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SE Mensch und Raum Univ.-Doz. DDr. M ă d ă l i n a D i a c o nu 16.3.

2010

Franz Kafka: „Der Bau"/Walter Biemel: „Kafkas Dichten des Wohnens am Ende der Neuzeit“

Franz Kafka schildert in seinem Werk „Der Bau“, entstanden 1923/24, die Innensicht eines Tieres, das nach
vollendeter Ausgestaltung seiner Behausung über deren Funktion und Verwirklichung reflektiert und einen
Rechtfertigungsversuch für seine Konstruktion und damit auch für seinen gewählten Lebensentwurf startet. Das Tier
wechselt von Stimmungen der Sicherheit zu Stimmungen des Zweifels. Zunehmende Unsicherheit macht sich breit und
lässt das Verhältnis von Besitz und „Besessen-werden“ langsam um kehren. Das Tier verlässt seinen Bau, kehrt zurück
und beginnt ihn in zunehmender Verunsicherung zu zerstören, weil es einen unbekannten Störfaktor (ein zischendes
Geräusch, das für den eigenen Atem des Tieres stehen kann) auszurotten versucht. Der Erzähltext, eine Fabel, endet
mit den Worten: – Aber alles blieb unverändert. – –

Walter Biemel sieht das Werk in enger Verbindung mit Heideggers Wohn-Konzept. Kafkas Text umschreibe jenen
Prozess, den Heidegger folgendermaßen charakterisiere: „Die eigentliche Not des Wohnens beruht darin, daß die
Sterblichen das Wesen des Wohnens immer erst wieder suchen, daß sie das Wohnen erst lernen müssen.“ (Vorträge
162)
Zentrale Punkte in Biemels Interpretation:
 Dialektik des Kampfes um Ruhe und Frieden: Vorsicht ist das Risiko des Lebens
 Sicherheits- und vorausschauendes Denken und die Brüchigkeit von Ordnungen
 Das Verhältnis des Menschen zu seinem Geschaffenen: Identifizierung des Ichs mit dem Werk
 Wohnen als Entfaltung der Bezüge des Menschen
o zur Natur
o zum Mitmenschen
o zum Übernatürlichen
o zu sich selbst
 Rechtfertigung der Existenz des Menschen über das Verfügbarmachen des Seienden. Der Mensch will im
Seienden Stand gewinnen. Daran misst sich die Macht des Menschen. Indem das Seiende als etwas
Vorgestellt wird, wird es dem plandenden Willen unterworfen: Vergegenständlichung der Welt ist eine Folge
daraus.
 die Verwandlung vom Seienden zum Gegenstand und vom Menschen zum Subjekt durch die menschliche
Vorstellungskraft (Heidegger) Spaltung in Subjekt und Objekt durch den neuzeitlichen Menschen.
 Änderung des Wahrheitsbegriffes des neuzeitlichen Menschen (von veritas adaequatio (deren Grund die
göttliche Schöpfung ist), zu veritas als certitudo in Descartes: cogito ergo sum). Unsere Gewissheit über das
Ich zeigt sich gerade durch über die Vorstellung des Geistes (mens) als Geist. Erkennbarkeit des Ichs durch
Kafka in Frage gestellt: Selbstentfremdung
 Entfremdetes/entäußertes (Hegel) Wohnen durch das das Scheitern am Begreifen und Erfassen des Seienden
durch das animal rationale (das vernünftige Tier= der Mensch), Scheitern sozialer Beziehungen durch den
alleinigen Bezug des Menschen zum Seienden durch die Arbeitsleistung.
Kafkas Texte zeichnen sich dadurch aus, dass er die Möglichkeit und die Unmöglichkeit, den Sinn und den Unsinn von
Sinnstiftungen durch den Menschen aufzeige. Der Unsinn und die Unmöglichkeit des Wohnens aus einer reinen
Sicherheitsperspektive sowie die Unmöglichkeit der Selbstdefinition über materiellen Besitz, werden aufgezeigt. Der
Text fordere uns auf, die Weltbeherrschung des Ichs in Frage zu stellen.

Marlene Mittringer 0604632