dolchstoßlegende, von den beiden höchsten Offizieren des Ersten
Weltkriegs, Paul von Hindenburg und seinem Stellvertreter Erich
Ludendorff, und später von Adolf Hitler in Mein Kampf verbreitet: die
Überzeugung, die deutsche Armee sei »im Felde unbesiegt«
geblieben und nur durch Vaterlandsverräter in der Heimat zu Fall
gebracht worden. Und wie Kriemhild, die unfähig war, den Mord an
ihrem Gatten zu verzeihen, waren viele Deutsche unfähig, den
vermeintlichen Verrat von 1918 zu hinterfragen. Die deutsche Kultur
hätte kein eindrücklicheres Bild für dieses In-den-Rücken-Fallen
finden können.

Eine Reise durch Europa führt durch zahlreiche Flusslandschaften.


Von den Flüssen auf dem Balkan bis hin zum Ebro in Spanien hatte
ich schon viele überquert, aber gerade im Nibelungenlied werden sie
in die Handlung einbezogen. Der Rhein ist vermutlich der am
stärksten mythologisch verklärte Fluss Deutschlands, doch nun
bewegte ich mich auf die zentrale europäische Wasserstraße zu, die
mehr Großstädte durchquert als alle anderen und auch im
Nibelungenlied eine wichtige Rolle spielt: die Donau.
Mein Weg führte mich nach Bayern. Im Jahr zuvor hatte ich mit
meiner Familie bayerische Schlösser besucht, und das
Wandgemälde in Neuschwanstein, auf dem Sigurd/Siegfried den
Drachen tötet, war die Initialzündung zu meiner jetzigen Reise
gewesen. Nun wollte ich mehr über die Bezüge des Epos zu Bayern
erfahren. In der Nähe von Regensburg stieg ich knapp hundert
Meter über die Donau auf zu einem klassizistischen Prachtbau,
einem von Säulen umgebenen Tempel, dem Pantheon der
deutschen Helden, der Walhalla. Dort ist auch eine Plakette für den
»Dichter des Nibelungenliedes« angebracht. Doch ich war eher auf
der Suche nach Menschen als nach Denkmälern. Dabei hatte ich
besonders zwei im Blick: einen Mann, der mir hoffentlich etwas über
den Einfluss des Nibelungenliedes auf seine jüngsten Schauspiele
verraten würde, und eine Frau, die einige verstörende Beweise zum
schlimmsten Missbrauch des Epos entdeckt hatte.
Ich stieg aus dem stickigen Flixbus, der mich nach München
gebracht hatte. Auf dem Weg zum Literaturhaus passierte ich ein
riesiges Reiterstandbild von König Ludwig I., bemüht, nicht von den
allgegenwärtigen Radfahrern umgenietet zu werden. Albert
Ostermaier traf gleichzeitig ein, und wir setzten uns auf einen Kaffee
zusammen.
In Worms hatte mich Alberts Stück Glut. Siegfried von Arabien
begeistert: das Epos im Gewand eines Polit-Thrillers, mit Anleihen
bei Hitchcock und Lawrence von Arabien. Und es war nur eines von
drei Stücken, die Albert über die Nibelungen geschrieben hatte. Das
Epos kann sich einer reichen Theater- und Filmgeschichte rühmen –
von Friedrich Hebbels berühmter Trilogie aus dem 19. Jahrhundert
bis hin zu Fritz Langs zweiteiligem Kult-Film aus den 1920er-Jahren
(ganz zu schweigen von Richard Wagners Ring-Zyklus). Die
Theaterproduktionen, die ich auf meiner Reise gesehen hatte,
zeigten mir, dass sich diese Tradition bester Gesundheit erfreute.
»Es ist ein sehr ergiebiges Thema«, sagte Albert und lachte
dröhnend. »Ich hätte noch fünf weitere Stücke schreiben können!«
Angesichts der Bandbreite von Verweisen in seinen Stücken (von
Shakespeare bis hin zum persischen Dichter Hafis) hatte ich einen
deutschen Intellektuellen alter Schule erwartet. Stattdessen hätte der
Schriftsteller, der mir lässig gegenübersaß, auch Torhüter des FC
Bayern München sein können (man ist nicht überrascht zu hören,
dass er tatsächlich Torhüter ist, allerdings bei der deutschen
Autoren-Nationalelf).
Seine Trilogie begann 2015 mit Gemetzel. »Es spielt in einer
geheimnisumwobenen mittelalterlichen Zeit«, erklärte Albert, »und
zeigt die Ereignisse aus der Sicht von Kriemhilds Sohn Ortwin.«
Mithilfe von Rollenspielen und Erzählabschnitten variierte er die
Handlung des Nibelungenliedes und stellte sich die Frage: »Wenn
sie miteinander redeten, würde das etwas verändern? Könnte es
einen anderen Weg geben, um den Konflikt zu lösen?«
Das zweite Stück, Gold, folgte im Jahr 2016. Es erzählt die
Geschichte eines berühmten Filmproduzenten in heutiger Zeit. »Er
träumt davon, einen künstlerisch anspruchsvollen Nibelungen-Film
zu drehen«, führte Albert aus, »also engagiert er einen Regisseur,
eine Art Mischung aus Quentin Tarantino und Lars von Trier, der alle
Regeln missachtet und die Schauspieler dazu aufstachelt, ihr
Innerstes nach außen zu kehren.«
Dies war Metatheater auf höchster Ebene: Geschichten innerhalb
der Geschichte. Auf der Bühne tummelten sich Neonazis, Politiker
und Flüchtlinge und konfrontierten das Publikum mit dem
schwierigen Erbe des Nibelungenliedes.
»Es sind moderne Charaktere«, sagte Albert, »doch am Ende
werden sie zu Hagen und Kriemhild und allen anderen, weil sie die
ursprünglichen Figuren in sich tragen. Es geht darum, dass das
Nibelungenlied noch immer sehr lebendig und modern ist und damit
immer stärker als jede Interpretation.«
Vor allem das letzte Stück, Glut, zeigt anschaulich die Geschichte
politischer Ausbeutung, die dem Epos widerfahren ist.
»In der Zeit des Ersten Weltkriegs«, fuhr Albert fort, »wurde das
Nibelungenlied zum Nationalheiligtum erhoben. Man benutzte es,
um Deutschland zu militarisieren und auf den Krieg einzustimmen.
Sie hatten es kein bisschen verstanden, aber sie benutzten es. Sie
haben es richtiggehend vergewaltigt.« Bei seiner Beschäftigung mit
dieser Zeit stieß er auf eine wahre Geschichte über ein »schier
aussichtsloses Unterfangen im Nahen Osten. Eine Truppe von
Schauspielern auf ihrem Weg zur Schlachtbank.« Es war ein
Vehikel, das Nibelungenlied in einem neuen Licht zu präsentieren,
die Geschichte seines Missbrauchs zu untersuchen und dies als
Motor der Handlung zu nutzen. »Es geht immer um Geschichten«,
sagte Albert, »denn daraus wird Politik gemacht – es geht darum,
wer die bessere Story hat.«
Schon bald nach der Wiederentdeckung begann die militaristische
Instrumentalisierung des Epos. 1814 wurde eine Feldpostausgabe
an deutsche Offiziere verteilt. Denn laut Friedrich Heinrich von der
Hagen, dem ersten Übersetzer des Epos ins Neuhochdeutsche,
offenbarte das Nibelungenlied Tugenden, »die … uns … mit Stolz
und Vertrauen auf Vaterland und Volk, mit Hoffnung auf dereinstige
Wiederkehr deutscher Glorie und Weltherrlichkeit erfüllen.«
Damals war Deutschland eher Idee denn geeinter Staat, ein
Spätzünder unter den europäischen Nationalstaaten, und es
brauchte einen Großteil des 19. Jahrhunderts, um all seine
Königreiche und Herzogtümer unter einen Hut zu bekommen. Einige
Jahrzehnte nachdem Griechenland unabhängig geworden war, und
gleichzeitig mit dem italienischen Risorgimento, wurde unter Otto
von Bismarck (dem »Eisernen Siegfried«, wie er in einem
Lobgedicht betitelt wird) aus dem deutschen Flickenteppich
allmählich ein einheitliches Gewebe.
»Deutschland war kein geeinter Nationalstaat wie beispielsweise
Frankreich«, sagte Albert. »Es kämpfte um eine gemeinsame Idee,
daher brauchte es solche Mythen wie die Nibelungen.«
Als 1914 der Krieg ausbrach, hieß ein Abschnitt der Westfront
»Siegfriedlinie«, es gab ein »Unternehmen Alberich« (nach dem
Zwerg, der den Nibelungenhort bewachte), und der Angriff auf die
Franzosen 1918 wurde »Hagenoffensive« genannt. Der »Große
Krieg« begann mit der »Nibelungentreue«, die Deutschland und
Österreich verband, und er endete mit der »Dolchstoßlegende«, die
man mit dem Mord an Siegfried assoziierte. Auf der Suche nach
Erklärungen für das wechselnde Kriegsglück war das Nationalepos
zu einer Brille geworden, durch die Deutschland die Wendungen
seines Schicksals betrachtete. Und wie Kriemhild, die sich nicht mit
Siegfrieds Tod abfinden wollte, wollte sich Deutschland nicht mit dem
Los arrangieren, das seine Feinde ihm auferlegt hatten, sondern
seine Geschichte wieder selbst in die Hand nehmen.
»Darum ist das Nibelungenlied so populär«, sagte Albert. »Weil es
für jede Interpretation offen ist. Für mich zeigt es den Wahnsinn des
Krieges. Es ist ein Anti-Kriegs-Epos auf höchstem Niveau, und ich
weiß wirklich nicht, wie jemand etwas mit diesem Inhalt als
Nationalepos bezeichnen kann! Es ist eines der phantastischsten
Stücke Literatur auf der ganzen Welt. Doch eine Menge Leute haben
es missverstanden und für ihre Zwecke benutzt.«

Über eine Stunde lang saßen wir in dem Café, machten


Brainstorming, witzelten über Kriemhild als eine mittelalterliche
Margaret Thatcher (mit Etzel als Denis) und beklagten den
wachsenden Neonazismus, der vor allem in Ostdeutschland
Unterstützer findet. Ich habe es sehr genossen, mit Albert zu
plaudern: Mir gefielen seine Belesenheit, sein herzhaftes Lachen
und der künstlerische Pragmatismus des Bühnenautors.
Nun würde ich mich auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
konzentrieren. Denn die Niederlage von 1918 hatte dem Epos nicht
die Kraft geraubt, im Gegenteil, sie hatte den Weg geebnet für eine
neue Ära der Instrumentalisierung. Es war an der Zeit, meine
Aufmerksamkeit der folgenschwersten Manipulation eines
europäischen Epos zuzuwenden. Und dazu würde ich einer der
hübschesten Städte Bayerns einen Besuch abstatten.

»Sie zogen weiter eilig hinab durchs Baierland: Da sagte man die
Märe, es kämen angerannt viel unkunder Gäste. Wo noch ein
Kloster steht und der Innfluß mündend in die Donau niedergeht, in
der Stadt zu Passau saß ein Bischof. Die Herbergen leerten sich und
auch des Fürsten Hof: Den Gästen entgegen ging’s auf durch
Baierland, wo der Bischof Pilgerin [Pilgrim] die schöne Kriemhilde
fand.«
So die Schilderung des unbekannten Dichters. In einer der
unwahrscheinlichsten Paarungen der Literatur hat Siegfrieds Witwe
eingewilligt, den Ausschweifungen zugeneigten Hunnenkönig Etzel
zu ehelichen. Sie hat nicht plötzlich Lust auf ein Leben »in der
Fremde« bekommen, sondern sieht den Vorteil in einer Vereinigung
mit dem mächtigsten Kriegsfürsten ihrer Zeit: »Da Herr Etzel der
Recken hat so viel, denen ich gebiete, so tu’ ich, was ich will.«
Weizenfelder leuchteten golden in der Sommersonne, Schilder
wiesen auf Thermalbäder und Dorfbiergärten hin, wo Geweihe unter
Dachgiebeln hingen. Die Passauer Altstadt schiebt sich wie ein Keil
zwischen Inn und Donau, die langen Uferpromenaden vermitteln
einem das Gefühl, auf einer Insel zu sein. Der Dom mit seinen
prächtigen Zwiebeltürmen erhebt sich über bunt gestrichenen
Häusern in Pfirsich, Mint, Vanille und Erdbeereisrosa. An der Spitze
der Landzunge trifft das Dunkelblau der Donau auf das Grün des
Inns, die Flüsse nehmen die Stadt in die Zange, formen sie. Ein
Stück oberhalb hat sich bereits das schwarze Moorwasser der Ilz
diskret der Donau angeschlossen.
Passau spielt im Nibelungenlied nur eine untergeordnete Rolle,
wird aber mit glanzvollen Worten beschrieben: »Gute Herberge wies
man den Gästen geschwind. … Der Bischof mit der Nichte ritt auf
Passau an, als es da den Bürgern der Stadt ward kund getan, das
Schwesterkind des Fürsten, Kriemhild, wolle kommen, da ward sie
wohl mit Ehren von den Kaufherrn aufgenommen.« Da diese
Episode keinerlei Bedeutung für die Handlung hat, veranlasste ihre
Erwähnung viele Gelehrte zu der Vermutung, das Gedicht sei in
Passau unter der Ägide des späteren Fürstbischofs Wolfger von Erla
verfasst worden.
Als kluger Taktiker verfügte Wolfger im 12. Jahrhundert über
weitreichenden politischen Einfluss. Er vermittelte in den
Verhandlungen über die Freilassung des auf der Burg Dürnstein als
Geisel gehaltenen Richard Löwenherz, erwirkte beim Papst die
Zustimmung für die Gründung des Deutschen Ordens und ließ
Schloss Wolfstein errichten. Er war auch ein großer Förderer der
Künste, dessen Bistum zu einem literarischen Zentrum wurde (zu
diesem Kreis gehörte auch der berühmte Minnesänger Walther von
der Vogelweide, Verfasser von »Under der linden«). Aber er setzte
auch das Schwert ein, wenn es galt, seine Ansprüche
durchzusetzen. Bei der Belagerung von Graben am Main im Jahr
1199, für die er verantwortlich war, wurden Menschen massenhaft
verbrannt, ertränkt oder verstümmelt. Laut einer zeitgenössischen
Chronik wurden ihnen auch Nasen und Lippen abgeschnitten. Dies
ist die Welt des Nibelungenliedes: höfische Sitte gepaart mit
grausamem Gemetzel.
Ich übernachtete in der Veste Oberhaus, der ehemaligen Burg und
Residenz des Fürstbischofs, die auf einem Bergrücken gegenüber
der Altstadt thront wie ein Adler auf seinem Horst. Nahe der
Zugbrücke hatte ich ein Stockbett in der Jugendherberge bezogen.
Auf der anderen Seite des Bärengrabens stand an einem Brunnen
ein rekonstruierter Tretmühlenkran, und die Wappen der fürstlichen
Bischöfe schmückten die Wände. Es gab Ritterrüstungen, Lanzen
und Schwerter, eine Streitaxt aus dem 13. Jahrhundert und
Folterwerkzeuge mit so sprechenden Namen wie Schandmaske, die
Zeugnis vom sadistischen Erfindungsreichtum der Epoche Bischof
Wolfgers ablegten.
Drunten in der Altstadt, im Benediktinerinnenkloster Niedernburg
mit seinen zwei charakteristischen Türmen, grinste mich ein
Totenschädel aus einem mit gotischem Maßwerk versehenen
Glaskasten an. Der Schädel gehört Gisela von Bayern, einer
deutschen Prinzessin, deren Heirat mit dem ungarischen König
Stephan I. dem Heiligen im Jahr 995 den Dichter möglicherweise zur
Beschreibung von Kriemhilds Hochzeit mit einem früheren
»Hunnenkönig« inspiriert hat. Das Hochgrab umgaben Kränze mit
Bändern in den ungarischen Nationalfarben rot, weiß und grün, auf
denen die Namen der Spender aus Österreich und Ungarn standen.
Das Gästebuch mit seinen vielen Gebeten und Wünschen erinnerte
an die Verknüpfung von Identität und Glauben, etwas, was die
moderne Welt selbst heute noch mit der mittelalterlichen verbindet.
Doch Gisela war bestenfalls die Vorlage gewesen. Ich wollte
Kriemhild höchstpersönlich sehen.

Und da ist sie nun – sie trägt einen goldgewirkten Umhang, die
geflochtenen Zöpfe fallen über die Hermelinpelerine, die sich um ihre
Schultern schmiegt. Stolz und gelassen sitzt sie zu Pferd und blickt
in die Ferne. Es wirkt, als könnte sie jeden Augenblick aus dem
vergoldeten Rahmen steigen und zwischen den Marmorsäulen des
Großen Rathaussaals ihr Ross zügeln. Halbnackte Bettelkinder
strecken ihr Blumen entgegen, während sich Kriemhilds Onkel,
Bischof Pilgrim, von seinem Pferd zu ihr hinüberbeugt. In dem Mann,
der das Pferd am Zaumzeug hält, um Kriemhild an den
bannergeschmückten Balkonen Passaus vorbeizuführen, hat sich
der Künstler selbst verewigt: der Historienmaler Ferdinand Wagner,
der sich in die Welt des Nibelungenliedes hineinversetzte und ein für
das 19. Jahrhundert typisches farbenprächtiges Kolossalgemälde
geschaffen hat.
Im Alten Rathaus herrscht andächtige Stille wie in einer Kirche.
Das Licht fällt durch die Buntglasfenster und schimmert auf dem
alten Kachelofen. Das Gemälde auf der anderen Seite des
Haupteingangs würde man jedoch nicht unbedingt in einem sakralen
Raum aufhängen: Es zeigt Hagen an einem Flussufer, wie er sich
drei splitternackten, sehr kurvigen Damen zuwendet: »In einem
schönen Brunnen tat das manch weises Weib: Die gedachten da im
Bade sich zu kühlen den Leib.« Hagen stiehlt ihre Kleider und zwingt
sie, ihm die Zukunft vorherzusagen. Die eine warnt ihn: »Und
kommst du zu den Heunen, so bist du übel betrogen. … Daß ihr
müßt ersterben in der Heunen Land: Wer da hinreitet, der hat den
Tod an der Hand.« Das Gemälde verrät Wagners Vorliebe für dralle
Frauen, ähnlich denen, die in den traditionellen bayerischen
Bierhallen zum Ideal erhoben werden. Seine Wasserfrauen haben
breite Hüften und pralle Brüste, schimmernd goldenes oder rotes
Haar und geschuppte Unterleibe – die klassische Erotik der
Romantik.
Vergessen wir das Mittelalter – das Bild, das wir von den
europäischen Epen haben, wurde uns durch deren Darstellung in
der Romantik nahegebracht. Die Romantik begab sich auf die Suche
nach den Wurzeln, umgab die Vergangenheit mit einem
Glorienschein und idealisierte alles, was nur im Entferntesten mit der
Natur zusammenhing. Die Künstler dieser Zeit hoben die alten
Sagen Europas auf ein Podest. Ferdinand Wagner gehörte wie sein
Namensvetter Richard zu einer langen Reihe von Romantikern, von
denen manche einerseits in Nordeuropa das Genre des
Ritterromans neu belebten – wie auch Walter Scott und William
Morris – und andererseits in Südeuropa durch die
Ausgrabungsstätten um Troja streiften und für die griechische
Unabhängigkeit kämpften. Das Rolandslied, der Beowulf und das
Nibelungenlied wurden alle drei in derselben Epoche
wiederentdeckt, während gleichzeitig serbische Epen und
isländische Sagen überall in Europa Aufmerksamkeit erregten und
die Homer-Begeisterung einen Höhepunkt erreichte. Das Bild, das
wir von diesen Geschichten haben, wurde von ihrer Darstellung im
18. und 19. Jahrhundert ebenso mitgeprägt wie von der eher
nebelhaften Epoche ihrer Entstehung.
Dies war das Zeitalter der »Neuen Mythologie«, die »die Orks und
Trolle, die Elfen und Zwerge und Drachen und Werwölfe schuf, die
sich heutzutage in den Regalen der Buchläden drängen«, wie der
britische Mediävist Tom Shippey, einer der führenden Tolkien-
Experten, schreibt. Doch was ist daran so schlimm? Können wir
diese Gemälde, Gedichte, Stücke und Erzählungen nicht einfach als
positive Beispiele einer wiederentdeckten Identität genießen? Nicht,
wenn wir wissen, welche Themen in diese Geschichten einflossen.
Der Dramatiker Friedrich Hebbel etwa schrieb ein aus drei
Abteilungen bestehendes Trauerspiel über die Nibelungen zur
selben Zeit, als er das Kommunistische Manifest las. Der
maßgebliche Übersetzer des Nibelungenliedes im 19. Jahrhundert,
Karl Simrock, engagierte sich in der nationalistischen Debatte um
das Hoheitsrecht über Jütland, zusammen mit dem
Märchensammler Jacob Grimm, der viel dazu beitrug, die Idee von
der überlegenen germanischen Kultur zu verbreiten.
Währenddessen beschäftigte sich Richard Wagner mit Darwins
neuen Theorien über natürliche Auslese und nährte damit seinen
fanatischen Antisemitismus – all diese Ideen flossen in Der Ring des
Nibelungen mit ein. Diese Autoren waren Teil eines politisch aktiven
Netzwerks und verwoben die uralten Geschichten mit den
beherrschenden Themen ihres turbulenten Jahrhunderts.
Dies ist eine wichtige Erkenntnis. Der Nibelungen-Stoff kann nicht
von den politischen Vorstellungen getrennt gesehen werden, mit
denen er so eng verknüpft wurde. Und vor allem nicht in Passau. Auf
das Bild der ritterlichen, mittelalterlichen Stadt mit dem
drachentötenden Erzengel Michael und dem Passauer Wolf des
Stadtwappens auf Münzen und Schildern fällt ein dunkler Schatten.
Denn hier lebte Adolf Hitler, wenn auch nur als Kind, im Alter
zwischen drei und sechs. Heute redet man darüber in Passau nicht
gern, aber es gab eine Zeit, in der sich die Stadt damit brüstete.
Die Häuser, in denen Hitler einen Teil seiner Kindheit verbrachte,
befinden sich in der Theresienstraße 23 und der Kapuzinerstraße
31. Ich stand in der Theresienstraße, aber das Haus trägt keine
Hausnummer und natürlich keine Hinweistafel. Die Lebensorte
anderer berühmter Söhne und Töchter der Stadt werden gewürdigt,
wie der des Dichters Hans Carossa wenige Häuser weiter. Der
einzige Verweis auf Hitler war ein Aufkleber an einem Fallrohr: eine
Hitler-Karikatur und quer darüber der Slogan »Nazis stoppen« – ein
Werk der Jungsozialisten, der Jugendorganisation der SPD.
Zusammen mit anderen Stickern und Stencils auf den Wänden und
Gehwegen (»Space Invaders Against Racism«, »Zona Antifascista«,
»Refugees Welcome«) veranschaulichte es den »Kulturkampf« vor
der Bundestagswahl 2017: ein Streit über die Geschichte und wie
man damit umgeht. Mit einem Wort: Vergangenheitsbewältigung.
Passau tut sich schwer mit dem Gedenken an die NS-Ära. Man
breitete den Mantel des Schweigens über diese Zeit, bis in den
1980er-Jahren eine entschlossene Passauer Abiturientin
herausfinden wollte, was hier, in diesem vergessenen Eck
Deutschlands, wirklich passiert war. Zum Dank erhielt Anna Rosmus
Morddrohungen per Post, wurde vom Stadtarchiv ausgeschlossen
und als »Hexe von Passau« beschimpft. Sie veröffentlichte die
Ergebnisse ihrer Nachforschungen in einer Reihe heftig diskutierter
Bücher und diente als Vorbild für den Oscar-nominierten Film Das
schreckliche Mädchen von Michael Verhoeven, der 1990 in die Kinos
kam.
»Die Sache mit dem Bischof hat den Ausschlag gegeben«, erzählt
sie, als wir unter goldgerahmten Gemälden in einem kitschigen
Retro-Café in der Nähe des Doms sitzen. »Er hat mir direkt ins
Gesicht gelogen, hat behauptet, in Passau hätte es keine Juden
gegeben – komisch, wo doch zufällig sein bester Freund in der
Schule Jude war. Und ich habe ihm bewiesen, dass ich recht hatte,
indem ich die beiden wieder zusammenbrachte!«
Herzlich und lebhaft, mit großen, ernsten Augen hinter der Brille,
ist Anna so ganz anders als die düstere Materie, mit der sie sich so
eingehend beschäftigt. Seit Jahrzehnten betreibt sie ihre heldenhafte
Wahrheitssuche, durchforstet unbekannte Archive und versucht
Neonazis auf Demonstrationen zu übertönen. In den 1980er-Jahren,
als die Passauer immer noch die Augen vor der Wahrheit
verschlossen, deckte sie eine Vielzahl von Verbrechen auf: die
Ermordung von 1700 russischen Kriegsgefangenen in einem nahen
Waldstück, die Existenz mehrerer Konzentrationslager in der Nähe,
die faulen Kompromisse der örtlichen Kirchenführer, die
erzwungenen Abtreibungen und Kindsmorde in Hutthurm und die
Vorfälle im Säuglingsheim von Sallach, wo Babys mit verdorbener
Milch vergiftet worden waren. Gegen alle Widerstände seitens der
Stadt veröffentlichte Anna ihre Erkenntnisse. Doch was hat das alles
mit den Nibelungen zu tun? Eine ganze Menge, findet Anna, deren
neuestes Buch den Titel Hitlers Nibelungen trägt.
»Als ich zehn war«, erinnert sie sich, »besichtigten wir das Alte
Rathaus mit den Gemälden von Ferdinand Wagner. Es war eine
gezielte Strategie, um uns an Passau zu binden. Wir sollten sehen,
dass Kriemhild, diese edle Königin, sich nicht zu schade war, unsere
Stadt zu besuchen. Und bei den meisten von uns hat das auch
funktioniert.«
Anna verweigerte sich dieser Kultur der Regelbefolgung, der
»Passauer Tradition, die Vergangenheit ruhen zu lassen«. Sie grub
alte Zeitungen und Akten in den bayerischen Archiven aus,
interviewte ältere Mitbürger und entdeckte viele Parallelen zwischen
dem Stolz der Passauer im Nibelungenlied und ihrem Stolz auf den
Führer. »Als Hitler an die Macht kam«, sagt sie, »brüsteten sich die
Lokalzeitungen damit, dass er ein Sohn Passaus war, dass er hier
gelebt und hier 1920 seine erste öffentliche Rede gehalten hatte.
Viele Passauer sonnten sich in diesem Gefühl der Größe.«
Das Gerede von einem »Großdeutschland« war Musik in den
Ohren der Passauer Geschäftsleute, deren Einkommen wegen der
nahen Grenzen zu Österreich und der Tschechoslowakei anfällig für
politische Erschütterungen war. Statt in einer Grenzstadt im
hintersten Winkel des Landes zu sitzen war es doch besser, sich im
Zentrum eines Großdeutschlands zu befinden, in einer Stadt mit
engem persönlichem Bezug zum Führer.
In einer bemerkenswerten Rede vom März 1938 erklärte Passaus
Oberbürgermeister Max Moosbauer: »Jahrtausendelang sollst du
raunen von jenen Tagen und Zeiten, an welchen der neue Siegfried
den Drachen der Uneinigkeit besiegte.« Es ist nicht schwer zu
erraten, wen er mit diesem Drachentöter meinte: »Adolf Hitler, Du
hast uns … zum tüchtigsten Volke der Welt gemacht.« Solche
Vergleiche erfreuten den Führer, hatte er sich doch »schon von
frühester Jugend an … an den Erzählungen aus der deutschen
Heldensage berauscht«, wie sein Jugendfreund August Kubizek
schreibt.
Zeitungsartikel beschworen die Nibelungentreue, und in den
Monaten vor dem Krieg spielte man ein Stück über Rüdiger von-
Bechelaren, der Kriemhild im Epos nach Ungarn bringt, verfasst
von dem bayerischen Dichter Hans Baumann, dem »Troubadour der
Hitlerjugend«.
»Die Zeitungen haben wochenlang darüber berichtet«, sagt Anna,
»und alle Kinder in Passau mussten teilnehmen – auch meine
Mutter. Die Nibelungen-Mythologie übte in dieser Zeit einen starken
Einfluss aus, in den Massenmedien, in den Schulen. Wenn man sich
die damaligen Jahresberichte der Schulen ansieht, dann sind sie voll
von Aufsätzen über die Nibelungen. Das war Teil der Strategie.«
Von Schülern bis hin zu Schriftstellern, vom Theater bis hin zu
Filmen – in den 1930er-Jahren waren die Nibelungen schwer in
Mode. Hitler hatte sich bereits in den 1920er-Jahren in seiner
Propagandaschrift Mein Kampf mit Siegfried befasst, und seine
Bewunderung für Richard Wagners Ring des Nibelungen war
allgemein bekannt. Obwohl sich Wagners Version auf andere
Quellen stützte, förderte die Vorliebe der Nazi-Elite für die Motive
des Nibelungenliedes – allem voran für den Willen zum Tod, die
treibende Kraft des letzten Aktes – eine Heimindustrie mit
Nibelungen-Artikeln, die ihrerseits dem Revival des Epos Nahrung
gab.
Der erste Teil von Fritz Langs Nibelungen-Film wurde mit
Wagnermusik unterlegt und als Tonfilm neu herausgebracht. Joseph
Goebbels rühmte den Film als »so modern, so zeitnah, so aktuell
gestaltet«, und seine monumentale Ästhetik floss auch in die
Inszenierung der Nürnberger Reichsparteitage ein. So sehr
begeisterte sich Goebbels für die Nibelungensaga, dass er ein
Verlagshaus danach benannte, das antibolschewistische und
antisemitische Traktate verbreitete. Seine Kameraden der Nazi-Elite,
wie Heinrich Himmler oder Hermann Göring, spielten in wichtigen
Reden auf die Nibelungen an, schöpften aus der mächtigen Quelle,
die sie damit vergifteten.4

4 Göring etwa verwies auf dieses »gewaltige, heroische Lied«, um


die 6. Armee bei Stalingrad anzufeuern, während Himmler nach
der berüchtigten »Nacht der langen Messer«, die dem
angeblichen »Röhm-Putsch« folgte, das Gemetzel seiner SS-
Truppen mit Siegfrieds Bad im Drachenblut verglich (wobei er in
aufschlussreicher und wahrscheinlich vorsätzlicher
Kurzsichtigkeit das Detail mit dem Lindenblatt unterschlug und
behauptete, dieses Morden hätte seine Männer unverwundbar
gemacht).
»Diese Dinge waren nicht mit dem Krieg vorbei«, sagt Anna. Sie
muss es wissen: Während der 1990er-Jahre nahm sie an Protesten
gegen Veranstaltungen der rechtsextremen Deutschen Volksunion
teil, deren Anhänger sich zu Tausenden in der aus der NS-Ära
stammenden Passauer Nibelungenhalle versammelten. »Sie haben
sich diesen Ort wegen seiner Verbindung zu den Nazis ausgesucht.
Sie waren überzeugt, dass mit dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach
alles zu Ende war. In ihren Augen war das nur der erste Versuch.«
Und so besteht das Vermächtnis der Nationalsozialisten fort:
gehegt und gepflegt von Neonazis, aber kritisch hinterfragt von
Menschen wie Anna Rosmus. Sie sieht sich als Vertreterin einer
Generation von Historikerinnen und Historikern, die sich der
Vergangenheit stellen. Der positive Effekt ihrer Arbeit, davon ist sie
überzeugt, habe sich in der sogenannten »Flüchtlingskrise« gezeigt.
»Die jungen Leute wissen, was damals geschehen ist, und sehen
die Zusammenhänge. Teenager sagten: ›Auch damals sind
Menschen geflohen, und jetzt passiert das wieder, also sind diesmal
wir an der Reihe zu helfen.‹«
Vergangenes ans Licht zu bringen schafft die besten
Voraussetzungen für positives Handeln in der Gegenwart. Was das
Nibelungenlied angeht, so ist es immer noch brisant, auch wenn
man seine Klauen gestutzt hat. Führende AfD-Politiker haben in
ihren jüngsten Reden aus der Sage zitiert, im Zusammenhang mit
dem Ausspruch von Alexander Gauland, einem Mitbegründer der
Partei: »Und deshalb haben wir auch das Recht, uns nicht nur unser
Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen.«
»Diese Dinge wurzeln tief«, meint Anna, »und Menschen können
sich diese Wurzeln zunutze machen. Das kann sehr gefährlich
werden.«
Sicherlich, so frage ich, sei doch eine solche Art von
Instrumentalisierung heutzutage nicht mehr möglich. Oder? Anna
wurde persönlich angegriffen und mit dem Tod bedroht, es gab
unheimliche Telefonanrufe mitten in der Nacht und Beschimpfungen
bei Demonstrationen. Wenn man sich die Welt heutzutage so
ansehe, sei sie sich da nicht so sicher, gesteht sie. »Die Grenze
zwischen Realität und parallelen Wirklichkeiten wird schmaler«, sagt
sie und rührt in ihrem Kaffee. Später musste ich daran denken, was
der Künstler Eichfelder in Worms gesagt hatte: »Nach dem Krieg
wollte niemand mehr über die Nibelungen reden. Es war fast
verboten, zu negativ. Und da ist immer noch was dran. Es hat einen
Nachgeschmack.«
Dieser »Nachgeschmack« ist schwer zu definieren. Doch wenn
man es mit einem Wort ausdrücken sollte, würde ich sagen:
»Gefahr«. Sie lauert in der Geschichte, in all dem blutigen Gemetzel
und ganz sicher in der Art, wie die Geschichte missbraucht wurde.
Gefahr hängt auch immer dem Verbotenen an, glitzernd wie der
Nibelungenschatz, der aus den Tiefen heraufleuchtet und darauf
wartet, dass jemand hinabtaucht und ihn hebt.
19
Ich muss mit euch streiten, wie ich den Schwur getan …

Rüdiger von Bechelaren, Nibelungenlied, Siebenunddreißigstes


Abenteuer

Den ganzen Weg entlang der Donau war der Regen mein Begleiter:
Er peitschte den Fluss, spritzte von den schlammigen Wiesen,
zwang die Mauersegler, gegen den Wind zu kreuzen. Obwohl ich
mich nun in einem anderen Land befand, hatten sich Landschaft und
Architektur kaum verändert, man sprach immer noch Deutsch, für
meine englischen Ohren mit einem Dialekt, der dem Bayerischen
ähnelte. Und egal, auf welcher Seite der Grenze man sich aufhielt –
die Chancen standen gut, auf Männer in Lederhosen oder Frauen im
Dirndl zu treffen. Der einzige erkennbare Unterschied in meinen
ersten Tagen in Österreich war das Wetter. Nach dem milden,
sonnigen Wetter in Bayern schoben sich nun dunkle Wolkenbänke
zusammen wie Greifvögel, die ihre Schwingen ausbreiteten. Sie
verschlangen die Sonne, schwelgten in Grau, fraßen das Blau.
In Passau war die Donau ein relativ schmaler, im Tal
eingezwängter Fluss gewesen. Als ich in Pöchlarn aus dem Zug
stieg, traf ich auf einen gewaltigen Strom, der sich durch die Wachau
wälzt und eine spektakuläre Landschaft geschaffen hat, in der
Weinberge und Obsthaine terrassenartig zum dicht bewachsenen
Flussufer abfallen und immer wieder Burgen geisterhaft zwischen
den Wolken auftauchen.
Epos und Geografie sind meist keine verlässlichen Partner, doch
hier haben wir eine Region, in der alles zusammenpasst:
Landschaften und Ortsnamen stimmen mit der Geschichte überein.
Die Reise zum Hof des Hunnenkönigs Etzel wird so exakt
beschrieben, dass viele Literaturwissenschaftler glauben, der Dichter
müsse von hier stammen. Der Reiseschriftsteller Helmut Berndt
schrieb treffend: »Das Nibelungenlied ist der früheste deutsche
Reiseführer, über 600 Jahre älter als Baedeckers Handbücher.« Ich
wollte im sogenannten Nibelungengau (oder der Nibelungenprovinz)
demselben Weg zu Fuß folgen, bis nach Traismauer, wo ich in den
Zug nach Wien steigen würde.
Das Tor zum Gau ist Pöchlarn, eine Stadtgemeinde mit Hafen, die
mit dem Markgrafen Rüdiger von Bechelaren in Verbindung gebracht
wird. Rüdiger überbringt Kriemhild Etzels Brautwerbung – ein
Botendienst, für den er letztendlich mit dem Leben bezahlt. Er
begleitet Kriemhild an Etzels Hof, unterbricht die Reise an seinem
Sitz: »der war gar wohlgetan, vor dem die Donau unten die Flut
vorübergoss«, und unterhält seinen Gast mit Ritterspielen. Später
machen auch Kriemhilds Brüder hier Rast, und die Gastfreundschaft
ist so herzlich, dass Giselher, der jüngste Bruder, Rüdigers Tochter
heiratet, die so »minniglich zu schauen« ist.
Das glückliche Paar stand in Form von scherenschnittartigen
Metallfiguren am Fluss, untermalt von Musik aus einem
wasserdichten Lautsprecher. Der Regen ertränkte die romantische
Stimmung; ein Hagen mit Augenklappe, der stromaufwärts lauerte,
den Speer fest in der Hand, passte schon eher zur Wetterlage.
Hinter Hagen flankierten Fahnen und Eichen Pöchlarns
Nibelungen-Denkmal: ein Bogen aus sechzehn Mosaikwappen, die
von Metz bis Verona die Handlungsorte des Nibelungenliedes und
die Herkunftsorte der Ritter repräsentieren. Wenn man den Blick
über diesen heraldischen Halbkreis wandern ließ – der Lindwurm
von Worms, der Passauer Wolf, das Wiener Wappen mit dem
weißen Kreuz –, wurde man wieder daran erinnert, dass das Epos
den gesamten Kontinent umspannte. Man hätte den Halbkreis noch
weiterführen können: In der Dichtung kommen auch dänische Ritter
und Brunhilds Hof in Island vor, und Kriemhilds Hochzeit mit Etzel
zieht Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten an: »Von
Reußen und von Griechen ritt da mancher Mann; die Polen und
Walachen zogen geschwind heran …« Sie stellen den germanischen
Dreh- und Angelpunkt der Geschichte in einen umfassenden
europäischen Zusammenhang.
Eine solche Bandbreite von Allianzen hat auch ein politisches
Echo. Auf einer Plakette drücken die Stifter des Denkmals ihre
Absicht aus, einen »Beitrag zum europaweiten Friedensgedanken«
zu leisten. Das Nibelungenlied verbildlicht eine Gefolgschaftstreue,
die für den gesamten Kontinent gilt: Da wird Asyl gewährt, es
werden Eide geschworen und Gefälligkeiten ausgetauscht. Es ist ein
vereintes Europa, verbunden nicht durch eine gemeinsame
Währung, sondern durch einen gemeinsamen Verhaltenskodex: eine
feudale Ethik, die jeden gleichermaßen in eine destruktive
Abwärtsspirale hineinzieht.
Dieser Kodex wird von allen verstanden – was bedeutet, dass er
auch aller Untergang ist. Und kein Tod ist so zum Verrücktwerden
sinnlos wie der Rüdigers. Als es an Etzels Hof zum Kampf kommt,
sitzt Rüdiger zwischen den Stühlen – er ist zur Gastfreundschaft
gegenüber den Burgundern verpflichtet, aber durch seinen Treueeid
an Kriemhild gebunden. »Welches ich nun lasse, das andre zu
begehn«, klagt er, »so ist doch immer übel und arg von mir
geschehn. Was ich tu’ und lasse, so schilt mich alle Welt.« Betrübt
bewaffnet er sich, übergibt Hagen seinen eigenen Schild (um den
inzwischen beschädigten zu ersetzen, den Hagen von Rüdigers
Gemahlin erhalten hatte) und stürzt sich dann auf die Burgunder.
»Wohl erwies auch Rüdiger, daß er stark war genug, kühn und wohl
gewaffnet, hei, was er Helden schlug!«
Man stelle sich Boxer bei einem Preiskampf vor, die sich zwischen
ihren Fausthieben immer wieder beieinander entschuldigen! Genau
das ist hier der Fall. Zwischen den Schwertstreichen rühmt oder
beklagt man den Gegner: »Die Leute weinten alle, daß nicht zu
wenden mehr dieser Herzensjammer.« Die ganze Sequenz grenzt
an eine Farce, doch sie ist mit so viel Leidenschaft und Spannung
konzipiert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. So groß
ist die »ungebärd’ge Klage« nach Rüdigers Tod (wie fast
vorauszusehen, erschlagen von einem Schwert, das er einem
anderen zum Geschenk gemacht hatte), dass man sich fragt, ob der
Dichter den ethischen Kodex in Frage stellen will, der diesen zutiefst
ehrenhaften Mann dazu zwingt, sein Leben zu opfern.
Als ich die Reise plante, hatte ich mich sehr auf den einwöchigen
Fußmarsch entlang der Donau gefreut: eine leichte Wanderung mit
Zelt und Rucksack. Aber ich hatte eindeutig den falschen Zeitpunkt
erwischt. Regenwolken jagten über mich hinweg und füllten meine
Wanderstiefel mit ihren reichen Gaben. Ihre Salven machten mir
Beine, und ich suchte Schutz unter Eichen und Weiden und wickelte
hastig meine Ausrüstung in Plastiktüten ein.
In Melk schlief ich auf einer Bank vor dem Bahnhof und kam an
einer Mauer vorbei, auf der ein Zitat aus dem Nibelungenlied stand.
Als Kriemhild durch Melk kommt, werden sie und ihr Gefolge
freundlich empfangen: Man reicht den Gästen »manch schönes
Goldgefäße angefüllt mit Wein.« Ein Stück weiter, in der Wachau,
drang der Regen durch die Kronen der Schwarzföhren und
Hainbuchen und verwandelte den Pfad zur Burgruine Aggstein in
eine Schlammpiste. Dort gab es Nibelungen-Dioramen in einem
feuchten Keller zu sehen. Die mit Brombeerranken überwucherten
Pfeiler und die wolkenverhangenen Rundtürme, um die Krähen
kreisten, waren in Nebel gehüllt – »Nebel« und »Nibelungen« sind
auf dieselbe Wurzel zurückzuführen, die Nibelungen stammen der
Wortbedeutung nach aus dem Reich des Nebels, wo merkwürdige
Dinge geschehen.
Es waren nasse Tage, und meine Nerven lagen blank. Ich hatte
mich bemüht, mit möglichst wenig Geld auszukommen, hatte mein
Essen in Supermärkten gekauft, im Freien genächtigt und außerdem
viel Zeit mit Grübeleien verbracht, mir heftig den Kopf über die
Zweckentfremdung dieses herausragenden Epos zermartert. Denn
ich liebe das Nibelungenlied, wie ich vieles an der deutschen Kultur
des Mittelalters liebe. Vor fünfzehn Jahren hatte ich während einer
Recherche über den legendären Priesterkönig Prester John die
Ritterdichtung Parzival gelesen, und auch in den folgenden Jahren
war ich immer wieder in diese faszinierende Kultur eingetaucht. Es
erfüllte mich mit Abscheu, dass Deutschlands mittelalterliche
Literatur, die so starken Anteil an der Entwicklung des europäischen
Humanismus hat, vom primitiven Geschmack der NS-Schlächter
missbraucht worden war. Wenn ich darüber nachdachte oder auch
wenn ich auf rechtsgerichtete Aktivisten traf, machte sich das in mir
breit, was Menschen deutscher Zunge so treffend »Weltschmerz«
nennen.
Manchmal kann man nicht genau ergründen, was einen
runterzieht. Sind es politische Themen, über die man nachgedacht
hat, oder sind es persönliche Probleme? Ist es Heimweh oder der
viele Regen oder sind es Dinge, die an einen wunden Punkt rühren?
Mit all seinem Gemetzel verströmt das Nibelungenlied sehr viel
Traurigkeit, und das gab mir zu denken.
Als Rüdiger Etzels Brautwerbung nach Worms bringt, ist Kriemhild
»die Jammerreiche«, die immer noch ihr Los beklagt: »Mir hat der
Tod an Einem so bittres Leid getan, daß ich’s bis an mein Ende
nimmermehr verschmerzen kann.« So überwältigend ist ihre Trauer,
dass sie selbst noch nach der Hochzeit mit Etzel und der Geburt
eines gemeinsamen Kindes von ihr zerfressen wird. Als die
burgundischen Ritter zu dem Fest an Etzels Hof eintreffen, werden
sie von Etzels Vasall Dietrich von Bern gewarnt, er höre »»alle
Morgen weinen und klagen Etzels Weib, Frau Kriemhild, in
jämmerlicher Not zum reichen Gott vom Himmel um des starken
Siegfried Tod«, und ihr Kummer hat ihre Seele so vergiftet, dass sie,
als ihr Bruder Giselher um Gnade bittet, erwidert: »Ich schenk’ euch
keine Gnade, Ungnad’ ich selbst gewann.«
Dies ist Trauer auf epischem Niveau, formelhaft und verstärkt.
Doch Kriemhilds nihilistische Leidenschaft wird konsequent
gezeichnet, es ist ein aggressiver Egoismus, der in gewisser Weise
wahrhaftig ist. »Mein Leid ist meine Ritterburg«, schrieb der
dänische Philosoph Sören Kierkegaard, »die einem Adlerhorste
gleich hoch oben auf der Berge Gipfel in den Wolken liegt; keiner
kann sie erstürmen. Von ihr fliege ich hinunter in die Wirklichkeit und
packe meine Beute; aber ich bleibe dort unten nicht …«
Trauer, eine Emotion wie ein Krebsgeschwür: Gott weiß, dass sie
niemandem erspart bleibt. Als ich Kriemhilds Klagen las, hatte ich
unwillkürlich Mitleid mit ihr, trotz des Mordens, das ihre Trauer
entfesselt. Ist das nicht die Stärke eines Epos – unsere tiefsten
Gefühle so in Worte zu fassen, dass wir uns wiedererkennen und
uns auch unserer Abgründe bewusst werden?
Als mein Vater starb, hatte ich Angst, darüber zu reden, wollte
möglichst den Eindruck erwecken, dass ich schon irgendwie damit
zurechtkam. Und ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht bei ihm
gewesen war. Ich glaubte kein Recht zu haben, Aufhebens um
meine Gefühle zu machen. Also hielt ich den Mund und verschloss
alles in meinem Inneren. Erst später, sehr viel später, erkannte ich,
was das für einen Schaden angerichtet hatte.
Nun, da ich von Kriemhilds emotionaler Hemmungslosigkeit las,
empfand ich eine Art seltsame, tröstliche Läuterung. Kriemhild lässt
sich von ihrem Kummer überwältigen, ordnet ihm alles unter, nimmt
es in Kauf, eine Kettenreaktion auszulösen, die alles zerstört. Mein
Gott, wie atmet diese außergewöhnliche Geschichte doch die Macht
der Trauer.

