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Förderschwerpunkt Hören

im FOKUS

Lehrersprache 41 .
Einführung
Staatsinstitut
für Schulqualität Komplexität der Lehrersprache
und Bildungsforschung
Körpersprache
München
Prosodische Merkmale – emotionaler Ausdruck
Lautsprache
Manualsysteme
Teacherese

Einführung
Im Fokus der Ausgabe 4 steht die Leh- tung der Lehr­ -
rersprache, die für kog­nitive und sozia- kraft schafft emo-
le Lernprozesse von grundsätzlicher Be- tio­
nale Nähe, die
deutung ist. Der Begriff Lehrer­sprache Voraus​­setzung für
beinhaltet alle Formen kommunikati- eine tragfähige
ven Verhaltens einer Lehrperson. und be­lastbare
Lehrer-Schüler-Be-
Das lateinische Verb communicare be- ziehung ist. Der
deutet teilen, mitteilen, teilnehmen wertschätzende,
lassen, gemeinsam machen, vereini- achtsame Um-
gen. Kommunikation ist somit ein ge- gang mit Schü-
meinschaftliches Handeln, in dem Ge- lerbeiträgen sig-
danken, Ideen, Wissen, Erkenntnisse, nalisiert, dass die
Erlebnisse durch die Verwendung von Schüler ernst ge-
Zeichen in Lautsprache, Gebärdenspra- nommen werden
che, Gestik, Mimik, Schrift oder Bild und weckt Freude
mitgeteilt werden und neu entstehen am kommunikativen Handeln. So kann so barrierefrei wie möglich zu gestal-
können. Grundlage für dieses gemein- Kommunikation auch dann gelingen, ten. Eine besondere Anforderung an
schaftliche Handeln ist die emotionale wenn hörgeschädigte Schüler nur über den Pädagogen ergibt sich aus der
Beziehung der Kommunikationspart- rudimentäre sprachliche Mittel verfü- Problematik, dass die Förderung der
ner untereinander. gen und die sprachliche Interaktion da- Sprachkompetenz beim hörgeschädig-
durch nachhaltig erschwert ist. ten Schüler nur durch Sprache selbst
„Aber schon bevor das ‚Ich‘ reden lernt, erreicht werden kann. Sprache ist somit
denkt, Begriffe formuliert, ist es einge- Die Lehrkraft orientiert sich an den Kommunikationsmittel, Lerninhalt und
flochten in eine Beziehung zum Ande- unterschiedlichen Kommunikationsvor- Lernziel zugleich. Sprach­ förderung
ren.“ (Alkofer 2007, 1) aus­setzungen ihrer Schüler und setzt ist daher in allen Fächern Unterrichts­
Eine sicht- und spürbar optimistische, situativ alternative Kommunikations- prinzip.
po­si­tiv zu­­­gewandte Erwartungshal- systeme ein. Ziel ist, die Verständigung

Komplexität der Lehrersprache


de in der Sprachkompetenz, verlangt
Im Unterricht mit Schülern mit Förder- • Die Flüchtigkeit der gesprochenen
in besonderem Maße einen flexiblen
bedarf Hören sind folgende Parameter Sprache erhöht besonders für hörge-
und reflektierten Einsatz der Lehrer-
zu beachten: schädigte Menschen die Gefahr von
sprache.
Informationslücken, Fehlinterpreta-
• Trotzoptimaler technischer Versor- tio­nen und Missverständnissen.
gung können Hörschädigungen nicht Dies begründet den Einsatz zusätz-
vollständig kompensiert werden. • DieHeterogenität der Lerngruppen, licher Kommunikationssysteme und
vor allem hinsichtlich der Unterschie- -methoden.

