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Hans-Werner Schütt

Auf der Suche


nach dem
Stein der Weisen

Die Geschichte
der Alchemie

Verlag C.H. Beck München


Mit i6 Abbildungen im Text

Inhalt

Für Gesine Im Schatten der Pyramiden

1. A uf der S u c h e ............................................................................... n
2. Paläste, Tempel und ein Museum; Alexandria ........................ 13
3. Ein A lchem istenlabor................................................................... 16
4. Tempel und H a n d w e r k e .............................................................. 28
5. Zwei Papyri ..................................................................................
6. Der Spruch in der Säule .............................................................. 40
7. Das Standard v e rfa h re n ................................................................. 43
8. Theion hydor ............................................................................... 48
9. Der letzte Schritt ......................................................................... 54
10. Was ist Standard am Standardverfahren?................................ 61
11. Altmeister A risto teles................................................................... 66
12. Die Stoa und die Alchemie ........................................................ 70
13. Der Brief des Zosimos ................................................................. 74
14. Der Traum des Zosimos .............................................................. 80
15. M ysterienkulte............................................................................... 87
16. Der Gott der Schöpfung; P t a h ..................................................... 94
17. Der Gott in drei Reichen; Hermes ............................................ lo i
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
18. Christentum und G n o s is .............................................................. 105
Schütt, Hans-Wemer: A u f der Suche nach dem Stein der Weisen: 19. Ägyptische A lc h e m is te n .............................................................. no
Die Geschichte der Alchemie/Hans-Wemer Schütt. -
20.
München: Beck, 2000
ISBN 3 406 46638 9 21.
22. Kleopatra und Isis ...................................................................... 126
23. A gath od aim on ............................................................................... 131
24. Synesios ........................................................................................ 132
ISBN 3 406 46638 9
25. O ly m p io d o ro s ............................................................................... 135
26. Sprachmuster der A lc h e m ie ........................................................ 141
© Verlag C. H. Beck oHG, München 2000 27. Die Alchemie und die Byzantiner ............................................ 148
Satz: Janß, Pfungstadt. Druck imd Bindung: Ebner, Ulm
Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier
(hergestellt aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff)
Printed in Germanv

xjoww.heck.de
Inhalt Inhalt

II. In fremden Welten 15. F a ch litera tu r.................................................................................. 309


16. Die leidige Tradition ....................................................................... 315
1. Triumph und Katastrophe: Der Islam und seine Eroberungen 157 17. Geber ................................................................................................. 3^3
2. Kulturvermittlung ...................................................................... 159 18. F la m e l................................... 337
3. Die syrische Alchemie ................................................................ 163 19. Symbole in der Alchemie .............................................................. 349
4. Causa causarum und die Theorie von Schwefel und 20. E)er Stein ........................................................................................ 3 H
Quecksilber .................................................................................. 165 21. ... und sein Unterbau .................................................................... 363
5. Glanz und Elend der Übersetzungen ...................................... 168 22. Das Charakterbild des Alchemisten ......................................... 365
6. Der Prinz und der M ö n c h .......................................................... 169 23. Die heilige D reifa ltig k eit................................................................. 370
7. Khalid und das Selbstverständnis der arabischen Alchemie . 172 24. Ars oder S cien tia ?......................................................................... 37^
8. Das A l in der Alchemie ............................................................. 175 25. Alchemisten und andere Feinde der Gesellschaft ..................... 382
9. Bagdad und die Träume der Ism a iliy a ...................................... 178 26. Das Bild in der Alchemie .............................................................. 390
10. Gabirs alchemische T h e o r i e ........................................................ 181 27. Kunst und Alchemie .......................................................................403
11. Ein Abenteuer in K onstantinopel............................................... 191
12. Gabirs Laborpraxis ...................................................................... 194
IV. In der neuen Welt Europas
13. Gabirs Philosophie ...................................................................... 196
14. Zwei Tafeln .................................................................................. 202
1. Neuzeit und Hermetismus ........................................................... 416
15. Die lauteren B r ü d e r ...................................................................... 208
2. Die Kabbala ......................................................................................4^3
16. A r - R a z i ........................................................................................... 211
3. Die H eilsgesch ich te.......................................................................... 4^9
17. Die Schatten der Alchemie ........................................................ 221 4. Zeit und Alcheirüe ..........................................................................437
18. Der Weg der Weisen ................................................................... 225
5. Paracelsus .........................................................................................44^
19. Die äußerliche Alchemie und der Hund des Wei Boyang . . 229 6. Die R o sen k reu zer.............................................................................451
20. Asketen und A lc h e m is te n .......................................................... 239
7. Alchemisten und latrochemiker ...................................................458
21. Eine Vollversammlung der P h ilosoph en ................................... 246 8. Adept und Nichtadept: Van Helmont ..........................................468
22. Die Zunft der dunklen Ehrenmänner ...................................... 251
9. Erfahrung und Experiment ........................................................... 473
10. Ein Astronom: B r a h e ....................................................................... 478
11. ... und ein Himmelsphysiker: Newton .......................................479
III. In Klöstern und andernorts
12. Betrüger ........................................................................................... 489
13. ... und Chemiker .............................................................................498
1. Das Frühmittelalter: Byzanz und Europa ................................ 254
14. Goethe und das Fräulein von Klettenberg ............................. 504
2. Chemisch-technische Schriften .................................................. 255
15. Ein verwirrter S t u d e n t ................................................................ 509
3. Brücken zum H ochm ittelalter..................................................... 258
16. Die Suche nach dem <Selbst> ..................................................... 512
4. Noch einmal: Übersetzungen ..................................................... 262
17. Drei Fragen an die analytische Psychologie .......................... 516
5. Das Ambiente lateinischer A lc h e m ie ......................................... 268
18. Chemie und Alchemie ................................................................ 526
6. Albertus Magnus ......................................................................... 270
19. Rätsel und Geheimnis ................................................................ 532
7. Thomas von A q u i n ...................................................................... 272
20. Alchemie als Romantik, Romantik als A lc h e m ie ..................... 540
8. Roger Bacon ......................................................................................280
9. Amaldus von Villanova ............................................................. 282 Notwendiges N a c h w o r t...................................................................... 547
10. Raimundus Lullus ...................................................................... 286 Anmerkungen ..................................................................................... 549
11. Johannes von Rupescissa .......................................................... 290 A b k ü rzu n g e n ........................................................................................ 582
12. Ein mittelalterliches L a b o r .......................................................... 296 Literaturverzeichnis ............................................................................ 583
13. Chemische Operationen ............................................................. 300 Namenregister ..................................................................................... 587
14. Neue alchemische Substanzen .................................................. 307 S a ch reg ister........................................................................................... 59^
N im b in Gottes N am en dasselbige Ding,
w elches nicht vollkom m en ist:
dann auß einem vollkom m enen kann
nichts werden.

(Opus m ulierum et ludus puerorum. Eis 64)

Vorwort

Besser als Nachwort zu lesen, wenn ich den vielen berechtigten Einwän­
den gegen den Stil, den Inhalt und gegen die Art der Literaturangaben
mit Blick auf das Ganze des Buches begegnen kann.
Hier aber möchte ich schon die Gelegenheit ergreifen, all denen zu
danken, die mir indirekt und direkt bei der Abfassung des Buches ge­
holfen haben. Das sind nicht wenige, zu viele für eine noch sinnvolle
Dankesliste. Die Liste aber zu kürzen, würde mir zu schwer fallen. So
soll es beim <A11 denen .. .> bleiben. Ausdrücklich möchte ich Herrn
Dr. Wieckenberg und Herrn Dr. Meyer für ihr Interesse und für die
Betreuung des Manuskipts danken.
I. Im Schatten der Pyramiden

I. A uf der Suche

«Quid est alchymia?» - «Was ist die Alchemie?» Das ist eine Frage, die
schon deshalb, weil sie zahllos viele Antworten herausfordert, keine
völlig befriedigende Antwort verspricht. Keine von ihnen vermag alles
zu sagen; keine erlaubt auch nur Vermutungen darüber, wie alles zu
sagen wäre.
Wenn wir die Alchemie, um ein in der alchemischen Literatur zuwei­
len verwandtes Bild zu benutzen, als einen Heiligen Bezirk ansehen, so
können alle unsere Antworten diesen Bezirk nur durchstreifen. Niemals
bieten sie uns einen Ausblick, der das Gebiet bis hin zu seinen äußersten
Grenzen umfassen würde. Wir können die Alchemie also im wahrsten
Sinne des Wortes nicht definieren. Und das liegt nicht etwa an unserem
Unvermögen, bis zu ihren Grenzen vorzustoßen, es liegt an der einge­
borenen Grenzenlosigkeit der Alchemie. Ganz wie der Mensch selber
ist die Alchenrde zwar ein Etwas für sich, eine lebendige Einheit, aber
eine Einheit, die sich jeder Grenze, jeder allessagenden Definition ent­
zieht. - Das heißt nun nicht, dass uns jeder Zugang zur Alchemie ver­
wehrt ist, doch sollten wir, wenn wir in ihr Reich eintreten, dies tun mit
dem Wissen darum, dass wir nicht alles, was wir sehen, nicht alles, was
wir erleben werden, wirklich erfassen können. Die Alchemie bietet sich
nämlich, um im Bild zu bleiben, dar als ein komplexer Tempelbezirk,
an dem über Jahrhunderte unzählbar viele Baumeister gearbeitet haben,
genau wie dies übrigens bei den altägyptischen Tempelbezirken der Fall
ist, die keine von einem einzigen Architekten vorgegebene, ästhetische
Idee verwirkhchen, sondern das Ganze der Welt in seinem stetigen,
organischen Leben und Wachsen. Wie die Großtempel sind auch die
Kembereiche der Alchemie von Dutzenden von Nebenbauwerken um­
geben. Im Bezirk der Alchemie gibt es Gebäude, die ekstatisch verwin­
kelt sind, doch gibt es auch solche, die durchaus nüchtern-gradlinig
wirken; da gibt es Gebäude, die profane Aufgaben zu haben scheinen,
da gibt es aber auch eindeutig sakrale Gebäude, die im purpurfarbenen
Dunkel die verschleierte Göttin der Weisheit beherbergen. Im Übrigen
ist der Tempel unserer Alchemie nicht etwa menschenleer. Wir sehen
Frauen und Männer in den verschiedensten Trachten, griechischen, ara­
bischen, indischen, chinesischen und auch mittelalterlichen Menschen,
die in den verschiedensten Sprachen durcheinander- und vielleicht auch
I. Im Schatten der Pyramiden Paläste, Tempel und ein Museum: Alexandria 13

aneinander vorbeireden, Menschen, an deren Gesichtern wir alle Ge­


mütszustände ablesen können, von wilder Verzweiflung bis zu gelasse­ 2. Paläste, Tempel und ein Museum: Alexandria
ner Heiterkeit, Menschen, deren Reden wir allesamt nicht oder zunächst
nicht verstehen können. Beginnen wir also unsere Wanderung, und zwar durch das Tor, das
Was nun sollen wir angesichts dieses so faszinierenden wie unüber­ <Alexandria> heißt, und tun wir dabei so, als besuchten wir diese Perle
sichtlichen Panoramas tun? - Am besten, wir ziehen uns zunächst auf des Nildeltas während der Regierungszeit des Kaisers Diocletian, des­
ein Vorverständnis von Alchemie zurück und besinnen uns dann dar­ sen Name übrigens nicht nur nüt einer Reichsreform und einer Chris­
auf, warum wir eigentlich in den Tempelbezirk eingetreten sind, sprich; tenverfolgung verknüpft ist, sondern auch mit einem Dekret gegen die
warum wir uns überhaupt für die Alchemie interessieren und was wir Fälschung von Edelmetallen. Unsere Reise findet also irgendwann zw i­
uns von ihr erhoffen. schen 284 und 305 n. Chr. statt. Wir sind nach Alexandria gekommen,
Lassen wir also unser irgendwie vorgebildetes Gefühl sprechen und um dort eine Alchemistenwerkstatt zu besuchen, denn von irgendwo­
bezeichnen die Alchemie als «die Kunst, gewisse Materialien zu höhe­ her haben wir gehört, dass dort die Kunst geübt wird, <das Unedle
rem Sein zu veredeln, und zwar derart, dass mit der Manipulation der systematisch zu veredeln>, wobei auch von Gold und anderen, geheim­
Materie auch der um ihr Geheimnis ringende Mensch in einen höheren nisvolleren Dingen die Rede war.
Seinszustand versetzt wird». Übrigens hatte Alexandria wohl kein Monopol auf die früheste A l­
Diese Vorabdefinition, so harmlos sie klingt, ist nicht unproblema­ chemie. Es könnte durchaus sein, dass auch in anderen Stätten des Na­
tisch. Denn was heißt hier Kunst, was veredeln, was Geheimnis? Dazu hen Ostens, so in Harran in Syrisch-Mesopotamien oder in Palästina, in
kommen die üblichen hermeneutischen Schwierigkeiten, denn unsere dieser frühen Zeit schon Künste geübt wurden, die man als alchemisch
Definition sollte doch gewissermaßen eine Quersumme sein von Einzel­ bezeichnen kann. Zudem gab es seit Beginn der alchemischen Tradition
beobachtungen, die erst noch gemacht und interpretiert werden müs­ Leute, die behaupteten, die Alchemie stamme direkt oder indirekt aus
sen. Das aber gelingt nur, wenn wir unsere Beobachtimgen im Lichte Persien. Bei allem aber ist sicher, dass Alexandria das wichtigste Zen­
eines Vorverständnisses anstellen, was eigentlich unzulässig ist. trum der antiken Alchemie gewesen ist.
Nehmen wir also, beflügelt von den noch zu erwartenden Überra­ Schon bei unserer Ankunft im Hafen fühlen wir uns lebhaft an New
schungen, die Laterne auf und durchwandern den Heiligen Bezirk wie­ York erinnert, denn was den New Yorkem die Freiheitsstatue, das ist
der imd wieder, um das Einzelne der Alchemie aus dem besser begrif­ den Alexandrinern ihr berühmter Leuchtturm, der Pharos. Und auch
fenen Ganzen zu verstehen und das Ganze aus dem Einzelnen. So imd die Innenstadt besitzt Ähnlichkeit mit New York. Wie New York ist
nur so können wir hoffen, Antwort zu finden auf die Fragen, die unsere Alexandria schachbrettföimig gebaut, und wie N ew York ist Alexandria
neugierigen Blicke gelenkt haben: ein Schmelztiegel der Völker, ein Schmelztiegel, der längst nicht alles
Warum wurde im alchemischen Prozess ein Unternehmen, das doch einschmilzt. Drei Völkertypen dominieren in Alexandria, und zwar die
offensichtlich immer wieder im Fehlschlag endete, trotz allem über Römer, die eingeborenen Ägypter und die Nachkommen der griechi­
Hunderte von Jahren unzählige Male wiederholt, und dabei in völlig schen Einwanderer, die sich nach Jahrhunderten im Lande am Nil eben­
unterschiedlichen Kulturbereichen? Kurz gesagt; Warum war die Alche­ falls als Ägypter, wenn auch als hellenische Ägypter fühlen. Natürlich
mie so zählebig? Ferner: Wenn sie denn so zählebig war, warum ist sie hat sich in den mehr als zwanzig Generationen seit dem Zug Alexan­
dann doch gestorben? ders des Großen auch eine Zwischenschicht ägyptisch-griechischer
Hier eine prinzipielle Erfolglosigkeit der Alchemie als naheliegende Mischbevölkerung herausgebildet. Daneben gibt es Kolonien von Per­
Antwort anzubieten, reicht offenbar nicht aus. Es muss andere Antwor­ sern und Syrern, die ebenfalls oft schon seit Generationen, nämlich seit
ten geben, vielleicht auch Antworten auf eine andere, etwas differen­ der Perserherrschaft über Ägypten, im Lande sind. Die ehemals sehr
ziertere Frage: Warum konnte die moderne Chemie die Alchemie ver­ bedeutende Gemeinde der Juden dagegen, die einst die Mehrheit der
drängen, was also unterscheidet die Alchemie von ihrer erfolgreicheren Bevölkerung in zwei der fünf Stadtteile Alexandrias gestellt hatten, ist
Rivalin? nach dem Jüdischen Aufstand um 70 n. Chr. auf kümmerliche Reste
zusammengeschrumpft.
Neben dem bekanntlich zu Zeiten Caesars und der schönen Kleopa-
tra teilweise ausgebrannten Königspalast weisen zwei Gebäudekomple­
M I. Im Schatten der Pyramiden Paläste, Tempel und ein Museum: Alexandria

xe in Alexandria zurück auf die große Zeit der griechischen Herrscher­ hochpolitischen Traum. Einem vielleicht später entstandenen Staatsmy­
familie der Ptolemäer (306-31 v. Chr.): das Museion mit seiner Biblio­ thos zufolge träumte Ptolemaios, der Gott Pluton gebe ihm den Befehl,
thek für 700000 Buchrollen und das Serapeion, das als Haupttempel des seinen Kultus aus dem griechischen Sinope nach Ägypten zu versetzen,
griechisch-ägyptischen Reichsgottes Serapis Mittelpunkt des Staatskul­ weil er, der Gott, aus Ägypten stamme. Eine verborgene kulturelle Ein­
tes war. Die beim Königspalast gelegenen, zum Zeitpunkt unserer Wan­ heit Griechenlands und Ägyptens wurde damit einfach vorausgesetzt.
derung noch frischen Ruinen des Museion allerdings zeigen, dass die Ausdruck dieser Einheit war Pluton, der nun auch Eigenschaften von
Zeit der Größe unwiederbringlich vorbei ist, im Zeichen einer galoppie­ Zeus sowie von Dionysos und Asklepios und darüber hinaus Züge der
renden Inflation im ganzen Römischen Reich übrigens auch wirtschaft­ ägyptischen Götter Osiris imd Ptah aimahm. Als Osiris war der neue
lich. Bei Unruhen kurz vor Regierungsantritt des Diocletian ist das Mu­ Gott mit dem Kult des Apis-Stiers verbunden und galt als Gemahl der
seion endgültig zerstört worden und mit ihm eine Hochburg griechi­ Isis; als Ptah war er Weltenschöpfer und Erneuerer der Welt. Unter dem
scher Wissenschaft, die als eine Art <Institute of Advanced Study> 500 Namen Serapis, d. h. Osiris-Apis, wurde der so vereinte Gott, der in
Jahre lang bestanden hatte. menschlicher Gestalt und mit einem Getreidegefäß als Zeichen der
Der Gründer des Museion, Ptolemaios I. Soter, war es auch, der den Fruchtbarkeit auf dem Haupt dargestellt wurde, zum Reichsgott Ä gyp­
Grundstein zum Serapeion gelegt hat. Jetzt, Ende des 3. Jahrhimderts, tens.
ist es noch unversehrt und mit ihm eine Bibliothek klassisch-griechi­ Eine Vereinigung verschiedener Aspekte verschiedener Götter, wie
scher Texte mit etwa 200000 Schriftrollen. ^ Für ims hat das Serapeion wir sie in der Gestalt des Serapis erleben, wirkte übrigens nicht so
eine besondere Bedeutung als Symbol für den Versuch des ersten Pto­ künstlich wie sie heute erscheinen mag. Bis zur endgültigen Aufhebung
lemäer-Pharaos, eines der Hauptprobleme der griechischen Herrschaft aller nichtchristlichen Kulte im Jahre 392 n. Chr. nämlich war der Syn­
in Ägypten zu lösen, ein Problem im Übrigen, dass sich auch anderen kretismus, also eine Vermischung einander eigentlich fremder religiöser
Herrschern in der Nachfolge Alexanders stellte; das Problem des Zu­ Ansichten, gerade im Hellenismus gang und gäbe. Und auch die Alche­
sammenlebens verschiedener Kulturvölker mit verschiedenen Traditio­ mie zeigt zumindest in ihren Anfängen eine Tendenz zur Verschmel­
nen im selben Lande. zung unterschiedlicher Bestrebungen, unterschiedlicher Vorstellungs­
Wie in fast allen Nachfolgestaaten des Alexander-Reiches befanden welten, unterschiedlicher Geistessysteme. Bei einer derartigen Neigimg
sich die Griechen im Ptolemäer-Reich in der Minderzahl. Dennoch war zum Synkretismus fand es wohl niemand merkwürdig oder gar gottes­
die Diplomaten- und Verwaltungssprache in all diesen Staaten Grie­ lästerlich, dass die Ptolemäer ihren Gott quasi synthetisierten und dass
chisch, und die Diadochen, die Erben Alexanders, und ihre Klientel sie diesem nachgerade erfundenen Gott einen gewaltigen Tempel errich­
fühlten sich noch Generationen nach dem Tode des Eroberers einer ge­ teten, eben das Serapeion.
meinsamen Kultur zugehörig. Auch als große Bevölkerungsgruppen Für uns, die wir den Anfängen der Alchemie nachspüren, ist das
das Griechische übernahmen, diente diese Sprache im Laufe der Jahr­ Serapeion steingewordener Beweis für die Behauptung, dass es Berüh­
hunderte überraschenderweise zur Stützung der lokalen Kulte und Tra­ rungszonen gab, in denen die Religion imd Philosophie der Griechen
ditionen, weil die lokalen Götter in den internationalen Pantheon des sich mit der Religion und Tempelkunst der Ägypter trafen. Nur auf
Hellenismus übersetzt werden konnten. Wir reden zu Recht von Helle­ solchen Berührungsfeldem aber konnte ein Konglomerat entstehen, das
nismus und nicht von Griechentum, unterscheidet er sich doch von der im klassischen Griecherüand noch undenkbar gewesen wäre: die Ver­
klassisch-griechischen Kultur in zwei Hinsichten: Der Hellenismus ist bindung bestimmter Naturphilosophien, wie sie im Museion gepflegt
kosmopolitisch, und er ist vielfältig beeinflusst von den Hochkulturen, wurden, mit religiös eingebundenen Handwerken, wie sie in den Werk­
die er überlagert hat. stätten ägyptischer Tempel betrieben wurden.
In Ägypten wie in anderen Diadochenstaaten hatte die Regierung die Für den Zusammenhalt dieser Verbindung schienen aber mindestens
schwierige Aufgabe zu bewältigen, die Spannungen zwischen zwei kul­ zwei weitere Komponenten notwendig gewesen zu sein, nämlich zum
turellen Kraftfeldern gleicher Stärke möglichst zu neutralisieren. Bereits einen bestimmte religiöse und philosophische Auffassungen, die erst in
Soter machte sich energisch an die Lösung dieses Problems, und er hat der späten Antike aufkamen,^ zum anderen medizinische Kenntnisse.
damit ungewollt einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der hellenisti­ Neben den Fachgelehrten vom Typ der Museion-Professoren und der
schen Alchemie geleistet. Dieser Beitrag bestand nicht nur in der Grün­ Gemeinschaft der ägyptischen Handwerker und Priester gab es nämlich
dung des Museion, er bestand auch in einem Traum, zudem einem einen weiteren Berufsstand, der einen erheblichen, wenn auch indirek­
i6 I. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor 17

ten Einfluss auf die Denkweise und das Wissen der frühen Alchemie
ausgeübt hat. Das waren die Ärzte oder besser der Teil der Ärzte, der
sich auch mit Pharmakologie befasste. Und gerade die ägyptische, von
Priestern betriebene Medizin galt bei den Griechen als hochstehend,
was wohl auch aus heutiger Sicht stimmt, weim man die Anatomie und
Chirurgie einmal ausnimmt.^ Dennoch: Die Medizin, die auf die Alche­
mie eingewirkt hat, scheint im Wesentlichen griechischer Herkunft ge­
wesen zu sein. Man erkennt das an bestimmten Rezepten, die sowohl
in alchemischen Schriften als auch in griechisch-medizinischen Texten
verzeichnet sind. Und auch eine scheinbar typisch alchemische Behand­
lungsweise der Metalle, nämlich die Calcination, heute würden wir sa­
gen die Oxidation, wurzelt in der griechischen präparativen Pharmako­
logie. Die Ärzte wollten ihre metallischen Drogen auf diese Weise ver­
daulicher, und das bedeutete auch, unkörperlicher machen, und der
Prozess der Verdauung, der Fermentation oder Putrefaktion, spielte
auch in der Alchemie eine bedeutende Rolle.

j . Ein Alchemistenlabor

Bevor wir nun Genaueres über alchemische Operationen zu erfahren


versuchen, sollten wir uns zunächst ein Alchemistenlabor ansehen. Das
geht natürlich nur in Begleitung eines unsichtbaren <Dr. Plausibeb, der
<Der Alchem ish von Adriaen van Ostade (i6io~ i68 ^ ); National Gallery, London
immer dann auftaucht, wenn uns ein resignierter Seufzer auf den Lip­
pen liegt. Der Herr Plausibel muss uns fehlende archäologische imd
archäometrische Hinweise ersetzen, denn ein antikes Alchemistenlabor trägt. Gemeint ist die Phiole, mit deren Hilfe sich immerhin kein gerin­
ist bisher noch nirgends ausgegraben worden. Und gewiss führt er uns gerer als der Alchymicus Faust von seiner professoralen Unwissenheit
in den offenen Hof eines ägyptischen Hauses, der auch als Küche hätte befreien wollte.
dienen können. Gewiss auch öffnet sich die Bibliothek, die unabdingbar
zum Labor gehörte, auf diesen Hof hin. Wir können versuchsweise an­ «Ich grüße dich du einzige Phiole,
nehmen, dass unser Alchemist, sei er nun Anfänger oder Adept, d. h. die ich mit Andacht nun herunterhole»
einer der adeptus est, der also die Weisheit erlangt hat, kein bloßer Hand­ ((Faust (1) Vers 690 f.) Goe. V, 48),
werker war, sondern entweder Priester oder Arzt oder Pädagoge, und lässt Goethe ihn bekanntlich sagen, was etwa so tragisch klingt, als hätte
für diese Leute gehörte es sich einfach, eine gewisse Büdung vorweisen nicht unser Dichterfürst, sondern sein Kollege Wilhelm Busch es dem
zu können. Herrn Professor in den Mund gelegt.
Aber Bildung allein reichte nicht, Geld musste auch da sein; Alchemie Anscheinend stammt das Wort Phiole von dem Wort phiale, d. h. Kup­
zu treiben, war ein teures Vergnügen. Das kann man schon an den al­ pel. Tatsächlich ist die Phiole nichts als eine kuppelförmige, bauchige
chemischen Geräten und Gefäßen ablesen, die zum Teil aus Glas waren, Flasche mit langem Hals, und genau deshalb ist sie als <hermetisches
und für Glas musste man eine Menge berappen. Daneben gab es natür­ Gefäß> mit dem göttlichen Urvater der Alchemie, mit Hermes Trisme-
lich auch Gefäße und Geräte aus Ton und in seltenen Fällen aus Metall. gistos, verbunden. Die bauchige Form der Phiole stellt die geordnete
Einige dieser Gefäße und Geräte verdienen eine eingehendere Be­ und ordnende Welt, also den Kosmos dar, oder besser: Die Phiole kann
trachtung, z. B. ein Gefäß, das unter den üblichen Schalen, Flaschen und der Kosmos sein, und zwar als ein Mikrokosmos, als eine Welt im Klei­
Bechern kaum auffällt und doch einen bedeutungsschweren Namen nen. Die Phiole kann auch für das Weltenei stehen, in dem alles Leben
i8 I. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor 19

sich entwickelt. Und auch der lange Hals der Phiole hat eine über die zu destillierende Gut gegeben wurde. A uf den Topf wurde ein Rohr
Laborpraxis hinausgehende Bedeutung. Er kann dazu dienen, den sym­ mit einer lichten Weite von etwa einer Handbreite angebracht, dies
bolischen Kosmos hermetisch abzuschließen und damit zu einer wirk­ sicher, um zu verhindern, dass Destilliergut in die Vorlage gerissen
lich eigenen Welt zu machen; das geschieht schlicht dann, wenn man wurde. Das Rohr trug einen - ebenfalls angekitteten - Kopf oder Helm
ihn zuschmilzt. aus Kupfer, Chalkeion, Ambix oder seltener Ambikos genannt. Im Falle
Die kleine Glasflasche ist es also wirklich wert, angeschaut zu werden, des Tribikos - Tri-ßzfcos, <Drei-Krug> - gingen vom Helm drei Schnäbel
steht sie doch beispielhaft nicht nur für hermetische Wissenschaften und aus, die in drei Vorlagen endeten, die Rhogia aber auch Phialai genannt
Künste, sondern vor allem für alchemisches Denken und Handeln, auch wurden.^ Es gab übrigens auch erhebliche Variationen des Grundsche­
im Labor. Immer ist letzteres Uneingeweihten verschlossen, ünmer ist es mas Destillierkolben-Helm-Vorlage. Möglicherweise kannten die grie­
vielschichtig, immer hochsymbolisch. Ein Problemkind aus einer späte­ chischen Alchemisten schon den so genarmten Türkenkopf-Apparat,
ren Zeit der Alchemie kann uns das demonstrieren: der Alkahest, jenes bei dem der Destillationshelm ständig in eine Wanne mit Kühlwasser
Universallösungsmittel, das Alchemisten in Arabien und Europa angeb­ eingetaucht war.^
lich herstellen konnten. Aufgeklärte Geister kamen natürlich schnell da­ Sicher aber waren der Destillation der Alchemisten Grenzen gesetzt,
hinter, dass ein Alkahest eine contradictio in adiecto, ein Selbstwiderspruch die nicht nur darin bestanden, dass man keine Schliffverbindungen be­
ist, müsste doch ein Universallösungsmittel, wenn es wirklich universal saß, sondern als Dichtungsmittel Lehm verwenden musste, der etwas
wäre, auch die Wände jedes Gefäßes auffressen. Das aber zeigt nur, dass hochtrabend <philosophischer Kitt>, Lutum philosophorum, genannt wur­
wir, die wir Erben der Aufklärung sind, in einer gläsernen Welt leben, in de. Leichtsiedende Flüssigkeiten wie Alkohol konnten nicht destilliert
der wir alles durchschauen und nichts mehr sehen. Für einen echten werden und blieben deshalb unbekannt. Und weil man kaum zonen­
Alchemisten nämlich war die Phiole nicht nur ein Glasgefäß, sondern sie weise erhitzen und kühlen konnte, war auch die Destillation hoch sie­
war eben auch der Kosmos. Und es gibt nichts, das die alles umhüllende dender Substanzen vor allem dann schwierig, wenn diese leicht erstarr­
achte Sphäre des Kosmos zerstören könnte. So betrachtet hat die kleine ten und die Rohre verstopften.
Glasflasche unseren Respekt doch wohl verdient, auch wenn wir die Nicht nur destillieren, auch sublimieren konnte man bereits. Im sim­
selbstmörderischen Sehnsüchte des Dr. Faust nicht teilen. pelsten Fall stülpte man dazu einfach zwei Bikoi Rand auf Rand auf­
Mit gleichem Respekt sollten wir uns auch die anderen Gegenstände einander, wobei der obere Bikos mit einem kleinen Loch zum Ableiten
im Labor unseres Alchemisten ansehen, wie sie zumeist in den Trakta­ von Dampf versehen war. Außerdem empfahl Zosimos die Verwendung
ten des <göttlichen Zosimos>, eines Alchemisten aus dem 3.74. Jahrhun­ schlange^örmiger Röhren als Auffanggefäß, wobei er als Sublimate ne­
dert, beschrieben sind. Zunächst fällt uns dabei ein Apparat auf, der, so ben dem Schwefel auch das Quecksilber nennt, das wir, weil es flüssig
wird behauptet, im unteren Teil, dem Leib, weiblich und im oberen Teil, ist, nicht unter die sublimierbaren Substanzen rechnen würden. An der
dem Kopf, männlich ist. Unserem profanen Blick erscheint der merk­ großen Oberfläche der Röhren könne, so sagt Zosimos, das Sublimat^
würdige Zwitter zwar nur wie ein <üblicher> Destillationsapparat, aber sich besser absetzen, was sicher zutreffend ist.
das ist schon überraschend genug, denn Destillationsapparate waren Neben den auch heute noch üblichen Geräten gibt es in unserem
durchaus nicht üblich. Unsere wichtigsten Gewährsleute für die Zeit um Labor noch einen weiteren Apparat, der der Sublimation vor allem klei­
Christi Geburt, nämlich Plinius in seiner <Historia naturalis> (Hist. Nat. ner Substanzmengen diente. Eine bestimmte griechische Maltechnik,
XV, 31) und der Arzt und Pharmakologe EHoskorides in seiner <Materia die Enkaustik - die Wachsmalerei - gab ihm den Namen: Kerotakis. So
medica> (Mat. Med. I, 205, und V, iio), erwähnen bestenfalls primitive wurde ursprünglich die recht- oder dreieckige Palette genannt, auf der
Vorformen von Destillationsapparaten, bei denen Dämpfe in einem über Wachs, Keros, mit Farbe verrührt wurde. Das gefärbte, also tingierte
den Topf gestülpten, flaschenförmigen Gefäß oder in einem Tuch bzw. Wachs wurde dann warm in eine Unterlage gerieben, z. B. in Marmor.
Woll-Vlies kondensiert wurden."^ Tatsächlich: Die griechischen Statuen und Marmorfriese waren nicht so
Ende des 3. Jahrhunderts aber beschreibt Zosimos einen so genann­ weiß, wie unsere Weimarer Klassiker es gern hätten, sie waren gefärbt,
ten Tribikos, der alle Merkmale eines ausgereiften Destillationsappara­ oft sogar in einer Art, die wir für kitschig halten würden.
tes enthält, nämlich einen Destillierkolben mit aufgesetztem Rohr, ei­ Die Palette, die für die lebensechte Färbung der Marmorgötter sorgte,
nen Helm mit Schnabel bzw. Schnäbeln und Rezipienten. Als Destil­ war auch Bestandteil des Apparats, dem sie ihren Namen gab. Sie wur­
lierkolben verwandte man meist einen Keramiktopf, Lopas, in den das de verwandt, um auf ihr Metalle nüt entsprechenden Reagenzien rea­
I. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor

gieren zu lassen. Bei flüchtigen oder giftigen Substanzen setzte man den man vor allem Werg und wahrscheinlich auch Tücher sowie ungebrann­
Kerotakis in einen geschlossenen Zylinder, der von außen erhitzt wer­ te Tonscherben und vielleicht hier und da den teuren Papyrus.
den konnte. Im oberen Teil befand sich die Palette mit Flittern des um­ Basis all dieser Apparate, Geräte und Materialien - und dies im ge­
zusetzenden Metalls. Die zu verdampfende Substanz befand sich am nauen Sinne des Wortes - waren die Wärmebäder und die Öfen. Die
Boden des Gefäßes, und über ihr sorgte ein Keramik-Rost dafür, dass große Zahl der Öfen im Alchemistenlabor deutet hin auf zwei Schwie­
umgesetzte Substanzen nicht in das Reagenz gerieten. Im unteren Teil rigkeiten, die bis in die Frühe Neuzeit nicht gelöst werden konnten.
des Zylinders, getrennt vom Reaktionsraum, befand sich ein Holzkoh­ Zum einen war eine Regelung der Temperatur am Ofen nicht möglich.
lenofen für die Befeuerung des Apparates. Zum anderen war es unmöglich, die Temperatur, weim man sie schon
Weil beim Erhitzen die dampfförmig aufsteigenden Substanzen oft in nicht regeln konnte, wenigstens zu messen. Eine wichtige Forderung an
Gestalt von Hüssigkeiten oder Schmelzen vom Oberteil des Rohres wie­ alchemische Wärmequellen aber war die nach einer konstanten und oft
der herabtropften, nannte man den Apparat und zugleich das Verfahren auch niedrigen Temperatur. Alchemische Vorgänge wurden nämlich
auch Karkinos, d. h. Krebs. Auch den Ourohoros, die Schlange, die sich häufig quasi biochemisch gedacht und erforderten mäßige Temperatu­
in den eigenen Schwanz beißt und zu den wichtigsten Symbolen der ren über lange Zeiträume.
Alchemie zählt, brachte man mit dem Kerotakis in Verbindung. Schließ­ Wenn es um leichtes Erwärmen ging, verwandte man Sand-, Wasser-
lich wurde der Apparat bezeichnenderweise <Ei der Philosophen> ge­ sowie Aschebäder oder auch Behälter mit Dünger, meist Pferdemist, der
nannt,^ wurde doch in ihm das Mysterium ausgebrütet. Aus diesem beim Gären Temperaturen um 60° C erreicht. Eine der wichtigsten Wär­
Grunde wahrscheinlich gibt es in den Manuskripten auch Ausführun­ mequellen, vor allem immer dann, wenn es um schonendes Verdunsten
gen des Kerotakis in Kugel- oder Eiform. ging, war natürlich das Sonnenlicht, das für den Alchemisten auch
Ein Beispiel, es bezieht sich auf die Goldimitation durch Amalgamie­ schon deshalb besondere Qualitäten besaß, weil es ausging von Sol,
rung, möge zeigen, dass der Kerotakis tatsächlich eine <Lücke im Ap- dem Gott des Goldes. Hier, in den Mauern eines alchemischen Labors,
paratebau> ausfüllte. Dreizehnprozentiges Kupferamalgam gilt auch müssen wir also auch mit dem Begriff Wärme vorsichtig sein. Wärme
heute noch als brauchbare Goldimitation. Diese ganz bestimmte Legie­ von 40° C ist nicht immer dieselbe, die kosmische Wärme ist anders als
rung ist aber durch direkte Mischung in der Hitze nicht herzustellen, die animalische Wärme gärenden Mistes, und diese wieder anders als
weil Quecksilber dabei verdampft. Eine Vermengung in der Kälte führt die Wärme der Öllampen, mit denen jedes alchemische Labor ausgerü­
auch nicht zum Ziel, weil dabei ein Gemisch von nicht umgesetztem stet war und die man benutzte, um kleine Substanzmengen zu erhitzen.
Kupfer und einem silbern und nicht golden aussehenden Kupferamal­ Für höhere Temperaturen reichten Lampen nicht aus; man musste Öfen
gam entsteht, das mehr als 13% Quecksilber enthält. Man legte also einsetzen, von denen es verschiedene Typen und Größen gab. Unter
Kupferfolien auf den Kerotakis und ließ unten im Apparat Quecksilber anderem besaß ein gut ausgestatteter Adept neben einem gewöhnli­
verdampfen. Das Endprodukt hatte dann die richtige Zusammenset­ chen, gemauerten Herd so etwas wie einen Dauerbrandofen, Pyr auto-
zung und die richtige Farbe. Das Beispiel zeigt, wie planmäßig die frü­ maton genannt, dessen Konstruktion allerdings nicht sicher bekannt ist.
hen Chenüker und Alchemisten handeln konnten, und es zeigt, dass die Für einige Operationen wurden Glasmacheröfen verwandt, bei denen
Leistungen der Chemie manchmal - nicht immer - mit der Entwicklung der Reaktionsraum in den Ofen eingebaut, also völlig vom Heizraum
des Apparatebaus verknüpft sind. Dass diese Leistungen durch naives umgeben ist. Natürlich waren auch Blasebälge in Gebrauch. Als Brenn­
Herumprobieren zustande gekommen waren, reicht zu ihrer Erklärung material für seine Wärmequellen benutzte der Alchemist Holzkohle
sicher nicht aus. Wir werden noch sehen, wie viel Theorie hinter den und, so er hatte, Öl, Wachs, Pech oder, wie gesagt, Viehdung.
Destillationen imd Sublimationen der Alchemisten stand. Damit haben wir alles Wesentliche beisammen, um nun unseren A l­
Aber schauen wir uns zunächst weiter in unserem Alchemistenlabor chemisten in seinem Labor im Hofe seines Hauses laborieren zu lassen.
um. Außer all den üblicherweise zu erwartenden Bechern, Schalen, Es fehlen nur noch die Substanzen, mit denen er nach unserem Willen
Mörsern, Flaschen und Krügen mit oder ohne Inhalt, die wir uns samt zu hantieren hätte.
Rührstäben, Messern, Löffeln und Nadeln mehr oder weniger ordent­ Mit den Substanzen haben wir es in manchem unüberwindlich
lich verteilt auf Regalen und Bänken vorstellen können, finden wir di­ schwer. Die schriftlichen Quellen sind hier oft nicht nur unvollständig,
verse Trichter, die darauf hindeuten, dass nicht nur destilliert und sub­ sondern gewollt oder ungewollt auch undeutlich. Und selbst wenn wir
limiert, sondern auch eifrig filtriert wurde. Als Filtermaterial benutzte eine Substanz richtig identifiziert haben, wissen wir meist nichts über
I. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor 23

ihren Reinheitsgrad und über die Art ihrer Beimischungen. Allerdings allem, wenn sie aus einem imgemischten Erz erschmolzen werden
wurden die wichtigsten in der <Göttlichen Kunst> verwandten Substan­ konnte, als ein eigenständiges Metall an, oder man glaubte, Legierun­
zen immer wieder beschrieben, und so können wir uns oft doch immer­ gen seien Veränderungen gewisser Metalle durch Zusätze, die während
hin einen educated guess leisten. des Hüttenprozesses unter Hinterlassung hoffentlich nützlicher Eigen­
Ganz allgemein kann man sagen, dass die Gesamtheit aller bekannten schaften restlos im Basismetall verschwänden. Für die Behauptung,
Substanzen von den griechisch-ägyptischen Alchemisten in drei Haupt­ dass Substanzen regelrecht verschwinden könnten, durfte man sich so­
gruppen geschieden wurde. Das sind die Somata, die Pneumata und die gar auf eine naturphilosophische Top-Adresse berufen. Kein geringerer
Asomata, was wörtlich übersetzt bedeutet: die Körper, die Lüfte oder als Aristoteles hat nämlich die Meinung vertreten, dass wenig Wein sich
Geister und die Nichtkörper. in viel Wasser zu Wasser verwandle, ziehe doch die größte Menge die
Zu den wahren Körpern gehörten alle damals bekannten Metalle und kleinere in ihre Seinsform. In Hinblick auf die Frage: «Als was wurden
- wie wir heute wissen - auch gewisse Metalllegierungen. Es wurden Legierungen angesehen?», kam es also nicht auf die Tatsache einer Zu­
immer sieben Hauptmetalle angegeben, und es mussten auch immer legierung schlechthin an, sondern - in einem fließenden Übergang vom
sieben sein. Die Siebenzahl wurde nie bezweifelt, gab es doch kein Me­ einen zum anderen Metall - auf die Menge und auf die spezifischen
tall, das nicht zu einem der sieben in der antiken Astronomie bekannten Qualitäten des zulegierten Materials.
Wandelsterne - einschließlich Sonne und Mond - in kosmischer Bezie­ Was beim Prozess der Legierung herauskam, war etwas anders Ge­
hung stand. In der griechischen Alchemie war Blei traditionell verbun­ machtes, wie denn auch das englische Wort alloy und das französische
den mit dem Saturn, Zinn mit dem Jupiter oder dem Merkur, Elektron alliage auf das griechischen Verb alloioein, d. h. verändern, verwandeln,
- eine Silber-Gold-Legierung - meist mit dem Jupiter, Bronze - eine zurückgeführt werden können. Aber auch, wenn man meinte, nicht nur
Kupfer-Zinn-Legierung - ebenfalls mit dem Jupiter, Eisen anfangs mit etwas <anders Gemachtes>, sondern etwas ganz Neues erschmolzen zu
dem Merkur, später immer mit dem Mars, Kupfer anfangs mit dem haben, sah man das Produkt der Verhüttung nicht wie wir als eine ge­
Mars, später immer mit der Venus, Quecksilber gewöhnlich mit dem wissermaßen gleichberechtigte, gleichwertige Zusammenlagerung ver­
Merkur, Silber immer mit Luna, dem Mond, und Gold immer mit Sol, schiedener, diskreter Metalle an, die in der Legierung ihre Identität be­
der Sonne.^ halten und im Prinzip aus der Legierung wieder ausgezogen werden
Das sind neun und nicht sieben Metalle, und unter ihnen befinden können.
sich sogar zwei Legierungen, doch galten Zinn und Quecksilber zuwei­ Doch damit nicht genug: Es gab Metalle, die unser Alchemist kannte,
len als dasselbe Metall, und häufig wurde Quecksilber, dieser stets wan­ aber nicht er-kannte, beispielsweise das Wismut, das immer für eine Art
delbare Proteus unter den chemischen Grundstoffen, gar nicht als Me­ Blei gehalten wurde. Zinn galt oft als weißes Blei. Und um uns und auch
tall angesehen. schon antiken Lesern das Leben so recht schwer zu machen, wimmelt es
Wir sollten also nicht einfach voraussetzen, dass unser Alchemist nur in der alchemischen Literatur zudem von Allegorien über Dinge und
sieben Gefäße für seine sieben Metalle benutzte. Um halbwegs Ordnung Vorgänge, in denen die Leitbegriffe in uns zunächst ganz und gar unver­
unter seinen Somata zu halten, brauchte er einige Gefäße mehr. Wir ständlicher Weise miteinander verknüpft sind. Was z. B. haben Blei, Was­
müssen uns nämlich alle für uns diskreten Metalle als Familien vorstel­ ser, Zinn, Christus, Quecksilber, schwarze Brühe und Urmaterie mitein­
len mit zuweilen deutlichen Unterschieden zwischen den Familienmit­ ander zu tun? Adepten wie Maria und Olympiodoros, auf die wir beide
gliedern. Das berührt das Poblem der Legierungen, die als solche zu­ noch zurückkommen müssen, werden uns erklären, dass all diese Be­
gleich bekannt und unbekannt waren. Legierungen im Sinne eines zeichnungen im jeweiligen Kontext dasselbe oder fast dasselbe meinen.
Grundmetalls mit veränderten Eigenschaften kannte man sehr wohl, Bei der Interpretation alchemischer Bezeichnungen und Beschreibim-
und auch die Art und Menge der Zusätze, die solche Eigenschaften gen von Metallen kann man also nicht vorsichtig genug sein, und das
hervorrufen, sowie die Methode ihrer Verhüttung waren oft genau be­ gilt auch für die Gruppe der Pneumata, der Hauche oder Geister, die
kannt. So schlug man in Ägypten schon seit dem 3. Jahrtausend dem ihre eminente Bedeutung aus dem allgemeinen Weltbild der Alchemie
Kupfer Kassiterit, also Zinnstein, SnO^, zu, das von weither importiert bezieht. Wenn wir bedenken, dass auch der göttliche Funke, der in uns
werden musste. Bei der Deutung der Legierungen allerdings gab es Menschen verborgen ist, Pneuma genannt wurde, dann wird uns diese
zwei Versionen, wenn sie auch nirgends in der alchemischen Literatur Bedeutung nicht erstaunlich Vorkommen. Zunächst aber soll uns nur
explizit diskutiert worden sind. Entweder man sah die Legierung, vor die Chemie der Pneumata interessieren.
24 I. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor 25

Zunächst einmal: Pneumata waren nicht so etwas wie Gase, waren


sie doch - außer in unfassbaren Übergangszuständen - immer mit <gro-
ber> Materie verbunden. Chemisch diskrete Substanzen, die man Gase
hätte nennen können, kannte man bis weit in die Neuzeit nicht. So
bezeichnete die Gruppe der Pneumata durchaus fassliche Körper. Zu­
mindest in der späteren griechisch-ägyptischen Alchemie gehörten zu
ihr zwar nur zwei Hauptsubstanzen, die aber beide Probleme aufgeben.
Die eine dieser Substanzen war das Quecksilber. Als Charakteristi­
kum des Pneuma in dieser hochpneumatischen Substanz galt die Sub-
limier- bzw. Destillierbarkeit. Vor allem seines Metallglanzes und seiner
Schwere wegen wurde Quecksilber aber auch als Metall angesehen.
«Die einen sagen, dass Quecksilber eine mehr dichte Sache ist, die an­
deren, dass es eine mehr pneumatische Sache ist», bemerkt Zosimos
dazu (Berth. (2) 111, 131). Doch als Metall ist Quecksilber etwas recht
Merkwürdiges, denn flüssig, wie es ist, fehlt ihm eine Grundeigenschaft
aller anderen damals bekannten Metalle: die Schmiedbarkeit. Außer­
dem vermag es alle übrigen Metalle zu penetrieren, zu durchdringen.
Die andere der beiden Pneuma-Substanzen war der Schwefel, der ja
sublimierbar ist. Hier liegt unser Problem u. a. bei der Definition dessen,
was als Schwefel zu bezeichnen ist. Oft wurden nämlich auch Arsen­
sulfide und Arsenik, also Arsentrioxid, für Schwefel gehalten oder, vor­
sichtiger ausgedrückt, zur Familie des Schwefels gezählt.
Für beide Pneumata ist wichtig, dass sie färben, heute würden wir
sagen, dass sie farbige Verbindungen einzugehen vermögen.
Unter den Quecksilberverbindungen hatte der rote Zinnober, HgS,
aus zwei Gründen eine ganz besondere Bedeutung: Er ist rot wie Blut
oder wie der Stein der Weisen, und er enthält Schwefel. Ihm gewisser­
maßen benachbart ist das Quecksilber(ll)-Oxid, HgO, das ebenfalls sei­
ne Besonderheiten besitzt: Es ist rot, wenn es kristallin, gelb dagegen,
wenn es amorph vorliegt. Auch eine andere Quecksilberverbindung,
Hg^CÜ, die den Alchemisten wahrscheinlich bekannt war, zeigt ein
merkwürdiges Farbverhalten: Versetzt man Quecksilber(I)-Salzlösung
mit einem löslichen Chlorid, erhält man eine gelblich-weiße Substanz.
Lässt man diese aber im Licht stehen oder übergießt sie mit einem am­
moniakhaltigen <scharfen Wasser>, wird sie <schön-schwarz>, kalos-melas,
Kalomel, als ein Gemisch von Quecksilberchlorid bzw. Quecksilberami-
dochlorid und feinverteiltem metallischem Quecksilber. Weiß wie die Darstellung der Alchemie. Der Doppelbrunnen versinnbildlicht die beiden Wasser, die
beständige Unschuld dagegen ist Quecksilber(Il)-Chlorid, HgCl^, das aus Sulphur (rot) und M ercurius (weiß), den Grundbestandteilen aller Metalle bestehen.
durch Sublimation von Quecksilber(II)-Sulfat und Natriumchlorid ge­ Sie werden vereint durch ein verbindendes Prinzip, den Ritter, der ein Schwert (das
wonnen wird und seinen pneumatischen Charakter schon im Namen geheime Feuer) schwingt. D ie Farben seiner Rüstung (schwarz, weiß, golden und rot)
zu erkennen gibt: Auch heute noch wird es Sublimat genannt. beziehen sich auf das <Große Werk>. D ie sieben Sterne sind die sieben Planeten und
Im Falle des Schwefels ist schon die Ausgangssubstanz selbst farblich sieben Metalle. (Solomon Trismosin: La Toyson d'or, 18. pi., Bibliothecfue Nationale,
interessant. Mehr oder weniger deutlich unterschieden die Alchemisten Paris, M s. franqais 12 29-/, f. 14)
26 1. Im Schatten der Pyramiden Ein Alchemistenlabor 27

drei Schwefelarten, nämlich den gelben Schwefel, das ist unser Element farbgebende Substanzen wie Waid, Krapp, Indigo, Safran, vorbehandel­
Schwefel, ferner den roten Schwefel, der identisch ist mit einer roten, te Produkte wie Wein, Essig, Bier usw. usw. Unter tierischen Substanzen
auch Sandarach genannten Substanz, die aus Schwefelarsen, seien alle möglichen Fette und Öle genannt und außerdem natürlich
As^S^/As^Oj in wechselnden Mengenverhältnissen besteht,*® und Blut, vor allem aber Galle verschiedener Provenienz und last hui not least
schließlich den weißen Schwefel, der eigentlich Arsenik, As^Oj, ist. Un­ Urin.
ter die natürlich vorkommenden Schwefelverbindungen, die ihrerseits Es ist wohl kein Wunder, dass wir vor allem mit der Hauptgruppe
das in den Augen der Alchemisten zur Familie des Schwefels gehörende der Asomata unsere Schwierigkeiten haben. Oft genug sagen ims die
Arsen enthalten, wurden Rauschgelb, As^Sj, und Rauschrot, As^S^, ge­ Etiketten, die unser Adept auf seine mit mehr oder weniger wohlrie­
zählt. Das zitronengelbe, oberhalb 300° C zu einer roten Flüssigkeit chendem und mehr oder weniger farbigem Inhalt gefüllten Krüge und
schmelzende Rauschgelb wurde bezeichnenderweise meist Auripig­ Flaschen geklebt hat, nicht das Geringste. Das heißt, es ist uns nicht
ment, Goldfärbemittel, genannt, kann man mit seiner Hilfe doch tat­ gelungen, gewisse Ausdrücke aus den überlieferten griechischen Texten
sächlich sulfidische Überzüge erzeugen. Das dem Auripigment nahe chemisch zu deuten. In einigen Fällen können wir, wie das Beispiel des
verwandte Rauschrot oder Realgar wurde oft mit Sandarach gleichge­ Bleis zeigt, die gemeinten Substanzen aus dem Kontext der schriftlichen
setzt, was nur zeigt, dass die Substanzgrenzen gerade bei komplizierte­ Überlieferung erraten, aber auch das hat zuweilen etwas Abenteuerli­
ren Verbindungen kaum deutlich gesehen wurden. So ist es auch mit ches an sich.
den so schön farbigen Vitriolen. Oft besteht das Abenteuer nicht nur darin, den gegenseitigen Zusam­
Eine besondere Stellung nahmen Metallverbindungen, also Eisen- menhang von an sich klaren Leitbegriffen zu ermitteln, sondern darin,
und Kupfer-Pyrite, ein: Sie besitzen Metallglanz und Goldfarbe, und das zunächst einmal eindeutige Begriffe aus einem Wust von Synonymen
schien darauf hinzudeuten, dass in /edem Metall Schwefel enthalten ist. auszugraben. Anscheinend hat es schon in griechisch-römischer Zeit
Aber auch in den beiden anderen Naturreichen, denen der Pflanzen und Probleme bei der zutreffenden Entzifferung alchemischer Texte gege­
Tiere, spielte Schwefel eine prominente Rolle, gerade in farbigen Sub­ ben, Probleme, die zur Veröffentlichung regelrechter Synomymalexika
stanzen. Pars pro toto sei hier nur das Eigelb genannt, in dem sich der wichtiger chemischer bzw. alchemischer Begriffe geführt haben. *^ So
Schwefel ja zumindest der Nase zu erkennen gibt, wenn das Ei anfängt hieß schlichter, gebrannter Kalk (CaO) u. a.: Kalk der Eier; Marmor aus
zu faulen. Zumindest über den Geruch war damit auch eine Verbindung Theben; Titanos; Muschel; Stein des Dionysios; Knochen der Sepia;
zu den H^S-duftenden Wunderwässem gegeben, deren Wundertaten Alaun; Alaun von Melos. Und Alaun selbst [K A l (SO^)^ • 12 H^O], hieß
uns noch reichlich beschäftigen werden. darüber hinaus u. a.: weißer Schwefel, was wiederum eigentlich Arse­
Neben die Klassen der Pneumata und der Somata stellten die frühen niksäure bedeuten kann; ferner; glänzendes Kupfer; gereinigtes Blei
Alchemisten gewöhnlich als dritte Substanzklasse die Asomata.^^ Diese oder auch: nicht erhitzter Schwefel. Umgekehrt konnte <glänzendes
Klasse allerdings enthält weder Grundkörper, noch kann man sie im Kupfer> unter dem Decknamen Alaun laufen, während einfaches Kup­
strengen Sinne als Klasse bezeichnen. Weil sie sämtliche Nichtkörper fer als Schale der Eier bezeichnet wurde.
oder Noch-nicht-Körper umfasste, ist sie schier unübersehbar groß. Alle Aber damit nicht genug. Manche Rezepte wimmeln nicht nur von
irgendwie eigenständigen, diskreten Substanzen gehörten zu ihr, vor­ Decknamen, sondern sind auch - ob nun verschlüsselt oder nicht - so
ausgesetzt sie waren weder Somata noch Pneumata. Zu den Asomata verkürzt niedergeschrieben worden, dass man annehmen muss, sie
zählten demnach sämtliche Salze, Erdarten und Minerale, und darüber dienten lediglich zur Gedächtnisstütze für ohnehin schon eingeweihte
hinaus auch alle Substanzen, die wir heute als organisch bezeichnen Leser. In den Schriften des Zosimos findet man z. B. eine veritable che­
würden. Schon die griechischen Alchenüsten setzten bei ihren Opera­ mische Formel bzw. Reaktionbeschreibung mit mehr als einem Dutzend
tionen viele pflanzliche und tierische Stoffe ein; genannt seien u. a. alle Charakteren. Nach einem der Zeichen in der Formel hat man sie Krebs
möglichen Blumen von HeUotrop über Lilien zu Rosen*^ dazu Harze genannt. Vielleicht soll dieses Schalentier mit acht Beinchen und einem
und Öle von Zedemrinde, Rettich, Nüsse, Rizinus, Flachs, Rosen, Mohn, Skorpionschwanz einen ganzen alchemischen Prozess wiedergeben,
Oliven und Mastix, ferner Honig, Rhabarber und Gummi vom Akan- durch den eine Kupfer-Blei-Legierung, griechisch: Molybdochalkos, mit
thus (Bärenklau). Außerdem gehörten dazu, um wahllos einige Früchte Hilfe eines Bleichmittels in Silber verwandelt wird. Sicher ist das aber
herauszugreifen, Datteln, Zitronen, Feigen, ferner, wenn man nur den keineswegs. Übrigens liebte die Alchemie zu allen Zeiten Kryptogram­
Buchstaben <K> heranzieht, Kleie, Knoblauch, Kohl und Kümmel, dazu me und auch Akronyme, die die ganze Weisheit der <Göttlichen Kunst>
28 I. Im Schatten der Pyramiden Tempel und Handwerke 29

in ein Wort, ein Kürzel fassen wollten. Was ist z. B. Vitriol? Nicht etwa All dies deutet daraufhin, dass wir uns unter den Tempeln der Ä gyp­
MeSO^ 7H2O, sondern V-isita I-nteriora T-errae, R-ectißcando I-nvenies ter etwas anderes vorstellen müssen als unter denen der Griechen, und
O-ccultum L-apidem: Besuche das Innere der Erde; durch wiederholtes dies nicht nur in Hinblick auf die Architektur der Tempelanlagen und
Destillieren wirst du den verborgenen Stein finden (StoL, CV. Figur, auf das Wirtschaftsleben um sie herum. Hinter den dicken Mauern der
o. S.).^4 ägyptischen Tempel lebten auch ein anderer Geist und eine andere Le­
Bei allem Wirrwarr: Die chemischen Kenntnisse der antiken Alche­ benshaltung.
misten waren beträchtlich, weit größer zumindest, als wir von jedem Wenn wir unserem optischen Vorurteil, das vor allem die Gräber der
<normalen> griechischen Naturphilosophen erwarten können. Ägypter vor Augen hat, folgen, dann könnten wir meinen, der Unter­
schied in der Lebenseinstellung der beiden Völker liege u. a. in ihrer
Haltung dem Tode gegenüber. Wir hätten damit recht, aber nicht recht
4. Tempel und Handwerke in der Art, wie unser Vorurteil es uns einreden will. In gewisser Weise
waren die Ägypter alles andere als dem Tode zugewandt. Alles in allem
Die meisten Kenntnisse aus der Praxis der antiken Alchemie stammen genommen waren beide, die Griechen und die Ägypter, durchaus le­
gewiss aus ägyptischen Tempelwerkstätten. Seit alters her waren die bensfroh, und beide suchten sie das Leben mit all ihren Sinnen zu ge­
Tempel Ägyptens mehr oder weniger selbständige Wirtschaftseinheiten nießen. Diese ihre Sinnenfreude aber erwuchs aus einer jeweils anderen
mit manchmal riesigen Besitzungen an Land und sonstigen Gütern. Die Grundstimmung. Die Griechen genossen das Leben hier und heute mit
Tempel produzierten so gut wie alles, was zur Ausgestaltung der Tem­ aller Macht, weil ein Leben als wesenloser Schatten im Hades für sie
pelgebäude und Gräber sowie zur Leichenbestattung und zum kein Leben war. Jetzt und hier auf Erden musste man leben, leben, leben,
Schmuck der Götter, aber auch zur Verwaltung und Lebenshaltung der wie immer man konnte. Später, nach dem Tode, war die Existenz im
Priesterschaft dienen konnte. wahrsten Sinne des Wortes nicht lebenswert. «Besser ein Bettler auf Er­
Im Hinblick auf die Alchemie sei zunächst die Glasmacherei genannt. den, als ein Fürst in der Unterwelt», sagt der tote Held Achilles zu
Neben den üblichen grünlichen oder bläulichen Gläsern und Glasuren seinem Waffengefährten Odysseus.
stellte man auch kostbare bunte Gläser her, und zwar durch Zusammen­ Ob Neigung zur Philosophie immer aus einem tragischen Lebensge­
schmelzen verschiedenfarbiger Glasstäbe. Gläser dieser Art wurden fühl erwächst, sei dahingestellt. Für die Griechen zumindest trifft es zu,
später von den italienischen Glasmachern Milleßori, Tausendblüter, ge­ stellt und verlässt sich doch deren Philosophie auf nichts anderes als
nannt und haben sicher so manchen Alchemisten in seiner Sehnsucht, auf das eigene Denken hier und jetzt, mit dem man der Beirrung durch
ähnlich Effekte hervorrufen zu können, bestärkt. Eng mit der Glasma­ das Dasein im Dasein zu begegnen sucht. Dem Tode gegenüber hat
cherei verbunden war die Bearbeitung von Edelsteinen und Halbedel­ Sokrates ein anderes Lebensgefühl als Aischylos und wieder ein anderes
steinen, die oft nicht etwa Naturprodukte, sondern Glasflüsse waren. als Homer; der Hades aber blieb den Griechen immer. Die Ägypter da­
Und auch die Goldbearbeitung und allgemein das Metallhüttenwesen gegen kannten, nimmt man Zeiten krisenhafter Entwicklungen aus, ei­
einschließlich des Bronzegusses - vor allem in der alten Hauptstadt nen heroischen Pessimismus, wie er die trojanischen Helden und übri­
Memphis - seien nicht vergessen. Darüber hinaus wurden in ägypti­ gens auch die Kämpen der Edda auszeichnet, nicht. Zwar waren auch
schen Tempeln Parfüm und Weihrauch hergestellt sowie Arzneien und sie, so überraschend es in unseren Ohren klingen mag, ein diesseits
Kosmetika. Die Grenze zwischen Kosmetika und Pharmaka war dabei gewandtes Volk, aber in einer ganz anderen Weise als die Griechen. Das
manchmal fließend. So diente die aus schwarzem Antimonsulfid beste­ Leben eines reichen ägyptischen Beamten war schön, und die Herren Ti
hende Augenbrauenschminke der Ägypterinnen der Abwehr der ge­ oder Nacht oder wie sie alle hießen hatten nicht die Absicht, ihr schönes
fürchteten ägyptischen Augenkrankheit. Last not least seien die Farben­ Leben nach dem Tod mit einem Schattendasein als Zombie in der gren­
herstellung für die Tempelmalerei und die Tuchfärberei erwähnt, wobei zenlosen Wüste einzutauschen. Deshalb, um der Erlösung von dieser
sogar die dazu verwandten Tuche einschließlich der in Massen produ­ Verdammnis willen, war ihr Sinnen und Trachten ihr Leben lang auf
zierten Mumienbinden im Bereich der Tempel hergestellt wurden. Die ihre Grabstätte gerichtet. Deshalb förderten sie die so typisch ägyptische
Liste körmte verlängert werden, gehörten doch viele andere Handwer­ Kunst des Einbalsamierens. Deshalb ließen sie in leuchtenden Farben
ke, die keine nähere Beziehung zur Alchemie haben, zum Tempelbe­ Szenen ihrer Vergnügungen bei der Jagd, beim Fischfang, beim Spiel,
reich, so die Schreinerei und die Steinmetzkunst. Szenen ihres Alltagslebens im Kreise ihrer Familie und Kinderschar,
3° I. Im Schatten der Pyramiden Zwei Papyri 31

Szenen ihrer Feste an die Wände ihres Grabes malen. Sie wollten im werden zwei antike Quellen aufbewahrt, die zwar nicht direkt zur A l­
Jenseits so leben, wie sie im Diesseits gelebt hatten, oder anders gesagt, chemie, aber in den Umkreis des hellenistischen Tempelhandwerks ge­
sie wollten gar kein Jenseits. hören. Es handelt sich um zwei Papyrus-Kodizes, die um 1830 in einem
Natürlich wird diese psychologisierende Bemerkung allein, die ja den Gräberfeld bei Theben in Oberägypten gefunden worden sind. Beide
Ägyptern zudem noch eine seelenkundlich ausgefeilte Theologie unter­ Papyri sind griechisch geschrieben, beide stammen anscheinend aus
stellt, der ägyptischen Religiosität nicht gerecht. Schon die strikte Tren­ dem dritten Jahrhundert nach Christus, beide tradieren zum Teil weit
nung von Diesseits und Jenseits ist misslich, genau wie die Neigung, ^ älteres Wissensgut, und die Themenbereiche beider Papyri sind eben-
den ägyptischen Gläubigen, die gar nichts glaubten, weil sie traumhaft . falls gleich, so weit es sich um Chemie dreht, der im Pap)ous Leidensis
sicher wussten, Absichten zu unterstellen, die auf so etwas wie Selbst­ nur einer von drei Texten gewidmet ist.^®
erhaltung gerichtet wären. Nicht nur, dass die Ägypter in einem ande­ Die Papyri werden zuweilen in den Umkreis neupythagoreischer
ren Verständnis von Zeit lebten, sie hatten auch ein anderes, ein ar­ I Mönchsorden gestellt, die sich schon im 3.72. Jahrhundert v. Chr. auch
chaisch-mythisches Verhältnis zu Transzendenz, die nicht jenseits in un­ I in Ägypten angesiedelt und auf griechischer Grundlage «ein Bündnis
serem Sinne war.^^ I ... mit orientalischen, d. h. ägyptischen, jüdischen, babylonischen, assy-
Unsere Überlegimg dient auch nur dazu, uns in erster Annäherung J rischen imd persischen Ideen» zustande gebracht und im Übrigen an-
verständlich zu machen, dass und warum die Mitglieder der/ägypti­ i geblich Werkstätten «für die Fälschung von Edelsteinen und Perlen und
schen Oberschicht die Tempel-Handwerke und die Handwerker ! die Purpurfärberei» besessen hätten. (Wellm.
brauchten. Handwerkliche Spezialisten schmückten die Gräber, und \ Sowohl im Stockholmer Papyrus (P. Holm.) als auch im Leidener Pa-
Gräber und Grabschmuck waren im wahrsten Sinne des Wortes lebens­ * pyrus (P. Leid.) geht es um die Herstellung von. Ersatzstoffen, Ersatzstof-
notwendig. Sie sollten der vegetativen Seele, dem Ka, im Jenseits ein i fe für natürliche Perlen, für natürliche Beizfarben und für Edelmetalle.
genauso angenehmes Dasein vermitteln, wie sie es im Diesseits genos­ I Wir brauchen uns also kaum darüber zu wundem, dass bisher wohl alle
sen hatte. Deshalb auch spielten Farben beim Grabschmuck eine ent­ i Chemiehistoriker und Chemiker, die sich zu einer moralischen Beurtei-
scheidende Rolle, denn was farbig ist, was nicht bleich ist wie der Tod, J lung der Papyri herausgefordert fühlten, die Herren, in deren Gräbern
das lebt. Insbesondere die Farbe Rot, die Farbe des Blutäs, war Zeichen ; die übrigens besonders sorgfältig ausgeführten Kodizes gefunden wur-
des Lebens. \ den, mit kollegialer Unfreundlichkeit als fälschende Chemiker bezeich-
Nun ist, das setzen wir voraus, die Alchemie u. a. eine irgendwie 4 net haben. Ich glaube, damit tun sie ihnen Unrecht.
geartete Verbindung von Handwerk und Naturphilosophie, was immer ] Das Wort Fälschung weist auf eine illegitime Handlung hin, weshalb
darunter zu verstehen ist. Und die historische Tatsache, dass die Alche­ wir keinen Margarinefabrikanten als Butterfälscher bezeichnen würden.
mie gerade in Ägypten einen fruchtbaren Boden gefunden hat, lässt I Und auch ein Hersteller von Modeschmuck aus Neusilber oder Messing
vermuten, dass genau dies, das ägyptische Nebeneinander zweier in ist nicht schon deshalb ein Fälscher, weil er sich bemüht, seinen
manchem einander wesensfremden Kulturen, für diese Fruchtbarkeit Schmuck täuschend echt zu machen. Natürlich versucht der Modefabri­
verantwortlich ist.*^ Hier wurde die Alchemie in besonderer Weise ge­ kant, uns, so gut es geht, zu täuschen, d. h., er versucht, unsere Sinne zu
pflegt imd gebraucht, denn in ihr konnten sich griechisches imd ägyp­ überlisten. Aber das allein macht ihn in unseren Augen nicht zum Fäl­
tisches Denken begegnen imd zugleich im jeweils anderen wieder er­ scher. Um auf unsere Papymsbesitzer zurückzukommen: Ganz sicher
kennen. Genau dieses Wiedererkennen aber vor dem Hintergrund des bewegten sie sich oft am Rande dessen, was wir als Legalität bezeichnen
zugleich Fremden und Vertrauten ist typisch alchemisch. I würden, aber grundsätzlich wollten sie wahrscheinlich keine illegitime
I Fälschung begehen, wobei wir illegitim hier im Sinne von <moralisch
“I verwerflich) nehmen. Dass ein römischer Steuerbeamter die Dinge vor
j . Zwei Papyri "I allem angesichts des fortschreitenden Münzverfalls im Reiche wahr-
I scheinlich etwas anders sah und sich dabei durch Kaiser Diocletians
Unsere kulturhistorische Vermutung verlangt natürlich danach, viel I Dekret gegen Münzfälschung^® bestätigt fühlen musste, und dass zu-
ausführlicher behandelt zu werden. Zunächst aber trägt uns die Raum- I weilen schon die frühesten Alchemisten am Ende des 3. Jahrhunderts
Zeit-Maschine unserer Phantasie in Handschriftenbibliotheken im nie­ als betrogene Betrüger dargestellt wurden, als Schlitzohren, die schließ­
derländischen Leiden und im schwedischen Stockholm. Hier nämlich lich auf ihre eigenen Tricks hereingefallen waren, all das spricht nicht
I. Im Schatten der Pyramiden Zwei Papyri 33
32

dagegen, dass unsere Papyrusbesitzer, seien sie nun Neupythagoreer digkeit angesteckt haben, ob ihnen außerhalb ihrer Schulphilosophie
oder Anhänger irgendeiner anderen Sekte bzw. Philosophengruppe das ja tief im Archaischen wurzelnde besondere Erleben von Farben
oder seien sie bloß Werkleute, Technitai, sich mit Sicherheit subjektiv immer schon vertraut war, sei dahingestellt. Wir können uns hier darauf
nicht als Gauner vorkamen. Vergessen wir nicht, dass ihre Papyri Grab­ beschränken, festzuhalten, dass die Farbe im Verhältnis der spätantiken
beigaben waren und sie in das Reich der Toten begleiten sollten, in dem Menschen zur materiellen Umwelt eine zentrale Rolle spielte. Sie ist die
das Herz gegen eine Feder gewogen wurde und der Totenrichter, Chris­ entscheidende Eigenschaft aller Erscheinungsformen der Materie, d. h.
tus oder Osiris, zuschaute. sie macht recht eigentlich eine Substanz zu dem, was sie ist. Ändert man
Die Verfasser der beiden Rezeptsammlungen waren keine Alchemisten, ihre Farbe, dann ist sie nicht mehr dieselbe Substanz, dann verlangt sie
oder wenn sie es waren, ist dies aus ihren chemischen Gebrauchsanwei­ gewissermaßen nach einem eigenen Namen, und sei es innerhalb der­
sungen nicht abzulesen. Doch weil sie zu denen gehörten, die den Boden selben Spezies .^3 Das gilt sogar für Äußerlichkeiten: Ein schwarzes
für die Alchemie vorbereitet haben, sollten wir auch sie nach dem Sinn Pferd ist bloß äußerlich schwarz und besitzt doch eine eigene Identität.
ihrer Tätigkeit fragen. Die Antwort ist kurz; Ein theoretischer Hintersinn Zumindest in Deutschland halten also die Pferdeliebhaber die Farbe
ist in keinem ihrer etwa zweihundert Rezepte zu entdecken, wohl aber ihrer Tiere für eine wesentliche, eine essentielle Eigenschaft und nicht
eine sinnvolle Absicht. Die Autoren der Rezepte wollten gewisse Stoffe etwa für unwichtig und einfach nur dazukommend, sprich akzidentiell.
durch andere ersetzen, und zwar durch Nachahmung, durch Imitation. Und in der Alchemistenküche ihres Pferdstalls gelingen ihnen deshalb
Z. B. war die Verwendung von echtem Purpur oft eigens dazu privi­ zuweilen echte Transmutationen, grundlegende Selbstverwandlungen
legierten Personen Vorbehalten. Ein Purpurstreifen an der Toga etwa von Pferd zu Pferd; Sie geben einfach einem schwarzen Lipizzanerfoh­
war das rechtlich geschützte Amtszeichen der römischen Senatoren, die len reichlich Futter und gute Pflege, warten, bis es zu einem Jungpferd
sich damit als ranggleich mit Königen darstellten. Nun ist Purpur nicht wird, und fortan ist es nicht mehr ein Rappe, sondern etwas ganz an­
nur auf einer Toga eine schöne Farbe. Also versuchte man, die echten deres, nämlich ein Schimmel. Wenn das schon mit Pferden gelingt, wie
Purpurfarben, die übrigens in verschiedenen Nuancen von Rot über steht es dann erst mit Metallen und Edelsteinen, die doch durch und
Violett zu Blau vorkamen, durch Farben mit ähnlicher Leuchtkraft zu durch gefärbt sind?
ersetzen. Meist war dabei völlig klar, dass für die Purpurstreifen auf Zum Problem der Farbe als essentieller Eigenschaft kam noch etwas
dem Mantel einer vornehmen Dame keine einzige Purpurschnecke, kei­ hinzu. In der Antike wurden Farbe als sinnesphysiologische Erschei­
ne Purpurmuschel ihr Leben hatte hingeben müssen.^^ Das Gelingen nung und Farbsfo^ als bloßer Träger der Erscheinung häufig nicht un­
der Imitation ist hier - das sei hier schon betont - nicht abhängig davon, terschieden. So betonten z. B. die Stoiker, dass die Qualität <Farbe> ma­
dass man den Herstellungsprozess nachmacht. Man braucht also nicht teriell zu denken sei. Anders als für den Altmeister Aristoteles, auf den
irgendwelche anderen Kriechtiere zu ermorden, um aus ihnen falschen sich ansonsten alle spätere Naturphilosophie bezog, kann es also für die
Purpur zu gewinnen, nein, hier ist die Imitation nicht vom Prozess, son­ Stoiker konzentrierte und weniger konzentrierte Qualitäten geben. Das
dern vom Ergebnis abhängig. Und das Ergebnis, das die Gleichsetzung klingt ja auch durchaus nicht absurd, wenn wir uns vorstellen, dass
von Purpur und Purpurersatz garantiert, ist die Farbe. In den Papyri zuzeiten verdünnte farbige Lösungen ein anderes Farbempfinden her-
dient der Farbton als wichtigster Indikator für den Zustand der Materie. vorrufen als konzentriertere, statt blau z. B. grün, statt rot z. B. gelb.
Ein künstlicher Smaragd galt als perfekt imitiert, wenn er die durch­ Wenn schon die antiken technischen Chemiker bei ihrem Bemühen,
sichtig leuchtende Farbe des echten Edelsteins besaß. Die Härte und Materie substantiell zu färben, nicht an Fälschung in unserem Sinne
andere Eigenschaften waren dabei, wenn auch nicht völlig unwichtig, dachten, so kann man den Erben dieser Chemiker, den antiken Alche­
so doch sekundär. Das Gleiche galt etwa für die Imitationen von Perlen, misten, eine solche Absicht erst recht nicht unterstellen. Die ernsthafte
bei denen der Farbglanz die entscheidende Rolle spielte. Und so gese­ Alchemie ist keine von mystischem Hokuspokus umwölkte Fälschungs­
hen ist es durchaus verständlich, dass, wie der Papyrus Holmiensis be­ lehre. Nachahmungsverfahren sind nicht per se Fälschungstechniken,
hauptet, eine imitierte Perle eine natürliche nicht nur täuschend nach­ auch wenn die Steuereinnehmer aller Zeiten auf solch feinsinnige Un­
ahmen, sondern sogar übertreffen kann. Eine nachgemachte Perle kann terscheidungen wohl keine Rücksicht genommen haben und diese Un­
eben mehr Perle sein als eine echte. terscheidungen in praxi ja auch zuweilen nicht gar so feinsinnig waren.
Ob es nun die Ägypter waren, die die Griechen mit ihrer gewisser­ Schauen wir uns nun einmal genauer an, was unser Papyrusbesitzer
maßen ontologischen, auf das Sein der Dinge abzielenden Farbenfreu­ mit sich in die Unterwelt nehmen wollte, damit es dort auf die Waage
34 /. Im Schatten der Pyramiden Zwei Papyri 35

des Totengottes gelegt würde. Was den chemischen Teil der Papyri be­ mit einem wirklichen Farbstoff folgte. Dabei wurden schon im Altertum
trifft, fallen drei Dinge sofort auf: sowohl anorganische als auch organische Stoffe eingesetzt. Der Über­
1. Keines der Rezepte weist mystisches oder irgendwie religiöses Bei­ gang von der Beizenfärberei der Metalle zur Direktfärberei wird dabei
werk auf, wenn auch andernorts in den Papyri magische Anrufungen fließend gewesen sein, konnte man doch schon eine Entfettung als Bei-
zu finden sind. zimg betrachten. Oft auch überzog man unedle Metalle mit einem Gold­
2. Es werden zwar ein paar Namen von Naturphilosophen, Magiern, ja oder Silberamalgam wachsartiger Konsistenz, erhitzte leicht, bis das
sogar von Leuten genannt, die wir für Alchemisten halten, wie etwa Quecksilber sich verflüchtigt hatte, und wiederholte das ganze mehr­
Pamenes, aber nirgends erscheint irgendeine Philosophie oder Theo­ mals. Und schließlich konnte man niederen Metallen durch einen Über­
rie, auf die sich die Rezepte hätten stützen können. zug mit einem Firnis oder durch einen entsprechenden Anstrich den
3. Nicht ein einziges der Rezepte verrät auch nur den Versuch, die Tat­ Effekt eines Edelmetalls verleihen.
sache zu verschleiern, dass es sich in sämtlichen Fällen um Imitatio­ Vor allem die letztgenannten Verfahren können wir bei aller Großzü­
nen handelt. gigkeit kaum mehr als <ehrliche> Goldimitation werten. Hier hat die
ln Hinblick auf die Metalle gab es - allgemein gesagt - zwei Haupt­ Täuschung doch schon etwas Unverfrorenes an sich: Man will nicht
arten von Imitationstechniken, die sich durch die gesamte Geschichte etwa Gleiches oder Besseres schaffen als die Natur, man will schlicht
der Metallfälschung von vorklassischen Zeiten bis heute verfolgen las­ blenden. Dieses Zwielicht zwischen dem selbstbewussten Versuch, das
sen, nämlich die Oberflächenbehandlung und die Herstellung von Le­ Alte und Natürliche neu und künstlich zu schaffen, und dem schlitzoh­
gierungen. rigen Betrugsmanöver ist es, das die alten Chemiker als Scharlatane, als
Die Kunst der Oberflächenfärbung von Metallen, die Metallochromie, Falschspieler hat erscheinen lassen. Und dieses Zwielicht ist anschei­
steht den alten Künsten der Tuchfärberei und der Glasfärberei sehr nend von Anfang an auch auf die Alchemisten gefallen. Allerdings war
nahe. Wie diese hatte sie ihre Heimat vor allem in Syrien und Ägypten. deren Spiel, ob nun mit falschen oder für echt gehaltenen oder echten
Eine wichtige Methode chemischer Oberflächenbehandlung war das Ä t­ Karten gespielt, im letzten Grunde ein echtes, ein existentielles Spiel.
zen mit Säuren, also mit Essig oder nüt sauren Fruchtsäften, denn die Neben der Oberflächenbehandlung von Metallen gab es aber auch
viel stärkeren und geeigneteren Mineralsäuren kannte man noch nicht. das, was wir heute Metalllegierungstechnik nennen. Hier konnte man
Beliebt war ein Verfahren, das wir heute als Weiß- und Gelbsieden be­ auf mannigfaltige Methoden, Metalle neu zu schaffen, zurückgreifen,
zeichnen. Es bestand darin, aus schwach Silber- oder goldhaltigen Le­ wobei man den spätantiken Chemikern durchaus unterstellen kann,
gierungen die unedlen Legierungsbestandteile zu lösen und so das dass sie tatsächlich das Alte sowie Natürliche neu und künstlich und
Edelmetall hervortreten zu lassen. Dabei stand es den Gelbsiedem so­ manchmal sogar besser noch als das Alte zu schaffen geglaubt haben.
zusagen frei, sich einzubilden, das Eintauchen des Werkstücks in schar­ Trotz gewollter oder ungewollter Sprachverwirrung sind viele in den
fe Wässer ziehe die eigentliche, dem Metall zukommende Farbe - und Pap)oi wiedergegebenen Rezepte zur Metalllegierung relativ klar ver­
d. h.: die Natur der Substanz - an die Oberfläche. A uf eben diese Weise ständlich. So lautet ein Verfahren zur Herstellung von Silber:
erklärte - um gleich einen Schritt über die Verfasser der Pap)oi hinaus «Reinige viermal weißes Zinn und schmelze zusammen sechs Teile
zu tun - der Alchenüst Moses die Verfärbungen von Oberflächen unter hiervon und eine Mine weißes galatisches Kupfer; reibe ab und verfer­
dem Einfluss von Reagenzien. Umgekehrt kann Farbe einsinken, ganz tige was du willst; es wird zu Silber erster Qualität, ohne dass die Fach­
so, wie ein Schwamm Rüssigkeit aufnimmt. leute etwas daran merken können, weil es aus dem genannten Verfah­
Bereits die frühen Techiütai und ihnen folgend die Alchemisten wuss­ ren entstanden ist.» ((P. Holm., Rez. 3) Hall, iii)
ten, dass man Metalle ganz wie in der Textilfärbetechnik färben kann, Mine ist die Bezeichnung eines Gewichts von 436,6 g. Was weißes
indem man sie in bestimmte Rüssigkeiten taucht, die eine andere Farbe Kupfer aus Galatien in Kleinasien chemisch sein soll, ist nicht ganz
besitzen als diejenige, die man auf dem Metall erzeugen will. Genauso sicher. Allerdings kann man Kupfer mit Realgar, das ist Arsensulfid
geschieht es ja auch bei der Beizenfärberei von Tuchen. Man weiß heute, (As^S^), aufhellen, ein Verfahren, das man genau wie andere, ähnliche
dass die Wirkung der Metallbeiz-Rüssigkeiten, z. B. Pflanzensäuren, ge­ Prozesse in den Papyri als Leukosis, also Weißung, bezeichnete.
wöhnlich darin besteht, dünne Oxidschichten auf den Metalloberflä­ Nicht alle Rezepte sind jedoch so einfach, und ihre Auswahl soll auch
chen hervorzurufen. Gewiss war ganz wie in der Tuchfärberei der Beiz­ keine Einfachheit im Gesamtbild der Papyri vorgaukeln, die so nicht
vorgang an Metallen oft nur eine Vorstufe, der die eigentliche Färbung gegeben ist.
36 I. Im Schatten der Pyramiden Zwei Papyri 37

Ein zweites Silberrezept ist etwas komplizierter und zeigt, dass auch Verfahren hat wohlgemerkt nichts Mystisches an sich; es war anschei­
organische Substanzen bei der Metallimitation verwandt wurden: nend rein technisch gedacht: Man streckt Metall, so lange es geht, so
«Kaufe Anthrax der Kupferschmiede und weiche es in Essig einen lange also ein passender Farbton erzeugt werden kann, und der end­
Tag. Nimm danach eine Unze Kupfer, beize es sehr wohl in Alaun und gültige Verlust des Silberglanzes ist dann eben die Grenze der Vermeh-
schmelze es. Nimm danach acht Unzen Quecksilber, gieße aber das so nmg und der etwas vollmundig so genannten Unerschöpflichkeit.
bemessene Quecksilber in Mohnsaft. Nimm aber auch eine Unze Silber. Die Herstellung und Vervielfältigung des Goldes verlief ganz ähnlich
Bringe zusammen und schmelze diese Stoffe. Und wenn du sie ge­ wie die des Silbers. Zur Diplosis mischte man, um nur eines unter meh­
schmolzen hast, tue den dabei entstandenen Klumpen in ein kupfernes reren Verfahren zu nennen, Gold, welcher Herkunft auch immer, mit
Gefäß mit Ham einer Schwangeren und Eisenfeilstaub, dies drei Tage. Silber, Elektron, Quecksilber oder auch mit dem goldgelb glänzenden
Und die einzige Trübung, die du bei der Herausnahme bekommen Auripigment (AS2S3), das bei 300° C zu einer roten Flüssigkeit schmilzt,
wirst, deutet auf eine natürliche Schwankung hin, worin sich die außerdem, wie der Name sagt, golden färbt und zuweilen auch etwas
Mischung von gleichen Gewichtssätzen befindet.» ((P. Holm., Rez. 9) Gold enthält. Verwendet wurde auch ein bläuliches Mineral, das Kya-
Hall. II2)) nos, Blaustein, hieß und wohl Kupferlasur (zCuCO^ • CulOH)^) war,
Mit Anthrax, d. h. Kohle, könnte tatsächlich Kohle gemeint sein, es sowie Sory, das ist wahrscheinlich ein Gemenge von Kupferkies (Cu-
mag sich aber auch, wie andere Texte nahe legen, um einen Decknamen FeSi) mit seinen Verwitterungs-, will sagen Oxidationsprodukten, also
für schwärzlich-grauen Kupferglanz (CuS) handeln. Unze ist eine Ge­ Kupfersulfat, Eisensulfat und dergleichen. Das Verfahren der Diplosis
wichtsbezeichnung für m nd 30 g Metall. Der Ausdm ck <beizen> für die wird übrigens in einer der Rezeptüberschriften Pleonasmos, lateinisch
Oberflächenbehandlung des Kupfers deutet auf die so wichtige Bezie­ Multiplicatio, also Vermehrung genannt, was vorausweist auf eine im
hung der Metallverwandlung zur Färbetechnik hin. Mohnsaft könnte Mittelalter sehr wichtige alchemische Operation. In einem anderen Re­
zur Vorreinigung des Quecksilbers gedient haben; es könnte sich bei zept zur Herstellung von Gold schmilzt man Gold, das man hier wohl
diesem Wort aber auch um einen Decknamen handeln. Die Verwendung in Anführungsstriche setzen muss, mit einem Viertel seines Gewichtes
des Harns von Kindern und Schwangeren wird in altägyptischen me­ an Cadmia, worunter man vielleicht ein unreines Zinkoxid (ZnO) ver­
dizinischen Texten häufig empfohlen. Vielleicht spielt der Ammoniak­ stehen kann. Dadurch, so wird gesagt, werde das Gold härter gemacht
gehalt des Harns eine gewisse Rolle. und sein Gewicht erhöht. Diese Bemerkung kann als eines der wenigen
Statt neues Silber herzustellen, kann man auch vorliegendes Silber Beispiele dafür dienen, dass die antiken technischen Chemiker neben
strecken, das nannte man Diplosis, also Verdopplung. Ein Verfahren zur der Farbe ihrer Metallimitationen auch andere Eigenschaften beachtet
Diplosis besteht z. B. darin, einen Teil Kupfer aus Galatien, eineinhalb haben, zumindest, wenn diese Eigenschaften krass aus dem Rahmen
Teile Silber und eineinhalb Teile Zinn in wässriger Alaunlösung zu be­ des Gewohnten fielen.^"^
handeln, die Masse mehrmals zu erhitzen und abzukühlen und sie Gutes Gold konnte man auch gewinnen durch Zusammenschmelzen
schließlich, wenn sie ganz reines Silber geworden ist, mit Putzpulver zu von natürlichem Gold mit Asem und kyprischem Kupfer:
polieren. Bei der Triplosis, der Verdreifachung, ging man im Prinzip ge­ «Asem, einen Stater, oder Kupfer von Zypern, drei; vier Stater Gold;
nauso vor wie bei der Diplosis. In einem Rezept zur Triplosis werden schmilz es zusammen.» ((P. Leid., Rez. 54) Hall. 97)
einfach andere Relationen, nämlich ein Teil Kupfer, ein Teil Silber und Das Rezept hat, wie alle Rezepte im Kodex, eine Überschrift. Und
ein Teil Zinn zusammengeschmolzen. Die bei der Diplosis oder Triplosis diese Überschrift lautet nicht etwa: Fälschung oder Diplosis bzw. Tripo­
erhaltene Masse wird zuweilen als unerschöpflich bezeichnet, weil sie lis von Gold, sondern die Vorschrift heißt schlicht: <Herstellung von
wirke wie Sauerteig, der im ungesäuerten Teig aufgeht und sich alle Gold>, <Chrysou poeiesis>.
Materie anverwandelt wie ein Same. Hat man nämlich seinen Vorrat an So kurz das Rezept ist, bringt es uns dennoch zwei Probleme. Eine
durch Diplosis gewonnenem Silber fast verbraucht, dann kann man ihn kleine Schwierigkeit bietet die Bezeichnung Stater. Wir wissen, dass der
stets wieder ergänzen, indem man dem Rest neue Mengen an Zuschlä­ Stater eine Münze ist, doch besaß er in verschiedenen Gegenden ver­
gen hinzufügt. A uf diese Weise lässt sich eine theoretisch unbegrenzte schiedene Werte, verschiedene Zusammensetzung und verschiedene
Menge künstlichen Silbers herstellen, und nur wir, die wir mit moder­ Gewichte. Ein athenischer Goldstater wog 8,6 g. Schwerwiegender ist
nen analytischen Methoden arbeiten, wissen, dass schließlich kaum das Problem, das sich hinter der Bezeichnung Asem verbirgt. Gemeint
noch chemisch einwandfreies Silber in dieser Menge enthalten ist. Das ist hier wahrscheinlich das uns schon bekannte Elektron, ein lichtgelb
38 /. Im Schatten der Pyramiden Zwei Papyri 39

glänzendes Metall, das die Ägypter als Asemu bezeichneten, woraus Aber auch ohne die Glitzerei drängt unser Alltagsverständnis die
auf Griechisch Asemon wurde. Im Normalfall stand das Wort Asem <bloße> Chemie des Goldes umstandslos beiseite. Wer unter uns bezwei­
wohl für Legierungen von etwa 8o % Gold und 20 % Silber. Gold-Silber- felt etwa, dass die als Zeichen unwandelbarer Treue dienenden Eherin­
Legierungen kommen übrigens vereinzelt auch in der Natur vor, was ge sämtlich aus Gold sind - und nicht etwa aus garantiert umweltresis­
nahe legte, Asem für ein eigenständiges Metall zu halten oder auch für tentem Plastik? Natürlich könnten wir uns denken, dass in dem Gold
eine bestimmte, <verbesserte> Version des Goldes: Es ist weniger weich der Eheringe immer etwas drinsteckt, das nicht chemisch reines Gold
und daher leichter zu bearbeiten als reines Gold, und sein Silbergehalt ist, soitöt würde man ja nicht von Rotgold, Weißgold und so weiter
verleiht dem Golde einen eigentümlich schönen, weißen Glanz, der be­ sprechen, aber Gold ist schließlich Gold, genau wie Butter schließlich
sonders geschätzt wurde. Das erklärt wohl, warum der Thron der Pha­ Butter ist, obwohl es goldgelbe Butter, blasse Butter, Butter mit, Butter
raonen im Wesentlichen aus Asem bestand. Allerdings war der Erschei­ ohne Milchpulver- oder Karotinzusatz, Butter aus dem Allgäu, Butter
nungsbereich des Asem offenbar sehr weit, und so konnten auch gewis­ aus Schleswig-Holstein, Butter von glücklichen und Butter von un­
se Metallgemische als Asem bezeichnet werden, von denen wir wissen, glücklichen Kühen gibt.
dass sie keinerlei Edelmetall enthielten. Was aber ist Butter? Gibt es überhaupt die Butter; gibt es das Butter­
Unter den vielen Vorschriften zur Asem-Bereitung - vor allem im molekül oder gar das Butteratom? «Ein analytisch letztes Butterteilchen
Leidener Papyrus - sei nur eine genannt, in der bezeichnenderweise gibt es nicht imd braucht es nicht zu geben, um meine Butter als Butter
wirkliches Gold und wirkliches Silber gar nicht Vorkommen. Ein Re­ deklarieren zu können», würde uns ein Nahrungsmittelchemiker ant­
zept mit dem Titel <Asemou poiesis> lautet: worten. Etwas Ähnliches hätte auch der antike Chemiker, der Technites,
«Reinige sorgfältig Blei mit Pech und Bitumen; oder auch Zinn; und von seinem Gold behaupten können, falls ihm die Frage, ob die unter­
mische Kadmia [wahrscheinlich Zinkspat, ZnCO^, oder unreines Zink­ schiedlichen Goldarten allesamt Variationen einer einzigen, irreduzier-
oxid, Zno, vielleicht auch Galmei, ZnSiO^ • H^O,] und Bleiglätte [PbO] baren Grundmasse sind, je in den Sinn gekommen wäre. Und über den
mit dem Blei und rühre um bis zu einer vollkommenen Mischung und möglichen Elementarcharakter einer solchen hypothetischen Grund­
bis zum Festwerden. Man kann sich dessen bedienen, als wäre es na­ masse würde sich unser Chemiker erst recht keine Gedanken gemacht
türliches Asem.» ((P. Leid., Rez. ii) Hall. 86f.) haben; denn nichts Metallisches ist elementar: Das war - wenn auch im
Wie schon angedeutet, bestand eine wichtige Rolle des Asem darin, Laufe der Geschichte unterlegt mit verschiedenen Begründungen - die
zur Diplosis des Goldes zu dienen. Was aber ist das für ein Gold? Kann Meimmg aller Naturphilosophen, Alchenüsten, Chemiker bis tief ins
man in diesem Zusammenhang überhaupt von Gold reden? 18. Jahrhundert n. Chr. Dies wiederum hilft zu begreifen, dass es ihnen
Wenn wir uns nicht in historischen Relativismus flüchten und mehr unmöglich war, Legierungen als Mischungen diskreter, unabhängiger
oder weniger resigniert konstatieren wollen: «Weim die zeitgenössi­ Metalle zu erkennen. Künstlich hergestelltes Gold war, wenn es sogar
schen Metallurgen sich das eingebildet haben, daim müssen wir's halt die Werkleute überzeugte, in gewisser Weise wirklich Gold, oder sagen
hinnehmen», dann bleibt uns nur die geradezu scholastisch anmutende wir vorsichtiger: Es gehörte zu der großen Fanülie des Goldes.
Antwort: Sic et nonl Unsere Antwort, ob ja, ob nein, hängt nämlich Wie in anderen gut patriarchalischen Familien auch galten allerdings
notwendig davon ab, ob wir in der Sprache der Chemie oder in der nicht alle Mitglieder der Familie Gold als gleich und gleichwertig. Als
Alltagssprache denken. Als Chemiker wissen wir zwar, dass Gold ein antiker Chemiker konnte man sich auf ein, wenn auch nicht wissen­
chemisch nicht zerlegbarer Stoff, ein Element mit der Ordnungszahl schaftlich exakt definierbares, aber doch postulierbares Ideal besten
79, dem Atomgewicht 190,0 und dem spezifischen Gewicht 19,3 ist. Für Goldes beziehen und von dort her Gold von Gold unterscheiden. Es gab
uns als Normalbürger jedoch, ist Gold das, was wir für Gold halten. gutes Gold und schlechtes Gold, und die Technitai waren - trotz aller
Wie sagt doch Gilbert Chesterton, wenn auch sicher nicht im Blick auf Behauptungen in den beiden Papyri - sehr wohl in der Lage, gutes Gold
ein Element namens <Aurum>, sondern auf eine Spezies namens zu identifizieren. Zu den klassischen Prüfverfahren gehörten die Feuer­
<Homo sapiens»: probe, also das Umschmelzen im Feuer, das ja nur Edelmetalle ohne
äußere Veränderung überstehen, ferner die Kupellation, eine oxidieren­
«All is gold that glitters de Schmelze mit Blei, wobei das Blei und alle unedlen Metalle in Oxid
for the glitter is the gold.» (Hopk. (2) 103) verwandelt werden und mit der Bleiglätte abfließen, und der Abstrich
am Probierstein, einer Steinplatte meist aus Kieselschiefer, auf die man
40 I. Im Schatten der Pyramiden Der Spruch in der Säule 41

Striche mit genormten Goldarten neben einen Strich der zu prüfenden sich durch seine Schriften äußern, vorausgesetzt sie haben die Jahrhun­
Goldprobe setzte, um so bei einiger Erfahrung den Reingoldgehalt er­ derte überdauert und wir lesen sie. Aber, um es mit dem Altmeister der
staunlich gut abschätzen zu können/^ Nassverfahren und die Behand­ Historiker, mit Johann Gustav Droysen zu sagen: «Die objektiven Tatsa­
lung des Goldes mit Säuredämpfen gab es noch nicht, weil Mineralsäu­ chen liegen in der Realität unserer Forschung gar nicht vor.» (Droys. 133)
ren ja unbekannt waren. Historische Einsicht entsteht nicht im Auflisten von Fakten, sondern in
Gold, das den üblichen Goldproben nicht standhielt, war nicht unbe­ einem Frage-und-Antwort-Spiel, das gerade im Falle Alchemie, die doch
dingt eine Fälschung. Das müssen wir hinnehmen. Und wenn wir nun abhängig ist von so vielem Ungesagten und Unsagbaren, stets etwas
bestimmte Rezepte der Goldmacherei kennen und bereit sind, eine be­ Prekäres an sich hat. So müssen wir unsere Fragen genau überdenken
stimmte Farbe, ferner allgemein Metallglanz und Schmelzbarkeit als und sie arüiand prima fade meist unklarer Texte zunächst einmal sorgfäl­
Hauptkriterien echten Goldes anzuerkennen, dann können wir Gold tig einüben, um nicht völlig unverständliche Antworten aufzurufen.
chemisch herstellen, kein gutes vielleicht, vielleicht auch keines, das Stellen wir uns nun vor, unser stummer Gastgeber sei ein Mann na­
auch nur Spuren eines Elementes der Ordnungszahl 79 enthält, aber mens Demokrit. Eigentlich ist Demokrit zu alt für unseren Besuch und
immerhin Gold. auch für die prächtige Laborausstattung, die er und wir hier vorfinden,
Sind wir damit aber schon eingewiesen in die Geheimnisse der A l­ ein bis zwei oder gar sieben bis acht Jahrhunderte zu alt, aber mit Ge­
chemie? Manche Chemiehistoriker würden sagen: «Ja, denn was ist die spenstern imd Magiern, wie Demokrit einer war, braucht man es wohl,
so genannte <Göttliche Kunst>, die <Theia techne>, anderes als eine Reihe was die Zeit betrifft, nicht so genau zu nehmen. Zudem ist Demokrit
von Methoden, Gold zu machen? Gewiss, in den alchemischen Texten der früheste historisch bestimmbare Adept.
sind diese Methoden in ebenso geheimnisschwangeres wie überflüssi­ Wer aber ist Demokrit? Wie bei so vielen Alchemisten müssen wir
ges Gerede verpackt. Aber dient dieses Gerede nicht genau genommen bekennen: «Wir wissen es nicht», und uns mit der beantwortbaren Frage
bloß dazu, etwaige physikalische oder chemische Schwächen sozusagen begnügen: «Für wen wurde Demokrit in der alchemischen Tradition
aus dem Wege zu schwatzen?» gehalten?»
Und ohne Zweifel: Es gibt alchemische Verfahren, die zusammenge­ Hier sagen uns die Quellen, dass Demokrit, der Alchemist, schon in
klaubt sein könnten aus Angaben in den Kodizes von Stockholm und der Spätantike mit dem Atomisten Demokrit von Abdera aus dem
Leiden, und die wie eingetaucht wirken in eine Sauce nicht zur Sache 5. Jahrhundert v. Chr. gleichgesetzt wurde. Vielleicht ist für diese, ge­
gehöriger Bemerkungen. Tatsächlich lassen gewisse Indizien vermuten, wiss verunglückte Zuschreibung eine Legende zuständig, nach der der
dass sowohl die Verfasser der Papyri als auch die frühesten Alchemisten alte Demokrit sich zu mitternächtlicher Stunde auf Friedhöfen herum­
Erben einer gemeinsamen Tradition chemisch-technischer Rezeptlitera­ getrieben habe, um die Seelen der Verstorbenen zu beobachten, die doch
tur waren, die Letztere allerdings in ganz spezifischer Weise weiterent­ auch aus Atomen bestehen und als Bilder, Idole, sichtbar sein müssten.
wickelt haben. Und wer in der Geisterstunde auf Grabsteinen hockt, der ist nicht etwa
ein kühler Wissenschaftler, sondern ein Magier.
Aber natürlich kann auch ein Magier keine Bücher schreiben, wenn
6. Der Spruch in der Säule er selbst bloß erfunden worden ist. Als eigentlicher Autor der Demo-
kritschen Schriften galt bei einigen ein gewisser Bolos, der im 2.73. Jahr­
Eine gewisse Einheitlichkeit und vor allem Einsinnigkeit in der Art und hundert vor Christus gelebt hat, vielleicht Mitglied eine neupythagorei­
Reihenfolge der chemischen Operationen, die von den Alchemisten er­ schen Mönchsgemeinschaft war und wegen seiner Sammlungen mit
ster Stunde durchgeführt wurden, geben uns die Hoffnung, all ihre Be­ Magie durchsetzter Naturkundebücher als Vater der so genannten Phy­
mühungen zu einer Art Standardverfahren zusammenfassen zu kön­ sikaliteratur gilt, in der Sympathie- und Antipathiebeziehungen eine
nen. zentrale Rolle spielen. Plinius im i. Jahrhundert nach Christus hielt die­
Kehren wir also erwartungsvoll nach Alexandria in unser Alchemi­ sen Bolos für den Atomisten aus Abdera. Und dass ein Mann der Gei­
stenlabor zurück. Übrigens sagt uns die platte historische Weisheit, dass stesrichtung des Bolos im Papyrus Holmiensis unter dem Namen De-
wir dort immer noch keinen Adepten der Göttlichen Kunst antreffen mokritos erwähnt wird, ist Indiz dafür, dass der Name des Atomisten
werden, zumindest keinen, der sich höchstpersönlich gegen unsere In­ schließlich auf unseren in der Physikaliteratur so wohlbewanderten A l­
terpretation seines Denken und Tuns wehren könnte. Natürlich kann er chemisten übergegangen ist.
42 I. Im Schatten der Pyramiden Das Standardverfahren 43

Der Wissensstand der Demokritschen Hauptschrift mit dem passen­ kostbaren Ausspruch, den wir dort fanden: <Die Natur freut sich über
den Titel <Physika kai Mystika>, also <Natürliche und mystische Dinge», die Natur, die Natur siegt über die Natur, die Natur herrscht über die
weist auf das i . Jahrhundert nach Christus. Als Quelle der Weisheit Natur.» Wir waren sehr überrascht, dass dort in so wenigen Worten alles
beruft sich der Text im Übrigen nicht auf Bolos, sondern auf einen gesammelt war, was er geschrieben hatte.»» (Berth. (2) II, 43; III, 45)
gewissen Ostanes, offenbar einen mesopotamischen oder persischen Eine Diskussion dieses Textes sollten wir zurückstellen und ihn zu­
Magier.^^ Wie die Quelle sprudelte, anders gesagt, wes Geistes Kind nächst nur als Warnung davor nehmen, den Alchemisten für einen Che­
Demokrit ist, dessen Standardverfahren wir im Alexandrinischen La­ miker imd die Alchemie für Chemie zu halten. Stattdessen sollten wir
bor nachkochen wollen, sei am besten in seinen eigenen Worten ge­ uns, durch diese Vorwamimg vor voreiligen Schlüssen geschützt, ganz
schildert: auf die chemische Seite der Standard method konzentrieren.^^
«Nachdem wir diese Erkenntnisse unseres oben genannten Meisters
in uns aufgenommen und die Verschiedenartigkeit der Materie kennen
gelernt hatten, haben wir uns bemüht, die Naturen in Übereinstimmung 7. Das Standardverfahren
zu bringen. Weil aber unser Meister gestorben war, bevor er uns hatte
einführen können, und weil es sich zu einer Zeit zutrug, als wir uns Beginnen wir damit, uns Stückchen vier verschiedener Metalle, und
einmal wieder mit der Erkenntnis der Materie beschäftigten, sagte man zwar Proben von Blei, Zinn, Kupfer und Eisen, aus den Regalen des
uns, wir sollten versuchen, ihn aus der Unterwelt herbeizurufen. Und Labors zu holen. Es sind dies die Somata, die übrig bleiben, wenn man
ich bemühte mich, dieses Ziel zu erreichen, indem ich ihn direkt an­ von den sieben bekaimten Metallen die an Perfektion weit über den
sprach mit den Worten: <Womit vergiltst du mir, was ich für dich getan Übrigen stehenden Edelmetalle Gold und Silber und auch das Über­
habe?» Nach diesen Worten bewahrte ich Schweigen. Als ich ihn zu gangsmetall Quecksilber abzieht. Die vier gewöhnlichen Metalle
mederholten Malen anrief, indem ich ihn fragte, wie ich die Naturen in schmelzen wir in einem Tiegel, wobei wir die Menge der Zugaben va­
Übereinstimmung bringen könnte, sagte er mir, dass es schwierig für riieren, bis wir das erreichen, was wir wollen. Tatsächlich, ich habe es
ihn sei, ohne die Erlaubnis des [seines] Dämon zu reden. Und er sprach nachgeprüft: Wenn wir es richtig machen, werden wir einen angenehm
nur diese Worte: <Die Bücher sind im Tempel.» Nachdem ich in den kümmerlichen Erfolg haben. Nichts, das aussieht wie eine, und sei's
Tempel zurückgekehrt war, versuchte ich sogleich, mich in den Besitz noch so unansehnliche Legierung, werden wir bekommen, nein, wir
dieser Bücher zu setzen, denn er hatte mir nichts von diesen Büchern erhalten einen schwarzen Grus, eine Art Schlacke, die weder Glanz noch
erzählt, als er noch gelebt hatte, und war gestorben, ohne testamentari­ sonst etwas Metallähnliches an sich hat, wenn man die in der Masse
sche Verfügungen treffen zu können. Er hatte, wie man behauptete, Gift verteilten winzigen imd ganz unauffälligen Eisenkügelchen einmal aus­
genommen, um seine Seele von seinem Körper zu trennen, vielleicht nimmt. Diese hässliche Schlacke führte bei den griechischen Alchemi­
auch hatte er, wie sein Sohn meinte, aus Versehen Gift geschluckt. Nun sten den schönen Namen Tetrasoma (Ta tessara somata) oder Tetrasomie
hatte er vor seinem Tode erwogen, die Bücher nur seinem Sohn zu zei­ (He tetrasomia), also Vierkörper oder Vierkörperschaft. Das Verfahren,
gen, wenn dieser das Jugendalter überschritten hätte. Keiner von uns mit dem wir Tetrasoma gewiimen, hieß Melanosis, lateinisch Nigredo,
wusste irgendetwas von den Büchern. Nachdem wir aber Nachfor­ was Schwärzung oder Schwarzfärbung bedeutet.
schungen angestellt und nichts gefunden hatten, gaben wir uns schreck­ Der Vierkörper besaß in den Augen der Alchemisten eine Eigenschaft,
liche Mühe herauszufinden, wie sich die Substanzen und Naturen ver­ die ihn sehr schätzenswert machte, nämlich die, keine Eigenschaft zu
einigen und verschmelzen. Aber während wir noch an den Zusanunen- besitzen. Wir wissen bereits, dass die Farbe für die alten Alchemisten
setzungen der Materie arbeiteten, richteten wir, als die Zeit für eine das wichtigste Charakteristikum individueller Materie war. Die Farbe
religiöse Zeremonie im Tempel gekommen war, ein Festessen aus. Da, macht die Materie erst zu der, die sie ist. Und mit der Farbe Schwarz
als wir gerade in der Tempelhalle waren, öffnete sich plötzlich eine hatte es, zumindest bei den Griechen, eine besondere Bewandtnis. Ei­
bestimmte Säule, aber wir sahen nichts in ihrem Irmem. Nun hatte we­ nerseits war Schwarz eine Hauptfarbe der Malerei, andererseits war der
der er [der Sohn] noch irgendjemand uns gesagt, dass die Bücher seines Farbton Schwarz nicht eigentlich ein Farh-lon; in der gängigen Sicht­
Vaters dort niedergelegt worden seien. Indem er [der Meister] sich selbst weise war Schwarz einfach die Abwesenheit von Farben. Übergang zu
näherte, führte er uns an die Säule, und während wir uns vorbeugten, Schwarz bedeutete den Verlust genau der Eigenschaften, die Materie zu
sahen wir mit Überraschung, dass uns nichts entgangen war, außer dem wirklicher Materie machen.
44 I. Im Schatten der Pyramiden Das Standardverfahren 45

