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Rhetorik und Stilistik

Rhetoric and Stylistics

HSK 31.2


Handbücher zur
Sprach- und Kommunikations-
wissenschat
Handbooks o Linguistics
and Communication Science

Manuels de linguistique et
des sciences de communication

Mitbegründet von Gerold Ungeheuer ()


Mitherausgegeben 19852001 von Hugo Steger

Herausgegeben von / Edited by / Edités par


Herbert Ernst Wiegand

Band 31.2

Walter de Gruyter · Berlin · New York


Rhetorik und Stilistik
Rhetoric and Stylistics
Ein internationales Handbuch historischer
und systematischer Forschung
An International Handbook o Historical
and Systematic Research

Herausgegeben von / edited by


Ulla Fix, Andreas Gardt, Joachim Knape

2. Halbband / Volume 2

Walter de Gruyter · Berlin · New York



앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data

Rhetorik und Stilistik: ein internationales Handbuch historischer und


systematischer Forschung ⫽ Rhetoric and stylistics: an international
handbook of historical and systematic research / edited by Ulla Fix,
Andreas Gardt, Joachim Knape.
⬍2⬎ v. ; cm. ⫺ (Handbooks of linguistics and communication
science ; v. 31)
Includes bibliographical references and index.
ISBN 978-3-11-013710-1 (hardcover : v. 1 : acid-free paper)
ISBN 978-3-11-017857-9 (hardcover : v. 2 : acid-free paper)
1. Rhetoric. 2. Language and languages ⫺ Style. I. Fix, Ulla.
II. Gardt, Andreas, 1954⫺ III. Knape, Joachim. IV. Title: Rheto-
ric and stylistics. V. Series: Handbücher zur Sprach- und Kommuni-
kationswissenschaft ; Bd. 31
P301.R4728 2008
808⫺dc22
200845662

ISBN 978-3-11-017857-9
ISSN 1861-5090

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in Germany
Satz: META-Systems GmbH, Wustermark
Einbandgestaltung: Martin Zech, Bremen
Inhaltsverzeichnis / Contents

Band 2/ Volume 2

VI. Dimensionen der Kategorie Stil


Dimensions o the Category o Style
67. Angelika Linke, Stil und Kultur / Style and culture . . . . . . . . . . . . 1131
68. Christian Meyer, Rhetoric and culture in Non-European societies / Rhe-
torik und Kultur in außereuropäischen Gesellschaften . . . . . . . . . . 1144
69. Hans Jürgen Heringer, Stil und Moral / Style and ethics . . . . . . . . . 1158
70. Winfried Nöth, Stil als Zeichen / Style as sign . . . . . . . . . . . . . . . 1178
71. Andreas Gardt, Stil und Bedeutung / Style and meaning . . . . . . . . . 1196
72. Wilhelm Köller, Stil und Grammatik / Style and grammar . . . . . . . . 1210
73. Ulrich Breuer, Stil und Individuum (Individualstil) / Style and the indi-
vidual . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1230
74. Norbert Dittmar, Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) / Style
and sociality (group, sex, age) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1245
75. Wolfgang G. Müller, Epochenstil/Zeitstil / epoch style/period style . . . 1271
76. Burghard Weiss, Stile wissenschaftlichen Denkens / Styles of scientific
thinking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1285

VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen


von Rhetorik und Stilistik
Central Categories and Issues o Rhetoric and Stylistics
77. Ulla Fix, Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik / Pattern
and deviation in rhetoric and stylistics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1300
78. Michael Hoffmann, Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik /
Situation as a category of rhetoric and stylistics . . . . . . . . . . . . . . 1316
79. Barbara Sandig, Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kate-
gorie der Stilistik / Action (intention, message, reception) as a stylistic
category . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1335
80. Ulf Abraham, Stil als ganzheitliche Kategorie: Gestalthaftigkeit / Style
as an an integral category (gestalt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1348
81. Hanspeter Ortner, Fehlformen rhetorisch-stilistischen Handelns / Mis-
use of rhetorical/stylistic categories . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1367
82. Ingo H. Warnke, Stilwandel und Sprachwandel / Style change and lan-
guage change . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1381
vi Inhaltsverzeichnis / Contents

VIII. Textgestaltung im Rahmen der klassischen Rhetorik


Text Composition within the Framework
o Classical Rhetoric
83. Manfred Kraus, Exercises for text composition (exercitationes, progym-
nasmata) / Übungen zur Textgestaltung (exercitationes, progymnas-
mata) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1396
84. Nicola Kaminski, Regulative und Normen der Textgestaltung (imitatio
vs. aemulatio) / Regulations and norms of text composition (imitatio vs.
aemulatio) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1406
85. Thomas Schirren, Kriterien der Textgestaltung (virtutes elocutionis: lati-
nitas, perspicuitas, ornatus, aptum) / Criteria of text composition (virtu-
tes elocutionis: latinitas, perspicuitas, ornatus, aptum) . . . . . . . . . . 1417
86. Thomas Schirren, Niveau der Textgestaltung (Dreistillehre/genera di-
cendi) / Composition standards (system of three styles/genera dicendi) 1425
87. Thomas Schirren, Topik im Rahmen der klassischen Rhetorik / Topics
in classical rhetoric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1444
88. Thomas Schirren, Figuren im Rahmen der klassischen Rhetorik / Fig-
ures in classical rhetoric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1459
89. Thomas Schirren, Tropen im Rahmen der klassischen Rhetorik / Tropes
in classical rhetoric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1485
90. Gregor Staab, Satzlehre im Rahmen der klassischen Rhetorik / Sentence
composition in classical rhetoric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1498
91. Thomas Schirren, Textaufbau und Redeteilschemata (partes orationis) /
Text structure and the parts of the speech (partes orationis) . . . . . . . 1515

IX. Textgestaltung im Rahmen der Stilistik


Text Composition within the Framework o Stylistics
92. Michael Hoffmann, Mikro- und makrostilistische Einheiten im Über-
blick / Micro- and macrostylistic elements: An overview . . . . . . . . . 1529
93. Bernd Spillner, Stilistische Phänomene der Schreibung und Lautung /
Stylistic aspects of spelling and articulation . . . . . . . . . . . . . . . . . 1545
94. Peter Handler, Stilistische Phänomene der Wortbildung / Stylistic as-
pects of word formation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1563
95. Klaus-Dieter Ludwig, Stilistische Phänomene der Lexik / Stylistic as-
pects of the lexicon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1575
96. Hans-Werner Eroms, Stilistische Phänomene der Syntax / Stylistic as-
pects of syntax . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1594
97. Wolfgang Heinemann, Stilistische Phänomene auf der Ebene des Tex-
tes / Stylistic aspects of the text . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1610
98. Martin Wengeler, Stilistische und rhetorische Phänomene auf der Ebene
des Diskurses / Stylistic and rhetorical aspects of written discourse . . . 1630
99. Inken Keim, Gesprächstyp und Stil / Conversation type and style . . . 1648
Inhaltsverzeichnis / Contents vii

100. Norbert Dittmar, Varietäten und Stil / Varieties and style . . . . . . . . 1669
101. Norbert Richard Wolf, Historische Textsorten und Stil / Historical vari-
eties and style . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1691
102. Ines-Andrea Busch-Lauer, Fach- und gruppensprachliche Varietäten
und Stil / Subject- and group-specific varieties and style . . . . . . . . . 1706
103. Ines-Andrea Busch-Lauer, Funktionale Varietäten und Stil / Functional
varieties and style . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1722
104. Bernd Spillner, Verfahren stilistischer Textanalyse / Methods of stylistic
text analysis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1739

X. Die Rolle von Rhetorik und Stilistik in anderen


Wissenschaten in der Gegenwart
The Current Role o Rhetoric and Stylistics
in other Disciplines
105. John H. Smith, Rhetoric and stylistics in philosophy / Rhetorik und
Stilistik in der Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1783
106. Albrecht Grözinger, Rhetorik und Stilistik in der Theologie / Rhetoric
and stylistics in theology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1798
107. Katharina Gräfin von Schlieffen, Rhetorik und Stilistik in der Rechts-
wissenschaft / Rhetoric and stylistics in jurisprudence . . . . . . . . . . . 1811
108. Hubert Knoblauch, Rhetorik und Stilistik in der Soziologie / Rhetoric
and stylistics in sociology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1833
109. Wolfgang Bergsdorf, Rhetorik und Stilistik in der Politologie / Rhetoric
and stylistics in political science . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1842
110. Norbert Groeben, Stilistik und Rhetorik in der Psychologie / Rhetoric
and stylistics in psychology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1856
111. Christian Meyer, Rhetoric and stylistics in social/cultural anthropol-
ogy / Rhetorik und Stilistik in der Ethnologie . . . . . . . . . . . . . . . 1871
112. Julia Schmid, Rhetorik und Stilistik in der Literaturwissenschaft /
Rhetoric and stylistics in literary studies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1885
113. Christina Gansel, Rhetorik und Stilistik in Text- und Gesprächslinguis-
tik / Rhetoric and stylistics in linguistics of text and conversation . . . 1907
114. Martin Papenbrock, Der Stilbegriff in der Kunstwissenschaft / The con-
cept of style in fine art studies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1921
115. Hartmut Krones, Rhetorik und Stilistik in der Musikwissenschaft /
Rhetoric and stylistics in musicology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1932
116. Jürg Niederhauser, Rhetorik und Stilistik in den Naturwissenschaften /
Rhetoric and stylistics in the natural sciences . . . . . . . . . . . . . . . . 1949
117. Hans J. Vermeer, Rhetorik und Stilistik in der Translationswissen-
schaft / Rhetoric and stylistics in translation studies . . . . . . . . . . . . 1965
viii Inhaltsverzeichnis / Contents

XI. Rhetorik und Stilistik in internationaler Perspektive


International Perspectives o Rhetoric and Stylistics
118. Harald Haarmann, Die stilistische Charakterisierung von Einzelspra-
chen: Möglichkeiten und Probleme / The stylistic characterization of
individual languages: Approaches and problems . . . . . . . . . . . . . . 1979
119. Helga Kotthoff, Rhetorik und Stilistik in interkultureller Kommunika-
tion / Rhetoric and stylistics in intercultural communication . . . . . . . 1998
120. Eli Hinkel, Contrastive rhetoric / Kontrastive Rhetorik . . . . . . . . . 2014
121. Barbara Mittler/Asa-Bettina Wuthenow, Rhetoric and stylistics in East
Asia / Rhetorik und Stilistik in Ostasien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2027
122. Renate Würsch, Rhetorik und Stilistik im arabischen Raum / Rhetoric
and stylistics in the Arab region . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2040
123. Hans-Otto Dill, Rhetorik und Stilistik in Lateinamerika / Rhetoric and
stylistics in Latin America . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2053

XII. Rhetorik und Stilistik in der Anwendung I:


zeitgenössische Lebens- und Diskursbereiche
im Spiegel ihrer Äußerungen und Texte
Applied Rhetoric and Stylistics I: Social Spheres
and Discourse Areas as Relected in Spoken
and Written Language
124. Roman Luckscheiter, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Erzähl-
literatur der Gegenwart / Rhetorical/stylistic characteristics of contem-
porary narrative literature . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2068
125. Dieter Burdorf, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Lyrik der Ge-
genwart / Rhetorical/stylistic characteristics of contemporary poetry . . 2082
126. Jörg Wesche, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften des Dramas der Ge-
genwart / Rhetorical/stylistic characteristics of contemporary drama . . 2100
127. Josef Klein, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache der Poli-
tik / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of politics . . . . 2112
128. Markus Nussbaumer, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache
des Rechtswesens / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of
law . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2132
129. Christiane Hohenstein/Jochen Rehbein, Rhetorisch-stilistische Eigen-
schaften der Sprache der Verwaltung / Rhetorical/stylistic characteristics
of the language of administration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2151
130. Nina Janich, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache von Wer-
bung und Public Relations / Rhetorical/stylistic characteristics of the
language of advertising and public relations . . . . . . . . . . . . . . . . 2167
131. Thomas Schröder, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache des
Journalismus in den Printmedien / Rhetorical/stylistic characteristics of
the language of journalism in the print media . . . . . . . . . . . . . . . 2182
Inhaltsverzeichnis / Contents ix

132. Werner Holly, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache von


Hörfunk und Fernsehen / Rhetorical/stylistic characteristics of the lan-
guage of broadcasting and television . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2197
133. Angelika Storrer, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache des
Internets / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of the in-
ternet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2211
134. Hanspeter Ortner, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Bildungs-
sprache / Rhetorical/stylistic characteristics of ‘good German’ . . . . . . 2227
135. Klaus-Dieter Baumann, Sprache in Naturwissenschaften und Technik /
Rhetorical/stylistic characteristics of the language of the natural sciences
and technology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2241
136. Ingwer Paul, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache von Reli-
gion und Kirche / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of re-
ligion and the church . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2257
137. Georg-Maria Meyer, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache
des Militärs / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of the mili-
tary . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2274
138. Franz Simmler, Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache des
Sports / Rhetorical/stylistic characteristics of the language of sports . . . . 2289

XIII. Rhetorik und Stilistik in der Anwendung II:


didaktische Aspekte
Applied Rhetoric and Stylistics II: Didactic Aspects
139. Albert Bremerich-Vos, Rhetorische Ratgeber für Beruf und Alltag / Rhe-
torical manuals for professional and everyday settings . . . . . . . . . . . 2320
140. Albrecht Greule/Katja Kessel, Praxisbezogene Stillehren / Hands-on
handbooks of style . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2334
141. Eva Neuland, Rhetorik und Stilistik in der Sprachdidaktik / Rhetoric and
stylistics in language didactics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2350
142. Katrin Bothe, Kreatives Schreiben / Creative writing . . . . . . . . . . . . 2364
143. Eva-Maria Jakobs, Die Schlüsselqualifikationen Reden und Schreiben in
der universitären Ausbildung / Speaking and writing as key qualifications
in university education . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2377
144. Reinhard Fiehler, Kommunikationstraining / Communication training . . 2387
145. Stefanie Mitschele/Rainer Baber, Das professionelle Verfassen von Reden /
Professional speech writing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2403
146. Norbert Gutenberg, Speech communication studies and speech com-
munication training / Sprechwissenschaft und Sprecherziehung . . . . . . 2418

Indices . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2433
x Inhaltsverzeichnis / Contents

Band 1/ Volume 1

I. Theoriegeschichte der Rhetorik und Stilistik


History o the Theory o Rhetoric and Stylistics
1. Thomas Schirren, Rhetorik und Stilistik der griechischen Antike /
Rhetoric and stylistics in ancient Greece . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2. Øivind Andersen, Rhetoric and stylistics in ancient Rome / Rhetorik
und Stilistik der römischen Antike . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
3. Joachim Knape, Rhetorik und Stilistik des Mittelalters / Rhetoric and
stylistics in the Middle Ages . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
4. Joachim Knape, Rhetorik und Stilistik der deutschsprachigen Länder in
Humanismus, Renaissance und Reformation im europäischen Kontext /
Rhetoric and stylistics of the German-speaking countries in Humanism,
the Renaissance, and the Reformation in a European context . . . . . . 73
5. Sylvia Heudecker/Jörg Wesche, Rhetorik und Stilistik der deutschspra-
chigen Länder in der Zeit des Barock / Rhetoric and stylistics of the
German-speaking countries in the Baroque . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
6. Dietmar Till, Rhetorik und Stilistik der deutschsprachigen Länder in
der Zeit der Aufklärung / Rhetoric and stylistics of the German-speak-
ing countries in the Enlightenment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
7. Helmut Schanze, Rhetorik und Stilistik der deutschsprachigen Länder
von der Romantik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts / Rhetoric and
stylistics of the German-speaking countries from Romanticism until the
end of the 19 th century . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
8. Josef Kopperschmidt, Rhetorik der deutschsprachigen Länder vom Be-
ginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart / Rhetoric of the German-
speaking countries from the beginning of the 20 th century until the pres-
ent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
9. Ulrich Püschel, Stilistik der deutschsprachigen Länder vom Beginn des
20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart / Stylistics of the German-speaking
countries from the beginning of the 20 th century until the present . . . 165
10. Ekkehard Eggs, Rhetorik und Stilistik der Neuzeit in Frankreich /
Rhetoric and stylistics in modern France . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
11. Volker Kapp, Rhetorik und Stilistik der Neuzeit in Italien / Rhetoric
and stylistics in modern Italy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
12. Vicent Salvador, Rhetoric and stylistics in Spain and Portugal in the
20 th and 21st centuries / Rhetorik und Stilistik in Spanien und Portugal
im 20. und 21. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
13. Craig Hamilton, Rhetoric and stylistics in Anglo-Saxon countries in the
20 th and 21st centuries / Rhetorik und Stilistik in angelsächsischen
Ländern im 20. und 21. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
14. Renate Lachmann, Rhetorik und Stilistik der Neuzeit in den slawischen
Ländern / Rhetoric and stylistics in the modern Slavic countries . . . . 263
Inhaltsverzeichnis / Contents xi

II. Praxisgeschichte der Rhetorik und Stilistik


History o the Practice o Rhetoric and Stylistics
15. Stanley E. Porter, Applied rhetoric and stylistics in ancient Greece /
Rhetorische und stilistische Praxis der griechischen Antike . . . . . . . . 284
16. Manfred Landfester, Rhetorische und stilistische Praxis der römischen
Antike / Applied rhetoric and stylistics in ancient Rome . . . . . . . . . 307
17. Frank Bezner, Rhetorische und stilistische Praxis des lateinischen Mit-
telalters / Applied rhetoric and stylistics in the Latin Middle Ages . . . 326
18. Gert Hübner, Rhetorische und stilistische Praxis des deutschen Mittel-
alters / Applied rhetoric and stylistics in the German Middle Ages . . . 348
19. Jörg Robert, Rhetorische und stilistische Praxis des Lateinischen in den
deutschsprachigen Ländern in Humanismus, Renaissance und Reforma-
tion / Applied Latin rhetoric and stylistics of the German-speaking
countries in Humanism, the Renaissance, and the Reformation . . . . . 370
20. Joachim Knape/Stefanie Luppold, Rhetorische und stilistische Praxis
des Deutschen in den deutschsprachigen Ländern in Humanismus, Re-
naissance und Reformation / Applied German rhetoric and stylistics in
Humanism, Renaissance, and the Reformation . . . . . . . . . . . . . . . 385
21. Steffen Ohlendorf, Rhetorische und stilistische Praxis der deutschspra-
chigen Länder in der Zeit des Barock / Applied rhetoric and stylistics
of the German-speaking countries in the Baroque . . . . . . . . . . . . . 413
22. Urs Meyer, Rhetorische und stilistische Praxis der deutschsprachigen
Länder in der Zeit der Aufklärung / Applied rhetoric and stylistics of
the German-speaking countries in the Enlightenment . . . . . . . . . . . 429
23. Peter Ernst, Rhetorische und stilistische Praxis der deutschsprachigen
Länder von der Romantik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts / Applied
rhetoric and stylistics of the German-speaking countries from Romanti-
cism until the end of the 19 th century . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444
24. Dagny Guhr/Joachim Knape, Rhetorische Praxis in Deutschland vom
Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart / Applied rhetoric of
the German-speaking countries from the beginning of the 20 th century
until the present . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 463
25. Marie-Hélène Pérennec, Rhetorische und stilistische Praxis der Neuzeit
in Frankreich / Applied rhetoric and stylistics in modern France . . . . 488
26. Ludwig Fesenmeier, Rhetorische und stilistische Praxis der Neuzeit in
Italien / Applied rhetoric and stylistics in modern Italy . . . . . . . . . . 507
27. Vicent Salvador, Applied rhetoric and stylistics in Spain and Portugal
in the 20 th and 21st centuries / Rhetorische und stilistische Praxis in
Spanien und Portugal im 20. und 21. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . 532
28. Craig Hamilton, Applied rhetoric and stylistics in Anglo-Saxon coun-
tries in the 20 th and 21st centuries / Rhetorische und stilistische Praxis
in angelsächsischen Ländern im 20. und 21. Jahrhundert . . . . . . . . . 550
29. Konstantin A. Bogdanov, Rhetorische und stilistische Praxis der Neu-
zeit in Russland / Applied rhetoric and stylistics in modern Russia . . . 569
xii Inhaltsverzeichnis / Contents

III. Systematische Bereiche der klassischen


Rhetoriktheorie
The System o Classical Rhetorical Theory
30. Fabian Klotz, Der Orator / The orator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 587
31. Thomas Schirren, Redeabsicht und Wirkungsmodi (docere, delectare,
movere) / Speech intention and modes of effect (docere, delectare, mo-
vere) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 598
32. Thomas Schirren, Funktionalgattungen der Rede (genera causarum) /
Functional types of speech (genera causarum) . . . . . . . . . . . . . . . 602
33. Thomas Schirren, Redesachverhaltsfeststellung (Statuslehre) / The iden-
tification of the case (status) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 610
34. Thomas Schirren, Rhetorik des Textes: Produktionsstadien der Rede /
Rhetoric of the text: The stages of speech production . . . . . . . . . . . 620
35. Michael Hoppmann, Rhetorik des Verstandes (Beweis- und Argumen-
tationslehre) / Rhetoric of reason: The system of proof and argumenta-
tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 630
36. Dietmar Till, Rhetorik des Affekts (pathos) / Rhetoric of affect (pathos) 646
37. Thomas Schirren, Rhetorik des Körpers (actio I) / Rhetoric of the body
(actio I) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 669
38. Reinhart Meyer-Kalkus, Rhetorik der Stimme (actio II: pronuntiatio) /
Rhetoric of the voice (actio II: pronuntiatio) . . . . . . . . . . . . . . . . 679

IV. Theoriebereiche und Forschungselder moderner


Rhetorik
Theoretical Fields and Areas o Research in Modern
Rhetoric
39. James Price Dillard/Lori B. Miraldi, Persuasion: Research areas and
approaches / Persuasion: Forschungsfelder und -ansätze . . . . . . . . . 689
40. Manfred Kienpointner, Argumentationstheorie / Theory of argumenta-
tion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 702
41. Richard Graff, Topics/Topoi / Topik/Topoi . . . . . . . . . . . . . . . . . 717
42. Paul Gévaudan, Tropen und Figuren / Tropes and figures . . . . . . . . 728
43. Wolf-Andreas Liebert, Metaphernforschung / Metaphor research . . . . 743
44. Reinhard Fiehler, Emotionale Kommunikation / Emotional communi-
cation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 757
45. Ursula Hirschfeld/Baldur Neuber/Eberhard Stock, Sprach- und Sprech-
wirkungsforschung / Language- and speech-effect research . . . . . . . . 772
46. Judee K. Burgoon/Sean Humpherys/Kevin Moffitt, Nonverbal com-
munication: Research areas and approaches / Nonverbale Kommunika-
tion: Forschungsfelder und -ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 787
47. John S. Seiter/Robert H. Gass, Compliance-gaining research: A canoni-
cal review / Streben nach Zustimmung: Forschungsfelder und -ansätze 812
Inhaltsverzeichnis / Contents xiii

48. Michael Hoppmann, Pragmatische Aspekte der Kommunikation:


Höflichkeit und Ritualisierung / Pragmatic aspects of communication:
Politeness and ritualization . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 826
49. Heinz Bonfadelli, Medienwirkungsforschung / Media effects research . 837
50. Sally A. Jackson, Message effects research / Rhetorische Wirkungsfor-
schung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 855
51. Peter L. Oesterreich, Anthropologische Rhetorik / Anthropological
rhetoric . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 869
52. Lily Tonger-Erk, Rhetorik und Gender Studies / Rhetoric and gender
studies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 880
53. Joachim Knape, Rhetorik der Künste / Rhetoric and the arts . . . . . . 894
54. James Jasinski, Rhetorical criticism in the USA / Rhetorical Criticism
in den USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 928
55. Andreea Deciu Ritivoi/Richard Graff, Rhetoric and modern literary
theory / Rhetorik und neuere Literaturtheorie . . . . . . . . . . . . . . . 944
56. Ronald Walter Greene, Rhetoric in cultural studies / Rhetorik in den
Cultural Studies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 959
57. Katie Böhme, Das Bild der Rhetorik in Enzyklopädien und in moder-
nen rhetorischen Nachschlagewerken / The concept of rhetoric in ency-
clopaedias and modern rhetorical works of reference . . . . . . . . . . . 971
58. Philipp Erchinger, Das Bild der Rhetorik in der rhetorikkritischen Tra-
dition / Criticizing rhetoric: Traditions and arguments . . . . . . . . . . 991

V. Theoriebereiche und Forschungselder moderner


Stilistik
Theoretical Fields and Areas o Research in Modern
Stylistics
59. Jiři Kraus, Structuralist conceptions of style / Strukturalistische Stilauf-
fassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1010
60. Ulrich Püschel, Kommunikativ-pragmatische Stilauffassungen / Com-
municative-pragmatic conceptions of style . . . . . . . . . . . . . . . . . 1023
61. Margret Selting, Interactional stylistics and style as a contextualization
cue / Handlungsstilistik und Stil als Kontextualisierungssignal . . . . . 1038
62. Johannes Schwitalla, Gesprächsstile / Conversational styles . . . . . . . 1054
63. Johannes Anderegg, Literaturwissenschaftliche Stilauffassungen / Con-
cepts of style in literary studies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1076
64. Ursula Christmann, Rhetorisch-stilistische Aspekte moderner Verste-
hens- und Verständlichkeitsforschung / Rhetorical and stylistic aspects
of modern research on text processing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1092
65. Barbara Sandig, Stil als kognitives Phänomen / Style as a cognitive phe-
nomenon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1106
66. Lawrence A. Hosman, Style and persuasion / Stil und Persuasion . . . 1119
VI. Dimensionen der Kategorie Stil

67. Stil und Kultur


1. Einführung
2. Kultur
3. Stil
4. Stil und Kultur: kulturelle Stile
5. Sprachliche Stile als kulturelle Stile
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract
The present article is meant to contribute to a broader theoretical discussion of the relation
between style and culture.
Both style and culture are complex theoretical concepts with a long-standing history of
definition (chapter 1: Introduction). The concept of culture is discussed as a comprehensive
concept which nevertheless has to be thought of as both plural and flexible (chapter 2:
Culture). I propose a praxeological understanding of culture that highlights the corporeal
foundation as well as the materiality of cultural practices. From this perspective, culture
must be conceived as a category of both content and form. Style, in contrast, is a category
of form. According to the concept presented in this article, style is a significant and typical
form, an effect not necessarily intended, a phenomenon creating difference and identity, a
result of selection and of the experience of contrast (chapter 3: Style).
For integrating culture and style into the concept of cultural style, the aspect of form is
considered to be constitutive (chapter 4: Cultural Styles): Only where isomorphic elements
of form across varying material bases can be recognized as analog and, in turn, as style
(Hahn 1986), phenomena that differ with respect to their content can nevertheless be at-
tributed to the same whole and can be seen as coherent. From the article’s perspective,
cultural styles include collective linguistic styles, which can be found both on the level of
the single language (Humboldt) and on the level of the language usage of groups, larger
social formations, or in historical epochs (chapter 5: Linguistic Styles as Cultural Styles).
Although one can lately discern an ongoing scholarly sensitization for the suitability of the
concept style inspired by the interest in the linguistic construction of society and culture,
linguistics still lacks a general theoretical framework and an established set of methodologi-
cal instruments for the exploration of phenomena of collective style.

1. Einührung
Stil und Kultur sind theoretische Großbegriffe. Jeder Versuch, sie im Kontext einer Fra-
gestellung näher zu bestimmen, findet immer schon vor dem Hintergrund unterschied-
lichster Definitionstraditionen sowie der zugehörigen kritischen Infragestellungen statt.
1132 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Darauf kann im Folgenden nur minimal eingegangen werden (Kroeber/Kluckhohn) ha-


ben bereits 1952 und damit vor der neuerlichen Karriere des Kulturkonzeptes in den
Wissenschaften über 150 Definitionen von Kultur zusammengestellt und deren weites
Spektrum eindrücklich aufgezeigt). Aus der In-Bezug-Setzung von Stil und Kultur im
Titel dieses Artikels ergibt sich allerdings bereits ein Vorverständnis der beiden Konzepte,
welches den gegenseitigen Bezug als sinnvoll erachtet, auch wenn er nicht näher spezifi-
ziert wird. Es werden deshalb zunächst relevante Aspekte beider Konzepte getrennt skiz-
ziert, jedoch bereits mit Blick auf den beabsichtigten Bezug zueinander. Zu diesem Bezug
selbst gibt es wenig theoretische Vorarbeit, obwohl z. B. in Studien zur interkulturellen
Kommunikation wie auch in den traditionellen kunst- und literaturhistorischen Zu-
sammenhängen die beiden Konzepte praktisch und produktiv als interdependent behan-
delt werden. Die folgenden Ausführungen sind zumindest in Teilen als Ansatz zu einer
allgemeineren theoretischen Klärung zu lesen. Dass zunächst auf Kultur eingegangen
wird, signalisiert eine erste Setzung.

2. Kultur

Fritz Hermanns (1999) fasst Kultur unter die von ihm sogenannten Totalitätsbegriffe,
deren Definitionen meist Listen von subsumierten Phänomenen enthalten und durch
Formulierungen wie ist die Menge von … oder ist alles, was … eingeleitet werden. Tat-
sächlich gilt dies in auffallender Weise für die in der Kulturforschung der letzten 150
Jahre theorieprägenden Definitionen von Kultur. So etwa bei Edward Burnett Tylor
(1871, 1): „Culture […] is that complex whole which includes knowledge, belief, art, mo-
rals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member
of society“, bei Franz Boas (1963 [1911], 149): „Culture may be defined as the totality of
the mental and physical reactions and activities that characterizes the behavior of the
individuals composing a social group“ oder bei Ward Goodenough (1964 [1957], 36): „A
society’s culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate
in a manner acceptable to its members“. Die zitierten Definitionen, die alle aus primär
ethnologischen Kontexten stammen, präsentieren Kultur nicht als ein auf das Indivi-
duum, sondern auf soziale Gruppierungen bezogenes Konzept. Kultur wird definiert als
Produkt und formatives Moment von Gesellschaft und als Medium der Integration des
Einzelnen in ein Kollektiv. Im Gegensatz zu einem Alltagsverständnis von Kultur, das
häufig normativ geprägt ist, sich in erster Linie auf die schönen Künste bezieht und oft
stark objektorientierten Charakter hat, ist das Kulturverständnis gegenwärtiger cultural
studies bzw. der Kulturwissenschaften, für das u. a. die oben zitierten Definitionen prä-
gend waren, explizit nicht-normativ, nicht-objektorientiert sowie auf die gesamte Lebens-
welt des Menschen bezogen. Als kulturgeprägt und kulturkonstitutiv erscheinen nicht
nur künstlerische und sonstige Artefakte, sondern ebenso Verhaltensformen und
Handlungen, Wissen, Einstellungen, Emotionen, Werte etc.
Clifford Geertz schließlich abstrahiert in seiner berühmten Definition über all die
genannten vielfältigen Phänomene und Ausprägungen von Kultur, indem er sie unter
den Begriff des „Bedeutungsgewebes“ zusammenfasst: „Believing, with Max Weber, that
man is an animal suspended in webs of significance he himself has spun, I take culture
to be those webs […]“ (Geertz 1973, 5). Kultur zeigt sich dieser Definition zufolge in
67. Stil und Kultur 1133

allen symbolischen, d. h. zeichenhaften Handlungen des Menschen sowie in den daraus


resultierenden Produkten. Im Plural von webs kommt zudem ein plurales Verständnis
von Kultur zum Ausdruck: Kulturen können unterschiedliche webs of significance umfas-
sen und integrieren und auch das Individuum kann diesem Verständnis zufolge in meh-
rere Bedeutungsnetze, in mehrere verschiedene (Sub-)Kulturen gleichzeitig ,versponnen‘
sein. Kultur ist bei Geertz nicht monolithisch gedacht, sondern als plurales, bewegli-
ches Konstrukt.
Das semiotische Kulturverständnis von Clifford Geertz garantierte im Übrigen dessen
Anschlussfähigkeit an das wissenschaftstheoretische und methodische Selbstverständnis
der Geistes- und Kulturwissenschaften, zumal Geertz den expliziten methodischen
Schluss zog, dass die Kulturanalyse kein experimentelles und nach Gesetzen suchendes
Wissensfeld sei, sondern ein „interpretive one in search of meaning“ (Geertz 1973, 5).
Damit, und noch deutlicher in der von Geertz selbst vorgenommenen metaphorisieren-
den Bestimmung von Kultur als „ensemble of texts“ (Geertz 1973, 452), wird Kultur als
lesbar erklärt. Neben und zum Teil auch gegen eine solche „textualistische“ Theorie von
Kultur (Reckwitz 2004, 42) stellt sich in allerjüngster Zeit eine soziologisch (v. a. durch
Bourdieu) inspirierte, handlungs- bzw. praxisorientierte Neubestimmung des Kulturellen.
Unter Bezug auf das in der Ethnomethodologie Harold Garfinkels entwickelte und u. a.
von Judith Butler popularisierte Konzept des doing culture wird Kultur in der Repetitivi-
tät und Routiniertheit gesellschaftlichen Handelns verortet, d. h. in Habitualisierungen,
die sich „durch häufiges und regelmäßiges Miteinandertun“ (Hörning/Reuter 2004, 12)
ausbilden. Die Dialogizität (vgl. auch Marková 2003) des hier dem Kulturkonzept zu-
grunde gelegten Handlungskonzepts, die im Ausdruck Miteinandertun explizit gemacht
wird, unterscheidet dieses Signifikant von Handlungskonzepten, wie sie etwa die lin-
guistische Pragmatik ⫺ exemplarisch die Sprechakttheorie ⫺ prägen und die Handeln
in erster Linie als zwar auf andere gerichtete, aber konzeptuell monologistische Aktivität
singulärer Akteure konzipieren. Darüber hinaus wird in der Konzeption von doing cul-
ture die Leiblichkeit bzw. Inkorporiertheit sowie die in Artefakten sedimentierte Materia-
lität von sozialen und kulturellen Praktiken in den Vordergrund gerückt. Beides ⫺ Kör-
perbindung und Materialbezug ⫺ wird als Voraussetzung für die Stabilisierung von
Praktiken jenseits von bewusstem Wissen sowie für ihre Wahrnehmbarkeit und ⫺ als
Folge davon ⫺ für ihre kollektive Adaptatierbarkeit durch andere jenseits bewusster
Lernprozesse gesehen (Reckwitz 2004). Die mit dem Fokus auf Routinisierung und Habi-
tualisierung notwendig verbundene Formorientierung dieser praxeologischen Kulturkon-
zeption ist für die Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Stil unmittelbar relevant.
Ohne Versuch, die präsentierten Kulturkonzepte zu einem geschlossenen Konzept zu
homogenisieren, werde ich die bisher in den Vordergrund gerückten unterschiedlichen
Aspekte mit Blick auf ihren Bezug zu Stil in Abschnitt 4 wieder aufgreifen. In der Zusam-
menschau und Auswertung der vorgestellten Konzepte möchte ich aber die folgenden
Punkte als im gegebenen Zusammenhang besonders relevant festhalten:
⫺ Kultur wird sowohl in Inhalts- wie in Formkategorien lokalisiert. Letzteres setzt vo-
raus, dass Formen semiotischer Sinn zugeschrieben werden kann, dass Form interpre-
tierbar ist.
⫺ Kultur wird zudem als Ganzheit, als complex whole verstanden, die Analyse von Kul-
tur beinhaltet folglich notwendig die Aufdeckung von Zusammenhängen und Be-
zügen.
1134 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

⫺ Das Verständnis von Kultur als Ganzheit ist mit einem pluralen Verständnis von Kul-
tur zusammenzudenken: Wir leben in Kulturen. Kulturen können sich überlagern und
überschneiden, widersprüchliche wie integrative Komplexe bilden. Die Rede von Sub-
kulturen, die innerhalb wie außerhalb wissenschaftlicher Zusammenhänge üblich ge-
worden ist, gibt diesem Verständnis Ausdruck.
⫺ Kultur dient ⫺ im Sinne der „kulturellen Kommunikation“ Edmund Leachs (Leach
1978) ⫺ der Selbstverständigung von Gesellschaften bzw. gesellschaftlichen Gruppie-
rungen. Sie ist ein Medium kollektiver Identitätsbildung und eben dadurch auch Integ-
rationsmoment des Einzelnen in eine Gruppe. Was nicht heißt, dass Kultur hier und
im Folgenden als primär an ethnisch oder sozial definierte Gruppen gebunden ver-
standen wird (vgl. hierzu jedoch die Beiträge 111, 119 und 120). Kultur ist ein grup-
penbildendes bzw. kollektive Identitäten konstituierendes Formativ eigenständiger
Wirksamkeit, das mit sozialen, ethnischen, ökonomischen oder politischen Faktoren
kovariieren kann, aber nicht muss. Der formative Effekt von Kultur erstreckt sich
deshalb auch auf solche ,Identitäten‘, die in erster Linie historisch bestimmt sind,
d. h. auf historische Epochen.

3. Stil

Die Perspektive auf Kultur gibt für das Verständnis von Stil eine klare Vorgabe: Stil ist
in diesem Kontext nicht auf Individuen (Individualstil), sondern auf Kollektive (Kollek-
tivstil, Gruppenstil) bezogen. Die nachfolgend aufgelisteten Aspekte des Konzepts Stil
(das zunächst disziplinübergreifend verstanden wird und nicht schon auf Sprache bzw.
Kommunikation bezogen ist) sollen das hier angesetzte Verständnis von Stil soweit als
möglich klären. Die Reihenfolge (a)⫺(f) bildet allerdings weder eine inhaltlich stringente
Abfolge noch eine theoretische Gewichtung ab. Die einzelnen Aspekte sind interdepen-
dent, sie bilden ineinandergreifende Facetten eines als Formkategorie verstandenen Stil-
konzepts. Es ist dieser Aspekt der Form, über den Kultur und Stil verknüpft sind.

(a) Stil als signifikante Form


Der Gegensatz zwischen einer aristotelisch-dualistischen Auffassung von Stil (Stil als
decorum, als ,Einkleidung‘ von Inhalten und Bedeutungen, die als getrennt von Stil zu
betrachten sind) und einer platonisch-ganzheitlichen Auffassung des Zusammenwirkens
von Stil und Bedeutung (Stil als Bedeutungskonstituente, als Medium einer Bedeutung,
als Mit-Bedeutendes) ist fundierendes Element jeglicher Auseinandersetzung mit dem
Stilbegriff. Die im dualistischen Konzept implizierte ,Ablösbarkeit‘ der Form vom Inhalt
lässt sich jedoch nicht auf nicht-semantische Ausdrucksmedien übertragen (so etwa nicht
auf Musik oder abstrakte Malerei, vgl. Meyer 1979, 8) und würde auch im sprachlichen
Kontext eine auf referentielle Funktionen reduzierte Vorstellung von Sprache bedingen.
Im Folgenden wird Stil deshalb als Mit-Bedeutendes verstanden, gleichzeitig jedoch als
Formkategorie betrachtet, allerdings als solche sekundärer Ordnung: als eine Form von
Form ⫺ der Begriff des Musters erfasst dies recht gut ⫺, die sich nicht auf Zweckfunktio-
nalität reduzieren lässt und deshalb auch signifikant ist (vgl. hierzu auch Alois Hahns
Formulierung von Stil als „expressivem Überhang“, Hahn 1986, 603).
67. Stil und Kultur 1135

(b) Stil als typische Form


Stil als signifikante Form ist an das Phänomen der Typik gebunden. Stilelemente
sind immer schon types, sind wiederkehrende und wiedererkannte Ausprägungen eines
Musters, das seinerseits als Projektion aus der Zusammenschau der konkret vorkommen-
den Formen konstituiert wird. Erst wenn die Form eines Portals, eines Gedichts, einer
Zinnkanne als Ausprägung eines bestimmten Formtypus (wieder)erkannt wird und
entsprechend zuordenbar ist ⫺ als barockes Portal, barockes Gedicht, barocke Zinn-
kanne ⫺, sprechen wir von Stil.
(c) Stil als Intention oder Effekt?
Vor allem mit Blick auf Individualstile wird Stil häufig als Produktionskategorie, als
Ergebnis einer handlungsleitenden Intention verstanden (prototypisch in der Rede vom
,Stilwillen‘ eines Künstlers). Mit Blick auf Kollektivstile erscheint Stil dagegen als nicht
intentional begründbarer (invisible-hand-)Effekt, als erst aus der Beobachterperspektive
erfolgende retrospektive Zuschreibungskategorie (vgl. auch Linke 2003, Abschnitte 4.2
und 4.3).
(d) Stil als Differenz- und Identitätsphänomen
Stil erscheint einerseits als das Andere, d. h. als Abweichung und damit als Dif-
ferenzphänomen, andererseits als Dasselbe, als in verschiedenen Gegenständen und Phä-
nomenen Wiedererkennbares und damit als Identitäts- bzw. Kohärenzphänomen. Unter
beiden Perspektiven (nach ,außen‘ wie nach ,innen‘) ist Stil ein Medium der Gruppen-
bzw. Kollektivkonstitution.
(e) Stil als Wahl
Das Konzept Stil ist ⫺ aus der Produzentenperspektive, vgl. (c) ⫺ an die Möglichkeit
von (Aus)Wahl gebunden. Stil wird deshalb am ehesten dort vermutet, wo nicht Sach-
zwänge bzw. Zweckfunktionalität bestimmte Formen vorgeben. Hierzu gehört prototy-
pisch das Feld der Künste.
(f) Stil als Kontrasterfahrung
Aus der Beobachter- bzw. Rezipientenperspektive ist Stil an das Analogon von Wahl
auf Beobachterseite, d. h. an die Möglichkeit der „Kontrasterfahrung“ (Hahn 1986, 603)
gebunden: Eine Form als Ausprägung eines Stils zu erkennen setzt die Kenntnis (bzw.
zumindest die Vorstellung) möglicher anderer Formen voraus.
Wo die Möglichkeit zu Kontrasterfahrung fehlt, werden Formen als natürlich bzw.
als Normalform und folglich auch nicht als signifikant wahrgenommen.
Abschließend sei der Vollständigkeit halber noch vermerkt, dass Stil im gegebenen
Kontext, ebenso wie Kultur, nicht-normativ verstanden wird. In alltagssprachlichen Stil-
konzepten ist dies (wie auch beim Alltagskonzept Kultur) dagegen oft der Fall, was ver-
bale Prägungen wie guter Stil vs. schlechter Stil oder auch absolute und wertende Formu-
lierungen wie stillos bzw. das hat keinen Stil zeigen.

4. Stil und Kultur: kulturelle Stile


Aus den knappen Skizzen zu den Konzepten Kultur und Stil lässt sich nun mindestens
zum Teil ableiten, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen bzw. was das eine mit
dem anderen zu tun hat:
1136 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Wie gezeigt, wird in vielen Kulturdefinitionen eine Liste von Inhaltskategorien zum
complex whole der Kultur zusammengefasst ⫺ so rezent auch in einem Handbuchartikel
von Ansgar Nünning, in dem Kultur definiert wird als „der vom Menschen erzeugte
Gesamtkomplex von kollektiven Sinnkonstruktionen, Denkformen, Empfindungswei-
sen, Werten und Bedeutungen […], der sich in Symbolsystemen materialisiert“ (Nünning
2001, 355). In den Vokabeln „Denkformen“ und „Empfindungsweisen“ deutet sich auch
hier ein Formbezug als konstitutives Moment dieser Definition an, ebenso wie in den in
Kulturdefinitionen wiederkehrenden Ausdrücken wie Gewohnheiten (habits) oder Ge-
brauch (custom). Tatsächlich ist der Formbezug und damit der Stilbezug für das Konzept
Kultur in doppelter Hinsicht konstitutiv: Einerseits können Formen und Ausdrucksmus-
ter die als kulturkonstitutiv verstandenen Domänen von Gesellschaften ⫺ Wissen,
Glaube, Kunst, Recht etc. ⫺ in wahrnehmbarer Weise als sowohl in sich selbst als auch
untereinander kohärent markieren. Denn erst, wo isomorphe Formelemente auftreten,
die auch über unterschiedliche Materialisierungsgrundlagen hinweg als dieselben er-
kennbar sind, lassen sich auch inhaltlich unterschiedliche Phänomene einem Gesamt zu-
ordnen. Diese Vorstellung eines Gesamteindrucks, der mit dem Konzept von Kultur
verbunden ist, wäre damit an Stil als Formkategorie zu binden. Andererseits signalisiert
Stil die Zusammengehörigkeit der durch ihn ausgezeichneten Phänomene (und damit
auch ihrer Trägergruppe) nicht nur formell (sozusagen auf ornamentaler Ebene), sondern
er impliziert ⫺ als signifikante Form ⫺ auch einen gemeinsamen Bedeutungsaspekt oder
Bedeutungshorizont, der die Zusammengehörigkeit qualitativ begründet. Stil (als Kollek-
tivstil) wäre also insofern ein notwendiges Moment von Kultur, als gerade in der nicht
als intentional verstehbaren Hervorbringung gemeinsamer Ausdrucksmuster durch eine
Gesellschaft der Effekt eines gleichartig-gemeinschaftlichen Welt- und Selbstverstandes
zu sehen ist. Kollektivstile sind also immer ⫺ unabhängig von der Beschaffenheit ihres
Trägermediums, unabhängig von ihrer jeweiligen medialen (materialen oder praxeolo-
gischen) Verankerung ⫺ als kulturelle Stile zu lesen. Ihre Analyse ist eine Form von
Kulturanalyse.
Wenn Erwin Panofsky in Auseinandersetzung mit dem Problem des Stils in der bilden-
den Kunst formale Übereinstimmungen bei verschiedenen Künstlern einer Epoche als
Ausdruck der „gleichen Verhaltungsweise der Seele“ charakterisiert (Panofsky 1980, 25),
so bezieht sich diese Formulierung wohl auf eben diese kulturelle Bedeutsamkeit von
Kollektivstil verstanden als signifikante Form. Panofsky macht seine Leser allerdings
auch umgehend darauf aufmerksam, dass ein solcher Form-Verweis auf eine gleiche Ver-
haltensweise der Seele (als Beispiel nennt Panofsky die „malerische“ und „tiefenmäßige“
Optik der Malerei des 17. Jahrhunderts) noch keine Erklärung ist, sondern im Gegenteil
der Erklärung bedarf, und dass ein solches Unternehmen wiederum eine „zeitpsycholo-
gische Einsicht, und zugleich eine so große innere Unbeteiligtheit“ des Analytikers erfor-
dere, dass keine unmittelbaren und eindeutigen Erkenntnisse zu erwarten seien. Die „un-
endlich fruchtbare Frage“ danach aber wenigstens zu stellen, sei bereits wissenschaftlich
lohnend (Panofsky 1980, 25 f.).
In einer ähnlich pessimistisch-optimistischen Mischung äußert sich A. L. Kroeber
über das kulturelle Moment von Stil und im Speziellen über die Ausdeutung stilistischen
Wandels (Kroeber 1963). Ganz offensichtlich korreliere Stilwandel mit umfassenderem
kulturellem Wandel und sei insofern auch ein interessanter Indikator, ohne dass jedoch
spezifische Formveränderungen ohne weiteres mit spezifischen kulturellen oder sozialen
Veränderungen in Verbindung gebracht werden könnten. So kann Kroeber in einer zeitli-
67. Stil und Kultur 1137

chen Längsschnitt-Untersuchung zum Stilwandel in der weiblichen Bekleidung von 1788


bis 1934 zeigen, dass sowohl zwischen 1788 und 1832 als auch wieder zwischen 1907 und
1932 die meisten Veränderungen in Rocklänge, Taillenweite und Dekolletierung be-
obachtbar sind. Diese bewegten Phasen im weiblichen Modestil korrelieren auffällig mit
den Grenzphasen der inzwischen als langes 19. Jahrhundert bezeichneten Epoche und
markieren diese als historische Perioden kultureller ,Unruhe‘, die eine lange, kulturell
eher ,ruhige‘ Phase einschließen.
Stil als Ausdrucks- und Formkategorie wird also in sehr unterschiedlichen Materiali-
sierungen und Erscheinungsformen fassbar: als Linienführung des Pinsels, als „flächen-
hafte“ oder „tiefenmäßige“ Ausformung eines Gemäldes (Panofsky 1980, 20), aber auch
im Kontrast von raschem Formwandel gegenüber Formkonstanz (dieses letzte Beispiel
verdeutlicht nochmals das hier angelegte Verständnis von Stil als Form von Form, wie es
auch im Begriff des Musters zum Ausdruck kommt). Das Ausdrucksmoment und damit
auch die konkrete sinnliche Wahrnehmbarkeit von Stil ⫺ sei dies in den flüchtigen For-
men von Handlungen (in Tanzformen, Hygienepraktiken, Intonationsmustern) oder in
den statischeren von Objekten (in Gemälden, Raumstrukturen von Gebäuden, in Tex-
ten) ⫺ ist schließlich auch Voraussetzung für seine Wirksamkeit in der kulturellen Selbst-
verständigung von Gesellschaften bzw. Gruppierungen.
An dieser Stelle scheint sich nun ein Widerspruch aufzutun, sobald man eine Verlage-
rung des Kulturellen in die kognitive Sphäre vornimmt, wie sie in besonders dezidierter
Form von Ward Goodenough postuliert wird, der Kultur gerade nicht als „material
phenomenon“ bestimmt und präzisierend erläutert: „it does not consist of things, peo-
ples, behavior, or emotions. It is rather an organization of these things. It is the form of
things that people have in mind, their models for perceiving, reacting and otherwise
interpreting them“ (Goodenough (1964) [1957], 36; Hervorhebung A. L.). Zwar findet
sich auch hier wieder der Verweis auf Formen, Modelle und Muster, er ist jedoch bezogen
auf Wahrnehmungs- und Interpretationshandlungen, d. h. auf geistige Prozesse, die der
direkten Beobachtung entzogen sind. Genau hier greift nun die Argumentation praxeolo-
gischer Kulturtheorien, indem sie als konstitutives Moment geistiger Formen bzw. men-
taler Modelle die Ausdrucksgestalt von Handlungen, Körpern oder Artefakten ortet
(Reckwitz 2004). So verstanden fungiert Praxis als Scharnier, als Transportriemen zwi-
schen dem individuellen Subjekt (und seinem Geist) als Träger-Akteur von Kultur einer-
seits und der kulturellen Gemeinschaft andererseits. Diese Objektivationen mentaler Mo-
delle in den Formen des Stils sind es auch, welche die dem Kulturellen zugesprochene
Selbstverständigungsfunktion für die sich durch sie formierende Gesellschaft oder
Gruppe erst ermöglichen. Ludwik Flecks auf wissenschaftliche „Denkkollektive“ bezoge-
nes Konzept des „Denkstils“, das er an entsprechenden Merkmalen wissenschaftlicher
Texte und wissenschaftlicher Darstellungen festmacht, selbst aber als „intellektuelle
Stimmung“, als eine „Bereitschaft für gerichtetes Wahrnehmen“ charakterisiert, die der
direkten Beobachtung entzogen ist, lässt sich wohl ebenfalls hierher stellen (Fleck 1980,
187). Stil als signifikante Form von Handlungen wie von Artefakten wäre also das Me-
dium, in dem die kulturspezifischen mentalen Modelle von Wahrnehmung, Erfahrung,
Deutung und Wissen ihre materiale Resonanz haben und ihren zeichenhaften Ausdruck
finden. Letzteres allerdings nicht in einem semantischen, sondern in einem semiotischen
Verständnis. Kulturelle Stile sind zwar deutbar, aber nicht in einem zeichensystemati-
schen Sinn ,lesbar‘, wie sie die Formel von Kultur als Text (Bachmann-Medick 1996) in
Analogie zum Umgang mit arbiträren und konventionellen Zeichensystemen wie dem
1138 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

der Sprache fälschlicherweise nahelegt. Nicht zuletzt für die identitätsbildende und
selbstvergewissernde Funktion von Kultur ist der indexikalisch auf ein ,Gleiches‘ verwei-
sende Charakter kulturellen Stils bereits ausschlaggebend, auch wenn ein Verständnis
dieses ,Gleichen‘ im Einzelfall nur in Annäherungen oder im Modus unklarer Ahnung
möglich ist.
Die Bindung von Stil als Formkategorie an das Moment der Wiedererkennung und
damit an Wiederholung lässt kulturelle Stile zudem als Mittel zur Stabilisierung von Kul-
tur erscheinen, eröffnet aber durch die im Moment der Wiederholung angelegte Wahr-
scheinlichkeit von Variation ebenso die Möglichkeit zur Veränderung.
Wir können also dann von kulturellen Stilen sprechen, wenn sich Handlungen oder
Artefakte durch wiederkehrende und ,gleiche‘ Formen auszeichnen, die aufgrund mög-
licher Kontrasterfahrung als signifikante Ausdrucksmuster, als Formen von Formen
erkennbar sind und sich sowohl kohärenz- als auch differenzbildend auf eine gesell-
schaftliche Gruppe oder eine historische Epoche beziehen lassen. Dass man für das
19. Jahrhundert (und mit Blick auf Deutschland) trotz manifester Unterschiede in den
wirtschaftlichen Verhältnissen der Trägergruppen mit einer gewissen Berechtigung von
einer bürgerlichen Kultur bzw. von „Bürgerlichkeit als Kultur“ (Bausinger 1987, 121;
Hervorhebung im Original) sprechen kann, hat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass
sich in den Formen der Geselligkeit, im Körperverhalten, in den Tischsitten, in den For-
men des Konsums etc. Muster erkennen lassen, die über die unterschiedlichen bürgerli-
chen Gruppierungen hinweg als kulturelle Stile identitätsstiftend waren (Linke 1996).
Wie bereits unter 3(e) vermerkt, führt die Bindung von Stil an Wahl zudem dazu,
dass vor allem solche Handlungsbereiche und Artefakte in positivem Sinn unter Stilver-
dacht stehen, für deren Ausformung wenig Sachzwänge und geringe Zweckfunktionalität
anzusetzen sind. Dies gilt prototypisch für den gesamten Bereich der Kunst (der deshalb
auch modellbildend für die Vorstellung von kulturellem Stil ist), aber auch für alle ande-
ren Lebens- bzw. Handlungsbereiche, die viel Raum für freie Formbildung geben. Hierzu
gehören etwa die Formen der Freizeitgestaltung, die Moden des Körperschmucks, die
Praktiken sportlicher Betätigung, die Gestaltung von Festlichkeiten, die bereits erwähn-
ten Geselligkeits- und Tischsitten etc. Mit anderen Worten: Indem gesellschaftliche
Gruppierungen sich, wie immer unbewusst, weitgehend ,zweckfreie‘ Handlungsbereiche
schaffen, die als Biotope freier Formbildung fungieren, schaffen sie (sich) gleichzeitig
besonders günstige Voraussetzungen für die Ausbildung kultureller Stile (für „Stilisierun-
gen“; Hinnenkamp/Selting 1989), deren einzige Funktion der Verweis auf und die
Selbstvergewisserung über kollektive „Verhaltungsformen der Seele“ bzw. über intellek-
tuelle und emotionale Strukturen und Dispositive ist.

5. Sprachliche Stile als kulturelle Stile

Wo es um sprachliche Stile geht, werden ⫺ vor allem in literaturwissenschaftlichen Zu-


sammenhängen ⫺ häufig Individualstile (eines Werks, eines Autors) thematisiert. Unter
dieser Perspektive, d. h. mit Blick auf die „Sphäre der Einzelheit“ (Trabant 1986, 169, in
Anlehnung an Heyse 1856), ist sprachlicher Stil nicht auf Kultur beziehbar. Für sprachli-
che Kollektivstile jedoch gilt das, was oben bereits von Kollektivstilen im Allgemeinen
gesagt wurde: Sprachliche Kollektivstile sind kulturelle Stile. Und insofern Sprache ein
67. Stil und Kultur 1139

historisch veränderliches Formsystem ist, dessen Elemente im Sprachgebrauch in zusätz-


liche Formbildungen eingehen, lassen sich kulturell signifikante Formen hier grundsätz-
lich auf zwei verschiedenen Ebenen festmachen: auf der Ebene der Einzelsprache mit
ihren gegenüber anderen Sprachen als signifikant heraustretenden Formen einerseits und
auf der Ebene der Sprache bzw. des Sprachgebrauchs von gesellschaftlichen Formationen
oder historischen Epochen andererseits.

5.1. Sprache(n) als signiikante Form(en): der Totaleindruck

Die kulturelle Deutung der Formseite von Einzelsprachen findet sich prominent bei Wil-
helm von Humboldt im Kontext seiner allgemeinen Bestimmung von Sprache als Me-
dium und Formativ von Kultur. Die spezifische Formgeprägtheit einer Einzelsprache
wird von ihm dabei sowohl metaphorisch als Individualstil interpretiert (insofern er
Sprachen als „geistige Individualitäten“ auffasst; Humboldt 1907, 151), gleichzeitig und
notwendig verbunden damit aber auch als Kollektivstil der entsprechenden Sprachge-
meinschaften, als „Bildungsmittel der Nationen“ (Humboldt 1905, 7). In seinen entspre-
chenden Überlegungen (Humboldt 1905) spricht Humboldt allerdings nicht vom Stil,
sondern vom „Charakter“ von (Einzel)Sprachen, seine Verwendung dieses Terminus legt
ein entsprechendes Verständnis im Sinne des hier angelegten Stilbegriffs aber nahe (vgl.
auch Trabant 1986, 174). So ist auch der Charakter einer Sprache, der „Totaleindruck“
(Humboldt 1905, 1), den sie dem Betrachter vermittelt, bei Humboldt ein Formeffekt,
der „auf dem gleichmäßigen, einzeln kaum bemerkbaren Eindruck der Beschaffenheit
ihrer Elemente beruht“ (Humboldt 1905, 1; Hervorhebung A. L.). Der „Schlussstein der
Sprachkunde“ ist entsprechend definiert als ihr „Vereinigungspunkt mit Wissenschaft
und Kunst“ (Humboldt 1905, 13; Hervorhebung A. L.). Dieses Unternehmen ist aller-
dings kein einfaches. Denn obwohl ⫺ so Humboldt ⫺ der „Totaleindruck“ vom Charak-
ter, vom Stil einer Sprache als solcher zwar leicht aufgefasst werden kann, verliert man
sich beim Versuch, „den Ursachen desselben nachzuforschen“ rasch in einer „zahllosen
Menge scheinbar unbedeutender Einzelheiten“ (Humboldt 1905, 1). Die Ursachen selbst
jedoch sind als kulturelle zu verstehen, ihre Erforschung ist die Fruchtbarmachung von
Sprachanalyse als Kulturanalyse.

5.2. Sprechstile, Sprachgebräuche und Kultur(en)

Die Ergründung von sprachlichem Stil als kulturellem Stil ist auch dann kein einfaches
Unterfangen, wenn man sich nicht auf die Größe der Einzelsprache bezieht, sondern
Gruppen- oder Epochenstile im Visier hat. Denn die Interpretation der kulturellen Signi-
fikanz von sprachlichem Stil zielt immer über Sprache hinaus, sie ist notwendig ein trans-
disziplinäres Unternehmen und mit entsprechenden Unsicherheiten belastet. Als Voraus-
setzung ist zwar die linguistische und sprachhistorische Analyse gefordert, d. h. die Aus-
drucksmuster auf den unterschiedlichen Ebenen von Sprache und Sprachgebrauch
müssen in ihrer Systematik erarbeitet sowie in ihrem historischen Bezug verortet werden.
Der nächste Schritt, die Deutung der Muster, die Erschließung der mit ihnen korrelieren-
den kulturellen Bedeutungen, ist dann ein hermeneutischer Akt, der nicht nur von der
1140 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Analyse der sprachlichen Daten ausgehen kann, sondern auf den Einbezug von umfas-
sendem Zeit- und Weltwissen sowie auf Kenntnisse aus Nachbardisziplinen wie Ge-
schichte, Soziologie, Sozialpsychologie etc. angewiesen ist. Es geht in der kulturellen Deu-
tung sprachlicher Stile also immer um eine synthetisierende Zusammenschau, die auf den
Einbezug isomorpher stilistischer Phänomene (Hahn 1986, 604) aus anderen Ausdrucks-
domänen (Körperpraktiken, Fotografie, Gestaltung von Innenräumen etc.) angewiesen
ist, wenn sie über den Status vorsichtiger Hypothesenbildung hinauskommen will.
Die Unumgänglichkeit hermeneutischer Verfahren mag mit ein Grund dafür sein,
dass Stilanalysen wie insgesamt die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Kultur
nicht zum Kerngeschäft der Sprachwissenschaft gerechnet werden (Günthner/Linke
2006), sondern vor allem an die sogenannten Bindestrich-Linguistiken delegiert sind.
Hierher gehören etwa die Anthropologische Linguistik, die Soziolinguistik, die Textlin-
guistik, die Gesprächsanalyse, aber auch die Sprachgebrauchs- bzw. Kommunika-
tionsgeschichte. Die Beschäftigung mit den kulturell signifikanten Formen des Sprachge-
brauchs ist entsprechend vielfältig, sie steht zudem auch in den genannten Disziplinen
nicht unbedingt im Vordergrund und geschieht auch nicht immer unter dem Label Stil.
Auch Termini wie Traditionen des Sprechens (Schlieben-Lange 1983), Sprachhandlungs-
routinen oder Textmuster beziehen sich auf Formen und Typisierungen von Sprachge-
brauch im Sinne des oben entwickelten Stilbegriffs (vgl. auch Feilke 1996). Die
terminologischen Unterschiede verweisen aber gleichzeitig auf unterschiedliche Analyse-
perspektiven bzw. unterschiedliche methodische Voraussetzungen und verschiedene theo-
retische Einbettungen. Für den Umgang mit dem Phänomen des Kollektivstils fehlt in
der Sprachwissenschaft also sowohl ein umfassenderer theoretischer Rahmen als auch
ein ausgearbeitetes methodisches Instrumentarium. Andererseits lässt sich gerade in neu-
erer Zeit eine vermehrte Sensibilisierung auf die Tauglichkeit des Konzepts Stil im Kon-
text eines sozial- und kulturkonstruktivistischen Verständnisses von Sprache beobachten.
Die intensivste Aufmerksamkeit erfahren Kollektivstile (und damit auch der Begriff
des Stils selbst) derzeit im Rahmen der Variationslinguistik. Auslösendes Moment ist
hier die Neuinterpretation von sprachlicher Variation und Typik nicht mehr nur als
sprachsystematisches Korrelat sozialer Differenzierung von Gesellschaft und damit als
indexikalischer Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppierung,
sondern als ein mögliches Medium der aktiven Konstruktion sozialer bzw. kultureller
Identität (ganz im Sinne des oben unter (1) referierten doing-Ansatzes). Sprachge-
brauchsmuster werden entsprechend als semiotisch signifikant interpretiert. Grundle-
gend für diese Richtung sind u. a. die Arbeiten von Penelope Eckert, die mit Blick auf
die phonologische Variation zwischen Sprechergruppen von symbolic work und von
meaning of style spricht und diese mit Kollektivstilen im Bereich von Mode und Freizeit-
verhalten zusammendenkt (Eckert 2004, 2005; vgl. auch Auer 2007; Androutsopoulos
2003). Da hier die Zugehörigkeit von Sprechern und Sprecherinnen zu bestimmten sozia-
len Gruppierungen bzw. Schichten im Vordergrund steht, wird mit Blick auf Kollektiv-
stile in diesem Feld meist von sozialen Stilen, allenfalls auch von subkulturellen Stilen
gesprochen. Doch auch wenn hier das soziale Differenzierungspotenzial von Kollektivsti-
len im Vordergrund steht (Irvine 2001), ist deren grundlegende kulturelle Signifikanz und
damit die Frage nach den in den beobachteten Formen semiotisch manifestierten Selbst-
und Weltdeutungen nicht aufgehoben, sondern einfach sozial gewendet (vgl. exempla-
risch Keim 1995 und 2007).
Auch im Kontext von kommunikationsgeschichtlich orientierten Untersuchungen wird
nach der (sozio)kulturellen Signifikanz von Kollektivstilen gefragt. Hier kommen in ers-
67. Stil und Kultur 1141

ter Linie Stilbildungen bzw. Stilveränderungen auf der komplexeren Ebene der kommuni-
kativen Praktiken in den Blick. Deren Formgeprägtheit lässt sich einerseits kommunika-
tiv-funktional begründen, d. h. kommunikative Praktiken werden verstanden als „prä-
formierte Verfahrensweisen, die gesellschaftlich zur Verfügung stehen, wenn bestimmte
rekurrente Ziele oder Zwecke kommunikativ realisiert werden sollen“ (Fiehler u. a.
2004, 99). Es ist jedoch gerade die historische Perspektive, die es ermöglicht, die Formge-
prägtheit kommunikativer Praktiken jenseits einer sachfunktionalen Passform auch als
historisch gebundenen Stileffekt (als Form von Form) und mithin als kulturell signifikant
zu erkennen. Dies gilt etwa besonders auffällig für Veränderungen in den Mustern und
Routinen des Grüßens und Verabschiedens oder des sprachlichen Höflichkeitsverhal-
tens ⫺ Veränderungen in diesen Mustern sind als Medium und Indikator entsprechender
kultureller Veränderungen zu verstehen (vgl. etwa Ehrismann 2000; Linke 1996, 2000;
Scharloth 2007; Scharloth [in Vorbereitung]).
Im Rahmen der Textlinguistik ist in neuerer Zeit vor allem die Kulturspezifik von
Textsorten vermehrt thematisiert worden (Fix u. a. 2001, 2006). Auch Barbara Sandig
verweist in ihrer Textstilistik des Deutschen (Sandig 2006) explizit darauf, dass „Textmus-
terstile kulturell geprägt“ und „Formen kulturrelevanten Kommunizierens“ sind (Sandig
2006, 481), die Fixierung von Kollektivstil im komplexen Formgefüge von Texten bzw.
Textsorten bleibt aber unbestimmt.
Auch in der Beschäftigung mit Sprech- und Gesprächsstilen (so der Titel eines von
Margret Selting und Barbara Sandig herausgegebenen Sammelbandes; Selting/Sandig
1997) wird Stil sehr heterogen verwendet. Die Untersuchung von Kollektivstilen in der
Interaktion eröffnet jedoch innovative Perspektiven für die Analyse des Zusammenhangs
von Stil, Kultur und Dialogizität und damit auch auf die Prozesse von Stilbildungen im
interaktiven Austausch.
Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die Analyse sprachlicher Kollektivstile in kul-
turanalytischer Absicht letztlich noch in ihren Anfängen steckt. Es zeigt sich aber, dass
das in der Sprachwissenschaft bisher marginalisierte Konzept des (Kollektiv)Stils eine
notwendige Scharnierfunktion darstellt, wenn es darum geht, Sprach(gebrauchs)analyse
und Kulturanalyse zu verbinden. Eine Elaborierung dieses Konzepts ist nötig. Dazu ge-
hört in erster Linie die Reflexion der unterschiedlichen linguistischen Theoretisierungen
des Musterbegriffs ⫺ besonders produktiv dürfte es etwa sein, entsprechende Konzepte
aus dem Kontext der Korpuslinguistik mit dem Konzept des Kollektivstils zusammen-
zudenken (vgl. etwa Stubbs 1997).
Um schließlich aber vor allem das Innovationspotenzial hervorzuheben, das eine Un-
tersuchung sprachlicher Kollektivstile gerade im Rahmen einer als Kulturgeschichte ver-
standenen Sprach- und Kommunikationsgeschichtsforschung mit sich bringt, sei ab-
schließend noch auf einen weiteren, bisher noch nicht angesprochenen Aspekt im Ver-
hältnis von sprachlichem Stil und kulturellem Stil aufmerksam gemacht.

5.3. Stilideale als kulturelle Selbstzuschreibungen

Die Kategorie Stil ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein Alltagskonzept,
sie steht nicht nur für Fremdzuweisungen, sondern ebenso für Selbstcharakterisierungen
zur Verfügung und sie hat, wie bereits angesprochen, als Alltagskonzept eindeutig nor-
mative und wertende Aspekte. Wenn alltagssprachlich von Stilbewusstsein gesprochen
1142 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

wird, so ist damit ein ganzes Konglomerat von Wissen und Einstellungen mit Bezug auf
das Phänomen Stil angesprochen. Die Kenntnis bestimmter sprachlicher Kollektivstile,
das Wissen um die kulturelle Deutung einzelner Stile wie auch das bewusste Verfügen
über sprachlich-kommunikative Stilnormen und -ideale machen dieses Stilbewusstsein
zu einem konstitutiven Teil von Sprachbewusstsein.
Explizite Stilideale und stilistische ,Realität‘ verhalten sich allerdings nicht notwendi-
gerweise „wie Norm und Erfüllung zueinander“ (Pfeiffer 1986, 704). Gerade deshalb er-
scheint aus kulturanalytischer Perspektive die Beschäftigung mit beidem ⫺ dem formu-
lierten Stilideal einer gesellschaftlichen Gruppierung oder einer Epoche und ihren beleg-
baren Hervorbringungen ⫺ aufschlussreich.
Brigitte Schlieben-Lange (1986) konkretisiert diese Überlegungen zu einem For-
schungsprogramm, wenn sie die Analyse der stilistischen Selbstinterpretation von gesell-
schaftlichen Gruppen bzw. historischen Epochen fordert. Sie exemplifiziert die an sol-
chen Analysen zu gewinnenden Einsichten mit einer skizzenhaften Untersuchung der
Selbstinterpretation der französischen Revolutionsepoche als Epoche eines „style analy-
tique“ (Schlieben-Lange 1986, 162). Gerade diese Selbstinterpretation deckt sich nun
aber nicht ohne weiteres mit den gängigen sozial- und kulturgeschichtlichen Deutungen
dieser Epoche ⫺ und gerade in diesem Widerspruch lässt sich das kulturanalytische Po-
tenzial stiltheoretischer Auseinandersetzungen mit historischen Epochen erahnen und
damit auch der mögliche Beitrag der Sprachwissenschaft zur Kulturgeschichte.

6. Literatur (in Auswahl)


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und sozialstilistische Untersuchungen. In: Die (Un)Ordnung des Diskurses. Hrsg. v. Steffen
Pappert. Leipzig, 11⫺36.
Scharloth, Joachim (in Vorbereitung): 1968. Eine Kommunikationsgeschichte. 2009.
Schlieben-Lange, Brigitte (1983): Traditionen des Sprechens. Elemente einer pragmatischen Sprach-
geschichtsschreibung. Stuttgart.
Schlieben-Lange, Brigitte (1986): „Athènes éloquente“/„Sparte silencieuse“. Die Dichotomie der
Stile in der Französischen Revolution. In: Hans Ulrich Gumbrecht/Ludwig K. Pfeiffer (Hrsg.):
Stil. Geschichten und Funktionen eines kulturwissenschaftlichen Diskurselements. Frankfurt
a. M., 155⫺168.
Selting, Margret/Barbara Sandig (Hrsg.) (1997): Sprech- und Gesprächsstile. Berlin/New York.
Stubbs, Michael (1997): Eine Sprache idiomatisch sprechen: Computer, Korpora, Kommunikative
Kompetenz und Kultur. In: Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Norm und Variation. Frankfurt a. M.,
151⫺167.
Trabant, Jürgen (1986): Der Totaleindruck. Stil der Texte und Charakter der Sprachen. In: Hans
Ulrich Gumbrecht/Ludwig K. Pfeiffer (Hrsg.): Stil. Geschichten und Funktionen eines kultur-
wissenschaftlichen Diskurselements. Frankfurt a. M., 169⫺188.
Tylor, Edward Burnett (1871): Primitive Culture: Research into the Development of Mythology,
Philosophy, Religion, Language, Art and Custom. London.

Angelika Linke, Zürich (Schweiz)

68. Rhetoric and culture in Non-European societies


1. European history
2. Rhetoric and culture in comparative perspective
3. Conclusion
4. Selected bibliography

Abstract

This contribution discusses the relationship between rhetoric and culture as it is conceptual-
ized in Non-European cultures. First, a short outline of the history of rhetorical concepts
in the occidental tradition is provided. Then, narrow and broad conceptions of rhetoric will
be examined. Broad notions of rhetoric as defended in the Attic State, the Roman Republic,
the Renaissance and the Baroque as well as in Post-Modernism and its predecessors are
1144 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Pfeiffer, Ludwig K. (1986): Produktive Labilität. Funktionen des Stilbegriffs. In: Hans Ulrich Gum-
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Stile in der Französischen Revolution. In: Hans Ulrich Gumbrecht/Ludwig K. Pfeiffer (Hrsg.):
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a. M., 155⫺168.
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Stubbs, Michael (1997): Eine Sprache idiomatisch sprechen: Computer, Korpora, Kommunikative
Kompetenz und Kultur. In: Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Norm und Variation. Frankfurt a. M.,
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Trabant, Jürgen (1986): Der Totaleindruck. Stil der Texte und Charakter der Sprachen. In: Hans
Ulrich Gumbrecht/Ludwig K. Pfeiffer (Hrsg.): Stil. Geschichten und Funktionen eines kultur-
wissenschaftlichen Diskurselements. Frankfurt a. M., 169⫺188.
Tylor, Edward Burnett (1871): Primitive Culture: Research into the Development of Mythology,
Philosophy, Religion, Language, Art and Custom. London.

Angelika Linke, Zürich (Schweiz)

68. Rhetoric and culture in Non-European societies


1. European history
2. Rhetoric and culture in comparative perspective
3. Conclusion
4. Selected bibliography

Abstract

This contribution discusses the relationship between rhetoric and culture as it is conceptual-
ized in Non-European cultures. First, a short outline of the history of rhetorical concepts
in the occidental tradition is provided. Then, narrow and broad conceptions of rhetoric will
be examined. Broad notions of rhetoric as defended in the Attic State, the Roman Republic,
the Renaissance and the Baroque as well as in Post-Modernism and its predecessors are
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1145

mainly grounded (1) in a democratic political organization based on debates and (2) in a
profound scepticism concerning cosmological and ideological certainties. Subsequently,
these findings are compared to Non-European notions of rhetoric as conceptualized among
New-Caledonians, Native Americans, !Kung bushmen and peoples of the South Seas. This
comparison reveals two further conditions, which favor a wide notion of rhetoric: (3) a
certain degree of social interdependence (i. e. the fact that conflicts may not be resolved by
fission) and (4) social prestige connected to skilful rhetoric (along with its main effect,
social prominence) and, possibly, a number of available (i. e. not bequeathed) yet limited
social positions talented, ambitious and eloquent individuals might qualify for.

1. European history
The history of rhetorical theory is characterized by alternations between broad and nar-
row notions of the term rhetoric. Broad conceptions consider rhetoric as the most promi-
nent human ability, comprehending thought, speech and action in all domains of exis-
tence. Such conceptions existed in the Attic state, the Roman Republic, throughout the
Renaissance and the Baroque, as well as in the 19th and 20th centuries, especially in
Postmodernism.
In contrast, narrow conceptions reduce rhetoric to the art of elegant speech or writ-
ing, or even worse, regard it as manipulation. Such notions have been particularly for-
cibly defended in Hellenism, the Roman Empire, the high Middle Ages, during the En-
lightenment and Modernity, especially in times when positivism and evolutionism were
the dominating scientific paradigms.
At large, it can be observed that there are two key factors influencing whether rhetoric
in a society is prestigious or frowned upon, or whether the theoretical notions of rhetoric
as defended by contemporary scholars are narrow or broad.
The first is that rhetoric flourishes particularly well in a democratic political organiza-
tion, where decisions are made by general consensus preceded by debates. People natu-
rally value rhetoric when it helps them to defend their own interests in both political
and legal affairs, and scholars who are familiar with rhetorical politics logically ascribe
value to it. This holds true for Attic Athens and Republican Rome as well as for modern
democracies.
The second factor that stimulates broad and prestigious ideas of rhetoric is a profound
scepticism concerning cosmological and ideological certainties. Rhetoric is an adequate
theoretical model for those who do not take truth for granted, but rather believe that it
emerges from dialogue and intersubjectivity. Thus, we can observe very broad notions of
rhetoric in times of crisis, wars and plagues but also in periods of innovations and discov-
eries that had deep impact upon society. This is especially true for the Renaissance with
all its social changes, discoveries, religious and secular wars and disastrous plagues, but
also for the Attic state as well as for developments in the 19th and 20th centuries.

2. Rhetoric and culture in comparative perspective


Starting from the above findings, in this chapter notions of rhetoric will be examined as
they are conceived in other regions of the world. I draw on selected ethnographic informa-
tion from selected societies. Major focus will be on descriptions of rhetorical practices.
1146 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

2.1. Rhetoric and culture among the New-Caledonians

Speech among the New-Caledonians is called no as described by the missionary and


anthropologist Maurice Leenhardt, who lived among them for 25 years. No in New-
Caledonian understanding is not only used to designate verbal speech but also all forms
of rhetorical action. The concept encompasses thinking, speaking and social action. “The
word does not imply discourse but is simultaneously spontaneous act and considered
act, activity and psychic behaviour, through which each being reveals or affirms himself”
(Leenhardt 1979, 140).
Right from the start of his report, Leenhardt provides us with an example of the
concept word (in French parole ⫽ speech). It is an account of a village scandal: “A young
outsider who committed adultery has been captured. He is accused. He remains silent.
And it is learned that he himself is a ‘word’. An elder brother needed to seek revenge
and delegated the younger brother to commit the act of vengeance. Because he is the
executor of the fraternal command, they say he is ‘the word of his brother’. People
passing at the road wonder at the excitement, the gatherings, the whispering in the
village. They inquire and are told, with an air of mystery, ‘there is a word’” (Leenhardt
1979, 127 f.).
Leenhardt (1979, 133) comments: “The word proceeds from the heart, for the heart
is called ‘the basket of words.’ Everything belonging to man is ewekë [the Lifouan syno-
nym of no, C. M.]: his eloquence, the object he shapes, what he creates, what he possesses
of his own, the products of his labor, his remarks, his goods, his garden, his wife, his
psychic wealth, and his sex organ. All this is word.” Person and authority are created
by means of speech. Parts of the chief’s dignity are rhetorical competences as presented
in his speech and addresses but also in his acts, especially when exchanging gifts. Social
relations created, intensified and renewed through gift exchange are part of a man’s
speech. “The chief presides over the circulation of gifts. Each exchange between clans
takes on worth only by the definition the eldest son [chief, C. M.] gives it. His word
situates the act and puts it into time. The act itself is not in the exchange but in the
word it calls forth. The act is a word. On each occasion it is for the chief to pronounce
the appropriate ritual words, as well as the discourse which makes the act stand out and
gives it meaning” (Leenhardt 1979, 114).
Objects that someone has received therefore count as speech, too, and the act of
giving holds as speaking. Speech for the New-Caledonians is, according to Leenhardt
(1979, 133), the “manifestation of the being”. The concept of speech even transcends the
individual. “The word is the being’s essential power of manifestation” (Leenhardt 1979,
140) ⫺ and thus it is human culture.
What Assmann (1992) has called the “cultural memory” is for the New-Caledonians
likewise no. “Tradition, marriage, fame, or myth are all thoughts as well as acts of the
ancestors or gods. They are the ‘enduring word’” (Leenhardt 1979, 135).
The rhetorical notion of human society and culture inherent in the New-Caledonian
concept of no is also visible in visual arts. Ancestors of chiefs are represented with exag-
gerated mouths and long tongues sticking out. Leenhardt (1979, 139) asks rhetorically:
“Isn’t the tongue the muscle which brings forth the traditional virtues, virile decisions,
and all manifestations of life the word contains in itself?”
Speech, then, is the regime of life. Evil words or twisted words harm the equilibrium
of the group. Straight words, in contrast, maintain the integrity of social life, create and
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1147

demonstrate vitality. “Caledonian chieftainship, whose authority rests entirely on the


prestige of the word, strangely confirms these observations. The chief has the task of
recalling in richly embellished discourse all the traditions, alliances, and memorable mo-
ments of the clan, all its engagements, all its honor” (Leenhardt 1979, 136).
Speech in New-Caledonian society is free in all kin constellations where there is no
taboo. One example: The term for brothers is kaaveai ⫺ those who speak together
(Leenhardt 1979, 145). Averhono, in contrast, are those who may speak with one another
using mockery. “The free word is always spicy, often comic and obscene” (Leenhardt
1979, 145).
The Caledonian no thus contains a rhetorical theory of society: Attitudes, values and
the historical identity of the community can only and must constantly be renewed
through speech. All utterances and creations of man, and even his thinking are consid-
ered speech. Moreover, even the gods speak through man, if humans obey and realize
the godly rules, they becomes the tongue of the gods (Leenhardt 1979, 143).
Being convinced that man and his character are manifest in speech, the New-Caledo-
nians have created a number of epithets for no. In order to characterize individuals,
they speak of wise, deeply dangerous, straight-line, right-handed, twisted, misleading,
appropriate, adequate, equal, and free words or words without backing. “The word is
qualitative because the being, through it, is manifested only by its qualities, or, as there
are no ‘qualities’ in the native language, we might better say by its states. The word
manifests being in its diverse attributes. ‘Wise,’ ‘straight,’ ‘right’ as attributes of the word
mean that a ‘being’ was in a state of wisdom, justice, rectitude at a given moment. The
word fixes and consolidates these qualities or states by giving them form and objectifying
them. The criterion of its quality is to be consistent with the being, that is, it should help
the Canaque make real what he feels, contemplates, and undertakes at random. In this
way, the word is creative” (Leenhardt 1979, 149). Humans are what and how they speak:
this is the rhetorical anthropology of the New-Caledonians as described by Leenhardt.
The concept of speech employed by the New-Caledonians (Canaques) thus encompasses
all potential or factual utterance or creation of a being.
The concept of rhetoric of the New-Caledonians (that, in fact, is a concept of culture)
compared to the cultural history of rhetoric described above, seems to be exceptionally
broad. Therefore, the next Chapter examines other ethnographic accounts, especially
those who originate from the time when Europeans first got in contact with them.

2.2. Early depictions o rhetoric and culture among American Indians

Probably the first extensive account from North American Indians was Jean François
Lafitau’s (1681⫺1746) Customs of the North American Indians of 1724. After having
lived among the Iroquois of the Northern Woodlands for five years, he wrote down his
experiences and thoughts in a book that, today, is judged principally reliable by scholars
of Native American ethnography (cf. Fenton 1998).
Lafitau, in contrast to Leenhardt, focuses on the Iroquoian rhetorical competences
in political matters:
“The chiefs know how to gain ascendancy over their minds and take advantage of
their facility in speaking and saying all that they wish. But it is principally in the public
councils and solemn transactions that the orators appear brilliant. They alone speak in
1148 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

them, their duty properly consisting in announcing all the business which has been dis-
cussed in the secret councils, in declaring the results of all deliberations and in bearing
the news authoritatively in the name of the entire village and nation. This role is not
easy to sustain. It demands a great capacity, the knowledge of councils, a complete
knowledge of all their ancestors’ ways, wit, experience and eloquence. Not considered at
all in the qualifications is whether they are of a ranking maternal household; their per-
sonal merits and talents are the only things considered. It is rare to find persons who
fill this post worthily. Scarcely one or two in a village fulfil it even passably. Recourse
must often be made to the people of other villages and nothing is neglected to attract
outsiders capable of carrying on this work well who have gained some reputation in it.
These orators’ discourses do not consist of long harangues, composed on the model
of those of Demosthenes or Cicero. The Iroquois, like the Lacedaemonians wish a quick
and concise discourse. Their style is, however, full of figures of speech and quite meta-
phorical; it is varied according to the different nature of the business. On certain occa-
sions, it gets away from ordinary language and resembles our courtly style; on others, it
is sustained by a keener action than that of our actors on the stage. They have, withal,
a capacity for mimicry; they speak with gestures as much as with the voice and act out
things so naturally as to make them seem to take place under their audience’s eyes.
The orator has, near him, one or two persons to remind him of what he is to say, to
refresh his memory on what decisions have been reached and to watch that he says things
in the proper order. This is done, however, with courtesy and without interruptions.
But he himself, during his discourse, is careful to ask the assembly, from time to time,
if he has announced things well, in the way in which they should be heard and have
been decided. Several of the Council respond to him by an etho of approbation. He
takes advantage also of pauses to consult his assistants. After his report follows the nio-
hen, the general cry of consent. It is done in this way. One of the Old Men cries; ‘nio-
hen?’ All the others answer ‘nio’. This is done three times in each clan’s name. That is
the kind of formula to ask whether everyone is satisfied but it is really done only as a
form, for everyone always answers ‘yes’. It seems, however, set up in such a way as to
give opportunity to those who would judge it a proper time to make remonstrance or
protest. […]
When the orators have wit and savoir faire they gain a great deal of credit and author-
ity. The famous Garakontié who has served religion and the French Colony so well was
only an orator at Onnontague [Onondaga]: and this man was so much respected by his
people that he managed the Five Iroquois nations as he wished” (Lafitau 1974, 297 ff.).
Lafitau emphasizes that the orators were selected according to their skills and not
according to descendent hierarchy. Sometimes there were so few candidates in a village
that the Iroquois had to request for good orators in their neighbour villages. All this
shows the high reputation and great importance of rhetorical skills in the Iroquoian
society. The Iroquois demanded that good orators acquired a detailed knowledge of
Iroquoian history, of their laws and traditions as well as outstanding skills in expression.
Sometimes the orators gained the highest political influence that Lafitau compares to
that of the Lycian Nancrates (a demagogue who incited the Lycians who settled in South-
Western Turkey to offer fruitless resistance to the Roman army under M. Brutus). The
form of public speech of the Iroquois is described as short and lively, figurative and
metaphorical, sometimes highly formalized and always accompanied by vivid mimics
and gestures.
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1149

The political councils of the Iroquois were situations in which the orators could dem-
onstrate their eloquence and abilities in speech. In the councils, information was re-
ceived, discussed, judged, made public, and finally disseminated.
The counsellors, just as classical rhetorical theory predicts, had to take consensual
decisions under conditions of pressure for action. Lafitau (1974, 295) gives some exam-
ples of the subjects discussed in the councils: “receiving ambassadors, replying to them,
declaring (chanting) war, mourning for the dead [Condolence Council], holding festi-
vals, etc.”
“The Senate has, certainly, none of the august majesty of that of the Roman Republic
[in the days] immediately before [the time of] the Caesars but I believe that it is not at
all inferior to that of Rome herself when she went to take the plough from the Serrans
and Cincinnati to make them consuls and dictators. They are a troupe of dirty men
seated on their backsides, hunched up like monkeys, with their knees up to their ears,
or lying in different positions, either flat on their backs or with their stomachs in the
air, who, all of them, pipes in their mouths, treat affairs of state with as much coolness
and gravity as the Junta of Spain or the Council of the Sages [Council of the Ten] at
Venice” (Lafitau 1974, 296).
The participation at the Iroquoian councils was restricted: “Almost no one except the
Ancients is present at these councils and has a deliberative voice in them. The chiefs and
Agoı̈anders would be ashamed to open their mouths in them, if they did not have, joined
to their dignity, the advantages of age” (Lafitau 1974, 296).
Lafitau provides us with a description of the rhetorical forms of the political speeches
of the Iroquois: “Each of the opposing sides first takes up the proposition in a few words
and sets forth all the reasons which have been alleged pro and con by those who first
expressed their opinion. He then states his own opinion and concludes with these words:
‘That is my thought on the subject of this, our Council.’ To this, all the members of the
assembly answer hoo or etho, that is to say ‘that is good’ whether he has spoken well
or badly” (Lafitau 1974, 296).
Not only Father Lafitau, but other Jesuits as well noticed the outstanding rhetorical
abilities of American Indians. They often mention in their letters that they felt reminded
of their own rhetoric and homily lessons in the seminaries. As early as in 1633, Father
Le Jeune wrote: “There is no place in the world where Rhetoric is more powerful than
in Canada, and, nevertheless, it has no other garb than what nature has given it; it is
entirely simple and without disguise; and yet it controls all these tribes, as the Captain
is elected for his eloquence alone, and is obeyed in proportion to his use of it, for they
have no other law than his word” (1633, 118).
A short time later, in 1639, Montoya noticed the power to create community present
in the rhetoric of the South American Guaranı́: “Many of them gain nobility through
eloquence in speech […] thereby they bring people together and vassals” (quoted in
Münzel 1986, 172). And Vimont (1645, 62) tells us about the Hurons in the North of
Lake Ontario: “I would never have believed that, without instruction, nature could have
supplied a most ready and vigorous eloquence, which I have admired in many Hurons;
or more clear-sightedness in affairs, or a more discreet management in things to which
they are accustomed.”
These kinds of enthusiastic accounts have sometimes been challenged in Europe. But
the Jesuits insisted on the truth of their descriptions: “In France, people have believed
that their speeches and addresses, which we reported in our relations were fictitious; but
1150 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

I can assert that most of these, when translated into another language, are much less
powerful than in their own. They have often persuaded us in affairs of importance, and
made us change the resolutions which, after mature deliberation we had taken for the
weal of the country. I doubt not that they are capable of the sciences: they have a
harmonious and excellent ear for music; but their music is different from, and in some
degree more martial, than ours” (Bressani 1653, 260 f.). Rasles (1723, 162) even claimed
that the eloquence of the Abenaki of the Northern Woodlands outdo the rhetorical
compositions of Europeans: “I fully believe that, if I had written down what this Savage
said to us, offhand and without preparation, you would readily acknowledge that the
most able Europeans could scarcely, after much thought and study, compose an address
that would be more forcible and better arranged.”
We might remember that most of the Jesuits quoted above, particularly Lafitau, have
more or less been contemporaries of Renaissance philosophers that highly valued rheto-
ric. In their time, rhetoric belonged to the common knowledge of all free citizens. Hence,
at least the intellectuals of this time possessed a great sensibility for the social compe-
tence inherent in rhetorical (inter)action.
Even after the Enlightenment, when Europeans discovered foreign regions, they con-
tinued to rhapsodize about the rhetorical faculties of natives.

2.3. Early descriptions o rhetoric and culture in the South Seas


The history of discoveries in the Pacific provides us with many interesting examples of
the culture of rhetoric.
At the beginning of the 19th century, the Dutch counsel Jacques-Antoine Moerenhout
(1797⫺1879) reminds us of the great importance rhetoric had in the contemporary Tahi-
tian society: “Eloquence was as much esteemed by these islanders as by any other people
in the world. They had their masters of rhetoric and their schools where the art of
speaking was taught; and it seemed eloquence was so necessary to the chiefs that to lack
it was to lack the ability to rule; even today when they speak of certain ancient chiefs,
it is rarely that you hear: ‘That was a powerful man, a great warrior’; but, putting aside
all he had done and only seeing in him the renowned orator, they say emphatically:
‘Ta’ata paraparau maitai! There was a man who spoke well!’” (Moerenhout 1837, I, 411).
Forty years earlier, in 1799, missionary Rev. William Jefferson (d. 1806) had already
noted: “This afternoon the natives held a public meeting near the British house when
the peace between Otoo, Pomerre, & this district was again ratified and confirmed. As
all public business is transacted between persons called Taaoraro or orators, the speakers
for Otoo & Pomerre were seated on the ground, opposite to each other, about 15 yards
asunder, each having a bunch of green leaves in his hand, (perhaps) as tokens of peace;
and they harangued upon the subject of their meeting. The spectators kept at a proper
distance. Otoo was present, but did not seem to take much notice of what was doing”
(March, 19, 1799, LMS Archives; quoted in: Oliver 1974, 1031). And Moerenhout adds
on: “These assemblies usually took place out of doors. The participating chiefs wore a
special council-meeting garment (auhaana), a mat of fine quality which extended to the
knees. The ra’atira, those proprietors of large estates, whom I have already mentioned,
were seated there with their superiors; and knowing full well that the latter depended
upon their assistance they did not hesitate their own opinions. Usually both the pros
and the cons were discussed in such meetings with clarity, emotion and eloquence. And,
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1151

however bellicoce the general populace may have been, the counsel of the majority of
inferior chiefs sometimes forced the arii to give up his martial enterprise” (Moerenhout
1837, II, 32 f.; quoted in: Oliver 1974, 384).
For the London missionary William Ellis, the speeches of Tahitian orators were exam-
ples for the “most impassioned natural eloquence, bold and varied in its figures, and
impressive in its effects. I never had an opportunity of attending one of their national
councils when the question of war was debated, under all the imposing influence im-
parted by their mythology, whereby they imagined the contention between the gods of
the rivals was as great as that sustained by the parties themselves. A number of the
figures and expressions used on these occasions are familiar, but detached and translated
they lose their force. From what I have beheld in their public speeches, in force of
sentiment, beauty of metaphor, and effect of action, I can imagine that the impression
of an eloquent harangue, delivered by an ardent warrior, armed perhaps for combate,
and aided by the influence of highly excited feeling, could produce no ordinary effect;
and I have repeatedly heard Mr. Nott [another missionary] declare (and no one can
better appreciate native eloquence), he would at any time go thirty miles to listen to an
address impassioned as those he has sometimes heard on these occasions” (Ellis 1829,
II, 479 f.).
Henry gives an account of the spatial organization in the council house representing
the social organization: “When at last the council met, the speakers sat in a central
group, the sovereign and counsellors sitting in a row at one end facing them and the
chiefs and priests in a row to the right and to the left of the orators. The lower end and
the two lines remained open for ingress and egress; but no one dared to cross the space
between the sovereign and the orators, on pain of death. Outside of this official assembly
sat an audience of the people, who had no voice in the meeting but felt a lively interest
in what the orators said and were generally greatly impressed with their eloquence ⫺
the deliberations sometimes lasting over a day” (Henry 1928, 297; quoted in: Oliver
1977, 384).
These enthusiastic accounts of the rhetoric of foreign peoples could be continued
endlessly. But beginning with the second half of the 19th century, the enthusiasm stopped
and opened up space for positivism and the emphasis on material, biological, evolution-
ary, and later on functionalistic considerations.
The examples show that rhetoric has played a salient role in the life of these people.
However, the concepts are less broad than that of the New-Caledonians’, but rather
seem to correspond with a Ciceronian notion of rhetoric that emphasizes the role of
rhetoric in political and civil affairs. Most notably, they focus on the rhetorical compe-
tences of prudent counsellors and emphasize their sovereign styles to take decisions in
local politics.
As the examples make believe, wide notions of rhetoric and an emphasis on the power
of speech have largely been common among Non-European people. Nonetheless, if we
look at people who have developed the least stratified political organization, we witness
that broad notions as mentioned above are not ubiquitous.

2.4. Contemporary rhetoric and culture among the !Kung


Lorna Marshall has extensively described the “habits of talking” among the !Kung of
South Africa (1961, 231). “The !Kung are the most loquacious people I know,” she says
1152 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

(1961, 232), and Lee (1979, 372) confirms, that “they may be among the most talkative
people in the world.”
But the !Kung do not cultivate public speech, they rather talk extensively among
themselves, most often at the evening when they sit around the campfire: “Conversation
in a !Kung werf is a constant sound like the sound of a brook, and as low and lapping,
except for shrieks of laughter. People cluster together in little groups during the day,
talking, perhaps making artifacts at the same time. At night families talk late by their
fires, or visit at other family fires with their children between their knees or in their arms
if the wind is cold” (Marshall 1961, 232).
Even though they intimately live together, they always have enough topics to converse
on. They like to speak repetitiously and in detailed ways about food (“the subject they
talk about most often”), gift exchange, visiting friends or relatives, or hunting. “[The
men] converse musingly, as though enjoying a sort of day-dream together, about past
hunts, telling over and over where game was found and who killed it. They wonder
where the game is at present and say what fat bucks they hope to kill” (1961, 232). Talk
is highly dialogical and informal (1961, 233).
Allegations are not uttered directly but rather in a sort of trance-like, soliloquizing
chant uttered in the presence of the addressee. Reproaches, thus, are not made directly,
and Marshall (1961, 235) says that for the auditors it is like participating in one’s dreams.
This habit leads to the fact that the !Kung are well-informed about the emotional state
of those who live with them, and this is, according to Marshall, what prevents conflicts.
This kind of speech leads to the avoidance of social disharmony (1961, 246). Lee (1979,
372) attests that conflicts are raised only indirectly. Community, in general, is organized
through talk. Even though talk is the basic human instrument to shape community,
rhetoric as public, monologizing speech is not well received. On the contrary, all ambi-
tion to position oneself into the centre of the group is repudiated, particularly if the
person in question has achieved prestige, e. g. through hunting skills.
In particular, the !Kung very strongly reject all attempts of or even possibilities for
individuals to acquire prominence. When men return from a successful hunt, the others
will do everything to prevent the hunter from building up an arrogant self-image. As
/Xai/xai, one of Richard Lee’s informants puts it: “When a young man kills much meat,
he comes to think of himself as a chief or a big man, and he thinks of the rest of us as
his servants or inferiors. We can’t accept this. We refuse one who boasts, for someday
his pride will make him kill somebody. So we always speak of his meat as worthless. In
this way we cool his heart and make him gentle” (Lee 2003, 52).
Thus, we can see, that in the egalitarian society of the !Kung (Lee 1979, 343 f.),
rhetoric is only tolerated when it is dialogical, harmonious, and when it reinforces the
egalitarian ethos of the group.