In der vorliegenden Handreichung wurde aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf die gesonderte Nennung der weiblichen und männlichen
Form bei den Bezeichnungen „Schüler“ und „Lehrer“ verzichtet. Selbstverständlich sind immer beide Geschlechter gemeint.
4.1 IM FOKUS Lehrersprache – Teil 1
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Manual-

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Komplexität der Lehrersprache Laut-
sprache systeme

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Zentrale Aufgabe der Lehrersprache im Diese Ausgabe 4.1

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Unterricht mit Schülern mit Förderbe- thematisiert: prosodische
darf Hören ist es, eine möglichst bar- • Körpersprache Merkmale
rierefreie Kommunikation zu gewähr- • prosodische Merk­­male und
Schriftsprache
emotionaler
leisten. emotionaler­ Aus­­druck Ausdruck
• Lautsprache

Die Grafik veranschaulicht die ver- • Manual­­systeme

schiedenen Anteile der Lehrersprache Körper- DGS


und ihre Komplexität. Die Aufteilung Deutsche Gebärdensprache sprache
in sechs Segmente ist eine künstliche (Ausgabe 4.2) und Schriftsprache
Trennung und dient der besseren Über- (Ausgabe 4.3) werden in nach­
sicht. In der Unterrichtssituation sind folgenden Ver­öffent­lichungen
diese Anteile aufeinander bezogen ausgeführt.
und ergänzen sich.

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Körpersprache
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Laut-
sprache systeme
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prosodische
Merkmale
Schriftsprache
emotionaler
Ausdruck
„Wenn das müssen stimmig sein, sonst entstehen gen Vermittlung und Absicherung von
Körper-
sprache
DGS
Auge nicht über- Unsicherheiten und die Eindeutigkeit Sprachinhalten. Beim Vorlesen einer
zeugen kann, der Information geht verloren. Geschichte kann der Lehrer z. B. durch
überredet auch Nonverbale Kommunikation läuft im- Einsatz von begleitender Pantomime
der Mund­nicht.“ mer parallel zur gesprochenen Spra- Spannung erzeugen, die Schüler über
(Franz Grill­parzer 1791 – 1872) che. Jeder Mensch benutzt sie intuitiv. einen längeren Zeitraum motivieren
Der große Vorzug von nonverbaler und wichtige Hinweise zum inhaltli-
Nach einer Studie des Psychologen Kommunikation besteht darin, dass chen Verständnis geben.
Mehrabian erfolgen ca. 93% der ge- sie jederzeit verfügbar ist und auch
samten Kommunikation auf nonver- in schwierigen Gesprächssituationen Gerade im Un­ terricht mit Schü­lern
baler Basis (Mehrabian 1981, 93). Nach die Beziehungsebene aufrechterhal- mit Förderbedarf Hören kommt einer
Watzlawick, Kommunikationswissen- ten kann. Besonders im Unterricht ist blicklen­kenden Moderation be­­sondere
schaftler und Philosoph, kann man sie zudem ein wichtiges
nicht nicht kommunizieren. Der Ge- Mittel zur Motivation
sprächspartner hat über Mimik, Ges- und zur Lenkung der
tik, Körperhaltung etc. noch vor einer Aufmerksamkeit.
lautsprachlichen Äußerung einen Ein-
druck von der Intention des Gegen- Nonverbale Kommuni-
übers gewonnen. Jede Kommunikati- kation lässt sich in ver-
on hat neben dem Inhaltsaspekt auch schiedene Bereiche un-
einen Beziehungs­ aspekt (vgl. Watzla- terteilen:
wik 2011, 53 f). „Mit Kommunikation
bezeichnen wir alle Verhaltensweisen Mimik/Gestik
und Ausdrucksformen, mit denen wir Die Mimik begleitet das gesproche- Be­deutung zu. Dies können z. B. hin-
mit anderen Menschen bewusst oder ne Wort. Durch sie werden Emotio- weisende Gesten oder die modellhafte,
unbewusst in Beziehung treten. Kom- nen ausgedrückt. Gefühle wie Freude, deutliche Hinwendung der Lehrkraft
munikation umfasst deshalb viel mehr Trauer, Ärger, Überraschung, Abscheu, zum Sprecher sein.
als nur die verbale Sprache.“ (Wilken Angst werden durch einen eindeutigen
2006, 4) Gesichtsausdruck mitgeteilt. Blickkontakt
Um die Glaubwür- Durch den Blickkontakt wird eine Be-
digkeit und Au- Als natürliche Gesten werden ziehung zwischen Lehrer und Schü-
thentizität des ge- jene bezeichnet, die innerhalb ei- ler aufgebaut. Zuwendung, Neugier,
sprochenen oder nes Kulturkreises verstanden und Gleichgültigkeit oder Desinteresse kön-
gebärdeten Wortes spontan eingesetzt werden. Die nen durch Aufnehmen, Halten bzw.
zu erhöhen, bedarf Gestik hat eine hinweisende, illus- Meiden von Blickkontakt zum Aus-
es einer kongruen- trierende und imitative Funktion. druck gebracht werden.
ten Körpersprache.
Gesprochene Spra- Unterrichtspraktische Hinweise: Unterrichtspraktische Hinweise:
che und die non- Mimik und Gestik dienen im Un- Herstellen und Aufrechterhalten des
verbalen Signale terricht einer möglichst eindeuti- Blickkontakts sind Voraussetzungen