Im Übrigen ist ja nicht nur die Tetrasomie schwarz. Zuweilen wird der Hoffnung imd des Reichtums in der Verarmung. Nicht einmal Me­
im Zusammenhang mit der Melanosis auch von Magnesia oder <unserer tallglanz zeigt es, und richtig schmiedbar ist es auch nicht, was übrigens
Magnesia> geredet, worunter gewiss nicht unser M gO zu verstehen ist, wesentlich an seinem Bleigehalt liegt. Demokritos sagt ausdrücklich,
obwohl das Wort sicher verschiedene Bedeutungen hat. Magnesia könn­ dass alle vier Metalle eigentlich Blei sind, seien doch die drei anderen
te für den matt glänzenden Magnetit (FejO^) stehen, dessen Strich auch aus Blei entstanden. Und einige Jahrhunderte später redet Olym­
schwarz und dessen auffallendste Eigenschaft ein starker Magnetismus, piodoros nur noch von Blei als Prima materia.
will sagen, die wie ein Wunder wirkende Fähigkeit ist, als Eines über Das einzig Metallische, das dem Tetrasoma geblieben ist, ist die
die Distanz zu Einem zu versammeln. Vielleicht steht Magnesia auch Schmelzbarkeit, und sie ist ja nichts spezifisch Metallisches. Schmelzbar­
für Antimon- bzw. Bleisulfid oder für den stahlgrauen Flämatit (Fe^O^), keit, da waren sich alle Naturphilosophen der Zeit einig, bedeutet
der, faszinierend genug, einen blutroten Strich aufweist. Magnesia Feuchtigkeit, bedeutet Wassergehalt und bedeutet damit das Unbe-
könnte sogar die Tetrasomie bedeuten, leitet doch Zosimos das Wort stinraite auch in Hinblick auf die stereometrische Form. Prima materia
vom Mischen der Substanzen, meignyein, ab. Aber auch <unser Blei> wurde oft als Flüssigkeit gesehen, als <Schwarze Brühe>.^^
kann die grundlegende Materie sein. Substanzen dieser Art - fast immer Doch ob nun Schwarze Brühe, ob Tetrasoma: Als Urmaterie ist das
schwarz - wurden auch zuweilen mit das Alles, To pan, bezeichnet, was Erstprodukt des alchemischen Prozesses natürlich noch keineswegs
wiederum auf eine allen Materieformen unterliegende Materie, mithin Gold. Wir müssen weitergehen, und im zweiten Schritt unseres Stan­
auf Prima materia hindeutet. dardverfahrens nehmen wir nun unser Tetrasoma und schmelzen ihm
Im Bewusstsein der Menschen ist Schwarz die Abwesenheit und der zunächst etwas Silber, genauer gesagt Silberpulver, zu, das sinnträchtig
Anfang. Schwarz ist die Nacht, die den Tag gebiert; Schwarz ist die <Same des Silbers> genannt wurde.
Blindheit vor dem Sehen, ist die Hölle, bevor das Licht der Gnade sie Der Ausdruck Same deutet tatsächlich auf einen biologisch gedach­
vernichtet; Schwarz, das ist der Tod, ist der Schlaf, den die Träume mit ten Vorgang, auf eine Art Fermentation hin. Die Samen des Silbers bzw.
Licht und Leben erfüllen; Schwarz, das ist der furchtbare und fruchtba­ des Goldes, denn einen solchen gab es auch, waren nicht bloß Edel­
re, bild- und wortlose Urgrund unserer Seele, aus dessen unauflösbarem metalle in Pulverform, sie waren wirkliche Samen, deren Wirkung oft
Geheimnis Bilder und Worte emporsteigen; Schwarz, das ist der Nil­ nüt der des Sperma oder der Saat verglichen wurde. Das wiederum
schlamm, aus dem alles entsteht, ist der Schoß der Erde, der die Metalle gab den Adepten Gelegenheit zu bilderreichen Gleichsetzungen. In der
austrägt; Schwarz, das ist die Hoffnungslosigkeit und zugleich die Hoff­ fruchtbringenden Erde, im Uterus bzw. im dunklen Menstruationsblut
nung, ist, genau wie das Chaos, das noch Ungestaltete, ein Anfang und wächst und entwickelt sich der Same, wird zur Blume, zum Baum,
zugleich ein Ende: Es ist alles, wo es nichts zu sein scheint. Deshalb zum Embryo, der schließlich als das wahre Kind geboren wird. Vor
trägt der wahrhaft schwarze Körper sein eigentliches Ziel, den Stein der allem in der späteren christlichen Alchemie wird dabei immer wieder
Weisen, die Große Wandlungssubstanz, die unedle Metalle in edle trans- auf das Gleichnis vom Samenkorn verwiesen, das stirbt, um Leben zu
mutiert, schon in sich. Und das wiederum lässt eine ganz andere Inter­ geben: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Weim das Weizenkorn nicht
pretation des Begriffes Schwarz zu. Schwarz bedeutet nicht etwa die in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt's allein; wenn es aber erstirbt,
völlige Abwesenheit von Farben, sondern im Gegenteil deren unpas­ so bringt es viel Frucht.» (Joh. 12, 24) Es gibt Leben, indem es dasjenige
sendste Anwesenheit. Olympiodoros z. B. bezeichnet Schwarz als die verändert, dasjenige sich anverwandelt, in dem und von dem es lebt.
Farbe aller Farben und Weiß als die Nicht-Farbe. Und das ist die Materie, in die es eingebettet ist. Wenn wir nun noch
Als Zeichen der Abwesenheit und zugleich der Anwesenheit wahrer hinzudenken, dass - zurückgehend auf stoisches Gedankengut - Seele,
Wirklichkeit, wahrer Lebendigkeit ist <Schwarz> in den Augen der A l­ Same, Geist und Farbe im Verständnis der Alchemisten eng, ja unauf­
chemisten Charakteristikum der Materie schlechthin, ist sie, die selbst löslich zusammengehörten, dann wird uns kaum wundem, dass der
eigenschaftslos ist, doch Träger jeder sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit Same des Goldes in gewisser Weise schon das eigentliche Färbemittel,
und Lebendigkeit. Der Schwarze Körper ist die Urmaterie, ist die Prima schon das Ziel selbst war, auf das der ganze alchemische Prozess hin­
materia. streben sollte.
Tetrasoma ist schwarz. Und gerade als Ergebnis des Untergangs aller So wie in der Prima materia das Ergebnis aller alchemischen Mühen
spezifischen Eigenschaften in einem großen Ganzen, und d. h. als wahr­ schon vorhanden ist, so ist es auch im Samen bereits vorhanden. Tat­
haft Fleisch gewordene Eigenschaftslosigkeit, ist Tetrasoma ein Zeichen sächlich wird bereits in einigen der älteren alchemischen Schriften be­
46 I. Im Schatten der Pyramiden Das Standardverfahren 47

hauptet, der Stein der Weisen enthalte die Samen beider Edelmetalle. Diese Weißfärbung köimte das Ende der alchemischen Operationen,
Einige Alchemisten wie auch Demokrit selbst verglichen die Wirkweise köimte das Ziel aller Bemühungen sein, ist doch die strahlende Weiße
des Samens mit dem Verhalten des Sauerteigs, Maza, lat. Massa genannt, des Silbers schon eine Art Vollendung. Denn ist Weiß nicht das Licht,
denn analog dem Sauerteig oder dem Samen der Pflanzen und Tiere das die Nacht erleuchtet? <Weiß> ist Selene oder Luna, die Gottheit des
verwandelt auch der Metallsame Materie dadurch, dass er sich selbst bei fast allen Völkern weiblich gedachten Mondes, ja Weiß ist das Weib­
vermehrt: Aus dem Samen des Silbers wird Silber, aus dem Samen des liche schlechthin; Weiß, das ist auch das wie der Mond Wechselhafte
Goldes wird Gold, was auch so gedeutet wurde, dass das Inhärente, das und Unbegreifliche der Dinge, wie das Schicksal selbst. Als Unbegreif­
aktuell Potentielle und damit das Innere gewissermaßen nach außen liches ist Weiß auch bedrohlich. Nicht von ungefähr ist Moby Dick, der
bzw. - um auf zwei wichtige Begriffe vorzugreifen - aus dem Okkulten Wal in Herman Melvilles Roman, weiß. <Weiß> ist auch chaotisch. Des­
ins Manifeste gekehrt wird. halb reden wir von weißem Rauschen, und auch der Rausch schlechthin
Nachdem wir nun, dies alles in unserem philosophischem Herzen kann nüt weiß in Verbindung gebracht werden. Und deshalb auch kann
bedenkend, zunächst einmal den Silber-Samen gesät haben, tauchen wir weiß zugleich auch schwarz sein wie der Neumond, der alles Licht
das Produkt aus Tetrasoma und Silber-Samen ein in jenes merkwürdige auslöscht, karm schwarz sein wie die ungeformte, luranfängliche Erde.
Metall, das kein Metall sein dürfte, weil es normalerweise flüssig ist, Die alchemische Jungfemerde war Erde und zugleich weiß, trug sie
und fest nur in Verbindung mit anderen Metallen, in die es allerdings doch in gewisser Weise ihre Vollendung in sich selber. Vor allem aber
eindringen kann, ohne Widerstand zu finden. Kurz gesagt, wir tauchen ist <Weiß> Symbol der Klarheit, Reinheit und Unschuld, das den Anfech­
die Masse in Quecksilber, oder wir setzen sie Quecksilberdämpfen aus. tungen der Zeit trotzt, weshalb es sich im weißen Golde der Ägypter,
Mangels Quecksilber können wir auch etwas dem Quecksilber Ähnli­ im Silber verkörpert.
ches verwenden, nämlich geschmolzenes Zinn bzw. Zinnamalgam, und Tatsächlich kann die Leukosis als eine Reinigung betrachtet werden,
zusätzlich oder alternativ auch Arsenik, das ebenfalls zur Aufhellung wie Olympidoros sie denn auch als «Entfernung des Schwarzen» be­
dienen kann. Wir können sagen: Wir haben den Sauerteig im Quecksil­ zeichnet; denn «das Weiß ist abgetrennt, das Schwarz ist umfassend».
berbad entwickelt, ganz wie man ein Negativ im Fotobad entwickelt; (Berth. (2) III, 99, 100, 196) Übrigens scheint Olympiodoros einen che­
und wir können auch sagen: Wir haben den Samen befruchtet und ihn mischen Beleg für seine Meinung darin gesehen zu haben, dass Blei,
zu Leben und Wachstum erweckt. Das erklärt auch, warum der Same obwohl es doch schwarz ist, aus mehreren Farben besteht, d. h. in Ver­
des Silbers aus Silber sein muss. Alles, was gezeugt ist, das sagten schon bindungen völlig verschiedener Färbung wie Bleiweiß (PbCOj) und
die klassischen Philosophen, kann nur durch die eigene Art gezeugt Mennige (PbjO^) auftreten kann.
worden sein: Sauerteig stammt aus Sauerteig, Getreide wächst aus Ge- Die Leukosis zum alchemischen Silber ist aber kein Ziel in sich, sie
treidekömem, und so kann Silber nur aus dem Samen des Silbers ent­ ist eine Übergangsstation auf dem Wege zur wahren Erlösung der Ma­
stehen. Wenn wir es geschickt angestellt haben, haben wir also mit Hilfe terie von allem Niederen, allem Unedlen. Alchemisches Silber zeigt im
des Silber-Samens und des Quecksilbers echtes Silber gewonnen, ein Inneren des Metalls oft einen Goldschimmer, der sicher vom eingesetz­
Silber, das «selbst die Technitai täuscht». ((P. Leid., Rez. 8) Hall. 86) Der ten Kupfer stammt, und nur eingefleischte Chemiker würden hier be­
wahre Alchenüst aber will die Werkleute nicht oder nicht nur täuschen, haupten, der Kupferton sei ja geradezu ein Beweis für die Unechtheit
er will einem naturphilosophisch gestützten Programm folgen, und so des so genannten Edelmetalls. Im Gegenteil, die Fehlfarbe galt als Beleg
wird er das, was wir auf direktestem Weg erreicht haben, über Umwege dafür, dass gewissermaßen echteres als nur echtes Silber entstanden
anstreben, die uns aus chemischer Sicht bestensfalls irrelevant erschei­ war, ein Silber, das im Inneren schon fast Gold geworden war. Jede
nen. Doch gerade die Umwege sind die eigentlichen Denkwege der Hauptstufe des alchemischen Standardprozesses konnte so als eine Art
Alchemie. Zu-sich-selbst-Kommen angesehen werden, tragen doch nicht nur das
Aber Umweg oder nicht: Was wir bewerkstelligt haben, ist eine Weiß­ Tetrasoma, sondern auch alchemisches Silber und alchemisches Gold
färbung. Wie erinnerlich, verwendet der Papyrus Leidensis dafür das als jeweilige Vorstufen zu Höherem die Keime ihrer eigenen Veredlung
Wort Leukosis, das sowohl die Darstellung als auch die Vervielfältigung in sich. In dieser Sicht hätte der Same nur eine Hilfsfunktion; wir wer­
von Silber anzeigt. Dieser Begriff ist von der griechischen Alchemie den aber keinen Alchemisten finden, der sich hierüber in theoretische
übernommen und in der lateinischen Alchemie mit Albedo, d. h. Wei­ Erörterungen eingelassen hätte.
ßung oder Weißfärbimg, übersetzt worden. Der Leukosis folgten gewöhnlich noch zwei Stufen, von denen die
48 I. Im Schatten der Pyramiden Theion hydor 49

erste, die Gilbung oder Gelbfärbung, zum Gegenstück des weiblichen Symbole haben ja überhaupt mit Ineinssetzen zu tun, und zwar auf
Silbers, nämlich zum männlichen Golde, führen sollte. Bei den Griechen dem Wege eines Zusammensetzens. Nicht umsonst ist der Begriff Sym-
hieß sie Xanthosis und bei den Lateinern, die übrigens diese Stufe auf bolon abgeleitet vom Worte symballein, das wir mit <zusammenlegen>
dem Wege zum Lapis philosophorum manchmal übersprangen, wurde übersetzen können. So kann alles Mögliche symbolische Bedeutung be­
sie Citrinitas genannt. sitzen: Worte, Gegenstände, Bilder, Handlungen, und dabei kann die
Die Methode zur Darstellung des Goldes im Standardprozess war Bedeuhmg selbst als solche kenntlich sein oder unkenntlich. Kurz, un­
von frappierender Einfachheit. Man nahm sein Alchemisten-Silber, füg­ sere Welt, so wie wir sie erleben, wimmelt geradezu von Symbolen,
te etwas Gold, d. h. Samen des Goldes, zu und tauchte das Ganze in ein auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Nur ausgerechnet die che­
Wasser namens Theion hydor. Diese erstaunliche Flüssigkeit ist in ihrer mischen Symbole sind keine Symbole, denn ihnen fehlt etwas, das zum
Wirkung dem Quecksilber sehr ähnlich. Sie entwickelt das Gold im In­ Zusammenlegen dazugehört: das Unbestimmte in einer im Grunde un­
neren des alchemischen Silbers, dass es aufgeht wie Sauerteig und die trennbaren Gemeinschaft. S5nnbol und Symbolisiertes nämlich gehören
ganze Masse durchsäuert. Übrigens ist auch hier wie im Falle des zusanunen wie die Hälften eines Ringes und weisen hin auf ein Drittes.
Quecksilbers denkbar, dass der Alchemist nicht die Flüssigkeit selbst, Wenn Freunde Abschied nehmen mussten und wenn sie ihre Angehö­
sondern nur den Dampf des Theion hydor einwirken ließ. rigen in ihre Freundschaft einbeziehen wollten, dann zerbrachen sie
einen Ring. Der Angehörige, der mit seinem Teil des Ringes die Gast­
freundschaft des unbekannten Freundes suchte, brauchte nicht zu wis­
8. Theion hydor sen, wie das andere Bruchstück beschaffen war und ob das, was die
Freimdschaft besiegelt hatte, sich jetzt vielleicht anders darstellte als
Was aber ist Theion hydor? Wenn man es nach dem Rezept 87 des zuvor, vielleicht ohne den Stein, der irgendwann mal aus der Fassung
Leidener Papyrus herstellt, indem man Kalk und Schwefel in Essig oder gefallen war, vielleicht mit anderen Verzierungen, nun vielleicht mit so
dem Urin eines jungfräulichen Knaben kocht, dann ist es schlicht saure krassen Veränderungen, dass das Bruchstück äußerlich nicht wieder zu
bzw. alkalische Calciumpolysulfidlösung. Aus Schwefel und Kalk ent­ erkennen war. Für den Gast und den Gastgeber ging es nur darum,
steht nämlich eine gelbliche Abart der Schwefelleber, d. h. ein Gemenge festzustellen, ob die beiden Teile des Ringes sich verbinden ließen: Pass­
von Calciumpolysulfiden, Calciumthiosulfat und Calciumsulfat. Ko­ ten sie aufeinander, dann war das Bruchstück trotz allem das Richtige
chender Schwefel ist rot wie Blut, das Wasser selbst ist gelb wie Blutse­ und koimte zusammen mit der anderen Ringhälfte Freundschaft <her-
rum, d. h. Theion hydor war genau das Färbemittel, das der Alchemist beirufen>. Genauso ist es mit Götter- oder Heiligenstatuen. Sie symbo­
brauchte. Tatsächlich kann man, wie sich leicht nachprüfen lässt, Kup­ lisieren etwas, von dem wir uns beliebig viele Vorstellungen machen
ferstücke mit Polysulfidlösungen goldglänzend färben. Lackiert man können - die Statue selbst macht nur Andeutungen. Wenn wir aber -
dann die Oberflächen - und auch die antiken Alchemisten verstanden vielleicht aufgrund der Andeutungen - eine nahtlose Entsprechung von
es, metallische Gegenstände zu lackieren -, kann man für lange Zeit Symbol und Symbolisiertem erfühlen, dann erleben wir dieses Etwas
verhindern, dass das Gold durch Oxidation schwarz wird. Auch in fes­ als real und zugleich als Hinweis auf ein Drittes, unseren konkreten
ter Form übrigens greifen die Polysulfide Metalle an, aber das klassische Vorstellungen Entzogenes, als Hinweis auf Göttliches, auf Transzendenz
Färbemittel war wohl die Polysulfid-Löswn^, wie immer sie nun im Ein­ in einer bestimmten, wenn auch selbst unfassbaren Erscheinungsform.
zelnen zusammengesetzt war. Auch das Ei, so fröhlich und diesseitig es auch zu Ostern bemalt und
Altmeister Zosimos gewann das Wunderwasser durch Destillation gegessen wird, symbolisiert Transzendentes, symbolisiert das Sein
von Eiern im Destillierapparat. Die Verwendung von Eiern kommt da­ schlechthin, symbolisiert die Schöpfung, das Leben, die Fruchtbarkeit.
bei sicher nicht von ungefähr, wenn wir bedenken, dass Eier, die ja aus Aber es ist eine Transzendenz in der Welt, und sogar eine sozusagen
Schale, Eihäutchen plus Luftbläschen, Eiweiß und Eigelb bestehen, die chemisch maiüpulierbare Transzendenz.
Vereinigung der vier klassischen Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer Ctestilliert man Eier, dann gehen sie in drei Fraktionen über: die
repräsentieren und damit das Ganze der Welt und das Sein schlechthin erste, das Regenwasser, ist weiß bzw. klar, die nächste, das Rettich-Öl,
symbolisieren. Bei dieser Ineinssetzung von Ei und Sein spielte eine das einen unangenehmen Geruch verbreitet, ist gelb-grünlich, und die
verbale Assoziation sicher eine ganz besondere Rolle: Das Sein heißt auf dritte, die durch nochmalige Destillation des toten, aber - beim Ste­
Griechisch to on, das Ei dagegen to oon. henlassen an der Luft - wiedererstandenen Rückstandes gewonnen
5° 7. Im Schatten der Pyramiden Theion hydor 51

wird, besitzt eine schwarz-grünliche Färbung. Zosimos empfiehlt nun, Teekesselchen-Spiel,^' zumal Theion hydor, «das große Mysterium»
die drei <männhchen> Fraktionen mit dem Rückstand im <weiblichen> (Berth. (2) III, 162), auch in innerer Beziehung stand zu einer zentralen
Teil des Destillationsapparates zu vereinigen und vierzig Tage lang religiösen Handlimg, der Initiation in der Taufe. Wenn nämlich Metalle
aufeinander einwirken zu lassen, um so die färbende Materie, sprich mit dem göttlichen, schwefligen Wasser benetzt werden, werden sie von
das Theion hydor, zu erhalten, denn «die Natur überwindet die Na­ eben diesem Wasser gefärbt. Das griechische Wort für <benetzen> oder
tur», w ill sagen «schweflige Substanzen werden von schwefligen <eintauchen>, wenn die Färber ihre Tuche in die Küpe tauchten und sie
Substanzen überwunden und feuchte Substanzen von entsprechenden damit färbten, aber heißt baptein, und die Taufe, ho baptismos, war dem­
feuchten Substanzen». (Berth. (2) III, 88, 143-145; über das Ei; Berth. gemäß gleichzeitig eine <Reinigung> und eine <Färbung> zum Neuen
(2) II, 18, 21, 129) Menschen, was nichts anderes heißt, als dass der Täufling eine Trans­
Es gibt übrigens auch Beschreibungen der Gewinnung von Theion mutation, einen völligen Wechsel von einem Sein in ein anderes, und
hydor, die ausgesprochen vage sind. Die Vagheit wird unüberbietbar, so eine Wiedergeburt erlebte.
wenn derselbe Zosimos, der eben noch so sorgfältig Eier destilliert hat, Auch wir Kinder des 20. Jahrhunderts haben das Gefühl für ein im
alle Flüssigkeiten aus dem Substanzkatalog der Alchemisten oder deren wahrsten Sinne des Wortes tiefsinniges Verhältnis von Name und Sache,
Mischung zu Theion hydor erklärt. Darüber hinaus behauptet ein an­ vom Namen und der Anrufung der Sache nicht ganz verloren. «Wenn
derer Autor, Synesios, man könne Theion hydor durch Destillation aus man den Teufel nennt, / konunt er gerennt», was in früheren Jahrhun­
alchemischem Silber, d. h. Amalgamen bzw. Quecksilber, ausziehen. derten bei weitem nicht so komisch klang wie heute. Und verspüren
Und sogar bei Versuchen, über das Gold hinauszukommen, scheint ein wir nicht immer dann, wenn unser eigener Name falsch ausgesprochen
geheimnisvolles Theion hydor eingesetzt worden zu sein. wird, oder wenn wir uns an den Namen einer Person, die uns vertraut
Alle Adepten, auch Synesios, haben wohl geglaubt, Schwefelwasser ist, nicht mehr genau erinnern können, ein peinliches Empfinden? Und
in Händen zu haben. Genau wie die Phiole trägt das Färbewassser näm­ <sagt> uns das nicht mehr, als die Sache - unser kleiner Fehler - eigent­
lich eine gewichtige Bedeutung mit sich herum, die in dem Wort <thei- lich wert ist?5^
on> verborgen ist. To theion ist nicht nur der Schwefel bzw. der Schwe­ Dieses Restchen von Unbehagen sollte uns helfen, uns in die so an­
felgeruch, To theion ist auch die Gottheit bzw. das Göttliche, das Himm­ dere Welt früherer Zeiten einzufügen. Wir werden feststellen, dass da­
lische oder Übermenschliche. Wir neigen dazu, diese Namensgleichheit mals das Denken und Fühlen auch so genannter gebildeter Menschen
für rein zufällig zu halten, obwohl der Himmels- und Gewittergott sich ganz wesentlich in Realanalogien abspielte, womit ich hier ohne
Zeus, wenn er seine Blitze schleudert, den Hinunel mit schwefelgelbem Rücksicht auf irgendwelche Feinheiten des Symbol- und des Analogie­
Leuchten und mit dem schwefligen Geruch seines Zorns und seiner begriffs nur sagen will, dass im außer-aufklärerischen Verständnis das­
Macht erfüUt.^^ Und wäre es so, wäre die Sprachwurzel der beiden Aus­ jenige, was anderem ähnlich ist, in innerer, aktiver Beziehimg zu diesem
drücke tatsächlich dieselbe, so wären wir dennoch geneigt, das Ganze anderen steht oder zumindest stehen kann. Das mag sich auf die Laut­
für eine spielerische Assoziation ohne tiefere Bedeutung zu halten. Eine werte und Zusammenklänge von Wörtern beziehen, aber auch auf farb­
solche Meimmg allerdings wäre jedem anständigen Alchemisten boden­ liche, bildliche Eindrücke, auf überhaupt alles, was die Sinne angeht,
los leichtsinnig erschienen. In seinem Zusammendenken und Zusam­ und darüber hinaus auf die Struktur, auf die Logik von Geschichten,
menfühlen von Dingen, die für uns bestenfalls kulturhistorisch zusam­ die von verschiedenen Ereignissen, verschiedenen Erscheinungen han-
mengehören, war er dabei gewiss kein Außenseiter. Sehen wir einmal deln .33 Nun ist es sehr menschlich, das, was man ständig vor Augen
von gewissen Intellektuellen ab, die ihre Nase nie von den Schriftrollen hat, mit der Zeit inuner flacher, immer schattenloser zu sehen, und so
eines Aristoteles oder Archimedes abwandten, war für den sprichwört­ waren die offenen, alltäglichen Ähnlichkeiten gewöhnlich ohne jedes
lichen Mann auf der Straße kaum ein Zufall des Namens zufällig, kaum Geheimnis. Anders dagegen stand es mit den nicht leicht zu durch­
ein Hindeuten von einer Bedeutung zu anderen Bedeutungen bedeu­ schauenden, den verborgenen Ähnlichkeiten; denn ist nicht das Verbor­
tungslos. Nomen war Omen, und wir sollten uns in diesem Zusammen­ gene, ist nicht die nur den Blicken des Adepten zugängliche Ähnlich­
hang daran erinnern, dass Gott die Welt trotz der abweichenden Mei­ keitsbeziehung der wahre Ort des Geheimnisses, vor allem dann, wenn
nung des Doktor Faustus aus dem Wort schuf.^° diese Beziehung verschiedene Seinsbereiche miteinander verbindet und
Für keinen Adepten waren Theion hydor als schwefliges Wasser imd so in ihrer inneren Einheit wechselseitig bestätigt? Und ist diese innere
Theion hydor als göttliches Wasser lediglich so etwas wie Wörter im Einheit, wie wir sie beim Zusammentreffen des Schwefligen und des
52 I. Im Schatten der Pyramiden Theion hydor 53

Göttlichen im Theion hydor zu spüren meinen, nicht so vielfältig, so


komplex, so sehr in Denken und Fühlen verstrickt wie das Leben selber?
Wir können behaupten, dass ein implizites oder explizites <So... wie>
im alchemischen Denken und Fühlen fast niemals eine bloße Redewen­
dung, fast niemals ein bloßer Hinweis ist auf eine nicht weiter beach­
tenswerte Ähnlichkeit. <So ... wie> meint vielmehr: in Sympathie oder
Antipathie mit dem anderen, dem es gleicht, verbunden und eben des­ __ 4
halb ähnlich. A uf solche Weise verstandene Ähnlichkeitsbeziehungen,
-II--OIH1------ ^
auch Sympathiebeziehungen von Worten und Dingen, von Bezeichnen­
dem und Bezeichnetem, besaßen magischen Charakter, sie bedeuteten Üßi
einander, sie wirkten aufeinander, sie stellten den Menschen - und nicht It P«oi»w w m m
nur den Menschen der Antike, sondern auch den aller folgenden Zeiten i ** V
»/ I ^ ^ NTrinH c1
bis tief hinein in die Neuzeit - in ein dichtes Netz innerer Beziehungen,
in das er sich verstrickt, in dem er sich aber auch gehalten und erhalten
fühlen konnte. Das ist nicht so idyllisch, wie es klingen mag, denn Ver­
strickung, das war Gefangensein in den Ängsten der überall Transzen­
denz und Übermächtiges erlebenden, nach Erlösung lechzenden Seele.
Und - dies ist ein Grundgedanke der spätantiken rehgiösen Bewegung,
die wir mit Gnosis bezeichnen - wer nicht weiß, wie ihm geschieht, wer
blind im Dunkeln mit den Fäden seiner eigenen Verstrickung ringt, der
^ i eW
wird niemals erlöst werden. Erlösendes Wissen, also Weisheit, aber be­
deutet, die Bedeutung des Bedeutenden zu erkennen, auch dort, wo wir
heute, nüchtern wie wir sind, nur semantische Zufälligkeiten zu sehen
vermögen.
Bei allen Verweisen auf die Blitze des Zeus, auf die Taufe und auf das ii^y>
Wissen-als-Weisheit sollten wir nicht vergessen, dass Theion hydor vor
allem ein chemisches Reagenz bezeichnet, das ja bereits in den che­
misch-technischen Papyrus-Texten erwähnt wird und im dritten Schritt
des alchemischen Standardprozesses das ersehnte Gold ergibt, imd ein
durchaus annehmbares dazu.^^ Dennoch brauchen wir hier noch nicht Prf viVVIV^>nif
näher auf das Ziel der Sehnsucht, das Gold, im Denken, Glauben und
Fühlen der Antike einzugehen, denn zumindest im Standardverfahren
oy/u^ToMv®*^ o«X ^
diente unser Gold doch nur zu noch Höherem, zur Gewinnung einer
Art Supergoldes, das auf der Werteskala der Adepten weit oberhalb des
weiblichen Silbers und des männlichen Goldes angesiedelt war. Die drei
ersten Stufen des alchemischen Prozesses reichten also nicht, eine wei­
tere musste sich anschließen: die Erythrosis, lat. Rubedo, zu Deutsch Rot­ , oi{04fm ‘ ^ K iA ^ o V^ h tr{f 6 i
färbung.
Oft wurde statt des Wortes Erythrosis übrigens das Wort losis ver­
wandt, dessen Bedeutung nicht ganz klar ist. Es kann vom Worte ho ios Der Ouroboros, ein Hauptsymbol der Alchemie, das u. a. den Kreislauf der Materie
gleich Gift oder Rost bzw. Grünspan oder Patina abgeleitet sein, aber darstellen soll. Die innere Farbe (grün) symbolisiert den Anfang, die äußere Farbe (rot)
auch vom Worte to ion gleich Levkoje bzw. Goldlack oder Veilchen. Im das Ende des Werkes. (Bibliotheque Nationale, Paris, Ms. grec 2 j2 /, f. 297)
diesem Fall hieße losis Violett- oder auch Purpurfärbung. Übrigens
54 I. Im Schatten der Pyramiden Der letzte Schritt 55

würde es gut zum assoziativen und zugleich additiven Denkstil unserer werden, «indem sie die innere, verborgene Natur des Metalls, auf das
Alchemisten passen, wenn beide Bedeutungsgruppen im Wort losis ver­ sie einwirkt, freisetzt.» (Berth. (2) III, 107)
eint wären. Eins ist sicher: «Um Gold zu tingieren, tut man das am besten nach
der losis ... allein losis macht alles, und vor allem den los.» (Berth. (2)
III, 175) Man kann in der losis auch Pflanzen anwenden wie «Rhabarber,
5>. Der letzte Schritt Safran und andere». (Berth. (2) III, i59f.)
Doch auch «das Wasser des natürlichen Schwefels» wird los genannt
Warum das Hauptziel der Alchemisten die losis und nicht die Xanthosis (Berth. (2) III, 209), denn genau wie ohne losis nichts gelingt, gelingt
war, sei dahingestellt, bis uns die Chemie der losis verständlich gewor­ auch ohne Theion hydor nichts: «Ohne Theion hydor, die göttliche Flüs­
den ist - so weit es uns heute noch gelingt. Die alchemischen Texte sind sigkeit, gibt es nichts: Jede Verbindung wird durch sie vollendet, durch
nämlich gerade in der Beschreibung des los bzw. des Ion und der losis sie wird sie gekocht, durch sie wird sie calciniert, durch sie wird sie
ausgesprochen unklar. Was etwa soll man mit folgender Definition der fixiert, durch sie wird sie gegilbt, durch sie wird sie zersetzt, durch sie
losis in einer Abhandlung über den sich selbst fressenden Drachen wird sie tingiert, durch sie erfährt sie losis und Veredlung.» (Berth. (2)
Ouroboros anfangen, der genau wie das Ei das Ganze der Welt und die m , 238)
vier Elemente symbolisiert? Nichts aber erscheint sicher, und das nicht nur in unseren Augen,
«Der grüne Drache, das ist die losis, d. h. ihre Fermentation; seine scmdem auch in denen der alten Alchemisten, denn alles nur Mögliche
vier Tatzen, das ist die Tetrasomie, die in der Vorschrift der Kunst an­ in scheinbar wahlloser Aufzählung wurde los bzw. losis genannt. Eine
gewandt wird; seine drei Ohren, das sind die drei Dämpfe und die Übersetzung der losis in unsere Welt der Chenüe gelingt uns am ehe­
zwölf Vorschriften; sein los, das ist der Essig.» (Berth. (2) III, 24) sten, wenn wir annehmen, dass bei der losis - zumindest in einigen
Die drei hier erwähnten Ohren des Tieres könnten auf Schwefel, Fällen - das in der Xanthosis gewonnene Produkt mit Metallbeizen be­
Quecksilber und Wasser verweisen, aber auch auf die drei Fraktionen handelt wurde. los würde dann allgemein eine auffallende materielle
des Ei-Destillats. Die zw ölf Formeln könnten zwölf Operationen mei­ Farberscheinung auf Metalloberflächen bedeuten. A uf Kupfer wäre eine
nen, die zur Erlangung der losis nötig sind; die Zahl könnte, wie der solche Erscheinung z. B. das gelbe bzw. rote Kupfer(I)-Oxid, oder es
Alchemist Stephanos von Alexandria uns klarmacht, aus der Addition wäre das bekannte basische Kupfer-Acetat Grünspan oder auch die
der jeweils drei Bestandteile der vier Elemente - Urmaterie plus je zwei blaue Kupferlasur, sprich das Carbonat. Bei Eisen könnte man an nor­
Ureigenschaften - entstehen. Essig war das Lösungs-Ätzmittel schlecht­ malen Rost (Fe^O^), aber auch an Ocker (FeO(OH)) mit Ton und ande­
hin, das rosten lassen konnte. rem und an Venetianisch-Rot (Fe^Oj) denken. Wenn man z. B. rotes
los, lat. Virus, scheint ein Zersetzungsprodukt zu sein, hat es doch die Eisen(III)-Oxid mit Wasser aufschlenunt, die Paste auf eine Bronze auf­
Substanz, die zersetzt wurde, vergiftet. Bei Plinius und Dioskorides ist bringt, erwärmt und räuchert, erhält man eine tiefgoldene Oberflächen­
es der giftige Hauch oder die giftige Ausblühung von Kupfer, Sory und färbung, die ins Violette hinüberspielen kann, wenn die Bronze etwa
Sandarach. Überhaupt ist los das, was etwas anderes verändert, und so 4 % Gold enthält:
kann man auch die Magnetisierung von Eisen durch den Magnetstein «Nimm die Erde, die Ocker genannt wird, setz sie aufs Feuer, bis sie
los nennen, wird doch auch hier eine spezifische Eigenschaft übertra­ rot wird: dann nimm sie vom Feuer und löse sie in Wasser mit Salzzu­
gen. satz. Bestreiche damit den Gegenstand, der vergoldet werden soll; setz
Am häufigsten verstand man unter los einen Rost, d. h. ein Metall­ ihn aufs Feuer und wende ihn um, bis sich Rauch bildet und die Farbe
oxid, bzw. ein Metallsalz, z. B. ein zu los fixiertes, also irgendwie in erscheint; dann tu es ins Wasser.» (Berth. (2) III, 311!.)
einen Festkörper verwandeltes Quecksilber. Andererseits ist los wohl Mit grünem, kupferhaltigem Eisenvitriol, Chalkanthon, das in der
auch, wie Demokrit behauptet, ein Destillat: «Tatsächlich bedeutet der Tuchfärberei Anwendung fand, konnte man ebenfalls Metalle wie Eisen
los, der durch die Aktion des Drachen aus der Substanz stammt, die färben, indem man das feuchte Vitriol auf dem Eisen abrieb und dabei
ihre Körperlichkeit verloren hat, Pneuma. Wegen der Erzeugimg einer einen roten Überzug erzeugte.
goldgelben Färbung wird los Goldfarbe genannt.» (Berth. (2) III, 128, Und wenn wir an das Gold selbst denken, so sollte eine Assoziation
auch 134) nicht ausbleiben, die allerdings viele Probleme in Hinblick auf die
Der Prozess der los soll durch eine stabile Gelbfärbung hervorgerufen praktischen chemischen Möghchkeiten der griechischen Alchemisten
56 I. Im Schatten der Pyramiden Der letzte Schritt 57

aufwirft: Bei Einwirkung von Alkali (Kalilauge) auf Goldsalze in Ge­ ist> oder auch <ein Einziges, ein Einiges in allem>, wie es im Griechischen
genwart von Reduktionsmitteln entsteht nämlich dunkelviolettes hieß. Die Cauda ist sowohl eine Ausfaltung als auch eine paradoxe Ver-
Gold(I)-Hydroxid, das sich schon bei 250° C zersetzt. Wenn man also eiiügimg von Eigenschaften, die sich gegenseitig ausschließen, und bei­
Metalle damit überstreicht und erhitzt, könnte man sie sehr wohl zu des in ein und demselben Stück Materie. ^5
Gold machen. So lässt Zosimos den Alchemisten Pelagios sagen: «Es Nicht zu vergessen sei auch das Behandeln meist schon vorbehandel­
ist die Färbung (Tinktur), die sich im Inneren bildet, die die wahre ter Metalle mit Lacken, Firnissen, Wachsen und Ölen. Genau diese Be­
Färbung zu Violett ist, welche auch los des Goldes genannt worden handlung ist wohl mitverantwortlich dafür, dass das Theion hydor zu
ist. Wenn man das erreicht, findet Tinktur [Färbung] statt; wenn nicht, einem wahren Wundermittel der Alchemie wurde, konnten doch die so
findet sie nicht statt. Achte darauf, dass die Tinktur in die Tiefe dringt; frappierenden Effekte der drei Theion-hydor-Färbungen, nämlich er­
wenn nicht, hat die Tinktur nicht stattgefunden.» (Berth. (2) III, 194) stens die Färbung zu Gold, zweitens - in bestimmten Versionen, viel­
Wenn es nur um die Violettfärbung geht, gibt es aber noch weitere leicht als Arsenverbindung oder als Reagenz in bestimmten Konzentra­
Methoden, die sehr wohl im Bereich der chemisch-technischen Fähig­ tionen? - die Färbung zu Silber und drittens bei geschickter Behandlung
keiten der späten Antike gelegen haben könnten. Experimentell lässt von Kupferlegierung die Färbung sogar ziun Ion oder los, zum Violett,
sich nachweisen, dass sich auf den Oberflächen goldhaltiger Bronzen im Zuge einer Nachbehandlimg problemlos konserviert werden.
violette und auch in anderen Purpurfarben schillernde Färbungen zei­ Kein Zweifel, in den Augen der Alchemisten war etwas Großartiges
gen, wenn die betreffenden Legierungen in Beizsäuren, damals nur entstanden. Bereits in der Spätantike wurde das Produkt der losis u. a.
Fruchtsäuren, und/oder in Lösungen bestimmter Beizsalze wie Alaune, als Lithos tes philosophias bzw. als Lithos ton philosophon und damit als
Sandarach, Quecksilber-, Blei- und Silbersalze eingetaucht wurden. Lapis philosophorum, als Stein der Weisen, bezeichnet. Daneben wurde
Zu den schon erwähnten Methoden der Oberflächenbehandlung auch der Ausdruck <Koralle des Goldes>, Chrysokorallion, bzw. <Muschel
kommt gerade in Hinblick auf Violettfärbung und auf Farbspiele das des Goldes>, Chrysokogchylion, verwandt: «Dieses große Wunder, dieses
Erhitzen im Luftstrom hinzu, das zu ähnlichen Ergebnissen wie das unsagbare Wunder, man nennt es Goldkoralle.» (Berth. (2) II, 56) Viel­
Beizen führt; auf den behandelten Oberflächen bilden sich Anlauf- bzw. leicht, wie gesagt, handelte es sich dabei um nüt Beizsalzen präparierte
Anlassfarben. Bei Eisen bzw. Stahl z. B. genügen schon 250 bis 280° C, Goldbronzen. Die Bezeichnung Koralle, so ungewohnt sie ist, sollten
um prächtige Farbtöne von braunrot über rot, purpurrot und violett bis wir vorziehen, wenn wir von der antiken Alchemie reden. Der Stein der
blau hervorzurufen. Und wenn man es versteht, Oxidschichten unter­ griechischen Alchemisten war nämlich, so glaube ich, mit weniger Be­
schiedlicher Dicke auf seinen Werkstücken aufzubringen, kann man die deutungen belastet als der Stein oder Lapis der Lateiner. Man kann
Oberflächen in wunderschönen Farbspielen erglänzen lassen. Fettet Wohl sagen, dass der mittelalterhche Lapis philosophorum gewisser­
man zudem die Stücke zuvor teilweise ein oder ätzt sie auf verschiede­ maßen die Ausprägung dessen ist, was in der Koralle erst in nuce ange­
nen Teilen der Oberfläche unterschiedlich, dann kann man sogar be­ legt war.
stimmte Farben regelrecht nebeneinander malen. In diesem Zusammen­ Allerdings konnte die Koralle die auffallendste Aufgabe des Steins
hang ist es bezeichnend, dass nicht nur antike, sondern auch spätere der Weisen bereits uneingeschränkt erfüllen. Als eine Art Supergold
Alchenüsten immer wieder von Regenbogenfarben auf den Oberflächen oder Supermaterie vermochte sie unedle Metalle in Gold zu verwan­
ihrer Substanzen berichten. Farbserien dieser Art wurden Cauda pavonis, deln. Das geschah anscheinend einfach dadmch, dass man die pulveri­
d. h. Pfauenschwanz, oder Iris, also Regenbogen, genannt und für be­ sierte Koralle, also das rote oder violette Produkt der losis, auf das
sonders vorteilhaft gehalten, treten doch im Pfauenschwanz und Regen­ geschmolzene unedle Metall streute oder warf. Darum nannte man die
bogen - der übrigens in fast allen Kulturen als Symbol des Göttlichen Koralle auch Xerion, das Streupulver bzw. das hochrote Streupulver,
bzw. der Gnade galt - alle Farben zugleich in Erscheinung. Die Verei­ Xerion oxyporphyrion. Die Araber haben daraus wahrscheinlich Elixier
nigung des Unterschiedlichen, ja Gegensätzhchen aber war eines der (El Ixir) gemacht. Übrigens klingt im Xerion bereits ein leiser Ton in
vornehmsten Ziele der Alchemie, imd wir dürfen nicht vergessen: Es Richtung <Elixier des Lebens> an, denn der Begriff Xerion wurde vor
sind nicht nur unterschiedliche Farben, um die es hier geht, es geht um allem für Pulver verwandt, die man auf Wimden streute. Und emballein
Substanzen, die mit der Änderung ihrer Farbe ihr essentielles Sein, ihr bzw. epihallein, <hineinwerfen>, <hineingeben>, <dazugeben>, <daraufwer-
Wesen verändert haben. Für den Adepten ist eine alchemische Cauda in fen>, heißt es im Leidener Papyrus, wenn Chemikalien bei der Farb-
gewisser Weise Eines und Alles zugleich, Hen to pan, <Eines, das alles oder auch bei der Arzneimittelbereitung zugegeben wurden, wobei es
58 /. Im Schatten der Pyramiden Der letzte Schritt 59

natürlich Vorkommen konnte, dass eine solche Zugabe eine Farbe zu zen Steine etwas Göttliches, und sicher deshalb spielen sie in archai­
einer anderen Farbe oder auch ein Heilmittel zu einem Gift machte und schen Religionen eine wichtige Rolle. Steine sind nicht nur mit der Erde,
damit das Wesen dieser Substanzen grundlegend veränderte. Aus em- sie sind auch mit dem oft steinern gedachten <archaischen Himmeb
hallein wurde im Mittelalter projicere, und Projektion hieß fortan die verbimden, aus dem sie als Meteore herabfallen. Solche Steine ziehen
Handlung, mit der der Alchemist bewies, dass er wirklich Meister, dass das Heilige an sich, wofür die Kaaba in Mekka als Beispiel dienen kann.
er wahrer Adept war und tatsächlich Gold zu machen verstand. Wie Das Heilige ist zeitlos, es kann als Zustand der Heiligkeit nicht mehr
konnte er ahnen, dass sein Tun später einmal psychologisch gedeutet imd nicht weniger werden, ganz wie der Stein, in dem es sich manife­
und die Projektion nun nicht mehr als bewusste Tätigkeit der Hände, stiert. Auch der <Lapis philosophorum> rostet nicht, fault nicht, ver­
sondern als unbewusste Tätigkeit der Seele angesehen werden würde? flüchtigt sich nicht, verändert sich nicht, altert nicht - ganz unabhängig
Die Umwandlung, die bei der Projektion geschieht, darf im Übrigen von der Erscheinungsform, in der er auftritt. Und doch ist er Same.
schon deshalb nicht als Verbindungsbüdung begriffen werden, weil Mit der Frage nach der Farbe des Steins, der kein Stein ist, haben wir
winzige Mengen der Koralle genügten, um ein Vielfaches ihres Gewich­ es leichter. Allerdings müssen wir dabei voraussetzen, dass Farben
tes von Blei zu Gold zu transmutieren. Wir können auch nicht von ei­ mehr oder weniger konzentriert sein können und dass im Farbempfin-
nem katalytischen Effekt reden, weil die Koralle nicht etwa erhalten den der Alchemisten Rot bzw. Purpur ein verdichtetes Gelb, ein Gelb
bleibt, sondern auf dem Wege zu ihrem Ziele, dem Gold, gewisserma­ im Überschuss war.^^
ßen stirbt. Auch die Koralle ist damit so etwas wie ein Same. Der Same EHe Koralle war deshalb rot oder purpurn, weil sie als eine Art Su­
geht in der <Goldgärung>, Chrysozymia, zugrunde, und so deutet auch pergold einen Überschuss an Goldfarbe besaß .^7 Und diese Goldfarbe
nichts darauf hin, dass je versucht wurde, die Koralle aus transmutier- konnte sie an aufnahmebereite Materie weitergeben. Das dunkle, eigen­
tem Gold zurückzugewinnen. Die Koralle hat eine ähnliche <Entwick- schaftslose, leicht schmelzbare Blei war ein solches Metall und wurde
lerfunktion> wie das Theion hydor und bringt dabei eine Beseelung oder deshalb üblicherweise zu Projektion und Transmutation verwandt. In
Vergeistigung bzw. eine Vereinigung des Weiblichen und des Männ­ ihm wirkte das Xerion wie ein Pigment. Gold ist Prima materia mit der
lichen, eine Befruchtung und zugleich Austragung des Embryo zustan­ genau richtigen Qualität Goldfarbe in der richtigen Menge, wobei wohl
de. Zumindest lässt sich so etwas aus den bewusst unklaren und poe- nicht immer klar unterschieden wurde, ob die Farbe nun sämtlich ein­
tisierenden Beschreibungen der Entwicklerfunktion herauslesen. Offen­ gebracht oder auch in der Muttersubstanz selbst hervorgerufen wurde.
sichtlich gewinnt die Materie des Alchemisten damit alle Qualitäten des So unklar wie das chemische Ergebnis aller Mühen, so unklar ist hier
vom bloß Materiellen Befreiten; sie wird wahrhaft theion, sie wird gött­ nämlich auch die Theorie.
lich: Die Natur besiegt die Natur . . .
Die Koralle ist aber auch deshalb rot oder purpurn, weil diese beiden
Zwei Fragen an die Funktion der Koralle bzw. des Steins seien hier Farben einen besonderen Symbolwert besitzen. Rot ist das Blut, und das
noch angeschlossen. Warum ist der Stein ein Stein? Ferner: Warum ist Blut ist das Leben, wie auch die Sonnenstrahlen imd das Gold Symbole
die Koralle des Goldes rot oder purpurviolett, und warum wurde auch für Leben und ewiges Leben sind. Rot ist Leben imd Fühlen, ist Liebe
Jahrhunderte später der Stein der Weisen fast inuner als rot oder röthch und auch Hass, ist Leidenschaft, und als das rote Prinzip des Blutes
oder auch piirpurfarben geschildert?
<versinnlicht>, also verkörpert es die Seele und zugleich allgemein die
Geben wir es zu: Es ist erstaunlich genug, dass kein Alchemist sich vegetativen Kräfte. Der Göttertrank Nektar, der ewiges Leben verleiht,
tiefere Gedanken darüber gemacht hat, warum sein Stein partout ein ist rot wie Blut. Daher ist es kein Wunder, dass rote Pharmaka oder rot
Stein sein sollte. Eine mit einem Gründungsmythos der Alchemie ver­ gefärbte magische Abwehrmittel in der Medizin eine gewaltige Rolle
bundene Erklärung für die merkwürdige Namensgebung, nach der ein spielten. Abwehr aber bedeutete Abwehr von Dämonen, und so stellte
gefallener Engel Frauen, die als die ersten Alchemistinnen gelten kön­ die Farbe Rot überhaupt Beziehungen zu guten und bösen Geistern her.
nen, in der Bereitung von edlen Steinen, Lithoi timioi, unterwiesen hätte, Vor allem deshalb war und ist Rot zweideutig, ist ambivalent wie alles,
erscheint mir zu dünn, obwohl Zosimos <Lithos timios> einmal syn­ das in Beziehung zum Übersinnlichen, zum Numinosen steht. Der
onym zu <Lithos ton philosophon> gebraucht. Die Tatsache, dass ein ägyptische Sonnengott Re trug einen roten Mantel, der Sonne, Glut und
Pulver oder gar etwas Wachsähnliches mit konstanter Sturheit Stein ge­ Feuer darstellen sollte. Auch Osiris war in seiner Natur als Sonnengott
nannt wird, weist wohl eher auf die Unveränderlichkeit hin, die Zeitlo- uiit der Farbe Rot verbunden, und es wird sogar behauptet, dass ihm
sigkeit, die mit Steinen verbunden ist. Unter dem Aspekt der Zeit besit­ in frühen Zeiten rothaarige Menschen geopfert wurden. Die Farben der
6o I. Im Schatten der Pyramiden Was ist Standard am Standardverfahren? 61

Purpurgmppe, sie galten natürlich in der Antike ebenfalls allesamt als Man mag das alles Selbstbetrug nennen, der uns natürlich nicht un­
Abart des Rot, weckten noch besondere Assoziationen. Das Wort phoi- terlaufen würde. Dennoch sei nicht vergessen, dass wir die Welt mit
nikeos, also purpurfarbig, erinnerte nicht nur an das Land, aus dem der anderen Augen sehen als ein Adept, wir sehen Elemente, Atome, Mo­
Purpur stammte, an Phönizien, es erinnerte auch an den unsterblichen leküle, der Alchemist sieht Somata, Pneumata, Farben und vor allem:
Vogel mit dem gold- und purpurfarbenen Gefieder, der sich in seinem Er sieht das symbolverschlüsselte Geheimnis der Welt, das «nach Golde
Neste selbst verbrennt, um verjüngt aus der Asche wieder emporzustei­ drängt / am Golde hängt». Und so drängt es auch ihn zum Golde, aber
gen. Und das wiederum erinnerte an das alchemische Schicksal, an Tod seine Gier hatte andere Qualitäten als die Gier der Goldsucher vom
und Läuterung der Materie, weshalb das Wort Phoenix auch als Syn­ Klondike. Sein Gold war ein Mythos, dessen schwachen Widerschein
onym für den Stein der Weisen verwandt wurde. wir im modernen Mythos der Golddeckung noch wahmehmen können.
Aber Symbol hin, Praxis her: Wie kann ein rotes Pulver - chemisch Im Bereich des Geldes sind Gold und Silber Realität, die Realität reprä­
und damit vernünftig betrachtet - Blei in Gold verwandeln? Ist das gan­ sentiert, während beim Papiergeld der Abstand zwischen Darstellung
ze Gerede von der Transmutation nicht barer Unsinn gewesen? und Wirklichkeit ungleich größer ist. Der Mythos Gold ist heute noch
Die beiden Fragen beantworte^ sich selbst, sind sie doch - im Män­ der Mythos des Goldstücks und nicht des Papierscheins, auf dem je­
telchen einer Rhetorik, die scheinbar Antwort will - nichts als Verdam­ mand, den man nicht kennt, einem mittels einer unleserlichen Unter­
mungsurteile. Doch könnte man Fragen wie diesen zwar ebenfalls rhe­ schrift etwas verspricht, das man keinesfalls einzulösen gedenkt: five
torische, aber gewiss legitime Gegenfragen entgegenhalten: Wissen wir Poimds (of silver), ten Dollars (as a good silver coin from Joachimsthal),
überhaupt, was für ein Blei dieses Blei war? Wissen wir, aus welchen zwanzig Mark (als markiertes, d. h. gestempeltes Silber- oder Gold­
Substanzen die Koralle wirklich bestanden hat? Wäre es nicht möglich, stück). Den wahren, den Ur-Mythos aber finden wir nicht in den Stahl­
dass abenteuerliche, aber eben gelbe Legierungen in irgendwelchen Va­ kammern von Fort Knox, wir finden ihn in den Stollen archaischer Berg­
riationen von Gelb zustande gekommen sind, die zudem möglicherweise werke.
noch eine gewisse Menge an chemisch einwandfreiem Gold enthielten?
Was heute als Goldersatz auf den Markt kommt - etwa Goldbronze
(86.5-89 % Cu, 8.5-11 % Sn, 1-3 % Zn) oder verschiedene Tombakarten - IO. Was ist Standard am Standardverfahren?
ist ja sogar eher simpel zusammengesetzt, und Messing war zumindest
den Römern bereits bekannt. Bevor wir uns auf den Weg in die Mythenwelt der Archaik machen,
Im Übrigen, wenn die Darstellung einer Koralle mit alchemischer sollten wir versuchen, vom Chemisch-Technischen her all das zu deu­
Färbekraft je geglückt sein soUte, darm kann, ja darf es sich dabei immer ten, was uns der alchemische Standardprozess als solcher, als Standard-
nur um einen Fast-Erfolg gehandelt haben. Nehmen wir nämlich an, Prozess, zu deuten verspricht.
dass die Darstellung einer Koralle, die alle Erwartungen, zumindest alle Aber drängt sich nicht gleich anfangs der Einwurf auf: War das alles?
materiellen Erwartungen, hätte erfüllen können, wirklich gelungen Bietet sich dem Historiker nicht viel mehr zur Deutung alchemischer
wäre, und setzen wir außerdem als eine naturwissenschaftliche Selbst­ Laborarbeit an, als der Standardprozess überhaupt bereitstellt? Stehen
verständlichkeit voraus, dass eine solche Darstellung der Koralle repro­ nicht, obwohl wir doch so etwas wie den Stein der Weisen im wahrsten
duzierbar, also auch lehr- und lernbar wäre, dann würde diese Ent­ Sinne des Wortes in Händen halten, viele Laborgeräte unseres Adepten
deckung - unfromme Chemiker gibt es immer - nicht nur zu einer und viele, vor allem pflanzliche und tierische Substanzen noch völlig
Zerstörung des Geheimnisses und damit zu einer Zerstörung des Gei­ unbenutzt in seinem Labor herum? Müssen wir daraus nicht den
stes der Alchemie geführt haben, sondern über kurz oder lang auch zu Schluss ziehen, dass der Standardprozess nur ein alchemisches Verfah­
einem Zusammenbruch des Währungssystems und zum Sturz des Gol­ ren unter anderen war und vielleicht als solches nur idealtypisch in dem
des als Zahlungsmittel. Doch nicht der geradezu katastrophale Erfolg, Sinne, dass er haargenau so, wie er beschrieben ist, nie durchgeführt
sondern das Fast, das Beinahe ihres Erfolges ist einer der Gründe für die wurde?
Lebenskraft der Alchemie. An der Reibungsfläche zwischen Erfolg und All das sei zugegeben, und zugegeben sei auch, dass sogar wir den
Misserfolg konnte sich Hoffnung entzünden, immer und immer wieder. Standardprozess ohne Rücksicht darauf beschrieben haben, wie es wirk­
Und Hoffnung ist, wenn man im Banne eines Zieles steht, das Leben lich gewesen ist, haben wir doch als chemisch überflüssig alle Zw i­
selber. schenschritte und auch besondere Operationen wie die Destillation aus­
62 I. Im Schatten der Pyramiden Was ist Standard am Standardverfahren? 63

gelassen, die in den Augen der Alchemisten anscheinend unbedingt aus war. Wenn er das <Große Werk>, das Opus magnum durchführen
notwendig gewesen sind; wollte, dann war das letztmögÜche Ziel seiner Bemühungen stets eine
«Wenn wir versuchen, die Philosophie in vier Teile zu gliedern, fin­ Materie in einem Zustand oberhalb des Zustandes jeder bekannten Ma­
den wir, dass sie zum Ersten die Schwärzung, zum Zweiten die Wei­ terie. Der alchemische Prozess war also immer, ausnahmslos, ein zielge-
ßung, zum Dritten die Gilbung und zum Vierten die Violettfärbung richteter Vorgang, der immer, ausnahmslos, den Weg vom Unedlen zum
enthält. Genauso finden wir, dass jede der eben genannten Teile Unter­ Edlen durchlief.
teilungen aufweist und, wenn man nach der Ordnung Vorgehen will, Darin drückt sich eine den modernen Naturwissenschaften völlig
einen dazwischengeschobenen Abschnitt zwischen den Reaktionsschrit­ fremde Denk- imd Vorgehensweise aus, auch wenn sie uns, wenn wir
ten (den Linien bzw. Zeilen) und den Hauptpunkten dieser Schritte. So nicht groß darüber nachdenken, gar nicht so fremdartig erscheinen mag.
auch [finden wir], dass es zwischen der Schwärzung und der Weißung leben nämlich, meist ohne es zu wissen, in zwei Welten, einer wis­
die Weichmachung und die Waschung der Substanzen gibt. Zwischen senschaftlichen imd einer außerwissenschaftlichen, und in der Welt
der Weißung und der Gilbung gibt es die Zerreibung bzw. Aufschlem- außerhalb <objektiver Kausalität> ist uns alchemisches Denken vertraut.
mung. Dann gibt es zwischen der Gilbung und der Violettfärbung die Es ist die Welt unserer Leidenschaften, unserer Wünsche, die Welt des
Teilung der Komposition in zwei Hälften. Aber die Violettfärbung ist Strebens imd des Wollens; kurz, es ist die Welt des <Um... zu>: Ich gehe
unmöglich zum Ende zu bringen ohne die Behandlung in einem Destil­ in die Küche, um mir einen Schluck Kaffee zu holen.
lationsapparat und ohne die Vereinigung der Teile. Es ist unmöglich, in Wenn ich nun aufstehe, um zur Küche zu wandern, behaupte ich
unserer Wissenschaft anders vorzugehen.» (Berth. (2) II, 219 f.; III, 212) damit, dass das Kaffeetrinken - natürlich nur für mich und nur in die­
So schreibt eine der höchsten alchemischen Autoritäten, Zosimos. Und sem Augenblick - wichtiger und damit wertvoller ist als jedes andere
andererseits gibt es in der chemischen Literatur aller Epochen Vorschrif­ Ziel. Ich verschmähe also das Buch, das so einladend auf dem Schreib­
ten, die wie die Papyrusrezepte ohne Vorstufen und Umwege direkt auf tisch liegt, imd mache mich auf zur Küche, wobei ich mein Handeln zu
Silber oder Gold zielen. Schon Demokrit empfahl verschiedene Metho­ Recht für absichtsvoll und zweckgerichtet halte, auch wenn ich vielleicht
den zur Goldbereitung, die außerhalb seines Standardverfahrens lagen.^* gleich über einen Hocker stolpern werde. Aber ob ich nun zweckent­
Und dennoch spricht - vor allem aus didaktischen Gründen - einiges sprechend auf mein Ziel zusteure oder nicht: Mein Ziel, der Kaffee oder
dafür, die Bezeichnung <Standardverfahren> beizubehalten. Der geschil­ genau genommen das Erlebnis des Kaffeetrinkens, ist etwas, das sich zwar
derte Herstellungsprozess lässt uns nämlich am einfachsten und damit noch nicht erfüllt hat, das in gewisser Weise aber schon in mir verwirklicht
am deutlichsten Beispiel viele Züge erkennen, die für alle großen, voll­ ist.5^ EHe deutsche Sprache sagt es auch deutlich; Wenn ich den ersten
ständig durchgeführten chemischen Prozesse im Rahmen der Alchemie Sdiritt in Richtung Küche tue, stelle ich mir doch etwas unter dem vor,
typisch sind. was mich in der Küche erwartet, und vor mich Idnstellen kann ich doch
Wenn es sich in der Alchemie nicht um ein bloßes Rezept, sondern nur ein bestimmtes Objekt, das dabei auf mich wirkt und eben deshalb
um einen Prozess handelte, lief dieser, wie kompliziert auch immer er wirklich ist. Das merke ich gerade dann, werm mein Objekt, etwa der
durchgeführt wurde, grundsätzlich in bestimmten Stufen ab, die durch Kaffee, hinter dem ich so eifrig her bin, sich einfach nicht materialisieren
je eine Farbe gekennzeichnet waren, wobei die Reihenfolge der Stufen will, etwa weil er sich als Kakao entpuppt. Aber auch, wenn ich mich
bzw. Farben im Prinzip stets die gleiche war. Fast alle Alchemisten, getäuscht habe, auch wenn ich nun mit Kakao vorlieb nehme: An mei­
unabhängig davon, ob sie in der Antike, im arabischen oder lateinischen nem Ziel, dem Kaffee bzw. dem Kaffeetrinken, ändert das nichts, und
Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit gelebt haben, stellten zuerst - es ändert auch nichts daran, dass dieses Ziel die Ur-Sache meiner ziel­
manchmal auf sehr verschlungenen Wegen - eine schwarze Substanz strebigen Handlung war. Die Welt des Strebens und der Erlebnisse,
her oder begannen den Prozess mit einer schwarzen Substanz. Diese stammen sie nun aus dem Neckermann-Katalog, dem Märchenbuch
schwarze Substanz wurde dann gewöhnlich in eine helle, weiße Sub­ oder schlicht aus dem leeren Magen: Das ist die Welt, in der wir leben.
stanz, eben Silber in irgendeiner Form, verwandelt. Als Zwischenstufe Auch, müssen wir hinzufügen, denn immer wenn wir ein Chemie­
gab es übrigens zuweilen auch eine Grünfärbung. Mit der Stufe des buch aufschlagen, treten wir ein in eine andere Welt. In dieser Welt hat
Silbers gab man sich manchmal zufrieden, und die Stufe der Gilbung kein Eisenfeilspan das edle Ziel oder auch nur die bescheidene Absicht,
wurde in der lateinischen Alchemie zuweilen überschlagen, was auch sich mit Salzsäure zu verbinden; kein Sauerstoffmolekül hat die Sehn­
zeigt, dass der seriöse Alchemist nicht platterdings aufs Goldmachen sucht, sich und die Zellulose in brünstiger Leidenschaft zu verbrennen.
64 I. Im Schatten der Pyramiden Was ist Standard am Standardverfahren? 65

Die modernen Naturwissenschaften lehren uns, dass chemische Sub­ als der Mensch, dann wäre der Mensch grundsätzlich anders als die
stanzen überhaupt keine Absichten haben; ihr Verhalten wird nicht vom Natur, er wäre nicht Teil von ihr, er wäre ihr Gegen-Teil.
Streben nach dem Guten, Wahren, Schönen oder gar dem Bösen be­ Wonach aber strebt die Natur in den Augen des Alchemisten? Genau
stimmt, sondern von ihrer energetischen und materiellen Disposition. wie wir nach den unseren strebt sie nach der Verwirklichung ihrer Sehn­
Dem Chemiker als Wissenschaftler ist deshalb das der griechischen Na­ süchte. Und eine ihrer Sehnsüchte, oder gar die Sehnsucht, heißt Voll­
turphilosophie so vertraute axiologische Denken, das Denken in Wer­ kommenheit im Materiellen, heißt Stein der Weisen. Ob nun der Stein
ten, vollkommen fremd.'^° Die Chemie kennt keine moralische Einbahn­ ein Objekt ist wie der Kaffee oder ein Fantasiegebilde wie die Märchen­
straße vom Unedlen zum Edlen, ja, sie kennt überhaupt nichts Unedles prinzessin, auf jeden Fall ist seine Verwirklichung schon vorweggenom­
oder Edles. Wir reden zwar auch heutzutage von edlen und unedlen men, zumindest im Herzen oder im Kopf der Natur und als eine Ziel-
Metallen, ja von edlen und unedlen Gasen, wissen dabei aber, ohne uns piojektion im Kopf des Alchemisten. Diese Verwirklichung, diese Wirk­
gewöhnlich über das uns doch so Vertraute Rechenschaft zu geben, dass lichkeit mag zwar den äußeren Sinnen des Alchemisten noch nicht
die Bezeichnungen edel und unedel einfach aus der Geschichte mitge­ zugänglich sein - einfach deshalb, weil er den Stein nicht besitzt -, aber
schleppt werden und sich auf keine Wirklichkeit beziehen, die in unser er weiß, dass der Stein vorhanden sein muss, genau wie er zu wissen
heutiges naturwissenschaftliches Weltbild passen würde. Statt von edel meint, dass die Natur den Stein als Ziel ja ebenfalls schon verwirklicht
kann man bestenfalls von reaktionsträge sprechen, dies aber ohne jede hat, wenn auch im Verborgenen. Nicht, weil der Stein existiert, sucht
moralische oder ästhetische Wertung und höchstens mit leiser Verwun­ ihn der Alchemist, sondern weil dieser ihn sucht, existiert er. Und er ist
derung darüber, dass Trägheit sich hier als eine Art Adelsbrief präsen­ überall, weil er in jedem Adepten ist und weil dieser ihn in allem suchen
tiert. kann. Der Glaube an die Ubiquität, das <Überallsein> des Steines gehörte
Bei allem sollte man aus der Tatsache, dass die Alchemisten ihren zum festen Bestand der Alchemie. Der Alchemist Synesios behauptete
verschiedenen Materien Werthierarchien zugeordnet haben, und dies im j. Jahrhimdert, weil das Ganze (pan) aus dem Gewöhnlichen, d. h.
jenseits aller ökonomischen Überlegungen, nicht etwa schließen, dass dem Allgemeinen (koinos), stamme, werde die Wandlungssubstanz, also
sie keinerlei innerchemische Argumente für ihre Hierarchien hätten bei- der Stein oder eine Vorstufe dessen, <Milch der Hündin> (kynos gala)
bringen können. Der Neuplatoniker Olympiodoros'^^ z. B. behauptet, genannt. - Dahinter steht natürlich die Assoziation kynos-koinos.
dass die Behandlung von Metallen mit Feuer Schlacke und Farbwechsel Milch, gala, übrigens kann auch Blut, Galle, Samen usw. bedeuten.
hervorruft, und zwar umso mehr, je unedler die Metalle sind. Verbrenn­ Die handfeste, sinnlich realisierte Wirklichkeit des Steines ist über
barkeit und Neigung zum Rosten hängen mit der Höhe des Anteil des Stationen von Verwirklichungen zu erreichen: Aus dem unedleren Blei
aristotelischen Elements Erde im Metall zusammen, wobei Gold die ge­ bzw. der Tetrasomie verwirklicht sich das edlere Silber, aus dem uned­
ringste, Eisen die höchste relative Menge an Erde enthält. Nur: Die Her­ leren Silber das edlere Gold. Der Komparativ unedler ist dabei mit Be­
stellung des Edlen aus dem Unedlen war moralisch geboten, die Her­ dacht gewählt. Auch Blei ist nämlich nicht unedel. Als Soma, als echter
stellung des Unedlen aus dem Edlen dagegen verwerflich. Körper, befindet es sich sogar ganz weit oben auf der Skala irdischer
In einem modernen Labor würde sich der wahre Adept verunsichert Stoffe. Dies erklärt vielleicht die doch bemerkenswerte Tatsache, dass
fühlen. Die Chemie, die hier als eine völlig wertfreie Naturwissenschaft die Alchemisten von den Metallen und nicht von irgendwelchen ande­
betrieben wird, er würde sie vielleicht bewundern, aber sie würde ihm ren Stoffen ausgehend zur edelsten, zur Übermaterie gelangen wollten.
missbehagen. Er würde nicht verstehen können oder wollen, dass es Dabei wurde auch außerhalb des Standardprozesses etwas vorausge­
überhaupt eine Welt neben der Welt des Lebens gibt, eine Welt, die w e­ setzt, das uns problematisch vorkommt, das aber für jeden Adepten
der das Streben nach einer Märchenprinzessin noch das Verlangen nach selbstverständlich war: die Möglichkeit von Transmutationen im Natur­
einer Tasse Kaffee kennt. Schon um der Einheit der Welt willen muss reich. Und diese Möglichkeit erschien vor allem deshalb ganz selbstver­
für ihn, den Alchemisten, die Natur ebenso streben und wollen wie er ständlich, weil der größte Naturphilosoph der Antike, Aristoteles, sie
selbst, und im Wort Natur wie auch im Wort Physis steckt ja die Wurzel aus seiner Materietheorie heraus begründet hatte.
<werden>, <hervorbringen>. Die Natur bringt hervor und der Mensch
bringt hervor, und zwar letztlich auf die gleiche Weise. Denn, so mag
unser Alchemist im Unbewussten fühlen, ohne es bis tief in die Neuzeit
in Worte fassen zu müssen: Wenn die Natur grundsätzlich anders wäre
66 I. Int Schatten der Pyramiden Altmeister Aristoteles 67

Sicht des Menschen gesehen - deshalb elementare Qualitäten, weil sie


II. Altmeister Aristoteles aiwdi dann noch wahrgenommen werden, wenn die höheren Sinne ihre
Funktion nicht mehr erfüllen, und weil man nur bei Berührungswahr­
Ohne Zweifel stammt das naturphilosophische Gebäude, im dem sich nehmung in unmittelbarem Kontakt mit dem wahrgenonunenen Ge­
das Leben und Streben der Alchemisten abspielte, im Wesentlichen von genstand steht.^4 Wenn man nun die Elementar-Eigenschaften auf die
Aristoteles, wenn auch vor allem die Stoiker gewisse Umbauten daran vier Elemente verteilt, dann wird einem schnell klar, dass Feuer warm
vorgenommen hatten. Fundament dieses Gebäudes ist das aristotelische imd trocken ist, d. h. aus Urmaterie plus Wärme plus Trockenheit be­
Konzept einer Qualitätenphysik. steht, Erde dagegen aus Urmaterie plus Trockenheit plus Kälte, Wasser
An einem beliebigen, physikalisch bestimmbaren Gegenstand, so sag­ aus Urmaterie plus Kälte plus Feuchtigkeit und schließlich Luft aus
te sich Aristoteles, kann ich nur feststellen, dass er soundso aussieht, Urmaterie plus Feuchtigkeit plus Wärme. Letzteres allerdings kommt
soundso schmeckt usw.; mehr kann ich genau genommen nicht tun. Das uns Nordeuropäem bestenfalls an einem Gewittertag so natürlich vor,
heißt doch, ich kann, wenn ich ein Ding als Gegenstand bestimmen will, wie es angeblich ist. Wärme und Trockenheit, die man im Feuer und als
lediglich seine Qualitäten aufzählen. Außerdem kann ich, oder vielmehr Wärme auch in der Luft findet, galten als aktiv und bei den Alchemisten
muss ich sagen oder zugeben, dass diese Qualitäten Eigenschaften von zudem als männlich, Kälte imd Feuchtigkeit, die man im Wasser und
etwas sind, dass sie also auf irgendetwas draufsitzen, das nicht selbst als Trockenheit auch in der Erde findet, galten als passiv und bei den
Eigenschaft ist. Dieses Etwas, also das, was sich selbst erhält, auch wenn Alchemisten zudem als weiblich. Nebenbei gesagt - und das ist nicht
sich die Eigenschaften ändern, dieses Etwas, das sich zu seinen Eigen­ etwa auf die Umweltverschmutzung gemünzt - gibt es die reine Luft
schaften oder Qualitäten verhält wie ein Substantiv zu seinen Adjekti­ bei Aristoteles nicht. Das, was wir im Normalgebrauch nüt den Namen
ven, dieses Etwas ist für Aristoteles nur zu begreifen als die Materie Feuer, Wasser, Erde, Luft bezeichnen, ist stets eine Elementenmischung,
schlechthin, die - selbst eigenschaftslos - allen Eigenschaften und damit in der das <eigentliche> Element nur vorherrscht.
allen Dingen zugrunde liegt. Aristoteles nennt sie Prote hyle, d. h. Erste Was die Metalle, die wahren Somata der Alchemisten anging, so sind
Materie oder Urmaterie.'^^ Die Eigenschaften in ihrer Gesamtheit dage­ sie grundsätzlich nicht anders zusammengesetzt als alle andern Arten
gen bezeichnete er als Morphe, als Forma, und die Materietheorie des der Materie auch. Aber sie sind doch etwas Besonderes mit besonderen
Aristoteles wird deshalb als <Hylemorphismus> bezeichnet. Alle sinn­ Eigenschaften, und zwar deshalb, weil sie auf besondere Art entstanden
lich fassbaren Dinge sind zusanunengesetzt zu denken aus der Summe sind. Sie sind das Ergebnis einer Verfestigung feuchter, dampfartiger
ihrer Eigenschaften, der Morphe, und dem Träger dieser Form, der Dünste, die sich in Erdspalten niedergeschlagen haben.'^^ Die Feuchtig­
Hyle: Die Materie wird durch die ihr zugehörigen Qualitäten <infor- keit der Dünste bewirkt, dass die aus ihnen entstehenden Metalle ge­
miert>.'^3 Doch damit nicht genug. Die Eigenschaften vieler Gegenstände nügend <Wasser> enthalten, um schmelzbar zu sein. Aber nicht nur das
können nämlich, wie wir alle wissen, wechseln. Eigenschaften, die zu­ Element <Wasser>, sondern auch die anderen Elemente tragen zum A uf­
nächst nur potentiell, also der Möglichkeit nach da waren, können aktuell bau der Metalle und zur Summe ihrer Eigenschaften bei. Das Element
werden und damit in die sinnliche Wirklichkeit treten und umgekehrt. <Feuer> im Verein mit <Erde> z. B. sorgt für die Verbrennbarkeit, also die
Um ein Beispiel aus der Feder des Meisters selbst zu bringen: Die Ei­ Caldnierbarkeit der meisten Metalle, aber auch die nichtcalcinierbaren
genschaften von Eisen imd Schwefel sind im Eisenpyrit nur noch po­ Edelmetalle enthalten etwas <Feuer>. Metalle sind keine eigenständigen
tentiell enthalten; wenn man aber Eisenpyrit verhüttet und Eisen und Elemente; sie sind zusammengesetzt, und zwar so, dass sie nicht haupt-
Schwefel daraus gewinnt, dann treten diesen Eigenschaften wieder in sächhch ein Element neben bloßen Spuren der anderen Elemente, son­
die Aktualität, während die charakteristischen Qualitäten des Pyrit in dern deutliche Anteile mehrerer Elemente enthalten. Ansonsten jedoch
die Potentialität abgedrängt werden. Das heißt aber nichts anderes, als smd Metalle, das sagt uns bereits der bloße Anschein, keine physika­
dass sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften ein und derselben Substanz lisch trennbaren Gemenge, sondern homogene, chemisch zusammenge­
wechseln können. Diese Überlegung gilt nun nicht nur für relativ kom­ setzte Körper. Wir dürfen uns dieses chemisch Zusammengesetzte aber
plizierte Stoffe, wie die eben genannten, sie gilt auch für die einfachsten, ~ um dies noch einmal zu betonen - keinesfalls als eine Legierung oder
die Elemente. Nach Aristoteles gibt es derer vier, die ihrerseits aus Pri­ gar als eine Verbindung, d. h. als ein homogenes Aggregat gleicher Mo­
ma materia und je einem Paar haptischer Eigenschaften gebildet sind. leküle, im modernen Sinne vorstellen. Vielmehr sind genau wie die Ele­
Diese den Tastsinn betreffenden Eigenschaften sind - immer aus der mente selbst auch die Metalle nichts anderes als eine Kombination der
68 I. Im Schatten der Pyramiden Altmeister Aristoteles 69

ewig gleichen, eigenschaftslosen Prima materia mit Eigenschaften. A l­ die wir auch heute noch ohne Anführungsstriche akzeptieren und, wie
lerdings gehören zu diesen Eigenschaften nicht nur die haptischen Qua­ es eine anständige empirische Wissenschaft fordert, wiederholen kön­
litäten, also die spezifischen Eigenschaften der Elemente. Es kommen nen. Wenn wir z. B. einen Baumschössling jahrelang ausschließlich mit
noch andere hinzu, z. B. die wichtige Eigenschaft, eine Farbe zu besit- RegenWasser ernähren und das Gewicht des Schösslings mit dem weit
zen.4^ höheren Gewicht der doch deutlich erdartigen Asche vergleichen, die
Wie sehr sich Aristoteles bei all seinen Überlegungen über Metalle wir beim Verbrennen des ausgewachsen Baumes gewonnen haben,
und andere Substanzen an der Alltagserfahrung orientierte, zeigt sich dann kommen wir wohl kaum umhin, zugeben zu müssen, dass tat­
gerade da, wo seine Chemie uns besonders fremd vorkommt. Chemisch sächlich Wasser zu Erde geworden ist.^^ Und um zu sehen, wie sich Luft
neue Stoffe entstehen nämlich nicht nur beim Verschmelzen oder Tren­ in Wasser verwandelt, brauchen wir uns nicht erst monatelang im Gar­
nen von Substanzen, die ihrerseits aus den Elementen gebildet sind, ten abzumühen. Es genügt, ein Glas an einem warmen Tag nüt kaltem
sondern auch bei der Selbstumwandlung der Elemente, indem sie eine Wasser zu füllen, und siehe da, die umgebende Luft wird sich an der
ihrer Qualitäten oder gar beide auswechseln .47 Diese Art der Umwand­ kalten Oberfläche in Wasser verwandelt niederschlagen. Das tut sie
lung erscheint uns nicht gar so merkwürdig, wenn wir an unsere eige­ übrigens nur, wenn wir unsere Schulweisheit, die ein gutes Stück weiter
nen täglichen Erlebnisse denken. Wir erleben doch ständig, dass Dinge von unserer Alltagserfahrung entfernt ist als das Welt-Wissen der Alten,
ihre Eigenschaften ändern, ohne dass - auf den ersten Blick - etwas vergessen oder verdrängt haben.'^^ In der Welt dieses Wissens gibt es
hinzukommt oder fortgeht: Die Milch, die heute Morgen noch so gut auch Beweise für eine Transmutation komplexerer Grundstoffe, als es
schmeckte, ist jetzt sauer; die Blätter, die im Sommer grün sind, werden die Elemente sind. Um nur zw ei Beispiele zu nennen: Tauchen wir einen
im Herbst rot sein; der Spiegel unserer Großeltern ist blind geworden, Eisennagel in eine bestimmte, blaue Transmutationslösung, verwandelt
sodass man ihn kaum noch Spiegel nennen mag. Und wenn es um einen er sich in Kupfer. Dass die blaue Vitriollösung das rötUche Kupfer be­
essentiellen Wechsel der Eigenschaften geht, dann ist sogar ein essen­ reits enthält, ist doch wohl absurd. Verbrennen wir Blei, das wir aus dem
tieller Wechsel des Namens angezeigt: Nicht nur ist der Rappe zum üblichen Bleierz Galenit (PbCoj) verhüttet haben, dann werden wir in
Schimmel, auch der Wein ist zu Essig geworden und die Eichel zu dem, unserer Kupole ein Kügelchen Silber zurückbehalten, weil in Galenit
was das Ziel ihres Daseins war, zu einer Eiche; die kleine Raupe Nim­ gewöhnlich etwas Silber enthalten ist. Was aber liegt näher, als anzu­
mersatt aus dem Kinderbuch ist zu einen wunderschönen Schmetterling nehmen, dass ein Teil des Bleis sich in der Hitze in Silber transmutiert
geworden, und wenn der Schmetterling aus dem Kokon schlüpft, hat hat?
eins der Wunder der Natur, die Metamorphose eines Wurms in ein ge­ Doch ist das, was wir mit aU unseren Transmutationen wollten, wirk­
flügeltes Insekt, ihren Abschluss gefunden. Auch Aristoteles kannte Me­ lich aristotelisch? Er selbst, Aristoteles, hätte das geradezu entsetzt ver­
tamorphosen, und die sind, wie ihr Name sagt, bei allem Geheimnis neint. Und tatsächlich: In der, übrigens niemals deutlich ausgesproche­
ihres Geschehens nichts anderes als gründliche Eigenschaftswechsel ein nen, Vorstellung der Alchemisten steckt ein Missverständnis oder gar
und derselben Materie. Unser kleiner Schmetterling ist dabei auch ein eine bewusste Sünde wider den Geist des Meisters. Aristoteles hatte
anschauliches Beispiel für die aristotelische Vorstellung einer natürlichen behauptet, dass alle Dinge aus Form und Materie zusammengesetzt zu
Zielursache, eines Telos. In Fällen natürlicher Entwicklung wechseln die denken seien, und dies ist uns so selbstverständlich, dass uns die sprach­
Eigenschaft nämlich nicht nur: Sie müssen wechseln, und zwar hin zu liche Fassung dieser Behauptung wahrscheinlich gar nicht aufgefallen
einer vorgestellten oder vorgeordneten Endform, dem Eidos des jewei­ ist. Eine reale Abtrennung aller Eigenschaften eines materiellen Dinges
ligen Gegenstandes. Als Schmetterling hat die Raupe ihr Telos erreicht von eben diesem Ding, das damit sinnlich unfassbar werden würde, ist
und damit ihr Eidos, ihr vorgestelltes Bild, verwirkhcht. Und auch wenn ja auch in imseren Augen schlechterdings unmöglich. Die reine Prima
der Begriff einer erlösten und erlösenden Materie, w ill sagen der Begriff materia, die man sukzessive mit Qualitäten <informieren> könnte, die
eines Lapis philosophorum, dem Aristoteles wohl fremd gewesen wäre, gibt es nicht. Aber bereits die frühen Alchemisten waren angetreten
konnten die Alchemisten doch annehmen, dass sie sich mit ihrer Vor­ nach einem Gesetz, das ihnen befahl, das Unmögliche möglich zu ma­
stellung eines Telos der Materie schlechthin in naturphilosophisch ak­ chen, dies übrigens in mehr als einer Hinsicht, gehören doch Paradoxien
zeptablen Denkbahnen bewegten. und unmögliche Verbindungen zwischen scheinbar oder anscheinend
Für die Tatsache von Transmutationen, wie immer bewirkt und be­ völlig getrennten Seinssphären zum Lebensblut der Alchemie. Aristote­
gründet, gab es gute empirische Gründe. Es gab genug Experimente, lisch aber ist die Basis, auf der das alles stattfand: Im Standardprozess
7° I. Im Schatten der Pyramiden Die Stoa und die Alchemie 71

ging es darum, Prima materia herzustellen, um sie dann sukzessive zu auch sie von den vier Elementen als den einfachsten Formen der Ma­
<informieren>, also mit Forma zu besetzen. In einer Hinsicht allerdings terie. Diese Elemente verwirklichen sich, wie alles <Informierte>, unter
musste die Prima materia eine zur Eigenschaftslosigkeit und damit zum dem Einfluss eines gestaltenden Prinzips, des mit der <groben Materie>
Verlust der Identität und damit zum Tode komplementäre Eigenschaft ^ets verbimdenen Pneuma, das natürlich ebenfalls materiell zu denken
besitzen: Sie musste potentiell lebendig sein, d. h. sie musste fähig sein zu ist. Alles, was ist, wird zu sinnlich Fassbarem dadurch, dass Pneuma
Veränderungen aus sich heraus. So enthält die <tote> Prima materia das es <in vollständiger Mischung> durchdringt. Pneuma entspricht im wei­
Leben, was man sich am Bild des Samenkorns, das stirbt, um Leben zu testen Sinne dem warmen Lufthauch als einer Mischung aus Feuer und
geben, verständlich machen konnte. Luft imd tritt in verschiedenen Versionen auf. Im Prinzip jedoch ist
Im Dienste dieses Verständnisses stützten sich die Alchemisten auf Pneuma dasselbe wie der im Weltenfeuer manifestierte Weltenlogos,
eine Philosophie, deren naturphilosophische Teile man mit gewissem der von den Stoikern mit der Urvernunft und damit mit Gott (Zeus)
Recht als einen umgebauten Aristotelismus betrachten mag. gleichgesetzt wird.^^ Das jeweilige Pneuma <belebt> die grobe Materie,
mit der es verbunden ist, indem es sich infolge der ihm eigenen Spann­
kraft und im materiellen Verbimd mit der groben Materie zusammen­
12. Die Stoa und die Alchemie zieht oder ausdehnt und damit eine innere Spannung in der Materie
erzeugt. Die Spannung der Materie - sie heißt bei den Stoikern Tonos
Verantwortlich für den Umbau waren die Stoiker, die dabei aber gewis­ - ist es, die allen sinnlich wahrnehmbaren Körpern mit ihren doch so
se Grundüberzeugungen des Aristoteles beibehielten. vielfältigen Eigenschaften eine spezifische Einheit und Beharrung ver­
Wie alle philosophischen Gruppen der frühen Spätantike richteten leiht.
die Stoiker ihr Denken ganz selbstverständlich aus auf den Einzelmen­ Wenn wir uns bemühen, die Wirkung des stoischen Pneuma hier
schen und sein Elend, und genau wie ihre philosophischen Konkurren­ schon als alchemisch und seine Wirkung im alchemischen Prozess als
ten begriffen sie sich als Ärzte der Seele. Wenn sie Physik betrieben, vitalisierend, vergeistigend im Aufstieg vom weniger Lebendigen zum
dann nur deshalb, weil sie der Auffassung waren, dass die Welt­ Lebendigeren, vom Schlechteren zum Besseren zu begreifen, dann sind
erkenntnis eine persönliche Lebenshaltung begründen oder beein­ wir natürlich in Versuchung, Pneuma als so etwas wie eine materielle
flussen könne. Energie aufzufassen und den Stein der Weisen als den Behälter, in dem
In ihrer Naturphilosophie finden sich deutliche Spuren klassischer sie am dichtesten konzentriert ist. Wir können dieser Versuchung ruhig
Philosophen wie Anaximenes, Heraklit und vor allem Aristoteles, dem nachgeben, solange wir uns des Unterschieds der pneumatischen zur
die Stoiker aber immer dann nicht folgten, wenn er als Ursache von physikalischen Energie bewusst bleiben.
Bewegung und Veränderung in der Welt der vier Elemente Außerma­ In Hinblick auf die in der Alchemie so wichtige Farbe sollten wir uns
terielles voraussetzte. Tatsächlich ist für die Stoiker alles, was ist, raum­ daran erinnern, dass die Stoiker und sicher auch die Alchemisten die
erfüllend und damit stofflich. Diese an sich nicht überraschende Vor­ Farbe wohl als eine Art Pneuma auffassten und so die Farbe selbst und
stellung aber wurde von ihnen bis zur letzten Konsequenz durchdacht nicht nur der Farbstoff körperlich ist. Anders gesagt: Die Farbe einer
- mit überraschenden Ergebnissen. So erklärten sie Kräfte, Empfindun­ Substanz ist nicht bloß ein Indikator für den Zustand der Materie, sie
gen, Vorstellungen und dazu sämtliche über unsere Sinne wahrnehm­ ist der Zustand der Materie selber, der gefärbte Gegenstand ist die Far­
baren Qualitäten wie Farbe, Geruch, Konsistenz, Temperatur für kör­ be. Diese Farbe nun besteht aus zwei Materien, Hyle und Pneuma, die
perlich. Nur das Körperliche nämhch besitzt die Fähigkeit zum Tun in vollständiger Mischung, Krasis, ineinander aufgehen.^^ Aristoteles
oder Leiden. A ll die genannten Qualitäten entstehen durch das Ein­ hatte es da mit seiner rein begrifflichen Unterscheidimg von Hyle und
dringen von Pneumata in die Hyle, und das ist in letzter Konsequenz Morphe leichter. Aber er hatte noch eine andere Unterscheidung vorge­
die uns ja so gut bekannte Prima materia, die allerdings anders als bei nommen, die die Stoiker einfach ignorierten. Er trennte nämlich das
Aristoteles nichts bloß Gedachtes ist, sondern Eigenschaften wie Wi­ Spiel der Bewegungen, seien es Bewegungen als Wechsel der Lage, seien
derstand gegen Durchdringung und passive Veränderlichkeit besitzt. es Bewegungen als Wechsel der Eigenschaften, von einer letzten Ursa­
Wie aber soll man sich etwas Raumerfüllendes ohne jede sinnliche che all dieser Bewegungen. Und damit sind wir beim <Lieben Gott>,
Quahtät vorstellen? Tatsächlich ist Prima materia auch bei den Stoikern denn für Aristoteles ist die ständige <Letzte Ursache> aller Bewegung
ohne qualitative Bestimmung eigentlich nicht vorstellbar, und so reden der <Unbewegte Beweger>, also Gott, aber ein etwas merkwürdiger Gott,
72 I. Im Schatten der Pyramiden Die Stoa und die Alchemie 73

der durch sein bloßes Dasein außerhalb der Himmelssphären diese, die hat und umgekehrt: Pan ho am, touto kato. Oder: Sicut superior, ita inferior:
sich Ihm vergeblich in Liebe zu nähern versuchen, dazu antreibt, sich iVäe das Oben, so das Unten.>(Jung (5) 202) Das So-wie wurde sehr
voll Verzweiflung um sich selber zu drehen. Die Stoiker dachten da handfest gedacht: So wie größere Tiere auf der Erde herumkrabbeln, so
anders. Sie zogen Gott in die Welt, in die Materie hinein, indem sie Ihn loabbeln, wie uns Olympiodoros mit feierlicher Selbstverständlichkeit
mit Materie gleichsetzten. Die Gottheit ist Pneuma, und sie steht nicht versichert, Wanzen und Flöhe auf dem Menschen herum.
außerhalb der Welt, sondern erscheint in allen Dingen der Welt, selbst, Das <Ita inferior> sagt nun nicht, dass der Mensch sich selbst egozen-
wie verschiedene Stoiker betonten, «den Gemeinsten und Niedrigsten» tri£^ in den Mittelpunkt stellte, es sagt vielmehr, dass er die Welt an-
(Baeum. 355), was uns natürlich an die Aussagen der Alchemisten über thropomorph sah und sich selbst als bloßes Abbild, als einen Körper im
die Ubiquität des Steins der Weisen denken lässt. Da die Gottheit Pneu­ Körper. Und wie das Abbild ein Oben und Unten, so hat auch der
ma ist, äußert sich ihre Tätigkeit in der inneren Sparmung der Materie. Kosmos ein Oben und Unten, ein Rechts und Links: oben an der Peri­
Aber damit nicht genug, denn das Schöpferische des göttlichen Pneuma pherie der Himmel, imten im Zentrum die Erde, und der Bereich dazwi­
stellt sich dar in einer besonderen Gestaltungsform, den so genannten schen ist nach natürlichen, und d. h. nach bestmöglichen Proportio­
Samenkräften, Logoi spermatikoi, die man sich als spezifische Pneuma- nen geoixlnet.^^ Im Gegensatz zum offenen Universum ist der Kosmos in
verdichtungen in Tier und Pflanze, aber auch in toter, anorganischer sich geschlossen. Und ganz wie an seinem Abbild Mensch, so gibt es
Materie vorstellen kann. Der Same ist für die Stoiker eine Panspermia, auch am Kosmos Wichtiges, Wertvolles und weniger Wertvolles. Der
ein Extrakt aller Kräfte, auch der seelischen, d. h. eine Art Erbmasse, Kosmos ist werthaltig, wie denn auch Zeit und Raum und Mensch und
wenn man das so modern sagen kann. Und der Logos im Samen ist u. a. Kosmos werthaltig und wechselseitig miteinander verknüpft sind: Es
dafür verantwortlich, dass die Spezies sich immer gleich bleibt, dass gibt heilige Zeiten, heilige Orte, heilige Himmelsrichtungen. p)ie Ab-
also etwa aus einem Huhn trotz des Umwegs über das Ei wieder ein bildimg Mensch-Kosmos in Zeit und Raum ist eine Entsprechung, eine
Huhn wird. In der Entfaltung der Logoi gemäß der notwendigen Natur reale Analogie, die bei den Stoikern durch das Pneuma als Dynamis
der Allvemunft, der sie zugehören, besteht die geordnete Entwicklung zotike, als eine alles durchdringende Daseinskraft bewirkt wird: Die Son­
der Welt, die damit Kosmos, das Wohlgeordnete, ist. In ihren jeweiligen ne entspricht dabei dem Gold, der Mars entspricht dem Eisen und so
Logoi spermatikoi stecken also die Entwicklungsziele, die Teloi, der fort.
Dinge. Das Sein eines Dinges ist damit schon vor seinem Da-Sein vor­ Das Sein und das Verhalten des einen findet sich wieder im Sein und
handen. Und so hat der Kirchenvater Augustin denn auch geglaubt, Verhalten des anderen, und genau aus diesem Grunde konnte der Adept
Gott habe vor der Zeit das Sein der Dinge in Form ihrer Logoi sperma­ uiakrokosmisch-mikrokosmische Entsprechungen erkermen, konnte er-
tikoi geschaffen, doch erst die Zeit ließe die Dinge in ihrem von Gott kenhen, dass er zu den Gegen-Ständen, zu den Substanzen in seinen
gewählten Augenblick ins Dasein treten. Topfen tmd Retorten in innerer Beziehung stand: Im hermetischen Ge­
Wenn wir nun den Blick vom Himmel zurück auf die Tiegel und fäß erlebte er sich in gewisser Weise selber. In dieser Beziehung bezeich-
Retorten der Alchemisten richten, dann fühlen wir uns sicher zu Recht nete das eine das andere, war Signatur für das andere: Das Wesen des
an den Metallsamen im Standardprozess erinnert, der ja auch das Wohl- Goldes wie das der Sonne war königliches Wesen, war Unversehrbar-
geordnete, das Spezifische schaffen soll.^"^ keit imd Unsterblichkeit, und das drückte sich in einem Verhältnis der
Der Begriff des Wohlgeordneten ist überhaupt ein Leitmotiv stoischer Übereinstimmung, in einem Sympathie-Verhältnis aus. Der Kosmos ist
Philosophie, und das Pneuma, das dieses Wohlgeordnete schafft, durch­ durchzogen von einem Geflecht von Sympathien und Antipathien, und
zieht den gesamten Kosmos, durchzieht den Himmel wie auch die Erde. auch die Materie des Alchemisten und ihre Wandlungen wirken in Sym­
Die Vorstellung von der alles durchziehenden Weltvemunft nun erlaub­ pathie und Antipathie direkt zurück auf den Alchemisten und seine
te es den Stoikern, archaisch-mesopotamische Vorstellungen, die aller­ Labortätigkeit.
dings den klassischen Philosophen nicht fremd waren, zu einer Lehre Das Makrokosmos-Mikrokosmos-Denken ist ein Denken, das Erleb-
auszubauen, die, und hier paßt das Wort, einen überwältigenden Einfluss *hsse und Entdeckungen ermöglichen, sie aber auch bloß Vortäuschen
auch auf das europäische Denken gehabt hat. Das ist die Makrokosmos- Es ist ein Denken in Analogien. Bei den Stoikern aber und den
Mikrokosmos-Theorie. Die Theorie sagt au fond nichts anderes, als dass die Alchemisten besitzen die Realanalogien noch eine besondere Tiefe.
große Welt des Stemenkosmos eine Entsprechung in der kleinen Welt Die Realanalogie setzt nicht nur voraus, dass es das Analogon wirk­
der Erde und der noch kleineren des Menschen und seiner Umgebung lich gibt, sondern dass es in einem Ich-Du-Verhältnis lebendig ist. Die
74 I. Im Schatten der Pyramiden Der Brief des Zosimos 75

Partner einer solchen Analogiebeziehung, auch die scheinbar toten, kön­ besitzen nur Texttrümmer der <Cheirokmeta> aus byzantinischer Zeit,
nen wechselseitig aufeinander einwirken: Die Welt der Retorte, die Welt and die sind merkwürdig genug, denn in ihnen weist Zosimos zuweilen
des Menschen, der Erde, der Sterne, sie alle sind nur in und mit den auf sich selbst wie auf einen Fremden hin und zudem irgendwo auf den
anderen zu denken. Ob die Alchemisten die Analogiebeziehung als Wir­ Alchemisten Stephanos, der ethche Jahrhunderte nach ihm gelebt hat.
kung des stoischen Welten-Pneuma, das ja alles durchzieht, gedeutet Kurz, w ie überall schwankt der Boden alchemischer Textüberheferung
haben, bleibt unklar. Sicher aber ist, dass sie sich auf Real-Analogien auch hier.
eingelassen und dass sie sich damit in ein dichtes Raunmetz lebendiger, Zosimos schrieb seinen Brief an eine Schwester mit dem schönen Na­
wechselwirkender Beziehungen eingesponnen haben, das sie aber an­ men Theosebeia, die Gottesfurcht. Der Begriff Schwester ist gerade in
scheinend nicht erlebt haben als Fessel, sondern als sicheren Halt ihrer Ägypten mehrdeutig, doch was Theosebeia auch immer gewesen sein
Existenz. mag, sicher ist, dass Zosimos sich seiner Briefpartnerin gegenüber haar­
Wenn wir mm wieder ins Alchemisten-Labor nach Alexandria zu­ genau so benimmt, wie man das - zumindest in der guten alten Zeit -
rückkehren und versuchen, den Standardprozess, also die Herstellung von einem richtigen großen Bruder seiner richtigen kleinen Schwester
des Schwarzen Körpers mit anschließender <lnformation> des Körpers gegenüber erwarten konnte. Er verteilt freigiebig unerbetene Ratschlä­
mit wechselnden Eigenschaften, mit den Augen des Stoikers zu sehen, ge, ermahnt Theosebeia, nicht Gemütsschwankungen zu unterliegen,
dann müssen wir zugeben, dass der Prozess zwar chemisch primitiv wie es ja sonst so oft bei den Frauen der Fall sei, und beschwört sie, auf
und auch naiv wirken mag, dass er aber durchaus nicht planlos oder die Suche nach Gott zu gehen, sich dabei aber nicht innerlich zu ver­
gar von Grund auf blödsinnig war. Was wir im Alchemistenlabor zu krampfen, sondern Ihn, der im Gegensatz zu den Dämonen, die ja nur
Alexandria nachvollzogen haben, war sinnvoll. Und es war erfolgreich! «am niedrigsten Ort» sein können, «überall und nirgends» ist, in Gelas­
Wir wissen, wie man Gold machen kaim, und wir wissen sogar, warum senheit auf sich zukommen zu lassen. Es gibt sogar eine ganze Gruppe
man Gold machen kann. Anders gesagt, wir wissen nicht nur, was die von Dämonen, die sich mit den Weibern der Menschen eingelassen und
Alchemie will, wir wissen sogar, was sie ist. ihnen Geheimnisse der Natur und der Kunst verraten haben; doch das,
versichert Zosimos, ist böses Wissen, das der Seele schadet, und so wur­
den die lüsternen Dämonen ja auch als gefallene Engel aus dem Himmel
I j . Der Brief des Zosimos gejagt.
Uber die eigentlich peinliche Tatsache, dass die <Göttliche Kunst> so
Vielleicht aber beschleicht uns dabei das missliche Gefühl, dass da et­ zweifelhafte Eltern hat, äußert sich Zosimos nicht weiter, sondern rich­
was nicht stünmen kann. Was wir im Alchemisten-Labor betrieben ha­ tet seinen heiligen Zorn nun auf ganz und gar Irdisches. In eindringli­
ben, war schlicht Chemie, und sei's eine Chemie aufgrund veralteter chen Worten warnt er seine Schwester vor den bösen Verführungsküns­
Theorien. Und genau das würde uns unser Alchemist auch unterstellen, ten von Leuten, die in seinen Augen bestenfalls Pseudoalchemisten
und zwar mit kritischem Unterton, denn bloß Chemie getrieben zu ha­ sind. Eine Dame namens Paphnutia und einen gewissen Neilos nennt
ben, wäre in seinen Augen nichts weniger als plumper Vandalismus. Zosimos sogar beim Namen. In den Augen des entsetzten Zosimos ist
Wir sollten uns in dieser Lage einmal einen Brief anschauen, der be­ vor allem Neilos ein geradezu infernalischer Verführer, der Götterstatu­
stimmt irgendwo auf dem Schreibpult unseres fiktiven Adepten zu fin­ en so lebendig zu färben versteht, dass sie die Menschen täuschen, und
den ist. Schreiber des Briefes ist der GöttÜche Zosimos aus der Stadt der dabei doch «das Gold mehr als die Vernunft» begehrt. Aber diese
Panopolis in Mittelägypten, die <Krone der Philosophen>, wie sein Kom­ Leute betrügen sich selber, denn: «Wenn sie von der Vernunft geleitet
mentator Olympiodoros sich ausdrückt. Und tatsächlich ist er der be­ worden wären, hätte das Gold sie begleitet und wäre in ihrer Macht;
deutendste griechisch-ägyptische Adept, den wir kennen, hat er doch denn die Vernunft ist die Herrin des Goldes.» Im Übrigen: «Der, der die
im 3.74. Jahrhundert nach Chr. für die Göttliche Kunst das getan, was Vernunft in sich aufnimmt, wird durch sie das Gold vor seine Augen
Euklid, ebenfalls in Alexandria, aber im 3.74. Jahrhundert vor Chr., für gelegt sehen.» (Berth. (2) III, 187)
die Mathematik geleistet hatte: Er hat das Wissen seiner Zeit zusam­ Ob das, was die Vernunft vor Zosimos' Augen gelegt hat, wirklich
mengefasst. Das Werk, das den <Elementen der Mathematik> des Euklid Gold ^ Münzmetall gewesen ist, man mag es bezweifeln.
vergleichbar ist, ist in 28 Bücher gegliedert und heißt <Cheirokmeta>, Ln Übrigen scheint Zosimos sich der Überzeugungskraft seiner Be­
was man mit <Handgriffe> oder <Kunstgriffe> übersetzen könnte. Wir hauptungen selbst nicht ganz sicher gewesen zu sein, denn er versucht.
I. Im Schatten der Pyramiden Der Brief des Zosimos 77

die Gefahr, die seiner Schwester droht, noch zusätzlich dadurch abzu­ teten Naturen bezaubert und überwindet. Dies hier ist das im Gleich­
wehren, dass er eine ausführliche Darstellung der wahren Alchemie gearteten Orphische und die Lyra des Hermes, in der sich die angeneh­
gibt. Diese Einführung ist fachlich so anspruchsvoll, als rede Zosimos me und harmonische Verbindung der Substanzen erfüllt.» (Berth. (2) III,
von Gleich zu Gleich. Man darf also mit Fug und Recht annehmen, dass 203)
Theosebeia eine versierte Chenükerin war. ln der alchemischen Überlie­ Im Sinne neupythagoreisch-orphischen Denkens sollen also die che­
ferung wurde sie darüber hinaus zu einer Priesterin und Königin zu­ mischen Proportionen den Proportionen der musikalischen Harmonie
gleich und so zu einer mystischen Figur, die nun die Funktion der <mys- entsprechen.
tischen Schwester> erfüllte. Als Soror mystica verkörperte sie die weib­ Zentren der Prisca ars sind unter anderen die Tempel des Hephai-
liche Komponente des alchemischen Werkes und damit auch ein stos-Ptah. Offensichtlich aber sind es nicht nur ägyptisch-griechische
notwendiges und ergänzendes Gegenstück zum Alchemisten. Um Vol­ Götter, denen die Göttliche Kunst ihre wichtigsten Kenntnisse zu dan­
taires Ausspruch über den Lieben Gott ein wenig umzuschreiben: ken hatte. Unter die Altmeister und Lehrer des <Großen Mysteriums>
«Wenn es die Schwester nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Aber die zählt Zosimos Persönlichkeiten, die gewiss nicht alle Götter waren und
gesamte Natur ruft aus, dass es sie gibt.» die auch nicht alle aus dem ägyptischen Kulturkreis stammten, etwa
Die Ausführungen über die wahre Alchemie beginnen mit der Versi­ Demokrit, Platon und Aristoteles, was nur zeigt, wie sehr diese klassi­
cherung, dass die Alchemie eine göttliche und eine ägyptische Kunst schen Philosophen schon von Legenden überwuchert waren. Als Alt­
sei. Was die Ursprünge der Alchemie angeht, so verweist Zosimos, der meister Göttlicher Kunst gelten darüber hinaus der biblische Moses,
selbst später nicht nur die <Krone der Philosophen>, sondern auch <der ferner dessen Schwester Maria oder Mirjam sowie der Magier Ostanes
Alte> genannt wurde, immer wieder darauf, dass sie uralt sei, und d. h. und viele andere, von denen wir häufig kaum mehr als die Namen
für uns, dass sie aus einer Zeit stamme, in der Menschen und Götter kennen. Im Übrigen versichert uns Zosimos, dass den Eingeweihten die
noch gemeinsam auf Erden lebten. Dieser von allen Alchemisten geteilte rechte Lehre bereits seit langem bekannt sei, ist sie doch niedergelegt in
Glaube an das unvorstellbare, mythische Alter ihrer Prisca ars, ihrer ur­ den Werken der «vielen Alten» und auch in den Schriften der Juden.
alten Kunst, verlieh ihnen eine unhinterfragte Sicherheit, und der Gött­ Aber sie ist verstreut und verborgen in tausend Büchern, die in den
lichen Kunst verlieh er die Kraft, im Laufe ihrer langen Geschichte im­ «Bibliotheken der Ptolemäer> und in den Bibliotheken der großen Tem­
mer wieder kulturelle und ideologische Schranken zu überspringen. pel verstreut sind, imter denen Zosimos das Serapeion zu Alexandria
Wie die Überlieferung vor sich ging, sagt uns Zosimos auch. Er besonders hervorhebt, was uns nebenbei darauf hinweist, dass unser
behauptet nämlich, dass Anweisungen über die Künste der Metall-Be­ Autor vor der Zerstörung dieses Tempels im Jahre 390 n. Chr. gelebt
handlung in Hieroglyphen verschlüsselt auf den Säulen gewisser ägyp­ haben muss.
tischer Tempel stünden, «auf die Art, dass, wenn jemand es wagen wür­ Mit Buchwissen allein aber ist es nicht getan. Ein wahrer Alchemist
de, den Dunkelheiten des Heiligtums die Stirn zu bieten, um auf uner­ sollte auch besondere persönliche, charakterliche Voraussetzungen mit­
laubte Weise Kenntnis [von ihnen] zu erlangen, es ihm nicht gelingen bringen, die wahrhaftig nicht zu gering zu veranschlagen sind. Um
würde, die Zeichen zu entziffern, trotz seiner Kühnheit und seiner Adept zu werden, muss er rastlosen Fleiß zeigen und sich außerdem
Mühe». (Berth. (2) III, 233) stieng an die Wahrheit halten, er sollte also genau die Tugenden üben,
Behauptungen wie diese finden sich allenthalben in der alchemischen die man heute von einem Wissenschaftler erwartet. Aber es kommt noch
Literatur, und tatsächlich waren spätptolemäische Tempel wie etwa der 6tivas anderes und Wichtigeres hinzu: Wer sich dem großen Werke wid-
des Thot-Hermes zu Edfu mit Weisheitssprüchen und sogar mit Rezep­ reen will, muss sich vor allem der unentbehrlichen Gnade Gottes wür-
ten zur Bereitung von Räuchermitteln, Heilsalben etc. bedeckt. Damit ig erweisen, er muss erfüllt sein von Frömmigkeit und guter Gesin-
sollte das Geheimnis den Eingeweihten bekannt, aber vor den Barbaren muss frei sein von Eigennutz und Habgier, muss stets geneigt
geschützt bleiben. Der letzte Hieroglyphentext übrigens stammt aus sein zu Gebeten und Opfern nach salomonischer Weisheit. Wichtiger
dem Ende des 4. Jahrhunderts. i^och. Der Alchemist muss fähig sein zu tiefster seelischer Versenkung,
Aber was ist das in Rätseln verschlüsselte und eifersüchtig gehütete J^d nur um ihrer Göttlichkeit willen darf er die Göttliche Kunst betrei­
ben.
Geheimnis der Priester? «Es ist das Bild der Welt, berühmt in den alten
Texten, der mystische Mörser der Ägypter und Schriftgelehrten Ä gyp ­ Wir könnten glauben, all dies sei das übliche Gerede von <eine Sache
tens, durch den die Verwandtschaft der Naturen die ihnen gleich gear­ 'un ihrer selbst willen tun>, während man die Sache doch nur als Mittel
7» I. Im Schatten der Pyramiden Der Brief des Zosimos 79

zu anderen, nicht eben göttlichen Zwecken betrachtet. Aber Zosimos Was aber geschieht im Akt der chemischen Schöpfung? Lassen wir
meint, was er sagt, und zwar im wörtlichen Sinne. Er fordert tiefsten dazu Zosimos selbst zu Wort kommen:
moralischen Emst; Unernst trägt das Zeichen des Misserfolgs unweiger­ «Deim zur Vollendimg der Himmlischen Sonne, Königin des Him­
lich auf der Stirn, sind doch alle Versuche der Ungelehrten, der auch mels, rechtes Auge der Welt oder Anthos, also Blüte des Feuers ge­
moralisch Uneingeweihten, von vornherein fmchtlos. Und fmchtlos vor heißen, wird durch das Pneuma auch das Kupfer gehoben, indem es,
allem sind die Bemühungen all derer, die mitnichten nach innerer Er­ genügend gereinigt, Anthos, d. h. Goldfarbe oder Goldglanz, enthält
kenntnis, nach innerer Gnosis streben, sondern bloß als ihre eigenen und sich wandelt zur Irdischen Sonne, zur Königin der Erde.» (Berth.
Arzte die Krankheit der Armut heilen wollen. Diese so häufige Krank­ (2)n,2i3f.)
heit ist, so meint der weise Zosimos, am besten zu behandeln, indem Liest man diesen Satz außerhalb jeden Kontextes, dann klingt er doch
man «eine schöne Frau mit viel Geld» heiratet. (Berth. (2) III, 222) Welch sehr nach pathetischem Unsinn. Und doch enthält er fast die gesamte
praktischer Rat, wenn Zosimos ihn auch dem Prometheus in den Mund Theorie der hellenistischen Alchemie. Der Satz und damit die Theorie
legt, der ihn angeblich an den Bmder Epimetheus, den <Zu-spät-Beden- ruhen auf dem Makrokosmos-Mikrokosmos-Parallelismus der Sonne
kenden>, gerichtet hat. Epimetheus soll - daraufhin? - die schöne und imd des Goldes. Die Sonne ist hier ganz sicher ein Symbol Gottes,
gabenreiche Pandora zu sich genommen haben, aus deren Büchse alle gleichgültig, ob man Gott nun rieuplatonisch den All-Einen, ob man ihn
Übel der Menschheit und als Letztes die Hoffnung stammen. Der wahre jüdisch Jahwe oder ob man ihn ägyptisch Amon, Aton oder Horns nen­
Philosoph - das ist <die Moral von der Geschicht'> - sollte die scheinbar nen will. Zudem war es guter Brauch, die Sonne als Auge Gottes zu
lukrativen Gaben des Zeus, d. h. des Schicksals, gefälligst von sich wei­ nehmen, etwa als Auge des Horns, das alles sieht und alles am Leben
sen. erhält. Gold als Gegenstück zur Sonne ist also der mikrokosmische Gott,
Der Rat aber, der keiner ist, sagt uns noch mehr, als er wohl sagen und damit ist es auch die göttliche Königin der Erde, die über der Zeit
wollte: Er verrät uns, dass der wahre Alchemist sich durchaus dessen steht. Die geheime Verbindung zwischen Sonne und Gold wird im vor­
bewusst war, dass er nie übliches, staatlich prüfbares Gold gemacht hat, liegenden Text durch das Wort <Anthos> deutUch gemacht, das anschei­
auch wenn er sich stets bemüht haben sollte, sein Gold, das ja auch ein nend zugleich Blüte und Goldfarbe bedeutete. Auch das erwähnte Kup­
Symbol seines Erfolges war, so gut, so golden und so haltbar zu machen, fer, das in den Status des Goldes gehoben werden soll, besitzt eine dop­
wie er nur irgend konnte. Und zwar jenseits jeder profanen Geldgier. pelte Bedeutung. Es ist hier, das weiß man aus anderen Quellen,
Im Übrigen reichen Abstinenz von Raffgier und reines Herz noch gleichgesetzt mit dem Menschen, und zwar dem Menschen, wie er ist,
längst nicht aus, um alle Forderungen, die unser Zosimos an die Per­ bevor er sich einem Initiationsritus unterzogen hat. In der Obhut oder
sönlichkeit des Alchemisten stellt, zu erfüllen. Damit der Jünger der in der Gewalt des Priesters oder Alchemisten wird er dann während
Kunst ein echter Adept wird, muss er auch in einer ganz bestimmten des Ritus zu unserem Menschen, d. h. zu unserem Kupfer. Allerdings
Weise gelehrt sein, er muss erfahren sein, um eine zweite Bedeutung ist die Basis unseres Kupfers unser Blei, das sich in dem ja schwarzen
des Wortes adipisci heranzuziehen. Ein wahrer Adept kann die rechten Produkt des ersten alchenüschen Schrittes als unser schwarzes Blei im
Zeiten und glücklichen Momente für das Große Werk bestimmen, weiß Gegensatz zum Zinn, unserem weißen Blei, zu erkennen gibt. Unser Blei
mithin um die entscheidenden Einflüsse der Planeten. Außerdem kennt nun ist höchst wandlungsfähig und kann nicht nur zu Kupfer, sondern
er die richtigen Gebete und Beschwörungen, die Zauberstoffe, die ma­ auch zum Weißen und Roten, zum Silber, zum Gold, ja zur Koralle des
gischen Formeln und Handlungen, die er einerseits braucht, um die Goldes werden. Es ist wie Maza, wie Teig, wie eine noch ungeformte
göttliche Mithilfe zu erlangen, andererseits, um magische Einflüsse bö­ Masse, oder wie ein Sauerteig, der normales Kupfer vermehren und
ser Dämonen abzuwehren, die das Werk verderben könnten. Zosimos verändern und dabei verbessern kann. D. h., die Maza bringt normales
nennt den teuflischen persischen Geist Antimimos, den <Gegenspieler>, KupfCT zum Blütentragen, sie macht es zum Gold. So gesehen ist <unser
der in der christlichen Gnosis als Widerpart Christi auftritt. Blei> schon Hen to pan. Eines in Allem und gleichzeitig Alles in Einem.
In den <Cheirokmeta>, die seiner Schwester gewidmet sind, äußert Die Parallele zum eigentlichen Zustand des Menschen ist wohl unüber­
sich Zosimos näher über das Wesen des alchemischen Prozesses, den er sehbar, und wir spüren, wie viel Hoffnung gerade auch in Hinblick auf
als Analogon zur Welten-Schöpfung, zur Kosmopoia, begreift. Die che­ <üe Conditio humana vor allem in der letztgenannten Behauptung
mische Schöpfung betrifft die Reinigung und die Befreiung, die Erlö­ steckt. Unser Blei ist etwas Lebendiges, Bewegliches, ist unser Wasser.
sung des an die Substanzen oder Körper gebundenen Pneuma. Wegen seiner besonderen Wässrigkeit, also wegen seines Vermögens,
8o I. Im Schatten der Pyramiden Der Traum des Zosimos

jede Mischung einzugehen, jede Färbung anzunehmen und neue che­


mische Kräfte auf sich einwirken zu lassen, war das Blei für die Alche­
mie treibenden Ägypter eine Prima materia, die - dies schon eine Ver­
weis von Zosimos auf seinen Kommentator Olympiodoros - auch als
Osiris bezeichnet wurde. Wenn nun dieser Osiris, dieses Blei zu schwar­
zer Flüssigkeit geschmolzen ist, bekommt es - und das ist das große
Mysterium - durch Pneuma, das es dank seiner Schwere an sich zieht
(!), eine neue Seele (Psyche), die als färbendes Pneuma neue Farben und
Eigenschaften beibringt und die Natur des Bleis in die des Silber und
des roten Blutes, will sagen: des Goldes, verwandelt.
Die Verwandlung des Schwarzen in das Goldene gelingt aber, um
wieder zu den brüderlichen Ermahnungen zurückzukehren, nur, wenn
man den Antimimos fern hält und zudem all den anderen von Zosimos
genarmten Voraussetzungen entsprechen kann. Nur dem Menschen, der
würdig ist, sich der Göttlichen Kunst zu widmen, offenbart Gott die
Wahrheit, und zwar in den Träumen und Visionen eines magischen
Schlafes. Den Seinen gibts der Herr im Schlafe, und wenn die funda­
mentale Wahrheit den Alchemisten überkommt, dann sind ihm die che­
mischen Operationen des Großen Werkes nichts «als Bdnderspiel, als
Weiberwerk». (Berth. (2) II, 251; III, 241)