Dichte schwarze Wolken jagten über den Himmel, ließen


gelegentlich ihren Zorn auf mich herabregnen. Sie hatten die Form
von dunklen, stachelbewehrten Drachen, nur dass sie Wasser spien
statt Feuer. Ich war bereits völlig verdreckt und durchweicht, als mich
eine Truppe Aprikosenpflücker in ihren Minibus einlud und am Fluss
entlang bis nach Krems mitnahm. Dort endlich hörte der Regen auf,
und die Sonne tauchte den Stadtpark in goldenes Licht; ich besorgte
mir Brot und Kekse in einem Netto-Supermarkt und ließ mich zu
einem Abendessen im Freien nieder.
Ich saß vor dem Denkmal Johann Heinrich von Schmidts, eines
Feldmarschall-Leutnants aus den napoleonischen Kriegen, und hatte
meine klitschnassen Strümpfe zum Trocknen auf dem Sockel
ausgebreitet. Von der anderen Seite waren Stimmen zu hören, und
Zigarettenrauch waberte herüber. Ich erkannte die Knacklaute und
die schnelle gutturale Sprechweise des Arabischen. Nach kurzem
Zögern lugte ich ums Eck und stellte mich vor.
»Unsere Papiere sind nicht in Ordnung.« Moussa, einer der
Männer, ließ eine Faust auf die andere Handfläche niedersausen,
wie man einen Pass stempelt. »In Wien fragen sie einfach zu viel!«
Sie kamen aus Marokko. Mit einem Boot waren sie von Libyen
übergesetzt, nahe genug an Lampedusa heran, dass die
Küstenwache sie aufnehmen konnte. Doch die italienischen
Behörden hatten ihre Pässe abgestempelt, was hieß, dass weitere
Grenzübertritte verboten waren. Laut Dublin-Abkommen waren die
Männer nun verpflichtet, in dem Land Asyl zu beantragen, in dem sie
die EU betreten hatten. Wenn die österreichischen Behörden sie
erwischten, würden sie wahrscheinlich abgeschoben werden.
»Es ist wohl schwierig, Arbeit zu finden?«, fragte ich.
Moussa schnalzte mit der Zunge. »Genau darum sind wir ja aus
Marokko weggegangen. Ohne Beziehungen hast du dort keine
Chance. Wir dachten, Europa wäre die Lösung.«
»Weißt du, wie viele Diplome ich habe?«, sagte sein Freund.
»Vier! Ein Diplom stammt von der Al-Azhar-Universität in Kairo. Aber
was kann ich damit anfangen? Ich bin Ingenieur. Und ich kann auch
als Friseur arbeiten.«
Er schnippte die Zigarettenkippe auf den Gehweg. Kurz darauf
zündete er sich die nächste an. Wir teilten uns meine Kekse und ihre
Oliven, die wir mit Pitabrot aßen.
Bei Sonnenuntergang waren meine Kleider fast alle getrocknet,
also packte ich sie ein und machte so meinen Affront gegenüber
Feldmarschall-Leutnant Schmidt wieder gut. Der Sockel des
Denkmals war nicht gerade der bequemste Schlafplatz, aber
wenigstens regnete es nicht mehr. Das Aufglühen von Zigaretten
zwischen den Kiefern zeigte uns, dass wir nicht allein waren.
Beim Lesen des Nibelungenliedes taucht man in eine Welt ein, in
der tapfere Ritter umherziehen können, wie es ihnen gefällt –
vorausgesetzt, sie haben ein scharfes Schwert, genügend Geld oder
respektable Kontakte. Doch oft wird ihnen der Weg von Grenzen
versperrt, ähnlich wie in unserer Welt. Als Hagen die Donau
überqueren will, stellt sich ihm ein Fährmann in den Weg, dessen
Aufgabe es ist, die Grenze zu bewachen. Der Fährmann verpasst
Hagen einen Stoß mit dem Ruder, worauf Hagen ihm den Kopf
abschlägt. Dabei hat Hagen im Prinzip nichts gegen Grenzen. Dem
Ritter, auf den er nahe Pöchlarn trifft, überreicht er sechs rotgoldne
Armreifen und lobt ihn: »… du bist ein kühner Degen, liegst auf der
Mark du auch allein.« Und in ähnlicher Weise ist Siegfried froh und
zufrieden, als er eine seiner Burgen wohlbewacht von einem Riesen
vorfindet. Er gibt sich nicht zu erkennen, wie ein Boss, der inkognito
seinen Angestellten auf den Zahn fühlen will. »Schier begann zu
fürchten der Held den grimmen Tod«, erfahren wir, »als der Türhüter
so mächtig auf ihn schlug; dafür war ihm gewogen sein Herre
Siegfried genug.«
In diesen Ländern herrschte Gewalt, und die Wächter waren kaum
besser als Banditen. Viele von uns würden das moderne Europa
gerne als den Kontinent sehen, der das Zeitalter der Grenzen hinter
sich gelassen hat. Zumindest für die Schengenzone gilt: keine
Grenzen, keine Grenzanlagen. Aber die sogenannte
»Flüchtlingskrise« hat das Selbstbild, mit dem wir uns so behaglich
eingerichtet haben, zum Bröckeln gebracht. Wie mir viele Flüchtlinge
erzählten, waren die schlimmsten Erfahrungen auf der Flucht die
Erlebnisse an den Grenzen: Aggressive Zöllner legten ihnen
Handschellen an, sie wurden mit Spürhunden verfolgt und an den
Grenzzäunen mit Pfefferspray besprüht.
Die Errichtung von Grenzzäunen in Ungarn und Österreich und die
isolationistische Rhetorik rechtspopulistischer Politiker beunruhigten
mich. Ist eine »Festung Europa« wirklich die Antwort? Es musste
doch eine kultiviertere, komplexere Art und Weise geben, damit
umzugehen! War das nicht der Augenblick, in dem sich die
europäische Gemeinschaft bewähren sollte? Doch alles, was ich
sah, war das Hochklappen der Zugbrücken – Nato-Stacheldraht,
Volksabstimmungen, der Aufstieg der Populisten. Als könnte man
die Probleme beim Nachbarn ignorieren, wenn nur die Mauern hoch
genug waren.
»Europa verändert sich zu schnell«, war eine Aussage, die ich auf
meiner Reise oft hörte. Aber verändert sich Europa nicht sowieso
ständig? Berichten nicht auch die Epen von ständigem Wandel?
Man denke an die Entwicklung des Superstaats im Rolandslied, das
Wachstum der Städte in der Odyssee, die Selbstzerstörung der
verhärteten feudalistischen Strukturen im Nibelungenlied?
Ich dachte an meine Reise durch die Sahara vor einigen Jahren,
an die herzzerreißenden Geschichten von Nomaden, die ihr
gesamtes Vieh verloren hatten, und von Stadtbewohnern, die die
Nase voll hatten von der erdrückenden Armut. Und wie üblich
kreisten meine Gedanken um die alte Frage: Was würde ich an ihrer
Stelle tun? Würde ich mich nicht auch aufmachen wollen in ein Land,
in dem angeblich Milch und Honig fließen?

Das Dröhnen des Verkehrs auf einer Donaubrücke; der


wunderschöne Blick auf das auf einem Hügel thronende Stift
Göttweig mit seinen vielen Kuppeln; Obstplantagen und Weinberge,
die ihren Schatten auf die sich gen Osten windende Straße warfen.
Nahezu den ganzen Tag hielten sich die Wolken zurück. Doch am
Stadtrand von Traismauer nahm der Regen die Verfolgung auf.
Wieder einmal bis auf die Haut durchnässt, eilte ich ins Dorf und
suchte Schutz unter einem Carport. Dort stand ich dann triefend
zwischen zwei auf Hochglanz polierten BMWs und betrachtete mein
ungepflegtes Spiegelbild auf der Motorhaube. Warum musste es
unablässig regnen? Es war Ende Juli! Todesmutig stürzte ich mich
wieder in den Regenschauer und rettete mich hinter die Glastür
eines Stüberls. Hier hatte ich es endlich warm und trocken, schälte
mich aus meiner nassen Jacke und ließ mir zwei köstliche Weißbier
schmecken. Der Regen fiel und fiel, und ich schaute durchs Fenster
zu. Die mittelalterlichen Mauern draußen wirkten wie der Hintergrund
eines besonders eindrucksvollen Aquariums.
»Grüß Gott!« Ein Mitglied des Kegelklubs machte ein paar
Bemerkungen über den Regen und spendierte mir einen
Marillenschnaps, bevor er das Klublied anstimmte und mit seinen
Kameraden singend in die Nacht hinausstapfte. Ein wenig traurig
sah ich ihnen nach, wünschte mir, sie wären länger geblieben, aber
es war schon nach Mitternacht, und man würde mich bald
hinauskomplimentieren. Ich machte mich auf die Suche nach einem
Nachtlager, doch ich konnte nichts Bequemeres finden als eine
überdachte Nische hinter einem Häuserblock, wo neben den
Mülltonnen gerade noch ein trockenes Plätzchen für meinen
Schlafsack blieb. Bevor ich einschlief, stellte ich den Wecker auf
meinem Handy, damit ich meine Sachen packen konnte, bevor am
Morgen irgendjemand mit dem Müll kam.
Die Hauptstraßen von Traismauer folgen dem Umriss eines alten
römischen Kastells, von dem noch das Römertor zeugt, eine 1700
alte Bastion aus Lehm. Es lag nur wenige Meter von meinem
Schlafplatz entfernt. Im Mittelalter hatte man einen rechteckigen
Turm in der Mitte hinzugefügt, den eine Szene aus dem
Nibelungenlied schmückt. Das Fresko aus dem Jahr 1930 zeigt
Rüdiger mit goldenen Hörnern am Helm und einem stattlichen
Vollbart, wie er sich der neben ihm reitenden Kriemhild zuwendet; ihr
goldener Umhang passt zu ihrem langen geflochtenen blonden Haar.
Traismauer spielt im Epos nur eine kleine Nebenrolle: Etzel besitzt
dort »eine reiche Veste«. Es ist einer von vielen Orten, an denen
sich Kriemhild auf dem Weg zu ihrem neuen Heim großzügig zeigt.
Aber das reicht einer kleinen Stadt, um sich zu rühmen, dass auch
sie ihr Plätzchen in der großen Geschichte hat.
Von Traismauer sind es nur noch achtzig Kilometer bis Wien, und
dieses große Zentrum Mitteleuropas war mein nächstes Ziel. Als ich
auf meinem Weg zum Bahnhof durch das Römertor schritt, winkte
ich Kriemhild und Rüdiger zum Abschied zu. Durch das Fenster des
leeren Zugwaggons sah ich die Wiesen unter Wasser stehen, als
wären es Reisfelder, nichts regte sich außer ab und zu eine
regengepeitschte Vogelscheuche: eine überflutete Ebene, die im
krassen Gegensatz zur üppig grünen Wachau stand. Nach und nach
schlugen die Vororte Wiens Schneisen in die Obstplantagen; Türme
und Kuppeln erhoben sich hinter den Gleisen und Überführungen.
Am Bahnhof nahm ich die U-Bahn zum Karlsplatz, wo ich an einer
musikalischen Toilette vorbeikam, in der Mozarts Opern das
Pinkelgeräusch dämpften, und einem Straßenmusiker begegnete,
der den Donauwalzer auf einer mit Klebeband reparierten Bratsche
spielte. Kein Zweifel: Ich war in Wien!
20
Mein Kind, das ihr erschlüget und viel der Freunde mein, Fried’ und
Sühne soll euch stets dafür geweigert sein.

Etzel, Nibelungenlied, Sechsunddreißigstes Abenteuer

Im Mittelalter gab es für den Zentraleuropäer keinen


prestigeträchtigeren Ort zum Heiraten. Darum lässt der Dichter des
Nibelungenliedes die Hochzeit von Kriemhild und Etzel in Wien
stattfinden. Nicht, dass die Stadt mit ihrem Bezug zum Epos
hausieren würde: Sie ist so reich an Geschichte, dass sie über eine
Sage nur die Nase rümpfen kann (was sie allerdings nicht davon
abgehalten hat, die Straße zwischen Operngasse und
Museumsquartier Nibelungengasse zu nennen).
Wien bringt uns durch sein altmodisches mitteleuropäisches Flair
das Nibelungenlied näher. In dem Haus, in dem ich wohnte, und
auch in anderen, die ich besuchte, fanden sich auf den
Messingschildern Titel wie »Doktor«. »Magister«, »Dipl. Ing.« und
sogar »Hofrat«. Sabine, meine Airbnb-Vermieterin, machte mich
grinsend darauf aufmerksam und verdrehte die Augen über das
hiesige Getue um Titel und Vorschriften: »Diese Stadt ist für ihre
Humorlosigkeit bekannt.« Es ist ein Ort, an dem man sich die
Obsessionen des Nibelungenliedes gut vorstellen kann: Kriemhild
und Brunhild, die darüber streiten, wer den Vortritt hat, Ritter wie
Rüdiger, die sich aus falschem Ehrgefühl opfern. Nordische
Versionen der Nibelungensaga reiten nicht so stark auf diesen
Themen herum, weil sie in einem eher egalitären Klima entstanden
sind. Doch hier im Herzen Europas sorgt man sich vor allem um
seine gesellschaftliche Stellung.
Für mich machte aber gerade das Wiens Charme aus. Man hat es
ins 21. Jahrhundert gebeamt – von Suppenküchen für Flüchtlinge bis
hin zu den stillen Tänzern mit Kopfhörern in einem Nachtclub am
Donaukanal. Doch es ist auch eine Stadt, die an ihre Vergangenheit
gefesselt ist, in der die stark romantisierte Kaiserin Sisi mit ihren
juwelengeschmückten Locken auf Litfaßsäulen und
Kaffeehausfassaden prangt.
Leicht benebelt von mehreren Aperol Spritz und den Diskussionen
mit kettenrauchenden Politaktivisten, verließ ich Sabines Wohnung
mit den merkwürdig niedrigen Decken und flanierte durch die Stadt,
freute mich an all den Dingen, die ich schon immer an Wien geliebt
hatte: Ich las auf einer gepolsterten Sitzbank in einer
Kaffeehausnische die Donau-Zeitung und trank dazu einen Mokka
mit Schlagobers, lauschte einer Jazzband in einer Kellerbar am
Franz-Josefs-Kai und folgte der Einladung einer iranischen Familie
zu einer Grillparty am Donauufer.
Nun habe ich eine Verabredung mit einem modernen
Minnesänger, der mittelalterliche Gedichte vorträgt. Vor einigen
Jahren begegnete ich im Iran traditionellen Erzählern, die Hunderte
von Strophen auswendig konnten, und in Mali traf ich auf ihr
Pendant, die Griots. Es gehört zu den erfreulichsten Erkenntnissen
meiner Reise durch Europa, dass diese Tradition, obwohl seltener
geworden, noch nicht ausgestorben ist.
Mein österreichischer Barde ist Eberhard Kummer. Mit
leuchtenden, von kleinen Fältchen umgebenen Augen strahlt er mich
über seine Schoßharfe hinweg an, seinem breiten Brustkorb
entströmt eine volltönende Stimme. In seiner guten Stube hängt eine
Kuckucksuhr mit Tannenzapfengewichten, glasierte Keramiktöpfe
zieren die Schränke, und dazwischen stehen gerahmte Fotografien
und eine altmodische Kaffeemühle. Eberhard hat das Nibelungenlied
auf verschiedenen Festivals rezitiert und einige CDs aufgenommen.
Auf YouTube verzeichnen seine Videos mehr als 100.000 Klicks.
»Es ist einfach wunderbar«, sagt er. »Es gibt immer noch ein
großes Publikum dafür!«
Er ist fasziniert von Gesangstraditionen anderer Kulturen, über die
er mit Begeisterung spricht – zum Beispiel die Liedform »Chjam e
rispondi«, eine Art Wettstreit zwischen zwei Sängern, die in Korsika
praktiziert wird, oder die von den Griots in Niger rezitierten
Geschichten, »in der jeder Held seine eigene Melodie hat«. Wie
viele Rezitatoren, denen ich begegnet bin, sieht Eberhard seine
Performances im Kontext eines größeren Ganzen, und er schätzt die
Kunst der anderen, weil er weiß, welch große Herausforderung seine
eigene darstellt.
»Die Menschen reagieren sehr stark auf das Nibelungenlied«,
sagt er. »Die Geschichte reißt sie mit, genau wie sie mich mitreißt.
Wenn Kinder im Publikum sind, sind sie wie gebannt.«
Es fällt mir schwer, mich mit Eberhard in meinem gebrochenen
Deutsch zu unterhalten. Ich bin froh über mein Diktafon, nicht nur,
weil ich mir das Interview später noch einmal anhören kann, sondern
vor allem weil er auch einige Strophen vorträgt. Zärtlich zupft er die
Saiten seiner Schoßharfe, seine Stimme schwillt zum Fortissimo,
garniert mit rollenden Rs, und wird dann wieder so sanft und weich
wie eine fallende Feder:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit


Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit
von helden lobebærn, von grôzer arebeit,
Von preiswerten Helden, von großer Kühnheit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
Von Freud’ und Festlichkeiten, von Weinen und von
Klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren
sagen.
Von kühner Recken Streiten mögt ihr nun Wunder hören
sagen.

Die Rezitation des Nibelungenliedes ist ein einsameres Geschäft als


die Gesänge der bosnischen Guslare. Man sitzt nicht in einer Kneipe
zusammen und genehmigt sich hin und wieder einen Schnaps,
während die Schoßharfe herumgereicht wird. Doch Eberhard möchte
den Zauber der mündlichen Überlieferung fortführen. Das
Nibelungenlied ist zum freien Vortrag gedacht, nicht zum Vorlesen.
Deshalb kommt man, wenn man diesem lebendigen Erzähler
lauscht, dem Geist des alten Epos ein wenig näher. Dabei handelt es
sich nicht um überliefertes Brauchtum wie bei den Guslaren. Tonfall
und Tempo werden nicht von Generation zu Generation
weitergegeben, sondern bleiben jedem Interpreten selbst
überlassen. Es ist spannend, dem Nibelungenlied zu lauschen und
daran erinnert zu werden, wie melodiös die deutsche Sprache sein
kann.

Als ich mich auf den letzten Handlungsort des Nibelungenliedes


zubewegte, ließ ich pastellfarbene Fassaden und Stuck,
Thermalbäder und Windräder hinter mir und tauschte sie ein gegen
wucherndes Dickicht, kaputte Traktoren und unzählige
Reparaturwerkstätten entlang der gewundenen Straßen, die mich an
den Kosovo denken ließen. Auf der einen Seite schlängelte sich das
von Weiden gesäumte silberne Band der Donau entlang, auf der
anderen gingen die Hügel in die ungarische Steppe über. Am
Horizont schimmerte dann und wann die gezackte Silhouette einer
Stadt auf. Die ungarischen Straßenschilder – an Pfosten genagelt,
schief über der Straße hängend – ließen mich spüren, wie sich der
Kontinent wandelte. Ich sah mehr Menschen mit gebeugtem Rücken
und schlurfendem Gang, aber auch mehr Spirituosenläden und
Plakatwände mit Werbung für Arbeitsmöglichkeiten in Österreich.
In Budapest stieg ich vom großen Bus in einen kleineren nach
Esztergom um, in den sich bereits Familien mitsamt Buggys und
Kajakausrüstung gequetscht hatten. Radfahrer in hautengen Trikots
zischten den Donauradwanderweg neben uns hinab. Zwischen
Weidenbäumen und Wasserpest spielten Leute Badminton und
Frisbee, picknickende Familien breiteten Decken über ihre Autos,
um sie vor Überhitzung zu schützen, und vor einem Partyzelt nippten
die Gäste einer Hochzeitsgesellschaft an ihrem Champagner. Das
Haar der Braut war zu Locken gedreht wie bei den Damen auf den
Biedermeier-Gemälden in den Wiener Galerien.
Hinter einer Donauschleife wichen die Wiesen Weidenbrüchen.
Rohrdommeln suchten im sumpfigen Uferdickicht nach Futter, ihre
gestreiften Federn blitzten zwischen dem Schilf auf. Endlich, wie ein
Tempel mitten im Dschungel, tauchten die Dächer und Glockentürme
von Esztergom auf. Die gewaltige Bleikuppel der Kathedrale thronte
wie der Deckel einer Schatztruhe auf einem klassizistischen
Säulentambour.
Ich übernachtete in einer am Fluss gelegenen Sporthalle,
nächtigte in einem Schlafsaal mit einem halben Dutzend Slowaken
von der anderen Seite der Donau. Allerdings verbrachten sie fast die
ganze Nacht draußen auf der Terrasse, und mit jedem Gläschen
Pálinka umhalsten sie sich ein wenig mehr. Irgendwann kamen sie
herein, entledigten sich überflüssiger Kleidung und verteilten sich auf
die Liegen. »Eine gute Nacht!«, riefen sie, als ich gegen Mitternacht
an ihnen vorbeischlich. Es klang weniger wie ein Wunsch als wie ein
Rapport.
Esztergom war der passende Abschluss meiner Forschungsreise
auf den Spuren der Nibelungen, denn dies war im Epos Etzels
Hauptstadt namens Gran. Kriemhild empfängt hier ihre Verwandten,
die zu Etzels Mittsommerfest gekommen sind. Tausende Ritter
überqueren die Donau, um an den Festivitäten teilzunehmen, ohne
etwas von Kriemhilds mörderischen Absichten zu ahnen. Hier
versammeln sie sich in Etzels großem Saal, verschütten Wein und
werfen die Tafel um, rammen ihre Schwerter durch Kettenhemden
und schlagen mit Fußbänken auf Hunnenhelme ein. Hier endet die
Geschichte in einem gewaltigen Blutbad.
Wie in der Odyssee findet die entscheidende Schlacht in einem
Saal statt. Ein Ort, der Schutz, Nahrung und Wärme bietet, wird in
ein Schlachthaus verwandelt. Das kommt in den großen Sagen
Europas häufig vor – die isländische Saga von Njáll gipfelt im Brand
eines Bauernhofs, Beowulf beschützt die Methalle vor räuberischen
Ungeheuern. In europäischen Epen passiert das häufiger als
anderswo (man denke dagegen an die Duelle auf den staubigen
Schlachtfeldern in der persischen Shahnameh). Je weiter nördlich
die Epen angesiedelt sind, desto häufiger spielen Säle und Hallen
eine Rolle und erinnern uns daran, wie sehr das Klima den
Höhepunkt einer Geschichte prägt.
Im Palast der Árpáden hielten in alten Zeiten die ungarischen Könige
Hof. Die steinerne Burganlage mit Wohnturm erstreckt sich neben
dem Dom über den Burgberg. Auch wenn der Hunnenkönig Etzel
hier nie gelebt hat, war Esztergom zur Zeit der Abfassung des
Nibelungenliedes die ungarische Hauptstadt, und vermutlich war
dies der Palast, den der Dichter beim Schreiben im Kopf hatte.
Nachdem Friedrich I. Barbarossa hier auf seiner verhängnisvollen
Reise zum Dritten Kreuzzug Station machte, erreichte den Dichter
sicher Kunde davon in Passau (oder an welchem Hof er sich auch
aufhielt) und lieferte ihm Anschauungsmaterial für den grausamen
letzten Akt des Epos.
In der frühgotischen Burgkapelle blicken unter einem mit goldenen
Sternen verzierten Gewölbe zwei Ritter von einer Säule herab. Einer
trägt einen Bogen, der andere Dolch und Schild. Weniger andächtig
als die um sie versammelten erhabenen Heiligen, erlaubt diese
Skulptur einen Einblick in die kriegerische Atmosphäre des Epos und
illustriert, welche Mühe die Friedensbotschaft des Christentums
hatte, dem Nervenkitzel martialischer Taten etwas
entgegenzusetzen.
Esztergoms Größe ist im Nibelungenlied spürbar – die
Kultiviertheit des Hofes von König Stephan, Gemahl der deutschen
Prinzessin Gisela. Ihre Heirat besiegelte die Verbindung zwischen
Deutschland und Ungarn, und etwas Vergleichbares geschieht auch
im Nibelungenlied. Denn Kriemhild und Etzel herrschen über ein
Reich, von dem es heißt: »Bei ihm war allerwegen, so sieht man’s
nimmermehr, so christlicher Glaube als heidnischer Verkehr. Wozu
nach seiner Sitte sich auch ein jeder schlug, das schuf des Königs
Milde, man gab doch allen genug.« Wenn man bedenkt, dass das
Epos im Zeitalter der Kreuzzüge verfasst wurde, wirkt es
bemerkenswert weltoffen und bildet damit einen starken Kontrast
zum Schwarz-Weiß-Denken des Rolandsliedes. Doch religiöse
Toleranz verhindert noch lange kein Blutvergießen: Wozu braucht
man ideologische Feinde, wenn es um einen persönlichen
Rachefeldzug geht!
Als ich zwischen einem Café und der Kathedrale auf dem
Burgberg umherstreifte, konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie
Hunnenkrieger an den gewaltigen Steinmauern mit Kriemhilds
mörderischen Befehlen entlangeilten oder wie König Gunther und
der furchtlose Hagen im Palast in Blut wateten, über sich die
brennenden Dachbalken. Vordergründig betrachtet ist die letzte
Schlacht des Epos ein Kampf zwischen sesshaften Germanen und
nomadischen Hunnen aus der Steppe und knüpft damit an das
zentrale Thema der südeuropäischen Epen an: der Kampf der
Europäer gegen die Völker an Europas Grenzen (im Gegensatz zu
der Ilias, dem Rolandslied und dem Kosovo-Zyklus). Doch das
Nibelungenlied umfasst sowohl Nord- als auch Südeuropa –
schließlich ist es das mitteleuropäische Epos. Nicht nur mit seinem
Schatz, seinen Zwergen und Drachen (den grundlegenden
Elementen der phantastischen Literatur, die auch schon die
Romantiker begeisterten), sondern auch mit seinem brutalen
Gemetzel, seiner Obsession mit Loyalität und Mut weist das
deutsche Epos nordwärts, zu den Geschichten von Beowulf und den
isländischen Sagen.
»Den nächsten Anverwandten wie gab sie blut’gen Lohn! Durch
dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn«, verkündet
der Dichter im ersten Abenteuer.
Hier haben wir ein Motiv, das die europäischen Epen zu beiden
Seiten der Alpen verbindet. Roland und Miloš Obilić werden von
Männern aus ihren eigenen Reihen verraten – die Odyssee endet
damit, dass der Held seine eigenen Untertanen erschlägt.
Wiederholt und eindrücklich zeigen die Epen, dass nicht
»Außenseiter« oder »Fremde« die größte Gefahr darstellen. Dies
schien mir eine wichtige Erkenntnis, die ich mitnehmen konnte, jetzt,
da ich mich anschickte, in mein entzweites Heimatland
zurückzukehren. Politik war von jeher nichts anderes gewesen:
interne Zwistigkeiten, die vergiftete Wellen in die ganze Welt
aussandten.
Das Nibelungenlied hat Nazis und andere Ultra-Nationalisten
gleichermaßen inspiriert. Trotz seines Zaubers, trotz seiner
phantastischen Geschichte ist es eine brutale Erzählung über den
Willen zum Tod. Die mythologischen Elemente verstärkten nur die
Anziehung auf Hitler und seinesgleichen, vermischten sich mit deren
völkischer Gesinnung, ihrer Überhöhung »männlicher« Sportarten
und ihrer Rückwärtsgewandtheit. Während meiner Reise hatte ich
erfahren, wie tief das Nibelungenlied im kollektiven deutschen
Gedächtnis verwurzelt ist. Die Märchenelemente – der Kampf mit
dem Drachen, der Schatz im Rhein, die weissagenden
Wasserfrauen, alles bei den Malern der Romantik beliebte Motive –
verschleiern den verstörenden Todeswillen im Kern des Epos. Alle
großen Epen erzählen eine verstörende Geschichte, und in ganz
besonderem Maße trifft das auf das Nibelungenlied zu. Genau wie
sich Siegfrieds kolossale Stärke als sein Verderben erweist, weil er
damit Hagen und die Burgunder gegen sich aufbringt, so liegt in der
Größe des Epos auch seine Schwäche, denn das macht es anfällig
für all unsere Projektionen.
»Für mich zeigt das Nibelungenlied den Wahnsinn des Krieges«,
hatte Albert Ostermaier zu mir gesagt. »Es verherrlicht eindeutig den
Krieg«, formulierte deutlich zugespitzter Anna Rosmus. Konnte
beides stimmen? Das Werk entzieht sich einer einzigen
Interpretation. Das Anti-Kriegs-Argument lässt außer Acht, dass das
Epos in brutalen Kämpfen schwelgt, dass es mit klangvollen Worten
das Aufeinandertreffen der Schwerter und die abgetrennten
Körperteile beschreibt, dass die gewalttätigsten Charaktere in
höchsten Tönen gepriesen werden. Aber auch das Gegenargument
kann den melancholischen Ton nicht wegdiskutieren, der das viele
Blutvergießen kommentiert. »Es ist nicht perfekt«, sagte Albert, »und
darin liegt seine Stärke. Es erinnert an Shakespeare.«
Diese Stärke, die mitreißenden Schlachtenszenen, die von Pathos
triefenden Reden – es ist alles da, man muss es sich nur nehmen.
Es braucht nur wenig, um die Geschichte für alle zu verderben. Doch
was die Faschisten alles verpassen: Rüdigers Tragödie, Hagens
Komplexität, Siegfrieds Naivität.
Ich erinnere mich, wie ich in Worms das Nibelungenlied las. Nach
dem Schluss musste ich erst einmal tief durchatmen. Ich war
aufgewühlt, mein Hirn wie vernebelt, als hätte ich Drogen
genommen. Was für eine Wucht diese Dichtung entfaltete – und wie
fahrlässig der Dichter dadurch handelte! Nehmen wir das
verstörende Finale des Epos. Hagen trinkt auf die Toten, kurz bevor
er den Sohn seines Gastgebers erschlägt: »… Daß vom Schwerte
nieder zur Hand ihm floss das Blut und das Haupt herabsprang der
Königin in den Schoß.« Höfische Musik wird von dem Spielmann
Volker, einem weiteren kriegerischen Geschichtenerzähler, in einen
Totentanz verwandelt: »Seine Weisen lauten übel, sein Bogenstrich
ist rot; mir schlagen seine Töne manchen Helden tot.« Und da kein
Wein zur Hand ist, trinken die durstigen Ritter das Blut ihrer
gefallenen Kameraden. »Wen der Durst will zwingen, der trinke hier
das Blut. Das ist in solcher Hitze besser noch als Wein. Es mag halt
zu trinken nichts Besseres sein.«
Am Ende gibt es nur Verlierer. Hagens größte Angst bewahrheitet
sich: Er wird von einer Frau erschlagen. Doch Kriemhild hat keine
Zeit, den Tod ihres Feindes auszukosten, denn sie wird von dem
erzürnten Hildebrand in Stücke gehackt.
Haben sich die Griechen so gefühlt, als sie mit dem brennenden
Troja im Rücken davonsegelten? Haben die Westgoten im 5.
Jahrhundert mit diesem Gefühl auf die Ruinen Roms geblickt? Beim
Lesen der letzten schrecklichen Strophen des Nibelungenliedes wird
man mit dem bitteren Geschmack der Götterdämmerung
konfrontiert: das Ende von allem. In den Ruinen findet sich keine
Hoffnung, und auch der Dichter bietet uns keinen Trost an, der die
Nachricht von den ungefähr 40.000 Toten abmildern könnte. »Da
war der Helden Herrlichkeit hingelegt im Tod; die Leute hatten alle
Jammer und Not«, schließt er grimmig. »Mit Leide war beendet des
Königs Lustbarkeit, wie immer Leid die Freude am letzten Ende
verleiht.«
FÜNFTER TEIL

WIE MAN MONSTER TOTET


BEÖWULF
Heorot ist eine prächtige, aus Holz errichtete und reich mit Gold
verzierte Methalle. Doch ihr Besitzer, der Dänenkönig Hrothgar,
hat Ärger mit dem Ungeheuer Grendel. Zwölf Jahre lang
verbreitet es Angst und Schrecken unter seinen Gästen, dann
endlich kommt Hilfe übers Meer: Beowulf, ein Fürst der Gauten 
5
Doch damit ist das Problem noch nicht gelöst: Nun attackiert
Grendels trauernde Mutter die Halle und sucht Rache für ihren
Sohn. Beowulf verfolgt sie bis in ihre Behausung, eine unter
Wasser gelegene Höhle. Mit seinem eigenen Schwert kann er
nichts gegen sie ausrichten, aber er findet unter den dort
gehorteten Schätzen die Klinge eines Riesen und schlägt ihr
damit den Kopf ab. In Heorot wird eine große Siegesfeier
abgehalten, und zu Beowulfs Ehren werden viele alte Sagen
vorgetragen. Anschließend macht er sich übers Meer auf den
Heimweg.
Einen Kampf muss er aber noch bestehen: Beowulf regiert
schon fünfzig Jahre lang als König, als er es mit einem
feuerspeienden Drachen zu tun bekommt, der seine Methalle
und die Häuser seiner Untertanen niederbrennt. Mit zwölf seiner
Mannen setzt Beowulf ihm nach, aber als es brenzlig wird, hält
nur einer zu ihm, sein getreuer Neffe Wiglaf. Gemeinsam gelingt
es ihnen, das 15 Meter große Untier zu töten, wobei Beowulf
jedoch tödlich verwundet wird. Nach seinem Tod äschern ihn
seine Gefolgsleute ein und errichten unter Heldengesängen auf
ihren gefallenen König einen Grabhügel, dem auch ein Schatz
beigegeben wird.
5 Die Gauten lebten im Süden des heutigen Schweden, woran
bis heute der Name dieses Landesteils, Götaland, erinnert.
Sie wurden von ihren Rivalen, den Schweden, unterworfen,
behielten aber eine herausragende Stellung in der
schwedischen Geschichte. Bis 1973 trug der schwedische
Monarch offiziell den Titel »König der Schweden, Gauten
und Wenden«.›, verspricht Hrothgar, ihn von dem ebenso
ungeladenen wie ungehobelten Gast zu befreien. Als
Grendel das nächste Mal in die Methalle dringt, nimmt
Beowulf mit bloßen Händen den Zweikampf auf und reißt
ihm einen Arm aus. Das Monster kann fliehen, stirbt aber
später an dieser tödlichen Wunde.
21
Auf Leben und Tod will ich mit der Faust dem Feinde begegnen.
Held gegen Held.

Beowulf, Sechste Fitte

Tief im sogenannten finsteren Mittelalter – so tief und finster, dass


wir weder das genaue Jahrhundert, geschweige denn den Ort
kennen – lebte ein Genie, das in der Sprache der Angelsachsen das
erste Meisterwerk der englischen Literatur schuf. Der Beowulf
gehört, man kann es nicht anders sagen, zum Wunderbarsten, das
England je hervorgebracht hat. Überliefert ist er uns in einer
Handschrift, die um das Jahr 1000 angefertigt wurde. Einige
Jahrzehnte später wurde das Inselreich von den Normannen erobert,
wodurch sich seine Sprache innerhalb kürzester Zeit radikal
veränderte. Das angelsächsische Epos geriet mehr als sieben
Jahrhunderte lang in Vergessenheit. Doch auch wenn niemand mehr
daran dachte, sein wyrd (um das angelsächsische Wort für Schicksal
zu verwenden) war nachhaltig. Schließlich fiel es in die Hände von
Sir Robert Cotton, einem kenntnisreichen Sammler, in dessen
Bibliothek sich Gelehrte und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts wie
Sir Francis Bacon und Sir Walter Raleigh die Klinke in die Hand
gaben. Sein Enkel übereignete später seine Manuskripte dem Staat
– die Cotton Collection bildete den Grundstock der British Library.
Doch die englischen Forscher konnten dem Beowulf nichts
abgewinnen, und so musste erst ein Gelehrter aus der Ferne
kommen, um ihn aus dem Dunkel der Zeit ans Licht zu holen. Diese
Tat vollbrachte Grímur Jónsson Thorkelín, ein isländischer Archivar
und Bücherfreund, der im späten 18. Jahrhundert das Manuskript
aufspürte und eine Abschrift nach Dänemark brachte. Dort wurde es
als große dänische Saga gefeiert, über deren Herkunft die Gelehrten
des ganzen Kontinents eifrig debattierten. Auch auf der britischen
Insel wurde man sich allmählich der Bedeutung des Beowulf
bewusst. Allerdings waren seine Figuren und seine Geschichte im
Unterschied zum Nibelungenlied oder dem Rolandslied nicht im
Bewusstsein der Bevölkerung verankert, es besaß also keine direkte
politische Verwertbarkeit. Außerdem hatten die Briten von der
Artussage bis zu den Historiendramen Shakespeares genug
kulturelles Material, das sich für propagandistische Zwecke
ausschlachten ließ.
Im 19. Jahrhundert wandten sich etliche Größen der Literatur dem
Beowulf zu (so etwa Sharon Turner, Alfred Lord Tennyson und
William Morris, Letzterer der Welt heute hauptsächlich als Schöpfer
floraler Jugendstiltapeten bekannt). Doch erst im 20. Jahrhundert
verstärkte sich das Interesse, was sich dem Einfluss und der soliden
Deutung von J. R. R. Tolkien verdankt. Heute ist der Beowulf eine
der produktivsten Sagen Europas: Sie regte Bestseller-Autoren wie
Michael Crichton und Neil Gaiman zu Werken an, inspirierte John
Gardner, der mit seinem Roman Grendel ein existenzialistisches
Meisterwerk schuf; sie stand Pate für Voyager, eine Folge von Star
Trek, lieferte den Namen eines Computerclusters und die Vorlage für
einen spannenden Film, in dem Angelina Jolie eine alles andere als
grausige Version von Grendels Mutter verkörpert. Und ganz
allgemein ist die Bilderwelt des Beowulf – Ungeheuer, die aus dem
Dunkeln auftauchen, finstere Moore, Methallen, deren ausgelassene
Trinkgelage von Unheil überschattet sind, Drachen, die eifersüchtig
einen Schatz hüten – fester Bestandteil der Geschichten der
westlichen Welt geworden und hat den Beowulf neben der Odyssee
zur bekanntesten europäischen Sage gemacht.
Doch wer hat sie geschrieben, und warum? Was inspirierte den
angelsächsischen Barden zu dieser Geschichte über blutrünstige
Ungeheuer, rauschende Feste in einer Methalle und Fürst Beowulf,
der »ein wahrhafter Held, ein König auf Erden, und von allen der
Beste« ist?
Solche Gedanken gingen mir im Kopf herum, während ich mich
daheim in Dorset im Kreis meiner Familie entspannte. Von der
Beschäftigung mit Beowulfs Monstern wechselte ich immer wieder
zu dem etwas freundlicheren Drachen Zog aus dem Kinderbuch von
Julia Donaldson. Gerade auf die Literatur für junge Leser, in denen
es von Ungeheuern nur so wimmelt, haben Sagen einen großen
Einfluss. Ihre Helden müssen ständig abenteuerliche Prüfungen
bestehen, und nicht selten werden Motive aus den Epen direkt
übernommen. Als ich meinem Ältesten Kenneth Grahames Roman
Der Wind in den Weiden vorlas, konnte ich nicht umhin, die
Parallelen zum Beowulf mit seinem finster drohenden dunklen Wald
und der behaglichen Atmosphäre der Halle wahrzunehmen. »Euer
Wohl und Wehe liegt in den Händen des berühmten, kundigen,
furchtlosen Kröterich!« war so ein Satz von Kenneth Grahame, der
als Parodie auf jeden Sagenhelden gemeint sein könnte.
Immer noch spukten mir Sagen im Kopf herum, und ein paar
Reisen hatte ich auch noch vor mir. Es war schön, von vertrauten
Gesichtern und Stimmen umgeben zu sein. Doch meine Reise war
noch nicht abgeschlossen, und es juckte mich, wieder aufzubrechen.
Einige Wochen nach meiner Heimkehr pflückte ich mir also die
Legosteine aus den Zehen, warf mich ins Auto und fuhr in einem
fünfstündigen Landstraßenslalom zu einem Kloster in den Midlands.
Das war die erste Etappe meiner mehrwöchigen Beowulf-Reise.
Weitere führten mich zu einer abgelegenen Kirche in East Anglia,
den berühmten Hügelgräbern von Sutton Hoo und einer heidnischen
Begräbnisstätte in Dänemark. Auf den Spuren des Beowulf gelangt
man an manchen unheimlichen Ort.

Welche Laute mögen diese Kreaturen von sich gegeben haben?


Haben sie geknurrt, gebrüllt oder gefaucht? Ich stand in der Kirche
von Breedon-on-the-Hill, errichtet auf einem 122 Meter hohen Hügel
aus Leicestershire-Kalkstein. Irgendetwas grummelte, aber das
schien von außen zu kommen. Der Westwind ließ die
Buntglasfenster klappern und rüttelte an dem normannischen Turm;
vom nahegelegenen East Midlands Airport hörte man die
donnernden Triebwerke niedrig fliegender Maschinen.
Ich fand die steinernen, in Blei gefassten Reliefs der Fabelwesen
im Ostflügel der Kirche. Sie waren älter als die Kirche, Überbleibsel
eines Klosters, das hier schon gestanden hatte, bevor im 9.
Jahrhundert die Wikinger eingefallen waren. Ihre löwenartigen
Gesichter blickten mürrisch drein, die Hälse waren über unförmigen
Körpern verrenkt, die in Ziegenbeinen auszulaufen schienen. Sie
sahen aus wie die Mutanten und Ungeheuer, die man aus
Darstellungen des Jüngsten Gerichts oder den Illustrationen alter
Manuskripte kennt. Alle Ungeheuer waren miteinander verschränkt
und verknotet: Eines der Biester versenkte seine Zähne in den
Rücken eines anderen Untiers, zwei schienen zu kopulieren,
herzförmige Schwänze kringelten sich in der Luft, zwei hatten die
Beine wild gekreuzt.
Sie erinnerten mich an die Tiere und Fabelwesen des Wormser
Doms, in denen sich ebenfalls die Faszination des Mittelalters für
das Phantastische ausdrückt. Für den Beowulf-Experten Richard
North sind diese »anglischen Ungeheuer« typisch für ein »Haus
voller biblischer, apokrypher, fantastischer, klassischer und
homiletischer Bücher, ergänzt durch steinerne Skulpturen in
nahöstlichem, klassischem und insularem Stil«. Solch eine
Klosterkirche, vermutet North, »könnte das Umfeld gewesen sein, in
dem der Beowulf entstand«. Auch eine mögliche dynastische
Verbindungslinie ist vorhanden: Im 9. Jahrhundert hatte das
angelsächsische Königreich Mercia einen Herrscher namens
Beornwulf, dessen Nachfolger Wiglaf hieß – so wie der treueste
Gefährte unseres Sagenhelden.
Verborgen hinter dem Kastengestühl im Westflügel von Breedon
befindet sich der steinerne Sockel eines Kreuzes. Sein zweigeteiltes
Relief zeigt auf der unteren Darstellung Adam und Eva mit dem
Baum der Erkenntnis, die obere stellt einen Krieger mit einem
Trinkhorn neben einem Mann mit Kapuze dar, möglicherweise am
Eingang zu Walhalla, wo nach der nordischen Mythologie die
gefallenen Krieger von den Göttern in Empfang genommen werden.
»Wer immer das gemacht hat, wollte wohl auf Nummer sicher
gehen«, bemerkte ein Gemeindemitglied zu mir, als ich das Relief
eingehend betrachtete. Die kreative Verschmelzung von Heiden- und
Christentum gehört zu den Charakteristika der angelsächsischen
Kunst. Sie prägt auch den Beowulf, an den man unwillkürlich durch
ein anderes Kreuzfragment erinnert wird, das eine Reihe von
Ungeheuern zeigt. Eines ist eine schlangenähnliche Kreatur mit
einer gespaltenen Zunge. Im Beowulf ist das der wrætlicne wyrm
(»widrige Wurm«), der Drache, der den Helden in seinen letzten
Kampf lockt.
Am Abend huschten Wolken über den Himmel, die wie Bärte von
Zauberern wirkten. Sie schienen es eilig zu haben, so als wären sie
auf der Suche nach den Gesichtern, von denen sie sich abgelöst
hatten. Der Wind wirbelte das Laub zwischen den Grabsteinen wie
düsteres Konfetti umher. Die Nacht lud nicht zum Zelten ein, also
kletterte ich ins Auto und legte mich im Schlafsack auf die Rückbank.
Kein Wunder, dass der Wind so heftig blies: Wenn man Richtung
Osten blickt, ist Breedon-on-the-Hill die höchste Erhebung bis hin
zum Ural. Dieser windgepeitschte Hügel wäre ein würdiger
Versammlungsort für die grimmen Unholde, die den Beowulf
bevölkern. Solche wie die Ungeheuer in der Kirche.

Der Beowulf ist die ideale Lektüre für alle, die Geschichten von
phantastischen Wesen lieben. Mit seinen nebelverhangenen
Sumpflandschaften, Drachenhöhlen und Unterwasser-
Schlupfwinkeln bietet er eine Reise durch eine Landschaft voller
Schrecken und Abenteuer, in der Natürliches und Übernatürliches
ineinander übergehen wie in den verschränkten Mustern eines
angelsächsischen Frieses. Weder die Odyssee mit ihrem einäugigen
Riesen und ihren gefräßigen Seeungeheuern noch gar das
Nibelungenlied, das seinem einzigen Drachen bloß einen Auftritt von
wenigen Zeilen gönnt, kann mit seiner übernatürlichen Intensität
mithalten. Der Beowulf hat viele narrative Qualitäten mit dem
Nibelungenlied gemeinsam: Der Held ist ein Drachentöter, der von
seinen Getreuen im Stich gelassen wird, und auch im Beowulf
kündigt der Tod eines Königs den Untergang einer Epoche an. Der
Ausdruck »Melancholie« stammt von den Griechen, doch eigentlich
ist sie die Grundstimmung des Nordens, die hier zum tragenden
Erzählmotiv wird. Der Unterschied zwischen dem Beowulf und dem
Nibelungenlied liegt vor allem in ihren Hauptfiguren: Während in
Letzterem Mord und Verrat unter Männern das zentrale Motiv ist,
stellt der Beowulf die Ungeheuer in den Mittelpunkt. Wie hätte diese
Sage ihre Wirkung auf J. R. R. Tolkien verfehlen können, der von
sich als Kind sagte: »Ich verlangte nach den Drachen mit einer tiefen
Sehnsucht.«
Gerade die Monsterlastigkeit machte für Tolkien das Epos so
bedeutsam. Kein anderer Gelehrter, der sich mit angelsächsischer
Kultur befasst hat, schätzte den Beowulf unter diesem Aspekt so
sehr wie Tolkien, der nicht nur seine historischen und philologischen,
sondern auch seine phantastischen Tiefen auslotete. In seiner
einflussreichen Vorlesung Die Ungeheuer und ihre Kritiker, die er
1936 hielt (etwa um dieselbe Zeit, als er den Hobbit fertigstellte, und
ein Jahr bevor er mit der Arbeit am Herr der Ringe begann), führte er
aus: »Vom Beowulf … hat man gesagt, seine Schwäche liege darin,
daß Nebensächliches in die Mitte und die Hauptsache an den Rand
gerückt würde … Ich glaube, es ist grundfalsch in Bezug auf das
Gedicht, aber augenfällig richtig in Bezug auf die Literatur über das
Gedicht.« Zu oft missverstanden als »das konfuse Werk eines
Komitees von wirrköpfigen und vermutlich bierumnebelten
Angelsachsen«, stellt der Beowulf für Tolkien den Gipfel der Literatur
des Nordens dar, »das Gedicht eines Gelehrten, der auf das Leid
und Heldentum alter Zeiten zurückblickt«. Das Gedicht »rückt die
Ungeheuer in die Mitte, überläßt ihnen den Sieg ohne die Ehre und
findet eine starke, doch furchtbare Lösung im nackten Mut und
Willen.«
In einer Zeit, in der die Nazis die mittelalterliche Literatur zu
Propagandazwecken ausschlachteten, bewies Tolkien, dass man
eine Sage auch auf kreativere Weise neu interpretieren kann.
Nehmen wir seine Orks (eine Bezeichnung, die sich von den
orcneas ableitet, Sumpfdämonen aus dem Beowulf), den Namen
Frodo (von »Froda«, einem Kriegerkönig aus einer der vielen in das
Sagengedicht eingewobenen Nebenerzählungen), Meduseld, die
Goldene Halle (wörtlich »mead hall«, also »Methalle«) in Die zwei
Türme, deren Schilderung sich an den Trinkgelagen, den Liedern
und den diplomatischen Gepflogenheiten in Hrothgars Halle
orientiert. Oder man denke daran, wie der Zorn des Drachen sowohl
im Hobbit als auch im Beowulf gereizt wird: Ein Tunichtgut stiehlt
einen goldenen Becher aus dem Schatz des Drachens, und der
brennt die nächstbeste Siedlung nieder, worauf sich ein schon in die
Jahre gekommener König aufrafft, der Bedrohung Einhalt zu
gebieten, was ihn letztlich das Leben kostet. »Tolkien sah sich nicht
nur in der Nachfolge des Beowulf-Dichters«, schreibt Tom Shippey,
»er identifizierte sich mit seinen Motiven und seiner Technik.« Für
jeden Leser, der sich für das kulturelle Fundament von Mittelerde
und die raue Welt hinter Tolkiens Schlachtengetümmel interessiert,
lohnt ein Blick in dieses erstaunliche Gedicht. Sein poetischer
Rhythmus, seine düstere Atmosphäre, seine lebendig geschilderten,
plastisch gezeichneten Ungeheuer sind mit halluzinogener
Kunstfertigkeit in 3182 Zeilen zusammengeschmiedet.

