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Die Spur des Geldes.

Mäzene, Förderer und Förderstrukturen


der Prähistorischen Archäologie. Sektion der AG Theorie in
Zusammenarbeit mit dem Focke-Museum Bremen auf dem 7. Deutschen
Archäologiekongress, 5. Oktober 2011 (Bremen)

Reena Perschke

Während in der bisherigen Wissenschaftsgeschich- fehlende Sensibilisierung im Rahmen der eigenen


te der Archäologie vor allem einzelne Institutionen, Fachgeschichte hin, die sich auch in einer bislang
Archäologen und Projekte im Vordergrund standen, unzureichenden Quellenerschließung äußert, und
untersuchten die Beiträge dieser Sektion auf dem 7. erläuterten exemplarisch zwei konkrete Beispiele:
Deutschen Archäologiekongress den Einfluss von die Einsätze von Häftlingen aus dem KZ Colditz bei
Finanzierungsstrategien auf die ideologische Len- der Ausgrabung eines bronzezeitlichen Gräberfel-
kung der archäologischen Forschung. Im Zentrum des und von französischen Kriegsgefangenen unter
standen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen lebensgefährlichen Bedingungen auf der Höhen-
zwischen geförderten Wissenschaftlern, institutio- siedlung Heidenschanze in Dresden-Coschütz im
nellen Strukturen sowie unterschiedlichen Geldge- Winter 1940/41.
bern.
Dirk Mahsarski demonstrierte die institutionelle
Als Auftakt führte Susanne Grunwald in ein grund- Verflechtung und gleichzeitige Konkurrenzsituation
legendes Problem ein: den Anstieg der Kosten bei verschiedener Gruppen der Archäologie im Dritten
der Umstellung von den „Sonntagsgrabungen“ des Reich anhand der Entwicklung von SS-Organisati-
19. Jahrhunderts zu fundierten Ausgrabungen mit onen. Einzelne Ämter des Rasse- und Siedlungs-
naturwissenschaftlichen Auswertungen und aus- hauptamtes (RuSHA) zu Volkskunde, Vor- und
gebildeten Projektmitarbeitern im 20. Jahrhundert. Frühgeschichte und Ausgrabungen sowie der ein-
Statt einheitlicher Projektförderungen erfolgte in den getragene Verein zum „Ahnenerbe“ wurden durch
meisten Fällen eine Mischfinanzierung aus mehreren personelle Umstrukturierungen und institutionelle
Quellen. Eine große Rolle spielte die Gründung der Eingliederungen ab 1937 zur Forschungsgemein-
„Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“ im schaft Deutsches Ahnenerbe e.V. umgeformt. Dar-
Jahr 1920. Die von ihr entwickelten institutionellen aufhin fungierte das „Ahnenerbe“ sowohl als eine
Förderkriterien prägen bis heute die Projektfinan- Dienststelle der SS, die Kosten über den Schatzmeis-
zierung. Nur einzelne Großprojekte werden seither ter der NSDAP abrechnen konnte, sowie parallel
noch von privaten Gönnern gefördert, die dadurch als eingetragener Verein, der sich durch ein selbst
Einfluss auf Umfang und Dauer der Forschungen verwaltetes Privatvermögen kofinanzierte. Die ge-
nehmen könnten. bündelte Finanzierung wurde zu einem gezielten
Ausbau ideologischer Forschungen eingesetzt, der
Einen dieser Mäzene stellte Sabrina Schütze in der die Europa-Konzeption der SS für das Reichsgebiet
Person von Ludwig Roselius (1874 -1943) vor. Als und die besetzten Gebiete dauerhaft begründen und
vermögender Großkaufmann war Roselius in der durchsetzen sollte.
Lage, seine von Hermann Wirth beeinflusste Welt-
anschauung mit einer gezielten Förderung in der Die besetzten Westgebiete standen im Zentrum des
Öffentlichkeit zu präsentieren. Anhand der Einrich- Vortrages von Reena Perschke, die die Konkurrenz
tung des „Museums Väterkunde“ und der Architek- von Römisch-Germanischer Kommission, SS-Ah-
tur der von Roselius gestalteten Böttcherstraße in nenerbe und Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg um
Bremen erfolgte eine Inszenierung der vermeintli- das Prestigeprojekt zur Megalithik in der Bretagne
chen Überlegenheit „germanischer Kultur“. Durch schilderte. Einerseits sollte über die Erforschung
Roselius Finanzierung wurde die ideologische For- der aus „artverwandtem Geist“ errichteten Stein-
schung direkt gelenkt und für die Allgemeinheit denkmäler ein nordisch-germanisches Fundament
aufbereitet, selbst als sie nicht mehr der offiziellen Europas „bewiesen“ werden, andererseits wurden
Parteilinie der NSDAP entsprach. Megalithen durch die Organisation Todt für den
Mit dem bisher wenig aufgearbeiteten Bereich der Bau des deutschen Atlantikwalls zerstört. Der unter-
Zwangsarbeit auf archäologischen Ausgrabungen finanzierte und personell unterbesetzte militärische
beschäftigte sich der Beitrag von Judith Schacht- Kunstschutz konnte zur Rettung der Denkmäler
mann und Thomas Widera. Sie wiesen auf die nicht eingreifen.