2.5. Contemporary rhetoric and culture among the Xavante

The above description also holds true for the Xavante of Central Brazil as described by
Laura Graham (1995). Political decisions among the Xavante are taken in the village
council (warã) that Graham describes as an extremely polyphonic event. It is constituted
by a number of speaking voices that overlap and displace the individual from any power
to influence. “In the warã many people talk at the same time; there are no podiums, no
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1153

spotlights, and no public announcement systems. Moreover, men avoid looking at who-
ever is addressing the group; most lie on their backs staring up at the sky” (Graham
1995, 152). The village council is opened by one of the local leading figures with words
that can be agreed on by most of those who are present (the men). With the length of
his speech, an increasing number of comments is chipped in. “Their increasingly frequent
comments obscure the initiator’s voice, and as others become involved he sits down. His
voice is absorbed in the voices of multiple speakers. This blending of voices signifies the
fact that as an individual, he has no special power or authority to sway the decision-
making process. He is a facilitator who begins discussions in which all men may partici-
pate” (Graham 1995, 151). Though the warã serves as a forum for politics, it can not be
compared to the Roman forum or the Athenan agora: “In the warã, then, the locus of
political action resides in emergent social interaction, not in a single agent as in the
idealized model of Western democratic tradition. The discursive interaction between se-
nior males in the warã blurs the boundary between voice and individual subjectivity,
fuses individual perspectives, and erases the boundaries between an orator’s speech and
the speech of others” (Graham 1995, 166).
Concerning formal features of the council talk, Graham speaks of a continuum be-
tween speaking and chanting. Through the many comments that the main speaker works
into his speech in a rhythmic way, and through the special lexical choices, parallel
schemes and intonational patterns, the warã speech gets a chant-like character. “When
orating, a man remains very much in tune with other warã participants’ responses and
regularly incorporates the comments of those around him, often word for word, into his
speech. A skilled speaker who is paying close attention to others’ remarks may be able
to integrate them while still maintaining the rhythm of his delivery” (Graham 1995, 154).
There is only a slight difference between speaker and listeners, since most of the
audience actively participate in the council discourse. This also means that at any mo-
ment of the council, there are multiple speakers engaged in the talk. “In this way,
multiple speakers become collaborators, or co-performers, in the evolution of the dis-
course itself” (Graham 1995, 158). The result is a constant murmuring that is sometimes
amplified by the habit of the speakers to cover their mouths while speaking or com-
menting.
Neither voices nor utterances can be clearly distinguished (Graham 1995, 157). In
this way, the Xavante take decisions in their council. “Xavante decision making takes
place as multiple speakers simultaneously state and restate their positions until consensus
is reached” (Graham 1995, 159). “In the warã, the physical and acoustic features of
performance effectively dissociate individual speakers from their utterances. […] A
speaker thus represents discourse as an extra-individual production to promote cohesive-
ness among the members of a faction. […] Simultaneously, the organization of speech
blends the voices of members of opposed factions to counteract the centrifugal forces
of factionalism, reinforcing egalitarian relations among senior males and holding the
community together” (Graham 1995, 166).
In the council, the individual identity of the speaker is played down and his respon-
sibility to act as a representative for his group is emphasized (Graham 1995, 151 f.). If
someone rises to raise a subject, and begins to speak in a louder voice, the comments of
others immediately obscure his speech. Though he might acquire prominence in standing
upright, he reduces the degree of imposition created by his outstanding position in star-
ing at the horizon and not at the audience that sits or lies on the ground around him
(Graham 1995, 152).
1154 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Intentionality and meaning, among the Xavante, are created and interpreted as in-
tersubjective and contextual achievements. The speakers, as Graham (1995, 165) tells us,
do not take responsibility for the speeches they deliver in the warã. On the contrary,
they play down their roles in it. In general, they do not speak about the speeches that
they or other participants make in the council; since it would be considered pretentious
to say that one surveys and fully understands what is going on in the warã (Graham
1995, 165). Through the patterns of performance, the multivocality of utterances, the
anonymization of voices, the discourse as a whole is dissociated from individual inten-
tions. “The organization of speech in the men’s council counteracts the centrifugal forces
of Xavante factionalism, forces that constantly threaten to rend a village. […] Xavante
harness their expressive resources to create a balance between factions and to counterbal-
ance the omnipresent tendency toward fission” (Graham 1995, 149).
Among the Xavante there is a constant tension between individualism and social
pressure. But the formal speech situation minimizes the focus on the individual. Speakers
speak only if they have support of their groups. “Speaking itself demonstrates both a
man’s confidence and the support of his political faction” (Graham 1995, 150). But the
fact that one speaks at all contributes to the individual prestige of the orator, since
eloquence is a sign of prestige and authority (Graham 1995, 149). If an ambitious indi-
vidual wants to become one of the village leaders, he must speak in the council in order
to gain prominence. But while speaking in the warã, he is subject to its speech patterns.
“Those who are more adept are more fully socialized and, being more adept, tend to
speak more frequently, opening possibilities to acquire still greater eloquence and greater
prestige. Consequently, by controlling the discursive resources of warã debate, those who
are more fully socialized actively define and reproduce relations of domination” (Gra-
ham 1995, 150). To become a leader, one must be recognized as somebody who advo-
cates the interests of the community as a whole. Only if one has proven this quality, one
might come back to follow one’s individual interests. The polyphonic procedure of the
warã, then, can be interpreted as an egalitarian securing mechanism against ambitions
for power of individual people. Being exposed to the speech patterns in the warã, individ-
uals can express their ideas and interests only under the major influence of the group.
Thus, the meaning of an utterance is not a copy of its author’s intentions, but rather a
result of an intensive interaction between speaker, listeners and context (Graham 1995,
141).

2.6. Rhetoric and culture among the Kwakiutl and the Ojibwa

In contrast to both the !Kung and the Xavante, the Kwakiutl, hunter-gatherers of the
North American west coast, developed traditions of great oratory. They composed and
admired great speeches. The Kwakiutl, renowned through Benedict (1934) for their “hy-
perbolic character”, do not omit boasting speeches as a possibility of skilful expression:
“Kwakiutl nobles made self-glorifying speeches and tried to outdo each other in the
giving and even destruction of property, and so Benedict chose the Northwest Coast as
one of her examples of cultures dominated by a single idea, portraying the Kwakiutl as
paranoid megalomaniacs” (Suttles/Jonaitis 1990, 86). Benedict herself affirms: “The ob-
ject of all Kwakiutl enterprise was to show one-self superior to one’s rival. This will to
superiority they exhibited in the most uninhibited fashion. It found expression in uncen-
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1155

sored self-glorification and ridicule of all comers” (1989, 190). For Benedict, the longing
of the chiefs for superiority is a basic feature of Kwakiutl culture. One example of boast-
ing speeches of Kwakiutl chiefs is the Feast Song of the Chief of the Ha?nalenâ-Kwakiutl:
“I am the great chief who makes people ashamed. I am the great chief who makes people
ashamed. / Our chief brings shame to the faces. / Our chief brings jealousy to the faces.
Our chief makes people cover their faces / by what he is doing in this world // all the
time, from the beginning to the end of the year, giving again and again oil feasts / to all
the tribes, āwâ, āwâ! I am the great chief who vanquishes, ha, ha! I am the great chief
who vanquishes, / for this true chief tried to go around the world giving feasts, to raise
the rank of this prince. Oh, go on // as you have done before! Only at those who continue
to turn around in this world, / working hard, losing their tails (like salmon) I sneer, at
the chiefs under / the true chief. Have mercy on them! Put oil on their / dry heads with
brittle hair, those who do not comb their hair! I sneer / at the chiefs under the true, real
chief, ya wâ! I am // the great chief who makes people ashamed” (Boas 1921, 1291).
Glorifying oneself and flouting the others accompanies each other. Part of this rheto-
ric is the expression of emotions, particularly of anger, as one way to heighten one’s
status.
Another group whose members liked to hold boasting speeches were the Ojibwa of
central Canda. The traveller Johann Georg Kohl (1808⫺1878) extensively described their
boasting speeches in 1855. In rituals that marked the passage from war to peace periods,
returned warriors got the opportunity to recount their deeds. Kohl writes:
“Another, with a long rattlesnake’s skin round his head, and leaning on his lance,
told his story objectively, just as a picture would be described. ‘Once we Ojibbeways set
out against the Sioux. We were one hundred. One of ours, a courageous man, a man of
the right stamp, impatient for distinction, separated from the others, and crept onward
into the enemy’s country. The man discovered a party of the foe, two men, two women,
and three children. He crept round them like a wolf, he crawled up to them like a snake,
he fell upon them like lightning, cut down the two men, and scalped them. The screaming
women and children he seized by the arm, and threw them as prisoners to his friends,
who had hastened up at his war yell; and this lightning, this snake, this wolf, this man,
my friends, that was ⫺ I. I have spoken!’” (Kohl 1860, 22).
Kohl continues: “Each warrior has the right to make himself as big as he can, and
no one takes it upon him to interrupt or contradict him. If the narrator, however, is
guilty of any deception as regards facts, and the deception is of consequence, any man
may get up and contradict him. But this is a rare case, and becomes a very serious
matter, for any man convicted of falsehood at the solemnity of a war-dance is ruined
for life. A liar can hardly ever regain the confidence of his countrymen. ‘Oui, oui, mon-
sieur,’ [Yes, yes, Sir] an excellent old Canadian Voyageur said to me on this subject, ‘ils
sont tous comme ça. Etre trop modeste, de se croire faible, ce n’est pas leur faible côté.
Chacun d’eux se croit fort et bon. Chacun pense et dit, ‘C’est moi qui ai le plus d’esprit.
Je suis le plus courageux de tous.’ [They are all like that. Being too humble, judging
themselves weak isn’t their weakness. Everybody among them believes himself to be
strong and good. Everybody thinks and says: ‘I am the one with the best understanding.
I am the bravest of all’]. Walk through the whole camp, from hut to hut, and every one
will say so to you. Yes, if you visit the poorest and last of them ⫺ even if he should be
a cripple ⫺ if he can still speak, he will assert that he is ‘sans peur et sans reproche,’
[fearless and blameless] and that he knows no one in camp he will allow superior to
himself” (Kohl 1860, 22).
1156 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

In Kohl’s account the will for individual independence and social equality of the
Ojibwa is expressed. At the same time, the speeches provide an opportunity for the
warriors to acquire social prominence in presenting oneself as someone with extraordi-
nary abilities. Many young men are “impatient for distinction”.

3. Conclusion
In European history, two factors that favour broad notions of rhetoric could be iden-
tified:
(1) a democratic political organization; and
(2) scepticism towards totalitarian conceptions of truth.
Notions of rhetoric and culture as they have been reported from Non-European societies
could be detected mainly through a close look at practices of rhetoric, and at the presti-
gious place rhetoric occupies in these societies.
Both factors mentioned above seem to be influential for notions of rhetoric and cul-
ture in Non-European societies as well. Yet, it seems that the factor of a democratic
political tradition has to be specified. Evidently, a political organization, where debates
are to be held in order to make decisions, seems to constitute an important prerogative
for wide notions of rhetoric and culture. If there are no necessary debates about decisions
that affect the community, rhetoric remains an empty art. But this is only true when two
further conditions are fulfilled:
(a) when there are political positions to be filled so that ambitious individuals compete
for them, and
(b) when the respective society in regard to its inner coherence is to a certain degree
interdependent and conflicts cannot be solved by fission.
Both is not the case, as we have seen, among the !Kung leading to a social rejection of
the prominence individuals gain through rhetoric and eloquence. Overly egalitarian soci-
eties also do not favour wide notions of rhetoric when they do not have a system of
political representation.
Totalitarian notions of truth seem to be generally rare in Non-European societies if
they are not organized into complex chiefdoms or “primitive states”.
Hence, two further conditions seem to be important for a wide conception of rhetoric
in Non-European societies.
(1) A certain degree of interdependence among the people living together. If they are
too loosely integrated, they tend to resolve conflicts not by rhetoric but by fission.
In groups, where there is only loose social integration, as it is the case among the
!Kung, there is a ban on rhetoric and the accompanying social prominence of speak-
ers. Only by speaking, orators acquire social prominence that is not always desired.
(2) Rhetorical competences must bring about social prestige. Rhetorical practices, then,
might more concretely aim at qualifying for social positions. Hence, there must be
a number of prominent social positions to be filled by achievement rather than by
ascription. Furthermore, they have to be more limited in number than the number
of members of the group as a whole. That means, social positions must be available
68. Rhetoric and culture in Non-European societies 1157

for whoever might want to outdo others in deeds and, particularly, in the account
of such deeds.
Together with the conditions mentioned above, we can identify four salient factors ac-
counting for broad conceptions of rhetoric and culture:
(1) a relativist notion of truth;
(2) a democratic civil organization;
(3) a certain degree of social interdependence;
(4) social prestige connected to skilful rhetoric, and, possibly, a number of available yet
limited social positions for which eloquent individuals might qualify.
Reversely, five factors affect the existence of narrow notions and practices of rhetoric:
(1) a totalitarian conception of truth;
(2) an absolutist civic organization;
(3) no or an overly strong social interdependence;
(4) a disapproval of rhetoric because of
(4a) its power to create individual prominence or
(4b) the danger of subversion accompanied by it;
(5) no social positions available or a bigger number than of members of the societies.

4. Selected bibliography
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1158 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Moerenhout, Jacques Antoine (1837): Voyages aux ı̂les du Grand Océan, contenant des documents
nouveaux sur la géographie physique et politique, la langue, la littérature, la religion, les mœurs,
les usages et les coutumes de leurs habitant; et des considérations générales sur leur commerce,
leur histoire et leur gouvernement, depuis les temps les plus reculés jusqu’à nos jours. 2 vls. Paris.
Münzel, Mark (1986): Indianische Oralkultur der Gegenwart. In: Birgit Scharlau/Mark Münzel:
Qellqay. Mündliche Kultur und Schrifttradition bei Indianern Lateinamerikas. Frankfurt,
157⫺258.
Oliver, Douglas (1974): Ancient Tahitian Society. 3 vls. Honolulu.
Rasles, Sébastien [1723] (1898): Lettre à Monsieur Son Frère. In: Reuben Thwaites (ed.): The Jesuit
Relations and Allied Documents. Travels and Explorations of the Jesuit Missionaries in New
France 1610⫺1791. Vol. 67. Cleveland, 132⫺229.
Suttles, Wayne/A. Jonaitis (1990): History of Research in Ethnology. In: Wayne Suttles (ed.): Hand-
book of North American Indians. William Sturtevant. Vol. 7. Northwest Coast. Washington,
73⫺87.
Vimont, Barthelemy [1645] (1898): Relation de ce qui s’est passé en la Novvelle France, és années
1644 & 1645. In: Reuben Thwaites (ed.): The Jesuit Relations and Allied Documents. Travels
and Explorations of the Jesuit Missionaries in New France 1610⫺1791. Vol. 27. Cleveland,
123⫺306.

Christian Meyer, Bielefeld (Deutschland)

69. Stil und Moral


1. Le style c’est …
2. Matter and manner: Das Wie und das Was
3. Sprachkritik und Stilkritik
4. Kommunikative Ethik
5. Stilisierung
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Starting with Buffon’s “Le style c’est l’homme même” [der Stil ist der Mensch selbst]
(Discours prononcé à l’Académie Française le 25 août 1753, cf. Pickford 1978, 23), there
is a long tradition postulating the existence of a deep connection between style and morals.
To establish a foundation for this connection, we first must relinquish the distinction be-
tween matter and manner and demonstrate that style is, indeed, a part of meaning. A
second step is to scan so-called language criticism and filter out those aspects which are
more or less associated with problems of morals. Our paramount aim is to develop and
establish morals of communication based on Gricean maxims. Here, in a variety of disguises
lies the central issue. We conclude by showing that style is not inherent in texts but con-
structed within communication. Hence, the communicating partners are responsible for the
construction of style and moral conduct.
1158 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Moerenhout, Jacques Antoine (1837): Voyages aux ı̂les du Grand Océan, contenant des documents
nouveaux sur la géographie physique et politique, la langue, la littérature, la religion, les mœurs,
les usages et les coutumes de leurs habitant; et des considérations générales sur leur commerce,
leur histoire et leur gouvernement, depuis les temps les plus reculés jusqu’à nos jours. 2 vls. Paris.
Münzel, Mark (1986): Indianische Oralkultur der Gegenwart. In: Birgit Scharlau/Mark Münzel:
Qellqay. Mündliche Kultur und Schrifttradition bei Indianern Lateinamerikas. Frankfurt,
157⫺258.
Oliver, Douglas (1974): Ancient Tahitian Society. 3 vls. Honolulu.
Rasles, Sébastien [1723] (1898): Lettre à Monsieur Son Frère. In: Reuben Thwaites (ed.): The Jesuit
Relations and Allied Documents. Travels and Explorations of the Jesuit Missionaries in New
France 1610⫺1791. Vol. 67. Cleveland, 132⫺229.
Suttles, Wayne/A. Jonaitis (1990): History of Research in Ethnology. In: Wayne Suttles (ed.): Hand-
book of North American Indians. William Sturtevant. Vol. 7. Northwest Coast. Washington,
73⫺87.
Vimont, Barthelemy [1645] (1898): Relation de ce qui s’est passé en la Novvelle France, és années
1644 & 1645. In: Reuben Thwaites (ed.): The Jesuit Relations and Allied Documents. Travels
and Explorations of the Jesuit Missionaries in New France 1610⫺1791. Vol. 27. Cleveland,
123⫺306.

Christian Meyer, Bielefeld (Deutschland)

69. Stil und Moral


1. Le style c’est …
2. Matter and manner: Das Wie und das Was
3. Sprachkritik und Stilkritik
4. Kommunikative Ethik
5. Stilisierung
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Starting with Buffon’s “Le style c’est l’homme même” [der Stil ist der Mensch selbst]
(Discours prononcé à l’Académie Française le 25 août 1753, cf. Pickford 1978, 23), there
is a long tradition postulating the existence of a deep connection between style and morals.
To establish a foundation for this connection, we first must relinquish the distinction be-
tween matter and manner and demonstrate that style is, indeed, a part of meaning. A
second step is to scan so-called language criticism and filter out those aspects which are
more or less associated with problems of morals. Our paramount aim is to develop and
establish morals of communication based on Gricean maxims. Here, in a variety of disguises
lies the central issue. We conclude by showing that style is not inherent in texts but con-
structed within communication. Hence, the communicating partners are responsible for the
construction of style and moral conduct.
69. Stil und Moral 1159

1. Le style cest 

Es gibt eine lange abendländische Tradition, einen engen Zusammenhang zu sehen zwi-
schen Stil und Person, den Stil, den jemand schreibt, als Teil seiner Person zu verstehen.
„Le style c’est l’homme même.“ Dies ist die oft so zitierte Formulierung, die Buffon der
Ansicht 1753 in seiner Antrittsrede vor der Académie Française gegeben hat:

[…] si les Ouvrages qui les contiennent ne roulent que sur de petits objets, s’ils sont écrits
sans goût, sans noblesse & sans génie, ils périront, parce que les connoissances, les faits &
les découvertes s’enlèvent aisément, se transportent, & gagnent même à être mises en oeuvre
par des mains plus habiles. Ces choses sont hors de l’homme, le style est l’homme même […]
[… wenn die enthaltenen Werke nur mindere Gegenstände behandeln, wenn sie ohne Ge-
schmack, Würde und Genie geschrieben sind, werden sie vergehen, weil die Erkenntnisse,
Fakten und Entdeckungen sich verflüchtigen, sich übertragen und durch geschicktere Hände
realisiert werden. Dies alles bleibt außerhalb, der Stil ist der Mensch selbst …]
(Discours prononcé à l’Académie Française le 25 août 1753, cf. Pickford 1978, 23)

So kontextlos, wie der Ausspruch verwendet wird, lässt er allerdings Raum für Ausdeu-
tungen und gestattet so den verschiedensten Ansätzen, ihn als Slogan oder Fahnenwort
für sich zu reklamieren. Für Buffon ging es weniger um eine moralische Beurteilung als
vielmehr ganz im Zuge der clarté um den Zusammenhang von klarem Denken und kla-
rem Schreiben (der übrigens bis auf Horaz zurückgeht: „Scribendi recte sapere est et
principium et fons“ [Gut schreiben können ist Anfang und Grund]; Horaz 1989, v. 309,
cf. Beutin 1976, 18). Denn:

[…] bien écrire, c’est tout à la fois bien penser. [… gut schreiben heißt gut denken zugleich]
(Pickford 1978, XV)
To Buffon, as we have seen, a pervasive, absolute clarity was the dominant factor. The impact
of a style was identical with the impact of the writer’s mind. Style was not a manner of
arranging words, but a manner of thinking, a vision of things. (Fellows/Milliken 1972, 169)

Und es ging Buffon um das reflektierte Schreiben. Denn, so wird resümiert: „Spontaneity
is always a vice“ (Fellows/Milliken 1972, 151). Die Idee, dass am Stil die Qualität des
Denkens zu erkennen sei, ist hinwiederum alt. Wir finden sie schon bei Horaz und oft
später, besonders pointiert ausgedrückt bei Schopenhauer:

Der Stil ist die Physiognomie des Geistes. […] Fremden Stil nachahmen heißt eine Maske
tragen. (Schopenhauer [1851] 1972, 281)

Dieser Gedanke findet sich also durchaus auch in kritischer Wende und später oft didak-
tisch gewendet, dass nämlich Stil nicht nur Ausdruck der Gedanken sei, sondern dass
durch gutes Schreiben auch das Denken geschult werde.

Den Stil verbessern ⫺ das heisst den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter!
(Nietzsche 1886, § 131)
1160 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Während es in der Buffon-Tradition darum ging, preisend die großen Könner und Geis-
ter zu ehren, könnte eine andere Tradition eher kritisch orientiert sein. Diese Tradition
ist verbunden mit dem „Sprich, dass ich dich sehe!“, das Sokrates jeweils zu Neuan-
kömmlingen gesagt haben soll. Hier wäre dann eher ein ganzheitlicher Aspekt im Blick-
feld, da es ja nicht nur um Stil ginge. Allerdings wurde Sokrates’ Spruch weitgehend
trivialisiert und dient heute eher der Werbung für Sprecherziehung.
Gewöhnlich wird Buffon als Beginn einer radikalen Auffassung vom Individualstil,
dem idiotischen Stil gesehen. So sah man im frühen 19. Jahrhundert im Stil einen direk-
ten Abdruck des Individuums, sein sprachliches Spiegelbild. Für Hegel ist der Stil „über-
haupt die Eigenthümlichkeit des Subjekts, welche sich in seiner Ausdrucksweise, der Art
seiner Wendungen u. s. f. vollständig zu erkennen giebt“ (Hegel 1964, 394).
Selbstverständlich kann man unter den vielfältigen Buffon-Rezeptionen auch eine
etablieren, die einen detaillierteren Zusammenhang des Stils mit einer Persönlichkeit her-
stellt. Eine solche Konzeption kann sich nicht begnügen mit rhetorisch orientierten Stil-
niveaus oder mit globalen Stilbeschreibungen wie emphatischer Stil, bürokratischer Stil,
aggressiver Stil oder kooperativer Stil. Der Stil eines Menschen oder eines Textes ist eine
detaillierte Ganzheit und kommunikativ wirksam:

,Style‘ refers to the meaningful deployment of language variation in written and spoken
discourse, to the particular way that discourse is formed and structured and that is interpre-
ted by recipients as socially and interactionally relevant. […] In contrast to other kinds of
language variations, such as dialects, sociolects, registers etc., styles are not conceived of as
uni-directionally determined by extralinguistic and/ or contextual factors but as meaningful
choices made in order to achieve particular effects or to suggest particular interpretations.
(Selting 1999, 1)

Mit einer solchen Auffassung wird Stil als intentionales und verantwortliches Handeln
auch moralisch beurteilbar. Stil ist nicht mehr Privatsache, vielmehr kann ein Autor für
seinen Stil verantwortlich gemacht werden. Zugleich kommt über den kommunikativen
Effekt auch der Rezipient in den Blick. Nicht mehr der Sprecher allein erzeugt den Stil,
der Rezipient gewinnt einen wesentlichen Part.
Allerdings scheint der hier propagierte Stilbegriff doch etwas weit. Denn es gehört
zur normalen Verwendung des Wortes Stil, dass damit etwas Typisches, vielleicht auch
Wiederkehrendes gemeint ist. Stil basiert auf Distinktion und Betonung. Aus den un-
überschaubar vielen Merkmalen der Rede eines Menschen oder auch nur einer Rede
eines Menschen wird selektiv und ganzheitsorientiert etwas gemacht, was dann der Stil
von X ist. Bestimmte Elemente werden hervorgehoben, dadurch treten andere in den
Hintergrund. Da stellen sich vor allem zwei methodische Fragen:

(1) Was wird selegiert und nach welchen Kriterien?


(2) Wie kommt es zu der Ganzheit und ihrem ,Label‘?

Selegiert wird nach dem Typischen. Was aber ist typisch für ein Individuum? Es sind in
erster Linie Auffälligkeiten, die auf Frequenz basieren: infrequente oder überfrequente
Wortverwendungen, neue Wortbildungen, syntaktische Strukturen usw. Dieses Kriterium
mag intuitiv angewendet werden oder statistisch auf einer Datenbasis. Es scheint das
69. Stil und Moral 1161

einzig verlässliche Kriterium. Alle anderen sind bereits Deutungen. Mit der Deutung
wird ein Stil zu einer Ganzheit, sozusagen ein passendes stringentes Bild, eine kohärente
Konstruktion.
Der persönliche Stil wird weitgehend als Sache des Individuums angesehen. Da er
aber kommunikativ ist und in Kommunikation erzeugt wird, ist er öffentlich. Somit
bleibt die Kreation des Stils auch Sache des Rezipienten und sogar des Analysierenden
(Fiehler 1997, 348). Die Ganzheit ist immer ein Konstrukt. Und damit kommen auch
die Konstrukteure in die moralische Verantwortung.

2. Matter and manner: Das Wie und das Was

Stil betrifft die Art und Weise, wie etwas ausgeführt oder gesagt wird. Mit dieser Bestim-
mung ist eine schwer haltbare Trennung eingeführt: das Etwas und der Stil. So wäre ein
Schwimmstil die mehr oder weniger festgelegte Art und Weise, wie jemand schwimmt,
ein Lebensstil, wie man lebt, ein Schreibstil, wie man schreibt. Und das Etwas? Beim
Schwimmstil sollte es wohl das Schwimmen sein. Dies aber ist nur ein Oberbegriff.
Kraulschwimmen ist ein spezifisches Schwimmen. Doch Kraulen ist tatsächlich etwas
anderes als Delphin. Es gibt hier kein gleiches Etwas. Eine Art mag schneller, schwieri-
ger, kraftaufwendiger sein als die andere. Wenn ich kraule, schwimme ich zwar, aber ich
tue etwas anderes, als wenn ich brustschwimme. Ein anderes Was.
Stil basiert auf Alternativen, so eine gängige Ansicht, die schwer von der Hand zu
weisen ist. Stilistische Eigenheiten wird man durch Darstellung alternativer Formulierun-
gen sichtbar machen. Aber gewisse Folgerungen hieraus und Zuhilfenahmen sprachtheo-
retischer Grundsätze sind schwer haltbar: Der Stil eines Textes basiere darauf, dass man
das Gleiche auf unterschiedliche Weise ausdrücken könne und der Autor eben diese oder
jene Alternative gewählt habe. Dies bestimme seinen Stil. Stil ist demnach das Resultat
der Auswahl aus synonymen Sprachmitteln (Enkvist 1973). Diese Räsonnements verste-
cken sich unterschiedlich. Sie kommen in anderer Formulierung auch in der Idee daher,
sprachliche Formulierung sei das Kleid des Gedanken, die wohl zurückgeht auf Quintilian
und in der Geschichte immer wieder aufgegriffen wird. So auch beim noch funda-
mentalistischen Wittgenstein, der meinte, „dass man nach der äußeren Form des Kleides
nicht auf die Form des bekleideten Gedanken schließen kann“ (Wittgenstein 1969,
4.002). Und letztlich ist es schwer hinterfragbares Alltagswissen, dass man das Gleiche
auf unterschiedliche Art und Weise sagen könne: schroff oder höflich, gewählt oder vul-
gär usw. Bally (1951) etwa setzt das Wie mit der expressiven oder affektiven Komponente
einer Äußerung gleich:

Die ,Ausdruckskraft‘ umfasst für den Stilforscher eine ganze Reihe von sprachlichen Merk-
malen, die eins gemeinsam haben: Sie haben keinen direkten Einfluss auf die Bedeutung
einer Äußerung, auf die eigentliche Information, die sie vermittelt. Alles, was über die bloße
Verweisungs- und Mitteilungsfunktion der Sprache hinausgeht, gehört zum Bereich der Aus-
druckskraft: Gefühlsbeiklang, Betonung, Rhythmus, Symmetrie, Wohlklang wie auch die
Stilfärbung [the socalled ,evocative‘ elements], die an eine bestimmte Stilebene (gewählt, um-
gangssprachlich, ordinär usw.) oder an ein bestimmtes Milieu (historisch, ausländisch, pro-
vinziell, fachlich usw.) denken lässt. (Ullmann 1972, 114)
1162 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Ähnliche Ansichten finden wir auch in sprachphilosophischen Arbeiten. So unterscheidet


Alston in „what is said“ und „how it is said“ (Alston 1964, 48) und entsprechend ver-
schiedene Aspekte der Bedeutung: die cognitive meaning und die emotive meaning, die
vor allem mit der Haltung des Sprechers zu tun habe (Alston 1964, 47). Das wird aller-
dings schon lange mit Skepsis gesehen:

[…] the more we reflect on it the more doubtful it becomes how far we can talk about
different ways of saying; is not each different way of saying in fact the saying of a different
thing? (Hough 1969, 4)

Nach der heute weithin akzeptierten Gebrauchstheorie der Bedeutung sind solche schei-
denden Annahmen schwer haltbar.

A word has a meaning, more or less vague; but the meaning is only to be discovered by
observing its use: the use comes first, and the meaning is distilled of it. (Russell 1986, 290)
Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. (Wittgenstein 1969, § 43)

Sprache und Kommunikation werden hier nicht mehr nach dem ontologisierenden
Schlichtmodell vorgegebener Dinge und Gedanken gesehen, die sprachlich etikettiert
werden und kommunikativ transportiert. Vielmehr wird von einer realitätskonstituieren-
den Potenz der Sprache ausgegangen, nach der wir die Welt kommunikativ strukturieren
und so in gewissem Sinn erzeugen. Damit sind natürlich auch kritische Verfahren obso-
let, die darauf abheben, irgendwelche sprachlichen Formulierungen stellten die Wirklich-
keit nicht adäquat dar oder man selbst kenne die Wahrheit, der Kritisierte eben nicht.
Synonyme Ausdrucksweisen gibt es nicht. Das ergibt sich nicht erst aus der Gebrauchs-
theorie. Schon Bloomfield meinte: „[…] there are no actual synonyms […] It is a well-
tried hypothesis of linguistics that formally different utterances always differ in meaning“
(Bloomfield 1933, 145). Und in der logischen Semantik wurde gezeigt, dass sich zwei
beliebige Konzepte selbst in einer rein extensionalen Analyse in ihrer Bedeutung unter-
scheiden (Goodman 1949).
Vorgängige Differenzierungen in Aspekte der Bedeutung sind schwer zu rechtfertigen.
Eine Unterscheidung in eigentliche Information und der Rest ist nicht haltbar. Der Ge-
brauch eines Wortes umfasst alle Nuancen bis hin zu Wortspielen, Assoziationen, Emoti-
onalem und metasprachlichen Verwendungen. „Style is a part of meaning“ (Hough 1969,
8). Eine andere verbreitete und stillschweigende Grundannahme vieler Stilistiken ist,
Sprache sei ein Medium. So wird dann oft unterschieden nach der Logik der Sache
einerseits und der Logik der Sprache andrerseits und öfter wird die Sachlogik auch als
Beurteilungsmaßstab des Stils angeführt. Schlechter Stil sei Inadäquatheit von Sprache
und Sache oder aber lasse die Sache schlecht erscheinen (Arntzen 1964, 100). Diese An-
sicht ist zwar weit verbreitet, aber nach vielen Sprachtheorien so nicht haltbar (Rorty
1989; Bickes 1995). „[…] wenn davon ausgegangen wird, dass sich der Sachverhalt durch
die Art und Weise, wie über ihn gesprochen wird, als bestimmter Sachverhalt konstitu-
iert, dann ist es nicht nur eine ,stilistische Alternative‘, wie man über ihn spricht, sondern
dann ist es eine Frage nach dem Sachverhalt selbst“ (Saße 1977, 108). Die Orientierung
an der Sache würde der moralischen Beurteilung im Übrigen einiges von ihrer Brisanz
nehmen.
69. Stil und Moral 1163

Für eine moralische Betrachtung taugt eher ein ganzheitlicher Ansatz, der wie Flau-
bert (1980, 31) den Stil als etwas Konstitutives ansieht: „Le style étant à lui seul une
manière absolue de voir les choses.“ [Der Stil ist in sich selbst eine absolute Weise, die
Dinge zu sehen] So wird die Unterscheidung von Was und Wie obsolet:

Stil umfasst gewisse charakteristische Züge sowohl dessen, was gesagt wird, als auch die Art,
wie es gesagt wird. (Goodman 1984, 42)

Aber auch hier gilt wie schon in der ersten Definition:

Zu sagen, Stil sei eine Sache des Sujets, ist […] ungenau und irreführend. Vielmehr zählen
nur einige Merkmale des Gesagten zu den Aspekten des Stils; nur gewisse charakterisierende
Unterschiede in dem, was gesagt wird, machen Unterschiede im Stil aus.
(Goodman 1984, 42)

3. Sprachkritik und Stilkritik


Eine Voraussetzung für die Betrachtung des Stils unter moralischem Gesichtspunkt ist
der kritische Umgang mit sprachlichen Äußerungen. Sprachkritik pauschal gesehen hat
eine lange Tradition. Sie ist verbunden mit Namen wie Leibniz, Schopenhauer, Joch-
mann, Nietzsche, Mauthner, Kraus und vielen anderen, die in eine Geschichte der
Sprachkritik gehören (eine Auflistung von Kandidaten in Cherubim 1983, 180; eine his-
torische Darstellung in Beutin 1976, Kap II; eine Dokumentation einschlägiger Texte in
Dieckmann 1989).
In dieser Tradition wurde lange nicht differenziert, ob man tatsächlich eine Sprache,
,die systematische Irreführung durch eine Sprache‘ kritisieren wollte (was im Grunde gar
nicht geht) oder ob es um einzelne Äußerungen und um die äußernde Person gehen
sollte. In diesem Sinn sind Typen der Sprachverführung, die Kainz in seiner wenig rezi-
pierten Tafel zusammenstellt, auch ambivalent: Wortrealismus, unangemessene Zusam-
mengriffe, Synonymik, Polysemie, Metaphorik, Idola fori, Leerformeln, Glossomor-
phien, Wortlösungen, Verführung durch Allusionen und Assoziationen, euphemistische
Tendenzen, Maskierung von Un- und Widersinn (Kainz 1972, 20). Das Wort Sprache
wird umgangsprachlich vage verwendet, so dass in theoretischer Betrachtung eine ge-
nauere Differenzierung nötig wird. Und so entpuppt sich, was unter einem Etikett gehan-
delt wird, als bunte Palette recht verschiedener Ansätze und Tätigkeiten. Genauere und

realisiert potentiell
funktional institutionell
individuell SPRACH- SPRACH-
VERWENDUNG KOMPETENZ
deskriptiv präskriptiv
sozial SPRACH- SPRACH- SPRACH- SPRACH-
VERKEHR SYSTEM BRAUCH NORM
Abb. 69.1.
1164 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

theoretisch begründete Unterscheidungen hat v. Polenz eingeführt (v. Polenz 1973; auch
Beutin 1976, 14).

⫺ Kritik von Sprachverwendungen befasst sich mit sprachlichen Realisierungen von Individuen in
bestimmten Situationen, etwa in Sprachlehre oder Stillehre.
⫺ Kritik des Sprachverkehrs befasst sich mit Sprachverwendungen einer bestimmten Gruppe, auch
mit Jargon.
⫺ Kritik von Sprachkompetenzen befasst sich mit der Kompetenz, mit den Fähigkeiten einer
Person.
⫺ Kritik des Sprachsystems wird zweigeteilt in Kritik der generellen sprachlichen Anlagen und
Möglichkeiten des Menschen und der Kritik einer spezifischen Sprache.
⫺ Kritik des Sprachbrauchs soll sich mit dem sozusagen üblichen oder normalen Gebrauch des
abstrakten Sprachsystems befassen.
⫺ Kritik von Sprachnormen behandelt präskriptive Phänomene, gesetzte Sprachnormen also, und
unterzieht sie einer kritischen Analyse mit dem Ziel, ungerechtfertigte Sprachnormensetzung als
solche zu erweisen.

Von Stilkritik sollten wir demnach nur sprechen, wenn es um den Bereich des Individuel-
len geht, also um Sprachverwendung und Sprachkompetenz. Stilkritik ist bezogen auf
die etische Ebene, im Gegensatz zu einer Sprachkritik, die sich auf die emische Ebene
bezieht. Außerdem geht es in diesem Zusammenhang nicht um jene Ansätze, die rein
sprachimmanent kritisieren, nach irgendwelchen sprachlichen Normen oder mit dem Ziel
einer Verbesserung der stilistischen Fähigkeiten. Als ein Muster für eine Kritik mit exter-
ner Zielsetzung kann die Sprachkritik oder besser Stilkritik von Karl Kraus gesehen
werden, die beispielhaft in seinen Aufsätzen zur Sprachlehre festgehalten ist. Kraus hat
seine Stilkritik stets unter moralischem Gesichtspunkt präsentiert. Er propagiert keine
Ziele, seine Methode besteht vielmehr in der Vorführung der stilkritischen Tätigkeit,
sozusagen exemplarisch als geistige Übung für andere. Sie wirkt damit eher aphoristisch
und unsystematisch, bisweilen satirisch. Sein Fokus lag vor allem auf der Presse und hier
besonders auf den Phrasen mit dem Ziel einer „Trockenlegung des weiten Phrasensump-
fes“ (Kraus in: Die Fackel Band 1, Heft 1, 2). In Phrasen erkennen wir besonders deut-
lich das Missverhältnis zwischen Sein und Schein. Die Entschleierung der Phrase sollte
der medialen Verschleierung entgegenstehen. Hier ging Kraus weit:

Wenn die Menschheit keine Phrasen hätte, brauchte sie keine Waffen. (Kraus 1921, 227)

Selbstverständlich war Kraus überzeugt, dass es hier nicht um äußerliche sprachliche


Angelegenheiten ging: „Sprechen und Denken sind eins“ (Kraus in: Die Fackel Band 9,
Heft 136, 23). Ihm ging es um den Schwachsinn der Gedankenführung und um die
Lumperei der Gesinnung. Stilistische Vorzüge sah er als Maßstab ethischer Werte. Kraus
wird als Moralist angesehen und er war einer:

Alle Vorzüge einer Sprache wurzeln in der Moral. Sie wird deutlich, wenn der Sprecher
wahrhaftig sein will, klar, wenn er mit Wohlwollen und dem Wunsche spricht, verstanden zu
werden, kraftvoll, wenn er ernst ist, anmutig, wenn er Sinn für Rhythmus und Ordnung
besitzt. (Kraus 1921, 246)
69. Stil und Moral 1165

Der Kraus’sche Ansatz ist kritikwürdig in zweierlei Hinsicht:

(1) Sprachliche Analyse und Stilkritik haben das Ziel zu ermitteln, sie suchen das Verrä-
terische im Sprachgebrauch von Individuen, um etwas über sie herauszubekommen,
was die Individuen vielleicht gar nicht sagen wollten. Der Ansatz ähnelt einem weit
verbreiteten Schnüffel-Interesse an nonverbaler Kommunikation. Somit kann dieser
Ansatz nicht als echt kommunikativ gelten.
(2) Gesucht werden in diesem Ansatz sprachliche Schlampereien, Schludereien, Fehler
und dergleichen. Unfähigkeit ist allerdings moralisch nicht verwerflich. So wird denn
auch der Zusammenhang von Stil und Moral nur postuliert und nicht weiter begrün-
det. Insofern wirken die Kraus’schen Moralurteile oft überzogen. Moralisch verant-
wortlich ist jemand nur, wenn er anders gekonnt hätte. Kommunikativ verantwort-
lich ist man nur für das, was man sagen wollte, und vielleicht noch für das, was man
gesagt hat.

Wenn zum Stil nur gehören soll, was willentlich und bewusst zum Ausdruck gebracht
wird (Bally 1951, 19), so wären hierfür anwendbare Kriterien zu entwickeln. Für eine
moralisch orientierte Stilkritik ist es unerlässlich, zu unterscheiden zwischen dem, was
nur zum Ausdruck kommt, und dem, was sozusagen intentional zum Ausdruck gebracht
wird (Keller 1977). Diese Unterscheidung muss jeder moralischen Beurteilung zugrunde
gelegt werden. Denn nur, was intentional zum Ausdruck gebracht wird, unterliegt mora-
lischem Urteil. Soll, was zum Ausdruck kommt, beurteilt werden, so muss man verlan-
gen, dass Sprecher den entsprechenden Grad von Bewusstheit und Reflexion erfüllen.
Das dürfte in beliebiger Tiefe eine unbillige Forderung sein. Wir alle folgen zum Beispiel
Moden, ohne uns dessen so recht bewusst zu sein. Wir alle pflegen einen zeitbedingten
Sprachgebrauch sozusagen als Default, auf dem wir unsere bewussten Stilisierungen auf-
bauen.
Üblich ist in der Stilkritik die Kritik an der Verwendung bestimmter Wörter. So na-
türlich die puristische Inkriminierung sog. Fremdwörter, aber auch von Wörtern aus
bestimmten Gruppensprachen oder Kritik an bestimmten Verwendungen solcher Wörter,
die dann gern als unmenschlich oder böse gebrandmarkt werden. Die diversen Wörterbü-
cher des Unmenschen oder Gutmensch-Unmenschen (Sternberger/Storz/Süskind 1970;
Jogschies 1987) gerieren sich moralisch, sind aber letztlich selbst problematisch. Beson-
ders wenn versucht wird, solche Wörter zu einer Art Schibboleth zu machen, an dem
man gleich die Zugehörigkeit und die Unmenschlichkeit des Sprechers erkenne.
Eine ergiebige Spielwiese sind Euphemismen wie freisetzen, Reichskristallnacht, Son-
derbehandlung, Nachrüstung, Preisauftrieb, Nullwachstum, der Krieg bricht aus.
Hier wird ein Zusammenhang mit Täuschung hergestellt, da wäre eine Art von mora-
lischem Urteil wohl möglich. Allerdings sind solche Kritiker meist einer Fehlanalyse
aufgesessen. Sie gehen offenbar von der essentialistischen These aus, etwas sei sozusagen
so und nicht anders zu benennen, ein Sachverhalt so und nicht anders zu formulieren.
Sie haben nicht gesehen, dass es sich um eine vielleicht berechtigte, jedenfalls erhellende
Sicht der Dinge handelt und dass entscheidend immer das Verständnis des Kommunika-
tionspartners ist. Sollte er der Täuschung tatsächlich aufsitzen, wäre Kritik, eher aber
Aufklärung, angebracht. Für Aufgeklärte könnte man geltend machen, was Sternberger
über das Reden der Nazis bemerkte:
1166 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Diese verarmte Sprache der rasselnden Aktivität, der Sprache des Erfassens, Einsetzens, Be-
treuens und Durchführens, der totalen Behandlung und auch der Sonderbehandlung drückte
in der Tat ganz haargenau das aus, was sie ausdrücken sollte.
(Sternberger/Storz/Süskind 1970, 207).

Ein Fall des Sprich-dass-ich-dich-sehe. Dies gilt analog auch für die erklärten Kakophe-
mismen der Political Correctness. Zum allgemeinen Problem werden solche Euphemis-
men und Kakophemismen erst, wenn sie ohne Weiteres übernommen, zwangsweise etab-
liert werden und so vielleicht langsam Realität konstituieren. Dies aber wird in der Regel
nicht gezeigt, und zwar weder, was Realität ist, noch, wie Wörter sie bewirken sollten.
Im Rahmen der Sprach- oder Stilkritik werden außer bestimmten Äußerungen oder
der Verwendung bestimmter Wörter auch wiederkehrende sprachliche Verfahrensweisen
kritisiert. Ein Exempel hierfür ist die Agensverschweigung. Dazu eine Darstellung von
Beutin (1976, 110). Hier sehen wir, wie der Urheber einer Aktion ins Dunkel getaucht
bleiben kann, in einer Zeitungsüberschrift mit Subjektschub:
Erhöhen sich die Krankenhaussätze schon wieder? Das Verbum erhöhen trete transitiv
auf und reflexiv. Wenn reflexiv, dann jedoch nur zur Bezeichnung der Aktivität eines
Menschen. In der Ausblendung des Urhebers liege Methode, wie andere Formen erwei-
sen: Sie sollen um rund 10 Prozent steigen. Erst später die Erwähnung des Verantwortli-
chen: Der Senat muss den Plänen der Gesundheitsbehörde noch seine Zustimmung geben.
Aber selbst hier werde die Verantwortung vornehmlich noch den Plänen zuerkannt, wäh-
rend wiederum die für diese Verantwortlichen zurückgenommen im Genitiv erwähnt sind
und der nächst der Gesundheitsbehörde Verantwortliche lediglich deren Plänen seine
Zustimmung gebe. In der Tat sei es vor allem die Sprache der Politik, worin die fragli-
chen Manipulationen im Übermaß gedeihen. Aus Willy Brandts Regierungserklärung
(1973):

Subjektauslassung

Im Zusammenhang mit dem Haushalt 1973 wird über manche Einzelheit unserer Politik im
Innern zu sprechen sein.

Täterverschweigung

Im Nahen Osten […] schleppt sich noch immer ein Konflikt fort.

Subjektschub

Das Werk der europäischen Einigung kann sich nur durch freundschaftliche Verbundenheit
der beteiligten Völker vollziehen.

Abstraktion

Das Recht auf Geborgenheit und das Recht, frei atmen zu können, muss sich gegen die
Maßlosigkeit der technischen Entwicklung behaupten.
Die Regelung der staatlichen Beziehungen muss bei der Lösung der menschlichen Probleme
helfen, die […]. (Brandt 1973)
69. Stil und Moral 1167

Weitere Exempel wären die overte Generalisierung, die zur Stereotypisierung führt, eine
Metaphorik, die über ein gängiges metaphorisches Modell über Menschen wie Tiere
spricht: Ratten und Schmeißfliegen.
All dies ist nicht so glatt als moralisches Problem zu sehen. Diese Konzepte leiden
daran, dass man ja davon ausgehen kann, dass die entsprechenden Verfahren in der
Sprache vorgesehen sind, also wohl funktional sind. In der realen Kommunikation ist
immer der Partner dabei und alles hängt davon ab, wie er die Äußerungen versteht und
wertet. Wie weit er zum Komplizen wird, daran teilhat als Rezipient und dann als Spre-
cher, muss stets begründet werden. Ein Maßstab der Beurteilung, der Verurteilung gar
kann erst im Ansatz der kommunikativen Ethik gegeben werden.

4. Kommunikative Ethik
Ohne das Verhältnis von allgemeiner Moral und kommunikativer Moral näher zu behan-
deln, wird man davon ausgehen dürfen, dass sich aus den obersten moralischen Prinzi-
pien auch solche für die Kommunikation ableiten lassen. So:

Du darfst alles sagen, es sei denn …


Man darf alles sagen, es sei denn …

Dieses Recht wurde formalisiert in der Meinungsfreiheit und die Pünktchen beschäftigen
das Verfassungsgericht seit Bestehen der Bundesrepublik.
Neben solchen Rechten sollte es aber auch Pflichten geben:

Du musst es sagen, wenn …

Diese moralische Forderung wurde zum Beispiel als sog. Parzivalmaxime formuliert (He-
ringer 1989) und für die öffentliche Kommunikation ausbuchstabiert (Heringer 1990a).
Eine frühe Fassung einer kommunikativen Ethik in verbis finden wir in Bülow 1972.
Sie vertritt zusammengefasst die folgende Konzeption:

Die kommunikationsgerechte Handhabung der sprachlichen Mittel und die Einübung kom-
munikativer Verhaltensweisen begründen eine kommunikative Ethik, deren Sinn es ist, die
Fähigkeit des Menschen zur sinnvollen Rede verantwortungsbewusst und zweckgerichtet zu
strukturieren. (Bülow 1972, 16)
Die kommunikative Ethik sieht sich also vor einer doppelten Fragestellung. Sie fragt einmal
nach bestimmten Werten, für deren Realisierung sie Maßstäbe entwickeln soll, und fragt
darüber hinaus nach bestimmten Verhaltensnormen […], auf die die Realisierung dieser
Werte angewiesen ist. Diese Verhaltensnormen nennt die traditionelle Ethik ,Tugenden‘.
(Bülow 1972, 33)
In diesem Sinne wird die kommunikative Ethik zur ,Tugendlehre‘ für den Umgang mit der
Sprache. (Bülow 1972, 35)

Die moralische Verantwortung kommt dadurch zustande, „dass der Mensch in seiner
Freiheit einfach seine Tugenden wählt und in diesem Sinn dann für seine Wahl verant-
wortlich ist“ (Bülow 1972, 36). Außerdem folgert Bülow die folgenden Grundsätze, die
sich an die sprechenden Individuen richten (Bülow 1972, 42):
1168 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Grundsatz 1: Es ist Pflicht jedes Kommunikationspartners, sich die sprachlichen und kom-
munikativen Mittel möglichst vollkommen anzueignen und die Wahrhaftigkeit ihres Einsat-
zes im Kommunikationsprozess zum Zwecke der eigenen Wahrhaftigkeit zu gewährleisten.
Grundsatz 2: Der Einsatz sprachlicher und kommunikativer Mittel steht unter dem Gebot
der Achtung des Kommunikationspartners, die als ein Grundrecht gegenseitiger Gewährleis-
tung bedarf.

Hier haben wir es mit einer Form der Werteethik zu tun, die letztlich nicht moralisch
begründbar ist. Denn schließlich gibt es keinen Maßstab dafür, welche Tugenden ein
Individuum wählen soll. Gefordert wäre eine formale Moral, die sich aus der jeweiligen
Tätigkeit selbst ergibt, die also diese Tätigkeit begründet.

Der Allgemeinheitsgrad von Geboten bzw. Maximen, die das Prädikat ethisch verdienen,
muss sich mehr oder weniger messen lassen an der Universalität, die für den Kantischen
kategorischen Imperativ (,Handle so, dass die Maxime deines Handelns ein allgemeines Ge-
setz wird.‘) in Anspruch genommen werden kann. (Wimmer 1990, 135)

Eine solche kommunikative Ethik wurde auf den sog. Griceschen Maximen gegründet.
(Heringer 1990a; Wimmer 1990)
Grice (1975) geht davon aus, dass Kommunikation ein kooperatives Unterfangen ist,
bei dem es dem Sprecher darum geht, verstanden zu werden, und dem Partner darum,
ihn zu verstehen. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, kommt keine Kommunikation zu
Stande. Das Prinzip besagt nicht, dass die Kommunikationspartner über dieses Mini-
mum hinaus kooperieren müssten. In Anlehnung an Kant formuliert Grice das Koopera-
tionsprinzip in vier Maximen aus, die eigentlich keine Forderungen oder gar Normen
sind, sondern für jeden einzelnen Kommunikationsteilnehmer gelten, insofern sie die
Grundlage menschlicher Kommunikation bilden. Die Maximen greifen reziprok. Darum
hat ein Sprecher kaum Chancen, die Maximen zu verletzen, weil der Partner davon
ausgeht, dass er sich daran hält, und entsprechend seine Deutung ändert, so dass der
Sprecher letztlich nicht oder nicht richtig verstanden würde und somit sich selbst schadet.

⫺ Maximen der Quantität:


(1) Make your contribution as informative as is required (for the current purposes of the ex-
change).
(2) Do not make your contribution more informative than is required.
⫺ Maximen der Qualität:
Supermaxime: Try to make your contribution one that is true.
(1) Do not say what you believe to be false.
(2) Do not say that for which you lack adequate evidence.
⫺ Maxime der Relation:
Supermaxime: Be relevant.
Make your contribution relevant to the aims of the ongoing conversation.
⫺ Maximen der Art und Weise:
Supermaxime: Be perspicuous.
(1) Avoid obscurity of expression.
(2) Avoid ambiguity.
(3) Be brief (avoid unnecessary prolixity).
(4) Be orderly.
69. Stil und Moral 1169

Zur Vertiefung wurden folgende Anschlussfragen formuliert (Wimmer 1990, 138):

Informativität:
⫺ Worum geht es in der Kommunikation?
⫺ Was ist der Gegenstand eines Textes, eines Gesprächs?
⫺ Warum sagt oder schreibt jemand dies oder jenes?
⫺ Ist das, was geäußert wird, angemessen?
⫺ Welche Relevanz hat das Geäußerte?
Usw.
Verständlichkeit:
⫺ Ist eine Äußerung adressatenorientiert und -angemessen?
⫺ Ist die Sprache verständlich?
⫺ Sind die Äußerungsformen dem Verstehen förderlich?
⫺ Ist die Wortwahl angemessen?
Usw.
Wahrhaftigkeit:
⫺ Meint der Sprecher/Autor, was er sagt/schreibt?
⫺ Wie sind die Formen uneigentlichen Redens aufzufassen?
⫺ Gibt es Anzeichen dafür, dass der Sprecher es nicht ernst meint?
⫺ Stimmen Reden und Handeln überein?
Usw.

Eine so begründete Moral würde sich nicht auf irgendwelche äußeren Werte stützen,
sondern ganz im Sinne Kants ihre Begründung abstrakt aus dem Sinn des Handelns
oder Kommunizierens gewinnen. Verstöße gegen die Maximen wären dann wahrhaft
unmoralisch und würden das gesamte Unternehmen der Kommunikation in Frage stel-
len. Allerdings verhalten sich die Maximen in diesem Sinn unterschiedlich. Gegen die
meisten Maximen kann aus erwähnten Gründen schwerlich verstoßen werden. Hingegen
sind Verstöße gegen die Qualitätsmaxime frequent. Vor Zeiten schon wurde die Lüge als
moralisch verwerflich markiert. Aber: „Das Lügen ist ein Sprachspiel, das gelernt sein
will, wie jedes andere“ (Wittgenstein 1969, § 249) und so haben Menschen eine ganze
Typologie von Lügen entwickelt (Heringer 1990b). Scheinbare Verstöße gegen die übri-
gen Maximen sind moralisch nur bedenklich, soweit sie gegen die Qualitätsmaxime ver-
stoßen. Dunkles, vages und prolixes Sprechen ist nur problematisch, soweit es der Täu-
schung dient und den Rezipienten tatsächlich täuscht.
Für die Zwecke der kommunikativen Ethik scheint eine Unterscheidung wichtig nach
der Stärke in drei Arten der Lüge (Falkenberg 1982):
(A) Starke und schwache Lüge
Zentral ist die starke Lüge, in der A behauptet, dass p, und dabei glaubt, dass nicht
p. Eine schwache Lüge hingegen liegt vor, wenn A weder glaubt, dass p, noch
glaubt, dass nicht p. Man spricht hier auch von blinden Behauptungen.
(B) Direkte und indirekte Lüge
A sagt die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Er legt etwas nur nahe oder er
implikatiert etwas (Grice 1975), lügt mit der Wahrheit. Das wäre eine indirekte Lüge.
A lügt indirekt
gdw (a) A behauptet, dass p, und implikatiert damit, dass q.
(b) A glaubt, dass nicht q.
1170 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Für die indirekte Lüge ist also nicht mehr das ausschlaggebend, was im strengen
Sinn behauptet wurde, sondern was nahe gelegt oder angedeutet wurde.
(C) Harte und weiche Lüge
Man kann auf der Seite der Glaubenseinstellungen eine Skala ansetzen, die von
felsenfester Überzeugung bis zur vagen Vermutung reicht. Demnach könnte man
sagen, dass A umso stärker gelogen hat, je stärker seine Glaubenseinstellung war,
dass nicht p. Die Frage ist allerdings, wie die Stärke von Glaubenseinstellungen
bestimmt werden kann.
In diesem Zusammenhang kommen nun auch die anderen Maximen ins Spiel und kön-
nen im moralischen Urteil greifen.
So wird die phrasenhafte wie die vage Rede vordergründig ein Verstoß gegen die
Maxime der Art und Weise sein. Allerdings ist Vagheit nichts unbedingt Schlechtes und
einen Maßstab der perspicuity gibt es auch nicht. Ähnliches gilt für die agenslose und
generalisierende Rede. Alles wird kommunikativ ausgetragen und der Partner wird ja
wohl verstehen, was vage gesagt wird, und zwar als vage gesagt. Kritisierbar wird phra-
senhafte oder vage Rede erst auf dem Hintergrund der Qualitätsmaxime, auf die letztlich
jede moralische Kritik bezogen ist.

Une chose des plus embarrassantes qui s’y trouve est d’éviter le mensonge, et surtout quand
on voudrait bien faire accroire une chose fausse. C’est à quoi sert admirablement notre
doctrine des équivoques, par laquelle il est permis d’user de termes ambigus en les faisant
entendre en un autre sens qu’on ne les entend soi-même […] ⫺ Comment, mon père, et n’est-
ce pas là un mensonge, et même un parjure? [Ganz schwierig ist es, die Lüge zu vermeiden,
vor allem wenn man jemanden von Unwahrheiten überzeugen will. Dazu eignet sich wunder-
bar die Lehre der Zweideutigkeiten, nach der erlaubt ist, zweideutige Wörter zu verwenden
und mit ihnen ein anderes Verständnis zu suggerieren als man sie selbst versteht. ⫺ Ja und,
mein Vater, ist das keine Lüge, ein Meineid gar?] (Pascal 1965, 164)

Darum ist auch die öffentlich vertretene Forderung, die Politik müsse vage formulieren,
um mehr Wähler zu erreichen und zu überzeugen (Bergsdorf 1985), ein moralischer
Skandal. Die Maximen unterliegen nicht irgendwie strategischen Überlegungen.

Ein häufig anzutreffendes fundamentales Missverständnis bezüglich des theoretischen Status


der Grice’schen Maximen liegt darin, dass man ⫺ vereinfacht gesagt ⫺ meint, hier handele
es sich um die Formulierung einiger Kommunikationsregeln, die aus der alltäglichen Ge-
sprächserfahrung abgezogen sind und die mehr taktischen oder auch strategischen Sinn im
Bezug auf bestimmte Kommunikationssituationen haben. (Wimmer 1990, 140)
Man könnte auf die Idee kommen, dass die Grice’schen Maximen lediglich zu dem Ziel und
Zweck gemacht sind, bestimmte Schwächen und Defekte in der alltäglichen Kommunikation
anzusprechen und mit möglichen Ratschlägen zu behandeln. (Wimmer 1990, 141)

Ratschläge und Normen haben keinen Bestand. Sie sind selbst Opfer der moralischen
Kritik. Dies gilt auch für die Forderungen der Political Correctness, die in die kommuni-
kativen Rechte des Individuums eingreifen. Wie ich Indianer, Neger und Zigeuner be-
zeichne, wie ich über Frauen und Männer rede, ob ich Personenbezeichnungen generisch
verwende oder mich als Meister der Movierung zeige, ist erst einmal meine Sache, was
ich dadurch ausdrücke oder zu erkennen gebe, eine andere. Die Political Correctness
69. Stil und Moral 1171

würde von mir verlangen, dass ich eine Haltung zum Ausdruck bringen soll, die ich nicht
habe. Sie würde mich zum Heucheln verführen oder auffordern.
Eine stilkritisch orientierte Moral wird weder Vorschriften noch Ratschläge erteilen.
Sie respektiert die Stileigenheiten einer Person, lässt insofern alles, wie es ist. Aber sie
urteilt moralisch. Dazu wird es notwendig, in präziser Analyse die stilistischen Eigenhei-
ten zu verfolgen und innere Unstimmigkeiten, Inkohärenzen und Inkonsistenzen zu er-
kennen.
Ein Beispiel aus einer Polemik gegen die Studenten 1970, in der Inkohärenz ent-
deckt wurde:

,Erstaunlicherweise leben sie aber ohne jedes Geschichtsbewusstsein ⫺ zumindest ohne ein
Geschichtsbewusstsein, in dem Begriffe wie Volk, Vaterland oder Nation nicht nur einen
abstrakt-logischen, sondern auch einen emotionalen Wert haben, ohne den kein Volk existie-
ren kann.‘ Das Adverb ,zumindest‘ indiziert eine Einschränkung, die den Hauptsatz als gan-
zen widerlegt, der jegliche Einschränkung geradezu verbot (,ohne jedes‘). Resultat: Selbstde-
mentierung der Falschaussage ,ohne jedes Geschichtsbewusstsein‘; Einsicht, dass die Studen-
ten nur ein bestimmtes gewünschtes nicht hatten. (Beutin 1976, 106)

Diffiziler scheint der folgende Ausschnitt aus einer Weihnachtsansprache eines Bundes-
präsidenten. Er soll Empathie zum Ausdruck bringen mit den Einsamen im Fest:

Ein 43jähriger Mann ist schon lange arbeitslos. Er schreibt mir, er leide am meisten unter
der Teilnahmslosigkeit, ja Gefühlskälte um ihn herum. Er verstecke sich vor anderen Men-
schen, weil sie sich von seinen Sorgen belästigt fühlten und ihre eigenen für viel wichtiger
hielten. (Bulletin der Bundesregierung 177, 1565)

Der unpassende Konjunktiv mag auf stilistischer Unfähigkeit beruhen, die Journalisten-
lehre befolgt, man kann ihn aber auch als Indiz werten dafür, dass die Empathie nur
ausgestellt wird. Heuchelei oder Unfähigkeit?
Gegenstand des kritischen Urteils ist nicht die äußere Form einer Äußerung, sondern
ihr Sinn. Der Sinn aber ist stets latent. Wenn man realisiert, dass in Kommunikation
nicht nach dem Transportmodell Information vom Sprecher zum Hörer gelangt, sondern
dass vielmehr der Sprecher nur Laute äußert und der Sinn beim Rezipienten entsteht,
kommt auch der Rezipient in den Blick. Man erkennt, dass er eine gewisse Verantwor-
tung für sein Verständnis hat. Insbesondere sollte er nach dem Kooperationsprinzip ein
gutwilliges Verstehen erproben. Öffentliche Heuchelei wie im Fall Jenninger ist moralisch
schwerlich zu akzeptieren (Bucher 1990; Heringer 1990a; v. Polenz 1989): Jenninger hatte
im Bundestag die Gedenkrede zur Pogromnacht 1933 gehalten und sich dabei im einge-
fühlten Stil in die Täter versetzt. Im öffentlichen Sturm der Entrüstung wurde vorgege-
ben, man oder irgendwer könnte Jenninger so wie ein Dummkopf falsch verstehen oder
hätte ihn so wie ein Dummkopf falsch verstanden, wenngleich offenkundig war, wie
seine Rede zu verstehen war.

5. Stilisierung
In älteren Stilistiken und Stiltheorien erscheint Stil zwar schon als etwas, das man als
Individuum lernen und verbessern kann, aber im Großen und Ganzen doch eher wie
etwas Vorfindliches. Stile existieren in Texten oder haften Texten irgendwie an. Sie sind
1172 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

nichts, was bewusst gemacht wurde, nichts, wofür ein Autor verantwortlich ist und ver-
antwortlich gemacht werden kann. Der kommunikative Stilisierungsansatz hingegen ver-
steht sich dynamisch. Stil wird gemeinsam von den Kommunikationsteilnehmern ge-
schaffen und in jeder Phase up to date gehalten. Es geht um „die Repräsentation, Induzie-
rung, Inszenierung etc. sozial typisierter und interpretierter Sinnfiguren in der
Interaktion“ (Selting/Hinnenkamp 1989, 9).

Rather than simply applying pre-fabricated styles, speakers actively construct communicative
styles as dynamic, flexible and alter(n)able linguistic structures […]. These styles are construc-
ted and interpreted as contextualization cues in relation to contextual stylistic norms and
expectations as well as to fit the recipient design for the particular recipient(s) and their
reactions in the context of social interaction. (Selting 1999, 2)

Wesentlich für diesen Ansatz sind also:


⫺ Stil ist dynamisch.
⫺ Stil wird interaktiv hergestellt.
⫺ Stil wird konstituiert in Interaktion durch Produzent und Rezipient.
⫺ Stil basiert auf Deutungsschemata.
Sich stilisieren und stilisiert werden sind nicht nur in der medialen Welt und öffentlicher
Darstellung relevant. In jedem alltäglichen Gespräch findet Stilisierung statt (Günthner
2002). Schulz von Thun geht davon aus, dass Menschen typischerweise unterschiedlich
kommunizieren oder bei verschiedenen Anlässen, mit verschiedenen Partnern unter-
schiedlich kommunizieren. Er typisiert die Unterschiede und spricht von Kommunikati-
onsstilen und kreiert deren acht (Schulz von Thun 2003):
(1) Der bedürftig-abhängige Stil
(2) Der helfende Stil
(3) Der selbst-lose Stil
(4) Der aggressiv-entwertende Stil
(5) Der sich beweisende Stil
(6) Der bestimmend-kontrollierende Stil
(7) Der sich distanzierende Stil
(8) Der mitteilungsfreudig-dramatisierende Stil.
Gemäß seiner Grundannahmen geht er davon aus, dass diese Kommunikationsstile ne-
ben dem Inhaltsaspekt (dem Was?) einer sog. Nachricht zum Ausdruck kommen. Aller-
dings scheint dieses Konzept überzogen, wie sich schnell zeigt, wenn man es auf x-belie-
bige Äußerungen anwenden will. Dann fällt es schwer, die verschiedenen Aspekte zu
formulieren. Mindestens müsste in solcher Art Analysen unterschieden werden zwischen
dem illokutionären Akt und dem kollokutionären Aspekt eines Sprechakts und eben
dem, was zum Ausdruck gebracht wird, und dem, was zum Ausdruck kommt. Denn
nicht alles, was erschlossen wird, muss auch gesagt sein (Keller 1977, 15). Kommunikativ
ist nur, was gesagt wurde.
Wir sprechen von Stilisieren ohne Komplement und meinen dann, dass eine Darstel-
lung vereinfacht wird, zum Beispiel nur noch skizzenhaft oder mit wenigen Strichen, als
geometrische Figuren. Die Stilisierung läuft nach dem Weglass-und-Betonungsschema.
Man stilisiert sich selbst, indem man bestimmte Möglichkeiten hervorhebt und andere
weglässt. Man wird stilisiert, indem bestimmte Möglichkeiten hervorgehoben und andere
69. Stil und Moral 1173

Wir sprechen von Stilisieren mit einem Komplement als stilisieren zu oder stilisieren als. Die
Stilisierung braucht sozusagen Modelle, zum Beispiel der tragische sportliche Held oder die
verwirrte Psychopathin, der Nazi oder die Alleswisserin. Wir finden sie in einer kleinen
Sammlung von Redeschnipseln, worin manche fehlenden Subjekte leicht zu ergänzen sind:
das Kopftuch soll nicht zum Symbol des Islam stilisiert werden
die DDR stilisierte sich als Staat des Antifaschismus
dass Mexiko zum Hort des Bösen stilisiert wird
Else Lasker-Schüler stilisierte sich gelegentlich als Mann
Nietzsche stilisiert sich als Antichrist
indem er sich selbst zum Märtyrer stilisiert
den Täter zum Opfer stilisiert
stilisieren sich rückblickend zu Opfern
stilisieren ihn zum enfant terrible der Weltpolitik oder gar als Bösewicht schlechthin
stilisiert sich medienwirksam als Kämpfer
stilisiert sich als erfahrener Steuermann
stilisierte ihn zu einem Mythos
stilisierte sich als Dandy
stilisierte den Kampf als inneres Erlebnis
stilisierten ihn die Feuilletons zur Erlöserfigur
stilisiert sich Hitlers einziger weiblicher Günstling noch heute als naive Unschuld
wird die Wahl des Vize traditionell zum Großereignis stilisiert
dass er das Scheitern seiner Regierung 1994 zum Staatsstreich stilisiert
stilisierten ihren Krieg als Kreuzzug

Abb. 69.2.

weggelassen werden. So hat Stilisierung viel mit Stereotypisierung zu tun. In der Rede
über Stilisierungen werden ⫺ wie in der Rede über Stil ⫺ Bezeichnungen partieller Ganz-
heiten eine Rolle spielen: Jemand redet wie. Wer sich stilisiert oder stilisiert wird, stilisiert
sich oder wird stilisiert als … So redet die Leiterin einer Katzenpension über die ihr
anvertrauten Katzen wie eine Mutter über ihre Kinder. Oder Sie reden wie ein ,Compu-
terspezialist‘ oder ein ,Börsenfreak‘, wie ein ,Sportsfreund‘ oder ,Verwaltungsheini‘.
Solche Modelle mögen allgemein bekannte und so verstandene Typen sein oder be-
stimmte Personen: Märtyrer, Opfer, Freiheitskämpfer. Es mögen auch Stereotypen,
Ereignisse, Rollen oder Konstellationen (,Hausdrache‘ und ,Hampelmann‘) sein. Sie sind
in der Regel zu fassen als ein Konglomerat von Merkmalen. So heißt es in der prakti-
schen Anwendung in der Wirtschaft:

Bei der Stilisierung werden relevante und den eigenen Führungsstil prägende Merkmals-
eigenschaften verdichtet und in gesteigerter Form inszeniert, um Autorität, Professionalität,
Originalität, Beliebtheit, Lebendigkeit usw. zu präsentieren und nach außen darzustellen.
(Neubert 2005)

Die Benennungen sind zwar plakativ und globalisierend, die Kommunikationsstile bieten
aber durchaus Ansatzpunkte für detailliertere Beschreibungen von Stilisierungen. Eine
Voraussetzung wäre, dass nicht nur exemplarische Äußerungsbeispiele gegeben werden,
sondern jeweils vollständige Kommunikationen beschrieben werden, die dann nicht mehr
mit einem plakativen ,Label‘ belegt werden könnten. Denn letztlich muss jeder einzelne
1174 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Text, jede einzelne Kommunikation untersucht und auf spezifische Details abgeklopft
werden. Welche Eigenheiten dann kommunikativ relevant sind, muss in detaillierter In-
terpretation argumentativ gerechtfertigt werden.
Ein gelungenes Beispiel der Analyse von Stilisierung liefert Holly mit dem veröffent-
lichten Neuen Notizbuch des Journalisten Johannes Gross (Holly 2001). Ausgehend von
einem Label wie „gehobener Stil“ analysiert er akribisch den Text und die sprachliche
Selbstdarstellung zum Zweck sozialer Positionierung und zeigt, wie Gross in indirektem
Vorgehen Selbstdarstellung inszeniert.

Die Stilisierung spielt sich zunächst auf der lexikalischen und syntaktischen Ebene ab, wo
kaum eine Gelegenheit zum besonderen, zum ,markierten‘ Ausdruck ausgelassen wird. Die
Liste der bildungssprachlichen und archaisierenden Wörter ist umfangreich und umfasst alle
Wortklassen: Substantive wie Herzenshärtigkeit, Lebenssattheit, Schlechtigkeit, Erdkreis, Hin-
schied, Klugmeiereien, Degout, Gemeng, Honettetät; Verben wie anheben, einhertreten, stille-
stehn, ziemen, sich (im Gespräch) ausgeben; Partizipien wie beigewohnt, encadriert, auferbaut;
Adjektive wie bös, generös, famos, vorfristig, fortwährend, anmutig, ungezogen, mancherlei,
kirchgängerisch; Ortsadverbien wie hierzuland(e)/hierzuland’, anderwärts, manchenorts, al-
lenthalben; Zeitadverbien wie zuweilen, allweil, vormals, vordem, jüngst, dermaleinst; das be-
vorzugte Satzadverb ist gewiss(lich), als Gradpartikel fungiert häufig vornehmlich, auch gott-
lob und gemach finden sich. Dazu werden im Kontrast, wenn auch nur selten, Jargonausdrü-
cke und Umgangssprachliches wie Staatsknete oder abstauben gesetzt, lieber aber Elemente
,gehobener regionaler Umgangssprache‘ wie dusslig, Schnick-Schnack, Rotspon oder sich ei-
nen Deibel um etw. scheren. Natürlich fehlen auch klassische Marker von Bildungssprache
wie gesuchte Fremdwörter (Faktion) nicht, oder Fremdsprachliches, das unübersetzt bleibt
(Memorial Services are the cocktail parties for the oversixties. Kommentar dazu: And the
obituaries their gossip columns. [564]), besonders immer wieder Lateinzitate (praesente medico
[542]). Auch die üblichen morphologischen Archaismen (ward statt wurde, worinnen statt
in dem) werden geboten, dazu syntaktische Archaismen wie afinite Relativsätze, kapriziöse
Nominalisierungen mit Linkseinbettungen (nach endlich bewirkter Zahlung, bei einer brauch-
tümlichen Weinfestlichkeit), veraltete Präpositionsfügungen ( für altmodisch gegolten) und vo-
rangestellte Genetivattribute (des Konfuzius Erinnerung). All dies gehört zum Repertoire eines
konservativen bildungsprachlichen Stils. (Holly 2001, 431)

Dazu noch eine köstliche Kostprobe:

Einen der wenigen schönen Sommertage hatte sich Dolf Sternberger ausgesucht, zu einem
Frühstück unter Männern einzuladen; zwei Tage vor seinem Achtzigsten. Der edle Greis,
wie immer von gravitätischer Anmut, endete sein Begrüßungswort mit der Bemerkung von
Sir Thomas Browne im Urne Burial: The long habit of living indisposes us for dying.
(Holly 2001, 436)

Einige systematische Punkte dieser Stilisierung sind:


⫺ Der gesellschaftliche Rang spiegelt sich allein schon in den Schauplätzen.
⫺ Die aktuelle Familie erscheint in mondäneren Zusammenhängen.
⫺ Die Entfaltung von Liberalität und Toleranz, hier besonders „in eroticis“ geübt, ge-
hört zum großbürgerlichen Habitus.
⫺ Den erfolgreichen Weg zum prominenten Journalisten illustrieren zahlreiche Erwäh-
nungen („name dropping“) von persönlicher Bekanntschaft mit Spitzen der Medien-
welt, von ausgewählten Politikern, Unternehmern und Börsianern und Künstlern.
Durch derartige Stilisierungen hebt Gross sich über den gewöhnlichen Journalismus hi-
naus in den Rang eines bedeutenden Publizisten.
69. Stil und Moral 1175

Zur Inszenierung von Bildung dient die Vorführung breitgefächerter Kenntnisse in


philosophischen, theologischen, historischen, naturwissenschaftlich-medizinischen, poli-
tisch-wirtschaftlichen, literarischen, musikalischen und Dingen der Bildenden Künste:
⫺ Kommentare zu üblichen Goethe- und Schiller-Zitaten
⫺ Gross stilisiert sich in zahlreichen Anmerkungen zu Essen, Trinken, Kleidung und
(kommunikativem) Verhalten als arbiter elegantiarum.
⫺ Distanzierungsarbeit wird nahezu permanent sichtbar in der Darstellung der anderen,
der anderen Leute, der Mitmenschen.
Mit der Hochwertung von Bildung korreliert die Häufigkeit des Verdikts Dummheit. Es
wird viel über die Dummheit der anderen geredet. Ein Fall der Selbststilisierung über
Fremdstilisierung. Stilisierung muss nicht bewusst sein. Dennoch ist sie Teil der Person.
Auch die ,graue Maus‘, auch der Default ist Stilisierung, die man oft nicht erkennt oder
erst später. So weit das Beispiel.
Die Methode, die man in solchen Analysen befolgen kann, skizziert Selting (1999,
9) so:
⫺ Intuitiver Beginn: Welcher holistische Stil ist zu erwarten, zu erkennen?
⫺ Strukturelle Analyse: Welche auffälligen sprachlichen Merkmale?
⫺ Funktionale Analyse: Was wird bewirkt in der Interaktion?
⫺ Bewährt sich die Deutung vor dem Hintergrund der Reaktionen der Beteiligten?
Die methodische Vorführung liefert uns eine mögliche Basis der Betrachtung unter Ge-
sichtspunkten der kommunikativen Moral, wie sie in der Darstellung immer schon an-
klingen. Zum Schluss ein paar Fragen und Thesen:
⫺ Jeder darf sich stilisieren. Sei es als Held oder weibliches Opfer. So sehen wir, wer
er ist. Dies gilt sogar für Selbststilisierung über Fremdstilisierung (die Dummheit
der anderen).
⫺ Als was darf man stilisieren: sich oder andere? Eine Grenze ziehen natürlich Gesetze
und Diskriminierungen; Verletzungen der Menschenrechte, Gewaltverherrlichung un-
terliegen der allgemeinen Moral (Frank 1996; Zimmermann 1996). Eine Heavy-Metal-
Stilisierung etwa oder Gothic wird durchaus als problematisch gelten, sind hier doch
Gewaltausstellung bis zu Gewaltverherrlichung nicht zu übersehen.
⫺ Auch gewaltträchtige Sprache stellt Gewalt aus und mag Gewalt erzeugen. Hier ist
zwar eine haltbare Deutung die Voraussetzung moralischer Kritik. Aber scharf ma-
chender oder auch dramatisierender Journalismus hat vor dem moralischen Auge
kaum Bestand.
Die Grenze zieht auch hier die kommunikative Moral, setzen auch hier Lüge und Täu-
schung. Dies gilt insbesondere für Fremdstilisierungen, wie sie in den Medien gang und
gäbe sind. Auch Journalisten, die wahrheitsgetreu berichten wollen, müssten sich fragen:
⫺ Woher weiß ich das?
⫺ Wieso ist das berichtenswert?
⫺ Wieso dies und nicht das?
Möglicherweise kann man sogar fragen, ob man sich stilisieren lassen darf und als was.
Nutznießer medialer Fremdstilisierung kommen genau so in die Verantwortung wie die
Stilisierer.
Der skeptische Rezipient ist aber immer gewappnet mit dem Slogan: Sprich, dass ich
dich sehe!
1176 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

6. Literatur (in Auswahl)

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Arntzen, Helmut (1964): Sprachkritik und Sprache in der Wissenschaft. In: Friedrich Handt (Hrsg.):
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69. Stil und Moral 1177

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mannshenke/Josef Klein (Hrsg.): Wörter in der Politik. Opladen, 103⫺121.

Hans Jürgen Heringer, Augsburg (Deutschland)


1178 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

70. Stil als Zeichen


1. Stil, Zeichen, Semiotik
2. Semiotische Stilistik
3. Stilmittel als Zeichen
4. Semantik des Stils
5. Pragmatik des Stils
6. Syntax des Stils
7. Literatur (in Auswahl)

Abstract

To interpret a message as a manifestation of a certain style means to interpret it as a sign


of that style. Research into this field has its foundation in semiotics, the general study
of signs.
Semiotic stylistics extends the scope of study from verbal to nonverbal messages, to
music, pictures, film, art, and culture in general. Furthermore, it also contributes answers
to questions concerning the foundations of stylistics, such as: Does style have meaning? Is
it mere form? Are meaning and form inseparable in the study of style? What is the nature
of a sign that indicates a style? Is style a sign or rather a metasign? What is the relationship
between the style of a message and its code? Is style a deviation from a code or does it
constitute a code of itself?
Structuralist semiotics has sought to localize style in the connotation which the meaning
of a sign may convey in addition to its denotation, and it has developed models for the
description of the system of tropes and figures in terms of semantic and phonetic features.
In the framework of C. S. Peirce’s semiotics, style can be interpreted in different ways:
(i) it is an index when taken as a sign of an individual author; (ii) it is an icon when it
results from imitation; (iii) it is a symbol when it represents the conventions of an epoch.
In its evolution, a specific style is, first, an index of originality and invention. Then, it
degenerates by repetition and imitation to an icon. Finally, when the same style has become
a convention and thus a norm, it is a symbolic sign.
The three dimensions of semiotic study ⫺ semantics, pragmatics, and syntax ⫺ provide
a framework for the characterization of various semiotic approaches to style.

1. Stil, Zeichen, Semiotik

Stil als Zeichen zu betrachten, bedeutet, die Stilmerkmale in mündlicher und schriftlicher
Sprache, in Musik, Bildern, Filmen, im Design der Gebrauchsgegenstände, in der Mode,
in den gesellschaftlichen Umgangsformen und in allen anderen Bereichen der Kultur als
Zeichen oder Zeichensystem zu interpretieren. Die Stilistik, die das Wesen des Stils und
der Stile so zu ergründen sucht, hat ihre Fundierung in der Semiotik, der allgemeinen
Wissenschaft von den Zeichen.
70. Stil als Zeichen 1179

Schon im alltäglichen Sprachgebrauch gibt es eine auffällige Parallele zwischen den


Wörtern Zeichen und Stil. Ein Zeichen ist etwas, das für etwas steht ⫺ aliquid stat pro
aliquo, lautete die Definition der scholastischen Semiotik. Auch das, was als Stil beschrie-
ben wird, ist immer ein Stil von etwas. Ein feiner oder höflicher Stil ,zeugt‘ von guten
Manieren, ein schlechter Stil ,verweist‘ auf mangelnde Bildung oder einen fehlenden Cha-
rakter, ein familiärer Stil ,bedeutet‘ enge soziale Bindungen, der klassische oder der ro-
mantische Stil ,sind Zeichen‘ kulturgeschichtlicher Epochen.
Die Zeichenhaftigkeit des Stils steht allenfalls in Frage, wenn es um die so genannte
Stillosigkeit geht: Bedeutet sie die Abwesenheit von Stil überhaupt, oder verweist sie auf
das Fehlen von gutem Stil und ist somit auch Stil, nämlich ,schlechter Stil‘? Wenn aber
selbst die Abwesenheit von Stil ein Zeichen von Stil ist, so kann es fehlenden Stil nie-
mals geben. Stil gibt es vielmehr überall, wenn nichts ohne Stil sein kann. Dass Stillosig-
keit auch Stil sein soll, ist ein Paradox, dass dem kommunikationswissenschaftlichen
Paradox ähnelt, welches besagt: Man kann nicht nicht kommunizieren (vgl. Nöth 2000,
240⫺241).

1.1. Was ist ein Zeichen?

In der modernen Semiotik gibt es zwei Modelle des Zeichens, die sich auch in der Stilistik
in unterschiedlichen Analyseansätzen zeigen. Das eine Modell steht in der Tradition der
strukturalen Linguistik und geht auf Ferdinand de Saussure (1857⫺1913) und Louis
Hjelmslev (1899⫺1965) zurück, das andere steht in der Tradition der Allgemeinen Zei-
chentheorie von Charles Sanders Peirce (1839⫺1914).

1.1.1. Ausdruck, Inhalt, Form

Saussures Modell des sprachlichen Zeichens ist ein dyadisches Modell. Der Begründer
des Strukturalismus illustriert es am Beispiel des Wortes Baum. Die eine Seite dieses
Sprachzeichens ist seine Lautung, also die artikulierbare und hörbare Folge den Konso-
nanten und Vokale [baum]. Saussure nennt diese Seite des Sprachzeichens den Signifikan-
ten. Hjelmslev spricht von der Ausdrucksseite des Sprachzeichens. Die andere Seite des
Sprachzeichens ist seine Bedeutung, womit Saussure die mit dem Wort verbundenen
Vorstellungen und Ideen meint. Diese Seite des Sprachzeichens heißt bei Saussure das
Signifikat. Hjelmslev nennt es die Inhaltsseite des Sprachzeichens. Das Signifikat des
Wortes Baum ist etwa die Paraphrase: ,große Pflanze mit Blättern, Zweigen und höl-
zernem Stamm‘. Beide Seiten des Sprachzeichens sind in der Vorstellung der Sprecher
so untrennbar miteinander verbunden wie die Vorder- und die Rückseite eines Blattes
Papier: „Der Gedanke ist die Vorder- und der Laut die Rückseite. Man kann die Vorder-
seite nicht zerschneiden, ohne zugleich die Rückseite zu zerschneiden“, sagt Saussure
(1916, 157). Dieser Gedanke der Untrennbarkeit zwischen der Ausdrucks- und der In-
haltsseite der Sprachzeichen ist von Relevanz für die Grundfrage der Stilistik, ob Stil
eine Sache von Ausdruck, Form oder Inhalt sei (s. 1.2).
1180 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

1.1.2. Zeichen, Objekt, Interpretant

Ein triadisches Zeichenmodell ist der Ausgangspunkt der Semiotik von Charles Sanders
Peirce. Sehr vereinfacht charakterisiert Peirce ein Zeichen als eine „dreifache Verbindung
zwischen dem Zeichen [etwa einem gesprochenen oder geschriebenen Wort], der bezeich-
neten Sache und der im Geist produzierten Kognition“ (CP 1.372). Ausführlicher und
genauer heißt es an anderer Stelle: „Ein Zeichen oder Repräsentamen ist etwas, das für
jemanden in gewisser Hinsicht oder Fähigkeit für etwas steht. Es wendet sich an jeman-
den, d. h., erzeugt im Geist dieser Person ein äquivalentes Zeichen oder vielleicht ein
noch weiter entwickeltes Zeichen. Das Zeichen, welches es erzeugt, nenne ich den Inter-
pretanten des ersten Zeichens. Das Zeichen steht für etwas, sein Objekt. Es steht für
dieses Objekt nicht in jeder Hinsicht, sondern im Hinblick auf eine Art Idee“ (CP 2.308).
Nach dem Kriterium der Relation zwischen Zeichen und Objekt differenziert Peirce
ferner zwischen ikonischen, indexikalischen und symbolischen Zeichen. Ein Ikon hat
gleiche oder ähnliche Eigenschaften wie das bezeichnete Objekt; es gibt eine Beziehung
der Similarität. Ein Index verweist auf sein Objekt auf Grund einer zeitlichen, räumli-
chen oder kausalen Beziehung; es gibt eine Beziehung der Kontiguität. Ein Symbol be-
zeichnet sein Objekt auf Grund einer Gewohnheit, einer Konvention (s. 1.3.).

1.2. Stil: Ausdruck, Inhalt oder Form?

Grundbegriffe der auf dem dyadischen Modell basierenden Zeichentheorie spielen in der
Stilistik eine Rolle, wenn es darum geht, ob Stil eine Sache von Ausdruck, Inhalt oder
Form der Zeichen sei.

1.2.1. Ausdruck/Inhalt, Figuren/Tropen

Die Unterscheidung zwischen der Ausdrucks- und der Inhaltsseite der Sprachzeichen ist
für die Stilistik relevant, die in der Tradition der antiken Rhetorik zwischen den Figuren
und Tropen als den zwei fundamentalen Kategorien der Stilanalyse unterscheidet.
Figuren (im engeren Sinn) sind Stilmittel, welche die Anordnung der Sprachzeichen
auf der Ausdrucksebene der Sprache betreffen. Sie haben die Form von Wiederholungen,
Umstellungen, Hinzufügungen oder Auslassungen von Lauten, Silben, Morphemen oder
Wörtern, z. B. in Form von Alliteration, Reim, Anapher, Parallelismus, Geminatio, Ana-
diplose, Metathese oder Chiasmus.
Tropen hingegen betreffen die Inhaltsseite der Sprache, denn hier wird nach Auffas-
sung der antiken Rhetoriker ein im eigentlichen Sinn gebrauchtes Wort durch ein im
uneigentlichen Sinn gebrauchtes Wort ersetzt, wie z. B. in der Metapher, der Metonymie
(s. 3.1.), der Litotes oder dem Oxymoron.

1.2.2. Stil: Inhalt oder Form?

Die Dichotomie von Ausdruck und Inhalt wird oft mit derjenigen von Form und Inhalt
parallelisiert oder sogar gleich gesetzt. Wenn Form und Inhalt gegenübergestellt werden,
70. Stil als Zeichen 1181

gilt Form ja oft als ein Quasisynonym für Stil. Stil, so heißt es, sei nicht eine Frage des
Inhalts, sondern eine Frage der Form (s. 2.1.), und das Formlose erweckt zugleich den
Anschein des Stillosen.
Das dyadische Modell, das die Semiotik zur Analyse der Dichotomie von Inhalt und
Form der Zeichen zur Verfügung stellt, spricht gegen die Auffassung vom kategorischen
Gegensatz zwischen Stil als Form einerseits und dem vom Stil nicht betroffenen Inhalt
andererseits. Zwei ganz unterschiedliche Modelle, die diese Folgerung nahe legen, bieten
Hjelmslevs strukturalistische Semiotik und Peirce’ pragmatische Semiotik (s. 1.2.3.).
Form und Inhalt sind für Hjelmslev keine fundamentalen semiotischen Gegensätze.
Die grundlegende Dichotomie ist vielmehr die Dichotomie von der Ausdrucks- und der
Inhaltsseite der Zeichen. Form gibt es nach Hjelmslev nämlich sowohl auf der Aus-
drucks- wie auf der Inhaltsseite der Zeichen, denn Form meint nach diesem Modell in
etwa die Struktur der Zeichen. Es gibt eine Form der sprachlichen Ausdrucksseite, die
aus den Strukturen der Phoneme und Grapheme besteht, und eine Form der Inhaltsseite,
die aus den Strukturen der Bedeutung (der Seme und Sememe) der Wörter besteht. Wenn
also Stil eine Frage der Form ist, so müssen Stilmerkmale nach diesem Modell sowohl
auf der Ausdrucksseite als auch auf der Inhaltsseite der Sprachzeichen bestimmt werden.
Eine solche Unterscheidung steht im Übrigen durchaus im Einklang mit derjenigen, wel-
che das System der klassischen Rhetorik zwischen den Figuren und den Tropen getroffen
hat (s. 1.2.1.).

1.2.3. Einheit von Inhalt und Form

Mit ganz anderen Argumenten lässt sich aus der Semiotik von Charles Sanders Peirce
das Argument von der Einheit von der Ausdrucksseite der Zeichen und den von ihnen
repräsentierten Inhalten (Gedanken) ableiten: „Thought and expression are really one“,
schreibt Peirce (CP 1.349) und wendet sich dabei gegen die Theorie vom Zeichen als
einem bloßen Instrument zur Übermittlung von Inhalten, die es auch unabhängig von
dem Zeichen und seiner Form geben könne. Da aber Inhalte, Gedanken oder Ideen
untrennbar mit ihrer Form (oder Repräsentation) verbunden sind, kann der Inhalt des
Zeichens nicht nur ein mentales Konzept sein, sondern er muss sich in der Repräsenta-
tion selbst wieder finden, in der Handschrift, in der Stimme und sogar in der gedruckten
Form eines Textes. So folgert Peirce etwa: „It is much more true that the thoughts of a
living writer are in any printed copy of his book than that they are in his brain“ (CP
7.364). Für das Thema des Stils bedeutet diese Unmöglichkeit der Trennung eines Inhalts
von seiner Repräsentation in Form von Zeichen, dass ein und der gleiche Inhalt nicht
alternativ in gutem oder auch schlechtem Stil zum Ausdruck gebracht werden kann,
denn: „It is wrong to say that a good language is important to good thought, merely;
for it is the essence of it“ (CP 2.220).
Dieses Zitat aus Peirce’ Ethics of Terminology aus dem Jahr 1903 hat bei einem ganz
anderen Denker, Friedrich Nietzsche, einen Vorläufer: „Den Stil verbessern ⫺ das heißt,
den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter!“ schrieb Nietzsche 1886 in Menschli-
ches, Allzumenschliches (zit. in Göttert/Jungen 2004, 20).
Mit seiner These von der Einheit von Stil und Gedanken, die beide im Zeichen un-
trennbar miteinander verbunden sind, geht Peirce jedoch noch einen Schritt weiter als
Nietzsche; denn daraus, dass der Stil nicht ein bloßes Zeichen desjenigen ist, der sich
1182 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

dieses Stils als eines Instruments bedient, folgert Peirce auch die Einheit des Stils eines
Zeichens mit dessen Urheber. Während es bei Buffon heißt, „le style est l’homme même“,
schreibt Peirce 1868 noch allgemeiner: „There is no element whatever of man’s conscious-
ness which has not something corresponding to it in the word; and the reason is obvious.
It is that the word or sign which man uses is the man himself. For, as the fact that every
thought is a sign, taken in conjunction with the fact that life is a train of thought, proves
that man is a sign; so, that every thought is an external sign, proves that man is an
external sign. […] Thus, my language is the sum total of myself; for the man is the
thought.“

1.3. Stil als Index, Ikon oder Symbol

Wenn Stil als Mittel zur Steigerung der eigenen Sichtbarkeit (vgl. Fix 2001, 113), als
Zeichen einer Persönlichkeit oder einer sozialen Gruppe definiert wird, so ist mit dem
Zeichen, welches einen solchen Stil anzeigt, ein indexikalisches Zeichen gemeint. Nach
Peirce ist ein Index ein Zeichen ohne Information, das allein die Aufmerksamkeit, die
Neugier, das Interesse der Zeicheninterpreten erregt. Das, worauf ein Index verweist, ist
nie ein allgemeines, sondern immer ein individuelles, singuläres Objekt oder eine An-
sammlung singulärer Objekte (CP 2.306). Dabei behauptet ein Index nichts über sein
(Referenz-)Objekt, sondern er zeigt lediglich an bzw. lenkt unsere Aufmerksamkeit auf
dieses Objekt (CP 3.361). Auch kann ein Index dem Interpreten nie etwas Neues vermit-
teln. Er kann nur auf etwas hinweisen, das dem Interpreten bereits aus der früheren
Erfahrung bekannt ist (CP 8.368).
Definiert man Stil in diesem Sinne als ein indexikalisches Zeichen, so ist damit vor
allem der so genannte Individualstil gemeint. Der Stil, der auf ein Individuum verweist,
ist ebenso indexikalisch, wie ein Eigenname ein Index des Individuums ist, welches diesen
Namen trägt.
Stil hingegen, der auf Konventionen, Gewohnheiten, Gebräuche, Verhaltensregeln
oder Regeln des Sprachgebrauchs verweist, ist ein symbolisches Zeichen in der Definition
von Peirce, nämlich ein Zeichen, das auf Grund „einer Gewohnheit, Disposition oder
einer wirksamen Regel interpretiert wird“ (CP 4.447). Zu dieser Kategorie der Zeichen
gehören Moden und Epochenstile, insofern diese Zeichen gesellschaftlicher und histori-
scher Konventionen sind. Symbolisch sind auch die Zeichen eines sprachlich ,guten‘ Stils,
der auf eine völlige Beherrschung der Regeln der Grammatik verweist, oder die Zeichen
eines Stils im Sinne von ,guten Manieren‘ (Etikette), denn sie bedeuten die Beherrschung
und Beachtung gesellschaftlich erwünschter Umgangsformen.
Stil kann schließlich auch ein ikonisches Zeichen sein, ein Zeichen, welches nach
Peirce auf einer Ähnlichkeitsbeziehung beruht. Die Zeichen eines Stils, der Mozart oder
Kleist nachahmt, sind ikonische Zeichen, die durch ihre Ähnlichkeit auf das bezeichnete
Objekt, das es nachahmt, verweisen. Stilimitationen oder Simulationen von Stilen gibt
es in Plagiaten ebenso wie in der Ironie. Es gibt ganze Epochenstile, die auf dem Prinzip
der Ikonizität basieren, etwa die Klassik, die die Antike imitiert, oder die Neogotik und
Neoromanik des 19. Jhs.
Auch der Prozess der Verbreitung eines neuen Stils kann als Entstehung ikonischer
Zeichen gesehen werden. Luhmann (1984, 56) beschreibt diesen Prozess wie folgt: „Stil
kann aus der Vorbildlichkeit einzelner Kunstwerke entstehen. […] Der Kirchturm von
70. Stil als Zeichen 1183

St. Paul de Léon wird Vorbild für andere Kirchtürme in der Bretagne. Das ist jedoch
nur möglich, wenn Copieren erlaubt ist, wenn die Einmaligkeit des Kunstwerks keine
Qualitätsbedingung ist und wenn die rezeptmäßige Anfertigung nicht schadet.“
Jeder Stil ist jedoch in gewisser Weise stets indexikalisch, symbolisch und ikonisch
zugleich. Luhmann (1984, 63) spricht von der „Doppelfunktion“ des Stils und meint
damit Stil als ikonisches und als indexikalisches Zeichen: Einerseits zeige sich Stil (ikon-
isch) in der „Anfertigung und Beurteilung von Kunstwerken“ nach einem historischen
Programm, das die „Selektion des Handelns und Erlebens steuert, andererseits zeige sich
Stil (indexikalisch) in der „Individualisierung des Kunstwerks“ und darin, „dass das
Kunstwerk […] selbst limitiert, was ihm möglich bzw. unmöglich“ sei.
Der epische Stil Thomas Manns z. B. ist nicht nur ein Zeichen, das indexikalisch
auf diesen Autor verweist; zugleich ist er auch ein Zeichen der Konventionen, die den
Sprachgebrauch des deutschen Bildungsbürgertums in der ersten Hälfte des 20. Jh. kenn-
zeichnen und damit ein Symbol. Einen Stil als indexikalisch, symbolisch oder ikonisch
zu bewerten kann somit nur heißen, seine dominanten Stilmerkmale zu interpretieren.
In der Reihenfolge Index, Ikon und Symbol vollzieht sich schließlich auch der Le-
benszyklus eines Stils, der zuerst als singulär und völlig neu indexikalisch in Erscheinung
tritt, sich dann ikonisch durch Imitation verbreitet und schließlich als Symbol in Kon-
ventionen erstarrt.