14. Der Traum des Zosimos

Auch Zosimos selbst berichtet von einem Traum. Und es ist wahrhaftig
ein merkwürdiger Traum, der da, durch eingeschobene Wachphasen
gegliedert, vor unseren Augen abrollt, ist er doch zugleich zu verstehen
als ein persönliches, höchst phantastisches, ja als ein den Irrsinn strei­
fendes Erlebnis und als ein didaktisches Drama. Der Traum ist schwie­
rig zu interpretieren, und er kommt mir nur deshalb nicht wie das Ge­
brabbel eines Verrückten vor, weil er strukturiert ist, weil er mit Fragen
und nicht von vornherein mit Antworten beginnt, während die Be­
kenntnisse von Geisteskranken gewöhnlich nichts als rätselhafte Ant­
worten bieten, und weil er uns unter dem Namen des Zosimos, der ja
wahrhaftig auch nüchtern zu denken verstand, überhefert ist.
In den Phasen des Traumes gibt es eine stets wiederkehrende Kon­
stellation als Basis verschiedener Motive, die von Zosimos jeweils nach
dem Erwachen als genuin chemisches Problem interpretiert werden: «Ist
dies nicht etwa die Zusammensetzung der Wässer?»; und auch: «Wel­
ches ist die Ursache dieser Schau? Ist also dieses weiße und gelbe sie­
dende Wasser das göttliche?»; und später: «Gut habe ich erkannt, dass
D ie Kochung. (Solomon Trismosin: Splendor Solis, 16. Jh.,
so das Blei hinausgeworfen werden muss, und in Wirklichkeit bezieht
The British Library, London)
sich das Geschaute auf die Zusammensetzung der Flüssigkeiten.»; so-
82 I. Im Schatten der Pyramiden Der Traum des Zosimos 83

wie schließlich: «Ich habe alles wohl verstanden. Es handelt sich um die Herr des Hauses sprach zu mir: <Du hast es geschaut, du hast deinen
Flüssigkeiten in der Metall[kunst].» (Berth. (2) III, 3-108ff., ii/ff.) Nacken emporgerichtet und hast gesehen, was sich vollzogen hat.) Und
In jedem der Traumbilder erleben wir einen Altar, der nur über Stufen ich sagte, dass ich es gesehen hätte, und er fuhr fort: <Dieser eherne
zu erreichen ist, und «der die Form einer flachen Schale hatte». (Berth. Maim, den du sahst, der ist der Priester, der opfert und geopfert wird
(2) III, 108ff., ii7ff.) Neben dem Altar erblicken wir eine Gestalt, mit imd sein eigenes Fleisch ausspeit. Und ihm ist Gewalt gegeben über
der sich der Träumer unterhalten oder über die er sich zumindest be­ dieses Wasser und über die, die gezüchtigt werden.)» (Berth. (2) III, 69)
richten lassen kann. Diese Gestalt wechselt und bleibt zugleich, wie der Das ist noch eine besonders simple Textstelle, weil hier das Thema
Träumer erkennt, im Wesentlichen dieselbe. Zuerst ist sie ein Priester, der Wandlung auf nur ein Motiv bezogen ist, das der Kochung, und
der zuvor «entsprechend der Harmonie» zerstückelt, d. h. in die vier lücht etwa zusätzlich noch auf die ebenfalls vorkommenden Motive der
Element zerlegt und wieder zusammengesetzt worden war imd nun vor Enthäutung und Enthauptung.
den Augen des Träumers das Kunststück fertig bringt, sich selbst zu Mein Ariadnefaden, mit dem ich mir aus dem Labyrinth dieser und
zerfleischen und seine eigenes Fleisch hochzuwürgen und auszuspeien. anderer, noch verworrenerer Textstellen herauszuhelfen versuche, be­
Dann ist dieselbe Gestalt ein grauer Homunculus und zugleich ein eher­ steht aus Assoziationsketten. Ich glaube, bei sinnvoller Beschäftigung
ner Mann mit einer bleiernen Schreibtafel in der Hand, darauf ein Mann mit der Alchemie müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass
in einem roten Königsmantel, dann wieder ein weiß gekleideter Priester eine Wirkung mehr als eine Ursache haben und dass nicht nur der Teil
und ein anderer Weißgekleideter, der von einem Verfolger mit dem das Ganze imd das Ganze der Teil sein kann, sondern auch das eine
Schwert getötet und «der Strafe überliefert», will sagen gekocht wird, Bestimmte gleichzeitig das andere Bestimmte. Das gibt sich oft durch
und schließlich ist die Gestalt ein feuriger Geist, der auf dem Altar steht. eher phantastisch wirkende Metaphern zu erkennen, die aber eben
Der Altar wird durchgängig als «Ort der Strafen» bezeichnet. Und mehr sind als bloße Metaphern, und die im Laufe der alchemischen
das ist er wirklich, eine Stätte der Qualen, wie ein Textstelle belegen Tradition eine gewisse Bestimmtheit gewinnen.
mag: «Und ich sah denselben Schalenaltar, oben darauf brodelndes Weim wir etwa den alchemischen Bildband <Splendor Solis) zur
Wasser und viel Volks darin, eine unzählbare Menge. Niemand war da Hand nehmen, der 1500 Jahre nach dem Traum des Zosimos veröffent­
in der Umgebung des Altars, den ich hätte fragen können. Und ich licht wurde, dann bestätigt uns diese Tradition, dass die Zerstückelung
schritt herauf zu demselben, um die Sicht auf den Altar zu erlangen. der Purißcatio, der Reinigung dient, durch die eine Verjüngung und Wie­
Und ich erblickte einen grauen Homimculus, der sprach zu mir: <Was dergeburt der in der Retorte eingesetzten Substanzen herbeigeführt
schaust du?> Ich antwortete ihm: <Ich staune über das Sieden des Was­ wird, während die Kochung und damit die Solutio ebenfalls eine Er­
sers und der Menschen, die mitverbrennen und doch leben. >Er antwor­ neuerung und - u. a. Aspekt - eine Abtrennung einer <Metallseele),
tete und sprach: <Die Schau, die du siehst, ist der Eingang und der sprich des Pneuma, bewirken soll. Und etwa zur gleichen Zeit fordert
Ausgang und die Wandlung. > Ich fragte ihn nun wiederum: <Welche der Alchemist Michael Maier, dass der Drache, der als Materie schlecht­
Wandlung?> Und er antwortete und sprach: <Der Ort der Ausübung der hin vergeistigt werden muss, «mit dem Schwert gezähmt werden muss,
so genannten Einbalsamierung. Denn die Menschen, die der Kunst teil­ mit Hunger und nüt Gift, bis er sich selbst verschlingt und sich selbst
haftig werden wollen, gehen dort hinein und werden Geister, indem sie auswürgt, sich selbst tötet und sich selbst gebiert» (Read 241), bis er also
dem Körper entfliehen. > Da sprach ich zu ihm: <Und du bist auch ein zu einem echten Ouroboros wird.
Geist?) Und er antwortete und sprach: <Ich bin ein Geist imd ein Wäch­ Mit den Wässern, um die es im Traum geht, sind offensichtlich Wand­
ter über die Geister.) Während wir dies miteinander verhandelten und lungswässer, Theia hydrata, im weitesten Sinne gemeint, die - zusam­
während das Kochen des Wassers immer mehr zunahm und das Volk mengesetzt oder nicht - in der Altar-Schale von vornherein vorhanden
aufheulte, da sah ich einen ehernen Mann, der hielt in seiner Hand eine oder in allen Metallen enthalten sind. Also galt es, Materie in ihre Be­
bleierne Schreibtafel. Der sprach mit lauter Stimme, indem er die standteile zu zerlegen, will sagen zu dekomponieren in einen ungeord­
Schreibtafel anblickte: <A ll denen, die sich in der Strafe befinden, befehle neten und damit zugleich in einen gleichverteilt chaotischen und frucht­
ich an, zu schlafen, und jeder soll in seine Hand eine bleierne Schreib­ baren Zustand, den der Prima materia, aus der man dann hoffen konnte,
tafel nehmen und mit der Hand schreiben, die Augen emporheben, und das metallische Wandlungswasser, sei es nun artspezifisch oder nicht,
ihr sollte euere Münder öffnen, bis euer Halszäpfchen [in der Bewegung auszuziehen. Und das musste das wunderbare Wandlungswasser sein,
des Auswürgens] anschwillt.) Und dem Wort folgte die Tat, und der ein ewiges Wasser, ein Aqua permanens, das im Mittelalter mit <unserem
I. Im Schatten der Pyramiden Der Traum des Zosimos 85

Quecksilber» gleichgesetzt wurde. So sollten denn auch später einmal


einige lateinische Alchemisten die nahe liegende Strategie verfolgen.
Aqua permanens aus Silber und Gold auszuziehen und direkt zur
Transmutation zu verwenden. Gedankengänge ähnlich diesem stehen
wahrscheinlich hinter der Selbstzerstückelung des Priesters, der zu­
gleich der eherne Mann ist. Die Bleitafel in dessen Hand deutet hin auf
die Prima materia und ihre Rolle im alchemischen Prozess: Das noch
<uninformierte>, feste oder flüssige Blei allein kann keine Wandlung be­
wirken und muss deshalb <hinausgeworfen> werden, aber es ist doch
zugleich die Tafel, in die der Alchemist alle Eigenschaften einer höheren
Materie <einschreiben> soll. Die wassergefüllte Schale weist darauf hin,
dass Wasser auch Geist ist oder sein kann, genau wie Feuer und Luft.
Das eine Bestimmte ist also zugleich das andere Bestimmte. Und im
Wörtchen <auch> habe ich den Hinweis versteckt, dass die eine Ursache
auch eine andere und wiederum auch eine weitere andere sein kann,
oder auch alle zugleich ein Gewimmel von Ursachen, die gemeinsam
verantwortlich sind für eine, oft ebenfalls im Unbestimmten flimmernde
Wirkung. Das aber ist die Art, in der das Gehirn denkt, wenn es mit
sich im Traum allein ist oder allein in der Meditation als einem «Collo-
qmum internum cum aliquo alio, qui tarnen non videtur» (Rul. 327), als
einem «iimeren Gespräch nüt irgendeinem anderen, der jedoch nicht
sichtbar ist».^^
Dass Wasser auch Geist ist, zeigt sich am Bild der wassergefüllten
Schale auf dem Altar, worauf der Traktat <Poimandres> aus dem <Corpus
hermeticum» auch ausdrücklich hinweist. Hier wird eine Schale bzw.
ein Mischkrug, ein Krater, vom Schöpfergott mit Geist, Nus, bzw. Pneu-
ma gefüllt und zur Erde geschickt, damit diejenigen, die nach höherem
Bewusstsein streben, sich darin taufen lassen können. Baptismos bedeu­
tet hier die Geistwerdung als Trennung oder Erlösung des Geistes vom
Körper. Das aber ist der Tod, wenn auch ein Tod zu neuem Leben, und
zwar ein bewusst erlebter und deshalb mit äußersten Qualen verbun­
dener Tod. Damit dreht sich die Gleichsetzung von Wasser, Feuer und
Geist um: Das kochende Wasser ist Mittel der Zersetzung. Es ist sicher
etwas daran, wenn der Religionsforscher Mircea Eliade vermutet, dass
die Alchenüsten versucht hätten, die Qualen der Initiationsriten in die
Materie zu projizieren, die dann ganz real, ganz chemisch gekocht, ex­
trahiert, destilliert oder sonst wie gequält wurde, bis sie im wahrsten
Sinne des Wortes ihren Metallgeist aufgab. Das Erleben des Alchemisten
wird so zu einem Erleben per analogiam, aber die Analogie ist hier, wie
bei allen Initiationen, keine formale. Die Vorgänge in den Phiolen, Re­
D ie Zerstückelung. (Solomon Trismosin: Splendor SoUs, 16. Pt.,
The British Library, London)
torten, Destillierapparaten spiegeln sich nicht bloß gleichnishaft und
sogleich in vernünftige Erkenntnis übersetzt in den Gefühlen des Alche­
misten wider, sie sind diese Gefühle. Das Erleben des Alchemisten spielt
86 I. Im Schatten der Pyramiden Mysterienkulte 87

sich damit in einem Zwischenreich ab. Und deshalb lassen oft scheinbar des Zosimos als eines bestimmten Geistes Kinder. Und natürlich atmet
rein chemische Passagen spirituelle Anliegen und spirituelle Passagen dieser Geist das intellektuelle Klima der Zeit, in der er gelebt hat. Dieses
chemische Anliegen durchschimmem. Klima müssen wir kennen lernen, um das Wollen der Alchemie besser
Die Traumgestalten sind natürlich auch Projektionen der Vorstellun­ zu begreifen. •
gen des Träumenden in die Materie und damit etwas psychologisch
Bestimmtes. Und zugleich sind sie etwas anders Bestimmtes. Den Herrn
des Hauses in unserem Zitat kann man nehmen als Alter Ego, als eine Mysterienkulte
Art Schutzengel des Träumers. Dieser Schutzengel mag aber auch die
Anima metallorum, die Seele, und damit die Selbsterkenntnis der Metalle Das Wort <Klima> ist mit Bedacht gewählt. Eine Wetterlage wirkt stets
selbst sein, die gewissermaßen von innen heraus sprechen kann. Die in einer hochkomplexen Gesamtheit auf den Menschen und sein Um­
Überzeugung, dass Metalle eine Seele besitzen - wohl im Sinne eines feld ein, ohne dass er seinerseits fähig wäre, all ihre Komponenten und
stoischen Pneuma -, gehörte zum Allgemeingut auch der mittelalter­ deren Einflüsse präzise zu analysieren. Bekanntlich kann man nicht ein­
lichen Naturphilosophie. Und weil die Metalle in der späten Antike mal eine zukünftige Wetterlage längerfristig aus einer gegebenen Vor­
nicht nur metaphorisch mit den Planeten verbunden waren, könnte der hersagen, was ja u. a. zur Chaosforschung geführt hat. Genau aber wie
Herr des Hauses auch ein magisch herbeigerufener Planetendämon das meteorologische Klima die Befindlichkeit des Menschen beeinflusst,
sein. so beeinflusste das intellektuelle Klima der späten Antike die implizite,
Die Gestaltenserie, die als Priester, als bleigrauer Homunculus, als die verborgene Ideologie in der alchemischen Theorie und Praxis.
Kupfermensch in Erscheinung tritt, in anderen Textstellen aber auch als Kurz gesagt: Das Geistesklima der Zeit, in der die Alchemie entstand,
weiß, als rot gekleideter, als silberner, als goldener Mann und auch als war wesentlich bestimmt von Mysterienkulten, über die wir allerdings
sein eigener Mörder, der sich selbst der «Strafe überliefert», ist vor allem recht wenig wissen. Doch schon das Wenige macht uns deutlich, dass
eine vielfältige Personifikation des alchemischen Prozesses dauernder der hellenistische Mensch von der Begegnung mit dem Heiligen im
Wandlungen, in dem - wie in allen chemischen Prozessen - Agens und tiefsten Inneren etwas anderes erwartete als der klassisch-griechische
Reagens, Aktives und Passives letztlich nicht unterscheidbar sind. Als und der altägyptische Mensch. Für den klassischen Griechen waren die
Personifikation des Prozesses und damit als ein ins Menschliche Geho­ ol)nnpischen Götter Garanten des Wohlgeordneten, des Kosmos, genau
benes ist die Gestaltenserie zugleich die Personifikation der Alchemis­ wie auch die ägyptischen Hochgötter Garanten der Welterhaltung wa­
ten. Auch hier ist die Metapher mehr als eine bloße Metapher, die ren. Deshalb auch war die Welt, die den Griechen in seinem kleinen
Analogie mehr als eine bloße Analogie, weil nämlich die Partner der Polis-Staat umgab, begreifbar; sie war dem anschauenden Denken oder
Analogie per Identifikation wechselseitig aufeinander einwirken. der einfühlenden Sehnsucht zugänglich. Er konnte sich in ihr geborgen
Im Krater aber passiert das Eigentliche. Es wird deutlich gesagt, dass fühlen, was natürlich nicht sagt, dass gerade die klassischen Griechen
die Menschen, die der Kunst teilhaftig werden wollen, dort hineingehen nicht ein Gespür für den tragischen Untergang hatten, und dass sie
und Geister werden, indem sie dem Körper entfliehen. Die Menschen nicht auch das letztlich unbegreifliche Erleben des Heifigen im Mythos
in der Altarschale sind also Mysten, d. h. Einzuweihende eines Initia­ kannten. Es ist aber bezeichnend, dass selbst die geheimsten Mysterien
tionsritus, oder es sind Alchemisten, ganz wie Zosimos selber, werm er wie die von Eleusis in den Kosmos und damit auch in den sozialen
vor seinen Destillationsapparaten oder vor seinen Büchern sitzt. Im Ko­ Kosmos, in die Polis, eingebunden waren. Die eleusischen Mysterien
chen im Wasser des Kraters sind Anfang und Ende des alchemischen fanden zu bestimmten Tagen des Jahres statt, und zwar als Feste der
Prozesses symboHsiert, der im Mikrokosmos, will sagen in einem tem­ gesamten Polis. Die alten Ägypter kannten ebenfalls im WesentUchen
pelartigen Reaktionsgefäß, stattfinden soll, das von Zosimos so kryp­ nur Staatskulte. Aber diese Staatskulte waren nie in das Gewand von
tisch wie eingehend beschrieben wird. Im Traum des Zosimos und in Mysterien im Stile der eleusischen gekleidet.
der Alchemie überhaupt geht es um Erlösung, und zwar um Erlösung Wie anders war das Bild der religiösen Landschaft in der hellenisti­
in und nicht von der Welt, um Erlösung als Befreiung des Geistes aus schen Zeit! Die Mysterien gehörten hier zu den herausragenden Punk­
dem Körperlichen mit einer anschließenden Neuverkörperung eben ten, aber sie waren anders als die Mysterien der klassischen Zeit, sie
dieses befreiten, gereinigten Geistes. wurden anders begriffen, und auch die Menschen, die an ihnen teilnah-
Mit diesem Erlösungspathos erweisen sich die alchemischen Träume men, waren anders.
88 I. Im Schatten der Pyramiden Mysterienkulte 89

Während in der griechischen Polis jeder männliche Bewohner sich, Grieche aus den Jahrhunderten kurz vor und nach Christi Geburt ceteris
sofern er Freibürger war, als Teil eines überschaubaren und von ihm paribus wohl genau solch ein platt-materialistisches Ekel wie der geistige
sogar beeinflussbaren Ganzen fühlen konnte, war die Lage eines Grie­ Kleinbürger von heute, dem der Chitinpanzer aus egoistischem Unver­
chen, der sich sein Leben in den riesenhaften Trümmern des Alexander­ stand, sozialen Vorurteilen und schlichtem, <bewiesenem> Aberglauben
reiches einrichten musste, eine grundlegend andere. Er gehörte zu einer das Rückgrat ersetzt. Vor allem den Wust von Aberglauben, der das
winzigen Minderheit der Bevölkerung und stand Kulturen gegenüber, Niltal erfüllte, sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns den religiösen
die ihm zunächst unverständlich und die ihrerseits zutiefst verunsichert Anschauungen des Hellenismus annähern wollen.
waren. Außerdem wird unser <nach-alexandrinische> Grieche bald ge­ Aus imserer, der Kulturkritik zugewandten Sicht der Dinge ist die
lernt haben, dass er trotz aller Scheinfreiheiten in den neugegründeten wichtigste Gottheit der hellenistischen und römisch-griechischen Welt
Poleis keinerlei Einfluss auf die Staatsangelegenheiten mehr hatte, die die Göttin Tyche oder Fortuna, der übrigens in Alexandria einer der be­
sich ja auch in räumlich weit größeren Dimensionen abspielten. Er fühl­ deutendsten Tempel gewidmet war. Ursprünglich war die Tyche - wie
te sich dem A uf und Ab des Schicksals ausgeliefert, und er war es, zumal Hermes - eine Schutzgöttin für einzelne Städte und Berufsstände, hatte
die Regime der Diadochenkönige weder innere Stabilität garantieren sich aber in der späteren Antike mehr und mehr zu einer Gottheit des
noch auf ununterbrochene Kriege verzichten konnten. Der Libanon z. B. blinden Zufalls gewandelt, die als unerbittliches Schicksal erlebt wurde.
war auch damals heftig umkämpft. Darum erscheint die Tyche auch in Gestalt der Ananke, der Notwendig­
Trotz der Pax Romana lagen die Dinge im neuen Imperium im We­ keit, oder der Heimarmene, des unerbittlichen Schicksals. Trotz dieser
sentlichen nicht anders. Die Koine, das Weltgriechische, war Weltspra­ abstrakten Begriffe war, meine ich, die ja personifizierte Tyche nicht so
che geblieben, die alten Mythen und Philosophien blieben bekannt, jetzt etwas wie ein blasses Gesetz. Sie erscheint komplexer, launenhafter,
aber war auch der Schatten der Polisverfassung, der sich vielerorts unter eben poetischer als ein farbloser Ursache-Wirkungs-Mechanismus und
dem Schutz der Könige erhalten hatte, dahin, jetzt erst, wo Fremde über damit in gewissem Sinne auch furchtbarer. Selbst das Schicksal war
Fremde herrschten, nistete sich das Gefühl des Verantwortungsverlustes damals irgendwie lebendiger als heute.
gegenüber einem Staate, der nichts als Ruhe garantierte, auf Dauer ein.^° Der bange Glaube an die Tyche, die Sehnsucht auch nach inniger,
Die Lage der griechisch sprechenden Bürger im Osten des Reiches war persönlicher Gemeinschaft mit dem Göttlichen konnten ganz verschie­
unsicher, waren sie doch regelrecht eingeklemmt zwischen den römi­ dene Konsequenzen nach sich ziehen. Man konnte das Schicksal als
schen Besatzern, von denen sie sich ausgenutzt fühlten, und den altä­ Vorsehung, Pronoia, deuten und in stoischer Gelassenheit ertragen, man
gyptischen Einwohnern, die sie im Auftrag der Römer ihrerseits aus­ konnte aber auch versuchen, dem Schicksal irgendwie zu entgehen. Vor­
nutzten. Der intellektuelle Mittelstand, d. h. die Griechen und gräzisier- herrschend war wohl Schicksalsflucht in allen Nuancen, vom flachsten
ten Ägypter, lebte in einer Gesellschaft, nüt der er sich nicht Aberglauben bis zu tiefster religiöser Inbrunst. Viele hellenistische Men­
identifizierte, zumal diese von unübersichtlichen und instabilen Massen schen suchten das Versprechen eines Heils jenseits des Schicksals, wobei
bestimmte Gesellschaft ihn in die - zumindest politische - Anonymität hier das individuelle Heil des Einzelnen und nicht das der Polis gemeint
abdrängte. Die Unsicherheit, das Ungeschütztsein, das Abdriften ins ist. Und so wandte sich ihre Inbrunst einem ganz bestimmten Typ von
Private lässt sich gut an der Romanliteratur jener Zeit ablesen - trotz Göttern zu. Ich möchte diesen Typ den der <Kämpfenden Götter> nen­
des schon damals obligatorischen Happy Ends. Doch gerade in seiner nen, der Götter, die ihrerseits ein Schicksal erleiden und es immer wie­
Anonymität entdeckte der Mensch, ob er nun wollte oder nicht, sich der überwinden. Nur diese verstehen die Befindlichkeit des Menschen;
selbst, war er doch mit seiner inneren Verwirrung allein gelassen. Die sie allein sind Götter, in deren Nachfolge, in deren Nachahmung man
Stimmung der Verunsicherung und Vereinzelung, verbunden mit einem Erlösung finden kann. Kurz, die Kulte all dieser Götter waren - als
Rückzug ins Private und - das sei noch hinzugefügt - verbimden auch Erlösungskulte - Initiationskulte.
mit einer ganz ungriechischen und unägyptischen Sehnsucht nach Er­ Wir sollten hier erst einmal ungeprüft hinnehmen, dass der alchemi-
lösung von diesem Dasein, verstärkte sich unter der römischen Fremd­ sche Prozess, zu dessen Leitbegriffen Nachahmung und Erlösung gehö­
herrschaft zunehmend und begünstigte u. a. die Ausbreitung von Erlö­ ren, charakteristische Züge von Initiationsprozessen aufweist. Genauso
sungsreligionen, die im Übrigen häufig mit einer Ablehnung der im aber sollten wir hinnehmen und nicht vergessen, dass die Alchemie in
Prinzip bösen Welt einhergingen, Stichwort: Gnosis. Zugleich - und das ihnen nicht restlos aufging, wie sie auch niemals von der Maske irgend­
ist beileibe kein Gegensatz zum eben Gesagten - war der hellenistische einer spezifischen Philosophie, irgendeines dogmatischen Glaubensge-
90 I. Im Schatten der Pyramiden Mysterienkulte 91

spinstes vollständig verdeckt wurde. Die Tatsache, dass es eine chinesi­ binnen kurzem all diese Schätze sammeln; aber wenn du dich darauf
sche und eine indische Alchemie gab, mag dafür ein Beleg sein. Ich beschränkst, diese Reichtümer an dich zu nehmen, wirst du dich selbst
glaube zudem, um wieder nach Ägypten zurückzukehren, dass schon zerstören wegen des Neides der Könige, die regieren, und aller Men­
die eigenen Herkunftsmythen, die die Alchemie als ein Urereignis sui schen.» (Berth. (2) III, 233!.)
generis ausweisen, u. a. auch die Eigenständigkeit der Göttlichen Kunst Warum aber soll man sich dennoch die Hände schmutzig und den
bekräftigen sollten. Kopf schwer machen? Die Antwort, auch wenn sie sich im Kreise zu
Mysterienkulte und Initiationsriten reichen in die Anfänge der drehen scheint, kann nur lauten: um der Erlösung willen, einer Erlö-
Menschheit zurück. Und so sind auch die Götter, die mit derartigen simg, die derjenigen ähnlich ist, um die es in den hellenistischen Mys-
Riten verbunden waren, uralt. Aber die Entwicklung hin zu einem per­ terierdculten ging. Diese Erlösung war anscheinend inuner von einer
sönlichen, verinnerlichten Verhältnis zwischen dem Einzelmenschen Offenbarung der Gottheit begleitet.
und seinem Gott ist eine durchaus späte Erscheinung. Nichtsdestotrotz Übrigens ist es unklar, ob in den Kulten der Götter, denen unsere
konnte sie gut an Uraltes anknüpfen, rührt unsere Beziehung zu Gott- besondere Aufmerksamkeit gilt, Drogen genommen wurden, von Wein
in-uns doch an ursprünglichste, älteste Teile der Persönlichkeit. Außer­ einmal abgesehen, zu dem einer unserer Götter, Dionysos, ja eine be­
dem zeigte der Hellenismus ganz allgemein eine Neigung zur Archaik, sondere Neigung hatte. Drogengebrauch wäre für uns vor allem dann
konnte doch die Hinwendung zu Archaischem oder eingebildet Archai­ interessant, wenn man nachweisen könnte, dass die Alchemisten diese
schem u. a. dazu dienen, sogar solche Verknüpfungen hellenischer und Sitte übernommen hätten. Aber die wahren Adepten scheinen allesamt
orientalischer Kulturströmungen, die eigentlich gewaltsam hätten wir­ die Weisheit eines Thomas de Quincey besessen zu haben, der in seinen
ken müssen, vor sich selbst zu retten, indem man sie auf gemeinsame <Bekenntnissen eines englischen Opiumessers> (1822/56) bemerkt, dass
Urwurzeln zurückführte. So ist es wohl nicht überraschend, dass alle ein rechter Viehhändler auch im schönsten Opiumrausch doch nur von
hellenistischen Initiationskulte archaisch-mythische Elemente, etwa die Rindviechem träumt.
Verwendung von Steinwerkzeugen, enthielten und - genau wie die A l­ Etwas mehr als über die Kulthandlungen und über einen möglichen
chemie - unvordenkliches Alter für sich in Anspruch nahmen. Drogengebrauch wissen wir über das sozusagen offizielle Schicksal der
Auch dass die Initiation als Mysterium erlebt wurde, sollte uns nicht Götter, denen die Mysterienkulte galten. Schicksal meint hier übrigens
überraschen. Der Begriff <geheimnisvoll>, vor allem, wenn ihm eine re­ nicht eine Geschichte, die sich in der Zeit entwickelt, sondern eine Ge­
ligiöse Bedeutung unterhegt, meint nämhch immer auch: ins Wortlose schichte, die sich in einer paradoxen Gleichzeitigkeit entfaltet. Das
hinabreichend, nicht vöUig sagbar, sondern nur erlebbar, und so auch kommt uns vielleicht nicht mehr ganz so fremd vor, wenn wir etwa an
in der Alchemie. Das deuthche Sagen, die grelle Aussage über das die wunderbaren Bilder Giottos denken.
Äußere des geheimnisvollen Vorganges würde das Dimkle des Geheim­ Die Mythen des in der Alchemie so prominenten Geschwisterpaares
nisses ans Licht zerren und damit töten. Anders gesagt, die Erlösung Isis und Osiris und auch den Mythos des Mithras kennen wir in groben
muss sich im Dunkeln abspielen. Zügen.^' Sie sind interessant genug, doch sei hier nur ein Gott beispiel­
Dass Erlösung das eigentÜche Ziel des alchemischen Prozesses ist, haft betrachtet: Dionysos. Dieser gerade in Ägypten sehr beliebte Gott
wird bereits in den ältesten Texten mehrmals gesagt. Aber was damit wird zwar - vielleicht wegen der mit seinem Kult verbundenen orgias-
gemeint ist, wird immer wieder nur umschrieben und so genau wie der tischen Ausschweifungen, die ihn bei den Aposteln der neuen Moral
Vorgang der Erlösung selber im Dunkeln gehalten. Wenn ein Alchemist besonders unbeliebt machten - von den Alchemisten selten genannt,
wie Synesios, ohne sich an der Contradictio in adiecto zu stören, verkün­ aber an seinem Mythos lassen sich wichtige Strukturmerkmale aller
det, der Adept könne «die Armut, dieses unheilbare Übel» heilen (Berth. Schicksale kämpfender Götter und damit die Strukturmerkmale ihrer
(2) 111,63, 226), ist Vorsicht geboten. Wir soUten Behauptungen wie diese Initiationsmysterien deutlich aufweisen.^^
wohl im Lichte des so oft wiederholten, zuweilen wie beschwörenden Schon der Anfang des Dionysos-Mythos zeigt die dramatischen, ja
Hinweises sehen, alle scheinbaren Sachangaben seien mystisch zu ver­ orgiastischen Züge des Gottes, erzählt er doch von seiner zweimaligen
stehen. Eine Tempelinschrift, so behauptet Zosimos, gäbe dem Initiier­ Geburt; Die Prinzessin Semeles ist von Zeus schwanger; von Hera, der
ten folgenden Rat; «Wenn du unsere Schätze entdeckst, überlass das Gattin des Zeus, verführt, bittet sie den Gott, ihr seine wahre Gestalt zu
Gold denen, die sich selbst vernichten wollen. Wenn du die Schriftzeilen zeigen; das karm nur ihren Tod bedeuten; beim AnbUck des Gottes wird
(Hieroglyphen) gefunden hast, die diese Dinge beschreiben, wirst du sie vom Zeichen seiner Macht, dem Blitz, getroffen und gibt sterbend
92 I. Im Schatten der Pyramiden Mysterienkulte 93

ihrem Kind, eben dem Dionysos, vorzeitig das Leben. Zeus nun näht Auferstehung. A uf religiöser Ebene aber löst das Urdrama der Zerstü­
das Kind in seinen Schenkel und verleiht ihm nach einigen Monaten ckelung das alte philosophische Problem der Einheit in der Vielheit: Die
erneut das Leben, und zwar ein göttliches, sodass Dionysos der einzige Entstehung des Kosmos wird verstanden als ein Selbstopfer der Gottheit,
Hochgott der Griechen ist, der eine sterbliche Mutter hat. Dionysos ist als eine Zerstreuung des Einen im Vielfältigen; die Wiedervereinigung,
ein Lysios, ein Löser, der die Menschen er-löst: Voll göttlicher Ergriffen­ die Auferstehung, die Reintegration, die danach stattfindet, wird ver­
heit, Enthusiasmos, treten die Menschen aus ihrer alltäglichen Wesensart standen als Versammlung des Vielfältigen in der ursprünglichen Einheit.
heraus, Ekstasis, und überschreiten in einer Art Selbsterhebung die Wenn wir - wie bei allen mythischen Erzählungen - das Wort <danach>
Grenzen des Menschlichen - bis hin zu grausig blinden Taten, die das nicht zeitlich, sondern als eine wechselseitige Bedingung begreifen - das
Schicksal selbst nachahmen; in der heiligen Bessenheit ist der Mensch Erste ist die Voraussetzung des Zweiten, so wie das Zweite die Voraus­
wie der Gott; er ist in Besitz des Geheimnisses, das die Alchemisten in setzung des Ersten ist -, dann ahnen wir, warum das Thema Zerstücke­
anderer Form und in anderer Ekstase suchen: Ohne wissen zu wollen, lung imd Vereinigung auch alchemisch bedeutsam ist. Hinter dem M y­
weiß er alles, weiß alles, da er in allem ist, und hat das ewige Leben in thos steht ein pantheistisches Weltbild: Gott ist überall; und das bedeutet
den kurzen Augenblicken seines Rausches. Der Gott, der seinen Jüngern für die sinnlich-materialistische Denkweise der Menschen jener Zeit: Die
den Weg in die Selbstentäußerung zeigt, muss selbst Tod und Leben Materie ist von Gott erfüllt. Andererseits kann Gott etwa nach Art eines
zugleich sein. So rückte in den hellenistischen Mysterien der scheinbar alles durchflutenden Lichtes gesammelt, auf einen Brennpunkt zusam­
so ungöttliche eigene Tod des Dionysos in den Mittelpunkt des Kultes. mengezogen werden. In diesem Brennpunkt ereignet sich dann seine
Der Mythos, der sich auf den Tod des Gottes bezieht, sagt Folgendes: Epiphanie, seine - im wahrsten Sinne des Wortes - Erscheinung. Tatsäch­
Vom Hass der Hera verfolgt, wird der Gott in seiner Gestalt als Klein­ lich dient der Mysterienkult der Versammlung des Göttlichen im Brenn­
kind von den Titanen mit Spielzeug angelockt, getötet, zerstückelt, in glas des Initiationsritus. Und was dem Mysterienkult der Initiationsritus,
einen Kessel geworfen und - gut alchemisch - gekocht. Als Zeus von das ist der Alchemie der Wandlungsprozess in der Phiole.
den Verbrechen erfährt, schleudert er seine Blitze gegen die Titanen und Die zweite Nebenbemerkung betrifft eine Quelle der Alchemie, die
erweckt den Dionysos wieder zum Leben, indem er seine Glieder sam­ sowohl historisch als auch psychisch gesehen tiefer reicht als alle helle­
melt und zusammenfügt. Unter allen griechischen Göttern erleidet also nistischen Geheimkulte. Ich meine den Schamanismus, der ja bis weit
allein Dionysos den Tod wie ein Mensch und überwindet ihn wie ein in die schriftlosen Kulturen zurückgeht. Im Zentrum des Schamanismus
Gott, und so offenbart er die verborgene Einheit des Gegensatzes von steht ebenfalls ein Initiationsritus, der des Schamanen bzw. der Schama-
Leben und Tod. nin. Die innere Berufung eines solchen Experten für die Wanderung der
Übrigens wiederholt auch Dionysos selbst aus eigener Kraft das Pa­ Seele in das Totenreich beginnt immer mit einem Abstieg, einem vor
radoxon des Lebens in und aus dem Tode, und das ist ebenfalls etwas allem seelischen Leiden, das mit ritueller Isolierung und Einsamkeit
Einmaliges in der griechischen Religion. Der Gott wiederholt Tod und und mit dem Erlebnis des Todes einhergeht. Die Inhalte schamanisti-
Auferstehung, indem er seine Mutter Semeles auferweckt und in den scher Träume und Ekstasen drehen sich üblicherweise um einen oder
Götterhimmel aufnimmt. Ein Gleiches geschieht sogar noch ein zweites mehrere von folgenden Themenkreisen: Zerstückelung des Körpers, da­
Mal. In einer bestimmten Version des Mythos nämlich errettet Dionysos nach Erneuerung der inneren Organe und der Eingeweide, schließlich
auch die uns aus der Theseus-Sage bekannte Ariadne aus der Unterwelt Fahrt zur Ober- und Unterwelt und Unterredung mit Göttern, Dämonen
und heiratet sie, und d. h. aus ihrem Blickwinkel: Sie vereinigt sich in und den Geistern Verstorbener. Gerade für die Alten Ägypter, dies sei
einer Heiligen Hochzeit mit dem Gott. Ariadne steht dabei für die hier eingefügt, ist Zerstückelung der Tod schlechthin, wenn die Seelen
menschliche Seele schlechthin, die durch die Vereinigung mit Gott erlöst sich vom Körper trennen und frei herumirren, weshalb der ägyptische
wird. Totenkult ja alles daran setzte, etwa durch die Einbalsamierung die
Im Blick auch auf den Traum des Zosimos sind zwei kleine Nebenbe­ Möglichkeit einer Reintegration offen zu halten. Die Zerstückelung, für
merkungen zum Thema der Zerstückelung und Zusammenfügung hier die im Dionysos-Mythos die ältesten, archaischsten Götter, eben die Ti­
wohl angebracht. Wie bei Osiris, der ein gleiches Schicksal erleidet, weist tanen, verantwortlich sind, zeigt darüber hinaus einen psychischen Tod,
die Zerstückelung, Verteilung und Zusammenfügung des Gottes auf sei­ einen psychischen Dissoziationsprozess an, genau wie umgekehrt die
ne ursprüngliche Gestalt als Vegetationsgott hin. Die Vegetation, die ge- Zusammenfügung der Glieder durch Zeus auf eine Reintegration der
heinmisvoll stirbt, erlebt nach der Nilschwelle im ganzen Lande ihre Seele hindeutet.
94 I. Im Schatten der Pyramiden Der Gott der Schöpfung: Ptah 95

So geht es letztlich immer um Erlösung, um Erlösung durch Begeg­ Besuch in der alten Reichshauptstadt Memphis überzeugen können, in
nung mit dem Heiligen. Die Initiation sollte also einen neuen Seins- menschlicher Gestalt auf, was ihn von so vielen ägyptischen Göttern
Zustand des Menschen hervorrufen, sollte einen neuen Menschen unterscheidet, aber diese seine Gestalt ist wie der Körper eines Toten in
schaffen. Und dieser Seins-Zustand konnte nur in in einem Stufenpro­ Mumienbinden gewickelt. In anderen Versionen erscheint Ptah auch als
zess erreicht werden. Dieser enthielt immer mindestens zwei Schritt­ ungeschlachter, bärtiger Zwerg in Kindesgestalt. Ich vermute, dass sein
folgen. Der erste oder die ersten Schritte führten zu einem Tiefpunkt, Kindskörper die Schöpferkraft im noch Unausgewachsenen, Unfertigen
einem Punkt, an dem der Myste sein altes Ich aufgeben musste, und personifiziert, genau wie sein Mumienleib das noch Unfertige, den Neu­
zwar durch entsagungsvolle oder schmerzhafte Riten oder gar durch beginn darstellt, der im Tode auf das nicht richtig, nicht angemessen
einen symbolischen Tod. Die geistige Bewegung des Mysten führte Fertige des Lebens folgt. Ptahs heiliges Tier und sein Mund ist der Apis-
also immer erst abwärts, um dann in mehreren Schritten über das Ni­ Stier, der als Symbol der schöpferischen Fruchtbarkeit ja auch eng mit
veau des Ausgangspunktes aufzusteigen. In den Initiationsriten der dem neuen ägyptisch-griechischen Reichsgott Serapis verbunden ist.
Mithras-Mysterien ist die stufenweise Entwicklung zum Neuen Men­ Als Schöpfergott, als Bildner der Welt, der diese wie der Gott der Bibel
schen über sieben Initiationsgrade hinweg durch eine Leiter aus sieben durch das schaffende Wort und das Werk seiner Hände ins Leben ruft,
Sprossen verschiedener Metalle symbolisiert, die mit verschiedenen ist Ptah auch der Gott der Handwerkskünste, d. h. ein Kulturbringer.
Planeten und Gottheiten in Verbindung standen. Angeblich bestanden Mit seinem unfertigen oder totenstarren Körper hat Ptah, so meine ich,
die Sprossen von unten nach oben aus Blei, Zinn, Bronze (wohl als genau wie seine griechische Parallelerscheinung, der verkrüppelte He­
Kupfer angesehen), Eisen, Metalllegierung (wohl Elektron), Silber und phaistos, das Zweifelhafte, scheinbar Unharmonische des Kulturbrin­
Gold. Der Höhepunkt der Initiation aller uns hier interessierenden M ys­ gers an sich, an dem die Natur sich gewissermaßen kompensatorisch
terienkulte, gleichgültig ob diese Initiation in einem durchgängigen revanchiert. Übrigens führt unser friedfertiger Handwerkergott eine si­
Prozess oder in einer über Jahre sich hinziehenden Entwicklung er­ cher interessante Ehe mit einer wilden und gefährlichen, löwenköpfigen
reicht wurde, ist zugleich der Punkt höheren Wissens, der Punkt der Naturgottheit, der Sachmet. Auch sie, die immer wieder Verheerungen
geheimen Offenbarung, der den Mysten in gewisser Weise mit seinem über die Kultur bringt, wird ihm das tragisch Ungesicherte seiner Werke
Gott eins macht. Das heißt nicht unbedingt, dass der Myste nun mehr recht handgreiflich klargemacht haben.^ Die Griechen sahen ihren Ptah,
und andere, neue heilige Texte oder Sätze kannte als zuvor, es konnte den Gott Hephaistos, den Gott des Feuers, der Schmiede und der Kunst­
durchaus sein, dass ihm Altbekanntes im neuen Licht seines Erlebnis­ fertigkeit, im ähnlichen Lichte, man denke nur an seine Lahmheit und
ses zur Offenbarung des wirklichen Sinnes des göttlichen Schauspiels sein unglückliches Verhältnis zur natürlichen, naiven Schönheit, verkör­
wurde. Daher rührte dann wohl auch die Unfähigkeit, den intellektu­ pert in seiner Ehefrau Aphrodite, die ihn bekanntlich ausgerechnet mit
ellen Ertrag der Initiation aufzuzeigen: Es gab nichts zu sagen. «Es gibt dem Kriegsgott Ares betrügt.
allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.» So interessant Ptah, ob in seiner ägyptischen, ob in seiner griechi­
Und auch: «Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schen Version, auch ist, wir besuchen seinen Tempel nicht hauptsächlich
schweigen.» ((Satz 6522, Satz 7) Wittg. 189) seinet-, sondern der in seinem Dienste arbeitenden Hüttenleute, der Me­
So sagt Ludwig Wittgenstein. Resigniert? Hoffnungsvoll? tallschmelzer, Grob- und Feinschmiede wegen, deren Werkstätten wir
neben den vielen Arbeitsplätzen der Steinmetze finden.
In einem der Tempel-Höfe entdecken wir Männer, die vor kleinen
16. Der Gott der Schöpfung: Ptah Tiegeln und Öfen hocken. Das sind die Spezialisten für die Silber- und
Goldherstellung, was nicht nur bedeutet, dass sie natürliches Silber und
Das Schweigen soll uns nun nicht dazu auffordern, das religiöse Umfeld natürliches Gold durch Umschmelzen mit oder ohne Zuschlag reinigen,
der Alchemie zu verlassen. Zwei Götter, die beide in den Texten des sondern auch, dass sie Metalle oder Metallmischungen, die zunächst
Zosimos erwähnt werden, erfordern noch unsere Beachtung: Der Gott gar nicht nach den entsprechenden Edelmetallen aussahen, in diese ver­
Ptah, dessen Tempel ja als Zentrum der Goldmacherkunst bezeichnet wandeln. Man gewann Silber durch Weißen mit Kadmia, und zur Gold­
wurde, und der Gott Hermes, der als Hermes Trismegistos geradezu herstellung durch Gilbung verwandte man das auch in der Alchemie so
zum Schutzgott der Alchemisten wurde. außerordentlich wichtige Zinnober, das rote Quecksilber(II)-Sulfid, HgS.
Ptah ist ein eigenartiger Gott. Zwar tritt er, wovon wir uns bei einem In einem benachbarten Hof finden wir Schmelzer, die vor hüfthohen
96 1. Im Schatten der Pyramiden Der Gott der Schöpfung: Ptah 97

Hügeln knien, deren Inneres, wie wir wissen, mit Holzkohle, Erzen und mäßigen Ein-Druck, aber dieser Eindruck führt uns zu einem Urteil und
Flussmitteln uns unbekannter Zusammensetzung beschickt ist. An den einer Handlung. Das sollte uns nicht so fremd sein, wie es hier erschei­
Produkten ihrer Tätigkeit, an den verschiedenen Metallen und Metall­ nen mag; denn was in einer Ich-Du-Beziehung geschieht, das entspricht
legierungen, die wir aus Ägypten kennen, können wir ablesen, dass unserem normalen Verhalten Lebewesen gegenüber.^7
diese Hüttenleute ein hohes technisches Können besitzen, dass sie es Wenn wir jetzt annehmen, dass Denken und Fühlen des archaischen
verstehen, oxidierend und reduzierend zu schmelzen und gezielt Me­ Menschen sich vornehmlich in Ich-Du-Beziehungen bewegte, dann soll­
talle und Metallmischungen mit bestimmten Eigenschaften herzustel­ ten wir es als selbstverständlich hinnehmen, dass alles in der Welt dieses
len. Menschen lebendig war: der Gott, das Tier, die Pflanze, aber auch der
Wenn wir sehen, mit welch handfester Nüchternheit und Geschick­ Stein, über den er stolperte und über den er schimpfte wie wir heute
lichkeit die Schmelzer am Tempel des Ptah ihre Öfen bedienen, dann über einen Computer, wenn dieser wie des Fischers Frau, «de Ilsebill»,
sind wir versucht zu glauben, diese Menschen seien eigentlich genau nicht so will «as ick wohl will». Lebendigsein heißt hier, einen Willen
wie wir, nur erheblich unwissender und damit irgendwie schlichter im und Handlungsmöglichkeiten zu besitzen. Der Stein, über den der ar­
Gemüt, was sich aber mit ein bisschen Entwicklungshilfe doch wohl chaische Mensch stolpert, spielt also seinen Part in dem dramatischen
wegentwickeln ließe. Nichts wäre irriger als das. Archaische Menschen Wechselspiel von Eindruck und Handlung, Gefühl und Verstand, das
dachten nicht weniger oder einfacher als wir, sie dachten anders.^'^ Und naan im wahrsten Sinne des Wortes Er-leb-rxis nennen kann. Ein Erlebnis
das betrifft nicht nur ihr Selbstverständnis als Mitarbeiter am Werk des ist übrigens genau genommen einmalig, ist in Raum und Zeit unwie­
Gottes, der ihren Vorfahren in illo tempore, in der Zeit außerhalb der derholbar, obwohl man doch manche Erlebnisse zu einer Art Wieder­
Geschichte, all ihr technisches Wissen durch Vorbild vermittelt hat, das holung bringen und ihnen damit die Zeitlichkeit nehmen kann, so im
betrifft auch allgemein das Verhältnis der archaischen Menschen zur archaischen Ritualfest, so im niedergelegten, im auswendig gelernten,
Umwelt. im geschriebenen Wort, so aber auch im wissenschaftlichen Experiment.
Nun sind grob gesagt drei idealtypische Grundeinstellungen des Und ein zweites Übrigens: Die Intensität eines Erlebnisses ist nicht vom
menschlichen Ich zur Umwelt oder zu Teilen der Umwelt denkbar. Das objektiven Anlass bestinunt, sondern von dem Gefühl, mit dem wir auf
kann man sich am Verhältnis des Personalpronomens Ich zu seinen Ver­ den Anlass reagieren. Denken wir nur an die objektive Banalität der
wandten, den anderen Personalpronomina, ganz gut klarmachen. Liebe für den, der nicht liebt, denken wir an die Offenbarung im Mys­
Für den modernen Intellekt ist die Welt der Phänomene ein Es, sie terium, die nichts offenbart, wenn man nichts fühlt.
wird also in der dritten Person gesehen; für den archaischen Menschen Da wie alles archaische handwerkliche Tun auch die Tätigkeit der
dagegen ist sie ein Du. alten Metallhüttenleute erlebnishaften Charakter besaß, spielte sie sich
Daneben gibt es noch eine dritte Einstellung, die im Grunde ein Ver­ ganz selbstverständlich in der Welt des Lebendigen, ja des Heiligen und
hältnis von Ich zu Ich ist.^^ Dieses Verhältnis ist intuitiv, ist schwer in zugleich des Gegenständlichen ab. Das aber ist auch die Welt des Al-
Worte zu fassen und gilt deshalb als Domäne der Dichter. Wenn wir mit chemisten, und so spiegeln sich auch die Probleme der archaischen Me­
einem geliebten Wesen mitfühlen, dann sind wir gewissermaßen dieses tallhüttenleute zunündest tendenziell in den Problemen der Alchemie
Wesen.^^ Wir können genau genommen nicht einmal sagen, dass wir wider. Diese Probleme waren nicht vor allem technischer, sie waren
uns in dieses Wesen hineinversetzt haben, das würde eine willentliche handfest spiritueller Natur, und handfest soll hier heißen, sie besaßen
Aktivität suggerieren, die wir in Wirklichkeit gar nicht aufbringen kön­ eine geradezu lebensbedrohende Realität. Das gilt für alle Berg- und
nen und wollen. In Wahrheit unterliegen wir unserem Gefühl. Hüttenleute der archaischen Welt, für die ägyptischen wie für die me-
Bei unserer Einstellung zum Es dagegen sind wir aktiv. Wir objekti­ sopotanüschen, über deren Reinigimgsriten und damit über deren Vor­
vieren, wir isolieren, wir beurteilen den Gegenstand vor uns als Gegen­ stellungen wir allerdings etwas besser informiert sind als über die ihrer
stand. Wir versuchen, diesen Gegenstand nüchtern, d. h. rein verstan­ Kollegen vom Nil.
desmäßig, möghchst ohne jeden Eingriff des Gefühls in Beziehung zu Wenn der mesopotamische Bergmann Erze abbaute, griff er im wahr­
anderen Gegenständen zu setzen. sten Sinne des Wortes in die Erde ein und damit in Unterirdisches, in eine
Die dritte Version unseres Verhaltens schließlich ist diejenige, aus der Lebenssphäre, die dem Menschen nicht zugehört. Er drang ein in Trans­
heraus wir dem Du begegnen. Sie ergibt sich aus einer Mittelposition zendentes. Dabei ist es nicht etwa so, dass die Hüttenleute Erze als Mi­
zwischen Passivität und Aktivität: Wir unterliegen zwar einem gefühls­ nerale ansahen, aus denen man Metalle machen kann, um dann zusätz-
98 I. Im Schatten der Pyramiden Der Gott der Schöpfung: Ptah 99

lieh und im Nachhinein diese Erze mit Elementen ihrer religiösen Welt- Metalle beschleunigte. Er ahmte damit die Arbeit des Weltenschöpfers
auffassimg in Verbindung zu bringen, nein, der Hüttenmann nahm das nach und übernahm gleichzeitig eine Erlöserrolle gegenüber der Natur.
Erz von vorherein wahr als Körperteil oder Leibesfrucht eines Gottes und Es konnte und durfte nichts anderes als eine Erlöserrolle sein; der Hüt­
zugleich als Mineral. Alle höhere Bedeutung des Minerals enthüllte sich tenmann musste voraussetzen können, dass die Göttin wollte, dass er
bereits in der bloßen Wahrnehmung und brauchte keine bewusste den­ ihr half; er musste vorausetzen können, dass die Göttin es sich zumin­
kerische Zusatzleistung, um erkannt zu werden. Realanalogien beruhen dest gefallen ließ, dass er ihre Schwangerschaft verkürzte; sie musste
deshalb nicht auf mehr oder weniger lockeren Entsprechungen, sondern gestatten, dass er ihr gegenüber die Rolle der Zeit übernahm.
auf Identitäten im einen und im anderen: Der Gott im Tempel und der Kurz, in den Augen des archaischen Hüttenmannes ist die Materie
Gott im Schmelzofen sind derselbe. Der dunkle Schoß der Erde, aus dem erlösungsbedürftig, und er, der Mensch, ist ihr Erlöser. Erlöser aber kann
der Bergmann die Erze ans Licht förderte, bedeutete nicht nur, sondern er nur deshalb sein, weil er das Werk der Götter nachahmt, weil er es
war der Schoß der göttlichen Erdmutter, und die Erze in ihrem Schoße imitiert. Er tut nichts anderes als die Natur, ihre Ziele sind die seinen,
waren ihre ungeborenen Kinder. Bis weit in unsere Zeit glaubten die imd sie braucht ihn, um mit seiner Hilfe das erreichen zu können, wo­
Bergleute, dass Erze und Mineralien im Berg wachsen, und zwar sowohl nach sie drängt - was nicht das Geringste gemein hat mit der neoro­
quantitativ als auch qualitativ. Wer einmal beobachtet hat, wie sich in mantischen Süßlichkeit einer <Harmonie mit der Natur>. Der metallur­
unserer schlechten Industrieluft Gipskristalle binnen weniger Wochen an gische Prozess ist also grundsätzlich zielgerichtet, und zwar zielgerich­
Sandstein anschießen können, der wird es nicht völlig absurd finden, tet hin auf ein Besseres, ein lebendig Besseres. Und wer das Werden, wer
dass die Bergwerke von Zeit zu Zeit geschlossen wurden, um die Erze die Schöpfung der Natur nachahmt, darf auf seinem Wege niemals um­
sich mehren und reifen zu lassen. Vielleicht erinnern wir uns auch an das kehren, darf niemals einen chemischen Reaktionsschritt in der falschen
bekannte Bergmannslied: «Es grüne die Tanne, / es wachse das Erz; / Richtung durchführen, das wäre nichts weniger als eine Gottesläste­
Gott schenke uns allen / ein fröhliches Herz.» rung. Im Hinblick auf die Alchemie sollten wir beachten, dass im Be­
Aber auch bei aller Fröhlichkeit wusste der archaische Hüttenmann, reich des archaischen Hüttenwesens Nachahmung nicht mehr nur Imi­
dass er mit seinem Tun die verborgenen Wachstumsvorgänge der heili­ tation des Endprodukts bedeutete, sondern Imitation des Prozesses, der
gen Natur gewaltsam unterbrach, indem er der Großen Göttin ihre Kin­ zum Endprodukt führte.
der raubte. Aber er konnte den furchtbaren Frevel bestreiten; er konnte Das eben Gesagte gilt nicht nur für den mesopotanüschen, es gilt
sich vor der Göttin und vor sich selbst rechtfertigen, indem er in einem auch für den ägyptischen Hüttenmann. Zwar sind in einer der vielen
ganz bestimmten religiösen Verständnis handelte. In diesem Verständ­ altägyptischen Kosmologien der Himmel, Nut, weiblich und die Erde,
nis war sein Schmelzofen nicht nur ein bienenkorbähnliches Gebilde Geb, - wohl wegen des Samenstroms des Nils - männlich gedacht,
aus Lehm, er war auch ein Uterus, in dem Embryonen zum Wachstum aber die erzführenden Berge gehören bestimmten, männlichen und
angeregt oder gar erst gezeugt und dann zur Reifung gebracht wurden. auch weiblichen Göttern, die die Erze dort in ganz biologisch gedach­
In gewissen Keilschrifttexten werden Erze denn auch unumwunden als ter Weise wachsen lassen, wobei die Erze zuweilen als göttliche Kör­
Embryonen bezeichnet. Auch wurden Erze oder Metalle, die man für perflüssigkeiten angesehen wurden. A ll das übrigens sollte uns vor­
männlich hielt, und solche, die man für weiblich hielt, miteinander ver­ sichtig machen, wenn wir geneigt sind, <Natur> als etwas Weibliches
mischt, und die Hüttenleute bezeichneten den Schmelzvorgang daher zu sehen. In den Augen auch der Alchemisten mag es zwar Erdgöttin­
auch als Hochzeit der Metalle. Eisen z. B. war männlich, weil es der nen geben, aber keine <Mutter Nahir>, gehörte zur Natur doch im
Himmelsgott im Toben des Gewitters als Meteoreisen auf die Erde Wechselspiel von Makrokosmos und Mikrokosmos auch der Himmel,
schleuderte, um sie zu befruchten. Gold war natürlich ebenfalls männ­ und war Nahir doch - als <Hervorbringendes> - in komplementärer
lich, denn es hatte die Sonne, den Sonnengott, in sich. Silber und Blei Weise alles Männliche und alles Weibliche gemeinsam, bis hin dazu,
dagegen waren weiblich. dass dasselbe Mineral in alchemischer Sicht manchmal männlich,
Wenn nun der Hüttenmann die Hochzeit vollzog, wenn er den Em­ manchmal weiblich sein konnte. Aber, ob Gott oder Göttin: Auch der
bryo im Uterus des Schmelzofens zum Wachsen brachte, wenn er ägyptische Bergmann war sich des Sakrilegs bewusst, das er beging,
schließlich das Metall aus dem Ofen nahm, dann handelte er als Mitar­ wenn er den verborgenen Wachstumsvorgang unterbrach, und auch er
beiter der Natur, er war ein Geburtshelfer, der der Erdgöttin half, schnel­ schützte sich mit der Behauptung, Helfer im göttlichen Werk der Natur
ler niederzukommen, indem er durch seinen Eingriff die Reifung der zu sein.
loo I. Im Schatten der Pyramiden Der Gott in drei Reichen: Hermes

Was aber ist das Endprodukt des Naturprozesses? Was will die Göt­
tin? Sie will aus schwarzem Erz glänzende Metalle machen - und end­ i j . Der Gott in drei Reichen: Hermes
lich aus all den Metallen Gold. Alle anderen Metalle sind unfertiges
Gold, die schließlich im Leib der Erde zu Gold werden, denn Gold allein Der Gott, den die Alchemie für sich in Anspruch ninunt, ist Hermes der
ist Leib wie der Mutter Leib: göttlich und unsterblich. Gold allein unter Dreimalgroße, Hermes Trismegistos. Und wirklich ist Hermes, den wir
allem Irdischen wird von Rost und Tod und Verwesung nicht angegrif­ vielleicht nur als Götterboten oder als Schutzpatron der Herden, der
fen, es ist von Zeit und Zeitlichkeit erlöst; unter allen Kindern der Erde heimlich Verhebten, der Diebe und - welch listige Psychologie - auch
ist allein das Gold unsterblich. Das steht hinter dem Mythos vom El der Kaufleute kennen, sozusagen im Nebenberuf ein Adept von beacht­
Dorado, dem goldenen Gottkönig, das steht hinter dem Mythos der lichem Kaliber gewesen.
Golddeckung, der in Fort Knox oder in Schweizer Tresoren vor sich Hermes der Alchemist, der gewiss eine historische Gestalt und au­
hindämmert. ßerdem nur ein Adept unter anderen gewesen ist, wird von Zosimos als
Anscheinend haben die archaischen Hüttenleute nicht versucht, die Meister der Heiligen Kunst bezeichnet, der umfangreiche Werke zur
Weiter-Reifung der Metalle hin zum Golde zu beschleunigen, vielleicht Verwandlung von Metallen geschrieben habe.^^ Verstreut in der alche-
weil das <Zur-Geburt-Bringen> eines jeden Metalls für sie auch das Ende mischen Literatur gibt es Merksätze und praktische Ratschläge, die ihm
der Entwicklung bedeutete, und dies vielleicht, weil die technischen zugeschrieben wurden. So behauptete er, die Grundsubstanzen des Sil­
Möglichkeiten begrenzt waren, obgleich man sich ja sehr wohl bemüht bers und des Goldes seien schon im Ei der Philosophen enthalten, w o­
hat, Metalle zu <verbessem>. Hier sind sicher Grauzonen des Fühlens, mit hier wohl die Tetrasomie und also Prima materia gemeint ist, wäh­
Wollens und Könnens. Bei den Alchemisten dagegen können wir ganz rend er in einem späteren, einem syrischen Manuskript andeutete, dass
sicher sein: Sie wollten von Metall zu Metall aufsteigen zum immer man unter Prima materia wohl Quecksilber, Mercurius, verstehen müs­
Edleren und versuchten auch hierin, das Werk der Göttin zu imitieren. se, und zwar wegen dessen Verwandlungsfähigkeit.
Warum aber blieb es nicht beim Gold? Warum wollten die Alchenü- Der Name unseres Alchenüsten steht symbolisch für makrokosmisch-
sten über das Gold hinauskommen? nükrokosmische Beziehungen nicht nur zwischen dem Gott Merkur
Eine vorsichtige Antwort darauf könnte lauten: Irgendjemand ging und seinem Planeten, sondern auch zwischen dem Gotte und seinem
irgendwann im Dunkel der Geschichte während des Meditierens über Metall. Das nüt dem unruhigen, wechselhaften Planeten Merkur ver­
das Geheimnis des Goldes noch einen durchaus nicht unvernünftigen bundene Quecksilber besitzt ja nicht nur die frappierende Eigenschaft,
Schritt über das Denken der archaischen Hüttenleute hinaus. Gold ist sich als Amalgam andere Metalle anzuverwandeln, ja sich in andere
passiv, ist wie ein schlafender, ist wie ein unerweckter Gott. Der eigent­ Metalle zu verwandeln, es verbirgt sich auch in ganz verschiedenen
liche Sohn der Erde und der Sonne muss also mehr sein als Gold: Er nichtmetallischen Materien - wir würden sagen, in Quecksilberverbin­
muss das wahre GöttHche, das wahre Heilige repräsentieren. Er muss dungen - und kann zwischen ihnen wandern.
lebendig sein, und zwar aktiv lebendig, und zugleich muss er zeitlos Hermes der Alchemist nun forderte, alle Metalle nichtmetallisch zu
sein, unsterblich, vollendet als das Höchste und Vollkommenste, das die machen, um sie dann zu neuem metallischem Leben zu erwecken,
Erde hervorbringen konnte. Und also muss er, der selbst erlöst ist, andere «denn wenn du die Körper nicht ihrer körperlichen Natur entkleidest
Materie erlösen können. Es ist diese Konzeption eines Steins der Weisen, [d. h. ihnen den Charakter eines Soma ninunstl, und wenn du den un­
die unausgesprochen das Zentrum der Prisca sapientia, der uralten Weis­ körperlichen Substanzen nicht eine körperliche Natur gibst, wird nichts,
heit bildet, auf die sich die Alchemisten immer wieder beriefen. was du erwartest, stattfinden.» (Berth. (2) III, 124)
Aber können die Mysterien einer uralten Metallkunde, die Erze für Die alchemische Tradition will, dass Hermes seine Werke auf Tafeln
Lebewesen hält, überhaupt etwas für die Alchemie bedeuten, die ja erst geschrieben hat, von denen zwei die Zeiten überdauert haben: die
in der späten Antike entstanden ist, in einer Zeit also, in der die Dialoge <memphitische Tafeh und die <Smaragdtafel>, die berühmte <Tabula
von Platon, die Schriften von Aristoteles, die <Elemente der Mathema­ smaragdina>. Die Tafel von Memphis - sie wurde angeblich an einem
tik) von Euklid, die großen Werke zur Astronomie und Geographie von Felsen nahe der Stadt gefunden - trug die Inschrift:
Klaudios Ptolemaios Schullektüre waren? Die Alchemie selbst bejaht «Himmel oben, Himmel unten; Sterne oben, Sterne unten; alles ist
uns diese Frage, indem sie sich auf einen Gott und dessen uralte Weis­ oben, alles ist unten; ninun es hin, es bringt dir Glück.» (Lipp. 1, 57)
heitslehren beruft. Ob dieser Spruch wirklich Glück gebracht hat, sei dahingestellt; im-
102 I. Im Schatten der Pyramiden Der Gott in drei Reichen: Hermes 103

merhin scheint er auf die überragende Bedeutung der Destillation im auch Vermittler zwischen Geist imd Materie, ein Trickster, der Materie
alchemischen Prozess hinzuweisen. spukhaft zu bewegen vermag. Und Hermes, der Listenreiche, ist nicht
Die Inschrift auf der zweiten, dem Hermes zugeschriebenen Tafel nur Herr eines Metalls imd von daher schon halb ein Chenüker, er ist
kann gelesen werden als kurze Darlegung dessen, was die Tafel von auch begabt mit praktischer, ja technischer Vernunft, hat er doch die
Memphis eigentlich meint, sie kann aber auch gelesen werden als Glau­ Kirnst des Feuerreibens und die Leier erfunden, in der sich die List, und
bensbekenntnis. Aber bevor wir uns mit Glaubensbekenntnissen befas­ Techne heißt auch List, mit der geheimnisvollsten aller Künste, mit der
sen, sollten wir etwas mehr nicht über den Alchemisten, sondern über schweifenden, alle Entfernungen überwindenden Musik trifft. Aber
den Gott wissen, dem das Bekenntnis zugeschrieben wurde. auch die dunkle Weisheit ist ihm eigen, denn er besitzt die Sehergabe,
Wie so oft im synkretistischen Spätägypten haben wir in Hermes ei­ und wenn ihn auf der einen Seite List und Verstand auszeichnen, so auf
nen doppelten Gott vor uns. Im Haupttempel von Hermopolis, der in der anderen Geheimwissen und Magie. Er, der Herr der verborgenen,
der Mitte des Landes gelegenen Stadt unseres Gottes, werden wir wohl der dunklen, okkulten Wissenschaften und überhaupt aller Weisheit, er,
kaum den uns vertrauten Hermes zu Gesicht bekommen, den jugend­ der Freund der ewig so menschlichen Menschen, die er in ihrer dunklen
lichen Gott mit den geflügelten Sandalen, dem Helm oder Reisehut auf Verwirrung unter seinen Schutz nimmt, er ist der Gott, der unablässig
dem Haupte und in der Hand den Caduceus, den Heroldsstab mit den die Brücke zwischen der Menschenwelt und dem Bereich des Transzen­
ineinander verschlungenen Schlangen, mit dem der Gott alles, was er denten überschreitet.
berührt, in Gold verwandelt, mit dem er aber auch die Träume der Das alles beantwortet schon halb die Frage: Was eigentlich macht
Menschen regiert und außerdem - wie Anubis, der schakalköpfige To­ Hermes zu einem Alchemisten, ja, zum mythischen Vater und Ur-Lehrer
tengott - die Seelen der Toten auf ihrem Weg in die Unterwelt magisch der Alchemie, als der er in den Augen der Adepten ja galt? Gewiss ist
bannt.^^ Wir müssen auf Thot, den ibisköpfigen oder auch paviangestal- es nicht nur Bewunderung für seine Erfindungen, es ist die Hoffnung,
tigen Gott der Ägypter, gefasst sein, der fast immer außer durch seinen durch Hermes, den Psychopompos, den Seelengeleiter, in kaum erahnba­
Vogelkopf bzw. seine Affengestalt durch die Schreibtafel und den Griffel re Geheimnisse eingewiesen zu werden, die sich gewissermaßen mate­
in seinen Händen gekennzeichnet ist. rialisieren im Stein der Weisen - jener paradoxen Wandlungssubstanz,
Ursprünglich war Thot ein Mondgott, worauf die Mondscheibe, die in der die Materie sich selbst überschreitet, ohne doch das Materie-Sein
er gewöhnlich als Kopfschmuck trägt, hinweist. Vor allem aber galt er zu verlassen. Hermes führt den Menschen auf dem Wege durch das
als Gott der Sprachen und des Schreibens, denn er ist es, der die heiligen Wirrwarr komplexer, aus Himmel, Hölle und Erde stammender und
Zeichen, die Hieroglyphen erfunden hat.7° Zudem ist er, und dies sicher damit kosmischer Geheimnisse, den Weg, den der Adept durchwandert,
in engem Zusammenhang mit seiner Erfindungsgabe, der Begründer um diese Geheimnisse zu überwinden, ohne sie zu zerstören.
der sozialen Ordnung, die in Ägypten ja auf dem Schreiber ruhte, und Auch das Christentum hat an der überragenden Stellung des Hermes
darüber hinaus ein furchterregender Magier, was auf die magische in der Alchemie nichts geändert; bis in die Neuzeit hinein beriefen sich
Funktion der Schrift zurückweist, und last hut not least war er wich­ die Adepten nicht nur auf die faszinierende Macht des hermetischen
tigster Ratgeber im Kreis der Götter.^^ Quecksilbers, sondern auf hermetische Weisheit schlechthin. Das konn­
Thot-Hermes, wie immer er äußerlich vorgestellt wurde, ist ein Gott, ten sie gefahrlos tun, denn zwar nicht als Gott, aber als Kulturmacht
der sich in allen drei kosmischen Bereichen, dem Götterhimmel, der überlebte Hermes den Sieg des Monotheismus. Wahrscheinlich haben
Menschenwelt und dem Totenreich, bewegt. Er ist die Unbestimmtheit ihn nicht zuletzt seine verwirrenden, ihn jeder festen Konturierung ent­
in Person, überall in Bewegung, im Licht der Erde wie im dunklen Reich ziehenden Eigenschaften unfassbar gemacht und verhindert, dass er
des Traumes und des Todes, mal hier, mal da, <ohne Schall der Tritte>; von der neuen Religion umstandslos beseitigt wurde. Zugleich hat sich
überall dringt er ein, alles durchdringt er, und nicht von ungefähr stan­ anscheinend - ganz unabhängig von bestimmten religiösen Grundüber­
den seit alters phallusgeschmückte Pfeiler als Abbilder des Hermes vor zeugungen - eine bestimmte, kaum zu definierende Art zu denken und
den griechischen Häusern und an Wegkreuzungen. In seinem Aspekt zu fühlen in dem alten Gotte konkretisiert, um sich auf diese Weise
der unablässigen Wanderschaft gleicht er seinem Stern, dem Merkur, verschlüsselt, aber irgendwie sinnlich erfahrbar artikulieren zu können:
dem schnellsten aller Planeten, und gleicht dem irdischen Gegenstück Von einem Gott wurde Hermes zum Lehrer aller nach geheimem, über­
dieses Planeten, dem Quecksilber, dem beweglichsten und verbin­ irdischem Wissen strebenden Menschen.^^ Er ist nun ein Wissender,
dungsfreudigsten aller damals bekannten Metalle, und er selbst ist ja dem es in ekstatischer Erfahrung gelingt, in einen <unsterblichen Leib>
104 I. Im Schatten der Pyramiden

einzutreten. Von einigen Kirchenvätern wie Lactantius im Westen und


T Christentum und Gnosis

dass nur eine Gottheit dieses Wissen möglich machen kann. Und so sind
105

Kyrillos im Osten wird er als der den Menschen am nächsten stehende die Texte durchzogen von Gebeten, Anrufungen und Versuchen, Natur­
Gott, der er ursprünglich war, sogar als Vorahner, Vordeuter Christi für kräfte mit magischen Mitteln zu sich heranzuziehen. Und eben darin,
ihre Zwecke ausgebeutet, ja Christus selbst wnirde zuweilen als der Her­ in der Meinung, die Natur und das Schicksal wenn nicht zwingen, so
mes Gottes bezeichnet. Damit aber haben wir nach Hermes, dem Alche­ doch beeinflussen zu können, erweist der populäre Hermetismus seinen
misten, und Hermes, dem olympischen Gott, einen dritten Hermes vor grundsätzlichen Optimismus. Außerdem ist er monistisch-panthei-
uns: Hermes, den weisen Lehrer der <hermetischen Schriften>, den Her­ stisch, glaubt also an die Allgegenwart eines einzigen Gottes in allen
mes des berühmten <Corpus hermeticum>. Naturerscheinungen. Gerade weil er von Gott durchdrungen ist, ist der
Bis in die Neuzeit galten die Schriften des <Corpus hermeticum> als Kosmos schön und damit gut.
uralt, als christlich im Geist, aber vorchristlich in der Entstehungszeit. Die zweite Gruppe hermetischer Schriften zeigt dagegen - bei deut­
Und auch für uns beziehen die Texte, zumindest einige von ihnen, ihre lichen Unterschieden zwischen den einzelnen Texten - eine ganz andere
Faszination aus der Altertümlichkeit, aus der Andersartigkeit, mit der Lebenshaltimg. Die Dialoge bzw. Monologe dieser Gruppe, in denen
zeitlose Probleme menschlicher Befindlichkeit behandelt werden. Tat­ Hermes seinen Schüler Tat - Thot? - in die Geheimnisse der Welt ein­
sächlich sind die meisten der Schriften wohl in etwa zeitgleich mit den weist, sind pessimistisch, wird doch die Welt gewöhnlich als von Grund
Anfängen der Alchemie niedergeschrieben worden, d. h. in den ersten auf schlecht angesehen: «Sie ist nicht das Werk Gottes, jedenfalls nicht
nachchristlichen Jahrhunderten, in denen eine existentielle Unruhe das Werk eines ersten Gottes, denn dieser erste Gott befindet sich un­
durch das Land ging, weitergetragen auf den leisen, den römischen endlich weit jenseits der Materie. Er ist verborgen im Geheimnis seines
Behörden zunächst kaum wahrnehmbaren Sohlen von Predigern neuer Seins.» (Elia. (2) II, 255) Man kann also Gott nur erreichen, indem man
Kulte und vor allem des Christentums. Die Unruhe fraß sich sogar in der Welt entflieht. Man soll sich hier unten <wie ein Fremder> verhalten.
die Herzen der Fellachen, die es doch über Jahrtausende gewohnt wa­ Im Spiegel der hierher gehörigen Schriften des <Corpus hermeticum>
ren, den Anblick der Pyramiden und der Steuereintreiber mit gleicher zeigen sich vor allem Weltangst und Weltverachtung, allerdings auch
Gelassenheit hinzunehmen. Die Unruhe lehrte sie, ihre Würde zu er­ die Möglichkeit einer Weltflucht, wird doch immer wieder hingewiesen
kennen und auf Erlösung von der Unwhirdigkeit zu hoffen. «Unruhig auf die Heilsbedeutung einer Ur-Wissenschaft, die von einem Gott oder
ist unser Herz, bis es ruhet in dir, mein Gott»; es ist, als sei die Stimme einem übermenschlichen Wesen offenbart und unter dem Zeichen des
des Heiligen Augustinus hier schon vernehmbar. Geheimnisses mitgeteilt worden ist.
Und auch die hermetischen Schriften sind Ausdruck einer tiefen kul­
turellen Unruhe. Allerdings sind wir, wenn wir in ihnen blättern, über­
rascht, zu finden, dass beileibe nicht alle Schriften des vielbewunderten 18. Christentum und Gnosis
Corpus philosophischen Tiefgang besitzen. Was wir vor Augen haben,
ist ein Konvolut ganz unterschiedlicher Texte, von denen nur einige echt Ob und wde die Hermetischen Schriften die alchemische Methodologie,
philosphisch-theologische Probleme behandeln. Eine größere Gruppe Theorie und Praxis direkt beeinflusst haben, sei dahingestellt. Dass je­
von Schriften - die Philologie sagt uns, dass sie aus dem dritten vor- doch der Geist der hermetischen Schriften die Alchemie zutiefst geprägt
bis drittem nachchristlichen Jahrhundert stammen - bietet in ziemlich hat, zeigt sich schon daran, dass der dreimalgroße Hermes als Schöpfer
populärer Form Mystisches, Astrologisches und allgemein Geheim­ der Alchemie galt. Dieser Geist, zumindest in seiner welt-pessinüsti-
wissenschaftliches. Die einzelnen Aussagen dieser volksweisheitlichen schen Version, ist der Geist der Gnosis, und so kommen wir um die
Texte brauchen uns nicht zu interessieren, es reicht, zu erkennen, dass Frage nicht herum, ob die Alchemisten Gnostiker waren.
sie in einer Zeit, die von der Allmacht des Schicksals in Schrecken ver­ Unter Gnosis sei hier ein religiöses Lehrwissen verstanden, das in
setzt wurde, dem Suchenden die Geheinrmisse der Natur, und das be­ seiner christlichen Version zu Zeiten des Zosimos als eine bedeutende,
deutet hier die Analogien und Sympathiebeziehungen zwischen den wenn auch später imterdrückte Gegenbewegung zum orthodoxen Chri­
verschiedenen kosmischen Seinsebenen, enthüllen sollen. Mit diesem stentum auftrat, das seinerseits allerdings bis ins vierte Jahrhundert spo­
Wissen karm der Adept sich dann die in ihnen verborgenen geheimen radisch noch staatlichen Verfolgungen ausgesetzt war.^^ In allen gnos-
Kräfte dienstbar machen. Es geht um Wissen, aber um das Wissen eines tisch geprägten Schriften, auch den nichtchristlichen, kann man gewis­
solch komplexen Netzes von Sympathie- und Antipathiebeziehungen, se Grundgedanken wieder erkennen: Alle strengen Gnostiker glaubten
io6 I. Im Schatten der Pyramiden Christentum und Gnosis 107

an einen moralisch zu wertenden Dualismus: Gott ist gut und zugleich zu viel für die orthodoxen Christen, die denn auch - in all dem Hin und
schier endlos fern; die Welt als irgendwie geordnete Materie, Hyle, ist Her, das die Kirchengeschichte durchzieht - auf dem Paradoxon <Chris-
ungeistig, böse oder doch zumindest nicht erlösungsfähig und ist uns tus ist ganz Mensch und ganz Gott> beharrten. Warum aber haben die
zugleich bedrückend nah. Damit nahmen die Gnostiker eine Gegenpo­ Orthodoxen, diese Seiltänzer ohne Netz zwischen <ganz Gott> und <ganz
sition auch zur Stoa und zum Neuplatonismus ein, der die Welt der Mensch> schließlich obsiegt? Weil ihre Behauptungen begreiflich waren?
Materie zwar für den Gegenpol der Welt der Ideen hält, ihr aber nichts Ich glaube, jede echte Religion vermittelt ihren Gläubigen das Gefühl,
im Prinzip Böses unterstellt. Typisch gnostische Sekten lösten das Prob­ dass es Erscheinungen gibt, die zwar, wie sich das für alle uns gewohn­
lem der von ihnen vorausgesetzten Bosheit der Welt dadurch, dass sie ten Erscheinungen gehört, mit sich selbst identisch sind, will sagen, sich
dem Guten Gott einen Demiurgen gegenüberstellten. Der Demiurg ist am selben Ort zu selben Zeit kundtun, die aber in unserem Denken und
ein nachgeordneter Dämon, der aus Unwissenheit um seine Lage oder damit auch in unserer Sprache nie als nicht mit sich selbst identisch
aus Überhebhchkeit den Kosmos erschafft, wenn er nicht gar der Teufel gedacht werden können. Kein mit sich selbst identisches Phänomen
selber ist. Aber es gibt ein Element der Störung in der nahezu perfekt kann in unserem Denken zugleich das eine und das andere sein. Genau
bösen, vom Schicksal tyrannisierten Welt, und das ist der Geist, das das aber, dieses Denken in Komplementaritäten wird uns, zumindest
Pneuma des Menschen. Dieser Geist wird immer dargestellt als abgelöst im orthodoxen Christentum, zugemutet. Genauso ist es eine Zumutung,
oder abgefallen aus dem Bereich des Guten Gottes. Er ist ein Gefangener den Tod als Leben und zugleich als ganz anderes Leben zu begreifen,
in der Materie und der ihr zugehörigen Seele, der Psyche, die hier nicht ist doch das Leben der Auferstehung ein Leben ohne Todesgewissheit
etwa mit dem Pneuma gleichgesetzt wird. Im Gegenteil, in den Augen und ohne Tod. Jesus ist ganz Mensch in einer unwiederholbaren, einer
der meisten Gnostiker wird die Psyche als eine Art Vitalprinzip betrach­ geschichtlichen und darum menschlichen Situation, seine Leiden, seine
tet, die den Menschen an die Zeit und damit an das Leben und damit Ängste, seine Todesfurcht sind die Leiden, die Ängste und die Todesfurcht
an die Materie anklammert. Wie bei den Alchemisten wurden allerdings eines Menschen, und darum steht er seinen Gläubigen ungleich näher
auch bei den Gnostikern die Begriffe <Geist> und <Seele> nicht immer als je einer der antiken Götter. Aber Jesus ist auch ganz Gott, sodass
sauber unterschieden. Einige wenige, auserwählte Geist-Menschen nun Gott, der Gott schlechthin, der Gott, der <den Tod nicht kennt>, von den
können sich aus der Verklammerung und Gefangenschaft befreien, und Gläubigen als ein liebender, als ein menschlicher Gott in einer Ich-Du-
zwar durch Wissen um den Erlösungsweg. Die begnadeten Menschen wis­ oder gar Ich-Ich-Beziehung empfunden werden kann, obwohl er zu­
sen um das Urdrama der Schöpfung, in dem stufenweise verschiedene, gleich in einer über die Göttlichkeit aller antiken Götter hinausgehen­
Äonen genannte Seinsbereiche bis hinunter zum Kosmos entstanden den Majestät verharrt; Er ist unerkennbar in seiner Überzeitlichkeit, A ll­
sind. Und sie wissen, wie der Geist sich stufenweise selbst erlösen und wissenheit und Allmacht, kurz, er ist die höchste Form der Gottesidee,
sich jenseits aller von Dämonen und Geistern und personifizierten Be­ die überhaupt denk- und fühlbar ist.
griffen besetzten Äonen mit dem Guten Gott vereinigen kann. Es geht Eine derartige Manifestation der höchstmöglichen Gottesidee konnte
also um Wissen - <Gnosis> ist Wissen -, und zwar nicht mehr nur um keiner der anderen Mysterien-Religionen gelingen, weil deren Götter
das Wissen, das sich auf das Seiende bezieht, wie Platon es ausgedrückt ja selbst involviert waren in das Drama, das der Myste zu imitieren
hat, sondern ein geheimes, mystisches Wissen im Gegensatz zur Noesis suchte.74
bzw. Episteme, die unserem wissenschaftlichen Wissen aus diskursiver Nun ist die Auffassung: <Gott ist tief verborgen sowohl in uns als
Erkenntnis entspricht. Im Rahmen gnostischen Wissens ist Erkenntnis auch in der Unendlichkeit», auch die Grundüberzeugung, ja das eigent­
Einswerden nüt dem Erkannten. Für die christHch-gnostischen Sekten liche Schlüsselerlebnis der Gnostiker, wenn auch ihre Lösung des damit
bringt Christus diese Erkenntnis. Dabei hat Christus seine Botschaft verbundenen Problems in einer radikalen Ablehnung der Welt bestand.
vom Guten und vom Bösen nicht öffentlich verkündet und auch nicht Ihr Glaube an die Verborgenheit Christi und seiner Lehre in dieser
verkünden können. Er hat sie sozusagen am Demiurgen vorbei in einem bösen, radikal abzulehnenden Umwelt spiegelt sich wider in der Ge­
engen Lehrer-Schüler-Verhältnis als eine Geheimlehre weitergegeben. heimnistuerei der Gnostiker und in ihrer Neigung, verborgene, symbol­
Weil nun aber Christus das Gute schlechthin repräsentiert, darf er in verschlüsselte Hinweise in ganz unterschiedhchen Schriften zu suchen,
den Augen konsequent denkender Gnostiker auch keinen materiellen, diese Hinweise zu harmonisieren und zugleich in poetisch wuchernde
also bösen Leib besitzen. Sein Leib ist Schein, seine Kreuzigung ist allegorische Erzählungen einzufügen, deren Themen immer das Urdra-
Schein, er selbst ist - von der Welt her gesehen - Schein. Das nun war ma und der abenteuerliche, auch als Reinigung begriffene Weg der Seele
io8 I. Im Schatten der Pyramiden Christentum und Gnosis 109

hin zur Vereinigung mit dem Einen waren. Als <Wissende>, als <Begna- Gott, der unterhalb eines Höchsten Gottes der Liebe sein Wesen treibt.
dete im Besitz der Wahrheit> erlagen die Gnostiker oft genug der Nei­ Der geistige Teil des Menschen und damit der Mensch selbst sind ei­
gung, sich über die Unwissenden zu erheben. Genau das ist ja das Är­ gentlich diesem Höchsten Einen zugehörig, aber der Demiurg verführt
gernis an der Gnosis, diese Einteilung in die Guten und die Bösen, in im Verein mit seinen Archonten, den Göttern der Planetensphären, den
US and them, wobei die <Guten> von den <Wissenden> geleitet werden. unschuldigen ersten Menschen dazu, sich dem Schicksal zu ergeben -
Wenn es nur um die Sehnsucht nach Transzendenz geht, und die <Wis- imd zu heiraten. Arme Eva, die von Zosimos ganz wie von manchen
senden> sich in dieser Sehnsucht begegnen, dann mag das <Wissen> ge­ Kirchenvätern mit der unangenehmen Dame Pandora gleichgesetzt
mildert sein durch die Gefühle der Fremdheit, der Unwirklichkeit und wird.7^Der Kampf um die Errettung des den Leiden der Welt anheim
des Staunens, die keinen Platz bieten für ideologischen Fanatismus, der gefallenen Adam wird von Christus geführt, der zwar - wohl um die
sich so gern im Dreieck <Gut>, <Böse> und <Besitz der Wahrheit> einzu­ böse Welt zu täuschen - ganz als Mensch auftritt, aber doch frei ist von
nisten pflegt, ln späteren Ideologien gerade auch unserer Zeit, die jede allen Leiden, und zwar deshalb, weil er erhaben ist über den so furcht­
Beziehung zur Transzendenz und damit auch die relativierende Poesie bar missgeratenen Kosmos. So kann Christus das geheime Wort Gottes
transzendenter Hoffnung verloren haben, aber wird die Gnosis vollends imter die Menschen bringen, und so auch überwindet er, der nicht ein­
zur Pestilenz; denn es ist nun nicht das antigöttliche Böse, es sind die gebunden ist in den Kosmos, den Tod. Das aber, diese Überwindung
Bösen, die anderen, die am Unglück der Welt schuld sind, <erwiesener- des Todes, ist sein eigentliches Geheimnis, das den Erleuchteten, den
maßen>, wie einem die Wissenden weismachen. Das Unglück, sei es in Pneumatikoi, in der geheimen Lehre mitgeteilt wird. Dem Heiland tritt
Gestalt einer Epidemie, einer nationalen Niederlage, eines Absturzes in zwar der uns schon bekannte Antimimos als Antichrist entgegen, um
Arbeitslosigkeit und Armut, kann nicht <bloß objektive>, wesentlich im die Menschen zurückzuführen zu blinder Ergebung an den Kosmos
Ich-Es-Bereich angesiedelte Ursachen haben, das Unglück gehört in den und zur Abhängigkeit vom Schicksal, die Erleuchteten aber entgehen
Ich-Du-Bereich, es wird gefühlt wie eine persönliche Strafe, für die man dieser Versuchung. Und sie wissen auch, so vermerkt Zosimos in einer
selbst und die ebenso vom Unglück geschlagene nächste Umgebung plötzlichen Wendung, warum einigen das alchemische Werk gelingt
keine Schuld trägt. Deshalb muss das Unglück, so flüstert schließlich und anderen nicht. Heißt das nun, dass die Alchemisten wirklich Gno­
der blanke, der hasserfüllte, Verschwörungen witternde Verfolgungs­ stiker waren?
wahn den bedrängten Menschen ein, in den anderen, im them inkarniert Nun kann man sagen: An ihren Metaphern sollt ihr sie erkennen, und
sein. Und so braucht man nur <die anderen> totzuschlagen, um die Ur­ die sind gnostisch. Doch wenn man die Alchemisten Gnostiker nennen
sachen des Unglücks zu beseitigen, um das Glück des ewigen Reiches will, dann sind es Gnostiker einer ganz besonderen Art. Ich glaube, dass
der Reinen, das Reich der Überheblichen herbeizuzwingen. Aber ist das sich die Alchemie zwischen den beiden Geistern des <Corpus hermeti-
alchemisch? cum>, dem pessimistischen und dem optimistischen, angesiedelt hat, ist
Fragen wir die Alchemisten selber, ob sie gnostischen Ideen anhin­ doch die Welt, sprich die Materie, in den Augen der Adepten gleichzei­
gen. Tatsächlich scheint etwa Zosimos, unser wichtigster Gewährs­ tig erlösun^sbedürßig und erlösimgs/äTiig - und zwar als Materie. In die­
mann, eine eindeutige Antwort zu geben, und zwar in einem Text mit sem Sinne geht es den Alchemisten also nicht um Weltflucht, nicht um
dem erstaunlichen Titel <Über die Apparate und Öfen. Authentische Erlösung von, sondern um Erlösung in eben dieser Welt. Und dieses ihr
Kommentare über den Buchstaben Omega>. Hier verbreitet sich der Alt­ Ziel macht die Alchemie zu einem ganz eigenen Unternehmen, auch
meister aller Adepten über die Trägen, die an das Schicksal, die Heim- wenn einige Alchemisten gnostische Mythen übernahmen. Im Übrigen,
armene, gebunden sind und seine, des Zosimos Lehren nicht hören wol­ es sei immer wieder betont, dürfen wir die Alchemie nicht sehen als ein
len. Dabei sei doch nur der Philosoph als wahrhaft Wissender frei vom schlecht durchdachtes Anhängsel irgendeiner philosophischen oder re­
Schicksal. Seinen Bemerkungen lässt Zosimos einen typisch gnostischen ligiösen Denkrichtung. Wenn die Alchemisten Philosophoi waren, dann
Mythos folgen, für dessen Wahrheit er den Hermes, den Zoroaster und Philosophoi höchst eigener Prägung und gewiss keine strengen Meta­
etliche andere Weise als Zeugen anruft, wobei wir Zoroaster als weite­ physiker. Und doch waren sie der Gnosis nah, diese oder jene unter
ren Hinweis auf orientalische Einflüsse nehmen können. Hauptperson ihnen mögen gar gnostischen Sekten angehört haben, und sie waren auf
des Mythos ist jedoch Zeus; dieser aber, der doch von den Stoikern als ihre Weise Hermetiker: Die Berufung der Adepten auf Hermes als den
Logos des Kosmos verehrte, der ordnunggebietende Herr des Olymp, Urvater aller dunklen Weisheit müssen wir vor allem verstehen als ei­
wird bei Zosimos zu einem ekligen Demiurgen, einem Bloß-Schöpfer- nen selbstbestätigenden Rückverweis auf ein nur Eingeweihten zugäng-
HO I. Im Schatten der Pyramiden Ägyptische Alchemisten 111

liches Wissen. Eine solche Rückbindung könnte den Alchemisten, ohne borpraxis hatten, Abschriften von Abschriften der Abschriften nicht nur
dass sie sich dessen bewusst zu sein brauchten, deshalb so zwanglos abgeschrieben, sondern manchmal auch willkürlich mit Zusätzen ver­
gelungen sein, weil beide, Alchemie und Hermetismus, auf das Wissen sehen haben. Kurz, wir müssen hinnehmen, dass alle uns vorliegenden
als Instrument der Erlösung setzten, und zwar auf ein besonderes Wissen, Texte korrumpiert sind.
nämlich das Buchwissen, das sich gleichberechtigt neben die mündliche Die Zahl der Alchemisten, die - meist im dünnen Hemd einiger we­
Unterweisung stellt. Die Gnostiker wissen um die wahre Initiation zur niger Aussprüche - in der alchemischen Literatur herumgeistem, geht
Freiheit des Geistes, so wie die Adepten um die wahre Initiation zur in die Dutzende, und eine historische Wertung ihrer Leistimgen nach
Freiheit der Materie - und damit auch des Geistes - wissen. Nicht im bedeutend und unbedeutend ist oft kaum möglich. Weil aber der A k­
Rahmen von Kulten und Zeremonien, sondern in einem <intellektuellen zent unseres <Quid est alchymia?> nicht auf der Forschung, sondern auf
Zugriff> wurden sowohl vom Hermetismus als auch von der Alchemie der Lehre liegt, können wir unsere Beispiele vor allem daraufhin aus­
die Initiationsschemata der Erlösungs- und Offenbarungs-Mysterien wählen, dass in ihnen einige Grundgedanken der hellenistischen Alche­
imitiert. Dabei ist im Fall der Alchemie ihr Mangel an expliziter Theo­ mie deutlich zum Vorschein kommen.
logie - etwa im Bereich der Christologie - doch recht auffällig, ein Man­ Dabei wird niemand, der die Schriften der ägyptischen Alchemie
gel, der die Alchemisten gegen Ketzereien - auch ihre eigenen - immun liest, einen originalen <Urtext>, einen umfassenden <Basistext> im Siime
machte, weil sie sie selbst nicht durchschauten. Dies, verbunden mit eines selbständigen und systematischen Lehrbuchs der Göttlichen
einem letztlich intellektuellen und privaten Zugriff auf Sachverhalte, Kunst finden. Andererseits wirken alle uns zugänglichen Texte, auch
deren Darstellungen sonst der religiösen Zeremonie Vorbehalten sind, diejenigen, die nicht ausdrücklich als solche aufgezogen sind, wie Kom­
ist sicher mit dafür verantwortlich, dass die Alchemie sich als so er­ mentare zu einem grundlegenden Lehrbuch, das es aber anscheinend
staunlich fähig erwies, Traditionslücken, Kulturschranken, ja sogar ihre nie gegeben hat. Dieses ideale Buch spiegelt sich wider in vielen Zitaten
eigenen Dekadenzperioden zu überspringen, während doch alle spätan­ und Paraphrasen, die immer wieder vorgetragen wurden, und zwar so,
tiken heidnischen Initiationskulte vom aufkommenden Christentum dass der Leser nie recht weiß, ob die unzähligen Facetten und Querbe-
unterdrückt wurden und später in Zeiten innerchristlicher Auseinan­ ziehimgen der Zitate Zeichen sind für ein Buch oder für unzählbar viele
dersetzungen nicht mehr die Kraft fanden, eine einmal unterbrochene Bücher, die ja angeblich in den Bibliotheken der Ptolemäer verborgen
Tradition wieder aufzunehmen. gelegen haben sollen. Immerhin gibt uns - bei allen inneren und äuße­
ren Widersprüchen - eine gewisse formale Ähnlichkeit aller überliefer­
ten Schriften das Recht, von einem Corpus der griechischen Alchemie
19. Ägyptische Alchemisten zu reden. Alle Behauptungen in diesen Texten nämlich sind um be-
stinunte Grundsätze und Erkenntnisse gruppiert, die als Fixpunkte aller
Es steht außer Zweifel, dass die gnostische Flucht aus der Welt des sonstigen Ausführungen dienen. So finden wir oft den Hinweis, dass
Römischen Imperiums ein Klima geschaffen hat, in dem die Alchemie das Werk von Allem, pan, oder auch vom Einen, hen, ausgeht und auf
sich entwickeln und gedeihen konnte. In der Hoffnung, den Einfluss höherer Ebene dorthin zurückkehrt. Immer wieder auch wird mit klei­
dieses Klimas wenigstens hier und da in den griechischen Texten zur nen Variationen der berühmte Satz des Demokrit von der Natur, die die
Alchemie aufspüren zu können, sollten wir uns nun einigen frühen A l­ Natur besiegt, zitiert, und in diesem Zusammenhang wird behauptet,
chemisten zuwenden. Allerdings müssen wir Alexandria dafür verlas­ dass Gleiches Gleiches überwältigt oder sich angleicht, aber auch Glei­
sen, einfach deshalb, weil die wichtigsten <Originalschriften> alchemi- ches Ungleiches. Gleich und ungleich wird dabei gewöhnlich als männ­
schen Inhalts fern von Ägypten in europäischen Bibliotheken aufbe­ lich und weiblich aufgefasst, und so treten viele Substanzen in zweifa­
wahrt werden, dort vor allem in der Markus-Bibliothek zu Venedig und cher Form, als männlich und als weiblich, auf. Oft sprechen die Texte
in der Bibliotheque Nationale zu Paris.^^ Die ältesten dieser Texte stam­ zudem von Samen oder Sauerteig als Substanzen, die den alchemischen
men wohl aus dem 10. Jahrhundert, einige Fragmente mögen ein oder Operationen eine bestimmte Richtung oder Wirkung geben. Auch wird
zwei Jahrhunderte älter sein. Zwischen der letzten Niederschrift alche- unmer wird die Forderung erhoben, das Körperliche unkörperlich und
mischer Traktate und ihrer Abfassung sind also Hunderte von Jahren damit auch aufnahmefähig zu machen, um es dann zur besseren Kör­
vergangen, in denen Generationen von Schreibern, die häufig kaum Ah­ perlichkeit zurückzuführen. Das geschieht üblicherweise durch Vereini­
nung von alchemischem Gedankengut und noch weniger von der La­ gung mit Pneumata: «Tatsächlich heißt diese Verwandlung, nachdem
II2 I. Im Schatten der Pyramiden Demokrit 113

die unkörperlichen Substanzen durch die Wirkung der Kunst einen Kör­ wird noch von einem verloren gegangenen Gespräch mit der Alchemi­
per angenommen haben, Transmutation.» (Berth. (2) III, 191) Zuweilen stin Kleopatra berichtet, in dem Ostanes die Dauer des großen Werkes,
wird behauptet, dass es darum gehe, das innere - okkulte - Wesen der die den Alchemisten zum Gold oder zum Stein der Weisen führt, mit
Substanzen nach außen zu kehren und so «ihre Natur umzuwandeln». einem Jahr angegeben haben soll. Ferner weiß die Überlieferung von
Und natürlich wird bei passender Gelegenheit betont, dass es nicht um einem Schreiben an einen gewissen Petesis, dessen Bruchstücken zu
irgendwelche chemische Umsätze geht, sondern um besondere: um die entnehmen ist, dass Ostanes ein göttliches Wasser, Theion hydor, durch
Melanosis, um die Leukosis, die Xanthosis und die losis. Nicht verges­ siebenmalige Destillation in einem gläsernen Ambix herstellte. Sicher
sen sei auch die immer wiederkehrende Erinnerung daran, dass von steht die Siebenzahl in Analogie zur Zahl der Metalle und Planeten,
mystischen Dingen gehandelt werde, die nur Auserwählte einsehen sicher auch hat das Wasser des Ostanes mit Schwefel zu tun. Und dass
könnten. Dazu gehören dann auch Ratschläge in Hinblick auf die Wahl es göttliche Natur ist, zeigt sich schon daran, dass es zunächst im Ambix
des rechten Ortes, des rechten Zeitpunkts und der rechten Dauer des nach oben steigt, um dann nach unten zu sinken in die finsteren Tiefen
alchemischen Werkes. des Hades, wo es als «Pharmakon des Lebens» die Toten erweckt und
auferstehen lässt. Wenn man neidische Dämonen durch magische Be­
schwörungen vertrieben hat und Gott Beistand leistet, dann kann man
20. Demokrit mit diesem göttlichen Wasser nicht nur Kupfer zu Gold färben, mit
einige Tropfen des Wassers kann man alle Krankheiten einschließlich
Beginnen wir wieder mit Demokrit und der Geschichte von der Säule, der großen Krankheit der Armut heilen. Und mehr noch: «Dieses gött­
die den Anfang seines wohl im i. Jahrhundert n. Chr. geschriebenen liche Wasser lässt die Toten wiederauferstehen und lässt die Lebenden
Hauptwerks <Physika kai Mystika> bildet. sterben; es erleuchtet die dunkel-obskuren Dinge und verdunkelt die
Zur Erinnerung: Demokrit erhält von seinem verstorbenen Lehrer Os- klaren Dinge; es bemächtigt sich des Meerwassers und lässt das Feuer
tanes in einer magischen Begegnung die Aufforderung, «die Bücher im verschwinden. Einige kleine Tropfen dieses Wassers geben dem Blei die
Tempel» zu suchen und findet dort in einer Säule verborgen nichts als Erscheinung des Goldes, mit der Hilfe Gottes, des unsichtbaren und
den folgenden, allerdings kostbaren Spruch, der ohne Zweifel die Kür­ allmächtigen.» (Berth. (2) III, 251)
ze, das heilige Dunkel und die vielfältige Auslegbarkeit eines echten Das ostanische Theion hydor hat es dennoch wohl kaum bis zu E. T.
antiken Orakels besitzt: «Die Natur freut sich über die Natur, die Natur A. Hoffmanns Elixieren des Teufels gebracht. Und Schreckgespenst aller
siegt über die Natur, die Natur herrscht über die Natur.» (Berth. (2) II, Ärzte und Bankdirektoren hätte es auch nicht werden können. Es war
43) wahrscheinlich unsere bekannte Polysulfidlösung mit ihren relativ be­
Der in dieser Geschichte trotz seines postmortalen Zustandes so scheidenen Wirkungen.
selbstverständlich ansprechbare Ostanes ist ein personifizierter Hinweis Mehr als dieser, nur in Bruchstücken erhaltene Lobpreis auf das Gött­
darauf, dass die ägyptische Alchemie von Begirm an mit mesopotami- liche Wasser ist nicht überliefert, und das genügt nicht, um Ostanes zu
schen Weisheiten in Berührung gekommen ist. Der dem Ostanes zuge­ einer selbständigen Figur zu machen. Als blasse Lehrerfigur steht er zu
schriebene Schlüsselsatz, der in der Geschichte der Alchemie unzählige seinem Meisterschüler Demokrit in einem ähnlichen Verhältnis wie der
Male mit sehnsüchtigem Glauben wiederholt worden ist, kann dabei ebenfalls blasse Atomist Leukipp zu seinem Schüler, dem Atomisten
durchaus astrologische Bedeutung gehabt haben, wie denn auch dem Demokritos, der im Übrigen so sehr mit seinem alchemischen Doppel­
Ostanes zugeschrieben wurde, die Astrologie nach Griechenland ge­ gänger verschmolz, dass er als Autor eines Briefes mit rein alchemi-
bracht zu haben. Nach späteren Autoren soll es zu Lebzeiten des Bolos, schem Inhalt an eben diesen Leukipp gelten konnte. Und wie man im
also im 2. Jahrhundert v. Chr., in Ägypten ein Buch namens <Astrologu- Grunde nichts über Leukipp weiß, so weiß man im Grunde nichts über
mena>, Stemverkündigungen, gegeben haben, das in dem Satz gipfelte: Ostanes und dessen eigenständige Leistung. Im Umkreis unseres De­
«Eine Natur wird von der anderen besiegt, ein Gott von dem anderen.» mokrit wimmelt es eben wie bei so manch anderen Adepten von <bio-
(Lipp. 1, 66 f.) Das paßt, so meine ich, sehr gut in die stoische Gedan­ graphischen Angeblichkeiten>, die unsere Phantasie mehr herausfor-
kenwelt, könnte aber auch persisch-indischer Herkunft sein. dem als befriedigen.
Der eine, in der Tempelsäule verborgene Satz ist nicht der einzige Und wenn wir uns den inneralchemischen Seiten Demokrits zuwen­
schriftliche Beitrag zur Alchemie, den Ostanes geliefert haben soll. Es den, geht es uns genauso. Es ist schier unmöglich, eine runde alchemi-
II4 I. Im Schatten der Pyramiden Demokrit 115

sehe Persönlichkeit aus ihm zu machen. Einige seiner chemischen entschieden, wieweit auch philosophisch ungebildete Kompilatoren
Angaben stellen ihn in die Reihe der Papyri-Schreiber, die ihn ja auch chemisch-technischer Rezeptsammlungen im Banne dieser Überzeu­
namentlich erwähnt haben. Es gibt aber auch einen materiephilosophi­ gung standen. Wenn aber irgendeiner der uns vorliegenden Texte uns
schen Demokritos und außerdem einen Demokritos, der die größte tech­ jenseits aller naturphilosophischen Erwägungen sagen will, dass es
nische Erfindung der Alchemie, die den Papyri-Schreibem nach völlig nicht oder nicht hauptsächlich um das Gold-und-Silber-Machen geht,
unbekannt war, bereits mit Selbstverständlichkeit handhabte: die Destil­ sondern um die Begegnung mit der numinosen Natur, dann ist er echt
lation. alchemisch. Es geht dann um eine aus dem Wissen geborene Begegnung
Wenn auch der naturphilosophische Hintergrund der Destillation erst zwischen Mensch und Materie, die zur Weisheit führen soll. Diese nun
im Zusammenhang mit der Alchemistin Maria besprochen werden soll, ist eine ganz besondere Weisheit: Sie kann im wahrsten Sinne des Wor­
so sei doch hier schon betont, dass sich Demokrits Wissen um die A l­ tes mit den Händen ergriffen werden.
chemie durchaus nicht in dem Satz erschöpfte, den er in der Säule ge­ Was den theoretischen und naturphilosophischen Gehalt des Demo-
funden hatte. Im Text der <Physika kai Mystika> schließen sich an die kritschen Traktes angeht, so mögen einige Bemerkungen genügen. Der
Episode mit Ostanes und einen kurzen Exkurs über Purpurfärbung wichtigste Ausgangsstoff für die Herstellung der Edelmetalle ist für De­
noch zwei Kapitel an, die <Argyropoia>, also Silbermacherkunst, und mokrit das Blei, was empirisch begründet wird. Blei lässt sich nämlich
<Chrysopoia>, also Goldmacherkunst, heißen. Beide Kapitel erinnern leicht umwandeln und kann dabei wie ein Chamäleon in vielen Farben
sehr an die Papyri von Leiden und Stockholm und enthalten auch Re­ auftreten, die den Alchemisten alle bekannt sein konnten, «es ist weiß,
zepte, die kaum mit dem Standardverfahren in Verbindung gebracht es ist gelb, es ist schwarz» (Berth. (2) III, 106). Und wirklich: Als Cerussit
werden können. Für die Goldherstellung wird z. B. vorgeschlagen: (Bleiweiß, PbC03> ist es weiß, als Bleiglätte (PbO) ist es mal rot, mal
1. Gilbung der Oberflächen von Kupfer und Silber durch die Röstpro­ gelb (Massicot, Umwandlungspunkt bei knapp 500° C), als Mennige
dukte von Pyriten und Spießglanz, also Sulfiden von Eisen, Kupfer (PbjO^) ist es rot, als Bleisulfid (PbS) ist es schwarz, und vielleicht kann­
und Antimon, sowie durch Schwefel bzw. arsen- oder schwefellie- ten die Adepten sogar Bleidioxid (PbO^), das dunkelbraun ist. Nun ist
femde Präparate, zu denen auch Theion hydor gehört. Blei duktil, also formbar, und besitzt einen niedrigen Schmelzpunkt,
2. Aufträgen goldglänzender Firnisse aus allen möglichen anorgani­ und das bedeutet nach der aristotelischen Materietheorie, dass dieses
schen und organischen Substanzen wie Kadmia, Safran, Eigelb, Metall viel Wasser enthalten muss, mehr als alle anderen Metalle. Des­
Kalbsgalle usw. halb, und natürlich auch, weil es so leicht verbrennt, ist es das unedelste
3. Bereitung goldähnlicher Legierungen aus Kupfer, Silber und Blei, aller Metalle, und das wiederum besagt, dass es am weitesten von Gold
z. B. aus natürüchem Silbersulfid mit Bleiglätte und Spießglas, also entfernt ist, dem - Schmelzbarkeit hin, Schmelzbarkeit her - edelsten
metallischem Antimon. Man kann auch Kupfer mit Blei, Zinn oder aller Metalle. Diese Überlegung und die fast schwarze Farbe des Bleis
Klaudianos verschmelzen, wobei Klaudianos in unseren Augen wohl führten Demokrit zu der Annahme, dass Blei schon eine Art Prima ma-
eine Kupfer, Blei, Zinn oder Zink enthaltende Legierung ist. Zusätz­ teria ist: «To pan, das läuft auf Blei hinaus» (Berth. (2) III, 104); oder wie
lich kann man Quecksilber, Zinnober und Asem verwenden und an­ der Konunentator Olympiodoros im Geiste Demokrits schreibt: «Die
schließend noch eine Gilbung anderer Art durchführen. Alten wussten, dass das Blei schwarz ist. Das Blei besitzt aber auch das
Angesichts all der in <Physika kai Mystika> vorgetragenen nüchter­ Prinzip des Flüssigen; man bemerke die Richtigkeit dessen, was wir
nen Rezepte zur Edelmetallherstellung mag man sich fragen, was De­ oben gesagt haben über die Seele, die vom Prinzip des Flüssigen ange­
mokrits Hauptwerk eigentlich von den beiden chemisch-technischen zogen wird. Denn durch ihr Gewicht neigt es dazu, hinabzusteigen und
Papyri unterscheidet. Kurz gesagt: Es sind die Unterfütterung der Re­ alles an sich zu ziehen. Hiermit sind dir alle Geheimnisse bekannt ge­
zepte mit Erwägungen theoretischer und allgemein naturphilosophi­ macht worden .»77 (Berth. (2) III, 100) Das soll uns aber nicht zu der
scher Art sowie die Einbettung des chemischen Teils der Texte in einen Meinung verführen, ordinäres Blei sei das eigentliche, sei unser Blei.
mystisch gefärbten Traditionsstrom. Das hat Demokrit angeblich aus Antimonsulfid und Mennige gezo-
Um es noch einmal zu wiederholen: Die in der Diadochenzeit und gen,7^wobei er uns aber energisch daran erinnert, dass er nicht «in der
der römischen Kaiserzeit umlaufenden Naturphilosophien und allge­ wahren Bedeutung» spreche, denn «das gewöhnliche Blei ist schwarz
meinen Naturauffassungen stützen die Überzeugung, dass man unedle von Anfang an, das unsere ist schwarz durch die Herstellung und war
Materie in edles Gold bzw. Silber verwandeln könne, und es bleibt un­ es zuerst nicht.» (Berth. (2) III, 102) Ähnlich äußert sich die Alchemistin
ii6 I. Im Schatten der Pyramiden Maria 117

