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Univ.-Prof. Hon.-Prof. Dr.

Susanne Reindl-Krauskopf
Übung aus Straf- und Strafprozessrecht
SoSe 2019

Fall I
(Auszug aus einer MP Strafrecht)

A und B haben wieder einmal Geldsorgen und beschließen im Oktober 2017, einen Juwelier zu
überfallen. Sie beraten sich zu diesem Zweck mit ihrem Freund C, der ihnen verschiedene
Tipps gibt und ihnen überdies rät, für alle Fälle eine geladene Waffe mitzunehmen. Sie befol-
gen Cs Rat und nehmen sich zwei Tage später das Geschäft des Juweliers J vor. Während der
maskierte A die Angestellte des J mit der Waffe bedroht, verstaut der ebenfalls maskierte B
alle Juwelen, die er finden kann, im mitgebrachten Rucksack. A und B wollen das Geschäft
bereits wieder verlassen, als der durch die ungewohnten Geräusche alarmierte J mit einem
Revolver bewaffnet aus dem Hinterzimmer des Geschäfts herbeistürmt. Kurz entschlossen
schießt J auf die Flüchtenden, um sie aufzuhalten. Dass der Schuss auch tödlich sein kann, ist
ihm dabei klar, aber gleichgültig. J trifft allerdings weder A noch B. Vielmehr geht der Schuss
fehl und streift völlig unerwartet die Angestellte des J am Oberarm. Die Verletzung, um die
sich J sofort kümmert, heilt nach drei Wochen vollkommen aus. A und B können mit einer
Beute von 150.000 Euro entkommen, ohne selbst einen Schuss abzugeben. C erhält eine Uhr
(Wert: 20.000 Euro) als Dankeschön für seine wertvollen Tipps, den Rest der Beute teilen A
und B untereinander auf.
J ist so erschüttert darüber, dass er bei dem Überfall seine Mitarbeiterin verletzt hat, dass er
abends Trost im Alkohol sucht. Er geht auf dem Heimweg von seinem Geschäft in die nächst-
beste Bar und beginnt, abwechselnd Schnaps und Bier zu trinken. Er ist bereits ziemlich ange-
heitert, als ein Kriminalbeamter (K) in Zivil die Bar betritt und beginnt, (rechtmäßig) Perso-
nenkontrollen durchzuführen. Dabei weist K sich deutlich als Kriminalbeamter aus. Alkohol-
bedingt erkennt J dies allerdings nicht und glaubt, schon wieder Opfer einer Straftat zu wer-
den. Er stößt K so kräftig von sich, dass dieser heftig gegen den Baraufbau taumelt und sich
dadurch eine schmerzhafte Rissquetschwunde am Kopf zuzieht, die sehr blutet, aber rasch wie-
der ausheilt. J läuft, ohne zu bezahlen, davon.
I. Prüfen Sie die Strafbarkeit von A, B, C und J!

J kommt allerdings nicht weit. K hat nämlich seinen (uniformierten) Kollegen, der unweit des
Lokals im Auto wartet, via Handy informiert. Anhand der durchgegebenen Personenbeschrei-
bung erkennt dieser J leicht, springt aus dem Wagen und nimmt ihn fest. Um den Grad der
Alkoholisierung des J für die Zwecke der Strafverfolgung festzustellen, soll ihm Blut abgenom-
men werden. Obwohl sich J weigert, führt K den J unverzüglich dem Arzt vor, der sofort eine
Blutabnahme vornimmt. Die Analyse ergibt einen Alkoholisierungsgrad von 1,5 Promille.
II. Welche(s) Rechtsmittel steht / stehen J mit welcher Erfolgsaussicht ge-
gen die Festnahme offen?
III. Kann J wegen der Blutabnahme etwas unternehmen? Wenn ja / wenn
nein, mit welcher Begründung?
Die Ermittlungen wegen des Banküberfalls laufen schleppend. Da meldet sich völlig überra-
schend X bei den zuständigen Beamten: Er kenne sich im Milieu aus, habe von dem Überfall
gehört und sei in der Lage, weitere Informationen zu besorgen, falls dies gewünscht sei. Bei
der Überprüfung des X stellt sich heraus, dass er tatsächlich im kriminellen Milieu beheimatet
ist und Vorstrafen wegen kleinerer Vermögensdelikte aufweist. Derzeit laufen allerdings keine
Strafverfahren gegen ihn.
IV. Ist es zulässig, das Angebot des X anzunehmen? Bejahendenfalls, wel-
che rechtlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind zu
beachten?

X hört sich tatsächlich weiter um und gibt den entscheidenden Hinweis, dass A begonnen hat,
seine Beutestücke zu Geld zu machen. So sollen einige am Abend des übernächsten Tages in
einem bekannten Hehlertreff zum Verkauf gelangen. Preisgebote werden schon laufend von A
entgegengenommen. Der Zuschlag soll dann im Lokal vor Ort erfolgen. Das wollen sich die
ermittelnden Beamten natürlich nicht entgehen lassen. Zum einen streben sie die Verhaftung
des A an, zum anderen möchten sie ihn in flagranti beim Verkauf der Beute erwischen.
V. Welche strafprozessualen Möglichkeiten sehen Sie für die Beamten?
Welche rechtlichen Schritte sind einzuhalten?

Letztendlich kann A festgenommen werden. In weiterer Folge können auch B und C ausge-
forscht werden. Der Staatsanwalt erhebt nach Abschluss der Ermittlungen Anklage gegen A, B
und C. Im Verfahren sollen ua X und die ermittelnden Beamten als Zeugen aussagen. Weil X
Sanktionen aus seinem kriminellen Umfeld fürchtet, will er nicht als Zeuge auftreten.
VI. Welche Möglichkeiten bestehen, um X zu schützen? Auf welche Vo-
raussetzungen kommt es gegebenenfalls dabei an?

Die ermittelnden Beamten verstehen Xs Sorge und geben seine Identität nicht preis. Stattdes-
sen verliest einer der Beamten einen von X schriftlich abgefassten Bericht in der
Hauptver-handlung. Am 8. August 2018 werden schließlich alle drei Angeklagten verurteilt:
A und B wer-den ua gestützt auf den schriftlichen Bericht des X schuldig gesprochen. Da B
bereits mehrere einschlägige Vorstrafen aufweist, wird über ihn wegen der Tatbegehung im
Rückfall eine Frei-heitsstrafe von 22 Jahren verhängt. A hat bis zuletzt geleugnet, den
vorgeworfenen Überfall begangen zu haben. Das Gericht verhängt über ihn wegen seiner
hartnäckig leugnenden Ver-antwortung eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren, obwohl er
bislang unbescholten war. Hin-sichtlich C stellt sich heraus, dass er ebenfalls bereits
vorverurteilt ist (rechtskräftiges Urteil wegen schweren Diebstahls vom Juli 2014).
Allerdings wurde ihm die Strafe bedingt auf drei Jahre nachgesehen. Aufgrund der
neuerlichen Straffälligkeit verurteilt das Gericht C nicht nur, sondern widerruft auch die
bedingte Strafnachsicht.
VII. Welche Rechtsmittel können A, B und C mit Aussicht auf Erfolg mit
welcher Begründung erheben?

Die Waffe, mit der A den J beim Überfall bedroht hat, konnte trotz intensiver Ermittlungen
während des Strafverfahrens nicht aufgefunden werden. Erst viele Jahre nach Abschluss des
Verfahrens wird sie plötzlich am Ufer der Donau angespült.
VIII. Wie ist in Bezug auf die Waffe vorzugehen?