2. Semiotische Stilistik
Ebenso wie die Stilistik ist auch die Semiotik keine Einheitswissenschaft. Es gibt vielmehr
zahlreiche Strömungen und Richtungen, unterschiedliche Ansätze und Auffassungen von
dem, was unter einem Zeichen und der Wissenschaft von den Zeichen zu verstehen und
mithin auch, wie Stil als Zeichen zu beschreiben sei.

2.1. Ansätze, Tendenzen, Modelle

Spezifisch semiotische Ansätze der Stilistik und Rhetorik vertreten oder erörtern Uspen-
skij (1968), Eco (1976, 276⫺289), Hervey (1982, 219⫺233), Schuh (1982), Shapiro (1983,
208⫺212), Klinkenberg (1985), Hodge/Kress (1988, 79⫺120), Chvatı́k (1987, 110⫺137),
Lotman (1990, 36⫺62), Moliné (1991), Paz Gago (1993, 105⫺130), Spillner (1995), Nöth
(2000, 394⫺399) und Fix (2001). Die Bibliographie von Bennett (1985) verweist in ihrem
Register auf nicht weniger als 117 Titel mit explizit semiotischen Ansätzen zur Stilistik.
In der semiotisch fundierten Stilistik gibt es ebenso wie in der Stilistik allgemein
verschiedene Auffassungen davon, was unter Stil zu verstehen sei. Als gemeinsamer Nen-
ner kann gelten, dass Stilmerkmale Zeichen sind.
Nach Barthes (1971) gehen alle Stildefinitionen in der Tradition der Stilistik von zwei
semiotischen Dichotomien aus, nämlich „Inhalt vs. Form“ und „Kode vs. Nachricht“.
Die Unterscheidung zwischen Inhalt und Form war der Ausgangspunkt für die Bestim-
mung des traditionellen Redeschmucks (ornatus) der antiken Rhetoriker (s. 1.2.1.). Die
Dichotomie von Kode und Nachricht hingegen ist grundlegend für die Konzeption von
Stil als Abweichung von einer kodierten Norm, die auch als Deviationstheorie des Stils
1184 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

bezeichnet wird. Der Deviationstheorie wurde seit Barthes die Selektionstheorie des Stils
gegenübergestellt.
Während die Deviationstheorie Stilmerkmale aus der Sicht der Rezipienten als Zei-
chen der Abweichung von einer sprachlichen oder kulturellen Norm betrachtet, die durch
die Regeln eines kulturellen Kodes vorgegeben sind, bestimmt die Selektionstheorie Stil
aus der Sicht der Zeichenproduktion. Hier geht es um Fragen der Selektion und der
Kombination der Zeichen aus dem Zeichenrepertoire eines Kodes. Der Unterschied zwi-
schen der Deviations- und der Selektionstheorie des Stils wird oft überbetont. In Wirk-
lichkeit sind die beiden Theorien komplementär und unterscheiden sich nur darin, dass
ihr Fokus auf verschieden Phasen des Semioseprozesses gerichtet ist.
Charles Morris (1938, 1971) hat in seiner allgemeinen Zeichentheorie die Syntax, die
Semantik und die Pragmatik als die drei Dimensionen der semiotischen Forschung be-
stimmt. Während die Syntax die Kombination der Zeichen zu Texten untersucht, geht
es der Semantik um die Bedeutung bzw. den Objektbezug der Zeichen. Die Pragmatik
untersucht die Wirkung der Zeichen in Handlungszusammenhängen.
Diese semiotische Trias kann auch zur Kennzeichnung der verschiedenen Ansätze in
der semiotischen Stilforschung dienen, denn es gibt Ansätze, die Stil eher in der Syntax
der Zeichen zu bestimmen suchen, solche, die auf die Semantik des Stils abheben, und
solche, die eher der Pragmatik, also der Wirkung des Stils in Handlungszusammenhän-
gen Aufmerksamkeit widmen.

2.2. Stil, Abweichung, Kode, Norm

Die Ursprünge der Deviationstheorie des Stils, der Konzeption vom Stil als einer Abwei-
chung von einer Norm, die ein Kode vorgibt, liegen in der Lehre von der elocutio der
antiken Rhetorik, denn sowohl die Tropen als auch die Figuren galten als Fälle des
abweichenden Sprachgebrauchs. Quintilian sah in ihnen „ein Abweichen von der ein-
fachen und direkten Ausdrucksweise“ (Inst. Orat., IX,1,3). Das Prinzip der Abweichung
ist auch heute noch eines der Modelle zur Interpretation der Tropen und Figuren.
Manchmal heißen sie „sprachliche Anomalien“ (Todorov 1967, 108), manchmal gelten
sie als Abweichung von einer „normalen“ Sprache oder auch einer „Nullstufe“ der Spra-
che (Dubois u. a. 1970). In der semiotischen Kodetheorie werden sie als das Ergebnis
einer sekundären Kodierung der Sprache thematisiert. Eco (1976, 133; 155; 279) spricht
von einer Überkodierung.
Quintilian unterschied vier Kategorien der Abweichung (mutatio) (Inst. Orat. I, 5,
38⫺41), die in modifizierter Form auch in der neueren semiotischen Rhetorik zu finden
sind (Dubois u. a. 1970; Plett 1975, 1977): (1) Hinzufügung (adjectio), z. B. als Anapher
(⫽ Wiederholung am Satzanfang), (2) Auslassung (detractio), z. B. als Asyndeton, d. h.
Auslassung von Konjunktionen, (3) Umstellung oder Permutation (transmutatio), z. B.
als Inversion oder Metathese und (4) Substitution von Elementen (immutatio), z. B. Meta-
pher, Metonymie und die meisten anderen Tropen.
Die antike Rhetorik unterschied neben den Tropen die Schemata (Corbett 1965, 426).
Während eine Trope eine semantische Abweichung beinhaltet, ist ein Schema eine syn-
taktische Abweichung von den üblichen Wort- und Satzmustern. Kopperschmidt (1973,
170) führt den Begriff der pragmatischen Figur als eine dritte semiotische Kategorie der
rhetorischen Stilistik ein.
70. Stil als Zeichen 1185

2.3. Norm, System und Kode

Wie ist nun der Kode zu definieren, gegenüber dem sich die Stilmerkmale als eine Abwei-
chung darstellen? Für die einen gilt im Sprachgebrauch die Sprachnorm als Maßstab der
Bemessung der Abweichungen (Fricke 1981). Als Norm wird mal die Alltagssprache, mal
einer ihrer vielen Subkodes (mündliche Rede, Schriftsprache, Amtssprache etc.) ange-
nommen. Im Gegensatz zur Konzeption von einer Pluralität der Normen steht die Kon-
zeption einer allgemeinen neutralen, stilistisch nicht markierten Nullebene der Sprache
(Enkvist 1973, 15), wie sie auch die Gruppe μ (Dubois u. a. 1970) als Grundlage ihrer
semiotischen Rhetorik annimmt.
Verwandt mit der Konzeption des Stils als Abweichung sind auch die semiotischen
Stildefinitionen der Prager Schule (Doležel/Kraus 1972). Hier gilt das Prinzip des „Fore-
grounding“, der Fokalisierung von Textelementen vor dem Hintergrund einer Erwartung
einer weniger auffälligen Struktur als wesentliches Stilmittel. Aufgabe der Stilistik sei es,
die Funktion und Wirkung der durch dieses Prinzip markierten Textelemente zu be-
stimmen.

2.4. Dynamik und Evolution der Norm

In der Evolution der Kulturen oszillieren Stile und der Gebrauch bestimmter Stilmittel
zwischen Innovation, Konvention und Ablehnung. Lotman (1990, 40; 44) beschreibt
derartige Schwankungen am Beispiel der Produktion und Rezeption von Tropen in un-
terschiedlichen Epochen als einen dynamischen Prozess. Epochen, in denen Tropen die
Norm sind, werden von solchen abgelöst, in denen das Fehlen von Tropen die stilistische
Norm ist. Die Norm, die die Präferenzen für oder gegen Tropen bestimmt und in unter-
schiedlichen Erwartungshaltungen resultiert, lässt die Trope schließlich zu einer „Minus-
Trope“ und die fehlende Trope zu einer Metatrope werden: „In a culture where the
tradition of rhetoric has accumulated, becoming part of the inertia of reader-expectation,
the trope becomes part of the neutral store of the language and ceases to be perceived
as a rhetorically active unit. Against such a background the ,anti-rhetorical‘ text, consis-
ting of elements of direct, nonfigurative semantics, comes to be perceived as a meta-
trope […]. This ,minus-rhetoric‘, which is subjectively perceived as resembling reality
and simplicity, is a mirror image of rhetoric and includes its aesthetic opponent in its
own cultural-semiotic code.“

2.5. Stil ohne Norm?

Gegen die Möglichkeit, überhaupt jemals eine solche Norm oder auch Nullebene der
Sprache bestimmen zu können, wendet sich Riffaterre in seiner Semiotik des Stils (1959,
1971). Für ihn bietet nur der jeweilige Kontext eine Möglichkeit der Bestimmung von
Abweichungen. Statt der einen Nullstufe gibt es gewissermaßen ebenso viele Nullstufen,
wie es Kontexte gibt.
Der Norm-Abweichungs-Dichotomie völlig entgegengesetzt sind auch Stilkonzeptio-
nen, die die Autonomie der Stile hervorheben und Stil als „das innere Merkmal einer
1186 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Art des Diskurses“ bestimmen (Todorov 1970, 226). Statt Stil auf die Norm eines Kodes
zu beziehen, vertritt die Autonomiestilistik die Auffassung, dass jeder Stil einen eigenen
Kode darstelle.
Die These vom Stil als einer Kategorie sui generis hat auch philosophische Implikatio-
nen, die im Zusammenhang mit der Bedeutung oder dem Fehlen von Bedeutung im Stil
zu erörtern sind (s. 4.3.).

2.6. Stil als Selektion

Die Selektionstheorie des Stils richtet ihre Aufmerksamkeit auf den Stil als Ergebnis
einer Selektion von Zeichen aus dem Zeichenrepertoire eines Kodes, in dem semantisch
äquivalente, aber in ihrem Stilwert unterschiedliche Zeichen zur Auswahl stehen. Zeichen
mit jeweils gleichem Stilwert bilden verschiedene stilistische Register eines Kodes, mit
denen Äquivalentes unterschiedlich zum Ausdruck gebracht werden kann. Lotman
(1990, 50) erläutert diese Auffassung vom Stil mit dem Bild einer Orgel, auf der die
gleiche Melodie auf verschiedenen Registern in unterschiedlichen „Tonfarben“ gespielt
werden kann, wobei die Bedeutung einer einzelnen Note in den verschiedenen Registern
unverändert bleibt: „A comparison of notes of the same value but in different registers
will show up both what they have in common and what the particular register endows
them with. The first meaning relates to semantics and the second to stylistics.“
Jede Selektion eines Zeichens erweist sich damit als ein Metazeichen (Hodge/Kress
1988, 79), also als ein Zeichen, das auf andere Zeichen verweist, denn das ausgewählte
Zeichen lässt gewissermaßen stets auch das nicht ausgewählte Zeichen präsent werden,
das an der gleichen Stelle im Text stehen könnte. Das stilistische Metazeichen verweist
mithin auf die paradigmatische Dimension des Kodes.

2.7. Stil, Poesie, Formgebung

Manche semiotisch fundierten Arbeiten zur Stilistik gehen über die Auffassungen vom
Stil als Zeichen, Wahl oder Abweichung hinaus. Gelegentlich ist Stilistik sogar ein Syno-
nym von Poetik oder gar Literaturwissenschaft überhaupt (z. B. Blanchard 1975, Kir-
stein 1982, Schuh 1982). Die semiotischen Konzeptionen von Stil beschränken sich je-
doch nicht nur auf Poesie, Literatur oder sprachliche Texte allgemein. Definiert man Stil
als die Differenz zwischen den Zeichen, die ein Kode als Selektionsmöglichkeit zulässt,
so wird der Stilbegriff auch in der Malerei, Architektur, Mode und Kultur allgemein
anwendbar (Uspenskij 1968, 123).
Eine grundlegende Differenz zwischen der poetischen Stilistik und der Stilistik der
Alltagssprache postuliert Lotman (1990, 51): Während der Stil im Alltag durch das Re-
gister der jeweiligen Kommunikationssituation vorgegeben ist, lebt die Literatur vom
freien Spiel mit den Registern der Stile: „What is known as ,poetic stylistics‘ can be
defined as the creation of a special semiotic space, within which a free choice of stylistic
register is possible, this register no longer being automatically defined by the communi-
cative situation. As a result, style acquires supplementary significance.“
Die vielleicht umfassendste semiotische Auffassung von Stil findet sich in der Philo-
sophie des Stils von Granger (1968; vgl. Bureau 1976, 12). Nach dieser Theorie gilt Stil
70. Stil als Zeichen 1187

als die Wurzel allen semiotischen Handelns überhaupt. Das Stilistische sei nämlich zu
begreifen als ein Prozess einer strukturierenden Arbeit mit dem Ziel, bei der Transforma-
tion des Amorphen zum Strukturierten, von Inhalt zu Form Hindernisse zu überwinden,
um in eben diesem Strukturierungsprozess eine Art semiotische „Integration des Indivi-
duums“ zu bewirken (Granger 1968, 8). Stil kommt danach also in jeder menschlichen
Tätigkeit, in jedem Prozess der Kommunikation und Semiose zum Vorschein.

3. Stilmittel als Zeichen


Tropen oder Figuren sind Stilmittel und können z. B. einen poetischen, einen ,blumigen‘,
einen symbolistischen, einen akademischen oder ⫺ in Abwesenheit von Tropen und Fi-
guren ⫺ einen ,prosaischen‘ Stil kennzeichnen. Semiotische Ansätze zur Analyse der
Stilmittel finden sich sowohl in der strukturalistischen als auch in der Peirceschen Tradi-
tion.

3.1. Metapher und Metonymie

Roman Jakobson (1956) hat das System der Tropen auf zwei Grundtypen reduziert,
Metapher und Metonymie. Während eine Metapher das Ergebnis einer Selektion aus der
paradigmatischen Achse der Zeichen ist, verweist die Metonymie auf deren syntagmati-
sche Achse. Eine Metapher entsteht danach durch Substitution eines Zeichens durch
ein semantisch ähnliches Zeichen, zu dem es in paradigmatischer Beziehung steht. Die
Metonymie hingegen ist das Ergebnis einer spezifischen Kombination der Zeichen. Wäh-
rend die Metapher auf dem Prinzip der Similarität beruht, ist das Prinzip der Metonymie
die Kontiguität der Zeichen. Die Zeichen, die sich als Metapher oder als Metonymie
darstellen, sind nicht nur Sprachzeichen, sondern sie finden sich auch im Film, in der
Malerei oder in Traumbildern.
Trotz der Ubiquität von Metapher und Metonymie, die letztlich darin begründet ist,
dass die Metapher allgemeiner als ein ikonisches und die Metonymie als ein indexikali-
sches Zeichen bestimmt werden kann, betrachtet Jakobson die beiden Tropen auch als
besonderes Merkmal spezifischer Stile: Das Metaphorische dominiert in der Poesie, im
Surrealismus, im Symbolismus und in der Romantik, während die Metonymie die domi-
nante Stilfigur der Epik, des Realismus und des Kubismus sei (vgl. Nöth 2000, 347 f.).

3.2. Dekomposition der Stilmittel

Der Ansatz der strukturalistischen Tradition bei der Analyse der Figuren und Tropen
ist durch den Versuch der Dekomposition der Sprachzeichen in Minimaleinheiten der
Ausdrucks- und der Inhaltsseite gekennzeichnet, die noch nicht selbst als Zeichen, son-
dern nur als Komponenten von Zeichen gelten. Dabei wird zwischen einer Oberflächen-
und einer Tiefenstruktur auf beiden Ebenen unterschieden. Greimas (1972) etwa definiert
das poetische Zeichen als ein komplexes Sprachzeichen, dessen Ausdrucksebene in seiner
Oberflächenstruktur aus Graphemen bzw. Phonemen und Silben und in seiner Tiefen-
1188 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

struktur aus den distinktiven Merkmalen der Grapheme bzw. Phoneme (z. B. ,⫹/⫺stimm-
haft‘, ,liquid‘, ,nasal‘, ,fortis‘ oder ,lenis‘) besteht. Auf der Inhaltsseite konstituiert sich die
Oberfläche durch die Sememe der Wörter und die Tiefenstruktur durch deren Seme, den
kleinsten Elementen die zwar auch Bedeutung haben, aber eigentlich nur zur Unterschei-
dung von Bedeutungen dienen (z. B. ,⫹/⫺ belebt‘, ,⫹/⫺jung‘ oder ,⫹/⫺menschlich‘).
Das Besondere des poetischen Zeichens besteht nun darin, dass zwischen den Einhei-
ten der Ausdrucks- und der Inhaltsebene der Sprachzeichen so genannte Homologien
(Äquivalenzen, Korrespondenzen) bestehen. In einem Gedicht über Leben und Tod wäre
dies z. B. eine Korrespondenz zwischen semantischen Oppositionen wie ,⫹/⫺belebt‘ oder
,⫹/⫺bewegt‘ einerseits und phonetischen Gegensätzen wie ,⫹/⫺fortis‘ oder ,⫹/⫺stimm-
haft‘ oder auch ,⫹/⫺liquid‘ andererseits.
Die Analyse des Systems der Figuren und der Tropen nach Prinzipien des Struktura-
lismus erreicht ihren Höhepunkt in der Allgemeinen Rhetorik der Gruppe μ (Dubois
u. a. 1970). Auch hier werden die Stilmittel (Tropen und Figuren) auf ihrer Inhalts- und
der Ausdrucksseite in minimale und größere Einheiten zerlegt und gegenüber einer als
stilistisch neutral angenommenen Nullstufe der Sprache als Hinzufügung, Unterdrü-
ckung, Substitution oder Permutation von Merkmalen bestimmt. Hinzufügungen auf
der Ausdrucksseite zeigen sich etwa in Reduplikationen, Alliterationen oder Reimen.
Hinzufügungen auf der Inhaltsseite in partikularisierenden Synekdochen (pars pro toto,
z. B. Kopf für Denker), Pleonasmen oder Hyperbeln. Beispiele für Auslassungen auf der
Ausdrucksseite sind Synkopen, Elisionen oder Ellipsen. Auf der Inhaltsseite sind es die
generalisierende Synekdoche (totum pro parte; z. B. USA für Sportler der USA) oder die
Metapher in praesentia, die dem Simile ähnlich ist.
Alle Formen der Abweichung gegenüber der Nullstufe der Sprache werden als Meta-
bolien definiert. Diese sind nach zwei Kriterien weiter unterteilt. Das eine Kriterium ist
die Ebene der Abweichung. Sie kann bis zur Wortebene reichen oder darüber hinaus auf
der Satzebene liegen. Nach dem zweiten Kriterium ist zwischen Abweichungen auf der
Ausdrucksseite und auf der Inhaltsseite der Sprachzeichen zu unterscheiden. Die Kombi-
nation dieser beiden Kriterien ergibt vier mögliche Formen von Metabolien: (1) Abwei-
chungen auf der Ausdrucksseite, die bis zur Wortebene reichen, heißen Metaplasmen
(z. B. Alliterationen). (2) Abweichungen der Ausdrucksseite, die auf Satzebene lokalisiert
sind, heißen Metataxen (z. B. Ellipsen oder Inversionen). Auf der Inhaltsseite heißen
die Abweichungen bis zur Wortebene Metaseme (z. B. Metaphern und Metonymien).
Abweichungen auf der Inhaltsebene bis zur Satzebene heißen Metalogismen (z. B. Ironie).

3.3. Ikonizität in den Stiliguren

Aus der Sicht der Peirceschen Semiotik eignet sich die Typologie der Zeichen, insbeson-
dere die Unterscheidung zwischen ikonischen und indexikalischen Zeichen, zu einer Neu-
bestimmung des klassischen Systems von Figuren und Tropen. Die Metonymie und die
Synekdoche erweisen sich beispielsweise als indexikalische Zeichen, insofern sie auf dem
Prinzip der Kontiguität bzw. der Teil-Ganzes-Beziehung zwischen Zeichen und Objekt
beruhen. Metaphern und Similes hingegen sind ikonische Zeichen, denn sie beruhen auf
dem Prinzip der Similarität zwischen Zeichen und Objekt.
In seiner Theorie der ikonischen Zeichen unterscheidet Peirce drei Unterklassen des
Ikons: Bild („image“), Diagramm und Metapher (vgl. Nöth 1990). Das Bild ist ein Ikon,
70. Stil als Zeichen 1189

dessen Ähnlichkeit mit seinem Objekt auf „einfachen Qualitäten“ beruht. Lautmalerei,
ikonische Mittel der Graphostilistik und ähnliche Formen der qualitativen Homologie
zwischen sprachlichem Ausdruck und Inhalt sind bildikonischer Art.
Diagrammatische Stilmittel hingegen beruhen auf strukturellen Korrespondenzen
zwischen Zeichen und Objekt. Mathematische Formeln, Tabellen und ähnliches An-
schauungsmaterial, aber auch jegliche Gliederung eines Textes in Form von Paragraphen,
Abschnitten und Überschriften sind Diagramme, die den Inhalt der Zeichen durch struk-
turelle Ähnlichkeiten repräsentieren. Ein diagrammatischer Stil visualisiert in Form von
Textgliederungssignalen, Schaubildern, durch Fußnoten oder Typographie Korrespon-
denzen zwischen der Ausdrucks- und der Inhaltsebene des Textes (z. B. Großgedrucktes,
Überschrift oder Haupttext: wichtig, Kleingedrucktes oder Fußnoten: weniger wichtig).
Prototyp des Diagrammatischen ist die geographische oder topographische Karte.
Während bildikonische Stilmittel durch ihre eigenen Qualitäten zu Zeichen werden,
sind es bei den Diagrammen dyadische Beziehungen zwischen Zeichen und Objekt (Kor-
respondenzen zwischen Relationen). Die Metapher schließlich ist ein Zeichen, bei dem
zwischen Zeichen und Objekt eine triadische Relation besteht, nämlich zwischen der
wörtlichen und der übertragenen Bedeutung und dem tertium comparationis, dem inhalt-
lich Gemeinsamen, welches den Vergleich ermöglicht.
Ikonische Beziehungen bestehen nicht nur zwischen den Zeichen und den von ihnen
bezeichneten Objekten in der Welt der Tatsachen und Ideen, sondern auch zwischen den
Zeichen selbst, denn Zeichen können exophorisch auf die Welt der Dinge oder Ideen
oder endophorisch auf andere Zeichen im Text, im Bild oder im System der Zeichen
verweisen. Nach dieser Prämisse lässt sich das System der Figuren als ein System ikoni-
scher Zeichen interpretieren, denn jegliche Form der Wiederholung, der Rekurrenz oder
des Parallelismus bedeutet einen endophorischen Verweis auf ähnliche vorausgegangene
Formen im Text.

4. Semantik des Stils


Die Frage nach der Bedeutung von Stil an sich ist umstritten. Für die einen hat Stil keine
Bedeutung, und es gibt mithin keine Semantik des Stils. Für die anderen hat Stil Bedeu-
tung, und es gibt folglich eine Semantik des Stils und der Stile.

4.1. Was Stil bedeuten kann

Als Zeichen betracht, wirft Stil die Frage nach der Bedeutung auf. Gibt es eine semanti-
sche Interpretation der Differenzen zwischen äquivalenten, aber in ihrem Stilwert unter-
schiedenen Zeichen? Wenn Synonyme, Paraphrasen oder so genannte stilistische Varian-
ten in ihrer Bedeutung gegenseitig äquivalent sind, kann es dann noch semantische Diffe-
renzen geben? Liegen in den Differenzen zwischen dem, was durch diesen oder jenen Stil
vermittelt wird, auch Bedeutungen?
Ein semiotischer Ansatz, der in Stilvarianten semantische Werte postuliert, ist derje-
nige, der die Unterscheidung zwischen Denotation und Konnotation für wesentlich er-
achtet. Danach gibt es neben einer Kernbedeutung (Denotation) auch verschiedene Ne-
1190 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

benbedeutungen (Konnotationen) eines Zeichens, wobei das spezifisch Stilistische stets


in einer Konnotation zu suchen sei.
Koch (1963) hat eine semiotische Stilistik entwickelt, die sowohl dem Aspekt der
Bedeutungsgleichheit als auch den Bedeutungsunterschieden zwischen stilistischen Alter-
nativen Rechnung trägt. Jede stilistische Alternative weist danach einen gemeinsamen
semantischen Kern und zugleich eine semantische Differenz auf, welche als das semanti-
sche Differential definiert ist.
Es gibt verschiedene Vorschläge zur semantischen Bestimmung der stilistischen Kon-
notationen bzw. des stilistischen Differentials. Bally (1909, 1) z. B. definiert Stil als die
Lehre von den expressiven bzw. „affektiven“ Werten der Sprache, die im Gegensatz zu
einer Sprache ohne Stil mit nur referenzieller bzw. „intellektueller“ Funktion stehen.
Auch Riffaterre (1959, 155) steht in dieser Tradition, wenn er Stil als eine „expressive,
affektive oder ästhetische Hervorhebung“ bestimmt, „die der in der sprachlichen Struk-
tur enthaltenen Information hinzugefügt wird“. Hjelmslev (1943, 114) begründete eine
semiotische Tradition der Stilistik, nach der das spezifisch Stilistische eines Sprachzei-
chens eine „konnotative Semiotik“ ist (Kerbrat-Orrechioni 1977, 94⫺103; Garza-Cua-
rón 1991).
Unter soziosemiotischen Aspekten sehen Hodge und Kress (1988, 82) in Stilmerkma-
len semantische Merkmale, die auf Ideologien und soziale Identitäten verweisen. Ihre
Erklärung dafür, dass Stil oft als bedeutungsleer begriffen wird ist diese: „These markers
(of social allegiance, solidarity, group identity, and ideology) primarily refer to relations
in the plane of semiosis (the production of meaning) rather than the mimetic plane (what
is referred to). They can therefore seem arbitrary or meaningless, whereas they carry
consistent ideological meanings which become clearly evident by reference to the semio-
sis plane.“

4.2. Tropen als semantische Vermittler

Lotman (1990), der zwischen Stil als Ergebnis einer bloßen Selektion von semantisch
Äquivalentem aus sprachlichen Registern (s. 2.6.) und Rhetorik als einer Anreicherung
der Sprache durch Nichtsprachliches (z. B. Raum, Symmetrie oder Bilder) unterscheidet
(Lotmann 1990, 49) und Tropen nicht als Stilmittel, sondern als Elemente der Rhetorik
definiert, entwickelt eine dualistische Semantik der Tropen. Tropen wie z. B. Metaphern
und Metonymien sind danach Vermittler zwischen den zwei unterschiedlichen Kogniti-
onsformen, die durch die linke und die rechte Hemisphäre des Gehirns gesteuert werden,
zwischen diskreten und kontinuierlichen Zeichen, die niemals paradigmatisch äquivalent
sein und nie syntagmatisch nebeneinander stehen können. Die tatsächliche Unübersetz-
barkeit zwischen den beiden Sphären der Kognition, zwischen denen die Tropen vermit-
teln, erzeugt zugleich deren spezifische Semantik: „A trope, therefore, is not an embel-
lishment merely on the level of expression, a decoration on an invariant content, but is
a mechanism for constructing a content which could not be constructed by one language
alone. A trope is a figure born at the point of contact between two languages, and its
structure is therefore identical to that of the creative consciousness itself“ (Lotmann
1990, 44).
70. Stil als Zeichen 1191

4.3. Stil verweist, ohne zu bedeuten

Die Stilistik ohne Semantik geht von der Annahme aus, das Stilistische bedeute nichts
außer sich selbst. Stil füge einem Zeichen nichts an Bedeutung hinzu, denn das, was in
dem einen oder in dem anderen Stil zum Ausdruck gebracht werden kann, ändere an
der Bedeutung des Textes nichts. Aus der Sicht der linguistischen Semantik liegt dieser
Auffassung die Überzeugung von der Möglichkeit der semantischen Äquivalenz unter-
schiedlicher Sprachzeichen in Form von Synonymen und Paraphrasen oder gar Tropen
und Figuren zu Grunde. Eine solche Auffassung findet sich etwa in der folgenden Stilde-
finition des Linguisten Hockett (1958, 556): „Roughly speaking, two utterances in the
same language which convey approximately the same information, but which are diffe-
rent in their linguistic structure, can be said to differ in style: ,He came soon‘ and ,He
arrived prematurely‘.“
Wenn Doležel/Kraus (1972, 37) Stil definieren als „die Lehre von den alternativen
Möglichkeiten, denselben (oder annähernd denselben) Inhalt auszudrücken“, so vertre-
ten sie die Auffassung von einer Stilistik ohne Semantik. Noch prononcierter bringt
Uspenskij (1968, 125) die Auffassung vom Stil, der nichts bedeute, zum Ausdruck: „Lors-
que nous parlons de différents styles, nous sous-entendons qu’il est possible d’énoncer
de plusieurs manières le même contenu: en d’autres termes, nous admettons que le con-
tenu énoncé dans tel style pourrait en principe l’être aussi dans un autre. Mais à propre-
ment parler, c’est bien ce qu’implique le fait de parler de langues différentes. Les diffé-
rents styles s’opposent donc l’un à l’autre comme les différentes langues, par leur faculté
d’exprimer des contenus identiques.“
Vom Fehlen der Bedeutung in den Varianten, die einen Stil ausmachen, geht auch
Spillner (1995, 68) aus, der dieses Fehlen jedoch nicht prinzipiell dem Stil selbst zu-
schreibt, sondern zumindest andeutet, dass auch die Methoden der herrschenden linguis-
tischen Semantik dafür verantwortlich sein könnten, dass die Nuancen der Stile nicht
angemessen als Bedeutungsunterschiede bestimmbar seien: „Wenn es gelänge, die seman-
tische Analyse so zu verfeinern und zu differenzieren, dass jedweder sprachlichen Varietät
eine je differente semantische Interpretation zugeordnet werden könnte, wäre eine eigen-
ständige Kategorie ,Stil‘ überflüssig geworden; die Stilistik wäre in die Semantik integ-
riert. Solange dies nicht geschehen ist, kann als ,Stil‘ diejenige Differenzqualität alternati-
ver Äußerungen angesetzt werden, denen die linguistische Semantik keine unterschiedli-
chen Bedeutungen zuordnet bzw. die von den Sprechern der Sprache nicht als
bedeutungsdifferent aufgefasst werden.“
Eine philosophische Variante der These vom Fehlen der Bedeutung im Stil ist die
Auffassung von der Einzigartigkeit des Stils (Schleiermacher) oder sogar von der Unaus-
sprechlichkeit dessen, was den Stil ausmacht. Sartre etwa vertritt diese Auffassung wie
folgt: „Der Stil will etwas sagen, aber dies ist nichts, was sich sagen ließe, nichts an
Bedeutung“ (zit. nach Biti 2001, 755).

5. Pragmatik des Stils


Die stilistische Pragmatik untersucht die Wirkung des Stils in sprachlichen Handlung
(Sandig 1978), und sie betrachtet die damit verbundenen Prozesse der Produktion und
Rezeption der Zeichen.
1192 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

5.1. En- und Dekodieren des Stils

Der Prozess der Selektion einer stilistischen Variante (s. 2.1.) impliziert die Enkodierung
einer stilistischen Botschaft. In der getroffenen Zeichenwahl manifestieren sich psycholo-
gische, soziologische oder kulturelle Determinanten eines Zeichens. Komplementär zur
Stilistik des Enkodierens gibt es eine Stilistik des Dekodierens. Stilmerkmale werden zu
Zeichen von Autoren und ihrer Zeit oder sogar als deren Wesen überhaupt ausgelegt.
Hauptvertreter einer semiotischen Stilistik des Dekodierens ist Riffaterre (1959,
1971). Seine Arbeiten basieren auf Elementen der Informationstheorie und der struktura-
len Linguistik. Riffaterre schlägt vor, stilistische Wirkungen ausgehend von den Reaktio-
nen eines hypothetischen Durchschnittslesers zu untersuchen, dessen Dekodierungen
durch Erwartungen und somit Vorhersagbarkeiten neuer Zeichen im Verlauf der Bot-
schaft bestimmt sind. Derartige Erwartungsmuster existieren a priori aufgrund der
Sprachkodes und der Gattungsnormen, aber sie werden auch innerhalb eines individuel-
len Textes aufgebaut, wo sie einen Kode a posteriori bilden (Riffaterre 1971, 78). Von
diesen Annahmen ausgehend, definiert Riffaterre (1959, 171) einen stilistischen Stimulus
als ein Überraschungsmoment, welches durch ein kontextuell nicht vorhersehbares, das
Muster störendes Element bewirkt wird.
In der Rhetorik hat die pragmatische Dimension der Redestile seit der Antike beson-
dere Beachtung gefunden. Die Wirkung der Zeichen war hier nicht nur eine Frage des
Sprachgebrauchs, sondern auch der Gestik, denn eines der Teilgebiete der Rhetorik war
die Lehre vom Vortrag (actio), bei der es um eine Schulung zur Verwendung der richtigen
Gesten während einer Rede ging (Wülfing 1995).

5.2. Semiotik der Rhetorik

Morris (1938, 30) bezeichnet die Rhetorik als „eine frühe und eingeschränkte Form der
Pragmatik“. Das Publikum mit triftigen Argumenten zu überzeugen und es dadurch zu
Handlungen oder Entscheidungen zu bewegen, zielt auf die pragmatische Dimension des
Zeichengebrauchs ab. Hierzu gehören auch die Fragen nach den Funktionen des Diskur-
ses und nach den Schritten, die der Redner zu befolgen hat, um die Rede zu produzieren.
Von den pragmatischen Faktoren bei der Kunst der überzeugenden Rede handelt das
2. Kapitel des 1. Buches der Aristotelischen Rhetorik. Hier geht es um drei Überzeu-
gungsmittel eines Redners. Diese sind „entweder im Charakter des Redners begründet
oder darin, den Hörer in eine gewisse Stimmung zu versetzen oder schließlich in der
Rede selbst, d. h. durch Beweisen oder scheinbares Beweisen“. Mit diesen drei Mitteln
sind deutlich die Ausdrucks-, die Appell- und die Darstellungsfunktion der Rede ange-
sprochen (vgl. Bühler 1934; Jakobson 1960). Die appellative Funktion gilt dabei als die
vorherrschende. Aristoteles unterscheidet drei Formen des Appells: Der ethische Appell
(ethos) hat mit den Tugenden des Redners zu tun, der emotionale Appell (pathos) richtet
sich an die Affekte des Hörers, und der rationale Appell (logos) liegt in der Rede selbst.
Cicero unterscheidet nur zwei Faktoren: die emotionale und die didaktische Funktion
(movere und docere). Horaz fügt die Funktion des Erfreuens (delectare) hinzu.
In teilweise bis heute noch unveröffentlichten Schriften hat Peirce eine pragmatische
Theorie der Rhetorik entwickelt (vgl. Deledalle 1979, 157⫺67; Podlewski 1982 und Fry
70. Stil als Zeichen 1193

1986). Peirce (CP 2.93) versteht unter spekulativer Rhetorik eine theoretische Wissen-
schaft, die neben der spekulativen Grammatik und kritischen Logik den dritten Zweig
der Semiotik bilden soll. Während die Grammatik die Zeichen selbst und die Logik ihre
Beziehung zum Objekt erforschen, untersucht die Rhetorik, wie Zeichen im Geist der
Interpreten als Interpretanten wirksam werden.
Peirce beschrieb die Rhetorik als die „Lehre der notwendigen Bedingungen der Über-
mittlung von Bedeutungen durch Zeichen von Geist zu Geist“ (CP 1.444). Er nennt sie
ferner die Lehre von „den formalen Bedingungen der Kraft der Symbole oder ihrer
Stärke, an einen Verstand zu appellieren“ (CP 1.559). Schließlich ist für ihn die Rhetorik
dazu „bestimmt, sich zu einer gewaltigen Lehre zu entwickeln, von der man erwarten
darf, dass sie zu den wichtigsten philosophischen Schlussfolgerungen führen wird“ (CP
3.454).

5.3. Angewandte semiotische Rhetorik

In der Semiotik des Rechts entwickelt Schreckenberger eine umfassende Theorie der
juristischen Rede. Die Rhetorik des Rechts aus semiotischer Perspektive ist Gegenstand
der Untersuchung von Podlewski (1982, 83⫺95).
Im Bereich der Filmsemiotik behandelt Metz (1968, 117 ff.) die spezifisch rhetorische
dispositio des Films. Rhetorische Figuren des Films untersuchen u. a. Kaemmerling
(1971) und Metz (1977, 149 ff.). In der Semiotik der Malerei hat die Gruppe μ strukturalis-
tische Kategorien zur Analyse der Stilmittel der Malerei entwickelt (Klinkenberg et al.
1980).
In seinen ideologiekritischen Studien zur Werbung und zu anderen Medien bestimmt
Barthes die Rhetorik als das semiotische Gegenstück von Mythos und Ideologie. Barthes
(1957, 259) definiert die Rhetorik hier als „eine Gesamtheit festgelegter, geregelter, insis-
tierender Figuren“ und untersucht die Rhetorik der Rechten, in deren Diskussion er u. a.
Figuren wie die Tautologie („Etwas ist so, weil es so ist“) oder die Figur des Weder-
Noch feststellt. In seinem System der Mode ist das rhetorische System eine Analyseebene,
die er im Sinne der Semiotik von Louis Hjelmslev wie folgt beschreibt: Der rhetorische
Signifikant ist die Phraseologie, mit deren Hilfe Modejournale überzeugen wollen; das
rhetorische Signifikat ist die „Ideologie der Mode“. Barthes definiert diese ideologischen
Signifikanten als Konnotatoren und nennt die Gesamtheit der Konnotatoren eine Rheto-
rik. Somit erscheint die Rhetorik als die Ausdrucksebene der Ideologie (Barthes 1964a;
1964b; 1967).

6. Syntax des Stils


Dass es eine Syntax der Stile und syntaktische Stile gibt, ist aus der Praxis der Stilistik
bekannt. Hier geht es etwa um den Unterschied zwischen einfachen und komplexen oder
langen und kurzen Sätzen, zwischen dem hypotaktischem Stil der Schachtelsätze und
dem parataktischen Stil des „Telegrammstils“ (Hervey 1982, 221⫺227). Der Stil der
sprachlichen Syntax ist weitgehend für das verantwortlich, was die traditionelle Rhetorik
als Klarheit des Stil (claritas) definiert hat (Göttert/Jungen 2004, 128⫺131). Zur Syntax
1194 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

des Stils im weiteren Sinn gehört auch das System der rhetorischen Figuren (s. 2.5),
insofern es von der Anordnung sprachlicher Zeichen im Text handelt.
Ein syntaktisches Modell des Stils war eine Zeit lang eines der Forschungsziele der
Generativen Grammatik. Stilistische Merkmale waren danach textuelle Oberflächen-
strukturen, die durch ein komplexes System syntaktischer Transformationen aus einer
stilistisch neutralen Tiefenstruktur erzeugt werden sollten. Die syntaktische Dimension
der Texte ist auch die Grundlage von Riffaterres kontextueller Stiltheorie, da für ihn
stilistische Erwartungen und Überraschungen durch das kontextuelle Nebeneinander der
Zeichen bestimmt sind.
Ein großes stilistisches Potential liegt in der Syntax der Schriftzeichen, die anders als
in der gesprochenen Sprache nicht nur linear, sondern räumlich angeordnet sind. In den
Experimenten mit dem Schriftbild der immer gleichen Botschaften in der Werbung, in
den Anordnungen der Schrift in den Comics, aber auch schon im Druckbild einer jeden
Tageszeitung zeigen sich spezifische typographische Stile, deren Untersuchung zum syn-
taktischen Zweig der Graphostilistik gehören (Pfeiffer-Rupp 1984).
Zur Syntax der Stile gehören aus der Sicht der Kultursemiotik auch die Stile der
Kombination von Bildelementen zu Bildern, von Texten mit Bildern, Sprache mit Musik,
von Speisen zu Menüs oder Kleidungsstücken in der Mode (vgl. Shapiro 1983, 210).

7. Literatur (in Auswahl)


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70. Stil als Zeichen 1195

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Wülfing, Peter (1995): Antike und moderne Redegestik. In: Gerhard Binder/Konrad Ehlich (Hrsg.):
Kommunikation durch Zeichen und Wort. Trier, 71⫺90.

Winfried Nöth, Kassel (Deutschland)

71. Stil und Bedeutung


1. Bedeutung in sprachwissenschaftlicher Perspektive
2. Bedeutung und Stil als flächige Phänomene
3. Stilanalyse als Bedeutungsanalyse
4. Literatur (in Auswahl)

Abstract

There has been a tradition in contemporary linguistics to focus on words when dealing with
questions of meaning. However, when analyzing texts, this focus is misleading, as the mean-
ing of a text is not the result of a mere addition of its single constituents. We perceive texts
as semantic units which have a meaning that is greater than the sum of its parts, as the
meaning of these parts depend on the linguistic surroundings of the words as well as on the
complex relations between words, their referents and the knowledge and intentions of the
author and the reader. In structural linguistics, style is often considered to be a mere exter-
nal addition to the meaning of a text, not as a factor which constitutes meaning. In recent
years, various approaches in linguistics have tried to overcome this all too narrow view, by
using cognitive categories in semantic analysis. The article discusses the tradition of (text)
semantics in linguistics, then describes some of the specific ways of how style contributes
to meaning, and ends by presenting an example of a text analysis.
1196 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Riffaterre, Michael (1971): Essais de stylistique structurale. Paris.


Sandig, Barbara (1978): Stilistik: Sprachpragmatische Grundlegung. Berlin.
Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. 15. Aufl. Paris 1969. ⫺ Dt. (1931):
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Schreckenberger, Waldemar (1978): Rhetorische Semiotik. Freiburg.
Schuh, Hans-Manfred (1982): Aspekte semiotischer Stilbeschreibung. In: Kodikas/Code 4/5, 21⫺37.
Shapiro, Michael (1983): The Sense of Grammar. Bloomington.
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Spillner, Bernd (1995): Stilsemiotik. In: Gerhard Stickel (Hrsg.): Stilfragen. Berlin, 62⫺93.
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Uspenskij, Boris A. (1968): Les problèmes sémiotiques du style à la lumière de la linguistique. In:
Information sur les sciences sociales 7.1, 123⫺140.
Wülfing, Peter (1995): Antike und moderne Redegestik. In: Gerhard Binder/Konrad Ehlich (Hrsg.):
Kommunikation durch Zeichen und Wort. Trier, 71⫺90.

Winfried Nöth, Kassel (Deutschland)

71. Stil und Bedeutung


1. Bedeutung in sprachwissenschaftlicher Perspektive
2. Bedeutung und Stil als flächige Phänomene
3. Stilanalyse als Bedeutungsanalyse
4. Literatur (in Auswahl)

Abstract

There has been a tradition in contemporary linguistics to focus on words when dealing with
questions of meaning. However, when analyzing texts, this focus is misleading, as the mean-
ing of a text is not the result of a mere addition of its single constituents. We perceive texts
as semantic units which have a meaning that is greater than the sum of its parts, as the
meaning of these parts depend on the linguistic surroundings of the words as well as on the
complex relations between words, their referents and the knowledge and intentions of the
author and the reader. In structural linguistics, style is often considered to be a mere exter-
nal addition to the meaning of a text, not as a factor which constitutes meaning. In recent
years, various approaches in linguistics have tried to overcome this all too narrow view, by
using cognitive categories in semantic analysis. The article discusses the tradition of (text)
semantics in linguistics, then describes some of the specific ways of how style contributes
to meaning, and ends by presenting an example of a text analysis.
71. Stil und Bedeutung 1197

1. Bedeutung in sprachwissenschatlicher Perspektive


Die Kategorien Stil und Bedeutung aufeinander zu beziehen, ist keine Selbstverständlich-
keit. Jedenfalls nicht dann, wenn Stil als konstitutiv für die Bildung von Bedeutung
betrachtet wird, wie es hier der Fall ist.
Traditionell wird Bedeutung in der Sprachwissenschaft distinkten sprachlichen Ein-
heiten zugesprochen, in klassischer Weise dem Wort. ,Klassisch‘ meint, dass in der Ge-
schichte der Sprachwissenschaft immer wieder das einzelne Wort Bezugspunkt der Refle-
xion über Fragen der Bedeutung war, von den Überlegungen Platons und Aristoteles’
zum Verhältnis von Arbitrarität und Motiviertheit bis zum Zeichenbegriff Ferdinand de
Saussures und darüber hinaus. Das ist zunächst plausibel und legitim, da das Reden
über Bedeutung immer auch ein Nachdenken über das Verhältnis zwischen Wörtern und
bezeichneten Gegenständen einschließt, seien diese als ontisch vorgegeben oder als Resul-
tate kognitiver Konstruktionen verstanden: ,Wörter stehen für Dinge‘, so lautet die For-
mel, oder sind ,Ausdruck mentaler Konstruktionen von Wirklichkeit‘. Wer über das Ver-
hältnis von Sprache und Welt nachdenkt (und damit über Bedeutung), stößt daher zu-
nächst auf das Wort.
Diese Orientierung am einzelnen Wort als dem Träger von Bedeutung bedeutet nicht,
dass sich die Sprachwissenschaft nicht der Bedeutungsqualität größerer und kleinerer
sprachlicher Einheiten bewusst war und ist. Dass auch Morphemen Bedeutung zuer-
kannt wird, ganzen Sätzen bzw. Äußerungen oder Propositionen und schließlich Texten,
ist eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist aber keineswegs die Annahme zwingend, dass
die Bedeutungen der über das Wort hinausgehenden Einheiten quasi additiv aus den
jeweils kleineren Einheiten aufgebaut werden, die Satzbedeutungen also aus den Bedeu-
tungen der Wörter, die Textbedeutungen aus denen der Sätze. Dennoch hatte vor allem
die konsequent systemlinguistische Sicht auf Sprache eben das zur Folge. In etlichen
einführenden und damit auch die Lehre prägenden Darstellungen und in Lexika der
Sprachwissenschaft finden sich insbesondere seit den späten sechziger Jahren Formulie-
rungen dieser Art (Ulrich 1972, s. v. Bedeutung): „B. [d. h. Bedeutung, A. G.] des Wortes
enthält der Lexikoneintrag eines Lexems, B[edeutung] des Satzes ergibt sich aus den B[e-
deutungen] seiner Konstituenten (Lexeme) zuzüglich der semantischen Interpretation ih-
rer syntaktischen Beziehungen“. Die prototypischen Fälle, die hinter einer solchen Be-
stimmung stehen, dürften Sätze wie diese sein: Die Katze ist grau vs. Die Katze ist
schwarz (Relevanz der lexikalischen Bedeutung) und Die Katze ist grau vs. Die Katzen
sind grau (Relevanz der grammatischen Bedeutung).
Bei der Beschreibung der Bedeutungen sprachlicher Einheiten entsprach dieser Sicht
auf Sprache vor allem die Merkmalsanalyse. Was die Merkmalsanalyse sehr gut zu leisten
vermochte ⫺ effizientes Werkzeug eines ersten, gliedernden Zugriffs auf das Bedeutungs-
potential eines Ausdrucks zu sein ⫺ wurde von der unausgesprochenen Annahme überla-
gert, am Ende einer Analyse die präzise Beschreibung der Bedeutung des Ausdrucks
zu besitzen. Die vermeintliche Eindeutigkeit der Alternative von An- oder Abwesenheit
einzelner Seme suggerierte, dass die Entscheidung über die Bedeutung eines Ausdrucks
auf der Ebene seines isolierten Vorkommens getroffen werden könne, so, als sei seine
langue-Bedeutung auch seine Textbedeutung. Natürlich wurde und wird zwischen der
Systembedeutung und der Äußerungsbedeutung unterschieden, Letztere aber wird nicht
selten als exakt definiertes Element aus einem festen Satz von Bedeutungsmöglichkeiten
begriffen. Gefragt wird also z. B. danach, ob bei dem Vorkommen des Wortes Schloss in
1198 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

einem Text die Bedeutung A (,Mechanismus zur Verriegelung‘) oder aber B (,palastarti-
ges Gebäude‘) relevant ist, und insofern wird dem Kontext des einzelnen Ausdrucks
durchaus Einfluss auf sein angemessenes Verstehen und auch auf die Gesamtbedeutung
eines Textes zuerkannt. Ist die Entscheidung zwischen Bedeutung A und Bedeutung B
aber einmal gefallen, scheint der Kontext keine Rolle mehr zu spielen. Dass jedoch unter-
schiedliche Bedeutungen in sich gar nicht so definitiv abgeschlossen, sondern durch die
sprachliche Umgebung beeinflusst sein mögen, dass beim Leser durch das textsemanti-
sche Zusammenspiel verschiedener Ausdrücke ein ganz bestimmter Eindruck vom ,Te-
nor‘, ,Duktus‘, ,Ton‘ eines Textes entstehen könnte, der für ihn wichtiger Teil seiner
Bedeutung ist, kann mit dieser reduktionistischen Bedeutungsauffassung nicht erklärt
werden.
Die Vorstellung von der präzise benennbaren, in sich ruhenden Wortbedeutung hat
ihr Pendant auf der Ebene des Satzes. Was dagegen semantisch zwischen den Sätzen
geschieht, kommt zum einen zwar durch ihre Binnenstrukturen zustande, vollzieht sich
zum anderen aber auch im Zusammenwirken dieser Binnenstrukturen mit den trans-
phrastischen Konstituenten des Textes. Peter von Polenz’ Deutsche Satzsemantik ist ein
Pionierbeispiel für den Versuch, diese semantische Grauzone auszuloten, und der Unter-
titel seines Buches ist nach wie vor treffend: Grundbegriffe des Zwischen-den-Zeilen-Le-
sens.
Man könnte vermuten, das Problem der Definitheit bzw. Offenheit von Bedeutung
damit lösen zu können, dass man in der oben angedeuteten Weise zwischen Bedeutung
und Sinn unterscheidet, wobei Bedeutung dem Zeichen als solchem zugesprochen wird,
der Sinn dagegen ins Pragmatische verlegt, also von der aktuellen Handlungsabsicht des
Sprechenden/Schreibenden abhängig gemacht wird. Mit dieser gängigen Unterscheidung
geht meist die Überzeugung einher, dass die Sprachwissenschaft für den Sinn nicht zu-
ständig sei, weil der sich von Text zu Text ändere, die linguistische Beschreibung jedoch
auf das Musterhafte zugrundeliegender Strukturen ziele. Natürlich ist der je individuelle
Sinn eines Textes kein Gegenstand der Sprachwissenschaft, aber die Art und Weise seines
Zustandekommens ist es sehr wohl. Denn das semantische Zusammenwirken der sprach-
lichen Konstituenten im Text ist keineswegs dem Zufall oder dem immer wieder neuen,
rein individuellen Wollen des Autors überlassen, sondern folgt Mustern, die sich mit dem
entsprechenden analytischen Instrumentarium erfassen lassen. Eben das belegt ein Blick
in Bücher wie die Deutsche Satzsemantik und eine Reihe neuerer Publikationen (zum
Methodischen s. u. 3).
Es wäre ein Irrtum anzunehmen, das Problem eines reduktionistischen Bedeutungsbe-
griffs ließe sich in den Griff bekommen, indem die rein systembezogene Perspektive
durch eine pragmatische erweitert würde. Sprechen und Schreiben als eine Form mensch-
lichen Handelns in der Welt zu begreifen bedeutet nicht automatisch, die Spezifik der
Bedeutungsbildung in Texten angemessener zu beschreiben. Ob man die Bedeutung der
Konstituenten eines Textes (und als Folge des Textes insgesamt) deshalb für definit hält,
weil man ihren Stellenwert im Sprachsystem genau zu kennen glaubt und diesen Stellen-
wert dann auf den Text überträgt, oder deshalb, weil man sie vor dem Hintergrund von
Gebrauchstheorien der Bedeutung in der Tradition Wittgensteins für kommunikativ
mehr oder weniger fest eingespielt hält, ändert nicht notwendigerweise etwas am Ergeb-
nis der semantischen Beschreibung. Das Problem liegt eher in der erwähnten Orientie-
rung der Linguistik am Musterhaften sprachlicher Strukturen, am Typischen, Kategoria-
len, eine Orientierung, die das Individuelle lediglich in seinem Beitrag zur Konstitutie-
71. Stil und Bedeutung 1199

rung des Musters wahrnimmt, nicht jedoch in seiner ganz eigenen Individualität. Um
das individuelle sprachliche Phänomen überhaupt als musterbildend wahrnehmen zu
können, wird häufig das schwer Einzuordnende des Phänomens, das allzu Individuelle
an ihm, ausgeblendet. Dieses Vorgehen, das letztlich von einem homogenen Begriff vom
Sprachsystem geleitet ist, kann den Blick auf die sprachlichen Realitäten verstellen. Die
moderne Soziolinguistik etwa konnte zu ihren Forschungsergebnissen überhaupt nur ge-
langen, weil sie vom (standardsprachlichen) System abweichende Sprachformen nicht
lediglich als individuelle Abweichungen betrachtete, sondern nach einer bislang unbe-
kannten Systematik innerhalb dieser Abweichungen suchte. Ähnlich ist die Sprachwis-
senschaft ⫺ nicht nur in der Teildisziplin Textlinguistik, auch in Teilen der Lexikologie
und der Syntax ⫺ aufgefordert, die Mechanismen der Bedeutungsbildung in Texten in
einer Weise in den Blick zu nehmen, die der sprachlichen Realität gerecht wird. Wir
nehmen Texte semantisch nun einmal nicht als additiv gebildete Summe von Wörtern
und Sätzen wahr.
Der hier als reduktionistisch bezeichnete Bedeutungsbegriff steht in einem eigentümli-
chen Gegensatz zu bestimmten sprach- und erkenntnistheoretischen Ansätzen. Es han-
delt sich um all jene Ansätze, die Bedeutung nicht über den Verweis sprachlicher Zeichen
auf eine außersprachliche Wirklichkeit bestimmen, sondern als Resultat kognitiver Kon-
struktionen.
Konstruktivistische Theorien gibt es in unterschiedlicher Ausprägung seit dem
18. Jahrhundert, massiv seit der romantischen Kritik am rationalistischen Erkenntnisop-
timismus der Aufklärungszeit. Allen ist gemeinsam, dass sie der Sprache ein erkenntnis-
theoretisches Apriori zuerkennen, Sprache als ganz entscheidend für die Wahrnehmung
und intellektuelle Verarbeitung der Wirklichkeit betrachten. Die Gegenposition dazu,
der erkenntnistheoretische Realismus, der eine in jeder Hinsicht sprachunabhängig er-
kennbare Wirklichkeit und eine sich auf diese erkannte Wirklichkeit post festum bezie-
hende Sprache annimmt, ist im großen Umfang wohl zuletzt auf der Basis der marxis-
tisch-leninistischen Erkenntnistheorie formuliert worden (ein prägnantes Beispiel bietet
Kade 1971). Aktuell begegnen konstruktivistische Positionen in besonderer, vielleicht zu
weitgehender Zuspitzung im Radikalen Konstruktivismus, wonach Referenz lediglich auf
die „Innenansichten“ (Rusch 1985, 99) der Sprecher, nicht auf eine außersprachliche
Wirklichkeit möglich ist (vgl. auch Maturana 1982, 73). Im Bereich der Texttheorie ent-
spricht dieser Position das Leugnen der Möglichkeit, die Bedeutung von Texten objektiv
bestimmen zu können. Am prägnantesten wurde diese Skepsis gegenüber interpretatori-
scher Objektivität vielleicht von Jacques Derrida formuliert, in seiner Kritik an der An-
nahme eines verbindlich beschreibbaren Sinnzentrums im Text (1992, 424):

Infolgedessen mußte man sich wohl eingestehen, daß es kein Zentrum gibt, daß das Zentrum
nicht in der Gestalt eines Anwesenden gedacht werden kann, daß es keinen natürlichen Ort
besitzt, daß es kein fester Ort ist, sondern eine Funktion, eine Art von Nicht-Ort, worin sich
ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt. Mit diesem Augenblick bemächtigt sich
die Sprache des universellen Problemfeldes. Es ist dies auch der Augenblick, da infolge der
Abwesenheit eines Zentrums oder eines Ursprungs alles zum Diskurs wird ⫺ vorausgesetzt,
man kann sich über dieses Wort verständigen ⫺, das heißt zum System, in dem das zentrale,
originäre oder transzendentale Signifikat niemals absolut, außerhalb eines Systems von Dif-
ferenzen, präsent ist. Die Abwesenheit eines transzendentalen Signifikats erweitert das Feld
und das Spiel des Bezeichnens ins Unendliche.“
1200 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Damit wird im Grunde der Saussuresche Gedanke der valeur, wonach die Wörter einer
Sprache ihre Bedeutungen ex negativo, in Abgrenzung von den Bedeutungen anderer
Wörter erhalten, aufgegriffen und auf den Text übertragen. Selbst wenn in der Texttheo-
rie die sehr weitgehende Annahme Derridas von einem unendlichen „Spiel des Bezeich-
nens“ nicht überall geteilt wird, wird ein Text von Theoretikern nur selten in ein festes
semantisches Gefüge eingebunden, das aus den Eckpunkten Autor, Leser und Welt be-
steht, jedenfalls nicht in der Weise, dass man die Bezüge zwischen dem Text und diesen
Eckpunkten als eindeutig beschreibt (ein Text spiegelt verlässlich die Realität, ist ver-
bindlicher Ausdruck der Intention seines Verfassers und ist eindeutig an einen Rezipien-
ten gerichtet). Das bestätigt ein Blick in Arbeiten von zahlreichen Hermeneutikern und
Literaturwissenschaftlern (stellvertretend für viele: Hans-Georg Gadamer: „[…] immer
übertrifft der Sinn eines Textes seinen Autor“ [1986, 301] und Gottfried Gabriel [1991,
154]: „Dichtung bezieht sich nämlich nicht direkt (referentiell) auf Wirklichkeit, sondern
nur indirekt (exemplarisch)“ usw.). Für die aktuelle Theoriebildung am folgenreichsten
ist die Darstellung dieser Zusammenhänge durch Michel Foucault. Seine Auflösung ver-
meintlich fixer Kategorien wie Text, Werk, Autor, Epoche in den sich stets in Bewegung
befindlichen Diskurs hinein, das radikale Infragestellen sicher geglaubter kausaler und
teleologischer Zusammenhänge bei der Analyse dieser Kategorien, wie sie etwa die Ar-
chäologie des Wissens bietet (1981), haben ihn zum festen Bezugspunkt konstruktivisti-
scher Ansätze in unterschiedlichen Disziplinen gemacht.
Was die Sprachwissenschaft betrifft, so ist sie als Disziplin zwar insgesamt in ein
sprach- und erkenntnistheoretisches Umfeld eingebettet, das konstruktivistische Züge
trägt, jedoch begegnen in ihr immer auch theoretische Beschreibungen und Praktiken
des Arbeitens, die eher ein realistisches, objektivistisches Bedeutungskonzept vermuten
lassen. Zum Teil hängt das sicher damit zusammen, dass die Texte, mit denen sich die
Sprachwissenschaft befasst, meist Gebrauchstexte sind, also Texte, die in der Regel genau
definierbaren lebenspraktischen Zwecken dienen. In prototypischer Weise trifft das etwa
auf Fachtexte zu, und die linguistische Beschäftigung mit ihnen ist dementsprechend
ausgerichtet: Eine Äußerung in einem Fachtext soll „Resultat objektiver Gegebenheiten“
sein (Panther 1981, 248), das fachgebundene Denken ist auf das „Ding als solches“ (Jahr
1993, 43) gerichtet, die Sprache von Fachtexten soll „möglichst […] eindeutige Informa-
tionsübertragung“ (Hahn 1980, 390) garantieren, soll sich durch „Eindeutigkeit, Be-
stimmtheit und Genauigkeit“ (Schippan 1987, 245) auszeichnen.
Umgekehrt wird nicht verwundern, dass sich Theoretiker, die Elemente konstruktivis-
tischen Denkens in ihre Überlegungen aufgenommen haben, häufig auf Texte beziehen,
die weniger einer alltagspraktischen Verwendung unterliegen, sprachlich oft komplex
sind und zudem den individuellen Gestaltungswillen ihres Verfassers erkennen lassen. In
der Tradition der Hermeneutik sind dies vorwiegend philosophische und literarische
Texte (die juristische Hermeneutik und die theologische Exegese sollen hier unberück-
sichtigt bleiben), später dann dominieren Letztere. Interessant ist aber, dass auch in Be-
zug auf solche Texte immer wieder die Rede davon ist, die ⫺ d. h. die eine ⫺ Bedeutung
des Textes im Vorgang der Rezeption zu erschließen. Der bereits erwähnte Hans-Georg
Gadamer etwa nennt Kriterien für die „Richtigkeit des Verstehens“ (1959, 57) und for-
dert dazu auf, „sich wahrhaft anzueignen, was in dem Text gesagt ist“ (1986, 392). Damit
wird sowohl dem Text eine feste Bedeutung zugesprochen (was in ihm gesagt ist) als auch
die Möglichkeit eines richtigen, erschöpfenden Verstehens angedeutet (wahrhaft aneig-
nen). Selbst die Rezeptionsästhetik der siebziger Jahre, die so großen Wert auf die bedeu-
71. Stil und Bedeutung 1201

tungsschaffende Aktivität des Lesers legte, zeigte solche Reflexe (man lese Wolfgang
Isers Analyse des Ulysses von 1972, in der der Text ganz traditionell als unmittelbarer
Niederschlag kommunikativer Intentionen seines Autors James Joyce beschrieben wird).
Auch der in anderen Arbeiten konsequent konstruktivistisch argumentierende Siegfried
J. Schmidt sieht das Verstehen von Texten festgelegt durch im Text angelegte „Instruktio-
nen“ an den Verstehenden, „bestimmte Interpretationen“ vorzunehmen (1976, 75 f.).
Die Neigung, Texte auf ganz bestimmte Bedeutungen festzulegen, hat sämtliche kon-
struktivistischen Ansätze überlebt und findet sich auch in der Gegenwart. Ein Blick in
literaturwissenschaftliche Interpretationen ⫺ deren Verfasser in ihrer theoretischen Posi-
tionierung jedem Objektivismus abschwören würden ⫺ belegt es sofort. Auch die Rück-
bindung des Textes an den Autor, also seine Sicht als unmittelbarer Niederschlag der
Intentionen des Autors, begegnet immer wieder, trotz aller Warnungen vor der intentio-
nal fallacy (Beardsley/Wimsatt 2000). Diese Rückbindung ist in der Sprachwissenschaft
noch ausgeprägter, da im Zuge des pragmatischen Handlungsgedankens alles Sprechen
und Schreiben als Ausdruck einer kommunikativen Intention begriffen wird: Texte
(umso mehr Gebrauchstexte) sind sprachliche Größen, mittels derer sich jemand an ei-
nen anderen wendet. Wird nach ihrer Bedeutung gefragt, ist der Autor die erste Instanz,
die Frage zu beantworten, er muss schließlich wissen, was er in seinem Text hat sagen
wollen. Die Frage nach der Bedeutung eines Textes wird durch den Rekurs auf den
Autor geklärt.
Dass trotz konstruktivistischer Theorie die Praxis des semantischen Umgangs mit
Texten zu großen Teilen realistisch ist, kann aber im Grunde nicht überraschen. Letztlich
ist es ein Ausdruck dessen, was Hans Hörmann den Sog nach Sinn nennt (Hörmann
1976): des nicht hintergehbaren Dranges, die Welt über Texte erklärbar zu machen und
uns in ihr zu verorten. Wir begegnen Texten mit einem Vertrauensvorschuss, gestehen
ihnen, bis zum Beweis des Gegenteils, zunächst einmal zu, dass sie sinnvoll sind. Die
Hermeneutik spricht hier von hermeneutischer Billigkeit (aequitas hermeneutica), an an-
derer Stelle ist vom Wohlwollensprinzip bzw. principle of charity die Rede (aus der Per-
spektive der Philosophie: Davidson 1984). Unsere gesamte Erfahrung zeigt uns zudem,
dass wir Texten ⫺ Fachtexten, Gebrauchsanweisungen, Zeitungsartikeln usw. ⫺ durch-
aus eindeutige Bedeutungen zuschreiben können und damit unseren Alltag gut bewälti-
gen können. Im Gegenteil hätten wir wohl eher dann Probleme, wenn wir unsere Bedeu-
tungszuweisungen permanent relativieren würden. Das ändert nichts daran, dass es für
die theoretische Beschreibung so etwas wie objektive, eigentliche Bedeutungen von Tex-
ten nicht geben kann, die Kritik am „Fetisch des Klartexts“ (Bolz 2000, 97) ist von
ihrer theoretischen Begründung her stimmig. In semantischen Fragen verliert sich jede
Objektivität und Eigentlichkeit in der Komplexität der Relationen zwischen den Konsti-
tuenten des Textes und seinen Bezügen zu Autor und Leser. Allerdings, das sei hinzuge-
fügt, ist die Betonung der Unmöglichkeit objektiver Bedeutung und ihres analysierenden
Nachvollzugs in einschlägigen Arbeiten nicht selten überzogen. Häufig lässt sie außer
Acht, dass nur die wenigsten der über einen Text getroffenen Aussagen überhaupt strittig
diskutiert werden und dass die Hervorhebung des grundsätzlichen Konstruiertseins von
Bedeutung keineswegs die Annahme beinhaltet, an Stelle einer bestimmten Aussage über
die Bedeutung eines Textes könne ebenso gut auch jede andere getroffen werden. Zwar
ist es richtig, dass alle Feststellungen zur Bedeutung in dem Sinne ,beliebig‘ sind, als sie
auf (im Prinzip veränderbaren) Konventionen beruhen, doch sind sie in einem anderen
Sinne keineswegs beliebig, ebenso wenig, wie es in unser Belieben gestellt ist, zu einem
1202 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Tisch im Deutschen etwas anderes als Tisch zu sagen, etwas wie Stuhl oder Bank. Einmal
etabliert, gewinnen solche Kategorien ontischen und damit objektiven Charakter und
sind nicht mit dem Hinweis auf die ,Konstruktion jeder Bedeutung‘ aus der Welt zu
schaffen. Schon deshalb ist im praktischen Umgang mit Texten der Reflex einer objekti-
vistisch-realistischen Bedeutungserschließung Teil und sogar Voraussetzung der Bewälti-
gung des Alltags.
Weniger dieser objektivistisch-realistische Reflex ist also das Problem ⫺ jedenfalls
dann nicht, wenn der Verstehende grundsätzlich bereit ist, sein Urteil über den Text
gegebenenfalls zu revidieren ⫺, sondern die Annahme, die Bedeutung auf eine eher me-
chanistische Weise erschließen zu können, durch so etwas wie das Aufaddieren von Wort-
und Satzbedeutungen. Stil wird dabei meist nicht als bedeutungskonstitutiv wahrgenom-
men, gilt als eine für die semantische Substanz des Textes irrelevante Größe. Tatsächlich
aber konstituiert sich Bedeutung auch durch Stil, was aber nur dann deutlich wird, wenn
sie nicht nur punktuell an isolierte Elemente des Textes geknüpft wird.

2. Bedeutung und Stil als lächige Phänomene

Bedeutung in Texten ist ein flächiges Phänomen, das hat sie mit Stil gemein. Sie ent-
steht ⫺ was hier immer zu lesen ist im Sinne von: wird vom Leser gebildet ⫺ natürlich
ganz entscheidend durch die punktuelle Präsenz einzelner Wörter und Aussagen (zum
Konzept der flächigen und punktuellen Bedeutungsbildung s. 3.2). Aber sie entsteht auch
zwischen den Wörtern und Aussagen, durch die Art und Weise ihrer Kombination. Manf-
red Frank spricht vom Wort als einer bloßen „Zeichenhülse“ (1980, 154), als die es im
Text zunächst anwesend ist. Ihre semantische Füllung durch den Leser geschieht vor
dem Hintergrund des Wissens um die Systembedeutung des Wortes und durch das intui-
tive In-Bezug-Setzen des Wortes zu seiner sprachlichen Umgebung. Dabei gilt, dass alles
an einem Text potentiell bedeutungstragend ist, seine lexikalischen Elemente, seine gram-
matischen Formen und alle Gestaltungsmittel, die Elemente und Formen in Beziehung
zueinander setzen, einschließlich der Strukturen des Textes als ganzem, d. h. seines Auf-
baus, der argumentativen Verknüpfung seiner Segmente usw. In ihrem Ensemble bilden
diese Größen den Stil des Textes. Da sich die Semantik zu großen Teilen zunächst auf
das Wort bezieht, bleibt die textsemantische Dimension vor allem der grammatischen
Formen oft unberücksichtigt. Dass aber die Verwendung bestimmter morphologischer
und syntaktischer Formen z. B. in einem literarischen Text zur Charakterisierung der
Befindlichkeit einer Person dienen kann, ist offensichtlich, und Entsprechendes gilt po-
tentiell für alle grammatischen Kategorien (zu den Bezügen zwischen Grammatik und
Semantik, auch unter dem Gesichtspunkt des Textverstehens, s. Köller 1988 u. 2004).
Was hier als In-Beziehung-Setzen der einzelnen Konstituenten eines Texts bezeichnet
wurde, geschieht, wie eingangs angedeutet, nicht in jedem Text auf eine immer neue
Weise. Natürlich sind keine zwei Texte identisch, sodass auch ihre textinternen Relatio-
nen nicht identisch sind. Allerdings lassen sich bei der semantischen Gestaltung von
Texten Muster erkennen, die vor allem von der Textlinguistik, der modernen Stilistik
und traditionell auch von der Rhetorik untersucht wurden (zum Konzept des Musters
vgl. im vorliegenden Handbuch Ulla Fix: Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilis-
tik). Daneben befassen sich noch eine Reihe anderer Disziplinen bzw. Teildisziplinen mit
71. Stil und Bedeutung 1203

solchen Fragen, darunter die linguistische Diskursanalyse (zu den einzelnen Verfahren
s. u. 3).
Die Wahrnehmung der semantisch relevanten Textmuster ⫺ genauer: ihr Wiederer-
kennen ⫺ und die Wahrnehmung der individuellen Abweichung vom Muster im aktuell
vorliegenden Text vollzieht sich, wie erwähnt, zunächst intuitiv. Die individuelle Abwei-
chung lässt sich mit der gestaltpsychologischen Kategorie von Figur und Grund beschrei-
ben: Vor einem einheitlichen Hintergrund, dem Grund, hebt sich „eine ,ins Auge spring-
ende‘ Gestalt“ erkennbar ab (Städtler 1998, 330). Die Analyse jedoch kann und muss
diesen Vorgang bewusst nachvollziehen. Dabei wird sie notwendigerweise weit über die
Angabe etwa einer Reihe semantischer Merkmale bei der Beschreibung der Bedeutung
einzelner Wörter hinausgehen und mit Kategorien wie Präsuppositionen, Implikaturen,
Frames, Schemata, Stereotype, Kollektivsymbolen usw. operieren. Den Kategorien ist ge-
mein, dass sie eine kognitive Dimension besitzen, sich auf komplexe Wissenseinheiten
der Sprachbenutzer beziehen. Bei der Analyse der Bedeutung geht es um die Frage,
welche Wissensbestände durch die Konstituenten des Textes jeweils aufgerufen werden.
Texte reihen keine Einzelbedeutungen aneinander, sondern evozieren komplexe Bilder
der Realität, und der Nachvollzug dieses Vorgangs ist Aufgabe der sprachwissenschaftli-
chen Beschreibung (zur Perspektive der Psychologie in dieser Frage vgl. Christmann/
Groeben 1999). Ein Frame etwa ist „eine mehr oder weniger stabile mentale Struktur,
die durch ein jeweils thematisches Konzept bestimmt ist“ (Konerding 2009, 96; dazu
auch Ziem 2008). Es beinhaltet kollektives Wissen zum jeweiligen Thema und leitet das
Verständnis von Texten insofern, als die in einem betreffenden Frame enthaltenen Wis-
senselemente durch einen Textausdruck in ihrer Gesamtheit evoziert werden. Damit be-
einflussen sie wiederum das Verstehen anderer Konstituenten des Textes und so des Tex-
tes insgesamt.
Neuere Ansätze in der Sprachwissenschaft, die Analysen in diesem Sinne durchführen,
zielen nicht auf isolierte Bedeutungen von Textkonstituenten, sondern auf hinter den
Texten stehende „epistemische Tiefenströmungen“ (Busse 2003, 177), auf „Denkfiguren“,
„Denkstile“ (Knobloch 1992), „Denkschemata“ (Warnke 2002, 132), „Denkmuster“
(Kämper 2005, 236), „Denk- und Wollensgewohnheiten“ (Wengeler 2003, 65), schließlich
sogar auf „Mentalitäten“, verstanden als „Gesamtheit der Denkgewohnheiten und Über-
zeugungen, die das Denken einer sozialen Gruppe bestimmen und die allen Mitgliedern
der Gruppe gemeinsam sind“ (Hermanns 1995, 74). Die einzelnen Konstituenten des
Textes werden in diese übergeordneten Zusammenhänge eingebettet und lassen sich erst
vor ihrem Hintergrund angemessen verstehen. In der Begrifflichkeit der Wissenssoziolo-
gie würde man von der „Wirklichkeit der Alltagswelt“ (Berger/Luckmann 1977) spre-
chen, als deren Ausdruck Texte verstanden werden.

3. Stilanalyse als Bedeutungsanalyse

3.1. Methoden

Die Auffassung von Stil und Bedeutung von Texten als flächigen Phänomenen, verbun-
den mit ihrer Sicht als Niederschlag der sprachlichen Konstruktion gesellschaftlicher
Wirklichkeit bedeutet, dass sich die Textanalyse besonderer Methoden bedienen muss.
1204 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Wenn Texte Bilder der Realität entwerfen und die Analyse das Zustandekommen dieser
Bilder durch die Betrachtung der Sprache nachvollziehen will, dann kommen nur Metho-
den in Betracht, die den komplexen innertextuellen semantischen Bezügen und der kog-
nitiven Dimension der Bedeutungsbildung gerecht werden.
Dabei kann der Ausgangspunkt durchaus beim einzelnen Begriff liegen. Verfahren
der Begriffsanalyse sind in den Geisteswissenschaften spätestens seit den Geschichtlichen
Grundbegriffen von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck geläufig. In
den Sprachwissenschaften finden sich neuere Arbeiten, die Analysen von Lexemen und
Lexemgruppen im oben erwähnten Sinne durchführen (z. B. Bär 1999; Böke 1997; Faul-
stich 2009; Lobenstein-Reichmann 1998 u. 2008; Müller 2007; Odenwald-Varga 2009;
Stukenbrock 2005; weitere Arbeiten s. Bibliographie). Dabei können sie auf traditionelle
Kategorien der lexikalischen Semantik zurückgreifen, etwa die des Wortfeldes, das, auf
den Text angewandt, dem flächigen Charakter der Bedeutungsbildung entspricht, auch
des Bildfeldes, wie es bereits 1976 von Harald Weinrich definiert wurde (dass daneben die
sprachliche Variation erfasst wird, die sich in Neologismen, Archaismen, Vulgarismen,
Regionalismen, Fachwörtern usw. zeigt, ist selbstverständlich). Zugleich können die Au-
toren über diese gängigen Kategorien hinausgreifen, indem sie z. B. Metaphernanalysen
betreiben oder mit Kategorien wie Schlüsselwörtern, Schlagwörtern/Fahnenwörtern/Hoch-
wertwörtern/Stigmawörtern (zu den Begriffen vgl. z. B. Fix/Poethe/Yos 2003; Klein 1989)
usw. arbeiten, gelegentlich erweitert um das Konzept der deontischen Bedeutung (dazu
Hermanns 1989 u. 1994).
Jenseits des einzelnen Ausdrucks werden in den genannten und anderen Untersuchun-
gen Elemente wie Topoi und Argumentationsformen analysiert (oft auf der Basis von
Kienpointner 1983), Präsuppositionen und Implikaturen, Frames usw. Mit zunehmender
Häufigkeit wird dabei der Anschluss an das Konzept des Diskurses gesucht, wie es von
Michel Foucault entwickelt wurde. Dabei werden Diskurse in der Regel verstanden als
Auseinandersetzung mit einem Thema durch größere gesellschaftliche Gruppen, wobei
der Diskurs das Wissen und die Positionierungen dieser Gruppen spiegelt und zugleich
handlungsleitend ist (vgl. Gardt 2007). Diskursanalyse praktiziert so eine Stilanalyse,
die die Bedeutung von Texten erschließt und damit Aussagen über die in den Texten
versprachlichten Perspektiven auf die Realität formulieren kann.
Dieser Blick auf die Bedeutungsqualität von Stil findet sich nicht nur in der linguisti-
schen Diskursanalyse. Die Textstilistik, wie sie etwa von Ulla Fix (2007) und Barbara
Sandig (2006) vertreten wird, teilt diese Orientierung. Auch außerhalb der Philologien
begegnen solche Positionen, etwa in Arbeiten aus der Psychologie (z. B. Fiedler/Semin
2002).

3.2. Analysebeispiel

Das folgende Beispiel soll dazu dienen, Möglichkeiten einer Stilanalyse als Bedeutungs-
analyse zu skizzieren. Es kann nur einige dieser Möglichkeiten illustrieren und wird ins-
besondere auf den flächigen Charakter der Bedeutungsbildung abheben.
Bezugspunkt des Beispiels ist ein Projekt, das anlässlich der Kunstausstellung docu-
menta 12 im Jahr 2007 am Institut für Germanistik der Universität Kassel durchgeführt
wurde. Im Zentrum des Projekts stand die Untersuchung der Sprache im Umfeld der
Ausstellung (zum Aufbau des Gesamtprojekts und den Namen aller Projektbeteiligten
71. Stil und Bedeutung 1205

s. Gardt 2008). Die Diskussion über eine jeweilige documenta setzt bereits Jahre vor
Ausstellungsbeginn ein, mit der Ernennung des künstlerischen Leiters. In Medien und
Fachwelt werden intensive Diskussionen über die programmatische Ausrichtung der
kommenden Ausstellung geführt, ihrem Selbstverständnis entsprechend, im Laufe der
Jahre „zu einem weltweit verbindlichen Seismographen der zeitgenössischen Kunst“ (In-
ternetseite der documenta, Zugriff 3. 1. 2008) geworden zu sein. Damit ist zugleich gesagt,
dass die documenta eine Ausstellung von globaler Dimension ist, wie auch der selbstge-
wählte Titel Weltkunstausstellung illustriert. Durch ihre zeitliche und räumliche Ausdeh-
nung bildet sie einen internationalen Kommunikationsraum, in dem unterschiedliche
Stimmen zu Wort kommen, von den Organisatoren über Künstler, Experten, Vertreter
der Medien bis zur kunstinteressierten Öffentlichkeit. Auf diese Weise entsteht ein Dis-
kurs mit verschiedenen Akteuren, Themen und Unterthemen, mit Zentrum und Periphe-
rie. Dieser Diskurs spiegelt und beeinflusst die Wahrnehmung der Ausstellung und ihrer
Konzeption, und er spielt sich fast ausschließlich in Sprache ab. Analysen der Texte des
documenta-Diskurses lassen also erkennen, welche Rolle die Sprache beim Zustandekom-
men der documenta 12 als kognitiver Größe, als eines Gegenstands öffentlicher Wahrneh-
mung genau spielt.
Die im Folgenden angeführten Textanalysen beziehen sich auf programmatische Texte
vor allem des künstlerischen Leiters Roger M. Buergel, daneben auch auf Pressetexte.
Sie zielen vorrangig auf Konzepte und auf Denkfiguren, die sich in den Texten nachweisen
lassen. Dabei werden Konzepte als kognitive Repräsentationen eines distinkten Sachver-
halts verstanden (in der Tradition von Lakoff/Johnson 1980), Denkfiguren als kognitive
Dispositionen eines Autors, die sein Verfassen des Textes leiten. Konzepte werden
sprachlich fast ausschließlich durch die Lexik realisiert, dabei häufig durch einzelne Aus-
drücke. Sie treten über den Text verteilt in semantischen Feldern auf, die im Unterschied
zu Wortfeldern im herkömmlichen Verständnis nicht nur Ausdrücke einer einzigen Wort-
art umfassen. Denkfiguren dagegen werden auf der Textoberfläche durch sehr verschie-
dene Elemente realisiert. Die vielen Texten Roger Buergels eigene Denkfigur von Offen-
heit und Dynamik, d. h. seine Neigung, bestimmte Zusammenhänge als nicht abgeschlos-
sen, nicht statisch, sondern als im Prozess der Entwicklung befindlich einzustufen,
kommt durch die Verwendung lexikalischer Ausdrücke, durch den Einsatz von Antithe-
sen, Hypostasierungen, Deagentivierungen, inchoativen Verben usw. zustande. Bei
Denkfiguren tritt der flächige Charakter der Bedeutungsbildung in besonderem Maße
hervor, da ihre Konturen erst durch die Summe der semantischen Wirkungen der sie
konstituierenden sprachlichen Mittel, nicht durch die Wirkung einzelner isolierter Text-
elemente deutlich werden.
Als Ergebnis einer Analyse der documenta-Texte lassen sich sechs programmatische
Leitkonzepte benennen: ,Raum‘, ,Zeit‘, ,Publikum/Vermittlung/Bildung‘, ,Politik/Gesell-
schaft‘, ,Kunst‘, ,documenta‘. Textausdrücke, durch die diese Konzepte realisiert werden,
sind im Falle des Konzepts ,Raum‘ z. B.: international, universal, lokal, regional, transna-
tional, transregional, Zentren, Peripherien, geopolitisch usw. (auf die Angabe von Beleg-
stellen wird im Folgenden verzichtet, s. dazu Gardt 2008). Hinzu kommen Aussagen des
Typs, wonach Formen lokalen Wissens weltweit zueinander in Beziehung [zu] setzen sind
usw. Dem Konzept ,Publikum/Vermittlung/Bildung‘ lassen sich an Ausdrücken bzw.
Aussagen z. B. zuordnen: dem Publikum einen Schlüssel [zur Ausstellung] in die Hand
geben, ihm Linien vorgeben, es involvieren/animieren, Lernprozesse ermöglichen; ein Ethos
der Vermittlung muss gegen eine bloß[e] Konsumhaltung, ästhetische Bildung gegen Akade-
mismus und Didaktisierung durchgesetzt werden usw.
1206 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Die Analysen verdeutlichen, dass die Konzepte in einer spezifischen inhaltlichen Prä-
gung auftreten. Im Folgenden ein Auszug aus einem programmatischen Text eines Mit-
glieds des Leitungsteams der documenta 12 (Hervorhebung A. G.):

Eine der zentralen Fragen einer Kunstausstellung unter den Bedingungen einer globalisierten
Welt ist die nach der Vermittlung von spezifischem Wissen, von Bildern, die aus den Bedin-
gungen eines Ortes wachsen, sie aber dennoch überschreiten. Wie findet dieses lokale Wissen
in der documenta 12 seinen Niederschlag? Wie bildet es sich ab? Wie findet dieser Prozess
der Übertragung statt? […] Das Projekt [von documenta 12-eigenen Publikationen, A. G.]
streut seine Aktivität von den Mikropublikationen in einem kleinen Sprachraum bis hin zu
den einflussreichen transnationalen Medien. In transregionalen Arbeitstreffen […] werden die
konzeptuellen und gedanklichen Leitfiguren der einzelnen Publikationen in einem gemeinsa-
men Redaktionsraum entwickelt.

Die kursiv gesetzten Ausdrücke wurden in der Analyse dem Konzept ,Raum‘ zugeordnet.
Der Text zeigt zum einen, dass ,Raum‘ in einem Spannungsfeld von lokalem Raum und
globalem Raum erscheint, ein Aspekt, der sich wie ein Leitmotiv durch die Texte des
Corpus zieht: Dem durch die Globalisierung entstandenen weltweiten Raum wird der
lokale Raum ausgleichend gegenübergestellt, die geopolitischen Identitäten werden mit
lokalen Identitäten konfrontiert. Ein Vergleich mit programmatischen Texten früherer
Ausstellungen lässt zudem die räumliche Entwicklung der documenta erkennen. Während
der ,Raum‘ der ersten documenta von 1955 noch in einem Spannungsfeld von Deutsch-
land und Europa bestimmt wird, lässt die Zunahme entsprechender Einzellexeme, Kollo-
kationen, Phraseologismen usw. die Internationalisierung der Ausstellung bis hin zur
gegenwärtigen globalen Veranstaltung erkennen. Zugleich geht aus Textstellen wie der
zitierten hervor, dass der skizzierte Raum nicht statisch, sondern offen ist, dass sich die
in ihm verorteten Elemente in steter Bewegung befinden (überschreiten, Übertragung,
transnational, transregional).
Dieses zuletzt genannte Kennzeichen der Texte begegnet auch bei der Charakterisie-
rung anderer Konzepte, z. B. dem der ,Zeit‘ („Wenn man Form nicht als etwas Abge-
schlossenes begreift, sondern stark auf dieses Prozessuale achtet, dann lernt man auch,
dass sich auf diesem Weg oft Möglichkeiten ergeben“; die documenta ist kein in sich
ruhendes „Wissenspaket“, sondern „ein Möglichkeitsraum, der nicht fertig ist, sondern
seine Gestaltung einfordert“ usw.). Nicht nur ein einzelnes Konzept wird also in dieser
Weise charakterisiert, sondern sämtliche Konzepte, sodass die Charakterisierung Aus-
druck einer grundlegenden Perspektive der Autoren auf ihren Gegenstand ist, eben der
erwähnten Denkfigur von Offenheit und Dynamik. Diese Denkfigur modifiziert jedoch
nicht nur die Leitkonzepte des Diskurses, sondern begegnet in unterschiedlichen stilisti-
schen Formen, darunter in antithetischen Konstruktionen (die documenta soll sich mit
der „Zukunft der Menschheit“ befassen und zugleich mit der „Existenz jedes Einzel-
nen“), im Wechsel zwischen einem autoritativen Sprechen („Ich [Roger Buergel] denke
[…]“ ⫺ „Ich glaube […]“ ⫺ „Ich meine“) und einem hypostasierten, deagentivierten („Es
ist der Anspruch von documenta […]“), in der Verwendung von Totalitätsbegriffen („Was
ist das bloße Leben?“; „Ist die Moderne unsere Antike?“; zum Terminus Totalitätsbegriff
vgl. Hermanns 1999), im Einsatz inchoativer Verben („[A]ls globale Gesellschaft [müssen
wir aber] einen Raum miteinander teilen und […] gemeinsam Wert aushandel[n]. Das ist
ein Raum der Verhandlung, den eine Ausstellung eröffnen […] kann“) usw.
Diese Art des Schreibens (und Sprechens in Interviews) hat zur Folge, dass die Texte
nicht nur im Hinblick auf die Bedeutung einzelner Aussagen, sondern auch insgesamt
71. Stil und Bedeutung 1207

oft schwer verständlich sind. Weite Teile der medialen Öffentlichkeit haben vor allem die
Texte Roger Buergels eben so wahrgenommen. Insbesondere die antithetischen Kon-
struktionen schaffen Oppositionslinien, die sich durch die Texte hindurchziehen und das
Verständnis erschweren: Der Autor greift einen Gegenstand auf, indem er zwei Themen-
aspekte als Pole einander gegenüberstellt, ohne zwischen ihnen argumentativ zu vermit-
teln. Auf diese Weise musste es fast zwangsläufig zu Reaktionen wie den folgenden kom-
men, auch wenn den Autoren die genaueren stilistischen Ursachen, die zu Ihrem Urteil
geführt haben, nicht bewusst gewesen sein mögen: Roger M. Buergel habe „die Leute
bis heute weitgehend im Unklaren darüber [gelassen], wie heiß der Brei eigentlich ist,
um den er seit Jahren extrem wortreich herumredet“ (Frankfurter Allgemeine Sonntags-
zeitung, 20. 5. 2007). In der Berliner Zeitung vom 24. März 2007 finden sich diese Vor-
würfe: „[…] mangelnde Professionalität […]. Banalität der meisten seiner Aussagen […]
wolkige Andeutungen […]. Aber wie lautet sein eigentlicher Kunstbegriff? […] Wird die
documenta traumhaft schön oder furchtbar belanglos? Niemand weiß es ⫺ womöglich
auch Buergel nicht.“ Gelegentlich, wenn auch weit seltener, wird die semantische Offen-
heit der Texte positiv kommentiert: „Sieben Gründe, warum die Documenta die Gesetze
des Kunstbetriebs umstürzen wird. […] Auf der Documenta gilt das Sowohl-als-auch-
Prinzip. […] [Das] hat diese Documenta vielen Ausstellungen voraus: Sie setzt nicht […]
auf den schönheitsseligen Populismus der Berliner MoMA-Ausstellung. Sie bleibt unbe-
rechenbar, voller Wagnisse […]. So soll sie sein, die Documenta 12: beglückend und
gefährdend, befreiend und bedrohend ⫺ eine dialektische Sensation“ (Die Zeit,
12. 4. 2007). Die Autoren der beiden letzten Zitate haben die Denkfigur von Offenheit
und Dynamik nicht nur wahrgenommen, sondern machen sie auch, ob bewusst oder
unbewusst, in Gestalt antithetischer Konstruktionen zu einem Teil ihres eigenen Stils
(„Wird die documenta traumhaft schön oder furchtbar belanglos?“ ⫺ die documenta 12
soll „beglückend und gefährdend, befreiend und bedrohend“ werden).
Das Beispiel sollte Möglichkeiten einer Stilanalyse als Bedeutungsanalyse aufzeigen.
Die beschriebenen Analyseverfahren greifen über die Betrachtung isolierter Textausdrü-
cke hinaus und zielen auf die für Texte charakteristrische flächige Form der Bedeutungs-
konstitution.

4. Literatur (in Auswahl)


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schaftliche Rezeption. Berlin/New York.
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schaftliche Zugänge zur transtextuellen Ebene. Berlin/New York.
Städtler, Thomas (1998): Lexikon der Psychologie. Wörterbuch, Handbuch, Studienbuch. Stuttgart.
Stukenbrock, Anja (2005): Sprachnationalismus. Sprachreflexion als Medium kollektiver Identitäts-
stiftung in Deutschland (1617⫺1945). Berlin/New York.
Ulrich, Winfried (1972): Wörterbuch Linguistische Grundbegriffe. Kiel.
Warnke, Ingo (2002): Adieu Text ⫺ bienvenue Diskurs? Über Sinn und Zweck einer poststruktura-
listischen Entgrenzung des Textbegriffs. In: Fix, Ulla u. a., 125⫺141.
Warnke, Ingo (Hrsg.) (2007): Diskurslinguistik nach Foucault. Theorie und Gegenstände. Berlin/
New York.
Weinrich, Harald (1976): Sprache in Texten. Stuttgart.
Wengeler, Martin (2003): Topos und Diskurs. Begründung einer argumentationsanalytischen Me-
thode und ihre Anwendung auf den Migrationsdiskurs (1960⫺1985). Tübingen.
Wichter, Sigurd (1999): Gespräch, Diskurs und Stereotypie. In: Zeitschrift für germanistische Lingu-
istik 27, 261⫺284.
Wichter, Sigurd (2001): Kommunikationsebenen und Diskurs. In: Armin Burkhardt/Dieter Cheru-
bim (Hrsg.): Sprache im Leben der Zeit. Festschrift für Helmut Henne. Tübingen, 11⫺29.
Ziem, Alexander (2008): Frame-Semantik. Kognitive Aspekte des Sprachverstehens. Berlin/New York.

Andreas Gardt, Kassel (Deutschland)

72. Stil und Grammatik


1. Der Problemzusammenhang
2. Die Struktur des Stilbegriffs
3. Die Struktur des Grammatikbegriffs
4. Der Zeichencharakter von Stil und Grammatik
5. Die innere Sprachform
6. Die Normenproblematik
7. Stil als Perspektivitätsproblem
8. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Style and grammar are to be understood as linguistic subjects whose true representations
find their expression in meaningful and communicative signs. Therefore, seen pragmatically,
stylistic and grammatical forms have very similar functions. The purpose of these functions
1210 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Rusch, Gebhard (1985): Von einem konstruktivistischen Standpunkt. Erkenntnistheorie, Geschichte


und Diachronie in der empirischen Literaturwissenschaft. Braunschweig/Wiesbaden.
Sandig, Barbara (2006): Textstilistik des Deutschen. 2. Aufl. Berlin/New York.
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Ziem, Alexander (2008): Frame-Semantik. Kognitive Aspekte des Sprachverstehens. Berlin/New York.