Maria, und Zosimos fügt hinzu, dass die drei anderen Metalle der Te- auch alle anderen, hier nicht erwähnten Behauptungen Demokrits im­
trasomie aus dem Blei stammen, sodass unser Blei - wie an anderen mer ein Weil bereit und wirken im Rahmen seiner Grundauffassungen
Stellen übrigens auch unser Quecksilber - das allen Metallen zugrunde durchaus durchdacht. Demokrit war nicht bloß Technites, er war so
liegende Metall ist. etwas wie ein Materie-Philosoph, und tatsächlich wurde Demokrit oft
Wir, die wir chemisch zu denken gelernt haben, sehen in Demokrits auch schlicht der Philosoph genannt. Mit Hilfe spätantiker Pneuma-Phi-
Gedankengängen zusätzlich zu den geschilderten Problemen noch an­ losophien haben Leute wie er die Vorstellungen archaischer Praktiker
dere, die ihm in ihrer Tragweite gewiss nicht bewusst gewesen sind. in ein theoretisches Licht gehoben, ohne ihren im wahrsten Sinne des
Wie das Gold gehörte nämlich das Blei ganz selbstverständlich zu einer Wortes wunderbaren, numinosen Gehalt dabei zu zerstören. Das ist eine
Familie, in der unser Blei, Ordnungszahl 82, bzw. Plumbum nigrum, bewundernswerte Leistung, denn der Versuch, Dinge ans Licht zu zer­
schwarzes Blei, nur ein Mitglied ist. Daneben gibt es noch das ebenfalls ren, die, um uns anrühren zu können, die unauslotbaren Tiefen der
sehr wasserhaltige d. h. leicht schmelzbare Plumbum candidum, das Dunkelheit brauchen, endet fast immer tödlich.
weiße Blei, das nichts anderes ist als unser Zinn, Oz 50. Darüber hinaus
hielt Demokrit wie alle Chemiker jener Zeit auch das Antimon, Oz 51,
für schwarzes Blei oder zumindest für einen Zwillingsbruder des Plum­ 2 7. Maria
bum nigrum. Ein solch unbestimmtes Blei also liegt dem Tetrasoma,
dem Vierkörper zugrunde, der ja neben Plumbum nigrum und Plum­ Dass mit und nach den Werken Demokrits die Theorie, wie immer sie
bum candidum noch Kupfer und Eisen enthält. Im Tetrasoma stammen begründet war, die Entwicklung der Praxis zu bestimmen begann, zeigt
die wichtigsten potentiellen Eigenschaften vom Kupfer, denn es ver­ sich an der Erfindung funktionsfähiger Destillations- und Sublimations­
mählt sich leicht mit anderen Stoffen, erfreut sich im Sinne des Spruches apparate, die aber üblicherweise nicht dem Demokrit, sondern einer
von Ostanes an ihnen und beherrscht sie. Demokrit vergleicht es mit Schwester im Geist, Maria der Jüdin, zugeschrieben wird, die angeblich
einem Baum, der sich in warmer Luft und gutem Wasser prächtig ent­ ebenfalls Schülerin des Ostanes war. Zumindest hat sie laut Zosimos
wickelt, um schließlich Blüten und Früchte zu tragen, die nichts anderes eine Beschreibung der Öfen gegeben sowie <der Tradition zufolge» den
sind als Silber imd Gold. Die warme Luft und die geeigneten Wässer Tribikos beschrieben.
stammen in erster Linie vom Schwefel, den man verdampfen, schmel­ Dass Frauen wie Maria in Kreisen der Alchemisten auftauchten,
zen und lösen kann, und der durch seine Einwirkung alles färbt. Mit scheint nicht nur im Umkreis des damaligen Judentums, sondern auch
Feuer karm man aus Zinnober und auch aus Arsensulfiden Dünste aus- in einer Kultur, die die Geschwisterehe kannte und die mit diversen
treiben, die als die Seelen oder Geister, als die Pneumata der ursprüng­ Berenikes und Kleopatras ziemlich aktive, auch mörderisch aktive Kö­
lichen Substanzen bezeichnet werden können. Diese Pneumata nun, die niginnen hervorgebracht und mit Hypathia eine neuplatonische Philo­
keinen eigenthchen Körper besitzen, vermitteln die färbenden Eigen­ sophin aufzuweisen hat, nicht außergewöhnlich gewesen zu sein. Lei­
schaften, denn allein Qualitäten sind der direkten Selbstübertragung der ist bei Maria wie bei den anderen Alchemistinnen und übrigens
fähig und können ihre Kräfte in einem neuen Körper entfalten. Das auch den Alchemisten nichts über den beruflichen Hintergrund bekarmt
Mysterium der Goldfärbung ist eine echte Schöpfung, eine Demiurgia; - wenn sie denn einen hatten.
wie die Schöpfung des platonischen Gottes ist sie eine Schöpfung durch Nicht einmal größere Fragmente aus Marias Feder kennen wir. Was
Verwandlung bereits vorhandener Materie. Der Einfluss des lösend und wir wissen, wissen wir aus zweiter Hand, meist von Zosimos. Und dass
vergeistigend wirkenden Pneumas nämlich verwandelt die erdigen und bereits Zosimos ziemlich weit von der historischen Wahrheit entfernt
rohen Eigenschaften des Körpers in feinere und edlere. Und da die Far­ war, zeigt sich schon daran, dass er Maria für Mirjam, die Schwester
be der Ausdruck, das sichtbare Zeichen eines Zustandes, ja der Zustand des Moses hielt, die eine große Zauberin gewesen sein soll. Deshalb
selber ist, bedeutet Umwandlung auch Umfärbimg. Wie diese Um­ auch wird Maria in der alchemischen Literatur oft als Maria Prophetissa
wandlung gedacht ist, mag man erahnen aus der Tatsache, dass Demo­ bezeichnet.
krit es, wie schon gesagt, für wichtig hält, den umzuwandelnden Sub­ Auch <Moses aus dem Binsenboot», dem wir ja im Zusammenhang
stanzen Metallsamen zuzusetzen, der für ihn offensichtlich Träger mit der alchemischen Theorie der Farbgebung ebenfalls schon begegnet
biologischer Funktionen ist, was uns in seiner Welt dichter Analogiebe­ sind, galt als Meister uralter alchemischer Weisheit, hat er doch nach
ziehungen plausibel und wohlbegründet erscheint. Genauso halten Zeugnis der Bibel trinkbares Gold, also das Elixier des Aurum potabile
ii8 I. Im Schatten der Pyramiden Maria 119

erfunden: «... und nahm das Kalb, das sie gemacht hatten, und zer­ mische Opus nicht denkbar. Die Alchemisten haben fremde Vorstellun­
schmelzte es mit Feuer und zermahlte es zu Pulver und stäubte es aufs gen übernommen, und zwar, so ist anzunehmen, Vorstellungen, die für
Wasser und gab's den Kindern Israel zu trinken.» (Exod. 32,20) Es liefen sie und ihre Umwelt so selbstverständlich waren, dass sie vollkommen
aber auch Schriften unter seinem Namen um, die wohl aus der Zeit imauffällig assimiliert werden konnten. Genau hierfür, für eine zwang­
Marias der Alchemistin stammen und u. a. ein Verfahren enthalten, das lose Assimilisation, boten sich vor allem die materietheoretischen Über­
zwar nach ihm benannt ist, das er aber, wie er behauptet, nach Vor­ legungen der Stoiker an: Die Pneumata, die hauchartigen Geister, ma­
schriften des Allmächtigen höchstpersönlich zusammengestellt hat: die chen die grobe Materie zu dem, was sie jeweils ist. Wenn aber der Adept
<Diplosis des Moses>, bei der kalainisches Kupfer - aus Kalais am Sinai? es versteht, diese Geister von ihrem Untergrund zu trennen, zu läutern
- und eine Blei-Kupfer-Legierung mit Schwefel, Arsen, Rettich-Öl - dem und wieder mit grober Materie zu verbinden, ist ihm dann nicht die
Ei-Destillat? - und etwas Gold behandelt wird, um so zu einer uner­ essentielle, auf das Wesen zielende Veredlung, ist ihm dann nicht die
schöpflichen Masse zu werden. Transmutation gelungen? Und auch die wiederholte, die Rückflussdes­
Maria wird weder vom goldverdoppelnden noch vom goldrecyceln­ tillation bzw. -extraktion konnte stoisch gedeutet werden: Das Destillat
den Moses der Bibel etwas Grundlegendes gelernt haben und könnte durchwandert immer wieder den großen und den kleinen, den oberen
so auf eine Verwandtschaft mit ihm sehr wohl verzichten. Aber selbst und den unteren Kosmos und nimmt dabei die Geheimnisse des Oben
wenn Maria nicht aus den höchsten und ältesten Kreisen Israels stamm­ und Unten und ihrer Beziehungen in sich auf: Ano kai kato, nach oben
te, macht ein überlieferter Satz doch deutlich, dass sie immerhin Jüdin und nach unten, und das heißt auch: hinauf in den Bereich des zum
war. Das ist vor allem deshalb erwähnenswert, weil es darauf hindeutet, Himmel gehörigen und <männlichen> Destillieraufsatzes und hinab in
dass die alexandrinische Alchemie neben oder gar vor einer ägyptischen den Bereich des zur Erde gehörigen und <weiblichen> Destillierkolbens.
auch eine jüdische Quelle hatte. Wenn wir bedenken, dass vor dem Anscheinend wurde der ganze Vorgang auch als ein Prozess der Ver­
Jüdischen Aufstand Hunderttausende von Juden in Alexandria ge­ geistigung gedeutet: Das Destillat wurde immer pneumatischer, und
wohnt hatten, unter ihnen so hochgebildete Kenner der griechischen das bedeutet, dass es, um ein wahrer Leib zu werden, schließlich nüt
Kultur wie Philon, und dass das ägyptische Judentum danach so gut Körperlichem vereinigt werden musste. So ist wohl die schon genannte
wie untergegangen war, dann können wir Marias Behauptung als Hin­ Vorschrift von Zosimos und anderen zu erklären, die bis zur Xanthosis
weis darauf nehmen, dass sie bereits vor 70 n. Chr. gelebt hat.*° gebrachte Substanz vor der losis in zwei Hälften zu teilen, die dann
Die Chemie der Maria scheint sich einerseits nicht wesentlich von offensichtlich nach getrennter Behandlung wieder vereinigt werden
der des Demokrit unterschieden zu haben, andererseits war es Maria, sollten.
die mit ihrer Erfindung des Ambix und des Kerotakis der Alchenüe Die technischen Vorschriften der Alchemisten sind also auch ohne
gewissermaßen zu ihrem Recht verholten hat. Nun galten beide Alche­ Anleihen aus der Metaphysik und Ethik der Stoiker ganz gut aus den
misten als Schüler des Ostanes, und beide werden durch die Brille des Grundsätzen stoischer Physik begründbar. Andererseits ist auch für den
Zosimos gesehen, für den die Destillation die chemische Operation Alchenüsten eine Weisheit ohne Gott-und-die-Welt nicht möglich: Er
schlechthin war. Und auch andere griechische Manuskripte lassen kei­ musste sich auf sie einlassen und er hat sich auf sie eingelassen. Dabei
nen Zweifel daran, dass Destillations- und Sublimationsprozesse schon bot ihm, so meine ich, der allgemeine, oft sicher nicht durchschaute
früh eine unverzichtbare Rolle im alchenüschen Opus spielten. Das Synkretismus im spätantiken Denken reichlich Gelegenheit, die von ih­
aber, meine ich, deutet hin auf eine ebenso zentrale Rolle des Pneuma- rem ursprünglichen Überbau getrennte, gewissermaßen ungeschützte,
Konzepts im Rahmen alchenüschen Materiedenkens und macht Demo­ stoische Materietheorie nüt einem anderen Überbau zu versehen, und
krit und Maria zu Exponenten dieses Denkens. Es sei noch einmal be­ dies so unauffällig, dass er sich dessen selbst nicht bewusst zu werden
tont, dass die Alchemisten, denen es ja primär um Erlösung und nicht brauchte. Hier, im Überbau, in der Superaedificatio, wie die Scholastiker
primär um eine rational-metaphysische Welterklärung ging, sich um die etliche Zeit vor Karl Marx schon sagten, konnte Platz sein für den Neu­
Frage, «was die Welt / im Innersten zusammenhält» - sieht man von platonismus, für das orthodoxe Christentum, für eine allerdings <alche-
Doktor Faustus ab - niemals wirklich, d. h. systematisch-naturphiloso­ nüsierte> Gnosis und sogar für die Stoa selbst, indem sich Bilder ihrer
phisch bemüht haben und eine Übernahme von Elementen anderweiti­ Weitsicht nüt Bildern anderer Weltsichten mischten.^ ^
ger Welterklärungen denn auch nirgends erwähnen. Ohne eine zumin­ Allerdings erwähnen weder Maria noch irgendeiner ihrer Kollegen
dest implizite Theorie aber sind zielorientierte Prozesse wie das alche- auch nur einen unter all den stoischen, neuplatonischen und sonstigen
I. Im Schatten der Pyramiden Maria

Spätantiken Philosophen, die den Gebildeten der Zeit doch durchaus gnesia bzw. im Molybdochalkos sind Silber und Gold <der Möglichkeit
bekannt gewesen sein müssen. In der alchemischen Tradition, so bei nach>, dynamei, schon vorhanden. Eben deshalb bezieht sich die Bezeich­
Zosimos und anderen, wurde zwar Aristoteles - neben Demokrit und nung <To pan> sowohl auf das Endprodukt, den Stein selbst, als auch
Platon - als Adept angesehen, dagegen tauchen die Namen von Zenon auf die Ausgangssubstanz: Hen to pan. Eines, das Alles ist. Und im <To
von Kition, dem Gründer der stoischen Schule, und auch die ihrer an­ pan> konnte man im Fühlen der Zeit sicher auch die Flöte des Großen
deren Exponenten wie Chrysipp oder Poseidonios nirgends auf. Sie Gottes der Natur anklingen hören.^^
werden verschwiegen, genau wie der Name Plotins, des ersten großen Auf den gedanklichen Gehalt, der in der alchenüschen Praxis der
Neuplatonikers, oder der des Porphyrios, seines bedeutendsten Schü­ Maria enthalten ist, werfen zwei ihr zugeschriebene Sprüche ein gewis­
lers. A ll die Stoiker und Neuplatoniker und übrigens auch die Kirchen­ ses Licht. Der eine lautet: «Eins wird Zwei, und Zwei werden Drei, und
väter und die Häupter der gnostischen Schulen standen den Alchemi­ mit Hilfe des Dritten erfüllt das Vierte die Einheit, so sind Zwei nur
sten wohl zeitlich zu nah, um im Mythos der Prisca ars einen Platz Eins.» (Berth. (2) II, 404; III, 389)
finden zu können. Offensichtlich spiegelt dieser Satz die tiefe, ja bereits von den ioni­
Auch Maria griff nicht auf bestimmte Philosophien zurück, sondern schen Naturphilosophen und wieder von den Stoikern und den Neu-
auf das traditionelle Wissen ihrer Göttlichen Kunst und damit auch platonikem ausgesprochene Überzeugung wider, dass die Vielheit Ein­
auf den damaligen chemisch-technischen Kenntnisstand. Als Erfinde­ heit ist. Aber er hatte anscheinend auch praktisch-didaktische Bedeu­
rin des Kerotakis und des Tribikos hat sie diesen Kenntnisstand vom tung, wie man gewissen Erklärungen von Zosimos entnehmen kann:
Technischen her entscheidend erweitert, und sie hat damit in einem, «Wenn zwei nicht eins werden, d. h. wenn die flüchtigen Substanzen
auch für eine normale Naturwissenschaft typischen Wechselspiel von sich nicht mit den fixen [nichtflüchtigen] Substanzen verbinden, wird
Empirie und Theorie auf einen theoretischen Erfindungsdruck geant­ nichts von dem, das erwartet wurde, stattfinden. Wenn man nicht weiß
wortet. färbt und wenn die beiden nicht drei werden mit dem weißen Schwefel,
<Typisches Wechselspieh heißt hier: Die allgemeine Lehre der Alche­ der weiß färbt, [wird nichts von dem, das erwartet wurde, stattfinden].
mie bestimmte darüber, wie die Erfindungen der Maria zu nutzen seien. Aber wenn man gelb färbt, werden die drei vier; denn man färbt gelb
So ist es ihr mit Hilfe des Kerotakis gelungen, eine perfekte Melanosis mit dem gelben Schwefel. Endlich, wenn man violett färbt, gelangen alle
durchzuführen. Dazu stellte sie eine Blei-Kupferlegierung, den Molyb- [Substanzen gemeinsam] zur Einheit.» (Berth. (2) III, 192)
dochalkos, wörtlich <Blei-Kupfer>, als ein Zwischenmetall zwischen Pb So gesehen ist im Satz der Maria, der in der gesamten Geschichte der
und Cu her, das an sich schon dunkel ist und deshalb bereits als <to pan> Alchemie ungeheuer einflussreich gewesen ist, der ganze alchemische
bezeichnet werden kann. Den Molybdochalkos pulverisierte sie und Prozess wiedergegeben. <Aus zwei mach eins> könnte die Melanosis
setzte ihn Schwefeldämpfen aus, um so - beide Sulfide sind schwarz - durch Umsatz von Schwefeldämpfen mit Kupfer oder Molybdochalkos
ein durch und durch schwarzes Produkt zu erhalten. Im gleichen Sinne meinen. Der <Zweikörper> würde dann in der Leukosis mit <weißem
ließ Maria im Kerotakis Schwefeldämpfe auf kleine Kupferblättchen Schwefeh zu drei werden, wobei der Teufel natürlich im <weißen
einwirken. Dass sie Kupfer an den Anfang des alchemischen Prozesses Schwefeb steckt: Was ist er, ist er Arsenik, ist er Quecksilber, ist er Zinn,
gesetzt hat, kommt sicher nicht von ungefähr, denn Kupfer ist wie Blei was, zur Verzweiflung der Alchemisten, ist er sonst? Und aus drei wird
ein Reservoir von Farben, war es doch schon im Altertum in Form zw ei­ dann vier durch Behandlimg nüt Theion hydor. Die losis endlich schließt
er Oxide, eines roten (CU^O) und schwarzen (CuO), sowie blauer und den Kreis, indem sie den Lithon ton philosophon, den Stein der Wei­
grüner Erze und Salze bekannt; außerdem ist es dem Golde näher und sen, ergibt, der ja, wie auch die Prima materia, alles in einem enthält
es zeigt, wenn man bei der so genannten Kupferzementation Eisenteile und so - auf höherer Ebene - die Einheit darstellt. Ich bin, bisher sozu­
in blaue Kupferlösungen taucht, seine vorzügliche Fähigkeit, andere sagen ungeschützt, der Auffassung, dass der Satz der Maria tief im
Somata zu tingieren, anders gesagt zu transmutieren. pythagoreischen Konzept der Tetraktys, der <Vierheit>, wurzelt, die aus
Wenn im Zusammenhang mit der von Maria durchgeführten Mela­ den ^ h le n i, 2, 3, 4 besteht. Für die Pythagoreer aber, die an einen
nosis von einer durch und durch schwarzen Substanz als einer Prima Aufbau der Welt aus <Realitätspunkten> und an die realitätsschaffende
materia die Rede ist, dann ist damit nicht gemeint, dass diese Substanz Macht der Harmonie glaubten, enthielt die Tetraktys das Geheimnis der
qualitätslos und tot sei. Was Pneuma aufnehmen kann, mag tot wirken, Welt, weil sie in sich die grundlegenden musikalisch-harmonischen Ver­
aber es trägt die Möglichkeit eine Wiederauferstehung in sich. In Ma­ hältnisse 2:1 (Oktave), 3:2 (Quinte), 4:3 (Quarte) umgreift und außer­
I. Im Schatten der Pyramiden Maria 123

dem, wenn man ihre zehn Realitätspimkte zu einem gleichseitigen, also


vollkommenen Dreieck ordnet, dieses die kleinste Punktmenge ist, die
Reahtät erzeugt, bildet sie doch wegen des Punktes, der die Leere in der
Mitte des Dreiecks füllt, die erste kleinstmögliche Fläche, aus der Körper
entstehen können. Um der Tetraktys willen bestand der pythagoreische
Kosmos zudem aus zehn Himmelskörpern, die in gewaltiger Welten­
harmonik umeinander kreisen und so die bekannte Sphärenmusik er­
zeugen, die wir nur nicht hören können, weil wir sie immer hören. So
repräsentiert die Tetraktys vor allem die Einheit, das Hen to pan der
Welt.
Der zweite Ausspruch Marias lautet: «Verbinde das Männliche und
das Weibliche und du wirst finden, was gesucht wird.» Und sie fährt
fort: «Tatsächhch wird ohne den Vorgang dieser Vereinigung nichts zu­
stande kommen; denn die Natur freut sich der Natur ....» (Berth. (2)
II, 201; III III, 196)
Wenn wir uns an <so wird zwei nur eines> erinnern, dann klingt die
Aufforderung von Maria nicht geradezu sinnlos, und wir können wohl
annehmen, dass das, <was gesucht wird>, so etwas wie der Stein der
Weisen ist, was immer das sein sollte.
Was aber heißt <männhch>, was heißt <weiblich>? Ist Gold männlich
und Silber weiblich? Als Naturwissenschaftler befragt, fänden wir
wahrscheinlich bereits die Frage abwegig, denn beide Begriffe beziehen
sich doch zunächst und vor allem auf den Bau und die Funktionsweise
der Reproduktionsorgane, und Silber und Gold besitzen so etwas be-
kannthch nicht. Silber ist nicht wie die weibliche Spinne, die weiblich
ist, weil sie Eier legt, und Gold ist nicht wie die männliche Dattelpalme,
die männlich ist, weil sie Blütenstaub hervorbringt.^^ Offensichtlich also
meint Maria etwas anderes als eine Funktionszuschreibung im Repro­
duktionsvorgang. Wie alle Alchemisten zielt sie auf eine Analogie zum
Wesen des Menschen.
Mit diesem etwas umständlichen Hinweis haben wir das Problem
allerdings noch nicht in Wohlgefallen aufgelöst, denn die mensdüiche
Sprache kann keine menschliche Eigenschaft nennen, die nicht auch r
dem jeweils anderen Geschlecht zukommen könnte. Mit männhch
und weibhch meinen wir etwas Hochkomplexes und in seinen Einzel­
zügen nicht wirklich Quantifizierbares, das sich der rationalen Analyse
Das Bild symbolisiert die vollkommene Solution, die Vereinigung des Solaren (Sulphur)
letzthch entzieht und sich bestenfalls einem mehr oder weniger sicheren und des Lunaren (Silber) in gemeinsamer Lösung. (Rosarium philosophorum,
Gefühlsurteil unterwirft. Wir haben ein Vorverständnis vom Weiblichen, 16. Jh., Stadtbibliothek Vadania, St. Gallen, M s. 394 <^>f-3 4 ')
ein Vorverständnis vom Männlichen, über das wir denkend kaum hin­
auskommen können und das dennoch zur Grundlage unseres Selbst­
verständnisses als Menschen gehört. Wir haben auch ein Vorverständnis
unseres Daseins als Mängelwesen, auch im Verhältnis der Geschlechter.
Ohne die jeweils andere Seite des Geschlechtlichen ist unser Dasein in
124 I. Im Schatten der Pyramiden Maria 125

geheimnisvoller Weise unfertig. Wir spüren einen Überschuss an Nuan­


cen im jeweils anderen, der uns hinausführt auf das Meer sehnsuchts­
voller Abenteuer, <wissen> wir doch, dass zur Vollkommenheit auch das
jeweils andere des Menschlichen gehört, eine Coincidentia oppositorum,
eine Vereinigung der Gegensätze zu einer höheren Seinsform. Auch in
den Augen der Alchemisten verlangen das Weibliche und das Männli­
che nach einer Coincidentia, einer komplementären Coincidentia, die
nicht eine Mischung sein kann, wie etwa das Laue eine Mischung des
Warmen imd des Kalten ist.
Wollen wir das Denken der spätantiken Menschen und das der A l­
chemisten verstehen, dürfen wir allerdings den Dualismus männlich­
weiblich nicht isoliert sehen, sondern müssen ihn erkennen als nur eine,
wenn auch grundlegende Manifestation einer allgemeinen Polarität, ei­
ner Polarität, die nach Auffassung nicht nur der ägyptischen Griechen
den - eben auch deshalb wohl geordneten - Kosmos durchzieht, weil sie
Denken oder Denkbewegung bedeutet. Das erste Strukturelement des
Denkens überhaupt ist der Gegensatz. Und der Gott des Alten Testa­
ments hat ja die Welt durch Scheidung von Licht und Finsternis, Erde Sonne und M ond, M ann und Frau, Festes und Flüchtiges, Sulphur und M ercurius
und Wasser geschaffen. kämpfen miteinander. Jedes dieser Prinzipien enthält auch sein Gegenteil: daher die
Nun gibt es, wenn man den Begriff weit fasst, verschiedene Typen Symbole auf den Schilden. (Aurora consurgens, spätes 14. Jh., Zentralbibliothek Zürich,
Cod. rhenovacensis 1/2, f. 10)
von Polaritäten, von dialektisch auflösbaren über umkehrbare, über se­
rielle bis hin zu in dauerndem Dualismus erstarrten, die alle als <natür-
liche Zweiheiten> zu begreifen sind. Dabei sagt <Zweiheit> nicht, dass keine Anziehungskraft aufeinander ausüben, d. h. sich gegenseitig nicht
ein Einzelding, etwa der Mensch, nicht in mehrere polare Verhältnisse verbinden.
zugleich eingebunden sein kann. Und wenn wir uns die jeweils einzel­ Doch all diese Substanzen sind Repräsentanten nicht nur der Zwei­
nen Verhältnisse ansehen, bemerken wir, dass sie durchaus nicht gleich- heit, sondern auch der Einheit: Der eine Pol enthält den anderen Pol, und
gewichtig im Sinne einer gleichen Polstärke zu sein brauchen. Außer­ sei es nur in dem Sinne, dass er ohne ihn nicht denkbar ist, wie es in
dem brauchen die Pole nicht immer den gleichen Abstand zu haben. einer mittelalterlichen alchemischen Darstellung eines Geschlechter­
Gefühlsmäßig ist der Abstand Ich-Es größer als der Abstand Ich-Du. kampfes so schön geschildert wird: Sol, auf dem Löwen reitend, kämpft
Wenn wir uns nun der Welt alchemischer Materievorstellungen zuwen­ im Turnier mit Lima, die auf dem Greifen reitet, Sol aber trägt im schüt­
den, können wir feststellen, dass die Alchemisten diese Welt nach Po­ zenden Schild das Wappen seiner Gegnerin, nämlich drei silberne Halb­
laritäten aus einem gemeinsamen Sein heraus geordnet haben, wobei monde, und Luna schützt sich mit dem Bild der Sonne. Eine Vereini­
mal das Gemeinsame im Vordergrund stand, mal das Polare und ge­ gung von Sol und Luna bedeutet zwar auch den Tod; weil aber das eine
genseitig Attraktive, während das gemeinsame Sein einfach vorausge­ schon im anderen lebt und weil es sich als kosmische Kraft nicht selbst
setzt wurde. So redeten die Alchemisten von männlichem Schwefel und zerstören kann, ist der gemeinsame imd eben nicht gegenseitige Tod von
weiblichem Quecksilber, die sich vereinigen können, sie redeten aber Sol und Luna keine gegenseitige dialektische Vernichtung. Der Tod ist
auch von männlichem imd weiblichem Schwefel, von männlichem und nicht absolut, und er bedeutet zugleich eine Wiederauferstehung in an­
weiblichem Quecksilber, männlichem und weiblichem Stimmi (Anti­ derer Seinsweise. Aber die Wiederauferstehung kann, wenn es sich um
monglanz, Stibnit oder Grauspießglanz Sb^Sj), von männlichem und eine gleichgewichtige Vereinigung beider kosmischer Gewalten handelt,
weiblichem Karneol, «wobei die größeren, härteren, dunkleren und nur etwas Paradoxes an sich haben: Symbol dafür ist der Hermaphrodit,
glänzenderen Exemplare für die männlichen gelten». (Lipp. 1,2oif.) der allerdings in der ältesten Alchemie nur ganz am Rande erwähnt
Auch Verbindungen, die wir für chemisch unterschiedlich halten wie wird. Dort dient er als Synonymon für Theion hydor und dies sicher
Chrysokoll und Chrysolith, wurden als Paare angesehen, obgleich sie wegen dessen <zwittriger> Rolle bei der Weiß- und Gold- bzw. Rotfär­
126 I. Im Schatten der Pyramiden Kleopatra und Isis

bung. Seine höchste Dramatik entfaltet der Hermaphrodit erst in der einem anderen zu wechseln, auch wenn man im Nachhinein auf einen
europäischen Alchemie. Mechanismus des Wechsels, etwa im sozio-ökonomischen Bereich, hin-
weisen könnte..
Dem Thema des Männlichen und des Weibhchen nun begegnen wir
22. Kleopatra und Isis auch bei einer Alchemistin namens Kleopatra, die in vieler Hinsicht
Ähnlichkeit mit Maria besitzt. Auch sie galt als große Zauberin, und
Wenn wir uns die von Maria beschworene Polarität des Männlichen und auch sie machte im Laufe der Jahrhunderte eine märchenhafte Karriere.
Weibhchen genauer ansehen, dann zeigt sich, dass sie letztlich auf dem Während Maria es zur Prophetin und Schwester des Moses brachte,
aristotelischen Konzept <informierter Materie> beruht. Dabei werden die avancierte Kleopatra zu der uns allen bekannten Königin, die es ja im­
Grundeigenschaften aller Materie so verteilt, dass dem Männlichen die merhin verstand, einige römische Potentaten zu be- oder verzaubern.
Qualitäten trocken und heiß, dem Weiblichen die entsprechenden Qua­ Die Zaubermittel, die sie dabei angewandt hat, sind uns allerdings recht
litäten feucht imd kalt zukommen. Das, so verdeckt es noch in den vertraut. Es sind raffinierte Kosmetika, über die unsere Kleopatra ein
wenigen Fragmenten Marias erscheint, entspricht ganz der alchemi- ganzes Buch verfasst haben soll. Außerdem wurde ihr die Erfindung
schen Tradition und mehr oder weniger deutiich auch dem Selbstver­ von Destillationsapparaten zugeschrieben, was uns ja auch an Maria
ständnis der Menschen bis in die Neuzeit. So war es - beeinflusst von erinnert. Hier gleichen sich die beiden Alchemistinnen sogar so sehr,
den biologischen Vorstellungen des Aristoteles - in Kreisen der Ärzte dass ihre möglichen Patentansprüche nicht auseinanderzuhalten wären.
übhch zu glauben, dass sich aus der Kälte und Feuchte des Weiblichen Sicher auch aus diesem Grunde wird sie im arabischen Verzeichnis des
für die Frau physiologische Konsequenzen ergäben: Ihre Kälte verhin­ <Fihrist>, einer der wichtigsten Quellen für die Namen alchemischer A u ­
dere z. B., dass ihr <Same> - falls überhaupt ein solcher zugestanden toren (987 n. Chr.), als Zeitgenossin der Maria bezeichnet.
wurde und der Uterus nicht nur die Stoffgrundlage für den Föten liefern Die Gleichsetzung imserer Adeptin mit der Geliebten Julius Caesars
sollte - nicht bis zur höchsten Stufe gekocht werden könne, sondern - und, sozusagen im selben Atemzug, mit einer Zeitgenossin der Maria
wie aus der Menstruation ersichtlich - blutähnlich bleibe. Auch seien Prophetissa zeigt nur, dass die alchemische Tradition von keinerlei his-
die weiblichen Genitalien mangels Wärme nach innen eingestülpt, was toriographischen Problemen geplagt wurde. Dabei ist es, urteilt man
umgekehrt als Beweis für die Kälte des Weiblichen dienen konnte. Die nach den Bruchstücken eines Werkes von Kleopatra über die Goldma­
Kälte aber ist mit dem kalten Silberlicht des Mondes verbunden. Dass cherkunst, weder so, dass Maria ein halbes Jahrtausend vor Kleopatra,
der in fast allen Sprachen weibliche Mond wie auch das ihm korrespon­ noch dass sie gleichzeitig mit ihr gelebt haben kann. Kleopatra hat wohl
dierende Metall Silber eine Beziehung zur Frau haben, beweist sich im etwas später als Maria gelebt und steht Maria nur insofern nahe, als sie
Übrigen auch darin, dass auch der Mond einen Zyklus durchläuft imd deren Gedanken fortspinnt.^^
damit wechselhaft ist wie alles Weibliche. So fand die <Theorie des Weib- Auch für Kleopatra ist die Materie sexualisiert, und in ihrem Werk
lichen> in einer wie ein Ouroboros in sich selbst zurückkehrenden Kette über die Goldmacherkunst, <Chrysopoia>, sieht auch sie in der frucht­
von Beweisen ihren Halt imd ihre Fessel zugleich, die bis zum späten baren Vereinigung der Geschlechter ein Hauptziel der Alchemie. Dabei
17. Jahrhundert das Denken der Menschen gefangen hielt. Man kann belässt sie es nicht bei Allgemeinheiten, sondern zeigt ihren Glauben
von einer Ein-Geschlecht-Theorie sprechen, die mit Selbstverständlich­ auch in der praktischen Anwendung. Zwar schwört auch sie auf das
keit davon ausgeht, dass Mann imd Frau nur Versionen einer polar Standardverfahren, doch bringt sie, wenn auch <in Rätseln>, bedeutsame
aufgefächerten Einheit sind. neue Gedanken ein, und zwar im Vergleich mit Zeugung und Wachs­
Wir sollten ruhig zugeben, dass auch wir im Rahmen eines allgemei­ tum eines Embryo. Aus ihren etwas kryptischen Worten mag man Fol­
nen Weltbildes denken und fühlen, das wir vielleicht nur deshalb für gendes herauslesen: Rotes Realgar, As^S^, «vom höchsten Gipfel» des
<selbstverständlich> und also für <natürlich> halten, weil sein Rahmen Berges kann, etwa durch vorsichtiges Rösten, teilweise in Arsentrioxid,
im Dunklen bleibt. Und wir sollten ims fragen, was - im Rahmen des As^Oj, mithin in Sandarache überführt werden. Diese gemischte Ver­
damaligen allgemeinen Weltbildes - an den oben genannten Gedanken­ bindung wurde von Kleopatra trotz ihrer weiterhin rötlichen Farbe für
folgen nicht schlüssig, man ist versucht zu sagen: nicht wissenschaftlich, weiblich gehalten, dies wohl deshalb, weil Sandarache Kupfer unter
sein soll. Das Problem Hegt nicht in den Gedankengängen innerhalb Bildung einer silberglänzenden Kupfer-Arsen-Legienmg weiß färbt und
eines Weltbildes, sondern in der Schwierigkeit, von einem Weltbild zu das dem Monde zugehörige Silber bekanntlich weiblich ist. Das weiße
128 I. Im Schatten der Pyramiden Kleopatra und Isis 129

Nitron, worunter man - mehr oder weniger unreines - Soda, also mier kannten den Ouroboros als Tiamat, die zugleich das die bewohn­
Na2C03, verstehen kann, galt dagegen als männlich, und hier ist der bare, geordnete Erde umschlingende Urmeer darstellt. Für die Phönizier
Grund für die Zuordnung vielleicht der, dass Soda, wenn es in das war er die Sonnenschlange. Auch die altägyptische Mythologie kannte
männliche, der Sonne zugehörige Feuer gestreut wird, die Flamme den Ouroboros als Weltumringler. Als solcher hat er verschiedenste Be­
prächtig natrium-gelb aufleuchten lässt. Die <okkulte> Farbe ist hier also deutungen. Als Schlange ist er immer in der Nähe des Nichtseins, das
wichtiger als die manifeste und entscheidend für das <Geschlecht> der sich der Ägypter ganz konkret als die Wüste zu beiden Seiten seines
Substanz. Das Kind der Vereinigung von Sandarache und Nitron ist fruchtbaren Tales und als alles vorstellte, das finster und ungestalt die
Arsenikon, heute würden wir sagen: Auripigment (Orpiment), ASiSj, Grenze des Wirkens der Götter und des Königs anzeigt. Nur als Gegner
das seinerseits goldgelb und deshalb männlich ist.®7 Dgj. Geist, also das gewinnt das Nichtsein Gestalt, als nächtliche Apophis-Schlange, die je­
Pneuma dieses Arsenikon lässt sich im Kerotakis vom Körper lösen, den Morgen vom Sonnengott in ihr Nichtsein zurückgetrieben werden
sodass es als männliches Prinzip auf andere Substanzen einwirken muss. Aber das Nichtsein ist auch fruchtbar, und das nicht nur in den
kann. Übrigens hat das Wort Arsenikon eine mehrfache Bedeutung. Es Bergwerken und Steinbrüchen der Wüste. Die Schöpfung, egal, ob sie
kann Arsen bzw. Arsenik bzw. Auripigment bezeichnen und zugleich nun als reales Zeitereignis oder als fiktives Ereignis gesehen wird, ist
das Männliche meinen, worauf ein weiterer Ostanes-Schüler, nämlich durch Teilung, durch Schaffung eines geordneten Raums im Nicht­
Petesis, zuerst hingewiesen haben soll. Übrigens ist, glaubt man seinen sein entstanden, den es weiterhin umschließt. Der Ouroboros nun um­
Kommentatoren, dieser Petesis oder Isodoros gewissermaßen im Ne­ schließt das - in Polaritäten - Geordnete, den Kosmos, er grenzt also an
benberuf König von Armenien gewesen und war bekannt durch einen das Sein und an das äußerste Nichtsein, das auch von den Ägyptern als
Wahlspruch, der auch heute Politikern ganz gut anstehen würde: Urozean gesehen wurde.^^ Und blicken wir nach Palästina, dann sehen
«Durch Nachdenken wird das Werk vollendet.» (Lipp. I, 68) wir dort nicht nur den Leviathan, das Meeresungeheuer, sondern auch
Deutlich setzte Kleopatra das Große Werk in Analogie zum ägypti­ die Paradiesschlange, dieses so zweifelhafte Wesen, das sowohl das ex­
schen Totenkult mit seinen Mumifizierungspraktiken und mit verschie­ trem Schlechte als auch das genaue Gegenteil, nämlich die Überwin­
denen Gräbern, in denen «das geflügelte Objekt, das aus den vier Ele­ dung des Schlechten durch die Weisheit, die Gnosis, repräsentiert. Die
menten besteht», in festgesetzen Zeiten verschiedenen Operationen un­ gnostischen Sekten der Ophiten etwa hielten die Paradiesschlange für
terworfen wird. Die acht Gräber, in denen sich die Verwandlung den Boten des Guten Gottes, der den Menschen das Wissen um das,
sukzessive abspielt, sind nicht Zeichen des Todes, sie sind Zeichen einer «was gut und böse ist» (i. Mos. 3,5)/ und damit das Wissen um ihre
Wiedergeburt, einer Auferstehung von den Toten, und gleichzeitig sind Lage bringt. Unter anderem Blickwinkel aber steht der Ouroboros u. a.
sie Zeichen einer Hochzeit, einer Zeugung und einer endlichen Geburt auch für den Kreislauf und die Einheit der Materie und das Großen
zu wahrem Leben. Kleopatra belässt es also nicht beim Spiel der Ge­ Werkes und so auch für Tod und Wiedergeburt, zumal die Häutung der
schlechter. Es ist für sie ein Teil eines umfassenderen Dramas, dem des Schlange als Zeichen der Verjüngung gelten konnte. Und als Belebendes
Lebens schlechthin, das neben Zeugung und Geburt auch Tod und Wie­ konnte der Ouroboros sogar Symbol der Sonne sein, und damit auch
dergeburt umfasst. Die Leitereignisse des Lebens gehören damit ganz des Goldes. Hinzugefügt sei noch, dass in alchemischer Literatur
selbstverständlich in einer sakralen Einheit zusammen, wofür uns Heu­ manchmal zw ei Schlangen vorkamen, die sich wechselseitig in den
tigen, emanzipiert wie wir sind, anscheinend jedes Gefühl abhanden Schwanz beißen. Von diesen war oft eine geflügelt und stellte den flüch­
gekommen ist, sonst würden wir die angenehmen Szenen dieses Dra­ tigen, männlichen Teil der Materie dar, während die andere ungeflügelt
mas nicht als Possenspiel betreiben. war und den fixen, weiblichen Teil der Materie darstellte.
In Kleopatras Schriften findet sich übrigens die wohl älteste figürliche Als Bild des sich selbst verschlingenden Drachen erscheint der Ou­
Darstellung des alchemischen Ouroboros, der seinen Namen sehr pas­ roboros zuerst im Codex Marcianus aus dem 10. Jahrhundert n. Chr.
send von he oura, der Schwanz, und he bora, der Fraß, bekommen hat, Und dort finden wir auch in der Mitte seines ringförmig in sich zurück­
verschlingt er doch seinen eigenen Schwanz. Als chemisches Symbol kehrenden Leibes die Worte <Hen to pan> —das Bekenntnis alchemischen
der Materie wird der Ouroboros bereits im Leidener Papyrus erwähnt, Denkens, das die Einheit in der Vielheit und damit in einem Alles be­
er ist aber älter, ja uralt. Die Schlange ist ein Symbol des Ungebändigten, schwört, das ewig in sich zurückkehrt. Allerdings muss der Ouroboros
des als Ouroboros sich selbst Vernichtenden und Gebärenden, des immer mitgedacht werden, denn der Zerfall des Einen, der Sturz in
Grenzbereichs zwischen der Ordnung und dem Chaos. Die Mesopota- Zeitlichkeit und Vielheit, entspricht ja gerade dem Bösen der gnosti-
130 I. Im Schatten der Pyramiden Agathodaimon 131

sehen Schöpfungsmythen. Der Wahlspruch <Hen to pan> soll übrigens unter sanftem Zwang erteilte. Kraft ihres Namens hat sie es im Übrigen
von dem Alchemisten Chimes stammen, der Olympiodoros zufolge die gesellschaftlich noch weiter gebracht als die anderen beiden Damen,
Worte Hen kai pan, Eines und alles, bei dem Philosophen des Seins, bei nämlich bis zu einer veritablen Gottheit. Als solche ist sie verantwortÜch
Parmenides, entlehnt und in die Alchemie eingeführt habe.^^ - Tatsäch­ für die nicht nur uralten, sondern auch ziemlich erotischen Anfänge der
lich ist der Ouroboros alles und eines, eines und alles, und zwar in aller Alchemie. In einem Schreiben <Isis an Horus> berichtet die Göttin und
Vielfalt. Bei Kleopatra ist er als Schlange dargestellt, auf deren Leib vier Mutter des Falkengottes Horns nämlich, sie habe sich einem Oberprie­
Farben angedeutet sind, die gewiss für die vier Elemente stehen. Un­ ster und Engel des höchsten Firmanents namens Amnael hingegeben
gleich differenzierter tritt das Bild des Ouroboros auf in einem anderen und zum Lohn das Geheimnis der Herstellung von Silber und Gold
alchemischen Manuskript. Er ist hier aus drei konzentrischen Kreisen erhalten, das sie aber nur ihm, ihrem Sohne, mitteilen dürfe.^^
zusammengesetzt und besitzt drei Ohren und vier Tatzen. Sein Kopf, Das Verhalten der Isis erinnert an das, was wir bei Zosimos und auch
die Ohren und der äußere Ring sind rot ausgemalt, sein Augapfel ist in der Bibel von dem Verhalten gewisser <Weiber der Menschen> erfah­
weiß, die Pupille schwarz. Der mittlere Ring des Ouroboros ist gelb, der ren. Das <himmlische Geheimnis> als Preis des Lasters reizt natürlich
innere grün wie auch die Tatzen. Die Farben waren allerdings nicht die Neugier, doch ist das, was uns Unbefugten davon überliefert wurde,
kanonisch. Bei Stephanos, 7. Jahrhundert n. Chr., ist der Schwanz des etwas enttäuschend, denn es umfasst nichts außer einigen Angaben
Ouroboros weiß, Bauch und Rücken haben Safranfarbe, und der Kopf über die Fixierung des Quecksilbers durch Verbindungsbildung mit Ma­
ist dunkelgrün. Wie bei der Beschreibung des Drachens als Sinnbild der gnesia, Pyrit, Arsen, Schwefel usf. und einige weitere Angaben, die
losis schon angedeutet, mag es sein, dass die drei Ohren Destillate - sämtlich in den Bereich der demokritschen Lehre fallen.
oder vielleicht Aggregatzustände - und die vier Tatzen nicht nur die
vier Elemente, sondern auch die Tetrasonüe darstellen. Der Ouroboros
stünde dann sowohl für den Anfang des Werkes als auch für dessen 2 j. Agathodaimon
Ende, die losis, die im dimkelgrünen Haupt des stets in sich selbst zu­
rückkehrenden Ungeheuers dargestellt ist. Gerade das Unbestimmte in Den Namen einer, allerdings etwas unbestimmten Gottheit trägt auch
der Deutung weist den Ouroboros aus als ein echtes Symbol, ist er doch ein Kollege der Isis, Agathodaimon, wörtlich: der Gute Geist, der im­
vsde ein alchemischer Magnet, der vieles, ja unendlich vieles, auf sich merhin ein chemisches Buch, <Biblos chemeutike>, verfasst haben soll.^^
zieht, ganz wie der Kreis, den er ja in der Selbstverschlingimg nachbil­ Aber nicht als Alchemist, sondern als Guter Geist, wurde er von den Grie­
det, und der unendlich viele Tangenten erlaubt, die dennoch nicht will­ chen beim Symposion angerufen. In Alexandria galt er als schlangenartiger
kürlich sind, sondern nur in Hinblick auf ihn, in Hinblick auf ein Zen­ Erd- und Unterweltsgott imd auch als der alte und ewig junge Nil, der
trum gedacht werden können.^® jedes Jahr seine Haut abstößt und eine neue bekommt. Was aber sagt die
Der Kembegriff der Alchemie <Lithos ton philosophon> findet sich Alchemie dazu? «Merke auf, wer Agathodaimon ist», schreibt Olympiodo­
auch schon bei Kleopatra. In einer von ihrem Lehrer, dem Erzpriester ros. «Einige erzählen, dass er ein Alter, einer der ältesten derer ist, die
Komarios, an seine Schülerin gerichteten Schrift: <Über die heilige Kunst in Ägypten Philosophie getrieben haben. Andere sagen, dass er ein ge­
und den philosophischen Stein>, erscheint die Bezeichnung <Stein der heimnisvoller Engel ist, oder der Gute Geist Ägyptens. Andere haben
Weisheit>, <Lithos tes philosophias>, für eine die Transmutation bewirken­ ihn den Himmel genannt, und vielleicht verwendet man diese Sprache,
de Substanz. weil die Schlange das Abbild der Welt ist.» (Berth. (2) III, 87)
Komarios selbst ist noch weniger historisch greifbar als die Adressa­ Im Traum des Zosimos ist Agathodaimon der Priester, und zwar in
tin seiner Abhandlung. Sein Name rührt vielleicht von einer Substanz seiner Erscheimmgsform als ergrauter Alter von blendender Weiße.
namens Komaris her, worunter man sich ein besonders wirksames Prä­ Als Chemiker wurde Agathodaimon oft in die Nähe des Alchemisten
parat wie Talk, Gips, Marienglas, d. h. Selenit, Arsen, Sandarache und Hermes gerückt. Beide Adepten lebten wohl in oder kurz nach der Zeit,
noch anderes vorstellen kann, und vielleicht auch den Stein selber, der in der Demokrit und Maria die Alchemie betrieben. Agathodaimon ver­
im Übrigen mit der Destillation von Schwefelpräparaten in Verbindung edelte die Materie mit Hilfe «unseres Bleis». «Das Blei wird bearbeitet
gebracht wird. rnit Hilfe einer scharfen Flüssigkeit und der Goldflüssigkeiten.» (Berth.
Als dritte im Bunde der bedeutenden Alchemistinnen sei Isis ge­ (2) III, 260) Mit «unser Blei» ist hier vielleicht gewöhnliches Gold ge­
nannt. Auch sie hatte einen Lehrer, den seinen Unterricht allerdings nur meint, das gereinigt und schließlich in einen höheren Zustand überführt
132 I. Im Schatten der Pyramiden Synesios 133

werden soll. Im Übrigen stellt Agathodaimon gemäß dem <Orakel des «Das Quecksilber», fragt Dioskoros, «ist doch von verschiedenen Ar­
Orpheus> eine Tetrasomie her, die wohl überwiegend Kupfer enthielt ten?» Aus dem übrigen Text ergibt sich, dass mit den verschiedenen
und deshalb Kupferknochen genannt wurde. Das sicher beneidenswerte Arten Zinnober, Arsenik und Sandarache gemeint sind. Synesios ant­
Schicksal dieses Knochens wird im weiteren Text aber in gewohnt un­ wortet: «Ja, es ist aus verschiedenen Arten und doch eines.» - «Aber
klarer und vor allem in chemisch letztlich unverständlicher Weise be­ wenn es eines ist, wie ist es aus verschiedenen Arten?» - «Ja, es ist aus
schrieben. verschiedenen Arten und es hat eine große Macht. Hast du nicht Her­
Mit den Namen sowohl von Hermes als auch von Agathodaimon ist mes sagen hören: Der Honigstrahl [Quecksilber] ist weiß [Silber] und
das Rätsel vom Philosophischen Stein verbunden: der Honigstrahl ist gelb [Gold]?» - «Ja, ich habe es ihn sagen hören.
Aber das, was ich lernen möchte, Synesios, lehre es mich: das Werk, das
«Buchstaben zähle ich vier; viersilbig bin ich. Nun rate! /
du kennst. Das Quecksilber nimmt also auf jede Art das Aussehen aller
Merk: Von den ersten drei Silben hat zwei der Buchstaben jede,/
Körper an?» - «Du hast verstanden, Dioskoros. In der Tat, so wie das
aber die vierte hat drei. Fünf Buchstaben sind Konsonanten./
Wachs Vorliebe zeigt für die Farbe [die Form der Farbe annimmt], die
Bilde die Summe der Zahlen: Du findest zweimal Achthundert,/
es erhält, genauso, o Philosoph, bleicht auch das Quecksilber jeden Kör­
dreimal Dreißig dazu, nebst Sieben. Hast du mein Wesen/
per imd zieht seine Seelen (psychai) an, ninunt sie durch Kochung in
nunmehr erkannt, so hast du auch teil an Göttlicher Weisheit.»
sich auf und bemächtigt sich ihrer. Ist es doch entsprechend geeignet
(Berth. (2) II, 267 t., übers. Lipp. I, 62)
und enthält in sich selbst die Prinzipien alles Flüssigen; wenn es die
Ich kann mir vorstellen, dass Myriaden von Altphilologen mit oder Zersetzung [aus den Mineralen] durchgemacht hat, bewirkt es überall
ohne alchemische Sehnsucht im Herzen sich an diesem Enigma schon den Farbwechsel. Es bildet den feststehenden Grund, während doch die
die Hirne wund gedacht haben: vergebens! Der Alchemiehistoriker Ed­ Farben keine eigene Grundlage haben. Oder vielmehr: Das Quecksilber
mund Oskar von Lippmann vermutet, dass mit dem Rätsel ursprüng­ wird, indem es seinen eigenen Grund verliert, ein abänderungsfähiges
lich ein - ja magisch zu missbrauchender - verborgener Name Gottes Etwas, und zwar abänderungsfähig durch die auf die metallischen Kör­
gemeint war. Den Namen alchemisch zu deuten und mit Kinnabaris, per und auf ihre Materien ausgeübte Behandlung.» (Berth. (2) II, 66; III,
d. h. Zinnober, in Verbindung zu bringen, halte auch ich für wenig Er­ 66 f.)
folg versprechend: Ein schlichtes Bergbauprodukt, so bemerkenswert Marcellin Berthelot, der uns als einer der bedeutendsten Chemiker
zusammengesetzt es auch sein mag, ist in einer Rolle als Stein des Phi­ des 19. Jahrhunderts und erst in zweiter Linie als Alchemiehistoriker
losophen sicher etwas überfordert, obwohl der Zinnober in der <Chry- bekannt ist, bemerkt zum letzten Satz, «dass das Quecksilber einerseits
sopoia> der Kleopatra durch ein Ei symbolisiert wurde, weil Zinnober die allgemeine und erste Materie ist, die die Grundlage der Transmuta­
aus <Eiweiß>, das ist Quecksilber, und <Eigelb>, das ist Schwefel, besteht. tion bildet, und auf der anderen Seite bei der Durchführung [Transmu­
tation] seinen eigenen und individuellen Charakter verliert». (Berth. (2)
II, 67)
24. Synesios Unabhängig davon, dass das alchemische Quecksilber nicht immer
Quecksilber ist, sondern u. a. auch Arsen sein kann, zeigt der Dialog,
Die beiden Pneumata Quecksilber und Schwefel werden beide im Laufe dass ein wesentlicher Unterschied zwischen der Alchemie und der uns
der gesamten Alchemie eine entscheidende Bedeutung beibehalten. Das gewohnten Chemie in der Art und Weise besteht, in der scheinbare
Quecksilber aber bildet bereits bei einigen ägyptischen Autoren die Ba­ neutrale Beobachtungen gemacht und beschrieben werden. Dieser Un­
sis des Großen Prozesses, wofür auch seine wenngleich vage Famüien- terschied zeigt sich gerade da, wo man nicht falsch oder richtig rufen
gemeinschaft mit den ebenfalls <feuchten> Metallen Blei und Zinn ver­ kann, wo also die jeweilige Ansicht wirklich Ansichtssache ist. So er­
antwortlich ist. scheint die Amalgambildung in den Augen des Synesios in einem ganz
Wie herausragend die Rolle des Quecksilbers bereits in der Alchemie anderen Licht, als wir es gewohnt sind, und wir können nicht behaup­
des 4. Jahrhunderts n. Chr. war, zeigt ein Dialog, der wohl fälschlicher­ ten, dass unser Licht den Sachverhalt richtiger beleuchtet. Wir sagen
weise dem gelehrten Bischof Synesios von Kyrene aus eben diesem Jahr­ üblicherweise: «Quecksilber amalgamiert nüt einem Metall, etwa Kup­
hundert zugeschrieben wird. Gesprächspartner sind Synesios selbst und fer, imd verändert dessen Eigenschaften zu Kupferamalgam.» Synesios
sein Freund Dioskoros.^^ dagegen sagt: «Quecksilber zieht die Qualitäten, d. h. die <Morphe>,
134 I. Im Schatten der Pyramiden Olympiodoros 135

d. h. die Farbe des Kupfers, an sich, wodurch es Kupfer eigenschaftslos gefärbter Borate aufzulösen vermag, was doch prima fade der Amalgam­
macht und zugleich sich selbst in seinen Eigenschaften verändert.» Der bildung sehr ähnlich zu sein scheint. Eine abenteuerliche, gekochte und
Protagonist der Amalgamierung, eben das Quecksilber, ist hier also die getroclmete, als Waschmittel verwandte Mischung aus Milch, Honig,
rezeptive, die aufnehmende Grundlage der Wandlung. Dabei sollte uns Krokos, Salpeter und Laugen, genannt <Venetianischer Borax>, könnte
die Tatsache, dass, wie die letzten Sätze des Dialogs beweisen, das ähnliche Funktionen gehabt haben. Der grüne Chrysokoll, auf den sich
Quecksilber von Synesios nicht als echtes Metall angesehen wird, nicht Synesios bezieht, ist wahrscheinlich Malachit (Kupfergrün), also ein ba­
überraschen. Quecksilber zeigt ein recht ungewöhnliches, ja geheimnis­ sisches Kupferkarbonat, CuCOj CuCOH)^, oder auch ein relativ weiches,
volles chemisches Verhalten, ist es doch wandlungsfähig wie der my­ smaragdgrünes Kupfersilikat, Cu^H^Si^O^fOH)^. Wie auch der so nahe
thische Meeresgott Proteus, dem zwar die Gabe der Weissagung gege­ verwandte Grünspan, d. h. basisches Kupferacetat, diente Malachit zur
ben ist, die er jedoch ungern preisgibt, weshalb er, wenn man ihn zwin­ Herstellung eines Goldlotes, über dessen Bereitung uns Dioskorides
gen, wenn man ihn niederringen will, den Angriff in tausend (Mat. med. V 92) sowie Plinius nähere Angaben machen: Grünspan wird
verschiedenen Gestalten abzuwehren sucht. Wir wissen nicht, welche mit dem Urin eines Knaben in einem kupfernen Mörser vermengt. Dann
der vielen möglichen Amalgame und welche Salze den Alchemisten als wird Soda zugesetzt. Die Wirkung dieses Goldlots beruht wohl darauf,
Quecksilberverbindungen bekannt waren, aber wir können annehmen, dass sich Grünspan bzw. Malachit unter dem Einfluss der Hitze zersetzt,
dass sie immerhin von einem Effekt wussten, der ihnen mysteriös ge­ sodass schließlich reines geschmolzenes Kupfer entsteht, das als eigent­
nug vorgekommen sein musste: Wenn man Schwefel in Quecksilber licher Goldkleister, <Chryso(s)-Kolla>, wirkt, weil sich während des Lötens
zerreibt, erhält man ein schwarzes Quecksilbersulfid, sublimiert man u. a. Kohlensäure und Kohlenmonoxid bilden, die die Metallflächen vor
dieses, entsteht roter Zinnober, der sich beim Erhitzen schwärzt, um Oxidation schützen. Haargenau dieselbe Funktion, Schutz vor Oxida­
beim Abkühlen wieder zu seiner roten Farbe zurückzukehren. Auch das tion, aber hat auch Borax, das in der Hitze die Oxidhaut der zu lötenden
Quecksilber selbst war wunderbar genug, entzieht es sich doch einer Metalle beseitigt und so eine saubere Oberfläche schafft.
klassischen Eigenschaft aller anderen damals bekannten Metalle: Es ist Wenn Synesios mit seinen ja nicht nur mystischen Ausführungen
kein zäher Festkörper, es ist nicht schmiedbar. So ist es nicht verwun­ über das Quecksilber und seinem Hinweis auf die Chrysokolla auch
derlich, dass die Frage, ob Quecksilber als echtes Metall anzusehen ist, zeigt, dass er chemische Kenntnisse besessen haben muss, und wenn er
in der gesamten Geschichte der Alchemie nicht allgemeinverbindlich in seinem Dialog auch als überlegender Gesprächspartner auftritt, so
entschieden worden ist. Außerdem entzieht sich das ^ e c k silb e r beson­ macht er doch nicht den Versuch, sich als selbständigen - laborierenden
ders deutlich der sexuellen Klassifikation, ist es doch zugleich Agens - Alchemisten auszugeben: Im uns vorhegenden Manuskript trägt sein
und Reagens der Amalgamierung. Es penetriert und wird penetriert; Werk den so überraschenden wie bescheidenen Titel: <Kommentare zu
unter einem Aspekt ist es männlich und unter einem anderen weiblich, Demokrit).
wobei <männliches Quecksilber> gewöhnlich mit dem männlichen Sa­ Das macht Synesios zu einem ersten Beispiel für einen besonderen
men gleichgesetzt wird. Nicht von ungefähr gehört Quecksilber zum Typ alchemischer Schriftsteller: den Kommentator, dessen größter, grie­
zweifelhaften Gott der Alchemisten, zu Hermes, der im Grunde alles ist chisch-ägyptischer Vertreter ein Mann namens Olympiodoros gewesen
und alles bewirken kann.^^ go wird To pan, das Alles, durch Quecksilber ist.
sowohl aufgelöst, als auch wiederhergestellt, und zwar mit Hilfe des
oder der - von Synesios als grün bezeichneten - Chrysokolla, die von
ihm im Gegensatz zum goldfarbenen Edelstein ChrysoHth - Peridot, 2 f. Olympiodoros
(Mg,Fe)2SiO^ - als weiblich angesehen wurde.
Dabei ist es aus unserer Sicht recht bemerkenswert und deutet auf Natürlich haben wir auch mit der Identität des Olympiodoros unsere
praktische Erfahrungen hin, dass Substanzen, die als Chrysokoll bzw. Schwierigkeiten. Die Vermutung, unser Alchemist sei dieselbe Person
Chrysokolla bezeichnet wurden, chemisch durchaus sinnvoll eingesetzt wie der Historiker gleichen Namens, der um 425 n. Chr. eine leider nur
werden können, und zwar mit oder ohne Zusatz von Quecksilber. Chry­ in Bruchstücken erhaltene, sehr lebendige Geschichte seiner Zeit ge­
sokoll könnte Borax, Na2B^O^ • loH^O, sein, mit dem er seit der arabi­ schrieben hat, ist nicht zu belegen. Und das gilt auch für die Ansicht,
schen Zeit zuweilen synonym verwandt wurde und dessen glasartige er sei identisch mit einem Platon-Kommentator aus dem 6. Jahrhundert
Schmelze ja bekanntlich viele Metalloxide unter Bildung charakteristisch n X h n Wir wissen nur, dass unser Mann alle ims bereits bekannten
136 J. Im Schatten der Pyramiden Olympiodoros 137

Adepten zitiert, also nach ihnen gelebt haben muss. Falls die Texte nicht überall erscheinen kann wie der Natur-Gott Pan, ist, wie schon Her­
verderbt sind, deuten sowohl die Fülle der Zitate als auch der im Kom­ mes, Maria und Zosimos sagten, in unserem Blei gegeben, das die vier
mentar vermittelte allgemeine Kenntnisstand darauf hin, dass das Werk Elemente zu einer Einheit verbunden enthält: Das Alles (To pan) er­
unseres Autors, das den barocken Titel trägt: <01 ympiodoros, Philosoph gießt sich und endet im Blei. Das natürliche Blei ist schon schwarz,
aus Alexandria. Kommentar über das Buch Über die Handlung des Zo- unser Blei aber, das Unglückliche, das von Zosimos mit dem Tetrasoma
simos und über die Aussprüche des Hermes und der Philosophen>, im gleichgesetzt wurde, kann und muss erst durch besondere Operationen
5. Jahrhundert n. Chr. geschrieben worden ist. Es lohnt, diesen Kom­ gequält und schwarz gemacht werden und wird dann zu einer schwar­
mentar, der zudem die Zeiten relativ unbeschadet überstanden zu ha­ zen Brühe. Olympiodoros scheint anzunehmen, dass zur Melanosis
ben scheint, näher zu betrachten, bringt er doch einige bemerkenswerte dann auch die Fixierung dieser Brühe gehört. Unser Blei mit seiner
Gedanken vor. Doppeleigenschaft des Fest- und Flüssigseins ist also die eigentliche
Wie Olympiodoros immer wieder betont, ist alles mystisch zu verste­ Grundsubstanz, die alles annimmt, in alles übergeht: Sie ist nicht nur
hen. Doch verborgen unter bewusst missverständlichen Worten finden schwarz, sie kann auch weiß und gelb gefärbt werden, und zwar in
wir zuweilen handfest chemische Angaben. So redet er deutlicher als den Stufen des Standardprozesses bis hin zur losis. Dabei ist selbstver­
Synesios von der Lötung mit Chrysokolla, wohinter wohl die Vorstel­ ständlich, dass Destillationen <im Zirkulationsapparat) beim Fortgang
lung stand, dass, wenn man Metallflitter aus Gold und aus Legierungen des Prozesses eine entscheidende Rolle spielen. Und die materielle Ba­
mittels Chrysokoll zusammenschmilzt, die Gesamtmasse zu Gold wird. sis all dessen, diese so überaus wichtige Substanz, erscheint als wert­
Es handelt sich also um eine Art Diplosis, die bei mäßigem Feuer vor lose Schlacke, als <Asche der Maria>, ähnlich der, die auch beim
sich gehen muss, damit das Pneuma nicht entweicht. An anderen Stellen Schmelzen des Goldes zurückbleibt, womit wohl die Kupellation ge­
lässt Olympiodoros den Zosimos zu Wort kommen: «Fixiere das Queck­ meint ist, bei der ja Bleiglätte, PbO, entsteht. Zugleich ist das Blei, wie
silber mit dem Körper der Magnesia» (Berth. (2) III, 80, 84), wobei die Olympiodoros in einem psychologisch interessanten Gedankensprung
Fixierung und mit ihr zugleich die Färbung, die Tinktur, als eine fort­ behauptet, so anmaßend und dämon-besessen, dass diejenigen, die es
schreitende Austrocknung gesehen wird. Auch die Kupellation, also die zu begreifen versuchen, wahnsinnig werden.
Reinigung von Gold mit Blei, beschreibt er als «die Kunst sich im Blei <Unser Blei>, <To pan>, ist auch der <etesische Stein> bzw. das <etesische
befindet». (Berth. (2) III, 107) Metall), das wiederum mit <unserem Quecksilber) und wohl auch mit
Damit sind wir beim Hauptthema nicht nur des chemo-technischen, dem Molybdochalkos gleichgesetzt wurde. Maria zufolge entsteht der
sondern auch des mystischen Olympiodoros: beim Blei. Im Allgemei­ Körper der Magnesia aus dem Blei, dem <etesischen Stein) und Kupfer.
nen behandelt er es im Rahmen des uns schon Bekannten: Ziel des Etesisch hieß der Nordwind, der zu Beginn der Nilschwelle im Juli-Au­
Werkes, das man nur in einem bestimmten Monat durchführen soll, ist gust mit Nebel und Taufällen Kühle und Fruchtbarkeit verbreitet, und
auch bei ihm die Vereinigung des Männlichen und des Weiblichen. diese periodische Wiedergeburt der Fruchtbarkeit weist auf den Osiris-
Olympiodoros unterlegt das aber mit der Behauptung, bereits die Ele­ Kult.
mente seien sexualisiert, indem zwei von ihnen, nämlich Wasser und Tatsächlich zieht Olympiodoros, wobei er sich auf Äußerungen von
Erde, weiblich seien und zwei, nämlich Feuer und Luft, männlich, Zosimos stützen kaim, unser Blei in den Mythos des Osiris hinein. Hier
während Quecksilber seiner Natur als Zwitter entsprechend, bald ist unser Blei aber nicht der lebende Gott selbst, sondern seine Mumie
weiblich nach unten, bald männlich nach oben strebe. Und er fügt dem bzw. sein Bleisarg, sein Grab, denn: «Auch hier sagen die Orakel des
die grundsätzliche, das Wesen aller echten, nicht-dialektischen Polari­ Apollon die Wahrheit, sprechen sie doch vom Grab des Osiris.» Was
tät berührende Bemerkung an, dass die grundsätzliche Möglichkeit ei­ aber ist das Grab des Osiris? Es ist ein Toter, gebunden und eingewickelt
ner Umwandlung allein darauf beruhe, dass allem, was überhaupt be­ in Leichenbinden, der nur das Gesicht unbedeckt lässt. Das Orakel sagt,
stehe, ein gemeinsames Sein zugrunde liege, das allgemeiner ist als die indem es auf Osiris hinweist: «Osiris, das ist das eng geschnürte Grab,
vier Elemente und das deshalb in alle Stoffe übergehen und sich aus das alle Glieder des Osiris verbirgt, und die Sterblichen allein sein Ge­
ihnen zurückbilden könne. Natürlich meint Olympiodoros hier die Pri­ sicht sehen lässt.» (Berth. (2) III, 103)
ma materia, die von Agathodaimon und Chimes mit dem Ouroboros Manchmal ist Osiris nicht Blei allein, sondern <das Blei und der
und auch mit dem Ei der Philosophen als Ausdruck des Hen to pan Schwefel). Das beide Substanzen Verbindende ist dabei sicher nicht nur
gleichgesetzt worden sei. Dieses Alles, dieses pan, das überall ist, das dieTatsache, dass Bleisulfid schwarz ist, sondern auch, dass beide Stoffe
138 I. Im Schatten der Pyramiden Olympiodoros 139

das Prinzip des Flüssigen in sich tragen: Beide sind von selbst fließend, sein Name bedeutet <der von rötlicher Erde Gebildete». Als ein aus der
autorytos. uranfänglichen Mischung der vier Elemente, eben der roten Erde Her­
Der Hinweis auf <das Grab des Osiris> bezieht sich natürlich auf Tod vorgegangener wurde er von den alten Alchemisten als Prima materia
und Auferstehung des Gottes. Der Mythos erzählt von des Gottes scha- angesehen, aber auch als der erste Alchemist, war er doch Gottes Schöp­
manistischer Zerstückelung, also von der Dissoziation seiner Glieder, die fungswerk im Paradies am nächsten. Durch den Sündenfall, so meinen
über ganz Ägypten und in die Fluten des Nil verstreut wurden. Dies ist einige, seien allerdings ihm und vor allem seinen Nachkommen diese
der Augenblick, in dem auch der Alchemist von der Dissoziation seiner Kenntnisse abhanden gekommen. Wenn man nach einer Literaturstelle
Seelenglieder bedroht ist: vom Wahnsinn in der Melancholia alchemica. bei Zosimos geht, trägt Adam übrigens einen Ibiskopf, denn in dem
Der Mythos erzählt aber auch vom Sammeln der Glieder und von der unendhchen Beziehungsgeflecht alchemischer Schriften, in dem sich im­
Wiederherstellung des Leibes in der Mumie,^^ und er erzählt von der mer wieder überraschende Querverbindungen auftun, ist Adam der
initiatorischen Wiederbelebung des toten Gottes durch die göttliche hebräische Name für Thot. Dass er zugleich der Ur-Mensch ist, sieht
Schwester Isis, die im alchemischen Werk nicht etwa durch die histori­ Zosimos, wobei er mutig durch die griechische Brille schaut, dadurch
sche Alchemistin, sondern durch den jeweils laborierenden Alchemisten bewiesen, dass die Buchstaben des Namens auf die vier Himmelsrich­
vertreten wird. Kurz, der Mythos erzählt das Drama von Tod und Auf­ tungen A-natole, D-ysis, A-rktos, M-esembria und diese natürlich wieder
erstehung und skizziert damit die Grundzüge des alchemischen Wer­ auf die vier Elemente hindeuten. In der Welt der Alchemisten hängt
kes, in dem, worauf das unbedeckte Antlitz des Gottes hindeutet, das eben alles mit allem irgendwie zusammen, nichts lässt sich bis zum
Ende sich beim ersten Schritt bereits keimhaft zu erkennen gibt. Bedeutungslosen, zu bloßen Buchstaben <herunteranalysieren>. Und so
Damit, so belehrt uns Olympiodoros, will die Natur unser Staunen ist es sehr passend, dass Olympiodoros kurz nach seiner Bemerkung
herausfordern. Und es soll nicht nur Staunen über ein rein geistiges über Adam als einer jungfräulichen Erde den Zosimos sagen lässt: «Das
Mysterium, es soll auch ein chemisches Staunen sein: «Denn Osiris ist Meer ist das hermaphroditische Element.» (Berth. (2) III, 96)
das Prinzip jeden flüssigen Zustands; er ist es, der die Fixation in der Löst das Meer nicht alles zur Unterschiedslosigkeit auf, und bringt es
Sphäre des Feuers durchführt. So verbindet er und hält fest das Alles nicht alles aus sich hervor?
(To pan) des Bleis. ... Es ist aber das männliche Wasser, das die Sphäre Wenn nun auch beide Themen, das des Hermaphroditen und das des
des Feuers genannt wird.» (Berth. (2) III, 103, 104) Adam und der Eva, bei Olympiodoros nicht weiter ausgeführt werden,
Berthelot deutet diese Worte als Hinweis auf die Gelbfärbung des Bleis so wird doch eine Konsequenz aus dem Gedankengang, dass das Eine
durch Dämpfe von Schwefel oder/und Arsenik. auch das gegenteilig Andere ist, schon bei ihm gezogen: Eva kann mal
Über den engeren Bereich der Analogie Osiris-Blei hinausgehend die schwarze, mal die weiße Jimgfrau genannt werden. Ganz unbegrün­
beschreibt Olympiodoros das gesamte alchemische Werk als einen vom det ist das nicht, mag dies auch manchen Alchemisten zur Verzweiflung
Alchemisten zu erforschenden Isis-Tempel, an dessen Westseite sich im gebracht haben. Man kann sagen, dass in der Alchemie eine bestimmte
Boden inmitten eines gelben Minerals eine schwarze Erdschicht befin­ Bezeichnung oder Beschreibung eine andere bestimmte Bezeichnung
det, und diese ist anscheinend unser Blei. Nun ist aber der Westen, der oder Beschreibung, selbst wenn sie der ursprünghchen Behauptung völ­
Sonnenuntergang, mit dem Femininen verbunden, der Sonnenaufgang lig entgegengesetzt zu sein scheint, immer dann nicht ausschließt, wenn
mit dem Maskulinen, was Olympiodoros folgendermaßen erklärt: «Es die beiden Bezeichnungen durch eine Assoziationskette verbunden wer­
handelt sich um Adam. Denn dieser, der erste aller Menschen, ist aus den können. Schwarz in Gestalt der Prima materia ist potentiell frucht­
den vier Elementen hervorgegangen. Man nennt ihn auch jungfräuliche bar, Weiß wird dagegen als das Unberührte, als Zeichen der Jungfrau
Erde, entflammte Erde, fleischliche Erde und blutende Erde. Du findest angesehen. Da aber Prima materia ebenfalls unberührt, d. h. quaÜtäts-
diese Dinge in den Bibliotheken der Ptolemäer. Ich habe sie gesagt, um los, ist, muss man sie ebenfalls als ursprüngUche Jungfrau ansehen. Wer
in Hinblick auf die heiligen Dinge festzustellen, dass keine der Substan­ aber ist die ursprüngliche Jungfrau? Es ist Eva, die zwar üblicherweise
zen von den Alten in irrationaler Weise erklärt worden ist. Denn der mit der Farbe Weiß in Verbindung gebracht wird, aber im Status der
Sonnenuntergang wird dem weiblichen Elemente [Prinzip] zugeschrie­ potentiellen Fruchtbarkeit, also im Okkulten, zugleich schwarz sein
ben.» (Berth. (2) III, 95) Wenn diese Stelle nicht in der Abschrift verdor­ muss.
ben ist, soll sie offenbar bedeuten, dass Adam hermaphroditische Züge Und so kommt es, dass Olympiodoros Weiß als die Nicht-Farbe und
besitzt, <Adam> heißt denn auch schlicht <der Mensch>, ho anthropoSr und Schwarz als die Farbe aller Farben bezeichnet: «So ist Schwarz eine
140 I. Im Schatten der Pyramiden Sprachmuster der Alchemie 141

wirkliche Farbe, weil es verschiedene Varietäten des Schwarz gibt, denn


die Farbe Schwarz ist die Quelle aller anderen Farben. Deshalb fällt der 26. Sprachmuster der Alchemie
Geist der Nichtinitiierten, wenn sie über Farben reden, in Verwirrung;
aber wir, mögen wir nicht von der richtigen Bedeutung abkommen.» Für die Geheimnistuerei der Großen Meister gibt ihr Kommentator zu­
(Berth. (2) III, 100) mindest eine ausführliche Erklärung. Er behauptet, Demokrit und die
In dieser Sicht enthält die schwarze Prima materia potentiell alle Farben, Alten seien führende Priester und als solche Freunde des ägyptischen
sprich alle Arten höherer Materie. Königs gewesen, was, nebenbei gesagt, zeigt, dass er ihre Lebenszeit
Uber dies und vieles andere, das Olympiodoros uns zumutet, würden vor die römische Besetzung des Landes zurückverlegt. Als Gefährten
wir natürlich gern noch etwas mehr Klarheit gewinnen. Doch wir sind des Königs hätten sie im öffentlichen Interesse schweigen müssen.
damit stets in Versuchung, mehr vom Licht der Empirie und der logi­ Außerdem seien sie selbst eifersüchtig auf ihr Wissen über die Kunst
schen Folgerichtigkeit in seinen Text hineinzutragen, als er verträgt. gewesen.
Wenn wir nämlich dem Olympiodoros vorwerfen, er sei in manchem Auch in einem s)n'isch geschriebenen Zosimos-Traktat wird aus­
reichlich unklar, dann müssen wir auch bereit sein, die Möglichkeit ei­ drücklich davon gesprochen, dass die Alten im Geiste der Eifersucht
nes geradezu ironisch wirkenden Missverständnisses in der Begegnung ihre tiefsten Geheimnisse nicht einmal schriftlich niedergelegt, sondern
zweier historischer Befindlichkeiten anzuerkennen. Wir müssen uns sie lediglich den Priestern nütgeteilt hätten. Das alchemische Schweigen
und ihm nicht nur zugestehen, dass Generationen von Kopisten gewiss ist also völlig legitim und sowohl politisch, als auch psychologisch be­
auch Übersetzungsfehler oder Verfälschungen in den Text eingeschleppt gründet: Es ist das Schweigen der Fachleute, seien sie nun Alchemisten,
haben, wir müssen es auch hinnehmen, wenn Olympiodoros uns vor­ Handwerker oder Politiker.
wirft, nüt unserem Bemühen um platte chemische oder zumindest na­ Doch damit ist es nicht getan. Schon ein kurzer Streifzug durch be-
turphilosophisch plausible Erklärungen hätten wir ihn in vielem <kla- Uebige alchemische Texte aus allen Zeiten belehrt uns nämlich, dass
rer> gemacht, als er selbst wollte. Er sagt es auch deutlich: Die Weishei­ alchemische Texte gewöhnlich aus einem ganzen Netzwerk von Sprach-
ten der Alchemie seien zwar in zahlreichen Büchern niedergelegt, die mustern bestehen und die Geheimsprache der Fachleute nur eines dieser
sich in den Bibliotheken der Ptolemäer befänden, aber diese Bücher Muster darstellt. Ohne Schwierigkeit lassen sich zunündest fünf Muster
sprächen in mystischen Worten, in Allegorien, und damit in einem dop­ unterscheiden, wenn sie auch keine scharfe Begrenzung haben, teils mit­
pelten Sinn, einem scheinbar offenliegenden und einem verhüllten, den einander verwoben sind und dabei durchaus Raum lassen für andere
nur der Adept zu entziffern vermag. Unklarheiten in der Alchemie mögliche Muster unter anderen Blickwinkeln.
brauchen also nicht Zeichen von wolkigem Denken oder gar von Gei­ Um eine inhaltsleere Nummerierung und auch eine hierarchische
stesverwirrung zu sein, sie können bewusst eingesetzt worden sein, und Schichtung, etwa von nüchtern zu überspannt, zu vermeiden, seien die
zwar als didaktisches Prinzip. Explizit, wie Olympiodoros feststellt, Muster im Netzwerk alchemischer Sprache nach einer der Lieblingsblu­
werden in den Schriften der Adepten zumeist nur allgemeine Lehrmei­ men der Philosophen benannt: der Rose.^^
nungen behandelt, aber die - sicher sowohl praktisch als auch spirituell - So kann man eines der Muster mit Gertrude Steins berühmten Aus­
gemeinten - eigentlichen Durchßihrungen dessen, was da umschrieben spruch charakterisieren: «A rose is a rose is a rose.»
wird, bleiben im Verborgenen. Man muss aber die genauen Handlungen - Das zweite dagegen sei als Sprachmuster der Kapitäne bezeichnet:
und magischen Worte der Weisen kennen, denn nur so überwindet man «A rose is not a rose», sondern etwa die Peilscheibe eines Kompasses,
den Einfluss neidischer Dämonen und erlangt die Mithilfe der Natur. der ja auch Rose heißt.
- Das dritte sei das Hafiz-Muster: «A rose is not a rose is not a rose»,
sondern u. a. der Schah von Persien, der nüt den Domen seiner Hof­
schranzen leben muss.
- Dem vierten Sprachmuster körmen wir den Namen des Hermes ge­
ben: «A rose is not a rose is not a rose...» bis an ein seliges Unendlich.
- Und das fünfte Muster endlich möge den Namen Umberto Ecos und
seines ersten Romans tragen: «The name of the rose is not the name
of the rose is not the name of the rose», obwohl, so wird behauptet.
142 I. Im Schatten der Pyramiden Sprachmuster der Alchemie 143

die wahren Adepten den Namen der Rose kannten, ihn aber - aus Dass es sich bei den Verschlüsselungen um Betriebsgeheimnisse
welchen Gründen immer - nicht preisgeben wollten. dreht, dafür zeugen alchemische Wörterbücher schon aus frühesten Zei­
Was das erste, das Spachmuster ä la Gertrude Stein betrifft, so sei hier ten. Ihrerseits aber verraten diese Lexika eine Leidenschaft für oft denn
nur darauf hingewiesen, dass es in den alchemischen Texten natürlich doch mystifizierende Synonyma,^^ wobei zu einem manchmal schier
immer wieder Stellen gibt, die unmittelbar chemisch Sinn ergeben. Dass unauflösüchen Durcheinander beitrug, dass nicht nur Sachen mit ver­
Tetrasoma aus vier Metallen besteht, offenbart schon der Name. Welche schiedenen Namen, sondern auch Namen mit ganz verschiedenen Sa­
das sind, wird in den Texten deutlich gesagt, und auch, dass die Legie­ chen verknüpft wurden zu einer wechselseitigen Unverbindlichkeit, auf
rung schwarz ist. deren Schultern fiebrig grinsend Goethes böser Geist der Spekulation
Um das Kapitäns-Muster zu charakterisieren, reicht ein einziges Bei­ hockt. Der böse und zugleich so menschliche und sehnsuchtsvolle und
spiel. Demokrit schreibt in <Physika kai Mystika>: «Nimm Quecksilber damit auch gute Geist der Alchemie aber lebt von der ungeheuren A s­
und fixiere es mit dem Körper der Magnesia oder des italischen Stimmi soziationskraft ihrer Symbole. Auch uns kann er narren, denn auch,
... und so fort.» (Berth. (2) II, 43) wenn es uns reizen mag, alchemische Rezepte nachzukochen: Sicher
Der Text scheint sich hier selbst zu verschleiern, obwohl er vorgibt, sein können wir uns unserer Sache so gut wie nie, und das selbst dann,
eine klare Anweisung zu erteilen. Tatsächlich fühlt man sich an die wenn wir uns einbilden, das Problem der chemischen Definition und
Fach- und Geheimsprachen der Handwerksgilden erinnert.^^ Denn, der Reinheit der vielleicht gemeinten Substanzen gelöst zu haben.
was bedeutet hier Magnesia? Wir haben darüber ja schon gerätselt. Aber damit nicht genug, denn das nächste, das Hafiz-Muster bringt
Und was bedeutet hier Stimmi? Wie der weitere Text nahe legt, be­ zwei Probleme: zum einen wiederum das Problem des Symbols, zum
zeichnet das Wort wahrscheinhch nicht, wie sonst üblich, Grauspieß­ anderen das Problem des kulturellen Kontextes der Symbolwelt. Der
glanz, sondern ist ein Deckname für Tetrasoma. Olym piodoros' Be­ Mensch ist ja nicht nur ein Zoon politikon, ein gemeinschaftsbildendes
merkungen über die Gefährten des Königs, also die Betreiber der kö­ Lebewesen, wie Aristoteles sagt, er ist auch ein Zoon symbolikon, ein
niglichen Gruben und Tempelwerkstätten, machen deutlich, dass die Lebewesen, das zwischen sich und die Welt, wie sie an sich ist, eine
Adepten Sprachverwirrungen solcher Art wohl nicht als symbolischen zweite Welt der Symbole setzt, die es aus dem Material seiner Umwelt
Ausdruck tiefer Dunkelheiten, sondern eher als pragmatische Ver­ in genau der Weise erschafft, wie Bienen aus Blütenstaub Wachs produ­
schlüsselung von Betriebsgeheimnissen genommen und entsprechend zieren, um in ihm zu leben.^^ Und - auch wenn wir den Vergleich jetzt
interpretiert haben. Wir können die Leit-Wörter des Kapitäns-Musters vielleicht so weit treiben, dass jeder Entomologe <Halt> rufen würde -
als Initiationsrätsel bezeichnen, wie sie auch heute in jeder Fachprü­ wie die Bienen eines Stanunes ihren Korb, ihre Stadt aus Wachs, am
fung Vorkommen: Die Rätsel sind lösbar, aber nur wer sie lösen kann, Geruch erkeimen, so haben auch viele Symbole einen <Geruch>, der dem
gehört zur Zunft. Viele metallurgische Praktiken waren seit alters her einen sagt: «Dieses Symbol gehört zu meinem Volk, zu meiner Kultur»,
geheim, und dies nicht nur, um ungebetene Konkurrenten und Feinde und dem anderen nur sagt: «Dieses Symbol ist mir fremd.» Als Hafiz
des Pharao, die nur aus Eigennutz arbeiteten, fern zu halten, sondern im 14. Jahrhundert n. Chr. ein Gedicht über die Rose schrieb, konnte er
vor allem auch, um Frevler, und seien sie Frevler aus Unwissenheit, voraussetzen, dass ein persischer Leser seine Metaphorik, d. h. den <Ge-
davon abzubringen, sich in das gefährliche, aber geregelte Verhältnis ruch> seines Rosen-Symbols, und damit auch die didaktische Absicht
von Göttern und Hüttenleuten einzumischen. In dieses Verhältnis ge­ erkennen würde, die er mit diesem S)mribol verband. Genauso durfte
hörten auch die Mythen und die Kenntnis der Mythen, die ja u. a. Olympiodoros voraussetzen, dass sein alchemisch gewendeter Osiris-
immer auch die Aufgabe hatten, Ordnung zu stiften. Wir können sicher Mythos von seinen Lesern - noch - richtig interpretiert w ü r d e . U n d
sein, dass die archaischen Berg- und Metallhüttenleute religiöse Bru­ <richtig> heißt hier: gelesen oder gehört in dem Wissen, dass nicht die
derschaften bildeten, in denen die mündliche Vermittlung geheimen Wortbedeutungen allein den Sinn der heUigen Texte ausmachen und
Wissens über Erze, Menschen und Götter eine große Rolle spielte. Wie dass ein und derselbe Text in verschiedenen Sinnschichten gleichzeitig
in der Alchemie war das Lehrer-Schüler-Verhältnis Basis metallurgi­ interpretiert werden kann.*°^ Nun kann, um zu Hafiz zurückzukehren,
scher Tradition, und wie in der Alchemie erlernte der Schüler in dieser ein Gedicht sehr wohl für sich selber stehen und auch, was oft geschieht,
persönhchen Beziehung nicht nur technische Fertigkeiten, sondern in anderem als dem didaktischen Kontext seinen Reiz ausüben. Genau­
auch die Rechtfertigungsmythen, die Mysterien und die Lebenshaltung so ist es mit vielen alchemischen Motiven. Sie driften von ihrer an­
seiner Zunft. in « n e andere sprachliche Umgebung, in einen anderen^
144 I. Im Schatten der Pyramiden Sprachmuster der Alchemie 145

kulturellen Kontext, und werden dort zwar nicht mehr in ihrer ur­ gerade unverfroren kundtut, das Geheimnis sei nur «den bereits Einge­
sprünglichen Bedeutung verstanden, aber mit gläubigem Gewissen tra­ weihten» offenbart worden, dann macht er uns ganz deuthch, dass wir,
diert. So wird, abgesehen von psychologischen Aspekten, das Motiv des die armen Nachgeborenen, einfach deshalb, weil wir nicht Eingeweihte
Moormanns in der abendländischen Alchemie vielleicht auf Osiris zu­ sind, um dieses Mysterium nicht wissen können, ja, er schlägt uns - wie
rückzuführen sein. Und auch das Motiv des Grabes taucht immer wie­ so oft in der Welt der Religionen - die paradoxe Tür vor der Nase zu,
der auf, meist als Bezeichnung des Gefäßes der alchemischen Operatio­ indem er sagt: «Weil Ihr nicht schon habt, was Ihr bekommen sollt,
nen. Ich habe <Motiv> gesagt, um das Wort <Symbol> zu vermeiden, weil bekommt Ihr es nicht: Euch, die Ihr nicht eingeweiht seid, wird die
gerade hier, in der Hafiz-Schicht, die Grenze zur Allegorie verschwimmt: Offenbarung, sprich die Einweihung, eben deshalb nicht zuteil.» Etwa
Man fühlt die Symbolbedeutung nicht mehr, sondern einem muss ge­ ein halbes Jahrtausend später werden andere genau dasselbe sagen, und
sagt werden, was gemeint sein soll. Die Allegorie unterscheidet sich ja 500 Jahre danach wiederum andere. In einem arabischen, von Renaldus
dadurch vom Symbol, dass sie nicht <natürlich> ist, sondern eine ge­ V. Cremona übersetzten Text des <Buchs der Siebzig> heißt es kurz und
dankliche und damit künstliche Beziehung zwischen dem Dargestellten bündig: «Ich weiß, dass der Name des Steins existiert, aber man kann
und dem Gemeinten schafft.'®^ Das Weggleiten der urspünglich ge­ ihn nicht sagen.» (Berth. (4) I, 328) Und am Ende des Mittelalters versi­
meinten Sache vom sprachlichen Ausdruck kann im Übrigen für alle chert uns ein Alchemist: «Nur, wer den Stein der Philosophen hersteilen
Sprachmuster und jeden Wechsel zwischen ihnen zutreffen und zu einem kann, versteht deren Worte über den Stein.» (Jung (5) 309)
exegetischen Wirrwarr führen, in dem sich Fehlinterpretationen in älteren Das Ganze läuft auf einen alchemischen <Matthäus-Effekt> hinaus:
Texten auf Fehlinterpretationen in neueren Texten und weiter auf Fehl­ <Wer schon hat, dem wird gegeben. >Nur wer bereits die niederen Wei­
interpretationen in noch neueren Texten häufen. Jedes einzelne Wort hen hinter sich, kann höherer teilhaftig werden. Jeder ernsthafte Leser
verrät ein Geheimnis und hat deshalb eine Tendenz zum Unendlichen. liest die Werke aus den Bibliotheken der Ptolemäer in der Hoffnung auf
Mit den Fehlinterpretationen bis hin zu den gewollten und unaus­ Initiation, aber er kann nur hoffen, wenn er bereits - durch Vorbild?,
weichlichen sind wir beim Hermes-Muster angelangt, in dem die Rose durch einen Lehrer? - initiiert ist.
wie der so koboldhafte Gott sich in unendlichen Spiegelungen selbst Es gibt auch alchemische Textpassagen, die nicht so weit zu gehen
verleugnet. Wir können sicher sein, dieses Muster vor Augen zu haben, scheinen wie die zitierten Stellen. Die Passagen suggerieren zwar eben­
wenn wir von Träumen und Visionen lesen, und wir lesen von ihnen falls geheimnisvolle Bedeutungen, doch diese Bedeutungen scheinen
bis in die Neuzeit. Es gibt aber auch Textstellen, die uns bewusst, in sich nicht so offensichtlich selbst aufzuheben. Wir meinen, einer allego­
voller Absicht, in den Bereich dieses Spachmusters hineinziehen wollen. rischen Geschichte folgen zu können, die sich doch irgendwie im che­
Und manchmal ist das Hermes-Muster durch ein einziges Wort vertre­ mischen Geschehen wieder finden lassen müsste. Aber die Bedeutungen
ten, das Wort <Lapis>. Der Stein der Weisen ist das materialisierte Para­ oszillieren: Immer, wenn wir genauer hinschauen, scheinen sie um Fix-
doxon, das sich denn auch nur im Selbstwiderspruch und damit recht pimkte zu schwingen, wie es ims ja so oft mit Einzelheiten in Bildern
eigentlich nicht beschreiben lässt. Wenn Altmeister Zosimos vom «Stein, unserer Erinnerung geschieht. Selbst die scheinbar nüchternen Aussa­
der kein Stein ist» redet, legt er es unverschleiert auf Paradoxa an und gen des ersten, des scheinbar schlichten No-nonsense-Musters, kommen
weist damit auf ein religiöses Mysterium hin, das dem Paradoxon darin uns jetzt verdächtig vor. Die alchemische Letztbedeutung, auf die der
gleicht, dass es sich der zweiwertigen Logik nicht unterwerfen lässt: Alchemist unablässig hinstarrte, gleitet uns fort, sie ist überall und nir­
«Das nun ist das nicht mitteilbare Geheimnis, das keiner der Prophe­ gends, sie ist ubiquitär wie Gott Hermes, und das haben die Alchemi­
ten [Priester] mündlich zu verbreiten gewagt hat, sondern das sie nur sten zu allen Zeiten immer wieder betont. Aber eine Erhellung unver­
den bereits Eingeweihten offenbart haben. In ihren symbolischen Schrif­ ständlicher Texte wird ihnen nicht gerecht, wenn wir die Texte in ihrer
ten haben sie den Stein vergeistigt genannt, den Stein, der kein Stein ist, Unverständlichkeit, in ihrer unentwirrbaren Vielschichtigkeit nicht be­
das Unbekannte, das allen bekannt ist, das Verachtete, das so kostbar griffen haben.
ist, das Etwas, das von Gott sowohl gegeben, als auch nicht gegeben In dieser Zone der Letztbedeutungen lassen die bisher genannten
ist.» (Berth. (2) II, 113!.; III, 122) Muster - vom ersten abgesehen - in einigen ihrer Linien imd Verbin­
An anderer Stelle spricht er unumwunden von einem religiösen Mys­ dungen ein gemeinsames, weiteres Muster mit eigener Bedeutung er­
terium, dem Mysterium des Mithras, mit dem nicht etwa eine Hand­ kennen. Dieses Muster macht uns, worauf Umberto Eco in einem Essay
lung, sondern der Stein selbst gemeint ist. Und wenn Zoshnos uns nach­ sich
146 I. Im Schatten der Pyramiden Sprachmuster der Alchemie 147

nicht bloß und nicht zunächst auf den Stein oder sonstige alchemische sprochenen Substanzen im letzten, tiefen Verständnis durchaus keine
Phänomene bezieht, sondern bereits auf den bloßen alchemischen Dis­ Beliebigkeit ist, gerieten die Alchemisten nur zu leicht in Gefahr, im
kurs. Nicht nur im gewissermaßen vertikalen Verhältnis von Makrokos­ Treibsand haltloser Hoffnungen zu versinken. Zum Geheimnis der
mos-Mikrokosmos, Transzendenz-Immanenz, Pneuma-Hyle nämlich Scheinbeliebigkeit mussten Geheimnisse hinzukommen, um eben die­
gibt es ein dichtes Netz interagierender Bedeutungsbeziehungen, son­ ses Geheimnis zu entschlüsseln, und diese Geheimnisse, davon war je­
dern auch auf der horizontalen Ebene der verbalen und visuellen Spra­ der Alchemist überzeugt, mussten irgendwo, in den Bibliotheken der
che: Jedes Wort und jedes Bild, das der Alchemist benutzt, hat aus den Ptolemäer, lüedergelegt sein, anders hätte doch keiner der so vertrau­
schon genannten Gründen die Bedeutung vieler anderer. Wir wissen enswürdigen Alten Meister je das Ziel, die Erlösung der Materie, er­
damit häufig vom Prinzip her nicht, wovon gerade gehandelt wird. Das reicht. An Schwindel - und wozu auch? - ist angesichts der verborgenen
Einzige, was wir wissen, ist, dass geschrieben wird und jeder Schreiber Tiefen der Texte nicht zu denken, und also schloss, wen immer die al­
eines alchemischen Textes auf Geschriebenes reagiert. Wir befinden uns chemische Sehnsucht trieb - um es in Christian Morgensterns Worten
damit tief in der Welt der Bücher und können uns oft nicht sicher sein, zu sagen —, «messerscharf / dass nicht sein kann / was nicht sein darf».
ob diese Welt oder Teile dieser Welt sich nicht im Prozess ihres eigenen (Morg. 60) Wenn Olympiodoros auf die Bibliotheken der Ptolemäer ver­
Diskurses von der übrigen Welt hermetisch abgeschlossen haben. In die weist, dann meint er die unendliche Bibliothek von Babel, von der Jorge
Buchwelt der Alchemie ist das Labor gewissermaßen eingeschlossen, Luis Borges in seiner berühmten Erzählung spricht, - oder er meint das
und es wirkt dort stabilisierend und richtet zugleich den Bhck immer Internet: Alle Weisheit ist da, nur gliche es einem Wunder, wenn man
wieder zurück auf das Schillernde aller alchemischen Bedeutung, ist sie fände, und einem zweiten, wenn man sie erkennen würde. Wenn
doch alles, was geschieht und was gesagt wird, spirituell und materiell aber das Wunder des All-Wissens existiert, dann nur in hieroglyphi-
zugleich: «tarn ethice quam physice». (Jung (4) 20) Ist das Gold, von schen Texten, in Texten, die nicht der Entzifferung durch jedermann
dem geredet wird, wirkhch Gold; ist die Gestalt mit den Flügelschuhen, offen stehen; denn, um ein nüchternes Argument für diese Behauptung
die auf einer anderen Seite unseres Buches abgebildet ist, wirklich die beizubringen, wenn es nicht so wäre, hätte irgendein Jemand das Wun­
Erscheinungsform des Gottes Hermes, ist sie unser Quecksilber oder gar der des All-Wissens schon längst ausgeschlachtet. Die Hierogylphen-
gewöhnliches? Wir sollen und können es nicht wissen, und gerade das sprache der Alchemie nun behauptet zu Recht, von der Natur und von
ist das Geheimnis der Geheinmisse. Die prinzipielle Undeutlichkeit und chemischen Umsätzen zu reden. Und damit bietet sie unserem, wie wir
danüt Unvollständigkeit der Texte bei angenommener Vollständigkeit glauben, von der Natur selbst bestätigtem Denken noch ein besonderes
bedeutet übrigens auch, dass sie - trotz aller Schwatzhaftigkeit - von Problem: Wie und wie weit können wir mit unserem Denken alchemi-
Auslassungen leben, von Geschichten imd Erlebnissen, die nicht erzählt sches Denken für <vemünftig> halten und <erklären>, ohne es mit der
werden oder nicht erzählt werden können, auf die aber ständig hinge­ Erklärung zu zerstören? Das ist ein Problem, das uns vor allem deshalb
wiesen wird. Wer diese Geschichten kennt, dem ist, wie alchemische beunruhigt, weil die alchemische Sprache hinweist auf ein ebenfalls auf
Autoren so oft betonen, der alchemische Prozess ein Kinderspiel, ein materielle Wirklichkeit gerichtetes, anscheinend von ihr bestätigtes und
ludus puerorum. Nur: Wer begreift das Spiel, und wer kann es ins Labor doch anderes Denken, ein Denken, das sich an der dunklen, moorwei­
zurückübersetzen? Man kann das alles auch gehässiger oder verzwei­ chen, gärenden Grenzzone zwischen Bewusstem und Unbewusstem
felter ausdrücken: Das Geheimmis besteht darin, dass ständig alles und entlangbewegt, wach und doch wie schlafwandelnd.
nichts, nichts und alles gesagt wird. Die Bedeutungen sind alle da, das Ein erster Schritt zu einer Lösung unseres Problems liegt in der Frage,
Wissen und die Weisheiten sind alle da; es kommt darauf an, unter den mit der wir uns zu allererst der Göttlichen Kunst genähert haben: Was
schier unendlich vielen möglichen Verknüpfungen der Bedeutungen, ist Alchenüe? Wann kann ims die Alchemie selbst auf diese Frage nicht
des Wissens und der Weisheiten die richtigen richtig zusammenzuwe­ mehr antworten, wann also sinken die alchemischen Texte ab in eine
ben. Dunkelheit, in der das, was eine uns halbwegs verständliche Alchemie
Tatsächlich: Wenn wirklich, wie Maria uns glauben machen will, das ausmacht, nicht mehr zu finden ist? Nehmen wir als Beispiel den <Kom-
Theion hydor <ihr Schwefeh imd genauso auch <ihr Quecksilber> ist mentar> des Olympiodoros, den der große Chemiehistoriker imd Che­
(Berth. (2) III, 124), daim kann diese Beliebigkeit den heutigen Chemiker miker Lippmann als ein «inhaltsarmes, wirres und schwülstiges Buch»
schnell zur Resignation treiben. Aber gerade weil in den Augen der (Lipp. 1 ,98) bezeichnet. Wir müssen feststellen, dass es nur unter einem
Adepten diese Beliebigkeit wegen des Pneuma-Charakters der ange­ Blickwinkel wirr und schwülstig ist, unter einem anderen durchaus
148 I. Im Schatten der Pyramiden Die Alchemie und die Byzantiner 149

nicht, sodass wir hoffen können, gerade an einem Buch wie dem <Kom- einer im Grunde chemischen Tätigkeit von pathetisch-dümmlichem
mentar> zu erkennen, welche Texte von uns noch ernst genommen, Pathos. Wir könnten sagen, dass gerade der Reifungsprozess der Alche­
wenn auch sicher nicht völlig <erklärt> werden können. Es zeigt sich mie notwendig zu einer Verselbständigung ihrer Hauptbestandteile ge­
bald, dass sich in den Dunkelheiten des Buches all das verbirgt, was zu führt hat, wir könnten anmerken, dass gerade die so unterschiedlichen
unserer Definition der eigentlichen Alchemie gehörte: Das Buch handelt Bestrebungen der Alchemie nach dem Ausspielen aller Möglichkeiten,
von einem im Rahmen der damaligen chemischen Kenntnisse plausi­ die in ihnen steckten, zu einer Entflechtung führen mussten. Wir könn­
blen, praktischen Versuch, Materie zu veredeln und letztendlich über ten aber auch behaupten, dass sich die Alchemie mitnichten entwickelt,
sich selbst hinauszuheben, dies in Wechselwirkung mit dem Versuch, sondern ihre chemischen Bestandteile an die zweifelhafte Kunst des
den Menschen in einen höheren Seinszustand des Wissens, in Gnosis Goldfälschens verloren und sich in der Exegese uralter klassischer Texte
zu versetzen. Im <Kommentar> ist weder die praktische Seite der Alche­ erschöpft hat. Beides ist diskutabel und durchaus nicht so klar, wie es
mie zu einer bloßen Metaphemspielerei geworden, noch wirkt die zu wünschen wäre. Uns, die wir gewissermaßen von der im Sinne un­
spirituelle Seite der Alchemie wie eine bloße Garnierung chemischer serer Definition intakten Alchemie herkommen, liegt dabei eine negative
Rezepte. Die Alchemie des 01 )nnpiodoros wie die der anderen von uns Wertung des so interessanten und so deutlich zu beobachtenden Ent­
behandelten Adepten stellt sich dar als ein zwar synkretistisch zustande mischungsprozesses wohl näher.
gekommenes, aber völlig eigenes Geistesgebilde, das u. a. handwerkli­ Dabei verdienten, wenn wir uns die sich im Strudel der Geschichte
ches Wissen, archaisch-mythische Weltvorstellungen und Geheimnisse langsam entmischenden Hauptbestandteile der alchemischen Emulsion
zeitgenössischer Erlösungsrehgionen in einer einzigen Tätigkeit, die so­ ansehen, die praktischen Komponenten dieser Emulsion genauso viel
wohl technischer als auch liturgischer Natur ist, sinnvoll miteinander Beachtung wie die spirituellen. In welchem Maße sich aber eine prakti­
verknüpft. sche Goldfälschertechnik außerhalb der schriftlich niedergelegten alche­
mischen Tradition gehalten hat, in welchem Maße alchenüsch gefärbte
Praxis in die allgemeine chemisch-technische Praxis der chemischen
27. Die Alchemie und die Byzantiner Handwerke eingegangen ist, wird wohl immer unklar bleiben. Derarti­
ge Forschungen stehen ja auch besonderen Problemen gegenüber, wer­
Trifft das aber auch zu für die Alchemie und die Alchemisten, die die den doch Goldfälscher, wenn sie sich des Charakters ihres Tuns bewusst
geographische Wurzel ihrer Tätigkeit, Alexandria, verlassen haben und waren, kaum geneigt gewesen sein, sich öffentlich schriftlich über ihre
in die Hauptstadt des Reiches übergesiedelt sind? Untaten zu äußern. Und archäometrisch verwertbare Reste aus alche­
Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage, wie uns das Beispiel mischen Werkstätten gibt es nicht mehr. Immerhin ist anzumerken, dass
des wohl berühmtesten byzantinischen Alchemisten, des Stephanos, Stephanos mit besonderer Wonne auf die Goldfälscher und Goldschmie­
schnell klarmacht. Dieser Stephanos - er hat im 7. Jahrhundert gelebt - de einprügelt, deren Gold deshalb nicht echt ist, weil es nicht philoso­
wurde in Alexandria geboren, stammte also aus dem Lande der Alche­ phisch ist: «Der hervorragende Mann, wofern er Anwalt der Tapferkeit
mie, verbrachte aber den wichtigsten Teil seines Lebens in Byzanz. Mit ist, dreht die Dinge um und stellt sie in die Sicht der Wahrheit, damit
Stephanos sind wir bis an den Rand dessen gelangt, das wir nach un­ du nicht, wie gesagt, zu viel Notiz nimmst von gemauerten Öfen, Glas­
serer eigenen Definition noch als echte Alchemie bezeichnen können. geräten, Alembiken, verschiedenen Kolben, Kerotakis- und [sonstigen]
Die Entwicklung, die von Zosimos im 4. Jahrhimdert über Synesios und Sublimierapparaturen. Denn über jene, die davon fasziniert sind, ist die
Olympiodoros bis zu Stephanos im 7. Jahrhimdert führt, lässt sich sehr Bürde der Ermüdung verhängt.» ((Trakat II) Souk. (i) 22f.)
wohl als einen Verödungs- und zugleich als Ablöse-, Abstoßungspro­ Ich bezweifle, dass die kaiserlichen Münzprüfer je das <echte> Gold
zess deuten, der konstitutive Teile der Alchemie, wie wir sie noch bei des Stephanos haben auf Echtheit prüfen können, hat er es doch wohl
Olympiodoros finden, beiseite schiebt und endlich ganz verdrängt. eher mit dem Mund und dem Schreibgriffel als mit dem Ambix und
Aber natürlich haben wir auch das Recht, die Entwicldung positiv zu dem Kerotakis hergestellt. Dennoch: Stephanos ist der praktischen Seite
werten. Unter dem Aspekt der spirituellen Alchemie könnten wir von der Alchemie noch nah; seine Worte, seine Metaphern, seine Vergleiche
der Befreiung im Grunde rein spiritueller Gefühls- und Gedankengänge halten gewissermaßen den Weg zurück ins Labor noch offen.
von allem materiellen Ballast sprechen, unter dem Aspekt der labor- Mit Worten wusste unser Stephanos sehr gut umzugehen, amtierte er
praktischen Alchem ie dagegen^ von einer fortsrhrpitpriden Reinigung doch an der Palastsrhnlp des Kaisers HerakUos^ dessen Regierungszeit
150 I. Im Schatten der Pyramiden Die Alchemie und die Byzantiner 151