Ða com of more under misthleoþum


Aus nebligen Hügeln, aus Heide und Moor
Grendel gongan, Godes yrre bær;
kam Grendel gepirscht, den Gott einst verfluchte.
mynte se manscaða manna cynnes
Einen Mann wollt’ er meucheln, der Menschenfeind einen
sumne besyrwan in sele þam hean.
aus der Halle des Bieres als Beute sich greifen.

Es ist eine eindrucksvolle Stimme, die faucht, wenn sie die


Ungeheuer sprechen lässt, aber auch die Tonlage zarter Melancholie
und Trauer beherrscht oder mit donnerndem Bass den Geist der
scops, der angelsächsischen Barden, wiedererstehen lässt.
Benjamin Bagby, ein professioneller Beowulf-Rezitator, tritt vor fast
dreihundert Zuhörern in der British Library auf. Die Worte gleiten
über einen Bildschirm hinter ihm, seine Finger tänzeln über die
Saiten einer Harfe; er legt sein Gesicht in Falten, um die Trunkenheit
von Unferth oder die Schmerzen von Grendel zu verdeutlichen, als
ihm Beowulf den klauenbewehrten Arm aus dem Schultergelenk
reißt; er setzt eine stoische Maske auf, wenn der Held mit seinen
Taten prahlt. Niemand spricht heutzutage mehr Angelsächsisch,
aber dennoch lauscht das Publikum atemlos und reagiert auf die
Wendungen der Geschichte mit vor Schrecken geöffnetem Mund,
lautem Lachen und dankbarem Applaus.
Bens Haar ist von silbernen Strähnen durchzogen, seine Augen
von schweren Lidern verschattet. Er tritt mit dem Habitus eines
Gelehrten auf, wandelt sich aber während des Vortrags mehr und
mehr zum Krieger. Später erzählt er mir im Restaurant, wie er der
gefragteste Rezitator angelsächsischer Epen wurde.
Ben, der aus Illinois stammt und seine Vorfahren bis zu den
Angelsachsen zurückverfolgen kann, hat den Rhythmus
mittelalterlicher Musik im Blut. Er holt seine sechssaitige, eigens für
ihn angefertigte Harfe hervor, mit der er seine Rezitationen begleitet,
und entlockt ihr einige Töne. Ich muss an Nikos Xanthoulis mit
seiner Lyra in Athen und Eberhard Kummer mit seiner Schoßharfe in
Wien denken. Ben hätte auch einen griechischen Rhapsoden oder
einen Guslar aus Südosteuropa vorstellen können. Doch seine Harfe
ist nach genauesten Anweisungen eigens dazu geschaffen worden,
ihn in seiner Rolle als angelsächsischer scop zu unterstützen.
»Mir ist irgendwann aufgegangen, dass dieses Sagengedicht
vorgetragen wurde. Dabei wurden garantiert auch Musikinstrumente
genutzt, und es gab wohl so eine Art Sprechgesang.«
Ben hatte sich bereits als Interpret mittelalterlicher Lieder mit dem
Ensemble Sequentia einen Namen gemacht, als ihn die
Leidenschaft für den Beowulf packte. Er suchte sich einen
Harfenbauer, der ihm die Kopie einer Harfe aus dem 17. Jahrhundert
anfertigte, die man im Grab eines Adligen in der Nähe von Stuttgart
gefunden hatte. Sie wies Ähnlichkeiten mit einer Harfe auf, die in
Sutton Hoo in East Anglia entdeckt worden war.
»Ich habe eine Reihe von Möglichkeiten entwickelt, wie das
Instrument gestimmt sein könnte, wobei ich mich von der Tatsache
leiten ließ, dass die Physik die Harmonik vorgibt«, erläutert Ben.
»Wenn man ein Instrument nach den grundlegenden Gesetzen der
Physik stimmt, dann bekommt man eine Oktave mit einer Reihe
perfekter Quinten und Quarten, daran führt kein Weg vorbei. Und
wenn man das einmal geschafft hat, besitzt man einen
Orientierungsrahmen: die Töne des Instruments und die Metrik des
Gedichts, die Takt und Tonhöhe bestimmen.«
Das sind hochkomplizierte Überlegungen, und ich bin kein
Musikwissenschaftler. Was Ben mir da erzählt, hört sich für mich
teilweise wie Angelsächsisch an. Aber die handwerkliche Seite
fasziniert mich. Das ist konkreter als das Klischee vom Barden, den
die Muse küsst. Poesie und Wissenschaft verbinden sich und liefern
eine praktische Anleitung, wie man ein Epos zur Aufführung bringt.
Ich denke an die scops im Beowulf, die die Methalle in Begeisterung
versetzten: »kunstreich, geschickt« geschmiedete Verse, »ein
Schatz guter Worte«. Nicht göttliche Inspiration ist hier am Werk,
sondern eine erdnahe, menschlichere Kunst.
»Das Angelsächsische besitzt eine außerordentlich große
Brandbreite von Lauten«, erklärt Ben, »was zusammen mit der
metrischen Struktur sehr detaillierte Ausdrucksmöglichkeiten
eröffnet. Wichtig ist vor allem, der Aufführung Struktur und Seele zu
geben.«
Bei seinen Auftritten rund um die Welt hat Ben die
unterschiedlichsten Reaktionen erlebt. Sein Publikum reicht von
Mittelalterfreaks über Tolkien-Jünger und Liebhaber alter Musik bis
zu Festivalbesuchern, die einfach spontan eine Karte ergattert
haben.
»In Australien geht das Publikum begeistert mit«, erinnert er sich.
»Die Menschen dort verstehen den Humor, sie lassen sich auf das
Drama ein, staunen mit offenem Mund, lachen, zeigen ihre
Gefühle.« Die Skandinavier sind da schon ein schwierigeres
Publikum. »Ich bin auch in Dänemark aufgetreten. Es ist ja
schließlich eine dänische Geschichte! Dort sitzen die Leute
stocksteif und mucksmäuschenstill im Saal!«
Gerne erinnert er sich an das Publikum einer
Mediävistenkonferenz in Amerika: »Die waren total aus dem
Häuschen, kamen schon leicht angetrunken zu meinem Auftritt. Von
den etwa dreihundert Zuhörern hatte die Hälfte ein Buch oder einen
wichtigen Artikel über den Beowulf veröffentlicht. Sie kannten ihn in-
und auswendig, an manchen Stellen haben sie schon im Voraus
gelacht!«
Nicht alle Experten schätzen Bens Vortragskunst. »Da gibt es diese
Metrikexperten!« Ein verzagtes Lächeln spielt um seine Lippen. »Die
haben mich nach Vorstellungen schon beschimpft: ›Was fällt Ihnen
ein, das ist ja gegen alle Regeln!‹« Aber ein paar Zwischenrufe
bringen ihn nicht aus seinem Beowulf-Konzept: »Wenn ich auftrete,
dann fühle ich mich zu Hause, nicht auf fremdem Terrain, sondern
unter Freunden.«
»Es gibt Tausende von Epen, die verloren sind«, erklärt Ben. Der
überlieferte Schatz der angelsächsischen Literatur ist und bleibt
bedauerlicherweise sehr klein. »Aber die Tatsache, dass dieses
kurze Stück, dieser Text, das einzige epische Gedicht der
altenglischen Literatur ist, macht ihn außerordentlich wertvoll. Er hat
ungeheuren Wert für unser Verständnis davon, wer wir sind und
woher wir kommen. Die Leute bringen das nach einer Vorstellung
auch oft zum Ausdruck und äußern Dinge wie: ›Das hat mir wirklich
ein Gefühl für meine Wurzeln gegeben!‹ Es rührt etwas Archaisches
an, das wir alle tief in unserem Innern haben.«
22
Nimm diesen Kelch, König der Edlen, Verteiler von Gold!

Welhthow, Beowulf, Siebzehnte Fitte

Wer die Welt von sagenhaften Ungeheuern befreit, dem steht auch
eine sagenhafte Belohnung zu. Natürlich geht auch Beowulf nicht
leer aus: »Gewundenes Gold schenkte man ihm, geschlungene
Armreife, einen Panzer von Ringen, den prächtigsten Kragen aus
jener Zeit«.
Der Dichter schildert das Geschmeide kaum weniger eindrücklich
als die Ungeheuer, sodass sein Glanz auch für den heutigen Leser
noch nicht verblasst ist. Kein Wunder – das Zeitalter der
Angelsachsen war voller Schätze, die Erwartungen an die
Goldschmiede waren hoch, sie hatten Prachtstücke zu schaffen. Das
Ansehen eines Königs hing auch davon ab, was er an die »Gäste
der Halle« verschenken konnte – in der Regel Gold und Geschmeide
sowie »die prächtigsten Waffen« und »den herrlichsten Stahl«.
Eines der erfolgreichsten angelsächsischen Königreiche war
Mercia, das sich um das Tal des Flusses Trent erstreckte. Seine
Einwohner, denen es gelang, die Dänen in die Flucht zu schlagen
und sich der keltischen Eindringlinge zu erwehren, unterhielten
Handelsbeziehungen zu Wessex und den Höfen des Kontinents.
Unter Herrschern wie Offa (neben seinen diplomatischen
Beziehungen zu Karl dem Großen vor allem durch den von ihm
errichteten Grenzwall bekannt) und der »Lady von Mercia«,
Ethelfleda/Æthelflæd, die die Wikinger aus den Midlands vertrieb,
entwickelte sich ein blühendes Handwerkswesen. Doch die
Einwohner von Mercia hatten nicht bloß die besten Schmiede der
britischen Inseln, auch die Buchkunst war auf hohem Niveau. Das ist
gewiss alles lange her, doch manchmal bricht die Vergangenheit
ganz unvermittelt in unsere Gegenwart ein.
Im Jahr 2009 fand ein Hobbyarchäologe mit einem Metalldetektor
40 Kilometer südwestlich von Breedon-on-the-Hill auf einem Acker,
der gewöhnlich Rüben und Rosenkohl trug, den größten
angelsächsischen Schatz – den Hort von Staffordshire.
»Ich benutzte einen 19 Jahre alten Detektor, dem ich eine neue
Spule spendiert hatte, und ein spezielles Programm, das auf Gold
und Silber anspricht«, erklärt mir Terry Herbert, der glückliche Finder.
Seine Ausrüstung entsprach also nicht gerade dem neuesten Stand
der Technik, aber wie Schatzsucher in alten Zeiten war er überzeugt,
dass hier noch ganz andere Kräfte am Werk waren. »Da muss ein
freundlicher Geist auf dem Acker unterwegs gewesen sein, der
wollte, dass ich den Schatz finde. Früher habe ich mich mit dem
Spruch ermuntert: ›Aus alter Zeit ein guter Geist zum Münzfund heut
den Weg mir weist.‹ Aber an diesem Tag hatte ich ›Münzfund‹ durch
das Wort ›Goldfund‹ ersetzt.«
Als er die ersten Schmuckstücke aus der Ackerkrume klaubte,
dachte Terry noch, es handle sich lediglich um
»Gewandverzierungen, die Stücke sahen eher wie Messing als wie
Gold aus«. Doch im Laufe seiner Grabung dämmerte ihm, dass
dieser Fund alles in den Schatten stellte, was er sich je erträumt
hatte.
Insbesondere an ein verbogenes Kreuz und einen »goldenen,
reich verzierten Schwertknauf« erinnert er sich. Am ersten Tag holte
er fünfzig Schmuckstücke aus dem Boden. Nach vier weiteren Tagen
Grabungstätigkeit, unterbrochen von schweren Gewittern, wurde ihm
klar, dass er dies nicht allein bewältigen konnte. Er wandte sich an
das für solche Funde zuständige Finds Liaison Office, das mit
professionellen Archäologen anrückte und die Grabungsstelle rund
um die Uhr bewachen ließ. »Die Kunstfertigkeit der gefundenen
Stücke wirkte wie aus einer anderen Welt«, erinnert sich Terry. »Das
angeblich finstere Mittelalter war wohl eher so eine Art goldenes
Zeitalter!«
Experten stellten fest, dass der Hortfund von Staffordshire
hauptsächlich aus militärischen Gegenständen besteht. Womöglich
sollte damit ein in einer Schlacht in Gefangenschaft geratener König
freigekauft werden. Sein Wert wurde auf sagenhafte 3,3 Millionen
Pfund beziffert, was für Terry und den Besitzer des Ackers ein
hübsches Sümmchen bedeutete. Inzwischen sind die Funde auf
mehrere Museen verteilt worden, darunter das Potteries Museum in
Stoke-on-Trent, das in einer ehemaligen Töpferei eingerichtet ist.
Man stelle sich einmal vor, man könnte Beowulf höchstpersönlich
diesen Schatz zeigen. Zweifellos würde er sich an den »funkelnden
Steinen, an Gold und an Gemmen« erfreuen, den Blick über
»Schmuck und Juwelen« schweifen lassen, wie es am Ende des
Epos beschrieben ist. Sicherlich würde er sich über all die Info-
Bildschirme und Deckenstrahler wundern, aber schließlich ist dieser
Bursche in eine von Ungeheuern bewohnte Unterwasserhöhle
hinabgetaucht und dürfte sich daher gewiss nicht so leicht aus dem
Konzept bringen lassen. Die goldenen, mit Granateinlagen
verzierten Schwertknäufe würden ihm ein Lächeln entlocken, ebenso
wie die vergoldeten Wangenschützer und das Band aus Millefioriglas
in gezackter goldener Einfassung. Seine Funktion würde sich ihm
vielleicht nicht erschließen (man vermutet, dass es der Kopfschmuck
eines Priesters war), aber die Kombination heidnischer und
christlicher Motive wäre ihm sicherlich nicht fremd. Der Dichter stellte
seinen heidnischen Helden in einen christlichen Kontext; im
Angesicht des Todes dankt er dem »Schöpfer, dem herrlichen
König«. Damit wird ein christliches Publikum angesprochen, dem die
heidnischen Traditionen noch vertraut sind und das Anspielungen
auf den Halsschmuck der Göttin Freya und Thors Kampf mit der
Midgardschlange versteht. Die Glaubensvorstellungen sind im
Beowulf so vermischt, wie man es im Hortfund von Staffordshire
sieht. Gerade diese Mehrdeutigkeit und die Widersprüche der eng
miteinander verflochtenen Glaubenssysteme verleihen der
angelsächsischen Kunst ihre besondere Spannbreite.

Nicht dem Ungeheuer ist am Ende der Tod von Beowulf anzulasten,
sondern dem Schatz. »So tauschte ich denn die Tage des Alters für
Gold und für Ringe«, resümiert der Held, als in seinem betagten
Körper schon das Gift des Drachen brennt. Den Schatz, den er dem
Drachen entrissen hat, vermacht er seinem Volk, doch die Sache hat
einen Haken. Sein getreuer Gefolgsmann Wiglaf sieht unruhige
Zeiten heraufziehen: »Unser Leid wird erneuert und Blut wieder
fließen.« Abermals wird der Schatz mit einem Bann dem Zugriff der
Menschen entzogen, er bleibt »von mächtigen Sprüchen und
Zaubern beschützt«.
Ein Schatz, auf dem ein Fluch lastet, ist ein häufiges Motiv in Epen
– von der verlustreichen Heimfahrt des Odysseus und seiner
Gefährten nach der Plünderung Trojas bis zum Fluch, der auf dem
Nibelungenschatz liegt. In Beowulf stiehlt ein trübseliger Than, mit
dem es das Schicksal nicht gut gemeint hat, dem Drachen einen
einzelnen Kelch aus dem Schatz. »Der schreckliche Feind spie
heißes Feuer; die Höfe verbrannten in hellgelben Flammen
sengender Angst«, schreibt der Dichter. »Nicht einen Menschen ließ
er am Leben, der Lindwurm der Lüfte«. In dem Epos, das ansonsten
von Leben und Taten der Oberschicht handelt, ist dies eine der
wenigen Stellen, an der einmal anerkannt wird, dass meist
diejenigen am meisten zu leiden haben, in deren Leben Schätze
keine Rolle spielen.
Der Hortfund von Staffordshire sorgt zweifelsohne für Glanz im
Potteries Museum, doch auf die Straßen rundherum, die bessere
Zeiten gesehen haben, fällt davon wenig ab. Wer kann den
Menschen, die hier leben, ihr »Nein« verübeln? Siebzig Prozent der
Wähler von Stoke-on-Trent haben sich gegen den Verbleib in der EU
ausgesprochen, gerade hier, wo man auf EU-Gelder angewiesen ist.
Die harten Sparmaßnahmen der Regierung, die soziale
Ungerechtigkeit und aggressive Medienkampagnen haben dafür
gesorgt, dass die Nerven blank liegen.
Die Berufung auf eine »angelsächsische Kultur« wurde zur
mächtigen Waffe in diesem rhetorischen Kampf. Mythen und
Legenden vernebeln den Menschen in ganz Europa die Köpfe, und
das Vereinigte Königreich ist da keine Ausnahme. Der ehemalige
UKIP-Führer Nigel Farage schrieb in seinem 2015 erschienenen
Buch The Purple Revolution: »Die Angelsachsen verglichen das
Leben mit einem Vogel, der aus der Dunkelheit in die Wärme und
Gemeinschaft der Methalle fliegt und von dort in die Finsternis
zurückkehrt.« Damit greift er die bekannte Sperlingsparabel von
Beda dem Ehrwürdigen auf.6 Dies kommt Farage anlässlich des
Wahlsiegs der UKIP bei der Nachwahl von 2014 in der »stolzen
angelsächsischen Stadt Clacton« in den Sinn.
Keiner der Politiker, die solche Vorstellungen für ihre Zwecke
ausbeuteten, war in der Lage, aus einem der Kleinode der
angelsächsischen Kultur zu zitieren. Auch war ihnen nicht klar, wie
stark die angelsächsische Kultur von Handelsbeziehungen mit dem
Kontinent geprägt wurde: Der Schatzfund von Staffordshire und die
Reliefbilder von Breedon sind anschauliche Belege dafür. Ebenso
wenig sind sie sich der Ironie bewusst, dass das wichtigste Werk der
angelsächsischen Literatur in zwei Ländern spielt, die (zumindest
bislang noch) Mitglieder der EU sind, und dass in diesem Epos
Diplomatie und Bündnisse eine wichtige Rolle spielen. Doch wen
schert das? Politiker plündern seit Jahrtausenden Kunst und
Geschichte, sie reißen sich alles unter den Nagel, was ihnen in den
Kram passt, nicht anders als der Schatzräuber im Beowulf.

6 Sperlingsparabel von Beda: Das Leben ist wie ein Sperling, der
aus der winterlichen Kälte durch die Tür einer Methalle fliegt, wo
es warm, hell und umtriebig ist, und auf der anderen Seite wieder
hinaus in die Finsternis (Tod) entschwindet.
Unter den führenden Köpfen der Brexit-Kampagne waren einige
der skrupellosesten Politiker unserer Tage: Abgeordnete und
Politstrategen, die Sun Tsus Die Kunst des Krieges verinnerlicht
hatten. Steve Baker, einer der führenden Euroskeptiker, sagte
einmal: »Ich habe dieses Buch so knallhart umgesetzt, wie ich nur
konnte.« Der Strippenzieher der Kampagne Vote Leave, Dominic
Cummings, dessen Twitterhandle @oddysseanproject lautete, nahm
sich die Taktiken Otto von Bismarcks und die Waterloo-Strategie des
Herzogs von Wellington gegen Napoleon zum Vorbild. Die
Politzocker in ihren Kommandozentralen suchten ihr Rendezvous
mit der Geschichte. Im Mittelpunkt von Epen stehen die Eliten und
ihre Kriegsspiele, genau wie in der politischen Berichterstattung. Die
Folgen haben Orte wie Stoke zu tragen; aber in einer Demokratie
sind es auch Orte wie Stoke, die über Gewinner und Verlierer
entscheiden.
Ich hatte mich in einem billigen Zimmer über einem Pub im
Zentrum von Hanley eingemietet. Auf meinen Streifzügen durch die
Straßen rund um das Potteries Museum stieß ich an jeder Ecke auf
einen Billigladen der Kette Poundland, von den übrigen Geschäften
kündigte jeder zweite Räumungsverkauf an. In Longton, einst auch
ein Zentrum der Keramikproduktion, waren die roten
Backsteinbauten der Fabriken aus viktorianischer und
georgianischer Zeit mit Brettern vernagelt, auf den Schloten in den
Nischen nisteten Tauben. Noch deprimierender wirkte Burslem, wie
kaum anders zu erwarten von einer Gemeinde, die 2017 mit 31,5
Prozent den größten Leerstand an Geschäften im ganzen
Vereinigten Königreich aufzuweisen hatte. Die Schaufenster waren
mit Karton verklebt oder mit Sperrholzplatten vernagelt, die Rollos
herabgelassen, die Fenster blind, ganze Ladenfronten übertüncht.
In der Nähe des Potteries Museum sprach mich die
neunundsiebzigjährige Annie an, die ein Protestschild schwenkte.
»Ich weiß noch, wie es war, als die Fabriken hier überall in Betrieb
waren«, sagte sie. »Jetzt muss man für alles Zölle zahlen. Wir
müssen die Produktion zurückbringen, und wir müssen den Sumpf
trockenlegen!« Ihr Transparent zierten das Logo der UK
Independence Party und der Slogan »Wir fordern Rechenschaft von
der Regierung!«. Den vielen Gleichgesinnten nach zu urteilen, die
sich um sie scharten, war sie hier nicht in der Minderheit. »Sie fallen
in Horden bei uns ein«, sagte sie mit trotzigem Blick. »So viele
können wir nicht verkraften.«
»Legt den Sumpf trocken!« Die Moorbewohner aus der Zeit des
Beowulf hätten sich der Forderung sicherlich angeschlossen. Die
Kombination von bedrohlicher Natur und politischer Aufmüpfigkeit
zeigt, was uns an der Bilderwelt des Beowulf heute noch anspricht.
Grendel, der Tunichtgut aus dem Sumpf, ist ein »Unhold«, so
»raubwild« und »blutrünstig«, dass sich die Kunde von seinem
»garstigen Unwesen« bis in Beowulfs Heimat herumgesprochen hat.
Nachdem ich eine Weile mit einem Polizisten geplaudert hatte, der
an der Überwachung einer ultrarechten Gruppierung namens Stoke-
on-Trent Infidels teilgenommen hatte, wandte ich mich an einen
Sprecher dieser »Untreuen«, um herauszufinden, wogegen sie denn
eigentlich seien. »Die Übernahme von Stoke durch den Islam«,
erklärte er mir per SMS (von einer persönlichen Begegnung sah er
lieber ab, nachdem er mich als Autor des Guardian enttarnt hatte).
»Dass es immer mehr No-Go-Zonen in unserer Stadt gibt, immer
mehr muslimische Taxifahrer …« Da war sie wieder, die europaweite
Furcht vor den Muslimen, die mir in Griechenland, Italien,
Deutschland und anderswo entgegengeschlagen war. Besonders
ausgeprägt ist sie in den West Midlands, einer Hochburg ultrarechter
Gruppierungen wie der English Defence League.
Dieser Unmut kommt allerdings nicht aus dem luftleeren Raum.
Die Menschen verknüpfen die Immigration ins Vereinigte Königreich
fälschlich mit dem Niedergang der Industrie und richten ihre Wut
darüber gegen die Einwanderer. Die Zahl der Arbeitsplätze in der
Produktion ist von 7 Millionen im Jahr 1979 auf 2,5 Millionen im Jahr
2010 gesunken; der Anteil der Güterproduktion an der
Gesamtwirtschaft des Vereinigten Königreichs, der nach dem
Zweiten Weltkrieg noch bei vierzig Prozent lag, ist auf zehn Prozent
geschrumpft. Die Midlands zahlen einen hohen Preis für die
Wirtschaftsentwicklung des Vereinigten Königreichs, besonders seit
dem Finanzcrash von 2008. »Stoke hat eigentlich eine sehr günstige
Lage im Zentrum von England. Aber es übt keinerlei Anziehungskraft
auf Innovationen und Investitionen aus«, meint der Heimatforscher
Fred Hughes. Auch wenn man die Diagnose der Infidels nicht teilt,
sie reagieren auf ein echtes Problem: Irgendwas ist schiefgelaufen,
das Potenzial des englischen Kernlands wurde vergeudet.
Wenn man in der Vergangenheit nach Vorbildern für eine
glücklichere Zukunft sucht, kann das ja eigentlich nur schiefgehen,
oder? Dennoch hat sich in den Midlands eine Bewegung gebildet,
die Orientierung in der Entstehungszeit des Beowulf sucht. Hört man
den Leuten von »Independent Mercia« zu, dann sind die Countys im
Zentrum von England – zwanzig historische Shires von Cheshire im
Nordwesten bis zu Hertfordshire im Südosten – im Jahr 1066
widerrechtlich annektiert worden, und es wird höchste Zeit, dass sie
ihre Rechte zurückfordern.
»Wir leben schon seit 1000 Jahren mit dieser Krankheit – nun, es ist
eine tausendjährige Krankheit, die im Kern unbehandelt geblieben
ist.«
Jeff Kent, der sich als Obmann des amtierenden Witan von
Mercia, seiner angelsächsischen Ratsversammlung, bezeichnet,
legte mir einige Kilometer südlich von Stoke-on-Trent in seinem
Wohnzimmer seine Sicht der Dinge dar. Mit seinem langen,
silbernen Haar, das Kinn und Haupt bedeckt, könnte er einen
Druiden darstellen. Sein Karohemd und die legere Hose passen
schon besser zu dem tipptopp in Schuss gehaltenen Haus und dem
freundlichen Garten mit der steinernen Buddhafigur neben dem
Rosenbeet.
»Man stelle sich einfach mal vor«, sagt Jeff, »die Deutschen
hätten den Zweiten Weltkrieg gewonnen und wir würden jetzt auf
tausend Jahre ihrer Herrschaft zurückblicken. Genau so ist das
nämlich! Man braucht nur mal ins Domesday Book zu schauen, dann
weiß man, wie viele Dörfer in Schutt und Asche gelegt wurden. Man
denke nur an das Harrying of the North!« – er meint die Plünderung
Nordens, den Eroberungszug von Wilhelm dem Eroberer im Winter
1069/1070. »Wie viele Menschen sind damals auf der Flucht vor den
Normannen verhungert! Das war Völkermord!«7

7 Auf einem ungefähr 200 Kilometer breiten Streifen wurden Dörfer


dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner erschlagen, das
Vieh weggeschlachtet und die Vorräte verbrannt. Der Historiker
Orderic Vitalis schätzt, dass in der nachfolgenden Hungersnot
100.000 Menschen umkamen. Nicht nur die Hunde und Katzen
wurden vertilgt, es soll auch Fälle von Kannibalismus gegeben
haben.
Das Jahr 1066 ist nicht nur das folgenreichste in der Geschichte
der britischen Inseln, es ist in seiner Deutung auch immer noch
umstritten. Wilhelm I., auch der Eroberer genannt, erhob Anspruch
auf die Nachfolge des verstorbenen englischen Königs Eduard des
Bekenners, überquerte den Kanal und besiegte Eduards
unglücklichen Schwager Harold Godwinson unweit der Küste von
Sussex. Was darauf folgte, bot Diskussionsstoff für Jahrhunderte.
Wurde das Land dadurch vorangebracht, profitierte es von einer
strafferen Organisation, erfuhr es eine Bereicherung seiner
Sprache? Oder ist die angelsächsische Kultur – deren großartigstes
erhaltenes Beispiel der Beowulf darstellt – gnadenlos unterdrückt
worden? Die Antwort enthält sicher Elemente von beidem und ist
seither Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen.
Die Vorwürfe gegenüber den Normannen haben eine lange
Geschichte. Schon als 1381 die Peasant’s Revolt, der größte
Bauernaufstand im englischen Mittelalter, ausbrach, forderte ihr
Anführer Wat Tyler Rechte ein, »die die Männer Englands bei der
Eroberung verloren haben«. Im 17. Jahrhundert wurden die
wachsenden Spannungen zwischen Parlament und Krone häufig auf
den Gegensatz zwischen Angelsachsen und Normannen
zurückgeführt. Prominente politische Köpfe wie der bereits erwähnte
Sir Robert Cotton warfen Wilhelm dem Eroberer vor, die Sachsen »in
Leibeigenschaft« geführt zu haben. Cotton, der die bedeutendste
Sammlung von Manuskripten des Landes besaß, darunter auch ein
Exemplar des Beowulf, war eine ebenso einflussreiche wie
umstrittene Persönlichkeit. Seine Manuskriptsammlung galt als so
gefährlich, dass sie 1630 durchsucht und unter Aufsicht gestellt
wurde. Im Vorfeld des Bürgerkriegs wurde der Zugang offiziell
gesperrt.
Während der gesamten englischen Geschichte wurde das Bild
eines goldenen angelsächsischen Zeitalters beschworen und in
rosigen Tönen als Utopie ausgeschmückt, ganz ähnlich wie die
Serben unter der Herrschaft der Osmanen es mit der Ära vor der
Schlacht auf dem Amselfeld taten. Die frühdemokratische Bewegung
der Levellers kämpfte gegen die »normannische Leibeigenschaft«,
und deren christlich-frühkommunistische Splittergruppe Diggers
geißelte das »normannische Joch«. Noch in jüngster Zeit wetterte
Daniel Hannan, ein Euroskeptiker im Europaparlament, mit der
normannischen Eroberung sei »England aus der nordischen Welt
herausgebrochen und dem europäischen Feudalismus unterworfen«
worden. Und Nigel Farage trägt häufig Krawatten mit Motiven des
Teppichs von Bayeux, zur Erinnerung an »das letzte Mal, als man
bei uns einfiel und unser Land übernahm«.
Für Jeff und seine Gesinnungsgenossen ist die normannische
Eroberung »der Moment, von dem an alles schieflief«. Daher sind
sie bestrebt, das Beste aus angelsächsischer Zeit zu bewahren.
»Damals war alles noch im Lot«, sagt er, »die Menschen lebten auf
ihrem eigenen Grund und Boden, ernährten sich von dem, was sie
selbst anbauten, weshalb ihnen auch daran gelegen war, das Land
zu erhalten.« Die Verfassung, die der amtierende Witan von Mercia
entworfen hat, ist gespickt mit Elementen aus angelsächsischer Zeit.
Es ist von einer Volksgerichtsbarkeit die Rede, Hundertschaften und
Shires sollen Versammlungen abhalten, für die Beschlussfassung
über regionale Angelegenheiten ist der Witan zuständig, man will
historische Gebietsgrenzen wiederherstellen und sogar ein Fyrd –
eine angelsächsische Miliz – aufstellen. Diese Verfassung orientiert
sich an den ausgeklügelten politischen Strukturen und dem
Rechtssystem der angelsächsischen Juristen, die sicherstellten,
dass sich auch in turbulenten Zeiten nie eine Diktatur entwickelte.
Der Mediävist James Campbell bemerkte dazu: »Es spricht einiges
dafür, dass die Geschichte der auf Verfassungsrechten beruhenden
Freiheit ihren Ursprung im angelsächsischen England hat.« Diese
frühen politischen Experimente, eher auf praktische Beispiele als auf
abstrakte Prinzipien gegründet, haben in der Unterscheidung
zwischen dem »angelsächsischen« (oder »nordischen«) und dem
»kontinentalen« Rechtsmodell überlebt. Sie können auf die
nichtfeudalen Strukturen zurückgeführt werden, die im Beowulf und
den isländischen Sagen dargestellt wurden.
Für Jeff und seine Mitstreiter im Witan kann Mercia unter der
fortdauernden »normannischen« Herrschaft nicht gedeihen. Ihre
Begeisterung für die angelsächsische Zeit geht so weit, dass sie
auch die modernen Probleme in ihrem Licht interpretieren: Sie sind
gegen Kernkraftwerke und »umweltschädliche Industrie« und
befürworten groß angelegte Hilfsaktionen. Für diese Ziele kämpfen
sie schon seit etlichen Jahren und glauben, schon 2003 »die
Unabhängigkeit Mercias wiederhergestellt« zu haben.
»Das war in Birmingham«, berichtet Jeff. »Wir hatten keine
Ahnung, ob uns die Polizei aufhalten würde, aber mit welchem Recht
eigentlich? Wir sind die legitime amtierende Regierung der Region,
und sie sind bloß die Polizeitruppe einer Besatzungsmacht. Wir
hatten Spruchbänder und Flaggen, Stände, Bücher. Und wir gaben
der BBC Interviews.«
Doch der eigentliche Durchbruch kam laut Jeff sechs Jahre später:
»Der Schatz von Staffordshire – das hat den Menschen Mercia
wirklich ins Bewusstsein gebracht! Wir gaben eine Erklärung vor
dem Potteries Museum ab, wir haben den Schatz in die Hände der
Menschen von Mercia gelegt. Das und der Finanzcrash hat dafür
gesorgt, dass sich unser Zulauf um neunzig Prozent erhöhte.«

Derzeit gibt es 2000 eingetragene »Bürger von Mercia«. Ganz


ordentlich, findet Jeff, jedenfalls »im Vergleich mit dem Vereinigten
Königreich, das überhaupt keine Bürger hat, sondern nur Untertanen
der Krone«. Doch Erfolg bemisst sich für ihn nicht bloß in Zahlen. Ob
er nun noch zu seinen Lebzeiten das »unabhängige Mercia« erleben
wird oder nicht, er ist überzeugt, »für die richtige Sache« zu streiten.
»Nicht alle, mit denen wir gesprochen haben, sind für Mercia«, räumt
er ein, »aber nahezu hundert Prozent der Leute fühlen sich dem
Vereinigten Königreich entfremdet.« Dies und der »katastrophale
ökologische Zusammenbruch, der uns bevorsteht«, erfordert
radikale Alternativen: »Der Mut wird wachsen, der Wille stärker, das
Herz kühner werden, wenn unsere Kraft schwindet«, zitiert er die
Schlusszeilen eines angelsächsischen Gedichts aus dem
10. Jahrhundert.
»Es geht darin um Zusammenhalt«, erklärt er, »auch wenn es hart
auf hart kommt.« Dem hätten Beowulf und Hagen und sämtliche
anderen Helden der Epen Nordeuropas nur zustimmen können.
23
Der Feind allen Friedens verfolgte die Dänen, Jüng’re wie
Schlachtkühne, als tödlicher Schatten. Er lag auf der Lauer – und
lang war’n die Nächte der nebligen Moore.

Beowulf, Zweite Fitte

Die Midlands haben das Gold, doch in East Anglia hausen die
Ungeheuer. Durchzogen von Mooren und sumpfigem Marschland,
voller Treibsand und schwarzem Schlamm, eingehüllt in
unheimlichen Nordseenebel, heimgesucht von kopflosen Kutschern
und den Geistern erhängter Schmuggler, tummeln sich hier in
Englands Bürzel mehr übernatürliche Wesen als irgendwo sonst im
Land. Allein die Kirchen von East Anglia sind eine steinerne
Monstrositätenschau – vom Schattenfüßler in Dennington über den
Baumgeist von Saxmundham bis zu den Kobolden in den
Mauerbögen von Mildenhall und den geflügelten Wesen im Südflügel
der Kirche St. Mary’s in Bungay, der Stadt mit der Legende vom
schwarzen Höllenhund. Bei manchem muss man unwillkürlich an die
Ungeheuer des Beowulf denken. Die Sage ist viel zu reichhaltig und
vielschichtig, als dass sie sich in die Grenzen einer einzigen Region
einsperren ließe. Sicher, das Gedicht hat tiefe Wurzeln in Mercia,
aber sie reichen weit ins Gebiet von East Anglia hinein.
Auf meinem Reiseplan für East Anglia standen einige Kirchen mit
infernalischem Bilderschmuck und ein berühmtes Gräberfeld.
Anschließend wollte ich mit der Fähre von Harwich nach
Skandinavien übersetzen, um die Region kennenzulernen, in der der
größte Teil des Beowulf spielt. Ich hatte meine wärmsten Sachen
eingepackt, auch dicke Wollsocken nicht vergessen, dazu meinen
Schlafsack und mein Einmannzelt. Nachdem ich in Griechenland
einen Großteil meiner Ausrüstung verloren hatte, war ich nun wieder
gut ausgestattet und bereit für meinen letzten Abstecher in den
Norden.
Ratternde Weichen und schnaufende Kolben, fröhliche
Ankündigungen des Zugführers und Leute, die irgendwelche
Jammergeschichten am Handy erzählen: die Begleitgeräusche jeder
englischen Zugreise. Wir zuckelten einem Teil des Landes entgegen,
in dem sich die Namen der Städte und Dörfer seit der Zeit, als sie ins
Domesday Book aufgenommen worden waren, kaum verändert
hatten – eine Art angelsächsisches Wörterbuch, quer über die
Landschaft geschrieben. Schwäne zogen auf der Stour dahin (was
so viel wie »starker« Fluss heißt), Boote mit abblätternder Farbe
dümpelten in der Werft von Woodbridge, einem Ort, der nicht nach
einem Wald, sondern nach dem nordischen Gott Woden oder Wotan
benannt ist. Wir rumpelten durch Saxmundham (»Saxmunds
Gehöft«) und Yoxford (»Ochsenfurt«). Ich stieg in Halesworth
(»Hales Koppel«) aus, um die »Festung am lieblichen Fluss«, auch
als Blythburgh bekannt, zu erreichen. Dort befindet sich eine
mittelalterliche Kirche, die mit einem von East Anglias bekanntesten
Ungeheuern verknüpft ist.
Man nennt sie die »Kathedrale in den Sümpfen«. Da brauchte ich
mich nicht zu wundern, dass ich mit schlammverschmierten und
nassen Schuhen ankam. Die Straßen in Suffolk sind nicht für
Wanderer ausgelegt, begleitende Fußwege sind rar, mehr als einmal
musste ich mich mit einem Hechtsprung ins Dornengestrüpp retten,
um nicht von einem Sattelschlepper erfasst zu werden. Die vielen
überfahrenen Tiere machten die Straße zum Sushi-Fließband für
Raubvögel – eine Amsel mit herausgerissenem Schnabel, die
hornigen Beine verkrümmt, ein plattgefahrener Igel, die Stacheln zu
einem blutigen Brei zerquetscht. Gummihandschuhe, Deckel von
Getränkebechern, Plastikringe von Dosen-Sixpacks. Dazu die
klassische Beschilderung, wie sie in England auf dem Land üblich
ist, eine Mischung aus argwöhnischer Wachsamkeit und
altmodischer Vertrauensseligkeit. So sah man Aufkleber der
Nachbarschaftswache über der »Kasse des Vertrauens« an
unbesetzten Straßenständen, die Obstkörbchen oder frische Eier
feilboten.
Die Kirche erhebt sich aus dem Sumpfboden und bildet mit ihren
gotischen Stützpfeilern und ihrem reich verzierten Mauerwerk einen
erhabenen Gegensatz zu dem schmutzigen Grau der
Flussmündung. Hölzerne Engel mit goldenem Haar schweben unter
dem Deckengebälk. Rundköpfige Holzfiguren hocken auf den
Kirchenbänken, Evangelisten lugen hinter dem Lettner hervor, und
ein Jack O’Clock, eine mechanische Figur mit Harnisch und
Schamkapsel, schlägt mit einem Klöppel die Stunden. Überall
Figurenschmuck – man fühlt sich wie in einem Spielzeugladen! Doch
der Besucher, der hier 1577 eintrat, kam nicht zum Spielen.
Eines Nachts, während eines mächtigen Gewitters, flog die Tür
der Kirche auf und ein schnaubendes Ungeheuer stürmte in die
Kirche. So jedenfalls will es die Sage. Es ließ einige Tote und die
Spuren seiner Krallen am Nordtor zurück – schwarze, tief ins Holz
eingegrabene Kratzer ober- und unterhalb eines breiten eisernen
Beschlags. Nüchterne Geister führen sie eher auf Schmiedearbeiten
oder Blitzschlag zurück. Das war das wilde Sumpfungeheuer
gewesen, das Monster von East Anglia, gewöhnlich zwischen
Colchester und King’s Lynn gesichtet, bekannt unter den Namen
Galleyrot, Barguest, Old Snarleycrow, Scarp oder Black Shuck, wie
es am häufigsten genannt wird.
»Der Shuck ist ein Totemtier«, meint Martin Newell, eine Kultfigur
in East Anglia und einer der produktivsten britischen Dichter. »Das
ist eine uralte Geschichte. Irgendetwas in unserer Psyche hat ein
Bedürfnis nach solchen Schreckgestalten. Als Kind hörte ich in
Essex, jemand habe den Shuck gesehen, es stand in den
Lokalzeitungen.«
Auch Martin ist vom Shuck fasziniert, so sehr sogar, dass er ein
Gedicht über ihn schrieb, eine Ballade in Reimen, die er auf
Folkfestivals vorträgt. Er verknüpft den Shuck mit den Invasionen der
Nordmänner (oft soll er auf alten Schlachtfeldern der Wikinger
gesichtet worden sein) und stellt ihn als »Hund Odins« mit
»glühenden Augen« dar, er »sieht die wunden Recken, /
auferstanden von den Toten, / die Nordmänner, gefällt durch der
Sachsen Schwert«.
Das Wort shuck kommt vom altenglischen succa, was so viel wie
»Teufel« oder »Dämon« bedeutet. In Beowulf bezeichnet König
Hrothgar mit diesem Wort Grendel, was sicherlich kein Zufall ist.
Beide Ungeheuer ähneln Wölfen, und auch das »grässliche
Glitzern«, das die Augen Grendels versprühen, passt zur höllischen
Erscheinung des Shuck. Der Dialekt von East Anglia eröffnet eine
mögliche linguistische Verbindungslinie, heißt doch grindle so viel
wie »Graben«, erinnert also an die Sümpfe, in denen der Shuck sich
häufig gezeigt haben soll – wie ja auch Grendel angeblich im
»Moor« und in den »Marschen« hauste. Wenn der Dichter des
Beowulf irgendwo in East Anglia lebte, haben ihn sicherlich die
Sumpf- und Moorlandschaften rund um seine Kirche oder sein
Kloster inspiriert. In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass Grendel
und der Shuck derselben Quelle, ein und derselben
Gruselgeschichte entstammen, die man sich im Volk erzählte und
die den angelsächsischen Zuhörern das Blut in den Adern gefrieren
ließ.