Andreas Gardt, Kassel (Deutschland)

72. Stil und Grammatik


1. Der Problemzusammenhang
2. Die Struktur des Stilbegriffs
3. Die Struktur des Grammatikbegriffs
4. Der Zeichencharakter von Stil und Grammatik
5. Die innere Sprachform
6. Die Normenproblematik
7. Stil als Perspektivitätsproblem
8. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Style and grammar are to be understood as linguistic subjects whose true representations
find their expression in meaningful and communicative signs. Therefore, seen pragmatically,
stylistic and grammatical forms have very similar functions. The purpose of these functions
72. Stil und Grammatik 1211

is to give basic information a more precise meaning in a metainformative way. Thus, stylis-
tic and grammatical forms are evaluated as manifestations of individual and collective ef-
forts to form concise mental conceptions.

1. Der Problemzusammenhang
Die Phänomene Stil und Grammatik kann man nur dann sinnvoll miteinander in Bezie-
hung setzen, wenn man beide nicht nur mit dem Form-, sondern auch mit dem Bedeu-
tungsbegriff in Zusammenhang bringt. Obwohl das ein ziemlich selbstverständliches Pos-
tulat ist, so trifft man dennoch immer wieder auf Analyseansätze, die eine große abstrak-
tive Energie darauf verwenden, die beiden Phänomene nicht als sinnträchtige Phänomene
zu verstehen. So war beispielsweise die so genannte Abweichungsstilistik bestrebt, das
Phänomen Stil nur als Abweichung von bestimmten Erwartungsnormen zu beschreiben,
und der frühe Chomsky hat auf sehr provokante Weise erklärt, dass die Frage nach der
Bedeutung in der Grammatik genauso irrelevant sei wie die Frage nach der Haarfarbe
der jeweiligen Sprecher (Chomsky 1971, 93).
Es ist immer eine höchst problematische Aufgabe, den begrifflichen Gehalt von kom-
plexen und geschichtsträchtigen Termini wie Stil oder Grammatik präzise bestimmen zu
wollen. Dabei gerät man nämlich entweder in die Gefahr, den gängigen Gebrauch dieser
Termini in der Sprache zu verfehlen, oder in die Gefahr, Festlegungen zu treffen, die
dem Aspektreichtum der jeweiligen Phänomene nicht mehr gerecht werden, da sie diese
nur noch in einer sehr verengten Wahrnehmungsperspektive sichtbar machen. Diesem
Dilemma wird hier methodisch folgendermaßen begegnet. Zum einen soll versucht wer-
den herauszuarbeiten, in welchen Wahrnehmungsperspektiven bisher die Phänomene Stil
und Grammatik betrachtet worden sind und welches Wissen sich im traditionellen Stil-
und Grammatikbegriff sedimentiert hat. Zum anderen soll versucht werden, Stil und
Grammatik als sehr widerborstige Phänomene ernst zu nehmen, die wegen ihrer äußerst
vielfältigen Aspekte theoretisch nicht so leicht in den Griff zu bekommen sind. Das
bedeutet, dass wir beide Phänomene im Sinne der Semiotik als dynamische Objekte wahr-
zunehmen haben, die einerseits allen Versuchen einen nachhaltigen Widerstand leisten,
sie auf den Begriff zu bringen, und die andererseits die Betrachter dazu nötigen, sich
selbst geistig zu bewegen, um ihren Aspektreichtum adäquat zu erfassen.
Um beiden Phänomenen theoretisch gerecht werden zu können, müssen wir uns mit
einem relationalen Denken anfreunden. Dieses ist im Gegensatz zu einem essentiellen
Denken nicht dadurch bestimmt, dass es den Anspruch erhebt, das Wesen der jeweiligen
Phänomene aufdecken zu wollen, sondern vielmehr dadurch, dass es das Ziel hat, die
jeweiligen Phänomene in Wenn-Dann-Relationen bzw. in Interdependenzbeziehungen
kennen zu lernen. Dementsprechend strebt das relationale Denken auch keine abschlie-
ßende Wesenserkenntnis an, sondern ein offenes Strukturwissen, für das die Spannung
zwischen dem jeweiligen Erkenntnisobjekt und dem jeweiligen Erkenntnissubjekt unter
Einschluss seiner Erkenntnisstrategien konstitutiv ist. In unserem Fall lässt sich die Ei-
genart des relationalen Denkens schon am Beispiel der Konjunktion und demonstrieren,
mit der hier die Begriffe Stil und Grammatik programmatisch aufeinander bezogen wor-
den sind.
Die Konjunktion und signalisiert als grammatisches Zeichen im Prinzip, dass die mit
ihr verbundenen Größen nicht völlig verschiedenen Welten angehören, sondern vielmehr
1212 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

auf irgendeine Weise sinnvoll aufeinander bezogen werden können. Sie sagt uns aber
nicht, wie die beiden Begriffe sachlich zusammengehören. Schon bei dem Versuch, die
Zusammengehörigkeit beider Begriffe zu klären, lernen wir sowohl etwas über die mit
und korrelierten Phänomene als auch etwas über die grammatische und stilistische Sinn-
bildungsfunktion des grammatischen Zeichens und. Zumindest drei Korrelationsvarian-
ten sind denkbar. Erstens kann uns die Konjunktion und signalisieren, dass zwei Einzel-
größen als Teilgrößen einer übergeordneten Größe in Erscheinung treten (3 und 5 ist 8).
Zweitens kann sie signalisieren, dass zwei Größen trotz ihrer Eigenständigkeit in be-
stimmten Hinsichten kategorial miteinander verwandt sind (3 und 5 sind Primzahlen).
Drittens kann sie signalisieren, dass zwei Größen auf interdependente und konstruktive
Weise eine neue Einheit bilden (2 Wasserstoffatome und 1 Sauerstoffatom bilden 1 Wasser-
molekül).
Diese Beispiele verdeutlichen zweierlei. Zum einen lässt sich die grammatische Relati-
onierungsfunktion der Konjunktion und nicht ohne die genaue Kenntnis der relationier-
ten Größen präzisieren. Zum anderen sind mit dem Gebrauch der Konjunktion und auch
bestimmte Relationspostulate des Sprechers verbunden, die den Hörer dazu zwingen,
sich die jeweils relationierten Größen so vorzustellen, dass sie mit diesen Postulaten
vereinbar werden. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ergeben sich drei unter-
schiedliche, aber sich ergänzende Wahrnehmungsperspektiven für mögliche Zusammen-
hänge zwischen den Phänomenen Stil und Grammatik.
Erstens können wir die beiden Phänomene als natürliche Teilgrößen der Gesamtgröße
Sprache ansehen. Dann lässt sich das Phänomen Stil als ein Ordnungszusammenhang
verstehen, der sich methodisch auf der Betrachtungsebene der parole erschließt, und das
Phänomen Grammatik als einer, der methodisch auf der der langue zugänglich wird. In
diesem Denkrahmen kann dann der Stil eines Texts als eine spezifische personen-, epo-
chen- oder textsortenbedingte Auswahl von Formen aus einem vorgegebenen sprachli-
chen Formenrepertoire verstanden werden. Unter diesen Umständen würde es sich dann
aber von selbst verbieten, den verwendeten Analyserahmen selbst in Frage zu stellen und
beispielsweise zu debattieren, ob das Phänomen Stil dazu geeignet wäre, den Sinn der
Unterscheidung von parole und langue in Zweifel zu ziehen bzw. die kategoriale Opposi-
tion der Begriffe Stil und Grammatik. Zweitens können wir die beiden Termini als Be-
zeichnungen für Ordnungsgrößen ansehen, die hinsichtlich bestimmter Merkmale eine
Schnittmenge und hinsichtlich anderer eine Oppositionsmenge bilden. Dann ist zu klä-
ren, auf Grund welcher Eigenschaften die Phänomene bzw. Begriffe Stil und Grammatik
in einer Analogierelation zueinander stehen und auf Grund welcher in einer Kontrastre-
lation. Drittens können wir die Termini Stil und Grammatik als Bezeichnungen für recht
komplexe Vorstellungsbereiche verstehen, die erst durch die Ausarbeitung von Objekti-
vierungs- und Analysekonzepten ein klares Relief bekommen. Diese Betrachtungsweise
impliziert nicht, dass jeder seine eigene Interpretationshoheit über die Begriffsinhalte der
Termini Stil und Grammatik hat, sondern nur, dass wir die mit diesen Termini bezeichne-
ten Phänomene als widerborstige Objekte ernst nehmen müssen und dass wir sie nicht
vorschnell in das Prokrustesbett von vorgegebenen Theorien und Begriffen stecken dür-
fen. Vielmehr haben wir uns darum zu bemühen, geeignete Wahrnehmungsperspektiven
für sie auszuarbeiten. Dabei können wir uns dann natürlich sowohl an dem gegenwärti-
gen als auch an dem historischen Gebrauch dieser Termini orientieren, da sich in allen
Gebrauchsweisen von Wörtern ein bestimmtes Erfahrungswissen manifestiert hat, das
heuristisch zum Einstieg in den hermeneutischen Zirkel eines differenzierten Sachverste-
hens dienlich sein kann.
72. Stil und Grammatik 1213

2. Die Struktur des Stilbegris

Die historisierende Frage nach der Begriffsgeschichte von Termini ist keineswegs nur
von antiquarischem, sondern durchaus auch von sachsystematischem Interesse. Durch
sie erschließen sich uns die Motive, die zur Ausbildung und zur Variation von Begriffen
geführt haben. Diese Motive gehen im Laufe der Begriffsgeschichte von Termini nie
gänzlich verloren, sondern geben den jeweiligen Wörtern eine bestimmte semantische
Aura, die ihre Nutzungsmöglichkeiten nachhaltig prägt. Diese Aura ist uns allerdings
meist nur über unser Sprachgefühl zugänglich, das uns sagt, in welche Kontexte die
jeweiligen Wörter gehören bzw. in welche Geschichten sie verstrickt werden können.
Unser heutiger Terminus Stil geht auf das lateinische Wort stilus zurück, mit dem
ursprünglich der Griffel für die Beschriftung von Wachstafeln bezeichnet worden ist.
Dieser Griffel besaß ein spitzes Ende zum Einritzen von Buchstaben in Wachstafeln und
ein plattes Ende, um die eingeritzten Wörter zu Korrekturzwecken wieder beseitigen zu
können. Aus dieser Wortgeschichte lässt sich entnehmen, dass sich aus der Bezeichnung
für ein Schreibgerät allmählich die Bezeichnung für eine normativ und planvoll gestaltete
Schreibart entwickelt hat bzw. die Bezeichnung für eine Machart, die auch auf andere
Sachgebiete bezogen werden konnte (Schreibstil, Gattungsstil, Epochenstil, Baustil, Füh-
rungsstil, Lebensstil usw.). Bei den verschiedenen Gebrauchsweisen des Wortes Stil hat
sich aber immer die Grundvorstellung erhalten, dass das Phänomen Stil etwas mit norm-
orientierten intentionalen Gestaltungsprozessen zu tun hat. Dabei dachte man zunächst
an überindividuelle Gestaltungsmuster, aber ab dem 18. Jh. mehr und mehr auch an
individuelle Gestaltungs- und Sinnbildungsformen.
Die Verschränkung des Stilbegriffs mit normativ und intentional orientierten Gestal-
tungsprozessen verweist im Bereich der Sprache auf zwei wichtige Implikationen. Einer-
seits ist der Stilbegriff immer in ganz genuiner Weise mit der Schriftproblematik ver-
knüpft, insofern der schriftliche Sprachgebrauch naturgemäß immer einen höheren Grad
an Planung und Durchstrukturierung aufweist als der mündliche. Andererseits steht der
Stilbegriff immer in einem sehr engen Zusammenhang mit dem Gestalt- bzw. Gestal-
tungsbegriff, insofern der Stil eines Textes aus der Befolgung und Variation sprachlicher
Normen vielfältiger Art resultiert. Auch der mündliche Sprachgebrauch unterliegt natür-
lich bestimmten Gestaltungsnormen, nur sind diese längst nicht so differenziert wie im
schriftlichen Sprachgebrauch.
Während der mündliche Sprachgebrauch im Prinzip eine dialogische Grundstruktur
hat und mit Verstehenshilfen rechnen kann, die sich aus der Verschränkung der Rede
mit der Situation ergeben bzw. aus der Nutzung von intonatorischen, mimischen und
gestischen Zeichen, hat der schriftliche Sprachgebrauch eine monologische und situations-
abstrakte Grundstruktur. Schriftlich realisierte Texte müssen in einem sehr hohen Maße
sprachlich durchgestaltet werden, um verständlich zu sein, weil die Nutzung zusätzlicher
Informationsquellen für den Verstehenden entfällt. Alle relevanten Informationen müs-
sen versprachlicht werden, um Texten einen besonders hohen Grad an semantischer Au-
tonomie zu sichern. Eine solche sprachliche Durchgestaltung ist auch möglich, weil
schriftliche Texte im Gegensatz zu mündlichen nicht spontan formuliert werden müssen,
sondern vielmehr zeitgedehnt auf planvolle Weise konzipiert werden können, wodurch
dann wiederum auch die Ausbildung von differenzierten Textmustern und Stilformen
begünstigt wird.
1214 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Für die Analyse der Stilproblematik kann uns die Gestaltpsychologie aufschlussreiche
Hinweise geben. Sie hat sich nämlich intensiv mit der Frage beschäftigt, in welchem
Zusammenhang in Wahrnehmungsprozessen die Wahrnehmung des Ganzen und die
Wahrnehmung der Teile steht bzw. wie in solchen Prozessen Analyse- und Synthesepro-
zesse ineinander greifen. Zur Klärung dieser Problematik hat sie die Primatsthese und
die Übersummativitätsthese entwickelt (Wellek 1969, 63 ff.; Köller 1988, 325 ff.). Die Pri-
matsthese besagt, dass die Wahrnehmung des Ganzen sich nicht kontinuierlich aus der
Wahrnehmung der Einzelteile ergibt, sondern vielmehr der Wahrnehmung von Einzeltei-
len vorangeht. Einzelteile könnten praktisch erst nachträglich in analytischen Aufgliede-
rungsprozessen als Bausteine des Ganzen erfasst werden. Dabei wird zugleich angenom-
men, dass sich nach diesen Aufgliederungsprozessen das Ganze auch prägnanter darbie-
tet als am Anfang. Dieser Prozess der Wahrnehmungsschärfung, in dem durch Analyse-
und Syntheseanstrengungen aus vagen Vorgestalten über Zwischengestalten prägnantere
Endgestalten ausgebildet werden, wird mit dem Stichwort Prägnanztendenz charakteri-
siert. Wenn ein Wahrnehmungsgegenstand wie z. B. ein Text auf diese Weise eine zuneh-
mend prägnantere Gestalt bekommt, dann gewinnt er damit zugleich auch eine größere
Sinnschärfe und Sinntiefe.
Die Übersummativitätsthese besagt auf ergänzende Weise, dass das Ganze mehr als
die Summe seiner Teile ist bzw. dass die prägnante Sinngestalt am Ende eines Wahrneh-
mungsprozesses sich nicht aus der bloßen Addition von Teilwahrnehmungen ergibt, son-
dern vielmehr aus deren konstruktiver Korrelation. Sie besagt weiterhin, dass das Sinn-
profil einer Wahrnehmungsgestalt sich nicht logisch stringent aus den jeweiligen Teilen
ableiten lässt, weil die Struktur der Gesamtwahrnehmung wiederum erheblichen Einfluss
darauf hat, was überhaupt als Teil wahrgenommen wird. Teile sind so gesehen keine fest
vorgegebenen Bausteine mit definierten Sinnbildungseffekten, sondern vielmehr variable
Bauelemente, die in unterschiedlichen Relationsgeflechten unterschiedliche Sinnbil-
dungsfunktionen bekommen können. Außerdem steht natürlich nicht von vornherein
fest, was als Teil und was als Ganzes anzusehen ist, da sich das erst als eine Funktion
von Betrachtungsebenen, Erkenntnisinteressen und Wahrnehmungsperspektiven ergibt.
Es ist sehr offensichtlich, dass sowohl aus der Primats- als auch aus der Übersumma-
tivitätsthese der Gestaltpsychologie wichtige methodische Hinweise abgeleitet werden
können, wie man das intuitive Verständnis von Texten über analytische Zugriffe präzisie-
ren kann bzw. wie sich Detailwahrnehmungen synthetisch wieder zu Gesamtwahrneh-
mungen zusammenführen lassen, sodass sich aus den vagen Vorgestalten einer Textwahr-
nehmung dann prägnante Endgestalten mit großer Sinnschärfe und Sinntiefe ergeben.
Umgekehrt kann dieses Denkmodell auch dabei helfen, dass man sein Einzelwissen über
das Sinnpotenzial von grammatischen und stilistischen Formen zu einer klar strukturier-
ten Gestaltung insbesondere von schriftlichen Texten produktiv einsetzen kann.

3. Die Struktur des Grammatikbegris

Ebenso wie unsere Stilvorstellung so ist auch unsere Grammatikvorstellung eng mit der
Schriftproblematik verschränkt. Der Terminus Grammatik leitet sich von der griechi-
schen Bezeichnung für den Buchstaben (gramma) ab. Dementsprechend bezeichnete man
dann auch mit dem Terminus Grammatik zunächst die Kunst des Lesens und Schreibens.
72. Stil und Grammatik 1215

Bis in die frühe Neuzeit wurde mit dem Terminus Grammatik das benannt, was wir heute
mit den Termini Philologie oder Textwissenschaft bezeichnen würden. Erst in der Neuzeit
hat sich der begriffliche Inhalt dieses Terminus so verengt, dass mit ihm nur noch das
Inventar sprachlicher Formen bzw. die Lehre von diesen Formen bezeichnet wurde, wo-
bei sich das Interesse immer stärker auf die äußere Gestalt dieser Formen konzentrierte
und die Frage nach den Funktionen dieser Formen oft ganz nebensächlich wurde.
Gleichwohl ist festzuhalten, dass es in allen Schriftkulturen ein immanentes Bedürfnis
nach Grammatikunterricht gibt, um prägnante, semantisch autonome Texte herstellen
zu können bzw. um schriftlich überlieferte Texte besser zu verstehen.
Das pragmatische Bedürfnis, die Sprache mit normierten grammatischen Formen
auszustatten, um sie dann als Sinnbildungs- und Sinnvermittlungsinstrument optimal
nutzen zu können, zeigt sich nicht nur besonders klar im Zusammenhang mit der Ver-
wendung der Schrift, sondern auch im Zusammenhang mit dem kindlichen Spracher-
werb. Der Übergang von Einwort- zu Zweiwortäußerungen kann geradezu als Geburts-
stunde der Grammatik bezeichnet werden. In Mehrwortäußerungen muss nämlich immer
zwischen der Äußerung als Ganzer und ihren konstitutiven Teilen unterschieden werden,
was zwangsläufig dazu führt, den Teilen unterschiedliche Funktionsrollen beim Aufbau
des Gesamtsinns einer Äußerung zuzuordnen. Die Ausbildung und Kennzeichnung von
Satzgliedern, die Ausbildung von grammatischen Morphemen beim Verb sowie die Aus-
bildung innersprachlicher Verknüpfungszeichen ist z. B. eine notwendige Folge des Be-
strebens, die Sprache als autonomes Sinnbildungswerkzeug zu nutzen. So gesehen zeigt
sich, dass die Phänomene Stil und Grammatik genetisch dieselben Wurzeln haben. Die
ihnen zuzuordnenden Formen sollen die Sprache tauglich machen, möglichst situations-
abstrakte autonome Sinngestalten herzustellen.
Die grammatischen Formen sind dabei dann sehr allgemeinen Differenzierungs- und
Sinnbildungsbedürfnissen zuzuordnen und die stilistischen Formen eher speziellen und
artifiziellen, bei denen es um die semantische Feinstrukturierung und die ästhetische
Intensivierung des Sinnreliefs von Texten geht. Die Ausbildung von Stilformen setzt
dementsprechend konsequent das Geschäft fort, das mit der Ausbildung grammatischer
Formen im phylogenetischen und ontogenetischen Spracherwerb begonnen worden ist.
Das bedeutet, dass die Grenze zwischen Stil und Grammatik nicht apodiktisch gezogen
werden kann. Individuell entwickelte Stilformen können sich kulturell als so effizient
erweisen, dass sie sich nach und nach zu grammatischen Formen verfestigen, wofür die
zusammengesetzten Tempusformen und die Passivformen ein gutes Beispiel abgeben, die
sich im Deutschen erst am Ende der ahd. Sprachepoche herausgebildet haben. In neuerer
Zeit lässt sich vielleicht auf die so genannte erlebte Rede verweisen, die sich zunächst als
eine besondere Stilform des Erzählens etabliert hat und die inzwischen wohl ähnlich
wie die indirekte Rede als allgemeines grammatisches Muster des Erzählens bzw. der
Wiedergabe von Inhalten angesehen werden kann. Leo Spitzer hat ausdrücklich betont,
dass grammatische Formen historisch aus funktionskräftigen stilistischen Formen her-
vorgegangen sind. „Alle Neuerung geht vom schöpferischen Einzelnen aus, nihil est in
syntaxi quod non fuerit in stylo. Syntax, ja Grammatik sind nichts als gefrorene Stilistik“
(Spitzer 1961, Bd. 2, 517).
Nun ist allerdings einzuräumen und vielleicht auch zu beklagen, dass der neuzeitliche
Grammatikbegriff sich gegenüber dem antiken und mittelalterlichen sehr verengt hat
und oft nur noch auf die Morphologie sprachlicher Ordnungsmuster Bezug nimmt. Von
der Frage nach den sinnbildenden Funktionen grammatischer Formen wird oft abstra-
1216 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

hiert, weil man fürchtet, dass grammatische Analysen sonst ihre Exaktheit verlieren und
sich weniger gut am Denkstil der Mathematik orientieren können. Ein auf die bloße
Form- und Regelproblematik verdünnter Grammatikbegriff verliert aber seine Relevanz
für den Stilbegriff, weil grammatisches Wissen dann letztlich nur noch dazu dient, um
Aussagen über die Wohlgeformtheit von Äußerungen zu machen, aber keine Möglichkei-
ten mehr eröffnet, das Sinnpotenzial von Äußerungen umfassend zu erschließen. Ein für
den Stilbegriff brauchbarer Grammatikbegriff muss neben der Frage nach der Morpho-
logie grammatischer Formen auch immer die Frage nach den kognitiven und kommuni-
kativen Funktionen dieser Formen stellen. Das ist vielleicht am besten zu bewerkstelli-
gen, wenn man seinen Grammatikbegriff am Zeichenbegriff orientiert und nach der Be-
sonderheit grammatischer und stilistischer Formen als Zeichen fragt.

4. Der Zeichencharakter von Stil und Grammatik

Die semiotische Transformation des Grammatikbegriffs lässt sich am besten im Rahmen


der Semiotik von Peirce konkretisieren (Köller 1988, 41 ff.). Dessen zeichentheoretische
Überlegungen zeichnen sich im Gegensatz zu denen von de Saussure dadurch aus, dass
sie nicht auf dem System-, sondern auf dem Funktionsgedanken aufbauen. Da Peirce
Zeichen als Mittel der Sinnkonstitution und Sinnzirkulation versteht sowie als Vermitt-
lungsinstrumente zwischen der Objektwelt und der Subjektwelt bzw. zwischen Subjekt-
welten, sind seine semiotischen Überlegungen sowohl für die Grammatik als auch für
die Stilistik sehr interessant. Sie eröffnen die Chance, den Stil- und Grammatikbegriff
mit erkenntnistheoretischen, heuristischen und hermeneutischen Überlegungen in Ver-
bindung zu bringen.
Allerdings wirft die Verknüpfung des Stil- und Grammatikbegriffs mit dem Zeichen-
begriff auch Probleme auf. Zum einen ist zu klären, welche sprachlichen Phänomene
überhaupt als stilistische bzw. als grammatische Zeichen anzusehen sind und welchen
morphologischen Komplexitätsgrad solche Zeichen haben können. Zum anderen ist zu
klären, welche konkreten kognitiven und kommunikativen Leistungen wir den jeweiligen
Zeichen zuzuschreiben haben. Diese Fragen sind im Rahmen der Semiotik von Peirce
nicht abschließend zu beantworten, da deren Besonderheit darin besteht, dass alle be-
obachtbaren Phänomene den Status von Zeichen bekommen können, sofern wir ihnen
eine Verweisfunktion auf etwas anderes zuschreiben können. Das bedeutet, dass wir den
Zeichenbegriff weder an bestimmte Sacheigenschaften von Phänomenen binden dürfen
noch an bestimmte Kodekonventionen, sondern allein an die Wahrnehmungs- und Inter-
pretationsweisen für beobachtbare Gegebenheiten. Diese Bindung des Zeichenbegriffs
an den Interpretationsbegriff macht die Frage nach den stilistischen und grammatischen
Zeichen etwas unübersichtlich, aber zugleich auch sehr spannend, weil es kein fest vorge-
gebenes Repertoire solcher Zeichen gibt, weil wir die Chance haben, alle möglichen be-
obachtbaren sprachlichen Phänomene als Zeichen zu deuten und weil die Grenze zwi-
schen stilistischen und grammatischen Zeichen durchlässig wird bzw. sich als eine Funk-
tion von Betrachtungsperspektiven erweist. Zwar können wir sicherlich auf ein Inventar
von sprachlichen Formen zurückgreifen, die wir traditionell als grammatische Zeichen
(Kasusmorpheme, Konjunktionen, Artikel, usw.) oder als stilistische Zeichen (Parataxe/
Hypotaxe, Attributgebrauch, Metaphern, usw.) ansehen, aber die Menge dieser Zeichen
72. Stil und Grammatik 1217

ist nicht nur im Bereich des Stils, sondern erstaunlicherweise auch im Bereich der Gram-
matik nicht abschließend festzulegen (Köller 1988, 53 ff.). So nimmt Humboldt neben
einem „ausdrücklich bezeichneten“ Teil der Grammatik auch noch „einen stillschwei-
gend hinzugedachten“ an (Humboldt 1903, Bd. 5, 319). Kaznelson postuliert neben der
„evidenten Grammatik“ auch noch eine „latente“ (Kaznelson 1974, 98) und Whorf ne-
ben den grammatischen „Phänotypen“ auch noch „Kryptotypen“ (Whorf 1963, 114). Je
komplexer die Zeichenträger für grammatische Zeichen sind und je mehr sie aus der
spezifischen Kombination von morphologisch einfacheren Zeichenträgern resultieren,
desto schwieriger wird es, eine eindeutige Grenzlinie zwischen stilistischen und gramma-
tischen Zeichen zu ziehen, da beide eine ganz ähnliche pragmatische Sinnbildungsfunk-
tion haben. Diese besteht darin, dass sie den Stellenwert einer Grundinformation metain-
formativ qualifizieren sollen. Das zeigt sich sehr deutlich, wenn wir uns mit dem Problem
beschäftigen, wie sich grammatische von lexikalischen Zeichen abgrenzen lassen und auf
welches Semantikkonzept wir bei der Analyse grammatischer Zeichen zurückgreifen
können.
Alle komplexen Zeichensysteme benötigen zwei unterschiedliche Subeinheiten, näm-
lich solche, die organisiert werden, und solche, die organisieren, also Zeichen für Größen
und Zeichen für Operationen. Humboldt hat deshalb auch betont, dass man in der Spra-
che die Wörter in solche einteilen müsse, „welche die Materie, den Gegenstand, und
solche, welche die Form, die Thätigkeit des Denkens betreffen“. Letztere würden nicht
die Gegenstände und deren Eigenschaften betreffen, „sondern nur die Beziehungen und
Verhältnisse der Begriffe und Dinge aufeinander, und zu dem Verstande, durch den sie
gedacht werden“ (Humboldt 1903, Bd. 5, 438 f.).
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen zur logischen Stufung der Informations-
funktion von sprachlichen Zeichen ist es gerechtfertigt, lexikalische Zeichen als autose-
mantische Grund- oder Nennzeichen zu qualifizieren, die bestimmte Sachvorstellungen
zu objektivieren haben, und grammatische Zeichen als synsemantische interpretierende
Metazeichen, die den Stellenwert von Nennzeichen beim Aufbau komplexer sprachlicher
Formen vom Wort bis zum Text zu qualifizieren haben. Die konstruktive Verschränkung
von lexikalischen und grammatischen Informationen lässt sich deshalb auch als eine
Verschränkung von Basisinformationen und Metainformationen verstehen. So informie-
ren uns beispielsweise Kasusmorpheme über die Satzgliedrolle von Substantiven und
Konjunktionen über den möglichen Zusammenhang zwischen zwei Einzelaussagen.
Wenn in einem Text alle grammatischen Zeichen getilgt würden, dann wird er ziemlich
unverständlich, weil wir nicht wissen, in welchem Sinnzusammenhang die lexikalisch
objektivierten Einzelvorstellungen stehen. Wenn in einem Text alle lexikalischen Zeichen
getilgt würden, dann wird er sinnlos, weil die Vorstellungsinhalte fehlen, die durch gram-
matische Zeichen interpretiert und relationiert werden sollen.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird klar, dass wir die Bedeutung beider
Zeichentypen nicht einfach mit Hilfe desselben Semantikkonzeptes erfassen können.
Während wir die Bedeutung lexikalischer Zeichen im Prinzip über ihre referenziellen
Bezüge zur außersprachlichen Welt beschreiben können, kommen wir mit diesem Verfah-
ren bei der semantischen Analyse grammatischer Zeichen nicht recht weiter. Deshalb hat
Weinrich insbesondere für die semantische Analyse grammatischer Zeichen das Konzept
einer Instruktions-Grammatik entwickelt (Weinrich 1993, 18). Dieses besagt, dass alle
grammatischen Zeichen als Orientierungssignale zu verstehen sind, die der Sprecher in
regelmäßigen Abständen setzt, um komplexe Vorstellungsbildungen übersichtlich zu
1218 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

strukturieren bzw. um die Verstehensprozesse von Hörern zu erleichtern. Es ist nun of-
fensichtlich, dass sich die konkrete textuelle Instruktionsinformation von grammatischen
Zeichen nur dann zutreffend beschreiben lässt, wenn man auch zureichende Kenntnisse
über das jeweilige Instruktionspotenzial dieser Zeichen besitzt.
Die Frage nach dem Instruktionspotenzial grammatischer Zeichen führt uns dann
eine Abstraktionsstufe höher zu dem Problem, welche ontologische Berechtigung die
jeweiligen grammatischen Differenzierungsmuster haben. Beispielsweise ließe sich fragen,
warum wir im Deutschen grammatisch nur zwischen dem Plural und Singular unterschei-
den und auf das Differenzierungsmuster Dual verzichten. Weiter ließe sich fragen, warum
wir im Deutschen sechs Tempusformen haben, obwohl wir in der Regel nur die Zeitstu-
fen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden. Solche Fragen lassen sich im
Rahmen einer textbezogenen Instruktionssemantik nicht beantworten, sondern nur in
dem einer Kognitionssemantik, die sich sowohl an ontologischen als auch an pragmati-
schen Differenzierungsinteressen orientieren kann. Es ist offensichtlich, dass nicht nur
instruktionssemantische Fragestellungen für die Analyse der stilistischen Funktionen
grammatischer Zeichen fruchtbar sind, sondern auch kognitionssemantische, weil uns
diese ja nicht nur Hinweise auf die Denkstrukturen eines spezifischen Sprechers geben,
sondern auch solche auf die spezifischen Differenzierungsinteressen einer bestimmten
Sprache oder Kultur.
Der stilbildende Wert grammatischer Zeichen speist sich so gesehen aus zwei Quellen.
Einerseits resultiert er aus der spezifischen Auswahl, Frequenz und Kombination dieser
Zeichen in konkreten Äußerungen. Andererseits resultiert er aus den grundsätzlichen
ontologischen Differenzierungsstrategien, die sich in diesen Zeichen objektiviert und se-
dimentiert haben und die bei ihrem Gebrauch immer wieder verlebendigt werden. Des-
halb kann man dann auch sowohl vom Stil eines Textes als auch von dem Stil einer
Sprache sprechen, insofern nicht nur Texte, sondern auch Sprachsysteme durchstruktu-
rierte Ordnungszusammenhänge repräsentieren. Mit Hilfe des Konzeptes der inneren
Sprachform lässt sich gut erläutern, dass die Phänomene Stil und Grammatik nicht nur
oberflächen-, sondern auch tiefenstrukturell aufeinander bezogen werden können.

5. Die innere Sprachorm

Wenn man Sprachformen nicht als bloße Transportbehälter für von ihnen unabhängige
Inhalte versteht, sondern als Manifestationsformen von Denkmustern, durch die Inhalte
erst eine fassbare Erscheinungsgestalt bekommen, dann verbietet es sich von selbst, sein
Interesse an der sinnbildenden Kraft der Sprache nur auf die direkt beobachtbaren
Sprachformen zu beschränken. Man muss es vielmehr auch auf die Ebene der formbil-
denden Prinzipien ausdehnen, die zur Existenz dieser Formen geführt haben. Diese Aus-
weitung des Interesses macht die Frage nach den sinnbildenden Funktionen sprachlicher
Formen etwas unübersichtlich, aber zugleich auch fruchtbar, weil sie dabei hilft, die kog-
nitive und kommunikative Funktion von Sprachformen im Kontext ihrer Genese zu
beschreiben. Diesbezüglich kann man auch auf eine Parallele bei der Diskussion des
Naturbegriffs verweisen. Hier ist es seit dem Mittelalter üblich, zwischen der Natur im
Sinne von direkt beobachtbaren Naturphänomenen (natura naturata) und Natur im
Sinne von Gestalt bildenden Kräften (natura naturans) zu unterscheiden. Das liegt insbe-
72. Stil und Grammatik 1219

sondere im Kontext von Entelechievorstellungen nahe, insofern man beispielsweise ein


Samenkorn sowohl als geformtes Naturprodukt als auch als Manifestationsweise eines
Natur erzeugenden Prinzips betrachten kann.
Das Interesse an den form- und damit auch sinnbildenden Kräften hinter den direkt
beobachtbaren Formen hat das philosophische und ästhetische Denken seit dem 18. Jh.
nachhaltig geprägt. Shaftesbury hat die Begriffe „forming power“ und „form above all
forms“ bzw. „inward form“ geprägt, die insbesondere eine große Wirkung in der Klassik
und Romantik gehabt haben und wohl auch Humboldt dazu inspirierten, von einer „in-
neren Sprachform“ zu sprechen (Schwinger 1935, 8 ff.). Auch Cassirer hat im Zusam-
menhang mit seinen Überlegungen zu den symbolischen Formen der Sprachreflexion ins-
besondere folgende Aufgabe gestellt: „Hier kann nur ein Rückschluss vom Geformten
zum bildenden Prinzip, von der ,forma formata‘ zur ,forma formans‘ versucht werden“
(Cassirer 1985, 125).
Humboldt hat den Begriff innere Sprachform eher beiläufig in die Welt gesetzt, ohne
ihn systematisch auszuarbeiten (Humboldt 1903, Bd. 7, 62; 86). Durch Steinthal ist er
aber sehr wirksam für die Rezeption der Sprachauffassung Humboldts geworden, inso-
fern er auch seinen Formbegriff sehr gut exemplifiziert. „Unter Form kann man nur
Gesetz, Richtung, Verfahrensweise verstehen“ (Humboldt 1903, Bd. 5, 455). Dement-
sprechend versteht er unter dem Begriff der inneren Sprachform auch nicht eine direkt
beobachtbare Sprachstruktur, sondern die sinnbildende innere Kraft einer Sprache.
„Nicht, was mit einer Sprache ausgedrückt zu werden vermag, sondern das, wozu sie
aus eigner, innerer Kraft anfeuert und begeistert, entscheidet über ihre Vorzüge, oder
Mängel“ (Humboldt 1903, Bd. 4, 287 f.). Wenn man in dieser Weise die innere Form
einer Sprache als das organisierende Prinzip hinter den konkreten sprachlichen und ins-
besondere grammatischen Formen versteht, dann kann man hinter dem konkreten sinn-
bildenden Stil einer Äußerung zugleich auch den sinnbildenden Stil einer Sprache vermu-
ten. Diese fundamentale Objektivierungsstrategie würde dann den Rahmen bilden, in
dem sich konkrete individuelle Objektivierungsstile manifestieren können. Wenn z. B.
einmal in einer Sprache entschieden worden ist, dass Substantive mit Kasusmorphemen
und Verben mit Tempus-, Modus- und Genusmorphemen versehen werden müssen, dann
hat das erhebliche Rückwirkungen auf die Ausbildung und die Verwendung des übrigen
grammatischen Formeninventars einer Sprache.
Obwohl grammatische Formen im Prinzip nicht als Natur-, sondern als Kulturformen
anzusehen sind, gibt es quer durch alle Sprachen oft sehr ähnliche Formen, sodass zuwei-
len auch von angeborenen grammatischen Universalien gesprochen worden ist. Aber hier
handelt es sich wohl weniger um angeborene grammatische Ordnungsmuster, sondern
eher um Ordnungsmuster, die sich aus systembedingten oder aus lebenspraktisch beding-
ten Differenzierungsnotwendigkeiten ergeben haben. Grundsätzlich ist diesbezüglich al-
lerdings zu berücksichtigen, dass alle Basisentscheidungen, die bei der Ausbildung gram-
matischer Ordnungssysteme getroffen worden sind, erhebliche Rückwirkungen sowohl
auf die Entwicklungstendenzen des kognitiven Stils einer Sprache haben als auch auf die
Möglichkeiten, konkreten Äußerungen einen individuellen Stil zu geben. So ist es z. B.
stilistisch nicht unerheblich, dass im Japanischen die grammatische Differenz zwischen
Subjekten und Objekten nicht so klar markiert wird wie in den indogermanischen Spra-
chen. Wegen dieser grammatischen Vagheit kann der Wechsel von einer aktivischen zu
einer passivischen Darstellungsweise dann auch nicht als markantes Stilistikum einge-
setzt werden. Ähnliches gilt auch für die Differenz von Singular- und Pluralformen, die
1220 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

im Japanischen nicht obligatorisch gekennzeichnet werden müssen. Im Kontrast zu den


grammatischen Vagheiten der japanischen Sprache auf diesen Gebieten gibt es in ihr
aber einen großen Reichtum von sprachlichen Differenzierungsformen, mit denen soziale
Beziehungen markiert werden können. Die Wahl oder Abwahl solcher Formen kann
deswegen zu einem wichtigen Stilistikum im konkreten Sprachgebrauch werden (Kishi-
tani 1960, 271⫺281).
Für die Beurteilung der inneren Form einer Sprache bzw. für die Beurteilung der
sinnbildenden Funktionen grammatischer Formen ist es auch sehr wichtig zu wissen,
welche grammatischen Differenzierungskategorien bzw. Zeichen in jedem Sprachge-
brauch obligatorisch verwendet werden müssen und welche fakultativ gebraucht werden
können. So muss beispielsweise im Deutschen jede Äußerung mit Hilfe von bestimmten
Tempus-, Genus- und Modusmorphemen metainformativ qualifiziert werden, ob das nun
im konkreten Fall besonders wichtig ist oder nicht. Für den typologischen Vergleich von
Sprachen hat Jakobson daraus folgenden Schluss gezogen: „Sprachen unterscheiden sich
im wesentlichen durch das, was sie mitteilen müssen und nicht durch das, was sie mittei-
len können“ (Jakobson 1974, 159).
Zur inneren Form einer Sprache wird man auch den Umstand zu rechnen haben, ob
Adjektivattribute prädeterminierend wie im Deutschen oder postdeterminierend wie im
Französischen eingesetzt werden, insofern nämlich der prädeterminierende Gebrauch
synthetisierende Denkweisen begünstigt und der postdeterminierende analysierende.
Auch das Phänomen der Klammerbildung wird man der inneren Form des Deutschen
zuordnen können. Wenn nämlich zwischen dem Klammer eröffnenden Hilfs- oder Mo-
dalverb und dem Klammer schließenden Hauptverb alle möglichen Informationen einge-
bettet werden können, dann ergibt sich dadurch nicht nur eine ganz spezifische Erwar-
tungsspannung auf die prädikative Hauptinformation am Satzende, sondern auch eine
ganz spezifische Anforderung an unser Kurzzeitgedächtnis in Informationsverarbeitungs-
prozessen (Weinrich 1993, 29 ff.). Sprachen, die über einen bestimmten Artikel verfügen,
wie etwa das Griechische und Deutsche, machen es im Gegensatz zum Lateinischen
ungewöhnlich leicht, alle möglichen Wortarten zu Substantiven umzubilden, ohne dabei
spektakulär in die Morphologie des Sprachsystems eingreifen zu müssen. Dadurch wird
dann das spekulative Denken erleichtert, insofern alle möglichen Phänomene problemlos
zu substanziellen Wesenheiten erklärt werden können, über die man dann philosophische
Wesensspekulationen anstellen kann (das Gute, das Denken, das Nichts).

6. Die Normenproblematik

Die These, dass Normen für die Sprache und insbesondere für die Phänomene Stil und
Grammatik eine konstitutive Rolle spielen, ist ziemlich trivial. Sie wird erst interessant,
wenn man ihre Prämissen, Implikationen und Konsequenzen aufzudecken versucht.
Während es beim Stilbegriff umstritten ist, ob er eher auf die Abweichung von gegebenen
oder eher auf die Ausbildung und die spezifische Verwendung von Sprachgebrauchsnor-
men gegründet werden soll, ist es beim Grammatikbegriff unstrittig, dass er auf die
Respektierung von gegebenen Sprachnormen bezogen werden muss. Die metainforma-
tive Interpretation lexikalischer Zeichen durch grammatische muss normativ geregelt
sein, wenn die intersubjektive Verständlichkeit von Äußerungen gewährleistet werden
72. Stil und Grammatik 1221

soll. Ohne normierte grammatische Ordnungsmuster entspräche eine Äußerung einem


Körper ohne Skelett und bekäme eine quallige Sinngestalt. Eine klare Vorstellungsbil-
dung, ein präziser Informationsaustausch und ein argumentativer Sprachgebrauch wären
unmöglich. Je offener man die semantische Normierung lexikalischer Zeichen halten will,
desto mehr müssen die grammatischen Zeichen kognitiv und instruktiv normiert werden,
was der metaphorische Sprachgebrauch schlagend demonstriert.
Die Normierung sprachlicher Zeichen wird allerdings immer dann zu einem Problem,
wenn sprachliche Äußerungen nicht nur einem Zweck, sondern zugleich mehreren dienen
sollen. Dann müssen sprachliche Ordnungsmuster variiert oder neue entwickelt werden,
um die jeweiligen komplexen Objektivierungs- und Mitteilungsziele optimal verwirkli-
chen zu können. Diese Situation ergibt sich insbesondere im natürlichen und poetischen
Sprachgebrauch, der seine Flexibilität verlöre, wenn die lexikalischen und grammati-
schen Zeichen so streng normiert würden wie in den formalisierten Fachsprachen. Die
natürliche Sprache bedarf fester Konventionen, wenn sie verständlich sein soll. Sie muss
diese Normen aber auch negieren und variieren können bzw. neue lexikalische und gram-
matische Muster einführen dürfen, wenn sie ihren komplexen kognitiven und kommuni-
kativen Funktionen gerecht werden will. Als sich z. B. am Ende der ahd. Sprachepoche
die Differenzierungsbedürfnisse im Tempusbereich so verfeinert hatten, dass sie durch
das Präsens und Präteritum nicht mehr zureichend befriedigt werden konnten, hat man
zusätzlich vier neue Tempusformen entwickelt, was natürlich zur Folge hatte, dass auch
das kognitive Profil und die Gebrauchsweisen der alten Tempusformen im erweiterten
Tempusparadigma neu justiert werden mussten.
Hinsichtlich der pragmatischen Notwendigkeit, sprachliche Normen sowohl zu stabi-
lisieren als auch zu flexibilisieren, hat Humboldt immer wieder betont, dass man nicht
den monologischen, sondern vielmehr den dialogischen Sprachgebrauch zur Grundlage
sprachtheoretischer Überlegungen machen müsse. In diesem zeige sich nämlich beson-
ders deutlich, dass das Denken einerseits immer etablierte Sprachnormen durchbrechen
müsse, um innovativ zu sein, aber andererseits diese auch immer respektieren müsse, um
sich selbst und anderen verständlich zu sein. „Im Menschen aber ist das Denken wesent-
lich an gesellschaftliches Daseyn gebunden […]. Der Begriff erreicht seine Bestimmtheit
und Klarheit erst durch das Zurückstrahlen aus einer fremden Denkkraft“ (Humboldt
1903, Bd. 6, 160).
Nun ist hinsichtlich der inneren Dialektik von Normen allerdings zu beachten, dass
diese hinsichtlich ihrer jeweiligen Funktionsebene natürlich unterschiedliche Grade von
Stabilität haben bzw. haben müssen. Grammatische Normen müssen fester als lexikali-
sche und stilistische sein, weil sie deren Fundament bilden. Deshalb hat Hegel auch
betont, dass man über das Studium grammatischer Formen zu den elementaren Formen
des Denkens vorstoßen könne, auf denen alle bewussten Formen aufbauten. „Die Gram-
matik hat nämlich die Kategorien, die eigentümlichen Erzeugnisse und Bestimmungen
des Verstandes zu ihrem Inhalt; in ihr fängt also der Verstand selbst an, gelernt zu wer-
den“ (Hegel 1986, Bd. 4, 322). So gesehen sind dann stilistische Ordnungsformen in
Opposition zu grammatischen genuine Ausdrucksformen individueller Sinnbildungsan-
strengungen auf der Basis von schon standardisierten gesellschaftlichen Sinnbildungs-
mustern. Aus diesem Tatbestand lässt sich ableiten, dass der Begriff Stil in ganz exempla-
rischer Weise als relationaler Begriff zu verstehen ist, da er sich nur im Bezug auf histori-
sche, soziale, textuelle und situative Erwartungsnormen konkretisieren lässt. Solange
sprachliche Gestaltungsformen genau dem entsprechen, was man habituell erwartet, fällt
1222 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

es schwer, ihnen eine spezifische Sinnbildungsqualität zuzuschreiben. Erst im Kontext


von Alternativen offenbart sich die spezifische Stilqualität von Äußerungsformen.
Sprachliche Ausdrücke aller Art können durch die Verwendung in bestimmten Kon-
texten eine andere kognitive Qualität bekommen. Das lässt sich sprachhistorisch bei-
spielsweise sehr gut an der Konjunktion weil exemplifizieren. Diese geht auf den mhd.
Ausdruck di wı̂le zurück, der ursprünglich nur eine zeitliche Verknüpfungsfunktion hatte.
Da die zeitliche Verknüpfung aber oft zugleich auch als eine kausale verstanden werden
konnte, hat sich allmählich die zeitliche Korrelationsfunktion dieses grammatischen Zei-
chens ganz zu Gunsten einer kausalen verflüchtigt. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch
erleben wir wiederum einen spezifischen Funktions- und Normenwandel bei der Kon-
junktion weil. Insbesondere im mündlichen Sprachgebrauch wird sie nicht mehr nur als
subordinierende Konjunktion mit Verbletztstellung benutzt, sondern auch als koordinie-
rende Konjunktion mit Verbzweitstellung (Er hat einen Unfall gemacht, weil er war be-
trunken). Daraus kann man nun den Schluss ziehen, dass wir zukünftig vielleicht ein
sachthematisch begründendes und subordinierendes weil von einem reflexionsthematisch
erläuternden und koordinierenden weil zu unterscheiden haben.
Solange man ein unerschüttertes Grundvertrauen in die Ordnungskraft sprachlicher
Formen und Gebrauchsnormen hat, solange liegt es natürlich nahe, das Stilproblem
als ein Problem der ornamentalen Einkleidung bzw. der optimalen Repräsentation von
Gedanken anzusehen und nicht als Problem der Gestaltung von Gedanken. Je mehr sich
aber im Laufe der Zeit dieses naive Grundvertrauen in die Sprache nicht zuletzt durch
kontrastive Sprachvergleiche verflüchtigte, desto mehr entwickelte sich die Vorstellung,
dass der Stil als eine genuine Ausdrucksform des subjektiven Denkens bzw. des Subjekts
anzusehen sei. Als Beleg für diese Umorientierung der Stilauffassung wird oft die These
Buffons aus seiner Antrittsrede vor der Académie Française von 1753 herangezogen,
wonach der Stil der Mensch selbst sei.
Wolfgang Müller hat nun aber einleuchtend nachgewiesen, dass dieser griffige Topos
ursprünglich keineswegs als eine These zur Kennzeichnung der Subjektivität eines indivi-
duellen Sprechers im Sinne des 19. Jhs. zu verstehen sei, sondern dass Buffon mit dieser
These lediglich thematisieren wollte, dass die sachadäquate sprachliche Darstellung der
objektiv gegebenen Welt eine genuine Aufgabe des Menschen als eines rationalen und
gebildeten Wesens sei: „Ces choses sont hors de l’homme, le style est l’homme même“
(Müller 1981, 41). In Buffons Denkperspektive ist der Stilbegriff sehr eng mit dem Norm-
begriff verbunden, insofern er einerseits auf ein umfassendes Sachwissen bezogen ist und
andererseits auf logische Ordnungsprinzipien, die nach Auffassung des Rationalismus in
grammatischen Ordnungsformen ihren genuinen Ausdruck finden. Guter Stil resultiert
so gesehen aus gutem Denken und sachadäquatem Sprachgebrauch. Er ist eine Form der
Selbstdarstellung des Menschen, aber weniger in einem subjektbezogenen als in einem
gattungsbezogenen Sinne. Erst als sich das Grundvertrauen in sprachliche Formen und
Normen immer mehr auflöste, war der Weg frei, das Phänomen Stil als Manifestations-
weise des individuellen Denkens von Personen, Gruppen und Epochen zu verstehen.
Diese Tendenz zeigt sich sehr klar, als Schopenhauer ein Jahrhundert später die anth-
ropologischen Implikationen des Stilbegriffs thematisiert hat. „Der Stil ist die Physio-
gnomie des Geistes. Sie ist untrüglicher als die des Leibes. Fremden Stil nachahmen heißt
eine Maske tragen. Wäre diese auch noch so schön, so wird sie, durch das Leblose, bald
insipid und unerträglich; so daß selbst das häßlichste lebendige Gesicht besser ist […].
Die Sprache, in welcher man schreibt, ist die Nationalphysiognomie“ (Schopenhauer
72. Stil und Grammatik 1223

1988, Bd. 5, 455). Schopenhauers Diktum repräsentiert ein Stilverständnis, das die Stil-
problematik aus der primären Orientierung an der Objektsphäre löst und sie stattdessen
recht deutlich an die Subjektsphäre bzw. an individuelle Gestaltungsintentionen bindet.
Dadurch wird der Stilbegriff auf eine psychologische Ebene gebracht und gerät zuneh-
mend in ein Spannungsverhältnis zu den kognitiven Ordnungsfunktionen der tradierten
Sprachformen und zu den Normen ihres konventionellen Gebrauchs.
Dieser kulturgeschichtliche Entwicklungsprozess hat zu einer paradoxen Spannung
in unserem heutigen Stilverständnis geführt. Einerseits muss man einräumen, dass man
in sprachlichen Sinnbildungsprozessen immer stabile Normen braucht, um intersubjektiv
verständliche und prägnant strukturierte Sinngestalten zu erzeugen. Andererseits muss
man aber auch akzeptieren, dass solche Normen immer wieder gebrochen werden müs-
sen, um individuelle sprachliche Sinngestalten zu erzeugen bzw. um individuelle Sichtwei-
sen auf bestimmte Sachverhalte sprachlich zu objektivieren. Nur wenn sich ein Sprach-
produzent nicht als Interpret, sondern als sprachlicher Fotograf der Welt oder gar als
Sprachrohr des Weltgeistes versteht, verschwindet diese Spannung. Je schwächer das
interpretative und kreative Denken ist, desto identischer ist es mit den vorgegebenen
Sprachformen und Sprachverwendungsnormen und desto mehr bewegt es sich in den
vorgegebenen Gleisen der Sprache. Je mehr sich jemand seiner Sache unsicher ist bzw.
danach strebt, neue Wahrnehmungsperspektiven auf anscheinend bekannte Sachverhalte
zu eröffnen, desto mehr muss er auf einen Ausgleich des Spannungsverhältnisses zwi-
schen Sprachnormen und Sprachinnovationen achten bzw. auf die Ausprägung prägnan-
ter Stilformen. Nietzsche hat das auf eine einprägsame Formel gebracht: „Den Stil ver-
bessern ⫺ das heißt den Gedanken verbessern, und gar nichts weiter!“ (Nietzsche 1973,
Bd. 1, 930).
Die Abweichung von tradierten Normen kann natürlich auch zu einer bloßen Manier
werden, durch die der Blick auf die darzustellende Sache zu Gunsten des Blicks auf den
Sprecher und dessen mögliche Eitelkeiten abgelenkt wird. Deshalb möchte Heyse den
an der Objektsphäre orientierten Stil klar von dem an der Subjektsphäre orientierten
unterscheiden. Das ist insgesamt vielleicht etwas unrealistisch, aber es verdeutlicht zu-
mindest ein letztlich nicht ganz aufhebbares Spannungsverhältnis. „Wenn also vom sub-
jectiven Stil das Wort gilt: der Stil ist der Mensch; so kann man von dem objectiven Stil
mit noch größerem Recht sagen: der Stil ist die Sache selbst“ (Heyse 1856, 257).

7. Stil als Perspektivitätsproblem

Im Anschluss an die bisherigen Überlegungen zur Stilproblematik stellt sich die Frage,
ob sich ein umfassendes Ordnungskonzept finden lässt, mit dessen Hilfe man die vielfälti-
gen Aspekte der Stilproblematik übersichtlich ordnen und insbesondere die Sinnbil-
dungsfunktion grammatischer Zeichen in das Verständnis von Stil integrieren kann. Die
grammatischen Formen rücken bei Stilanalysen nicht immer in den Fokus der Aufmerk-
samkeit, weil sie im Einklang mit einer langen grammatischen Denktradition oft nur als
semantisch neutrale Organisationsformen der Sprache verstanden werden, die bei der
Konstitution von sprachlichen Sinngestalten im Gegensatz zu lexikalischen Formen
keine prägende Rolle spielen. Möglicherweise bietet der Perspektivitätsgedanke eine
Hilfe, um plausibel zu machen, dass grammatische Formen keine neutralen Transport-
1224 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

formen für lexikalisch objektivierte Vorstellungsinhalte sind, sondern ebenso wie diese
an der Ausbildung von sprachlichen Sinngestalten konstitutiv mitwirken.
Obwohl der Perspektivitätsgedanke seine Herkunft aus der theoretischen Beschrei-
bung von visuellen Gestaltungs- und Wahrnehmungsprozessen natürlich nicht verleug-
nen kann, ist er dennoch auch für die Analyse von sprachlichen Gestaltungs- und Wahr-
nehmungsprozessen fruchtbar, insofern sich mit ihm auf ein anthropologisches Urphä-
nomen Bezug nehmen lässt, das alle kognitiven Prozesse grundlegend prägt (Köller 2004,
6 ff.). Durch den Perspektivitätsbegriff lassen sich alle menschlichen Gestaltungs- und
Wahrnehmungsprozesse kontrastiv von absoluten bzw. göttlichen absetzen. Sein heuristi-
scher Wert besteht darin, dass mit ihm alle grundlegenden Faktoren erfasst und korreliert
werden können, die wirksam werden, wenn Erkenntnissubjekte Kontakt zu Erkenntnis-
objekten aufzunehmen versuchen bzw. wenn Vorstellungsinhalte mit Hilfe von Zeichen
objektiviert und vermittelt werden sollen. Der Perspektivitätsbegriff ist ein genuin media-
ler Begriff und eben deswegen für alle stilistischen Analysen von grundlegender Relevanz.
Seine Herkunft aus der Welt des Auges mindert aber keineswegs seinen heuristischen
Wert, da visuelle Wahrnehmungsprozesse von alters her als exemplarische Modelle für
geistige verstanden worden sind.
Für den Perspektivitätsbegriff ist konstitutiv, dass er drei grundlegende Faktoren von
Sinnbildungsprozessen in einen Interdependenzzusammenhang zu bringen versucht.
Diese Faktoren lassen sich mit den Termini Aspekt, Sehepunkt und Perspektive bezeich-
nen. Das Phänomen Perspektivität ist uns als unausweichliche Rahmenbedingung für die
Strukturierung von visuellen und geistigen Sinnbildungsprozessen im Prinzip so selbst-
verständlich, dass wir darüber ebenso wenig nachdenken wie über das Phänomen
Schwerkraft als unausweichliche Rahmenbedingung für unsere körperlichen Bewegungs-
möglichkeiten. Gleichwohl lohnt es sich aber, die Struktur und die Implikationen dieses
Phänomens etwas genauer ins Auge zu fassen, weil dadurch ein erhellendes Licht auf die
medialen Funktionen der Sprache und insbesondere des Stils und der Grammatik gewor-
fen werden kann.
Der Begriff Aspekt ist genuin objektorientiert. Er dient dazu, den Umstand hervorzu-
heben, dass den Menschen ihre Wahrnehmungsgegenstände nie vollständig zugänglich
sind, sondern nur hinsichtlich derjenigen Ansichten, die die jeweiligen Wahrnehmungsbe-
dingungen zulassen. Diese Wahrnehmungseinschränkung lässt sich durch keine methodi-
sche Raffinesse aufheben, sondern nur dadurch abmildern, dass durch die Variation der
jeweiligen Wahrnehmungsbedingungen einzelne Wahrnehmungsaspekte durch andere er-
gänzt werden.
Der Begriff Sehepunkt ist genuin subjektorientiert. Er dient dazu, unsere Aufmerk-
samkeit darauf zu lenken, dass jede Sachwahrnehmung durch die räumliche und geistige
Position des jeweiligen Wahrnehmungssubjekts bedingt wird bzw. durch die von ihm
verwendeten Wahrnehmungsmethoden und medialen Objektivierungsmittel. All diese
Faktoren präjudizieren, welche Aspekte von Wahrnehmungsobjekten in Erscheinung tre-
ten können und welche nicht. Durch die räumliche und geistige Eigenbewegung von
Wahrnehmungssubjekten bzw. durch die Variation von medialen Objektivierungsmitteln
lassen sich dementsprechend auch neue Aspekte von Wahrnehmungsgegenständen er-
schließen bzw. alte präzisieren.
Der Begriff Perspektive ist genuin strukturorientiert. Er dient dazu, uns verständlich
zu machen, dass alle Wahrnehmungsinhalte nicht Ergebnisse von registrierenden, son-
dern von interpretierenden Akten sind. Durch ihn kann verständlich gemacht werden,
72. Stil und Grammatik 1225

dass eine Sachwahrnehmung weder allein von der Objektseite her noch allein von der
Subjektseite her erkenntnistheoretisch befriedigend beschrieben werden kann, sondern
allein im Rahmen derjenigen Wahrnehmungsperspektive, in der sie in Erscheinung getre-
ten ist oder zu treten vermag. Deshalb kann man die Ausbildung von Wahrnehmungs-
und Objektivierungsperspektiven auch als ein Verfahren ansehen, mit dessen Hilfe Sub-
jekte in die Welt der Objekte hineingleiten bzw. sich diese geistig präsent machen. Infol-
gedessen sind auch alle von Menschen entwickelten Zeichen als Manifestationsformen
von Perspektivierungsanstrengungen anzusehen und somit dem Phänomen der Perspek-
tivität zuzuordnen. Zeichen und insbesondere sprachliche Zeichen bestimmen als hinwei-
sende Repräsentationsmittel nicht nur, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richten soll,
sondern als interpretierende Repräsentationsmittel und kategorisierende Denkmuster
auch, wie wir etwas aspektuell wahrnehmen können und sollen. Zeichen richten unseren
Blick nicht nur auf Sachverhalte, sondern beleuchten diese zugleich auch in einem be-
stimmten kognitiven Licht, insofern sie etwas als etwas wahrnehmbar machen. Stilfragen
sind dementsprechend als genuine Perspektivierungsfragen anzusehen, insofern die stilis-
tische Ausformung einer Äußerung festlegt, wie wir Kontakt mit einem Sachverhalt be-
kommen bzw. in welchem Licht welche seiner Aspekte für uns sichtbar werden.
Wenn wir den Perspektivitätsbegriff auf diese Weise strukturieren und in dieser Aus-
prägungsform auf die Stilanalyse von Texten anwenden, dann empfiehlt es sich, zwischen
der kognitiven und der kommunikativen Perspektivität von Texten bzw. Stilformen in
Texten zu unterscheiden. Von der kognitiven Perspektivität einfacher und komplexer
sprachlicher Formen lässt sich immer dann sprechen, wenn wir uns dafür interessieren,
welches Differenzierungswissen sich in diesen Formen sedimentiert hat und wie es kogni-
tiv strukturiert ist. Die Frage nach der kognitiven Perspektivität von sprachlichen For-
men richtet sich dementsprechend immer auf die Struktur des kollektiven Wissens, das
sich in diesen Formen von den Wörtern bis zu den Textmustern verfestigt hat und das
beim Gebrauch dieser Formen immer wieder aktiviert wird, selbst wenn es dabei auch
variiert wird.
Von der kommunikativen Perspektivität sprachlicher Formen lässt sich immer dann
sprechen, wenn wir uns für die Perspektivierungsanstrengungen in konkreten sprachli-
chen Äußerungen interessieren bzw. wenn wir wissen wollen, von welchen konkreten
Sehepunkten und hinsichtlich welcher Aspekte jemand für sich und andere einen Sach-
verhalt mit Hilfe konventionalisierter Sprachmuster perspektivisch erschließen und ob-
jektivieren will. Es ist offensichtlich, dass die Frage nach der kommunikativen Perspekti-
vität sprachlicher Formen unmittelbar mit der Stilfrage verbunden ist, weil wir mit ihrer
Hilfe ja etwas über den geistigen Sehepunkt eines Individuums, einer Epoche oder einer
Textgattung für einen Sach- und Problemzusammenhang erfahren wollen bzw. über die
Aspekte, die an einem Sachverhalt jeweils herausgearbeitet und beleuchtet werden sollen.
Die Frage nach der kognitiven Perspektivität sprachlicher und insbesondere gramma-
tischer Formen ist eher indirekt mit der Stilproblematik verbunden. Von ihr können wir
uns erst ein Bild machen, wenn wir aus den faktischen Sinnbildungsprozessen heraustre-
ten und uns von einem extrakommunikativen Sehepunkt her Rechenschaft über die Prä-
missen von konkreten Sinnbildungsanstrengungen abzulegen versuchen. In stilistischen
Analysen ist die kognitive Perspektivität sprachlicher Formen allerdings immer mit zu
bedenken, weil sich individuelle Perspektivierungsanstrengungen nur im Kontext derjeni-
gen Perspektivierungsanstrengungen qualifizieren lassen, die sich in den verwendeten
Sprachmustern schon traditionell verfestigt haben. Die in sprachlichen und insbesondere
1226 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

in grammatischen Mustern gebundene kognitive Perspektivität lässt sich gut über zwei
Denkbilder veranschaulichen.
Seit dem Mittelalter ist die Vorstellung bekannt, dass die Nachgeborenen im Hinblick
auf kulturelle Arbeitsleistungen gleichsam als Zwerge auf den Schultern von Riesen ste-
hen (Merton 1989). Im Hinblick auf unsere Problematik lässt sich dieses Bild auf ambi-
valente Weise verstehen. Durch den Gebrauch der von unseren Vorfahren erarbeiteten
sprachlichen Muster übernehmen wir von ihnen immer auch historisch bewährte Denk-
perspektiven für unsere aktuellen Perspektivierungsanstrengungen. Dadurch werden wir
in unseren eigenen Wahrnehmungsprozessen sowohl unterstützt als auch präjudiziert.
Auf den Schultern unserer Vorfahren können wir zwar weiter sehen als diese, aber gleich-
zeitig sind wir auch von den konkreten Wahrnehmungsobjekten weiter entfernt als diese
und können uns diese Objekte immer weniger gut durch eigene Handlungserfahrungen
erschließen. Die Traditionsbelastung unseres Wahrnehmens und Denkens durch die kon-
ventionalisierten Sprachformen hat Hugo von Hofmannsthal in einem anderen Denkbild
eindrucksvoll veranschaulicht: „Denn für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Ge-
walt der Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte […]. Wenn wir den
Mund aufmachen, reden immer zehntausend Tote mit“ (Hofmannsthal 1950, 267).
Die in grammatischen Formen gebundene kognitive Perspektivität tritt als stilistisches
Problem insbesondere bei Übersetzungen in Erscheinung. Wie soll man beispielsweise
die sinnbildenden Funktionen der deutschen Tempus- und Modusmorpheme zur Geltung
bringen, wenn man deutsche Texte in die chinesische Sprache übersetzt, wo es grammati-
sche Verbmorpheme dieser Art gar nicht gibt? Wie lässt sich die Wahl solcher grammati-
schen Morpheme rechtfertigen, wenn man chinesische Texte ins Deutsche übersetzt und
dabei in die deutschen Texte notwendigerweise Informationen einschleusen muss, die
in dieser dezidierten Form im Ausgangstext gar nicht vorhanden sind? Dieses Problem
verdeutlicht sehr klar, worauf Schopenhauer unsere Aufmerksamkeit richten wollte, als
er den Stil als Physiognomie des Geistes qualifiziert hat und einzelne Sprachen als Mani-
festationsformen einer Nationalphysiognomie.
Aus der immanenten kognitiven Perspektivität sprachlicher Zeichen ergibt sich nicht,
dass sinnäquivalente Übersetzungen unmöglich sind, sondern nur, dass man sich eine
sehr genaue Rechenschaft über die kognitive Perspektivität sprachlicher Formen ablegen
muss, um einer Übersetzung ein dem Ausgangstext vergleichbares Sinnrelief geben zu
können. Solche Analysen sind im Hinblick auf grammatische Zeichen natürlich sehr viel
schwerer als im Hinblick auf lexikalische. Das gilt insbesondere dann, wenn wir die
Analyse auch auf die innere Form von Sprachen ausdehnen und dabei auf anthropologi-
sche Denkmuster stoßen, zu denen wir uns kaum Alternativen vorstellen können. Erst
wenn wir darüber spekulieren, welche kognitive Perspektivität grammatische Formen
haben müssten, die Engel oder Fledermäuse für ihre kognitiven und kommunikativen
Bedürfnisse benötigten, können wir den Stellenwert dieses Problems adäquat ein-
schätzen.
Die stilistische Analyse grammatischer Zeichen auf der Basis ihrer kognitiven und
kommunikativen Perspektivierungsfunktionen führt uns zu Ergebnissen, die uns meist
auch schon über unser Sprachgefühl zugänglich sind, die aber hier in der Regel eine so
vage Form haben, dass sie kaum argumentativ für eine Textinterpretation zu verwerten
sind. Beispielsweise erfassen wir natürlich intuitiv, dass ein parataktisch strukturierter
Text ein anderes Sinnrelief als ein hypotaktisch strukturierter hat. Aber erst durch die
Analyse der kognitiven und kommunikativen Perspektivität der verwendeten Konjunk-
72. Stil und Grammatik 1227

tionen können wir uns von der Suggestionskraft der postulierten Korrelationen von Aus-
sagen befreien und die Frage stellen, ob es berechtigt ist, dass der Sprecher gerade diese
und keine anderen konjunktionalen Verkettungen von Einzelaussagen konkret festgelegt
hat, und warum er es nicht den Rezipienten überlässt, die entsprechenden Korrelationen
im Verstehensprozess selbst vorzunehmen. Außerdem ließe sich fragen, warum ein Spre-
cher durch die Verwendung von Konjunktionen eher dazu anregen möchte, in argumen-
tativ orientierte Sinnbildungsprozesse einzutreten als in bildlich orientierte.
Im Hinblick auf die mögliche Nutzung von Negationsmitteln in einem Text könnte
man sich z. B. fragen, warum ein Textproduzent es bevorzugt, einen Sachverhalt perspek-
tivisch im Rahmen einer affirmierenden oder einer negierenden Darstellungsweise zu
objektivieren (Er ist zu Hause geblieben. Er ist nicht weggefahren). Bei der Verwendung
von grammatischen Negationszeichen wird ein Tatbestand so dargestellt, dass er primär
nicht als eigenständiger Sachverhalt in Erscheinung tritt, sondern als Abweichung von
einer Erwartung. Deshalb müssen bei der Verwendung von negierten Aussagen auch
immer zwei unterschiedliche Denkoperationen vollzogen werden, nämlich eine, in der
eine Sachvorstellung erzeugt wird, und eine, in der diese Sachvorstellung metainformativ
als nicht gegeben verstanden wird. Aus dem Gebrauch von Negationszeichen können
wir dementsprechend rekonstruieren, in welchem Erwartungshorizont ein Sprecher einen
Sachverhalt wahrnimmt bzw. wie er das Denken eines Rezipienten diesbezüglich steu-
ern möchte.
Nun kann man sich natürlich lange darüber streiten, ob die sprachliche Objektivie-
rung eines Sachverhalts mit unterschiedlichen grammatischen Mitteln nur als eine unter-
schiedliche perspektivische Darstellung desselben Phänomens zu verstehen ist oder als
Darstellung eines ganz anderen Phänomens. Dieses Problem wird sich kaum endgültig
lösen lassen. Es muss vielmehr als ein Problem toleriert werden, das uns ständig dazu
zwingt, Stilfragen nicht nur als ornamentale Fragen, sondern auch als Perspektivierungs-
fragen mit bestimmten heuristischen, hermeneutischen und rezeptionssteuernden Impli-
kationen wahrzunehmen. Wenn man grammatische Formen prinzipiell als Perspektivie-
rungsmittel mit einem schon konventionell vorgegebenen kognitiven Perspektivierungs-
potenzial und einer aktuellen kommunikativen Perspektivierungsintention ansieht, dann
stellt sich natürlich auch die Frage, welche Sinnschichten von Texten sich über die Ana-
lyse grammatischer Zeichen bzw. Sinnbildungsmittel erschließen lassen (Köller 1988,
355⫺381).
Erstens kann man sich auf die Subjektsphäre konzentrieren und danach fragen, wel-
che Rückschlüsse aus den verwendeten grammatischen Formen auf den Sehepunkt des
jeweiligen Sprechers und seine aspektuellen Wahrnehmungsinteressen gezogen werden
können. Dabei kann man sich dann zugleich auch für den Machtanspruch des Sprechers
interessieren, Sachverhalte in der von ihm gewählten Objektivierungsperspektive zu be-
herrschen und anderen zugänglich zu machen. Zweitens kann man sich medial orientie-
ren und danach fragen, inwieweit sich ein Sprecher bei der Verwendung von grammati-
schen Formen an deren immanente kognitive Perspektivität und traditionelle Instrukti-
onsfunktion bindet bzw. diese variiert, relativiert oder negiert, indem er diese Formen
unüblich verwendet und damit tendenziell auch abändert. So spricht Weinrich etwa von
einer Tempusmetaphorik, wenn Tempusformen in Kontexten verwendet werden, in denen
sie üblicherweise nicht zu erwarten sind (Weinrich 2001, 192 ff.). Das exemplifiziert sich
z. B. sehr eindrucksvoll in der so genannten erlebten Rede, die erhebliche Verstehenstur-
bulenzen auslösen kann, wenn man sich an den traditionellen Perspektivierungsfunktio-
1228 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

nen des Präteritums und des Erzählens in der 3. Pers. Sing. orientiert (Köller 2004, 706⫺
719). Drittens kann man sich auf die Objektsphäre konzentrieren und danach fragen,
inwieweit die verwendeten grammatischen Objektivierungsformen dem zu strukturieren-
den Sachverhalt angemessen sind bzw. inwieweit sich darin kulturbedingte Stärken und
Schwächen offenbaren. Eine Antwort auf diese Frage setzt naturgemäß nicht nur ein
umfangreiches Sach- und Sprachwissen voraus, sondern auch eine große metareflexive
Kompetenz und hermeneutische Beweglichkeit.
Der zuletzt angesprochene Problemzusammenhang ist insbesondere im Bereich der
Naturwissenschaften sehr aktuell. Hier wird oft postuliert, dass es Sachverhalte gebe, bei
denen es sich gleichsam von selbst verbiete, in Betracht zu ziehen, sie in unterschiedlich
perspektivierter Weise darzustellen, weil es nur eine einzige sachadäquate sprachliche
Objektivierungsform für sie gebe. Daraus ist dann oft der Schluss gezogen worden, dass
Stil als individuell bedingte Perspektivierungsform von Sachverhalten sich nur dort ent-
falten könne, wo fiktive Welten entworfen würden und wo es individuelle Gestaltungs-
freiräume gebe, aber nicht dort, wo die Logik der Sache den Gebrauch von Fachbegriffen
und grammatischen Mustern reguliere. Diese Argumentation ist allerdings nicht ganz so
stichhaltig, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Wenn man grundsätzlich der
These zustimmt, dass mit sprachlichen Formen nicht die Welt an sich abgebildet werden
kann, sondern allenfalls die Welt für uns, dann muss man auch einräumen, dass mit
jeder sprachlichen Weltobjektivierung Perspektivierungsanstrengungen und damit Stil-
probleme verbunden sind. Im Bereich der Naturwissenschaften unterliegt die stilistische
Formung von Äußerungen allerdings weniger dem spezifischen Gestaltungswillen einer
individuellen Person, sondern eher den Gestaltungspostulaten einer Objektivierungsme-
thode bzw. eines anerkannten Denkparadigmas, das den jeweiligen Verwendern als sol-
ches meist gar nicht bewusst ist und dessen Besonderheiten sich oft erst durch historische
Vergleiche erschließen. Erkenntnistheoretisch sensibilisierte Naturwissenschaftler haben
aber keine Scheu, von milieubedingten Sehweisen sowie von kulturbedingten Stilen und
Diskursformen in ihren Wissenschaften zu sprechen (Weiss 1997, 125 ff.).
Auch Naturwissenschaftler können ihre Gegenstände natürlich nicht perspektivitäts-
frei aus göttlicher Sicht betrachten und darstellen. Auch sie unterliegen einem methodi-
schen und einem medialen Relativitätsprinzip, das auch als ein stilistisches verstanden
werden kann. Dessen innere Dialektik hat Humboldt im Hinblick auf die Sprache ein-
dringlich beschrieben: „Der Mensch lebt mit den Gegenständen […] so, wie die Sprache
sie ihm zuführt. Durch denselben Act, vermöge dessen er die Sprache aus sich heraus-
spinnt, spinnt er sich in dieselbe ein“ (Humboldt 1903, Bd. 7, 60). Diese Sichtweise ver-
bietet es, das Phänomen Stil als ein Schmuckphänomen anzusehen, das sich einem von
ihm unabhängigen Inhalt auflagert. Es gebietet vielmehr, dieses Phänomen als Ausdruck
eines Sinnbildungsverfahrens anzusehen, das nicht auf sich selbst aufmerksam machen
will, sondern auf eine bestimmte perspektivische Erfassung von Sachverhalten. Deshalb
machen sich gute Stilformen in spontanen Rezeptionsprozessen auch genauso vergessen
wie adäquat verwendete grammatische Formen, insofern ein guter Stil zugleich auch ein
überzeugendes Denken und eine prägnante Darstellung repräsentiert. Die stilistischen
und grammatischen Bedingtheiten unserer Vorstellungsbildung, die wir medial sowohl
als Hilfe als auch als Einschränkung verstehen können, lassen sich abschließend vielleicht
durch das Denkbild des Fensters und das des Beleuchtungslichtes sinnbildlich veran-
schaulichen.
Fenster sind die strukturellen Voraussetzungen dafür, dass wir aus dem Gehäuse un-
serer persönlichen, kollektiven und kulturellen Individualität nach draußen sehen kön-
72. Stil und Grammatik 1229

nen. Fenster gehören einerseits zu einem Gebäude, aber ihre genuine Funktion besteht
darin, dass sie jemandem den Blick aus einem Gebäude ermöglichen sollen. Solange
Fenster konkret genutzt werden, fallen sie als mediale Phänomene gar nicht auf, obwohl
sie natürlich determinieren, wohin wir sehen und was wir sehen. Auf die perspektivie-
rende Funktion von Fenstern werden wir erst aufmerksam, wenn wir unser Denken neu
ausrichten und es nicht mehr sachthematisch, sondern reflexionsthematisch orientieren.
In ähnlicher Weise fallen uns auch Stil- und Grammatikformen als mediale Phänomene
erst dann auf, wenn wir von ihnen keinen direkten Gebrauch machen, sondern sie als
sinnbildende sprachliche Perspektivierungsmittel in einem extrakommunikativen Blick-
winkel ins Auge zu fassen versuchen.
Eine ganz ähnliche Erläuterungsfunktion für die Phänomene Stil und Grammatik
lässt sich auch mit dem Denkbild des Beleuchtungslichtes verbinden. Ebenso wie die
Beleuchtung aus einem Sandstein keinen Marmor macht, aber doch vorgibt, wie Sand-
stein und Marmor für uns in Erscheinung treten, so geben auch Stil- und Grammatikfor-
men vor, wie außersprachliche Phänomene für uns geistig präsent werden können. Das
Beleuchtungslicht erzeugt keine Phänomene, aber es bestimmt doch, wie diese für uns
aspektuell wahrnehmbar und damit auch existent werden. Als Erkenntnismedien lassen
sich sowohl Fenster bzw. Beleuchtungsquellen als auch Stil- und Grammatikformen
neuen Wahrnehmungsbedürfnissen anpassen, aber sie lassen sich nicht als konstitutive
Erkenntnis- und Wahrnehmungsbedingungen aufheben.

8. Literatur (in Auswahl)


Cassirer, Ernst (1985): Die Sprache und der Aufbau der Gegenstandwelt. In: Ernst Cassirer: Sym-
bol, Technik, Sprache. Hamburg, 121⫺160.
Chomsky, Noam (1971): Syntactic Structures. 9 th ed. The Hague/Paris.
Gauger, Martin (1995): Über Sprache und Stil. München.
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1986): Werke in 20 Bänden. Frankfurt a. M.
Heyse, K. W. L. (1856): System der Sprachwissenschaft. Nachdruck. Hildesheim/New York 1973.
Hofmannsthal, Hugo von (1950): Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Prosa I. Frankfurt.
Humboldt, Wilhelm von (1903): Gesammelte Schriften. Nachdruck. Berlin 1986.
Jakobson, Roman (1974): Aufsätze zur Linguistik und Poetik. München.
Kaznelson, S. D. (1974): Sprachtypologie und Sprachdenken. München.
Kishitani, Shôko (1960): Die Psyche der japanischen Sprache und die europäische Denkweise. In:
Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft 44, 271⫺281.
Köller, Wilhelm (1988): Philosophie der Grammatik. Vom Sinn grammatischen Wissens. Stuttgart.
Köller, Wilhelm (2004): Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in
Bildern, im Denken und in der Sprache. Berlin/New York.
Merton, Robert (1989): Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der
Gelehrsamkeit. Frankfurt a. M.
Müller, Wolfgang (1981): Topik des Stilbegriffs. Zur Geschichte des Stilverständnisses von der An-
tike bis zur Gegenwart. Darmstadt.
Nietzsche, Friedrich (1973): Werke in drei Bänden. Hrsg. v. Karl Schlechta. 7. Aufl. München.
Schneider, Wilhelm (1969): Stilistische deutsche Grammatik. Die Stilwerte der Wortarten, der Wort-
stellung und des Satzes. 5. Aufl. Freiburg u. a.
Schopenhauer, Arthur (1988): Werke in fünf Bänden. Hrsg. v. Ludger Lütkehaus. Zürich.
Schwinger, Reinhold (1935): Innere Form. Ein Beitrag zur Definition des Begriffs auf Grund seiner
Geschichte von Shaftesbury bis W. v. Humboldt. In: Reinhold Schwinger/Heinz Nicolai (Hrsg.):
1230 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Innere Form und dichterische Phantasie. Zwei Vorstufen zu einer neuen deutschen Poetik. Mün-
chen, 1⫺89.
Spitzer, Leo (1961): Stilstudien, 2 Bde. 2. Aufl. Darmstadt.
Weinrich, Harald (1993): Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim.
Weinrich, Harald (2001): Tempus. Besprochene und erzählte Welt. 6. Aufl. München.
Weiss, Burghard (1997): „Stil“. Eine vereinheitlichende Kategorie in Kunst, Naturwissenschaft und
Technik? In: Eberhard Knobloch (Hrsg.): Wissenschaft, Technik, Kunst. Wiesbaden, 147⫺163.
Wellek, Albert (1969): Ganzheitspsychologie und Strukturtheorie. 2. Aufl. Bern.
Whorf, Benjamin Lee (1963): Sprache, Denken, Wirklichkeit. Reinbek.

Wilhelm Köller, Kassel (Deutschland)

73. Stil und Individuum (Individualstil)


1. Einheit und Differenz
2. Stil als Ausdruck der Persönlichkeit
3. Stil und Idiolekt
4. Stil und Einzeltext (Werkstil)
5. Ausblick
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract

Both style and the individual aim at forming a unity. However, these separate elements can
only be grasped by differentiated concepts, such as the concept of individuality which allows
to describe the general by referring to the specific of the style and of the individual, respec-
tively.
From a historical perspective, style was first understood as personal style, i. e. as an
expression of personality. In the 16th and 17th centuries, style was perceived as a person’s
overall manner and image. Then, the concept of individual style emerged in the 18th century,
initially standing for a person’s nature. Only in the 19th century was style finally redefined
as an expression of the individual’s subjectivity, and in the early 20th century as that of a
human’s psyche. The 20th century criticism of this concept led to a more concentrated focus
on the linguistic aspects of style. Thus, a distinction between idiolect and personal style
gained prominence through theoretical approaches, while forensic linguistics unavailingly
searched for the linguistic fingerprint. Criticism of the concept also resulted in a reduced
interest in the style of individual texts, which remains a common trend in literary criticism
today. Since the 1990s, it has also become a popular topic of discussion in text linguistics.
Insights into the role of style for the constitution of individual texts has spurred the demand
for text stylistics, which, in turn, should closely collaborate with literary criticism as well
as social and communication sciences.
1230 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Innere Form und dichterische Phantasie. Zwei Vorstufen zu einer neuen deutschen Poetik. Mün-
chen, 1⫺89.
Spitzer, Leo (1961): Stilstudien, 2 Bde. 2. Aufl. Darmstadt.
Weinrich, Harald (1993): Textgrammatik der deutschen Sprache. Mannheim.
Weinrich, Harald (2001): Tempus. Besprochene und erzählte Welt. 6. Aufl. München.
Weiss, Burghard (1997): „Stil“. Eine vereinheitlichende Kategorie in Kunst, Naturwissenschaft und
Technik? In: Eberhard Knobloch (Hrsg.): Wissenschaft, Technik, Kunst. Wiesbaden, 147⫺163.
Wellek, Albert (1969): Ganzheitspsychologie und Strukturtheorie. 2. Aufl. Bern.
Whorf, Benjamin Lee (1963): Sprache, Denken, Wirklichkeit. Reinbek.

Wilhelm Köller, Kassel (Deutschland)

73. Stil und Individuum (Individualstil)


1. Einheit und Differenz
2. Stil als Ausdruck der Persönlichkeit
3. Stil und Idiolekt
4. Stil und Einzeltext (Werkstil)
5. Ausblick
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract

Both style and the individual aim at forming a unity. However, these separate elements can
only be grasped by differentiated concepts, such as the concept of individuality which allows
to describe the general by referring to the specific of the style and of the individual, respec-
tively.
From a historical perspective, style was first understood as personal style, i. e. as an
expression of personality. In the 16th and 17th centuries, style was perceived as a person’s
overall manner and image. Then, the concept of individual style emerged in the 18th century,
initially standing for a person’s nature. Only in the 19th century was style finally redefined
as an expression of the individual’s subjectivity, and in the early 20th century as that of a
human’s psyche. The 20th century criticism of this concept led to a more concentrated focus
on the linguistic aspects of style. Thus, a distinction between idiolect and personal style
gained prominence through theoretical approaches, while forensic linguistics unavailingly
searched for the linguistic fingerprint. Criticism of the concept also resulted in a reduced
interest in the style of individual texts, which remains a common trend in literary criticism
today. Since the 1990s, it has also become a popular topic of discussion in text linguistics.
Insights into the role of style for the constitution of individual texts has spurred the demand
for text stylistics, which, in turn, should closely collaborate with literary criticism as well
as social and communication sciences.
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1231

1. Einheit und Dierenz

Die Begriffe Stil und Individuum arbeiten gleichermaßen mit einer „Einheitsvorentschei-
dung“ (Heinz 1986, 47), die ihre Koppelung bis heute attraktiv erscheinen lässt, zugleich
aber auch deren Folgeprobleme andeutet. Sie vermehren sich in dem Maße, in dem Vor-
entscheidungen zugunsten von Differenzen insbesondere in Theoriekontexten erfolgver-
sprechender werden als Identitätsannahmen. Es empfiehlt sich daher, auch Stil und Indi-
viduum im Fokus einer Differenz zu beobachten. Dafür bietet sich in den Sprach- und
Kommunikationswissenschaften die Differenz von Allgemeinem und Besonderem an
(vgl. Nowak 1983, 123), deren Einheit sich systemtheoretisch auf den Begriff der Indivi-
dualität bringen lässt. Individualität wäre dann nicht länger der „Sorgenfaktor“ (Heinz
1986, 230) der Stildiskussion sondern das Allgemeine im Besonderen des Stils (vgl. Luh-
mann 1986) wie auch des Individuums (vgl. Luhmann 1989). Für die Position des Allge-
meinen, von der sich das Individuelle des Stils abheben lässt, bieten sich neben dem
Kunst- oder dem Sprachsystem verschiedene Kollektivstile an, zu denen Zeit- und Epo-
chenstile, Gruppenstile, National- und Kulturstile, Gattungs- und Textsortenstile, Funk-
tionalstile etc. gehören. Umgekehrt bleibt die Konstitution überindividueller Stileinhei-
ten auf die deskriptive Erfassung einzelner Stilvorkommen angewiesen (vgl. Anderegg
1977, 34 f.; Rosenberg u. a. 2003, 642). Historisch ist die Dimension Stil und Individuum
zuerst als Gleichsetzung entfaltet worden. Unter den Stichworten Manier, subjektiver
oder individueller Stil, Eigenstil, Persönlichkeitsstil, Personalstil und Individualstil wurde
in Kunstkritik und Editionsphilologie, sowie in Ästhetik und Didaktik der Stil als Aus-
druck der Persönlichkeit verstanden. Differenziert wurde diese Auffassung einerseits lin-
guistisch durch die Beschränkung auf sprachliche Äußerungen des Individuums, anderer-
seits poetologisch und texttheoretisch durch die Konzentration auf die jeweils ausgear-
beitete sprachliche Äußerung selbst. Neben der dominant entwickelten autor- bzw.
sprecherorientierten und der einzeltextbezogenen wäre auch eine rezeptionstheoretische
Fassung der Dimension von Stil und Individuum im Sinne der Sozialisation und Enkul-
turation einzelner Rezipienten durch Stil(e) denkbar. Dafür liegen jedoch kaum Vorar-
beiten vor (vgl. aber Frey 1975; Abraham 1996).

2. Stil als Ausdruck der Persönlichkeit

Obwohl seit der Antike in Rhetorik und Poetik ein Set von topischen Formulierungen
für das Konzept des Stils als Ausdruck der Individualität zur Verfügung gestanden hätte,
erzeugt erst die Frühe Neuzeit den nötigen Problemdruck zur Entwicklung einer eigenen
Semantik des Individuums und seines Stils. Ausgearbeitet wurde diese Semantik zuerst
in der Kunstkritik. Nachdem sich das Individualstilkonzept nach 1750 durchgesetzt und
um 1800 mit der neu aufkommenden Ästhetik verbunden hatte, konstituierte es eine
eigenständige, von der normativen zur analytischen überleitende und bis in die 1920er
Jahre andauernde Phase der Stilistik (Göttert/Jungen 2004, 23 f.). Gescheitert ist die
expressive Individualstilistik am Versuch, im Individuum stilistische Normen zu entde-
cken.
1232 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

2.1. Stil als Charakter/Bild des Menschen

2.1.1. Antike und Mittelalter

Zu den Formulierungsmöglichkeiten, die Rhetorik und Poetik der Antike für das Indivi-
dualstilkonzept bereitgestellt haben, gehören der u. a. bei Platon, Pseudo-Longinus und
Quintilian belegte Topos einer „Analogie zwischen rhetorischem Stil und individuellem
Charakter“ (Sowinski 1998, 328; vgl. Müller 1981, 11 f.), Ciceros Pluralisierung der Stil-
arten durch ihre Ableitung aus der Verschiedenheit der Redner im Orator (16 [53]), sowie
die spätantike, im Mittelalter vielfach variierte Annahme einer vorbildlichen Stilverwen-
dung einzelner Autoren nach dem Muster: stilus Aesopi, Homeri, Tullianus, Gregorianus,
etc. (Sowinski 1998, 329). Stets geht es dabei um Generalisierungen, Typisierungen und
Amplifikationen im Rahmen von Temperamentenlehre, genera dicendi und vir bonus-
Ideal, allenfalls noch um Fälle von rednerischer Freiheit (licentia) oder fehlerhaftem Re-
gelgebrauch (vitium), keinesfalls aber um Formen originärer Stilverwendung.

2.1.2. Frühe Neuzeit

Aufgenommen und auf die Artikulation literarischer Individualität bezogen wurden die
antiken Ansätze in der Frühen Neuzeit. Das geschieht im Spannungsfeld zwischen imita-
tio und inventio zuerst ansatzweise bei Petrarca (Rosenberg u. a. 2003, 668), später dann
im Kontext des Anticiceronianismus, besonders bei Erasmus von Rotterdam, Montaigne
und Robert Burton (Müller 1981, 31⫺39; Gumbrecht 1986, 744 f.). Zugleich kommt es
zu einer physiognomischen Zuspitzung des Stilkonzepts, die ihre Parallelen in der Kunst
des Porträts findet und seit dem 15. Jh. durch die maniera-Diskussion in Kunst- und
Musikkritik unterstützt wird (vgl. Heinz 1986, 14 f.; Rosenberg u. a. 2003, 649; 668). Das
physiognomische Stilkonzept, das in der Formulierung vom Stil als Bild des Menschen
(mentis character) kulminiert, ist in der europäischen Poetik und Rhetorik des 16. und
17. Jhs. weit verbreitet. Zwar schließt die Inklusion des Individuums in die alteuropäi-
sche Sozialordnung, abgesichert durch Typisierungsleistungen der Rhetorik und der
Temperamentenlehre, die Formulierung originärer Stilverwendungen noch überwiegend
aus, doch werden in Einzelfällen die Rezipienten erstmals mit der Schwierigkeit konfron-
tiert, inkommensurable Elaborate beurteilen zu müssen (vgl. Gumbrecht 1986, 746).

2.2. Stil als Natur des Menschen

Erst die Annahme, der Stil fließe aus der bislang Gott allein zugänglichen Natur des
Individuums und verhelfe ihr damit zur allgemeinen Sichtbarkeit, individualisierte die
physiognomische Stilauffassung dergestalt, dass um 1750 das Konzept des Stils als Aus-
druck der Persönlichkeit ausformuliert werden konnte. Das geschieht, im institutionen-
geschichtlichen Kontext der Deutschen Rhetorik, (vgl. Weimar 2003, 39⫺54) vor allem
in der Epistolographie (Nickisch 1969, 154⫺184), aber auch in Rhetorik- und Stillehrbü-
chern, die Denken und Sprechen nun zunehmend gleichsetzten, sowie bei Winckelmann,
der den Stilbegriff in der Applikation auf die Kunstgeschichte temporalisiert (Luhmann
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1233

1986, 642⫺644). Die klassische Formulierung des Konzepts findet sich in der Antritts-
rede des Grafen von Buffon vor der Académie Française: „le style est l’homme même“
(Buffon 1753). Gemeint war weiterhin der Mensch als Typus, in diesem Fall der grand
écrivain, zugerechnet wurde das Schlagwort aber nun zunehmend auf das Individuum
(vgl. Müller 1981, 40⫺51).
Gestützt auf die forcierte Identifikation von Sprechen und Denken durch Hamann
und Herder verband sich in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. das Individualstilkonzept mit
der Physiognomik Lavaterscher Provenienz, dem Aufrichtigkeitsfuror Rousseaus und
dem Genieparadigma (vgl. Gumbrecht 1986, 751). Es prägte die Gattung des Briefro-
mans, war wesentlich an der Epochenkonstitution des Sturm und Drang beteiligt und
erlangte in der neu entstehenden Ästhetik den Status eines Grundgesetzes (Sowinski
1999, 21; Rosenberg u. a. 2003, 652). Die kunst- und literaturkritische Leistung des Kon-
zepts erfüllte sich insbesondere im Genre der Charakteristik (Herder, Friedrich Schlegel,
etc.) bzw. des Dichterporträts und der Biographie. Karl Philipp Moritz führte schließlich
in seinen Vorlesungen über den Stil die Ansätze in Epistolographie, Rhetorik- und Still-
ehrbüchern, Kunst- und Literaturkritik, literarischer Praxis und Ästhetik zusammen und
begründete damit die deskriptive Stilistik als Individualstilistik. Als Identifikations- und
Wertbegriff bezeichnet Stil nun „das Eigentümliche, woran man die Schreibart eines
jeden wieder erkennet, und wodurch sie eigentlich erst zur Schreibart wird“ (Moritz
1793, 591). Die Gegenposition der Aufklärung vertrat Adelung (Ueber den Deutschen
Styl). Für ihn dürfen stilistische Innovationen keineswegs „aus der zügellosen Einbil-
dungskraft des Schriftstellers“ stammen, sondern müssen stets „aus dem schönen Con-
ventionellen der Nation selbst hergenommen werden“ (Adelung 1785, 524). Das Indivi-
duelle der Nation wird also dem Individuum vorgeordnet (vgl. Müller 1981, 118⫺123).
Eine vermittelnde Position findet sich im Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik
bei Goethe (Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil), der den Individualstil noch
oder wieder als Manier bezeichnet. Sie ist eine vom Künstler selbst entwickelte Sprache,
„in welcher sich der Geist des Sprechenden unmittelbar ausdrückt und bezeichnet“ (Goe-
the 1789, 67). Obwohl die Manier dem auf Wesenseinsichten (und also auf Allgemeinheit)
verpflichteten Stil untergeordnet ist, kann sie sich in dem Maße Bewunderung und Res-
pekt erwerben, in dem sie das hochkomplexe Repräsentationsprinzip Stil mit dem unter-
komplexen der einfachen Naturnachahmung „durch eine reine, lebhafte, tätige Individu-
alität“ verbindet (Goethe 1789, 70).

2.3. Stil als Subjektivität

2.3.1. Romantik

Zentraler Schau- und Kampfplatz des Stils als Ausdruck der Persönlichkeit ist das 19. Jh.
Es startet in der Romantik mit einer immensen Steigerung und Ausweitung der Indivi-
dualstilistik, insofern einerseits die Individualität des Individuums als Subjektivität und
unendliche Reflexion gefasst (Luhmann 1989, 208⫺215) und andererseits der Stilbegriff
in neuer Weise als unabschließbare Selbstlimitation im Kunstwerk und Kontaktebene
zwischen Kunst und Gesellschaft konzipiert wird (Luhmann 1986, 645⫺648). Die Werke
werden dadurch zum Ausdruck einer unendlich reflektierten Subjektivität, die das Allge-
meine mit dem Besonderen des Individuums fortlaufend verbindet. In funktionaler Per-
1234 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

spektive soll der Ausdruck des Individuums im Stil nun „zugleich als Orientierung des
Schreibens und Kriterium seiner Beurteilung“ (Gumbrecht 1986, 752) dienen, ohne dass
diese Perspektive systematisch ausgearbeitet worden wäre (Linn 1963, 48 ff.). Entspre-
chend fragmentarisch konzipiert Novalis 1798/99 eine „Physiol[ogische] Stylistik“, die
dem Stil zu entnehmen hat, „ob und inwieweit der Gegenst[and] den Verfasser reizt oder
Nichtreizt ⫺ und daraus Folgerungen auf seine Constitution“ ableitet (Novalis 1978,
586). Schleiermacher nimmt 1826/27 die in der historisch-kritischen Philologie des
18. Jhs. verankerte Fassung des Individualstilkonzepts in die Allgemeine Hermeneutik
auf, wobei er zugleich mit kollektiven Individualitäten rechnet: „Gesetz. Jeder Schriftstel-
ler hat seinen eigenen Stil. Ausnahmen von denen, welche überhaupt keine Individual[i-
tät] haben. Diese bilden aber massenweise eine gemeinschaftliche“ (Schleiermacher
1995, 174).