allerdings weniger von den Musen geprägt ist als von Kriegen gegen pythagoreismus mit ihrer Betonung auf Allbeseelung und kosmischer
Persien, aber auch vom Siegeszug des Islam ab 622 n. Chr. und dem Harmonie zu begreifen. Im Übrigen: «Nun, weiseste Männer, übergeht
teilweisen Zusammenbruch des Oströmischen Reiches nach 634. Das die verstandesmäßige Erklärung. Die verborgene Frage [der Kunstl ist
Reich, das in dieser Krisenzeit auch eine Periode innerer Reformen ein Geheimnis, ein mystisches Sprechen und Betrachten.» ((Traktat II)
durchmachte, wurde vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, Souk. (i) 21)^°^
wenn auch erst Historiker ihm die Bezeichnung <byzantinisch> verlie­ Das Symbolon Alchemie steht in diesem mystischen Sprechen zu­
hen haben. Das Byzantinische Reich existierte noch über 800 Jahre, was gleich als Hinweis auf die Grenzgängerschaft des Menschen und des
darauf hinweist, dass es nicht nur <byzantinisch> war, wie wir uns das Kosmos zwischen Dunkelheit und Helle, zwischen dem letztlich frucht­
vorstellen, d. h. inmitten schwerer, düster-goldener, weihrauchge­ baren Nichtsein und dem Sein, und es steht für eine mögliche, gewisser­
schwängerter Pracht geschüttelt von Hofintrigen, Dekadenz und Aber­ maßen aktiv kontemplative Selbsterlösung des Menschen, während er
glauben, sondern dass es vor allem als eigenständige, griechisch-christ­ damit ringt, <unfertige> Natur in einen höheren Seinszustand zu heben.
lich geprägte Kultur eine bewundernswerte Lebenskraft unter schwie­ Im Bereich alchemischer Mystik scheint das Unmögliche dem Möglichen
rigsten Bedingungen bewiesen hat. Auch der Kaiser Heraklios war kein tatsächUch nähergerückt, denn unter den Augen des Mystikers wird das
dekadenter byzantinischer Potentat, sondern ein fähiger Mann in einer Opus magnum zu einer rational nicht restlos ausdeutbaren Folge von
tragischen Situation. Uns interessiert er besonders, weil ihm, obwohl er Sinnbildern, die sich über das materiell Chemische hinaus auf die see­
die meiste Zeit seines Lebens in militärische, theologische und politische lisch-moralisch-religiöse Vervollkommnungsfähigkeit imd Vervoll­
Kämpfe verwickelt war, doch eine Neigung zu den Geheimnissen der kommnung des Menschen beziehen. Und derlei Siimbilder haben Anteil
Alchemie und sogar die Verfasserschaft einiger alchemischer Traktate an beidem, dem Unmöglichen und dem Möglichen. Das Sinnbild aller
zugeschrieben wurde. Sinnbilder aber ist der Stein selbst, der von Stephanos genauso blumig
Eben dieses Interesse seines Kaisers hat den Professor Stephanos an­ und bewusst paradox beschrieben wird, wie wir es schon kennen: Der
scheinend zur Feder greifen lassen. Neben neuplatonisch-christlich un­ Stein ist geheim imd allbekannt; er ist armselig und unvergleichlich kost­
termischten Kommentaren zu aristotelischen Schriften, ferner zum me­ bar, geht er doch imter dem Einfluss der zw ölf Zeichen des Tierkreises
dizinischen Werk des Hippokrates sowie zur ptolemäischen Astronomie aus den Naturen und Farben der sieben Planeten hervor; er erfüllt das
und Astrologie hinterließ er nämlich eine Abhandlung über die Alche­ Große Werk der Transmutation, indem er das Männliche imd das Weib­
mie in neun Lektionen, deren letzte dem Kaiser gewidmet ist, und die liche und damit das Aktive mit dem Passiven, das Heiße mit dem Kalten,
diesem, wenn man nach der Art der direkten Anrede urteilt, auch selbst das Rote mit dem Weißen, Hermes nüt Aphrodite vereinigt. Unter dem
gehört hat. bekaimten Leitwort <Die Natur erfreut sich der Natur .. .> erfolgt Zeu­
Bezeichnenderweise ist Stephanos in unserem Jahrhimdert von His­ gung, worauf das Gezeugte binnen vierzig Tagen zu Gold heranreift.
torikern völlig unterschiedlich beurteilt worden. Vor dem Hintergrund Stephanos bezieht sich auf Olympiodoros, wenn er den Lapis <etesi-
des von ihm selbst stammenden Mottos: «Die Wissenschaft vermag al­ scher Stein> nennt, einen Stein, der alles mit allem verbindet, der alles,
les; sie sieht das Unsichtbare und vollbringt das Unmögliche.» (Lipp. alle Farben in sich enthält, und der deshalb als belebender Geist, bele­
1, 104) bewertete Lippmann ihn z. B. äußerst kritisch. Was aus Lipp- bendes Pneuma in allem Lebendigen ist. Und da alles, auch das Mine­
manns Sicht bei Stephanos' Bemühungen herauskam, sieht kaum aus ralische, pneumatisch und also lebendig ist, ist er überall, ist ubiquitär.
wie ein Ritt auf dem Rücken des Unmöglichen, sondern eher wie ein Aber wir können seiner nicht immer habhaft werden, sondern nur dann,
bildungsbeflissenes Durcheinander, das niemandem hätte helfen kön­ wenn er bereit ist, sich von potentiellem zu aktuellem Leben erwecken
nen, sich im Labor zurückzufinden. «Aber genau darum geht es nicht», zu lassen.
entgegnete 1992 Werner Soukup in einer kommentierten Übersetzung Weim wir nun mit Plinius annehmen, dass es tatsäclüich einen Stein
der ersten drei Traktate und eines Briefes an Theodoros sowie einer namens <etesischer Stein> als eine Art schwarzen Basaltes gab, und beim
Zusanunenfassung der übrigen Traktate. Es gehe vielmehr darum, dass Adjektiv <schwarz> an die Farbe aller Farben denken, dann haben wir
bei Stephanos die Alchemie zu einem Sinnbild, einem Symbolon der den etesischen Stein auch als potentiellen Lapis philosophorum, also als
Natur, der Physis im umfassendsten Sinne geworden ist, das seine Prima materia vor uns, und zwar als eine lebendige Prima materia, die
Rechtfertigung in der Wandelbarkeit und den Wandlungen der Materie nur noch zu vollkommenem Leben erweckt werden muss. Und wenn
findet. Dieses Sirmbild ist nur im Geiste des Neuplatonismus und Neu- wir an Osiris und seine Wiederbelebung denken, dann sind wir tief in
152 I. Im Schatten der Pyramiden Die Alchemie und die Byzantiner 153

der Welt der Vegetationsgötter und damit in der Glaubenswelt des Pan­ Das Ziel, d. h. der eigentliche Stein der Alchemisten ist aber nicht das
theismus - auch wenn unser Stephanos das wahrscheinlich entsetzt ge­ materielle Wunderding, nicht die Koralle des Goldes oder der Gold­
leugnet hätte. mensch, das Ziel ist die Kontemplation der kosmischen Harmonie:
Und immer wieder kommt es auf dasselbe hinaus: Die Natur des «Warum also sollten wir die Spezies Goldkoralle bewundern? Wir soll­
Pneuma und die Natur des Soma müssen sich verbinden. Dann erwacht ten eher [durch sie] die unendliche Schönheit bew undern.... O unaus­
Osiris zu neuem Leben. Und so ist der Satz des Ostanes über die Natur, sprechliche Mysterien eines Gottes der Weisheit, o reiche Geschenke für
die sich der Natur erfreut, tatsächUch die Basis aller Überlegungen: diejenigen, die den Herren geliebt haben, o Tiefe der Fülle der Weisheit
«Denn», so schreibt Stephanos, «ein Natürliches ist notwendig und eine und des Wissens dieser Mysterien! Wenn schon die gegenwärtigen Din­
Natur, die alles beherrscht, von solcher Art - um es klar zu sagen -, ge [der alchemischen Praxis] solche außergewöhnlichen Kostbarkeiten
dass die Natur die Natur erfreut, dass die Natur die Natur beherrscht darstellen, von welcher Art müssen dann erst die ewigen Dinge sein,
und dass die Natur die Natur besiegt. Denn sie erfreut sich, da sie mit die kein Geist erkennt? Wenn schon das natürliche Werk unvermittelbar
sich selbst blutsverwandt ist, und schließlich, der Natur übergeordnet, ist, von welcher Art müssen erst deine makellosen Güter und unver­
besiegt sie die Natur, sobald das Körperhafte des Prozesses die Initiation gänglichen Schönheiten sein, die niemand sehen kann?» ((Traktat I, II)
in die Mysterien vollzieht. Denn wenn der unzerstörbare Körper vom Souk. 9, 24)
Tod erlöst und [für] die geistig gewordene Vollendung umgewandelt Bei allem ist der Geruch des Labors doch nicht ganz aus Stephanos
wird, dann verhält sie [die Natur] sich der Natur geradezu übergeord­ blumenreichen Worten entschwunden. Auch er kennt einen praktischen
net, wunderbar wie der Geist; dann meistert sie den von ihr bewegten Verwandlimgsprozess, dessen Stufen er mit <Zerreibung>, <feinerer Zer-
Körper, dann erfreut sie sich ihres Aufenthaltsortes, dann besiegt sie reibung» als einer Dissoziation, die einem Tode gleichkommen soll, fer­
jenes, welches körperlos das Ganze heimsucht, jenes, welches von die­ ner mit <Schwärzung>, <Weißung> und <Gilbung> angibt, woran sich eine
sem Ganzen verursacht ist und an der Natur so bewundernswert er­ <Waschung> mit Schwefelwasser, eine <Röstung> mit Schwefel anschheßt,
scheint.» ((Traktat I) Souk. 8) die zum <Aufsteigen des Wassers> und zur Bildung einer <Wolke> führt.
Interessanterweise unterscheidet Stephanos zwischen einer mythi­ Wie auch bei anderen Alchemisten dient <Wolke> als Deckname für
schen und einer mystischen Alchemie. Erstere ist die uralte Kunst, die Pneuma und zugleich für die Dampfphase bei der Destillation. Stepha­
Prisca ars, die ihre praktischen Kenntnisse in Wörtern (Mythen) und nos weist übrigens ausdrücklich auch auf Zosimos hin, der zwischen
einer Vielzahl von Synonymen verbirgt, um sie geheim zu halten. Letz­ Schwärzung und Weißung das <Einsalzen> und die <Waschung>, zw i­
tere ist ein Nach Vollzug des göttlichen Dramas der Schöpfung und der schen Weißung und Gilbung das <Gussfähigmachen> und zwischen Gil­
Inkarnation Gottes. bung und Röstung - hier als losis begriffen - eine <Zweiteilung> der
«Die mythische Chemie», so schreibt Maria Papathanassiou in ihrer Mischung eingeführt habe; am Ende der Röstung erfolge die Wieder­
Untersuchung der Alchemie des Stephanos dazu, «wird durch viele vereinung der getrennten Teile.
Worte verwirrt, und die mystische Chemie behandelt die Welt nach ih­ Als Hauptsymbol des mythischen Werkes steht in seinem Zentrum
rer Methode, die die der Bilder [d. h. der Symbole] ist. Wie daraus folgt, das mit dem Planeten Venus verbundene Kupfer. Hier stellt es wohl
sind beide Aspekte der Chemie geheim und gelten offenbar gleichzeitig den nach Erlösung suchenden Alltagsmenschen vor Beginn des Ini­
- die mythische Chemie verbirgt die Wahrheit in Wörtern und die mys­ tiationsprozesses dar und w urde von Stephanos nicht als weiblich,
tische in Bildern - um die Kunst der Philosophen nicht Uneingeweihten sondern als männlich aufgefasst. Es geht um seine Reinigung, es geht
bekannt zu machen.» (Papath., 69) In der mystischen Alchemie spielt darum, die Schönheit wieder zum Vorschein zu bringen, und vor
das die vier Elemente umfassende Ur-Ei, das den Ouroboros gebiert, die allem geht es darum, die Schönheit vom Verfall zu befreien und da­
entscheidende Rolle. Der Drache, der hier in einem seiner vielen Aspek­ mit wahrhaft schön zu machen. Dazu müsse das Kupfer vielmals
te wohl die Prima materia darstellt, wird mit einem beseelten und ver­ verbrannt, mit Rosenöl - vielleicht Zinnober - verwandelt und her­
geistigten Kupfer bzw. einem Kupfermenschen gleichgesetzt, der durch ausgestoßen werden. Wie der Alchemist Hermes fordert auch Stepha­
Leid, Tod und Auferstehung in einen Silber- und dann in einen Gold­ nos, dass alle Substanzen, die als Reagenz eingesetzt werden, zuvor
menschen verwandelt wird und damit Vollkommenheit und Erlösung in Aschen, also in Asomata zu verwandeln sind. Er begründet das
erlangt. Das Motiv des Kupfermenschen hat Stephanos wohl dem mit einer stoisch anmutenden Theorie, nach der Feuer als höchstes
Traum des Zosimos entnommen. und pneumatischstes der vier Elemente den Somata sein Pneuma
154 I. Im Schatten der Pyramiden Die Alchemie und die Byzantiner 155

anscheinend aber locker gebunden - mitteilt. Die Asche ist nun gleich­ sehen Vorschriften zu unterwerfen, was oft zu Lasten der Klarheit geht.
zeitig entkörperlicht wie ein Destillat und pneumagesättigt, sodass sie Das ist sicher mit ein Grund, warum die modernen Naturwissenschaf­
über die Kraft verfügt, Kupfer zu färben, wobei Stephanos darauf hin­ ten kein Lehrgedicht mehr kennen, auch wenn etwas dergleichen viel­
weist, dass man Färbemittel und Farbstoff unterscheiden muss.^°^ Um leicht didaktisch ganz nützlich wäre. Andererseits kann gerade die
den Stein, der viele Namen imd Farben hat, herzustellen, muss man das Dichtung einem vielschichtigen Thema besonders gut gerecht werden,
Kupfer nach seiner Röstung mit Schwefelwasser löschen, wodurch es sind doch poetische Geschichten, Bilder, Metaphern usw. bestens geeig­
dicht wie Wein wird. Erfogt dies im Monat <Mechir> bildet das Kupfer net, eine Vieldeutigkeit, eine Vielschichtigkeit im Gleichzeitigen wieder­
innerhalb von 41 Tagen bei schwachem Feuer einen Stoff aus, der das zugeben.
gesuchte Geheimnis der unberührten Schwefelwässer ist, will sagen der Im Mittelpunkt des Gedichtes von Theophrast steht der Ouroboros.
Stein, der aber noch sechs weitere Phasen zu seiner eigentlichen Her­ Der Drache gebiert sich selbst aus dem Stein, der kein Stein ist oder,
stellung erfordert.'“^Bei Stephanos' Neigung, Ideen aus ganz verschie­ was für den Dichter wohl dasselbe bedeutete, er gebiert sich aus Feuer
denen Quellen ohne jede Folgerichtigkeit zu vermischen, wundert es imd Wasser, aus den Gegensätzen schlechthin. Er ist weiß mit goldenen
nicht, dass er eine <Erklärung> für das Zustandekommen des Steines Ringen und Goldflecken auf dem Leib, wenn er auch, wie sich später
gibt, die mit seinem Rezept durchaus nicht übereinstimmt. Im Herstel­ heraussteilen soll, Schwärze in sich trägt. Als Drache des Uranfangs
lungsprozess des Lapis vollziehe sich, so behauptet er, ein Kampf als steht er für das, was Psychologen die Massa confusa nennen, steht für
ein Akt der Verbindung des Männlichen und des Weiblichen: Das rote, das ungeformte und gefährliche Chaos, das gerade, weil es Chaos ist,
männliche Kupfer verderbe im Kampf gegen das weibliche Quecksilber, weil es offen ist zu Allem, zu jeder Gestaltung, jeder Ordnung, alle
das ringend gerinnt. Möglichkeiten der Entwicklung in sich trägt. Und so ist das Chaos ge­
Angesichts so gravierender Widersprüche, angesichts dieses verfüh­ wissermaßen selbst schon die Vollendung. Das zeigt sich zum einen
rerischen Halbdunkels, in dem praktische und naturphilosophische Ein­ daran, dass der Drache aus dem Stein, will sagen: aus der Vollendung,
sichten auftauchen wie Irrlichter, die keinerlei praktisch begehbaren geboren ist, zum anderen daran, dass er die Zeichen seines Verwand­
Weg weisen, drängt sich doch wohl die Frage auf: «Warum hat sich ein lungsziels auf seinem eigenen Leibe trägt: die Farben Weiß und Gold.
Kaiser, der doch innen- und außenpolitisch Sorgen genug hatte, so et­ Aber er ist furchtbar wie das Chaos, sei es das materielle, sei es das
was angehört?» seelische, sei es das moralisch-religiöse. Er schwimmt im Nil - was si­
Vielleicht steckt die Antwort schon in dem, was unsere Frage heraus­ cher auf einen chemischen Lösungsvorgang hindeutet, zumal auch ge­
gefordert hat. Ist es die besondere Art des Halbdunkels, in dem die sagt ist, dass er in Mist liegt, was nichts anderes heißt, als dass der
alchemischen Weisheiten sich offenbaren? Die Rede des Alchemisten, Zersetzungsvorgang bei der mäßigen Temperatur gärenden Mistes vor
sie wäre dann ein Tasten in diesem Dunkel, ein Drumherumreden, ein sich gehen soll -, und er speit Feuer, womit er das ganze umliegende
Drumherumpsalmodieren, das den Ort eines Geheimnisses umkreist Land verheert und verbrennt. In seiner Wut versucht er sich schließlich
wde der gläubige Moslem, der die Kaaba umschreitet und umschreitet, selbst zu verschlingen, was einem Schwanzfresser ja auch sehr ange­
siebenmal, und der damit erst den Heiligen Ort zu einem Geheimnis messen ist. Jetzt aber ist der Alchemist gefordert: Mit einem Feuerdolche
macht, ist die Kaaba doch nun für ihn der Ort der Epiphanie, der Er­ soll er den Drachen töten und ihm die schwarze Galle (He melaina chole,
scheinung des überall gespürten Gottes. daher Melancholie, he melagcholia) aus dem Leibe reißen. Aus der Gal­
Dieser Sinn des Drumherumredens mag auch für die Werke von zwei lenblase steigen Dämpfe auf, die den Körper des Drachen - oder Teile
anderen byzantinischen Autoren gelten,'®^ die im siebten oder in einem von ihm - in die Höhe heben, von wo er, in der kühlen Luft wieder
der beiden folgenden Jahrhunderte gelebt haben und hier nur als zwei schwer und körperlich geworden, als Theion nama, als göttlicher Saft,
Beispiele unter anderen für einen bestimmten Typ byzantinisch-alche- zurück zu Boden sinkt. Der Saft wird gereinigt, bis er sich zu weißem
mischer Schriftstellerei dienen sollen. Theophrast und Hierotheos, das Nektar verwandelt, der dem toten Drachen eingeflößt wird. Dadurch
sind unsere beiden Autoren, wurden gewählt, weil sie in Jamben schrie­ erwacht der Ouroboros zu neuem Leben und erstrahlt dabei in reinem,
ben, also die Gattung der gelehrten Versdichtung vertreten, die natür­ <zweitem> Weiß. Dennoch ist er noch nicht zu wahrem Leben erlöst. Der
lich ihre Probleme mit sich bringt. Wer nämlich seine Gedanken als Alchemist muss ihn noch einmal mit seinem Feuerdolche töten und ihn
Dichtung wiedergeben will, muss bereit sein, diese Gedanken nicht nur ausbluten lassen. Mit dem - roten - Blute des Getöteten wäscht man die
dem Gegenstände, den er behandelt, sondern auch ^ewdssen ästheti­ Haut des Drachen, und siehe, sie strahlt so golden wie die Sonne.
156 I. Im Schatten der Pyramiden

Ist das nicht ein geradezu dramatisches Märchen, auch wenn keine
Prinzen, Könige und Königinnen darin verkommen? Doch auch dafür
ist in der alchemischen Literatur gesorgt. Der andere byzantinische Al-
chemisten-Dichter, Hierotheos, stellt sie uns vor. Er beschreibt einen rö­ II. In fremden Welten
mischen Kaiser in Purpur und Gold mit rotem Leib, der mit einer per­
sischen Königin, die natürlich weiß ist wie der Mond, vereinigt wird.
Das Kind der beiden hat schwarze Haut, doch ist diese durchschimmert j. Triumph und Katastrophe: Der Islam und seine Eroberungen
von bunten, schillernden Farben, d. h. ganz wie der Teer unserer Teer­
farbenindustrie trägt es bereits alle nur denkbaren Farben in sich. Was <Am Anfang war der Logos> (Joh. i,i), das könnte als Motto auch über
das Kind eigentÜch ist, erkennt man an seiner Kleidung, dem Prachtge­ dem Koran stehen. Mohammed der Prophet nämlich hat ihn, der <Ver-
wand, dem goldenen Gürtel, der dieses zusammenhält, und den silber­ kündigung> heißt, in sich gehört, und zwar, so will es die Tradition,
nen Schuhen an den Füßen. Ein Ägypter nun, der mit dem Feuer und vermittelt durch den Mund des Erzengels Gabriel. So ist die Stimme des
dem Wasser verwandt ist, vereinigt sich mit dem Kind zu einer gemein­ Erzengels, des <Mannes von Gott>, verantwortlich für eine neue Weltre­
samen Gestalt, und nach dreimaligem gemeinsamen Auf- und Abstieg, ligion.
will sagen nach dreimaliger Destillation, ist die Vollkommenheit er­ Und so ganz nebenbei auch für eine neue Alchenüe. Der Islam näm­
reicht. lich schuf ein Flussbett, in das neben vielem anderen auch der träge
Was wohl haben die beiden Dichter von den chemischen Handlungs­ dahindriftende ägyptisch-byzantinische Strom der Alchemie einfließen
anweisungen, die in ihren eigenen Texten verborgen sind, verstanden? konnte. Das Flussbett ist nicht von selbst entstanden, es ist energisch
Wir wissen es nicht, aber wahrscheinlich war es nicht allzu viel. Und gegraben worden, um sehr bald nicht nur die religiösen Sehnsüchte und
doch wird in diesen Dichtungen am Ende der größten Epoche der west­ Leidenschaften einiger Wüstenstämme in sich aufzunehmen, sondern
lichen Alchemie, der hellenistisch-byzantinischen, in verschleierter auch die Kulturströme der Völker, die von den Arabern unterworfen
Form noch einmal auf die bedeutsamste eigenständige labortechnische wurden. Den ersten Spatenstich tat Mohammed selbst, als er im Jahre
Leistung der frühen Alchemie hingewiesen, auf die Kirnst der Destilla­ 622 n. Chr. um seiner Lehre willen mit einer kleinen Schar seiner An­
tion, die aus der Faszination von der Verwandlung der Materie in die hänger von Mekka nach Medina übersiedelte; denn in wenigen Jahr­
drei Aggregatzustände erwachsen ist. Und so bilden die dem Labor zehnten nach der Hedschra, der fast fluchtartigen <Ausreise> von Mek­
scheinbar so fernen Märchen von Königen, Drachen und göttlichen Kin­ ka, eroberten Mohanuned und seine unmittelbaren Nachfolger, die er­
dern einen gewiss würdigen Abschluss dieses Kapitels über die klassi­ sten Kalifen, ein riesiges Gebiet, das von den Grenzen Indiens bis nach
sche Alchemie. Spanien reichte, und gründeten ein Großreich, dessen Fläche die des
Alexander-Reiches noch übertraf. Das Staatsvolk dieses Reiches waren
die Araber, und das waren ursprünglich nur die Angehörigen einer klei­
nen Anzahl von Stanunesverbänden, die die Wüstengebiete der arabi­
schen Halbinsel sowie einige relativ unbedeutende Handelsstädte am
Rande der Wüste bewohnten und nun, wie aus einem historischen
Schlaf erwacht, unter der grünen Fahne ihres Propheten in die frucht­
baren Randgebiete Arabiens einbrachen, ein Heer nach dem anderen
besiegten, eine Stadt nach der anderen eroberten, ein Volk nach dem
anderen unterwarfen.
Das Großreich, das die Araber in den Sätteln ihrer Pferde und Ka­
mele zusammenrafften imd in den Diwans ihrer Kadis und Kalifen
zusammenhielten, wies einige bedeutsame Merkwürdigkeiten auf, und
von Rechts wegen hätte es gar nicht entstehen dürfen. Weder konnten
irgendwelche zu heftiger Entwicklung drängende, etwa ökonomische
Zuständp Tnnerarabiens die Entstehung eines solchen Großreiches
158 II. In fremden Welten Kulturvermittlung U9

rechtfertigen, noch kann man krisenhafte Zustände des Oströmischen des Koran auf arabisch gehört hat, weil seine Muttersprache arabisch
Imperiums, dessen territoriale Verluste überhaupt erst die Herausbil­ war, sondern er hat, so behauptet die gelehrte Theologie des Islam, die
dung des neuen Reiches ermöglichten, dafür verantwortlich machen. Worte auf arabisch gehört, weil der Koran seit Ewigkeit arabisch ge­
Der uns ja schon bekannte Heraklios hatte kurz vor Beginn der arabi­ dacht und zur Verkündigung bestimmt war. Aus diesem Grunde wurde
schen Explosion den Hauptfeind Ostroms, das persische Sassaniden- und wird im gesamten dem Islam unterworfenen Gebiet, zumindest im
reich, empfindlich geschlagen und wird wohl kaum erwartet haben, religiösen Bereich, arabisch gesprochen. Von Spanien bis zu den Gren­
dass ihm von den seit unvordenklichen Zeiten immer etwas unruhi­ zen nach Persien setzte sich Arabisch über die Jahrhunderte auch als
gen, aber auch immer uneinigen arabischen Stämmen besondere Ge­ Alltagssprache durch. Das alles aber bedeutete, dass die Araber ohne
fahren drohen könnten. Nun aber schien es, als ob das glanzvolle jede Hemmung alles Geistesgut der alten Kulturen aufnehmen konnten,
Oströmische Reich quasi über Nacht unter den Angriffen der arabi­ ohne das Gift dieser Kulturen fürchten zu müssen, ohne fürchten zu
schen Reiterheere zusammenbrechen würde; Konstantinopel verlor sei­ müssen, dass sich in der Berührung mit diesen Kulturen ihr iimerer
ne wichtigsten Provinzen Mesopotamien, Syrien und Ägypten mit Wesenskem auflösen würde. Das heißt auch; Ohne Minderwertigkeits­
ganz Nordafrika. komplexe durften die Araber im säkularen Bereich lernen, was immer
Einmal entstanden, hätte das arabische Großreich aller historischen sie lernen konnten. Diese Entwicklung wurde noch dadurch gefördert,
Wahrscheinlichkeit nach nicht lange existieren dürfen. Denn lag hier dass die Gelehrten Persiens, die Gelehrten Syriens, die Gelehrten Ä gyp­
nicht die klassische Situation vor, in der ein Eroberervolk in kürzester tens imd Spaniens sich untereinander in der heiligen Sprache des Islam
Zeit im Meer der ihm kulturell überlegenen, unterworfenen Bevölke­ und im Lebensstil, den sie mit sich brachte, jederzeit verständigen konn­
rung seine Identität verlieren oder sich aus Selbsterhaltung in einem ten. Doch da der Islam unterschiedliche Kulturgebiete unterworfen hat­
Kastensystem abschließen würde? Die Araber waren nicht in der Lage te, unterlagen die Gelehrten zugleich auch unterschiedlichen Einflüssen.
der Griechen, die die Diadochenreiche gegründet hatten, denn deren
Kultur war der der Unterworfenen ebenbürtig. Kurz: Das Reich der
Kalifen hätte als arabisch geprägtes Imperium eigentlich bald von der 2. Kulturvermittlung
historischen Bühne abtreten müssen.
Aber nichts dergleichen geschah. Nicht die kulturelle Katze hat die Bei der Übernahme fremden Kulturguts spielte ein weiterer Wesenszug
kulturelle Maus gefressen, sondern die Maus die Katze. Wir zählen heu­ des Islam eine besondere Rolle: die Toleranz zumindest gegenüber den
te etliche Millionen von Menschen zu den Arabern, die nur wenig oder Anhängern der anderen Buchreligionen. Toleranz gegenüber Anders­
gar kein arabisches Blut in ihren Adern haben. Diese Selbstbehauptung gläubigen findet ihren ganz natürlichen Platz in einer Religion, die als
des Arabertums lag wesentlich an einem Zusammenspiel zweier IG'äfte: größte Sünde den Hochmut samt seinen Töchtern Aufgeblasenheit und
der Religion und der Sprache. Die Araber waren keine Eroberer im üb­ Eitelkeit ansieht, und dies nicht nur in theologicis. Die gottes-demütigen
lichen Sinne, d. h. sie handelten nicht nur aus Machtgier und Angst, sie Propheten des Alten Testaments sind auch für den gläubigen Moslem
hatten auch ein transzendentes Ziel, nämlich die Ehre Gottes, die es Propheten, genau wie Jesus für ihn ein Prophet ist, und zwar der vor­
durch die kriegerische Hingabe seiner Gläubigen aufzurichten galt. Die letzte. Weil aber Juden wie Christen den letzten und größten aller Pro­
Krieger Gottes aber waren die Araber, und diesen durch ihr Tun gehei­ pheten Gottes nicht anerkennen, werden sie von den Anhängern des
ligten Männern konnte auch die überlegenste Kultur nichts anhaben. Islam als Menschen betrachtet, deren Religionen zwar in gewisser Weise
Sie wussten, dass nichts und niemand ihre Identität auslöschen konnte. auf dem richtigen Wege, aber unvollkommen oder, besser gesagt, un­
Dazu kam, dass die gemeinsame Religion einen kulturellen Partikula­ vollendet sind. Sicher empfanden die Mohammedaner als Anhänger
rismus verhinderte, selbst als der politische Partikularismus bereits ein­ einer fast reinen Gesetzesreligion ohne komplizierte Glaubenssätze die
gesetzt hatte. dogmatischen Tiefen und dogmatischen Komplikationen der verschie­
Was aber sind die integrierenden Momente dieser gemeinsamen Re­ denen christlichen Glaubensrichtung als durikel und wirre. Aber sie
ligion? Es sind die Person Mohammeds, des Propheten, und das Buch, zwangen, sieht man von einigen Perioden religiösen Eiferertums ab,
das Mohammed seinen Gläubigen überliefert hat. Der Koran ist eines normalerweise keinen Juden oder Christen dazu, zum Islam überzutre­
der Attribute Gottes, d. h. kein in der Geschichte erst entstandenes ten. Man besteuerte Juden und Christen lediglich härter als die eigenen
Werk. Es ist also nicht so, dass^Mohammed in seinen Visione^r die Worte Gläubigen, die ja für den Glauben notfalls die Waffen zu erheben hatten.
i6o II. In fremden Welten Kulturvermittlung 161

Und diese schöne Einnahmequelle hat sicher den Missionseifer nicht der alten Hebräer sehr ähnlich: Es war Zentrum einer Kultur, die gleich­
gerade bestärkt. zeitig eine Rand- und eine Mittelposition unter den Völkern imd Staaten
Nun gab es in den südöstlichen Provinzen des Oströmischen Reiches des Orients einnahm. Wie die Juden waren auch die Sabier von den
zwei christliche Religionsgemeinschaften mit Millionen von Anhän­ eigentümlichen Bedingungen ihrer Existenz zutiefst geprägt. Dabei be­
gern, und das waren die Nestorianer und die Monophysiten. Die Nes- hielten sie in den Jahrhunderten nach dem Verschwinden der altmeso-
torianer, die man heute noch in vereinzelten Gemeinden in der arabi­ potamischen Kultur sowohl ihre syrische Sprache als auch ihren ererb­
schen Welt antreffen kann, glauben, dass die beiden Naturen Christi, ten babylonischen Sternen-Glauben bei. Allerdings hat dieser Glaube im
die göttliche und die menschliche, in Jesus getrennt vorhanden seien, Laufe der Zeit hellenistische Überlieferungen mit all ihren so typisch
weshalb Maria nicht die Mutter Gottes, sondern die Mutter des Men­ synkretistisch zusammengeschmolzenen Erscheinungsformen ange­
schen Jesus sei. Die Monophysiten, zu deren Anhängern heute noch die nommen, seien sie nun stoisch, neuplatonisch, hermetisch-pantheistisch
Kopten in Oberägypten, die Äthiopier und die Armenier zählen, glau­ oder gnostisch. Der Neuplatonismus war hier wohl vorherrschend und
ben dagegen, dass in Christus wesentlich nur Gott, nicht aber ein mag auch eine eigenständige Schule gebildet haben. ^ Die Sterne, vor
Mensch manifestiert sei. Die Anhänger dieser beiden Richtungen lagen allem die Planeten, wurden neuplatonisch begriffen als Ausströmun­
nicht nur im Streit miteinander, sie fühlten sich auch beide unterdrückt gen, als Emanationen des Ur-Einen. Allerdings wurden sie auch als Per­
vom Patriarchen in Konstantinopel, der das Konzept der Dreieinigkeit sonen gesehen, die teils männlich und weiblich oder auch wie der
und das der ungetrennten Natur Christi - gleichermaßen Mensch und Mond, der Hauptgott der Sabier, androgyn, also zweigeschlechtig, wa­
Gott - durchzusetzen versuchte. Das hat sicher den so überraschend ren. Diese Geister sind teils gut, teils böse, bringen mal Glück, mal Un­
geringen Widerstand der Bevölkerung Ägyptens und Syriens gegen die glück und können nur durch einen Priester angerufen und beeinflusst
arabische Invasion und den plötzlichen Kollaps der oströmischen Macht werden, weil nur dieser die erforderlichen Kenntnisse der magischen
mitverursacht. Einflüsse und des richtigen Gebrauchs der Worte bei der magischen
Der orthodoxe Patriarch war nämlich die geistliche Stimme des Kai­ Anrufung, kurz: Gnosis, besitzt.
sers und wurde genauso ungern vernommen wie die weltliche Stimme, Und so, dem Uralten und dem Neuen, dem Östlichen und dem West­
die ebenfalls auf Griechisch oder Lateinisch aus dem so fernen Konstan­ lichen gleichermaßen verpflichtet, konnten die Sabier als kulturelle
tinopel herüberschallte. Trotz der Hellerüsierung hatten aber die Völker Kaufleute, als Fährleute zwischen den Ufern der verschiedenen Kultu­
des Nahen Ostens einschließlich ihres Priester- und Gelehrtenstandes ren dienen, als Fährleute zudem, die das, was sie hin- und hertranspor­
ihre traditionelle Volkssprache zu weiten Teilen beibehalten oder waren tierten, nüt eigenständigen Leistungen bereicherten, zu denen die Ma­
zu ihr zurückgekehrt. Diese Sprache heißt Aramäisch. Jesus hat in ei­ thematik, die Astronomie und die Übersetzertätigkeit eines Thabit ibn
nem aramäischen Dialekt gesprochen, und im 2. Jahrhundert n. Chr. Qurra und des großen Al-Battani, beide 9. Jahrhundert, gehören. Man
wurde auch die gesamte Bibel ins Ost-Aramäische oder, wie man auch kann sicher sein, dass die astrologischen und magischen Elemente der
sagen kann, ins Syrische (Syriac) übersetzt. Vom 5. Jahrhimdert an über­ späteren Alchemie zum Gutteil sabischen Ursprungs sind, stammen
trug man auch wissenschaftliche Texte ins Syrische. doch alle möglichen unter den Namen berühmter griechischer Philoso­
Neben den verschiedenen christlichen Gruppierungen und der jüdi­ phen und mythischer Alchemisten verfassten mystisch-magischen
schen Gemeinschaft gab es übrigens noch Restgruppen von Anhängern Schriften aus Harran.
heidnischer Religionen, deren Mitglieder es im Machtbereich des Staats­ In Harran erleben wir eine geradezu alchemische Atmosphäre. Die
christentums besonders schwer hatten. Hier verdienen vor allem die sieben Planeten gehen mit bestimmten Farben und bestimmten Wochen­
syrischen Sabier^ aus der Stadt Harran im römisch-sassanidischen tagen einher, und die Standbilder der Planeten-Götter sind aus jeweils
Grenzgebiet Nordmesopotamiens Beachtung.^ einem bestimmten Metall geformt. Dabei deuteten die Sabier die Bezie-
Da Harran sicher eine der vom intellektuellen Klima her interessan­ himgen der Planeten zu Metallen, Edelsteinen, Farben und so fort ganz
testen Städte der Spätantike war, sollten wir kurz hier bleiben. Selbst im Sinne der Makrokosmos-Mikrokosmos-Theorie. Durch ihre Stellun­
die Archäologen wissen allerdings nicht genau, wie Harran, dessen gen, Bewegungen und Kräfte, vor allem aber durch ihre Farben und
Haupttempel von Abraham erbaut worden sein soll, ausgesehen hat: Zu Lichtstrahlen schaffen und beeinflussen die Sterne alles Bestehende in
Ehren des Mondes soll es einen sichelförmigen Bauplan besessen haben. der ihnen gemäßen Weise.
In « wer Beziehung, das wenigstens wissen wir,^ war es dem Jerusalem ---- Wie synkretistisch und gleichzeitig alchemisch gefärbt die sabische
i6i II. In fremden Welten Die syrische Alchemie 163

Religion war, geht schon daraus hervor, dass unter ihren Stiftern und
Propheten u. a. Hermes und Agathodaimon verehrt wurden. Hermes j . Die syrische Alchemie
tritt dabei in ganz verschiedenen Erscheinungsformen auf, was die sa-
bische ReUgion für uns nicht gerade durchschaubarer macht. Dem Gei­ Die Werke der Sabier kann man zur syrischen Literatur rechnen, die erst
ste nach alchemisch kann man auch die <Dichte> des sabischen Weltver­ seit dem 7. Jahrhundert langsam von der arabischen verdrängt wurde.
ständnisses nennen, in dem scheinbar disparateste Erscheinungen in Für uns liegt ihr Wert vor allem in der Übertragung griechischen Geis­
einem über gegenseitige Einflüsse geordneten Zusammenhang stehen. tesgutes in einen neuen kulturellen Rahmen. Bei dieser Übertragung
So besitzen Götter, Tempelfarben, Kleider, Metalle usw. eine innere Ein­ sind sicher Akzentverschiebungen vorgekommen, aber die Syrer haben
heit. In einer Art Periodensystem kann man nämlich Erscheinungen in dem Wissen des Späthellenismus anscheinend nichts grundlegend Neu­
Perioden und Gruppen zusammenordnen, und zwar einerseits nach ih­ es hinzugefügt.
rer symbolischen Bedeutung, andererseits nach ihrem Material. In einer Dennoch sollten wir uns die wichtigsten syrischen Handschriften zur
Tafel sähe das dann so aus: Alchemie ansehen und müssen uns dazu nach Cambridge zur Univer­
sitätsbibliothek und nach London zum Britischen Museum mit seiner
- Planeten: großen Bibliothek bemühen. Dort finden wir Sammlungen syrisch bzw.
Sonne/ Mond / Mars/ Merkur/ Jupiter/ Venus/ Saturn arabisch geschriebener Texte, von denen sich viele auf die Alchemie des
- Farben der zugehörigen Tempel: Demokrit beziehen.^ Interessant und wohl auf die Sabier hinweisend ist
weiß/ rot/ bunt/ grün/ blau/ schwarz/ gelb die Tatsache, dass die Planeten beziehungsweise Metalle im syrischen
- Material der Götterstatuen: Text auch mit ihren babylonischen Namen bezeichnet werden. Im Übri­
Gold/ Silber/ Eisen/ Mischmetall/ Zinn/ Kupfer/ Blei gen enthalten manche der Schriften hauptsächlich Chemisch-Techni­
- Tag der Verehrung:
sches und Pharmakologisch-Medizinisches.
Montag/ Dienstag/ Mittwoch/ Donnerstag/ Freitag/ Sams­ Im arabisch geschriebenen Teil der Londoner Sammlung werden u. a.
tag/ Sonntag
Kadmia, Bleiglätte, Mennige, Bleiweiß, Alkali, Glas und <orientalisches>
(Lipp. I, 256) sowie <okzidentalisches> Quecksilber als Ausgangsstoffe des alchemi-
Die Liste ist übrigens unvollständig, da auch Edelsteine, Kleiderfar­ schen Werkes angegeben und zuweilen auch Grünspan von Emesa,
ben, Altarstufen, Opfertiere und andere Dinge hier ihren Platz finden ägyptischer und persischer Vitriol, Malachit und Lasurstein sowie noch
müssten. andere zum gründlichen Färben oder zum oberflächlichen Firnissen ge­
Wenn wir uns das sabische <Periodenystem> anschauen, könnten wir eignete Substanzen. Die Umwandlung, über deren Zustandekommen
meinen, wir hätten ein eines vernünftigen Menschen unwürdiges Ge­ nichts gesagt wird, dauert 42 Tage. Ihr Endprodukt, ein «roter Staub»,
wirr von Aberglauben und Mystik vor uns. Aber sollen wir einem kann Kranke heilen, und genau auf diese medizinische Weise, nämlich
Thabit, einem Al-Battani die Vernunft absprechen? Ist es nicht immer als Ehxier, wirkt es auch auf unedle Metalle. Unedle Metalle sind also
wieder unser Fehler, dass wir mit unserer Trennung des <Rationalen> kranke Metalle, die im Zustand der Gesundheit Gold oder Silber wären,
und des <Irrationalen> auch das Ganze des Menschen zertreimen? Und was nicht so ungewöhnlich klingt, wenn wir uns daran erinnern, dass
wenn es auch Täuschung sein mag, mit der die Sehnsucht die Vernunft bei den archaischen Hüttenleuten die unedlen Metalle als unfertig oder
besiegt: Unser Lebensgefühl lässt uns ein dichtes Geflecht von Deutun­ niedrig-geboren galten.
gen, Hin-Deutungen, Be-Deutungen erahnen, ein Geflecht, das es doch Das Stichwort <Umwandlung>, so wenig es uns auch weiterhilft,
irgendwie gibt, werm es vielleicht auch andere Namen, andere Formen, wenn wir nach dem Geschehen im Labor fragen, erfordert doch noch
andere Bilder hat als die, auf die wir gerade jetzt verwiesen zu sein eine Anmerkung: Die syrischen Alchemisten behaupten, dass alle Me­
glauben. Das hält uns gefangen, aber es hält ims doch auch, hält uns talle bei genügender Hitze schmelzen und dabei in den Zustand des
fern von der existentialistischen Hölle der Sinnlosigkeit im völlig Quecksilbers übergehen, der als eigentliches Prinzip aller Metalle anzu­
Unverbundenen, Vereinzelten, wie sie von Jean-Paul Sartre in seinem sehen sei:
Roman <Der Ekel> so meisterhaft geschildert worden ist. «Was das Quecksilber angeht», schreibt der namenlose syrische
Autor, «so haben wir seine Namen [Decknamen] bereits erwähnt, wäh­
rend wir über die Körper der sieben [Metalle] sprachen. Seine Einord-
164 II. In fremden Welten Die Theorie von Schwefel und Quecksilber 165

niing unter die Körper drängt sich uns tatsächlich auf, ist es doch der sten hin zum Organischen, wobei allerdings daran zu erinnern ist, dass
erste unter ihnen; von ihm sind sie abgeleitet und von ihm beziehen sie die Grenze zwischen dem Organischen und dem Anorganischen ohne­
ihr Grundwesen. Seine Einordnung unter die Geister kommt daher, dass hin fließend war. Vielleicht steht hinter dieser Neigung die Vorstellung,
es sich unter der Einwirkung des Feuers verflüchtigt und nicht fix ist.» dass die feinere, verdauliche und lebentragende Materie zugleich die
(Berth. (4) II, 159) höherwertige ist. Zur Gewinnung des Elixiers sind, so meinen die Syrer,
So erklären sich auch viele der zahllosen Namen des Quecksilbers, viele pflanzliche und tierische Stoffe zu gebrauchen, deren Veränderun­
zu denen auf seiten der Pneumata <die Seele>, <der flüchtige Sklave> oder gen oft wunderbare Wirkungen hervorrufen. Das kann man schon da­
<der flüssige Geist> gehören. ran sehen, dass aus der Fäulnis von Haaren Schlangen entstehen, dass
Neben diesem merkwürdigen Geist gibt es noch sechs andere Geister, aus verwesenden Rindern Bienen werden und dass aus faulenden Eiern
nämlich den gelben, roten und weißen Schwefel, das gelbe und rote Drachen ausschlüpfen körmen.
Arsen und den Salmiak. Der gelbe Schwefel ist der gewöhnliche Schwe­ So märchenprächtig das gesagt ist: Uns zeigen all diese Behauptun­
fel, also der, der die Kraft hat, alles zu färben, der rote Schwefel ist hier gen nur, dass unser Autor nicht gerade vom Furor experimentalis beses­
identisch mit Sandarach, der weiße mit Arsenik, das gelbe Arsen ist sen war. Dass wir nun unsererseits nicht gleich ausprobieren, ob außer
Auripigment, das rote Realgar, und der Salmiak ist wahrscheinlich Am ­ Schwefelwasserstoff vielleicht doch noch ein kleiner Drache aus der Ei­
moniumchlorid. Die sieben Pneumata sind in sieben Steinen enthalten, erschale schlüpft, zeigt allerdings, dass wir genauso gläubig sind wie
und von jedem dieser Steine gibt es sieben Arten in sieben Farben, unter der Herr, der uns genau das weismachen will.^ Nur sind wir sozusagen
ihnen sieben Magnete, von denen jeder ein anderes der sieben Metalle gläubig ungläubig, denn in einem sind wir uns doch ganz sicher: Dra­
anzieht, ferner sieben Vitriole, sieben Alaune, sieben Boraxe imd sieben chen, die in der Badewanne herumschwimmen, gab es auch früher nur
Salze. Und außerdem gibt es noch sieben Steine, die keine Geister in in der Wirklichkeit von Kinderbüchern; und so liegt der Verdacht nahe,
sich haben. Das alles zeigt uns nur, dass die Zahl <sieben> offenbar eine dass die Alchemisten ihre gutgläubige Nase wohl nicht nur in die Töpfe
magische und zugleich eine kosmogonische, eine welterschaffende Zahl und Tiegel ihrer Laboratorien, sondern auch in Hörensagenbücher und
war.^ in den abergläubischen Klatsch und Tratsch ihrer Zeit gesteckt haben.
Übrigens wird irgendwo im Text, wahrscheinlich in einem späteren Und so entstand dann die so verwirrende und dabei Glaube imd Hoff­
Einschub aus dem 13. Jahrhundert, auch eine Mischung von Salpeter, nung immer wieder anstachelnde Mischung zweier Formen von Be­
Schwefel und Kohle erwähnt und gesagt, dass man sie in verschiedenen schreibung. Da ist einerseits die nüchterne Reportage experimenteller
Verhältnissen zu Brandsätzen für Feuerpfeile und Feuerwerkskörper und technischer Verfahren, z. B. bei der Behandlung von Quecksilber
benutzen kann, wobei man zuweilen noch Campher hinzufügt. Die mit Kochsalz zu Quecksilber-I- und II-CMorid (Kalomel und Sublimat)
Entdeckung deutet auf ein alchemisches Milieu Mn. Denn wer außer oder bei der Glasbereitung und Glasfärbung bzw. Glasentfärbung durch
Alchemisten - NaturpMlosophen machten sich ja bekanntlich die Finger <weibliche Magnesia> (Braunstein), und da ist andererseits die blumige
nicht schmutzig - käme auf die Idee, das Feuerelement im Schwefel, Kolportage halbrichtiger FabelgescMchten, in denen ja nicht nur Dra­
das Luftelement im Salpeter und das Erdelement in der Kohle zusam­ chen, sondern auch Haare vorkonunen, was auf die Gewinnung von
menzurühren, um alles zu Feuer zu transmutieren?^ Im Mittelalter dann <persischem Salmiak>, unreines (NH^)2C03, durch ErMtzen von Kno­
beschreibt der große Theologe und Alchemist Roger Bacon die Berei­ chen, Hom usw. in verscMossenen Gefäßen hindeuten könnte.
tung einer gut brennbaren Mischung aus Schwefel, Salpeter und Holz­
kohle als etwas durchaus Bekanntes. Dass dies durchaus Bekannte et­
was vom Bösen Geist in der Flasche an sich hat, merkte woM erst der 4. Causa causarum und die Theorie von Schwefel und Quecksilber
Mönch Berthold Schwarz, der um 1350 die explosive Wirkung des Pul­
vers in gescMossenen Gefäßen entdeckte. Schwarz stand mcht nur im Die dem Chemiker so ungewohnte Mischung von Nüchterheit und Fa­
Geruch eines Alchemisten, ihm hing auch sonst der Ruf eines dunklen bulierkunst, die aus dem syrisch-arabischen Manuskript spricht, reizt
Ehrenmannes an, und so hat ihn derm auch der König Wenzel - in uns hoffentlich, uns noch ein weiteres in syrischer Sprache geschriebe­
weiser Vorahnung? - zu Prag Mnrichten lassen. nes Manuskript anzuschauen, obwoM dieses Werk - es ist eine vmter
Aber zurück zum Text, an dem noch etwas anderes bemerkenswert dem Titel <Buch der Erkenntnis der Wahrheit> oder <Causa causarum>
ist. Mehr als ihre griechischen Kollegen neigen die syrischen Alchemi­ verbreitptp Fnyyklnpädip - kaum Bezug zur Alchemie im engeren Sinne
i66 II. In fremden Welten Die Theorie von Schwefel und Quecksilber 167

besitzt. Aus zwei Gründen ist die Enzyklopädie dennoch interessant. destillierbar. Man kann sich Quecksilber auch als eine Art Tau vorstel­
Zum einen dient sie uns als Beleg dafür, dass syrisch geschriebene Li- len, als Tau kondensiert es auch manchmal in den wässrigen Dünsten
teratiu" sich im Nahen Osten noch lange neben der allmählich vorherr­ des Himmels. Die wichtigste gemeinsame Eigenschaft von Quecksilber
schenden arabischen Literatur behauptete. Sie stammt nämÜch aus dem und Schwefel ist ihr Vermögen, sich miteinander zu verbinden, und das
II. oder 12. Jahrhundert n. Chr., ist also rund 500 Jahre nach der He- geschieht unter den Einflüssen der planetarischen Strahlungen imd der
dschra geschrieben. Zum anderen bietet sie eine ausführliche naturphi­ <auskochenden) Kraft der Sonne. Wie Allah es will, entstehen dabei je
losophische Begründung der so genannten <Schwefel-Quecksilber- nach Reinheit und Mengenverhältnissen, je nach Ort, Klima, Luftmi­
Theorie>. Diese Theorie aber, oder besser: ihre Ausformung von einer schung, Wärme und Zeitdauer alle irgendwie definierten Substanzen,
Reihe mehr oder weniger unverbundener Annahmen zu einer in sich darunter alle Metalle und auch alle Salze. Das aber bedeutet, dass es
stimmigen Lehre, kann als der wohl wichtigste eigenständige Beitrag eine zwar nicht genau bestimmte, aber sicher große Menge verschiede­
arabischer Gelehrter zur Alchemie bezeichnet werden.^ ner Schwefelspezies und Quecksilberspezies gibt. Und weil der Text in
Kein Zweifel: Der geheimnisvolle Schwefel, der kristallin ist und fest, diesem Zusammenhang von Reinheit spricht, bedeutet es darüber hin­
wie Materie nur irgend sein kann, und doch ein Geist ist, zudem ein aus, dass die verschiedenen Schwefel- und Quecksilberarten im Prinzip
feuriger wie das stoische Weltenfeuer selbst, und das ebenso geheim­ nach <besser) und ) schlechter), also axiologisch geordnet werden kön­
nisvolle Quecksilber, das ungreifbar flüssig ist und schwer, wie Materie nen.
nur irgend sein kann, und doch ein Geist ist, zudem einer, der überall Die Schwefel-Quecksilber-Theorie hat, wir wissen es ja schon, eine
eindringen kann, überall zu Hause ist wie der Gott, der ihm seinen ihrer Wurzeln in der Tradition ägyptisch-byzantinischer Alchemie. Eine
Namen gegeben hat - sie beide haben die Fantasie schon der ägypti­ weitere Wurzel ist die aristotelische Lehre von der Metallentstehung aus
schen Alchemie beschäftigt, haben aber nie den Weg in eine explizite fetten und feuchten und der Mineralbildung aus trockenen und rauch-
Materietheorie gefunden. Bei der Abneigung der Ägypter gegen ein na­ artigen Ausdünstungen der Erde. Der Unterschied zur aristotelischen
turphilosophisches Theoretisieren, ist das allerdings kein Wunder. Auffassung besteht darin, dass in der Schwefel-Quecksilber-Theorie die
Bei den Arabern dagegen erscheint die Schwefel-Quecksilber-Theorie rauchartigen, also trockenen Dünste nicht zu Mineralen, sondern zu
bereits im 9. oder 10. Jahrhundert. In unserer Enzyklopädie ist sie be­ Schwefel und die dampfartigen, also wässrigen Dünste nicht zu Metal­
sonders deutlich begründet, denn das <Buch der Erkenntnis der Wahr­ len, sondern zu Quecksilber kondensieren, das sich dann seinerseits mit
heit) w ill nicht mehr und nicht weniger als erklären, «was die Welt/ im dem Schwefel zu Metall verbindet. Eine dritte Wurzel ist die Empirie,
Innersten zusammenhält». Ihr zufolge gab es im Uranfang form- und die Erfahrung am Objekt. Sehr viele destillierbare Substanzen enthalten
gestaltlose Urmaterie, also Prote hyle - und nicht etwa das Nichts. Nach Schwefel. Außerdem sind Pyrite, die ja Metallglanz besitzen, schwefel­
Gottes Willen gingen aus dieser Urmaterie zunächst die vier Elemente haltig. Umgekehrt waren alle bekannten Metalle schmelzbar, und die
hervor, indem Gott der Materie die vier bekannten Qualitäten heiß, kalt, Metallschmelzen behalten ihren Metallglanz bei, was nahe legte, dass
feucht, trocken beigab. Die Elemente besitzen fortan ganz bestimmte Quecksilber in ihnen enthalten ist.
Eigenschaften und sind unveränderHch an Menge und Gewicht. Unser Und noch etwas anderes kommt hinzu, das man als vierte Wurzel
Text behauptet nun, dass die ersten und grundlegenden, <wirklichen der Schwefel-Quecksilber-Theorie bezeichnen kann. Wenn man in aris-
Substanzen), die sich aus den Elementen bilden, Schwefel und Queck­ totehscher Tradition alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge als eine Ge­
silber seien, während unter den übrigen wirklichen Substanzen Mine­ samtheit von Materie und Form ansieht, dann ist die <Forai) die Summe
rale, Erze und Metalle zu verstehen sind. Die Bildung dieser Substanzen aller Eigenschaften eines Dinges. Nun konnte man mit gewissem Recht
geschieht über Schwefel und Quecksilber, die ihrerseits in einer Art die jeweiligen Summen aller Eigenschaften, die einer chemischen Sub­
Destillationsprozess entstanden sind. Aus der Tiefe der Erde steigen stanz zukommen, als eine Addition von spezifischen Eigenschaften des
nämlich Dünste und Dämpfe gegen die Oberfläche empor, und wie sich Schwefels imd spezifischen Eigenschaften des Quecksilbers auffassen.
im Kochtopf die Tropfen an einem Deckel kondensieren, so kondensie­ Die Brennbarkeit, die äußere Gestalt, die Farbe einer jeweiligen Sub­
ren sich die Dünste und Dämpfe in den Bergen, um dort zunächst die stanz konnten auf Eigenschaften des Schwefels zurückgeführt werden,
grundlegenden Substanzen zu bilden. Erde und Feuer werden dabei zu die Schmelzbarkeit, der Metallglanz, die Schwere auf Eigenschaften des
Schwefel, Wasser und Luft zu Quecksilber.^ Schwefel ist als Erde fest Quecksilbers. Schwefel imd Quecksilber wurden damit begriffen als
und als Feuer brennbar; Quecksilber ist als Wasser flüssig und als Luft Hypostasen, H h als Verdinglichungen von Eigenschaften, ganz so wie
i68 II. In fremden Welten Der Prinz und der Mönch 169

im religiösen Bereich Gewalten oder Zustände - etwa der Gewitter­ zu übertragen, zudem noch in eine Sprache, die keine eigene wissen­
sturm - oft verdinglicht und personifiziert auftraten und als Götter an­ schaftliche Nomenklatur besitzt. Ungleich schwieriger noch wird das
gesehen wurden, ln unserem Fall legte ein Denken in Hypostasen nahe, garue Unternehmen, wenn die Übersetzung durch das Medium einer
dass alles irgendwie materiell Definierbare aus Schwefel und Quecksil­ dritten Sprache geschieht, und das kam bei Übersetzungen ins Arabi­
ber bestehen müsse. Das beträfe dann nicht nur Minerale, sondern auch sche häufig vor, weil sie oft über das Aramäische liefen. Dass es dabei
tierische und pflanzliche Substanzen, wenngleich die Rolle der beiden häufig zu Fehlem und Missdeutungen kam, ist gewiss nicht überra­
Pneumata hier wie so oft unentschieden bleibt. Immerhin ist in vielen schend. Gerade die Fehlschläge sollten wir als Indiz nehmen für die
organischen Substanzen riechbar Schwefel enthalten, und außerdem Herausfordemngen und Gefahren bei der Übertragung geistigen Gutes
wurde der Mercurius zuweilen mit dem Samen der Tiere gleichgesetzt, von einer Sprache und damit von einer Kultur in eine andere, und sie
was wiederum auf das unbestimmte Geschlecht des Quecksilbers hin­ sollten zugleich als Mahnung dienen, das <bloß>, das uns so leicht über
weist und auch darauf, dass die Unterschiede zwischen den drei Rei­ die Zunge geht, wenn von Übersetzungen die Rede ist, tunlichst nicht
chen der Natur, dem Mineral-, dem Pflanzen- und dem Tierreich, nicht in den Mund zu nehmen.
so grundsätzlich waren wie heute die zwischen dem Bereich der Bio­ Bei all den genannten Schwierigkeiten ist es kein Wunder, dass die
chemie und dem der Anorganik. mühsame Übersetzungstätigkeit oft nur unter dem Schutz eines Mäzens
So nüchtern in allen Überlegungen und Begründungen, wie wir ihn gedeihen konnte. Nicht von ungefähr befand sich die bedeutendste ara­
eben geschildert haben, ist unser syrisch-arabischer Text beileibe nicht bische Übersetzerschule, Bait Al-Hikma, in der Hauptstadt des Abassi-
immer. Wie schon im Ägypten eines Zosimos hat auch im Reiche von den-Kalifats, in Bagdad. Insbesondere der Kalif Al-Mamun (reg. 813-
Tausendundeiner Nacht die <Erkenntnis der Wahrheit> meist etwas Ver­ 833), ein Sohn des legendären Hamn Ar-Rashid, galt hier als Beschützer
wirrendes an sich. Wie in anderen arabisch-syrischen Texten finden wir der Wissenschaften, und <Wissenschaften> bedeutete damals: Überset­
in der Enzyklopädie neben praktisch-plausiblen Angaben nur allzu oft zungstätigkeiten vor allem aus dem Griechischen, und zwar direkt oder
auch unverstandene und unverständliche Einschiebungen. Grundsätz­ indirekt über das Syrische.
liche Überlegungen zur Weltentstehung und zur Schwefel-Quecksilber- Ein Heer demütiger, meist unbekannter Transkribenten hat die Kul­
Theorie, die auf eine solide Weiterentwicklung oder zumindest eine turleistungen der Menschheit nicht nur übertragen, sondern auch getra­
plausible Darlegung einer damals vernünftig und wohlbegründet er­ gen und weitergetragen, im wahrsten Sinne des Wortes. Oft waren sie
scheinenden Naturphilosophie hindeuten, werden Seite um Seite mit Vertreter drangsalierter Minderheiten, die auf der Flucht, in ständiger
abwegigen Beobachtungen, Anekdoten und Gerüchten angereichert, die Todesgefahr, Schriftrollen auf Esels- oder gar dem eigenen Rücken über
das Ganze zugleich farbig und auf die Dauer ein bisschen langweilig Bergpässe, durch Schluchten und Wüsten, über Flüsse und Meere ge­
machen, ohne dabei doch dem naturphilosophischen Wert des Buches schleppt haben.
etwas Wesentliches zu nehmen.

6. Der Prinz und der Mönch


j . Glanz und Elend der Übersetzungen
Bevor wir uns nun - aus den Bibliotheken Englands auf die historische
Mit unseren Texten in ihrer merkwürdigen Mischform von Syrisch und Bühne des Nahen Ostens zmückgekehrt - dem Bagdad des 9. Jahrhun­
Arabisch haben wir uns dem eigentlichen arabischen Kulturio-eis schon derts zuwenden, sollten wir einen Abstecher in eine andere Stadt und
genähert, und mit dem <Buch der Erkenntnis der Wahrheit) sind wir in ein anderes Jahrhundert machen. Wir besuchen Damaskus mit seinen
auch zeitlich im islamischen Kulturraum weit vorgerückt. Bevor wir uns berühmten Gärten und Palästen und schreiben das Jahr 670 n. Chr. Seit
aber in diesem Raum näher umtun, seien ein paar Worte zum Problem der Hedschra sind knapp 50 Jahre vergangen, und Damaskus ist die
der Übersetzung eingefügt. Hauptstadt des neuen, des arabischen Reiches, das bereits von Algerien
Wenn wir <einfach so> feststellen, dass bestimmte Christen oder Sa- bis Indien reicht; hier regiert Muawija I. aus der Familie der Omaijaden
bier bestimmte alchemische Texte übersetzten, sind wir in Gefahr, die als Beherrscher der Gläubigen - und, nicht zu vergessen, als Beherrscher
Schwierigkeiten zu verdecken, die bei diesem Unternehmen auftraten. der Ungläubigen. Das merken wir spätestens, wenn wir in die Stadt
Per se sdum ist es schwierig, etwas völlig Neues in eine fremde Sprache doch in ihren Straßen und Gassen mehr syrisch-
170 II. In fremden Welten Der Prinz und der Mönch 171

aramäisch als arabisch gesprochen, und auch das größte Gotteshaus in Träumer über den Stein und über die Alchemie belehrt. Als der Engel
diesem Machtzentrum des Islam ist nicht etwa eine Moschee, sondern daim schließlich doch mit seinem arabischen Griechisch am Ende ist,
die als Grabstätte des Täufers geltende Johannes-Kathedrale. Erst im übernimmt eine Dame höheren Ranges seinen Part, allerdings in einer
Jahr 690 n. Chr. wird sie islamisiert, was anscheinend auch den Beginn etwas merkwürdigen Erscheinungsform, nämlich als redende Statue. Es
eines langsamen Verfalls des - monophysitischen - Christentums in Sy­ ist die Göttin Venus persönlich, die ihrem alchemischen Tannhäuser von
rien anzeigt. Aber wir wollen ja nicht Religionsgeschichte treiben, son­ einem selbstverständlich wimderschönen Mädchen einen Gürtel mit
dern wir suchen einen Alchemisten. A uf dem Basar erfahren wir bald zwei Steinen überreichen lässt, einem roten und einem weißen, die nüt
und ohne jede Heimlichtuerei den Namen des bekanntesten Adepten zwei Stückchen Schwefel verbunden sind. Dieses Geschenk gilt als
dieser geheimen Kunst. Es ist ein Mitglied der Herrscherfamilie, Prinz Höhepunkt der mystischen Einweisung.
Khalid ibn Yazid. Das erweist sich als enttäuschend, da es uns nicht Doch die Traumreise geht weiter, diesmal zum Ufer des Nils, wo
gelingen wird, zu seiner Hoheit vorzudringen. In unser 20. Jahrhundert Krates einen Drachen im Kampf mit einem Jüngling erblickt. Dem En­
übersetzt, heißt das: Vom Prinzen Khalid ist so gut wie nichts bekannt, gel, der wieder auf der Bühne des Traums erschienen ist, bietet dies
außer dass er wahrscheinlich im Jahre 63 5 n. Chr. geboren imd im Jahre Anlass zu Belehrungen über den Drachen und sein Weibchen, über das
704 gestorben ist. Drachenei und über die Farben, die der chemischen Verwandlungen
Vielleicht ist der Prinz zur Zeit auch gar nicht in Damaskus, sondern entsprechen. Das scheint dem Drachen nicht zu gefallen, denn er greift
in Alexandria, denn dort soll er eine Übersetzerschule zur Übertragung nun auch den Krates an, wird aber von diesem nüt <lebendigem Wasser»
von griechischen und koptischen Werken ins Arabische unterhalten ha­ überschüttet und dadurch getötet, worauf der Jüngling den toten Lind­
ben. Khalid hat angeblich auch selbst alchemische Werke geschrieben, wurm zu Staub verwandelt. Krates wird nun wieder in die Welt des
vor allem ein Lehrgedicht mit dem Titel <Paradies der Weisheit» in über Wachzustandes entlassen, doch nicht ohne die etwas zwiespältige,
2000 Versen. Leider ist nur eine einzige und zudem noch später unter­ wenn auch in alchemischen Kreisen durchaus nicht originelle Ermah­
geschobene Strophe aus der Feder des gelehrten Prinzen erhalten, und nung, alles, was er erlebt habe, getreulich aufzuschreiben, dabei aber
diese Strophe ist so unverständhch, dass man sich ohne Angst vor noch das Geheiiimis ja nicht zu verraten.
mehr Sinnentstellung bemühen kann, eine möglichst poetische Überset­ Das ist dem Herrn Krates zumindest teilweise gelungen. Allerdings
zung zu geben: kann man aus einigen seiner Erlebnisse durchaus alchemische Weishei­
«Nimm Kalk, dazu auch Gummiharz, imd was du findest auf der ten ziehen. So wird das Ziel aller alchemischen Bemühungen beschrie­
Straße, / dann etwas, was dem Borax gleicht, und mische es im rechten ben als ein Stein, «der kein Stein und nicht nach der Natur des Steins
Maße. / Was höchste Macht der Welt verleiht, das wird dem Mann ist; es ist ein Stein, der jedes Jahr erzeugt wird ... Er ist begraben im
gewährt, / der alles dies genau vollbringt und fromm Allah verehrt.» Sand und im Gestein aller Berge und in den Meeren und den Bäumen
(Ruska (i) I, 28) und in den Pflanzen imd Gewässern und dergleichen. Nimm ihn, werm
Der angebliche Lehrer Khalids ist, obwohl historisch nicht fassbar, in du ihn kennst, und mache aus ihm einen Kalk und eine Seele, einen
der alchemischen Tradition ähnlich berühmt wie sein Schüler. Es ist der Körper und einen Geist, und trenne sie beide und bring einen jeden
Mönch Morienos. Aber nicht nur im Zusammenhang mit einem christ­ in sein bekanntes, bewusstes Gefäß. Mische die Farben, w ie die Maler
lichen Mönch begegnet uns der Name Khalid, sondern auch im Zusam­ das Schwarz und das Weiß und das Gelb und das Rot mischen, und
menhang mit einem seltsamen Buch, das der Prinz angeblich erworben wie die Ärzte ihre Gemenge nüschen, das Feuchte, das Trockene, das
und einem anderen Gelehrten weitergegeben hat. Dieses Werk, <Das Warme und das Kalte, das Weiche und das Harte, bis sie daraus die
Buch des weisen Krates», ist arabisch geschrieben, doch spielen sich die gleichmäßige, den Körpern zusagende Mischung hergestellt haben, und
Geschehnisse zur Zeit Konstantins des Großen um 300 n. Chr. in Ä gyp­ zwar nach dem bekannten Gewichtsverhältnis, nach dem die ausge­
ten ab. Und ein Spiel ist es wirklich, was uns geboten wird, ein Spiel glichenen Dinge sich zusammensetzen und die getrennten Naturen sich
mit einem verliebten Pärchen, mit Tempelraub, Hucht und Begegnun­ vereinigen.» (Ruska (i) 1, 18)
gen der dritten Art. Dem in dem gestohlenen Buch als Hauptperson Es geht also um die Trennung, Reirdgung und Wiedervereinigung
auftretenden weisen Krates erscheint nämlich im Traum der Dreimal­ von Kalk und Seele, Körper und Geist. Dabei hat die Handlungsanwei­
große Hermes, wenn auch nur als stummer Greis. Das ist aber nicht sung, die uns der Engel gnädig mitteilt, die übliche paradoxe Selbstver-
weiter tragisch, w eil an seiner Stelle ein recht schwatzhafter Engel den in ein Gefäß zu tun, ist eine Kleinigkeit, aber was
II. In fremden Welten Das Selbstverständnis der arabischen Alchemie 173

ist «das bekannte, bewusste Gefäß»? Farben und Arzneien zusammen­ gerichtet waren und die deshalb zu einer umfassenden <Religionswis-
zurühren ist eine Kleinigkeit, aber wie verbindet man die Gegensätze senschaft> gehörten. Aber Religion hin, Religion her; Man hatte ja den
so, dass aus ihnen «die gleichmäßige, den Körpern zusagende Mi­ Koran und sein Studium.'® Die praktischen, die hier und heute nützli­
schung» entsteht? Die getrennten Naturen zu verbinden, ist das eine chen <Weltwissenschaften> lagen den, wenn es um die Dinge der Welt
Kleinigkeit, ein Kinderspiel, ein Ludus puerorum? ln unseren Träumen ging, durchaus pragmatischen Eroberern offenbar näher am Herzen als
und Hoffnungen und in Augenblicken der Harmonie ist es das viel­ die spekulativen Vernunftwissenschaften. Ihnen ging es um handfesten,
leicht, und in Träumen mag uns der Drache vielleicht auch mehr sein hier und heute zu erntenden Nutzen. Und was ist nützlicher als eine
als ein bloß akademischer Hinweis auf den Ouroboros, der hier als Dra­ Kunst, die Reichtum und langes Leben verspricht - und vielleicht sogar
chenpärchen möglicherweise auch hindeutet auf die Zweiheit-als-Ein- ein bisschen Weisheit?
heit von Geist und Körper, während das Drachenei die Einheit der vier An der Konstellation Khalid-Morienos können wir außerdem able­
Elemente, die Farben des Großen Werkes und auch die Hoffnung auf sen, dass es, zunündest auf intellektuellem Gebiet, ein friedliches Zu­
eine Geburt symbolisiert. Wenn wir von Erlösung durch Verwandlung sammenwirken von Christen und Moslems gab, hier repräsentiert
der Welt der Materie träumen, mag das Lebenswasser wohl doch mehr durch den Mönch als <Übergangslehrer>. Darüber hinaus lernen wir,
sein als nur eine nach faulen Eiern riechende Schwefelverbindung. dass die Beschäftigung mit der ja sichtbar hoffähigen Alchemie anschei­
nend nicht per se verdächtig gewesen ist - zumindest in den Augen der
Alchemisten selber-, obgleich die Göttliche Kunst auch in den arabi­
7. Khalid und das Selbstverständnis der arabischen Alchemie schen Ländern vielen Menschen im doppelten Sinne des Wortes amü-
chig vorgekommen ist. Die Alchemie ist nie in das kulturelle Zentrum
Aufgrund der Wortwahl des arabischen Textes, der persische Ein­ des Islam gerückt. Sie war und blieb ein Gegenthema, bestenfalls ein
sprengsel enthält, können wir sicher sein, dass die Geschichte von den Seitenthema zum eigentlichen Kulturthema, der Religion Mohammeds.
Träumen des Krates an den Anfang des 9. Jahrhunderts gehört, obwohl Und dieses Gegenthema wurde in einer bestimmten Konstellation
deren Wurzeln ja so deutlich in die hellenistisch-ägyptische Alchemie durchgespielt. Der Prinz und der Mönch stehen als Symbole für dieses
zurückreichen. Das Buch des Krates in der Hand der Prinzen Khalid, Zusammenspiel, das sich uns darstellt als ein Terzett mit den drei Stim­
der ja im 7. Jahrhundert gelebt hat, lässt uns dessen ohnehin obskures men Lehrer und Schüler und Text. Es ist auffallend, dass fast alle alche-
Bild noch verdächtiger werden. Aber was ist überhaupt authentisch an mischen Werke aus welcher Epoche auch immer von einem Meister
Khalid, wenn er nicht als Prinz, sondern als Alchemist auftritt? Authen­ geschrieben sind, der einen <treuen> oder <lieben Sohn> direkt anredet.
tisch, meine ich, ist nicht das, was wir über Khalid, sondern das, was Aber warum das? Warum ging es dem Adepten nicht um den anony­
wir via Khalid über das Selbstverständnis der Alchemie erfahren. Aus men Leser, für den er doch, ob er wollte oder nicht, auch schrieb? Warum
den Farbtupferchen an Informationen, die doch im Grunde nur aus ei­ suchte er einen Jünger? Und der nach alchemischer Wahrheit strebende
nem Datum und zwei Namen bestehen, können wir z. B. ablesen, dass junge Mann? Warum suchte er nach einem Lehrer aus Fleisch und Blut,
die Araber sich bereits früh mit Alchemie beschäftigt haben, dies wohl warum nicht bloß nach einem Buch mit praktischen und theoretischen
ab Ende des 8. Jahrhunderts. Khalid als Alchemist steht dabei für die Anleitungen? Und warum suchte er im Lehrer nicht nur einen Men­
historische Tatsache, dass sich die Araber inmitten einer ihnen fremden schen, der ihm Handgriffe der Labortechnik und Fachtermini der alche-
Kultur zuerst derjenigen Wissenschaften und Künste angenommen ha­ mischen Literatur beibringen konnte, sondern etwas, das über das bloße
ben, an die sie unmittelbar Anschluss finden und aus denen sie unmit­ Beibringen hinausging?
telbar Nutzen ziehen koimten. Das waren neben der Astrologie vor al­ Zunündest eine mögliche Antwort ergibt sich aus der Natur alchemi­
lem die Medizin und die Alchemie. Erst nachdem die ersten Generatio­ scher Lektüre. Zunächst einmal: Kein sinnhaltiger Text, der als neu ge­
nen der Eroberer diese Wissenschaften verdaut hatten, drangen spätere lesen werden soll und nicht nur der Gedächtnisstütze dient, kann aus
Generationen auf dem Wege über die Übersetzerschulen weiter vor in sich heraus seinen Sinn vermitteln. Alle Texte brauchen Zutaten unse­
die Tiefe der Geschichte bis hin zu den großen Klassikern griechischer rerseits, um im Rahmen unseres Vorwissens verstanden werden zu kön­
Philosophie und damit bis hin zu den <Vemunftwissenschaften> Physik, nen. Und für alchenüsche Texte mit ihrer komplexen Geologie unter­
Astronomie und Metaphysik, die keine Laborpraxis kannten, die aus­ schiedlicher und sogar <imsagbarer> Sprachschichten imd -muster gilt
schließlich auf die von den Geschäften des Tages abgehobene Ewigkeit das ganz besonders. Wie will man in und aus diesen Texten heraus das
174 II. In fremden Welten Das Al in der Alchemie 175

gewissermaßen frische, das immer junge Geheimnis einer Sinngebung viduelles Erleben auf rein geistiger Ebene abzielte und damit auf ein,
fühlbar machen, das ungreifbar lange zurückliegt und im Text nicht wie der Religionshistoriker Mircea Eliade es ausdrückte, <literarisches
vollständig konservierbar ist? Hier ist es der Vortrag, der nicht nur des Mysterium>. Wir, die wir weder Lehrer noch Glauben haben und doch
Redners Glück, sondern auch des Textes Glück ausmacht. Der Lehrer, wissen, dass der tiefste Sinn alchemischer Schriften nicht auf kritisch
der vorträgt, schafft den alten Text neu, indem er den verborgenen Sinn analysierbare Aussagen, sondern auf komplexe, dem Rationalen teilwei­
vom zufälhg Neuen des Alltags abhebt.“ Sinn aber ist keine Sache der se entzogene Geheinmisse abzielte, müssen wohl zugeben, dass uns der
bloßen Hinnahme, Sinn muss man einüben, Sinn muss man lernen.“ Sirm vor allem der mystisch orientierten Texte teilweise entzogen ist.
Deshalb war für die Menschen, die die iimere Vereinzelung der Neuzeit Sich ihm zu nähern aber bringt schon ein gewisses Verständnis und
nicht kannten, ein <bloßes> Lesen und gar noch ein Lesen in Einsamkeit daiiüt Gewirm.
ein Unding. Für sie bedeutete das Lesen eines heiligen Textes nicht, In den Jahrhunderten, in denen die Alchemie geblüht hat, wird es so
Wörter vor den Augen und dem Gehirn vorüberziehen zu lassen, und manchen Übersetzern der geheimnisvollen Manuskripte ebenso gegan­
das gar noch stumm. Lesen bedeutete in das Gedächtnis heben, bedeutete gen sein wie uns, weim auch nicht deshalb, weil ihnen der analytische
mit Geist erfüllen, bedeutete aus höherer und damit uralter Weisheit schöpfen. Verstand die Einsicht versperrte. Ihnen fehlte der Lehrer, der den Texten
Und verstehen, will sagen mit Geist erfüllen, bedeutete, in der Anlei­ Siim und damit die Offenbarung des <literarischen Mysteriums> hätte
tung durch den Lehrer einzuüben, was man in welcher Art, was man verleihen köimen. Vor allem Übersetzungen aus dem Arabischen ins
in welchem Rhythmus ins Gedächtnis heben sollte. Ins Gedächtnis he­ Lateinische werden aber zeigen, dass <leere Stellen> der doch auf Sirm
ben bedeutete, den Geist eines Textes zu erfassen: «Es ist nicht recht, die angelegten alchemischen Texte bald neuen, fremden, aber doch irgend­
Alten herabzusetzen; denn <Der Buchstabe tötet, aber der Geist erweckt wie passenden Sinn an sich zogen, der dann in eigenständige Texte
zum Leben>» (Berth. (2) III, 102), sagt Olympiodoros, womit er interes­ floss. Diese Offenheit für den Sinn der Überlieferung bei Verwurzelung
santerweise Paulus' zweiten Brief an die Korinther (3,6) wörtlich zitiert. im Buchwissen mag erklären, warum es immer wieder einigen inspi­
Es geht darum, aus dem heiligen Text den Geist einer höheren und rierten Menschen gelang, auch ohne Unterweisung durch einen Meister
damit uralten, zeitlosen Weisheit aufzunehmen, die nicht allein aus dem die in alten Büchern verschlüsselte Weisheit in ihrem Sinne zu entziffern.
Wort abgezogen werden kann. Sicher hat deshalb nicht nur die Rede, Dass die alchemische Tradition den Wechsel von der ägyptisch-byzan­
sondern vor allem auch die Persönlichkeit eines Lehrers bis hin zur tinischen Kultur mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat, mag
Körpersprache eine gewaltige Rolle gespielt, dies gerade auch bei der daneben aber noch daran gelegen haben, dass es wohl auch in den
Auslegung fremder Texte. Und selbst wenn der charismatische Lehrer ersten Jahrhunderten nach der Eroberung eine allerdings <literarisch
sich nur schriftlich äußern konnte, gehörte doch seine ganze Persönlich­ stumme> Fortführung praktisch-alchemischer Tätigkeit gegeben hat.
keit zu dem, was er seinen Schülern an Eigenem, und vor allem, was er Die Offenheit für die Sinngebung, gemeinsam mit dem Glauben an
ihnen an Überhefertem andiente. In der Alchemie ging es eben nicht eine kritiklos hinzunehmende Prisca ars hat sicher zu der typisch alche­
nur um Rezepte und Verhaltensregeln, sondern auch um die Offenba­ mischen Vorstellung beigetragen, dass alle alchemischen Texte, wenn
rung einer höheren Weisheit, und zwar um eine nicht nur als Symbol auch zerstreut und für Uneingeweihte unkenntlich, die Wahrheit ent­
hinnehmbare, sondern um eine lehrbare und einübbare Weisheit. Und halten. Die von den Adepten als selbstverständlich vorausgesetzte Mei­
gerade hier kann man die Person nicht von der Sache trennen: Ein nung aber, dass die Wahrheit verborgen und verstreut ist, dass nur die
Mensch, der nicht weise ist, kann zwar Weisheiten von sich geben, aber Geistbegabten, die Pneumatikoi, sie in geheimer Lehre weitergeben kön­
nicht die Weisheit als Offenbarung, die eine kosmische Weisheit ist, nen, trägt deutlich gnostische Züge.
deim eine solche ist keine Summe von Einzelwissen, keine Summe von
kleinen Weisheiten. Sie ist eine <zusammensehende> Einstellung zum
Wissen. 8. Das A l in der Alchemie
Da sich uns im Zusammenhang mit der Lektüre alchemischer Texte
der Begriff <Offenbarung>, und zwar durch einen priesterlichen Lehrer, Für eine erfolgreiche Übertragimg und vor allem für eine fruchtbare
geradezu aufgedrängt hat, körmen wir auch sicher sein, dass ein Text­ Weiterentwicklimg der griechischen Alchemie steht als Gütesiegel der
studium dieser Art tatsächlich einer Initiation gleichkam, wenn es sich arabische Artikel <A1>. Was aber verbirgt sich imter dem Siegel, was
auch um eine besondere Form von Initiation handelte, die auf ein indi­ bedeutet der R e^ des Namei\s Al-Chemie?
ij6 II. In fremden Welten Das Al in der Alchemie 177

Wir wissen es nicht, und das nicht etwa, weil wir keine Erklärung Wortforscher zur Verzweiflung zu bringen. Und hier ist vielleicht der
hätten, im Gegenteil, wir haben zu viele. Dabei sind sich die Etymologen Ort, eine Lanze für eine Sichtweise zu brechen, die sicher mehr Prestige
in zw ei Dingen einig: Erstens ist das arabische Kimija nicht genuin ara­ hätte, wenn sie mit einem Fremdwort bedacht worden wäre. Ich schlage
bisch, sondern ein Lehnwort. Bereits die frühen arabische Autoren wuss­ <Kaiologie> oder meinetwegen <Auchologie> vor, die <Wissenschaft des
ten das und tippten als Herkimft mal auf das Persische, mal auf das Auch>, die voll Skepsis gegen die naturwissenschaftliche Neigung zur
Hebräische, mal auf das Ägyptische, meist aber auf das Griechische. Das Monokausalität bewusst nach dem <Auch> in der Deutung aller nicht­
Hebräische kennt die Wortkombination Ki mi-Jah, d. h. <weil von Gott>, idealen Zustände sucht: Der und der laborierte, weil er auf Erlösung
weshalb jüdisch kabbalistische Alchemisten meinten, die Alchemie heiße aus war, aber auch, weil er dem Reiz des Neuen nachgab, aber auch, weil
so, weil sie eine von Gott inspirierte Kunst sei. Im Zusammenhang mit er die Hoffnung hatte, wenn nicht selig, dann doch immerhin unsterb­
dem ebenfalls aus nichtarabischer Quelle stammenden Wort Elixier sei lich oder fast unsterblich zu werden, aber auch, um doch wenigstens
später noch eine Deutung erörtert, die die Herkunft des Wortes Kimija reich zu werden, aber auch, weil sein Vater ..., aber auch, weil die ge­
in China vermutet. Wahrscheinlich stammt Kimija aus dem griechisch­ sellschaftlichen Verhältnisse ..., aber auch, weil er eine handwerkliche
ägyptischen Kulturkreis. Das Wort Chemeia wird schon von Zosimos in Begabung ..., aber auch, weil er zufällig irgendwas und irgendwo ...,
unserem Sinne verwendet, und auch das Wort Chymeutike kann man in aber auch, aber auch. Und dann setzt sich der Kaiologe hin und grübelt
frühen Texten finden. Die Frage ist, welchen etymologischen Hinter­ darüber nach, wie er die Gewichte seiner diversen <Auchs> zu verteilen
grund es dort gehabt hat. Eine der Deutungen für das so fremdartige hat. Zum Leidwesen mancher geistiger Gipfelstürmer aber fehlt dem
Wort weist hin auf Plutarchs Traktat über «Isis und Osiris», in dem be­ kaiologischen Ansatz trotz seines hübschen Namens so ganz der EXift
hauptet wird, <Chemie> beziehe sich sowohl auf Kerne, die schwarze Erde der neuen Idee, die alle Rätsel auf einen Schlag löst.
Ägyptens, als auch auf das Schwarze im Auge, die Pupille, die ja gleich­ Wenn es um die Frage geht, warum das A l im Namen der Alchemie
zeitig Verbergen und Erkennen symbolisieren kann. Tatsächlich galt die im Laufe der Neuzeit zu Lasten der Alchemie wieder verschwunden ist,
Bezeichnung <Pupille> als Deckname für das Große Werk oder auch für führt das Nachforschen nach diversen <Auchs> zunächst zu der Erkennt­
den Stein selbst, gewissermaßen in seiner Eigenschaft als schwarze Prima nis, dass es bis Ende des 17. Jahrhunderts überhaupt keine eindeutige
materia. Glücklicherweise wird die Deutung der Chemie als schwarze Trennung zwischen den Begriffen <Alchemie> und <Chemie> gegeben
Kunst, die uns so unangenehm an dunkle Ehrenmänner erinnert, heute hat, was auch bedeutet, dass es in den Augen der Zeitgenossen keine
kaum noch vertreten. Diskutiert wurde auch die Meinung, dass <Chemie> wirkliche klare Unterscheidung zwischen den Art und Weisen gegeben
schlicht <die Kunst des Alchemisten Chimes> bedeute. Übrigens soll die hat, in denen man Materie sah und mit ihr umging. Die Alchemiehisto­
ja im Mittelpunkt der Alchemie stehende Aussage <Hen to pan> von eben riker William Newman und Laurence Principe sehen eine Quelle für
diesem Chimes stammen. Plausibler aber erscheint eine Deutung des eine begriffliche Unterscheidung in einem <Lexicon alchemiae>, das 1612
Wortes Chemie vom griechischen chymos, der Saft. Aber auch das Verb von Martin Ruland veröffentlicht wurde. Hier behauptet Ruland, der
cheein, das <gießen, ausgießen> heißt, wäre als Herkunftsbezeichnung des ansonsten <Chemia> und <Alchemia> in gleicher Bedeutung verwendet:
Wortes denkbar. Das könnte auch gut zu zwei allerdings erst aus dem «Ethche der Sprachkuendig sagen / Chemia sey unnd heiße ein Schmelz
IO. Jahrhundert stammenden Berichten von Suidas bzw. Prokop dem und giesse Kunst / ein scheidkunst / und das Ali, sey ein particula
Heiligen passen, die beide das Wort Chemeia im Zusammenhang mit emphatica & completiva gleich / wie das Wort Manach heisset zehlen
Diocletians Verbot <alchemischer Betätigung> gebrauchen. Gefälschte / so spricht man Almanach / darinn das gantze Jahr / und alle Tage
Münzen mit hohem Bleigehalt wurden nämlich gegossen und nicht ge­ gezehlet / und viel anders mehr gerechnet wirdt.» (Rul. 145) Das <A1>
schlagen. Also doch? «Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann, / ... Der, soll das Übergeordnete, Umfassende und wohl auch das Eigentliche
in Gesellschaft von Adepten, / Sich in die schwarze Küche schloss, / darstellen. Dabei weiß Ruland, dass das A l aus dem Arabischen stammt,
Und, nach unendlichen Rezepten / Das Widrige zusammengoss.» ich kann mir aber denken, dass er bei seiner Deutung von seinem deut­
((Faust I Vers 1034, 1038-1041) Goe. V, 59) schen Hintergrundwissen beeinflusst war: Das A ll bedeutet ja bei uns
Die Alchenüsten haben Faust nicht gelesen, aber ich bin sicher, sie das über alles Hinausreichende, denken wir an Allmacht im Verhältnis
würden sich auf ein Missverständnis berufen. Und übrigens, warum zur Macht, das Allwissen im Verhältnis zum Wissen. Jedenfalls setzten
soll nicht im Wort selbst das Widrige geheinmisvoll und weisheitsträch­ sich in ganz Europa zwei Tendenzen allmählich durch: zum einen die
tig zusammengegossen sein? Es wäre gut-akhemisch, auch noch die Tendenz, die Alchemie mit eingebildeter oder echter höherer Weisheit
178 II. In fremden Welten Bagdad und die Träume der Ismailiya 179

gleichzusetzen, zum anderen die Tendenz, alles, was nicht mit der Gold­ Geschichtsschreibung der arabischen Alchemie so wichtigen Kitab-al-
macherkunst und dem Stein der Weisen zu tun hatte, in den Bereich der Fihrist, dem enzyklopädischen <Buch des Verzeichnisses>des Ibn-abi-
<bloßen Chemie> - Newton redet von «Vulgär chemistry» - abzuschie­ Jacub An-Nadim, wissen, das in eben dieser Zeit (988 n. Chr.) geschrie­
b e n .U n d als die Chemie im Rahmen der anderen <neuen Wissenschaf- ben wurde. Anfang unseres Jahrhunderts lebte die Debatte wieder auf.
ten>, der Novae scientiae, ihren Siegeszug antrat, sank das Ansehen des In den vierziger Jahren nämlich stellte der Arabist Paul Kraus folgende
<A1>bis tief hinab zur Bezeichnung einer wirren Pseudowissenschaft. Behauptungen auf: i. Gabir ist keine Einzelpersönlichkeit, sondern eine
ganze Schule von Autoren, 2. diese Schule hatte Beziehungen zur Sekte
der Ismailiya, für die sie indirekt Propaganda machte, 3. aus verschie­
9. Bagdad und die Träume der Ismailiya denen Gründen - Erwähnung in anderer Literatur etc. - muss die Ga-
bir-Schule in das 10. Jahrhundert datiert werden.
Belassen w ir's bei der Unschärfe, die das Wort <Alchemie> so bedeu­ Der Beweisgang von Kraus ist auch heute nicht unumstritten, was
tungsschwer und ach so überlegen zu machen scheint, und nehmen als uns nicht sonderlich zu berühren bräuchte, hätte die Debatte nicht doch
wichtigste Erkenntnis mit, dass die kleine Silbe <A1> einen Übergang mehr als ausschließlich philologische Bedeutung. Wenn nämlich zumin­
symbolisiert, den Übergang von der griechisch-ägyptischen Theia techne dest der Kern der Gabir-Schriften aus dem 8. oder frühen 9. Jahrhundert
zu einem eigenständig arabischen Unternehmen. Zum geographischen stammte, würde dies heißen, dass das Werk Gabirs vor den großen
Zentrum der arabischen Alchemie wurde Bagdad, das nach dem Sturz Übersetzungen der griechischen Klassiker entstanden ist und so nur die
der Umaiyaden und dem Aufstieg der Abbasiden Hauptstadt des Kali- rmmittelbare hellenistisch-griechische Tradition widerspiegelt, die dem­
phats geworden war. nach - Khalid hin, Khalid her - sehr früh in die arabische Kultur ein­
Wenn wir das Wort Bagdad hören, denken wir hoffentlich nicht nur geflossen wäre. Anscheinend kannte Gabir zwar einige echte griechi­
an Saddam Hussein, sondern auch an Harun Ar-Raschid, den Kalifen sche Werke, in erster Linie Schriften von Aristoteles und Galen, und war
aus <1001 Nacht>, dem Zeitgenossen Karls des Großen, der nachts durch ansonsten auf Pseudoschriften angewiesen, die er natürlich nicht als
die Basare seiner Hauptstadt streifte. Wir werden aber überrascht sein, solche erkannte.
im eigentlichen Bagdad weder den so exotisch gemischten Hauch von Sicher ist, dass der Gabir-Corpus den Geist der Ismailiya atmet. An
Olivenöl, Knoblauch, Gewürzen und schlechter Kanalisation noch die mehreren Stellen seines Werkes bezeichnet Gabir einen gewissen Gafar
Enge verwinkelter Gassen, Durchgänge, Torwege und Schatten zu fin­ als seinen Lehrer. Wahrscheinlich ist damit Gafar As-Sadiq gemeint, der
den, die einen echten Basar auszeichnen. Im eigentlich Bagdad gab es Anfang des 8. Jahrhunderts gelebt hat und den die Schiiten als Imam
keine Basare; die im Jahre 762 n. Chr. vom Kalifen Al-Mansur gegrün­ und damit als legitimen Nachfolger des Propheten und dessen Schwie­
dete, schachbrettförmig gebaute und von einer dreifachen Ringmauer gersohnes A li anerkennen. Für die Geschichte des Islam ist Gafar be­
umgebene Stadt war ein reines Verwaltungszentrum. Natürlich existier­ sonders wichtig, weil verschiedene Auffassungen über die Nachfolge
te ein Basar, aber der lag außerhalb der Stadt vor dem Südtor, das nach des Imams Gafar nach dessen Tode die schiitische Gemeinde spalteten.
Basra führte. Ein Teil der Gemeinde, später Ismailiten genannt, glaubte, das Imamat
Fragen wir hier im Basar, wo man alles weiß, nach einem gewissen sei auf den ältesten Sohn Gafars, auf Ismail, übergegangen, obwohl Is­
Gabir ibn Hayyan, der heute als einer der größten arabischen Adepten mail bereits vor seinem Vater gestorben war. Da die Bewegung des Is­
gilt, dann werden wir Schwierigkeiten bekommen, die nicht nur mit mailiya erst im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts hervorgetreten ist,
Geheinmiskrämerei zu tun haben. Selbst wenn unser Besuch, den wir verschiedene Richtungen besaß und in all diesen Richtungen deutlich
etwa auf das Jahr 800 n. Chr. setzen wollen, zum richtigen Zeitpunkt esoterische Züge aufwies, ist sie heute nicht in allen Einzelheiten be­
erfolgt wäre, würden wir Gabir vielleicht nicht finden, oder schlimmer kannt. Aber aus der Sicht Gabirs, der anscheinend der Sekte der Nusay-
noch: Wir würden einen Gabir finden, der aus vielen Gabirs besteht, ris nahe stand, ist die Geschichte der Imame wohl so zu verstehen, dass
und dieser ungreifbare <Gabir der Gabire> wäre verantwortlich für einen auf Ali als dessen Inkarnationen und als Träger göttlicher Offenbarung
Schriften-Corpus, der mehr als 500 Titel umfasst, hinter denen sich al­ noch sieben geistliche Führer folgten. Deren letzter, der verborgene und
lerdings manchmal Traktate von nur wenigen Seiten verbergen. - Be­ bedeutendste Iman, ist Ismail. Mit ihrer Überzeugung, inmitten einer
reits Ende des 10. Jahrhunderts gab es unter arabischen Gelehrten Kon­ feindlichen Umwelt als einzige religöse Gruppe das <wahre Wissen» zu
troversen um die Identität von Gabiiv w ie wir u .a. aus dem für die vertreten, dessen Besitz und Weiterverbreitung nur besonders Auser-
i 8o II. In fremden Welten Gabirs alchemische Theorie i8i

wählten Vorbehalten sei, bewegten die Ismailiten sich in gnostischen


Bahnen. Auch die Haltung, die sie dem Koran gegenüber einnahmen, IO. Gabirs alchemische Theorie
erinnert an die Haltung gewisser christlich-gnostischer Sekten ange­
sichts der Bibel. Beide Gruppen glaubten, dass ihr Heiliges Buch neben Die Lehre, die aus den Traktaten des Gabir spricht, ist relativ frei von
einer exoterischen Wahrheit noch eine esoterische, eine in den Texten blumigen hermetischen Allegorien, wenn auch nicht von Decknamen.
verstreute Weisheit enthalte, die den gewöhnlichen Gläubigen verbor­ Sie gehört in die Hauptströmung der mittelalterlich-arabischen Philoso­
gen bleiben müsse. Und so teilten beiden Gruppen, ob sie nun zu Gott phie, zumindest insofern, als sie Grundüberzeugungen des Islam mit
oder zu Allah beteten, die Menschheit ein in eine oft nur im Geheimen aristotelischen und neuplatonischen Gedankengängen zu verbinden
gedeihende Elite, bei den Ismailiten sind es die Dais, d. h. Missionare, versucht:
und die Masse der unbedarften Normal-Christen oder Normal-Moham­ Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist natürlich Allah, der
medaner, auf die man, wenn man sie nicht in die verschiedenen Grade die Materie geschaffen hat, die von Gabir allerdings genau wie von
der Erleuchtung einführen konnte, mit mehr oder weniger sanftmütiger den Stoikern nicht als etwas Abstraktes, sondern als etwas Konkretes,
Verachtung herabschauen durfte. Ihnen beiden gegenüber stehen has­ d. h. als Substanz, angesehen wird, die eigenschaftsbehaftet ist.*^ Um
senswerte Gegner der göttlichen Ordnung. aber eine Substanz zu etwas Konkretem zu machen, reicht schon eine
Zweifellos aber hielt und hält sich die Ismailiya noch ans Transzen­ von den üblichen vier Eigenschaften aus. Anders gesagt: Es gibt <das
dente, hielt sich ans Wissen, das Erlösung bringt, und nicht an den Hass, Kalte> bzw. <Kälte> als kältebehaftete Materie, <das Warme> bzw. <Wär-
der sie herbeizwingen soll.^^ Für die Ismailiten, insbesondere für die me> als wärmebehaftete Materie usw. als etwas Wirkliches, das Gabir
Schule der Mutazilat, der Gabir nahe gestanden zu haben scheint, waren <Natur>, <Tabia>, nennt.^^ Das gilt imabhängig davon, dass die vier <Na-
es die Wissenschaften, die die Seelen vorbereiten auf den Aufstieg durch turen> in den Dingen dieser Erde immer schon zu den uns bekannten
die Hierarchie des Geistigen hin zu Gott. Und die Wissenschaften ihrer­ vier Elementen zusammengeschmolzen sind. Zumindest bei den Me­
seits stützten sich auf die Logik, wie sie von den Griechen entwickelt tallen geht dieser intermediäre Schmelzprozess sogar weiter, indem,
worden war. Erkenntnis ist dabei nicht nur eine Kombination offensicht­ wie wir ja bereits wissen, zunächst die <Verbindungen> Schwefel und
lichen Wissens, sondern ein Entbergen des Verborgenen, das einzig der Quecksilber entstehen, die dann zu Metallen zusammentreten. Diese
Eingeweihte wahrnimmt. Das sollte uns als Hinweis darauf dienen, Kemidee der später immer mehr ins Zentrum alchemischer Über­
dass Logik und Rationalismus keineswegs, wie wir uns seit der Aufklä­ legungen rückenden Schwefel-Quecksilber-Theorie hat Gabir mög­
rung zu wissen einbilden, erbitterte Feinde einer Esoterik sein müssen, licherweise von dem neupythagoreischen Philosophen und Magier
die sich nur über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis unbeschadet weiterge­ Apollonios von Tyana übernommen, der im i. Jahrhundert n. Chr. lebte
ben lässt. Ein Gafar zugeschriebenes Buch zur Alchemie schwelgt gera­ und bei den Arabern unter dem Namen Balinas bekarmt war. Bei Gabir
dezu in den bekannten Paradoxa der Beschreibung des Steins der Wei­ sieht sie so aus:
sen: «Wisse, mein Sohn, dass diese Kunst nicht von einem Ding handelt, «Wir meinen auch, dass die Metalle allesamt der Substanz nach
das an und für sich beständig oder an und für sich flüchtig ist, vielmehr Quecksilber sind, das sich mit mineralischem Schwefel verfestigte, der
ist es sowohl flüchtig als auch beständig, männlich wie weiblich, warm zu ihm in der rauchartigen Ausdünstung der Erde aufstieg. Sie unter­
wie kalt, feucht wie trocken.» Der Stein entsteht, wenn man aus den scheiden sich imtereinander wegen der Verschiedenheit ihrer Akziden-
drei Wesenheiten Leib, Geist und Seele, die «als Bindeglied zwischen tien, und der Unterschied ihrer Akzidentien geht zurück auf den Un­
Geist und Körper wirken», in einer «beharrlichen Vereinigung ... eine terschied ihrer Schwefelarten, und der Unterschied ihrer Schwefelarten
einzige Substanz» bildet. (Ruska (i) II, 6ji.) auf den Unterschied ihrer Erden imd ihrer Lagen hinsichtlich der Wär­
me, welche die Sonne erreicht bei ihrer Wiederkehr im Umlauf. Die
feinste dieser Schwefelarten, die reinste und ausgeglichenste, ist der
goldbildende Schwefel. Deshalb verfestigt sich nüt ihm das Quecksilber
in vollkommener und ausgeglichener Weise. Wegen dieser Ausgegli­
chenheit hält das Gold dem Feuer stand und bleibt in ihm beständig.
Letzteres hat keine Macht, es zu verbrennen, wie es die Macht hat, die
übrigen Metalle zu verbrennen.» (Garb. 34)
i 82 II. In fremden Welten Gabirs alchemische Theorie 183

In gut alchemischer Tradition behauptet Gabir außerdem, dass alle Din­ «dass das Silber, zwischen welchem und dem Gold es keinerlei Unter­
ge in allen drei Reichen der Natur sowohl Geist als auch Seele besitzen. schied gibt, außer der Schwere und der gelben Farbe, Gold zu werden
«Gut», könnte man angesichts dessen sagen, «aber, mal abgesehen vermag. Mithin kommt dem Silber potentiell die höchste Affinität für
von sonstigen Pneuma- oder Psyche-Lehren, kommt am Ende trotz ei­ die Aufnahme der Schwere zu, sodass es in den Wesenszustand des
nes komplizierten <Vorlaufs>, will sagen, trotz der Theorien der vier Goldes übergehen kann; und es kommt ihm die höchste Affinität für
<Naturen> und der zwei intermediären Bestandteile aller Metalle nicht die Aufnahme der gelben Farbe zu, sodass es mit der Farbe des Goldes
etwas heraus, das Aristoteles und die Stoiker auch gesagt haben könn­ auftreten kann; imd wenn ihm jenes nicht potentiell zukäme, könnte
ten?» aus ihm jenes [das Gold] nicht im Akt hervorgehen [aktuell werden]
«Das scheint nur so», würde Gabir darauf antworten: «Im <Vorlauf> und äußerlich sichtbar werden.» (Rex 63)
nämlich liegt die Behauptung verborgen, dass die Elemente und auch Im gleichen Sinne und etwas weiter gefasst kaim man iiüt Gabir be­
die einfachen, definierbaren Substanzen mal mehr, mal weniger von den haupten, dass Blei bereits innerlich Zinn, Silber und Gold enthält, denn
ihnen zukommenden <Naturen> besitzen können.» jedes Metall besitzt zwei elementare Qualitäten oder <Naturen> <außen>,
Schwefel und Quecksilber z. B. sind in den Metallen nicht nur in ver­ also manifest, und zwei <innen>, also potentiell oder latent. So hat bei­
schiedenen Verhältnissen verbunden, sie besitzen auch je für sich ein spielsweise das Gold <außen> die <Naturen> warm und feucht, <innen>
Mehr-oder-weniger ihrer verschiedenen <Naturen>. Und das erklärt, kalt und trocken.
warum es mehr oder weniger <reine> Schwefel- und Quecksilberarten Ja, und wenn wir nur wüssten, wie w ir's anstellen sollen, dann könn­
gibt, die dann in ihrer jeweiligen wechselseitigen <Verbindung> für die ten wir sogar leblose Dinge zu Lebewesen transmutieren. Gabir hat das
Erscheinungsformen der verschiedenen Metalle verantwortlich sind. ausdrücklich für möglich gehalten. Der Homunculus - Seele hin, Seele
Doch nicht nur kompliziertere Substanzen, sogar die Elemente wie z. B. her - stand ihm nicht fern, zumal Gabir die Alchemie ansah als ein
Wasser mögen mehr oder weniger <Kälte> und <Feuchtigkeit> enthalten; verbindendes Mittelwesen, als ein <Mesanthropos> zwischen dem Men­
es gibt also eine ganze Serie von Wässern, selbst wenn wir nur vom schen als <Mikranthropos> und der Welt, dem <Makranthropos>. Welche
reinen Element <Wasser> reden. Übrigens besitzt Wasser wie alles, was Perspektiven tun sich da auf, auch heute noch, spielen doch selbstge­
materiell existiert, auch verborgene Eigenschaften. Potentiell nämlich machte Menschen in der Phantasie der Menschen bis in unsere Zeit des
gehören dem Wasser auch die <Naturen> <Wärme> und <Trockenheit> zu, Klonens eine bedeutende - und ambivalente - Rolle. Alchemischerseits
was bei der Transmutation ä la Gabir deutlich wird. Eine Transmutation ist da zu berichten, dass so um 1250 Albertus Magnus und um die 150
etwa von Wasser zu Erde stellte er sich nämlich wohl so vor, dass bei Jahre später Paracelsus einen Homunculus besessen haben bzw. herzu­
dauernder Zugabe von <Trockenheit> der Punkt kommt, an dem die stellen gedachten. Das Rezept des Paracelsus war ziemlich einfach: Man
<Feuchtigkeit> verdrängt wird, verdrängt im wahrsten Sinne des Wortes, nehme Sperma, lasse es faulen, bis sich irgendetwas zu regen beginnt,
und zwar von der Oberfläche der transmutierenden Substanz in ihr das man daim mit einem <Arcanum sanguinis humani>, also einer Art
Inneres. Und umgekehrt wird Trockenheit <nach außen gekehrt>. Da Blutkonserve, füttere, worauf, wenn man das Ganze immer schön bei
aber die Potentialität ein Mangel ist, besitzt der nun trockene Gegen­ Brutkastenwärme hält, eine stattliches, wenn auch etwas klein geratenes
stand, hier die Erde, in den Augen Gabirs eine Affinität zur <Feuchtig- Kindlein entsteht. Goethe weiß ja davon zu berichten:
keit>. In diesem Sinne ist alles auf der Welt ein Wechselspiel von Poten­ «Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,/ Es trübt, es klärt sich; also
tialität und Aktualität, von Okkultem und Manifestem, dies aber im muss es werden! / Ich seh' in zierlicher Gestalt/ Ein artig Männlein sich
Rahmen eines Mehr-oder-Weniger. Und das Mehr-oder-Weniger der gebärden./ Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?» ((Faust II
<Naturen>, das außer den haptischen, also den tast- und fühlbaren Er­ Vers 6871-6875) Goe. V, 285)
scheinungen auch alle anderen wie etwa die Farben hervorruft, dieses Ja, was will sie mehr?
Mehr-oder-Weniger erklärt die ungeheure Vielfalt der Dinge auf Erden Knapp hundert Jahre nach Paracelsus kürzte der legendäre Rabbi
und legt zudem nahe, dass man alles in alles transmutieren kann. Zum Löw das ganze Verfahren wesentlich ab, indem er nach kabbalistischer
einen nämlich ist alles - sei's potentiell, sei's aktuell - bereits vorhanden, Manier den Lieben Gott nachahmte und bestimmte Worte über Staub
zum anderen hat alles Potentielle den Drang, aus der Potentialität her- sprach. Dass der Golem etwas zu groß geraten war und seinem Rabbi
auszukonunen, wie denn auch jede Spezies im Reich der Pflanzen und außerdem später Schwierigkeiten machte, steht auf einem anderen Blatt.
Tiere in ihrem Samen potentiell ist. Deshalb kann Gabir behaupten: __ Dnrh 7iinirk zn Gabir, mit dem wir lücht nur eintreten in die uralte
184 II. In fremden Welten Gabirs alchemische Theorie 185