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Förderschwerpunkt Hören

für eine gelingende Kommunikation Unterrichtspraktische Hinweise: Einsatz von Körperkontakt eine wichti-
mit hörgeschädigten Schülern. Viel Bewegung im Raum kann zu Un- ge Rolle zu. Oft muss die Aufmerksam-
sicherheit und Verwirrung führen, weil keit der Schüler durch leichte Berüh-
die Schüler Mundbild, Mimik und Ges- rungen wieder geweckt werden; die
tik des Lehrers nicht kontinuierlich ver- Lehrkraft muss die Handstellung beim
folgen können. Auch der Höreindruck Einüben neuer Gebärden korrigieren;
verändert sich durch die Bewegung. sie unterstützt Begriffsklärungen durch
Eine Abwendung von der Klasse, z. B. Berührungen.
bei Tafelanschriften, unterbricht die
Kommunikation.

Körperkontakt Begriffsklärung Fieber


Körperkontakt ist vom Lehrer behut-
sam und empathisch einzusetzen. Die
Dies wird durch die Sitzordnung im Lehrkraft muss sich bewusst sein, dass
Halbkreis in Förderzentren mit Förder- sie bei jeder Berührung in den persön-
schwerpunkt Hören begünstigt. lichen Bereich des Schülers eingreift.
Dies setzt reflektiertes Handeln und
Proxemik ein Vertrauensverhältnis voraus. Durch
Die Proxemik beschäftigt sich mit dem Körperkontakt können Zuneigung,
Raumverhalten: Wie bewegt sich der Aufmunterung, Lob und Verständnis
Lehrer im Raum? Welche Position im signalisiert werden.
Raum nimmt er ein? Durch die Bewe-
gung im Raum können Vertrautheit Unterrichtspraktische Hinweise:
bzw. Distanz vermittelt werden. Besonders im Unterricht mit hörge-
schädigten Schülern kommt dem
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Manual-
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Laut-
sprache systeme
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Prosodische Merkmale – emotionaler Ausdruck


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prosodische
Merkmale
Schriftsprache
emotionaler
Ausdruck