2.3.2. Ideologie und Wissenschat

Die häufig beanspruchte Differenz zwischen kollektiven und individuellen Stilganzheiten


ließ sich auch ideologisch nutzen, sobald der Individualstil mit dem Nationalstil korre-
liert wurde. So verfährt Theodor Mundt (Die Kunst der deutschen Prosa), der im An-
schluss an Herder und Wilhelm von Humboldt die (deutsche) Sprache als Individuum
und das Individuum als psychophysische Einheit konzipiert. Wenn sich dann „die be-
stimmteste und gebildetste Individualität“ des Autors/der Nation „mit Freiheit in der
Sprache erschließt“ (Mundt 1837, 16), werden sowohl sämtliche patriotischen als auch
alle stilistischen Hoffnungen erfüllt werden. Mit vergleichbarer Absicht und im Einklang
mit Hegel, der Goethes Manier-Konzept in seinen Ästhetik-Vorlesungen aufgenommen
und der Dialektik von Subjektivität und Objektivität zugeordnet hatte (vgl. Gumbrecht
1986, 758⫺761; Rosenberg u. a. 2003, 654), wird in der neu entstehenden wissenschaftli-
chen Stilistik der Individualstil als subjektiver Stil dem objektiven Stil untergeordnet.
Heyse etwa weist ersteren der Stilistik und letzteren der Rhetorik zu und andere verfah-
ren ähnlich (Linn 1963, 37, 51 f., 56 f., 63 f.). Wackernagel hat in seinen seit 1836 gehalte-
nen Vorlesungen den subjektiven als einer der ersten auch als „individuellen Stil“ (Wa-
ckernagel 1873, 317) bezeichnet und ihn aus der allein dem objektiven Stil vorbehaltenen
Stilistik ausgeschlossen. Der Individualstil wird auf das Gebiet der grammatischen und
ästhetischen Kritik beschränkt, soweit es dieser auf „die Beurtheilung eines einzelnen
Autors oder die Vergleichung und Unterscheidung mehrerer unter einander“ ankommt
(Wackernagel 1873, 316).

2.3.3. Selbstdarstellung und Stilgebärde

Seine maximale In- und Extension findet das Konzept des Individualstils in der zweiten
Hälfte des 19. Jhs. theoretisch beim Hegelianer Weiße und praktisch im Werk des Antihe-
gelianers Nietzsche. Weiße (1867, 364) bestimmt Stil in normativer Absicht als „Signatur
der Persönlichkeit“ und fundiert ihn zum einen idiolektal, insofern jeder Sprecher auf-
grund seiner leiblichen Konstitution unwillkürlich „eine stilistische Physiognomie, ein
individuelles Bild seiner selbst“ zum Ausdruck bringt (Weiße 1867, 306). Zum anderen
lässt er die gesamte Ästhetik in einer als Stilkritik konzipierten Individualstilistik aufge-
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1235

hen, die nicht nur Handlungen und sprachliche Äußerungen sowie die Literatur im wei-
testen Sinne (inkl. Briefe, Philosophie und die Bibel) sondern prinzipiell jede (Kunst)-
Form als „Medium der Selbstdarstellung des subjectiven, persönlichen Charakters“ be-
greift (Weiße 1867, 303). Neben dem Stil einzelner Persönlichkeiten und einzelner Werke
nimmt Weiße auch stilbildende Kollektive wie Völker und Kulturen, aber auch Naturstile
an, die allesamt zum Ausdruck der „ewigen Persönlichkeit“ Gottes hypostasiert werden
(Weiße 1867, 371). Methodisch orientiert sich bei ihm die Erschließung individueller Stile
an der Altphilologie, besonders am historisch-kritischen, Kongenialität und ästhetische
Bildung voraussetzenden Studium. Damit ist auch Nietzsche aufgrund seiner altphilolo-
gischen Ausbildung bestens vertraut. Seinen eigenen Stil formt er konsequent für denjeni-
gen unter seinen Lesern aus, der „mit kritischem Takt versucht, die intentio auctoris
zu verstehen“ (Benne 2005, 193). Dazu wird das Konzept des Stils als Ausdruck der
Persönlichkeit performativ transformiert: „Einen Zustand, eine innere Spannung von
Pathos durch Zeichen […] mitzutheilen ⫺ das ist der Sinn jedes Stils“ ⫺ der somit zur
„Kunst der Gebärde“ wird (Nietzsche 1908, 304). Das Konzept der performativen Stil-
gesten, die sich bevorzugt an Musik und Tanz orientieren, greift neben den textkritischen
besonders die ethisch-normativen und die physiognomischen Aspekte des Individualstil-
konzepts auf und ergänzt sie um die obligate Adressatenorientierung der Rhetorik, die
es egologisch umcodiert und auf der Basis psychologischer Einsichten als (Selbst-)Ver-
führung zur lebensdienlichen Einsicht versteht (vgl. Gauger 1988).

2.3.4. Germanistik

Die normativen Aspekte des Stils als Ausdruck der Persönlichkeit sind damit weitgehend
ausgereizt und es beginnen die Abbauarbeiten. Der „persönliche Stil eines Schriftstel-
lers“, verstanden als „die Art, wie die Individualität in seinen Schriften zum Ausdruck
kommt“ (Scherer 1888, 120), ist in Scherers Poetik nur noch als deskriptive Kategorie
zulässig. Zur potentiell unendlichen Extension des Personalstils gehört „die ganze indivi-
duelle Grammatik und Metrik“ (Scherer 1888, 120), sowie der Produktionsprozess mit
seinen zahlreichen Einflussfaktoren (vgl. Linn 1963, 61 f.). Den germanistischen Zugang
zum Individualstil sollen dann „allgemeine Schemata der Charakteristik“ eröffnen (Sche-
rer 1888, 120), die zwischen ethischen und stilistischen Aspekten scharf zu unterschei-
den hätten.

2.3.5. Deutschunterricht

Die massiven Normierungsfunktionen des Individualstilkonzepts werden im Deutschun-


terricht des 19. Jhs. sichtbar. Zwar ermöglichte die Berufung auf „Individualstil“ die
Ausdehnung des Deutsch- auf Kosten des Lateinunterrichts (Ochmann 1848, 11), schloss
aber auch das Erlernen stilistischer Fertigkeiten „zugunsten des passiv-kontemplativen
Verstehens“ exemplarischer Autorstile aus (Rupp 1986, 395). Um den als haltlos unter-
stellten Ausdruckswillen der Schüler zu disziplinieren, wurden die traditionellen Stil-
übungen durch eine formalisierte Aufsatzlehre ersetzt, die bis ins 20. Jh. in Geltung blieb
(Rupp 1986, 402 f.; Abraham 1996, 123).
1236 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

2.4. Stil als Psyche, Zahl und Zeichen

Im frühen 20. Jh. kam es in den Geisteswissenschaften zu einer „geradezu ,imperialen‘


Expansion des Stil-Paradigmas“ (Gumbrecht 1986, 772). Zugleich sollte die „Fessel der
Individualität“ (Heinz 1986, 164) abgeschüttelt werden. Zuerst verblassten die Konturen
des Individualstilkonzepts in seiner psychologischen Transformation, und in der semioti-
schen Gegenbewegung dazu löste es sich auf. Seither spielt das Konzept des Stils als
Ausdruck der Persönlichkeit in den Sprach-, Literatur- und Kommunikationswissen-
schaften keine nennenswerte Rolle mehr, obwohl es in der praktischen Stillehre weiterhin
nötig zu sein scheint (vgl. Sanders 1996, 99⫺112) und sich als stylization und imagema-
king tief in den Alltag der Moderne eingegraben hat (vgl. Rosenberg u. a. 2003, 688⫺
701).

2.4.1. Psychologie und Statistik

Exemplarisch werden Expansionsdrang und Begrenzungsbedürftigkeit des Individualstil-


konzepts bei Meyer (Deutsche Stilistik) sichtbar, der unter Stil den „Ausdruck einer
Persönlichkeit“ (Meyer 1906, 228) versteht und diese als „originelle Mischung“ typischer
Einflussfaktoren definiert (Meyer 1906, 230). In der vollständigen Beschreibung indivi-
dueller Sprachgebrauchsweisen findet dann die Stilistik zwar „ihre letzte Verengung und
ihre höchste Aufgabe“, gelangt damit aber auch an eine prekäre Grenze: Ihr Fernziel
wäre eine empirische Stilistik, die als „individueller Sprachatlas zur deutschen Literatur-
geschichte“ entworfen wird. Er hätte „den Gebrauch aller Stilformen und Mittel nach
Gattungen, Zeiten und Persönlichkeiten“ darzustellen (Meyer 1906, 230). Einen Ausweg
aus den empirischen Überforderungen des Individualstilkonzepts versprach seine psy-
chologische Transformation. Für Elster etwa ist der Individualstil nur noch eine Mög-
lichkeit unter anderen, die festgehaltene „Norm der Einheit“ (Elster 1911, 7) stilistisch
zu realisieren. Die neue Konzentration auf die Apperzeptionsweisen der Produzenten
löste einen massiven Historisierungsschub des Individualstilkonzepts aus, der es in kul-
turkritischer Perspektive als kontingenten Effekt einer Spätzeit erscheinen ließ (Elster
1911, 91⫺94). Mit dem Dekadenzverdacht kehrten normative und ideologische Optionen
in die Individualstildiskussion zurück. Sie motivierten die Stilgeschichte (vgl. z. B. Nadler
1930) und operierten bevorzugt mit der Differenz von Zeit- und Persönlichkeitsstil (vgl.
Martini 1955). Aufgenommen und mit der Linguistik verknüpft wurde die Psychologisie-
rung des Individualstils insbesondere von der neoidealistischen Romanistik, nachdem
Voßler im Anschluss an Wilhelm von Humboldt auch Nationalsprachen als Stile verstan-
den hatte. Normativ gewendet kann man dann auch zu Adelung zurückkehren und die
Individualität der Nationalsprache der Erforschung von Individualstilen vorordnen (vgl.
Gipper 1982). Den umgekehrten Weg hat Spitzer eingeschlagen, für den „die individuelle
Stilsprache […] die biologisch notwendige Auswirkung der Individualseele“ darstellt
(Spitzer 1928, 520). Winkler (Grundlegung der Stilistik) macht den Entwurf einer Indivi-
dualstilphysiologie wieder rückgängig, indem er unter Stil „die charakteristische Eigenart
der Gesamtheit“ aller von einzelnen Sprechern oder Sprachgemeinschaften gesetzten see-
lischen Werte versteht (Winkler 1929, 1) und die Identifikation des Stils mit dem indivi-
duellen Sprachgebrauch zurückweist.
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1237

Parallel zu diesen psychologischen Reduktionen ist das Konzept des Individualstils


auch von der Stilstatistik depotenziert worden (Göttert/Jungen 2004, 25 f.). Sie setzt eine
relevante Autorengesamtheit voraus, vermag aus dieser aber nicht zweifelsfrei den Autor
herauszufinden, sondern lediglich einige Kandidaten mit Gründen auszuschließen (vgl.
Wickmann 1968, 7; 75).

2.4.2. Semiotik

Die Auflösung der expressiven Individualstilistik erfolgt im Prager Strukturalismus. Mu-


kařovský hält 1944 fest, dass ein Kunstwerk „keineswegs Ausdruck der Persönlichkeit
oder der Seelenzustände seines Urhebers ist, sondern ein Zeichen, das zwischen zwei
Seiten [i. e.: Autor und Rezipient, U. B.] vermittelt“ (Mukařovský 1966, 79). Das Indivi-
duum wird zum Menschen in seiner Stellung gegenüber dem Universum verallgemeinert,
der im Spiel der Zeichen seine Realität verliert: „Die durch das semantische Geschehen
des Werkes konstituierte Persönlichkeit kann […] keinen anderen als semiotischen Cha-
rakter haben. Sie wird durch die Gestaltungsweise des Kunstproduktes indiziert und
erscheint als dessen fiktiver Urheber“ (Červenka/Jankovič 1976, 98). In expliziter Ab-
wendung von der Ausdrucksästhetik wird der Individualstil performativ als semantische
Geste verstanden, die alle Werkelemente vereinheitlicht (Červenka/Jankovič 1976, 103).
Die Individualität des Stils gerinnt zum bloßen Rezeptionseffekt: „Eben vom Gesichts-
punkt des Empfängers aus konnte die Persönlichkeit (Individualität) des Autors als Ei-
genart (Individualität) des Werkes aufgezeigt werden“ (Červenka/Jankovič 1976, 104).
Konstruktivistische und funktionale Perspektiven auf den Individualstil waren hier an-
schließbar, darunter auch die De- und Rekonstruktion der Autorkategorie (vgl. Jannidis
u. a. 1999). In dem Maße, in dem neue Medien wie der Film das Einzelschöpferkonzept
durch Modelle pluraler Autorschaft ergänzten, hat sich schließlich die Vorstellung isolier-
ter Individualstile auch in urheberrechtlichen Kontexten als hinderlich erwiesen
(Wermke 1988).

2.4.3. Deutschdidaktik

Parallel zu seiner Auflösung in den Kulturwissenschaften wurde das expressive Indivi-


dualstilkonzept im Deutschunterricht des 20. Jhs. nobilitiert. Ansätze der Reform- und
Erlebnispädagogik (vgl. Sowinski 1998, 332) weiterführend entwickelte die nationalsozi-
alistische Didaktik ein Stilkonzept, das die stilexpressive Literaturtheorie verspätet auf-
zunehmen schien, die damit verknüpfte Emanzipation des Individuums allerdings kollek-
tivistisch abbog (Abraham 1996, 124). Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Deutschdi-
daktik fallweise zur Förderung individueller Stile zurückgekehrt (Rupp 1986, 403; vgl.
Fritzsche 1991). „Individuelle ,Stilhandlungsfähigkeit‘“ wird dabei „als ein zunehmend
bewusstes Verfügen über die […] Funktionen topischer Rede“ verstanden, in dem sich
Eigenproduktion und Fremdverstehen wechselseitig ergänzen: „Die Fähigkeit zum indi-
viduell gestalteten Sprachgestus setzt das […] Einnehmen topischer Gesten ebenso vo-
raus wie die reflektierende Anschauung solcher Gesten in fremden Texten“ (Abraham
1996, 395 f.).
1238 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

3. Stil und Idiolekt

Während das Konzept des Stils als Ausdruck der Persönlichkeit sämtliche denkbaren
Ausdrucksformen des Individuums umfasst, beschränkt sich die Frage nach dem Zusam-
menhang von Stil und Idiolekt in linguistischer Perspektive auf sprachliche Ausdrücke.
Dabei können grundsätzlich entweder alle rekurrenten stilistischen Merkmale bei der
produktiven Sprachverwendung einer Person oder nur die besonderen Merkmale (der
,linguistische Fingerabdruck‘) untersucht werden (vgl. Fleischer/Helbig/Lerchner 2001,
453).

3.1. Idiolekt und Individualstil

Überlegungen zur individualsprachlichen Stilverwendung finden sich bereits bei Adelung


(1785, 28), für den die stilistischen Besonderheiten im Ausdruck einzelner Sprecher stets
durch die Kommunikationszwecke der Sprachgemeinschaft eingeschränkt werden müs-
sen, sowie ⫺ mit umgekehrten Vorzeichen ⫺ bei Goethe, für den jeder Mensch „sich
selbst eine Sprache“ bildet, „um das, was er mit der Seele ergriffen, wieder nach seiner
Art auszudrücken“ (Goethe 1789, 67). Im Anschluss an Wilhelm von Humboldt, der
sich von der Stilistik einen zentralen Beitrag zur „Wesenserfassung der Sprache aus dem
individuellen Geist“ (Linn 1963, 79; 100) versprochen hatte, sowie an seinen Lehrer de
Saussure hat schließlich Bally eine individuelle Stilistik (im Unterschied zur allgemeinen
und kollektiven) entwickelt, deren Aufgabe in der Erfassung von Ausdrucksbesonderhei-
ten der einzelnen Sprecher besteht (vgl. Linn 1963, 101; Peukert 1977, 63). Den neoidea-
listischen Versuch Voßlers, die Sprachwissenschaft ganz auf die Untersuchung von Indi-
vidualstilen zu gründen (Linn 1963, 99), hat Spitzer in seinen Studien aufgegriffen (vgl.
2.4.1.). Zur Erfassung von Idiolekten, die als sprachliches System einzelner Sprecher
verstanden werden (Spitzer 1928, 514 f.), sind Lexik, Semantik und Syntax literarischer
Texte mit der Psyche, der Denkform und der Physis ihres Autors zu verknüpfen. Eine
dezidiert auf den Sprachstil bezogene Ausarbeitung des Zusammenhangs von Stil und
Idiolekt bietet die empirische Stilpsychologie Busemanns (Stil und Charakter, 1948). Sie
geht der Entstehung des Sprachstils aus den Persönlichkeitsmerkmalen des einzelnen
Sprechers nach und versteht gestalttheoretisch den entwickelten Stil ebenso wie den Cha-
rakter selbst als Produkt einer individuellen Leistung. Dabei wird auch die Stilstatistik
einbezogen. Als wesentlich wirkungsmächtiger erwies sich freilich der Strukturalismus,
der Stil und Idiolekt zuerst im Rahmen phonologischer Problemstellungen verknüpft
hat. Ansätze Trubetzkoys wurden in Amerika durch Bloch (A Set of Postulates for Pho-
nemic Analysis, 1948) aufgegriffen. Er definierte den Idiolekt als Gesamtheit der mögli-
chen Äußerungen eines Sprechers zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb der sprachli-
chen Interaktion, wobei jeder Sprecher im Laufe seines Lebens und zu jedem Zeitpunkt
über verschiedene Idiolekte verfügen kann. Die Unterschiede zwischen ihnen erfasst der
Stilbegriff. Wie die Überlegungen Ullmanns (Language and Style, 1964) verdeutlichen,
schwebte der Linguistik als Modell und Fernziel idiolektaler Stilverwendung weiterhin
die Literatursprache vor. Ullmann arbeitet mit einem unspezifisch zwischen langue und
parole vermittelnden Idiolektbegriff, überträgt ihn auf die Literatur und unterscheidet
drei Möglichkeiten der Analyse idiolektaler Autorstile: die Stilstatistik, die Stilpsycholo-
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1239

gie und die funktionale Stilistik, der es um die strukturellen Funktionen des Stils im
Einzelwerk geht. Einen ⫺ freilich sehr weit gefassten ⫺ rein linguistischen Idiolektbe-
griff, der sowohl das für ein Individuum spezifische Ausdruckssystem als auch die da-
durch ermöglichten tatsächlichen Äußerungen umfasst, hat zuerst Hammarström (1980)
eingeführt. Unter die idiolektalen Merkmale rechnet er auch unterschiedlich auf die ein-
zelnen Sprecher verteilte Register, zu denen Phraseologismen, Themen, Rollen und Text-
sorten gehören und die eher tentativ unter die Stilkategorie subsumiert werden. Präziser
meint der Registerbegriff „diejenigen stilistischen Eigenschaften eines Textes […], die
durch den situationalen Kontext bestimmt werden“ (Püschel 2000, 480). Auch nach An-
sicht der linguistischen Pragmatik sind „individuelle Stile über eine Kombinatorik be-
schreibbar: durch individuelle Auswahlen aus vorgefundenen Inventaren und durch eine
Integration zu einem neuen individuellen Inventar“ (Sandig 1978, 170). Anspruchsvollere
Fassungen des Verhältnisses von Idiolekt und Stil sind durch die Unterscheidung und
Zuordnung von Idiolekt und Individualstil möglich geworden. Lerchner (1980, 48 ff.)
weist die in der (linguistischen) Stilistik verbreitete Subordination des Individualstils un-
ter die (,objektiven‘) Funktionalstile zurück und benennt die methodischen und begriffli-
chen Mängel des Individualstilkonzepts. Unter der soziolinguistischen Kategorie des Idi-
olekts wird die Gesamtheit aller sprachlichen Mittel verstanden, die einem Individuum
zur Verfügung stehen, während der Individualstil als individualisierende Gestaltung des
idiolektalen Repertoires bestimmt wird (Lerchner 1980, 53). Damit ist der Individualstil
zu einer Prozesskategorie mit Systemcharakter geworden. Er umfasst verschiedene Re-
gister, zu denen neben Kommunikationsstrategien, Textklassen und Gebrauchsformen
auch ästhetische bzw. literatursprachliche Normen gehören. Das stilsemiotische Konzept
Lerchners ist mittlerweile operationalisiert (Michel 2001, 117⫺132) und in die Ästhetik
integriert worden (Rosenberg 2003, 664).

3.2. Der ,sprachliche Fingerabdruck

Zu den Funktionen eines persönlichen Stils gehört seit jeher die Selbstdarstellung des
oder der Sprachhandelnden (Sandig 1986, 214 ff.). Die Frage nach den besonderen stilis-
tischen Merkmalen im Sprachverhalten des Individuums ist daher vor allem in anwen-
dungsorientierten Kontexten diskutiert worden. Frühe Versuche der Kriminalistik, die
individualisierenden Aspekte der Sprachverwendung erkennungsdienstlich zu nutzen
(Müller 1981, 20), wurden von Literaturwissenschaftlern ermutigt, für die ein Autor auf-
grund seines Stils ebenso eindeutig zu identifizieren ist „wie den Verbrecher sein Finger-
abdruck verrät“ (Petersen 1939, 203). Entsprechende Erwartungen hat Jöns (1982) kri-
tisch reflektiert und ihre forensische Diskussion eingefordert. Seine Anregungen fanden
in der Gerichtspraxis Gehör und lösten eine Debatte aus, die Ende der 1980er Jahre
auch die Öffentlichkeit erregte. Es kam zu einer intensiven Auseinandersetzung zwischen
Gutachtern, Linguisten und Kriminalisten, in der die Metapher des linguistischen Finger-
abdrucks übereinstimmend zurückgewiesen und die Möglichkeit einer linguistischen Au-
torschaftsermittlung einerseits aus theoretischen und methodologischen Gründen (kol-
lektive Autorschaft, Kombination von Texten aus Versatzstücken, etc.) bestritten (Wolf
1989; Brückner 1990; Grimm 1991), andererseits aber unter bestimmten Bedingungen,
zu denen etwa die Textsortengleichheit des sprachlichen Materials, die Arbeit mit Merk-
malbündeln und die Beschränkung auf Wahrscheinlichkeitsaussagen gehören, als nützli-
1240 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

ches Hilfsmittel bei der Erstellung von Täterprofilen empfohlen wurde (vgl. Kniffka
1992). Zu den stylometrischen Analyseprozeduren, die in der Regel auf Ergebnisse der
Sprachstatistik zurückgreifen, gehören u. a. Wortlängen- und Fehlermessungen, Einzel-
wort- und Wortgruppenuntersuchungen, sowie die Analyse von Satzeinleitungen und
Satzkomplexen. Stets bedarf jedoch das erhobene Datenmaterial „einer sorgfältigen und
vorsichtigen Interpretation“ (Lipold 1999, 256).

4. Stil und Einzeltext (Werkstil)


Im Kontext der philologischen Textkritik sowie als Implikation einer jeden Version von
Klassik ist Stil auch unabhängig vom Urheber der Äußerung auf der Ebene der sprachli-
chen Äußerung selbst angestrebt und beobachtet worden. Das folgt bereits aus dem
„Homogenitätsprinzip“ (Sowinski 1998, 328) jeder individualisierenden Stilprägung. Mit
dem Stilkult Flauberts und seiner Anhänger wird die „Impersonalität des Kunstwerks“
zur ästhetischen Norm (Müller 1981, 151; Gumbrecht 1986, 762 f.), der auch die Hoch-
schätzung des „individuell geschlossenen Stilcharakters eigentlicher strenger Kunst-
werke“ (Weiße 1867, 374) verpflichtet ist. Die literarische Moderne findet hier ihren
Kompass. Während der Werkstil seit den 1920er und verstärkt in den 1940er und 1950er
Jahren eine zentrale Rolle in der disziplinären Selbstbegründung der Literaturwissen-
schaft spielte, wird er dort inzwischen kaum noch explizit reflektiert, weiterhin aber ana-
lytisch beansprucht. Die Linguistik hat dagegen erst in jüngster Zeit eine Theorie des
Stils einzelner Textexemplare zu entwickeln begonnen.

4.1. Literaturwissenschat

Die Beschränkung der Literaturgeschichtsschreibung auf die Persönlichkeit einzelner


Künstler ist 1910 von Walzel als bloßes „Aneinanderreihen der Individuen“ kritisiert
worden (Walzel 1926, 3). Der analytischen „Erforschung des Einzelnen, sei es Künstler
oder Kunstwerk“ (Walzel 1926, 4), wird eine synthetische Erforschung der „Beziehungen,
in denen es steht“ (Walzel 1926, 35), zur Seite gestellt. Relativiert wurde der Werkstil
jedoch durch die Kategorie des Zeitstils. Weiter führte der Versuch Ermatingers (Das
literarische Kunstwerk, 1921), den literarischen Text als Funktionseinheit zu begreifen,
die sich vom Autor zwar abgelöst, durch diesen aber ihre einheitliche, auf einem besonde-
ren Erlebnis basierende Idee erhalten hat. Der Stil des Einzelwerks wird umgekehrt als
mehr oder weniger ausgeprägte Individualisierung allgemeiner Stilnormen (Gattungsnor-
men etc.) verstanden. Für die existenzielle Stilforschung sind dann bereits „eindeutig die
Kunstwerke“ Gegenstand der Untersuchung (Pongs 1929, 259). Nadler betont dagegen
erneut, dass Stil „immer das Individuelle gegenüber der Norm eines Übergeordneten“
bezeichnet (Nadler 1930, 379) und bezieht daher den Werkstil auf „soziologische
Mächte“, unter denen „Stammestümlichem“ (Nadler 1930, 395) der oberste Rang ge-
bühre. Petersen (Die Wissenschaft von der Dichtung, 1939) folgt ihm, indem er für die
Analyse des Einzelwerks eine Kategorientafel aufstellt, in der zuoberst das ideologische
Konstrukt des Rassestils rangiert. Das ist nach 1945 obsolet. Während Mukařovský
(1971, 49), allerdings noch ohne Rekurs auf den Stil, bereits „das Kunstwerk als Indivi-
73. Stil und Individuum (Individualstil) 1241

duum“ auffasst, hat Kayser (1948, 289⫺292) die logischen und ideologischen Prämissen
des Ausdrucksdenkens im Personalstilkonzept kritisiert und zurückgewiesen. Seither bil-
det der Werkstil den zentralen Gegenstand der Literaturwissenschaft. Unter Absehung
von Ursprungs- und Referenzfragen wird er als individuelle Haltung (verstanden als
einheitliche Wahrnehmung und Gestaltung von Welt) aufgefasst. Aufgrund ihrer Orien-
tierung am Prinzip der Einstimmigkeit wurde die Werkstilistik in epistemologischer Per-
spektive als wertbezogener Aufweis kategorisiert (Strube 1979), obwohl schon für Szondi
die Aufgabe der Literaturwissenschaft zwar weiterhin in der „intensiven Versenkung in
das einzelne Kunstwerk“ besteht (Szondi 1962, 276), ohne für dessen Stil noch in jedem
Fall Einstimmigkeit (Klassizität) postulieren zu können; stattdessen wird für den Stil
des Einzelwerks auch die Möglichkeit widersprüchlicher (manieristischer) Ausgestaltung
eingeräumt (Szondi 1962, 284⫺286). Die damit etablierte Differenz von Werk- und Stil-
individualität gehört seither zum Basisinventar elaborierter literaturwissenschaftlicher
Analysen.

4.2. Sprachwissenschat

In jüngerer Zeit hat sich auch die Textlinguistik mit dem Text als Möglichkeitsbedingung
von Stil und dem Beitrag des Stils zur Identifikation von Textexemplaren auseinanderge-
setzt. Anknüpfend an die Handlungsstilistik und die Überlegungen Lerchners zum Indi-
vidualstil (vgl. 3.1.) hat Fix (1991, 51⫺54) stilistisches Handeln generell als unikalisie-
rende Umsetzung von Stilmustern in jeweils spezifische Textoberflächen verstanden. Ne-
ben dieser notwendigen Unikalität von Texten ist jedoch auch eine „bewußt hergestellte
Einmaligkeit, bewußte Unikalität“ anzunehmen, die als Individualisieren bezeichnet wird
(Fix 1991, 54). Zu den Möglichkeitsbedingungen des Individualisierens von Texten gehö-
ren die Identifizierbarkeit von Stilmustern und das Wissen um ihre intertextuelle Relati-
vität. Daraus, sowie aus dem Befolgen bzw. Fortführen innertextueller, zumeist durch
den Textanfang bedingter Regularitäten, ergibt sich die konkrete Stilgestalt einzelner
Texte (Fix 1991, 54⫺58). Entsprechend wurde dem Stil eine textkonstitutive Funktion
zugeschrieben (Sowinski 1999, 10). Sie besteht in der Annahme, dass „die reale Existenz
eines Textexemplars auch vom Vorhandensein eines einheitlichen Stils abhängt“ (Fix
2005, 37). Daraus folgt, dass jeder Stilbruch „textliche Verschiedenheit“ (Sowinski 1999,
10) signalisieren müsste (vgl. Fix 2005, 44 f.). Mit dem Fernziel einer Theorie des Stil-
bruchs wäre hier weiter nachzufragen, um die Regularitäten aufzudecken, nach denen
einem Text (mehr als?) ein Stil und einem Stil (mehr als?) ein Text zugeordnet werden
können.

5. Ausblick
Fragen nach der Einheit und Differenz von Stilen und (individuellen) Texten lassen sich
künftig wohl am ehesten in einer eigenständigen Textstilistik beantworten (vgl. Fix 2005,
47 f.), die eng mit den Literatur-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften zu koope-
rieren hätte. In jedem Fall dürfte die Unterscheidung zwischen In/Dividuum, Text/en
und Stil/en größere Beobachtungschancen eröffnen als die Voraussetzung ihrer Einheit.
1242 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

6. Literatur (in Auswahl)


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73. Stil und Individuum (Individualstil) 1243

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Ulrich Breuer, Helsinki (Finnland)


74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1245

74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter)


1. Sozialität
2. Stil als Beschreibungskonzept
3. Gruppe(n) und Stil(e)
4. Geschlecht und Stil (Genderstile)
5. Alter und Stil
6. Perspektiven
7. Literatur (in Auswahl)

Abstract

The social dimension of style has to be constructed according to Niklas Luhmann. In taking
not only the ego but also the perspectives of alter egos into account, Luhmann explains the
special horizons of such categories as group, sex and age. After defining style and its
communicative potential, this article introduces some anthropological studies of group
styles. The less formal and the smaller the groups are, the more they create styles for
managing identification within the group and disassociating from persons outside of the
group. The way peer groups compete among members and the maintenance of norms are
illustrated in this article by taking examples from ritual insults, narratives, quarrels and
disputes. Styles are reflected in communicative (pragmatic) practices and in rules of speech
performance.
In chapter 4 of this article, the styles of males and females (women and men) are
presented and discussed. Although many interesting findings show that there are substantial
gender-specific differences, it turns out that pragmatic factors influence the communicative
behavior in multiple ways. These factors have to be taken into account before any conclu-
sions can be drawn with respect to gender-specific styles.
The final chapter deals with styles and age, in particular, it focuses on the style of elderly
persons. Three theoretical models are presented with major emphasis on current research
on the integrationist approach.

Unter Stil verstehe ich im Folgenden mündliche kommunikative Praktiken, die auf der
Verwendung sprachlicher Zeichen basieren (Mikrostilistik). Die neueren soziolinguisti-
schen Ansätze zu sozialen kommunikativen Stilen (SKS) werden in meinem anderen Arti-
kel in diesem Handbuch (Art. 100, insbesondere Kap. 3.3) dargestellt. Während dort
theoretische und methodische Dimensionen der SKS-Definition im Unterschied zu Va-
rietäten im Vordergrund stehen, werden im Folgenden Eigenschaften von SKS zur Expli-
kation von paradigmatischen Konzepten der Sozialität auf dem Hintergrund von Exis-
tenzformen sozialer Lebenswelten herangezogen (vgl. Kallmeyer 1995; Schmidt 2004).
Der Artikel von Johannes Schwitalla in diesem Handbuch behandelt Gesprächsstile (Art.
62), die interaktive Dimension des Stils, die im Folgenden, sofern für Gruppe, Ge-
schlecht, Alter einschlägig, berücksichtigt wird.
1246 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

1. Sozialität
Die grundlegende Bedingung menschlicher Existenz, in einem ungeschriebenen contract
social im Nebeneinander kooperativ und human zu leben und dazu überhaupt befähigt
zu sein, belege ich mit dem Konzept der Sozialität. „Die sozialen Umgebungen, in denen
wir existieren, bestehen nicht bloß aus zufälligen Anhäufungen von Ereignissen oder
Handlungen ⫺ sie sind strukturiert“ (Giddens 1995, 23). Strukturierte menschliche
Handlungen und Beziehungen sind soziale Systeme: „Was diesen ihr Muster verleiht,
ist ihre Wiederholung über Zeiträume und örtliche Distanzen hinweg […] Unser aller
Handlungen werden von den strukturellen Merkmalen der Gesellschaften, in denen wir
herangewachsen sind und leben, beeinflusst; gleichzeitig reproduzieren wir diese struktu-
rellen Merkmale durch unsere Handlungen und verändern sie dadurch […]“ (Giddens
1995, 23). Die genannten Aspekte erforscht die Soziologie als Wissenschaft der Sozialität
in ihrer formalen und funktionalen Komplexität (siehe für einen Überblick Giddens
1995). In systemtheoretischer Perspektive manifestiert sich Sozialität in der Sozialdimen-
sion. „Die Sozialdimension betrifft das, was man jeweils als seinesgleichen als ,alter ego‘
annimmt, und artikuliert die Relevanz dieser Annahme für jede Welterfahrung und Sinn-
fixierung. […] Jedem Sinn kann dann auch eine Verweisung ins Soziale abverlangt wer-
den. Das heißt: Man kann allen Sinn daraufhin abfragen, ob ein anderer ihn genau so
erlebt wie ich oder anders. Sozial ist also Sinn nicht qua Bindung an bestimmte Objekte
(Menschen), sondern als Träger einer eigentümlichen Reduplizierung von Auffassungs-
möglichkeiten. Entsprechend stehen die Begriffe Ego und Alter (alter Ego) hier nicht für
Rollen oder Personen oder Systeme, sondern ebenfalls für Sonderhorizonte, die sinnhafte
Verweisungen aggregieren und bündeln. Auch die Sozialdimension wird durch einen
Doppelhorizont konstituiert; […] die Horizonthaftigkeit von Ego und Alter impliziert
,Unabschliessbarkeit weiterer Exploration‘“ (1985, 119 f.). Als in diesem Sinne Sozialität
repräsentierende Sonderhorizonte sollen im Folgenden die (natürlichen) sozialen Erschei-
nungen Alter, Geschlecht und Gruppe als Grundgrößen sozialwissenschaftlicher Be-
schreibung betrachtet werden. Alter ist ein Konzept für unterschiedliche Lebensphasen,
in deren gerichtetem zeitlichen Verlauf ,von der Wiege bis zur Bahre‘ typische Formen
und Funktionen menschlicher Sozialität zum Ausdruck kommen (vgl. Altersphasen in
Eckert 1997); eigentlich gibt es keine Größe der Sozialität, die nicht vom Alter ,durch-
herrscht‘ ist (biologische Konstante). Ohne den Rückgriff auf den soziologischen Kern-
begriff Gruppe ist das altersspezifische Durchlaufen von Lebensphasen aber ⫺ über das
psychische Innenleben der Individuen hinaus ⫺ nicht sinnvoll zu interpretieren. So ist
Alter mit Gruppe, beide wiederum sind mit Geschlecht verzahnt ⫺ insofern die existenz-
ielle Spannung zwischen Mann und Frau eine gruppen- und lebensphasenbestimmende
Größe der Sozialität darstellt. Da der Terminus Gruppe als für Sozialität grundlegend,
im Zusammenhang mit sprachlichen Praktiken aber eine zentrale Rolle spielt, wird er
hier mit logischer Priorität entwickelt (siehe Kap. 3). In sozialwissenschaftlicher Perspek-
tive kann man alters- und geschlechtsspezifische SKS von Individuen sinnvoll nur mit
Bezug auf die Gruppe untersuchen, da ihre Beschreibung aus gesellschaftlich relevanten
Interaktionen abgeleitet werden müssen (vgl. Schmidt 2004 und Kap. 3). Für die drei
Sonderhorizonte der Sozialität, deren SKS-Eigenschaften wir im Folgenden isolieren wol-
len, legen wir ein interaktionistisch-konstruktivistisches Verständnis zugrunde (Fiehler/
Thimm 2003a, 13 f.; Kotthoff 2006, 6 ff.). Gruppen werden mittels Verhaltenswerten und
-normen im sozialen Prozess der Gruppeninteraktion konstruiert. Für Geschlecht wird
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1247

nicht das biologische Konzept Sexus zugrunde gelegt, sondern Gender: Unter diesem
Begriff verstehen wir den sozialen Typisierungsprozess, der die Inszenierung von Männ-
lich- und Weiblichkeiten umfasst. Alter wird nach Fiehler/Thimm (2003a, 13 f.) als inter-
aktiv konstituiertes Phänomen betrachtet. Innerhalb der physischen Rahmenbedingungen
(Stimme, Körperverhalten etc.) gibt es aber beträchtliche konstruktivistische Spielräume.
In welchen stilistischen Mustern diese im Einzelnen in der Interaktionsdynamik hervor-
treten, ist Gegenstand der Kapitel 3, 4 und 5.

2. Stil als Beschreibungskonzept

Sozialer Kommunikativer Stil (SKS) ist eine Funktion der primären (sozialpsychologi-
schen) Bezugsgröße Identität. Soziale Identität ist in Bezug zu Alter, Geschlecht, Kultur-
und Gruppenzugehörigkeit erfahrbar. Als zeichenspezifische Ausdrucksrepertoires sind
SKS Funktionen dieser erfahrbaren Identitätskonstellationen, aber ihrerseits distinktiv
strukturierte Kodes, die über Alter, Geschlecht und Gruppe ganz spezifische Aussagen
möglich machen, die bei nichtsprachlichen Variablen (z. B. Freizeitverhalten oder Sport-
vorlieben) in dieser distinktiven Strukturiertheit nicht erklärungsstark werden. Jede so-
ziale Gruppe wahrt in Kontinuität (Stabilität über gewisse Zeiträume) eine Kernidentität,
die ein personales oder gruppenspezifisches Überleben im sozialen Kontext sichert. Die
Identität ist zum einen wesentlich geprägt durch Herkunft, Lebensraum, Geschlecht und
Alter, zum andern im aktuellen Alltagsleben durch Teilbereiche wie Familie, Beruf, Frei-
zeit (u. a.). Die ersteren nenne ich konstitutive Faktoren, die zweitgenannten kontextuelle
Faktoren, die ⫺ im Verhältnis zu den ersteren ⫺ eher begrenzte Reichweiten in der
Einflussnahme auf die Gesamtidentität haben. Manifest ⫺ und damit wissenschaftlich
zugänglich ⫺ werden Stile nur, wenn sie in sozialen Kontexten performativ in Szene
gesetzt werden.
Die aktuelle Forschung zu soziolinguistischen Stilen ist sich darin einig, dass stilisti-
sche Markierungen im Kommunikationsverhalten von Sprecherinnen und Sprechern ein
markiertes und gestaltgeprägtes Zusammenwirken selektiver Eigenschaften unterschied-
licher verbaler und nonverbaler Strukturebenen impliziert. Bislang ist der Nachweis des
stilkohärenten Zusammenwirkens querebenenspezifischer verbaler und nichtverbaler Ei-
genschaften interpretativer Natur. Ein kognitiv-konstruktivistischer Ansatz würde die
Disparatheit der semiotischen Markierungen mittels anwendungsbezogener Wissensbe-
stände so rekonstruieren, dass daraus eine explizite stilkohärente Lesart entsteht. Eine
theoretische Konzeption, in der den performativen Stilprofilen stilkoheränzstiftende Wis-
sensbestände entsprechen, die als Korrelate der ersteren explizit (durch Hörer) rekon-
struiert werden müssen, habe ich in Kap. 3 meines anderen Artikels in diesem Handbuch
(Art. 100) vorgelegt. (Vertiefende Erläuterungen finden sich unter: http://www.personal.
geisteswissenschaften.fu-berlin.de/nordit/LINK: aktuelle Veröffentlichungen, Stil.) Der
folgende Überblick fokussiert die Fragestellung, welchen Beitrag die Sozialdimensionen
Gruppe, Alter und Geschlecht zur Konstruktion von distinktiven (Bourdieu 1979) sozio-
linguistischen Stilen leisten (vgl. zu verwandten Fragestellungen Art. 73 von Breuer und
Art. 62 von Schwitalla in diesem Handbuch). Anders als die meisten Beiträge dieses
Handbuches bezieht sich dieser ausschließlich auf mündliche Rede als gruppen-, alters-
und geschlechtskonstitutiven Stil.
1248 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

3. Gruppe(n) und Stil(e)


Unter einer sozialen Gruppe ist ganz einfach eine Anzahl von Menschen zu verstehen, die
miteinander regelmäßig interagieren. Durch die Regelmäßigkeit der Interaktion werden die
Beteiligten zu einer eigenen Einheit mit einer übergeordneten sozialen Identität verschmol-
zen. Mitglieder einer Gruppe erwarten voneinander bestimmte Verhaltensformen, die von
Nicht-Mitgliedern nicht erwartet werden. Der Größe nach reichen Gruppen von sehr engen
Verbänden, wie der Familie, bis zu großen Kollektiven, wie Sportvereine.
(Giddens 1995, 305)

Der Begriff Gruppe lässt sich von ähnlichen Konzepten, wie Aggregat und Netzwerk
abgrenzen (Näheres dazu wird ausgeführt in http://www.personal.geisteswissenschaften.
fu-berlin.de/nordit/LINK: aktuelle Veröffentlichungen, Stil.)
In den Sozialwissenschaften versteht man unter Gruppe „eine Anzahl von Personen,
die untereinander dependente Beziehungen haben“. Aggregate sind demgegenüber „An-
häufungen von Menschen, deren Interaktionen nicht zentriert sind“ (Goffmann, zit. in
Giddens 1995, 105). Je nach Größe (Kleingruppe, Verein), Interaktionsdichte (Ad-hoc-
Gruppe, Spontangruppe, dauerhafte Gruppe), Grad der Formalität ihrer Konstitution
(formell [⫽ institutionalisiert] vs. informell [nicht-institutionalisiert]), interner Kohäsion
(⫽ Zusammenhalt), primärer (Familie, Freundeskreis) und sekundärer Zugehörigkeit
(Arbeitsg., Interesseng., Männerg., Fraueng. etc.) werden verschiedene Typen von Grup-
pen unterschieden (vgl. Abb. 74.1). Gruppen und ihr Verhalten unterliegen mehr oder
weniger langfristigen Prozessen, als deren wesentliche Merkmale gelten (Fisch 2005,
423 ff.):
(1) Entwicklung von Kontakt, Sympathie und sozialer Distanz (Abgrenzung nach außen)
(2) Wir-Gefühl, Gruppenidentität (Gefühl der Zugehörigkeit)
(3) Zusammenhalt
(4) Rollendifferenzierung (Gefüge von Funktionen, differenzierte Rollen und Regeln)
(5) Beziehungsmuster innerhalb der Gruppe (langfristige Beziehungen, gegenseitiger
Einfluss, geteilte Erlebnisse und Geschichte)
(6) Formen der Führung
(7) Bezugsgruppen (Beziehung zu und Abgrenzung von anderen Gruppen)
(8) Soziale Vergleichsprozesse
(9) Leistungsvorteile von Gruppen.
Welche Auswirkungen haben diese Größen auf gruppenspezifische SKS? In der folgen-
den Forschungsübersicht finden sich vorzugsweise (Kriterium: Stilbezogenheit) Erkennt-
nisse zu (1) bis (5). Aber nur solche Studien werden einbezogen, in denen SKS-spezifische
Aspekte von Gruppen über eine längere Zeit in einschlägigen Situationen/Domänen er-
hoben bzw. beobachtet wurden.

3.1. Typologische Aspekte


Die derzeit beste soziologische Aufarbeitung gruppensoziologischer Forschung (mit ei-
nem eigenen theoretischen Entwurf) stellt Schmidt (2004) dar. Er verortet das Konzept
soziale Gruppe (G) in Abb. 74.1 als typologisches Kontinuum nach Maßgabe der Para-
meter (i) Größe (Kleingruppe, Verein), (ii) Interaktionsdichte (Ad-hoc-Gruppe, Spontan-
gruppe, dauerhafte Gruppe), (iii) Grad der Formalität ihrer Konstitution, (iv) interne
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter)

Abb. 74.1: Verortung der sozialen Gruppe in einem typologischen Kontinuum nach Schmitt (2004, 30)
1249
1250 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Kohäsion (⫽ Zusammenhalt), (v) primäre (Familie, Freundeskreis) und sekundäre Zuge-


hörigkeit (Arbeitsg., Interesseng., Männerg., Fraueng. etc.). Je größer eine Gruppe ist,
desto formalisierter und systemzweckgebundener ist ihre inhaltliche Kohäsion. Je inti-
mer, zweckungebundener und spontanen Interaktionsraum eröffnend eine Gruppe ist,
desto kleiner ist sie in der Regel. Dieser vertikalen Dimension steht eine horizontale
gegenüber: Je freundschaftlicher die Bindungen in G sind, desto intimer und gefühlsge-
steuerter ist das interne Kohäsion stiftende Wir-Bewusstsein. Wichtig ist die in der Kon-
zeption von Schmidt berücksichtigte Interaktionssituation im sozialen Kontext nach
Formalität vs. Informalität. Gerade diese Differenzierung wurde in der Soziolinguistik
als grundlegend für natürliche, ungezwungene Register vs. formale, stark in der Produk-
tion kontrollierte Register betrachtet. Dass diese Dimension in der G-Konzeption eine
Rolle spielt, eröffnet bessere Erklärungsmöglichkeiten für SKS. Cooleys Anfang des
20. Jhs. formulierte These, „dass Prozesse der Subjektgenese bzw. der Identitätsbildung
sich im Wesentlichen durch die Spiegelung des eigenen Selbst an bedeutsamen Anderen
(sog. ,looking glass self‘) vollziehen und dass solche Prozesse zunächst ausschließlich in
Primärgruppen stattfinden und demzufolge dort erworben werden“ (Schmidt 2004, 37),
führt Schmidt dazu (2004, 36⫺45), Primärgruppen (lebensweltliche Naturwüchsigkeit,
Intimität in kleinen, natürlichen Gruppen) von Sekundärgruppen (institutionalisiert, for-
meller, weniger intim und spontan) zu unterscheiden.
Im Folgenden werden exemplarisch SKS von Primär-, insbesondere aber von Sekun-
därgruppen mehr oder weniger Gleichaltriger behandelt. Damit stehen kleine, informelle
Gruppen im Zentrum. Soweit wir sehen, gibt es keine oder offenbar kaum Stiluntersu-
chungen zu formalen, institutionalisierten Gruppen (vgl. oberer Teil der Abb. 74.1).

3.2. Jugendliche Gruppen von Gleichaltrigen (JGG)

Signifikante Untersuchungen zum Stil von JGG gibt es erst seit der Etablierung der
Soziolinguistik in den 1960er und 1970er Jahren. Im für die 1960er Jahre typischen
Kampf gegen Analphabetismus und Rassendiskriminierung in den USA verurteilte La-
bov (1972b) experimentelle, nur auf individuelle psychologische Tests aufbauende Stu-
dien zum Schulversagen schwarzer Jugendlicher und stellte diesen Ergebnisse aus teil-
nehmender Beobachtung von JGG-Cliquen (sogenannten Clubs) entgegen.
Die Jets, Cobras oder Thunderbirds gehören einer Straßenkultur an, die der Schule
diametral entgegengesetzte Werte vertreten wie Drogen- und Alkoholmissbrauch, Ver-
weigerung von Schulaufgaben, Ausübung körperlicher Gewalt. In ihrer ,Gegenkultur‘
sind körperbezogene Qualitäten gefragt: Härte (toughness), Gewandtheit (smartness), die
Fähigkeit ,was-los-zu-machen‘ (trouble) oder Aufregung zu erregen (excitement); weitere
Tugenden sind Selbstständigkeit (autonomy) und die Anerkennung des Schicksals (fate).
Die Werte und Ziele der Gruppen wurden durch die teilnehmende Beobachtung eines
Bandenmitglieds transparent gemacht, das dem Projekt über einem längeren Zeitraum
angehörte. Nach den Beobachtungen eines Clubmitglieds, das die teilnehmende Be-
obachtung durchführte, sind die Clubs Halbwüchsiger (10⫺16) von den Jungen selbst
gegründet und werden von den Erwachsenen in der Nachbarschaft abgelehnt. Die Grup-
penzugehörigkeit ist mit Rechten und Pflichten verbunden.
Labovs zentrales soziolinguistisches Interesse besteht darin, die Regularitäten des
Black English und jener Faktoren, die zu seiner Stabilität vs. Instabilität beitragen, zu
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1251

beschreiben. Beschreibungen des Gruppenverhaltens und des damit einhergehenden Stils


sind nur insoweit von Bedeutung, als die (sozialen) Gruppengrößen die stabilen Normen
eines regelhaft verwendeten Black English erklären (ein kurzer Überblick über die wich-
tigsten Ergebnisse der Studie finden sich unter http://www.personal.geisteswissenschaf-
ten.fu-berlin.de/nordit/LINK: aktuelle Veröffentlichungen, Stil sowie in Dittmar 1976).
In seiner umfassenden Bestandsaufnahme sozialen und kommunikativen Verhaltens
Jungendlicher (15⫺18 Jahre) sucht Schmidt (2004, 222⫺240) Antworten auf die leiten-
den Fragen: Was ist die identitätsstiftende, der Außen- und der Binnenorientierung die-
nende Selbstdefinition der Peergroup? In welchen kommunikativen und sozialen Prakti-
ken realisiert sich doing peergroup? Als Ergebnis des Vergleichs zahlreicher empirischer
Untersuchungen im englisch- und deutschsprachigen Raum formuliert er in zwei Über-
sichten (2004, 225 f.) Korrespondenzregeln zwischen konstitutiven Mechanismen, Ver-
fahren und verschiedenen Subdimensionen und ihren kommunikativen Realisierungen.
Fein unterdifferenziert werden kommunikative Gattungen und Praktiken mit ihren je
konfigurativen stilistischen Ausprägungen ethnographisch und soziologisch konturierten
inneren und äußeren Arealen von Gruppenaktivitäten zugeordnet. Das Gruppenbe-
wusstsein als explanativer Parameter wird als oberste Instanz in die Analyse einbezogen
(metakommunikative Stile). Eine Übersicht über 16 detailliert beschriebene interaktive
Szenarien auf dem Hintergrund einschlägiger Peergroupstudien am Beispiel des ethno-
graphisch selbst erhobenen „Frankfurter Korpus ,natürliche Peer-Group-Kommunika-
tion‘ (JuK)“ findet sich in Schmidt (2004, 403). Festzuhalten bleibt, dass der SKS der
JGG
(a) kein „defizitärer“ Modus des Kommunizierens ist,
(b) sich an „Unterhaltung und Wettbewerb, die ihren eigenen Gesetzen folgt“ (Schmidt
2004, 251), orientiert,
(c) kooperative und wettkampfbezogene, solidarische und distanzierende Stile ohne
schroffe Grenzziehungen impliziert,
(d) Selbst-und Fremddarstellungen mit verbalen Praktiken des Spaßes (innovativer, kre-
ativer Sprachgebrauch) und kompetitiven kommunikativen Fähigkeiten (Überbieten
[Toppen], Übertreibung [Hyperboli]) verbindet,
(e) die ,Mittelknappheit‘ zum unterhaltsamen und untereinander wetteifernden JGG-Stil
stilisiert: Handlungsdarstellungen in Erzählungen und Bewertungen werden „über
syntaktische Reduktionen bis hin zur Kontraktion und Tilgung von Silben (etwa
ku⫽ma statt kuck mal) geleistet ⫺ dies lässt sich dadurch erklären, dass lange Bei-
träge kaum eine Chance haben, ununterbrochen vollendet werden zu können“
(Schmidt 2004, 249).
Die genannten SKS-Eigenschaften tragen wesentlich zur Stabilität und zur Kontinuität
der Gruppe bei. Die Studie belegt nachhaltig, dass die Größen Alter und Geschlecht mit
den Stilen der Gruppenkommunikation, der Gruppenaktivitäten, der Gruppennormen
und ihrer Stabilität aufs Engste verbunden sind.

3.3. Freizeitgruppen älterer Menschen


In Kallmeyer (1995, 4 ff.) werden mithilfe des Konzeptes soziale Welten ganz unterschied-
liche Arten von Sozialbeziehungen in Städten am Beispiel Mannheim untersucht. Für
die Mannheimer Soziolinguisten „zeigen Gruppen von ,Gleichgesinnten‘ am deutlichsten
1252 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Tab. 74.1: Vergleich verschiedener kommunikativer Stile in zwei verschiedenen Milieus in der Stadt
Mannheim nach Kallmeyer (1995, Zitate aus diesem Aufsatz)

Die Literaturgruppe aus Vogelstang Die Bastelgruppe aus Filsbach


1. Die Standardsprache wird sowohl in 1. In öffentlichen Situationen wird der
öffentlichen Situationen als auch im „markierte Standard“ verwendet, in
privaten Bereich, zu Hause und unter privaten Situationen die Mannheimer
den Freunden, gebraucht. Das Stadtsprache.
Mannheimerisch wird im privaten,
inoffiziellen Bereich und auch mit den
das Mannheimerisch Sprechenden
verwendet. Allerdings wird das
unterschiedlich häufig und
unterschiedlich konsequent
durchgeführt und oft wird hin zur
standardsprachlichen Lautung
gewechselt.
2. Die Gruppe vermeidet „vulgäre“, 2. Bei den Auseinandersetzungen wird
grobe und aggresive Lexik. Das die Direktheit bevorzugt. Vorwürfe
Kritisieren der negativen Aspekte wird werden explizit formuliert, auch in
vermieden. Es werden lieber positive Form von regelrechten Anklagen. Die
Aspekte gelobt, um „den Ausdruck von Auseinandersetzungen können sogar
negativen Gefühlen wie Gereiztheit“ heftig sein. Scharfe Ironie und
zu minimalisieren. Bei der Problem- Sarkasmus werden auch als Mittel des
und Konfliktbehandlung wird explizite aggressiven Angriffs verwendet.
Thematisierung und argumentatives
Austragen präferiert.
3. „Die Gruppe orientiert sich am 3. Teilweise ernste, teilweise amüsante
rhetorischen Leitmotiv des Berichte von aktuellen Ereignissen aus
„geordneten“, thematisch zentrierten der Filsbach, Gespräche über Medien,
Gesprächs.“ Die bevorzugten Prominente und Reisen; Erzählungen
Gesprächsthemen sind dabei aus dem aus dem privaten Leben, über Männer
Bereich der Familie und dem Haus. und Frauen. Ernste persönliche
Probleme werden nur unter vier Augen
mit der vertrauten Person besprochen.
Vor der Gruppe werden persönliche
Probleme spielerisch und selbstironisch
präsentiert.

die ,Arbeit‘ der Beteiligten am sozialen Zusammenhalt, die Definition eigener und frem-
der Identität und die Entwicklung von distinktiven kommunikativen sozialen Stilen“
(1995, 4 ff.). Bei der ethnographischen (teilnehmenden) Beobachtung solcher Gruppen
handele es sich nicht um „primäre Gruppen, in die man hineingeboren wird, sondern
um sekundäre Zusammenschlüsse von ,Gleichgesinnten‘, die in besonderer Weise ihre
Zusammengehörigkeit erst im Prozess der Gruppenkonstitution herstellen bzw. sich ge-
genseitig verdeutlichen müssen“ (Kallmeyer 1995, 16). Die soziologischen Grundlagen
ethnographischer Studien auf der Folie der Chicagoer Soziologie finden sich in Schütze
(2003) sowie in Kallmeyer. (1995, Kap. 4). Ein zentraler Teil der Ethnographie, die die
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1253

Tab. 74.1: Fortsetzung

4. Es werden Kommunikationstypen 4. Witze werden vor anderen


gebraucht, „deren interaktives Zentrum Kommunikationsformen in geselligen
etwas mit der Beziehungsarbeit zu tun Situationen bevorzugt. Dabei können
hat“, etwa gemeinsame schon seit langem bekannte Witze,
Durchführung von Begrüßungen, wenn sie „dreckig“ sind, trotzdem
Komplimenten, Gefühlsexpressionen Freude bereiten. „Die Lust an der
und vor allem „narrative und Obszönität ist entscheidend für die
argumentative Gruppenzugehörigkeit.“ Auch
Sachverhaltsdarstellungen von „frotzelnde Phantasiespiele“ gehören
aktuellen oder weiter zur Lieblingskommunikationsform.
zurückliegenden“ persönlich erlebten Allerdings sollen Witze und
Ereignissen. Phantasiespiele mit dem obszönen
Inhalt gewisse Schamgrenzen nicht
überschreiten. Es ist eine Tendenz
des Lustig-Seins anzumerken, um dem
alltäglichen Elend zu entgehen.
Das primäre Geselligkeitsziel ist
deswegen, gemeinsam Spaß zu haben.
Witze und lustige Geschichten
werden bevorzugt, alltägliche Probleme
werden amüsant und lustig dargestellt.
5. Generelle Bereitschaft zur sowohl 5. Die normalen Formen der
körperlichen als auch geistigen Distanz. Geselligkeit, besonders die gesteigerte
„Das Individuum hat Anrecht auf ein Gemeinsamkeit, sind durch Nähe und
großes Territorium mit entsprechender Distanzreduzierung gekennzeichnet.
Distanz zu den anderen.“ Für die gesteigerte Gemeinsamkeit ist
außerdem eine teilweise parallele
Sprechweise charakteristisch.
6. Die Frauen vermeiden, sich zu 6. Die Männer sind Gegner der Frauen
rühmen und in den Mittelpunkt der in Ehe und Politik. Damit ist eine starke
Ereignisse zu stellen. Wenn es dazu Ablehnung der Rolle einer „aufopfernden
kommt, über sich zu reden, reden sie Frau“ verbunden. „Das Handlungsziel
über sich als Opfer ihrer Männer und ist im Kern, ,die Welt zu verändern‘
eigensinnigen Kinder. durch die Forderung nach Gleichberechti-
gung.“
Man unterscheidet zwischen einem
„Weibchen“, das alles tut (z. B. schöne
Kleidung), um Männern zu gefallen,
und einer „guten Frau“, die Tapferkeit,
praktischen Sinn und Humor bei der
Bewältigung der alltäglichen
Schwierigkeiten aufweist und die gut zu
ihren Kindern ist.

Kommunikation in ausgewählten Stadtvierteln der Stadt Mannheim dokumentiert, stel-


len die Porträts städtischer Gruppen dar (vgl. hierzu Kallmeyer 1995, 21⫺38). In den
vier Vierteln Sandhofen, westliche Unterstadt (Filsbach), Neckerau und Vogelstang wur-
1254 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

den (mit gewisser Repräsentativität für das jeweilige Viertel) acht Gruppen in der Konsti-
tution ihrer sozialen Lebenswelt und der in dieser spezifisch verwendeten SKS unter-
sucht. Die ethnographische Erhebung berücksichtigte u. a. verschiedene Handlungs- und
Texttypen (Erzählungen, Interaktionsspiele) sowie ein breites Spektrum konversationel-
ler Themen (Familie, Beruf, Institutionen, Politik, soziale Nachbarschaft, Konflikte,
Humor).
Die Tab. 74.1 spezifiziert unterschiedliche kommunikative Funktionen in zwei Frau-
engruppen, eine Bastelgruppe älterer Frauen aus dem Arbeitermilieu (westliche Unter-
stadt, Filsbach, vgl. Keim 1995) und eine Literaturgruppe aus der Oberschicht (Vogel-
stang, vgl. Schwitalla 1995). In Kallmeyer (1995) und Schwitalla (Art. 62, in diesem
Band) finden sich detaillierte und feinkörnige ethnographische Vergleiche zwischen die-
sen beiden Gruppen.
Was erbringt die linguistische SKS-Analyse des vierbändigen Mannheimer Unterneh-
mens? Exemplarisch greifen wir die ⫺ in Rezensionen sich widerspiegelnden ⫺ erfol-
greichsten Aspekte heraus. Repräsentative und valide SKS-Analysen gründen sich (u. a.)
auf folgende einschlägige Kriterien für Stileigenschaften: Rekurrenz spezifischer Stil-
merkmale, präferierte Formen im konzeptuellen Rahmen vergleichbarer Funktionen,
querebenenspezifische phonetische, morphosyntaktische, semantische (lexikalische) Ko-
okkurrenzen und Kongruenzen. In Aussparung jener vielen Gebrauchs- und Diskurs-
merkmale, die Schwitalla als Mitglied der Mannheimer Forschergruppe in seinem Artikel
anführt (in diesem Handbuch, siehe insbesondere 3.3 und 3.6), sehe ich folgende auffäl-
lige SKS-Eigenschaften, die durchaus die Habitus-Thesen von Bourdieu (1979, 1982)
stützen: (a) Zu ,würziger‘ Sprache (Mannheimer Gosch) passen vitale Gespräche mit
Scherzen, Frotzeln, Angriffs- und Abwehrspielen, spannende Erfahrungen in Erzählun-
gen, obszöne Witze, direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht (Filsbach-Welt,
Milieu ,einfacher‘, einheimischer Leute). (b) Zu Hochdeutsch passt der sachbezogene
Austausch der Frauen in der Literaturgruppe, die den intimen Beziehungsbereich aus-
klammern, feinsinnige Unterhaltung in ,gutem Ton‘ vorziehen, aber Familienprobleme
(z. B. mit Töchtern und Söhnen) durchaus in der Kommunikation zulassen. In den Stilbe-
schreibungen hat der pragmatische Aspekt (Interaktion, Thematik, Gattungen, kommu-
nikative Funktionen von Äußerungen) Primat vor den formalsprachlichen (grammati-
schen) Realisierungen (soziolinguistische Perspektive).

3.4. Andere Gruppenstile

Am Beispiel von Mannschaftssitzungen beschreiben Dittmar und Hädrich (1988) die


Schlagfertigkeit und die kreativen Wortspiele jugendlicher Fußballspieler (sekundäre
Gruppe, Fußballverein) untereinander sowie gegenüber dem Trainer. Toppen ⫺ wie beim
Aufspießen von Pfannkuchen: der Äußerung eines Mannschaftsmitglieds noch eins drauf-
zusetzen ⫺ ist ein beliebtes Spiel: Der Gewinner hat die Lacher auf seiner Seite. Mit
ähnlichen Mitteln wird auch die Abgrenzung der Jugendlichengruppe dem Erwachsenen
(Trainer) gegenüber deutlich markiert. Jugendsprachliches Vokabular, aber auch Frot-
zeln/Necken (offensive und defensive Sprachspiele) und unterhaltsame Spaßkommunika-
tion in lokalem Berlinisch machen den SKS dieser Freizeitgruppe im Rahmen eines Ver-
eins aus (Dittmar 1989, mit theoretischer Konzeption von Stil).
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1255

Schlobinski (1989) und Schlobinski, Kohl und Ludewigt (1994) heben in ihrer ethno-
graphischen Untersuchung einer Gruppe von 19⫺22 Jährigen im Raum Osnabrück das
Bricolage-Prinzip der Kommunikation hervor (eine ausführliche Darstellung dieses auf
das Birmingham Centre for Contemporary Cultural Studies zurückgehenden Prinzips fin-
det sich unter 2.3 in Artikel 62 Gesprächsstile dieses Handbuchs). In den Medien und im
öffentlichen Kommunikationsraum bereits bestehende Wörter, Redewendungen, sozial
markierte Ausdrücke werden innovativ in einem aktuellen Diskurs durch Neuordnung
und Rekontextualisierung zu neuen (kreativen) Bedeutungen umgruppiert. Dabei gehen
spezifische Ausdrucksrepertoires (Onomatopoetika, z. B. dong, ratazong; Anglizismen,
z. B. magic stickers; Idiomatik/Wendungen: er darf die Kiste anpfeifen; Modifikatoren:
echt voll krass drauf; Alliterationen: flippen floppen flappen; gruppenspezifische Lexik:
stöppern; Kommunikativpartikeln: ey, ok) zusammen mit mimetischen und/oder selbst-
inszenierten Stimmenimporten nachahmenswerter Anderer (bekannte öffentliche Persön-
lichkeiten, Medienstars etc.) mosaikartige Verbindungen zu einem gruppenspezifischen
Stil ein, der sich wiederum von anderen Stilen abgrenzt. Die verfremdenden Importe
anderer Stimmen bringen jugendsprachlich stilisierte eigenständige Diskursformen her-
vor durch Verfahren parallelisierter Repetition und Variation. Nach Schlobinski (1989,
29) werden die jugendspezifischen Ausdrucksrepertoires im Schulterschluss mit den in
den Diskurs importierten kulturellen Ressourcen zu einem distinktiven Stil bricolageartig
zusammengebastelt und konstituieren damit ein „gemeinsam geteiltes Gruppenbewusst-
sein“ (Schlobinski 1989, 29; vgl. oben Schmidt 2004).
Mädchen scheinen nach Schlobinski (1995) weniger einen eigenständigen Stil zu ent-
wickeln als sich gegen die aggressive Sprache der Jungen abzugrenzen/zu verteidigen (vgl.
demgegenüber aber Eckert 1997 und Eckert/McConnel-Ginet 1999): dabei duellieren sie
sich allerdings oft brillant mit eigenen (sprachlichen) Mitteln. In sinnfälliger Weise wer-
den daher jugendsprachliche Stile dabei auch von den Parametern Geschlecht (Kendall/
Tannen 2001; Cook-Gumperz/Kyratzis 2001) und soziale Schicht (oder: soziales Milieu)
überlagert (vgl. hierzu die Rolle von Beschimpfungen in der Gruppensprache sowie die
Inszenierung von Rangordnung vs. Zusammenarbeit im wettstreitorientierten Verhalten
der Jungen gegenüber dem kooperationsorientierten Verhalten der Mädchen, 3.2.). Da-
rüber hinaus bemerkt Schlobinski, dass jugendsprachliche Stile nach Altersstufen variie-
ren. Ältere Jugendliche finden die Stile Jüngerer oft nicht (mehr) zeitgemäß, aktuell oder
modern. Von oben (Ältere) nach unten (Jüngere) gibt es so etwas wie stilistische Hyper-
korrekturen.
Parallelen zu den hier angeführten Trends (und Merkmalen) finden sich nach Zim-
mermann (2003) in den romanischsprachigen Ländern. Insbesondere die Lexik, der Ein-
fluss des Englischen, kreative Kollokationen gleichen (in etwa) den stilistischen Prinzi-
pien, die für anglophone und germanophone Verhältnisse berichtet werden. Zimmer-
mann (2003) plädiert für eine komparative Jugendsprachforschung.
Einige Autoren beobachten negative Einstellungen der sprachpolitischen Erwachse-
nen-Presse gegenüber der Jugendsprache. Der jugendsprachliche Stil wird als restringiert
(vereinfacht) und Beleg für aufkommende Spracharmut angesehen. Am Beispiel einer
strukturellen Form-Funktionsanalyse haben Schlobinski, Kohl und Ludewigt (1993) ein-
drucksvoll nachgewiesen, dass der Gebrauch der kommunikativen Partikel ey je nach
Stellung im Vor-, Mittel- und Nachfeld von Äußerungen Funktionen übernimmt, die in
der Erwachsenensprache drei verschiedene Partikeln abdecken. Von Einschränkungen in
der Kommunikation kann somit nicht die Rede sein.
1256 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Eine andere Facette der Jugendsprache ist das sogenannte ,Türkendeutsch‘, ein eth-
nisch geprägter Stil des Deutschen, von Auer (2000, vgl. auch Auer/Dirim 2003) auch
Ethnolekt genannt. Der authentische Ethnolekt zwischen (normalerweise) Zweisprachi-
gen mit Migrationshintergrund (meist ,Türkendeutsch‘) wird primärer, seine komödienar-
tige Inszenierung in den Medien sekundärer und seine parodierende Verwendung durch
deutsche Muttersprachler tertiärer Ethnolekt genannt. Ein Überblick über die auffälligen
soziolinguistischen Merkmale des primären Ethnolekts findet sich in Dittmar/Özcelik
(2006) und Dittmar/Steckbauer (2007), erste empirische Untersuchungen zum ethnolek-
talen Interaktionsstil haben Keim (2004) und Kern/Selting (2006) vorgelegt. Ethnische
Stile des Deutschen sind erst seit kurzem Gegenstand soziolinguistischer Forschung. Die
einzige gruppenbezogene Studie (türkische Mädchen) ist Keim (2004).
Stil als symbolisches Verhalten, in dem der Zusammenhalt und die gemeinsamen Ori-
entierungen einer Gruppe zum Ausdruck kommen, ist in einer Vielzahl weiterer Untersu-
chungen explizites oder implizites Thema. Meistens geht es in diesen Untersuchungen
um größere oder kleinere, formelle oder informelle Gruppen (siehe Abb. 74.1). Dabei
überlagern sich in jeweils unterschiedlicher Gewichtung und Salienz in den jeweiligen
sozialen Kontexten Effekte der sozialen Dimensionen Gruppe, Alter und Geschlecht. In
diesem Kapitel wurde die stilkonstituierende Kraft der Gruppe dominant gesetzt. In den
folgenden Kapiteln stehen Geschlecht und Alter im Vordergrund, wobei gruppenspezifi-
sche Faktoren die geschlechts- oder altersspezifischen Parameter überlagern. Die genann-
ten drei ,Sonderformen‘ der Sozialität gehen sozialchemische Verbindungen ein, aus de-
nen man eine reine soziale Substanz nicht mehr isolieren kann.
In den sekundären Gruppen (Institutionen, Arbeits- und Berufswelt) gibt es nicht
annähernd so exhaustive und detaillierte soziostilistische Beschreibungen wie in den
Mannheimer Stadtethnograpien (Kallmeyer 1994; Keim 1995; Schwitalla 1995). Bohn-
sack u. a. (1995) integrieren in ihre Fallstudien Diskursbeschreibungen jugendlicher
Gruppen, die sich auf Lehrlinge, Gymnasiasten (und Erwachsene der Elterngeneration)
in Gruppendiskussionen beziehen. Dabei werden ⫺ jeweils auf der Folie des sozialen
Milieus ⫺ verschiedene sprachliche Merkmale herausgearbeitet (auf dem Hintergrund
des Gumperzschen Kontextualisierungsansatzes). Diese Daten geben Auskunft über Er-
wartungshorizonte, Normverhalten und Gruppenbewusstsein (stilbezogene Beschreibun-
gen metakommunikativer Äußerungen). Die sozialen und kommunikativen Binnendiffe-
renzierungen, wie sie sich in Schmidt (2004) finden (siehe 3.2), lassen sich aus den Grup-
pendiskussionen nicht erschließen.
Gruppenspezifische institutionelle und Berufsstile sind auch häufig unter Sonderspra-
chen (Sprache der Schmiede, Bergarbeiter, Forstleute etc.) untersucht worden (vgl. hierzu
das HSK Sondersprachen, ersch. demn.). Meistens spielt dort vor allem das Lexikon eine
Rolle. Besondere Gruppensprachen, die gerade nicht transparent (also nicht verstanden)
sein wollen, sind die Argots französischer Banlieus um Paris (und anderer Großstädte).
Zu diesen Stilen gehören grammatische und codespezifische Sprachspielereien (vgl. Cal-
vet 1992). In einem (viel) weiteren Sinne können auch die durch die ehemalige DDR
geprägten (sozialistischen) Oststile und ihre gesellschaftlichen Pendants, die (kapitalisti-
schen) Weststile als SKS betrachtet werden (vgl. Dittmar/Bredel 1999; Dittmar 2002).
Hier geht es aber um eine national definierte Gruppe, die unter anderen als hier fokus-
sierten Kriterien zu behandeln wäre.
Gal (1978, 65 ff.) hat am Beispiel der österreichischen Ortschaft Oberwarth darauf
hingewiesen, dass Stile nicht nur von Monolingualen, sondern auch von Bilingualen
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1257

benutzt werden, wobei der Wechsel von Deutsch zu Ungarisch und umgekehrt häufig
unterschiedliche Stillagen repräsentiert.
Können Menschen, die aufgrund von Zwang langfristig zusammenleben (Gefangene
in Gefängnissen) als Gruppen betrachtet werden und sind ihre Stile als Gruppenstile
erfassbar? Sprachliche Anpassungen gibt es sicher; was aber sind die soziologischen Un-
terschiede zu freiwilligen Gruppen?
Letztlich soll darauf hingewiesen werden, dass sich Netzwerkanalysen in der Soziolin-
guistik der achtziger und neunziger Jahre großer Beliebtheit erfreuen. In ihnen werden
u. a. die Intensität und die Dauer zwischenmenschlicher Kontakte erfasst und als Erklä-
rungsdimension für Konvergenz oder Divergenz im Sprachverhalten berücksichtigt. In-
dem in diesen Untersuchungen die Beziehungsverhältnisse zwischen den Gruppenmitglie-
dern, damit auch das Norm- und Gruppenbewusstsein, außen vor gelassen wird, geht es
nicht um natürliche soziale Gruppen, sondern um mehr oder weniger artifizielle Kon-
taktinduzierungen und eine Anpassungsmasse, die aus der gemeinsam in Kommunika-
tion befindlichen Dauer und Intensität der Kontakte geschlossen werden. Über die
Grundlagen und die Ergebnisse gibt Schlobinski (2004) einen einschlägigen Überblick.

3.5. Zusammenassung

In Auseinandersetzung mit dem jeweiligen sozioökologischen Milieu, in dem sie sich


bewegen, prägen Gruppen einen eigenständigen SKS:
(1) Sie standardisieren gruppenintern kommunikatives Verhalten in der Weise (z. B.
Kongruenz in den Regeln der Sprechperformanz),
(2) dass gewisse Arten und Strukturen des gemeinsamen Austausches erwartbar gestaltet
werden. Hierzu gehört das Verhältnis von An- und Entspannung, Spiel und Ernst,
Offensivität und Defensivität, direkte und indirekte Adressierungen, Arten verdeck-
ter Mitteilung, Austragen von Konflikten.
(3) Gruppen verfügen über einen Wir-Kode und grenzen sich gegen Außenseiter oder
Personen der Außenwelt ab. Sie teilen bestimmte Wörter, Neck- und Streitmuster,
verfügen über ein Repertoire von Anspielungen und Abmahnungen, signalisieren mit
Binnenvarianten Vertrautheit und grenzen sich mit Varietätenwechseln von außer-
halb der Gruppe stehenden Personen stilistisch ab.
(4) Binnendifferenziertes Sprechen innerhalb von Gruppen ist durch wettbewerbsspiele-
rische Diskurse mit Vergewisserung der Gruppenzugehörigkeit, aber auch mit rang-
bezogenem Aushandeln verbunden.
(5) Negative und positive Werturteile (metakommunikative Sprechakte) balancieren das
Gruppenbewusstsein aus.
(6) Den jeweiligen sozialen Funktionen entsprechen Erzählungen (Erfahrungsaus-
tausch), Frotzeln (kreative Unruhe unter den Gruppenmitgliedern), wettbewerbsar-
tige Sprachspiele (Wettstreit wie z. B. rituelle Beschimpfungen), Selbstdarstellungen,
Klatsch, Witze, Läster- und Stereotypenkommunikation.
(7) Mittels kollaborativen Sprechens, Rekonstruktion eigener Wertvorstellungen, außen-
orientierter Selbstdefinition, gemeinsamer Zukunftspläne werden auch die Weichen
für die Kontinuität der Gruppe gestellt. Die Dauer von Gruppen ist variabel. Die
Voraussetzung ihrer Kontinuität ist die Entwicklung von Verhaltensnormen und ein
tragendes Gruppenbewusstsein.
1258 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

4. Geschlecht und Stil (Genderstile)

4.1. Zur aktuellen Diskussion

Umfassende (enzyklopädische) Darstellungen des Zusammenhangs von Geschlecht und


Sprache finden sich in Klann-Delius (2005a, b) und Kotthoff (2006). Den Menschen nach
seinem Geschlecht zu kategorisieren, scheint eine universell verbreitete Tendenz zu sein.
Geschlechtszugehörigkeiten werden im Personalausweis festgehalten, gehen in die An-
rede ein und bestimmen in vielerlei Hinsicht das menschliche Zusammenleben und den
Alltag (vgl. Trautner 1997). Mit der Neuen Frauenbewegung ist die Kategorisierung von
Menschen als weiblich und männlich problematisch geworden. „Ein wesentlicher Grund
ist der, dass mit dem Geschlecht einer Person eine unterschiedliche Bewertung verbunden
war und ist“ (Klann-Delius 2005a, 1). Dass Männer und Frauen in vielerlei Hinsicht
nicht gleichgestellt sind, lässt sich leicht durch Fakten untermauern (Halpern 2000, 6).
Als in den 1970er Jahren die Gleichheitschancen eingefordert wurden, wurden auch die
sprachlichen Unterschiede thematisiert. Die Theorien, die Frauen etwa eine besondere
Irrationalität, Sanftmut und Häuslichkeit zuschrieben, galten nunmehr als männliche
Legitimationsstrategien, die weniger eine Deutung als eine Rechtfertigung des jeweiligen
Status quo zum Ziel hatten (Hof 1995, 7).
Durch wissenschaftliche Analysen und empirische Befunde sollte von nun an ein kla-
res Bild der Differenzen der Frauen- und Männersprache gezeichnet werden, die sich
offenbar von Sprache zu Sprache gravierend unterscheiden (vgl. Günthner/Kotthoff
1991). Hellinger und Bußmann (2001) weisen auf die spezifischen Anredeformen (ange-
messene syntaktische Muster) des Japanischen hin (vgl. auch Nakamura 2001 und Shiba-
moto Smith 2001). In der nordamerikanischen Indianersprache Koasati besteht Formver-
schiedenheit von Verben je nachdem, ob sie von Männern oder Frauen verwendet wer-
den. Verschiedene Aussprachevarianten des Lexikons werden für verschiedene Sprachen
belegt. Die Liste lässt sich, so scheint es, noch vielfältig erweitern. In allen Punkten stellt
sich jedoch heraus, dass die Differenzen niemals so gravierend sind, dass Männer und
Frauen eine völlig andere Sprache sprechen (Klann-Delius 2005b, 19). Wir sprechen also
immer von unterschiedlichen Gebrauchsweisen des Sprachsystems bzw. von Sprachregis-
tern oder von Asymmetrien hinsichtlich einiger Aspekte der Sprachstruktur. Aktuelle
empirische Untersuchungen, beispielsweise zum Lexikon, zeigen jedoch, dass es hier
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Es werden bei Halpern (2000) und bei
Kimura (2000) weniger geschlechtsbezogene Asymmetrien im Wortschatz festgestellt, als
zuvor erwartet wurden. Es zeigt sich bei beiden Studien deutlich, dass keine gravierenden
(signifikanten!) Geschlechtsdifferenzen zu belegen sind.
Unter Vernachlässigung genderspezifischer Unterschiede auf phonetischer, syntakti-
scher und semantischer Ebene (siehe hierzu die Zusammenfassung auf meiner Homepage
unter http://www.personal.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/nordit/LINK: aktuelle Ver-
öffentlichungen, Stil) befasse ich mich im Folgenden mit Stil und Gesprächsverhalten.

4.2. Stil und Gesprächsverhalten


Männer und Frauen unterscheiden sich im Gesprächsstil nach der aktuellen Studie von
Brownlow u. a. (2003) folgendermaßen:
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1259

Women provide more personal information and more self-disclosing […], and language con-
cerning social and emotional behaviour, as well as sympathy, is prevalent in women’s
speech.[…] These topics may be conveyed by empty adjectives (such as sweet, cute) […],
intensifiers (e. g. very), and the use of personal pronouns […]. Women’s speech is prettier
and more detailed than men’s although it is also judged as more intellectual […].
(Brownlow u. a. 2003, 122)

Die Sprache der Männer tendiere dazu „[…] to be forceful, very clear about direction of
opinion, judgemental and replete with negative emotion“ (Brownlow u. a. 2003, 122).
Die unterschiedlichen Sprechstile beruhen nach Tannen (1991) und Mulac (1998) auf
einer unterschiedlichen Sozialisation. Aus dieser Tatsache ergeben sich Verständigungs-
schwierigkeiten, die Tannen an einzelnen Gesprächsausschnitten belegt. Ihre Theorie, die
durch aktuelle Studien von Michaud/Warner (1997) und Basow/Rubenfeld (2003) bestä-
tigt wird, ist jedoch laut MacGeorge u. a. (2004) nicht haltbar, da die meisten Studien
auf Selbsteinschätzungen beruhen. Die Nachuntersuchungen von Amy Walters (1998)
belegen deutlich, dass die Geschlechtsunterschiede (ein kooperativer weiblicher gegen-
über einem kompetitiven männlichen Stil) eher gering sind. Wood (1994) kam in ihrer
Studie zum Verhalten am Arbeitsplatz zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen durch-
aus erfolgreich miteinander kommunizieren können. Andererseits wird deutlich belegt,
dass Männer häufiger und offener über Gefühle mit Frauen reden als mit Männern
(Athenstaed u. a. 2004). Bei den ersten Treffen mit einer Frau liefern sie ebenso viele
persönliche Informationen wie die entsprechende Frau selbst (Clark u. a. 2004).
Obwohl der empirische Nachweis von signifikanten Unterschieden in der geschlechts-
spezifischen Forschung oft durch Gegenbelege relativiert wird, gehen Soziolinguistinnen
wie Kotthoff (2006) doch davon aus, dass diese Unterschiede im Alltag und in den Insti-
tutionen relevant und erfahrbar sind. Zur Erklärung solcher Unterschiede hat Tannen
(1991) den Zwei-Kulturen-Ansatz formuliert. Unterschiedliche sprachliche und kommuni-
kative Praktiken werden von Männern und Frauen als Habitus in der Sozialisation er-
worben und führen ⫺ nach der Trennung der Geschlechter in der Kindheit ⫺ in ihrer
Begegnung im jugendlichen und erwachsenen Alter zu Missverständnissen ⫺ ähnlicher
Art wie in der interkulturellen Literatur bekannt. Männer werden als kompetitiver,
Frauen als kooperativer dargestellt (vgl. auch Kap. 3 zu männlichen Gruppen von
Gleichaltrigen). Dieser Ansatz wird von Günthner/Kotthoff (1991) als zu stark dichoto-
misch und vereinfachend eingeschätzt; Männer wie Frauen würden in der Breite ihres
Stilrepertoires unterschätzt (vgl. Kotthoff 2006). Es scheint eine Ernüchterung in der
Zuschreibung genderspezifischer Stile eingetreten zu sein: „Keinem Menschen haftet ein
Gesprächsstil an wie Pech und Schwefel. Wir beherrschen eine ganze Bandbreite von
Stilen, die aber je nach Kontext unterschiedlich angewendet werden und den Kontext als
solchen auch mitproduzieren“ (Kotthoff 2006, 4.1). Das konstruktivistische Potenzial in
der Theoretisierung von Gender sei zu Beginn des 21. Jhs. deutlich hervorgetreten. Doing
gender wird als eine konstruktivistische Perspektive untersucht, aber auch die Determi-
nierung des Gender in der Sozialisation durch körperliche Inkorporierungen von Verhal-
ten (Habitus nach Bourdieu 1982) wird durch empirische Untersuchungen belegt. Eckert
und McConnell-Ginet (1992) heben hervor, das unser Sprachverhalten von den kommu-
nikativen Praktiken geprägt ist, mit denen und durch die wir uns engagieren und soziale
Beziehungen eingehen. Sie beschreiben in Längsschnittbeobachtungen, wie Mädchen zu
einem bestimmten Zeitpunkt neue Praktiken des Gehens, der weiblichen Gangart, oder
des Geschichtenerzählens mit pikanten Spitzen erwerben und damit weibliche Stile schaf-
1260 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

fen, die von einer Gruppe imitiert und inkorporiert werden (vgl. Kotthoff 2006, 4.1).
Dabei betonen Eckert und McConnell-Ginet (1992), dass verbale und körperbezogene
Stile stets zusammenspielen (semiotisches Konzept).
Zusammenfassend besteht kein Zweifel daran, dass Männer und Frauen in ihrer
Kommunikation unter- und miteinander eigenständige Stilzüge aufweisen und auch ver-
körpern ⫺ in welchem Ausmaß und wie ausgeprägt in einzelnen Segmenten des Aus-
drucksrepertoires bleibt umstritten. Dabei gibt es Untersuchungen, die von politischen
Prämissen ausgehen, die die Unvoreingenommenheit der Beobachtungen und Erklärun-
gen bezweifeln lassen. Teilweise haben frauenspezifisches Engagement und feministische
Betroffenheit auch die Kodetermination des Verhaltens durch eine Vielzahl pragmati-
scher Faktoren verkannt oder unterschätzt. Erst in den letzten Jahren ist eine erkenntnis-
offene und die Breite der relevanten pragmatischen Faktoren in Rechnung stellende aus-
gewogene Forschungssituation entstanden. „If it isn’t separation that differentiates the
sexes in their behaviour, then it must be some aspect of the distinctive content of their
gendered personalities or social positions. Differences in the use of linguistic variables,
then, reflect sex-based differences in social practice“ (Eckert/McConnell-Ginet 1992).
Festzuhalten ist, dass Sprechstile besonders von der Spracherfahrung (Alter des Spre-
chers, unterschiedliche Primär- und Sekundärsozialisation, Status der Gesprächsteilneh-
mer), der Verständigungssituation und der Vertrautheit der Gesprächsteilnehmer sowie
dem Gesprächsgegenstand (Themen) abhängig sind.

4.3. Mediale Kommunikation

Ein kürzlich im Internetmagazin Wissenschaft erschienener Artikel behauptet, dass unser


Stil stark von unserem Gesprächspartner abhängt. Wenn zwei Freundinnen sich unter-
halten, kommen bestimmte Redewendungen und Wörter häufiger vor als in einem Ge-
spräch zwischen Männern. So gilt heute die Auffassung, dass es einen weiblichen und
auch einen männlichen Sprachstil gibt. Wissenschaftler der University of Otago, Dune-
din, stellten fest, dass unser geschlechtsspezifisches Sprachverhalten stark von unserem
Gesprächspartner beeinflusst wird (gegenseitige Anpassung). Die Wissenschaftler führten
einen Versuch mit elf Frauen und Männern durch. Die Versuchspersonen mussten jeweils
auf die E-Mails von zwei Personen antworten. Einer dieser neuen Brieffreunde trug einen
weiblichen Namen und nutzte den typisch ,weiblichen‘ Stil. Der andere Brieffreund hatte
einen männlichen Namen und schrieb im ,männlichen‘ Stil. Die Versuchspersonen (Frau
oder Mann) beantworteten die im ,weiblichen‘ Stil geschriebenen Emails im ,weiblichen‘
Stil und die im ,männlichen‘ Stil geschriebenen Emails im ,männlichen‘ Stil. Sie passten
ihren Stil also dem des Briefpartners an (vgl. http://www.wissenschaft.de/wissen/news/
153989.html). Der weibliche Stil verwendet mehr Adverbien, stellt häufiger Fragen und
macht öfter Komplimente. In diesem Stil gingen die Partner mehr auf Gefühle ein und
schrieben offener über die eigene Person. Der männliche Stil verwendete mehr Adjektive.
Die Betroffenen äußerten öfter eine Meinung und griffen den Partner auch verbal an.
In einem zweiten Experiment bekam jede Testperson nur einen Brieffreund. Die Brief-
freunde schrieben entweder im ,weiblichen‘ oder im ,männlichen‘ Stil und hatten entwe-
der einen weiblichen oder einen männlichen Namen. Dadurch ergaben sich vier Kombi-
nationsmöglichkeiten: Entweder der Stil und das Geschlecht des Brieffreundes stimmten
überein oder sie waren verschieden. Beispielsweise gab es die Brieffreundin Sarah, die
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1261

aber in einem ,männlichen‘ Stil schrieb. Wieder passte sich der Schreibstil des Partners
an den Schreibstil des anderen an. Der Name hatte einen geringeren Einfluss auf den
Stil. Der Sprachstil ist dieser Untersuchung nach weniger an das Geschlecht, sondern
eher an den Sprachstil des Gesprächspartners gebunden.
Die US-amerikanische Medienforscherin Susan Herring (2004) untersuchte den Be-
reich der computergestützten Kommunikation und stellte dabei relevante geschlechtsspe-
zifische Unterschiede in diesen Online-Begegnungen fest. Es gibt geschlechtsspezifische
Differenzen zum Beispiel im Verfassen von Nachrichten. Frauen und Männer vertreten
offenbar auch unterschiedliche ethische Positionen, was aus der Gestaltung von Kom-
mentaren geschlossen wird. Herring wendet sich gegen Annahmen, die besagen, compu-
tergestützte Kommunikation neutralisiere geschlechtsspezifische Differenzierungen.
Männer haben einen aggressiveren Stil, indem sie sich zum Beispiel gegenseitig herabset-
zen sowie verächtliche Behauptungen äußern. Diese Methoden werden jedoch im Rah-
men der Netzfreiheit (Netiquette) als zulässig definiert. Der von Frauen angewandte und
eingeforderte Kommunikationsstil basiert hingegen auf gegenseitiger Anerkennung und
Abschwächung. Wie beschreiben und bewerten nun die befragten Mädchen den ange-
sprochenen Kommunikationsstil beim Chatten?
„[…] wenn ich mit Jungs rede […] die sind so grob also, die können die Gefühle nicht
so zeigen wie die Mädchen. Weil ich chatte ja mit Jungs und Mädchen aber die sind
irgendwie lieber und alles, aber Jungs sind auch nett“ (Jessica, 17 Jahre). „Bei Jungs ist
das mehr so … die sind immer gleich drauf aus, ,ja ich komm’ dich besuchen‘ wir sind
nicht gleich so drauf aus, wir wollen die erst mal so kennenlernen […]. Ich weiß nicht
die machen das alles irgendwie aufwändiger, machen immer noch ein Bild dazu, das ist
bei uns nicht so wichtig […] die sind halt mehr drauf aus sich zu präsentieren“ (Chrissi,
15 Jahre). Anhand dieser Kommentare zeigt sich, dass die befragten Mädchen sehr wohl
unterschiedliche Kommunikationsstile erfahren. Einmal formulieren Jungs ihre Anlie-
gen, welche sich von den Mädchen oftmals unterscheiden, direkter und zeigen sich dabei
unter Umständen unsensibler, zum anderen versuchen sie mehr auf sich aufmerksam zu
machen, indem sie ihre Beiträge umfassender und aufwändiger gestalten. Die Studie geht
allerdings nicht auf die Themenbereiche ein, die den Chats zugrunde liegen. Bei den
Erklärungen wird allerdings der Faktor Alter (nur Jugendliche) nicht berücksichtigt.

4.4. Envoi

Während in dem Gebiet der geschlechtsspezifischen Stile vor allem Frauen aktive For-
schung betrieben haben, sollten männliche Stile für sich und in ihren pragmatischen
Auswirkungen auf die Zwecke und Ergebnisse der Kommunikation besser untersucht
werden. Dagegen fehlen eher Untersuchungen zum Verhalten von Frauen (Mädchen) in
kleineren sozialen Gruppen (vgl. dazu die Untersuchungen zu männlichen Jugendlichen
in Kap. 3). Zu Frauen in der reifen Erwachsenenphase des Lebens gibt Schwitalla einen
guten Überblick (Artikel 62 Gesprächsstile, Kap. 3.2). Im Unterschied zu den schwarzen
(männlichen) Jugendlichen, von denen ausführlich in 3.2 die Rede war, hat Kochman
(1981) von den schwarzen Mädchen den weniger auf körperlichen Wettstreit angelegten
klatschhaften, intrigenfördernden Kommunikationsstil des he-said-she-said hervorgeho-
ben. Mädchen erfahren von Klatsch hinter ihrem Rücken. Damit konfrontiert wird die
Wirkung des Klatsches auf das einzelne Mädchen und ihre ,coolen‘ oder emotionalen
1262 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Reaktionen bewertet. Wie geht das Klatschopfer mit der Gerüchteverbreiterin um? Wird
sie aggressiv? Welche Entschuldigungen bringt sie hervor? Das signifying von Mädchen
besteht aus anspielungsreichem, intrigierendem indirektem Sprechen, das mit großer
Phantasie vollzogen wird.
In einer detaillierten, informativen Zusammenfassung stellt Kotthoff (2006, 5.3: Spra-
che als Abgrenzungsverfahren) die Unterschiede zwischen der (Mädchen)Gruppe der
Jocks (der Schule nahe stehende Werte) und der Burnouts (schulferne Orientierung) in
der Untersuchung von Eckert an einer amerikanischen Highschool dar (2000). Die Lang-
zeitbeobachtung fokussiert Mädchen, arbeitet aber komplementär ihre Beziehungen zu
den Jungen (und deren kommunikative Praktiken) detailliert heraus. „Die männlichen
jocks kommunizieren im Sport und im Umgang mit Computertechnologie (beliebte Frei-
zeitbeschäftigungen) ein Image starker Selbstkontrolle und Kompetition. Für die Mäd-
chen ist die Gestaltung ihres Äußeren und ihr ansprechendes Auftreten ein viel zentra-
leres Anliegen“ (Kotthoff 2006, 5.3). In Bezug auf bestimmte Variablen des kommunika-
tiven Stils ergibt sich in dieser Studie „ein höchst differenziertes Bild der verschiedenen
Variablen, die einen unterschiedlichen ikonischen Status für die Kommunikation von
Identität haben“ (Kotthoff 2006, 2515).

5. Alter und Stil

Die jungen Hoffnungsträger der Gesellschaft, die Heranwachsenden, können sich in


westlichen Gesellschaften großer Beliebtheit erfreuen. Sicher Dreiviertel aller empiri-
schen Untersuchungen absorbieren sie. Das troisième âge [die Lebensperiode des Alters]
zu thematisieren ist demgegenüber eher ein Tabu, das erst in den letzten Jahren erfolg-
reich gebrochen wird. Dem Abtritt fehlen Glanz und Glamour des dynamischen Auftritts.