Welt der Schöpfungssehnsüchte, sondern auch in die ebenfalls uralte dem Intensitätsrang der Natur einen Gewichtswert: Steht der Buchstabe
Welt der Analogien und der <dichten Beziehungen>, in die Welt der an der zweiten, dritten oder vierten Stelle im Wort, muss sein Intensi­
Realanalogien zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Auch die tätsrang gegenüber dem Rang, den es an der ersten Stelle des Wortes
Planetensphären und sogar die Sphäre des Tierkreises besitzen bei Ga- einnehmen würde, verdreifacht, verfünffacht oder verachtfacht werden.
bir <Naturen>, die den irdischen entsprechen. Diese können sich je nach Der Buchstabe dad z. B. bezeichnet die <Natur> Kälte im siebten Inten­
Konstellation am Himmel addieren oder substrahieren und vermögen sitätsrang. Steht er nun an zweiter Stelle im Wort wie etwa in ßdda,
so mit mehr oder weniger Intensität die ihnen entsprechenden Gegen­ Silber, dann entspricht sein Gewichtswert dem Dreifachen des Gewich­
stände auf Erden zu beeinflussen. Kein Wunder, dass der Weise die tes, das durch seinen Intensitätsrang bezeichnet ist.^°
<günstige Stunde> für seine Operationen keimen muss; kein Wunder, Seine Behauptung, dass sich die Zahlenkolonnen in den vier Kolum­
dass Gabir neben der Alchemie und übrigens auch der Medizin eine nen der Gewichtswerte wie 1:3:5:8 verhalten, stützt Gabir sicher nicht
Wissenschaft der Talismane sowie eine «Wissenschaft von der Indienst- auf irgendwelche chemische Beobachtungen, sondern auf Zahlenspeku­
nahme der erhabenen Sterne» betrieb. lationen. Die Summe von eins, drei, fünf und acht ist siebzehn; die Sieb­
Aber wie können wir die Welt um uns herum in Dienst nehmen, oder zehn aber ist die Urzahl, in deren Zeichen die gesamte materielle Welt
bezogen auf die Alchemie: Wie lässt sich die wahre Zusammensetzung geordnet ist. Tatsächlich scheinen uns die vier Zahlen, aus denen die
der Weltendinge entschlössen, damit wir sie gezielt transmutieren kön­ Siebzehn zusammengesetzt ist, ein Geheimnis verraten zu wollen, das
nen? «Das ist doch klar», sind wir geneigt zu sagen, «wir entschlüsseln wir immer dann zu erkennen meinen, wenn wir sie in bestimmter Weise
die Substanzen, indem wir sie analysieren, und das war doch damals in ein aus den ersten neun rationalen Zahlen gebildetes magischen Qua­
zumindest in Ansätzen gerätetechnisch schon möghch.» «Analysieren, drat einordnen. Das Quadrat ist dabei so arrangiert, dass die Summe
ja», antwortet uns Gabir, «aber es sind nicht zunächst die chemischen der Seiten und der Diagonalen des Quadrates stets die gleiche ist, näm­
Stoffe, die wir analyiseren müssen, zumindest nicht vorrangig, sondern lich 15:"^
die Wörter, die diese Stoffe bezeichnen. Und die Sprache, die uns diese
Wörter liefert, ist die arabische.»
9 2
5 7
Und genau das, eine Analyse chemischer Substanzbezeichnungen,
I 6
unternimmt Gabir in vielen seiner Werke. Dabei legt er Sprachanalysen
voll linguistischer und grammatikalischer Spitzfindigkeiten vor, die Wir können nun aus diesem Quadrat, das auch im Arabischen alle
man nur bewundern kann. Für Gabir ist die Sprache des Korans Träger überhaupt möglichen einstelligen Zahlen enthält, zwei Felder heraus­
eines geheimen Wissens vom So-Sein der Dinge, über die sie redet. Che­ schneiden: ein Ideines und kleinstmögliches Quadrat unten links, in dem
misch gewendet heißt das: Die Buchstabenkombination des von seinen die Zahlen eins, drei, fünf und acht zur Summe Siebzehn, also unserer
Präfixen und Suffixen gereinigten Stammwortes, das eine bestimmte Urzahl, versammelt sind, und außen darumgelegt ein so genanntes Gno­
chemische Substanz bezeichnet, ist wie eine chemische Summenformel, mon, dessen Summe Achtundzwanzig ergibt. Dabei lässt uns das Wort
die uns nicht nur die Bestandteile der Substanz - das sind ja immer die <Gnomon>, <Anzeiger>, aufhorchen, wenn wir uns erinnern, dass eine
vier <Naturen> -, sondern vor allem ihr relatives Mengenverhältnis an­ bestimmte Philosophenschule die Gnomata ganz besonders liebte: die
zeigt. Wir können auch von einem genetischen Code sprechen, den es Pythagoreer. Für sie war ein Gnomon nicht zunächst ein Instrument zur
zu knacken gilt. Ermittlung von Schattenlängen und Sonnenhöhen, sondern eine im Win­
Dabei gibt es, wenn man gewisse Regeln beachtet, nur vier relevante kel ausgelegte Punktmenge. Ausgehend von der Vorstellung, die Zahlen
Buchstaben im Stammwort, wobei jeder der vier Buchstaben aus einer als Mengen von Seins-Einheiten seien die Urbausteine der Welt,^^ ver­
Gruppe von jeweils sieben Buchstaben stammt, die zu je einer der vier suchten sie nämlich, der Harmonie des Weltbaus mit Kombinationen von
<Naturen> gehören. Jede Gruppe nun ist im Sinne der musikalisch-py­ Punkten auf die Spur zu kommen, bei denen Gnomata, d. h. Winkelha­
thagoreischen Harmonielehre in sieben <Intensitätsränge des Gewich­ ken, eine entscheidende Rolle spielten: Legt man an die Einheit einen
tes) geordnet. Der von einem bestimmten Buchstaben symbolisierte In­ Winkelhaken mit drei Einheiten und an diesen einen mit fünf Einheiten
tensitätsrang einer <Natur> bezeichnet aber noch nicht den wirklichen usw , dann kann man <sinnlich>, d. h. als Punktmengen, mit ungeraden
<Gewichtswert> dieser <Natur> im Wort und damit zugleich in der che­ Mengen von Punkten Quadrate erzeugen, während man, wenn man mit
mischen Substanz, denn erst die Stellung des Burhstabpn im Wort gibt Rechtecke zustande bringt.
i86 II. In fremden Welten Gabirs alchemische Theorie 187

Sicher ist Gabirs Quadrat pythagoreischen Ursprungs, und das konn­ von Beobachtung oder Intuition entsprechend <zurechtgerückt> werden,
te für ihn nur bedeuten, dass es nach dem Motto <Wer das Rätsel löst, damit man es im unvollkommenen Abbild erkennen und gegebenenfalls
wird das Geheimnis ahnen> aus der uranfänglichen Vergangenheit zeit­ in eine materielle Realität überführen konnte. Doch selbst das war nur
loser Weisheit stammte. Das Wissen und die Nüchternheit eines moder­ ein Schritt, dem weitere Laborschritte folgen mussten, galt es doch nicht
nen Historikers, für den der Abstand von 1300 Jahren zwischen Pytha­ nur, die Zusammensetzung eines Ausgangsprodukts sowie die Zusam­
goras und Gabir eine messbare Größe gleich anderen messbaren Größen mensetzung eines ersehnten Endprodukts zu ermitteln: Man musste das
ist, konnte Gabir einfach nicht haben: Es ging um Weisheit, und damit Endprodukt auch herstellen, man musste die Transmutation durch ei­
um Wissen aus vorhistorischer Zeit, aus illo tempore. Das magische Qua­ gens hergestellte <Mittelsubstanzen> wirklich bewerkstelligen. Diese Mit­
drat schien es zu offenbaren, und zwar nicht nur in der Zahl 17, sondern telsubstanzen, die die Ausgangsstoffe in genau bestimmten Mengen an
auch in der Zahl 28. Als ein Produkt von vier mal sieben zeigt uns die Naturen ergänzten, um so das spezifische Gleichgewicht, Mizan, in den
letztgenannte Zahl ebenfalls die Harmonie der Welt, denn Harmonie <Naturen> des Endprodukts zu schaffen, das sind die Elixiere.^^ Demge­
entsteht aus vier <Naturen>, vier Elementen, vier Himmelsrichtungen mäß gibt es ganz verschiedene Elixiere, genau wie es ja auch in der Me­
etc. mal sieben Planeten, sieben Metallen etc.. Das Produkt aus vier und dizin verschiedene Heilmittel gibt, ja, Gabir hat seine Elixiere oder einige
sieben war zudem im pythagoreischen Sinne <vollkommen>, gleicht von ihnen wohl auch als echte Heilmittel angesehen.
doch die Zahl 28 der Summe ihrer Teiler i, 2, 4, 7 und 14, während 17 Das paßte gut zu der von den Griechen übernommenen Krankheits­
als Primzahl nur durch die Eins oder sich selbst geteilt werden kann lehre, der Humoralpathologie, nach der man nicht etwa seinen Humor
und damit auf sich selbst zurückweist. Außerdem hat der Gott des Ko­ verliert, weil man laank ist, sondern krank wird, weil man seinen Hu­
rans dem Geheimnis der 28 seinen Segen gegeben, indem er das arabi­ mor verliert. Die Gesundheit beruht nämlich auf der Harmonie von vier
sche Alphabet aus insgesamt 28 selbständigen Buchstaben gebildet hat. Humores, vier Körpersäften, die je einen Überschuss einer <Natur> besit­
Nicht nur die 17, auch die 28 muss sich also in der Welt der Substanzen zen. Im ersten Saft, der gelben Galle, ist dies die Wärme, im zweiten,
und ihrer Veränderungen widerspiegeln. dem Blut, die Feuchtigkeit, im dritten, dem Phlegma, die Kälte, im vier­
Wenn wir zu den vier Gewichtswerten mit den jeweils sieben Inten­ ten, der schwarzen Galle, die Trockenheit. Jeder dieser Humores ent­
sitätsrängen zurückkehren, wird uns das auch sofort klar, denn jede spricht, dies nebenbei, nicht nur einem bestimmten Temperament, son­
<Natur> hat 28 Möglichkeiten der relativen Gewichtung. Bei vier <Natu- dern auch einem bestimmten Klima, was wieder einmal zeigt, dass im
ren> gibt es also insgesamt 28 x 4 = 112 Kombinationen aus <Natur> und frühen und auch im Gabirschen Denken nachgerade alles mit allem
jeweiliger Gewichtung. Dabei ist zu beachten, dass - zumindest bei Me­ zusammenhängt.
tallen - grundsätzlich alle, also auch gegensätzliche <Naturen> in dersel­ Ganz im Geist einer zutiefst alchemischen Tradition gehörte für Gabir
ben Substanz vertreten sind, und zwar jeweils im Verhältnis 1:3 oder zudem die Färbung chemischer Substanzen zum Netz von Zusammen­
5:8. hängen. Färbungen knüpfen Zusammenhänge und zeigen sie zugleich
Das machte theoretische Schwierigkeiten, weil einige arabische Wör­ an, indem sie auf einen bestimmten Zustand der Materie <hinweisen>.
ter wie das Wörter <fidda> für Silber das nicht <hergeben>. Das Wort sagt Allerdings sind Farbe und Materie-Art nicht mehr wechselseitig eindeu­
lediglich, dass Silber aus den <Naturen> Wärme und Kälte im gleichen tig bestimmt, denn Gabir macht darauf aufmerksam, dass jede der vier
Verhältnis besteht. Hier ergänzte Gabir kurzerhand die Angaben, die Qualitäten in verschiedenen Substanzen die gleiche Farbe hervorrufen
aus dem Wort selbst stammten, durch zusätzliche Annahmen. Ohne kann. Ganz in der alchemischen Tradition stellt er darüber hinaus fest,
Zweifel stützte er sich dabei auf seine Kenntnis wirklichen Silbers, so- dass das, was färbt, ein Pneuma, ein Geist ist, der sich auf der behan­
dass nicht etwas völlig Unsinniges dabei herauskam. delten Materie ausbreitet wie Quecksilber auf Kupfer. Dennoch, so weiß
Gewiss besaß Gabir wirkliche Kenntnisse wirklicher Stoffe. Und er Gabir, erzeugt das Quecksilber kein Silber, denn beim Transmutations­
brauchte diese Kenntnisse, weil die Theorie allein nicht alles zu liefern versuch wird stets unharmonisch viel Geist in das Kupfer eingebracht.
vermochte. Die Wörter selbst ließen zuweilen Fragen offen, denn sogar Quecksilber ist also kein Elixier, obwohl es die Fähigkeit besitzt, sich
wenn Gabir die richtige, die ideale Zusammensetzung sprachanalytisch auf fremdem Material auszubreiten und es zu färben. Es kommt aber
ermitteln konnte, hatte er damit, wie er selbst bekannte, gewöhnlich noch vor allem darauf an, im zu transmutierenden Körper eine neue Harmo­
nicht die wirkliche Zusammensetzung ausfindig gemacht. Das von der nie, ein neues Gleichgewicht, ein neues Maßverhältnis der Gewichte zu
Wirklichkeit mehr oder weniger w eit entfernte Ideal musste aufgrund bewirken. Dabei ist, wie eine teilweise verfälschte lateinische Überset-
i88 II. In fremden Welten Gabirs alchemische Theorie 189

zung des Gabirschen <Buches der Siebzig> zeigt, das Quecksilber radix allerdings meist nicht durch Nachdenken erschließen, sondern nur
in omni re, ein Grundbestandteil aller Substanzen. Gemeint ist allerdings durch die Erfahrung. So zieht der Magnet das Eisen an, aber dessen
<unser Quecksilber>, das auch <das orientalische Quecksilber> oder Kraft kann sich auch ändern, z. B. durch lange Lagerung. Ebenso kann
<Myrthe> oder auch <das Tier> heißt, denn es hat wie ein Tier eine spe­ nur die Erfahrung lehren, welche Menge Geist sich auf Dauer mit den
zifische Seele. Gabir verwendet sogar den Begriff <göttliches Wasser>, Körpern verbindet.
was doch sehr an das <göttliche Wasser> des Zosimos erinnert. Es ist das Dass dies alles keine frei wuchernde, aus der Tradition übernommene
Hauptmittel bei der Darstellung des Elixiers, ja, im <Buch der Milde> und in Wirklichkeit trotz allen Geredes an keinerlei empirischem Wis­
wird sogar behauptet, dass das Wesen des Großen Werkes einfach auf sen gemessene Spekulationen sind, zeigt Gabir nüt einer überraschen­
der Fixierung des Quecksilbers beruhe. Im <Buch des Mitleids> wird das den Feststellung. Für ihn enthalten die edlen Dinge wie Silber, Edelstei­
so beschrieben, dass das Quecksilber <vergeistigt>, dass es zu <Leben> ne, Perlen und Gold nicht viel, sondern wenig Pneuma,^“^sind also relativ
wird, indem es aus seinem kalten und flüssigen Zustand in einen heißen <geistlos>, und deshalb sind sie fest und beständig, während typische
und flüchtigen übergeht, dabei aber gebunden bleibt, und zusammen Pneumata wie Schwefel und Arsen und Quecksilber ja gerade nicht fest
mit einer Substanz, in der die vier Elemente in optimaler Kombination und beständig, sondern flüchtig und veränderlich sind.
vereinigt sind, zum <Elixier der Elixiere> wird, zum Großen Elixier, das Gabir kennt übrigens nicht nur das <Elixier der Elixiere>, den <Imam>,
von Gabir auch als der <Imam> bezeichnet wird. Das <Leben> kann al­ er kennt auch spezifische, d. h. mindere, nicht universell wirksame Eli­
lerdings nicht in <tote> Körper wie Glas, Eierschalen usw. eindringen, xiere oder <Medizinen>, die ebenfalls ein ideales Gleichgewicht bewir­
und auch die geeigneten Körper wie Blei und Kupfer müssen zuvor ken sollen, das allerdings jeweils nur eine bestimmte Substanz betrifft.
richtig vorbereitet, gereinigt und angepasst werden. Dabei ist die Bereitung der verschiedenen <Medizinen> nur möglich in
Was aber heißt <richtig vorbereitet, gereinigt und angepasst>? Nun Kenntnis der Gewichts-Harmonie der vier <Naturen>. Doch damit nicht
sind Gabirs Begriffe in ihren Begriffsbestimmungen, d. h. im theoreti­ genug: Gabir dehnt das ernste Spiel der Zahlen sogar auf die Wirkmög­
schen Kontext, nicht so aufeinander eingespielt, dass man seine Theo­ lichkeiten von Substanzen, ja selbst auf die Wirkmöglichkeiten von Ope­
rien, wenn sie aus verschiedenen Bereichen stammen, über die verwen­ rationen aus. Wie in der Humoral-Medizin der Grad der Wirkung von
deten Begriffe voneinander ableiten könnte. So können wir nur vermu­ Heilmitteln abgeschätzt wurde - Mohn war z. B. kalt <im vierten Grad>
ten, dass Gabir unter <Anpassung> eine Reinigung nach Vorgaben der -, so schätzte Gabir auch den relativen Grad der Wirkung seiner Elixiere
Sprachanalyse versteht, wobei die quantitative Stärke der <Naturen> in ab und setzte diesen <Wirkwert> in einen zahlenmäßigen Zusammen­
der jeweils vorliegenden unreinen Substanz chemisch irgendwie hang mit Operationen, die zum Elixier führen sollten. Eine Sublimation
abgeschätzt werden muss, um die Substanz auf den dem Wort entspre­ z. B. besitzt ein Fünfzigstel, eine UmschmeLzung ein Zweihundertstel
chenden Idealzustand bringen zu können. Gold z. B., das große Ziel des Wirkwertes des Goldes, dessen Elixier einen Wirkwert, also wohl
der Transmutationen, enthält <außen> drei Teile <Wärme> und acht eine Färbe-, will sagen eine Transmutationskraft von fünf aufweist. Das
Teile <Feuchtigkeit>, <innen> dagegen einen Teil <Kälte> und fünf Teile führt dann im Fall der Umschmelzung, der Fusion zu der seltsamen
<Trockenheit> (i + 3+ 5+ 8 gleich 17 Teile), Blei dagegen <außen> drei Teile Formel: (Gold) i x (Fusion) 1/200 x X entspricht: Elixier des 5. Wirk­
Kälte und acht Teile <Trockenheit>, <innen> dagegen einen Teil <Wärme> wertes.
und fünf Teile <Feuchtigkeit> (gleich 17 Teile). Aber auch dann, wenn In dieser Formel ist X = 1000, was bedeutet, dass man tausendmal
man die richtige Zusammensetzung kennt und die Bestandteile entspre­ umschmelzen muss, um vom Gold zum Elixier des Goldes zu kommen.
chend zusammengeben kann, muss das <Leben>, das in diesen <Mutter- Warum aber soll umgeschmolzenes Gold ohne weiteres stöchiometri­
boden> einfließen soll, noch gelenkt werden, um spezifisch zu wirken. sches oder linguistisches Hin und Her zu einem Gold-Elixier werden?
Und hier begegnen wir dem altbekannten <Samen des Goldes>, denn Ein Zusammenspiel von zwei Gründen mag dafür verantwortlich sein.
eingesätes Gold bringt neues Gold hervor gleich dem Vater, der ein Da ist zum einen die Gabirsche Vorstellung, dass man Potenzen von
Kind zeugt. So wie unter günstigen Umständen die kleinste Zugabe von innen nach außen kehren kann, zum anderen die Überzeugung, dass
Hefe den Teig in Gärung setzt, so kann bei richtigem Verfahren auch das, was so mühsam durch tausendfaches Auf-sich-selbst-zurück-Ver­
ganz wenig Samen, ganz wenig Geist, sofern ihm überhaupt die rechte weisen nach außen gekehrt wird, das Eigentliche, das Wesentliche des
Kraft innewohnt, sich der größten Macht der Körper bemächtigen. Die Goldes sein muss. Das Wesentliche aber ist die Seele bzw. das Pneuma,
Art und Kraft des Geistes, ja sogaj sein Vorhandensein seihst lässt sich trotz aller Gabirschen <Buchstabentbeorie>.
190 II. In fremden Welten Ein Abenteuer in Konstantinopel 191

Interessanter, wenn auch weniger greifbar und begreifbar als die Par­ xier des Lebens lag, während die christlich-mittelalterliche Alchemie,
tikularelixiere ist das große, umfassende Elixier, das, wie schon gesagt, obwohl sie Erbin der arabischen war, den Akzent längst nicht so ein­
entstanden ist durch die Vereinigung einer Grundsubstanz mit einem deutig setzte. Nim ist das Christentum mit seinen spätantiken Vorgän­
meist oder immer quecksilberartig gedachten Pneuma. Diese Vereini­ gern ein typische Erlösungsreligion. Die Erlösung liegt aber nicht im
gung, so sagt Gabir im Stil der Alten Meister, vereinigt das Männliche Diesseitigen, denn im Diesseits ist der Mensch unentwirrbar in die Erb­
und das Weibliche und bewirkt Zeugung und Entwicklung, Schwanger­ sünde eingebunden. Die Erlösung liegt, vermittelt durch die Gestalt
schaft und Geburt. Das Elixier der Elixiere ist wachsartig, im Feuer un­ Christi, ganz im Jenseitigen. Das heißt, das Leben, wie es hier ist, kann
verbrennbar und kommt in zwei Versionen vor, die unterschiedliche keine eigentliche Erlösung vermitteln. Ihm mit Anstand zu entfliehen,
Wesensnatur besitzen: Die zum Gold führende schwarz-rote Version ist das sollte das Ziel des Menschen sein - auch wenn die Christen es mit
von warmer Natur, die zum Silber führende weiße Version ist von kalt­ der Flucht meist doch nicht so eilig hatten.
trockener Natur. Beide Versionen lassen, um es noch einmal und wört­
lich zu sagen, «die Toten auferstehen», überwinden die grobe Beschaf­
fenheit ihrer Leiber und verwandeln sie in Silber oder Gold, die von II. Ein Abenteuer in Konstantinopel
beständiger Farbe sind und besser und reiner als die natürlichen Metal­
le. Es gibt also auch bei Gabir so etwas wie besseres und schlechteres Eine kleine Nebenbemerkung, eine kleine Exkursion fort von Bagdad
Gold. und wieder zurück, sei hier eingeschoben. Sie bringt uns zwar keine
Die Wirkweise dieses umfassenden, dieses eigentlichen Elixiers stelle unanfechtbaren Erkenntnisse ein, aber doch eine nette - und wahre -
ich mir so vor, dass die Große Harmonie sich in Metallen verbreitet und Geschichte und darüber hinaus einige interessante Fragen. Die Ge­
dort wirkt ganz wie eine Medizin, die eindringt in einen kranken Leib schichte stammt von einem Herrn namens <Umara ibn Hamza, den der
und ihn dazu bringt, seine eigene Harmonie, seine eigene Gesundheit uns als Gründer Bagdads ja schon bekannte Kalif Al-Mansur als Ge­
aus sich selbst heraus zu erschaffen. Tatsächlich bezeichnet Gabir sein sandten zum Kaiser Konstantin V. Kopronymos geschickt hatte.
Elixier als «Gift der Gifte», das gegen alle Krankheiten wirkt. Mit einiger Dramatik berichtet Umara, wie er nach den üblichen di­
Der historische Weg vom Stein zum Elixier ist übrigens ziemlich plomatischen Verzögerungen endlich auf den kaiserlichen Palast zu­
gradlinig verlaufen. Schon in den ältesten griechischen Texten wird da­ schritt:
von gesprochen, dass der Stein <unfertige> und d. h. <kranke> Metalle «Und da standen mir plötzlich zwei Löwen zu beiden Seiten des
heilt, wobei das blanke Metall - Kupfer, Asem, Eisen und so fort - nicht Weges entgegen, und mein Weg führte an ihnen vorbei. Ich fand keinen
etwa an einer spezifischen Krankheit leidet, sondern an der allgemeinen Ausweg und sagte: <Mir bleibt keine Wahl als der Tod, aber ich werde
Krankheit der Unfertigkeit. Der Stein nun bringt diese Metalle zu ihrem nicht als Schwächling sterben. > Ich fasste mir ein Herz und trat in ein
<wahren>, ihrem <vollendeten> Zustand, eben zum Gold. Bei der engen, anderes Gebäude ein, und da waren plötzlich zw ei Schwerter, die sich
wechselseitig realsymbolischen Beziehung zwischen Mensch und Ma­ über meinem Weg kreuzten, und wenn nach meiner Schätzung eine
terie war es dann nur ein Schritt, vom kranken Metall auf den kranken Fliege zwischen ihnen hindurchgeflogen wäre, hätten sie sie zerfetzt.
Menschen zu schließen, den der Stein ebenso aus seiner <Unfertigkeit>, Da sagte ich: <Der mich vor den Löwen errettet hat, wird mich auch vor
seiner <Krankheit> retten könne wie das Metall. Die Krankheit, das ist den Schwertern erretten. >Ich stellte meine Sache Gott anheim und ging
die Unterwerfung unter die Macht der Zeit. Gold, das Gott-Kind, wird los. Als ich mich aber zwischen ihnen befand, standen sie still.» (Stroh.
von der Zeit nicht berührt, und auch dem Menschen, dem das Elixier 168)
über die Lippen geronnen ist, kann die Zeit nichts mehr anhaben. So ist Obwohl er zwischendurch auch noch durch verschiedenfarbige Ne­
das Elixier keine Medizin gegen eine spezifische Krankheit; als Elixier bel tappen musste, gelangte der tapfere Herr Umara schließlich doch
des Lebens oder gar als Elixier der Unsterbhchkeit erlöst es vom Leben vor den Thron des Kaisers. Seine Majestät entpuppte sich als ein freund­
als einem fortschreitenden Verfall oder zumindest vom Alter. licher, ja leutseliger Gentleman, der es sich angelegen sein ließ, seinen
Trotz der Gradlinigkeit der Entwicklung ist sie allerdings <ideologisch Gast auch fürderhin mit jetzt allerdings weniger sinistren, biologischen
gesehen> nicht ganz so übersichtlich, wie das zunächst scheinen mag. und mechanischen Erbaulichkeiten zu unterhalten, die allesamt mehr
Eine kleiner Blick voraus mag das erläutern. Wir werden sehen, dass in das Staunen als die Kritikfähigkeit des wackeren Gesandten anregten.
der chinesischen Alchemie der Akzent allen Strebens ganz auf dem Eli­ Gegen Ende des Besuchs aber gewährte der Kaiser dem Herrn aus Bag­
192 II. In fremden Welten Ei« Abenteuer in Konstantinopel 193

dad noch eine besondere Huld, die dieser, ganz wie Seine Majestät das hundert gefallen wäre? Und wenn die Moslems nicht erst im 17. Jahr­
erwartet hatte, außerordentlich zu schätzen wusste: hundert, sondern bereits fast tausend Jahre früher an der oberen Donau
«Als meine Abreise näherrückte, und er den Brief beantwortet hatte, und damit im Herzen des christlichen Europa gestanden hätten? Und
sagte er. <Komm zu meiner Festung.) Wir brachen auf und gelangten wenn dieses Herz aufgehört hätte zu schlagen?
schließlich zu einer Festung, vor der Wächter standen. Wir traten ein, Geschützt vom Irrealis können wir mutig behaupten, dass die Alche­
und da waren versiegelte Häuschen. Er befahl, die Tür eines davon zu mie eben das verhindert hat. Und sie hat es gerade deshalb verhindert,
öffnen, und da waren weiße Säcke ringsum in dem Häuschen überein­ weil der Bluff der Byzantiner erfolgreich und sie selbst erfolglos war.
ander geschichtet. Dann sagte er: <Zeige auf einen davon, den du willst.) Ex eventu wissen wir doch, dass die staatliche verordnete Bagdader A l­
Ich zeigte auf einen der Säcke. Er ließ ein Tongefäß bringen, und es chemie den Staatsfinanzen keinen Auftrieb beschert hat.
wurde damit gefüllt. Darauf ließ er versiegeln und dann ein anderes Aber bedeutet hier <erfolglos) auch <folgenlos)? Das ist nicht so leicht
Häuschen öffnen, das ebenso lang war wie das erste, und da lagen rote zu beantworten.
Säcke. Er sagte:<Zeige auf einen davon, den du willst.) Ich zeigte auf Vielleicht hat Umara die wohl leicht zu durchschauende Tricks seines
einen der Säcke, und es wurde davon ein Tongefäß gefüllt. Dann ließ charmanten Gastgebers, eines immerhin kaiserlichen Schwindlers, einfach
er versiegeln, und wir begaben uns zu der Festung. Er ließ einen nicht erkennen wollen. Auch hier können wir nicht wissen, sondern nur
Schmelzofen, einen Blasebalg, ein Ratl Kupfer und ein Ratl Blei holen fragen. Hat Umara auch nur im Traum daran gedacht, dass das Blei viel­
[das sind je 406,25 Gramm nach Bagdader Maß] und befahl, eines davon leicht Silber mit einem dünnen Blei-Mäntelchen war und das Kupfer
zum Schmelzen zu bringen. Er ließ von dem weißen Mittel soviel, wie vielleicht Gold mit einem dünnen Überzug von Kupfer? Hat er daran
auf einen Daumennagel geht, daraufwerfen, dann ließ er ausgießen, gedacht, dass im eigens herbeigeholten Ofen vielleicht Edelmetall ver­
und heraus kam weißes Silber. Dann wurde das Kupfer geschmolzen borgen war? Oder in den Tongefäßen? Anscheinend nicht. Und ist so -
und von dem roten ebenso viel daraufgeworfen, und heraus kam selbst als sich eine Wiederholung der wunderbaren kaiserlichen Trans­
rotes Gold. Dann sagte er: <Dein Herr möge wissen, dass dies mein mutation partout nicht einstellen wollte - der Glaube an die ökonomi­
Kapital ist, und was die Pferde und die Männer angeht, so weißt du, schen Wunderwerke der Alchemie nicht dennoch geblieben, ein Glaube,
dass sie noch viel mehr sind.))) (Stroh. 170) der sich an den äußeren Hergang dessen klammerte, was die doch so
Das Ende der Geschichte ist schnell erzählt: «Ich machte Al-Mansur glaubwürdigen Augen seiner Exzellenz des Botschafters gesehen hatten?
davon Mitteilung)), schreibt Umara, «und dies war es, was ihn veran- Dieser Hergang war in einigen Details anders, als wir es aus der
lasste, sich um die Alchemie zu bemühen.)) (Stroh. 170) ägyptisch-byzantinischen Alchemie gewohnt sind. Zwar redete schon
Der Rest sind Fragen im Stil der Hypothese: <Was wäre geschehen, Zosimos von einem Xerion, einem Streupulver, und sogar davon, dass
wenn Kleopatra keine so hübsche Nase besessen hätte?): Sie sind zwar es weiße und rote Versionen gibt, was später in der arabischen Alchemie
nicht zu beantworten, besitzen aber doch allen Reiz einer Historie im zu Standardwissen wurde. Aber die Wirkung der Pülverchen, egal, ob
Konjunktiv irrealis.^^ man sie nun Elixier oder Koralle oder Stein nennt, hat sich enorm ver­
Wenn wir bedenken, dass der tatkräftige Al-Mansur liebend gern sich ändert, seit sie in der Trickkiste des Kaisers Konstantin zur Reife ge­
selbst statt des Kaisers Konstantin als Erben des unglücklichen Kaisers bracht wurden. In Ägypten und Byzanz war die Wirkung der Koralle
Herakhos gesehen hätte, wenn wir ferner bedenken, dass die direkt vor des Goldes noch nicht völlig aus dem Rahmen des Plausiblen gefallen.
seinen Fingern liegende Erbschaft in den Augen des Beherrschers der Meist fehlen Angaben, aber es war wohl immer an eine Einwirkung von
Gläubigen wohl einen Krieg wert gewesen wäre, und wenn wir schließ­ einem Teil Koralle auf höchstens hundert Teile unedlen Metalls gedacht,
lich bedenken, dass man nach Aussage eines Experten auf diesem Ge­ was den heutigen, nach Verständnis suchenden Chemiker immer noch
biet, nämlich des Kaisers Napoleon, zum Kriegführen drei Dinge auf eine Di-, Tri- bzw. Polyplosis oder auf eine sonstwie missverstande­
braucht, nänüich Geld, Geld, Geld, und zwar mehr davon als der Geg­ ne Silber- oder goldfarbige Legierung hoffen lässt. Außerdem sollte, so
ner besitzt, dann ist das Ganze wohl die Frage wert, ob nicht vor allem etwa bei Zosimos, die Verwandlung entweder der Hefewirkung im Teig
die Befürchtung, sein Gegner sei just damit besser ausgestattet als er oder auch einer Art embryonaler Entwicklung gleichen, also einem Rei­
selbst, den Kalifen von Abenteuern abgehalten hat. Und wenn diese fungsprozess entsprechen und damit deutlich Zeit brauchen. Bei Kon­
Abenteuer nun erfolgreich gewesen wären, wenn Konstantinopel nicht stantin Kopronymos sehen die Dinge plötzlich anders aus: Ein Daumen-
erst im 15. Tahrhundert. sondern im frühsten Mittelalter, im 8. Jahr­ nagel des Elixiers - ist das ein Gramm oder gar weniger? - vermag das
194 II. In fremden Welten Gabirs Laborpraxis 195

über Vierhundertfache seines Gewichtes zu verwandeln und das in- Somata und Asomata etwa durch Calcination, bei der man genau wis­
stantan. Und nach diesem qualitativen Sprung kennen die arabischen sen muss, wann man aufhören soll, er spricht von Mizag, der Kunst, die
Adepten keine Hemmungen mehr. Der spanische Alchemist Al-Magriti, vorbehandelten Substanzen in ausgewogenem Verhältnis zu vereinen,
dessen Werk <Rutbat al-hakim>, <Die Stufenleiter des Weisen>, unter dem und von der Projektion, die schließlich die eigentliche Transmutation
Namen <Picatrix> im christlichen Mittelalter eine bedeutende Rolle spie­ bewerkstelligen soll. Im Zentrum der alchemischen <Kunst>, Sana, oder
len wird, behauptet steif imd fest, das Elixier wandle auch größte Men­ <Wissenschaft der Kunst> steht dabei auch für ihn die Destillation. Auf­
gen Blei ohne jede Verzögerung um. Die <größten Mengen> sind bei fallend und neu in der Geschichte der Alchemie ist hier, dass Gabir die
Ar-Razi das Sechshundertfache, ja sogar das Zwanzigtausendfache des Trockendestillation organischer Substanzen bevorzugt. Der Grund dafür
Elixiers. Zuvor schon hatte Gabir von einem Gewichtsverhältnis von liegt wohl darin, dass er aus ist auf möglichst <reine> Substanzen, auf
I : I looooo geredet. Und was die Verzögerung angeht, so behauptet Ga­ reine Elemente und reine <Naturen>, um sie dann quantitativ genau
bir, der im Zusammenhang mit der Bereitung des Elixiers sehr wohl kombinieren zu können. Metalle und Minerale aber kann man - wegen
auch von Hefe-Wirkung spricht, die einfache Medizin wirke zwar in 40 ihres geringen Pneuma-Anteils oder weil sie nicht so hoch organisiert
Tagen, das Große Elixier aber bereits in einer Stunde. Bei Al-Magriti sind wie tierische und pflanzliche Stoffe? - nicht per Destillation in ihre
schrumpft dann diese Stunde auf ein Nichts zusammen. Im Verein nüt Elemente zerlegen, was jedoch nicht bedeutet, dass es einen prinzipiel­
anderen stand Gabir am Anfang dieser Entwicklung hin zu blanken len Unterschied zwischen organischen und anorganischen Stoffen gäbe.
Phantastereien. Hat er etwa das Phantasieprodukt von Umara als bare Eine erfolgreiche Destillation sollte vier Typen von Grundsubstanzen,
Münze übernommen, obwohl sich die Münze in unseren Augen gerade —man kann auch sagen, von <Destillations-Elementen> —ergeben, näm­
wegen ihres hohen Prägewertes bald als Inflationsgeld erwies? lich Tinktur, Öl, Wasser und Erde. Die Destillations-Elemente entspre­
chen dabei jeweils einem <Leit-Element>, nämlich die Tinktur dem Gas­
förmigen und Brennbaren, d. h. dem Element Feuer, das Öl dem Gas­
12. Gabirs Laborpraxis förmigen und Nichtbrennbaren, d. h. dem Element Luft, das Wasser
dem Wässrigen, und damit dem Element Wasser, und schließlich die
Aber wie immer er zu seinen Theorien und Mengenangaben gekommen Erde als fester Rückstand dem Element Erde. Das Öl entspricht zudem
sein mag: Das Ziel des Großen Elixiers wie auch das der kleinen Elixiere dem Quecksilber als der Anima der Stoffe und die Tinktur dem Schwe­
war ohne Laborarbeit nicht zu erreichen, und Gabir bezeugt mit detail­ fel als dem Spiritus der Stoffe, was nur mit Gabirs sonstigen Pneuma-
lierten Angaben, dass er wirkhch im Labor gestanden hat. Wir brauchen Theorien nicht ganz kompatibel zu sein scheint. Die Zahl der Pneumata
nur folgende Vorschrift für die Bereitung von Bleiweiß (Pb (OH)^ • iPb hat er auf sechs erweitert, erst in der bereits erwähnten <Causa causa-
CO3) zu lesen: «Man nimmt ein Ratl Bleiglätte, pulverisiert sie fein und rum> wird die Zahl auf sieben erhöht werden. Neben Quecksilber und
kocht sie mit vier Ratl Weinessig, bis die Hälfte davon verschwunden Schwefel nennt Gabir Arsenik, das er also nicht mit Schwefel verwech­
ist. Dann nimmt man Alkalisalz des Wad Natrun, vom besten, ebenfalls selt, außerdem Kampher, Salmiak und etwas, das er weitherzig das «Öl
ein Ratl, und kocht es mit der vierfachen Menge Süßwasser, bis es auf von jedem Ding» nennt. Weil Quecksilber pneumatisch ist, kann es na-
die Hälfte zurückgegangen ist. Nun filtriert man jedes einzeln - die türhch nicht zu den Metallen gehören; auf der Liste der sieben Somata
wässrige Lösung und den Essig - gründlich, bis keine Trübung mehr wird es ersetzt durch ein <Chinesisch-Eisen>, das statt des Quecksilbers
darin zurückbleibt. Nun gießt man die Alkalilösung nach und nach zu mit dem Planeten Merkur verbunden ist und wahrscheinlich eine va­
der Lösung der Bleiglätte. Es wird dann wie Schaum und zeigt das riable Legierung von Zink, Kupfer und dem als solches nicht bekannten
kräftigste Weiß. Man bedeckt es gegen Staub und lässt es mehrere Tage Nickel darstellte.
stehen. Es wird ganz weiß, und über ihm steht klares Wasser. Man gießt In Stil seiner <Wirkwert-Formeln> hat Gabir übrigens versucht, über
es von ihm ab; und wenn du es stehen lässt, bis es trocken ist, ergibt alles hinauszugehen, was die Destillation herzugeben vermochte. Er be­
sich ein Salz wie Schnee. Wir rechnen allein mit Gott.» (Garb. 14)^^ hauptet nämlich, dass, wenn man Wasser Hunderte von Male destilliere
Gabir spricht nicht nur von Sublimationen und Fusionen, um sie bloß und dabei immer wieder Substanzen mit einem hohen Maß der <Natur>
als Rechengrößen zu verwenden, er spricht von ihnen auch als prakti­ Trockenheit hinzufüge, das Wasser seine Feuchtigkeit verlieren und eine
sche Tätigkeiten, er spricht von der Reinigung der Pneumata durch De­ weißlich glänzende Substanz werden würde, die nichts sei als die reine
stillation und andere Verfaluen, er spricht von der Vorbehandlung der <Natur >Kälte - fast, denn Gabir behauptet ja auch, dass die <Naturen>
196 II. In fremden Welten Gabirs Philosophie ^97

immer schon zu Elementen zusammengetreten sind. Gewiss hat Gabir in seinen Teilen wechselseitig beeinflussenden Zusammenhang. Gott
diese weißlich glänzende Substanz nie in Händen gehalten, aber er hat und Schöpfung sind dabei gestuft hierarchisch imd axiologisch gesehen,
sich ihr wohl doch genähert. Es mag sein, dass sich bei der Destillation wobei es für Gabir eine Stufe genau zwischen dem - besseren - Imma­
Kieselsäure aus dem Glas des Reaktionkolbens löste,^^ die ja auch eine teriellen und dem - schlechteren - Materiellen gibt, eine Stufe, die wir
weißliche Substanz ist, es mag auch sein, dass Gläser, wie sie damals als eine Art Prima materia bezeichnen können. Sie umhüllt den mate­
auf dem Markt waren, eine bis zu siebenhundertfache Destillation gar riellen Kosmos als eine Lichtsphäre, die nicht eigentlich körperlich, aber
nicht durchgehalten haben. Gabirs Sünde bestünde dann darin, einen sichtbar ist. Anders als das fünfte, das ätherische Element des Aristote­
Tunneleingang als Beweis dafür genommen zu haben, dass es auch ei­ les ist diese Lichtsphärensubstanz auch die Basis aller irdischen mate­
nen Tunnelausgang gibt. riellen Erscheinungen.^*
Die Annahme einer Durchmischung des materiellen Kosmos scheint
eine andere Philosophie aus dem Gedanken-Kreise des Gabir auszu­
13 . Gabirs Philosophie schließen, die uns im Zusammenhang der Ismailiya und vor allem im­
mer wieder im Zusammenhang mit der Alchemie begegnet ist: die Gno­
Aber reicht es, die Namen <Gabir> und <Destillation> und <Pneuma> und sis. Trotz aller Lichtsphärensubstanz ist die Frage: <Hätte Gabir so etwas
<Elixier> in einem Atem zu nennen, um damit sagen zu können, dass wie ein neuplatonischer Gnostiker sein können?», erlaubt, denn auch
Gabirs seltsame Hoch- und Tiefbaukünste eindeutig in den <Heiligen gute Gnostiker würden ein Konzept der Lichtmaterie vielleicht hinneh­
Bezirk) der Alchemie gehören? Gewiss genügt das nicht, doch bevor wir men, wenn nur der ungeheure Abstand Gott-Kosmos gewahrt bliebe -
uns an die Aufzählung von Pros und Contras machen, sollten wir uns und wenn er moralisch begriffen würde. Aber Gabir dachte in diesem
fragen, durch welche Brille er die Welt seiner Retorten, Tiegel und Texte Punkt sicher wie die alchemische Tradition, auf die er sich berief. Auch
eigentlich gesehen hat. Durfte ein wahrer Adept eine solche Brille tra­ ihm ging es um die Verbesserung, um die Veredelung in einer Welt, die
gen? Um es vorweg zu sagen: Er durfte, und man kann hinzufügen, auch von ihm als veredelungsfähig und damit als geistig begriffen wur­
dass alle Brillengläser auf den Nasen der Alchemisten eine Komponente de. Wenn man ihn Neuplatoniker und Gnostiker in einem Atem nennen
enthielten, die auch in Gabirs Brille enthalten war. Die Komponente will, dann nur soweit, wie im 3. Jahrhundert n. Chr. Plotin, der Schöpfer
heißt Neupythagorismus-Neuplatonismus. des Neuplatonismus, es zuließ. Plotin hielt die Gnostiker für so etwas
Gabir hat die Wirkung seiner Brillengläser selbst gut beschrieben, wie Platoniker, allerdings für missglückte, weil sie ungriechisch dachten
denn er breitet nicht nur eine explizite Materietheorie vor uns aus, son­ und im Kosmos nicht das Wohl-Geordnete zu sehen vermochten.^^ Zum
dern auch deren kosmologischen Hintergrund, der sich uns darstellt als moralischen Status der Materie nämlich schreibt Plotin:
ein nur in Hinblick auf den Schöpfungsglauben leicht islamisierter Neu­ «Soll die Materie nun allein ohne das Göttliche bleiben, dann wäre
platonismus. Dabei bezieht er sich auf Pythagoras und den eigenartigen das Göttliche nicht mehr überall, sondern nur an einem eingschränkten
Herrn Balinas einerseits und auf Neuplatoniker wie Porphyrios ande­ Ort, die Materie wäre sozusagen die Grenzmauer gegen das Göttliche.
rerseits, wenn auch sein geradezu unfehlbarer Held Sokrates ist, der Wenn das rücht angeht, muss die Materie von Göttlichem durchleuchtet
allerdings von Gabir umstandslos zu einem Adepten der göttlichen sein.» ((Enneaden) Plot. lila, 113)
Kunst gemacht wird. Ganz allgemein, das sollten wir hier hinzufügen, Hier stand der gläubige Moslem Gabir gewiss an seiner Seite, gerade
beruhte die Tradition des Pythagorismus und des Platonismus auf in­ in seinem an Pythagoras geschultem Gefühl für die Schönheit, für die
direkten Quellen. Und vor allem: Sie beruhte auf einem <platonischen Harmonie der Welt bis hin in ihre materiellen Bestandteile. Der bedin­
Lebensgefühh, das es erlaubte, die beiden Philosophien in ganz ver­ gungslose Monotheismus des Islam konnte vor allem die manichäische
schiedene Richtungen zu entwickeln. Version der Gnosis nicht zulassen, in der der Teufel dem höchsten Gotte
Wie bei den Neuplatonikem findet sich bei Gabir ein Konzept Gottes, als eine - fast - gleichwertige Gegenmacht entgegentritt. Auch Plotin
des All-Einen, als einer sinnlich unfassbaren und gerade darum realen hat das Böse nicht als etwas Selbständiges angesehen, auch für ihn war
Ur-Idee, die der platonischen Idee des Guten entspricht. Das All-Eine es lediglich ein allerdings schmerzliches Privativum, eine Abwesenheit
entfaltet sich in Emanationen aus der ursprünglichen Dreiheit Gott- in einer letztlich doch umfassenden Harmonie, und man kann ganz
Geist-Seele; die Ur-Idee durchleuchtet sozusagen die selbstgeschaffenen allgemein sagen, dass Neuplatonismus und Neupythagorismus sich im
Dinge bis hinunter zur Materie und verleihtso^lem einen mneren, sich Harmonie in. Sympathie und Antipathie ganz zwanglos
198 II. In fremden Welten Gabirs Philosophie 199

treffen und synkretistisch vermischen konnten, nicht nur bei Gabir. Sprachen, an denen wir ablesen können, was uns die Natur direkt nicht
Dabei ging es Gabir nicht wie den ursprünglichen Pythagoreern um die oder noch nicht sagt. Nur kommen bei uns zuerst Beobachtung und Ex­
Rolle der Zahl als Zahl, als Urstoff, als Arche, sondern es ging ihm um periment, wenn sie natürlich auch in einem Vorlauf theoretisch gestützt
die Rolle des Abzählens zur Entschleierung einer in Materiemengen aus- sind, und dann erst kommt eine Sprache, die nun gewissermaßen von der
drückbaren Harmonie. Es ist kein Wunder, dass Gabir die Mengenver­ uns durch unsere Experimente und Beobachtungen bekaimten Natur wie
hältnisse der <Naturen> in musikalische Harmonien zu fassen suchte, eine Folie abgezogen werden kaim. Dass diese Sprache der Natur tat­
denn in der Musik beweist die Harmonie sich selbst als ein Wunder, als sächlich dicht aufgelegen hat, zeigt sich daran, dass sie den Ausgang
ein Geheimnis, das auch wir in unserer heutigen Welt nicht auflösen weiterer Experimente Vorhersagen kann. Anfang des 19. Jahrhunderts
und das wir bestenfalls von außen berühren können, berühren in unse­ z. B. schuf sich die Chemie mit der Entwicklung der Stöchiometrie und
rem nüchternen Verwundern darüber, dass Schwingungen von Stick­ der Entdeckung des Isomorphismus eine solche Möglichkeit: 1817 wurde
stoff-, Sauerstoff- und ein paar Edelgasmolekülen im sonst leeren Raum das Selen entdeckt, sein atomarer Anteil in chemischen Verbindungen
tiefste seelische Erschütterungen hervorzurufen vermögen. Und ist die bheb aber zunächst unbekannt, und eine direkte Atomgewichtsbestim­
Harmonie, deutlich vor allem die musikalische Harmonie, nicht tatsäch­ mung war damals nicht möglich. Nun wusste man, dass Kupfersulfat
lich die Sprache des Universums? und Kupferselenat gleiche, also isomorphe Kristallformen aufweisen,
Dies zugegeben müssen wir doch auch zugeben, dass die Sprache was auf eine gleiche Konstitution der beiden Verbindungen hinwies. In
unseres Mundes und unseres Verstandes, die Sprache, die wir sprechen Kupfersulfat ist, wie damals bekannt, der Schwefel mit einem Anteil von
und schreiben, die vielen Erscheinungsformen, in der die Harmonie sich eins vertreten. Ohne weiteres Experiment konnte man denmach anneh­
verwirklicht, nicht unmittelbar einsichtig machen kann. Gabir aber men, dass die Formel für Kupferselenat CuSeO^ lautet. Selen ist ebenfalls
glaubte genau das. Er hat die Möglichkeit einer von den Lauten und nur mit einem atomaren Anteil pro Formeleinheit in der Verbindung ver­
der Struktur einer Sprache vermittelten Einsicht in die <Natur der Na- treten. Die Sprache selbst ist also hier die Brücke zur Erkenntnis, aber zu
tur> einfach vorausgesetzt, als er sich daranmachte, die empirische Natur einer Erkenntnis, die uns lediglich sagt: Wenn es uns gelingt, gewisse
auf dem Wege über etwas, das hinter oder über ihr liegt, zu enträtseln. Ereignisse auf der Ebene unserer Erkenntnismöglichkeiten in einen re­
Und <was hinter oder über ihr liegt>, das war für ihn die Schöpfungs­ gelhaften Zusanunenhang zu bringen, dann können wir annehmen, dass
absicht Allahs, in der sich die <Natur der Natur> kundtut. unsere Erkenntnisse irgendwie mit Phänomenen in der ims genau ge­
Aber, so wenden wir heute gegen ihn ein, auch wenn irgendeine nommen inuner noch unbekannten Natur zusanunenhängen, wohlge­
Sprache irgendetwas über die <Natur der Natur> sagte, wir würden es merkt <irgendwie>, und dass diese Phänomene irgendwie so verknüpft
nicht wissen, weil uns ein solches Wissen über die <Natur der Natur> sind, dass eine aus der Regel abgeleitete weitere Erkenntnis auf der Ebene
anscheinend grundsätzlich verwehrt ist. Das gilt auch für die Sprachen unserer Erkenntnismöghchkeiten einem entsprechenden Phänomen in
Heiliger Texte, in denen der Gläubige - wie etwa in der Kabbala - die der Natur entspricht. Den Beweis, dass wir <Recht haben>, liefert dann
<Natur der Natur> im Wort Gottes zu ahnen meint. Unser begrenzter letztlich die technische Manipulierbarkeit der Natur.^°
Verstand ist ja nicht einmal in der Lage, unser vorgefasstes Gefühl für Bei Gabir ist es umgekehrt: Er setzt mit einer fertigen, im wahrsten
Harmonie wirklich zu objektivieren, denn genau genommen können Sinne des Wortes gottgegebenen Sprache ein, die wahre Aussagen nicht
wir nur Beispiele für das anführen, was uns harmonisch erscheint, und über unsere Erkenntnisse der Natur, sondern über die Natur selbst
dann von diesen Beispielen sagen, durch welche Strukturmerkmale sie macht. Wenn die Laborwerte einer einfachen Substanz etwas anderes
sich auszeichnen. Und erst recht ist unser Verstand nicht dazu in der ergeben, als ihr zugehöriges Wort erwarten lässt, dann zeigen sie nur
Lage, uns etwa die Natur einer Farbe und damit die Natur einer uns Abweichungen vom Ideal an. Der Fehler, die Unsauberkeit liegt grund­
doch sinnlich fassbaren Naturerscheinung begreiflich zu machen. Auch sätzlich in der materiellen Natur, nicht im sprachlichen Ausdruck, der
wenn wir wie Münchhausen auf der Kanonenkugel auf einem Elektron uns die eigentliche Natur der Substanz enthüllt. Um es noch einmal zu
säßen und im Atom von Schale zu Schale hüpften, es würde uns nicht sagen: Gabir glaubte, von der <Natur der Natur» zu reden. Wir sind da
gelingen. Wir würden nicht nur keine Farbe, wir würden gar nichts etwas bescheidener, wir reden nicht mehr von der Natur der Natur, und
sehen, denn nicht das Elektron ist <farbig> und seine Bewegung auch deshalb sind wir in der Lage, Atombomben zu bauen. Unsere Unbe­
nicht. scheidenheit ist eben eine andere.
Und doch sind wir Gabir näher;, als wir glauben. A uch wir besitzen Diese unsere vom ver-
200 II. In fremden Welten Gabirs Philosophie 201

schüttet, ja begräbt gewissermaßen bei lebendigem Leibe unsere Sehn­ Agathodaimon und Hermes rechnete. Und wir sind ganz im Bereich der
sucht, <zurück zur Natur> zu konunen. «Revenons ä la nature», wie Jean verschleierten Wahrheit und der Prisca ars, wenn Gabir behauptet, das
Jacques Rousseau sagt, - aber wie? Vielleicht ist die Sehnsucht fruchtlos. Geheimnis des Elixiers werde von den Alten nur angedeutet, wenn sie
Es scheint uns nicht gegeben zu sein, sie mit Sirm, mit wirklicher Er­ von der <Pupille des Auges> redeten. Auch, dass die Alchemie u. a. ge­
kenntniskraft zu füllen, zunündest darm nicht, wenn wir die Erfüllung rade deshalb geheim sei und bleiben müsse, weil sie andere als nur
mit dem Mittel zu erzwingen versuchen, das allein dem Menschen dafür materielle Ziele habe, wird von Gabir betont: Wer Gold so wohlfeil und
zur Verfügung zu stehen scheint: mit der Ratio. Gabir, so weit hergeholt gemein mache wie Glas, der stürze die Welt in entsetzliches Verderben.
das auch sein mag, erinnert mich nicht nur an den Johannes Kepler Das mag ganz nüchtern ökonomisch gemeint sein, lässt aber doch die
einer Weltharmonik, er erinnert mich vor allem an Romantiker wie den Frage offen, wofür sich der Alchemist denn sonst abmühen sollte. Die
Maler Philipp Otto Runge und seine mystischen, allumfassenden und implizite Antwort liegt für Gabir auf der Hand: für die Gnosis, für die
zugleich ungreifbaren, unsichtbaren Sehnsüchte, die er in die Zwangs­ erlösende Weisheit. Was immer er und die alten Adepten unter Weisheit
jacke rationaler, angeblich dem Symbolschatz der Natur entnommenen und Erlösung verstanden: Sie alle standen in einer gemeinsamen Tradi­
Konstruktionen gepresst hat, bis sie drin erstickt sind - sichtbar nun tion. ln diese Tradition paßt auch Gabirs, wie ich meine, latenter Pan­
und museumswürdig, aber tot. Vergessen wir in diesem Zusammen­ theismus. In Gabirs Hypothese der Lichtmaterie und in der ebenfalls
hang auch nicht, dass wir uns mit Gabir und der Ismailiya in einem zu anscheinend als selbstverständlich übernommenen Lehre von den
rationalem Mystizismus neigenden religösen Umfeld bewegen. Pneumata in der Materie gibt sich der Pantheimus zwar nur undeutlich
Ein solcher Mystizismus allein aber macht Gabir noch nicht zu einem und eher wohl als ein Panpsychismus, als ein Konzept der <Allbesee-
Alchemisten, zumindest nicht im Sinne der uns vertrauten ägyptischen lung>, zu erkennen, im Rahmen des so entschieden monotheistischen
Alchemie, denn da gibt es doch einiges, was wir auf der Negativseite Islam aber konnte Gabir wohl nicht deutlicher werden.^ ^
unseres Pro und Contra buchen müssen. Nirgends ist bei ihm etwas von Gabir selbst führte die Tradition in genau der Weise fort, die wir be­
einer wirklich darstellbaren Prima materia, von einem schwarzen, ma­ reits kennen, nämlich über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. In diesem Ver­
teriellen Geheimnis zu hören, es gibt nicht einmal, wie Gabir aus­ hältnis hatte er nicht nur die Rolle des Lehrers inne, sondern auch die
drücklich vermerkt, einen materietheoretisch relevanten Grund, Gold des Schülers eines über alle Kritik erhabenen Menschen, des Imams
für edler zu halten als die anderen Metalle. Und den einen, den Stan­ Gafar. In seiner Rolle als Lehrer steht Gabir in gut alchemischer Weise
dardprozess gibt es auch nicht - weder in der Phiole des Alchemisten für eine Verschmelzung handwerklicher Praxis mit umfassenden, weit
noch in seiner Seele. Auch die mystische Metaphorik so vieler ägypti­ über die Theorie eines Handwerks hinausgehenden geistigen Ansprü­
scher Alchemisten fehlt bei unserem Araber fast völlig. Stattdessen lie­ chen. Dabei findet sich auch bei ihm die gute Sitte, darüber zu jammern,
fert uns Gabir eine naturphilosophisch begründete Materietheorie, wie dass man eigentlich überhaupt nichts sagen dürfe, verbunden mit der
wir sie bei den ägyptischen Adepten in einer solchen Ausführlichkeit Warnung davor, die kostbaren Bücher in die Hände von Unwürdigen
wohl kaum finden werden. und Verantwortungslosen fallen zu lassen. Zur Abwehr der Unwürdi­
Bevor wir nun aber Gabir das Wohnrecht im Bezirk der Alchemie gen schlägk-Gabir einen Weg ein, der die alte Behauptung des Zosimos,
gänzlich verwehren, sollten wir in Rechnung stellen, dass die ägyptisch­ alle alchemische Weisheit sei <in den Bibliotheken der Ptolemäer> ver­
hellenistischen Alchemisten, auch wenn sie sich nicht explizit dazu ge­ borgen, auf das eigene Werk bezieht. Es ist Gabir selber, der alle Weis­
äußert haben, gewiss von neuplatonischen Gedanken beeinflusst waren. heit in seinem Gesamtwerk gesammelt, dort aber unter Auslassungen
Die Vorstellung des All-Einen, der unermesslich fern ist, dabei aber die und Querverweisen so versteckt hat, dass niemand, der lücht wirklich
materielle Welt nicht gottverlassen sein lässt, wie auch die Vorstellung eingeweiht ist, der Spur folgen kann. Tabdid al-ilm nennt er das, und
von der Seele als einer Wesenheit, die zugleich nach oben zur Erlösung d. h.: Zerstreuung des Wissens oder der Wissenschaft. Wir armen Nach­
und nach unten zur sinnlichen Versuchung blickt, passen ganz zwang­ geborenen können uns natürlich nicht zu den Eingeweihten zählen, und
los schon zu den Anfängen der Alchemie. Gabir konnte sich hier also das nicht nur, weil uns die persönliche Begegnung mit dem großen
in bester Gesellschaft fühlen, genau wie er sich eingebunden fühlte in Lehrer verwehrt ist, sondern auch, weil bedeutende Teile seines Gesamt­
die Tradition der <alten Weisen>, zu denen er neben Sokrates andere werks die Zeiten nicht überdauert haben.
<alchemisierte> griechische klassische Philosophen wie Demokritos und Gabirs bewusste Zerteilung und Verteilung seines geheimen Wissens
vor allem die rnittlerweUe ebenfalls klassischen A depten Zosimos, im Gesamtwerk und damit sein Versuch, Geh^iüies zwar zu vermitteln.
202 II. In fremden Welten Zwei Tafeln 203

aber nur an Eingeweihte, verbinden ihn in meiner Sicht mit der Gnosis, das treue Weib des Abraham, das dazu allerdings, und auch das hat ja
wie ja auch die Ismailiya gnostische Züge aufweist. Besitz des Wissens, Bedeutung für das Selbstverständnis der Alchemie, nicht an den Nil zu
und hier gehen Gabir wie auch die Ismailiya über die enge, die <echte> pilgern brauchte, sondern das weit weniger anstrengende Glück hatte,
Gnosis hinaus, kann die Welt in Weisheit ordnen, und deshalb wohl gibt die Höhle des Trismegistos in der Nähe ihrer Behausung bei Hebron
es auch bei Gabir das Große Elixier, das Elixier der Elixiere, das Gift der entdecken zu dürfen.
Gifte, die Pupille des Auges, als ein materielles Ideal, das Kosmos, Da der Text nicht lang ist, können wir ihn ungekürzt auf uns wirken
Mensch und Materie in eine erlösende Harmonie einzubinden vermag. lassen;
Warum sonst hätte er nach dem letzten aller Elixiere suchen sollen, ob­ «In Wahrheit», heißt es da, «gewiss und ohne Zweifel. / Das Untere
wohl diese Suche, so scheint mir, die Grenzen seiner eigenen Theorie ist gleich dem Oberen und das Obere gleich dem Unteren, zu wirken
sprengte? die Wunder eines Dinges. / So wie alle Dinge aus Einem und durch die
So betrachtet müssen wir Gabirs Werk im Bereich der Alchemie zu­ Betrachtung eines Einzigen hervorgegangen sind, so werden auch alle
lassen, auch wenn reichlich Fragen offen sind. Gabir war Adept und Dinge aus diesem Einen durch Abwandlung geboren. / Sein Vater ist
nicht etwa nur ein Neuplatoniker, der Chemie betrieb. Mit einigem die Sonne, und seine Mutter ist der Mond; der Wind trug es in seinem
Recht können wir hinzufügen, dass er dabei eine neuartige, eine gera­ Bauche, und seine Amme ist die Erde. / Es ist der Vater aller Wunder­
dezu <protochemische> Alchemie vertrat, die sich deuthch von der uns werke der ganzen Welt. / Seine Kraft ist vollkommen, wenn es in Erde
gewohnten <poetisch>-hermetischen Alchemie unterschied. Die arabi­ verwandelt wird. / Scheide die Erde vom Feuer und das Feine vom
sche Alchemie Gabirs und seiner Geisteserben ist nicht bloß <übersetztes Groben, sanft und mit großer Vorsicht. / Es steigt von der Erde zum
Griechisch>, sie ist systematisch geordnet und besitzt ein neues, sorgfäl­ Himmel empor und kehrt von dort zur Erde zurück, auf dass es die
tig gelegtes, naturphilosophisches Fundament. Und auch der geistige Kraft der Oberen und der Unteren empfange. So wirst du das Licht der
Überbau der Alchenüe Gabirs, seine <rationale Materie-Mystik>, würde ganzen Welt besitzen, und alle Finsternis wird von dir weichen. / Das
im ägyptisch-alchemischen Umfeld fremd wirken. ist die Kraft aller Kräfte, denn sie siegt über alles Feine und durchdringt
alles Feste. / Also wird die kleine Welt nach dem Vorbild der großen
Welt erschaffen. / Daher und auf diese Weise werden wunderbare An­
14. Zwei Tafeln wendungen bewirkt. / Und darum werde ich Hermes Trimegistos ge­
nannt, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit der ganzen Welt. /
Das alles soll nicht heißen, dass alchemische Abenteuergeschichten und Vollendet ist, was ich vom Werk der Sonne gesagt habe.» (Burck. 219!.)
esoterische Sinnsprüche, wie wir sie von den Ägyptern keimen, nicht Wir brauchen uns, glaube ich, nicht darüber zu wundem, dass der Text
auch im arabischen Bereich weiterlebten. Dafür ist nicht nur der weise so oft und so inbrünstig nachgebetet worden ist. Nicht nur, dass er aus
Krates, sondern auch Gabir selbst ein Beispiel. Gabir zitiert nämhch dem geheimnisvollen Dunkel der Vorzeit stammt, nicht nur, dass er so
Auszüge aus einem Text, der in ausführlicherer Form im angeblich von schön kurz ist: Er scheint auch in sich geschlossen und damit vollständig
Balinas stammenden <Buch vom Geheimnis der Schöpfung und der zu sein, scheint also alles zu sagen, was es überhaupt an Weisheit zu
Kunst der Natur> und außerdem im angeblich von Aristoteles stammen­ sagen gibt. Dies aber sagt er in genau der unverständlich-verständlichen
den Buch vom <Geheimnis der Geheimnisse> vorkommt. AngebHch Weise, die alle Alchemisten zu immer neuen Anstrengungen anstachelte:
stand der von Gabir zitierte Text, worauf sein Titel <Tabula smaragdina> Der Text hielt ihnen eine innere, eine im Verborgenen mhende Wahrheit
hindeutet, ursprünglich auf einer Tafel aus Smaragd, die in einer Höhle vor Augen, die erst im heißen Bemühen um ihre Entschleiemng lebendig
oder besser noch im Inneren der Cheopspyramide gefunden worden sei, und verständlich und damit wirkhch wahr werden würde.
aber nicht <bloß da irgendwo», sondern in den Händen des toten Her­ Auch uns hat die Tabula einiges zu sagen, das wir allerdings nicht
mes Trismegistos. Im Färbebad des Monotheismus war der unsterbliche als ein Echo uranfänglicher Weisheit, sondern nur als einen Widerhall
Gott also offensichtlich zum sterbUchen Weisen transmutiert und wurde früh-alchemischer Denkweisen vernehmen können. Wenn wir das Wort
nun oft als stummer oder toter, uralter Greis dargestellt. So konnte er vom Oberen und Unteren hören, fällt uns sofort das <Ano kai kato>, das
das unvordenkliche Alter, aber auch den geheimen Charakter der A l­ <Hinauf und hinunter» der Kleopatra, des Hermes und so vieler anderer
chemie sinnfällig machen. Als glückliche Finder der <Tabula> galten hellenistischer Alchemisten ein und zugleich auch die Rückflussdestil­
wahlweise Alexander der Große, Balinas-ApoUonios und sogar Sarah, lation,. <lie im kreisförmigen Wechsel zwischen oben und imterv^wi-
204 II. In fremden Welten Zwei Tafeln 205

sehen Geist, Pneuma, und Körper, Soma, zwischen dem Männlichen aus dem Dunkel der Unwissenheit geht, um die Erlösung durch eine
und dem Weiblichen, zwischen dem Makrokosmos im Helm des Destil­ Kraft, die <alles> ist, deshalb alles durchdringt und die zugleich ganz im
lationsgeräts und dem Mikrokosmos im Destillierkolben das <große Geist des Ausspruchs von Demokrit über <die Natur, die sich der Natur
Wunderding> des Steins schaffen soll. Im Sinne der <ineinander ver­ freut> alles besiegt. Auch der Hinweis auf Hermes Trismegistos am
schränkten Polarität>, die dem archaischen Denken ja so vertraut war, Schluss des Textes ist wie eine Wiederaufnahme, denn alles hier atmet
entspricht das Obere dem Unteren, weshalb der Zweck der Destillation den Geist hermetischen Denkens. Und was die drei Teile der Weisheit
begriffen werden kann als Reinigung, und zwar als Reinigung von al­ betrifft, so könnte man an den himmlischen, den irdischen und den
lem Zufälligen, allem Unechten, allem Unharmonischen. Abendländi­ unterirdischen Bereich der Natur denken und an das Bild des geflügel­
sche Alchemisten, wie z. B. Hortulanus im 14. Jahrhundert, erkannten ten Gottes, der als einziger unter den Göttern in allen drei kosmischen
im ersten Satz des Textes einen Hinweis auf eine Trennung der Materie Bereichen, im Himmel der Unsterblichen, auf der Erde der Lebenden
und eine anschließende Wiedervereinigung, eine Coniunctio, auf höhe­ und in der Unterwelt der Toten, zu Hause ist.
rer Ebene, wie sie durch den Hermaphroditen symbolisiert ist. In jedem In der Tradition der Alchemie gab es noch eine zweite Tafel, die die
Fall ist <das Eine> Ziel aller Mühen, <das Eine>, aus dem alle Dinge durch Phantasie nicht nur der arabischen, sondern auch der christlichen A l­
Abwandlung geboren werden: Hen to pan. Mit Vater Sonne und Mutter chemisten bis in die Neuzeit hinein beflügelt hat. Diese Tafel, lateinisch
Mond sind wir allerdings wieder auf dem schwankenden Boden der <Tabula chemica> genannt, wurde von dem Alchemisten Ibn Umail ge­
Mehrdeutigkeit. Man sollte annehmen, gemeint seien Gold und Silber schrieben, der etwa 900 bis 960/80 n. Chr. gelebt hat und in das Be­
als die höchsten Formen des gemeinhin Körperlichen, es gab aber auch wusstsein der Lateiner als Senior der Weisen eingegangen ist. Neben
Adepten, die im Vater der Dinge den Schwefel und in der Mutter das einem Werk <Der Schlüssel zur großen Weisheit> und einem alchemi-
Quecksilber entdeckten. In <Sonne> und <Mond>, wie immer wir sie deu­ schen Gedicht <Brief der Sonne an den Neumond> existiert von ihm
ten, ist der Stein enthalten. Dabei stammt er aus dem Wind des Geistes, noch ein Kommentar zu eben diesem Brief mit dem Titel <Silberwasser
der mit dem Lapis schwanger geht, und ist zugleich körperlich, weil er und Stemenerde>, in dem Ibn Umail die Tafel, die er höchstpersönUch
genährt ist mit der Milch des Erdhaften. Der Stein ist Kind der beiden in einem ägyptischen Tempel gefunden hat, eingehend beschreibt. Diese
edelsten oder der beiden grundlegenden Materien, er ist ihr Kind, das Beschreibung sei wörtlich wiedergegeben, gemeinsam mit einigen, al­
sie transzendiert, das über sie hinausgeht und zugleich ihr Schöpfer ist, lerdings nur spärlichen Kommentaren: Es gäbe nicht etwa zu wenig, es
denn auch Gold und Silber bestehen aus Schwefel und Quecksilber - gäbe zu viel über Umails Text zu spekulieren.
und wieder sind wir, wenn wir uns im Bereich der christlich-abendlän­ «Abends», schreibt Ibn Umail, «begaben wir uns dann in einen [altä­
dischen Alchemie bewegen, beim Hermaphroditen, der uns später aus­ gyptischen] Tempel, den die Prätendenten [hier wohl: Tempelwächter]
führlich beschäftigen wird. Als das <Eine in Allem> ist der Lapis Vater geöffnet hatten. Da sah ich an der Decke seiner Vorhalle ein Bild von
und Mutter aller Dinge. Und das ist auch ein Hinweis auf die Ubiquität neun Adlern mit ausgebreiteten Flügeln, als ob sie flögen, die Fänge
des so sehnsüchtig gesuchten Steines. Um aber den Stein der Weisen in vorgestreckt und geöffnet, in einer Kralle eines jeden Vogels so etwas
die Hand des Adepten zu bekommen, muss er tatsächlich zu einem wie der breite Mustaufi [Langbogen], der im Heer Verwendung findet.
Stein werden, will sagen, er muss zu etwas Handfestem, etwas Mate­ An der Mauer der Vorhalle zu ihren beiden Seiten, rechts von dem, der
riellem werden. Und hier sind wir wieder beim Ano kai kato. Die Schei­ den Tempel betritt, und zu seiner Linken fanden sich Bilder von stehen­
dung der Erde vom Feuer, des Grobem vom Feinen nimmt das Thema den Menschen in der vollkommensten Ausführung dessen, was es an
der Soma-Pneuma-Trennung wieder auf, und zwar in einem Verständ­ Bildern und ihrer Schönheit gibt, überzogen mit verschiedenartigen Far­
nis, das nicht nur neuplatonisch zu sein scheint, sondern, und das w i­ ben, ihre Hände ausgestreckt gegen das Innere des Tempels, indem sie
derspricht sich in Zeiten des Synkretismus nicht, auch stoisch, zumal ja mit ihnen auf ein Götterbild hinwiesen, das im Innern des Tempels saß
die Stoa eine explizite Naturphilosophie zu genau diesem Thema der an der Seite am Torpfeiler der Haupthalle, und zwar zur Linken dessen,
<doppelten Materie> bietet. Das Thema der <doppelten Materie> be­ der in die Halle einzutreten wünschte, mit seinem Gesicht sich dem
stimmt auch den Rest des Textes und nimmt dabei zum Teil frühere zuwendend, der sie von der Vorhalle her betreten hatte; und zwar auf
Motive wieder auf. Wieder geht es um Ano kai kato, um den Mikrokos­ einem Sessel ähnlich den Sesseln der Ärzte, der herausgearbeitet war
mos als Wechselbild des Makrokosmos, und nun, du wirst «das Licht aus dem Götterbild. In seinem Schoß auf seinen beiden Unterarmen -
der ganzen Welt besitzen», wird betont, dass es letztlich um Erlösung seine Hände waren ausgebreitet und ruhten auf seinen Kmen - [befand
io6 II. In fremden Welten Zwei Tafeln 207

sich] eine Steintafel, herausgearbeitet aus ihm, deren Länge das Maß der Die Vögel mit den gestutzten und den ungestutzten Flügeln entspre­
Größe der Unterarme hatte und deren Breite der Fingerspanne seiner chen natürlich dem Ouroboros, und zugleich stehen sie für die Verflüch­
Hände unterhalb der Tafel gUch, die um die Tafel gebogen waren, gleich tigung und Verfestigung der Materie. Wie auch der Ouroboros deuten
als ob sie sie festhielten. Sie war ähnlich einem Buch, das für jeden die I^eise auf Kreisläufe hin, während die neun Adler Destillationen
offenlag, der eintrat, gairz so als ob das [Götterbild] mit der [Tafel] zum und Pneumata repräsentieren, die wie Pfeile in grobe Materie eindrin-
Eintretenden hin ein Gebärde machte, nämlich: Schau auf sie! A uf der gen. Der Neumond ist wohl zumindest in einem seiner Aspekte Queck­
Seite, auf welcher das [Götterbild] saß, ich meine die Säulenhalle, be­ silber. Die Sonnen allerdings bereiten Schwierigkeiten. Die Sonne, von
fanden sich Bilder von vielerlei Dingen und Schriftzeichen in der Tem­ der ein Strahl ausgeht, ist vielleicht schlicht das Zeichen für Gold, wäh­
pelschrift. Die Tafel, welche auf dem Schoß des [Götterbildes] lag, war rend die Sonne mit den zwei Strahlen auf das Große Elixier und zugleich
durch eine Linie in ihrer Mitte in zwei Hälften geteilt. A uf der einen auf den Hermaphroditen hindeuten könnte. Die Einheit der drei Dinge,
Hälfte von ihr fand sich das Bild von zwei Vögeln, in ihrem unteren die so betont wird, weist wohl auf die Einheit von Pneuma, Psyche und
Teil. Es grenzte an die Brust des [Götterbildes]. Der eine von den beiden Corpus hin .53 Interessant ist, dass Ibn Umail von zehn Bestandteilen des
hatte zwei gestutzte Flügel, der andere war mit [normalen] Flügeln ver­ Bildes redet und dass er sogar die Adler und die schwarze Erde zusam­
sehen. Jeder von beiden hatte in seinem Schnabel den Schwanz des menkoppelt, um über neun und eins zu zehn zu kommen, wie er es
anderen gefasst und hielt ihn fest, so als ob der [geflügelte] Vogel mit auch schon mit anderen Bestandteilen des Bildes gemacht hat. Es dreht
dem verstümmelten fliegen wollte, während der verstümmelte ihn bei sich natürlich um die pythagoreische Tetraktys, in deren Zeichen sich
sich zurückzuhalten strebte. Es war so, als ob die beiden miteinander der Aufbau der Welt vollzogen hat.
verknüpften und einander gefangen haltenden Vögel einen einzigen Trotz möglicher religiöser Bedenken verfügte also auch die arabische
Kreis bildeten, ein Bild von zwei in einem. Am Kopf des fliegenden von Alchemie über einen reichhaltigen Bild-Wortschatz im ganzen, weiten
den beiden befand sich ein Kreis, und oberhalb dieser beiden Vögel am Bereich des <Eines-für-etwas-anderes-Sagens>, zu dem wir neben den
Kopf der Tafel, w o sie an die Finger des Götterbildes grenzte, stand ein Symbolen auch die Decknamen zählen sollten. Dieselbe Sache wurde
Abbild des Neumondes. Zur Seite des Neumondes fand sich ein Kreis, zuweilen mit Dutzenden von verschiedenen Bezeichnungen belegt,
ähnlich dem Kreis bei den beiden Vögeln unten. Das sind im Ganzen und, ärgerlicher noch, aber mit einer gut-hellenistischen Tradition im
fünf [Teile], drei unten, nämlich die beiden Vögel und der Kreis, und Rücken: Oft auch wurde derselbe Name für ganz verschiedene Sachen
oberhalb dieser das Bild des Neumondes und der andere Kreis. Auf der verwendet. Manchmal waren die Decknamen so etwas wie in Realana­
anderen Hälfte, am Kopf der Tafel, gehörig zu dem Teil, der an die logien standardisierte Symbole, über die man nicht groß nachzudenken
Finger der beiden Hände grenzte, stand ein Bild einer Sonne, die zwei brauchte, etwa bei der Verwendung von Planetennamen für entspre­
Strahlen hatte, so als ob sie das Bild von zweien in einem darstellten; chende Metalle. Und wenn man Quecksilber <das Flüchtige> nannte
und den beiden zur Seite eine andere Sonne mit einem einzigen sich oder Kupfer <das Rote>, dann wurde der Übergang vom Symbol zur
senkenden Strahl. Das sind also drei Dinge, ich meine drei Lichter. Der Pflrs-pro-fofo-Bezeichnung einer empirischen Eigenschaft fließend. Auch
Strahl der zwei in einem und der Strahl des einen, der herabsteigt und die Bezeichnung <der Adler>, die in manchen Texten für das ja flüchtige
sich bis zum unteren Teil der Tafel erstreckt, sie umschlossen, d. h. die Salmiak verwandt wurde, mag noch hierhin passen. Was aber sollte ein
Strahlen, einen dreigeteilten schwarzen Kreis. Er bildete so Segmente Möchtegem-Adept mit dem <Skorpion> oder dem <Schlangennacken>
von einem und zwei Dritteln. Das eine Drittel von ihm entsprach dem oder dem <Pfau des ägyptischen Tempels> anfangen? Die jeweihge Text­
Bild des Neumondes, weil sein Irmeres weiß, nicht schwarz ausgefüllt umgebung ließ vermuten, dass es sich in den beiden ersten Fällen um
war. Und der schwarze Kreis umgab ihn, weil sein Bild ein Bild von Schwefel, im letzten um Kupfer handelte. Aber das ist und war schon
zweien in einem ist. Und was darunter liegt, ist eines von zweien. Beide, deshalb nicht sicher, weil selbst die Verschlüsselung von Autor zu Autor
der schwarze Kreis und der Neumond, den er umgab, weil sein Bild eine andere sein konnte.
zwei in einem darstellt, und die beiden oberen Sonnen - ich meine das Gabir, um noch einmal auf ihn zurückzukommen, hat esoterische
Bild der zwei im einen - und die einzelne Sonne - das ist das Bild des Überlegungen der Art, wie sie die beiden Tabulae bieten, durchaus nicht
einen im einen -, diese machen ebenfalls fünf Gegenstände aus. So zurückgewiesen, doch hat er ihre doch zuweilen leere Weisheit mit zu­
kommt das Ganze also auf zehn Gegenstände, entsprechend der Zahl gleich nüchternem und emphatischem Leben gefüllt. Und er zeigt uns
jener Adler und der schwarzen Erde.» (Garh, auch hier, dass ein Versuch, unverstellte empirische Erfahrung, rationale
2o8 II. In fremden Welten Die lauteren Brüder 209

Spekulation und schlichtes Wirrwarr von Mythen und Legenden, das ja <Richtigkeit> - Concinnitas werden die Humanisten sagen - und der
auch im Herzen der Alchemisten nistet, analytisch sauber zu trennen, Drang, der Gewöhnlichkeit eben dieser Welt in alles überschreitender
einfach nicht gelingen kann. Erkenntnis zu entfliehen, sich selbst als Einheit beweisen. Im Geheimen
schaffen die Lauteren Brüder das neuplatonische <Alles in Einem>,
schaffen den Kosmos gedankUch nach, und nun ist er ein erklärtes, ein
/j. Die lauteren Brüder ausgedeutetes Wohlgeordnetes, ein Weltgemälde. Heute bedarf dieses
Weltgemälde einer Erklärung im Spiegel unseres Weltbildes, und dieses
Bevor wir uns dem anderen großen <nüchtemen Praktiker> der arabi­ unser Weltbild rechtfertigen wir durch die uns in diesem Weltbild ge­
schen Alchemie, nämlich Ar-Razi, zuwenden, sollten wir uns - am Ran­ gebene Möglichkeit einer planvoll technischen Nutzung der Natur. Die
de wenigstens - noch ein merkwürdiges Werk anschauen, das uns be­ Natur tritt auf der Bühne unseres Bewusstseins auf in den Apparaturen,
weist, dass die Gabirsche protochemische Alchemie eine eigene Tradi­ mit denen wir sie befragen und - wenn ihre Antworten sich als richtig
tion entwickeln konnte, die Jahrhunderte später auf das christliche herausstellten sollten - auch nutzen können.
Europa Übergriff. Die erste Spur dieser Tradition finden wir in einem Im Alembik spiegelt sich in gewisser Weise die Welt des Adepten. Im
der größten Beiträge zur Geisteskultur des Islam; den enzyklopädischen Gesamtwerk der <EpisteIn der Lauteren Brüder> ist die Alchemie-Che­
Episteln der Lauteren Brüder. Die Lauteren Brüder haben, wohl im mie allerdings nur ein Themenkomplex unter anderen, allerdings ein
IO. Jahrhundert, eine Geheimgesellschaft gebildet, die ihr Zentrum wichtiger. In diesem Komplex stützten sich die Lauteren Brüder offen­
wahrscheinlich in Basra hatte. Dafür spricht, dass diese Stadt, die durch bar auf gewisse Werke Gabirs. Auch bei ihnen gibt es vier <Naturen>
Kanäle mit dem Persischen Golf verbunden war, sicher ein internatio­ und vier Elemente, wobei hier noch deutlicher als bei Gabir das Ord­
nales Flair auch im Austausch der Gedanken und Ideen besaß. Dafür nungsprinzip <Vier> besonders herausgestellt wird. So sind die vier Ele­
spricht auch, dass sie, die noch heute mehrheitlich schiitisch ist, einen mente <Mütter allen Seins>.^'^ Aus ihnen entstehen alle irdischen Sub­
wenn nicht politischen, so doch geistigen Gegenpol zur Kalifenstadt stanzen von den Mineralen bis zum Menschen.
Bagdad bilden konnte. Hier, wo es um die vier Elemente geht, bringen die Lauteren Brüder
Wenn wir bei Gabir nicht ganz sicher sein können, ob er eine Perso­ energischer noch als Gabir die Astrologie ins Spiel und versuchen, sie
nenperson war: die Lauteren Brüder waren es gewiss. Und sie brauch­ empirisch und rational zu begründen. Jede Veränderung im Mischungs­
ten ihre vielen Köpfe, stellten sie sich doch die Aufgabe, in einem ein­ verhältnis der vier Elemente, die ja für Werden und Vergehen aller irdi­
zigen Werk zusammenzutragen, was die Menschen an umfassendem, schen Dinge verantworthch sind, wird durch die Planeten mitbewirkt
alles überwölbendem Welt-Wissen überhaupt besitzen konnten. und «wer deren Einfluss leugnet, mit dem ist überhaupt nicht zu strei­
Die Welt oder besser gesagt die kosmische Erzählung, die die Laute­ ten» (Lipp. I, 374). Dass von der Sonne Kräfte und Wirkungen ausgehen,
ren Brüder uns anbieten, ist neuplatonisch-neupythagoreisch mit her­ muss doch jedem einleuchten, der an das Wetter and das Pflanzen­
metischen und sabischen Einschüben, vor allem im Bereich der Astro­ wachstum denkt. Auch dass der Mond die Tiefen des Meeres erwärmt
logie. So wundert uns auch nicht, dass wie bei Gabir Allah die Welt in und dadurch die Flut veranlasst, ist eine alltäghche Erfahrung. Wenn
einer Serie von Emanationen schuf, unter denen der Geist oder Intellekt nun der Einfluss von Sonne und Mond so deutlich zu spüren ist, dann
und außerdem die Weltenseele und die Urmaterie eine besondere Rolle muss man annehmen, dass die übrigen Planeten, zu denen Sonne und
spielen. Der Geist nämlich erleuchtet die Weltenseele, die sich infolge­ Mond ja gehören, ebenfalls Einfluss auf das Geschehen auf Erden ha­
dessen in unzählige Seelen teilt, die der Urmaterie ihre Form geben, und ben. Natürlich können sie ihre Kraft nur nach dem Willen Allahs ein-
zwar in einem hierarchischen Abstieg von der Materie der Him­ setzen, doch sie erweisen sich als <Gehilfen der Natur> und als das ver­
melssphären bis hinab zur Materie der irdischen Elemente als dem mittelnde Band zwischen dem Makro- und dem Mikrokosmos.
<niedrigsten Punkt>, den die Seele erreicht. Von dort aus erfolgt ein Wie­ Wenn nun, so räsonieren die Lauteren Brüder tapfer weiter, die Pla­
deraufstieg der Seelen, und in diesem Prozess werden Mineralien, neten als einzelne oder in Konstellation die wahre Ursache aller spezi­
Pflanzen, Tier und zuletzt der Mensch geschaffen, der an der Grenze fischen Bewegungen der Elemente auf Erden sind, dann müssen die von
der materiellen und der immateriellen Welt steht und allein die Hoff­ ihnen hervorgebrachten Dinge auch ihrem Planeten-Wesen entsprechen,
nung haben darf, sich vom Gefängnis der Materie zu befreien. ganz so, wie das Erzeugte dem Erzeugenden gleicht. So ist die - natür­
Die Welt der Lauteren Brüder ist eine Welt, in der die Schönheit als lich männliche - Sonne der Herr und König des Kosmos, sie, oder besser
210 II. In fremden Welten Ar-Razi 211

er, macht Könige, und im menschlichen Körper beherrscht er das Herz. wird; «Die Natur freut sich der anderen, gesellt sich zu ihr und über­
Der Mond dagegen ist die <Mutter der Sterne>, er, oder besser sie, macht windet sie.» (Lipp. I, 379) Den Satz interpretieren sie als einen Hinweis
die Menschen weiblich bzw. weibisch, außerdem regiert die Mondgöttin auf das Wechselspiel von Liebe und Hass in der Natur, für das die
Entstehen und Vergehen und beherrscht die Lunge, die abwechselnd Alchemisten Experten seien, und sie geben auch einige Beispiele dieses
Luft aus- und einatmet, genau wie sie als Gestirn abwechselnd erleuch­ Wechselspiels: So haftet das Eisen am Magneten, der Diamant am Gol­
tet und dunkel ist. Und so geht es fort durch alle übrigen Planeten. de, Stroh oder Haar an gewissen Steinen, so überwindet Blei den Dia­
Wegen der Parallelität des Makro- und des Mikrokosmos entsprechen manten und Schmirgel die Edelsteine, so erweicht Quecksilber das
die sieben Planeten nicht nur den sieben Hauptteilen des Körpers, son­ Gold, ferner Silber, Kupfer und Eisen, so verbrennt Schwefel unedle und
dern sie bedingen auch die Entstehung und das Wachstum des mensch­ edle Metalle, so besiegt der Salmiak den <Schmutz der Metalle und Edel­
lichen Embryos während der neun Monate der Schwangerschaft, und steine» und dergleichen mehr.
zwar in der Reihenfolge Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Aber die waluen Alchemisten können und wissen noch mehr, man
Mond, Saturn, Jupiter. Da nun nach dem siebten Planeten, dem Mond, denke nur an ihre genauen Kenntnisse der Planeteneinflüsse. Ferner
wieder der erste, der Saturn, seinen nun schädlichen Einfluss ausübt, kennen sie die Bedeutung der verschiedenen Salze und andere Stoffe
sind Achtmonatskinder nicht lebensfähig. Die Planeten erschaffen auch für die Kimija. Deshalb, so behaupten die Lauteren Brüder, sind die
ihnen zugehörige Minerale. So erzeugt die Sonne u. a. Auripigment, Alchemisten auch in der Lage, das Elixier herzustellen und das Kupfer
Markasit, also Schwefelkies, und einige Edelsteine, die alle von gelber oder Zinn in Silber, das Silber in Gold zu verwandeln.
Farbe sind. Der Mond erzeugt Silber, helle Kristalle und Salze von
weißer Farbe, und so fort. Von den Mineralen gibt es 700 Arten, deren
sieben Klassen den sieben Himmelskörpern entsprechen. Sie sind sämt­ 16. Ar-Razi
lich Verbindungen der vier Elemente und gehen aus ihnen unter dem
Einfluss einzelner oder mehrerer zusammenwirkender Planeten hervor. Nicht nur das Denken der Lauteren Brüder hat Gabir beeinflusst, auch
Allerdings spielen dabei zusätzlich geographische und klimatische Be­ auf das Denken des anderen großen Protochemikers unter den arabi­
sonderheiten eine Rolle. schen Alchemisten, auf Ar-Razi, hat er eingewirkt. Wenden wir uns also
Die intermediären, die Vorprodukte aller Minerale, zu denen man nach Bagdad zurück oder besser, bleiben wir in Bagdad, denn wir su­
hier die Metalle und Edelsteine zählen muss, sind Schwefel und Queck­ chen Ar-Razi um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert, und die Lau­
silber, die sich, wie wir schon von Gabir wissen, wechselseitig durch­ teren Brüder sind wahrscheinlich erst etwas später aufgetreten. Bagdad
dringen können. Dabei macht Quecksilber den Schwefel weich und hat sich mittlerweile verändert. Die runde Stadt, also die mit der Ring­
formbar, und so können sich die unzähligen Formen und Gestalten bil­ mauer, ist teilweise zerstört, und die bedeutenderen Stadtteile Bagdads
den. Der rote Zinnober, also Quecksilbersulfid, ist zwar die bekaimteste liegen jetzt auf der anderen, der östlichen Seite des Tigris. Hier befand
Erscheinungsform einer solchen Schwefel-Quecksilber-Verbindung, sich wahrscheinlich auch das große Krankenhaus, dessen Chefarzt Abu
aber er ist doch nur eine unter anderen. Verantwortlich für die Unter­ Bakr Muhanunad ibn Zakariya Ar-Razi gewesen ist. Ar-Razi, geboren
schiede zwischen den Mineralen sind die Unterschiede der Reifungs­ etwa 860, gestorben 925 oder 935 n. Chr., stammte aus der Stadt Rayy
prozesse, in denen sie entstanden sind. Bei der Reifung wird nämlich in der persischen Nordostprovinz Chorasan, imd darauf deutet sein
in die Verbindung mehr oder weniger Erde und Staub eingeschlossen, Name: Der Mann aus Rayy. Im lateinischen Mittelalter war der hochbe­
und je nach Mengenverhältnissen und Reinheit, nach dem Grad der rühmte und von seinen christlichen Kollegen als absolute Autorität an­
Kochung, nach Örtlichkeit und Temperatur und nach noch manchen gesehene Arzt unter dem Namen Rhazes bekannt.
anderen Umständen bildet sich hierbei entweder das edle, völlig reine Übrigens gibt es bereits aus arabischer Zeit eine nette Anekdote dar­
Gold oder nur Silber, Kupfer, weißes Blei, das ist Zinn, schwarzes Blei, über, wie Ar-Razi zum Arztberuf gekommen ist. Er sei ursprünglich
das ist Blei in unserem Sinne bzw. Antimon, und so fort. Handwerker gewesen, so heißt es da, obwohl ihm auch nachgesagt
Eine besondere Betrachtung widmen die Lauteren Brüder noch der wird, er habe Philosophie, Logik, Poesie und Lautespielen studiert, wo­
Transmutationslehre und bezeichnen als ihre Grundlage einen Satz, von rin er es zu besonderer Meisterschaft gebracht habe. Und zudem habe
dem wir ja wissen, dass er von Demokrit stammt, wenn er auch von er auch noch eifrig die Alchemie betrieben. Dabei wurde er durch die
ihnen in leicht veränderter Form und ohne Herkunftsangabe zitiert Dämpfe der zur Herstellung des Elixiers dienenden Präparate augenlei-
212 II. In fremden Welten Ar-Razi 213

dend. So ging er zu einem Arzt, um sich heilen zu lassen, doch dieser Und sein Labor wird all die Geräte enthalten haben, wie sie z. B. in
habe zu ihm gesagt: «Ich heile dich nicht eher, als bis ich von dir 500 seinem <Buch des Geheimnisses> bzw. <Geheimnis der Geheimnisse> be­
Dinare erhalten habe.» Das war eine Menge Geld, aber Ar-Razi hat es schrieben sind. Zur Calcination, zur Sublimation und Destillation ver­
ihm angeblich gegeben und soll dabei gesagt haben: «Dies ist die wahre wandte Ar-Razi im Wesentlichen die gleichen Geräte, die bereits den
Kimija und die rechte Kunst, Gold zu machen, und nicht das, was ich hellenistischen Alchemisten bekannt waren. Wir sehen Pfannen, Krüge,
bisher betrieben habe.» (Dazu Ruska (4) 5.) Darauf, so endet die Ge­ Töpfe und auch zwei Tiegel bzw. Trichter, die in einem Gestell überein­
schichte, verließ er die Kunst des Elixiers und widmete sich der Medi­ ander angebracht sind. Ar-Razi nennt diese Apparatur But-eber-But, Tie­
zin. gel über Tiegel, und schreibt, dass sie zur <absteigenden Destillation>
Einen klügeren, weil bequemer zu befolgenden Rat, legal zu Geld zu dient, also wahrscheinlich zu einer mehrfachen Filtration mit immer
kommen, hatte wohl nur noch Zosimos anzubieten. Ar-Razi ist seinem feineren Filtern. Natürlich gibt es auch Wärmebäder, die mit Sand, Was­
eigenen Rat aber nur halb gefolgt. Zwar hat er sich tatsächlich der Me­ ser oder gärendem Mist gefüllt sind, ferner Öfen aller Art, unter denen
dizin gewidmet, aber von der ziemlich unökonomischen Schwester der einer besonders ins Auge springt: der At Tannur, eine Art großer Dau­
<wahren Kimija> konnte er doch nicht lassen. Neben seiner Tätigkeit als erbandofen mit Holzkohlebefeuerung. A uf dem Boden und auf einem
Arzt hat er sich weiterhin mit Alchemie beschäftigt, und zwar, wie wir Tisch daneben stehen dreierlei Geräte: mehrere Alembiks, darunter ein
aus der Widmung seines letzten Buches wissen, bis kurz vor seinem ziemlich großer, fast hüfthoher, ferner diverse Qaras, d. h. gurkenförmi­
Tode. Die Widmung ist bezeichnenderweise nicht an irgendeinen Po­ ge Retorten, die ihren Namen von ihrer Gestalt bekommen haben, ge­
tentaten, sondern an einen Schüler gerichtet. Ob seine Erblindung im nau wie die Aludel oder Al-Uthal, was eigentlich nur <Rohr> heißt. Die
hohen Alter mit alchemischer Beschäftigung zusammenhängt, sei da­ Aludel besteht aus zwei übereinander gestülpten, häufig meterhohen
hingestellt. Immerhin kann man die Verknüpfung von Augenleiden und Töpfen, bei denen der obere mit einem kleinen Loch zur Ableitung von
Alchemie als weiteres Indiz dafür nehmen, dass Ar-Razi wirklich labo­ Dampf versehen ist. Als Sublimationsapparat war sie ähnlich schon den
riert hat. Seine Stellung in leitender Position eines großen, mit reichen Ägyptern bekannt, von Ar-Razi aber wurde sie besonders eingehend
Pfründen ausgestatteten Krankenhauses, und solche Häuser hat er so­ beschrieben. Auch der Alembik, dessen Bezeichnung ja vom grie­
wohl in Bagdad als auch in Rayy geleitet, bot ihm dazu auch die besten chischen Ambix abgeleitet ist, folgt seinem hellenistischen Vorbild. Er
Bedingungen. Ganz sicher hat Ar-Razi ein Labor besessen, was in einem besteht aus dem Destillationsgefäß, dem Destillierhelm, also dem ei­
Krankenhaus, das in vielem ein ganz anderes Bild bot als die Spitäler gentlichen Ambix, der eine schnabelförmige Ableitung besitzt, imd dem
des europäischen Mittelalters, nichts Ungewöhnliches war. Ein Medicus Rezipienten. Alle diese Gefäße sind aus Glas. Die Verbindungsstellen
aus dem Westen hätte gestaunt, und nicht nur über das Labor. Das von der einzelnen Gefäß-Teile sind verklebt mit dem uns schon bekannten
Ar-Razi mitgeplante Krankenhaus war luftig und vor allem hygienisch <philosophischen Kitt> auch <Ton der Weisheit> genannt, einem Gemisch
gebaut, und auch die ärztliche Versorgung war gut organisiert. So wur­ aus Ton, Mist, Haaren und dem Stroh der Sodapflanze, Uschnan, die
den nicht nur Diagnosen gestellt und Therapien durchgeführt, bei de­ übrigens ganz w ie tierische Substanzen etwas Seelenartiges, Nafsan, be­
nen zuweilen systematisch Pharmaka ausprobiert wurden, sondern sitzt.
man erstellte auch ausführliche Krankengeschichten, um das ärztliche Über die Kühlung der Destillationsapparate wissen wir auch im Falle
Wissen voranzubringen. Besonders berühmt war hier Ar-Razis auf ei­ Ar-Razis zu wenig. Wir können aber annehmen, dass sie nicht sehr
genen Beobachtungen beruhendes Werk über Pocken und Masern, die erfolgreich war, denn wie alle anderen arabischen Schriftsteller konnte
er zum ersten Mal deutlich unterschied. Schon deshalb ist zu vermuten, auch Ar-Razi nur hochsiedende Flüssigkeiten, etwa Essig und Rosenöl,
dass er auch in der Alchemie nicht nur Autoritäten aus der grauen destillieren.
Vorzeit nachgeredet, sondern auch selbst laboriert hat. Außerdem lässt Doch was heißt <nicht sehr erfolgreich>? Wenn Ar-Razi einen Mangel
er uns bereitwillig in sein Labor eintreten: «Im Bereich dessen, was wir verspürt hätte, wäre ihm vielleicht auch etwas eingefallen, diesem Man­
an Geräten und Stoffen erörtert haben, nimmt der Lernende, wenn er gel abzuhelfen. Natürlich aber können wir ihn genauso wenig direkt
sie zur Kenntnis genommen hat, täglich an Wissen zu aus seinen Expe­ befragen wie schon seinen Kollegen Zosimos. Ar-Razi redet durch seine
rimenten mit ihnen, auch dort, wo wir keine Erläuterung von ihnen Bücher, und da beantwortet er offen nur die Fragen, die nicht uns, son­
gegeben haben, seiner Kenntnis und seinen Experimenten entspre­ dern ihm auf der Zunge gelegen haben. Das ist zwar ein simples Fak-
chend.» (Garb. 2) tum, das wir aber nur zu leicht vergessen, wenn wir uns wundem, dass
214 II. In fremden Welten
r Ar-Razi 215

gewisse <fortschrittliche Ermngenschaften> erst so spät eingeführt wor­ die Notwendigkeit praktischen Wissens. Sagte Gabir: «Die wesentUche
den sind. Voraussetzimg für die Vollkommenheit in dieser Kunst ist die Praxis
Nun zu den Substanzen, zu deren Einsatz bei chemischen Umsätzen und das Experiment» (Garb. 10), so sagt Ar-Razi: «Im Bereich dessen,
Ar-Razi genaue Mengenangaben macht, und die er zunächst einteilt in was wir an Geräten und Stoffen erörtert haben, nimmt der Lernende,
drei Klassen: tierische, pflanzliche und erdartige. «Die erdartigen aber wenn er sie zur Kenntnis genommen hat, täglich an Wissen zu aus sei­
zerfallen in sechs Gruppen: flüchtige Stoffe (Pneumata), Metalle, Steine, nen Experimenten mit ihnen.» (Garb. 2)
Vitriole, Boraqe und Salze. Flüchtige Stoffe gibt es vier: das Quecksilber, Wenn wir das lesen, mag uns wundem, dass sie beide, die sich doch
den Salmiak, das <Arsen> und den Schwefel. Metalle gibt es sieben: das selbst als überzeugte Anhänger der Praxis und der Empirie darstellten,
Gold, das Silber, das Eisen, das Kupfer, das Zinn, das Blei und das genauso überzeugte Anhänger der doch damals in der Natur nicht
<Chinesisch-Eisen>.» (Garb. 8) Im <Buch der propädeutischen Einfüh- realisierbaren Transmutationsidee waren. Tatsächlich stoßen wir hier
rung> macht Ar-Razi übrigens eine Anmerkung, die zeigt, dass die Ma­ auf ein allgemeines Problem der Alchemie, und ein so verzwicktes
gie der Siebenzahl und sein forscherliches Misstrauen sich in seiner obendrein, dass es besser ist, zunächst lediglich von <praktischem Wis-
Seele stritten: «Das <Chinesisch-Eisen> ist seltsam», schreibt er zu diesem sen> und nur in Zitaten von <Experiment> und <Erfahrung> zu reden.
Metall, das er sicher bei Gabir kennen gelernt hat, «es gibt es eigentlich Diese Wörter nämlich - was heißt experimentum, was heißt experientia?
gar nicht.» (Garb. 2) - seien erst genauer befragt, wenn wir uns im lateinischen Umkreis
Außer dem <Chinesisch-Eisen> hat Ar-Razi anscheinend eine ganze bewegen.
Menge der von ihm aufgelisteten Substanzen in seinem Labor sammeln Eins können wir aber hier schon sagen: Wie immer man die ja nir­
und genau beobachten können, denn er beschreibt sie ausführlich, so­ gends deutlich erklärten Begriffe Erfahmng und Experiment im Kontext
wohl nach ihrem Namen, Aussehen und Vorkommen als auch nach der Alchemie interpretieren mag, sicher ist, dass hinter ihnen ein allge­
ihrem Wesen, d. h. zumeist nach ihrem chemischen Verhalten. Neben meines Weltbild steht, das bei Ar-Razi auch verhältnismäßig gut sicht­
den Metallen werden in gleicher Ausführlichkeit Edel- und Halbedel­ bar ist.
steine, daneben Steinsalz, Salmiak, Soda, Borax, Alaune und Vitriole Er hält sich selbst für einen Platoniker, aber er ist, soweit wir das aus
beschrieben.^^ Dass Fehler bei der Charakterisierung Vorkommen, darf Zitaten anderer arabischer Autoren wissen, ein merkwürdiger Platoni­
uns auch bei diesem klaren und kenntnisreichen Kopf nicht erstaunen. ker, denn von Platon hat er anscheinend nur die Seelenlehre imd die
Z. B. hält Ar-Razi den Zinnober, also das Quecksilbersulfid, für iden­ Vorstellung übernommen, dass alle Materie letztlich aus geometrisch
tisch mit dem roten Quecksilberoxid. gestalteten Korpuskeln gebildet wird, mit spezifischer äußerer Form für
Substanzen aus dem Pflanzen- und Tierreich werden bei Ar-Razi jedes der vier Elemente. In Platons Sicht nun sind die Körperchen aus
nicht ganz so ausführlich beschrieben, was aber nicht heißen soll, dass Elementardreiecken zusammengesetzt, in die sie auch zerfallen köimen.
sie unwichtig sind, denn «es ist kennzeichnend für die östliche Schule Die Dreiecke spalten oder verbinden sich dann zu ähnlichen Dreiecken,
der Alchemie, dass sie den Elixieren aus den Tierstoffen die stärksten die rekombinieren können zu neuen Teilchen, die dabei eine neue geo­
Wirkungen zuschreibt». (Ruska (4) 79) Ar-Razi erwähnt anscheinend als metrische Gestalt annehmen, d. h. zu einem neuen Element werden
erster, dass man Salmiak aus tierischen Haaren gewinnen kann. Dieser körmen; Ar-Razi dagegen hält die Elementarkörperchen anscheinend
Salmiak ist Ammoniumcarbonat, (NH^l^COj, Ar-Razi kennt aber auch für Atome, also für unteilbare Teilchen. Platon erklärt die besondere
den <persischen Salmiak>, wie er ihn nennt, und das ist Ammonium­ Erscheinungsform jedes Elements - das Element <Feuer> etwa als Licht
chlorid, NH^Cl. Diese beiden Ammoniumsalze gehören zu den wenigen oder als Feuer - aus der Teilchengröße; Ar-Razi dagegen scheint an ein
Ergänzungen der Araber zu den bereits griechischen Alchemisten be­ jeweils charakteristisches Verhältnis von Korpuskel und umgebendem
kannten Substanzen. Vakuum zu denken. Metalle und wohl auch alle anderen Minerale ent­
Was die Flüssigkeiten betrifft, so beschreibt er Essig sowie andere stehen bei ihm über die bekannten intermediären Substanzen Schwefel
organische Säuren, nicht dagegen die Mineralsäuren. Was er und andere und Quecksilber, zu denen Ar-Razi aber zuweilen noch eine dritte, näm­
<scharfe Wässer> nennen, sind nicht etwa Säuren oder ausschheßlich lich <Salz>, hinzufügt. Nach dem eben Gesagten übrigens körmen Trans­
Säuren, sondern auch basische Flüssigkeiten. mutationen, an die Ar-Razi fest glaubte, nur als iimere Lageverschie­
All diese Verbindungen hat Ar-Razi nicht nur beschrieben, er hat mit bungen der Teilchen zu deuten sein, was mich entfernt an imser heuti­
ihnen auch laboriert. Wie vor ihm Gabir betont auch er immer wieder ges Konzept der Isomerie erinnert.
2I6 II. In fremden Welten Ar-Razi 217

Wie es zur Vielfalt der Welt gekommen ist, erklärt sich Ar-Razi in passen, die sich nicht widersprechen, sondern übereinstimmen, die für
einem vielleicht von den Sabiem beeinflussten, sicher aber von seiner ein einziges Werk zusammenstimmen; [eine Substanz] die sich mit jeder
eigenen Erlösungssehnsucht diktierten gnostischen Mythos ganz eige­ anderen Substanz mischt, auf die sie geworfen wird, die in sie eindringt,
ner Art. Er beginnt dabei mit fünf ewigen Prinzipien: dem Schöpfer, der auf der sie sich ausbreitet, die aufrichtet [veredelt], ... die das Wasser
Seele, der Materie, der Zeit und dem Raum. Die Seele, die Leben, aber nicht löst und das Feuer nicht verbrennt; Geist nach seiner Wirkung und
kein Wissen hatte, wurde von dem Verlangen ergriffen, sich der Materie Feinheit; Metallkörper nach seiner Festigkeit und seinem Beharren.»
zu verbinden, um in ihr Qualitäten und damit die Freuden des Körper­ (Ruska (3) 291)
lichen hervorzurufen. Aber die Materie ließ eine solche Verbindung Al-Magriti fügt hinzu, auch Ar-Razi habe gewusst, dass es eine rote
nicht zu. ln seiner Gnade schuf daraufhin der Schöpfer die Welt, damit und eine weiße Version des Elixiers gäbe.
die Seele sich an ihr erfreuen könne. Indem Er sie in die schon mit Es gibt auch Vorstufen oder spezielle Elixiere, die nicht die allgemei­
Qualitäten behaftete Materie einband, ließ Er den Menschen als eine ne, überwältigende Transmutationskraft des Großen Elixiers besitzen.
Verbindung von Seele und Materie entstehen. Unwissend aber über sich Das Rezept für das Große Elixier übrigens kennen wir nicht, vielleicht,
selber ruhte die Seele im Menschen wie im Schlaf. So sandte der Schöp­ weil es verloren ist, vielleicht auch, weil sich die vielen von Ar-Razi
fer den Intellekt, den Geist, das Pneuma, als Teil seiner eigenen Sub­ angegebenen Elixier-Rezepte dem Idealzustand mehr oder weniger
stanz, um die Seele zu erwecken. Es ist die Aufgabe des Geistes, die annähern - falls man es eine bloße Annäherung an den Idealzustand
Seele zu der Erkenntnis zu bringen, dass die geschaffene Welt nicht ihre nennen kann, dass im besten angegebenen Fall das Elixier das Zwan­
wirkliche Heimat ist und dass sie in ihr weder Gelassenheit noch Glück zigtausendfache seines Gewichtes transmutiert. Wenn auch die Abga­
finden kann. Das sagt nichts anderes, als dass der Mensch hienieden ben Ar-Razis in all seinen Rezepten sehr offen sind und kaum bewusste
leidet und - wohl deshalb - sündigt, und dass er sich nur durch das Decknamen enthalten, sind sie doch trotz genauer, vor allem verfah­
Studium der Philosophie von der Materie und damit von seinem Leiden renstechnischer Angaben meist chemisch nicht zu interpretieren. Zwei
lösen kann. Die Seele nun hat ihrerseits die Aufgabe, nach Wissen über der vielen Beispiele mögen hier genügen:
die Dinge der Welt und über ihr Schicksal nach dem Tode zu streben. «Ein Kapitel über das Elixier zum Weißen. Lass Mennige in Öl und
Doch, sagt der gute Arzt und Psychologe, alles mit Maßen, damit die mit ihrer Hälfte Na.trün niederschmelzen. Nimm davon ein Dirham
anderen Seelenteile, die für die Kontemplation nicht so viel übrig haben, und schmelze es mit 5 Dirham Silber im Doppeltiegel, dann pulverisiere
nicht verkümmern. 6 Dirham Quecksilber, wie wir im ersten Buch erwähnt haben. Mache
Ich habe Ar-Razi dicht neben Gabir gestellt. In ihren religiösen Über­ ein Loch in den Tiegel und gib nach und nach hinein, dann hörst du
zeugungen stehen die beiden aber durchaus nicht nebeneinander, denn ein Zischen. Zerbrich den Tiegel, nachdem er kalt geworden ist. Nimm
Ar-Razi lehnt eine Hierarchie der Eingeweihten und das Prophetentum das Silber heraus, bringe i Dirham davon auf 10 Dirham Kupfer und
des Imamats strikt ab. Was dagegen die praktische Naturphilosophie auf 2 Dirham Silber, es wird trefflich in Brechen, Reiben und Erhitzen.»
betrifft, so lassen philologische Untersuchungen den Schluss zu, dass (Jaw. 250)
Ar-Razi von Gabirs Schriften beeinflusst war, falls sie nicht beide aus «Ein anderes Verfahren. Du nimmst das Haar, reinigst es gemäß dem
gemeinsamen Quellen geschöpft haben, und zwar aus persischen, denn Vorhergegangenen imd destillierst sein Wasser und sein Öl. Wiederhole
beide verwenden gewisse Ausdrücke, die persische Wurzeln haben. Wie die Destillation des Wassers, sodass es rein ist. Dann stelle es weg. Ver­
Gabir hegt auch Ar-Razi keinen Zweifel daran, dass man Metalle und festige das Öl in dem blinden [verschlossenen] Destillierkolben auf ei­
Steine veredeln kann, wobei er zu den Steinen nicht nur BergkristaUe nem kleinen Herd mit dem Feuer einer Kerze oder eines Öllämpchens
usw. rechnet, sondern auch Gläser, die er von natürlichen Steinen nicht oder mit heißer Asche oder mit der Sonne einige Tage in den Tagen des
unterscheidet. Wie Gabir glaubt auch Ar-Razi, dass Pneumata, bei ihm Sommers, bis es fest geworden ist. Dann bringe es in einen blinden
sind es vier, nämlich Quecksilber, Schwefel, Arsen und Salmiak, die Destillierkolben und gieße von dem beiseite gestellten Wasser darauf,
Fähigkeit haben, diese Umwandlung herbeizuführen. Und schließlich bis es bedeckt ist, stelle die Verbindung her und setze es einen Tag und
glaubt auch Ar-Razi an die transmutierende Macht des Elixiers. eine Nacht auf heiße Asche. Dann dekantiere von ihm ab. Es kommt
Der schon erwähnte Al-Magriti zitiert sogar eine Razische Definition pupurrot heraus. Erneuere ihm nun das Wasser und [wiederhole] das
dieses kostbaren Gebildes: «Das Elixier ist eine Substanz von vier eben­ Verfahren, bis du seine ganze Farbe weggenommen hast. Dann stelle es
mäßigen Naturen und drei ebenmäßigen Kräften von Dingeiv die dazu weg. Darauf nimm das Gold, verkalkt mit Vitriol, Quecksilber und
2i 8 II. In fremden Welten Ar-Razi 219