Körper- DGS
sprache
Bei hörgeschädig- Schülern dar und beeinflussen positiv das Sprachangebot nicht ausreichend
ten Schülern muss deren Aufmerksamkeit und Lernerfolg. verstehen, ermüden und sich ablenken
die gesprochene Leh­ lassen.
rersprache etwas Fesselndes Unterrichtspraktische Hinweise:
haben. Dazu tragen Prosodie (griech.: Im Unterricht mit Schülern mit Förder- Sprechtempo
„Das Hinzugesungene“) und der emo- bedarf Hören variiert die Lehrkraft ge- Bei hörgeschädigten Kindern und Ju-
tionale Ausdruck bei. Zu den proso- zielt ihre stimmlichen Qualitäten wie gendlichen wird das Sprechtempo
dischen Merkmalen zählen Tonfall, Lautstärke, Stimmhöhe, Sprechtempo, leicht verlangsamt. Eine situativ ange-
Lautstärke, gefüllte (hm, oh etc.) oder Betonung und Pausensetzung. messene Variation trägt zur Erhöhung
ungefüllte Pausen, Akzentuierung der Aufmerksamkeit bei.
(z. B. über die Stimmhöhe) und das Lautstärke und Stimmhöhe Zu langsames Sprechen des Lehrers
Sprechtempo. Emotionaler Ausdruck Die bewusste Modulation der Lehrer- lässt Wort- und Satzbilder in sich zer-
zeigt sich in Gefühlsäußerungen wie sprache bezüglich Stimmintensität fallen, wodurch Sinn tragende Akzen-
Lachen oder Seufzen. Prosodie und und Stimmhöhe trägt entscheidend tuierungen verloren gehen. Eine zu
emotionaler Ausdruck lassen als pho- zum verbesserten Sprachverstehen der schnelle Lehrersprache kann die Aufnah-
nemübergreifende Merkmale verbale Schüler bei. mefähigkeit der Schüler überfordern.
Äußerungen verständlich werden und Die Lehrkraft setzt beide Stimmqua-
bestimmen den Wort- und Satzsinn. litäten im Unterrichtsverlauf je nach Betonung
Dieser vokale Anteil der Lautsprache Situation variiert ein. Sie wendet eine In der deutschen Sprache gibt es für die
gestaltet in hohem Maß den Bezie- emotional interessante, dramatische Akzentuierung von Wörtern und Sät-
hungsaspekt der Sprache, der meist in- Unterrichtssprache an, die durch Flüs- zen sprachfunktionale und sprecherin-
tuitiv wahrgenommen wird. tern, Rufen, Jammern, Jubeln usw. das tentionale Regeln, die beim Sprechen
Erfassen eines Sprachinhaltes erleich- stets zu berücksichtigen sind.
Zusammen mit der Körpersprache tert. Ein Wechsel der Betonung kann bedeu-
stellen die prosodischen Merkmale tungsunterscheidend sein:
und der emotionale Ausdruck eine Ist die Unterrichtssprache dauerhaft • in der dynamischen Akzentuierung:

wesentliche Verstehenshilfe in der leise bzw. die Stimmhöhe wenig modu- umgehen = mit einer Person, einer
Kommunikation mit hörgeschädigten liert, führt dies dazu, dass die Schüler Situation zurechtkommen

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4.1 IM FOKUS Lehrersprache – Teil 1

Prosodische Merkmale – emotionaler Ausdruck


umgehen = ausweichen, eine andere unterstützende Wörter und Begriffe Sprechpausen können von der Lehr-
Lösung suchen wie erstens – zweitens – drittens oder kraft bewusst gedehnt oder an ande-
• in der temporalen Akzentuierung: vor allem – besonders wichtig – immer. ren Stellen als erwartet gesetzt wer-
mieten - mitten den. Mit dieser sprecherintentionalen
Schal - Schall Sprechpausen Zäsur wird die Aufmerksamkeit des
• in der melodischen Akzentuierung: Längere sprachliche Äußerungen wer- Schülers auf einen bestimmten Teil der
Die Variation des Grundtones der den durch Sprechpausen gegliedert, Äußerung gelenkt:
Stimme bei „ja“ kann u.  a. bedeuten: die eine bloße Aufeinanderfolge von Ich weiß ___ du kannst das!
betonte Vergewisserung (bestimmt?), Schallereignissen in Sinneinheiten zu-
Freude (super!), Erstaunen (nicht sammenfassen und das Verstehen er- Dialekt
möglich!), Bedauern (wie schade!). leichtern. Durch sprachfunktionale In der Regel wird in der Unterrichts-
Pausen kann auch der Sinn einer Äuße- sprache kein Dialekt verwendet. Eine zu
Um Inhalte zu betonen, verwendet die rung verändert werden: starke mundartliche Färbung verzerrt
Lehrkraft in ihrer Unterrichtssprache Der Lehrer sagte ___ die Schülerin ist Sprachinhalte, bekannte Sprachganze
gezielt Sprachanteile, die die Aufmerk- krank. zerfallen und werden vom hörgeschä-
samkeit der Schüler auf den Schwer- Der Lehrer ___ sagte die Schülerin ___ digten Schüler nicht mehr verstanden.
punkt fokussieren. Dazu benutzt sie ist krank.
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Laut-
sprache systeme