5.1. Au der Suche nach einer Deinition von Alter

Den Sonderhorizont (Luhmann) Alter können wir natürlich numerisch definieren ⫺ was
jedoch keine Erklärungsmöglichkeit eröffnet. Im französischen Sprachsystem ist mit dem
premier âge die Zeitspanne 0⫺30, mit dem second âge die Zeitspanne 30⫺60 und mit
dem troisième âge [die Lebensperiode des Alters] die Spanne ab 60 verbunden, obwohl
das nirgendwo festgeschrieben ist. Die Einschnitte sind mehr oder weniger willkürlich,
obwohl Abschnitte von 30 Jahren durchaus sinnvoll erscheinen. Viele Autoren beschäfti-
gen sich mit der Sinnhaftigkeit numerischer, psychologischer oder soziologischer Defini-
tionen. Zweifellos am vielversprechendsten sind Kriterien wie Kommunion oder Konfir-
mation, Wahlrecht und Führerscheinerlaubnis, Schulabschluss, Heirat und Gründung
einer Familie, Aufgabe des eigenen Haushalts, Übersiedlung in ein Altersheim (u. a.).
Der zunehmende Erwerb von Reife oder der Erlaubnis zur Übernahme von gesell-
schaftlich definierten Verantwortungen eröffnet neue Optionen mit neuem Bewusstsein,
macht neue Erfahrungen in Gruppen und in Verbindung mit anderen Personen möglich
und kann daher dazu dienen, das Leben in Phasen zu gliedern (vgl. die fünf Phasen in
Eckert 1997).
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1263

Natürlich wird man beim Spracherwerb des Kindes nicht von einem Altersstil reden.
Allerdings erkennen bereits die Heranwachsenden zwischen 12 und 18 die soziale Bedeu-
tung von Varietäten- u. Stilunterschieden (Labov 1972a, b). Die Halbwüchsigen erwerben
die Wahrnehmungsfähigkeit der Stilunterschiede und ihrer Wirkung. Wie in Kapitel drei
zu den jugendlichen peergroups bereits ausführlich beschrieben, stehen die Heranwach-
senden unter 20 im Wettstreit zueinander, probieren in unterschiedlichem Maße die Spra-
che in Scherz-, Wettstreit- u. Erzählkommunikation aus und arbeiten sich an den poten-
ziellen Mustern des Sprachgebrauchs relativ zu ihrer sozialen Identität ab. In der anglo-
phonen Literatur spricht man von „life stages“ (Cheshire 2005). Nach Cheshire ist das
Sprachverhalten in dem mittleren erwachsenen Sprachstadium am stabilsten. Auch
Eckert (1997) ist der Meinung, dass die Sprecher und Sprecherinnen in dieser mittleren
Phase mündigen und stabilen Gebrauch von der Sprache machen. Indem sie mit der
Sprache Handlungen vollziehen, kurz: gesellschaftlich relevante Tätigkeiten ausüben
ohne Sprache zu lernen oder sie zu verlieren. Insgesamt geht man davon aus, dass die
sozialen Anforderungen an die jeweiligen Lebensphasen das Sprach- und Kommunikati-
onsverhalten bedingen.
Studien von Labov (2001) zeigen, dass phonetischer Wandel, erhoben und erfasst
in mehreren Sprachgemeinschaften, mit dem Generationenwechsel verbunden ist (dies
entspricht etwa der französischen Dreiteilung in erste, zweite und dritte Phase). Der
phonetische Sprachwandel bei Jugendlichen, die Festigung von Aussprachenormen bei
Erwachsenen im Berufsleben und die Brüchigkeit der erworbenen Normen im späteren
Alter sind Teil einer generationsspezifischen Sprachwandelforschung, die vor allem in
der anglophonen Variationsforschung durchgeführt wurde (Labov 2001; Cheshire 2005).
Es handelt sich hier um Studien zur Übernahme, zur Praktizierung und zum Verlust
(⫽ Wandel) von sprachlichem Habitus.
Unter Altersstil verstehe ich dagegen das Ausdrucksrepertoire im Sinne stilgeworde-
ner sozialer Identität in Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt in der jeweiligen
Lebensphase. Da wenig Forschung in der mittleren, stabilen Lebensphase der Erwachse-
nen gemacht werden konnte, widme ich mich im Folgenden dem Stil der Jugendlichen
bzw. der älteren Menschen. Wir werden daher einige exemplarische Studien vorstellen,
wobei große Lücken in den mittleren Lebensphasen bleiben. Wie schon für Gruppe und
Geschlecht ausführlich dargestellt, kann Alter nicht unabhängig von Gruppe oder Ge-
schlecht isoliert behandelt werden. Natürlich bedingt das Alter spezifische Formen und
Funktionen der Verbalisierung und der kommunikativen Mitteilungen. Sie sind in der
Regel von der sozialen Dimension der Gruppe und der geschlechtsspezifischen Zugehö-
rigkeit bestimmt.

5.2. Altersphasen und Stil

Eine aufschlussreiche Untersuchung zu Kindheit und Jugend ist die des Spielverhaltens
von Kindern der Vor- u. Grundschule. Hier hat Streeck (1986) im Anschluss an Goodwin
typische Muster jeglicher Kooperation kindlichen Spielens und kindlicher Freude unter-
sucht. Dabei geht es nicht um Erwerb, sondern um Formen der Interaktion, des Hand-
lungsvollzugs während des Spielens und des davon bestimmten kommunikativen Aus-
tauschs. Eine Zusammenfassung dazu durchgeführter Untersuchungen findet sich in
Cook-Gumperz und Kyratzis (2001, 510⫺611).
1264 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Im Übrigen gibt Cheshire (2005, 1552⫺1563) über die soziolinguistischen Aspekte


des Sprachgebrauchs nach Altersphasen einen gründlichen Überblick. Die klassischen
Variationsstudien zu aussprachebezogenen (phonetischen) Variablen werden unter dem
Gesichtspunkt Ausprägung der Variablen nach Alter und Register (formelle vs. infor-
melle Sprechweise) für eine Theorie des Sprachwandels fruchtbar gemacht. Wenn die
Ergebnisse dieser Studien auch nicht zur Präzisierung von Altersstilen taugen, so geben
sie doch viele Hinweise auf ein kommunikatives Verhalten, das für Altersstile relevant
ist (Untersuchungen zum age-grading (⫽ Durchlaufen von Altersphasen im Rahmen
einer Generation)). Hier geht es um sprachliche Merkmale und Aspekte, die für Alters-
gruppen im Laufe des Lebens symbolische Bedeutung haben. Unter den age-exclusive
features (Merkmale, die in einer Altersstufe nicht auftreten (können)) versteht man z. B.
das biologisch bedingte Sprechen-Üben von Kleinkindern oder das Zittern in der Stimme
älterer Menschen. Aus dieser Sicht ist der Erwachsenensprachgebrauch die normale
Sprech- und Sprachlage, von der Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen abwei-
chen. Cheshire berichtet von Merkmalen des exklusiven altersspezifischen Sprechens, zi-
tiert aber auch Belege von Androutsopoulos (1998a, b) (und anderen) von ethnischen
Mischungen im Sprachgebrauch von zwei- und mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen
(Cheshire, 2005). Downes (zit. in Cheshire) belegt anhand vieler empirischer Untersu-
chungen, dass Jugendliche die prestigebesetzten Merkmale der Umgangssprache bis etwa
30 voll erwerben und bis zu 45 Jahren einen optimalen Gebrauch dieser Merkmale im
Alltag dokumentieren. Danach werden diese vernacular-Merkmale langsam wieder abge-
baut, was mit dem Verlust von Prestige verbunden ist.
Altersspezifische Präferenzen (age-preferential features) weisen demgegenüber positiv
nach, was warum in bestimmten Altersphasen benutzt wird. Es gibt offenes und verdeck-
tes Prestige für bestimmte Varianten, die je nach sozialer Schicht, Familien- oder Stra-
ßenkulturorientierung, Männern oder Frauen bevorzugt oder stigmatisiert werden (vgl.
Cheshire 2005, 1557 ff.). Öffentlich klar wahrnehmbare Normen (overt norms) sind für
Jugendliche und später Erwachsene interessant, für Kinder aber nicht. Dagegen hat das
öffentliche Leben für die Erwachsenen eine große Bedeutung, der Druck auf Konformi-
tät im normgerechten Sprechverhalten nimmt jedoch bei älteren Menschen wieder ab ⫺
Konformität hat an Wert verloren. Sowohl Labov als auch Trudgill unterstreichen (bibl.
Angaben bei Cheshire), dass sich die altersbezogenen Unterschiede im Sprachverhalten
über alle Registerdifferenzierungen hinweg erhalten. Nach Labov (2001) schlagen sich so
die unterschiedlichen Beziehungslagen der Sprecher gemäß ihrer Lebensgeschichten in
ihrer altersspezifischen Sprachpraxis nieder. Schließlich führen Untersuchungen in ,realer
Zeit‘ (Längsschnittuntersuchungen) im Unterschied zu altersspezifischen Querschnittun-
tersuchungen zur These generationsspezifischen Sprachwandels. Viele in Altersabschnitte
(age-grading) fallende sprachliche Differenzierungen fallen mit den größeren genrations-
spezifischen Einschnitten zusammen. Obwohl „the generational change is the basic mo-
del for sound change“ (Labov, zit. in Cheshire 2005, 1559), geben graduelle sprachwan-
delspezifische Veränderungen wichtige Informationen zum kontinuierlichen Wandel. Er-
gänzend nennt Cheshire Bedingungen des generationsspezifischen Wandels in zwei- und
mehrsprachigen Gemeinschaften.
Von diesen Studien wird übersehen, dass zweisprachige Schüler und Schülerinnen
(Mädchen und Jungen auch außerhalb der Schule) in europäischen Ländern wie BRD,
GB, FR, B, IT und SP ihre Ausgangs- oder Muttersprache oft benutzen, um Klassenka-
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1265

meraden, Lehrer und Lehrerinnen, Erwachsene, Sprecher und Sprecherinnen der ent-
sprechenden Landessprache aus der Kommunikation auszuschließen, um ihre eigenen
Belange untereinander solidarisch zu regeln.

5.3. Modelle der Beschreibung von Altersstilen

Nach Fiehler und Thimm (2003a) liegen im deutschen Sprachraum ⫺ im Unterschied


zum englischsprachigen ⫺ nur wenige Untersuchungen zum dritten Lebensabschnitt ab
etwa 60 vor. In der Forschung zu diesem Themenbereich gibt es drei Ansätze: (1) die
Untersuchung der Alterssprache und Alterskommunikation unter dem Blickwinkel der
Abweichungen von der Normalsprache mittleren Alters (age markers); (2) die dritte Le-
bensphase als „Auslöser von stereotypen Einstellungen und einer daraus resultierenden
sprachlichen Anpassung (kommunikative Akkommodation), die in Form von Sprechsti-
len manifest wird“ (Fiehler/Thimm 2003a, 11); (3) Alter als ein in der kontextspezifischen
Interaktion zu erfassender sozialer Konstitutionsprozess, der durch konkrete Interaktio-
nen relevant gesetzt wird und dabei bestimmte kommunikative Verfahren und Mittel frei-
setzt.
(1) steht in der Tradition der „Defizit- und Regressionshypothese“ in der Gerontologie
(Fiehler/Thimm 2003a, 12). Sie ist eng mit neurolinguistischer Forschung zum Sprach-
verlust verbunden. Einerseits muss gefragt werden, ob diese vornehmlich experimen-
telle Forschung adäquate Erklärungen bereitstellt, andererseits wird uns durch diese
Sichtweise ein unvoreingenommener Blick auf andere, komplexe Funktionen und
Leistungen der Alterskommunikation verstellt.
(2) ist die sozialpsychologische Sicht auf das ,dritte‘ Alter als Problem der Selbstein-
schätzung der noch in vollem Umfang vorhandenen Kommunikationsfähigkeit und
der Behandlung durch andere „als älter geworden, nicht mehr in vollem Umfange
kompetent“. Diese Divergenz bringt Unsicherheit mit sich und sie findet ihren Aus-
druck in sprechstilistischen Anpassungen an die „äußere Wahrnehmung“ (Adressie-
rung, patronisierende Kommunikation) als Divergenz zur eigenen „gelebten“ (Fieh-
ler/Thimm 2003a, 12).
Die Perspektive
(3) stellt „Prozesse der interaktiven Aushandlung eines variabel definierbaren sozialen
Alters in das theoretische Zentrum“ (Fiehler/Thimm 2003a, 12). Hier wird Alter als
ein Konstrukt verstanden, dessen Erscheinungsweisen interaktional hervorgebracht
werden.
Brose (2003) widerspricht auf der Grundlage von Interviews mit über Fünfzigjährigen
der Stereotypenforschung (2). Sie stellt ein aktives, angemessenes, vollkompetentes Rede-
verhalten fest (Brose 2003). Kurze Äußerungen, viele Füllwörter, Satzfragmente, über-
trieben starke Betonung, längere Sprechpausen und auffällig häufige Verwendung der
ersten Person Plural (Stereotypenansatz) kann sie nicht feststellen. In einer wegweisen-
den, an vorliegenden Forschungen orientierten Aufarbeitung von Merkmalen des fortge-
schrittenen Alters gelangt Fiehler (2003) zu einer offenen Liste von Merkmalen, die eine
Annäherung an den Altersstil darstellen. Dazu gehören (i) Vergleich von Vergangenheit
und Gegenwart, (ii) Thematisierung des kulturellen und sozialen Wandels, (iii) die Selbst-
1266 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

identifikation mit der Vergangenheit, (iv) die größere kommunikative Kontaktfreudig-


keit (weniger Hemmungen), (v) die ⫺ je nach Fall und Individuum ⫺ Vergrößerung oder
Verringerung des Kommunikationsaufkommens und (vi) der gesteigerte Selbstbezug in
der Kommunikation. Bevorzugt werden (i) bis (vi) in Erzählungen (biographisches Er-
zählen) und im Klatsch angewendet. Die sprachlich-stimmlichen Ressourcen sind die
fragile Stimme, übergroße Emphase in der Formulierung, Dialektgebrauch und alters-
spezifisches Lexikon. Unter anderen/weiteren Merkmalen, die sich bei Fiehler (2003)
angesprochen finden, sind zu erwähnen: mangelnder Partnerbezug im Adressantenzu-
schnitt, zurückhaltende Adressierung (Sprechen mit und für sich selbst), Durchziehen
der eigenen thematischen Vorstellungen (mangelndes genaues Zuhören).
In dem für das Thema repräsentativen Sammelband Fiehler/Thimm (2003a) handeln
verschiedene Autoren theoretisch oder anhand von Gesprächsausschnitten unangemes-
sene stereotypenhafte (präsuppositionsbesetzte) Unterstellungen gegenüber Alten in Ge-
sprächen (Schnieders 2003), den Stil Älterer in Briefen (Cherubim/Hilgendorf 2003) oder
die diskursive Sichtweise auf das eigene Altern (Thimm 2003) ab. Richtungweisend ist
der von Thimm eingeschlagene vielversprechende Weg, „die sprachlich kommunizierte
soziale Welt in ihrer komplexen Auswirkung auf Selbst- und Fremdbild, auf Ingroup-
und Outgroupbeziehungen anhand von sprachlichen Bezügen auf soziale Kategorisierun-
gen zu erfassen“ (Thimm 2003, 88).
Insgesamt scheint es nicht untypisch zu sein, dass die Extreme des Altersspektrums
in der Forschung mehr Beachtung finden als die goldene Mitte der Normalität, des kom-
munikativen Top-Fit-Seins, der Reife und der normativen Korrektheit. So ist der kom-
munikative Stil der Jugendlichen am besten erforscht (vgl. Kap. 3), gefolgt von der ,drit-
ten Altersphase‘. Die Stillage der Normalität, der Erwachsenen zwischen 30 und etwa
55, scheint wenig unter dem Fokus Alter untersucht worden sein ⫺ dafür steht aber die
Fülle der Gesprächs-, Stil- und Variationsforschung für diese ,zweite Altersphase‘ für
eine Vielzahl sprachlicher und kommunikativer Aspekte zur Verfügung, die hier nicht
anhand von Stilmerkmalen fixiert werden kann. Stattdessen verweise ich auf die Darstel-
lungen des kommunikativen Stils Mannheimer Erwachsener in verschiedenen ethnogra-
phisch erfassten Gruppen durch einen der beteiligten Forscher, Johannes Schwitalla, der
unter 3.2 im Art. 62 dieses Handbuches wesentliche Aspekte zusammenfasst (vgl. auch
Tab. 74.1).

5.4. Ein versöhnlicher Ausblick

In vielen Studien werden die Einsamkeit, die körperlichen Rückschritte in der sprachli-
chen Performanz und der physischen Leistung zum Problem des alternden Individuums
erklärt. Not, Krankheit, körperliche und geistige Regression stehen als Abbau der Physis,
aber auch der kommunikativen Fähigkeiten (schlechteres Hören, leiser und unartikulier-
tes Sprechen etc.) im Vordergrund. Wir wollen zum Abschluss auch einen Blick auf die
andere Seite, die des genießenden, noch über seine volle Lebensbreite verfügenden Men-
schen in der sozialen Gruppe werfen. Über die Unterhaltungskunst älterer Frauen in der
Filsbachwelt und ihre Kunst der leichten Muse im Gespräch hat Jürgen Streeck (1994) ein
eindrucksvolles Porträt gezeichnet. Er beschreibt, wie die Frauen im Mannheimer Dia-
lekt sexuelle Witze erzählen, Obszönität aussprechen und auf die Zuhörerinnen wirken
lassen, Obszönität aber auch aussparen, um lustvolle Phantasien anzuregen (die Absicht
74. Stil und Sozialität (Gruppe, Geschlecht, Alter) 1267

des Witzes ist es nach Freud (1905, 80) „Lust zu erzeugen“). In der Runde die „Lust am
sexuellen Witz“ (Streeck 1994, 601 ff.) mit kunstvoll eingestreuten Importen direkter
Rede auszuleben, wird an vielen Gesprächsausschnitten und am Beispiel des unnachahm-
lich erzählten Parabel-Witzes von einem italienischen ,Gockel‘, der Mannheimer Dialekt
spricht, gesprächsstilistisch beschrieben und in den allgemein-menschlichen Horizont ei-
ner erklärenden Stilzweckbestimmung erhoben: „Die Reinszenierung des Alltags im
Gruppengespräch ist eine andere Art der sprachlichen Objektivierung des eigenen Le-
bens. Sie zielt nicht auf praktischen Eingriff, und insofern mag sich in der Häufigkeit,
mit der sie zur Anwendung gebracht wird, die Erfahrung der Sprecherinnen niederschla-
gen, dass die Welt sprachlich ⫺ durch eigenes Sprechen ⫺ kaum zu ändern ist. Aber
Sprache kann eine Alternative zum Alltag bieten, eine ästhetisierte Version, die vorüber-
gehend Entlastung schafft, indem sie für Unterhaltung sorgt“ (Streeck 1994, 610).

6. Perspektiven

Stil ist die sprachliche und kommunikative Praxis, mit der Handelnde in ihrer individuel-
len und sozialen Prägung durch ihre soziale Umwelt und als Antwort auf die Bedürfnisse,
die sie mitteilen wollen, kommunikativen Austausch pflegen und ihre soziale Identität
zeigen. Stile sind ein Medium, mit dem Akteure im sozialen Alltag ihre Identität in
semiotischen Gestaltformaten Ausdruck verleihen können und sich dadurch individuell
und sozial wahrnehmbar und berechenbar machen.
Das Potenzial des Stilkonzeptes liegt darin, dass es für sprachliche Mittel und prag-
matische Kommunikationsverfahren integrierte Beschreibungsverfahren bereitstellt. Es
ermöglicht eine Verknüpfung von Makro- und Mikroanalyse. Darin liegt seine Stärke,
aber auch seine Schwäche: dass die Beschreibungsebenen oft nicht integrativ ineinander-
greifend verzahnt, sondern additiv aneinander ,geklebt‘ werden. Auch bei Stilanalysen
müssen Schwerpunkte mit eingegrenztem Fokus gesetzt werden. Für solche Analysen
bilden die drei Dimensionen der Sozialität: Alter, Geschlecht und Gruppe ein Forschungs-
feld, das voller unbeantworteter Fragen steckt, aber ⫺ wie dieser Überblick zeigt ⫺ auch
voller Anknüpfungspunkte an bereits geleistete Vorarbeit.

7. Literatur (in Auswahl)


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Norbert Dittmar, Berlin (Deutschland)


75. Epochenstil/Zeitstil 1271

75. Epochenstil/Zeitstil
1. Der Problemzusammenhang
2. Das Verhältnis von normalsprachlichem und literarischem Epochenstil
3. Historische Stilkonzepte und Epochenstile
4. Epochenstile in der Kunst- und Literaturgeschichte
5. Fazit
6. Literatur (in Auswahl)

Abstract
A period style is to be understood as the set of features of expression and artistic form that
are characteristic of a particular epoch (age). In the twentieth century, the term period
style has developed into a general concept comprising all cultural productions and activities.
From classical antiquity onwards, period styles have been related to the changing concepts
of style. Since the end of the nineteenth century, there has been an interaction between
concepts of period style in the field of visual art and other forms of art, especially literature.

1. Der Problemzusammenhang
Der nicht unumstrittene, aber unverzichtbare Begriff des Epochenstils ist zu verstehen
als Gesamtheit der epochentypischen Gestaltungsmerkmale in der Literatur und anderen
Kunstmedien eines Zeitalters. Der Begriff des Epochenstils hat sich seit dem ausgehenden
19. Jahrhundert zu einem kulturgeschichtlichen Konzept entwickelt, das alle kulturellen
Hervorbringungen und Aktivitäten und alles menschliche Verhalten bis hin zur Lebens-
führung (Lebensstil) als kulturhistorisches Gesamtphänomen umgreift. Ein derartig wei-
ter Begriff des Epochenstils stimmt mit einem entsprechend weiten Stilbegriff überein,
wie ihn z. B. Hans Ulrich Gumbrecht (2003, 509) vertritt, der Stil als „rekurrente Formen
der Manifestationen menschlichen Verhaltens im allgemeinen“ definiert und vom Stil
als „Verwirklichung von Absichten“ ⫺ Stil als Ergebnis einer Handlung ⫺ und von
„absichtslosem Verhalten“ spricht. Der Begriff des Epochenstils wird im Folgenden vor
allem auf rhetorisch und literarisch geformte Texte und die bildende Kunst und ihre
Interaktion mit der sprachlichen Kunst bezogen. Das Entstehen eines Epochenstils wird
vielfach mit einer Zeitenwende zusammengebracht, in der sich das Welt- und Menschen-
bild verändert und sich ein neues „epochales Sinnsystem“ (Falk 1981, 113) herausbildet,
sich eine „Veränderung des ,Denkstils‘“ (Lerchner 1995, 102) oder des „Geists der Epo-
che“ (Lerchner 2000, 51) zeigt. Der vielfach synonymisch mit Epochenstil gebrauchte
Begriff Zeitstil (etwa Staiger 1951) ist neutraler. Ihm fehlt die explizite historische Di-
mension des Epochenstils, der sein Profil aus der Abgrenzung von einer vorausgehenden
und einer folgenden Epoche gewinnt. Aus diesem Grunde ist in dem Wort Zeitstil eine
Umkehrung von Determinans und Determinatum, deren Ergebnis das Wort Stilepochen
ist (Por/Radnóti 1990), nicht möglich. Ein Vorteil des Begriffs Zeitstil liegt darin, dass
er unabhängig von dem Begriff der Stilepoche ist, deren Bestimmung oftmals problema-
1272 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

tisch ist, da es etwa zu stilistischen Kontinuitäten über die Epochen hinaus und zu Über-
gangsepochen und zum Phänomen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen kommen
kann (Falk 1981; Steadman 1990). Der Begriff Epochenstil gehört in den Zusammenhang
einer Erweiterung und Ausdifferenzierung des Stilbegriffs, die zusätzlich zu den Termini
Schreibstil und Individualstil Begriffe bildet wie Zeitstil, Gruppenstil, Gattungsstil, Werk-
stil, Baustil, Denkstil, Führungsstil, Lebensstil, Funktionalstil. Ein Problem besteht darin,
dass sich die einzelnen Stilbegriffe berühren oder überschneiden können (Sowinski 1994,
1320). Die Kategorien des Individualstils und des Epochenstils werden in der Stilistik
kontrastiert, aber in Goethes Werthers Leiden z. B. partizipiert der Autor am Epochenstil
der Empfindsamkeit und gleichzeitig gibt er seinem Stil eine eigene, unverwechselbare
Prägung. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein Individualstil nachgeahmt wird und
zur Bildung eines zeittypischen Stils beiträgt, wie das in James Macphersons Ossian der
Fall ist, der wesentlich dazu beigetragen hat, den Stil der Epoche der Empfindsamkeit
zu prägen. Ähnlich wie mit dem Individualstil 'verhält es sich mit der Entgegensetzung
von Epochenstil und Werkstil. Goethes Götz und Iphigenie besitzen einen je eigenen
Werkstil, eine textstilistisch nachweisbare Individualität der Komposition, die sich aber
zu einem Teil auch dadurch erklärt, dass das erste Werk in der Epoche des Sturm und
Drang und das zweite in der Klassik entstand. Ein Autor kann sich durch verschiedene
Epochen und deren Stile hindurch entwickeln, wie das bei Goethe der Fall ist. Es ist
auch möglich, dass ein Autor im Laufe seiner persönlichen Stilentwicklung unterschiedli-
che, von Epochenstilen geprägte Phasen durchläuft. In Rilkes Werk spiegeln sich im
Übergang von seiner epigonal-romantischen Frühphase zum sachlichen Sagen seiner
mittleren Phase und zu der poetologischen Neuorientierung in den Duineser Elegien und
den Sonetten an Orpheus auf der Ebene einer individuellen künstlerischen Entwicklung
übergreifende dichtungsgeschichtliche Entwicklungen. Auch Gattungsstil und Epochenstil
können insofern konvergieren, als sich Gattungen in der Geschichte und damit auch die
in ihnen zu erkennenden Stile verändern, wie sich zum Beispiel im Kontrast der klassi-
schen Tragödie eines Racine und der bürgerlichen Tragödie der Aufklärung (Lessing)
zeigt. Eine Gattung, wie etwa der Brief, für den Gellert um die Mitte des 18. Jahrhun-
derts das Natürlichkeitsideal forderte, kann auch eine entscheidende Rolle in der Heraus-
bildung eines Epochenstils spielen. Die Bestimmung von Epochenstilen setzt also eine
differenzierte Prüfung und Abgrenzung der zeittypischen Gestaltungsmerkmale eines
Werks von individual-, gruppen- und gattungsstilistischen Faktoren voraus. ⫺ Ein weite-
res Problem einer stilbezogenen Differenzierung von Epochen liegt im Verhältnis von
sprachhistorischer und literarhistorischer Stilistik. Historische Stilistik (Pöckl 1980) kann
sich auf die Sprache im allgemeinen und auf die Sprachkunst im besonderen beziehen.
„Epochenstil im literarhistorischen und epochenstilistische Merkmale im sprach(stil)histo-
rischen Verständnis“ (Lerchner 1997, 49) interagieren zwar, fallen aber aufgrund von
Phasenverschiebungen, etwa im „Fall sprachlich-stilistischen Transfers aus dem Bereich
des literarischen Diskurses in alltagssprachliche Diskursbereiche“ (Lerchner 1997, 43),
nicht zusammen. Auch hier lassen sich Parallelitäten zwischen Individual- und Epochen-
stil feststellen. Über große zeitliche Distanz sieht sich Thomas Mann auf der Ebene des
Individualstils in einer Konkurrenzsituation mit Goethe, der für ihn das höchste Stilideal
verkörpert. Mit einem gewissen zeitlichen Abstand ⫺ wenn auch bei weitem nicht einem
so großen ⫺ wirken auch bestimmte Autoren wie Luther, Lessing und Goethe auf die
deutsche Alltagssprache ein. Es gibt auch Epochenstile wie die des Impressionismus und
75. Epochenstil/Zeitstil 1273

des Expressionismus, die nur begrenzt auf die Alltagssprache einwirken. Historische Sti-
listik in der Sprach- und der Literaturwissenschaft hat es also nicht immer mit rein
zeitlichen Phänomenen zu tun.

2. Das Verhältnis von normalsprachlichem


und literatursprachlichem Epochenstil
Ein Beispiel für eine Konvergenz von normalsprachlichem und literarischem Epochenstil
zeigt sich in der englischen Sprache der Renaissance, in der unter dem Einfluss des Hu-
manismus der Wortschatz ein großes Wachstum erfährt und es zu zahllosen Dubletten
kommt von Wörtern germanischen Ursprungs und Wörtern, die direkt aus dem Lateini-
schen und solchen, die über das Französische vermittelt wurden. Ein viel zitiertes Beispiel
findet sich im Titel des vierten Kapitels aus Buch I von Sir Thomas Elyots The Boke
named the Gouernour. Es lautet „the education or form of bringing up“. In der Dublette
wird zu einem Fremdwort ein einfaches Wort germanischen Ursprungs hinzugefügt. Der-
artige Dubletten hatten eine didaktische Funktion. Die Sprachkenntnis des Lesers sollte
erweitert werden. Aber eine solche enge didaktische Zielsetzung wurde bald überschrit-
ten. Dubletten und Tripletten dienten der sprachlichen Abwechslung und der Vergröße-
rung der Ausdrucksfähigkeit der englischen Sprache. Der Ausbau des Wortschatzes (vo-
cabulary-building) wurde zu einem Aspekt des Aufbaus der Nation (nation-building). Was
für die Normalsprache galt, wurde vom Dichter zu Erzeugung poetischer Wirkungen
benutzt. Im folgenden Beispiel schöpft Shakespeare den epochentypischen gemischten
Wortbestand der englischen Sprache aus, indem er wirkungsvoll lateinische Mehrsilbler
und germanische Einsilbler kontrastiert: „no: this my Hand will rather / The multitudi-
nous Seas incarnadine, / Making the Greene one, Red“ (Macbeth, II.2.59⫺61, Hervorhe-
bung W. M.). Hier kehren Phänomene des Epochenstils der Normalsprache, ins Poeti-
sche gesteigert, in der Literatur wieder. Entsprechende Erscheinungen ließen sich ohne
weiteres auch in der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts finden. Auf diese Weise
könnte vergleichende historische Stilistik in allen Bereichen der Sprache betrieben
werden.

3. Historische Stilkonzepte und Epochenstile


Ein nützliches Verfahren bei der Bestimmung von Epochenstilen ist die Frage nach die
Epochen prägenden Stilkonzepten oder -idealen. Wenn das Bewusstsein von einheitlichen
Kulturepochen und dementsprechend von Epochenstilen in der Antike auch kaum entwi-
ckelt war, lassen sich doch sprach- und stilgeschichtliche Formationen ausmachen, die
dem, was man als Epochenstile bezeichnen kann, nahe kommen. So spricht man von der
Goldenen Latinität, der Literaturepoche des Augusteischen Zeitalters, in der die römische
Dichtung und Prosa inhaltlich und formal die Stufe ihrer höchsten Vollendung erreicht
hatte (Cicero, Caesar, Livius, Horaz) und der darauf folgenden Silbernen Latinität, die
sich durch das Eindringen von Elementen der Umgangssprache und einen auf Effekte
zielenden rhetorischen Stil mit gesteigerten Emphasen, Antithesen und harten Fügungen
von dem klassischen Ideal des ciceronianischen Stils entfernte (Seneca, Plinius, Tacitus).
1274 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Als Epochenstile kann man wohl auch die einander entgegengesetzten Stilideale des Atti-
zismus und des Asianismus erkennen. Der Attizismus, der aus einer bewundernden Rück-
besinnung (imitatio veterum) auf die Redner und Schriftsteller des 4. und 5. Jahrhunderts
in Athen (Demosthenes, Thukydides) und ihres schlichten, klaren und bündigen Stils
(genus humile) gespeist wurde, wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. dem aus den griechischen
Städten Kleinasiens stammenden Asianismus entgegengesetzt. Der nach der römischen
Provinz Asia benannte Asianismus galt als zu hochgestochen, schwülstig und pathoshal-
tig, und man verlangte nach einer Gegenposition, die sich im Attizismus fand. Die Oppo-
sition zwischen den beiden Stilidealen evoziert Shakespeare in der Forumsszene in Julius
Caesar, in der er die sachlich-nüchterne Rede des Brutus, die absolut frei von Tropen
(übertragenem Wortgebrauch) ist, und die ungemein emotionale und an Tropen wie Me-
taphern und Metonymien reiche Rede des Antonius einander gegenüberstellt. Ein Ein-
wand gegen die Asianer war, dass sie sich gegen die kodifizierten Normen der Rhetorik
wandten, insbesondere gegen das aptum der Drei-Stil-Lehre, der zufolge Stil und Gegen-
stand in abgestufter Schmuckverwendung aufeinander abzustimmen sind (Sowinski
1994, 1321). Hans Ulrich Gumbrecht weist darauf hin, dass der Gegensatz zwischen
Asianismus und Attizismus in größerer Perspektive weitere Oppositionspaare konnotiert,
„unter kulturgeschichtlicher Perspektive […] den Gegensatz zwischen Sophistik und Pla-
tonismus; philosophiegeschichtlich die Spannung zwischen einer Sphäre vielfacher Sinn-
welten, die sich in Reden, Geschichten und ⫺ letztlich Mythen artikulieren, und jener
zweischichtigen Vorstellung von Welt, in der die diesseitige Wirklichkeit immer nur Abbild
einer wahren, transzendentalen Welt der ,Ideen‘ ist; damit auch ⫺ religionsgeschicht-
lich ⫺ den Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus“ (Gumbrecht 1986,
733). Die Auseinandersetzung zwischen Attizismus und Asianismus wurde in der frühen
Kaiserzeit durch Nachfolgekämpfe zwischen ,moderner‘ und ,konservativer‘ Redekunst
fortgesetzt. Sie lebte in neuer Gestalt in der Renaissance im Streit über die Cicero-Nach-
ahmung wieder auf, wo die Imitatoren des ,Attizisten‘ Cicero von Befürwortern eines
natürlicheren Ausdrucks wie Erasmus von Rotterdam angegriffen wurden. Als eine Neu-
auflage des Attizismus-Asianismus-Streits kann auch die Querelle des anciens et des mo-
dernes im Frankreich des 17. Jahrhunderts gelten. Die Opposition zwischen Attizismus
und Asianismus wurde in der Epochendiskussion als Modell für spätere Entgegensetzun-
gen benutzt. Curtius (1993, 76) sieht im Asianismus „die erste Form des europäischen
Manierismus“, im Attizismus „die des europäischen Klassizismus“. Die Formel seines
Schülers Hocke (1967) lautet: attizistisch ⫽ klassisch, asianisch ⫽ manieristisch.
Hinsichtlich des Mittelalters kann von einem Epochenstil kaum die Rede sein, aber
Hans Ulrich Gumbrecht weist darauf hin, dass sich nach Geffroi de Vinsauf allmählich
ein Wandel der für „die Stilreflexion relevanten Rahmenbedingungen vollzog, so daß im
südeuropäischen Raum selbst ein kastilischer Humanist wie der Marqués de Santillana
Besonderheiten der Sprachformen auf verschiedene Situationen und Traditionen“ (Gum-
brecht 1986, 742) bezog, statt sie mit literarischen Stoffen und Gattungen zu verbinden
(Rota Virgilii). Zwischen griechischer und lateinischer Dichtung, dem italienische dolce
stil nuovo (einem poetischen Sprachstil, der im 13. Jahrhundert in Italien von Guido
Gunizelli und Guido Cavalcanti aus dem der provenzalischen Dichtung entwickelt
wurde), provenzalischer Poesie, Epen und Liedern der Spielleute „eröffnete sich eine
Pluralität von Welten“ (Gumbrecht 1986, 742). Im Zusammenhang mit einer solchen
Pluralität wurde die Frage nach den der Situation angemessenen Sprachmitteln relevant,
auf die sich Dante in seiner Stil-Definition bezieht: „est enim exornatio alcuius conve-
75. Epochenstil/Zeitstil 1275

nientis traditio“ (zitiert nach Gumbrecht 1986, 742). Gumbrecht findet Anhaltspunkte
dafür, dass „eine ganz neue Bereitschaft zur Wahrnehmung von nuancierten Unterschie-
den in Zeit und Raum der frühneuzeitlichen Proliferation des Stilbegriffs und der sie
begleitenden Stilreflexion vorausgegangen zu sein“ scheint (Gumbrecht 1986, 742).
Die Renaissance ist als Stilepoche verhältnismäßig heterogen. Sie setzt sich aus einer
Vielzahl einzelner Stilbewegungen und -tendenzen zusammen, bei denen die Stilgenera
(genera dicendi), die Opposition von Attizismus und Asianismus, die Vorbildfunktion
der Stiltendenzen in der Tradition von Cicero und Seneca, die Entgegensetzung von
Ornatus und Schlichtheit des Stils und die Strukturprinzipien von Symmetrie und Asym-
metrie und vorrangig auch gesellschaftliche und kulturgeschichtliche Aspekte, wie die
höfische Kultur und der Humanismus, eine Rolle spielen. Im Mittelpunkt steht in der
Renaissance jedoch das Verständnis des Stils als Einkleidung der Gedanken, das aus der
Antike stammt (Müller 1981, 52) und sich auch in Dantes oben zitierter Definition fin-
det. Stil wird mit Ornatus gleichgesetzt, wobei es sich um einen Ornatus handelt, der
unter dem Gesetz des Dekorums, verstanden auch im Sinne der gesellschaftlichen Ange-
messenheit, und der Drei-Stil-Lehre steht. In seiner Poetik The Arte of English Poesie
(1589), die in hohem Maße eine Stillehre ist, benutzt George Puttenham den Ausdruck
exornation [Ausschmückung, Verzierung]. Puttenhams Poetik ist eine höfische Poetik
und zugleich ein Anstandsbuch, das dem englischen Höfling helfen soll, sich im sozialen
Kräftespiel des Hofes zu behaupten und die Kunst des schönen Scheins (beau semblant)
als eine Voraussetzung für höfisches Verhalten zu lernen. Die wichtigste Fähigkeit im
höfischen Verhalten ist laut Puttenham die Beherrschung des Ornatus. Nicht umsonst
wird die Allegorie als für höfische Rede wichtigste Trope von ihm als Höfling (courtier)
und Figur des schönen Scheins (figure of faire semblant) bezeichnet. Diese sozio-ästheti-
sche Dimension gehört unlöslich zu dem vom Ornatus geprägten Epochenstil der Renais-
sance. Die Faszination des Zeitalters durch den Ornatus zeigt sich ikonographisch in
Christophero Giardas bekanntem Bild der Dame Rhetorik (Rhetorica), die mit ihrem
reichen Kleider- und Blumenschmuck die Gleichsetzung von Rhetorik und Stil und das
Verständnis des Stils als eines Kleides zeigt. Literarisch entspricht diesem Stilverständnis
ein virtuoses Spiel mit Tropen und Figuren, das in der Bewegung des so genannten
Euphuismus (nach Euphues, dem Protagonisten zweier Romane von John Lyly) und in
Shakespeares Dramen, vor allem seiner frühen und mittleren Periode (Love’s Labour’s
Lost, Richard II, Romeo and Juliet), seinen Höhepunkt findet. Gegen Ende der Renais-
sance kommt es in Analogie zum Verhältnis des Attizismus zum Asianismus zu einer
Veränderung des Stilideals, ohne dass sich allerdings eine klar definierbare Stilepoche
abzeichnet. Der an der elocutio orientierte Stilbegriff gerät im ausgehenden 16. und im
17. Jahrhundert unter dem Einfluss des Puritanismus, der neuen Wissenschaft und des
Utilitarismus und Rationalismus und auch des beginnenden Journalismus in Misskredit.
Die Dame Rhetorik wird ikonographisch zur billig aufgeputzten und grell geschminkten
Kurtisane. Dem Bild vom Stil aus dem Kleid der Gedanken (the dress of thought) wird
das Bild der ,Nacktheit‘ des Stils entgegengesetzt. Ben Jonson sagt in Epistle to Master
John Selden: „Lesse shall I for the Art of dressing care, / Truth, and the Graces best,
when naked are.“ Von den Mitgliedern der um 1660 in London gegründeten Wissen-
schaftsgesellschaft ⫺ Royal Society ⫺ wird „a close, naked, natural way of speaking“
gefordert (Thomas Sprat, History of the Royal Society, Hüllen 1989). Das neue Stilideal
des 17. Jahrhunderts ist das des schlichten Stils (plain style). Hier tritt wohl um ersten
Mal in der Geschichte des Nachdenkens über den Stil die Vorstellung eines Stils der
1276 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Wissenschaftssprache auf und in diesem Zusammenhang die Schlichtheitsforderung. Der


Stil habe nicht nur konzise und dicht an der Sache zu sein (close), sondern auch natürlich
und ,nackt‘. Für den Wissenschaftsstil wird später die Vorstellung der Transparenz oder
Durchsichtigkeit des Stils propagiert (Kretzenbacher 1995; Müller 1996). In diesem Zu-
sammenhang taucht in Friedrich Gottlieb Klopstocks Gelehrtenrepublik 1974 im Ab-
schnitt Vom guten Gebrauche der Sprache eine interessante visuelle Vorstellung auf, die
als eine Umbildung der Figur der Dame Rhetorik gelten kann. Klopstock drückt das
Verhältnis zwischen Sprache und Gedanken metaphorisch so aus: „Wie dem Mädchen,
das aus dem Bade steigt, das Gewand anliegt, so soll es die Sprache dem Gedanken“
(zitiert nach Müller 1996, 164). In diesem erotischen Bild verbinden sich zwei traditio-
nelle Metaphern für den Stil, die der Nacktheit des Stils und die des Stils als Kleid. Hier
tritt uns ein Topos entgegen, der seit der Antike nichts von seiner Relevanz eingebüßt
hat, das optische Bild der perspicuitas, der Durchsichtigkeit des Stils (Müller 1996, 164 f.).
Die Vorstellung wird später vielfach mit dem Bild der Fensterscheibe gekennzeichnet:
„Style is (like) a window-pane.“ Entsprechend hat man von der „window-pane theory“
gesprochen (Müller 1996, 165). Die Entstehung des Konzepts des Wissenschaftsstils ist
somit an die neuzeitliche Stilepoche gebunden, in der das Ideal der Schlichtheit des
sprachlichen Ausdrucks aufkommt. Im Rahmen dieser Entwicklung spielt auch die Gat-
tung des Briefs eine herausragende Rolle. Der Brief in der Form des Privatbriefs gehört
traditionell in das genus humile. Von der Gattung fordert der bedeutende niederländische
Briefschreiber und Theoretiker Justus Lipsius, dass sie ,nackt‘, von aller rhetorischer
Ausschmückung frei sein müsse ⫺ „à cultu omni nudum“ (zitiert nach Müller 1980,
146). Die Gattung des Briefs wird hier zum Exempel eines anticiceronianischen Stilideals.
Dass eine Gattung wie der Brief zur Bildung eines Epochenstils beitragen kann, zeigt
sich auch in wegweisender Form in Gellerts Praktische[r] Abhandlung von dem guten
Geschmack in Briefen (1751), wo die Loslösung des Briefs von der rhetorischen Dispositi-
onslehre und von den Konventionen der Galanterie und den Standesrücksichten des
Kanzlei- und Komplimentierstils vollzogen und ein Natürlichkeitsideal propagiert wird.
Eine große stilgeschichtliche Wende ereignete sich in Europa in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts. Kulturgeschichtlich lassen sich die Entwicklungen, die hier stattfinden,
anhand eines Stilverständnisses erläutern, das auf gesellschaftliches Verhalten bezogen
ist. Diesem zufolge wird Stil als ein „Mittel zur Steigerung sozialer Sichtbarkeit“ verstan-
den (Assmann 1986, 127). Ein Beispiel dafür zeigt sich in England in der klassizistischen
Anwendung der Kleidermetapher auf den Stil. Um die klassizistische Auffassung vom
Stil zu verstehen, muss man wissen, dass, nachdem im 17. Jahrhundert für die unter-
schiedlichsten Arten des Schrifttums von der Predigt über philosophische und wissen-
schaftliche Traktate bis hin zur Dichtung Schlichtheit, ja Nacktheit des Stils gefordert
worden war, gegen Ende des Jahrhunderts und am Anfang des 18. Jahrhunderts der
Ornatus rehabilitiert und der Nacktheitstopos verdrängt wurde (Müller 1981, 69⫺82).
Die immer wieder zitierte Äußerung von Lord Chesterfield im Brief an seinen Sohn vom
24. 11. 1749 „Style is the dress of thoughts“ bringt das klassizistische Stilverständnis auf
den Punkt. Dieses neue Ornatus-Konzept unterscheidet sich von der Schmuckrhetorik
in der Renaissance dadurch, dass die Vorstellung von der Einkleidung der Gedanken
durch den Stil mit dem Ideal der Prägnanz, Eleganz und Geschliffenheit des sprachlichen
Ausdrucks verbunden wird. Ein Beispiel dafür ist die Definition von Wit [Scharfsinn,
Geist, Ingenium], welche die Kleidermetapher verwendet, in dem folgenden Verspaar aus
Alexander Popes Essay on Criticism: „True Wit is Nature to advantage dress’d; / What
75. Epochenstil/Zeitstil 1277

oft was thought, but ne’er so well express’d“ (1711, 297 f.). Wie schon die Schmuckästhe-
tik der Renaissance im Rahmen der höfischen Kultur gesellschaftlich gebunden ist, ist
auch das Ornatus-Verständis des Klassizismus unlösbar sozial bedingt. Alexander Popes
Definition des Stils (expression) als Einkleidung des Gedankens im Essay on Criticism ist
normativ mit dem Gesetz der sozialen Schicklichkeit (decorum) verbunden, das man zu
befolgen hat: „Expression is the dress of thought, and still / appears more decent, as
more suitable“ (1711, 318 f.). Einige Verse später wird ebenfalls mit der Kleidermetapher
ein Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Stil formuliert: „For diff’rent styles with
diff’rent subjects sort, / As several garbs with country, town, and court“ (1711, 322 f.).
Assmann spricht mit Bezug auf diese Stelle von der „Verbindung zwischen Stil als äußer-
lichem Gewand des inneren Gedankens und Stil als sozialem Indikator“ (Assmann 1986,
135). Das Konzept von „Stil als sozialer Identität (im Sinne von Pope und Shaftesbury)“
nimmt im Laufe des 18. Jahrhunderts allerdings „immer mehr die Konnotationen der
Heteronomie und Affektation“ an, bis es schließlich von einem „neuen Konzept von Stil
als personaler Identität mit Konnotationen der Autonomie und Authentizität“ abgelöst
wird (Assmann 1986, 139). Hier zeichnet sich der Wandel vom Klassizismus zur Roman-
tik (einschließlich der vorausgehenden Epochen der Empfindsamkeit und ⫺ in Deutsch-
land ⫺ des Sturm und Drang) ab. Dieser Wandel zeigt sich, um es zusammenzufassen,
in dreifacher Hinsicht: 1. Die Unterordnung des Stils unter das Regelwerk der Rhetorik,
vor allem der Schmucklehre (Ornatus), wird aufgehoben und unmittelbarer Gefühlsaus-
druck gefordert. 2. Der Stil wird nicht mehr als Einkleidung, sondern als Inkarnation
der Gedanken bezeichnet. 3. Stil gilt als Ausdruck der Persönlichkeit des Autors. Mit
paradigmatischer Klarheit lässt sich der Wandel des Stilverständnisses vom Klassizismus
zur Romantik bei dem englischen Dichter William Wordsworth beobachten. Im pro-
grammatischen Vorwort zur zweiten Auflage der Lyrical Ballads von 1800 rechnet er
mit dem Epochenstil ⫺ „poetic diction“ ⫺ des Klassizimsus mit seinen Abstraktionen,
Personifikationen, Apostrophen und anderen rhetorischen Elementen ab und erklärt, er
wolle in seinen Gedichten die wirkliche Sprache der Menschen ⫺ „language really used
by men“ ⫺ benutzen. Wordsworth hat dieses Projekt nach seinen Lyrical Ballads nicht
weiter verfolgt. Für die Romantik als Stilepoche ist die Verdrängung des Topos vom
Stil als Einkleidung der Gedanken durch Wordsworth kennzeichnend, der den Stil als
Inkarnation der Gedanken, „incarnation of the thought“ versteht (Essay upon Epitaphs
3, 1810, zit. nach W. G. Müller 1981, 90). Subjektivistischer noch ist Jules Michelets
Definition „le style n’est que le mouvement de l’âme“ [Der Stil ist nichts als die Bewe-
gung der Seele] (Mon journal, 4. 7. 1820, zitiert nach Müller 1981, 98). Für die Romantik
und die folgenden Epochen ist Buffons berühmtes Wort aus dem Discours prononcé à
l’Académie Française von größter Bedeutung: „le style est l’homme même“. Eigentlich
im Sinne des Stils als Ausdruck eines allgemeinen Menschenbilds (honnête homme) ge-
dacht, ist Buffons Definition von der Romantik an als die definitive Formel für den
individualistischen Stilbegriff interpretiert worden, demzufolge sich im Stil der Geist des
Autors manifestiert. In der Romantik ist die Vorstellung des Individualstils mit dem Ge-
nie-Konzept verbunden. Demgemäß lässt sich Mme de Staëls Traktat De l’Allemagne
„als auf den ,deutschen Geist‘ und den ,französischen Geist‘ projizierte Konfrontation
dieses Begriffs (,le langage du beau génie‘) mit der alten Regelpoetik lesen“ (Gumbrecht
1986, 751).
Eine epochale Wende des individualistischen Verständnisses des Stils zeigt sich im
Ästhetizismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sie wird vorweggenommen in George
1278 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Henry Lewes’ Diktum „The Principle of Beauty is another name for Style“ (zitiert nach
Müller 1981, 139) und weiter ausgeführt in Walter Paters Essay Style (1888), wo der Stil
insofern mit dem Menschen gleichgesetzt wird, als er ein „absolut getreues Erfassen des-
sen, was ihm [dem Menschen] am wirklichsten ist“ („absolutely sincere apprehension
of what is most real to him“, Pater 1895, 34) darstellt. Ästhetizistisch und gleichzeitig
symbolistisch ist Paters Stilbegriff insofern, als er im Stil eine Übertragung des Innerseeli-
schen in unpersönlich-objektive künstlerische Form sieht. Die Debatte über den Stil ist
zur Debatte über das Wesen der Kunst geworden. Eine weitere zeitgemäße Tendenz in
Paters Stiltheorie ist sein Verständnis des Stils als Sehform. Damit steht er in der Tradi-
tion von Flaubert, der den Stil als „tout seul une manière absolue de voir les choses“
[ganz allein eine absolute Art, die Dinge zu sehen] (Brief an L. Colet vom 16. 1. 1852,
zit. nach W. G. Müller 1981, 165) definiert, und weist auf Marcel Proust voraus, für den
der Stil „une qualité de la vision, la révélation de l’univers particulier“ [eine Qualität des
Sehens, die Offenbarung des partikulären Universums] ist (zitiert nach Müller 1981, 165).
Es ist aufschlussreich, dass die literarische Stiltheorie hier ⫺ besonders in der Definition
des Stils als Sehform ⫺ mit wichtigen Tendenzen der Stiltheorie in der Kunsttheorie und
Wissenschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts konvergiert. Dabei handelt es
sich um die Zeit, in der zunächst mit Blick auf die bildende Kunst das Konzept der
Epochenstile ausgebildet wurde.

4. Epochenstile in der Kunst- und Literaturgeschichte

Grundsätzlich ist festzustellen, dass Stil als Kategorie nicht aus der Kunstgeschichte
wegzudenken ist. Die Abfolge Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus,
die durch den jeweiligen Epochenstil bestimmt ist, wird nicht in Zweifel gezogen. Schwie-
riger stellt sich die Situation im 19. Jahrhundert dar, für das vielfach der Ausdruck Histo-
rismus verwendet wird, und im 20. Jahrhundert, das unter dem Zeichen der Moderne
steht. Engere Kategorien wie Impressionismus und Expressionismus haben sich durchge-
setzt. Jeder der großen Zeitstile hat eine spezifische Verlaufsgeschichte mit Übergangs-,
Früh-, Hoch- und Spätstilen. Zwischenperioden sind der Manierismus, der zum Barock
überleitet, und das Rokoko als Spätphase des Barock. Die Schwierigkeiten der Klassifi-
kation und inhaltlichen Bestimmung der Kunstprozesse des 19. und 20. Jahrhunderts
hat Jost Hermand in seinem Werk Stile, Ismen, Etiketten (1978) reflektiert (Möbius 1984,
12). Die Epochenbegriffe als solche mögen „leer, unlogisch und unsystematisch“ (Mö-
bius 1984, 13) sein, aber sie haben sich als Etikette für die Benennung zeitlich zusammen-
gehörender Kunstprozesse und die „faszinierende Umrüstung des Formenapparates von
Epoche zu Epoche“ (Möbius 1984, 13) bewährt. ⫺ Der Begriff des Epochenstils zeichnet
sich erstmals deutlich in der Kunsttheorie des Klassizismus ab, in welcher der Stilbegriff
erweitert wird und außer dem Ingenium des Künstlers die Gesamtheit der distinkten
Merkmale des Kunstwerks sowie die Prägung durch die Epoche und die Nation umfasst.
Johann Joachim Winckelmann ist der erste Theoretiker, der den Stilbegriff systematisch
auf die Kunstgeschichte anwandte. Er unterscheidet „Stile der Völker, Zeiten und Künst-
ler“ (Geschichte der Kunst des Altertums, Vorrede, Winckelmann 1964, 7). Eine zentrale
Rolle spielt das Konzept der verschiedenen Stile der Zeiten. Am Beispiel des Wachstums
und Falles der griechischen Kunst stellt er ein Entwicklungsmodell dar, dessen Phasen aus
75. Epochenstil/Zeitstil 1279

vier Stilen bestehen, dem archaischen, dem erhabenen, dem schönen und den nachah-
menden. Wenn Winckelmanns Kunsttheorie auch normativ-klassizistisch ist, so macht
die Einführung des historischen Stilkonzepts ihn doch zum „eigentlichen Begründer der
Kunstgeschichte“ (A. Müller 1981, 124). Im Bereich der Kunsttheorie wurden Winckel-
manns stilgeschichtliche Betrachtungen weiterentwickelt (u. a. durch Alois Riegel und
Gottfried Semper). Nur sehr vereinzelt bezieht sich Winckelmann auf Parallelen zu den
von ihm eruierten Stilepochen in der Literatur. Auf stilistische Merkmale von literari-
schen Zeitaltern und Völkern weist Friedrich Schlegel in seinem Gespräch über Poesie
(1800) zwar hin, er spricht etwa mit Bezug auf Petrarca, Boccaccio und Dante vom
„alten Styl der modernen Kunst“ (Schlegel 1967, 298), aber Unterscheidungen im Sinne
Winckelmanns fehlen. Bis zur Übertragung kunstgeschichtlicher Epochenbegriffe auf die
Literatur sollte es noch über hundert Jahre dauern.
Von größter Bedeutung für die Diskussion über Epochenstile in der Kunst- und später
auch in Literaturwissenschaft ist Heinrich Wölfflins Typologie der autonomen Sehform,
die er der Individualästhetik entgegensetzt, welche als Ursprung des Stils die Ausdrucks-
kraft des Individuums sieht. Zunächst arbeitete Wölfflin in der seiner Schrift Das Prob-
lem des Stils in der bildenden Kunst (1912) im Vergleich von Renaissance- und Barock-
kunst kategoriale Grundformen heraus, die Oppositionen von Linearem und Maleri-
schem, von geschlossener und offener Form, Vielheitlichem und Einheitlichem und von
Klarheit und Unklarheit. Vor Wölfflin bereits erscheint der Begriff Barockstil bei Nietz-
sche in einer Skizze in Menschliches, Allzumenschliches (1878, 2. Bd., 144), wo der end-
zeitliche dionysische Barockstil dem apollinischen Stil der Klassik gegenüberstellt wird.
Als Grund für den Übergang von der Renaissance zum Barock gab Wölfflin einen Wech-
sel in der Art des Sehens an. Er wollte zeigen, wie verschiedene Sehweisen zu verschiede-
nen Kunststilen führten. In seinen späteren Arbeiten, namentlich Kunstgeschichtliche
Grundbegriffe (1915), weitet Wölfflin seine Epochenbegriffe von der Bezeichnung für
Zeitstile zu überzeitlichen Stilkategorien aus. Er leitet damit eine phaseologische Be-
trachtung der Kunstgeschichte ein: Die Stilentwicklung vollzieht sich nicht linear, son-
dern in einem Pendeln zwischen den polaren Gegensätzen von Klassik und Barock, eine
Theorie, die E. Gombrich (1966) wieder aufgenommen hat. Wölfflins Ausweitung seines
kunsthistorischen Stilbegriffs ins Geistesgeschichtliche, seine Konzeption der „Grundbe-
griffe“ als geistiger Auffassungsweisen, die durch die „Gesamtphysiognomie des Zeital-
ters“ bedingt sind (Wölfflin 1963, 29), ist sicher von Ernst Cassirers früher Erkenntnis-
theorie beeinflusst (Kluge 1977, 577 f.), in der von „wissenschaftlichen Grundbegriffen“
die Rede ist, einem „Grundsystem letzter allgemeiner Begriffe und Voraussetzungen“,
aufgrund deren eine Epoche „die Mannigfaltigkeit des Stoffes, den ihr Erfahrung und
Beobachtung bieten, meistert und zur Einheit zusammenfügt“ (Cassirer 1911, Bd. I, V).
Wölfflins Kategorien sind immer wieder dahingehend kritisiert worden, dass sie zu einer
Vereinfachung der kunsthistorischen Entwicklungen führen (Steadman 1990). In unmit-
telbarer Reaktion auf die Kunstgeschichtlichen Grundbegriffe kritisiert Erwin Panofsky
(1915), Wölfflin habe nur eine kunsttheoretisch mögliche Antithetik schematisch auf die
Kunstgeschichte übertragen, „lineares“ und „malerisches“ Sehen z. B. seien nicht „Stil-
Wurzel“ oder „Stil-Ursache“, sondern sekundäre Merkmale von Stil-Haltungen, die der
Erklärung bedürfen (Panofsky 1992, 25). Trotz derartiger Einwände kann kein Zweifel
daran bestehen, dass Wölfflins Kunstgeschichtliche Grundbegriffe „den Beginn jener wis-
senschaftsgeschichtlichen Phase markieren, welche durch die Dominanz der Stilfor-
schung als Paradigma geprägt ist“ (Gumbrecht 1986, 771). Neuere Kunsthistoriker ha-
1280 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

ben seinen Ansatz modifiziert. So steht Marc Eli Blanchard zwar in der Tradition Wölff-
lins: „Die Definition des Stils ist die essentielle Vorbedingung für die Definition histo-
rischer Epochen, wie sie von der Kunstgeschichte reflektiert werden“ (Blanchard 1986,
565). Er setzt sich aber von seinem Vorgänger ab, wenn er die Kategorie des Sehens neu
bestimmt. Stil sei „nicht bezogen auf die physische Operation des Sehens, sondern auf
die vom Künstler verwendeten Verfahren […], mittels derer das Visuelle dem Bewußtsein
vermittelt wird.“ Das Historische am Stil sieht er in der Erzeugung eines multiplen Kom-
munikationssystems, „das die Ideologie einer Epoche hervorbringt“ (Blanchard 1986,
572).
Wenn Wölfflin eine Brücke schlägt vom Weltverhältnis des Auges „zum Stil und zum
Geist der Zeit“ (Möbius 1984, 14), eröffnet er Möglichkeiten der Epochenbestimmung
durch den Stil, die auch von anderen Kunstmedien, z. B. der Literatur, genutzt werden
konnten. Die Reflexion über Literaturepochen im geistesgeschichtlichen Kontext, wie sie
sich etwa in Wilhelm Diltheys Werk Das Erlebnis und die Dichtung (1906) zeigt, wartete
gewissermaßen auf praktikable Kategorien für die Kennzeichnung von literarischen Epo-
chenstilen. Ein Modell dafür bot sich in Wölfflins Neufundierung der Kunstgeschichte
an. 1917 wandte Oskar Walzel in seiner Schrift Wechselseitige Erhellung der Künste
Wölfflins Kategorien auf die Literaturgeschichte an. Er nahm seinen Ansatz 1923 in dem
Werk Gehalt und Gestalt im Kunstwerk des Dichters wieder auf. Walzel ist der Begründer
der Methode der wechselseitigen Erhellung der Künste. Dabei handelt es sich um inter-
disziplinäre Versuche, durch die Übernahme von Begriffen und Methoden verwandter
Wissenschaften die jeweilige Erkenntnisbasis zu erweitern, eine Methode, die in modifi-
zierter Form noch später aktuell blieb, z. B. bei Wiley Sypher (1955), der Analogien
zwischen literarischen und bildnerischen Stilen kulturgeschichtlich begründet. Im
Grunde handelt es sich bei Walzels Projekt um einen „Austausch der Fachterminologie“
(Kluge 1977, 575). Zuvörderst geht es ihm darum, „das Bedürfnis nach eindeutigen Aus-
drücken für künstlerische Tatsachen zu befriedigen“ (Walzel 1923, 313). Aber er hofft
auch auf tiefere Erkenntnis. Der Literaturhistoriker sollte mit den Augen des Kunsthisto-
rikers sehen lernen, „um gewisse künstlerische Züge besser zu fassen, die ihm seine eige-
nen Beobachtungsweisen nicht hinreichend enthüllen“ (Walzel 1917, 9). Walzel greift nur
auf ein Begriffspaar von Wölfflin zurück, das von geschlossen (tektonisch) und offen
(atektonisch): „Das eigentlich Bedeutsame war mir die Scheidung künstlerischer Form-
möglichkeiten in zwei große Gruppen, die einander gegensätzlich gegenüberstehen, die
Bestimmung eines geschlossenen, streng tektonischen und eines offenen, gelösten, ent-
bundenen, atektonischen Stils“ (Walzel 1917, 42). Eine Bestätigung der Zweipoligkeit
seines Stilbegriffs sieht er in den Oppositionen von naiv und sentimentalisch (Schiller)
und von objektiv und interessant (Schlegel), Oppositionen, wie sie in der Zeit auch von
Nietzsche (apollinisch ⫺ dionysisch) und Worringer (Abstraktion und Einfühlung, 1908)
formuliert wurden. So ordnet Walzel Shakespeare dem Barock und Racine und Corneille
der Renaissance zu. Man hat ihm vorgeworfen, dass er Wölfflin falsch verstanden habe
und sein Stilverständnis rein typologisch sei und das Historische ausschließe (Kluge
1977; Rosenberg 1986), aber Walzel ist sich durchaus der Problematik seines Vorgehens
bewusst und hat eine fruchtbare Diskussion ausgelöst. Eine Zweipoligkeit des Stilbegriffs
findet sich auch bei Walzels Nachfolger Fritz Strich, der eine Hin- und Herbewegung in
der Stilgeschichte zwischen den Polen Vollendung (Klassik) und Unendlichkeit (Roman-
tik) annimmt: Deutsche Klassik und Romantik oder Vollendung und Unendlichkeit (1922).
In Strichs Grundbegriffen bezeugt sich in zweifacher Weise das Streben des Geists zur
75. Epochenstil/Zeitstil 1281

Ewigkeit, einmal im Sinne des Vollendeten, das zeitlos „durch die Zeit dauert“, und dann
im Sinne des Unendlichen, das „niemals enden kann, weil es niemals vollendet ist“
(Strich 1922, 6). Die folgende programmatische Äußerung Strichs macht deutlich, dass
die von Wölfflin inspirierte Stilforschung in die Geistesgeschichte übernommen wurde:
„Man nennt die einheitliche und eigentümliche Manifestation der ewigen Grundform in
der Zeit, die charakteristische Gestalt, in welcher sie zu einer Zeit erscheint, den Stil
dieser Zeit. Der Stil ist also die zeitliche Erscheinung des zeitlosen Menschentums. Die
Dauer und der Wechsel des Geistes finden gleichermaßen in ihm den Ausdruck. Darum
ist Geistesgeschichte notwendig Stilgeschichte“ (Strich 1922, 5). Strichs Werk firmiert
zwar als Stilgeschichte, gehört aber in den Bereich der zu seiner Zeit dominierenden
Geistesgeschichte, die sich ebenfalls mit dem Epochenstil befasste. Als einer der charak-
teristischen Vertreter dieser von der Geistesgeschichte dominierten Richtung der Litera-
turwissenschaft der zwanziger und dreißiger Jahre sei Emil Ermatinger erwähnt, der
wie andere in dieser Zeit vom Zeitstil statt vom Epochenstil spricht. Er versucht, die
charakteristischen Merkmale von Literaturepochen aufzuspüren. Zugrunde liegt seinen
Darlegungen ein „Idee-Erlebnis“, aus dem sich ein Weltbild entwickele und nach künstle-
rischem Ausdruck verlange. In den stufenmäßigen Wandlungen der Zeiten änderten sich
auch die Stilformen, so dass sich eine Folge von Stilphasen herausbilde. Phasenwechsel
findet er jeweils nach zwei Generationen. Er behandelt den Zeitraum von 1640 bis 1900
und identifiziert eine Folge vom „Zeitalter des Barockstils“ über das „Zeitalter des Roko-
kostils“ und „das Zeitalter des Sturm und Drang, der Klassik und der Romantik“ bis
zum „Zeitalter des Realismus“, das er mit dem „Impressionismus“ enden lässt (Ermatin-
ger 1926, 615⫺650). Wie problematisch eine solche Einteilung ist, zeigt sich darin, dass
er auf eine verhältnismäßig kurze Epoche wie das Rokoko eine große Epoche folgen
lässt, in der sich Sturm und Drang, Klassik und Romantik verbinden. Weniger forciert
ist dagegen Paul Böckmanns Verfahren, dessen Formgeschichte der deutschen Dichtung
sich explizit an den „höheren Einheiten der Epochenstile“ orientiert (Böckmann 1978,
28 f.). In der Tradition der Zweipoligkeit des Stilbegriffs von Walzel und Strich steht
die Untersuchung von Gerhard Storz Klassik und Romantik (1972), die stilgeschichtlich
verfährt, ohne sich einer „abstrahierenden Systematik“ (Storz 1972, 12) zu verschreiben.
Der Stilbegriff bleibt dabei allerdings vage, wenn er „als notwendige, aus einem tiefer
liegenden Wurzelgrund erwachsene Prägung“ defininiert wird, die „nur am jeweiligen,
konkreten Ganzen einer Dichtung zuverlässig wahrgenommen werden kann“ (Storz
1972, 12). Statt „Stil“ verwendet Florian Gelzer (2006) den Begriff „Schreibmodus“, um
die Opposition „romantisch-komisch“ zu erfassen. Einer der wenigen Literaturwissen-
schaftler, die noch mit Wölfflins Begriffsoppositionen arbeiten, ist Volker Klotz mit sei-
nem Werk Offene und geschlossene Form im Drama (1960), das nur eines der Begriffs-
paare verwendet, das „einander diametral entgegenstehende Stiltendenzen“ der neueren
deutschen Dramatik [zu] erfassen helfen“ soll (Klotz 1960, 14). Wenn Erich Auerbachs
Werk Mimesis (1946) auch nicht in der Tradition der immanentistischen Stilanalyse steht,
so geht er in seiner Erforschung des Realismusbegriffs in der Literatur doch von der
antiken Vorstellung der drei Stilebenen aus, und sein Versuch, Stilarten als Wirklichkeits-
modelle durch intensive Textarbeit zu eruieren, scheint von dem Vorbild zweipoliger
Stilkonzeptionen beeinflusst zu sein, etwa wenn er in einem Vergleich eines homerischen
Texts (19. Gesang der Odyssee) und eines alttestamentarischen Texts (Opferung Isaaks)
zwei gegensätzliche „Stilarten“ erkennt und damit einen „Ausgangspunkt für Versuche
über die literarische Darstellung des Wirklichen in der europäischen Kultur“ gewinnt
(Auerbach 1946, 26).
1282 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Ein Problem, das weniger in der Kunstgeschichte als in der Literaturwissenschaft


auftritt, ist das Postulat von Zwischenepochen, etwa der des Manierismus zwischen Re-
naissance und Barock (Hauser 1964). Ist schon der Barockbegriff selbst umstritten (z. B.
Bahner 1976; Barner 1971, 1975; Sowinski 1994, Sp. 324 f.; Lepper 2006), so stellt der
Manierismus ein geradezu unlösbares Problem dar. Stilforscher aus verschiedenen
Kunstmedien haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie Manierismus und Barock zu
unterscheiden sind, und darauf hingewiesen, dass beide Stilepochen mit Stiltendenzen in
der Renaissance und mit anderen zeitgenössischen Stiltendenzen wie dem concettismo
(marinismo, gongorismo) und dem Stil der metaphysical poetry (Steadman 1990) zusam-
menhängen. ⫺ Dass ein zu enger Begriff des Epochenstils problematisch ist, zeigt die
Monographie von Richard Hammann und Jost Hermand Stilkunst um 1900 (1967), die
in einem beschränkten Zeitraum „eine Anzahl deutlich unterschiedener Stilarten beob-
achten, die sich nur mit einiger Gewagtheit unter einem gemeinsamen Epochenbegriff
vereinigen lassen“ (Hammann/Hermand 1967, 208). Die Autoren unterscheiden in der
Stilwende um 1900 (1) eine „ästhetisch-dekorative“ Phase, die man auch als „stilisierten
Impressionismus“ bezeichnen könne, deren Auftakt der „Neoimpressionismus“ bilde und
die im Zusammenhang stehe mit dem „Jugendstil“, dem „Stimmungslyrismus“ und dem
„Symbolismus“, (2) eine „volkhaft-monumentale“ Phase, die durch eine „volkhafte Hei-
matkunst“ eingeleitet wurde, die im „Stimmungshaften“ wurzelte und sich zu einer
„Blut-und-Boden-Kunst mit ausgesprochen präfaschistischen Akzenten entwickelte,
während sich die verwandte „Monumentalkunst“ dieser Jahre höhere Ziele setzte, „wo
sich der wachsende Formanspruch auch auf das Religiöse, Nationale und Personenkulti-
sche auszudehnen beginnt“, (3) die „werkbetont-sachliche“ Phase, ein „Purismus“, der
sich am Leitbild einer werkbetonten Sachlichkeit orientiert und bei dem „Stil“ weitge-
hend mit „Qualitätsarbeit“ gleichgesetzt wird (Hammann/Hermand 1967, 209 f.). Ham-
mann und Hermand weisen daraufhin, dass das durch sie entwickelte Einteilungsprinzip
„nicht absolut genommen werden“ dürfe, sondern lediglich dazu diene, „bestimmte Mo-
dellsituationen herauszupräparieren“ (Hammann/Hermand 1967, 210 f.). Die Fülle von
Stiltendenzen an der Jahrhundertwende ist ein Zeichen einer Epoche, die vom Stil beses-
sen war, der über das eigentlich Ästhetische hinaus eine Weltanschauung war, „die alle
Lebensbereiche in sich einzuschließen versucht“ (Hammann/Hermand 1967, 205). Nicht
umsonst gibt es in dieser Epoche mit Jugendstil einen Terminus, der das Wort Stil ent-
hält. Von einer Stilepoche lässt sich also trotz der Vielfalt und des Facettenreichtums der
einzelnen Stilbewegungen vielleicht doch sprechen. Ein vergleichbarer, wenngleich nicht
so stark ausgefächerter Stilpluralismus lässt sich auch in anderen Epochen, etwa der
Renaissance, erkennen.

5. Fazit

Laut Hans Georg Gadamer ist der Begriff des Stils „eine der undiskutierten Selbstver-
ständlichkeiten, von denen das historische Bewußtsein lebt“ (Gadamer 1975, 466). Wenn
man einen weiten Stilbegriff ansetzt, der das gesamte künstlerische Verhalten des Men-
schen bis hin zu gesellschaftlich wahrnehmbaren Formen der Lebensgestaltung einbe-
zieht, dann erschließt die Stilgeschichte Etappen der „Geistes- und Mentalitätsge-
schichte“ (Gumbrecht 1986, 729). In der Geschichte der Kunst und Literatur lässt sich
75. Epochenstil/Zeitstil 1283

ein fortwährender Prozess der Umrüstung des künstlerischen „Formenapparates von


Epoche zu Epoche“ feststellen (Möbius 1984, 13). Epochenbegriffe wie Romanik, Gotik,
Renaissance, Barock, Rokoko, Klassik, Romantik, Realismus, Naturalismus, Impressionis-
mus, Expressionismus etc., die in hohem Maße durch Wandlungen des Stils und des
Stilverständnisses definiert sind, sind im Nachhinein durch Wissenschaftler festgelegt,
worden. Die Benennungen der Epochenstile als solche haben wenig Aussagekraft, aber
das Phänomen des Epochenstils ist, wenn sich auch kaum monolithische Stilepochen
ausmachen lassen und es Kontinuitäten über die Zeiten hinweg und Parallelentwicklun-
gen und Überlappungen gibt, eine nützliche Kategorie im stilgeschichtlichen Diskurs.
Der Begriff Epochenstil/Zeitstil rechtfertigt sich nicht allein dadurch, dass sich für ein-
zelne Epochen unbestreitbar charakteristische Stile ausmachen lassen, sondern auch da-
durch, dass sich der spezifische Stil einer Zeit maßgeblich zur Definition einer Epoche
heranziehen lässt.

6. Literatur (in Auswahl)


Adolph, Robert (1968): The Rise of Modern Prose Style. Cambridge, Mass./London.
Assmann, Aleida (1986): „Opting in“ und „opting out“. Konformität und Individualität in den
poetologischen Debatten der englischen Aufklärung. In: Gumbrecht Pfeiffer (1986), 127⫺143.
Auerbach, Erich (1946): Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur.
Bern/München.
Bahner, Werner (Hrsg.) (1976): Renaissance ⫺ Barock ⫺ Aufklärung. Epochen- und Periodisie-
rungsfragen. Kronberg.
Barner, Wilfried (1971): Stilbegriffe und ihre Grenzen. Am Beispiel „Barock“. In: Deutsche Viertel-
jahrsschrift 45, 302⫺326.
Blanchard, Marc Eli (1986): Stil und Kunstgeschichte. In: Gumbrecht/Pfeiffer (1986), 559⫺573.
Böckmann, Paul (1978, 1. Aufl. 1949): Formgeschichte der deutschen Dichtung. Hamburg.
Cassirer, Ernst (1911): Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren
Zeit. Bd. 1. 2. Aufl. Berlin.
Curtius, Ernst Robert (1993): Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Tübingen/Basel.
Ermatinger, Emil (1926): Zeitstil und Persönlichkeitsstil. In: Deutsche Vierteljahrsschrift 4, 615⫺
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Fix, Ulla/Hans Wellmann (Hrsg.) (1997): Stile, Stilprägungen, Stilgeschichte. Heidelberg.
Gadamer, Hans Georg (1975): Wahrheit und Methode. 4. Aufl. Tübingen.
Gelzer, Florian (2006): Romantisch-komisch: zu einem literarischen Modus in der deutschen Litera-
tur zwischen Frühaufklärung und Klassik. In: German Life and Letters 59, 323⫺343.
Gombrich, Ernst H. (1966): Norm and Form. The Art of the Renaissance. London.
Gumbrecht, Hans Ulrich/Ludwig Pfeiffer (Hrsg.) (1986): Stil. Geschichte und Funktionen eines
kulturwissenschaftlichen Diskurselements. Frankfurt a. M.
Gumbrecht, Hans Urich (1986): Schwindende Stabilität der Wirklichkeit. Eine Geschichte des Stil-
begriffs. In: Gumbrecht/Pfeiffer (1986), 726⫺788.
Gumbrecht, Hans Ulrich (2003): Stil. In: Klaus Weimar/Harald Fricke/Jan-Dirk Müller (Hrsg.):
Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3. Berlin/New York, 509⫺513.
Hamann, Richard/Jost Hermand (1967): Stilkunst um 1900. Berlin.
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76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1285

Walzel, Oskar (1923): Gehalt und Gestalt im sprachlichen Kunstwerk. Berlin.


Winckelmann, Johann Joachim (1964): Geschichte der Kunst des Altertums. Weimar.
Wölfflin, Heinrich (1912): Das Problem des Stils in der bildenden Kunst. In: Sitzungsberichte der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 572⫺578.
Wölfflin, Heinrich (1963): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Erstausgabe 1915. Basel.
Worringer, Wilhelm (1908): Abstraktion und Einfühlung. München.

Wolfgang G. Müller, Jena (Deutschland)

76. Stile wissenschatlichen Denkens


1. Einleitung
2. Stil als kulturwissenschaftliches Diskurselement
3. Stil als wissenschaftshistorische Kategorie
4. Wissenschaftshistorische Kontroversen
5. Anwendungen und Grenzen des Stilbegriffs
6. Zusammenfassung
7. Literatur (in Auswahl)

Abstract
The term style looks back on a long tradition as a descriptive element in the history of
literature. Since the Renaissance, a spreading of style from the history of literature to the
history of art and from there to other humanities can be observed. Since the beginning of
the last century, the term has increasingly been used also (even as an element of discourse)
in the epistemology and the history of science and technology. This proliferation of style
calls for an explanation. Has it simply been borrowed from art history, as some historians
argue? In this contribution, we will analyze the history of style anew and claim that it has
been discovered independently in the emerging field of history of science and technology at
the beginning of the twentieth century, when the historians’ focus shifted from so-called
internal to external determinants of scientific thinking. The positivistic ideal of an unitarian
and universal science revealing ultimate truth was called into question in favor of economic,
ethnic, geographic, national, regional or even individual factors influencing thought; in
short, of factors aggregately called a style. The advantages and limitations of this element
of historic discourse will be discussed.

1. Einleitung
Der Romanist und Literaturhistoriker Hans Ulrich Gumbrecht diagnostizierte eine Pro-
liferation des Stils: „Eine Form des Verhaltens und Handelns, die über Jahrtausende als
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1285

Walzel, Oskar (1923): Gehalt und Gestalt im sprachlichen Kunstwerk. Berlin.


Winckelmann, Johann Joachim (1964): Geschichte der Kunst des Altertums. Weimar.
Wölfflin, Heinrich (1912): Das Problem des Stils in der bildenden Kunst. In: Sitzungsberichte der
Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 572⫺578.
Wölfflin, Heinrich (1963): Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Erstausgabe 1915. Basel.
Worringer, Wilhelm (1908): Abstraktion und Einfühlung. München.

Wolfgang G. Müller, Jena (Deutschland)

76. Stile wissenschatlichen Denkens


1. Einleitung
2. Stil als kulturwissenschaftliches Diskurselement
3. Stil als wissenschaftshistorische Kategorie
4. Wissenschaftshistorische Kontroversen
5. Anwendungen und Grenzen des Stilbegriffs
6. Zusammenfassung
7. Literatur (in Auswahl)

Abstract
The term style looks back on a long tradition as a descriptive element in the history of
literature. Since the Renaissance, a spreading of style from the history of literature to the
history of art and from there to other humanities can be observed. Since the beginning of
the last century, the term has increasingly been used also (even as an element of discourse)
in the epistemology and the history of science and technology. This proliferation of style
calls for an explanation. Has it simply been borrowed from art history, as some historians
argue? In this contribution, we will analyze the history of style anew and claim that it has
been discovered independently in the emerging field of history of science and technology at
the beginning of the twentieth century, when the historians’ focus shifted from so-called
internal to external determinants of scientific thinking. The positivistic ideal of an unitarian
and universal science revealing ultimate truth was called into question in favor of economic,
ethnic, geographic, national, regional or even individual factors influencing thought; in
short, of factors aggregately called a style. The advantages and limitations of this element
of historic discourse will be discussed.

1. Einleitung
Der Romanist und Literaturhistoriker Hans Ulrich Gumbrecht diagnostizierte eine Pro-
liferation des Stils: „Eine Form des Verhaltens und Handelns, die über Jahrtausende als
1286 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Privileg der (Sprach-)Künstler galt, ist zur alltäglich dominanten Form des Verhaltens
und Handelns geworden. Genau auf diese Strukturverschiebung im Bereich sozialer Ak-
tion […] verweist das Proliferieren des einst ausschließlich den Künstlern und dem
Kunstwerk attribuierten Stilbegriffs“ (Gumbrecht 1986, 777). Ein Blick auf die Wissen-
schaftsgeschichte scheint Gumbrechts These zu untermauern: Seit etwa Mitte der achtzi-
ger Jahre hat der Begriff des Stils auch in der Wissenschaft, genauer, in deren Historio-
graphie, Konjunktur. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fanden zahl-
reiche internationale Konferenzen statt, die den Nutzen der Kategorie Stil für die
Historiographie der Wissenschaften, und zwar sowohl der Geistes- als auch der Natur-
wissenschaften, thematisiert haben. Das Thema ist seitdem unverändert aktuell, was der
reichliche Gebrauch des Begriffs Stil in der Wissenschafts- und Technikgeschichte be-
weist, ohne dass dabei jedoch Einvernehmen über Rolle und Tragweite des Begriffs erzielt
worden wäre. Hier wird eine Bestandsaufnahme versucht, die von der Frage ausgehen
soll, ob es sich in der Tat, wie behauptet wird (Wessely 1991), um die Proliferation einer
kunstgeschichtlichen Kategorie in die Geschichtsschreibung der Wissenschaften handelt.

2. Stil als kulturwissenschatliches Diskurselement

Stil ist die kulturwissenschaftliche Kategorie par excellence, und dies nicht nur wegen
ihrer ubiquitären Verbreitung, sondern auch wegen ihres Alters: Der Begriff ist fast so
alt wie unsere abendländische Kultur selbst. ,Am Anfang war die Metapher‘, so könnte
eine Geschichte des Stilbegriffs beginnen.
Das Wort Stil, so sei hier erinnert, stammt etymologisch gesehen von stilus, dem
Wort, das im Lateinischen den Griffel bezeichnet, mit dem der antike Schreiber Worte
in die Wachs- oder auch Tontafel ritzte. Stil verweist auf Schriftlichkeit von Überliefe-
rung und damit auf den Beginn schriftlicher Geschichte, eben Geschichtsschreibung.
Von der Bezeichnung eines Gegenstandes zur Metapher, die vielfache Konnotationen
einschließt, ist es jedoch selbst ein historischer Weg, der etwa in der Zeit Ciceros, also
im ersten vorchristlichen Jahrhundert, beschritten wurde. In dieser Zeit begann die
Schriftlichkeit der Kultur, die Kultur des Buches also, die mündliche Kultur der Rede in
ihrer Bedeutung zu übertreffen. Die Erweiterung des Begriffs setzte an bei der dialekti-
schen Natur des Gegenstandes selbst: Der Griffel hat zwei Enden, das eine, spitze, dient
dem Ritzen der Tafel, also dem Schreiben, das andere, stumpfe, aber ihrem Glätten, also
dem Löschen des Textes. Das Löschen von Text dient nicht allein der Korrektur von
Irrtümern, sondern, im Wechselspiel von Schreiben und Löschen, der Arbeit am literari-
schen Text schlechthin, also der Suche nach der optimalen Form des Ausdrucks, nach
Eleganz, Prägnanz und Schlichtheit. Hier entsteht die Verknüpfung des Begriffs Stil mit
ästhetischer Qualität, einer Qualität, die zudem nicht Selbstzweck ist, sondern letztlich
der Suche nach Wahrheit dient: Diese Suche nach Erkenntnis, nach Wahrheit im Text,
war, wie Gumbrecht unterstreicht, auch Gegenbewegung zur Sophistik, jener Scheinwis-
senschaft (Sokrates), die allein auf die erfolgreiche Manipulation des Adressaten der
Rede abzielte (Gumbrecht 1986, 732).
Die Wahrheit, die die Arbeit am Text anstrebt, ist jedoch eine sehr relative, wie schon
Plato unterstrich. Die eine, die kosmologische, die eigentliche Wahrheit oder Wirklich-
keit, ist nämlich göttlichen Ursprungs und damit dem menschlichen Erkenntnisstreben
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1287

unerreichbar. Was dem Menschen bleibt, sind Bilder, Meinungen, subjektive Ansichten
der göttlichen Wirklichkeit. Medium der Vermittlung zwischen der einen, der göttlichen
Wahrheit, und der Vielzahl der menschlichen Wahrheiten aber ist der Text, dessen Aus-
druck oder Stil zum Synonym wird für die Vielfalt, die Vorläufigkeit, die Unvollkom-
menheit, die Subjektivität menschlichen Erkennens.
Das Mittelalter wurde von dem Glauben dominiert, dass Gott selbst seine Wahrheit
all jenen Menschen offenbare, die sich seinem Wort öffnen. Die christliche Weltsicht,
ihre Ablehnung einer pluralistischen Weltanschauung, hatte die Zurückdrängung indivi-
dueller Ausdrucksformen und Stile im literarischen Bereich zur Folge: Der Stilus des
Schreibers hatte im wörtlichen Sinn unsichtbar zu bleiben. Selbst im Bereich der säkula-
ren Literatur hatte sprachlicher Schmuck zu unterbleiben, nur Rechtslehre und Rechts-
praxis bildeten Enklaven der Subjektkategorie und damit der Möglichkeit einer Refle-
xion sprachlicher Stile (Gumbrecht 1986, 736).
Die Renaissance, mit ihrer Wiederentdeckung des Menschen, erlebte eine Konjunktur
des Subjekts und des Stilbegriffs. Die Differenzierung des Wissens, die Entstehung der
modernen Naturwissenschaften sowie das aufkeimende Bewusstsein der Nationen und
ihr geographischer Drang nach Westen schärfte den Blick für regionale Unterschiede
bzw. deren Voraussetzungen, im Besonderen in Kunst und Literatur. Im Bereich der
bildenden Künste Italiens entstand der Begriff der maniera, der auf die Machart, die
Produktionsregeln, sowie die regionalen Bedingtheiten im Bereich der bildenden Kunst
zielte. Maniera konnotierte aber auch Subjektivität des Künstlers, seinen Geschmack,
womit der Begriff maniera als Konnotat zum Begriff des Stils hinzutrat, der dadurch
selbst seine spezifische Referenz zur geschriebenen Sprache verlor. Die Betonung der
künstlerischen Originalität auf Kosten der Tradition, die Hinwendung zur inventio an-
stelle von imitatio, stimulierte die Suche nach Neuem; in der Literatur im Besonderen
zur Orientierung an der Volks- und Alltagssprache und damit, wie Gumbrecht schreibt,
zur „impliziten Aufhebung der Prämisse von der einen Wirklichkeit/Wahrheit“ zugunsten
einer Pluralität der Welten (und Stile) (Gumbrecht 1986, 748).
Die Proliferation des Stilbegriffs, die in der Renaissance ihren Anfang nahm, setzte
sich in der Aufklärung fort, wodurch der Begriff weiter an Spezifik einbüßte und wo
somit die Ursache für das begriffliche Dilemma zu orten ist, dem wir uns bis heute
gegenübersehen. Die für die Renaissance festgestellte Erweiterung des Begriffs von der
Literatur auf die bildende Kunst wurde offensichtlich in Richtung der artes mechanicae
(und damit in nuce auch der Technik) verlängert: So rubriziert die Encyclopédie von
Diderot und d’Alembert unter den Anwendungsbereichen von style nicht allein Literatur,
Logik, Musik und Malerei, sondern auch Jagd, Zeitrechnung, Jurisprudenz und Handel
(Encyclopédie 15, 551⫺557).
Nicht nur im Bereich der Anwendung, sondern auch im Bereich der begrifflichen
Interpretation ist fortan eine Mehrsträngigkeit der Entwicklung feststellbar, von der
Gumbrecht allein für den Bereich der Literatur drei Stränge unterscheidet. Stil meint
danach erstens individuelle Besonderheiten des Sprachgebrauchs, den Stil des Individu-
ums. Die poésie du style zielte auf die Emotionen des Lesers, seine Naivität im Sinne von
Offenheit gegenüber dem Neuen, wobei sie sich über die Konventionen, die Regeln der
Kunstfertigkeit hinwegsetzt. In der Ästhetik der Romantik wird der Individualstil als
Ausdruck innerer Einzigartigkeit zum Synonym für den Stil des Genies, der didaktisch
nicht zu vermitteln ist. Diese Art des Stils als Zuspitzung von Individualität als Genie ist
unvereinbar mit Wissenschaft, denn „Wissenschaft ist universell, Literatur ist persönlich“
(Gumbrecht 1986, 752).
1288 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Der zweite Strang zielt dagegen auf einen kollektiven Stilbegriff, den Epochen- bzw.
Nationalstil, der im 19. Jahrhundert seine Konjunktur erlebt und bei Winckelmann sei-
nen Ausgang hat. Es war Johann Joachim Winckelmann, der in seiner 1764 erschienenen
Geschichte der Kunst des Altertums die Perioden der bildenden Kunst mit jenen der grie-
chischen Literatur parallelisierte und dabei den Begriff des Stils zur Kennzeichnung von
Epochen der klassischen Kunst etablierte. Seitdem ist der Begriff des Stils für die Ge-
schichte von Kunst und Architektur zur Kennzeichnung von Epochen und Regionen
unverzichtbar geworden (Winckelmann 1764; cf. Castle 1914, 155).
Winckelmann weiterführend gab Mitte des 19. Jahrhunderts Gottfried Semper eine
auf die sozialen und materiellen Bedingtheiten künstlerischen Schaffens rekurrierende
Definition von Stil. Danach ist es eben nicht allein das Genie des Künstlers, das die
künstlerische Hervorbringung bestimmt, vielmehr hängt diese von einer Fülle von beglei-
tenden Nebenumständen ab, die die Lösung der künstlerischen Aufgabe modifizieren.
Dazu zählen nach Semper nicht nur der Einfluss des Materials, des technischen Verfah-
rens oder des Herstellungsprozesses, sondern vielmehr auch lokale und ethnische Ein-
flüsse darauf wie etwa Klima, Geographie, Religion oder Politik (Semper 1860⫺63; cf.
Castle 1914, 156).
Während diese beiden Stränge der Interpretation bzw. Diskussion von Stil eher die
soziale Dimension (Individuum oder Kollektiv) tangieren, berührt der dritte Strang die
epistemologische Dimension: Stil wird zum Synonym für die kognitiven Fähigkeiten des
Menschen schlechthin. War die Aufklärung der rationalistischen Tradition folgend noch
davon ausgegangen, dass die kognitive Ausstattung des Menschen, Vernunft und Logik,
ihn in die Lage versetzen, Natur, Wirklichkeit und Wahrheit adäquat zu erkennen, so
machte sich etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts eine skeptischere Auffassung breit,
die die Subjektivität als unausweichliche Bedingung im Erkenntnisprozess hervorhob.
Am Beginn dieser Entwicklung steht wohl jener George Louis Leclerc Comte de Buffon,
der in seinem berühmten, 1753 anlässlich seiner Aufnahme in die Académie Française
gehaltenen Discours den Stil zum Synonym für das Erkenntnissubjekt schlechthin wer-
den ließ: „[…] les connoissances, les faits et les découvertes […] sont hors de l’homme;
le style c’est l’homme même“ [die Erkenntnisse, Fakten und Entdeckungen sich verflüch-
tigen, sich übertragen und durch geschicktere Hände realisiert werden. Dies alles bleibt
außerhalb, der Stil ist der Mensch selbst] (Buffon 1753, 503). Goethe sah im Stil als der
Kategorie der Subjektivität die Kategorie des Erkennens schlechthin, da, so Goethe,
„jeder Mensch die Welt anders sehen, ergreifen und nachbilden wird“ (Goethe 1789). Bei
Goethe meint Stil also ⫺ wie bei Buffon ⫺ die Vollendung der Kunst in ihrer kognitiven
Funktion. Kunst (und nicht Wissenschaft) wird zum Instrument der Welterkenntnis; eine
Auffassung, die im deutschen Idealismus Zustimmung fand. Das 19. Jahrhundert war
damit beschäftigt, diese Weltsicht (in Kunst und Literatur) weiter zu perfektionieren. Stil
wurde, um mit Flaubert zu reden, zur manière absolue de voir les choses, zur absoluten
und höchst individuellen Sicht der Welt, die eine eigene Welt schafft, statt die ehedem
eine, äußere, noch verstehen zu wollen. „Der Stil ist […] eine Art des Sehens und Imagi-
nierens (une qualité de la vision), die Enthüllung des partikularen Universums, das jeder
von uns sieht, und das die anderen nicht sehen“ (Gumbrecht 1986, 765). Nicht nur
die Literatur, auch die gerade im Entstehen begriffene Psychoanalyse und mit ihr die
phänomenologisch orientierte Philosophie (Husserl) nahmen Abschied von der lang ge-
hegten Illusion, das Ding an sich sei der menschlichen Erkenntnis zugänglich. Diese Hin-
wendung, dieses Bekenntnis zum Partikularismus und zur Subjektivität konfligierte mit
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1289

den erstarkenden Naturwissenschaften, die sich unter dem Einfluss des Positivismus als
letzte Bastion einer auf Allgemeingültigkeit zielenden Wirklichkeitserfassung verstanden:
„Die Bewahrung des Glaubens an die eine Wirklichkeit und die Erhaltung des überkom-
menen Begriffs von ,Wahrheit‘ kamen nun allein der Wissenschaft zu“ (Gumbrecht
1986, 769).
So können wir anhand der Geschichte des Stilbegriffs die Entstehung jener inzwischen
sprichwörtlichen Trennung der zwei Kulturen nachvollziehen, die danach Resultat eines
epistemologischen Bruchs war: des Auseinandertretens von Wahrnehmung und Wahr-
heit. Stil, so wie ihn das 19. Jahrhundert verstand, wurde damit quasi automatisch zur
categoria non grata all jener Wissenschaften, deren Ideale Objektivität und Allgemeingül-
tigkeit (Universalität) waren. Stil, als begriffliche Kategorie subjektiver Anschauung, das
war eine Kategorie der Kunst, der Literatur, jener Reiche der Subjektivität also, die auf
das Schaffen von Welten anstelle des Verstehens der einen Welt setzten.
Hier haben wir den Grund, warum in Geschichten des Stilbegriffs die Geschichte der
Naturwissenschaften immer ausgespart geblieben ist: Ihre Autoren, zumeist Literaturhis-
toriker, wurden Opfer jenes positivistischen Methodenideals der Naturwissenschaften,
das, allen Zweifeln zum Trotz, bis in unsere Zeit erfolgreich tradiert wurde.
Die Wieder- bzw. Neuentdeckung des Stils in den Naturwissenschaften bahnte sich
daher nicht in den systematischen, vom Positivismus dominierten Wissenschaften selbst,
sondern im Bereich der erkenntnistheoretischen Reflexion über diese an. Dabei fällt auf,
dass von Beginn an die Intersubjektivität menschlicher Erkenntnis nicht in der Weise
infrage gestellt wurde, wie dies im Bereich der Kulturwissenschaften geschah. Die Parti-
kularisierung der Welt konnte nur insoweit vollzogen werden, wie die Erkenntnis da-
rüber intersubjektiv nachvollziehbar bzw. vermittelbar blieb.