Der Marsch nach Blythburgh hatte mich schon den größten Teil des
Tages gekostet, doch ich hatte noch ein weiteres Spukhaus auf
meiner Liste – eine Kirche in Iken an der Mündung des Alde River,
die mit Sumpfdämonen aus angelsächsischer Zeit verknüpft ist.
In England war ich noch nie per Anhalter gefahren, aber meine
Ausflüge auf dem Kontinent hatten mich auf den Geschmack
gebracht, und ich war auch hier in Reisestimmung. Ich fühlte mich
nicht wie zu Hause, ich war unterwegs, immer noch quer durch-
Europa, nur dass ich hier praktischerweise die Sprache verstand.
Also stapfte ich zur Landstraße und hielt meinen Daumen in den
Wind.
Schon das zweite Auto, das vorbeikam, nahm mich mit. »Sind
nicht viele Anhalter unterwegs zu dieser Zeit«, sagte Mike, der
Fahrer, der einen Spielsalon in Lowestoft betrieb. Über einen
Schleichpfad ging es nach Leiston. Schwarze Schweine wühlten mit
ihren Schnauzen die Erde um ihre gewölbten Wellblechställe auf, die
wie halb vergrabene Dosen im Boden steckten. Über den Red-Poll-
Rindern zerhackten die Flügel von Windturbinen den kräftigen
Westwind, der von der Nordsee ins Land blies.
Mike setzte mich in Leiston ab, und ich schlug den Weg nach Iken
ein. Es waren nur noch wenige Kilometer bis zum Ziel, und ich war
bester Laune.
An einer Landstraße entlangzulaufen ist allerdings nicht die reinste
Freude – abgesehen davon, dass man ständig in Gefahr schwebt,
plattgefahren zu werden, dröhnen einem die Motoren in den Ohren,
und man muss aufpassen, dass man nicht von den Turbulenzen der
vorbeibrausenden Laster umgerissen wird. Also schlug ich mich ein
Stück durch die Felder und folgte den Windungen des Flüsschens
Alde. Hagedorn zupfte an meinen Ärmeln, Winden knoteten sich in
meine Schnürsenkel, und ich stapfte durch Brennnesseln. Kein
Wunder, schließlich waren dies laut dem heidnischen Kalender die
letzten Tage des Weodmonath oder »Unkrautmonats« – heute
besser unter der Bezeichnung August bekannt.
Das schwindende Licht trieb mich zur Eile an. Daher entschied ich
mich, eine Abkürzung zu nehmen, kletterte über Zäune und stapfte
quer durch die Schweinefarmen. Die schwarz gefleckten Tiere
reckten ihre Schnauzen in die Luft, als würden sie nach dem Wetter
Ausschau halten, und blinzelten mich aus ihren kleinen Äuglein an,
die von schlaffen, flossenartigen Ohren verschattet waren. Sie
wirkten eher neugierig als bedrohlich – die handzahme Ausgabe der
Rüsselfratzen auf dem Wangenschutz der Gautenhelme, die im
Beowulf beschrieben werden.
In Snape Maltings stehen die roten Backsteinbauten der
Mälzereien direkt an der Alde, und der Fußweg führte mich zu einer
hölzernen Aussichtsplattform. Im Licht der Abendsonne schimmerte
der Fluss wie Weißblech durch das hohe Riedgras. Ich hörte ein
knarrendes Geräusch wie von einer rostigen Türangel. Rauschend
stieg hinter mir ein Fasanenpaar aus dem Schilf auf und schlug mit
kräftigen Flügeln die Luft. Die beiden flogen über Riedgras und
schlammige Rinnsale, durchzogen von Pfaden, in denen Vögel im
Schlamm Flaumfedern und die Runenabdrücke ihrer Füße
hinterlassen hatten. Mit viel Armgefuchtel hielt ich mir die
Mückenschwärme vom Leib. Jenseits der Bucht glänzte, halb von
den Bäumen verdeckt, ein Turm aus Feuerstein. Er sah aus wie die
Gralsburg in einer Artus-Geschichte, verdunkelt durch eine dräuende
Wolke, die über die Fichten heraufzog. Das war die Kirche von Iken.
Im 6. Jahrhundert hatte der heilige Botulf hier ein Kloster
gegründet. Unter der jetzigen Kirche hatte man die Balken und den
Schaft eines angelsächsischen Kreuzes gefunden. Das Material für
das Reetdach des Kirchenschiffs unter dem Flintsteinturm stammte
aus den umliegenden Sümpfen.
Waldtauben gurrten gewichtig in den Bäumen, übertönt von einer
krächzend geführten Debatte, und eine Amsel wuselte unter einer
Buchenhecke herum. Die Dämmerung war schon fast
hereingebrochen, kein Licht brannte in der Kirche. Späte
Sonnenstrahlen malten Streifen auf die Bänke und zauberten
Lichtpunkte ins Gewölbe des Kirchenschiffes, doch im Wesentlichen
war die Kirche bereits in Dunkelheit gehüllt.
Auf den steinernen Reliefplatten des Taufbeckens waren dräuende
Ungeheuer dargestellt, darunter ein Greif und ein Löwe. Ich kniete
mich dahinter, um den Kreuzschaft im Licht meines iPhones in
Augenschein zu nehmen. Ein verschlungenes Muster überzog den
Stein, Schlangen bildeten einen Uroboros-Ring, ein Motiv, das an die
Windungen der Alde erinnerte. Das war die Midgardschlange, die
sich rund um die Welt ringelt, um sich dann selbst in den Schwanz
zu beißen: eine Inspiration für den »in hellgelben Flammen
sengender Angst« alles niederbrennenden Drachen, dem am Ende
auch Beowulf zum Opfer fällt.
Der heilige Botulf galt als begnadeter Exorzist. Er war eigens in
diese Gegend gekommen, um die Menschen von der Seuche der
Sumpfdämonen zu befreien, sprich Krankheiten, die in diesem
Feuchtgebiet grassierten und von denen man heute weiß, dass sie
durch die vielen Mücken übertragen wurden. Das erlaubt einen
interessanten Einblick in die Ursprünge von Grendel und seiner
Mutter, erinnert es doch an die gelebte Realität, die so vielen alten
Erzählungen zugrunde liegt. Aber Grendel ist selbst ein von
Krankheit geplagtes Wesen, so wie die Geister, die in Iken
herumspuken: Er leidet unter cear wylmas, »Anfällen von
Traurigkeit«, die einer bot, einer Heilung, bedürfen. Hier finden wir,
tief in der angelsächsischen Kultur verwurzelt, die Vorstellung des
Ungeheuers als Opfer. Und auch das unstillbare Leid von Kriemhild
hat womöglich sein Vorbild in der vom Kummer verzehrten Mutter
Grendels.
Nur Zauberer und Krieger konnten eine solch tödliche
Erscheinung bekämpfen, was Botulf (oder »Bot-wulf« – »Heiler-
Wolf«) zur mönchischen Entsprechung von Beowulf macht, dem
»Bienen-Wolf« oder Bär – der Name lässt auch an die »Berserker«
denken, die sich vor der Schlacht in einen Kampfrausch steigerten
und in einen Bärenpelz gehüllt ihren Feinden entgegenstürmten.
Botwulf geht die Feinde mit Gebeten und Gesängen an, Beowulf
nutzt seine animalischen Instinkte. Doch in beiden Fällen muss der
Sieg durch den Glauben errungen werden. Als Beowulf Grendels
Mutter, »das schreckliche Moorweib«, tötet, gelingt ihm dies nicht
allein durch seine Kampfkraft: »Der heilige Gott und Herrscher des
Himmels verhalf ihm zum Sieg«, heißt es. Der heidnische Held wird
also vom christlichen Gott unterstützt.
Den ganzen Tag schon spukten Ungeheuer in meinem Kopf-
herum, weshalb ich es nicht gerade erbaulich fand, nun in der
Dämmerung auf Wegen herumzulaufen, die angeblich von Dämonen
heimgesucht wurden. Wer macht schon einen Abendspaziergang,
nachdem er den Exorzist gesehen hat?
Doch es war wunderbar! Der Wind heulte über den hektischen
Flügelschlag der Fasane und das dunkle Gurren der Waldtauben
hinweg. Fluss und Uferbereich verschwammen im schwindenden
Licht zu einer braungrauen Suppe, aus der hier und da ein paar
Inselchen hervorstachen. Es zwitscherte aus den Nestern der
Wasservögel. Die Grenze zwischen Flüssigem und Festem löste
sich auf und verunsicherte den Geist mit einem Trugbild aus
Schlamm und Wasser, dessen wellige und miteinander verflochtene
Strukturen sich am Himmel wiederholten. Wenn man einen Ort
suchte, der Traumbilder und morbide Phantasien heraufbeschwor,
war man hier in Iken genau richtig.
Auf meinen Herzschlag wirkte sich das allerdings nicht so positiv
aus. Mit großen Schritten und knirschenden Zähnen, die die
Dämonen vertreiben sollten, eilte ich über die Wege. Das Adrenalin
in meinen Adern beflügelte meine Einbildungskraft, sporadisch
auftauchende Scheinwerferlichter wurden zu Shucks unheilvollen
Augen, Pfosten und Zauntritte verwandelten sich in Unholde. Dazu
noch einmal Martin Newell:

Und Shuck,
Der schwarze Hund der Moore,
Er stürzt sich auf den Wanderer,
mit Augen rot wie Glut,
erscheint als Spuk auf alten Pfaden.

Wie froh war ich dann, endlich Wärme und Licht zu finden –
schimmernde Reihen von Gläsern und Messingschilder über
Zapfhähnen. Die freundliche Vertrautheit eines englischen Pubs:
meine eigene »mächtige Metburg«, wenigstens für ein Stündchen
oder zwei.

Nach einer Nacht in der Jugendherberge von Blaxhall ging es am


Morgen per Anhalter ein paar Kilometer weiter nach Sutton Hoo.
Abgesehen von einem Schäfer, dem ich mit seiner Herde hinter
Tranmer House begegnete, war die Gegend wie ausgestorben.
Bewässerungssysteme, so groß wie Mühlräder, zeichneten sich
schattenhaft über den weiten, flachen Feldern am Himmel ab, der
die Farbe von trübem Bier hatte. Ich quetschte mich durch ein
Weidegatter, sorgsam bedacht, keines der schwarzgesichtigen
Schafe entkommen zu lassen. Auf der anderen Seite der
Bestattungshügel streiften Schweine vor ihren Wellblechställen
umher. Sie wirkten wie eine schlammbespritzte Armee nach einer
morgendlichen Schlacht.
»Die Heerstreiter heiße einen Hügel aufwerfen, das Kap
überragend«, fordert der sterbende Beowulf. Er fällt im Land der
Gauten, aber in Sutton Hoo haben Archäologen einen Grabhügel
gefunden, der noch am ehesten der Beschreibung im Epos
entspricht. Die Gräberanlage von Sutton Hoo befindet sich auf einer
Anhöhe, von der man den Oberlauf der Mündung des Flüsschens
Deben überblickt. Ein Schauer läuft einem über den Rücken, so sehr
erinnert hier alles an die Bestattungsszene des Epos. »Man gab ihm
ins Grab an Gemmen und Gold, an Kunst und an Schätzen, was
Krieger und Kämpen zuvor aus dem Hort hochgeholt hatten. So
sollte die Erde die Erbstücke haben, das Gold unter Grund. Gras
wächst darauf. Der Mensch hatte niemals Nutzen davon.«
Doch sie waren nicht ohne Nutzen für die Grabräuber, die in den
Nächten ihr Unwesen trieben. Die Schätze in den heidnischen
Grabhügeln machten diese zu unterirdischen Spardosen, so
verlockend für Schatzjäger wie einst für den Drachen, den »Wurm«,
der ebenfalls »nach heidnischem Gold« strebt. Die Räuber
buddelten rund um Sutton Hoo alles aus dem Boden, was sie finden
konnten. Was sie nicht interessierte – rostige Schiffsnägel –, brachte
1939 den Archäologen Basil Brown auf die Idee, dass es sich lohnen
könnte, hier noch einmal nachzugraben. So entdeckte er die
Überreste eines 27 Meter langen Schiffs.
Was Brown zutage förderte, lässt sich in seiner Bedeutung nur mit
dem Hortfund von Staffordshire vergleichen. Zum Schatz von Sutton
Hoo gehören versilberte Beschläge von Trinkhörnern, Teile eines
Schwerts, ein Kessel und ein mit Goldornamenten geschmückter
Schild sowie der geisterhafte Abdruck eines Schiffs – das Holz
selbst war längst verrottet. Zu den bemerkenswertesten Funden
gehört eine sechssaitige hölzerne Lyra, die in einem Sack aus
Biberpelz steckte und mit zwei vergoldeten Bronzeplatten verziert
war. Man denkt gleich an die Harfe, die von König Hrothgar im
Beowulf gespielt wird. Brown entdeckte auch einen Wetzstein, der
mit einem bronzenen Hirsch verziert ist (der Name von Hrothgars
Palast von Heorot bedeutet hart, Hirsch), und einen Helm aus
Bronze und Eisen. Die goldverzierten Augenbrauenwülste laufen an
den Enden in stilisierte Keilerköpfe aus. In ihrer Machart erinnern sie
stark an die Beschreibung der Gautenhelme.
Aber sind diese Parallelen nicht reiner Zufall? Steht Sutton Hoo
wirklich in engerer Verbindung zum Beowulf? Vom archäologischen
Standpunkt ist das schwer zu sagen, da kein Leichnam gefunden
wurde. Die beigesetzte Person ist aller Wahrscheinlichkeit nach vom
säurehaltigen Untergrund vollständig aufgelöst worden. Nur über
den Nachweis von Phosphat konnte man feststellen, dass hier
tatsächlich eine Leiche lag. Ein Jahr nach den Ausgrabungen
schrieb der Historiker H. M. Chadwick: »Aller Wahrscheinlichkeit
nach lag hier der mächtige und reiche König Rædwald, der
vermutlich 624 oder 625 starb.« Rædwald, der einflussreichste
Herrscher südlich des Humber, ließ sich taufen, verknüpfte aber den
neuen Glauben mit dem alten Paganismus, wodurch er sich den
Zorn Bedas des Ehrwürdigen zuzog. Dieser wetterte, dass der König
»nach Art der alten Samariter sowohl Christus als auch den Göttern
zu dienen schien, denen er vorher diente, und er im gleichen
Heiligtum sowohl einen Altar für das Opfer Christi als auch einen
kleinen Altar für die Opferungen an die Teufel hatte.« Solch religiöse
Zwiespältigkeit mag nicht jedem gefallen haben, war aber nicht
unüblich für eine Umbruchszeit. Auch dies hat in der Vermischung
heidnischer und christlicher Elemente in Beowulf seine
Entsprechung.
Rein rechtlich gesehen stellen die Funde von Sutton Hoo keinen
Schatz dar, da sie nicht in der Absicht vergraben wurden, sie später
zu bergen. So wurden sie das Eigentum von Edith Pretty, der
Besitzerin von Tranmer House, die sie zunächst unter ihrem Bett
aufbewahrte. Schließlich überließ sie den Fund großzügig dem Staat
und verzichtete auf den Order of the British Empire, den man ihr zur
Belohnung antrug (wofür sie sich von ihrer Schwester eine dumme
Gans schimpfen lassen musste). Heute kann man sich durch das
Haus führen lassen, das noch genauso möbliert ist, wie die beiden
Ladys es zurückgelassen haben, und in Basil Browns Werkstatt he-
rumstöbern, wo man den Hüftknochen eines Pferdes, eine Kiste
voller Sägen und antike Scherben entdeckt. Dabei klingen einem die
abgehackten, bedächtigen Worte von Neville Chamberlain aus einer
alten Radioansprache ins Ohr: »Bis zuletzt hätte die Möglichkeit
bestanden, eine friedliche und ehrenvolle Lösung zu finden …« Sie
erinnern an den Alptraum, der sich in den Wochen, in denen die
Grabhügel von Sutton Hoo geöffnet wurden, über Europa senkte.
Vor dem Haus blickte ich in den wolkenverhangenen Himmel und
stellte mir all die Bomber vor, die sich hier einst von den nahe
gelegenen Flugfeldern in den Himmel erhoben hatten, um mit
dröhnenden Motoren zu Städten wie Worms zu fliegen, wo ich noch
vor einigen Tagen gewesen war. Chamberlain hatte die Lehre des
Beowulf nicht beherzigt, sein Nachfolger dafür umso mehr: Man
kann nicht den Worten des Monsters vertrauen und ihm die Pranke
schütteln, man muss sie packen und samt dem Arm aus dem
Schultergelenk reißen. Winston Churchill bezog sich in seinen
Reden gern auf die vornormannische Geschichte Britanniens und
wusste: Wer es mit einem Ungeheuer aufnehmen will, muss selbst
zu einem werden. Er kämpfte auch mit seinem privaten Monster, das
ihn im Unterschied zum Shuck aus seinem Innern anfiel – dem
»Black Dog«, wie er seine Depressionen nannte.
Der größte Teil des Schatzes von Sutton Hoo ist im British
Museum ausgestellt. In einem kleinen Saal neben dem Schalter für
die Eintrittskarten im Tranmer House kann man einige Kopien der
Fundstücke besichtigen. Eiserne Schildbuckel fangen das Licht ein,
das durch die Glasvitrinen fällt, das Schloss eines in Cloissoné-
Technik verzierten Schwertgürtels schimmert in Bronze-, Granat-
und Elfenbeintönen. Die Vielfalt der Ursprungsorte belegt, wie stark
vernetzt Europa bereits im 7. Jahrhundert war – hier sieht man eine
griechische Inschrift, die in ein Bronzegefäß getrieben wurde, dort
zwei silberne Löffel aus Byzanz. Darüber schwebt eine Schale mit
keltischem Muster an einer Aufhängung. Die angelsächsischen
Metallarbeiten können sich mit diesen Stücken durchaus messen.
Man schaue sich nur einmal den Schließmechanismus der goldenen
Gürtelschnalle mit den Scharnieren an der Rückplatte an, verziert
mit sich windenden Drachen. Dann ahnt man, dass die
Kunstschmiede der Angelsachsen dem Wortschmied des Beowulf
ebenbürtig waren. Der Schatz von Sutton Hoo belegt genau wie die
Skulpturen von Breedon die kontinentalen Verbindungen der
angelsächsischen Kultur, die auch der Beowulf selbst aufweist.
Schließlich ist seine Handlung nicht nur in Dänemark angesiedelt,
sondern bezieht auch die Franken, Merowinger, Friesen und
Schweden ein. Seine Methallen-Passagen enthalten auch eine
Frühversion von Siegfrieds Drachentöter-Mythos – der wiederum
eine Verbindung zu East Anglia aufweist, leitet sich doch der Name
des Dorfes Walsingham in Suffolk womöglich von den Wälsungen,
einem sagenhaften germanischen Geschlecht von Drachentötern
her. Der Beowulf mag von seinem Ursprung her eine Saga des
Nordens sein, aber er ist auch ein europäisches Epos, das über den
ganzen Kontinent ausstrahlte und sich so mit neuen Elementen
anreicherte. Erstaunlicherweise bleibt im Text jedoch eine Nation
völlig unerwähnt.
»Merkwürdig ist das schon«, meint Dr. Sam Newton, »der Beowulf
gilt als das englische Epos schlechthin, er ist unser besterhaltenes
Beispiel einer großen englischen Erzählung, aber England wird dort
nirgends genannt!«
Wir haben die Tendenz, uns die Wikinger als Marodeure
vorzustellen, wir sehen sie mit den Augen der Mönche, die über sie
berichteten, und vergessen darüber, dass unsere Beziehungen zu
Dänemark sehr kompliziert waren. Sam Newton räumt zwar ein,
dass das »englische Epos schlechthin« überhaupt nicht in England
spielt, weist aber auch darauf hin, dass es für seine skandinavischen
Schauplätze Anleihen bei der Landschaft von East Anglia macht und
die mythische Figur des Beowulf mit der historischen Gestalt von
König Rædwald verschmilzt.
Ich traf Sam in der alten Squashhalle von Edith Pretty. Er saß dort
in lockerer Freizeitkleidung hinter einem mit Papieren bedeckten
Schreibtisch und schaute mir verschmitzt unter einem Schopf von
dunklem Haar entgegen. Während unseres Gesprächs über das
Gedicht lachte er viel und oft. In seinem Buch The Origins of Beowulf
and the Pre-Viking Kingdom of East Anglia weist Sam eine
dynastische Verbindung zwischen dem dänischen Hof der
Skjöldungen und dem Geschlecht von König Rædwald nach, die
über König Hrothgars Frau Welhthow hergestellt wurde. Sie taucht
zwei Mal »mit Golde geschmückt« in dem Gedicht auf und kredenzt
in der Methalle den Gästen den Honigwein: »Auf ihrer Runde reichte
die Königin, der Helmungen Kind, Helden und Jägern die schönsten
Krüge, bis schließlich und endlich die Broschengeschmückte zu
Beowulf kam und mit edlem Gebaren den Becher ihm bot.«
Der Clan der Helmungen, dem sie entstammt, ist uns im Namen
der Ortschaft Helmingham in Suffolk überliefert. Damit ist Welhthow
eine Wilfung, hat also dieselben Vorfahren wie König Rædwald.
»Das geforderte Wergeld sandt’ ich den Wilfungen über das Wasser,
älteste Schätze«, erinnert sich König Hrothgar, der einst Beowulfs
Vater beistand, als er sich in eine Fehde verstrickt hatte. Das
Beziehungsdreieck zwischen den Gauten, Wilfingen und Hrothgars
Dänen ist das diplomatische Fundament der Erzählung. Dem
Publikum im East Anglia des 7. oder 8. Jahrhunderts dürften diese
Bezüge vertraut gewesen sein.
»Ich denke, dass England implizit erwähnt ist«, erklärt Sam.
»Welhthow ist eine hochberühmte Ahnfrau, der Name war dem
zeitgenössischen Publikum bekannt. Der Rückblick auf die englisch-
germanische Ahnenreihe wurde von einem Engländer für ein
englisches Publikum geschrieben.« Nicht nur das Begräbnis von
Rædwald findet seinen Niederschlag im Gedicht, auch die
Vermischung des Christentums mit heidnischen Elementen, die das
Leben an seinem Hof prägte, gibt uns nach Sams Überzeugung
einen Hinweis auf die Komposition des Beowulf:

Rædwald war ein sehr bedeutender König, was sich in


der überragenden Qualität und Menge der Funde an
diesem Ort niederschlägt. Hier war eindeutig ein Zentrum
kultureller Aktivität, nicht nur von Kunst und Handwerk,
auch der Dichtkunst. Ein König, der seinen Untertanen
eine gute Zeit beschert, unter dem die Ernten gedeihen,
die Menschen glücklich und im Wohlstand leben, dazu
noch viele Feste – wie man sich das nur wünschen kann.
Das lässt sich im Wesentlichen auch auf heute
übertragen.

Dies ist eine Theorie unter vielen. Eine andere stammt von Professor
North, der Mercia für den Schauplatz des Epos hält – er bringt den
Beowulf mit dem Kloster von Breedon-on-the-Hill in Verbindung und
ist überzeugt, dass es sich um ein Requiem für König Beornwulf von
Mercia handelt. Andere spekulieren über eine Verbindung des
Gedichts mit König Knut, der Dänemark und England im frühen 11.
Jahrhundert vereinigte und die Witwe von Æthelred dem
Unberatenen heiratete. Doch der Beowulf bleibt letzten Endes
ungreifbar, es ist unmöglich, dieses Werk mit einer einzelnen
Theorie zu erschließen. Mir schien die Theorie von Sam am
plausibelsten, weil sie ihre Wurzeln in der Landschaft hat.
»Eins ist klar«, sagt er, »wenn es um die Sümpfe und
Feuchtgebiete geht, die Heimat des Grendel, dann kommt nur East
Anglia in Frage. Black Shuck, Grendel und Konsorten sind
Ungeheuer, die im Osten Englands beheimatet sind, in der
Sumpflandschaft, nicht nur im Volksglauben, sondern auch in der
Sprache. Wohlgemerkt, das Wort ›Shuck‹ stammt aus einem Dialekt
von East Anglia. Aber man muss auch berücksichtigen, dass wir es
hier mit einem Gedicht zu tun haben. Ja, da gibt es eine historische
Schicht, aber es gibt auch eine psychische Landschaft. Die Grenze
zwischen Natürlichem und Übernatürlichem bleibt unklar. So wie
wenn man in den Marschen rund um Iken unterwegs ist, und es wird
dunkel und kalt, Nebel kommt auf und man sieht nicht mehr, wo das
Land aufhört und das Meer anfängt. Himmel und Meer
verschwimmen, man verliert die Orientierung, die Elemente liefern
keinen Bezugspunkt mehr.«
Auf dem Weg zum Bahnhof dachte ich über die seltsame
Vermischung von Elementen in Iken nach. Kein Ort, den ich bisher
besucht hatte, schien so viel mit dem Beowulf gemein zu haben.
Nein, dachte ich, die Gelehrten werden nie dahinterkommen. Der
Beowulf entzieht sich eindeutigen Kategorisierungen. Er dreht sich
ewig im Kreis, wie die Midgardschlange, die sich selbst in den
Schwanz beißt.
24
Nicht Fremden noch Freunden und niemals zuvor Vergab meine
Hand die Halle der Dänen, Seit diesen Schild sie zu stemmen
vermag. Du bist der Erste.

König Hrothgar zu Beowulf, Beowulf, Neunte Fitte

Zeit, an Bord des »Wogenbezwingers« zu gehen, um »von Gischt


weiß umhalst gleich einem Vogel«, das »Heimland der Dänen« zu
erreichen. Prosaischer ausgedrückt: Die Stena Line Ferry von
Harwich stand kurz vor dem Auslaufen.
Zu Beowulfs Zeiten »pflügten« Boote noch durch die See;
heutzutage kommt einem bei einer solchen Überfahrt
Landwirtschaftliches höchstens in den Sinn, wenn man am
einarmigen Banditen seine Ernte in Fruchtsymbolen einfährt. Weiter
draußen auf dem Meer wird dann allerdings auch im Wortsinn
geerntet. Etwa 40 Kilometer vor der Küste von Suffolk stehen dürre
Giganten im Wind, deren Rotorblätter sich im selben unerbittlichen
Takt bewegen wie einst die Ruder der Wikinger. Würde man einen
Griechen aus der Zeit Homers nach der merkwürdigsten Geschichte
in der Odyssee fragen, so würde er wahrscheinlich den Windsack
des Aiolos vor den Zyklopen nennen. Aber hier ist die Phantastik des
Epos durch Ingenieurskunst Realität geworden. Wir sind wieder da,
wo wir gestartet sind: Die alten Griechen und die Wikinger waren
von der Kraft günstiger Winde abhängig, und nun, viele
Jahrhunderte später, am Ende des Zeitalters der fossilen Energie
angekommen, lernen wir wieder, den Wind zu nutzen.
Den brandschatzenden Wikingern haftete genau wie den Hunnen
der Ruf »barbarischer« Wildheit an, obwohl sie letzten Endes nicht
gewalttätiger waren als die Soldaten von Karl dem Großen oder die
Ritter des Ersten Kreuzzugs. In den isländischen Sagen hieß »auf
Raubfahrt gehen« für junge Männer nichts anderes, als sich eine
Existenz aufzubauen. Damals konnte man sich eben nicht bei
Jobs.net anmelden oder sich bei Apprentice bewerben, man rüstete
ein Boot aus und schärfte seine Axt.
Mit Bussen ging es durch Holland und Norddeutschland. Ankunft
am frühen Morgen in Dänemark: schimmernder Tau auf Stapeln von
Silageballen, Windenergieanlagen über leuchtend gelben
Rapsfeldern. Aus ölig schimmernden Torfmooren glitzerte es in der
Morgensonne, als würden sich Schmuggler Lichtsignale senden, und
hinter den Buchenwäldern telegrafierten die leuchtenden
Schaumkronen der Wellen ihre eigenen Botschaften. Die graue
Weite der Ostsee schien stets zum Greifen nah, darin schwammen
die Inseln des dänischen Archipels, durch ein Netz von Tunneln und
Hängebrücken festgezurrt.
Man kann sich diese stille Nation nur schwer als die Heimat von
Grendel und seiner grausigen Mutter vorstellen. Mein Plan für die
kommenden Tage war, die Begräbnisstätte zu besichtigen, wo das
Legendenmaterial Wurzeln schlug. Zunächst aber wollte ich in
Kopenhagen erfahren, welchen Einfluss das angelsächsische Epos
auf die Nation ausgeübt hatte, die es hervorgebracht hatte. Wir
sehen heute den Beowulf mit Selbstverständlichkeit als englisches
Epos, doch das war für jene, die ihn aus der Dunkelheit hoben, ganz
anders.

Das Gemälde zeigt einen Nachthimmel, zur Hälfte von Flammen


gerötet. Leuchtspuren ziehen über den Himmel, und Flammen
schlagen aus einem Kirchturm, Männer versuchen ein Pferd zu
bändigen, eine Frau hält schützend ihr Baby in den bloßen Armen,
den Blick ängstlich nach oben gerichtet. Es könnte die Burg der
Gauten im Beowulf darstellen, welcher der Drache mit »lodernden
Flammen« Tod und Verderben bringt.

Doch das Bild von Christoffer Wilhelm Eckersberg zeigt die


Bombardierung von Kopenhagen im Jahr 1807. Napoleon hatte ein
Auge auf die dänisch-norwegische Flotte geworfen, was die Briten
als Bedrohung ansahen. Mehr als vierhundert britische Kriegsschiffe
segelten in den Hafen von Kopenhagen und beschossen die Stadt
mit Kanonen, Mörsern und dem neuesten Vernichtungswerkzeug –
der aus Eisenblech gefertigten Congrev’schen Rakete. Vier Tage
lang regneten Geschosse auf Kopenhagen, 195 Zivilisten kamen
ums Leben, und 1000 Häuser brannten nieder.
Eines davon gehörte Grímur Jónsson Thorkelín, einem
isländischen Professor, der das Königliche Archiv in Kopenhagen
leitete. Zwischen 1786 und 1791 war er im Dienst des dänischen
Königs mehrfach nach England gereist, um dort »die Schätze der
britischen Bibliotheken zu studieren«, wie er es beschreibt. Von
diesen Reisen brachte er auch zwei Abschriften des Beowulf mit. Es
liegt eine gewisse Ironie darin, dass diese Belagerung, mit der die
Briten sich ihre Vorherrschaft als Seemacht sicherten, die
Veröffentlichung ihres ältesten literarischen Meisterwerks verzögerte:
Thorkelíns Übersetzung des Beowulf verbrannte bei der
Bombardierung. Aber immerhin konnten die Abschriften des
Originals gerettet werden, sodass acht Jahre später, 1815, dann
doch die erste Ausgabe des Epos erscheinen konnte.
Wenn wir heute im Beowulf ein »englisches Gedicht« sehen, so
auch deshalb, weil er schon seit zwei Jahrhunderten vom
literarischen Kanon der Insel absorbiert worden ist. Thorkelín, einer
der Ersten, die sich intensiv mit dem Studium des Beowulf
beschäftigten, sah das noch ganz anders. »Von Ereignissen, die
Dänen betreffend, im dritten und vierten Jahrhundert. Ein dänisches
Gedicht in angelsächsischem Dialekt«, betitelte er seine lateinische
Ausgabe. Auch im Vorwort betont er das dänische Erbe: »Meine
Reise hatte Erfolg und wurde reich belohnt«, erinnert er sich, »ich
konnte ein Gedicht mitbringen, das nun nach mehr als tausend
Jahren Abwesenheit wieder in das Land seines Ursprungs
zurückkehrt.«
Während Thorkelín der Belagerung entkam, nahm der junge
dänische Student Nikolai Frederik Severin Grundtvig an der
Verteidigung von Kopenhagen teil. Laut seinem Biographen A. M.
Allchin spielte er später als Übersetzer des Beowulf eine genauso
bedeutsame Rolle für die Rezeption des Epos wie Thorkelín.
Überdies sollte er zur »einflussreichsten Persönlichkeit für die
Entwicklung der dänischen Gesellschaft und Kultur« im 19.
Jahrhundert werden. Er entwickelte die Idee des nordischen
Spiritualismus und wirkte als Pädagoge. Unter anderem gilt er als
der geistige Vater der dänischen Volkshochschule. Sven H. Rossel
bescheinigt ihm, »die Grundlagen der internationalen Beowulf-
Forschung« gelegt zu haben. Auch in dieser Hinsicht wirkt das Epos
über Staatsgrenzen hinweg, ein weiterer Hinweis auf das
verflochtene Wurzelwerk der Sagen unter unseren Landkarten von
Europa.
Der Beowulf faszinierte Grundtvig ein Leben lang. Für ihn war es
»der älteste bekannte Versuch, ein episches Gedicht in einem
Dialekt des frühchristlichen Europa zu schaffen«. Schon im Alter von
25 Jahren, nachdem er bereits ein bahnbrechendes Werks über die
nordische Mythologie verfasst hatte, machte er sich für eine
Publikation des Gedichts stark. Einige Jahre später sah er
Thorkelíns Abschrift des Beowulf durch, worüber es zu einem
Zerwürfnis kam, da Grundtvig ihm allerhand Fehler ankreidete.
Immer wieder arbeitete er am Beowulf: 1820 kam seine erste
Teilübersetzung heraus, 1841 erschien ein Artikel über das Epos,
1861 veröffentlichte er eine neue Ausgabe des Originals, und vier
Jahre später, im Alter von 82 Jahren, vollendete er seine
Übersetzung. Man kann getrost sagen, dass Seamus Heaney,
William Morris und all die anderen gerühmten Übersetzer, die den
Beowulf vom Angelsächsischen ins moderne Englisch übertragen
haben, ihm gegenüber verblassen – niemand hat, kulturpolitisch
gesprochen, dem Beowulf eine so breite Bresche geschlagen wie
Grundtvig.
Grundtvigs Leidenschaft für die angelsächsische Literatur ist
schon erstaunlich, wenn man seinen Einfluss auf die dänische
Identität bedenkt. Er wirkte weit über seine Zeit hinaus, sein Wirken
hat selbst noch die Entwicklung des dänischen Wohlfahrtsstaats und
die Kampagne gegen den Eintritt des Landes in die Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft in den 1970er-Jahren beeinflusst, ja sogar
die Debatten über den Maastricht-Vertrag von 1992 und das
Referendum gegen den Euro im Jahr 2001. All das ist nicht zu
trennen von seinem Interesse für den Beowulf, weil er erst durch
seine Suche nach dem »nordischen Geist« in der angelsächsischen
Literatur die Philosophie des nordischen Spiritualismus entwickelte,
die man mit seinem Namen verknüpft.
Ein Bus brachte mich in den Stadtbezirk Bispebjerg, nördlich der
Kopenhagener Seen und des Zoologischen Museums gelegen. Die
Fassade der Grundtvig-Gedächtniskirche ragt dort steil empor, die
gerippte Fassadenstruktur erinnert an eine gigantische Harfe, ihr
Treppengiebel nagt am Himmel wie die Zähne von Burgzinnen. Das
Gebäude ist eine einzige architektonische Hommage an Grundtvig.
Die schwindelerregenden Vertikalen und die schlichten Ziegel
drücken spirituelle Tiefe und Demut zugleich aus – fragt sich bloß,
was diese kantige Zinnenstruktur darstellen soll, vielleicht Grundtvigs
kämpferische Seite? Im Innern wird das Kirchenschiff von
neogotischen Bögen überwölbt, Licht strömt durch die hohen,
schmalen Fenster über dem Altar. Es gibt weder Gemälde noch
Skulpturen, keine Statuen und keine Grabplatten. Die Einfachheit ist
atemberaubend, und dieser Eindruck wird noch durch die schiere
Größe verstärkt, zu der die sechs Millionen goldgelben Ziegelsteine
akkurat arrangiert wurden.
Ich saß auf einem geflochtenen Stuhl und blätterte das dänische
Gesangbuch durch. Viele der Lieder sind Schöpfungen Grundtvigs.
Ihre Worte halten sein Andenken Sonntag für Sonntag landesweit in
den Herzen der Dänen lebendig. Allerdings weiß wohl nur eine
Minderheit unter der schwindenden Zahl dänischer Kirchgänger,
dass viele dieser Dichtungen Übersetzungen aus dem
Angelsächsischen sind, so ein beliebter Osterpsalm und ein Lied,
das gewöhnlich an Christi Himmelfahrt gesungen wird. Sie sind der
bis heute lebendige Nachlass von Grundtvigs intensiver
Auseinandersetzung mit der angelsächsischen Literatur.
Grundtvigs eigentliche Karriere begann erst, nachdem er seinen
ersten Job verloren hatte. Verleumdungen zwangen ihn, seine
Stellung als Pfarrer aufzugeben. Somit hatte er auf einmal Zeit im
Überfluss und erbat vom dänischen König eine finanzielle
Unterstützung, um angelsächsische Manuskripte in England zu
studieren. »Selbst die gründlichsten Historiker der Insel schauten
damals nicht tiefer in die Vergangenheit als bis zur Eroberung durch
die Normannen im Jahr 1066«, schrieb Grundtvig, »mit den
Angelsachsen und der Herrschaft der Dänen gaben sie sich erst gar
nicht ab, das waren für sie nur barbarische Zeiten.« Grundtvig war
daher bestrebt, »in Kontakt mit dem Engländer zu kommen und ihn
für den Angelsachsen und damit für Skandinavien zu gewinnen«.
Die militärischen Eskapaden der jüngeren Vergangenheit blendete er
zugunsten einer tieferen kulturellen Verbundenheit aus. In ihrem
Zentrum sah er den Beowulf, eine Geschichte von »reinem
nordischen Geist«, wie er schrieb. Sie gehörte seiner Ansicht nach
den Dänen ebenso wie den Engländern, war doch ihr
namengebender Protagonist »der Menschheit nördlicher Held«.
Doch Grundtvigs Interesse war nicht rein kultureller Natur: Er
beteiligte sich rege an einer hitzigen politischen Debatte, die die
ersten Jahrzehnte nach der Entdeckung des Beowulf dominierte.
Zahlreiche deutsche Gelehrte bestritten nämlich Grundtvigs
Inanspruchnahme des Beowulf für die Dänen. Jacob Grimm griff ihn
deswegen an, und der deutsche Dichter Karl Simrock (berühmt für
seine maßgebliche Übersetzung des Nibelungenlieds) behauptete
steif und fest, dass »der Beowulf, obwohl in angelsächsischer
Sprache überliefert, doch seiner Grundlage nach ein deutsches
Gedicht sei«. So nennt er den Beowulf im Untertitel seiner
Übersetzung Das älteste deutsche Epos, steht für ihn doch fest:
»Angeln und Sachsen waren deutsche Völker, und der Schauplatz
des Gedichts liegt dießseits der Nordsee.« Die britischen Gelehrten
mischten sich mal auf der einen, mal auf der anderen Seite in die
Debatte ein. J. M. Kemble widmete die erste britische Ausgabe des
Beowulf Jacob Grimm; George Stephens wetterte gegen die
»habgierigen und diebischen Deutschen, die … unsere besten
Stücke publizieren und behaupten, sie seien in einem
›hochdeutschen Dialekt‹ geschrieben!«
Das war nicht bloß ein Streit zwischen Gelehrten, die von ihren
Studierzimmern aus schrullige Fehden führten. Die Debatte fiel in
eine Zeit starker Spannungen zwischen den Dänen und ihren
südlichen Nachbarn – Preußen und Österreich erhoben Anspruch
auf das damals dänische Schleswig-Holstein. Wie im Kosovo-Zyklus
und vielen anderen Epen ging es nicht bloß um Dichtung, sondern
auch um Gebietsansprüche.
Die »Schleswig-Holstein-Frage« führte zu bewaffneten Konflikten.
Im ersten Krieg zwischen 1848 und 1851 konnte sich Dänemark
durchsetzen, während der zweite 1864 mit einem Sieg von Preußen
und Österreich endete, gefolgt von einer systematischen
Germanisierung und Industrialisierung der wichtigen Häfen
Schleswig-Holsteins. Dies war eine folgenreiche Etappe in der
Entwicklung des deutschen Nationalismus, was schließlich im 20.
Jahrhundert verheerende Folgen haben sollte.
In diesen Auseinandersetzungen spielte auch immer wieder der
Beowulf eine Rolle. So wurde in den 1890er-Jahren ein Schiff der
deutschen Kaiserlichen Marine auf den Namen SMS Beowulf getauft
(ein Schiff der Siegfried-Klasse übrigens), das im Ersten Weltkrieg
an der Beschießung der Ostseestadt Libau beteiligt war. Im Jahr
1917 wurde die Beowulf außer Dienst gestellt, doch das Militär
wusste den Namen weiter zu nutzen: Im Zweiten Weltkrieg führte die
deutsche Wehrmacht eine Operation zur Eroberung einiger
Ostseeinseln unter dem Decknamen Beowulf durch.
Grundtvigs Bemühungen um den Beowulf standen im Kontext
seiner Bestrebungen, das dänische Nationalgefühl zu stärken. Das
entsprach einem patriotischen Grundtenor seines Werks, der bis
heute zu seiner anhaltenden Beliebtheit beiträgt. »Alle, die zum Volk
gehören, die sich selbst zu ihm bekannt, freuen sich der
Muttersprache, brennen für das Vaterland«, heißt es in einem seiner
populärsten Gedichte.
Ähnlich vielen Briten fühlt sich ein großer Teil der Dänen von der
EU bevormundet und blickt mit Stolz auf die Geschichte und die
besondere geografische Lage ihres Landes. Zugleich schätzen sie
ihren Ruf als liberale und menschenfreundliche Nation. Die
Grundlage dafür sehen viele Dänen nach wie vor in Grundtvigs
Philosophie, die dazu beiträgt, dass Dänemark im World Happiness
Report immer wieder einen der vordersten Plätze, wenn nicht gar
wie 2016 den Spitzenplatz belegt. Der Zustrom von Flüchtlingen in
den vergangenen Jahren, die aus Ländern vom anderen Ende der
»Glücksskala« kommen, hat bei den Dänen ein intensives
Nachdenken darüber ausgelöst, in was für einem Land sie leben
wollen.
Auch in Kopenhagen leben viele Flüchtlinge, so wie in anderen
europäischen Hauptstädten. Unter den Einheimischen sind sie leicht
auszumachen. Um meine Reisekasse zu schonen und mit Blick auf
die gepfefferten Preise, die demnächst in Island auf mich zukommen
würden, sparte ich mir ein paar Hundert Kronen, indem ich mir die
Nacht am Hauptbahnhof um die Ohren schlug. So hörte ich zur
Geisterstunde dem arabischen Geplauder meiner nächtlichen
Gefährten zu. Afrikaner kauerten auf den Bänken, lauschten der
Musik ihrer Heimat und probierten die frittierten Krapfen, das
Sonderangebot bei McDonalds.
Ich hatte von einem Willkommenszentrum für Flüchtlinge gehört,
und nachdem ich dessen Verwaltung kontaktiert hatte, stattete ich
ihm einen Besuch ab. Ich schritt durch die Glastüren des städtischen
Verwaltungsbaus und setzte mich unter das bunte Wandgemälde,
das einen hammerschwingenden Thor und Fotos aus dem alten
Kopenhagen zeigte. Neben mir saß ein Palästinenser, der nach
Dänemark gekommen war, um ärztliche Hilfe für seinen autistischen
Sohn zu finden. Auf der anderen Seite war ein junger Afghane, der
schon im Iran als Flüchtling gelebt hatte und nun nach seinem
Übertritt zum Christentum hierhergekommen war. Wie so oft
während meiner Reise staunte ich über die Vielfalt der Motive, die
Menschen zur Flucht veranlassten. Ihre Geschichten sind stets so
viel komplizierter, als die Berichte in den Medien ahnen lassen, die
häufig nur Klischees transportieren.
Eine der erschütterndsten war die eines syrischen Chemikers, der
nicht bloß einem, sondern gleich zwei Kriegsgebieten entkommen
war.
»Ich hatte eine eigene Apotheke«, berichtete er. »Mir ging es gut.
Ich hatte eine Familie, ein Geschäft, ein Auto, ein Haus, aber Assad
ließ meine Stadt bombardieren, das Leben wurde die reinste Hölle.
Meine Frau stammt aus der Ukraine, also dachten wir darüber nach,
dorthin umzusiedeln – doch was geschah dann? Auch in der Ukraine
brach ein Krieg aus! Das brachte uns so viele Probleme, so viel
Streit. Meine Frau nahm unseren Sohn mit auf die Krim, aber er
hasste das Leben dort und konnte sich nicht richtig entwickeln. Nun
ist er hier bei mir, und meine Frau ist noch dort.«
Ich hatte während meiner Reise schon Dutzende von Flüchtlingen
getroffen, und was sie zu berichten hatten, machte mich immer
wieder sprachlos. Manche kamen aus völlig zerrütteten Staaten,
hatten rauchende Ruinen hinter sich gelassen.
»Syrien ist erledigt.« »Wenn sie mich zurückschicken, bringe ich
mich um.« »In meinem Land gibt es nichts als Leid.« Die
Schilderungen ihrer Heimat klangen wie Wiglafs apokalyptische
Prophezeiungen am Ende des Beowulf.
Epen sind nicht bloß literarische Grundlagentexte, sie steigern
sich auch, steuern auf eine Katastrophe zu – sie sind Geschichten
vom Ende aller Tage. Troja, das mittelalterliche Serbien, Beowulfs
Gauten: All dies sind Gesellschaften am Rande des
Zusammenbruchs, sie laufen auf ein Ende zu, das zu einem
Neuanfang führt. So ist es, und so war es schon immer. Ein Unglück
für Millionen, in dem das Potenzial für einen Neuanfang steckt.
Aeneas entkommt aus dem brennenden Troja und gründet Rom,
Island wird von nordischen und keltischen Flüchtlingen besiedelt, die
dort ihre eigene Geschichte und Geschichten fanden.
Viele Flüchtlinge arbeiten hart daran, sich eine neue Existenz
aufzubauen. Andere haben große Probleme, die Vergangenheit
hinter sich zu lassen, schaffen es nicht, sich aus ihren Fesseln zu
befreien. Auf meinem Weg durch Europa bin ich auch solchen
verstörten Seelen begegnet.
»Niemand hilft mir!«, beklagte sich ein junger Syrer in Bremen, wo
ich auf dem Weg nach Kopenhagen Zwischenstation machte. »Ich
will doch nur, dass die Leute mich als menschliches Wesen
wahrnehmen!« Wir aßen zusammen ein Sandwich und sprachen
eine Weile über Syrien – vor 16 Jahren war ich einmal in Aleppo
gewesen. Am Busbahnhof nahm unser Gespräch eine
unangenehme Wendung. Als ich nach meinem Bus nach
Kopenhagen Ausschau hielt, verlangte er plötzlich, ich solle ihm eine
Fahrt nach Berlin bezahlen, wo er irgendwelche Papiere abholen
müsse. »Zeig mir, dass du mich als menschliches Wesen
wahrnimmst«, sagte er. Die Kosten dieses Beweises sollten 36 Euro
betragen, mehr als mein Tagesbudget.
»Ich bin ziemlich knapp bei Kasse«, erwiderte ich und bot ihm
5 Euro und eine Packung Kekse an. Er knallte mir die Kekse empört
vor die Brust.
»Das ist alles? Verpiss dich!«
Später saß ich dann im Bus, gegen die Scheibe gelehnt, und
schaute auf die glänzenden Pfützen. Mich erfüllte eine schwer zu
entwirrende Mischung aus Scham und Entrüstung. Es war nicht die
erste schwierige Begegnung auf meiner Reise durch Europa
gewesen. So etwas kam nicht oft vor, aber es warf mich jedes Mal
total aus der Bahn. Was habe ich falsch gemacht?, fragte ich mich
dann. Ich saß im Bus und dachte an den zornigen Syrer und meine
Unfähigkeit, auf ihn zuzugehen. Und für einige Augenblicke stellte
ich mir vor, wie er mich durch seine geplagten Augen sah: Ich hatte
so viele Privilegien, konnte ohne Probleme überall herumreisen.
25
Die Zeit es dann brachte: Bald war beendet der Bau durch die
Männer, die größte der Hallen. Er nannte sie Heorot.