Lautsprache
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prosodische
Merkmale
Schriftsprache
emotionaler
Ausdruck

Der gezielte Einsatz einer reflektierten Lehrersprache ist


Körper-
sprache
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das entscheidende Element in einer sprachfördernden Sprachebenen
• phonetisch-phonologische
Ebene:
Lernumgebung. Die Lehrersprache hat stets Vorbildfunk-
tion. Sie liegt über dem Sprachniveau der Schüler mit dem Ziel, Laute, Lautbildung und Lautunter-
scheidung
diese sprachlich zu fördern ohne sie zu überfordern. Die Lehrkraft
denkt die Sprachebenen mit und adaptiert entsprechend der Sprachkompetenz • semantisch-lexikalische
Ebene:
der Schüler die semantische wie syntaktische Komplexität von Äußerungen und Wortschatz und Begriffsbildung
Arbeitsaufträgen. Dabei verwendet die Lehrkraft auch immer wieder Begriffe
• syntaktisch-morphologische Ebene:
und Sprachstrukturen, die die Schüler in ihre Aktiv- oder Passivsprache überneh-
Satz- und Wortstruktur
men sollen. In ritualisierten Unterrichtssituationen bewährt es sich, konstante
Sprachmuster zu verwenden, um Sicherheit zu vermitteln und eine Entlastung • pragmatisch-kommunikative Ebene:
hinsichtlich der auditiven Aufmerksamkeit zu schaffen. Eine schülerorientier- situativ angemessenes Sprechverhal-
te Lehrersprache berücksichtigt zudem die Lautbildungs- und Lautunterschei- ten
dungsmöglichkeiten der Schüler.
Weitere für die Lehrersprache relevante Kriterien sind:

Eindeutigkeit Chronologie Redundanz


--kurze, klare Sätze und Arbeits­
an- --in zeitlich logischer Abfolge erzäh- --inhaltliche Absicherung des Sprach-
weisungen len verständnisses bei Erarbeitungen
--relativierende Wörter vermeiden --komplexe Arbeitsabläufe in sach­ --Wiederholungen, „Lehrerecho“
(z. B. möglicherweise) logische Arbeitsschritte strukturieren --Einsatz kommunikations­unter­stüt­
--Füllwörter vermeiden zen­ der Systeme (PMS, GMS, LBG,
(z. B. nicht wahr) LUG, siehe auch S. 7) einschließlich
­Visualisierung

Die besondere Wahrnehmungssituation hörgeschädigter Schü-


ler erfordert mit Blick auf eine prägnante, strukturierte und
­reflektierte Lehrersprache den gezielten Einsatz von Modellie-
rungs-, Frage- und Impulstechniken. Dabei ist die unterschied­
liche Hör-, Sprach- und Kommunikationskompetenz der Schüler
zu berücksichtigen.