3. Stil als wissenschatshistorische Kategorie


Die Entdeckung des Stils im Bereich der Naturwissenschaften erfolgte zu Beginn des
20. Jahrhunderts und zwar im Bereich der Epistemologie, allerdings zunächst nicht in
der Absicht, mit diesem Begriff die Grundstruktur menschlicher Kognition zu beschrei-
ben. Der französische Physiker und Philosoph Pierre Duhem war bei seiner Analyse von
Ziel und Struktur der physikalischen Theorien darauf verfallen, von nationalspezifischen
Anschauungsweisen der physikalischen Realität zu sprechen. Dem „tiefen, aber engen
Denken der französischen Schule“ stellte er das „umfassende, aber schwache Denken
der britischen Schule“ gegenüber, ein Gegensatz, der seiner Ansicht nach vor allem in
Unterschieden der wissenschaftlichen Methodik, d. h. der Bevorzugung mechanischer
Modelle gegenüber analytischer Mathematik, zum Ausdruck kam (Duhem 1908, 79⫺86).
Duhem schrieb in einer Epoche, die von Chauvinismen und Nationalismen und ver-
mehrter Konkurrenz zwischen den europäischen Industrienationen geprägt war. Wäh-
rend des Ersten Weltkriegs ist seine Theorie zur Grundlage national-chauvinistischer
Polemik geworden (Kleinert 1978, 509). Wenngleich die Ergebnisse der Duhemschen
Analyse also, da von nationalen Ressentiments gefärbt, kritisch zu betrachten sind, so
kommt Duhem dennoch das Verdienst zu, das Augenmerk auf die Tatsache gelenkt zu
haben, dass die Entwicklung der Naturwissenschaften nicht isoliert von ihrem nationa-
len, politischen und sozialen Kontext gesehen werden darf, einem Kontext, in dem Tradi-
tionen, Präferenzen oder Schulen einen dominierenden Einfluss entfalten können.
1290 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

Duhem spricht von Schulen, nicht von Stilen. Schule verweist bereits auf die Bindung
kognitiver Traditionen an Institutionen und geht insoweit mit dem Begriff des Stils kon-
form, der jedoch noch eine Fülle weiterer Parameter einbeziehen wird. Zwei Zeitgenossen
Duhems, John T. Merz und Thorstein Veblen, gingen über Duhem hinaus, indem sie
institutionelle und soziökonomische Aspekte hervorhoben. Ein Vergleich dieser drei Au-
toren liefert damit eine triadische Struktur dessen, was unter dem Aspekt nationaler
Bedingtheit von Wissenschaft konnotiert werden kann, drei Ebenen, die miteinander
verknüpft bzw. voneinander abhängig sind (Jamison 1987, 150 f.):
(a) kognitive Konzepte bzw. Traditionen (Duhem)
(b) Bildungssysteme und Institutionen (Merz)
(c) sozioökonomische Ressourcen (Veblen).
Diese frühen, z. T. noch aus dem 19. Jahrhundert stammenden komparatistischen Versu-
che blieben weitgehend wirkungslos, bis im Zuge der dreißiger Jahre, bedingt z. T. durch
marxistische Analysen, eine Renaissance einsetzte.
Erwin Schrödinger, Pionier der Quantenmechanik und kulturhistorisch engagierter
Querdenker unter den Physikern der dreißiger Jahre, konfrontierte 1932 die preußische
Akademie der Wissenschaften mit der Frage Ist die Naturwissenschaft milieubedingt?
Wohl wissend, dass er die Mehrzahl der Vertreter der Physikalisch-mathematischen
Klasse damit provozieren, ja schockieren würde, bejahte Schrödinger diese These mit
Nachdruck. Bereits das Interesse, das der Wissenschaftler auf spezifische Methoden, Ex-
perimente oder Fragestellungen richtet und die Auswahl, die er dabei unter der nahezu
unbegrenzten Zahl von Möglichkeiten trifft, bedinge, so Schrödinger, dass der Subjekti-
vität die Eingangspforte geöffnet werde. Mehr noch als durch die Wahl der Interessen-
schwerpunkte, die in gewissem Sinne Modesache sei, sei der Subjektivität aber dadurch
Vorschub geleistet, dass auch der Wissenschaftler immer einem Milieu, Kulturkreis oder
Zeitgeist angehöre, was sich dem Betrachter, so Schrödinger, aber erst in historischer
Perspektive erschließe. Indem er die Kultur unter Einschluss der Naturwissenschaften
als eine Einheit sah, schien es Schrödinger zwingend, dass sich „auf allen Gebieten einer
Kultur gemeinsame weltanschauliche Züge und, noch viel zahlreicher, gemeinsame stilis-
tische Züge vorfinden, in der Politik, in der Kunst, in der Wissenschaft“ (Schrödinger
1932, 38). Einen Beleg versuchte er am Beispiel der Weimarer Kultur zu liefern, indem
er zeitgenössische Tendenzen in Architektur und Kunst mit der Quanten- und Relativi-
tätstheorie verglich.
Unabhängig von Duhem und Schrödinger entwickelte der polnische Bakteriologe
Ludwik Fleck etwa zu selben Zeit seine Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Weit
über Duhem hinausgehend und in bewusster Gegnerschaft zum logischen Empirismus
des Wiener Kreises unterstrich Fleck (1935) die prinzipielle Abhängigkeit jeglichen Er-
kennens von sozialen und gesellschaftlichen Randbedingungen, die als „nicht-artikulierte
Voraussetzungen“ in das Denken der Wissenschaftler einfließen und folglich ihren Denk-
stil bestimmen (Fleck 1980, 126). Mit dem Begriff des Denkkollektivs und seiner Bezie-
hung auf die Gesellschaft wollte Fleck eine Einheit anbieten, in der sowohl die kollektiv
wirksamen externen Faktoren als auch die einzelnen Forscher mit ihren individuellen
Motivationen und erworbenen Fähigkeiten gleichermaßen erfasst werden können (Schä-
fer/Schnelle 1980). Der historische Vergleich analoger Phänomene, so etwa auch Edgar
Zilsel (1941), liefere für die Erkenntnistheorie das, was das Experiment für die Naturwis-
senschaften tue, nämlich jene empirische Basis, auf deren Grundlage man zu gesetzes-
ähnlichen Aussagen vordringen könne (Zilsel 1976).
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1291

Das Eindringen vergleichender Ansätze in die Geschichtsschreibung der Naturwissen-


schaften setzte so eine Entwicklung in Gang, die nicht nur zur Entstehung der modernen
Wissenschafts- und Technikgeschichte führte, sondern eine Neuentdeckung des Stilbe-
griffs mit sich brachte.

4. Wissenschatshistorische Kontroversen

Seit der von Thomas S. Kuhn 1962 eingeleiteten Renaissance der Fleckschen Gedanken
ist die Diskussion um die Brauchbarkeit des Stilbegriffs nicht abgerissen. Die Debatte
um die theoretischen Implikationen der Wissenschaftsgeschichte hat gezeigt, dass nicht
allein Theorien für den Wissenschaftler erkenntnisleitend sind. Theorien sind vielmehr
Bestandteil größerer Einheiten. Die Kontroverse drehte sich um die Frage, wie diese
Einheiten zu definieren sind. Während Kuhn den Begriff des Paradigmas formulierte
(Kuhn 1962), Lakatos den Begriff des Forschungsprogramms dagegensetzte (Lakatos
1978) und Laudan diesen zum Begriff der Forschungstradition abwandelte (Laudan
1977), so bleibt festzuhalten, dass diese Begrifflichkeit auf den kognitiven Bereich be-
schränkt blieb. Demgegenüber verweist der Begriff des Denkstils direkt auf die Bedingt-
heit naturwissenschaftlichen Erkennens; auf seine Konditionierung durch externe, d. h.
politische, soziale, allgemeinkulturelle Faktoren, kurz: auf die Standortgebundenheit in-
tellektuellen Tuns. Dies gilt nicht nur für die klassische Geschichte der Wissenschaften,
sondern auch für den Typus neuzeitlicher, organisierter Forschung. Auch die zuneh-
mende Vernetzung in der Welt der Wissenschaft, die ihr den Anstrich der Internationali-
tät, ja Globalität verleiht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sub-Zivilisationen
existieren, die sich mit Denkstilen identifizieren lassen (cf. Galtung 1983; Jamison 1987).
Unbeschadet der in der Debatte vorgenommenen Akzentuierung des kollektiven bzw.
sozialen Elements wurden in der Wissenschaftsgeschichte auch individuelle, dem Litera-
rischen nahe kommende Stile diagnostiziert, vor allem in der Mathematik. Nehmen wir
als Beispiel Isaac Newton, von dem wir wissen, dass er zwei große Werke, die Principia
und die Opticks, verfasst hat, die sich in mehr als einer Hinsicht stilistisch unterscheiden:
nicht nur in der Wahl des Gegenstandes (Mechanik bzw. Optik), sondern vor allem in
der Wahl der Darstellungsmittel, sei es Sprache (Lateinisch bzw. Englisch), Wahl mathe-
matischer Methoden (Geometrie bzw. Analysis), syntaktische Form, Einsatz graphischer
Darstellungen etc. Interessanterweise haben diese in formaler Hinsicht so unterschiedli-
chen Werke eines Autors auch unterschiedliche Rezeptionsstränge oder Stile begründet,
die sich das ganze 18. Jahrhundert hindurch präzise verfolgen lassen: Die Anhänger-
schaft Newtons, von den Historiographen lange Zeit als Newtonianer über einen Kamm
geschoren, waren untereinander höchst uneins in Bezug auf die Frage, wer von ihnen
das Erbe des Meisters am besten verträte. Unterschiedliche Konzeptionen in Bezug auf
die rechten, bei der Befragung der Natur einzusetzenden Methoden, standen sich als
Schulen oder Stile des Newtonianismus unversöhnlich gegenüber und konnten geogra-
phisch bzw. national verortet werden (cf. Hall 1979).
Gegnerschaft gab es jedoch auch, und zwar innerhalb der Soziologie des Wissens,
was zeitweilig zu einer Zurückdrängung bzw. Vernachlässigung der komparativen Er-
kenntnistheorie geführt hat. Der Grund ist wohl darin zu sehen, dass die komparative
Erkenntnistheorie den klassischen Idealen der Wissenschaft wie Objektivität und Univer-
1292 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

salismus Hohn zu sprechen schien. So wurden auch Soziologie und Kulturwissenschaften


gelegentlich Opfer des gebetsmühlenhaft wiederholten Anspruchs der Naturwissenschaf-
ten, Hüter der Wahrheit bzw. der einen Welt zu sein. So erteilte Robert K. Merton noch
1968 allen Subjektivismen eine Abfuhr, indem er schrieb: „The acceptance or rejection
of claims entering the lists of science is not to depend on the personal or social attributes
of their protagonist; his race, nationality, religion, class and personal qualities are as
such irrelevant. Objectivity precludes particularism. The imperative of universalism is
rooted deep in the impersonal character of science“ (zit. n. Jamison 1987, 145 f.).

5. Anwendungen und Grenzen des Stilbegris

Die Attraktivität des Begriffs Stil für die Wissenschaftsgeschichte resultiert aus der im
Laufe der letzten Jahrzehnte gewonnenen Einsicht, dass es die Historiographie der Wis-
senschaft nicht mit einer Welt, der Welt, zu tun hat, sondern vielmehr mit Bildern der
Welt, also mit Welten, die zwar chronologisch aufeinander folgen und auseinander her-
vorgehen und damit auch miteinander verwandt sind, sich jedoch, aus ideozentrischer
Perspektive betrachtet, als inkommensurabel erweisen. Die von Kuhn bis Feyerabend
geleistete Arbeit am Begriff der Wissenschaftsgeschichte weist in diese, einem relativie-
renden Verständnis Vorschub leistende Richtung.
Den Versuch, die Wissenschaftsgeschichte Europas unter Zugrundelegung eines die
diachrone Perspektive und die Wahl der Erkenntnismethode und Darstellungsmittel be-
tonenden Stilbegriffs komplett zu schreiben, verdanken wir Alistair C. Crombie (1994).
Crombie strukturiert die Geschichte des Wissens, indem er eine Taxonomie wissenschaft-
licher Denkstile entwirft. Für die Geschichte der europäischen Wissenschaft von den
Griechen bis 1900 sieht Crombie sechs Stile, die er als
⫺ Postulieren (Griechische Antike, Plato bis Galen),
⫺ Experimentelles Argumentieren (Mittelalter bis Newton),
⫺ Hypothethisches Modellieren (imitatio naturae),
⫺ Taxonomisches Ordnen (Systematik, Linné, Buffon),
⫺ Probabilistisches Analysieren (Pascal bis Laplace),
⫺ Historisches Ableiten (genetische Methode, Darwin)
bezeichnet. Ohne auf die Stile hier näher eingehen zu können sei nur erwähnt, dass diese
zwar prinzipiell eine chronologische Abfolge, also Epochenstile darstellen, sich jedoch
zeitlich weit überlappen, sodass eine zeitliche Parallelität verschiedener Stile und damit
die Möglichkeit horizontalen Vergleichens sichergestellt ist. Interessanter als ein konkre-
tes Eingehen auf die Taxonomie der Stile ist für uns hier die Frage, was Crombie genau
unter Stil versteht, nach seinem Stilbegriff also. Wie die oben genannte Bezeichnung der
Stilrichtungen bereits nahe legt, liegt der Akzent auf der wissenschaftlichen Methodik,
auf der Wahl von Gegenstand und Art des wissenschaftlichen Fragens: „A scientific style
identified an object of inquiry, defined the questions to be put, and determined what
counted as an answer“ (Crombie 1994, 1; 56). Hier haben wir wie schon bei Schrödinger
den Aspekt des Subjektiven, der sich in der Möglichkeit der freien Wahl, der Auswahl,
des Interesses manifestiert. Der wissenschaftliche Stil selbst aber ist Teil eines kulturellen
Stils, den Crombie uns wie folgt beschreibt: „In every culture at any time men have
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1293

experienced existence through the mediation of a particular vision of existence and of


knowledge and their meaning, a vision presupposed in their cultural style. Every society
has a cultural ecology in which its view of nature and of humanity is conditioned both
by this mental vision and also by its technical capability in relation to its physical and
biological environment. Styles of theoretical and practical thinking within any culture,
styles of accepting or of making decisions both about the nature of the world and about
what should be done in any situation, styles of perceiving and of solving within this
vision and experience, not only in natural science and mathematics but also in the aesthe-
tic arts and sciences and those of personal and public government, in morality, law,
commerce, industry and so on, all nearly always have the marks of a recognizably com-
mon provenance. In any culture then men’s relations to nature as perceivers and knowers
and agents have been regulated, as knowledge, by conceptions of human nature and its
intellectual capacities within a total scheme of knowledge and existence. This has entailed
conceptions of both man and nature, of both perceiver and perceived, knower and
known, and man’s place in nature, time and history, of his origins and his destiny. Rela-
tions as action have been regulated by practical needs, habits and motivations and by
conceptions of man’s practical capacities, freedoms and limitations“ (Crombie 1994, 1;
56). Stil ist für Crombie also ein Synonym für die intellektuellen, moralischen und physi-
schen Bindungen (commitments) der Wissenschaft, ihre Einbindung in die Gesamtheit
der Kultur, mithin für deren unauflösliche Einheit. Der kulturelle Stil und die (techni-
sche) Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, seinem environment, bestimmen
das, was Crombie die kulturelle Ökologie einer Gesellschaft nennt.
Dies ist, vielleicht abgesehen von der Begriffsbildung, so neu nicht. Hier gerät der
Begriff des Stils in Gefahr, mit anderen geistesgeschichtlichen Begriffen in Konkurrenz
zu treten: Kulturelle Ökologie scheint nur ein anderes Wort für wissenschaftliches Weltbild
zu sein. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt bei Crombie auf den intellektuellen Bin-
dungen. Crombie geht damit kaum über den Bereich des Kognitiven hinaus. Dies ent-
spricht einem klassischen, nicht-soziologischen Verständnis von Stil. Die zeitlich wie
räumlich breite Konzeption von Stil verstellt zudem die Möglichkeit, sinnvoll nach der
gesellschaftlichen Kausalität für die Herausbildung bzw. Fortdauer von Stilen zu fragen.
Viel häufiger und möglicherweise auch ergiebiger als die von Crombie eingenommene
Perspektive, die hauptsächlich diachron, also vertikal vorgeht, ist die synchrone, also
horizontale Sicht, die zeitlich parallel Existierendes miteinander in Beziehung setzt und
als Stile konfrontiert. Hier scheint uns die eigentliche Stärke des Stilbegriffs zu liegen.
Für dieses Vorgehen gibt es zahlreiche Beispiele, wobei der Nationalstil dominiert (cf.
Malley 1979; Galtung 1983; Harwood 1987; Jamison 1987; Weiss 1988; Siegmund-
Schultze 1994; Borck 2006). Trotz der Kommunalität und Interdisziplinarität, ja Globali-
tät der modernen Wissenschaft, die die Abschottung der nationalen communities, wie sie
im 19. Jh. bestand, überwinden half, sind solche nationalen Differenzen bis heute von
Bedeutung, wobei sich die Frage aufdrängt, wie diese zu erklären sind.
Die Frage ist auch, was wir hier unter Erklärung verstehen wollen: nur ordnende
Deskription oder die Aufzeigung einer Kausalität? Ist Stil ein beschreibendes oder erklä-
rendes Element? Bereits Fleck hat den Akzent von der Deskription auf die Erklärung
verschoben, was unsere These von der Neuentdeckung stützt. Seit Fleck versucht die
Forschung über die ordnende Deskription hinauszugehen und zwar primär auf soziologi-
schem Wege.
Stil wird oft als lokale bzw. regionale Dominanz kognitiver Traditionen verstanden,
die aber letztlich wiederum spezifischer institutioneller Nischen bedürfen, um angesichts
1294 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

des Drucks in Richtung Standardisierung zu überleben und tradiert zu werden (cf. für
Großbritannien: Davie 1961; Cantor 1983; für Genf: Montandon 1975; Weiss 1988; für
die USA: Schweber 1986; Reingold 1991; Borck 2006). Damit versucht die Wissen-
schaftsgeschichte dem Vorwurf der Inhaltsleere des Begriffs zu entkommen, einer bereits
von Panofsky (1915) geäußerte Kritik, die noch von Gumbrecht als Hinweis auf eine
„systematische Insuffizienz des Stilbegriffs“ gewertet wurde (Gumbrecht 1986, 772).
Hier sei noch einmal an die triadische Struktur erinnert, die bereits im 19. Jahrhun-
dert mit dem Begriff des nationalen Stils konnotiert wurde, nämlich die Ebenen (a) der
kognitiven Konzepte bzw. Traditionen (Duhem), (b) der Bildungssysteme und Institutio-
nen (Merz) und (c) der sozioökonomischen Ressourcen (Veblen). Die Ebenen (b) und (c)
können auch ihren Rang tauschen, je nachdem, worauf der Akzent der Analyse gelegt
wird bzw. womit die Dominanz intellektueller Konzepte oder Vorurteile legitimiert wer-
den soll. Der Begriff des Stils bietet soziologisch verstanden die Möglichkeit, Unter-
schiede zu erklären: Fragen der Wissenschaftsorganisation, der Ausbildungswege, der
Institutionen wie z. B. Struktur und Dynamik der Universitätssysteme werden verglei-
chend thematisiert (cf. u. a. Harwood 1987; Jamison 1987; Siegmund-Schultze 1994).
Der drittgenannte Bereich (c), der die nationalen Ressourcen thematisiert, bietet so die
Chance, die Auswahl bzw. Präferenz für Themen zu analysieren, die nationale wissen-
schaftlich-technische Interessenlage, die besonders im Bereich der anwendungsorientier-
ten Disziplinen die Selektion von Themen determiniert. Jamison (1987) gelingt es damit
z. B. die Unterschiede zwischen Dänemark und Schweden zu erklären: Der Bevorzugung
eines mechanistischen, ordnenden und taxonomischen Denkens der Schweden stellt er
die Präferenz der Dänen für organismisches, physiologisches, ja vitalistisches Denken
gegenüber, was sich unter anderem in dem starken Einfluss manifestiert, den die deutsche
romantische Naturphilosophie in Dänemark (und nicht in Schweden) gewinnen konnte.
Die Analyse reduziert den Gegensatz der Denkstile auf die sozioökonomischen Struktu-
ren der beiden Länder, die unterschiedliche Interessenlagen und damit auch verschiedene
Themenauswahl zur Folge hatte: Das primär auf Handel, Seefahrt und Landwirtschaft
angewiesene Dänemark förderte die Astronomie, die Landwirtschaftswissenschaften und
die Lebensmitteltechnologie, während das mit Grundstoff- und Schwerindustrie geseg-
nete Schweden besonders die Mineralogie bzw. Bergbauwissenschaften unterstützte. Ei-
nem hoch differenzierten Bildungssystem in Schweden, das für die technischen Wissen-
schaften spezielle Hochschulen reservierte, stand in Dänemark ein hoch integriertes Sys-
tem gegenüber, das der Volksbildung, im Besonderen den Volkshochschulen, sowie
privaten Stiftungen, große Bedeutung einräumte (Jamison 1987). Harwood verglich jene
Fragen oder Probleme, die sich während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen die
nationalen scientific communities Deutschlands und der USA auf dem Gebiet der Gene-
tik vorlegten. Während diese Fragestellungen in Deutschland sehr breit und theoretisch
angelegt waren, war in USA eine Tendenz zur Einengung bzw. Spezialisierung sowie
Präferenz für empirische Untersuchungen erkennbar. Die Ursache dafür sieht Harwood
in den unterschiedlichen Dynamiken und Strukturen der Universitätssysteme. Während
die deutschen Universitäten nach anfänglicher Expansion im Kaiserreich zwischen den
Weltkriegen durch krisenhafte wirtschaftliche Entwicklung finanziell stagnierten, was die
Etablierung neuer Disziplinen wie der Genetik behinderte, brachte die Expansion der
amerikanischen Hochschulen, unterstützt durch massive staatliche Förderung und pri-
vate Sponsoren, zahlreiche Chancen zu akademischen Karrieren und damit frühzeitiger
Spezialisierung mit sich. Entscheidender noch als diese auf finanzielle bzw. ökonomische
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1295

Faktoren zurückzuführenden Unterschiede in den Dynamiken der Systeme sieht Har-


wood jedoch die strukturellen Faktoren: Während das deutsche System mit seiner be-
kannten, auf Ordinarien fixierten hierarchischen Organisation und deren erklärter Feind-
lichkeit gegenüber angewandten Fragestellungen einer disziplinären Differenzierung im
Wege stand, waren die privat finanzierten und departmental organisierten amerikani-
schen Hochschulen darauf angewiesen, auf neue Trends bzw. Anforderungen der Gesell-
schaft nach angewandter Wissenschaft rasch zu reagieren, wollten sie für ihre Finanziers,
Sponsoren wie Studenten, attraktiv bleiben (Harwood 1987). Der Stilunterschied wird
so auf Differenzen der Institutionenentwicklung bzw. das spezielle Institutionalisierungs-
defizit Deutschlands gegenüber den USA zurückgeführt. Harwood will seine Untersu-
chung als Beleg für die Relevanz eines soziologischen Konzepts von Stil verstanden wis-
sen. Kognitive Stile werden durch Rekurs auf Institutionen und damit auf soziologische
bzw. gesellschaftliche Fakten (und nicht etwa auf nationale Charaktere wie bei Duhem)
erklärt. Aus diesem Grund ist der Befund natürlich immer historisch spezifisch, d. h. er
kann nur für eine konkrete Epoche Gültigkeit beanspruchen: Angleichung der ökonomi-
schen Situationen sowie der akademischen Strukturen hätte zur Folge, dass die festge-
stellten Unterschiede verschwänden. Gleichzeitig weist Harwood auf die Problematik
hin, die sich mit dem Begriff nationaler Stile verbindet: Dieser Begriff suggeriert eine
Homogenität, die in dieser Form kaum existieren wird, da es auch in der Wissenschaft
stets nationale Minoritäten zu berücksichtigen gibt. Eine Nation ist nicht homogen, wes-
halb die stilistische Analyse auf nationaler Ebene fortgesetzt werden kann bzw. muss.

6. Zusammenassung

Wenn in der Geschichtsschreibung der Wissenschaften vom Denkstil die Rede ist, dann
sind primär zwei Dinge gemeint, die das Element des Subjektiven in der Wissenschaft
sowie den Kontext der wissenschaftlichen Produktion als relativierende Faktoren be-
zeichnen:
⫺ die spezifische, auch subjektiv getroffene Auswahl von Gegenständen, Problemen,
Projekten oder Themen sowie der zur ihrer Bearbeitung, Lösung und Darstellung
eingesetzten Mittel sowohl intellektueller als auch materieller Art, seien es Methoden,
Verfahren, Instrumente, Maschinen oder Ressourcen (wobei Verfügbarkeit hier vo-
rausgesetzt wird); wobei die Kriterien dieser Auswahl in der Regel bereits in den
Fundus jener
⫺ stillschweigenden Voraussetzungen intellektueller, kognitiver oder materieller Art ein-
gehen, die deswegen nicht explizit gemacht werden, weil sie entweder gar nicht als
solche bewusst werden oder für selbstverständlich gehalten werden, da sie nach Da-
fürhalten des Verfassers den zeitgenössischen Adressaten als vertraut gelten können.
Der Akzent liegt also zunächst immer auf dem Bereich des Kognitiven, was aber die
Frage nach der Erklärung und damit den Verweis aufs Gesellschaftliche nach sich ziehen
wird und die Möglichkeit von Antworten eröffnet, sofern wir bereit sind, uns auf die
sozialgeschichtliche Perspektive einzulassen. Dies zunächst vorausgesetzt sind es fünf
Elemente oder auch Ebenen des Fragens, die sich als konstitutiv für einen wissenschaftli-
chen Denkstil erweisen. Ein solcher umfasst:
1296 VI. Dimensionen der Kategorie Stil

(1) neben expliziten Elementen wie theoretischen und praktischen Überzeugungen und
Konzepten auch implizite, d. h. nicht-artikulierte und damit dem Wissenschaftler in
der Regel nicht bewusste Ideen/Begriffe philosophischer, theologischer, politischer
und sozialer Art. Die Tatsache, dass diese Faktoren nicht-bewusst oder zumindest
für das wissenschaftliche Tun nicht-reflektiert sind, bedeutet jedoch nicht deren Zu-
fälligkeit. Sie sind vielmehr durch eine lokale Tradition von Unterricht und Ausbil-
dung, im Besonderen durch Institutionen (wie Schulen, aber auch Unternehmen)
vermittelt und verweisen damit
(2) auf die soziale und geschichtliche Bedingtheit des Denkstils, auf die Standortgebun-
denheit von Wissen und Erkennen. Ein Denkstil ist damit sozial/regional lokalisier-
bar, wobei regional nicht immer nur geographisch verstanden zu werden braucht; er
gedeiht häufig in klar abgrenzbaren sozialen Nischen (Institutionen), in denen sich
das betreffende Denkkollektiv etabliert hat. Damit folgt,
(3) dass Wissen nicht von isolierten Individuen erzeugt wird, vielmehr immer einen
Kommunikationsprozess (in der Regel innerhalb des Denkkollektivs) voraussetzt.
Diese Kommunikation vollzieht sich schriftlich oder mündlich, in jedem Falle aber
sprachlich, womit
(4) deutlich wird, dass ein Denkstil auch durch einen Sprach- oder Kommunikationsstil
gekennzeichnet werden kann. Diese Kommunikation hat, soll sie erfolgreich sein,
d. h. verstanden werden, ein Grundmaß von begrifflicher Übereinstimmung zur
Voraussetzung. Damit ist
(5) klar, dass Wahrheit ein relativer Begriff ist, der lediglich einen sozialen Konsens, ein
soziales Konstrukt beschreibt. Wahrheit spiegelt die Wirklichkeitswahrnehmung des
jeweiligen Denkkollektivs, das seine Wahrheit als Wahrheit formuliert, ohne sich ih-
rer sozialen Bedingtheit bewusst zu sein.
Hier besteht Übereinstimmung mit Tendenzen der Kunstgeschichtsschreibung, sofern
diese die Prämisse teilen, dass nicht ein extremer Subjektivismus, sondern soziale Ge-
meinsamkeiten über die Rezeption von Kunst entscheiden, was uns die sozialgeschichtli-
che Perspektive öffnet. Mit spezifischem Blick auf die Kultur der Renaissance aber nicht
ohne Anspruch auf Allgemeingeltung schrieb der Kunsthistoriker Michael Baxandall:
„Ein Teil der geistigen Ausstattung, mittels derer jemand seine visuellen Erfahrungen
strukturiert, ist variabel, und vieles von dieser variablen Ausstattung ist kulturspezifisch
in dem Sinne, dass es von der Gesellschaft bestimmt wird, die seine Erfahrungen beein-
flusst. Unter diesen Variablen finden sich Kategorien, mit denen er seine visuellen Ein-
drücke ordnet, das Wissen, das er einsetzen wird, um zu ergänzen, was ihm der unmittel-
bare Blick bietet, und die Einstellung, die er gegenüber dem gesehenen Kunstgegenstand
einnehmen wird. Der Betrachter muss die visuellen Fähigkeiten, über die er verfügt, auf
das Gemälde anwenden, auch wenn normalerweise nur sehr wenige davon speziell die
Malerei betreffen […]. Der Maler stellt sich darauf ein; die visuelle Kompetenz seines
Publikums muss sein Medium sein. Was immer seine eigenen spezialisierten beruflichen
Fähigkeiten sein mögen, er ist selbst ein Mitglied der Gesellschaft, für die er arbeitet,
und teilt ihre visuelle Erfahrung und Gewohnheit. Wir haben es hier mit dem kognitiven
Stil […] im Verhältnis zu seinem malerischen Stil zu tun“ (Baxandall 1987, 54). Diese
Stile oder besser Stilelemente aber stehen im wechselseitigen, selbstreferentiellen Bedin-
gungsverhältnis. Baxandall schreibt weiter: „Eine Gesellschaft entwickelt die für sie cha-
rakteristischen Fertigkeiten und Gewohnheiten, die einen visuellen Aspekt haben, da der
Sehsinn das wichtigste Organ der Erfahrung ist; und diese visuellen Fertigkeiten und
76. Stile wissenschaftlichen Denkens 1297

Gewohnheiten gehen ein in das Medium des Malers [d. h. in die visuelle Kompetenz des
Publikums, B.W.]; entsprechend bietet der malerische Stil einen Zugang zu den visuellen
Fertigkeiten und Gewohnheiten und über diese auch zu den charakteristischen gesell-
schaftlichen Erfahrungen. Ein altes Bild dokumentiert eine visuelle Handlung. Man muss
lernen es zu lesen, genauso wie man lernen muss, einen Text aus einer anderen Kultur
zu lesen, selbst wenn man in gewissem Sinne die Sprache kennt: Sprache und bildliche
Darstellung sind konventionsgebundene Tätigkeiten […]“ (Baxandall 1987, 185). Das
gilt mutatis mutandis auch für die Wissenschaften, wenn wir visuell mit intellektuell gene-
ralisieren. Stil verweist damit letztlich auf das Problem des Verstehens, ein Problem, das
allen Disziplinen der Kulturgeschichte gemeinsam ist. Stil ist damit ein kulturwissen-
schaftlicher Begriff, der disziplinübergreifend verwendet werden kann. So können wir
hier, am Ende der Betrachtung, Gewinn und Verlust bilanzieren: Die Einführung einer
komparativen Betrachtungsweise in die historische Analyse brachte die relativierende
Einsicht mit sich, dass wir es nicht mit einer Welt, sondern mit Welten zu tun haben, die
eigener historischer Dynamik unterliegen. Diesem Verlust an Homogenität, diesem Blick
auf die „schwindende Stabilität der Wirklichkeit“ (Gumbrecht 1986, 761), steht ein Ge-
winn gegenüber: Die Suche nach dem Stil bietet uns die Chance, die Kultur einer Epoche
oder Region in allen ihren Spielarten, künstlerischen, technischen oder wissenschaftli-
chen, als eine Ganzheit, eine Einheit zu begreifen und, von der Geschichte ausgehend,
durch eine interkulturelle Blickweise die Spaltung der Kulturen zu überwinden.

7. Literatur (in Auswahl)


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Burghard Weiss, Lübeck (Deutschland)


VII. Zentrale Kategorien und
Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik


1. Die Kategorien Andersheit, Abweichen und Musterhaftigkeit
2. Andersheit und Stil als kollektive Denkfiguren
3. Rhetorik: Deviation, Normen und Überformung
4. Textstilistik: Verfahren, Typisierungen, Muster, Brüche
5. Literatur (in Auswahl)

Abstract

Using the categories of “pattern”, “deviation” and of related terms, this article discusses
the general alternatives of focusing on standards (rules, norms, patterns, prototypes) or on
applying intentional deviation from such standards when performing language activities.
While the strict adherence to standards, on the one hand, ensures proper understanding,
eases the reception process and serves the social and esthetic adjustment process, deviation
may, on the other hand, increase perceptibility and receptive enjoyment and can take on an
individual and creative character. Following the clarification of the above two categories,
this article examines to what extent the phenomenon of deviation is considered in various
linguistic directions and schools. In this context, major focus is on the 20 th and 21st centu-
ries. However, brief historical reviews are also required as is a perspective on neighboring
disciplines. Both “style” and “deviation” are categories that can be found as key terms
throughout the humanities and the social sciences. Without considering their usability
contexts, linguistic phenomena would remain fairly incomprehensible.

1. Die Kategorien Andersheit, Abweichen und Musterhatigkeit

1.1. Andersheit und Abweichen

Das Phänomen sowie die Denk- und Wahrnehmungsfigur der Andersheit bilden den
Hintergrund der folgenden Ausführungen. Im philosophischen Sinne ist Andersheit eine
ontologische Kategorie: „Etwas ist, was es ist, indem es anders ist als anderes“ (Walden-
fels 1999, 63). Andersheit ist, bezogen auf das menschliche Handeln und dessen Hervor-
bringungen, aber auch eine anthropologische Größe, nämlich die Reaktion auf das Be-
dürfnis der Menschen nach Beständigkeit wie nach Veränderung, das ihnen über die
Zeiten und Kulturen hinweg als Grundbedingung ihrer Existenz gegeben ist. Es geht um
das Wechselspiel zwischen dem Eingehen auf das Verlangen nach Stabilität und dem auf
das Verlangen nach Wechsel. Ersteres kann gekoppelt sein mit der Angst vor dem Neuen
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1301

(bis hin zur Xenophobie), letzteres mit der Lust am Neuen (bis hin zur Neophilie). An-
dersheit ist zudem eine Wahrnehmungskategorie. Das ontologische Anderssein existiert
im Sinne der gestaltpsychologischen Figur-Grund-Unterscheidung (Fitzek/Salber 1996)
erst dadurch, dass „eine ,ins Auge springende‘ Gestalt“ vor dem „homogeneren und
sozusagen ,allgemeineren‘ Hintergrund“ (Städtler 1998, 330) wahrgenommen wird. Das
nicht só Erwartete hebt sich von dem Hintergrund des Erwartbaren ab. Es geht nicht um
das bloße Anderssein, sondern darum, „dass etwas anders [ist], als es eigentlich sein
sollte“ (Püschel 1985, 13). Diese Spielart des Andersseins ist es, die als Phänomen der
sprachlichen Form in der Stilistik schon immer eine bestimmende Rolle gespielt hat: Stil
als Abweichung (s. 1.2) ist eine Konstante verschiedener Stilvorstellungen, in denen die
Erwartung der üblichen sprachlichen Form den Hintergrund bildet für die Wahrneh-
mung der abweichenden Form. Dass das Übliche als das Erwartbare gilt, muss relativiert
werden. Mittlerweile ist für Äußerungen bestimmter Kommunikationsbereiche, wie z. B.
der Werbung, wohl eher Erwartung von Andersheit üblich (zu künstlerischen Texten s.
2.6). In der Rhetorik bildet das Figurensystem selbst das erlern- und erwartbare Abwei-
chungspotential (s. 3). Das Wechselspiel von Erwarten und Abweichen findet man nicht
nur im Formalen, sondern auch im Inhaltlichen, wobei im Kontext von Rhetorik und Stil
natürlich die Formseite dominiert. Ob und wie man sich als Rezipient zu Abweichungen
positioniert, hängt zunächst davon ab, ob man die Abweichung überhaupt wahrnimmt.
Die erste Stufe des Umgehens mit dem Anderssein ist also dessen sinnliche Wahrnehmung.
Die zweite Stufe ist die Abgleichung dieser Wahrnehmung mit dem Erwarteten. Man
bemerkt es in der Regel, wenn sich die wahrgenommene Form mit den Erwartungen
an die als typisch geltende Form nicht deckt. Zu den Prozessen des objektbezogenen
Wahrnehmens und Abgleichens gesellt sich die subjektbezogene wertende Stellungnahme.
Akzeptiert man die Abweichung vom Erwarteten oder stößt man sich an ihr? Eine solche
wertende Reaktion kann moralischer Natur sein. Der Rezipient kann es als positiv bewer-
ten, wenn ein Text in seiner Form Konventionen folgt und damit soziale Werte wie
Beständigkeit und Tradition bestätigt: „Gut, dass alles beim Alten bleibt“. Umgekehrt
kann der Rezipient es aber auch für gut halten, wenn sich der Text vom Geltenden
abwendet: „Endlich einmal etwas Neues“. Eine solche Beurteilung folgt eher einem ästhe-
tischen Kriterium. Der Rezipient würdigt neue Wahrnehmungsmöglichkeiten und neue
Reize. Beide Urteile haben mit Beständigkeit und Wechsel zu tun, nur sind die Präferen-
zen verschieden. Welche dominiert, kann z. B. psychisch, sozial, geschmacks- und alters-
bedingt sein.

1.2. Der Hintergrund ür Andersheit -


Norm, Erwartung, Muster in der Stilistik

Die Frage nach der Art des „allgemeineren Hintergrunds“ (s. 1.1), vor dem Abweichun-
gen wahrgenommen werden, ist vielfältig beantwortet worden: Normen, Erwartungen
und Muster werden genannt. Keine Rolle spielt hier, dass auch jeder „übliche“, den
Erwartungen entsprechende Text eine individuelle Hervorbringung, also etwas „anderes“
ist. Es geht nicht um dieses notwendig Individuelle, sondern um das intendierte Anders-
sein (Dittgen 1989), das eine „kommunikative, funktionelle, semantische oder sonst wie
geartete Zusatzbedeutung“ (ebd., 18) vermittelt. Ob diese vom Rezipienten toleriert wird,
1302 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

hängt v. a. von seinen Erwartungen ab, in denen Wissen von Sprachsystemregeln, von
Normen sprachlichen Handelns und von prototypischen Mustern geronnen ist (Fix
1987). Bedingung für die Wirkung einer Abweichung ist nicht, dass der Rezipient sie
reflektiert. Der Effekt bliebe dann ja in Fällen aus, wo die Normvorgabe nicht bekannt
oder bewusst ist. Er tritt aber dennoch ein, weil die intuitiven Erwartungen enttäuscht
werden. Während man sich zu Recht schwer damit tut, das Normhafte als den „Hinter-
grund“ anzusehen, vor dem sich im gestaltpsychologischen Sinne die Abweichung ab-
zeichnet ⫺ schließlich ist offen, was diese Normen sind und wer sie bestimmt (Püschel
1985) ⫺, greifen Konzepte der jüngeren Zeit (Püschel 1985; 2000; Sandig 1986; 2006;
Dittgen 1989; Fix 2007) auf die Kategorie der ,Erwartung‘, speziell der von Musterhaftem
(s. 4.1), zurück. Nicht die Normen selbst bilden den Hintergrund, sondern Erwartungen
als verinnerlichtes Normen- und Musterwissen. Im Laufe der Zeit haben sich die Schwer-
punkte also verlagert. Zunächst betrachtete man Abweichungen als intendiertes Abheben
von einer Norm, wobei Norm unterschiedlich verstanden wurde. Für den Hermeneutiker
Spitzer ist der künstlerische Text immer die sprachliche Neuerung „großer Sprachgebrau-
cher“ (1961, 502) vor dem Hintergrund der „Allgemeinsprache […] als ein Durchschnitt
von Individualsprachen“ (ebd., 517). Strukturalistische Auffassungen unterscheiden sich
in den Beschreibungen des Sich-Abhebenden nach ihren Normbegriffen. Riffaterre (1973,
51) wendet sich gegen die Annahme einer „globalen“ Norm und setzt dagegen den Kon-
text, d. h. die im Text selbst etablierten „stilistischen Verfahren“, als Norm, von der
abgewichen werden kann. Enkvist fasst als Norm, vor der der Einzeltext zu sehen ist,
die Menge aller vergleichbaren Texte, ein „kontextuelles Netzwerk, vor dem sich der Stil
eines Werkes abhebt“ (Enkvist 1976, 82). Für Jakobson (1974; 1982) ist Poetizität an die
Parallelismus-Technik und Äquivalenz von Texten gebunden. Der Bruch der durch die
Parallelismen geweckten Erwartungen, also auch einer Art Textnorm, kann verfremdend
wirken. Bierwisch (1965, 61) betrachtet Abweichungen, denen die Regelhaftigkeit der
Sprachkompetenz zugrunde liegt, unter strukturalistischem Aspekt als poetisch wirk-
same Graduierungen auf einer Skala der Poetizität (vgl. Sanders 1973, 62 f.; Asmuth/
Berg-Ehlers 1978, 20 f.; 32 f.). Die Verschiedenheit der Normbegriffe (Spillner 1974, 31 ff.)
hat zur Ablösung des Normbegriffs an sich geführt, wenn auch Anderegg (1977, 34) auf die
nützliche Interdependenz zwischen Normbefolgen und Abweichen hinweist. An dessen
Stelle treten mit der „kognitiven Wende“ die Kategorien ,Erwartung‘ und ,Muster‘. Die
Erwartungen der Kommunikationsteilnehmer, in der Normdiskussion der 1970er Jahre
ein zentraler Gegenstand (Gloy 1975; Fix 1987), werden als geronnene Norm-Erfahrun-
gen angesehen, deren man sich im Kommunikationsvorgang nicht bewusst sein muss,
die man aber (im Sprachgefühl) verinnerlicht und daher verfügbar hat (vgl. Kainz 1946,
37 f.). Erwartungen werden auch gegenwärtig als Hintergrund angesetzt, z. B. von Sandig
(2006, 42) als „erwartbare Art der Handlungsdurchführung“ und von Adamzik (2004,
61) als das, „was man […] selbst erwarten kann und was die anderen von einem erwar-
ten“. Der Begriff wird hier jedoch ⫺ im Unterschied zu den 1970er Jahren ⫺ alltags-
sprachlich gebraucht (so auch Heinemann/Heinemann 2002). Anders verhält es sich mit
der Kategorie des ,Musters‘, die sich, wenn auch verschieden aufgefasst, so doch immer
reflektiert und (mehr oder weniger scharf) definiert, durchgesetzt hat. Ebenso wie bei
,Erwartung‘ erspart der Gebrauch von ,Muster‘ die Festlegung dessen, was als Norm
gelten soll, denn wichtig ist nun, was der Rezipient als Musterwissen im Kopf hat und
was sich mit dem Wissen der anderen Rezipienten in etwa deckt. Schon früh hat Steger
darauf hingewiesen, dass wir Texte als „erfahrbare interaktionale Ganzheiten“ (1979,
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1303

28 f.) aufnehmen, sie also aufgrund einer Schnittmenge gemeinsamen Wissens verstehen
und nicht an dem messen, was ein schwer fassbares Normensystem verlangt. Der Weg
von Typenvorstellungen über einen sprechakttheoretischen Musterbegriff hin zu einem
prototypischen, wie er heute dominiert, war lang. Er führte von ,Pattern‘ (Riffaterre
1973) über ,Stiltypen‘ und ,Textklassen‘ (Fleischer/Michel 1975, 28 ff.) sowie ,Textsorte‘
(Spillner 1974, 71 ff.) zum „Textmuster“ als „Konventionen für das Bilden von Texten“
(Sandig 1978, Anm. 4). Heute ist die Vorstellung von einem mental repräsentierten Text-
muster, das Prototypisches vorgibt und Freiräume lässt, allgemein anerkannt, wenn es
auch in der Ausdifferenzierung dessen, was an einem Text bzw. seiner Herstellung mus-
terhaft sein kann ⫺ musterhafte Textherstellungsverfahren, prototypische Vorstellungen
vom Text als Resultat ⫺, verschiedene Auffassungen gibt (Fix 1999; 2007; Püschel 2000;
Heinemann/Heinemann 2002; Adamzik 2004; Sandig 2006; ausführlicher in 4).

2. Andersheit und Stil als kollektive Denkiguren


2.1. Philosophie/Philosophische Ästhetik
Der Stilbegriff begegnet im Kontext von Andersheit und Abweichen in vielen Wissen-
schaftsdisziplinen, auch bezogen auf Sprachliches. Es handelt sich bei Stil und Abwei-
chen um aktuelle Denkfiguren, entwickelt in „kollektive[r] gedankliche[r] Wechselwir-
kung“ (Fleck 1994, 5). Ohne einen, wenn auch auf einige Ansätze beschränkten, Über-
blick über deren Verwendung „hinge“ die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung
mit den Phänomenen Muster und Abweichung „in der Luft“. In der Philosophie findet
man zunächst die Auseinandersetzung mit dem ontologischen und anthropologischen
Begriff der ,Andersheit‘ (s. 1.1). Bereits hier wird Bezug auf andere Disziplinen genom-
men: „Entsprechende Figuren einer […] Ah. begegnen uns im Kontrast von Gestalt und
Grund […] in der Abweichung von bestehenden Normen oder in Prozessen der Sinnver-
schiebung, wie sie uns aus Gestalttheorie, Semiotik, Poetik oder Psychoanalyse bekannt
sind“ (Waldenfels 1999, 65). In der philosophischen Ästhetik geht es zudem um die Be-
schäftigung mit Abweichen als einer ästhetischen Erscheinung. Für die philosophische
Ästhetik, die sich mit Wahrnehmungen aller Art (Welsch 1993, 9) und auf Gefühl beru-
henden Erfahrungen (Recki 1999, 1031) befasst, ist das Phänomen der Abweichung zent-
ral. Wenn man Ästhetik nicht als das Schöne, sondern als das Sinnenhafte versteht, folgt
daraus ein Verständnis vom Ästhetischen als im Dienste der Wahrnehmbarkeit über-
höhte, sichtbar gemachte Gestalt (Fix 1996). Wo die Form hervorgehoben wird, entsteht
Ästhetisches. Wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der durch die Fülle ästhetischer
Angebote (Ästhetik) abgestumpften (Anästhetik, vgl. Welsch 1993, 16) Rezipienten zu
wecken, kommt Andersheit zum Tragen. Hervorhebung wird vollzogen, indem man über
das Gewohnte hinausgeht und bevorzugt zu Verfahren greift, deren Wesen im Bruch
kultureller Konventionen besteht.

2.2. Semiotik/Zeichenhatigkeit
Stil ist „Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für
soziale Orientierung“ (Soeffner 2000, 84). Er entsteht als „Vergemeinschaftungs- und
Distinktionsmuster“ (ebd., 79) durch die Verwendung von Zeichen verschiedenster
1304 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

Codes. Dieser semiotische Ansatz spielt in soziologischen, literatur-, kultur- und sprach-
wissenschaftlichen Überlegungen eine Rolle. Eco (1972) entwickelt, bezogen auf ästheti-
sche Phänomene, denen er Ambiguität und Selbstreflexivität zuspricht, eine Vorstellung
von Semiose (ebd., 149), die auf jeder Ebene des Artefakts ⫺ er verwendet ein sprachli-
ches („a rose is a rose is a rose is a rose“) ⫺ Abweichungen konstatiert: auf den Ebenen
der physikalischen Träger (Töne, Material), der differentiellen Elemente (Rhythmus,
Metrik), der syntagmatischen Beziehungen, der denotierten und konnotierten Signifikate
und der auf all diesen Informationen beruhenden Erwartungen. „Es etabliert sich eine
Art Netz von homologen Formen, das den besonderen Code dieses Werks bildet.“ (ebd.,
151) Mit Bezug auf Spitzers Auffassung, dass sich das Ästhetische als Verstoß gegen die
Norm verwirkliche, schließt Eco, dass „alle Ebenen der Botschaft die Norm nach dersel-
ben Regel [verletzen]“ (ebd., 151). Ein derart entstandener Idiolekt erzeuge Nachahmung
und schließlich neue Normen. Mukařovsky (1982) entwickelt eine „semiologische“ Vor-
stellung von der Funktion des Ästhetischen, nicht nur bezogen auf künstlerische Texte.
Sprache und andere Codes können an der Herstellung des ästhetischen Angebots betei-
ligt sein, das in der Rezeption den Prozess der Deautomatisierung fordert, im Gegensatz
zur routinehaften Rezeption des „normalen“ Angebots. Nicht ,Ambiguität‘ wie bei Eco
(Verdichtung), sondern ,Hervorhebung‘ (Verdeutlichung) ist sein Schlüsselbegriff. Die
Leistung des Ästhetischen ist für ihn die „maximale Konzentration der Aufmerksamkeit
auf einen gegebenen Gegenstand“ (1982, 32 f.), dessen Hervorhebung durch die Form
also. Diese isolierende Funktion macht das Ästhetische auch geeignet, als sozial diffe-
renzierender Faktor zu wirken (s. 2.3).

2.3. Soziologie/Soziologische Ästhetik

In der Soziologie hat der Begriff ,Stil‘ Konjunktur. Angesichts der zunehmenden Ästheti-
sierung der Lebenswelt, der „Versinnlichung von Handlungen, Prozessen, Strukturen“
(Kösser 2006, 453) durch Überhöhung in allen Lebensbereichen, wird die Herausforde-
rung an das Individuum, sich ästhetisch zu präsentieren, sich dabei für soziales Anpassen
oder Abheben zu entscheiden und diese Entscheidung zeichenhaft zu realisieren, zum
Forschungsgegenstand. Stilisierungsverfahren, darunter auch die des Sprachverhaltens,
werden beschrieben. Simmel geht schon Ende des 19. Jhs. unter anthropologischem und
gattungsgeschichtlichem Aspekt auf das Wechselspiel von Beharren und Veränderung
ein, soziologisch gesehen die Tendenz zu konventionellen oder eigenständigen Lebensfor-
men (Simmel 1998, 57 f.). Die Vorstellung von Stil als Mittel des Anpassens an Kollektive
wie des Abgrenzens von diesen begegnet als Grundmuster soziologischer Arbeiten später
u. a. bei Bourdieu, Schulze und Söffner, die Stil verschiedenster alltagsweltlicher Lebens-
äußerungen (Mode, Gebäude, Kunstwerke, Texte, vgl. Soeffner 2000, 87) als zeichenhaft
verstehen. Der für Bourdieu (1994, 60 f.) zentrale Begriff der ,Distinktion‘ ist zu verste-
hen als Gebrauch aller Mittel, die geeignet sind, die Stellung des Individuums in der
Sozialstruktur durch Anderssein zu markieren. Das Bestreben nach Abheben vom Ge-
wöhnlichen führt zu einer Erneuerung der „Kundgabemittel“ (ebd., 65 ⫺ herausgehoben
werden die sprachlichen „Kundgabestile“, ebd., 69 f.) ⫺, da diese die Fähigkeit, Unter-
schiede zu markieren, durch allgemeinen und häufigen Gebrauch mit der Zeit einbüßen.
Für Schulze (1995) spielt in der „Erlebnisgesellschaft“ Ästhetisierung eine bestimmende
Rolle. Ausgehend von einem mit dem Verschwinden der Großgruppengesellschaft ver-
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1305

bundenen Individualisierungsschub, stellt er einen starken Orientierungsbedarf des Ein-


zelnen fest (ebd., 18). Das Vakuum an traditionellen Regulierungen bringt das Bedürfnis
nach neuen sozialen Mustern ⫺ „Stil und Stiltypen, alltagsästhetische Schemata, soziale
Milieus“ (ebd., 62) ⫺ hervor, dem das Bedürfnis nach Herausstellung von Individualität
und Kultivierung der Unterschiede gegenübersteht, das zur Etablierung von Distinkti-
onsmustern führt, die jedoch notwendigerweise wieder in Konformität umschlagen. Mili-
eus werden von Schulze auch durch ihren Sprachgebrauch charakterisiert, wobei er die
Vielfalt der hier zu findenden Distinktionsmöglichkeiten bei weitem nicht ausschöpft.
Soeffner konstatiert, dass Individuen mit ihren Stilisierungshandlungen zum einen auf
soziale Zugehörigkeit verweisen, dass sie zum anderen aber auch ihre individuelle Stel-
lung gegenüber der eigenen Gruppe anzeigen (Soeffner 2000, 82). Dieser Einbindung von
Individuen in eine kollektive Darstellungsform auf der einen Seite und der Abgrenzung
gegenüber Kollektiven auf der anderen Seite geht „die strukturelle Differenz von Indivi-
duum und Kollektiv voraus“ (ebd., 80). In der Gruppenkonkurrenz entstehen so zwangs-
läufig auch Stilkonkurrenzen. Der Druck, sich einen geeigneten Stil zu suchen, findet
ein Ventil in der Andersheit.

2.4. Psychologie/Psychologische Ästhetik

Die psychologische Ästhetik, mit fließenden Grenzen zur philosophischen und soziologi-
schen Ästhetik, heute u. a. gestalttheoretisch, kognitiv-konstruktivistisch angelegt, be-
fasst sich mit dem Phänomen der Wahrnehmung des Gestalthaften. Zentraler Gedanke
ist, dass es für Ästhetisches Wahrnehmungsschwellen gibt. Ein Objekt muss eine be-
stimmte Reizstärke haben, um wahrgenommen zu werden und Lust oder Unlust zu er-
zeugen. Durch Steigerung des ästhetischen Eindrucks ⫺ durch Abweichen vom Übli-
chen ⫺ wird die Wahrnehmungsschwelle, wenn sie zu hoch gelegen hat (Erwartung
stärkerer Reize), wieder überschritten. „Lust entsteht bei Herausforderung unserer psycho-
physischen Potenzen, Unlust bei Unter- oder Überforderung“ (Kösser 2006, 247 f.). Die
Nähe zur philosophischen Ästhetik wird in der Verwandtschaft der Vorstellungen mit
denen von Ästhetik und Anästhetik (s. 2.1; Welsch 1993), die Nähe zur soziologischen
Ästhetik z. B. in Simmels Überlegungen zur ästhetischen Wahrnehmung deutlich: Selbst-
behauptung des Einzelnen gegenüber der Massengesellschaft durch den Stil, in der wahr-
nehmbar gemachten „individuelle[n] Differenzierung“ (Simmel 1998, 58). Der Umgang
mit Anpassen und Abheben, der die Fähigkeit voraussetzt, vor dem Hintergrund von
Konventionen (Städtler 1998, 607) etwas Neues zu schaffen, ist ein Fall von Kreativität
und somit Gegenstand auch der differentiellen ⫺ divergentes Denken untersuchenden ⫺
Psychologie. Dem reproduktiven Sprachgebrauch (Stein 1995, 103 ff.), der von der Vor-
geprägtheit des sprachlichen Handelns bestimmt ist, steht das kreative, durch den Bruch
von Normen charakterisierte sprachliche Handeln gegenüber.

2.5. Kulturwissenschat/Tradition und Identität

In den Kulturwissenschaften spielt das Problem des Abweichens u. a. eine Rolle bei der
Bestimmung der zentralen Kategorien ,Tradition‘ und ,Identität‘. Tradition, eine anthro-
pologische Konstante, ist für die Fortexistenz von Gesellschaften, für deren Überliefe-
1306 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

rungsprozesse zuständig. „Texte sollen genauso gelesen, gelernt, erinnert [und geschrie-
ben U. F.] werden wie ehedem“ (Auerochs 2004, 24) Das geschieht in Verbindung von
Selbstverständlichkeit und Normativität und konstituiert ein Zugehörigkeitsgefühl (ebd.,
27). Tradition verfügt über restriktive wie über kreative Funktionen. Gegenüber der res-
triktiven führt die kreative Funktion zum Abweichen und damit möglicherweise zur He-
rausbildung neuer Traditionen: Texte werden nun anders geschrieben, gelesen und ge-
lernt. Assmann (2006) unterscheidet zwischen „Inklusions-Identität“, die durch „opting
in, d. h. durch Übernahme einer sozialen Rolle und Erwerb von Identität durch Zugehö-
rigkeit“ entsteht, und „Exklusions-Identität“, die durch „opting out, d. h. durch Markie-
rung einer Differenz zwischen dem eigenen Ich und allen vorformulierten sozialen Rol-
len“ gebildet wird (ebd., 215). Die Notwendigkeit, eine Differenz zum Vorformulierten
herzustellen, bringt den ständigen Zwang „zur Erneuerung, Überbietung, Überhöhung“
mit sich (Assmann 1986, 128).

2.6. Literaturwissenschat/Abweichungsästhetik

In der Literaturwissenschaft spielt das Abweichen u. a. unter literaturgeschichtlichem,


kunstphilosophischem, evolutionstheoretischem, strukturalistischem und kulturwissen-
schaftlichem Aspekt eine Rolle. Als ein Topos der Literaturgeschichte kann gelten, dass
poetische Regelhaftigkeit, die in Verbindung mit dem „aktuellen, genuin neuzeitlichen
staatlichen Ordnungsbedürfnis“ der Zeit steht (Brenner 2004, 28), ein besonderes Merk-
mal der Literatur des 17. Jh. ist. Aber auch hier ist Abweichung eine Größe: „Das domi-
nierende Kennzeichen der Barockliteratur wird ihr Drang zur Reglementierung sein […],
das Zusammenspiel von Regel und Abweichung bleibt eine auffällige Eigenheit ihrer
Entwicklung“ (Brenner 2004, 25). Im 18. Jh. ändert sich das aus politischen, geistesge-
schichtlichen, philosophischen, ästhetischen Gründen (Stolt 2003, 2595 f.). „Die Künste,
insbes. Literatur und Musik, [emanzipieren sich] von den Normen der traditionellen Re-
gelwerke und [finden] zu jener Autonomie, durch die sie dem Selbstbewusstsein des mo-
dernen Menschen zur Darstellung verhelfen“ (Recki 1999, 1032). Bis heute bestehe, so
Luckscheiter über die Erzählliteratur in diesem Handbuch, der Erwartungsdruck der
Moderne, innovativ zu sein und von der Alltagssprache abzuweichen. Gegen die Vorstel-
lung von „historischer Bedingtheit“ und „epochaler Begrenztheit“ der Abweichungsäs-
thetik wendet sich Fricke (2000, 55). Für ihn ist Abweichung ein konstitutives Element
von Literatur schlechthin, als kunstphilosophisches Modell stelle sich die Konzeption
von Norm und Abweichung dem Anspruch, „Beschreibungskategorien für Kunstwerke
aller Zeiten und Sparten“ anzubieten“ (ebd., 55), was Kumulationen nicht ausschließe:
„Zumindest das späte 18. wie das frühe 19. Jahrhundert […] erweisen sich als eine einzige
Fundgrube für die Geschichtsschreibung einer Ästhetik der Abweichung“ (ebd., 56). Be-
zogen auf Stil äußert sich van Peer aus evolutionstheoretischer Sicht zum Problem von
Muster und Abweichung als Erscheinung zwischen Epigonentum und Kreativität. Im
Dienste sozialer Integration folgt der Mensch durch Verwendung imitativer Formen ei-
nem herkömmlichen Stil. Im Sinne „einer […] menschlichen Entwicklung, die alle Ten-
denzen zum Experimentieren und zu Neuschöpfungen […] umfasst“ (van Peer 2001, 48),
kreiert er neue Stile. Das Wesen strukturalistischer Ansätze zum Erfassen poetischer
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1307

Abweichungen besteht darin, dass sie die poetische Funktion eines Textes als bewusste
Abweichung von der Norm untersuchen. Diese Abweichungen vom „Normalen“ gelten
jedoch als „in höchstem Grade angemessen“ (Oomen 1980, 266). „Sie lassen sich auto-
matisch, allgemein verbindlich und eindeutig interpretieren, wenn man die Regelhaftig-
keit herausfindet, durch die sie sich auf normale Ausdrücke zurückführen lassen“ (ebd.,
270). Die poetische Ausdrucksweise gilt als eine verfremdende Ausschmückung des ei-
gentlichen Sprechens, die im Interpretationsvorgang „durchschaut“ werden muss. Aus
kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive fragt Assmann (1988), wie es zu erklä-
ren ist, dass das Abweichen vom Üblichen, sogar die Regelverletzung in literarischen
Texten nicht auf Rezeptionswiderstände stoße. Es setze, so Assmann, eine spezifische Art
von Semiose ein, die in der Intention des Produzenten gelegen haben muss und die die
Rezipienten zu vollziehen bereit sind, die sie der Aufnahme regelhafter Texte sogar vor-
ziehen. Es geht um Wahrnehmen durch Bevorzugen und Ausblenden zugleich. Was
wahrgenommen wird, ist durch einen freien Umgang mit Normen gelenkte „wilde Se-
miose“.

3. Rhetorik: Deviation, Normen und Überormung

3.1. Deviation

Von den Kategorien der Rhetorik sind für unseren Gegenstand v. a. zentral: ars (Beherr-
schung eines Regel- und Definitionskanons), imitatio (Nachahmung mustergültiger Bei-
spiele), aptum (Angemessenheit an Situation im weiten Sinne), deviation (Abweichung
von einer Normsprache) und Figuren (strukturell verfestigte Sprachmuster). Nach der
bis heute in der Rhetorik präsenten Deviationstheorie gelten Figuren aufgrund ihrer
Ungewöhnlichkeit als Abweichungen vom „normalen“ Sprachgebrauch. Trotz offener
Fragen wie z. B., ob man alle Figuren als abweichend erklären kann, ob der „normale
Sprachgebrauch“ ein geeigneter Bezugspunkt ist und ob man auf andere Bezüge, wie
z. B. die außersprachlich motivierte Wahl, verzichten kann, sind Beschreibungssysteme
für Figuren als Abweichungen nach wie vor im Blick. Zentraler Gedanke ist dabei, dass
die Deviationstheorie ihren Gegenstand als die Art von Abweichung versteht, die mithilfe
etablierter sprachlicher Operationen zu den Figuren der Änderungskategorien ,Verkür-
zung‘, ,Erweiterung‘, ,Umstellung‘, ,Ersetzung‘ (andere Klassifikationen: Knape 1992,
549 ff.) führt. Abweichung wird ⫺ anders als im alltagssprachlichen Verständnis ⫺ als
regelgeleitet betrachtet (vgl. aber 2.6). Der Hintergrund für Änderungskategorien und
Deviation wird verschieden bestimmt, wobei der Ansatz, Abweichung an der Nichtein-
haltung von „Normalsprache“ zu messen, als obsolet gilt; denn tatsächlich können rheto-
rische Figuren nicht als „nicht-normalsprachlich“ (Bachem 1992, 528) angesehen werden,
da sie akzeptierten Regeln folgen. Dass diese akzeptierten Regeln ihrerseits auch gebro-
chen werden können (Lizenz), wird unter verschiedenen Aspekten betrachtet: Plett weist
auf gewollte Inkongruenzen hin (1991, 25), Ueding auf die „bewusst unangemessene
Stilebene“ (1985, 28) und Knape (2000a, 18) zeigt Gattungsbruch. Es geht um zwei
Stufen des Abweichens: die Figuren als „regelgeleitete“ Deviation und der „funktional
intendierte Normverstoß“ (Plett 1991, 25). Im Folgenden wird der Umgang mit Devia-
tion an zwei exemplarischen Auffassungen gezeigt.
1308 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

3.2. Deviation als Abweichung von primären und sekundären Normen

Plett (2000) setzt sich in einem generativen Rhetorikmodell mit dem Problem des „Hin-
tergrundes“, also mit der Frage, woran Abweichungen gemessen werden, auseinander.
Er schlägt eine Lösung mit einem differenzierten Normbegriff und ein „neues Figuren-
Modell“ (ebd., 20) vor, das alle Figuren als intendierte Abweichungen darstellt. Zeichen-
theoretisch begründet, werden nach den Bereichen Syntax, Pragmatik und Semantik drei
Klassen von Abweichungen und drei Gruppen von Figuren abgeleitet: (semio)syntakti-
sche, pragmatische, (semio)semantische, die sich auf das jeweils zugehörige Grammatik-,
Kommunikations-, Realitätsmodell beziehen. So sind die syntaktischen Figuren z. B.
durch Abweichung von der üblichen Kombinatorik der Lautzeichen, also von der stan-
dardsprachlichen Norm, gekennzeichnet. Die Abweichungsmöglichkeit sieht Plett in ei-
ner „rhetorischen Sekundärgrammatik“ (ebd., 20) beschrieben, die ebenfalls eine Norm
bildet, die der „Rhetorizität des Sprachzeichens“ (ebd.). Man hat bei Figuren also immer
mit zwei Normebenen zu rechnen, wobei die primäre ⫺ z. B. die syntaktische ⫺ die
„Nullebene“ (degré zéro) darstellt, von der auf der sekundären ⫺ der rhetorischen ⫺
Ebene (Rhetorizitätsnormen) die Figuren gewollt abweichen. Pragmatische und semanti-
sche Figuren lassen sich ebenfalls als Deviation erfassen, abweichend von der „üblichen
Norm der sprachlichen Kommunikation“ bzw. von der „üblichen Norm des Realitätsbe-
zuges“ (ebd., 31). Die linguistischen Operationen, die die Transformation von Gramma-
tik in Rhetorizität bewerkstelligen, unterscheidet Plett in solche, die primärsprachliche
Normen verletzen („Lizenz: A-grammatikalität“ ebd., 21) und solche, die primärsprachli-
che Normen verstärken („Äquivalenz: Syn-grammatikalität“ ebd., 21). Den Vorwurf des
Formalismus will er entkräften, indem er die „rhetorische Situation“ (ebd., 34), domi-
niert vom „persuasiven Zweck“ (ebd., 35), einbezieht. Defekte Formen („Ungrammati-
kalitäten“ ebd., 35) sowie unauffällige Deviationsformen (ebd., 36) wie „notwendige Me-
taphern“ (Flaschenhals, Buchrücken) schließt er aus. Nur in einer persuasiven Situation
haben die Deviationsformen den Charakter von Figuren.

3.3. Deviation und Überormung

Knape (2000b) wendet sich gegen die generelle Gültigkeit der Deviationstheorie als Er-
klärung für Änderungskategorien, also für Verfahren, die das Zustandekommen von
Tropen und Figuren erfassen. In der Auseinandersetzung mit deren Wesen zeigt er vor
dem Hintergrund von Quintilians Kategorie der Bewegung die Komplexität des Begriffs
figura. Zum einen handelt es sich bei der Figurenverwendung selbstverständlich um Ab-
weichung. Nach Quintilian müsse es darum gehen, partiell vom Üblichen abzuweichen.
Diese Forderung erfüllt die Figur, weil sie entfernt ist von der sich zunächst anbietenden
Ausdrucksweise (Knape 2000b, 160 f.). Zweifellos, so Knape, liegt dieser Auffassung eine
Deviationstheorie zugrunde. Zum anderen weist Knape auf das Merkmal der Überstruk-
turierung hin, durch das Figuren auch charakterisiert sind: „Veränderung der einfachen,
spontanen Ausdrucksweise nach Art des Poetischen oder Oratorischen“ (Knape 2000b,
162 f.). Das ist nicht Deviation, sondern „Erzeugung von zusätzlichen Strukturen, die
vorgegebenen, kodifizierten, außergrammatischen Wohlgeformtheitsregeln gehorchen“
(ebd.). Es geht um Veränderungen nach den Regeln der rhetorischen Kunstlehre, die zu
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1309

einem ästhetischen Mehrwert führen. Nur vor dem Hintergrund vom Wissen um „figu-
renfreie“ Rede hat man auch eine Vorstellung davon, was überstrukturierte, mehrwertige
Rede ist. Änderungskategorien und Figuren repräsentieren also nicht nur das Abweichen
von Erwartungen, sondern auch den Gewinn eines zusätzlichen Wertes (s. 2.6). Das
Deviationsprinzip gilt nach Knape nur für den Bereich der grammatischen Figuren; denn
erst vor dem Hintergrund einer Regelgrammatik können Abweichungen überhaupt ent-
stehen und erkennbar werden. Das trift nicht zu für den Bereich der Tropen, da man von
einem vergleichbaren Regelsystem für „richtigen“ Wortgebrauch nicht ausgehen kann.

3.4. Ablösung von Deviation durch Individuation

Der Paradigmenwechsel des 18. Jh. ⫺ Etablierung des Faches Ästhetik (Baumgarten
1750/58), Begründung der Individualstilistik (Moritz 1785) und damit die Abwendung
von der Regel-Rhetorik ⫺ bringt einen radikalen Bruch mit der rhetorischen Tradition
der ars, exercitatio und imitatio. Der Maßstab des rhetorischen Regelwerks wird vom
Ideal des Individualstils „als Ausdruck der Persönlichkeit, der sich jeder normativen
Definition entzieht“ (Ottmers 1996, 207), abgelöst. Mit Moritz wird Stil als Ausdruck
der persönlichen Empfindungen des Autors verstanden. Dreistillehre und Figuren mit
Deviationspotential werden nun als mechanisches Regelwerk betrachtet, ungeeignet, ei-
nen natürlichen und individuellen Stil hervorzubringen. An ihre Stelle treten das stilisti-
sche Vermögen der „nicht regelhaften individualistischen natura des empfindenden Sub-
jekts“ (ebd.) und eine wirkungsästhetische Sicht. Nicht mehr an die Vorgaben der Drei-
stillehre gebunden, hat das Individuum nun die nicht leichte Aufgabe, eigene Lösungen
für seine Ausdrucksbedürfnisse zu finden. „Das eröffnet große, bislang nie da gewesene
Spielräume.“ (Braungart 2004, 297), zu denen vor allem die „Sprachverletzungen“ mit
Funktion (Fricke 2000, 14), der „kalkulierte Regelbruch“ (ebd., 59) gehören. Der Buch-
titel „Regeln für Abweichungen“ (Dittgen 1989) zeigt exemplarisch, dass auch die schein-
bar autonomen „Sprachverletzungen“ der Moderne nicht regellos verlaufen, wie man
sich überhaupt dessen bewusst sein muss, dass bei aller Freiheit des Stils immer Regel-
bzw. Musterhaftigkeit (Sandig 2006) zu konstatieren ist. Zudem bilden rhetorische Figu-
ren ein nach wie vor genutztes Arsenal, z. B. in journalistischen Texten.

4. Textstilistik: Verahren, Typisierungen, Brüche

4.1. Pragmatische Stilistik: Fortühren und Abweichen

Die verschiedenen Arten von „Hintergründen“ für Abweichungen, die in der Stilistik im
Laufe ihrer Entwicklung eine Rolle gespielt haben, Pattern, Regeln, Konventionen, in-
nere und äußere Norm (s. 1.2), sind mit der Etablierung der Pragmatischen Stilistik
(bei Püschel 2000: ,Handlungsstilistik‘), der Funktionalstilistik und der Gesprächsstilistik
durch die nun dominierenden Begriffe vor allem des ,Musters‘, aber auch der ,Typisie-
rung‘ abgelöst worden. Der Begriff der ,Erwartung‘ wurde, wenn auch unspezifiziert,
beibehalten. Während in der Pragmatischen Stilistik die Vorstellung des Abweichens,
stärker noch die des Unikalisierens, im Mittelpunkt stehen, sind sie in den beiden ande-
1310 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

ren Stilauffassungen eher Randphänomene. In der 1978 vorgestellten sprechakt- und


handlungstheorisch begründeten und 1986 um die ethnomethodologische Perspektive
erweiterten pragmatischen Stilkonzeption von Sandig spielt das Muster eine zentrale
Rolle. Ausgangspunkt ihrer die konventionellen Stile von Gebrauchstexten in den Mittel-
punkt stellenden Auffassung ist, dass eine linguistische Stilistik im Gegensatz zur Tradi-
tion das Regelhafte, Konventionelle zum Gegenstand zu machen hat (1978, 5), weil im
sprechakttheoretischen Sinne die „Befolgung von konventionellen Formulierungsarten
als für das richtige Verstehen relevant“ angesehen wird (ebd., 18). Demzufolge spielen
Konventionen, Erwartungen (ebd., 11) und vor allem Muster ⫺ zentral sind Textmuster
und Formulierungsmuster (ebd., 20) ⫺ eine bestimmende Rolle. Textmuster schriftlicher
Texte sind nach dem Modell der Sprechakttheorie beschreibbar als komplexe Sprechakte
„nach Voraussetzungen, Intentionen, Ergebnissen und Folgen“ (ebd., 69 f.). Als stilisti-
schen Teil eines Textmusters setzt Sandig Stilmuster oder den konventionellen Stil an und
meint damit „eine bestimmte Art von Formulierungsmuster, das Sprecher Adressaten
gegenüber benutzen, wenn sie Texte nach einem Textmuster äußern“ (ebd., 26). Zu Stil-
mitteln werden auch Handlungsarten (Handlungsmuster) gerechnet (ebd., 34). Wenn
Sprecher für den Vollzug von Texthandlungen gleichartige sprachliche Phänomene im-
mer wieder gebrauchen, vollziehen sie auch immer wieder gleichartige sprachliche Hand-
lungen (ebd., 32), sie bedienen sich des Handlungsmusters Fortführen, zu dem neben
Wiederholen und Variieren auch Abweichen gehört: Werden stilistische Phänomene ge-
zielt nicht fortgeführt, geht es um das Handlungsmuster Abweichen. In der Stilistik von
1986 verliert der Bezug auf das Konventionelle zwar nicht an Bedeutung, erhält aber ein
Gegengewicht: Fortführen und Abweichen werden ergänzt durch die Textherstellungs-
verfahren Typisieren und Unikalisieren (ebd., 147 f.). Während beim Typisieren die
Handlung nach den Vorgaben des Musters vollzogen wird, wird beim Unikalisieren als
genereller Technik bewusst von Mustern abgewichen, Variationen, Mischungen werden
hergestellt (ebd., 147). Unikalisieren führt also zum Auffälligen vor dem Hintergrund
des durch Typisieren unauffällig gestalteten Hintergrunds. Zu den Funktionen des Uni-
kalisierens zählt Sandig auch Selbstdarstellung und Beziehungsgestaltung des Produzen-
ten und stellt so einen Bezug zu soziologischen Stilvorstellungen (s. 2.3) her. In der
handlungs- und kognitionstheoretisch sowie konversationsanalytisch angelegten Textsti-
listik von 2006 führt sie das Konzept der Gestalttheorie ein, das mit Abweichen und
Unikalisieren bereits angelegt war. Merkmalhafte und neutrale Elemente, das Auffällige
und Unauffällige eines Textes, bilden zusammen die Gestalt. Typisieren und Unikalisie-
ren sind die Prozesse, die die individualisierte merkmalhafte Figur vor dem neutralen
typisierten Hintergrund herausarbeiten, also Wahrnehmbarkeit schaffen und Aufmerk-
samkeit wecken. Der Musterbegriff wird nun nicht mehr handlungstheoretisch, sondern
kognitionslinguistisch bestimmt. Textmuster werden verstanden als ganzheitlich mental
repräsentierte Gestalten prototypischen Charakters mit Funktion und Struktur. Typi-
sierte Stile gelten folgerichtig als „prototypische Gestalten“ (ebd., 72). Abweichungen
können nach diesem Konzept sowohl als Verhältnis von Vorder- und Hintergrund als
auch als Mischung prototypischer Elemente verschiedener Muster betrachtet werden.

4.2. Funktionalstilistik: Stilzüge und Muster


Die von der Prager Schule herkommende Funktionalstilistik (Riesel/Schendels 1975;
Fleischer/Michel 1975) geht davon aus, dass es einen korrelativen Zusammenhang gibt
zwischen Außersprachlichem (Tätigkeitsbereiche, Kommunikationssituationen) und für
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1311

dieses Außersprachliche typische sprachliche Gebrauchsweisen. Nach der Art dieser Kor-
relationen werden Funktionalstile unterschieden, z. B. die des Alltags, des Amtsverkehrs,
der Wissenschaft, der Journalismus, der Belletristik, deren Zahl schwankt und die in
Substile oder Textsorten untergliedert werden können. Diese sind durch dominierende
Stilzüge gekennzeichnet, also Charakteristika des Gesamttextes, die zwischen den einzel-
nen Stilelementen und dem Stilganzen auf eine für den Tätigkeitsbereich oder die Text-
sorte charakteristische Weise vermitteln und nicht fehlen dürfen, wenn der Text einem
Funktionalstil zugeordnet werden soll. Diese Auffassung versteht sich als auf das Funkti-
onieren und auf Wirkung hin orientiert und rückt daher das Normative, d. h. die einen
Funktionalstil dominierenden Stilzüge, in den Vordergrund. Abweichungen sind daher
kein relevantes Thema, wenn auch individuelle Spielräume innerhalb der Vorgaben gese-
hen werden.
Anders verhält es sich in der von den Autoren als formulierungstheoretisch bezeichne-
ten Weiterentwicklung der Funktionalstilistik (Fleischer/Michel/Starke 1993). Sie arbeitet
mit dem Prototypenkonzept der Gedächtnispsychologie: Begriffliches Wissen wird als
vernetzt betrachtet, „in typischen Konstellationen und mit der Herausbildung von Proto-
typen (als Mustern mit hohem Typikalitätsgrad) angeeignet und gespeichert“ (ebd., 26).
Das trifft auch zu für das Wissen über Textstrukturen und Stiltypen (offene Menge von
Texten, die gemeinsame stilistische Dominanzen haben). Im Zentrum eines Stiltyps gibt
es Prototypen, konkrete Texte mit hochgradiger Ausprägung der jeweils typischen Merk-
male. An der Peripherie finden sich weniger typische Fälle. Das Wissen darum, was als
prototypisch gilt, auch für Textsortenstile als wiederkehrende Muster (ebd., 35), teilen die
Mitglieder der Sprachgemeinschaft im Wesentlichen. Den „Muster[n] für gesellschaftlich
sanktioniertes Formulieren im Bezugsfeld der entsprechenden Textsorte“ (ebd., 52) wird
normative Kraft zugesprochen. Möglichkeiten des bewussten Stil- und Musterbruchs,
also der Abweichung, werden unter dem Stichwort der Expressivität vorgestellt.

4.3. Gesprächsstilistik: Typisierte Stile

In ethnomethodologisch, konversations- und kontextualisierungsanalytisch sowie hand-


lungstheoretisch angelegten Gesprächsstilistiken ist der Grundgedanke, dass Interakti-
onspartner in Kontextualisierungsverfahren einen für die anstehende Interaktion „,nor-
malen‘, ,unmarkierten‘, ,unauffälligen‘ ,Referenzsprechstil‘“ erst aushandeln, der aller-
dings auch „Spielraum lässt für lokale Variation oder auch spätere Umdefinitionen“
(Selting 1989a, 203). Stil orientiert sich also nicht an situationsunabhängigen Faktoren
wie Redekonstellation, Funktionsbereich, Textsorte, an denen eine etwaige Abweichung
gemessen werden könnte, sondern er wird in Beziehung zum Kontext gemeinsam hervor-
gebracht und aus sozial und interaktiv interpretierten Merkmalen konstituiert. Dies ge-
schieht allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern in Relation zu paradigmatischen
Alternativen: „aus denen aktiv und immer Sinn-konstituierend gewählt“ werden kann
(Selting 1989b, 7). Es wird vollzogen mit Verwendung und in Abwandlung bereits vor-
handener typisierter Stile, die als Ressource genutzt und in dem Sinne auch gemischt
und gebrochen werden können. In diesem Sinne sind Abweichungen hier als Relation
zwischen typisiertem Hintergrund und konkret ausgehandeltem Stil zu verstehen.
1312 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

4.4. Stilwissen im Textmusterwissen

Die Betrachtung von Musterhaftigkeit im Stil ist von der Musterhaftigkeit der Texte
nicht zu trennen. Dies bedeutet einerseits, dass es Stil nur im Textzusammenhang gibt
und sprachliche Mittel außerhalb des Textes stilistisch nicht eingeordnet werden können,
und andererseits, dass die reale Existenz eines Textexemplars auch vom Vorhandensein
eines einheitlichen Stils abhängt. Ohne diesen sind Textmusterbezogenheit und Textuali-
tät eines Textes nicht zu erkennen (Fix 2005). Wie auch immer Textmusterwissen spezifi-
ziert und beschrieben wird ⫺ Wissen über textkonstitutive Stilmuster gehört dazu, d. h.
Kenntnis der stilistischen Muster und Verfahren, die sich in sozialer Konvention heraus-
gebildet haben und in bestimmter Auswahl für ein jeweiliges Textmuster als kennzeich-
nend gelten. Stilmuster reichen von komplexen Textmusterstilen und Funktionalstilen,
von Stilebenen, Stilschichten und typisierten Stilen (komplexe Ressourcen für bestimmte
Kommunikationsaufgaben) über weniger komplexe, aber auch Textualität konstituie-
rende wie Stilzüge bis hin zu punktuellen wie Stilfiguren, die teilweise ⫺ z. B. Anapher,
Epipher, Parallelismus ⫺ auch auf Textzusammenhänge angewiesen sind. In handlungs-
orientierten Stilistiken haben auch Handlungsmuster als auf eine bestimmte Weise Stil
herstellende Verfahren einen zentralen Platz. Abweichungsmöglichkeiten sind einerseits
insofern gegeben, als Stilmuster dem Hervorheben (s. 3.3) dienen können, andererseits
dadurch, dass es, wo es feste Stilmuster und -verfahren gibt, immer auch die Möglichkeit
zum intendierten Stilbruch als einer eklatanten Art des Abweichens mit einer bestimmten
Wirkung gibt.

4.5. Stilpotenzen nichtstilistischer Muster

Auch nichtstilistisches Musterwissen ist eine Ressource für Stil. Wissensmuster, Hand-
lungsmuster, Textmuster können, wenngleich keine stilistischen Phänomene, stilbildend
eingesetzt werden, dann nämlich, wenn von ihnen intendiert abgewichen wird. Bei der
Umsetzung können Produzenten verschiedene Möglichkeiten des Abweichens wahrneh-
men, die bei der Rezeption vor dem Hintergrund der Kenntnis der Merkmale der Text-
sorte z. B. als stilistisch bedeutsam interpretiert werden. In dem Kontext spielen Verfah-
ren wie Mustermontage, Mustermischung und Musterbrechung eine Rolle: Textmuster-
montage ⫺ Kopplung mehrere Textexemplare verschiedener Muster, die einer Intention
folgen; Textmustermischung ⫺ prototypische Eigenschaften mehrerer Textmuster mi-
schen sich in einem Textexemplar; Textmusterbruch ⫺ ein Textexemplar hat Züge eines
Textmusters und darüber hinaus Eigenschaften, die sich keinem Muster zuordnen lassen
(Fix 1999; vgl. auch Musterimplementierung, Mustermix, Mustereinbettung bei Sandig
2006, 165). Das Spiel mit den Mustern ist ein immer häufiger zu beobachtendes Phäno-
men der „Grenzüberschreitung“, wie es in literarischen und nichtliterarischen Texten
als Nutzung typologischer Intertextualität (Text-Textsorten-Bezug) begegnet. Dieser dem
„normalen“ Gebrauch entgegengesetzte Umgang mit Textmustern hat das Ziel, die Auf-
merksamkeit aus der Fülle der Texte gerade auf diesen zur Rede stehenden zu lenken
und eine verfremdete Semiose in Gang zu setzen.
77. Muster und Abweichung in Rhetorik und Stilistik 1313

4.6. Stilistische Einheit eines Textes - Stilbruch

Während es innerhalb verschiedener Stilauffassungen mittlerweile einen Konsens über


die Textgebundenheit von Stil gibt, ist die Lage in der Textlinguistik anders. Zwar wird
in der Regel „fraglos vorausgesetzt, dass dem Text Stil eignet […] Eine Entfaltung der
Rolle, die Stil für den Text spielt, wird jedoch nicht geboten“ (Püschel 2000, 479). Die
Tatsachen, dass ein Text eine sprachliche Einheit bildet, dass beim Textherstellen ein
einheitlicher Textgestus hergestellt und damit sowohl ein individueller Textstil kreiert als
auch ein der Textsorte angemessener Ausdruck gefunden wird (Fix 2005), können als
Textualitätskriterien gelten. Mit dieser Einheitlichkeit wird in Textmustermischungen
z. B. (s. 4.4) bewusst gespielt und Abweichung erzielt. Neben Stil als textkonstitutivem
Mittel gibt es aber auch das Phänomen des Stilbruchs als ungewollte Vermischungen
von Stilebenen, Stiltypen, Darstellungsarten u. a., die nicht als intendierte Abweichungen
wirken, sondern als funktionsloser Verstoß, der die Texteinheitlichkeit und damit die
Rezeption gefährdet.
Bei aller Verschiedenheit der hier vorgestellten Arten und Auffassungen von Abwei-
chung wird doch deutlich, welch zentrale Funktion der Vorgang des Abweichens für die
rezipientenorientierte Textgestaltung hat.

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1316 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik


1. Situative Grundkonstellationen
2. Zum Stellenwert von ,Situation‘ für die theoretische und praktische Rhetorik
3. ,Situation‘ als Theorieelement in der Stilistik
4. Zur Situationstypik von rhetorischen Gattungen und Stiltypen
5. Literatur (in Auswahl)

Abstract
The article deals with a number of views on the role of situational context both for rhetori-
cal communication and stylistic variation. It examines the impact of the category of situa-
tion on the derivation of rhetorical or stylistic rules which do not only establish relations
between particular situational aspects and characteristic details of speech/conversation/style
but also between types on both sides. It is evident that it is impossible to apply the category
of situation without taking into account the participants and their activities in a communi-
cative act.

1. Situative Grundkonstellationen

1.1. Die situative Grundkonstellation der rhetorischen Kommunikation

Rhetorik und Stilistik haben mit anderen textwissenschaftlichen Disziplinen (Textlinguis-


tik, Literaturwissenschaft) gemeinsam, dass Erscheinungsformen und Regularitäten der
Textkonstitution weitgehend situationsunabhängig beschrieben werden können. Das
Hauptaugenmerk kann in der Rhetorik auf die Beschreibung universell verwendbarer
Argumentationsmuster gerichtet sein oder auf allgemein verfügbare Ordnungsprinzipien
für die Darstellung eines Sachverhalts, in der Stilistik auf die Beschreibung grammatisch-
lexikalischer Stilelemente oder bestimmter Stilmuster wie Nominal- und Verbalstil. So-
bald Texte (i. w. S.) und Stile in den Rahmen eines kommunikativen Ereignisses bzw.
einer sozialen Veranstaltung (z. B. Gerichtsverhandlung, Wahlkampfveranstaltung, Pre-
digt) gestellt werden, kommt die Situierung der (stilistischen) Textkonstitution in das
Blickfeld. In der Ausrichtung auf Letzteres liegen bekanntlich die Wurzeln der Rhetorik-
theorie, ist zugleich ihre (wiederentdeckte) Spezifik im Ensemble der textwissenschaftli-
chen Disziplinen begründet. Rhetorische Situationen im ursprünglichen Sinne liegen
dann vor, wenn sie „ein Procedere notwendig machen, das im Austausch der Meinungen
eine Klärung über den vorliegenden Sachverhalt ermöglicht, ohne daß für diese Klärung
eine übergeordnete und von allen fraglos akzeptierte Perspektive eingenommen werden
kann“ (Ptassek 1993, 7). Es handelt sich also um eine problembehaftete situative Kons-
tellation: aus der Sicht des Redners um eine Konflikt- bzw. Streitsituation, aus der Sicht
des Redepublikums um eine Entscheidungssituation, insofern als es sich vor die Entschei-
dung gestellt sieht, einer vorgebrachten Meinung zuzustimmen oder ihr eben die Zustim-
mung zu verweigern. Diese Bestimmung des Rhetorischen, festgemacht an der Spezifik
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1317

einer Problemsituation zwischen Redner und Redepublikum, orientiert sich an den spezi-
elleren situativen Rahmenbedingungen klassischer Rhetorikbereiche (gemeint sind insbe-
sondere forensische und politische Rhetorik bzw. Gericht und Parlament), so etwa an
Platons Rekonstruktion situativer und sozialer Voraussetzungen für rhetorische Kom-
munikationsereignisse am Beispiel des Interagierens von Redenden vor Gericht. Diese
müssten sich, wenn sie sich behaupten wollen, um sozial überleben zu können, bestimm-
ten Bedingungen unterwerfen ⫺ Bedingungen notorischen Zeitmangels, restriktiver Par-
teilichkeit, strategischen Kommunikationsverhaltens u. a. (vgl. Kopperschmidt 1999, 13).
In rhetorischen Situationen müssen sich Menschen durch Reden (oder Schreiben) be-
haupten, wenn sie ⫺ im übertragenen wie nichtübertragenen Sinne ⫺ überleben wollen.
Rhetorik reflektiert solche Situationen einschließlich der für sie geeigneten kommunika-
tiven Verhaltensmuster. Wer das Wesen von Rhetorik verstehen will, muss ihre anthropo-
logischen Voraussetzungen kennen (vgl. Blumenberg 1991; Kopperschmidt 1999).

1.2. Die situative Grundkonstellation bei stilistischer Variation

In vergleichbarer Weise ist eine allgemeine Theorie des Stils auf ein anthropologisches
Fundament zu stellen (vgl. van Peer 2001, 40 ff.). Die Frage nämlich, warum es stilisti-
sche Variation (im Sprachlichen wie Nichtsprachlichen) überhaupt gibt, führt zu zwei
unterschiedlichen Grundmustern menschlichen Verhaltens: Zum einen gibt es das Muster
der Anpassung an Usuelles/Normatives, dessen Befolgung sozialen Nutzen verspricht, da
sie im Interesse einer optimalen sozialen Interaktion liegt; zum anderen gibt es das Mus-
ter des Abweichens vom Usuellen/Normativen bzw. des „Experimentierens mit dem Un-
bekannten“ (ebd., 48), was dem Bedürfnis nach Abgrenzung, dem Wunsch nach krea-
tivem Tätigsein oder auch der Notwendigkeit entspricht, sich auf neue Gegebenheiten
einzustellen, und was insgesamt gesehen die zweite Seite der funktionalen Natur des Stils
ausmacht. Bei Assmann (1986, 128) lesen wir in diesem Zusammenhang wesentlich frü-
her von zwei „stilträchtigen Strategien“: der Strategie des Anschlusses an eine Gruppe
(opting in) und der des Austritts aus einer Gruppe (opting out). Die anthropologischen
Wurzeln der Stilistik zeigen, dass Kommunikationsteilnehmer, indem sie einen Stil imitie-
ren (Anpassung) oder kreieren (Abweichung), sich nicht zwangsläufig in einer Problemsi-
tuation befinden müssen. Beide Funktionen des Stils können indes eine rhetorische Di-
mension erhalten ⫺ je nachdem, ob im Anschluss- oder Austrittsverhalten die geeignete
Kommunikationsstrategie gesehen wird, das angestrebte Redeziel zu erreichen. In der
Wählbarkeit eines dieser beiden Verhaltensmuster mit ihren je besonderen sozialen Ziel-
richtungen ist die situative Grundkonstellation bei stilistischer Variation zu sehen. Der
Textproduzent befindet sich in einer Entscheidungssituation, allerdings nicht generell im
Sinne eines Entweder-Oder. Erstaunlicherweise zeigen gerade die Stilanalysen eines Leo
Spitzer, dass bei stilistischer Variation auch ein Kompromiss zwischen Normbefolgung
und Abweichung möglich ist, der seinerseits zur Norm werden kann (vgl. Neuschäfer
1986, 285 ff.). Dass sich Spitzers Analysen im Spannungsfeld zwischen den beiden stil-
trächtigen Strategien bewegen, erstaunt deshalb, weil bei ihm der Text erklärtermaßen
in sich selbst ruht und stilkonzeptionell vordergründig als ein einmaliges, autonomes,
von äußeren Umständen unbeeinflusstes Gebilde begriffen wird.
1318 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

2. Zum Stellenwert von ,Situation ür die theoretische


und praktische Rhetorik

2.1. Verweise au ,Situation bei der Bestimmung des Rhetorischen


und seiner Bereiche

Wie in 1.1 festgestellt, entscheidet die jeweilige Blickrichtung auf rhetorische Textkonsti-
tution über den Stellenwert der Kategorie Situation für die rhetorische Theorie und Pra-
xis. Die „Allgemeine Rhetorik“ von Dubois u. a. (1974) wird ihrem Namen nur insofern
gerecht, als sie, gestützt auf literarische (vorrangig poetische) Texte, eine theoretische
Neufassung der elocutio anstrebt. Rhetorik sei die Kenntnis der für die Literatur charak-
teristischen sprachlichen Verfahren (ebd., 45), womit figurative Verfahren des Abwei-
chens von einer Normalform gemeint sind. Situationsaspekte spielen keine nennenswerte
Rolle; sie kommen lediglich in den Beispielanalysen zum Tragen, indem einige der als
abweichend begriffenen Sprachformen in den Kontext wissenschaftlicher Veröffentli-
chungen und privater Alltagsgespräche gestellt werden und Besonderheiten der Rede der
Bühne und des Films zur Sprache kommen. Selbst bei den herausgehoben beschriebenen
„Erzählfiguren“ und „Figuren der Kommunikationspartner“ interessiert allein deren
Systematisierbarkeit nach den streng strukturbezogenen Regeln des aufgestellten Sys-
tems. ,Situation‘ ist hier demnach nicht mehr als ein gewisser außersprachlicher Rahmen
für die Exemplifizierung rhetorischer Figuren.
Ein völlig anderes Verständnis von einer Allgemeinen Rhetorik tritt zutage, wenn
man den Ursprungsbedingungen des Rhetorischen in der Antike zu folgen bereit ist.
Dann nämlich kommen Beredsamkeit und die spezifische Problemsituation (vgl. 1.1) als
qualifizierende Merkmale eines Kommunikationstyps in Betracht, der in das Zentrum
einer Allgemeinen Rhetorik gerückt werden kann: die persuasive Kommunikation (vgl.
Ottmers 1996, 15). ,Situation‘ wird dann zum Kriterium für die Bestimmung des Gegen-
stands von Rhetorik. Während sich ⫺ wie zu registrieren war ⫺ eine rhetorische Systema-
tik weitgehend anhand literarischer Texte entwickeln lässt, wird rhetorische Kommuni-
kation in ihrer Komplexität erfassbar, wenn man nach den Erscheinungsformen von
Persuasion fragt. In die Zuständigkeit von Rhetorik fallen dann sämtliche Formen der
mündlichen und schriftlichen Beredsamkeit, weiter untergliedert in monologische und
dialogische Redeformen (wie Predigt und Debatte) zu allen öffentlichen und privaten
Anlässen (vgl. ebd., 6). Wie zu erkennen ist, zeigen diese Kommunikationsformen eine
Bindung an spezifische Situationsaspekte: (1) das Medium der Kommunikation (münd-
lich/schriftlich), (2) die Kommunikationsrichtung (monologisch/dialogisch), (3) den so-
zialen Sektor der Kommunikation (privat/öffentlich). Die einzelnen Situationsaspekte
dienen als Kriterien für die Erfassung der Vielfalt an rhetorischen Kommunikationsformen.
Das Kommunikationsziel der Persuasion, d. h. die strategiegeleitete, entscheidungssti-
mulierende Einflussnahme auf das Denken, Fühlen und Handeln von Kommunikations-
partnern, stellt sich immer nur in einer Problemsituation der beschriebenen Art. Rhetori-
sche Situationen können aber auch umfassender definiert werden ⫺ mit der Konsequenz,
dass der Gegenstandsbereich der Rhetorik eine weitere Ausdehnung erfährt. Rehbock
(1980, 297 f.) z. B. bezieht rhetorisches kommunikatives Handeln auf alle die Situationen,
in denen eine Kommunikationsbarriere in Gestalt von Rezeptionsschwierigkeiten, Wahr-
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1319

nehmungs- und Reaktionshindernissen antizipiert wird, begleitet von Überlegungen, wel-


cher zusätzliche kommunikative Aufwand zu betreiben ist, wenn sie überwunden werden
soll. Kommunikationsbarrieren in der persuasiven Kommunikation bestehen in der un-
terstellten Differenz (Asymmetrie) zwischen den Kommunikationsteilnehmern in Bezug
auf Meinungen, Haltungen, Überzeugungen und dergleichen mehr. Außerhalb der für
Persuasion maßgebenden Situation hingegen liegen dann etwa die Antizipation einer
zu geringen Verstehenskompetenz (bei der Wissensvermittlung) oder einer zu schwach
ausgeprägten mentalen Zuwendung zu Personen/Sachen (z. B. bei mangelnder Ge-
sprächsbereitschaft). Bei diesem Rhetorikverständnis erscheint das Rhetorische als ein
Spezialfall des Kommunikativen und das Persuasive als ein Spezialfall des Rhetorischen.
,Situation‘ fungiert des Weiteren als Kriterium für die Differenzierung zwischen ver-
schiedenen rhetorischen Kommunikationsbereichen. Klassische Bereiche sind die forensi-
sche, politische, homiletische und literarische Rhetorik; moderne die Medien-, Verkaufs-
und Bewerbungsrhetorik. Der Situationsaspekt ,Kommunikationsbereich‘, definiert als
„soziale Sphäre mit den für sie charakteristischen Institutionen (i. w. S.) und Sozialbezie-
hungen“ (Fleischer/Michel/Starke 1996, 37), bildet dabei auch den Bezugsrahmen, um
Veränderungen gegenüber den Ursprungsbedingungen von Rhetorik aufzuzeigen. So gilt
aktuell für den Bereich der politischen Rhetorik u. a., dass das, was Politiker in einer
demokratischen Gesellschaft öffentlich sagen, so gesagt werden muss, dass der Weg für
politische Kompromisse freigehalten wird (vgl. Kammerer 1995, 24). Auch lassen sich
innerhalb eines kommunikativen Rhetorikbereichs kulturelle bzw. interkulturelle Beson-
derheiten darstellen, beispielsweise ⫺ um im Bereich der Politik zu bleiben ⫺ Eigenheiten
des Wahlkampfes in den USA (vgl. u. a. Ketteman 1994). Wie weit oder wie eng ein
Kommunikationsbereich abgesteckt, in welche Teilbereiche er aufgegliedert wird, ist von
speziellen Erkenntnisinteressen und praktischen Bedürfnissen abhängig (vgl. Fleischer/
Michel/Starke 1996, 36). Die neuere Rhetorikforschung entdeckt denn auch immer neue
kommunikative Sphären für sich selbst, z. B. die Esoterik, die gewerkschaftliche Bil-
dungsarbeit oder den Unterrichtsraum als Austragungsort für gesprächsrhetorische
Wettspiele (vgl. die Beiträge in Mönnich 1999).