Beowulf, Erste Fitte

Ich verließ Kopenhagen mit dem Abendzug Richtung Gammel Lejre,


die alte heidnische Hauptstadt der Skjöldinger. Als ich ausstieg,
blitzten Regenpfeile im Lichtschein des Bahnhofs auf, die an
meinem Mantel abprallten. Ich stapfte meiner letzten Etappe auf den
Spuren von Beowulf entgegen: dem Ort, an dem die ganze
Geschichte ihren Ausgang nahm.
Der Mond war in Trauerwolken gehüllt, die sich gelegentlich
teilten, um die glitzernden, an die Edelsteine im Grabhügel eines
großen Königs gemahnenden verstreuten Sterne freizugeben. Doch
ich konnte nicht lange zum Himmel schauen, sondern musste mich
auf den Weg konzentrieren, wollte ich nicht ein Massaker unter den
zahllosen Schnecken veranstalten. Als ich wieder einmal das fatale
Gefühl hatte, in etwas Weiches getreten zu sein, hielt ich an und
wischte meine Brillengläser sauber. Ein Frösteln lief mir über den
Rücken und veranlasste mich, die obersten Knöpfe meines Mantels
zu schließen. Regen verfolgte mich nun schon den ganzen Sommer,
doch dieser hier war nicht bloß nass, sondern auch eiskalt. Und da
es Richtung winterliche Gefilde ging, konnte es nur noch schlimmer
werden.
Glücklicherweise gab es in der Nähe des Museums eine mit Reet
gedeckte Scheune, die mir als Refugium für die Nacht dienen
konnte. Dort saß ich und kritzelte an einem mit Vogelkot besudelten
Tisch in mein Tagebuch. Dann rollte ich meinen Schlafsack unter
Zeichnungen von Schulkindern aus – Krieger mit gehörnten Helmen
und Langschiffe mit Drachenbug auf Zickzackwellen. Ursprünglich
hatte ich vorgehabt, auf einem der mittelalterlichen Grabhügel zu
schlafen, aber das war mir aufgrund des Regens nicht vergönnt. So
blieb ich im Schutz der Scheune, stöpselte mir meine Kopfhörer in
die Ohren und übertönte das Rauschen des Regens mit dem
donnernden Vortrag von Benjamin Bagby:

Þa wæs Hroðgare heresped gyfen,


Darauf ward Heerglück dem Hrothgar gegeben,
wiges weorðmynd … Him on mod bearn
und Ruhm in der Schlacht … Da stand ihm der Sinn
Þæt healreced hatan wolde,
eine goldene Halle hoch zu errichten,
medoærn micel men gewyrcean
dass Menschen erbauten eine mächtige Metburg,
þone yldo bearn æfre gefrunon …
von der ewiglich künden die Kinder der Menschen …

Der Schauplatz des Geschehens wird im Gedicht nicht genannt,


doch die Gelehrtenwelt ist sich seit Langem einig, dass es sich um
Gammel Lejre handeln muss, den Sitz der Skjöldinger, der alten
Könige Dänemarks, deren dynastische Linien in den Anfangszeilen
des Gedichts nachgezeichnet werden: »Hört! Von Ger-Dänen
vergangener Tage klingt uns der Könige Ruhm.«
Hier war ich mitten auf dem Land. Die Morgensonne sickerte in die
Scheune, und ich schälte mich aus meinem Schlafsack und trat ins
Freie zwischen schlummernde Kühe und schlanke, braune Pferde.
In der Luft lag der klebrig-süßliche Geruch von Dung, verstärkt durch
den Regen und durchzogen von Methanwolken. Für einen
Begräbnisplatz roch es hier ziemlich nach Leben, doch da waren sie,
unverkennbar: die heidnischen Hügelgräber von Gammel Lejre, die
wie die Inseln eines Atolls aus den Feldern hervorstachen.
Der Regen hatte zwar nachgelassen, doch es tröpfelte den
ganzen Morgen über immer wieder. Mein Weg führte über Pfützen
am »Rabenhügel« vorbei, an dem noch keine Ausgrabungen
stattgefunden haben; durch Nesseln und Büschel von Sauerampfer
stapfend passierte ich auch den flachen »Bretthügel«. Viele dieser
Erdhaufen, in denen die alten Könige der Skjöldinger beigesetzt
sind, warten noch darauf, ihre Geheimnisse preiszugeben. Ich
erklomm den steilen Hang des »Kesselhügels«, wo Disteln aus dem
dunklen, mit den Spuren von Riten und Zeremonien überzogenen
Erdreich schossen, Narben, die vor mehr als einem Dutzend
Jahrhunderten in den Boden geschlagen worden waren. Von der
grasbewachsenen Kuppe aus konnte ich die sogenannten
»Schiffssetzungen« überblicken – eine Reihe von Granitsteinen, die
den Toten auf ihrer letzten Seereise den Weg nach Walhalla zeigen
sollten. Ich fühlte mich wie ein Wächter auf einer Landzunge, der
Ausschau nach Drachenbooten hält. Diese von Flechten
bewachsenen, sich nach oben verjüngenden Granitflossen kratzten
am Himmel, und mir war, als öffne sich ein winziger Spalt, der mir
einen Blick in die heidnische Seefahrerwelt des Beowulf gewährte.
Lange nachdem Lejre als Siedlung aufgegeben worden war, zog
es Reisende zu diesem sagenumwobenen Ort. Der Deutsche Ole
Worm kam im 17. Jahrhundert, hörte von den Einheimischen die
Namen der Grabhügel und lernte einiges über die Sitten der
Skjöldinger. Ein weiterer Deutscher, der Anglist Gregor Sarrazin,
folgte ihm 1865. Einige Jahre zuvor, 1850, wurde in den Hügeln
westlich des Dorfes ein Schatz entdeckt, zu dem eine hiberno-
sächsische Silberschale gehörte. Später, in den 1940er-Jahren,
förderte man an einem Begräbnisplatz aus dem 10. Jahrhundert
Schildpattbroschen, einen steinernen Spindelwirbel und den Rumpf
eines enthaupteten Sklaven zutage. Doch erst die Ausgrabungen
zwischen 1977 und 2002 belegten, welche herausragende Stellung
Gammel Lejre einst in der dänischen Kultur eingenommen hatte.
Die Archäologie wird oft durch die lokalen Verhältnisse
ausgebremst. Etliche der Hügel von Lejre waren der Forschung nicht
zugänglich, weil sie auf Ackerland lagen. Die Archäologen mussten
sich mit dem begnügen, was bei Bauarbeiten zutage kam. Erst als
dann mal ein Bauernhof abbrannte, hatten sie eine Gelegenheit,
eine Grabung am Hügel von Fredshøjgård durchzuführen, wo man
seither den Ort von Hrothgars Methalle aus dem Beowulf vermutet.
Die meisten Hügel sind immer noch unberührt, aber nach den
bisherigen Funden zu urteilen, darf man sich von weiteren
Ausgrabungen einiges versprechen. Unter den Ausstellungsstücken
im Museum befinden sich mit Runen beschriftete Knochen,
kleeförmige Broschen, Spindelwirbel, vergoldete Gewichte,
Schwertknäufe, ein Amulett, das Thors Hammer darstellt, ein
eisernes Schwert mit einem Damaszenermuster auf der Klinge und –
der Stolz der Sammlung – ein hohles Silberfigürchen von Odin auf
seinem Thron, eine von nicht einmal einem Dutzend
dreidimensionalen Darstellungen, die uns von dem einäugigen
nordischen Gott überliefert sind.
Das Museum würdigt Lejre stolz als Geburtsort der dänischen
Identität: »Die Geschichte des Königreichs Dänemark beginnt in
Lejre«, liest man auf einer Tafel, die Nikolai Grundtvig zeigt – eine
etwas surreale Darstellung, die ihn auf Odins achtbeinigem Pferd
Sleipnir bei der Arbeit an der Übersetzung des Beowulf zeigt. Doch
»wegen der Verwurzelung in der gesellschaftlichen Ordnung der
Wikinger und ihrem Glauben an die nordischen Götter büßte Lejre
seine herausragende Stellung ein«, erläutert die Inschrift. Um das
Jahr 1000 wurde die Siedlung aufgegeben. Mit der Taufe von Harald
Blauzahn (an den man heute vor allem im Zusammenhang mit der
nach ihm benannten Drahtlostechnik denkt) verwandelte sich
Dänemark in ein christliches Land, was zum Bau einer Kathedrale
und einer neuen Hauptstadt in Roskilde führte.
»In der Schule haben sie uns nichts über Lejre erzählt«, sagte
Ditta, die im Museum arbeitete, »Geschichte begann für uns erst mit
der Annahme des Christentums. Aber meine Großeltern wussten,
dass Lejre einst ein wichtiger Ort war, was nun durch die jüngsten
Funde wieder deutlich wird.«
Als ein Amateur-Schatzgräber im Jahr 2000 im Museum von
Roskilde eine Handvoll Schmuckstücke und Beschläge ablieferte,
widmeten sich die Archäologen dem Acker von Fredshøjgård. Ihre
Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf einen schroff aufragenden
Hügel, von dem aus man die umliegenden Äcker überblicken kann.
Die Überreste einst in den Boden eingelassener, längst verrotteter
Holzpfähle machten es ihnen möglich, den geisterhaften Umriss
einer 50 Meter langen Halle nachzuzeichnen. Ihre Wände hatten die
bauchige Form eines Schiffs – die an den Enden neun Meter
messende Halle verbreiterte sich zur Mitte hin auf zwölf Meter. Damit
war sie doppelt so breit wie das typische Langhaus der Wikinger.
Der Gedanke an Heorot drängte sich geradezu auf. »Was der
Dichter des Beowulf uns schildert, sieht man einmal von den
poetischen Übertreibungen ab, ist eine Halle aus der Eisenzeit, nicht
unähnlich jener, die die Archäologen nun entdeckt haben«, sagt der
Archäologe Jon D. Niles.
Im 20. Jahrhundert sind die Epen eine sehr fruchtbare Beziehung
mit der Archäologie eingegangen. Etwa um dieselbe Zeit wurde ein
Palast in Ithaka ausgegraben, und es gab neue Funde in König
Nestors Palast in Pylos. Auch im alten Mercia wurden Schätze
zutage gefördert, die unser Wissen über die angelsächsische
Handwerkskunst bereicherten. Und nun hatte man gar eine
»mächtige Metburg« im Land der Skjöldinger entdeckt. Zwar glaubt
niemand, dass der Barde, der scop des Beowulf, den Ort besucht
hat, doch es ist auch schon eine reizvolle Vorstellung, dass sich
Gerüchte über eine solch große Halle zusammen mit Geschichten
über eine unheimliche Landschaft und heldenhafte Taten über die
Nordsee hinweg verbreiteten.
Ich schlenderte über die schwammige Grasnarbe, vorbei an
niedrigen, grasbewachsenen Bodenerhebungen, die die Ausmaße
der Halle nachzeichnen. Schnecken fraßen sich durch das Grün wie
Krieger im Metrausch; Käfer krabbelten auf Pilzen herum, als
suchten sie nach dem Eingang. Nieselregen tröpfelte herab,
feuchtes Gras und Nesseln klatschten an meine Hose. Eine
Schulklasse hantierte mit Bandmaßen im Gelände, ihre Lehrer
duckten sich unter Schirmen, und ein Mann mit einem majestätisch
gezwirbelten Schnauzbart ritt auf einer schwarzen Stute vorbei.
Südlich des Hügels erstreckten sich die Wälder von Hearthadal,
vom Regenhimmel in milchiges Licht getaucht. Die
zurückweichenden Eiszungen hatten hier eine Moränenlandschaft
voller Senken, Erosionsrinnen und kleiner Hügel geschaffen, auf
denen nun Eichen und Birken sprossen: ein rauer Gegensatz zu
Lejres sanften Weiden und heiligen Hügelgräbern. Der Beowulf wird
wie viele andere Geschichten über Ungeheuer oft als Kampf
zwischen der Zivilisation und der ungezähmten Natur
missverstanden, eine Deutung, die allerdings durch den
Doppelcharakter der Landschaft von Lejre gefördert wird. Doch das
Epos enthält eine viel komplexere Botschaft, und wenn wir tief genug
schürfen, dann können wir einen Blick auf den Schatz erhaschen,
der in diesem geheimnisvollen Gedicht vergraben liegt.
Die Zivilisation ist besiegt worden. »Oftmals schon schwuren über
schäumenden Bechern betrunkene Zecher, dass zum Zweikampf
entschlossen sie mit beißenden Schwertern in der Bierhalle hier den
Angriffen Grendels entgegensteh’n wollten«, berichtet Hrothgar
Beowulf. Doch keinem gelang es, ihre Versuche führten nur dazu,
dass am Morgen danach »von Blut war’n besudelt die Bänke und
Tische«. Um es mit Grendel aufzunehmen, braucht es mehr als
Zivilisation: einen Helden, der sich brüsten kann, »ein
Riesengeschlecht« hingeschlachtet und die »wütenden Monster«
des Meeres das Fürchten gelehrt zu haben. Beowulf bedient sich
nicht der Mittel der Zivilisation: Er bekämpft das Ungeheuer mit
seinen bloßen Händen, die so todbringend sind wie nur etwas, das
die Natur ersonnen hat. Hier geht es nicht darum, dass der Mensch
mit seinen Erfindungen die Natur bezwingt – sie stehen sich
unvermittelt, auf gleicher Höhe, gegenüber. Mit anderen Worten: Ein
Held ist gefragt. Ein und dasselbe Wort, æglæca, was so viel wie
»der Furchteinflößende« oder »Schrecken« bedeutet, wird auf
Grendel und später den Drachen sowie auf Beowulf angewandt. Er
ist ein »Bienenwolf« – ein »Bär«, was nichts anderes heißt, als dass
ein gewöhnlicher Mensch es nicht mit der Natur in all ihrer Wildheit
aufzunehmen vermag.
Hier offenbart sich ein Unterschied in der Weltanschauung
zwischen Norden und Süden. Odysseus glänzt durch
waffentechnischen Erfindungsreichtum, technologische Raffinesse
und seinen listenreichen Umgang mit Worten; die Balkanhelden
haben ihre Verkleidungen und Tricks. All dies wird hier von
bombastischem Mut und körperlicher Stärke beiseite gewischt. »Nun
führe ich aus die Tat eines Helden, sonst hol’ mich der Tod hier und
noch heute in der Halle des Mets«, erklärt Beowulf. Lange nachdem
die mediterranen Helden die List für sich gepachtet hatten,
definierten die Heroen des Nordens sich immer noch als reine
Muskelprotze.
Doch bei all dieser Unterschiedlichkeit lassen sich in tieferen
Schichten auch Gemeinsamkeiten ausmachen. Beowulf gleicht
Roland darin, dass er Beistand von anderen ablehnt und seinen
Feind tötet, indem er ihm eine tödliche Armwunde beibringt. Und mit
Odysseus hat er gemein, dass er mit einem Gefolge von Gefährten
lossegelt, Ungeheuer an fernen Orten bekämpft (darunter einen
menschenfressenden Riesen, der seine Mannschaft als
Zwischenmahlzeit betrachtet) und schließlich zurückkehrt, um seinen
letzten Kampf in seiner Halle zu führen. Aber das ist nicht alles: Der
Drache ist ein gefährlicherer Gegner als eine Bande von
unersättlichen Freiern. Beowulf braucht mehr Unterstützung, doch
seine Thane lassen ihn im Stich. Der Dichter lässt keine Zweifel: Es
sind »Feiglinge … zitternd vor Angst«.
Was bedeutet das? Gute Könige zeichnen sich durch die Loyalität
aus, zu der sie ihre Männer inspirieren. Das gilt für Artus und die
Tafelrunde wie für Karl den Großen und seine Paladine; selbst der
schwache König Gunther im Nibelungenlied kann auf seine
Gefolgschaft zählen. Nimmt man das als Maßstab, muss man
Beowulf als einen eher schlechten König betrachten. Er lässt sein
Volk unbeschützt zurück, der Gefahr von »Fehde und Feindschaft«
ausgeliefert, wie Wiglaf prophezeit. Das kann man sich also zum
Thema Helden merken: Sie sind großartig, wenn es darum geht,
Ungeheuer abzumurksen, aber wenn nicht ganz so grobschlächtige
Dinge anstehen, etwa einen Hof mit getreuen Bediensteten zu
führen oder eine dauerhafte Dynastie zu errichten, ist man mit
Normalsterblichen besser dran.
Womöglich werden wir nie herausfinden, wo der Beowulf
geschrieben wurde (ich setze in dieser Frage eher auf East Anglia
als die Midlands – hier passen einfach Sprache,
Volksüberlieferungen und Landschaft am besten zusammen), aber
immerhin finden wir hier, im Kern der Geschichte, das eigentliche
Motiv des Dichters: Der Beowulf ist unter allen europäischen Epen
die scharfsinnigste Untersuchung über die Natur des Helden. Ein
christlicher Poet, der im Rückblick auf eine romantisierte, von
Stammesdenken beherrschte Vergangenheit die Frage stellt, welche
Voraussetzungen ein Held mitbringen muss, um Ungeheuer zu
erlegen, und in diesem Prozess sowohl seine Schwächen als auch
seine Stärken enthüllt.
»Unser Leid wird erneuert«, prophezeit Wiglaf unmittelbar nach
Beowulfs Tod. Auf die Sachsen, die gerade unter normannische
Herrschaft geraten waren, muss diese Geschichte über den
Zusammenbruch einer Zivilisation eine sehr starke Wirkung
ausgeübt haben. Wenn man sie heute liest, klingen Wiglafs
Warnungen vor Feindseligkeiten, die nach Jahrzehnten
freundschaftlicher Beziehungen vom europäischen Festland zu
erwarten sind, seltsam aktuell.
Für diese Nacht hatte ich ein Zimmer im ungefähr zehn Kilometer
nördlich gelegenen Dorf Kirke Såby gebucht. Ich brach zu Fuß von
Lejre auf und überquerte dank einer günstig platzierten Palette einen
Bach. Hagebutten reiften in der Herbstsonne blutrot heran, dickes,
grellgrünes Moos wucherte an den Baumstämmen. Man brauchte
nur den Mund zu öffnen, um seinen Geschmack in der Luft zu
spüren.
Ich drang in den Hearthadal (»Hirschwald«) ein. Mit festem Schritt
ging es über den kupferfarbenen Blätterteppich voran, bis mir
unerwartet ein Golfplatz in die Quere kam. Ein paar zottelige Rinder
lungerten wie lustloses Security-Personal auf dem Fairway herum.
Dann änderte sich der Baumbestand, und ein Kuckuckspärchen ließ
seine kleine Terz erschallen, so wie Grenzwächter die
Waldbewohner heimrufen.
Der Einbruch der Dunkelheit stand kurz bevor, und ich wollte mich
einmal richtig ausschlafen. Morgen schon würde ich auf einem
schwedischen Hügel kampieren; die dreitägige Überfahrt mit der
Fähre nach Island sollte in wenigen Tagen beginnen. Ich war traurig,
den Beowulf schon hinter mir lassen zu müssen. Meldete sich da der
Tribalismus in mir? Mir gefiel die Vorstellung, dass der Beowulf
meine englische Identität mit der dänischen und schwedischen
verknüpfte und sich in den Nebenerzählungen auch zur
germanischen Sphäre öffnete (zum Beispiel durch die Geschichte
von Sigurd/Siegfried, dem Drachentöter). Ich empfand das Epos
weniger als eifersüchtig bewachten Schatz einer isolierten Nation
denn als wunderbaren Reichtum, der von Nachbarn geteilt wird.
Doch ich wollte mehr, ich wollte dieses Gefühl weiter ausdehnen, bis
es den gesamten Kontinent vom antiken Rom, vom Polarkreis bis
zum Schwarzen Meer und darüber hinaus umspannte.
Vor mir stand ein Hirsch, regloser als alles, was sonst in seinem
»Hirschwald« lebte; unbewegter als die Eichen und das
Wurzelgeflecht über den Eingängen zu den Höhlen der Trolle; stiller
als die Waldsümpfe, wo die Erlen ihre Zweige ins Wasser tauchten
wie Füllhalter ins Tintenfass. Sein Geweih verschmolz mit den Ästen
der Eichen und sein Fell mit den welken Blättern. Sein Auge glänzte
wie ein Goldklümpchen, poliert von der untergehenden Sonne. Ich
musste an die organisch verschlungene Ornamentik der
angelsächsischen Kunst denken. Ich überließ dem König des
Waldes den Pfad und lenkte meine Schritte über den weichen, mit
Laub bedeckten Boden quer durch den dichten, dunklen Forst.
SECHSTER TEIL

EIN ÖDLAND DER GLEICHEN


DIE SAGA VON BRENNU-NJÁLL
Gunnar ist der mächtigste Krieger Islands, doch er hat eine
Menge Feinde. Zum Glück ist sein bester Freund Njáll der
gesetzeskundigste Mann des Landes, und so kann er sich seine
Feinde normalerweise vom Leibe halten. Dann jedoch verliebt
sich Gunnar in die schöne, aber kratzbürstige Hallgerð, die
schon zweimal verheiratet war, wobei beide Männer eines
gewaltsamen Todes gestorben sind. Daher warnt ihn Brennu-
Njáll, dass er sich mit dieser Ehe einen Riesenärger einhandeln
könnte.
Diebstahl und Mord – es gibt nichts, wozu sich Hallgerð nicht
hergeben würde. Aber es ist Gunnar, der letztlich den Kopf
hinhält und nach einer Reihe blutiger Zwischenfälle, die ein
Unruhestifter namens Mörð angezettelt hat, drei Jahre verbannt
wird. Nicht einmal Njálls juristisches Geschick kann ihm die
Verbannung ersparen. Seine geliebte Heimat zu verlassen ist
allerdings mehr, als Gunnar ertragen kann, und so beschließt er
zu bleiben. Daraufhin ziehen vierzig Feinde zu seinem Gehöft.
Und als sich Hallgerð weigert, ihm die Bogensehne zu flicken,
weiß er, dass das Glück ihn nun verlassen hat. Er stirbt im
Kampf – ein Held bis zuletzt.
Aber mit Gunnars Tod ist die Fehde nicht beigelegt. Einige
Jahre später befriedigen Njálls streitlustige Söhne ihren Groll,
indem sie ihren Rivalen Þráinn8 töten. Njáll nimmt Höskuld, den
Sohn des Ermordeten, an Kindes statt an und hofft so, weiteres
Blutvergießen zu vermeiden. Doch seine Söhne, wieder
angestachelt von Mörð, töten auch Höskuld. Hildigunn, die
Gattin des Ermordeten, fordert Vergeltung. Worauf ihr Onkel
Flosi, erzürnt über die beim Althing (der gesetzgebenden
Versammlung Islands) gegen ihn vorgebrachten beleidigenden
Verleumdungen, mit einem Lynchmob zu Njálls Gehöft zieht. Da
es den Männern nicht gelingt, ins Haus einzudringen, setzen sie
es in Brand.
Njáll kommt zu Tode, zusammen mit seinem Weib, seinen
Söhnen und seinem Enkel. Doch seinem Schwiegersohn Kári
gelingt die Flucht durch ein Fenster. Nachdem eine
Gerichtsverhandlung wegen des Feuers in eine Schlägerei
ausartet, segelt Kári übers Meer und heftet sich den
Brandstiftern an die Fersen, bis nur noch Flosi übrig ist. Beide
Männer unternehmen eine Sühne-Pilgerfahrt, und als sie
schließlich vor Flosis Gehöft aufeinandertreffen, sind sie
miteinander versöhnt. Um dies zu besiegeln, ehelicht Kári
Hildigunn, die Witwe des gemeuchelten Höskuld. Nach
jahrzehntelanger Fehde ist der Teufelskreis der Gewalt
schließlich durchbrochen worden.

8 Þ wird meist als stimmloses th (wie im englischen thing)


ausgesprochen.
26
Ich verhöhne Heidengötter! Eine Hündin scheint mir Freyja. Ein
Hund wird auch Odin sein und Freyja obendrein.

Hjalti Skeggjason, Die Saga von Brennu-Njáll, Kapitel 102

Die Sagas riefen mich – die Geschichte von einem


Gesetzeskundigen, der in seinem Bauernhaus Opfer einer
Brandstiftung wird, von einem Griesgram, der auf einer entlegenen
Insel an ihm magisch zugefügten Wunden stirbt, und von einer
Bauerntochter, deren Liebe im heißen Wasser eines Hotpot
entbrennt. Doch zuerst hatte ich eine Verabredung mit einem
Drachentöter.
Es war früh am Morgen. Ich befand mich auf einem Hügel in
Schweden, ein paar Kilometer von Eskilstuna entfernt und nur
wenige Meter vor meinem Zelt. Und da stand er neben mir. Der
Drachentöter – kräftige Arme, kein Hals, kurze gelenkige Beine, eine
Mischung aus Preisboxer und Höhlenmensch – wirkte übertrieben
forsch. Doch da er in den Felsen geritzt war, auf dem ich stand,
konnte mir zumindest sein Schwert nichts anhaben.
Dieses steckte tief in dem runenbesetzten, gekrümmten Schwanz
eines Drachens, der die Szene rahmte wie die ornamentale
Umrandung einer illuminierten Handschrift. Darin Vögel, ein Pferd,
ein enthaupteter Schmied – eine dramatische und zugleich
stereotype Erzählung. Diese Details hatte ich schon einmal an der
Fassade einer spanischen Kirche gesehen (in Sangüesa unweit von
Roncesvalles). Auch hatte ich von ihnen gelesen, und zwar in der
Völsunga Saga aus dem 13. Jahrhundert, die zwei Jahrhunderte
nach dieser Felszeichnung entstanden war.
Hier handelt es sich nicht einfach nur um irgendeine weitere
Drachentötung – es ist dieselbe Geschichte, deren Spuren ich in
Deutschland gefolgt bin. Sie erzählt von Sigurd (der skandinavische
Name für Siegfried), der ein Stück vom Herzen des Drachens
probiert und daraufhin die Sprache der Vögel versteht. Sie warnen
ihn, dass der Schmied Reginn Böses gegen ihn im Schilde führt.
Und so tötet er seinen ehemaligen Ziehvater und belädt sein Pferd
Grani mit dem Schatz. Aus dieser Quelle entstand nicht nur das
Nibelungenlied, auch Richard Wagner schöpfte daraus Material für
seinen Ring des Nibelungen, und im Beowulf wird die Völsunga
Saga in der Methalle des Königs Hrothgar zu Harfenklängen noch
einmal kurz erzählt. Die Schauplätze sind dieselben: das
burgundische Worms und der Hof des Hunnenkönigs Etzel, wo es
zum Endkampf kommt.
Doch die nordische Version ist weitaus blutrünstiger und ersetzt
die mitteleuropäische Besessenheit von Titeln und Rangfolgen durch
rasende sexuelle Eifersucht. Von allen Geschichten, deren Spuren
ich quer durch Europa gefolgt bin, war dies die allgegenwärtigste
und variantenreichste, die sich zudem am schnellsten verbreitet
hatte.
Im 9. Jahrhundert wurde sie von den Seefahrern weitergetragen,
die der Tyrannei der skandinavischen Könige entflohen. Auf diese
Weise landete sie auch in Island, wo man sie im 13. Jahrhundert
niederschrieb. Jene Emigranten des Mittelalters verließen das
norwegische Festland in überfüllten Langschiffen, die sie mit
Jungvieh beluden, um Gewicht zu sparen. Nördlich der Färöer
stießen sie, geleitet vom Flug eines mitgeführten Raben, auf eine
Insel mit Wald, üppigem Weideland und fischreichen Flüssen. Einer
dieser ersten Siedler, Thorolf, behauptete, hier würde Butter von den
Grashalmen triefen. Sein Anführer Flóki Vilgerðarson sah die Dinge
weniger romantisch. Nachdem er einen Fjord voller Treibeis gesehen
hatte, erklärte er finster, dies hier sei Is-land, ein »Land des Eises«.
Ihnen folgte ich nun und fuhr in einem mit Holz ausgekleideten
Zug und einem klimatisierten Bus an die nordwestliche Spitze
Jütlands, um dort die wöchentlich verkehrende Fähre der Smyril Line
zu besteigen. Während die Vogelscharen zu ihren Winterquartieren
nach Afrika flogen, zog es mich gen Norden. Ich war meiner letzten
Geschichte auf der Spur, der Saga von Brennu-Njáll (in Kurzfassung
Njálls Saga), deren schneidiger Held Gunnar Ähnlichkeit mit
Siegfried aufweist und eine Frau heiratet, die laut ihrem Bekunden
vom Drachentöter selbst abstammt – einer Geschichte, die die
epische Dichtung an den Wurzeln packt und sie in die moderne Welt
hinüberzieht. Mit ihren jähzornigen Männern, zänkischen Frauen und
immer verheerenderen Massakern hat sie viel mit den Sagen
gemeinsam, deren Spuren ich bisher gefolgt war. Doch der Held,
dem diese Geschichte ihren Namen verdankt, ist kein
muskelbepackter Krieger. Njáll schüchtert nicht durch Körperkraft
ein, er ist ein Mann an der Schwelle des Alters und ein Kenner der
Gesetze mit prophetischer Gabe. Damit verweist er zurück auf Seher
wie Teiresias, aber auch in die Zukunft auf Obrigkeiten, die Gesetze
erlassen und den starken Männern mehr und mehr die Macht streitig
machen. Auf meiner Reise nach Island wollte ich lernen, wie dieses
vielschichtige »Walkürennetz«, als das Andrew Wawn diese Saga
wahrnimmt, mit der epischen Tradition interagiert, diese erforscht,
umgestaltet und sie schließlich weitgehend überwindet.
Genau genommen ist Njálls Saga kein Epos und keine Sage (trotz
verwandter Etymologie: saga stammt von segja – »sagen, erzählen«
– ab). Sie ist eine von vierzig »Familiensagas«, die während des
Mittelalters in Island niedergeschrieben wurden. Es handelt sich um
eine Prosaerzählung, auch wenn sich Verse eines anonymen
Verfassers aus dem Jahr 1280 darin finden, basierend auf
Ereignissen, die sich um die erste Jahrtausendwende abspielten.
Wie beliebt die Saga war, zeigen einundzwanzig bisher entdeckte
Handschriften aus dem Mittelalter. Und ich sollte feststellen, dass
man noch heute verschiedene Versionen von ihr erzählt.

Ich war in einem Schlafsaal im Rumpf der Fähre untergebracht, wo


mir der Turban eines mit dem Motorrad reisenden Sikh als
Fußwärmer diente. Die Atmosphäre war ziemlich steif, kaum einer
sprach ein Wort. Dafür war das Schiff äußerst redselig: Kabel
knirschten; Maschinen brummten; man hörte den Druckabfall, wenn
man die Metalltüren an Deck aufschob. Ich war fasziniert von den
immer schwereren und zäheren Wellen der dunkler werdenden See,
während wir uns den Färöern näherten und das phosphoreszierende
Kielwasser sich in flüssige Metallzöpfe zu verwandeln schien, als
würde in der Schmiede eines Riesen Schmuck gefertigt.
Die Handflächen an die bebende Reling gepresst, musste ich
lediglich die Augen schließen, und schon war ich in einer stählernen
Sänfte auf einem Seedrachen festgebunden. Das Wasser hatte die
silbergraue Farbe eines Kettenhemds. Von einem steifen Nordost
nach oben getrieben, bildeten die Brecher zeltartige Zacken mit
überstürzenden Kämmen – wie ein feindliches Heerlager vor einer
bedrängten Stadt. In grell aufblitzenden Streifen klatschte die
Dünung an den Bug. Das hier ist die Nordsee, dachte ich, der
»Walweg« (um eine Kenning, eine bildliche Beschreibung, aus dem
Beowulf zu verwenden). Oder in den Worten des arabischen
Gelehrten al-Idrisi aus dem 12. Jahrhundert: »das Meer der ewigen
Finsternis«.
Nach der dritten Nacht jagten im rosigen Schein der
Morgendämmerung Vögel über die Wellen. Große Raubmöwen
kreisten um die Radaranlage und krächzten ihren zweideutigen
Willkommensgruß: »Kjo! Kjo! Kjo!« Sturmvögel, die neben uns
dahinflitzten, machten wie gewissenhafte Schiffsführer eine
Windmessung am Bug. Langsam verdichteten sich blaue Wolken am
Horizont zu etwas Dunklerem, Festerem, von tiefen Spalten
durchfurcht, mit Silberfäden aus Wasserfällen. Die Abhänge endeten
in steilen Klippen am Ufer – ein faltiger Riese mit zotteligen Flechten.
Reiseführer überflogen ihre Klemmbretter, Lkw-Fahrer schnippten
ihre Zigarettenkippen fort, und ein Fahrzeugstrom glitt an den
Schindelhäusern von Seyðisfjörður vorbei. Wir Nachzügler wurden in
einen Bus nach Egilsstaðir, der nächstgelegenen Stadt, gescheucht.
Um uns herum bröckelten die porös wirkenden Hügel, gaben
Wasserkaskaden frei, die sich in die gurgelnden Bäche der
Niederungen ergossen.
Nach Norden fuhr erst in vier Tagen ein Bus, doch ich konnte die
Vorstellung nicht ertragen, mir hier die Beine in den Bauch zu stehen
– frisch angekommen, trieb Forscherdrang mich an! Ich plante,
zuerst einem heidnischen Denkmal am nordöstlichen Rand der Insel
einen Besuch abzustatten und dann zwischen Schauplätzen von
Sagas herumzuvagabundieren, ehe ich in den Süden nach
Reykjavik ziehen wollte, wo Njálls Saga spielt – zu den Felsen, wo
die Kämpfe stattfanden, den Flüssen und Quellen, den Gehöften der
Helden. Doch da fiel mir siedend heiß ein: Wie zum Teufel sollte ich
dort überall hinkommen?

Darf ich Ihnen Lyor vorstellen? Er hat ein Wohnmobil: mit einer
Lademöglichkeit für sein Handy, einem Navi, in das er seine
Fahrtziele eintippt, einem Fach am Heck, um dort Nahrungsmittel zu
verstauen, und einer Wäscheleine, um seine Kleidung zu trocknen.
Er trägt die Haare lang, hat Augen wie ein Eichhörnchen und strahlt
die Zuversicht eines Reisenden aus, der auf der Straße zu Hause
ist. In Tel Aviv arbeitet er als Barista, und er ist der erste Fahrer, der
ein paar Kilometer hinter Egilsstaðir anhält, um mich aufzusammeln.
»Schau dir die Karte an. Ich hab meine Route eingezeichnet,
wenn du dort irgendwo hinwillst, kann ich dich mitnehmen.«
Ich hoffte den kleinen Außenposten Raufarhöfn zu erreichen, 263
Kilometer Richtung Norden, einen Fischerhafen mit einem
Monument der nordischen Mythologie. Mit Lyor komme ich ein Stück
auf diesem Weg voran. Und es ist eine große Erleichterung,
mitgenommen zu werden, nachdem ich zwei Stunden lang den
Daumen rausgestreckt habe.
Die Ringstraße ist ein geteertes Förderband rund um die Insel. Es
ist so wenig los, dass die Lkw-Fahrer nebenbei an ihren Notebooks
arbeiten oder eine Schale skyr löffeln. Doch die B-Straßen sind ein
anderes Kaliber. Und Lyor ist überzeugt, dass es nur eine
Möglichkeit gibt, ihnen ein Schnippchen zu schlagen: Tritt das
Gaspedal voll durch!
»Man muss der Straße zeigen, wer das Sagen hat!« Ich biete ihm
Benzingeld an, doch er lehnt ab. »Da würde ich mich fühlen wie ein
Taxifahrer.« Doch ihm fällt etwas Ungewöhnliches ein, womit ich ihn
entlohnen kann. »Du hast gesagt, du bist wegen der Sagas hier?
Erzähl mir, worum es darin geht.«
Wenn ich anderswo doch auch in dieser Währung zahlen könnte!
In den langen Stunden auf der Fähre hatte ich die Sagas gelesen.
Da mit den anderen Passagieren keine Unterhaltung zustande kam,
hatte ich mich zwischen mittelalterlichen Bauern, Ausgestoßenen,
Liebenden, Dichtern, Seeräubern und Hexen wiedergefunden, die
sprechende Namen trugen: Aud die Tiefsinnige, Tochter von Ketill
Flachnase; Gunnlaug Schlangenzunge; der ungewaschene Úlf. Nun
bin ich für ein paar Stunden ein trampender Troubadour.
Den Löwenanteil unserer Konversation auf der Fahrt nimmt Njálls
Saga in Anspruch. Ich spule die unglückseligen ersten Ehen der
kapriziösen Hallgerð ab, ihre Fehde mit Njálls Eheweib Bergþóra,
Gunnars kühne Gegenwehr, als seine Feinde zu seinem Gehöft
kommen, die Serie von Verleumdungen und Morden, in deren Folge
Njálls Bauernhof abgefackelt wird – und noch ehe ich beim letzten
Mord angelangt bin, hat die Landschaft eine mehrere Millionen Jahre
währende geologische Veränderung durchlaufen.
»O Mann!«, sagt Lyor und klopft rhythmisch aufs Lenkrad. »Wenn
es in meiner Kultur doch bloß solche Geschichten gäbe.«
»Aber die gibt es doch!« Ich blicke über den
pastellorangefarbenen Sand und die schwarzen Felsen, die an
verkohlte Dünen erinnern. Ohne die Wolken und in etwas
gedämpfteren Farben könnte es die Wüste Negev sein.
»Ja, schon«, meint Lyor, »aber die Geschichten in der Bibel haben
immer mit Religion zu tun. Man kann sie nicht einfach nur als
Geschichten hören.«
Ich sehe da keinen so großen Unterschied. Ob nun das
Rolandslied, der Kosovo-Zyklus, Homers Epen … ja, selbst Njálls
Saga, die im 19. Jahrhundert die isländische Bewegung für
Unabhängigkeit und Wiedereinführung des Althing beeinflusste – sie
alle hatten einen beträchtlichen Einfluss auf die dort herrschenden
gesellschaftlichen Normen. Das ist das Problem bei Geschichten:
Sie begnügen sich nicht damit zu unterhalten. Die imperialeren unter
ihnen können der Versuchung nicht widerstehen, uns zu sagen, wie
wir uns zu verhalten haben.
Schwefelgelb tröpfelt es Abhänge hinunter. Lavaschlacke liegt
verstreut auf der Palagonitebene, erhebt sich zu steinernen
Türmchen und krummen Festungsmauern mit Zinnen wie
Wasserspeier, wirft Schattenspeere über marsrote Kraterringe. Ein
Ödland? Ja, vielleicht. Es wächst nur wenig auf dem Weg zur
Siedlung Ásbyrgi. Doch diese Landschaft entwickelt sich fortwährend
weiter, Spalten vergrößern sich, es bilden sich Hügel aus Schlacke,
reißende Flüsse nagen an Moränenufern. Mit seinen 25 Millionen
Jahren ist dieses Land so jugendlich ungestüm, dass es erst 1963
die jüngste Insel der Welt ins Meer gespien hat.
Tosende Wasserfälle verleihen dieser Unrast eine Stimme.
Grausam wie Speerkämpfer fetzen sie durch weiche Erde, brechen
aus Tuff hervor, hämmern gegen Felsgestein. In Dettifoss klettern wir
über Basaltbrocken, um die Gischt zu spüren, und sind elektrisiert
von der mächtigen Wasserwand, die sich über die Stufe ergießt.
Zwar ist der Dettifoss der größte Wasserfall Europas, doch vor allem
verblüfft seine Geschwindigkeit: Vulkanasche und Sand bremsen die
braungrauen Stromschnellen lediglich auf 400 Kubikmeter pro
Sekunde ab. Wir sitzen neben dem Wasserfall, und während Lyor
auf dem Kocher Tee aufbrüht, betrachten wir wie hypnotisiert die
rauschende Wasserwand und das eisige Glitzern der
emporstiebenden Tropfen.
Grünblaue Klippen aus Rhyolit und rostrot schimmernde Krater
erstrecken sich längs des Weges nach Ásbyrgi, wo sich Birken- und
Fichtenwälder zwischen den Klippen einer hufeisenförmigen
Schlucht breitmachen, den die Jökulsá á Fjöllum geformt hat –
derselbe Fluss, der auch den Dettifoss speist. Da Lyor von hier aus
nach Westen will, steige ich aus und winke ihm zum Abschied zu,
bis sein Wohnmobil in Richtung der fahlen Hügel auf der anderen
Seite einer Brücke abtaucht.
Auch wenn ich nun schon einen großen Teil der Strecke hinter mir
habe, liegt Raufarhöfn mit seinem Monument der nordischen
Mythologie noch sehr weit im Norden. Nachdem mich ein
Lachsfarm-Manager namens Thomas ein paar Kilometer
weiterbefördert hat, gehe ich an einer Straßengabelung auf und ab,
springe rückwärts ins sumpfige Gras, um nicht nassgespritzt zu
werden, wenn eins der wenigen Autos vorbeifährt, und sprinte los,
als ein scheppernder Pick-up anhält.
»Steig ein, du bist ja klitschnass!«
Kristin und Anna, beide aus Norwegen, arbeiten für Kost und
Logis auf einigen der nahen Gehöfte. Ich bin dankbar, dass sie mich
mitnehmen, allerdings frage ich mich, wo eigentlich all die Isländer
sind. In dem europäischen Land mit der geringsten
Bevölkerungszahl (2018 sind es etwa 350.000) fallen Ausländer
umso mehr auf. Und im Gegensatz zu den Flüchtlingen auf dem
europäischen Festland sind diese Ex-Pats und kurzfristig
Beschäftigten (zu meinem Glück) meist flüssig genug, um mit
eigenem Fahrzeug herumzufahren.
Aus den Torfheiden ragen Tuffsteine, deren stachelige Formen
erklären, wie die hiesigen Geschichten über Trolle entstanden sind.
Geröllberge schieben sich zwischen Gestrüpp, Gebüsch und Birken;
grauer Trachyt schlängelt sich die Hänge hinab und nährt die
Gemüsegärten mit seinen Mineralien. Kristin und Anna setzen mich
an der Abzweigung nach Raufarhöfn ab, und ich mache mich unter
schieferfarbenen Wolken auf eine gut dreißig Kilometer weite
Wanderung an den äußersten Rand Islands.
In den nächsten fünf Stunden begegne ich niemandem – keinem
Auto, keinem Motorradfahrer, keinem Wanderer. Ich schlittere in
Richtung Klippen, die Vogelkot weiß gestreift hat. Meine Stiefel
knirschen auf Lavasplittern, und manchmal glaube ich einen Motor
zu hören. Ein bisschen hoffnungsvoll, ein bisschen argwöhnisch
werfe ich einen Blick nach hinten. Aber da ist niemand: Das
Geräusch ist eine Täuschung, die auf dem steinigen Boden von
meinen eigenen Schritten heraufbeschworen wird. Hier gibt es weit
und breit kein Anzeichen einer menschlichen Behausung, nur das
Kreischen unsichtbarer Seevögel und die trostlose Bergkette
begleiten mich – ein schuppiges, schlummerndes Tier. Je dunkler es
wird, desto größer wird meine Paranoia. Was, wenn der Pfad an
einem Fluss oder einer Klippe endet und ich nicht weiterkomme? Ich
improvisiere, nur von einer krakeligen Linie auf meinem Handy
geleitet, dessen Batterie sich rapide leert. Am Horizont kein einziges
Licht. Einige Stunden lang komme ich an keinem einzigen Gehöft
vorbei. In bin in eine Leere getreten wie die gähnende Ur-Kluft, aus
der in der Edda die Welt entsteht.
Endlich wird aus einem fernen Flackern ein funkelnder Armreif –
die elektrischen Lichter auf der gegenüberliegenden Seite einer
Bucht. Ich ziehe meine Jacke fester zu und folge einer
tintenschwarzen Küstenlinie, bis ich mit schleppendem Schritt
Raufarhöfn erreiche. Mit dem gespenstischen Timing eines
Horrorfilms gehen die Lichter eins nach dem anderen aus. Ich bin
pünktlich zur Schlafenszeit eingetroffen.
Am Ortsrand gibt es einen unbewohnten Campingplatz, den ein
bewachsener Erdwall vor dem Meer schützt. Ich lege meinen
Rucksack auf dem hölzernen Bodenrost ab und verschwinde in einer
Wellblech-Toilettenkabine. Drinnen ein wahr gewordener Traum –
ein Heizstrahler! Nicht einmal der Gestank aus der Toilettenschüssel
kann mich vertreiben. Meine Knie zittern, und meine geschwollenen
Hände schimmern rosa wie Gummihandschuhe. Doch jetzt tauen sie
auf, und ich habe wieder genug Gefühl in ihnen, um ein
Miniaturfläschchen Chivas Regal zu öffnen, das ich auf der Fähre
gekauft habe. Mmmmm …
So viel dramatische Landschaft an meinem ersten Tag zu
durchqueren war eine aufregende Erfahrung. Wie merkwürdig, dass
ich hier immer noch auf demselben Kontinent bin wie in den
ausgedörrten Hügeln Griechenlands, wo die Bäume in berstender
Blütenpracht stehen und die Trauben in den Weinbergen fast schon
gluckern. Hier ist die See von anderer Konsistenz als das betörend
türkisfarbene Mittelmeer. Doch wie mich die Odyssee und die
Geschichten der Flüchtlinge gelehrt haben, ist das Mittelmeer nicht
so ruhig und friedlich, wie es aussieht, und die Nordsee ist bei all
ihrer knüppelnden grauen Wildheit nicht unüberquerbar: Das ist eine
der Saga-Lektionen.
In Island fühlt man sich schon vom Panorama her wie auf der Insel
am Ende der Welt. Doch eine der vielen Qualitäten von Njálls Saga
ist, dass sie dieses Klischee widerlegt. Der Held Gunnar fährt nach
Norwegen, andere reisen bis nach Rom und Konstantinopel. Ein Ziel
meiner Inseldurchquerung ist es, mehr über dieses
Spannungsverhältnis zwischen der autarken Identität und den
Verbindungsfäden zum Rest Europas zu erfahren. Denn wenn ein
Land, das so weit abseits wie Island liegt, sich ins Schema
paneuropäischer Geschichten einfügen kann, ist das der untrügliche
Beweis, dass diese den ganzen Kontinent überspannen.
Raufarhöfn ist der nördlichste Ort Islands, und so fühlte er sich auch
an. Wellblechbauten, aus vorgefertigten Modulen zusammengesetzt,
sorgten für eine frostige Atmosphäre, die auch all die aufgeblasenen
Herzen und aus den Fenstern schielenden Luftballongesichter nicht
erwärmten. Die meisten Geschäfte und Cafés waren geschlossen
und öffneten nur, wenn jemand telefonisch den Besitzer
verständigte. Man würde nicht damit rechnen, hier auf grandiose
Denkmäler oder pompöse Standbilder zu treffen. Doch auf einem
Hügel hinter einer Pferdekoppel entsteht Heimskautsgerði – der
Arktische Steinkreis.
Es ist die Edda in Stein – die Namen von 72 Zwergen sind als
Kalendermarkierungen rund um eine riesige Sonnenuhr gruppiert,
die zu Mittsommer die Strahlen der Mitternachtssonne einfängt. Auf
der Hügelkuppe umringen sechs elf Meter hohe Steintore ein ebenso
hohes Mitteltor, dessen vier zueinander geneigte Pfeiler an der
Spitze ein Schlussstein krönt.
Viele der Gedichte, aus denen die Edda besteht, sind in
»metrischer Magie« verfasst, wie es der Edda-Spezialist Terry
Gunnell ausdrückt. Das bezieht sich auf den Glauben, dass Dichtung
»der Skaldenmet des Odin« ist, den der Gott aus dem Kessel eines
Riesen getrunken hat. Die Edda jongliert mit Literatur und Liturgie:
Bekehrung durch Verse, Worte als Tropfen eines Zaubertranks.
Bevor ich zu den Schauplätzen der Sagas aufbreche, will ich an
diesen nördlichen Zacken von Island gelangen, um die Dimension
der Landschaft zu ermessen und um über den heidnischen Glauben
– die Ásatrú – nachzudenken. Dieser spielt eine Schlüsselrolle in
Erzählungen wie Njálls Saga wie auch in anderen Crossover-
Geschichten des Nordens, etwa im Beowulf.
Die meisten Denkmäler, die ich aufgesucht habe, waren
wiederaufgebaute Ruinen aus längst vergangenen Zeiten, aber hier
gab es eins, das erst noch fertiggestellt werden muss. Als ich auf der
Hügelkuppe stand, blickte ich sowohl in die Vergangenheit wie auch
in die Zukunft: Es ist das Monument einer zwiefachen Zeit. Es gibt
Pläne, eine anderthalb Meter hohe Mauer darum zu bauen und
einen Schlussstein aus Kristall auf die Säule in der Mitte zu setzen,
der Sonnenlicht über das ganze Monument streuen würde. Dies ist
eine Brücke – nicht allein zu Islands kulturellem Erbe, sondern zu
dem ganz Nordeuropas. Die Edda bedient sich aus einem breiten
Spektrum an Stoffen, einschließlich der Geschichte von
Sigurd/Siegfried, dem Drachentöter, Thors Kämpfen mit den Riesen
und der Zwergenkunde, die Tolkien inspirierte (und ihm ikonische
Namen wie »Gandalf« eingab). Außer Reichweite der Kürzungen
und Weiterentwicklungen, die es bei so vielen Festland-Geschichten
gab, wurde Island zur Kühlkammer für die Mythologie, in der diese
Erzählungen vor dem Vergessen bewahrt blieben.
Ebendas machte sie gefährlich. Mit ihrem eindeutig nordischen
genetischen Hintergrund repräsentierten die Isländer für die Nazis
alte germanische, nicht von Rassenvermischung kontaminierte
Blutlinien (obwohl die ersten Isländer ganz unterschiedliche Wurzeln
hatten – wie der Titel Die Saga von Brennu-Njáll nahelegt, stammten
viele aus einer großen keltischen Population). So stark war diese
Verknüpfung, dass der junge Hitler eine Pseudo-Wagneroper
entwarf, die in Island spielte. Sie basierte auf der germanischen
Heldensage von Wieland, dem legendären Schmied, der unter
anderem Beowulfs Kettenhemd, Siegfrieds Schwert Gram und
Rolands Schwert Durendal fertigte. »Aus der Edda, einem Buche,
das ihm heilig war, kannte er Island, die rauhe Nordlandinsel«,
schrieb Hitlers Jugendfreund August Kubizek. »Dorthin verlegte er
den Schauplatz seiner Oper, denn dort befand sich auch die Natur
selbst noch in jener leidenschaftlichen Bewegung, die das
Geschehene unter den Göttern und Menschen durchpulste.« Die
Oper wurde niemals vollendet. »Eines Tages traten neue,
vordringliche Probleme an meinen Freund heran, die unverzüglich
gelöst werden mußten.« Die Arbeit an der Oper wurde
zurückgestellt, »obwohl sie noch kaum zur Hälfte fertig war. …
›Wieland der Schmied‹, Adolfs Oper, blieb ein Fragment.«
Es ist ein faszinierendes Bild: Auf dem Weg in den
Größenwahnsinn pickt sich Hitler die Rosinen aus den Mythen
Nordeuropas heraus und ersinnt in seiner Wiener Kammer
bombastische Melodien – was die wechselseitige Verbundenheit
Islands mit dem Rest Europas auf ureigene düstere Art reflektiert.
Und was sich als großes Hindernis für die Wiederbelebung des
Ásatrú-Glaubens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
erweisen sollte: Als der Dichter Sveinbjörn Beinteinsson in den
1960er-Jahren um die staatliche Anerkennung der wachsenden
heidnischen Gemeinschaft in Island nachsuchte, begründete der
lutherische Bischof seine Ablehnung mit den Nazis, denn diese
hätten Elemente der alten Religion als Grundlage für ihren Glauben
an »die überlegene arische Rasse« herangezogen. Doch die
Anerkennung wurde erteilt, und 1973 fand das erste blót (eine
heidnische Kulthandlung) seit dem 11. Jahrhundert vor einer Thor-
Statue auf Beinteinssons Bauernhof statt.
Einige Wochen nach meiner Reise zum Arktischen Denkmal ging
ich durch den Nieselregen von Reykjavik zum ersten heidnischen
Tempel, der seit der Epoche der ersten Siedler auf isländischem
Boden errichtet worden war. Mein Führer durch die Stapel von
Moniereisen und regennassen Rohren war Hilmar Örn Hilmarsson,
Beinteinssons Nachfolger als oberster goði (Gode), also
»Hohepriester«.
»Es wird lange dauern, bis es fertig ist«, gab Hilmar zu. »Aber wir
sind sehr erpicht darauf, es aus der Landschaft heraus entstehen zu
lassen, mit einheimischem Stein und den warmen unterirdischen
Quellen als Wasserversorgung. In unserer Vorstellung ist die Natur
beseelt – wie du in der Hávamál [eine der beliebtesten Sammlungen
in der Lieder-Edda] nachlesen kannst.«
Während ich Hilmar zuhörte, dachte ich an Gunnar in Njálls Saga,
der so stark an dieser Landschaft hing, dass es ihm unmöglich war,
seine Heimat zu verlassen. Dies war der Angelpunkt für sein
Schicksal – und sein Todesurteil. Später taucht er in einer der
ikonischsten »heidnischen« Szenen der Saga als geisterhaftes
Wesen in seinem Hügelgrab auf und stimmt einen Triumphgesang
an: der Gedichte rezitierende heidnische Krieger, den man nicht
einmal im Tod seiner geliebten Heimat entreißen kann.