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Förderschwerpunkt Hören

Modellierungstechniken
In der Unterrichtspraxis kommen zwei Formen zur Anwendung:
• den Schüleräußerungen vorausgehende Modellierungstechniken, die gezielt in den Unterricht eingeplant werden

• den Schüleräußerungen nachfolgende Modellierungstechniken

vorausgehende Modellierungstechniken
Art Erklärung Beispiel

Präsentation gehäuftes Anbieten der Zielstruktur L: „Wir haben gestern eine Suppe gekocht.
(bezogen auf Laute, Wortinhalte Wir haben die Kartoffeln gewaschen.
oder Satzstrukturen) Wir haben die Kartoffeln geschält.
Was haben wir dann gemacht?“

Parallelsprechen handlungsbegleitendes Sprechen L: „Ich nehme ein Blatt. Ich falte das Blatt
in der Mitte. …“

linguistische Markierung Betonen diakritischer Merkmale L: „Peter holt die Stifte. Er malt ein Bild.“

Alternativfragen Angebot zweier inhaltlicher L: „Liegt das Buch auf dem Tisch oder liegt
Möglichkeiten es unter der Bank?“

nachfolgende Modellierungstechniken
Art Erklärung Beispiel

Expansion Ergänzung und Korrektur von S: „Bus kommen.“


Schüleräußerungen L: „Stimmt! Der Bus kommt.“

Extension sachlogische Weiterführung von S: „Mir kalt.“


­Schüleräußerungen L: „Dir ist kalt, weil du keine Jacke
angezogen hast.“

korrektives Feedback korrekte Wiedergabe kindlicher S: „Anna ein Geschenk bekommen hat.“
­Äußerungen L: „Anna hat ein Geschenk bekommen.“

reduziertes korrektives Feedback Korrektur fehlerhafter Elemente S: „Mama kochen Essen.“


L: „kocht“

Aufforderung zur Selbstkorrektur deutlicher Hinweis auf Fehlerquelle L: „Wiederhole und achte auf den Artikel!“
und Aufforderung zur korrekten
­Wiedergabe

Fragetechniken
Je nach Intention stellt die Lehrkraft Wissensfragen, Denkfragen, Entscheidungsfragen und wertorientierte Fragen.
Folgende Techniken kommen dabei zum Einsatz:

Fragetechniken
Art der Fragen Erklärung Beispiel

erlauben vielfältige Antworten und L: „Was weißt du noch darüber?“


offene Fragen
begründete Meinungen L: „Wie denkst du über …?“

Schrotschuss-Fragen lassen freie Assoziationen zu L: „Was fällt dir zum Frühling ein?“

Ballon-Fragen Abfrage von Vorwissen L: „Was wisst ihr über Gewerkschaften?“

Fragetechnik zur Sinnentnahme L: „Wer …?“ „Wo …?“ „Warum …?“


W-Fragen
und Strukturierung „Wohin …?“ „Wann …?“ „Womit …?“

enge Fragen Wissensabfrage L: „Wie heißt die Hauptstadt von …?“

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4.1 IM FOKUS Lehrersprache – Teil 1

Lautsprache

Folgende Fragetypen sind zu vermeiden:


Art der Fragen Erklärung Beispiel

Suggestivfragen Fragen, die die Antworten L: „Hast du verstanden?“


implizieren S: „Ja.“

rhetorische Fragen Fragen, auf die keine Antworten L: „Sind alle da?“
erwartet werden

Kettenfragen Mehrere Fragen werden hinterein- L: „Was hast du am Wochenende gemacht?


ander gestellt, so dass eine präzise Warst du auf dem Volksfest und womit
Schülerantwort kaum möglich ist. bist du gefahren?“

Entscheidungsfragen Fragen, die eine Entscheidung ohne L: „Ist das Angebot gut oder schlecht?“
Begründung fordern S: „Gut.“

Impulstechniken
Die Lehrkraft steuert das Unterrichtsgespräch über Impulse und evoziert somit Schüleräußerungen, ohne direkte Fragen
zu stellen. Um der Vollständigkeit willen werden in folgender Tabelle auch nonverbale Impulse und Sachimpulse genannt.