Schwefel, tränke es mit dem Zehnfachen seiner [Menge] von diesem Ar-Razi ging es mit seinen Particularen gewiss nicht um Betrug, das
Wasser in 20 Wiederholungen, verreibe es bei jeder Tränkung, bis es zeigt schon seine Ausdrucksweise. Es ging ihm, dem nüchternen Pro-
trocken ist, und röste es in einer verleimten Hasche mit einem Mistfeuer. tochemiker, anscheinend auch nicht um irgendwelche spirituellen, ja
Ein Dirham von ihm verwandelt 600 Dirham von jedem beliebigen Me­ mystischen Erfolge. Und da es ihm anscheinend auch nicht um Geld
tall in reines Gold, so Gott es will.» (Garb. 16) ging und er seinen Ruhm auch aus seiner ärztlichen Tätigkeit beziehen
Das reizt zum Nachkochen und je komplizierter die Rezepte, umso konnte, bleibt uns als Erklärung seines Verhaltens nur anzunehmen,
mehr reizt es, wenn wir auch oft genug die üblichen Schwierigkeiten dass Ar-Razi die praktische Betrachtung der Natur als eine religiöse
mit der Interpretation von Substanzen einschließlich der Frage <Womit oder sittliche Forderung an diejenigen Menschen ansah, denen Allah
verunreinigt?> zu bekämpfen haben. Bei den genannten und weit mehr die Geistesgaben dazu verliehen hat. Aber dass er die Pflicht nicht mit
noch bei anderen, längeren Rezepten mit mehr Zutaten, die oft selbst kantischer Säuerlichkeit hinnahm, sondern mit Freude an der Sache,
aus Zutaten erst bereitet sind, ^ h le ich mich ans Kochen nicht im zeigt eine kleine Geschichte, übrigens die einzige persönliche, die wir
Labor, sondern ans Kochen in der Küche erinnert, wenn die Hausfrau aus seiner Feder kennen:
hiervon und davon etwas nimmt, <einfach weil es paßt>, um einen «Es sagte Abu Bakr: Und ich verfehlte nicht, von diesem Iksir, wo
nicht genau definierten Idealzustand ihrer Suppen und Gemüsepürees immer ich war, den Betrag von zehn Mithqal mit mir zu führen. Nun
zu erreichen. Ich denke dabei vor allem an die Kochkunst der Ersatz­ hatte ich einmal ein Anliegen, das mich zwang, nach Bagdad zu reisen.
stoffe in der Kriegs- und Nachkriegszeit, die eine wahre Kunst war Und als ich dort angekommen war, und die Nachricht von mir zu dem
und bei uns zu Hause ihren Höhepunkt in einer <echten Buttercreme- Arzt Al-Hamadäni gelangt war, kam er zu mir, er und seine Freunde,
torte> fand, in der nicht ein Milligramm Butter verborgen war. Das als wir uns gerade im Laden eines der Tuchhändler im Marktviertel
Rezept über das <Elixier zum Weißen> ist natürlich eine Diplosis, und befanden, um mich mit dem Friedensgruß zu begrüßen. Auch ich be-
das heißt, die Buttereremetorte enthält doch noch Butter. Wie ist es aber willkommnete ihn und empfing ihn freundlich, und wir unterhielten
etwa mit Gewürzen, die einen ungeheuren Effekt haben und sozusa­ uns beinahe eine Stunde lang. Dann wandte sich das Gespräch zw i­
gen alles übertönen? Es gibt einige verdächtige Äußerungen Ar-Razis, schen uns der Kunst [der Alchemie] zu, und wir vertieften uns lange in
die darauf schließen lassen, dass er sehr wohl wusste, dass Gold nicht den Gegenstand. Schließlich bat er mich, mich mit ihm in sein Haus zu
gleich Gold ist, wobei allerdings ganz wie im Fall des Glases natürli­ bemühen. Da standen wir auf, ich und der Tuchhändler, in dessen La­
ches und künstliches Gold nicht unterschieden wurde. Das spürt man den wir uns befanden, um nach seinem Haus zu gehen. Da aßen wir
an der Art, wie er die Produkte seiner Mühen charakterisierte, z. B. so: nun und tranken und waren vergnügt und disputierten, und er brachte
«Es kommt Silber heraus, besseres gibt es nicht, aber es ist weich. kaum etwas vor, ohne dass ich seinen Beweis zurückgewiesen und ihn
Wenn du es kochst, zerfällt es weiß wie weißes Mehl.» (Jaw. 243) Oder: widerlegt hätte. Als es nun mit ihm zu Ende war, sagte er: <Diener, den
«Es kommt Feingold heraus; es verändert sich niemals, wenn man es Beutel und das Gerät! >. Er brachte es herbei, und er [der Hausherr]
liegen lässt. Zwei Teile davon werden mit einem Teil weißem Werkgold nahm einen Tiegel, warf Zinn hinein, ließ es schmelzen und warf einen
gemischt, es kommt starkes Rot heraus. Dann gieße es aus und tauche Dirham des Iksir darauf, das er bei sich hatte. Es verwandelte das Zinn
es dreimal in eine Lösung von Naft-Salz. Es enthält die gewünschte in weißes Silber, und er sagte: <Ich weiß nicht, was du nun dazu sagst!
gelbe Farbe, sonst wird es intensiv rot.» (Jaw. 240) Oder, mit dem Mut Weise mir doch etwas Ähnliches vor!> Und er machte viel Aufhebens
des wahren Adepten: «Es kommt besseres Gold heraus, als es gibt.» von sich und seinem Werk. Da schlug ich mit meiner Hand auf meinen
(Jaw. 245) Ärmel und zog das Kopftuch heraus, faltete es auseinander und nahm
Übrigens: Wenn wir einen Text vorliegen haben, in dem Rezepte kom­ aus ihm einen einzigen Dirham [hier eine Münze] heraus, und es war
plizierter Zusammensetzung und oft auch unterschiedliche Rezepte für in ihm [dem Kopftuch] von dem Iksir soviel wie eine Eichel. Ich benetz­
das gleiche Endprodukt Vorkommen, dann können wir sicher sein, dass te nun den Dirham [die Münze] imd rieb ihn mit ihr [der eichelgroßen
wir das Werk nicht eines hermetischen Adepten, sondern eines Proto- Menge des Iksir] und erhitzte ihn, und es färbte ihn zu Feingold und
chemikers vor uns haben. Die Protochemie drängt zu dem, was im Mit­ drang in ihn ein, und es wunderten sich die Leute mächtig darüber.
telalter <particulare> genannt wurde, zum Sonderrezept, mit dem sie fern Dann sagte ich zu dem Diener: <Schmilz das Silber, das dein Meister
vom Kreuzweg leidvoller Zwischenstufen geradewegs auf ihr Ziel zu­ gemacht hat!> Da schmolz er es, und ich warf diesen Dirham darauf,
steuerte. und er verwandelte das Ganze in reinstes Gold. Nun waren er [der
2Z0 II. In fremden Welten Die Schatten der Alchemie

Hausherr] und die Leute starr vor Staunen, und ich sagte zu ihm: <Dies
ist - möge Gott dein Leben lang machen - das Werk des kundigen 77. Die Schatten der Alchemie
Weisen, und jenes ist das Werk von Anfängern und Lernenden!>» (Rus-
ka (4) 81 f., 212) Trotz aller Berufung auf Tradition, trotz aller vermeintlich zuverlässigen
Das Rezept, an dessen Schluss die Erzählung steht, enthält enttäu- Theorie, trotz aller vermeintlich erfolgreichen Praxis wurde die Alche­
schenderweise als Ingredienzien nur Haar, Kali, weißes Wachs, Kalk mie seit Anbeginn von drohenden Schatten verfolgt. Ich meine nicht die
und Eigelb, die allesamt allerdings kräftig hin- und hergequält werden. Schatten der Mächtigen in ihrer Habgier und nicht die Schatten der
Übrigens hat sich auch Ar-Razi, dieser so unabhängige Geist, in einer Leute auf der Straße in ihrer Neugier - von beiden sich fern zu halten
Tradition stehend gefühlt. Er hat sogar ein ganzes Buch über die A us­ hat Ar-Razi seinen Schülern ausdrücklich nahe gelegt -, ich meine die
sprüche <der Alten> geschrieben, «als Zeugnis der Übereinstimmung mit Schatten der Betrüger und die Schatten der Zweifler, denn von denen
den alten Meistern» (Garb. 6). Dieses Zeugnis hat er sicher nicht deshalb konnte man sich nicht so ohne weiteres lösen.
abgelegt, weil er es als Rechtfertigung für die Vernünftigkeit seines Tuns Allerdings bleiben, obwohl doch hier und da durchaus kontrastrei­
brauchte. Selbst wir, die wir doch so skeptisch sind, können ja der A l­ che, ja farbige Fälle von Betrügereien bekannt geworden sind, über die
chemie eine innere, sie rechtfertigende Logik nicht absprechen: noch zu sprechen sein wird, die Schatten der Betrüger undeutlich. Und
«Hat man erst einmal die grundsätzliche These zugestanden», so das liegt natürUch an ihrer verständlichen Neigung, wenn nicht sich
schrieb der großen Arabist und Alchemieforscher Julius Ruska, «dass selbst, so doch ihr Tun im Dunkeln zu halten. Unter dem Gesichtspunkt
durch zweckmäßige Mischung und Verbindung der Stoffe ebenso wohl <Quid est alchymia?> sind es aber auch nicht die Betrüger, sondern die
jede Steigerung wie jede Vernichtung von Eigenschaften möglich ist, so Zweifler, die unser Hauptinteresse verdienen: Der Zweifel ist es, der uns
kann gegen das Ziel der Alchemie, minder wertvolle Metalle nach die­ verständlicher macht, was die Alchemie eigentlich war. War sie eine
sen Methoden in Gold und Silber oder Kiesel in Edelsteine zu verwan­ Unmöglichkeit, eine Chimäre? Ist es berechtigt, sie in Grund und Boden
deln, keine ernster Einwand erhoben werden. Es ist aber das Merkmal zu kritisieren?
aller Alchemie, dass man diese Umwandlung durch Zusätze erreichen Pikanterweise hat die Alchemie selbst die wichtigsten Instrumente
will, die schon in ganz geringen Gaben die Kraft besitzen, Blei in Silber für Zweifel und Kritik bereitgelegt. Die für die Göttliche Kunst so cha­
oder Kupfer und Silber in Gold zu verwandeln. So wird es verständlich, rakteristische Kombination von philosophischem und theologischem
dass ein Mittel, das diese Umwandlung herbeiführt, ebenso wohl als Buchwissen, verbunden mit praktischer Labortätigkeit lieferte späte­
Heilmittel (Dawä, Medicina) wie als Gift (Samm, Venenum) bezeichnet stens seit der Zeit der Araber wirksame Handhaben zu einer Kritik an
werden kann.» (Ruska (2) 75) ihrer Zentralhypothese, der Transmutation der Metalle. Das Problem
Nicht oder nicht nur deshalb, weil er sich der Zustimmung seiner der Metallverwandlung wurde dabei von den Arabern, sieht man vom
Zeitgenossen versichern wollte, berief sich Ar-Razi auf die Tradition, Vorwurf der Betrügerei ab, unter zwei Aspekten erörtert.
sondern weil er sich des eigentlichen Sinns der Alchemie versichern Das eine Argument war sehr handfest und lebensnah und fragte, wel­
wollte. Ich hoffe, nicht überzuinteq^retieren, wenn ich annehme, dass che praktischen Konsequenzen der Glaube an die Transmutation eigent­
auch für Ar-Razi Weisheit etwas Überzeitliches hatte und deshalb im lich hatte. Kommentatoren stellten diejenigen, die an die Alchemie
<Uralten> aufzufinden sein musste. Gerade er aber ist ein Beleg dafür, glaubten, und jene, die die Möglichkeit einer Metalltransmutation be­
dass es in der langen Geschichte der Alchemie trotz aller Berufung auf stritten, einander gegenüber. Und dabei kam regelmäßig heraus, dass
das Uralte eine deutliche Entwicklung gegeben hat, eine Entwiddung berühmte Alchemisten in Not und Armut lebten, während Skeptiker
im Geistigen, in der Symbolwelt der Alchemie, vor allem aber auch im einflussreich und wohlhabend waren. Fazit: «Lasst die Finger von der
Chemischen. Ar-Razi ist nicht Demokrit. Und Isaac Newton, um einen Alchemie!»
wegen anderer Dinge berühmten Alchemisten des 17. Jahrhunderts zu Das zweite Argument betraf die Zuordnung der Metalle in einem
nennen, ist nicht Ar-Razi. allgemeinen Klassifikationssystem. Es ging dabei um den traditionellen
Spezies- bzw. Art-Begriff. Nach Aristoteles, der ihn formuliert hat, muss
eine Spezies, mindestens eine essentielle Eigenschaft oder eine Kombi­
nation solcher Eigenschaften besitzen, die sie von allen anderen Arten
unterscheidet. LHe Metalle n u n unterscheiden sich von sämtlichen
222 II. In fremden Welten Die Schatten der Alchemie 223

Nichtmetallen durch den Metallglanz und - nimmt man den zweifel­ und widerlegbaren Auffassungen, sie schieden sich an einer naturphi­
haften Kandidaten Quecksilber aus - durch Schmiedbarkeit. Unterein­ losophischen Frage. Und um Fragen dieser Art kann man schlecht ab­
ander aber unterscheiden sich die Metalle bzw. die Metallfamilien vor schließend und darum trefflich streiten. Eben das wurde allenthalben
allem durch ihre Farbe. Die zentrale Frage lautete also: «Ist die Metall­ getan, und es konnte auch guten Gewissens getan werden, weil Argu­
farbe eine essentielle Eigenschaft, die ein Metall von allen anderen Me­ mente aus der Praxis im Zweifelsfall hinter der Philosophie zurückzu­
tallen abgrenzt?» Die Frage nach der Farbe ist deshalb entscheidend, stehen hatten. Das betrifft auch Kritiker der Alchemie, die sich sehr
weil nach alchemischer Auffassung keine Spezies in eine andere über­ wohl intensiv mit chemischer Praxis befasst hatten.
gehen kann. Nur Mitglieder ein und derselben Spezies, sagte schon Aris­ Der berühmteste unter ihnen ist Abu Ali Al-Husain ibn Abdallah ibn
toteles, können sich aus sich selbst erzeugen wie ein Pferd aus einem Sina, der um 980 n. Chr. im heute usbekischen Buchara geboren wurde
Pferd, ein Rind aus einem Rind, ein Weizenkorn aus einem Weizenkom. und nach einem Leben, das man unter den Titel stellen könnte <Vom
Die Konstanz der Arten in allen drei Naturreichen galt als Dogma. Ministerdivan zur Sträflingspritsche und zurück zum Divan>, im Jahre
Und damit galt auch, dass, wenn jede Metallfamilie, etwa die des Bleis, 1037 n. Chr. in Hamadan, dem alten Ekbatana, starb. In all der Wirrnis
eine eigene Spezies bildet, eine Transmutation zu einer anderen Familie, im Leben fand Ibn Sina noch Zeit, im Geiste eines neuplatonisch über­
etwa der des Silbers, prinzipiell nicht möglich ist. Sie wäre deshalb nicht wölbten Aristotelismus ausgedehnte Untersuchungen über alle mögli­
möglich, weil dabei essentielle, für die Spezies charakteristische Eigen­ chen Wissensgebiete zu treiben. U. a. veröffentlichte er einen umfang­
schaften verloren gingen. Was man bei dem Versuch eines Artenwech­ reichen <Kanon der Medizin>, der ihn zum neben Ar-Razi größten unter
sels bestenfalls zustande bringen würde, wären äußere Ähnlichkeiten, den arabischen Ärzten machte und jahrhundertelang als Grundlage des
die nicht das Richtige treffen. Doch was ist <das Richtige>? Im Falle der medizinischen Unterrichts sowohl im Orient als auch im Okzident dien­
Metalle ist das Richtige doch offenbar nicht eine Farbmischung, die uns te, wo Ibn Sina unter dem Namen Avicenna ebenfalls in allerhöchstem
einen bestimmten farblichen Effekt vortäuscht, sondern die Farbe, die Ansehen stand. In späterer alchemischer Tradition galt Ibn Sina auch
einem bestimmten Metall von Natur zukommt. als Adept, doch war er im Gegenteil Gegner der Alchemie und machte
Im Zusammenhang mit den griechisch-ägyptischen Adepten nun ha­ das auch sehr deutlich:
ben wir behauptet, die von Natur zukommende Farbe sei für sie eine «Es liegt nahe, dass die Alchemisten Mittel ersinnen, durch welche die
wesentliche, eine essentielle Eigenschaft der jeweiligen Metalle gewe­ Verfestigungszustände des Quecksilbers mittels der Schwefelarten zu
sen. Aber haben wir uns da nicht geirrt? War die Farbe, auch werm sie spürbaren Verfestigungen führen mit Hilfe der Kunst, selbst wenn die
dem jeweiligen Metall von Natur zukam, wirklich essentiell in dem künstlichen Zustände nicht den Rang der Weisheit und Fehlerlosigkeit
Sinne, dass sie in den Augen der ägyptischen Alchemisten die Metalle der Natur besitzen, sondern diesen nur ähnlich und vergleichbar sind.
voneinander absonderte und damit wirklich spezifisch, d. h. spezies-bil­ ... Was das betrifft, was die Anhänger der Alchemie für sich in Anspruch
dend wirkte? Ja und nein, sic et non. Ich möchte vermuten, dass für die nehmen, so muss man wissen, dass es nicht in ihrer Macht steht, eine
Alten die Farbe sowohl wesentlich und damit essentiell als auch von au­ echte Transmutation der Arten zu vollbringen. In ihrer Macht liegen viel­
ßen dazukommend und damit akzidentiell war. Essentiell war sie, wenn mehr ausgezeichnete Imitationen, sodass sie das Rote [Kupfer] weiß fär­
es darum ging, zu bestimmen, was für ein Metall dieses oder jenes ben mit starker Annäherung an das Silber und es gelb färben mit starker
Soma eigentlich war, akzidentiell war sie, wenn es darum ging, alle Annäherung an das G o ld .... Was aber die These betrifft, dass die artge­
Metalle zusammen als eine ineinander transmutierbare Spezies zu be­ mäße Scheidung aufgehoben oder vermittelt werden kann, so leuchtet
greifen. Die <Philosophoi>, die sich mit Tiegeln und Retorten befassten, mir die Möglichkeit dazu nicht ein, im Gegenteil, meiner Meinung nach
waren trotz ihrer Selbstbezeichnung keine Philosophen in unserm Sin­ liegt ihre Denkbarkeit sehr fern, da es keinen Weg gibt, die eine Verbin­
ne, und sie waren auch gewiss keine philologisch gebildeten Aristote­ dung in die andere aufzuspalten [zu überführen]. Denn bei diesen sinn­
les-Experten. Doch - wie so häufig beim unsauberen, beim nicht ganz lich wahrnehmbaren Zuständen scheint es, dass es sich nicht um solche
konsequenten Denken - genau das war ihr Glück. Das Glück aber ver­ Unterschiede handelt, durch welche diese Metalle zu [verschiedenen]
ging, als unter den Arabern eine philosophisch wirklich fundierte Kritik Arten werden, vielmehr um Akzidentien und Attribute, während ihre
einsetzte. eigentlichen Unterschiede unbekannt bleiben.» (Garb. 36)
Dabei schieden sich die Geister, die sich mit dem Problem der Trans­ 600 Jahre später wird es bei Francis Bacon, dem großen Propagandis-
mutation befassten, nicht an experimentell entscheidbaren, d. h. priif- ten der modernen, empirischen Wissenschaften, heißen:
224 II. In fremden Welten Der Weg der Weisen 225

«Wer die Formen und Wege kennt wie das Gelbe, das Gewicht, die dass auch er natürliche und künstliche Minerale und Gläser nicht prin­
Dehnbarkeit, die Festigkeit, die Schmelzbarkeit, die Lösbarkeit und alles zipiell unterschied.
Übrige, ebenso wie ihre Abstufungen und Weisen hinzugebracht wer­ Trotz aller zusätzlichen Hinweise auf zuverlässige Adepten von
den können, der wird auch verstehen und imstande sein, jene Eigen­ Adam über Platon und Demokrit bis Zosimos blieb die Schlacht um die
schaften in einem beliebigen Körper zusammenzubringen, woraus sich Alchemie unentschieden, obwohl sie im Mittelalter heftig wieder auf­
die Umwandlung in Gold ergeben kann.» ((Nov. Org. II. Aph.5) Bacon flammte. Wir müssen später auf diesen erneuten Streit, der zum Teil auf
287) einem philologischen Irrtum beruhte, noch eingehen. Hier sei nur an­
Ibn Sina dagegen, der im übrigen Anhänger der Schwefel-Quecksil- gemerkt, dass in beiden Schlachtgetümmeln ein Argument für die A l­
ber-Lehre war, stützte sich auf den aristotelisch begründeten Zusam­ chemie überhaupt nicht zu Gehör kam, dies aber nicht, weil es zu leise
menhang Spezies-Eigenschaft und setzte voraus, dass die Metalle in gewesen wäre, sondern weil es über keines Streiters Lippen drang. Es
ihrer Gesamtheit keine eigene Art, keine Spezies bilden, dass aber den­ ist ein Argument, das wir heute u. a. aus dem Vergleich verschiedener
noch die Farbe, so wie sie vor Augen erscheint, nicht die essentielle Hochkulturen ziehen. Allerdings hat es nun, wo es in die Debatte hätte
Eigenschaft ist, die den spezifischen Unterschied zwischen den Arten eingebracht werden können, seine Aufgabe gewechselt. Wenn wir sa­
der Metalle ausmacht. gen: «Es muss doch was dran sein an der Alchemie, wenn sie nicht nur
Genau das Gegenteil behauptet ein Alchemist aus dem 13. Jahrhun­ die Kraft hatte, über lange Zeit traditionsbildend zu wirken, sondern
dert namens Al-Iraqi, wenn er schreibt: zudem auch die Kraft aufbrachte, ganz verschiedene Kulturen nüt je­
«Wisse - und Gott schenke dir seine Gnade -, dass die als Alchemie weils ganz verschiedenem geistigem Habitus in ihren Bann zu ziehen»,
[bezeichnete] Kunst eigentlich nur eine einzige Spezies zum Gegen­ dann ist das heute kein Beleg mehr für die Möglichkeit künstlich her­
stand hat, die man das schmiedbare Metall nennt und unter der sich beigeführter Transmutationen. Stattdessen liefert es uns genau das, was
sechs[!] artspezifische natürliche Individuen eingestuft finden, die nicht historische Forschung in Gang setzt und in Gang hält: das Sich-Wun-
festgelegt sind wie die Individuen der Tiere und Pflanzen, nämlich das dem über den Menschen.
Gold, das Silber, das Kupfer, das Eisen, das Blei und das Zinn. Jede
dieser [sechs] Erscheinungsformen unterscheidet sich von den andern
durch unterschiedliche Akzidentien, bei deren angenommenem Ver­ 18. Der Weg der Weisen
schwinden die Fortdauer der artspezifischen Natur wohl möglich ist.»
(Garb. 34) Aber wie steht es mit den <ganz verschiedenen Kulturen>, womit auf
Zu diesen beiden Extremen gab es, wie schon erwähnt, eine Kompro­ dem eurasischen Kontinent doch eigentlich nur China und Indien ge­
missposition. Anhänger dieser Position aber werden den Alchenüsten meint sein können? Hat es dort so etwas wie eine Alchemie gegeben?
vorgekommen sein wie Beelzebuben, die den Teufel austreiben, denn Fragen wir einfach Kaufleute in den Karawansereien und in den
sie gaben zwar zu, dass es der Natur durchaus möglich sei, sukzessive Basaren von Bagdad und Basra. Schließlich grenzt der östliche Aus­
unedlere in edlere Metallen zu verwandeln, behaupteten aber zugleich, läufer des arabischen Reiches an Indien, der Islam wird sich im
dass eben dies dem Menschen aus verschiedenen Gründen nicht gelin­ 16. Jahrhundert n. Chr. mit dem Mogulreich tief nach Indien erstrecken,
gen könne. Unter den Gründen war gewöhnlich der gewichtigste und außerdem fahren Jahr für Jahr Hunderte von Handels-Dhaus, bauchige
der bedrückendste die Zeit, die äonen-lange Zeit, die die Natur für ihre Schiffe nüt Lateinerbeseglung, unter Ausnutzung der Passatwinde an
Alchemie benötige und über die der Mensch nicht verfüge. Gewöhnlich die indische Malabaküste und zurück. Und was China angeht, so sei
antworteten die Anhänger der Alchemie auf den Einwand, der Mensch nur erwähnt, dass schon 714 n. Chr. eine arabische Handelsflotte in
sei im Fall der Alchemie unfähig, die Natur nachzuahmen, nüt einer Kanton landete. Das Grab eines Neffen von Mohammed in chine­
schhchten Leugnung aller Argumente, die den Einwand stützen sollten. sischer Erde zeugt von diesem frühen Austausch. Außerdem wissen
Manche Verteidiger der Alchenüe wiesen darauf hin, dass der Mensch wir seit unseren Schulzeiten, dass ein berühmter Handelsweg vom
ja doch etwas hersteilen könne, was der Natur nicht so schnell und des­ Reich der Mitte bis in den Mittelmeerraum führt: die Seidenstraße. Auf
halb wohl auch nicht so häufig gelinge. Und das sei das Glas. Eine ihr konnten ostasiatische Waren über eine Händlerkette in sechs bis
solche Behauptung übrigens unterstellte als communis opinio, dass Glas acht Jahren von Zentralchina nach Bagdad imd Konstantinopel gelan­
auch in der Natur vorkommt, und bei Ar-Razi wurde ja schon deutlich. gen.
226 II. In fremden Welten Der Weg der Weisen 227

So ist die Antwort der Kaufleute nicht überraschend: Ja, zur Zeit der Taoismus reicht ebenfalls tief in die Archaik zurück. Mit seinen Vorstel­
Hochblüte der arabischen Alchenüe gab es auch in China und in Indien lungen von Aktivität durch Inaktivität, Wu-wei, mit seinen Vorstellun­
so etwas wie eine Alchemie. Die nahe liegende Frage, ob und wie wel­ gen von den - parmenideisch anmutenden - Paradoxa einer Logik, die
che der Alchemien welche beeinflusst hat, sollten wir nun allerdings gar die Unterschiedhchkeiten des Seins logisch begreifen will, und mit sei­
nicht erst aufgreifen; sie ist für eine erschöpfende Diskussion viel zu nen Vorstellungen von der Anpassung des menschlichen <Weges>, Tao,
unhandlich.^^ Und so interessant sie auch sein mag, interessanter noch an den <Weg> und damit an den spontanen, den zyklischen Rhythmus
ist die schiere Tatsache, dass ein Unternehmen, von dem wir ja wissen, des Kosmos ist der Taoismus verwirrend genug.^° Während der Blütezeit
dass es seine plakativsten Versprechungen, nämlich <Gold und Unsterb- der Alchemie, der Epoche der <Sechs Dynastien> (220-589 n. Chr.), zeigt
lichkeit>, nicht eingehalten hat, dennoch in völlig verschiedenen, eigen­ sich uns der Taoismus zudem verschwistert mit fremden Elementen, die
ständigen Kulturen Heimat hat finden können. sein Bild noch verwirrender machen. Im Weltbild vieler Gebildeter, die
Doch was heißt <schiere Tatsache>? Haben die chinesischen und indi­ in dieser von Kämpfen der Feudalherren und von Fremdherrschaften
schen protochemischen Techniken den Namen <Alchemie> im Sinne geprägten Zeit lebten, mischten sich nämlich taoistische und konfuzia-
unserer recht engen Definition auch wirklich verdient? Können wir jen­ nistische Züge. Charakteristisch dafür ist eine Geistesströmung, die sich
seits aller Gerüchte sagen: Es gibt genug Bestimmungsstücke der drei Xuan Xue, <Dunkles Lemen>, nannte. Anhänger dieser Strömung glaub­
Alchemien, um einen gemeinsamen Namen für alle drei zu rechtferti­ ten, hinter der Welt der Veränderungen, d. h. hinter der Welt des Yung,
gen? der <Funktion>, gäbe es eine Grundsubstanz, Ti, aus der alle Erscheinun­
Das sollte unsere Neugier reizen. Wenn wir uns mm aber, Curiositas gen, und d. h. alles Benennbare, entstehen und erhalten werden. Das
alchymica im Herzen, China und Indien zuwenden, dann sollten wir erinnert nicht nur an das Hen to pan, es erinnert auch an das Apeiron,
nicht etwa dorthin reisen. Oder besser, wir dürfen es nicht. Täten wir das <Unbegrenzte>, also die Grundsubstanz oder Arche des vorsokrati-
es dennoch, dann könnte man uns zu Recht platten Tourismus vorwer­ schen Philosophen Anaximander (6. Jahrhundert v. Chr.), und deutet
fen. Ich verstehe nicht genug von der fernöstlichen Alchemie, um einem darauf hin, dass es anscheinend grundsätzliche, menschliche Sichtwei­
chinesischen oder indischen Adepten mit Verstand über die Schultern sen gibt, die in ganz verschiedenen Kulturen ihren Ausdruck finden,
schauen zu können. Mit anderen Worten, wir brauchen den Handspie­ sobald diese einen vergleichbaren Kulturstand errreicht haben. Die Ge­
gel eng begrenzter Sekundärliteratur, werm wir uns zimächst einmal die folgsleute des Xuan Xue wie auch Ge Hong, der im 3.74. Jahrhundert
chinesische Alchemie anschauen, von der wir voraussetzen, dass es sie n. Chr. lebte und den man als den Zosimos der chinesischen Alchemie
tatsächlich gab. bezeichnen kann,^* hielten sich selbst für gute Konfuzianer. Allerdings
Wahrscheinlich ist die chinesische Alchemie, die meist Liandan ge­ wurde Konfuzius bei ihnen zu so etwas wie ein neuer Hermes Trisme-
nannt wurde ,39 entstanden in einer Verbindung von Meditationsübun­ gistos, ein weiser Lehrer, der neben seinem öffentlichen Unterricht zum
gen mit schamanistischen Riten, mit archaisch-metallurgischen Traditio­ Verhalten in Staat und Gesellschaft auch eine geheime Lehre verbreitet
nen in den Bruderschaften der Schmiede und Hüttenleute und nicht habe, eine Lehre über ein Weltwissen, dessen tiefste Geheimnisse in
zuletzt mit uralten Sehnsüchten nach dem Kraut der Unsterblichkeit profanen Worten gar nicht auszudrücken sind. Diese Art hermetischer,
und nach dem Reich jenseits aller Lebensplage. Bereits aus dem 3. Jahr­ taoistisch inspirierter Gnosis, war gut mit buddhistischen Vorstellungen
tausend V. Chr. datiert ein Bericht von einer solchen Unsterblichkeits­ zu verbinden, sodass wir uns in der Zeit der Sechs Dynastien einem
medizin. Im dritten Jahrhundert v. Chr. soll der Qin-Kaiser Shi Huangdi Synkretismus gegenübersehen, der uns sehr an die römisch-griechische
(reg. 221-210) eine Expedition unter Leitung des Fangshi, also des Ma­ Spätantike erinnert. Immer aber hatte das, was gemeinhin Taoismus
giers Xu Fu, ausgesandt haben zur Suche nach den drei mythischen genannt wird, einen Fluchtpunkt: die Erlösung vom Hin und Her der
Berginseln, auf denen magische, die Dinge verwandelnde Substanzen Welt. Diese Erlösung ist symbolisiert im <Unsterblichen>, im Xian, der
zu finden seien, und auf denen die Unsterblichen ihren Wohnsitz hätten. in völliger Unabhängigkeit vom Spiel der weltlichen Ereigrüsse eins ist
Aber inspiriert und so recht zum Leben erweckt wurde die Verbindung mit dem Tao der Natur - und damit als vollendeter Mikrokosmos im
der vielen Strömungen erst vom Taoismus, und zwar anscheinend ab Makrokosmos ewig lebt.
dem zweiten Jahrhundert v. Chr. Der Taoismus selbst ist älter, entstand Gewöhnlich wurde das, was wir unter Alchemie verstehen, nämlich
er doch im vierten oder dritten Jahrhundert v. Chr. aus der Lehre des die Verbindung von spirituellen und laborchemischen Tätigkeiten, Wai-
Lao Zi, was wörtlich nur <Alter Meister> heißt. Die Gedankenwelt des dan oder <äußerliche Alchemie» genaimt. Vor und mit Beginn der Tang-
228 II. In fremden Welten Die äußerliche Alchemie 229

Dynastie (618-907 n. Chr.) trat neben die <äußerliche Alchemie> eine


<innerliche Alchemie», die als Neidan bezeichnet wurde. Neidan war - 19. Die äußerliche Alchemie und der Hund des Wei Boyang
und ist, denn Neidan wird auch heute noch geübt - eine Meditations­
technik, die sich alchemischer Metaphern und Analogien bedient, ohne Als Entstehungszeitraum der <äußerhchen Alchemie» gelten die beiden
dass wirkliche Laborarbeit dabei eine Rolle spielt. Diese Technik, die Han-Dynastien von 206 vor bis 220 nach Chr. Vielleicht war ein gewis­
wesentlich auch Atemübungen und das Einhalten bestimmter Diäten ser Zhou Yan im 4. Jahrhundert v. Chr. schon ein Alchemist, aber die
umfasst, hat sich - auf uralte Wurzeln schamanistischer Tradition zu­ ersten klassischen Werke stammen aus den ersten nachchristlichen Jahr­
rückgehend - aus einem Teil der Praktiken der Waidan-Alchemie ent­ hunderten. Bereits gut hundert Jahre früher allerdings war die Alchemie
wickelt, die sich jedoch weiterhin für Jahrhunderte neben ihrer jüngeren zum ersten Mal in die kaiserlichen Bücher und damit in die Geschichte
Schwester behauptete. Anhänger der Neidan streben nach Langlebig­ geraten. Genau wie Diocletian gut 400 Jahre nach ihm erließ der Kaiser
keit, wobei das letzte, das sozusagen metaphysische Ziel ihrer Praktiken Ching Ti nänüich im Jahre 144 v. Chr. ein Edikt gegen Goldfälscher.
die Vereinigung der männlichen und weiblichen Seelen, die jeder Begründung: Alchemistengold ist kein Gold und Möchtegern-Alchenü-
Mensch in sich trägt, zu einer Art psychischem Hermaphroditen ist, der sten verheren bei der Suche danach Zeit und Geld, bis sie schließlich zu
aus dem Kopf heraus geboren wird. Der Akt dieser Geburt soll wohl zu Räubereien Zuflucht nehmen.
einer Selbsterlösung in der Aufhebung der Polarität von Subjekt und Das Edikt zeigt weise Voraussicht, denn natürlich ist die Geschichte
Objekt, Mensch und Kosmos führen. Die Neidan-Alchemie entspricht, der Alchemie auch hier in China eine Geschichte der Misserfolge. So
so meine ich, jedenfalls entfernt der christlichen Auffassung einer mög­ wird berichtet, der Hofbeamte Liu Hsiang habe um 60 v. Chr. in kaiser­
lichen mystischen Entfaltung des Menschen in sich selbst, und damit in lichem Auftrag versucht, Alchemistengold herzustellen, sei jedoch ge­
der Materie, was sicher auch zu einer gefühlsmäßigen Toleranz christ­ scheitert. Aber natürlich lässt sich niemand, der wirklich glaubt, von
licher Autoritäten gegenüber der Alchemie beigetragen hat. Dennoch: solchen Beweisen menschlichen Versagens seinen Glauben nehmen.
Nach unserer Definition ist Neidan nicht oder nicht mehr Alchemie, Und es war gewiss menschlich, dieses Versagen. Zudem war es sehr
während wir Waidan demgegenüber mit einigem Recht als die echte verständlich, wenn wir die Dinge mit den Augen eines chinesischen
Göttliche Kunst ansprechen können - zumindest versuchsweise. Adepten sehen, schrieb doch Meister Ge Hong über die Gründe, die
Für die Echtheit und damit für die Nähe der chinesischen zur arabi­ seinen Kollegen scheitern ließen:
schen Alchemie spricht übrigens eine - allerdings nicht streng beweis­ «Der Alchemist muss zunächst hundert Tage lang fasten und sich mit
bare - Hypothese, derzufolge das arabische Wort Al-Kimiya, das sowohl Duftwässem reinigen. Hofbeamte wie Liu Hsiang können sich dem not­
die Tätigkeit, das Elixier herzustellen, als auch dieses selbst bedeutet wendigen Fasten nicht unterziehen. Nur zwei oder drei Personen soll­
habe, vom mittelchinesischen Wort fin-yak stamme, das ursprüngHch ten bei der Transmutation anwesend sein. Sie muss auf einem berühm­
einen gold-machenden Pflanzensaft bezeichnet habe. }in, das in Dialek­ ten, großen Berg durchgeführt werden, deim selbst ein kleiner Berg ist
ten auch Kim, Gum oder Gern ausgesprochen wurde, heißt Gold. Tat­ unzureichend. Es ist unmöglich, die Transmutation in einem Palast vor­
sächlich ist der Beweis für die Wirksamkeit des Elixiers seine Fähigkeit, zunehmen. Darüber hinaus muss der Alchemist die Methode direkt von
bei Zugabe von Metall dieses in Gold zu verwandeln und selbst dabei denen lernen, die in der Kunst bewandert sind. Bücher sind nicht aus­
in Gold verwandelt zu werden. Wäre diese Hypothese besser belegt, reichend. Was in Büchern geschrieben steht, ist nur für Anfänger genug.
dann würde sie nicht nur hinweisen auf die in wohl allen archaischen Der Rest ist geheim und wird nur in mündlicher Lehre vermittelt. An­
Kulturen vorkommenden Mythen von einer Unsterblichkeit verleihen­ betung der geeigneten Götter ist notwendig. Die Kunst kann darüber
den Pflanze - man denke nur an das Gilgamesch-Epos —, sie würde auch hinaus nur von denen gelernt werden, die besonders begnadet sind.
außer jeden Zweifel stellen, dass China einen direkten Einfluss auf die Menschen werden unter geeigneten und nicht geeigneten Sternen gebo­
arabische Alchemie besessen hat. Und, da wir schon beim Einfluss sind: ren. Vor allem ist der Glaube notwendig. Unglaube bringt Misserfolg.»»
Ganz sicher gab es auch eine koreanische und eine japanische Alchemie, Im Übrigen: «Die Veränderung ist die Natur des Himmels und der Erde.
die in ihren Grundprinzipien nicht von der chinesischen zu unterschei­ Warum sollten sich Gold imd Silber von anderen Substanzen so sehr
den waren. unterscheiden?»» (Huang 723)
So etwas wie eine Widerlegung der Alchemie, eine Falsifizierung an­
hand von Einzelfällen, ist also gar nicht möglich. Und außerdem ist ja
230 II. In fremden Welten Die äußerliche Alchemie 231

die Möglichkeit eines Erfolges und sogar der Weg zum Erfolg im Welt­ erscheint in ungeraden, d. h. nicht halbierbaren Zahlen, ferner in Bergen
bild des Taoismus deutlich vorgezeichnet. und wird repräsentiert durch den Drachen, die Farbe Azur und die
Damit sind wir bei den eigentlichen Zielen und Praktiken der chine­ imgebrochene Linie. Wie im Pythagorismus sind also die geraden Zah­
sischen Alchemie, bei denen wir aber eine ältere und eine jüngere Epo­ len weiblich und die ungeraden männlich.^^ Yang und Yin gehören zu­
che der Waidan-Tradition unterscheiden müssen. Die ältere Tradition sammen wie Berg und Tal, ist doch ein Berg ohne Tal, ein Tal ohne Berg
bewegt sich, wie schon angedeutet, wesentlich im Bereich magisch welt­ nicht denkbar. Und auch dasselbe kann zugleich anders sein: Wenn eine
erhaltender Riten und sicher auch archaischer Metallhüttenpraktiken. Talseite sonnenbeschienen ist, enthält sie mehr Yang, wenn sie im Schat­
Diese ältere Tradition kannte und brauchte keine naturphilosophische ten liegt, mehr Yin. Im Yang ist Yin, und im Yin ist Yang, deren Wech­
Begründung ihres Tuns: Ein echter Ritus ist aus sich, wie auch der M y­ selspiel und Verquickung aus sich heraus die fünf Wandlungsphasen,
thos aus sich ist und so Antwort gibt, bevor überhaupt Fragen gestellt die <Elemente> Feuer, Erde, Metall, Wasser und Holz gebären,'^^ die
werden. Dazu kommt, dass die Befolgung eines echten, unbefragt aner­ schließlich die Vielfalt der 10000 Dinge, Wanwu, hervorbringen. Die
kannten Ritus, welche Ziele auch sonst noch mit ihm verfolgt werden Luft als Brücke zum Himmel war dabei kein eigentliches Element, son­
mögen, aus sich heraus Befreiung, Erlösung aus der Alltäglichkeit und dern so etwas wie ein Pneuma, war sie doch als etwas nicht grob Ma­
Zeitlichkeit bedeutet. Die Geschichte des Magiers Li Shaojun und des terielles Bestandteil aller grob materiellen Dinge.
Kaisers Wu Ti, der von 140-186 n. Chr. regierte, mag das belegen. Der Im alchemischen Bemühen um den Kosmos hatten die taoistischen
Magier erklärte dem Kaiser, wie man einen Ofen mit Ingredienzen be­ Adepten nicht oder nicht vor allem das Ziel, Gold herzustellen und
schicke, unter denen Zinnober die wichtigste Rolle spiele. Dann müsse dann womöglich zu verkaufen, Ziel war es, ein Unsterblicher zu wer­
der Kaiser dem Ofen opfern und auf diese Weise die Geister herbeiru­ den. Um dieses hohe Ziel zu erlangen, strebt der Weise danach, sich
fen. Daraufhin werde sich der Zinnober im Ofen in Gold verwandeln, dem Wechselspiel des Yang und Yin, sprich der Natur, anzupassen, er
aus dem der Kaiser sich Eß- und Trinkgefäße fertigen lassen solle. Be­ strebt aber auch nach Vervollkommnung der Natur, und schließlich
nutze er diese, dann würde das sein Leben verlängern und ihm außer­ strebt er nach Transzendierung der Natur. Doch ist dieses Streben kein
dem ermöglichen, in Kontakt zu den Unsterblichen zu treten. Schließ­ wirkhches Streben. Trotz aller geistiger und sogar manueller Tätigkeit,
lich solle Wu Ti die großen Herrscherrituale durchführen, um endlich trotz aller Praktiken beim Kontemplieren und beim Laborieren ist dem
dem Tode auf ewig zu entrinnen."*^ Taoismus ein aufklärerischer, ein krampfhafter, euro-amerikanischer
Dass der Magier den Kaiser unterwies und nicht irgendeinen anderen Pursuit of happiness zutiefst fremd, was nicht ausschließt, dass es auch
Menschen mit Sehnsucht nach Unsterbhchkeit im Herzen, hatte seinen in China Gaunereien und Goldfälschereien zuhauf gegeben hat.
Grund. Li Shaojun war gewissermaßen ein beamteter Spezialist für ma­ Was aber ist ein Unsterblicher, ein Xian? In Antwort darauf zeigten
gische Rituale, die eine Verbindung des Transzendenten und Immanen­ die Chinesen ihren ganzen Pragmatismus, auch was ihre innersten
ten schaffen sollten. Genau aber diese Verbindung zwischen Himmel Sehnsüchte anging. Es gab nämlich irdische Unsterbliche und himmli­
und Erde zu ermöglichen und zu garantieren, war vornehmste Aufgabe sche Unsterbhche, wobei das Dasein als irdischer Unsterblicher im Voll­
des Himmelssohnes, des Kaisers."^^ besitz seiner leiblichen Genussfähigkeit allemal vorzuziehen war. Wenn
Die jüngere Tradition, die sich allerdings in mannigfacher Weise mit es nicht anders ging, musste man sich jedoch darauf einlassen, als
der älteren mischte, untersteht einem naturphilosophisch-kosmologi- himmlicher Unsterblicher samt seiner körperlichen Form in den Him­
schen Konzept, das wohl im Wesentlichen von Zhou Yan entwickelt mel aufzusteigen. Hier aber erwartete einen die gleiche Bürokratie wie
worden ist."^^ Diesem Konzept zufolge teilt sich ein <Höchstes Letztes», auf Erden, und wenn man ganz unten in der Hierarchie landete, gab es
Taiji, das an das neuplatonische <Eine>, aber auch an die Grundsubstanz auch im Himmel nichts zu lachen. Gewissermaßen eine Nebenform der
der frühgriechischen Naturphilosophen erinnert, in zwei kosmische Unsterblichen waren die Shijie, die <vom Leichnam Gelösten», die erst
Prinzipien, nämlich Yin und Yang."^^ Yin ist dem Mond und der Erde ordnungsgemäß starben und sich dann vom Leichnam befreiten, dies
zugeordnet, ist weiblich, dunkel, passiv, absorbierend, es ist anwesend anscheinend unter Mitnahme ihrer Körperlichkeit, weshalb in ihren
in geraden, also halbierbaren Zahlen, in Talern und Strömen und wird Särgen meist nur noch ihre Kleider nachblieben.
repräsentiert durch den Tiger, die Farbe Orange und die gebrochene Wie man eine Shijie wird, erzählt uns eine nette Geschichte vom wei­
Linie, die in der Geomantik verwandt wird. Yang ist der Sonne und dem sen Wei Boyang, von dessen Lebensumständen man nichts weiß, außer
Himmel zugeordnet, ist männlich, hell, aktiv und durchdringend, es dass er im 2. J a ^ n. Chr. gelebt und einen der ältesten chinesi-
232 II. In fremden Welten Die äußerliche Alchemie 233

sehen Alchemietraktate geschrieben haben soll, das <Canton qi> oder die zubereiten. Kaum waren die beiden fortgegangen, erwachte Boyang
<Verwandtschaft der Drei>, ein Buch, das wegen seiner geradezu ver­ wieder zum Leben. Er träufelte etwas von dem gut zusammengebrauten
schwenderischen Verwendung von Geheimwörtem und orakelhaften Elixier in den Mund des Schülers und in das Maul des Hundes. Nach
Sinnsprüchen schon damals kaum verständlich war Aber wie das so wenigen Momenten erwachten sie beide wieder zum Leben. Er nahm
ist in der Alchemie: Als ein <literarisches Mysterium» galt das Buch den Schüler, dessen Name Yü war, und den Hund und ging den Pfad
selbst schon als das Elixier, und gerade deshalb wurde es hoch geschätzt der Unsterblichen. Als sie auf dem Weg weit in die Berge waren, trafen
und mehrfach kommentiert. Über das Ende und das Shijie-tum des Wei sie unterwegs Holzfäller. Da schrieb er einen Brief [an die beiden Schü­
Boyang nun berichten die <Biographien der göttlichen Unsterblichen», ler] und gab ihn den Dorfleuten mit. Er bedankte sich bei den Schülern
<Shenxian zhuan», aus dem 4. Jahrhundert Folgendes: [für die Begräbnis Vorbereitungen]. Die beiden Schüler waren erfüllt von
«Boyang lund sein weißer Hund] gingen auf die Berge, um wirksame Bedauern, als sie diesen Brief lasen.»» (Holm. 34)
Medizin zu bereiten. Bei ihm waren drei Schüler, von denen zweien, Die Jünger, das ist wohl «die Moral von der Geschieht'»», hätte das
wie er glaubte, der vollkommene Glaube fehlte. Die Medizin wurde Sterben nicht schrecken dürfen, ja sie hätten es nicht nur als kleinen
hergestellt, und er stellte seine Schüler auf die Probe. Er sagte: <Die Missgriff ihres Meisters, sondern als unerlässliche Vorstufe zur Er­
Goldmedizin ist fertig, aber sie sollte zuerst an dem Hund ausprobiert langung des Status eines Xian, eines <vom Leichnam Gelösten» deuten
werden. Wenn dem Hund kein Leid geschieht, mögen wir sie auch müssen. Deshalb wohl haben manche Chinesen, unter ihnen angeblich
selbst nehmen, aber wenn der Hund stirbt, sollten wir sie nicht neh­ drei Kaiser, ebenso todesmutig wie gläubig Quecksilberpräparate ge­
men.» Boyang gab dem Hund die Medizin zu fressen, und der Hund schluckt, an denen sie elendig zugrunde gingen.
starb einen sofortigen Tod. Darauf sagte er: <Als wir das Elixier herstell­ Doch was mag sich in dem Elixier des Wei Boyang verborgen haben,
ten, waren wir in Sorge, dass es uns nicht gelänge. Jetzt jedoch, da wir dessen Geheimnis ja auch den Schülern nicht bekannt war?
es fertig gebracht haben, ist der Hund, der es aufleckte, tot. Man muss Metaphysisch gesehen war das Geheimnis des Elixiers das Geheimnis
fürchten, dass es nicht in Übereinstimmung mit der götthehen Idee ent­ der Rückkehr zum Ur-Anfang. Der taoistische Klassiker Zhuangzi
standen ist. Wenn wir es selbst nehmen, fürchte ich, dass wir denselben (Chuang-dse) beschreibt das so:
Weg gehen wie der Hund. Was sollen wir tun?» Die Schüler antworteten: 7) Es gibt einen Anfang. 6) Es gibt eine Zeit vor dem Anfang. 5) Es
<Herr, Ihr dürft nichts davon einnehmen.» Darauf antwortete Boyang: gibt eine Zeit vor der Zeit vor dem Anfang. 4) Es gibt ein Sein. 3) Es
<Ich habe den Weg der Welt verlassen. Ich gab meine Familie auf und gibt ein Nicht-Sein. 2) Es gibt eine Zeit vor dem Nicht-Sein, i) Es gibt
zog mich in die Berge zurück. Ohne im Besitz des Tao zu sein, schäme eine Zeit vor der Zeit vor dem Nicht-Sein.
ich mich auch, nach Hause zurückzukehren. Ob ich nun daran sterbe Wenn wir das geheimnisvolle <Buch der neun Elixiere», <Juangdi jiu-
oder damit lebe [ist einerlei], ich sollte auf jeden Fall davon trinken!» ding shendan», dessen Urfassung wohl im i. Jahrhundert n. Chr. ent­
Mit diesen letzten Worten nahm er das Elixier in seinen Mund und starb standen ist, zu Rate ziehen und auch die Kommentare dazu, können
im selben Augenblick. Die Schüler schauten ihn an und sagten zuein­ wir das Ganze folgendermaßen in <Chemie» übersetzten: Nachdem sich
ander: <Er stellte eine Medizin her, um sein Leben zu verlängern, er der Jünger der Alchemie Reinigungsriten unterworfen, mündliche Un­
nahm sie ein und starb darauf, was soll man davon halten?» Allein einer terweisung über den Text, der seinem Tun zugrunde liegen soll, emp­
unter den Schülern meinte: <Unser Meister ist ein außergewöhnlicher fangen und den für das Werk astrologisch richtigen Tag ausgewählt hat,
Mensch. Er nahm dieses [Elixier] ein und starb daran. Er muss das mit beginnt er den Prozess, indem er sich dem Ort seines Magnum Opus in
einer bestimmten Absicht getan haben.» Darm nahm auch er von dem einer bestimmten, böse Dämonen abwehrenden Schrittfolge nähert,^^
Ehxier und starb ebenfalls. Da sagten die anderen beiden Schüler zu­ dort ein Feuer entzündet und zugleich gewisse Gottheiten um Beistand
einander: <Diejenigen, die das Elixier bekommen, haben den Wunsch, anruft. Dann stellt er zwei Substanzen her: das <Geheimnisvolle-und-
ein langes Leben zu erreichen. Jetzt aber, nachdem sie es zu sich genom­ Gelbe» sowie den Kitt des <Sechs-und-Einen» oder <Göttlichen Kitt»,
men haben, sind sie tot. Was sollte es für einen Nutzen haben, da mit­ Shenni, den man sehr wohl auch, wie wir's gewohnt sind, Lutum phi-
zumachen? Wenn wir die Medizin nicht eiimehmen, können wir noch losophorum nennen könnte.
gut und gern ein paar Jahrzehnte länger leben.» Ohne die Medizin ein­ In der erstgenannten Verbindung bedeutet das <Geheimnisvolle» Yang
genommen zu haben, verließen sie zusammen den Berg in der Absicht, und damit den Himmel und zugleich, chemisch gewendet, das Queck-
das Begräbnis für ihren Lehrer und ihren verstorbenen Mitschüler vor­ silber, während das <Gelbe» Yin, die Erde und das Blei bedeutet, letzte­
234 II. In fremden Welten Die äußerliche Alchemie 235

res, so vermute ich, nicht nur deshalb, weil die Farbe des irdischen ausgesetzt, wobei das Ei mehrmals gewendet wird, um eine innere Des­
Herrschers, des Kaisers, gelb war, sondern weil Bleiglätte rötlich-gelb tillation nach oben und nach unten, Ano kai kato, wie die Griechen
ist. Nach der chinesischen Vorstellung von Polarität enthalten die bei­ sagen, zustande zu bringen. Der chinesische Adept versuchte dabei
den <Gegensätze> einander. Ich glaube, auch die Empirie unterstützte auch, das sich ja in Zyklen manifestierende Wirken der Natur zu imi­
diese Meinung: Die Schnittfläche des Bleis ist hellglänzend, fein verteil­ tieren und zu <raffen>. Als Zeitraum, in dem das Unsterblichkeits- und
tes Quecksilber bzw. Kalomel ist schwarz. Quecksilber und Blei nun Goldwandelelixier heranreifen würde, nahm Wei Boyang 4320 Jahre an,
wurden im Feuer gereinigt zu ihrer höchsten Vollendung; man kann dies wohl deshalb, weil das Jahr zu 360 Tagen gerade so viele Doppel­
sicher auch sagen: Sie wurden gereinigt zu <unserem Quecksilber> und stunden zählt. Die Jahreszeiten können in den Temperaturen eines Re­
<unserem Blei>, die nun für die chinesischen Alchemisten die reinen aktionsfeuers während eines Tages abgebildet werden: In der Doppel­
kosmischen Prinzipien repräsentierten. Man schmolz sie anschließend stunde der Nacht von 23 bis i Uhr beginnt das Feuer ganz sanft, d. h.
zusammen zu einem Amalgam, einer Yin-Yang-Kombination, die mich mit viel Yin und kaum Yang, am späten Vormittag von 9 bis ii Uhr
nicht nur an eine Art Taiji erinnert, das <kosmische Eine>, das Yin und erreicht es mit seiner höchsten Temperatur das höchste Yang-Stadium,
Yang umfasst, sondern zugleich an eine Art Prima materia. Tatsächlich und in der Doppelshmde von 21 bis 23 Uhr erlischt es als reines Yin.^^
beginnt auch jetzt erst der eigentliche Prozess in einem eigens dafür Die Temperaturregulierung geschah mittels Dosierung der Brenn­
hergerichteten Reaktionsgefäß, Fu. Dieses Gefäß ist so wichtig, dass Feh­ stoffmenge, aber auch mit Hilfe einer gestuften Wasserkühlung, mal
ler in seiner Herstellung den ganzen Prozess scheitern lassen. Es besteht von oben, u. a. mit wassergefüllten Kühlfingem, mal von unten mit
aus zw ei Halbkugeln aus Ton, die nüt dem <göttlichen Kitt> oder einer Wasserbädem, während das Feuer auf dem Reaktionsgefäß angesetzt
Mischung dieses Kitts mit Yin-Yang-Amalgam zusammengeklebt wer­ wurde. Das zeigt wohl, dass die Adepten ihre Ziele mit einem schon
den. Dadurch wird aus zw ei schlichten Tontöpfen ein <Kürbis> bzw. ein recht bedeutenden apparativen Aufwand zu erreichen suchten. A n den
kosmisches, ein philosophisches Ei, anders gesagt ein Mikrokosmos. Stätten der Waidan-Kunst gab es Schmelztiegel, Kolben, Schmelzöfen,
Das wiederum erinnert mich an den Bau des Reaktionsgefäßes im Mörser und Pistille, verschiedene Öfen, Destillations- und Sublima­
Traum des Zosimos. Leider wissen wir nicht, wie der göttliche Kitt des tionsapparate und den üblichen Kleinkram von Laborgeräten, den wir
Sechs-und-Einen zusammengesetzt ist. Aber dass er eine kosmische Be­ auch aus dem Labor von Zosimos oder Ar-Razi kennen.
deutung besitzt und hinführen soll zur Zeitlosigkeit, sprich zur Un­ Wenn wir nach der Zahl der deutlich unterschiedenen chemischen
sterblichkeit, das verrät sich durch die Siebenzahl, auf die so deutlich Substanzen fragen, die die Adepten kannten, stehen wir den gleichen
hingewiesen wird. In Anlehnung an die sieben Sätze des Zhuangzi Sprachproblemen und wahrscheinlich den gleichen Begründungen für
(Chuang-dse) findet nämlich der Prozess in sieben Stufen statt. Zhuang­ diese Probleme - Handwerksgeheimnisse, Mitschleppen archaischer
zi erklärt uns, dass damit der Tod des mythischen Kaisers Hundun, des Vorstellungen, Unbestimmheit, die aus dem Paradoxon entsteht usw.
Kaisers <Chaos>, rückgängig gemacht wird, der in illo tempore starb, als - gegenüber, denen wir bereits bei den ägyptischen Alchemisten be­
sein Leib siebenmal durchbohrt wurde. Der Tod des Kaisers nun hatte gegnet sind. Das Quecksilber z. B., das Yin-Prinzip, besaß mehr als 20
die Entstehung der loooo Dinge, Wanwu, zur Folge, was doch nichts Decknamen, u. a. Mond, weißer Tiger, weißes Kaninchen, zierliche
anderes sagt, als dass unsere Welt, so wie wir sie durch die sieben Öff­ Dame, weißer Schnee. Und der Schwefel, das Yang-Prinzip, wurde u. a.
nungen am Kopf des Menschen erleben, als ein Ins-Sinnliche-Treten ei­ Sonne, grüner Drachen, goldene Krähe, goldener Jüngling, gelber
nes sinnlich nicht fassbaren Substrats aufgefasst werden muss. Dieses Sprössling genannt, hnmerhin konnte man allein unter den anorgani­
Ins-Siimliche-Treten rückgängig zu machen, d. h. die Öffnungen des schen Substanzen rund 50 Arten unterscheiden, darunter Oxide und
Kaisers zu schließen und ihn so wieder zu <Leben> zu erwecken, ist Ziel Sulfide, Alaune und verschiedene Silikate, die alle auch reichlich ver­
des Prozesses. Es ist eine Rückkehr in die Zeit- und Raumlosigkeit, die wandt wurden. Ein chinesischer Adept z. B. behauptet, dass man den
jeder Differenzierung zugrunde liegt: Hen to pan. Damit hebt Taiji als Stein der Weisen durch Erhitzen von Zinnober, Schwefel, Realgar, Pot­
Prima materia die Welt auf und schafft sie zugleich: Les extremes se tou- tasche, Borax, Auripigment, einer Perle imd Kupfercarbonat erhalten
chent. könne. Der Stein würde dann, auf unedle Metalle gerieben, diese in
Um den Prozess durchzuführen, wird das kosmische Ei üblicherwei­ Gold verwandeln. Auch andere Goldmedizinen, ob sie nun zur Her­
se mit dem Yin-Yang-Amalgam und anderen Ingredienzen beschickt, stellung von Gold oder unmittelbar zur Therapie der Sterblichkeit
mit dem göttlichen Kitt versiegelt, getrocknet und schließlich dem Feuer dienten, waren anscheinend ein wahrer Hexendreck, der nach der
236 II. In fremden Welten Die äußerliche Alchemie ^37

Methode <viel hilft viel> zusammengerührt wurde und auch Dutzende liehe - Unsterblichkeit hinter allem Umsatz, hinter allem Werden und
von tierischen und pflanzlichen Substanzen enthalten konnte. Zu­ Vergehen.
weilen zeitigte derlei Laboriererei erstaunliche Ergebnisse. So gibt Ähnliches können wir über westliche Adepten sagen, und wenn wir
Ge Hong, anscheinend erstmalig in der Geschichte, ein Verfahren zu nach einigen der Leitbegriffe der westlichen Alchemie fragen, werden
Herstellung von Musivgold, also SnS^, an, das man auch heute wir ebenfalls keine wirklich signifikanten Unterschiede zur östlichen
noch durch Erhitzen von Zinn oder Zinnamalgam mit Schwefelblu­ Alchemie feststellen. Auch im Osten ging es nicht nur um die Materie
men bei Gegenwart von Salmiak herstellt und das in Europa erst in und ihre Umsetzungen, sondern auch um den Menschen und die Wand­
einem Manuskript des 14. Jahrhunderts zum ersten Mal beschrieben lungen seiner Existenz, auch im Osten spielte das Lehrer-Schüler-Ver­
wird. hältnis eine entscheidende Rolle, auch im Osten ist dies nüt ein Grund
Eine Ahnung davon, welche E>ramen sich in der Materie beim Um­ dafür, dass die Sprache der Alchemie von Verschleierungen wimmelt,
satz der Substanzen abspielten, vermittelt folgende Beschreibung eines von Auslassungen, von Vieldeutigkeiten, die zugleich die Vieldeutigkeit
chemisch ziemlich simplen Vorgangs: des menschlichen Verhältnisses zur noch nicht analytisch erfassten Na­
«Das Kochen und die Destillation findet im Kessel statt; unten lodert tur widerspiegeln, auch im Osten ging es um einen chemischen Prozess
die fauchende Flamme. Voran geht der Weiße Tiger, der den Weg führt; und zugleich um einen Weg, den nur der Begnadete durchlaufen kann,
ihm folgt der Grüne Drache. Der flatternde Purpurvogel (Chu-niao) ent­ vorausgesetzt, wie Ge Hong betont, sein Verhalten ist moralisch ein­
flieht den fünf Farben. Als er auf die Schlingen der Netze trifft, wird er wandfrei, auch im Osten kam dem Zeitraum, in dem das Magnum Opus
hilflos und unbeweglich niedergedrückt und schreit mit Pathos wie ein durchgeführt werden sollte, und zuweilen auch der astrologischen Kon­
Kind nach seiner Mutter. Wohl oder übel wird er in den Kessel mit stellation des Beginns eine wichtige Bedeutung zu, und schließlich ging
heißer Flüssigkeit getan zum Schaden seiner Federn. Bevor die halbe es im Osten wie im Westen um Materien und Zustände jenseits aller
Zeit vergangen ist, erscheinen Drachen in aller Geschwindigkeit und in bekannten Materien und Zustände, ging es um eine Übernatur in der
großer Zahl. Die fünf blendenden Farben ändern sich ununterbrochen. Natur und damit um eine Erlösung von den Bedingungen der Existenz.
Ungestüm kocht die Flüssigkeit im Ofen (ting). Eins nach dem anderen Und sogar naturphilosophische Diskussionen um den Spezies-Begriff
scheinen sie eine Ordnung einzimehmen, die so unregelmäßig ist wie und die künstliche Erzeugung des Neuen gab es im Osten wie im We­
Hundezähne. Stalaktiten, die wie Eiszapfen zur Mittwinterzeit sind, sten. Kurz: Wir müssen die frappierende Tatsache hinnehmen, dass
werden in horizontaler und vertikaler Richtung ausgespien. Felsige auch in China ein prinziell erfolgloses, ja unmögliches Unternehmen
Höhen von keiner offensichtlichen Regelmäßigkeit treten in Erschei­ heimisch war, das den Namen <Alchemie> verdient.
nung, wobei sie sich gegenseitig stützen. Wenn Yin und Yang in rechter Das soll uns den Blick für Unterschiede nicht verstellen. Im Westen
Weise verbunden werden, herrscht Ruhe vor.» (Holm. 38) wie im Osten entspricht der Reaktionsraum, in dem sich der alchemi-
Es geht wohl darum, dass Zinnober destilliert, das Destillat in einer sche Prozess abspielt, sei es der Ofen, sei es das philosophische Ei, ei­
- vielleicht essigsauren oder kochsalzgesättigten - Flüssigkeit, die sich nem Mikrokosmos, doch in westlichen Texten habe ich nirgends Vor­
in der Vorlage befindet, aufgefangen und anschließend durch Eindamp­ schriften darüber gefunden, wo dieser Mikrokosmos seinen natürlichen
fen auskristallisiert wird: Quecksilberacetat ist weiß, Quecksilber(II)- Ort finden müsse. Sicher hängt das damit zusammen, dass die beiden
Chlorid, das übrigens in einem anderen Rezept als <Raureif> bezeichnet monotheistischen Religionen der einen, der transzendenten Gottheit,
wird, ebenfalls. Der Alchemiehistoriker Eric Holmyard meint dazu mit also das Christentum und der Islam, die Konzentration des Heiligen in
mildem Seufzer: «How much more picturesque our textbooks of prac- bestimmten Naturgegenden wie heiligen Hainen, heiligen Quellen, hei­
tical Chemistry might be written.» (Holm. 38) ligen Berggipfeln nicht kennen. Die Kaaba zu Mekka halte ich wegen
Doch die alten Adepten schrieben nicht nur anderes als wir, sie sahen ihrer Singularität als Symbol und Kraftzentrum des Einzigen nicht für
auch anderes. Sie sahen das Wechselspiel der Natur, und hinter dem einen entscheidenden Gegenbeweis, obwohl die Heiligkeit des Kaaba-
<Toben der Elemente) sahen sie die geheimnisvolle Ordnung bzw. Un­ Steins natürlich der alten Denkweise der heiligen Natur-Orte entspricht.
ordnung, der man mit der Ordnung der Riten begegnen konnte. Hinter Doch wie dem auch sein: Deutlicher, wichtiger und interessanter ist die
allem aber sahen sie die gewissermaßen erfüllte Ruhe des Uranfangs Beobachtung, dass die chinesische kosmologische Alchemie den Weg
außerhalb einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Ortes. Sie sahen Le­ zurück suchte, den Weg zurück in einen Vorschöpfungszustand. Das gab
ben, das sich unbeirrt immer gleich bleibt, sie sahen die - sinnlich wirk­ esdnvWesten anscheinend nichfr obgleich die Möglichkeit einer solchen
238 II. In fremden Vielten Asketen und Alchemisten 239

Rückkehr zu einem materiellen Urzustand die ja auch im Westen ge­ in Händen hält, die Macht verleiht, die Ungeheuer der Nacht und des
ahnte <unterschwellige> Identität von Prima materia und Lapis philoso- Todes zu besiegen.
phorum begründen würde. Die Antwort auf die Frage, die sich hier Warum aber nahm Li Shaojun kein natürliches Gold für die kaiserli­
aufdrängt, liegt wohl darin, dass die Schöpfung aus dem Nichts durch chen Trinkgefäße? Weil künstliches Gold, so sagt Ge Hong mit der glei­
den omnipotenten Gott diesen materiellen imd zugleich quasi-göttlich chen gläubigen Hingabe, die auch westliche Adepten auszeichnete, weit
erlösenden Vorschöpfungszustand gar nicht kennt. Ich möchte aber an­ wirksamer ist als natürliches Gold. TatsächÜch stand Gold in einer mys­
nehmen, dass Ahnungen in dieser Richtung, die den westlichen Alche­ tischen Beziehung nicht nur zum Zinnober, sondern auch zu anderen
misten ja auch die Vorstellung einer Ubiquität des Steins der Weisen Bestandteilen des Elixiers wie dem Realgar oder dem Schwefel und zum
aufdrängten, so manchen westlichen Adepten bis hart an die Klippe der <gelben Quecksilber>, das eine Mischung von Quecksilber und teilweise
Ketzerei getrieben haben. oxidiertem Blei gewesen sein mag. Ferner stand Gold in Verbindung
Der ganze apparative Aufwand der chinesischen Adepten aber diente zum Mittelpimkt der Erde als seiner eigentlichen Lagerstätte, ferner in
genau dem, das die westlichen Alchemisten gar nicht kennen durften, Verbindung zum Kaiser, dessen Farbe gelb war, und zu den gelben
diente der Rückkehr in den Uranfang. Tatsächlich hieß das höchste Eli­ Quellen des zukünftigen Lebens.
xier Huanan, was man mit <Elixier der Rückkehr oder Rückwendung
der Medizin> oder auch mit <Rückgewendete Medizin> übersetzen
könnte. 20. Asketen und Alchemisten
Nun ist es genauso gut möglich, Huanan mit <Zinnober der Rück-
kehr> zu übersetzen, und es liegt nahe, das zu tun, war doch der Zinn­ Aber, wir sollten es nicht vergessen: Weder in der chinesischen noch in
ober ohne Zweifel das zweite Wundermittel der chinesischen Alchemie. der anderen östlichen Alchemie, der indischen, stand das Gold im Mit­
Anfangs hat man den Zinnober wohl gar für den Stein oder das Elixier telpunkt des Interesses, obwohl es immer auch um Gold ging. Und das
selbst gehalten: Zinnober ist sehr Yang-haltig, es ist rot wie Blut und gilt ja ebenso für die westliche Alchemie mit ihrem Streben nach der
Leben, sodass es manchmal sogar zur Konservierung von Leichen be­ Materie oberhalb des Goldes. Die indische Alchemie aber ist der chine­
nutzt wurde, und - das ist wichtig - Quecksilber kann aus ihm, dem sischen darin sehr nahe, dass ihr höchstes Ziel nicht die Erlösung von
<getöteten Mercurius>, in der Hitze des Feuers, das sonst doch alles Mangel an Besitz und Wissen, sondern die Erlösung des Menschen von
zerstört, was es erfasst, in völlig reiner, verjüngter Form zurückgewon­ der Sterblichkeit war.
nen werden und hat sich damit als unsterblich erwiesen. Leider aber ließ Auch in Indien reichen die Wurzeln der <Alchemie> - und wir können
sich diese Unsterblichkeit schlecht auf den Menschen übertragen, und hier das Wort genauso gut wie in der chinesischen Alchemie gebrau­
so ist wohl anzunehmen, dass es u. a. die erwähnten Unfälle mit dem chen - hinab in Schichten archaischen Lebensgefühls. Und das bedeutet,
giftigen Quecksilbersulfid waren, die die chinesischen Adepten dazu dass hier wie überall in der archaischen Welt Mythen vom Kraut der
geführt haben, sich nach anderen Wegen zur Erlangung der Unsterb­ Unsterblichkeit und von der unerreichbaren Region der Seligen verbrei­
lichkeit umzuschauen. Eine allgemeine Schwefel-Quecksilber-Theorie tet waren.
der Materie scheint sich übrigens aus der Zinnober-Theorie nicht ent­ In Indien ist zwischen dem 10. und 8. Jahrhimdert v. Chr. in der At-
wickelt zu haben; der so andere Elementbegriff der Chinesen hat das harva-Weda von einer Droge die Rede, die als Elixier der Unsterblich­
wohl verhindert. keit dienen könnte, und im <Satapatha Brämana>, das aus dem siebten
Die merkwürdige Vorschrift des Li Shaojun, aus Bechern zu trinken, Jahrhundert stammt, lesen wir, dass «Gold tatsächlich Feuer, Licht und
die aus Alchemistengold hergestellt sind, ist vielleicht auch im Zusam­ Unsterblichkeit ist». (Shepp. 73) Das Quecksilber wird im 4. bzw. 3. Jahr­
menhang mit der Giftigkeit des <klassischen> Zinnober-Elixiers zu se­ himdert V. Chr. erwähnt, und im 2. bis 5. Jahrhundert n. Chr. beschrei­
hen. Es mag sein, dass Li Shaojun - die Chinesen hatten stets einen sehr ben buddhistische Texte Versuche, niedere Metalle mit Pflanzensäften
praktischen Sinn - sich scheute, gefährliche Dinge, die weder langes und auch mit Quecksilber in Gold zu verwandeln.
Leben noch gar Unsterblichkeit, sondern schlicht Magendrücken und Angesichts dieses <Vorlaufs> ist es schwer, das Geburtsjahrhundert
Verdauungsstörungen nach sich ziehen könnten, per os zu verschreiben. der Alchemie mit hinreichender Genauigkeit anzugeben. Um uns dem
Man mag hier aber auch an archaische Traditionen und an die HeiÜge richtigen Jahrhundert wenigstens zu nähern, sind wir gezwungen, ei­
Waffe des mythischen Schmiedes denken, die dem Himmelsgott, der sie nen neuen Aspekt in unsere Definition der Alchemie einzubringen. «Al-
240 II. In fremden Welten T Asketen und Alchemisten 241

Chemie gibt es erst dann», sagen wir nun, «wenn eine Literatur vorliegt, ihre Rollen vertauscht haben. Schwefel ist weiblich und Quecksilber
die sich speziell mit dem Problem der Goldtransmutation mit anorgani­ ist männlich, denn es gilt als Same des Schiwa. Wenn die klassische
schen Substanzen beschäftigt.» So gesehen entstand die klassische indi­ Alchemie also von Osten oder gar - im 5. Jahrhundert! - von Westen
sche Alchemie erst in der Verknüpfung von Transmutationsversuchen nach Indien gekommen sein sollte, dann wurde sie gründlich <indisiert>,
mit dem Tantrismus, einer religiösen Strömung, die seit dem 5. Jahrhun­ und wenn indische alchemische Gedanken auf die moslemische Welt
dert n. Chr. großen Einfluss auf Hinduismus und Buddhismus gewann. ausgestrahlt hätten, würde das Umgekehrte gelten.
Diese Verknüpfung führte - wohl mit einem Höhepunkt im 7. und Woraus Schwefel und Quecksilber eigentlich bestehen, scheint die
8. Jahrhundert - zu Dutzenden von klassischen Schriften alchemischen indischen Adepten nicht weiter gekümmert zu haben. In der indischen
Inhalts, die in Sanskrit und Tamil erschienen, und deren Autoren wir Alchemie gab es offenbar keine näher ausgefeilte Elemententheorie und
meist namentlich kennen. - zumindest in der Hindu-, der Sanskrit-Alchemie - auch keine <hand-
Wie im Falle des Taoismus können wir uns beim Sein und beim Wol­ feste> Prima materia, wie sie etwa das Tetrasoma oder der Molybdochal-
len des Tantrismus nicht allzu lange aufhalten, und so sei nur erwähnt, kos darstellten. Allerdings hat es bei den Tamilen die Vorstellung einer
dass der Tantrismus die Hierarchie der Kasten und Geschlechter aufzu­ Grundsubstanz gegeben, die sie Muppu nannten und die als solche
heben und die Erlösung des Menschen auf rituellem Wege mit Hilfe schon übernormale Kräfte enthalten sollte. Muppu galt als Vereinigung
magischer, mitunter auch orgiastischer Praktiken zu erreichen suchte. dreier Salze: Steinsalz, Calciumcarbonat und Älkalicarbonat. Aber so­
Geheimriten wie auch verehrungswürdige Lehrer, also Gurus, und wohl den Tamilen als auch den Hindus war bewusst, dass hinter allem,
Yoga-Übungen spielen eine große Rolle. Die übermenschlichen Kräfte der physischen Materie und dem psychosomatischen Körper des Men­
des Guru waren Folge bestimmter Fähigkeiten, Siddhis. So waren gewis­ schen, ein Urstoff, Praktri, steht, der als Natur schlechthin den Geist,
se Gurus, genannt seien Nityanätha und Nägarjuna, in der Lage, mit Puruscha, an sich bindet. Und hier treffen sich der tantrische Yoga, seine
Hilfe bestimmter Elixiere Metalle zu Gold zu verwandeln. Ziel der al­ Rhythmisierung des Atems, Pränäyäma, und seine gymnastischen
chemischen Operationen wie auch der Rezitationen mystischer Silben Übungen mit der <äußeren Alchemie> imd ihren Bemühungen, die Ma­
und der Yoga-Praktiken war es, einen Zustand zu erreichen, der in einer terie zu vervollkommnen und schließlich zu Gold, der freien, erlösten,
Aufhebung des Lebensstromes dem Tode gleicht und damit zugleich unsterblichen Materie, oder gar zu Übermaterie zu verwandeln:
eine Erlösung des Bewusstseins zu ewiger Dauer und also zu ewigem «Der Alchemist hofft, zu den gleichen Ergebnissen wie der Yogi zu
Leben bedeutet. Hier war der natürliche Ort der Alchemie, stellt sie sich gelangen, wenn er seine Askese auf die Materie <projiziert>. Statt seinen
doch in Indien - und übrigens auch in den Nachbarländern Burma, Körper imd sein psycho-mentales Leben den Härten des Yoga zu unter­
Nepal und sogar Tibet - ganz wie in China dar als eine Legierung von werfen, um dadurch den Geist (Puruscha) von jeder Erfahrung, die der
Meditations-, also Yoga-Techniken, von schamanistischen Übungen, Welt des Stoffes angehört, loszulösen, setzt der Alchemist die Metalle
z. B. in Versuchen der Levitation, also des Durch-die-Luft-Fliegens, und chemischen Prozeduren aus, die den <Läuterungen> und asketischen
von protochemischen Labortätigkeiten. Von außen betrachtet hat diese <Folterungen> entsprechen. Denn es besteht ein vollkommener Zusam­
spezielle Legierung namens Alchemie große Ähnlichkeit mit dem römi­ menhang zwischen der physischen Materie und dem psycho-somati-
schen Gott Janus, dem doppelgesichtigen; ihr eines Gesicht blickt auf schen Körper des Menschen: Beide sind das Produkt des Urstoffes
die Wandlungen des Geistes, ihr anderes auf die Wandlungen der Ma­ (Prakrti). Zwischen dem niedrigsten Metall imd der subtilsten psycho-
terie. Diese Zwiegesichtigkeit macht die indische Alchemie zu einem mentalen Erfahrung gibt es keine Unterbrechung der Kontinuität ...
genauen Analogon des Waidan. Und neben dieser äußeren Alchemie Vom Standpunkt des Sämkhya-Yoga aus, befreit jeder Geist (Puruscha),
gab es auch eine innere Alchemie im Geiste der Neidan-Übungen: den der seine Autonomie errungen hat, im gleichen Augenblick auch einen
tantrischen Yoga. Teil der Prakrti, denn er gestattet der Materie, aus der sein Körper, seine
Im Zentrum des Tantrismus stehen Schiwa, <der Gnädige>, und Par- Physis und sein psycho-mentales Leben bestehen, wieder aufgesogen
wati oder Schakti, <die Kraft>,^^ die als göttliche Partnerin Schiwas so zu werden, den Urzustand der Natur, mit anderen Worten, die absolute
etwas wie eine sexuelle, eine Lebens-Energie darstellt. Als materielle Ruhe zurückzugewinnen. Nun beschleunigt aber die vom Alchemisten
Erscheinungsformen der beiden Götter gelten Schwefel und Quecksil­ bewirkte Wandlung den Rhythmus der langsamen Umbildungen der
ber. Und hier wird es interessant, nicht nur, weil wir den beiden Sub­ Natur (Prakrti) und hilft ihr dadurch, sich von ihrem Schicksal zu be­
stanzen ja auch in Arabien und in China begegnen, sondern weil sie freien, so wie der Yogi, der sich einen göttlichen Leib schmiedet, die
242 II. In fremden Welten Asketen und Alchemisten 243

Natur von ihren eigenen Gesetzen erlöst. Es gelingt ihm tatsächlich, Schwindsucht; mit einer sechsfachen Menge getötet, wird es zu einem
deren ontologischen Status zu ändern, das unaufhörliche Werden der Allheilmittel für alle Leiden des Menschen.» (Ray II, 55!.; Elia, (i) 144)
Natur in einen rätselhaften und unvorstellbaren Stillstand zu verwan­ Herausgekommen ist wohl eine Art Zinnober. Wenn man aber hier
deln (denn Stillstand gehört zur Daseinsform des Geistes und nicht zu <Menge» als Gewichtsmaß nimmt, sind die Angaben chemisch unsinnig,
den Seinsweisen des Lebens und der unbelebten Materie).» (Elia, (i) denn die Quecksilberverbindung mit dem höchsten Schwefelgehalt,
137 ff.) eben der Zinnober, HgS, enthält gewichtsmäßig 6,25 mal mehr Queck­
Puruscha ist also nicht als Pneuma zu begreifen, es sei denn unter silber als Schwefel. Volumenangaben würden ein etwas anderes Bild
dem Aspekt, unter dem auch Gabir es sieht, wenn er Gold als pneuma- bieten, würden aber ebenfalls unseren Verdacht nicht ausräumen, dass
arm bezeichnet. Ich glaube aber, wir müssen hier in Indien mehr die es sich hier eigentlich um <unser Quecksilber» und um <unseren Schwe­
meditative Seite des Spiels mit der Materie beachten, das ja auch in der fel» handelt. Sinn und Ergebnis des alchemischen Prozesses müssen
Selbsttherapie mit vegetabilischen und mineralischen Drogen bestand, denn auch im spirituellen Licht gesehen werden: Der Adept, der den
und w ir müssen so das Puruscha mehr vom Menschen her sehen. Im flüssigen Zustand des Quecksilbers aufhebt, <fixiert» zugleich seinen Be­
Übrigen würden Parmenides und Heraklit bei den eben zitierten Sätzen wusstseinsstrom zu einem <statischen Bewusstsein», das keinerlei Ver­
Eliades aufgehorcht und sogleich Partei ergriffen haben, Parmenides auf änderung mehr unterliegt imd also ewig fortdauert. Das zeigt sich auch
Seiten der Yogi, Heraklit auf Seiten derer, die der Forderung des Tages an der Wirkung des <getöteten Quecksilbers», Nasta-pista, denn es bringt
zu begegnen haben. Auch das indische Denken kreist um das Mysteri­ nicht nur eine Erlösung vom Hin und Her des Lebens im menschlichen
um der paradoxen Einheit des Seins als ewig gleich und ewig wech­ Körper, es bedeutet auch Macht über alles, was <lebt», also auch über
selnd, ewig eines und ew ig vieles. die Materie außerhalb des Leibes; daher die auffallende Eigenschaft des
Die grundlegende Materie der indischen Alchemie bei dem Bemühen, <getöteten Quecksilbers», sowohl auf biologischem als auch auf minera­
sich und die Materie zu erlösen, war der Same Gottes, das Quecksilber. lischem Gebiet ungeheure - und unspezifische - Wirkimg ausüben zu
Noch deutlicher als alle anderen Alchemien ist die indische Alchemie können. Dem <Suvarna Tantra» zufolge macht Nasta-pista jeden, der es
die <Kunst des Quecksilbers»; im Sanskrit-Wort für Alchemie steckt das einnimmt, unsterblich. Und der solchermaßen Unsterbliche würde
Wort Rasä, eigentlich <Saft>, das aber für Quecksilber verwendet wurde: auch, falls er nicht über die Kleinig- und Kleinlichkeiten des Lebens
Rasäyana heißt der <Weg (oder das Fahrzeug) des Quecksilbers». Die längst hinaus wäre, keinerlei Zahlimgsschwierigkeiten mehr haben,
Aufgabe der Adepten bestand darin, das Quecksilber zu <töten», d. h. denn sein Nasta-pista vermag, selbst wenn es aus seinem eigenen Urin
zu verfestigen, zu fixieren, und also seiner Bewegungsfähigkeit zu be­ oder Kot stammte, eine hunderttausendfach größere Menge an Queck­
rauben, was, wie der Adept Nägärjxma in seinem Werk <Rasaratnäkara» silber in Gold zu verwandeln. Ähnliche, an Größenwahn grenzende
schreibt, nur einem Menschen gelingen kann, der sündlos und Herr Vorstellungen kennen wir ja schon aus dem arabischen Kulturbereich,
seiner Leidenschaften ist. ^7 Ein anderes Werk beschreibt das <getötete» wenn sie auch in Indien ganz gewiss nicht auf byzantinischen Schwin­
Quecksilber als glanzlos und nicht flüssig, weniger schwer als Queck­ deleien, sondern eher auf einer in sich zergrübelten Weltanschauung
silber und als farbig. Dasselbe Werk verkündet, das alchemische Ge­ beruhen. Es ist nicht der Sinn der indischen Alchemie, aus dem Adepten
heimnis, wie man das (Quecksilber <tötet», sei von Schiwa offenbart und einen Krösos und Methusalem in einer Person zu machen. Der Sinn der
heimlich von den Adepten über ein geheimes Lehrer-Schüler-Verhältnis Einnahme von getötetem (Quecksilber ist es, die Befreiung, die Erlösung
von einer Generation zu anderen überliefert worden. Das kommt uns des Menschen zu erlangen, indem er den Körper im Zustand der Ge­
ja alles sehr bekannt vor. sundheit hält. Durch Eiimehmen von Quecksilberpräparaten, in denen
Durch die <Tötung des Quecksilbers» schimmert eine Schwefel- die heilbringenden Eigenschaften des Gottes Schiwa verborgen sind,
Quecksilber-Theorie, wo immer auch ihre Wurzeln sein mögen. In ei­ vermeidet der Mensch die Krankheiten, die durch Sünden in seinen
nem indischen alchemischen Traktat heißt es: früheren Existenzen verursacht wurden, und erhält einen göttlichen
«Wenn das Quecksilber mit der gleichen Menge gereinigten Schwe­ Leib. Weil aber Schiwa für die ganze alchemisch-tantrische Welt ein Gott
fels getötet wird, ist es hundertmal wirksamer; wenn es mit der dop­ der Befreiung ist, erscheint die Verwandlung materieller Stoffe als ein
pelten Menge Schwefel getötet wird, heilt es die Lepra, mit der drei­ wechselwirkendes, also aktives Symbol für die Erringung der Freiheit.
fachen Menge getötet, verwandelt es weißes Haar in schwarzes und Und deshalb, wegen dieser Wechselwirkung, kann der Alchenüst sich
beseitigt die Runzeln; mit einer fünffachen Menge getötet, heilt es die dnbildeiL- diesnatürlich unbewusst dass er die seelischen Dramen
244 II. In fremden Welten Asketen und Alchemisten 245

und Leiden, die er auf dem Meditationsweg des Yoga durchstehen ihm innewohnende göttliche Kraft erst durch die Behandlimg nüt pflanz-
müsste, nur auf die Materie zu projizieren braucht, um Erlösung als hchen <Medizinen> geweckt würde. A uf dem Wege zum Stein der Weisen
Aufstieg in eine höhere Seinsstufe zu finden. Salopp, aber gut-aristote­ wurde das Quecksilber 18 verschiedenen Prozeduren unterworfen, die
lisch könnte man auch sagen: «Der Alchenüst führt in seinem eigenen auf IO Prozeduren reduziert werden konnten, wenn man von Zinnober
Theater ein Drama auf, um als sein eigener Zuschauer eine Katharsis, bester Qualität ausging. Der Zinnober wurde dabei weidlich gequält, mit
eine Läuterung der Seele zu erleben.» saurem Haferschleim gekocht, mit Glimmer zerrieben, nüt anderen Me­
Über all unsere Spekulationen über die spirituelle Seite der Alchemie tallen amalgamiert, geknetet, destilliert usw. u sw , bis das Quecksilber
sollten wir das andere Gesicht des Januskopfes nicht vergessen, das uns schließlich im 18. Schritt, nüt Öl und eirügen anderen Materialien ver­
schon auf den ersten Blick, will sagen beim Blättern in den klassischen setzt, bereit war, seine den Körper verjüngende Wirkung zu beweisen.
Texten, zeigt, dass die indische Alchemie genau wie die chinesische Von diesem Quecksilber höchster Potenz konnte man dann auch
erhebliche laborpraktische Kenntnisse voraussetzte und mit einem ein­ Präparate erwarten, die die Probe aufs Exempel tantrischer Behauptun­
drucksvollen apparativen Aufwand betrieben wurde. Die indischen A l­ gen lieferten. Wie nicht anders zu erwarten, sind allerdings auch hier
chemisten beherrschten alle chemischen Grundoperationen, die wir die Texte unklar. So wird gesagt, dass ein Sublimat, das auch Queck­
auch von den anderen Alchemien kennen, und besaßen also entspre­ silber enthielte, wenn es mit dem gleichen Gewicht Gold und Zusätzen
chende Geräte, meist aus Ton, seltener aus Glas. Interessant ist ein A p ­ von Schwefel und Borax zerrieben würde, sich in ein Elixier verwand­
parat namens Pätana yantram, der es erlaubte, Substanzen zu sublimie- le, das tausendmal sein Gewicht zu Gold transmutieren könne und
ren und sofort in Wasser zu lösen. Er bestand aus einem wassergefüllten außerdem demjenigen, der es einnehme, einen unverwesbaren Leib
und einem darübergestülpten Gefäß, dessen Innenwand nüt der zu sub- garantiere. Ein anderes Rezept für eine Metalltransmutation, und es
limierenden Substanz ausgeschmiert war. Die Hälse der beiden Gefäße gehört zu den weniger seltsamen, stammt aus dem Traktat <Rasapra-
wurden mit einem Kitt aus Kalk, Rohrzucker und Büffelmilch zusam­ käsasudhäkara>. Man nehme, so heißt es da, Quecksilber, Zinnober,
mengeklebt und nun das obere mit brennenden Kuhfladen erhitzt. Es goldenen Pyrit - das ist vielleicht Kupferpynt —, Blei, Schwefel, Realgar
gab auch die umgekehrte Sublimation, wobei das obere Gefäß mit nas­ und Gold, zerreibe das Ganze imd erhitze es eine lange Zeit in Säka-
sen Lappen gekühlt wurde. Das Bemühen, aufwärts und abwärts zu Saft (Tectona grandis). Wenn eine Paste entstanden ist, streiche man sie
sublimieren, erinnert natürlich an die kreisförmigen Destillationen der auf Silber, und es wird Gold.
chinesischen Adepten, vor allem aber an das Ano kai kato ihrer ägyp­ In diesem und in allen anderen Rezepte fällt übrigens nicht nur auf,
tischen Kollegen. Es gab auch eine Art Kerotakis, Dhüpa yantram ge­ dass die Elixiere fast durchwegs - mit seltenen, vielleicht falsch inter­
nannt, und außerdem Öfen, Sandbäder und Destillationsapparate, die pretierten Ausnahmen - Quecksilber enthalten, sondern dass sie auch
den uns bekannten recht ähnlich waren. niemals ohne die Hilfe pflanzlicher Substanzen zustande kommen.
Die Präparate, die in einem gut ausgestatteten indischen Alchemisten­ Wenn wir einmal von allen meditativen Parallelaktionen absehen und
labor hergestellt wurden, waren gewiss nicht so simpel wie im genann­ die Rezepte mit nüchternem chemischen Blick betrachten, sind wir auch
ten Beispiel vom <getöteten Quecksilber), dessen Rezeptur sicher man­ hier versucht zu sagen, das Ganze sei wie in so vielen anderen Fällen
ches verschwieg oder als selbstverständlich voraussetzte. Alle Ausgangs­ nach dem Motto <viel hilft viel> zusammengebraut imd erinnere im
stoffe eines alchemischen Präparates wurden zunächst gereinigt. Übrigen an eine Diplosis. Aber eben dieser nüchterne Blick ist fehl am
Schwefel wurde u. a. dadurch purifiziert, dass man es in gepulverter Platz, und das gerade deshalb, weil wir auch die rein chemischen
Form in einem Leinensack in das obere Gefäß eines Pätana yantram Kenntnisse der Inder nicht unterschätzen sollten. So spricht der tamili-
bängte, von außen erhitzte und den geschmolzenen Schwefel in Milch sche Text <Amudakalaijnänam> des Agastya ohne Umschweife davon,
tropfen ließ, die sich im unteren Gefäß befand. Die Reinigung des häufig dass man künstliches Gold, Emam, und natürliches Gold, Tangam, durch
verwandten pulverisierten Glimmers geschah durch Haferschleim, Kuh- Calcination unterscheiden könne. Auch hier ist es offenbar vor allem
Urin und noch andere Zutaten, wobei der Reinigungsprozess siebenmal die Farbe, die das Produkt der Natur und das Produkt des Alchemisten
durchlaufen werden musste. Quecksilber wurde u. a. mit verschiedenen bei allen sonstigen Unterschieden zu Mitgliedern ein imd derselben Fa­
Pflanzensäften und auch nüt Knoblauch und Kochsalz gerieben, um so milie macht. Die indischen Alchemisten kannten Dutzende imterschied-
vorgereiiügt zu werden. Gewiss kannten die indischen Adepten auch die licher Substanzen, und gewöhnlich - nicht immer - nannten sie zehn
Destillation von Quecksilber, aber sie waren der Auffassimg, dass die w n diese^n Metalle, Dhatus. Das waren die sieben klassischen Metalle
246 II. In fremden Welten Eine Vollversammlung der Philosophen 247

und dazu drei Legierungen, nänüich Bronze und Messing sowie eine Nicht nur Pythagoras, auch alle anderen Teilnehmer tragen die Na­
Schmelze von fünf Metallen. Und dass die Inder auch gut zu beobachten men bekannter griechischer Kosmologen, aber in einer auf dem Wege
wussten, zeigt sich daran, dass ihnen die Flammenfärbung als Mittel vom Griechischen durchs Arabische ins Lateinische bis zur Unkennt­
zur Unterscheidung der Metalle diente - dies nicht nur vor den Euro­ lichkeit verstümmelten Form. Dass Anaxagoras wirkUch Anaxagoras
päern, sondern auch vor den Arabern. bedeutet, ist wohl nahe liegend, genau wie nahe liegt, dass Pitagoras
tatsächlich auf Pythagoras hinweist. Aber dass Iximidrus den Anaxi-
mander meint, Exumdrus den Anaximenes, Pandolphus den Empedo-
21. Eine Vollversammlung der Philosophen kles, Arisleus den Archelaos, Lucas den Leukipp, Locustor den Ekphan-
tos und Eximenos den Xenophanes, das zu zeigen, ist erst einem Ara­
Tatsächlich haben die Araber, soviel ich weiß, die Flammenfärbung als bisten unserer Tage, nämlich Julius Ruska, durch Rückübersetzung ins
analytisches Mittel nicht gekannt, aber das sagt natürlich noch nicht, Arabische gelungen. Bei all den nun entschleierten Philosophen handelt
dass sie nichts von den Indem gelernt hätten. Wir brauchen nur an die es sich übrigens um Vorsokratiker, die allesamt mehr als 1000 Jahre vor
Übernahme indischer Mathematik einschließlich der Ziffer <NuU> zu Abfassung des Berichtes über ihren schier unmöglichen Kongress gelebt
denken. Aber die historische Forschung zeigt uns, dass die arabischen haben. So ist es doch recht erstaunÜch, dass in den Redebeiträgen der
Adepten sich nicht, oder wenn, dann nur unterschwellig, auf indische nun zu Alchemisten gemachten Philosophen deren jeweilige kosmolo­
oder chinesische Alchemie, auf indische oder chinesische Asketen und gische Vorstellungen häufig zumindest ansatzweise richtig wiedergege­
Weise bemfen haben. Die Araber beriefen sich auf die Griechen, auf ben werden. Nicht ganz so erstaunlich, aber doch bemerkenswert ist
deren Alchemisten, auf deren Denker, auf deren mythologische Gestalten, auch, dass kein arabischer Philosoph oder Alchemist an der Diskussion
auch wenn diese Griechen im arabischen Mittelalter unter Missinterpre­ beteiligt ist, nicht einmal mit einem Zwischenruf von der Besucher­
tationen und Wortverdrehungen zu verschwinden drohten, genau wie galerie. Uthman ibn Suwaid hat alle seinen Kollegen, auf die seine Turba
dies später im christlich-abendländischen Mittelalter häufig nüt den ja zielte, in die Rolle stummer Zuhörer gedrängt.
arabischen Alchemisten geschehen sollte. Ein schönes Beispiel für die Aber nun zum Text selber, der zu einem Zitatenschatz, einem wahren
Bewahmng einer einzigen, sozusagen ungetrübten Tradition unter einem <Büchmann> der abendländischen Alchemie werden sollte:
Wust von Überlagemngen ist die <Turba philosophomm>, die <Ver- A uf Geheiß des Pitagoras beginnt Iximidrus das Redetumier mit dem
sammlung der Philosophen>, obwohl in diesem eigenartigen Buch auch Satz, dass aller Dinge Anfang die Natur sei, womit er sein Konzept des
ein indirekter Hinweis auf das <Buch der Gifte> des indischen Autors <Ohne-Grenzen-Seienden>, also das Apeiron, meint, das in der anaxi-
Kautilya vorkommt. mandrischen Philosophie den Urstoff, das Hen to pan, bildet. Die so
Der Verfasser der Turba wird zur Zeit Gabirs gelebt haben, denn die­ begriffene Natur ist ewig und bringt alle Dinge aus sich hervor. Alles
ser behauptet in einem seiner Bücher, antike Philosophen, unter ihnen Werden und Vergehen hängt ab von Zeitperioden und Zeitpunkten, die
Hermes, Pythagoras, Sokrates und Demokrit, hätten einst eine Ver­ vom Lauf der Sterne bestimmt werden. An diese Behauptung schheßt
sammlung abgehalten, um Probleme der Alchemie zu diskutieren. An­ Iximidrus eine Schilderung des Kosmos an, in welchem die Elemente so
fang des IO. Jahrhunderts werden Teile der Turba von Ibn Umail zitiert, angeordnet sind, dass die feurigen Gestirne und die Sonne die äußerste
was beweist, dass das Werk, das wir vollständig nur in einer lateini­ und die Feuersphäre einnehmen, dann folgt die Luftsphäre, die Gott als
schen Übersetzung aus dem 13. Jahrhundert kennen, arabischen Ur­ eine Art Schutzmantel zwischen Erdsphäre imd Gestimsphäre gesetzt
sprungs ist. Der Autor der Turba ist möglicherweise ein gewisser Uthman hat, und schließlich die Erde selbst. In ihrer Aufgabe wird die Luftsphäre
ibn Suwaid aus Panapolis, der Stadt, aus der auch Zosimos stammte. unterstützt vom Wasser, dessen kühle Feuchtigkeit durch die Sonnen­
Die Schrift gibt sich als Bericht über eine von Pythagoras einberufene wärme in die Luft emporgehoben wird. Gleichzeitig zieht aber die Sonne
Synode von neun Philosophen, deren Ziel es ist, die Verwirmng zu aus der Luft noch einen feineren Stoff, den Geist, das Pneuma, das le­
beseitigen, die infolge des übermäßigen Gebrauchs von Decknamen in benspendend in die Geschöpfe eindringt - womit der bei Anaximander
der Alchemie entstanden sei. Man fühlt sich an eine moderne Nomen­ wohl noch nicht so deutUch durchdachte Pneuma-Gedanke angespro­
klaturkonferenz erinnert, wenn nicht in erster Linie die Kosmologie imd chen ist. Aber so ohne weiteres können die Herren Kollegen die Behaup­
erst in zweiter Linie das pragmatische Problem der rechten Substanz­ tungen des Iximidrus nicht hinnehmen. Die Ansicht, dass die Welt ewig
bezeichnungen Hauptthemen der Turba gewesen wären. ist, ew ig war und ew ig sein wird, ist mit dem Koran nicht vereinbar.
248 II. In fremden Welten Eine Vollversammlung der Philosophen 249

Und so setzt Anaxagoras ihr in weiser Vorahnung das Bekenntnis entge­ chemischen Literatur oft zu findenden Anspruch, das Verborgene zu
gen: «Ich sage, dass der Anfang aller Dinge, die Gott geschaffen hat, der entbergen, und es dabei zugleich in einer nur den wahren Jüngern der
Glaube ist und die Vernunft.» (Ruska (2) 176) Nach weiteren Auseinan­ Kunst zugänglichen Verborgenheit zu belassen. Ob die Jünger, für die
dersetzungen über die Luftschicht, die die Erde von dem unter ihr be­ Uthman ibn Suwaid seine Turba geschrieben hat, alle in der Lage waren,
findlichen Wasser trennt, über die mit einem Berg zu vergleichende Ge­ das sozusagen hinter vorgehaltener Hand Offengelegte wirklich ans
stalt der Erde und über die vier Naturen, aus denen Gott alles geschaffen Licht zu ziehen, wage ich zu bezweifeln, obgleich wohl so mancher von
hat, spricht Locustor vom Gegensatz der geistig und der sinnlich wahr­ ihnen die vorgehaltene Hand gesehen, die Absicht gespürt hat - und
nehmbaren Welt und weist darauf hin, dass das Licht der Sonne die nicht verstimmt war. Schließlich war man in Alchemistenkreisen Kum­
Quelle der sinnlichen Wahrnehmung, die Vernunft dagegen die Quelle mer gewohnt.
der Gotteserkenntnis sei. Nachdem auch alle anderen Versammlungs- Damit sind wir schon einige hundert Jahre weiter vorgerückt, und
Teilnehmer ihre Meinung geäußert haben, bildet schließlich die Rede des zwar von den fiktiven Griechen des Plenums hin zu den ebenso fiktiven
Pitagoras den Höhepunkt der Tagung. A uf Bitten der Anwesenden setzt Arabern auf den Zuschauerbänken, und das heißt auch, hin zu den
er ihnen auseinander, aus welchen Elementen Gott die Engel, den Him­ Lesern der Turba.
mel, Sonne und Sterne geschaffen hat, warum alle aus mehreren Elemen­ Wie also sehen die Alchemisten aus, die die Bänke um die Tagungs­
ten zusammengesetzten Geschöpfe dem Tode unterworfen sind, und bühne bevölkern? Wir werden finden, dass die <arabischen> Alchenü-
warum die Engel weder Speise noch Trank benötigen. Im Schlussreferat sten zwar alle Arabisch lesen und schreiben konnten, aber offensichtlich
des ersten, des kosmologischen Kongressteils, setzt Eximenos, d. h. Xe- aus verschiedenen Teilen der islamisch geprägten Länder kamen und
nophanes, den Versammlungsteilnehmern auseinander, was anschei­ auch nicht alle Mohammedaner waren. Wir sehen Spanier, Nordafrika­
nend auch Uthman ibn Suwaid als letzte - und mit dem Islam überein­ ner, Syrer, Iraker und vielleicht hier und da mal einen Araber, der wirk­
stimmende - Weisheit angesehen wissen wollte: Es ist Gott, der die Welt lich aus der Gegend von Mekka und Medina stammte. Außerdem sehen
geschaffen hat, und zwar durch sein Wort; die Natur bildet eine Einheit wir an Reichtum oder Armut der Kleidung, dass die arabischen Adep­
in Vielheit, Hen to pan, die gesamte Natur, also auch die Natur oberhalb ten ganz verschiedenen Bevölkerungsschichten angehörten. Dazu brau­
der Mondsphäre, ist aus den bekannten vier Elementen zusammenge­ chen wir nicht erst auf so prächtige Gestalten wie den Prinzen Khalid
setzt. Mit seinen Bemerkungen zum Kreislauf der Natur, wonach alle hinzuweisen, es genügt, dass wir hier so gestandene Männer wie den
Geschöpfe Gottes nach ihrer Erzeugung eine Faulung oder Gärung, eine Chefarzt Ar-Razi erblicken. Die Repräsentanten der anderen Bevölke­
Putrefactio, durchmachen müssen, bringt er die Erörterung endlich auf rungsschichten, die Mühseligen und Beladenen, brauchen wir nicht erst
ihr bzw. unser eigentliches Thema, die Alchemie. zu suchen. Und ich kann mir denken, dass sie, die wahren, die ehrlichen
Im alchemischen Teil der Tagung gibt es noch 63 Redebeiträge, in Jünger der Alchemie, sich von den schmuddeligen kleinen Metallfäl-
denen u. a. Pandolphus von der Symbolik des Eis und Lucas von Geburt schem und Wunderdrogenpantschem, die man sicher in jedem Basar
und Tod als alchemische Metaphern reden. Im Plenum ist man sich antreffen konnte, kaum unterschieden haben. Vielleicht fehlt auch die­
einig, dass das Große Werk der Metallverwandlung nur mögüch ist sem oder jenem unter ihnen die rechte Hand, wie es der Reisende Leo
durch rechte Mischung der vier Elemente. Es werden nun verschiedene Africanus 1526 nach einem Besuch der Stadt Fes in seiner <Descrizione
alchemische Operationen besprochen, wobei es dem Verfasser der Turba delP Africa> so eindrücklich beschrieben hat:
aber nicht auf eine anschauliche Darstellung der Vorgänge, Beschrei­ «Ihre Zahl ist groß, sie sind schmutzig und stinkend wegen ihres
bung der Geräte usw. ankommt. Sein Ziel ist es vielmehr, all dasjenige Umgangs mit Schwefel und ähnlich Substanzen. Viele sind wegen
klarzustellen, was die <Neider> unter unzählbar vielen Decknamen ver­ Falschmünzerei mit dem Abhauen der Hand bestraft worden. Fast jeden
borgen haben. Mit <Neider> können eigentlich nur andere Alchemisten Abend versammeln sich viele von ihnen in der Hauptmoschee, um zu
gemeint sein, unter ihnen nicht wenige aus dem Lager des Islam selber. diskutieren. Sie teilen sich in zwei Gruppen, die eine bemüht sich um
So angebracht die Kritik an dem alchemischen Sprachwirrwarr war, das Elixier, die andere versucht eine Vermehrung des Goldes durch Ver­
so darf sie uns nicht dazu verführen zu glauben, dass uns Heutigen die mischen mit anderen Substanzen. Sie haben auch Bücher, und zwar von
in der Turba gegebenen Vorschriften verständlich wären. Über der gan­ Gabir, At-Tugrä'i, Al-Mugairibi, und dazu einen Kommentar von einem
zen Turba liegt der Hauch einer typisch alchemischen Denkweise. Of­ Damaszener Mamlucken, der noch unverständlicher ist als der Text
fensichtlich ist die Versammlung zusammengetreten mit dem in der al- selbst.» (Stroh. 175 f.)
1 251
250 II. In fremden Welten Die Zunft der dunklen Ehrenmänner

Offensichtlich waren die Alchemisten, ob sie nun der hermetischen


oder der protochemischen Richtung anhingen, Randerscheinungen der 22. Die Zunft der dunklen Ehrenmänner
Gesellschaft. Das bedeutet nicht, dass sie diesen Rand in irgendeinem
revolutionären Siime zu sprengen versuchten. Zum einen waren sie in Aber ach, es gab doch immer und überall, in China, in Indien, in Ä gyp ­
ihrem Wollen und Tun zu abseitig, um so etwas wie eine populäre ten, gewisse Leute, die mit durchaus unfrommen Gedanken ihre Rücken
Bewegung bilden zu können, zum anderen waren sie auch zu sehr auf über Tiegel und Pfannen krümmten und ihr Stoßgebet eher abwärts als
sich bezogen, um solch eine Bewegung sein zu wollen, und so hat sich aufwärts richteten. Ein so wichtiger wie peinlicher gemeinsamer Zug
auch der Staat höchstens von ihrem falschen Gold bedroht gefühlt, nie aller Alchemien sind die Gaunereien imd Fälschungskünste, die sich in
aber von den Alchemisten als einer politischen Gruppe. Man kann ihrem Umfeld abspielten.
sogar sagen, dass eine gewisse latente Feindlichkeit der Alchemisten Zu den simpelsten der Gaunereien gehören die Tricks mit der heim­
gegen die offiziellen Ideologien der sie umgebenden Gesellschaften zur lichen Zugabe von Gold: Man nehme etwas Gold, überziehe es mit Blei
Stabilisierung eben dieser Gesellschaften beitrug. Das gilt sicher für die und gebe das Ganze als reines Blei dem geheimnisvollen vor sich hin­
beiden monotheistischen Kulturen des Islam und des Christentums. dampfenden Reaktionsgemisch zu. Dazu kann man auch Kohlenstaub
Unter der Decke zog die Alchemie nämlich Menschen an sich, die zum und andere, die Erscheinung des Goldes kaschierende Substanzen her­
Pantheismus und zu einer Welt polarer Harmonisierungen neigten, anziehen. Und hilfreich ist immer etwas Wachs; Man nehme z. B. ein
und gab ihrem Streben eine gewissermaßen kreisförmig immer auf sich Kügelchen Gold, praktiziere es in einen hohlen Stab, verschließe diesen
selbst verweisende Richtung, die nicht auf den Sturz der Verhältnisse unten mit dem Wachs und rühre mit dem Ganzen in geschmolzenem
in Staat und Gesellschaft abzielte. Dabei ging die Sehnsucht der Adep­ Blei oder sonst einem heißen Brei herum. Wenn man keinen passenden
ten sehr wohl dahin, Ränder zu sprengen, Grenzen zu überschreiten, Rührstab hat, genügt ein Deckel, auf dessen Innenseite man mit Wachs
doch diese Grenzen war die Grenzen ihrer eigenen Existenz - in jeder eine Stückchen Goldblech klebe und den man dann samt Tiegel scharf
Beziehung. Wen der Furor alchemicus gepackt hatte, dem ging es nicht erhitze.
darum, ein wenig reicher zu werden, er wollte unermesslich reich wer­ A uf ähnlich schlichte Weise hat der arme Pan Kien-sheng aus dem
den, dem ging es nicht darum, ein wenig klüger zu werden, er wollte um 1830 n. Chr. erschienenen Novellenband <Die Pagode der hundert
umfassend weise werden, dem ging es nicht darum, gefeit zu sein Mädchen) von Li Yu-chen sein Vermögen verloren. Gläubig, geldgierig
gegen diese oder jene Krankheit, er wollte gefeit sein gegen alle Krank­ und alchemiebesessen, wie man anscheinend im 19. Jahrhundert noch
heiten. Der jede Grenzen sprengende Wahn, der aus der wahren Sehn­ sein konnte, ließ sich der reiche Pan von folgendem so unkomplizier­
sucht kommt, im Verein mit einer Hoffnung, die sich auf eine bestimm­ ten wie eindrucksvollen Transmutationserfolg eines Pseudoadepten
te Tradition, auf bestimmte naturphilosophische <Wahrheiten>, auf be­ nasführen: In einen Ofen wurde Blei und Quecksilber gegeben, wie es
stimmte Teilerfolge, auf bestimmte mentale Erlebnisse beim Umgang sich in der chinesischen Alchemie ja auch gehörte, und das Ganze wur­
mit der Materie stützen konnte, muss auf manche und gerade auf ge­ de dann mit einigem Hin und Her erhitzt. Zurück blieb transmutiertes
bildete Menschen wie ein Magnet gewirkt haben, urteilte doch schon Silber. Li Yu-chen verrät uns allerdings hinter vorgehaltener Hand, dass
im II. Jahrhundert ein kritischer Geist w ie der große Mathematiker Blei und Quecksilber verdampft sind und das Silber schon vorher in
und Physiker Al-Biruni, «dass viele verständige Leute in die Alchemie den Ofen praktiziert worden ist. Der Glaube und übrigens auch der
vernarrt sind, während viele Dummköpfe über sie und ihre Adepten Anblick eines schönen Gauners weiblichen Geschlechts aber hatten den
spotten». (Stroh. 177) armen Aspiranten höherer Weisheit dumm und blind gemacht.
Und wie heißt es in der Turba; «Wer seinen Rücken über unsere Bü­ Während sich der Pseudoadept und auch andere Betrüger, auf die
cher krümmt und dabei verweilt und nicht in eitle Gedanken verwickelt der vom Fast-Erfolg wie benebelte Pan Kien-sheng immer wieder her­
ist und endlich zu Gott betet, der wird ein nie versagendes Reich be­ einfiel, keine besondere Mühe zu geben und so auch keine Beweise für
herrschen, bis er stirbt.» (Ganz. 114) die höhere Kunst des Falschmünzens zu liefern brauchten, gab es in der
Geschichte der Alchemie doch auch Gauner von anspruchsvollerem Ni­
veau. Etwa 400 Jahre nach der Hedschra erzählten sich z. B. die Leute
in den Basaren von Damaskus imd Bagdad von einem Schwindler, der
selbst den Beherrscher aller Gläubigen, Gott schenke ihm ein langes
II. In fremden Welten Die Zunft der dunklen Ehrenmänner 253
252