Der Steinkreis hatte mich überwältigt. Es zeugte von solcher Größe,


dieses Monument so weit entfernt vom besiedelten Kernland zu
errichten, und die Schwierigkeit dieses Unterfangens spiegelte sich
in seinem unfertigen Zustand. Doch nun suchte ich nach dem Ort,
der das Ende des isländischen Heidentums symbolisierte – was in
Njálls Saga beschrieben wird.
Ein freundlicher Klempner namens Indrinn beförderte mich ein
Stück weit aus Raufarhöfn hinaus. Danach wanderte ich etliche
Kilometer. Hinter Ásbyrgi hatte ich wieder Glück: Zwei
Kindergärtnerinnen namens Greta und Tara nahmen mich mit. Sie
waren unterwegs in die »nördliche Hauptstadt« Akureyri, um dort
einen Film zu sehen. Während sich um uns herum trostloses
Heideland erstreckte und einsame Schlackenberge zu kratzigem
Weideland verflachten, plauderten sie munter über alles Mögliche –
von Horrorfilmen bis zu Spitznamen für zwielichtige Banker. »Wir
nennen sie Wikinger!«, zwitscherte Greta.
Etwa fünfzig Kilometer östlich von Akureyri winkte ich dem kleiner
werdenden Fahrzeug hinterher und ging zu Fuß weiter, an einer
Tankstelle vorbei. Der Skjálfandafljót, der mitten im Hochland
entspringt, durchströmt das Bárðardalur und ergießt sich über die
Felsen. Stromschnellen stürzen über eine Stufe, ihre Gischt ein
Vorhang über einem Hufeisen aus Fels. Hier kam etwa um das Jahr
1000 herum der Gesetzessprecher und Gode Þorgeir vom Ljósavatn
vorbei und warf seine heidnischen Götzenbilder in den Wasserfall,
der nun nach ihm benannt ist: Goðafoss, der Wasserfall des goði.
In Njálls Saga brechen wegen des neuen Glaubens viele Kämpfe
aus. Missionare zerstreiten sich mit Zauberern der alten Schule, die
mit ihren Sprüchen dafür sorgen, dass sich unter den Pferden der
Missionare die Erde auftut. »Hast du jemals gehört«, fragt ein
standhafter Heide, »wie Thor Christus zum Duell gefordert hat und
dieser es nicht wagte, sich dieser Herausforderung zu stellen?«
Schließlich bekommt der Hohepriester Þorgeir die Entscheidung
aufgebürdet, ob die Isländer den neuen Glauben übernehmen oder
bei den »alten Göttern« bleiben sollen. Den Kopf unter einem Mantel
verborgen, meditiert er einen ganzen Tag darüber, bevor er seine
Entscheidung am Gesetzesfelsen verkündet:

Meiner Meinung nach befinden wir uns in einer


aussichtslosen Lage, wenn wir nicht alle einem Gesetz
folgen … Das ist der Beginn unserer Gesetze, dass
hierzulande jeder Christ werden und an einen Gott, Vater,
Sohn und Heiligen Geist glauben, allen Aberglauben an
Holzgötzen aber ablegen soll. Es wird verboten, Kinder
auszusetzen und Pferdefleisch zu essen.

Njáll gehörte zu den Ersten, die der neuen Religion anhingen. »Mir
scheint der neue Glaube viel besser zu sein, und glücklich ist, wer
ihn annehmen kann«, tat er kund. Indem in Njálls Saga der
Übergang zu einer christlichen Gesellschaft aus der Perspektive
eines christlichen Autors erzählt wird, spricht sie den Christen die
moralische Überlegenheit zu. Doch unterhalb der Erzählebene
verbirgt sich eine subtilere Wahrheit. Denn das Heidentum wurzelte
tief im isländischen Untergrund. Das Dekret eines Hohepriesters
würde nicht reichen, um es auszurotten.
27
Ich habe nichts davon, mit dem mutigsten Mann von Island
verheiratet zu sein, wenn du das nicht rächst, Gunnar!

Hallgerð, Die Saga von Brennu-Njáll, Kapitel 35

Ich tauchte immer tiefer in die Sagas ein (und da es so viel regnete,
war ich buchstäblich davon durchtränkt). Island strotzt derart von
Geschichten, dass man immer nur einen Steinwurf vom nächsten
Saga-Schauplatz entfernt ist. Nach einer kurzen Reiseunterbrechung
in Akureyri trampte ich die Nordküste entlang nach Sauðárkrókur
und wanderte weiter um den Skagafjörður herum, neben mir die
mineralienreiche Wand des Tindastóll. Sprudelnde Bäche
durchschnitten Acker- und Weideland, auf dem wiehernde Ponys
und so fette Schafe standen, dass ich mich fragte, ob der Siedler
Thorolf damals nicht recht gehabt hatte, als er von buttertriefenden
Grashalmen schrieb.
In einer der bekanntesten Sagas kämpft ein Griesgram namens
Grettir gegen Bauern, Unholde und einen weiblichen Troll, bis er
gezwungen ist, Zuflucht auf einem kleinen Eiland zu suchen. Ich war
jetzt in Grettirs Land, angelockt von den Parallelen zwischen seiner
und Beowulfs Geschichte (beide kämpfen in einer Halle gegen ein
Ungeheuer und gegen ein weibliches Wassermonster in einer Höhle,
und beide werden von ihren Gefährten im Stich gelassen – es gibt
viele wissenschaftliche Artikel, die diesen Analogien nachspüren und
illustrieren, wie Geschichten von anderswo an die charakteristische
Landschaft Islands angepasst wurden).
Massig ragt die Insel Draney mit ihren schroffen Klippen aus dem
Wasser, flankiert von zwei Felsnadeln, bedeckt mit nistenden
Lummen und von großen Raubmöwen umschwirrt. Hier hat sich
Grettir der Saga nach seiner Angreifer erwehrt, bis ihn ein Zauber
niederstreckte. An der Landspitze befinden sich zwei Hotpots, genau
an der Stelle, wo Grettir angeblich gebadet hat. Gebaut wurden sie
von Mr. Eriksson, dem strubbelhaarigen jarl (Landbesitzer); einer
wurde ihm zu Ehren Jarlslaug genannt, während der andere
Grettislaug heißt. In warme Lammwolle gehüllt schlürft er in einer
Hütte hinter den Thermalbädern Tee.
»Es ist eine wahre Geschichte«, erwidert sein Freund Ingi, als ich
ihn auf die Saga anspreche. »Und wir lesen sie immer noch, bis
heute!«
Es war ein Tag, um die Lenden zu gürten und sein Kreuz auf sich
zu nehmen – also wärmte ich meine Füße auf schwarzen
Schlackensteinen und ließ mich in den Hotpot sinken. Ich mochte
vielleicht nicht in der Lage sein, Grettirs Kampf mit einem weiblichen
Troll oder sein Duell mit einem Moor-Ungeheuer zu wiederholen,
aber wenn es darum ging, ein Bad zu nehmen, konnte ich mich mit
ihm messen.
Im größten Hotpot planschte eine Gruppe nackter Russen. Im
Licht eines eisigen Mondes kletterten sie immer wieder heraus und
hinein. Einer von ihnen hatte mir in der Küche des Campingplatzes
bei einem Schüsselchen Fertignudeln seine Fotos der Polarlichter
gezeigt und mich dann eingeladen, sie bei ihrer nächsten Badeses-
sion zu begleiten. Also glitt ich erneut in das warme Becken und
beobachtete das Spektakel der Sternschnuppen am Himmel über
mir. Ich erinnerte mich an ein anderes Tauchbad am Ende der Welt –
am Kap Tenaro in Griechenland.

Während ich den Sagas folgte, zeigte sich mir ihre enge Interaktion
mit der isländischen Landschaft. Seit Sizilien war ich durch keine
Gegend mehr gereist, die derart reich an Geschichten war. Jedes Tal
und jede Klippe hatte ihren eigenen Bezug zu einer der vierzig
Familiensagas, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen,
mich nebenbei mit der einen und anderen zu beschäftigen, während
ich in Richtung Reykjavik unterwegs war. Aber ich war auch tief
beeindruckt von den Verbindungen zwischen diesen Geschichten
und den epischen Traditionen Europas. Viele von ihnen
schmuggelten die hiesige Landschaft in die älteren Erzählungen ein,
von denen sie inspiriert waren. Wenn man die Saga von Grettir dem
Starken liest, stößt man quasi auf eine ungehobelte Burleske des
Beowulf, bar ihrer epischen Erhabenheit, doch der Reiz des
Unheimlichen bleibt gewahrt. Noch enger ans Festland gebunden ist
die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal, die von vereitelter Liebe
und Leidenschaft erzählt und Elemente des Nibelungenliedes ins
Milieu verfeindeter isländischer Bauern überträgt. Da sie im Westteil
Islands spielt, beschließe ich, mich auf meinem Weg gen Süden in
dieses konfliktreiche Werk zu vertiefen.
An die Stelle von weitem Torfmoor und vergletschertem Fels tritt
zunehmend Weideland – Futter und Dünger bilden
Plastikpyramiden, Pick-ups bringen Schafherden vom Hochland
herunter. Mit sanftem Gefälle zerschneidet der Fluss Laxá dieses
Gebiet – ein weich konturiertes Tal und ein beruhigend
dahinfließender Strom, der zu einem von Torfmoor gesäumten
Salzsee anschwillt.
Ich wanderte bereits ein paar Stunden durch diese melancholische
Landschaft, als mich ein intellektueller Sportlehrer namens Arnar
auflas und im Nu gut sechzig Kilometer flussaufwärts brachte. Er
wollte an einem See im Hochland Nonnengänse schießen. Auf dem
Rücksitz lag eine Schrotflinte neben seinem zehnjährigen Sohn.
»Er ist mein Hund!«, scherzte Arnar. »Ich brauche jemanden, der
die Gänse dann auch holt.«
Ich hoffte, bis nach Laugar im Sælingsdal zu kommen, wo Guðrún,
die Protagonistin aus der Saga von den Leuten aus dem Laxárdal,
aufgewachsen ist. Unterwegs wies Arnar auf die frisch geteerte
Straße, die wir kreuzten.
»Dieser Hof, an dem wir vorbeigefahren sind – das ist nicht nur
der größte im Laxárdal, sondern einer der größten des Landes. Der
Sohn des Bauern ist Abgeordneter, und diese neue Straße führt
direkt an seinem Haus vorbei. Ich will nicht behaupten, dass sein
Sohn der Grund dafür ist, aber … du kannst dir selbst deinen Reim
darauf machen.«
Dieser Schnipsel örtlichen Tratsches leitete sich von einer
breiteren Debatte her, die derzeit ganz Island erfasst hatte – über die
Korruption, die durch die Finanzkrise 2008 ans Tageslicht
gekommen war, als die waghalsige Zockerei isländischer Banker der
Wirtschaft des Landes einen schweren Schlag versetzte. Kurze Zeit
schien die Insel ein ökonomisch ebenso hoffnungsloser Fall zu sein
wie Griechenland. Doch entschlossene Führung und die Weigerung,
die Banker ungeschoren zu lassen, führten zu einer raschen
Erholung.
»Seit dem Crash ist uns klar geworden, dass eine Menge Leute
mit Korruption durchkommen und es sich als Superreiche gut gehen
lassen«, sagte Arnar. »Uns ist das Grundvertrauen
abhandengekommen.«
Erst vor ein paar Tagen hatte sich der Ministerpräsident zum
Rücktritt gezwungen gesehen, nachdem herausgekommen war,
dass er seinem Kabinett gegenüber Geheimnisse gehabt hatte. Sein
Vater hatte sich für die »wiederhergestellte Ehre« eines verurteilten
Vergewaltigers verbürgt; dass der Ministerpräsident seinen
Koalitionspartnern diese Information verschwiegen hatte, kostete ihn
ihr Vertrauen.
Im Vergleich zu den Nachrichten aus der Politik war die
Landschaft – ungewöhnlich für Island – wenig dramatisch. Ich
verbrachte den Abend in einem mit Steinen ausgekleideten Hotpot
und blickte aus dem Dampf hinauf zu den Sternen. Später lauschte
ich dem Paradiddle des Regens auf meinem Zelt. Am nächsten
Morgen streunte ich dann durch Laugar und kletterte über loses
Geröll regendurchweichte Anhöhen hinauf, wo Farn und seidige
Ähren von Schwingelgras um meine Knöchel strichen. Die
Schwerkraft zog mich in Gletschertöpfe, in denen Mini-Zyklonen aus
Nebel wie tanzende Elfen herumwirbelten. Die Schwaden waren so
dicht, dass ich kein einziges Schaf sehen konnte, obwohl ihr
aufgeregtes Blöken recht nah klang. Die Schafhirten, die hier die
Herden zusammentreiben mussten, waren nicht zu beneiden. Wenn
das wirklich die Gegend war, in der Guðrún gelebt hatte, schien es
nicht verwunderlich, dass sie den ersten Kerl heiratete, der des
Weges kam.
Der Mann, den sie liebt, ist ein Schönling namens Kjartan mit
dichtem Haar wie Seide, »anderen in allen körperlichen Belangen
weit überlegen. Er suchte oft die warmen Quellen im Sælingsdal auf,
und stets fügte es sich so, dass sich auch Guðrún gerade dort
aufhielt … Alle waren der Meinung, dass unter allen jungen Leuten,
die damals heranwuchsen, Kjartan und Guðrún am besten
zusammenpassten.« Doch Kjartan schifft sich nach Norwegen ein,
um dort reich zu werden, und hofft, Guðrún werde drei Winter auf ihn
warten. Als er zurückkehrt, ist sie jedoch mit seinem Ziehbruder Bolli
verheiratet. Obwohl auch Kjartan heiratet, vergiftet Bitterkeit die
Stimmung, und eine hin- und hergerissene Guðrún stachelt ihre
Brüder an: »Aber nach all der Schande und den Beleidigungen, die
euch Kjartan angetan hat, da schlaft ihr hier, obwohl er gerade mit
nur einem einzigen Begleiter ganz nah am Hof vorbeireitet.« Es ist
Bolli, der Kjartan den Todesstreich versetzt, nachdem dieser seine
Waffen von sich geworfen und sich seinem Ziehbruder ausgeliefert
hat. Wie die Königinnen im Nibelungenlied wird Guðrún als harte
Frau geschildert, die sich freut, dass Kjartans Witwe »heute Abend
nicht lachend zu Bett gehen wird«. Faszinierenderweise heißt sie
genauso wie Kriemhild in der isländischen Version des
Nibelungenliedes. Und wie in jener Erzählung gibt es auch hier den
betrügerischen Umgang mit einem Liebespfand, offene Feindschaft
zwischen zwei Frauen, die darauffolgende Hetze einer dieser
Frauen, die zum Tod des Helden führt, und späte Rache.
Nach dem Whiteout dieses Vormittags stolperte ich durchnässt
und frierend zum Hotpot und tauchte hinein. Als ich dann mit Hilfe
einiger Güsse wieder ausreichend durchgewärmt war, schlenderte
ich durchs Heidekraut zur Hauptstraße und hoffte auf eine
Mitfahrgelegenheit zur Halbinsel Snæfellsnes, wo Guðrún das Ende
ihres ereignisreichen Lebens verbracht hatte. Ich hatte Glück: Eine
polnische Hotelangestellte namens Jagoda kam vorbei, schmiss die
Beifahrertür auf, und ich ließ mich von der Sturmböe hineinblasen.
Um uns herum erstreckte sich Sumpfland, kleine Felseninseln ragten
aus dem Sund wie gigantische Kuchenstreusel. Regen trommelte
aufs Autodach, rann in Schlieren über die Scheiben, und als die
Sonne durch die trübseligen Wolken brach, erstrahlte über den
Hügeln ein Regenbogen.
Stykkishólmur, um einen geschäftigen, quadratischen Hafen herum
gebaut, ist ein hübsches Fischerdorf mit bunt bemalten Holzhäusern
und Wellblechhütten. Wind zupft an den Spieren der Fischerboote,
lässt Peitschenantennen und Flaschenzüge singen, zerrt an den
Segeln und am Ölzeug der Fischer, die mit Schleppleinen und
Schleppnetzen hantieren und auf dem Achterdeck Motoren
reparieren. Möwen gleiten über eine grasbewachsene Klippe,
arktische Seeschwalben flitzen über einen Geröllabhang, von dem
Seetang flattert.
Ich bin hierhergekommen, um einen heiligen Berg aufzusuchen,
und mache mich nach einer erholsamen Nacht in einem Hotel auf
den Weg. Hinter einer Tankstelle und dem Flugplatz wird es um den
Fjord herum immer sumpfiger, Viehgitter scheppern unter einem
Pick-up, der mit Schafen aus dem Hochland zurückkommt. Helgafell
– der »Heilige Berg« – wölbt sich zwischen Weideland und Torfmoor.
Seine Gestalt erinnert an den Grabhügel eines Riesen, als hätte
man ihn geformt, um an die vielen heidnischen Helden zu
gemahnen, die hier verschüttet liegen, bevor er zum heiligsten Platz
des christlichen Island umgemünzt wurde. Hier lässt sich Guðrún in
der Saga von den Leuten aus dem Laxárdal nieder und tut Buße für
ihr streitsüchtiges Leben als »die erste Nonne und Einsiedlerin
Islands«.
Am Fuß des zerfurchten Hügels ist Guðrúns berühmtester
Ausspruch in den Felsen gemeißelt: »Þeim var ég verst er ég unni
mest« – »Als ich das Schlimmste tat, habe ich am meisten geliebt.«
Üblicherweise wird das als Verweis auf den attraktiven Kaufmann
Kjartan interpretiert, dessen Tod sie einfädelt. Was Guðrún zu einer
solch faszinierenden Figur macht, greift einem ans Herz: Sie ist
einfallsreich und mutig, egoistisch und gleichzeitig von stoischer
Leidensfähigkeit. Eine Scarlett O’Hara des Nordens mit einem
ähnlichen Talent, ihr eigenes Glück zu zerstören.
Damit ist sie nicht allein. Die Island-Sagas sind voll von
hartherzigen, unverwüstlichen Frauen. Von ihren Vätern an grobe
Ehemänner verschachert, vom Althing und anderen Institutionen
ausgeschlossen, zanken sie sich mit anderen bis aufs Blut und
piesacken ihre Männer, bis Köpfe rollen. Die berüchtigtste ist
Hallgerð, die in der Saga von Brennu-Njáll Gunnar heiratet und
Njálls Weib Bergþóra mit ihrem Hass verfolgt, wobei sie ihren
Haussklaven zu Raub und Mord anstiftet. Sie lässt ihn Lebensmittel
stehlen und das Speicherhaus niederbrennen, woraufhin Gunnar ihr
ins Gesicht schlägt. Hallgerð gelobt, ihm das heimzuzahlen – was
sie einlöst, als sie sich weigert, ihm die zwei Haarsträhnen zu geben,
die er braucht, um seinen Bogen zu flicken.
Wenn man heute von diesen stahlharten Frauen liest, erfasst
einen tiefes Unbehagen. Wir lugen durch die Brüche in ihren
Geschichten, erhaschen einen Blick auf die trotzige Unbeugsamkeit,
die bei männlichen Helden so sehr bewundert wird, und fragen uns,
wie diese Frauen wohl selbst ihre Geschichten erzählt hätten.

Hinter dem Gedenkstein windet sich ein Schotterpfad zwischen


Krähenbeerenbüschen, Heidekraut und schwammnassem Moos zur
flachen Hügelkuppe hinauf. Oben brüllte der Wind wie ein nordischer
Gott, der gerade die Ketten abgeworfen hat und seine neu
gewonnene Freiheit feiert. Er schubste mich von einer Seite des
Kamms zur anderen, bis ich mich im Windschatten einer verwitterten
Vermessungssäule niederkauern konnte. Das Panorama war
atemberaubend – Seen und Sumpfland, Drumlins mit
Gletschertopping, Gehöfte und mit Schafen gesprenkelte Weiden.
Inseln und Schären gluckten im Lavafjord. Das Meer glänzte wie
satiniertes Glas und ging nahtlos in einen körnig weißen Himmel
über.
Nicht weit vom Fuß des Hügels entfernt, in direkter Nachbarschaft
zu dem Gehöft, reckte eine Kirche ihren spitzen Turm in den
Himmel. Daneben lag der Friedhof mit Guðrúns Grabstein, umzäunt
von einem weiß lackierten Gatter. Die Saga erzählt uns, dass
Guðrún nach Helgafell kam, um abgeschieden auf dem Berg ihren
Lebensabend zu verbringen. »Sie war die erste Frau in Island, die
den Psalter lernte. Lange Nächte brachte sie in der Kirche im Gebet
zu« (in deren Ruine ich vermutlich kauerte). Wie die Saga von
Brennu-Njáll beschreibt auch die Saga von den Leuten aus dem
Laxárdal Islands Christianisierung, und Guðrúns Biografie ist mit
diesem Übergang eng verwoben.
Was »wortkarg« wirklich bedeutet, erschloss sich mir bei einem
Gespräch mit einem isländischen Bauern. In Gummistiefeln und
Overall hakte er gerade die Klappe bei seinem mit Schafen
beladenen Pick-up auf und tippte sich lediglich grüßend an die
Schläfe. Ich versuchte ihm mit ein paar diffusen Gesten Hilfe
anzubieten, indem ich wie ein miserabler Pantomime-Künstler
schaufelnde Bewegungen machte und dazu das Wort kind
wiederholte (was Schaf bedeutet). Immer noch keine Antwort.
Irgendwann hob er schließlich eine Augenbraue, als wollte er sagen:
»Weißt du was? Ich glaube, ich komme allein zurecht.«
Er machte eine Kopfbewegung zu Guðrúns Grab hinüber, und
dann stand ich dort und las ihren stellenweise von Flechten
überwachsenen Namen. Ich freute mich über mein Timing, das mich
am selben Tag hierhergebracht hatte, an dem die Schafe nach
Hause zurückkehrten. Die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal
ist eine ereignisreiche Geschichte voller Fehden und Hinterhalte,
Abenteuer auf dem Meer und Gezänk in den windgepeitschten
Gehöften. Aber es ist auch eine Erzählung über das bäuerliche
Leben: Sie kratzt an der gesellschaftlichen Schichtung der
mittelalterlichen Literatur und macht die Leidenschaften zum Thema,
die in den Herzen von Bauern, kleinen Pächtern und Schafhirten,
männlich oder weiblich, lodern. Sie alle trotzen der Natur und mühen
sich ab, in diesem Ödland der Gleichen ihr Leben zu fristen.
28
Es lerne, wer ihn vernimmt, der Gerfrauen Gesang und künd’ ihn
den Menschen! Reiten wir rasch, die Rosse ungesattelt, fort von hier,
die Schwerter gezückt.

Die Weberinnen von Caithness, Die Saga von Brennu-Njáll, Kapitel


157

Zweihunderttausend Einwohner: Das klingt nicht viel für eine


Hauptstadt. Doch wenn man aus dem Hinterland nach Reykjavik
kommt, fühlt man sich in eine Millionenmetropole versetzt. Immerhin
leben hier zwei Drittel der isländischen Bevölkerung, außerdem
schnellen je nach Saison die Touristenzahlen nach oben.
Baukräne durchschneiden das Bergpanorama wie stählerne
Wasserfälle. Wohnblöcke mit Steinputzfassaden ragen neben
regennassen Baustellen in die Höhe, wo Rohre kreuz und quer über
Zementpfützen liegen. Domino’s Pizza und Kebab Express halten
den Platz neben dem Bónus-Supermarkt mit dem rosa Sparschwein
auf dem gelben Banner besetzt. Die Natur wurde zurückgedrängt,
und auch der Himmel ist diffus. Nicht einmal mehr der Wind kann
seine ganze Kraft entfalten, er prallt an stattlichen Steinbauten aus
dem 19. Jahrhundert und alten hölzernen Fischerhütten ab.
Reykjavik ist der Ort, an dem sich Island selbst definiert, ob mit
geborgenen Artefakten aus der Zeit der Landnahme oder dem
Graffito einer reitenden Walküre über einem Strickmodengeschäft.
Neben ein Restaurant in der Hauptgeschäftsstraße Laugarvegur ist
eine Frau mit purpurrotem Haar gemalt, die von einem gehörnten
Dämon umarmt wird. Darunter der berühmte Satz aus der Saga von
den Leuten aus dem Laxárdal: »Als ich das Schlimmste tat, habe ich
am meisten geliebt.« Unweit davon blickt der forschungsreisende
Entdecker Leif Eriksson mit seiner Streitaxt vor der einem Vulkan
nachempfundenen Hallgríms-Kirche vom Bug seines Langschiffs in
die Ferne. Weiter unten, noch vor den bunt funkelnden
Glassechsecken der Harpa, steht Ingólfur Arnarson, der im 9.
Jahrhundert Reykjavik gegründet hat, mit entschlossener Miene
zwischen Odins achtbeinigem Pferd und der Midgardschlange, eine
in die nordische Mythologie eingebettete historische Figur.
Die Statuen erinnern an die Helden der Sagas. Denn die Zeit der
Landnahme inspirierte die Nationalisten im 19. Jahrhundert, für
Islands Unabhängigkeit zu kämpfen. Anders als die zahlreichen
Unabhängigkeitsbewegungen, die in den 1830er- und 1840er-Jahren
überall in Europa aus dem Boden schossen, fokussierten sie sich
auf mittelalterliche Verträge mit norwegischen und dänischen
Königen und beharrten darauf, das Althing wieder zu beleben – das
Parlament der ersten Isländer. Die Sagas waren Zeugnisse eines
verloren gegangenen Paradieses. Auch wenn ihre Seiten
blutverschmiert sind, stehen sie doch für ein freies Land, das weder
einem König noch einer fremden Macht untertan ist. Wie Jesse
Byock schreibt, sind die Familiensagas Islands Gründungsmythos.
Diese Epoche war für Islands Identität so zentral, dass es im
Nachgang zur Unabhängigkeit (die 1944 vollständig gewährt wurde)
eine energische Kampagne für die Rückführung der Manuskripte
gab. Nach mehreren Jahren des Gerangels verabschiedete das
dänische Parlament 1961 ein entsprechendes Gesetz. Doch die
Gemüter waren auf beiden Seiten der Nordsee immer noch so
erhitzt, dass die ersten Manuskripte erst 1971 zurückkamen und die
übrigen häppchenweise in den nächsten sechsundzwanzig Jahren.
Tausende Menschen versammelten sich im Hafen und winkten mit
isländischen und dänischen Flaggen, um die Fregatte der dänischen
Marine mit den ersten heimkehrenden Pergamenten an Bord zu
begrüßen. »Wir werden ständig an diese Geschichten erinnert. Sie
sind unsere nationale Identität«, so die Worte des Schauspielers
Oddur Júlíusson.
Ich habe mich mit Oddur und seiner Kollegin Esther Talia nach
ihrer beliebten Show in der Harpa, Icelandic Sagas – The Greatest
Hits in 75 Minutes, getroffen. Ambitioniert und witzig gelingt es
ihnen, durch alle vierzig Familiensagas zu wirbeln. Sie präsentieren
den griesgrämigen Helden Grettir als eine Version des US-
Fernsehserienhelden Dexter (»ein Serienkiller, der nur die Bösen
umbringt«), ziehen Egil, den Dichterkrieger aus der beliebten Saga
von Egill Skalla-Grímsson, mit der Eröffnung aus Bohemian
Rhapsody ins Lächerliche und erzählen die Geschichte von Leif
Erikssons »Entdeckung« Amerikas, indem sie eine mittelalterliche
Version des Superbowl aufführen. Als wir uns nach der Show in der
Harpa unterhalten, ist es den Darstellern wichtig, die aktuelle Brisanz
der Sagas zu betonen – insbesondere von Njálls Saga, für Oddur
»das große und bekannteste Epos«.
»Wir nennen unsere Banker ›Wikinger‹ und vergleichen starke
Frauen mit Hallgerð«, erzählt Esther, »diese Bezüge sind also im
Alltag vorhanden.«
Lieder, Sport, Fernsehshows: Die Universalität der Geschichten
wurde durch ihre vielfache Adaption demonstriert. Wenn man sich
zum ersten Mal in die Sagas vertieft, können sie einem sehr fremd
vorkommen, wie ein spezielles Produkt von Islands eigenwilliger
Siedlungskultur. Doch die Saga-Schreiber standen in Kontakt mit
dem übrigen Europa, was das häufige Auftauchen der Elemente von
Njálls Saga an anderen Gestaden Europas nachdrücklich zeigt. In
dieser Geschichte von Rache und Vergeltung, dem Streben nach
Gerechtigkeit, gescheiterten Friedensbemühungen, blutigen
Seeschlachten, unheilschwangeren Festen und zaghaften
Versöhnungsversuchen hallen Erzählstrukturen wider, die überall im
mittelalterlichen Europa florierten. Doch ihr Tonfall, ihr trockener
Humor und die surreale Bildersprache sind eindeutig isländisch. Man
kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Held aus den Festland-
Epen einen Rivalen so derb verhöhnt wie Njálls draufgängerischer
Sohn Skarphéðinn: »Wichtiger ist aber, dass du dir erst einmal das
Stück Stutenarsch aus den Zähnen pulst, das du gegessen hast,
bevor du zum Thing kamst.«
Ich checke in ein Hostel an der Hauptstraße ein und gehe meine
E-Mails durch, um ein paar Termine festzuklopfen. Denn ich hoffe,
etwas über das Tauziehen zwischen den europäischen Einflüssen
und der isländischen Einzigartigkeit zu erfahren. Ganz ähnlich wie
das Vereinigte Königreich hängt Island am Tropf des restlichen
Kontinents, während es seine Geschichten auf seine Weise erzählt.
In der isländischen Nationalgalerie hängt ein berühmtes Gemälde
des dänischen Künstlers H. A. G. Schiött. Es zeigt eine kvöldvaka,
eine Abendwache. In der Schlaf- und Wohnstube (baðstofa) eines
isländischen Bauernhauses hat sich eine Familie versammelt.
Frauen spinnen oder kämmen Wolle; ein kleiner Junge lehnt sich
ans Knie eines kvæðamann, eines »Vortragenden«, der beim Licht
einer Öllampe aus einem Manuskript vorliest. Hier haben wir es mit
einer mündlichen und schriftlichen Erzählkultur zu tun, und in der
epischen Dichtung Islands, den rímur, entfaltet sie ihre Macht.
Tief in den Eingeweiden der Universität von Reykjavik arbeitet
unter einer Kopie dieses Gemäldes die rímur-Konservatorin Rósa
Þorsteinsdóttir zwischen vollgestellten Bücherschränken und
Regalen, auf denen sich Tonaufnahmegeräte stapeln. Es gibt einen
Mackie Mixer und ein Magnetophon für langsame Einspielungen
Magnetbandgeräte mit zwei Spulen und CD-Spieler, eine Schachtel
Wattestäbchen zum Reinigen von Bändern und Dutzende von Akten,
in denen Informationen über die Aufnahmen protokolliert sind. Viele
stammen noch aus den 1930er-Jahren, als Menschen vom Land, die
es in die Stadt verschlagen hatte, ihre Stimmen auf
»Silberlackscheiben« (die man in Deutschland als Azetatscheiben
kennt) aufgenommen haben. Meistens handelt es sich um rímur, die
aus Sagas oder Festlandgeschichten hergeleiteten gereimten
Verserzählungen. Es gibt so viele davon, dass Rósa bis zu meinem
Besuch 2368 rímur-Akten angelegt hatte (und sie arbeitete so
schnell, dass es ein paar Monate später bereits 3700 waren).
Die rímur erlauben einen flüchtigen Blick auf die Beziehung
zwischen Island und dem übrigen Europa. Es gibt sie in
unterschiedlichen Formen, sie haben pro Strophe zwei bis vier
Zeilen, wobei Reimschemata und Metren variieren. Beeinflusst sind
sie sowohl von den Troubadouren und Minnesängern des Festlands
wie von den englischen Ritterromanen des 14. Jahrhunderts. Es gibt
bestimmte Konstanten, wie etwa den mannsongur (das Lied der
Maiden), eine aus Liebesliedern des Kontinents übernommene
gereimte Einleitung, und die alternierenden Metren, die jede ríma
(also jeden Reim) von den benachbarten in einem rímur-Zyklus
unterscheiden.
Unter den Titeln, die Rósa mir zeigte, befanden sich Erzählungen,
die auf den Sagen von Sigurd/Siegfried, auf der Geschichte vom
Trojanischen Krieg, dem Rolandslied und den Taten der dänischen
Skioldinger basierten. Das zeigt, dass die rímur das ganze Spektrum
europäischer Sagen umfassten. Viele davon hatten die ersten
Siedler nach Island mitgebracht, zahlreiche andere wiederum
Kaufleute, die mit dem Festland Handel trieben. Wie man am
Beispiel des Kaufmanns Kjartan in der Saga von den Leuten aus
dem Laxárdal sieht, musste man die Insel in Richtung größerer,
wohlhabenderer Landmasse verlassen, wenn man ein Vermögen
machen wollte – seit Jahrtausenden hat stets dasselbe Prinzip
Emigration angeheizt.
Lassen Sie uns jetzt dem kvæðamann lauschen. Infolge seiner
schwachen Lungen und der engen Kehle, zerstört von Jahrzehnten
anstrengender Arbeit im Freien, knödelt er mit spröder Stimme.
Wenn er die Verse der Numarímur rezitiert, der Sage von einem
legendären römischen König, lässt seine Intonation an das
isländische Bauernleben denken. Gebannt sitze ich vor Rósas PC,
lausche dem Anschwellen und der Konstruktion von Stabreimen und
lehne mich jedes Mal zurück, wenn der kvæðamann seine draga
seiminn ertönen lässt, einen gedehnten Laut, der nachhallt wie der
Ruf eines Muezzins. Dies ist Erzählkunst als Abwehr von Wind und
Kälte, Imagination und Dichtung verschmelzen zur Wärme eines
Herdfeuers.
Die verschiedenen Quellen der rímur zeigen, dass die
Geschichten von einem Ende des Kontinents am anderen Ende auf
offene Ohren stoßen können. Aber sie weisen auch auf eine
isländische Besonderheit hin: die große Belesenheit, die die Kultur
dort seit der Zeit der Landnahme bereichert und im Gegensatz zu
anderen Teilen Europas nie auf Insider hinter klösterlichen Mauern
beschränkt war. Denn die rímur-Geschichten wurden vorgelesen,
nicht aus der Erinnerung rezitiert; ihre feste Form ließ keine
Abweichungen zu. Die kvæðamann zogen mit ihren Manuskripten
von einem Gehöft zum nächsten, wie fliegende Händler oder Zeugen
Jehovas – mit gereimten Geschichten anstatt Bleiche oder Bibeln.
»Rímur erzählen eine Geschichte«, erklärte Rósa. »Ja, es ist Epik,
ja, es sind Heldensagen, in denen es um das Gute und das Böse
geht. Wenn du an Filme wie Harry Potter oder James Bond denkst,
siehst du in den Geschichten dasselbe Muster.« Doch es gibt auch
spezifisch isländische Charakteristika: »das Segeln und Hin- und
Herreisen zwischen den Ländern, die Kämpfe und Feste. Jede rímur
brauchte so etwas, um beliebt zu sein.« Die rímur-Dichter haben ihr
Material aus ganz Europa bezogen, die Ingredienzien aber in eine
heimische Gussform gepresst.
Von allen rímur ist die Numarímur – die wir gerade gehört haben –
die bekannteste. Doch ihr Schöpfer hatte nichts davon. Sigurður
Breiðfjörð war ein typischer Gelegenheitsschriftsteller des 19.
Jahrhunderts. Obwohl er Arbeit als Fassbinder fand und einige Zeit
für die Dänen im Handel tätig war, verfiel er dem Trunk und hatte die
meiste Zeit in seinem Leben kaum ein Auskommen; mit
achtundvierzig Jahren starb er an Unterernährung. Von einer
jüngeren Generation verschmäht und verleumdet, weil sie die rímur
für ein Relikt aus der Vergangenheit hielt, wurde er erst später neu
bewertet und gilt jetzt als der Beste dieses Genres.
Er hat viele und unterschiedliche Werke verfasst, auch aufgrund
eines tiefen Interesses an Sagas, vor allem an der Saga von
Brennu-Njáll. Anstatt sich auf den namensgebenden christlichen
Helden zu fokussieren, stellte Breiðfjörð jedoch den heidnischen
Helden Gunnar ins Zentrum seines rímur, weshalb man es als
Gunnarsrímur kennt. Die Geschichte hat ihn so gepackt, dass er
außerdem ein Gedicht über Gunnars berüchtigtes Weib schrieb:
»Die langbeinige Hallgerð«. Da er selbst ein gesellschaftlicher
Außenseiter war, konnte er sich vielleicht in Hallgerð einfühlen, die ja
die am meisten verteufelte unter den vielen Ränke schmiedenden
Saga-Frauen ist.
Gunnarsrímur bietet uns ein europäisches Epos, altersgrau und
grimmig, aber weiterhin wirkmächtig. Ich habe es in dieser Woche
bereits zweimal gehört. Einmal im Büro der Ásatrúarfélagið, der
heidnischen Ásatrú-Glaubensgemeinschaft, wo der vielseitig
gebildete Hohepriester Hilmar Örn Hilmarsson in seinem Zweitberuf
als Musikkomponist und Herausgeber tätig war (eine seiner
zahlreichen, höchst anerkannten Arbeiten ist die Filmmusik zu
Beowulf & Grendel). Er saß über seinen Laptop gebeugt vor einer
runenverzierten hölzernen Gebetssäule, grüne Wellen formten sich
auf seinem Bildschirm zu einer Palisade. Eben bereinigte er ein paar
rímur-Dateien, die ihm Rósa Þorsteinsdóttir geschickt hatte. Dazu
bewegte er den Cursor die y-Achse entlang, um die Amplitude zu
erweitern, nahm zwischen den Spitzen Umgebungsgeräusche
heraus und schnitt überflüssige Klänge mit digitalem Filter weg.
»Manche rímur sind im Grunde Mist«, sagte Hilmar, und seine
Augen blitzten unter der breiten Denkerstirn, »aber einige sind
Meisterwerke. Man hat diese wirklich komplexe Ausdrucksform, um
Dinge zu schildern, und echt seltsame Möglichkeiten, um
Zusammenhänge zwischen ihnen herzustellen. Es ist eine
Kombination aus Verrücktheit und Mathematik.«
Gemeinsam mit dem größten heutigen Rezitator Steindór
Andersen hat Hilmar zwei rímur-Alben mit den bedeutendsten
Tonaufnahmen dieser Stoffe zusammengestellt, vorgetragen von
modernen Künstlern. Dazu haben sie ein flexibles Calrec-
Soundfield-Mikrofon benutzt, mit dem man in die Aufnahme hinein-
und wieder herauszoomen kann, »um den akustischen Raum
präziser zu erspüren«, so Hilmar. Und zwar an Orten, die mit den
alten Traditionen der rímur-Rezitation in Verbindung stehen.
»Einmal waren wir in einer alten Holzkirche«, erinnerte sich
Hilmar. »Draußen tobte ein Sturm, die Wände wackelten, und man
konnte das Knarzen des Holzes hören. Wir wählten eine sehr
lebhafte rímur über das Meer und den Wind, und um uns herum
veränderte sich der Raum wegen des Sturms.«
Ich hörte mir alle rímur an, und vor allem eine Passage aus
Breiðfjörðs Gunnarsrímur zog mich in Bann.
»Den Raum für diese haben wir sehr sorgfältig ausgesucht«,
sagte Hilmar. »Wir gingen in eine alte baðstofa [bäuerliche Schlaf-
und Wohnstube] und versuchten uns auszumalen, was für
Menschen sich dort wohl aufgehalten haben und wie sie mit Wolle
hantierten, sie kämmten und am Spinnrad saßen. Wir gingen nachts
dorthin, denn das Licht beeinflusst die Psyche, sodass sich die
Stimme im Tagesverlauf verändert. Die Dichter haben diese
Versepen vom Raum beeinflusst komponiert – der sehr intim war.
Der mannsongur (das Lied der Maiden), der viel Selbstironie enthält,
stützt sich auf eine vertraute Beziehung zu den Menschen drum
herum, was ihn lustiger oder trauriger macht. Und auch die
Klangeffekte der Dichtung – die Alliterationen, die harten
Konsonanten, die draga seiminn – all das funktioniert in einem fest
umgrenzten Raum.«

Hver einn dregur harðmynntan


Beherzt trug jeder eine Waffe,
hjör og fer að beita.
mit zahngleichen beißenden Klingen,
Gunnar vegur margan mann
Unerschrocken focht Gunnar
mikillega barðist hann.
und schwang sie, bis alle niedergestreckt waren.

Die Alliterationen binden die Zeilen, während der Reim die Enden
koppelt. Diese Damaszierung hat die Wirkung von gewundenem
Golddraht bei angelsächsischem Schmuck. Ich hoffte, auch mit
Andersen sprechen zu können, denn ich war hingerissen von seiner
grüblerisch sanften Stimme, seiner Sorgfalt und Beherrschtheit.
Doch er war irgendwo in den Bergen, und ein geplantes Treffen fand
niemals statt. »Er ist auch keiner, der über seine Arbeit spricht«,
meinte Hilmar und paffte traurig seine Zigarre.
An einem anderen Vormittag befand ich mich in einer gemütlichen
Wohnung nahe der Hallgrímskirkja mit Notenblättern und
Schallplattenhüllen zwischen Kaffeebechern und Tellern mit Keksen.
Hier rezitierte die Folksängerin Bára Grímsdóttir ein paar weitere
Verse aus Gunnarsrímur. In ihrer wollenen Strickjacke und mit den
dicken Brillengläsern war sie eine bodenständigere Erscheinung als
Andersen. Doch ihre Stimme erfasste das Drama und wälzte es
durch die Verse, sie erweckte die Gestalten zum Leben, während sie
zugleich ihr Hinscheiden beklagte.
Es war aufregend, dieses Epos aus dem 19. Jahrhundert in solch
unterschiedlicher Intonation zu hören. Während ich in Báras Küche
saß und Kaffee trank, schmeckte ich etwas vom Met der
isländischen Poesie. Wie die Rezitatoren, die ich in anderen Teilen
Europas kennengelernt hatte, waren auch sie Glieder der Kette, die
das Erbe der mündlich vorgetragenen Geschichten verband; dank
ihrer waren die Sagas nicht nur Buchstaben auf einem Stück Papier,
sondern überaus lebendig.

Im Gerðuberg-Kulturzentrum am Stadtrand von Reykjavik befindet


sich gegenüber von einem Schwimmbad in einem geduckt
wirkenden Bau eine öffentliche Bibliothek. Drinnen betrat ich einen
großen holzgetäfelten Versammlungsraum, in dem etwa fünfzig
Mitglieder der Iðunn-Gesellschaft ihr monatliches Treffen abhielten.
»Seit der Besiedlung Islands durch unsere Vorfahren haben wir
Gedichte in dieser Form, mit Alliterationen, geschrieben«, erklärte
Ragnar Ingi Aðalsteinsson, Literaturwissenschaftler und Iðunn-
Veteran. Im Angelsächsischen ist es ebenso: Da man in
germanischen Sprachen die Wortwurzeln betont, führt das wie von
selbst zu Alliterationen. Deshalb erinnern Gunnarsrímur und andere
rímur an die Klangeffekte, die dem Beowulf seine musikalische
Patina verleihen. Wie die Erzählinhalte vieler rímur verweist auch
ihre Sprache auf die Verbindung der isländischen Epen mit jenen
des Kontinents.
Die meisten Mitglieder der Iðunn-Gesellschaft sind ehrwürdige
Gestalten jenseits der fünfzig, und viele erinnerten sich noch lebhaft
an ihre ersten Begegnungen mit der isländischen Dichtung. Ich saß
neben Magnea, einer stark dauergewellten Dame, die in den 1950er-
Jahren auf einem Gehöft in den Westfjorden aufgewachsen war.
»Die Bauern rezitierten den ganzen Tag Gedichte«, erinnerte sie
sich wort- und gestenreich. »Abends saßen wir im baðstofa und
lauschten den Sagas im Radio. Die Älteren hatten kein Radio, sie
hörten die Geschichten von einem kvæðamann. Damals konnten die
Leute noch Hunderte von Versen auswendig – manchmal sagte
jemand: ›Ermuntere ihn bloß nicht anzufangen, er hört nie wieder
auf!‹«
Für Magnea und viele andere Mitglieder der Iðunn-Gesellschaft
waren rímur liebgewonnene und geschätzte kulturelle Erbstücke aus
der Vergangenheit. Doch ein paar der jüngeren Mitglieder sahen das
anders, unter ihnen auch Vésteinn, ein langhaariger Bursche mit
Iron-Maiden-Jacke und einem Notizbuch, das voller hastig
hingekritzelter Verse war. Er ereiferte sich über die Versäumnisse
der »bourgeoisen« Regierung, die Immobilienblase und die
zunehmende Islamophobie und machte sich für einen radikalen
Wandel in der isländischen Politik stark. In zahlreichen seiner Verse,
die er im Laufe dieses Abends vortrug, brachte er seinen Ärger zum
Ausdruck.
Liedblätter wurden verteilt, und vierzig Stimmen rezitierten
gemeinsam ein rímur von Sigurður Breiðfjord. Ihr langgezogenes
Summen durchdrang den Raum wie ein nachhallender
Glockenschlag. Ragnar las aus dem Bosarímur vor, einer
mittelalterlichen Erzählung über einen Wikinger-Krieger, der
ausgesandt wird, um das mit goldenen Buchstaben beschriftete Ei
eines Geiers zurückzubringen. Und Vésteinn steuerte eine Burleske
über Trotzki bei – nicht über den russischen Revolutionär, sondern
seinen Kater:

Trotski gamla vondan veit,


Trotzki, mein alter, geplagter Kater
Vellyst spillir griðar.
Ist mir wahrhaft ein Bruder.
Um daginn aftur skömmin skeit
Kürzlich hat dieser Teufelsbraten
I skona mina og viðar.
In meine und in fremde Schuhe geschissen.