Impulse
Art der Impulse Erklärung Beispiel

verbale Impulse Aussagen, Provokationen L: „Es gibt verschiedene Jahreszeiten.“

nonverbale Impulse • alle Formen von Körpersprache • Lehrer


runzelt die Stirn
• moderierend • Lehrer
macht mit einer Geste auf einen
Sprecher aufmerksam

Sachimpulse Präsentieren von Gegenständen, Lehrer verweist z. B. auf ein Bild


Bildern, Skizzen, Tabellen

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Laut- Manual-
sprache systeme
Manualsysteme
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prosodische
Merkmale
Schriftsprache
emotionaler
Ausdruck
Im Unterricht mit hörgeschädigten Schülern verwendet die Lehrkraft alle zur Verfügung stehenden
Körper- DGS kompensatorischen und assoziativen Mittel zur Sicherung des Sprachverständnisses. Hier kommen auch
sprache
folgende unterstützende Systeme (GMS, PMS, LBG, LUG) zum Einsatz, die sich überwiegend an gehör-
lose und hochgradig hörgeschädigte Schüler richten. Gesprochen wird immer grammatisch korrekt. Mit
LUG verdeutlicht der Sprecher ausschließlich den Inhaltsaspekt einer Aussage, mit LBG (und GMS) zusätzlich
die grammatische Struktur.
Beispiel:
 : Der Mann sitzt auf dem Sofa.
LBG:

-r -t -m

LUG:

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Förderschwerpunkt Hören

Manualsysteme
Definition Anwendung

LBG LautsprachBegleitende Gebärden werden simultan­ Lehrkräfte benutzen LBG, um neben dem Inhalts­
zu jedem gesprochenen Wort ausgeführt. aspekt vor allem die grammatische Struktur der
LBG ist damit eine visuelle Kommunikationsform Sprache hervor zu heben.
der ­deutschen Sprache. Zur Hervorhebung gram-
matischer Strukturen der deutschen Lautsprache,
wie z. B. Flexionsendungen und Artikel, werden
GMS-Zeichen verwendet.

LUG LautsprachUnterstützende Gebärden verdeutlichen Die Lehrkraft verwendet LUG, wenn besonderer
die ­sinngebenden Begriffe des Gesprochenen. Wert auf den I­nhaltsaspekt gelegt wird. Die Schüler
können K­ ommunikationssituationen entspannter
folgen.

GMS Das Graphembestimmte ManualSystem (Finger­ Die Lehrkraft zeigt jeden Buchstaben eines Wortes,
alphabet) dient der Visualisierung von Graphemen um so Fachtermini, Eigennamen, Rechtschreibfälle
und orientiert sich am Alphabet. und Begriffe der Lautsprache, für die keine Gebär-
den hinterlegt sind, zu visualisieren.

Beispiel: Fieber

PMS Das Phonembestimmte ManualSystem verdeutlicht Die Lehrkraft setzt PMS ein, um das eigene Mund-
ausschließlich die Phoneme und orientiert sich an bild zu verdeutlichen, das Absehen und damit die
der Artikulationsstelle. Wahrnehmung einzelner Laute zu erleichtern und
um die Artikulation der Schüler zu unterstützen.

Beispiel: Fieber

GMS (http://www.fingeralphabet.org [Stand: 10.02.2012]):

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4.1 IM FOKUS Lehrersprache – Teil 1

Manualsysteme
PMS (Schulte, K.: Phonembestimmtes Manualsystem (PMS), Neckar-Verlag, Villingen-Schwenningen 1974, S. 78):