Leben, übers Ohr gehauen habe. Der Schwindler war eines Tages als sehe Jahrmarkt der Eitelkeiten, der Geldgier und der Leichtgläubigkeit
ärmlicher Derwisch in einem Basar erschienen und hatte dort einem besonders reich ausstaffiert war. Und das ist das 18. Jahrhundert, das
Apotheker für billiges Geld einige wie grauer Ton aussehende Kügel­ Zeitalter der Vernunft.
chen verkauft, von denen er behauptete, dass sie gut seien gegen alle Der alchemische Weg hin zum Zeitalter der Vernunft und damit von
möglichen Zipperlein, und dass sie aus Tabarmaq von Khorassan bestün­ Bagdad nach Paris aber führt unweigerlich über das Zeitalter des Glau­
den. In Wirklichkeit waren sie, wie nur er wusste, eine getrocknete Paste bens und damit zunächst über die großen geistigen Umschlagplätze
aus Goldstaub, Holzkohle, verschiedenen Kräuterextrakten, Mehl und zwischen Islam und Christentum. Und das sind Toledo und Palermo.
Fischleim. Nachdem der Handel getätigt war, verschwand der Derwisch
spurlos, nur um nach einiger Zeit unerkannt als prächtig gekleideter,
offensichtlich wohlhabender Mann in der Hauptmoschee wieder aufzu­
tauchen. <Ganz nebenbei), wie man das eben so macht, wenn man den
Klatsch auf seiner Seite haben will, streute er das Gerücht aus, er sei ein
Adept und könne ungeheure Mengen Goldes aus seinen Töpfen und
Tiegeln zaubern. Natürlich hörten der Wesir und bald auch der Kalif
davon, der sofort den Plan fasste, sein zerfallendes Reich mit dem Golde
des Alchemisten wieder zusammenzukleistem. Der Kalif rief den Frem­
den an seinen Hof und forderte ihn auf, mit einer Demonstration seiner
Transmutation sein Können zu beweisen. Doch der falsche, aber pfiffige
Adept gab zu bedenken, zuvor müssten bestimmte Substanzen be­
schafft werden, ohne die man den Stein der Weisen nicht herstellen
könne. Das schien kaum Probleme zu machen, denn alle Dinge auf der
Einkaufsliste des Adepten waren leicht zu besorgen - bis auf den Ta­
barmaq von Khorassan. Man durchsuchte alle Basare der Stadt, und
schließlich fand man den Tabarmaq bei dem Apotheker, der ihn dem
Derwisch abgekauft hatte. Der große Augenblick im Palaste des Kalifen
konnte nun stattfinden. Der Adept tat alle Dinge, die für ihn gekauft
worden waren, in einen Tiegel, erhitzte diesen, ließ ihn abkühlen, und
siehe da, am Boden des Tiegels fand sich ein Kügelchen feinsten Goldes.
Der Kalif war tief beeindruckt, ließ den selbst ernannten Adepten reich
belohnen und erbat sich dafür eine größere Menge Goldes aus der A l­
chemistenküche. Das war einfacher gesagt als getan, denn im Basar war
kein Tabarmaq mehr zu finden. Aber der Alchemist wusste auch jetzt
Rat: Er kenne eine gewisse Höhle in Khorassan, w o es ein großes Vor­
kommen von Tabarmaq gäbe. Er forderte den Kalifen auf, eine Expedi­
tion nach Khorassan zu entsenden, aber der Kalif, schlau wie er war,
wollte das Geheimnis hüten und befahl seinem Hof-Alchemisten, sich
heimlich und allein auf den Weg zu machen, werm auch natürlich fürst­
lich versorgt mit allem Notwendigen einschließlich eines wohlgefüll­
ten Geldbeutels. Wie ihm befohlen war, zog der Adept bei Nacht und
Nebel los, und damit ist die Geschichte aus, denn er ward nie wieder
gesehen.
Ehe christlichen Gauner und deren wohlbestücktes Sortiment an
Tricks sollten wir uns Vorbehalten für die Zeit, in der der abendländi-
Chemisch-technische Schriften 255

wäre ein Zeichen unter anderen für eine schüchterne Berührung grie­
chischer Bildung mit der vergleichweise grobschlächtigen Kultur des
lateinischen Abendlandes.
III. In Klöstern und andernorts
2. Chemisch-technische Schrißen
I. Das Frühmittelalter: Byzanz und Europa
Mit einiger Mühe können wir noch ein zweites, allerdings nur in einem
Der Weg von Bagdad nach Toledo führt gewiss nicht über Bremen, doch Namen bestehendes Indiz dafür heranziehen, dass Byzanz auch nördlich
auf unserer Suche nach den Quellen der Alchemie in Europa sollten wir der Alpen mehr als nur in der Diplomatie bekannt war. Die berühmte
kein noch so kleines Wässerchen unbeachtet lassen und so auch das Rezeptsammlung <Schedula diversarum artium>, <Zettelchen zu ver­
eher bescheidene Rinnsal nicht, von dem uns der Mönch Adam in seiner schiedenen Künsten>, ist nämlich im ii. oder 12. Jahrhundert von einem
Vita Adalberts von Bremen berichtet. Adalbert war von 1045 bis 1072 Priester und zugleich Kunsthandwerker zusammengestellt worden, der
n. Chr. nicht nur Erzbischof von Bremen, sondern zudem Legat des ge­ sich Theophilos Presbyter nannte, obwohl er wahrscheinlich ein schlich­
samten europäischen Nordens und damit auch geistlicher Herr einer ter deutscher Mönch namens Roger aus dem Kloster Helmarshausen
Stadt, die wohl nur aus einer Palisadenburg samt eiiügen Kirchen, Hüt­ bei Kassel war. Der Künstlername des Autors enthält eine - sicher un­
ten und hölzernen Lagerhäusern bestand. In Adams kurz nach 1100 gewollte - Weisheit, denn die <Schedula> gehört zum Typ der ziemlich
n. Chr. geschriebenen Lebensbeschreibung des berühmten Kirchenfürs­ theoriefreien handwerklich-technischen Rezeptsammlungen, die wir
ten findet sich eine Bemerkung, die auf einen Kontakt Europas mit der schon von den beiden ägyptischen Papyri kennen. Sammlungen dieser
byzantinischen Alchemie schließen lässt. Dort heißt es nämlich, der Erz­ Art oder zumindest viele Rezepte aus diesen Werken schöpften wahr­
bischof habe einen getauften Juden namens Paulus an seinem Hofe ge­ scheinlich aus spätantiken und noch älteren Quellen, die aus dem öst­
habt, der aus Griechenland gekommen sei und der behauptet habe, er lichen Mittelmeer-Raum stammten. Das ist deshalb anzunehmen, weil
beherrsche die Kunst, aus Kupfer reines Gold zu machen. Der Erzbi­ das Kunsthandwerk der Kaiserzeit auch im Westen des Römischen Rei­
schof ist anscheinend prompt und ohne moralische und sonstige Beden­ ches fast ausschließlich in den Händen von Griechen oder Orientalen
ken auf diesen Tausendsassa hereingefallen. lag. Das Wissen der Griechen ist anscheinend großenteils direkt tradiert
Obwohl die kleine Geschichte der Goldmacherei zu Bremen sonst worden, hat also - nützlich und bodennah wie es war - die Stürme der
nichts weiter herzugeben scheint, ist sie doch gerade umfangreich genug, Völkerwanderungen in den Trümmern des Weströirüschen Reiches un­
ihr zwei Vermutungen anhängen zu können. Die eine betrifft das Alter beschadet überstanden. Außerdem scheinen Spezialhandwerker, etwa
der Alchemie im westlichen Europa, die andere den möglichen Einfluss für Glasmalerei, auch im Mittelalter noch aus dem Osten gekommen zu
byzantinischer Kultur auf eben dieses römisch-katholische Europa. sein. Von den Papyri unterscheiden sich die mittelalterlichen Rezept-
Dass Adam den alchemisch gesehen ziemlich unbedeutenden Herrn sammlimgen vor allem dadurch, dass es sich hier im Wesentlichen um
aus Byzanz nicht nur für nicht tadelnswürdig, sondern vor allem für Kunsthandwerk ohne <fälscherische Absicht> handelt, was nicht heißt,
bemerkenswert hielt, zeigt doch wohl, dass ihm die Sippschaft der A l­ dass nicht auch von Ersatzstoffen die Rede ist.
chemisten noch völlig unvertraut war. Offensichtlich ist die lateinische Die aus dem 8. Jahrhundert stammende Abhandlung <Compositiones
Alchemie keine gesamtmittelalterliche Erscheinung gewesen, erst im ad tingenda musiva .. .>, d. h. <Über das Färben der Mosaike .. .>, ferner
Hoch- und Spätmittelalter können wir von einer abendländischen A l­ die Kompilation <Mappae calvicula de efficiendo auro .. .>, d. h. <Schlüs-
chemie reden. Und das ruft natürlich nach einer Erklärung, an die wir sel zur Anweisung, Gold zu machen ...> (10. bzw. 12. Jahrhundert
uns aber erst dann heranwagen sollten, wenn wir mehr über die <Be- n. Chr.), und die Sammlung <De coloribus et artibus Romanorum>, d. h.
findlichkeit> der Alchenüsten und der Kulturen, in denen die Alchemie <Von den Farben und Künsten der Römer> (10. bzw. 12./13. Jahrhundert
existieren konnte, wissen. n. Chr.), sind dafür gute Beispiele. Im erstgenannten Kodex geht es vor
Die zweite Vermutung betrifft die Herkunft des Paulus. Hat die Kai­ allem um die kunsttechrüsche Verarbeitung der Edelmetalle. Aber wenn
serin Theophano oder - was eher möglich wäre - ihr Sohn Otto III. ihn man kein Gold hat und der kirchliche oder profane Auftraggeber ir­
aus der Heimat seiner Mutter kommen lassen? Denkbar ist es, und es gendetwas Schönes partout vergoldet haben will, dann behilft man sich
256 III. In Klöstern und andernorts Chemisch-technische Schriften 257

eben mit Kupferblättchen, die nach Behandlung mit Schwefelpräpara­ bestehenden, imterirdischen Haus werden zwei alte Hähne eingesperrt
ten goldgelb gefärbt erscheinen, oder man behilft sich mit einer Zinn­ und reichlich mit Nahrung versehen. Diese begatten sich und legen Eier,
folie, die man mit einem - bereits im Leidener Papyrus erwähnten - die man durch Kröten ausbrüten lässt. Aus ihnen schlüpfen die Basilis­
Firnis überzieht, der aus Safran, Auripigment und Chelidonium, das ist ken in Gestalt von Hühnchen mit Drachenschwänzen. Nach sechs Mo­
Schöllkraut-Saft oder etwas Ähnliches, zusammengemixt wird. naten werden sie verbrannt und fein zerrieben. Das BasiHskenpulver
Wenn wir auch mit einigem Recht behaupten können, die chemischen wird mit dem Blut eines rothaarigen Menschen und mit scharfem Essig
Rezeptsammlungen seien vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie zu einem Brei vermischt. Die Mischung wird nun beiderseits auf dünne
sich auf griechische Quellen stützen und von auffallender Nüchternheit Kupferplättchen aufgestrichen. Nachdem man die Plättchen zur Weiß­
sind, dann heißt das nicht, dass es nicht - glücklicherweise - auch <Aus- glut erhitzt hat, löscht man sie mit einem weiteren Teil der Mischung
reißer> gab. Zumindest zweien dieser Ausreißer können wir in der <Sche- ab und setzt diese Operation so lange fort, bis die Mischung das Kupfer
dula> begegnen. durchdringt und Gewicht und Farbe des Goldes annimmt. Das Basilis-
In der Mitte seines Werkes - Liber tertius, Capites XLVIII et XVIX - ken-Gold ist, so versichert uns Theophilos, «zu allen Werken geeignet».
beschreibt Theophilos nämlich zwei Methoden zur Herstellung von (Theob. 98)
Gold, deren eine das <spanische Gold> betrifft. <Spanien> deutet dabei Ein anderes Gold, das ebenfalls aus Spanien stammt, wird nach einer
auf die Araber und nicht auf die Byzantiner, die er ja auch nicht als ganz anderen und nicht weniger phantastischen Methode gewonnen,
«gentiles, quorum peritia in hac arte probabilis est» (Theob. 97) anreden der zufolge man einen bestimmten Sand mit Quecksilber vermischt, den
würde, also als «Heiden, deren Erfahrung in dieser Kunst alle Achtung Brei darm ausschüttelt und das Flüssige durch feinmaschiges Tuch
verdient». presst. Was zurückbleibt, ist Gold, das man in einen Schmelztiegel gibt
Das ist schon bemerkenswert genug. Aber bemerkenswerter noch ist und schmilzt.
der Inhalt dessen, was Theophilos zu berichten hat. Die Peritia bezieht Was ist, wenn wir das Ganze mit unbefangenen Augen zu sehen ver­
sich nämlich vor allem auf die edle Kunst der Basiliskenzucht, deren suchen, wahrscheinlicher, das Basihsken- oder das Amalgam-Verfah­
Nutzen auch für uns Heutige schon deshalb auf der Hand liegt, weil ren? Aber was heißt unbefangen, was heißt leichtgläubig, wenn wir an
Basilisken nicht nur gut zum Goldmachen, sondern auch gut sind zur die Anekdote vom Entdeckungsreisenden denken, der irgendwo im Fer­
definitiven Beendigung gewisser Diskussionen. Dazu braucht man nur nen Osten einem Landesfürsten das Märchen vom Dukatenesel aufge­
einen Basilisken an geeigneter Stelle und zu einem geeigneten Augen­ bunden hatte: Als dieser ihm seinerseits das Märchen von Würmern,
blick. Ist dieser gekommen, z. B. wenn man der physischen Erschöpfung die aus ihrem Hintern Fäden ziehen, aufband, wollte er es natürlich
nahe ist, fische man ihn vorsichtig aus der Jacken- oder Handtasche, nicht glauben und verpasste so die Entdeckung der Seidenherstellung.
woraufhin er, während man selbst seinen eigenen Blick tunlichst in die Übrigens könnte in der BasiHsken-Geschichte ein chemisch-alchemi-
Feme schweifen lässt, den unbelehrbaren Diskussionspartner mit all der scher Kern stecken, der dem Theophilos verborgen geblieben ist. Es ist
Überzeugungskraft, die man zuvor vergebens in seine eigenen Argu­ denkbar, dass unter der BasiHskenasche Zinkoxid zu verstehen ist. Das
mente gelegt hatte, anblickt. Damit ist dann die Diskussion zwanglos spanische Gold wäre demnach nichts anderes als Messing, und die gan­
beendet, dieweil unser Kontrahent ganz plötzUch zu dem wird, was er ze Geschichte von den Hähnen und Kröten wäre entweder bewusster
vielleicht schon immer hat werden wollen, zum Denkmal seiner selbst, Unsinn oder enthielte verschlüsselte Angaben zu dem Zweck, das Ge­
verwandelt doch der Blick des Basilisken Lebendes und damit Schwat­ heimnis für Außenstehende zu verschleiern und dennoch im Kopf der
zendes zu Stein. Im Ehekrieg ist der Basilisk übrigens nicht brauchbar, Eingeweihten die richtigen Ahnungen zu wecken. Das Ei der Hähne
weil er sich beim Blick in einen Spiegel selbst tötet. Sehr hilfreich dage­ erinnert an das philosophische Ei der Alchemisten, in dem Gold ausge­
gen ist er zum Aufbessem der Familien-Finanzen, kann man ihn doch brütet wird. Außerdem wurden künsthche Perlen zuweilen durch Ver-
im wahrsten Sinne des Wortes zu Gold machen. fütterung an Tauben oder Hühner gereinigt. Auch der Basüisk und das
Dazu muss man ihn allerdings erst haben, und zwar in mehreren Blut eines rothaarigen Menschen sind beliebte Decknamen, die in alche-
Exemplaren, wenn sich die ganze Sache lohnen soll. Und weil es aus mischen Rezepten immer wiederkehren. Das Wort Basiliskos heißt <Klei-
naheliegenden Gründen schwierig ist, einen Basilisken auf dem freien ner König>, und tatsäclüich glaubte man, der Basilisk trage ein Krön-
Markt zu erwerben, muss man ihn sich selber züchten. Das geschieht, chen aus purem Gold auf dem hässlichen Haupte. Und als Regulus vom
wie uns Theophilos mitteilt, folgendermaßen: In einem ganz aus Steinen Griechen zum Lateiner gewandelt, bestand der Basilisk ganz aus Gold,
258 III. In Klöstern und andernorts Brücken zum Hochmittelalter 259

war Regulus doch die Bezeichnung für das Goldkügelchen, das bei der Die großen Lehrmeister des lateinischen Mittelalters waren nicht die
Verbrennung von Goldlegierungen im Tiegel zurückbheb. Von ähnlich Byzantiner, sondern die Araber. Aber auch von den Arabern lernten die
schillernder und damit echter Symbolik ist auch das Blut des rothaari­ Westeuropäer erst spät. Einige Schwalben, die einen Sommer aber erst
gen Menschen. In ihm kommt die Farbe Rot sozusagen doppelt vor, und ankündigten, gab es schon im 10. und ii. Jahrhundert - immerhin drei­
das deutet doch wohl, wenn auch vage, hin auf das verwandelnde Exi­ einhalb Jahrhunderte nach dem ersten Kontakt der Muslime mit den
lier. Westeuropäern. Zu nennen ist hier vor allem Gerbert von Aurillac, der
Das Rezept zur Gewinnung von Basilisken-Gold könnte also sehr nach einem der Wissenschaft gewidmeten dreijährigen Aufenthalt im
wohl etwas mit spanischer Alchemie zu tun haben. Sollte nun diese maurischen Spanien nicht nur arabische Zahlen in die abendländische
Vermutung stimmen, dann wäre die Tatsache, dass Theophilos die wah­ Rechenkunst einführte, sondern 999 n. Chr. als Sylvester II. auch Papst
re Bedeutung seiner eigenen Worte nicht durchschaute, ein weiterer wurde. Zu neimen ist aber auch ein Adelard von Bath, der nicht nur
Hinweis darauf, dass die <so t)^isch mittelalterliche) Alchemie arabi­ astronomische Tafeln übersetzte, sondern auch in seinen <Questiones
schen Ursprungs und vor der Zeit des Kulturkontaktes mit den Arabern naturales) die arabische, von Autoritäten angeblich unabhängige Ge­
im Abendland unbekannt war. lehrsamkeit den trägen Christen als Vorbild vor Augen hielt. Mit Ade­
lard und anderen kam der wahre Frühling der Rezeption arabischen
Wissensgutes, denn erst ab dem ersten Drittel des 12. Jahrhunderts ha­
j . Brücken zum Hochmittelalter ben sich christliche Gelehrte systematisch bemüht, von den Arabern zu
lernen, was immer es zu lernen gab. Und das war sehr viel, umfasste
Aber warum eigentlich ist die lateinische Alchemie nicht früher entstan­ es doch alle damals bekannten Wissenschaften.
den? Selbst wenn wir annehmen, dass das Mittelalter nicht von sich aus Warum aber hat der Lernprozess nicht früher stattgefunden, oder
zur Alchemie gelangen konnte, sondern dass es dazu eines Anstoßes sagen wir besser: nicht früher mit der Intensität stattgefunden, die die
aus den benachbarten Kulturkreisen bedurfte, selbst dann behält die große Zeit der Übersetzungen kennzeichnet?
Frage ihr Gewicht. Denn hat es nicht schon vor dem 12. und 13. Jahr- Das hängt sicher u. a. mit dem Appetit auf Kultur zusammen. Mit
himdert <Anstoßmöglichkeiten>, hat es nicht Kontakte des christlichen Appetit dieser Art ist es so eine Sache, vor allem dann, wenn man sich
Abendlandes mit dem Byzantinischen Reich und mit den arabischen auf religiösem Gebiet überlegen fühlt, durch zivihsatorische Unterle­
Reichen gegeben? Gab es, um hier nur Beispiele friedlichen Kontaktes genheit aber verunsichert fühlt. Kulturgüter zu übernehmen nämhch
zu bringen, nicht schon Anfang des 9. Jahrhunderts die Gesandtschaften bedeutet, eine Unterlegenheit einzugestehen, und das fällt am leichtes­
Karls des Großen an den Hof des Kalifen zu Bagdad? Gab es, wenn wir ten, wenn man sich seinen freiwilligen oder unfreiwiUigen Lehrern
nun nach Byzanz und nicht nach Bagdad blicken, nicht eine mehr oder gegenüber zumindest stärker und d. h. machtpolitisch überlegen fühlt.
weniger feste religiöse Einheit zwischen Rom und der Kaiserstadt, die Und so wie die Muslime erst nach ihren militärischen Siegen in Afrika
erst Mitte des ii. Jahrhunderts aufgekündigt wurde? Und was die kul­ und im Nahen Osten die kulturellen Schätze der Länder, die sie erobert
turelle und wirtschaftliche Verbindung zwischen den Erben des West- hatten, übernahmen, so übernahmen auch die Christen erst dann das
und des Oströmischen Reiches anging, bot sich da nicht die Republik Wissen der Mohammedaner systematisch, als sie sich ihnen iiülitärisch
Venedig, die im Frühmittelalter formell Vasall des byzantinischen Kai­ überlegen fühlen konnten. Und sie übernahmen es erst dort, wo sie
sers geblieben war, als Brücke an? Länder mit ehemals christlicher und nun chnstlich-mohammedani-
Das alles sei zugegeben. Und doch haben - auf die Alchemie bezogen scher Mischbevölkerung auf Dauer von den Ungläubigen zurückerobert
- die Umstände aus den Möglichkeiten keine Gelegenheiten werden hatten. Natürlich konunen andere Gründe für die so intensive <Ara-
lassen. Man kann, bis bessere Quellen uns eines Besseren belehren, an­ bien-Rezeption) hinzu, genannt sei nur das zunehmende Erstarken der
nehmen, dass die westlich-christliche Alchemie den Byzantinern nicht Städte im 12. Jahrhundert, deren bedeutendste nun Kathedralschulen
viel zu verdanken hat, und dies, obwohl mit Salmanas (9./10. Jahrhun­ und ab dem 13. Jahrhundert auch Universitäten in ihren Mauern be­
dert), mit Michael Psellos ( i i ./ 12. Jahrhundert) und mit Nikophoros herbergten. Der Appetit auf Kultur, oder sagen wir besser, der Appetit
Blemmydes (13. Jahrhundert) späterhin durchaus bekannte Alchemisten auf eine selbständige, eine offene Kultur, war schon geweckt, als die
Vorgänger und Zeitgenossen der Übersetzer alchemischer Schriften aus lateinischen Gelehrten sich nach Süden, nach Spanien und Sizilien,
dem Arabischen waren. w andten.
200 III. In Klöstern und andernorts Brücken zum Hochmittelalter 261

Aber das beantwortet noch nicht die Frage, warum generationenlang teles nach Europa eindrangen, nicht viel mit dem Herren aus Stageira
mit unveimmderter Begeisterung Werke übersetzt und aufgenommen zu tun. Außerdem hatte sich ja schon im ii. und 12. Jahrhundert die
wurden, die die Erzfeinde des mittelalterlichen Christentums ihrerseits Schule von Chartres intensiv mit der schon seit der Spätantike in Über­
von Heiden oder - was man allerdings meist nicht wusste - von ver­ setzung aus dem Griechischen vorliegenden hermetischen Schrift <As-
dächtigen frühchristlichen Sekten übernommen und im Grunde nur klepius> beschäftigt und sie mit dem Dialog <Timaios> ihres geliebten
aus- und umgebaut hatten? Schlicht und vereinfacht gesagt: Es lag an Platon verglichen.
Aristoteles, einem Heiden, gewiss, aber einem Heiden, der den mittel- Die Hochscholastik ab dem 13. Jahrhundert und mit ihr die lateini­
alterhchen Gelehrten, die um die Verbindung von Glauben und Wissen sche Alchemie aber sind Kinder von Übersetzungen, die nicht direkt
rangen,^ eine intellektuelle Sicherheit im Rahmen des christlichen Glau­ aus dem griechischen, sondern aus dem arabischen Kulturbereich ein­
bens zu bieten schien. Es bedurfte einiger Anstrengungen, den Aristo­ gewandert waren. Einige wenige Stichworte zum geographischen
teles zu christianisieren, worin vor allem Thomas von Aquin im 13. Jahr­ Grenzbereich zwischen Islam und Christentum reichen wohl aus, um
hundert Hervorragendes geleistet hat, aber in der Begeisterung der deutlich zu machen, wie diese Einwanderung geschah. Und sie sollen
Übersetzungstätigkeit glaubte man wohl, dass die nichtchristlichen Ele­ zugleich zeigen, wie die Basis, auf der die westliche Christenheit ihr
mente in der Lehre des Aristoteles, z. B. die Hypothese von der Unend­ Selbstbewusstsein aufbauen konnte, sich im ii. und 12. Jahrhundert
lichkeit der Welt, nicht zu den unbedingten Voraussetzungen seiner deutlich verbreiterte:
Naturphilosophie gehörten und uminterpretiert werden könnten.^ Un­ Das, was die Christenheit so sehnsüchtig erhofft hatte, nämlich im
ter dieser Voraussetzung konnte die über die Araber tradierte aristote­ Heiligen Lande Fuß zu fassen, gelang ihr zwar, allerdings nicht auf
lische Naturphilosophie ihren ganzen Reichtum entfalten. Die Masse Dauer. Trotz mehrerer Kreuzzüge ab 1096 n. Chr., trotz der Errichtung
der frisch übersetzten Aristoteles-Texte führte zu einem deutlichen qua­ christlicher Königreiche und Fürstentümer blieb Palästina, nachdem
litativen Sprung. Die Menge naturwissenschaftlicher imd metaphysi­ 1291 n. Chr. mit Akka auch die letzte christliche Festung gefallen war,
scher Einzelerkenntnisse bekam jetzt nämlich eine neue Qualität: Die in der Hand der Mohammedaner.
innere Logik, die Universalität und die innere Geschlossenheit des aris­ In Spanien dagegen erreichte die Reconquista, die Wiedereroberung
totelischen Gesamtsystems wurden sichtbar. Es schien, als habe Aristo­ der ganzen iberischen Halbinsel, nach dem Zusammenbruch des letzten
teles eine fertige Philosophie geliefert, die allen anderen Denkansätzen Omaijaden-Kalifats im Jahre 103 m . Chr. einen ersten dramatischen und
etwas Wesentliches voraus hatte, nämlich den Beweis ihrer Richtigkeit. dauerhaften Erfolg: 1085 n. Chr. fiel Toledo, und nach vielen Rückschlä­
Und der Beweis ihrer Richtigkeit lag in den Augen der Zeitgenossen in gen wurde 1236 die alte Kalifenstadt Cordoba erobert, die in ihrer
der Unwiderlegbarkeit und Geschlossenheit einer Naturerklärung, die Glanzzeit eine halbe Million Menschen im Schatten von 3000 Moscheen
Aristoteles auf den Grundprinzipien seiner eigenen Naturphilosophie beherbergt hatte. Der Zuwachs an Macht und Besitzung gab dem König
aufgebaut hatte. Man muss sich die intellektuelle Versuchung einmal Alfons X. von Kastilien und Leon, den man auch den Weisen nermt,
vorstellen, die in all dem steckte: Endlich schien man einen Lapis zu nicht nur die Möglichkeit, eine ziemlich verunglückte Großmachtpolitik
besitzen, der wirklich der Weisheitsstein der Philosophen war, einen zu treiben, sondern auch Kultur und Kulturkontakte aktiv zu fördern.
Stein der Weisen als Allheilmittel für alle Zweifel des Glaubens und des Der Niedergang der arabischen Macht ging auch nach dem Tode des
Wissens oder, besser gesagt, für alle Zweifel des Unwissens. Welches Königs weiter, und schließlich besiegelte 1492 n. Chr. der Fall von Gra­
Gefühl der Erlösung, der Befreiung muss das erweckt haben, welche nada, der u. a. einem Christoph Columbus das ersehnte königliche Pa­
Aufbruchstimmung wird in die Hörsäle der gerade gegründeten Uni­ tent für seine Suche nach Indien einbrachte, das Ende der arabischen
versitäten eingezogen sein! Wenn Aristoteles also zunächst nicht in die Herrschaft auf der iberischen Halbinsel. Aus der Reconquista Iberiens
christliche Landschaft paßte, so gab es dennoch keine Kräfte, keine Phi­ wurde die Conquista Amerikas.
losophien, die ihn aus dieser Landschaft hätten verdrängen können. In Sizilien verliefen die Ereignisse etwas anders. Was die Spanier der
Mit Aristoteles, einem <neuen> Aristoteles, wanderte auch die Alche­ Zähigkeit verdankten, verdankten die Sizilianer dem Wagemut von
mie, gehüllt in den Mantel der aristotehschen Elementen- und Trans­ Abenteurern. Normannische Ritter, die sich Anfang des 11. Jahrhun­
mutationslehre, nach Europa ein. Dass unter diesem Mantel nicht alles derts in Unteritalien festgesetzt hatten, griffen 1061 die Insel selbst an
rein aristotelisch war, fiel nicht weiter auf oder störte nicht, hatten doch und eroberten sie in einem dreißigjährigen Kampf. Im Jahre 1194 ging
auch diverse mantische und andere Werke, die im Gefolge des Aristo­ das nomnannisrhe Gebiet in staufischen Besitz über imd erlebte, nach-
262 III. In Klöstern und andernorts Noch einmal: Übersetzungen 263

dem schon König Roger II. Anfang des Jahrhunderts den Kulturkontakt waren. In einer Zeit einer sowohl kriegerischen als auch friedlichen Aus­
mit den Arabern bewusst gepflegt hatte, eine Glanzzeit unter dem Kai­ einandersetzung der beiden großen Kulturmächte Christentum und Is­
ser Friedrich II., der von 1197 bzw. 1222 bis 1250 n. Chr. die Insel als lam standen die Juden zwischen den Fronten, im Guten wie im Bösen.
eine Art Renaissancefürst avant la lettre regierte. Zentrum der Kultur war Ihr Monotheismus bildete den Hintergrund sowohl des Christentums
hier die Universität von Salerno, an der besonders die Medizin gepflegt als auch des Islam, weshalb sie sich mit beiden Religionen geistig ver­
wurde. ständigen kormten, aber sie waren in beiden Kulturkreisen doch nur
Nicht das Heilige Land, aber Spanien und Süditalien, wo man fest bestenfalls geduldet, wenn es ihnen auch im islanüschen Raum im
im christlichen Sattel saß, konnten nun die Brücken bilden, über die Großen imd Ganzen besser ging als im christlichen.^
man in aller Ruhe das Wissen der Erzketzer importieren konnte. Ob Ob nun aber Jude, Mudejare, Mozaraber oder Franke: Mit bloßer
es etwas zu exportieren gab außer Waffengewalt - ich weiß es nicht; Kenntnis des Arabischen oder gar nur eines andalusischen Dialektes
für die Alchenüe zumindest waren die Brücken Einbahnstraßen, die war es nicht getan. Häufig beherrschten die Übersetzer aus dem Arabi­
von der überlegenen arabischen Gelehrten-Kultur hin zu den Schreib­ schen kein Latein, sondern nur andalusische Dialekte, während umge­
stuben von Franken führten, die sich als Träger einer im 12. Jahrhun­ kehrt die Latein sprechenden Gelehrten oft weder Arabisch sprechen
dert um sich greifenden intellektuellen Neugier mit dem Wissen ihrer noch gar lesen konnten, wie dies etwa bei dem <Team> des jüdischen
Zeit und ihrer Kultur nicht mehr zufrieden gaben, wenn auch weiter­ Gelehrten Johannes von Sevilla (Ibn Daud) und Dominicus Gundissali-
hin im typisch scholastischen Bemühen, Glauben und Wissen mitein­ nus der Fall war: Johannes sprach außer Arabisch nur den damaligen
ander zu verbinden. kastüischen Dialekt, Dominicus außer Kastilisch nur Latein. Ganz ähn­
lich arbeitete auch Gerhard von Cremona - ebenfalls Mitte des 12. Jahr­
hunderts - mit einem Mozaraber namens Galippus (Ghalib) zusammen.
4. Noch einmal: Übersetzungen Dominicus und Gerhard waren bedeutende Gelehrte, die auch einen
Blick für bedeutende Gesprächspartner hatten. Wenn aber zur Unkennt­
Die Probleme der Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische nis der Start- bzw. der Zielsprache noch hinzukam, dass weder die Ein­
glichen natürlich denen der Übersetzungen aus dem Griechischen ins heimischen noch die Zugereisten ausreichend Kenntnis des philosophi­
Arabische. Hier, im Schnittpunkt moslemischer und christlicher Kultur, schen Hintergrunds hatten, auf dem die vorliegenden Texte geschrieben
dienten vor allem drei Bevölkerungsgruppen als Übermittler, unter de­ worden waren, dann müssen sich so manche von ihnen wie der mythi­
nen - wir beschränken uns auf Spanien - zunächst die Mozaraber ge­ sche Held mit dem Stein vorgekommen sein. Genau wie dem Sisyphos
nannt seien. Das sind Christen, die sich in ihren Sitten, ihrer Kleidung, schien auch ihnen der Stein, d. h. der Sinn des Übersetzten, immer wie­
ihrer Sprache den Arabern angeglichen hatten, obwohl sie Christen ge­ der aus den Fingern zu gleiten. In dieser Lage verzichtete manch einer
blieben waren. Die iberische Halbinsel war ja vor der Eroberung durch der Übersetzer schlicht darauf, seinen Stein bis zum Gipfel der Ver­
die Araber christlich gewesen, und die Moslems hatten der unterwor­ ständlichkeit zu rollen, und übersetzte einfach wortwörtlich und ohne
fenen Bevölkerung weitgehend ihren Glauben gelassen. Es gab aber Rücksicht auf grammatische und syntaktische Regeln. Und weim er
auch eine Bevölkerungsgmppe, die sozusagen seitenverkehrt zu den Wörter nicht kannte, so ließ er sie so, wie sie waren. Darum reden wir
Mozarabern lebte, imd das waren die Mudejaren, die sich im Laufe der heute noch von Alkali, Campher, Borax, Talk, aber auch von Artischo­
sich über mehr als 20 Generationen, nämlich vom 9. bis 15. Jahrhundert, cke, Kaffee, Jasmin, Safran, von Algorithmus und Algebra.
hinziehenden Reconquista als selbständiger Bevölkerungsteil herausge­ Natürlich hatten auch Übersetzer, die mit Herz, Verstand, Bildung
bildet hatten. Die Mudejaren waren Moslems, die sich in ihren Sitten, und genügend Sprachkermtnissen bei der Sache waren, damals wie
ihrer Kleidung und ihrer Sprache den christlichen Spaniern angepasst heute ein schweres Los, mit dem Unterschied, dass man die harte und
hatten, obwohl sie bis zu ihrer Zwangsbekehrung oder Auswanderung hingebungsvolle Arbeit des Übersetzens im Mittelalter anscheinend
an der Lehre Mohammeds festhielten. Die dritte Gruppe, die besondere mit weit mehr Bewunderung bedachte als heute. Wer außer mitleiden­
Beachtung verdient, waren die Juden, die gerade in Spanien Gelehrte den Fachleuten kennt die Namen bedeutender Übersetzer unserer Zeit,
von hohem geistigen Niveau wie Maimonides hervorgebracht haben wer an den Universitäten des Mittelalters aber kannte nicht die Namen
und ja übrigens - denken wir nur an die auch im lateinischen Mittelalter großer Übersetzer wie Gerhard und Dominicus, aber auch Robert von
hochberühmte Maria Prophetissa - immer auch mit der Alchemie liiert Chester, Michael Scotus oder Wilhelm von Moerbeke?'^ Und wahrlich.
r
n
264 III. In Klöstern und andernorts Noch einmal: Übersetzungen 265

diese Männer haben die Erinnerung verdient, die die Geschichte, die was ist, selbst unter den Bewaffneten, so wie wir auch nicht wissen,
sonst meist ein besseres Gedächtnis für große Verbrecher der Weltge­ ob diese Moschee dort nicht in Wirklichkeit eine Mozaraber-Kirche ist,
schichte hat, ihnen auch heute gnädig gewährt, mussten sie doch die jenes kirchenähnliche Gebäude dagegen eine der vom geistlichen
Masse des Wissens, das sie von einer Kultur in die andere übertragen Herrn der Stadt, Erzbischof Raimund, durchaus noch geduldeten Mo­
wollten, weit höher wälzen als die Übersetzer heute, dies einfach des­ scheen. Wie die Menschen inmitten all des Geschreis in verschiedenen
halb, weil - zumindest auf dem Gebiet der Naturphilosophie - das Dialekten und Sprachen, in das sie alle eingetaucht sind wie in ein
Kulturgefälle zwischen der islamischen und der christlichen Kultur ewig bewegtes Meer, sich überhaupt verständigen, das ist uns ein Rät­
größer war als das zwischen heutigen Kulturen, die doch alle mehr sel, bis wir merken, dass w ir mit einer Art heruntergekommenen La­
oder weniger deutlich Versionen einer einzigen Weltkultur sind. Genau teins - es wird später einmal die Sprache von Cervantes und Calderon
dieses Kulturgefälle macht die Leistung etwa der spanischen Überset­ werden - ganz gut zurechtkommen. Und übrigens: Den okzidenta-
zerschule so eindrucksvoll. lisch-orientalischen Gemeinschaftsgestank, der über der Stadt liegt,
Wenn man sich einige unterschiedliche Übersetzungsversionen an­ den sollten wir auch nicht vergessen.
schaut, die alle unter dem Namen Gerhards von Cremona umliefen, Wie anders aber ist das Bild, sind die Geräusche, sind sogar die
kann man wohl von einer Schule oder gar von einem Übersetzungs-In­ Gerüche, wenn wir endlich im Innenhof der Übersetzerschule stehen;
stitut reden. Und das sollten wir einmal besuchen. murmelnde Menschen und vielleicht auch ein murmelnder Brunnen,
Wie so viele Fremde ziehen auch wir nach Toledo durch das heute Ahnung von Bücherstaub, Lampenöl und Wachs von den Kerzen unter
noch erhaltene Tor ein, das König Alfons VI. im Jahre 1109 n. Chr. hat den Heiligenbildern. Das Gebäude ist sicher klosterähnlich, mit Kreuz­
erbauen lassen, und durch das schon so viele Schriftrollen astrologi­ gang und Kirche, und ist vielleicht auch Teil des Palastes, in dem der
schen, physikalischen, philosophischen und alchemischen Inhalts auf Erzbischof residiert. Wir kennen keine Beschreibung des Überset­
Eselsrücken ein- und ausgewandert sind. Es sollte uns leicht fallen, uns zungsinstituts, aber es mag nicht anders ausgesehen haben als die
vorzustellen, wie wir uns unseren Weg durch die Volksmassen bahnen, üblichen mittelalterlichen Scriptorien, w o an Pulten, oft an breiten
die sich in den engen, steilen Gassen der Stadt drängen. Da sehen wir Stehpulten, auf denen mehrere Texte Platz finden konnten, tags, aber
Männer in zerlumpten Pumphosen und kurzärmeligen Jäckchen über auch nachts beim Schein der Öllampe geschrieben wurde. Sicher gab
den nicht immer sauberen Blusen, da sehen wir Händler im Kaftan es auch Räume, in denen die lateinischen Gelehrten mit ihren Zu- und
oder Burnus oder auch im fränkischen Reiseumhang, da sehen wir Zwischenträgern über Texte und Übersetzungsversuche diskutieren
verschleierte, aber auch unverschleierte Damen, die fast alle, wie auch konnten.
die meisten Männer, ein turbanähnliches Tuch auf dem Kopf tragen, Hier im Scriptorium zu Toledo finden wir vielleicht auch den frühe­
da sehen wir arabische Marktfrauen in weiten Hosen und Obergewän- sten Übersetzer eines genuin alchemischen Textes, Robert von Chester.
dem, aber auch Bauersfrauen in gestickten Röcken und Blusen, die Im Auftrag des Abtes des Reformklosters Cluny hat Robert zusammen
sicher zur christlichen Landbevölkerung zählen, da sehen wir Bauern mit seinem Freund Hermann von Kärnten den Koran und andere theo­
mit farbigen Tüchern statt eines Gürtels, die Lastenesel vor sich her­ logische Werke ins Lateinische übertragen, aber nun am ii. Februar des
treiben, an deren Sätteln neben Früchten und Getreidesäcken lebende Jahres 1144 n. Chr. setzt er gerade den letzten Federstrich unter ein
Hühner hängen, und natürlich sehen wir da auch die sprichwörtlichen Werk, dessen Titel - zumindest in späteren Druckausgaben - in schöner
räudigen Hunde, die sich zwischen den Beinen der Esel und Mulis Weitschweifigkeit lautet: <Liber de compositione alchemiae quem edidit
herumdrücken, während ich nicht sicher bin, ob wir in dieser vor kur­ Morienus Romanus, Calid regi Aegyptorum: quem Robertus Castrensis
zem noch mohammedanischen Stadt die sich üblicherweise im Stra­ de Arabico in Latinum transtulit>, <Buch über die Zusammensetzung
ßendreck christlicher Städte suhlenden Schweine entdecken werden. der Alchemie, das der Römer Morienus für Khalid den König der Ä gyp ­
Was wir dagegen gewiss irgendwo zu sehen bekommen, sind die ter herausgegeben hat, welches Robert von Chester ins Lateinische über­
Knechte der Stadtwache und manchmal auch einen Ritter hoch zu Ross tragen hat>. Der Titel ist schon deshalb interessant, weil er nicht nur
im Kettenhemd, hinter sich als Urahn Sanjo Pansas einen Knappen, zeigt, dass nach allgemeiner Ansicht dem Ägypterkönig Khalid die Zu­
der wohl tatsächlich auf einem Eselchen dahergetrabt kommt. Sicher­ sammensetzung der Alchemie von dem Römer, d. h. Christen, Morienus
lich sind Sanjo und sein Ritter Streiter für den wahren, den römischen offenbart wurde, sondern auch zeigt, dass historische Scheinfakten von
Glauben, aber davon abgesehen wissen wir beileibe nicht immer, wer Beginn an kritiklos in die lateinische Alchemie, die <Ars nova>, wie m an
266 III. In Klöstern und andernorts Noch einmal: Übersetzungen 167

sie auch nannte, ^ übernommen wurden. Das Werk ist anscheinend im Übersetzerpersönlichkeit in Süditalien war Michael Scotus, der zu Be­
13./14, Jahrhundert in irgendeinem Kloster aufgrund ihrerseits ge­ ginn des 13. Jahrhunderts sowohl die biologischen Werke des Aristote­
fälschter arabischer Vorlagen <frei gestaltet> worden, wobei die fronune les als auch Alchemisches, so wahrscheinlich die <Kunst der Alchemie>,
Schreiberseele sicher - und das wäre sehr mittelalterlich - glaubte, sich die <Ars alchemiae>, übersetzte. Eines der wenigen sicheren Dinge, die
mit ihrer Pia Fraus, ihrem ach so frommen Betrug, näher an den Himmel wir über Scotus wissen, ist, dass Dante ihn nicht leiden konnte und
herangeschrieben zu haben. Im Mittelalter glaubte man ohnehin, dass deshalb in dichterischer Unverfrorenheit dem Lieben Gott unterstellte,
die Höhere Wahrheit, wie sie sich etwa in Heiligenlegenden widerspie­ er habe den Scotus wegen magischer Taschenspielereien in die tiefste
gelt, allemal mehr wert und damit bemerkenswerter ist als die schnöde Hölle verdammt.^ Ist es ein Wunder, dass man jemandem, der mit zwei­
Tatsächlichkeit. felhaften Mächten im Bunde war und sich außerdem wohl mit Überset­
Um Glauben und Wissen, ßdem rationemque, wenn auch nicht um zungen zur Kunst der Alchenüe beschäftigt hat, auch eigene alchemi­
frommen Betrug, ging es auch Gerhard von Cremona und seiner Schule, sche Werke imterschob? Der alchemische Corpus des Pseudo-Scotus
der über 70 Übersetzungen auf allen möglichen Wissensgebieten von umfasst, soweit bekannt, drei Werke, die aber nichts auffallend Neues
der Astronomie (<Almagest> des Ptolemaios), über die Geomantik, die bringen.
Lehre vom Einfluss der Himmelsrichtungen auf das menschliche Nachzutragen ist noch, dass auch die esoterische Seite der arabi­
Schicksal, bis hin zur Geometrie zugeschrieben wurden. Auch einzelne schen Alchemie nicht zu kurz kam. Schon vor 1300 lagen die <Turba
alchemische Texte hat Gerhard anscheinend übertragen. So wird ihm philosophorum>, die <Tabula chemica> und die <Tabula smaragdina> in
eine allerdings ziemlich unverständliche und bruchstückhafte Überset­ lateinischer Übetragung vor. Übrigens sollte die <Tabula smaragdina>,
zung des <Buchs der Siebzig>, <Liber de septuaginta>, des Gabir zuge­ nachdem sie schon vor 1200 aus dem Arabischen ins Lateinische über­
schrieben, und außerdem noch mindestens zwei weitere Übertragun­ setzt worden war, im Bereich der christlich-abendländischen Alchemie
gen, diesmal von Büchern, die fälschlich dem Ar-Razi zugeschrieben als eine Art Glaubensbekenntnis noch zu ungeheurem Einfluss gelan­
wurden, der im Mittelalter zu Rhazes oder zu Bubacaro bzw. Bubacaris gen, wobei vielleicht eine Rolle spielte, dass die volle Länge des Textes
werden sollte. Es sind das <Buch der Alaune und Salze>, <Liber de alu- der Smaragdenen Tafel ja nicht eben gewaltig ist. U. a. wurde die Tafel
minibus et salibus>, imd das <Buch: Licht der Lichter>, <Liber; Lumen im 13. Jahrhundert von Albertus Magnus und - in einer außerordent­
luminum> bzw. <Liber claritatis>, das aber ebenso dem Ibn Sina, also lich beliebten Ausgabe - im 14. Jahrhundert von einem Alchemisten
dem Avicenna, zugesprochen wurde. Ar-Razis wohl wichtigstes Werk, namens Hortulanus kommentiert. Einige Schriften der Lauteren Brüder
das <Buch der Geheimnisse> kam als <Liber Ebu Bacchar er Raisy> b zw , lagen auch schon vor, ferner die alchemischen und astrologischen Teile
stark überarbeitet, unter dem etwas weniger exotischen Titel <Liber se- des pseudo-aristotelischen <Secretum secretorum>, <Geheimnis der Ge-
cretorum de voce Bubcaris> ins Abendland. Wie es typisch ist auch für heimnisse>.
andere Fälle, wurde der <Liber secretorum> bei weiterer Bearbeitung in Damit erübrigt sich beinahe die Frage, was an alchemischer Literatur
<De investigatione perfectionis> umbenannt und außerdem dem Gabir eigentlich übersetzt wurde. Antwort: alles, dessen man habhaft werden
zugeschrieben: ein sumpfiges Terrain für Arabisten und Latinisten. konnte. Von nüchternen, die Chemie betonenden Werken im Stile Ar-
Nachgetragen sei noch, dass um 1235 auch das einflussreiche Buch des Razis bis zu phantastischen Ergüssen und Sammlungen abergläubischer
Pseudo-Avicenna <De anima> übersetzt wurde. Behauptungen gab es alles. Aus heutiger Sicht konunt zu all der Phan­
Aber nicht nur das Spanien eines Robert, eines Gerhard, eines Domi- tastik noch hinzu, dass manche ursprünglich arabischen Werke nur in
nicus oder Hermannus war eine Kulturbrücke, auch Sizilien war es, und sehr entstellter lateinischer Form überliefert sind, sodass wir uns in den
ein Scriptorium wie das eben geschilderte hätten wir genauso gut in manchmal seltsamen Mischungen von Ahnungen und Unverständnis
Neapel, Salermo oder Messina besuchen können. Die Lage in Sizilien nicht mehr zurechtfinden und auch den Fluss der Tradition nicht mehr
war insofern ein wenig anders, als die dortigen Einwohner nicht nur verfolgen körmen. Und selbst wenn die Missverständnisse nicht bis zur
einheimische Dialekte der lateinischen und arabischen Sprachen, son­ völligen Unverständlichkeit gingen, bleiben genügend Unsicherheiten.
dern zumindest in einigen Sprachinseln auch Griechisch beherrschten. Auf keinem anderen Wissensgebiet des Mittelalters nämlich hat die per­
Tatsächlich gibt es schon ab Ende des 12. Jahrhimderts Übersetzungen sönliche Neigung der Abschreiber so stark auf die Gestaltung ihrer Tex­
direkt aus dem Griechischen. Und einige der Übersetzer, insbesondere te eingewirkt. Ein alcheirüscher Text lief ja, auch werm er mit einer zu­
Juden, kannten Schriften aus edlen drei Sprachen. Die überragende sammenhängenden theoretischen Ausführung begaim, häufig in einer
268 III. In Klöstern und andernorts Das Ambiente lateinischer Alchemie 269

Reihe von Einzelvorschriften aus. Da hielt sich dann jeder Alchemist für 13. Jahrhundert erfolgte Gründung des Franziskaner- und des Domini­
berechtigt, nicht etwa bloß Randbemerkungen zu den einzelnen Rezep­ kanerordens, die beide ihre Aufgabe in der Verteidigung der christli­
ten zu machen, was öfter vorkommt, sondern auch diejenigen wegzu­ chen Lehre sahen und die beide, häufig in Konkurrenz, die mittelalter­
lassen, die er für nicht zweckentsprechend hielt, und dafür aus anderen lichen Universitäten beherrschten. Eine der Gefahren, gegen die sie an­
Sammlungen ihm besser zusagende hinzuzusetzen. Auch kürzende Be­ predigten, gegen die sie zum Kreuzzug aufriefen, war die Bewegung
arbeitungen ganzer Werke, also Kompendien, wurden immer wieder der Katharer, die ihr Zentrum in der Heimat der Troubadoure in Süd­
angefertigt, kurz, man behandelte die alchemistischen Schriften nicht frankreich hatte, und die mit ihrem Glauben an das Wissen um Gut und
wie das unverletzliche geistige Eigentum eines Gelehrten, sondern wie Böse, das nur den Erwählten und durch ihre Erwählung Geretteten zu­
eine Sammlung von Küchenrezepten, der die Hausfrau durch Hinzu­ teil werde, deutlich gnostische Züge trug.^ Die Katharer, von deren Lei­
setzen und Weglassen die Gestalt gibt, die ihrem Geschmack und ihrer den während des Kreuzzugs das Wort <Katzenjammer> herkommen soll,
Erfahrung entspricht. Die frühe lateinische, auf Übersetzungen gestütz­ repräsentierten eine Art Gegenkultur zum römischen Christentum, eine
te Alchemie zeichnet sich also vor allem durch Vielfalt aus, und diese Lebensauffassung, die sich auch - mehr oder weniger bewusst und
Vielfalt setzte sich auch in den selbständigen Schriften der lateinischen mehr oder weniger deutlich — in der Weltauffassung der ritterlichen
Alchemie ab Anfang des 14. Jahrhunderts fort. Epen, wie etwa im <Parzival> des Wolfram von Eschenbach (um 1200),
Im Übrigen besitzen wir in den meisten Fällen nicht einmal die Ma­ widerspiegelt: auch hier die Suche nach dem Unbedingten, auch hier
nuskripte selbst, sondern nur ihre Nachdrucke in Einzelausgaben oder die Initiation, die nur dem Begnadeten zuteil wird. Und die Minne, die
in großen Sammelwerken, die dutzendweise im 16. bis 18. Jahrhundert Liebe des Edlen zum Unmöglichen, sie ist eher ein Kind arabischer, auf
herausgebracht wurden. Einen kritischen Apparat zu diesen Opera gab den Kreuzzügen ins Heilige Land erlebter Hochzivilisation als ein Kind
es nicht, und sie geben auch nicht immer die bestmögliche Version christlicher Tugend- und Ehelehre. Wenn wir auch nichts von Beziehun­
wieder, haben die Verleger doch häufig einfach gedruckt, was sie er­ gen von Alchemisten zu Katharern oder Troubadouren wissen, so kön­
gattern konnten. Und was dann unter den Händen der Drucker ent­ nen wir doch vermuten, dass sie alle im selben Dunstkreis von Sehn­
stand, war oft nicht einmal immer das, was in der Vorlage gestanden süchten, Anspielungen und Metaphern lebten, in einer namenlosen
hatte. Kulturlandschaft, die zugleich Zentrum und Peripherie der hochmittel­
Etwas gut Chemisches kommt noch hinzu. Die Bücher wurden im alterlichen Kultur gewesen ist.
Labor benutzt, und das bedeutet, dass sie nicht nur bald seltsam rochen, Kann man also vom Mittelalter nicht sagen, dass es eine ruhige Zeit
sondern auch angesengelt und säurebefleckt waren. Sicher haben zu­ war, so kann man doch behaupten, dass das Generalthema dieser Zeit
dem manche Werke unter dem VandaÜsmus ihres Besitzers gelitten - die christliche Religion war. Und man kann behaupten, dass die intel­
bis zur Zerstörung, denn oft genug wohl kam es vor, dass ein verzwei­ lektuelle Elite Europas zu dieser Zeit fast ausschließhch aus Geistlichen
felter Alchemist «seine angefangene Arbeit [samt Buch] in die Ecke warf bestand. Aus diesem Milieu stammt auch unser Bild des mittelalter­
und zerstörte». (Ganz. 37). lichen Alchemisten, unser Bild vom gelehrten Mönch, der irren Blicks
Kurz, was uns vom Reichtum mittelalterlicher alchemischer Literatur im Klosterkeller innütten von Büchern und Retorten nach dem Stein der
geblieben ist, ist spärlich und häufig unzulänglich. Weisen sucht. Dieses Bild ist es, das sowohl die Phantasie der aufkläre­
rischen Chemiker zu Ende des 18. Jahrhimderts als auch das der roman­
tischen Naturforscher des frühen 19. Jahrhunderts geprägt hat, wobei
j . Das Ambiente lateinischer Alchemie die Aufklärer das Bild vom inspirierten Mönch krass negativ, weil als
Zeichen unwissenschaftlichen Aberglaubens, die Romantiker dagegen
Die Epoche der Übersetzungen aus dem Arabischen war um die Wende genau dasselbe Bild krass positiv beurteilten, eben weil es so romantisch
vom 13. zum 14. Jahrhundert im Wesentlichen zu Ende. Sie ist auch die zu sein schien.
Zeit der Hochscholastik, die Zeit eines Albertus Magnus, eines Roger Bevor wir uns entschließen, beide Urteile zurückzuweisen oder bes­
Bacon und eines Thomas von Aquin, die sich übrigens alle zur Alchemie ser noch, sie gut scholastisch mit <sic et non>, <ja und nein>, zu quittieren,
geäußert haben. Sie ist die Zeit der ersten Universitätsgründungen, aber sollten wir uns das Bild, das ihnen zugrunde liegt, einmal näher an­
auch die Zeit der letzten und erfolglosen Kreuzzüge. Kurz, sie ist eine schauen. Um aber zu wissen, wer in der Mitte des Bildes steht und wie
unruhige Zeit, selbst auf religiösem Gebiet. Davon zeugt auch die im die Umgebung aussah, in der der mittelalterliche Alchemist laborierte^
270 III. In Klöstern und andernorts Albertus Magnus 171

müssen wir uns zunächst, und sei's nur kurz, mit den Viten und Werken Proust sagt, eine gute Lüge muss ein Körnchen Wahrheit in sich tragen,
einiger Alchemisten befassen. und so steckt auch in diesem abergläubischen Klatsch ein Körnchen
Wer unter den vielen Adepten, die wir mit Namen kennen, aber ist Wahrheit, denn es ist doch so, dass man nüt Hilfe der rechten Einsicht
es wert, genannt zu werden? Wieder wollen wir es den Spezialisten in das Verhalten von Naturdingen, wie sie Albertus so gefördert hatte,
überlassen, über eine halbwegs akzeptable Vollständigkeit alchemischer sowie mit Hilfe einer Sprache, die solche Dinge richtig beschreibt, diese
Autoren zu entscheiden, und uns nur am didaktischen Wert unserer Dinge in gewisser Weise seinem Willen unterwerfen kann, zumindest
Helden orientieren. Dabei streifen war gerade die größten Größen wde da, wo die Dinge leblos sind und die Grammatik der angewandten
Roger Bacon, Albertus Magnus, Thomas von Aquin und später Newton Sprache auf mathematischer Logik beruht.
und Boyle nur mit einem Seitenblick. Zum einen sind sie nicht wegen Wie so häufig in der Geschichte der Alchenüe gibt es zwei Autoren
der Alchemie, sondern wegen anderer Leistungen berühmt, zum ande­ gleichen Namens, gewissermaßen zwei Alberti, nämlich einen, der al-
ren, und das ist wichtiger, sind die äußeren Umstände ihres Lebens - chemische Traktate geschrieben hat, und zwar etwa 30, und einen au­
soweit bekannt - schon in manch einer guten Biographie beschrieben thentischen, der der Alchemie eher kritisch gegenüberstand. In seinem
worden. Buch über Gesteine, <De mineralibus>, meint der authentische Albertus,
die einzelnen Metalle schienen nach Augenschein in ihrer Eigenart sta­
bil zu sein, und sie besäßen damit wohl jedes eine eigene substantielle
6. Albertus Magnus Form. Ohne den Speziesbegriff zu problematisieren, behauptet er ferner,
auch substantielle Eigenschaften könnten ineinander überführt werden,
Das gilt schon für den ältesten unter ihnen, für Albertus, den <Doctor was ja genau zur aristotelischen Transmutationslehre der Elemente
universalis>, der, obwohl er ungewöhnlich klein war, für uns doch stets paßt. Die Alchemisten gingen, schreibt er weiter, so vor, dass sie zu­
<Magnus>, der Große ist. Geboren wrurde Albert um 1193 im schwäbi­ nächst einem unedlen Metall alle spezifische Eigenart nähmen, um
schen Lauingen in adeligem Hause, vielleicht dem der Grafen von BoU- dann zu versuchen, mit Hilfe der Kräfte, die - latent - in der übrig
städt, und er starb Ende 1280 zu Köln. Nach Studien in Padua trat er gebliebenen Materie vorhanden seien, dem Metall zu einer neuen, einer
als wahrscheinlich Dreißigjähriger dem Dominikanerorden bei und edleren Wesensart zu verhelfen. Im Grunde, so betont Albertus, ist es
diente diesem Orden als Lehrer in verschiedenen Studienzentren, u. a. aber die Natur, die das Werk vollbringt. Man müsse dem Vorgehen der
am <Studium generale> in Köln. Um 1245 lehrte er an der Universität Natur folgen, und zwar nach der Schwefel-Quecksilber-Theorie, zu de­
Paris, wo Thomas von Aquin sein Meisterschüler wurde. 1248 wurde ren Anhängern er sich selbst auch zählte. Tatsächlich würde von den
Albertus nach Köln zurückberufen, neun Jahre später wählte die Or­ Alchemisten versucht, Schwefel und Quecksilber durch Kochen und
densprovinz Teutonia ihn zum Provinzial und 1260 wurde er Bischof Verfeinern zu reinigen, und danach die beiden Grundsubstanzen mit
von Regensburg. Schon zwei Jahre danach aber kehrte er nach Köln der unspezifischen Materie - das ist nichts anderes als die Prima materia
zurück, wo er den Rest seines schriftstellerisch äußerst fruchtbaren und - in einem genau richtigen Verhältnis zu kombinieren, um sie so in
für mittelalterliche Verhältnisse ungewöhnhch langen Lebens verbrin­ gewünschter Weise zu verwandeln.
gen sollte. Aber ist das realiter möglich? Albertus bezweifelt es. In den alchemi-
Obwohl natürlich theologische Themen im Mittelpunkt des Denkens schen Schriften stehe viel von Meinungen und wenig von Erfahrungs­
und Schreibens von Albertus gestanden haben, liegt ein weiterer tatsachen, und außerdem würde alles imter einem Schleier von Alle­
Schwerpunkt seiner Werke bei der Naturphilosophie. Darunter ist hier gorien und Decknamen verborgen. Mal von Leuten abgesehen, die
die aristotelisch ausgerichtete Naturkunde zu verstehen, die er mit vie­ durch Färbung von Metallen mit passenden Wässerchen zum Ziel
len eigenen Beobachtungen verband. Viele dieser Beobachtungen hat er kommen wollten, sei doch mehr als fraglich, ob auch der nach Art der
auf seinen Visitationsreisen gemacht, per pedes, und zwar auf Sandalen Natur vorgehende Alchenrdst wirklich eine echte Umwandlung zu­
oder barfuß, wie sich das für ein Mitglied eines Bettelordens gehörte, stande bringe.
und manche hat er sogar mit einigen recht vorurteilsfreien Experimen­ So Albertus, der kritische Beobachter. Ist dieser eine Albertus aber
ten angereichert. Aber Vorurteil hin, Vorurteil her: Doctor Albertus skeptisch, so glaubt der andere sehr wohl an vom Menschen durchge­
stand im Rufe der Magie, und die Wissenden von damals wussten, dass führte Metalltransmutationen. Eine ganze Menge alchemischer Manu­
er einen selbst gemachten Homunculus in seinen Diensten hatte. Marcel skripte liefen nach 1300 unter seinem Namen um, wobei als bekannteste
2/2 III. In Klöstern und andernorts Thomas von Aquin 273

unter ihnen n\ehrere gleichartige Texte in verschiedenen Versionen zu lienproblem - ist die Idee real oder nicht? - und um die richtige Inter­
nennen sind, die unter den Titeln <Seminata recta de alchimia> oder pretation des Aristoteles gezogen wurde. Im Grunde scheiterte seine
<Libellus de alchimia>, <Rechter Pfad der Alchemie> oder <Büchlein über Lehrtätigkeit, und als im Jahre 1266 der Oberherr der Universität Paris,
die Alchen\ie>, umliefen. Der Titel <Büchlein> besteht zu Recht, es ist Erzbischof Etienne Tempier, die Lehre verschiedener Thesen von und
tatsächlich kurz, knapp und ohne allegorisierendes Gerede. Dabei zu Aristoteles als häretisch verbieten ließ, gerieten im Eifer des Gefechts
nimmt es sich die Werke des lateinischen Geber zum Vorbild. auch einige Behauptung von Thomas darunter. Wahrscheinlich war
Das <Libellus> ist vor allem deshalb so wichtig, weil es in Kurzkapi­ Thomas tief vom Leben enttäuscht, als er 1277 auf einer Reise starb. Und
teln genaue Beschreibungen der alchemischen Standardoperationen doch ist er einer der größten und einflussreichsten Denker der Römi­
und einiger chemischer Grundsubstanzen wie Zinnober oder Bleiweiß schen Kirche geworden. Sein Ruhm ruht auf der <Summa theologiae>,
gibt. einem zugleich tiefen und in seiner dialektischen Gedankenschärfe
Übrigens finden wir in diesem Werkchen, das sonst im Wesentlichen staubtrockenen Werk. Übrigens sah Thomas selbst gewiss nicht so ver­
nur chemischen Inhalt hat, so unvermutet wie nachdenkenswert den trocknet aus, wie man von seinem Werk annehmen könnte: Er soll so
Satz; «Darum lasst uns <Steine> erlangen, die weder vom Feuer noch dick gewesen sein, dass im Tisch, an dem er arbeitete, eine entsprechen­
durch Verwesung zerstört werden, dann werden wir von aller Angst de Rundung ausgesägt werden musste.
befreit sein.» (Hein. 12) Auch im Fall des Thomas gibt es zw ei Personen. Da ist der nüchterne,
Dabei ist das, was man an Elixieren, Medizinen oder Fermenten, wie ruhige Doctor theologiae, der den Alchemisten so ganz nebenbei attes­
immer man das nennen will, erlangt hat, fast das, was die Sehnsucht tiert, dass ihre Schwefel-Quecksilber-Theorie zutreffend sei und dass sie
erreichen möchte. Alles ist Annäherung: nicht illegitim handelten, wenn sie das Wirken der Natur beschleunigen
«So können», schreibt Pseudo-Albertus, «alle Metalle in Gold und wollten, obwohl er so seine Bedenken habe. Und da ist der wild erregte
Silber transmutiert werden, die wie alle natürlichen Metalle sind, außer alchemische Träumer, der ein Buch namens <Aurora consurgens>, <Die
... dass das Gold der Alchemisten das Herz des Menschen nicht anregt aufgehende Morgenröte>, geschrieben hat.
und auch keine Lepra heilt, während eine Wunde, die durch dieses Allerdings gibt es unter den Interpreten dieses zweiten Thomas eine
Gold zugefügt wird, anschwillt, was mit natürlichem Gold nicht ge­ Stimme, die behauptet, der Autor der <Aurora> sei identisch mit dem
schieht. Aber es ist offensichtlich, dass es in allen anderen Operationen Autor der <Summa>. Die Psychologin Marie Luise von Franz, die die
wie Aushämmem, Probieren und Farbe ewig Bestand haben wird.» <Aurora> herausgegeben und kommentiert hat, sah in ihr den Ausbruch
(Hein. 19) einer verzweifelten, gewaltsam disziplinierten Seele im Angesicht des
Ist es nicht gerade dieses Fast, diese ewige Annähenmg, die immer Todes. Diese Meinung allerdings ist philologisch kaum zu stützen. Si­
wieder das Raubtier Hoffnung füttert? cher ist mn, dass der Autor Theologe war, denn das Werk ist ein unent­
wirrbares, visionär-mystisches, d. h. auch, als persönliches Erlebnis
empfundenes Konglomerat von Bibelsprüchen und Gleichnissen aus
7. Thomas von Aquin der alchemischen Literatur. Aus Ergüssen wie dem Folgenden wird
wohl kaum ein praktizierender Alchemist Nutzen ziehen können:
Auch zu Thomas von Aquin, dem <Doctor angelicus> und großen Schü­ Aus der 2. Parabel: «Also sollst du dich heute freuen, mein Sohn,
ler eines großen Lehrers, sei nur wenig gesagt. 1225 geboren, war er denn hinfort wird keine Klage noch Schmerz mehr sein, denn alles Frü­
mütterlicherseits dem kaiserlichen Haus der Staufer verwandt und here ist vergangen. Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist
schien so für die hohe Politik prädestiniert. Als der junge Mann anfing, der Lehre den Söhnen der Wissenschaft sagt von dem Weib, das den
in Neapel zu studieren und er auch noch Geistlicher werden wollte, Tod hereinbrachte und ihn vertrieb, was die Philosophen nüt folgenden
versuchte seine Mutter ihn, so behaupteten passende Gerüchte, mit Worten andeuten: Nimm ihm die Seele w eg und gib ihm die Seele wie­
Hausarrest und den üblichen <fleischlichen Versuchungen> von seinem der zurück, denn die Zersetzung des Einen ist die Erzeugung des An­
Entschlüsse abzubringen. Vergebens, 1243 wurde Thomas Donünikaner. dern. Das bedeutet: Beraube ihn seiner zersetzenden Feuchtigkeit und
Von 1245 studierte er bei Albertus Magnus in Paris und Köln mehre ihn mit seiner ihm von Natur eigenen Feuchtigkeit, wodurch
und wurde dann selbst Professor, vornehmlich in Paris, wo er in die Vollendung und sein Leben entstehen wird.» Aus der 3. Parabel; «An
großen, manchmal blutigen Auseinandersetzungen um das Universa­ jenem Tag, an dem sieben Weiber einen Mann ergreifen werden und
274 III. In Klöstern und andernorts Thomas von Aquin 275

sagen werden: Wir haben unser Brot gegessen und bedecken uns mit nen anderen, von einer Farbe in eine andere, wenn es mit ihm gemischt
unseren Kleidern, weshalb verteidigst du unser Blut nicht, das wie Was­ oder verbunden worden ist. Und es wird die Hefe eines jeden Körpers
ser vergossen ist um Jerusalem? Und die göttliche Antwort empfangen sein, und darm wird es ganz ein Elixier zur Weiße und Röte sein. - Und
haben: Harret noch eine kleine Zeit aus, bis die Zahl unserer Brüder, die es ist das Aqua permanens, das immerwährende Wasser, und es ist das
in diesem Buch angegeben wird, vollständig ist, wer dann übrig sein Wasser des Lebens und die Milch der Jungfrau, und es ist das reinigende
wird zu Zion, der wird gerettet heißen, weil dann der Herr den Unflat und waschende Kraut, und es ist der Quell der Lebenden, weil, wenn
der Töchter Zion abgewaschen haben wird durch den Geist der Weisheit einer aus ihm getrunken hat, er in Ewigkeit nicht sterben wird. Und es
und Einsicht.» (Franz 6i, 6^f.) ist das die Farbe Zurückhaltende und das Mittel der Farbe, und es be­
Natürlich geht es um Erlösung, und das ist ja auch ein genuin alche- wirkt, dass die Körper die Farbe aufnehmen. Und es tötet und macht
misches Thema. Dennoch bezeichnet die <Aurora> den entferntesten lebendig mit Gottes Willen, und es trocknet aus und macht feucht, und
Punkt der Ausdehnung der Nova ars hin zur spirituellen Seite. es macht kalt und wärmt, es bewirkt entgegengesetzte Wirkungen je nach
Ganz anders ist es bei einem - neben fünf anderen Texten - ebenfalls Behandlung. Und wenn es lebendig ist, bewirkt es gewisse Werke. Und
dem Aquinaten zugeschriebenen Traktat namens <De multiplicatione wenn es hochgetrieben ist, bewirkt es andere Werke, wenn es aber tot ist,
species>, <Über die Vervielfältigung der Spezies», dessen Entstehungszeit so bewirkt es noch viel bessere Werke. Und wenn es hochgetrieben ist,
in die Mitte bzw. die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts fallen dürfte. bewirkt es andere Werke, und wenn es gelöst ist, bewirkt es die größten
Hier geht es wirklich um Laborchemie, und zwar ausschließlich um Werke. Und es ist die Schlange [der Ouroboros], die sich selbst begattet
Amalgambildungen. und sich selbst schwängert und an ihrem Tage gebiert. Und mit seinem
Kein Zweifel: Das Quecksilber steht im Mittelpunkt von <De multi­ Gift tötet es alle Tiere, es flieht Feuer und tötet alles in langer oder kurzer
plicatione», und zwar deshalb, weil Pseudo-Thomas in seinem kleinen Zeit. - Und dennoch kann das (Quecksilber durchaus nicht [von Feuer]
Buch eine Theorie vertritt, die zu seiner Zeit bereits Vorläufer hatte, die getrennt werden, obgleich es selbst vor dem Feuer flieht. Trotzdem haben
aber bei ihm zum Extrem getrieben wurde: die reine Quecksilbertheorie. die Weisen durch gewisse Kunstgriffe erreicht, dass es vor dem Feuer
Die Urform dieser Theorie erscheint in dem bereits erwähnten <Liber de standhält. Allmählich also und stufenweise, während es gegen das Feuer
aluminibus et salibus». Übrigens stammt dieses Werk, das ja üblicher­ kämpft, speisen sie es mit dem Feuer, bis es diesem nur mit einigem
weise dem Rhazes zugeschrieben wurde, wahrscheinlich aus der Feder Widerstand widersteht. Und dann geschehen durch es wunderbare Wer­
eines spanischen Alchemisten, der es Ende des ii. oder Anfang des ke und Wandlungen, weil es selbst wandelt, so wie es gewandelt wird;
12. Jahrhunderts auf Arabisch abgefasst hat. Und das wiederum bedeu­ weil ihm daim seine Schwärze genommen wird und sein Schmutz und
tet nichts anderes, als dass während der Epoche der Übersetzungen auch seine Beweglichkeit. Daher färbt es, wie es gefärbt wird, und ver­
noch eigenständige arabische Werke zur Alchemie geschrieben wurden. festigt, wie es verfestigt wird, und löst anderes, wenn es gelöst wird. Und
Das Buch hatte einen großen Einfluss im Abendland, zum Teil sicher es weißt sich selbst, wird Kalk, und schließlich wird es rot. Und es ist die
seiner Zuschreibung an Ar-Razi wegen, die insofern Sinn macht, als es Milch, und der feuchte Ham, und es ist die lösende Salbe, und ist der
übersichtlich, mit chemischen Kenntnissen und meist auch durchaus Vater aller wunderbaren Dinge, und ist die Wolke und der Nebel und der
nüchtern geschrieben ist. Überdies übernimmt es Ar-Razis Einteilung flüchtige Sklave.» (Haage 153!.)
der Grundstoffe in Geister, Körper und Steine. In Form eines Dialogs fährt Pseudo-Razi fort: «Und es stritt nüt dem
Was den Aufbau der Metalle angeht, so folgt Pseudo-Razi im Prinzip Gold und drängte es in die Enge. Sprach das Gold: Möchtest du mit mir
der Schwefel-Quecksilber-Theorie. Das Quecksilber aber wird von ihm streiten? Ich bin der Herr der Steine und dazu noch feuerbeständig.
in einer Art charakterisiert, die es ganz in den Mittelpunkt der Nova ars Antwortet das Quecksilber: Du sprichst die Wahrheit, aber ich habe dich
rückt. Quecksilber «allein ist reiner Geist», schreibt er im Überschwang erzeugt, und du nimmst deinen Urspmng von mir, und ein Teil von mir
seines Glauben, das Mittel aller Transmutation gefunden zu haben: «In macht viele Teile von dir lebendig. Und du bist geizig, weil du nichts
der Welt ist nichts derart, wie es selbst ist an Natur, und das bewirken schenken willst in Bezug auf mich. Und wenn einer mich mit meinem
könnte, was es bewirkt. Und es ist das, was in jeden Körper [jedes Metall] Bmder oder meiner Schwester verbindet, wird er leben und sich freuen,
eingeht; es dringt ein und erhebt und erhöht die Körper. Wenn es sich und ich werde ihm genügen in alle Ewigkeit, und wenn er tausendmal
daher mit einem beliebigen Körper vermischt hat, wird es ihn lebendig tausend Jahre lebte. Und ich bin ganz und gar ein Geheimnis, und in
machen und verschönen und ihn umwandeln von einem Zustand in ei- nür liegt Weisheit verborgen.» (Haage 154!.)
2/6 III. In Klöstern und andernorts Thomas von Acjuin 2 7 7

Das Quecksilber ist also reinster Geist (Pneuma, Spiritus) und kom­ modernen Experiment, ohne welches der Siegeszug technischen Fort­
plementär dazu ist es der Ursprung aller Metalle, d. h. der Körper schritts letztlich nicht möglich gewesen wäre. Und so konnte man sich
(Soma, Corpus) schlechthin. Diese <Zwittrigkeit> des Gegenstandes hält einbilden, das Problem des Verhältnisses Mensch-Natur nicht etwa
auch die Worte Pseudo-Razis, mit denen er das Wesen des Quecksilbers nicht gelöst, sondern überwimden zu haben.
wiedergeben will, in einer eigentümlichen Schwebe zwischen relativ Mit dem Hinweis darauf, dass der Blick des Alchenüsten auf seinen
kühler und durchaus auf Beobachtung beruhender Beschreibung und Gegenstand, die chenüschen Substanzen, weiter war als der des heuti­
geradezu hitzigem Überschwang. Diese Schwebe, dieses Schwanken gen, doch so viel erfolgreicheren Chemikers, ja dass er, wie die Worte
sind charakteristisch auch für viele spätere Traktate dieser Art. Es ist, des anonymen Autors von <De aluminibus et salibus> zeigen, eigentlich
als sähe der Adept zugleich auf und hinter die Erscheinungen, denen er ein <Doppelblick> war, sei die reine Quecksilbertheorie aber noch nicht
im Labor begegnet. Das Sehen hinter die Erscheinungen aber ist wie eine verlassen. So wie die Bücher ihr Schicksal haben können, so hatte auch
poetische, von vieldeutiger Sinnlichkeit geleitete Ahnung, die gewisser­ die reine Quecksilbertheorie ihr Schicksal, hatte ihren Beginn, ihren Hö­
maßen vorgeformt, vorgemalt ist von den Bildern, die die hermetisch- hepunkt und ihr Ende.
alchemische Literatur dem Alchemisten an die Hand gab. Den Beginn der reinen Quecksilbertheorie in <De aluminibus> oder
Nun gibt es - an diese Weisheit haben wir uns inzwischen gewöhnt gar in Gabirs <Septuaginta> kann man eigentlich nur als Embryonalsta­
- auch für den nüchternsten Menschen kein Sehen, keine Beobachtung, dium bezeichnen. In beiden Büchern wird nicht ausschließlich und
die völlig vorurteilsfrei wäre.^ Und so unterscheiden sich die Alchemis­ nicht einmal bevorzugt vom Quecksilber als Grundlage des Transmu­
ten nicht dadurch von uns, dass sie Vorurteilen huldigten, sondern vor tations-Prozesses gesprochen. In beiden Büchern gibt es noch eine Men­
allem dadurch, dass die Art ihrer Vorurteile eine andere war. Unsere ge anderer Methoden, nüt denen man zum Ziel des Steins konunen
naturwissenschaftlichen Vorurteile - auch Hypothesen genannt - besit­ könnte, und in ihnen spielen alle möglichen Salze und andere Substan­
zen nämlich zwei charakteristische Eigenschaften, die das alchemische zen, unter ihnen Stoffe aus dem Pflanzen- und Tierreich, eine promi­
Vorurteil nicht kennt. Die in Hypothesen vorgebrachten Behauptungen nente Rolle. Das heißt, hinter der Quecksilbertheorie der beiden Auto­
müssen - zumindest im Normalfall - gewissen Regeln genügen, z. B. ren stand keine grundsätzliche Überlegung. Das ändert sich mit dem
müssen sie logisch konsistent und, wenn sie mehr sein wollen als bloße Auftreten des lateinischen Geber um 1300, dessen Gestalt wie ein
Spekulation, auch testbar sein, was wiederum heißt, sie müssen wider­ Leuchtturm inmitten der mittelalterlichen Alchemie steht. Hier sei dazu
legbar sein. Das aber bedeutet, dass die Behauptung, eine Erscheinung nur gesagt, dass die Transmutationsmittel, die Mineral-<Medizinen> des
sei zugleich ihr Gegenteil, als Hypothese, als vorweggenommenes Urteil Geber, alle aus Quecksilber bestehen und dass dies durch eine ausge­
nicht zulässig ist. Die Vorurteile des Pseudo-Razi dagegen sind, gerade feilte Materietheorie begründet wird:
weil sie ihre eigene Widerlegung in sich enthalten, der logisch-empiri­ «Daher ist es offensichtlich», schreibt er in seinem Hauptwerk, der
schen Widerlegung entzogen. Das Vorurteil des Alchemisten ist das des <Summa perfectionis magisterii>, «dass Körper [Metallel, die mehr
menschlichen Weltgefühls, das sich in Liebe und Hass, Vision und Quecksilber enthalten, von größerer Vollkommenheit sind und solche,
Blindheit, Leidenschaft und geistige Trägheit, kurz im Selbstwider­ die weniger enthalten, von geringerer Vollkommenheit. Daher bemühe
spruch des Menschen wiederfindet. Diese Vorurteile legt er in die Natur. dich darum, dass in all deinen Operationen das Quecksilber in der Mi­
Doch inzwischen haben wir zugelemt, dass zwar wir «kein ausgeklügelt schung donüniert, und wenn du mit Quecksilber allein Vollkommenheit
Buch» sind,9 die Natur, zumindest die anorganische, aber sehr wohl, erreichen kann, wirst du Erforscher der kostbarsten Vollkommenheit
das hat ja schon Gahlei behauptet, und inzwischen haben wir auch ge­ sein und das Werk bewältigen.» (Newm. 483, 731)
lernt, dass sich diese Natur - auch die <innerste Natur, wenn sie denn Es ist ziemlich sicher, dass die <Sununa> viele andere Werke beein­
außen ist - um unser menschliches Weltgefühl nicht kümmert und auch flusst hat, genannt sei nur das <Rosarium> von Am aldus von Villanova
nicht bereit ist, als sein Spiegel zu dienen. A ll das haben wir wohl nur —ob <pseudo> oder nicht -, das seinerseits wieder großen Einfluss z. B.
deshalb gelernt, weil wir - welch staunenswerte Fähigkeit des Men­ auf das <Testamentum> des Pseudo-Lullus ausgeübt hat.
schen - unsere Niederlage als Sieg ausgeben konnten. Die Erkenntnis, Einen Höhepunkt der reinen Quecksilbertheorie aber bildet unser
dass die Natur tot ist, ohne eigenen Willen, ohne magische Verbindung pseudo-thomasischer Traktat <De multiplicatione>, was sich schon da­
mit dem Menschen, ging nämlich einher mit ihrer Objektivierung. Das ran zeigt, dass in der gesamten Abhandlung der Partner des Quecksil­
machte sie zuverlässig und öffnete sie dem technischen Eingriff, dem bers, der Schwefel, durch völlige Abwesenheit glänzt. Nicht einmal das
278 III. In Klöstern und andernorts Thomas von Aquin 279

Wort kommt vor. A us unserer Sicht stellt Pseudo-Thomas in seiner schmiedbar. Andererseits war Quecksilber destillierbar bzw. sublimier-
<Muliplicatio> verschiedene Goldamalgame her, die schließlich zu einem bar und zeigte damit ein deutlich anderes Verhalten als alle Metalle.
Produkt führen, das man immerhin zur Feuervergoldung verwenden Wenn man sich nun entschiedener als zuvor entschloss, Quecksilber
könnte. im Rahmen der Schwefel-Quecksilber-Theorie als das Metall schlecht­
Die Frage ist, welche unausgesprochene Überlegung wohl dazu ge­ hin anzusehen, dann stand man einem nicht etwa empirischen, sondern
führt hat, dass die traditionelle Schwefel-Quecksilber-Theorie, wenn einem logischen Dilemma gegenüber. Wenn alle Metalle aus Schwefel
nicht verlassen, so doch von Adepten w ie Pseudo-Thomas in einer be­ imd Quecksilber bestehen und Quecksilber ein Metall ist, dann muss
stimmten Richtung zum Extrem getrieben wurde. Das Hauptproblem Quecksilber selbst auch Schwefel enthalten. Nun konnte man nach ein­
der im Rahmen der damaligen anerkannten Auffassungen doch so plau­ fachem Augenschein nicht sagen, dass alle Metalle Schwefel sind, und
siblen Schwefel-Quecksilber-Theorie lag in der vielfachen Zwittergestalt so entschloss man sich zu der gegenteiligen Behauptung: Alle Metalle
des Quecksilbers. Quecksilber konnte als hauptsächlich pneumatisch, sind im wesentlichen Quecksilber. Erinnern wir uns daran, dass der
konnte als ein Spiritus, ein Geist, angesehen werden oder, ganz im Ge­ griechische Alchemist Synesios im 4. Jahrhundert n. Chr. das Quecksil­
genteil, man konnte es für hauptsächlich somatisch, für einen Körper, ber als <unser Blei> für Urmaterie und deshalb für den Grundbestandteil
ein Metall halten. Die griechisch-ägyptische Alchemie sah im Quecksil­ aller Materie schlechthin gehalten hatte.
ber wesentlich das Pneuma; neben Schwefel war es ja eines von den nur Knapp eine Generation nach Thomas wird der geradezu klassische
zwei Hauptpneumata, und schon deshalb übrigens war es auch nicht mittelalterliche Adept Arnaldus von Villanova ähnlich denken wie Syn­
etwa das Gegenteil oder auch nur ein Ergänzungsstück zum Schwefel. esios, allerdings sollte man bei ihm besser von Urmetall und nicht von
In der arabischen Schwefel-Quecksilber-Theorie rückte Quecksilber Urmaterie reden, weil sein Quecksilber ja zusammengesetzt gedacht ist.
aber in genau diese Position des <Oppositum>. Es lieferte das, was Im 15. Jahrhundert ist der Alchemist Bernardus Trevisanus in seinem
Schwefel nicht hatte, es war verantwortlich für das hohe Gewicht, die <Liber de alchemia> gleicher Meinung. Er weist auch darauf hin, dass
Schmelzbarkeit oder den besonderen Glanz der Metalle. Damit brachte Quecksilber, wie alle Metalle, alle vier Elemente enthalte und damit
Quecksilber das eigentlich Metallische in die Kombination Schwefel- auch die dem Schwefel zugeschriebenen männlichen Elemente Feuer
Quecksilber ein. Schon in der Antike war man, wie wir ja schon wissen, und Luft.
geneigt, es irgendwie den Metallen zuzuordnen, d. h. in die Gruppe der Es gab aber auch weiterhin Anhänger einer mehr klassischen Schwe­
sieben kanonischen Somata aufzunehmen. Man kann auch sagen, wegen fel-Quecksilber-Theorie. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden
der Siebenzahl war die Versuchung groß, Quecksilber zu einem Metall Alchemistengruppen zog sich durch das ganze 14. bis ins 15. Jahrhun­
zu erklären. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass dert hin und endete mit einer Rückkehr zur ursprünglichen Schwefel-
die Alchemisten niemals analytisch-pragmatisch dachten. Sie sagten Quecksilber-Theorie. Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass man den
nicht: «Es gibt so viele Metalle, wie es Körper gibt, die Metallglanz Eigenschaften aller materieller Substanzen wieder mehr Beachtung
besitzen, chemisch ähnlich sind und dennoch chemisch voneinander schenkte, und es braucht ja nicht nur die Eigenschaften des Quecksil­
unterschieden werden können, und wir können weder im Vorhinein bers, sondern auch die des Schwefels, um beliebige Materie zutreffend
sagen, wie viele Metalle es gibt, noch ob wir scheinbar eigenständige beschreiben zu können. A n der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert
Metalle eines Tages als Legierungen erkennen.» Sie sagten: «Es gibt sie­ erweiterte Paracelsus die Zweiheit von Schwefel imd Quecksilber sogar
ben Metalle, so w ie es sieben Planeten gibt, und es ist lediglich unsere zu einer Dreiheit von Schwefel, Quecksilber und Salz, das u. a. die noch
Aufgabe, herauszufinden, welches Metall in die Siebener-Gruppe ge­ fehlende Eigenschaft der Löslichkeit beisteuern sollte.
hört und welches Metall welchem Planeten zuzuordnen ist.» Zusätzlich In dem pseudo-thomasischen Traktat steht nichts von diesen hypo­
zu seinen Erscheinungsformen als Metall zeigte Quecksilber aber auch thetisch-deduktiven Überlegungen, und natürlich wäre das kleine Werk
potentielle Eigenschaften, die es deutlich von anderen Metallen unter­ nicht alchemisch und nicht eines so illustren Autorennamens würdig,
schied, und umgekehrt besaß es ein wichtiges Definitionsmerkmal <ech- wenn es nicht durchsetzt wäre von einer Fachsymbolik, die trotz ihrer
ter> Metalle nicht. Metalle können unter dem Hammer ausgedehnt wer­ labomahen Nüchternheit mehr offenbaren will, als wir fassen können,
den, sie besitzen eine ganze eigentümliche Duktilität, kurz gesagt, sie und die danüt aus unserer Sicht durch ihren Überschuss an Bedeutim-
sind schmiedbar. Schmiedbarkeit aber galt neben Metallglanz als eigent­ gen den naturphilosophischen Hintergrund aller Überlegungen ver­
liches Kriterium eines Metalles, und das flüssige Quecksilber war nicht schleiert.
28o III. In Klöstern und andernorts Roger Bacon 281

Konstellation die Menschen reizbar und launisch machen, und das füh­
8. Roger Bacon re zu Auseinandersetzungen, die Auseinandersetzungen zu Kriegen,
die Kriege zu Not und Pest und Elend und so weiter und so fort.
Noch nüchterner als beim Autor der <Summa theologiae>, ja in man­ Bacons Urteil über die Alchemie ist schon deshalb wichtig, weil Bacon
chem geradezu britisch-pragmatisch geht es zu in den Werken des drit­ als der große Empiriker des Mittelalters und als Vorläufer seines Na­
ten Großen unter den Großen des 13. Jahrhunderts: Roger Bacon. Und mensvetters, des Propagandisten induktiven Vorgehens in den Wissen­
doch haben wir gerade mit ihm, dem <Doctor mirabilis>, endlich einen schaften, Francis Bacon, gilt - und als Prophet der Technik, hat er doch
leibhaftigen und ungeteilten Adepten vor uns. Unterseeboote und Flugzeuge vorausgesagt. Obgleich Aristoteles
Kurz sein Leben: Bacon wurde um 1219 in Ilchester in England ge­ nichts über sie geschrieben habe, schätzt Bacon die Alchemie im <Opus
boren, wahrscheinlich aus reicher Familie, die während der Kämpfe tertium> sehr hoch ein. Allerdings sei sie nur demjenigen zugänglich,
Heinrichs III. mit den mächtigen Baronen auf Seiten des Königs ihr der mit dem Geheimnis und der Symbolik der Erneuerung vertraut ist.
Vermögen verlor. A b 1241 bis etwa 1247 finden wir ihn im Mekka der Es ginge um Kombinationen der irdischen Stoffe, unter denen es 145
neuen Studien, in Paris, als Scholar, aber auch schon als Doctor. Ob es Möglichkeiten gäbe, von denen das Goldmachen eine sei.
damals einen der großen, der unbekannten und vielleicht auch von den Die Ars nova teilte Bacon ein in zwei getrennte Bereiche, eine Ars
Beteiligten nicht richtig gewürdigten Augenblicke gegeben hat, einen speculativa und eine Ars practica, also einen theoretischen und einen
Augenblick, in dem Albertus Magnus und Roger Bacon sich begegnet praktischen Teil. Die spekulative Alchemie beschäftigt sich nicht nur mit
sind?^° Worüber haben sie gesprochen, über das Wetter wie, so macht Mineralen, sondern mit allen unbelebten Dingen, sofern sie aus den vier
uns Jean Anouilh glauben, Thomas Becket und sein König? Sicher hat Elementen entstanden sind. Und da die für die Gesundheit zuständigen
Bacon bei dem berühmten Professor Vorlesungen gehört, doch ging des­ vier Humores ebenfalls letztendlich auf die vier Elemente zurückzufüh­
sen Einfluss offensichtlich nicht so weit, ihn in den Dominikanerorden ren sind, ist die spekulative Alchemie nicht nur Grundlage der Natur­
zu ziehen. Um 1247 schloss sich Roger Bacon nach einer Begegnung mit philosophie der unbelebten Natur, sondern auch der Medizin. Der an­
dem Bischof von Lincoln und großen Naturphilosophen Robert Grosse­ dere der beiden Bereiche, die Alchemia practica, ist sozusagen die Ex­
teste den Franziskanern an. Ob Bacon bei den Dominikanern besser plikation der Spekulation, die sich dann natürlich nicht bloß monoman
aufgehoben gewesen wäre, sei dahingestellt, jedenfalls haben seine fran­ mit dem Gold beschäftigt, sondern etwa auch allgemein mit Metallur­
ziskanischen Oberen ihm das Leben nicht leicht gemacht, vielleicht auch gie, mit Farbstoffen und mit der Herstellung von Medizinen.
deshalb, weil er eine ziemlich scharfe Zunge hatte und sich wohl auch Sagen wir einmal versuchsweise <Theoretische Grundlagen der Che-
in die Angelegenheiten höchster Kreise einmischte. Anscheinend <unter mie> für Ars speculativa und <Angewandte Chemie> für Ars practica,
Umgehung des Dienstweges> korrespondierte er mit dem ihm befreun­ fühlen wir uns dann dem mittelalterlichen Lobpreiser der Alchemie so
deten Papst Clemens IV, den er zu einer Bildungsreform zu bewegen fern?
suchte, und als dieser 1268 starb, verurteilte der Ordensgeneral Bacon Die Alchemia practica, in der man u. a. Mittel zur Lebensverlängerung
wegen verdächtiger Schriften zu Klosterhaft. Unter den Schriften befan­ und zur Erlangung von Reichtum lehre, sei, so betont Bacon, der wich­
den sich auch die großen Werke <Opus maius>, <Opus minus> und das tigere Teil der Ars nova und mache den hohen Wert der Alchemie aus.
1266 entstandene <Opus tertium>, in denen die Fähigkeiten des Men­ Als erster lateinischer Autor pries er denn auch nachdrücklich die Rolle
schen wohl doch zu sehr gegenüber denen Gottes herausgestrichen wa­ des Steins bzw. Elixiers als Panacea, als Allheilerin, wie es der Bedeutung
ren. Bacons weiteres Schicksal ist ungewiss, doch zeigt auch der letzte des griechischen he panakeia entspricht. Damit ist der Stein Mittel zur
seiner Texte, das 1292 kurz vor seinem Tode entstandene <Compendium ungezielten, auf keine besondere Krankheit bezogenen Lebensverlänge­
Studium theologiae>, die ungebrochene Frische und Originalität seiner rung. Und das begründet Bacon damit, dass das in der Panacea verkör­
platonisch gefärbten aristotelischen Gedanken. Ein so unabhängiger perte alchemistische Gold die vier Elemente in harmonischerer Propor­
Geist wie der <Doctor mirabilis> musste natürlich mit der Magie im tion enthalte, als dies bei natürlichem Gold der Fall sei, und so die
Bunde sein, die er auch tatsächUch in ihrer <weißen> Version nicht ab­ menschlichen Leiber in eben den ideal-harmonischen Zustand versetzen
lehnte. So sagte man ihm nach, er könne aus Teufeln Frauen machen." könne, in dem sie anderenfalls erst am Jüngsten Tage auferstehen wür­
In Hinblick auf die Astrologie meinte Bacon, die Gestirne einschheßlich den. Die Kunst kann also nicht etwa nur weniger und Schlechteres, son­
Sonne und Mond, die ja auch das Wetter bestimmen, könnten in böser dern mehr imd Besseres zustande bringen als die Natur.
282 III. In Klöstern und andernorts Arnaldus von Villanova 283

Bacon soll sogar dem Papst selber ein Rezept zur Herstellung des König und Papst durfte er 1301 Paris verlassen. Der Roman seines Le­
Elixiers übersandt haben. Interessant daran - falls die Episode zutrifft bens geriet damit aber durchaus nicht ins Langweilige: In derart bunt
- wäre nicht so sehr der Mut Bacons, sich zur Alchemie zu bekennen, aus Weltlichem und Geistlichem geknüpften Netzen von Intrigen,
denn als bekannter Theologe und Gelehrter hatte er wohl kaum zu be­ Macht und Aberglauben geht es, falls die Netze einen nicht geradezu
fürchten, für einen Goldpantscher gehalten zu werden, interessant dar­ erwürgen, wohl auch nie langweilig zu. Um seinen Hals zu retten, hatte
an wäre die Haltung des Papstes, der sich anscheinend nicht darüber Amald dem Papste eine Version seines Buches über den Antichristen
beschwert hat, dass Bacons Rezept wohl nicht funktioniert haben kann. zugeschickt, das er wohl zuvor ein bisschen ad usum delphini zurechtge­
Oder irren wir uns, die wir doch das Rezept nicht kennen und die macht hatte. Seine Heiligkeit fand nicht viel daran auszusetzen, doch
Geisteshaltung des Papstes auch nicht? Hat es in gewisser Weise doch die Feinde Amalds in Paris ließen Bonifatius die ursprüngliche Fassung
funktioniert - Placebo-Wirkung eingeschlossen? des Werkes zukommen. Und sowohl die Umstände, wie er an das Buch
Unter Bacons Namen liefen verschiedene Texte um, so das <Speculum gekommen war, als auch dessen nun etwas deutlicherer Inhalt gefielen
alchymiae>, also der <Spiegel der Alchemie>, und der Traktat <De arte dem Papste gar nicht. Jetzt ließ er den gerissenen Doctor verhaften.
chymiae scripta>, also <Über die niedergeschriebene Kunst der (Al)che- Aber, wie man auf Platt sagt: «Dem eenen Uhl, ist dem armem sin Nach­
nüe>. Ob diese Werke echt sind oder nicht, ist anscheinend unter den tigall.» Plötzlich fand sich der Arzt am Krankenbett Seiner Heiligkeit
Philologen noch nicht entschieden. wieder, der schmerzvoll an Gallensteinen litt. Es gelang Arnaldus, ihn
von seinen Steinen zu befreien, und wer den Papst kuriert, kann doch
wohl kein Ketzer sein. Bonifatius ließ seinen Leibarzt nicht nur frei,
9. Armldus von Villanova sondern schenkte ihm, so wird behauptet, auch noch das Schloss Anag-
ni. Der Papst starb 1303, sein Nachfolger Clemens V , der erste der Avi­
Der vierte unter den echten und unechten Alchemisten auf unserer Lis­ gnon-Päpste, riet ihm, sich lieber mit Medizin als mit Theologie zu be­
te, die man noch um Dutzende von Namen oder Werktitel bereichern fassen, und tat nichts dagegen, dass Arnaldus seinen Thesen vor einem
könnte, ist der Katalane Arnaldus von Villanova, der 1235 oder 1240 geheimen Konzil abschwören musste und seine Bücher verbrannt wur­
geboren wurde und 1311/12 auf einer Seereise bei einem Schiffbruch den. Der mundtot gemachte Theologe schrieb sein Testament, doch hat­
umkam. te er noch sechs Jahre zu leben, die er meist auf diplomatischen Reisen
Arnaldus war Theologe, Astrologe, Sozialreformer, Alchemist, Arzt zubrachte.
und Diplomat an verschiedenen Höfen Europas. Das bestimmte auch In manchem war Arnaldus untypisch für das Bild des Adepten, auf
das A u f und Ab seines Lebens, das ähnlich wie das eines anderen gro­ dem viele der Vorwegurteile für oder gegen die Alchemie bemhten und
ßen Arztes, des Avicenna, vom Sessel eines königlichen oder päpstlichen bemhen. Am ald war weder Mönch noch überhaupt Priester; aus seinem
Beraters zur Pritsche des Gefangenen und wieder zurück führte. Für Testament wissen wir, dass er Frau und Kinder hatte, und dies nicht
seinen ärztlichen Beistand in der letzten Krankheit des Königs Peter III. etwa contra legem. Untypisch aus bestimmter Sicht ist auch, dass er nicht
von Aragon erhielt er 1285 ein Schloss in Tarragona und einen Medi­ verstört von Quecksilbervergiftung, vergeblichen Hoffnungen imd Ein­
zinlehrstuhl in Montpelher. Irgendwann auch soll er als schon berühm­ samkeit Jahr um Jahr in der Alchemistenklause vor sich hingebrütet hat,
ter Arzt und Gelehrter vor Papst Bonifatius VIII. alchemische Versuche sondern ein gewandter und viel gereister Diplomat und ein auch geistig
vorgeführt und dabei <goldene Stäbe> produziert haben, was ihm offen­ offensichtlich wendiger Mann war, wenn man an die vielen Bücher
sichtlich nicht den Galgen, sondern das Wohlwollen des obersten Kir­ denkt, die er geschrieben hat. Untypisch scheint mir auch zu sein, dass
chenfürsten einbrachte. Das galt allerdings nicht für andere Geistliche. der Hofmann Arnaldus anscheinend aus kleinen Verhältnissen stamm­
Am alds Kritik am Verhalten des Klerus, seine sozialreformerischen Be­ te. Übrigens entspricht Arnaldus auch nicht dem Typ des am Fürsten­
strebungen, die sich - fast schon evangelisch-ketzerisch - auf direkte hofe angestellten Alchemisten, wie wir ihn aus der Neuzeit kennen.
Inspiration durch den Erlöser beriefen, seine Neigung zu Wort- und Man könnte Arnaldus als geistigen Grenzgänger zwischen den Zeiten
Talisman-Magie machten ihn misshebig. A uf einer diplomatischen Reise bezeichnen, wenn nicht - im Nachhinein gesehen - wir alle Grenzgän­
vom Hof von Aragon an den von Frankreich wurde er 1299 in Paris ger wären. Aber er war ein Mensch, der die Grenze seiner Zeit deutlich
verhaftet, weil er als Astrologe die Ankunft des Antichrist und das sichtbar überschritt, und auch das mag untypisch sein für den klassi­
Weltenende für 1335 oder 1345 vorausgesagt hatte. Nach Protesten bei schen, den traditionsgebimdenen Alchemisten. In manchem immerhin
284 III. In Klöstern und andernorts Amaldus von Villanova 285

scheint mir Am ald dem 16. Jahrhundert etwa eines Paracelsus oder ei­ der <Summa perfectionis magisterii> des Geber, auf den wir noch zu
nes Campanella, ja dem 17. eines van Helmont näher zu stehen, als sprechen kommen, in seiner wichtigsten Gmndannahme, der schon er­
seiner eigenen, von der trockenen Hochscholastik geprägten Epoche. So wähnten reinen Quecksilbertheorie, beeinflusst ist.
trat er energisch für das Studium der Naturphilosophie als Grundlage Der <Rosengarten> ist in einen theoretischen und einen praktischen
der Bildung ein, betonte im Übrigen die Rolle der experientia und be­ Teil gegliedert. Amaldus beginnt darin mit der üblichen Beteuerung, er
klagte die Schwierigkeit, in der Medizin Versuche durchzuführen. An­ wolle nichts verheimlichen. Aber, setzt er vorsichtig hinzu, der Leser
dererseits - aber erst wir heute können von <einerseits> und <andererseits> solle sich auf verborgene Gedankengänge gefasst machen und auch die
reden - andererseits glaubte er an Wortmagie, Astrologie und Talisman- anderen Bücher der Alchemie lesen, was uns einmal mehr an die ver­
Magie im Dienste der Heilung. Dabei war, das stand für ihn fest, ein streute Weisheit in den Bibliotheken der Ptolemäer denken lässt. A m al­
geeigneter Talisman nicht nur gut gegen die Blasenleiden höherer Prä­ dus selbst glaubt, er habe die Geheimnisse eines Platon, eines Aristote­
laten, er half auch, Dämonen, Hexen und andere böse Individuen ab­ les, eines Pythagoras entschlüsselt. Aber er bringt doch neue Argumente
zuwehren, unterstützte seinen Besitzer in finanziellen Schwierigkeiten, im Sinne der reinen Quecksilbertheorie, die er, wie dies schon im <Buch
schützte vor Blitzen, Sturm und Überschwemmungen, heilte Kopfleiden der Alaune und Salze> geschehen ist, ganz in den Vordergrund stellt.
und, um es kurz zu machen, wehrte alle Übel ab, weshalb er auch in Gewöhnlicher Schwefel schade eher den Metallen - was ja stimmt, werm
der Form eines Löwen geschnitten werden musste. Klappte es mit den man an die Bildimg von Sulfiden denkt -, während der philosophische
Kopfleiden doch nicht so recht, z. B. bei schwerer Manie, dann bot sich Schwefel bereits im Quecksilber verborgen sei. Deshalb könne man Sil­
als probates Mittel an, den Schädel aufzubohren, um schädliche Dämpfe ber und Gold aus (Quecksilber allein herstellen, das man nicht durch
entfliehen zu lassen. Und nachlassende Sehkraft des Auges mag man Blei ersetzen könne imd dem man zuvor schon kleinste Mengen von
durch Unterlassung aufhalten: Man sollte sich nur nicht den Kopf zu den Edelmetallen beigeben müsse. Das ist nichts anderes als die ver­
häufig waschen.'^ traute Samentheorie. Natürlich gibt es Quecksilber und philosophisches
Unter Amalds Namen kursierten unechte und - mit unsicherer Quecksilber. Das philosophische Quecksilber wird von Amaldus Aqua
Wahrscheinlichkeit - einige wohl echte Werke zur Alchemie. 57 Titel vitae mercurialis genannt, ohne dass ganz klar gemacht wird, was damit
sind bekannt. Ein vielleicht echtes Werk ist ein kleines Traktat mit dem gemeint ist und wie es erhalten wird. Dieses Quecksilber-Aquavit kann
bezeichnenden Titel: <Quaestiones tarn essentiales quam accidentiales bereits niedere Metalle zu Gold und Silber transmutieren, man kann
ad Bonifatium VIII>. Der Titel verrät schon, dass es sich hier denn doch aber in einer Mischung von zwölf Teilen philosophischen Quecksilbers
um ein scholastisches Werk handelt. Es dreht sich um die im akademi­ zu einem Teil Gold oder Silber Elixiere herstellen, die tausendmal ihr
schen Leben üblichen <Fragen>, die mit Kommentaren beantwortet wur­ Gewicht an unedlen Metallen zu edlen verwandeln. Eine andere Me­
den, und es dreht sich um die aristotelische Unterscheidung von we­ thode, Gold herzustellen, besteht darin, mit Hilfe eines Ferments das
sentlichen und unwesentlichen Eigenschaften. In den <Quaestiones> gibt philosophische Quecksilber in seine vier Elemente zu zerlegen und die­
Am aldus u. a. eine Unterscheidung der Hitze nach vier Graden: «Der se dann zu der Erscheinungsform des Goldes wieder zusammenzuset­
erste IGrad des Feuers] wird so gebildet, dass die Empfindung ihn be­ zen: Gold erfordert dabei ein Verhältnis von einem Teil Wasser zu einem
herrscht; an dem mit der Empfindung in Einklang befindlichen zweiten Teil Luft, zwei Teilen Wasser zu einem Teil Feuer und drei Teilen Wasser
freut sich die Natur; der dritte geht darüber hinaus, verletzt aber so, zu zwei Teilen Erde. Dabei muss man aber auch die relativen Wärmen,
dass man es ertragen kann; der vierte, der Zerstörer der Empfindung, Kälten, Trockenheiten imd Feuchtigkeiten beachten, und der ganze Pro­
kann nicht weiter gesteigert werden.» (Ganz. 193 f.) zess muss gesteuert werden anhand der Farbveränderungen im Mate­
Am alds alchemisches Hauptwerk aber ist zweifellos der <Thesaums rial, bis schließlich ein außerordentlich feines, rotes Pulver entsteht. Es
thesauromm et rosarium philosophomm>, <Der Schatz der Schätze und geht also um die richtige Mischung, die Eukrasie.
Rosengarten der Philosophen), der in manchem den anderen Amaldus Das alles klingt zwar, als sei es im Labor nicht wirklich nachvollzieh­
zeigt, einen Amaldus, der hier nicht nur im typisch scholastischen, tro­ bar, aber es wirkt nüchtern. Immerhin hat Amaldus laboriert, was seine
ckenen Disputations-Stil schreibt, sondern im Traktat-Stil mancher ara­ Beschreibung der Destillation von Blut zeigt. In fraktionierter Destilla­
bischer Texte. So ist sein <Rosengarten> dem <Buch über die Alaune und tion gewann er dabei das Element Wasser (rein wässrige Flüssigkeit),
Salze>, von dem er sicher einige seiner Vorstellungen übernommen hat, Luft (gelbliche Flüssigkeit) und Feuer (rotes Destillat). Aber alles, was
in manchem ähnlich. Außerdem wäre möglich, dass das <Rosarium> von er im Labor tat, fand offensichtlich in einer anderen <Atmosphäre> statt.
286 III. In Klöstern und andernorts Raimundus Lullus 287

als wir es gewohnt sind. So vergleicht er, und darin wird er noch viele seinen Entschluss, seinem fröhlichen Rumtreiberleben ein Ende zu set­
Nachfolger haben, den alchemischen Prozess in blumenreichen Worten zen, nach einem Schockerlebnis, das ihm die Vanitas des Lebens vor
mit der Empfängnis, der Geburt, der Kreuzigung und der Auferstehung Augen führte. Eine Dame nämlich, deren unermessliche Schönheit er in
Christi, wobei das Wort vom bloßen Vergleich etwas zu schwach ist: eitler, mit Superlativen und Unendlichkeiten spielender Selbstgefällig­
Am aldus sah, was er sehen wollte. keit gepriesen hatte, zeigte ihm in einem Augenblick der Verzweiflung
Damit sind wir wieder beim Quecksilber, das Amaldus ja in den Mit­ ihre vom Krebs zerfressene Bmst. Das war 1266 und fiel zusammen mit
telpunkt aller seiner Überlegungen stellte. Weil sich das Quecksilber einer Serie von Visionen. Nach seiner Bekehmng zur Imitatio Christi
nicht in die <natürhche Ordnung> einfügte - und sich nach unserem reiste Lull viel, bis hin nach Armenien, lernte viel, schrieb viel, wurde
Alltagsverständnis ja auch heute noch nicht einfügt -, waren manche Tutor der Söhne des Königs Johann I. von Aragon und verlor sein Ziel,
Alchemisten von dieser proteushaften Substanz geradezu betört. Dabei die Bekehmng der Ungläubigen durch Einsicht, dabei nicht aus den
entspringt derlei Ordnung doch nur unserem Zwang zur Gliedemng, Augen. Die Ungläubigen, die er zu bekehren trachtete, kannte er gut,
zur Klassifiziemng der Dinge nach Guppen. Metalle sind nun mal <me- hatten sie doch seine Heimatinseln jahrhundertelang bis kurz vor seiner
tallglänzend>, was ja nichts als eine definitorische Tautologie ist, und Geburt beherrscht. Diese Ungläubigen waren keine Analphabeten aus
außerdem sind sie fest und duktil. Und umgekehrt sind Flüssigkeiten dem finstersten Afrika, sondern Mauren, manche hochgebildet, sodass
flüssig, und außerdem haben sie keinen Metallglanz und sind auch man ihnen nur mit höchsten geistigen Anstrengungen begegnen konnte.
nicht so schwer, wie die gängigen Metalle es sind. Das heißt nichts Nachdem er Arabisch gelernt hatte, unternahm Lull drei Missionsreisen
anderes als: Das Quecksilber besitzt zwar je eine Grundvoraussetzung, nach Nordafrika, auf deren letzter er auf geradezu biblische Weise ge­
Metall oder Flüssigkeit genannt zu werden, besitzt aber keine der an­ steinigt wurde.
deren Voraussetzungen einer Zuordnung zu den Metallen oder zum LuUs Neigungen galten den Sprachen und der Logik, und das rückte
Wasser. Und dass die Legiemngsbildung des Quecksilbers, die ja tat­ ihn in die Nähe eines kabbalistischen Neuplatonismus. Das ist schon
sächlich mit ihren unübersehbar vielen Erscheinungsformen, mit ihren äußerlich daran zu sehen, dass er in seinen drei Hauptwerken, der <Ars
vielen Farben, mit ihren vielen Aggregatzuständen von flüssig über maior>, der <Ars generalis> oder <Ars magna et ultima> und der <Ars
halbfest zu fest etwas Einzigartiges ist, als Amalgamierung einen eigenen veritatis inventiva>, viel mit Diagrammen, Zahlen- und Buchstabenkom­
Namen bekommen hat, zeigt ebenfalls, dass dieser Proteus Quecksilber binationen arbeitete. Er versuchte damit, eine Ars inveniendi zu entwi­
in die alltägliche Welt der Erscheinungen nicht einzuordnen war. Was ckeln, d. h. eine Methode, die - natürlich christliche - Wahrheit auf lo­
lag näher als anzunehmen, dass durch das Unerklärliche des Quecksil­ gisch-mechanischem Wege zu finden, also durch Kombination von Be­
bers das Unfassbare des Großen Geheimnisses hindurchschimmert? griffen, die er auf konzentrische und drehbare Scheiben schrieb. Die
Wirkimg der Lullschen Kombinatorik auf alle, die nach der einen, der