Verse in einer Sprache zu hören, die man nicht versteht, hat einen
besonderen Zauber. Da man die Bedeutung nicht erfassen kann,
ziehen einen die Klänge in Bann – Binnenreime und Alliterationen,
hämmernde Trochäen, die langgedehnten gesummten draga
seiminn (die letzte Silbe jeder Strophe). Ich war Gedichten und
Geschichten quer durch Europa gefolgt, und so war es die reine
Freude, hier inmitten von anderen Lyrik-Liebhabern zu sitzen.
Obwohl ich keines der Iðunn-Mitglieder und auch ihre Sprache nicht
kannte, fühlte ich mich unter ihnen zu Hause, weil auch ich
Geschichten und Gedichte liebe.
Der unerschöpfliche Einfallsreichtum der rímur ist ein harter
Schlag für all jene, die glauben, Geschichtenerzählen in Reimform
habe keinen Platz mehr in der modernen Welt. Die berühmteste
moderne rímur ist die Disneyrímur des Beststellerautors Þórarinn
Eldjárn, dem es irgendwie gelingt, die Lebensgeschichte von Walt
Disney in diese alte isländische Ausdrucksform zu fassen. Als ich ihn
in Reykjavik traf, verteidigte er die surreale Kombination von Thema
und Form damit, dass er »ein revolutionärer Traditionalist« sei. »Das
ist nun mal meine Art, ich nutze die alten Formen auf neue Weise.
Rímur basierten schon immer auf anderen Stoffen: den Sagas oder
europäischen Erzählungen. Ich dachte, na gut, da habe ich nun all
diese fremdsprachige Literatur studiert – warum soll ich nicht
versuchen, etwas aus einem Paradox heraus zu schaffen? Die Leute
halten die rímur für veraltet. Und so dachte ich, warum es nicht
probieren?«
Zurzeit sind die rímur quicklebendig und scheinen schier
unverwüstlich, was die zahlreichen Neukompositionen beim Treffen
der Iðunn-Gesellschaft belegen. Mehrere Stunden nach Beginn der
Zusammenkunft betritt Vésteinn die Bühne und rezitiert Verse seines
Freundes Haukur Hilmarsson, eines bekannten Aktivisten, der als
Flüchtlingshelfer in Griechenland gearbeitet und in Syrien in den
Reihen einer Kurdenmiliz gekämpft hat, wo er vor ein paar Wochen
bei einem türkischen Luftangriff ums Leben kam. Das von Vésteinn
vorgetragene Gedicht ist voller satirischer Seitenhiebe auf die neue
isländische Verfassung, die eine Folge der »Töpfe-und-Pfannen-
Revolution« von 2008 war. Diesen schwungvollen Versen eines
jungen Aktivisten zu lauschen, den man erst kürzlich seines Lebens
beraubt hatte, war der ergreifendste Moment des Abends.
Ich dachte an Sigurður Breiðfjord, dessen Numarímur zwischen
dem alten Rom und polemischen Versen gegen die Kriegstreiber der
napoleonischen Ära hin- und herschwingt. Die Skaldentechnik der
rímur hat überdauert, ebenso wie ihre Relevanz, die sich aus der
gelebten Realität ihrer Schöpfer ergibt. Man wird wahrscheinlich
keine griechischen Poeten finden, die in homerischen Hexametern
dichten, oder deutsche Sprachkünstler, die ihre Themen im Stil einer
mittelalterlichen Ballade zu Gehör bringen. Aber hier in Island bietet
die alte epische Form einen Rahmen, den Dichter weiterhin füllen.
Nirgends in Europa ist die althergebrachte Kunst des
Verseschmiedens lebendiger.

Die rímur-Dichter hatten sich ihre Geschichten noch aus dem


übrigen Europa zusammengeklaubt, doch jetzt ist es Europa, das
nach Island kommt. Wikingerüberfälle sind überflüssig geworden –
es reicht eine Fernsehwerbung mit Gletschern und Geysiren und
Panoramaaufnahmen der Blauen Lagune, und die Betuchten aus
aller Herren Länder wälzen sich den ausgetretenen Laugavegur rauf
und runter und decken sich mit gestrickten Pullovern,
Birkenblättersirup und Lavakäse ein. Aber nicht nur Leute mit Geld
kommen nach Island. Abdullah aus Jordanien, einer meiner
Zimmergenossen in meinem Hostel, arbeitete für das UNHCR und
half einer Gruppe syrischer Asylsuchender bei ihrem Start ins neue
Leben. »Es ist ruhiger geworden«, sagte er bei einem Kaffee in der
Küche, »vielleicht gibt es Hoffnung. Aber es wird viele Jahre dauern,
bis dieser Krieg beendet ist, und noch länger, um sich davon zu
erholen.« Selbst bis hierher, an die nördlichste Spitze Europas,
fanden Flüchtlinge ihren Weg.
In einem grauen Steinputzbau helfen Mitarbeiter des Roten
Kreuzes Flüchtlingen und Migranten bei ihren
Aufenthaltsgenehmigungsanträgen, der Arbeitssuche und den vielen
logistischen Herausforderungen einer Rückführung. Die Zahlen der
aufgenommenen Flüchtlinge seien überschaubar, sagte Anna Lára
Steindal, eine der Mitarbeiterinnen, doch sie hatte ein wachsendes
Unbehagen bemerkt: »In Island gibt es die Besitzenden und die
Habenichtse, und es ist immer so, dass die Habenichtse fürchten, es
könne jemand kommen und ihnen das wenige wegnehmen, was sie
haben.«
Neben dem Wetter sind die hohen Lebenshaltungskosten die
größte Herausforderung. Doch vielen bot Island die Chance zum
Neuanfang und, noch wichtiger, Freiheit. Der Syrer Hony, Vater
dreier Kinder, umklammerte sein Formular für die Bewerbung auf
eine Arbeitsstelle. »Wir haben in der Nähe von Darʼā gelebt, wo viele
Kämpfe stattfanden«, erklärte er. »Ständig sah man Bomben
hochgehen.« Er schüttelte den Kopf und lachte bedrückt, seine
Augen schimmerten. »Als sie den Krieg in Syrien begannen,
glaubten wir, er würde das System hinwegfegen und wir bekämen
eine Demokratie. Jetzt sind sieben Jahre vergangen, und es herrscht
immer noch Krieg! Also sind wir jetzt in Island, und meine Kinder
gehen zur Schule.« Er schloss die Augen und lächelte zaghaft. »Wir
sind in Sicherheit.«
In der Saga von den Leuten aus dem Laxárdal erzählen die ersten
Kapitel von Björn Ketilson, der sich zur Emigration entschließt, um
der Unterdrückung durch den norwegischen König zu entfliehen.
»Ich will dem Beispiel respektabler Männer folgen und das Land
verlassen. Ich glaube nicht dadurch größer zu werden, dass ich zu
Hause auf die Knechte König Haralds warte, die uns von unseren
Besitzungen vertreiben oder gar umbringen werden.« Und so schiffte
er sich nach Island ein. In der antiken und mittelalterlichen Literatur
Europas wimmelt es von ähnlichen Geschichten. Und auch Þorvald,
ein Mitglied der Iðunn-Gesellschaft, der mich zusammen mit
Vésteinn nach dem Treffen zurückfuhr, betonte: »Unsere Vorfahren
kamen als Flüchtlinge hierher.«
Doch diese Migration basierte auf Chancengleichheit. »Wenn man
Menschen als billige Arbeitskräfte oder als Bettler aufnimmt«, sagte
Þorvald, »marginalisiert man sie von Anfang an und schafft damit
soziale Probleme, die man hätte vermeiden können.« Im
mittelalterlichen Island liefen eine Menge Dinge falsch, doch hier mal
ein unkonventioneller Gedanke: Wenn Politiker eine oder zwei
Sagas lesen würden, könnten sie darin ein paar lehrreiche Lektionen
zur Unabhängigkeit durch Handeln finden.
Während meiner Reise hatte ich immer wieder das Gefühl, dass
es Überlappungen zwischen den Reisen der Flüchtlinge und den
Erzählungen der Sagenhelden gab. Doch je mehr Geschichten ich
hörte, umso weniger wohl war mir bei diesen Analogien. Nicht, dass
die Flüchtlinge keine Helden gewesen wären. Es geht darum, dass
man sie nicht hätte zwingen dürfen, es zu sein. Beim Gedanken an
Hony und seine bescheidenen Wünsche für seine Familie kamen mir
nicht die großen Helden der Epen in den Sinn, sondern die weniger
prominenten Gestalten – wie Wiglaf im Beowulf oder Penelope in der
Odyssee, die nicht nach Ruhm und Reichtum strebten, sondern
nach Sicherheit und Stabilität. Die sich einfach aus dem Schatten
des Krieges lösen wollten.
Sobald man Flüchtlinge kennenlernt, lösen sich Vorurteile über
einfallende Horden in Luft auf. Und wenn man Epen liest, sieht man,
wie eng ihre Geschichten mit der europäischen Geschichte ver-
woben sind. Litten Europäer unter Konflikten oder waren sie von
Verfolgung bedroht, wanderten sie aus – ob es die norwegischen
Flüchtlinge waren, die Island besiedelten, oder die Isländer, die im
19. Jahrhundert der Hungersnot auf der Route von Leif Eriksson
entflohen. In Kanada trafen sie in so großer Zahl ein, dass es noch
heute eine isländische Zeitung in Winnipeg gibt. Und vergessen wir
nicht all die britischen Puritaner, die verarmten Sizilianer, die
verfolgten Hugenotten, die Iren, die unter der Hungersnot litten, die
Osteuropäer, die den Eisernen Vorhang überwanden, die Familien
vom Balkan, die der jüngsten ethnischen Säuberungswelle
entkamen. Können wir es Menschen von anderen Kontinenten
verübeln, wenn sie dasselbe tun? Erst kürzlich wurden hohe
bürokratische Hürden gegen diesen fundamentalen Drang errichtet,
sich auf jene Reise in die Sicherheit oder in ein besseres Leben zu
begeben, die Grundlage vieler unserer langlebigsten Geschichten
ist.
29
Wir hörten, wie sich Gunnar, der starke Steuermann der Stute der
Kielspur, wehrte südlich Kjöl mit dem Spieß. Er schlug Schaden
sechzehn Sturmbäumen der Seebalkenmonde und fällte zwei.

Die Saga von Brennu-Njáll, Kapitel 779

Spielerisch stieg Dampf zwischen den Lavafelsen auf, als handle es


sich um einen Paarungstanz mit den Regenwolken. Ich saß in einem
Bus, der in Gunnars Land fuhr. Doch ab Hvolsvöllur gab es keine
öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Ich war also wieder einmal auf
Schusters Rappen angewiesen oder würde, so hoffte ich, von ein
paar Einheimischen mitgenommen werden. Wenn alles klappte,
würde ich in vier Tagen in Berþórshvoll sein, wo Njáll und seine
Familie gelebt hatten.
Mein Ausgangspunkt war das Saga-Zentrum in Hvolsvöllur. In
diesem unscheinbaren kastenförmigen Gebäude verbirgt sich ein
Schatz des experimentellen interaktiven Geschichtenerzählens.
Hinter historisch gewandeten Puppen, einem Modell des Althing und
einem hölzernen Langhaus, das als Speisesaal ausgestattet ist,
entdeckte ich einen neunzig Meter langen Gobelin, der die Saga von
Brennu-Njáll erzählt.
Von einem Leinenballen war eine Stoffbahn abgerollt, auf der sich
knallbunte Figuren aus pflanzengefärbter Wolle tummelten, von
Schmuckrändern gerahmt wie die Szenen im Teppich von Bayeux.
Mit ihren anschaulichen Gesten und den expressiven Frisuren
ähnelten sie modernen Animationen, was jedoch in Widerspruch zu
ihrer mittelalterlichen Kleidung und den Symbolen in den Randborten
(Langschiffe und Schilde, abgehackte Köpfe, Beutel mit Silber)
stand. Hier wiegt ein bartloser Njáll mit hoher Stirn in marineblauem
Mantel Münzen auf einer goldenen Waage ab. Dort umwallt
Hallgerðs goldene Lockenpracht ihr mürrisches Gesicht wie ein
Wasserfall. Und da ist Gunnar, wie er in der Saga beschrieben wird:
»Er hatte ein einnehmendes Äußeres, war blond, hatte eine gerade,
an der Spitze etwas aufgebogene Nase, blaue, scharfsichtige Augen
und rote Wangen, üppiges, goldblondes Haar, das schön fiel.«
Die Wandbespannung hatte die Schriftstellerin und Künstlerin
Kristín Ragna Gunnarsdóttir entworfen, mit der ich mich an einem
Vormittag in einem holzgetäfelten Café in Reykjavik auf einen Kaffee
getroffen habe.
»Ich habe die Illustrationen aus einer alten Handschrift
verwendet«, erläuterte sie. »Außerdem habe ich mir den Teppich
von Bayeux angesehen, mehrere Tage lang. Ich habe ihn regelrecht
in mich aufgesogen. Aber dem Gobelin liegt schon auch mein
eigener Stil zugrunde.«
Mit dem Wandteppich hatte sie einen Nerv getroffen.
Scharenweise kamen Besucher ins Saga-Zentrum, um sich auf
diese uralte Geschichte einzulassen und mitzusticken. Kristín hatte
geschätzt, dass es zehn Jahre dauern würde, bis das Projekt
beendet wäre, doch es wird vermutlich nur sechs Jahre dauern.
»Jedes Mal, wenn ich ins Saga-Zentrum gehe, endet es damit,
dass ich mit Leuten rede und kaum zum Sticken komme«, erzählte
sie begeistert. »Das letzte Mal habe ich nur das Blut an einer Axt
geschafft! Es gibt Menschen, die extra für die Nadelarbeit nach
Hvöllsvollur fahren, und manche haben sich sogar einen Schlüssel
besorgt, damit sie ganz viel Zeit dort verbringen können.«
Von allen Charakteren in Njálls Saga interessierte sie Hallgerð am
meisten. »Ich stamme ja tatsächlich von ihr ab«, betonte Kristín (was
heißt, dass sie auch von dem Drachentöter Sigurd abstammt, denn
Hallgerð behauptet, dass er ihr Vorfahre sei). Ihr langes,
weißblondes Haar lässt diese Aussage glaubhaft erscheinen. Nach
Kristins Ansicht ist Hallgerð nicht nur von zentraler Bedeutung für die
Geschichte, ihre Rolle wird auch sträflich vernachlässigt.
»Ich beginne den Gobelin mit einer Frau, und ich beende ihn mit
einer Frau«, sagte sie entschieden. »Es gibt da einige markante
starke Frauen, doch wenn männliche Experten über Njálls Saga
sprechen, habe ich oft das Gefühl, dass sie diese weiblichen Figuren
bewusst ignorieren. Dabei sind sie entscheidend für den
Handlungsverlauf. Etwa als die Nichte von Flosi ihm den
blutgetränkten Mantel ihres toten Ehemanns umlegt – das ist der
Wendepunkt, von da an gibt es kein Zurück mehr. Ohne sie und
Hallgerð gäbe es die Geschichte nicht. Also habe ich versucht, ihren
Part in der Geschichte darzustellen und ihm genügend Raum zu
geben.«

Im Zusammenhang mit der Ohrfeige, die Gunnar Hallgerð gibt, wies


Kristín darauf hin, dass auch die früheren Ehemänner sie
geschlagen hatten. »Das ist also ein Muster, und schließlich sagt
Hallgerð: Es reicht. Das hat auch Bedeutung für heute, und ich hatte
es im Hinterkopf, während ich den Gobelin entworfen habe.«
Wir saßen über eine Stunde zusammen im Café und diskutierten
einige der Elemente, die diese komplizierte Geschichte ausmachen.
Als ich jetzt den Gobelin betrachtete, erinnerte er mich – wie viele
europäische Sagen – an die vitale Verflechtung von Vergangenheit
und Gegenwart. »Wir haben immer noch Autoren, die Njálls Saga zu
neuen Geschichten inspiriert, denn diese Saga lebt«, hatte Kristín zu
mir gesagt. »Jedes Mal, wenn ich mich darin vertiefe, gefällt sie mir
noch besser. Ich glaube wirklich, dass es eine der großartigsten
Geschichten ist, die je geschrieben wurden.«

In dieser Nacht drangsalierte heulender Wind mein Zelt, er rüttelte


an den Stangen und klatschte mir nasskalt ins Gesicht. Es war ein
rachsüchtiger Sturm, der auf mich einhieb, als steckten wir mitten in
einer Fehde. Um vier Uhr morgens gab ich es auf, schlafen zu
wollen. Um sechs Uhr morgens gab ich das Zelten auf. Ich
schnappte meine Sachen und stapfte zur Tankstelle hinüber, wo ich
unter ein paar Birken darauf wartete, dass sie öffnete. Nachdem
heiße Flüssigkeit meine Kehle hinuntergeflossen war, war ich zum
Aufbruch bereit.
Schlackenebenen wölbten sich zu Lavahügeln; durch
Nebelgespinste lugten Gehöfte, hin und wieder erspähte ich eine
Kuh oder ein Schaf. Dünger und Futtersäcke waren verschmierte
Fingerabdrücke auf einem Landschaftsgemälde. Vor mir lag ein fast
fünfzig Kilometer langer Marsch, vorbei an dem alten
Grassodenhaus von Keldur und einem Felsen, bei dem Gunnar
einen seiner berühmtesten Siege errang, weiter nach Hlíðarendi, wo
der Krieger gelebt hatte und gestorben war. Das Wetter sah nicht
sehr vielversprechend aus, doch als es richtig zu schütten begann,
erbarmte sich meiner ein vorbeifahrender SUV-Fahrer.
»Danke! Sie sind meine Rettung!«
Der Mann am Steuer war Mechaniker und hieß Baldur.
»Heute ist mein freier Tag«, erzählte er und zog an seiner
Zigarette. »Also habe ich mich zu einer Spritztour entschlossen. Ist
ja gar nicht so übel heute.«
Alte Regel: Je nasser das Wetter, desto trockener der Humor. Und
den Sagas nach zu urteilen, wird dieser Humor schon seit
Generationen vererbt. Als die Männer in Njálls Saga Gunnars Gehöft
angreifen, taumelt einer der Männer beim Erklimmen des Daches
zurück. »Und, ist Gunnar zu Hause?«, fragt ein anderer. »Seht
selber nach«, antwortet der Mann. »Ich weiß jedenfalls, dass sein
Spieß zu Hause war.« Dann stürzte er tot zu Boden.
Während wir zwischen regendurchtränkten Wiesen und
Lavahügeln dahinrollten, wechselten Baldur und ich ähnlich trockene
Bemerkungen. »Die werden froh sein, dass sie eine Weile nicht
geschoren wurden«, sagte er noch über ein paar Schafe, ehe er
mich in Keldur rausließ. Ich krabbelte auf eine Anhöhe zu einem
spitzgiebeligen Haus mit grasbewachsenem Dach. Unten im Tal, wo
der trommelnde Regen einen Fluss in der Schlackenebene zu einem
tosenden Strom anschwellen ließ, muhten Kühe. Vor einem
Jahrtausend gehörte dieses Stabhaus Ingjald, einem großen und
starken Mann, »äußerst tüchtig und stets hilfsbereit und großzügig
gegenüber seinen Freunden«. Seine schwankende Loyalität
gegenüber Njáll brachte ihn bei den Brandstiftern in Schwierigkeiten.
Heute ist das Haus ein bedeutendes Relikt aus dem mittelalterlichen
Island, denn die meisten Gebäude fielen Bränden zum Opfer oder
sind verrottet.
Hinter den Steinmauern und Holzbalken führt ein unterirdischer
Tunnel zum Bach hinunter. Hier in der düsteren Halle suchten die
Männer zu Njálls Zeit Zuflucht vor Sturm und voreinander. Während
der niederprasselnde Regen die Grassoden auf dem Dach
durchweichte und von den Giebeln rann, schien die beschwerliche
Welt der Sagas nicht sehr fern zu sein.
Keldur war und ist ein bewirtschafteter Hof, ebenso wie Gunnars
und Njálls Zuhause. Das ist ein Kennzeichen der Sagas: Im
Unterschied zu den meisten Epen müssen landwirtschaftliche
Arbeiten erledigt werden. Wir lernen etwas über die Heumahd, das
Dreschen von Getreide, die Viehzucht. Aber auch der narrative
Grundstock eines jeden Epos fehlt nicht – gewaltsame Fehden und
bewaffnete Kämpfe, Männer und Frauen, die entweder Rache
nehmen oder zur Verteidigung der Ehre Blut vergießen. Die Sagas
zu lesen heißt, ein Mittelding zwischen dem Beowulf und Thomas
Hardys Romanen zu entdecken. Es ist diese Kombination, einerseits
mittelalterliche Werte zu beschwören und andererseits auf
modernere Gefühle zu verweisen, die die Sagas zu einem derart
bedeutenden Fundus europäischer Literatur macht.
Ich blieb nicht lange. Sobald der Regen nachließ, hatte ich wieder
die Straße unter den Füßen, doch der Wind verhinderte, dass ich
dabei die Karte lesen konnte. Also verließ ich mich auf meinen
Orientierungssinn – ein großer Fehler. Nachdem ich eine
Dreiviertelstunde in die falsche Richtung geschusselt war, machte
ich eine Kehrtwende, wütend über mich selbst, aber auch in dem
erhebenden Gefühl, damit eine Art Prüfung zu bestehen. Ich hatte
davon geträumt, mich in die Sagas hineinzubegeben, und nichts
anderes widerfuhr mir hier, als ich vom Wind wie mit Dreschflegeln
durchgeprügelt wurde.
Unter einem durchgehenden, intensiv leuchtenden Regenbogen
(am liebsten hätte ich einen Stein dagegen geworfen, um zu sehen,
ob er abprallte) breitete sich die Lavaebene bis zum Schlackenkegel
der Hekla aus. Regenwasser blubberte in Torflöchern, wurde zu ölig
brauner Brühe mit bunt schillernden Flecken obendrauf. Ich
wanderte am nördlichen Ufer der Rangá – der »Täuschenden« –
entlang zu mehreren bemoosten Felsbrocken, dem »Gunnarstein«,
wo die blutigste Schlacht der Saga stattgefunden haben soll.
Als ich dann über schlammige Rinnsale und Felsnadeln kletterte,
hatte ich das Gefühl, ein schlafendes Biest zu besteigen – ein
Mischwesen aus Sarsenstein und Gürteltier. Ich wischte mir die
Wasserspritzer von den Brillengläsern und spähte vom obersten
Punkt hinunter, wobei ich mir vorstellte, Gunnars Perspektive
einzunehmen – die Feinde stürmten aus dem Hinterhalt auf ihn zu,
ihre Speere blitzten wie Gunnars Pfeilspitzen, und bald lagen Arme
und Beine abgehackt im Morast, wurden Leichen in die tosende
Strömung geworfen. Regen klatschte auf meine Schultern, rann mir
die Hose hinunter; wieder boxte der Wind gegen meine Rippen,
sodass ich mich nur noch geduckt fortbewegte. Zwar musste ich nur
mit dem Graupel und nicht mit Kriegern kämpfen, aber wenn man
Angreifer aus dem Hinterhalt mit grauenhaftem Wetter gleichsetzen
kann, funktioniert das Bild doch auch andersherum, oder?
Doch obwohl mich die Elemente beutelten, hatte ich immer noch
Augen für den Reichtum der Landschaft. Während ich nach Süden
stapfte, erstrahlte das Sumpfland in einem intensiven Grün, der
Farbe von Malachiten. Auf dem Weg zu den Steilhängen des
Þríhyrningur (des »Berges mit den drei Gipfeln«) watete ich durch
strahlend gelbes und brennend rotes Gebüsch. In die Hänge waren
Hütten gegraben, Vorratsspeicher mit Grassodendächern, die aus
dem Grün herauslugten wie Hobbit-Häuser. Veranden um
Holzchalets auf Stelzen boten Aussichtsposten über die Lavafelder.
Vor mir erhob sich der Þríhyrningur mit seinen charakteristischen
Zinnen, die faltigen Hänge aus Tuffstein wie riesige Troll-Ohren,
dazwischen eine Krone mit ungleichen Zacken. Die verregnete Sicht
ließ alles ferner erscheinen, bis der unbefestigte Pfad schließlich die
Ausläufer des Berges entlangführte. Erst jetzt spürte ich, wie mir das
Herz in die Hose rutschte: Denn am Fuß des Berges glänzte ein
Fluss, klar und hell wie Whisky rauschte er dahin und warf in der
Mitte um ein paar Geröllbrocken herum Falten. Zwar war der Wind
so laut, dass ich das Brausen des Wassers zunächst nicht hören
konnte, doch als ich näherkam, wurde mir klar, dass der Fluss mir
einen Hinterhalt gelegt hatte: Um weiter nach Süden zu kommen,
würde ich ihn durchwaten müssen.
Der Morast unter meinen Füßen gab nach, als ich Lavahügel
hinaufkletterte, um weiter oben einen trockenen Weg zu finden. Aber
es blieb nur diese eine Möglichkeit. Denn keinesfalls würde ich
umkehren: Es hatte Stunden gedauert, bis hierher zu kommen. Und
wie viel nasser konnte ich schon werden?
Also zog ich Schuhe, Strümpfe und Hose aus, verstaute alles in
meinem Rucksack und wagte mich in die Fluten. Die ersten Schritte
im Wasser fühlten sich an, als wären meine Füße in einem Eiskübel
gelandet. Ich überquerte ein steiniges Inselchen und trat dann
unversehens in tieferes Gewässer, das ich etwa fünf Meter
durchwatete. Eisig klatschte das Wasser gegen meine
Oberschenkel. Die Strömung brachte mich beinahe aus dem
Gleichgewicht, und ich brauchte ein paar Trippelschritte, bis ich mich
an sie angepasst hatte. Am Schluss versuchte ich dann zu schnell
das Ufer hinaufzugelangen, es warf mich in den Fluss zurück, bevor
ich es beim zweiten Anlauf erklomm.
In Unterwäsche durch isländische Flüsse zu waten hatte ich bei
meinen Reiseaktivitäten nicht eingeplant. Und ich möchte es auch
keinesfalls wiederholen. Meine Füße hatten sich elfenbeinweiß
verfärbt, die Sohlen waren verschrumpelt, um meine Zehen herum
bildeten sich Blasen. Ich rubbelte sie mit einem Handtuch ab,
verhätschelte sie mit meinen wärmsten Socken und ignorierte den
Schmerz der aufgeplatzten Blasen. Eine Straße wand sich den Hang
vor mir entlang, und wenn ich die Karte richtig las, würde sie mich
um die Bergflanke herum zu Gunnars Heimathof Hlíðarendi führen.
Ich drückte mir die Daumen: Hoffentlich mussten nicht noch mehr
Flüsse durchwatet werden.
Auch wenn ich heute schon gut dreißig Kilometer gelaufen war,
lagen noch etliche vor mir. Inzwischen wanderte ich auf einem
Schotterweg, der mich über ein paar Bäche führte (die
dankenswerterweise in Rohren unter ihm hindurchströmten), und
kam zum Wasserfall Knittafoss. Die Kaskade ergoss sich über
beryllgrüne Hügel, stürzte schäumend Gletscherspalten hinunter und
über eisige, wie Mammutstoßzähne geformte Türme aus
Gletschereis. Man kennt das Tal als Flosidalur, es ist nach Flosi
benannt, dem Anführer der Männer, die Njálls Bauernhof
abfackelten. Laut der Saga haben sie sich hier versammelt,
nachdem sie den Gesetzeskundigen und seine Familie umgebracht
hatten.
Im Laufe der letzten Stunde ließ mich mein Körper allmählich im
Stich, ich spürte stechende Schmerzen in meinem rechten Knie, mir
knickten die Beine ein, in meinen Fingern pochte die Kälte. Zwischen
Kiefern und Tannen schlängelte sich das Sträßchen zur Hauptstraße
hinunter, wo das Glas und Metall von Bauernhöfen glänzte – ein
exotischer Anblick nach so vielen Kilometern durch unberührte
Natur. Ich hatte seit morgens nichts mehr gegessen und war jetzt so
hungrig, dass mir angesichts eines Krähenbeerenbuschs das
Wasser im Mund zusammenlief. Auf der Veranda eines Gästehauses
an der Straße hielt eine freundliche Frau ein neugieriges Kleinkind
zurück und wies mir den Weg zu einer Holzhütte auf der
gegenüberliegenden Straßenseite, die als Küche für ihre Gäste
diente.
Als ich eintrat, bildete mein Atem Wölkchen. Die Hütte war von
drei Pärchen besetzt, die auf ihren iPads Filme guckten. Die
Displays tauchten ihre Gesichter in ungesundes Licht, keiner von
ihnen sah auf. Gott sei Dank – ich war viel zu müde zum Reden.
Langsam entspannte ich mich in der ruhigen Atmosphäre, erhitzte
einen Becher Suppe und genoss die Wärme der Brühe auf meinen
Lippen noch mehr als den Geschmack.
Der schwarze Himmel hatte das letzte Tageslicht aufgesaugt, und
so folgte ich dem Pfad zu Gunnars altem Zuhause mit der
Taschenlampenfunktion meines Handys. Regen spie mich an, als ich
bergauf kletterte, doch da entdeckte ich einen Unterschlupf. Einen
winzigen Schuppen – ein Rund aus Wellblech, darauf Planken aus
verrottetem Holz und Steinquader. Ich krabbelte hinein, rollte mich
zusammen und umschlang meine feuchten Knie. Ich war wirklich
erledigt, und es dauerte geraume Zeit, bis ich genügend Energie
aufbrachte, um meinen Schlafsack auszurollen. Dies war also der
Ort, den Gunnar so sehr geliebt hatte, dass er sein Leben aufs Spiel
setzte, um hier zu bleiben. Am nächsten Morgen würde er mir seine
Schönheit offenbaren.
Wie ein Lakai alter Schule verkündete die Schnepfe den
Sonnenaufgang mit einer geflöteten Fanfare. Vor mir ragte ein
spitzer Turm aus Wellblech auf. Welche Ironie, dass die Landmarke
für das Zuhause eines großen heidnischen Helden ausgerechnet
eine Kirche ist! Doch das untermauert nur eine in Gunnars
Geschichte eingebettete Wahrheit: Seine Wertschätzung der
Landschaft um Hlíðarendi erklärt sich durch ihre fortdauernde
Nutzung und Besiedelung.
Aus meinem offenen Schuppen konnte ich die Rinder in der
Ebene von Landeyjar sehen. Gänse erhoben ihre Schwingen über
die Wiesen und flogen in immer dichterer Formation zum
sesselähnlichen Berg Stora-Dimon und dem breiten Delta des
Markarfljót, der sich am Fuß des eisbedeckten Vulkanbergs
Eyjafjallajökull entlangwindet. Über mir ragte der dunkle Gipfel des
Þríhyrningur auf, von Steilhängen ergossen sich Wasserfälle
hinunter zur Þverá. Man sah erstaunlich weit: eine glänzende
Verteidigungsposition, von der aus man früh seine Feinde entdeckte,
und außerdem bestes Weideland, was gleich drei benachbarte
Bauernhöfe bezeugten. Kein Wunder, dass Gunnar es nicht über
sich brachte fortzugehen.
Das ist ein entscheidender Moment in der Geschichte. Vom Al-
thing zu drei Jahren Verbannung verurteilt, reitet der Held von
Hlíðarendi fort, um an Bord seines Schiffes zu gehen. Doch da
strauchelt sein Pferd, und als er aus dem Sattel springt, fällt sein
Blick auf die wunderschöne Landschaft, die seit jeher seine Heimat
gewesen ist. »Schön ist dieser Hang«, spricht er in einer der
eindrücklichsten Reden der Saga, »aber so schön habe ich ihn noch
nie gesehen, helle Felder und gemähte Wiesen. Ich werde nach
Hause zurückreiten und nirgends hinfahren.« Sein Bruder Kolskegg,
der ebenfalls verbannt wurde, sticht in See und wird später sogar
Anführer der Warägergarde in Konstantinopel. Doch Gunnar bleibt
zu Hause und erwartet die Angreifer. Wie Odysseus erfüllt ihn der
Gedanke an die Heimat mit Sehnsucht. Doch Odysseus reist nach
Hause zurück, wohingegen Gunnar beschließt, seinen Hof nicht zu
verlassen. Er mag ein Held sein, ein Abenteurer ist er nicht. Und,
was von entscheidender Bedeutung ist – ihm fehlt Odysseus’
strategisches Geschick.
Wieder steht hier ein nordischer Held, dem die Nächsten ihren
Beistand verweigern, mit dem Rücken zur Wand. Vierzig seiner
Feinde reiten über den Pass des Þríhyrningur nach Hlíðarendi. Er
tötet mehrere mit Pfeil und Bogen, und es gelingt ihm sogar noch,
sie abzuwehren, als sie ihm bereits den Dachstuhl einreißen. Doch
dann wird sein Bogen beschädigt, und er wendet sich an Hallgerð:
»›Gib mir zwei Strähnen von deinem Haar. Du und Mutter, dreht sie
mir zu einer Bogensehne.‹ ›Hängt irgendetwas davon ab?‹, fragt sie.
›Mein Leben hängt davon ab‹, sagt er, ›denn sie werden mich
niemals in die Hände bekommen, solange ich den Bogen einsetzen
kann.‹ ›Dann ist es jetzt Zeit‹, sagt sie, ›dich an die Ohrfeige zu
erinnern. Mir ist es gleichgültig, ob du dich noch kürzer oder länger
wehrst.‹«
Zwar kämpft Gunnar weiter, doch sein Schicksal ist besiegelt. Mit
einem faszinierenden Kunstgriff streift der Autor lediglich die blutigen
Details seines Todes und konzentriert sich stattdessen auf das
ehrfürchtige Lob seiner Feinde. »Wie er sich gewehrt hat«, so ihr
Anführer, »wird man rühmen, solange Menschen in diesem Land
leben.«

Es war ein Tag der Wasserfälle. An diesem Vormittag ging ich hi-
nunter zu einem Ebereschen-Wäldchen, das von der Büste des hier
aufgewachsenen Dichters Þorsteinn Erlingsson bewacht wurde.
Spatzen hielten ein Vogel-Althing zwischen den Beerensträuchern
ab, deren raschelnde Blätter in herbstlichen Kupfertönen und Gelb
leuchteten. Hinter ihnen warfen die samtigen Hänge Falten. Sie
waren von wassergefüllten Spalten durchzogen, die wie Seilrutschen
glänzten. Sonnenlicht pulsierte gegen eine Membran aus Wolken,
als wäre in einem Bündel geschorener Wolle ein Schatz versteckt.
Allerdings wurden die Wolken immer dichter und dunkler, bald war
von dem Glimmen nichts mehr zu sehen.
Samshun, ein kettenrauchender Jäger, half mir beim nächsten
Sturm aus der Patsche. »Halt die Augen offen, hier in den Feldern
gibt’s Schneehühner«, forderte er mich auf, während er mich durch
die Ebene kutschierte. Ein im Moor fast unmerkliches Zucken
schwarz-weißer Federn genügte, um die Todeszone festzulegen.
Hastig setzte er mich an der Hauptstraße ab und machte eine
Kehrtwende. Ich war dankbar, dass er mich mitgenommen hatte.
Inzwischen hatte es aufgeklart, allerdings stand ich vor einem neuen
Problem: Ich war zu weit nach Westen geraten und musste östlich
tippeln, um zu den Ausläufern des Vulkans zu gelangen.
Den ganzen Weg auf der Hauptstraße drosch der Wind auf mich
ein und verteilte rechte Haken. Ich duckte mich, aber umsonst.
Erschöpft machte ich im Windschatten eines Frachtcontainers
Pause.
Vor mir lag immer noch die Überquerung des Markarfljót, doch es
gab eine Brücke. Felsbrocken ragten naseweis aus dem grauen
Wasser, das um Kiesbänke herumwirbelte und vom Ufer erbeutetes
Geröll ablud. Ich dachte an Njálls Sohn Skarphéðinn, der
axtschwingend über das Eis des Flusses schlitterte und seinem
Feind Þráinn den Schädel bis zu den Backenzähnen spaltete,
sodass einige seiner Zähne aufs Eis fielen. In Mäandern führt diese
Fehde auf den hitzigen Höhepunkt der Saga zu.
Noch immer mit scharfem Gegenwind stapfte ich zu den
Ausläufern des Eyjafjallajökull. Über eine Hangkante ergoss sich ein
Sturzbach – der eindrucksvolle Seljalandsfoss – und durchnässte die
Touristen, die zu dem felsigen Rundweg hinaufgekraxelt waren.
Neben der gewaltigen Kaskade sahen sie wie Liliputaner aus, die
Gullivers Arme hinaufkrabbelten.
Ein weiterer Wasserfall, kleiner und geheimnisvoller, verbarg sich
hinter der Öffnung einer nahen Schlucht: der Gljúfrabúi (»der in der
Schlucht«). Farn begrünte die steilen Felswände, in ihren Ritzen
sprossen Weidenröschen. Durch einen bemoosten Spalt konnte man
auf den glitzernden Wasservorhang sehen, doch man musste sich
durch einen Durchlass zwängen, um den Schwall zu spüren. Ich zog
Schuhe und Socken aus, rollte die Hosenbeine hoch und schloss
mich einem japanischen Paar in wasserdichter Kleidung an.
Gljúfrabúi wurde lange mit dem »verborgenen Volk« in Verbindung
gebracht, den Elfen, die in Island immer noch verblüffend viel
Einfluss haben. Letztes Jahr haben Straßenarbeiter versehentlich
einen »Elfenfelsen« zugeschüttet; eine Unglücksserie folgte, und sie
waren gezwungen, den Felsen wieder auszugraben. Auch wurde
infolge seltsamer Vorfälle, die den Elfen zugeschrieben wurden, der
Verlauf mancher Straßen geändert, und manche wurden sogar
überhaupt nicht gebaut.
Hier in dieser Höhle, von deren Steilwänden Wasser rauschte, war
es leicht, sich in der Gesellschaft übernatürlicher Wesen zu wähnen.
Ich dachte an Grettir, der mit einer Trollfrau ringt, die dann in einen
Wasserfall stürzt, und an die übernatürlichen Phänomene –
Zauberritte, blutiger Regen, prophetische Träume –, die sich durch
Njálls Saga ziehen. Obwohl die Saga längst nach der Bekehrung
zum Christentum entstanden ist, findet sich darin eine ganze Menge
Heidentum. Und in einem Land, in dem die Natur die beherrschende
Rolle spielt, bleibt ein Rest gesunder Respekt vor den in der Erde
wohnenden Wesen erhalten.
Wieder eine stürmische, regennasse Nacht. Der Wind ruckte an
meinen Zeltstangen, bis er sie umgeworfen hatte, und schleuderte
Regen durch den Spalt, wo ich den Reißverschluss nicht sorgfältig
genug geschlossen hatte. Wasser spritzte mir auf den Kopf und
durchtränkte den oberen Teil meines Schlafsacks. Nach mehreren
Stunden Wasserfolter zog ich meine nasse Ausrüstung aus dem Zelt
und brach in die Küche des Campingplatzes ein. Wieder einmal saß
ich dann vor einem Heizstrahler, um zu trocknen, während ich mit
halb geschlossenen Augen von dem Bett träumte, das ich auf Njálls
Bauernhof gebucht hatte und das nur noch einen Tagesmarsch
entfernt war. Es waren keine Berge und auch keine Flüsse mehr zu
überqueren, doch ich bezweifelte, dass mich das ungestüme
isländische Wetter auf der letzten Etappe in Ruhe lassen würde.
30
Seit die Bäume des Schildfeuers Njáll im Herbst im Haus
verbrannten, kann ich nicht vergessen den Schmerz.

Kári, Die Saga von Brennu-Njáll, Kapitel 13210

»Denn mit Gesetzen wird man unser Land aufbauen«, sagt Njáll,
»doch es mit Gesetzlosigkeit zerstören.« Überall im mittelalterlichen
Nordeuropa begann der Anwaltsberuf zu florieren, es entstand eine
der Kirche ebenbürtige Autorität, die sie schließlich sogar
überflügelte. Njáll, der bartlose kluge Friedensstifter, ist ein Vertreter
dieses aufstrebenden Berufsstands: Er ist ein Held, der nie
wutschäumend eine Waffe schwingt und eher geistige Beweglichkeit
als physische Kühnheit einsetzt. Mit der List des Odysseus, aber
ohne dessen Kampfkraft steht er für die Institutionalisierung der
Feder, die schließlich über das Schwert triumphieren sollte.
Doch Njáll verliert sein Leben, durch Flosis Zorn verbrennt er auf
seinem Hof. Njálls Saga ist eine eigenartig mehrdeutige Erzählung,
sie feiert die Macht des Gesetzes – streckenweise folgt die
Erzählung wie ein Gerichtsthriller den Zwängen juristischer
Verfahrensweisen –, erkennt aber zugleich ihre Grenzen. Als Njáll
einen Vergleich zu schließen versucht, weil seine Söhne den Goden
Höskuld ermordet haben, gelingt es ihm nicht, den Frieden zu
wahren. Flosi ist fast so weit, eine Geldbuße zu akzeptieren, doch da
verhöhnt ihn Njálls hitzköpfiger Sohn Skarphéðinn: »Weil erzählt
wird, dass du die Braut des Trolls von Svínafell seist, der jede
neunte Nacht kommt und dich zur Frau nimmt.« (also: »Leck mich
doch, du schwanzloser Phantom-Ficker!«) Und alle Hoffnung auf
eine Beilegung des Zwistes ist dahin. Die vielen gescheiterten
Rechtsfälle in Njálls Saga erinnern uns an eine Realität, die unsere
Welt bis heute überschattet: Unter dem dünnen Furnier eines
rechtsstaatlichen Verfahrens lauert eine ziemliche Brutalität. Flosi
mag zwar nicht das Transgender-Sexspielzeug einer Märchengestalt
sein, aber er ist Monster genug, um mit einer Brandstiftung eine
Familie zu töten.
Ich wanderte nach Süden in Richtung Meer, wobei ich zwischen
Borstgras und Torfmoos hin- und hermäanderte. Ich befand mich in
landwirtschaftlich genutztem Gebiet – ein Paar striegelte Pferde, ein
Bagger war beim Torfstechen. Auch am Ende meiner Wegstrecke
peitschte mich wieder Regen in seiner üblichen Allianz mit dem
Wind, also rannte ich geduckt zur Gunnarshólmi-Farm hinüber, wo
ich unter den schmalen Giebeln darauf wartete, dass es aufklarte.
Der Beschilderung nach führte die nächste Abzweigung nach
Bergþórshvoll, benannt nach Njálls Frau Bergþóra. Inzwischen
entfaltete sich Blau am Himmel wie heitere Banner, bald tupften ihn
nur noch Federwölkchen. Über meinem Kopf schrie eine
Gänseschar, die in V-Formation ein Feld überflog – wie ein
Militärgeschwader, das einen Kampfschauplatz sichtet. Der Weg war
voller Pfützen, aber ein Regenbogen verband die Lavahügel auf der
einen Seite mit den Gehöften auf der anderen. Den intensiven
Geruch von Torf in der Nase, wanderte ich weiter und näherte mich
ein bisschen taumelnd meinem Reiseziel.
An meinem rechten Fuß hatte ich eine neue Blase, und mir
schmerzte der Rücken. Ich hatte das Gefühl, ich würde damit einen
Tribut entrichten – den Preis für all die Wanderungen und
Klettertouren der letzten Monate, die im Freien verbrachten Nächte,
meine fast durchgelaufenen, zerfledderten Schuhe. Der Pfad wand
sich unendlich weiter, führte an einem Gehöft nach dem anderen
vorbei, bis er schließlich neben einem Briefkasten und einem
Elektrozaum um eine Viehweide auslief. Ich lehnte mich erschöpft an
die Metallstangen und sackte zusammen wie ein Läufer nach dem
Rennen.