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Teacherese
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Laut-
sprache systeme
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prosodische
Merkmale
Schriftsprache
emotionaler
Ausdruck
Alle in dieser net Teacherese analog das vielfältige Um gezielt über dieses Instrument ver-
Körper-
DGS
sprache
Ausgabe 4.1 Angebot der Lehrkraft an die Schüler. fügen zu können, ist es notwendig, sich
ausgeführten As- Dieses interessante sprachliche Vorbild als Lehrkraft der eigenen Wirkung be-
pekte für eine ge- motiviert die Schüler zur Nachahmung wusst zu werden. Da jedoch sehr viele
lingende Kommunika- und fördert die Sprechfreude. „Bezüg- Elemente der Lehrersprache unbewusst
tion fließen in Teacherese zusammen lich Phonologie, Syntax, Semantik und eingesetzt werden, sind Selbst- und
und machen sie damit zum wertvollen Pragmatik passt sich Teacherese an die Fremdreflexion hilfreich. Hierfür bie-
didaktischen Instrument im Unterricht individuellen auditiven und sprachli- ten sich unter anderem kollegiales
mit Schülern mit Förderbedarf Hören chen Voraussetzungen der Schüler an. Feedback, Analyse von Videoaufnah-
(vgl. Stecher 2011, 46). […] Teacherese signalisiert den Schü- men der eigenen Person und Schüler-
Während Motherese das besondere lern, ernst genommen zu werden“ (Ste- Feedback an.
Hör-, Sprach- und Beziehungsangebot cher 2011, 46) und würdigt ihre Äuße-
der Mutter an ihr Kind meint, bezeich- rungen als wertvolle Beiträge.

Impressum Gesamtherstellung: Schulte, K.: Übers. XXII: Phonembestimm-


Druckhaus Frank, Wemding 2012 tes Manualsystem (PMS). Neckar-Verlag,
Herausgeber:
Villingen-Schwenningen 1974
Staatsinstitut für Schulqualität Literatur
und Bildungsforschung Stecher, M.: Guter Unterricht bei Schülern
Alkofer, A.-P. OFMConv: Nach Ihnen, mein mit einer Hörschädigung. Heidelberg 2011
Schellingstraße 155, 80797 München
Tel.: 089 2170-2811, Fax: 089 2170-2815 Herr!. Theologische Hochschule Chur. Watzlawick, P.; Beavin, J.; Jackson, D.:
www.isb.bayern.de Internetzeitschrift www.thchur.ch/index. Menschliche Kommunikation. Formen,
php?&na=99,0,0,0,d,74946,0,0,t Störungen, Paradoxien. 12. unveränderte
Erscheinungsjahr 2012 [Stand: 13.03.2012]. Chur 2007 Auflage. Bern 2011
Redaktion: Kirsten Binder
GMS: http://www.fingeralphabet.org Wilken, E. (Hrsg.): Unterstützte Kommu-
Arbeitskreis „Standards im [Stand: 10.02.2012] nikation. Eine Einführung in Theorie und
Förderschwerpunkt Hören“ Grillparzer, F., österreichischer Dichter Praxis. 2. Auflage. Stuttgart 2006
Leitung: StRinFS Kirsten Binder (1791-1872)

Autorenteam: Horsch, U.: Dialogische Hörgeschädigten-


SoRin Ulrike Arndt - Oberfranken pädagogik. Vorlesung 27.11.2003. Heidel-
StRinFS Kirsten Binder - Oberbayern berg 2003   Diese Ausgabe der Standards im
Förderschwerpunkt Hören kann von der
Dir. Herbert Dössinger - Unterfranken ISB München (Hrsg.): Aufbau von Sprach-
Homepage des ISB (www.isb.bayern.de)
SoKRin Eva Gasch - Niederbayern kompetenz. DVD. München 2008 als PDF-Datei heruntergeladen werden.
StRinFS Gudrun Herold - Oberbayern Mehrabian, A.: Silent messages. Implicit
SoKRin Andrea Kretschmer - Mittelfranken

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communication of emotions and attitudes. Nächste Ausgaben:
SoRin Martina Schüll - Mittelfranken Belmont CA. Wadsworth 1981 • Lehrersprache - DGS 4.2
SoKRin Claudia Weber - Oberbayern
Reber, K.; Schönauer-Schneider, W.: Bau- • Lehrersprache -
DTP: Stefanie Haselmann, ISB steine sprachheilpädagogischen Unterrichts. Schriftsprache 4.3
Gestaltung: Denise Wildner München/Basel 2009