Eingereicht: 6. Mai 2013 Archäologische Informationen 36, 153-154


angenommen: 21. Okt. 2013
online publiziert: 28. Okt. 2013 153
Tagungen & Arbeitsgemeinschaften
Reena Perschke

Zur Aufklärung über Zwangsarbeit trug auch der an originalen Unterlagen in entsprechenden Archi-
Vortrag von Dana Schlegelmilch über den Wewels- ven (wie der Wewelsburg oder dem Bundesarchiv)
burger SS-Archäologen Wilhelm Jordan und dessen gekennzeichnet. Es wurde deutlich, wie viele neue
Verhältnis zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler Quellen sich durch die Sichtung von teilweise erst
bei. Jordan war massiv am Kulturgutraub für die SS seit wenigen Jahren zugänglichen, unpublizierten
beteiligt: zum Ende des Krieges nutzte er Häftlinge Archivbeständen erschließen.
aus den KZs Erzingen und Schömberg, um in die-
sen Lagern Ausgrabungen zu unternehmen, nach- Den Veranstaltern und Moderatoren, Karin Rei-
dem er schon im Konzentrationslager Plaszow für chenbach und Dirk Mahsarski, sei für die gelunge-
die SS gegraben hatte. In Jordans Vita ist eine enge ne Organisation der Sektion herzlich gedankt. Die
Verbindung von Archäologie und Verbrechen im Publikation der Tagungsbeiträge (geplant Anfang
Dritten Reich unübersehbar. Jordans politische Ak- 2014) wird sicher als Impuls und Fundament für zu-
tivität zieht sich bis in die Bundesrepublik hinein: künftige Recherchen wirken.
so kandidierte er noch bei der Bundestagswahl 1972
für die NPD.
Konferenzübersicht
Zur ideologischen Schulung des nationalsozialis-
tischen Nachwuchses wurden SS-Führerschulen Susanne Grunwald (Leipzig/Berlin): Vom Wert der
errichtet. Über das sogenannte „Haus Germanien“ Forschung – Kosten und Finanzierungsmodelle in der
in Hildesheim berichtete Marko Jelusic, dass unter Prähistorischen Archäologie in Deutschland zwischen
der Leitung des Archäologen Peter Paulsen eine 1900 und 1961.
zielgerichtete Ausbildung SS-Freiwilliger aus „ger- Sabrina Schütze (Bremen): Ludwig Roselius als
manischen Randländern“ für einen „Weltanschau- Förderer der Vorgeschichte.
ungskrieg“ vorgenommen wurde. Kontakte an die
Judith Schachtmann (Berlin)/Thomas Widera
Universität Göttingen sollten für einen wissenschaft-
(Dresden): „Die Kommunisten zeigten nicht nur beim
lichen Anstrich sorgen. Derzeit läuft ein Provenienz- Ausgraben größtes Interesse…“ – Zwangsarbeit in der
projekt, um den Weg des Bibliothekbestandes vom Prähistorischen Archäologie zwischen 1933 und 1945.
„Haus Germanien“ in gegenwärtige Institutionen
nachzuvollziehen. Dirk Mahsarski (Bremen): „Wir werden uns dieser
Aufgabe mit derselben Zähigkeit widmen, mit der sich
die Schutzstaffel allen anderen Aufgaben gewidmet
Der Nachkriegszeit widmete sich Karin Reichen-
hat“ – Die Förderung der Prähistorischen Archäologie
bach mit Recherchen zur polnischen Mittelalterfor-
durch die SS von Wiligut bis Jankuhn.
schung. Seit den 1940er Jahren sollten die Anfänge
des polnischen Staates für ein Millenniumsjubiläum Reena Perschke (München): Der Bunker im Tumulus –
untersucht werden. Umfangreiche staatliche Mittel Kriegsarchäologie im Spannungsfeld von Wehrmacht,
wurden für spezialisierte Arbeitsgruppen im staat- SS-Ahnenerbe und Amt Rosenberg.
lichen Denkmalschutz bereitgestellt und in Gra- ana Schlegelmilch (Marburg): Zwischen staatlicher
bungen, Burgwallinventarisation und historische Denkmalpflege und Kulturgutraub – Heinrich
Auswertungen umgesetzt, die die slawisch geprägte Himmler und sein Wewelsburger SS-Archäologe
Geschichte des Landes in den Mittelpunkt stellten. Wilhelm Jordan.
Die Übernahme der Forschungen in ein neu gegrün- Marko Jelusic (Göttingen): Ein Archäologe im
detes Institut an der Polnischen Akademie der Wis- Dienst des Endsieges – Die SS-Führerschule ‚Haus
senschaften sorgte für die institutionelle Anbindung Germanien’ unter Beteiligung und Leitung des Ur-
und Aufwertung der polnischen Archäologie. und Frühgeschichtlers Prof. Dr. Peter Paulsen.
Karin Reichenbach (Leipzig): Millionen fürs
Anhand des Programms und während der Dis-
Millennium? Finanzierung und Ausstattung der
kussionen kristallisierte sich heraus, dass sich hier Forschungen zu den Anfängen des polnischen Staates
explizit der akademische Nachwuchs zu Wort mel- 1949 -1953.
dete. Diese Generation, die nur wenige der letzten
Zeitzeugen und ihrer direkten Schüler persönlich
kennen lernen konnte, pflegte während der Sitzung Reena Perschke M.A.
einen deutlich offeneren und kritischeren Umgang Ludwig-Maximilians-Universität München
mit Personen und Institutionen, als es in der Wis- Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie
senschaftsgeschichte der Archäologie bisher der
und Provinzialrömische Archäologie
Fall war. Dieser Umstand wird sich im geplanten
Schellingstr. 12
Tagungsband noch deutlicher als in den kurz gehal-
80799 München
tenen Vorträgen widerspiegeln. Die Beiträge waren
reena.perschke@campus.lmu.de
durchweg durch ein ausführliches Quellenstudium

Tagungen & Arbeitsgemeinschaften 154

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