10 Schildfeuer = Schwert; Bäume des Schwertes = Krieger, hier: die


Mordbrenner
Mein Gastgeber war Runolfur – ein hagerer Mann, dessen von
Fältchen umgebene Augen tief in den Höhlen lagen. Als er aus
seinem Haus trat, das auf einer Anhöhe stand, kläfften an seiner
Seite zwei Hunde. Der Bauch der Hündin schleifte fast am Boden.
»Hab nicht geschlafen«, sagte Runolfur mit vor Müdigkeit heiserer
Stimme. »Hoffentlich wirft sie heute Nacht.«
Er lebte mit seiner Frau und Sigurhurdur, ihrem Sohn mit Down-
Syndrom, seit zehn Jahren auf dem Hof, der aus ihrem Haus, einem
Pferch für ihre über dreihundert Schafe und Lämmer, einer
Pferdekoppel, einem Hühnerstall und einem Schuppen für ihre
Ziegen bestand. Außerdem gab es eine Kate mit Steinputzfassade,
die früher ein Pfarrhaus gewesen war. Das war mein Quartier.
»Schau mal dort hinüber«, sagte Runolfur und zeigte auf eine
kiesige Stelle auf dem Hügel neben seinem Haus, wo sich Schafe
drängten. »Da hat angeblich Njáll gelebt. Archäologen haben die
Überreste eines Bauernhauses und mehrere Leichname gefunden –
im Mittelalter hat es dort gebrannt. Nicht genau zu der Zeit, die in der
Saga genannt wird, doch es stimmt, dass dort etwas vorgefallen ist.«
Die isländischen Annalen datieren das Abfackeln von Njálls Hof
auf das Jahr 1010, doch bis die Saga niedergeschrieben wurde,
vergingen noch ein paar Jahrhunderte. Bis dahin hatte sich die
Geschichte in den Bereich des Mythischen verlagert. Für den
isländischen Wissenschaftler Einar Pálsson war Bergþórshvoll »der
Urhügel« bei der Entwicklung hin zu einem »Bild der Schöpfung«,
Orientierungspunkt in einem radförmigen Kosmogramm, das in der
isländischen Landschaft erkennbar ist. Jetzt war er allerdings
Schlafplatz von Schafen und Auslauf von Hühnern, die in einem
Grassodenschuppen, einem ehemaligen Kartoffellager, wohnten.
»Man glaubt, Flosi und die anderen Brandstifter sind hinter diesem
Hügel hervorgekommen«, sagte Runolfur, »und deshalb hätte sie
niemand gesehen. Aber da bin ich nicht so sicher. Der Hügel ist nicht
sehr hoch, hier ist es ja insgesamt eher flach, man hätte sie sehr
leicht entdeckt.«
»Ob der Autor die Gegend wohl kannte?«, fragte ich.
»Wenn man die Saga liest: nein. Oder er hat sich einfach
herausgepickt, was zu seiner Geschichte passte. Was ihm gelungen
ist, es ist eine großartige Geschichte!«

Am Nachmittag stattete ich dem Ziegenstall einen Besuch ab. Von


den Dachsparren hingen Wasserschläuche und Sägen herab,
dazwischen Hämmer, Pferdegeschirr, Eisenschuffeln und Zinken.
Futtertröge standen im Stroh, an einem Holzzaun lehnten Waagen.
Die Ziegen schubsten einander mit ihren Hörnern und drängten mit
schelmischem Blick aus klugen Augen unter dicken
Altmännerbrauen durch das lose Metallgatter. Doch kurz bevor ihnen
der Ausbruch ins Freie gelang, ertönte hinter mir ein Ruf. Runolfurs
Sohn Sigurhurdur stand im Eingang, eine schwarze Silhouette im
Gegenlicht. Jetzt stürmte er herein und brüllte die Ziegen an, bis sie
sich wieder in ihr Gehege verzogen. Die widerspenstigsten Tiere
zerrte er an den Hörnern von der Tür zurück hinter die Absperrung.
Sigurhurdur, mit Overall und Kappe ausgerüstet, war ganz in
seinem Element. Über die Schulter grinste er mich zufrieden an –
alle Ziegen waren wieder da, wo sie hingehörten, sie hatten sich
seiner Autorität gebeugt. Ihm glückte gerade alles. Er wies auf das
motorisierte Dreirad, das auf der anderen Seite des Elektrozauns
geparkt war. Ich hatte keine Ahnung, wohin er mich bringen wollte,
doch meine Neugier war geweckt. Letztlich drehten wir einfach eine
Runde um den Hof und fuhren dann zum Hühnerstall. Während wir
so dahintuckerten, formte er mit gutturalen Lauten in rascher Folge
Wörter, doch ich verstand nicht das Geringste. Lediglich die
Bezeichnungen der Tiere konnte ich erahnen, und ich haderte mit
mir, weil ich nicht mehr Isländisch gelernt hatte (nach einem kurzen
Vokabel-Lernanfall auf der Fähre hatte ich kaum Fortschritte
gemacht). Hestur – »Pferd!«, Hundur – »Hund!«, Kjúklingur –
»Huhn!« Zumindest ein paar Wörter hatten wir gemeinsam.
Ich stieg vom Dreirad, und wir winkten einander zum Abschied zu.
Sigurhurdur musste zurück zu den Ziegen und ich hinüber zur
Pferdekoppel. Ich hatte mir Bergþórshvoll als einen Ort der Toten
vorgestellt, den Schrein einer Geschichte aus längst vergangener
Zeit. Doch es ging hier sehr lebendig zu, und die Verbindung zur
alten Zeit ergab sich aus denselben natürlichen Vorzügen, der
fruchtbaren Ebene und den üppigen Weiden, die einst Njáll und
seine Familie vor tausend Jahren hierhergebracht hatten.
Hinten am Feldrand ritt ein Paar auf Pferden hinter einem munter
wirkenden Hund her. Ich sollte Ara und ihren Partner am nächsten
Tag kennenlernen, denn sie nahmen mich in ihrem Auto mit nach
Hvolsvöllur. Die beiden hatten auf dem Nachbarhof Káragerdi einen
Stall gemietet.
»Er heißt so nach Kári, dem Typ aus der Saga«, erzählte Ara,
»denn dorthin ist er angeblich geflüchtet, nachdem er dem Feuer
entkommen ist. Und manche Leute behaupten, dass seither ein
Fluch auf diesem Ort liegt.«
Als ich erwähnte, dass ich im Gästehaus übernachtete, lachten
beide auf. »Tja, das war das Haus des Pfarrers«, meinte Ara. »Aber
er hat die Leute auf dem Hügel gehasst. Die Bewohner von
Káragerdi und die Leute von Bergþórshvoll sind nie miteinander
ausgekommen, ständig haben sie sich gegenseitig verklagt. Wer
darf die Straße benutzen, wem gehört der Zaun, wer hat das
Nutzungsrecht auf welchem Stück Land? Wir nennen es das
Kriegsgebiet!«
Die Fehden wurden von Generation zu Generation weitergereicht,
als ob die Geister der Saga-Schreiber über diese Felder herrschten,
die alten Konflikte immer wieder von Neuem schürten und die
Vergangenheit mit der Gegenwart vermengten. Ich dachte an Kári,
den ultimativen Helden der Saga, und erinnerte mich an seine
Trauer nach dem Brand. Er hatte seinen Sohn verloren, und die
Brandstiftung war ihm stets gegenwärtig. So dichtete er:

Helmtrollwetzer entkam in Njálls Haus


dem Holzschweiß, widerwillig, wütend,
als wilde Schwertgötter, Schlachtbaum,
schon Raub der Flammen wurden.
Edle, gebt acht auf meine Worte,
euch klage ich mein Leid.11
11 Helmtroll = Schwert; Wetzer des Schwertes = Krieger, hier: Kári;
Holzschweiß = Rauch; Schlachtbaum = Krieger, hier: Gissur;
wilde Schwertgötter = Njáll und seine Söhne

Das ist Lyrik als Erinnerung und Versprechen. Kári drückt hier seine
tiefsten Gefühle aus. Nachdem ein Prozess wegen der Brandstiftung
zu einer gewalttätigen Schlägerei entartet ist, zieht er los, um auf
seine Art Rache zu üben. Eine der eindrücklichsten Episoden findet
auf den Orkneys statt, wo er am Hof des Jarl zufällig mitanhört, wie
einer der Brandstifter hämisch das Geschehene verdreht. »Kári
ertrug es nicht mehr. Mit gezücktem Schwert stürmte er in die Halle
und sprach die folgende Strophe: Brandhetzer brüsten sich mit der
Verbrennung Njálls … Dann lief er durch die ganze Halle und schlug
Gunnar Lambason das Schwert in den Hals.« Blut wurde vergossen
und Verse wurden geschmiedet, beides verschmolz miteinander in
der Aufrechnung von Káris Gram.
Gram … wieder dieses alles durchtränkende Gefühl, das als Motiv
über meiner ganzen Reise gelegen hatte. Nie wusste ich genau, ob
ich meine Erfahrungen und meine Erinnerungen auf die Epen
projizierte oder ob sie mich teilweise auch gerade wegen ihres
Umgangs mit leidvollem Kummer faszinierten. Ja, die Dichter der
Epen mögen die Schlachten ausgekostet haben, aber sie waren sich
auch immer der Folgen bewusst: der Rechnungen, die nach jedem
Krieg zu begleichen sind. Viele dieser Geschichten hatten eine
kathartische Wirkung auf mich gehabt, und auch wenn die
Charaktere ihren Gram auf sehr unterschiedliche Weise bewältigten,
hatten sie mir dabei geholfen, einige Fragen zu reflektieren, mit
deren Bewältigung ich gekämpft hatte.
Literatur macht uns weniger einsam, sie kann Schmerz lindern –
insbesondere bei denjenigen unter uns, denen es nicht leichtfällt,
über ihre Gefühle zu reden. Wir können die Bürde mit den Personen
teilen, die uns in den Geschichten begegnen. Ich dachte an Njáll,
dem Höskulds Tod derart zu Herzen geht, »dass er später nie mehr
ohne Tränen darüber reden konnte«. Ich erinnerte mich an
Odysseus’ Bestürzung darüber, dass er seine Mutter bei ihrer
Begegnung in der Unterwelt nicht umarmen kann. Und an die Mutter
der Jugovićen, der die Trauer um ihre gefallenen Söhne das Herz
bricht, sowie an Wiglaf, der Beowulf beklagt, »den Liebsten der
Lieben«.
Mir ist es immer schwergefallen, über meinen Kummer zu
sprechen. Jahrelang hatte ich meine Gefühle für mich behalten und
nicht geahnt, dass sie mich innerlich zerfraßen. Mein Gram war mit
Schuldgefühlen durchsetzt, weil ich am falschen Ort war, als mein
Vater starb – ich fand es schwer, damit zu leben. Ich erinnerte mich,
wie ich vor Jahren an die Tür einer verschlossenen Kirche in
Jerusalem gehämmert hatte. Es war der Tag, an dem ich erfuhr,
dass mein Vater sterben würde, und ich wollte beten, jedenfalls
dachte ich das, obwohl ich wusste, dass es zu spät war. Aber
eigentlich hatte ich gar nicht beten wollen, nicht wirklich, ich wollte,
dass mich der Priester anbrüllte, was er auch tat. Ich wollte einen
erbitterten Streit, und den bekam ich, worauf es mir tatsächlich für
kurze Zeit besser ging. Danach fühlte ich mich deswegen noch
mieser.
Die Zeit heilt nicht alle Wunden, vor allem die großen nicht, aber
es gibt andere Medizin. Für mich hatte diese Reise im Jahr zuvor
begonnen, als ich mit meiner Familie im Auto quer durch Europa
fuhr. Meine Kinder hatten mich mehr als alle anderen gelehrt, die
Vergangenheit loszulassen und begeistert darüber zu sein, was
direkt vor einem liegt. In mancherlei Hinsicht war die jetzige Reise in
dieser Hinsicht ein Rückschritt gewesen, viel stärker aber hatte sie
zu einer Erneuerung des Lebens, einer Achtung der Gegenwart
beigetragen. Odysseus weigert sich, dem Ruf der Sirenen zu
erliegen, die ihm von Troja singen wollen. Er segelt ihnen davon, wie
er auch aus dem behäbigen Inselparadies der Nymphe Kalypso
fortsegelt, hin zum echten Leben auf Ithaka. Die Geschichte des
Odysseus ist die Geschichte eines Kriegsüberlebenden, der sich von
der Vergangenheit freimacht. In Njálls Saga nimmt Káris Leben
einen ähnlichen Verlauf. Er will nicht in der Vergangenheit stecken
bleiben und findet einen Weg, sich daraus zu befreien. Nach all dem
vielen Mord und Totschlag versöhnt er sich durch Flosis Nichte mit
der Gegenwart.
Die Epen mögen Geschichten aus der Vergangenheit sein, aber
sie handeln von der Gegenwart. Und es gibt in ihnen wertvolle
Lektionen, wie man es vermeidet, sich von der Vergangenheit
beherrschen zu lassen. Denn die Vergangenheit ist stark wie die
Sonne – wenn wir zu lange in sie starren, werden wir blind. Ich
konnte es kaum erwarten, nach Hause zu fahren. Ich wollte die
Menschen, die ich liebte, umarmen und sie an mich drücken und
festhalten und ihnen sagen, wie sehr ich sie vermisst hatte.

Im schwindenden Licht nahm ich meine fast leere Whiskyflasche,


stieg den Hügel empor und setzte mich auf das Grassodendach des
Hühnerstalls. Meine Reise ging zu Ende, und ich empfand ein
seltsames Gleichgewicht, als habe sich etwas in meinem Körper
ausbalanciert. Das passiert mir alle paar Jahre: Dann packt mich
dieses lächerliche Bedürfnis, mich zu einem halbmythischen Ort
davonzustehlen. Aus meinem Leben wegzulaufen und mich
Geschichten und Pfade entlangtreiben zu lassen. »Unglücklich wird,
wer in einem Unland aufwuchs«, sagt der von Heimweh geplagte
Krieger Hrút ziemlich am Anfang von Njálls Saga, als er nach Island
zurückkehren möchte. Ich musste weit reisen, um die Wahrheit
dieses Ausspruchs zu begreifen, und vermutlich wird das auch in
Zukunft so sein.
Der Schuss aus einer Schrotflinte durchschlug die Stille – Jäger
auf der Pirsch nach Gänsen oder Moorschneehühnern. Ich erinnerte
mich an die Jäger, die ich kennengelernt hatte, aber auch an die
Flüchtlinge, die vor Beschuss und Brandanschlägen geflohen waren.
Während ich von dem dramatischen Angriff auf Njálls Bauernhaus
las – wie skrupellos die Brandstifter vorgingen, wie trotzig sich Njálls
Söhne wehrten und wie sich Káris Sohn zwischen seine Großeltern
legte, um mit ihnen im Bett zu verbrennen –, dachte ich unwillkürlich
an andere, unruhige Orte, die in Schutt und Asche gelegt wurden.
Ich legte mich auf den Rücken, der Whisky brannte mir auf der
Zunge. Der Mond über mir hatte die Farbe von frischem Skyr. Ich
dachte über die Saga nach, darüber, wie sich ihre letzten Segmente
gefällig aneinanderreihten gleich fahlen Hügeln in einem breiten Tal.
Als Kári von seiner Pilgerwanderung zurückkehrt, sucht er das Haus
des hauptverantwortlichen Brandstifters auf, um »zu erproben, wie
groß Flosis Großmut sei«. Flosi geht ihm entgegen und gibt ihm den
Willkommenskuss, und letztlich heiratet Kári sogar Flosis Nichte
Hildigunn – die Witwe Höskulds, dessen gewaltsamer Tod zu der
Brandstiftung geführt hatte, die Kári hatte rächen wollen. Es ist zu
viel Blut vergossen worden, als dass dies ein triumphaler
Schlusspunkt sein könnte. Aber zumindest wird damit der
Teufelskreis der Gewalt durchbrochen.
Am Ende der Odyssee können nur die Götter dem Kampf Einhalt
gebieten. Am Ende des Nibelungenliedes ist kaum noch jemand
übrig, den man umbringen könnte. Doch Njálls Saga bietet einen
Hoffnungsschimmer – dass Menschen auf Gewalt nicht zwingend
mit Gegengewalt reagieren und zu guter Letzt ihre Streitäxte zur
Seite legen und die Feuer löschen können.
Inzwischen whiskyselig, saß ich oben auf dem Hügel und dachte
an die Ausbrüche von Zorn und Gewalt im Verlauf meiner Reise: an
die Kämpfe in den Flüchtlingslagern, die Anarchisten in Athen, die
politischen Spannungen im Kosovo, den immer noch bestehenden
Würgegriff der Mafia in Sizilien, die enttäuschten Bestrebungen der
Basken, die rechten Demagogen in Deutschland, die bitteren
Auswüchse des Brexit. Der zivilisierteste Kontinent der Welt? So
sieht sich Europa gern … aber ist es hier wirklich besser als
anderswo? Nach dem, was ich in den letzten Monaten gesehen
habe, bezweifle ich das.
Die seltsame, traurige Geschichte von Njáll und Gunnar ist ein
Echo auf die europäischen Epen: auf den Brand von Troja; auf den
Saalbrand, den Kriemhild aus Rache an ihren Brüdern legen lässt;
auf den Drachen, der Beowulfs Thronsaal niederbrennt. Doch in ihr
hallen auch die Höllenfeuer wider, die in den schlimmsten Winkeln
unserer Welt weiterhin lodern. Während ich dies schreibe, verbrennt
irgendwer irgendwo in seinem Zuhause wie Njáll und seine Familie,
jagt jemand quer durch Europa wie Kári und versucht sich einen
Reim auf den Horror zu machen, dem er so knapp entronnen ist.
»Kurz erfreut sich die Hand des Hiebs«: Njálls Saga erstickt die
Flammen des heroischen Epos, dieser Schmelzhütte, in der Europa
geschmiedet wurde. Natürlich wurden auf dem Kontinent auch
weiterhin Epen verfasst (der Kosovo-Zyklus wurde erst später
schriftlich fixiert, Dante Alighieris Göttliche Komödie, die etwa
zeitgleich zu dieser Saga geschrieben wurde, sollte die epische
Tradition für ein gebildetes Publikum noch einmal aufleben lassen),
aber begabten Geschichtenerzählern erschlossen sich bereits die
Möglichkeiten der Prosa.
Auf der einen Seite geträumte Prophezeiungen und Helden, die
auf verlorenem Posten kämpfen, auf der anderen verzwickte
Gerichtsprozesse und umsichtige Schlichtungen – zwischen diesen
gegensätzlichen Sphären hin- und herschwankend, erforscht dieses
komplizierte Meisterwerk die Weiten des Epos, nur um sich davon
abzuwenden. Das Epos, verkörpert in der Person von Gunnar, kann
das komplexe Geflecht, auf dem unsere Welt beruht, nicht mehr
fassen – so die Argumentation der Saga. In dieser Hinsicht ist Njálls
Saga ein Ausblick in die Zukunft, auf die psychologische
Vielschichtigkeit und die formalen Raffinessen des Romans ebenso
wie auf das facettenreiche Bild einer Gesellschaft, die zwischen
Rechtsweg und Gewalt, dem alten und dem neuen Glauben hin- und
hergerissen ist. Gleichzeitig bietet sie einen anschaulichen Einblick
ins mittelalterliche Christentum – was diese Erzählung vom
äußersten Rand des Kontinents ebenso europäisch macht wie jeden
ihrer epischen Vorläufer.
Als ich mich aufrappelte, fielen mir Grashalme von den Schultern.
Um nicht über die schlummernden Schafe zu stolpern, schlängelte
ich mich ganz langsam zwischen ihnen hindurch. Leuchtend violette
Formen huschten den Himmel entlang, als pressten sich die
geprügelten Gesichter der vor langer Zeit verstorbenen Helden an
die Außenhaut unserer heutigen Welt. Fasziniert von den
mysteriösen Zuckungen der Polarlichter starrte ich eine Weile hinauf,
bevor ich meine Schritte in Richtung des alten Pfarrhauses lenkte.
Ich hatte den Kontinent durchmessen und dabei den Wechsel der
Jahreszeiten erlebt, vom vor Säften strotzenden Frühling in
Griechenland bis zum sturmgepeitschten Beginn des isländischen
Winters. Gunnar wollte seine Heimat nicht verlassen, und Odysseus
setzte all seinen Scharfsinn ein, um in die seine zurückzukehren.
Beide großen Erzählungen, die meine Reise rahmten, richteten ihr
Augenmerk auf ihr Zuhause. Und das tat jetzt auch ich.
8 = 9 Kielspur
Þ wird meist als stimmloses th (wie im englischen thing) ausgesprochen.
Meer, Gewässer; Stute des Meeres, des Gewässers = Schiff;
Steuermann des Schiffes = Seefahrer; Kjöl = die westliche der
beiden Hauptrouten über das Hochland im Landesinneren;
Seebalken = Schiff; Mond des Schiffes = Schild (der auf die
Reling gesteckt wird); Sturm des Schildes = Schlacht; Baum der
Schlacht = Krieger
10 Schildfeuer = Schwert; Bäume des Schwertes = Krieger, hier: die
Mordbrenner
11 Helmtroll = Schwert; Wetzer des Schwertes = Krieger, hier: Kári;
Holzschweiß = Rauch; Schlachtbaum = Krieger, hier: Gissur;
wilde Schwertgötter = Njáll und seine Söhne
EPILOG

Acht Monate, nachdem ich Njálls Gehöft erreicht hatte, war ich
wieder unterwegs und fuhr von München nach Wien. Ich hatte meine
Reise so gelegt, dass ich ein Theaterfestival besuchen konnte, denn
im Rahmen der Wiener Festwochen wurde im Theater an der Wien
eine Vorstellung gegeben, der ich bei meiner Reise durch Europa
fast ein Jahr lang vergeblich hinterhergejagt war. Doch jetzt bot sich
die Gelegenheit, dieses Versäumnis wettzumachen, und ich lehnte
mich über die Brüstung des dritten Rangs und sah The Song of
Roland: The Arabic Version.
Auf der Bühne saßen, mit Turbanen und im Schneidersitz,
achtzehn Fidjeri-Sänger aus Bahrain und den Vereinigten
Arabischen Emiraten und sangen in klassischem Arabisch eine
Übersetzung aus dem mittelalterlichen Französisch, wobei eine
deutsche Übertitelung über den Proszeniumbogen lief (Fidjeri ist
eine jahrhundertealte Musiktradition, die ihre Wurzeln in der Tradition
der Perlenfischer hat). Tiefe Bässe grollten, akzentuiert vom
Trommeln der Tablas, sie dröhnten und schallten wie der Ruf des
Muezzins zum Gebet.
Während meiner Reise hatte ich Epen aufgespürt, die an
öffentlichen Orten aufgeführt wurden: die im Wechselvortrag zur
Lyrabegleitung gelesene Odyssee in Athen, den von Guslari
rezitierten Kosovo-Zyklus, Dramatisierungen des Nibelungenliedes.
Es waren schließlich allgemein zugängliche Geschichten, die für
eine große Zuhörerschaft ersonnen worden waren. Und nun wurde
mir die größtmögliche Überraschung geboten: ein französisches
Epos über den Zusammenstoß von Christen und Muslimen im 8.
Jahrhundert, von arabisch singenden Muslimen auf dieses Publikum
des 21. Jahrhunderts zurückgepfeffert. Es war die radikalste
Interpretation eines europäischen Epos, die ich je gesehen hatte –
weshalb es ein passender Abschluss meiner Reise war.
Das Stück war bereits in Hamburg, Frankfurt und Athen aufgeführt
worden, doch aus meiner Sicht war Wien der passendste Ort für
diese Geschichte. Denn dass im Heer Karls des Großen Baiern und
Sachsen dienten und »der König der Franken« zu seiner Pfalz in
Aachen zurückkehrte, erinnert uns daran, dass es sich ebenso um
eine Geschichte des deutschen Imperialismus handelt wie des
französischen. Beziehungsweise – um den Regisseur der
Inszenierung, den ägyptischen Künstler Wael Shawky zu zitieren –
des »europäischen Imperialismus«. Und nur wenige Orte verkörpern
das Herz des europäischen Imperialismus mehr als die ehemalige
Kapitale des Heiligen Römischen Reiches.
»Die Geschichte datiert noch aus der Zeit vor den Kreuzzügen«,
erklärte Wael, ein schelmischer Lockenkopf, der neben mir im
Auditorium saß, bevor sich der Vorhang hob. »Aber zur Zeit der
Kreuzzüge wurde sie ein sehr wichtiges Propagandainstrument. Ich
behaupte nicht, dass sich Geschichte wiederholt, aber wir wissen,
was vor tausend Jahren passiert ist, wir kennen die Folgen und
können die Parallelen zu heute ziehen.«
Für Wael ist das Rolandslied mit seiner Haltung, die zu den
Kreuzzügen inspirierte, eine Form von »christlichem
Dschihadismus«, der die jüngeren geopolitischen Kämpfe befeuert.
Indem er dieses mittelalterliche französische Gedicht mit den
Stimmen arabisch sprechender Menschen aus Bahrain und den
Vereinigten Arabischen Emiraten erklingen lässt, zieht er ganz
bewusst eine Verbindungslinie zum »Öl-Imperialismus« des 20.
Jahrhunderts. »Die Entdeckung des Öls hat für die Perlenfischer-
Gemeinden alles verändert«, sagte er. »Westliche Ölkonzerne
kamen auf der Suche nach Geld und Macht, also mit derselben
Motivation, die auch hinter den Kreuzzügen stand.«
Lauschte man dem tiefen Chorgesang, entstand eine ironische
Dissonanz zwischen dem klassischen Arabisch und seinem in der
Übertitelung gezeigten Textinhalt: »Die Heiden sind im Unrecht«,
intonierten die Muslime, »und die Christen im Recht.« Mit ihren
Stimmen gesungen, war das nicht bloß eine Verdrehung, sondern
auch eine Anklage, die direkt auf das Publikum zielte. Aber es
wurden auch der Seidenstoff aus Galaza besungen, in den Rolands
Leichnam gehüllt wird, die Elfenbeinhocker, der orientalische
Schmuck, der den Verräter Ganelon fasziniert. Die Erzählung wurde
hier gewissermaßen umgestülpt, und das erinnerte mich wieder an
die eigenartige Mehrdeutigkeit dieser europäischsten aller Sagen.
»Die ganze Geschichte besteht daraus, dass Leute einander
hintergehen«, so Wael, »und das passiert in der heutigen Welt
genauso.« Trotz all seiner Polarisierungen bietet das Rolandslied
aber auch Einblicke in die menschlichen Schwächen auf beiden
Seiten der geopolitischen Bruchlinien.
Dieser ambivalente Dialog mit Europas Nachbarn zeichnet nicht
nur das Rolandslied aus. Er taucht auch im Nibelungenlied auf – mit
der Ninive-Seide, aus der Brunhilds Gürtel gewoben ist, den
arabischen Seidenstoffen, aus denen Kriemhild Siegfrieds und
Gunthers Gewänder fertigt, und den ägyptischen Schätzen des
Menelaos in der Odyssee. In jedem europäischen Epos gibt es
Hinweise, mögen sie auch noch so versteckt sein, dass Europa
keine Insel, sondern mit anderem Festland verbunden ist – und das
nicht nur in geografischer Hinsicht. Wir können die Geschichte
Europas nur dann wirklich würdigen, wenn wir seinen Einfluss auf
andere Kontinente anerkennen und wiederum deren Einfluss auf
Europa.
Als ich zu meiner Reise durch Europa aufbrach, wollte ich
herausfinden, was uns die Epen über den heutigen Kontinent
erzählen. Das Rolandslied weiß, ebenso wie der Kosovo-Zyklus, viel
über den historischen Konflikt zwischen Christen und Muslimen zu
berichten, über ihre beiderseitige Ignoranz und die Zerstörungskraft
des Krieges. Noch immer verhandeln wir die scheinbar
unüberwindliche Spaltung, die in diesen Geschichten thematisiert
wird, und noch immer sind wir von einer Lösung weit entfernt. Das
Nibelungenlied wirft ein Licht auf den Preis von starren Prinzipien
und Gewaltexzessen und auf die zerstörerische Macht des Leids.
Der Beowulf besingt eloquent den Wert von Bündnissen und die
Härte, der es bedarf, um mit einer massiven Bedrohung umzugehen.
Die Odyssee erinnert uns daran, wie gefährlich das Mittelmeer sein
kann, und öffnet uns die Augen dafür, wie schwer es ist, mit den
Folgen eines Krieges fertigzuwerden. Die Saga von Brennu-Njáll
wiederum ist eine Studie über Gesetz und Fehden: Sie thematisiert
die Spannungen zwischen Rechtssystem und Urinstinkten, wobei sie
aufzeigt, wie Konflikte generationenlang weiterschwären können,
wenn sie nicht angemessen gelöst werden. Alle diese Geschichten
illustrieren die Gewalt, die das Erbe eines jeden Europäers ist, und
erinnern uns daran, dass die europäische »Zivilisation« auf den
Aschehaufen einer sehr blutigen Vergangenheit errichtet wurde.
Aber sie zeigen uns auch die Herausbildung der gesellschaftlichen
Systeme, die diese »Zivilisation« geschaffen haben – vom Entstehen
der griechischen Stadtstaaten zu den feudalen Höfen und der
Entwicklung des Rechtssystems im Norden.
Jedes dieser Epen hat seinen Fingerabdruck in der Geschichte
hinterlassen. Manche unterstützten einen radikalen Wandel ihrer
Gesellschaft in nur wenigen Generationen – das Rolandslied war ein
Weckruf für Kreuzfahrer und normannische Heere, die Epen Homers
beförderten die Herausbildung einer griechischen Identität und die
Gründung des Attischen Seebunds. Und alle haben die Entwicklung
eines modernen Nationalstaats vorangetrieben. Der griechische
Unabhängigkeitskrieg und die serbischen Aufstände gegen die
osmanische Herrschaft waren von Homers Epen beziehungsweise
vom Kosovo-Zyklus beeinflusst. Das Rolandslied war während des
Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 immens wichtig für die
französische Identität. Der Schatten des Nibelungenliedes reicht von
den Napoleonischen Kriegen bis zum Zweiten Weltkrieg. Beowulf
hat den geistigen Urheber der dänischen Identität inspiriert (ganz
abgesehen von seiner Wirkung auf die Fantasy-Romane des 20.
Jahrhunderts). Und die Saga von Brennu-Njáll, die beliebteste der
isländischen Familiensagas, spielte eine wichtige Rolle bei der
Durchsetzung der isländischen Unabhängigkeit.
Dabei sind die kraftvollen Vermächtnisse dieser Geschichten nicht
alle positiv. Der Missbrauch des Nibelungenliedes durch deutsche
Politiker und des Kosovo-Zyklus durch die Warlords auf dem Balkan
sind besonders ungeheuerliche Beispiele dafür, wie gefährlich diese
Epen sein können. In ihnen keimen die Samen des Schreckens,
denn es sind düstere Erzählungen, in denen massenhaft gemordet
wird. Wie so viele unserer anregendsten Beschäftigungen sind sie
sehr aufregend und sehr riskant – weshalb diejenigen, die sie
verbreiten, verantwortungsvoll damit umgehen sollten.
Aber diskreditiert das die Epen? Gewiss nicht. Gerade weil sie vor
Vitalität strotzen und sich tief in unser kulturelles Fundament
gegraben haben, können sie ja derart drastisch manipuliert werden.
»Njálls Saga lebt«, hatte Kristín Ragna Gunnarsdóttir zu mir gesagt,
und das gilt für alle diese Erzählungen. Sie zeigen weiterhin neue
Facetten, wenn man sie in anderem Licht betrachtet, und weisen
neue Wege, die Welt zu erforschen. Auf diesen Geschichten gründet
Europa, und sie werden immer da sein, warnend und verlockend,
anstachelnd und verwirrend – wie reizbare Götter, deren Wille
Normalsterblichen verborgen bleibt. Würde man sich dieser
Geschichten entledigen, diese Bücher verbrennen, so wäre das, als
entzündete man einen Scheiterhaufen für den Panther oder den
Schneeleoparden.
Und sind sie es noch wert, gelesen zu werden? Absolut! Diese
Geschichten haben Europa geformt, ohne sie würde ein
entscheidender Teil der europäischen Erzählung fehlen. Wir wären
unwissender, unser Zugang zur Vergangenheit würde sich
mühsamer gestalten. Es gibt keine bessere Möglichkeit zu
verstehen, wie Menschen früher empfunden haben, was sie
geglaubt, wie sie sich selbst gesehen, wie sie auf diese Selbstbilder
reagiert und sie neu geformt haben. Diese Geschichten helfen uns,
die strukturellen Entwicklungen und Brüche zu verstehen, die die
Welt schufen, in der wir heute leben.
Aber diese Geschichten sind es auch wert, gelesen zu werden,
weil sie so gut zu lesen sind. Vergessen Sie Relevanz – diesen
überstrapazierten Begriff. Ihre Relevanz besteht vor allem und in
erster Linie in der brillanten Erzählweise. Das Nibelungenlied und
der Beowulf sind ebenso fesselnd und dramatisch wie jeder Fantasy-
Blockbuster, aber sie gewinnen durch die Stimmen der Erzähler
zusätzlich Glaubwürdigkeit, denn sie rufen uns ins Gedächtnis, dass
diese Geschichten in den Gefahrensituationen entstanden sind, die
sie schildern, und nicht aus der komfortablen Distanz eines heutigen
Schriftstellers in ein Notebook getippt wurden. Für ihre Autoren
zählten Raubzüge, Pest, Zauberei, grausige Geister und Schande zu
den täglichen Bedrohungen im Leben, und diese Gefahren knistern
in den Versen mit. Njálls Saga ist so packend wie ein Gerichtsthriller.
Sowohl das Rolandslied als auch der Kosovo-Zyklus sind düster und
durchzogen von Stammeskonflikten, doch man findet darin auch
mannigfache Vergnügungen, aufregende Kampfszenen und
faszinierende Zweideutigkeiten. Und vergessen wir nicht die
Odyssee. Doch wie könnten wir? Sie sei der erste Roman, wurde oft
gesagt, die erste Schauergeschichte, das erste Fantasy-Buch, die
erste Reisebeschreibung. Und welches Genre man auch wählt, es
ist nicht leicht, ein Buch ähnlicher Qualität zu finden. Odysseus ist
Europas größter Held und der langlebigste, in jeder Beziehung.

Auf meiner Reise bin ich einem Gewirr aus Fäden gefolgt, die die
europäischen Sagen von Nord nach Süd, von Ost nach West
verbinden. Ob Gunnar seinen Bogen spannt, um die Angreifer
abzuwehren, oder einen Sportwettkampf fern von zu Hause gewinnt,
ob er sich als Krämer verkleidet, um seinen Rivalen auszutricksen –
stets ruft er dabei die Erinnerung an Odysseus’ Taten wach und zieht
damit eine unsichtbare Verbindungslinie von Norden nach Süden.
Wenn Fürst Lazar vor der Schlacht auf dem Amselfeld seine Ritter
zum Nachtmahl um sich sammelt, bezieht er sich dabei auf einen
feudalen Ehrenkodex, der König und Gefolge am Hofe Karls des
Großen ebenso miteinander verbunden hat wie an Etzels Hof im
Nibelungenlied. Und als Beowulf den Drachen tötet, ist das ein
Schulterschluss mit dem Drachentöter Siegfried, der wiederum mit
den vielen Rollen, in die er dank der Tarnkappe schlüpft, das Netz zu
Odysseus im Süden und zu Gunnar im Norden weiterspinnt.
Aber nicht diese Motive führten dazu, dass ich mich nun mehr als
Europäer fühlte, es waren der Spaß am Lesen der Geschichten und
die Begegnungen mit Menschen, die sie ebenfalls mochten. Als ich
mich mit Albert Ostermaier über seine Nibelungen-Stücke unterhielt
und als ich die Rezitatoren der Odyssee in Athen kennenlernte,
spürte ich sofort eine Verbundenheit mit ihnen, denn uns einte die
Liebe zu diesen Erzählungen. Meine schönsten Reiseerlebnisse
waren diese Augenblicke der Zusammengehörigkeit – als ich mit den
Mitgliedern der Iðunn-Gesellschaft in Reykjavik zusammensaß, als
ich zuhörte, wie Eberhard Kummer seine Schoßharfe spielte, als ich
mit anderen Lesern in Roncesvalles das Rolandslied rezitierte und
mit den Guslaren in Višegrad Rakija trank. Nie waren die Epen
lebendiger für mich, als wenn ich sie in den Augen anderer aufleben
sah.
Und noch eine Überraschung gab es: Es waren nicht nur die
Helden, die die Geschichten prägten. Unter den vielen anderen
Gestalten, die weniger stark im Rampenlicht standen, gab es einige,
die mich lange nicht losließen, nachdem ich das Buch beiseitegelegt
hatte. Jemand wie Telemachos, der vom scheuen Jüngling zum
Mann heranwächst und sich neben seinem Vater im Kampf bewährt
(und bestürzenderweise ohne Wimpernzucken Mägde erhängen
kann), oder Rüdiger von Bechelaren, der sein Leben um der Ehre
willen opfert. Oder auch Wiglaf, Beowulfs Verwandter und Mitstreiter
gegen den Drachen, der Inbegriff der Treue. Und Figuren wie
Nausikaa, die selbstbewusste phaiakische Prinzessin, die Mitleid mit
Odysseus hat, den sie als nackten Schiffbrüchigen auffindet, oder
Gunnars streitbares Weib Hallgerð und die gewitzte und überaus
duldsame Penelope.
Helden sind gefährlich, nur selten weisen sie uns einen gangbaren
Weg. Deshalb müssen sie ja sterben oder in die Verbannung gehen.
Deutet denn die Rückkehr des Odysseus auf eine rosige Zukunft für
Ithaka hin? Es ist der solidere Telemachos, der für die Zukunft der
Insel steht – ebenso wie Islands Hoffnungen nach Gunnars Tod auf
dem Friedensschluss zwischen Kári und Flosi ruhen. Europäische
Sagen sind Geschichten vom kollektiven Tod des Helden, an dessen
Stelle ein System, ein Staat oder die Verständigung der Gegner tritt;
diese Linie geht vom mittelalterlichen isländischen Rechtssystem
zum »Superstaat« Karls des Großen. In dieser Hinsicht ist es
wirklich die Geschichte Europas: wie es geschaffen wurde, wie sich
seine Institutionen entwickelt und den Kontinent aus dem Würgegriff
mächtiger Individuen befreit haben.
Doch Helden verschwinden nie völlig. Individuen können getötet
werden, Ideen aber überdauern. Populisten, die auf eine allgemeine
Enttäuschung abzielen und der Masse nach dem Mund reden,
werden immer Anhänger finden, vor allem wenn sie sich als
Alternative zum Status quo aufspielen. Aber sie sind selten
verlässliche Führer in eine tragfähige Zukunft.
Was die Epen wirklich zum Klingen bringt, sind weniger die Helden
als vielmehr die Gesellschaftspanoramen der Antike und des
Mittelalters. Wir können uns nach Jahrhunderten ein Bild machen
und uns selbst in den Menschen wiedererkennen, die Europa vor
uns bewohnt haben, können unsere Vorfahren kennenlernen und die
Welt mit ihren Augen sehen. Die Epen bieten uns diese Möglichkeit
von wunderbar anschaulichen Zeitreisen – weder Archäologie noch
genetische Nachweise, weder philosophische Traktate noch
wissenschaftliche Abhandlungen können da mithalten. Sie versetzen
uns an die Schauplätze und geben uns neue Maßstäbe an die Hand.
Im besten Fall tragen sie dazu bei, dass wir einander besser
verstehen. Wir werden zu Franken und Gauten und Serben, zu
Isländern und Sarazenen, Burgundern und Griechen. Wir umrunden
einen Hügel voller Schätze, singen Klagelieder. Und gelangen zu
einer bewaldeten Insel, wo die Sonne die Meeresgischt auf unseren
Armen trocknet, während wir in den tiefen, dunklen Wald starren und
uns fragen, was uns erwartet.
Danksagung

Ich bin all den vielen Menschen dankbar, die mir während meiner
Reise ihre Zeit geschenkt haben, ebenso wie den vielen Menschen,
die mir bei der Recherche und beim Schreiben dieses Buches
geholfen haben. Manche darf ich nicht namentlich nennen, und in
einigen Fällen habe ich Namen geändert. Aber allen danke ich sehr
für die mir gewidmete Zeit und dass ich an ihren Erfahrungen
teilhaben durfte. Hoffentlich konnte ich mit meinen Schilderungen
über die nach Europa kommenden Flüchtlinge einige
Aufmerksamkeit auf die Probleme lenken, denen sich viele
Tausende Menschen auf der Flucht vor bewaffneten Konflikten nach
wie vor gegenübersehen. Allen Lesern, die sich über diese Situation
Gedanken machen, möchte ich ans Herz legen, für die NGOs Be
Aware und Share (www.facebook.com/beawareandshare.baas/)
oder Action for Education (www.actionforeducation.co.uk) zu
spenden.
Im Einzelnen danken möchte ich: Nikos Xanthoulis, den
Angestellten im Archäologischen Museum von Athen, James und
Lewsha in Athen, den Mitarbeitern des Andrić-Instituts in Višegrad
und denen des Muzej zločina protiv čovječnosti i genocida 1992–
1995 (Museum der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des
Genozids 1992–1995) in Sarajevo, Eset Muračević, Marcella Croce,
Michael Buonnano, Fabrizio Corselli und seiner Mutter Nadia,
Gaetano Lo Monaco, Aitor Pescador, Albert Ostermaier und seiner
Assistentin Sabine, Anna Rosmus, Eichfelder und der
Nibelungenlied-Gesellschaft, den Organisatoren der
Nibelungenfestspiele Worms, Florian Mahlberg, dem Wirt und den
Angestellten des Damaskus Restaurant in Worms, Irene Diwiak,
Eberhard Kummer, den Ehrenamtlichen der Priory Church of Saint
Mary and Saint Hardulph in Breedon-on-the-Hill, den
Mitarbeiterinnen des Potteries Museum and Art Gallery in Stoke-on-
Trent und des Birmingham Museums Trust, Jenni Butterworth, Fred
Hughes, Vicky Hyden, Jeff Kent, Martin Newell, Dr. Sam Newton,
den Angestellten des Vålby Centre in Kopenhagen, Dr. Terry
Gunnell, Hilmar Örn Hilmarsson, Rósa Þorsteinsdóttir, Bára
Grímsdóttir und Chris Foster, Þórarinn Eldjárn, den Mitgliedern der
Iðunn-Gesellschaft, Vésteinn Valgarðsson, Kristín Ragna
Gunnarsdóttir, Anna Lára Steindal und dem isländischen Roten
Kreuz. Für ihr Feedback zu diesem Buch bedanke ich mich
ausdrücklich bei Ben Bagby, Fabrizio Corselli, Marcella Croce, Irene
Diwiak, Aitor Pescador, Anna Rosmus, James Simbouras, Rósa
Þorsteinsdóttir und Nikos Xanthoulis. Sollte ich jemanden vergessen
habe, so bitte ich um Nachsicht.
Auf Verlagsseite gilt mein Dank meiner Agentin Carrie Plitt,
meinem Lektor Joe Zigmond, Nick Davies, der grünes Licht für das
Buchprojekt gegeben hat, und dem gesamten Team des Verlags
John Murray, besonders auch Abigail Scruby, Caroline Westmore
und Hilary Hammond.
Schließlich danke ich meiner Familie für ihre Unterstützung und
Geduld. Ich widme dieses Buch meinen Kindern Milo und Rafe, die
mich auf so vielfache Weise inspirieren. Und mein größter Dank geht
wie immer an Poppy für ihre redaktionelle, logistische und
moralische Unterstützung und Ermutigung – und dass sie mit der
Idee zu einer Europareise den Anstoß zu diesem epischen
Abenteuer gegeben hat.
FÜR DIE BIBLIOTHEK

Die Epen und Sagas


Homer, Odyssee, aus dem Griechischen übers. und komm. von Kurt
Steinmann, Manesse, Zürich 2007.
Hans-Bernd Harder, Hans Lemberg (Hrsg.): Marburger Abhand-
lungen zur Geschichte und Kultur Osteuropas, Bd. 37, Serbische
Heldenlieder, übers. von Stefan Schlotzer, mit einem Kommentar
von Erika Beermann, Verlag Otto Sagner, München 1996.
Das altfranzösische Rolandslied, zweisprachig, übers. und komm.
von Wolf Steinsieck, Nachwort von Egbert Kaiser, Philipp Reclam
jun., Ditzingen 2015.
Das Nibelungenlied, in der neuhochdeutschen Übertragung von Karl
Simrock, erstmals erschienen 1827, Nikol Verlag, Hamburg 2014.
Das Nibelungenlied, Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch, nach der
Handschrift B hrsg. von Ursula Schulze, ins Neuhochdeutsche
übers. und komm. von Siegfried Grosse, Philipp Reclam jun.,-
Ditzingen 2010, 2011.
Beowulf. Das angelsächsische Heldenlied, aus dem Altenglischen
übers., mit Anmerkungen und Nachwort von Johannes Frey,
Philipp Reclam jun., Ditzingen 2013.
Die Saga von Brennu-Njáll, Isländersagas, hrsg. von Klaus Böldl,-
Andreas Vollmer und Julia Zernack, aus dem Altisländischen von
Karl-Ludwig Wetzig, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011.
Die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal, Isländersagas, hrsg.
von Klaus Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack, aus dem
Altisländischen von Karl-Ludwig Wetzig, S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2011.
Die Saga von Grettir Ásmundarson, Isländersagas, hrsg. von Klaus
Böldl, Andreas Vollmer und Julia Zernack, aus dem
Altisländischen von Kristof Magnusson, S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2011.

Weiterführende Literatur
Ivo Andrić: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik,
Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München 1997.
Aristoteles: Poetik, griech./dtsch., übers. von Manfred Fuhrmann,
Philipp Reclam jun., Ditzingen 1989.
Beda der Ehrwürdige: Kirchengeschichte des englischen Volkes, aus
dem Lateinischen übers. von Günter Spitzbart, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 1997.
Helmut Berndt: Die Nibelungen. Auf den Spuren eines sagenhaften
Volkes, Verlag Gerhard Stalling AG, Oldenburg und Hannover
1978.
Vladimir Dedijer: Die Zeitbombe. Sarajevo 1914, Europa Verlag,
Wien 1967.
Einhard: Kaiser Karls Leben, Wilhelm Besser’s
Verlagsbuchhandlung, Berlin 1850.
Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945,
Propyläen Verlag, München 2002.
Kenneth Grahame: Der Wind in den Weiden, übers. von Harry
Rowohlt, Kein und Aber, Zürich/Berlin 2012.
N. F. S. Grundtvig: Schriften in Auswahl, hrsg. von Knud Eyvin
Bugge, Theodor Jorgensen, Flemming Lundgreen-Nielsen,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010.
Edward R. Haymes: Das Nibelungenlied. Geschichte und
Interpretation, Wilhelm Fink Verlag, München 1999.
Konstantinos Kavafis: Brichst Du Auf Gen Ithaka. Sämtliche
Gedichte, Romiosini Verlag, Köln 1983.
Albert B. Lord: Der Sänger erzählt. Wie ein Epos entsteht, Carl
Hanser Verlag, München 1965.
Anna Rosmus: Hitlers Nibelungen. Niederbayern im Aufbruch zu
Krieg und Untergang, Verlag S. Samples, Grafenau 2015.
Karl Simrock: Beowulf. Das älteste deutsche Epos, J. G. Cotta’scher
Verlag, Stuttgart und Augsburg, 1859.
J. R. R. Tolkien: Die Ungeheuer und ihre Kritiker. Gesammelte
Aufsätze, Klett-Cotta, Stuttgart 1987.
Robert Wace: Der Roman von Rollo und den Herzögen der
Normandie, nach der Ausgabe von F. Pluquet, metrisch bearbeitet
von F. Freiherrn Gaudy, Verlag Carl Flemming, Glogau 1835.
Über den Autor

NICHOLAS JUBBER,

Jahrgang 1977, hat in Oxford studiert und anschließend mehrere Jahre in Jerusalem gelebt
und gearbeitet. Er schreibt unter anderem für The Guardian, The Observer, BBC Radio 4
sowie den amerikanischen Radiosender NPR. Jubber ist Gewinner des Dolman Best Travel
Book Award, des renommiertesten Preises für Reiseschriftsteller in Großbritannien. 2017
erschien im DuMont Reiseverlag seine Reiseerzählung »Die acht Lektionen der Wüste«.

»Ich hatte keine klare Vorstellung, was mich erwartete, als ich aufbrach. Es erschien eher
unwahrscheinlich, dass mir Drachen begegnen würden, und ich rechnete auch nicht damit,
von einer tückischen Zauberin in ein Schwein verwandelt zu werden.
Andererseits erwartete ich auch nicht, an Trinkgelagen mit Kriegsveteranen teilzunehmen,
in einer Grabkammer aus der Bronzezeit zu schlafen oder mit?einem heidnischen
Hohepriester um einen noch unvollendeten Tempel herumzulaufen.
Die Epen zeichneten mir den Weg vor. Ein ganzes Leben lang bin ich Europäer gewesen.
Nun wollte ich den Kontinent meiner Geburt bereisen und herausfinden, was das
bedeutete.«

»Ein originelles und durch und durch fesselndes Buch eines unglaublich begabten
Reiseschriftstellers.«
THE NEW EUROPEAN