2.2. Situationskonzepte bei der Modellierung von rhetorischer


Kommunikation

Die sich nun anschließende Betrachtung der vom jeweiligen Rhetorikverständnis geleite-
ten Modellierung des Aufeinanderbezugs von Rede und Situation behandelt die Frage,
welche Konsequenzen das betreffende Situationskonzept für die Erfassung und Akzentu-
ierung von Situationsaspekten hat. Die einzelnen Konzepte zeigen nicht nur, wie ver-
schieden ,Situation‘ bestimmbar ist, es wird auch deutlich, dass dem jeweiligen Konzept
eine Schlüsselrolle zukommt bei der Darstellung des Situationsbezugs von Redegattun-
gen, Stilarten o. Ä. sowie bei der theoretischen Fundierung der für wesentlich gehaltenen
rhetorischen Erfordernisse. Unter Letzteres fallen beispielsweise die Beachtung von Re-
demaximen, die Abstimmung von Emotionsbekundungen auf den Redeinhalt, die Kon-
zentration auf bestimmte Redezwecke bzw. -funktionen oder die Herstellung von Ge-
meinsamkeit zwischen den Kommunikationsteilnehmern.
1320 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

2.2.1. ,Situation als rededeterminierendes Umeld

Einzugehen ist zunächst auf das tradierte Denkmuster, dass jegliche Rede insofern situa-
tiv determiniert ist, als die Redesituation ein Umfeld bildet, aus dem sich detaillierte
Forderungen nach Angemessenheit (aptum) ableiten, denen sich Redner zu stellen haben,
wenn sie ihr Redeziel erreichen wollen. Bei der auf Aristoteles zurückgehenden Situati-
onstrias aus Redner (Rednerpersönlichkeit), Sache (Gegenstand der Rede) und Publikum
gilt es Letzteres als grundsätzlich „richtunggebende Instanz“ (Ueding/Steinbrink 1994,
216) zu beachten, denn „der Zweck der Rede ist nur auf ihn, den Zuhörer, ausgerichtet“
(Aristoteles 1999, 19). Redesituationen werden als ein Komplex von äußeren Umständen
begriffen; Raum und Zeit finden ebenso Berücksichtigung wie sozialgeschichtliche Ein-
flussgrößen. Ottmers (1996, 152 f.) differenziert zwischen der konkreten Redesituation
und der übergeordneten sozialen, politischen oder historischen Situation, so dass sich
aptum-Relationen auch in ihrer historischen Wandelbarkeit erfassen lassen. Angemessen-
heitsforderungen wandeln sich naturgemäß, wenn sich die Rahmenbedingungen von
Rhetorik ändern, wie dies für die einzelnen Rhetorikbereiche, so auch für den Bereich
der Politik (vgl. Kammerer 1995), zu konstatieren ist, oder wenn sich ein Umdenken bei
der Lösung kommunikativer Standardaufgaben abzeichnet, z. B. bei einem sich wandeln-
den Predigtverständnis. Roelofsen (1999a, 173) spricht ⫺ die gegenwärtige Praxis des
Predigens beobachtend ⫺ von der „Wiedereinführung der Rhetorik in die Predigtarbeit“.
Zusammenhänge zwischen Situationsaspekten und Redemerkmalen werden dem klas-
sischen rhetorischen Kanon zufolge durch aptum-Muster (Ottmers 1996, 153) hergestellt,
die für sämtliche Stadien der Verfertigung von Rede zur Verfügung stehen. Der für das
Stadium der elocutio geltende Regelapparat erfasst insbesondere die folgenden situativ
determinierten aptum-Relationen mit Einschluss geeigneter Redemittel (vgl. Plett 2001,
28 f.): (1) Stil ⫺ Redner (gefordert wird u. a. eine dem Ethos des Redners angemessene
Ausdrucksweise); (2) Stil ⫺ Publikum (gefordert wird u. a. ein dem Bildungshorizont des
Publikums angepasster Stil); (3) Stil ⫺ Redeanlass (gefordert wird z. B. ein formeller Stil
für einen offiziellen Anlass); (4) Stil ⫺ Redegegenstand (gefordert werden Stilmittel, die
z. B. der Bedeutsamkeit der besprochenen Sache entsprechen und diese zur Geltung brin-
gen). Aptum-Muster sind rhetorikdidaktisch von besonderem Wert. Dabei darf aber
nicht übersehen werden, dass bereits das antike Regelwerk auf eine flexible Handhabung
setzte. Ottmers (1996, 153 f.) betont, dass rhetorische Kommunikation deshalb immer
auch Einfühlungsvermögen sowie ein gewisses Fingerspitzengefühl erfordert und gerade
auch dann funktionieren kann, wenn es das ausdrückliche Redeziel ist, Normvorstellun-
gen oder gesellschaftliche Erwartungshaltungen zu durchbrechen.
Auffällig an neueren, der rhetorischen Praxis verpflichteten Rhetorikdarstellungen
sind Situationsdefinitionen, die sich auf das Organon-Modell der Sprache (Bühler 1934)
sowie die Unterscheidung zwischen einem sachgerichteten Inhaltsaspekt und einem situa-
tionsgerichteten Beziehungsaspekt der Kommunikation (Watzlawick u. a. 1972) stützen.
Dabei machen sich Unsicherheiten bemerkbar zu bestimmen, welche kommunikativen
Aspekte zum Begriffsinhalt von ,Situation‘ gehören und welche nicht. So begegnet man
in Rhetoriklehrbüchern zum einen einem Nebeneinander von Hörer und Situation ⫺
nach Allhoff/Allhoff (2000, 95 f.) gilt es einen Hörer- und einen Situationsbezug zu beach-
ten. Zum anderen wird ein Miteinander von Sache und Situation postuliert, das aber
eigentlich als ein Ineinander (Situation als übergreifend auch für die Sache) zu begreifen
ist (vgl. Pabst-Weinschenk 2000, 20 f.; 24 f.), wofür es eine simple Erklärung geben mag:
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1321

Wenn es so ist, dass die Beziehung zwischen Sprecher und Hörer einen Situationsrahmen
mit gegenseitigen Einschätzungen, Erwartungshaltungen und Redeabsichten konstituiert,
dann schließt dieser Rahmen sprecherseitige Überlegungen zur partnergerechten Sach-
darstellung und hörerseitige Erwartungshaltungen gegenüber der zum Thema gemachten
Sache ein. Insofern hat die Situationseinschätzung der Kommunikationsteilnehmer im-
mer auch einen Sachbezug. Hinzu kommt, dass es Situationen geben kann, in denen eine
reine Sachdarstellung kommunikativ am zweckmäßigsten ist, aber auch solche, wo es die
Subjektgeprägtheit der Sachdarstellung ist, die der rhetorischen Erwartungshaltung am
besten entspricht. Bühlers Zeichenfunktionen erweisen sich in diesem Zusammenhang
als geeignet, „Redesorten“ (Pabst-Weinschenk 2000, 22 f.) in verschiedene situativ-funkti-
onale Dimensionen zu stellen. Zu unterscheiden sind die vorrangig sprecherorientierte
Meinungsrede (z. B. Kommentar), die vorrangig zuhörerorientierte Überzeugungsrede
(z. B. Wahlkampfrede) und die vorrangig sachorientierte Informationsrede (z. B. Vor-
trag).

2.2.2. ,Situation als redeveranlassender Zustand

Von der Bestimmung des Rhetorischen als eines persuasiven Prozesses ausgehend (vgl.
2.1) erscheint ,Situation‘ hier nun als ein vorgefundener, mit rhetorischen Mitteln beein-
flussbarer/veränderbarer Zustand. Nach den feingliedrigen Unterweisungen zur persuasi-
ven Kommunikation in Lausberg (1967, 15 f.) vollzieht sich persuasive Rede immer in
Bezug auf eine Situation mit der Intention der Änderung dieser Situation. Situation
wird als ein Zustand sachlicher, persönlicher oder sozialer Art bestimmt, den Menschen-
(gruppen) zu einem gegebenen Zeitpunkt antreffen, der für sie von Belang ist und durch
Reden verändert werden kann. Obwohl ,Situation‘ somit eigentlich als eine prä- bzw.
postkommunikative Gegebenheit bestimmt wird, kommen über die an einem persuasiven
Kommunikationsprozess beteiligten Menschen(gruppen) indirekt auch Aspekte der Re-
desituation zum Vorschein. So baut die Rollenverteilung zwischen den Kommunikations-
teilnehmern, bei der eine Trennlinie zwischen dem Situationsmächtigen und den Situati-
onsinteressierten gezogen wird, zugleich eine für diese Art von Redesituation charakteris-
tische Sozialbeziehung auf. Denn in der Hand des Situationsmächtigen liegt es und nur
in seiner, eine Änderung der Situation herbeizuführen und damit eine Entscheidung zu
treffen, auf die die Situationsinteressierten hingewirkt haben. Letztere spalten sich unter
Umständen in Parteien auf, so dass zwischen Befürwortern und Gegnern einer Situati-
onsänderung oder mehreren konkurrierenden Vorstellungen, die Situationsänderung be-
treffend, zu unterscheiden ist. An anderer Stelle bringt Lausberg (1967, 31) kognitive
Aspekte der rhetorischen Kommunikation zur Sprache. Dies ist offenbar auf die Er-
kenntnis zurückzuführen, dass Situationsänderungen jedweder Art eine Bewusstseinsän-
derung vorausgehen muss. Der Kommunikationsprozess erscheint nun als die Überfüh-
rung von Zirkularität (Bewusstseinsinhalten) in Linearität (Rede), an die sich die Über-
führung von Linearität in Zirkularität (Bewusstseinsresultate) anschließt. In der
persuasiven Kommunikation werden diese Vorgänge ⫺ wie es heißt ⫺ von der Intention
getragen, auf das Bewusstsein des Situationsmächtigen (z. B. eines Richters) einzuwirken.
Dessen „Urteilsspruch“ überführt dann Zirkularität (Bewusstseinsresultate) in außer-
1322 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

sprachliche Realität, bewirkt also die eigentliche, intendierte Situationsänderung (gege-


benenfalls zum Vorteil einer der beteiligten Parteien). Um sich die dargelegten Verhält-
nisse zu verdeutlichen, kann man auch auf die moderne Differenzierung zwischen Sinn-
konstitution und Handlungsauslösung (vgl. Geißner 1982, 12; 27) zugreifen.
Zusammenhänge zwischen Situationsaspekten und Redemerkmalen treten in einem
Regelwerk zutage, das sich ⫺ wie bei den aptum-Mustern (vgl. 2.2.1) ⫺ auf alle Stadien
der Verfertigung von Rede erstreckt. Für das Stadium der dispositio führt Lausberg
(1967, 33 ff.) Redemittel an, die der Realisierung zweier hauptsächlicher Prinzipien der
persuasiven Sachverhaltsdarstellung dienlich sind: Parteilichkeit und Verfremdung. Letz-
teres werde beispielsweise realisiert, indem sich der Redner unerwartet der Redesitua-
tion ⫺ hier findet sie explizit Erwähnung ⫺ (und nicht dem Redegegenstand) zuwendet.
Für diese rhetorische Aktivität ⫺ so lehrt es die Rhetorik klassischen Zuschnitts ⫺ gibt
es probate Muster. Der Redner kann die Schwierigkeit, in der er sich befindet, offen
zugeben, die gegnerische Partei loben, das Publikum um Entschuldigung bitten oder mit
einer unerwarteten Nachricht schockieren, möglichen Einwänden des Situationsmächti-
gen zuvorkommen u. a. m. Solche persuasio-Muster der Verfremdung, wie man sie nen-
nen könnte, stehen offensichtlich in Relation zu allen nach ihren kommunikativen Rollen
unterscheidbaren Kommunikationsteilnehmern.
Mit der Modellierung von rhetorischer Kommunikation als persuasiver Kommunika-
tion, die sich in der Öffentlichkeit vollzieht, geht eine Typologisierung von Reden nach
ihrem Redesituationsbezug einher. Zum einen werden nach dem Kriterium der verschie-
denen Kommunikationsrollen „drei Arten von Reden“ (Lausberg 1967, 16) unterschie-
den: die Eröffnungsrede (in der die strittige Angelegenheit zur Sprache gebracht wird),
die Parteireden der Situationsinteressierten und die Entscheidungsrede des Situations-
mächtigen. Zum anderen werden nach dem Kriterium der Gebrauchsfrequenz zwei Re-
deklassen (ebd.) gebildet: die Verbrauchsrede, die in singulären, nicht wiederholbaren
Redeereignissen in Erscheinung tritt, und die Wiedergebrauchsrede, die in typischen, sich
wiederholenden Redesituationen immer auf die gleiche Weise gehalten wird. Wiederge-
brauchsreden scheinen aber eher an den Kommunikationstyp der rituellen Kommunika-
tion gebunden zu sein, wo Eide geschworen, Trauungen vollzogen, Veranstaltungen für
eröffnet erklärt werden; mit rhetorischer Kommunikation vertragen sie sich außerordent-
lich schlecht.
Die explizierten Modellvorstellungen von persuasiver Kommunikation leben in der
neueren Rhetorikforschung vom Denkansatz her fort, sie werden durch Übertragung
auf konkrete Rhetorikbereiche spezifiziert und natürlich modernisiert. Aktuelle Modelle
von politisch-persuasiver Kommunikation beispielsweise integrieren dezidiert kognitive
Komponenten wie Partnerhypothesen/Annahmen über die Situation (vgl. Herrgen 2000,
38), berücksichtigen dezidiert die Vermittlerrolle der journalistischen Medien (vgl. Klin-
gemann/Voltmer 1998, 397) oder stellen den Einfluss der Öffentlichkeit (einschließlich
der Medien) auf den politischen Prozess dar, der in den einzelnen Stadien von Politik
unterschiedlich stark ausgeprägt ist (vgl. Jarren/Donges/Weßler 1996, 26).

2.2.3. ,Situation als komplexe rhetorische Augabe im Prozess


des Miteinandersprechens

Der Begriff Redesituation (auch: Sprechsituation) ist in der Rhetorikforschung verschie-


dentlich problematisiert worden, da er einseitig sprecherbezogen angelegt ist. Mit Beru-
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1323

fung auf Erich Drach und dessen Gedanken der Komplementarität von Sprech- und
Hörsituation sowie auf Erving Goffmans aktivitätsbezogen definierten Situationsbegriff
argumentiert Geißner (1982, 27 ff.), dass sich rhetorische Kompetenz (als globales Lern-
ziel) wesentlich daran zeigt, inwieweit es gelingt, eine gemeinsame Situation zwischen
den Kommunikationsteilnehmern herzustellen. Es könne „genau genommen nie gesagt
werden, daß die Situation ,besteht‘ (statisch ist), sondern, daß sie durch die Miteinander-
sprechenden erst ,hergestellt‘ wird (dynamisch ist)“, und das aber heiße, „daß Verständi-
gung nur gelingen kann, wenn es den Miteinandersprechenden gelingt, diese Situation
zu ihrer gemeinsamen zu machen“ (ebd., 28). Wir begegnen hier einer Position, die auch
in der Gesprächslinguistik bzw. interaktionalen Gesprächsstilistik als methodologisch
bedeutsam gilt (vgl. 3.2.3). In Geißners didaktisch orientierten Darlegungen zur rhetori-
schen Kommunikation kommen aber letztlich durchaus situative Zustände vor, nämlich
die bestehenden Ausgangssituationen von Sprecher und Hörer, zu verstehen als ein Zu-
sammenwirken von relativ objektiven und relativ subjektiven Faktoren, die von der her-
zustellenden Situation zwischen Sprecher und Hörer zu unterscheiden sind. An die erfolg-
reiche Bewältigung der bezeichneten rhetorischen Aufgabe (Herstellung einer gemeinsa-
men Kommunikationssituation) wird eine weitere als Voraussetzung geknüpft: die
Analyse der Ausgangssituationen (von Sprecher und Hörer) und der Zielsituation (zwi-
schen Sprecher und Hörer) ⫺ eine Situationsanalyse, bei der grundlegende Arten situati-
ver Beziehungen als Relationen zwischen situationskonstituierenden Faktoren (WANN,
WO, WER, MIT WEM, WORÜBER u. a.) im Rahmen eines Situationsmodells des Ge-
sprächs einzeln unter die Lupe zu nehmen sind. So wird u. a. als wesentlich herausge-
stellt, dass ein Ich (ego) und ein Gegenüber (alter) grundsätzlich Inhaber sozialer Rollen
(Kommunikationsrollen) sind, was für die Analyse der interpersonalen Dimension dann
konkret heißt, Rollenerwartungen, -definitionen, -interpretationen und auch Rollenkon-
flikte zu reflektieren. Gestützt auf die Beobachtung, dass nicht jeder mit jedem über alles
sprechen kann, und die Erkenntnis, dass dieses Worüber bzw. das Thema an verschiedene
Wissens-, Erfahrungs- und Erlebnishorizonte gebunden ist, werden konzeptionelle Über-
legungen auch dahingehend für notwendig erklärt, wie im Gemeinsammachen der Situa-
tion ein gemeinsames Thema zu finden/auszuhandeln ist.
Das vordergründig am Gespräch als einem Sprechen mit anderen ausgerichtete Situa-
tionskonzept wird im Weiteren auf Rede als ein Sprechen zu anderen ausgedehnt. Bei
den rhetorischen Kommunikationsformen Gespräch und Rede, aufgefasst als zwei Seiten
einer Medaille (vgl. Geißner 1981, 69; 71), werden jeweils zwei Grundtypen unterschie-
den: zum einen das Klärungs- und das Streitgespräch, zum anderen die Informations-
und die Überzeugungsrede (vgl. Geißner 1982, 99 ff.; 141 ff.). Anhand der Gegenüberstel-
lung von phatischen und rhetorischen Gesprächen wird verdeutlicht, dass rhetorische
Gesprächsprozesse weniger an glänzenden Formulierungen oder schlüssigen argumenta-
tiven Prozeduren zu erkennen sind, sondern hauptsächlich an Kommunikationsakten
bzw. Gesprächsschritten wie Fragen und Fragenlassen, Ratsuchen, Klären von Sachver-
halten und Beziehungen, Problematisieren von Handlungszielen, Suchen nach gemeinsa-
men Lösungen, Streiten über Lösungswege, Aushandeln von Entscheidungsmöglichkei-
ten usw. ⫺ an Gesprächsschritten also, die dem für grundlegend erklärten Situationsas-
pekt ,Gemeinsamkeit‘ Rechnung tragen. Es entspricht der Logik des zugrunde gelegten
Situationskonzepts, wenn zwei weitere Gesprächstypen, das Schein- und das Kampfge-
spräch, als nichtrhetorisch apostrophiert werden. Bei Scheingesprächen beanspruche ein
Situationsmächtiger für sich allein das Frage- und Entscheidungsrecht, Kampfgespräche
1324 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

basierten auf einem von Aggressivität getragenen Freund-Feind-Schema und endeten


häufig mit brachialer Gewalt.

2.2.4. ,Situation als Beziehung zwischen kooperativ handelnden


Kommunikationsteilnehmern

Rhetorische Aktivitäten wie das Herstellen und Gemeinsammachen von Situationen (vgl.
2.2.3) finden sich als Theorieelemente im Paradigma einer Kooperativen Rhetorik wie-
der, dessen Grundzüge u. a. in Bartsch (1990) dargestellt sind. Der innovative Charakter
des hier zu besprechenden Situationskonzepts zeigt sich darin, dass Kooperation, als
eine kommunikative Haltung bestimmt und zur rhetorischen Obermaxime erhoben, auch
dann Geltung haben soll, wenn zwischen den Kommunikationsteilnehmern ein sozial
oder anderweitig asymmetrisches Rollenverhältnis besteht. In Geißners Theorie (1982
u. ö.) war diesbezüglich noch von phatischen oder Scheingesprächen die Rede ⫺ infolge
fehlender Chancengleichheit/Möglichkeiten des Rollentauschs bei der Gesprächsfüh-
rung. Die neue Richtung betrachtet auch Bewerbungs-, Verkaufs- und Prüfungsgesprä-
che als rhetorische Gespräche, orientiert sich demnach wieder stärker an der situativen
Grundkonstellation von Rhetorik (1.1), geht aber zugleich über das tradierte Rhetorik-
verständnis hinaus, denn mit der Redemaxime Kooperation kommen Verhaltensmuster
auf den Prüfstand, die einseitig die Interessen des Sprechers bedienen, mit anderen Wor-
ten Muster, die als nützlich bei der Durchsetzung nur seiner Interessen im Zuge sozialer
Selbstbehauptung gelten. Der theoretische Anspruch der Kooperativen Rhetorik wird
allerdings erst dann deutlicher, wenn man mit Fiehler (1999, 53 f.) begrifflich differenziert
zwischen ,kommunikativer Kooperation‘ als Bezugnahme auf gemeinsame Kommunika-
tionsregeln einerseits und ,kommunikativer Kooperativität‘ als einer Modalität der kom-
munikativen Interaktion andererseits. Es ist nämlich nicht das Grice’sche Kooperations-
prinzip gemeint, zumal dieses keinerlei Bindung an spezielle Situationsaspekte aufweist;
gemeint ist vielmehr ein Kommunikationsprinzip, das die Gestaltung von Beziehungen
zwischen den Kommunikationsteilnehmern steuert. Kooperative Rhetorik ist vom An-
spruch her eine Rhetorik der Gestaltung partnerschaftlicher Beziehungen. Einen Schwer-
punkt bilden Kommunikationsbarrieren, die aus asymmetrischen Kommunikationsver-
hältnissen hervorgehen. Solche Asymmetrien kommen ⫺ wie man weiß ⫺ auf unter-
schiedlichen Beziehungsebenen vor: Ungleichwertige Verhältnisse können die soziale
Position betreffen, darüber hinaus Sichtweisen und Interessenlagen, aber auch die ver-
schiedenen Arten von Kompetenz (Sach-, Sprach-, Kommunikationskompetenz). Das
Profil eines kooperativ handelnden Menschen (vgl. Jaskolski 1999, 27 f.) umfasst die
Bereitschaft und die Fähigkeit, asymmetrischen Beziehungen, die der Herstellung eines
echten Partnerschaftsverhältnisses abträglich sind, mit rhetorischen Aktivitäten (Herstel-
len von sozialer Nähe, Erzeugen von Transparenz im Hinblick auf die eigenen Interessen,
Einnehmen der Partnerperspektive) wirksam zu begegnen.
Partnerschaftlichkeit heißt im Situationskonzept der Kooperativen Rhetorik aller-
dings keinesfalls völlige Aufhebung von Divergenz. Als wesentlich gilt die Herstellung
einer gemeinsamen Gesprächsbasis als Schnittmenge aus den Anschauungen und Einstel-
lungen der Gesprächsbeteiligten, das Erzielen eines partiellen Konsensus. Am Beispiel
religiöser Gruppengespräche stellt Roelofsen (1999b, 214) fest, dass Gemeinsamkeit ge-
rade in der Vielfalt der zusammengetragenen und gegenseitig respektierten Sicht- und
Verstehensweisen bestehen kann und sollte.
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1325

3. ,Situation als Theorieelement in der Stilistik

3.1. Verweise au ,Situation bei der Bestimmung von Stil

Stiltheoretische Bestimmungen des Phänomens Stil enthalten ⫺ sofern sie kommunikati-


onsorientiert angelegt sind ⫺ explizite oder implizite Verweise auf ,Situation‘. Im Weite-
ren soll dargelegt werden, wie von einem allgemein akzeptierten Leitsatz stiltheoretischen
Denkens aus der Zusammenhang von Stil und Situation erfassbar wird und wie die
entsprechenden Positionen Eingang in Stildefinitionen gefunden haben.
Über den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich Stiltheoretiker einigen können,
nämlich „Stil ist immer das Wie einer Ausführung, auf welchem Gebiet des Lebens auch
immer“ (Riesel/Schendels 1975, 15), findet man mehrere Zugänge zur Relationierung
von Stil und Situation. Zum einen lässt sich aus dem Verweis auf alle möglichen Gebiete
des Lebens ⫺ gemeint sind Bereiche der sprachlichen Kommunikation (vgl. 2.1), Kunst-
bereiche (Musik, Tanz, Malerei) sowie weitere Bereiche wie Mode und Sport ⫺ ableiten,
dass stilistische Variation prinzipiell in Relation zu einem spezifizierten gesellschaftlichen
Umfeld (Tätigkeitsbereich) zu denken ist. Zum anderen verbindet sich mit dem „Wie
einer Ausführung“ immer auch Erklärungsbedarf dergestalt, dass erklärt werden muss,
warum es stilistische Variation und verschiedene Stile gibt. Einige der Erklärungsansätze,
die dabei mit der Kategorie Situation operieren, seien genannt:
(1) Stil ist kontextbedingt: „Der Stil eines Textes ist das Aggregat kontextbedingter
Wahrscheinlichkeitswerte seiner linguistischen Größen“ (Enkvist/Gregory/Spencer
1972, 26). Kontext wird in dieser Stilistik zum einen bestimmt als eine textinterne
(sprachliche, textstrukturelle) Zeichenumgebung, zum anderen als ein Umfeld, das
außerhalb des Textes liegt und Einflussgrößen umfasst wie Epoche, Gattung, Erfah-
rungsbereiche der Kommunikationsteilnehmer, Situation u. a. Kontextbedingt kann
also u. a. heißen: situationsbedingt.
(2) Stil ist die funktionsgerechte Verwendungsweise der Sprache ⫺ oder genauer: „die
funktionsgerechte, dem jeweiligen Sprachusus im schriftlichen und mündlichen Ge-
sellschaftsverkehr angemessene Verwendungsweise des sprachlichen Potentials“ (Rie-
sel/Schendels 1975, 16). Der Begriff der Funktionsgerechtheit umgreift dabei sowohl
die Ausrichtung auf die gesellschaftliche Funktion der Sprache, die von Kommunika-
tionsbereich zu Kommunikationsbereich verschieden ist, als auch die Berücksichti-
gung von Kontaktfaktoren, etwa die Einstellung auf den Kommunikationspartner
oder den Unterschied zwischen direkter und indirekter Kontaktaufnahme. Funkti-
onsgerecht heißt demnach nichts anderes als: der Situation angemessen.
(3) Stil erfasst eine charakteristische Verwendungsweise von Sprache, nämlich „die auf
charakteristische Weise strukturierte Gesamtheit der in einem Text gegebenen
sprachlichen Erscheinungen, die […] zur Realisierung einer kommunikativen Funk-
tion in einem bestimmten Tätigkeitsbereich ausgewählt worden sind“ (Fleischer/Mi-
chel 1975, 41). Dass Stil ein charakteristisches Wie ist, verdient besonders herausge-
stellt zu werden, denn erst mit diesem Erklärungsansatz werden Zusammenhänge
von Stil und Situation herstellbar, die sich zu Stiltypen (Stilklassen, -arten, -gattun-
gen o. Ä.) verallgemeinern lassen. Charakteristisch heißt hier: charakteristisch für
eine Situation. Der Tätigkeits- bzw. Kommunikationsbereich stellt stiltypologisch ge-
sehen allerdings nur einen der in Frage kommenden Situationsaspekte dar.
1326 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

Einzugehen wäre auf eine Reihe weiterer Stilbestimmungen, so auch auf die Abwei-
chungsstilistik (Stil als abweichender Sprachgebrauch), die die Relation zwischen Stil
und situativen Erwartungen, „das Anderssein als erwartet/erwartbar“ (Püschel 1985, 13),
(verabsolutierend) fokussiert. Diese Art von Stilistik hat das ihrige dazu beigetragen,
Beobachtungen zum relativen/relationalen/relationierenden Charakter des Stils (van Dijk
1980, 97 ff.; Sandig 1986, 95 ff.; Sandig 2001) in eine Grunderkenntnis über den Stil zu
überführen. Die Komplexität stilistischer Sachverhalte erwächst aus einem Gefüge von
Relationen, die sowohl für die Stilbildung als auch für die Stilinterpretation und -wir-
kung maßgebend sein können. Relationen zwischen Stil und Situation/situativen Erwar-
tungen bilden dabei nur einen Teilbereich und sind ihrerseits von äußerst vielfältiger
Natur.

3.2. Konzepte des Zusammenhangs von Stil und Situation in der Stilistik

Bei den stiltheoretischen Erörterungen des Verhältnisses von Stil und Situation zeichnet
sich in gewisser Weise eine Parallelentwicklung zur Rhetorik ab. Wird Stil ⫺ der rhetori-
schen Tradition entsprechend ⫺ zunächst mit den situativen Rahmenbedingungen von
Textkommunikation relationiert, so interessieren später vornehmlich die situationskons-
tituierenden Aktivitäten von Kommunikationsteilnehmern im Kommunikationsprozess.
,Situation‘ wird weniger als etwas von außen Vorgegebenes, vielmehr als etwas (gemein-
sam) Hervorzubringendes angesehen. Darüber hinaus werden aber auch Konzepte entwi-
ckelt, zu denen es kein so offenkundiges Pendant in der Rhetorik gibt. Dies betrifft
beispielsweise semiotisch orientierte Ansätze, die sich der Zeichenhaftigkeit von stilisti-
scher Variation zuwenden, was zur Folge hat, dass Situatives textsemantische Wertigkeit
erlangt. Deutlicher noch als in der theoretischen Rhetorik wird die Bestimmung der
Kategorie Situation zum Aushängeschild für die ganze Richtung. Darauf ist im Folgen-
den näher einzugehen.

3.2.1. ,Situation als stildeterminierendes Umeld

Die Rede von der Situationsbedingtheit des Stils, die in der Stilistik weite Verbreitung
gefunden hat, ist im Laufe der Zeit zu einem stiltheoretischen Problem geworden. Ver-
setzt man sich in die Lage der Stiltheoretiker, die dem konditional-konsekutiven Denk-
muster folgen, beginnen die Schwierigkeiten bereits damit, dass geklärt werden muss,
welche situativen Faktoren in welcher Konstellation bei der Theoriebildung zu bedenken
sind. Folgt man z. B. dem Grundsatz, dass Situationen nicht an sich existieren, sondern
immer nur mit Bezug auf Personen, die sich in einer Situation befinden (vgl. Asmuth/
Berg-Ehlers 1976, 73), wird der Blick von vornherein auf die Kommunikationsteilnehmer
und ihre Beziehung gelenkt. Der Zusammenhang von Stil und Situation stellt sich dann
so dar, dass außersprachliche Restriktionen für die Selektion und Kombination von
sprachlichen Mitteln aus personalen und sozialen Konstellationen heraus zu erklären
sind. Sanders differenziert in seiner „Linguistischen Stilistik“ (1977, 32⫺62) zwischen
der individuell-sozialen und der kollektiv-sozialen Determiniertheit, d. h. zwischen Fak-
toren wie Bildungsgrad, Interessen einerseits und Sprecher/Hörer-Konstellation, Kom-
munikationszweck andererseits, um in einem nächsten Schritt diese inneren und äußeren
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1327

Sprachverwendungskonditionen situationsbegrifflich zusammenzuführen. Die Faktoren-


gruppen in ihrem Zusammenwirken erfassend, spricht er von einer komplexen Vorausset-
zungsituation des Sprechers/Schreibers und einem nicht weniger komplexen Erwartungs-
horizont des Hörers/Lesers; das stildeterminierende situative Umfeld wird also kommuni-
kationsteilnehmerbezogen perspektiviert (vgl. bereits Spillner 1974, 64 ff.). Erwähnung
verdient des Weiteren, dass Sanders’ Konzept neben der Perspektivierung der jeweiligen
Ausgangssituationen auch kommunikationsprozessbezogene Perspektiven auf ,Situation‘
vorsieht. Danach gibt es sprecher-/schreiberseitig eine Situation der Textproduktion, die
über die komplexe Voraussetzungssituation hinaus durch einen bestimmten Bewusst-
heitsgrad bei der Hervorbringung von Stil beherrscht wird, wodurch sich zugleich meh-
rere Stilbereiche bilden lassen. Anhand der Dreiheit von Alltagssprach-, Gebrauchs-
sprach- und Kunstsprachstil wird verdeutlicht, dass sich Stilbildung auf einer Skala von
mangelnder bis intensivierter Bewusstheit bewegen kann. Die Situation der Textrezeption
hingegen wird über den komplexen Erwartungshorizont hinaus von Aufmerksamkeits-
stufen des Hörers/Lesers beherrscht. Die Aufmerksamkeit des Rezipienten entscheide
letztlich darüber, was an Interpretationsleistungen erbracht wird, und erkläre in gewis-
sem Sinne auch den jederzeit einzukalkulierenden Auseinanderfall von efficiens (der in-
tendierten Wirkung) und effectum (der ausgelösten Wirkung).
Ein weiteres Problem besteht in der Frage, wie man den Zusammenhang zwischen
Stildeterminanten (der Situation) und Stilelementen (des Textes) beschreiben soll. In der
Funktionalstilistik ist dazu deutlich gesagt worden, dass die Verbindung zwischen dem
jeweiligen Kommunikations- bzw. Funktionsbereich der Sprache (als Situationsaspekt)
und den einzelnen Stilistika (im Text) keine direkte, sondern eine über Stilzüge vermit-
telte ist (vgl. Riesel/Schendels 1975, 24). Mit den funktionalen Stilzügen (Beispiel: die
Förmlichkeit von Amtsdokumenten) sind normative Stilprinzipien gemeint, die sich aus
der gesellschaftlichen Spezifik der Kommunikation ableiten, die Textgestaltung steuern
und stilprägend in Erscheinung treten. Stillehren, die demgegenüber an allgemeinen Nor-
men/Prinzipien eines guten Stils festhalten, gewinnen dann an Systematik und Format,
wenn sie diese zu grundlegenden Faktoren des Kommunikationsprozesses in Beziehung
setzen. „Kommunikationsfaktoren sind für uns nur insoweit wichtig, als sich ihnen Stil-
prinzipien zuordnen lassen“, heißt es in der praktischen Stillehre von Sanders (1990, 73),
und in der Gruppe der Stilprinzipien, die speziell der Redekonstellation (Kommunikati-
onspartner, raum-zeitliche Umstände u. a.) zugeordnet werden, findet man ein Grund-
prinzip der rhetorischen Stilistik wieder: das der Angemessenheit. Wer hingegen den Be-
griff der Norm in Anspruch nehmen will, hat zu berücksichtigen, dass Stilnormen dem
Sprecher/Schreiber „einen relativ breiten Spielraum für individuelle, nicht normbare oder
nicht genormte stilistische Varianten lassen“ (so bereits Michel 1978, 541).
Die Aristotelische Rhetorik lehrt mit der Dominantsetzung des Redepublikums inner-
halb der Situationstrias aus Redner, Sache und Publikum, dass (stil)determinierende
Faktoren nicht in einem Nebeneinander, sondern in ihrem hierarchischen Miteinander
zu erfassen sind (vgl. 2.2.1). In der Stilistik sind die Auffassungen über die Dominanz
eines Faktors weit auseinander gegangen. Als primäre Stildeterminanten galten u. a. die
Mitteilungsabsicht des Sprechers/Schreibers, der Gegenstand und das Thema der Äuße-
rung, Besonderheiten des Kommunikationsmediums (mündlich/schriftlich), aber auch
die konkrete soziale Praxis der Kommunikationsteilnehmer. Eine Entscheidung in dieser
Frage ⫺ wird sie so gestellt ⫺ erscheint kaum möglich, und eine Lösung des Problems
ist wohl erst dann in Sicht, wenn der Blick auf einzelne Faktoren gänzlich aufgegeben
1328 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

und statt dessen ein teilnehmerperspektivierter Situationsrahmen konzipiert wird, der an


der sozialen Praxis orientierte kommunikationsfunktionale Aspekte verschiedener Art
(Intentionen, Strategien, Aufgaben u. a.) in sich aufnehmen kann. Regularitäten der Text-
und Stilkonstitution können dann z. B. mit Bezug auf „Darstellungsaufgaben“ (W. Hei-
nemann in Fleischer/Michel 1975, 298) erklärt werden, d. h. Aufgaben, die ⫺ im Unter-
schied zu den Darstellungsarten (Berichten, Beschreiben usw.) ⫺ aus einer Situation
erwachsen und auf die Situation zugeschnitten zu bewältigen sind (z. B. das Beschreiben
eines Vorgangs für Leser einer Bedienungsanleitung). Bei Hundsnurscher (1989, 115)
heißt es: „Möglicherweise hat ,die Situation‘ oder ,etwas an der Situation‘ etwas Beson-
deres an sich, das die Menschen veranlaßt zu sprechen und, wenn sie sprechen, so zu
sprechen, wie sie sprechen.“ An anderer Stelle (ebd., 135) wird betont, dass Sprecher
nicht so sehr von der Situation abhängig/durch sie bestimmt sind, sondern sich vielmehr
bemühen, die Situation zu meistern/ihr gerecht zu werden. Die Anerkenntnis dessen er-
fordert stiltheoretisch, der funktionalen Dimension kommunikativer Situationen in be-
sonderem Maße Rechnung zu tragen.

3.2.2. ,Situation als Inhalt/Bedeutung von Stilzeichen

Eine andere Blickrichtung auf das Verhältnis von Stil und Situation wird daraus ersicht-
lich, dass an die Stelle einer Determinationsbeziehung zwischen beiden Größen eine Re-
präsentationsbeziehung gesetzt wird: Stil repräsentiert die Kommunikationssituation im
Text. Der Zusammenhang von Stil und Situation wird auf die Formel ,Stil als Situation‘
gebracht (vgl. Hoffmann 1990, 46; 61). Stil gibt dieser Auffassung zufolge Informationen
über die Situation an den Textrezipienten weiter, d. h. insbesondere über das Situations-
verständnis des Textproduzenten: dessen Einstellungen gegenüber dem Kommunikati-
onspartner, dem Kommunikationsgegenstand und auch gegenüber dem kommunikativen
Kode ⫺ eine Auffassung, die sich die Entdeckung der Zeichenhaftigkeit des Stils zunutze
macht und sich an einer semiotischen Semantik der Texte orientiert, in der alles Zeichen-
hafte an Texten interessiert, das sich im Medium der Sprache manifestiert, aber nicht
alles sprachlich Zeichenhafte ausschließlich auf das Sprachsystem als Zeichenreservoir
beziehbar ist. Entscheidende Impulse, stilistische Einheiten/Merkmale als Stilzeichen und
den Stil insgesamt als ein komplexes kommunikatives Zeichen zu begreifen, kommen in
den 70-er Jahren des 20. Jhs. von der Übersetzungswissenschaft und der literarischen
Stilistik. Übersetzungswissenschaftler stellen fest, dass Stil im Translationsprozess von
der Ausgangs- zur Zielsprache nur dann Äquivalenz beanspruchen kann, wenn er als
etwas Inhaltliches, als eine Komponente des Textinhalts aufgefasst wird. Stilistische
Merkmale werden deshalb als Textzeichen bestimmt, als Träger von Informationen über
das Kommunikationsziel und die gesamte Kommunikationssituation (vgl. Schmidt 1979,
58). In der literarischen Stilistik hingegen wird der Zeichencharakter des Stils von der
Praxis der Textinterpretation hergeleitet. „Die Art und Weise des Sprachgebrauchs zeugt
von der Art und Weise, wie ein Sprecher oder Schreiber sich zu seiner Umwelt, zu seinem
Adressaten verhält, sie verrät, wie er sich jene Wirklichkeit bildet, um die es im jeweiligen
Text oder Sprechakt geht“ (Anderegg 1977, 52 f.; Hervorhebungen M. H.). Erstaunli-
cherweise ist es gerade der Literaturwissenschaftler und nicht der Linguist, der es dezi-
diert für notwendig erachtet, bei stilistischen Zeichen von bedeutungstragenden Einhei-
ten zu sprechen (ebd., 57) ⫺ mit der Begründung, dass man stilistische Merkmale nicht
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1329

bestimmen kann, ohne sie zu interpretieren, und die Interpretation eines Merkmals nur
dann gelingen kann, wenn sie zum Erfassen einer Bedeutung führt. Ansonsten wird der
Bedeutungsbegriff innerhalb dieser Stilrichtung nur zögerlich verwendet, vorzugsweise
greift man auf verwandte Begriffe wie ,Index‘, ,Indiz‘, ,Konnotation‘ (im Verständnis der
Glossematik), ,Sinn‘ oder eben ,Information‘ zurück.
Für die Schwierigkeiten, Stilzeichen der Situationsrepräsentation im Text als textse-
mantische Einheiten zu behandeln, gibt es eine Reihe von Gründen. Die Probleme erklä-
ren sich nicht nur aus speziellen Bedeutungskonzepten, die so (eng) gefasst sind, dass sie
stilistische Bedeutungen ausschließen; sie hängen auch mit dem relationierenden Charak-
ter von Stil (vgl. 3.1) zusammen. Schmidt (1979, 72) verweist auf „nicht-vertextete Infor-
mationen über die Kommunikationssituation/den Kommunikationsgegenstand“ als spe-
zielle Kontextarten. Wenn jemand die Frage Wie geht es Ihrer Frau Mutter? stelle, so
würden damit in Abhängigkeit z. B. vom Alter des Fragestellers (älterer Mensch, Jugend-
licher) verschiedene stilistische Informationen gegeben. Probleme bereitet auch die
Grenzziehung zwischen semantischen und pragmatischen stilistischen Informationen, zu-
mal die Repräsentationsbeziehung zwischen Stil und Situation an Aktivitäten der Zei-
chenbenutzer gebunden wird. Informationen darüber, ob die Kommunikation von sozia-
ler Nähe oder Distanz geprägt ist, über die Gruppenzugehörigkeit der Teilnehmer, die
Bindung an Institutionen usw., die als stilistische Informationen gelten, lassen sich in
Beziehung setzen zu stilistischen Handlungsmustern (vgl. Hoffmann 1990, 52 ff.), so dass
es nahe liegt, Motive/Ziele/Zwecke des Gestaltens als Sinneinheiten in der Kommunika-
tion zu betrachten.
Die kommunikative Zeichenhaftigkeit von Stil ist in gewissem Sinne im Sprachsystem
(oder anderen Zeichenordnungen) vorgeprägt. Die Stilschichten/-ebenendifferenzierung
im Sprachsystem reflektiert die bevorzugte Verwendung sprachlicher Einheiten in sozial
merkmalhaften Kommunikationssituationen. Zwischen Stilmitteln (im System) und Situ-
ation werden Reflexionsbeziehungen folgender Art hergestellt (vgl. Fleischer/Michel/
Starke 1996, 104 ff.; 208 ff.): (1) Stilschicht ,gehoben‘/Superstandard ⫺ Bindung an rhe-
torisch aufwendige, anspruchsvolle, feierliche Kommunikation; (2) Stilschicht ,normal-
sprachlich‘/Vollstandard ⫺ Bindung an den mündlichen und schriftlichen Sprachge-
brauch des öffentlichen Lebens; (3) Stilschicht ,umgangssprachlich‘/Substandard ⫺ Bin-
dung an ungezwungene Situationen des (mündlichen und nichtöffentlichen schriftlichen)
Alltagsverkehrs; (4) Stilschichten ,salopp‘ und ,vulgär‘/Substandard ⫺ Bindung an die
Kommunikation im engeren Kreis von Vertrauten bzw. zwischen Teilnehmern mit gerin-
gerem Sozialprestige.

3.2.3. ,Situation als zeichenhate stilistische Aktivität


von Kommunikationsteilnehmern

In diesem Abschnitt ist auf die literarische, pragmatische und interaktionale Stilistik
einzugehen, die jeweils einen eigenständigen Beitrag zum Thema ,Situation als stilistische
Aktivität‘ beigesteuert haben. Das Verbindende zwischen den einzelnen Ansätzen ist,
dass sie das Verhältnis zwischen Stil und Situation (auch) als eine Konstitutionsbeziehung
bestimmen. Stilistische Aktivitäten konstituieren die Situation, stellen sie her. Dabei er-
scheinen die folgenden spezielleren Akzentsetzungen als besonders wesentlich:
1330 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

(1) Situationsschöpfung
In der literarischen Stilistik Herbert Seidlers (1953, 80 ff.) bezeichnet der Begriff Si-
tuationsschöpfung das Erzeugen einer Gesamtstimmung im Sprachkunstwerk, wofür
die Oden- und Hymnendichtung mit ihrer Stimmung des Getragenen, Feierlichen
überzeugende Beispiele liefert. Dieser Begriffsbildung liegt die Unterscheidung zu-
grunde zwischen Situationen, die unabhängig von Sprachlichem gegeben sind, und
solchen, die mittels Sprache erst hervorgebracht werden (ebd., 40, Anm. 1). Situati-
onsschöpfungen werden der Sprache zugeschrieben ⫺ eine metonymische Verkür-
zung, denn gemeint sind eigentlich die Sprachbenutzer, die Atmosphärisches, Stim-
mungsvolles erzeugen, bzw. die Rezipienten, die Entsprechendes auf sich wirken las-
sen. Mit dem Verweis darauf, dass Situationen im Sinne von Gesamtstimmungen
auch außersprachlich geschaffen sein können (Beispiel: die Inszenierung von Dra-
mentexten), ergehen indirekt Hinweise auf die Semiotik des Theaters (Bühnenbild,
Lichtgestaltung usw.). Der Gedanke, dass Situationen (sprach)künstlerisch hervorge-
bracht werden, findet seine Weiterführung in der Beschreibung von Möglichkeiten
einer „bewußten Koloritzeichnung“ (Riesel/Schendels 1975, 64 ff.) sowie in der Kate-
gorisierung von Milieukolorierung und Figurenporträtierung als Typen stilistischen
Sinns im Bezugsfeld ästhetischer Kommunikationshandlungen (Hoffmann 2003,
115 ff.).
(2) Situationsgestaltung
Wird stilbegrifflich eine Relation zwischen Stil und Situation hergestellt, steht stilisti-
sche Variation in aller Regel in einer pragmatischen Dimension. Das Besondere einer
pragmatischen Stilistik indes besteht darin, dass die Grunderkenntnis über den Stil
(Stil ist immer ein Wie) bzw. der kontextbedingte, funktionsgerechte, charakteristi-
sche, abweichende Sprachgebrauch (vgl. 3.1) in den Erklärungsrahmen kommunika-
tiven Handelns gestellt wird. Unter ,Stil‘ wird die „Art der Durchführung konkreter
Handlungen mittels Texten/Äußerungen in Situationen“ (Sandig 1986, 157; Hervor-
hebung M. H.) verstanden. Sprachlich-kommunikatives, speziell stilistisches Han-
deln, wird als situationsgerichtet begriffen, wobei dem Stil die Aufgabe zukommt, die
konkrete Handlung den Gegebenheiten (Erfordernissen, Bedürfnissen) der Situation
anzupassen. In der pragmatischen Stilistik ist es üblich, von Handlungssituationen zu
sprechen. Nun muss beachtet werden, dass Situationsanpassung zweifelsohne eine
stilistische Aktivität ist, jedoch keine (i. e. S.) situationskonstituierende. Im Wesentli-
chen gehört Situatives (in Gestalt von Situationseigenschaften wie Mündlichkeit/
Schriftlichkeit, Massenmedialität, Institutionsgebundenheit) zu den Handlungsvo-
raussetzungen, nicht zu den Handlungsaktivitäten. In Sandigs Stiltheorie wird vor-
dergründig eine Akkommodationsbeziehung zwischen Stil (der Handlung) und Situa-
tion hergestellt, das Konzept lässt aber auch ⫺ und das entspricht ethnomethodolo-
gischem Denken ⫺ die Konstitution von Situationen mittels Stil zu. So heißt es,
dass stilistische Variation an soziale Situationstypen gebunden ist und zur Gestaltung
sozialer Situationen beiträgt (ebd., 27). Und eine Aussage wie die, dass die Einschät-
zung der Situation in der Art der Handlungsdurchführung ihren Ausdruck findet
(ebd., 42), macht das angenommene Verhältnis von Stil und Situation auch im Sinne
einer Repräsentationsbeziehung auslegbar. Dieser „Beziehungsreichtum“ zwischen
beiden Größen liegt in der Natur der Sache. Wer kommunikativ (stilistisch) handelt,
gibt immer auch etwas zu verstehen, setzt also Zeichen, macht Äußerungen sprachli-
cher wie nichtsprachlicher Art interpretierbar, z. B. im Hinblick auf Situationsein-
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1331

schätzungen. Es durchdringen sich also handlungsfunktionale und zeicheninhaltliche


Aspekte ⫺ so auch bei Hoffmann (1990, 61), wo beides, ,die Situation gestalten‘ und
,die Situation repräsentieren‘, unmittelbar aufeinander bezogen ist. Ob allerdings der
Handlungsbegriff für die Modellierung des Zusammenhangs von Stil und Situation
unabdingbar ist, kann durchaus in Frage gestellt werden. Aus dem Blickwinkel einer
semiotisch orientierten Stilistik formuliert: „Die Invariante des Stilbegriffs besteht
offenbar nicht im Handlungsbegriff, wohl aber in der Funktion zeichenhaft repräsen-
tierter Situationsverweise“ (Firle 1990, 25).
(3) Situationskontextualisierung
Für die interaktionale Stilistik, die sich die Erforschung von stilistischer Variation in
natürlichen Gesprächen, in authentischen Interaktionssituationen zur Aufgabe macht,
ist die Annahme eines wechselseitigen Verhältnisses, einer Interdependenzbeziehung
zwischen Stil und Kontext (einschließlich des Situationskontextes) grundlegend (vgl.
Selting 1997, 12): Einerseits beeinflusst der Kontext stilistische Entscheidungen,
macht bestimmte Stile erwartbar. Andererseits ist Stil ein Mittel der Kontextherstel-
lung (Kontextualisierung). Er setzt Kontexte relevant oder verändert sie. Das beson-
dere theoretische wie analytische Interesse ist mit Bezug auf die Kontextualisierungs-
theorie John J. Gumperz’ (1990 u. ö.) darauf gerichtet, die interaktive Kontexther-
stellung mittels Stil zu rekonstruieren. Wie in der Kontextstilistik von Enkvist/
Gregory/Spencer (vgl. 3.1) werden mehrere Kontextarten in Betracht gezogen, hier
u. a. der Interaktionstyp (z. B. ,Erzählen‘) und der Situationstyp (z. B. ,privater All-
tag‘). Interaktionstheoretisch ist ,Kontext‘ in erster Linie kognitiv bestimmt: als ein
Interpretationsrahmen bzw. -schema. Es wird anhand stilistischer Daten ermittelt,
welche Interpretationsrahmen sich Gesprächspartizipienten interaktiv nahe legen. Si-
tuationskontexte stellen sich ⫺ in Anlehnung an Erving Goffmans ,social frames‘ ⫺
als Interpretationsrahmen dar, die typisierte soziale Situationen erfassen (vgl. van
Dijk 1980, 232 ff.). (Ein verwandter Begriff in der pragmatischen Stilistik ist ,Situati-
onsmuster‘.) Sozial geprägte Rahmen für Situationsinterpretationen schließen meh-
reres ein: stereotype Rollen und Beziehungen ebenso wie Konventionen verschiede-
ner Art; als Beispiele werden u. a. die Rahmen ,zu Hause‘, ,Straße‘, ,Universität‘
,Gericht‘, ,Gefängnis‘ und ,Supermarkt‘ genannt (ebd., 236). Diese gehen eine Ver-
bindung mit Interaktionsrahmen ein, z. B. der soziale Rahmen ,Gericht‘ mit den
Interaktionsrahmen ,Anklage‘, ,Verteidigung‘ und ,Urteilsverkündung‘. Darin einge-
bunden sind typisierte Sozialstrukturen, wie sie sich in Relationen der Autorität und
Macht und/oder in typisierten Strukturen des Gebens und Nehmens, z. B. im Dienst-
leistungssektor, zeigen (ebd., 237 f.).

4. Zur Situationstypik von rhetorischen Gattungen und Stiltypen

Obwohl die Kategorie Situation für die Herleitung von kommunikativ-pragmatischen


Regularitäten des Rhetorischen und Stilistischen unverzichtbar ist, fehlt es an einer Si-
tuationstypologie, auf die rhetorische Gattungen und Stiltypen systematisch beziehbar
wären. Die Textlinguistik sieht sich in Bezug auf die Situationstypik von Textsorten vor
die gleichen Schwierigkeiten gestellt (vgl. Brinker 1997, 134). Selbst der Begriff Situati-
onstyp wird von Rhetorik und Stilistik nur sporadisch verwendet; er weist zudem keinen
1332 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

fest umrissenen Inhalt auf. Im Grunde kann jedes beliebige Situationsmerkmal (Öffent-
lichkeit, Institutionalität, Ungezwungenheit, Direktheit/face to face, Massenmedialität,
Feierlichkeit, Alltäglichkeit usw.) zu einem situationstypisierenden werden. Situations-
merkmale können aber auch gebündelt werden. Aus Gegenüberstellungen wie Situation
der Textproduktion vs. Situation der Textrezeption (vgl. 3.2.1), äußere (relativ objektive)
vs. innere (relativ subjektive Situation (Geißner 1982, 29 ff.) oder freigewählte vs. verord-
nete Situation (ebd., 31), die auf kommunikationstheoretischen Erkenntnissen basieren,
wird ersichtlich, dass das Verhältnis von Mensch (Kommunikationsteilnehmer) und Situ-
ation von besonderer situationstypologischer Relevanz sein muss. Hinzu kommt, dass
Situationen nach Komplexitätsgraden differenzierbar sind. Situationstypen bilden dann
eine hierarchische Ordnung, wie in der Unterscheidung zwischen Makro-, Meso- und
Mikrosituation, z. B. ,Schule‘ ⫺ ,Unterricht‘ ⫺ ,Unterrichtsphase‘ (ebd., 29). Eine Hierar-
chie von Situationstypen zeichnet auch das Modell einer Gesamtsituation aus, das drei
ineinander greifende Situationskomponenten enthält: (1) die Tätigkeitssituation (als über-
geordnete Komponente), (2) die soziale Situation und (3) die Umgebungssituation (vgl.
Hartung 1974, 273 ff.). Dieses Modell erweist sich als geeignet, Zusammenhänge herzu-
stellen zwischen Situationstypen einerseits und rhetorischen Gattungen bzw. Stiltypen
andererseits, was hier nur exemplarisch aufgezeigt werden kann.
,Tätigkeitssituation‘ erfasst nach diesem Modell einen Ausschnitt aus der sozialen
Praxis der Kommunikationsteilnehmer, mit dem Anlässe, Ziele, Inhalte und Formen der
interpersonalen Kommunikation verknüpft sind. Solche Tätigkeitskontexte werden von
der Rhetorik als Rhetorikbereiche (vgl. 2.1) beschrieben, wo sich spezielle Gattungen,
z. B. die Wahlkampfrede im Bereich der politischen, das Glaubensgespräch im Bereich
der religiösen Rhetorik ausgeprägt haben; sie konkretisieren sich darüber hinaus in sämt-
lichen Kommunikationsbereichen im Verständnis der Funktionalstilistik ⫺ in Bereichen,
denen sowohl Stiltypen auf einem hohen Abstraktionsniveau zugeordnet werden, d. h.
Funktional- bzw. Bereichsstile wie ,Stil der Wissenschaft‘ und ,Stil der Presse und Publi-
zistik‘, als auch speziellere Textsortenstile, etwa der Stil wissenschaftlicher Gutachten
oder der Leitartikelstil.
Tätigkeitssituationen schließen charakteristische Sozialbeziehungen ein, die von den
Kommunikationsteilnehmern respektiert, aber auch modifiziert oder ignoriert werden
können. In der rhetorischen Gattungstypologie zeigt die Abgrenzung zwischen Klärungs-
und Streitgespräch sowie die Ausgrenzung von Schein- und Kampfgespräch (vgl. Geiß-
ner 1982, 99 ff. und 2.2.3), dass der Beziehungsaspekt der Kommunikation (Partner-
schaft, Gegnerschaft, Repression, Aggression) als prominentes Kriterium fungiert. Stil-
typologische Textkennzeichnungen, die speziell auf die soziale Situation bezogen sind,
erstrecken sich auf das Feld der Rollen-, Beziehungs- und Gruppenstile (vgl. Michel
2001, 96 ff.; 133 ff.).
Der Situationstyp Umgebungssituation bündelt alle die Situationsmerkmale, die als
raum-zeitliche Begleitfaktoren auf das kommunikative Geschehen Einfluss nehmen
(können): (1) raum-zeitliche Merkmale des kommunikativen Kontakts (direkt/vermit-
telt), (2) die Kommunikationsrichtung (monologisch/dialogisch), (3) das Kommunikati-
onsmedium (mündlich/schriftlich), (4) die Kommunikationsplanung (spontan/vorberei-
tet). Als umgebungssituativ bestimmt erweist sich daher die Differenzierung zwischen
rede- und konversationsrhetorischen Gattungen (Beispiele in Bader 1994, wo mit Bezug
auf Koch/Oesterreicher über mediale und konzeptionelle Aspekte des Rhetorischen re-
flektiert wird) sowie zwischen Sprech- und Gesprächsstil (Sandig/Selting 1997, 5). Hier
78. Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik 1333

einzuordnen ist auch der Stiltyp Situationsstil, der durch Auffälligkeiten des Sprachge-
brauchs bei direktem Kontakt zwischen Sprecher und Hörer in der spontanen mündli-
chen Kommunikation gekennzeichnet ist (vgl. Sanders 1977, 90 ff.). Dem entspricht text-
typologisch die Klasse der situativen Texte, deren Umgebungssituation durch ein „ge-
meinsames augenblickliches Wahrnehmungsfeld“ (Asmuth/Berg-Ehlers 1976, 72) geprägt
ist.

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79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1335

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als Gespräch über die eigene und nicht die gemeinsame Sache. In: Mönnich/Jaskolski (1999),
204⫺214.
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genwartssprache. 2. Aufl. Darmstadt.
Sandig, Barbara (1986): Stilistik der deutschen Sprache. Berlin/New York.
Sandig, Barbara (2001): Stil ist relational! Versuch eines kognitiven Zugangs. In: Jakobs/Rothkegel
(2001), 21⫺33.
Sandig, Barbara/Margret Selting (1997): Einleitung. In: Selting/Sandig (1997), 1⫺8.
Schmidt, Heide (1979): Zur Bestimmung der stilistischen Information (als Voraussetzung für eine
konfrontative Stilistik). In: Otto Kade (Hrsg.): Sprachliches und Außersprachliches in der Kom-
munikation. Leipzig, 46⫺89.
Seidler, Herbert (1953): Allgemeine Stilistik. Göttingen.
Selting, Margret (1997): Interaktionale Stilistik: Methodologische Aspekte der Analyse von Sprech-
stilen. In: Selting/Sandig (1997), 9⫺43.
Selting, Margret/Barbara Sandig (Hrsg.) (1997): Sprech- und Gesprächsstile. Berlin/New York.
Spillner, Bernd (1974): Linguistik und Literaturwissenschaft. Stilforschung, Rhetorik, Textlinguis-
tik. Stuttgart u. a.
Ueding, Gert/Bernd Steinbrink (1994): Grundriß der Rhetorik. Geschichte ⫺ Technik ⫺ Methode.
3. Aufl. Stuttgart/Weimar.
Watzlawick, Paul/Janet H. Beavin/Don D. Jackson (1972): Menschliche Kommunikation. 3. Aufl.
Bern (New York 1967).

Michael Hoffmann, Potsdam (Deutschland)

79. Handlung (Intention, Botschat, Rezeption) als


Kategorie der Stilistik
1. Handlungsstilistik/pragmatische Stilistik
2. Stildefinition
3. Stilabsicht, Stil als Wahl, Stilwirkung
4. Stilistische Funktionstypen bezogen auf kommunikatives Handeln
5. Stilrelevante Typen von Textherstellungshandlungen
6. Stilistische Handlungsmuster
7. Sprechakte und Satzsemantik
8. Beispiele sprachpragmatischer Stilanalyse von Texten/Gesprächen
9. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Pragmatic stylistics investigates the types of meanings which style can contribute to linguis-
tic action and to the organization of themes. This includes, among other things, the expres-
sion of attitudes, the establishment of relationships between partners and relating action(s)
to situations in order to communicate with utmost efficiency. Style is expressed both
79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1335

Roelofsen, Abraham (1999b): Von der Notwendigkeit, das Eigene zu suchen. Das Glaubensgespräch
als Gespräch über die eigene und nicht die gemeinsame Sache. In: Mönnich/Jaskolski (1999),
204⫺214.
Sanders, Willy (1977): Linguistische Stilistik. Grundzüge der Stilanalyse sprachlicher Kommunika-
tion. Göttingen.
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genwartssprache. 2. Aufl. Darmstadt.
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Sandig, Barbara (2001): Stil ist relational! Versuch eines kognitiven Zugangs. In: Jakobs/Rothkegel
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Sandig, Barbara/Margret Selting (1997): Einleitung. In: Selting/Sandig (1997), 1⫺8.
Schmidt, Heide (1979): Zur Bestimmung der stilistischen Information (als Voraussetzung für eine
konfrontative Stilistik). In: Otto Kade (Hrsg.): Sprachliches und Außersprachliches in der Kom-
munikation. Leipzig, 46⫺89.
Seidler, Herbert (1953): Allgemeine Stilistik. Göttingen.
Selting, Margret (1997): Interaktionale Stilistik: Methodologische Aspekte der Analyse von Sprech-
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Selting, Margret/Barbara Sandig (Hrsg.) (1997): Sprech- und Gesprächsstile. Berlin/New York.
Spillner, Bernd (1974): Linguistik und Literaturwissenschaft. Stilforschung, Rhetorik, Textlinguis-
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Ueding, Gert/Bernd Steinbrink (1994): Grundriß der Rhetorik. Geschichte ⫺ Technik ⫺ Methode.
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Watzlawick, Paul/Janet H. Beavin/Don D. Jackson (1972): Menschliche Kommunikation. 3. Aufl.
Bern (New York 1967).

Michael Hoffmann, Potsdam (Deutschland)

79. Handlung (Intention, Botschat, Rezeption) als


Kategorie der Stilistik
1. Handlungsstilistik/pragmatische Stilistik
2. Stildefinition
3. Stilabsicht, Stil als Wahl, Stilwirkung
4. Stilistische Funktionstypen bezogen auf kommunikatives Handeln
5. Stilrelevante Typen von Textherstellungshandlungen
6. Stilistische Handlungsmuster
7. Sprechakte und Satzsemantik
8. Beispiele sprachpragmatischer Stilanalyse von Texten/Gesprächen
9. Literatur (in Auswahl)

Abstract
Pragmatic stylistics investigates the types of meanings which style can contribute to linguis-
tic action and to the organization of themes. This includes, among other things, the expres-
sion of attitudes, the establishment of relationships between partners and relating action(s)
to situations in order to communicate with utmost efficiency. Style is expressed both
1336 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

through single remarks and their components and through complex structures such as an
entire text or discourse (or rather discourse units).
Stylistic awareness (competence) of the participants is the key element for producing,
conveying and interpreting stylistic meaning or effects compliant to the communicative
intentions. Styles can be interpreted based on their structure and relation to the multiple
conditions of language usage. This articles focuses on different types of stylistic acts, on
the one hand, it examines the stylistic text producing acts (text constituting acts) of dif-
ferent degrees of generality versus specificity and different complexity. On the other hand,
stylistic patterns of action as inventories (resources) of highly different elements are de-
scribed, which can be interpreted as a unit within the text. Finally, the variety of potential
options of analysis is considered.

1. Handlungsstilistik/pragmatische Stilistik
„Die Rhetorik ist im Kern eine sprachpragmatische Stilistik“, allerdings noch ohne
Handlungskategorien (Püschel 1991a, 53). Handlungsstilistik ist weit mehr als die rheto-
rische Elocutio. Sie basiert auf der Auffassung der linguistischen Pragmatik, dass mit
der Verwendung von Sprache in unterschiedlichen Situationen Handlungen vollzogen
werden. Da in derselben Situation dieselbe Handlung jeweils verschieden durchgeführt
werden kann und die Verschiedenheit stilistisch bedeutsam ist, hat jede Äußerung und
mithin jede kommunikative Handlung Stil: erwartbar in der Situation, bezogen auf un-
sere Kenntnisse von Situationstypen (vgl. Artikel 74 in diesem Handbuch) und damit
unauffällig oder auffälliger bzw. auffallend aufgrund gradueller Abweichungen vom Er-
wartbaren. Auch Sprach-Kontexte schaffen Erwartungen, von denen zu stilistischen
Zwecken abgewichen werden kann. Das bedeutet, dass der Beitrag von Stil zum kommu-
nikativen Handeln auf Wahl beruht, nämlich auf den in der Situation und/oder dem
Sprach-Kontext vorgegebenen, d. h. erwartbaren oder gradweise ungewöhnlichen Alter-
nativen.
Drei verschiedene Zugänge der Handlungsstilistik lassen sich unterscheiden:
(1) die Beschreibung der Arten des Beitrags von Stil zum sprachlichen Handeln, d. h.
seiner typischen Funktionen (s. 4),
(2) die Beschreibung stilistischer Textherstellungshandlungen verschiedener Reichweite
(s. 5) und komplexe stilistische Handlungsressourcen (s. 6) sowie
(3) die stilistisch relevante Analyse von Sprachhandlungen angesichts jeweils möglicher
Handlungsalternativen (s. 7 und 8)
Zur pragmatischen Stilistik wird verwiesen auf den knappen Überblick bei Göttert/Jun-
gen (2004, 32 ff.), die programmatischen Artikel von Püschel (1991a; 1995), den Über-
blick bei Fix/Poethe/Yos (2001, 35 f.) sowie die Grundlegung bei Sandig (1978, 61 ff.).
Nach Püschel (1991b, 22) „ist es die Aufgabe der sprachpragmatischen Stilanalyse, die
stilistische Bedeutung von Sprachhandlungen bzw. Texten zu erklären.“

2. Stildeinition
Eine pragmatische Stildefinition setzt Einheiten voraus, die in der folgenden Weise er-
fragt werden können (vgl. Stolt 1984; Sandig 1984; Sanders 2003; Fix/Poethe/Yos 2001,
79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1337

32; 35 f.; 152): WAS (Botschaft) wird WIE von WEM (Rolle/Individuum) für WEN
(Rezipient: Rolle/Individuum) WOZU (mit welcher Intention: welcher Art von Text) un-
ter WELCHEN Handlungsumständen FORMULIERT und ⫺ weitergehend ⫺: BEBIL-
DERT, farblich, typografisch … bzw. mit Stimme, Mimik, Gestik … GESTALTET. Zu
unterscheiden sind Textstile, Textmusterstile (in anderer Terminologie „Textsortenstile“)
und Gesprächsstile bzw. die mehr auf Intonation fokussierten Sprechstile (Selting/Sandig
1997). Es gibt individuelle Stile (Individualstil oder ad hoc verfertigter Stil) und typisierte
Stile wie den Märchenstil oder Fachstile, die als Ressourcen für das Herstellen von reali-
sierten Stilen bereitliegen und die anhand charakteristischer Merkmale (Schlüsselmerk-
male wie Es war(en) einmal) oder Merkmalsbündel von Rezipienten erkannt werden
können.
Stil, das WIE, ist die bedeutsame, situations- und funktionsbezogene Variation der
Verwendung von Sprache (und anderen Zeichentypen) zum Zweck möglichst erfolgrei-
chen kommunikativen Handelns in sozialen Situationen. Mit dem Stil kann außerdem
die Handlung um weitere Sinnaspekte angereichert werden. Mit Stilen werden Handlun-
gen typisiert oder gradweise individualisiert: Sie ermöglichen bedeutsame Differenzierun-
gen beim kommunikativen Handeln. Sie basieren auf sozialem Wissen, auf kommunika-
tiver Kompetenz.

3. Stilabsicht, Stil als Wahl, Stilwirkung


Kommunikatives Handeln ist grundsätzlich intentional, wobei auch mit automatisierten,
routinierten und unbewussten Intentionen zu rechnen ist. Das Verstehen geschieht mit
Bezug auf gewusste Regeln und Muster, nach denen gehandelt wird bzw. von denen
gradweise abgewichen wird. „Handlungen ⫺ also auch stilistische Handlungen ⫺ (sind)
Interpretationskonstrukte […]. Hörerleser können etwas als stilistische Handlungen ver-
stehen, auch wenn es vom Sprecherschreiber keineswegs so gemeint ist“ (Püschel 1991a,
53), z. B. bei der Epochenzuordnung älterer Texte.
Kommunikatives Handeln erfolgt bezogen auf bestimmte Handlungsumstände und
-voraussetzungen. Analog zu den Handlungsaspekten Intention und Rezeption stehen
auf der Produzentenseite die Stilabsicht und auf der Rezipientenseite die Stilwirkung.
Die Botschaft als Handlungsinhalt oder Thema wird im Rahmen der Handlungsinten-
tion, z. B. einer brieflichen Bitte, übermittelt.
Die Stilabsicht soll die Handlung mit ihrer Botschaft unterstützen und dies in der
gegebenen Situation, angesichts des oder der Rezipienten mit ihrem zu antizipierenden
Wissen, auch angesichts des Kanals (z. B. visuell-schriftlich), des Textträgers (Briefpapier
unterschiedlicher Qualität), des sozialen Umfelds der Beteiligten, d. h. der gesamten
Handlungskonventionen. Es liegt auf der Hand, dass bei derart komplexen Vorausset-
zungen die Stilabsicht mehr oder weniger gut realisiert werden kann; es handelt sich um
einen Gestaltungsversuch (Püschel 1987).
Auch bei der Stilwirkung auf der Rezipientenseite bestehen Risiken: Stil wird nicht
immer bzw. nicht immer voll erkannt, d. h. die Stilmerkmale eines Textes sind nur virtuell
(Spillner 1995, 70); sie müssen rezipierend realisiert werden. Ein entsprechendes Stilwis-
sen (stilistische Kompetenz) muss vorhanden sein. Außerdem können Voreingenommen-
heiten sowie regionale, soziale, auch historische bzw. kulturelle Zugehörigkeiten von Re-
zipienten dazu führen, dass die Stilabsicht nicht gelingt: Dann wirkt der Stil ,altmodisch‘,
1338 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

,gekünstelt‘, ,komisch‘, ,fremd‘ usw. Auch eine andere ideologische Ausrichtung kann
zur Folge haben, dass das in den Text über den Stil eingeschriebene Wertesystem (Fowler
1991, 10 ff.) abgelehnt wird: z. B. kann ein traditionell am generischen Maskulinum aus-
gerichteter Stil in den Augen einer Feministin negativ bewertet erscheinen (Mills 1995).
Das bedeutet, dass die Stilabsicht analog zur Perlokution bei der Sprechaktbeschreibung
als Versuch gesehen und vom tatsächlich bei der Rezeption eintretenden Effekt (Stilwir-
kung) unterschieden werden muss (vgl. Luge 1991, 75 f.: perlokutionärer Versuch und
perlokutionärer Effekt).
Die Handlung und ihr Inhalt (Botschaft) können in verschiedener Weise GESTAL-
TET werden, so kann ich geradeheraus um etwas BITTEN oder gleichzeitig mich
SELBSTDARSTELLEN (als Experte, als originell) und/oder die Beziehung in bestimm-
ter Weise GESTALTEN (als familiär oder förmlich distanziert …), dabei den situativen
Gegebenheiten (institutionsbezogen, privat …) usw. Rechnung tragen. In allen derartigen
Aspekten besteht eine Wahlmöglichkeit (Stil als Wahl, s. Short 1993). Für solche Wahlen
verfügen wir über vielfältige Vorgaben, Ressourcen: individuelle Stile, Stilebenen, typi-
sierte Stile verschiedener Art wie Telegrammstil, Parlando (Sieber 1998), soziale Stile
(Habscheid/Fix 2003) oder Textmusterstile, mediale Stile (für die beiden letzteren Bach-
mann-Stein 2004), Mündlichkeit, Schriftlichkeit und deren unterschiedliche Mischungen
für den jeweils konkreten Zweck.
Die Stilstruktur, die als Ergebnis der jeweiligen Wahl bei der Produktion entsteht, ist
bei der Rezeption in vielfältigen Relationen zu interpretieren: zum Handlungstyp, zum
Inhalt oder Thema, zu den Handlungsbeteiligten und zu den komplexen Gegebenheiten
der gesamten Situation, für deren Deutung wir über Situationstyp-Wissen verfügen (vgl.
Artikel 74 in diesem Handbuch). Stil hat Struktur und ist relational auf das gesamte
kommunikative Handeln bezogen: Erst aus beiden kann ein Rezipient einen stilistischen
Sinn interpretieren. So verwundert es nicht, dass der Beitrag von Stil zum kommunikati-
ven Handeln „eine über die sprachliche Form vermittelte Information pragmatischer
Art“ (Fix/Poethe/Yos 2001, 35) ist, aber auch dazu, wie sich die kommunizierende Person
zu den Konventionen und konkreten Gegebenheiten des Handelns verhält und zu ihren
diesbezüglichen Einstellungen.

4. Stilistische Funktionstypen bezogen au


kommunikatives Handeln
Kommunikatives Handeln beruht auf Konventionen, auf in einer Gemeinschaft einge-
spielten Regeln und komplexeren Mustern, von denen jedoch ⫺ mit besonderem Sinn ⫺
auch abgewichen werden kann. Zu diesen Konventionen gehört, dass wir über generelle
Typen stilistischen Sinns verfügen, nach denen wir kommunikative Handlungen interpre-
tieren. Im konkreten Fall sind diese generellen Typen spezifiziert.
Zunächst ist danach zu fragen, wie die konkrete Kommunikationshandlung relativ
zum per Konvention vorgegebenen Handlungsmuster durchgeführt ist. Daraus ergibt
sich stilistischer Sinn. Die Botschaft, das Thema kann je nach konkreter Handlungsab-
sicht mit verschiedenem Sinn GESTALTET werden. Beides wird an (einen) Adressaten
über einen Kanal übermittelt: Geschieht es kanalgemäß oder ,besonders‘? Wenn es einen
Textträger gibt, stellen sich die folgenden Fragen: Hat er eine ,besondere‘ Qualität oder
folgt seine Wahl dem Üblichen, ist er unauffällig? Wie ,passt‘ er zur Handlung mit ihrem
79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1339

Thema? Wer äußert die Handlung? Gibt es eine besondere Selbstdarstellung des oder
der Beteiligten (als Experte, als gebildet, als ,schlicht‘, als einer bestimmten Gruppe zuge-
hörig usw.)? Wie wird mündlich oder schriftlich auf den/die Adressaten eingegangen?
Wie wird die Beziehung zwischen Produzent und Rezipient GESTALTET? Findet die
Kommunikation in einem institutionellen oder in einem privaten Rahmen statt und wie
verhalten sich die Beteiligten zu den dadurch vorgegebenen Erwartungen. Wird die Kom-
munikation medial vermittelt und entspricht sie dem ,Image‘ des Mediums (ein Fernseh-
sender, eine bestimmte Tageszeitung …)? Wie verhält sich die Kommunikation zu den
regionalen, sozialen, zeit- und damit kulturgegebenen Erwartungen? Schließlich können
mit dem Stil nebenher, nicht explizit, Meinung und Ideologie vermittelt werden, aber
auch andersartige Einstellungen wie Bewertungen und Emotionen oder Einstellungen
zur Sprache, auch ästhetische Werte (Hoffmann 2003).
Diese ganze Vielfalt, die Art der Handlungsdurchführung und ihres Themas, gegebe-
nenfalls angereichert mit dem Ausdruck von Einstellungen, und der vielfältige Situati-
onsbezug können durch Stil ausgedrückt werden. Und das heißt: implizit, nebenher.
Methodisch ist die Relevanz dieser Sinnaspekte nachweisbar durch das typische Reden
über Stil in der Gemeinschaft (vgl. Sandig 1986, 20 ff.). Anhand der Kategorisierung-
sausdrücke für literarisch-ästhetische Stile entwickelt Hoffmann (2003, 115 ff.) eine zu-
sätzliche Typisierung ästhetischen Sinns literarischer Werke.
Die Sinnaspekte gehören zur Handlungskompetenz. Dabei kann man den situations-
bzw. traditionsgegebenen Erwartungen folgen oder gradweise davon abweichen, ja sogar
die Situation neu definieren (Selting 1997, 12). Damit ist Stil das Mittel der Individuie-
rung oder Typisierung kommunikativer Handlungen und das Mittel, sie in Relation zu
den Erwartungen zu sehen, die durch Handlungs-, Themen- und Situationstypen geweckt
werden. Auf Typen von Stilwirkungen (Sandig 1986, 64 ff.) sei hier nur kurz hingewiesen.

5. Stilrelevante Typen von Textherstellungshandlungen


Antos (1982) unterscheidet zwischen den Handlungen, die dazu dienen, einen Text zu
verfertigen (Textherstellungshandlungen oder Textkonstitutionshandlungen, „stilbilden-
des Handeln“ bei Fix/Poethe/Yos 2001, 35), und Handlungen, die mit dem Text als Er-
gebnis dieses Textherstellungsprozesses vollzogen werden (s. dazu 8).
Kommunikative Handlungen desselben Typs werden stilistisch auf verschiedene
Weise, den aktuellen Intentionen entsprechend, DURCHGEFÜHRT, indem sie einer-
seits stilistisch GESTALTET werden und andererseits mit den Gegebenheiten der Kom-
munikation, mit den Konventionen des Handlungstyps bzw. Textmusters und mit dem
kulturell relevanten Wissen RELATIONIERT werden. Das DURCHFÜHREN erfolgt
durch FORMULIEREN (Püschel 1987, 144), durch WÄHLEN von Stilelementen, auch
von Elementen stilistischer Handlungsmuster (s. 6). Wichtig ist auch das WÄHLEN von
Teilhandlungen und/oder Teilthemen und des Textmusters (s. 2: mit welcher Art von
Text), z. B. Erzählen oder Berichten bei der Wiedergabe eines Geschehens, auch der In-
teraktionsmodalität, z. B. ,heitere‘ oder ,besinnliche‘ Erzählung. Weiter geht es um das
WÄHLEN von Aspekten materieller Gestaltung sowie um das STRUKTURIEREN des
Gesamttextes: Sprachliches, Typografie, Bild(er), Farbe(n) …, und schließlich durch das
SEQUENZIEREN der Teilhandlungen und/oder der Botschaft (Genaueres dazu Sandig
2006, Kap. 4.1). In Gesprächen werden Stile als gemeinschaftliche „interaktive Leistung“
1340 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

(Selting 1997, 10) hergestellt, beibehalten oder verändert und bilden so einen gemeinsa-
men „Interpretationsrahmen“ für die Aktivitäten der Beteiligten: „interaktionale Stilis-
tik“ (Selting 1997, 13).
Weiter zählt zu den generellen Textherstellungshandlungen beim WÄHLEN von Stil-
elementen das FORTFÜHREN (Sandig 1978) von meist verschiedenartigen Merkmalen,
die alle zusammen in ähnliche Richtung wirken, wie z. B. EMOTIONALISIEREN durch
Exklamativsatz oder Wunschsatz, Betonung des Satzanfangs und insgesamt akzentreiche
Sprache, emotionale Lexik und entsprechende Phraseologismen usw. Untermuster des
FORTFÜHRENSs sind WIEDERHOLEN der Form und/oder der Semantik (kein
Mensch, kein Schwein für ,niemand‘) und VARIIEREN als Standardfall (dazu genauer
Besch 1989). Das FORTFÜHREN mit seinen Untermustern kann ausdrucksseitig sein
(dann ist es markiert) oder inhaltsseitig, was der Standardfall ist. Muster können GE-
MISCHT (vgl. Rehbein 1983), VERSCHOBEN, GEWECHSELT werden, oder von ih-
nen kann ABGEWICHEN werden (Püschel 1995, 317).
GESTALTEN oder auch der sich auf die Stilabsicht beziehende Gestaltungsversuch
ist der stilistische Handlungstyp schlechthin (Püschel 1987, 143; 1995, 306), da er die
gesamte sprachliche, parasprachliche und nonverbale Textgestalt umfasst (Fix 1996a):
Die stilistische Textgestalt als Ergebnis des GESTALTENs ist ein komplexes Ganzes aus
verschiedensten Teilaspekten. Eine solche Gestalt ist immer eine bedeutsame Gestalt.
Dieses Ganze wird in verschiedenen Relationen, d. h. RELATIONIERT rezipiert. Auf
diese Weise wird die Handlung, die mit dem Text vollzogen wird, zu einer individuellen
Handlung, d. h. UNIKALISIERT (Fix 1991b; Fix 1991a, 302). Dabei kann sie durchaus
auch TYPISIERT sein (bei einem stark konventionalisierten Textmusterstil wie etwa
dem von Gesetzestexten), aber auch INDIVIDUALISIERT oder gar ORIGINALI-
SIERT (Fix 1991b, 54 ff.). Hoffmann (2003, 109) bringt mit Bezug auf Fix (1996a) auch
„ästhetisierendes Handeln“ ein; man kann es auch ÄSTHETISIEREN nennen. Dies ge-
schieht durch FORTFÜHRENDES „Gewährleisten von Einheitlichkeit“ (Hoffmann
2003, 110) oder EINHEITLICH MACHEN durch GESTALTEN nach einem „Form-
prinzip bzw. einer Formidee“ (ebd., 108). Dabei sieht Hoffmann „künstlerisches Gestal-
ten […] als eine von pragmatischen Zwängen befreite Tätigkeit“ (ebd., 110 f.).
Spezielle stilistische Verfahren dienen dazu, im Text Stilmittel herzustellen, die dann
zusammen mit anderen konventionellen Stilmerkmalen (Stilfiguren, Satzkonstruktionen,
Lexemen, Morphemen, Phraseologismen, Wortbildungen etc.) zusammenwirken. Dazu
gehören ABWEICHEN (Püschel 1985; Fix/Poethe/Yos 2001, 186 ff.; Sandig 2006, Kap.
4.1.2.1) und VERDICHTEN (Dittgen 1989; Sandig 2006, Kap. 4.1.2.2; von Polenz’ vier
Typen komprimierter Aussagen 1980, 145⫺150).

6. Stilistische Handlungsmuster
Stilistische Handlungsmuster im engeren Sinn (auch „Stilmuster“, dieser Terminus aber
auch mit weiterer Bedeutung, Fix/Poethe/Yos 2001, 218; Sandig 1978, 167 ff.: „Stilinven-
tare“) sind komplexe Vorgaben, d. h. gewusste Muster als Teil der stilistischen Kompe-
tenz für das DURCHFÜHREN spezieller stilrelevanter Teilhandlungen, wie EMOTIO-
NALISIEREN oder ÄSTHETISIEREN (Fix 2001) als Spezialfälle des Einstellungsaus-
drucks. Das bedeutet, dass sie in ihrer Realisierung bereits als solche zur stilistischen
Bedeutung des Textes beitragen. Sie bestehen aus einer Bandbreite stilistischer Merkmale
79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1341

verschiedener Sprachbeschreibungsebenen und eventuell anderer Zeichentypen als kom-


plexe Ressource, aus denen für die konkreten Handlungsziele FORTFÜHREND ausge-
wählt wird, so dass im Text ein charakteristisches Merkmalsbündel entsteht (s. 3), das
den entsprechenden stilistischen Sinn nahe legt. Bei der Rezeption werden Zusammen-
hänge unter den Merkmalen interpretiert, was zur Deutung der Anwendung eines stilisti-
schen Handlungsmusters im Text führt. Derartige stilistische Handlungsmuster sind sehr
variabel einsetzbar, und je nach kommunikativen Gegebenheiten und Textmuster sind
die entstandenen Merkmalsbündel im Text verschieden. Sie sind unterschiedlich komplex
und unterschiedlich spezifisch.
Zum Beispiel können KONTRASTIEREN und DIALOGISIEREN (im Schrifttext),
auch HERVORHEBEN, mit ganz verschiedenen Funktionen zur Ausgestaltung der In-
tention und/oder der Botschaft eingesetzt werden. Bereits speziellerer stilistischer Sinn
wird vermittelt durch ATTRAKTIV MACHEN (Sandig 1986, 228 ff.) als Spezialisierung
der Adressatenberücksichtigung mittels gängiger Stilmerkmale, aber auch mittels Typo-
grafie, Farben, Bildern, Form des Textträgers usw. Vergleichbares gilt für VERSTÄND-
LICH MACHEN (Groeben 1982, Teil II; Sandig 1991) als Mittel der Sachverhaltsdar-
stellung und der Adressatenberücksichtigung. Beispielsweise können sowohl für das AT-
TRAKTIV MACHEN als auch für das VERSTÄNDLICH MACHEN die stilistischen
Handlungsmuster KONTRASTIEREN, DIALOGISIEREN und HERVORHEBEN
verwendet werden.
Stilistische Handlungsmuster sind also nicht fest begrenzt und die einfacheren können
in die komplexeren integriert werden. Noch komplexer als die bisher genannten stilisti-
schen Handlungsmuster ist z. B. das PERSPEKTIVIEREN: Es kann das ERZÄHLEN
aus einer Perspektive mit Zitaten aus einer anderen enthalten, aber auch das KON-
TRASTIEREN unterschiedlicher Perspektiven, das Doppeln von Perspektiven wie bei
der erlebten Rede (Sie war ja so glücklich darüber!), Perspektivenschwenks usw. Auch
Stilebenen können als stilistische Handlungsmuster gesehen werden, denn mit ihrer Hilfe
kann man distanziert (,poetisch‘, ,erhaben‘, ,pathetisch‘ …), normal (,neutral‘, ,unauffäl-
lig‘ …) oder nah (,familiär‘, ,salopp‘, ,vulgär‘ …) GESTALTEN. Dialekte, Soziolekte,
fremde Sprachen können wie stilistische Handlungsmuster eingesetzt werden.

7. Sprechakte und Satzsemantik


Auf einer Mikroebene geht es um die Art der Durchführung von Sprechakten. Hier
lauten die Fragen: Wie wird auf Gegenstände REFERIERT? Was wird darüber PRÄDI-
ZIERT? Wie wird die illokutionäre Rolle versprachlicht? Werden (z. B. durch Konnota-
tionen oder Präsuppositionen) nebenbei Handlungen mit vollzogen?
Es geht also um das Problem, mit welchem stilistischen Sinn im gegebenen Kontext
ein Sprechakt ausgedrückt, FORMULIERT bzw. auch weitergehend GESTALTET ist.
So kann jemand je nach der Art der Beziehung und/oder seiner Einstellung zum Sachver-
halt jemand anderen auf sehr verschiedene Weise BITTEN oder AUFFORDERN, das
Fenster zu schließen; zum sprachlichen Ausdruck kommt Artikulation, Intonation und
gegebenenfalls Mimik und Gestik hinzu:

(1) a. Mach das Fenster zu (!)


b. Mach bitte das Fenster zu (!)
c. Mach doch bitte mal das Fenster zu.
1342 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

d. Würdest du wohl das Fenster schließen!


e Das Fenster ist (ja) (immer noch) offen.
f. Kannst/Könntest du bitte mal das Fenster zumachen?
g. Es zieht! usw. (nach Maas/Wunderlich 1972, 123 f.)

Auch die Art der Sequenzierung von Sprechakten kann betrachtet werden: vom selben
Sprecher, in der Replik. Ein Beispiel für misslingende Sequenzen erörtert Fix (1996b) im
Kontext von sprecher- und hörerbezogenen Kommunikationsmaximen. Man kann auch
danach fragen, wie jeweils auf Gegenstände REFERIERT wird. So wurde im „Stern“
(11/2000, 25) in der Rubrik „Leute“ auf die frühere englische Premierministerin und
ihren Ehemann folgendermaßen VARIIEREND Bezug genommen:

(2) a. die Eiserne Lady, Mrs. Thatcher, die Lady, Maggie;


b. ihr Gatte Sir Dennis Thatcher, der millionenschwere Geschäftsmann, der Gatte,
der Herr Gemahl.

Man kann weiter danach fragen, wie über einen Gegenstand PRÄDIZIERT wird. Man
vergleiche:

(3) a. Die Unterstellung von Absichten ist ein praktischer Turbolader der Kommunika-
tion, für die Kommunikationswissenschaft ist sie Sand im Getriebe und eine veri-
table Störgröße. (Knobloch 2005, 14).
b. Die Unterstellung von Absichten ist nützlich für die Kommunikation, für die Kom-
munikationswissenschaft ist sie (problematisch und) störend.

Es ist z. B. möglich, dass die Botschaft, das Thema ,interessant‘ oder ,witzig‘ gemacht
wird, indem die Referenz unbestimmt bleibt. In diesem Fall versuchen die Rezipierenden,
aus den Prädikationen das Gemeinte zu erschließen:

(4) Jedesmal wenn ich dort bin, schwöre ich mir, ich gehe nie wieder hin. Wenn ich
dort war, schäme ich mich. Ich schäme mich, weil ich ohne nicht sein kann, weil
es Tage gibt, wo ich am Morgen schon spüre, ich muß wieder hin. Und dann gehe
ich wieder hin […] Und man merkt, daß es dem anderen ebenso peinlich ist, hier
gesehen zu werden. Auch ihn trieb irgendeine Sehnsucht her. Neulich traf ich dort
einen alten Bekannten, einen Filmarchitekten. „Du hier?“ „Und du?“ So unser
verklemmtes Begrüßungsritual. „Ich statte doch jetzt diese TV-Soap-Geschichten
aus ⫺ dusselige Familienserien ⫺, wie soll ich die anders einrichten als mit IKEA?
Aber was machst du hier?“ „Recherche“ […]
(Elke Heidenreich/Bernd Schroeder (2005): Rudernde Hunde.
Frankfurt/M., 59 f.)

Dieses Verfahren kann zum Aufbau von fiktionalem Wissen führen oder wie hier für
eine unerwartete Wendung genutzt werden. Auch was es mit dem ich auf sich hat, erfährt
man erst nach dem Stichwort Recherche, ebenfalls über die Prädikationen.
Eine komplexe Methode zum „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ hat von Polenz (1980)
entwickelt. Zu diesem Zweck erweitert er die Sprechaktkategorien: den Referenzakt um
„Größenbestimmung“ zur genauen Bestimmung der Quantität, um „Sprechereinstel-
lung“ und um „soziale und psychische Beziehung“. Nach der Bestimmung der „wesentli-
79. Handlung (Intention, Botschaft, Rezeption) als Kategorie der Stilistik 1343

chen Texthandlungen“ und des notwendigen Kontext- und Situationswissens folgt von
Polenz in seiner „satzsemantischen“ Beschreibung der Abfolge des Textes: Schritt für
Schritt werden die Teilhandlungen ermittelt, indem auch Angedeutetes, ,Mitgemeintes‘,
Konnotiertes usw. beschrieben wird und zwar immer ganz nah an den Äußerungen. Die
Methode ist vorzüglich demonstriert bei von Polenz (1980; 1988, 328 ff.).

8. Beispiele sprachpragmatischer Stilanalyse


von Texten/Gesprächen
Grundsätzliches zur pragmatischen Stilanalyse komplexer Einheiten ist zu finden bei
Püschel (1991b), bei Faber (1994) und bei Holly/Kühn/Püschel (1986). Püschel (1995)
setzt sich zum Ziel seiner stilpragmatischen Überlegungen die praktische Anwendbarkeit.
Als theoretische Voraussetzungen formuliert er Folgendes (1995, 307): Sprachhandlun-
gen erfolgen nach in einer Gemeinschaft eingespielten Mustern, nach regelhaft geworde-
nen Mustern. Aufgrund der Musterkenntnis erkennen wir Musteranwendungen, und wir
können diese beschreiben. Aus der Gestalt der sprachlichen Handlung erkennen wir zu-
dem den „durch die Gestalt bewirkten stilistischen Sinn“ (ebd.). Er gibt als Beispiel die
Anrede des Publikums in einer Neujahrsansprache von Helmut Schmidt: Meine Damen
und Herren mit einer stilistisch neutralen Formel. Helmut Kohl hingegen benutzt zum
vergleichbaren Anlass: Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und
Mitbürger. In beiden Fällen wird die Beziehung verschieden GESTALTET und die Fort-
setzungserwartungen sind verschieden: ,distanziert‘ im ersten Fall, ,förmlich-distanziert‘
und außerdem „integrierend und Nähe schaffend“ (ebd.) im zweiten. Er betont, wir
müssten „die Details und das Ganze gleichermaßen im Blick haben, wir müssen zwischen
beiden Perspektiven hin und her springen […] und zwischen ihnen vermitteln“ (1995,
310). Püschel geht darauf ein (1995, 311), dass der stilistische Sinn in der Regel nicht
explizit gemacht wird ⫺ dies kann zusätzlich geschehen, unterstützend ⫺, sondern dass
sein impliziter Charakter an der Gestaltung, an Äußerungsqualitäten des Textes nachge-
wiesen werden muss, am WIE, vgl. Faber (1994, 48⫺85): Die Interpretation muss plausi-
bel gemacht werden.
Um die Analyse durchschaubar zu halten, unterscheidet Püschel (1995, 312 f. ebenso
wie Holly/Kühn/Püschel 1986, 43 ff.) drei „Aufgabenfelder“ (die zugleich Aufgaben für
die sprachlich Handelnden benennen):
(1) textsortenkonstitutive Muster, die also konventionsgemäß bei einem Gesprächs- oder
Textmuster erwartbar sind (hinzuzufügen sind die fakultativen Teilhandlungen, so-
fern sie nach den Konventionen vorkommen können);
(2) Organisationsmuster: Diese betreffen die Strukturierung und Gliederung von dialogi-
schen und monologischen Texten, die thematische Organisation sowie die Verständ-
nissicherung und die Aufmerksamkeitslenkung;
(3) Kontakt- und Beziehungsmuster: die Etablierung, Aufrechterhaltung und Ausgestal-
tung kommunikativer Beziehung.
Das unterschiedliche WIE weist Püschel bezüglich dieser drei Aufgabenfelder an den
genannten beiden Neujahrsansprachen nach. Es ist zu betonen, dass Püschel (1995, 319)
nicht bei der textinternen Beschreibung stehen bleibt: Gemäß der Einbettung von Äuße-
1344 VII. Zentrale Kategorien und Problemstellungen von Rhetorik und Stilistik

rungen/Texten in Situationen sind diese, so Püschel, mit ihren Eigenschaften auf die
Gegebenheiten der gesamten Situation zu beziehen, d. h. mit diesen zu RELATIONIE-
REN (s. 5). Das betrifft Handlungsrollen, Zusammenhänge und Anlass des Textes, den
kulturellen Rahmen etc. (vgl. Sandig 1995, 33 f.).Um das Ausufern einer sprachpragmati-
schen Stilbeschreibung zu vermeiden, betont Faber (1994) außer den Aufgabenfeldern
die jeweilige Zielsetzung einer Beschreibung. Bei Püschel geht es beispielhaft um die
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